*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 79679 *** Anmerkungen zur Transkription Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=. Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des Buches. [Illustration: Cover] Landesverein Sächsischer Heimatschutz Dresden Mitteilungen Heft 3 bis 4 Monatsschrift für Heimatschutz, Volkskunde und Denkmalpflege Band XVII _Inhalt_: Der Kiebitz – Unsere Schmetterlinge – Katzenplage – Katzenfrage! – Ratschläge für das Sammeln von Flurnamen – Ostersonnabend in Praskowitz – Das Grab – Muttertag – Heimattag – Auszählverschen – Eine zeitgenössische Charakteristik Caspar David Friedrichs – Blechpest – Die Professorenecke im Leipziger Südfriedhofe – Großgraupa und sein Lohengrinhaus – Horei! Horei! – St. Ulrich und die deutsche Namengebung – Drei Jahre Pflanzenschützer – Beim Schandauer Nagelschmied – Die Linde in Collm bei Oschatz – Trost auf der Heide – Der Vogel und sein Recht im Freistaat Sachsen – Automobilstraßen – Bücherbesprechung Einzelpreis dieses Heftes 3 Reichsmark Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24 Postscheckkonto: Leipzig 13987, Dresden 15835 Stadtbank Dresden 610 Bankkonto: Commerz- und Privatbank, Abteilung Pirnaischer Platz, Dresden Bassenge & Fritzsche, Dresden Dresden 1928 An die Herren Waldbesitzer, Jagdinhaber, Jagdaufseher und Forstschutzbeamte im Freistaat Sachsen =Der Landesverein Sächsischer Heimatschutz=, der sich den Schutz der Naturdenkmäler und besonders der in ihrem Bestande bedrohten, das Landschaftsbild so reizvoll belebenden, aber leider immer seltener werdenden Raubvögel angelegen sein läßt, hat beschlossen, denjenigen Jagdinhabern und Jagdschutzbeamten, durch deren Förderung Bruten von Raubvögeln oder anderen bei uns im Aussterben begriffenen Vogelarten hochgekommen sind, =Bücherprämien, Anerkennungsschreiben oder Geldbelohnungen= im Betrage von fünf bis dreißig Mark zuzuerkennen. Diese werden nach Anmeldung der hochgebrachten Bruten bis spätestens 15. August und Bestätigung durch den Revierinhaber, wobei sich aber der Landesverein aus sachlichem Interesse in besonderen Fällen eine Prüfung durch seine Vertrauensleute vorbehält, nach Eingang aller Zuschriften Ende August ausgefolgt. Anmeldungen sind zu richten an den =Landesverein Sächsischer Heimatschutz, Abteilung für Naturschutz=, zu Händen des Herrn Professor Dr. Koepert, =Dresden-A., Schießgasse 24=. Bemerkt sei, daß nach § 37, 17 des Sächsischen Jagdgesetzes vom 1. Juli 1925 die =Tagesraubvögel= mit Ausnahme von Sperber und Habicht vom =1. Februar bis 31. August Schonzeit= haben, ihre Horste daher innerhalb der Schonzeit nicht zerstört und Eier oder Junge nicht ausgenommen werden dürfen. Uhu, Turm- und Wanderfalken genießen sogar das ganze Jahr über Schonzeit, dürfen also ebenso wie die unter dem Vogelschutz stehenden Eulen überhaupt nicht gejagt werden. Prämien werden auch für hochgebrachte Bruten von Eulen und bei uns im steten Rückgange begriffene weiße Störche und Blauracken gezahlt. Der Landesverein Sächsischer Heimatschutz wäre den Herren Jagdinhabern, Wald- und Grundstücksbesitzern sehr dankbar, wenn sie seine Bestrebungen auf dem Gebiete des Naturschutzes insbesondere bei der Erhaltung der Naturdenkmäler aus der Vogelwelt unterstützen und ihre Forst- und Jagdschutzbeamten, ihre landwirtschaftlichen und gärtnerischen Mitarbeiter auf diese Bekanntmachung aufmerksam machen würden. Der Landesverein hofft, durch ihre Unterstützung in Sachsen zu gleichguten Ergebnissen zu gelangen, wie sie der Bund für Vogelschutz (Stuttgart) in andern deutschen Ländern zu verzeichnen hatte. Es muß sich immer mehr die Wahrheit durchsetzen: Ein echter Weidmann ist auch ein guter Naturschützer, Weidwerk und Naturschutz gehören zusammen! Band XVII Heft 3/4 1928 [Illustration: Landesverein Sächsischer Heimatschutz Dresden] Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern herausgegeben Abgeschlossen am 31. März 1928 Der Kiebitz Von _Rud. Zimmermann_, Dresden Mit Abbildungen nach Naturaufnahmen des Verfassers Zu den schönsten und anziehendsten Vögeln unserer Heimat gehört unstreitig der Kiebitz, der – sobald er ausgangs Februar oder in den ersten Märztagen, wenn nicht gerade anhaltendes schlechtes Wetter seine Ankunft weiter verzögert, aus seinen südlichen Winterquartieren wieder bei uns eintrifft – die Gebiete, die er bewohnt, mit einem ganz eigen anmutenden Leben erfüllt. Gaukelnden Fluges steigt er aus den weiten Wiesenflächen empor in die sonnenlichtdurchfluteten Lüfte, gefällt sich dabei in allerhand, durch wuchtelnde Flügelschläge und jähe Wendungen, durch plötzliches Seitwärtswerfen und kühne Sturzflüge charakterisierten flugkünstlerischen Leistungen und läßt dazu fast ohne Unterbrechung seine Stimme erklingen, jenes bald froh jauchzende, bald wie lautes Klagen klingende »kui-itt kui-itt«, das ihn ja auch zu seinem Namen verholfen hat. Nicht nur mir ist er bei seinem Eintreffen im Frühjahr ein immer wieder von neuem freudig begrüßtes Beobachtungsobjekt geworden, sondern er hat das gleiche ungeteilte Interesse jederzeit auch bei denen gefunden, die mich nur irgendeinmal auf meinen Beobachtungsgängen und Beobachtungsfahrten begleitet haben. Man wird nie müde, seinem Treiben zuzusehen, und wer gar einmal Gelegenheit gehabt hat, auch einen Einblick in sein Brutleben tun zu können, (eine Sache, die freilich nicht immer ganz leicht ist), hat Erinnerungen buchen können, die wohl zu den schönsten vogelkundlichen Genüssen zählen. [Illustration: Abb. 1 und 2. =Kiebitze am Nistplatz=] Der Kiebitz gehört zu unseren frühbrütenden Vögeln. In der zweiten Märzhälfte bereits beginnt er mit den ersten Anstalten zum Brutgeschäft, und ist das Wetter günstig, so kann man oft schon Ende des Monats, spätestens aber in den ersten Tagen des April die vier Eier in den Nestern finden – Bismarck erhielt bekanntlich am 1. April bereits hundert Kiebitzeier als Geburtstagsgeschenk. Das in Wiesen und bei uns vielfach auch in Feldern angelegte Nest: eine napfförmige, mit etwas dürrem Pflanzenmaterial ausgekleidete Vertiefung im Boden, dessen dunkelgefleckte olivbraune Eier fast ganz in ihrer Umgebung verschwinden, ist nicht leicht zu finden und wird von dem, dessen Auge nicht dafür geschult ist, auch meistens übersehen. Die alten Vögel sind ja überaus vorsichtig am Brutplatze; sie verlassen das Nest eilig-trippelnden Schrittes schon, wenn der Beobachter noch weit weg ist, und erheben sich in größerer Entfernung erst in die Luft, um entweder – im instinktiven Vertrauen auf den natürlichen Schutz des Nestes – ganz abzustreichen oder dem sich nähernden Beobachter entgegen- und ihn so erregt zu umfliegen, daß dieser, wenn er unsere Vögel noch nicht näher kennt, aus ihrem Gebaren zu der Annahme verleitet werden muß, daß er sich bereits in unmittelbarster Nestnähe befindet. Die Krähen, diese Strauchdiebe unter der Vogelwelt, haben meistens einen viel feineren Blick für das Nest als der Mensch, und gar manches fällt – ich habe mich zu meinem Leidwesen viel zu häufig schon davon überzeugen müssen – ihren räuberischen Gelüsten zum Opfer. Der Kiebitz überläßt der Krähe sein kostbares Gut allerdings nie kampflos; rufend und nach ihr stoßend umfliegt er sie, und von seinem Lärm herbeigelockt stellen sich in kürzester Zeit, daß man sich oft wundert, woher überall sie so rasch kommen, noch viele weitere Vögel seiner Art ein, die in gemeinsamer Abwehr der Krähe dann so zusetzen, daß sie in der Regel ohne die erhoffte Beute den Rückzug antreten muß – fürs erste wenigstens. Sie gibt einen einmal gefaßten Vorsatz nur ungern auf, und Kiebitzeier sind zudem noch ein so besonderer Leckerbissen, daß sie, auf einem fernen Baume eine passendere Gelegenheit abwartend, die Versuche, den Eiern beizukommen, so lange wiederholt, bis ihr der erwünschte Erfolg zuteil wird. Erst im verflossenen Frühjahre wieder konnte ich in meinem Lausitzer Beobachtungsgebiet einen derartigen Fall ganz ausgezeichnet verfolgen. Da nun auch noch viele andere und besonders auch mancher Vertreter der Gattung ~Homo sapiens~ ganz ähnlich rege Gelüste für Kiebitzeier bekunden, so kommt es, daß man Nester unseres Vogels mit frischen Eiern – zweite und dritte Gelege – bis weit in den Mai hinein findet und, in Ausnahmefällen allerdings, einzeln sogar im Juni noch beobachten kann. [Illustration: Abb. 3. =Flugbild des Kiebitzes=] Fünfundzwanzig bis sechsundzwanzig Tage, also gar nicht viel unter einem Monat, lang muß der Kiebitz brütend über den Eiern ausharren, ehe die Jungen die Schalen durchbrechen. Sie sind Nestflüchter, in ihrem schwarzbraunen, von allerhand weißen Flecken untermischten Dunenkleidern ganz allerliebst aussehende Geschöpfchen, die, sobald sie trocken geworden sind, das Nest bereits verlassen und ihre Eltern auf deren Streifereien begleiten. Droht eine Gefahr, so erheben sich die alten Vögel laut warnend in die Luft, die Kleinen aber schmiegen sich eng an den Boden an, sie »drücken sich«, wie der fachmännische Ausdruck dafür lautet, und harren in dieser Lage unbeweglich aus, bis die Gefahr vorüber ist. Es kostet oft viel Mühe, einen sich drückenden jungen Kiebitz am Boden ausfindig zu machen, so sehr geht er in seiner Umgebung auf; und nicht nur einmal habe ich ziemlich lange suchen müssen, ehe ich den direkt vor meinen Füßen liegenden jungen Vogel fand. Die alten Vögel verteidigen ihre Kleinen auf das mutigste, sie umfliegen laut rufend den Störenfried und stoßen erregt nach ihm; fast immer spürte ich, wenn ich mich mit jungen Kiebitzen beschäftigte, deutlich den durch die Schwingenschläge verursachten Wind der mich umfliegenden Vögel, und gar manchesmal kamen sie mir dabei so nahe, daß sie mich fast berührten und ich sie mit den Händen hätte greifen können. Nach etwa fünf bis sechs Wochen erlangen die Kleinen ihre Flugfertigkeit, und sobald sie diese erreicht haben, schließen sich in der Regel verschiedene Familien zu kleineren Gesellschaften zusammen, um anfangs noch in der Nähe des Brutgebietes, bald aber weiter umherzustreichen und in wahrscheinlich nur langsam verlaufender Wanderung allmählich den Winterquartieren zuzustreben. Im Juli und im Laufe des Augusts bereits scheint vielfach die Mehrzahl der bei uns beheimateten Vögel schon abgewandert zu sein; sie werden dann durch Vögel nördlicherer Gegenden ersetzt, die in anfangs kleineren, später oft aber nach vielen hunderten zählenden Scharen bis weit in den Spätherbst hinein bei uns durchziehen und sich dabei bald länger, bald kürzer unstet aufhalten. – [Illustration: Abb. 4. =Kiebitznest=] Photographisch ist dem Kiebitz bei der großen Vorsicht, die ihm und vielen seiner Verwandten namentlich am Brutplatze eigen ist, nicht ganz leicht beizukommen. Mein erster, vor vielen Jahren in Frohburg unternommener Versuch, den Kiebitz auf dem Neste zu photographieren, endete denn auch in einem kläglichen Fiasko. Nur eine zu Markte wandernde Bauernfrau, die mir bei meiner Tätigkeit lange zugeschaut hatte, schien dabei mehr auf ihre Rechnung gekommen zu sein, als ich, und als sie nach geraumer Zeit den Ort meiner Tätigkeit verließ, durfte ich versichert sein, daß die laute Selbstunterhaltung, die sie mit sich führte, mir »verrücktem Kauz« und meiner noch verrückteren Tätigkeit galt. Kurz darauf wiederholte ich meinen Versuch, auf den Erfahrungen des ersten fußend, an einem zweiten Nest. Mit diesmal besserem, allerdings durch eine besonders lange Ausdauer erkauftem Erfolg. Doch war die Freude über ihn von nur kurzer Dauer; ein etwas neugieriger Bekannter, der das eben entwickelte recht gute Negativ vom Trockenständer genommen hatte und von der Behandlung einer photographischen Platte bestimmt nicht mehr verstand als ein Esel vom Flötenspiel, beschädigte es derart, daß nichts mehr mit ihm anzufangen war. [Illustration: Abb. 5. =Brütender Kiebitz=] Der dritte Versuch, im gleichen Frühjahr noch unternommen, lieferte mir endlich von drei belichteten Platten ein Negativ, das ich – durch die Erfahrung gewitzigt – schärfer vor fremden Blicken und Händen bewahrte und das denn auch alle Gefährnisse bis auf den heutigen Tag glücklich überstanden hat, es ist das die in Abbildung 5 wiedergegebene Aufnahme. Vorher schon hatte ich wiederholt junge Kiebitze photographisch festgehalten, obwohl sie meistens im Augenblicke der Belichtung so unvermittelt und schnell die Flucht ergreifen, daß beim Entwickeln der Platte statt des Vogels nur ein undeutlicher Flecken oder Streifen zum Vorschein kommt. Auch nachher betätigte ich mich noch mehrfach an den Kleinen, um dann im vergangenen Frühjahr in meinem Königswarthaer Arbeitsgebiet endlich auch wieder einmal alten Vögeln mit der Kamera nachzustellen. Mit welchem Erfolg, mögen die hier beigegebenen Abbildungen 1, 2 und 6 zeigen, die als solche allerdings nichts berichten von der bitter empfundenen Kälte, den stürmischen Winden und Regen- und Hagelschauern, die meinen Ansitz umtobten und das fast bewegungslose Ausharren von morgens neun bis nachmittags vier Uhr zu einem nicht besonders angenehmen gestalteten. Da war der sich ihm anschließende »Ansitz« an einem steifen Grog in der Entenschänke zweifellos bedeutend erträglicher! – [Illustration: Abb. 6. =Kiebitz läßt sich zum Brüten auf das Nest nieder=] Das Schwergewicht der Verbreitung des Kiebitzes in unserem engeren Vaterlande Sachsen liegt im nördlichen Flachlande, in dessen an feuchten Wiesen reichen Teilen er eine überall bekannte Erscheinung ist. Naturgemäß beherbergen hier wieder die Teichlandschaften die reichsten Bestände; in Westsachsen vor allem die von Frohburg-Eschefeld, Rohrbach, Wermsdorf usw., in der Dresdner Gegend das Moritzburger Gebiet und weiter ostwärts dann die an Teichen ja so reich gesegnete Oberlausitzer Niederung. In kaum oder nur wenig verminderter Häufigkeit stellt er sich aber auch in den weiten Flußauen der nordsächsischen Niederungen ein, geht aber auch weit gebirgswärts und ist noch im Vogtlande (Burgteich bei Plauen, Weidenteich bei Neundorf usw.) und im Erzgebirge (Großhartmannsdorfer Teich usw.) an geeigneten Stellen Brutvogel. Richard Heyder traf ihn sogar noch auf dem Erzgebirgskamm auf torfigen Wiesen bei Carlsfeld und Jugel in siebenhundert Meter Meereshöhe an. – Leider aber ist sein Bestand in einer ganz auffallenden Abnahme begriffen. In Frohburg habe ich diese deutlich selbst verfolgen können; die in den ersten Jahren meiner Beobachtungstätigkeit daselbst noch recht ansehnliche Zahl von Brutpaaren war 1914 schon viel kleiner geworden und hatte sich noch erheblicher verringert, als ich nach dem Kriege die alten Beobachtungsstätten von neuem aufsuchte. Für Rohrbach bezifferte Hennicke für das Jahr 1889 den Bestand an Brutpaaren auf etwa fünfzig, im ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts aber waren nach Hesse dort jahreweise nur noch ein oder gar kein Brutpaar vorhanden. Schlegel fand 1913 aber wieder eine etwas größere Zahl vor; eine Wahrnehmung, die ich für die Jahre 1912 bis 1914 auf Grund eigener Feststellungen bestätigen kann, habe ich doch 1913 hier an etwa acht Nestern unseres Vogels selbst gestanden. Ganz ähnlich liegen, wenn wir diesen auf das ganze Land sich erstreckenden Rückgang noch durch einige örtliche Beispiele erhärten wollen, die Verhältnisse in Moritzburg und im oberlausitzischen Niederungsgebiet – überall beobachten wir diese auffallende Abnahme innerhalb der letzten Jahrzehnte. Welches wohl sind ihre Ursachen? Eine erschöpfende Antwort auf diese Frage zu geben, ist nicht leicht und vielleicht vermag man auch noch gar nicht die Hauptursache zu nennen. Sicherlich ist das Einsammeln der Eier durch den Menschen, das ich in seinen verhängnisvollen Folgen mehrfach verfolgen konnte, und das oft mit der größten Rücksichtslosigkeit ausgeübt wird und namentlich in den Kriegs- und ersten Nachkriegsjahren in besonders üppiger Blüte stand, an der Abnahme des Vogels stark mit beteiligt. Aber allein erklärt es den beobachteten Rückgang keineswegs. Er machte sich fühlbar schon zu Zeiten und an Orten, zu und an denen das Aufsammeln der Eier kaum oder überhaupt nicht erfolgte. Und wir beobachten diese Abnahme ja nicht nur am Kiebitz allein, sondern auch an einigen dem Kiebitz nahe verwandten Vögeln, die in der Lebensweise mit ihm vieles gemein haben und vor allem auch mit ihm die Brutgebiete teilen. Es sind dies besonders der Rotschenkel und die Bekassine, deren Eier kaum jemals gesammelt wurden. Auch sie haben an ihren allerdings viel spärlicheren Brutplätzen gegen früher stark abgenommen; der Rotschenkel vielleicht in noch auffallenderem Maße als der Kiebitz. Von ihm schätzte z. B. William Baer in seiner 1898 erschienenen »Ornis der Oberlausitz« die an einer bestimmten Stelle im Gebiet der grenznahen Koblenzer Teiche vorgekommenen Brutpaare auf über fünfzig. Von 1923 bis 1926 aber traf ich an der gleichen Stelle in jährlich wechselnder Stärke nur noch fünf bis zehn Paare an, und im Frühjahr 1927 bekam ich daselbst überhaupt keines mehr zu Gesicht. Die Entwässerung der Wiesen, die ja ebenfalls als ein Grund für die Abnahme angeführt wird und die bestimmt auch ganz wesentlich an ihr beteiligt ist, ist wiederum aber nur eine Teilursache; in dem Koblenzer Teichgebiet sind seit Baers Zeiten derartig umfassende Veränderungen gar nicht eingetreten, und noch viel weniger trifft dies auf eine andere Stelle meines oberlausitzischen Beobachtungsgebietes zu, nämlich auf das wohl jahrhundertelang im wesentlichen sich gleich gebliebene Neudorfer Moor, in dem nach den mir gemachten durchaus zuverlässigen Angaben seit einigen Jahrzehnten ebenfalls ein starker Rückgang von Kiebitz, Rotschenkel und Bekassine beobachtet wird. Es müssen an der Abnahme daher auch noch andere Ursachen mitwirken, die sich vorläufig noch unseren Kenntnissen entziehen. [Illustration: Abb. 7. =Kiebitznest mit eben geschlüpftem Jungen und angepicktem Ei=] [Illustration: Abb. 8. =Kiebitz, einen Tag alter Jungvogel=] Pflicht für uns nun wird es, wenigstens die Teilursachen, die wir für den Rückgang kennen, nach Möglichkeit abzustellen zu versuchen. Entwässerungen größeren Umfanges, die unseren Vögeln die Brutgebiete einschränken und die z. B. auch in den vom Kohlenabbau noch nicht bedrohten Gebieten der Oberlausitzer Niederung bei der Regulierung der Spree und anderer Flüsse zu erwarten sind, werden wir nicht verhindern können; oft einem bitteren Zwange entsprungene wirtschaftliche Notwendigkeiten werden sich immer als die stärkeren Kräfte erweisen. Inwieweit wir derartige Entwässerungen in naturschützerischem Sinne aber beeinflussen können, wird sich immer nur von Fall zu Fall entscheiden lassen. Das Aufsammeln der Eier aber können wir, wenn vielleicht auch niemals ganz verhindern (wir können, um mit Heinroth zu reden, nicht hinter jedes Nest einen Polizeibeamten stellen), so doch wenigstens auf ein kleineres Maß zurückführen. Das neue sächsische Jagdgesetz gestattet das Einsammeln der Eier des Kiebitzes noch bis zum 30. April. Leider! Das gänzliche Verbot wäre in diesem Falle angebrachter und auch einer weidgerechten Jägerwelt würdiger gewesen. Denn bei unserem Vogel handelt es sich um eine in starkem Rückgange befindliche und auch an den Orten relativ häufigeren Vorkommens doch bereits recht spärlicher Art, deren Eier nirgends mehr einen wirtschaftlichen Faktor spielen, so daß durch das Unterbleiben des Sammelns auch niemand materiell geschädigt würde. [Illustration: Abb. 9. =Sich drückende junge Kiebitze=] [Illustration: Abb. 10. =Junger Kiebitz unmittelbar vor der Flugfertigkeit=] Unsere Schmetterlinge Von _Rud. Zimmermann_, Dresden Mit Abbildungen nach Naturaufnahmen des Verfassers Neben den Vögeln, die Wald und Flur beleben, sind es vor allem wohl die Schmetterlinge, die buntfarbenen »Kinder des Lichtes«, wie man sie genannt hat, die sich der ungeteiltesten Sympathien erfreuen. Rein äußerlich schon findet diese Tatsache in der weitverbreiteten Pflege der Schmetterlingskunde durch den ernsten Liebhaber eine Bestätigung. Mancher Leser dieser Feststellung allerdings wird mir antworten: leider! Ihm aber sei entgegnet, daß der _wahre_ Liebhaber nichts gemein hat mit jenen Sammlern, die um des bloßen Besitzes willen Schätze auf Schätze häufen und sie wohl gar noch zu gut fließenden Geldquellen machen. Der ernste Liebhaber ist bisher immer noch der beste Schützer der Natur gewesen, und er wird auch für die Erhaltung seiner Lieblinge, eben weil er diese und die Bedingungen, die sie an einen bestimmten Ort knüpfen, gründlich kennt, praktisch ungleich mehr tun können, als manch einer, der ihn nicht vom »Sammler um des Besitzes willen« unterscheiden will und kann und für seine, ganz anderen Motiven entsprungene Tätigkeit die gleichen bitteren Worte übrig hat wie für jenen. – [Illustration: Abb. 1. =Schwalbenschwanz=] [Illustration: Abb. 2. =Schwalbenschwanz=] Vorfrühling ists. Warm scheint die Sonne herab auf die dampfende Erde und bringt die letzten Reste des Schnees zum Schwinden, die noch an Rainen und Wegen liegen geblieben sind. Überall machen sich die ersten Regungen des neuerwachenden Lebens bemerkbar. Einzelne schwarzbraune Käfer torkeln wie trunken auf dürrem Laube umher, Spinnen tummeln sich an von der Sonne warm beschienenen Stellen, und schwerfällig kriecht hier und da eine dunkelbehaarte Raupe des Brombeerspinners auf welkem Grase umher. Am Waldsaum jagen Amseln und ein einzelnes Rotkehlchen, das den Aufenthalt bei uns der Reise nach dem Süden vorgezogen hatte, nach dem kleinen, von der Sonne hervorgelockten Getier, und drinnen im Walde, wo kahl noch die graustämmigen Buchen stehen und die ganze Fülle des Sonnenlichtes einfallen lassen, jubilieren Meisen und Buchfinken um die Wette. Vom Boden flattert ein einsamer Falter empor, taumelnden Fluges, bis unter den Wirkungen der Sonnenwärme sein Dahingleiten in der flimmernden Luft rascher und gewandter wird. Ein _Zitronenfalter_ ist es, einer der ersten Boten des nahenden Frühlings, der als solcher oft genug eine unfreiwillige Reise in irgendeine dumpfe Redaktionsstube antreten muß, um durch Druckerschwärze als Verkünder des Lenzes gefeiert zu werden. Bald gesellen sich ihm noch weitere seiner Art zu, und wenn nach ein paar Tagen die Sonne endgültig die Macht des Winters gebrochen hat, mischen sich unter gelbe Zitronenfalter noch viele andere und buntfarbenere. Vanessen vor allem sind es: das _Tagpfauenauge_, der _Große_ und der _Kleine Fuchs_, der schöne _Distelfalter_ und der samtbraune, weißgesäumte _Trauermantel_. Und je höher die Sonne steigt, je mehr sich die Fluren schmücken und je reicher bunte Blumen die saftiggrünen Wiesen durchwirken, desto größer und artenreicher wird das Heer der Schmetterlinge. Der seltene _Segelfalter_ gleitet majestätischen Fluges in der Luft dahin, und sein Vetter, der _Schwalbenschwanz_, nascht an Honig spendenden Blüten; an feuchten Wegen tummelt sich der schwarzweißrote _Admiral_ und erhält im Juni Gesellschaft in vornehmen _Schillerfaltern_ und _Eisvögeln_, den Aristokraten ihres Geschlechts, während der perlmuttergeschmückte _Kaisermantel_ die Blüten der Brombeersträucher besucht. Lebhafte _Bläulinge_ in wechselnden Kleidern und metallglänzende _Feuervögel_, Miniaturausgaben der leuchtenden und gleißenden Falter der lichtreichen Tropen, beleben mit _Weißlingen_, aus deren etwas eintönig gefärbter Schar sich prächtig der _Aurorafalter_ mit ziegelroten Flügelspitzen abhebt, die Wiesen und konkurrieren an Zahl mit düster gefärbten _Satyriden_ oder _Augenfaltern_, deren Tracht eigentlich auf das Dunkel des Waldes abgestimmt ist, in dem ja auch viele ihrer Vertreter leben. [Illustration: Abb. 3. =Zitronenfalter=] [Illustration: Abb. 4. =Trauermantel=] Mai und Juni und wohl auch noch der Juli bilden den Höhepunkt im Schmetterlingsleben; dann tritt eine kleine Pause ein, bis es sich nochmals, wenn die ersten weißen Fäden des Altweibersommers durch die Luft gleiten und die zweite Generation jener Falter die Puppenhüllen durchbricht, die als die ersten im Frühjahre sich tummelten, zu einem wieder etwas größeren Reichtum entfaltet, um aber dann, je weiter es in den Herbst hineingeht, zusehends zu erlöschen. Eine Art nach der anderen verschwindet, und als letzte treffen wir dann jene an, die als Falter überwintern und im nächsten Jahre als erste des Lenzes Ankunft feiern. Der _Zitronenfalter_ fliegt bis weit in den Spätherbst hinein und ist manchesmal noch im November im Freien anzutreffen, und neben ihm genießen, wenn die klare Herbstsonne den Reif, der des Morgens bereits die Wiesen bedeckt, zum Schwinden gebracht hat, an sonnenbeschienenen Wegerändern ein einsames _Tagpfauenauge_, ein letzter roter _Fuchs_ des Herbstes späte Schönheit. – [Illustration: Abb. 5. =Distelfalter=] [Illustration: Abb. 6. =Tagpfauenauge=] Leider ist, wie ja so vieles andere auch, das Schmetterlingsleben unserer Heimat stark zurückgegangen und wird auch jetzt noch ärmer und ärmer. Arten, die einst häufig waren, sind schon recht selten geworden, andere an manchem Orte überhaupt bereits ausgestorben, und vielleicht sogar wird man die eine oder andere aus der Liste der sächsischen Schmetterlinge ganz streichen müssen. Man hat für diesen Rückgang den Sammler verantwortlich gemacht, und heute, wo leider das Schlagwort auch in der Naturschutzbewegung einen breiten Raum gewonnen hat, erfolgen diese Anschuldigungen mit einem immer größeren Nachdruck. Es soll gar nicht geleugnet werden, daß eine falsche Sammeltätigkeit oder richtiger, daß Sammelleidenschaft (und das mit dieser dann meistens verknüpfte Bestreben, die Sammeltätigkeit zu einer Geldquelle auszugestalten) tatsächlich manchem schönen Falter den Untergang gebracht hat. Es sei nur an das Beispiel des _Apollofalters_ erinnert, der – auch entomologische Zeitschriften geben dies unumwunden zu – an einer Anzahl von Orten seines Vorkommens (in Sachsen ist der Falter allerdings nie heimisch gewesen) bestimmt ein Opfer des Sammlers der eben gekennzeichneten Richtung geworden ist; von ihm muß man aber gerechterweise den wahren Sammler (für den ich daher im Eingange meiner Ausführungen das Wort Liebhaber gebraucht habe) trennen. Aber die Sammelleidenschaft ist lediglich nur _eine_ der Ursachen des Rückganges und vielleicht sogar die am leichtesten wiegende; sie hat sich fast immer nur auf einige wenige Arten und zudem rein örtlich ausgewirkt. Von dem Rückgang sind aber auch unsere gewöhnlicheren Arten betroffen, die gar nicht die Mühe des Mitnehmens lohnten, und er ist dann auch so allgemein, macht sich auch dort bemerkbar, wo kaum jemals ein Sammler hingekommen ist. [Illustration: Abb. 7. =Admiral=] [Illustration: Abb. 8. =Ligusterschwärmer=] [Illustration: Abb. 9. =Lindenschwärmer=] Die Ursachen sind eben tiefere; sie liegen vor allem in Maßnahmen wirtschaftlicher Natur begründet, in Maßnahmen, die das natürliche Bild vieler Gegenden von Grund aus umgestaltet, es seiner Vielseitigkeit beraubt und vor allem Pflanzen haben verschwinden lassen, die die einzigen Nahrungspflanzen für manchen an sich einst gar nicht seltenen Schmetterling (bzw. für dessen Raupe) gewesen sind. Und mit diesen Pflanzen sind eben dann auch die von ihnen abhängigen Falter verschwunden. Ich selbst bin wiederholt Zeuge derartiger Vorgänge geworden. Der den Rochlitzer Berg bedeckende Wald zeichnete sich noch in meiner Jugendzeit durch seine herrlichen, ausgedehnten Rotbuchen- und Mischholzbestände aus, in denen neben der Rotbuche besonders die Lärche und die heute auf dem Rochlitzer Berge bis auf einige wenige Zeugen einer besseren Vergangenheit verschwundene Weißtanne einen breiten Raum einnahmen. Diese Rotbuchen- und Mischwaldbestände belebte in Massen neben anderen ein in die Verwandtschaft der prächtigen Nachtpfauenaugen gehörender Falter, der _Nagelfleck_, ein Schmetterling, dessen warm braungelb gefärbte Flügel dunkelblaue, schwarz eingefaßte Augenflecke zieren, die eine weiße, dem griechischen γ ähnliche Zeichnung aufweisen. Die Raupe des Falters lebt vorzugsweise auf Buchen; mit dem Rückgange der Buche auf dem Rochlitzer Berge aber ging auch ein Rückgang unseres Falters einher, und wenn er auch heute noch dem Rochlitzer Bergwald als Bürger angehört, so sieht man ihn an den sonnigen Maitagen doch bei weitem nicht mehr die lichtdurchfluteten Buchendome in jenen Mengen durchfliegen, wie sie mir aus einer noch gar nicht fernen Vergangenheit lebendig in der Erinnerung sind. Da neuerdings die Buche auf dem Rochlitzer Berge wieder in größerem Maße angepflanzt wird, ist zu hoffen, daß wenigstens in diesem Falle ein weiterer Rückgang des Schmetterlinges verhindert, ja daß dieser vielleicht wieder häufiger wird. Eine andere, in meiner Knabenzeit vor allem auf dem Gipfel des Berges in dessen Steinbruchsgebiet vorgekommene Art, der auch im übrigen Lande überall zurückgegangene oder ganz verschwundene _Segelfalter_, ist gänzlich ausgestorben – ich sah den letzten Mitte der neunziger Jahre – und nahezu ausgerottet sind der _Schillerfalter_ und der _Große Eisvogel_, zwei mit dem Segelfalter zu den prächtigsten Gestalten unter den einheimischen Schmetterlingen zählende Arten. Von ihnen lebt die Raupe des ersteren auf der Salweide, die des letzteren auf der Aspe oder Zitterpappel. Der Rückgang der beiden, einst schon spärlichen, aber durchaus noch nicht seltenen, im Juni und Juli an feuchten Steinbruchswegen ruhenden großen Falter geschah auffallend plötzlich; er erfolgte, als ausgangs der neunziger Jahre die Wege von den sie säumenden Salweiden und Aspen »gereinigt« und beide Bäume nach Möglichkeit auch aus allen Beständen, deren jüngere sie meistens durchsetzten, entfernt wurden. Ich kenne kaum ein zweites so deutliches Beispiel für die Vernichtung einer Tierart durch kulturelle Maßnahmen, wie dieses. Der auf dem Rochlitzer Berg etwa gleichzeitig begonnene schärfere Kampf gegen die sogenannten Forst»unkräuter«, die Beseitigung der ehedem so zahlreichen (übrigens auch einen volkswirtschaftlichen Wert besitzenden) Brombeer- und Himbeerhecken brachte den _Kaisermantel_ fast zum Verschwinden – eine wiederum zu den schönsten der einheimischen Falter gehörende Art – dessen zahlreiches Erscheinen im Juli mir in sonnigen Kindheitstagen immer den Beginn der heißerwarteten Großen Ferien ankündigte. – Leicht könnte ich die mir aus eigenem Erleben noch bekannten Beispiele hier fortsetzen, will hier aber doch auch noch einen anderen zu Worte kommen lassen. [Illustration: Abb. 10. =Birkenspanner=] [Illustration: Abb. 11. =Mondvogel=] Im letzten Bericht der Naturwissenschaftlichen Gesellschaft Isis in Bautzen beschäftigt sich _Hermann Starke_, ein guter Kenner der lausitzischen Schmetterlingsfauna, mit dem »Verschwinden und Seltenwerden vieler Schmetterlinge« und bezeichnet als zwei der am verhängnisvollsten wirkenden Ursachen einmal die fortschreitende Industrialisierung und zum anderen die moderne Wald- und Wiesenwirtschaft. »Der Laubwald«, so hören wir von ihm, »wird von Jahr zu Jahr immer mehr ausgerottet und muß der Fichte und dem Getreide das Feld räumen, er ernährt aber die meisten Schmetterlinge. Auf das Verschwinden des Laubwaldes ist das sehr verminderte Auftreten unserer schönsten Falter, z. B. der Gattungen _Schillerfalter_ und _Eisvogel_ zu setzen, sogar der sonst überall häufige _Zitronenfalter_ gehört darunter. Im Kiefernwald der Lausitzer Heide wird der vorhandene Unterwuchs von verschiedenen Halbsträuchern, allerhand krautartigen Pflanzen, Gräsern, Moosen und Farnen seit vielen Jahren schon entfernt, um als Stallstreu Verwendung zu finden. Damit verschwanden aber eine Anzahl Pflanzen, die den Raupen vieler Schmetterlinge als Nahrung dienten. Infolge dieses Verschwindens wichtiger Nahrungspflanzen aber sind eine ganze Anzahl für die Heidelandschaft charakteristischer Falter schon recht selten geworden, vielleicht auch schon ganz verschwunden. Es sind dies vor allem eine Anzahl _Satyriden_ (Augenfalter), deren eine Art, der _Waldportier_, seit 1914 überhaupt nicht mehr beobachtet werden konnte. Die gleiche Schuld am Aussterben und Seltenwerden von Schmetterlingen trifft weiter auch die neuzeitliche Wiesenbearbeitung und Düngung, der das fast gänzliche Aussterben der _Feuerfalter_ und _Bläulinge_ zuzuschreiben ist. Von vierundzwanzig Arten beider Gattungen, die _Schütze_ noch in seinem »Verzeichnis der Schmetterlinge der Lausitz« aufführt, kann man vierzehn Arten als in der Lausitz verschwunden betrachten. Die übrigen sind zum Teil sehr selten geworden, ja von ihnen wird man bei genauer Nachprüfung vielleicht die eine oder andere Art ebenfalls noch streichen müssen«. – [Illustration: Abb. 12. =Buchen-Kahnspinner=] [Illustration: Abb. 13. =Kleines Nachtpfauenauge=] Die hier mitgeteilten Tatsachen reden jedenfalls eine deutliche Sprache. Und sollten sie dabei nicht auch geeignet sein, uns über die Mittel und Wege Aufschluß zu geben, die wir anwenden können und einschlagen müssen, um der Verarmung unserer Schmetterlingsfauna, wenn vielleicht auch nicht Einhalt zu gebieten, so doch wesentlich Abbruch zu tun? Nicht durch unsere, zum Überdruß wiederholten, sonst aber ungehört verhallenden Klagen, nicht durch dieses andauernde Schimpfen auf den »Sammler« (dem aber trotzdem dort entgegengetreten werden soll, wo es notwendig ist) bessern wir die Verhältnisse, sondern einzig und allein durch freudiges _Handeln_. Die Naturschutzbewegung muß einen immer größeren Einfluß auch auf die Wirtschaft zu erlangen versuchen, sie muß dieser bei allen ihren kulturellen Maßnahmen mit Rat und Tat zur Seite stehen und dies in einer Weise tun, daß die Wirtschaftskreise allmählich ganz von selbst mit der Bitte um derartige Ratschläge kommen. Eine Utopie? Nein, sie ist es nicht; das Verständnis für die Natur unserer Heimat und ihre Schönheiten draußen im Lande ist oft viel größer, als wir meinen, nur ungepflegt, und unsere Aufgabe muß es daher sein, es zu pflegen und so zu fördern, daß aus ihm Früchte für unsere Sache heranreifen. – Die Forstwirtschaft ist ja bereits in einer durchgreifenden Umgestaltung begriffen; viele einst als die einzig richtigen angewendeten Maßnahmen haben sich als durchaus verfehlt herausgestellt, und so erleben wir es denn heute, daß viele der Forderungen, die wir einst erhoben, energisch durchgeführt werden. Und der Erfolg wird dabei sicherlich nicht ausbleiben. [Illustration: Abb. 14. =Streckfuß mit Gelege=] [Illustration: Abb. 15. =Baumspanner=] Katzenplage – Katzenfrage! Von Prof. Dr. _Bernh. Hoffmann_ Mit dem Erwachen des Frühlings kommt diese Frage wieder in Fluß. Die Vertreter der verschiedensten Rassen unsres Hausraubtiergeschlechts schleichen sich von ihren bisher bevorzugten Lieblingsstätten hinterm wärmenden Ofen oder auf dem weichen Pfuhl oder gar dem Schoß ihrer Eigentümer oder Eigentümerinnen wieder hinaus ins Freie und lassen hier aufs neue ihrem angeborenen Trieb, andern Lebewesen aufzulauern und ihnen den Garaus zu machen, mit besonderer Vorliebe an unserer Vogelwelt, die allmählich in immer größerer Zahl in die alte Heimat zurückkehrt, die Zügel schießen. Während der weiten Reise glücklich den zahlreichen, oft tödlichen Gefahren des Unwetters wie nicht minder der Vogelsteller in Italien und anderswo entronnen, laufen die Vögel hier in der Heimat, dem Lande hochgesteigerter (?) Zivilisation, große Gefahr, durch ein von den Menschen gezüchtetes, sich stark vermehrendes Haustier vernichtet zu werden, das leider infolge von mancherlei Umständen in immer größerer Zahl gehalten wird[1]. Geschieht die Vernichtung in einer Zeit, wo junge Vögel nach Futter schreien, so droht diesen elender Hungertod, oder sie werden ebenfalls von der Katze getötet. Ich erkenne die Daseinsberechtigung der Katzen, sei es auf Grund ihres Vertilgens von Ratten und Mäusen oder weil sie nun einmal die erklärten, oft jedoch verhätschelten Lieblinge und Stubengenossen verschiedener Personen beiderlei Geschlechts sind, gern an, obwohl mir das letztere Verhältnis immer etwas unnatürlich vorkommt, denn es gibt wahrlich genug würdigere Objekte zur Betätigung von Liebe und allerlei Zärteleien! Aber man darf wohl anderseits verlangen, daß die Zahl der von Mutter Natur geschaffenen räuberischen Feinde unsrer Vogelwelt – genannt seien nur Habicht, Sperber, die Krähen usw. – nicht noch durch solche vergrößert wird, die der Mensch gezüchtet hat, teilweise sogar zu recht persönlichen Zwecken, wovon die Allgemeinheit nicht das geringste hat. Es ist nicht einzusehen, daß, wenn gegen die erstgenannten geflügelten Räuber durch deren Abschuß vorgegangen wird, die Katzen völlig freies Schalten und Walten haben sollen, noch dazu an Orten, wo sie nichts zu suchen haben! Natur- und Heimatschutz erblühen Gott sei Dank an allen Orten – aber noch nicht in allen Kreisen! Demgemäß ists bisher leider noch zu keiner amtlichen Verordnung oder der Angabe eines Mittels gekommen, wodurch die Zahl der Katzen bzw. deren räuberische Tätigkeit eingeschränkt worden wäre. Da bringt nun endlich in der fraglichen Richtung eine gerichtliche Entscheidung beim Amtsgericht Dresden Licht in die Sache und zwar im Sinne wahrer Vogelfreunde. Der Sachverhalt ist kurz folgender: Der Sohn eines Gartengrundstückbesitzers hat im Garten seines Vaters eine wildernde fremde Katze angeschossen, nachdem der Besitzer derselben wiederholt aufgefordert worden war, dafür Sorge zu tragen, daß seine Katze nicht in fremde Grundstücke eindringt. Die Katze ist am Halse verletzt worden, worauf der Besitzer einen Schadenersatz von 11 Mark für tierärztliche Behandlung der Katze beansprucht hat. Nach längeren Verhandlungen ist der Kläger abgewiesen und zur Tragung der Kosten verurteilt worden! Aus der Begründung des Urteils sei Folgendes erwähnt: Das Eindringen einer Katze, von welcher den Singvögeln Gefahren drohen, in den Garten eines anderen stellt einen Angriff im Sinne des § 228 BGB. dar. Es handelt sich dabei um eine »ideale« Gefahr, deren Abwendung den Eigentümer des Gartens zur Tötung des Tieres berechtigen kann. Man muß dem Grundstückseigentümer das Recht zugestehen, eindringende Katzen durch Gewehrschüsse zu vertreiben oder zu töten, sobald sein Grundstück unter der Plage leidet. Daß der Sohn und nicht der Grundstückseigentümer selbst geschossen hat, ist für die Beurteilung des Falles belanglos, da jener in Wahrung der Rechte des Grundstückseigentümers gehandelt hat. Maßgebend für das Urteil dürfte wohl auch die Tatsache gewesen sein, daß der Besitzer der Katze wiederholt gewarnt worden ist. – Ich freue mich im stillen an dem Aufatmen vieler Leser und Leserinnen der vorstehenden Zeilen, welche dazu geeignet sind, Beruhigung in all die Kreise zu tragen, denen der Schutz hilf- und harmloser Kinder der Natur gegenüber wildernden und falschen Zuchtprodukten von Menschen allzeit am Herzen gelegen hat. Fußnote: [1] Vergleiche auch meinen Aufsatz, der unter gleicher Überschrift im Dresdner Anzeiger erschienen ist, 1926, Nr. 487. Ratschläge für das Sammeln von Flurnamen (als Grundlage für Sondervorschriften in den einzelnen Ländern) 3. verbesserte Ausgabe 1927 I. Gesammelt werden _alle_ Flurnamen (Fln), gleichviel ob sie der deutschen oder einer anderen Sprache angehören. Unbedeutend scheinende dürfen nicht wegbleiben, da es für die Forschung keine unbedeutenden gibt. Anstößige sind unter keinen Umständen zu verändern oder gar zu unterdrücken, weil sie in mehrfacher Hinsicht von ganz besonderer Wichtigkeit sind. Unter Fln versteht man alle heute oder ehemals gebräuchlichen Eigennamen für irgendwelche Örtlichkeiten oder Geländestücke, nämlich ~A.~ stehende und fließende Gewässer (Gn) und was damit zusammenhängt (Flüsse, Bäche, Seen, Teiche, Sümpfe, Moore, Torfstiche, Quellen, Wasserlöcher, Pfuhle, Brücher, Wasserfälle, Strudel, Stromschnellen, Furten, Wehre, alte Flußarme, Inseln, Buchten, Landzungen, Vorsprünge, alle Arten von Gräben, Untiefen im Sinne sowohl von besonders seichten als auch von besonders tiefen Stellen, Züge = Fangbezirke und Schonreviere der Fische in Flüssen, Seen, Meeren und Meeresteilen), ~B.~ Wälder, kleinere Waldungen, Heiden, Gehölze, Wildbahnen, Schneisen, Forststreifen, Förstereien, einzelne Bäume, Büsche und Sträucher (Wn), ~C.~ Berge, Höhenzüge, Bergrücken, Anhöhen, Hügel, Felsen, Berghänge, Almen (Alpen), Täler, Schluchten aller Art, Höhlen, Wolfsgruben, Erdfälle, Bergwerke (einschließlich Gruben und Zechen nebst Gebäuden), Dünen und Ebenen (Bn), ~D.~ Ackerflächen, Wiesen, Brücher, Triften, Weiden, Gärten, Weinberge (Fln im engeren Sinne), ~E.~ Grenzen, Grenzraine, Landwehren (Häge usw.), ~F.~ alle trockenen Verkehrsadern vom kleinsten Steige bis zur großen Straße mit allem, was damit verwandt ist oder zusammenhängt, wie Knüppeldämme, Brücken, Überführungen, Unterführungen, Tunnel, Kreuzwege (Stn. – Die städtischen Stn werden nur insoweit aufgenommen, als sie auf alte Fln zurückgehen), ~G.~ menschliche Ansiedlungen in jeder Form, insbesondere Dorfteile, Abbauten, Weiler, Einzelhöfe und Einzelanwesen, Schlösser, Burgen (Burgberge, Burgställe), Ruinen, Burgwälle, Schanzen (Schwedenschanzen), Vorwerke, Schäfereien, Mühlen, Ziegeleien, Fabriken, Waldschmieden, Hämmer, Glashütten, Kirchen und Kapellen, ~H.~ alle Natur- und Kulturdenkmäler von den ältesten, vorgeschichtlichen Zeiten bis zur Gegenwart, wie Hünengräber, Gräberfelder, Steinsetzungen, Steinkreise, Wegkreuze, Denksteine, Erinnerungsbänke. Über die ungemein vielseitige Bedeutung der Flurnamenforschung, unter anderem für die Vor- und Frühgeschichte, die Wirtschafts-, Verfassungs-, Rechts-, Kirchen-, Siedlungs-, Orts-, Familien-, Landesgeschichte, die Sprachwissenschaft, die Volkskunde, die Volkswirtschaft, die Geologie, den Bergbau von heute, unterrichtet gut das »Gespräch (zwischen einem Sammler und Lehrer) über hessische Ortsbezeichnungen und vom Wert ihrer Sammlung« bei W. Hotz, Die Fln der Grafschaft Schlitz (Großh. hess. Staatsverlag, 1912); kurze Zusammenfassung des Inhalts im Neuen Archiv für sächsische Geschichte XLII (1921) 177 ff. Zur weiteren Einführung in die Forschung seien Remigius _Vollmanns_ Buch »Fln-Sammlung« (4. Auflage, München, Gebr. Giehrl, 1926) und Hans _Beschorners_ »Handbuch der deutschen Fln-Literatur« (Frankfurt a. M., M. Diesterweg, 1928) empfohlen. II. Beim Sammeln kommt es zunächst darauf an, die heute noch bekannten Fln sobald wie möglich zu erfassen, da sie mit immer zunehmender Schnelligkeit in Vergessenheit geraten. Es empfiehlt sich, zu diesem Zwecke an die Schulleiter oder Gemeindevorstände (Bürgermeister, Gutsvorsteher, Forstverwalter) oder an beide zugleich oder nacheinander möglichst einfach gehaltene Fragebogen zu versenden. Vier, höchstens sechs Spalten genügen für den Namen des Flurstücks (hochdeutsche und mundartliche Form), die Quelle (oder Quellen), die Kulturart und sonstige Bemerkungen. Mitgabe von Flurausschnitten aus den Meßtischblättern 1 : 25000 ist vorteilhaft, damit auf ihnen (u. U. mit Hilfe von Ziffern) die Lage der Flurstücke unzweideutig angegeben werden kann. Für die Ermittelung der dem Volke noch bekannten Fln kommen weiter in Betracht: 1.) alte Ortsangesessene (auch Frauen!), 2.) Hirten, Flurschützen, Forstbeamte, Ortsgeistliche und sonstige Leute, die schon länger in der Gegend leben und Sinn für das Alte haben, 3.) geeignete, aus Landgemeinden stammende Schulkinder, die schon vernünftig genug sind, um solchen Erhebungen den nötigen Ernst entgegenzubringen, 4.) Vermessungsbeamte, sofern sie für die Aufnahme einer Gegend (oder Nachprüfungen) mit bestimmten Weisungen, die die oberste Vermessungsbehörde mit der Sammlungsleitung vereinbaren muß, versehen werden. Die auf diese Weise ermittelten »lebenden« Fln sind aus handschriftlichen und gedruckten Quellen zu vervollständigen. Aus den unbegrenzten Möglichkeiten seien hervorgehoben: ~A.~ Katasterkarten (Flurkrokis, Lagepläne, Gemarkungskarten, Orts- und Gemeindeflurpläne, Rainkarten usw. Wo die Fln nicht eingeschrieben sind, müssen die zugehörigen Flurbücher herangezogen werden), ~B.~ andere mit Fln versehene Karten oder ältere handschriftliche Landesaufnahmen, ~C.~ Archivalien, und zwar zuerst die leicht erreichbaren des Gemeindeamts oder Gutsarchivs, wie Flurbücher, Grundbücher, Flurregister und Feldbeschreibungen, später die des Landesarchivs, wie Urbarien und Weistümer, alte Amtsbeschreibungen, Zinserbbücher, Steuerrollen, Grenz- und Burgfriedenbeschreibungen, Sal- und Lagerbücher, Lehnbriefe, Kaufverträge, Verkoppelungsprozesse und dergl. mehr, ~D.~ gedruckte Landeskunden, Stadtgeschichten, Dorfchroniken, Zeitschriftenaufsätze (die aber alle mit Vorsicht zu benutzen sind), ~E.~ Mundartenwerke und Wörterbücher. Die ermittelten mundartlichen Formen, die neben den, oft falsch, verhochdeutschten Kanzleiformen größten Wert haben, sind möglichst lautgetreu wiederzugeben, soweit es mit einfachen Mitteln zu erreichen ist. Von genauer, bis in alle Einzelheiten gehender phonetischer Umschrift ist abzusehen. Die für Bayern (s. Rückseite der Sammelbogen), Braunschweig (desgl.), Baden (s. E. Fehrle, Die Flurnamen von Aasen S. XV f.) und Hessen (s. die genannte Arbeit von Hotz S. XXXV) gegebenen Winke sind das Äußerste, was man in dieser Hinsicht verlangen kann. Meist wird es schon genügen, die Länge oder Kürze der Selbstlaute und die Betonung, wo diese von der üblichen abweicht, anzudeuten. Was darüber hinaus an besonders gekennzeichneten Buchstaben (a mit kleinem o darüber = dunkles a, oder umgekehrtes e = unbetontes e), Trennungspunkten, Trennungsstrichen, Apostrophen (für verschluckte Laute), Bindeschleifen (für ungewohnte Di- und Triphthonge) verwendet werden soll, müssen die landschaftlichen Fln-Ausschüsse bekanntgeben. III. Die gefundenen Namen sind (mit den nötigen Angaben über Lage der Flurstücke, Quellen usw.) zunächst einzeln auf Zetteln zu verzeichnen. Nach Abschluß der Sammeltätigkeit werden sie zu Namensverzeichnissen zusammengestellt, für die vorgedruckte Bogen oder Sammellisten (vierseitige Bogen in Reichsformatgröße, möglichst nicht kleiner, aber auch nicht größer, mit Ausnahme der Titelseite liniiert) zu verwenden sind. Auch die Vordruckbogen sind möglichst einfach zu halten. Jeder eine Verwaltungseinheit bildende Gemeindebezirk erhält sein besonderes Verzeichnis, ebenso jeder Forstamtsbezirk. Gemeindeforsten, die zu größeren Forstgemarkungen gehören, werden der Bearbeitung des betr. Forstamtsbezirks angeschlossen, sonst innerhalb der Gemeindeflur erledigt. Die Fln, bei denen die Artikel (der Bach oder die Bach?) und namentlich auch die oft sehr bedeutsamen Verhältniswörter (an, in, um, vor, zu usw.) nicht weggelassen werden dürfen, werden unter laufenden Nummern nach dem ABC eingetragen, und zwar so, daß zwischen zwei aufeinanderfolgenden Namen für Nachträge 4–5 Zeilen frei bleiben. Bei Fln, die aus Eigenschafts- und Hauptwort bestehen, ist von Fall zu Fall zu entscheiden, ob ersteres oder letzteres für die alphabetische Einreihung maßgebend ist; die Alte Straße z. B. gehört unter A, Beim Toten Mann unter T, aber die obere Burgaue (zum Unterschied von der unteren) unter B. Über Zweifelsfälle müssen Verweisungen hinweghelfen. Auf die erste Bogenseite kommt der, soweit angängig, gedruckte Titel »Flurnamenverzeichnis von X südwestlich Y, Amtshauptmannschaft Z (Landratsamt, Oberamt oder dergleichen). Volkstümliche Aussprache des Namens …« Etwas tiefer darunter folgen die »Quellen« (einschl. Karten). Die für den ganzen Sammelbereich gleichmäßig geltenden werden gleich mitgedruckt, für die weiteren, besonderen Quellen wird genügender Platz gelassen. Bei jeder Quelle wird die für sie anzuwendende Abkürzung angegeben, z. B. K = Kataster von 1873, T = Topographische Karte Bl. 4. In die rechte untere Ecke kommt der Vermerk: »Angelegt von …« (Platz für den Namen des Sammlers, seinen Wohnort und das Jahr der Bearbeitung). Darunter ist genügend Raum für Ergänzungsvermerke zu lassen. Die beiden Innenseiten des Umschlagbogens, nach Bedarf durch Einlegbogen vermehrt, werden zu einer Einheit zusammengefaßt und in 10 Spalten von verschiedener, dem Zwecke angepaßter Breite eingeteilt. Die erste schmale Spalte ist für die laufenden Nummern, die nicht vom Sammler einzutragen sind, sondern erst später von der bearbeitenden Sammelstelle, wenn diese die Überzeugung gewonnen hat, daß keine oder wenigstens nicht mehr viel neue Namen zu erwarten stehen. Spalte 2 nimmt die zur Zeit amtlichen Namen in amtlicher Schreibweise auf, Spalte 3 die Quellen dazu, Spalte 4 alle noch heute gebräuchlichen Namen in der beim Volke üblichen Form (s. oben), Spalte 5 die Quellen dazu (meist V = Volksmund). In Gebieten mit besonderen sprachlichen Verhältnissen, wie dem niederdeutschen mit seinem »Platt«, empfiehlt es sich, die Spalten 4/5 und 2/3 zu vertauschen. Spalte 6 ist für die alten Formen aus gedruckten oder ungedruckten Quellen, die in Spalte 7 abgekürzt oder, wo es sich nur um Einzelerscheinungen handelt, unabgekürzt anzugeben sind. Diese urkundlichen und aktenmäßigen Zeugnisse aus Urkundenbüchern, Ortsgeschichten, Chroniken, Aufsätzen, Archiven, Katasterämtern usw. zu beschaffen, kann im allgemeinen den Sammlern nicht zugemutet werden, sondern muß den überarbeitenden Ausschüssen oder Sammlungsleitern überlassen bleiben. In Spalte 8 ist die Lage der Flurstücke und der sonstigen aufgeführten Einzelheiten genau anzugeben. Himmelsrichtungen (nach dem angenommenen und als solchen gekennzeichneten Flur- oder Forstmittelpunkt, z. B. der Kirche) und Katasternummern oder sonstige Hinweise auf die Stellen der Flur- oder Forstkarte, die jedem Fln- oder Wn-Verzeichnis unbedingt beigegeben werden muß, genügen im allgemeinen. Ob diese Karte in einer mechanischen Vervielfältigung der Katasterkarte oder in einer Pause oder in einer einfachen Handskizze besteht, hängt von den vorhandenen Karten, verfügbaren Geldmitteln und den zeichnerischen Fertigkeiten des Sammlers ab. Die Beigabe einer Karte macht umständliche nähere Lagebezeichnung durch Koordinaten (s. Korr.-Bl. des Gesamtvereins 1904, Sp. 9) entbehrlich. Aus Spalte 9 soll hervorgehen, worum es sich bei den Namen handelt, z. B. bei einem Flurstück, ob um Wald, Wiese oder Feld. Auch ist hier der geeignete Platz zu gelegentlichen Angaben über Gestalt, Bodengüte, Größe eines Flurstückes. In der breiten Spalte 10 endlich können Angaben gemacht werden über die Entstehung der Namen (soweit Tatsächliches dafür vorliegt, namentlich auch Richtigstellung irrtümlicher Formen; dagegen werden Deutungsversuche von den Sammlern nicht gewünscht), die Geschichte der Flurstücke, Funde auf ihnen (namentlich frühgeschichtliche, seien es Einzelfunde oder Grab- und Wohnstätten oder Befestigungen), Wüstungen, örtliche Sagen, Rechtsverhältnisse, das Vorkommen besonderer Gesteine, Tiere, Pflanzen, sonstige merkwürdige Naturerscheinungen, Behandlung der Namen im bisherigen Schrifttum und ähnliches mehr. Die Vordruckbogen sind den Sammlern mit einem in herzlichem Tone abgefaßten Begleitschreiben und mit einem gedruckten »Muster« zu überreichen. Auf dem Muster (Probe eines Fln-Verzeichnisses) ist hinten das »Verfahren« gemäß den besonderen landschaftlichen Verhältnissen genau auseinanderzusetzen. Die vorstehenden Ratschläge bilden nur den allgemeinen Rahmen dazu. IV. Die Flurnamenverzeichnisse werden von der das Sammeln leitenden Stelle (Fln-Ausschuß) nach Verwaltungsbezirken und innerhalb dieser nach dem ABC geordnet, in einer Stadt des Landes an einer geeigneten staatlichen Stelle (Landesarchiv, Landesbibliothek, Universitätsbibliothek oder dergl.) hinterlegt und hier der allgemeinen Benutzung möglichst bequem zugänglich gemacht. Gesamtverzeichnisse, die auf Zetteln nach dem ABC alle in den einzelnen Verzeichnissen aufgeführten Namen enthalten und je nach den verfügbaren Mitteln ausführlicher oder knapper gestaltet werden können, sind anzulegen; ihre Veröffentlichung durch den Druck ist in Aussicht zu nehmen. Die Fln-Sammlungen größerer Gebiete auf diese bescheidene Weise der wissenschaftlichen Forschung zugänglich zu machen, muß fürs erste genügen, da an ihre Drucklegung selbst vorläufig nicht gedacht werden kann. Wo Sammlungen gedruckt werden, ist möglichst Einheitlichkeit anzustreben. Als Anhalt können die in den Deutschen Geschichtsblättern XII (1912) 215–225 besprochenen Werke von L. Gerbing, Die Fln des Herzogtums Gotha … (Jena, 1910), R. Wieris, Die Namen der Berge …, Ortschaften, Flurteile, Forstorte und Wege im Amtsbezirk Harzburg (Braunschweig, 1910), und W. Hotz, Die Fln der Grafschaft Schlitz (Darmstadt, 1910), dienen. =Der Deutsche Flurnamen-Ausschuß=: _Bächtold-Stäubli_ _Beschorner_ _Eugen Fehrle_ _Goeßler_ _Lühmann_ _Schoof_ _Schwarz_ _Strunk_ _Vollmann_ (Auskunftstelle: Dresden-N. 6, Düppelstraße 14) Ostersonnabend in Praskowitz Von _Georg Paech_ Die Sonne verschwindet hinter den Bergen. Im Elbtal wird es kühl. Die Bergspitzen jenseits leuchten auf im warmen Rotbraun der Wälder. Die Elbe fließt langsam und still. Das Kirchlein, vor dem noch Ludwig Richter oft saß, steht ein paar Meter über der Elbe. Über dem Kirchlein werden die Berge kühl blau und darüber wird der Abendhimmel immer goldiger. Ich steige zur Kirche hinauf und zum Friedhof um sie. Das Tor ist offen. Auf dem Platz davor unter Nußbäumen steht die Feuerwehr. In Doppelreihe. Und wartet. Neben ihr die Musik. Die Galahelme der Feuerwehr haben blank geputzte Messingbügel. Einer von der Musik, ein ganz langer, hat eine riesige Posaune, blank und glänzend, mehrfach um den Leib geschlungen. Auf dem Friedhofsrasen vor der Kirchentür wartet ein Baldachin von rotem Samt, von vier Feuerwehrmännern getragen. Und Ministranten, Jungen in weißen Spitzenhemden mit rotem Überwurf. Sie haben Prunklaternen mit dicken Kerzen drin, auf hohen Stangen, dem Herrgott auf seinem Weg durchs Dorf zu leuchten. Und Klingeln, die sie leise, verstohlen anschlagen. Auch junges Volk steht da in Gruppen. Es dünkt sich zu klug, in die Kirche zu gehen. Streng geschieden, hie Männlein – da Weiblein. Solide Mauern hat die kleine Kirche, der man aufs Dach langen kann. Der Turm reicht etwa in die zweite Etage des Großstadthauses. Der Himmel wird stahlblau. Die Kirchenfenster werden immer heller vom Hochamt drinnen. Unten fließt langsam, unermüdlich die Elbe. Die Leute stehen und warten – da werden die Läden an den Turmfenstern hart aufgestoßen. Drinnen hebt die Orgel an. Und oben die Glocken, die schallend ihr Bim–Baum, Bim–Baum über das stille Elbtal erklingen lassen. Die Kirchtür wird geöffnet. »Habts acht!« – »Rechts – um!« – »Marsch!« Die Musik intoniert einen Choral. Langsam setzt sich der Zug in Bewegung. Vorn die Doppelreihe der Feuerwehr. Dann die Musik. Dann die Kirchenfahne, die langsam im Takt der Schritte herüber und hinüber schwankt. Die Klingeln der Ministranten klingeln silbern durch den Frühlingsabend. Die Glocken läuten. Der Priester unter dem Baldachin hält die Monstranz an sich, verzückt und der Welt entrückt wie Franz von Assisi das Kreuz des Heilands. Und die Gemeinde hinter drein singt leise den Choral mit. Die Männer nehmen den Hut vom Kopfe. Auch die jungen. So zieht die Prozession langsam zum Dorfplatz hinauf. Der Himmel wird dunkelblau. In den Häusern an den Fenstern flammen Lichter auf. Helle, gelbe Lichterreihen auf dem Fensterbrett. Oder im Dreieck auf einem Gestell, so daß sie das ganze Fenster mit leuchtenden Punkten erfüllen. Alle Fenster strahlen. Schöner wie zu Weihnachten. Transparente leuchten auf mit Auferstehungen, die von innen heraus leuchten. Die Lichter flackern und lassen die Messingbügel der Feuerwehrhelme aufblitzen. Monoton wiederholt sich der Choral. Die Ministranten klingeln. Langsam wandert der Zug um den Dorfplatz und wendet sich wieder hinunter der Kirche zu. – Vor dem Tor öffnet die Feuerwehr ihre Reihe. Der Priester schreitet unter dem Baldachin zwischen den Reihen hindurch in die Kirche hinein. »Habts – acht!« – »Erstes Glied – marsch!« – »Halt!« (so eilig hinterher, als hätte der Herr Hauptmann Angst, das erste Glied könne das zweite anrempeln). »Erstes Glied, kehrt – Euch!« – »Zweimal linksum, Doppelreihe vorwärts – Marsch!« … So gewinnt die Feuerwehr ihre Richtung nach dem – Dorfe zu. »Doppelreihe – halt!« … Nun stehen sie wieder und warten – da kommt die Musik aus der Kirche. »Na Sepp, Ihr wollts woll a Muusik habn?« fragt der lange mit der großen Posaune. Eine Pauke hat die Musik nicht. Die Pauke ist ein ungeistliches Instrument. Nun ist die Dunkelheit hereingebrochen. Die Lichterillumination im Dorfe ist immer heller geworden. Der Fleischer zündet das Elektrische im Laden wieder an, das er während der Prozession ausgeschaltet hatte. Die Musik hat sich geordnet. Sie steht jetzt an der Spitze. »Doppelreihe – Marsch!« Humbda, humbda, humbda. Los gehts. Im strammen (~cum grano salis~) Schritt unter den Klängen eines Marsches aus dem alten K. und K. Österreich. Dem Dorfplatz zu. – Es ist Nacht geworden. Humbda – tönt im Dorfe die Musik. – Die Gartenmauern stehen still. Eine Starmäste auf der Stange steht schwarz vor dem dunklen Himmel. Die Zweige der Kirschbäume mit ihren übervollen Knospen auch. Ein Stern blinkt auf. Humbda, humbda … leise in der Ferne verklingt die Musik. Nur die Elbe fließt und fließt … Das Grab[2] I. Gefühlswert. Das Grab, es ist umstrahlt von Schmerz und Liebe und von Ehrfurcht vor dem Tode. Liebe und Schmerz. Geschwistergefühle, aus den Tiefen der Seelen geboren, sie sind Kinder des Schweigens. Wer hat es nicht erfahren, daß alle Worte fehlen, wo höchste Liebe und tiefster Schmerz in unser Leben traten. Dann ein Stammeln, und dann Worte, und damit der Übergang von der seelischen Tiefe zur Welt der Sinne und zum Dasein auf dieser Welt mit all seinen menschlichen Verbundenheiten. So ist der Friedhof eine Stätte des Schweigens, so lange die Seele spricht. Wenn er zu reden anhebt, wird er nur zu leicht zu einer Stätte menschlicher Schwächen. Die Ehrfurcht vor dem Tode beginnt zu schwinden. Die Jahrhunderte dokumentieren in ihren Totenhöfen nur zu oft ihr Menschliches, Allzumenschliches. So wurde auch der Friedhof unserer Zeit nicht mehr zu einer Stätte des Schweigens, sondern des Redens in steinernen Phrasen. Eine Harmonie wird erst wieder kommen, wenn die Menschen die Ehrfurcht auch vor dem toten Nächsten wieder fühlen und im Nebeneinander der Gräber und ihrer Male wieder harmonische Ruhe fordern. Die Würde liegt nicht im finanziellen Vermögen, sie liegt in der Gesinnung. Diese Gesinnung zu fördern ist Aufgabe aller Instanzen, und der Friedhof wird dann ganz von selbst wieder eine Stätte des Friedens sein, den unsere Zeit im Leben nicht findet und doch so sehr ersehnt. II. Gestaltung. Die richtige seelische Einstellung wahrt auch dem einfachsten Grab seine Würde und auch die einer ganzen »Gräbergemeinschaft«. Das Grab in seinem jeweiligen Typ ist die Ordnungszelle für eine Gräbergemeinschaft. Aus diesen Gräbergemeinschaften setzt sich schließlich der Friedhof zusammen. Der kleine Friedhof aus wenigen Gemeinschaften, der große aus vielen, deren Anordnung eine künstlerische Aufgabe darstellt. Das Grab als Ordnungszelle kann ein _Einzelgrab_ (0,80 × 2,00) sein oder ein vielfaches davon als _Familiengrab_. Daraus ergeben sich Gemeinschaften aus Einzelgräbern und aus Familiengräbern. Die Anordnung dieser beiden Gemeinschaften ergibt sich aus den örtlichen Verhältnissen. Einzelgräbergemeinschaften möchten nicht mehr als 100 bis 200 Gräber umfassen. Die gegenseitige Absonderung der Gemeinschaften soll möglichst durch gärtnerische Mittel geschehen, um dem Friedhof den Zusammenhang mit der Natur und ihren Gefühlswerten zu wahren. Auf diese Weise entsteht der Friedhof organisch aus der Grabzelle zur Gräbergemeinschaft und zur Zusammenfassung von Gräbergemeinschaften. ~A.~ Die Gestaltung des Einzelgrabes. Der wirtschaftliche Gesichtspunkt ist bei der Gestaltung des Einzelgrabes nicht auszuscheiden, er darf aber für die Würde des Grabes keine Rolle spielen. Es wäre daher zu untersuchen, wie auch das billigste Einzelgrab eine ethische Würde wahren kann. Vorbilder hierfür sind vorhanden. _Es ist der Erdhügel, als Symbol des Sarges über der Erde._ Ein Erdhügel, von Pflanzenwuchs überzogen, das schönste und einfachste Symbol und Denkmal. Aber was hat die Gefühlslosigkeit aus diesem schönen Symbol in den letzten Jahrzehnten gemacht, es sind mit Steinen eingefaßte Blumenkästen daraus geworden. – Und nicht nur das, dieser Verzerrung eines selbständigen Males als Sargsymbol wurde noch ein zweites »Grabmal« hinzugefügt, ein stehender Stein, meist ohne jede organische Verbindung mit dem Hügel. Diese Zwitterform ist zu überwinden, wenn wir auf die schöne Ursymbolik des Grabhügels wieder zurückgehen. Der pflanzlich sinngemäß umsponnene Hügel ist als Sargsymbol ein würdiges Mal an sich. Es fragt sich nur, wie die Inschrift für den Toten sich einfügen läßt, ohne den Symbolwert des Hügels zu stören. Es gibt zwei Lösungen. 1. Die Lehnplatte am Fußende des Hügels und 2. der in den Hügel »gesteckte« Schriftträger. Diese beiden Lösungen erhalten dem Hügel den Charakter eines selbständigen Symbols und werden einer Hügelgemeinschaft ihren seelischen Wert bewahren. Damit fallen alle störenden Zwitterbildungen zwischen Hügel und Denkmal von selbst. Verlassen wir nun den Hügel als Symbol des Einzelgrabes, so wird der Typ des »Grabbeetes« der Ausgangspunkt weiterer Betrachtung sein müssen. Das »_Grabbeet_« hat an sich nicht den sichtbaren Symbolwert des Grabhügels. Die Gefühle senken sich dabei in die Tiefe, in der der Tote ruht, und das Grabbeet wird zur liebevoll gepflegten Decke des Grabes. Der Schriftträger wird hierbei eine andere Rolle spielen als beim Grabhügel; war hier der Hügel das Symbol, so wird beim Grabbeet der Schriftträger auch zum Symbolträger. Er bildet den »Abschluß« zu Häupten des Grabbeetes. Auch hier bestehen zwei Möglichkeiten: 1. der schrägliegende Schrift- und Symbolträger und 2. der senkrechtstehende. Je mehr beide Lösungen den »Abschlußgedanken« des Grabbeetes zum Ausdruck bringen, um so besser werden sie sein. In jenen Fällen, wo das Grabmal an sich das Grabbeet nicht genügend abschließt, ist dieser Abschluß durch gärtnerische Mittel anzustreben. Die gärtnerische Behandlung des Grabbeetes selbst darf den Abschluß durch den Schriftträger nicht stören, d. h. sie soll flach sein, im Sinne der Grabdecke. Die schmalen Zwischenräume zwischen den Grabhügeln oder Grabbeeten sollen die Trennung der Gräber nicht zu sehr betonen, d. h. im Material und seiner Farbe nicht auffallen. Das in die Erde »gesteckte« Holz-, Stein- oder Eisenmal kann auch beim Grabbeet, ohne den Abschluß zu betonen, in jenen Fällen besonders sinnvoll sein, wo die einzelnen Grabbeete zu einem »Gemeinschaftsbeet« ohne Zwischenwege zusammengezogen sind. In solchen Beeten kommt der Gedanke menschlicher Gemeinschaften auch im Tode am schönsten zum Ausdruck. (Kriegergräber, Klosterfriedhöfe.) Das Grabbeet als »Grabdecke« kann auch steinernen Ausdruck finden, als deckende Grabplatte. Diese grundsätzlichen Betrachtungen über das Nebeneinander von Grabhügel- und Grabbeetgemeinschaften bedürfen noch einer Ergänzung durch jene harmonischen Voraussetzungen, die durch _Farbe_ und _Form_ bedingt sind. 1. _Die Farbe._ Bei Grabgemeinschaften spielt die Farbe des Pflanzenwuchses eine Hauptrolle. Dazu kann grundsätzlich gesagt werden: ist die _Form der Bepflanzung in Ordnung_, wird ihre Farbe nie stören, da die Natur selbst dafür gesorgt hat, daß ihre Farben stets harmonisch sind, harmonisch in Licht und Schatten, im Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Das gilt für Grabhügel- und Grabbeetgemeinschaften. Schwieriger wird die Frage bei dem Schriftträger, dem Denkmal, gleichgültig, welches Material in Frage kommt. Aber trotzdem, auch dieses Problem läßt sich durch einfache Grundsätze überwinden. Grellweiß und grellschwarz sind gegensätzliche Pole. Die Harmonie liegt in den grauen oder farbigen Zwischenstufen dieser Pole, die eine große Farbskala in den verschiedensten Materialien umfassen und immer ein harmonisches Nebeneinander ermöglichen. So spielt die Farbe eine wichtige Rolle innerhalb der Gräbergemeinschaften. Sie kann stille und ernste Gefühle heraufbeschwören, frohe und erlösende, sie kann aber auch alle Harmonien stören. 2. _Die Form._ Die Form von Grabhügel und Grabbeet in Verbindung mit dem Schrift- und Symbolträger ist eingangs bereits grundsätzlich erörtert worden. Schwierigkeiten für ein harmonisches Nebeneinander der Denkmalsformen entstehen hauptsächlich beim senkrechten Abschluß des Grabbeetes, denn hier gibt die Massenwirkung des Grabsteins den Ausschlag. Im Grunde handelt es sich dabei um zwei elementare Formen: um die »Platte« und um den »Kubus«. Je mehr diese beiden Dinge ihrem Wesen nach auseinandergehalten werden, um so besser wird die Lösung sein. Beide unterliegen jedoch im Rhythmus einer Gräbergemeinschaft gewissen _Höhenmaßen_, die je nach den besonderen Verhältnissen festzusetzen sind. Dabei sind stets »Kernmaße« festzulegen. Was darüber hinausragt, ergibt als freie Endigung das rhythmische Spiel der Formen gegenüber der Uniformierung. »Breitenmaße« vorzuschreiben, kann eine unzulässige Einengung des künstlerischen Gefühls bedeuten, eines Gefühls, das verschiedene Ausdrucksmöglichkeiten findet, ohne die Harmonie des Nebeneinander der Massen zu stören. Aber eines ist sehr wichtig, ja entscheidend. _Diese Massen müssen in ihrer Form klar sein._ Innerhalb der Klarheit der Formen sind dann viele Varianten möglich. Eine klare Form kann einfach schön sein, sie kann aber auch durch sinngemäße Detaillierung zu reicher Wirkung gesteigert werden. Ein weiteres Gesetz ergibt sich aus dem Grundsatz der Formklarheit: _je kleiner das Grabmal ist, um so einfacher muß seine Form sein_. (Kindergräber.) Die Unterscheidung zwischen Platte und Kubus ist wichtig, weil die Mehrzahl der Grabsteinsünden aus dieser Nichtachtung entstehen. Man beachte auf den Friedhöfen nur die Menge von »Kulissensteinen«. Kulissensteine sind jene Denkmäler, die auf der Vorderseite in Architektur machen, die aber, kaum begonnen, wieder aufhört. So, wie wenn man eine verkleinerte Haus- oder Tempelfassade mit Profilen und Pilastern und Säulen für sich ins Freie stellte oder an eine dünne Wand und hinten fehlt die kubische Masse. Demgegenüber muß wieder ehrlich und wahrhaftig zwischen Platte und Kubus gewählt werden. (Kubische Denkmäler werden ja für Einzelgräber selten in Frage kommen und dann nur mit kleiner Grundfläche. Es gibt aber auch _Verbindungen_ von Kubus und Platte, die sehr schön sein können, wenn die Zusammenstellung klar und sinnvoll ist. Der Dresdner Ausstellungsfriedhof 1926 hat auch eine beachtenswerte Anregung für einfache Reihengräbergemeinschaften gebracht. Einen durchlaufenden niederen Erdwall zur Anlehnung der Schriftplatten. Die Idee ist wert, weiter verfolgt und zu einer guten Lösung geführt zu werden. Zum Schluß sei noch darauf hingewiesen, daß auch der Gärtner in seinen Gewächsen die Einheit der Form zu wahren hat. Ein wahlloses Durcheinander von Sträuchern und Bäumen stört auch hier die Formharmonie. Zusammenfassend muß zu dem Kapitel »Gestaltung« gesagt sein: Farbe und Form sind sowohl für das Einzelgrab wie für die daraus entstehende Grabgemeinschaft die entscheidenden Faktoren für eine Harmonie oder eine Disharmonie des Friedhofsbildes. ~B.~ Die Gestaltung des Familiengrabes. Kommt bei dem schmalen Einzelgrab das Nebeneinander innerhalb der Grabgemeinschaft als besonders schwieriges Problem in Frage, so läßt sich dieses Problem innerhalb der Familiengemeinschaft etwas leichter lösen. Die an sich breiteren Familiengräber können und sollen durch Bepflanzung voneinander geschieden werden. Auch beim Familiengrab ist zwischen _Grabhügel_ oder _Grabbeet_ zu wählen. Familiengräber sollen stets so angeordnet werden, daß sie sich an eine Pflanzenwand oder an eine Mauer anlehnen können. Der Zusammenhang von Grabmal und Pflanzenschmuck ist hierbei eine künstlerische Aufgabe, die von Fall zu Fall zu lösen ist. Das Familiengrab bildet schon für sich eine kleine stille Gemeinschaft. Es kann dabei ein gemeinsames Grabmal in Frage kommen oder kleine Einzelmäler, sinnvoll harmonisch angeordnet oder eine schöne Verbindung von beiden Möglichkeiten. Es braucht wohl nicht besonders erwähnt zu werden, daß auch beim Familiengrab jede Reklamehaftigkeit von Kulturlosigkeit zeugt. Von Kultur zeugt nur künstlerische Schönheit und Gefühlstiefe, die sich rücksichtsvoll äußern wird, ohne den Künstler in seinen höchsten Aufgaben zu beschränken. III. Arbeit. Die kulturellen Forderungen auf dem Gebiet des Friedhofes werden im Laufe der Entwicklung auch zu einem wirtschaftlichen Gesundungsprozeß für alle am Friedhof beteiligten Gewerbe führen. Es wird sich das Gefühl stärken, daß wir unsere Toten nur mit wertvoller menschlicher Arbeit ehren können. Auch bei der einfachsten Ehrung wird das möglich sein, wenn sich in der Beschränkung der Meister zeigt. Soll edles Material in der Gestaltung nicht zu teuer werden, so muß in erster Linie von der klaren »werkgerechten« Form und edler Bearbeitung ausgegangen werden. Die Bereicherung auch der einfachsten Form bildet beim Grabmal die schöne und gut angeordnete Schrift, gegebenenfalls in Verbindung mit einem Symbol. Es ist in unserer Zeit müßig, zwischen mechanischer und handwerklicher Herstellung zu streiten. Beide Arbeitstechniken können Gutes und Schönes zustande bringen, sie werden in vielen Fällen auch aufeinander angewiesen sein. Es gibt Aufgaben, die heute das Handwerk allein wirtschaftlich nicht mehr lösen kann, und es gibt Aufgaben, die nur das Handwerk lösen kann. Beide Arbeitsmethoden müssen einen ehrlichen Frieden miteinander schließen, der in der Güte der Arbeit wurzelt und jedem das Seine läßt. Mit einem sicheren Gefühl für den hohen Wert dieser Belange ist gerade von Seiten einsichtiger Grabmalhersteller innerhalb der Beratungen des Reichsausschusses der Vorschlag der Qualitätsmarke mit dem Zulassungszeichen gemacht und angenommen worden. (Siehe Richtlinien des Reichsausschusses für Friedhof und Denkmal.) Es wird Aufgabe aller Instanzen sein, diesem wichtigen Entschluß jede Förderung angedeihen zu lassen. _K. Groß._ Fußnote: [2] Wir entnehmen diese Zeilen dem köstlichen Werke »Hirzel: Grab und Friedhof der Gegenwart«, geheftet 6 Mark, gebunden 7,50 Mark. Verlag Georg D. W. Callwey, München. Muttertag – Heimattag Ein Tag im holden Frühling – der Zeit des Werdens – ist in Deutschland seit Jahren der Mutter – der Trägerin des Lebens – geweiht. An diesem Tage soll die Stimme der Liebe voller ertönen, die Innigkeit die Schale zarter Scham durchbrechen und die äußere Form finden, der Mutter zu huldigen. Welcher Zauber, welcher beseligende Klang liegt in dem Worte »Mutter«, besonders für uns Deutsche, deren Verehrung der Frau schon Tacitus rühmt! Welcher Aufopferung, welcher Kraft ist ein Mutterherz fähig! Wie zittert Faust bei dem Klange dieses Wortes, das ihn, den Übermenschen, in den tiefsten Tiefen der Seele trifft! Die Liebe der Mutter ist ein hohes Lied der Menschheit, und nicht um der Menschheit allein, in jedem lebenden Wesen auf höherer Stufe ist die Mutterliebe ein Quell sonst fremder Kraftentfaltung. Das feige Geschöpf wird in der Mutterliebe zum Helden, das schwache zum gefährlichen Angreifer, der mutig sein Leben für die Erhaltung der Art einsetzt und opfert. Wer kennt in Dresden nicht jene wundervolle Bildnerarbeit auf der Bürgerwiese, in der eine Menschen- und eine Tiermutter während einer Überschwemmung um das Stück Erde ringen, das ihren Kindern Rettung verheißt? Wen haben nicht schon die Madonnenbilder an der Seele gerührt, in welchen der Künstler nach dem tiefsten Ausdruck der Mutterliebe ringt? Und doch gibt es noch einen heiligeren Begriff, der uns allumfassend umspannt, von dem auch die Mutter ausgeht, die Heimat. Die Heimat ist der fruchtbare Boden, aus dem wir unsere besten Kräfte ziehen, sie gibt uns, eine Allmutter, den starken Rückhalt in dem Auf und Ab des Lebens, sie schafft in uns die edlen Gefühle, die uns als Vaterlandsliebe zu den höchsten Taten anspornen, als Heimweh schmerzlich durchdringen. Mag die Heimat ein Waldesrauschen, ein Feldersegen, in Bergeinsamkeit, am wogenden Meer, in steinernen Städten stehen, mag sie dürftig oder reich sein, immer führt uns unser Weg in heißer Sehnsucht – wenn auch nur innerlich – zu ihr zurück. Die Heimatliebe überbrückt die schärfsten Gegensätze, sie ist das einigende Band, das die wirtschaftlich und politisch auseinander strebenden Glieder unseres Volkes zusammenhält. Goldner Zauber der Heimat! Wer kann ihn leugnen, wer sich dem heimlichen Klingen der Seele verschließen, wenn er die Heimat mit dem Herzen sucht? Neblige Heimat Irgendwo, Als ich dich wiederfand, Ach, war ich froh, Du Heimatland. (Börries von Münchhausen.) Muttertag, Heimattag! Der Muttertag ist eine Mahnung, daß wir auch an einem Tage im Jahre der Heimat, unserer Allmutter, opfernd gedenken sollen. Die Mutterliebe zieht aus unserem Werden und Walten täglich neue Lebenskraft, die Heimat jedoch strömt ihren Segen über uns rückhaltlos aus. Doch auch ihre Lebenskraft ist nicht uferlos, zahlreiche Einflüsse, in den Bedingtheiten der Zeit, in der Unverständigkeit Einzelner wurzelnd, zehren an ihr. Die Schönheiten der Heimat zu wahren, ihre reichen Kraftquellen zu erhalten, ist weitschauender Lebenszweck. Die Heimat bleibt ein Born ewiger Schönheit, wenn wir längst vergangen sind. Wie beim Muttertag gilt es daher, einen Tag im Jahre zu bestimmen, der der Heimat geweiht ist, an dem durch rege Sammeltätigkeit die Mittel aufgefüllt werden, die die berufenen Vertreter des Heimatschutzes zu ihrer hohen Aufgabe brauchen. Ein Vorgehen in diesem Sinne wird starken Widerhall in dem Herzen des Volkes finden, heilige, reine Quellen werden springen und den teuren Heimatboden segenspendend befruchten. Dann werden wieder die Baumwälder rauschen, seltene Blumen an umfriedeten Orten blühen, über düsteren, freien Moor heimliche Nebel brauen und unberührte Stätten in goldener Schönheit leuchten. A. Dankmeyer. Auszählverschen Von _Walther Kluge_, Grimma Einen Hauptteil unserer Kinderlieder bilden neben den Kreis- und Spielliedern vornehmlich die Auszählverschen. Wie die Gesamtheit der Kinderlieder, so sind auch sie als besondere Abart ein Teil der Überlieferung, die vielleicht weiter zurückgeht, als wir denken können. Aber wenn wir sie hören, dann merken wir doch wohl, daß mindestens ein erheblicher Teil Erbgut von uns selbst dabei ist. Und seltsam schnell steht vor uns ein Stück unserer eigenen Kindheit auf. Wir sehen uns selbst, wie wir dies oder jenes Verschen zur Einleitung unseres Spiels gebrauchten. Wohl merken wir auch an dem oder jenem kleine oder auch größere Abweichungen von der Form, die wir gebrauchten. Und da merken wir, es liegt hier vor uns ein Stück lebendiger, vielleicht sogar lebendigster Volkspoesie, weil das Bedürfnis der Kinder eben heute noch, wie vor Zeiten, darnach verlangt, und auch in Zukunft noch darnach verlangen wird. Denn dies Verlangen wächst aus der natürlichen kindlichen Betätigung, dem Spiele, hervor. Und da das Verlangen alle Tage neu wird, so lebt es nicht nur von der Überlieferung, sondern es bildet diese Überlieferung weiter. Es faßt auch neue Gelegenheiten, neue Stoffe auf und gestaltet selbst. So erklärt es sich, daß neben längst vergangenen geschichtlichen Anklängen doch Beziehungen bis zur jüngsten Vergangenheit vorhanden sind. Neben dem Stofflichen fällt aber vielfach auch die sprachliche Gestaltung auf. In Worthäufungen und beabsichtigtem Gleichklang zeigt sie sehr oft die Freude des Kindes am tönenden Laut. Man findet darin das freudige Wiederholen, das schon dem kleinen Kind, wenn es anfängt zu sprechen, so ein seltsames Vergnügen macht. Und wo diese Sprechtechnik in den Vordergrund tritt, da ist oftmals der Sinn schließlich durch langen Gebrauch so entstellt, daß man überhaupt keinen solchen mehr dahinter findet. Bei manchen dieser Verschen mag er vielleicht auch gar nicht vorhanden gewesen sein, bei anderen ist er nicht wiederzuerkennen. Das ist besonders dort auffallend, wo Fremdsprachliches in die Kindersprache übergegangen ist und sich nun nur noch durch eine recht seltsame Lautverbindung für den Wissenden zu erkennen gibt. Dann aber treten auch wieder zum Teil ganz niedliche kleine Geschichtchen auf, denen man die Freude des Kindes am Fabulieren und Phantasieren ansieht. Solche Geschichtchen werden im Ausdruck dann auch manchmal recht drastisch. Und da es sich bei dieser Kinderpoesie um volkstümliches Gut handelt, bedienen sie sich natürlich auch da und dort der volkstümlichen Redeweise, die wir selbst in guter Gesellschaft zu vermeiden suchen. Aber hier gibt es natürlich kein Vertuschen, zumal dann nicht, wenn der Boden, auf dem diese volkstümliche Saat aufgeht, von einer robusten Natürlichkeit unverfälschter Offenheit geschwängert ist. Manchmal steckt dazu auch ein recht nettes Stückchen Humor drin, wenn etwa so eine drastische Pointe kommt. Aber auch sonst ist oft das ganze Verschen nicht ohne fröhliche Heiterkeit. Und diese fröhliche Heiterkeit kann sich dem Erwachsenen, dem Zuhörer, Leser und Sammler mitteilen, wenn er das eine oder andere Verschen in seiner lustigen Fabulierkunst unvoreingenommen und mit einem kindlichen Sinn vor sich hört oder sieht. Die Gruppe Auszählverschen, die hier als Belege dafür folgt, sind in den Jahren 1910 bis 1920 in einem westlichen Vorort Leipzigs, in Leutzsch, gesammelt. Sie zeigen alle die Merkmale, die ich ganz kurz herauszustellen versuchte, und es bedarf wohl nur des kurzen Hinweises und der Anführung weniger Beispiele, um das zu erhärten. Da sehen wir Danzig brennen (das unverstanden zum Tanz geworden ist), als die Franzosen dort waren vor mehr als hundert Jahren, sehen aber auch den Zeppelin des zwanzigsten Jahrhunderts, hören von der Brotmarke. Ist es nötig für die Klangwirkungen besondere Beispiele zu geben? Die Wiederholungen desselben Wortes, die Häufung gewisser Laute, die Lust am Reim, selbst wenn es kaum einen Sinn gibt, sind ja überall ersichtlich. Ganz besonders interessant die natürlich unverstandene Verunstaltung des französischen Verschen. Sehr häufig schließt sich an einzelne Buchstaben oder auch an die Zahlenreihe das Verschen an. Die beliebte Reihenbildung und das auch schon bei kleineren auftretende Zählen, wenn sie versuchen sich die Umwelt zu erobern, hat da einen Niederschlag gefunden. Vielfach begnügen sich die Kleinen, auch wenn das Verschen nicht mit der ausdrücklichen Aufforderung des Suchens oder Fangens (du muß renn’) endet oder einen nicht mit »raus« ausstößt, mit dem letzten Worte des Reimes, das dann das Lösen bedeutet. Oftmals aber fügen sie auch noch dann die besondere Auszählung durch i a u, raus bist du! an, oder vervollständigen auch das noch durch den letzten Satz du bist nicht raus, sondern du, gleichsam, um den, der erst frei wurde und den Vorteil hatte, zu narren. Und nun die lustigen Szenen. Da siehst du zum Beispiel, wies in der Mühle, wenn der Müller die Frau verloren hat. Welchen Spaß machts, wenn Petrus mit dem Stiefel kommt! Wie drollig muß der Mann in dem Gurkenfaß aussehen! Wie reizend ist das kleine Bauernmädel, das Hans einen Heiratsantrag im Kuhstall macht! Und wie freut man sich über die schlaue Maus, die die Kiste umwirft! Da soll man doch auch dann nicht böse werden, wenn das Volk die Dinge beim richtigen Namen nennt. Denn die Kinder sind Glieder des Volkes und übernehmen mit einer Selbstverständlichkeit und Unbefangenheit von den Großen auch nicht gesellschaftsfähige Ausdrücke. Bei den aufgeweckten Kleinen aus »Leipzigs wildem Westen« ist da schon nichts anderes zu erwarten. Und trotz aller Offenheit liegt da eine Selbstverständlichkeit drin, die es überflüssig macht, sich über die »Fresse« oder über »den Floh im Hemde« aufzuhalten oder gar sittlich zu entrüsten. Volksredeweise ist eben sehr oft derb. Lassen wir uns darum die Freude daran nicht verderben. Sondern genießen wir immer wieder gern mit glückseligem Erinnern an die eigene Jugendzeit auch dieses kleine Stückchen Volks- und Kinderpoesie, wie es sich uns in den Auszählverschen darbietet, besonders auch dann, wenn wir in unseren eigenen Kindern die uns längst vergangene Jugendzeit wieder aufstehen sehen. 1 2 3 Butter auf den Brei, Salz (Butter) auf den Speck, und du mußt (bist) weg. 1 2 3 ich oder du bist frei. 1 2 3 du bist frei. 1 2 3 Butter auf den Brei, du bist frei. 1 2 3 Hicke hacke Heu, hicke hacke Pfefferkorn, der Müller hat sein Frau verlorn, das Hänschen hat sie gefunden, er glaubt, sie wär verschwunden. Wie siehts nun in der Mühle aus? Und du bist raus. 1 2 3 In der Bäckerei wird ein kleines Kind geboren. Wie soll es heißen? Minna (Gerda) Bertha Rumpeltasche Wer will meine Windeln (Wäsche) waschen? i a u, raus bist du. 1 2 3 Hicke hacke Heu hicke hacke Pfefferkorn, der Müller hat sein Frau verlorn, das Hänschen hat sie gefunden, er meint, sie wär verschwunden? Wie siehts nun in der Mühle aus? Die Spinnen gucken zum Fenster raus, die Mäuse kehren die Stube aus, die Ratten tragen den Kehricht naus. Es sitzt ein Käuzchen auf dem Dach, das hat sie alle ausgelacht. Ha, ha, ha. 1 2 3 4 unter dem Klavier ist eine Maus und du mußt raus. 1 2 3 4 auf dem Klavier steht ein Glas Bier, wer daraus trinkt, der stinkt. 1 2 3 4 5 strick mir ein Paar Strümpf, nicht zu groß und nicht zu klein, sonst mußt du der Haschmann sein. 1 2 3 4 5 (Hast du ein Paar Strümpf?) Hast du denn ein Hemdchen an? Wieviel Knöpfchen sitzen dran? Antwort 2. 1 2 raus. 1 2 3 4 5 6 7 in der Luft schwebt Zeppelin. Wieviel Leute sitzen drin? Antwort 3. 1 2 3 raus. 1 2 3 4 5 6 7 in der Straße Nummer 7 wackelt das Haus, piept die Maus, guckt die Frau zum Fenster raus: Habt ihr meinen Mann gesehn in der blauen Jacke, hinten guckt das Hemde raus und ein Zentner G…? 1 2 3 4 5 6 7 in der Straße Nummero 7, wackelt das Haus, piept die Maus, huppt der Floh (Frosch) zum Fenster naus, huppt er auf die Brücke, bricht er das Genicke, huppt er in den Dreck, und du bist weg. 1 2 3 4 5 6 7 in der Straße Nummero 7 wackelt das Haus, piept die Maus, huppt der Frosch zum Fenster naus, huppt er auf die Brücke, da bricht er sein Genicke, huppt er auf die Plumpe, verliert er sein Gelumpe, huppt er auf den Dreck, da war er weg. 1 2 3 4 5 6 7 in der Straße Nummero 7 wackelt das Haus, piept die Maus, huppt sie zum Fenster naus. huppt sie auf die Brücke, bricht sie ihr Genicke, huppt sie in den Himmel, zieht sie an der Klingel, da kommt der Petrus raus, haut sie mit dem Stiefel naus. 1 2 3 4 5 6 7 wo ist denn mein Mann geblieben? In der Lützner Straße? bei der Tante (dem Papa) Hase sitzt sie (er) in dem Butterfaß (Gurkenfaß). Donnerwetter, was ist denn das. 1 2 3 4 5 6 7 geht mir nicht in meine Rüben, ruppt (zerrt) mir nicht die großen (besten) raus, sonst komm ich mit der Peitsche naus. (Püppchen, Püppchen, du bist raus.) 1 2 3 4 5 6 7 in der Schule wird geschrieben, in der Schule wird gelacht, wenn der Lehrer Kaspar macht. 1 2 3 4 5 6 7 meine Mutter, die kocht Rüben, und der Vater, der schneid Speck, kam die Katz und holt (fraß) ihn weg. 1 2 3 4 5 6 7 eine Bauerfrau kocht Rüben, eine Bauerfrau kocht Speck, ich oder du mußt weg. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 Wie hoch steht der Weizen? Wie hoch steht das Korn? Und du bekommst ein Horn. (Eine Kopfnuß.) 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 Wie hoch steht der Weizen? So hoch wie ein Bauernhaus Zucker-Zuckerpüppchen (-männel) du bist raus. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 Wie hoch wächst der Weizen? So hoch wie ein Bauernhaus, Zuckerpüppchen wächst heraus. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 Wer kauft Schürzen? Wer kauft Jacken? Der muß in den Nachttopf g… 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 wer den 15. Hieb kriegt, der muß. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 die Soldaten (Franzosen) hatten einen Tanz. der Tanz fing an zu brennen, die Soldaten (Franzosen) mußten rennen, ohne Strumpf und ohne Schuh rannten sie nach Frankreich zu. In Frankreich war ein wildes Schwein, das biß den Hauptmann in das Bein, der Hauptmann schrie: O weh, o weh mein linkes Bein tut mir so weh. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 die Franzosen zogen nach Danzig, Danzig fing an zu brennen, da bekamen sie das Rennen. Ohne Strumpf und ohne Schuh rannten sie nach Frankreich zu. 1 2 3 Polizei 4 5 6 alte Hex 7 8 9 du mußt sein. 3 6 9 wer nicht ausrennt, der ist mein. a b c die Katze lief in Schnee, die Katze lief ins Haus, und du bist raus. a s n und du mußt renn. I a u raus bist du, (du bist nicht raus, sondern du). Iz, az, n und du mußt renn. Ick, ack, n und du mußt renn. Iz, az, n, wer nicht will, muß renn. Auf einem Berge Hottentotten, wohnten Leute Hottentotten, und die Leute Hottentotten hatten Kinder Hottentotten, und die Kinder Hottentotten hatten Puppen Hottentotten, und die aßen gerne Hottentottenbrei, eins, zwei, drei und du bist frei. Auf einem Berge, da saß eine Lerche und eine Maus, und du bist raus. Auf einem Gummi-Gummi-Berg, da saß ein Gummi-Gummi-Zwerg, der Gummi-Gummi-Zwerg hat eine Gummi-Gummi-Frau, die Gummi-Gummi-Frau hat ein Gummi-Gummi-Kind, das Gummi-Gummi-Kind hat einen Gummi-Gummi-Wagen, und der Gummi-Gummi-Wagen fiel in den Dreck und du bist weg. Auf dem Zug, da war ein Mann, und der Mann hatte eine Zipfelmütze, und die Zipfelmütze, die war weg. Und wer das weiter sagt, der kriegt eine Schelle (bekommt eine, ist raus). Auf einem (Kümmel-Kümmel-)Berg, da saß ein (Kümmel-Kümmel-)Zwerg, der aß ein (Kümmel-Kümmel-)Kloß, und du bist (Kümmel-Kümmel-)los. Auf dem Berge summ, summ, summ, tanzen alle Zwerge rum, eine Katz und eine Maus und du bist raus. Auf einem See, See, See, da schwamm ein Reh, Reh, Reh, und auch ein Pferd, Pferd, Pferd, das schwamm verkehrt, kehrt, kehrt, wille, wille, wabb, wabb, wabb, und du bist ab, ab, ab. Auf dem Berge Sinai, wohnt der Schneider Kikriki, seine Frau, die alte Lerche, ließ ein … in der Kerche, kam der Pastor angesprungen: Fräulein, sie ham falsch gesungen. Auf einem Omlibus saß ein Mechanibus, der hatte Lackstiefeln an, da kam ein andrer Mann, der hatte keine an. Das geht dir gar nichts an. Auf einem kleinen Tintenfaß, da saß ein kleiner Nikolas. Wie sah er aus? Du bist raus! Dort eine Maus. und du bist raus. Dick, dack, daus, du bist raus. De Zwibbel, de Bibbel, de Bohneratschen, de Zwibbel, de Bibbel, de puff, paff, raus. Drei Sterne haschen sich, hinternander weg. Der eine kriegt den andern nicht und du bist weg. Warum bist du fortgelaufen und nicht wieder da, darum mußt du Strafe zahlen, rate wieviel Jahr (Mal!)! Antwort: 20. Ausgezählt = raus. Eine kleine Titzetatze, eine in die Fresse klatsche, eine noch dazu und die kriegst du. Eine kleine Puppe holt forn Dreier Suppe und forn Dreier Speck, und du bist weg. Eine kleine Piepmaus ging ins Rathaus, hat sie sich verlaufen, kam der Pastor Mohr, zupfte sie am Ohr, kam der Polizist, steckt sie in die Kist, aber sie war nicht so dumm, riß die ganze Kiste um. Ein kleiner Mann saß in ein Kahn, der Kahn fiel um und du bist dumm. Eines Tages früh um achte stand der Bäcker vor der Tür, diese Edelspende brachte eine Brotkarte mir. Eine, beine Rätsel. Wer bäckt Brezel? Wer bäckt Kuchen? Du mußt suchen! Eine kleine Deck und du bist weg. Eine kleine Maus und du bist raus. Eine gebackne Birne buff (= raus). Eine kleine Nuß und du mußt. Eine kleine Nuß, wer nicht ausrennt, muß. Ein Topf und ein Tropf und du hast den Zopf. Ein großes kleines Daus und du bist raus. Eine kleine Fettmadame (Dickmadame) fuhr auf der Eisenbahne, Eisenbahn krachte, Fettmadame lachte. Eine kleine Fettmadame wollte Marmelade haben, Marmelade gabs nicht, Fettmadame kampelte sich. Eine kleine Fettmadame wollt zwei Kaninchen haben, vier Kaninchen fressen Brot, Fettmadame schieß mer tot. Ellerie, Sellerie, sippeltesa, rippelte, rappelte null. Eng, deng, droa, kat’r (~un~, ~deux~, ~trois~, ~quatre~) [Auszählen an Fäusten oder Fingern!] madmosella wiawatr, madmosella wia wu, raus bist du. Hans mit der Latte (und Lotte) fing(en) eine Ratte, fing(en) eine Maus, und du bist raus. Hans im Kuhstall wichste seine Schuh, kam ein kleines Bauernmädchen, schaute fröhlich zu. Hans, wenn du heirat’st, heirat’ste mich. Und wenn mer tausend Taler ham, da kauf mer uns e Haus. und du bist raus. Heile, heile Kätzchen, morgen gibt es Plätzchen, übermorgen Kuchen, und du mußt suchen. Hule, hule, hule, wir haben keine Schule, warum denn nicht, warum denn nicht, der Lehrer hat ein Kind gekriegt. Wie soll es heißen? Hilde [der Name des Kindes, das getroffen ist!] Hilde soll es heißen. Hilde wollte Locken haben, mußt sie erst den Papa fragen. Papa sagte nein, da fing sie an zu wein. Mama sagte ja, da war die Freude wieder da. Ich und du Bäckers (Müllers) Kuh, Müllers (Bäckers) Esel, der bist du. Ich teile aus und du bist raus. Ich will dir mal was sagen, von den kurzen Tagen, von den langen Wochen, ham m’r nichts zu kochen, als ein bißchen Sauerkraut und nen Knochen. Ich will dir mal was sagen, von der Muhme Mäh, von der Muhme Stinkemitzen. hat en Floh im Hemde sitzen. Poch, poch, poch, wer ist denn da? Hanswurst aus Amerika. Meine Mutter schickt mich her, ob der Kaffee fertig wär. Nein, mein Kind, er ist nicht fertig, geh ein Weilchen in den Garten. In den Garten geh ich nicht und die Blumen pflück ich nicht. Schlägt es eins, schlägt es zwei, muß ich in der Schule sein. Komm ich nicht zur rechten Zeit, liegt der Rohrstock schon bereit. Fragt der Lehrer, wo ich wohne, sag ich: in der Schießkanone. Fragt der Lehrer, wo ich sitze, sag ich: in der Zipfelmütze. Salz und Speck, du bist weg. Schwarz-weiß-rot, morgen bist du tot. Schwarz-weiß-rot, der Mann ist tot, er wird begraben in dem Puppenwagen. Wir machen keinen großen Mist und du bist. Wollt ein Schmied ein Pferd beschlagen, wieviel Nägel muß er haben? Drei, sechs, neun, Jung hol Wein! Knecht schenk ein! Herr trink aus! Du bist raus! Zick, zack, Zahn, aus. Zick, zack, reiß ab! Zick, zack, rück ab! Eine zeitgenössische Charakteristik Caspar David Friedrichs (Mitgeteilt durch Professor _A. Anacker_, Dresden.) Nummer 14 der Heimatschutz-Nachrichten hat das vergessene Grab C. D. Friedrichs wieder in Erinnerung gebracht. Das gibt Anlaß, eine wenig bekannte Charakteristik des bedeutenden deutschen Malers mitzuteilen. Sie entstammt der Selbstbiographie des Naturphilosophen Gotthilf Heinrich von Schubert, der während seines reichlich zweijährigen Aufenthalts in Dresden enge Beziehungen zu Friedrich unterhielt. Auch Schubert ist heute weithin vergessen; wenige werden zu seinem Denkmal in der Geburtsstadt Hohenstein (bei Chemnitz) wallfahrten. Doch erschien noch 1910 das Buch Franz Rud. Merkels: »Der Naturphilosoph G. H. Schubert und die deutsche Romantik«, und 1918 gab der Göttinger Professor Bonwetsch Schuberts Briefe heraus. – Anfang Oktober 1806 traf, von Freiberg kommend, der damals sechsundzwanzigjährige Schubert in Dresden ein. Bald stand er in lebhaftem Verkehr mit den geistigen Größen der Hauptstadt. Es sei nur auf das Körnersche Haus und auf Gerh. v. Kügelgen hingewiesen. Der Briefwechsel mit der Familie Kügelgen wurde erst durch Schuberts Tod 1860 beendet. Während des Winters 1807/1808 hielt Schubert in Gemeinschaft mit Adam Müller und K. A. Böttiger öffentliche wissenschaftliche Vorträge. Die seinigen gestalteten sich zu dem Buche »Ansichten von der Nachtseite der Natur«, das seinen literarischen Erfolg begründete und nach Bonwetsch Heinrich v. Kleist und E. T. A. Hoffmann tief beeinflußt hat. – Wie nahe Schubert unserem C. D. Friedrich gestanden hat, beweisen die folgenden Ausführungen aus seiner Feder. Ich hatte sehr bald vertraute Bekanntschaft und Freundschaft geschlossen mit einem Manne, bei dem man von dem Toben der äußeren, politischen Stürme am öftesten etwas hören konnte. Das war kein Kriegsmann oder berühmter Diplomat, sondern der edle Pommer _Caspar David Friedrich_, der zu seiner Zeit und in dem Kreise, der ihn erkannte, hochgeachtete Landschaftsmaler. Ich muß hier von diesem höchst originellen Menschen von allen meinen Dresdner Bekannten zuerst reden, denn er gehört mir zu den liebsten Erinnerungen an die inneren wie äußeren Aufregungen aus jener Zeit einer gewaltsamen Wiedererweckung der lange schlummernden deutschen Kraft. Friedrich wohnte draußen an der Pirnaischen Vorstadt in einem nahe bei der Elbe gelegenen Hause, welches, wie die meisten Häuser in der Nachbarschaft, Leuten von geringem Vermögen zugehörte. Die Einrichtung in seinem Zimmer schickte sich ganz gut zu dieser Nachbarschaft; man sah da nichts als einen hölzernen Stuhl und einen Tisch, auf welchem die Gerätschaften seiner Arbeit standen. Kam einer zu ihm, den er wollte sitzen lassen, dann wurde aus der Kammer noch ein alter hölzerner Stuhl, und wenn zwei kamen, eine hölzerne Bank von dem Vorplatz bei der Treppe hereingetragen. Denn in der Kammer fand sich außer dem alten Stuhle auch nichts, als ein diesem ebenbürtiger Tisch und ein Bett, über welches eine wollene Decke ausgebreitet lag. Wir waren, als ich den ersten Besuch bei ihm machte, unser drei, denn Hartmann führte mich und meinen Freund Köthe bei Friedrich ein, deshalb wurden heute alle dem Künstler zu Gebote stehenden Möbeln in Bewegung gesetzt. Ich konnte vorerst nicht satt werden, mir den merkwürdigen Mann zu betrachten. Denn ein solches Angesicht wie das seinige hatte ich damals und habe wohl auch seitdem selten oder nie an einem anderen Menschen gesehen. Es war keineswegs das, was man schön nennt, ziemlich bleich und mager, aber jeder Muskel desselben, auch wenn er sich nicht bewegte, stellte einen kräftigen Charakterzug dar, welcher durch die sich immer gleich bleibende Stimmung des Gemütes zu einem feststehenden Gepräge geworden war. Der schwermütige Ernst, der sich in den Zügen der Stirne kundgab, wurde schon durch den kindlich treuherzigen Blick der blauen Augen gemildert; über dem Munde schwebte ein leichter Zug des Scherzes. In der Tat ein seltsames Zweigespann der Gemütsstimmungen, zum tiefsten Ernste wie zum heitersten Scherze, dergleichen sich nicht selten bei den ausgezeichnetsten Melancholikern wie Komikern beisammenfindet. Denn, daß Friedrich im höchsten Grade von melancholischem Temperamente sei, das wußten alle, die ihn und seine Geschichte, sowie den Grundton aller seiner künstlerischen Arbeiten kannten. Seitdem er als Jüngling seinen Bruder, den Knaben, den er wie sein eigenes Herz liebte, unter dem zusammenbrechenden Eise des Meeres mußte versinken sehen, dahin er ihn zum Schlittschuhlaufen verlockt hatte, war er lange Zeit in ein düsteres Grämen versunken, das ihm die Freude am Leben bis zum gefahrdrohenden Überdruß verleidete. Er wollte keinen tröstenden Zuspruch der Freunde, er floh die Gesellschaft der Bekannten und Verwandten. Die stille Wildnis der Kreidegebirge und der Eichenwaldungen seiner vaterländischen Insel Rügen waren im Sommer, noch mehr aber in der stürmischen Zeit des Spätherbstes und im angehenden Frühling, wenn auf dem Meer an der Küste das Eis brach, sein beständiger, sein liebster Aufenthalt. In Stubbenkammer, wo damals noch kein modernes Gasthaus stand, verweilte er am öftesten, dort sahen ihn die Fischer manchmal mit Sorge um sein Leben, ja wie einen, der freiwillig in der Flut sein Grab suchen wollte, auf und zwischen den Zacken der Bergwand und ihren ins Meer hineinragenden Klippen herumklettern. Wenn der Sturm am kräftigsten war und die Wogen, mit Schaum bedeckt, am höchsten heranschlugen, da stand er, von dem heranspritzenden Schaume oder auch von einem plötzlichen Ergusse des Regens durchnäßt, hinschauend wie einer, der sich an solcher gewaltigen Lust der Augen nicht satt sehen kann. Wenn ein Gewitter mit Blitz und Donner über das Meer daherzog, dann eilte er ihm, wie einer, der mit diesen Mächten den Freundschaftsbund geschlossen, entgegen, auf den Felsensaum der Küste oder ging ihnen nach in den Eichenwald, wo der Blitz den hohen Baum zerspaltete, und murmelte da sein halblautes »wie groß, wie mächtig, wie herrlich«. Diese Liebschaft seines Gemütes mit der gewaltigen, mit der wilden Natur, sprach sich auch in seinen gelungensten Bildern aus, die erst in späteren Jahren ein milderes Licht empfingen. Ein Felsen im anbrandenden Meere; ein Wald, dem der Sturm das herbstliche Laub und einen Teil der Zweige entreißt; ein abgestorbener Baumstamm, auf dem ein Rabe sitzt; ein Fischerboot, das mit den Wellen kämpft; eine Winterlandschaft vom scheidenden Abendlichte beleuchtet, aus deren Schnee die entlaubten Bäume und ein Kirchhof mit seiner Kapelle hervorragt, nach welcher ein Greis an seinem Stabe dahinschleicht, und unzählige Skizzen, sowie viele, meist nur in Sepia ausgeführte Bilder trugen alle diesen Charakter des tiefen Ernstes. Damals soeben war er mit einem seltsamen Bilde beschäftigt. Es stellte keine Landschaft dar, denn vom Lande sah man nichts als einige über den Hochnebel hervortretende Berggipfel, sondern es war ein Bild, dergleichen nur der Luftschiffer sehen kann, wenn er auf seinem Fahrzeuge sich über die Tiefe der Wolken, welche das Land unter ihm bedecken, bis dahin erhebt, wo schon hin und wieder durch den zerrissenen Nebelschleier das ungetrübte Blau des Himmels gesehen wird und ein Strahl der Sonne hereinbricht. Kein Luftschiffer aber, sondern ein Seeadler war es, den der Künstler als lebenden Zeugen des Kampfspieles darstellte, das dort in der Höhe der Sturm mit dem zerreißenden und flüchtigen Gewölke hielt. Denn an der Richtung von diesem, wie am Gefieder des Adlers, der soeben aus dem fliehenden Nebel sich herausarbeitete in das lichtere Blau, konnte man, wie an einem wogenden Meere, die Gewalt ermessen, welche da oben der Wind hatte. Es war ein Bild, dem der Künstler, wie ich nachher sagen werde, seine Deutung gab; für ihn ein Bild der damaligen Geschichte des Vaterlandes. (Ein ähnliches Bild von ihm, das keine Landschaft, sondern vielmehr eine Luftschaft, mit einer bei Mondschein zwischen den Wolken schwebenden Eule darstellte, ist oder war im Besitze eines bekannten vermögenden Kunstfreundes.) Wer aber in dem Maler Friedrich nur diese eine Seite seines Wesens: den tiefen, schwermütigen Ernst, sah, der kannte ihn nur halb. Ich habe wenig Menschen kennen gelernt, welche im geselligen Umgang mit anderen, wenn diese nämlich ihm zusagten, eine so heitere Gemütlichkeit, eine solche Gabe zum Scherz hatten, als er. Mit der ernstesten Miene sprach und erzählte er Dinge, welche bei allen anderen ein unverlöschliches Lachen erregten; überall, wohin er kam, brachte er, wenn ihm der Kreis gefiel, Heiterkeit mit sich und fröhliches Bezeigen. Wenn er in tiefem Ernst versunken bei seiner Arbeit saß, und es kamen Kinder aus der Nachbarschaft zu ihm, da plauderte und scherzte er mit diesen selber wie ein Kind. Ein kleines Mägdlein der Nachbarin bat ihn öfters um ein Geschenk von Bildern. Er, der keinem Kinde eine Bitte abschlagen konnte, vermochte dies hier am wenigsten, ihn freute der Sinn und die Neigung des Kindes zur Kunst, er gab ihm, denn anderes hatte er nicht, kleine Skizzen aus seiner Hand. Als aber das Mägdlein gar so oft mit derselben Bitte kam, fragte er es einmal: was tust du mit den vielen Bildern? – Ich wickle meine Sachen hinein, antwortete die Kleine. Doch ich wollte hier nur von dem ersten Eindrucke reden, den der seltene Mann auf mich machte. Es war gegen Ende des Oktobers; Napoleon mit all seinen Gewalttätigkeiten; die Schmach des Vaterlandes, kamen bald ans Gespräch. Mit seinem gewöhnlichen Ingrimme gegen die Franzosen sprach Friedrich zugleich den Schmerz über die Erniedrigung Deutschlands aus. Als aber wir anderen trübe Bedenken und bängliche Befürchtungen für die fernere Zukunft äußerten, da deutete er auf den Adler in seinem Bilde hin. »Er wird sich schon herausarbeiten, der deutsche Geist, aus dem Sturme und den Wolken«, sagte er, »und dort sind Berggipfel, die feststehen und Sonne haben. Wäre der Sturm nicht gekommen, der Adler wäre vielleicht unten im Nebel sitzen geblieben, wo keine Beute zu sehen und zu fangen war, hätte gehungert und gelungert. Der Deutsche muß erst warm werden, ehe er den Arm erhebt, wenn er ihn aber einmal erhebt, da flutscht es, wie wir Pommern sagen. Es fällt mir dabei ein Geschichtchen von diesem Warmwerden ein, das ich euch wohl erzählen will.« »Ein Engländer, der sich längere Zeit in Berlin aufgehalten, machte eine Reise nach Italien und nahm sich dazu als Bedienten einen pommerschen Bauernknecht, einen baumstarken, braven Burschen mit. In Italien fuhren sie bald, bald gingen sie zu Fuß, denn der Engländer wollte da alles, was ihm merkwürdig schien, recht genau sehen. Einmal auf einer Wanderung übers Gebirge springen vier Kerle aus dem Gebüsche heraus, mit Pistolen und gezückten Dolchen in der Hand; treten vor den Engländer hin und begehren sein Geld samt seiner Uhr. Er gibt ihnen alles her. »Ja, sagen die Kerle, das Geld und die Uhr sind wohl gut, aber, mein Herr, Ihr seht, daß es uns gar sehr an neugewaschenen Hemden und ganzen Röcken fehlt, wir müssen euch auch darum ersuchen.« Der Engländer winkt seinem Bedienten, welcher, denn er hatte so etwas in seinem Leben noch nicht gesehen, ganz ruhig der Sache zuschaute; der Bursche schnallt den Tornister ab, den er auf dem Rücken trug, und gibt ihn den Spitzbuben. Da nun diese fort sind, wendet sich der Herr zu seinem Bedienten, und zwar nicht mit den Blicken allein, sondern mit dem Stocke, den er gut zu schwingen weiß. »Du baumstarker, deutscher Lümmel«, sagt er, indem er immer auf den Burschen losschlägt, »schämst du dich nicht, daß du deinen Herrn so ruhig ausplündern lässest? Du mit deinen Drescherarmen und Fäusten, mit deinem dicken Prügel in der Hand, hättest es doch wahrhaftig mit vier solchen elenden Kerlen und noch einem mehr aufnehmen können«. Der Pommer läßt sich eine Weile prügeln, dann sagte er: jetzt halten Sie einmal ein wenig an; läuft mit seinem Prügel ins Gebüsch hinein, den Spitzbuben nach, und es dauert gar nicht lange, da kommt er mit dem Tornister, mit der Geldbörse, Uhr und allem, was man seinem Herrn genommen, zurück. »Denen habe ich es, ruft er, tüchtig nachgezahlt; einer liegt noch am Boden, die andern sind davon«. – »Du alberner Bursche, sagt der Engländer, warum hast du das nicht gleich so getan, da wären wir doch unsrer zwei gewesen, denn ich hätte dir gern mit geholfen«. – »Herr, so antwortete der andere, der Deutsche muß nur erst warm werden, dann steht er seinen Mann«. – So, meine ich, fügte Friedrich seinem Geschichtchen hinzu, wie mein Landsmann, der Pommer, den Spitzbuben, werden es die Deutschen, wenn sie erst warm, das heißt brüderlich einig geworden sind, auch noch den Franzosen machen«. Ich kam seitdem oft zu Friedrich, in sein abgelegenes Haus in der Vorstadt, hörte gern die Ergießungen seines deutschgesinnten Herzens über die damalige Lage der Dinge an, und ging nie von ihm hinweg, ohne über vieles belehrt, beruhigt und getröstet zu sein. _Anmerkung_: Das ausgezeichnete Werk Willi Wolfradts über »Caspar David Friedrich und die Landschaft der Romantik« (1924) kann das Bild vom »Adler über dem Nebelmeer« leider nur als »wohl verschollen« erwähnen. Blechpest Von _Walther Kluge_, Grimma i. Sa. Unser Zeitalter ist nicht nur ein papiernes, sondern auch – ein recht blechernes geworden. Wir leiden sehr stark unter der Blechpest. Insofern nämlich Konservenbüchsen, volle und auch leere, und im übrigen noch soviel blecherne bzw. emaillierte Gegenstände im Haus, besonders in der Küche, unser Kulturbedürfnis befriedigen. Und doch will ich noch gar nichts gegen diese Tatsache an sich sagen. Sondern nur dagegen, daß die blechernen und emaillierten Gebrauchsgegenstände, sofern sie ausgedient haben, unser Dasein weiterhin verpesten. Man kann auf Wanderungen hinkommen, wohin man will, überall wird man von der Blechpest verfolgt, selbst bis hinein in stille Tälchen und abgelegene Gegenden in Wald und Heide. Den kleineren Teil der Blechpest verursachen undisziplinierte Wanderer, die ebenso wie Papier, Eierschalen usw. auch Konservenbüchsen u. a. gerade dort liegen lassen, wo sie sie gebraucht und geleert haben, und nun zu träge sind, sie einzugraben und so die Züge der einzigen nützlichen Tätigkeit, die sie kennen, zu verwischen, oder zu faul, sie wieder einzupacken und später auf einem Müllhaufen abzulegen. Den größeren Teil der Schuld an der Blechpest tragen aber wohl die Gemeinden. Inwiefern? Man kann nämlich feststellen, daß sich bei der größten Zahl der kleineren Gemeinden kein wirklicher Müll- und Schuttabladeplatz findet. Was bei einem größeren Gemeinwesen, das die Asche- und Müllabfuhr sehr häufig auch noch selbst reguliert, eine Selbstverständlichkeit ist, das findet sich in vielen kleineren Gemeinden – wir wollen durchaus nicht die treffen, die dafür gesorgt haben – oft gar nicht, oder an so entfernter und ungünstiger Stelle, daß er kaum benutzt wird. Besonders dann nicht, wenn die Abfuhr der Abfälle und sonstiger Reste von den einzelnen Haushaltungen noch selbst, oft mit dem Handwagen, erfolgen muß. So wird dann die Zuflucht dazu genommen, sich alter Töpfe und Blechbüchsen, von Draht und Geschirr so zu entledigen, daß man es, möglichst nicht allzuweit vom Hause auf einen Hang, an einen Waldrand, in ein Bachbett oder an eine ähnliche Stelle wirft und froh ist, es auf diesem Wege so schnell als möglich losgeworden zu sein. Wenn nun der Wanderer und Naturfreund die Gegend durchstreift, dann trifft er überall auf solche Schandflecke in der Natur. Von solchen Stellen schleppt dann wohl auch ungezogene und ungebildete Jugend aller Kreise und Stände einen Teil bald hierhin, bald dorthin, an Stöcken, auf Fußballart oder sonstwie, so daß sich die Blechpest weiter verbreitet und immer neue, bisher noch unberührte Fleckchen von ihr infiziert werden. Zum Leidwesen aller Naturfreudigen und aller Menschen von Kultur. Abhilfe schafft hier zunächst in erster Linie die Erziehung unserer Jugendlichen, wie überhaupt aller Wandernden in der Richtung, die Reste ihrer Rasten aber auch restlos zu beseitigen. Und es ist, das wollen wir gern zugeben, schon manches erreicht, und manches auch besser geworden. Aber noch laufen recht viel Unerzogene draußen herum. Helfen wir, wenn wir solche treffen, auch auf die Gefahr hin, an Unbelehrbare und Grobiane zu kommen, mit, daß unsere gute Erziehung nach dieser Richtung sich immer weiter ausbreitet. Scheuen wir auch davor nicht zurück, selbst einmal, wenn es möglich und nötig ist, anderen nachzuräumen, z. B. eine auf eine Wiese verschleppte Konservenbüchse wieder der nahen Füllgrube zuzuführen u. a. Abhilfe muß aber hier auch durch behördliche Vorschriften und die nötige Kontrolle geschaffen werden. Ich bin keiner, der nach Behörden schreit und Verbote verlangt. Aber wenn z. B. in einer Gemeinde in erreichbarer Nähe keine Abfuhrstelle zu finden ist, dann soll man sich einfach nicht wundern, wenn das Blechzeug irgendwo, um es los zu werden, denn im Hause kann man doch das Unbrauchbare nicht behalten, abgelagert und hingeworfen wird an Stellen, wo es einen Schandfleck in Landschaft und Natur bildet. Jede Gemeinde muß also verpflichtet sein, einen ordnungsgemäßen Müllplatz zur Verfügung zu stellen. Wo nicht sich von selber ein solcher Ausfüllplatz an alten Sandgruben, toten Winkeln usw. ergibt, dann muß eben eine solche Grube für derartiges altes Gerümpel angelegt werden, die später, wenn sie bis zu einer gewissen Höhe gefüllt ist, wieder geschlossen wird. Ich weiß nicht, ob gesetzlich solche Vorschriften bestehen. Ist das der Fall, dann müssen sie streng eingehalten werden. Ist es nicht der Fall, so müssen solche ins Leben gerufen und durchgeführt werden. Nicht, um die Gemeinden zu schikanieren und ihnen neue und etwa unnötige Lasten (so wird man sagen!) aufzubürden, obwohl die Kosten überhaupt kaum ins Gewicht fallen dürften, sondern um einer geradezu rapid zunehmenden Verschandelung unserer Heimat entgegenzuarbeiten. Das ist auch ein Stück Heimatschutz. Alle Wandervereine, alle Jugendgruppen sollten sich mit dem Heimatschutzbund zu dieser Hilfeleistung verbinden. Die Professorenecke im Leipziger Südfriedhofe Von Dr. _Albert Sachse_, Leipzig Es mag dem einen oder andern Leser dieser Zeitschrift mit Recht verwunderlich erscheinen, von Freundeshand einmal auf einen Friedhof geführt zu werden. Der Kunstwanderer sucht dort am wenigsten die Schönheit einer Landschaft. Er geht lieber an die stillen Weiher, auf die bewaldeten Höhen, in Burgen und Schlösser, in Kirchen und Museen. Dort grüßt ihn die Seele der Umgebung in viel reicherem Maße, dort dringt hörbar der Rhythmus, der von ihrer Kultur ausgeht, an sein Herz. Was kann demgegenüber ein schlichter Friedhof bieten? Und doch sollte niemand, der in einer fremden Stadt weilt und auf Bruchteile einer Stunde dem Alltagsgetriebe entrinnen möchte, versäumen, dann und wann auch einmal den Friedhof zu besuchen. Vor allem dann nicht, wenn er an einer intimen Gestaltung unseres deutschen Kunstschaffens Gefallen findet. Was vermag ein Grabstein, der über dem Durchschnitt steht, ernstgerichteten Beschauern nicht alles zu sagen. Wie viel Innigkeit, Reinheit und Seelengröße kann von ihm ausgehen. Wenn dann gar noch in kurzen Strichen auf dem toten Stein ein ganzes Menschenleben symbolisch wiedergegeben ist, wie es in der Professorenecke des Leipziger Südfriedhofes der Fall ist, wird er befriedigt Abschied nehmen und nicht bereuen, Einkehr gehalten zu haben. Der Südfriedhof in Leipzig macht es dem Besucher besonders leicht, auf kurze Zeit in ihm zu verweilen. Wer von den mächtigen Wällen des Völkerschlachtdenkmales aus den weiten Gottesgarten mit dem feinen Krematorium betrachtet, kann seiner freundlichen Einladung, zu ihm herüber zu kommen, kaum widerstehen. Die einsamen Straßen, die ruhigen Plätze, die stillen Weiher, die ernsten Baumgruppen und Hecken, das stumme Grün der Zedern und die lebendigen Farben der tausenderlei Zierpflanzen und Blumenspenden, das alles ist angetan, den freundlichen Gast unaufdringlich zu sich herüber zu bitten. Und der Besuch wird sich lohnen. Einer der schönsten, geradezu unübertrefflichen Plätze ist die Professorenecke in der zweiten Abteilung. Hier liegen die Koryphäen der Leipziger Hochschule alle beieinander, und ihre Grabmäler erzählen von ihrem Beruf und Lebensernst. Gleich zu Anfang steht des Theologieprofessors Georg Heinrici Denkmal, ein wuchtiges Kreuz auf felsigem Grund mit der Inschrift: »Der Herr ist mein Hirte«! Niemand wird massiger, ganz in vulkanisches Gestein zusammengeballt, den Glaubensinhalt eines so großen Seelsorgers verkörpert finden. Heinrici stand fest in der Schrift, der Neutestamentler wollte nicht irren. In unmittelbarer Nähe befindet sich Weules sinniges Grabmal, ein schlichter Stein mit dem altgermanischen Sonnenrad. Weules Werk umschloß die Seelenwerte der Urvölker. Weule war Direktor des völkerkundlichen Museums in Leipzig. Das Grab Georg Rietschels ähnelt dem seines Fachkollegen Heinrici. In einem einzigen kurzen Wort »~Vivit!~« = Er lebt! spricht sich dieser Gelehrte über sein irdisches Werk aus. Rietschel hat in dem Kampf um eine freiere Ausgestaltung des Religionsunterrichtes in Sachsen mannhaft die Lehren der Orthodoxie verteidigt. Daneben befindet sich Soltmanns feines Denkmal. Der Kunstfreund muß es im Mittagssonnenlicht betrachten. Dann erwacht der Stein, und die Kinderchen, ein Junge und ein Mädchen, die zu Häupten des Meisters stehen und für diesen bitten, gewinnen Leben und scheinen sich dem zuzuneigen, der einst ihr Leben in seiner Hand gehalten und sie aus Todesnot errettet hat. Soltmann war Leipzigs großer Kinderarzt und Direktor des städtischen Kinderkrankenhauses. Neben ihm ruht Carl Rabl, der berühmte Anatom der Leipziger Hochschule. Er hat sich eine Sphinx als Grabstein setzen lassen. Stumm wie diese hat auch er oft nach Westen geschaut, wo der Tag sich neigt und die Nacht geboren wird, deren Schleier er oft hat heben mögen, aber nie hat lüften dürfen. Auch ihm blieb verschlossen, die Seele in den toten Leibern zu finden. Der gewaltige Organismus, der das Weltall durchflutet, blieb auch für ihn in vielen Stücken ein großes Rätsel. Aber mit welch großer Liebe er seinem Beruf ergeben gewesen ist, verrät die gedankenschwere Stelle aus Goethes Faust, die den Stein außerdem ziert: »Erhabener Geist, du gabst mir, gabst mir alles, worum ich bat … Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich, Kraft sie zu fühlen, zu genießen. Nicht kalt staunenden Besuch erlaubst du nur, vergönntest mir, in ihre tiefe Brust wie in den Busen eines Freunds zu schaun.« Nordwärts davon finden wir dann des Mathematikers Rohn Grab. Im Giebelfelde seines Monumentes ruht eine Schlange, zum Kreise geformt, die sich in den Schwanz beißt, somit das Unendliche in trefflicher Symbolik darstellend. Und darunter sehen wir ein Dreieck, den Typus aller endlichen Figuren. Wer könnte treffender das Leben dieses Mannes, der es dauernd mit endlichen und unendlichen Größen zu tun hatte, veranschaulichen? Dicht daneben liegt ein weiteres schönes Grabmal. Sein Spezialkollege Scheibner hat es sich setzen lassen. Vier kleine Würfel tragen einen Großen, und dieser kündet den Namen des Gelehrten. Der »unendliche Raum« war das Gebiet, auf dem Scheibner zu Hause war. Herabhängende immergrüne Zweige segnen sein irdisches Werk. Neben ihm ruht der Anglist Richard Wülker. Er hat sich ein Grabkreuz setzen lassen, das bei uns zwar selten, auf englischen Friedhöfen hingegen massenhaft vorkommt. Wülker ist der Verfasser einer einstmals Aufsehen erregenden englischen Literaturgeschichte. Bescheiden erinnert sein Grabkreuz gleichzeitig an den Feldzug von 1870/71, den der junge Forscher im Kugelregen überstanden hat. Das »Eiserne« schmückte die Heldenbrust. Ebenso trefflich ist des Botanikers Pfeffer Grabstein gestaltet. Mit vollsaftigen Blütenköpfen schlingt sich beiderseits am Gedenkstein ein Distelstrauch zum Lichte empor. Blatt und Krone sind durchaus gesund. Sie wurzeln in einem Erdreich, an dessen Eingangstoren die Wissenschaft Wache hält. Finster blicken ihre Symbole, zwei Eulen, in den Tag hinein. Halbgeschlossenen Auges, homerisch nach innen gekehrt, gehen sie, fern der Alltagsmeinung, ihren Weg, den die Wahrheitsliebe und die Forschertugend ihnen vorschreibt. Fest umklammern sie das Rückgrat des lebendigen Objekts. Ebenso sinnig ist Seeligers Grabmal: »~Per aspera ad astra!~« Durch Nacht zum Licht, durch Kreuz zum Kranz! Die staubigen Urkunden waren sein Reich. Sie seinen Schülern in ernster Lehrerarbeit zu erschließen, war sein hochgestecktes Ziel. Er hat es erreicht. Tausende treuer Studenten erinnern sich gern dieses Mannes. Nun noch im Waldesdunkel Hugo Riemanns schöner Gedenkstein! Zwei musizierende Engel verkünden mit ihren Schalmeien und Zithern den Sieg der beständigen Liebe, jener Kunst, die uns befreit, wenn sie uns ganz in ihren Bann gezogen hat. Der Meister der Töne, der hier begraben liegt, greift herüber ins Religiöse, wo ebenfalls Freiheit und Gebundenheit die erquickliche Harmonie eingehen, die viele suchen und doch nicht zu finden vermögen. ~Amor constans vincit!~ So lehrt es dieser Gedenkstein. Ganz zum Schluß noch des Theologen Haugk liegendes Grabmal. Es trägt einen feinen Spruch: »~Nascimur ut moriamur, morimur ut vivamus!~« »Wir treten ins Leben, um zu sterben, und wir gehen von dannen, um ewig zu leben.« Damit ist würdig der Kreis geschlossen, der Rundgang beendet. Schon viele sind bei diesen Denkmälern in Andacht stehen geblieben. Alle erfüllt von der echten, reinsten Kunst, die so eng beieinander selten zu sehen ist. Alle haben beim Besuche dieser schönen Professorenecke an des gütigen Heimatdichters Rosegger Wort gedacht: »Gib deiner Seele einen Sonntag, und deinem Sonntag eine Seele.« Mit einfachen Mitteln ist hier gearbeitet worden. Und wie viel hat man erreicht. Vielleicht auch den lebhaften Wunsch auf Seiten des Beschauers, an seinem Teile dazu beizutragen, daß der eigene Grabstein einstmals auch ein kurzes Symbol aufweisen möchte. Unsere Friedhöfe würden dadurch viel gewinnen, und ein Rückschlag auf unser reiches Kulturleben würde nicht ausbleiben. In diesem Sinne sei die Professorenecke als bescheidenes Kunstzentrum allen Kunstfreunden und Schönheitssuchern ans Herz gelegt. Der Besuch dieser stillen Gräber wird nie vergebens gewesen sein! [Illustration: =Bildnerischer Schmuck über dem Eingangstor zum Jagdschloß in Großgraupa (jetzigem Forsthaus)=] Großgraupa und sein Lohengrinhaus Auf Grund archivalischer Forschungen berichtet von _Siegfried Störzner_, Dresden I. Aus vergangenen Tagen Graupas und seiner Heide. Zwischen der Wesenitzaue, dem Bonnewitzer Gründel, den Borsberghängen und dem Birkwitzer See breitet sich vor dem Weichbilde Pirnas ein weites, stilles Waldgebiet aus, dessen Schönheiten ob der nahen Sächsischen Schweiz viel zu wenig gewürdigt werden. Der Volksmund nennt diesen Forst _die Graupaer oder Grauper Heide_, während er amtlich als _Pillnitzer Tännicht_ bezeichnet wird. Nach der Auflösung des Pillnitzer Staatsforstrevieres wurde die Waldung dem _Forstamt Lohmen_ unterstellt. Vor Jahrhunderten gehörte diese Heide als Bestandteil der Herrschaft Graupa samt dem Schlosse und den Dörfern und Rittergütern _Schönfeld_, _Pratzschwitz_ und _Jessen_ dem Gräflich von Friesenschen Geschlechte, in noch früherer Zeit den Rittern von Karras. Später wurde die ausgedehnte Besitzung aus Mitteln der »Chatulle« vom Landesherrn angekauft. Daher die noch heute bekannte Bezeichnung »Schatullengüter«. Das Rittergut Graupa kam zu Schönfeld – dieser Ort war einst der Sitz eines nicht unbedeutenden Gerichtsamtes – und wurde Staatseigentum. Das alte, inmitten der Heide erbaute _Jagdschloß Graupa_ war ein prächtiger Herrensitz. Es führte früher den Namen _Raupenberg_. Von seiner Terrasse aus schweift der Blick über das Waldmeer hinweg zur Elbaue und hinauf zu den Höhen des östlichen Erzgebirges. Dohna, Burkhardtswalde, Cotta und die Gersdorf-Gottleubaer Gegend grüßen den Besucher. Der stimmungsvolle Schloßteich, die schönen Gartenanlagen und der anschließende Park mit den Rieseneichen waren einst der Lieblingsaufenthalt der Schloßherrschaft und später des Pillnitzer Hofes. Nicht weit vom Jagdschloß Raupenberg hatte man einen _Tiergarten_ angelegt, in dem zur Ergötzung der Jagdgäste Wildschweine gehalten wurden. Vor hundert Jahren, 1827, ging dieser Wildpark ein. Es bestand hier auch noch südlich vom Schlosse eine _Fasanerie_, die man in einem dichten, rings abgeschlossenen Haine zur Aufzucht und Pflege der prächtigsten Silber- und Edelfasanen eingerichtet hatte. Fasanenjagd in der Graupaer Heide war einst ein besonderes Vergnügen der Wettiner. Als man das Forsthaus zu Zschachwitz zu einer Kaserne für die Abteilung Pioniere einrichtete, die hier die Pillnitzer Fähre zu bedienen hatte, ward dem berittenen Kgl. Förster das alte, getürmte Jagdschloß Raupenberg als Amtswohnung angewiesen. So kam es, daß Graupa der Sitz der Pillnitzer Revierverwaltung wurde. [Illustration: Abb. 1. =Das Jagdschloß in Großgraupa=] Leider hat in den letzten Jahrzehnten die Graupaer Heide einen beträchtlichen Teil ihrer Waldbestände hergeben müssen. So wurden zur Anlegung des Copitzer Exerzierplatzes zwischen der Alten Pirnaer Straße und der Wesenitz ansehnliche Flächen abgeholzt. Auch die immer weiter um sich greifende Besiedlung von Groß-, Klein- und Neugraupa und von Jessen hat den Umfang des Waldes vermindert. Auf einige interessante Plätze des Tännichts sei hier nur kurz hingewiesen: Zwischen Neugraupa und dem ehemaligen an der Staatsstraße erbauten Hotel Forsthaus (Kinderheim) bezeichnet der Volksmund einen kleinen Hügel als den _Galgen_. Graupa soll einst unter der Herrschaft der Adelsgeschlechter »Kriminal- und Nachgericht« besessen haben. Der genannte Platz war die Richtstätte. Noch vor einem Menschenalter barg die Graupaer Gerichtslade einige Papiere, die auf den Richtplatz hinwiesen. Alte Leute in Graupa kennen noch den _Graupensand_. Dieses zwölf Scheffel umfassende Land besaß bis 1580 die der heiligen Barbara, der Schutzpatronin der »Artollerey«, geweihte Kirche zu _Eschdorf_. Die Felder des Graupensandes bewirtschaftete gegen einen jährlichen Erbzins von acht Groschen »der Juncker uff Krauppenn«, bis im Jahre 1580 Christoph von Loß, Herr auf Pillnitz, die genannten Grundstücke um drei Schock Groschen der Eschdorfer Kirche abkaufte. Die Graupaer Heide hat zu allen Zeiten Verehrer ihrer stillen Schönheit gehabt, ihrer Kiefernwälder, die an Fontanes Schilderungen der Mark Brandenburg erinnern, ihrer prächtigen, alten Alleen von Eichen, Akazien und Buchen, ihrer leuchtend gelben Ginsterbüsche und der dichten Bocksdorngestrüppe, die unserer Vogelwelt wohlgeschützte Niststätten bieten. Der Mineraloge weiß im Tännicht interessante Geschiebe von Eisenkieseln, Jaspis, Feuer- und Hornsteine sowie Chalcedon zu finden. Der Geologe erzählt uns, das ganze Gebiet des Pillnitzer Tännichts gehöre zur Wesenitzaue, der großen Einbuchtung zwischen den Höhenzügen. Sie bestehe aus Sand und Kieseln und stelle den Schuttkegel eines Eiszeitstromes dar. – Um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts ward das stille, waldumschlossene Graupa eine beliebte _Sommerfrische_. _Großgraupa_ zählte damals vierunddreißig Häuser mit einhundertundzwanzig Einwohnern, _Neugraupa_ neunundzwanzig Häuser mit einhundert Einwohnern und _Kleingraupa_ dreizehn Anwesen mit siebenundsechzig Bewohnern. Einer der ersten Gäste dieser stillen Heideorte und ein schwärmerischer Freund ihrer Waldeinsamkeit war ein junger Kapellmeister von der Dresdner Hofoper, der im _Sommer 1846_ beim _Schäferbauer_ in _Großgraupa_ zwei Stuben im Obergeschoß für einige Monate mietete. Immer in Geldverlegenheiten, fand der Meister hier draußen den gesuchten billigen und weltabgeschiedenen Sommeraufenthalt, der ihn und seine Gattin der Großstadt entrücken sollte. Kein geringerer als _Richard Wagner_ war es, der Graupa mit seinem Tännicht als Tuskulum gewählt hatte. Doch davon wird dann noch zu erzählen sein. Vor Richard Wagner hatte schon ein anderer Meister der Töne die Waldeinsamkeit des Pillnitzer Tännichts geliebt, _Carl Maria von Weber_, der im nahen Hosterwitz einen schönen Sommersitz gefunden und von da aus oft und gern die Graupaer Heide durchwandert hatte. Noch eines dritten namhaften Verehrers unseres Waldes soll kurz gedacht werden: Es war der 1826 geborene _Maler Adolf Lier_, der als junger Künstler um 1850 in Graupa wohnte. Das Tännicht, der Elbstrom, die Pillnitzer Insel, das Weingebirge und die zahlreichen romantischen Gründe am Rande der Heide gaben Lier dankbare Motive für seine Gemälde, die hier in den fünfziger und sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts entstanden. [Illustration: Abb. 2. =Das Jagdschloß in Großgraupa mit seinem wunderbaren Eichenbestand=] Malerische Bilder zeigen heute noch das verträumte Jagdschloß Raupenberg, der Herzogsche Weinberg und das alte Vorwerk oder Schatullengut Jessen, das jetzt der Landesanstalt Sonnenstein als Außenabteilung und Landwirtschaftsbetrieb dient, der Birkwitzer See mit seinen Wasser- oder Gelben Schwertlilien (~Iris pseudacorus~), Bonnewitz mit dem prächtigen, unberührten Dorfplatze und den anschließenden Waldgründen, nicht zu vergessen die im nordischen Stile im Schatten des Waldes erbaute Kirche zu Großgraupa mit ihrer stimmungsvollen Friedhofskunst und dem Ehrenmale vor dem Eingange. Doch nimm selbst den Wanderstab, durchstreife das Richard-Wagner-Dörfchen und seine reizvolle Umgebung, und unterlaß dabei nicht, dem Lohengrinhause deine Schritte zuzulenken, von dessen Vergangenheit ich dir nun einiges erzählen möchte! [Illustration: Abb. 3. =Im Parke des Jagdschlosses in Großgraupa=] II. Die Besitzer des Lohengrinhauses. Das _Lohengrin- oder Richard-Wagner-Haus zu Großgraupa_ ist das alte Halbhufengut Nummer 12, ein dicht am Dorfplatz erbautes Bauerngehöft. Seit fast dreihundert Jahren pflügt hier das Geschlecht der _Schäferbauern_ die Scholle. Wenn auch seit dem Jahre 1899 das genannte Gut leider nicht mehr in seinem Besitze sich befindet, so wohnen doch noch heute im Dorfe Nachkommen jenes Landmannes, bei dem 1846 Richard Wagner köstliche Wochen in stiller Weltabgeschiedenheit verleben konnte. Es sind zwei Brüder Schäfer, die noch jetzt in Großgraupa als Landwirte Ahnenland bebauen. (Das Oskar Schäfersche Bauerngut liegt dicht unterhalb des Lohengrinhauses. Sein Besitzer war dreizehn bis vierzehn Jahre alt, als Richard Wagner mit Cosima Graupa noch einmal besuchte.) [Illustration: Abb. 4. =Lindenallee bei Graupa=] Die _Schäfers_ stammen aus _Dobritz_ bei Dresden, das im siebzehnten Jahrhundert Toberiz geschrieben wurde. _Um 1650 läßt sich ein Hannß Schäfer in »Groß Krauppa« nieder._ Vorher ist dieser Familienname hier nicht zu finden. Ich habe daraufhin im Hauptstaatsarchiv zu Dresden die Gerichtsbücher von »Groß Grauppenn« vom Jahre 1551 an durchgesehen, wo ein »Juncker Aßmuß Karaß herr zu Grauppenn« ist. (Die Schreibweise des Dorfes ist in jenen Jahrhunderten ganz verschieden; auch die Form Krauppe findet sich.) 1654 kauft nun der schon genannte Hannß Schäfer von Hannß Leschigs Witwe einen »Garten« in Groß Krauppa. Dann hören wir erst nach fünfundzwanzig Jahren wieder etwas von ihm: 1679 übergibt er seinen Drei-Viertel-Acker um 300 Gulden an seinen Sohn Jacob Schäfer. 1682 vergrößert dieser den väterlichen Besitz durch Ankauf von George Lieschkens Viertel-Acker. Im gleichen Jahre erwirbt Hannß Schäfer im Wiederkauf das Halbhufengut von Michael Sültzens hinterlassener Witwe um dreihundert Gulden. 1695 berichten die alten Urkunden noch von einem »Erb Kauff Hannß Schäffers um Merten (Martin) Böhmens Wittwen – unndt Erb Guth umb 325 Gülden«. Als Besitzer dieses Gutes folgt bis 1754 Johann Schäffer. Er verkauft das Halbhufengut um vierhundert Gulden an Gottfried Schäfer. Dieser, Halbhüfner und Gerichtsschöppe, bewirtschaftet es bis 1778, wo er seinem 1757 geborenen einzigen Sohne Johann Gottlob Schäfer († 1804) das Gut überläßt. Sein Nachbar ist Christoph Schäfer. [Illustration: Abb. 5. =Das Lohengrinhaus in Großgraupa=] Ehe ich in der Aufzählung der Besitzer fortfahre, sei hier einmal die Reihe unterbrochen durch Wiedergabe eines interessanten _Erbkaufbriefes_ vom 10. April 1778, der uns ein anschauliches Kulturbild aus jener Zeit zeigt und besonders die schweren Abgaben und Dienste aufzählt, die vor einhundertundfünfzig Jahren auf dem bäuerlichen Besitz lasteten. (Hauptstaatsarchiv zu Dresden, Gerichtsbuch Pirna Nummer 210, ab 1774, Fol. 36.) Es heißt darin u. a.: »Wir, die Hoch Reichs Gräfl. Callenberg-Lüttichau und Solmsischen Commun-Gerichte zu _Schönfeld_, und ich, Dr. Friedrich August Ermel Gerichts-Director allda, urkunden und bekennen hiermit, daß anheute vor uns an Gerichts-Stelle alhier _Gottfried Schäfer_, Halb-Hüfner und Gerichts-Schöppe aus Groß-Graupa, und deßen einziger Sohn, _Johann Gottlob Schäfer_, von 21 Jahren, erschienen sind und gebeten haben, einen zwischen ihnen verabredeten Kauf niederzuschreiben und zu confirmiren. Gottfried Schäfer verkauft sein zu Groß-Graupa zwischen Johann Jäckels und Christoph Schäfers Grundstücken gelegenes Halb Hufen Guth mit allen Ein- und Zugehörungen, an Wohn- und Wirthschafts-Gebäuden, Feldern, Gärten, Wiesen, Weinbergen und Gehölzen nebst allem demjenigen, was darinnen und dabey Erd-, Wand-, Band-, Wied-, Ried-, Mauer-, Clammer- und Nagelfeste ist, auch allen darauf haftenden Rechten und Gerechtigkeiten, Nuz- und Beschwerungen, und soviel letztere betrift, mit 30 vollen und gangbaren Steuer-Schocken, 9 Groschen 3 Pf. auf 1 einfachen Quatember, und an Herrschaftlichen Zinnßen und Diensten 2 Gülden 8 Groschen zu Ostern } 5 „ zu Walpurgis } alljährlich gefällig 2 „ 8 Groschen zu Michaelis } 12 „ 3 Pf. zu Weynachten } 2 Mezen 2 Mesgen Weizen } 1 Scheffel 1 Viertel 2 Mezen Korn } zu Michaelis gefällig, 1 „ 2 „ Hafer } 15 Acker-Tagen, 2 Schock Laubholz einzuführen, 1 Sensen-Tag, 1 Rechen-Tag, 1 Wollabnahme-Tag, auch überall nichts davon ausgeschloßen, sondern wie er und vorige Verkäuffer dieses alles beseßen, genuzet und gebrauchet oder besizen, nuzen und gebrauchen können, erb- und eigentümlich an seinen einzigen Sohn _Johann Gottlob Schäfer_ um _400 Gülden_ …« [Illustration: Abb. 6. =Das Lohengrinhaus in Großgraupa=] Der Käufer besaß vier Schwestern: Anna Rosina, Eren Rosina, Anna Maria, Anna Sophia, deren Versorgung und Ausstattung in dem Kaufvertrage rückgeregelt wurde. – Zu dem Bauerngut gehörte damals u. a. ein Weinberg. Auf ihm hatten die Besitzer gute Obstbäume angepflanzt und zwar Kirschbäume. – [Illustration: Abb. 7. =Das Gehöft, zu dem das Lohengrinhaus in Großgraupa gehört=] Von 1804 an findet sich Johann Gottlob Schäfer – er führt die Namen seines im genannten Jahre verstorbenen Vaters – als Besitzer des Halbhufengutes Nummer 12. 1809 verkauft er an seinen sechzehnjährigen Sohn Carl Gottfried Schäfer um vierhundert Taler ein zum Gut gehöriges Stück Feld von zwölf Metzen Aussaat Größe, an der Großgraupaer Allee und am Pratzschwitzer Wege gelegen, mit einem darauf zu erbauenden Hause von vierundzwanzig Ellen Länge und zehn Ellen Breite. Dieser Verkauf wird auf dem »Kgl. Sächsischen Gerichte der Schatullen-Güther zu Schönfeld, Jeßen, Graupa und Pratzschwitz« vor dem Gerichtsverwalter Dr. August Ferdinand Hauschild abgeschlossen (Gerichtsbuch der Gemeinde zu Groß Graupa, 1819). [Illustration: Abb. 8. =Heute nicht mehr bestehendes Erinnerungszimmer an Richard Wagner im Lohengrinhaus=] Das _Kriegsjahr 1813_ bringt Großgraupa wie den benachbarten Orten viel Not. Französische Truppen plündern das Dorf und dabei auch das Schäfersche Gut. Damals ist noch Johann Gottlob Schäfer Eigentümer. Seine Frau stirbt und hinterläßt ihm sieben Kinder. Da verkauft er 1817 das Halbhufengut um achthundert Taler an seinen Sohn Johann Gottlob. Für die Bestätigung und Eintragung dieses Besitzwechsels sind fünf Prozent der Kaufsumme, also 40 Taler, als Lehngeld an die Gerichtsherrschaft zu entrichten. – Das Gehöft und die Fluren liegen zu jener Zeit zwischen den Anwesen Johann Gottlob Jäckels und Christian Ludewigs. An Vieh sind 1817 unter anderem zwei Zugochsen und fünf Milchkühe vorhanden. – Der alte Johann Gottlob Schäfer stirbt einige Jahre nach der Übergabe als Auszügler. Sein Sohn, die gleichen Namen führend, bewirtschaftet das Gut Nummer 12 bis 1857 (Grundbücher des Amtsgerichts Pirna). Er ist noch verpflichtet, auf dem Schönfelder Hofe, dem Schatullengut, Dienste mit einer Sense und einem Rechen zu tun, also zwei Arbeitskräfte der Herrschaft auf Verlangen zu stellen. _Bei Johann Gottlob Schäfer verlebt nun Richard Wagner den Sommer des Jahres 1846_, worüber im nächsten Abschnitt einiges erzählt werden soll. Im genannten Jahre ist wohl das Bauernhaus von Grund auf neu gebaut worden, worauf ja die Inschrift über der Haustür hinweist: ~Nr. 12. J. G. S. 1846.~ Am 26. März 1837 folgt Karl August Schäfer als Besitzer des Anwesens. Von ihm erwirbt es am 8. Februar 1874 Auguste Wilhelmine verwitwete Schäfer geborene Mildner aus dem Nachlaß ihres Mannes, _die letzte Schäferbäuerin_, die auf dem Gute schaltet und waltet. Sie verheiratet sich dann mit ihrem jüngeren Schwager, dem Bruder ihres verstorbenen Mannes. Noch bis Ende des Jahres 1899 verbleibt das Besitztum bei dem alten Geschlechte. Am 31. Dezember aber geht das Bauerngut für dauernd in fremde Hände über. Und nun beginnt ein fortwährender _Besitzwechsel_, der ein wenig erfreuliches Bild zeigt. Die Grundbücher des Amtsgerichts Pirna berichten hierüber: Am 31. Dezember 1899 erwirbt Carl August Edmund _Syhre_, Kaufmann und Pianofortefabrikant in Dresden, Moritzstraße, das Schäfersche Bauerngut für 65000 Mark. – (Die alten Schäfers lassen sich 1900 ein neues Wohnhaus bauen. Während der Bauzeit wohnen sie mit in dem Gute ihres Sohnes Oskar, können sich jedoch des neuen Besitzes nicht lange erfreuen, da sie bald darauf sterben. Ihr Heim erwirbt später der Geheime Postrat Thieme. Nach dessen Tode wird sein Sohn Besitzer, dem jetzt auch das Lohengrinhaus gehört.) Der oben genannte Syhre hat das Verdienst, 1903 an der linken Einfahrtssäule des historischen Schäfergutes die noch heute vorhandene, allerdings kaum mehr lesbare _Inschrift_ zu Ehren des Meisters angebracht zu haben. Sie lautet: ~RICHARD WAGNER, 1846. Du hobst der Väter alte Sagen aus dem versunknen Schacht empor. Nun wird, wo Künstlerherzen schlagen, die ganze Welt – ein Wagnerchor. 1903.~ Die Erneuerung dieser verblaßten Goldschrift ist dringend nötig. – Von Syhre erwirbt am 19. Mai 1904 der Privatmann Robert Gentzen in Berlin das Gut. Von ihm kauft es am 17. Februar 1908 der Kaufmann Hermann Hunger in Breslau. In diesen Jahren werden zahlreiche Flurstücke »abgeschrieben«, das heißt veräußert. Am 17. Dezember 1909 ordnet das Amtsgericht Pirna die Zwangsversteigerung an, bei der am 18. Oktober 1910 Ludwig Wilhelm Friedrich Gentzen in Friedenau bei Berlin durch Zuschlag das Gut erhält. Am 30. März 1912 wird jedoch über sein Vermögen das Konkursverfahren eröffnet und am 19. März 1913 erneut die Zwangsversteigerung des ehemals Schäferschen Bauerngutes angeordnet. Dabei erhält am 16. August genannten Jahres der Fleischermeister Karl Schulz in Berlin den Zuschlag. Er läßt das Gut durch den Großgraupaer Gemeindevorstand Höhne verwalten, an den wohl die Landwirtschaft verpachtet war. Von Fleischermeister Schulz, Berlin, wollte der junge Wagner-Verein in Graupa gern das Lohengrinhaus erwerben. Doch die Forderungen waren zu hoch, die Mittel zu gering. Es sollte noch tüchtig gespart werden. Da kam der Weltkrieg mit seiner Geldentwertung. Von Schulz endlich erwirbt am 26. September 1917 Oberlehrer Dr.-Ing. Karl Ernst Johannes _Thieme_ in Altkloster das Anwesen. Er besitzt es noch heute. Die Unterbringung eines Teiles der von Fräulein Thieme gegründeten _Landhaushaltungsschule_ mit Seminar für Haushaltungsbeamtinnen und -lehrerinnen machte leider verschiedene bauliche Veränderungen des damals in einem sehr schlechten Zustand befindlichen Wohnhauses nötig, wobei man aber wohl etwas mehr Pietät hätte erwarten können. Sehr bedauerlich war, daß dabei auch der »_Verein zur Erhaltung des Lohengrinhauses in Großgraupa_« unter der verdienstvollen Führung von Prof. _Gaßmeyer_ sein in den beiden vom Meister 1846 bewohnten Räumen eingerichtetes _Richard-Wagner-Museum_ in dem alten Schäfergut nicht belassen durfte. Es wurde ihm von dem neuen Besitzer gekündigt. Ein Teil der Sammlung kam nach Leipzig, der damaligen Wirkungsstätte Professor Gaßmeyers. Der Rest des Wagner-Museums fand in der Privatwohnung des genannten Herrn (Kleingraupa, Borsbergstraße 22 ~B~) ein vorläufiges Heim. Das Wohngebäude des Lohengringutes enthält jetzt Privatwohnungen, da die genannte Haushaltungsschule nach Arwedshof bei Bad Lausick verlegt worden ist. _In den beiden baulich veränderten Wagnerzimmern erinnert heute nicht das Geringste mehr an den einstigen Aufenthalt des Meisters._ III. Richard Wagners Sommeraufenthalt in Großgraupa. Es war an einem schönen Vorsommertage des Jahres 1846, als der junge Dresdner Kapellmeister Richard Wagner in dem mit Weinspalier geschmückten, von einem alten Nußbaum bewachten Bauerngehöfte seinen Einzug hielt. Hier hatte er den ruhigen Landsitz gefunden, der ihn und seine Gattin _Minna_ – sie stammte aus einer armen Familie Öderans – für einige Monate dem Trubel und dem teuren Leben der großen Stadt entrücken sollte, daneben auch den Intrigen, dem Klatsch und Neid der Theater-Atmosphäre. Hier in Graupa wollte Wagner sich von den Anstrengungen des Dresdner Dienstes erholen, aber auch am Lohengrin arbeiten. In sehr entgegenkommender Weise hatte ihm die Theaterintendantur, der _Generaldirektor von Lüttichau_, einen längeren Urlaub bewilligt. Auch war dem Meister vom König großzügig eine beträchtliche Geldsumme zur Regelung seiner zahlreichen finanziellen Verpflichtungen zur Verfügung gestellt worden, so daß das junge Paar ziemlich sorgenlos einige Wochen auf dem Lande verbringen konnte. Als die Kutsche vor dem Schäferschen Bauerngut hielt, die den angemeldeten Sommergast mit seiner jungen Frau hierher gebracht hatte, schaute ein großer Kinderschwarm neugierig dem Einzuge des Paares zu, das den Mädels und Buben mit Silberstücken für den Empfang dankte. In erster Linie waren die Geschenke freilich für die zahlreichen Schäfer-Kinder bestimmt. Ein uraltes Mütterlein hat erzählt, wie es damals als kleines Mädel auch eine Gabe von Richard Wagner erhalten habe, aber zurückerstatten mußte, als sichs herausstellte, daß es nicht zur Schäferschen Familie gehöre. Die Freunde des Meisters haben dem Mütterchen später eine große Freude bereitet, indem sie ihm einen kostenlosen Besuch der Lohengrin-Aufführung im Dresdner Opernhause vermittelten. – Oben im ersten Stock des schönen Fachwerkbaues waren die beiden besten Stuben dem jungen Paare für seinen Landaufenthalt eingerichtet worden. Sogar ein Flügel war vorhanden. Von den Fenstern an der Giebelseite blickte das junge Paar zwischen Weinspalier hinab auf den traulichen Dorfplatz mit den ihn rings einschließenden Bauerngehöften. In dem Schäfergute verlebte nun Richard Wagner mit Minna köstliche Wochen, die sein Herz wieder froh machten, seine angegriffenen Nerven stärkten und ihn nach einiger Zeit auch zu neuem Schaffensdrang anregten. Wenn der Meister nicht an seinem Lohengrin schuf, durchstreifte er allein, nur in Begleitung des treuen Hundes Peps, oft aber auch an der Seite seiner Gattin, die wundervolle Umgebung des Heidedörfchens. Der sich zum Borsberg hinanziehende Tiefe Grund, das Pillnitzer Elbgebirge, die Jagdwege mit den Hohen Brücken, das malerische Bonnewitz, vor allem aber die _Graupaer Heide_ und der _Liebethaler Grund_ mit der _Lochmühle_ waren die Stätten, die immer wieder aufgesucht wurden. An den Sonntagen stellten sich meist Freunde und Bekannte aus der Residenz ein, manchmal waren es der Gäste soviel, daß der Meister wenig Freude an den Besuchen hatte. In den ersten Tagen des August kehrte dann das junge Paar nach Dresden zurück. Wie lieb aber dem Meister der Töne die Graupaer Landschaft geworden war, wie sehr sie ihm unvergeßlich blieb, können wir aus seinen späteren Besuchen entnehmen. Wiederholt suchte Wagner die Gegend an schönen Tagen auf, zuletzt als Greis in Begleitung seiner Familie am 10. August 1881. Da durchwanderte er mit den Seinen den Liebethaler Grund und hielt Einkehr in der _Lochmühle_, wo er vor fünfunddreißig Jahren am Wehre sein Lieblingsplätzchen gehabt hatte. Beim Rauschen und Tosen der Wesenitz, beim Brausen und Schäumen des Wassersturzes hatte sich Richard Wagner in jenem Sommer des Jahres 1846 Aufzeichnungen gemacht, die er für seine Lohengrin-Musik verwendete – ähnlich wie man es von _Carl Maria von Weber_ erzählt, der auf dem Hockstein und am Amselfall komponierte. Die hier von dem Grünbach gebildete Höhle diente dem Textdichter des Freischütz, Kind, als Motiv für die Gestaltung der Wildschützenszene. An der Lochmühle hatte die uralte und schönste aller Wesenitzbrücken Richard Wagner oft über sie dahinschreiten sehen, wenn er in der Felsschlucht auf der langen Treppe nach Daube und Lohmen hinaufgestiegen war. Noch heute hält das genannte Wirtshaus pietätvoll die Erinnerung an seinen berühmtesten Gast fest … IV. Was uns der Meister und seine Freunde vom Graupaer Sommer berichten. Mitte Mai 1846 war Richard Wagner, mit einem dreimonatigen Urlaub in der Tasche, in Großgraupa eingezogen. Am 21. Mai schreibt er in einem Briefe an _Karl Gaillard in Berlin_: »… Gott sei Lob, ich bin auf dem Lande. Eine große Wohltat hat mir mein König durch die Gewährung eines längeren Urlaubs erzeigt … _Ich wohne in einem gänzlich unentweihten Dorfe; ich bin der erste Städter, der sich hier eingemietet hat._ Nun hoffe ich, alle Erlabung meines Gemüts und meiner Gesundheit von meinem Bauernleben. Ich laufe, liege im Walde, lese, esse, trinke und suche das Musikmachen ganz zu vergessen …« (Quelle: Carl Fr. Glasenapp, Das Leben Richard Wagners, 2. Band, S. 154.) Die zahlreichen, oft recht weit ausgedehnten _Spaziergänge_, bei dem Richard Wagner einen riesigen, breitkrempigen weißen Strohhut trug, übten einen heilenden und ausgleichenden Einfluß auf das Gemüt des Meisters aus. Glasenapp bemerkt hierzu in seinem oben angeführten Werke: »Ein innigst ansprechendes Bild seines damaligen Verkehrs mit Fels und Wald, wie er mit der 1. musikalischen Aufführung des Lohengrin Hand in Hand ging, tritt uns aus den Briefen entgegen: Wir sehen ihn da auf einsamen Wanderungen fern vom Qualm der Stadt heraustreten in ein schön belaubtes Tal, sich auf das Moos strecken, dem schlanken Wuchs der Bäume zuzuschauen, einem lieben Waldvögelchen lauschen, bis ihm im traulichsten Behagen eine gern ungetrocknete Träne entrinnt … Und noch sechs Jahre später im Schweizer Exil verschmilzt ihm das Bild dieser heimatlichen Natur und ihrer auf den Streifzügen besuchten mannigfachen Ortschaften mit der Erinnerung an die Entstehung seines Werkes: ›Fast bin ich doch überall da gewesen. _In Dittersbach auf Schönhöhe habe ich gelohengrint_ …‹« Was Richard Wagner selbst über seine Streifzüge durch die schöne Umgebung Großgraupas und über die Bedeutung der hier verlebten Erholungswochen urteilt, hat er uns auch an anderer Stelle erzählt. Er schreibt: »Zu meiner Erholung von allen überstandenen Mühseligkeiten hatte ich mir nun als höchste Gunstbezeugung von meiner Direction einen dreimonatigen Urlaub ausgewirkt, um in ländlicher Zurückgezogenheit sowohl mich zu erholen, als reinen Atem zum Beginn einer neuen Arbeit schöpfen zu können … Ich hatte hierzu ein Bauernhaus in dem auf halbem Wege zwischen Pillnitz und dem Eintritt in die Sächsische Schweiz gelegenen Dorfe _Groß-Graupe_ ausgesucht. Häufige Ausflüge auf den _Porsberg_, nach dem nahen _Liebethaler Grunde_, auch nach der entfernteren _Bastei_ trugen bald zur Stärkung meiner angegriffenen Nerven bei … In dem _Flußbade bei Pirna_, wohin ich fast täglich gegen Abend zu meiner Erfrischung mich aufmachte, überraschte es mich eines Males, von einem mir unsichtbaren Badenden die Melodie des _Pilgerchores aus Tannhäuser_ gepfiffen zu hören. Dieses erste Anzeichen einer möglichen Popularisierung des zunächst nur mit so großer Mühe in Dresden durchgesetzten Werkes machte auf mich einen Eindruck, den keine ähnliche spätere Erfahrung je hat überbieten können … Im ganzen blieb ich meist nur auf den Umgang mit meiner Frau, auf meinen weiteren Spaziergängen sogar nur auf den mit meinem _Hündchen Peps_, angewiesen. Während dieses Sommerurlaubs, von welchem eine bedeutende Zeit anfänglich noch der Besorgung meiner widerlichen Geschäfte und der Stärkung meiner Gesundheit allein gewidmet werden mußte, gelang es mir doch, _die Musik sämtlicher drei Akte des Lohengrin_, wenn auch nur in sehr flüchtigen Umrissen, zu skizzieren. Mit dieser Ausbeute kehrte ich im August nach Dresden zu meinen bereits immer lästiger mir werdenden Kapellmeisterfunktionen zurück.« (Quelle: Richard Wagner, Sämtliche Schriften und Dichtungen. Volksausgabe, 13. Band, Leipzig, Breitkopf & Härtel. 2. Teil, 1842/50, Seite 160.) Ich erwähnte vorhin kurz die Besuche, die Richard Wagner und Frau Minna aus der nahen Residenz erhielten. Eine besondere Bedeutung kommt von den zahlreichen Gästen dem _Bildhauer Gustav Kietz_ zu, der damals noch Schüler der Dresdner Akademie war. Von seiner Meisterhand stammt u. a. das den Marktplatz der Stadt Pulsnitz zierende Denkmal Ernst Rietschels, ferner das zwei Jahre nach dem Tode Gustav Nieritzs geschaffene Denkmal dieses Volkserzählers. Erwähnt sei hier nur noch ein von Robert Kietz gezeichnetes Bildchen Richard Wagners vom Jahre 1844, »Richel und Cile, die Mama erwartend bei Loschwitz« (Cile = Richard Wagners Stiefschwester Cäcilie). Unser Meister hatte den jungen Bildhauer sehr in sein Herz geschlossen. Gustav Kietz spricht sich nun in einem Briefe ausführlich über seinen ersten Besuch in Großgraupa aus, ebenso über einen dreißig Jahre später hierher unternommenen Spaziergang. Er schreibt da: »Der erste Besuch in Wagners Sommerfrische ist mir besonders dadurch erinnerlich, daß ich, im Begriff zu fragen, wo eigentlich der Herr Kapellmeister wohne, in den Flur eines Hauses tretend, sogleich durch Töne aus dem _Tannhäuser_ elektrisiert wurde, die vom oberen Treppenflur herabschallten. Eine Sandsteintreppe führte in diesen oberen Vorraum, in welchem als einzigem größeren Raume ein Flügel aufgestellt war. An ihm saß Wagners Schwägerin … und spielte darauf den Pilgerchor … Mehr als dreißig Jahre später betrat ich das Haus aufs neue. Ich lief schnell die Treppe hinauf, und sofort sah ich alles so, wie es mir in Erinnerung war. In dem Stübchen sah ich genau den Platz, wo Tisch und Sofa standen, und mir kam der herrliche Mittag, den ich dort verlebte, mit allen, die dabei waren, wieder lebendig vor die Seele. Selbst das Plätzchen hinter der Scheune mit seinen Obstbäumen und dem herrlichen Ausblicke auf die Berge war noch unverändert, sogar der kleine Weg, der durch die Wiesen des Talgrundes nach den Bergen führt und auf welchem der Meister von seinem Spaziergange zurückkam, ist noch derselbe …« (Quelle: Glasenapp.) Am 27. Juli 1894 ließen Gustav Kietz und die Seinen – Familien Kietz-Geisberg – die noch heute vorhandene, aber nicht mehr zu entziffernde _Marmortafel_ am Giebel des Schäfergutes zwischen dem ersten und zweiten Stock anbringen. Ihre Inschrift lautet: ~In diesem Hause entwarf RICHARD WAGNER im Sommer 1846 die Musik zum LOHENGRIN. Errichtet im Jahre der ersten »Lohengrin«-Aufführung in Bayreuth 1894.~ V. Heimatschutz und Lohengrinhaus. Immer und immer wieder kommen in Briefen und in der Presse Angriffe gegen die Behörden, den Heimatschutz, den Verein zur Erhaltung des Lohengrinhauses in Großgraupa, gegen die Richard-Wagner-Vereinigungen und andere hier interessierte Kreise, es möchte doch diese denkwürdige, erhaltenswerte Stätte zu einem Nationalheiligtum erklärt und in den Besitz eines dieser Vereine gebracht werden. Der Vorwurf, daß in dieser Angelegenheit nichts getan worden sei, ist völlig unbegründet, wie eine Einsichtnahme in die bis auf die Zeit vor Kriegsausbruch zurückgehenden umfangreichen Akten klar erkennen läßt. Es fragt sich nur, ob es sich wirklich jetzt noch lohnt, riesige Summen für ein Grundstück aufzubringen, in dem gar nichts mehr an jenen Sommer 1846 erinnert, oder ob man sich nicht begnügen muß, die zwei Gedenktafeln zu erneuern und zu erhalten. Es ist von mir schon angedeutet worden, daß im und am Lohengrinhause leider sehr große bauliche Veränderungen vorgenommen worden sind, die zu verhindern, damals nicht in der Macht der Behörden bzw. interessierter Kreise stand. Das Gebäude ist um 1918, als die Haushaltungsschule hier einziehen sollte, im Innern und Äußern durch Erneuerungen, Um- und Ausbauten stark verändert worden, wobei besonders das schöne Treppenhaus und das Fachwerk litten. Geradezu als eine Verschandelung ist der Balkon an der Giebelseite anzusehen, der von dem Richard-Wagner-Zimmer jetzt ins Freie führt. Einst war die nach dem Dorfplatz zeigende Schauseite des Gebäudes bis ans Dach mit Weinspalier bedeckt. Als man hier neue Mauern aufführte, mußte das Spalier entfernt werden. Es ist gegenwärtig nur zum Teil wieder erneuert worden. Dem mit viel Fleiß und feinem Verständnis von überall her zusammengebrachten kleinen Schätzen des Wagner-Museums hatte der frühere Besitzer des Gutes pietätvoll die zwei leeren Zimmer überlassen, die der Meister im Sommer 1846 bewohnt hatte. Lange Zeit stand diese Sammlung von Wagnererinnerungen den sich aus aller Herren Ländern hier einfindenden Freunden und Verehrern des Altmeisters zur Besichtigung und zu Studienzwecken zur Verfügung. Der jetzige Eigentümer hat jedoch vor Jahren dem Verein zur Erhaltung des Lohengrinhauses in Großgraupa, wie schon erwähnt, gekündigt und die Sammlung vor die Tür gesetzt. Die Mittel des Vereins langten nicht, das Grundstück zu erwerben, und der Weltkrieg und die Inflation unterbrachen die mit dem Heimatschutz darob angeknüpften Verhandlungen. Wie die Verhältnisse heute liegen, wird der Heimatschutz wohl kaum zu dem Entschluß kommen können, das Lohengrinhaus käuflich zu erwerben, wie er dies beispielsweise mit dem so pietätvoll erhaltenen und gepflegten _Weberhäuschen_ im nahen Hosterwitz getan hat. Eine von führenden Persönlichkeiten des Heimatschutzes unternommene Besichtigung des Lohengrinhauses ergab, »daß aus dem alten Fachwerkbau in Großgraupa ein ziemlich nüchternes Steingebäude geworden ist, dessen Räume im Innern gegenüber dem früheren Zustande völlig verändert worden sind, so daß irgendwelche Poesie oder sonstige geschichtliche Erinnerungen an die Schaffensstätte Richard Wagners vollständig verblichen sind …« Der Gedanke, den im Besitz von Prof. Gaßmeyer befindlichen Rest des _Wagner-Museums_ wieder in das Lohengrinhaus zurückzubringen, würde wohl nur bei einem Kaufe des Gutes ausführbar sein. Doch ist ja dort alles so verändert, daß man eine Veranlassung dazu wirklich nicht recht einsehen könnte, um so weniger, als die genannte Sammlung nur ganz wenige Erinnerungen an den Sommeraufenthalt des Meisters enthält und alle übrigen Gegenstände ebensogut in jedem anderen Museum bzw. Wagnerzimmer den Fremden gezeigt werden können. Wie heute die Dinge liegen, kann man dem Gutachten nur zustimmen: »Die wenigen Erinnerungen in das Lohengrinhaus wieder zurückzubringen, ist zwecklos, da sie dort in Räumen, die heute ganz anders aussehen, auch nicht anders aufbewahrt werden könnten, als in irgendeinem dem Gedenken Richard Wagners gewidmeten Raume eines Museums« … Bei aller Anerkennung der Verpflichtung, Wagner-Erinnerungen unseres Sachsenlandes der Heimat zu erhalten, kann vom Heimatschutz aus nichts weiter getan werden, als die verblichene Gedenktafel am Giebel und die Inschrift an der Einfahrtssäule erneuern zu lassen und darüber hinaus die Verbindung mit den Kreisen aufrecht zu erhalten, die schon bisher das Lohengrinhaus als ein Sorgenkind betrachtet haben, damit keine weiteren Pietätlosigkeiten die Spuren des Altmeisters in Großgraupa völlig verwischen. Horei! Horei! Von _Karl-Heinrich Diener von Schönberg_ Wenn Altweibersommerfäden im Revier die Äste zusammenspinnen und silberblaue Schleier über unseren Bergen liegen, dann klingt von allen Höhen das Singen der Hütejungen und ihr »Horei! Horei!« liegt in der Luft, selbstverständlich und heimathaft. – Wie bei allem, was wir von Kind auf kennen, haben wir zu wenig Abstand zu diesem unzählige Male gehörten Liede, um nüchtern darüber zu urteilen. Leider! Denn gerade wo unsere Zeit so stark für Heimatbewegung eintritt, hat es mich stets gewundert, daß gerade dieser Heimatschatz fast gänzlich unbeachtet blieb. Nur im sächsischen Dichterbuch fand ich ein sehr hübsches Gedicht von einem Lengefelder Lehrer, P. Rother, darüber. Und doch ist dieses Lied vielleicht hier in unserer engeren Heimat unser einzigstes _Volks_lied. Liegt nicht schon im Sinne dieses Wortes, daß es nicht komponiert, nicht zurechtgelegt, nicht gedichtet wird? Es ist auf einmal da. So wie der erzgebirgische Wald seit Jahrhunderten da, die Felder, die Häuser, so ist dieses heimatlichste aller Lieder auch da gewesen, ohne daß man weiß, woher und wie. Die künstlichen »Volkslieder«, die man uns zu Heimatliedern machen will, haben alle einen betont heimatbegeisterten Text. Dieses ureigentlichste Erzgebirgslied hat keine Worte, die die Kinder in der Schule mühsam auswendig lernen müssen. Es hat nur seine Melodie, oder irgendein paar Worte, die sich die Kinder selbst zurechtlegen. Und das ist ja das Herrliche daran! Diese paar Takte Melodie sind schon an sich vollkommen: Heimat und Herbst und Liebe zur Scholle, sind wesenlos und zeitlos und unsagbar wehmütig. Nur noch einmal habe ich fast dasselbe gehört, das waren in Ungarn die Zigeunerlieder. Auch hier: ein kleines Lied, abgerissen und unvollständig, in einem Rhythmus, dessen Stärke in seiner Unbestimmbarkeit und Regellosigkeit liegt, – und wenn man fragen wollte, wie es heißt oder was es bedeutet: – ein kleines Nichts, ein paar Takte Melodie, und doch: _Alles_! Ich bin kein Wortforscher und weiß auch nicht, was das heißt: Horei, und woher es kommt. Das ist ja aber auch so unglaublich nebensächlich! Die Hauptsache ist: _es ist da_! Wie froh dürfen wir sein, daß wir es noch haben. Aber wir müssen alles tun, daß wir es niemals verlieren, und dazu müssen wir uns zu allererst einmal seines Besitzes bewußt werden! Man zeigt uns die – längst abgelegten – Kostüme anderer Gegenden, man singt erzgebirgische Lieder, die im Grunde nur Lieder im erzgebirgischen Charakter sind (ohne sie irgendwie herabsetzen zu wollen), aber man weiß nicht, daß jeden Herbst unser ganzes Erzgebirge anfängt aufzuklingen. Ja, wir müssen dieses Lied lieben lernen, und die Lehrer sollten den Schulkindern, die draußen beim Hüten ihr Horei singen, sagen, daß es nichts Nebensächliches ist, was sie da singen, nichts Sinnloses, sondern etwas wunderbar Schönes! Und wenn wir dann wieder einmal auf die Höhen gehen, über die der herbstliche Abendwind das »Horei« herüberträgt, dann werden auch wir hier etwas von der Stimmung fühlen, die Rainer Maria Rilke in die Worte faßt: »Wenn ein Kind sacht singt beim Kartoffeljäten, klingt Dir sein Lied im späten Traum noch der Nacht. Magst Du auch sein weit über Land gefahren, fällt es Dir doch nach Jahren stets wieder ein.« St. Ulrich und die deutsche Namengebung Von _M. Raich_, Schondorf, Oberbayern Ulrich und Jehle – wie reimt sich das zusammen? Beide Worte haben nur den einen Buchstaben l gemeinsam. Und doch steckt der Name des großen Bischofes von Augsburg (890–973) in dem Namen Jehle, und nicht nur in diesem, sondern auch in zahlreichen heute sehr viel anders lautenden deutschen Namen. Aus der Familie der späteren Grafen von Dillingen entsprossen und zu St. Gallen gebildet, wurde Bischof Ulrich nicht nur der Erneuerer, sondern auch der Retter seines Bistums, da er zu der glänzenden Besiegung der Ungarn auf dem Lechfelde im Jahre 955 ganz wesentlich beigetragen. Schon zwanzig Jahre nach seinem seligen Hingange durch Johann XV. auf der Lateranensischen Synode heilig gesprochen (es war die erste feierliche Heiligsprechung überhaupt), wurde der ehemalige Anwalt der Armen und Apostel des Friedens, der auch als Bischof so einfach wie ein Mönch gelebt, nicht nur in den Bistümern Augsburg und Konstanz (letzteres die größte deutsche Diözese), sondern weit darüber hinaus vom christlichen Volke verehrt. So wurde sein Name als Taufname beliebt. Letztere Übung erhellt z. B. daraus, daß in den Registern und Kameralakten Klemens’ VII. von Avignon (Göller Emil, ~Repertorium Germanicum~ 1, Berlin 1916) aus den Jahren 1378–1394 nicht weniger als vierzig Personen mit dem Taufnamen Ulrich genannt werden. Daß diese Vorliebe auf die um jene Zeit allenthalben in deutschen Landen eben vollendete Familiennamengebung von großem Einfluß war, ist um so einleuchtender, als gerade die mittelalterlichen Taufnamen, mögen sie nun, was zumeist der Fall war, dem germanischen oder dem nichtdeutschen biblischen oder griechisch-römischen Sprachgebiete entnommen sein, dabei eine Hauptrolle spielen. Dazu kommt, daß der Taufname Ulrich auf schwäbisch-bayerisch-alemannischem Gebiete, wie auch für Altbayern die ~Monumenta boica~ ausweisen, seit dem elften Jahrhundert neben Heinrich und Konrad einer der allerhäufigsten ist. Der hagiologische Einfluß berechtigt uns, auch die Kurz- und Koseformen wie z. B. Ul und Uz zum Vollnamen Ulrich zu stellen, zumal sie auch urkundlich so belegt sind. Die Volkstümlichkeit unseres Heiligen erhellt auch daraus, daß er unter anderem gegen Rattenplage, Gichtleiden und Übelkeit angerufen wurde. Daher die bekannte Redensart: »den heiligen Ulrich anrufen«, d. h. sich erbrechen. Ich erinnere an den Glauben, daß der von schwerer Beängstigung frei werde, welcher aus dem vom hl. Ulrich im Schloß Firmian in Tirol gebrauchten Silberkelch Wein (die sogenannte Ulrichsminne) trinkt. Um nun auf das Thema überzugehen, sei zunächst festgestellt, daß die verhältnismäßige Kürze des Namen Ulrich ohne volkstümliche Vereinfachung dazu führte, ihn vielfach in voller Form, teils ganz unversehrt, teils mit unwesentlichen Veränderungen zum Familiennamen zu erheben: Ulrich, Ulrici, Uhlrich, Ulerich, Ullerich, Uldrich, Ulreich. Aus all diesen Formen spricht noch klar der schöne altdeutsche Personenname Udalrich, d. h. mächtig durch Erbgut. Das Bestimmungswort udal lebt übrigens noch heute im Wort Kleinod, d. h. kleines, aber wertvolles Gut. Da die ältere Form uodal nicht nur in udal, sondern auch in odal verwandelt wurde, gehören aber auch die Familiennamen Olerich, Oelreich, und Oellrich zu Uodalrich. Dieser stieg je nach der Gegend regelmäßig in jener Form zum Familiennamen auf, wie er als Rufname geläufig war. So sagt z. B. der Schweizer heute noch statt Ulrich lieber Uelerich, oder Uelrech, aber auch mit mundartlicher Lässigkeit Ueleri, Uerich und Ueri, während der Allgäuer die Formen Uerich und Uere gebraucht. Hieraus erklärt sich auch der Familienname Urich (Innsbruck). Da es allgemein üblich ist, im familiären und gesellschaftlichen Verkehr die Taufnamen zu kürzen und sich vielfach mit dem ersten Teile zu begnügen, lauten z. B. die schweizerischen Rufnamen für Ulrich auch Ueli und Üeli. Aus Flamms Ortsbeschreibung der Stadt Freiburg i. Br. sind uns, was ja für diesen Zweck ungleich wichtiger ist, folgende alte Formen des Taufnamens Ulrich bezeugt: Ul, Ulin, Uli, Yelin, Yehle, Ihelin (letztere drei mit Betonung des Anfangsbuchstabens und kurz nachklingendem e, also I–he–lin). Aus Iele (gesprochen I–ele dreisilbig), wurde aber auch unter Verlegung des Tones auf das e und Verwechslung des I (Vokal) mit Jod (Halbvokal) der Familienname Jeh–le (zweisilbig). Diese Wandlung ist übrigens bei weitem nicht so stark, als wenn z. B. aus Cyriacus und Hieronymus Zilk und Grolms sich entwickelten, welche als Familiennamen heute noch im deutschen Norden vorhanden sind. So verstehen wir nun auch die Familiennamen Uhl, Ohl, Uhli, Hochuli, (d. h. der Ulrich auf der Höhe), Ule, Uhle, Uhlmann, Ulmann (was ich ehestens als Mann, d. i. Besitznachfolger auf dem Hofe des Ulrich deute), Ullemeyer (Ulrich der Erbpächter), Uehlin, Uhlin, Uihlein, Uhlein, Ühle, Ühling, (d. h. des Ulrich Sohn), Ihli, Ihle (beide Entrundungen auf alemannischem Gebiete häufig), Ihlée, Ille, Jehl, Jehlein (letztere Form fränkisch) und Jehle (schwäbisch). Diese Fruchtbarkeit des uralten Ulrich ist hiermit noch keineswegs erschöpft. Aus der Koseform Odizo (mit Ton auf erster Silbe und kurzem i) ergab sich die Rufform Uz, woraus folgende Namen flossen: Utz, Utzmann, Uez und Uetz. Die Zusammensetzungen Hermanutz (auch einen Hermanautz gibt es), sowie Schmidutz und Fleschutz (welch letztere zwei mir in einer Stift Kemptischen Urkunde vom Jahre 1526 begegneten und heute noch vorhanden sind), fasse ich als Inhaber der Hermannshofes respektive als Ulrich der Schmied und Ulrich zur Flasche (Hausname). Als echt sächsische Namen aber erscheinen die Formen Uhlitzsch und Ultzsch. Da der Norddeutsche die Koseform –iko (neuzeitlich –chen) beliebte, ergaben sich in seiner Heimat auch die Familiennamen Ölke, Öllig, Uhlig und Ullig. Zum Schlusse sei noch angemerkt, daß die Schweizer Mundart noch eine ganze Reihe uns höchst sonderbar anmutender Gebilde aus Ulrich schuf, die jedoch meines Wissens entweder nie zu Familiennamen aufstiegen oder schon bald wieder von der Bildfläche des Lebens verschwanden (Innsbrucker Familienname Wule?): Uech, Uechel, Üeltsch, Üeltschi, Uekk, Üelk, Worch, Orch, Wuli, Wultsch, Woli, Suechel, Süeri und Nuechi. Zum Verständnis der letzten beiden Gruppen möchte ich einiges anfügen. Der Alemanne spricht Worte und Silben, welche mit den Buchstaben or anfangen, mit anlaufendem W aus (z. B. Worgel, Wordnung, statt Orgel, Ordnung), also konnte Orich Worch und aus Uorli Wuli werden. Ferner wurde nicht selten im Volksmunde der letzte Buchstabe der lateinischen Bezeichnung für heilig, nämlich sant aus Unkenntnis des Sachverhaltes mit dem Namen des Heiligen selbst verknüpft. Aus sant Agatha wurde z. B. Datte (bei Burgberg). So scheint auch aus san (statt sant vergl. San Sebastian) uechi kurz Nuechi und aus S. Üeri durch Zusammenziehung Süeri entstanden zu sein. Drei Jahre Pflanzenschützer Von _B. Knauth_, Dresden Das Frühlingssehnen gemahnt uns auch an Pflanzenschutz. Bekanntlich ist die Flora Sachsens verarmt, besonders durch eifriges Sammeln seltener Pflanzen für Herbarien und durch sinnloses Pflücken von Sträußen. Deshalb hat der Sächsische Heimatschutz beim Ministerium des Innern Verordnungen beantragt, die nicht allenthalben bekannt zu sein scheinen. Die erste Verordnung vom 25. Mai 1923 wurde am 9. März 1925 von einer zweiten überholt, die folgendermaßen lautet: 1. Die in der Anlage bezeichneten Pflanzenarten werden geschützt. Der Schutz erstreckt sich auf das ganze Jahr. 2. Es ist verboten, die geschützten Pflanzen zu entfernen oder zu beschädigen, insbesondere sie auszugraben, auszureißen, abzupflücken oder abzuschneiden. Auch dem Nutzungsberechtigten ist untersagt, die Entfernung der Pflanzen Dritten, welche sie veräußern wollen, zu gestatten. In der Verwertung des Grundstücks, wie es dessen wirtschaftliche Nutzung mit sich bringt, ist der Nutzungsberechtigte nicht behindert. 3. Verboten ist ferner das Feilhalten, der Verkauf und die sonstige Veräußerung, sowie der Ankauf der geschützten Pflanzen, soweit es sich nicht um Erzeugnisse des Gartenbaues handelt. 4. Wer geschützte Pflanzen, die im Garten gezogen worden sind, feilhält oder verkauft, muß im Besitze eines schriftlichen Ausweises der Ortspolizeibehörde über den Erwerb sein. Der Ausweis hat auch die Zeit des Erwerbes und die Mengen der erworbenen Pflanzen anzugeben. 5. Übertretungen dieser Vorschriften werden mit Geldstrafe bis zu 150 Mark oder mit Haft bestraft. _Dresden_, den 9. März 1925. _Ministerium des Innern._ Anlage. 1. Türkenbund, ~Lilium martagon~. 2. Märzenbecher (Märzglöckchen), ~Leucoium vernum~. 3. Wiesenschwertlilie, ~Iris sibirica~. 4. Alle Knabenkräuter (Orchengewächse), ~Orchidaceae~. 5. Pfingstnelke, ~Dianthus caesius~. 6. Weiße Teichrose, ~Nymphaea alba~. 7. Trollblume, ~Trollius europaeus~. 8. Kuhschelle (Osterblume und Wiesenschelle), ~Pulsatilla vulgaris~ und ~pratensis~. 9. Leberblümchen, ~Hepatica triloba~. 10. Silberblatt, ~Lunaria rediviva~. 11. Sumpfporst, ~Ledum palustre~. 12. Schneeheide, ~Erica carnea~. 13. Wohlriechendes Primel (Himmelschlüssel), ~Primula officinalis~. 14. Alle Enzianarten, ~Gentiana~. 15. Kellerhals (Seidelbast), ~Daphne Mezereum~. 16. Kuglige Rapunzel, ~Phyteuma orbiculare~. 17. Alpenlattich, ~Mulgedium alpinum~. 18. Bergwohlverleih, ~Arnica montana~. (Weidenkätzchen waren schon vorher geschützt.) Ergänzt wurde diese Verordnung durch eine vom 15. Februar 1926: Schutz der Weidenkätzchen. 1. Nach dem Forst- und Feldstrafgesetz vom 26. Februar 1909 §§ 6 flg. wird mit Geldstrafe oder mit Haft bestraft, wer aus dem Walde, vom Felde oder aus Gärten Weidenkätzchen entwendet. Gefängnisstrafe bis zu sechs Monaten tritt u. a. ein, wenn die Tat zum Zwecke der entgeltlichen Veräußerung des Entwendeten begangen worden ist. Auch die vorsätzliche Beschädigung von Weiden wird bestraft. In Ergänzung dieser Vorschriften, die den notwendigen Rücksichten auf Pflanzenschutz, Bienenzucht und Volksernährung nicht ausreichend gerecht werden, wird das gewerbsmäßige Feilbieten, Versenden, Verkaufen sowie das sonstige Veräußern von Weidenkätzchen oder Kätzchen tragenden Zweigen der Weide verboten. Zuwiderhandlungen werden mit Geldstrafe bis zu 150 Mark oder mit Haft bis zu sechs Wochen bedroht. Diese Strafe trifft auch denjenigen, der einen erlaubten Erwerb der Weidenkätzchen nicht nachweisen kann. 2. Das Verbot bezweckt vornehmlich den Schutz der wildwachsenden Weidenkätzchen und erstreckt sich nicht auf die in Handelsgärtnereien zum Schnitt angepflanzten und gezogenen Weiden. Wer derart gezogene Weidenkätzchen aus Handelsgärtnereien bezogen hat, feilbietet und veräußert, muß im Besitz eines schriftlichen Ausweises über den Erwerb vom Handelsgärtner sein. Der Ausweis muß vom Gemeinderat der Niederlassung des Handelsgärtners beglaubigt sein und außer dem Zeitpunkte des Erwerbes auch die Menge der erworbenen Weidenkätzchen angeben. 3. Die Polizeibeamten sind anzuweisen, Blumengeschäfte, Straßenhändler und Verkaufsstände (z. B. in Markthallen) scharfer Aufsicht zu unterziehen. Jeder Fall, in dem ein erlaubter Erwerb der Weidenkätzchen nicht nachgewiesen werden kann, ist anzuzeigen. Die Verordnung vom 12. Februar 1925 findet hierdurch ihre Erledigung. Und am 7. April 1927 wurde folgendes verordnet: Um Zweifeln über die Tragweite der Pflanzenschutzverordnung vom 9. März 1925 zu begegnen, weist das Ministerium des Innern darauf hin, daß das nach § 3 der Verordnung verbotene Feilhalten, Veräußern und Ankaufen geschützter Pflanzen sich nicht nur auf Pflanzen bezieht, die aus Sachsen stammen, sondern auch auf alle aus anderen deutschen Ländern oder aus dem Auslande eingeführte Pflanzen der in der Verordnung bezeichneten Art, soweit es sich nicht um Erzeugnisse des Gartenbaues handelt. Bliebe das Feilhalten, der Verkauf und der Ankauf geschützter außerhalb Sachsens gewachsener Pflanzen nachgelassen, so würden die Verkäufer inländischer Pflanzen mit der unwahren, schwer widerlegbaren Angabe, es handle sich um ausländische Pflanzen, schnell bei der Hand sein. Eine Ausnahme will das Ministerium des Innern im Einvernehmen mit dem Wirtschaftsministerium zur Vermeidung wirtschaftlicher Schädigungen nur hinsichtlich der in Blumengeschäften und Kranzbindereien feilgebotenen _weißen Teichrosen_ machen, die in beträchtlichen Mengen von auswärts, namentlich aus Preußen, bezogen werden, wo sie nicht geschützt sind. Eine Nachprüfung, ob es sich um außerhalb Sachsens gewachsene Pflanzen handelt, wird durch gelegentliche Prüfung eingegangener Sendungen unschwer vorgenommen werden können. Also seit dem 25. Mai 1923 schon haben wir in Sachsen gesetzlichen Pflanzenschutz. Aber wie das Waffenverbot und andere blieben diese Verordnungen fast wirkungslos, zum Teil deshalb, weil die in Frage kommenden Aufsichtsbeamten nicht genügend Pflanzenkenntnis hatten. Der Sächsische Heimatschutz sah sich deshalb veranlaßt, pflanzenkundige Kontrolleure zu ernennen, um vor allem Blumenläden und Markthallen überwachen zu lassen. Auch mir ward solch ein Auftrag, den ich gern übernahm. Ist es an sich schon eine Freude, einer guten Idee zu dienen, so dies um so mehr, wenn man an der Hand der Pflicht immer wieder zu Blumen geführt wird. Ich bin nicht Dichter genug, um herauszufühlen, ob mich die Blumen beim Betreten eines solchen Ladens als ihren Beschützer begrüßten. Aber beim Aufklären der Ladeninhaber kam es mir manchmal so vor. Und Aufklären war sehr vonnöten, denn die Kenntnis über Pflanzenschutz war oft erstaunlich gering. Als ich einer Händlerin, die offenbar Unkenntnis nur vorschützte, sagte: »Es hat ja in der Zeitung gestanden!« erwiderte sie: »Ich habe keine Zeit, solch Zeug zu lesen«. Ich mußte ihr antworten: »Dann werden Sie Zeit haben, Strafzettel zu lesen«. – Zu Beginn meiner Tätigkeit im März 1925 fragte ich auf dem Dresdner Altmarkt eine Hökerin harmlos: »Haben Sie Märzenbecher?« »Nee, aber die müssen nu bal komm!« Ich: »Die dürfen Sie nicht verkaufen, wenn die Blumen nicht in Gärtnereien gezogen sind.« Sie: »Ja, so heeßt’s, aber darof pfeifen wir!« Ich: »Sie werden bald aufhören zu pfeifen, denn jetzt fange ich an zu pfeifen, aber aus einem anderen Tone. Ich lasse Sie bestrafen, wenn Sie die Verordnungen nicht befolgen!« Sie: »Sie ham mir en Dreck zu sagen!« – Der Umgangston dieser »Damen« veranlaßte mich, fortan nur in Begleitung eines Schutzmannes zu kontrollieren, zumal ich nicht Beamter bin. Und das war gut, denn anfänglich waren allerlei Grobheiten und Widerstände mit in Kauf zu nehmen. »Sie ruinieren unser Geschäft!« »Nach unsern Steuerzetteln fragen Sie nicht!« und dergleichen mehr. Da galt es, sich mit Geduld und Ruhe zu wappnen. In einem Blumenladen schnauzte der etwas nervöse Inhaber: »Wer hat dem Heimatschutz das Recht gegeben, uns kontrollieren zu lassen?« »Das Ministerium des Innern!« Er: »Und wer hat dem Ministerium das Recht gegeben?« Ich: »Sie sollten wissen, daß ein Ministerium schon längst das Recht hat, zu verordnen!« – Dem gegenüber darf nicht verschwiegen werden, daß mich die meisten Händler und Gärtner freundlich empfingen und den Pflanzenschutz begrüßten und zwar nicht bloß aus gärtnerischem Interesse. Viele bedauerten sogar, daß nicht mehr Pflanzen geschützt worden sind. Von unserem vorläufig noch häufigen Wiesenhimmelschlüssel (~Primula elatior~) kommen ganze Tragkörbe voll in die Markthallen. Dasselbe Schicksal widerfuhr unter anderen den Märzenbechern. Im März 1919 kamen aus Copitz Frauen mit Handwagen und Tragkörben ins obere Polenztal, um Märzenbecher zu räubern. Der Besitzer der Bockmühle ertappte sie, nahm ihnen die Körbe weg und schüttete die Blumen aus. »Hier habt ihr eure Körbe wieder!« rief er dann den Frauen zu. Diese aber: »Nee, die wern heite abend unsere Männer holen!!« Die Männer kamen zwar nicht, aber nach einiger Zeit erhielt der Gastwirt vom Amtsgericht eine Vorladung wegen Korbdiebstahls. Er ging, klärte die Richter auf und bewirkte so die Bestrafung der frechen Diebinnen. – Neben der Frechheit spielt natürlich auch die Verschlagenheit eine Rolle. In einem Blumenladen in P. wurden von einer Frau größere Mengen Märzenbecher zum Kauf angeboten. Von der Ladeninhaberin verwarnt, erwiderte die Diebin: »I, Frau A…, ich habe sie nicht von der Wiese, wo das Verbot steht. Ich habe sie – daneben gepflückt!« Daß Mißtrauen zu den Tugenden eines Kontrolleurs gehört, beweisen folgende Fälle. In einem Laden stellte ich Märzenbecher fest und fragte nach dem Ausweis. Rasch und dreist antwortete das Ladenmädchen: »Die sind aus unserm Garten hinten!« Als ich mit dem begleitenden Schutzmann im Garten darnach suchte, rief uns die uneingeweihte Besitzerin nach: »Was wollen Sie hier?« »Wir suchen Ihre Märzenbecherbeete.« Sie: »Wir haben ja gar keene!« – In derselben Stadt trafen wir in einem anderen Laden Weidenkätzchen an. Der nach dem Ausweis befragte Gärtner behauptete, sie seien aus seinem Garten. Wir aber fanden dort nur ein einziges Weidenbäumchen vor, von dem noch keine Rute abgeschnitten war. Auf Grund von Gärtnerausweisen sollen überhaupt noch viele gestohlene Weidenkätzchen verkauft werden, obwohl die meisten Wachtmeister streng überwachen. – In den Dörfern am Sattelberge heißt die Trollblume im Volksmunde Babbel. Ein Wachtmeister trifft eine Frau, die einen Korb gestohlener Trollblumen trägt. »Halt! Korb runter! Was haben Sie da?« »Nu, – Babbeln!« »’s is gut, Sie können gehn. Aber pflücken Sie ja keine Trollblumen!« – – Um dieser verzeihlichen Unkenntnis aufzuhelfen, habe ich durch den Heimatschutz angeregt, im Dresdner Botanischen Garten eine Gruppe mit Schutzpflanzen anzulegen. Leider liegt sie jetzt in einer wenig zugänglichen Ecke. Vermutlich war bei der Wahl dieses Ortes maßgebend, ihn bequem der Gartenbauausstellung von 1926 angliedern zu können. Durch diese Gruppe werden die farbigen Pflanzenschutzbilder von Nenke und Ostermaier unterstützt. Diese schönen Tafeln zeigen aber einzelne Blumen in so kleinem Maßstabe, daß darnach dem Ungeschulten das Wiedererkennen in der Natur nicht immer ermöglicht wird. Das ist wenigstens die Überzeugung vieler Schutzleute. Man sehe sich daraufhin das Bild vom Sumpfporst (~Ledum palustre~) an! Wenn genügend Geld vorhanden wäre, müßten diese Tafeln durch deutliche Darstellung einzelner Blüten ergänzt werden. Auch Rechtsfragen können hierbei nicht ganz übergangen werden. Sumpfporst (Mottenkraut) wächst in einzelnen Wäldern des nordöstlichen Sachsens so massig, daß er von den Waldbesitzern als Unkraut gehaßt wird. Sie dürfen ihn nun wohl jäten – denn das bringt der wirtschaftliche Betrieb mit sich – aber nicht verkaufen – denn das verbietet § 2 der eingangs abgedruckten Verordnung vom 9. März 1925. Zum Schlusse noch ein tröstliches Erlebnis aus der letzten Zeit. Ich fuhr an einem schönen Märzensonntag nach dem oberen Polenztale, um das Verhalten der Massen von Sonntagsausflüglern zu beobachten. Es war mustergültig. Schon auf der Fahrt in einem Bahnwagen 4. Klasse fragte mich eine schlichte neben mir sitzende Frau: »Sie wollen wohl auch zu den Märzenbecherwiesen?« »Ja, pflücken Sie nur keine ab!« Sie: »Nein, dazu sind wir viel zu gut erzogen!« Die Wohlerzogenheit dieser einfachen Frau könnte manchem als Vorbild dienen, der es unter seiner Würde hält, 4. Klasse zu fahren. Mir wurde erzählt, daß selbst Lehrer mit ihren Schulklassen nicht immer Pflanzenschützer sind. Wenn das wahr wäre, würde das Ministerium für Volksbildung gut tun, immer wieder auf die Notwendigkeit des Pflanzenschutzes hinzuweisen. Aber im allgemeinen haben wir Fortschritte gemacht, so daß im übrigen Deutschland unser Vorgehen in Sachsen für vorbildlich gilt. Helfe jeder, diesen Ruf zu fördern! Beim Schandauer Nagelschmied Noch ein sterbendes Handwerk Von _Gertraud Enderlein_, Dresden Mit Aufnahmen des Heimatschutzes Ein Bild, von einem photographischen Verlag verbreitet, erregte in den letzten Wochen bei allen Freunden heimatlicher Art und heimischen Gewerbes viel Aufsehen. Man sah darauf den Nagelschmied Ludwig Beirer in Augsburg, gemächlich und bedächtig, Beirer und Bayer zugleich, in einer nett und sauber aufgeräumten Werkstatt vor dem Amboß stehen und erfuhr dabei: daß dies die letzte Nagelschmiede Deutschlands sei. Das aber ließen die übrigen Nagelschmiede, die es neben diesem »einzigen« noch gab, nicht auf sich sitzen. Aus der Versunkenheit ihrer verräucherten Arbeitsräume tauchten sie hervor, und die guten Nachbarn, mit denen sie in langen Arbeitsjahren zusammenhausten, taten das Übrige, sie ein wenig herauszustellen. Da hatte auf einmal Meißen seinen Nagelschmied, irgendwo in einem der Ludwig-Richter-Winkel. Aus Freital meldete man die betriebsame Anwesenheit des freundlichen Rheinländers Philipp Colonnius, der da Tag für Tag seine Nägel im Feuer schmolz und auf dem Amboß härtete. Es wurden Nagelschmiede hinter Zinnwald, nahe der tschechischen Grenze, namhaft gemacht und einer, ein Achtzigjähriger, in einer uralten Schmiede zu Magdeburg. Aber man sprach von ihnen allen, wie man von einem alten Museumsstück redet oder etwa von der mächtigen Eibe des Ortes. Mit Wehmut und Bedauern: Schade drum, der Nagelschmied stirbt aus. Nun, der in Schandau, Herr Oskar Otto auf der hintersten Hindenburgstraße, hat sich damit abgefunden. Einmal schon fand er sich ab: vor zweiundfünfzig Jahren, als das Schicksal zunächst dem Vater Nagelschmied einen bösen Armschaden zufügte, der lebenslang nicht wieder verschwand, und nun den schmächtigen Vierzehnjährigen für den ausgeschiedenen Vater an den Amboß stellte. Der junge Oskar hatte ganz andere Pläne gehabt, zum mindesten ein Handwerk lernen wollen, das nicht durchaus und allenthalben in einer schwarz verrußten Werkstatt ausgeübt werden mußte. Aber dann war er stille geworden, weil er sah, es ging nicht anders. Und dann auch wieder stolz: als sein Gewerbe so schön aufblühte, daß er es selbst mit vier Gesellen kaum schaffen konnte, was die großen Holzkähne auf der Elbe alles an Nägeln brauchten. Und jetzt – nun er ist sechsundsechzig Jahre alt geworden und es gibt, vereinzelt, immer noch Leute, die für ihren Betrieb den guten kantigen Handnagel bestellen. Im übrigen aber: er hat es doch so schön in dieser ländlichen Idylle. Der Wein sprießt um sein kleines Fachwerkhaus, der Kirnitzschmühlbach läuft nebenhin, zwischen zart überhauchten Gartenbeeten und Obstbäumen, aus denen die Knospen brechen. Es liegt eine alte Gerechtsame auf diesem Stück Wasserlauf, denn früher war das Haus, das damals noch viel weiter in die Gasse ragte, eine Mühle. So darf der Nagelschmied heute noch seine Forellen und – zuweilen achtundzwanzigpfündige – Lachse im Fischkasten fangen. Die Schloßbastei aber guckt mit ihren runden Baumkuppen freundlich herein. Hier also steht er am Amboß, zweiundfünfzig Jahre nun schon. In dieser Werkstatt, die faustisch ist, mittelalterlich düster in die heitere Straße hineingesetzt. [Illustration: Abb. 1. =Meister Otto beim Schmieden seiner Nägel=] Das Feuer schwelt im engen Backsteinofen. Und als der Meister jetzt den Blasebalg bewegt, – noch mit dem Fuß, elektrischen Antrieb trägt das Geschäft nicht – brennen die Flammen hell auf. Sanft rauscht der mächtige schwarze Fledermausflügel, der die Luftwelle heranbringt. Sanft, mit schwerem Flügelschlag rauscht Vergangenheit, rauscht die Geschichte dieses in Treue und Arbeit gelebten Lebens durch den Raum. [Illustration: Abb. 2. =Meister Otto in seiner Werkstatt am Arbeitstag=] In die aufsprühende Glut hält der Meister – graubärtig, im grünen Schurzfell, die Schirmmütze tief hereingezogen – seinen langen dünnen Eisenstab. Jetzt glüht die Spitze. Jetzt wird die Butterweiche, Schmiegsame mit dem Hammer gemodelt, zugespitzt, erhält so die Kanten, die den Nagel dann so dauerhaft im Sitzen machen. Jetzt wird sie vom Stabe getrennt, steckt schmal und scharf im Öhr des Nageleisens: der Kopf wird aufgehämmert, erkaltend, grau und unscheinbar fliegt die erst so Rosigschöne zu den übrigen Nägeln. Wie lange noch? – Die Welt hat sich auf Fabrikware umgestellt. Auf Fabriknägel, billige und glatte. Und die großen Elbkähne werden, bis auf kleine Teile, aus Eisen gemacht. So verstauben die vielen Nageleisen jeglichen Formats ungenützt an den Wänden. [Illustration: Abb. 3. =Der Meister beim Befeilen der geschmiedeten Haken=] Jedes Jahr mindestens einmal setzt der Mühlgraben die Schmiede unter Wasser. Wenn der Schnee droben in den Bergen schmilzt oder lange Regenfälle kommen. Einmal aber, wohl in den siebziger Jahren, stieg die schmutzige Flut über die Werkstatt hinaus ins obere Stock. Damals haben die Schmiedeleute mit ihren vier Gesellen vier Wochen lang in den Bodenkammern gehaust, haben die großen Burschen mit durchgefüttert, um später die geschickten Leute nicht hergeben zu müssen. So drängte damals die Arbeit in den Werkstätten. Heute hängen die Nagelschmiede, einer nach dem andern, ihr Gewerbe an den letzten dicken verrosteten Schiffsnagel ihrer verödenden Werkstatt, wenden sich anderer einträglicherer Arbeit zu oder setzen sich aufs Altenteil … * * * * * Der Himmel ist blau wie ein Riesenvergißmeinnicht über der blanken Stadt Schandau. In den Gärten der Sendig-Hotels unten am Fluß werden die Betten gesömmert, und über die Wege der Kurpromenade raschelt der Rechen. Der Nagelschmiedemeister Oskar Otto rechnet nicht mit den Fremden, die – eine Auswirkung des Durchgangsverkehrs – spärlich genug in dem Städtchen Herberge beziehen. Er wurzelt im Vergangenen, in jenen Zeiten, da die festen Bürgerhäuser hier am Kirnitzschufer entstanden. Neulich hat er ein paar Fahnenhaspen ins Fachwerk gegenüber treiben müssen – das Holz, das doch viele, viele Jahre in diesem Bau steckt, das zermürbt sein müßte vom Wetter und Wasser, hat sich widersetzt bis aufs äußerste. So fest, so solide war die alte Zeit und ihr Gewerbe. Aber die neue, flüchtige und geschwinde räumt mit ihm auf. Die Linde in Collm bei Oschatz »Collms alte Linde bin ich Und stehe schon manches Jahr An dieser heiligen Stätte Als Gottes Ehrenaltar.« [Illustration: =Die Linde in Collm bei Oschatz=] Etwa sieben Kilometer westlich von Oschatz liegt, an den Südabhang des bewaldeten, weit ins Land hinausschauenden Collmberges geschmiegt, das alte Dorf Collm, heute wegen seiner idyllischen Lage in waldreicher Umgebung ein vielbesuchter Ausflugsort. Kein Naturfreund, der hierher kommt, versäumt es, den stillen Friedhof aufzusuchen und die einzigartige Linde zu besichtigen, die an Alter und Stattlichkeit kaum ein Gegenstück im Sachsenlande hat und ein überaus wertvolles Naturdenkmal darstellt. Auf einem reichlich 11 Meter im Umfang messenden, eigentümlich zerklüfteten, narbenreichen Stamme ragen die gewaltigen Äste etwa 30 Meter in die Lüfte. Wie alt der merkwürdige Baum sein mag? Nachrichten darüber liegen nicht vor, und eine Schätzung ist schwer. Der Volksmund redet von der »tausendjährigen Linde in Collm«, womit vielleicht das Richtige getroffen ist. Von berufener Seite wird die begründete Ansicht vertreten, daß die Meißner Markgrafen die urkundlich bezeugten Collmer Landtage oder Landdinge von 1185 bis 1259 nicht, wie vordem angenommen wurde, auf dem Gipfel des Collmberges, sondern unter der Linde neben dem alten Kirchlein abgehalten haben. Ist das richtig, woran kaum gezweifelt werden kann, dann hat der Baum eine große historische Bedeutung. Daß die Zeiten nicht spurlos an ihm vorübergegangen sind, und den Stürmen schon mancher Ast zum Opfer gefallen ist, liegt auf der Hand. Trotzdem ist er aber noch lebensfrisch und zeigt im Sommer eine gesunde, dichte Belaubung. Es ist zu hoffen, daß durch die umfänglichen und sachgemäßen Erhaltungsarbeiten, die der Landesverein Sächsischer Heimatschutz auf ein Gutachten des Herrn Hofrat Bouché in dankenswerter Weise angeregt und durch eine namhafte Beihilfe ermöglicht hat, die Collmer Linde noch Jahrhunderte erhalten bleibt als ein Wahrzeichen des Ortes und der ganzen Oschatzer Pflege. [Illustration: =Die Linde in Collm bei Oschatz=] Trost auf der Heide Von _Gerhard Platz_, Weißer Hirsch In den »Spiegelsälen« am Heiderand ist Maskenball! Seit Stunden hupen die Autos die Landstraße entlang. Großstadtvolk wogt in den bunt ausstaffierten Räumen; die Luft wird heiß, und heißer werden die Sinne. Sektpfropfen knallen; gleich bunten Meteoren ziehen farbige Schlangen durch den schwülen Himmel dieses »Paradieses«. – Und draußen über der Heide atmet in gewaltiger Stille die Nacht! Himmelsreinheit, Kraft, Trost, Stärkung – sollten die Leutlein im Tanzsaal es wirklich nicht wissen, wo ihnen eigentlich mehr geboten wird und für billigeren Eintrittszoll – auf der breiten Kulturfläche neben dem Altholz, oder unter den türkischen Haremszelten und den gemalten Bäumen voll goldener Früchte und bunter Vögel? Ja, aber das Eintrittsgeld! Wie viel leichter greift sichs doch einmal gründlich in Portemonnaie und Brieftasche, als in die eigene Seele. Die ist doch jetzt so hübsch zur Ruhe gekommen, wohl eingewickelt und eingeschlafen, nachdem sie sich – in den ersten Großstadtjahren ihres Besitzers wenigstens – oft so ängstlich aufgebäumt und gesehnt hat. Und nun soll sie auf einmal geweckt werden und als »Entree« dem nächtlichen Walde dargebracht werden? »Nicht zu machen«, sagt der Besitzer des Seelchens, »sollte mir einfallen!« Und mit einem Seufzer der Erleichterung rückt er sich in seiner Autoecke zurecht. Er für sein Teil zieht das Etablissement am Heiderand vor und läßt den Heidekern liegen. [Illustration: =Blick vom Hellerberg auf Dresden=] Zwei Kilometer entfernt vom Ballhaus erheben sich drin in der Heide die zwei Dünen, auf denen selbst die anspruchslose Kiefer nicht recht hoch kommen will. Überall schimmert der weiße Sand durch die Zeilen; manchmal haben sich Lücken in der Besamung gebildet von Stubengröße. Inmitten eines solchen freien Flecks reckt sich ein dunkler Tierkörper auf. Ein Stück Rotwild ist es – steil gerichtet die Lauscher, der Windfang in witterungssaugender Bewegung. Was sind das für Laute, die der Nachtwind heute heraufträgt? Was ist bei dem Menschenvolke heut los? [Illustration: =Vom Heller=] Das klingt nicht wie das Hornsignal, wenn die Schützen angestellt sind und die Treiber losgehen. Das schmettert nicht »Hirsch tot« und grüßt nicht »Jagd vorbei« – es ist etwas Krankes in dem Getön. Bald quäkts wie ein klagender Hase, bald rummst es wieder, wie wenn ein steinaltes Stück schreckt – kenne sich eines aus unter den Menschen! Und ärgerlich schlägt das Tier nach dem Hirschkalb, das gerade seinen Dickkopf zum Gesäug drängen muß, wo Meister Lampe atemlos herangehoppelt kommt. »Schaudervoll, höchst schaudervoll« hebt er an und erzählt, was er am Straßenrand unterm Holundergebüsch mit angesehen hat von dem Getriebe. Ganz warm redet er sich und merkt selbst, daß er ein wenig ins Aufschneiden kommt, da unterbricht er sich plötzlich und äugt nervös in die Höhe. Ein Schatten gleitet heran, weit klafternd und lautlos. Auf dem Überhälter am Fuße des Sandbergs hakt der neue Ankömmling auf, und gräulich glühn ein paar sprühende Funken aus dem dicken Klumpen heraus. Eine Weile sitzt der Waldkauz ganz still, dann duckt er sich, verbeugt sich nach beiden Seiten und schließlich bricht er in ein wahrhaft höllisches Hohnlachen aus. Durch Mark und Bein dringt das. Dann hat er sich wieder beruhigt und berichtet nun seinerseits, was er gesehen hat am Heiderand. Er hat sich noch weiter vorgewagt, als der Hase. Über dem Fensterbogen des Saales hat er gesessen und hineingeschaut in das Menschengetobe, die Seher sind ihm alsbald blind geworden von der gleißenden Lichtflut. Da hat er sich abgeschwungen, aber ein Andenken hat er mitgebracht. Ein langes Stück von der roten Schlange hält er im Schnabel, die vor dem Haus grad durch die Luft flog, als er abstrich. »Das schenke ich Ihnen, Frau Base, fürs kommende Wochenbett«, schließt er mit einer Verbeugung zur Waldohreule hinüber, die seiner Erzählung vom Nachbarbaume gelauscht; und noch einmal gellt sein Gelächter durchs Holz – wilder noch, verzweiflungsvoller als vorher. [Illustration: =Vom Heller=] Ein Ästchen knackt in der Dickung. Das Alttier tritt unruhig zur Seite; zwei schwarze dicke Klumpen schieben sich auf das Lichte. »Stuß und Humbug« grunzts unterm Gebrech des Keilers hervor »mehr als je ist mir das Menschenvolk heut zuwider; mag gar nichts mehr von ihm hören. Komm mit, Alte, hinunter zum Moorloch an die Suhle. Ruff, kommst du wohl, Alte?« – Das Getier ist verschwunden. Einsam zieht eine Sternschnuppe über den Wald. – Der Föhn ist herübergesprungen über den Erzgebirgswall. Die blanken Tage sind weg, fortgeschwemmt in einem Meere von Regen und Nebel. Aschermittwochsstimmung in der Natur, fast eine Woche lang. Da treffe ich ihn! »Hallo, junger Freund, wie geht es?« »Ach, reden Se nich – flau. Maskenball – Kater – kaputt.« Ganz erbärmlich schaut er aus, in der Tat. »Nun, wissen Sie was,« sage ich zu ihm, »da will ich Sie heute nachmittag mal in die Kur nehmen. Es regnet gerade so schön. Wir gehen zusammen über die Heide.« »Heide, heut nachmittag, bei diesem Wetter –« ganz entgeistert sieht er mich an. »Stimmt, mein Lieber, punkt zwei Uhr Abmarsch. Heidemäßig angezogen, bitt ich mir aus!« – Das gefällt mir an dem Jungen, pünktlich ist er! Im strömenden Regen treten wir an. Erst stöhnt mein Begleiter wohl manchmal über Nässe und Moor, aber wie es den steilen Abhang am Flügel hinabgeht, da folgt er mir in ganz artigen Bocksprüngen und ganz unten tut er noch ein übriges – wie ein Hirsch fliegt er über den breiten Wasserlauf. Schmunzelnd seh ich ihm zu – er wacht auf. Von nun an aber überlasse ich ihn sich selber; das viele Reden in der Heide liebe ich nicht. – Mag der Wald zu ihm sprechen! Die Kiefer herrscht hier in dem Grunde, der Charakterbaum der Dresdner Heide. Zu welch wundervollem Gebilde kann sie sich auswachsen, wenn ihr Zeit und Raum gegönnt wird, wie eben hier. Und welche Farbe bringt sie ins Waldbild! Heute steht ihr Stamm schwarzgrau und naß, nur die kleinen Moosstücken in der schrundigen Borke leuchten wie eingesetzter Smaragd. Aber geh einmal hinaus, wenn die Morgensonne eben durchs Wipfelgewölb sticht. Im hauchzarten Violett leuchten sie da, die mächtigen Stämme, aller Schwere entäußert, und bis sie im tiefgesättigten Altkupferglanz, im glühenden Purpur der Sonnenrüste vom Tage Abschied nehmen, da haben sie dem besinnlichen Beobachter der Farbenwunder genug gezeigt in eines einzigen Sonnenscheins Dauer. – – – [Illustration: =Vom Heller=] Nicht schlecht haben die Stürme der letzten Tage in die Bestände gegriffen. Fünf, sechs gewaltige Wurfböden wenigstens ragen dort empor. Heideboden, zu graublauem Humus geworden durch jahrhundertelangen Nadel- und Laubfall, tiefschwarze Moorballen, Granitgeröll hängen noch im zerrissenen Wurzelgeäst. Es ist ein geheimnisvoller Reiz, so in den uralt heiligen Waldesboden, in das Bereich der zwergigen Wichtel schauen zu können. – Wenig später stehen wir dann auf einer der mächtigen Blößen, die sich oft kilometerweit durch unsere Heide ziehen und die ihr den landschaftlichen Hauptreiz verleihen. Wenn du, lieber Großstadtmensch, einmal eine Herzstärkung brauchst, so geh an einem Regentag, wie dem heutigen etwa, einmal über solche Waldblöße. Da siehst du die Schöpfung in ihrer rechten Größe und Herrlichkeit. In grauen Schleiern zieht der Nebel über die Fläche, schwarztrotzig stehen die kleinen Kiefernpflanzen im fahlen Riedgras. Wo einmal drei, vier ältere Bäume horstartig beisammenstehen, steigt ein Rauchschwaden aus dem feuchten Waldboden auf. Weit hinten säumt ein feingezahnter dunkler Streif halbwüchsiger Fichten das Altholz, das wie ein verschwommener Gebirgszug sich hinwälzt. Und mitten auf der Lichtung ein paar Buchenüberhälter mit weißgrauen Ästen und hauchzarten Zweigspitzen; wie schön ist ein Laubbaum auch ohne Blätter! Bewundernd gleitet das Auge über das prachtvolle Architekturstück im Walde, die silberne Säule des Stammes, die kühnen Gewölbeanläufe des Astwerks. Lautlos rinnt das Himmelswasser am glatten Buchenschafte herab ins kupfrige Altlaub, aber laut klöpfelnd springts von den knotigen Ruten der Lärchen in den Abzugsgraben, der metertief gefüllt sich hier hinzieht. Ein wahrer Urwald hochstengeliger Moose begleitet den Wasserlauf, und auf seinem Grunde wogt es von dunkelgrünen Gewächsen mit wehendem Triefhaar. Welch schöne Rücksichtnahme auf landschaftliche Belange läßt die neuzeitliche Forstwirtschaft in der Heide doch walten. In wahrem Entzücken betrachte ich den übrig gelassenen durchsichtigen Schopf alter Kiefern, etwa zwanzig hoher Stämme von beinahe südländisch anmutender Eigenart, mitten auf solcher Blöße. Oder an anderer Stelle der kohlschwarze Stamm des einsamen, vom Abtrieb verschonten Schotendornbaumes, der »falschen Akazie«, mit dem leidenschaftlich verrenkten Gezweig. Man will es dem rauhen Gesellen kaum glauben, daß er im Juni die Lüfte mit solcher Süße erfüllt, wenn seine Schwärze unter weißem Blütengeriesel verschwindet. Bei den Erlen drüben steht ein Stück Damwild. Blauschwarz die nasse Decke, fahl die Flanken, sichert es mit langem Halse zu uns herüber, dann geht es in dem seiner Art eigenen Ziegentrab ab. [Illustration: =Vom Heller=] Wie sehr belebt doch unser Wild das Waldbild. Sollte man es für möglich halten, daß es selbst unter den berufenen Hütern des heimischen Tanns, unter den Forstleuten, Männer gibt, die es am liebsten sehen würden, wenn endlich der Tag heraufzöge, da der letzte Hirsch, das letzte Reh auf der Decke lägen? Nicht ungezügelte Jagdleidenschaft gibt diesen Herren solch’ grimme Gedanken. Übertriebene Sorge um ihre Pflanzungen und Bestände läßt sie keine Ruhe finden. Verbißschäden, eine geschälte Fichtenstange gar, bringen sie zur Verzweiflung. »Fort mit dem Wild! Der moderne Wald hat keinen Raum mehr dafür.« Das ist der Schlachtruf dieser übereifrigen Beamten. Haben die Herren denn gar kein Gefühl für den hohen ästhetischen Wert, den das Vorhandensein eines bescheidenen Wildstandes darstellt? Spüren sie denn gar nichts vom Zauber, der vom schlanken Reh, vom starken Hirsch im grünen Walde ausgeht? Muß erst alles durch nachprüfbares Zahlenwerk seine Lebensberechtigung erweisen, was da fleucht und kreucht? Soll es dahin kommen, daß unsre Kinder Wildsau, Hirsch und Rehbock bloß noch im Glaskasten des zoologischen Museums anstaunen können? Nein und aber Nein! Es ist ernste Aufgabe aller Freunde des Heimatschutzes, dafür einzutreten, daß der Mensch nicht jegliches Getier ausrotte, das seinen Nützlichkeitsberechnungen im Wege steht. Beherzigen wir des Dichters Worte: »Wild und Wald, die beiden hat Gott zusammen gegeben. Nehmt sein Wild dem deutschen Wald Und ihr nehmt sein Leben.« Was will übrigens der Schaden bedeuten, den unsre überall so herabgeminderten Wildstände im Walde verursachen, gemessen an den furchtbaren Verlusten, die entstehen, wenn die Natur selbst sich im Grimme aufmacht und mit schweren, ehernen Händen das vom Menschen mühsam Herangezogene zerschlägt? Sturm- und Wasserschäden, Nonnenfraß und Forleule, Waldbrand und Schneebruchkatastrophe! Übertreiben wir doch nicht im Mikroskop wirtschaftlicher Besorgnisse das Maß der hiergegen so geringfügigen Wildschäden. Immer wieder gibts eine neue Abwechslung, eine neue Überraschung auf unserm Regenspaziergang. Die beste kommt zuletzt. – Eben haben wir auf tiefroter Nadelschütte den dämmernden Fichtenort durchquert, da leuchtet fern im Westen ein goldenes Tor durchs zerrissene Gewölk, den grauen Tag verklärt ein versöhnlicher Abend! Und die Hasel läßt ihre Fähnlein hoffnungsfroh wehen, und die Schwarzdrossel ruft. Jawohl, es wird Frühling. – – – Wie gehts nun, mein Junge? Frisch und gesund wieder? Freut mich zu hören. Bedank Er sich bei der Frau Heide! Der Vogel und sein Recht im Freistaat Sachsen Von _Martin Braeß_. Vor dem Inkrafttreten des Sächsischen Jagdgesetzes vom 1. Juli 1925 war es außerordentlich schwierig, ja unmöglich, über die rechtliche Stellung einzelner Vögel im Freistaat Sachsen ein sicheres Urteil zu gewinnen. Zwar das Gesetz vom 1. Dezember 1864 hatte mit nicht mißzuverstehender Klarheit »alle wilden Vögel« als jagdbar bezeichnet, auch dem Jagdberechtigten die Befugnis zugesprochen, »die Nester wilder Vögel zu zerstören und die Eier oder Jungen derselben auszunehmen«; aber durch das Gesetz, die Schonzeit der jagdbaren Tiere betreffend vom 22. Juli 1876 erfuhren diese unhaltbaren Bestimmungen wesentliche Einschränkung. Dieses Gesetz, das wir recht wohl einen Vorläufer des Reichsvogelschutzgesetzes vom 22. März 1888 und seiner Abänderung vom 30. Mai 1908 nennen können, führte nicht nur bestimmt abgegrenzte Schonzeiten ein, worauf sein Name hinweist, sondern es entzog auch dem Jagdrecht eine große Menge von Vögeln, die es nun unter seinen Schutz stellte. So bestimmte § 1: »Gegenstand des Jagdrechts sind ferner nicht mehr: die Lerchen, Drosseln und alle kleineren Feld-, Wald- und Singvögel, zu welchen jedoch Rebhühner, Wachteln, Bekassinen, Schnepfen und wilde Tauben, sowie die kleineren Raubvögel und alle Würgerarten nicht zu rechnen sind«. So willkommen diese Einschränkung auch war, so ließ doch ihre nicht eben glückliche Fassung Zweifel über die Jagdbarkeit einzelner Vögel bestehen. Es konnte z. B. zweifelhaft erscheinen, ob der Eisvogel zu den jagdbaren Vögeln gehört. Unter den Begriff »kleinere Feld-, Wald- und Singvögel« ist er nicht recht zu bringen; aber auch ein Wasservogel ist er, ähnlich den Bachstelzen, nur im biologischen, nicht im systematischen Sinn. Laut Beschluß vom 3. Juni 1912 entschied das Sächsische Finanzministerium, daß der Eisvogel als jagdbar anzusehen sei. Ebenso konnten Zweifel entstehen, ob beispielsweise der Schwarzspecht jagdbar sei, oder die Blauracke, der Wiedehopf; denn diese Vögel gehören bereits zu den mittelgroßen, sind jedenfalls größer als Lerchen und die meisten Drosseln, obwohl diese im Gesetz besonders genannt wurden. Ebenso schwierig war bisweilen die Entscheidung, ob diesem oder jenem jagdbaren Vogel eine Schon- oder Hegezeit zukomme. »Für diejenigen Vögel, welche im Inlande nicht nisten, besteht keinerlei Schon- und Hegezeit«, hieß es in § 4, Abs. 3. Infolgedessen genoß wohl der weiße Storch eine Schonzeit vom 1. Februar bis 31. August, sein schwarzer Vetter aber entbehrte dieses Schutzes, ebenso der Fischreiher, während dessen Verwandte, die große Rohrdommel, die noch in wenig Paaren innerhalb unserer Landesgrenzen brütet, Anspruch auf die allgemeine Schonzeit hatte. Von den Möwen gehört nur die Lachmöwe zu den inländischen Brutvögeln; das Gesetz gewährte ihr infolgedessen die Schonzeit, während andere Möwen darauf verzichten mußten. Ähnliches galt von den verschiedenen Seeschwalbenarten. Eine Verschiebung des Brutgebiets, wie sie sich bisweilen allmählich und unmerklich vollzieht, konnte also eine veränderte jagdliche Behandlung einzelner Vögel zur Folge haben. Es liegt auf der Hand, daß das Merkmal, ob ein Vogel im Inlande nistet, bei einem so kleinen Land wie Sachsen nicht geeignet war, eine zuverlässige Grundlage für die rechtliche Behandlung gewisser Vogelarten zu bilden. Es ist nur zu begrüßen, daß das neue Jagdgesetz solchen Unterschied hat fallen lassen. Heute ist in Sachsen nicht ein einziger Vogel mehr völlig schutzlos, selbst der Haussperling nicht. In § 1, Abs. 1 unter ~b~ führt das Gesetz die jagdbaren Vögel namentlich an. Es sind: Auer-, Birk- und Haselwild, Rebhühner, Fasanen, wilde Tauben, Ziemer, Bekassinen, Waldschnepfen, Trappen, Brachvögel, wilde Schwäne, Wildgänse, Wildenten, Rallen, Säger, Taucher, Möwen, Kiebitze, Fischreiher, Kormorane, Würger, rabenartige Vögel, Wachteln, Wachtelkönige, Uhus und alle Tagraubvögel. Nur der Jagdberechtigte hat ein Anrecht auf sie, ihre Eier und Brut. Mit Ausnahme der wilden Tauben, Schwäne und Gänse, der Säger und Kormorane, der Würger und der rabenartigen Vögel, der Habichte und Sperber genießen sie alle ausreichende Schonzeiten; (§ 37, Abs. 1 unter 12–17) ja eine ganze Anzahl von ihnen darf bis auf weiteres überhaupt nicht gejagt werden. Es sind dies Auer-, Birk- und Haselhennen, Trappen, Kiebitze, Wachteln, Wachtelkönige, Ziemer, Uhus, Turm- und Wanderfalken (§ 37, Abs. 2). Die Seltenheit der genannten Vögel rechtfertigt solche Bestimmung. »Innerhalb der Schonzeit dürfen die Nester jagdbarer Vögel nicht zerstört und ihre Eier und Jungen nicht ausgenommen werden« (§ 38, Abs. 1). Doch ist das Sammeln von Kiebitz- und Möweneiern »in der Zeit vom 1. Januar bis zum 30. April« gestattet (§ 38, Abs. 2), natürlich nur dem Jagdausübungsberechtigten. Alle andern unter den jagdbaren Tieren nicht aufgezählten Vögel sind in jeder Weise geschützt; niemand darf sich an ihnen oder ihrer Brut vergreifen, ganz gleich, ob es sich um Eulen oder Spechte, um den Eisvogel oder die Schar der kleinen Singvögel handelt. Denn § 1, Abs. 2 des »Schonzeitgesetzes« ist durch das neue Jagdgesetz keineswegs aufgehoben worden, sondern lautet in der neuen Fassung (siehe § 53): »Das Fangen und Erlegen nicht jagdbarer Vögel und jede auf den Fang derselben berechnete Veranstaltung, das Zerstören ihrer Nester und das Ausnehmen der Eier und Jungen ist gänzlich verboten, auch dürfen dieselben zu keiner Zeit auf Märkten oder sonst in irgendeiner Weise feilgeboten und verkauft werden«. Dieser Schutz ist nur bei den Sperlingen gemindert, wobei zwischen Haus- und Feldsperlingen kein Unterschied gemacht wird. Denn die Verordnung vom 5. April 1882 Ziffer 1 bleibt auch im neuen Gesetz aufrecht erhalten (siehe § 53). Darnach ist es gestattet »~a~) den Besitzern von Haus- und Gartengrundstücken die in ihren Häusern, Gehöften und Gärten vorkommenden Sperlinge zu fangen und, dies jedoch unter Ausschluß der Verwendung von Schießgewehren, zu töten, auch die Nester derselben zu zerstören und die Eier und Jungen aus denselben auszunehmen; ~b~) den Jagdberechtigten und solchen Personen, welchen …, besondere Erlaubnis dazu erteilt wird, die Sperlinge, die in Obstbaumpflanzungen, Gärten und bestellten Feldern Schaden anrichten, zu jeder Zeit abzuschießen.« Auch der Fischreiher, der jagdbar ist und eine Schonzeit besitzt, erleidet insofern eine Verminderung seines Schutzes, als bei ihm die Ausschließlichkeit des Jagdrechts durch das Fischereigesetz vom 15. Oktober 1868 eingeschränkt wird. § 12 dieses Gesetzes lautet: »Den Fischereiberechtigten ist gestattet, Fischottern und Fischreiher zu fangen oder (ohne Benutzung von Schießgewehr) zu töten. Sie haben jedoch dieselben binnen 24 Stunden an den Jagdberechtigten auszuliefern«. Es ist zu hoffen, daß bei einer Neubearbeitung des Fischereigesetzes diese Bestimmung aufgehoben wird. Das Reichsvogelschutzgesetz haben wir nur erwähnt. Bei der Frage nach der rechtlichen Stellung der einzelnen Vogelarten im Freistaat Sachsen erübrigt es sich, auf seinen Inhalt näher einzugehen. Einmal weil das Reichsgesetz (siehe § 8 ~b~) auf die jagdbaren Vögel keine Anwendung findet – für diese gelten die Landesgesetze – und dann weil die sächsischen Bestimmungen über den Schutz der nicht jagdbaren Vögel viel weiter gehen als das Reichsgesetz, das diese landesrechtlichen Bestimmungen ausdrücklich anerkennt (§ 9). Wir brauchen also z. B. auf den Fang nichtjagdbarer Vögel oder auf den Handel mit ihnen, den das Reichsgesetz unter gewissen Einschränkungen zuläßt, nicht einzugehen, da in Sachsen solch Fang und Handel gänzlich verboten ist. Alle Vogelarten aber, die das Reichsgesetz von seinem Schutze ausschließt, sind in Sachsen jagdbar, bis auf die Sperlinge, von denen oben die Rede war. Ihre rechtliche Stellung ist lediglich nach dem sächsischen Jagdgesetz zu beurteilen, wobei wir nochmals darauf hinweisen wollen, daß von den Reihern nur der Fischreiher jagdbar ist, nicht aber Nachtreiher oder Rohrdommeln. Automobilstraßen Das Wort liest man heute fast täglich in den Zeitungen. Kein Mensch wird etwas einwenden, wenn man zur Verbesserung des Durchgangsverkehrs Umleitungsstraßen, Asphaltstraßen, Kleinpflasterstraßen usw. baut, die den Verkehr schneller bewältigen und die anliegenden Bewohner weniger belästigen. Man wird auch damit einverstanden sein, daß solche Straßen mit aus den Mitteln der Allgemeinheit bezahlt und unterhalten werden. Etwas anderes ist es mit Luxusstraßen, die dem Luxus-Automobilverkehr dienen, mit dem Durchgangsverkehr also nichts mehr zu tun haben. Gegen diese Luxusautomobilstraßen, die einigen wenigen bequemen und anspruchsvollen Menschen zugute kommen, wendet sich die Heimatschutzbewegung, aus Gründen, die in diesen Heften schon wiederholt mitgeteilt wurden. Warum soll gerade der Automobilbesitzer seinen Sport, seinen Luxus mit Mitteln der Allgemeinheit bezahlt erhalten? Jeder Turnverein muß sich seinen Turnplatz, jeder Sportverein seinen Sportplatz selber schaffen und erhalten. Warum soll der Automobil-Sport nun anders behandelt werden, als der Sport dieser Organisationen, deren Mitglieder in Rücksicht auf ihre Gesundheit diesem zugetan sind. Es ist nicht einleuchtend, warum beispielsweise vom Brand nach Hohnstein – bemerkenswert ist, daß der Stadtrat zu Hohnstein einstimmig dagegen ist, die Erholungsheime in Hohnstein ebenfalls, die bedeutungsvolle Jugendburg natürlich auch – mit auf Kosten der Allgemeinheit eine Automobilstraße errichtet werden soll, die vielleicht 500000 Mark kostet und nur einem einzigen Wirt erhöhten Verdienst =vielleicht= bringt, der großen Allgemeinheit aber durch die Verzinsung der Anlagekosten, durch die Unterhaltung der Anlage Lasten aufbürdet, die Stadt Hohnstein schwer schädigt und tausenden von Wanderern einen köstlichen Promenadenweg vereitelt. Wie wir uns in dieser Frage verhalten haben, zeigt die nachgedruckte Eingabe, die wir dem zuständigen Ministerium unterbreiteten und die bis jetzt Erfolg hatte. Die interessierten Kreise werden sich natürlich mit dem ablehnenden Bescheid, der die Heimatschutzinteressen in dankenswerter Weise wahrenden Ministerialbehörde nicht zufrieden geben und immer erneut versuchen, diesen prächtigen, wohl in seiner Schönheit noch einzig dastehenden Promenadenweg dem Luxusautomobilverkehr zu erschließen. Mögen alle, die diese Zeilen und die nachfolgende Eingabe lesen, mit uns dagegen kämpfen, daß nicht alle und jede Naturschönheiten wegen einer kleinen interessierten Gemeinde vernichtet und der großen Allgemeinheit dadurch verschlossen werden. _Nicht das Interesse Einzelner, sondern das Interesse der Allgemeinheit muß stets in solchen Fragen maßgebend sein!_ [Illustration: Abb. 1. =Der Höhenweg vom Brand nach Hohnstein=] »Wie aus der Presse und aus Mitteilungen interessierter Kreise bekannt geworden ist, werden neuerdings verstärkte Anstrengungen gemacht, die von _Hohnstein nach dem Brand führende Straße für den Verkehr mit Kraftwagen zu öffnen oder gar sie als Autostraße auszubauen_. Die Entscheidung darüber, ob diesen Wünschen stattgegeben werden soll, liegt beim Finanzministerium. Deshalb wenden wir als die berufenen Vertreter des Naturschutzes in Sachsen uns an die hohe Behörde mit der _eindringlichen Bitte, die in dieser Richtung gehenden Anträge unter allen Umständen abzulehnen_, damit dieser an landschaftlichen Reizen einzig dastehende Ausschnitt im Gebiete der Sächsischen Schweiz dem beschaulichen Naturgenuß wirklicher Naturfreunde nicht entzogen wird, um nur noch einen Ausflugsort wie viele andere für den verhältnismäßig kleinen Teil begüterter Autobesitzer zu bilden. Mit Schreiben vom 15. Juni 1927 haben wir uns bereits mit Bitte um Hilfe an den Herrn Landforstmeister unter Klarlegung der gegen die Genehmigung vom Standpunkte des Waldschutzes sprechenden Gründe gewendet und sind überzeugt, bei ihm volles Verständnis gefunden zu haben. Diese Gründe liegen so auf der Hand, daß es kaum weiterer Ausführungen bedarf. Wir gestatten uns daher, kurz nur auf folgendes hinzuweisen: Der Landesverein Sächsischer Heimatschutz ist sich wohl bewußt, daß er keine amtliche Stelle ist, der ein gesetzliches Veto-Recht zusteht. Er fühlt sich aber, getragen von dem Vertrauen seiner vielen tausend (40000) Mitglieder aus allen Bevölkerungsschichten des ganzen Landes, berechtigt und verpflichtet, dann seine Stimme zu erheben und um Gehör zu bitten, wenn einzigartige Naturschönheiten unseres Landes durch geplante Unternehmungen bedroht werden; er hält sich aber in solchen Fällen dieser Art zurück, wenn er sich überzeugen muß, daß durch Verhinderung solcher Unternehmungen für die Allgemeinheit bedeutende wirtschaftliche Schäden erwachsen, die in keinem Verhältnis mehr zu den zu schützenden Naturschönheiten stehen. Die Voraussetzung für die nötige Zurückhaltung ist aber im vorliegenden Falle nicht im geringsten gegeben; im Gegenteil sind die hier zutage tretenden Wünsche erwerbslustiger Unternehmer geradezu ein Schulbeispiel dafür, wie wirtschaftlich geringer Vorteile wegen unschätzbare Werte der Allgemeinheit geopfert werden sollen, dazu auch noch zum Schaden gerade solcher Kreise, die an der unversehrten Erhaltung der vorhandenen Naturschönheiten auch wirtschaftlich interessiert sind. Ein wirtschaftlicher Vorteil infolge Freigabe der Brandstraße kann aber wohl kaum in einigermaßen beachtlicher für irgendeine andere Seite in Frage kommen, als für den Bewirtschafter des Brand-Gasthauses, der übrigens vor nicht zu langer Zeit, wie er gegenüber ihm nicht als solche bekannten Vorstandsmitgliedern unseres Vereins geäußert hat, noch auf dem Standpunkt stand, der Autoverkehr nach dem Brand könne ihm wirtschaftlich nur Schaden bringen, da durch ihn seine zahlreichen Wandergäste und Sommerfrischler vor den erfahrungsgemäß weniger verzehrenden Autofahrern sich zurückziehen würden. – Einen wirtschaftlichen Gewinn versprechen sich vielleicht noch Autounternehmungen, die regelmäßigen Autoverkehr nach dem Brand einzurichten beabsichtigen oder Mietfahrten dahin erhoffen. Deren Ansprüchen dürfte aber schon hinreichend gedient sein, wenn sie die Fahrten bis nach der Stadt Hohnstein durchführen, von wo aus die Fahrgäste in einer kleinen halben Stunde auf dem bequemen ebenen Wege der Brandstraße das Brand-Gasthaus erreichen können. Das Gleiche gilt von den privaten Autos, deren Insassen wohl nicht zu viel zugemutet wird, wenn sie, um wunderbare Naturschönheiten zu genießen, das Opfer eines halbstündigen Spazierganges auf herrlichster Waldstraße auf sich nehmen. Und diejenigen, die körperlich nicht imstande sind, die kleine Fußwanderung zu unternehmen, können leicht mit Pferdegeschirr von Hohnsteiner Lohnfuhrwerksbesitzern in kurzer Zeit das Brand-Gasthaus erreichen. Dadurch werden auch die wirtschaftlichen Interessen dieser Kreise geschont, wie im entgegengesetzten Falle bald mehrere Betriebe völlig lahmgelegt werden würden. Ganz erheblichen wirtschaftlichen Schaden würden auch die verschiedenen Gasthäuser der Stadt Hohnstein erleiden, die jetzt beliebte Einkehrstätten der Autofahrer bilden und an denen sicherlich nach =Freigabe= der Brandstraße die Kraftwagen vorüberfahren würden, um erst auf dem Brand-Gasthaus Einkehr zu halten. [Illustration: Abb. 2. =Der Höhenweg vom Brand nach Hohnstein=] Der jetzt von dem Brandwirt gegenüber seiner früheren Ansicht erwartete große wirtschaftliche Vorteil wird, des sind wir sicher, keinesfalls eintreten. Der erwartete Kraftwagenzufluß wird sich fast ausschließlich aus der Richtung von Dresden her bewegen; die Kraftwagen werden ausnahmslos auf ihrer Fahrt zuerst Halt auf der Bastei machen und die Insassen dort ihren Hauptverzehr haben. Der Brand ist der Bastei viel zu nahe gelegen, als daß sie dort bereits wieder eine größere Zeche machen werden. Es ist vielmehr mit Sicherheit anzunehmen, daß die meisten dort nur kurz einen Blick auf die nahe und ferne Bergwelt werfen und dann alsbald wieder von dannen fahren oder doch nur ein weniges in der Gastwirtschaft verzehren. Andererseits werden aber infolge des Kraftwagenverkehrs die jetzt in großer Anzahl dort einkehrenden Fußwanderer und begeisterten Naturfreunde, die im Brand-Gasthaus zu längerer Rast bei Speise und Trank zu verweilen pflegen, sowie die dort Herberge nehmenden Sommerfrischler immer mehr wegbleiben, so daß der Wirt statt des erwarteten Vorteiles durch Erfüllung seines Wunsches nur wirtschaftlichen Schaden erleiden würde. Es steht für uns hiernach fest, daß die _angestrebte Freigabe niemanden irgend nennenswerten, wirtschaftlichen Gewinn bringen wird und daß wirtschaftliche Gründe allgemeiner Art keineswegs dafür sprechen_, daß aber dagegen jetzt gewinnbringende Unternehmungen dadurch _schwer geschädigt, wenn nicht in ihrer Existenz bedroht werden würden_. [Illustration: Abb. 3. =Der Höhenweg vom Brand nach Hohnstein=] Demgegenüber werden _unmeßbar ideale Werte aufs schwerste gefährdet_. Die Brandstraße mit ihrem großartigen Baumbestand wird als auf einem Bergrücken hinführende Waldstraße im Lande wohl kaum ihresgleichen finden. Wir enthalten uns näherer Beschreibung dieser einzigartigen Schönheiten, gestatten uns aber, einige Lichtbilder von Einzelansichten der Straße beizufügen, die jedes Wort überflüssig machen. Die Straße bildet den schönsten Zugangsweg für ungezählte Fußgänger in der Richtung von Hohnstein und aus dem Tiefen Grund (Grundmühle) und gestattet infolge ihres fast ebenen Verlaufes beschaulichen Naturgenuß ohne jede körperliche Anstrengung. Wird sie aber für den Kraftwagenverkehr freigegeben, so ist es mit der ruhigen Beschaulichkeit vorüber und tausenden von Naturfreunden ist die Freude des Wanderns in so bevorzugter Natur durch die selbst bei allen getroffenen Vorkehrungen nicht zu vermeidenden Staub- und Schmutzbelästigungen vergällt, so daß sie gezwungen werden, den ihnen lieben Weg zu meiden. Die Erfahrungen auf der Bastei haben es bewiesen. Noch wesentlich höher werden die Schäden an idealen Werten sein, sollte dem Kraftwagenverkehr zuliebe die Straße zu einer wirklichen Autostraße ausgebaut werden. Das müßte ihre Verbreiterung zur Folge haben und die schönsten Waldbäume müßten der Verbreiterung zum Opfer fallen und Naturschönheiten ersten Ranges wären damit für immer vernichtet, ganz abgesehen davon, daß der Baumbestand durch den von Autos verursachten Schmutz und deren Ausdünstungen nach und nach verkümmern würde. Wenn davon gesprochen worden ist, daß den von der Straße vertriebenen Fußwanderern neben der Straße laufende Fußwege im Walde geschaffen werden sollen, so können diese nimmermehr einen Ersatz für die Schönheiten der Waldstraße in ihrer jetzigen Gestalt bieten und würden außerdem noch einem weiteren Eingriff in die dermalige Unversehrtheit des Waldbestandes bedeuten. Nicht unbeträchtliche weitere Schädigung des Baumbestandes müßte die nicht zu umgehende Anlegung eines Autohalteplatzes in nächster Nähe des Brandgasthofes weiterhin nach sich ziehen, dem gerade besondere Prachtstücke von alten Bäumen zum Opfer fallen müßten. Dadurch würde zudem die Lage des Gasthauses fast im Schatten dieser Baumriesen wesentlich beeinträchtigt werden, der Aufenthalt auf dem Platze vor dem Gasthofe in der Nähe benzinduftender Autos würde stark an Reiz verlieren, und die nicht Auto fahrenden Besucher würden bald vertrieben werden, zumal sie nach allgemeiner Beobachtung es sich gefallen lassen müßten, gegenüber den Autofahrern als Gäste zweiter Klasse behandelt zu werden. [Illustration: Abb. 4. =Der Höhenweg vom Brand nach Hohnstein=] Wir haben uns damit abgefunden, daß die Bastei dem unbeschränkten Autoverkehr freigegeben worden ist, weil wohl dieser vorgeschobene Posten als Eintrittspunkt in die Sächsische Schweiz in der Nähe von Dresden den Fremdenverkehrsinteressen preisgegeben werden mußte. Wir glauben aber, daß damit genug getan ist und daß weitere Naturschönheiten, zumal in so geringer Entfernung von der Bastei nicht weiter durch Autoverkehr beeinträchtigt werden dürfen, wie dies durch Freigabe der Brandstraße der Fall sein müßte. Ungezählte Einzelpersonen, die Vertreter von Erholungsheimen in Hohnstein, die Verwaltung der Jugendburg, Vertreter von Vereinen usw. haben sich an uns gewandt mit der Bitte, um Hilfe gegen die Gefahr, die ihrer Freude an der Natur und ihrer Erholung droht. Wir sind der Meinung, _daß soziales Denken und Empfinden unbedingt dazu führen muß, die gefährdeten idealen Werte, die in erster Linie der minderbemittelten Bevölkerung zugute kommen, gegenüber der Bequemlichkeit einer verhältnismäßig geringen Zahl begüterter Personen, mit allen Mitteln zu schützen_. Wie schon oben erwähnt, kommt bei Ablehnung der Freigabe eine fühlbare Beschränkung der Autofahrer kaum in Betracht, da ihnen auf dem meist üblichen Tourenweg Dresden–Bastei–Hohnstein–Schandau die Fahrt auf der landschaftlich gleichfalls höchst reizvollen Straße durch den Tiefen Grund unbehindert freisteht. Die Sächsische Schweiz bietet genügend viel schöne Punkte, die bequem zu erreichen sind. Einer Vermehrung der bequemen Zugänglichkeiten müßte unseres Erachtens im Interesse der Allgemeinheit mit aller Entschiedenheit konsequent entgegengetreten werden. Wie die österreichische Regierung in großzügiger Weise das ganze große Gebiet des Karwendelgebirges dem Naturschutz unterstellt hat, so wäre zur Erhaltung der Schönheiten unseres Elbsandsteingebirges wohl wünschenswert, es in seiner jetzigen Verfassung, in seiner ganzen Ausdehnung noch als Naturschutzgebiet zu erklären. Demgegenüber ist unser jetzt vorgetragener Wunsch sehr bescheiden. Wir wiederholen ihn und bitten nochmals dringend, die _Brandstraße_ nach wie vor _für den Verkehr von Kraftfahrzeugen aller Art zu verbieten_.« Bücherbesprechung =Paul Haake=, =August der Starke=, Berlin-Leipzig, Gebrüder Paetel 1927. 244 S. 8°. Der Standpunkt, von dem aus Haake den Wettiner betrachtet, ist in der Vorrede folgendermaßen bezeichnet: »Daß die Sachsen in jener Epoche kulturelle Höchstleistungen aufzuweisen hatten, ist gewiß. Politisch waren sie minder erfolgreich. Aus dem Wettstreit der Hohenzollern und der Wettiner um die Vorherrschaft östlich der Elbe gingen jene siegreich hervor. Brandenburg-Preußen überholte Kursachsen. Die Gründe hierfür aufzudecken ist ebenso Pflicht des Biographen Augusts des Starken, wie seine Verdienste um den kulturellen Aufschwung seiner Länder gerecht zu würdigen.« Man wird diesen Standpunkt Haakes, in dem zugleich das Ergebnis seines Urteils über den letzten Rivalen der Hohenzollern gegeben ist, im ganzen billigen müssen. Haakes Buch richtet sich damit gegen das im Jahrgang XIV dieser Mitteilungen S. 399 besprochene zweibändige Werk von Cornelius Gurlitt, August der Starke, das zwar die hervorragenden Verdienste des Kurfürsten auf dem Gebiete der allgemeinen Kultur und insbesondere der Kunst geschickt und umfassend beleuchtet, aber in den Urteilen über die Politik und das innerste Wesen des Fürsten öfters das Richtige verfehlt. Haakes Darstellung ruht auf einem viel sicherern Fundament als die Gurlitts, nämlich auf einer selbständigen Durchforschung der Archive. So kommen Haakes Ergebnisse der geschichtlichen Wahrheit in vielen Stücken weit näher als sein Vorgänger, aber in allen Zügen richtig ausgeglichen ist das von Haake entworfene Wesensbild Augusts des Starken auch nicht, schon deswegen nicht, weil er nicht alle Gebiete der Regierungstätigkeit Augusts gleichmäßig behandelt. So sind z. B. die kriegerischen Leistungen des Königs und die Schlappen, die er erlitt, aber auch die von ihm durchgeführten Neubildungen des Heerwesens nur in großen Zügen angedeutet. Außerdem ist auch Haake bei der Verteilung von Licht und Schatten nicht immer gerecht: er sieht bei dem Wettiner, beim sächsischen Adel und Bürgertum alle Schwächen und tadelt sie mit Recht, aber er trägt nicht immer den allgemeinen Anschauungen der Zeit Rechnung, und was schlimmer ist, er sieht die Schwächen der preußischen Könige Friedrichs I. und Wilhelms I. und ihrer Landsleute weniger scharf. Wäre die Dresdner Bürgerschaft und der sächsische Adel im Zeitalter Augusts des Starken zu einem sehr großen Teile so verlottert gewesen, wie es Haake am Schlusse seines Buches (S. 230) nach recht wenig zuverlässigen Quellen – Komödien und Hofnarren – hinstellt, wie hätten dann die gewerblichen, künstlerischen und wissenschaftlichen Leistungen zustandekommen können, durch die sich damals Sachsen auszeichnete und die damals die Stadt Dresden zu einer mit Recht bewunderten Zierde Deutschlands machten? Die Vergnügungen der Zeit waren zum Teil derb und roh, aber nicht nur in Dresden. Waren die Belustigungen des »Tabakskollegiums« Friedrich Wilhelms I. auf einen feineren Ton gestimmt? Gab es unter dem preußischen Adel dieser Zeit keine Abenteurer? Manche Urteile, die Haake über August den Starken fällt, widersprechen einander. So führt er S. 169 die Verbesserungen auf, die der König auf politischem, wirtschaftlichem und militärischen Gebiet in Polen durchzusetzen plante, um dann auf S. 187 durch das vernichtende Urteil: »Daß August deutsche Kultur nach dem Osten habe verpflanzen wollen, ist eine Legende« alles wieder umzuwerfen. Endlich ist es ein Irrtum Haakes, wenn er an zwei Stellen seines Buches (S. VII u. S. 166), das erstemal mit Beziehung auf Gurlitt, das zweitemal in allgemeinerer Fassung behauptet, man empfinde in Sachsen das Bedürfnis, der Heimatliebe in der Person Augusts des Starken »ein Idol« zurechtzuzimmern. In keinem Lande ist August der Starke unnachsichtlicher beurteilt worden als in Sachsen. Es kam so weit, daß man in ihm nur noch den Verführer und Don Juan, den Verschwender, den Trunkenbold, den volks- und staatsfeindlichen Abenteurer sah und die Lichtseiten seines Wesens: seinen Bildungsdrang, seine technische Begabung, seine Verdienste um die Hebung der Künste, die Pflege des Schönen und die Verbesserung der städtischen und staatlichen Verwaltung gänzlich vergaß. Gegen diese Einseitigkeit wendete sich seit etwa fünfundzwanzig Jahren eine durchaus berechtigte, ja notwendige Reaktion. Unser »Idol« ist August der Starke nie gewesen und wird es nie sein. So bedarf denn die neue Arbeit Haakes, die ich im übrigen als den wertvollsten Beitrag zu einer besseren Kenntnis Augusts des Starken schätze, den wir in neuerer Zeit erhalten haben, doch wegen der angeführten Mängel noch einer Überarbeitung und, wenn es möglich ist, der Hinzufügung der jetzt noch fehlenden Quellennachweise. Otto Eduard Schmidt. Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: Werner Schmidt – Druck: Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden Photographische Platten »Perutz« – Photographische Aufnahmen: Max Nowak – Auflage 50000 Im Freistaat Sachsen geschützte Pflanzen: 1. Türkenbund, ~Lilium martagon~. 2. Märzenbecher, Märzglöckchen, ~Leucoium vernum~. 3. Wiesenschwertlilie, ~Iris sibirica~. 4. Alle Knabenkräuter, Orchengewächse, ~Orchidaceae~. 5. Pfingstnelke, ~Dianthus caesius~. 6. Weiße Teichrose, ~Nymphaea alba~. 7. Trollblume, ~Trollius europaeus~. 8. Kuhschelle (Osterblume und Wiesenschelle), ~Pulsatilla vulgaris~ und ~pratensis~. 9. Leberblümchen, ~Hepatica triloba~. 10. Silberblatt, ~Lunaria rediviva~. 11. Sumpfporst, ~Ledum palustre~. 12. Schneeheide, ~Erica carnea~. 13. Wohlriechendes Primel (Himmelschlüssel), ~Primula officinalis~. 14. Alle Enzianarten, ~Gentiana~. 15. Kellerhals, Seidelbast, ~Daphne Mezereum~. 16. Kuglige Rapunzel, ~Phyteuma orbiculare~. 17. Alpenlattich, ~Mulgedium alpinum~. 18. Bergwohlverleih, ~Arnica montana~. Einbanddecken Jahrgang 1927 (Band XVI) in Leinen =Mark 1.50= und 30 Pfg. Postgeld und Verpackung Besucht unser Erholungsheim Bienhof bei Gottleuba in herrlichster, nervenberuhigender Lage unweit unserer Naturschutzgebiete _Sattelbergwiesen_ Preis für das Bett 75 Pfg. die Nacht / Gute Verpflegung täglich M. 3.50 Einzelzimmer – Kein Massenquartier Anmeldungen an unsere Geschäftsstelle, Dresden-A. Schießgasse 24 Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden-N. Weitere Anmerkungen zur Transkription Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. *** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 79679 ***