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Anmerkungen zur Transkription

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Bild

Kränze
auf das Grab
einer theuren Angehörigen.


28. Oktober 1858.

Triest.
Buchdruckerei von Colombo Coen.

[Pg 3]

Ida Pfeiffer.

Ida Reyer, verehelichte Pfeiffer, wurde am 15. Oktober 1797 geboren, und ist somit wenige Tage über 61 Jahre alt geworden. Gestorben ist sie am 28. Oktober d. J. früh um 1 Uhr, und obgleich ihre Leiden sehr groß waren, so ist sie doch in den letzten Stunden ihres Lebens frei von Schmerzen gewesen und ohne irgend eine Athembeklemmung eingeschlummert.

Schon als Kind zeichnete sie sich durch großen Muth aus, wollte immer nur Knabenkleidung tragen, was ihr der Vater auch gestattete, lernte mit den Brüdern exerciren, und würde auch Violinspielen gelernt und die Reitschule besucht haben, wenn der Tod des Vaters, den sie im 9. Jahre ihres Lebens verlor, diesen Plänen nicht ein Ende gemacht hätte. Schmerzen wußte sie immer sehr gut zu ertragen und zeigte nie eine Anwandlung von Furcht, wenn es sich darum handelte, allein im Finstern zu verweilen, ganz allein Todten in die Nähe zu gehen, oder furchtlos Gefahren zu trotzen, vor denen viel ältere Kinder sich zu sichern suchten. Ihre Willenskraft war außerordentlich stark und ein gegebenes Versprechen hielt sie, wenn es auch die größten Opfer kostete, selbst wenn es im Scherze gegeben war, oder man sie davon lossprechen wollte. Mit Puppen spielte sie gar nie; sie hätte auch keine je berührt; von weiblichen Arbeiten lernte sie, was sie eben lernen mußte, betrieb aber alle anderen Studien mit Fleiß.

Am liebsten hätte sie mit den Brüdern das Gymnasium besucht und im Jahre 1813 in Männerkleidern die Feldzüge mitgemacht, wenn es durchzuführen gewesen wäre.

In jener Zeit hatte sie einen ganz besonders ausgesprochenen Haß gegen die Feinde, mit denen Oesterreich sich im Kriege befand, und die Mutter mußte fortwährend auf der Hut sein, um nicht compromittirt zu werden, da Ida auf diese Leute am liebsten Steine geworfen hätte. Als sie bei irgend einem Anlasse im Jahre 1809 Kaiser Napoleon vorbeireiten sehen sollte, und die Mutter ihr nicht gestattete, sich umzuwenden, [Pg 4]schloß sie die Augen, während der Kaiser vorbeiritt, nur um sich rühmen zu können, Napoleon nicht gesehen zu haben.

Hingegen hegte sie für den eigenen Landesherrn eine solche Verehrung, daß sie sich in ihren Jugendjahren eines eigenen Siegels bediente, auf welchem das Bild des verewigten Kaisers Franz eingegraben war, ein Siegel, welches in der Familie noch aufbewahrt wird. Schon als Mädchen hatte sie sehr geringe Bedürfnisse, besaß nie irgend einen Schmuck, nicht einmal ein Armband, verwendete aber alles Geld, das sie hin und wieder bekam, zur Unterstützung für Arme, was sie auch in späteren Jahren und als sie sich in beschränkteren Verhältnissen befand, nicht außer Acht ließ.

Anfangs des Jahres 1820 vermählte sie sich mit einem Advocaten aus Lemberg, der aber bald darauf nach Wien übersiedelte. Diese Ehe ließ Manches zu wünschen übrig. Vor 3 oder 4 Jahren wurde Ida Witwe. Die Erziehung ihrer zwei Söhne war größtentheils in ihre Hände gegeben, und sie unterzog sich derselben auch mit allem Eifer. Nachdem Ida Pfeiffer ihre Söhne versorgt hatte, entschloß sie sich, ihren Lieblingsplan, sich in der weiten Welt umzusehen, auszuführen. Ihre erste Reise unternahm sie im Jahre 1842, bei welcher Gelegenheit sie den Orient besuchte. Die Beschreibung dieser Reise machte in ihrer Schmucklosigkeit bedeutendes Glück, weil der Leser gleich herausfand, daß er es mit wirklichen Erlebnissen und wahrhaften Schilderungen zu thun habe. Die zweite Reise im Jahre 1845 ging nach dem hohen Norden. Durch ihre folgenden zwei Reisen um die Erde wurde sie überall bekannt und geehrt. Leider ließ sie sich nicht abhalten, die dritte Reise zu unternehmen. Obgleich sie bei ihrem ersten Besuche auf Madagaskar weiter ins Innere eingedrungen war, als je ein Europäer, so genügte ihr dies doch nicht, und sie setzte Alles daran, um diese terra incognita nach allen Richtungen zu durchforschen. Anfangs von der Königin freundlich aufgenommen, kam sie später in Verdacht revolutionärer Umtriebe, und nur der Fürbitte des Thronfolgers hatte sie es zu verdanken, daß sie mit dem Leben davon kam. Sie wurde aber als Gefangene an das Meeresufer transportirt. Der 53tägige Marsch und der öfter wochenlange Aufenthalt in den ungesundesten Gegenden unter stetem Mangel des Nothwendigsten zog ihr noch auf jener Insel eine Krankheit zu, von der sie sich trotz der sorgfältigsten Pflege auf Mauritius nicht mehr erholen konnte. Krank schiffte sie sich nach England ein, krank kam sie an, beeilte sich, ihre Heimath zu erreichen, mußte aber längere Zeit in Hamburg verweilen, da sich ihr Uebel verschlimmert.

Trotz der Bitten ihrer Freunde, bei ihnen zu bleiben, zog sie es vor, sich ins Spital bringen zu lassen, von wo aus sie an ihre Angehörigen [Pg 5]Schreiben richtete, in denen sie ihre Zufriedenheit über die liebevolle Behandlung, die man ihr zu Theil werden ließ, nicht warm genug ausdrücken konnte. Kaum sich etwas besser fühlend, trat sie in Begleitung einer Freundin die Reise nach Breslau an, von wo sie sich nach Krakau begab. In der Nähe jener Stadt gedachte sie auf dem Landgute einer ihrer innigsten Freundinnen den Winter zuzubringen.

Im Buche des Schicksales war es aber anders beschlossen. Dem Drängen ihrer Angehörigen nachgebend, reiste sie in Begleitung einer Schwägerin in ihre Heimatsstadt Wien, wo sie bereits sehr leidend ankam. Hoffnung auf Herstellung war keine mehr, sie trug den Keim des Todes bereits in sich. Die liebevollste Behandlung von Seite ihrer Angehörigen und der befreundeten Aerzte konnte ihr Leben kaum mehr um Tage verlängern. — Die Verewigte war eine edle Seele, sie blieb sich stets gleich, und zeigte sich bis zu ihren letzten Augenblicken als die besorgteste und liebevollste Mutter. Im geselligen Umgange entfaltete sie die anziehendsten Eigenschaften und wußte durch ihren Vortrag die Gesellschaft auf das angenehmste zu fesseln.

(Triester Zeitung.)


Die Wege des Schicksals sind wunderbar in ihren Widersprüchen. Auf der kurzen Fahrt von Hamburg nach New-York, einem Wasserwege, so bequem und geläufig und beinahe so sicher wie eine Eisenbahnfahrt von Wien nach Paris, auf einem Schiffe, das mit all' dem Comfort, mit all' den reichen Hilfsmitteln ausgerüstet war, durch welche die Transportdampfer des modernen Europa einander überbieten, verloren jüngstens vierhundert Reisende in furchtbarer Weise ihr Leben, Menschen, von denen die Hälfte zum ersten Male auf der See sich befand und von denen das Schicksal auf dieser ersten Reise alsogleich den furchtbarsten Tribut einforderte, während ein schwaches Weib, das zwei bis drei Mal die Welt umsegelt hat, unter den Wilden Amerika's und Afrika's, unter den glühenden und eisigen Zonen beider Hemisphären den unsäglichsten Gefahren, der Wuth der Menschen und der Elemente sich aussetzte, das Glück genießt, in ihrer Heimath, auf dem ruhigen Krankenbette, von Freunden und Bekannten umgeben, ihr Leben gleich einem gewöhnlichen Menschen auszuhauchen! Ida Pfeiffer hatte die Seele eines Soldaten. Wäre sie ein Mann gewesen, so hätte die Kriegsgeschichte von ihrem unbeugsamen Muth und ihren unerschrockenen Thaten berichtet. Auch dieses ist ein wunderbares Spiel des Schicksals, daß eine solche energische, unternehmungslustige, [Pg 6]kühne Seele einem Weibe eingehaucht wurde, wo sie, gefesselt von tausend Verhältnissen, nicht jene Blüthen und Resultate bringen konnte, die bei einem Manne befruchtenden Saamen nach allen Seiten hin ausgestreut hätte.

Ida Pfeiffer ist wie ein Soldat an den Wunden gestorben. Ihre letzte Reise hat die Gesundheit der geschwächten Frau hart angegriffen. Das Klima von Madagaskar hatte sie dort auf das Krankenlager geworfen, wie sie dies selber in der Ost-Deutschen Post in einem Briefe geschildert hat. Unter steter Gefahr, von der gegen die Christen und Europäer fanatisirten Königin aufgegriffen zu werden, war ihr Krankenlager ein in vielfacher Beziehung furchtbares. Sie hat sich von jener Prüfung ihrer geistigen und physischen Kräfte nicht erholen können. Siech und gebrochen betrat sie im Anfange dieses Jahres in Hamburg den deutschen Boden, schleppte sich nach kurzer Rast in ihre Heimath und heute kömmt uns die Nachricht ihres Todes zu. Wir beeilen uns, den ersten grünen Kranz auf ihr Grab zu werfen. Die Frau hat in ihrem Vaterlande die Anerkennung nicht gefunden, die ihr gebührte; ihre persönliche Erscheinung war nicht anziehend und brillant genug, um ihr die Bahnen der Popularität zu ebnen, um ihr die Theilnahme der Salons zu erwerben, die für die Minauderien einer koketten Schauspielerin im Feuer der Begeisterung entflammen. Die Wissenschaft sah mit stolzer Vornehmheit auf die schwache Dilettantin, die ihr Leben für die Selbstanschauung von Ländern und Menschen einsetzte, welche in der warmen Studierstube viel bequemer und umfassender erforscht werden können — nachdem Andere ihre Haut dafür zu Markte getragen haben. Aber Alexander v. Humboldt wußte diese tapfere Seele besser zu würdigen und die Berliner Gelehrten-Vereine widmeten ihr Aufmerksamkeit und Ehrenbezeigungen. Die österreichische Wissenschaft hat keinen Verlust an ihr erlitten, aber das österreichische Volksthum hat an dem Charakter der Hingeschiedenen eines seiner seltensten Exemplare verloren, einen Charakter voll Energie, Ausdauer, Sobrietät, voll unbeugsamen Festhaltens an einem Zwecke; einen Charakter, der das körperliche Wohlergehen dem geistigen Streben ohne Schwanken zum Opfer bringt. Hätten wir viele Männer von dem Schlage dieses Weibes, so würde Oesterreich bald an der Spitze der Nationen stehen.

(Ost-Deutsche Post.)

Carolus.


[Pg 7]

Der
hingeschiedenen Freundin Ida Pfeiffer.

[Pg 8]

Mir ist so rührend, Dich zu sehen,
Die Ruhelose, ruhig, stumm!
Du magst nicht durch die Welt mehr gehen,
Und Deine Pilgerzeit ist um.
Nur einen Gang noch! in die Erde,
Die dreimal Du umwandert hast,
Bis Du zum häuslich frommen Heerde
Zurückgekehrt, zur letzten Rast.
Ich will nicht hören jener Schollen
Entsetzenvollen, dumpfen Klang,
Die auf den Sarg Dir niederrollen,
Mein letzt Geleite sei — Gesang.
Sie preisen Dich, Dein kühnes Wesen,
Das weit in alle Welt gestrebt;
Was wir mit Grau'n in Büchern lesen,
Du hast's, ein schwaches Weib, erlebt!
Doch hast Du nicht, wie Frauen pflegen,
Wenn sie phantast'scher Sinn umrauscht,
Um weiblich Thun, um stillen Segen
Des Ruhmes Kranz Dir eingetauscht.
Du übtest fromm des Hauses Pflichten,
Hast Kinder liebewarm genährt,
Dir galt als Ruhm nur, zu verrichten,
Was jedes Weibes Leben ehrt.
Dann erst hast Du der Sehnsucht Schwingen
Zum kühnen Fluge ausgespannt,
Glanzvoll erfüllt Dein mächt'ges Ringen,
Das Du so lang in Dir gebannt.
[Pg 9]
Wer Dich gekannt so, still bescheiden
Und schüchtern Deine Art zu sein,
Wer ahnte wohl, es wird aus beiden
Erdhälften einst Bewund'rung Dein!
Nachrühmen sie den Bürgerinnen
Der Stadt, die Deine Wiege ward,
Daß sie mit leichtbewegten Sinnen
Das Leben lieben, flücht'ger Art.
Du hast zur hold erregten Weise
Gefügt des Strebens ernsten Geist,
Gezeigt durch aller Erde Kreise,
Was Muth vollbringt, was Leben heißt!
Du knietest nieder an dem Grabe,
In welchem Dein Erlöser ruht,
Dann mit geweihtem Pilgerstabe
Hinzogst Du zu des Hekla Glut.
Nur Eines schien Dir werth zu leben:
Die Marken dieser Welt zu sehn;
Dort, wo des Eispols Schrecken weben,
In des Aequators Glut zu stehn!
Dich schreckte nicht, Dich schien zu locken
Der Berge Sturm, das tiefste Meer,
Des Kannibalen blut'ge Locken,
Der Hauch der Pest, des Wilden Speer.
Was Männer preist: einmal zu schiffen
Um dieser Erde weites Rund;
Dreimal hast Du's gewagt, den Riffen
Zu trotzen und der Meere Schlund.
[Pg 10]
Und immer kamst Du freudig wieder,
Doch diesmal sterbend, wie ein Held,
Der siegesmüd und wund die Glieder
Heimkehrend erst dem Tod verfällt.

(Wanderer.)

Sei in der Heimat denn willkommen!
Auf Dich — im Grabe stolzer jetzt;
Es hat Dich besser aufgenommen
Die bess're Heimat doch zuletzt.

Ludw. Aug. Frankl.

Am
Grabe der kühnen reisenden Wienerin.

Deine Augen sind geschlossen,
Und Du siehst die Thränen nicht,
Die am Grabe hier geflossen;
Dich beseelt ein heh'res Licht!
Deine Wünsche zu gewähren
Bilden Sonnen den Verein.
Wanderst nun in andern Sphären;
Diese Welt war Dir zu klein!
Wir nur fühlen leises Wehen,
Was zum Herzen pochend spricht:
Ja, es giebt ein Wiedersehen!
Wenn das Auge hier auch bricht.

Tml.

*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 79555 ***