*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 79585 *** ===================================================================== Anmerkungen zur Transkription. Die Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden. Im Inhaltsverzeichnis ist die Seitenzahl des "Verzeichnis der Bilder" von 239 in 238 korrigiert worden. Gesperrt gedruckter Text ist so ~gekennzeichnet~. ===================================================================== AUF DEM CHINESISCHEN FLUSS Reisebuch von NORBERT JACQUES Mit Bildern nach Aufnahmen des Verfassers 1922 S. FISCHER / VERLAG / BERLIN FÜNFTE BIS NEUNTE AUFLAGE COPYRIGHT 1922 BY S. FISCHER, VERLAG, BERLIN DER REISEKAMERADIN IM SÜDEN DES SEES DIE SCHWELLE Einen Tag lang Dampferfahrt aufwärts von Schanghai ist der Jangtsekiang noch Meer. Erst allmählich, mit Ufern, die dünn, grau, nebelig wie Sagen erdämmern, beginnt er seine Vermählung mit der Erde des alten Landes China. Wir fahren bis spät in die Nacht hinein. Dann bleiben wir vor chinesischen Städten liegen, in denen jedes Haus ununterbrochen von elektrischen Birnen durchleuchtet ist, wie von Röntgenstrahlen. Und doch bleiben diese Städte wie ein Brausen in einer unbegehbaren Schlucht an unserm Weg zurück. Nanking kommt, die alte, südliche Gegenstadt von Peking, dem nördlichen. Es ist alt, vergangen, zerbröckelnd und neigt sich zum Mutterleib des Erdbodens zurück. Und am Schluß der ersten Reise Hankau, strotzend vor Jugend und Geschehnis. Gegenüber in Wutschang hingen zwölf Köpfe am Tor. Sie steckten auf Töpfen, in denen das Blut zusammenfloß, das ihre Hirne zu der umstürzlerischen Verschwörung erhitzt, die vorzeitig entdeckt worden war. Das Tor ist finster, klein, grau, wie Jahrtausende. Ein Jahr vor diesem Tag war der Vizekönig entflohen durch dies selbe kleine Tor, während die Revolutionäre siegend das Hirn und Blut der Mandschu- und Beamtenkinder und Frauen an den Hauswänden aufspritzen ließen. Der Vizekönig wollte, um sich zu retten, einen Dampfer des Norddeutschen Lloyd kaufen. Aber es gab damals schon etwas für Kaufleute, das "Neutralität" genannt wurde. Heut bluten die zwölf Köpfe in die Gefäße für seinen republikanischen Nachfolger. Allein und unverändert stehn blieb das dunkle schmale Tor, das mittelalterliche chinesische Stadttor, in dem keine zwei Stoßkarren aneinander vorbeikamen und das doch eine Stadt von einer Million Menschen auf einen der größten und belebtesten Ströme der Erde öffnete. Der Jangtse wälzte sich an ihm vorbei in die Maßlosigkeit der Ebene hinein. Er ist immer angefüllt mit dem Sand, den seine gewaltsamen Wassermassen in ganzen Hügeln aus den Ufern reißen. Der Sand reibt sich mit einem prasselnden Lärm am Leib des Motorboots, das schräg hinüberfliegt, ans Hankauer Ufer zurück, wo kilometerlang der Damm der internationalen Siedlungen läuft. Ein Schiff an ihm neben dem andern. Hastig werden sie vollgestopft mit den Waren des Umlandes bis zum Tibet, und die tragenden Kulis geben ihre Lieder, die sie zu den Lasten singen, unter denen sie sich biegen, mit obendrein ... diese Lieder, in denen die Laute der ersten zur Arbeit im Schweiß des Angesichts verdammten Menschheit aufbewahrt sind. Bureauhäuser als Fassaden vor Fabriken. Hexenkessel und Akkumulator ... Weiße Gehirne und gelbe Leiber schwitzen über der Erwerbsgier Europas, und das Schlitzauge läßt nichts aus seinem Blick. Aber neben dieser sauberen modernen europäischen Stadtansammlung wuchten die Massen der beiden chinesischen Ruinenstädte Hankau und Haniang ineinander. Trümmerfelder rauchgeschwärzt, blutgefleckt, von asiatischer Grausamkeit geschwängert. Es ist ein Jahr nach der Revolution Chinas. Hier hatte ein Mann gewirkt, machtvoll und dunkel: Juan Tschi Kai. Er hatte hier zerstört, um nach eigenem Kopf aufbauen zu können. In drei Tagen hatte er die mächtigste Siedlung Asiens zerstört, eine Million Menschen ihres Obdachs beraubt. Da wußte der Kaiser, daß Macht und Armee Juan Tschi Kai gehörten, und in dem Augenblick, wo dieser für die Mandschu, die er auf den Tod haßte und in deren Dienst er stand, hätte die Früchte ernten sollen, ließ er über seinem kaiserlichen Sieg die Revolution des Volks aufwachsen und den Kaiser abdanken. Aus dem zerstörten Hankau hat er dann die Republik und seine neue Macht aufgebaut. Juan Tschi Kai ist für die meisten Europäer und die Schar der an amerikanischen und europäischen Gedanken entgleisten Chinesen ein dunkler Schurke. Aber er ist über die äußern Ereignisse hinweg vielleicht eher ein Mann von einer chaosbezwingenden Moral, eines der Herzen in roter Glut, die von Weile zu Weile plötzlich selbstschöpferisch aus den Massen aufbrennen und eine Erneuerung von Weltteilen erstreben. Man war kleinmütig in China und vertraute ihm nicht. Man war eifersüchtig und ließ ihn gehen. Und es blieb von seiner Tat nur der alte Mordvater Jangtsekiang. Mit strudelnder Wucht geht er zu Tal. Er ist so maßlos, wie die Ebene, in der er liegt. Er nahm die ganze geschlagene Armee der chinesischen Revolutionäre auf, als sie die verschiedenen Götter verlassen hatten. Sie stürmten ihn ... Zehntausende von Menschen, aus der Hitze des Kampfes, dem Schwelen der Todesverzweiflung herausstürzend, zwischen lohenden Ufermassen herausbrechend, wurden von den schmalen Wasserträgergassen in den furchtbaren alten gelben Krokodilstrom geworfen. Der Sand, das Wasser rannen ihnen erstickend durch Nasenlöcher und Mund, verklebten ihnen die Augen. Und vom Ufer aus erledigten die Kartätschen der Kaiserlichen die wimmelnden schwarzen Massen der Schwimmenden und den Todeszug der Kähne, die führerlos stromab gerissen wurden und irgendwo, vor dem deutschen Konsulat, vor einer Fahne Frankreichs, einer russischen Teefabrik oder einer Talgaussiederei, behäuft mit Leichen und stöhnenden Sterbenden zwischen Dschunken und europäischen Dampfern an den Strand geworfen wurden, wie Viehaas oder die spurlos in der Unendlichkeit des Jangtses vergingen. Es war einer der wüstesten Mordtage der Weltgeschichte. Über diesen Ort und diese Zeitläufte traten wir ein in das große Reich China. Es war zwischen seiner Revolution und dem Krieg der Welt gegen Deutschland. Die Tiefe des Europaverlassenen lockte. Dampfer fahren weiter von Hankau stromaufwärts. Wir benutzten einen Japaner. Wir wollten zuerst nach der Provinz Hunan; die chinesische Behörde in Schanghai hatte gewarnt, als sie den Paß ausstellte. Hunan und Ssetschuan waren noch nicht beruhigt und sicher. Der Dampfer verließ den Jangtse und wandte sich südwärts in den Siangkiang hinein, der an Tschangscha, der Hauptstadt Hunans vorbeifloß. Aber eines Morgens erklärte der japanische Kapitän, der um diese Stunde stets einen wundervollen, sehr schmutzigen Kimono trug, er fahre nicht mehr weiter. Der Wasserstand sei zu niedrig und der Kiel schleppe schon am Boden. Wir waren die einzigen weißen Reisenden an Bord. FEUERSBRUNST Wir hatten noch ein gehöriges Stück den Siangkiang hinauf bis Tschangscha. Der Dampfer blieb an einem Ort stehen, der jedes Jahr im Winter, wenn der Jangtsekiang die Wasser des Tuntingsees verschlingt, aus dem Nichts und einer Sandbank entsteht und in jedem Frühjahr, wenn die Wasser wiederkommen, in alle Winde auseinandergeht. Am Ufer stand in der Sandböschung eine dicht gedrängte Reihe gebräunter Häuser aus Bambus und Schilf. Unser Dampfer war im Augenblick von großen und kleinen Booten umzingelt. Es erhob sich ein wütendes Geschrei der Bootbesitzer und der Herbergswirte um Kunden. Währenddessen näherte sich ein merkwürdiges Fahrzeug. Auf einer hölzernen Plattform, die gerade aus dem Wasser tauchte, hockten vorn und hinten zwei Häuschen; zwischen beiden Häuschen lag ein zerfetztes Leinwanddach, das das schwarze Rohr eines Schornsteins durchstach. Das Rohr spie Funken, Asche und ein wenig Rauch; das Schiff prallte unachtsam und herrisch in den Haufen der andern Boote hinein, und die ganze Horde Chinesen von unserem Dampfer über die schaukelnden und springenden Sampans hinweg auf das Boot zu, stopften es mit ihrem Gepäck voll, preßten sich selber dazwischen. Da kam der Japaner und sagte uns in primitivem Pidgin: »Das ist Ihr Boot nach Tschangscha.« Wir erschraken. Es schien uns, als ob auch nicht mehr für einen der zahlreichen Flöhe des Landes Platz auf diesem Fahrzeug wäre. Aber wir wußten, es gab keine andre Gelegenheit, nach Tschangscha zu kommen. Wir hatten niemanden, mit dem wir uns verständigen konnten. Unsre zwanzig Koffer und Kisten wurden hinübergeturnt, über zehn oder zwölf Schiffe hinweg. Wir gingen denselben Weg und hockten bald zwischen Chinesengepäck und seine Besitzer geklemmt, am Rand des Boots. Das Wasser spülte bis an unsre Schuhe. Das Boot fuhr rasch und schwankend davon. Bald nah am Ufer, bald seichte Stellen vermeidend, in langsamen Zickzacken. Einmal machte es bums! Ein Faß, zwei Körbe und ein Chinese flogen über Bord, die ganze Angelegenheit stockte. Der Chinese zog sich wieder heraus, das Faß schwamm davon, die Körbe wurden durch ihre Besitzer gerettet. Mit Stangen wurde das Boot wieder abgestoßen, und es fuhr weiter zwischen Sandböschungen, auf denen mächtige Wasserbüffel mit vorgestrecktem Kopf, wild und schwerfällig ihre Hüter auf dem Gesäß dahintrugen. Auf einmal trat ein dicker Mann auf mich zu und sagte etwas, das englisch sein und das "erste Klasse" heißen konnte. Ich ging mit ihm und kam eine Stiege hinab in eine kleine Kajüte, in der drei Holzpritschen angebracht waren. Er deutete auf sie und sagte: Schlafen. Schiff nachts nicht gehn. Ich stürme hinaus und schrei Gre zu: Wir müssen auf diesem Fahrzeug schlafen. Es kann nachts nicht fahren. Schließlich erschien uns das doch nicht so schlimm. Gre kam auch herunter. Wir beide saßen auf der größten Pritsche, auf der andern verspeiste der dicke Chinese eine gebratene Wildente, eine wirkliche Märchenente, und gab einem schönen alten Mann mit einem feinen schlauen Gesicht davon mit. Wir hatten Hunger und nichts zu essen, dazu die Aussicht, die Nacht hier zu verwachen. Eine Zeitlang nährten wir unsre Spannung am Beobachten der Verrichtungen chinesischer Hände. Welches Rätsel von Menschenentwicklung lebte in ihnen! Jahrtausende geistigen Lebens schienen sich durch sie einen körperlichen Ausdruck zu geben. Gotische Malerträumereien aus Europa waren in ihnen Wirklichkeit geworden. Der alte Herr war in blaue geblümte Seide gekleidet. Er sprach uns bald auf Pidgin-Englisch an, davon konnte er ein paar Worte. Wir unterhielten uns mit einem Wortschatz von etwa dreißig Ausdrücken sehr angelegentlich und gut. Wir wußten bald, daß er als Komprador einer Petrolgesellschaft nach Hankau gefahren war und nun nach Tschangscha zurückkehrte, und er wußte, daß wir von Europa kamen, nach Tschangscha gingen und dort bei meinem Freund wohnen sollten. Er kannte den Freund und schwärmte von ihm. Er war höflich wie ein Chinese. Das ist ein Wort, das man für Europa neu bilden muß. Als unser Hunger unbezwinglich stieg, versuchte ich in die Gunst des Entenbesitzers zu kommen und hielt ihm die Zigarrentasche hin. Er nahm gleich die Tasche mit den Zigarren. Ich belehrte ihn hastig eines Besseren und zog ihm zwei heraus, schaute auf eine seiner Enten, und er stand nicht an, mit höflichem Lachen sich mit zwei Zigarren zu begnügen und uns mit einer schönen Gebärde seiner andern Hand eine der Märchenenten anzubieten. Dazu goß er in eine Tasse gezuckerten Sherry. Nach und nach kam das ganze Schiff uns anschauen. Wir saßen in der Kajüte, wie Ameisenbären in einem Käfig. Die Chinesen lachten uns ergötzt und wohlwollend von draußen zu, schauten sich satt und machten andern Platz. Einen trieb die Neugier weiter. Er schlüpfte die Treppe herab, hockte sich gleichgültig abschauend ruhig in die Ecke auf den Boden, pustete auf das Ende einer Papierstange, ein Flämmchen sprang hervor, damit zündete er sich die Wasserpfeife an, tat einen Zug und blies den weißen Rauch zu uns herüber. Er pustete die Asche aus dem Rohr und stopfte ein neues Kügelchen ein. Er saß da, als ob wir ihn nichts angingen und er selber in dieser Ecke geboren und festgewachsen sei. Bald saß ein zweiter in der andern Ecke, ein dritter zwischen ihnen. Es kamen immer mehr. Wir waren schließlich ganz in sie eingehüllt, und doch fühlten wir ihre enge Nähe nicht härter, als einen Windhauch, der fremde sanfte Gerüche aus einem andern Wald bringt. Alle rauchten. Es war Nacht geworden. Ein Öllämpchen schaukelte an der Decke, die Flamme schwelte und zitterte. Der Rauch der Wasserpfeifen kneifte uns Hals und Augen, und wir flüchteten in die frische Luft. Der Mond schien aufs Wasser. Das Boot lief in einen Haufen anderer Schiffe hinein, die ihre Masten im Wirrwarr rundum schwarz und steil ins Mondlicht streckten. Die Pfeife begann in die Nacht zu brüllen. Die Maschine beendigte ihr Stampfen. Der Anker wurde ins Wasser geworfen. Im Nachthafen wurde es lebendig. Kleine Sampans mit flackernden Lichtern tauchten zwischen den Dschunken heraus, umgaben uns mit Rufen, Gongschlägen. Ein jeder war ein kleiner Laden, und man konnte Kuchen und Quark von Bohnen, geröstete Bohnen, Erdnüsse, Hirsewein, gezuckerten Mais, Reis und Öl kaufen. Bettlerboote zwängten sich vor, und in andern Kähnen standen Mädchen, seltsame Wassernixen, und lockten. [Illustration: Markt in einem Jangtse-Städtchen] Ich holte die Liegestühle herbei, die im allgemeinen Raummangel aufs Dach geworfen worden waren, räumte einiges chinesisches Gepäck fort und baute die Stühle auf Kisten auf, ganz nahe am Rand. Ich sah das Wasser gerade unter mir. Gre lag daneben zur Schiffsmitte zu. Die schmutzigen Fetzen des Dachs über der Nase, versuchten wir einzuschlafen. Die Chinesen kauften, aßen, sprachen, brüllten, schnarchten, rochen und vollzogen rundum ihre Bedürfnisse. Der Mond schien kühl hernieder. Wir sahen unter dem Rand des Dachs eine kleine Stadt, die sich im Hügel des Ufers errichtete. Sie glänzte schwarz, mit befremdlichen Umrissen im Mondlicht. [Illustration: In einem Tor in Tschangscha] Plötzlich erklang Musik in ihr. Ein Dudelsack schien sich mit einem Gong zu unterhalten. Wir sahen ganz oben einige Lichter gehen, zu denen die Musik wohl gehörte. Die Lichter stiegen eine Straße herab. Es flammte plötzlich zwischen ihnen an weißen Mauern hinan. Nur einen Augenblick, dann war der Schein verlöscht. Die Musik setzte mit neuer Heftigkeit ein. Wir schraken ein wenig aus dem Schlaf. Pauken und Becken bummten und dröhnten. Bronzener Trommelklang schüttelte die Luft. Die schwarze Masse der Stadt wuchs im Mondlicht hinauf zu lang hinlaufenden Zinnen. Türme mit ausgeschweiften Dächern erhoben sich hoch ins grüne Licht -- eine geheimnisvolle Architektur. Und geheimnisvoll stiegen Lichterzug und Musik in Zickzacken immer tiefer zum Wasser herab. In der Stadt klangen kleine Saiteninstrumente in seltsamen zarten Tonwellen aus dem metallischen Gewieher der alten Pauken und schläferten uns wieder ein. Ganz hell singt eine Schalmei auf. Eine Flamme taucht wieder aus dem Schwarzen hoch, reißt einen roten Fetzen der Stadt aus der Nacht und verschwält hastig. Der Mond tritt über eine Pagode. Er ist dick und streckt zwei kurze Beinchen in die Höhe. Er liegt auf einem runden Rücken, nicht wie bei uns, wo man ein D oder ein C aus ihm machen kann. Die weiche Schalmei und das Gesäusel der Geigen und das bronzene Hallen der Trommeln vereinigen sich plötzlich. Mitten aus ihrer Musik bricht eine Flamme durch die Stadt auf: Aber sie verlöscht nicht mehr. Die Nacht färbt sich an ihr. Sie wächst, züngelt an den Zinnen und Türmen hinauf und vergeht nicht. Ein Chinese, der unter meinem Stuhl lag, springt auf und stößt meinen Stuhl an. Der Stuhl rutscht mit einem Bein und kippt nach hinten. Ich wache rasch und heftig ganz auf. Es brennt in der Stadt. Der ganze Hafen wird lebendig. Er fängt an zu schreien und zu brüllen. Ich fühle Gres Hand erschrocken nach meinem Arm zucken. Ich sage: "Die ganze Stadt scheint zu brennen." Der Mond ist klein und blaß geworden. Auf einem Boot neben uns krachen Schüsse. Menschen springen in Kähne. Der Hafen schüttelt rasch den Schlaf ab. Kreuz und quer fliegen Sampans. Große Dschunken stoßen sich schwerfällig weiter in den Fluß hinaus. Da springen wir auch in einen Sampan und kommen zur Stadt hinüber. Die Gassen rasen. In der Finsternis prallt ein Mensch gegen den andern an. Einige halten flammende Fackeln über das Gewühl. Alle haben aufgeschleißte Bambusstreifen in der Hand und lassen sie aufeinander klappern. Der Lärm ist schrill und klingend. Wir werden im dunkeln Zug gestoßen und mitgeschoben. Es geht rasch vorwärts. Über den niedern schwarzen Dächern glüht die Nacht rot. An einigen Biegungen der Straße fällt der Schein der Lohe bis in die Menschenhaufen hinab. Kinder drücken sich zwischen den Beinen durch, werden niedergetreten und stürzen schimpfend wieder weiter. Frauen pressen sich an die Hauswände. Mit ihren abgebundenen Füßen trauen sie sich nicht in den Sturm. Eine Gasse führt jäh bergan und dämpft die Eile. Der Feuerschein wird wild und heiß. Über die enge Treppengasse stieben Schwärme von Funken. Die Luft wird wärmer. Roter Schaum liegt auf allen Dingen, und als wir oben angekommen sind und umbiegen, sehen wir, daß eine ganze Seite der Gasse brennt, die dort auf der Höhe im Kreis um den Hügel läuft. Am Eingang in die Gasse steht ein Mann und hält eine lange Bronzetrompete steil in die Luft. Die stürmenden Menschen strudeln um ihn. Er bläst wie ein Elefant hinein. Es klingt wild, mächtig und klagend. Die Gasse ist ein Sturzbach von Schreien. Wir wälzen mit der Menschenmenge rasch hinein. Frauen werden aus den Häusern geführt. Sie liegen gebrochen in den Armen andrer Menschen und stöhnen, als ob sie verunglückt seien. Dicke Betten, Möbel, Päcke, Kinder, große Vasen werden vorbeigetragen. Soldaten stehen an den brennenden Häusern. Die einen haben gezogene Säbel in der Hand. Die andern reißen mit Hakenstangen die leichten Häuser ein. Die Häuser sind aus Bambus, Schilf, Moor und Zunder gebaut. Sie schleudern wilde Wolkenwunder von Funken in den Mondhimmel. Der Mond ist bleich wie eine Rübe und manchmal fast ausgewischt in Rauch und Feuer. Die Funken steigen wie Feuervögel. Hunde jammern und bellen ihnen nach. Menschen schluchzen. Die Funken erlöschen nicht. Sie wollen die ganze Stadt zu Feuerwerk machen. Ihr Fauchen und zischendes Himmelfliegen nimmt den Hall des wilden Menschengebrülls, der schrill aufeinanderschlenkernden Bambusschleißen mit hinauf. Mit wehmütiger Wut brüllt die bronzene Posaune über die Stadt. Vor den Häusern der andern Seite, zwischen den Beinen des Menschengewimmels, das ihre Wände einzudrücken droht, krachen Pulverfrösche, Gonge bumsen, und Kracher und Gong rufen den Gott. Die Bewohner verbrennen Papiergeldopfer. Das soll der Gott achten, und er soll das Flehen der Menschen erhören und die noch heile Häuserseite dem Feuer abspenstig machen. Aber drüben rast das Feuer in dem Zunder. Die Soldaten sind wie kleine graue Kobolde zum Glück der Menschen. Ihre Kraft und Ausdauer ist übermenschlich. Sie reißen mit ihren Bambusstangen im Nu die Dächer ab, lösen Balken, alles fällt in die Menge. Die Menge rasselt mit ihren Bambusschleißen, hilft, stößt, schimpft und brüllt. Wir werden hin und her geschoben. Kommen wir ans eine Ende, so wirft uns ein Strom Neuankommender wieder durch die ganze Gasse zurück. Die Gesichtshaut ist erhitzt und gespannt. Alle Gesichter tragen die heftige Glut rot auf den mongolischen Backenknochen und daneben tiefe Schatten wie Löcher auf Totenköpfen. Alle Münder sind groß und dunkel auf und voll Gebrüll. Ein brennender Dachsparren sinkt langsam über die Gasse. Menschen springen weg. Die Balken brennen in der Gasse und machen einen Engpaß. Menschenfüße treten darauf und löschen das Feuer. Nirgend ein Strählchen Wasser. Die Soldaten mit den Säbeln in den Händen stehn stumm und streng wie Kirchenengel des jüngsten Gerichts an den flammenden Häusern, und die andern löschen den Brand und besiegen die Flammen ohne einen Tropfen Wasser. Die Funkenvögel steigen nur mehr in einem dünnen Schwarm aus der Mitte der Brandstätte auf und fallen bald kraftlos über den Fluß nieder. Nur im Schutt glimmt es noch. Weißer Rauch quillt aus der Erde und wallt in die Nacht. Die Nacht liegt über der abgebrannten Stätte wie eine opalene Landschaft, und in dem zitternden, weiß durchzogenen Schleier der dunklen Luft erscheint der Mond wieder in einem bebenden, blutenden Rot. Da bohren wir uns aus der Gasse heraus und steigen höher durch den Ort hinauf. Wir kommen an ein schwarzes leeres Tor. In seinem Halbbogen, der wie ein Mund im Starrkrampf offensteht, glüht die grüne Nacht. Wir treten hinein und tragen die Schauer des Erlebten in die einsamen fremdländischen Äcker, die auf der Höhe, gepflegt wie Gärten, mit einzelnen schwarzen Bäumen im Mondlicht dahinziehen. Als wir wieder durch die Stadt hinab dem Fluß zu kletterten und in die abgebrannte Gasse kamen, hatten sich die Menschen wieder verlaufen. Nur beiderseits standen eine Reihe Männer, Frauen und Kinder, scheinbar die Bewohner dieser Gegend. Zwischen ihnen sammelten sich die Soldaten, die das Feuer gelöscht hatten und zogen in geschlossenem Zug davon. Die Menschen beiderseits der Gasse aber drückten ein jeder sich selber heiß die Hände, verbeugten sich tief, schön und oft vor den Soldaten, und die Soldaten schritten mit strengen Gesichtern schweigsam und rasch hindurch. Wir standen in einem dunklen Winkel und sahen das in der kleinen chinesischen Nachtstadt. Als die Soldaten fort waren, bückten sich die Menschen zum Boden nieder. Vor jedem der verschonten Häuschen wurde ein Haufen Sand aufgescharrt und brennende Räucherstäbe hineingesteckt. Pulverfrösche krachten, ein Gong rief. Der Gott sah das Dankopfer, und der Mond schritt wieder freundlich, dick werdend und seltsam die kurzen Beinchen in die Höhe streckend, über die Stadt weiter. IN TSCHANGSCHA 1 Den ganzen nächsten Tag rappelten wir auf dem Dampfkarren den Siangkiang hinauf, südwärts auf Tschangscha zu, wohin wir wollten. Dort wohnt ein Freund und leitet ein deutsches Geschäft. Wir glauben, wir haben noch weit, denn wir sehen nichts von einer Stadt. Aber die lag schon am Ufer, ein riesenhaftes Band von Nebel, Rauch und Bewegung in verdunkelter Luft. Als wir oben an einem europäischen Magazin anlegten, stand mein Freund am Ufer. Er kommandierte auf chinesisch einige Kulis an unser Gepäck. Daß er Chinesisch sprach, kam mir sehr bedeutend vor. Aber wir hörten bald, daß man hier nur Chinesisch sprach. Wir wurden noch ein Stück den Fluß hinaufgerudert. Die Stadtmauer bog ins Land hinein. Aber ein ganzer Stadtteil saß hier noch auswärts an ihr, und in ihm lag, unfern des Flusses, das Haus unseres Gastgebers. Europäische Häuser gab es in Tschangscha noch nicht. Aber ein paar reiche Chinesen hatten, der Mode folgend, Häuser gebaut, die den europäischen Häusern ähnlich sein sollten. Das Haus, in dem wir wohnten, war von dieser Art. Es gehörte dem Komprador des deutschen Handelshauses. Es war ein Doppelhaus. Nach vorn hatte es ein Erdgeschoß. Ein kleiner Hof mit Blumen in Porzellankübeln trennte das Vorderhaus vom Hinterhaus. Dieses hatte aber ein großes erstes Stockwerk. Der Komprador und seine Familie bewohnte die beiden Erdgeschosse, und unserm Freunde gehörte das erste Geschoß und die große Veranda. In allen Einzelheiten war das Haus chinesisch. Es hatte eine Galerie vor den Fenstern im Hof. Fenster und Türen waren mit vergoldeten Blumen ausgeschnitzt. Die Stühle und Tische waren aus schwerem Holz, wie streng stilisierte Blumen geformt und geschnitzt, schwerfällig und doch graziös prunkvoll. An einer Wand des Hauptzimmers stand die Mandarinbank aus dunklem Holz mit Platten von schön geädertem Marmor, und an den Wänden hingen lange Rollen mit Sprüchen, Kopien von berühmten chinesischen Kalligraphen. Andere Rollen waren mit Tuschezeichnungen von Vögeln und Bäumen bedeckt. Das Haus war windig gebaut. Die Seite zum Hof und zu den Galerien hin war nur Fenster und Türen. Die Glasscheiben klapperten im Wind. Der Wind strudelte durch die Spalte herein. Keine Tür schloß. Alles Holz war gequollen. Es begann Winter zu werden in diesen Tagen, und die Diener klebten die Spalte und Scheibenränder und die überflüssigen Türen mit Papierstreifen zu. Wenn man rasch durch ein Zimmer ging, begann das Haus wie in einem Erdbeben zu wackeln, und die Möbel tänzelten ein wenig an den Wänden. Das war das modische Europäische am Haus. Unten im Hauptzimmer des Chinesen, dessen Tür immer weit offen stand, sahen wir den Hausaltar voll schöner Messing- und Bronzegefäße, in denen Flämmchen glimmten und rauchten. Aber es stand auch ein europäisches Büfett darinnen, auf dem zwischen dunkelgrünen und granatroten Weingläsern aus Europa eine ganze Reihe unaufgebrochener Champagnerflaschen sich aufhielt. Sonst ging es ganz chinesisch im Erdgeschoß zu. Wir machten bald dem Hausherrn unsere Aufwartung. Es war ein kleiner, ganz schlanker Kantonese, sehr beweglich, mit einem feinen schmalen Kopf und einem schlauen Gesicht. Er lachte immer, sprach ein paar Worte Pidgin und war überaus höflich und liebenswürdig. Er ließ gleich Tee bringen und setzte eine Schachtel getrockneter kantonesischer Lidses auf den Tisch. Das sind die teuersten Früchte Chinas. Er nannte gleich ihren Preis und lachte dazu. Er betastete die schwarze Perle, die ich eigens zu dem Besuch angesteckt hatte, und fragte, wieviel sie gekostet habe. Seine kleine dicke Frau kam. Sie hatte ein großes weißes Mondgesicht mit dunkeln Augen. Eine glänzende schwarze, mit grünen Nephritspangen besteckte Frisur umrahmte es. Sie trug eine schwarze Seidenhose und eine hellblaue Jacke dazu, die bis an die Knie reichte. Aber sie hatte als Kantonesin keine abgebundenen Füße. Sie schüttelte, wie aus großer Ferne lächelnd, sich mehrmals die Hand, indem sie sich des öfteren vor uns verbeugte. Wir taten desgleichen und setzten uns wieder. Sie nahm Gre mit nach hinten ins Frauenzimmer. Dort hatte sie eine kleine Gesellschaft von Freundinnen. Ein paar chinesische Damen spielten das schwierige Dominospiel und rauchten aus messingenen ziselierten Wasserpfeifen. Gre wurde sofort bis auf die Haut untersucht und bewundert und mit unverständlichen chinesischen Fragen bestürmt. Wir durften nicht hinein. Der Komprador bot uns eine Manilazigarre an. "Sie kostet 20 Cents!" sagte er dazu. Er lachte und fragte meinen Freund auf chinesisch, wie ich heiße, was ich sei und weshalb wir nach Tschangscha gekommen seien. Ich gab ihm eine meiner roten chinesischen Visitenkarten. Sie sah aus wie ein Plakat. Auf chinesisch hieß ich: Tschie Ke se. So hatte der chinesische Schreiber des holländischen Konsuls in Schanghai meinen Namen gelesen und umschrieben. Er sagte, man könne diesen Namen auch verdeutschen so wie die chinesischen Namen gewöhnlich einen Wortsinn haben, und er hieße etwa: der Dankbarkeit fähig sein. Aber der Chinese, der den Holzstempel für die Herstellung der Karten geschnitten, sagte, die ganze Sache des Schreibers habe keinen Sinn. Während unseres Besuchs sprang ein kleines häßliches Mädchen von etwa acht Jahren ungebärdig umher, und ein scheuer schmutziger Junge drückte sich in eine Ecke fest, um zuzuschauen. Das waren die Kinder des Chinesen. Das kleine Mädchen war sehr verzogen und der Vater sehr verliebt zu ihm. Es war ein kleines Äffchen, das rasch zutraulich zu uns war und stets auf den Hof hinaussprang, wenn es uns die Treppe herabkommen hörte, um sich an uns heranzumachen. Das Zimmer der Kinder war im Vorderhaus. Wir sahen von der Galerie in sein offenes Fenster. Von früh bis in die Dämmerung saß der Hauslehrer der beiden Kinder an diesem Fenster, und wenn wir noch im Bett lagen, erscholl schon von drunten der Unterricht. Der Lehrer war ein hagerer älterer Mann. Er trug eine große Schildpattbrille und ein langes graues Kleid. Er saß am Tisch und schnitzte Stempel. Der Junge stand an seiner Seite, drehte ihm, wie es die Schulsitte verlangte, den Rücken, wippte von einem Bein aufs andere und sagte aus dem Buch der Erziehungsgeschichte auf. Bald leierte er, bald brüllte er. Das kleine Mädchen drückte sich gern, und oft mußte der Lehrer aufspringen und ihr in den Toreingang nachlaufen, um sie zurückzuholen. Von früh bis spät lernten die Kinder. Aber wir waren nun oben auf der Galerie wie ein fremder Magnet für Lehrer und Schüler, und die erste Zeit glänzte die große Schildpattbrille mehr zu uns herauf, als der Kopf, für dessen Gelehrtheit sie das Schild war, auf das Hersagen des Knaben aufpaßte. Die kleine Schule drunten hatte eine merkwürdige Zeit. Neues und weither Fremdes überstrahlte mit Bedeutsamkeit die starr stehenden Dinge des Kungtse und seiner Schüler. Aber während sich so unter uns das Hausleben der chinesischen Familie halb im Dunkel lichtete, sahen wir zwischen Häuserlücken die nahe Mauer die alte graue Stadt umschließen. Ich dachte wie an seltsame Geheimnisse an sie, und an das Abenteuer, zum erstenmal in ihre Fremde und Sonderbarkeit hineinzudringen, wie an ein Wagnis. Es war eine Halbmillionenstadt, die sich in die Mauer dort einschloß, die Hauptstadt der Provinz Hunan, der »Provinz im Süden des Sees«. Durch unsern Freund hatten wir gesellschaftliche Verpflichtungen. Die waren wohl karg, denn es wohnten wenig Europäer in dieser entfernten Stadt des innern Reichs. Wir machten Besuche und kamen zu einer lebhaften blonden Frau, deren Mann auf Reisen, im Innern der Provinz war. Niemand wußte wo. Die Frau hielt fest. Die Besucher mühten sich vergeblich ab, ihr Schweigen zu Fall zu bringen. Es hatte sich nämlich eingebürgert unter den europäischen Kaufleuten, daß sie ihre Fährten verwischten. Denn es war Sitte geworden, daß einer neidisch dem andern aufpaßte. Im Innern waren Geschäfte zu machen. Es lagen Erz- und Kohlenlager da, und man liebte es, sich nachzureisen. Die blonde Frau war die einzige deutsche Frau, die in Tschangscha wohnte. Wir waren am Abend dort zu Tisch, um die Bekanntschaft der übrigen paar Europäer zu machen. Es waren vier junge deutsche Leute. In ihren Händen lag fast der ganze Handel, der diese Gegend mit Europa verband. Der deutsche Kaufmann hatte sich Hunan gesichert. Die jungen Leute sprachen natürlich über China, weil sie sich dachten, daß wir etwas von diesem Land wissen wollten. Sie saßen sehr hoch als europäische Kaufleute und taten so, als ob es nicht diese immer sehr höflich und sehr nebensächlich lächelnden Kompradore gäbe. Der Komprador ist der chinesische Mittelsmann, den die Kaufleute den ausländischen Häusern aufgezwungen hatten. Nur durch ihn konnten Käufe und Verkäufe mit Chinesen abgeschlossen werden. Es war der Vorhang, der dem Europäer den Blick in den chinesischen Markt verdeckte. Aber sie sprachen nicht lang. Sie redeten in programmäßiger Kürze ihre chinesischen Sachen herunter. Das Gespräch begann bald abzuschwenken und nahm einen Unbekannten in seine Finger, der heute abend auch hätte kommen sollen. Sie nannten ihn Emil Schlehmil. Sie wußten nur Närrisches von ihm zu erzählen, nur unfruchtbare pedantische Streiche. Aber diese Dinge schienen ein Beigemisch von seltsamem Gemüt zu haben und mochten einen Kopf spiegeln, der nicht mit den Augen der jungen vier Kaufleute in Tschangscha diese Welt anschaute. Aber sie sagten, er könne uns trotz seiner Verrücktheit sehr nützen. Er spreche sehr gut Chinesisch und verbringe seine Tage damit, durch die Stadt zu strolchen. Sie fügten hinzu, es täte ihnen leid, falls wir überhaupt darauf halten sollten, uns einmal die Stadt anzuschauen, uns in dieser Beziehung nicht dienen zu können. Aber sie seien so mit Arbeit beladen, daß sie nie Zeit fänden, sich in die Stadt zu begeben, und sie zögen es auch vor, diesem interesselosen Dreck- und Gestankkessel aus dem Weg zu gehen. Darüber kam ein Diener und brachte einen Brief von Emil Schlehmil an die Hausfrau. Sie zeigte mir ihn. Er entschuldigte sich darin sehr komisch, daß er nicht zum Abendessen komme. Der Brief War in Versen, und witzige Zeichnungen illustrierten ihn. Diese Verse und Zeichnungen waren merkwürdig. Ein krauser Humor überrankte in ihnen zärtliche Gefühle. Der Schreiber schmiegte sich an die kleine goldblonde Frau und verbarg unter Selbstspott hundert zärtliche Berührungen. Die Frau sagte mir lachend: »Verrückt, nicht wahr?« Ich dachte: nein, und sah ihr in die Augen. Und diese klugen und schönen Augen wußten, was der Brief nicht verraten sollte. Übrigens waren alle in die Frau verliebt. Die andern sprachen noch öfters über Emil Schlehmil. Schließlich schien mir, daß die Art, wie er mit Ausdauer verbarg, was er in Tschangscha machte, ihnen das Wichtigste an ihm sei. Mitten in die Gespräche hinein begann es plötzlich wütend zu schießen. Es krachte und donnerte hastig und brutal, der Lärm wuchs, das ganze leicht gebaute Haus war auf einmal zitternd eingespannt in das dröhnende Erbeben. Wir hörten auf zu sprechen. Keiner verstand mehr ein Wort des andern, und alle hielten sich die Ohren zu. Da kam ein chinesischer Diener und sagte der Hausfrau, der alte Herr Jen Ling Tan, der Besitzer des Hauses, der unten wohnte, ließe mitteilen, daß die Hauptfrau seines Sohnes ihren ersten Knaben geboren habe. Dies zu feiern, brannten sie unten im engen Hof lange mehrreihige Bänder von Pulverfröschen ab, und ihr Gedonner krachte hoch in die Nacht der Geister den Unsichtbaren den Dank eines beglückten Familienvaters zu. 2 Am nächsten Tag kam Emil Schlehmil zu uns. Er war ein blonder Deutscher. Ein heller Schopf richtete sich auf seiner Stirn zurück. Er hatte einen schönen Kopf mit festen Zügen, und in seinen blaugrauen Augen standen manchmal abwesende Träume. Er wollte uns mit in die Stadt nehmen. Ein Boy ging drei Tragstühle holen. Wohl sahen wir die Stadtmauer kaum hundert Meter von uns weg. Aber sie hatte nur fünf Tore und sonst keinen Einlaß, und wir hatten ein langes Stück Weg bis in die Stadt. Die Stühle kamen. Sie waren außen dunkelblau und im Innern mit handgedruckten farbigen Papieren, mit Spiegelchen und festgemachten Väschen ausgestattet. Auf den Scheiben wuchsen gemalte Blumensträuße. Aber die Fenster waren verhängt. Gre bekam zwei Träger, wir beide jeder drei. Wir schlüpften auf den Sitz. Ein Brett wurde zum Aufstützen der Arme vorgeschoben, dann fiel der Vorhang vor der Öffnung. Ich saß in einem engen Halbdunkel, das plötzlich mit einem Ruck schwankend in die Höhe sprang und leis schaukelnd davoneilte. Ich schob den Vorhang so weit zurück, daß ich wenigstens einen Streifen Ausblick hatte. Zwei Kulis trugen die beiden Tragstangen vor mir auf den Schultern. Sie liefen mit nackten Beinen durch den glitschigen Schmutz. Die Fersen klopften auf die Steinplatten der Gasse, hart wie Holzklöppel. Die Körper waren in leichtem blauen Baumwollzeug. Man sah Glieder und Muskeln darunter hüpfen. Alles ging ruckweise im wippenden Takt der Bambusstangen. Die Körper waren mit all ihren Bewegungen wie eingespannt in diesen Taktschlag. Die Kulis trotteten wie Pferde. Sie eilten eine lange gewundene Gasse entlang, die zwischen Fluß und Stadtmauer klebte. Ein dunkles Gewirr von merkwürdigen Einzelheiten stürzte im kleinen Spalt, durch den ich schauen konnte, zurück. Die Kulis brachen sich rücksichtslos Bahn. »Dso, Dso!« schrien sie. »Ka de, ka de! dso, dso, chö, chö!« Kurz und wütend. Wer war ihrer heiligen Arbeit im Weg? Ein altes chinesisches Gesetz hieß: Dem arbeitenden Kuli tritt aus dem Weg! Die Gasse war mit breiten Steinplatten gepflastert. Manchmal fehlte eine. Der Schlamm spritzte an einem aufklopfenden Fuß hoch, der Fuß glitschte ein wenig, ich dachte: Jetzt fällt die ganze Anstalt! Aber der Kuli stemmte sich fest und eilte weiter. Meine Spannung mußte sich teilen. Was war in all diesen dunkeln, offenen, von arbeitenden Menschen wimmelnden Häuschen, die hastig und geheimnisvoll am Spalt vorüber eilten? Und: ob nicht doch einmal einer der Träger stürzt? Eine Treppe stieg vom Fluß in die Gasse. Züge von Wasser- und Lastenträgern stürzten herauf und drangen ungestüm, ihrer Arbeit anheimgegeben, in die in der Gasse schiebenden Massen von Lastenträgern, Rickschas und Sänften hinein. Mein Stuhl flog in den Wirrwarr wie ein Keil. Die Ader stockte. Eimer, Strohballen, große Kästen, Hausiergestelle, Körbe mit Fischen und Gemüse, Rickschas, Bambusstangen, Schubkarren, die den kostbaren Straßenschmutz in die Äcker führten, klemmten sich zusammen. »Dso, dso!« brüllten meine Träger und stampften wütend auf. Die ganze Verwirrung schreit, flucht, droht, stößt gegeneinander und rammt sich immer fester. Da stürzt ein Wasserträger. Ein Strudel von Bewegung entsteht über ihm. Er schlägt sich kriechend ins nächste Haus. Das Ganze kommt rasch wieder in Fluß und trennt sich mit wildem Geschimpf. Der Stuhl schwippt weiter auf den Schultern der Männer. »Ka de, ka de! Dso, dso! Chö, chö!« brüllten sie. Auf einmal dreht der Stuhl unversehens um eine Ecke herum und dringt in ein langes, pechschwarzes Loch hinein. Es ist vollgestopft mit schiebenden Menschen. Das Gewölbe hallt von wütendem Geschrei. Man sieht nur ein dunkles Gewoge und im Bogen des Ausgangs aus der langen tiefen Höhle eine schmale gerade Straße etwas bergan ziehen. An den meisten Häusern ist diese Straße mit Matten oder Brettern überdeckt. Die Höhle war das kleine Westtor. Der Stuhl saust die Straße hinauf, schlängelt um schmale Ecken, muß stets mit einem Ende in einen der offenen Läden, damit er die Wendung bekommt. Krause Massen von wunderbaren aufreizenden Einzelheiten bleiben, kaum erblickt, hastig genommen zurück. Messing- und Zinnschmiede, gewebte Teppiche mit herrlich gestreckt fliegenden Reihern, Apotheken und Teeläden mit sonderbaren Gefäßen, Seidengeschäfte, buntes spielerisches Flitterwerk, Straßenmusikanten. Dso, dso! brüllt es immer wieder. Einer bekommt ein Ende der Tragstange vor die Brust, taumelt an einen Ladentisch und bleibt zurück, ohne ein Wort zu sagen. Es beginnt zu regnen. Die vorübergehenden Männer ziehen ihre langen Röcke hoch. An den Sohlen ihrer Schuhe sitzen zwei handhohe Querhölzer. Frauen humpeln mit Schnürfüßen an den Wänden entlang und bleiben jeden Augenblick stehen, um eine Rickscha, eine Sänfte oder einen tragenden Kuli vorbeizulassen. Auf einmal beendigen unsere Kulis ihren Lauf. Der Stuhl hält, geht hoch und saust plötzlich wie ein Ballon zur Erde. Aber er setzt sanft auf. Die Gardine wird übers Dach zurückgeschlagen. Der Stuhl neigt sich, und ich schlüpfe heraus. Gre und Schlehmil sind schon hinter mir gelandet. Wir sind in einer schönen Straße. Sie hat neue hohe Häuser. Ihre Fassaden sind manchmal wie goldene blühende Bäume, eine üppige, seltsame und reiche Schnitzwerkphantasie. Kleine farbige Menschlein, Könige und Götter, Weiber und Tiere sitzen in goldenem Strauchwerk wie Vögel. Wir gehen in das schönste Haus hinein. Es ist das Geschäft eines Silber- und Goldschmieds. Im Vorderraum stehen Glaskästen mit bemalten alten Holzfiguren in wunderlich gespreizten Stellungen. Wir werden mit Feierlichkeit begrüßt. Alle Angestellten verbeugen sich viele Male. Man bringt uns Tee. Unser Führer spricht mit dem Besitzer, und der Goldschmied öffnet seine Läden und zeigt uns die Werke seiner Arbeit. Es sind Kannen für Tee, für Reiswein, Teebehälter, Becher, Dosen für Puder und Schminke und Kästchen für Tusche und Stempel. Die einen haben die östliche Blumenhaftigkeit von sonderlichen, ziervollen, naturalistischen Einzelheiten, und die andern, die man von China am wenigsten in Europa kennt und die unserm Schönheitsgefühl zuerst am wärmsten sind, besitzen eine edel fremdartige oder ruhig abgerundete Einfachheit. Wir kennen sie nicht, weil uns die chinesische Kunst ja nur durch den Sammler übermittelt wurde. Dem Sammler verschwimmt aber rasch das Unterscheidungsvermögen zwischen schön und selten. [Illustration: Zuckerbäcker mit Glückspiel] Wir kamen an diesem ersten Tag noch in den großen Seidenladen von Tei Ho Fong. Die Gestelle in dem tiefen, in mehrere Räume geteilten Haus lagen beladen mit Tausenden von kleinen Seidenrollen, aus denen lange Zettel mit chinesischen Zeichen hingen. Zahlreiche Männer standen vor und hinter den Tischen, kauften und verkauften. Der Chinese kauft selber für seine Frau ein. Man zeigte uns eine Stunde lang Seiden aus allen Teilen Chinas; Futschauseiden, die mit A-jour-Rändern eingewebte Blumen hatten, schwere Brokate aus Nanking, wilde Seide des Eichelspinners, die fest und geschmeidig waren wie Rehleder, und fließende Seidenkreps aus Ssetschuan. [Illustration: Im Kungfutse-Tempel von Tschangscha] Als es dunkel wurde, schlössen alle Geschäfte. Um halb sieben waren die Gassen ohne Leben und ohne Licht. Die offenen Läden waren mit Bretterläden verschlossen. Unsere Sänften hasteten ungehindert durch die menschenleere Dunkelheit. Bei jeder lief jetzt ein Kuli mit, der eine große runde Papierlaterne dicht über dem Boden trug. Der Straßenschlamm leuchtete wie poliert in ihrem Licht. Wir wurden nach dem Tschin Dei gebracht. Das Tschin Dei war ein chinesisches Hotel. Emil Schlehmil wohnte drin. Es lag in der Gasse am Fluß außerhalb der Tore. Von der Gasse kamen wir gleich in einen großen Raum. Er war nicht sonderlich sauber. Kulis saßen bei einer Öllampe und spielten mit Karten. Sie tranken Tee dazu. Eine enge Stiege führte auf eine Galerie in einem Hof. Um die Galerie herum lagen die Hotelzimmer, kleine Verschläge, die von dem großen geschnitzten und mit farbigen Gläsern versehenen Himmelbett fast ganz gefüllt waren. Emil Schlehmil hatte die »Mandarinzimmer«. Es waren in einem abgeschlossenen Flur vier ganz kleine Zimmer mit kreisrunden Türen. Emil Schlehmil wohnte nicht luxuriös. Er hatte zwei Stühle, eine Bambusbank und zwei Tische in einem, ein Bett und ein Waschgestell im andern Zimmer. Sein Kuli bewohnte den dritten Raum und hatte ein Bett, das viel schöner war als das seines Herrn. Der vierte Raum mit einem Petrolöfchen stellte die Küche dar. Der nordchinesische Kuli kochte dort alle Mahlzeiten in zwei leeren Konservendosen. Emil Schlehmil zeigte uns die vielen kleinen und schönen Dinge, die er in den Kuriositätenläden der Stadt eingekauft hatte. Am nächsten Morgen gingen Gre und die goldblonde Frau dem Großvater Jen Ling Tan einen Glückwunschbesuch machen. Ein Haufen von jungen gepuderten und geschminkten Frauen warfen sich gleich über sie. Sie waren die Nebenfrauen des Vaters. Sie rückten den beiden Besucherinnen hart zu Leib. Sie untersuchten genau, fragten, staunten und lachten. Dann wurde das Kind gebracht. Es steckte, ein zwerghaftes Kerlchen von Fleisch und Leben, in schweren bestickten Seidengewändern. Ein Kleid war übers andere gezogen. Es war nur ein Ballen von Seide. Die Kleider hatten denselben Schnitt wie die Kleider der Großen. Auf dem Kopf saß zuerst ein kleines Käppchen, das durch eine runde Öffnung den Flaum des Schädels zeigte und darüber eine lange Kappe, die tief über Schultern und Rücken reichte und mit Blumen bestickt war. Die Besucherinnen wurden mit Tee bewirtet und mit allerlei Arten von Figurengebäck entlassen. Die Wöchnerin hatten sie nicht gesehen. Mittags war kühles Sonnenwetter. Wir gingen mit Emil Schlehmil gleich am Westtor auf die Stadtmauer. Soldaten standen am Aufgang und präsentierten. Die Mauer war breiter als die Gasse der Stadt. Sie endigte nach unten in Zinnen. Unter den Zinnen lief ein hoher schmaler Steinsteg. Er erweiterte sich manchmal, und hier und dort lag eine alte Kanone umgedreht im Gras. Die alten Wachehäuser waren am Verfallen. Auch die Mauer bröckelte, aber im ganzen war sie noch fest und mächtig. Manchmal kamen erhaltene Bauwerke, ein Papierverbrennungsofen oder ein Torhaus, in dem ein Offizier wohnte. Wenn ein Tor kam, sahen wir hinab ins Leben, das die Stadt einatmete und auspulste. Einen schmutzigen Gang hinab glitten wir in die Stadt hinein. Wir drehten um zahllose Ecken armer Gassen. Wir sollten zu einer Gasse gehen, in der es viele Kuriositätenläden gab. Die Gasse kroch wie eine Schlange durch die Stadt. In den kleinen offenen Läden leuchteten Kupfer und Zinn, Porzellan und Stickereien. Ein Laden war am andern. Der Raum für die Käufer ging ohne Verbindung von der Gasse hinein. Auf dem Ladentisch standen Glaskästen mit Nephritscheiben, Halsketten, geschnittenen Stempeln, Perlen, Väschen ... Wir schauten alles gierig an. In der Gasse staute sich der Menschenverkehr. Emil Schlehmil ging hin und setzte den Neugierigen auseinander, daß es sich nicht schickte, fremde Käufer derart zu belästigen. Die Chinesen lachten zustimmend und gingen weiter. Aber andere ersetzten sie sofort. Es füllte den größten Teil unserer Zeit aus, daß Emil Schlehmil sein Stöckchen und die Vorwitzenden in Bewegung hielt. Nie widersetzte sich jemand. Emil Schlehmil handelte mit den Verkäufern. »Was hast du da?« fragte er. »Zeige. Da ist ein Riß ...« Der Chinese hob beschwichtigend die Hand und sagte: »Was liegt daran!« Das ist ein nationales Wort in China. Es ist Psychologie, es ist fatale Kraft. Der dunkle Keim, den die überirdischen Mächte im Volk ewig lebendig halten. Das Wort ist bös und gut. Eine andere Umschreibung für das Symbol des Jin Jang, jenes Zeichens der zwei ineinander gebetteten Fötusse, das man oft auf Hauswänden sieht. Das Jin Jang ist das männliche und weibliche Ineinandergeschlungene, das positive und negative Prinzip, aus dessen Zusammenwirken die Welt entstanden ist und sich erhält. Der Verkäufer sagte also: »Was liegt daran!« Da nahm Emil Schlehmil die Vase und klopfte sie dem Chinesen heftig an den Kopf. »Was liegt daran! sagst du, daran, daß du mich betrügen wolltest, indem du diesen Fehler verheimlichtest? ... Du dachtest, der Fremde ist ein Dummkopf, er sieht das nicht. Du glaubst, daß nur ihr chinesische Tölpel die Gescheitheit hinter euren flachen Augen habt. Ich geb dir 500 Käsch dafür.« 500 Käsch waren weniger als I Mark. Der Chinese lächelte und griff nach der Vase. Emil Schlehmil fuhr fort: »500 Käsch ist schon zuviel für eine halb zerbrochene Vase.« Der Chinese zögerte ein wenig. Ängstlich sagte er: »Herr, lies unten. Ming-Dynastie!« Emil Schlehmil: »Das glaubst du ja selbst nicht. Der Scherben und Ming-Dynastie. Das machen eure Fälscher drunter. Die Vase ist ja nichts wert, mein Lieber. Da hast du sie zurück.« Mit dem Chinesen konnte man kein Geschäft machen. Er blieb höflich und zuvorkommend. Aber sobald es an den Preis ging, wurde er widerspenstig und merkwürdig. Wir gingen weiter. Schlehmil stritt abwechselnd mit den Zuschauern, die sich bald in Scharen hinter uns herdrückten, bald mit den Verkäufern. Er wurde aufgeregt, und unter seinen hellen Augen saßen rote Flecken. Gre geriet in Angst, die Chinesen möchten ihre Gutmütigkeit aufgeben und Schlehmils Nervosität mit einem Krach beendigen. 3 Wir nahmen einen Diener und seine Frau auf, die uns später auf unserer Reise nach Ssetschuan begleiten sollten. Er war ein kleiner Hankauchinese mit einem dicken Kopf voll stacheliger schwarzer Haare und war einer der wenigen Chinesen, die rote Backen hatten. Man fragt nicht nach dem Namen der Diener, die man anwirbt. Sie kommen, bleiben und gehn, sind tüchtig und ehrlich, wenn man sie in Zucht hält, und betätigen auch im Dienst der Europäer den Handelsdrang, der ihrer Rasse Innewohnt. Das nennt man dann »squeezen«. Unser Boy sprach nur Rudimente des chinesischen Pidgin-Englisch. Wir waren zunächst gegenseitig etwas aufs Erraten angewiesen. Aber zugleich lernten wir Chinesisch. Wir lernten nicht nach einem System, sondern sozusagen nach der Lebensforderung. Wir riefen den Boy. Es ist unmöglich, diese Sprache anders als durchs Ohr zu lernen. Das erste Wort, das kam, war: Seide. Wir hatten Bücher. Darin stand: Seide--se. Seide heißt auf Chinesisch: se, nicht wahr? fragte ich den Boy. Er sagte: Nein. 'Tse, heißt es. Wir wußten schon mehrere Wörter, die man se schrieb und die jedesmal etwas anderes bedeuteten und natürlich jedesmal ein anderes Schriftzeichen hatten. Se hieß: Seide, ja, Löwe, Papier, schreiben, es hieß vier und zugleich zehn und bedeutete auch das Zeitwort sein. Also einige der im Umgang wichtigsten Begriffe deckten sich unter den zwei lateinischen Buchstaben s und e. Der Unterricht begann. Wir gingen der Reihe nach die verschiedenen Bedeutungen phonetisch durch. Ich zeigte dem Boy das Schriftzeichen. Er las es. Seinen Mund sahen wir die Töne bilden. "Sein" klang se, "schreiben" tzì, "Papier" tssse mit vielen sanften s, "vier" hörte sich sehr weich an, es wurde in aufsingender Modulation söeee gesprochen und "zehn" tönte kurz sse. "Seide" war tze, "Löwe" tzö und "ja" wurde ssse gezischt. Nur die trainierteste Equilibristik der Stimmbänder bringt die Unterschiede heraus, die in einem andern Sinnkreis wieder nur aus der Stellung der Satzgefüge ihre Bedeutung gewinnen. Es gab Wörter, die siebzigerlei hießen, zum Beispiel Tschuan. Nicht die Betonung, sondern die Intonierung war das akustische Gesetz der Sprache. Etwas Schwebendes trug sie schwirrend wie eine Stimmgabel. Hörte man die Menschen sprechen, so stießen die Wörter sich in einem purzelnden Singen mit Überschlagungen der Stimme, mit tausend flüchtig verschlungenen Modulationen, mit rasch gurgelnden Auspuffen und unversehens heimlich zurückhaltenden Aspirationen aus der Kehle. Eines Tages wagten wir uns allein in die Stadt. Ich nahm meinen Kompaß mit. Wir gingen durch das Südtor hinein, und ich dachte, ich finde die große Kuriositätengasse zurück. Dort hatte Schlehmil für mich auf eine schöne alte Tautaukette aus 120 haselnußdicken Mondsteinen und mit Behängen aus Nephrit und Korallen gefeilscht, und ich hatte den Eindruck gehabt, als ob der Chinese nicht mit uns handeln wollte. Er hatte 80 Tael verlangt. Wir hatten ihm 30 geboten. Aber er wollte auf die Kette nicht handeln. Wir kamen durchs Südtor. Dann mußte man gleich hinter der Mauer abbiegen. Dort waren schmutzige Löcher, in denen Chinesen Lumpen aufeinanderklebten. Die Lumpen sahen aus wie Brutstätten von furchtbaren Bazillen. Schuhsohlen wurden aus den aufeinandergeklebten Lappen gemacht. Wir kamen um die Ecke zu dem Laden, vor dem die schönen blauen Tücher hingen. Sie waren mit Vögeln, Ornamenten, Menschen, Blumensträußen bedeckt. Die Muster wurden mit Kalk aufschabloniert, dann färbte man das Tuch in einem Kessel, und die kalkbedeckten Stellen blieben weiß. Es war eine derbere Art des Batik, kräftig und volkstümlich. In allen Gassen gab es Blaufärber, die diese Tücher machten. Aber nach diesem Laden endigte die Gasse in einen unbekannten lebhaften Straßenzug, der nach rechts und links hinlief. Da stimmte es schon nicht mehr. Mit dem Kompaß in der Hand strichen wir kreuz und quer. Die Chinesen kamen auf uns zu und wollten sich den Kompaß anschauen. Sie lachten und gingen weiter mit uns. Wir hetzten bald einen ganzen Haufen Menschen durch Gassen, in denen wir bestimmt nie gewesen waren. Verkrätzte und verhungerte Hunde liefen mit, und Säue, vor deren Größe wir staunend zuerst erschraken, hoben sich aus dem Schmutz und stürmten grunzend quer vor uns über den Weg zu ihrer Brut, die in Rudeln mitten durch die Gassen sich Nahrung suchte und keines Kots Feind war. In den offnen Häusern und Läden saßen Chinesinnen, an deren gewölbten frischen Brüsten mit kräftigem Lebenswillen die gesündesten und lieblichsten Kinder tranken. In einer Gasse stand ein taoistischer und ein buddhistischer Mönch in friedfertigem Gespräch beisammen. Vornehme Chinesen wurden durch die Gassen getragen und hielten kleine schön geschnitzte Riechhölzer an ihre Nase. Große Läden mit getrockneten Fischen überstanken alle Gerüche, und Fisch- und Gemüsehändler ließen die üppige Lebendigkeit des freien Landes in der grauen Gasse leuchten. Bald schien unserer Erinnerung die Ähnlichkeit einer Ecke zielverheißend. Aber wir waren immer genarrt. Wir mußten weitab gekommen sein, denn als ich der Sicherheit halber das Südtor zurücksuchte, fanden wir es nicht mehr. Ich wußte nur, daß die Gasse der Händler zwischen Süd- und Osttor lag. Wir eilten lange Straßen hinab, in denen Haus an Haus die Schreiner ihre farbigen Möbel zimmerten. In andern hämmerten und drehten die Kupfer- und Zinnschmiede und hatten die Gestelle voll eigenartiger Gefäße und Töpfe. Sonderbare und unbekannte Gewerbe wurden von Haus zu Haus getrieben: Die Matratzenmacher mit ihren großen Zupfbogen, die Reisstampfer, die riesenhafte Holzkeulen traten, die Verfertiger der großen Kugellaternen aus dünnem Seidenbast, der mit roten Zeichen bemalt wurde, die Regenschirmmacher. Stickende Frauen und Mädchen saßen an den Häusern, tief über ihre kleine feine Arbeit gebeugt. Die großen Stickarbeiten wurden von Männern gemacht. Zwischen den Läden eiterten öffentliche Anstalten wie eine Pest. Kulis, die den Inhalt in Holzeimern vor die Stadtmauer in die Gruben der Unternehmer brachten und Wasserträger liefen in Ketten schwankend aneinander vorbei. Musikanten strebten durch die Menge, ihre Instrumente hingen wie tot in den Händen und warteten, daß sie klingen sollten, wenn ein musikbegieriges Haus sie zu sich lud. Blinde gingen mit gleichmäßigen Schritten mitten durchs Gewühl und schlugen von Weile zu Weile schrill auf eine Metallplatte, um für ihr Gebrechen den Straßenverkehr behutsam zu machen. Einige Male kamen ältere Herren; sie spürten die nahende Kälte und waren in dick wattierte Mäntel eingehüllt. Der Kopf steckte in einer Kapuze, die mit einem Umhang weit über Rücken und Schultern fiel. Aus der Kapuze sah das farblose Gesicht heraus, nicht viel mehr als zwei kreisrunde mondgroße Brillengläser auf einem Kürbis von Nase. Es war wie eine Schrulle. Der alte Herr schien kühl und beleidigt erstaunt zu sein, daß es so etwas gab wie wir. Die dünnen Hände drückten sich fester um das Messingöfchen, und die marsbewohnerhafte Erscheinung spazierte langsam weiter und schaute nicht mehr um. Es gab Chinesen mit mongolischen Nasen, kurz, breit, in die Höhe gequetscht, und andere mit großen gebogenen, deren fremde Abstammung in der Bezeichnung weiterlebte, die die Chinesen für die Mohammedaner hatten. Sie nannten sie die Langnasigen. Im ganzen war die Verschiedenheit des Typs von großer Reichhaltigkeit, und vom halbfertigen Gesicht des stupiden Mikronesiers bis zur edlen ausgereiften Ebenheit der klassischen Schönheit -- hier eigenartig durch die flachen Augen modifiziert -- gab es alle Zwischenstufen von dumm zu intelligent, häßlich zu schön. Aber die meisten dieser Hunanleute hatten kernige und etwas trotzige Gesichter scharfer Krieger des Mittelalters. Das schwarze Kopftuch war ein guter Rahmen für diese Züge. Seitdem das Tragen des Zopfes Staatsverrat bedeutete, hatten die Barbiere, die überall in den Gassen arbeiteten und aus der Neuerung keinen Nachteil schöpfen wollten, die Haarmode in eine große Verwirrung gestürzt, in der die Mode des geschorenen Vorderkopfes und die des weich aufgebäumten und weich zurückfallenden, halblangen Haarwuchses der französischen Lyriker besonders heftig gegeneinander stritten. Die "Gent" und die Ladenschwengel, Boys und Schreiber zogen die letzte vor, die erste liebte der Kuli. Die älteren Herren gingen fast ausnahmslos glatt geschoren. Nie sah man mehr einen Zopf. Die Barbiere massierten auch. Darin waren sie sogar Spezialisten. Auch der Kuli läßt alle Arten von Massage an sich vollziehen. Wir sahen eine Frau mit einer genial einfachen Einrichtung von zwei sich überschneidenden, mit zwei Fingern bewegten Zwirnschnüren Backen, Kinn und Stirn einer Freundin behandeln. Am beliebtesten aber war das Ohrenputzen. Jedermann frönte dieser Einrichtung wie einem unwiderstehlichen Laster, und es muß als eine Art von Erotik betrieben werden. Eine ganze Sammlung von Instrumenten diente dazu. Zum Beginn kam ein solides Holzlöffelchen, dem ein Metallstab folgte. Dann wurde die Behandlung mit kleinen Schaufeln an biegsamen Stäbchen fortgesetzt, ein feiner weichfedernder Bambushalm mit einer Perle, einer mit einem dünnen Messingring, quirlten im Ohr herum. Wenn all die Kitzel zu leicht geworden, wurde mit einer feinen scharfen Metallspitze an einem nachgiebigen Messingstab hier und dort ins Ohr gepickt: Der Behandelnde versank auf dem Stuhl wie in selige Träume, drückte die Augen fest zu, schlug verloren die Beine weg, und hundert Schauer zuckten durch all seine Züge und Muskeln. Abgeschlossen wurde die Behandlung dann mit einer beruhigenden Quaste aus Seidenbast an einem langen Hornstäbchen, das der Barbier wonnig im Ohr herumdrehen ließ. Das Ohrenputzen war Volksleidenschaft. Wir gerieten auf der Wanderung auf einmal aus dem Kreis der Menschen heraus, wo wir all das sahn. Schmale Schlüffe brachten uns in andere Gegenden, in ein Stadtviertel, das nur aus Mauern zu bestehen schien. Keine Gasse war mit der andern verbunden. Alle taten so, als liefen sie ins Endlose hinaus und seien nur für sich da. Wir kamen nie an einen Platz, der Züge von Straßen in sich aufgefangen hätte. Alle Gassen waren mit Steinplatten gepflastert, und ein Abfuhrkanal führte unter jeder Gasse. Aber es war kein Wasser drin, das den Schmutz weggespült hätte, und es stank drunter herauf wie von Äckern nach dem Dung im Frühjahr. Eine geschlossene Sänfte eilte hastig und heimlich durch eine der geheimnisvollen Mauergassen und drückte uns in der Enge an die Wand. Auf der Wand war die große Scheibe des Jin Jang aufgemalt. Die zwei im Kreis ineinandergeschlungenen Zeichen waren rot und schwarz gemalt, und rundum fügten sich die Balken der Urzeichen aneinander. Endlich öffnete sich eine etwas zurückliegende Tür in der Mauer. Auf ihren großen Holzflügeln standen in mächtiger Farbigkeit zwei riesenhafte bedrohende Spukgestalten -- die Geister von Tsin Su Pao und Wo King Te, deren Wachsamkeit vor Jahrtausenden einem Kaiser das Leben erhalten hatte, damit sie nun auf den Mauern chinesischer Paläste weiterlebten. Aber die Flügel waren fest zu wie in einer Erstarrung. Dann war die Mauer wieder kalt und eintönig, weiß und langweilig. Und was war vielleicht dahinter? Nie ist das so heftig Fremde, so aufregend Rätselhafte des Landes gleich ungestüm an die Phantasie gesprungen wie auf dieser ersten verirrten Wanderung durch die Gassen der unheimlichen Stadt. Und immer hinter uns her strömte alles an Menschen, was unsern Weg traf und was gerade nichts zu tun hatte: Knaben und Kulis, alte bebrillte Lehrer und junge Verkäufer mit glatten schwarzen Frisuren. Aber niemals Frauen. Sonst kribbelte die Stadt vor Fleiß wie ein Ameisenhaufen. Als es sich immer weiter wiederholte, daß uns Erinnerungen und Ähnlichkeiten täuschten und wir uns verloren in das Unbekannte der Stadt eingesponnen hatten -- es ging in die vierte Stunde, daß wir so umherwanderten -- da benutzten wir ein Radikalmittel. Wir gingen eine der geraden Geschäftsstraßen mit Hilfe des Kompasses nach Westen. Wir kommen so auf jeden Fall an die Stadtmauer, dachte ich, und gehn zum nächsten Tor. Wir gelangten schließlich auch an die Mauer. Ein schmaler Schluff lief dort, angefüllt mit Gestänken. Dunkle Löcher öffneten sich aus ihm. Die plumpe Stadtmauer sperrte Licht und Luft ab. Wir sahn in den Löchern die armen Leute zu zehn und fünfzehn in einem Raum hausen, öffentliche Mädchen sich in Ställen hingeben. Sie kamen in die Tür und lachten uns zu. Wir hatten nun die Wahl, nach dem Westtor oder dem Südtor zu gehn. Das konnten wir schon etwas primitiv auf Chinesisch fragen: dsai na li da si mena? fragte ich, und die Leute nickten mit dem Kopf, lachten und schienen glücklich, uns zu zeigen, in welcher Richtung das große Westtor lag. Ich hoffte, daß wir einen Ausgang auf die Mauer fänden. Aber sie waren alle versperrt und zugeschüttet. Nichts von dem Elend und den Gerüchen der engen Gasse an der Mauer blieb uns erspart. Wir hasteten eine halbe Stunde lang durch sie dahin. Hier folgte niemand uns, außer einigen schmutzriechenden Hunden. Die Leute schienen wie benommen zu sein von dem Stumpfsinn, der Licht- und Luftlosigkeit in den Löchern ihres Lebens. Die Gasse war Schweinestall wie Abort. Wir waren erlöst, als die plumpe Gestalt des Toraufbaus in der begonnenen Dämmerung erschien. Dann gingen wir ins nahe Tschin Dei und erzählten unsere Abenteuer. Emil Schlehmil gab Gre seinen Tragstuhl, und sein Kuli ging einen andern für mich holen. 4 Tag für Tag durchzogen wir nun allein die Stadt. Durch solch eine Stadt zu gehn, ist, wie sie durchpflügen. Man ist Pflug und Saat zugleich. Man gräbt sie auf und sät sich hinein in die an ihrer Fremdheit fruchtbare Stadt und wartet selig gequält wie ein Märztag, was aus dem geheimnisvollen Schoß aufsprießen mag. Neue Dinge kommen in Fluten, und wenn wir etwas schon Bekanntes treffen: einen Brunnen, einen Hund Fo, einen Tuchweber, an den wir uns erinnern, so sind wir auf einmal stolz vertraut mit diesem rätselhaften und fremden Wirrwarr, in dem einige hunderttausend Menschen wohnen, deren geringste Intellektäußerung uns so stark und unbekannt aufstachelt wie die höchsten Dinge unsrer Heimat. Es wurde rasch eine Leidenschaft, zu den Kuriositätenhändlern zu gehn und die ungesichteten Zusammenhäufungen zu durchwühlen. Wir konnten schon selbständig die Preise erfragen, handeln, kleine Bemerkungen machen. Der ganze Haufen der Neugierigen, der uns folgte, nahm den lebendigsten Anteil an allem, was wir taten. Sie fühlten unsere Kleider ab, Gres Schmuckstücke, und, geborne Händler, wollten sie stets wissen, wieviel die fremden Dinge gekostet haben. Haudi! sagten sie dann und streckten den Daumen in die Höh'. Das heißt: es ist sehr schön. Wenn Frauen im Laden waren, wurde Gre bis auf ihre Intimitäten erforscht. Die Leute in der Gasse, an den Laden gedrängt, waren nah am Platzen vor Neugier, was nun von den chinesischen Dingen das Interesse der Fremden erregen mochte. Wir handelten und bewunderten alles, was der Händler hatte. Das tat ihm wohl. Wir waren ihm sehr vertrauenerweckend. Es fiel mir auf, daß man uns für dieselben Gegenstände oft niedrigere Preise vorschlug, als wenn Schlehmil mit war. Wenn die Zuschauer genügend unsere Mäntel, Krawatten, Stock, Kniestiefel, die wir immer wegen des Schmutzes trugen, untersucht hatten, beteiligten sie sich auch am Handeln. Besonders Listige stellten sich neben uns auf und taten so, als ob sie uns zum Händler geführt hätten. Vielleicht fiel nachher eine Kommission für sie ab. Aber sie ließen sich gutmütig zurückweisen und schoben, lachend darüber, entdeckt zu sein, ab. Der Händler, brachte stets zuerst die landesüblichen Vasen und bronzenen Räucherbecken und war zunächst außer Fassung, wenn wir sie zurückschoben und andere weniger beliebte Dinge in die Hand nahmen. Das war für den Preis vorteilhaft. Er wurde sozusagen überrumpelt. Aber manchmal geschah auch das Gegenteil. Unser Interesse gab dem Ding einen unerwarteten phantastischen Wert. Wir lachten dann, wenn der Chinese den fabelhaften Preis nannte. Auch die Masse unserer Neugierigen fand sich durch den hohen Preis ergötzt. Sie lachten im Chor mit, und der Händler fragte hitzig und enttäuscht: Wieviel gibst du? Wurde ein Kauf abgeschlossen, so entstand eine Bewegung unter unsern Zuschauern, und ihr Handelsinstinkt sagte befriedigt: bravo! Eines Tages fand ich den Laden mit der alten Kotaukette aus Mondsteinen wieder. Der Händler schien sich nicht zu erinnern, daß wir vor vierzehn Tagen dreißig Tael dafür geben wollten. Ich nahm sie in die Hand und fragte, wieviel er dafür haben wollte. Er antwortete etwas, das ich nicht verstand. Ich sagte ihm, die Kette sei sehr schön, ich gebe ihm zehn Djau dafür. Das waren etwa fünfzehn Mark. Er überlegte sich's ein Weilchen. Dann packte er sie in ein Papier und gab sie mir. Dreißig Tael waren hundert Mark gewesen. Wir hatten zu Hause schon eine Lade voll alter Stickereien, Schnallen und Anhänger aus Nephrit, ziselierte Kupferdosen, einen achteckigen getriebenen Handofen, mehrere Sätze aus Stein und Elfenbein geschnittener Stempel mit Löwen ... Schöne Bilder, wie ich sie so gern gehabt hätte, von dem dunkeln heftigen Expressionismus alter chinesischer Landschaftskünstler fanden wir nicht. Überhaupt sahn wir nur sehr selten alte Kunstwerke großen Stils. Die Händler hatten sie wohl. Aber sie wanderten bei den chinesischen Liebhabern umher. Die Chinesen glichen darin den Parisern, sowie ja auch die Art ihrer Kuriositätengassen vervettert war mit der Rue de Seine. Sie sammeln mit Leidenschaft Gegenstände ihrer heimatlichen Kunst und kennen sich gut in ihnen aus. Sie gehn selten in die Läden. Der Händler schickt die Dinge ins Haus, und der Chinese hat sie dort monatelang, in denen er ununterbrochen um den Preis handelt, sie betrachtet und auf ihre Echtheit studiert. Aber indem wir so der Leidenschaft für die Kunst fremder Phantasie folgten, kamen wir zugleich zu Menschen und Stadt. Wir machten oft lange Zickzackreisen, bis wir die Gassen der Händler fanden. Ganz sicher wurde die Kenntnis der Stadt nie. Die Stadt war zu willkürlich gebaut, zu abgehobelt in persönlichen Äußerungen. Sie überschwemmte das Gelände mit keinem andern Willen als dem, von Augenblick zu Augenblick die bescheidene Notwendigkeit des gleichmäßigen Volks zu erfüllen. Auch die großen Inseln der reichen Häuser, die in den Gärten der langen Mauergassen lagen, waren unter sich gleich, die Tempel, die Gildenhäuser. Die Stadt war auch eine ins Große aufwuchtende Wiederholung der einfachen oder kunstvollen Dinge, die wir kauften und die eine fließende Gleichart in ihrem Prunk oder ihrer einfachen Stilgröße hatten. Die Stadt war ein Abbild ihrer Menschenmassen, und sie spannte diese so in sich ein, wie das chinesische Leben und die chinesische Moral mit stählernem, gleichmäßigem Feststehn den vierten Teil aller Menschheit gebunden hielt. Das Skelett waren die Geschäftsstraßen, die kreuzweise zu den Himmelsrichtungen und den Toren liegen. Rund um sie war es bewachsen, wie das Bedürfnis es verlangte, ohne Bequemlichkeit und Schönheit kennen zu wollen. Die Funktionen der Stadt waren einfacher als die eines Bauerndorfes in der Heide. Überrascht hielt uns plötzlich in dem Gedudel von Schlüffen und Gassen ein Toreingang an. Er war in aller Kreisheit der Einfälle mit der naiven Buntheit der Phantasie, dem spielerischen naturalistischen Erzählen seiner Darstellung von einer klassischen Sammlung. Er war glanzvoll ruhig und schmelzend. Er führte zu Anlagen von spärlich bewachsenen Gärten mit strengen Teichen und zu Häusern, die uns geheimnisvoll blieben. Tempel öffneten sich mit Höfen unerwartet in der Gasse. Vor ihnen hielt der Hund Fo Wache und machte ein ornamental bissiges, mythologisch spukhaftes Gesicht auf seinem Sockel. Die schönsten Tempel waren stets die rotgemalten Kungfutsetempel. Tschangscha hatte nur zwei von ihnen. Sie wären die ersten Gebäude von großer Architektur, die wir in China sahn. Um ausgedehnte Höfe mit Wasserbecken liefen schmale Gebäude, in denen die Schüler des Kungfutse standen und China groß und jung und doch in seinem Altertum hielten. In einem Hof erstand dann das Tempelhaus hoch über die andern Bauwerke der Anlage. Verknorrte alte Pinien starben zwischen den Fliesen des Hofs, hohe eiserne Öfen für Opferpapier in fremdlichen Formen standen, mit alten Schriftzeichen bedeckt, unter ihnen. Treppen mit steinernen Galerien führten in das heilige rote Dunkel des Tempelraumes. Der war um den purpurgoldenen Altar groß, streng und karg aufgebaut. [Illustration: Theater in einem Gilde-Tempel] Aber außen wuchs um den Tempel die üppige Krausheit der in die Einzelheiten vernarrten Künstler die ausgeschwungenen Dächer hinan. Riesenhafte Drachen aus Porzellan krochen die Dachkanten hinauf, und der höchste First war eine doppelmannshohe Galerie von verschlungenen Blumen und Tieren. Kungfutse jedoch war nicht mehr im Tempel. Die Republik hatte seinen Geist entthront im Jahre 1913, sozusagen zum 2100. Jubiläum jener alten Bücherverbrennung, durch die der Kaiser Schi Hoang Ti im Jahre 213 v. J. den geschichtlichen Überlieferungen und Kungfutse zu Leibe rückte. Soldaten in halb europäischen Uniformen gingen mit scharfgeladenen Gewehren Wache in den Tempelhöfen und lungerten in allen Gebäuden herum. Die Altäre und Götterbilder verfielen. Das alte China sollte mit ihnen zerbröckeln. Aber einige Tempel dienten noch der naturfrommen Gläubigkeit der Einwohner. Sie waren im Innern nichts als ein hohes verrußtes Dunkel. Die Götter schauten kaum heraus. Die Götter verzerrten sich plump, ein geschwärzter Spuk, glotzten mit aufgerissenen goldenen Froschaugen, bleckten Zähne wie Holzsägen, hoben Vogelbeine und zückten krumme Schwerter und drohten mit dunkel aufgereckten Bewegungen aus den Winkeln der rußigen Tiefen. Unten am Boden lagen die Betenden und warfen Hölzchen vor ein Götterbild und sahen aus der Art, wie sie fielen, die Geneigtheit des Geistes, den sie brauchten. Eine süße fremde Lilie, mit ihrer Seltsamkeit und ihrer mythischen Frömmigkeit voll Schmelz behangen, barg sich weißen Gesichts die heilige Frau Kuan Jin in die Dunkelheit, bereit für den Flehenden. Ihr Leib war mit einer leisen Verrenkung gebogen und verheißend gewölbt, und ihr großes jasminweiches Gesicht umfaßte alle erregenden Geheimnisse der Schönheit fremdrassigen Frauentums. In schweren Bronzebecken brannten Kerzen und Papier, und ihr beunruhigtes Licht zuckte angstvoll und zaghaft wie blaßrote Fledermäuse über die dunkeln Grausigkeiten. Rauch schwelte dicht auf und zog in die unbekannten Höhen des Gebälks. [Illustration: Fischer bei Tschangscha] Draußen im Hof des Tempels, wenn er zu einem Gildenhaus gehörte, stand der Theaterpavillon, ein Bauwerk von weltlich schweifender Arbeit. Auf hölzernen Säulen trug er goldene gewundene Drachen mit Kamelnasen, in den Paneelen saßen zierliche Schnitzereien aus der Geschichte, und eine schwere Seidenstickerei hing als Soffite über die Bühne. Das Dach schwang sich in allen vier Kanten weit aus, war mit farbigen Glasuren, Vögeln und Menschlein bedeckt. Einmal sahn wir diesen Theaterpavillon voll merkwürdig schreitender Gestalten, die schrill im Diskant sangen. Lange, schwerbestickte Kleider hingen an ihnen. Sie verstummten, hoben die Beine wie Störche, feierlich, und schritten dumm im Kreis hintereinander, vereinigten sich wieder, schrien und sangen im Kehlkopf. Ein Alter warf sich den Bart wild über den Arm und durchfuchtelte die Luft mit Lanzenstößen. Eine Frau beugte sich weinend über ihre Arme. Eine andere Gestalt mit goldblutigen Gewändern und der Maske eines schwarz-weißen, schweren und aufgebäumten Kopfes kam über sie. Die große Raserei erfaßte diese Gestalt. Aber ihr Körper stand ruhig, und nur ihre Hände warfen unverständlich den Zorn über die Frau, und diese Hände klangen uns auf einmal entgegen wie Worte großer Dichter, die voll von heimlichem Sinn bebten, der das Gefühl in die Unendlichkeit warf und es in das nimmerrastende Fluten alter Dinge zurückversenkte. Währenddessen gingen Scharen von Alltagsleuten auf der Bühne herum. Die Musik, die mit Bronzedeckeln, Trommeln und kleinen schreienden Geigen arbeitete, saß in alltäglichen Kleidern im Hintergrund. Im Hof drängten sich Kulis, Weiber und Kinder zusammen, horchten zu und sprachen, rauchten in ihren messingenen Wasserpfeifen, sogen zwei Züge, bliesen die Asche heraus, stopften wieder, pusteten den Fidibus an und sogen ihre zwei Züge und reichten die Pfeife weiter. Es gingen auch Männer umher, die Pfeifen vermieteten. Die Zuschauer kauten Sonnenblumenkerne und spuckten dem, der vor ihm stand, die Schalen auf den Rücken. Die steinernen Tiere, die vor dem Tempel Wache hielten, Elefanten und Löwen, waren von kleinen Buben beritten. Als wir aber aus der Dunkelheit des Tempels hinaus in den Hof traten, um zu photographieren, waren wir auf einmal für Darsteller und Zuschauer Bühne und Theaterstück. 5 Dem Straßenleben der Stadt gaben auf einmal Soldaten, die in Scharen hindurchzogen, ein neues Aussehen. Man sah viele Kinder in europäischen Kleidern mit großen Denkmünzen auf der Brust. Am Westtor wurde gearbeitet. Gerüchte kamen, daß das von Europäern verwaltete Zollhaus überfallen werden sollte. Dann hieß es, die Räuber seien entdeckt und eingelocht worden, und schließlich entlud sich all der Trubel in der einfachen Nachricht, Tschangscha bereite sich vor, seinen Helden, den General Huang Schien, zu empfangen. Huang Schien war noch vor anderthalb Jahren Lehrer in Tschangscha gewesen. Er schlug sich zur Revolution und mußte deshalb eines Nachts fliehn. Wir versäumten seinen Empfang am Ufer. Einen Tag später kamen wir ans Yamen, an das Palais des Gouverneurs, als gerade durch ein Tor ein Zug Soldaten in den mit Laternen und Fahnen geschmückten Garten einzog. Wir blieben stehn. Ein Offizier fegte auf einem kleinen Roß die Gasse herauf und verschwand im Garten. Am Schweif des Rosses flog der Pferdeknecht mit. Und plötzlich kam inmitten von Soldaten in einem offenen Stuhl aus Bambus, der von vier Leuten getragen wurde, ein dicker Mann, ein Mastschwein von einem Mann. Er trug einen Gehrock, einen harten runden Hut und eine goldene Brille, die moderne Zeremonienbekleidung des Chinesen. Er sah eher aus wie ein Japaner. Er schaute mich mit einem bösen und griesgrämigen Blick an. Um den Stuhl herum gingen mehrere europäisch gekleidete Chinesen, die den Hut abnahmen, sobald der Zug in den Garten kam. Das war Huang Schien, der Held Tschangschas. Juan Tschi Kei hatte ihm eben zusammen mit dem in Europa als Volksbefreier geschätzten Sun Jat Sen seine Demagogie und Stänkertätigkeit für zwei Millionen Mark abgekauft. Huang kam sich seinen Landsleuten zeigen als Vertreter des neuen Gedankens, der in China die Zöpfe und die märchenhaften Mandarinenkleider abgeschafft hatte, Kungfutse der Seele des Volks entreißen wollte, um Politik in die Rasse zu tragen. Nordamerika hatte diese Proselyten infiziert. Sie arbeiteten mit dem Geld von reichen Leuten aus dem Süden, die ein Geschäft aus der Demokratisierung zu machen hofften, und Sun bearbeitete im Sold japanischer und nordamerikanischer Finanzgruppen, wie man sagte, merkwürdige Eisenbahnfragen. Er stänkerte dabei gegen Deutschland. Aber er war ein Christ. Am Nachmittag dieses Tages wurde vor dem Nordtor von republikanischen Soldaten ein alter Kuli erschossen, weil er ein unverbesserlicher Opiumraucher war. Emil Schlehmil sahen wir fast jeden Tag. Wir beschlossen unsere Wanderungen bei ihm, saßen im Schlupf seines Zimmers, tranken den besten Tee Chinas und sprachen über die Seele dieses Landes. Ich liebte ihn. Er war ein unglückseliger Querkopf. Manchmal gingen wir an den Fluß, wo sich Hunderte von Dschunken ineinander klemmten und ihre wankende Stadt ein selbständiges Leben führte. Mit dem Leben der Häuserstadt war es durch die heiße Arbeit der Armee nie rastender Kulis verbunden. Sie schleppten die zerbrochenen, wasser- und schlammtriefenden Treppen hinauf und herab, was die Dschunken brachten und forttrugen, und sangen stöhnend dazu. In ihrem Gesang hatten sich die Laute der ersten zur Arbeit gezwungenen Menschen erhalten. Es waren große Antimonschmelzen in Tschangscha, und die meisten Schiffe fuhren mit Kisten voll von diesem Metall flußabwärts. Drunten zwischen den Schiffen ruderten Boote mit jungen, schönen und geschminkten Dirnen und mit alten Kuppelhexen werbend umher. Haufen verschmutzter und verfallender Bettlerboote drängten sich überall durch. Ihre Insassen begannen, zeugten und beschlossen alles Leben ihrer Gilde unter den zerfetzten runden Matten dieser Sampans. Kaufläden, Garköche und Priester ruderten um die schweren Leiber der Dschunken, und wenn ein Schiff den Anker hob und fortwollte, klebte der Schiffer rote Papiere ans Bug, schlug den Gong, um den Geist des Flusses zu rufen, und brannte ihm zu Ehren Pulverfrösche und Opfergeld ab. Am Strand machten Ärzte inmitten einer Einrichtung von geheimtuenden Töpfen und Zeichen unwahrscheinliche Operationen. Merkwürdige zweirädrige Karren erkletterten geschickt Treppenstiegen. Auf der Höhe des Ufers baute manchmal eine Theatertruppe eine offene wacklige Bühne und spielte lärmend alte Stücke, während schwarze Schwärme von Zuschauern im Hügel hingen. Große Truppen von Fischern umspannten den halben Fluß mit ihren Netzen und zogen reiche Beute ans Land. Wir segelten mit Emil Schlehmil zwischen ihnen hindurch den Fluß hinauf bis zur nächsten chinesischen Zollstation. Am Ufer stand ein kleines buntes Tempelchen. Kormoranfischer fuhren vorbei. Die Vögel saßen schwarz auf dem Boot und bissen nach ihren Halsringen. Wenn es sonnig war, leuchtete der Jo Lo San drüben mit seinen geweihten herbstfarbigen Bäumen aus kahlen Hügelzügen heraus. Der Jo Lo San war ein heiliger Berg. Am Fuß des Berges errichteten sich inmitten von wassergetränkten Reisfeldern die Bauwerke einer alten Universität mit großen Examenhöfen. Man ging durch Wald hinauf, unter dessen machtvollen Bäumen sich ein ziervolles Quellentempelchen barg. China kennt keine andern Wälder als die geheiligt um seine Tempel stehenden. Sein ganzer Boden ist gerodet. Oben stand ein Kloster. Die Boys brachten Essen und Wein, wir frühstückten unter den starren Augen goldner Götter, und alte Chinesen kamen und verrichteten inmitten unsres Lärms und Trinkens ihre Andachten. Dann legten wir uns ins Gras und schauten in die milde schöne Fremdheit der Landschaft hinab, in der in einem zerfließenden Parallelismus weiche Bergzüge durcheinander blauten. Am Fluß drunten lag flach die große Stadt, und die Nebel saugten sie auf. Einige Male gingen wir auch durch die Gräberhügel um die Stadt. Soweit man sah, wuchsen die Steinhaufen, die die Särge lose deckten, aus dem dürren Gras. Schwarze Schweine wühlten im Boden. Rotten von räudigen Hunden zogen miteinander keifend zwischen den Gräbern dahin. Große weiße Elstern mit schwarzen Streifen flogen auf. Manchmal erhob sich aus der Gleichmäßigkeit wie ein kleines Tor das Grab reicher Leute. Ein Mann mit einem großen roten Schirm kam und suchte ein Grab. Er bog manchmal mit den Händen das hohe Gras auseinander. Er fand es nicht. Aber auf einmal warf er sich nieder und fing an zu schreien und zu weinen. Es sind Hunderttausende von namenlosen Gräbern rund um die Stadt ins Gras versenkt. Es ist ein Gürtel des Todes, der Tschangscha umgibt. Wenn die goldblonde Frau bei diesen Wanderungen mit war, wurde Emil Schlehmil unleidlich. Er war zu uns von einer nervösen Schulmeisterei und zu ihr von einer Galanterie, die einmal spöttisch war und einmal in kindlichem Flehen zerfloß. Er wechselte zwischen Glückseligkeit und Versagen. Eines Tages lud uns ein chinesischer Bankier zu einem Abendessen ein. Die goldblonde Frau sollte auch mitkommen. Wir freuten uns auf das fremde Fest. Zum Frühstück kam ein junger Chinese zu unserm Freund, um ihn um Rat zu fragen. Er war der Sohn eines der reichen Antimonhüttenbesitzer. Er wollte nach Berlin gehn, um Ingenieurwissenschaften zu studieren. Er hatte in europäischem Sinn gute Manieren, gab sich sehr höflich und bescheiden. Zum Schluß des Essens kam plötzlich Emil Schlehmil hereingewettert. Er hatte einen hochroten Kopf, grüßte uns hastig, setzte sich verbissen hin und übersah den chinesischen Gast. Darüber stellte ihn, als der Chinese gegangen war, unser Freund zur Rede. Da brach Schlehmil los: "Sie gehn heut mit den beiden 'Missies' zu dem Chinesen. Das geht nicht! Wissen Sie denn das noch nicht? Und daß Sie den Chinesen in Gegenwart von Europäerinnen zu Tisch laden! Das will soviel heißen wie: Nimm sie, sie sind dein." Die kleine goldblonde Frau trat auf den Erbosten zu und tippte ihm mit dem Finger auf die Stirn: "Sie brauchen Kompressen", sagte sie. Da verwirrte sich Emil Schlehmil in seinem Zorn und versuchte zu erklären, in welcher Weise es in den Anschauungen des Chinesen begründet lag, daß man eine fremde Frau nicht an seinen Tisch führen dürfe. Die chinesischen Gastmähler werden immer nur mit Singmädchen und den Mätressen der Teilnehmer veranstaltet. Der Chinese halte seine eigene Frau stets von ihnen fern ... Aber wir lachten nur. Ich sagte ihm: "Der junge Wu sah nicht so aus, als ob er an ein solch weitgehendes Angebot gedacht hätte." Schlehmil antwortete nur: "Der Chinese ist und bleibt ein Schwein! Und wenn Sie's besser wissen, so gehn Sie mit den 'Missies' hin." Das taten wir auch. Aber wir erlebten eine Enttäuschung. Von Singmädchen keine Spur. Von Eßstäbchen keine Spur. Von Haifischflossen und Schwalbennestern keine Spur. Der Gastgeber wollte uns besonders entgegenkommen und hatte durch irgendeinen Koch europäisches Essen herstellen lassen. Dazu gab es ein fürchterliches Rheinweingift und französischen Champagner. Seine chinesischen Gäste hatten vor uns gegessen, saßen in einem andern Zimmer, spielten und schrien. Chinesisch wurde es nur, als seine schöne weißhäutige Frau kam. Sie trug eine schwarze Seidenjacke und eine blumengestickte Hose. Wir standen auf. Sie verbeugte sich lachend und schüttelte sich herzlich die Hände, in denen sie ein europäisches Taschentuch hielt, und war so geniert, daß sie in weitem Bogen in das hohe Gefäß spuckte, das in der Zimmerecke zu diesem Zweck stand. Sie versuchte mit Messer und Gabel zu essen. Aber es gelang ihr nicht, und sie legte die fremden Instrumente lachend beiseite und gab das Essen auf. Nach dem Essen gingen wir zu den chinesischen Gästen. Sie spielten ein Hazardspiel mit Hunderten von Steinen. Es schien eine Kombination von Domino und Poker zu sein. Sie spielten sehr hoch. Sie nahmen die durchlochten Kupferkäsch als Spielmünzen, aber jeder Käsch galt ein Tael, das ist ein Taler. Die zehn- bis zwölfjährigen Kinder des Gastgebers trieben sich zwischen den Spielern herum bis nach Mitternacht und nahmen einen sachkundigen und lärmenden Anteil an dem Hin- und Herschassieren des Spielglücks. Ihr Vater spielte mit uns Einundzwanzig, nachdem die Damen sich verabschiedet hatten. Er gewann und lachte. Es sei eine Europäerin angekommen, hieß es einige Tage später. Wer denn? Wer denn? Denn es ist schon ein Ereignis, wenn ein Europäer in Tschangscha ankommt, er sei denn ein Missionar. Nun, Frau A., sagte jemand. Frau A. war bekannt für ihre Spezialität, die unerfahrenen Ehefrauen über die Reisen ihrer Männer auszuholen. Emil Schlehmil sagte: "Ah so, das gilt der goldblonden Frau. Wir laden uns zum Tee ein. Wetten zwei Flaschen Mumm, daß Frau A. dort ist!" Frau A. saß wirklich dort, als wir hinkamen. Mit unschuldiger Miene sprach sie vom jungen Eheglück in den einsamen Gegenden des innern Chinas, von der Vortrefflichkeit des Gatten und wie gefährlich nur es jetzt in einzelnen Gegenden Chinas zu reisen sei. Wir kämpften mit dem Lachen und Emil Schlehmil erzählte folgende Geschichte: "Kirchbach von Arnberg & Co. verreiste ins Innere. Er kaufte in Hankau ein Billett für die Pekinger Bahn; und es kam, wie üblich, in die Zeitung, er sei nach Hupeh verreist. Aber er war schlau. Er wollte nach dem Süden von Ssetschuan. Vielleicht war dort etwas los und er kam als der Erste und Einzige zur rechten Zeit hin. Aber unterwegs bekam er den Verdacht, in Hupeh entginge ihm nun doch etwas und Jobbs und Sandmeyer seien ihm, auf die Mitteilung in der Zeitung hin, dorthin nachgereist und schnappten ihm die Sache weg. Er in Eilmärschen nach dem Norden und nach Hupeh. Jobbs und Sandmeyer aber hatten ihm sein Reiseziel nicht geglaubt, sie reisten ihm nicht nach Hupeh nach, sondern blind irgendwohin, wo vielleicht Minen zu entdecken oder elektrische Anlagen zu vergeben waren, und sie treffen sich, erstaunt und geärgert, eines Morgens auf einem Anlegeplatz am obern Jangtse. Es war nicht mehr zu ändern; aber sie waren wenigstens nur zu zweien als Konkurrenten, und sie machten unter sich ab, sie wollten sich faire Konkurrenz machen. Sie beendeten ihre Reise dort, wohin sie Kirchbach machen wollte, bevor er es mit der Angst auf Hupeh bekam. Sie haben Glück. Sie kommen ans Geschäft. Ein Chinese will für eine Stadt eine elektrische Anlage machen lassen. Er läßt sich von beiden Kostenvoranschläge machen und zeigt den des einen dem andern und umgedreht. Infolgedessen verbringen sie drei Monate im Süden Sseschuans, um sich gegenseitig zu unterbieten. Als der Chinese schließlich Kostenanschläge hat, die ihn befriedigten, schickte er beide an Arnberg & Co. nach Hankau, wo der inzwischen zurückgekehrte Kirchbach sie zur Bearbeitung bekommt, und fragt an, um wieviel unter diesen Anschlägen Arnberg & Co. die Anlage herstellen könnten. Also, Missie" ... endete Schlehmil, "sagen Sie ruhig Frau A., Ihr Gatte sei nach dem Süden, um Schwefellager oder Silberminen zu entdecken." Frau A. lächelte jähzornig und bemerkte mit einer süßlichen Fassung: "Es ist nicht, wie Sie meinen!" "Ich meine nur, wie es ist!" "Mein Mann reist nie jemanden nach. Er hat das nicht nötig." "Ich erzählte die Geschichte vorhin unter einem Namen Jobbs. Es sollte, da Sie sagen, Ihr Mann reise nie jemanden nach, eigentlich Herr A. heißen. Denn er war der eine der beiden, die nachreisten." Das sagte Emil Schlehmil, indem sein Gesicht plötzlich wie mit einer Feuersbrunst sich überloderte. Wir bekamen Angst. Frau A. rief hitzig: "Sie lügen!" Da stand Emil Schlehmil ruhig auf und, ohne ihr mit einem weitern Wort zu antworten, verbeugte er sich gegen alle. Nur der goldblonden Frau gab er die Hand und sagte: "Ich wollte Sie nur davor bewahren, das Reiseziel Ihres Mannes zu verraten. Bitte um Entschuldigung." Dann ging er. An diesem Abend sollten wir ins Theater gehn. Wir mußten die Erlaubnis holen, da wir außerhalb der Stadtmauern wohnten, uns nach acht Uhr das große Westtor öffnen zu lassen. 6 Als wir abends ins Theater eintraten, kamen einige Chinesen mit tiefen Verbeugungen. Sie lachten höflich und hoben rasch und in einer geraden Linie ihre langen, schönen Hände empor, um uns den Weg zu weisen. Wir kamen in einen vollen Saal. Viele Menschen saßen und gingen lärmend rundum. Eine dunkle Kammer nahm uns auf. Sie war in den Saal hinein offen. Das ganze Theater drehte sich die Sitze um, als wir kamen, und wir waren eine Weile Bühne. Kaum saßen wir, so kamen Diener des Theaters und stellten vor jeden von uns kleine Teller, die gefüllt waren mit Sonnenblumenkernen, Erdnüssen, geschälten und zerteilten Orangen, in Scheiben geschnittenen weißen Rettichen, Zigarren und Zigaretten. Auch Tee brachten sie. Ein junger Chinese war mit uns. Er sollte unser Dolmetscher sein. Zwei Männer kamen, verbeugten sich tief, lächelten viele Male und bewegten ihre schmalen Hände gegen uns. Das waren die Theaterdirektoren. Sie sagten uns: "Wir Kleinen wissen die hohe Ehre, die der hohe fremde Gelehrte durch seinen Besuch dem Abendtheater erweist, sehr wohl zu schätzen. Der hohe gnädige Prinz würde seinen ergebenen Dienern eine außergewöhnliche Gnade bereiten, wenn er geruhte, an diesem ersten Abend seines Besuchs, sich als der Gast der vor ihm stehenden und ihn verehrenden kleinen Männer zu betrachten." Die Chinesen lächelten und schmolzen vor Liebenswürdigkeiten. Wir lächelten dankend zu. Wir drückten uns alle selber die Hände, verbeugten uns tief und vielmals voreinander, und die beiden Chinesen gingen wieder. Sofort begann die Vorstellung. Auf der Bühne erschien es wie ein in Menschenformen verzauberter Blumengarten, der sich feierlich durcheinander bewegte. Eine unsichtbare steinerne Kugel fiel hinten auf einen riesenhaften Bronzedeckel und sprang unablässig, regelmäßig und hart darauf herum, Trommeln schrien mit klopfendem Gebrüll los, Geigen rissen heftige Tonreihen von ihren Saiten, und eine Stimme erklang, hohl und spitz wie eine Pappel und sang. Der Blumengarten geriet in eine neue Bewegung und gliederte sich in Theater spielende Einzelheiten auseinander. Einer stand rechts, einer links, beide einander zugebogen mit einer sonderbaren Haltung der Körper, wie in einem Traum. Einer von unten saß auf einmal auf einem Balken. Die beiden unten unterhielten sich hoch im Falsett singend miteinander. Sie klagten und waren unglücklich. Es waren zwei Frauen, eine junge und eine alte. Plötzlich schoß der auf dem Balken mit einem unglaubhaften Saltomortale donnernd zwischen die beiden andern auf die Bühne nieder. Die Frauen kreischten wie erschrockene Zickzacke zurück. Die Geigen verloren den Atem. Die Steinkugel und die losbrüllenden Trommeln radauten allein. Der Akrobat sang aus einer Kehle, die so eng war wie das Loch einer Zwirnspule und warf seine Hände schmal und schön und schwirrte umher mit einem ungebärdigen erregenden Fluß der Bewegung, wie ein Vogel, dem auf einmal menschliches Temperament unters Gefieder kommt. Die jüngere der Frauen war lang und schmal und hatte die Eckigkeit einer Lilie. Sie trippelte so unwahrscheinlich umher, eingehüllt in die prunkende Fremdheit ihrer farbigen Stickereien, so beladen mit dem fremden aufregenden Reiz ihrer seltsamen Bewegungen. Ihr Gesicht war rot gemalt und leuchtete aus dem schweren Behang ihrer Gewänder, wie das einer Göttin fremden Glaubens. Es war pervers. Die Chinesen riefen guttural allenthalben: »Cha, cha!« (Gut, gut!) Wir wußten, dieser absonderliche Menschenreiz auf der Bühne war ein Mann. Da kam eine Alte zu uns herein. Sie humpelte bedächtig auf ihren geschnürten Klumpfüßen, hatte einen Stoß ungebrauchter heißer Handtücher auf dem Arm, aus denen ein warmer Dampf aufzog, und wir nahmen jeder eins und sahen, wie auch im Theater solche Tücher in großen Haufen herumgetragen wurden. Dort gingen die Burschen, die ganze dampfende Arme voll hatten, durch die Mitte. Hundert Arme streckten sich hoch. Auf den zwei Galerien beugten sich Menschen über und streckten die Arme vor. Die Burschen warfen das Handtuch, es bohrte sich durch die Luft hinauf oder flog über die Köpfe ins Parterre, eine Hand griff in den drehenden Flug, der weiße Vogel stockte und wickelte sich rasch um die Hand. Die Hand fuhr sorgfältig lang und genießerisch damit übers Gesicht, Kopf und Nacken. Da machten wir dasselbe. Es war sehr erfrischend. Die Bühne spielte weiter. Die schreckliche Kugel prallte wieder auf das tönende Becken. Die Geigen schrien. Die Trommeln klopften wie erregte Drescher. Die Pfeifer zischten wie Dampfventile. Und manchmal dämpfte sich dieses so fremde, für unser Ohr noch so undifferenziert Lärmende zu einigen milden melodischen Wogen, in die sich eine beruhigte Stimme erlösend und erfreuend einschmiegte. Die junge Frau stand vor einem alten Mann, der mächtige farbige Backen aufhatte, und in seiner komplizierten Maske eine auf der chinesischen Bühne althergebrachte Abdeutung seines Charakters mit sich trug. Die junge Frau war wie ein kratzbürstiges Ornament. Der Alte warb. Sie durfte sich nicht entziehen. Und sie entzog sich doch, und ihre Bewegungen unter der streichelnden Begehrlichkeit des Alten waren wie eine Flucht in boshaften, spöttischen, ängstlichen Mäandern. Auf der Bühne gab es keine Kulissen. Ein Tisch war ein Felsen. Wurde eine Festungsmauer gebraucht, so brachte ein Kuli in Straßenkleidern einen Stuhl. Änderte sich der Schauplatz, so gingen sämtliche Darsteller ein Weilchen rundum. Auf den Seiten und in der Tiefe der Bühne trieben sich allerlei Leute herum, die nicht zum Stück gehörten. Sie gingen ab und zu, rauchten in ihren Wasserpfeifen, sprachen, spuckten und kletterten wieder in den Zuschauerraum hinab. Hinter den Darstellern saßen die Musikanten in gewöhnlichen Kleidern. Manchmal wurde einem Schauspieler eine Tasse Tee gebracht. Er drehte sich um und schlürfte sie aus. Im Saal ging es ebenso zu. Man plauderte und schrie, blies die Wasserpfeife aus und die Fidibusse an, spuckte und schneuzte sich und zerbiß ununterbrochen Sonnenblumenkerne. Soldaten erzwangen sich lärmend freien Zutritt. Die Frauen saßen für sich auf der ersten Galerie. Sie waren alle sorgsamst in hellfarbige Seidenjacken gekleidet, schwarze Hosen und buntbestickte Schuhe, die so groß waren wie ein Fingerhut. Ihre schwarzen Haare lagen glatt und glänzend an die schöne Rundung des Schädels geschmiegt. Alle Gesichter waren gepudert und geschminkt; alle Frauen waren mit seltsamer Kühle bereifte Blumen. Ihre Kinder spielten um sie oder schauten zu. In Gruppen saßen schöne Singsangmädchen beisammen. Auf der Bühne ging es ungestört weiter. Die Stimmen sangen hoch im Diskant fremde Musik, psalmenhaft eintönig, ein schrilles Rezitativ. Es schien, als wollte es bis zum Zerspringen der Stimme in die Höhe dringen, als wollte es die Stimme durch die Schädeldecke hinausschießen. Das Orchester lärmte und rauschte rätselhaft, reizte und hüllte die fremdartige Pracht der Gewänder, die Absonderlichkeit der Vorgänge, die malerische Fremdheit der Bewegungen auf der Bühne in das weite und gewaltsame Geräusch der Instrumente, erdrosselte manchmal die Stimmen. Lange Augenblicke raste nur das eintönige brutale Schlagen auf die helltönenden Becken, und aus ihm flossen plötzlich ein paar Sätze einer schönen malerischen Melodie. Sie brachen kurz ab, bevor sie vollendet waren, in einer Kadenz, die in die Höhe trieb und hoch über uns irgendwo hängenblieb. Als ich mich einmal an den Dolmetscher wandte, es war noch im ersten Stück, wußte er nicht, was ich wollte, und erzählte mir nur die Fabel: Die Junge sollte den Alten heiraten. Sie wollte nicht. Der Mann, der vom Balken sprang, versprach, zu helfen. Er verkleidete sich, daß er wie das junge Mädchen aussah. Kulis brachten das Brautbett auf die Bühne. Der alte Liebhaber erschien, bebend vor Begier. Sie gehen zu Bett. Der Alte bekommt einen Schlaftrunk, denn der Verkleidete ist ein Räuber. Er läuft mit der Geldtruhe davon. Die Diener des Beraubten stürzen dem Dieb nach, scheinbar ins Endlose, in Wirklichkeit aber nur in ein neues Stück hinein. Denn die letzten Darsteller des ersten Stücks waren noch nicht durch die rechte Tür verschwunden, die Musik hatte keinen noch so kleinen Punkt, nicht einmal einen Beistrich gemacht, so hatte schon ein neuer Vorgang begonnen. Ein Mann erschien, großmächtig, wunderbar gekleidet, mit einem Bart wie ein Stratuswolkenstreifen. Seine Maske war gewaltig und wie aus emaillierter Bronze. Sie erstickte alles, was Menschenfleisch an diesem Gesicht war. Die Gestalt ging feierlich, breitspurig, zog die Knie eckig hoch und setzte die Beine schwer nieder. Sie war ein Denkmal, das aus dem fremden Wald der chinesischen Mythologie herausgestiegen war, für einen Abend schweres Blut genommen hatte und wie in einem andern Bewußtsein an unserm Auge vorbeiging. [Illustration: Der Hund Fo] Diesem Koloß folgte eine kleine verschmierte Dreckigkeit, mit Ruß im Gesicht, mit den Fetzen eines Mönchgewandes auf dem Leib -- der chinesische Bühnentrottel -- und spuckte das Denkmal an. Die Beine des Denkmals tanzten wie marmorne Winkel auseinander, der Bart flog in die Luft wie ein Ball und dann von Arm zu Arm nieder wie ein Wasserfall, die tote Maske versteinerte sich noch böser. Das Denkmal war in Wut. Der Närrische sprang auf einen Tisch. Andere kamen. Der trottelige Schmutzfink spuckte wieder gegen die Großmächtigkeit. Die Musik blies und schoß wie verrückt. Der Dolmetscher kam meiner Hilflosigkeit entgegen. Der Große ist ein Mandarin, der Närrische ein Mönch. Der Mönch stellt sich verrückt, um dem Mandarin die Wahrheit über sein schlechtes und grausames Leben zu sagen. Das war alles. Solcher Stücke kamen viele. Es war ein Einakterabend. Wir hatten Theaterzettel bekommen, fettig bedruckte Papierfetzen. Der Chinese zeigte mir auf ihm, daß an dem Abend zwölf Stücke gespielt werden. Er erklärte uns jedes. Es waren alles alte klassische Stücke, und ein jedes war ihm bekannt. Es waren eher Bilder, Arabesken von allerlei Einzelheiten ohne dramatische Schürzung, ohne Abrundung zu einem großen Traurigen oder Heitern. Hingestickte Reiher zwischen Tempeln und über Föhren; ein Mensch, eine mit Goldfäden gestickte Wolkenkontur, ein Fisch von humorvoller Rundung, ein fataler grauer Regensturm einen baumlosen Berg hinan. [Illustration: Wir segeln durch den Tunting-See!] Stück floß ohne Unterbrechung an Stück. Alle ertranken im lärmenden Gebraus des kleinen Orchesters. Aber auf einmal geschah etwas anderes. Eine Schar berittener Amazonen stürmte herein. Pferd und Mensch waren eins. Die Amazonen staken in dem kleinen Pferd. Ihre Beine schauten unten als Menschenbeine heraus. Der Kopf des Pferdes wuchs aus ihrem Bauch. Sie ritten zunächst Parade mit diesen prächtig gezäumten Steckenpferden. Ein artistisches Kunststück von eigenartigem Geblüt. Die Rosse tummelten sich, widersetzten sich, wurden mit Mühe gebändigt und fügten sich mit heißem Widerstreben. Die Amazonen wirbeln hinaus. Ein General erscheint in der schweren klassischen Uniform der alten chinesischen Armee. Soldaten umgeben ihn. Alles singt und gebärdet sich. Waffen blitzen. Man sieht: ein Kampf naht. Der Krieg beginnt. Aber immer ringen nur zwei und zwei gegeneinander. Die übrigen verlassen die Bühne. Die zwei heben lange Schwerter. Es ist, als ob sie sie aus dem Erdboden der Bühne herauszögen. Die Schwerter schwingen sich in den Händen, tanzen auf, zeichnen wilde Tollheiten in die Luft, wirbeln in den Händen wie Steine an einer Schnur, malen das Ornament der Blutgier, der Raserei, des Erwürgens, des Greuels der Kriege in die rauchende Atmosphäre des Theatersaals. Tanzend umkreisen sich zugleich die Gegner, springen, fallen und siegen, würgen und töten, rasen, und die Körper machen bald dasselbe Spiel wie die Schwerter. Und all diese brutale Wut ist hochgebändigte bewußte Kunst, ist chinesische Stickerei, Porzellanmalerei, Bronzegießerei, die auf diese Stunde im Öllicht des Theaters von Tschangscha aus ihrer starren Pracht lebendig geworden sind. So kommt Paar um Paar. Hinter den Kämpfern tollen die Pauken. Es ist als stürzen Felsen über Meere, die aus bronzenen Schalldeckeln bestehen. Die ganze Stadt von 800000 Menschen draußen fliegt in die Luft. Die Geigen schreien, wie Kehlen, die sich vor dem Ermordetwerden rettend davonbrüllen wollen. Die Zuschauer springen erregt auf ihren Plätzen, stampfen wild und pfeifen und verzehren mit feurigen Organen alles, was die Bühne gibt. Dort wird das Umtanzen immer abenteuerlicher, die Schwerter rasen in immer wahnsinnigeren Figuren durch die Luft, die Sprünge werden immer erdenbefreiter. Einer dreht sich wie ein bergab-sausendes Rad auf einer Hand und einem Bein und scheinbar auf der Nasenspitze herum ... immer rascher, immer hitziger. Er wird ein wirbelndes Etwas. Es schwindelt zuzuschauen. Das ganze Theater rast, stampft, schimpft, pfeift in genießenden Wonnen. Zum Schluß kämpft die Anführerin mit dem General. Sie ist schöner gekleidet als eine Sommerwiese im deutschen Märchen. Sie ist golden und blumig, wie ein ganzer Sommergarten voll Sonnenblumen. Die Amazonen werden besiegt. Das Feuer schießt über die Bühne, äschert ihre Stadt ein, und in seinem Rauch erscheinen den Kriegshelden die Götter. Sie werden von der Erde befreit und als Heroen ins Jenseits genommen. ... In allen Stücken wiederholten sich einzelne Gestalten, wiederholten einzelne Gestalten verschiedene Verrichtungen. Das waren alte, feststehende, fast Begriff gewordene Einrichtungen des Theaters. Sie und alles waren von jeder Wirklichkeit befreit, wie eine Seele vom toten Körper. Es war ein Theater, das seine Erdenschwere ganz verloren hatte. Es war zu einer hehren Figurenhaftigkeit geworden, es war wie eine gotische Kathedrale gegenüber einer von Erdkatastrophen aufgetürmten Felsenmasse. Um die Flanken der wahnsinnigen Fremdheit dieser fast zu Formengebilden stilisierten seelischen Erlebnisse bei chinesischen Theaterabenden, denn Seelenerlebnisse sind letzter Art doch immer die Zelle einer jeden Fabel, schlug die Musik auf der Bühne ihre Klangräusche. Ich horchte und horchte und verstand nichts. Es blieb mir verschlossen wie ein Gebirge, was für ein Willen in diesen Tonzusammenstößen wirken könnte, was für einem Gesetz unseres Ohres oder unseres Geistes sie unterlegen sein könnten. Ich hatte öfter unsern chinesischen Diener oder auf den Schiffen und in den Gassen Chinesen diese langen schrillen gleichmäßigen Tonreihen singen hören, ja, auf Phonographen in chinesischen Häusern spielen hören. Das Volk hatte diese Musik in Herz und Ohr. Aber schließlich, was verstehen wir von China? Was konnten wir von allem, was wir in diesem Land gesehn, so in die Hand nehmen, daß es in klarer Form von allem Zweifel und allem Fremden frei unser war? Der die Erdenrassen verbindende Instinkt, der uns von Jenseits von Kung Fu Tse, Jesus Christus, Griechenland usw. noch einige Blutkanälchen mit den fremden Völkern erhalten hat, vermochte wohl mit genießendem und erschauerndem Versinken der dunkeln und fremden Wahrheit dieses großen Volkes auf Augenblicke heiß und wahr in die Augen zu schauen. Aber dann war es aus und fertig, wie nach dem wonnetollen Abenteuer einer unaufgeklärt bleibenden Sommernacht. Das Theater wurde mir -- im Gegensatz zum europäischen -- ein leidenschaftliches Erlebnis. In ihm war die Rätselhaftigkeit der abstrakt auseinanderschwärmenden und so zäh zusammengehaltenen Rasse bis zu einem blumigen, farbendurchwirkten und poetischen Ornament gezeichnet und objektiviert. Es hatte sich zu einem schillernden seelischen Rätsel fürs Auge geformt, was vordem in dunkeln kosmischen Fetzen durch den Verstand trieb. 7 Gleich in der Früh ließ ich mich ins Tschin Dei tragen, um mit Emil Schlehmil mich über den Theaterabend aussprechen zu können. Er war aber nicht zu Haus. Später hörte ich, er sei bei der goldblonden Frau gewesen. Er muß sich mit ihr erzürnt haben. Sie ging leicht über seinen Besuch hinweg, während sie sonst all die kleinen Ereignisse in der stillen Eintönigkeit ihres Strohwitwertums für sich zu wichtigen Dingen ausbaute. Daraus war zu schließen, daß der Besuch dem armen Schlehmil eine böse Enttäuschung eingetragen habe. Er ließ sich nicht blicken. Am übernächsten Tag ging ich wieder in sein Hotel. Als ich dort ankam, setzten drei Kulis gerade Schlehmils Stuhl ab. Emil Schlehmil entstieg ihm und wollte hastig ins Haus. Ich rief ihn an. Er war in einem merkwürdigen Staat. Er hatte einen zerbeulten Zylinderhut auf, der ihm zu klein war. Er trug die manchmal geflickte, durch die Gamaschen, die er gewöhnlich umschnallte, ganz zerknüllte dunkelblaue Hose seines Alltagsanzugs, sie wurde von einem gelben Lederriemen gehalten, den man unter der Weste sah und an dem ein dicker Revolver hing. Ein Gehrock, der zu kurz und überall zu eng und schon einige Jahrzehnte alt zu sein schien, vervollständigte die Kostümierung. Ich stand mit offenem Mund vor ihm. Er zog mich rasch hinein. Dort lachten wir uns zuerst aus. Ich sagte ihm, so komisch passend habe ich mir keine Kleidung an ihm vorstellen können. Er antwortete, der Gehrock sei zwar zwanzig Jahre alt, aber kein Spaß. Auf die Art der Nebenumstände komme es nicht an. Verlangt werde für Besuche bei hohen Beamten eben nur der Gehrock und der Gehrock des Tutu sei auch nicht viel schöner gewesen. Der sei zu lang und seiner zu kurz. Dann bat er mich ängstlich, ich möchte den andern Europäern ja nur nichts davon sagen, daß ich ihn so gesehen. Sonst wüßten sie, daß er einen Besuch beim Gouverneur gemacht habe und könnten ihm ein wichtiges Waffengeschäft verderben. Es war in den letzten Tagen vielfach bei den Europäern die Rede gewesen, daß es Emil Schlehmil trotz der mystischen Betriebsart, mit der er seine Geschäfte mache, sehr schlecht gehe und daß er wohl hungere. Sie erzählten, er habe nur mehr ein Hemd, und sein Kuli wasche das jede Nacht aus. Ich sagte ihm das. Da lachte er und zeigte mir eine Kiste, die mit Rollen von den großen Silberdollarstücken gefüllt war. Die sei gestern gekommen. "So!" lachte er lauernd dazu, "sie sprechen immer über meine Geschäfte? Die Nuß können sie nicht knacken. Was sagen Sie?" Er schien mir nervös, und trotz der Geldkiste war ich mir selber nicht sicher, ob er nicht doch vor dem Hunger stand. Ich sagte ihm: "Ich bin eigens von Europa nach Tschangscha gekommen, um Ihre vier jungen Kaufleute hier auszufragen, was sie über Ihre Geschäfte denken. Die kleine goldblonde Frau läßt Sie grüßen." Da schaute er mich an. Aber er sagte gleich kühl: "Es ist nicht wahr!" "Nein, es ist auch nicht wahr. Ich wollte nur wissen, ob Sie sich mit ihr gezankt haben." -- "Weshalb interessiert Sie das?" fragte er. -- "Weil ich diese Frau sehr lieb und gescheit finde und es sich lohnt, daß man um sie wirbt." -- "Sie hat ihren Mann", sagte er. -- "Es gibt auch noch etwas anderes an einer schönen Frau, als das, was ihres Mannes Recht und Besitz ist." Er tat so, als zweifle er. "Glauben Sie", fragte er. Ich antwortete: "Hielten es sonst so viele kluge und begehrte Frauen bei ihren Trotteln von Ehemännern aus?" Er schaute auf, wollte etwas sagen, machte aber nur: "Maski!" Was liegt daran! Er rief: "Lei, lei!" hinaus. Sein Kuli kam. Emil Schlehmil bestellte Essen. Er lebte fast nur von Konserven. Viel mehr konnte der Kuli auf dem Petrolofen nicht kochen. Wir aßen auf weißem Papier. Nachher rauchten wir dürre schlechte Manilazigarren, sprachen über das Theater und das Geheimnis des Jin Jang und hätten vielleicht ganz gern über etwas anderes gesprochen. Aber schließlich war das Jin Jang auch etwas, das uns nahe stand, denn es begriff alle unsere Sorgen und Erhebungen und alle schönen fremden Frauen in sich. Als ich tags darauf allein und zu Fuß in die Stadt gehen wollte, traf ich unterwegs einen der Europäer, und wir gingen ein Stück durch die stinkenden Gassen zusammen. Es war wärmer geworden, und die Gerüche flogen reicher auf. Da kam uns ein Rudel von Menschen entgegen. Sie hielten uns an und schoben einen Mann auf uns zu, der aus einer Wunde am Kopf blutete und ein Schild auf der Brust trug. Darauf stand auf chinesisch, mein Begleiter übersetzte es: "So wurde ich von einem Europäer zugerichtet." Der Auftritt schien ein wenig bedrohlich, und wir gingen weiter, ohne uns weiter um den Zug zu kümmern. Wir trafen einen chinesischen Schreiber aus einem deutschen Geschäft. Von dem hörten wir, man erzähle sich, daß Emil Schlehmil einen Kuli mit einer Flasche auf den Kopf geschlagen habe und daß die Verwandten des Kuli nun mit diesem herumzögen, um gegen die Europäer aufzureizen. Das täten sie aber nur, um Geld zu erschinden. Emil Schlehmil sollte in das Gebäude einer europäischen Firma geflüchtet sein und dort von Chinesen belagert werden. Ich ging ins Hotel Tschin Dei. Die Tür zum Flur Schlehmils war geschlossen und öffnete sich nicht, als ich klopfte. Dem Wirt konnte ich mich nicht verständlich machen. Vor dem Gebäude der europäischen Firma stand ein Haufen Chinesen. Aber dort war eine Wand, an der die Veröffentlichungen der Regierung angeschlagen wurden. Die waren stets endlos lang, und die Chinesen entzifferten sie durch halbe Stunden. Im Haus waren nur chinesische Angestellte, von denen niemand etwas von Schlehmil wußte. Wir blieben uns im Unklaren sowohl über seine Tat wie über seinen Verbleib. Aber am nächsten Tag kam mit der chinesischen Post ein Brief. In ihm sagte Emil Schlehmil uns adieu. Er habe plötzlich in dringenden Geschäften abreisen müssen und komme nicht nach Tschangscha zurück. Im Lauf des Tages hörten wir noch, daß der verwundete Kuli in Schlehmils Räume habe eindringen wollen und daß Schlehmils Diener sich seiner nicht habe anders erwehren können, als mit einem Knüttel. Der Kuli wurde angezeigt und bestraft. Emil Schlehmil hatte sich von niemandem verabschiedet, und kein Mensch wußte, wie und wohin er abgereist sei. Doch das lag ja im Stil der europäischen Kaufleute und war auch die Fortsetzung von Emil Schlehmils geheimnisvoller Art, Geschäfte zu machen. Niemand zerbrach sich den Kopf darüber. Ein jeder fand es in der Ordnung, daß der Narr verschwand, wie er gelebt hatte. Auch unsere Zeit kam. Der Fluß hatte wenig Wasser. Dampfer und Motorboote konnten nicht mehr fahren. Der Verkehr war stark zurückgegangen, und wir fanden nicht gleich ein Fahrzeug, das uns zum Jangtse hinabbringen konnte. Aber eines Abends kam ein Chinese und gab uns eine große rote Visitenkarte. Der Name eines hohen chinesischen Staatsbeamten stand darauf. Anfangs fanden wir nicht heraus, was das zu bedeuten hatte. Am nächsten Tag erfuhren wir durch einen Brief, der mit den Worten begann: "Wir wünschen Ihnen eine geruhsame Nacht...", daß uns für die Reise eines der schönen Regierungsboote zur Verfügung stand. Und eines Morgens glitt das Boot an der ganzen Stadt entlang den Fluß hinab. Wir standen vorn zwischen den vier Ruderern. Wir erkannten die einzelnen Aufbauten der Tore und die Dächer der Tempel in der Stadt wieder. Wir waren so oft an ihnen vorbeigegangen auf unsern Entdeckungsreisen in die Stadt. Aber wieviel hatten wir von dem Spalt der Maske gelupft, die sie bedeckte?! Die Stadt war fremd, wie vorher, noch fremder, da wir sie inzwischen zu erkennen versucht hatten. Aber hatten wir von Emil Schlehmil, dem Europäer und Deutschen, mehr erblickt, als manchmal ein hastiges Blitzen seines Herzens, und war er nicht -- unerkannt -- vor uns diesen Fluß hinab nach Süden oder hinauf nach Norden ins unermeßliche gelbe Land davongefahren, der Liebe nahe gekommen, wie wir der Stadt, und fremd geblieben, wie sie? Alles ist fremd und keusch von Mensch zu Mensch, alles eingekleidet, mondenreich und mondenfern, wie eine chinesische Frau. FLUSSFAHRT Im schönen Boot trieben wir langsam den Fluß hinab. Es war ein langgestrecktes Schiff aus hell geöltem Holz. Vorn war ein Platz für die Ruderer. Dann versenkte sich die kleine Kajüte in den Schiffskörper. Eine Treppe führte neben dem Mast vom vorderen kleinen Deck in sie hinein. Sie bestand in ihrem Aufbau aus lauter schönem Stabwerk, einem zierlichen Gitter aus naturfarbenem Holz. Aber zum Schutz gegen die Kälte waren Bretter vorgeschoben. Auch das Dach hob sich ganz auf. Das Skelett des Schiffs lief an den Wänden des Zimmers offen vorbei. Es waren feste Balken, mit der Hand gesägt und behauen. Die Willkürlichkeit malerischer Einzelheiten der Handarbeit, kleine Stützbalken und Hölzer, die in schönen Vasenformen ausgearbeitet waren, das Holz mit seiner fremden markigen Zeichnung machten sie uns zu einem Kunstwerk, das wir reichlich genossen. Die ganze Breite ihrer der Tür entgegengesetzten Wand war vom Bett eingenommen. Das war beträchtlich hart. Es war eigentlich nur eine breite hohe Holzbank. Über ihr öffnete sich eine kleine Schiebetür in die Küche. Achtern dieses Küchleins stand im Freien, wie auf einem Balkon, der Steuerer. Auf einmal war auch die Frau unseres chinesischen Dieners, die wir bisher nie gesehen hatten, auf dem Boot. Sie war eine kleine hübsche runde Person mit grauen schief stehenden Augen, mit glänzend an den Kopf angesträhltem Haar, ordentlich gekleidet und mit kleinen Händen, die rundlich gedrechselt waren und fein zugespitzte Finger hatten. Frau Boy nannten wir sie. Man erfährt nie den Namen seiner chinesischen Diener. Sie sind wie Geister um einen. Der Führer des Boots war ein alter Hunanese; er hatte einen schmalen hohen Kopf, um den ein schwarzer Tuchturban gewickelt war, eine starke gebogene Nase und einen dünnen heftig zugepreßten Mund. Er saß immer vorn auf einem Knauf und schaute uns zu. Er war streng und immer auf der Jagd nach den vielen Dingen, die sein Schiff unsauber machen könnten. Neben dem Führer hatten wir noch vier Ruderknechte und einen Steuerer. In der kleinen Küche kochte uns der Boy. Wir hatten als Reisegeschenk einer Freundin eine kleine Aluminiumküche mit. Unser erstes selbständiges Essen war ein Festmahl. Der Boy war ein vortrefflicher Koch. Ich fragte ihn, wo er gelernt habe, und er sagte, bei einem Franzosen in Hankau. Er spreche auch Französisch, leitete er eine längere Unterhaltung ein. "Po'a joun, moschö!" war die erste Probe seines "fanchois". So begrüßten sich die Franzosen, behauptete er. Und der Fasan, den er uns zum ersten Frühstück brachte, hieß auf französisch "Feschang". Der Boy war ein wenig dumm. Aber er schien mir so etwas wie Gemüt zu haben, wenn diese Äußerungen nicht auch aus dem großen Ehrgeiz herausflossen, der ihn ganz und in jeder Sekunde beherrschte. Die Fahrt ging mit wonniger Eintönigkeit durch die besonnten kühlen Tage. Es war einerlei, wann wir an der Mündung des Siangkiang in den Jangtse ankamen. Wir hatten zur Sonnenseite einige Bretter ausschieben lassen und sahen das Ufer hügelig und sandig, mit dunklen Bäumen bekrochen, langsam zurückstreichen. Der heilige Berg Jo Lo Shan schimmerte in seinen Herbstfarben aus den kahlen Hügeln heraus. Am Tor des Klosters droben stand ein Baum, in den eine alte Glocke eingewachsen war. Die Glocke war vom Himmel gefallen vor vielen tausend Jahren. Am Ufer wurden große Hebenetze, eins am andern, aus kleinen Hütten heraus in den Fluß gesenkt und hochgehoben. Kormoranfischer schickten um uns ihre schwarzen Vögel auf den Fang ins Wasser. Die Tiere hatten einen Ring um den Hals, damit sie die Beute nicht verschlucken konnten. Sie kletterten auf Stangen, die ihnen die Fischer hinhielten, wieder aufs Boot und setzten sich in einer Reihe nebeneinander auf das Dach. In Äckern am Ufer wurde die zweite Reisernte des Jahres geschnitten und gleich an Ort und Stelle in tragbaren Kästen ausgedroschen. In den Dörfern sah man zweirädrige Schiebkarren lastbeladen steile Treppen erklimmen. Kleine Tempel mit Fassaden wie Stickereien sahn aus dem winterlich benagten Laub von Baumgruppen heraus. Töpferdörfer qualmten, als ob aus den Hügeln, die sie zu ihren Brennöfen ausgehöhlt hatten, die Hölle ihre Schlote herausstreckte. Am Ufer lagen große Haufen von Tongefäßen, kleine Krüge und große Badewannen. Manchmal kamen an einem Dorf drei, vier runde Bütten rasch auf uns zugerudert. Es saßen derbe schmutzige Mädchen mit festen Fäusten, brauner Haut, frechen großen Augen drin. Sie schlugen die Bütten mit armlangen Rudern hüpfend durchs Wasser. Es waren Bettlerinnen. Mit diesen Bütten reisten sie von ihren entfernten Wohnungen durch die Kricks an den Fluß, sie paddelnd, wenn eine Wasserlache kam, sie vor sich herrollend, wenn es eine Landzunge zu überqueren galt. Es war das übliche Fahrzeug dieses Flachlandes. Die Frau Boy hatte die Aufgabe, sie zufriedenzustellen. Sie griff in ihr gepolstertes Wams, in dem Brüste und Hüften wie in einer Kugel verschwanden, und gab ein paar Kupferstücke. Die Weiber in den Bütten hielten sich am Schiff an und sagten ihren Spruch. Einmal kam die letzte bei der Verteilung zu kurz. Der Frau Boy waren die Käschstücke ausgegangen. Das ließ sich das Frauenzimmer nicht gefallen. Mit trotzigem Geschimpf verlangte sie gleiche Behandlung wie alle. Ihr dicker Mund sprang gemein auf. Sie ließ uns nicht los, bis wir ihr Almosen ergänzt hatten. Dann ruderte sie bös und maulend in ihrer Bütte wieder ans Ufer. In einem Städtchen war Markt, und das ganze Ufer hinauf wimmelte von Menschen. Am ersten Abend kamen wir bis zu einem andern Städtchen. Ein Haufen chinesischer Kriegsdschunken lag davor. Es waren lange niedrige Boote. Vorn auf dem Bug saß eine kleine Kanone, die einzige Armierung. Über dem Ruder war eine Kabine aufgebaut, Fahnen wehten auf dem Schiff, die fünffarbige der Republik und das Sternenbanner der Soldaten. Auf dem Topp des Mastes standen allerlei Amulette in die Höh. Die Soldaten lagen vorn auf dem Deck und kochten sich Reis. Sie waren alle in Kaki von chino-europäischem Schnitt und trugen Mützen. Dem Führer unseres Bootes schien es das Sicherste zu sein, sich zwischen sie zu legen. Die Soldaten standen alle auf, als wir kamen, und halfen. Sie schlugen vor uns an, und einer, der am Ufer Wache ging, tat so, als präsentiere er sein Gewehr. Der Boy sollte Einkäufe in der Stadt machen. Wir gingen mit. Wir kletterten ein zerrissenes Ufer hinauf. Dort stand ein großes Gebäude, in dem ein kleiner dunkler Tempel war. Der Hund Fo, der mythologische Wächter von Tempel und Haus, stand in Stein mit einem bissigen Gesicht und Schreck einjagenden Augen davor. Ein Weg schlang sich eng und zerfallen an der Kante des schroffen Hügels um die weißen Tempelmauern. Wir kamen in eine enge schmutzige Gasse, in der offene dunkle Handwerkerwerkstätten waren. Die Stadtmauer lief mitten durch diese Gasse. Über dem Tor war das Gewölbe ausgebrochen. Die Dämmerung überfiel uns bei den Einkäufen. Schweine liefen aus der Dunkelheit heraus zwischen unsere Beine, grunzten und flohen erschreckt. Räudige Hunde kamen schnuppern und rissen aus. Ein Ballen von Chinesen heftete sich dicht gedrängt an unsere Schritte. In einem Hof spielte ein Marionettentheater. Das erste, was wir kauften, war eine Laterne, eine große runde Laterne aus Bambusgeflecht, das von einer gelblichen Seidengaze übersponnen war. Der Boy wollte, daß der Verkäufer unsern chinesischen Namen draufmalen sollte, so wie es Sitte war. Ich hatte aber keine meiner chinesischen Karten bei mir. Es mußte jedoch etwas auf die Laterne gemalt werden. Der Boy verhandelte mit dem alten krummnasigen Chinesen, und der malte schließlich schöne große rote Buchstaben auf die Laterne. Wir mußten auch noch Tassen kaufen. Wir suchten welche aus. Der Boy fragte nach dem Preis. Der Chinese sagte etwas und schaute uns unwahrscheinlich an. Der Boy wäre ihm fast an den Hals gesprungen. "Master!" schrie er, "dis men wantschi one hondert käsch oll pieci", das waren also fürs Stück fünfzehn Pfennige. Ich hätte sie gern gegeben, aber da der Boy nicht wollte, sagte ich dem Mann, es sei Betrug, die Fremden so ausnutzen zu wollen. Da gab er die Tassen für die Hälfte des ersten Preises und machte ein betrübtes Gesicht darüber, daß es ihm nicht geglückt war, uns ein wenig übers Ohr zu hauen. Wir kauften rote Talglichter, die auf hohen Stengeln saßen, unten dünn und oben dick waren. Bei einem Fischhändler gab es einen Korb voll köstlichster Barsche. Wir kauften auch Orangen. Alles trug der eine Ruderknecht, den sich der Boy mitgenommen hatte. In einem Verkaufsstand waren zwei Wildenten. Der Händler verlangte fünfzig Pfennige für das Stück. Der Boy war entrüstet und wütend. Maulend kam er wieder heraus. Wir gingen weiter. Der Händler kam uns mit seinen beiden Enten nach und gab sie uns für vierzig Pfennig. Auch kleine süße Kastanien und Erdnüsse in Haufen gab es. So waren wir bald schwer beladen. Die Nacht war finster in die endlose gewundene Gasse gefallen. Offene Öllichter und matte Seidengazelaternen brannten in den dunkeln Höhlen der Läden. In der Finsternis kamen die Neugierigen, die uns noch nicht gesehn hatten, nah bis an uns heran und flüchteten gleich wieder. Der Boy ging voraus und trug an einem Stock die neue Laterne. Hinter uns kam der Kuli, mit den Einkäufen beladen, wie ein Maulesel, und dann das halbe Städtchen, stoßend und schiebend zusammengedrängt. So gelangten wir zum Fluß und rutschten den Hügel hinab. Unter den Zeltdächern der Kriegsdschunken leuchtete Feuer. Wir sahn unser Boot nicht zwischen ihnen. Es war schon zu finster. Aber über eine der Dschunken kamen wir zu ihm. Der alte Laopan stand mit einem Wischer am Bug und reinigte unsere Schuhe. Der Boy und der Kuli mußten die ihrigen ausziehn. Auf den Dschunken schallten dumpfe schöne Beckenschläge, ein Papierfeuer brannte auf und verflammte. Eine Seele rief ihren Gott. Wir zündeten die große Laterne an und setzten uns an den Tisch, Nach einer kleinen Weile schon kam ein gutes Nachtessen. Da plötzlich, während wir über dieses Essen her waren, begannen wieder einige Trommeln zu brummeln, lange Trompetenstöße fuhren dazwischen auf wie Raketen, hell und heftig, immer nur ein Ton. Von Schiff zu Schiff wuchs diese Musik. Trommeln und Posaunen wurden immer heftiger. Sie rangen miteinander. Die einen waren wie dunkle bärtige Kriegsscharen, die andern wie helle heftige Reiter. Sie mischten sich ungestüm und wild, und auf einmal donnerten zwei Kanonenschläge auf. Wir waren ins Freie gekommen. Die Schüsse verklangen den Fluß hinan, und der ganze Hexensabbat der Trommeln und Posaunen verstummte mit seinem Verhallen. Es war ein chinesischer Zapfenstreich gewesen. Der alte Schiffsführer stand vor uns und machte mit der Hand: seid ruhig, es geschieht euch nichts! Im weißen Giebel des Tempels über uns war ein Licht eingemauert. Es flackerte einige Male bei den Schüssen und brannte wieder klein und ruhig und die stille schweigsame Schwärze der Nacht sauste unversehens wie ein Strudel über uns, schön, maßlos und fremd. Am dritten Tag kamen wir in den Tuntingsee. Dörfer wie aus Lehm lagen von langen Reihen von Dschunken umlagert, auf den schmalen gelben Uferstreifen. Die Dächer waren aus braun bemoostem Schilf. Regen und Wasser hatten Ufer und die Siedlungen zu eins gemacht. Die Sonne hob diese Niederlassungen kaum aus dem Land. Auf dem Wasser schwammen Flöße von Bambusstangen und Baumstämmen. Sie sehn aus gelb und grau, wie die Ufer, wie das Wasser, wie die Ortschaften. Sie sind wie Inseln so groß. Ein jedes ist ein ganzes Dorf mit Hütten und Tempeln, Weibern und Kindern, die alle umher spielen, arbeiten, kochen, schimpfen, baden, schlafen. Vorn ist etwas wie ein Tor, von Fahnen und bunten Flicken umflattert. Ein Altar steht dort. Vor dem Tor drehn schreiende Männer an einer Winde. Erst nach einer Weile sehn wir, auf welch merkwürdige Art das riesenhafte Floß weiterbewegt wird. Ein Kahn fährt jedesmal ein Stück voraus, ankert sich fest, und an ihm windet sich die Insel von Bambus und Baumstämmen durchs Wasser weiter. [Illustration: Ssetschuanesische Krämerfamilie] Wir segeln sacht vorbei und überholen Floß um Floß. Im Sommer wirft der Jangtsekiang seine Wasser in diesen Tuntingsee und reguliert sich so. Der See wächst weit über die Ländereien wie ein Meer. Aber im Winter gehn die Wasser wieder ab. Überall stoßen Inseln und Bänke von Schlamm heraus, trocknen rasch und bewachsen sich mit dünnem Riet. Dörfer entstehn, um im Frühjahr, wenn die Flut steigt, wieder zu verschwinden. Weit und hoch im Land liegen schwere Schiffe, die nicht rechtzeitig wegkamen. Auf einer hohen Böschung sitzt ein toter Dampfer. Wir segeln rasch zwischen den milchkaffeefarbigen Landzungen, die in unendlich weicher Zartheit der Farbe ins Wasser gestrichen sind, fast eine Spielerei des Lichts unseres schönen Sonnentages. Ein Zug von Kulis, die am Ufer Schiffe schleppen, geht über eines dieser Bänder. Die Menschen stehn in ihrer Arbeit gebückt und doch groß, trächtig und schwarz in der Luft. Ihre nackten Beine leuchten kaneelfarbig. Und vor uns, jetzt wo der See uferlos wird, streichen zahllos die weiß gebreiteten Flügel der Segel, rund gebogen, hoch in den zarten Dunst der Ferne hinein. Große Salzdschunken mit geflochtenen Mattensegeln heben sich aus ihrem stillen Flug heraus. Wir haben die Korbstühle vorn aufs Deck gestellt, liegen drin und strecken die Beine weg. Das dünne silbrige Blau des Himmels scheint über uns und die Erde zu sickern. Die Ruderkulis liegen vorn auf dem Rücken und schauen in die Luft. Vom hohen weißen Segel, das der Alte mit strengem Gesicht führt, strahlt ein weißer Glanz über das Schiff. Wir sind uferlos und verloren in die gelöste Luft und die schwebende Fremde, ein Vogel im Schwarm der andern Vögel. Über den braunen Landstrichen erscheint immer wieder leichtes dunkles Gewölk. Wenn es näher kommt, beginnt es in Millionen Tropfen zu beben, und bald fliegt es als schreiende Sturmwolken von Zügen wilder Enten und Gänse über unsere Köpfe. [Illustration: Ein Briefschreiber] Der Boy bringt mir das Gewehr. Aber man liegt so tief in den Stuhl und den lichtglühenden Tag gesunken. Ich sage ihm, er habe ja Enten gekauft. "Wann kommen wir nach Jotschau? Frag' den Laopan!" Er fragt. Der Laopan spricht allerlei. Der Boy übersetzt allerlei. Wir hören mit Müh' eine kleine arithmetische Problemstellung heraus. Der Laopan sagt nicht: Heute nacht! Sondern: Bis zum nächsten Ort sind es noch zehn Li. Wenn wir um zwei Uhr dort sind, so sind es noch achtzig Li bis Jotschau. Es war mir nicht schwer auszurechnen, was der Aberglaube des Schiffers, aus Furcht dem Gott des Wassers etwas vorwegzunehmen, nicht aussprechen wollte, daß wir also gegen Mitternacht dort ankämen. Ich fragte: "Fährt er denn in der Finsternis?" Der Boy verhandelt lang. Schließlich sagt er uns: "Ich weiß nicht." Wir kamen in der tiefen Nacht in ein Gewirr von Booten. Wir lagen schon und schliefen. Wir hörten aber das Schiff bald rechts, bald links anstoßen, bis es plötzlich still lag. An einem schmierigen Regenmorgen erwachten wir. Hunderte von Schiffen drängten sich rund um uns ans Ufer. Dort reihten sich ein paar elende Gassen von Hütten aus Rohr und Laub auf, inmitten derer Garköche, von Hunden und Schweinen umlagert, ihr Geschäft in offenen Räumen betrieben. Aber über diesem Elend stand auf Felsen, Abhängen und Treppen eine bewegte, romantische und unbegreifliche graue Silhouette -- die Stadt Jotschau. Merkwürdige Türme und Tempelgiebel streckten sich in den grauen Regen. Ich lief hinauf und eine Stunde durch enge Gassen, in denen sich große Menschenmengen um die Läden preßten, Hunderte von Gemüsehändlern mit wunderbaren weißen Rüben, Kohlköpfen wie aus dem Märchen, schwellendem Salat und Fischhändler mit meterlangen Barschen umhereilten und ihre Waren ausschrien. Sahn sie mich, so blieb ihnen auf einmal der Mund tonlos offen. Bizarre, abenteuerlich fremde Tempel schoben sich auf die Kante des Abhangs. Vor Jotschau hatte der See sich wieder zum Fluß verengert. Wir mußten heut noch einen halben Tag rudern, um an seine Mündung in den Jangtse zu kommen. Ich war unruhig und wollte den Dampfer nicht versäumen. Aber wir fuhren nur auf Gutglück, denn wir wußten nicht, wann der nächste Dampfer kommen könnte. Ich traf den Boy mit einem Einkaufskorb. Wir gingen zusammen zurück. "Was hast du gekauft?" fragte ich. Er lachte und zeigte chinesisches Gebäck, Vermicelle und Seetang. "Nicht für den Herrn und die Dame!" sagte er. "Porc chops for master and missie!" Er zeigte eine ganze Seite schöner Schweinekoteletten. Dann erzählte er, wie er die machen würde. "Stewed, stewed!" sagte er mit Betonung. Sein Hankaumaster habe sie immer so sehr gerühmt. Den ganzen Weg sprach er von seiner Kunst, "stewed Porcchops" zu machen und von den Erfolgen, die er damit bei seinen verschiedenen Mastern errungen. Das Schiff war schon zur Weiterreise bereit, als wir unten ankamen. Es stieß sich etwas gewaltsam zwischen den vielen Booten hindurch. Es regnete wieder. Es war windstill dazu. Die beiden Kulis setzten spitze runde Hüte aus Fasern auf und hingen Pelerinen aus zotteligem Bast um die Schultern. Der Steurer spannte einen großen roten Schirm über sich, und wir ruderten langsam mitten im breiten Fluß dem Jangtse zu, dessen Tal man drunten blaß im Regennebel zwischen schroffen Hügeln plötzlich erscheinen sah. Wir saßen fröstelnd in der kleinen Kabine. Sie war ganz geschlossen. Nur die beiden Türbretter waren ausgehoben und ein eintönig grauer Himmel schaute zu dem Loch herein. Die zwei Ruderer standen groß in ihm in ihrer struppigen, tierhaften Tracht und ruderten unterm Regen gleichmäßig, hart und unermüdlich, als hätten sie eine Maschinerie im Leib. STURM Nachmittags kamen wir nach einer Fahrt von vier Tagen nach Tschenlingschi und an den Jangtsekiang. Der Dampfer war noch nicht da. Kein Mensch wußte zu sagen, wann er komme: ob heut oder morgen oder in acht Tagen. Der Ort lag höher als der Fluß. Der Fluß ging im Sommer bis an die Mauern der Häuser. Aber jetzt im Winter war, wie überall, ein breiter Platz zwischen Ufer und Dorf, und eine neue Siedlung war darauf entstanden: arme Hüttenstraßen, in denen der Schmutz, das Laster, der Gestank und die Arbeit zu Haus waren. Wir lagen etwas flußabwärts von den dunkeln und verworrenen Rudeln der Dschunken und Sampans, die sich unterhalb der Stadt erregt zusammendrängten. Ein kleiner Schleppdampfer rauchte zwischen ihren altertümlichen Masten, und zwei riesenhafte eiserne Leichter ankerten schwarz am Rand des Schiffsrudels der Flußmitte zu und zeigten, daß Europa bis hierhin wirkte. Im Hinterland lagen die Kohlengruben von Pinschiangpa. Tschenling hatte einen Aufstapelplatz dieses Unternehmens. Wir sahen in ununterbrochenen Ketten Kulis mit Kohlenkörben laufen, eine Arbeit ohne Besinnung in einem grauen Tag. Den Ort kannten wir in der ersten halben Stunde. Es war nur eine lange schmutzige Gasse voll Handwerkskram und Läden, hatte ein Tor und Reste einer Stadtmauer. Außerhalb des Tors lagen die großen europäisch gebauten Zollgebäude. Der Schiffer hatte das Boot unterhalb des Tors nur leicht aufs Ufer auflaufen lassen. Das Ufer stand einige Meilen flußabwärts, wo das Jangtsetal heranstieß, in schroffen Felsenriffen kerzengrad in der grauen Luft. Eine Pagode stieg nüchtern unfern über einem Hügelzug auf. Der Boy ging öfter zu den Chinesen, die die Vertreter der Dampfergesellschaften waren. Einmal brachte er den Bescheid, die "Kwei Li" werde für morgen erwartet. Dann lachte er geniert, wand sich und sagte, er mache dann zum Abendessen seine berühmten Schweinekoteletten, von denen er uns immer erzählt hatte. Der Tag wurde lang. Es regnete wieder zäh und heftig. Die Wolken strichen durch die Pagode hindurch, verschlangen sie und spuckten sie wieder steil und nüchtern, ein plump gespitzter Steinklotz, wie sie war, in die Luft ... Sie setzten sich schwer auf die Hügel. Das Jangtsetal war nur ein Kessel von Grau und öder Traurigkeit. Wir schlossen den Käfig unserer Kabine dicht zu, streckten die Beine in die Bettsäcke und tranken einen warmen Wein. Wir warteten aufs Abendessen. Der Wind stieß das Schiff ein paarmal ans Ufer. Der Boy reichte den ersten Gang durch die Schiebetür. Es war Reis, zusammengekocht mit Stückchen des feinen, kernigen Mandarinbarschs, der im Siangkiang dreißig und vierzig Pfund schwer wird. Ich ging trotzdem noch hinaus, weil ich sehen wollte, was das Aufstoßen des Schiffes zu bedeuten hatte. Ich sah unsern alten Schiffsführer ans Ufer springen und das Schiff abstoßen. Er wies mich mit einer Handgebärde zurück. Der Steurer half ihm. Die drei Ruderknechte standen auf dem Vordeck und schlugen ihre langen Ruder heftig ins Wasser. Man wollte das Schiff wohl für die Nacht in die schützende Mitte der Dschunkenstadt legen, die ein Stück flußaufwärts sich am Ufer aufscharte. Wir kamen schwer weg. Der Wind war heftig und stieß das Schiff in kleine Sampans hinein. Die Sampanleute schimpften. Der Alte arbeitete mit dünn aufeinander gepreßten Lippen. Bevor ich zu essen anfing, ging ich noch einmal schauen. Die große Kugel unserer Seidenlampe mit den roten Schriftzeichen brannte schon. Die Dämmerung war schwer. Ich sah, daß das Schiff schon etwa dreißig Meter vom Ufer und rundum kein anderes Boot war. Der Wind strich aus dem Jangtsetal gegen die Strömung und kräuselte das Wasser. Auf den Wellen kochte leiser Schaum. Plötzlich riß ein Windstoß das Boot auf. Es legte sich ein wenig. Die Kulis bogen sich über die Ruder. Auch der Alte ruderte. Aber der lange wütende Windstoß blies das Schiff dem Haufen der Dschunken zu, so stark die Männer auch ruderten. Da schleuderte der Alte hastig sein Ruder hin, erfaßte den Anker, warf ihn ins Wasser, und mit einemmal kamen Nacht und Sturm zugleich über uns hergefahren. Die Wellen spritzten aufs Deck. Das Boot schaukelte. Der Wind umraste es heulend und stieß es krachend in der festen Ankerkette. Er warf Regengüsse an die Wände. Ich mußte die Türbretter vorschieben, und wir waren in die enge Kammer eingeschlossen. Sie tanzte wie ein Zauberkasten. Das Aluminiumgeschirr schleuderte vom Tisch, die runde Laterne hopste, die Stühle rutschten und schlugen um, die Koffer brachen in ihrem kunstvollen Aufbau zusammen. Alles warf sich durcheinander. Auf dem Boden lagen Kerzen, Eßgeschirr, Kleider, das Gewehr, Papiere und wir. Man konnte sich nicht anders festhalten. Schließlich flog die runde Leuchtkugel von ihrem Nagel, die Kerze erlosch. Gre begann in der Finsternis "große Seereise" zu spielen. In der Küche stöhnte der Boy, und die Frau Boy schluchzte, schimpfte und stieß Wehklagen aus. Die berühmten "Stewed chops" kamen nicht mehr. Ich durfte Gres Fischreis mitessen. Sie hatte sich schließlich auf das breite Holzbrett geturnt, das die Tiefe der kleinen Kajüte einnahm. Das Segel mit seinen hundert Bambusstangen trommelte aufs Dach. Der Mastbaum, der durch unsere Kajüte führte, brüllte knatternd zwischen seinen Versteifungen, und bei jedem heftigen Hin und Her stöhnte er mit wildem Schmerz im Leib des Boots wie eine Gebärende. Ich schob ein Brett aus der Tür und klemmte mich in den Spalt. Der Regen schoß wild auf mich nieder. Der Sturmwind fuhr wirbelnd aufs Schiff. Die Kulis ruderten nicht mehr. Die vier Männer lagen entkleidet vorn auf Deck mit den Händen in der Ankerkette. Der Sturm drückte uns mit dem Steuer nach vorn auf den dunkel erkennbaren Haufen der Dschunken zu. Wir waren keine zwanzig Schritt von ihnen weg. Ihre hohen Maste fuhren mit irren Schwankungen durch die dunkle Luft. Ihre Leiber donnerten aneinander. Aber in ihrer Mitte wäre die Rettung für uns. Die Männer hoben den Anker hoch. Der Sturm schmiß sofort hastig das Boot den Dschunken entgegen. Heimtückisch raste es den dunkeln aneinander tobenden Massen zu. Die Kette krachte wieder über den Bug, und das Schiff fuhr an ihr hoch, wie ein aufbäumendes Roß. Der Anker hielt. Wir wären sonst zwischen den plumpen mächtigen Fahrzeugen erdrückt worden. Von Dschunke zu Dschunke gingen Schreie. Alles war ein Gemengsel von Bewegungen, die in der Finsternis und im rasenden Geheul von Sturm und Nacht ertranken. Aber im Ort oben waren viele große, hell erleuchtete Fenster, und Musik erklang droben. Plötzlich jagt ein Kanonenschuß durch den brüllenden Sturm. Die Schiffer ziehen den Anker wieder hoch. Das Boot treibt den Leichtern entgegen, die ganz auswärts liegen. Die Leichter liegen undeutlich im Strom wie gefährliche Wälle aus dunklem Stahl. Es waren Menschen auf ihnen. Sie standen hinter dem kleinen Aufbau des Steuerhauses, aus dem heraus sie das hüpfende Licht einer Öllampe beleuchtete, und schauten uns zu. Keiner half uns. Als das Boot so nah war, daß wir ihnen ein Seil hätten zuwerfen können, gingen sie ins Innere des Häuschens hinein. Unser Boot trieb, vom Sturm geworfen, schräg der schwarzen Mauer des äußersten Leichters entgegen. Der Leichter stieg wie ein furchtbares schwarzes Tier im sturmbewegten Wasser auf und ab. Der Wind bog unsern Mast mit einem grausamen Klang fest auf seine hohe Kante. Wir zerschellen an ihm! So stand ich in die Tür geklemmt, festgeriegelt zwischen Leben und Tod. Ich fühlte die Tollwut dieser Nacht, die diesen Sturm durchdrang, diesen Ort, dieses Land überwogte, wie rasend um uns strudeln. Die vier in der Finsternis schweigend und verbissen arbeitenden Chinesen, die so toll waren, nur mit einem Anker gegen den Sturm in den Hafen flüchten zu wollen, und die Menschen auf den Schiffen, die uns nicht halfen, weil sie dem göttlichen Geist des Flusses die Opfer nicht entziehen durften, die er sich vielleicht ausgewählt. Hinter mir lag meine Kameradin, auf dem Boden stand in einem breiten Leuchter eine dicke, brennende Kerze, und ihr Licht schaukelte düster durchs Zimmer ... wir schwebten beide so zwischen dem wahnsinnigen Wind und der Tiefe des Wassers, vereinsamt in die schaurige Unverständlichkeit dieser fremdrassigen Nacht. Und auf einmal stand das Schiff wieder, sein Hinterteil rieb sich heftig am Leichter, und an mir vorbei flog wie ein Schatten durch den Nebel ein nackter Mensch, zuckte wie ein schwarzer Muskel heftig auf die Kante des hohen Leichters hinauf. Ein Tau wurde ihm geworfen. Der Anker klirrte hoch, und das Schiff flog, am Tau gehalten und vom Sturm geworfen, mit einer erschreckten Schwenkung, wie ein Fisch, der an der Angelschnur gefangen davonrast, um den plumpen Klotz des Leichters herum, drehte auf einmal hinter ihm sacht ein und wurde dann, von den beiden Ungetümen vor dem Sturm geschützt, leicht an einem sicheren Platz verankert. AUF DER KWEI LI Der Dampfer, der uns flußaufwärts bringen sollte, kam immer noch nicht. Die vielen Regentage und die Sturmnacht hatten unser kleines Boot mit Wasser durchsetzt. Man fühlte überall Feuchtigkeit. Wir liefen jede Stunde zum Chinesen, der die Agentur hatte; die Ungeduld ward fieberhaft. Wir ließen uns ans andre Ufer setzen. Es war eine unübersehbare flache Sandwüste, und Millionen von wilden Enten lebten drin. Wir gingen in der Verzweiflung durch den Sand, bis wir nichts mehr sahn, als den Himmel und die gelbe vogeldurchlärmte Einöde. Ich schoß nach wilden Enten und Gänsen. Jähzornig und unverletzbar strichen sie vor meinen Kugeln auf und davon. Dies war ~ihr~ Eiland. Hier war ihre einsame Insel, mitten in Asien, mitten in der Welt -- das Reich der wilden Enten und Gänse. Weshalb kam man sie hierhin stören?! Und wenn wir zurück nach dem Tschenglingufer kamen, war immer noch nichts von einem Dampfer zu sehn. Am fünften Morgen wurden wir heftig geweckt. "Er kommt! Er ist da!" rief der Boy. Unser Boot ruderte schon die Strömung hinab in den Jangtse hinein, auf den Dampfer zu, der eine nur leichte Wendung auf Tschengling machte, als ob er sich zu landen noch überlegte. Dann stoppte er, fast mitten im Jangtse. Aber er warf keinen Anker. Die Knechte ruderten, daß die Stangen sich bogen. "Hund!" schimpfte ich voll Bangigkeit zu dem Riesenklotz hinüber. Aber wir erreichten ihn schließlich. Der Laopan warf sich mit einem Haken an die Bordwand fest. Dort stand ein Chinese. Der sagte: "Kein Platz mehr frei. Wir können Sie nicht mitnehmen." Ich warf eine Handtasche hinüber. Die andern folgten meinem Beispiel. Koffer um Koffer ging über die Bordwand. Der Kapitän beugte sich auf der Kommandobrücke weit über die Reeling und brüllte: "Kein Platz für Sie!" Ich antwortete nur bei mir, das chinesische "maski" zurück ins Götzische übersetzend, hob Gre auf das kleine Fallreep, die Frau Boy kugelte ihr nach und lachte dazu, blaß und fern wie der Vollmond. Der Kapitän brüllte nochmals: "Ich sage doch: kein Platz mehr frei für Sie!" "So werden wir im Mastkorb schlafen!" rief ich ihm zurück. "Wir haben keinen Mastkorb!" schrie er wütend. "Wenn Sie nur einen ordentlichen Whisky an Bord haben", brüllte ich hinauf. "No", sagte er milder herab, "Black and white!" Damit war unsere erste Unterhaltung geschlossen. Ich wußte, mit welchem Gentleman wir zu tun hatten. Der Dampfer fuhr schon. Er hieß "Kwei Li", was man mit "Rascher Gewinn" übersetzen konnte. Er gehörte zur "China Merchant Co.", einer chinesischen Gesellschaft. Als der Kapitän und wir uns dann Aug in Aug sahn, war die gesellschaftliche Form, in der wir miteinander verkehrten, wie umgewechselt. Er bot uns seine eigene Kabine an. Aber ich sagte ihm, wir schlafen auf unsern Streckstühlen in unsern Schlafsäcken. Dann müßten wir wenigstens seinen Toilettetisch benützen. Aber auch das war überflüssig, da es ein ordentliches Badezimmer an Bord gab. Verdammte Zeit! flüsterte er, alles ist von diesem "impossible people" besetzt und zeigte auf das Dutzend Männer, Frauen und Kinder, die sich in der ersten Klasse aufhielten, und in denen unschwer angelsächsische Missionare zu erkennen waren. Dann leerten wir zusammen eine Flasche Whisky. Unser Gepäck lag hin und her. Der Boy schaffte es zusammen in den Speisesaal des Schiffs. Der lag im Innern des obern Decks, zwischen die Kabinen eingeklemmt, ging aber nach vorn frei aufs Deck. Wir wußten nach nicht, was werden sollte. Die Koffer lagen schließlich in einem abgesperrten Gang hinterm Speisezimmer. Jeden Augenblick, wo man ging oder saß, erschien ein Herr, an dem einige Kinder hingen und grüßte mit einem überaus freundlichen Lächeln. Dasselbe machten die Damen. Ihre Toiletten waren ländlich. Als man schließlich auf all die so freundlich lächelnden Aufforderungen nie anders antwortete, als mit einem höflichen Lüften der Mütze, wurde man bei Gelegenheit zwischen Tür und Angel eingeklemmt und gefragt: "Are you going far?" Diese liebenswürdige Fürsorge hörte erst auf, als die Herren sich vergewissert hatten, daß man nicht auch Missionar war. Es waren Kanadier. Ich sagte dem Kapitän, ich hielte ihn seinem Aussehn nach für einen Südfranzosen. Er war aber ein Inder. Er sagte, die Missionare gingen alle nach Ssetschuan hinauf und zum Tibet. Sie seien vor der Revolution geflohn und hätten seitdem in Schanghai in der Fremdenniederlassung den Mut abgewartet, wieder ins Innere zurückzukehren. Von der Bezeichnung "impossible people" ging er nicht mehr ab. In einer Kabine war noch ein Bett frei. Eine alte Missionarin besetzte das andre. Dort wurde Gre untergebracht. Ich erkor mir als Schlafstelle den Platz auf dem alten roten Plüschsofa hinter der breiten Dampfheizung. Dann ging ich ins Bad. Ich eroberte es den Kindern der Missionare ab, die dort Ententeich und Feuerwehr spielten. Mit Hilfe des Boys, der mir einen Pack frischer Kleider brachte, setzte ich sie gewaltsam an die Luft. Er befreite mich von den schweren Kniestiefeln und dem Anzug, die neun Tage Feuchtigkeit und Regen eingesogen hatten. Nach der Toilette erschien ich im Salon in Sandalen und Kniehosen. Ich setzte mich auf die Plüschbank. Nebenan saß eine der Frauen und erzählte den Kindern etwas. Puff! stürzt die ganze Horde auf mich los. Welche Sandalen! Puff! Sie bohren ihre Finger in die Ausschnitte hinein. Welche gelben Strümpfe! Puff! Welche Samthose! Puff! Ich zieh einen über und versetz ihm ein paar kräftige Hiebe. Aber sie nahmen die Sache nicht wie sie gemeint war, sondern als Laune, mit ihnen puffen zu spielen. Sie boxen mich an. Die dicke Mama, die mit einer goldnen Brille und einem gestauten fetten Gesicht daneben saß, ließ die Kinder gewähren. Gre kam und setzte sich neben mich. Sie hatte einen zierlichen Reisefußschemel, der sich zusammenklappen ließ und für ihre kleinen Füße praktisch und zart war. Kaum hatte sie ihn für sich aufgestellt, als das Rudel darüber herstürzte und ihn sofort eintrampelte. Dann sollte es über meinen Apparat hergehn. Ich rettete ihn in einen Koffer. Mit Holdrio stürzte die zahlreiche Nachkommenschaft über das Kehrblech und den Besen, mit denen ein chinesischer Diener den Raum reinigen wollte. Die dicke Mama, mit der goldnen Brille, dem mancherlei Fett und dem gefrorenen Gesicht war in ihre Kabine gegangen. Dort hatte sie sich bei offener Tür auf ihr Bett gelegt und sang einmal ein religöses Lied aus einem dicken schwarzen Buch und einmal "I love you" aus losen Notenblättern. Alle Missionare waren derweil verschwunden. Wir schauten uns das Schiff an. Wir bewohnten als erste Kajüte einen kleinen Teil am Kopf. Es war ein riesenhafter Dampfer. Er gehörte einer chinesischen Dampfergesellschaft. Das übrige Schiff war durch drei lange Decks hindurch nur von Chinesen besetzt. Alles quoll vor Menschen. Alle Räume waren voll, alle Gänge waren mit ihnen zugestopft. Ganz oben war ein großes offenes Deck. Dort hatten sie sich mit Decken und Gepäckstücken kleine Kammern eingerichtet. Sie lagen auf Kotten und blauen kalkgedruckten Tüchern, und einer sang dem andern aus kleinen Büchern die alten Geschichten der chinesischen Volksliteratur vor. Wir fanden auch unsern Boy und die Frau Boy droben. Sie hatten sich mit unsern und fremden Stühlen eine wohnliche Kabine hinter einem Schornstein gebaut. Andre lagen auf dem Bauch und spielten Karten. Und auf einmal trafen wir auch die verschwundenen Missionare. Sie predigten hier oben und wollten mit schlauen Reden dem Konfuzius Seelen abfangen. Die Chinesen standen um sie herum, und der eine oder der andre warf spöttische Fragen in die Reden der Missionare, und alle lachten, wie Chinesen lachen, höflich aber deutlich: wir sind wir und du bist du, rede, mein großer Fremder! Nachher bei Tisch unterhielten sich dann die Missionare über die witzigen Kniffe, mit denen sie in ihren Predigten den chinesischen Schweinen das Christentum näher brachten. Einer wetteiferte mit dem andern. Aber gegen allen Witz und die Milliarden, die Amerika und England in seine Missionen gesteckt hat, führten die Statistiken 150000 dem evangelischen Christentum gerettete chinesische Seelen an. China zählt 400 Millionen Menschen. Aber diese Missionare waren ja politische Agenten. Sie waren die Instrumente, mit denen die Fälle konstruiert wurden, die England den Anlaß geben, Kriegsschiffe zu schicken, Häfen zu öffnen und Macht zu erringen. Denn die europäischen Kanonen sind besser als die chinesischen, und für die Weltgeschichte hatte man ja die europäische Kultur. Der Kapitän gab mir die neuesten Zeitungen aus Hankau. Es stand viel drin über die Politik der Engländer in Tibet. Der Kapitän zeigte auf das "impossible people", als er mich auf die Artikel aufmerksam machte, und sagte, daß seit vier Wochen jeder Itschangdampfer mit Missionaren überfüllt den Strom hinauffahre. Auf dem Schiff gingen viele Soldaten herum, die schwere schwarze Turbane auf dem Kopf hatten. Es waren ihrer einige Hunderte. Sie trugen Kakikleider, doch in chinesischem Schnitt. Es waren die ssetschuanischen Soldaten, die die Regierung vor vier Jahren gegen den Dalai Lama geschickt hatte. Die Engländer hatten sie gefangengenommen und sie nach Cales hinuntergebracht. Von dort fuhren sie über Singapore nach Schanghai und kamen endlich nach vier Jahren den Jangtse hinauf wieder in ihre Heimat zurück. Es waren schöne starke Burschen, etwas verkommen und verlaust, aber von einem gutmütigen Humor. Sie saßen den ganzen Tag in den Gängen auf dem Boden und suchten immer nach Flöhen. Ihre Strümpfe und Sandalen hatten sie sich aus Schnüren geflochten. Mit ihnen waren drei Soldatenmädchen. Es waren Tibetanerinnen. Sie waren grobhäutig und hatten breite Schultern wie Raubtiere. Sie waren schmutzig, wild, mit schweren schwarzen Köpfen und großen zornigen braunen Augen wie Lamas. Sie verließen nie den Liegeplatz im Gang an der Reeling. Ich wollte sie photographieren, aber sie drehten sich weg und drückten die Gesichter auf den Boden. Die Burschen lachten. Ich überrumpelte sie einmal. Da spuckte die eine mich an wie eine wilde Katze. Die Soldaten hatten auch noch eine vierte. Die soll sehr schön sein. Aber sie halten sie in einer Kammer verborgen. [Illustration: Zieher an einer Schnelle] Wir gehn so den ganzen Tag auf dem Schiff herum. Die Missionarskinder machen den Aufenthalt in der ersten Kajüte unmöglich. Zur Nacht wagt sich das Schiff nicht weiter. Es ist niedriges Winterwasser. Es ankert an einer Biegung bei einem kleinen Dorf und im Mondschein mitten im Fluß. Die Strömung preßt sich fest an seine Flanken, und es bebt die ganze Nacht hindurch. Die "impossible people" gehn Gott sei Dank früh zu Bett. Ich lege mich aufs Sofa. Der Boy hat mir ein Bett dort schön zurechtgemacht. Aus der Kabine der fetten Missionarin singt es noch eine Viertelstunde lang "I love you" und "Nearer o God." Dann schnarcht einer der Missionare. Die Dampfheizung zirpt, und manchmal geht ein jäher Klang durch sie. Man hört den Sand, den der Strom mit sich trägt, am Schiffsrumpf reiben. Am nächsten Morgen ist Nebel, durch den die Sonne eine zaghaft kommende und gehende Wärme flicht. Der Wind treibt den Nebel. Dschunken erscheinen zurückgehalten in ihm, mit steilen Segeln stromab gehend. Die Maschine des Dampfers fliegt ununterbrochen, und das eintönige unverständliche Rufen des Tiefenmessers erklingt im Singsang beiderseits des Decks. Dieser Strom ändert Jahr um Jahr. Die Chinesen sagen: wenn das Wasser fällt, fällt der Boden. Wenn das Wasser steigt, steigt der Boden. Man weiß nie, wie man dran ist. Jeden Augenblick kann man aufsitzen. Um zehn Uhr kommen wir an einem japanischen Dampfer vorbei, der nah am Ufer auf Grund geraten ist. Aber den Japanern hilft kein Schiff. Wir fahren vorbei. Der Japaner heizt seine Kessel, und der schwarze Qualm zerfließt dick im dünnen Nebel. Auf einmal ist der Nebel weg. [Illustration: Zieher] Ich denke mir, hier ist jetzt kein Raum, in dem man eine Minute für sich und vor der Geschwätzigkeit der Missionare in Sicherheit sein kann. Ich nehme mir vor, mich in einer Arbeit vor ihnen sicherzustellen. Ich will unsre Erlebnisse auf Sumatra niederschreiben. Das Ufer gleitet nah vorbei. Es sind vom Strom zerbröckelte hohe Sandböschungen. Ein Rand Gras steht darüber. Strohhütten erheben sich manchmal wie kleine Pocken der Erde aus dem grauen Feld. Dahinter fließt die weite Ebene spärlich bewachsen. Der Jangtse ist gelb und fließt dick mit Sand gefüllt. Ein paarmal sehe ich, wie mächtige Rutsche Erde aus der Böschung jäh niederstürzen und von dem gierigen Strom verschlungen werden. Ich komme nicht ans Arbeiten. Das Land hat so etwas Neutrales und Ruhiges. Man ruht sich in diesem ewig gleichen Anblick aus. Karren mit vollen Holzrädern werden plump von Wasserbüffeln über die Kante der Böschung gezogen. Ein einsamer Wasserbüffel grast in der dürren Ebene. Sein Wächter sitzt hinten auf dem Gesäß des Tieres und schläft. Der Strom ist so mächtig und 1200 Kilometer von seiner Mündung noch breiter als der Rhein in Holland. Im Sommer wird er doppelt so breit. Man sieht weite, weiße Sandflächen, über die er des Sommers hindurchströmt. Jetzt haben sich provisorische Dörfer drauf erbaut, Häuser aus Holz und Ried. Am dritten Tag dehnt sich der Jangtse zu weiten Seen aus. Weit übers gelbe Land liegen viele flache blaue Wasserschalen, in denen der Himmel glänzt. Wolken von Enten und Gänsen flattern aus ihnen auf. Sie ballen sich mit kinematographischem Zittern zusammen und verteilen sich in Schwärme, wachsen wieder zusammen. Sie sind bald wie schwarzes Konfetti und bald, wenn sie wenden und die Sonne die weißen Bäuche trifft, wie ein Durcheinanderflimmern silberner Kugeln. Wilde Schweine ziehn vorbei. Ein Schwarm Segler gleitet zu Tal. Ganz fern liegt ein weißes Dorf in grünen Bäumen. Dort ist das Ufer im Sommer. Eine Pinasse ist an Bord. Sie wird angefeuert, herabgelassen, fährt voran und steckt vorsichtig unsern Weg durch den See ab. Am späten Nachmittag kommt die Stadt Schasi. Wir bleiben dort über Nacht. Ich geh allein einige Stunden durch die Gassen. Sie fallen bald aus der Dämmerung in die Nacht. Die Lichter erscheinen. Eine lange Straße gehe ich hinab. Sie will nicht endigen und ist voll Gedränge. Alle Häuser sind offene Läden. In allen Läden und in der Gasse schweben offene Lichter, Öllampen, hängen Seidenlaternen mit Schriftzeichen. In dieser Beleuchtung ist die Stadt ein angeräuchertes Durcheinander, wie auf einem alten holländischen Bild, aber geheimnisvoll von Fremdheit Überflossen. Ich werde sacht geschoben. Die Geschäfte schließen rasch. Doch aus ihrem erlöschenden Leben taucht unversehens ein zweites Leben auf. Vor ihren Bretterverschlägen tun sich kleine Händler auf, vor jedem Laden ein Händler. Sie breiten ihre Schuhe, ihre Tücher auf dem Boden aus, nageln ihre Kleider, ihre Felle an die Bretterwände, Köche kochen in wandernden Öfen und beim Schein von Ölflämmchen in hoch aufgebauten Töpfchenreihen komplizierte Gerichte, Briefschreiber sitzen in ihren Winterkappen da, die ihnen eine wichtige Art geben, Wahrsager legen ihre Schildkröten aus, ein Scharlatan ordnet seine Töpfe und Flaschen, weiße Mäuse in einem klingenden Rad ziehn die Aufmerksamkeit auf ihn. Händler mit konservierten Enteneiern bieten die schmutzigen Dinger an und heben einigen die Kuppe ab, daß das schwarze gallertartige Fleisch, das wie eine polierte Trüffel hervorleuchtet, die Leckermäuler reize. Aber die meisten Händler verkaufen allerlei Kuriositäten: Keramiken, Stickereien, getriebene und ziselierte Handöfen, zinnerne Krüge und bronzene Räucherbecken. Es ist wie in Paris, wenn ein Arrondissement seine Messe hat. Ich kaufe einige alte Stickereien von einem Mandarinengewand: goldene Fohunde und Reiher in blauen Wolken. Ich treibe weiter. Das Geschiebe der Menschen durchbricht mit wildem Gebrüll ein Rikschahkuli. Ein schlafender dicker Chinese sitzt in dem Gefährt. Er hopst wie ein Fußball. Ein Tragstuhl mit einem aufgeputzten und rot geschminkten Singmädchen gleitet vorbei. In einem andern sitzt eine schöne, zarte junge Chinesin. Singende Kulis eilen durch die Menge und schleppen auf Traghölzern schwere Steine in die Stadt. Alles Vorbeigehende ist immer nur auf Augenblicke zu sehn, im flackernden Schein von Lichtern, die sich mischen oder kreuzen. Und immer alles in den schönen samtigen Nebel der verräucherten vielfachen Beleuchtung getaucht. Der Vollmond steht über der Straße. Er steht dort nur, um eine lichtgrüne Decke über dieses dunkle bewegte Bild zu legen, die Zeichnungen des kunstfertigen und zarten Gitterwerks der Firmenschilder und die Drachen -- und Reiherknäufe der aufgeschwungenen Dachenden als schwarze merkwürdige Silhouetten fern und unbeweglich über das Gedränge zu halten. Ich hülle mich in meinen Mantel, -- und man sieht keinen Fremden in mir, und ich gehe ganz unter in der Fremdheit der nächtlichen, erregten Stadt. Der Nebel hielt uns auf einmal mitten im Strom fest. Der Dampfer warf Anker. Ich spazierte auf dem obersten Deck. Die Missionare predigten. Die Chinesen lachten. Sie spielten Karten und saßen herum. Da zog ein Europäer, den ich noch nicht an Bord gesehn hatte, seine Kappe und sagte auf deutsch: "Schlechtes Wetter für die Fahrt." Ich nickte verbindlich ja. Der Fremde: "Der Herr ist in Tschenglin an Bord gekommen." Ich wie vorhin. Ich hatte keine Vorstellung, von wo er auf einmal aufgetaucht war, und mochte weiter nichts mit ihm zu tun haben. Aber er fragte zum drittenmal: "Der Herr geht seine Filialen besuchen?" Ich: "Meine Filialen, welche?" Der Fremde: "Der Herr ist doch der Chef von Arnsberg & Co." Also auf einmal war ich der Chef eines großen deutschen Ostasienhauses. Ich erkundigte mich, woher seine Information stamme. Er: "Oh, die Chinesen sagten es auf dem Dampfer." Da kam einer der chinesischen Stewards die Treppe heraufgestürzt, an der wir standen: "Master, your boy, your boy!" rief er mir zu. Ich fragte erschrocken: "Was denn, my boy?" "He fight!" rief der andre aufgeregt und zog mich mit. Wir liefen den Gang hinab, dann eine Treppe in ein dunkles Loch hinein, wieder ein Loch und waren auf einmal in einem großen Raum, in dem es von Chinesen wogte. Überall ragten die hohen Turbane der ssetschuanischen Soldaten heraus, und in der Mitte sah ich aus einem hin und her schlagenden Knäuel den Kopf unseres Boys immer heraustauchen und verschwinden. Alle Chinesen schrein und heben die Arme. Ich dringe in das Wirrwarr hinein, schwimme eine Weile zwischen den brüllenden Menschen und zwänge mich durch. Kaum hat mich der Boy gesehn, als er wie ein Panther auf einen großen pockennarbigen Chinesen losstürzt und brüllt: "Der hat ihn gestohlen!" Andere dringen wütend auf den Boy ein. Ich schiebe sie zurück und frag': "Was hat er genommen?" Der Boy hebt seine Hand hoch und zeigt den Finger, an dem sein goldner Ring (seine Sparbüchse) sonst steckte. Der Ring fehlte. Der Boy sagte: "Den Ring hat er genommen und meine Mütze auch, sie hat 1 Dollar 40 gekostet." -- "Wer?" -- "Dieser Mann." Wutsch, hatte der die kleine Faust des Boys in den Zähnen. Ich schob die zwei auseinander. Ich fragte: "Wer ist der Mann?" -- "Ein Angestellter des Kompradors", sagte der Boy. Ich bat den Chinesen, der auch Pidgin sprach, er solle zum Kapitän mitkommen und schob ihn hinaus. Er sagte lächelnd, es sei nicht wahr, er wisse nichts vom Ring. Der Boy stürzte, wie ein Tier aufs Futter, hinter uns her. Er hatte einen dicken roten Kopf und seine Augen waren blutunterlaufen. Ich fand den Kapitän nicht. Auch der Boy war auf einmal verschwunden. Die Sache wurde zu einem Kuddelmuddel, in dem ich nicht mehr zurechtkam. Da ging ich zu dem einen Missionar, mit dem wir öfters sprachen und erzählte ihm den Fall. Er sagte mir: "Seien Sie vorsichtig und tun Sie gar nichts. Wir Europäer kommen nie durch ihre Konflikte. Überlassen Sie die Leute sich selber." Ich bat ihn, bei Chinesen zu erfragen, was losgewesen sei. Er kam bald zurück und erzählte mir, daß die Stewards Hankauchinesen, wie unser Boy, seien, die Kompradorsangestellten aber Kantonesen. Zwischen den beiden Teilen seien die ganze Reise schon Reibereien im Gang gewesen. Mein Boy habe sich auf Seite seiner Landsleute dran beteiligt. Die Feindschaft des Südens gegen den Norden! Einer der Kompradorleute sei heut morgen, während der Boy und die Frau noch in ihrer Stuhlkammer schliefen, hingegangen, habe gefragt: wo sind eure Fahrscheine? Der Boy habe ihm eine landesübliche unflätige Antwort gegeben. Da habe der andere die Decke von den beiden weggerissen und sei erzählen gegangen, er habe die beiden erwischt. Es entstand eine Keilerei. Die Soldaten stellten sich auf die Seite der Kompradorleute. Der Boy mußte in eine Stewardkammer flüchten. Weiter bekam ich nichts heraus. Der Boy kam wiederholt und fragte: "Gibt der Mann mir meinen Ring wieder?" Ich sagte ihm: "Ich weiß das nicht. Das mußt du selber mit ihm abmachen. Ich bin ein Fremder, kenne eure Sprache nicht und kann nichts machen." Er sagte: "All right", ging und kam immer wieder. Endlich bat ich ihn energisch, mich ungeschoren zu lassen. Inzwischen war der Nebel gegangen. Wir fuhren unter schön bewegten hohen Hügeln, und in der Ferne zogen Gebirgsmassen auf. Durchs Wasser jagten ganze Rudel von Fischottern. Dörfer und Städtchen lagen in grünen Hängen. Die Missionare packten alle. Wir hatten das Deck ganz für uns allein. In den Bergmassen in der Ferne lagen unsere kommenden Monate. Was brachten sie? In der Dunkelheit kamen wir vor Itschang an. Der Dampfer ankerte im Strom. Ein Boot und ein Brief warteten auf uns, und wir wurden noch am Abend in eines der Häuser aufgenommen, die manchmal plötzlich wie eine heimatliche Insel in einer fremden Reise liegen und die Freunde für die Zukunft werden. Unser Gastgeber war der europäische Zolldirektor der chinesischen Zollverwaltung; denn Itschang gehörte zu den "offnen" Städten Chinas. Er lebte in einem kleinen Palast, Gelehrter und Gentleman. Er wußte etwas von chinesischen Dingen. Das Ehepaar hatte einen halbjährigen Sohn. Er hieß Tang. Dieser hatte eine dicke chinesische Amme, in der etwas buddhistisch Weltversunknes von Mütterlichkeit, Weiblichkeit und Vorsorglichkeit war. Diese Tugenden sind die Gefahren auch, denn die Kinder, die in der Obhut chinesischer Ammen aufwachsen, werden aufs unerhörteste verzogen. Die dicke Amme zwitscherte von früh bis spät mit Tang. Alles war goody friend: Lämpu goody friend ... bath goody friend ... milk goody friend ... Sie turbelte ihn wie ein Puppenmännchen in den Händen herum und sagte: How fashion this man!... Die Amme wurde von der übrigen Dienerschaft mit "Mutter" angeredet. Der Koch durfte gerade acht Tage lang nicht Mutter zu ihr sagen, weil er gespielt hatte. Es war ihm nur erlaubt, sie Schwester zu nennen. Der bedienende Boy war ein älterer schlanker Mann. Ab und zu schleppte er sich herum, wie eine erfrierende Fliege. Dann verschwand er, und wenn er nach kurzer Zeit wiederkam, glänzten seine Augen, seine Schritte federten, seine Bewegungen waren feurig. Ein Geruch, süß und leise, nach Opium schwebte irgendwo aus einem Keller ins Haus herauf. Der Kuli, der die Öfen besorgte und sonst nichts zu tun hatte, war ein altes verbeultes Tier. "Alter Prinz," sagte ihm der Hauptboy, "der große Herr hat befohlen, du sollst im Schlafzimmer der fremden Herrlichkeiten heizen!" "Ich werde es tun, Hausobermeister!" erwiderte der alte Prinz. "Der große Meister", meldete die Amme, "hat heut Tauben gekauft und wird sie morgen braten." Und als nächsten Tags die Tauben auf den Tisch kamen, sah ich, wie der "Hausobermeister" heimlich, als er seinem Herrn zum Bedienen die Platte hinhielt, ihm einen der Braten zuschob. Es war die fetteste und jüngste Taube. Der zweite Koch war der Meister. Eine alte Frau hatte keine andere Verrichtung, als die Klosetts zu besorgen. Ihr Titel war: "Herrliche Tante." Am nächsten Morgen kam der Boy wieder und fragte, als ob ich ihn nie damit abgewiesen hätte: "Herr, bringen Sie den Kompradorboy nun ins Gefängnis?" "Muß es gleich sein?" fragte ich scherzhaft zurück. "Ja!" sagte er ernst und mit fiebrigen Augen, "denn die Kwei Li fährt am Nachmittag wieder nach Hankau zurück und da geschieht ihm nichts, weil er seine Freunde dort hat und der Herr sich der Sache nicht mehr annehmen kann!" "Geh doch zum Richter!" sagte ich ihm. "Mir hat er nichts gestohlen!" Ich solle ihm dann wenigstens einen Brief mitgeben. Dann schrieb ich auf eine Visitenkarte, er sei mein Diener. Später hörte ich, er sei mit der Visitenkarte zum englischen Konsul gegangen und, abgewiesen, zu den zwei andern Europäern, die in Itschang wohnten. Dann auf die Schiffsagentur und schließlich, als er nichts erreichen konnte, zu allen seinen chinesischen Bekannten in der Stadt, und er habe ihnen gesagt, auf der Karte stünde, der Kompradorangestellte habe ihm seinen Ring gestohlen und man solle ihn ins Gefängnis bringen. Unser Gastgeber war der Zolldirektor der Stadt, die eine große Bedeutung hatte, weil in ihrem Hafen alle Güter des Jangtse- und Tibetgebiets auf den besonders gebauten Schnellenbooten bis Itschang gebracht und dort zum Meer oder nach Hankau weiter verfrachtet wurden. Um tiefer stromaufwärts zu reisen, mußte man in Itschang sich ein Schnellenboot besorgen. Nam San, ein kantonesischer Kaufmann, der sich zur Flucht in der Revolutionszeit eines hatte bauen lassen, vermietete es uns mitsamt der Mannschaft. Wir zahlten eine feste Summe. Darin war einbegriffen: Lohn und Verpflegung von zwanzig Ruderknechten, fünf Schiffern und dem Kapitän, alle Ausgaben und Abgaben unterwegs für Hilfstreidler usw. an den Schnellen, einen Monat Aufenthalt in Tschungking und die Talreise nach Itschang. Man rechnete 30 Tage hinauf und 10 Tage flußabwärts, so daß wir voraussichtlich das Boot zweieinhalb Monate benutzten. Der Preis war in damaliger deutscher Währung 750 Mark. TAGEBUCH DER SCHNELLEN-REISE 25. November. Unsere Freunde begleiteten uns zum Hausboot. Es lag inmitten von Sampans und Dschunken. Es war eine Mittagsstunde, in der Sonnenglast und Wolkenschatten über die Berge liefen. Die Berge errichteten sich am Strom wie eine Reihe von Pyramiden. Das Boot war ein langes Fahrzeug aus hellem Holz, in den schönen bauchigen Formen gezimmert, die sich die chinesische Schiffbauerei bewahrt hat, aber für die Befahrung der Schnellen flachleibig. "Kwaze" war der technische Name dieser Hausbootart. Mittschiffs lagen unsere Räume, ins Fahrzeug halbversenkt. Hinter ihnen stieg das Steuerhaus wie ein kleiner Turm über das Dach, und vor unserer Türe lag ein langes Vorderdeck wie ein Altan. So waren die Boote gebaut, die die Jangtse-Schnellen besiegen mußten. Das ganze Vorderdeck war für die Ruderer und Zieher bestimmt. Als wir kamen, waren sie schon bereit zu fahren. Es waren ihrer zwanzig, junge und alte, mit nackten Beinen, kurzen, zerschlissenen, blauen Hosen und ausgewaschenen ganzen oder zerlumpten blauen Kitteln. Dazu kamen fünf Schiffer und der Laopan, der Führer. Der Laopan empfing uns. Er war klein und in der winterlichen Fülle der Kleider rund wie eine Kugel, hatte ein schlaues Gesicht mit einer krummen Nase, einem Knebelbärtchen und zugekniffenen Äuglein und trug einen schwarzen Turban. Wir waren ungeduldig, in unsere Kammern zu kommen und uns einzurichten. Unsere Freunde gingen über den langen Steg, der das sumpfige Ufer überspannte, zur Stadt zurück. Wir stiegen die drei Stufen in unsere Räume hinab. Zuerst kam das Wohnzimmer. Es hatte vier große Schiebefenster. Ein Tisch stand in der Mitte unter einer europäischen Lampe. Ein Schrank für Geschirr war an eine Wand angebaut. In einer Ecke hatte unser Boy einen Blechofen aufgestellt und das Rohr zum Fenster hinausgeleitet. Der Raum war so hoch, daß ich mit den Fingerspitzen die Decke kaum erreichte. An das Zimmer schloß sich die Schlafkammer an. Sie hatte zwei Betten an den Schiffswänden und einen Gang dazwischen, der in eine dritte Kammer führte, in der wir unsere Koffer und allerlei Vorräte unterbrachten. Wir zogen alte Stickereien, die wir in einer Pfandleihe gekauft, aus der Kiste und behingen damit die Wände und stellten auf den kleinen Tisch in der Ecke einen bronzenen Mandarin und einen wandernden Holzheiligen, der einen Kopf wie eine Rübe hatte und aussah, als ob er, so wie er vor uns stand, aus einer Baumwurzel gewachsen war. Eine unserer dicken Seidenlampenkugeln hingen wir im Wohnzimmer und eine in der Schlafkammer auf. Auch mein Gewehr bekam eine Stelle, an der es gut zu sehen und rasch zu erreichen war. Aus der Abstellkammer führte eine Treppe und eine Tür in die Küche hinauf. Die Küche war zugleich Ruderhaus. Sie war schon in dem schräggestellten hinteren Aufbau, und der Steurer ging auf einem Brett, das quer vor der Tür in halber Höhe angebracht war, hin und her. Dieser hintere Aufbau reichte über das Dach unserer Räume hinaus und war über der Steuerbank nach vorne offen. In dieser Öffnung bewegte der Laopan den Baum des Steuerruders und schaute seinen Weg. Der Boy und die Frau Boy schliefen in einem Raum hinter der Küche, hoch über dem Wasser und dem Ruder. Ihr Bett füllte den ganzen Raum. Wir richteten mit Eifer ein. Wir wollten uns gleich ein Zuhaus machen für die lange Reise. Das Schiff trieb derweil langsam flußaufwärts. In den Schlägen der Ruderer ruckelte es in regelmäßigen Takten. Das Schiff wurde nach der Landessitte gewriggt. Es hatte zwei Ruder, von denen jedes zwanzig Meter lang war. Sie lagen auf ausgebauten Balken zu beiden Seiten des Vorderdecks, und an jedem Ruder arbeiteten zehn Kulis. Einer sang vor. Auf dem Dach lag das Segel. Es war kein Wind. Das Segel war weiß und blau gestreift; hohe militärische Beamte reisten mit diesem Segel. Wir verdankten es wohl chinesischer Höflichkeit. An diesem ersten Nachmittag fuhren wir nur schräg flußan ans andere Ufer. Kein Schiffer, der die obere Jangtsereise beginnt, wagt es, am ersten Tag weiterzugehen. Drüben wird dem Geist des Flusses ein Huhn geopfert. Aber wir sahen nicht, daß unsere Schiffer das taten. Sie zogen nur mit furchtbarem Lärm allerlei Balken hervor, stellten sie auf, legten die langen Ruder drüber und deckten das ganze Vorderdeck mit aus Bambus geflochtenen Matten ein. In der Mitte des Vorderdecks war eine Versenkung. Darin stand der Kochherd, und ein dicker, schmutziger Bursche, der aussah wie ein Neger, kochte Reis. Der Reis wurde in einem Holzfaß ohne Boden gekocht, das über eine eiserne Pfanne gestülpt und mit Säcken zugedeckt war. Es war mir immer schon aufgefallen, daß die Chinesen sich ihrer üblichen zeremoniösen Verrichtungen enthielten, wenn wir dabei waren. Auch die Hunanschiffer, die uns den Siankiang heruntergebracht hatten, sahen wir niemals den Gott rufen und Papiergeld verbrennen. Rund um uns lagen andere Schiffe, die morgen mit uns die Reise fortsetzen wollten. Auf allen klebten rote Papiere, auf allen bumsten die Gonge und alle riefen den Gott, damit er merken sollte, daß ihm Opfer dargebracht wurden. Überall rundum verflammten Papiere. Wir sahen uns abends noch den Proviant an, den der Boy in Itschang gekauft hatte. Es war ein kleiner Hühnerhof, zwei geschossene Fasane, eine Seite Schweinsrippen, ein Kloben Rindfleisch und ein Lammschlägel, der ein Ziegenschlägel war, ein Sack Mehl, eine Kiste mit Dosen voll Milch und Butter. Ein Korb war angefüllt mit Kuchen- und Brotformen, die der Boy aus den Blechwänden von leeren Behältern hatte machen lassen. Eine Kiste mit deutschem Wein stand unter einem Bett, und wir freuten uns, in den kleinen, flußan in fremde Länder wandernden Stuben so üppig unsern Haushalt führen zu können. Wir hatten in Itschang Tassen und Schüsseln gekauft, billige chinesische Sachen, mit einfach stilisierten bunten Zweigen bemalt. Mit ihnen war der Boy nicht zufrieden. Das sei Kuligeschirr, sagte er und packte eine hohe Vase aus; sie hatte einen bauchigen Wulst und einen weiten Trichter. Sie war aus einem japanischen Bazar europäisch bemalt. Er hielt sie mir stolz hin. Ich fragte: "Wozu ist das?" Er konnte sich nicht erklären. "Me no save in English", sagte er schließlich, setzte sie nieder, und um zu zeigen, wozu sie diente, spuckte er hinein. Ich nahm das scheußliche Ding und warf es hinaus in den Fluß. Der Boy erschrak. Ich lachte ihn aus. Ich sagte ihm: "Me no ... spucken!" Er sah mich ganz ängstlich an. Es wurde kein Licht hinter seinen dummen, großen Krötenaugen. Dann sah ich noch, daß das Eßgeschirr des Boys und der Frau Boy in europäischer Art war. Es hatte goldene Ränder, und breite, geschmacklose Blumen waren um die fünffarbige republikanische Fahne aufgedruckt. Diese Industrie verdankt das Land der japanischen Betriebsamkeit, und durch dieses Loch zieht Europas technische Sieghaftigkeit in China ein. Kaum wurde es finster, so legten sich die Chinesen auf dem für die Nacht überdachten Vorderdeck in zwei Reihen nieder. Wo der eine den Kopf hatte, da hatte der aus der andern Reihe die Füße. Sie lagen ganz nackt nebeneinander, deckten sich in ihre Lumpen und waren gleich eingeschlafen. Unsere Lampe brannte lange zwischen den hellen Wänden und den Stickereien und über dem Tisch und unsern weiten Korbsesseln und über dem goldnen guten Mandarin, über dem Fasan und der Flasche vom Rhein. Es war ein Glück, so einsam in der Ferne zu wandern. Wir hatten die Fenster geöffnet vor der Nacht, die draußen stand. Der Fluß klang, und das fremde Land wartete. 26. November. Ich erwachte. Es kam nur ein schwaches graues Licht durch die geschlossenen Schiebeläden über meinem Bett. Alles war mäuschenstill. Aber das Schiff fuhr. Ich fühlte es weich und geräuschlos gleiten. Ich öffnete den Fensterladen vom Bett aus und sah ein nahes Ufer dunkel, jäh und hoch hinaufragen. Da sprang ich auf. Wir hatten den ersten Aufbruch verschlafen. Wir fuhren in einer tiefen Schlucht. Die Morgensonne hob kaum Strahlen über den Rand der steilen Berge, die in mächtigen Buckeln von den Pyramiden, Kegeln, viereckigen Klötzen, hohen Sarkophagen, zerhackten Steilen, die ihre Grate bildeten, niederwärts in den Jangtse fuhren. In ihre bewegten Massen gruben sich Täler und enge Schluchten, in denen das Sommerwasser die Steine weißgewaschen hatte. Höhlen und Grotten schauten wie dunkle Augen aus den Steinwänden, und die Kanten der Felsenmassen hoch oben schäumten von krausen roten Herbstwäldern, die nur noch lebten, weil nie ein Mensch in ihre Steilheit gelangte. Auf Terrassen leuchteten später kleine weiße Häuschen; dunkle, ewig grüne Orangenwälder, in denen die goldnen Kugeln bis herab zu uns schimmerten, zogen sich hinter ihnen den Berg hinan. Über alle Hänge waren die milden Flammen einzelner sterbender roter Bäume aufgestellt, und verstreute Palmen erhoben sich neben ihnen sonderbar und befremdlich. [Illustration: Fischerboot] Es sah alles aus, wie von wilder Absichtslosigkeit geschaffen, die Flanken der Berge wie ihre unebenen Grate, die süße Zartheit der kleinen Einzelheiten wie die brutale Dunkelheit der ganzen Schlucht. Aber als das Auge gewohnt war, in die steilen, braunen Erd- und Felsenmassen zu schauen, sah es, daß alle diese Berghänge bis in den letzten Winkel und den äußersten schmalen Vorsprung von den Menschen bearbeitet waren. Wie Treppen stiegen die kleinen Gärten bergan. In steilen Halden krochen Obstbäume hinauf. Auf schmalen Steinplatten schmiegten sich die Häuschen an die Ackergärten an. Wieder schiebt sich eine schwere Felswand aus dem Bergstock. Oben auf ihr liegt ein Dörfchen. Graue, breitdachige Häuschen drücken sich zwischen Gesträuch auf eine schmale Plattform. Über dem Dörfchen steigt der Fels weiter schroff zum Himmel. Das Dörfchen ist zwischen Himmel und Erde eingeklemmt. Mehrgeschossige Leitern verbinden es mit der Welt. Die Leitern stehen senkrecht und hoch an die Steinwände angeklammert. Wir sehen, wie oben gerade ein Mann sich über die Kante auf die erste Leiter schiebt, langsam und vorsichtig Sprosse für Sprosse herabklettert. Aber wir waren schon um die Flußbiegung, ehe er ganz unten ankam. [Illustration: Gräber abgestürzter Zieher] Wir haben anfangs immer nur hinaufgeschaut. Die fremden Höhenwände schwammen zwischen dem Glanz der blanken Himmelsstreifen und der dunkel strahlenden Bräune des Stromtales. Aber von unserm Schiff aus geht ein Seil ans nahe Ufer und scheint sich in den Felsblöcken, die dort übereinandergetürmt sind, geheimnisvoll weiterzubohren. Auf einmal schnellt das Seil hoch, und auf einer steinernen Kanzel erscheinen Mann um Mann, unsere Ruderer, gleiten über den Stein, das Ziehseil auf der Schulter und verschwinden jenseits wieder. Die Zieher kommen auf eine ebene Bahn, die in doppelter Haushöhe über das Geröll fuhrt. Sie watscheln in zwei Reihen. Ein jeder ist mit einem eignen Strick an das Ziehseil gebunden, und sie beugen sich alle vornüber. Der Kuli, dessen hartes, geschlossenes Gesicht mir gestern gleich auffiel, geht hinterher. Er befehligt die andern und zieht nie. Er ist der Vogt. Hinter uns kommen und vor uns ziehen andere Schiffe talaufwärts. Ihre Zieher sehen wir in Haufen zwischen den Steinen herumklettern. Die Strömung ist nicht sehr stark. Hinter der Schlucht fließt der Jangtse rasch in die breite Ebene aus. Auf einmal hört droben der Weg vor einem hitzig und roh in den Fluß springenden Felssturz auf. Die Kulis stürzen zwischen den Felsblöcken dem Wasser wieder zu. Sie haben Strohsandalen an, die sie mit Schnüren an die nackten Füße binden. Im Nu sind sie auf dem Deck, haben die Ruder in der Hand und schlagen ins Wasser; nach vorn einen kurzen Stoß, das Ruder dreht dann in der Hand, indem es ruckweise wieder zurückgerissen wird. Der Vogt singt dazu. Er steht vorn am linken Ruder, drückt den Kopf in den Nacken, daß sein Hals frei ist, und reißt den Mund beim Singen groß auf. Am rechten Ruder löst einer ihn regelmäßig ab. Das ist ein kleiner, dicker Kerl mit einem frechen, lachenden Gesicht. Er könnte genau so gut eine böhmische Dienstmagd wie ein chinesischer Kuli sein, so sieht er aus. Sie singen um die Wette. Die Ruder schlagen gewaltsam ins Wasser. Das Schiff wird vom Ufer frei. Es geht langsam flußan. Die Strömung wirft sich stärker ans Boot. Es bleibt im Strom haften. Die Singkulis singen laut, schreien tirilierend, und auf einmal überfällt es die Ruderer wie ein Taumel. Sie springen hoch auf, wenn sie die Ruder zurückziehen und stampfen wütend nieder. Sie schreien, lachen brüllend und singen, arbeiten. Die Arme, die Lumpen, die Leiber, die Ruder fliegen. Der kleine Dicke steht ganz an der Spitze seines Ruders. Er hat es mit einer Hand beim Knauf und zieht so mit. Er reißt den Mund weit auf und gibt schrille, aufbohrende Töne von sich, die das Meckern eines aufgeregten Bocks mit dem rauhen Gebrüll eines Esels verbinden. Die ganze Schar liegt tief in einem wirbelnden Hexensabbat von Geschrei, Gestampf, Bewegung und Lachen. Sie ist an der Arbeit wie man auf unsern Bauernfesten beim Tanz ist, in einem johlenden Verlorensein an die krampfende, heiße Kraft der Muskeln. Das ganze Schiff erdonnert von ihrer Arbeitswut. Es ruckelt heftig und schwankt und drängt langsam durch die gurgelnde Strömung hinauf. Von den Schiffen, die uns folgen, dringt derselbe Lärm heran. Die ganze Schlucht schallt vom brünstigen Gebrüll der Arbeit. Große Weihe streichen über uns zahlreich durch die Luft und jagen zu den Felsenspalten hinauf. Schwerbeladene Schiffe gleiten auch an uns vorbei zu Tal. Sie haben fünfzig und sechzig Ruderer an Bord. So ging es stundenlang, ohne daß die Wut der Ruderer sich merklich kühlte. Dann wurde das Schiff ans Ufer gerudert. Die Schiffer schlangen die Bambustaue um Felsblöcke und legten das Schiff fest. Die Kulis stürzten über das Faß mit Reis, das weiße, dicke Dämpfe ausschlug. Ein jeder haute mit einer Kelle seine Schüssel voll, hockte sich in die Knie nieder, und die Stäbchen schaufelten hastig den Reis in den Mund. Wir sind ihrer Neugier preisgegeben. Halb scheu, halb selbstverständlich kommen sie an unsere Fenster und schauen sich die fremdländischen Affen drinnen an. Einer, der keine Zeit verlieren will, löst seine Hose und setzt sich vors Fenster. Ich rufe dem Boy, er soll ihm einen geeigneteren Ort zeigen. Der Bursch springt erschreckt auf und läuft in seiner gelösten Toilette davon und beendigt das Geschäft anderswo. Gleich nach dem Reis gehts weiter. In einer späten Nachmittagsstunde haben wir die Schlucht besiegt. Ihr Eingang liegt schwerfällig und zerklüftet umstürmt hinter uns, ein dunkler Spalt in der Erde. Die Landschaft weitet sich, und mit den wilden hingeworfenen Steinblöcken sieht sie aus wie eine ungeheure, von urhaften Katastrophen zersprengte Riesenstadt Neuyork, London, Paris, Berlin bis in die Fundamente und Untergrundbahnen hinab zerstört. In der Ferne hinter ihr schwingen leichte Hügelzüge auf. Wir laufen an einem Dörfchen an. Die Häuser verbergen sich alle in dichtem Bambuswald. Aber am Ufer ist fleißiges Getriebe. Dort sind lange Reihen von Schuppen, vollgestapelt mit den hohen Rollen der Bambusseile. Sie werden hier gemacht. Die Bambusstämme werden in schmale Streifen zerspleißt, diese Spleißen mehrfach durcheinandergezopft und ineinandergeflochten und das fertige Tau in einem Kessel über einem Erdlochfeuer ausgekocht. Unser Laopan ging gleich mit einem der Schiffer hinauf Tauwerk kaufen. Die Kulis sprangen an Land und setzten sich gleich auf den ersten Stein hin, um ihre Bedürfnisse zu verrichten. Eine Zahl anderer Schiffe lag vor uns. Der ganze Strand saß voll Chinesen, die jener Beschäftigung anheimgegeben waren. Schmutzige, verkrätzte Hunde kamen zwischen den Steinen angeschlichen. Jeder Hund stellte sich in die Nähe eines Mannes und wartete, und kaum war der Mann weg, so stürzte der Hund über die Mahlzeit. Bauern kamen mit Körben, um sich den Dung für ihre Äcker zu sammeln. Sie mußten mit den räudigen Hunden kämpfen. An einigen Stellen haben die Bauern irdene Töpfe in den Boden gegraben, in die die Hunde nicht hineinlangen. Mächtige Dschunken drückten sich um unser Hausboot zusammen. Die Leiber der Dschunken waren breit gerundet und schwanger voll Ladung. Die Schiffswände standen hoch über unser Boot hinaus und machten unsere Zimmer dunkel. Haufen von Menschen, Männer, Frauen und Kinder, krochen unter den rund überdeckten Räumen herum und kamen an unsere Seite. Sie wollten uns alle sehen. Überall auf den Dschunken trieben sich zwischen den andern Reisenden Haufen von tibetanischen Soldaten herum. Das war uns nicht sehr recht. In Itschang hatten wir gehört, daß die Soldaten in Wanschien, einer Stadt, die halbwegs von unserm Ziel lag, entlohnt werden sollten. Man fürchtete, daß sie sich das nicht gefallen ließen. Das ganze Land war ohnehin von Soldaten, die die republikanische Regierung entlassen hatte, unsicher gemacht. Wir ließen die Läden schließen. Ich nahm die Flinte, und wir wollten durch eine Bambusschlucht die Bergwand hinangehen. Vielleicht gab es Hasen oder einen Fasan. Da leerten sich alle Boote. Die Soldaten und hundert andere Chinesen folgten uns, die Kinder des Dorfes liefen zusammen und schlossen sich an, die Tauwerkverkäufer ließen ihre Kunden stehen und kamen mit. Ich hatte gut sagen: "Dso, dso!" (Geht, geht!) Sie lachten nur höflich, nickten und folgten uns. Da drehte ich die Flinte um, hob lachend die Rohrmündung auf die Zudringlichen, und die ganze Karawane stürzte auf einmal zurück und auseinander wie eine Schar Spatzen, in die ein Schrotschuß kommt. Sie liefen, was sie Beine hatten, den sandigen Hang hinab und rasten dem Schutz der Seilerschuppen zu. Wir lachten ihnen nach und stiegen in die Einsamkeit der Berge hinauf. Das Flußtal legte sich unter uns. Der Strom schoß mächtig durch das Gebiet der ungeheuerlichen Felsenwüste herab. Wir sahen die erste Schnelle, die wir morgen früh zu besiegen hatten. Auf einem Baum hockte ein großer, schöner Vogel. Das Laub verbarg halb seine Größe und sein Gefieder. Aber es war klar, daß es ein Fasan war. Ich schoß, und er fiel lautlos zwischen den Ästen herab. Wir stiegen hin. Es war kein Fasan. Es war ein schöner, schlanker Vogel, der Ähnlichkeit mit einem Fasan hatte, aber schmäler und zarter war. Gre war betroffen und gerührt von seinem lautlosen Hingang und seiner schmalen, farbigen Schönheit. Sie weinte eine Träne. Auch mein Herz war weich. Ich bin kein Jäger. Wir nahmen ihn mit. Als der Boy ihn sah, lächelte er überlegen: "Er ist nicht zum Essen." Ganz Utilitätsmensch war dieser Boy. Ich machte mir dabei das parallele Geständnis, daß, wenn ich nun wirklich einen Fasan geschossen hätte, mein Herz nicht weich geworden wäre. Aber die Kulis aßen ihn doch. Sie brieten seinen schmalen, nackten Leichnam in der riesenhaften runden Halbkugel über ihrem Herd, in der der Koch den Reis bereitete. Sie machten das sehr fachmännisch und sorgsam mit Gewürz und kleinen gehackten Gemüsen. Ich machte auf einmal eine interessante Entdeckung: an der Hand der Frau Boy stak der gestohlene Ring. Er war unverkennbar, weil die Schriftzeichen lateinisch und nicht, wie üblich, chinesisch waren und obendrein ein verkehrt gezeichnetes S hatten. Ich sagte nichts mehr. Es war mir die erste rein chinesischen Angelegenheit widerfahren und klargeworden: der Komprador-Angestellte hatte dem Boy "das Gesicht" genommen. Der Boy wollte sich rächen, indem er durch eine falsche Beschuldigung den Gegner ins Gefängnis zu bringen versuchte. Die Angelegenheit war nun erledigt worden -- wohl durch die üble Nachrede, mit Hilfe meiner Karte. Aber ein Europäer hätte den Ring verborgen gehalten. 27. November. Wir waren früh an der ersten Schnelle. Haufen von Booten lagen da und warteten. Wir sahen sie eines nach dem andern hineingehen, die großen, steifen Dschunken und die kleinen, schaukeligen Wupans, und dachten mit Aufregung an den Augenblick, wo die schießenden Strudel unser Schiff erfaßten. Die Bewegung des Wassers sah nicht so gefährlich aus. Aber die Schiffe gingen so langsam hindurch, ihre Zieher verschwanden im Felsengeröll des Ufers. Die Schiffer brannten Pulverfrösche und Papiere ab, um Gott zu Hilfe zu rufen, waren verbissen, stumm und heftig an der Arbeit, und in der Mitte des Stroms schossen die zu Tal gehenden Dschunken rasend im Strudel vorbei. Endlich kamen wir selber dran. Wir lagen hinter einer felsigen Ecke, noch vor dem Strudel geschützt. Dann rief der Laopan etwas vom Steuerruder. Der kleine Schiffer, der mit seinem Schnauzbart und seinen kleinen, fremden Augen einem Seehund glich und den wir nach diesem Tier nannten, schlug auf eine Trommel, die vor ihm stand. Alles, was an Bord bei uns war, stieß mit Stangen das Schiff vom Gestein ab, auf das es zutreiben wollte. Alle brüllten auf einmal. Das Seil schnellte, unsichtbar gezogen, über den hohen Steinen straff auf. Es hing fast in der Tophöhe des Mastes. Das Schiff legte sich tief über, glitt erst zurück und fiel dann in die strudelnde Schnelle, in der es aufsprang und am straffen Seil angespannt hin- und herging. Die Schiffer stürzten alle auf das lange Vordersteuer und hoben es ins Wasser. Sie hängten sich dran, um mit ihm das Schiff hinüberzudrücken und sangen schreiend den Takt zu ihrer gewaltsamen Arbeit. Auf einmal fuhr, wie ein erschreckter Ruf, ein Krachen durch das Holz des Schiffs. Der Boy stürzte nach vorn, der Seehund fiel die Treppe herunter in unser Wohnzimmer. In einem Augenblick waren Tische, Stühle, Schrank hinausgeräumt, die Bodenbretter hochgehoben, und wir sahen das Wasser in einem armdicken Strahl durch den Bauch der Kwaze ins Schiff einschießen. Wir waren auf einen Fels geworfen worden und leck gesprungen. Draußen klang die Trommel. Das Wasser füllte rasch die Kammer, in der das Loch war. Zwei Männer begannen es auszuschöpfen. Einer trat auf das Loch. Sie schöpften wie rasend. Wir sahen das Wasser allmählich geringer werden, und bald kam der Boden zum Vorschein. Er war nur aufgekracht, nicht durchlöchert. Wir gaben ein Kissen her. Der Seehund riß es auf und stopfte die Daunen in die Bruchspalten. Die andern fuhren fort zu schöpfen. Der Schiffer schlug die Daunen mit einem Meißel immer fester hinein. Das Wasser floß immer dünner durch die splitterige Wunde. Inzwischen ging das Boot weiter und war auf einmal mitten in der Schnelle. Alle waren ganz stumm, und die nicht am Leck Beschäftigten hingen am Baum des Vordersteuers. Die Trommel klang eintönig und wild in die Muskeln der Arbeitenden. Das Seil fuhr straff gespannt über die Steine des Ufers. Manchmal schoß ein Krachen hindurch, als ob es bersten wollte. Wir sahen nun auch die Zieher. Sie hatten fremde Hilfe bekommen, und wenigstens fünfzig Menschen hingen zwischen den Steinen niedergebeugt am Ende des Taues. Wir sahen nicht, daß wir vorwärtskamen. Lauter und eindringlicher ging die Trommel. Auf dem Felsen saßen zwei Fischer und schauten nicht einmal herüber zu uns. Sie zogen gleichmäßig geduldig kleine Netze an Gabeln immer wieder durchs Wasser. Eines der roten, mit Soldaten besetzten Rettungsboote stand in einem Felsloch und war bereit. Vor uns hing eine mächtige Dschunke im Schnellen. Das Wasser spritzte vorn an ihr hoch. Ein nackter Chinese stieg im Uferwasser hinter einem Seil her, das sich immer zwischen Steinen verfing. Wenn das Tau der Dschunke risse! Wenn die Schnelle die Dschunke auf unser Hausboot schleuderte! Am Ufer richtete sich ein gescheitertes Schiff hoch auf. Es war an Land gezogen worden. Das Tal scholl von den Schreien der arbeitenden Zieher. Auf der Dschunke schlug man den Tamtam und brannte Pulverfrösche ab. Drinnen in unserm Zimmer deckte man das Leck zu. Es ging noch ein zweites Kissen voll Daunen hinein. Dann brachte der Koch seinen ganzen, warmgequollenen Reis. Der wurde in einer dicken Schicht über das Leck gestrichen und festgeschlagen. Ein leerer Petrolbehälter wurde aufgeschnitten und drübergenagelt. Meine ganze Nagelkiste ging drauf. Aber es kam kein Wasser mehr herein. Wir siegten uns langsam durch die Schnelle hindurch. Wir brauchten dreiviertel Stunden, um hundert Meter zu machen. Die Kwaze glitt oberhalb der gefährlichsten Stelle auf das sandige Ufer. Ich mußte ans Land, den Ziehern zuschauen. Hinter uns wollte noch eine ganze Schar Dschunken durch die Schnelle. Ihre Treidler schrien zwischen den Felsen. Das hatte ich nie gesehen: diese selbstvergessene Wucht der Arbeitskraft, diese Energie der Muskeln und das rasende Einordnen des Willens in einen Zweck. Wir liefen ihnen entgegen. Sie kamen aus einer Sandmulde in Steingeröll. Sie lagen zwischen den Steinen und hingen am verästelten Tau. Sie beugten sich tief auf die Erde und krallten sich an die Blöcke fest, bohrten sich in das Geröll hinein wie Schrauben. Sie preßten die Beine gegen die Felsen und spannten eine jede Muskel ihres Körpers in den steinernen Rahmen, zogen und schwitzten und wandten ihre Augen nicht ab von der nackten Erde, an der sie hingen. Die Adern sprangen und die Muskeln sprangen. Das Schiff hing fest und minutenlang unverrückbar am Tau in der Schnelle. Das Tau federte und krachte. Die Vögte gingen von Mann zu Mann, streichelten ihnen über den Rücken und beobachteten mit Geieraugen ihre Muskeln, und sangen: Zo oh ohe! Je ue uhe! Je wei o ho! Und die Zieher preßten sich in die Seile und skandierten das Lied der Aufseher mit kurzen, hart herausgestoßenen: Hä, hä! Hä, hä! für sich in der Tiefe ihres Wesens die angespannte Kraft des Leibes zu einem Laut werden lassend. Die Vögte brüllten und drohten und schossen wie Bluthunde von einem zum andern. Das Schiff ging langsam hoch. Die Zieher bohrten sich von Stein zu Stein weiter. Es waren alte Männer unter ihnen mit grauen Haaren und altersmageren Beinen und Knaben mit glatten, hageren Körpern und ganz jungen Gesichtern. Die Knaben hatten graue Fäden in ihren langen, schwarzen Haaren. Verlumpte Weiber waren mit ans Seil gespannt. Eine war schwanger. Die andere eine idiotische Greisin. Das Schreien und Rauschen des schnellenden Flusses raste um die Boote. Zwischen den Steinen sang der Wille der Menschen wütend und laut: Zo oh ohe! Je wei o ho! Und die Muskeln knirschten kurz, hart und wild wie eine bergan stampfende Lokomotive: Hä, hä! Hä, hä! Das war eines der größten Menschenerlebnisse der Erde und meines Daseins. So gab es Hunderte von Millionen Kräfte in diesem Land. Das Land war so alt, und seine Menschen führten ihr Leben in Formen, die uns fossilienhaft närrisch schienen, und hatten sich doch diese Urkraft des Willens und diese Brutalität der Natur bewahrt. Was vom kommenden Erdenschicksal hielten sie in ihrer Kraft gebunden? 28. November. Hoch in den Felsen zieht der Zieherweg. Er ist in die glatte, senkrechte Felswand eingehauen; wie der Weg eines Ungetümen, vorsintflutlichen Wurms steigt er in Windungen auf und ab, aus dem Gestein gefressen. Droben gehen die Zieher. Sie schweben am Seil über der Tiefe. An einigen Stellen sind Ketten in die Wände eingelassen. Die Steine sind von den Leibern, die sich jahrtausendelang arbeitend und in Angst vor dem Abgrund angedrückt haben, glattgeschliffen. Das Tal ist ungeheuerlich und anmutig. Die Zeit hat in ewigem Wechsel Burgen, Türme und gotische Kirchen aus den Graten der Berge gehauen, die Luft fließt um diese dunklen, strahlenden Gebilde. Altäre schauen mit farbigen Götterbildern aus hohen Felswänden. Die Höhlen sind von Opferfeuern geschwärzt, und kein Mensch weiß, wie die Beter hinaufgekommen sind. Felsberge bersten aus den gewaltigen Hängen heraus und führen ihre Schichtung in ungeheueren gewölbten Bogen gebrochen durch die Bergflanke. Dörfer und Städtchen liegen in schmalen Streifen oben in den Bergwänden, eingeschlossen in herbstbunte Tuffe von Bäumen, die golden und granatrot sind und einen Schimmer von Grün bewahrt haben. An einsamen, kahlen und dunkeln Stellen bauchen sich die Kugeln einiger uralter, schwerer und grüner Dattelbäume über kleine weiße Tempel. Ein Landschaftsgefühl von verfeinerter Art hat sie so gestellt. Oft brennt hoch oben in den Hängen von braunem, dürrem Sperrgras die einzelne Flamme eines schmalen Herbstbaumes wie eine große, rote Edelsteinsäule. Kleine, weiße Ziegen hängen in Scharen zwischen den Sträuchern und laufen über die Kanten der Abgründe. Die großen Weihen schweben aus den hohen Felsen nieder und durchstreifen schreiend über uns die Luft. Alles ist Größe, von Anmut beschienen. Das ist China. Der Singkuli ruft den Schrei der Weihe nach, und die Ruderer fallen ein: Dallalalala! rufen sie. Damit rufen sie den Gott des Windes, und wenn der Wind das Segel straff buckelt, dann hüten sie sich, diesen Schrei weiter auszustoßen. Die Kulis wechseln oft zwischen Ziehen und Rudern. Wir übernachten am Fuß eines hochgebauten Städtchens. Wir waren dem Schiff vorausgegangen und hinaufgestiegen. Das Städtchen war steil gebaut. Die äußersten Häuser standen zum Teil auf hohen Pfählen überm Abhang. Die Hauptgasse führte manchmal auf Brettern über die Höfe und Dächer der unteren Häuser, und wenn sie keinen Platz hatte, mitten durch die Stuben der Chinesen. Unfreundliche Menschen kamen in die Türen und gingen an uns vorbei. Die Kinder riefen uns feindselig nach. Drunten im Jangtse sahen wir, schon in der Dämmerung, unser Hausboot gegen eine Schnelle kämpfen. Wir gingen hinab. Es wurde rasch Nacht. Das Boot war schon festgemacht, als wir unten ankamen. Unsere Lampen brannten. Der Laopan wollte uns etwas sagen. Ich mußte den Boy als Dolmetscher rufen. Der Laopan wollte uns erzählen, daß diese Schnelle der Schin Tan sei; jetzt gebe er sich noch harmlos, aber wenn wir wieder herunterkämen, dann sei er die gefährlichste Schnelle des Jangtsetales. Vielleicht aber wollte mir der Laopan etwas anderes sagen. Ich merkte, er vertrug sich nicht mit unserm Boy, und der Boy fuhr ihn manchmal jähzornig an. Ich fragte den Boy: "Wer sind die Leute, die immer hinten im Ruderhaus sitzen und nicht mitarbeiten?" Er sagte: "Sie gehören zum Kapitän." Und erzählte, daß nur der eine von ihnen sein Freund sei. Der Laopan wollte von diesem für die Mitfahrt sieben Tael haben. Er habe aber kein Geld mehr. Die Leute waren also ein Nebengeschäft vom Boy oder vom Laopan. Sie benutzten die Gelegenheit, daß wir ein Schiff gemietet hatten, um billig zu reisen. Da nannten wir sie "Die Gratisblitzer". Es schienen sonst ordentliche Gesellen zu sein. Der Geldlose war Verkäufer und ein anderer war Arbeiter in einer Gewehrfabrik. Mehr konnten wir nicht erfahren. Es war auch ein ganz Dicker unter ihnen, der den ganzen Tag irgend etwas aus seinen Taschen heraus aß. Man hatte mir erzählt, daß Chinesen mit Vorliebe auf dem Schiff eines Europäers reisen, weil diese Schiffe vor den Flußräubern sicherer waren, als die Dschunken. Wir aßen zu Nacht. Es war wunderbar, in dieser fremden Einsamkeit zu zweit zu hausen, und wir waren glücklich und immer neu gespannt von dem mannigfaltigen rätselhaften Dadraußen. Wir schoben ein Fenster in der Nacht auf. Der Schnellen rauschte. Die Nacht war finster, wenn man sich ins Fenster legte. Aber hatten wir eine Weile hinausgeschaut, so sahen wir plötzlich die Berge ihre schwarzen Bogen jäh über unsere Stirn aufbauen. Wir hatten sie ferner und sachter gedacht und erschauerten. Andere Boote lagen rund um uns mit einigen verdeckt brennenden Feuern und rasch lärmenden und verstummenden Rufen. Im Berg gegenüber gingen ein paar Lichter geheimnisvoll nach oben. 29. November. Vom Hügelstädtchen steigt der Hochzeitszug Zum Fluß hernieder, rasch, rot, und die Geigen Säuseln in den klingenden Gong hinein. Die Gaben brüsten sich auf schönen Platten. Im roten Stuhl sitzt rotverhüllt die Braut, Um die der Zug so feierlich, so fremd Zum Jangtseboot den Hang hinab sich windet. Wir stehn im Sand und sehn die fremde Sitte Und sehn den Kahn den Fluß hinübergehn; Der Zug entsteigt ihm, bildet feierlich sich neu, Bewegt sich langsam, rot, musikumrauscht Jenseits den Hang hinauf, auf dem das andre Städtchen In grauen Mauern liegt und wartet. Der rote Tragstuhl, der die junge Frau Aus einem Städtchen in das andre Städtchen, Aus einem Kreis in andre Kreise trägt, Geht hoch, geheimnisvoll verschlossen in dem Troß ... Und aller Geigen helles Singen, Und all das schüttelnde Getön der Becken Und der Posaune Ruf aus alter Bronze Umhüllt ihn, wie ein Rausch von fremden Rätseln. Wer bist du, Frau? -- Wir standen neben dir Und konnten dich, Verhüllte, doch nicht sehn. Wir hielten offen unser Herz dir, Feierliche -- Dein roter Stuhl blieb hart verschlossen. Wir haben dich geliebt, Geheimnisvolle; Denn fremd wie deine Nähe war, So fremd, wie dich der Gäste und der Geiger Zug Von einer Stadt zum andern Städtchen trug, So fremd sind unsre eignen Schritte uns, Wenn sie dem Glück entgegengehn. Nachmittags. Die Ufer sind überall mit ganzen Völkerschaften von Ziehern bedeckt, und an den stärkeren Schnellen ergänzen sie die Bewohner der nahen Berge. Der Boy steigt jetzt an jeder Schnelle aus. Die Frau Boy wäre nicht um ein Hundert schönster Nephritspangen an Bord zu halten und kollert mit den abgebundenen Füßchen, die in hellseidenen, blumenbestickten, fingerhutgroßen Schuhen staken, über die Steine. In der kühlen Witterung war es bei ihr mindestens acht Kleider kalt, und sie sah in all dem Zeug, das sie nach chinesischer Sitte übereinander anzog, aus, wie ein Spatz, der sich aufbläst. Der Boy trägt in unserer Handtasche unser Geld, die Dokumente und die photographischen Platten. Die Gratisblitzer folgen ihnen. Die ganze Gesellschaft läßt sich stets sofort bei einem Garkoch nieder und fängt an zu essen. Der Beleibte schlägt dabei alle andern. Sie lassen sich jedesmal Tee geben, essen ein Körbchen voll Erdnüsse, eins voll Sonnenblumenkerne, eins voll kleiner Orangen, drei bis fünf Reiskuchen, die in großen Scheiben locker gebacken sind, sechs bis zehn dicke, geröstete und überzuckerte Maiskugeln. Bäuerinnen hausieren zwischen den Steinen, Hütten und Schiffen mit allerlei eßbaren Dingen, die sie in Körben tragen, und auch bei ihnen kaufen die Eßfreudigen noch Vorrat für die Fahrt bis zur nächsten Schnelle. Nur der arme, magere und bleiche Verkäufer streicht um die Buden herum und kann sich nichts kaufen. Auf dem Schiff geben ihm die andern mit zu essen. Reis bekommt er aus dem Faß der Kulis, soviel er will. Den Gratisblitzern genügt der Reis nicht. Bald bringen sie sich ein Stück Schwein, bald ein Stück Ziege und dicke Bündel von schönem, saftigem Gemüse mit. Wenn der Koch mit seinem Reis fertig ist, bemächtigen sie sich der großen Eisenhalbkugel und kochen und braten darin mit viel Umständlichkeit und Sorgfalt ihre Sachen. Der Boy hockt zwischen ihnen und ißt mit und redet ganz großartig, wie ein General, immer gegen den Kapitän. Die Kulis kommen an unsere Fenster, wenn wir gegessen haben, schauen ein Weilchen herein und stecken dann den Daumen in den Mund, indem sie dabei die Faust hochheben. Anfangs dachten wir, sie wollten etwas zu trinken haben. Aber sie baten uns nur um die leeren Weinflaschen. Sie sammelten sie mit Leidenschaft, denn für jede Flasche bekommen sie hundert Käsch, das war soviel wie ein Tagelohn. Zwanzig Pfennige! Wenn sie gut gearbeitet hatten, gaben wir ihnen Zigaretten. Sonst rauchten sie alle zwanzig aus einer Pfeife, die sie aus einem Bambus gemacht hatten, und in die eine Pille ihres haarfein geschnittenen gelben Tabaks ging. Sie drehten sich auch aus den dunkeln Tabakblättern dicke Zigarren. Sie sahen aus wie Schweizer Stumpen und wurden in einem Metallpfeifchen geraucht. Auch dieses Pfeifchen war gemeinsamer Besitz. Die Zigarren waren furchtbar stark, aber schmeckten nicht schlecht. Sie waren würzig und derb. 30. November. Wir wollten den Jeh-tan nehmen, eine der heftigsten Schnellen. Wir waren mitten drin. Die Schlepper hingen weit vor uns im Sand am Tau. Ihre Zahl war wenigstens verdreifacht worden. Die Schifferknechte warfen sich heftig auf das Vordersteuer. Aber das Boot konnte das Bug nicht gradaus halten. Die Wirbel drückten es heftig zur Seite. Auf einmal schoß es längsseits in den Strudel. Leute liefen aus den Verkaufsbuden am Ufer heraus. Auf den wartenden Schiffen hinter uns kamen alle heraus, um zu schauen. Der Seehund schlug auf die Trommel. Das Tau springt weg. Wir stürzen in der Schnelle sausend zurück, wieder flußabwärts. Der Boy fährt wütend aus seiner Kammer auf den Laopan am Steuer, brüllt ihm ins Gesicht, stößt ihn weg, nimmt selbst das Ruder und brüllt immer wieder dieselben Worte, während er den Balken führt: "Muo dau, bu chau! Muo dau, bu chau!" (Ich fragte nachher. Es heißt: "Du bist ein schlechter Trottel!") Das Schiff gleitet von dem gefahrvollen Zusammenstoß mit den flußab wartenden Dschunken weg und treibt in der Mitte des Flusses hastig zu Tal. Auf dem Vorderdeck haben die Schiffer die Arbeit hingeworfen. Der eine mit den stachelig aufgerichteten Haaren, das Stachelschwein, schimpft. Alle schimpfen auf einmal zurück auf den Laopan. Am wütendsten ist der kleine Pockennarbige mit dem breiten, runden Rücken. Er ist ganz Gift und Galle. Dann setzt er sich vorn auf den Steuerbaum. Er sitzt da wie eine jähzornige, dicke, häßliche Eule. Der Laopan ruft Befehle. Niemand folgt. Alle schimpfen ihn an. Die Eule dreht sich nicht um und wettert giftig mit seinem galligen abgewandten Gesicht und mit kurzen Worten. Eines der roten Rettungsboote war uns gefolgt. Aber die Strömung treibt uns von selber sacht dem Ufer zu. [Illustration: Das Salzdorf] Als wir zwei Stunden später, so weit waren wir den Fluß hinabgeworfen worden, von neuem in die Schnelle gingen, riß das Ziehtau. Auf einmal fiel es lautlos in zwei Stücke auseinander. Aber die Schiffer hatten das Boot vorher mit einem andern Tau an einen großen Stein am Ufer festgemacht. Wir trieben nur gegen das Ufer. Die Zieher hatten gleich ein anderes Seil und zogen uns mit stöhnendem Seufzen aus den rasenden Wirbeln. [Illustration: Goldsieber] Den ganzen Tag über endigte das Gekeife zwischen Mannschaft und Laopan nicht. Sie fuhren immer wieder gegen ihn auf. Der Boy stand neben ihm auf der Steuerbrücke und schimpfte ihm zornig ins Gesicht. Den Laopan schien es wenig zu kümmern. Er antwortete kaum mehr. Die auseinanderschweifenden Berge sammelten sich wieder, wogten ineinander hinein, ein jähes Tor von Felsenbergen und Pyramiden schlang uns ein; die Grate zackten sich stürmisch übereinander. Wolkenreiter fuhren in dunklen Scharen hindurch, preßten sich in die wilden, herbstlich gefärbten Seitenschluchten. Die Ufer waren felsenhohe Halden, aus Sand und zahllosen Steinblöcken aufgetürmt. In einer solchen Landschaft legten die Schiffer das Boot in der beginnenden Dämmerung zwischen mächtige, hohe Ssetschuan-Dschunken. Über die Brüstungen der Dschunken beugten sich Scharen von tibetanischen Soldaten, um in unser Wohnzimmer zu schauen, in dem die Lampe schon brannte. Die Läden waren noch offen. Beim Landen erneuerte sich der Streit mit dem Laopan. Nun rupften ihn die Zieher. Er hockte vorn zwischen ihnen und schimpfte abgewandt in die Dunkelheit hinein. Wir stiegen, um dem Lärm zu entgehen, zwischen dem Geröll hinauf. Aber wir kamen nicht bis an das bewachsene Land. Wir setzten uns oben auf einen Stein. Die Nacht war schon da. Auf den Schiffen unter uns brannten verhohlene Lichter und Feuer. Chinesen strichen unerkennbar zwischen den Steinen herum. Einige von den tibetanischen Soldaten schienen unter ihnen zu sein. Der Strom rauschte. Die Schlucht war in die Finsternis der Nacht gesunken und doch schroff und wüst in ihren Massen, die wie dunkle, stöhnende Atemzüge der Erde dann und wann aus der Nacht heraustauchten. Wir sahen mitten im Strom mit Geschrei und dem polternden taktfesten Lärm der Ruderschläge, dem dumpfen Skandieren der Ruderer, wie eine wilde Jagd, zwei große Gespensterschiffe den Schnellen herabstürzen. Wir sahen es und sahen es nicht, so wie die kernige Finsternis mit den Augen spielt. Es war fremd und kalt. Wir stiegen hinab in unser gutes, warmes Wohnzimmer. Der Boy brachte das Nachtessen. Das Essen war merkwürdigerweise immer bereit. Er erzählte dabei, daß im vorigen Jahr an dieser Stelle des Nachts zwei Amerikaner in einem Hausboot von Chinesen überfallen wurden. Die Chinesen schnitten ihnen in den Betten die Hälse durch. Eine der Dschunken, auf der Soldaten fuhren, stieß, von der Strömung gedrängt, mit einem dumpfen Gedonner an unser Boot. Wir erschraken. Der Boy sagte mit einem lächelnden Gesicht, uns könnte so etwas nicht geschehen wie den Amerikanern. Er ging ins Schlafzimmer und brachte die Büchse herein. Er sagte "Angenommen ... so macht der Herr piff paff!" und gab mir die Büchse. Wir schliefen schlecht. Die ganze Nacht war durchwühlt von tausend Geräuschen. Schließlich kam ein Geräusch immer wieder. Ein kleiner Feuerschein zuckte über die Decke des Wohnzimmers, die ich von meinem Bett aus sah. Der Lärm war vielleicht im Wohnzimmer, vielleicht draußen. Das konnte man nicht unterscheiden. Ich stand geräuschlos auf. Neben dem Bett lagen die Büchse und ein Revolver. Mit dem Revolver ging ich nach vorn. Das Wohnzimmer war leer. Aber vorn auf dem Deck lärmte es. Es war noch nicht drei Uhr. Ich zog die Tür auf, und aus dem Ofenloch lachte mich das fette Negergesicht des dicken Koches an. Um diese Zeit machte er schon Feuer und stellte den Reis auf, mit dem die Zieher ihren Arbeitstag begannen. 1. Dezember. Wir fahren noch immer in der Schlucht. Alle Flanken und Flecken der Felsen sind mit Obstgärten, kleinen Äckern, Wiesen von zahlreichen Menschen ausgenutzt. Das sieht sehr lebendig aus. Aber schön ist es erst, wo das violettrote Herbstgesträuch auf Stein schäumt: das sind blühende Felsen, eine senkrechte norddeutsche Heide im Sommer. Die Bergwände sind lebendig von ihrer Schönheit, vom Fleiß der Bauern und der rufenden Arbeit der Schifferknechte. Immer in Rudeln treiben die Boote zu Tal. Es kommen wuchtige Fahrzeuge; sie haben hundert Menschen an ihren langen Wriggrudern, und alle sind in der heißen Bewegung von Dampfmaschinenkolben, der heiligen Bewegung des Erschaffens. Einer steht zwischen jedem Ruderpaar in der Mitte hoch über die andern heraus. Er hat ein langes Rohr in der Hand und streichelt und prügelt damit. Er steht da wie der Taktschläger in den alten Kriegsgaleeren und singt den Takt für die mit kurzen Schlägen arbeitenden Ruderer: Si-e, si-e! Das Si-e, si-e zieht wie atemlos rasche Peitschenhiebe durch die arbeitende Masse auf dem Schiff. Und der Chor nimmt ab, feierlich fast: Ho e ho! Alles ist mit Gut bepackt. Die Waren überschwemmen die Dächer der Schiffe und sind an den Seitenwänden angebunden. Die Dschunken liegen tief im Wasser. Sie eilen mit dem Fluß schwer der Welt zu, die auf sie wartet. Heute überfuhren wir die Grenze von zwei Provinzen und sind nun in Ssetschuan. 2. Dezember. Im frühen Tag, aufgeweckt durch den furchtbaren Lärm des Aufbruchs, stieg ich den Berg hinan. Gre pflegte noch ihren geliebten Morgenschlaf. Am Ufer zwängte sich eine lange, schmale Stadt mühsam in ihre grauen Mauern. Die Berge wichen hinter ihr zurück und fuhren fern mit merkwürdigen Launen durch die Landschaft. Die Schlucht lag nah hinter uns. Ein Berg schoß mit jähem Bogen an ihrem Eingang in die Höhe. Ich stieg durch Erbsenäcker und Hirsefelder bergan. Alle diese Pflanzen sind mit der Richtschnur eingesät, und sie leuchten in ihrem ersten Grün vor saftiger Kraft. Die Bauernhäuschen, die braun und grau, schilfbedacht kaum aus den Steinen und Äckern herausschauten oder sich in Bambusbüschen bargen, verrieten sich nur durch die kleinen Rauchsäulen ihres Morgenfeuers. Der Geruch des nassen, brennenden Holzes mischte sich in die Düfte, die von den Grashängen und den Wäldern herniederfielen. Hunde kamen mir von weitem entgegengesprungen. Sie waren gepflegt und ungebärdig und stellten sich mit wütender Energie. Die Frauen flüchteten vor mir in die Häuser. Die Hunde kamen mir nach. Ich sah drunten das Boot friedlich und langsam am Ufer hinaufkriechen. Es überholte mich; bald sah ich nur mehr das Segel, dann verschwand es hinter den Felsen des Ufers. Über mir stand unter einem weiten, schweren Baum ein weißes, kleines Kloster und davor ein hoher steinerner Greif. Ich wollte noch hinauf und photographieren. Unten kam August über eine Sandkuppe. August war der Schiffskuli, der aussah wie ein böhmisches Dienstmädchen. Er war ein pausbäckiger Junge mit blonden Haaren und vielen Sommersprossen, kurz und dick, und von der großen, humorvollen Gutmütigkeit, die im Namen August, den wir ihm gaben, für uns zu liegen schien. Als er mich über sich sah, rief und winkte er mit aller Energie, ich solle zurückkommen. Der Laopan hat ihn geschickt, dachte ich mir, und ich kümmerte mich nicht um sein Winken. Ich stieg dem Kloster zu. Dem Laopan lag an einer raschen Reise, weil er im Pauschale bezahlt wurde. August stürzte mir nach und holte mich bald ein. Er sagte etwas. Er zupfte mich am Ärmel. Ich kniff ihn in seine dicken Backen und gab ihm eine Zigarre. Ich zeigte auf das Kloster. Aus seiner Tür trat in diesem Augenblick ein grau gekleideter Mönch, der zu uns herabkam, sich vor mir verbeugte und mich anredete. August deutete: nein! und zeigte aufs Schiff zurück. Da dachte ich mir, daß mich der Mönch zum Eintreten eingeladen habe; ich faßte August am Genick und schob ihn mit. Ich verbeugte mich tief vor dem Mönch, und wir traten ein. Wir kamen in einen großen Raum, dessen Vorderwand aus geschnitztem Holzwerk bestand, das mit weißem Papier überklebt war. Es war eine Schule, und eine Anzahl Buben saßen in den Bänken. Einige ergriffen atemlos erschreckt die Flucht. Über den Schulbänken ragten Entsetzen einflößende Götter ins Dunkle der Decke hinauf. An einem Pult saß ein schöner, alter Mann mit einem milden Gesicht und einer hohen, merkwürdig gebundenen Mönchsmütze. Er stand auf, kam heraus und schüttelte sich die Hände, indem er sich oft verbeugte. Die Kinder, die den Mut hatten, sitzenzubleiben, schauten mich groß und mit offenem Mund an. Ich wurde durchs Kloster geführt. Hinter dem Schulraum lag ein Höfchen. Ein kleiner Tempel mündete hinein mit Göttern aus Gold und Farben, die bedrohlich von der Höhe ihrer Altäre auf uns niedergrinsten und in gespreizten, erschreckenden Stellungen die Glieder verrenkten. Auf der andern Seite führte eine runde Tür in den Empfangsraum. Ich wurde unter hundert Verbeugungen dort hineingeleitet. Ein Chinese kam herein, während wir umhergingen. Er wandte sich an einen der Mönche. Der nahm ihn mit in den Tempel. Sie stellten sich zusammen vor einen Altar. Der Mann brannte Papiergeld ab und zündete eine der papiernen Spiralen an, die von der Decke herabhingen. Der Mönch schlug oft auf einen Gong und schien laut zu beten. Er verrichtete allerlei Zeremonien um den Mann und den Altar. Dann ging der Mann wieder. Wir setzten uns nieder. Ein Mönch drehte mir eine Zigarre, schob sie in seine Metallpfeife, und ich rauchte einige Züge daraus. Ich bekam Tee, Orangen und Sonnenblumenkerne vorgesetzt, und als wir gingen, gab man August einen Sack voll süßer Kartoffeln mit. Ich ließ dem Mönch ein Häuflein Käschstücke in die Hand gleiten. Da verdoppelte er die Portion der Kartoffeln. Wir gingen schräg durch Erbsenäcker zum Fluß hinab. Die Kwaze lag in einer Bucht festgemacht. Alle winkten mir Eile zu. Ich ließ mich gemächlich über die Steine hinabgleiten. Gre lag im Fenster und zeigte mir ein riesenhaftes Butterbrot. Da machte ich rascher. Unser Frühstück war an jedem Morgen eine Verrichtung voll Poesie. Das Schiff zog langsam dahin. Die schöne Landschaft und der Strom schauten zu den Fenstern herein. Unsere Stube schwamm wundersam durch den aufgefrischten Tag. Heute floß Schnelle um Schnelle. Jede zwei Stunden kämpften wir uns durch eine hindurch, bis die steilen Bergklötze aus dem weiten Land sich wieder zusammendrängten, eine Schlucht uns in ihre dunkle, gepreßte Straße nahm und Felsen und Berge in abenteuerlichen, feierlichen und brutalen Gebilden sich hoch über uns errichteten. 3. Dezember. Ein Weg war oben in die Felsen gehauen und folgte allen ihren Windungen. Es schien eine Verkehrsstraße zu sein, nicht nur ein Zieherweg. Von Weile zu Weile gingen beladene Menschen droben. Große Inschriften waren über dem Weg in den Felsen gehauen. Wir waren in der schönen, gewaltigen Fong Siang-Schlucht. Der Weg war in die glatten Felswände hineingegraben. Die Zieher gingen nicht bis zu ihm hinauf. Er führte etwa dreihundert Fuß hoch über dem Wasser. Die Zieher durchkletterten die Felsenmassen, die am Ufer sich übereinandertürmten. Wir sahen sie manchmal gefährliche Kletterpartien machen. Hinter uns kam eine große Dschunke. Ihre Arbeiter und Kulis brüllten, daß das Tal scholl. Sie schienen uns überholen zu wollen. Die Dschunke hatte gegen hundert Zieher. Ihr dickes Tau ging schon über unsern Mast hinweg. Da sahen wir, wie auf einer schroffen Felsbank die Scharen ihrer Zieher mit unsern Kuli sich einen Augenblick mischten. Das Seil der Dschunke verfing sich gerade hinter einem Stein. Ein Kuli sprang hin und schob es los. Es war armdick. Es schnellte mit einem drohenden, grollenden Laut in die Luft und jagte, wie eine Peitsche für Ichthyosauren von Stein zu Stein und auf die Felsplatte zu, auf der die Zieher an die Seile gespannt lagen. Es schlug in die Gruppe hinein. Die Menschen schwankten, stürzten hin, zwei überschlugen sich; sie glitten bis an die Kante des Felsens; sie griffen hoch in die Luft; aber die Tiefe besaß sie schon, und sie fielen haltlos hintenüber und sausten ohne Schrei und ohne Laut hinunter ins Wasser. Das Wasser hatte sie gleich in seinen Strudeln zermalmt und vergraben. Die andern ziehen weiter. Es ist nichts geschehen. Es sind keine Menschen vom Fels gefallen. Die Treiber brüllen, die Kulis singen und ziehen. Die Schar der Hundert trennt sich allmählich aus dem Haufen unserer Zieher und strebt rasch vorwärts. Die schwere Dschunke gleitet nah an uns vorbei und überholt uns. Wir wissen nicht, ob die Ertrunkenen zu uns gehören. Ich frage den Boy. "Was weiß ich!" lächelt er. "Angenommen, sie seien tot, so gibt es in Kweitsou tausend andere." Ein Menschenleben war eine vorüberhastende Sekunde. Sie stürzten in Scharen durch die Tage. Sie ertranken spurlos in den kommenden. Es warteten Millionen, sie zu ersetzen. Als das Schiff zum Reisessen anlegte, sprang die Schar unserer Zieher lustig und johlend zwischen den Steinen herab, dem Boot zu. Nur einer hinkte nach. Das war ein plumper, großer Bursch. Er hatte einen dicken Kopf und ein Gesicht, wie eine Bogenklampe mit einer großen Nase und einem langen verbogenen Mund. Die Äuglein verschwanden in all den wurzelhaften Dingen dieses Gesichts, und wirre, unordentliche, nie gekämmte Haare fielen unter dem weißen Kopftuch heraus. Er hatte einen steifen ungefügen Körper in einen Haufen flatternder Lumpen gekleidet, die aus allerhand Fetzen bunt zusammengestückelt waren. Auf seinen großen Füßen ging er mit komischer Plumpheit einher; und er lachte uns immer mit seinem faltigen Gesicht und seinen Schweinsäuglein zu, sobald er uns sah, und je fester gerudert wurde, um so mehr lachte er, als sei es eine ganz komische Geschichte, so wild zu arbeiten. Wir nannten ihn das Nilpferd. Aber heute kam er mit einem elenden Gesicht lange hinter den andern. Er hinkte, kroch aufs Schiff und setzte sich auf den Balken vor unserer Tür. Als wir später die Tür öffneten, standen sie zu vier dort und die andern zeigten ihn und sagten etwas. Er hob seinen großen Fuß hoch, und wir sahen, daß auf der Sohle ein tiefer Fetzen herausgerissen war. Gre wusch die Wunde und verband den Fuß. Das Nilpferd zeigte sich sehr befriedigt. Er saß auf dem Balken, schlug das Bein mit dem verbundenen Fuß hoch über das andere. Alle sahen es, und er schaute es immer bewundernd an. Abends wurde er wieder verbunden. Der ganze Trupp scharte sich umher, um zuzuschauen. 4. Dezember. Ein Pfad ging zu dem Felsenweg hinauf. Wir ließen uns an Land setzen. Der Weg windet sich an den Felsen entlang, klettert auf und ab, biegt sich um Schluchten, in denen Sommers wilde Bäche niederstürzen. Einmal hängt ein Felsberg mit ungeheurer Masse schräg weit über den Weg geneigt. Auf den einsamen und weglosen Höhen wohnen Orang-Utans, die manchmal Steinblöcke auf die Schiffe herabschleudern. Ein Häuschen ist an die Steine geklebt, in dem die Zieher Tee und Essen bekommen. August kommt uns entgegen. Er hat die Treidlerbande verlassen, weil er uns durch diese wilden Fährlichkeiten leiten zu müssen glaubt. Ich kaufe ihm vier gekochte Enteneier in dem Häuschen. Er bricht die Schale ab und bietet uns immer zuerst an, bevor er selbst ißt. Er geht stumm hinter uns. Nur wenn der Weg zu schmal wird, tritt er zwischen Gre und die Tiefe, wartet, bis sie vorbei ist, und lacht. Wir überholen zwei Zieher, die sich einsam daherschleppen. Der eine ist ein Knabe, der andere ein älterer Mann. Beide scheinen sich innerlich verletzt zu haben. Sie sind bleich und rasten jeden Augenblick. Tief unter uns fließen Schiffe zu Tal. Andere ziehen den Strom hinan. Wir sehen unser Segel idyllisch dahinstreben. Leute kreuzen unsern Weg, die an Stangen die papierverklebten großen Körbe mit Baumöl oder Säcke mit Reis tragen. Der Weg ist wie eine schmale gewundene Rille im Fels. Der Fels steigt in wunderbarer Masse noch 1500 Fuß über ihn, nackt, glatt und fürchterlich. Schließlich wird der Weg etwas breiter. Unter einer riesenhaften goldenen Inschrift im Felsen sind einige Haufen von Steinen aufeinandergelegt. Wir fragen August. Er spricht nicht. Er weiß, das verstehen wir nicht. Er stellt sich an den Rand der Tiefe, wirft den Kopf hintenüber, reißt den Mund starr auf, schließt die Augen zu und zeigt mit beiden Händen unter sich in den Abgrund. Wir erschrecken, aber wissen gleich, daß das die Darstellung des Verunglückens ist und daß die Steinhaufen mit den Baumsäulchen und der großen Inschrift symbolisch Gräber abgestürzter Zieher sind. Der Weg führt um den Berg herum, noch einmal hoch hinauf. Die Schlucht ist gewaltig, und um einen Berggipfel schlingt sich ein Wolkenkranz. Tragende Menschen glänzen an den Wegbiegungen schwarz über der Tiefe. Drunten schallt der Gesang der Ruderer. Der Weg fällt in ein Seitental. Der Fluß verschwindet. Wir gehen durch Äcker, umsteigen einen anmutigen zauberischen Berg, auf dem sich weiße Tempelanlagen in rotflaumigem Herbstwald leuchtend einbetten, und kommen in eine verfallene Stadt. Zwei Tore in Ruinen, eine lange Mauer im Verfall, armselige verkommene Häuser, schmutzige Menschen. Die Straße führt mitten durch ein Haus hindurch. Manchmal kommt der kleine Wegaltar eines Gottes. Aus einer dieser Nischen schaut die heilige Frau Kuan Jün. Am Rand des Steins stehen zwei Paar roter blumenbestickter Schuhe. Sie sind ganz winzig, so groß wie eine Streichholzschachtel. Frauen, denen der Wunsch nach Kindern von der Göttin erfüllt wurde, haben sie hingestellt, und Frauen, die mit diesem Wunsch der Göttin sich nähern, sollen sie mitnehmen und wenn ihr Schoß fruchtbar geworden, neue hinstellen. Gre nahm sich ein Paar, liebste schöne heilige Kuan Jün aus China! Wir sahen den Jangtse wieder. Er fließt in einem breiten Bett. Wir gehen auf der halben Höhe eines weitansteigenden Hügels, der mit Gräbern übersät ist. An einem Grab am Wege sitzt ein Chinese und schreit und klagt. August wiederholte seine Darstellung des Todes, schlug sich aufs Herz und wischte sich die Augen aus. Das heulende Wehklagen des Trauernden erklang schauerlich in dem dürren Grasberg. Eine blaurote Sänfte kam schwankend über den sandigen halb abgerutschten Weg. Eine tote Frau saß drin. Unter der Ebene am Flußufer steigen Hunderte von blendendweißen Rauchwolken heftig aus einer großen Niederlassung, und hinter diesem seltsamen Ort baut sich auf einer Plattform über den Fluß grau und streng, wie alle Städte in diesem grauen sonnenlosen Tal, das große Kwei-tschu-fu auf. Die Mauer, mit regelmäßigen Zinnen, umgürtet die Stadt, weit ins Gebirge hinauflaufend. Eine dünne, glatte weiße Pagode sticht auf einem hohen Berg in den Himmel. Wir kommen zu der Niederlassung mit den vielen blendendweißen Rauchwölkchen, die so ungebärdig in die Luft quellen. Es ist ein Salzsiederdorf. Nur im Winter besteht es; denn es liegt eigentlich im Flußbett des Jangtse. In einem tiefen ausgemauerten Erdloch fließt eine Quelle, die salzhaltig ist. Eine Treppe führt hinab, und Hunderte von Kulis schöpfen ununterbrochen Wasser in ihr. Sie bringen es auf einen künstlich angelegten Hügel über der Quelle. Dort stehen zahlreiche Fässer. Aus jedem Faß führt eine Bambusrohrleitung zu einem Salzsiedekessel. Die Kessel liegen über großen, in die Erde gebauten Öfen. Jeder Kuli gießt sein Wasser in das Faß, das seinem Arbeitgeber gehört. Das Wasser läuft in dem Bambusrohr zum Ofen, verdunstet eilig mit festgeballten schneeweißen Wölkchen über der Hitze und läßt das Salz in der großen Eisenpfanne. Die weite Niederlassung wimmelt vor Arbeit. Hunderte von Menschen hasten und schaffen durcheinander. Aus einer nahen Kohlengrube bringen seltsam schöngebaute Kähne die Kohlen zum Heizen. Wenn im Sommer der Fluß steigt, fliehen alle diese fleißigen Menschen, und der Jangtse überströmt bald die Quelle und die vielen großen Ofenanlagen. August bekam Schelte, als wir wieder beim Boot anlangten. Aber ich sagte: "Laßt den August ruhig!" Sie lachten alle verbindlich und versuchten "ruhig" nachzusprechen. Die Kwaze schob sich dann bald in die lange Reihe von Dschunken und Wupans, die sich unterhalb Kweitschu Fus am Ufer zusammendrängten, die Kulis gingen an Land. Es war wie überall. In langen Reihen saßen Chinesen am Ufer und verrichteten, von Hunden umlagert, ihr Geschäft. Auf dem breiten Winterstrand hatte sich eine ganze Stadt gebaut. Große Reisläden, Ärzte, Händler mit alten Kleidern, Garköche, Teelokale, Töpferniederlagen, Bordelle ... alles durcheinander in geraden Straßen und mit Häusern aus Brettern, Bambus, Petroltins und Mattenwänden. Wir gingen auch oben durch die graue Stadt, gefolgt von Scharen von Männern und Kindern, denen wir eine Sehenswürdigkeit waren. Es gab mancherlei kunstfertige Dinge zu kaufen. Der Boy mußte für neue Lebensmittel sorgen. Er kam nachher mit seinen Einkäufen und zeigte sie uns. Er hatte Hühner und Fasane; sie kosteten etwa vierzig Pfennig das Stück. Hundert frische dicke Eier hatte er für zwei Mark gekauft, und schönes knochenloses Rindfleisch für sechs Pfennig das Pfund. Schweinskoteletten waren etwas teurer. Kräuterig gewürzter schmaler Schinken aus Jüan, kräftig und wohlschmeckend wie der beste Ardenner, war für achtzehn Pfennige das Pfund zu haben gewesen. Kleine Orangen kosteten sechzig Pfennig das Hundert. Nur Holzkohlen, mit denen unser Ofen geheizt wurde, waren verdächtig kostspielig, und ich unterhielt mich über ihren Preis etwas scharf mit dem Einkäufer. Der Boy wußte natürlich einen Grund für diese besondere Teuernis. Die Verkäufer hörten an seiner Sprache, sagte er, daß er ein Hupehchinese sei und die Ssetschuanleute verkauften dem gehaßten Nachbar deshalb die Kohlen so teuer. Plötzlich erscheint das Nilpferd lachend an der Tür. Er ist schön zurechtgemacht, trägt Kleider, die zwar nicht neu sind, aber doch nicht nur aus Löchern bestehen wie die ersten. Er hat den Vorderkopf reinlich ausrasiert, die Mähne gestrählt und in ein sauberes weißes Tuch eingefangen. Als Gre ihn sah und auf die Umwandlung deutete, indem sie: "Chau di!" So bist du schön! sagte, schmolz er vor Glückseligkeit. Er verbeugte sich mit weiten Schwankungen und einem wilden Hintenausschlagen zwanzigmal vor ihr. Er machte ganz verliebte Schweinsäuglein, alle Falten seines Gesichtes lachten; er humpelte vergnügt mit seinem lahmen Fuß umher und vollführte ein paar Schritte von einem graziösen Nilpferdtanz. Es wurde dunkel, und Boote mit aufgeputzten Dirnen fuhren zwischen den Schiffen umher und boten käufliche Liebe an. Diese Liebe war in Kweitschu Fu nicht teurer als Rindfleisch. In der Nacht fielen mitten in meinen Schlaf wie eine Katastrophe abenteuerliches Gebrüll und Feuerschein. Der Feuerschein floß in flammigen Bächen durch die Spalten der Läden herein. Wir jagen aus den Betten hinaus. Rundum brennt der Fluß. Flammeninseln zucken und wandern durcheinander. Die Schar der kleinen Bettlerboote liegt mitten im Feuer, und aus allen Kähnen schlagen Ruder mit irrsinnigem Entsetzen in die flammenden Wellen. Feuer spuken an den schlagenden Rudern in die Höhe. Ganze Völker brüllen und heulen. Die nackten Kulis und Schiffer halten die brennenden Wasser von unserer Kwaze ab. Streifen feuerzüngelnder Wogen fließen ein Stück in der Strömung. Die schwarzen Bettlerboote zucken über den feurigen Grund wie Fledermäuse, die eine Fackel in einem Gewölbe aufgescheucht hat. Eine Petroldschunke war in Brand geraten. Die Dschunke war rasch zerstört. Sonst blieb alles unversehrt. Die Strömung trug den Brand rasch flußabwärts und tötete ihn. 5. Dezember. Das Nilpferd pflegt seinen verwundeten Fuß. Zweimal des Tags muß Gre ihn verbinden. Aber nun kommt jeder mit einem Leiden zu Gre. Die Frau Boy hat einen wehen Magen. August hat sich das Kreuz gezerrt. Der eine Gratisblitzer hustet, der Koch und der Stacheligel haben sich in den Finger geschnitten. Die Frau Boy bekommt Speisesoda, August eins hintenüber, der Huster Chinin mit Himbeersaft, der Koch und der Stacheligel einen rosa Leukoplaststreifen über den Finger. Diesen Streifen lieben sie stolz und zärtlich. Sie umwickeln ihn mit einem schmutzigen blauen Lappen, damit er reinlich bleiben soll. Die Gratisblitzer essen noch an jeder Schnelle ihre guten Portionen und wechseln nur, je nach der Spezialität des Orts, zuckergebackenen Mais- oder Reiskuchen. An Bord hat man sie fortwährend und überall aufgestört. Nun haben sie ihren Platz gefunden. Sie liegen auf dem Dach des Steuerhauses auf dem Bauch und spielen Karten. Unterhalb einer Schnelle liegt das Wrack einer großen Dschunke. Es ist an Land gezogen, ragt mit seinem zerrissenen runden Bauch hoch aus dem Wasser. Nackte Männer arbeiten drauf herum. Die Ladung liegt über das Ufer zum Trocknen ausgebreitet. Es ist Baumwolle und Tang, den die Chinesen leidenschaftlich gern essen. Am Nachmittag treffen wir noch mehrere gescheiterte Dschunken, denen es nicht gelungen ist, die Schnellen zu nehmen. Auch aus dem Sand des Ufers schauen manchmal die Gerippe von Schiffen heraus, und am Beginn einer Schnelle liegt eines der grünen Postboote bis an die Nase im Wasser. Man sagt, daß ein Schiff, das beim Hinaufgehen verunglückt, meist nur Teilschaden nimmt, daß aber das Schiff, dem das Herunterkommen mißlingt, mit Mann und Ladung rettungslos verloren ist. An den Schnellen liegen überall öffentliche rote Rettungsboote, bereit zu helfen. 6. Dezember. Alle Tage sind voll kleiner Erlebnisse. Alle Tage voll fremder aufreizender Dinge, voll Kampf und Genießen. Wir fuhren heut lang über die Dämmerung hinaus. Der Boy sagte, es sei kein Ort nahe. Man könne nicht allein in der Einsamkeit und der Nacht anlegen. Überall seien Flußräuber. Aber der Boy sprach nie den Namen "Räuber" aus. Er nannte sie immer nur: "Die schlechten Männer". Die Finsternis deckte den Strom dicht zu. Auch vom Ufer sah man nichts. Aber das Ziehtau fuhr straffgespannt durch den Lichtschein des Reisherds in die Nacht hinein, und hin und wieder riefen und antworteten Stimmen. Die Fahrt fand kein Ende. Bis auf einmal ein paar Lichter auf einer Höhe erschienen, und unter ihnen ging das Schiff mit großem Gebrüll zwischen Laopan und Mannschaft an Land. Es dauerte eine Weile, bis alle Zieher sich aus der finsteren Steinwüste des Ufers auf dem Boot zusammengefunden hatten. Sie aßen stumm ihren Reis und fielen gleich nebeneinander in ihre zerlumpten Decken und schliefen ein. 7. Dezember. Das Dorf von gestern abend ist eine merkwürdige und große Stadt. Sie verschanzt sich über uns in ihre Mauern. Vor Sonnenaufgang schreite ich hinauf, klettere etwas seitlich eine hohe Treppe zwischen Häusern auf die Mauer zu. Eine Herde von kleinen Pferden steigt, mit Säcken und Körben behangen, im Zickzack die Treppe herab. Oben laufe ich eine Stunde an der Mauer entlang, ohne an ein Tor oder in die Stadt zu kommen. Zwischen den Häusern, die sich zahlreich vor der Mauer zusammengebaut hatten, wuchsen hohe vielästige Kaktusbäume, die ich nirgends sonstwo gesehen. Ich klettere zwischen Gräbern in den Berg hinauf, bis ich in die Stadt hineinsehe. Sie liegt mit weiten Gebäuden, engen Treppen und Gärten lang gezogen in der Mauer. Nun finde ich mich auch in sie hinein. Die Handwerker und Krämer öffnen gerade ihre Geschäfte. Bettler schliefen noch in Hausgängen. Ein dünner Sack deckte sie nur halb zu, der Kopf lag auf der kleinen Bettlertasse. Eine Straße führt auf der Mauer über den Fluß und dort durch Häuser hindurch. Man sieht in offene Schlafräume. Unten am Strand bläst der Wind den Sand in gelben Wolken auf. Im steilen Ufer der andern Flußseite schmiegt sich eine prunkvolle Anlage von Pavillons in ein Felstal. Und ich allein stand hoch über der fremden Stadt, und mein einsames Herz kämpfte um China. Dann ging ich eine zerfallene Stiege von der Mauer herab in ein Geschluff von Gäßchen. Der Nebel drückte den Rauch der Herde tief zwischen die Häuser nieder. Kein Mensch war da. Nur ein schmutzender Hund bekroch die Ecke. Aus der ganzen Stadt hob sich der Gestank in den modrigen Winkel zusammen. Da kam sie. Langsam auf den kleinen Füßchen kam sie daher, und die enge Gasse erzwang von ihren Schritten den atemberauschenden Zauber, als ob sie gerade auf mich zukäme. Sie kam heran. So fern und so goldenbleich wie der Mond war ihr Gesicht einen Augenblick lang neben meinen Augen. Ich spürte den fremd riechenden Dunst ihrer Haut, so drängte die Gasse uns zusammen; aber der geschweifte Bogen ihrer Augen öffnete sich nicht ein Krümchen einer Sekunde zu dem fremden und ungewohnten Ausländer. Mein Herz stammelte ihr zu: Jasmina! Opalenweißes Gesicht! Unter der pudrigen Schminke lockte die Haut föhnweich. Die kleinen Lippen leuchteten geschwungen, wie zwei feuerrote Blütenblätter, die der Wind einer Geranie entriß und vor sich frei herschweben ließ. Auf der Stirn war der sanfte himbeerfarbene Kreis aufgemalt, Künder heimlicher Sitten und Gemächer ... Wie ihre Augen waren, weiß ich nicht. Ein goldner Glanz vielleicht, von langen Wimpern in einem schmalen Spalt zurückgehalten, fremd, wie Urgestein, das wieder in Feuer geraten war ... Aber ihre Wangen stiegen wie die gotischen Bogen unserer mittelländischen Dome hoch und geheimnisvoll in ihrem Gesicht auf. Ihr Gesicht begann durch die ganze Stadt zu leuchten, über die ganze Erde, umfassend Küsten und Rassen. Es war das fremde Wunder, das sich mir, der nun monatelang europalos zwischen chinesischen Männern, Frauen und Kindern irrte und suchte, verschloß. Jetzt war es auf einmal greifbar wie eine Frucht vor mich hingestellt und ging auf porzellanenen goldnen Lilien davon, Mythe fremdrassiger Körperlichkeit. Wie in einer Katastrophe war ich zu dir hingestellt worden, in diesem Nebeltag des Jangtsetals, allein mit dir in dieser Welt: China ... o schönste junge Frau des himmlischen Reichs! Das Geheimnis der östlichen Augen hob das Geheimnis des östlichen Schoßes in die Phantasie, und ich ging hinter der Fremden her, gebannt an diese Koralle der ssetschuanesischen Stadt, wie ein Verwunschener. Die weitfaltige Tracht verhüllte alles ihres Leibes. Nur die Hüften unter dem vorsichtigen Zwang der Füßchen, die Schmutz und Steinen auswichen, schaukelten in morgenländischer Lust. Jasmina, Unerreichbare! Hoch und gestaltenreich wie eine Wolke ... Mond und Perle, Muschel und Nebel. Soll ich die Arme hoch und stark erheben?. Aber ich war nur mit hundert Kniffen bedacht, daß mein Fremdländertum, zu dem sie die Enge der Gasse hinzwang, nicht ihre chinesische Weiblichkeit verletze. An jeder Ecke suchte ich Vorwände, etwas zu sehn, was in der Gasse, die ihre goldnen Lilien immer in derselben zarten kristallenen Kadenz gingen, meinen Weg hinter ihr rechtfertigte, ohne daß meine Verfolgung ihrer östlichen Scham zum Bewußtsein kommen könnte. Ich trug meinen Apparat in der Hand. Mit tausend Wünschen hätte ich ihr Bild halten wollen. Aber ich durfte, dankbar, nicht stören, was das Haus eines chinesischen Mannes, wie die geheime Ampel des fremden Volks, wundertätig mir in dem einsamen Nebelmorgen leuchten ließ. Einziger Wunsch zu schauen, zu empfinden ... dann zu leiden an dem Unlösbaren ihrer Bindung an das Volk des östlichen Landes ... Wehmuterstrahlend ein keuscher Ritter zu sein, der den Weg nach dem Heiligen Land suchte, durchbohrt von der Sehnsucht ewig unstillbaren Mannestums. Seele und Leib hingen gekreuzigt über den Rassen. Wie sie gekommen war aus dem Gewirr, so verschwand Jasmina ins Gerümpel der Stadt. Mein Abenteuer war aus. Ich stieg hinab aus der Stadt zum Hausboot. Meine Augen waren so heiß wie mein Herz. Es war geschehn, daß zum erstenmal Blut an Blut gekommen war zwischen China und mir. Gre wurde nicht eifersüchtig und lachte mich auch nicht aus. Sie schwieg, wie in der Messe, wenn die Heilige Wandlung durch die Hallen steigt. Von der ich ihr erzählte, war ja kein Weib, war eine Lotosblume, auf eine Vase gemalt, auf einen Teich gezaubert, vom erhabenen Urrätsel China auf die grüne Wasserfläche heraufgehoben. So soll sie nun die Jahre weiter blühn auf dem See meiner Seele. Wir segelten bald weiter und in einen ereignisvollen Tag hinein. Die mächtige Sin-Long-Schnelle machte uns schwer zu schaffen. Das erstemal wurden wir zurückgetrieben. Der Boy kam wutschreiend nach vorn gestürzt und zeigte mir, daß die Schiffer mit einem kleinen Ruder als Vordersteuer die Schnelle nehmen wollten. Sie hatten bei der Landung in der Nacht das große Steuer gebrochen. Der Laopan wollte kein anderes kaufen. Ich zwang ihn. Er pumpte sich bei mir das Geld zu einem Baum. Der Baum kostete eine Mark. Der Laopan fuhr ohne jeden Pfennig. Das Geld, das der Besitzer der Kwaze ihm mitgegeben, hatte er in Salz angelegt. Im Laopan war der Handelsgeist des Chinesen. Der Transport kostete nichts, durch den Provinzzoll schmuggelte er die Waren, weil man Schiffe, in denen Europäer reisen, nie anhält, und er konnte sein Salz in Ssetschuan vorteilhaft verkaufen. Er hatte es unter unserm Wohnraum verborgen. Der zweite Versuch, die Schnelle zu nehmen, warf uns auf einen Stein, von dem wir nur mit Mühe abkamen. Da flüchtete alles von Bord. Die Gratisblitzer voran; die Frau Boy kam ins Zimmer und sprach das einzige europäische Wort, das sie wußte: "Missie!" und deutete meiner Frau dringlich nach dem Ufer. Der Boy nahm die Handtasche. Wir blieben. Ich half vorn mit. Vom Ufer aus zerrten vier Reihen Zieher an unserm Boot. Alles was Arme und Beine hatte aus den Dörfern rundum war an den Seilen. Ein drittes Tau war oberhalb der Schnelle an einem Felsen befestigt. An ihm zogen die Schiffer; der Stacheligel und der Segelknecht und ich hielten uns mit Bambusstangen gegen das Ufer gestemmt, in dessen Steine die Strömung das Boot immer hineindrücken wollte. Auf einmal stießen die Strudel das Fahrzeug jach in die Mitte des Flusses. Da wurde gebrüllt, gesungen, getrommelt, gestöhnt, gezogen, die ganze Landschaft lauschte, wie erregt verstummt, dem Lärm unserer Kulis. Auf den Steinen am Ufer hockten Chinesen in ihren langen Kleidern wie riesenhafte Vögel. Die Gäste kamen aus den Garküchen heraus. Die Trommeln gingen eintönig und hölzern, wie ein heftiger Pulsschlag all der Kraft, die sich hier gegen den großen Strom in die Taue festspannte. Das Wasser rieb sich rauschend am Leib des Schiffs. Es prasselte unter unsern Füßen wie von einem Gewitterregen. Das waren die Sandkörner, die die Strudel an die Planken hetzten. So kamen wir nach vier Stunden leidenschaftlicher Arbeit durch die Schnelle. Am Abend gingen wir durch ein steiles Städtchen. In die enge dunkle Gasse warf eine offene Tür viel Licht, man hörte Lärm und Beckenschläge. Im Innern lagen und hingen Menschen, Tiere, Silberbarren, alles Flitterwerk aus farbigem Papier. Ein großer bunter papierener Tragstuhl mit Püppchen, Rosetten und Bändern stand da. Die Kerzen flatterten über die kühle Buntheit, und Schießfrösche krachten. Weiße buddhistische und schwarze taoistische Priester bewegten sich murmelnd, Gonge schlagend und Papier verbrennend, mit leblosen Gesichtern zwischen den farbigen Spielereien umher. Im Hintergrund ist etwas verhängt. Dort liegt ein Toter. "Der taoistische Priester führt ihn zum Himmel, der buddhistische öffnet ihm die Tür." Auf der Gasse sahen wir auf einmal einen tellergroßen Teich zwischen einem Lehmwällchen, und drauf schwamm ein Schifflein mit einem Licht. Im Schifflein schwimmt die Seele in die Ewigkeit, und sobald die papierenen Anzüge, Pferde, Tragstühle, Diener drinnen durch das Aufgehen in Flammen eine reale Existenz für die Schattenwelt gewinnen, begleiten sie den Toten auf seiner Reise. 8. Dezember. Den Tag begannen wir mit dem Besuch eines großen Höhlentempels, der gegenüber der kleinen Stadt Pan To in Felsen liegt. Wuchtige Gestalten plumper Götter schlafen bunt bemalt im Stein. Durch einen Spalt über der abschließenden Wand fällt reiches Licht auf sie. Das übrige des Tempels schwimmt mit den Bildern sämtlicher Schüler des Kung Tse in mattem Dunkel. Die Mönche sind überaus liebenswürdig und führen uns bereitwillig durch alle Räume. Ich darf überall photographieren. Die Mönchszellen liegen in Felsenkammern. Außerhalb des Tempels ist, von einer kleinen Pagode umbaut, ein seltsamer Gott aus den Felsen gehauen. Er sitzt groß und schwerfällig da, wie ein Elefant. Sein Körper ist bis zum Kopfscheitel mit Nischen besät, und in jeder Nische brennt ein Öllicht. Der ganze Gott trieft von herabfließendem Öl und er hält das Insignum der männlichen Fruchtbarkeit, der sein Geist dient, trächtig zur Schau. Der Mönch, der uns führt, verbeugt sich noch immer, während wir schon wieder den Weg zum Ufer hinablaufen. Wir fahren gleich weg. Ich sehe auf einmal die Eule am Steuer stehen. Unter dem Dach guckt ihr giftiges Gesicht zwischen den hohen Schultern böse heraus. Der Laopan aber läuft an Land mit den Ziehern. Das ist neu und interessant. Der Boy radebrecht die Erklärung. Er ist aufgeregt. Während wir oben im Tempel waren, haben sie den Laopan einfach abgesetzt. Der gestrige Tag hat sein Schicksal besiegelt. Er läuft, in seine dicken Kleider gepackt und mit seiner kleinen Gestalt hinter den Ziehern her und streckt den Ziegenbart hoch in die Luft. Er läuft da, wie das fünfte Rad. Gres Herz schmilzt. Er bekommt die leeren Weinflaschen von gestern und heut. Eine war eine weiße. Für die gibt es in Tschungking einen halben Pfennig mehr. Es regnet. Aber es regnet über einer fremden schönen Landschaft. Mehrstufige bewegte Höhenzüge verdehnen sich ins Land hinein. Über alle Linien der Berggrate laufen einzelne auseinander stehende hohe Bäume. Sie verdichten sich auf einer Kuppe oder in einer Hügelflanke um einen weißen Tempel. Ferne und nahe Bergspitzen sind mit kleinen grauen Bergfestigungen wie mit Hüten bedeckt. Die Städte des Tals haben sie sich für unsichere Zeiten gebaut. Auch in hohen Felswänden sind Zufluchtsstätten ausgehauen, zu denen nur Leitern hinaufführen. Der neue Steuerer setzt uns am Nachmittag auf einen Felsen auf. Die Gratisblitzer springen mit einer Stange ans Ufer und lachen ihn aus. Der Laopan steht am Ufer und tut, als sei nichts geschehen. Die Eule wird giftig. Sie schleudert jähzornige Flüche ans Land. Sie sagt dem Laopan: "Du flickst das Schiff mit Blechstücken von Petrolgefäßen, wenn etwas geschieht; ich schlage meine Knochen in das Loch, das ich hineinfahre." Der Laopan hilft aber bald heißblütig mit, das Boot freimachen. Nahe der Stelle, wo wir aufsaßen, wühlte eine Schar Menschen das Ufer auf. Wir gingen hin. Es waren Goldsucher. Sie hatten schiefe gerillte Bänke, über die sie die Körbe auswuschen, die andere Männer fortwährend mit Ufersand und Steinen füllten. Die Leute waren sehr mißtrauisch, und wir konnten nicht erfahren, wie sie dem ausgewaschenen Sand zum Schluß das Gold entzogen. 9. Dezember. Pagoden stachen weiß und spitz auf den Bergen in den Himmel. In der Tiefe des nebeligen Morgens dämmerten Hügelzüge auf, die dicht mit grauen Häusern übersät waren. Das war Wan Schien. Wir kamen näher. Wie dunkle schwere Blätter lagen die Dächer übereinander. Ein Nebenfluß des Jangtse durchschnitt die bebauten Hügel, und eine Brücke sprang als ein feiner dünner und doch mächtiger Bogen, wie ein Klang aus Stein, von Ufer zu Ufer. Auf dem Scheitel seines Gewölbes saß ein Haus. Auf den kahlen Stadtmauern breiteten Türme ihre ausgeschwungenen Dächer über mehrere Geschosse, und hinter der Stadt klang eine vertraute Landschaft auf. Wir sahen sie tausendmal auf chinesischen Vasen, auf Tuschbildern. Die zierliche Kühnheit des Schwungs dieser Berge, das zahllose abwechselnde Wiederholen derselben anmutig und kokett, bizarr und fremdartig aufhüpfenden Formen war so chinesisch wie die dunkle geschlossene Stadt und die flachäugigen struppigen oder gepflegten Männer, die am Ufer standen. Diese Landschaft war so, als ob Götter der Wohlförmigkeit, aus dem Himmel herniederfassend, sie mit schlanken feinen Händen aus der Erdkruste herausgezupft hätten. Wir gingen gleich zur Stadt hinauf. Am Ufer dehnten sich die Buden einer weiten Winterstadt von Händlern und Garköchen aus. Darüber hockten auf hohen Stangen und an die Stadtmauer geklebt, Scharen von Häusern und Hütten. Treppen führten schmutzig und steil zwischen ihnen durch finstere Tore, in gewundene dunkle Gassen. Bettlerkinder fallen uns an. Ich begehe die Torheit und gebe einem mehrere Käsch. Obgleich dieses Wesen nackt war, so blieb es doch unerkenntlich, ob wir einen Knaben oder ein Mädchen vor uns hatten, so war sein magerer Leib schwarz verkrustet. Es hatte seine Schultern mit einem dünnen Sack bedeckt und hielt uns in der Hand eine Kumme bettelnd hin. Kaum hatte es sein Geld, so schwärmten auf einmal von allen Seiten verkrätzte und nackte Kinder herbei. Sie gingen hinter uns her, und das ganze Rudel plärrte im Takt mit weinender Stimme, immer dieselben zwei Wörter. Die Stadt ist so malerisch, so dunkel hin und her und auf zum Licht und ab ins Düstere. Ihr Leben ist so heftig und so vielfach in die braunen Schatten der engen Gassenwirrnis gepreßt. Läden mit schönen Kupferarbeiten locken uns. In andern Auslagen liegen tellergroße Reiskuchen aus farbigen Ringen, Kringeln und Blumen. Sie sehen aus wie ein schönes steifes Biedermeierbukett. Die Bettlerkinder lassen uns nicht. Die Öfen der Garköche sind in die Gassen gebaut. In jedem warmen Ofenloch sitzt ein schwarzer nackter Balg vor der Kälte festgeklemmt. Man sieht nichts von ihm, als den mageren geschwärzten Hintern. Sie alle löst der Zug hinter uns aus den warmen Steinen. "Jang sien scheng ... e ... ne, jang sien scheng ... e ... na" weinen sie im Rhythmus hinter uns her. Ich drohe. Es nützt nichts. Ich hebe den Stock. Sie kommen weiter mit. Sie betteln für einen Unternehmer. Dessen Stock wird kräftiger sein als meiner, wenn sie abends leer heimkommen. Sie haben also nichts zu verlieren. Sie fürchten sich auch nicht, weil sie auf die starke Gilde vertrauen, deren Macht sie schützend hinter sich haben. Ich kann mich schließlich nicht mehr anders wehren und belade mich mit der Rachegefahr der ganzen Zunft. Ich haue dem ersten, den ich erreiche, meinen Stock einige Mal über das schmutzige Fell. Die ganze Bande schreckt ein wenig zurück. Aber gleich sind sie wieder alle um uns und skandieren jammernd: "Jang sien scheng ... e ... ne ..., jang sien scheng ... e ... naaaa ...!" Da kamen wir an zwei chinesischen Schutzleuten vorbei. Sie standen in der Straße und hielten dicke Knüppel in der Hand. Sie befreiten uns im Nu vom ganzen Schwarm. Während wir beim Mittagessen im Hausboot sitzen, entsteht in der Küche ein furchtbarer Lärm. Der Boy schreit, die Frau brüllt stöhnend. Ich gehe hinaus. Die Frau Boy hängt an ihrem Gemahl. Sie hat sich an seinen Kragen festgekrallt und läßt sich nachschleppen. Sie hat die Augen geschlossen und stöhnt. Eine alte Waschfrau wusch unser Zeug in einer roten Holzwanne. Die hilft mit, und wir befreien den Boy von der kleinen Furie. "Bad fu jen!" sagt der Boy. Eine schlechte Frau. Die Frau Boy zieht sich böse in die Schlafkammer hinter der Küche zurück. Von dort wirft sie uns ihre Haarspangen, ihr Halstuch und nach und nach all ihre Kleidungsstücke an den Kopf. Der Boy erklärt: "Sie wollte nicht waschen für die Missie und sagte: wenn ich die Ama der Missie wäre, so würde ich waschen. Der Boy antwortete ihr: du kannst die Ama der Missie nicht sein, denn die Missie hat kein Baby! Die Missie hat thousand more und flickt ihre Sachen trotzdem selber, und wir haben zwanzig Dollar Monatslohn und ich muß Wäscherinnen bezahlen. Der Boy sagt ihr auch: du hast fast nichts zu tun. Du kannst dir deine Schuh doch selber nähen und sticken. Sie antwortete: Weshalb? Man bekommt ja Schuhe fertig zu kaufen ... Sie ist ein schlechtes Weib." Der Boy war ganz rot und aufgeregt. Es war wohl kein Zweifel, daß die Sache auch noch ein anderes Gesicht hatte. Es schien ein kleiner hysterischer Eifersuchtsanfall zu sein, der die Frau Boy so wild machte. Ihr Mann wollte gerade mit den genießerischen Gratisblitzern in die Stadt gehn ... Aber dieser Auftritt war nur eine Wiederholung von zahlreichen Beobachtungen, die wir in den Dörfern und Städten machten. Überall wird über die untergebene und unselbständige Stellung der chinesischen Frau geschrieben. Dem Buch nach besteht sie vielleicht. Aber das Leben überholt das geschriebene Wort. Der Chinese drängte seine Frau immer ins Innere des Hauses und dort wucherten die Frauen in Unselbständigkeit und Faulheit, nur Konkubinen oder Erzeugerinnen. Sie setzten sich in ihrem passiven Dahinleben zusammen und klagten und schimpften und allmählich hat sich in ihnen mit der Verkümmerung der vortrefflichen Instinkte ihrer Rasse auch eine Bosheit angesammelt, die heute manchem Chinesen das Leben schwer machen mag. Man sieht überall Chinesinnen, die mit einer Dynamik die Männer ankeifen, gegen die die berühmte Maulfertigkeit der Damen der Halle in Paris christliche Sanftmut ist. Die Frauen scheinen mir auch untüchtig zu sein, die entsprechenden Produkte des Lebens, zu denen das Wort des Gesetzes sie zwang. Das "Mulier taceat in ecclesia" hat in China auch gegolten und in dem einfügsameren aber instinktstärkeren und zäheren Geist dieser Rasse üblere Folgen gebracht, als in den christlichen Ländern. Die Frauen sind hübsch und gesund. Man sieht sie überall in den Türen ihren Säuglingen üppig fruchtbare schöne Brüste reichen; die Kinder sind meist von lieblicher Schönheit und kernigem Wohlergehen, aber verwahrlost, wie das Innere der Häuser. Auch im Kind liegt schon die eingepreßte Heftigkeit und Wehrhaftigkeit des Frauencharakters. Wie bei einem Konflikt mit den Eltern solch ein Kind seinen Willen durchsetzt, ist wertvoll zu erleben. Diese Vitalität des Trotzes! Diese Spannkraft des Gebrülls! Einmal sah ich ein Mädchen von etwa zwölf Jahren an einem Mann vorbeigehen, der eine der großen Laternenkugeln aus Marienglas trug. Das Mädchen schlug mit einem Korb unachtsam dagegen und das Glas zersplitterte. Das Mädchen wartete nicht erst die Vorwürfe des Mannes ab, sondern ging sofort zum Angriff über, fuhr mit heißem Zorn gegen den armen Laternenträger los und nahm ihm mit wütender Strafrede jeden Einwand, daß doch sie es sei, die die Laterne zerstört habe, vor der Nase weg. Der Mann geriet in die Defensive und zog sich mit den Scherben seiner Laterne geschlagen zurück. Nachdem die Frau Boy gebändigt in ihrem Bett lag, ging der Boy in die Stadt. Einer der fingerhutgroßen Schuhe flog noch zornig aus dem Vorhang heraus. Damit waren unsere chinesischen Erlebnisse dieses Tages aber noch nicht zu Ende. Als wir nachher zwischen den Buden der Winterstadt umherschlenderten, von August, dem Laopan und einigen unserer Schiffer begleitet, kam ein Chinese auf uns zu und grüßte uns. Wir hatten ihn nie vorher gesehen. Er blieb uns dicht auf den Fersen, und als wir unser Boot wieder betraten, reichte er uns eine Visitenkarte und einen Brief. Auf der Karte stand: André Pithous, enseigne de vaisseau. Den Brief riß ich gleich auf. Er war von unserm Gastgeber aus Itschang. Er hatte folgenden Inhalt: "Itschang, den 27. November. Lieber Herr Jacques! Namsang war soeben in großer Aufregung bei mir. Der Kapitän des Hausboots hat einen Booten hierhin geschickt, der um Unterstützung gegen Ihren Boy bitten soll. Ihr Boy hat acht Passagiere an Bord geschmuggelt, und da der Raum infolgedessen sehr beschränkt ist und der Reis nicht ausreicht, so fürchtet der Kapitän einen Streik seiner Leute. Es dürfen nicht mehr als 25 Chinesen an Bord sein, ausschließlich Ihrer Dienerschaft. Was drüber ist, ist vom Übel. Ihr Boy wird mir hier als ein minderwertiges Subjekt geschildert, und Namsang riet dringend, in Tschunking einen anderen Diener zu nehmen. Vor allem entledigen Sie sich aller überflüssigen Menschen an Bord und vertrauen Sie nur dem Laopan. Sie setzen sich sonst der Möglichkeit eines Überfalls aus, denn wer weiß, was für ein dunkles Handwerk diese Passagiere Ihres Boy betreiben? Um so mehr, als Ihr Boy, wie an Bord der Kwei Li behauptet wird, ein alter Flußpirat ist und öfters im Gefängnis saß. Unter den obwaltenden Umständen wäre es vielleicht geraten, ein Rotboot (Hung tschuan) mit Soldaten zu engagieren. Dann darf sich der Boy nicht mucksen. Vielleicht versuchen Sie, Namsangs Boy, der einen französischen Offizier, durch den ich Ihnen diesen Brief schicke, bis Wan Schien begleitet, zu engagieren. Suchen Sie jedenfalls Herrn Kanin auf, der in Wan Schien wohnt, ein deutscher Kaufmann ist und für die Firma Arnberg & Co. arbeitet." Ich rief den Boy. Der Chinese, der uns den Brief gebracht, war spurlos verschwunden. Wir gingen den im Brief erwähnten Herrn aufsuchen. Die Stadt hatte etwa 100000 Einwohner. Sie war dem europäischen Handel verschlossen, und wenn ein deutscher Kaufmann trotzdem in ihr wirkte, so tat er das im geheimen. Nach zwei Stunden hatten wir die Post und in der Post einen Chinesen gefunden, der den Fremden kannte. Er führte uns. Wir stiegen hoch hinan über zahlreiche hin und her irrende Treppen. Dann gingen wir in ein Haus. Aber es war, als ob dieser ganze Stadtteil zu diesem einen Haus zusammengebaut wäre. Hundert Höfe, Galerien, einzelne Häuser, wuschelten sich ineinander. Endlich kamen wir in das richtige Haus. Ich wurde bereitwillig aufgenommen, erzählte, und der Deutsche sagte: "Ich hab seit sechs Jahren einen Diener, das ist das schlaueste, halunkenhafteste Produkt der gelben Rasse. Den wollen wir auf Ihren Boy loslassen, und er soll zunächst ein wenig auskundschaften. Wenn Sie wollen, kann er Sie auch bis Tschunking begleiten." Dieser Boy kam. Er war ein schlank gewachsener, sehr schöner Kerl mit einem schmalen Kopf und großen feuchtglänzenden Augen, ein Apollo der gelben Rasse, eben, wie aus Bronze, schmachtend und verschlagen, geschmeidig und jung. Sein Herr erklärte ihm, er winkte "ja" und ging los. Als wir abends an Bord kamen, saß der Sherlock-Holmes-Boy mitten zwischen der Mannschaft. Er ging mit uns ins Zimmer und sagte, daß alle acht Gratisblitzer zu unserm Boy gehörten, daß der Boy aber mit dem Laopan ein Übereinkommen getroffen habe. Später kam unser Boy und fragte uns mit verlegenem, lächelndem Gesicht, ob wir erzählt hätten, daß sein Freund im Kupfer arbeite, und ob wir erzählt hätten, er koche so gut und sei so fleißig und hielte den Laopan und das ganze Schiff in Zucht. Das war nun wahr und nicht wahr. Der Gauner schien sein Werk gut begonnen zu haben. Am nächsten Morgen sollte er nun die wichtigere Arbeit vollführen und etwas über die Vergangenheit und die Zuverlässigkeit unseres Boys erkundschaften. Wir legten uns zu Bett, mit einem Kopf, der voll rätselhafter chinesischer Zeichen und Dinge drehte. Log der Laopan, log der Boy? Waren die Tatsachen, die wir gesehen hatten, das Streiten mit dem Laopan und seine Entthronung denn nur eine Lüge? 10. Dezember. Schon am frühen Morgen sahen wir den Detektiv wieder am Werk. Man hatte uns öfter gesagt, die Chinesen seien alle vortreffliche Detektive, und es gelänge den Stadtpolizisten immer mit einem einfachen überraschenden Aufblitzenlassen der Blendlaterne, mit der sie in der Nacht an den Gassenkreuzungen warten, Verbrechern Geständnisse abzufangen, so wie das Blinkfeuer eines Leuchtturms die Vögel aus der Finsternis an die funkelnden Scheiben reißt. Man erzählte auch, daß der deutsche Polizeimeister von Hankau seine anerkannten großen kriminalistischen Erfolge dem Mitwirken seiner chinesischen Diener verdanke. Der Chinese, der uns den Brief gebracht hatte, und der unter Umständen unsern Boy ersetzten sollte, ließ sich nicht mehr blicken. Wir entschlossen uns rasch zum ersten Schritt und befreiten uns von der unterhaltsamen Gesellschaft der Gratisblitzer. Wir taten es schweren Herzens. Ich ließ ihnen sagen, das Schiff habe nur die Konzession, außer den europäischen Reisenden 25 Mann chinesischer Besatzung mitzuführen. Dem Magistrat der Stadt sei von irgendwelcher Seite gemeldet worden, daß auf unserm Boot acht Mann mehr mitreisten. Und der Magistrat wolle am Nachmittag Soldaten schicken, die diese Angelegenheit untersuchten. Ich hoffe, daß sie uns den peinlichen Besuch des Militärs ersparten. Sie begannen gleich ihre Sachen zusammenzulegen, stopften ihre Toilettedinge in die Waschschüssel, ihre Waschschüssel in einen Korb und umwickelten den Korb mit ihren Betten, schnürten zu, zogen alle ihre Kleider über und wollten gehen. Wir gingen zu ihnen hinaus und sagten, es täte uns leid, aber wir kämen gegen chinesische Vorschriften nicht an. Sie lächelten höflich, verbeugten sich vielmals vor uns und verließen das Schiff. Gott sei Dank die Form der Kündigung schien ihnen "das Gesicht" nicht genommen zu haben, und wir konnten wenigstens ohne Furcht vor der Rache ihres beleidigten Ehrgefühls reisen. Nur dem dicken Genießer ging es an die Nieren, daß er das sichere und bequeme Boot aufgeben mußte. Er ging böse und ohne Adieu. Sie wollten zu Fuß über Land die Reise fortsetzen. Einen baten wir an Bord zu bleiben. Es war der magere Geldlose. Wir hätten alle Schwierigkeiten mit einem Schlag beendigen und den Boy und die Frau Boy an die Luft setzen können. Aber wir waren sonst so bequem mit ihm gefahren. Er hatte in einem französischen Haus kochen gelernt, und unser Tisch übertraf alle Küchen, die wir bisher in China genossen hatten. Ja, selbst wenn er Flußräuber gewesen wäre! In China hängt der Beruf nicht immer mit dem Charakter zusammen. Die sonderbaren und oft willkürlichen Umstände dieses dezentralisierten Reichs, Selbstwehr und Not mochten oft Menschen zu Räubern machen, die im Grund etwas anderes waren. Es sprach wohl allerlei dafür, daß die Mitteilung stimmte. Der Boy kannte jeden Ort am Fluß und sein rasches, tatkräftiges und fachmännisches Eingreifen, wenn der unfähige Laopan das Schiff in Gefahr brachte, seine Furcht vor Schiffsräubern vor allem schienen auf seinen früheren Beruf hinzuweisen. Doch ich gestand mir den Hauptgrund, weshalb ich unseren Schwierigkeiten kein radikales Ende bereiten wollte, nur halb ein. Es schien mir von einem kämpferischen Reiz zu sein, fremdes Land mit einem Menschen zu durchreisen, der nicht nur brav und langweilig das war, was man an ihm sah, sondern auch Möglichkeiten von heftigen Zusammenstößen und nackten Abenteuern in sich barg. [Illustration: Brücke in Wan Schien] Wir konnten uns vorläufig noch zu nichts anderm entschließen, als unsere stets offnen Koffer und die Kiste mit den Dollarstücken, die unter meinem Bett stand, zu schließen. Wir blieben noch den Tag in Wan Schien und warteten. Der Laopan pumpte mich noch einmal an, um Reis zu kaufen. Wir gingen wieder durch die graue Stadt. Es waren am Morgen große Plakate angeschlagen worden. Die Regierung begann ihren heftigen und rücksichtslosen Kampf gegen das Opium auch nach Ssetschuan auszudehnen. Diese Provinz lebte zum Teil vom Opiumbau. Der Krieg galt nicht nur den Genießern, sondern auch denen, die vom Mohnbau ihr Leben fristeten. Die Plakate drohten jeder Person, die Opium pflanzte, den Tod an. Auch die unverbesserlichen Raucher wurden erschossen und überall an unserm Weg hörten wir von Hinrichtungen. China hatte auch gerade den Kampf gegen das englisch-indische Opium aufgenommen, und in Schanghai war eine Ladung verbrannt worden. Daraus drohte das tugendsame England, das so viel Geld aus den Lastern eines fremden Volks gewann und seit Jahrzehnten diese Laster emsig pflegte, einen Konflikt zu machen. In den Tälern hinter Wan sollten noch überall Mohnäcker blühen. Überall entstand Aufruhr, den das Militär kaum zu unterdrücken vermochte. Die Opiumbauer, deren Erwerb man so energisch unterband, wurden Räuber und machten den Verkehr auf dem Jangtse unsicher. Dschunken und Postboote wurden überfallen und ausgeraubt. Die chinesische Regierung hatte uns mit der Übergabe des Reisepasses zugleich mitgeteilt, sie warne uns, das Innere Ssetschuans zu bereisen und müsse jede Verantwortung für diese Gegenden ablehnen. [Illustration: Wan Schien] Während wir durch die Morgengassen gingen, kam uns auf einmal ein seltsamer Zug entgegen. Vorn ging ein Mann, der hatte eine hohe Narrenmütze auf. Die linke Hälfte seiner Kleidung war blau, die andere rot. Er trug ein Schild an einer Stange, das mit Zeichen bedeckt war. Hinter ihm schritt ein Soldat, der einen festen Bambusstock in der Hand hatte. Hinter dem Soldaten kam wieder ein solch närrisch gekleideter Mann, gefolgt von einem anderen Soldaten. So gingen vier Männer und vier Soldaten durch die Gasse. Der Boy erklärte uns: auf den Schildern stand: "Jetzt haben wir wieder einen erwischt, der Opium geraucht hat." Die Erwischten mußten ununterbrochen einer nach dem andern rufen: "Ich hab Opium geraucht!" Die Bambusstöcke der Soldaten besorgten eine regelmäßige Folge dieser Rufe. Die Soldaten salutierten uns. Sie salutierten Europa, den Geist ihrer neuen Republik. Später trafen wir den Zug noch einmal, und wieder schlugen die Soldaten an. Als wir abends nach Hause kamen, hörten wir, daß der Untersuchungsboy da gewesen sei. Unser Boy sagte es uns mit einem betretenen Gesicht. Er schien die Gefahr zu riechen. Er war emsig, aufmerksam und briet zum Essen zwei Wildenten, ein Meisterstück. Wir hatten uns entschlossen, mit unserm Boy weiter zu fahren. Wir schrieben dem Besitzer des schlauen Dieners adieu und Dank und gaben dem Laopan den Befehl, am nächsten Morgen um zehn Uhr aufzubrechen. 11. Dezember. Die Kulis sind widerspenstig. Sie wollen schon um sieben Uhr aufbrechen. Ich gehe einfach an Land. Da können sie nicht weg. Ein Leichenzug fährt über den Strom. Ein flaches großes Boot ist ganz in Rauch gehüllt, Pulverfrösche knattern endlos. Weißgekleidete Menschen fahren in einem Kahn voraus. Frauen und Mädchen, die über farbigen Seidenkleidern weiße Tücher sehr schön und sorgfältig um den Kopf gefaltet und hinten in langen Streifen herabhängen haben, stehen am Ufer und schauen dem Zug nach. Bis zehn Uhr gehe ich photographieren. Nun sollen wir weg. Aber jetzt wollen die Kulis auf einmal nicht mehr. Diesmal scheint es gegen den Laopan zu gehen. Am Morgen ging es gegen mich. Ich sprach einmal energisch das Wort: Kuan! Das heißt: Magistrat, Behörde! Auf einmal griffen sie ans Ruder und fuhren. Der Boy sagte: "Es sind schlechte Männer. Es sind Ssetschuan-Männer!" Das Boot fuhr den breiten schnellenlosen Fluß in eine sachte weite Landschaft hinauf. In einem Städtchen war Markt. Das Ufer wimmelte von blauen Chinesen. Sie hingen zwischen den Felsblöcken das Ufer hinan, wie Beeren einer riesenhaften Dolde. Eine rot gekleidete Frau brannte zwischen all dem Blauen, wie ein Flämmchen. Mit Menschen und Vieh überladene Kähne lagen am Ufer. Wu Lin Tschi hieß das Städtchen. Steil gingen seine Gassen in die einzige wagerechte Straße hinauf. Der ganze Markt kam uns nach. Einigen verschlug es den Atem, so unerwartet Fremde vor sich zu sehen, und Frauen und Kinder stürzten über Hals und Kopf in die nächsten Türen hinein. Aber die Menschen wurden rasch heimelig. Freundlich schüchtern begannen sie bald uns zu folgen. Wir gingen in eine alte verkommene Tempelanlage hinein. Einmal ist ein Tempel nicht von Soldaten besetzt. Die wilden Götter tanzen in der dunklen Einsamkeit. Sie sind grausiger, als sonstwo. Sie sind ein Haufen unheimlicher Scheusäligkeit mit Vogelbeinen, aus den Flanken dringenden Rippen, gezückten Schwertern, Bleckkiefern mit Zahnsägen, Adlerköpfen, wüsten Nasen, drohenden Fäusten. Alle haben das Maul dick und schmutzig mit braunem Zucker beschmiert. Das soll sie gut stimmen. Mitten zwischen ihrer Gruseligkeit aber steht eine kleine zarte Frau, schmal, lieblich und ruhig. Sie trägt ein Kindlein auf dem Rücken und an einem Arm hängt ein winziges Paar Schuhe, das Ex-voto eines fruchtbar gewordenen Schoßes, -- Kuan Jin. Die Anlage des Tempels läuft nach hinten in eine düstere, großartig grausame Landschaft, in der zwischen grauen ungestümen Felsblöcken sich zahllose Gräber eingenistet haben. Auf dem Kamm der Anhöhe aber wachsen mächtige Baumkronen in den Himmel. Fern hinter der Stadt, die allmählich in das graue Gräberfeld versinkt, zieht ein ungeheures Gebirge auf. Wir gehen über die Felder auf den hohen schmalen Dämmen, die die Reisäcker voneinander trennen. Am Tempel bleibt das ganze Städtchen stehen und schaut uns nach. 12. Dezember. Beim Morgengange kam ich in ein Töpferdorf, das in einem Hügel qualmte. Schon von weitem schollen mir wild aufgeregte Stimmen entgegen. Oben im Dorf hatten zwischen den kleinen Töpfen und den faßdicken Wassertöpfen ein Mann und eine Frau Streit. Die Frau stand oberhalb des Wegs, der Mann im Weg. Der Mann brüllte im Baß, die Frau schrillte im höchsten Sopran. Sie hatten beide die Gesichter in die Luft gestreckt, wie kampfbereite Hähne, und schauten immer aneinander vorbei, wenn sie sich anschrien. Sie sprangen gegeneinander wie zwei Hunde, die wütend an ihren Ketten hängen. Der Lärm war furchtbar. Aber sie wußten, daß sie nicht aneinander kämen. Die Frau keifte wie ein tollwütiges Piston hinab und er dröhnte wie eine verstimmte Orgel hinauf, bei der auf einmal alle Luft rasend durch eine Pfeife jagt. Keiner vermittelte, wie es sonst bei chinesischen Streitereien sofort geschieht. Jedermann wußte: die Entfernung schützt vor dem Äußersten. Die Entfernung ließ jedem "sein Gesicht". Es brauchte keiner die Beleidigungen durch mutige Ohrfeigen zu rächen, um sein gekränktes Ehrgefühl wieder zu heilen. August ging mit mir. Er nahm sonst das Leben von der allerheitersten Seite. Jede krumme Schulter stachelte sein lustiges Gemüt. Hier ging er vorbei, als ob die beiden friedfertig zusammen plauderten. Er schaute nicht hin. Ich zupfte ihn und zeigte auf die beiden. Aber er winkte mir mit der Hand ab. Er schnitt ein geringschätziges Gesicht, sagte: bu chau, das ist nicht schön! und ging weiter. Auch die Arbeiter, die Töpfe zum Strand hinuntertrugen, schienen den Auftritt nicht zu bemerken. Unten, wo das Hausboot auf mich wartete, lag ein Haufen fertiger Tonsachen. In die Wand eines faßgroßen Gefäßes war das Zeichen des Jin Jang eingeschnitten. In den Städten sah man dieses Zeichen manchmal auf Hauswänden gemalt. Es war ein schwarzer Fisch, der eng mit einem roten zusammengeschlungen war. Es waren keine Fische, es waren Fötusse. Die Entstehung dieses merkwürdigen Zeichens war die folgende: Anfangs war das Nichts. Aus ihm dämmerte allmählich die Form auf, die erste Begrenzung einer Einheit. Das war ein Punkt in einem Kreis, die "erste Ursache", "ein Zeitgeist". Lange später spaltete sich dieser Zeitgeist in zwei Prinzipien. Das eine war ein tätiges, das andre ein stilles. Das eine war ja, das andre nein. Das Licht und die Finsternis, das Männliche und Weibliche. Und alle Dinge entstanden aus der vereinten Wirkung dieser beiden Prinzipien. "Die beiden Elemente der Natur sind des Menschen Eltern", lehrte Laotses Schüler Tschuang Tse. Das war die chinesische Erschaffung der Erde und alles Lebens. Das wurde Jin Jang genannt. Das Zeichen war das Rätsel von allem chinesischen Leben. Es war voll fruchtbarer Geheimnisse, eine Sichtbarmachung der geheimsten und stärksten Dinge der Rasse. Wir hatten es wie oft erlebt auf unserer Reise. Die Verwaltung hatte nie einer bewaffneten Gewalt bedurft. Die Instinkte ergaben sich dem Ganzen. Die Gesellschaft hatte sich von selbst in Kreise eingeteilt, von denen der eine sich in den andern fügte. Und doch war, trotz dieses Einordnungsgefühls der Masse, in einzelnen etwas Widerspenstiges. Es sah so aus, als ob mit diesem Widerspenstigen ein jeder seinen Zwang sich einzufügen regelmäßig ventilierte und seine Kraftinstinkte frisch hielt, dem Jin das Jang vermählte. Der Europäer hält die Chinesen im allgemeinen für Schurken, weil sie sich in ihrem alten Landgebilde nicht so ohne weiteres den europäischen, oft räuberischen Erwerbssinn gefallen ließen, und sich nicht beeilten, den Jang Kwei Tse, den fremden Teufeln, ihre Seele zu erschließen, die aus ganz andern Ursubstanzen besteht und aus andern Evolutionen entwickelt ist als unsere. Unsere Kulis hielten wir auch nicht mehr für die harmlosen Naturburschen, für die wir sie anfangs ansahn. Sie hatten Tücken. Sie waren heut Freund und Arbeiter in unserm Dienst, glühend vor Arbeitskraft und konnten morgen, wenn eine andre Macht sie kaufte oder ein anderer Gedanke sie führte, unsre Mörder sein, mit derselben Wut der Hingabe, derselben selbstlos überschäumenden Härte, mit der sie jetzt am Ziehseil und an den Rudern hingen. Wir reisten mit offenen Koffern. Unser Geld war jedem zugänglich. Es wurde nie etwas gestohlen. Aber auf dem Kohleneinkauf betrog uns der Boy. In jedem Chinesen waren endlose Abstufungen hinab des Befehlens und Befohlenseins. Alles, was wir in den letzten Wochen an Chinesischem erlebt hatten, war unklar und zwiespältig geblieben. Das Land war ein Hexenkessel von Ehrlichkeit und Betrug, feiger Hinterlist und Mut. Das rote und das schwarze Prinzip kreiste durch alle seine Atome. So schien im Zeichen dieses Jin Jangs die Volksseele die geheimnisvollen Mysterien ihres Innern gefunden und zu einem Bild gemacht zu haben. Schlechtes und Gutes, das in ewigem Kreislauf ineinander drängt und sich -- ein Fludium fortwährender Erzeugungskraft -- zu stetem Neuwerden befruchtet; eine ewig fließende Regeneration aus den Spannungen der Rasse. Die Ausübung der alten Gesittung und Gewohnheiten schienen uns teils närrisch, teils verbrecherisch; das Wissen und Denken fossilienhafte Formelversteinerung. Aber in den Elementen, die wir aufspürten, und die lebendig in den Menschen waren, lebte eine Wahrheit, die uns schauern machte. Wir konnten sie aus unsern fremden Gefilden heraus nur intuitiv erfassen, und das Jin Jang gab uns in seinem Bild ihr Symbol. In diesen beiden feindlichen Fötussen, die sich so innig zu solcher Gemeinsamkeit umschlingen, wirkt etwas wie die Naturkraft der positiven und negativen elektrischen Ströme, die sich anziehn und abstoßen und eine Philosophie, die machtvoller ist als die, die jemals ein europäischer Kopf ersann. Denn sie ist nicht aus der Spekulation gedanklicher Erwägungen, aus dem Aufrechnen hirnhafter Abstraktionen gegeneinander entstanden, sondern ist eine schöpferische Wirksamkeit, die in 400 Millionen Seelen wahrhaftig und schwebend lebendig ist. Ein erregendes, tiefes und hohes Geheimnis des Menschseins -- uns halb gelüftet, mit Wonnen und Schauern, Grübeln und sich verlierendem Versinken von uns genossen. Das stand auf dem großen Tongefäß. Das Tongefäß fährt aber vielleicht dieser Tage auf einer Dschunke nach Schanghai hinab und kommt in ein europäisches Haus, und ein Kaufmann steigt morgens zum Bad hinein und denkt dabei nach, wie er immer mehr der Angestellte seines chinesischen Kompradors wird, als dessen Herr er sich aufspielt. Das erscheint ihm von seiten Chinas als hinterlistig und betrügerisch und das Zeichen des Verkommens. 13. Dezember. Die Operation in Wan Schien, die wir anfangs fürchteten, hat unerwartet geholfen. Der Pirat ist von großer Aufmerksamkeit, gehorcht auf einen Wimpernschlag und läßt alle Künste seines Kochtalents spielen. Nur einmal noch versucht er etwas zu retten. Er begann in seinem englisch-chinesischen Gestammel den Deutschen aus Wan Schien schlechtzumachen. Er kenne ihn von früher ... Er peitsche seine Diener und habe zwei chinesische Mädchen gekauft usw. Ich sagte ihm: "Es ist gut, spring mein Sohn, die Sache ist erledigt." "Finish?" fragte er. Er verstand nicht. Ich winkte ja. Der geldlose Freiblitzer scheint von Dankbarkeit erfüllt zu sein. Er lacht uns immer an mit seinem gelben abgemagerten Gesicht und hilft, wo es geht. Er macht dem Boy plötzlich die halbe Arbeit. Der Boy tyrannisiert ihn und spielt ihm gegenüber den Herrn. Er hat ihm wahrscheinlich gesagt, daß er auf seine Fürsprache bleiben durfte und er rechne drauf, daß er ihm das in Tschungking lohne. Einen neuen Patienten haben wir auch. Unter den Ziehern sind zwei Brüder, zwei kräftige Kerle mit langen Haaren und langen Röcken. Sie sehn aus wie Pilger aus "Tannhäuser". Der Kranke scheint Ischias zu haben. Vielleicht ließen ihn aber auch die Pflaster der andern nicht ruhn. Jedenfalls gibt Gre ihm dreimal am Tag ihr Universalmittel Chinin mit Himbeersaft und außerdem Säcke mit heißem Sand. Er ist nun der Held. Es ist eine außerordentlich wichtige Sache, diesen Trank zu nehmen und die Säcke aufzulegen. Alle sind bei dieser Operation beschäftigt. Wenn wir kommen, zeigt er auf seinen Schenkel, lacht und sagt, es sei schon besser. Er kann sich nicht bewegen und wohin er sich setzen will, trägt ihn sein Bruder mit nie müder Bereitschaft. August hat, seitdem es ihm mit seinen Kreuzschmerzen nicht geglückt war, eine Wunde am Bein. Er bekommt eine der kleinen Reisweintäßchen voll Wasser, in das ein wenig Karbol gemischt wird. Bevor wir Zeit haben, ihm zu sagen, daß er sich damit die Wunde auswaschen solle, hat er es rasch hinuntergetrunken. Das bekam ihm wenig. Es scheint sich aber allmählich die Vorstellung herausgebildet zu haben, daß wir die Reise nur unternehmen, um Medizin zu verteilen. Der Singkuli Nr. 2 puffte Gre heute in die Seite, rieb sich den Bauch und verzog das Gesicht. Dann winkte er, sie müsse ihm etwas dagegen zu trinken geben. Ich wies ihn mit einem Nasenstüber ans Ufer, wo sechs Chinesen auf Steinen ausdauernd und andächtig und von Hunden umlagert bei ihrem Geschäft saßen. 14. Dezember. Tse Pau Tsai. Ein merkwürdiger Klang. Es heißt Edelstein. Einer Ebene am Jangtse entsteigt plötzlich die schmale Säule eines schroffen hohen Felsens. Ein Städtchen schachtelt sich um seinen Fuß herum. Aus den Dächern heraus lehnt sich eine Pagode an den Fels und ihre geschwungenen Dächer, die wie Nasen übereinander stehn, reichen bis über die obere Kante des Steins. Droben erscheinen niedrige weiße Gebäude. Wir gehn zur Stadt hinauf. Schöne Tempel sind in ihr. Ein jeder liegt voll Soldaten, und in den Höfen stehn altertümliche schwere Gewehre mit gußeisernen Rohren auf verfallenen Gestellen. Die Soldaten tun sehr wichtig und ernst und schießen ihre scharfgeladenen Gewehre in die Luft, als wir wieder gehn. Dann steigen wir durch die Pagode zum Felsen hinauf. Es ist ein Kloster oben. Viele Hallen liegen voll Götterfiguren. Sie sind in Trümmer zerschlagen. Ein Chinese tat es, der ihnen untreu wurde und das Christentum, das er annahm, fanatisch gegen sie wandte. So bleiben sie nun liegen. Es müssen merkwürdige Darstellungen gewesen sein. Man sieht in ihnen viele Torsos von schwangeren und gepfählten Frauen. Fern ziehen durch die graue Luft die mächtigen Stufen eines riesenhaften Gebirgszugs. Um den Felsen-Einsamen fließt eine milde, weiche Landschaft auseinander, die drunten im Dunst des Tages silbern verschwimmt. Wir wollen den ganzen Tag hierbleiben. Ich geb der Mannschaft einen Djau. Sie bringen es fertig, mit diesen anderthalb Mark sich zu fünfundzwanzig Mann zu betrinken. Es ist das erstemal auf der Reise, daß sie Branntwein trinken. Sie kommen abends streitsüchtig an Bord und brüllen herum. Sie legen sich gleich schlafen. Auf einmal wird es wieder laut. Bums! fliegt unsre Tür auf, und ein nackter Bursch stürzt die Treppe herunter. Ich befördere ihn hinaus und sende ihm etliche deutsche Flüche nach. Bald schlafen sie. Nur August steigt noch herum. Aber er hat einen fröhlichen Rausch. Während wir baden, öffnet er von außen das Fenster. Ich schmeiße ihm einen Topf warmen Wassers über den Kopf. Er lacht und winkt, ich möge ruhig sein, er schaue nicht mehr herein. 15. und 16. Dezember. Die Stadt der Tempel -- Tsongtsau! Eine Stadt, die stirbt und in der die Reste alter Blüte verfallen. Ein einziger Tempel macht eine Ausnahme. Es ist die schönste Tempelanlage, die wir in China gesehn. Die Gebäude wachsen eng nebeneinander auf, Tempel, Theater, Höfe, Pavillons. Es ist eine Seidenstickerei auf Goldbraun. Mächtige Holzsäulen halten Dächer über den Besucher, die aus farbigem Email zu sein scheinen. Am Theater sind subtile Schnitzarbeiten. Viel Gold und Farben sind in die weiche Düsternis der Anlage eingelassen. Es ist Größe und spielende Freude an Ausschweifung in Kleinigkeiten. Die Strenge und Anmut Chinas ist in diesem Werk. Es ist der einzige Tempel, der gepflegt ist. Fast alle andern Tempel Tsongtsaus sind geschlossen, einige Kasernen. Die Stadt liegt in eine weite Mauer gegürtet auf Felsen, und mit merkwürdigen Überraschungen durchklettern sie ihre Gassen. Einst blühte sie als Examenstadt. Das ist vorbei. Aber von jener Zeit hat sie noch einen Hauch in ihrem Innern, in schönen, sonderbaren, reichen Hausfassaden, feinen Brückenbauten, mächtigen Anlagen von Beamtengebäuden und Tempeln. Am Fluß ist eine große Winterstadt mit breiten Straßen aufgebaut. Ein emsiges Leben füllt sie. Viele Schiffe reihn sich an ihr auf. Ganze Haufen von Orangen und Nüssen gibt es, Fasanen und Hasen; ich kaufte ein Paar Wildtauben für zwölf Pfennige. Das Leben gibt sich so chinesisch wie es ist. Bettler jammern einen halben Tag vor unserm Boot und folgen uns bis in die Stadt. Es sind entsetzliche, krätzige Wesen, Knaben, kleine Mädchen und Männer, mit Schmutzkrusten bedeckt, mit nie gereinigten Haaren, von den Ofenlöchern geschwärzten Leibern und, als einzige Bekleidung, den zerfetzten Sack über dem Rücken. Sie dringen bis aufs Hausboot hinauf. Die Chinesen wagten nicht, sie zu vertreiben. Ich mußte es selber besorgen. Scharlatane und Wahrsager, Barbiere und Ärzte schieben ihre Tische mitten in den Verkehr. Alte Herren tändeln durch die Menge und rauchen ihre selbstgedrehten Zigarren aus anderthalb Meter langen Bambuspfeifen. Ein jeder Platz ist Bedürfnisanstalt; doch findet man schon Rudimente des W. C. Eine Matte ist im Halbkreis aufgestellt. Primitivste Freudenhäuser mit einer urhaften Einrichtung locken die Kulis. Große Teehallen beben vom Geschrei ihrer Besucher. Mitten in den Wegen vermieten am frühen Morgen Leute Waschbecken, warmes Wasser und Tücher an die Kulis. Wir blieben zwei Tage in Tsongtsau. Man durchstreift eine solche Stadt wie zu einer Entdeckungsreise, und die Neugier ihrer Bewohner folgt uns, wie Dorfkinder einer Menagerie. Diese Neugier ist gutmütig und liebenswürdig, teils scheu, teils naiv aufdringlich. Der photographische Apparat feiert Triumphe. Wenn ich die Chinesen durch die Mattscheibe schauen lasse, sind sie ganz weg vor Entzücken und Heiterkeit. Dieses liebliche Reduzieren der Zeichnung, belebt vom kühlen Glanz der Farben, ist etwas, das ihrem Sinn liegt. 17. Dezember. Eine leere Stadt, eine Stadt, die keine Stadt ist, liegt auf einem Berg. Weite Festungsmauern umspannen mit schönen betürmten Toren ödes Land, aus dessen dürrem Gras nur Haufen von entlaubten Maulbeerbäumen wachsen. Im Innern verfallen einige große Jamen und Tempel. Kein einziges Wohnhaus hat diese Stadt jemals besessen. Es ist ein Fungtuschien, das kein Fungtuschien wurde. Das wirkliche Fungtuschien liegt eine Weile davon ab, unten am Fluß. Es wurde einst vom Hochwasser weggespült und die Regierung wollte die Bewohner, die gerettet wurden, in sicherer Lage neu ansiedeln. Sie baute die Mauern und die öffentlichen Gebäude. Aber die Bewohner kümmerten sich nicht darum und setzten sich wieder in ihr altes Nest. Wir kamen auf einem langen Fußweg über Land in die Stadt. Eine große weiße Pagode auf einer Bergspitze hatte seit langem ihre Nähe angezeigt. Der Zugang führte über eine gedeckte Brücke, auf der sich drei Haushalte eingerichtet hatten. Fungtuschien ist eine Wallfahrtsstadt, oder ist es gewesen. Wir fanden all die zahlreichen Tempel -- jedes dritte Haus ist ein Tempel -- von Soldaten besetzt oder an Handwerker und Teehäuser vermietet. In einem wurden Möbel gezimmert, im andern Gewehrrohre fabriziert, hier war ein Reismarkt, dort eine Garküche und dort eine Spinnerei und Weberei, wo vordem die Götter einen Lieblingsplatz hatten, von dem aus sie den Menschen geneigter waren als anderswo. In allen Tempeln waren feine Schnitzereien und überall hielten "Hunde Fo" Wache, die wunderbare Ornamente aus Stein waren. Aber die Gassen wimmeln von Mönchen. In jedem Ofenloch klebt ein schmutziger Bettler, und unter den Geschäften gibt es viele Pfandleihhäuser, in denen das verstorbene Regime einige alte, seidene, reichbestickte Mandaringewänder für uns untergebracht hat. 18. Dezember. Der Strom kommt mit verhaltener Macht aus der Unendlichkeit des Nebels. Auf einem Bergkamm wischt der Nebel langsam eine plumpe Pagode aus der Luft. Die Hügel laufen so zart rund um den grauen Dunst. Nur die Äcker leuchten von dem starken Grün der Pflanzen. Ein Ufer ist nur ein Hauch. An dem andern Ufer, an dem wir fahren, ist alles Silhouette. Stromauf schmiegen sich die hohen Flügel der Segelschiffe, die uns vorausfahren, in die weiche Luft, und an ihrer Seite tauchen rasch die großen, vom Rudern erdonnernden, vom Schreien erfüllten großen Dschunken auf und gleiten hastig und mächtig zu Tal. Ein feiner Staub sprüht aus der Luft. Der Westwind wirft ihn heftig gegen unsre Gesichter. Aus den zerrissenen Felsenufern erheben sich von Zeit zu Zeit große Reiher, segeln einsam und in bizarrer Körperhaltung vor uns vorbei, bis der Nebel ihre breiten Flügelschläge ganz einschlürft. Im Nebel zeigt sich das Fremde noch fremder: die weißen Hausgiebel in Akkoladenform, die kleinen Türme mit den Dächern, die wie Tannenäste von der Achse des Gebäudes abschweifen, die kargen hohen Pagoden, die Eingänge der Tempel, die wie mit bunten kleinen Scherben beworfen in den großen, einfachen weißen Mauern stehn, und über dem Menschenwerk die Schöpfung Gottes -- die mit dünnen langen Baumreihen ausgezogenen, spielerischen Züge der Hügelkämme ... ein landschaftliches Pizzicato. Wir haben uns angewöhnt, seitdem das Land gemächlicher geworden ist, die Hälfte des Tages zu Fuß am Land zu gehn. Am Ufer sind jetzt überall ganze Scharen von Goldwäschern. Ihre Arbeit zwischen Steinen sieht in der grauen farblosen Luft so armselig aus. Die Leute sind alle zerlumpt gekleidet. Es ist lächerlich, daß sie Goldgräber sind. Allenthalben kommen die steilen Weglein zwischen den Ackergärten Menschen herab und setzen sich ins nächste Fährboot. Wenn es so voll ist, daß es fast untergeht, beginnt es rasch in den grauen Strom hineinzufahren und sich quer ans andre Ufer treiben zu lassen. Wir hören die Trommel unserm Schiff Zeichen geben. Eine Schnelle rauscht, und Zieher schreien unsichtbar im Nebel. Da kommt jenseits auf der halben Höhe eines Berges ein Leichenzug. Schalmeien tönen hart und dumpf, der Gong brummt wie eine Glocke, und langsam taucht der Zug durch den Nebel vorbei: weiße Fahnen, ein roter Baldachin, ein roter Tragstuhl, weißgekleidete Menschengruppen. Die Landschaft ist eintönig, einsam und traurig. Die Musik des Leichenzugs ist wie der Atem dieser eintönigen, wehmütigen und sonderbaren Nebellandschaft. Aber diesen grauen Tag schloß die einzige Sternennacht, die wir bisher auf der Reise hatten. Stromauf und -ab flutete ein leiser heller Nebel, in dem die Strömung sacht rauschte. Der Sand knisterte am Boot unter unsern Füßen. Die Gipfel der Berge waren voll schwarzer Klarheit und drüber dehnte sich der flimmernde Glanz des Himmels. Ein Boot mit einer Fackel kam im Nachtnebel heran. Ein Mann wollte uns Gemüse, Eier und Hühner verkaufen. Er hatte auch in kleinen runden Schüsseln die vielen Speisen für die Chinesen. 19. Dezember. Futso'u ist eine große Stadt. Sie taucht uns geheimnisvoll und langsam auf einer Bergecke entgegen, und plötzlich scheint die Sonne über sie. Sie ist nicht viel anders wie die andern Städte, die wir durchgangen sind. Sie liegt über dem Zusammenfluß des Kung tan Ho mit dem Jangtse. Im Kung tan Ho lagen die merkwürdigsten Schiffe, die ich jemals gesehn. Es waren riesenhafte, plumpe Fahrzeuge drunter. Aber sie waren alle wie verdrückt. Sie waren nicht in graden Linien gebaut wie andre Schiffe, sondern wie ein Pfropfenzieher umgebogen. Die Kiellinie verlängerte sich nach außen durch den Rand der Steuerbordreling. Hoch über ihre Mitte ging eine fliegende Brücke, bis zu der das Steuer reichte, dessen Hebel aus einem etwa 30 Meter langen Baumstamm bestand. Die Chinesen nannten diese Fahrzeuge Wai pi kü'rh. Die Kenntnis der Ursache, weshalb diese Dschunken so absonderlich gebaut waren, hatte sich unter den Schiffern verloren. Der Fluß hatte eine besonders heftige und in kurzer Biegung drehende Stromschnelle, und es waren vielleicht alte Erfahrungen, die den Schiffen nach und nach diese Form gegeben hatten. Hinter Futso'u liegen alte Opiumbau-Täler. Die Bevölkerung war, seitdem die Regierung das Mohnpflanzen verbot, in Aufstand getreten und zum Teil Räuber geworden. Vor zwei Tagen hatten Soldaten hier zwölf dieser Räuber gefangen und nach Tschunking geführt. Ich sah, daß hier noch Opium geraucht wurde und ließ mich von dem brenzligen Geruch auf ein Schiff im Kung tan Ho führen. In einem offenen Verschlag lagen zwei Chinesen an einem der Opiumlämpchen, bereiteten sich gegenseitig die Pfeifen und schauten mich, stumpfsinnig und schon in ihr Verdämmern gesunken, an. [Illustration: Alte Ssetschuanesen] Als wir aufs Schiff zurückkamen, trat mir ein Chinese entgegen, der ein ganz zartes schönes Mädchen von etwa sechs Jahren auf den Armen hatte. Er verbeugte sich und zeigte uns den Kopf des Kindes, der von bösem Ausschlag verwüstet war. Wir konnten ihm nur "schi, schi!" sagen, d. h. sauberhalten. Dieser Besuch wurde abgelöst durch den Besuch eines im Jangtsetal gefangenen kleinen Orangs, der uns allerlei komische Kunststücke vormachte. Dann sahen wir den Laopan den Hügel von der Stadt herunterkommen. Die kleine dicke Kugel kam, wie an einer Schnur hin und her pendelnd, rasch heruntergelaufen. Er hatte die Hälfte seines Reises verkauft. Das sah man ihm und, als wir weiterfuhren, auch dem Schiff an. Man hatte ihn für die Abfahrt ans Steuer gelassen. Ich vermute, um ihm vor seinen Bekannten, die am Ufer standen, "das Gesicht" nicht zu nehmen. Ein Rausch in China war ungewöhnlich selten, aber auch ungewöhnlich billig. Wir blieben über Nacht an einem Dorf, in dem nur Körbe und Matten gemacht und Schweine geschlachtet wurden. 20. Dezember. Wir sind glücklich, daß die Schwierigkeiten, die uns in Wan über den Weg liefen, so gut überwunden sind. Der Boy ist vielleicht ein Pirat gewesen, aber er ist ein ganz außerordentlicher Diener. Wenn es nur keine Holzkohlen gäbe! In Futso'u mußte er wieder welche kaufen. Wir haben bisher mehr Geld für Holzkohlen als für Essen verbraucht. Dafür besteht im China der Europäer das Wort "Squeeze". Es gab einen Zusammenstoß. Ich glaube, er weinte. Aber nach solchen Auftritten, bei denen seine ehrgeizige Veranlagung sehr zu Schaden kommt, ist er immer von neuer Frische. Die Instinkte seines chinesischen Einordnungsgefühls sind neu gestärkt. Er tritt in seinen Kreis zurück. Das Jin hat über das Jang gesiegt. [Illustration: Garkoch] 21. Dezember. Mit der Flinte ging ich morgens einen Hügel hinauf, der steil über dem Fluß stand. Eine weite Mauer umschloß ihn. Es sind Türen in der Mauer. Aber sie sind fest und verschlossen. An einer brüchigen Stelle klettere ich hinauf. Innerhalb liegen nur Äcker. In einer Mulde steht ein Bauernhof und Bambus. Von unten hat man ihn nicht gesehn. Ich geh hin. Männer und Knaben kommen mir entgegen. Der alte Bauer hat eine Pfeife wie eine Waffe in der Hand. Sie ist ganz aus Eisen, eine kleine Keule. Er ruft mir zu "Zoa, zoa!" (Geh', geh'!) Er war sehr heftig und bös. Ich ging doch am Hof vorbei, weil ich nicht denselben Weg zurücknehmen mochte. Alle kamen ein Stück hinter mir drein, wie Räuber, die sich nicht sicher sind, ob sie den Überfall wagen dürfen, bis sie sahen, daß ich den Pfad zum Fluß hinabging. Sie riefen etwas nach. Aber ich bin nicht sicher, ob es das Fluchwort gegen die Fremden war, das gefürchtete "Jang Kwei Tse" -- Fremder Teufel! Wir haben es noch nirgends gehört. 22. Dezember. Die Landschaft wechselte wieder. Kleine heftige Hügel sprangen im silbernen Dunst aus den Uferfelsen. Hinter ihnen wogte das Land hügelig weiter bis zu kühn gewölbten Gebirgen, die der Nebel in sich gefangen hielt und nur figurenweise der Luft gab. Bauernhöfe lagen in Bambus verborgen. Nur ihr Rauch verriet sie. Rund um sie war der Boden bis ins allerletzte ausgenutzt und die Äcker mit Hirse, Getreide, Kohl, Erbsen sahen aus wie Mustergärten. Alle die Millionen kleiner Pflanzen standen in geraden Strichen, und der fettbraune Boden schimmerte durch. Die Äcker waren heftig grün, wie Patina auf Bronze, über die dunkle Erde gelegt. Die Hunde der Bauernhäuser fielen mich an. Die Weiber standen mit offenem Munde, von meinem Erscheinen betroffen, in den Höfen und stürzten plötzlich Hals über Kopf ins Haus. Der Riegel klappte zu. Schwere feindselige Wasserbüffel gingen durch die Landschaft. Über einer Stadt, hoch im Gebirg, zog eine zinnen- und turmbebordete Mauer über Anhöhen und in Täler hinab. Gegen Abend weitete der Jangtse sich aus. Er wurde ein See, im Dunst der Abendröte erglühend. Schiffe mit hohen Segeln standen mit langsamem Weg im Blut des Wassers. Wasserbüffel pflügten auf der Kante der Hügel gegen den brennenden Himmel und glimmerten dunkel gegen das Licht. Der Bauer führte den alten Pflug. Er sah aus in seiner Faust wie ein starker hölzerner Bogen. Wir kamen in ein kleines Dorf, das in den Ausgang einer Schlucht gebaut war. Ein kleiner Tempel ohne besonderes Aussehn stand am Weg. Er war offen, und wir gingen hinein. Es schien der Tempel einer Schiffergilde zu sein. Überall lagen roh gezimmerte Schiffsmodelle. Überall war auch Verfall in ihm. Nur auf allen Altären standen Fayencen von großer alter Schönheit, blau und weiß, eigenartig und seltsam in den Zeichnungen, und tief und leuchtend im Schmelz. Es waren zum Teil kindergroße Vasen, immer in abgestimmten Sätzen von fünf Stücken zusammen. Ein alter, halb vertrottelter Chinese kam nach langer Zeit heraus, sagte etwas mit seinem zahnlosen Mund, und ich gab ihm einiges Geld. Wir lagen über Nacht eine halbe Stunde flußaufwärts. Ich sagte dem Boy, er solle mit dem Gratisblitzer in das Dorf und zu dem Tempel gehn und versuchen, ob er die Fayencen kaufen könne. Das Trinkgeld für ihn, wenn es gelinge, sei sein doppelter Monatslohn. Wir warteten erregt auf die Rückkehr der beiden. Es wurde tiefe Nacht. Ach, wir haben uns umsonst erregt. Der Alte ließ uns sagen, er möchte ja wohl die Gefäße verkaufen, aber jedermann in der Gegend kenne sie, und ich solle ihm es nicht verargen, daß ihm sein Kopf lieber sei, als meine Silberstücke. Diese fünfundzwanzig Vasen waren so mächtig, so schön, so seltsam, wie ein ganzer großer Berg voll blauen Rittersporns in einer Schneelandschaft und unter einem seidenblauen Himmel. 23. Dezember. Drei kleine chinesische Erlebnisse hatte ich heut. Morgens drohte eine Dschunke mit uns zusammenzustoßen. Alle Mann stemmten sich gegen das schwere Fahrzeug. Ich griff mit ein und kam grade neben den Koch. Dieser schwerfällige fette Kerl glitschte aus und sank zwischen die Wände der beiden Boote, die unaufhaltsam sich einander näherpreßten. Ich bekam ihn noch rechtzeitig zwischen den Beinen zu fassen und zog ihn heftig herauf. Dabei rutschte sein Kopftuch ab, und ein anderthalb Meter langer Zopf rollte sich auf. Alle Kulis stürzten auf ihn los, einer nahm sein Messer, einer ein Beil, und sie wollten ihm im Scherz den Zopf abschneiden. Andre traten doch besorgt dazwischen. Keiner hatte gewußt, daß der Reiskoch noch einen Zopf trug. Heimlich verbarg er das Zeichen, mit dem er an dem alten China hing. An den Toren der Städte standen Soldaten, die jeden Zopf abschnitten, der vorbeikam. Mittags stand ich einem Chinesen drei Minuten lang auf der nackten dicken Zehe. Das kam so: Wir gingen in einen Tempel, der ganze Ort hinter uns drein. Sie schoben sich einer vor den andern, um von den fremden Affen keine Bewegung zu verlieren. Im kleinen Tempel, von Menschen umringt, sah ich einen merkwürdigen Gott. Ich blieb plötzlich stehen, zog den Apparat heraus und trat einen Schritt zurück, um Distanz zu bekommen. Ich fühlte, daß ich auf etwas Weichem stand, schaute zum Boden und sah einen nackten Fuß. Er rührte sich nicht. Meine Stiefel waren nicht aus Samt. Ich dachte mir: mach' die Probe und bleib auf der Zehe stehn. Ich machte die Aufnahme. Es dauerte eine ganze Weile. Ich spürte die weiche Zehe unbeweglich unter meinem Absatz. Als ich fertig war, gab ich die Zehe frei und drehte mich rasch um. Hinter mir stand ein junger Mann mit einem schönen, ebenen Gesicht. Er schaute an mir vorbei auf den Gott. Er warf keinen Blick auf seine geschundene Zehe und brachte nicht einmal durch Zurückziehen des Fußes den Verdacht drauf, daß irgend etwas an ihm mit mir zu tun hatte. Was war die Ursache eines solchen Benehmens? Abends kamen wir auf einmal an eine Bucht, die das Flußufer zwischen Felsen bildete. Es wäre schwierig gewesen und ein großer Umweg, über die Felsen zu klettern, und ein Chinese hatte sich in seinem Erwerbssinn diesen Umstand zunutze gemacht, seinen alten Kahn in der Bucht verankert und von achtern und vom Bug Bambusstangen ans Ufer gelegt. So war eine primitive und nicht sehr sichere Brücke geschaffen. Wir turnten hinüber, hinter unsern Ziehern her. Unser Schiff legte mit andern gleich hinter der Brücke an, und der Chinese ging mit seiner Fackel absammeln. Der Laopan gab ihm für jeden Zieher etwa einen halben Käsch. Ich gab ihm für uns beide dreißig. Hätte ich ihm auch nur einen halben gegeben, so wäre er zufrieden gewesen. So aber kam auf einmal, durch das unerwartete Überzahlen angelockt, der Geist des Verdienens mit den Vorspiegelungen abenteuerlicher Möglichkeiten, die er aus den reichen und wohl auch dummen Fremden herausholen könnte, über ihn. Er kam gleich und wollte mehr haben. Die halbe Nacht lang mochte er sich nicht vom Hausboot trennen, und er verbrannte eine Fackel nach der andern vor unsern geschlossenen Fensterläden und rief seine Forderungen herüber. 24. Dezember. Wie eine Überleitung kommt ein Auftakt in die Landschaft. Aus dem Hügelland sammeln sich wieder die Berge zu einer breiten Schlucht. Sie ist voll Buchten, und eine jede sieht mit ihren verzogenen Ufern und dem ruhig und breit strömenden Fluß aus wie ein Gebirgssee. Überall heben sich die Schächte kleiner Kohlengruben aus den Flanken der Berge. Auf fernen Höhen stehn religiöse Denkmäler: Ehrenbogen, aus denen sich zahllose steinerne Arme wie Krallen zum Himmel aufheben. Eine stürmische Bö jagt uns mit vollem Segel durch die Schlucht. In einer Nachmittagsstunde erschienen, erst in der grauen Luft geheimnisvoll zurückgehalten, die Dächerscharen von Tschunking hoch über dem Strom auf einem geneigten, riesenhaften Felsenplateau, in grauen Farben in die dunstige dunkle Luft geschüttet. Der Strom ist hier, 2500 Kilometer von seiner Mündung ins Meer, noch zwei Kilometer breit. Die Stadt baut sich über seiner mächtigen Bahn fremd und großartig auf. Ein breiter Fluß strömt in den Jangtse, und an seinem Ufer, gegenüber von Tschunking, dämmert eine andre große Stadt im Nebel. Wir mußten mit unserm Boot zuerst am Zoll anlegen, warten. Die Zollstation war auf dem der Stadt entgegengesetzten Ufer. Wir gingen am Strand hinauf und schauten sehnsüchtig und voller gieriger Erwartung nach Tschunking hinüber. Was wartete dort auf uns? Die Stadt war eines der großen Mäusenester Chinas. Wir sahen am Ufer unterhalb eines Tors dunkle schwere Menschenmassen sich zusammendrängen. Wir gingen zum Boot und fragten. Der Boy erkundigte sich. Er kam, lächelte und erzählte, daß man jetzt drüben die zwölf Räuber köpfte, die man vor einigen Tagen in Futsou gefangen hatte. Die Menschenmasse quoll hin und her. Die hohe Treppe zum Tor hinauf war wie ein dunkles bewegtes Band. Den Fluß aufwärts standen steile Gebirge im grauen Abend. Es waren die ersten Regungen des Tibet. Sie hatten kalte, verhüllte, befremdende Formen. In dieser Stunde begann man zu Haus in Europa den Weihnachtsbaum anzuzünden. SSETSCHUANESISCHE GROSS-STADT STADT Vom Jangtsekiangstrand, wo unterhalb des hohen Tores Tung Sui vor dem hin- und hertanzenden Scharfrichter die zwölf Flußräuberköpfe in den Sand gefallen waren, stiegen wir die mächtige steile Treppe zur Stadt Tschunking hinauf, mitten in den Scharen der Leute, die hinab schauen gegangen waren. Ein Chinese ging vor uns, hielt ein Ästlein mit gelben Blüten vor sich, als sei es aus Glas und Porzellan gesponnen. Er drehte sich einmal nach uns um. Seine Blicke waren wie aus Jett ... das Rätsel ... das Rätsel! Wir sahn unser Hausboot gelb unten zwischen Dschunken liegen. Dreißig Tage waren wir mit ihm den Strom heraufgefahren, durch Schluchten und über die tollen Schnellen und an Stadt und Dörfern vorbei und während uns diese Fahrt, mit allen Abenteuern und überstandenen Gefahren, mit allen Lüsten und Mythen der verzweifelt und ekstatisch fremden Reise noch das Blut dunkelte, sahen wir hinter der mächtigen Stadt die steilen ersten Gebirge des Tibet nebelig in den Abend tauchen. Diesen ersten Abend in Tschunking verbrachten wir in dem Haus, in dem der Norddeutsche mit dem Genfer einen sich sonderbar ergänzenden Haushalt zusammen führten. Es waren nur sehr wenige Europäer in der Stadt. Das Haus hieß Ba-Fung. Ein Tannenbaum brannte im Eßzimmer, und er war mit chinesischen Nippes behängt. Es war infolgedessen der erste wirklich vollkommene schöne Weihnachtsbaum, dieser Weihnachtsbaum, den ein chinesisches Christkind geschmückt hatte und dessen Seele so von Deutschland duftete. Aber nachher wurden wir in Sänften zu dem Haus getragen, das man für unsern Aufenthalt so liebenswürdig vorbereitet hatte. Der Stuhl mit der leichten Gre flog vor mir her und verschwand bald in der Finsternis der bald ebenen, bald steilen Gassen, die sich wie ein geheimnisvolles geometrisches Werk vor den aufgerissenen Augen aufbauten und zurückgingen. Die nackten Fersen der drei Träger klopften auf die Steinfliesen wie eilige Stockschläge. Sie stürzten dahin wie ein Federwerk. Ein mitten durch die Straße verschlossenes Holzgatter fing sie auf einmal auf. Sie schimpften etwas in die Finsternis. Die enge Nachtgasse erbebte von ihren Gurgellauten. Der Laternenträger, der immer vor dem Stuhl herlief, griff zwischen die Stäbe des Gitters. Auf der andern Seite stand ein Polizist, der sich aber nicht rührte. Ein Ballen Lumpen tauchte neben ihm auf und reichte einen Schlüssel. Einige Münzen fielen. Schon liefen die Kulis wieder hinter dem geöffneten Gatter. Gre, die wir am Straßentor eingeholt hatten, war uns wieder entwischt. Es kam bald ein zweites dieser Holztore. Es ging wie beim ersten. Die unter den Kehltönen erbebende Dunkelheit, der Lumpenballen mit dem Schlüssel hinter dem reglosen Polizisten, die auf die Steinfliesen klingenden Münzen, das Lumpenbündel wie ein Vogel drüber niederfallend ... Die Träger stürzten wieder an. Und auf einmal war es, als rissen sie sich aus ihrem Lauf. Pan go! brüllte einer ... Wechseln! Sie wechselten die Schulter im Nu unter dem Tragbalken. Trappetrapp! klopften die nackten Fersen weiter über die Steinplatten. Die dicke Papierlaterne mit dem großen roten Zeichen des Hauses Ba-Fung vergoldete im Fliehn die Hauswände. Die Hauswände zitterten in der Finsternis zurück. Unterwegs waren viele Treppen. Einige stiegen mit mehreren hundert Stufen steil hinauf. Ich lag dann tief hintenüber in der Sänfte. Ich dachte: so kannst du hintenüber hinausstürzen und rückwärts bis in alle Ewigkeit dieser Dunkelheit kugeln und kugeln. Was wird dich aufhalten? Kein Häkchen steht aus deinem Hirn heraus zum Anklammern in dieser fremden Geographie des Geistes, und dein Gemüt ertrinkt eher in einer Irrenanstalt, als daß es mehr als Liebe hergäbe zu dem geheimnisvollen Sturz durch die Finsternis Chinas. Aber die Treppen milderten den Takt der Träger. Dann ging es wieder eben, und der Lauf begann von neuem. Treppen, die nicht mehr als haushoch waren, fuhren sie mit einem einzigen Anlauf hinan, der aus ihren Muskeln stürzte, zugleich wo ein anfeuernder Schrei sich ihrem Mund in die Finsternis entbohrte. Auf einmal tauchten wir in einen finstern Torbogen wie in einen Schwamm. Der Stuhl wurde durchgerissen, flog atemlos Stiegen an und oben schien der Sternenhimmel über mir und nah seitwärts auf der Höhe meines Sitzes glitten die Zacken der gezinnten Stadtmauer vor der Tiefe zurück. Ich erschrak. Zwei Ratten liefen eine Weile im Licht der Papierkugel vor mir die dunkeln Zinnen entlang. Unten sah man wenige Lichter auf dem Fluß. Weiter entfernt und höher leuchtete es hier und dort in den schwarzen Massen der Stadt Kiangpe jenseits des Kiating, und über alles floß die tiefe klare Sternenfinsternis. Der Stuhl fuhr jäh und rasch den Weg über die Mauer, sauste wieder Treppen hinauf und glitt vorsichtig Stiegen hinunter. Die Stangen wippten im Takte. Ich schien so über die Zinnen der Mauer gehoben hoch durch die Tiefe der Nacht geschaukelt zu schweben. Der Lichtschein der Papierlaterne beleuchtete einmal die Fesseln des Trägers vor mir. Sie zitterten, als ob die Füße abbrechen wollten. Jetzt stürzt er, fuhr es in mir auf. Ich stemmte mich gegen den Fall. "Pan go!" Halt und wechseln. Die Stöcke klopften nieder. Fast im selben Augenblick lagen die Bäume auf der andern Schulter. Der Stuhl eilte weiter. In einem Totenhaus -- rasch vorbeigeweht -- ist Bumbum, Geleier, Geheul und Lichter. Endlos in weiten Biegungen fahren unsere Sänften über die Mauer. Die der leichten Gre entwischt meinen Trägern immer weiter. Ferner und hoch seh ich bald das Licht ihres Stuhls die Finsternis erklimmen. Dann verlöscht es. Schließlich schwankte mein Stuhl mit kurzer Wendung in eine Gasse, schlüpfte hastig und heimlich durch ein Gewuschel von Treppen und Schlüffen, Höfen, Häusern und stieg endlich ins Tor unseres Hauses hinein. Dort stand Gre schon und wartete. Wir waren wie geblendet von der Fahrt durch die finstere Stadt. Es war eine Vision, ein geheimnisvoller und abenteuerlicher Flug in einem Luftballon durch China. Das Haus war wie ein Kastell, an die Kante der Stadt zwischen hohe Mauern gestellt. Von der großen Veranda, die das erste Stockwerk umlief, sahen wir die Stadtdunkel und mit den mächtigen Dächern der Tempel der Nacht anheimgegeben. Auf die glasierten Drachen und Blumengitter der Dachfirste glitzerten ganz fein die Sterne nieder. Ein Musikant fiedelte durch die Gassen vor dem Tor. Ein Garkoch rief. Ein Nachtwächter ging draußen vorbei und schlug dröhnend auf seinen Gong, um die Diebe zu erschrecken. Ein Tamtam wollte den Sinn der Götter auf die Erde lenken, auf die vor Fremdheit wie eine Äolsharfe tönende, unerschöpfliche, finstere Erde. Gleich des andern Tags begannen wir die Stadt zu erforschen. Ihr Leben war so bewegt und mannigfaltig wie ihre Anlage. Die Stadtmauer führte wie ein Wall über der Tiefe der beiden Flußtäler. Im Winkel des Zusammenflusses unterhalb alter finsterer Toreingänge lag die Flußstadt. Sie bestand nur des Winters. Der Jangtse ist ein Strom von so mächtiger Rätselhaftigkeit wie China selber. Hier oben, 2500 Kilometer von seiner Mündung, stieg sein Wasserspiegel zu Beginn eines jeden Sommers um dreißig Meter. Seine Breite erreichte etwa zwei Kilometer. Im Winter floß das Wasser wieder ab, und an dem breiten Strand erbaute sich wie überall an diesem Strom die Stadt mit Läden, Garköchen, Teehäusern, Handwerkern, Ärzten, Wahrsagern, Freudenhäusern und einem immer in Fleiß verwühlten Leben. Am Ufer drängten sich die Scharen der Dschunken und Wupans zusammen. Große Hausboote lagen da. Bettler- und Dirnenboote, rudernde Küchen, Krämer und Geistliche fuhren zwischen den Schiffen hin und her. Vom Fluß stiegen Treppenaufgänge zur hohen Stadt, deren Leben dem Treiben in der Flußstadt nichts fortzunehmen schien. Breite Menschenmassen überfluteten die Treppen mit arbeitender Hast und zwängten sich oben an der Mauer in dunkle schmale Tore hinein. Bevor man ins Tor hineinging, sprang von der Treppe eine lange Gasse von Häusern ab, die auf hohen Stangen an die Stadtmauer gelehnt waren und droben wie zerbrechliche Nester anklebten. Zwischen Fluß und Stadt gab es keinen Quadratfuß Weg, den nicht fortwährend der nackte Fuß des Kulis beging und der den chinesischen Fleiß von Jahrtausenden in tiefen Spuren in den Leib geprägt trug. Der Jangtse zog ins Tal hinab, gelb vom Sand der Ufer, wie die Stadt grau war, und mächtig wie sie. Im Innern standen an den Toren Polizisten, und einer hatte die Pflicht darüber zu wachen, daß kein bezopfter Chinese in die Stadt kam. Er zog die Kopftücher herunter und jeder Zopf wurde bis auf die Haarwurzeln abgesäbelt. An den Toren unterbrach die Schnur der Wasserträger, die von früh bis spät die Stadt mit dem Fluß verband, den eintönigen schweren Takt ihres Zugs. Andere Kulis nahmen hier die Eimer ab und liefen mit dem Wasser an der Tragstange weiter die engen Treppengassen hinauf, die von den tiefen Toren in die Stadt hinauf auseinander kletterten. Die Gassen schlangen sich klimmend durcheinander, liefen eine Weile eben und führten plötzlich wieder auf hohe Stiegenabgänge, die sich wieder zu tiefer liegenden Stadtteilen hinabsenkten. Die Anlage, die Gassen waren von einem feuerigen Temperament, ganz anders wie in dem strengen Tschangscha. Anfangs verliefen wir uns immer und machten zwischen Ba-Fung und unserm Haus Umwege von zwei Stunden. Aber das Dasein der Gassen war so bunt und anreizend. In jeder der dunklen Höhlen arbeiteten fleißige und geschickte Hände. Es wurde geschnitzt, gestickt, getrieben, gedrechselt, gemalt, gewebt, ziseliert. Hier wurde in großen Läden verkauft, dort gekocht und gegessen oder Seide abgesponnen, Tuch gewalkt, Reis gedroschen, zarte Bambuskugeln wurden zu farbigen Seidenlaternen bekleidet und Menschen und Tiere aus bunten Papieren aufgebaut und zur Begleitung der Toten ins andre Reich bereitgehalten. In schönen runden Haufen hingen die roten Kerzen in den Läden und die goldverzierten roten Feuerwerksfrösche häuften sich in den Gestellen hoch. Alle Gassen waren bebend gefüllt mit vorandrängenden Menschen. Manchmal durchbrach eine Reihe von fünf, sechs Blinden hastig im Gänsemarsch, einer die Hand auf der Schulter des andern, die wogende Menge. Der erste quäkte ein Lied und die andern sangen den Kehrreim. Die Bettler waren nicht wie in andern Städten. Sie waren einigermaßen Artisten. Zweien begegneten wir immer, von denen der eine drei bestielte Kerzen, der andre drei große Brotmesser im Kopf feststecken hatte. Ab und zu nahmen sie sie heraus und steckten sich sie vor unsern Augen von neuem ins Hirn. Einer kam jeden Morgen an unserm Tor vorbei, der tagein, tagaus ein altes Weiblein, seine Mutter, auf dem Rücken durch die Gassen trug. Fürchterlich aber war der Mann, der von Laden zu Laden ging, unversehens ein Hackbeil hochhob und sich lächelnd damit in den Arm schlug. Der Arm war voll blutiger Schnitte und die Kleider mit Blut besudelt. In der hohen Treppe, die zum Haus unsrer Freunde hinabführte, kniete jeden Tag bis in die Dunkelheit hinein ein Mann, der, sobald jemand nahte, plötzlich mit aller Wucht den Kopf auf eine Steinstufe niederschlug. Es klang wie von einem Hammerschlag. Man fuhr erschrocken auf. Der Bettler hob aber den Kopf und ließ seine flehenden Hände die Kleider der Vorübergehenden streifen. Auf der Stirn hatte er eine dicke graue Beule wie einen steinernen Keil. Und immer sah man Kinder umherlaufen, die, erst Schüler, diese Dinge unvollkommen und im kleinen nachmachten. Auch einige Bettelmönche durchstreiften Tag für Tag die Gassen. Sie gingen wie in einem kleinen schmutzbedeckten Traum daher. Ein alter Mann war unter ihnen. Er hatte seine spärlichen langen grauen Haare über den Schläfen in zwei Schnecken aufgebunden, wie ein deutscher Backfisch. Er trug einen Baumast als Stock, dessen Wurzeln ausgeschnitzt waren und hielt als Bettelschale einen geschnitzten und rotlackierten Wurzelstock hin. In den Gassen saßen schmutzige und mit Aussatz behaftete Weiber. Sie riefen einem von fernher eindringliche Worte zu und griffen mit magern Armen wie Spinnen nach dem Vorübergehenden, der nichts gab. Eine Bettlerin, die nichts hatte, um ihre nackten Beine zu bekleiden, legte sich Papiere über die entblößten Schnürfüße. Es war unstatthaft, die "goldnen Lilien" zu zeigen. Rotbärtige Tibeter, mit Lammfellen bekleidet, irrten fremd durch die Fremdheit der Volksmassen Tschunkings. Mit der Dämmerung, um sechs Uhr etwa, schlossen die Geschäfte. Die eisenbeschlagenen schweren Türen der Stadttore wurden zugerammt und trennten Stadt und Land. Ein letztes Aufatmen ging durch die Gassen. Ein neues verkleinertes Geschäftemachen begann. In der Sin Fung Gai, der neuen Windstraße, breiteten kleine Händler allerlei Dinge im Schein von offenen Ölflammen an den geschlossenen Wänden der Geschäfte aus. Man konnte hier manchmal ein schönes Kupfergefäß oder eine Stickerei kaufen. Dort, wo die Gassen mehr Platz machten, und in den kleinen Teelokalen erschienen Erzähler. Die einen erzählten im Takt von Instrumenten in alten Versen, sonderbar und eintönig dazu tänzelnd; die andern saßen auf einem erhöhten Tisch im Teehaus. Sie waren von der Regierung angestellt und sollten den Gedanken an die Republik verbreiten. Sie schlugen von Weile zu Weile, ohne ihre Rede zu unterbrechen und ohne Zusammenhang mit ihr, mit einem kleinen Brett heftig auf den Tisch, um eine abgeirrte Aufmerksamkeit wieder heranzuziehen. Erzähler von schmutzigen Geschichten sammelten, aus Furcht vor der Polizei, in dunklen Hofecken einen Kreis von lachenden Zuhörern um sich. Es gab viele Theater in Tschunking, und berühmte Gesellschaften spielten in ihnen. Dann lief die ganze Stadt hin und die Vorstellungen begannen oft schon vormittags und dauerten bis in die Nacht. Man hörte bis in die Straßen den Lärm ihrer Musik. Ihre Eingänge waren mit Lampions in Gestalt von phantastischen Tieren behängt. Es ward uns zur Leidenschaft, uns ihren Rätseln anheimzugeben. Sie waren prunkvoll und primitiv, verworren und glasklar, lärmend und ergreifend. Niemals in irgendeiner Kunstäußerung war etwas so bis zur Grenze des geistig Möglichen in Stil gewandelt worden. Hier sahn wir den Zorn stilisiert, die Dummheit, die Häßlichkeit, die Liebe, Vaterlandsgefühl und Kraft, Mut und Tod. Aber alle Stilisierung war irgendwie im Zusammenhang mit etwas Lebendigem geblieben, mit etwas der Kreatur Anhaftendem. Es schien der Bewegungslinie schönster Tiere abgeschaut worden zu sein. So schüttelt sich, Nerv bis in das letzte Federaug, der Pfau, der im Brunstzorn das Rad aufschlägt; der Hengst, der frei auf einer Wiese rast und sich in der Hand des Zähmers bändigt ... Wie in allen Gesellschaften waren auch hier die männlichen Darsteller der Rollen junger Frauen bei den Zuschauern am beliebtesten und auch für die europäische Phantasie am aufregendsten. Sie waren schmal und schön, von kostbar bestickten Gewändern überflossen; eine Kultur der reinen Lasterhaftigkeit im geistig Erotischen war in ihnen. Sie waren von einer engschultrigen, hüftenspielenden weiblichen Linie und weichen, vollkommenen Bewegungen, und doch lag in allem, was sie taten, ein letzter Schimmer männlicher Herbheit. Sie schufen ein Zwischengeschlecht, dem die Phantasie anheimfiel. Die Chinesen wurden lasterhaft durch sie. Wenn eine dieser Gestalten auf der Bühne erschien, schrie das ganze Theater seine wie erbost und in jäher Flamme des Eros hervorgestoßenen Cha! Cha! ... Du bist schön. Europäer belachen dies Theater, weil es so fern von dem Verismus ihrer Bühne ist. Sie hätten wohl recht, wenn es feststünde, daß ihr europäisches Theater etwas Primäres und etwas endgültig Naturhaftes wäre. Wenn es als Axiom zu gelten hätte, daß die Verquickung von produzierender Kunst des Dichters mit der reproduzierenden des Darstellers etwas Gottgegebenes sei. Ist es aber nicht möglich, daß der einmalige Zufall einer Genialität wie der Shakespeares das ganze europäische Theater in eine Bahn lenkte, in der es heut scheinbar von selber läuft? Leiden nicht alle wahrhaftigen Dichter blutig bei uns unter der Übermittlung ihrer Werke durch den Schauspieler? Und ist der Schauspieler selber nicht ein Mensch geworden, dem das Reale unter den Sohlen entgleitet, ohne daß er den geringsten selbsttätigen Anteil an der Ursache des schattenhaften Verhältnisses hat, in dem er zur Wahrheit steht? So sehr unter den Sohlen entgleitet, daß er, abgerechnet das, was groß- und kleinstädtische Dummheit, Mode und Suggestion aus ihm machen, ein pendelndes geistiges Neutrum ist, das sich nie ganz frei von Lächerlichkeit und Lüge und sich nirgends mit seinen zwei eigenen Beinen in unsere Welt gestellt weiß! Ist es nicht auszudenken, daß, vor einer Äone geistigen Lebens, unser ganzes Theater von heute in Europa ein Irrtum ist, von dem größere Zeiten den europäischen Geist wieder reinigen werden? Im chinesischen Theater ist der Darsteller in gewissem Maß zugleich der Produzierende und der Wiedergebende. Die Stoffe dieser Stücke sind wirklich Stoff, nur Stoff, wie der Lehm dem Bildhauer. Man sagte mir, es bestünden eigentlich keine Texte, der Schauspieler improvisiere. Das ist wohl so zu verstehen, daß das Theater nur aus dem Prinzip des Improvisierens entstanden ist, daß sich im Laufe der Zeit aber eine Überlieferung herausgebildet hat, an die sich der Darsteller hält! Das ist um so wahrscheinlicher, als der Schauspieler, bevor er auf die Bretter gelassen wird, ja von Kind an, eine Schule strengster Zucht durchmachen muß; denn er soll nicht nur eine reine Geistigkeit sein, sondern muß, für eine Anstalt, in der die Ausstellung des Körpers doch die wahrhaftigste Bedeutung ist, lernen, diesem Körper eine Befreiung von seiner Schwerkraft zu geben, die seine Äußerungen der leichten Atmosphäre der Geistigkeit nahebringt. Dazu muß er Akrobat werden. In der Darstellung vermag dann der chinesische Schauspieler seine Physis in eine europäischem Begriff übermenschlich erscheinende, in eine flughafte und mit Fließkraft versehene Bildhaftigkeit aufzulösen, wobei ich nicht an die Saltomortales denke, sondern an seine Bewegungsart überhaupt. Wohl erschien dies Theaterspielen uns Fremden zunächst als reine Artistik. Aber haben wir nicht rasch gelernt, mehr darin zu sehn ... ganz etwas anderes und größeres? Lebt in dieser Bühne Chinas nicht dieselbe befruchtende und beseligende Symbolhaftigkeit, die wir selber bei uns etwa aus der Wohnkunst unserer Vorfahren unmittelbar durch die Augen in unser Herz leiten? Jene Wohnkunst stammt auch vom Handwerker, vom Wirkenden mit der Hand. Der Hand aber die Geistigkeit zu geben, die ihre Produkte über die Vergänglichkeit des Muskels in die lichten Räume von Gehirn und Empfinden hineinführt -- für Hersteller und Betrachter -- ist das Artistentum? Ebensowenig ist der chinesische Schauspieler Artist. Er ist ein Stilkünstler ohne Vergleich. Das Barock in Europa hat durch die sprengende Macht seiner weltlichen Stilkraft den Gedanken besiegt, dem es dienen sollte -- der strengen weltabwendenden Kirche. Das chinesische Theater hat Leib und Seele, wie im Geheimnis des Jinjangs, zu Stil zusammengefügt, und für China und seine Ewigkeit das Problem Bühne gelöst. Wenn man dies anerkennen würde, müßte freilich die Alleingültigkeit Europas aufgegeben werden, auf die man nach Lowells Buch über den Osten noch weniger verzichten will als vorher ... Gegen zehn Uhr waren die Theater zu Ende. Das Leben in den Gassen erstarb rasch. Die Gittertore, die im Innern der Stadt die einzelnen Straßenzüge voneinander trennten, wurden geschlossen. Es war Mittelalter und graue Stummheit, und nur in einigen Vierteln wachten noch einige Lichter und Geräusche, wachte noch einige Arbeit und dröhnte der bronzene Gong der Nachtwächter. Wir flogen in den Sänften, von der ungestümen Kraft und Gewandtheit der Träger dahingerissen, treppauf, treppab, über die unheimliche Stadtmauer, auf die aus der Nacht heraus die Düsternis und Grausamkeit des Mittelalters niedersprühte, unserm Haus zu. Die Schauspieler einer der fremden Truppen wohnten an unserm Weg nach Ba-Fung. Sie wohnten in einem Haus mit einem großen finstern Hof, in den ein Tor führte. Darin saßen sie oft, erkenntlich an ihrer süßlichen Art sich auszustatten, sich die Haare zu glätten unter den kleinen runden schwarzen Käppchen mit einem roten Knöpflein auf dem Dach. Sie waren nicht nur Schauspieler, wie gesagt, sondern aufgesucht von der Lasterhaftigkeit der verriebenen Erotik gewisser Kreise des Volkes. Ich sah einem Straßenarzt zu, der mitten im Verkehr tätig war, etwa an der Ecke der Linden mit der Friedrichstraße. Er hatte einen alten Kuli auf einer Bank vor sich sitzen. Er mischte in einer Schale zwei Flüssigkeiten, besprach sie, trank davon und gab darauf dem Patienten zu trinken, indem er murmelte und beschwörende Bewegungen machte. Dann stellte er die Schale fort, löste dem Kuli das Hosenband, die Hose fiel zurück bis auf die Knie, die ganze Partie hinten und vorn entblößte sich dem Patienten, und es erschien ein trächtiger Bubo. Der Arzt nahm eine leichtgebogene Klinge, die nicht sehr scharf schien und mit Rost bedeckt war und stieß sie unversehens in den Bubo hinein. Das Leben des Nachmittags umstrudelte die Operation. Der Arzt nahm Reispapier, trocknete damit das Blut auf; der Kuli band sich die Hose wieder über, bezahlte mehrere Kupferstücke und ging davon. Hinter einem Ladentisch, die mit geringen Ausnahmen sich alle in die Straße öffneten, zeigte einer der Verkäufer, während ich etwas kaufte, einem andern die Fortschritte einer Geschlechtskrankheit am Objekt selber. Die Prostitution der niedern Klassen vollzog sich ohne Türen noch Vorhang. Für die körperlichen Ausscheidungen suchte man nie nach einem verschwiegenen Ort, sondern hockte sich an die erste, etwas freie Ecke oder an den Wegrand. Aber die Frauen kannten diese Sitten nicht. Sie waren ängstlich auf größten Wohlanstand bedacht, auf die unverletzbarste Verschwiegenheit. Das außereheliche Liebesleben der bessern Kasten aber vollzog sich unter reizenden, graziösen und formvollendeten Zeremonien, bei denen dem Liebesmädchen alle Freiheit, ja mehr Achtung der Selbständigkeit erwiesen wurde, als etwa einer Ehegattin. Nie, auch nicht beim Kuli, wurde ein öffentliches Mädchen mit Europäern geteilt. Der Hingabe an einen Weißen folgte, sobald sie bekannt wurde, der vollkommene Ausschluß aus jeder chinesischen Gesellschaft. TEMPEL UND SOLDATEN Wir kamen an andern Tagen in schöne Tempel und in prunkvoll gebaute Gildenhäuser, die von außen wie Tempel aussahen. Bei fast allen steckte in einer eintönigen schlichten Fassade das Tor wie buntes Flitterwerk. Zwei Hunde Fo, grimmige, berankte Steingrotesken, standen in fremder und böser Erstarrung Wache davor, und das Innere entfaltete unerwartete, von Dunkelheit samtig bereifte Schönheit und Kunst. Die erhabenste dieser Anlagen war die des roten Kungfutsetempels. Er stand oben über der Stadt. Eine vielstöckige hohe Pagode leitete ihn ein, wie eine aufklingende fremde Hymne. Die Pagode stand unvermittelt in den kleinen schmutzigen Geschäftshäusern dieses abgelegenen Stadtteils, in dem alte Möbel und Kleider und am Spieß gebratene Hunde durcheinander verkauft wurden. An ihr vorüber ging man in den Vorhof. Schöne Steinbrücken spannten sich über tote Teichanlagen, und große Tore führten weiter von ihnen in den Tempelhof. Hier stand vor dem großen Heiligtum über dem Steingebild, das die Seele Kungfutses in seine granitnen Mysterien eingeschlossen hielt, ein edles altes Räuchergefäß aus Bronze. Über ihm öffnete sich hinter geschnitzten, vergoldeten Paneelen die dunkle rote Halle des ersten heiligen Raums mit dem purpurnen hohen Kungfutsealtar. Die Tempelanlagen waren verlassen. Sie waren bejahrt und leer und hallten erstaunt von unsern fremden seltenen Schritten, wie eine alte schlafende Seele. Aber alle andern Tempel der Stadt waren von Soldaten besetzt und zu Kasernen gemacht worden. Das hatte die Republik sehr geschickt vollbracht. Die Stellen, die Kungfutses Geist bewohnt hatte, waren mit scharfgeladenen republikanischen Gewehren besetzt worden. Kungfutse, der in jedem Individuum immanente Gedanke Chinas, die schöpferisch erhaltende Kraft dieser Rassen lehrte, daß die Macht gotterlaubt sei, und die Republik ließ ihre Macht von den Plätzen aus ins Volk scheinen, an denen vordem der ewige Willen des Erziehers Chinas wie ein steter Brunnen ins Land geflossen war. Überhaupt war die ganze Stadt voll vom Treiben der Soldaten. Tschunking war der Akkumulator der großen und mächtigen Provinz Ssetschuan und schickte seine Wellen bis tief in den Tibet hinauf und bis zum Meer hinab. Es war der Regierung eine Macht, diese Stadt sicherzuhaben, die voll unsicherer Elemente war. Blut floß hier von Hinrichtungen, wie eine unversiegbare Quelle. Im Jahre 1913 hatte Ssetschuan 50000 Hinrichtungen gehabt. In der Stadt wohnten viele reiche, machtlüsterne Menschen, die das alte und das neue System gegeneinander ausspielten und doch nur sich meinten. Politische Attentate waren ungehemmt öffentlich ausgefochten worden wie Versteigerungen. Man hatte auch wiederholt, um der Regierung Schwierigkeiten zu machen, Komplotte gegen die paar Europäer geschmiedet, die Tschunking bewohnten und andre Parteien hatten diese hintertrieben. Unsere Freunde in "Ba-Fung" hielten jederzeit Strickleitern bereit, um im Falle von Gefahr nachts über die Stadtmauer, die unter ihrem Haus lag, sich zum Hausboot hinab zu retten. Es lag der Regierung daran, sich hier mächtig zu zeigen. Über Ba-Fung war eine große Kaserne, ein alter Tempel. Tagein, tagaus übten die Soldaten im Hof um die steinernen ingrimmigen Wachthunde Fo. Wir blieben oft am Tor stehn, um zuzuschauen. Eine Schar Soldaten ging im Kreis um einen kleinen jungen Offizier herum und übte einen Parademarsch. Es wurde dazu gezählt: "i ... örl ... san ... se! ... I ... örl ... san ... se! ..." und die Soldaten mußten zum Takt des Zählens zugleich Beine und Arme hochheben und niedersetzen. Es waren jedoch zwei im Kreis, denen das absolut nicht gelang. Trat der Fuß nieder, so hob sich unversehens der Arm rasch in den Himmel. Hasteten sie dann, den Fehler einsehend, mit dem Arm herab, so schnellte das Bein wieder hoch. Es war wie in einer dummen Posse. Aber alle benahmen sich tiefernst dabei. Überall herum saßen Soldaten und wollten auf europäischen Trompeten blasen lernen und lernten es nie. Die Mißtöne fuhren hart und grell aus allen Stadtteilen durcheinander, und bis in die Nacht hinein war die Stadt vom falschen Lärm dieser Trompeten angefüllt. Unten am Strand waren oft Übungen und Paraden. Die Paraden wechselten dort mit den Flußräuberhinrichtungen ab. Kamen die Soldaten wieder zur Stadt herauf, so sangen sie zum Marschieren. Aber sie sangen nicht nach heimatlicher Art, sondern von Europa bezogene Lieder. Einer dieser Gesänge war ein deutsches Kinderreigenlied. An den Kolonnen vorbei sprengten die Ponys feuerspritzenden Hufs, heißblütig mit den Offizieren die Treppen hinauf und durch die Gassen. NEUJAHR Der erste Januar nahte. Auch das alte Fest des Jahresbeginns, das in China zu Anfang des Februars gefeiert wurde, sollte auf den europäischen Jahresbeginn verlegt werden. Das verlangte die Republik, und in den Kasernen schmückten die Soldaten die Höfe, und die Kaufleute, die von der Regierung abhängig waren, hängten schon jetzt die roten Laternen und die goldenen Sprüche auf roter Seide aus. Auf einmal sollte der alte Kreis gesprengt werden. Die technischen, wirtschaftlichen und finanziellen Entwicklungen der weißen Rassen sollten gewaltsam die geweihten Dinge des gelben Volkes wegschwemmen. Dem Genie dieses Landes waren solche Entwicklungen fremdgeblieben. Es ruhte mit bronzener Heiligkeit noch in der schweren uralten Gesetzlichkeit seiner gesellschaftlichen Systeme und seiner Kultur. Der japanische Bruder schien ihm in die Nase zu stechen, und es sah nicht, daß dieses Land, das aus seinen Flanken entstanden, durch das unvermittelte Übernehmen europäischer Dinge zum Zusammenbruch seiner wirtschaftlichen Kräfte und zu dem schlimmen Zusammenbruch seines Volkscharakters getrieben war. Überall in der Welt, wo wir etwas mit einem Japaner zu tun gehabt hatten, waren wir betrogen worden. In den chinesischen Städten saßen die japanischen Bazare und vertrieben betrügerisch hergestellte Waren, die den alten chinesischen Geschmack und die alte Solidität durch windigen Schwindel ersetzten. Überall saßen die japanischen Zahnärzte und bemühten sich, das von der Strenge der Regierung besiegte Opiumlaster durch Äther und dergleichen zu ersetzen. Aber schließlich ging das Volk den Weg der Regierung noch nicht mit. Es verstand nicht, was man von ihm wollte. Es ließ Kaufleute und Kasernen das europäische Neujahr feiern und bereitete sich auf sein uraltes Fest vor. Zuerst mußten die Schulden bezahlt werden, und dann kamen die Tage der hemmungslosen Vergnügen. Die Pfandleihen lebten auf in diesen Wochen. Der Boy kam eines Abends zu uns und fragte, ob ich nicht ein kleines Mädchen kaufen wollte. "Wer will denn eins verkaufen?" fragten wir. "Die Ama", antwortete er. "Ist es denn ihres?" -- "Nein!" -- "Weshalb verkauft sie es denn?" -- "Weil sie Geld nötig hat zu Neujahr." Wir dankten dem Boy für das Angebot. Was sollten wir mit einem Mädchen machen, hielten wir ihm entgegen. Da erzählte er, daß alle seine europäischen Herren vor uns sich Chinesinnen gekauft und sie mit auf ihre Reise genommen hätten, und daß auch der eine "Master" in Ba-Fung eine Chinesin hätte. Sie sei aber ein Kantonesin und nur gemietet, und gehöre einer alten Frau in Hankau. Der bezahle er jeden Monat zwanzig Dollar. Sie heiße Tai kin. Als wir nachmittags uns nach Ba-Fung tragen ließen, geschah etwas, was ich schon lange erwartet und gefürchtet hatte. Es war naß, und der vorderste Kuli meines Tragstuhls stürzte, als die Träger ungestüm eine Treppe hinaufeilen wollten. Die Querstange schlug ihn aufs Genick und drückte ihn so fest mit dem Gesicht zwischen zwei Stufen nieder, daß er sich nicht von selber befreien konnte. Die beiden andern Kulis liefen zu ihm, bevor ich aussteigen konnte, denn ich lag in der schrägen Treppe hilflos tief hintenüber im Stuhl. Sie hoben die Stange hoch und zogen den Mann auf die Beine. Im selben Augenblick war er wieder mit den Schultern unter dem Tragbalken, und die Sänfte hastete weiter. Aber ich sah, daß der Mann unsicher ging und ein wenig taumelte, und plötzlich war eine breite Blutspur hinter ihm. Da ließ ich halten, stieg aus und ging zu ihm. Er hob ein blutiges Gesicht mit zwei stumpfen bittenden Augen zu mir hoch. Er hatte sich die Nase entzweigeschlagen und die Lippe gespalten. Trotzdem wollte er seine Arbeit zu Ende führen. Die andern versuchten mich wieder in den Stuhl zu drängen. Sie fürchteten, der Verdienst ginge ihnen verloren. Sie stießen mich sachte zurück und beschwichtigten mich durch Gebärden. Aber ich bezahlte sie so, als ob sie den ganzen Weg gegangen wären und gab dem Gestürzten einen Silberdollar. Sie dankten lachend und ich ging hinter Gres Stuhl zu Fuß weiter. Ich hätte sie nicht bezahlen brauchen, denn nach dem chinesischen Gesetz ist der Stürzende selber schuldig, wenn er auf nasser oder gefrorener Straße fällt. Weil es naß oder glatt ist, muß er doppelt aufpassen. Wir hatten schon so vielmals gesehen, daß in China das Gegenteil von dem galt, was man von Europa her gewöhnt war. Wenn die Kinder vor dem Lehrer aufsagten, kehrten sie ihm nicht das Gesicht zu, sondern den Rücken. Schaufelt der Chinese Sand oder sonst was, so schaufelt er nicht von sich fort, sondern zu sich heran. Die Trauerfarbe ist weiß, nicht schwarz. Das Essen beginnt mit der süßen Speise und endigt mit der Suppe. Beim Spiel muß der trinken, der verliert. Beim Essen nimmt sich der Chinese nicht zusammen; er löst seine Kleider und übergibt seinen Körper, wie bekannt, allen Äußerungen, die ihn verlassen wollen. Seine Kleidung paßt er der Kälte an, nicht indem er unter die Oberkleider Unterkleider anzieht, sondern indem er Kleid über Kleid von innen nach außen legt, bis es ihm warm genug wird. Er betrachtet die Gründung einer Familie nicht als Sache, die den Staat angeht, sondern als eine Angelegenheit, um die sich nur die Familien des Bräutigams und der Braut zu kümmern haben. So gibt es hundert Dinge, von den alltäglichsten Verrichtungen bis zu den Äußerungen der schwebendsten Geistigkeit, in denen er unsere Anschauungen vollkommen auf den Kopf stellt. Diese Unterschiedlichkeit birgt wohl den Schlüssel des Geheimnisses chinesischer Psyche. Als wir nach Ba-Fung kamen, fragte ich den Genfer: "Weshalb unterschlagen Sie uns den schönsten Teil Ihres Haushalts?" Er schaute mich fragend an. "Tai kin!" sagte ich. Da war er plötzlich geniert und bemerkte: "Oh, mais Madame Jacques! Vous savez les femmes ..." Aber Gre lachte und verlangte Tai kin kennenzulernen. Eine schlanke braunhaarige Chinesin kam. Sie hatte lange seidene Hosen an und mehrere bunte und schwarze Jacken drüber. Sie schaute furchtsam zu Gre auf, bewegte sich durchs Zimmer in ihren Hosen so zart und wippend wie ein Vogel und sagte dem Genfer: "O my heart moves so strong." Er tröstete sie und versprach ihr, daß sie morgen ins Theater gehen dürfe. Das war ihre einzige Leidenschaft. Nur ein Kind wünschte sie sich noch heißer. Der dicke Norddeutsche aber trug sich mit einem skeptischen und ein wenig traurigen Lächeln, in dem sehr deutlich zu verstehen war: Hätte ich doch eine gute deutsche Frau hier! Oder wenigstens eine Tai kin. Aber ich komme niemals weder zu dem einen noch zu dem andern. Am nächsten Morgen saßen wir in unserm Haus beim Frühstück, da kam der Boy und sagte, es seien zwei Männer draußen, die wollten uns Stickereien verkaufen. Wir ließen sie hereinkommen. Der eine war sehr ruhig und dick, der andre sehr mager und laut. Sie hatten beide schwere Päcke, die ihnen Kulis getragen hatten. Sie öffneten sie und breiteten ganze Haufen alter Seidenstickereien vor uns aus. Im Hinterland Tschunkings lag die alte Beamten- und Mandschustadt Tsöngtu. Dort hatte vor einem Jahr die Revolution die reiche Kaste hingeschlachtet und jetzt erst, wo sich die Ereignisse verwischt und die Verhältnisse beruhigt hatten, trieb Neujahr die gestohlenen Sachen heraus. Es waren weite, wie mit Blumenbeeten, Flußgründen und Wolkenhimmeln bestickte Seidengewänder, rote seidene Streifen von Flitterwochenbetten mit Blumen und mit Darstellungen aus dem Leben, riesenhafte Tempelvorhänge, auf denen die grimmigen Kolosse wahnsinniger Götter in menschenfresserischen Masken ihre uralten Tänze tanzten und Lanzen schwangen, während unschuldig über ihnen mit einem weißen Gesicht die heilige Kuan Jin auf einer Wildente oder einem Hahn aufflog. Soffitten von Theatern mit im Tanz und Spiel bewegten Gruppen alter Figuren. Die Händler verkauften auch tibetische Bronzen, alte, zarte, verträumte Göttinnen, die wie rankende Pflanzen in sanften Drehungen aus dem Metall wuchsen und Gesicht und Leib mit Steinen besät hatten. Die langen Mandelaugen waren aus Silber eingelegt und schauten in stumpfer Heiligkeit, wie eine Felswand, ins Leere der Erde. Das war die "Grüne Tarâ". Auf verwitterten Altarbildern tibetischer Tempel ordneten sich um den in feierlicher Urdummheit aus drei Gesichtern träumenden, acht Arme verrenkenden Gott Sanedui ganze Ränge kleiner Heiliger. Über ihre Zahllosigkeit atmete der wie mit Bronze behauchte dunkelgrüne Schimmer der Gebirge aus, die wir täglich voll Geheimnis vor unsern Augen um die Stadt Tschunking herum dem Herzen Asiens entgegenziehn sahn. AUSRITTE Gre hatte ein Pferdchen, das gelb war wie ein schwedischer Handschuh, meines war schwarz, und unser Begleiter, der dicke deutsche Kaufmann, ritt einen kleinen Schimmel. Die Mafus, die Pferdeknechte, hielten die Tiere fest beim Maul. Die Gasse der ssetschuanesischen Stadt war nicht viel breiter als die Länge der Pferde. Wir versuchten auf die Tiere zu kommen. Der Kaufmann saß schon oben. Gres Gelber bockte, stieg und schlug nach hinten. Der Mafu schraubte seine Hand fester in die Zügel. Mit der andern Hand hielt er ihn beim Schwanz. Ich half Gre hinauf, sie ritt Herrensattel, und kaum war sie oben, als das kleine Tier dahinschoß und klappernd durch die Gasse davoneilte. Mit meinem Schwarzen hatte ich weniger Schwierigkeiten. Das Pferd ging mir bis an die Achselhöhlen. Es merkte wohl, daß etwas los war, als der Knecht es fester am Zügel nahm, tänzelte ein wenig beunruhigt, fügte sich aber gleich meinem soliden Gewicht. Wir schossen Gre nach. Der Mafu hing sich hinten an den Schweif, um mitzukommen. Es dauerte eine Weile, bis ich Gre und den Kaufmann eingeholt hatte. Wir galoppierten durch die engen Gassen zum westlichen Stadttor hinauf. Vor den offenen Häusern stand alles voller Menschen. Meine Stiefel streiften oft Männer und Frauen. Aber es war nicht nötig, den Galopp zu dämpfen. Das Pferdchen sprang schmiegsam und weich dahin. [Illustration: Das Tung-Sui-Men in Tschungking] An einem kleinen Tor, auf dessen Scheitel ein Töpfer sein Geschäft unter freiem Himmel führte, wurde gerade einem Bauern von einem Polizisten der lange dünne Zopf abgeschnitten. Der Bauer brachte Hühnerfedern in die Stadt und hatte gehofft, den Zopf unter seinem Kopftuch hinein- und hinausschmuggeln zu können. Er stammelte den Soldaten schmerzlich flehend an. Dann erboste er sich. Aber der Soldat hatte ihn fest am Schopf gefaßt und schnitt unerbittlich weiter. Wir ritten eine glitschige Treppe hinauf auf die Stadtmauer. Die Pferdchen schlugen sich mit den Köpfen den Takt zum Steigen, der Mafu ging hinterher, und wenn ein Tritt Schwierigkeiten machte, stemmte er sich unter den Steiß des Tiers und schob nach. Dann ging es auf der Höhe der Mauer weiter, durch einen Schwarm von Dirnen hindurch, die, von furchtbarem Aussehen, in steingebauten Höhlen auf der Mauer beisammen wohnten. Durch die Zinnen der Stadtmauer sahen wir ein schmales Tal quer vom Fluß herauf allmählich hochsteigen und an einem Toraufbau an der Mauer die Höhe der Stadt erreichen. Der Berg jenseits war kahl und mit zahllosen großen und kleinen Grabhügeln und Grabsteinen übersät. Er sah wie verzweifelt aus. Die Grabsäulen standen drin wie versteinerte Stümpfe eines abgehauenen Waldes. Wir verließen die Stadt durch das Tor. Die Pferde zierten sich erst ein wenig, in die dunkle Höhle hineinzusteigen, als ein Zug von bepackten Maultieren uns aus der Dunkelheit des Torbogens entgegenkam. Auf einmal sprang die weiße Stute des Kaufmannes wie ein rasender Floh auf die Maultiere los. Der dicke Kaufmann saß in einem hohen engen Holzsattel. Wir hatten nur zwei europäische Ledersättel auftreiben können. Die Maultiere stürzten durcheinander und bissen um sich, die Knechte schrien, schlugen und zerrten. Die Weiße schnellte mit dem Hintern gegen die Maultiere herum und gab ihnen heftige Fußtritte. Sie tanzte minutenlang trotz ihrer Last mit den Hinterbeinen bockend durch die Luft. Sie war Gift und Galle. Ihre Augen funkelten und ihre Sehnen schlugen vor Wut in den dünnen Beinen wie kleine Maschinen. Der Kaufmann war ein mehr als guter Reiter. Mit Mühe und harter Strenge riß er das Pferd von den verhaßten Tieren los und peitschte es ins Tor hinauf. Unsere Tiere waren auch aufgeregt worden und stiegen jenseits mit bebenden Beinen die Treppen hinab auf den uralten ssetschuanesischen Handelsweg, der Tschunking mit der Hauptstadt Tsöngtu verband. [Illustration: Der Arzt] Eine chinesische Handelsstraße kennt die Beförderung durch Wagen nicht. Nur Lasttiere und tragende Menschen beschreiten sie. Auch diese berühmte, jahrtausende alte Straße war nicht breiter, als daß zwei Tragpferdchen aneinander vorbeikamen. Sie führte als ein schmaler Deich zwischen nassen Reisäckern dahin und war mit breiten Steinplatten eingedeckt. Die Steinplatten waren so acht Reisetage lang eine hinter die andere gelegt. Wir sahen den Weg vor uns an der Flanke des Gräberberges als steile Treppe hinaufsteigen. Die Pferde sprangen mit zuckenden, langsamen Sätzen von Stiege zu Stiege. Sie wieherten unwillig gegen die zu überwindenden Schwierigkeiten. Wir sahen nichts als Grabhügel und Steine, von braunem Gras überwuchert, die Sonne beschien sie trocken und blaß. Die Steigung ging oft in Treppen von hundert und mehr Stiegen an tiefen Abhängen dahin. Die Steine kippten auf dem unterwaschenen Weg. Das Pferd war aber gleich wieder auf einem sicheren Halt. Wir hatten in den Jangtsestädten oft Chinesen gesehen, die auf ihren Bergpferden solche Treppen auf und ab kletterten, und hatten diese artistischen Reiterstücke angestaunt. Nun kletterten wir selber, und wir sahen, daß jedes Pferd das konnte, und der Reiter, das Tier unterstützend, es nur mitzumachen brauchte. Noch öfter kamen Maultierzüge vorbei, die Seide aus dem Innern nach Tschunking brachten. Der Kaufmann führte sein Pferdchen jedesmal in die Gräber hinauf und stellte es mit dem Hinterteil gegen die Tiere, deren Anblick den Schimmel so heißblütig reizte. Dann waren wir auf dem Berg und sahen tief unten über Gräber, Gärten und Häuser hinab den Jangtse breit und leuchtend sich dem Tibet entgegenbetten, während auf der andern Seite der Berg wie eine jähe Wand ins schöne Tal des Kiating, des Nebenflusses des Jangtsekiang, hinabsauste. Vor uns stand, noch zu erobern, eine ummauerte Bergstadt auf der Höhe. Der Weg stieg steil und in Treppen hinan. Über den Treppen errichteten sich gelbe Felsen, die mit Inschriften und mit riesenhaften, aus den Steinen gemeißelten, vergoldeten Göttern ganz ausgearbeitet waren. Viele Bettler saßen auf den Treppen und flehten mit inbrünstiger Dringlichkeit um eine Gabe, griffen in die Zügel und streckten die Hände hoch. Die Stadt droben war mehr Mauer als Stadt. Sie bestand nur aus einer Straße, und der Weg führte zwischen zwei Reihen offener Häuser hindurch. Die meisten dieser Häuser waren Garküchen. Ein Koch rief vorübergehenden Chinesen seine Speisekarte zu. In den großen dunklen Räumen saßen viele Männer und aßen. Hunde fielen uns an. Die Pferde kümmerten sich nicht um sie. Wir ritten quer durch den Ort und zum andern Tor wieder hinaus. Die Steinplattenschlange des Weges stieg ins Tal und wand sich über sachte Hügel lang zwischen Äckern und bewässerten Reisfeldern hindurch in die Ferne hinein. Mächtige Ehrenbogen aus Stein standen Spalier. Weit hinter den Hügeln sah man noch einigemal diese Pforten am Weg ihre bizarren geometrischen Formen errichten. Ein großes Grabmal, ein steinerner Halbbogen, an dessen beiden Eingängen auf baumhohen dünnen Säulen zwei Hunde Fos mythologisch bös in die Landschaft schauten, war zwischen schlammigen Reisäckern hochgehoben. Mitten in den Sumpf der Äcker hinein drückte sich ein einsamer großer Bauernhof. Eine Herde ungetümer schwarzer Wasserbüffel trieb sich in ihm herum und äugte uns mit blutunterlaufenen Augen bös an. Man sagt, die Wasserbüffel könnten den Geruch der Europäer nicht vertragen. Zwischen den Ehrenpforten wurde eine blaue Sänfte den Berg hinangetragen. Von Weile zu Weile zog ein Transport mit Maultieren dahin. Am Weg rasteten vier Kulis, die europäisches Baumwollzeug nach Tsöngtu brachten. Sie trugen an jedem der beiden Enden ihrer Stangen zwei Zentner. Sie hatten noch zehn Tage Weg vor sich und gaben uns lachend Bescheid. Ein anderes Mal ritten wir über eine Höhe in ein Tal hinab. Von oben sahen wir in der Tiefe kleine Pagoden aus allerlei verschachteltem Bauwerk und aus Bäumen aufsteigen. Das war der Garten einer Gilde, zu dem wir wollten. Es war der Kuei-Hua-Jü, der Garten der Zimtblume. Im Sommer veranstalteten dort die Mitglieder der Gilde ihre Festmahle. Aber heute war er fast leer. Man kam durch weite Gebäude in den Garten. Die Gebäude hatten Hallen und kleine Räume, Altäre und schöne Möbel. Die Türen, Füllungen und Fensterrahmen waren geschnitzt und vergoldet. Der Geist des chinesischen Schönheitsgefühls hatte jeden Winkel beatmet. Dann kamen wir unter der kleinen Pagode in den Garten, in einen Garten, in dem die Sträucher in die Formen von Fischen, Reihern und Schmetterlingen gefügt waren. In der Mitte lag ein Teich. Sein Wasser schimmerte wie heller Grünspan, und Lotospflanzen betteten sich auf den grünen Teppich. Eine durchbrochene Mauer umgab den Teich. Bäume wuchsen durch die Löcher und bogen sich über das Wasser. Die blätterlosen Bäume der La-me-hua, der Blume des letzten Monats, waren mit kleinen gelben Sternchen wie bestreut und dufteten in schwüler Süße durch die Winterluft. An den Pflaumenbäumen rundeten sich schon die Knospen. Pavillons standen um den Teich. In dem großen spielten erregte Trinker jauchzend und brüllend mit einem Händespiel um Reiswein. Wer verlor, mußte trinken. Ist das nicht eine viel richtigere und aufrichtigere Art zu wetten? Sie hatten alle rote Gesichter und bebten, wie mit Lebensfreude angestopft. Wir setzten uns in ein kleines, zierliches Häuschen über dem Wasser, und unsere Diener, die wir herbestellt hatten, kochten im Garten in einer Kiste das Mahl. Auch in die jähen Gebirgszüge, die am andern Ufer des Jangtsekiang lagen, trugen uns die Pferdchen. Sie fuhren vor uns in einem Kahn hinüber. Ihre kleinen Köpfe reichten grade über die Schiffswand. Sie standen nebeneinander und schauten mit halb erbosten, halb erstaunten Augen in die Wirbel, die am Bug auftrieben und das Wasser hochspritzten. So oft ein Guß kam, erschraken sie, traten feindselig ineinander und wieherten sich wütend an, als ob sie glaubten, daß eines das andere bespritzt hätte. Wir ritten die Steinplattenwege hinan, die oft wie schmale hohe Stege die Reisfelder durchquerten und an der Kanalisierung der Äcker mithalfen, oft sich um Schluchtenränder hinaufwanden und in lange Treppenaufstiege ausgingen. Die Pferdchen kletterten, bis sie der Atem verließ. Dann blieben sie mit schlagenden Flanken stehen und waren nicht weiterzubringen. Die Tiere gaben ihr Äußerstes her. Sie auch durchdrang die Atmosphäre dieses Landes. Sie waren wie die chinesischen Arbeiter, die das Gefühl des Einordnens in ihre Aufgabe mit einem Pflichtbewußtsein durchdrang, das Rasseninstinkt geworden war. Trieb man die Pferde über ihr Maß weiter, so versagten sie. Sie gingen unsicher, glitten und fielen, und die Abgründe schienen sie schwindlig zu machen. Die Pferdeknechte, die das Tier nie verlassen, auch wenn der Reiter davongaloppiert, haben ein sicheres Gefühl für die Leistungsfähigkeit ihrer Tiere. Ich hatte diesmal ein braunweiß geflecktes Pferd und mußte bald zu Fuß weiterklettern. Es hatte das Steigen etwas verlernt. Die leichte Gre ritt auf ihrem Ledergelben bis auf den Sattel der Berge, wo ein Europäer sich und seiner Familie ein schönes Sommerhaus gebaut hatte. Wir waren Gäste dieses Bungalows. Die Dame des Hauses war eine Chinesin. Sie war von einer schwärmerischen Weichheit und hatte die zarte Scheu einer Winde. Wir stiegen in die Dunkelheit hinab wieder dem Fluß zu. Jenseits lag die Stadt über ihre Berge ausgebreitet, wie ein Sternenhimmel. Die Pferde kletterten vorsichtig hinter uns. Ihre Hufe schlugen auf die Steinfliesen. Wir hatten Angst, nicht mehr vor Schluß der Tore hinüberzukommen, und beeilten uns. Aber das letzte Tor fanden wir noch geöffnet, als wir drüben ankamen. Wir sprangen auf, und die Pferde galoppierten gleich in die finstern Gassen hinein. Die Menschen wichen wie in mechanischer Funktion immer im letzten Augenblick aus. Die Tiere sprangen ungehemmt die dunklen Treppen hinan. Die Mafus liefen lautlos hinterher. Die Gassen schlossen ihre Läden, löschten ihre Lichter. Wir sprengten auf den kleinen Tieren heiß in die enge Finsternis hinein. Der Huf fühlte jede Stiege, die heimtückisch einzeln in der Dunkelheit durch die Gasse ging. Die Steine klapperten eilig hinter uns. Die Pferdchen setzten hastig die letzte Treppe vor unserm Haus hinauf. Ein Mafu rief etwas. Das Tor öffnete sich wie von selbst, und wir ritten bis an die helle Haustür. Gre gab ihrem Gelben einen Kuß auf die im Flurlicht rosig leuchtenden dünnen Nüstern. Der helle Kopf glitt mit entsetzten Augen schnell zurück in die Nacht. Mein Abschied von dem Gefleckten fiel derber aus. Er tänzelte erschrocken und rasch zum Tor zurück dem Gelben nach. FESTESSEN In einem langen schmalen Raum eines chinesischen Hotels stand ein langgezogener schmaler Tisch. Wir Europäer waren um fünf Uhr gekommen. Ein Haufen von festlich gekleideten Chinesen in reger Stimmung schwärmte uns mit Verneigungen entgegen. Alles war schmucklos und das Tuch auf dem Tisch etwas unsauber. Wir waren vier Europäer, die an dem Mahl teilnahmen, die chinesischen Gäste waren etwa fünfundzwanzig, lauter Kaufleute, die in irgendeinem Zusammenhang mit den Kompradoren, den Geschäftsvermittlern der beiden deutschen Firmen Tschunkings standen. Einer der Kompradore hatte zum Festessen eingeladen. Wir waren mit zahllosen Verbeugungen an unsere Plätze geführt worden. Um mich, rechts und links, saßen zwei wohlbeleibte, schöne Männer. Der eine war schon bei Jahren und hatte graue Haare auf seinem schmalen Kopf und ein edles Gesicht. Er trug einen dunkelgrauen Rock aus Seide. Der andre, dessen Sutane aus einem blauen schillernden und blumendurchwirkten Seidendamast war, schien ein lebenslustiger, genießerischer Mensch zu sein. Er wußte auch gleich einen "Pidgin"-Satz zur Begrüßung, und ich antwortete. Der Alte verbeugte sich dreimal und schüttelte sich selber die Hände. Dann warteten beide, bis ich saß und setzten sich auch. Unten am Tisch zwischen Chinesen saß ein seideaufgeputztes Singmädchen. Die Chinesen brachten es heran an das Tischende, wo wir Europäer waren. Es zierte sich ein wenig. Der dicke Lebenslustige aber zog lachend seinen Stuhl zurück, schob dem Mädchen einen andern hin und drückte es zu mir. Nun saß es da. Es hatte ein breites, gewöhnliches Gesicht mit schönen stahlgrauen Augen. Seine Haut war gepudert, und rote Scheiben waren lebhaft auf seine Wangen gemalt. Sein Teint hatte dadurch den etwas kalten Schmelz einer rotbetupften Lilie. Dieses Schminken war nichts Unangenehmes; dadurch, daß es nicht zum Wegtäuschen von Mängeln gemacht ward, sondern nur wie zur Erhöhung der Feierlichkeit, war es Stil und gab der Frau einen Reiz, dem sozusagen das Persönliche genommen ward. Es ist Uniform, eine Maske. Es sagt: Ich bin eine Frau! Einerlei, was und wie ich sonst bin: eine Frau! Das Mädchen saß neben mir. Es sprach kein Wort einer andern Sprache als der ihrigen, und meine Kenntnisse des Chinesischen langten noch nicht zu galanter Unterhaltung. So schwiegen wir und schauten uns an. Wir suchten das Fremde einer im Gesicht des andern. Wir schauten uns wohl so an wie zwei Pferde, wenn vor fremder Tür ihre Mäuler aneinanderstoßen. Ich lächelte und sie lachte auf einmal, als ob ich etwas sehr Komisches wäre. Sie lachte und drehte sich weg, schaute wieder und lachte wieder, indem sie sich abwandte. Ihr Kleid und ihre Hosen waren aus einer schönen Seide, sehr hellgrün und mit verschlungenen, eingewebten Quadraten und Punkten gemustert. Wie das Gesicht, war auch die Gestalt, kurz und etwas derb. Aber ihre Hände waren schön und in ihren Bewegungen heiß wie verzauberte Blumen. Allmählich hatten wir uns genug angeschaut, und das Mädchen glitt mehr zu dem lebenslustigen Chinesen hinüber. Da kamen drei andere Mädchen durch die Türe herein. Sie wurden laut und lachend begrüßt. Sie kamen herein, als hätten sie, verschiedenfarbige Astern, grade ihre Beete verlassen. Sie waren winzig und zart, die eine in rosenfarbenen Hosen und Jacke, die andere vergißmeinnichtblau und die dritte dotterblumengelb. Sie hatten auch alle drei ihre Gesichter weiß und mit roten Scheiben geschminkt, die Haare glatt und schwarz fest an den Kopf gekämmt, und ein flach anliegendes Büschel Haare über die Schläfen gelegt. Rote Blumen staken im Haar und grüne Nephritspangen. Die Chinesen brachten die Mädchen zu den andern Europäern. Die Mädchen scheuten erst sehr, setzten sich dann aber. Bald jedoch kam noch eine fünfte Chinesin. Sie hatte ein kleines, fünfjähriges Mädchen an der Hand, ein kleines, dickes Kind mit aufgeblasenen Backen, gekämmt, geschminkt und gekleidet wie die andern, ein Dirnchen in Kinderschuhen, eine Schülerin der Liebe. Sie wurde angelernt. Als sie hereintrat und der dicke deutsche Kaufmann mit seinem guten unverehelichten aber sehnsüchtig gebliebenen Herzen sie liebevoll begrüßen wollte, flog sie zurück wie vor einem Teufel und begann zu heulen. Die Frau, die sie mitbrachte, zog sie auf den Arm. Diese Frau war schlank und mager, in grauem Kleid, mit einem schmalen und schönen Kopf und harten großen Augen, die flach waren und wie kalte geschliffene graue Achate glänzten. Sie beruhigte das Dirnchen rasch. Die Mädchen setzten sich alle in eine Ecke zu einem Violinspieler. Dann begann die Kleine zu singen. Sie sang mit hoher dünner Stimme zu dem Gekreisch der schlechten Violinsaiten, und wenn sie nicht weiterkam, half ihr die Graue. Sie sangen darnach alle, überhell und laut, und zogen die Melodien wie Gummibänder lang auseinander. Es war ein eintöniges, hochgespanntes Aufheulen in den höchsten Noten, die menschliche Stimmbänder sich abzwingen können, ein fistelndes kreischendes Psalmodieren. Wir verstanden es nicht. Es war ein Singen von Geistern, die einen Sturm übertönen wollen, hexenhaft fremd, ohne jemals in einem beruhigenden Wohllaut abzusetzen, aufregend und peitschend. Die Mädchen waren endlich fertig mit Singen und die Tischgesellschaft rief laut durcheinander: cha, cha! Im selben Augenblick wurde der Tisch gedeckt. Vor jedem lagen Ebenholzstäbchen mit silbernen Spitzen, ein mit Blümchen bemalter Porzellanlöffel, eine Schale und ein Täßchen. Dann kam der erste Gang, worauf auch der Wirt des Hotels am Tisch Platz nahm. Der Festgeber hob seine Eßstäbchen in der Hand hoch, verbeugte sich vor der Gesellschaft nach rechts und links und forderte zum Nehmen auf, indem er mit den Eßstäbchen auf die Schüsseln zeigte. Er lachte verbindlich und legte dem rothaarigen europäischen Nachbar etwas auf den Teller. Der Bayer (der vierte europäische Gast) schaute ihn wütend an. Er sagte auf deutsch: "Leg' mir eine Kalbshax' hin, Schinees! Gut! Aber euern Dreck freßt selber." Ich schaute ihn an. Der dicke deutsche Kaufmann schaute ihn an. Der Genfer schaute ihn an. Der rothaarige Europäer hielt das für eine harmonische Zustimmung. Er lachte und sagte: "Seine Schweinsborsten kann er mir verkaufen. Aber mit diesen Schweinereien soll er mir vom Leibe bleiben." Mein alter Nachbar verbeugte sich gegen mich, indem er seine Stäbchen hochhob und mir von dem ersten Gericht auf den Teller legte. Ich dankte ihm und tauschte mit dem lebenslustigen rechten Nachbar einen höflichen lächelnden Gruß zu Beginn und gutem Appetit aus. Die Diener brachten Zinnkrüge. Sie waren mit warmem Reiswein gefüllt. Jeder Gast hatte eine Schüssel vor sich und ein kleines Weintäßchen. Die Nachbarn bedienten mich auch mit dem warmen Wein. Der rothaarige Europäer sagte lachend: "Ich muß doch sagen können, ob's besser ist als unser Spaten." Er spuckte den Wein gleich hinter sich auf den Boden und wollte einen Anfall bekommen. Wir andern verdoppelten die Liebenswürdigkeit gegen unsere Gastgeber. Aber die Chinesen taten, als ob sich der Gast nicht im geringsten schlecht benehme. Sie tauschten lächelnde, verbindliche Gespräche mit uns aus. Alle zehn Minuten kamen Leute und brachten Stöße von heißnassen Handtüchern, in die jeder sich Gesicht, Kopf, Nacken und Hände abrieb. Da gab's drüben bei unserm Landsmann wieder etwas. Ich hatte nicht gesehen, was geschehen war. Aber der Genfer sagte ihm: "Stellen Sie uns bitte nicht bloß. Wenn Ihnen nichts von dem Essen paßt, so können Sie ja nach Hause essen gehen. Sagen Sie, Sie seien krank." Ich wurde auf die Sache aufmerksam, weil der Nachbar, während er mir die Handhabung der Stäbchen zeigte, ohne aufzublicken oder einzuhalten doch auf etwas anderes aufzupassen schien. Ich sagte ihm auf englisch: "Ich danke Ihnen. Jetzt bin ich bereit, Chinese zu werden, da ich nun auch diese Kunst kenne. Bis dahin wäre ich verhungert." Er aber antwortete mir plötzlich lachend in gutem Deutsch: "Oh, weshalb! Chinesisches Leben ist schlechtes Leben." Ich erschrak ein wenig, in dieser fremden Anstalt so unerwartet diese Sprache zu hören. Er lachte ungemein liebenswürdig und legte mir geschäftig mit seinen Stäbchen schöne fette Schwämme in meine Schüssel. Die Gerichte folgten sich rasch und zahlreich. Alle zehn Minuten kommt ein Diener mit brennend heißen feuchten Handtüchern, in die man das Gesicht badet. Die Singmädchen gingen zwischen den Gästen umher, gossen ihnen Hirsewein ein und reichten ihnen Speisen mit den Stäbchen in den Mund. Das fünfjährige Dirnchen saß mit seinen dicken, hellgeschminkten Backen, den fünf roten Tupfen auf Stirn und Nase, seinem farbigen Seidenkleidchen und den Blumen im Haar wie ein aufgeplusterter Vogel zwischen zwei Männern, die sie fütterten. Die Graue kam zu mir. Sie hob mit ihren Eßstäbchen einen Streifen des gewürzten Jünanschinkens hoch und schob ihn mir in den Mund. Sie schaute mich kalt und frech an. Ich lachte. Da ging sie wieder, ohne ein Wort gesagt zu haben. Als sie hinter dem Stuhl des schwitzenden Bajuvaren vorbeischritt, blickte sie auf dessen dicken roten Kopf hernieder, verschnitt ihr Gesicht zu einer ganz flüchtigen verächtlichen Grimasse und sagte im Lärm der Gespräche und des Gejohls, wie von der Höhe einer Pagode herab für sich: "Rote Schweinsborsten!" Der Genfer verhandelte mit einem "schroff" des Gastgebers. Er wollte eines der Mädchen mitnehmen. Aber es gelang ihm nicht. Sie wären jedem Chinesen sofort zu Willen gewesen. Er sprach mit dem Mädchen selber. Es rief laut: "Er zwickt mich in den Hintern!" und ging lachend von ihm. Der warme Hirsewein rötete die Köpfe. Das Tischtuch war begossen von ihm. Die Speisen drängten sich. Ich habe mir einige Dutzend Gänge gemerkt. Das Essen begann mit gefüllten "Taschkerln", die auf chinesisch den Namen eines Körperteils tragen, den man in Gesellschaft nicht erwähnen darf. Mit diesen Taschkerln kamen gutschmeckende süße Kuchen. Der zweite Gang, der eine feststehende Einrichtung chinesischer Gastmähler war, bestand eigentlich aus sechzehn verschiedenen Gängen, die alle zugleich auf den Tisch gesetzt wurden. Es waren: trockene Fische, Huhn, Ente, Schinken, Wurst in Scheiben, Geflügelleber, überzuckerte Gurken und Kürbisse, kandierte Pflaumen und Birnen, kalte Pilze mit Lauch, Oliven, Algen in Sauce, Kastanien, eingemachter ungekochter Kohl und die berühmten in der Erde schwarzgebeizten Enteneier, die für den europäischen Gaumen kein großes Fest, aber doch nicht übelschmeckend waren. Darnach folgten Krabben in Tunke, ein nächster verband Krabben mit Bambussprossen. Nun kam eines der berühmten und teuern Gerichte, eine der Nationalfeinschmeckereien, die reiche Leute in ganz China auf ihrem Tisch lieben: eine Art weißer Pilze, die in Ssetschuan zu Hause waren. "Sie kosten 60 Mark das Pfund", sagte mein für derlei Dinge eingenommener Nachbar. Auf die Pilze folgte die andere Nationaldelikatesse: Haifischflossen. Bambusmark in Brühe, gebackne Fischstückchen, "Moos der tausend Jahre" in einer Brühe, fette Enten, Lotoskerne in süßer Tunke und ein Haufen solcher Dinge, die eine für unsern europäischen Gaumen zu subtile flüchtige Fremdheit besaßen. Diener stellten schöne große Kupferkessel auf den Tisch, in denen Wasser siedete. Um die Kessel herum wurden im Kreis verschiedene Sachen auf Schälchen angeordnet: zerschnittener Salat, zweierlei roher Fisch und Nieren in feinen Scheiben, Pommes de terre paille und rohe Kartoffelstreifen, Lauch, eine dicke Sauce aus Pflaumen und Bohnen, und daneben wurde auf ein Tellerchen ein Häuflein abgezupfter Blumenblätter der weißen Aster gelegt. Das war der "Djue hua go", der Asterntopf. Die Gäste leerten ihre Weintassen in den Feuerbehälter unter dem Kupferkessel, zündeten an, und als das Wasser fest wallte, warfen wir alle die kleinen Dinge hinein, zum Schluß kamen die Asternblätter. Nach einer Weile war die Suppe fertig. Man füllte seine Schalen und aß es mit Porzellanlöffelchen, und es war, als ob man einen herben feinen Blumenduft äße. Die Chinesen sind Feinschmecker wie die Franzosen und haben ein wenig deren Art im äußern Anrichten von Genußmitteln. Sie lieben, auch in den armen Häusern, das kleine Vielerlei, flüchtige pikante Dinge, und nirgends in der Welt kann man Geflügel so braten wie in China. Es wurde noch Rindfleisch gegeben. Das hätte früher kommen sollen. Aber aus Artigkeit gegen meinen vornehmen Nachbar, der aus Ningpo war, wo man das Fleisch des Rindes nicht aß, weil es in menschlichem Dienst arbeitet, war es außerhalb der Reihe gestellt worden. An seine Stelle kam dann, in einer Verdoppelung der Aufmerksamkeit, Reis. Niemand aß mehr. Die Mädchen waren schon aufgeregt und spielten mit einigen Gästen die chinesischen Fingerspiele. Aus Höflichkeit aß er ein paar Körner. Ein Mädchen kam zu ihm. "Trink mit mir, Großpapa", sagte sie und hob ihr Weintäßchen. Er gab ihr ernst und reserviert Bescheid und füllte, indem er sich verneigte, meine Tasse mit Lau dsiu. Sie spielten schon alle am Tisch mit den Mädchen. Sie spielten das "Hua dsuan". Die zwei Spieler schlagen sich durch die Luft dreimal die Hand entgegen, das drittemal läßt jeder eine Anzahl von Fingern herausspringen und ruft zugleich eine Zahl. Stimmt diese Zahl mit der Summe der von beiden Händen zugleich gezeigten Finger überein, so hat er gewonnen. Bei diesem Spiel erregten sich rasch die Hände der Männer und Frauen, wie edle feine Tiere. Sie gerieten aus der ruhig- und anmutigedlen Feierlichkeit ihrer schlanken Länge in eine leidenschaftliche Heftigkeit. Ein Spieler suchte den andern irrezuführen. Die Finger flogen beim dritten Niederschlagen aus der Hand wie Vögel, schwebten und stürzten kopfüber wieder in die Faust, richteten sich allmählich lauernd nacheinander halb auf und sprangen im Augenblick, da der Arm ganz ausgestreckt war, plötzlich grad und steif, während von geschwungenen Lippen heftig die Zahl fiel, die gewinnen sollte. Oft spielten zwei Hände dreißigmal rasch hintereinander dies Spiel, ehe ein Mund die richtige Summe schrie, und dann toste der Jubel heiß los, und alle brüllten durcheinander während der Verlierer hastig den Wein hinunterstürzte und hastig von neuem begann. O diese wunderbaren Hände! Diese Märchen der Schöpfung, die über ganz China gebreitet waren und keinen Unterschied zwischen Arm und Reich machten. Diese Blumen, die aus ewig jungen urhaften Gedanken wie aus Blumengärten gewachsen waren! Bei uns waren sie einst verflüchtigende Schönheitsträume verliebter gotischer Madonnenmaler. Hier wachsen sie, fleischgewordene Gedanken über tausend Jahre alter Schönheit, durch ein Land von Hunderten von Millionen Menschen. Ich saß da, spielte mit und genierte mich meiner Tatzen und schaute immer und immer. Diese Hände waren fremde Orchideen. Ich glitt an ihnen immer ferner aus dem Kreis der Chinesen und wurde immer fremder. Und dennoch gab es einen unter uns, der, obschon flachäugig und mit aufgereckten Backenknochen, noch fremder in dieser Gesellschaft zu sitzen schien als ich Luxemburger, das war der "Laupapa" neben mir, der alte graue Mann aus Ningpo, der diese Ssetschuanchinesen verachtete und haßte. [Illustration: Ssetschuanesische Händlerinnen] [Illustration: Fahrt zu Markt] DER SCHIN TAN Wir waren einen Monat in Tschunking. Dann wurde das Hausboot, das in der ganzen Zeit im Kiating, inmitten eines Rudels ruhender Schiffe festgelegt war, in Ordnung gebracht, und eines Morgens begann die Talfahrt. Die erste Hälfte des Rückwegs ging rasch und glatt. Der Mast war abgenommen und an der Seite festgebunden worden. Es wurde nur gerudert. Die alten Kulis, mit denen wir die lange Fahrt den Jangtsekiang heraufgemacht hatten, waren nicht mehr da. Die neuen Ruderer schienen nicht so gut, es waren zu junge Knaben und zu alte Männer und Faulpelze dabei. Sie waren nur mehr zu zwölf. Der Laopan wollte Geld schinden. Er bezahlte jedem Kuli für die ganze Reise zu Tal etwa anderthalb Mark. Es kam ihm teuer zu stehen. Am sechsten Tag der Reise hatten wir schon weit über die Hälfte des Wegs hinter uns, und wir dachten, in drei Tagen in Itschang sein zu können. Da kam aber auf einmal Sturm den Strom herauf. Die Talenge faßte den Wind heftig zusammen und er schlug wie durch ein enges Rohr eingepreßt auf uns. Die Ruder setzten sich bald nicht mehr durch gegen ihn. Der Wind trieb das Schiff langsam immer nur wieder von einem Ufer zum andern, die Leute mochten sich in die Ruder werfen, wie sie wollten. Wir lagen halbe Tage lang am Ufer. Ich schoß Wildenten und Reiher, die in großen Trupps von Ufer zu Ufer flogen, und ging, die Flinte auf dem Rücken, mit Gre zu den Bauernhöfen, in die Berge und in die vereinsamten Bergbefestigungen hinauf. Verwilderte Orangen hingen klein und golden an den grünen Bäumen in der grauen harten Luft, und die winterliche Ackererde war unter den Schritten weich und zäh wie Teig. Die Ruderer gewöhnten sich rasch an dieses träge Leben. Als am zehnten Tag der Wind schwächer wurde und wir auf die Weiterreise drangen, ruderten sie so faul, daß das Schiff nicht voran kam. Rund um uns gingen die Dschunken zu Tal. Ich zeigte auf sie. Die Kulis sagten, sie kämen nicht weiter, weil das Schiff zu wenig beladen sei und im Wasser keinen Widerstand gegen den Wind habe. Da ließ ich Steine aufladen. Diese Arbeit ging ihnen wider den Strich. Sie warfen ein paar Steine auf, fuhren weiter und ruderten bald wieder an Land. Sie gingen gleich zu einem Haus hinauf, in dem sie sich zum Teetrinken und Plaudern niederließen. Bei diesem Haus stand ein Bambusbusch. Ich schnitt zwei feste Stecken und besuchte die Teetrinker. Sie waren im Nu auf dem Schiff. Wir kamen dann gegen den Wind an. Ein roter Engländer, Mr. Joney Nutknacker, der zufällig mit uns von Tschunking weggefahren war und der auch nach Itschang wollte, ließ uns nicht locker. Er fuhr in einem kleinen mit Matten eingedeckten Wupan mit drei Ruderern. Es regnete hinein, und die Wellen spritzten sein Bett mit Wasser voll. Infolgedessen hielt er sich mit Vorliebe auf unserer trockenen und gewärmten Kwaze auf. Unsere Ruderer waren jetzt sehr fleißig. Sie ruderten und sangen dazu. Einer sang vor. Das war der Kuli Nr. 1. Er war einer jener großen ungeschlachten Ssetschuanesen, die die gewaltsame Brutalität der Tataren in ihrem Äußeren bewahrt hatten. Er war ein Hunne, ein Menschenschlächter, so wie er aussah. Und er war doch vielleicht ein liebenswürdiger und gutmütiger Mann. Die Ohrfeigen, die unser kleiner Diener ihm schenkte, weil er einmal kein Badewasser für uns warmgemacht hatte, steckte er jedenfalls als wohlverdient ein, obschon er den Boy mit einem Schlag seines breiten Kinns von oben herab hätte zermalmen können. Dieser gutmütige Hunne sang also vor, und die andern holten jedesmal mit "Hejo, haija ... haija, haija!" ab und ließen die zwei großen Wriggruder im Takt dieses Refrains gehen, während ihre blauen Lumpen um die Körper tanzten. Der Singkuli sang: Der Mandarin aus dem Tugendland und seine Frau fahren drinnen sehr warm und haben gut essen. Und die andern riefen singend im Chor: Hejo, haija ... haija, haija! Die Kwaze geht schnell. Sie kommt von Tschunking und hatte fünf Tage Wind. Wenn der Wind aufhört, sind wir in zwei Tagen in Itschang. Hejo, haija ... haija, haija! Unsere Kwaze ist schön. Aber der Wupan, in dem der fremde Mandarin fährt, ist schlecht. Hejo, haija ... haija, haija! Der fremde Mandarin im Wupan ist schäbig. Aber unserer ist reich. Er hat uns heut mit dem Bambus geschlagen. Wir waren faul und verdienten die Schläge wohl. Hejo, haija ... haija, haija! Der im Wupan hat rote Borsten auf dem Kopf, wie die hellen Schweine. Die Frau unseres Mandarins hat ein schmales Gesicht und ein schönes kleines Kinn wie eine Kastanie. Sie ist schön und gibt uns Apfelsinen und Medizin. Ihre Nase ist so schmal wie ein Sonnenblumenkern. Hejo, haija ... haija, haija! Schnell, schnell, wir wollen uns von den Dschunken nicht überholen lassen und der fremde große Herr will bald in Itschang sein. Der fremde Mandarin ist so dick, wie ein Gott aus Gold. Hejo, haija ... haija, haija! Der Vogel fliegt mit uns und will Fische fangen. Der fremde Mandarin hat ein Bumbum und kann ihn töten. Hejo, haija ... haija, haija! Weshalb tötet er ihn nicht? Er gäbe uns den Leib und wir könnten das Fleisch in unserm Reis kochen. Hejo, haija ... haija, haija! Unser fremder Mandarin ißt nur den Leib der Wildenten und reißt den Reihern die Federn aus der Brust. Wir essen alles im Reis, Weih und Reiher. Es ist gut. Hejo, haija ... haija, haija! Es wird Abend. Schnell, Ruderer, wir legen an und bekommen Reis! Hejo, haija ... haija, haija! Es ist wohl zu erwarten, daß der fremde große Herr uns etwas gibt in Itschang. Vielleicht zweitausend Käsch. Dann bekommt jeder hunderfünfzig Käsch. Dann geh' ich zu den Mädchen. Aber der Huang muß nach Haus. Ihn holt seine Frau ab. Hejo, haija ... haija, haija! brüllten alle lachend dem Huang zu. Huang war mindestens siebzig Jahre alt. Der Mond scheint. Wir rudern durch sein Licht. Die Mädchen von Kweitsou fu werden heute Nacht schimpfen. Sie kommen in Kähnen. Aber der Mandarin nimmt sich kein Mädchen. Er reist mit seiner schönen jungen Frau. Hejo, haija ... haija, haija! Nur der Rotborstige bleibt den Mädchen von Kweitsou fu. Hejo, haija ... haija, haija! Der Rotborstige ist aber ein Geizhals. Er fährt in einem Wupan für achtzehn Tael. Und als es gestern regnete, wurde sein Bett naß ... schnell, schnell! sagte er auf einmal, wie von außen einen Riegel vorschiebend. Er war schon etwas zerstreut, denn der Reis duftete aus dem Kübel. Auch der Chor sang nur mehr zum Teil: Hejo, haija. Viele drehten sich oft am Ruder um und steckten die Nase in den Geruch, der aus dem Kochloch heraufkam. Plötzlich hielten sie mit Rudern ein und stürzten sich über das Reisfaß, das der Koch im selben Augenblick vom Herde hob. Eines Tages kamen die Schnellen. Wir flogen eine nach der andern hinab. Es war ein sausendes Zutalschaukeln. Die Kwaze war noch fester als sonst in das Stoßen der erregten Ruder gespannt. Der vordere Steuerbaum flog hin und her. Der Laopan schrie erregt am Hintersteuer unter dem niederen Dach über das Schiff hinweg. Es war immer alles auf dem Spiel: Schiff und Leben. Ein Boot, das im Zutalgehn in der Schnelle scheiterte, war rettungslos und ganz verloren. Die Landschaft strudelte um uns auf, wild und stark wie die Schnellen. Dann waren wir eines Morgens am Schin Tan. Der schmale Durchlaß einer wütenden Schlucht türmte sich über dem Strom auf, dunkel und rauh. Er engte ihn ein. Der Fluß wird hart und verwegen wie die Landschaft. Am linken Ufer unterhalb des grauen Städtchens, das droben auf Mauern und Pfählen steht, lag eine lange Reihe von Dschunken. Ein großer Zug von Kulis trug ihre Ladung am felsigen Ufer hinab und stapelte sie weit unterhalb der Schnelle im Sand auf. Dort nahmen die Schiffe sie wieder ein, wenn die Durchfahrt durch die Schnelle geglückt war. Einige kleinere Schiffe kamen an diesem Ufer den sprudelnden Fluß herauf. Die Schnelle war wie ein Wasserfall. Man sah die heraufkommenden Schiffe nur, bis wo der Mast ins Dach ging. Das sah so aus, als ob sie gesunken wären. Am andern Ufer standen einige Häuschen auf einer langen Plattform. Es schallte Musik von dort herüber, und die Plattform wimmelte von Menschen, wie ein Fliegenglas voll schwarzer Fliegen. Drüben ist die Fahrrinne für die größeren Dschunken und für die zu Tal gehenden Schiffe. Diese müssen zwei Lotsen nehmen, zwei Lotsen für zwei Meter Fahrt. Manchmal sehen wir eine Dschunke sich von unserm Ufer lösen und nach der andern Seite rudern. Nach einer Weile stößt sie drüben wieder hervor, fährt langsam mit dem Rücken voran, der Kante der Schnelle zu, dreht auf einmal und sinkt in den Wasserfall hinein, springt und schleudert, kreiselt und taucht und taumelt durch die Wut des Stroms aufgeregt in wahnsinniger Eile zu Tal. Von unserm Hausboot zog alles aus, was nicht bleiben mußte. Unser Diener kam und flehte uns an, wir möchten nicht mit die Schnelle hinabfahren. Das sei Gefahr fürs Leben. Aber wir gaben ihm die Handtasche mit dem Geld, den Papieren und Photographien. Dann fuhr das Hausboot ans andere Ufer. Dort lag auf der Plattform Zug neben Zug von Ziehern. In der Schnelle unmittelbar am Ufer stand, von sechs Tauen festgehalten, eine große Dschunke. In den Häusern spielten Musikanten auf Trommeln, Becken und vielen flehenden Geigen, um die Zieher anzufeuern. Zweihundert Menschen stemmten sich, auf dem Boden liegend, in die Ziehtaue. Die aufregende Musik fliegt in sie hinein. Die Dschunke steckt wie festgerammt, in dem kurzen Wirbel, der dunkel und glatt, wie ein Bogen aus kochendem Porphyr, mit rasender Kraft ans Bug schlägt und sich auswärts wölbt. Bis auf einmal ein kleiner Ruck ins Schiff kommt. Die zweihundert Zieher, die an die Seile angekrallt liegen, stürzen ein wenig vornüber, aber der kleine lockernde Ruck ist schon von den Seilen aufgefangen und festgehalten, und langsam, hartnäckig eisern folgt Ruck auf Ruck. Die Musikanten fiedeln begehrlicher, die Becken dröhnen ungeduldiger, und die Trommeln wirbeln, und durch die Muskeln droben rast ein Schauer, Tier und Schöpfung, finster und ewig, und Maß um Maß unterliegt die Tochter der Natur und der Willen des Menschen siegt sich hinauf. Uns schauert ein wenig. Die Lotsen sind grade an Bord gekommen. Zwei junge dünne Burschen in den reinlichen langen Gewändern der besseren Klasse. Die Ruderer haben sich alle ausgezogen und ihre Kleider geborgen. Außer den Rudern wird alles festgebunden. Die Kulis legen sich nieder und halten sich an. Wir beide werden ins Innere des Boots eingeschlossen. Aber wir schieben die großen Fenster auf. Das Boot treibt langsam schräg rückwärts, auf die Kante der Schnelle zu. Wir sehen sie in tiefem dunklem Bogen ruhig, aber gewaltvoll abstürzen und dann plötzlich in einem ungeheueren Strudeln und Schießen, Donnern und Spritzen sich erregen und in heißen Bogenwellen talwärts fliegen, sich beruhigend. Wir wissen, daß unter dem wilden Wasser die Felsenhaufen unsichtbar einen engen Paß bilden, der nicht viel breiter ist als unsere Kwaze. In diesen Durchgang müssen wir hineinstürzen. Dann glückt es. Mit einemmal hat uns die saugende Kraft gefaßt. Das Schiff geht etwas herum, neigt sich in den Wasserfall. Der Lotse hinten am Steuer brüllt über das Schreien, Fauchen und die Kanonenschüsse des Wassers hinweg. Wir steigen hinten hoch, wippen über, alles rutscht und stürzt, die Ufer, die Felsenklötze, die Berggrate, wir im Innern Eingeschlossene. In schweren Fetzen schlagen die Wellen aufs Schiff herauf. Wir wissen nicht: ist es Leben oder Tod? Einen Augenblick lang kochen alle Bewegungen, die es gibt, zugleich mit uns auf. Wir haben uns ans Fensterbrett festgekrallt. Das Zimmer schwänzelt wild herum. Die Landschaft schüttelt sich. Das Schiff fliegt, stolpert, bäumt auf, macht Sprünge wie ein Karpfen außerhalb des Wassers und dreht sich, wie kreisend zu Tal rollende Felsen, ins Gewoge zurück. Unter unsern Augen saust und stockt das Wasser, schleudert auf, bohrt und windet sich und schießt geradeaus. Wir sehen die Kulis über die Ruder herfallen, das Schiff richtet sich auf und noch durchtobt uns das feurige Flammen dieses wehrlosen verwilderten Sturzes, so gleiten wir schon eilig wie in gutem Wind mit wohligem, ebenmäßigem Schaukeln mitten im Fluß zu Tal. Am Ufer schauen uns die Leute nach. Das war der Schin Tan. Eine halbe Stunde unterhalb wird das Schiff ans Land gerudert. Die beiden Lotsen wollen sich von uns verabschieden. Sie verbeugen sich oft, und ein jeder von uns schüttelt sich wiederholt selber die Hände. Die Lotsen zeigen zur Schnelle zurück und wir sagen: bu chau -- das war gefährlich. Aber sie wehren lachend ab und sagen: Mas ki -- was liegt daran! -- und gehen unter vielen liebenswürdigen Verbeugungen an Land. Der Boy und die andern kommen wieder an Bord. Wir strömen zu Tal. Die Ruderer singen und arbeiten ununterbrochen. Wildenten fliegen auf und gehen jäh vor uns hoch. Meine Flinte holt noch eine aus dem Himmel, eine schön braun-, grau- und weißgefiederte mit einem grünmetallischen Helm. Ihre Farben sind wie Email so kühl und glänzend. Am nächsten Nachmittag waren wir in Itschang und bald auf der Reise nach der Küste zurück, und andre Weltteile und Rassen kamen. Doch keine mehr, die in derselben Geste ein solch überströmendes Gewähren zugleich mit solch rätseldurchschauertem Sich-Versagen uns hinhielt. Wir sprechen das Wort: Heiliges China! wenn wir in der Folge uns all die Erhebungen und all die Liebe, und all das Unnennbare, Unerfüllbare ... das, wie einer andern Schöpfung Entquellende vergegenwärtigen wollten ... VERZEICHNIS DER BILDER Markt in einem Jangtse-Städtchen 16 In einem Tor in Tschangscha 17 Zuckerbäcker mit Glückspiel 32 Im Kungfutse-Tempel von Tschangscha 33 Theater in einem Gildetempel 48 Fischer bei Tschangscha 49 Der Hund Fo 64 Wir segeln durch den Tunting-See! 65 Ssetschuanesische Krämerfamilie 80 Ein Briefschreiber 81 Zieher an einer Schnelle 96 Zieher 97 Fischerboot 112 Gräber abgestürzter Zieher 113 Das Salzdorf 128 Goldsieber 129 Brücke in Wan Schien 160 Wan Schien 161 Alte Ssetschuanesen 176 Garkoch 177 Das Tung-Sui-Men in Tschunking 208 Der Arzt 209 Ssetschuanesische Händlerinnen 224 Fahrt zu Markt 225 INHALT IM SÜDEN DES SEES Die Schwelle 11 Feuersbrunst 15 In Tschangscha 24 Flußfahrt 75 Sturm 86 Auf der Kwei Li 92 TAGEBUCH DER SCHNELLEN-REISE 107 SSETSCHUANESISCHE GROSS-STADT Stadt 187 Tempel und Soldaten 200 Neujahr 203 Ausritte 209 Festessen 217 DER SCHIN TAN 227 Verzeichnis der Bilder 239 WERKE von NORBERT JACQUES FUNCHAL Eine Geschichte der Sehnsucht. 2. Auflage HEISSE STÄDTE Eine Reise nach Brasilien. 2. Auflage DER HAFEN Roman PIRATHS INSEL Roman. 32. Auflage LANDMANN HAL Roman. 10. Auflage SIEBENSCHMERZ Roman. 8. Auflage Druck des Bibliographischen Instituts in Leipzig *** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 79585 ***