*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 79334 *** ======================================================================= Anmerkungen zur Transkription. Das Original ist in Fraktur gesetzt. Die Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden. Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~ und =fett gedruckte= so. ======================================================================= =~Reise~= in das =~Morgenland~= in den Jahren 1836 und 1837 von +Dr.+ Gotthilf Heinrich von Schubert. Dritter und letzter Band. Mit einer Karte und dem Grundriße von Jerusalem. Erlangen, =1839= ~bei J. J. Palm und Ernst Enke~. ~Reise~ in das ~Morgenland~ in den Jahren 1836 und 1837. Dritter und letzter Band. Erlangen, gedruckt bei C. H. Kunstmann. Vorrede. Dieser letzte Band meiner Reisebeschreibung, welcher heute vollendet vor mir liegt, führt den theilnehmenden Leser weiter durch das alte Heimathland des Glaubens, dann zu jenem des wissenschaftlichen Beschauens, endlich aber zurück zu dem Ort des leiblichen Daheimseyns. Indem ich am Schlusse der ganzen Arbeit noch einmal die Bahn betrachte, durch welche mein Reisebericht führt, erkenne ich freilich, lebendiger denn vielleicht irgend ein Andrer, die Mangelhaftigkeit dieses Führers. Denn obgleich es die Quellen vom Hermon und Libanon, von Judäas und Ephraims Gebirgen, dem vorüberrinnenden Bächlein meiner Beschreibungen an Nahrung nicht fehlen ließen, blieb dieses dennoch ein Siechbach, welcher nur zu oft dem Gesetz des Falles unterliegend von der Höhe herab in die dürre Ebene der Alltäglichkeit sich ergoß und hier im Sande sich verlor. Wenn aber auch nicht selten ein Gebüsch der Tamarisken, das am Rande des vertrockneten Gießbaches grünet, die Erwartung des Lesers täuschen sollte, der sich da einem erfrischenden Quell im Haine der Zypressen zu nahen hoffte, möge dennoch der Getäuschte dem alten Reisebeschreiber nicht zu sehr zürnen. Es sind nicht allein die Quellen des Gebirges, die man nach Willkühr aufsuchen und wieder verlassen kann, welche dem dürren Lande sein lebendiges Wasser geben, sondern die Segnungen von diesem kommen am meisten und zunächst aus dem oberen Gewölk, über dessen Erguß und Lauf unser Wille keine Gewalt hat. Und selbst jene Weise der Darstellung, welche dem armseligen Gebüsch der Tamariske aus der Ferne die anscheinende Gestalt der edlen Cypresse verleihet, kam nicht aus der Willkühr des Beschreibers. Die Erinnerung an das vorhin Empfundene und Erlebte ist ein Abendroth, welches selbst die unscheinbaren Nebel der Höhe mit seinem lieblichen Purpur bekleidet, und zugleich auf das Angesicht Dessen der es betrachtet und beschreibt, einen veredlenden Schein wirft, der jenem von Natur nicht zukommt. Es war anfänglich meine Absicht als Anhang zu diesem letzten Bande meiner Reise ein Verzeichniß von Arabischen Namen der Naturkörper, namentlich der Pflanzen und Thiere zu geben. Dieses war der Grund aus welchem ich die Arabischen Benennungen, auch wo sie mir bekannt geworden, im Buche selber nur selten beifügte. Abgesehen jedoch davon, daß der Inhalt des dritten Bandes selber unter der Hand zu einer größeren Ausdehnung angewachsen war als ich erwartet hatte, und daß ein solches Namensverzeichniß nur für den geringsten Theil der Leser, für welche ich zunächst dieses Buch schrieb, von Interesse seyn würde, hielt ich es nach reiflicherer Ueberlegung auch aus andren Gründen für besser, jenen weitläufigen und dennoch lückenhaften Anhang für eine passendere Gelegenheit zurück zu behalten. Eine Zusammenstellung unsrer auf der Reise von Kairo bis nach Beirut gemachten barometrischen Beobachtungen sammt den hierauf gegründeten Berechnungen der Höhen verspricht mein verehrter College, +Dr.+ E. A. von Steinheil, welcher dem Geschäft jener Berechnungen freundlich sich unterzog, in den Denkschriften der Münchner Academie der Wissenschaften zu geben. Freilich geht jenen Angaben leider die Sicherheit ab, die sie nur durch correspondirende Beobachtungen erhalten konnten, und von den vier aus München wie aus Wien mitgenommenen Barometern war das einzige, durch +Dr.+ Erdls unermüdete Wachsamkeit noch für den letzten wichtigsten Theil der Reise gerettete, vielleicht nicht einmal das beste; dennoch können unsre Beobachtungen einen vorläufigen Anhalt für die Höhenkenntniß von Palästina geben. Die hier beigefügte Landkarte, zu welcher mein treuer Reisegefährte +Dr.+ Erdl den Plan von Jerusalem, großentheils nach Catherwood zeichnete, gewährt nur eine allgemeine Uebersicht über die Richtung unsres Weges; von dem Haupt- und Mittelpunkt der ganzen Reise, von der Landschaft Palästina's, wird die hoffentlich bald erscheinende Karte meines Freundes K. von Raumer ein möglichst vollständiges und getreues Bild geben. Die Auswahl aus den Zeichnungen meines Reisebegleiters, des Herrn Maler Bernatz liegt nun vollendet, in vier Heften, vor. Wenn diese Abbildungen auch keinesweges auf glänzenden Effekt berechnet sind, so kann ich dagegen desto mehr die gewissenhafte Treue rühmen, mit welcher dieselben an Ort und Stelle entworfen sind. Die von mehreren Seiten gerügte Ungleichheit der Abdrücke war nicht die Schuld des in weiter Entfernung vom Druckorte wohnenden Künstlers. Sehr zu beklagen habe ich, daß mir die vorläufigen Berichte der Herren Robinson und Eli Smith über ihre Reise in Arabien und Palästina (in der Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes) erst nach dem Abdruck des zweiten Bandes meiner Reise zu Gesichte kamen. Ich würde mich sonst ausführlich über die Gründe erklärt haben, aus denen ich noch jetzt, übereinstimmend zwar im Ganzen mit den Wahrnehmungen jener trefflichen Beobachter, zugleich aber auch in Berücksichtigung von Siebers, Catherwoods u. A. Annahmen über den Lauf der alten Mauern von Jerusalem, es für mehr als wahrscheinlich halte, daß die Stätte, auf welcher die h. Grabeskirche erbaut ist, zur Zeit von Christi Kreuzigung außerhalb der Stadtmauern gelegen sey, und daß sie die wirklichen Orte von Golgatha und vom heiligen Grabe umfasse. Uebrigens freue ich mich von Herzen auf das Erscheinen einer Reisebeschreibung, welche so reichhaltig zu seyn verspricht an Aufschlüssen über die Geographie und Naturbeschaffenheit von Palästina denn vielleicht kaum eine andre der neueren Zeit. Ich bin befragt worden, wie hoch sich wohl die Kosten einer solchen Reise, wie die unsrige war, belaufen möchten? Hierauf kann ich antworten, daß wenn eine kleine Gesellschaft, etwa der unsrigen an Zahl der Personen gleich, denselben Weg einschlagen wollte, den wir zurücklegten, die Ausgaben für eine Person beiläufig 900 Thaler Preußisch oder nahe 1600 Gulden rheinisch betragen möchten; daß man aber bei der jetzigen Einrichtung der Dampfschiffahrt gar wohl mit etwa 800 Gulden die Reise von Triest nach dem gelobten Lande, dann durch ganz Syrien und von dort zurück nach Triest machen könnte. In der That, gering und unbedeutend waren die äußren Opfer, Entbehrungen und Mühen, welche diese Reise erforderte, gegen den Genuß und Gewinn welchen sie uns brachte; denn wir wurden im ganzen Verlauf derselben wie auf Adlersfittichen geführt und bewahrt; selbst die Wüste gewährte uns Freuden, welche im Geräusch der Städte kaum gefunden werden. Pähl im Ammergrunde am 28sten August 1839. Der Verfasser. Inhalt des dritten Bandes. =I. Wanderungen durch Palästina und Syrien S. 1 bis 384.= Das Ausruhen S. 1, 2; Pilgerheimweh 3, 4. ~Bethlehem, Thekoa und St. Johann~ S. 5-56. Reiseplan 5, Anfang des Weges nach Bethlehem 6, Brunnen der Magier, Kloster des Elias 7; geographische Frage 8; Rahels Grab 9; eine geistige Aehrenlese 9, 10; Armuth der jetzigen Bethlehemiten 11; ihre Geschäftigkeit und künstlichen Handarbeiten 12-15. Freundlicher Wiederempfang im Kloster 16; die Grotte der heiligen Geburt, nebst historischen Erörterungen über dieselbe 17, 18; die Kirche +Mariae de praesepio+ 19, die Krippe 20; Grotte des St. Hieronymus so wie der St. Paula und Eustochium 20, 21; Kapelle der unschuldigen Kindlein 21; Grotte der Bergung 22. Wandrung nach Thekoa; Wadi Ehretoun 23; Verirren zwischen den Trümmern von Thekoa 24; das wahre Wort der Weissagungen 25; Trümmer der Christenkirche 25, 26; Aussicht über die Umgegend 27, 28; Abendbrod bei den Hirten 28, 29. Das Labyrinth 30; ein Ort der Lobgesänge 31, 32; der Frankenberg 33; Feld der Hirten 34; Abschied von Bethlehem 35. Zweiter Besuch in »Salomons Gärten« 36; Salomo's Teiche 37; der Quell 38; St. Georg 39; Baitschallah und seine Wasserträgerinnen 40, 41. Das Thal von St. Philipp 42-44. Beschwerlicher Gebirgsweg 45; Aussicht vom Berge 46-48; Ankunft in St. Johann 49; das Terebinthenthal 50; Freundliche Wohnstätte 51. St. Johann in der Wüste 52, 53. Der Klostergarten 54; Kloster des h. Kreuzes 55; Heimkunft nach Jerusalem 56. ~Neuer Aufenthalt in Jerusalem~ S. 56-67. Soldatenroheit 57. Besuch bei der Sakharamoschee 58; Beschreibung ihres Aeußren 59, 60; Aussage eines Augenzeugen über ihr Innres 61, 62; Nachtwache in der h. Grabeskirche 63-67. ~Reise nach dem todten Meere und Santa Saba~ S. 67-103. Voreiliges Verirren 68, 69; Ruinen in Süden von Bethanien 70; Brunnen der Apostel 71; wüste Gegend zwischen Jerusalem und Jericho 72; das Mordthal; der Berg der Versuchung 73; Thalkluft des Elisabaches 74; Ruinen und Stätte von Jericho 75; Nachtlager beim Dorfe Richa 76, 77; historische Erinnerungen 78: an Gilgal 79; Obdach des Feigenbaumes 80. Morgengedanken 81; der Jordan 81-84. Der Weg nach dem todten Meere 85; sein Wasser 86; seine tiefe Lage 87, 88; Beschaffenheit der Ufer 89, 90; Erinnerungen an die Geschichte der Umgegend 91, 92; ökonomische Verlegenheit 92; ein Englisches Fahrzeug 93. Brandstätte der Natur 94. Mohamedanische Sagen 95. Die Wüste der Einsiedler 96; gefahrvoller Felsenpaß 97; die Klosterveste von St. Saba 98; Grotte des heiligen Saba 99; andre Sehenswürdigkeiten des Klosters 100; Abendliche Stille 101; nächtliches Geläute 102; Rückkehr nach Jerusalem 102, 103. ~Naturgeschichtliche Bemerkungen~ S. 103-122. Eigenthümlichkeiten der Lage und des Klima's von Jerusalem 103-107; herrschende Gebirgsarten 108-110; natürliche Fruchtbarkeit von Palästina 111; Flora 112-116; Fauna 117-120; Großes im Kleinen 121, Abschied 122. ~Reise nach Sichem und Nazareth~ S. 122-221. Abreise von Jerusalem und Rückblicke 122, 123. Verlegenheit des Forschers der Oertlichkeiten 124; Thal Ajalon und Beeroth 125; Ruinen daselbst 126; Gebirge Ephraims 127; Jabrut 128; Nachbarschaft von Bethel 129; Nachtlager in Sindschil, Aussicht nach Silo, Erinnerungen an das Land der Kindheit 130-132. Nachtlager im Freien 133. Verlust durch Diebstahl und ungerechter Verdacht 133, 134. Das Thal von Libna 134; Sawia 135; Thal von Howara 136. Anblick des Garizim 136; Thal von Sichem oder Nablus; Jacobsbrunnen 137; Josephs Grab 138. Die Festlichkeiten der Mohamedaner am Moharremfeste 139, 140; Tag des Aschura 141. Jetziger Zustand von Sichem 142; das Griechische Pilgerhaus 143, 144. Der Abhang und die Höhe des Garizim 145; Gartengesellschaften 146; Eleasars Grab 147, der alte Stadtthurm mit seiner Aussicht und seinen Erinnerungen 147-149; Justinus Martyr der Sichemit 150, 151. Nochmaliger Besuch bei dem Brunnen der Samariterin und bei Josephs Grabe 152-154; schlechtes Nachtlager 154; Abreise aus Sichem 155; Samaria 156; Herodes und St. Johann der Täufer 157; Ruinen der Johanniterkirche 158; Reste der älteren Tempel und Paläste 159, 160; Geruch des Todes 160. Stätte von Bethulia 161, Nachtlager bei Dschennin 162. Das Gefilde Esdrälon und die Gebirge Gilboa's 163; Hinblick auf die Stätte von Jesreel, Taanach u. f. 164; Fernansicht des Thabor und des kleinen Hermon 165. Fruchtbarkeit der Ebene von Jesreel 166; der Kison und die Berge von Nazareth 167. Ankunft im Kloster während eines heftigen Sturmes 168; Betrachtung der Umgegend von Nazareth und der Stadt selber 169, 170; Kirche der Verkündigung, Brunnen der Maria, Haus des Joseph u. f. 171. Der Weg nach dem Thabor 173; auffallender Umriß des Berges 173; Dabury 174; die reiche schöne Natur des Gipfels und die Aussicht von demselben 175, 176. Zertrümmerte Bergveste mit dem schlafenden Einsiedler 177, 178; Erinnerungen welche der Anblick des Thaborgipfels und die Aussicht hinab auf das Schlachtfeld von Hittin weckt 179. Kurzer Ueberblick über die Geschichte der Kreuzzüge: innrer Grund ihres Entstehens 180, 181; der trübe Winterstrom ihres ersten Hervorbrechens 182, 183; mannichfache Entartungen auch des besseren Anfanges 184-186; ritterliche Kraft und Tapferkeit 187-189; unverkennbare Bezeugungen eines christlichen Heldenmuthes und gottbegeisterten Sinnes 190-195; das Leben aus dem Tode 196-198. Tröstliches Naheseyn 199. Die Ruinen auf dem Thabor 200; Heimweg nach Nazareth 201, 202. Der Weg nach dem Carmel; St. Giacomo 203; das Dorf Geida und der Tell Scheikh Beraik 204; das grasreiche Kisonthal und der Umriß des Carmel 205; die Eliasschlacht und die Stätte des Opferaltars 206, 207; Kaipha 208; der Bazar 209. Das neue Klostergebäude am Carmel 210; seine schöne, vortheilhafte Lage zur Aufnahme von neuen Ankömmlingen aus Europa 211; die Flora der Umgegend 212; Aussicht 213; Europäisch-stattliche Einrichtung im Innren des Klosters 214. Die neue Kirche und ihre Kunstwerke 215. Akre oder Akko 216, 217; Atlit und andre Orte der Nachbarschaft 218, 219; der Padre Matteo; Heimkehr nach Nazareth 220; Abschied von da 221. ~Reise von Nazareth nach Damaskus~ S. 221-276. Weg nach Cana in Galiläa 221, 222; die Ebene von Hittin und die Geschichte des 4ten Juni 1187 223-230. Der Kesselrand des Tiberiassees, angebliche Stätte der Speisung 231. Tiberias in seinem vom Erdbeben schadhaften Zustand 232, 233; die hiesigen Israëliten 234, 235; die Trümmer aus Römischer Zeit 236; der See und seine günstige Lage 237, 238; die warmen Heilquellen 239; bedeutungsvolle Umgegend des Sees 240. Allgemeines Verirren 241, 242; Nachtlager am See 243; eine Nachfeier des Auferstehungsfestes 244, 245; der rauchende Bach 247; ein ungestümer Bettler 248, 249. Magdala 250; Nachbargegend des alten Capernaum 251, 252. Der Josephsbrunnen 253; Aussicht auf Saphet 254; Dschebel Szafad 255; die Jacobsbrücke 256-260; nächtliche Ruhe und Unruhe 260, 261. Fortsetzung der Reise über den hohen, östlichen Jordansrand 261; Eichen von Basan 262; eine Landschaft von Ituräa 263; Nowaran und Tell el Khanzyr 264; die Gegend der Phialaquelle und von Kanneytra 265, 266; Sturmwind und nothgedrungene Frugalität 267, 268; kaltes Nachtlager auf der Heide 268, 269. Der Geburtstagsmorgen 269, 270; Sasa 271; die öde Hochebene 272; Nachtlager bei dem Khan el Scheikh 273. Das Dorf Kokab 274; Wettrennen der Mucker 275; Ankunft im Lateinischen Kloster von Damaskus 275, 276. ~Damaskus~ 276-305. Beschreibung des ersten Eindruckes in der Bildersprache des Orients 276-279; die Mystik des Orients 279, 280. Leibliches Freudegefühl 280, 281. Frühere Undultsamkeit der Bewohner von Damaskus gegen die Franken 281; jetzige Dultsamkeit 282. Klima und Cultur des Bodens der Umgegend 283-286. Der Kasiunberg, und seine Sagen 286, 287; Saladins Grab; die Moschee der Ommiaden 287; christliche Erinnerungen 288. Damaskus das Madrid, wie Kairo das Paris des Morgenlandes 289; das Alter von Damaskus und die Züge seiner Verwandtschaft mit den Städten des abgelegneren Ostens 290; Größe und Bauart 291; das Gemisch der Bewohner 292; Veranlassung zur gehässigen Verstimmung der hiesigen Mohamedanischen Bewohner gegen die Christen 293; kräftige Gewerbthätigkeit der Damascener 294, 295; Vorsorge für künftige Reisende 296. Nähere Betrachtung der hochberühmten Moschee der Ommiaden die zuerst ein Tempel der Juno war 297, 298; andre Bauwerke und Erinnerungszeichen des heidnischen wie des christlichen Alterthumes 299, 300. Die Charfreitagsfeier der orientalischen Christen 300, 301. Kaffeehäußer von Damaskus 301. Ein verborgner Edelstein 302, 303; allerhand Bekanntschaften 303; Salehieh und Mr. Farren 304. ~Reise von Damaskus nach Beirut~ S. 305-350. Verstimmung der Seele durch kleinen Anlaß 305, 306. Der Findschaquell 307; glücklich vorübergegangene Gefahr 307; Lieblichkeiten der Gegend; Thal des Barrada 308; das Dorf Hhassenie; Nebi Abel mit Abels vermeintlichem Grabe 309, 310; El Suk mit den Ruinen seiner Nachbarschaft 311. Das Nachtlager auf dem Naßfeld 312. Zebdeni, Weg über den Antilibanon 313; Nachtlager in einem Kirchlein von Zarain 314, 315. Das Thal der Thäler 316. Marco Polo's Paradies der Assassinen 317; Steinbruch von Baalbeck mit seinen riesenhaften Werksteinen 318. Der Bischof von Baalbeck und seine Wohnung 319, 320. Betrachtung des jetzigen Baalbeck und seiner natürlichen Lage, mit Rückblicken auf seine Geschichte 321-325. Kurze Beschreibung der Ruinen des Sonnentempels und des Pantheons 326-331. Lord Lindsays Briefe und Vergleich von Baalbeck mit Palmyra 331, 332. Sterbegedanken des Heidenthumes 333; der Festvorabend unter den Ruinen 334. Theilung der Reisegesellschaft für mehrere Tage 335; Rückblicke auf die alten Herrlichkeiten von Baalbeck 336, 337. Der Weg durch das Bekaa; Begegnen einer wandernden Turkomannenhorde 338. Quellen des Leontes; Dschebel Sanin; vornehmer Reuter 339. Gastmahl der Bewohner von Kerak im Freien 340; Noahs Grab 340, 341. Ankunft in Sachile; freundlicher Empfang im dortigen Maronitenkloster 341. Der Nachmittag des Himmelfahrtsfestes unter blühenden Rosengebüschen; langentbehrtes Geläute der Vesperglocken 342. Herzliche Theilnahme der christlichen Bewohnerinnen von Sachile an den beiden Fränkischen Pilgerinnen 343; Fleiß und christlicher Eifer der Einwohner von Sachile 344. Fröhliche Abendtafel im Kloster 345; Feuersgefahr 346; Abschied von Sachile und vom Anblick des Quellgebirges des Jordans 347; der Dschebel Riehan und die Aussicht von seinem Gipfel auf das Meer 347. Nachtlager auf dem Dache des Khan Hussein, Umgegend des Khans 348, 349. Ungesetzlicher Durst eines Derwisches 349. Ankunft der einen Abtheilung der Reisegesellschaft in Beirut 350. ~Reise zu den Cedern des Libanon, beschrieben von +Dr.+ Johannes Roth~ S. 351-375. Schwierigkeiten der Reise, gleich nach den ersten Stunden durch das Erkranken des Maulthiertreibers erhöht, der die Reisenden geleiten sollte 351; Umwege, durch die Schneemassen geboten 352; Wildheit und erhabene Naturschönheit der Gegend 352, 353; seltsamer Holztransport 353. Die Schneemassen in der Nachbarschaft des Dschebel Makmel 354; erhebende Aussicht auf die Ferne, niederschlagende auf die Nähe 355; Rückerinnerung an eine Bergfahrt am Sinai (eine Episode) 356. Gefahrvolles Hinabsteigen 357; Nachtlager auf der kalten Höhe 358. Ein freundlicher Geleitsmann aus dem Dorfe Hosran 359. Das Thal und der Hain der Cedern 360, 361. Das Heiligthum des Waldes 362; Flora der Gegend 363; gastfreundlicher Empfang in Betscherri, beim dortigen Scheikh 363; +Dr.+ Gaëtano Gaëtani; erquickliche Nachtruhe unter dem gastfreien Obdach des Scheikh 365; die Gegend und ihre Bewohner 365. Ankunft in Eden; seine Lage 366. Liebevolle Aufnahme und Bewirthung im Hauße des Schech Petrus von Eden 367-370; Nachtlager in Sibbaihl beim Schech Tobia 371; Weg hinab nach der Küstengegend von Tripolis 372, 373; Nachtlager bei Batrun, Ankunft in Beirut 374. ~Beirut~ 375-390. Vergleich des Lebens der Reise durch die Wüste und durch Palästina mit dem in einem Europäisch eingerichteten Gasthofe 375, 376. Freundliche Vorsorge aus der Ferne; Gefälligkeiten des Griechischen Consuls Thesee 377; Lage und natürlicher Reichthum von Beirut 377-379; die Bewohner und ihre Beschäftigung 380, 381. Ein St. Simonist 381. Erfreuliche Bekanntschaften und geistige Genüsse in Beirut 381, 382. Das Griechische Maienfest 383; unerwartetes Wiedersehen 384; Wahl der Schiffsgelegenheit 385. Die Feier des Pfingstfestes im fernen Lande 386, 387; Reste des alten Berytus 388. Eine mannichfach geartete Schiffsgesellschaft 389; Sehnsucht nach der Abreise 390. =II. Reise nach Griechenland S. 391-514.= ~Die Seefahrt nach Patmos~ S. 391-443. Die Qualen der Ungedult 391; die Einrichtung des Schiffes 392, 393; dankbarer Abschied 394; die erste Nacht im Schiffe 394, 395; letzte Ansicht des heilen Landes 395. Unterhaltungen auf dem Meere 396; Annäherung an Cypern 397; seine Gebirge und sein natürlicher Reichthum 398, 399; Landen und Einkäufe bei Limasol 400. Das wechslende Glück der Seefahrt 401, 402; eine Schule der Gedult 403; Windstöße und Windstille 404; Mangel und Sturm 405; vergebliche Versuche in den Hafen von Castell rosso einzulaufen 406. Die genußreichen Rasttage in Cacamo 407; die Nekropolis des Ortes 408; Gespräche mit griechischen Matrosen und Pilgrimen 409; der Sabbathvorabend bei den Gräbern 410; Lebensrettung der Syrischen Ziege 410. Sonntagsstille und Sabbathsgenuß in der grünenden Einöde der Felsen 411-414. Abfahrt von Cacamo und neuer Kampf mit den Elementen 415, 416; Anblick der Tauruskette und der Ruinen von Patara 416, 417; eine Geburtstagsfeier auf dem Meere 417, 418; eine fremde Weininspection 419; Annäherung an Rhodos und Symi bei täglich mehr sich steigerndem Mangel im Schiffe 419, 420; ein kärgliches Sonntagsmahl 421. Ein günstiger Wind der sich zum Sturm verstärkt 421, 422; ein Gewitter auf dem Meere 422. Ein Nachtgespräch der Seele 423; Annäherung an Patmos 424; Zeitvertreib mit Sagen des Volkes 425; Einlaufen in den Hafen der Insel und Lob der billigen Quarantäne 425; Erquickung nach langer Noth und Hinaufsteigen nach der Stadt 426; die Grotte des Apostel Johannes 427; das Kloster des h. Kristodulos 428; das gastfreie Haus des Kapitäns 429. Naturgeschichtliche Bemerkungen über die Insel 430-432. Aerztliche Thätigkeit des +Dr.+ Roth in Patmos 433. Christliche Erinnerungszeichen 433, 434. Edle Natur und Sitte der Bewohner der Insel 434-436. Verhältniß zur jetzigen Türkischen Oberherrschaft 436. Ueberzahl der Frauen 437. Die frühere Nebenbestimmung des Klosters zum Zufluchtsort der Bewohner und ihrer Güter 437, 438. Der Lug ins Land 438. Wanderungen und Abschiedsbesuche am vorletzten Tage des Aufenthaltes 438, 439. Stille Feier eines Festvorabends in der Grotte der Apokalypse 440; der ländliche Feiertag 441. Der nordwestliche Hafen 442; Abschiedsgesang und Abschiedsgedanken 443. ~Fahrt von Patmos nach Syra und Athen~ S. 443-514. Lebewohl 443; neue Ungunst der Elemente 444; Anblick von Amorgos und Mykonos, gefährliche Nachbarschaft der Felsen-Stiere 445; das Kreuz des Kreuzens 446; Anblick von Stenosa und Naxos 447; Paros und Delos 448, 449; Tenos 450. Ankunft im Hafen von Syra 451; die fremden Segel- und Dampfschiffe 452. Besuch von Landsleuten 453. Ein gefährlicher Anstoß 453, 454. Auszug aus dem Schiff in die Landquarantäne 454. Beschreibung der neuen Wohnstätte 455; unser Leben in der Quarantäne 456-458. Eine Illumination 459; Hineinziehen in die Stadt und gastfreundliche Aufnahme in derselben 460. -- Die Volksschulen in Syra und der in ihnen herrschende Geist 460-463. Hildner, Sandersky, Robertson 464. Abreise von Syra in einem kleinen, Griechischen Segelboot 465; Ausfuhr aus dem Hafen 466; der förderliche zugleich aber unbequeme Seitenwind 466; Anblick von Seriphos, Serpho-Pulo und Thermia 467; Ceos 468; Euböa und das Vorgebirge Sunium 469; Aegina Fernanblick der Akropolis von Athen, Einlaufen im Piräus 469, 470; ein neuer Gastfreund 471. Annäherung an Athen; Vergleich desselben mit Jerusalem 472, 473, so wie der vormaligen Bewohner beider Städte 474. Athens Auferstehen aus der Asche 475. Zustand der Stadt und ihrer Bewohner vor der Griechischen Revolution nach dem Bericht eines zuverlässigen Augenzeugen 475-477. Erster Eindruck des jetzigen Athens 477. Freundliche Bewillkommnung im Hauße des Collegienrathes Brandis 478. Spaziergang am ersten Abend 479; Stätte des Areopagus; Gefängniß des Sokrates 480. König Otto von Griechenland 481-483; die junge Königin 483. Ignaz von Rudhart 484-488. Die Akropolis 489; Trümmer der Propyläen 490; Thurm des Odysseus; Tempel der Nike apteros 491; der Parthenon 492; Aussicht von seinem Gemäuer 493; das Erechteion 493; Stätte des Theaters; Ausgrabungen bei und innerhalb der Akropolis 494; Stätte des alten Odeions so wie des Museions; Denkmal des Philopappus 495; Rednerbühne der Pnyx, 496; der Pantheon oder Olympieion 496; Tempel des Theseus, Thurm der Winde, alte Mauern des Hafens 497; das Stadium des Herodes Attikus mit dem Begräbnißplatz der Fremden 498. Deutsche Einwandrer und Soldaten 498, 499. Das eigentliche Volk von Athen 499. Ein alter Schulfreund 500. Feier des achten Juli; der naturhistorische Verein von Athen 501. Reichthum der Umgegend an fossilen Thierüberresten; die Anlage des botanischen Gartens 502. Leibmedikus Röser 503; genußreiche neue und alte Bekanntschaften 504, 505; philologischer Verein 505. Besuch bei der Stätte der alten Akademie 506; Wanderung auf den Pentelikon 507; am Ilissus 508. Abschied von Athen 508, 509. Abreise mit dem Postschiffe, zurück nach Syra 509, 510. Bekehrungseifer des Mönches vom Sinai 511, 512. Eine Landparthie 513; Abschied von Syra 513, 514. =III. Die Heimreise S. 515-576.= ~Fahrt nach Livorno~ 515-552. Vergleich des Dampfschiffes mit dem Segelschiff 515, 516; das Dampfschiff Minos 517; Ansicht von Melos 518, 519; die Küstengegenden von Lakonien 520; Cerigo 521; Vorgebirge Tänarium 522, 523; Stätte von Känopolis 524; geistiger und leiblicher Fernblick auf die Stätte von Olympia 525; Malta 526; die hiesige Quarantäne 527; Besuche von Freunden, mißliche Aussicht auf die Weiterreise 528; Bedenklichkeiten aller Art und vergebliche Streitigkeiten mit dem Kapitän des Minos 529; nothgedrungener Entschluß mit dem schadhaften Dampfschiff Sesostris weiter zu gehen 530; unangenehme Verzögerung der Abfahrt 530, 531; nächtliche gefährliche Ueberfahrt nach dem Sesostris 531; Ankunft auf diesem 531, 532; Annäherung an Sizilien 532, 533; die Ostküste der Insel 533; abendliche Beleuchtung der Gebirge 534; der Aetna 535-537; Taormina 537; Reggio und Messina 538, 539; Scylla und Charibdis 540, 541. Die Liparischen Inseln und der Stromboli 542-544; Fernansicht von der Küste von Kalabrien; Vorgebirge Palinuro und Posidion 545; Gegenden von Pästum und Salern; die Bucht von Neapel 546; Kurzes Verweilen bei Civita vecchia 547. Erste Vorüberfahrt an Elba 548; ein heftiger Seesturm 548, 549; zweite Annäherung an Elba 549; vergeblicher Versuch, im Hafen von Porto lunghone zu ankern 549; Ausruhen in Porto rio 550, 551; Ankunft auf der Rhede von Livorno 552. ~Die Quarantäne in Livorno~ S. 553-565. Zustand des Quarantänegefangenen 553; freundlicher und unfreundlicher Empfang 553, 554; Beschreibung des fünfwöchentlichen Aufenthaltsortes 555; die Mitgefangenen 556; Benutzung des leeren Raumes 557; Tagesordnung 558; Tageslast und nächtliche Sorgen 559; Beschäftigung und Unterhaltung 560; unterhaltende Nachbarschaft 561; Erweisungen gastfreundlicher Liebe 562; Cholera-Scherz und Ernst 563; Sonnenschein und Sturm 564; günstigere Aussicht 565. ~Reise über Florenz nach München~ S. 565-576. Zuspruch in der Stadt 565; Pisa und die beiden Savi 566. Florenz die blühende Jungfrau unter den Städten Italiens 567; Tagesordnung und tägliche Genüsse 568. Ein innres wie äußres Werk der Baukunst 568, 569. Wiedersehen von St. Croce und andern Denkwürdigkeiten der Stadt 569-571; Fülle der Kunst und Natur 571, 572. Ein andres Wiedersehen 573. Das gesegnete Haus des Herrschers 573, 574. Eine unerwartete Reisegesellschaft 574, 575. Bologna und Mantua 575; fröhliches Annähern an den heimathlichen Wohnsitz und Ankunft in München 576. =I. Wanderungen durch Palästina und Syrien.= Ich kenne ein Krankseyn, nicht des Leibes, sondern der Seele, das mir immer, vor allen Arten des Krankseyns wunderlich und geheimnisvoll erschien: sein Name ist ~Heimweh~. Dieses bittersüße Wehe hat mich befallen da ich noch Kind war; es hat mich öfters, mitten im raschen Laufe der Jünglingsjahre ereilt, hat mich besucht bei der Arbeit der männlichen Tage und nicht verlassen in der Zeit des heranrückenden Alters. Soll ich mit wenig Worten sagen was ich vom Heimweh weiß, dann nenne ich es ein sehnliches Verlangen nach Frieden, nach dem Stillseyn und Ausruhen aller Kräfte des Leibes und der Seele von dem Drang der Wünsche, von dem Treiben des Begehrens. Hat doch schon jedes alltägliche, leibliche Ausruhen, nach vorangegangener Mühe und Arbeit eine Süßigkeit, welche, noch ehe man ihrer genoß, das Sehnen wecket, und auf die, wenn sie vorüber ist, das Verlangen oft und gern zurücke blickt. Wenn wir darauf merken, bei welchen Stunden einer gewöhnlichen Wanderung über Berg und Thal die Erinnerung am liebsten verweile, zu welchen sie mit der höchsten Lust zurückkehre, finden wir dann nicht: es sind die Stunden der Frühe, in denen der Leib, durchdrungen von den Kräften ~der Ruhe~ seine Füße aufhub zum Gang durch die grünenden Auen, und noch mehr die des mittäglichen Ausruhens im Schatten der Bäume, in deren Zweigen die Cicade sang, vor allem aber am meisten, mehr denn die Stunden der Frühe oder die des mittäglichen Ausruhens sind es jene des Abends, nach denen die Erinnerung gern sich hinwendet. Jene Stunden der stillen Rast, da sich der ermüdete Leib am Bache des Thales, bei der Wohnung der Hirten erquickte, während die Sonne hinter der Felsenwand der Alpen hinabgieng und mit dem Ton der Vesperglocke zugleich das Lied der Steindrossel ertönte. Wie das Eisen, das man, eben noch glühend ins frische Wasser tauchte, hier zum festen Stahle ward, so sind auch die Erinnerungen aus den heißen Stunden des Tages während denen die innre Freudigkeit verstummt war, erst durch jene Weihe, welche die Stille des Abends über sie ergoß, zu einem feststehenden Gut und Genuß der Seele geworden. Und dennoch, was ist alles leibliche Ausruhen; was ist selbst die friedliche Stille auf der Höhe und im Thale der Alpen, die Ruhe der Liebe im Haus der Eltern, nach welcher das Heimweh des Schweizers sich sehnt und abhärmet? Sind sie doch alle bloß ein Schattenbild von jener Sabbathsruhe des Geistes, welche dem ritterlichen Kampfe des Lebens verheißen ist, und welche Der kennet, der sie erfuhr. Auch das Ausruhen in Palästina und bei Zions Burg, nach den Mühen der Wüstenreise, war zuletzt nur ein Schattenbild des lebenskräftigen Urbildes, aber dennoch ein solches, dem in besondrer Stärke ein Vorschmack innen wohnte, von den Süßigkeiten einer Ruhe, welche künftig seyn wird. Denn als der Wandrer dort verweilte bei der »Stadt des großen Königes,« im Thale der Oelbäume, war es da nicht öfters als ob Salems Thor sich aufthäte und aus ihm hervorträte jener König des Friedens, Melchisedek, ein Priester Gottes des Höchsten, der auch über ihn, den Pilger im Thale, die Hände segnend aufhub? War es nicht, mitten in der Unruhe der Zeit, ein stiller Frieden der Ewigkeit, der sich zuweilen dort, am Fuße des Oelberges, in das Herz ergoß, wenn Leib und Seele sich freueten in dem lebendigen Gott und der Geist ausruhete vor Seinem Nahen? Und ob mich auch nun, im Obdache des leiblichen Vaterlandes nicht selten besuchet das Gefühl des innren Friedens, so ergreift mich dennoch ein Sehnen des Heimwehes, wenn ich deiner gedenke, du hehres Land, das ich nur wie mit der fliehenden Eil eines Zugvogels durchwandelte; deiner du Jordan und Thabor, deiner du hochgebautes Jerusalem. Selbst der Traum der Nächte führt mich, dem hohen Nebo, Mosis Grabe gegenüber, an die Ufer des todten Meeres, aber dieses erscheint dann nicht mehr als ein todtes, seine Fluth ist wie von einem Odem des Lebens mächtig bewegt, sein Wasser von Schaaren der buntfarbigsten Fische durchwebt. Es war nicht das Wehen des Abendwindes, im Wipfel der Palme am Morija, nicht der Duft und die Farbenpracht des Landes der Lilien, im paradiesisch schönen Gefilde Esdrälon, nicht der Wald der blühenden Granatbäume bei Nazareth oder das Rauschen der silberklaren Bäche vom Felsen herunter, in der Heimath der Turteltauben bei Magdala am Tiberiassee; nicht die hehre Aussicht vom Carmel oder vom Libanon, was in meine Seele den Keim zu jenem tiefen Heimweh, zu dem Sehnen nach dem Wiedersehen des Landes der Verheißungen legte. Mit dem Hauche des Windes der am Abend über Josaphats Thal und des Oelberges Abhang sich aufmachte, wehete meiner Seele noch ein andrer, höherer Odem des Lebens an, als jener, der im irdischen Luftkreise liegt; der Thau vom Hermon, wenn er, über Nains Stätte, da der Herr den Sohn der Wittwe aus des Todes Schlaf erweckte, herabsank auf Jesreels Lilienthal oder in das Myrtengebüsch bei Nazareth, war von andren Kräften der Erfrischung durchdrungen, als das gewöhnliche, leibliche Wasser sie einschließet; das Rauschen der Wellen des Sees und die Stimme der Waldtauben bei Tiberias und Magdala sprachen nicht nur, wie andre Naturtöne dieser Art von den Lieblichkeiten dieses Landes, sondern zugleich vor den Entzückungen des Petrus und Johannes, als nach der vergeblichen Arbeit der Nacht der Herr, der Sieger aus des Grabes Nacht, hier am Ufer des Sees ihnen erschien; oder von den Freuden des Wiedersehens der Magdalenerin, da sie klagend den heiligen Leichnam, der nicht mehr im Grabe war, aufsuchte. Darum du Heimweh nach dem Lande, in welchem meiner Seele Loblieder geboren wurden und Gedanken des innren Lebens, wie der Thau aus der Morgenröthe, will ich deine Schmerzen wie ein Kleinod in meinem Herzen tragen und bewahren, denn aus ihnen soll mir geboren werden und immer besser sich entfalten ein Heimweh der andren, höheren Art, das die Seele hinanziehet, wie auf Taubenflügeln, zu einer Stätte, aus welcher ferner kein Hinwegscheiden seyn wird. Bethlehem, Thekoa und St. Johann. Wir verlassen jetzt mit der Beschreibung unsrer Reise Jerusalem, zu welchem wir später noch zweimal zurückkehren. Die erste Auswanderung aus der werthen Stadt führte uns gen Süden, nach Bethlehem und Thekoa, dann durch manches Thal und über steiles Gebirge, vorüber an den Gärten und Teichen Salomons nach Baitdschalla, an jene Stätte da der Engel des Herrn Sanheribs Heer schlug; von hier durch den fruchtbaren Grund von St. Philipp und dann nach jenen Gegenden des Gebirges Juda, in denen die Trümmer des hochgebauten Modin der Makkabäer herabschauen auf das Thal der Terebinthen, das in Israëls Geschichte durch Davids Sieg über den Goliath verherrlicht ward, und in dessen Nähe die Andacht der späteren, christlichen Jahrhunderte die Orte verehrt, da St. Johann der Täufer geboren ward und in der Wüste sich enthielt, bis daß er hervortreten sollte zu dem Volk (Luc. 1, V. 80). Den Wanderern durch diese Gegenden ergehet es wie einem Liebenden, welcher ausgehet den Freund zu suchen, der über den Weg der Felsen vorangieng. Der Freund hat zum Zeichen, daß sein Fuß hier wandelte, bald hier bald da dem Gestein die Zeichen seines Namens eingeschrieben; dort wo er weidete, wo er ruhete am Mittage; ein jedes dieser Zeichen weckt das Sehnen der Liebe, das Sehnen Ihn zu finden, bis die Seele des Wandrers es innen wird, daß der Gesuchte nahe sey; denn das was sie vernimmt in ihrem Innren das ist die Stimme ihres Freundes. Der fünfte April war zur Reise nach Bethlehem bestimmt, wir mußten für diesmal zwei unsrer lieben Reisegefährten in Jerusalem zurücklassen, denn +Dr.+ Roth war von einem fieberhaften Krankseyn befallen und Freund Erdl mit dem Arabischen Knechte blieben als Pfleger bei ihm. Es war ein herrlicher Morgen, da wir drei, der Maler Bernatz und ich mit der Hausfrau, bald nach Sonnenaufgang uns zu Fuße aufmachten, während die andren Gefährten noch der Lastthiere warteten. Auf Ben Hinnoms Thale und Gihons Teiche ruhete der Schatten; als wir, zur Rechten vom Berge des bösen Rathes, die Höhe betraten, umleuchtete uns der Schein der Morgensonne. Der Himmel war so klar und durchsichtig, daß es dem innren Auge schien als könne es da hindurch und hinanblicken nach der Urstätte jener leiblichen Verherrlichung, die sich vormals in Jerusalem und Bethlehem zur Natur des Menschen herabließ, und welche, wenn auch für längere Zeit aufgehoben und abgeschieden von der Stätte ihres irdischen Erscheinens, dennoch zu dieser einst wiederkehren wird. Wir hatten den Weg von Jerusalem nach Bethlehem schon einmal gemacht; damals aber, im Anblick der Stadt, welche der Reise Ziel war, ergieng es uns wie Jenen, denen die Sonne ins Angesicht leuchtet, und die vom Glanze der Herrscherin geblendet, das was zur Rechten und Linken liegt nicht bemerken. Heute sahe das ungeblendete Auge auch das minder Glänzende und Nahe. Die Höhe, über die man von Jerusalem nach Bethlehem hingehet, hat zu ihrer Linken das Thal Rephaim, oder der Riesen, in dessen grünende Tiefe man am ungehemmtesten erst in der Nähe von Bethlehem hinabschaut; zur Rechten senkt sie sich nach dem Fuße des Höhenzuges, an dessen Abhange Baitschalla liegt: die Grabstätte von Sanheribs Heere. Nahe am Wege, zu unsrer Linken, sahen wir mehrere alte Gemäuer, unter ihnen vielleicht die Kapelle Habakuks, ein Bauwerk aus der christlichen Herrscherzeit des Landes. Da wir zum Brunnen der drei Könige kamen, begegneten uns einige Bethlehemitische Christen. Sie schienen nicht vorauszusetzen, daß uns die heilige Sage von diesem Orte bekannt sey und was uns in der Wortsprache der Leute vielleicht noch unverständlich hätte bleiben können, das wäre schon durch die Zeichensprache erläutert worden, denn mit den Händen zeigten sie gegen den Himmel, wo der Stern, der den Weisen hier von neuem erschien, über der Stätte von Bethlehem glänzte. Ohngefähr in der Mitte des nur zweistündigen Abstandes zwischen den beiden irdischen Hauptstädten der Geburt und des Endes stehet, auf dem Rücken des Bergsattels, das sogenannte Kloster des Elias, von griechischen Mönchen bewohnt. Hieher hatte die Sage, die sich im Kloster erhält, jene Stätte (die freilich jenseits Bersaba lag) versetzt, bei welcher sich der gewaltige Thisbite, vor Jesabel fliehend, unter das Gesträuch setzte und bat, daß seine Seele stürbe, denn, so sprach er: »Es ist genug, so nimm nun Herr meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter.« Jene Stätte wo den Schlafenden unter dem Gesträuch der Engel des Herrn mit einem Brod und Wasser stärkete, dessen Kräfte zum Lauf über einen großen Weg ausreichten[1]. In der Nähe von hier überblickt man gen Norden die Stadt und Umgegend von Jerusalem, gegen Süden hin Bethlehem. Hätten wir damals gewußt oder bedacht, daß auch nur noch der leiseste Zweifel darüber herrschen könne, ob Bethlehem von Jerusalem südöstlich oder südwestlich liege[2], dann wäre es uns an dieser Stelle leicht gewesen die Frage zu entscheiden. Ich läugne es nicht, daß ich, wenn ich meiner Erinnerung folgen wollte, mich für die erstere Meinung erklären müßte. Denn obgleich von Jerusalem aus der Weg anfangs südwestwärts über Ben Hinnoms Thal zur Höhe führt, lenkt er sich dennoch auf dieser selber nach Süden und zuletzt, wenigstens von der Gegend von Rahels Grabe an, sehr entschieden gegen Südost, so daß mir Bethlehems Stellung gegen Jerusalem Süd in Ost erscheinen würde[3]. Wo könnte es aber auch der Seele leichter geschehen, daß sie über dem Anblick des Himmels selber, der sich über den Hügeln wölbt, der Himmelsgegenden vergäße, als hier bei Bethlehem. Wird doch da auch das trägeste Herz so wanderlustig, daß es den Stab der Erinnerungen, der an dieser Stätte reicher und herrlicher aufgrünt als Aarons Stab, munter ergreift und ausziehet aus dem armen Heute, das vor Augen liegt, in die reiche Vergangenheit. Wir traten jetzt zu jenem Gebäude, das die Türken über der vermuthlichen Stätte von Rahels Grab erbaut haben. Die Lage ist dieselbe wie sie das erste Buch Mosis (C. 35 V. 16-20) beschreibt: am Wege nach Ephrat das ist Bethlehem, einen Feldweges, von dem alten Gemäuer der vormaligen Stadt, und man darf mit Wahrscheinlichkeit noch jetzt die Worte nachsprechen: »dasselbe ist das Grabmahl Rahels, bis auf diesen Tag.« Erscheint ja doch auch in andrer Hinsicht der Gedanke an das Weib der ersten, innigsten Liebe des Erzvaters wie ein Vers, welcher in dem Liede, das von Bethlehems großen Geschichten singt nicht fehlen darf. Wenn auch nicht eine Mutter Juda's, des Verherrlichten[4], ward doch Rahel als eine Mutter der Schmerzen einer Aehnlichkeit gewürdigt mit der erhabensten der Mütter. Die Söhne die sie gebahr waren beide Söhne der Schmerzen und der tausendfältigen Sorgen, und dennoch ward Joseph, der als todt Beweinte; da ihn Gott aus des Gefängnisses Nacht erhöht hatte, ein Retter und Heiland seiner Brüder und noch bei andrer Gelegenheit redet der Geist von einem Weinen Rahels um ihre Kinder, da sie sich nicht wollte trösten lassen[5]; von einem Wehe der irdischen, menschlichen Mutterliebe, bei der Ausgeburt der ersten Zeugen, die um Seines Namens willen erwürgt wurden, in das selige Leben der Ewigkeit. Auf Bethlehems Feldern wird die Seele gerne zu einer Aehrenleserin, welche die hin und wieder verstreuten Halme der Erinnerungen aufsammlet und in Bündelein bindet, die von der Erndte, welche die Jahrhunderte der Geschichte hier gehalten, zurückblieben. War es nicht da, auf einem der nachbarlichen Felder, wo Ruth, die Moabitin, welche aus fremden Lande gekommen war zu dem Gott Israëls, daß sie unter seinen Flügeln Zuflucht nähme, Aehren auflas, hinter den Dirnen und Schnittern des Boas, des gesegneten Mannes[6], und haben vielleicht auch einmal hier in der Nähe von Mutter Rahels Grabe die Gebeine der Treuen geruhet, welche, da Arpa schon umgekehrt war, nicht von Naëmi der armen Wittwe und Schwiegermutter lassen wollte, sondern hingehen wo sie hingieng, bleiben wo sie blieb. Denn, so sprach sie: »dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott; wo du stirbst da sterbe ich auch; da will ich auch begraben werden.« Ja, wie Boas dieß aussprach: der Herr vergalt ihr, der Treuen, ihre That, ihr Lohn war vollkommen von Ihm, dem Gott Israëls; denn sie war erwählet zu werden eine der Mütter des Königlichen Geschlechtes aus dem Christus der Herr kam, sie gebar Boas den Obed, den Vater Jesses, Davids, des gesalbten Königes Großvater. Nahe bei Rahels Grabe findet sich der Acker mit den kleinen, runden, erbsenartigen Steinen (dem Bethlehemitischen Erbsensteine, der in den meisten Sammlungen der Pilgrime sich findet); man blickt von hier über die Hochebene, auf welcher Sanheribs Heer der Macht des Engels erlag. Wir naheten uns jetzt der Stadt, genannt Ephrata, die Stätte der Fülle; Bethlehem, das Haus des Brodes. Die Namen, welche der Mensch giebt, erfassen öfters, ohne daß der Namengeber dieß weiß, die äußre und innre Geschichte des Gegenstandes bei seiner Wurzel. Die Fülle der äußren Fruchtbarkeit so leicht sie auch noch jetzt ihre Wohnung fände, im grünenden Nachbarthale Rephaim und am quellenreichen Abhange von Baitschalla, ist freilich gewaltsam verscheucht worden; das Brod von leiblicher Art ist dem verödeten Lande nur sparsam zugemessen, aber welche Stätte auf Erden verdient mehr eine Stätte der Fülle zu heißen als Bethlehem Ephrata, die da klein war unter den Tausenden in Juda, und aus welcher Der kam, der in Israël Herr war, welches Ausgang vom Anfang und von Ewigkeit her gewesen[7]. In der That, die Ernteengel der Geschichte haben uns hier auf dem Gefilde von Bethlehem eine reichere Nachlese der Aehren des Andenkens und der Erquickungen zurückgelassen als die Knaben und Dirnen des Boas, auf Befehl ihres Herrn, für Ruth, die Moabitin liegen ließen; sie haben »von ihren Bündlein herausgezogen und es hingelegt,« daß wir es aufnähmen. Wir giengen heute nicht auf jenem Steige, der weiter ostwärts, an den Trümmern einer alten Christenkapelle, wie man sagt aus den Zeiten der Kaiserin Helena vorüber, unmittelbar nach dem Kloster führt (diesen Weg machten wir zu andrer Zeit), sondern durch die Gassen und über die Schutthaufen der sogenannten, westwärts von dem Kloster gelegnen Stadt. Ist denn über Ephratas Hügeln von all den Gesängen die hier ertönten nichts mehr übrig geblieben als die Stimme des Klagens, Weinens und Heulens; da Jakob seine Rahel beweinte, oder Bethlehems Mütter ihre zarten, hingemordeten Kinder? In der That, das Elend und die Armuth die hier unter den Trümmern haußen und aus den Lehmhütten herausblicken scheinen zu sagen: es ist aus mit uns. Und dennoch sind die Leute fröhlich; Kindlein spielen so munter wie bei uns im Grünen, dort auf den Haufen des Schuttes und wie man sagt haben es die Bewohner von Bethlehem jetzt besser als sie es vor wenig Jahrzehenden hatten. Denn die Furcht vor Ibrahim Pascha's Macht hält nicht nur im Allgemeinen die Feindseligkeit der Mohamedaner in Zaum, sondern hat es auch diesen erschwert in dem Städtlein selber zu wohnen, welches deshalb jetzt mit all seinen armseligen Häußern in ausschließenderem Besitz der 70 oder 80 Christenfamilien ist, welche da für beständig ihren Aufenthalt haben. Diese gehören der größeren Zahl nach zu den Gemeinschaften der Lateinischen und Griechischen Christen; einige von ihnen auch zu der der Armenischen. Weil ich einmal hier von den jetzigen Bewohnern der lieben Geburtsstadt rede, darf ich auch einen Hauptzug aus ihrem Leben nicht unerwähnt lassen: das ist die tägliche Beschäftigung, die Arbeit der Hände von welcher sie sich nähren. Allerdings besitzt die Umgegend von Bethlehem auch noch ihre Felder und einzelnen Baumpflanzungen, in denen namentlich der Oelbaum gut gedeiht; am Abhange der Hügel zeigen sich Weingärten, deren Trauben von köstlicher Art sind; im fruchtbaren Thale Rephaim, wie in andern benachbarten Thälern findet sich Wiesengrund, der die Viehzucht begünstigt. Dennoch hat die Unsicherheit des Besitzes, der das unglückselige Land so viele Jahrhunderte lang unterlag, alle Freudigkeit zum sorgfältigeren Anbau verscheucht; die Kraft der Bewohner wendete sich allmälig fast ganz auf einen andren Zweig des Unterhaltes, dessen Früchte zwar auch durch die Last der auf ihnen ruhenden Abgaben sehr geschmälert sind, die aber dennoch der Raubsucht der Araber und Türken weniger bloßgestellt, so viel austragen als zur täglichen Nahrung und Nothdurft der genügsamen Bethlehemiten nöthig ist. Wie sich in unsren christlichen Ländern die Annäherung des Weihnachtsfestes durch die Fülle der buntfarbigen, mannichfaltigen Spielsachen und andrer Waaren ankündigt, die man zu Festgaben für Kleine und Große benutzt, so ist hier in Bethlehem, wo das liebe, seelige Weihnachtsfest das ganze Jahr hindurch und für alle Zeiten seinen festen Sitz hat, ein beständiger, unaufhörlicher Christmarkt; die ganze Thätigkeit der Bewohner ist darauf gerichtet Weihnachtsgaben, zum Theil der zierlichsten, anmuthigsten Art zu bereiten und, wenn sie nicht am Orte selbst verkauft werden, sie nach Jerusalem zu Markte zu bringen. Man ist kaum ins Kloster eingetreten oder hat sich auf dem Vorplatz vor seinem Thore sehen lassen, da kommt auch schon die Schaar der großen und kleinen Künstler und bietet dem Fremden ihre allerliebsten Sächelchen zum Kaufe an. Hier kann man sich dann mit Erinnerungszeichen der verschiedensten Art versorgen; wechslend von der Größe des orientalischen Eßtisches oder Sufrahs, der aus dem gegen 15 Zoll hohen, mit Perlmutter ausgelegtem, schemelartigen Untersatze oder Kursih, und der runden Tischplatte oder Siniyeh besteht, bis zu den kleinen, niedlichen Perlen der Sebchahs oder Rosenkränze. Unter den Dosen, Kästlein, Schaalen und Platten sieht man viele, deren halb erhabene Arbeiten wirkliches Talent und Kunstfertigkeit verrathen; namentlich gilt dieß von jenen, die für das Lateinische Kloster in Bethlehem und Jerusalem von Lateinischen Christen gefertigt werden, während der Geschmack der Armenischen Pilgrime mehr auf Buntfarbigkeit als auf Feinheit der Arbeiten achtet. Die Hauptgegenstände welche auf diesen Sachen abgebildet sind, beziehen sich auf Bethlehems große Geschichte, man sieht da die Geburt des Herrn, den Besuch der himmlischen Heerschaaren bei dem Felde der Hirten, die Anbetung der Könige, die Flucht nach Aegypten, die Scene der Verkündigung, der Opferung im Tempel, oder auch Züge aus der Advents- und Leidenszeit, so wie die Auferstehung und Himmelfahrt des Herrn dargestellt, andre Male nur einzelne Portraits, des Pflegevaters Joseph, des h. Hieronymus u. f. abgebildet. Neben und außer diesen künstlicheren Arbeiten giebt es der Kreuze, der Medaillons, der Rosenkränze so viele, daß jeder nach seinem Geschmack und Vermögen sich auswählen kann. Das Hauptmaterial das die Arbeiter für diesen merkwürdigsten Weihnachts- und Christmarkt der Erde zu ihren Kunstsachen benützen, sind die Schaalen der Orientalischen Perlenmuschel oder die Perlenmutter; außer diesem, zum Auslegen der Vertiefungen, so daß schwarze und weiße Streifen abwechslen, oder auch zu eignen kleinen Werken die schwarze Coralle, die sie von mehreren Arten der Horncorallen, selbst von der theuren, ächten Antipathes Gorgonie entnehmen; für wohlfeilere Sachen benutzt man statt der Perlmutter Fraueneis, statt der schwarzen Coralle Asphalt aus dem todten Meere oder auch schwarz gebaiztes Feigenbaumholz. Die buntfarbigen Kugeln der Rosenkränze sind meist aus den Früchten der Dumpalme oder auch aus den Kernen der kleinen, braunen Dattel gemacht; nur selten sieht man solche die aus thierischer Zahnsubstanz (Elfenbein oder Manatizähnen) gefertigt sind; zu den Kruzifixen bedient man sich öfters auch eines gepreßten, thierischen Leders, von großer Zähigkeit und Dicke, dessen Abkunft jedoch nicht mehr zu erkennen war und (angeblich) selbst des Rhinozeroshornes. Auch die harten Saamen einiger mir in ihrer künstlichen Form und Färbung unbekannten Hülsengewächse Arabiens, und außer dem Oelbaumholze verschiedne sehr feste Holzarten werden verarbeitet[8]. Die meisten der genannten Kunstsachen bekommen für die christlichen Pilgrime noch dadurch einen erhöhten Werth, daß sie mit den heiligen Stätten von Jerusalem und Bethlehem auf einige Zeit in Berührung gebracht und hierdurch geweiht werden. Darum kaufen die meisten Wallfahrer und mittelbar selbst manche Mohamedaner ihre Vorräthe aus jener Niederlage die sich in dem Lateinischen Kloster zu Jerusalem findet, und dieß fast eben so wohlfeil als aus der Hand der Arbeiter selber, denn die Väter der Klöster thun Alles was in ihren Kräften steht um den armen, zu ihren Gemeinden gehörigen Arbeitern den Lebensunterhalt zu erleichtern. Auch von der Bereitung und dem Verkauf der Wachskerzen zum Gebrauch bei den Prozessionen gilt dasselbe. So kann man im Ganzen sagen, daß der äußere Zustand der arbeitenden Klasse in dieser ganzen Gegend (denn auch in Jerusalem nähren sich viele christliche Familien von solchen Geschäften) ein sehr erträglicher sey und daß sich das hiesige Volk bei allen Abgaben die auf ihm lasten, ungleich besser befinde als das in Aegypten, ja, daß namentlich die christlichen und israëlitischen Einwohner in Palästina unter der jetzigen Herrschaft eines Schutzes und einer Sicherheit sich erfreuen dergleichen sie seit Jahrhunderten nicht genossen. Unter den Bewohnern von Bethlehem wurde es uns auch diesmal, und zwar noch vielmehr als bei unserm ersten Besuche, ganz besonders heimathlich zu Muthe. Am meisten zwar unter dem freundlichen, bequemen Obdache des Klosters, übrigens aber auch unter dem Volke, das man mit ganz eignem Gefühl betrachtete, weil man sich hier unter lauter Christen sah. Bei unsern Wanderungen durch das Städtlein und in seiner Nähe begegneten uns öfters wahrhaft schöne Menschengestalten, mit edlen Gesichtszügen, von denen die Wohlhabenderen selbst durch ihre Kleidung, wahrscheinlich noch von derselben Form und Färbung als an jenen, welche die Bewohner des Landes in der bedeutungsvollsten, schönsten Zeit des Jüdischen Reiches trugen, doppelt interessant wurden. Man rühmt die keusche Zurückgezogenheit und strenge Sittlichkeit namentlich der Frauen und Jungfrauen von Bethlehem. Die Väter des Lateinischen Klosters empfiengen uns wie alte, liebe Bekannte und räumten uns und den Mitpilgerinnen, denn auch unsre Freundin mit H. v. Krohn war indeß angekommen, das schönste Zimmer mit der herrlichen Aussicht in das Thal Rephaim ein, bei dessen Einrichtung für die Bequemlichkeiten des Tages wie der Ruhe der Nacht der gute, freundliche Prior, ein geborner Spanier, selber mit Hand anlegte. Uns Männern war zugleich auch der Zutritt ins Innre des Klosters gestattet, so wie in das Gärtlein, in welchem sich, auf den dichtbelaubten Zweigen der Bäume das abentheuerliche Chamäleon sonnte. Unser erster Gang, nach der Begrüßung der guten Väter und der kurzen vorläufigen Einrichtung in der neuen Pilgerheimath war auch diesmal der nach der heiligen Grotte, denn außer mir und Herrn Franz hatte niemand aus der heutigen Reisegesellschaft sie gesehen. Ehe ich aber den Leser mit uns nehme zu der Betrachtung des uralten, ehrwürdigen Christentempels und seines unterirdischen Heiligthumes, muß ich einige Worte sagen über den natürlichen Grund jenes Gefühles, das den christlichen Wandrer so mächtig ergreift, wenn er unten in der Grotte die einfache Inschrift liest: +Hic de virgine Maria Jesus Christus natus est.+ Ja, hier in diesem verborgenen Räumlein ist wahrhaftig Jesus Christus der Herr von der Jungfrau Maria geboren. Jene Frage, welche vielleicht der Bewohner unsrer Länder hierbei zuerst thun möchte: wie kam die Krippe die auf einen gewöhnlichen Aufenthalt der Thiere, nicht der Menschen schließen lässet, in eine Felsenhöhle und nicht vielmehr in das Gebäude eines, bei uns gewöhnlichen Stalles? wird jeder aufmerksame Reisende, der das diesseits dem Jordan gelegene Palästina besuchte, leicht beantworten können. In diesem Lande der vielen und großen Höhlen, dieß sahen wir namentlich in dem alten Galiläa, sind nicht bloß die Wohnungen der Menschen, die an die Felsen sich anlehnen, und welche ja selber in ihrem fensterlosen Zustand[9] einer Höhle gleichen, öfters mit einer nachbarlichen Grotte verbunden, in deren natürliches, durch die Hand des Menschen nur erweitertes Gewölbe ein Theil der Zimmer sich fortsetzet; sondern noch öfter sind die Höhlen zu Viehställen benutzt. Die Grotte zu Bethlehem mit ihren großen Seitenkammern, bot zu dieser Art der Benutzung ganz besondre Bequemlichkeiten dar, da der eigentliche, natürliche Eingang, wie man dieß jetzt noch sehen kann, ebenen Fußes von der Fläche des Hügels her in ihre hohen, weiten Räume führte. Darum konnte schon Justinus der Märtyrer im zweiten Jahrhundert sich, für jeden Landeskundigen verständlich in seinem Gespräch mit Tryphon darauf beziehen, daß Christus in einer Höhle geboren sey. Wir haben aber ein noch ein älteres Zeugniß für die hohe historische Bedeutung, welche die Grotte zu Bethlehem für die ersten Christen hatte. Dieses Zeugniß mußte abermals jener wegen vieler seiner Thaten und Eigenschaften ruhmwürdige Kaiser geben, welcher zwar niemals zu den eigentlichen blutigen Verfolgern der Christen, wohl aber, wegen seiner Vorliebe für den alten, weltlichen Glanz des Heidenthumes, zu den Feinden ihres Glaubens gehörte. Als Hadrian, bald nach dem Antritt seiner Regierung, noch ehe er durch die Apologieen des Quadratus und Aristides mit dem Christenthum etwas näher bekannt geworden, nach Palästina kam, fand er nicht bloß auf dem Berge Zion eine kleine Kirche und Wohnungen der Christen, sondern bei diesen selber eine kindliche Verehrung der heiligen Stätten, die ihn bewog, dem »abergläubigen Volke« andre Zeichen abgöttischer Verehrung dahin zu stellen, die dem ihm verächtlichen Kinderglauben offenbar widersprachen. So wie jener Kaiser über Golgatha und der Stätte des heiligen Grabes dem Jupiter und der Venus Tempel erbauete, so entweihete er den Ort der Geburt, indem er über ihm einen Hain des Adonis errichtete, dessen Geheimnisse, mit Klagegesängen des Todes, in der heiligen Grotte selber gefeiert wurden. So war das Lied der Freude, das vorhin der Christenglaube hier sang, zu einem Liede des Jammers und der Gräber geworden; doch nur auf kurze Zeit, da erwachte die Freudigkeit des Glaubens von neuem aus des Grabes Nacht. Und gerade die Feindseligkeit jenes großen Kaisers mußte abermals, wenn es eines solchen bedurft hätte, zu einem Fingerzeig werden, der die Ehrfurcht der späteren Christen mit Sicherheit zu der theuren Zufluchtsstätte der Felsen hinleitete, welche die Kaiserin Helena wieder zu einem Tempel des Herrn weihete. So ist der hochgebaute Horst, der die Geburtsstätte so manches weitfliegenden Adlers war, mit dem hohen Baume zugleich, der ihn trug, vom Blitze getroffen und seine Spur vertilgt worden, die Felsenkluft aber, da die stille reine Taube die Freuden der Mutter genoß, blieb fest gegründet auf ihren Bergen. Wenn auch die Kirche +Mariae de praesepio+, welche auf dem Felsen, der das Dach der Höhle bildet, erbaut ist, in jener Form in der wir sie jetzt erblicken, nicht aus den Zeiten der Kaiserin Helena herstammt, sondern erst ein Werk der frommen Fürstinnen Placidia und Eudocia, der Gemahlin und Schwester Theodosius +II.+ des Kaisers seyn sollte, erscheint sie dennoch in ihrem vierzehnhundert jährigen Bestehen als eines der ältesten, wo nicht das älteste christliche Tempelgebäude des Orients. Denn die Kreuzfahrer, welche die Kirchen des heiligen Grabes und Golgathas in den jetzigen, gemeinsamen Ueberbau vereinten, haben an dem Bauplane jenes alten Tempels nichts Wesentliches verändert und auch die allverheerende Wuth der Charismier im Jahre 1244 traf mehr die Stadt und die innren Kostbarkeiten der Kirche als das Gebäude derselben. Die Form von dieser ist die alte griechische des Kreuzes, in dessen oberen Ende durch eine Scheidewand abgesondert der Chor und der Altar der drei Weisen sich finden. Acht und vierzig Marmorsäulen, in vier Reihen (je zu zwölf) angeordnet tragen das Schiff der Kirche, welches die Griechen und Armenier inne haben. Die heilige Grotte liegt etwa zwölf Fuß tief unter der Ebene des Fußbodens der Kirche; ihr Felsendach ist von obenher von zwei Oeffnungen durchbrochen, welche zur Rechten und Linken des Altares auf 15 Stufen zu ihr hinabführen. Zwar die Wände des Felsens aus welchem Er, der Aufgang aus der Höhe hervorgieng wie ein Held aus seiner Kammer, sind großentheils mit Platten von Marmor und anderen geschliffenen Steinen bedeckt, von deren glatter Oberfläche das Licht der 32 Lampen einen eigenthümlichen Schein, gleich jenem des Vollmondes in einer Frühlingsnacht zurückwirft, aber an einer und der andern Stelle, namentlich, wenn ich mich recht erinnere, hinter dem Bilde des Jakob Palma bei der Krippe, das die Anbetung der Hirten vorstellt, ist das Gestein unverhüllt zu sehen. Die Hauptkammer der Grotte, welche die Stätte der Geburt, um dessen silbernen Stern die erwähnte Umschrift stehet, jene der Krippe und die der Anbetung der Könige in sich fasset, ist gegen 15 Schritte lang und etwa 5 breit, ihre Höhe beträgt zwei Manneslängen. Es freute mich sehr auch hier, namentlich an den Lampen der Krippe die Erinnerungszeichen an unser frommes, Oesterreichisches Kaiserhaus zu erblicken. Wie eine Heerde von Lämmern, welche wiederkäuend auf grüner Weide neben einander ruhen, sind neben der Hauptkammer der Höhle die Nebenkammern mit ihren schönen Erinnerungszeichen gelagert. Wer sollte sich in der einen derselben, welche der Kirchenvater Hieronymus in seinen letzten Lebenstagen bewohnte, und in welcher er das alte Testament übersetzte, nicht gern des lieblichen kindlichen Gespräches erinnern, das der Greis hier im Geiste mit dem Kinde Jesus hielt; nahe hierbei, eine andre Kammer des Felsens, wählte sich der heilige Eusebius von Cremona zu seinem Grabe; ein drittes Kämmerlein nahm die Gebeine des fröhlich entschlafenen, heiligen Hieronymus auf und in ihrer Nähe sind auch die beiden Blumen aus Saron, die heilige Paula und ihre Tochter Eustochium, die mir schon als Jüngling durch Herders Legenden inniglich befreundet waren, zum neuen Aufblühen, am Tage der großen Wiederbringung beigesetzt worden. Ein altes Bild stellt diese letzten, des Stammes würdigen Blüthen, aus dem Geschlechte der Scipionen und Gracchen im Sarge liegend dar. Es war still in all diesen heiligen Kammern; nur ein armer Griechischer Pilgrim knieete betend vor der Stätte der Geburt; wie ein erfrischender Thau, den die scheidende Nacht, vor der Morgenröthe hergehend, über Gras und Kräuter ergeußt, ergriffen uns da die Vorgefühle eines Friedens der seligen Ewigkeit; das Heimweh schwieg. Aus der heiligen Grotte führte uns der gute Prior über einige Stufen hinan zu der Höhlenkammer und Kapelle der unschuldigen Kindlein, deren zarten Hüllen die fromme Sage hier ihre Ruhestätte anweiset. Selige Kinder, deren von der Welt ungekannte Namen so frühe ins Buch des Lebens zu denen jener Erstlinge geschrieben wurden, welche um des großen Namens willen die segensreichen Geburtsschmerzen des leiblichen Todes erduldeten! Ueber der Kapelle der »unschuldigen Kindlein« ist, angränzend an die Hauptkirche, die kleine Kirche der h. Katharina erbaut, in welcher die Andacht der Lateinischen Christen, seitdem die Griechen und Armenier die Hauptkirche einnahmen, ihre Zufluchtsstätte fand. Es war fast Mittag geworden, als wir aus der Tiefe, in welcher das Andenken des Höchsten das die Erde kennt so lebenskräftig wurzelt, heraustraten auf die freie, sonnige Höhe des Hügels, von dessen Ebene der ursprüngliche, später vor den Einfällen der Feinde verschließbar gemachte Eingang zur Stallgrotte war. In südöstlicher Richtung wird noch eine andre Grotte gezeigt, als Bergungsort der erwählten Mutter, vor der Flucht nach Aegypten. Ein kleiner Altar steht in derselben; der weiche, zarte Ansatz des Kalksteines, in den Klüften der Höhle, den die Mineralogie Bergmilch benennet, so wie der bröckliche Kalksinter der Felsenwände wird von den Pilgrimen gesammelt und mitgenommen ins Vaterland; der Glaube legt ihm eine heilsame, die Milch der stillenden Mütter vermehrende und gesund machende Eigenschaft bei. Wir giengen weiter hinabwärts zwischen den Oelbaumpflanzungen nach dem grünenden Thale der Hirten, an welchem mich und einen meiner Begleiter erst am darauf folgenden Abend der Weg vorüberführte. Es ist eine Fläche der Oel- und Feigenbäume, von Felsen umschlossen; die eigentliche Stätte des alten Kirchleins wird durch eine kunstlose, aus Steinhaufen gebildete Mauer abgegränzt. Für jetzt war es Zeit, nach dem Kloster zurückzukehren um die Hausordnung der guten Väter nicht zu stören. Bald nach dem Mittagessen machte ich mich, in Begleitung meines lieben Reisegefährten, des Herrn Franz, auf um die Ruinen von Thekoa und die nachbarliche Höhle Odolla zu besuchen; unser Führer war der Metzger des Klosters, ein kräftiger Mann, der außer seinem volksthümlichen Arabischen einige Worte Italienisch sprach. Am Brunnen Davids, der in dieser Jahreszeit noch ziemlich reich an Wasser war, füllten Bethlehemitinnen ihre Krüge und wuschen ihre Wäsche. Unser Weg wendete sich aber bald an dem Abhange des Hügels hinab nach einem grasreichen Thale, das der Führer Wadi Chretoun nannte, und welches von Bethlehem aus nach Südsüdost verläuft. Fünf Viertelstunden lang giengen wir durch diesen schönen, stillen Grund hin, in welchem wir niemand sahen als einige Hirten, die in den benachbarten Bergschluchten ihre Heerden weideten. Die Stimme dieser Hirten war aber verstummt, man hörte von ihnen weder Gesang noch das Spiel der Flöten oder der Saiten; nichts von jenem lieblichen Lobgetöne, welches einst in diesem Thale wohnte, als hier David der Hirt sein Lied vom guten Hirten[10] sang. Wie die Wolke, die dort über das Gebirge fliegt, so ist die Frühlingszeit jener heiligen Dichtkunst, die durch David und Salomon ihre Segnungen auch über diese Auen ergoß, sammt allen sichtbaren Herrlichkeiten ihres Königthumes vorübergezogen; wohl uns daß die Schaaren der Loblieder sich in die feste Burg des geschriebenen Wortes gerettet haben und daß aus dem sichtbaren Königthum ein unsichtbares geboren wurde, dessen Herrlichkeit höher als die Wolken, unvergänglicher als das Gebirge ist. Aus dem Wadi Chretoun giengen wir am Bett eines Winterstromes hin, durch ein andres Engthal das unser Führer Sebir nannte. Der Weg durch dieses Thal dauerte bei mäßigem Schritte, drei Viertelstunden; es endete am Abhange eines Berges der uns mit dem, für den ganzen Höhenzug gemeinsamen Namen als Djebbel Chalil oder Gebirge Hebrons benannt wurde. Zwanzig Minuten lang stiegen wir hier, ziemlich steil anwärts; zwischen den vereinzelten Felsenstücken und Trümmern breitet sich der zur Schafweide günstige, grünende Boden aus; die Höhe des Berges ist noch heute, in der Mitte ihrer Ruinen, ein Lustort des Landes. Mit jedem Schritte kamen wir jetzt an immer mehrere und bedeutungsvollere Trümmer der vormals ansehnlichen Stadt. Ich hatte mich von meinen beiden Gefährten, ohne dieß selber zu bemerken getrennt und war zwischen dem gestürzten Gemäuer und zerrissenen Bögen nach Osten hingegangen, um eine freiere Aussicht über das Ganze zu suchen. Da sahe ich mich auf einmal von Beduinen begleitet, deren Zahl, so wie ich weiter gieng noch immer zunahm. Auf ihren schwarzbraunen Gesichtern sprach sich Verwunderung und vielleicht noch ein anderer Affekt aus, da sie einen Franken hier ganz allein wandeln sahen; mich Fremdling wandelte unter ihnen ein Gefühl der Unheimlichkeit an, ich eilte über Stock und Stein zurück nach der Gegend wo ich meine Gefährten zu finden hoffte, nicht ohne Besorgniß bei dem beschwerlichen Gange durch die Ruinen in eines jener unterirdischen Behältnisse zu fallen, die entweder Keller und Zisternen, oder auch nur vormalige Zimmer des Erdgeschosses gewesen waren, welche durch die Erhöhung des Bodens unter die Ebene desselben hinab geriethen. Da wo ich meine Gefährten verlassen hatte, fand ich sie nicht mehr; ein Beduine, der mir entgegenkam, schien meine Mienen der Verlegenheit zu verstehen, er rief mir sein tröstliches »+tal henne+« (komm hieher) zu und führte mich an den Ort wo ich unsern Metzger im Gespräch mit dem Scheikh des Dorfes und bei ihnen Herrn Franz fand. Der Scheikh war ein alter Bekannter unsers Führers und dieser versicherte uns nachher, daß diese Beduinen von besserer Art als die meisten ihrer hiesigen Glaubensgenossen, und Freunde des Klosters wie aller Christen wären. Ihre neugierige Schaar, da sie an uns so gar wenig Besondres fand, hatte sich wieder zerstreut, bis auf Wenige, die uns begleiteten; wir hatten Zeit und Ruhe um das merkwürdige Bild der Stätte in unsre Seele aufzufassen. Ich hatte dieses Bild schon im Geiste gesehen, denn es ist mit großer Treue, Zug vor Zug dargestellt in dem Buche des Propheten Jeremia (C. 6, V. 1-3): »Flüchtet ihr Kinder Benjamin aus Jerusalem und blaset die Trommeten zu Thekoa und werfet auf ein Panier zu Beth-Cherem; denn es gehet daher ein Unglück von Mitternacht und ein großer Jammer. Die Tochter Zion ist wie eine schöne und lustige Aue. Es werden Hirten über sie kommen mit ihren Heerden, die werden Gezelte rings um sie her aufschlagen, und abweiden ein Jeglicher seinen Ort.« Ja, hier, wo wir jetzt stehen, war die Warte von Tekoah, in deren Schutz und Schirm einst ein Volk der Christen wohnte; dort gegen uns, auf dem sonderbar gestalteten Frankenberg, lag Beth-Cherem; das Land, nach vielen Seiten hin ist noch jetzt »eine schöne und lustige Aue« und hier neben uns sind die Hirten mit ihren Heerden, welche überall bei den Bögen und Mauern der gestürzten Stadt ihre schwarzen Hüttenzelte aufgeschlagen und das vormalige Feld zum Weideland gemacht haben. Eine Stelle unter den Ruinen zog meine Aufmerksamkeit ganz besonders an; es war jene, auf welcher vormals die christliche Kirche von Thekoa stund. Daß hier ein an Umfang und Größe nicht unansehnlicher Christentempel gewesen, bezeugen nicht nur die Trümmer der Säulen und Mauern, sondern es bezeugt dieß ein Taufstein, der noch vollkommen wohlerhalten dastehet. An seinen vier breiteren Seitenflächen finden sich die wohlbekannten Erinnerungszeichen an den Orden der Templer, an welchen die Königin Melisende, Fulcos Gemahlin, Thekoa gegen Bethanien vertauschte, denn an zwei einander gegenüberstehenden Seiten findet sich ein Kreuz, an einer dritten das Quadrat, das den Rhombus einschließt, an der vierten der Kreis der ein Quadrat umfasset. Mich wandelte bei dem Anblick all dieser Spuren einer nahe befreundeten Vergangenheit ein ähnliches Gefühl an, als jenes des Sohnes oder Enkels seyn mag, der nach Jahren der Wandrung hineintrit in das Haus der Eltern, das während der Zeit in die Hände fremder Gläubiger gerieth, und der hier den Stuhl des Vaters besetzt, ja sein wohlbekanntes Gewand getragen sieht von den neuen Bewohnern, deren Angesicht er niemals vorher gesehen. Sieben Jahrhunderte sind es jetzt, da kam auch ein Unglück von Mitternacht und ein großer Jammer über die Prophetenstadt Thekoa, als (im Jahr 1138) ein Heer der streifenden Türken sie zerstört und das wehrlose Volk erschlagen hatte. Als damals der edle Meister der Templer, Radulph von Craon, zur Hülfe des geängsteten Landes heranrückend die Feinde zwar verscheucht, bald aber durch die Schuld seiner Streiter, die aus Beutegier sich zerstreut hatten, geschlagen worden war, wie mußte da zu dem Schmerz, den der Tod des Freundes Montfaucon ihm erweckte, noch ein andrer, größrer kommen, wenn er die Trümmer der Stadt und zwischen ihnen die Leichname der erwürgten Christen sahe. Ich konnte jetzt, in Begleitung meiner Gefährten, etwas ruhiger und unbefangener die Umgegend betrachten welche noch fortwährend als ein von der Natur reiches Land erscheinet. Denn gegen Westen hin ergehet sich der Blick über lauter grünende, fruchtbare Berge; gegen Süden zeigt sich ein höherer, an seinen Abhängen dicht von Gesträuch bewachsner Berg, auf dessen Gipfel Bäume stehen, die ein vereinzelter Rest jener alten Waldungen sind, welche vormals die Umgegend von Hebron bedeckten. Diese ansehnlichere Höhe wird in Südost durch ein tiefes, für den Freund der Pflanzenkunde sehr anlockend aussehendes Thal von andren, niedrigeren Bergen abgeschieden, welche von einem nicht minder fruchtbaren Aussehen sind. Gegen Ostsüdost und Osten senkt sich der Höhenzug allmälig niedriger werdend zur Ebene herab, ist aber auch hier, wenigstens auf eine Stunde weit hin, noch grünend, bis sich in derselben Richtung, jenseits des grünen Grundes das traurig öde, gelbe Sandsteingebirge zeigt, das sich von da bis zum todten Meere hinziehet. Etwa dort, am südlichen, buschreichen Gebirge lag Habechim, der Ort den ein späteres Volk der Bewohner auf der Stätte des Wohnortes des Propheten Joël erbaut hatte; hier in Thekoa wohnte Habakuk, so, wie seinen eignen Worten nach Amos der Prophet, welchen, da er noch unter den Hirten war und gleich ihnen von der Feige der Sykomoren sich nährte, der Herr hinwegnahm von der Heerde und zu ihm sprach: gehe hin und weissage wider mein Volk Israël[11]. Und wie die leidliche Aussicht hier von der Warte des Hügels gegen Osten von den Strafgerichten, gegen Westen aber von den reichen Segnungen zeuget, die der Herr über das Land ergehen ließ, so war das Gesicht des Künftigen, das der Gott Israëls dem armen Seher eröffnete. Denn durch die Wetterwolken der Drohungen, deren Stimme furchtbar, gleich dem Brüllen des Löwen war, vor dem die Triften der Hirten trauren[12] bricht ein Morgenstrahl der Tröstungen, welche einst nach dem Hunger, das Wort des Herrn zu hören, folgen werden[13]. Denn auch dieser Hunger wird gestillt werden und der Herr wird die zerfallene Hütte Davids wieder aufrichten und ihre Lücken vermauern. Dann wird das Ackern an die Ernte und das Keltern an die Aussaat reichen, und die Berge werden mit süßem Weine triefen und alle Hügel werden fruchtbar seyn[14]. Ja, der Glaube der Kinder wird, wie vormals, das Erbe das ihm verheißen war einnehmen und nicht mehr aus ihm ausgerottet werden; so spricht durch den Mund des Hirten von Thekoa, Israël, dein Gott. Während wir noch der Aussicht von der Warte des Felsen genossen, und einige alte Höhlengräber betrachteten, hatte unser Bethlehemitischer Führer, welcher wußte daß wir ohne Mundvorräthe aus Bethlehem gegangen waren, bei der Frau oder einer Verwandtin des Scheikhs Brod bestellt, das wir diese noch vor unsren Augen auf eine ungleich reinlichere Weise denn bei den Beduinen der Arabischen Wüste nicht in heißer Asche oder auf den von der Asche nur wenig gereinigten Steinen, sondern auf einer heisgemachten eisernen Platte backen sahen. Zu diesem noch warmen, kuchenartigen Brode brachte unsre Wirthin in reinlicher Schüssel sauren Rahm, über welchen geschmolzene Rahmbutter ausgegossen war. Ich habe auf dieser ganzen Reise kein so köstlich schmeckendes Arabisches Kuchenbrod keine so vortreffliche Milch genossen als hier unter den Hirten von Thekoa; mit uns und unsrem Metzger zugleich labten sich daran zwei Beduinen, die uns durch die Trümmer begleitet hatten, und welche zu den Aermeren des Volkes zu gehören schienen, denen jetzt nicht mehr, wie zu Amos Zeiten, der längst verschwundene Wald der Sykomoren seine Früchte reicht. Da wir nun weiter gehen wollten hatte unser Bethlehemit Mühe der Araberin die uns so reichlich labte das Geld aufzudringen, welches wir zur billigen Vergeltung ihr zugedacht hatten. Doch betrachtete sie, als sie endlich das Geld genommen, die glänzenden, neuen Silbermünzen mit Vergnügen, und wie alte Freunde nahmen wir Abschied von den Hüttenzelten und ihren guten Bewohnern. Nach unsrem anfänglichen Plane, den wir dem Führer mitgetheilt hatten, wollten wir eigentlich an diesem Nachmittag drei interessante Punkte der Nachbarschaft: die Ruinen von Thekoa, die Höhle von Elmaama und den Frankenberg besuchen; von Thekoa brachte uns jetzt der Bethlehemit, in dessen Hand unser Schicksal lag, zu der Höhle, welche die Väter des Klosters mit dem bei den Franken üblichen Namen: das Labyrinth benannten. Der Weg nach dem tiefen Thale der Höhle zog sich, vorherrschend in nordöstlicher Richtung bergabwärts; vorüber an reich grünenden Saatfeldern, an deren Aehren sich die ersten Blüthen zeigten. Die Gegend von Elmaama oder wie sie bei Einigen heißt Odolla ist eine Felsenwüste von solcher erhabener Schönheit, als ich wenige gesehen. Das Bett eines Winterstromes, damals ohne Wasser, ziehet sich durch das tiefe Engthal, das, mit seinen gähen Wänden, einer Spalte gleichet, an welcher das Gebirge, bei seiner festen Gestaltung auseinanderriß. Gebüsche und Kräuter der mannichfachsten Arten, viele von ihnen eben jetzt in voller Blüthe, bekleideten den Abhang und bedeckten die Klüfte zwischen den einzelnen Felsenstücken; zu unsrer Linken zeigte sich, beim Hinabsteigen in das Engthal ein noch jetzt ansehnlicher Thurm, gleich jenen aus den Zeiten unsrer Ritter, bei ihm die Trümmer noch andrer Befestigungen; wir wenden uns aber vorerst zur Rechten, nach der Grotte. Wandelnd zwischen den Felsenwänden der beiden Seiten ergriff mich die Lust hier das Echo zu wecken, aber die Stille dieses Thales hatte für mein Gefühl etwas Heiliges, ich wagte nicht sie zu stören. Sie ist anjetzt nicht mehr eine Wohnung der Menschen, sondern der scheuen Tauben und kleineren Vögel, die in den Felsenklüften und Dornen nisten, während über ihnen eine Menge der Raubvögel, von keinem Jäger bedrohet, schwebt. Ich hatte noch niemals so viele wehrlose Vögelein zugleich mit so vielen Raubvögeln beisammen gesehen. Der Weg nach dem Eingang der eigentlichen oberen Höhle (denn unter ihr, etwas tiefer am Abhange des Felsen ist eine andre, kleinere, aus welcher, wenigstens in dieser Jahreszeit, Wasser hervorquillt) ist keinesweges bequem, obgleich für Jeden, der nicht an Schwindel leidet, vollkommen gefahrlos. Man muß, am gähen Abhange hin, öfters von einem Felsenstück zum andern steigen und namentlich an einer Stelle bemerkt man auf dem Rückwege, daß zu dem großen, abwärts gehenden Sprunge, der noch dazu über eine tiefe Kluft hinübergehet, Ueberlegung und Augenmaß gehöre. Am Eingang der Grotte zündeten wir unsre Lichter an und traten dann in die vordere, weite Kammer hinein, die von bedeutendem Umfange und hoher Wölbung ist. Ein Gang führt weiterhin zu mehreren andern Weitungen, deren einige wieder mit Nebenkammern zusammenhängen; wir erreichten bei weitem nicht das Ende dieses Labyrinthes und wenn auch die Versicherung unsers Führers, daß die Erstreckung desselben drei Viertelstunden weit hingehe um Vieles übertrieben seyn sollte, so bleibt doch, davon überzeugte uns der Augenschein, so viel gewiß, daß in jener Zeit der Noth, welche, wie wir vorhin sahen, im Jahre 1138 über das Land kam, ganze Schaaren der Bewohner mit ihren Frauen, Kindern und selbst mit ihrem Vieh in dieser großen Höhle einen Bergungsort finden konnten[15]. Aber diese Grotte von Thekoa, sie möge nun, wie Einige wollen, die von Addullam oder wie Andre sagen die von Engeddi der heiligen Schrift seyn, erinnert noch an die Zeit einer andern Noth und der Errettung aus derselben, welche, so lange das Aufsehen von oben mit dem Odem zugleich, der Natur des Menschen die Sprache erhält, im Liede leben wird. Hier sang David, der wie eine Taube vom Raubvogel gescheucht, in dieser Höhle sich verbarg, sein Lied »in Gefahr,« so wie jenes »um Hülfe«[16]. Hier war es wohin er sich rettete aus den Netzen womit Saul seinen Gang umstellete, hieher kamen zu ihm sein Vater und seine Brüder und viele Männer welche betrübtes Herzens waren[17]. Er aber, ihr Haupt, der Betrübteste von ihnen Allen, erhub dennoch, mitten im Gespräch der tiefen Noth, das zu Gott dem Höchsten rufet, zu Gott der des Jammers ein Ende machet, seine Stimme zum Lobgesang der Freude, die sich mit kindlich festem Vertrauen, Gottes, ihres Helfers freut. »Mein Herz ist bereit, Gott mein Herz ist bereit, daß ich singe und lobe. Wachet auf, Psalter und Harfe! frühe will ich aufwachen. Herr ich will dir danken unter den Völkern, ich will dir lobsingen unter den Leuten. Denn deine Güte ist so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit so weit die Wolken gehen. Erhebe dich, Gott, über den Himmel, und deine Ehre über alle Welt[18].« Ja, das Gebet: »führe meine Seele aus dem Kerker, daß ich danke deinem Namen,«[19] ward erhört, und Adullam ist, wie sein Name bedeutet, ein Denkzeichen jener richterlichen Aufsicht geworden, die des unschuldig Leidenden sich erbarmt. Da wir, beim Hinweggehen aus der Höhle, über den kritischen Steig der Felsenstücke hinüber waren, wendete sich mein junger Freund, Herr Franz, geführt von dem Metzger, zu dem Quell, der, wie ich vorhin erwähnte, unter der großen Höhle aus der Felsenkluft hervordringt, um an seinem Wasser sich zu laben. Ein Steig der Hirten und Schaafe führt zu ihm hin. Ich saß indeß auf einem Felsenstücke, mein Auge weidend an der Majestät des stillen Thales. Als meine Gefährten zurückkamen, stiegen wir noch hinan zu dem Thurm der ziemlich wohlerhalten dastehet und zu den Trümmern des andern Mauerwerkes. Obgleich das Onomastikon des Eusebius die Lage von Adullam weiter westwärts suchen lässet, so könnten dennoch die, welche mit Wilhelm von Tyrius die Grotte des Labyrinthes für Odollam halten, in diesen Ueberresten ansehnlicher Befestigungswerke eine Rechtfertigung ihrer Vermuthung finden, daß hier jene Stadt des Thales (denn als solche erscheint Adullam im Buche Josua 15, V. 35) lag, welche Rehabeam zur Veste machte, die, wenn anders das, was wir für solche hielten, wirklich Trümmer einer kleinen Christenkirche waren, noch in den Zeiten der Kreuzzüge in dieser Bestimmung sich erhielt. Unser Führer erklärte uns jetzt unverholen, daß, wenn wir, wie billig, bei Tageslicht ihn sehen wollten, zum Besteigen des Frankenberges es zu spät sey, und die schon tief am Horizonte stehende Sonne bezeugte es uns, daß der Mann Recht habe. Es that mir allerdings leid daß ich die sonderbare Felsenwarte nicht selbst besteigen konnte, die schon bei der ersten Annäherung an Bethlehem mein Aufmerken an sich gezogen hatte, da man es ihrer keglichen Tafelform ansieht, daß der denkende Geist, daß die bauende Menschenhand dem Werk der Natur ihren Gedanken aufprägte. Wir waren indeß heute schon auf unsere Hinwege nach Thekoa, noch mehr aber auf dem Rückwege nach Bethlehem so nahe an diesem alten Bethcharem oder Herodium, auf welchem Herodes sein Kastell als Siegeszeichen über die Juden, und sein Grabmahl sich erbauete[20], vorübergekommen, daß wir den terrassenartigen Bau, welcher, wie jene des Steines bei Würzburg der Anlage von Weinbergen[21] besonders günstig seyn mußte, so wie die untren und oberen Mauern diese mit ihren vier Thürmen, deutlich in jener Gestalt erkennen konnten, in welcher Pokocke sie beschreibt. Wenn auch jene Weinbergsveste nicht dadurch, daß sie des Herodes Ehrengedächtniß und sein Grabmahl war, für den christlichen Pilgrim etwas Anziehendes hat, gewinnt sie es doch dadurch, daß die Kämpfer für das Kreuz: die Franken, wie man sagt noch vierzig Jahre nach dem Verlust von Jerusalem diesen Ort behaupteten. Wir kamen in der Zeit der Dämmerung an dem Feld der Hirten vorüber und erst gegen sieben Uhr am Abend erreichten wir Bethlehem, mit seiner vom Lichte der ewigen Lampen erleuchteten Grotte. Ja, die Verse eines alten schönen Weihnachtsliedes waren heute hier in Bethlehem, wenigstens im Geiste, unser Abendlied: Den aller Weltkreis nie beschloß, Der lag hier in Mariens Schooß; Er war ein Kindlein worden klein, Der alle Ding erhält allein. Der Sohn des Vaters, Gott von Art, Ein Gast in unsrer Welt hier ward; Er führt uns aus dem Jammerthal Und macht uns Erben in seinem Saal. Das hat er Alles uns gethan, Seine große Lieb zu zeigen an, Deß freu sich alle Christenheit Und dank ihm deß in Ewigkeit. Es schlief sich sanft, wie im Hauße der Mutter in dem lieblichen Bethlehem; die Aussicht vom platten Dache des Klosters, Donnerstags den 6ten April vor Sonnenaufgang, weckte alle Erinnerungen an das gestern Gesehene zugleich mit dem Sehnen auf, noch weiter in diesem herrlichsten der Länder über Berg und Thal zu ziehen. Man überblickt daselbst die Berge und einen Theil der Thäler bis an den Höhenzug von Hebron hin, die Hügel von Thekoa und der Frankenberg zeigen sich in großer Deutlichkeit; nach Osten sieht man den Spiegel des todten Meeres und die Gegend der Jordansmündung, jenseits des Gewässers aber einen Theil des Gebirges Pisga; fast unmittelbar an dem Fuß des Berges, darauf das Kloster stehet, zieht sich das Thal Rephaim hin. Wir wohnten dem Gottesdienst in der Kapelle der heiligen Grotte bei; die Lateinischen Christen haben hierzu nur noch den Raum bei der Krippe und um die Stätte der Anbetung der Könige. Wir bemerkten auch hier wie bei mehreren andern Gelegenheiten, daß namentlich der Gottesdienst der Spanier sich durch eine ganz besondre äußre Würde auszeichne. Mit dankbarer Liebe nahmen wir dann Abschied von dem freundlichen Prior und von Bethlehem, dessen Eindruck ein so tiefer war, daß uns seitdem öfter, sowie David nach dem Wasser am Thore von Bethlehem, ein Sehnen angewandelt hat, auch nur nach seinem Anblick. Wir Fußgänger, zu denen auch die Hausfrau gehörte, giengen voran, ohne den Führer, der auf die reitenden Gefährten und mit diesen zugleich auf die Thiere wartete, die nicht gleich bei der Hand waren. Der Morgen war von erquickender Frische, wir stiegen rasch den Berg von der Stadt hinab und auf der andern Seite wieder hinan. Hier aber verirrten wir uns so bald zwischen den Mauern der Wein- und Olivengärten, bei welchen sich Wege, einer so undeutlich als der andre und nach den verschiedensten Richtungen durchkreuzen, daß wir wieder ein Stück Weges umkehren und auf die Gefährten, mit dem Führer und den beiden Eseltreibern warten mußten. Unser Weg war diesmal nicht jener höher gelegene, durch seine Aussicht interessantere, der an der Wasserleitung hinführt und welchen einige von uns auf der Herreise von Hebron gemacht hatten, sondern wir lenkten uns hinab in das fruchtbare Thal selber, in welchem einst Salomons blumenreiche Gärten lagen. Die Bäume waren nun meist verblüht, nur an den Aepfeln zeigten sich noch die Spätlinge der Blüthen. Man sieht bei diesen Gärten, die sich neben einem Dörflein weit im Thalgrunde hinanziehen, die Substruktionen und dicken Mauern vieler alter Gebäude, unter ihnen noch mehrere wohl erhaltne Gewölbe. Ein wasserreicher Quell, der alsbald zum Bächlein wird, dringt am Fuße des westlichen Bergabhanges hervor und wird zum Bewässern des Thales benutzt. Die Knaben der Hirten tränkten dort am Bache, im Schatten der Maulbeer- und Wallnußbäume ihre Heerden; Frauen wuschen am Quell. Während unser Freund Bernatz einen kleinen Theil des Gartenthales zeichnete, saßen wir beide, die Hausfrau und ich auf dem mit Rasen bewachsenen Dache eines alten, fest gemauerten Gewölbes. Wir blickten hinüber über das grünende Thal und gedachten jenes Salomonischen Liedes das die Schmerzen wie die Wonne einer höheren Liebe besingt als die vergängliche des Fleisches ist. Ja auch uns Pilgrime hat ein dämmernder Strahl jener Liebe hinausgezogen »auf den Fußpfad der Lämmer;« wir sind hinabgegangen in den Nußgarten, zu schauen das Grün am Bache, zu schauen ob der Weinstock blühete, ob die Granatäpfel Blumen hätten.« Wo sind aber hier die Myrrhenberge und wo der Weihrauchhügel; wo sind die Würzbeete bei denen der Freund weidete und Rosen brach? Will hier der Schatten nimmer weichen und der Morgen mit seinem frischen Hauch erwachen, ist die Stimme des Friedens, sind die Reigen von Mahanaim auf immer aus diesem Land entschwunden? »Ja, kehre wieder, kehre wieder o Sulamith[22], kehre wieder, kehre wieder, daß wir dich schauen -- Reigen zu Mahanaim.« Die Hirtinnen des Thales hatten für uns und unsre Führer Milch gebracht; wir ruheten noch einige Augenblicke am Quell und stiegen dann hinan am Abhange des Berges auf den Weg der nach Salomo's Teichen und verschlossenen Brunnen führt. Der gewöhnliche Weg von Hebron nach Jerusalem geht bei ihnen vorbei, auch ich und meine beiden Reisegefährten, auf dem Wege von Hebron nach Bethlehem hatten im Vorübergehen einen Blick in das Thal der Teiche geworfen. Heute sahen wir diese sonderbaren Bauwerke genauer, deren Anlage und Gestaltung allerdings des Salomonischen Zeitalters würdig erscheint. Es sind ihrer drei, die im Engthal hinaufwärts, einer immer ein wenig höher als der andre liegen. Ihre Wände wie der Boden sind massives Mauerwerk; das Innre setzt terrassenweise ab; man kann auf Stufen zu den tieferen Absätzen hinuntersteigen. Herr Mühlenhof maß die Länge und Breite der einzelnen Teiche nach Schritten, die er vielleicht zu klein nahm, denn er fand die Länge des untersten, größesten 229, die des zweiten 177, die des dritten 149 Schritte, während Fisk dieselben Dimensionen nur 205, 153 und 134 Schritte maß; Richardson giebt die Länge des untersten zu 660, die des mittlern zu 600, des obersten zu 430, die Breite bei allen im Mittel zu 270 englischen Fußen an[23]. Außer jenem Gewässer das in der Zeit der Regen ihn überfüllen mag, giebt zu allen Zeiten des Jahres der Quellbrunnen der oberhalb des dritten Teiches liegt zuerst diesem sein Wasser, aus ihm empfängt es der zweite, dann von diesem der unterste. Der Quell, mit seinem klaren, reichlich strömenden Wasser ist aufs Sorgfältigste gefaßt und ummauert; man steigt zu ihm auf Stufen hinab; von oben konnte und kann noch jetzt der Zugang zum Brunnen bedeckt und verschlossen werden, so daß diesen allerdings, mitten in der geheimnißvollen Abgelegenheit seines blumenreichen Thales und seiner künstlichen Kammer die Sage des Landes, in deren Munde das Lied der Lieder noch forttönet, mit jener verschlossenen Quelle, jenem versiegelten Brunnen vergleichen konnte, in dessen Wasser das Leben der Liebe die von oben kam, im Verborgenen seinen Anfang nimmt und seine erste Nahrung empfängt[24]. Wie werthvoll und wichtig diesem Lande das Wasser, namentlich das Wasser dieses Quelles sey, der zum Theil durch seine schon früher erwähnte Wasserleitung Jerusalem versorgt, bezeugt die kleine Veste, die zum Schutz des Brunnens ganz in seiner Nähe angelegt ist. So wie sie jetzt dasteht, erscheint sie übrigens als ein Bauwerk der späteren, Sarazenischen oder selbst Türkischen Abkunft. Wir wendeten uns jetzt zur Rechten (nordwestlich), über die Anhöhe hinan, zogen dann am Rande eines Thales hin, dessen Grund reichlich grünte, und kamen weiterhin an einem griechischen, dem heiligen Georg gewidmeten Kloster und seinem Dorfe vorüber. Hier fanden wir viele Weingärten, an deren Reben sich die jugendlichen Blätter zeigten; neben ihnen, in andern Gärten, blühete der Storaxbaum (+Styrax officinale+), hier im Freien für uns ein neuer Anblick. Sein Rauchwerk, Meyah genannt, wird von den Bewohnern des Landes, vor allen von den Mohamedanern sehr hoch gehalten. Dann jenseits dem Rücken des Kalkgebirges queer durch ein andres Thal und von diesem über einen noch höheren Berg zogen wir hinunter nach dem am steilen Abhang gelegenen Dorfe Baitschallah, dem Bezek der heiligen Schrift das schon seit längerer Zeit nur von Christen bewohnt ist. Eine Sage des Volkes behauptet, daß hier kein Mohamedaner länger denn ein oder zwei Jahre leben könne[25], weshalb die Türken diesen Wohnplatz meiden. Hier in der Nähe, vom Abhange des Hügels bis zur Stätte von Rahels Grabe und der Höhe bei dem Kloster des Elias, fand einst der anbrechende Morgen das Blachfeld mit den Leichnamen von 185000 Streitern bedeckt, die gestern noch in übermüthiger Sicherheit sich zur Nachtruhe niedergelegt hatten. Sie hatte nicht das Schwert oder der Bogen gefällt; das geängstete Häuflein, das in der Stadt bei Hiskia war, hatte ihnen kein Leides gethan, sondern die Macht Gottes war über sie gekommen; der Engel des Herrn hatte sie geschlagen. »Also brach Sanherib, der König von Assyrien (der gegen den Gott Israëls getobet hatte) auf, und zog weg, und kehrte um, und blieb zu Ninive[26].« Baitschallah liegt unter Gärten und Bäumen und hat zu seinen Füßen einen wasserreichen gemauerten Brunnen, zu dem ein sehr steiler, abschüssiger Weg über die glatten Felsen hinabführt. Wir sahen hier mit bedauernder Theilnahme (was man übrigens in diesem Lande fast allgemein findet) wie die Frauen und Mägdlein die schweren Schläuche mit Wasser vom Quelle gefüllt hinanschleppten auf dem steilen Wege zum Dorfe. Mägdlein, vielleicht von kaum acht Jahren, wurden von ihren Müttern schon zu dem künftigen, schweren Tagwerk abgerichtet, sie schleppten, ihren Kräften angemessen, kleinere Schläuche und Gefäße. Uns war freilich dieser Anblick nichts ganz neues, denn auch in unsren Kalkgebirgen, deren Höhen gewöhnlich ohne Quellen sind, während diese im Thal desto reichlicher strömen, namentlich in den Gebirgen um Muggendorf und Bamberg sieht man die Frauen von frühester Jugend an dasselbe Geschäft treiben. Um nur einige der vielbesuchteren Orte zu nennen, so tragen die Bewohnerinnen von Engelhardsberge bei der Riesenburg das Wasser zu dem täglichen Bedarf des Haußes einen eben so steilen Berg hinan als die zu Baitschallah, der Berg aber den die Frauen und Mägdlein von Gößweinstein mit ihren schweren Wasserbutten und Schäfflein, die viel unbequemer sind als die ledernen Schläuche, zu besteigen haben, wenn sie, besonders in der (heißen) Jahreszeit wo der ganze Ort voller Wallfahrter ist, täglich mehrere Male im Thale Wasser holen müssen, ist noch viel höher. Und dennoch sieht man den Leuten dort keine Noth an, sie sind kräftiger und schöner als großentheils die Bewohnerinnen der Städte, denen das Wasser im Hof und selbst in der Küche zuströmt; sie sind frohe, gesunde Mütter zahlreicher, gesunder Kinder. Auch die Bewohnerinnen von Baitschalla erschienen uns ganz besonders schön und kräftig, sie erinnerten uns durch ihre Munterkeit und fröhliches Bezeugen an die Wahrheit jenes alten, Lateinischen Versleins, das zu Nürnberg, im großen Rathhaussaale, in einem gemauerten Fensterbogen unter dem Bilde einer großen, mit bleiernen Gewichten beschwerten Schlaguhr steht: »+ubi onus ibi sonus+« (Schwerer Drang, weckt lauten Klang). Ja, und dieser Klang wird zum Lobgesang, wenn der Schmerz und die Mühe des irdischen Lebens ihr Werk an der Menschenseele vollbracht und in dieser ein lebendiges Aufathmen und Sehnen nach der Sabbathsruhe der Ewigkeit geweckt haben. Denn dann bedarf es nicht mehr eines Zuges der Last, der nach unten gehet, sondern der fröhliche, selige Zug der Liebe, der nach oben gehet, ist es allein der das Lied des Preisens wecket, welches nie verstummet. Unten am Brunnen, im Schatten der hohen, alten Bäume ruheten die Gefährten, ich aber gieng indeß allein voraus nach dem Engthale das sich gegen St. Philipp hinziehet. Der Anfang des Weges am steinigen Bette des Gießbaches, dann zwischen den Mauern der üppig grünenden Weingärten hin, war sehr beschwerlich; er lag voller Steine die von den Mauern, welche selber nichts anders sind als Steinhaufen, heruntergestürzt waren und an deren Hinwegräumen hier zu Lande niemand denkt. Doch bald trat ich auf den freien Wiesengrund des schönen Thales hinaus, wo mich, mit dem frischen Windhauche zugleich, der die heißen Stunden des Tages (es war zwischen 11 und 12 Uhr) kühlte, zugleich ein wonnigliches Gefühl des Daheimseyns anwandelte. Ich habe schon bei andrer Gelegenheit von der großen Aehnlichkeit der Gegenden des gelobten Landes mit manchen unsrer vaterländischen Gegenden gesprochen[27] und wiederhole es hier nochmals daß, wer die Engthäler, welche den Lauf der Wiesend durch das Jurakalkgebirge begleiten, namentlich die Nachbarschaft von Muggendorf gesehen hat, sich eine gute, treue Vorstellung machen könne von den Felsenthälern und von der zackigen, höhlenreichen Form des Gebirges Juda, in Südwesten von Jerusalem. Ich glaubte mich hier in ein Felsenthal etwa bei Rabenstein versetzt, und hätten mich nicht die langen Stacheln der Stachelschweine, deren ich viele an meinem Wege fand, hätten mich nicht die Tulpen und buntfarbigen Anemonen mit manchen andern fremden Blumen und Sträuchern daran erinnert, daß ich in Palästina sey, hätte mich nicht die türkische Kleidung des Mannes, der mir mit einem belasteten Esel begegnete aus meinem Traume geweckt, ich würde diesen deutsch begrüßt und angeredet haben. Nach etwa anderthalb Stunden Gehens kam ich mit einigen der Gefährten, die mich indeß eingeholt hatten, zu St. Philipp und zu seinem reich, wie ein kleiner Bach, aus dem Felsen hervorbrechenden Wasserquell. Die Sage des Landes macht diesen Felsenbrunnen zu einem lebendigen Erinnerungszeichen an eines der herrlichsten Ereignisse aus den ersten Tagen der Apostel; an ein Ereigniß dessen gotteskräftige Folgen noch jetzt wie ein Strom lebendigen Wassers über ein Land des fernen Südens sich ergießen. Ohne über die Oertlichkeit zu grübeln hatte ich mich schon im Hergehen durch das schöne stille Thal an der Betrachtung der Geschichte jenes Kämmerers und Gewaltigen der Königin Candace in Mohrenland inniglich erquickt; jenes Gewaltigen den mitten auf seinem Wege die Kraft des Geistes Gottes überwältigte, die in Philippo, dem Apostel ihm begegnete[28]. Es war nicht nur jener Zug eines ewigen Erbarmens, dessen Walten, wenn es in Sturmwindseile an der sichtbaren Natur vorübergehet, selbst den mütterlichen Vogel anreget, daß er den nach Nahrung verlangenden Jungen ihr Futter bringt; er selber war es, ~der Geist~, nicht sein Bote, der leibliche Lebenshauch, der den Apostel hinführte zu dem Wagen auf welchem der Kämmerer, der den Gott Israëls kannte, saß, laut lesend die Worte der Weissagung im Jesajas, welche von Dem reden der wie ein Lamm, das seinen Mund nicht aufthut, zur Schlachtbank geführt ward, dem aber als er sein Leben in den Tod gegeben hatte und den Uebelthätern gleich gerechnet war, eine große Menge zur Beute, die Starken zum Raube gegeben sind[29]. Und das Verlangen, zu wissen von wem der Prophet solches rede, das der Geist in dem Herzen des Kämmerers geweckt hatte, ward gestillt, da Philippus seinen Mund aufthat und ihm das Evangelium von Jesu verkündete. »Siehe, da ist Wasser,« rief der Mann, »was hinderts daß ich mich taufen lasse?« und da er ausgesprochen was mit seliger Gewalt sein ganzes Herz bewegte: »Ich glaube daß Jesus Christus Gottes Sohn sey,« taufte ihn der Apostel, und der Kämmerer, auch da nun Philippus von seinen Augen hinweggenommen war, zog seine Straße fröhlich, in das Land der Heimath, welches zuerst durch ihn eine Heimath des Christenglaubens ward. St. Philippo hat eine unbeschreiblich schöne Lage zwischen Baumgärten und reichen Weinpflanzungen. Ein Bach, der durch das Thal gehet, macht dieses noch jetzt zu einem Zeugniß der natürlichen Fruchtbarkeit des gelobten Landes. Wir stehen hier an einer der Hauptquellen des Traubenbaches oder des Sorek, der durch Eskol, das Traubenthal fleußt[30]. Noch jetzt mögen die Trauben dieses Landes, dies zeigte der üppige Wuchs, von ungemeiner Größe seyn und den Wandrer, der zur Zeit ihrer Reife dieses Weges kommt, an das Ziel des Weges der Kundschafter des Moses[31], so wie an Simsons, des Starken Fall im Hauße der Delila erinnern[32]. Wie ist doch jetzt das Benehmen der Bewohner des Landes gegen die gefürchteten Franken ein ganz andres als es zu Cotovicus Zeiten und selbst noch vor wenig Jahren war. Jener berühmte Reisende ward hier in der Nähe von St. Philipp von den Frauen und Knaben der Araber nicht bloß aufs heftigste beschimpft, sondern wäre fast von ihnen gesteinigt worden[33], uns ließen sie ruhig da herumgehen, aus dem Quell trinken und den Maler Bernatz ungehindert eine Zeichnung der Gegend aufnehmen; unterhielten sich freundlich mit unserm christlichen Führer aus Bethlehem und den Eseltreibern aus Jerusalem. Unsre kleine Reisegesellschaft war jetzt wieder beisammen; wir schickten uns an zur Weiterreise nach dem Ziele der heutigen Tagreise: nach St. Johann. Wir zogen über den nicht unansehnlichen Bach hinüber nach der andren Seite des hier breiteren Thales. Dort erwartete uns noch ein saures Stück Arbeit. Der Berg, über welchen der Weg hinüberführt, ist so hoch und zugleich so steil; sein verödeter Abhang ist so oft durch niedre Felsenwände ummauert, daß wir nicht selten mit Händen und Füßen hinanklimmen mußten. Mehr noch als die Geschicklichkeit der Menschen war hier die der muntren Lastthiere zu bewundern, die sich, mit den Vorderfüßen emporbäumend, von einem Felsenvorsprung zum andren hinaufarbeiteten. Vor allen war bei dieser Arbeit des Bergkletterns unsre Freundin Elisabeth zu beklagen, die schon seit einiger Zeit an einer schmerzhaften Verletzung des Fußes litt, dennoch aber den Besuch von Bethlehem und St. Johann nicht hatte aufgeben wollen. Dazu regte sich auch bei uns Allen der Hunger, denn wir hatten seit dem Genuß der Milch bei den Hirtinnen in Salomos Gartenthale nur etwas Wasser zu uns genommen. Herr Franz und ich waren, weil wir das Kloster für näher hielten als es wirklich war, vorausgegangen, um dort die Herberge und Bewirthung zu bestellen. Endlich war die Anhöhe und mit ihr eine Aussicht über Thal und Berge erreicht, welche schon für sich allein der sauren Mühe des Heraufsteigens werth gewesen wäre. Es ergieng dem Auge da oben, bei der reichen Aussicht, wie einem leidenschaftlichen Freunde der Blumen, dem ein reicher Gartenbesitzer und Gönner Erlaubniß giebt sich ein oder zwei der blühenden Zierden seiner Beete zum Andenken mitzunehmen: es wußte nicht auf welchen Punkt des erhaben schönen Gesichtsfeldes es seine Aufmerksamkeit hinrichten sollte, um sein Bild, das ja nur einmal im Leben ihm dargeboten wurde, für immer in die Erinnerung aufzufassen. Die Gegend, die wir da vor uns sahen erinnert an die Geschichte dreier Helden, welche größer waren als die drei ersten Helden Davids, die sich hindurchrissen durch das Heer der Philister und Wasser schöpften aus dem Brunnen am Thore zu Bethlehem; denn jene dreie haben ein andres, höheres Wasser des Lebens aus der Hand der Feinde gerissen und errettet, und ihrem ganzen Volke zu seiner geistigen Erquickung und Heilung es dargebracht als das Wasser des Brunnens von Bethlehem war. Dort oben auf der Höhe des Gebirges, zeigt sich in deutlicher Nähe, gleich den Trümmern eines alten Domes die Heldenburg der Makkabäer: ~Modin~, die Bergstadt; der Wohnsitz und gemeinsame Begräbnißort der Makkabäer[34]. Wenn man, wie doch öfter geschieht, die Eindrücke durchs Auge mit jenen vergleichen darf, welche durchs Ohr der Seele nahen, so möchte ich den, welchen der Anblick der alten Bergfeste Modin auf mich machte mit jenem der tiefen Töne einer großen Glocke vergleichen, welche Gedanken des Ernstes weckt. Wem sollte nicht dieser alte Felsenhorst das Andenken der vorbildlichen Kämpfer mit dem Widersacher alles Glaubens an das was göttlich ist; das Andenken an die Priesterhelden Mattathias und Judas und Simon und selbst an das unglückselige Haus der Hasmonäer erwecken. Dennoch, so bedeutungsvoll das Erinnerungszeichen ist, das die alte Bergfeste darstellt, so war dennoch der Held, von welchem die Kunde dort am Fuße des Berges, im Thale der Terebinthen Zeugniß giebt, noch ein höherer Vorkämpfer seines Volkes und der zukünftigen Geschlechter. Dort, im Eichengrunde schlug David der Knabe, der ohne Schwert, Spieß und Schild nur im Namen des Herrn Zebaoth, des Gottes des Zeuges Israël dem übermächtigen Feinde entgegentrat, den Riesen Goliath und ward hierdurch ein Vorkämpfer und Durchbrecher zum Siege für die Heere seines Volkes, welche, da der Riese von der Hand eines Knaben gefallen, in Kraft des Glaubens an den Gott des Zeuges Israëls sich aufmachten und riefen und jagten den Philistern, die der Schreck getroffen, nach, bis an die Thore Ekron, daß die Feinde fielen erschlagen auf dem Wege Saarim bis gen Gath und gen Ekron. Aber nicht nur mit dem Riesen, auch mit andern, furchtbarern Mächten hatte der Held des Terebinthenthales gekämpft, und so tief auch die Wunden waren die er im Streit empfangen dennoch zuletzt, durch kindlich treues Festhalten, selbst beim Fallen, an der Hand Dessen der vom Tode errettet, den Sieg des Glaubens errungen, der seine Zuversicht setzet auf den Herrn, Herrn. Und so war derselbe auch hierdurch der Vorkämpfer geworden der Schaaren, die niemand zählen kann, die durch Glauben hindurchgedrungen sind zum Siege, der weiter reichet als zu den Thoren Ekron, ja ein Vorbild Dessen, der den Kampf der Kämpfe hinausgeführt hat zum Ende. Der dritte aber der Helden, an den die Kunde des Landes, welche hier unten am Fuß des Berges im grünenden Thale wohnt, erinnert, war der größeste unter den Dreien, denn von ihm bezeuget der Mund der Wahrheit selber, daß »unter Allen die von Weibern geboren sind nicht aufgekommen sey der größer wäre denn er«[35] (bis zu den Zeiten des Reiches das höher stund denn alle Reiche der Menschenkraft). Dieser war der Vorgänger, nicht eines Fürstenstammes Judäas, nicht der Heere Israëls gegen das Volk von Philistäa, sondern ein Vorgänger Dessen, der ein Fürst ist der Könige und Herren auf Erden; der größer ist denn Israël; Er selber Israëls Trost und Hoffnung und Ende. Außer dem Thale der (grünenden) Einöde, in welcher Johannes der Vorläufer war, bis daß er sollte hervortreten vor das Volk Israël[36], das zunächst hier unten zu unsren Füßen liegt; außer dem Terebinthenhaine dessen That die Sängerinnen Israëls priesen, mit Gesang und Reigen, mit Pauken und Triangeln[37]; außer der Geburtsstätte und Grabstätte der Makkabäerhelden dort auf der Höhe, sieht man dort vom Gebirge das Rama des Samuel und die Stätte von Emmaus; Calonia, an der Straße von Jaffa nach Jerusalem (das Ende des Thales der Terebinthen) und, wenn mein Auge nicht irrte, die Höhen des Oelberges. Uns zog jetzt vor allen das prachtvoll, gleich einem Fürstenschlosse im Haine der Zypressen vor uns liegende Kloster St. Johanns, des Täufers an; zu ihm lenkten wir für heute unsre Schritte hin. Leichtfüßige Gazellen, von Gestalt und Farbe unsrer Rehe, eilten über das Gebirge hinüber; der Leib war langsamer, der Geist schneller denn sie, denn er war vorangeflogen auf der Bahn des großen Vorgängers bis dort hinüber zur Siegerpalme des Oelberges. Unten im Dörflein kamen wir zuerst bei einem reichlich fließenden Quell, dem Brunnen der Maria vorüber, an denen Frauen des Ortes Wasser schöpften und wuschen. Wir langten etwas vor vier Uhr im Kloster an, dessen Väter eben hinabgegangen waren zur Kirche, um hier das Lied der Vesper zu singen. Die Töne der Orgel (es ist eine der vorzüglichsten, wo nicht die beste der christlichen Kirchen des Landes) zogen auch uns hinab zu dem Tempel, in dem eine kindliche Andacht die Geburtsstätte des großen Vorgängers verehrt. Der volltönende, harmonische Gesang der Väter (sie sind großentheils Spanier) redete die Sprache eines festen Hoffens, das nie zu Schanden wird; wenigstens deutete sich seinen Inhalt so die Seele, die sich hier begrüßt fühlte, mit dem Gruße des ewigen Friedens. Der Gottesdienst war geendet; wir hatten uns wieder hinauf begeben in das Zimmer der Gäste; der Prior des Klosters, ein noch jugendlicher Spanier, aus einem edlen Geschlecht seines Landes trat zu uns hinein und begrüßte uns freundlich. Auch die andern Gefährten der Reise waren nun angelangt, man hatte sie, weil Frauen unter ihnen waren, und weil im Kloster strenge Clausur herrscht, um das Gebäude herum geführt, dann zu einer Hinterthür hinein gelassen, dort aber, im Hofe, für sie eine freundliche Wohnung, in einer Art von Gartenhäuschen bereitet; bald war da in Fülle alles herbeigebracht, dessen das leibliche Bedürfniß der ermatteten Pilgrime zu seiner Sättigung bedurfte. Der Prior und sein Vicar hatten uns aber noch einen andren Genuß zugedacht. Sie führten uns hinaus an den Abhang des Berges, der jenseits des Dorfes sich hinabzieht, nach dem Thale der Terebinthen, oder, wie man es wegen der vielen anjetzt hier wachsenden, immergrünenden Eichen auch nennen könnte, nach dem Eichengrund. Hier waren die Männer Israëls, unter Saul gelagert, als sie sich rüsteten zum Streit wider die Philister; hier war es wo Isais Sohn seinen Brüdern das Epha Sangen und die zehn Brode, für den Hauptmann aber zehn Käse ins Lager brachte. Und ob auch Eliab, der größeste Bruder ergrimmete über die vermeintliche Vermessenheit und Herzensbosheit des jungen, bräunlichen Hirten[38] so war doch dieser nicht gekommen den Streit zu sehen, sondern ihn zu enden. Wir empfiengen hier »glatte Steine aus dem Bache« zur Erinnerung an die Kraft einer Hirtenschleuder, die siegreicher wirkte denn Spieß und Schild und Schwert. Man sieht vom Abhange aus deutlich und nahe Calonia, von dessen sattelförmiger Höhe das Thal herabläuft, und an einigen Stellen auch Emmaus, da der Geber alles Guten von den Jüngern am Brodbrechen erkannt ward, so wie die Herrscherin des Gebirges, die Veste von Modin. Auf dem Rückweg erzählten uns die Väter wie sie noch vor wenig Jahren, ehe Ibrahim Pascha über diese »kleinen Füchse die den Weinberg verheerten« ein heilsames Schrecken brachte, so in Furcht vor den Mohamedanischen Bewohnern des Ortes und seiner Umgegend leben mußten, daß zuweilen aller Verkehr mit der versorgenden Mutterstätte, mit Jerusalem unterbrochen war. Man konnte selber nicht aus dem Kloster hinaus treten und Pilgrime durch die Nachbarschaft geleiten, ohne Beschimpfung und zuweilen selbst Verletzungen durch Steinwürfe zu erfahren. Anjetzt wohnen die Tauben ungestört zwischen den Sperbern, denn ein Geieradler schwebt über beiden, der die Sperber schreckt. Wem sollte es, »er sey Ritter oder Knecht« unter dem Obdache des Klosters von St. Johann nicht wohl werden; wer sollte hier unter dem balsamisch duftenden Garten, wenn er über die blühenden Beete der Terrassen hinansteigt, bis zur Höhe, mit der Aussicht über Berg und Thal nicht zu seinen Herzen sagen: hier ist gut wohnen. Uns Männern hatte man im Kloster selber die Herberge angewiesen; mir war eine Zelle zugefallen, deren Fenster die Weinreben umschatteten und welche bei Tag und noch mehr bei Nacht den Duft der blühenden Orangen und Zitronen durchdrang; die Frauen bewohnten das gastliche Häuschen im Vorhof der Mauern, wo wir uns auch jetzt zum Abendbrod versammelten. Für mich war es schon heute, Freitags am 7ten April, da ich beim Strahl der Morgensonne, der durch die Rebengelände hereindrang, erwachte, ein Fest Johannes des Täufers. Denn ich hatte mich mit den Gedanken die sein Fest in der Seele des Christen weckt zur Ruhe gelegt und wachte mit diesen Gedanken wieder auf. Grünete und blühete ja auch, da draussen im Garten in welchem ich hinaustrat Alles so wie bei uns in der sommerlichen Zeit des Johannisfestes; statt der grünenden Birken freilich die Farnesianische Mimose; statt der deutschen Jasmins der Storaxbaum und die Limonie. Einer der jüngeren Brüder des Klosters, ein Spanier, der den Schmerz seines Landes tief empfunden, führte, nach der Morgenandacht, mich und meinen Freund Bernatz hinaus in die Wüste von St. Johann, zu der Grotte, in der sich, wie die fromme Sage berichtet, der große Täufer enthielt, bis daß der Gedanke seines hohen Berufes zur That geworden. Der Weg zu jener alten Ruhestätte der christlichen Andacht, auf den vormals der Orden der Johanniterritter, wie auf alle Erinnerungszeichen dieser Gegend, seine besondre Pflege gewendet, geht an der Seite des Thales hin, das von Calonia durch den Eichgrund nach dem Eskol- oder Sorekthale verläuft. Unser Führer zeigte uns eine Felsenplatte, »auf welcher der Täufer stund, da er zuerst an sein Volk das Wort nahm.« Die Wohnung in welcher er das Alleinsein mit dem Gedanken seines Tagwerkes und mit Dem, der den Gedanken in ihn legte, gesucht und gefunden ist eine Felsenhöhle, an deren Fuß ein Quell sein klares Wasser hervorströmt. Wir fanden das Hinansteigen von einem Felsensprung zum andern nicht mehr so beschwerlich, als Cotovicus es beschreibt; vielleicht daß wir des Kletterns über so geringe Höhen gewohnter waren denn er, oder daß die Mönche, deren Pflicht es ist zu gewissen Zeiten hier Gottesdienst zu halten, den Eingang erleichterten. Auch unser Führer sprach hier die Gebete, die seit alter Zeit dem Orte gewidmet sind und wir nahmen von Herzen an seiner Andacht Theil. Oben auf dem Felsen stehen die Ruinen eines Klosters, das in den Zeiten der christlichen Herrschaft des Landes ziemlich bevölkert war. In der Nähe der Grotte breiten sich, am Abhange des Berges, Weingärten und Baumpflanzungen aus; unter den Bäumen wird allerdings auch hin und wieder der Johannisbrodbaum (die +Ceratonia siliqua+) gesehen, deren Früchte, nebst dem wilden Honig die gewöhnliche Nahrung des einsam Wohnenden waren[39]. Der Grotte gegenüber liegt ein Arabisches Dorf, vielleicht an der Stätte von Socho, zwischen welchem und Aseka das Heer der Philister sich gelagert hatte, da Saul mit Israëls Streitern ihm entgegenzog. Auf dem Rückwege weilten wir noch bei den Ruinen jener christlichen Kirche, die »an der Stätte des Haußes des Zacharias erbaut war, vor welchem Elisabeth und die Erwählte der Jungfrauen sich begrüßten.« Ein Wandersmann, welchen schon der Anblick von Albertinis bildlicher Darstellung dieser Begrüßung innig bewegte, wie sollte der nicht bei dem Verweilen an dieser Stätte ein Tröpflein jener seligen Freude empfinden, die einst in einem verborgenen Thale des Gebirges Juda zwei Menschenseelen erfüllte, denen schon mitten in der Zeit des Dunkels der helle Tag der Ewigkeit anbrach. Auch unser Führer las uns hier laut jene Stelle des Evangelisten Lucas, an welche diese Stätte erinnern soll: die Worte, welche Elisabeth, des Geistes voll, der gebenedeiten Jungfrau entgegen rief und den Lobgesang Marias. Nach unsrer Rückkehr ins Kloster ergieng ich mich noch einmal, in Gesellschaft der zurückgebliebenen Freunde in der schönen Kirche, deren Altarbild das Werk eines großen spanischen Meisters (des Murillo?) ist, dann im Garten des Klosters. Er ist der größeste und schönste den ich in der ganzen Umgegend von Jerusalem sahe; großentheils neu angelegt, am Abhange eines terrassenartig ausgearbeiteten Felsens, von dessen Wänden die Sonnenstrahlen verdoppelte Kraft empfangen; auch für eine hinreichende Bewässerung des Bodens ist gesorgt. In Folge der vortheilhaften Lage des Gartens fanden wir hier den Pflanzenwuchs ungleich mehr vorgeeilt als in Bethlehem und Jerusalem; die Mandeln stunden schon in bedeutender Größe an ihren Bäumen; auch die Aprikosen, Kirschen und andre Obstbäume hatten Früchte angesetzt. Einer der Väter des Klosters ist ein Freund und man darf sagen ein Meister der Gartenkunst, denn als solcher zeigt er sich durch die großentheils neue Anlage des Gartens, dessen Grund er dem vorhin verödeten Felsen abgewonnen hat und die noch fortwährend unter seiner Leitung sich erweitert. Wir sahen hier mehrere Gewächse der heißen Zone im Schutz der Felsenwände gedeihen, die wir im Gebirge Juda kaum erwartet hätten. Wie gerne wäre ich der Einladung der freundlichen Väter des Klosters gefolgt und einige Wochen bei ihnen geblieben in der stillen, reinlichen, grün umrankten Zelle und in dem schönen Garten, wir hatten aber in Palästina noch so vieles Andre zu sehen und meine Zeit war mir gemessen. Nach Tische besuchte uns noch einmal der gute Prior und erzählte uns Manches aus der neuesten Geschichte des Klosters. Die armen Väter hatten, besonders in den Zeiten des letzten Aufstandes und während der Theurung die vor einigen Jahren das Land traf, viel von Noth und Sorgen gelitten. Ich lernte auch bei dieser Gelegenheit in jenem edlen Spanier ein kindlich gläubiges, liebevolles, gottvertrauendes Gemüth kennen; mit dankbarer Bewegung nahmen wir gegen drei Uhr des Nachmittags von unsren guten »Johannitern« Abschied und zogen fröhlich unsre Straße über den Berg hinan, gegen Jerusalem. Die Steinhaufen dort auf der Höhe, neben den meist sehr schlecht angebauten Saatfeldern, möchte man gern um ihre Geschichte befragen, denn viele von ihnen scheinen vormals zu Menschenwohnungen gehört zu haben. Wir unterließen, so weit uns dieß möglich war, das Fragen und Forschen nicht; das aber was wir zur Antwort erhielten betraf eine Geschichte, welche älter ist, als die Geschichte der Kananiter und der zwölf Stämme des Volkes, welches dieses Land der Verheißung zum Erbe besaß. Denn der Ammonit des Kalkgebirges den wir unter den Steinen fanden erinnerte an jene alten Tage, welche statt einer Antwort den forschenden Geist des Menschen selber fragen: »wo warest du, da ich die Erde gründete, sage mirs, bist du so klug. -- Da mich die Morgensterne mit einander lobeten und mir zujauchzeten die Chöre der Engel[40].« Uns war übrigens, wie ich dieß noch später erwähnen werde, dieser Fund, den Freund Bernatz machte, von Wichtigkeit; denn die Versteinerungen in der Umgegend von Jerusalem gehören zu den größesten Seltenheiten, und diese hier versprach einen weitren Anhaltspunkt zu gewähren für das Erkennen der Gebirgsart der sie angehörte. Nach einer kleinen Stunde Weges kamen wir zu dem Kloster des heiligen Kreuzes, das die Andacht der Georgianer an jener Stätte begründete, an welcher, nach einer Sage der christlichen Bewohner des Landes der Stamm des Oelbaumes gewachsen war, aus dem man Golgathas heiliges Kreuz bereitete. Wie die meisten Klöster des Landes gleicht auch dieses einer kleinen Veste. Es soll eine ansehnliche Menge Georgischer Handschriften enthalten; wir sahen sein Innres nicht. Man hat von diesem Hügel eine Aussicht auf die Stadt Jerusalem, an welcher sich die Burg Zion, das Coenaculum, das Kloster von St. Salvator und andre Gebäude der Westseite vorzüglich herausheben zugleich aber, weil der Standpunkt zu niedrig ist, den Anblick der übrigen Stadt verhindern, von der man fast nur die Minarets, und, so wie man etwas seitwärts tritt, die hohe Kuppel der Omarmoschee hervorragen sieht. Als wir an den Türkischen Grabstätten am Abhange von Gihons Thal vorübergiengen, erinnerten uns die Schaaren der weißgekleideten, verschleierten Mohamedanerinnen, die auf den Leichensteinen saßen, daran daß heute Freitag sey; der Tag des Sabbathes der Bekenner des Islams, der Tag ihrer wöchentlichen Feier der Gräber. Wir kamen schon gegen fünf Uhr wieder in unsrer stillen, freundlichen Wohnung der +Casa nuova+ oder des Pilgerhaußes an, begrüßten die Väter des Klosters und ich brachte noch einen Theil des Abends auf dem platten Dache des eigentlichen Klostergebäudes im Genuße der Aussicht zu, die mir, so oft ich sie auch sahe, immer wieder neu und innig werth erschien. Unser theurer Freund, +Dr.+ Roth war von seinem Fieberanfall wieder genesen. Neuer Aufenthalt in Jerusalem. Der Schritt der Zeit, dort in den Mauern Jerusalems, ist ein so leiser, daß man ihr Vorüberwandeln kaum bemerkt, und doch lässet jede Stunde Erinnerungen zurück, aus denen die Seele für so manches künftige Jahr Freude und Erquickung entnehmen könnte. Ich las heute, Sonnabends den achten April, viel und lange in dem Buch der Bücher, das uns in den großen Geschichten Bethlehems und Jerusalems und ihrer einst sichtbaren Herrlichkeit, zugleich die Geschichte eines unsichtbaren Reiches erzählt, dessen Thron ein ewiger, dessen Scepter ein unwandelbares ist. Wie lebendig wurden mir hier, an der Stätte des sichtbaren Erscheinens, manche Züge der heiligsten Geschichte; welcher tiefe, sabbathliche Frieden ergriff mich bei dem Lesen der Evangelien des Auferstehungsmorgens und der Erzählungen von den ersten Tagen und Thaten der Apostel. Am Nachmittag besuchte ich in Gesellschaft meiner Hausfrau das Thal Josaphat und den Fuß des Oelberges. Sie sammelte Erde aus Gethsemanes Garten und manche andre Erinnerungszeichen an diese werthe Stätte, zum Geschenk für Freunde in der Heimath; später sahen wir noch auf unsrem Lieblingsorte innerhalb dem Stephansthore, dem Morija gegenüber, die Sonne untergehen über Jerusalem. Auf dem Heimwege nach dem Kloster begegnete uns etwas, das uns während unsres Aufenthaltes in Jerusalem noch niemals geschehen war: einige fanatische Soldaten schimpften auf meine ganz Europäisch gekleidete, unverschleierte Frau und warfen selbst mit Steinen nach ihr, ohne jedoch eines von uns zu treffen. Es war heute zum ersten Male daß eine unsrer Begleiterinnen nur in Gesellschaft eines fränkisch gekleideten Mannes ausgieng, bisher war immer der Türkisch gekleidete Dragoman oder der Janitschar des Klosters dabei gewesen, wenn sie durch die Stadt zu gehen hatten und von heute an ließen wir es auch, wenigstens wenn der Weg neben einer Caserne vorbei gieng, an dieser Vorsichtsmaßregel nicht mehr fehlen. Wir Männer durften übrigens allenthalben in unsrer heimathlichen Kleidung uns sehen lassen und herumtreiben ohne daß jemand aus dem Volk ein Aergerniß daran genommen hätte. Für den Sonntag hatte ich mir noch einen ganz besondren Genuß aufgespart: ich wollte heute wenigstens den freien Platz betreten, der vormals die Stätte des geheiligtsten der Tempel war und auf welchem jetzt die große Moschee Sakhara steht, und dann die nächste Nacht in der Kirche des heiligen Grabes zubringen. Wir genossen zuerst der Segnungen des christlichen Sabbathes, dann gieng ich ganz allein mit Herrn Mühlenhof, der seine schönste Türkische Kleidung angelegt hatte, während ich mit meinem Fränkischen Sonntagsrocke bekleidet war, hinab nach dem Hauße des Gouverneurs: dem vormaligen Richthaus des Pilatus. Dieses gränzt unmittelbar an den großen Vorplatz des Tempels; von seinen Fenstern wie von seinem Dache aus hat man eine ungehemmte, nahe Aussicht auf die Moschee und alle ihre Nebengebäude. Ich habe schon bei andrer Gelegenheit erwähnt, daß ich durch einen bedeutenden Mann in Kairo, der dem Ibrahim Pascha nahe stund, auch für Jerusalem eine sehr gewichtige Empfehlung hatte, die jedoch für mich, da Der abwesend war, an den sie lautete, bisher ohne Nutzen blieb. Heute verschaffte sie mir jedoch einen kleinen Vortheil, als wir, hindurchgehend durch den Hof des Commandantenhaußes die Adresse des Empfehlungsbriefes einem Offizier zeigten, wobei Herr Mühlenhof Manches vornehm Klingende von der guten Aufnahme erzählte die ich in Kairo erfahren und noch Andres hinzufügte das mich etwa in den Augen jenes Herrn wichtig machen sollte. Hierauf hatte der Offizier gegen meinen Wunsch: nur auf den Vorhof der Sakhara hinauszutreten, nichts einzuwenden und die wachthabenden Männer die bei dem gemauerten Durchgang, der zur Moschee führt, die Aufsicht führten, auch nicht, um so mehr da dem einen, der auf der steinernen Bank saß und ein Unteroffizier zu seyn schien, eine Belohnung versprochen ward. Dennoch begleitete mich keiner der Leute, sondern man lies mich auf meine eigne Gefahr die kleine Wandrung antreten. * * * * * Es liegt ja schon bei gewöhnlichen Dingen ein besondrer Reiz für die Seele in dem Verbotenen; das Beschauen Dessen, das man uns geheim hielt, erfreut mehr als die Betrachtung des vielleicht ungleich Bedeutungsvolleren, welches offen am Tage liegt. In diesem jetzigen Falle war der Reiz der Anschauung mit eignen Augen noch ein andrer, schon durch die Natur des Gegenstandes erhöhter. Die hohen Zypressen, da vor mir, warfen ihren Schatten auf Häußer, deren Form, auch noch in ihrem jetzigen Verfall zu verrathen schien, daß sie einst Wohnungen der christlichen Ritter des Tempels waren. Ich selber stund im Schatten einer der nächsten Zypressen. Es war heute still und menschenleer auf dem schönen, meist mit grünendem Rasen bedeckten Platze, denn der Sonntag der Christen ist nicht der des Islams und es war jetzt nicht die Stunde des Gebetes. Außer den Zypressen stehet hin und wieder ein alter Oelbaum, oder ein schlanker Lotusbaum (+Rhamnus Nabeca+) und das niedre Gewächs der Granaten. Ich wollte die Gränzen meines gegebenen Versprechens, nur eben auf den Vorhof hinauszugehen, nicht überschreiten, ich wagte es nicht mich den Stufen zu nähern, die nach der Plattform hinanführen, auf der die große Moschee stehet, sondern hielt mich immer an der Nordwest- und Westseite des äußren Umfanges in der Nähe der Häußer. Wie muß doch hier der christliche Pilgrim als ein Fremdling im Feindesland herumschleichen, der seinen Mund nicht aufthun darf, in der Nähe jenes Ortes, der einst im engeren Sinne denn alle andre Orte der Erde, auch ~seines~ Vaters war[41]. Doch die Sonne schien mit hellem Glanze über das Dach der Sakhara, deren vergoldeter Halbmond vor ihrem Leuchten fast verschwand, ihr Licht ist noch dasselbe, das es einst gewesen, als die Herrlichkeit des Herrn das Haus erfüllte, welches Salomo hier an diesem Orte Jehovahs Namen erbauete[42]; es ist noch dasselbe das die Schaaren der Greise beleuchtete, welche bei der Gründung des zweiten Tempels, mitten unter dem Jubel des jüngeren Geschlechts weineten, weil sie der Herrlichkeit des ersten Tempels gedachten, die nun dahin war[43]. Ja, es ist noch dieselbe Sonne, welche heute glänzt und die einst über dem prachtvollen Gebäu jenes letzten Tempels stund, in welchem Der in sichtbarlicher Gestalt erschien, welcher die Erfüllung aller Gebete des innersten Heiligthumes war; das Urbild und Ende der Opfer, die am Altare bluteten, das Ziel der Verheißungen die auch den Völkern des Vorhofes galten. Wenn die Mohamedaner noch jetzt bei Todesstrafe es Jedem verbieten, der nicht ihres Glaubens ist, in das Innre der Sakhara-Moschee zu treten, weil sie meinen, daß jedes gläubige Gebet an diesem Ort Erhörung finde, dann schwebt ihnen, wie ich schon oben (+II.+ S. 585) erwähnte, der Inhalt jener Worte vor der Seele, die Salomo sprach, der König, bei der Einweihung des ersten Tempels. Die Worte des Flehens daß der Herr den der Himmel und aller Himmel Himmel nicht umfassen[44] dennoch möge seine Augen offen lassen über dieß Haus Tag und Nacht und das Gebet hören, daß hier der Einheimische, und selbst der Fremdling, der nicht des Volkes Israëls ist, der aber kommt aus fernem Lande, um Jehovahs Namens willen, darbringt, und daß Er thun möge Alles darum der Fremde ihn anruft[45]. Ja, wie gut ists daß Der, welcher nicht wohnt in Tempeln, die von Menschenhänden gemacht sind, erhöret das Gebet auch des Fremdlinges und Gastes in fernem Lande »auf daß alle Völker auf Erden Seinen Namen erkennen, und Ihn fürchten.« Nach dem, was ich vorhin sagte, darf man von mir keine genauere Beschreibung des jetzigen »Schattenspieles an der Wand« erwarten, das an der Stelle des alten Tempels von Jerusalem das Auge umgaukelt. Ich kann nur für mich selber mit etwas lebendigerem Verständniß das wiederholen, was Andre von dem verbotenen Orte erzählen, die ihn wie ~Richardson~, genauer betrachten durften[46], und auf jene ausführlichere, genaue Beschreibung mich berufen, welche v. ~Raumer~, in seinem Palästina, nach den besten Quellen über diese Heiligthümer der Mohamedaner gab. Die Ebene des jetzigen Tempelberges, Haram Scheriff genannt, nimmt einen länglich viereckten Raum ein, der in Süd und Ost von der Stadtmauer, in Nord und West von Häußern umgeben ist. Seine Länge misset 1489, die Breite 995 englische Fuß. Die Platform, auf der die Moschee von Omar erbaut steht, liegt (fast) in der Mitte des Platzes, um 14 Fuß über diesem erhöht; sie heißt Stoa Sakhara und ist mit blaulich weißem Marmor gepflastert. Die Moschee ist ein Achteck; jede der Seiten 60 Fuß breit; vier Thüren, abwechselnd an jeder zweiten Seite eine, führen ins Innre; die Höhe bis zum Gipfel der Kuppel, welche 40 Fuß Durchmesser hat, beträgt 90 Fuß; 52 Fenster geben dem Innren, dessen Wände weiß übertüncht sind, sein Licht. Hier sieht man an jeder der acht Wände drei Säulen; 16 tragen die Kuppel; zwischen ihnen umschließet ein eisernes Gitter den Ort des Gebetes, in dessen Mitte, von hölzernem Gatterwerk umfasset, jener fliegende Stein ist, auf dem die Propheten beteten, der aber, als diese entflohen ihnen nacheilen wollte. Da kam Gabriel und hielt ihn, bis Mohamed kam und ihn befestigte, (worauf der Name Sakhara, befestiget, deutet). Im Süden der durch Omar erbauten großen Moschee stehet das, wie mir schien, wahrhaft architektonisch schöne Gebäude der Acksa, eine vormalige Christenkirche, die der Darstellung des Herrn im Tempel geweiht war. Man sieht und zeigt noch sonst viele Mohamedanische Denkwürdigkeiten in dem grünenden Zypressengarten des Haram Scheriff, von denen ich schon bei andrer Gelegenheit sprach. An der Westseite des Platzes erhebt sich um diesen eine Mauer, noch jetzt bis zu einer Höhe von 60 Fuß. Hier ist die Stätte dahin die Israëliten an jedem Freitag gehen, um hier über Jerusalems Jammer und über die Zerstörung des Tempels zu weinen. Sie halten dieses Gemäuer, dessen unterer Theil allerdings einer kräftigeren Zeit der Baukunst des Landes anzugehören scheint, für Ueberreste des ersten, Salomonischen Tempels, denn von dem zweiten glauben auch sie, daß bei seiner Zerstörung, wenigstens von dem eigentlichen Gebäude, kein Stein auf dem andern geblieben sey[47]. Jenseit des äußren Raumes der an diese hohe Mauer gränzt erhebt sich die eigentliche Stadtmauer. Ich habe niemals mit dem Muth ein Handwerk getrieben, sondern, wenn ich einen Vergleich aus dem Geschäfte der Jagd entlehnen darf: es neigt sich meine Natur mehr zu einer Verwandtschaft mit dem Hasen als mit dem Jäger hin. Deshalb hemmte ich meine Schritte plötzlich als ich etwas weiter nach Südwesten gegangen war und hier bemerkte daß etliche Türken auf mich zukamen; ich machte daß ich zurückkam zum Thorwege, der zum »sichren« Haus des Gouverneurs führt und gab mit Freuden, für die genußreichen Augenblicke, die ich vor den Häußern der alten Tempelritter im Vorhof ihres Tempels hatte zubringen dürfen, den versprochenen Lohn. Was ist ein Jahrtausend gegen die Ewigkeit; und dennoch kann auch eine halbe Stunde, ja eine Minute der Erdenzeit der Kräfte der Ewigkeit voll seyn. Ich erinnere mich aus meinen Jünglingsjahren noch mit besondrer Bewegung einer Nacht, die ich aus freier Wahl wachend auf dem Schlachtfeld bei Lützen zubrachte. Damals war mein Herz noch mehr ein Fremdling in Israël denn es jetzt ist; ich erkannte den Helden und Sieger nur wenig, dessen Triumphzeichen nicht die am Boden liegende Schaar der Todten, sondern der Tod, welchen er überwand, selber war. Heute war mir das Wachen einer einsamen, stillen Nacht bei einer andern Stätte des Kampfes beschieden als die auf Marathons Feldern, herrlicher denn alle Schlachtfelder der Erde, weil hier der Held allein stund gegen alle Mächte der sichtbaren und unsichtbaren Feindeswelt und ihnen obsiegte. Wir begaben uns um drei Uhr des Nachmittags, mit mir Herr Krohn und Franz sammt den beiden Reisegefährtinnen zur Kirche des heiligen Grabes. Die Lieder der täglichen Prozession, die wir auch heute mit inniger Theilnahme begleiteten, waren verstummt; die Schaaren der Armenischen und Griechischen Pilgrime hatten sich aus der Kirche entfernt; die Thüren wurden verschlossen. Das Abendroth, das zu den Fenstern der hohen Kuppel hereindämmerte, war jetzt auch verblichen, bald gaben nur die Lampen, die am Umkreis der Säulengänge und an den heiligen Stätten leuchten, einen schwachen Schein, wie ihn die glimmenden Kohlen eines verlöschenden Hirtenfeuers auf die Flur werfen. Die guten Väter des Lateinischen Klosters, welche der Hut des Tempels warten, hatten uns Männern eine Wohnstätte in ihren Zellen, den beiden Frauen aber eine bei der Orgel angewiesen, wo das gewöhnliche Nachtlager der weiblichen Pilgrime zu seyn pflegt. Man hatte uns Alles reichlich dargereicht, was zur Nahrung und Erquickung des Leibes dienet, namentlich hatten wir männlichen Pilgrime im Refectorium die Abendmahlzeit mit den Vätern genossen; den Frauen war bei ihrer Orgel ein Tisch bereitet worden. Da man uns aber dann auch Betten, zur Ruhe auf einige Stunden anwieß, begaben wir uns zwar, um die Ordnung des Haußes nicht zu stören, an unsern Ort; bald aber hatte ich mich, leisen Schrittes, wieder herunter begeben zur Kirche. Ich saß auf einer der steinernen Bänke, auf Golgathas Felsen. So still, so dunkel mag es um die Seele seyn, wenn das Auge, vom herannahenden Tode halb gebrochen, auch die Mittagshelle des Tages nur noch wie Dämmerung schimmern siehet und das Ohr die Stimmen des Rufens und des Weinens nur wie aus weiter Ferne hört. Die Pforte zur Rückkehr ist geschlossen, eine Tiefe hat vor den Füßen sich aufgethan, deren Grund und Ende das umnachtete Auge nicht siehet; die Seele ergreift Entsetzen bei dem Gedanken an das Hinabfallen. Dann aber wie die brennenden Lampen, dort an der Stätte des Kreuzes, scheinet, statt des äußren Tages, ein andres Licht in die Nacht des Todes herein: »sorge nicht, siehe es ist ein fester Fels, der dich trägt, auf dem du ruhest; der Fels heißt Gnade.« Das Licht der Lämplein warf nur einen sparsamen Schein durch die gewölbten Hallen und auf die alten Bilder der Wände, es war aber an dieser Stätte ein Licht, das hell genug ein andres Bild beleuchtete, welches kein äußeres war. Hier, in der einsamen Stille einer solchen Nacht sammelten sich um meine Seele die Gestalten aller der vergangenen Tage meines Lebens; es waren darunter kaum etliche, die mich grüßten mit dem Gruß des Friedens, viele die mich anblickten als Verkläger und als Feinde. Und die Seele stund von ferne, wagte auch nicht ihre Augen aufzuheben zu dem Lichte, welches das Bild beleuchtete; da wachte in ihr, als ein Lebenshauch des Morgens, der die Schrecken der Nacht zerstreuet, ein Wort auf, welches fester stehet denn Golgathas Fels, klarer leuchtet denn die Helle des Mittages, das Wort: denn aus Gnaden seyd ihr gerecht, aus Gnaden seyd ihr selig geworden[48]. Und der Schrecken des Todes war vergangen und dahin, und ward nicht mehr gesehen. Es war kurz nach Mitternacht, da ward dem Schweigen dieses hehren Tempels eine Stimme gegeben; die schönen Gottesdienste, welche die Andacht der frommen Väter seit den frühesten Jahrhunderten des christlichen Jerusalems hier begründete, wachten auf. Zuerst erhuben gleich Wächtern auf der Zinne, die auch in der Stille der Nacht hier zu Zion Ihn loben[49], die Väter des Lateinischen Klosters ihre Stimme; sie sangen Hymnen und sprachen Gebete, vor der Stätte des heiligen Grabes. »Ja, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamme Juda.« Hierauf, nach kurzer Stille nahm die Andacht der Griechischen Christen das Wort, welche auch Hymnen sangen und beteten; dann jauchzete, in fremdartigerem Tone, der Klang der Zymbeln und Tambourins der Armenier, begleitet von der Stimme der Singenden auf; zuletzt wie eine Einsame und Verlassene, trat, in den Schleier ihrer Landesformen gehüllt, auch die Anbetung der armen Kopten aus dem Dunkel hervor; Jenem, der die Stimme der Betenden höret, nicht minder angenehm als die den menschlichen Sinnen gefälligeren Gottesdienste der Andern, wenn sie nur im Glauben geschahe. Nach etwa anderthalb oder zwei Stunden wurde wieder Alles still; man hätte den Schlag des eignen Herzens hören können. Nur ein einziger Griechischer oder Armenischer Pilgrim, der mit uns zugleich die Nacht in der Kirche des Grabes verwachte, war, während der Gesänge der Armenier hinaufgekommen in die Kapelle von Golgatha und hatte da kurze Zeit gebetet; ein Mal war ein Griechischer Priester herausgetreten aus der Sakristei und hatte die Lampen geschmückt, sonst herrschte hier die Stille wie an der Bahre eines gestern Gestorbenen. Doch nur auf wenig Stunden schwieg die Stimme des Gebetes und der Lobgesänge. Zu den Fenstern der Kuppel über dem Grabe trat der erste Schein der Morgendämmerung, wie der Schimmer eines Rauches, der vom Rauchfaß des Priesters aufsteiget, herein, da begannen die Väter des Lateinischen Klosters in der Kapelle der Maria, die des Griechischen in ihrer Kirche die Gebete, und feierten dann bei der Stätte des Grabes und der Auferstehung ihre Gottesdienste. Ich hatte mich zu ihnen gesellt und fand da auch die beiden Begleiterinnen, welche, wie ich die Nacht durchwacht und den größten Theil derselben in der Kapelle des heiligen Grabes zugebracht hatten; auch die andern Freunde waren hier. Gegen neun Uhr öffneten die Türken die große Pforte und wir kehrten zurück zu unsrer Pilgerwohnung. Reise nach dem todten Meere und Santa Saba. Wir hatten wieder einige Tage still, und auf unsre Weise vergnügt in Jerusalem gelebt, da rüsteten wir uns Mittwochs, den zwölften April zu einer Reise nach der Stätte von Jericho, nach dem Jordan und nach den Gegenden am todten Meere. Mich hatte heute das sehnliche Verlangen nach dieser Wanderung, auf die ich mich ganz vorzüglich freute, ungewöhnlich frühe geweckt; ich war schon lange vor Anbruch des Morgens auf dem Gange und auf dem Dache des Haußes. Endlich kam die Sonne herauf und sie schien heute, wie es mir schien, ungewöhnlich heiß auf den Gang und in die Fenster des Zimmers herein. Meine Ungeduld trieb mich hinaus ins Freie, ich wollte, da selbst Freund Bernatz noch Vorbereitungen zur Reise zu treffen hatte, allein vorausgehen, da mich ja, wie ich hoffte, die Maulthiere mit ihren Reitern und Führern bald einholen würden. Ein sonderbarer Irrthum, zu welchem ich mich, selbst gegen mein früheres, besseres Wissen hatte verführen lassen, führte mich statt zum Stephansthore zum Bethlehemsthore hinaus. Der Pater Vicar hatte mir nämlich bei mehreren Gelegenheiten, wenn er mir die Aussicht vom Oelberg oder von einer andren erhöhten Stelle in und bei der Stadt erläuterte, gesagt, indem er dabei auf die Thalkluft des Kidronbettes hindeutete: hier wird Ihr Weg nach Jericho und dem Jordan hingehen. Und er hatte Recht, sobald wir, wie dieß außer der österlichen Zeit der Jordanswallfahrten viele Europäische Reisende pflegen, zuerst unsre Richtung nach St. Saba und von hier nach dem todten Meere und nach Jericho nahmen, während freilich der gewöhnlichste und nächste Weg nach dem letzteren Ort noch fortwährend, wie in alter Zeit an Bethanien vorüber, dann zum Berge Quarantania führt. So zog ich denn unbesorgt den Weg in dem Thale Ben Hinnoms hinab, indem ich mich bei der ungewöhnlichen Wärme des Morgens und bei der Ermüdung die mir die halb durchwachte Nacht zurückgelassen des Gedankens nicht erwehren konnte, daß ich heute diesen steilen, steinigen Weg nicht aufwärts statt abwärts steigen möchte. Bei dem Brunnen des Nehemia ruheten einige Türken, Tabak rauchend und durch gesellschaftliches Schweigen sich unterhaltend, ich grüßte sie und fragte sie ob dieß der Weg nach Jericho sey, sie sahen mich an und beantworteten dann meine Frage durch Schweigen, denn ich hatte nicht daran gedacht, daß Jericho, auch wenn seine Lage ihnen bekannt war, bei ihnen Richa oder Ericha heiße. Ich wartete einige Zeit unter dem Schatten eines Oelbaumes, kehrte dann ein Stück Weges zurück und schauete, so weit die Krümmungen des Thales es erlaubten, hinauf nach der Gegend von der die Gefährten herkommen sollten, da ich mich jedoch noch immer nicht entschließen konnte daran zu zweifeln, daß ich auf rechtem Wege sey, gieng ich immer von neuem vorwärts in dem herrlichen Thale, auf dessen grünenden Wiesengrund im Schatten der Bäume ganze Heerden der Pferde und Maulthiere weideten. Endlich da ich lange genug bald stehend, bald vorwärts und zurückgehend gewartet hatte, fragte ich, am Eingang des südwestlichen Seitenthales einen alten Eseltreiber und dieser, der vielleicht öfters Franken dorthin geführt hatte, verkündigte mir zu meinem Schrecken daß der Weg nach Jericho nicht hieher, sondern von da, wo ich stund weit nordwärts, am Oelberg vorübergienge. Ich mußte nun die Last und Hitze des beschwerlichen, steilen Rückweges auf mich nehmen, und da ich beim Kloster, so eifrig der Hausmeister sich darum bemühte, lange Zeit kein Pferd bekommen konnte um den schon seit zwei Stunden abgereisten Freunden nachzueilen, mußte mir abermals, wie dies öfter geschehen, die Ungedult eine Lehrerin der Gedult werden. Endlich war denn alles zum Nachzuge bereit, ein Türke, als Führer, war bei meinem Pferde, ich hatte mich darauf gefaßt gemacht meine Reisegesellschaft erst am Abend einzuholen, diese aber war mir treuer geblieben als ich ihr es gewesen; unser Arabischer Knecht begegnete mir schon, von der sorgsamen Hausfrau abgesendet, am Fuße des Oelberges; sie selber die treue Mitpilgerin, vor Sorge weinend, fand ich, mit der Freundin, mit Herrn Bernatz und Mühlenhof, im Thale das sich vom Oelberge, bei der Stätte von Bethphage herabsenkt; die andren Freunde warteten unsrer auf dem Hügel, vor Bethanien. Das Erste was die Aufmerksamkeit des Reisenden auf diesem Wege von Jerusalem nach Jericho an sich zieht sind die augenfälligen Ruinen, welche von Bethanien südwärts, zur Rechten des Weges auf der felsigen Anhöhe liegen. Sie mögen wohl zum großen Theil von Werken einer späteren Zeit herrühren, die sich aber dort auf der Stätte, vielleicht des alten Bahurim anbauete. Denn hier in der Nähe war es, wo Simei, der Sohn Gera hervortrat und David, dem Gesalbten des Herrn fluchte, dann, hingehend an des Berges Seite, mit Steinen nach dem König warf[50]. Unter den Trümmern von Bethanien, die man an jener Stelle des Weges zugleich mit jenen überblickt, mögen die ansehnlichsten von jenem Nonnenkloster herrühren, das die Königin Melisende, Fulcos Gemahlin in Bethanien erbauen ließ, deren Schwester dort Aebtissin ward. Es war nach neun Uhr da wir endlich weiter ziehen konnten. Wäre der Tag nicht so sehr heiß gewesen, wie viel lieber hätte ich neben unsren Muckern (Maulthiertreibern) zu Fuße her laufen mögen als reiten auf diesen breiten Sätteln, die viel eher einem breiten Tische als einem Sattel gleichen und auf denen nur der Orientale, mit untergeschlagenen Beinen, bequem sitzen kann. Dabei haben die Thiere weder Zaum noch Gebiß mit denen der Reiter sie regieren könnte, so daß ein geborener Fußgänger, wie ich es bin mit einem Gefühl des Unbehagens ja des geheimen Grauens sich in der Gewalt und Macht eines Thieres sieht, das ohne Rücksicht auf alles menschliche Bedenken mit ihm auf schmalen Felsenrändern, an Abstürzen hingehet, welche dem Auge nicht wohlgefallen. Jenseits des Hügels auf dem die vermutliche Stätte von Bahurim war, unten im Thale kommt man zu einem kleinen Brunnen, der schwerlich auch für die heißere Jahreszeit Wasser enthalten mag. Man siehet da an den Seiten des Weges noch einzelne Getraidefelder, deren Aehren aber sehr dünn stehen und von der Hitze wie versengt aussehen. Ein neuer Höhendamm ist zu übersteigen, dann gelangt man zu einem andren Quell, der ein klares frisches Wasser in reichlicher Menge ausströmt, und das frische Grün des Thales tränkt. Das Gemäuer des Brunnenhaußes scheint von neuerer (Türkischer oder Sarazenischer?) Bauart, wie wir dergleichen in Kleinasien gesehen hatten. Unsre Mucker (Maulthiertreiber) tränkten da ihre Thiere, auch wir stiegen ab und erquickten uns an dem frischen Quell so wie an dem Weine, von welchem uns die guten Väter des Griechischen Klosters erst gestern einen ziemlichen Vorrath für die Reise zugesendet hatten. Es war erst jetzt Zeit mit der Reisegesellschaft in Gespräch zu kommen, denn die Maulthiere, die niemand lenkt noch leitet, gehen, wie es ihnen einkömmt, bald nahe, bald fern von einander. Wir hatten einen neuen Gefährten bekommen: einen französischen Missionar, der gewöhnlich in Damaskus und am Libanon unter den Maroniten lebt; einen lebhaften, eifrigen Mann, der uns manche interessante Mittheilung über Damaskus und seine Bewohner machte. Der Weg gehet von dem erwähnten Brunnen aus noch eine Stunde weit im Thale hin, das an einzelnen Stellen üppig grünt, dessen Abhänge aber meist dürr und öde sind. Jene Halme der Getraidearten welche da, zum Theil ohne menschliche Kunst und Hülfe aufgegangen waren, namentlich die Gerste, näherten sich schon der Reife, oder hatten diese, an vorzüglich dürren Orten, schon erreicht; es war jedoch eine Reife von unerfreulicher Art, denn die Körner der Aehren waren überaus klein und ihrer nur wenige in den Aehren. Ich habe kaum eine grausenhaftere, meiner Natur widerwärtigere Gegend gesehen und durchreist als die war, durch welche wir zwischen dem Ende jenes Thales und der Anhöhe vor der Ebene von Jericho kamen. Die Wüste des Peträischen Arabiens und Aegyptens gleichet, mit ihren Sandmassen und vereinzelten Felsen einem Todtenacker, voller, zum Theil bedeutungsvoller Leichensteine, über den der Wandrer ohne Grauen hingehet; die Landschaft aber, die in der Mitte zwischen Jerusalem und Jericho liegt, gleicht einem Sterbebette, auf welchem der letzte Funke des Lebens mit dem Tode ringt und immer am Auslöschen ist, ohne doch zum Abscheiden kommen zu können; was das Röchlen eines Sterbenden, der noch hart mit dem Ersticken kämpft für das Ohr, das ist die Gestalt und Farbe der armseligen Gewächse und hungernden Thierlein, die dort hinschmachten, für das Auge. Dazu fühlt sich hier die Brust, in der Mittagshitze, wie durch die heißen Dünste eines Ziegelofens beengt und beschwert. Kurz nach Mittag, mithin, wenn wir den Aufenthalt beim Brunnen abrechnen, etwa nach zwei und einer halben Stunde Weges von Bethanien aus, stiegen wir steil am Abhang des Kreidekalkgebirges hinan, auf dem sich, dicht am Hohlwege ein runder Feuerstein von ungemeiner Größe (Tischeshöhe) zeigte. Gegen zwei Uhr kamen wir an mächtigen, offenbar von Menschenhand zusammengetragenen Steinhaufen, dann an den Resten einer Wasserleitung und an andern Ruinen vorüber. In dem jetzigen, wasserloßen Zustande des Landes möchte die Frage schwer zu beantworten seyn, woher jene Wasserleitung ihr Wasser genommen und wohin sie es geführt habe. Von hier an führte uns der Weg, dessen Richtung im Ganzen östlich blieb, hinab in ein enges Thal, das den Namen des Mordthales führt. Es ist dasselbe, in welchem in älterer wie in neuerer Zeit öfters Reisende und Pilgrime von Räubern überfallen und ausgeplündert, ja selbst erschlagen wurden, dasselbe in dem neuerdings auch Henniker angefallen ward. Die christliche Sage des Landes versetzt hieher die Scene jenes bedeutungsvollen Bildes, das der Meister aller Meister in Israël in der Geschichte des Mannes, der unter die Mörder gefallen war, und des barmherzigen Samariters entwarf. Einige verkrüppelte Palmenstrünke und dornige Gesträuche des Ziziphus stunden dennoch in jenem von Mangel ergrauten Thale. Das Gebirge, über dessen freieren Rücken man von dort aus hingehet, hat durch die geistige Baukunst der christlichen Andacht, welche dieses ganze Land in einen Tempel hehrer Erinnerungen umzuschaffen strebte, noch eine andre Bedeutung erhalten. Diese öden Höhen, denen die Natur eine Zeit der immerwährenden Fasten auferlegte, sollen der Berg der Versuchung seyn, auf welchem der Herr, nach vierzigtägigem Fasten, das über die Natur des Menschen war, einen Kampf mit Mächten bestund die nur der göttlichen Gewalt weichen. Wir sahen später, da wir uns im Thale von Richa befanden, am östlichen Abhange des Berges die Ruinen jener Kapellen und des Klosters die in den frühesten Zeiten der christlichen Herrschaft des Landes da erbaut waren und einige der Hölen, in denen damals die »Einsamen« wohnten. Neben uns, zur Linken, hatten wir jetzt die Aussicht in eine grünende, baumreiche Felsenkluft, durch welche ein reißend schneller Gebirgsbach hinabfließt. Es ist nach jenen deutlichen Fingerzeigen die uns die heilige Schrift giebt, der Bach des Elisa, den der Prophet in der Kraft des Glaubens gesund machte, daß hinfort kein Tod noch Unfruchtbarkeit von seinem Wasser kam[51]. Wir sahen dort unten, in dem Engthale, einzelne Palmen unter den andern Bäumen. Der Abhang des Berges, der von hier an hinunterführt nach der Ebene des vormaligen Jericho, ist so steil, und zieht sich so langwierig hinunter, daß man kaum begreift, wie nach verhältnißmäßig so wenigem Ansteigen die Absenkung so bedeutend seyn könne. Doch belehrten uns später unsre barometrischen Messungen über den Grund. Die Aussicht nach dem Jordan, der im Versteck der hohen Bäume strömt, nach dem todten Meere und nach dem Gebirge des Ostens, ergreift an dieser Stätte den Pilgrim, welcher weiß was da einst war und geschahe, mit großer Gewalt. Uns erfaßte auch leiblich, da wir vom Bergabhang hinunter kamen in die grünende Ebene, die mit reichen Saatfeldern bedeckt war, ein mächtiger dabei heißer Sturmwind aus Südwest, der uns auf einige Augenblicke in Sandwolken einhüllte. Unsre Maulthiertreiber hielten indeß still und ließen ihre Thiere an der Saat sich erquicken, bis die Aussicht wieder frei war. Dann aber, als würde ein Vorhang aufgezogen, sahen wir neben uns, im Thale, neben dem Bache, die Ueberreste jener großen Wasserleitung, die, wahrscheinlich in den Zeiten des Herodes, wie ein Spätling von Blüthen, der keine Früchte mehr trägt, ein Erzeugniß der Jüdischen Herrschergewalt war, welches Hadrian nur auf kurze Zeit aus seinen Trümmern wieder herstellte. Zwischen den dicht stehenden Stämmen der Nebekbäume (+Rhamnus Nabeca+) führt der Steig über den Bach hinüber nach der Nähe des Dorfes Richa und des Kastelles, in dem eine kleine, Aegyptische Besatzung liegt. Wir mußten zuerst unsre Empfehlungsbriefe und unsern Firman bei dem Kommandanten dieses kleinen Kastelles geltend machen, denn wir waren an seinen Schutz und seine Vorsorge für ein sichres Geleite, von dort bis an den Jordan, das todte Meer und nach St. Saba gewiesen; wir fanden ihn und einige seiner Krieger, sitzend unter einem Schuppen, der, mit sammt dem kleinen Hofraum, der an ihn gränzte, eher an das Anwesen eines in Gant gerathenen Taglöhners unsers Heimathlandes, als an die Wohnung eines Distriktaufsehers erinnerte. Der Hofraum glich dem Boden einer ausgetrockneten Pfütze und auch die Terrassen, auf denen man Schafwolle und Sämereien zum Trocknen hingebreitet hatte, luden nicht zum Verweilen ein; wir deutsche Pilgrime zogen es deshalb vor, ohngeachtet aller Gegenvorstellungen des Kommandanten, der von mancherlei Gefahren sprach, unter dem Obdach eines alten Feigenbaumes (denn wir hatten nun kein Zelt mehr) zu übernachten. Es war erst vier Uhr da wir unsre Matratzen am Boden ausbreiteten; wir hatten noch Zeit uns in der Nachbarschaft umzusehen. Das Dorf Richa, das wohl kaum, auch nach der Richtung der Wasserleitung zu schließen, aus dem Grund und Boden des alten, hochansehnlichen Jerichos, sondern höchstens auf jenem einer Vorstadt desselben steht, ist ein armseliges, nur von Arabern bewohntes Oertlein. Wer sollte meinen, daß, wenn er bei so guter Zeit die Nachtherberge bei den Bewohnern einer so reich gesegneten Landschaft nehmen will, ein Mangel an den gewöhnlichsten Nahrungsmitteln zu fürchten sey? Wir wenigstens hatten uns dieß in der jetzigen Zeit, wo nirgends von Mangel oder Theuerung die Rede war nicht gedacht, hatten daher in Jerusalem nur wenig Brod mitgenommen und dieses wenige brüderlich, damit es nicht altbacken werde, mit den Muckern getheilt, so daß schon vor Mittag, bei dem Brunnen, unser kleiner Vorrath aufgegangen war. Jetzt aber erfuhren wir daß in ganz Richa, so wie in dem Kastell, kein Bissen Brodes zu haben sey. Dennoch litten wir keine Noth, denn wir bekamen etwas saure Milch und Eier und den Sinnen war hier ein ganz andrer, ungleich höherer Genuß geboten welcher den Mangel, auch wenn er wirklich fühlbar gewesen wäre, vergessen ließ. Wir hatten noch reichlich Zeit uns in der Umgegend zu ergehen und wenigstens das Nächstgelegene zu besehen. Das Dörflein Richa ist zwar nicht von Mauern, wohl aber von einer andern, fast eben so schwer durchdringlichen Schutzwehr umgeben, welche in eigner Kraft emporsteigt: von dichten Reihen der stachlichen Gewächse, vor allem, wenn ich mich recht erinnere, des Cactus oder der Opuntienfeige. Diese Gewächse, die fast keines tropfbar flüssigen Wassers zu ihrem Gedeihen bedürfen, sondern denen das gas- oder dampfförmige Wasser, das überall in der Luft enthalten ist, zur Ernährung der fleischigen, saftvollen Blätter genügt, sind in vielen auch der wasserlosesten Gegenden von Palästina zu solchem Zwecke benutzt; ein oder etliche Eingänge, die sich leichter bewahren lassen, führen durch das Dickig der stachlichen Blätterstamme hindurch und diese selber dienen zur hinreichenden Abwehr gegen die Einbrüche der Schakals und der Leoparden. Das Dorf bestehet aus einigen wenigen, elenden Hütten, doch mag sich unter den Erdhaufen mancher bedeutungsvolle Rest der vormaligen Pracht aus den Zeiten des Herodes und Hadrians verbergen. Das sogenannte Kastell, das in geringer Entfernung von Richa liegt, mag allenfalls gegen die Angriffe von Beduinen und Arabischen Bauern hinlänglichen Schutz gewähren; seine Mauern sind von ziemlicher Festigkeit und ein Theil derselben muß aus alter Zeit seyn. Es ist von hohen Baumpflanzungen und Gärten umgeben, in denen wir die Granaten schon in voller Blüthe fanden, während sie bei Jerusalem nur erst kleine Knospen angesetzt hatten. Auch die hohen Feigenbäume trugen schon große Früchte, die der Reife nahe schienen, und zwischen den häufigen Nebekbäumen, deren süßliche Früchte auch genießbar waren, zeigte sich hin und wieder der Zakkumbaum[52] aus dessen Früchten das Oel von Jericho oder das Zachäusöl bereitet wird, welches man für den gepriesenen Balsam von Gilead hält. Von jenen Palmenpflanzungen aber, welche vormals eine Zierde dieser Landschaft gewesen, sahen wir nur noch einzelne, kümmerliche Reste; von den Balsamstauden fanden wir keine Spur mehr, in reicher Fülle jedoch gedeiht, auch ohne Pflege, hier der Weinstock. Ganz nahe bei dem Kastell, im Dickig der Bäume, liegen umgestürzte, hohe Säulen und Säulentrümmer, so wie Bruchstücke von Architraven, von welchen Gebäuden? das kann der Pilgrim eines jetzigen Menschenalters nicht mehr errathen; dieser siehet sich vergeblich nach den sichren Spuren jenes Amphitheaters und Hippodromos um, welche Herodes hier erbauen lassen; jener Schauplätze der blutigen Kämpfe, in denen selbst nach seinem Tode der Tyrann seine Lust am Menschenblute büßen wollte, da er, sterbend unter eignen Martern Befehl gab, man solle dort die Vornehmsten des Volkes einsperren und nach seinem Hinscheiden sie erwürgen. Auch gegen Norden von dem Kastell und dem Dörflein sieht man Ruinen, wahrscheinlich die von Phasaëlis, das Herodes erbauen ließ und nach seinem Bruder Phasaëlus benannte, oder auch wohl jener Burgen Thrax und Taurus, die er vergeblich zur Schutzwehr des Landes aufgestellt hatte. Viel mehr als diese Trümmer, welche keine erfreulichen Erinnerungen wecken, zogen unsre Aufmerksamkeit andre Denkzeichen dieser Umgegend an, welche fester und unvergänglicher sind als Jerichos Stadt und Burgen so wie Phasaëlis es gewesen. Von einem freien Platze am Abhange der tieferen Thalbucht, nach welcher der Bach des Elisa hinabfließt, gab es Gelegenheit das Gefilde von Jericho bis zu den grünenden Ufern des Jordan und dem jenseitigen Gebirge, nordwärts bis in das Thal, aus welchem der Fluß herabkömmt so wie in Westen den Felsenabhang des Quarantaniaberges, mit seinen Höhlen und Trümmern aus der christlichen Herrscherzeit zu überblicken. War nicht hier zu unsrer Seite, vielleicht nahe bei dem jetzigen Kastell die Stätte von Gilgal? das nur 1250 römische Schritte, oder eine halbe Stunde Weges ostwärts von Jericho lag[53] dessen Stellung, wie ich schon erwähnte, schwerlich bei Richa selber, sondern westwärts von diesem zu suchen ist. Gilgals Herrlichkeit war eine andre, unvergänglichere als die von Jericho; es war ein Vorbild von Jerusalem selber. Denn dort war der erste Ruhepunkt der Stiftshütte, dort feierten Israëls Heere das erste Passahfest im Lande der Verheißung und erneuerten den Bund ihrer Väter mit Jehovah. Bei Gilgals Anblick und seinen Denksteinen sollten nicht Israëls Geschlechter allein der Wunderwege ihres Gottes gedenken, sondern »alle Völker der Erde die Hand des Herrn erkennen, wie mächtig sie ist,« damit das Volk des Glaubens, den Herrn, seinen Gott, fürchten möge allezeit[54]. Wie Bethel, so war auch Gilgal ein Ort, da die Kräfte der oberen Welt des Geistes jener des Leibes sich nahen, denn hier begegnete nicht nur Josua's Angesicht jener Fürst der Heere des Herrn, der gekommen war mit Kräften, die nicht von der Natur des Staubes sind, für das Volk zu streiten, sondern hier rührete der Geist öfters die Seelen der Menschen an; in Gilgal waren die Prophetenschulen des Elias und seines Jüngers Elisa; Samuel richtete da das Volk; hier wurde das Königthum des Saul, so wie nachmals, als Juda's Geschlechter nach Absaloms Besiegung dem König hieher entgegen kamen, auch das des David erneuert[55]. Der Wind hatte sich am Abend um Vieles gemäßigt, er führte uns hier im Dickig der Bäume keinen Staub der Wüste, sondern erfrischende Wohlgerüche zu; wenn auch nicht von Balsambäumen, doch von einigen Gewürzkräutern aus der Familie der Lippenblüthigen und von Jasmin. Wir sollten wenigstens im schwachen Nachhalle die Stätte von Jericho nach der einen Ableitung ihres Namens als Richa, eine Duftende kennen lernen, so wie sie uns auch, da jetzt der Mond mit halbgefüllter Scheibe über den Bäumen erglänzte, nach einem andern Sinne den ihr Name giebt, als eine Mondstadt (Lunaburg) erschien. Wenn die späteren Herrscher des Landes, die den Halbmond im Banner führen, auf die Stadt, die nach ihm genannt war, eifriger Bedacht genommen hätten, dann könnte sie noch jetzt eine der blühendsten des Landes seyn, denn der Boden ist trefflich und die beiden Hauptelemente, welche das Gedeihen des Pflanzenlebens fördern begegnen sich auf ihm im reichen Maaße: die Fülle des nährenden Wassers und die aufregende Kraft der Wärme. Daß die letztere hier so hoch gesteigert ist kommt von der merkwürdig tiefen Lage der Gegend. Wir sahen das Quecksilber in unsrem Barometer, da wir seinen Stand am Abend und am darauf folgenden Morgen beobachteten so hoch gestiegen als wir es noch niemals, in unsrem Leben gefunden, aus unsren, bald hernach auch durch mehrere andre Beobachter bestättigten Berechnungen geht hervor daß die Jordansebene bei Jericho auf eine unerwartete Weise, 528 Pariser Fuß unter dem Meeresspiegel liege. Die Nachtruhe unter dem alten Feigenbaume -- ich hätte gewünscht er wäre mit seiner Erquickung für unsre Seele der Sykomorus (Maulbeerfeigen-) Baum des Zachäus gewesen -- war ungestört; der Wind wehete uns erfrischend ins Gesicht; mit der Lerche und dem kleinen Sänger im Rohre wurden wir wach. Der Commandant hatte uns zu unsrer Bedeckung zwei bewaffnete Türken zu Pferde und einen landeskundigen Führer der zu Fuße war gesendet, unser flüssiges Frühstück war bald genossen; die Mucker, welche nicht bei uns sondern bei unsrem französischen Reisegefährten, der ihre Sprache redet, übernachtet hatten, kamen endlich auch mit den Thieren aus ihrem Versteck zum Vorschein; um sechs Uhr fanden wir uns auf dem Wege nach dem Jordan, gegen welchen sich die zum Theil mit Bäumen und grünenden Rasenplätzen bedeckte Ebene, in einzelnen kleinen, wellenförmigen Abstufungen nur wenig merklich hinabsenkt. Es war ein herrlicher Morgen; unsre Lieder begleitete für das äußere Ohr der Gesang der Vögel, während das innre Ohr des Pilgrimes hier noch andre Töne vernahm, lebenskräftig wie jene der Posaunen, bei Jerichos Mauern. Dies war die Stimme jener heiligen Kunde die von Elias, dem gewaltigen Seher redet; von Elias, welchem, wie einst dem Moses, der Herr selber auf den Höhen des Sinai-Horeb begegnete, und dem es gegeben ward, mit Moses zugleich, Ihm, dem Herrn, noch vor dem Hinausgang des Kampfes zum Siege, auf des Thabors Höhe in Kräften des Himmels sich zu nahen. Denn als der Sturmwind des geistigen Bewegens den Elias, von welchem Elisa, der Sohn Saphat nicht lassen wollte zuerst von Gilgal gen Bethel, dann von dort wieder nach Jericho geführt; als der Propheten Kinder, die dort waren, dem Elisa entgegentraten und ihm verkündeten, was der Geist ihn selber gelehrt, daß der Herr seinen Meister heute von seinen Häupten nehmen werde, da sprach Elias zu ihm: Lieber, bleibe hier, denn der Herr hat mich gesandt an den Jordan. Er aber (Elisa) sprach: So wahr der Herr lebet und deine Seele, ich lasse dich nicht. Und giengen die Beiden mit einander. Und der Jordan ward, wie er dieß öfter gewesen, ein Zeuge des Herniederfahrens jener Kraft, welche einst schaffend über dem Gewässer gewaltet, welche dem Meer wie dem Trocknen ihre Gränzen gesetzt hat, und die Elemente der Tiefen, wie der Höhen beweget nach ihrem Wohlgefallen; sein Wasser machte dem Gange, den der Geist führete, Bahn. Da ward der Treue, die ausharret bis zum Ende, ihr Lohn, Elisa empfieng was er gebeten; jene Kraft eines Feuers, das nicht verzehrt noch zerstört sondern nur schaffet und belebt, jenes Feuers das jenen, den Wagen Israëls und seine Reiter hinwegführete aus seinen Augen, das ergriff und erfüllte auch ihn mit seinen Kräften[56]. Nach etwa anderthalb Stunden kamen wir an den Jordan, bei der Stätte des gewöhnlichen Bades der Pilger. Das Ufer des Flusses, dessen Wasser so eben ziemlich hoch stund, doch aber das Bett noch nicht ganz erfüllte, ist so dicht mit Gebüsch und Bäumen bewachsen und von hohem Schilfrohr bedeckt, daß man nur an wenig Punkten unmittelbar zum Wasserspiegel gelangen kann. Zu diesen wenigen Punkten gehört auch der, an welchen wir zuerst kamen und der alljährlich in der österlichen Zeit von vielen Tausenden der christlichen Pilgrime besucht wird. Man steigt über den oberen, höheren Rand des Ufers hinab, zu dem Bette. Da waren wir nun an dem Fluße, welchen zwar nicht wie den Nil der Schein eines historischen Ruhmes, im Munde der weltbeherrschenden Völker beleuchtet, auf dessen Geschichte aber der Strahl einer Verherrlichung fällt, welcher von dem Anfange aller Geschichte, von dem Herrn der Weltenherrscher selber ausgieng. Hier, wenigstens in der Nähe, Jericho gegenüber, führte Er, welcher wunderbar heißet, sein Volk durch die zertheilten Wasser; dort am Saume der jenseitigen Hügel hub der Geist den Mann, der im Reiche der Sichtbarkeit sein Werkzeug gewesen, zu jenem des Unsichtbaren empor; weiter hinaufwärts am Ufer lag, bei der seichteren Fuhrt des Stromes, Bethabara, bei welchem das menschliche Zeugniß, das Johannes gab, durch ein höheres der göttlichen Art bekräftiget ward; eine der vorragenderen Höhen dort am jenseitigen, südöstlicheren Gebirge ist der Nebo, von welchem der Herr dem Moses, dem Manne Gottes das Land der Verheißung zeigte bis zu seinen Gränzen und begrub ihn im Thale an der Stätte die Niemand erfahren. So empfieng hier, an diesem Jordan, das Volk des Eigenthumes vor den Augen der Völker des Landes, und so empfieng Er, der Eigenthümer selber, vor den Augen der Seinen, die ihn nicht aufnahmen und vor Denen aller künftigen Geschlechter der Erde, ein Zeugniß der Erwählung und Kindschaft, mit welchem der Lauf der Thaten begann; und so endeten hier die beiden großen Zeugen, Moses und Elias ihren Lauf, im Annahen Dessen, von dem sie vormals gezeugt hatten und noch künftig zeugen werden. Wäre es nur die Breite oder die Menge des Wassers, wäre es die kristallene Klarheit die den Fluß seine Schönheit geben müßte, dann käme dem Jordan keiner dieser Reize zu; seine ganze Breite, da wo seine Strömung, ungetheilt durch Inseln, im Bette zusammengefaßt ist, misset schwerlich über hundert Fuß, sie ist mithin fast nur der dreißigste Theil der Breite des Niles bei Ghizeh; seine Tiefe scheint im Mittel kaum zehn Fuß zu übersteigen; sein Wasser ist trüb und fast von der reissenden Schnelle unsrer Alpenströme, wenn sie im Frühling der hinwegthauende Schnee anschwellet. Auch das reich bewachsne Ufer bietet den Sinnen Manches dar, das an die vaterländischen Gegenden der Alpenflüsse erinnert. Neben den Fremdlingen des wärmeren Morgenlandes gedeihen da Weiden und Pappeln, so wie die Tamariske, jener von Frankreich ähnlich; unter den Stimmen der andern Sänger, deren Tonweise dem Ohre fremd dünkt, lässet die Nachtigall ihr wohlbekanntes Lied vernehmen. Von den Fremdlingen des Pflanzenreiches, die wir am Jordan fanden, erwähne ich hier vorläufig nur einer Art, das ist jener niedrige Baum oder jener Strauch aus der Familie der Akazien, dessen, an ihrer Oberfläche wie verkohlt aussehende Hülse Chateaubriand für den Sodomsapfel dieses Landes hält: das +Lagonychium Stephanianum+. An den Schlingpflanzen, aus der Familie der Winden, wie an den hohen, buntfarbigen Helipöen, ergötzt sich selbst das Auge des Nichtkenners des Gewächsreiches. Wir verweilten länger als anderthalb Stunden am Jordan, genossen der kühlenden Waschung in seinem Wasser und ich gieng, so weit die Zeit es erlaubte, aufwärts am Strome um die Gestalt des gegenüberliegenden Gebirges etwas genauer zu betrachten. Da, dem Pilgerbad unmittelbar gegenüber, findet sich kaum ein gelegener Ort zum Herabzug der Heere eines Volkes; weiter gegen Norden, wo auch die Abhänge der Felsen etwas ferner vom Strome zurücktreten, zeigen sich einige Wadi's der Engthäler, welche allmälig zur Ebene niedersteigen. Vom Pilgerbad bis ans Ufer des todten Meeres brauchten wir noch anderthalb Stunden. Der Weg zog sich anfangs über eine wellenförmig auf- und niedersteigende Ebene, deren salzthoniger Boden außer einigen Salicornien sonst von allem Pflanzenwuchs verlassen und verödet ist; nach etwa drei Viertelstunden kamen wir über einen etwas erhöhteren, gleich einem Weideplatz der Wüste grünenden Strich, von hier zog sich der Weg abwärts nach dem See, der vielleicht unter allen andern der Erde durch seine Lage und Beschaffenheit einer der merkwürdigsten ist. Jene vorausgesagte Meinung, die ich mit mir zu dem todten Meere gebracht, fand sich beim Anblick desselben auf eine sonderbare Weise getäuscht. Die Ufer des Sees sind so reich an erhabenen Schönheiten der Umrisse, als die herrlichsten die ich anderswo gesehen; sie sind keineswegs in höherem Grade verödet als die Küstengegenden des rothen Meeres, die wir auf unsrer Reise berührten; in einzelnen Strichen, namentlich am östlichen Höhenrande, zieht sich das Grün der Schluchten bis an den Wasserspiegel herunter und bildet auch außer der Jordansmündung eine Bekleidung von Gesträuchen. Das Wasser, das heute sehr ruhig war, erscheint so klar und rein, daß einige unsrer Maulthiere, die zum ersten Mal in diese Gegend kamen, voll Begierde den Mund eintauchten, sobald sie es aber gekostet mit Widerwillen den Kopf schüttelten. Denn es schmeckt stärker als jedes andre Wasser das ich bis dahin versuchte, nach Koch- und Bittersalz; auch ist dasselbe, seinen Hauptbestandtheilen nach, eine so vollkommen gesättigte Auflösung des Salzes im Wasser, als sie, in solch hoher Temperatur der Luft und des Bodens, wie die am Meere ist, sich bilden kann. Deshalb ist auch die spezifische Schwere dieses Wassers größer als die des Menschenleibes, wie dieß, eben so wie viele frühere Reisende, einer der jungen Freunde erprobte, der beim Baden in demselben sich ohne alle Anstrengung der Hände und Füße von selber getragen fühlte. Nach dem Waschen mit diesem Wasser empfindet die Haut ein leises, nicht unangenehmes Nesseln; ein längeres Verweilen in seiner Fluth soll ein Ablösen der Oberhaut zur Folge haben. Auch wir, wie andre neuere Reisende, bemerkten nichts von einem asphaltischen oder schweflichten Dampfe, den die Einbildungskraft mancher früherer Pilgrime und noch fortwährend die der Beduinen dem todten Meere beilegte; die Luft war zwar, namentlich in den Mittagsstunden, welche wir da zubrachten, ganz überaus drückend heiß, dabei aber trocken und rein. Fische oder Schnecken leben freilich nicht in diesem übersalzigen See; die +Melastoma+ die wir am Ufer fanden, wie die kleinen, todten Fischlein, deren wir mehrere von den Wellen des Wassers hinausgeworfen am Strande sahen und aufsammelten, werden vom Jordan hereingeführt oder begleiten freiwillig seine Fluth, müssen aber ihre Wanderlust bald mit dem Leben bezahlen, weil sie in der Salzlacke abstehen oder weil diese ihre leichten Körper ans Land hinausstößt. Auf die Art der Mischung und den Grad der Sättigung des Wassers des todten Meeres mag außer der hohen, mittleren Temperatur noch ein andrer Umstand mitwirken: das ist der vermehrte Luftdruck der auf seine Oberfläche einwirkt. Dieses Verhältniß verdient, wegen seines großen Einflusses auf die gesammte Naturbeschaffenheit der Gegend, noch eine besondre Beachtung. Wir waren nicht wenig erstaunt als wir schon bei Jericho, noch mehr aber am todten Meere das Quecksilber in unserm Barometer, dessen Scala, wie ich dieß im Anhange erwähnen werde, zu solchen Beobachtungen nicht ausreichte, noch weit über die Gränze der Eintheilungslinien hinaufsteigen sahen. Wir waren genöthigt die Höhe nach dem Augenmaß zu schätzen, und obgleich wir diese Schätzung, weil das Resultat derselben ein zu unerwartetes war, so knapp als möglich hielten, ergab sich dennoch daraus die Tiefe des todten Meeres unter dem Wasserspiegel des Mittelmeeres zu wenigstens 598¹⁄₂ oder in runder Zahl 600 Pariser, d. h. nahe 640 Englischen Fußen. Wir suchten diese Folgerung auf jede ersinnliche Art von uns zu weisen. Zuerst durch einen zufälligen, ungewöhnlich hohen Barometerstand gerade am Tage unsrer Messung; allein der gestrige heftige Sturm hätte eher ein Fallen als ein Steigen der Quecksilbersäule bewirken können. Dann warfen wir ein Mistrauen auf den Gesundheitszustand unsers Barometers selber, der ja so vielen Zufällen ausgesetzt war; allein dieses zeigte bei unsrer Rückkehr nach Jerusalem wieder denselben mittlern Stand als vor dem Antritt unsrer Reise nach Jericho. Dennoch würde ich es nach meiner Rückkehr ins Vaterland nicht gewagt haben von einer so sonderbar ausgefallenen Messung öffentliche Erwähnung zu machen, obgleich auch die Höhenmessung am Tiberiassee damit im Einklang erschien, wenn nicht einige meiner Freunde die Bekanntmachung davon in der allgemeinen Zeitung übernommen hätten. Und kaum war dieses geschehen da kamen alsbald öffentliche Bestätigungen über die abnorm tiefe Lage des Salzsees, zuerst durch Herrn Beke dann durch mehrere andre Beobachter; Bestättigungen, welche unsre Angabe, die auch wirklich mit der vorsichtigsten Mäßigung hingestellt war, noch als die bescheidenste erscheinen ließen. Der bedeutendste Einfluß, welchen die tiefe Lage des todten Meeres und der angränzenden Jordansaue auf die Naturbeschaffenheit des Landes hat, ist der, welcher die mittlere Temperatur angeht. Wenn man mit d'Aubuisson annimmt, daß auf unsrer nördlichen Halbkugel jede Erhebung oder Vertiefung von 100 Metres eine mittlere Temperatur des Ortes zur Folge hat, welche der eines andern Ortes entspricht, der um einen Grad der Breite nördlicher oder südlicher liegt, dann findet man daß die Ufer des Salzsees und des untren Jordanslaufes eine gleiche mittlere Wärme haben mit dem Landstrich von Kairo, ja mit der Gegend von Akaba am Ailanitischen Meerbusen. Palmen müßten deshalb, nebst allen andren Gewächsen der heißeren temperirten Zone, eben so gut hier bei Jericho gedeihen als an jenen Orten, abgesehen von dem Einfluß den die Stellung der benachbarten Gebirgswände auf den Schutz und die Pflege des Gewächsreiches haben könnte. Und daß dieses wirklich so sey, das beweisen nicht nur die Berichte der Alten über die vormalige Fruchtbarkeit des Gefildes von Jericho an Palmen und Balsamstauden, sondern auch die noch fortwährende Beobachtung, daß um Jericho die Zeit des Blühens und des Reifens der Gewächse viel früher fällt denn selbst an der Mittelmeeresküste von Palästina. Auf das Wohlbefinden der Bewohner des Landes hat wenigstens die Vermehrung des Luftdruckes keinen nachtheiligen Einfluß. Wirkt doch auf die leibliche Stimmung vieler Menschen der höhere Stand des Barometers mithin der vermehrte Luftdruck, abgesehen von der Heiterkeit oder Umwölkung der Atmosphäre auf eine wohlthuende Weise ein und die Versuche, welche man in einer noch vielfach mehr zusammengedrückten, verdichteteren Luft, als die am Spiegel des todten Meeres ist, gemacht hat[57] haben eben so wie die alltägliche Erfahrung der Taucher in der Taucherglocke gezeigt, daß die einzige Unbequemlichkeit, welche der in einer doppelt so dichten Luft eingeschlossene Mensch empfinde, ein unangenehmes Gefühl am Trommelfell des Ohres sey; denn was das vermehrte Gewicht der Luftsäule betrifft die auf der Oberfläche des Körpers und dem Innern der Lunge lastet, so trägt man daran nicht schwer, indem der äußere Druck durch einen innern Gegendruck des Lebenshauches (+turgor vitalis+) im Gleichgewicht gehalten wird. Am Ufer des Sees sieht man Feuersteine von den verschiedensten Farben, die aus dem Kreidekalk der benachbarten Gebirge herkommen, Kalksteine von Bitumen durchdrungen und geschwärzt, und außer diesen einzelne Stücken von Asphalt, welche der See auswirft, nirgends aber eine Spur von solchen Steintrümmern oder Gebirgsarten, denen man einen vulkanischen Ursprung zuschreiben könnte. Auch die Umrisse der Gebirge, an der rechten wie an der linken Seite des Sees erinnern nicht an die Wirkung vulkanischer Kräfte; sie sind von der Form unsrer heimathlichen Kalkalpen, namentlich jener, die man nahe an den Ufern des Sees von Como und von Lecco sich erheben siehet. An vielen Punkten fällt die Schichtung deutlich ins Auge, die Felsen, namentlich des westlichen Ufers, zeigen öfters von einer Höhe von fünf bis sechshundert Fuß herab so gähe Abstürze, als wären die Felsenwände hier von Menschenhand eben gehauen oder gewaltsam abgeschnitten. Der Freund der Natur wie der ältesten Geschichte stehet vor dieser Gegend wie vor einer mit mächtiger Deutlichkeit und riesenhafter Größe in die Felsen gehauenen Hieroglyphe, die bei all dieser Augenfälligkeit ihm dennoch unleserlich bleibt. Es redet die heilige Schrift wie die Geschichtskunde der Völker von einem Zustand der Dinge, bei welchem das Thal, wo nun der Salzsee bis zu einer Länge von eilf und einer Breite von drei Deutschen Meilen fluthet, ein fruchtbarer Landstrich war, auf welchem eine Menge der Städte und andren Ortschaften lagen. Hier war einst die Stätte von Sodom und Gomorra. Floß vielleicht vormals der Jordan ruhigen Laufes durch diesen See und dann durch das südliche Ghor und die Araba nach dem Ailanitischen Meerbusen? -- eine Meinung für die so vieles zu sprechen schien? Allerdings nehmen jetzt umgekehrt die Regenströme von Süden her, aus dem Ghor und aus den in ihn mündenden Wadys ihren Lauf gegen Norden: zum todten Meere; am Südrande von diesem bemerkten neuere Reisende, jenseits der salzthonigen Fläche über die zuweilen das Meer hinüberfluthet, gähe Felsendämme von einer ohngefähren Höhe von 100 bis 150 Fuß, welche jedoch an mehrern Stellen von dem Bette der südlichen Gießbäche durchbrochen sind. Vergleicht man jene Höhe mit der vorhin erwähnten des Wasserspiegels, dann findet man daß dieselbe noch immer zwischen vier- bis fünfhundert Fuß unter das Niveau des Mittelmeeres falle; umgekehrt liegen jene 2 Punkte, deren Lage wir auf unsrer früheren Reise durch das Ghor an der Westseite desselben barometrisch bestimmten, zwar beide, der eine fast 100 Fuß ~unter~ dem Spiegel des rothen, zugleich aber auch 500 Fuß ~über~ dem des Salzmeeres, so daß von hier immer noch der Lauf des Wassers abwärts nach diesem hinführen könnte. Hat vielleicht da, in diesem merkwürdigen Thale, das vom Libanon und Antilibanon an einer ungeheuren Kluft der Gebirge gleicht, noch in den Zeiten der Menschengeschichte ein Hinabsinken des vormals höheren Grundes in die Tiefe statt gefunden, zugleich mit jenen furchtbaren Erscheinungen, welche die Atmosphäre bewegten? Daß der See, in den doch der Jordan und mehrere Bäche so wie Quellen hineinströmen, keinen Ausfluß hat, darf uns nicht verwundern; die Menge des Wassers, welche die Verdünstung von der gegen vierzig Quadratmeilen großen Oberfläche seines Wasserspiegels hinwegführt, beträgt in diesem Klima mehr denn die des Zuflusses, und es scheinen manche Spuren darauf hinzudeuten, daß der See in einem vormaligen grünenderen, darum auch wasserreicherem Zustande des Landes von weiterer Ausdehnung und größerer Höhe gewesen sey. So reden diese erhaben schönen Höhen und Felsenthäler des Gebirges Pisga, das sich uns da, wo wir stehen, in seiner ganzen Herrlichkeit entfaltet, von Thaten des richterlichen Ernstes des Gottes Jeschyruns, aber sie zeugen auch von den Segnungen seines Erbarmens und seiner Güte. Dort, jenseit des Sees im Lande der Moabiter war es, wo Moses, der Mann Gottes, seinem Volke und Josua, dem treuen Diener, das: sey getrost und unverzagt[58] zurief. Auf einem jener jenseitigen Gefilde ward das Lied vernommen: »Merket auf, ihr Himmel, ich will reden und die Erde höre das Gespräch meines Mundes. Meine Lehre triefe wie der Regen, und meine Rede fließe wie der Thau; wie die Schauer auf das Gras und wie die Tropfen auf das Gras. Denn ich will den Namen des Herrn preisen; Gebt unserm Gott die Ehre. Er ist ein Fels; Seine Werke sind untadelich, denn alle Seine Wege sind recht. Treu ist Gott und kein Böses an ihm; gerecht und fromm ist er[59]. -- Ja, Niemand ist gleich dem Gott Jeschyruns, der auf dem Himmel einherfährt dir zu helfen und in seiner Hoheit auf dem Duft. Das ist die Wohnung des Gottes des Anfangs und unten walten ewige Arme. Und er wird vor dir her deinen Feind austreiben und sagen: sey vertilget. -- Wohl dir du Volk das du durch den Herrn selig wirst, der deiner Hülfe Schild und das Schwert deines Sieges ist«[60]. Die Zeit unseres Verweilens am todten Meere konnte leider nur kurz seyn. Unsre beiden Türkischen Begleiter hatten uns auf dem Wege vom Jordan zum todten Meere nach ihren besten Kräften zu vergnügen gesucht, indem sie vor unsren Augen das Waffenspiel des Dscherid-Werfens übten, wo beim Auspariren wie beim Abschießen des Wurfspießes, beim Angreifen wie bei der verstellten Flucht die Reiter sammt ihren Thieren große Gewandtheit und Kräfte entwickelten. Jetzt verlangten die guten Leute, denn der Mittag war vorüber, etwas zu essen. Sie meinten, auch wir wie andre vorsichtige Reisende seyen mit Lebensmitteln für uns und unsre Begleiter versorgt, und würden nun endlich einmal unsre Vorräthe aufthun. Wir gehörten jedoch nicht unter die vorsichtigen Reisenden, sondern waren auch für uns selber mit keinem Bissen Brodes, mit keinem labenden Trunke versehen. Darum ermahnten die beiden Waffenmänner zum Aufbruch vom sehr heißen, schattenlosen Seeufer, das ihnen wenig Unterhaltung bot, nach dem gastlichen Kloster von Santa Saba. Auf unsrem Wege am Strande hin hatten wir einen Anblick, der uns zwar nicht ganz unerwartet, für diese Gegend aber etwas Außerordentliches war. Wir sahen ein ganz neues Fahrzeug auf dem die englische Flagge wehete. Es war niemand dabei den wir hätten befragen können; schon in Jerusalem hatten wir jedoch gehört, daß zwei Engländer mit dem kühnen Gedanken umgiengen eine Fahrt auf dem todten Meere zu versuchen, um seine Tiefen, wie die Gestalt der Ufer mit wissenschaftlicher Genauigkeit zu erforschen. Das Material zum Bau eines Fahrzeuges, so erzählte man uns weiter, sey bereits von der Küste des Mittelmeeres aus zu Lande an Ort und Stelle geführt worden. Hier sahen wir nun, nicht bloß jenes Material sondern ein aus ihm schon fertig gewordnes, höchst zweckmäßig eingerichtetes Schifflein. Wir betrachteten es mit jener innigen Theilnahme, welche die Absicht seiner Erbauer verdiente und freuten uns schon damals auf die künftige Ausbeute an wissenschaftlicher Erkenntniß, die man sich mit Recht von dieser neuen, außerordentlichen Fahrt versprechen durfte. Wie wir erst später erfuhren war der eine jener beiden ehrenwerthen Forscher der Bruder des Herrn Beke, dessen bestättigende Mittheilungen über die Lage des todten Meeres ich schon vorhin dankbar erwähnte. Obgleich wir sehr wahrscheinlich zu gleicher Zeit in Jerusalem weilten und selbst in den verschiedenen Nebengebäuden eines und desselben Pilgerhaußes wohnten, hatte ich dennoch nicht das Glück gehabt die persönliche Bekanntschaft der beiden interessanten Reisenden zu machen, die mir damals von so großem Nutzen gewesen wäre. Der Weg nach St. Saba verläßt nach einer etwa halbstündigen Strecke das Seeufer und die angränzende Ebene und steigt am Fuße des westlichen Gebirges hinan. Anfangs minder steil und beschwerlich über die einzelnen Vorsprünge und Kuppen des Abhanges, aber schon hier durch eine gräuliche Wüste des Gebirges. Die Felsart ist ein merglicher Kalk (zum Theil auch Gyps) durchdrungen von Schwefel und Erdpech, von diesen beiden sieht man bis zu einer bedeutenden Erhebung und Entfernung vom See größere und kleinere derbe Stücke am Boden herumgestreut liegen oder mit der Gebirgsmasse verwachsen, so daß noch jetzt Nahrung genug da wäre, für ein Feuer, das, von oben entzündet, über die alte Brandstätte sich ergießen möchte. Obgleich manche der kesselartigen Eintiefungen, mit der schwarzen von Asphalt herrührenden Färbung ihrer Felswände, beim flüchtigen Hinblick an vulkanische Krater erinnern, kann man sich doch bald überzeugen, daß diese Kessel mit keiner abgelegenen Tiefe in Verbindung stehen und daß hier an keinen eigentlichen Vulkan zu denken sey. Eher denn solchen Kratern gleichen sie den Heerden eines Erdbrandes der hier die Masse eines ganzen Stockes von Schwefel oder Asphalt verzehrte. Denn was im kleinsten Maßstabe die Nieren und Nester des gediegnen Schwefels oder andrer Fossilien, was in etwas größerem die liegenden und stehenden Stöcke sind, das mag in noch größerem und riesenhafterem Umfange einst da, in diesem Thale des Todes, ein Feuer ernährt haben, »dessen Rauch aufgieng vom Lande, wie ein Rauch vom Ofen.« Da wo der Weg in die engen, mannichfach gewundenen Felsenthäler hineintritt, erblickt man wieder einzelne, grünende Gesträuche von Cistus und einige Gräser vom Geschlecht der Aristida. Ich war vorausgegangen, bis an eine Stelle wo die Ungewißheit der Richtung des Weges, ob in die Schlucht zur Rechten oder zur Linken, meinen Gang hemmte. Wir stiegen jetzt auf eine Hochebene hinan, die zur Rechten von einem höheren Gebirgszug begränzt wird; auf einem der Gipfel zeigt sich, in ziemlicher Ferne, ein kastellartiges Gebäude: es ist eine Moschee, welche die Türken an einer Stätte errichteten, an der nach ihrer Meinung, Mosis Grab war. Freilich ein etwas weiter Fehlgriff, den indeß nicht allein die mohamedanische, sondern auch die jetzt bestehende christliche Kunde des Landes nicht selten bei andern Gelegenheiten thun mag. Denn solche Sagen von der Geschichte des Landes und der Bedeutung seiner Oertlichkeiten gleichen im Ganzen der Abschrift eines Buches, die mit weitläufigeren Buchstaben und auf andrem Format zuletzt dennoch den Inhalt des Originals, das sie vor Augen hatte, wiedergiebt. Wenn man aber die Citata, die sich auf das Original beziehen, beachten und auf die Abschrift anwenden will, da trifft die Seitenzahl nicht zu. Seite 3 oder 4, die auf der Oertlichkeit des Originals hinüber, jenseit des Jordans und des todten Meeres, an das Gebirge Pisga geht, fällt in der Abschrift der Mohamedanischen Sage schon her auf die Berge des Kidronthales; so auch wenn im Original S. 5 oder 6, bei der Geschichte der Geburt Johannes des Täufers oder der Taufe des Kämmerers durch den Apostel Philippus die eigentliche Oertlichkeit auf Gegenden fällt die jenseit oder nahe bei Hebron liegen, so wird in der christlichen Abschriftskunde die Pagina der Localität schon auf die Nähe des sogenannten Terebinthenthales oder jenseits Baitschalla treffen, und dasselbe mag selbst zuweilen in Beziehung auf die wahre oder angebliche Oertlichkeit der heiligen Stätten, in oder um Jerusalem der Fall seyn. Ich meine aber daß jene Freude am Lesen, zunächst ja nur des Inhaltes des Buches, die der Freund desselben empfindet, so oft er eine neue Zeile lebendig betrachtet, durch die verschiedene Zahl der Seite, auf welcher die große Geschichte geschrieben stehet, nicht sehr gestört wird; die Andacht, namentlich des christlichen Pilgrims, bringt das Zelt unter dessen Schatten sie wohnet und sich erquicket, selber, als Eigenthum mit sich, und schlägt dieses auf wo die alte, ehrwürdige Führerin schon so manches Jahrhunderts der Wallfahrten es eben anordnet. Schon in den weiter abwärts gelegnen Thälern hatten wir an den Felsenwänden öfters natürliche so wie anscheinend künstlich erweiterte Höhlen gesehen; an den Wänden des weiter aufwärts gelegnen Hauptthales, so wie seiner Nebenthäler wurden diese Grotten immer häufiger, sie glichen zuweilen einer ganzen Stadt der Höhlen. In diesen Felsenklüften hat eine große Menge der Tauben ihren Aufenthalt genommen; von menschlichen Bewohnern sieht man keine Spur, denn diese wilde Einöde würde selbst den Heerden der Ziegenhirten keine beständige Weide geben. Eben von diesen Heerden scheinen dennoch hin und wieder einzelne Pfade in die Abhänge der Felsen hineingezeichnet zu seyn, welche allenfalls für Arabische Hirten, die des Kletterns gewohnt sind, nicht aber für andre Leute und noch weniger für Lastthiere gangbar sind. Daran hatte wahrscheinlich der Araber aus Richa, der uns zum Wegweiser dienen sollte, nicht gedacht, denn er führte uns das eine Mal in ein Nebenthal hinein, welches allerdings die nähere Richtung haben mochte, das aber an seinem oberen Ende mit fast senkrecht niedergehenden Felsenwänden umschlossen war. Wir hatten uns mühsam über die Rollsteine und Bergtrümmer ihm nachgearbeitet, selbst die gewandten Pferde der Türken hatten sich von den Maulthieren in der Fertigkeit des Kletterns nicht übertreffen lassen, da entschwand den beiden bewaffneten Reitern die Gedult; der Araber entsprang mit Mühe ihren handgreiflichen Zurechtweisungen. Indeß war auch der andre Weg den uns der Mann nach der Zurückkehr ins Hauptthal an den glatten Felsenplatten, neben dem Abgrund hinanführte noch unbequem genug, und seine Gefahren wurden uns erst recht augenfällig, als das Maulthier unsrer Freundin Elisabeth, die wegen ihres kranken Fußes nicht so wie wir andren gehen konnte, sondern auf dem Thiere sitzen geblieben war, nahe am Rande des tiefen Abgrundes ausrutschte und fast hinabgestürzt wäre. Der letzte, steile und hohe Bergrand war jetzt überstiegen, wir traten auf eine freiere Höhe heraus, auf der sich zuerst ein einzeln stehender starker Thurm, dann tiefer hinab das Klostergebäude von Marsaba oder Santa Saba zeigte. Dieses mit seinen hohen Mauern, Thürmen und Zinnen, steht wie eine mächtige Ritterburg über dem Abgrunde und am Rande des Kidronthales da; ein Theil des Gebäudes ist noch ganz neu; die Griechischen Mönche, denen das Kloster gehört, und denen die äußren Mittel hiezu nicht fehlen, haben erst vor wenig Jahren die alten, baufälligen Gemäuer hinweggenommen, den Thurm der das Ganze durch seine höhere Lage beherrscht, so wie die Kirche neu aufgebaut, und sonst Vieles hinzugefügt das zur bessren Befestigung des Ortes dienen kann. Sie hatten hierzu gute Ursache; denn diese einsame Wohnung der Mönche liegt in der Nachbarschaft jener Arabischen Stämme, die sich bisher den christlichen Pilgrimen am furchtbarsten machten und die wohl bei jedem ernstlichen Aufstande zunächst auf dieses reiche Kloster losgehen würden. Mußte doch selbst der edle Chateaubriand die Unsicherheit dieser Gegend erfahren, da er in der Nähe von St. Saba von Räubern angefallen ward, und das Kloster selber bewahrt die grauenhaften Erinnerungszeichen an die Mordlust der Mohamedaner der früheren Zeiten in den Haufen der Schädel und Gebeine der erschlagenen Mönche. Wie zu einer Festung führt der Weg durch zikzakartige Windungen an das äußere, beständig geschlossene Thor und von diesem durch die leicht zu vertheidigenden Vorwerke zur innren Burg des Klosters. Wir wurden hier freundlich von einem jungen Mönch empfangen, den wir schon in Jerusalem kennen gelernt hatten und der sich durch seine Kenntniß der neueren Europäischen Sprachen namentlich des Italienischen auszeichnet. Die guten Väter des Griechischen Klosters in Jerusalem, welche von unsrer Reise nach St. Saba wußten, hatten uns aus besondrer Rücksicht diesen unsren alten Bekannten hieher gesendet, damit wir uns gleich unter Freunden finden möchten, und ihrer Vorsorge hatten wir es auch zu danken, daß zu unsrem Empfang schon Alles bereit war. Außer dem großen Gastzimmer hatte man uns noch mehrere kleine zu Schlafzimmern eingeräumt, obgleich außer uns eine große Schaar von Griechischen und Armenischen Pilgrimen untergebracht werden mußte. Nach kurzem Ausruhen, erquickt und erfrischt durch das Wasser, welches hier, obgleich nur Cisternenwasser, von ganz besondrem Wohlgeschmack ist, machten wir uns auf zum Besehen des sonderbaren, vielgliedrigen Baues dieses Felsensitzes der Andacht, der durch seine Lage wie durch seine innre Beschaffenheit den Eindruck des schauerlich Schönen macht. Zuerst hinüber in einen Hofraum, der am entgegengesetzten Felsenabhange liegt, wo man uns die Höhle zeigte, welche ursprünglich die Wohnung eines Löwen war, dann (im 4ten Jahrhundert nach Christo) die des heiligen Saba, des ersten christlichen Einsamen dieser Gegend wurde. Längs dem Thale, in den Tausenden der Felsenhöhlen wohnten vormals in dieser Thebais des heiligen Landes die Schaaren der Einsiedler deren Zahl sich zuweilen auf zehn bis eilf Tausende belief. Da kam auch über sie, nach manchem harten Gedränge, das Schwert des Feindes, denn die Sarazenen erschlugen einst sechshundert von ihnen. Die morschen Gebeine dieser Erschlagenen sieht man in einem Behältniß, nahe bei der Höhle des heiligen Saba zusammengehäuft, erinnernd an das gemeinsame Loos der Kämpfe, die den Glauben des Christen in der einsamen Wildniß nicht minder als im Gedräng der volkreichen Städte verordnet sind. Wenn schon im gewöhnlichen Verlauf des Lebens der Mensch so ungern und schwer sich von dem Boden trennt der ihm als Wohnsitz seiner Väter und der Jahre seiner Kindheit heimathlich geworden war; wie viel schwerer kommt es der kindlichen Andacht an, eine Stätte zu verlassen die ihr durch den Glauben der Väter so wie des eignen Herzens geheiligt ist. Auch die Einsamen kehrten wieder zu ihrem Kidronthale, doch fiengen sie nun an die vereinzelten Enggassen der Felsen und ihre Höhlenzellen (Laurä) zu verlassen und sich in die Mauern des Klosters, bei dem die Kirche stund zu versammlen. Die jetzige Zahl der Mönche wurde uns zu funfzig angegeben; das Kloster aber mit allen seinen Räumlichkeiten könnte mehrere Hunderte derselben beherbergen. Denn seine vielen Gebäude und Zellenhäuschen stehen nicht mehr auf ebenem Grunde sondern auf den einzelnen, terrassenartigen Absätzen des Bergabhanges über einander; man steigt von einem dieser Stockwerke der Felsen zum andern durch bequeme steinerne Stufen auf; an mehreren Punkten sind kleine Gärtchen angebracht, in denen der Azedarachbaum (+Melia Azedarach+) so eben seine schönen lilafarbenen Blüthensträuße aufgethan hatte. In einer der kleinen Kapellen, die höher am Felsenabhange liegt zeigte man uns die bildlichen Darstellungen der Thaten und hier so wie an andern, der Andacht geweihten Stellen die Bewahrungsorte der Gebeine jener Heiligen und berühmten Mönche die in St. Saba wohnten. Unter ihnen that sich Johannes Damascenus hervor, durch die Thaten und Werke seiner beredten Feder; der Zeitgenosse Beda's des ehrwürdigen. Wenn man zwischen diesen beiden Männern des achten Jahrhunderts einen Vergleich anstellen wollte, so möchte wohl der sinnreiche Johannes Damascenus neben unsrem ehrwürdigen Beda so da zu stehen scheinen wie der Azedarachbaum dessen zierliche Blüthen keine genießbaren, sondern nur zweideutige Früchte trägt, neben der unscheinbar blühenden Pinie, deren wohlschmeckende Nuß und hochstämmiges Holz zum Nutzen des Landes und seiner Bewohner dient. Außer dem berühmten Damascenus lebten und starben im Kloster von St. Saba, Euthymius, durch seine Wunderthaten berühmt und der Abt Elias. Vielleicht derselbe, der mitten in seiner Wüste, da Furcht und Schrecken ihre beständige Wohnung haben, »kein Ding fürchtete, als nur den Augenblick des Hintretens, am Ende des Lebens, vor Gottes des Richters Angesicht.« Unten, in der schönen, neuen Kirche, ärgerte ich mich etwas an dem Benehmen unsers Reisegefährten, des französischen Missionars. Er verwarf mit Härte und Bitterkeit mehrere jener frommen Sagen des Klosters als »Lügen,« die uns der Griechische Mönch, unser Freund erzählte. Er hätte wohl aus eigner Erfahrung wissen sollen, wie theuer jedem Sohne des Haußes die Nachrichten und kleinen Geschichtchen von seinen Ahnen und Eltern sind; und wenn solche Erzählungen auch dem Gaste und Fremdling im Hauße etwas fremdartig däuchten sollten, so müßte er doch bedenken daß man auch in seiner Familie manche solche Dinge erzählt und theilnehmend beachtet, von denen sogar die Nachbarn des Haußes nichts erfuhren. Desto ungestörter war gegen Abend der Genuß der Aussicht, oben vom Thurme und von den Terrassen des Klosters. Das Kidronthal hat sich hier, bei St. Saba mit einem Gewand bekleidet das an des Hades oder Gehenna's (der Hölle) Pforten, zugleich aber an Den zu erinnern vermag, welcher die Schlüssel zu diesen Pforten in Seinen Händen trägt. Eine Amsel, mit goldgelben Spitzen der schwarzen Schwungfedern, die, wenn sie flog, so aussahen als wären es durchsichtige Stellen, zog unsre Aufmerksamkeit an sich, wir schonten jedoch gern die Rechte des Haußes das seiner Bestimmung nach ein Wohnsitz des Friedens und der erbarmenden Liebe seyn soll. Die guten Väter des Klosters hatten uns müde und hungernde Pilgrime durch eine reichliche, wohlschmeckende Abendmahlzeit erquickt, jetzt wurde meiner Hausfrau und mir zum Lager der Ruhe ein Zimmer, oder eine Zelle angewiesen, die einer kühlen Grotte des Felsens glich; der Ausgang führte nach einer hochgelegenen Terrasse am Rande der gäh abstürzenden Felsenwand des Kidronthales. Der Mond strahlte in die Kluft hinein und beleuchtete die weislichen Höhen; ich konnte mich erst spät von der Aussicht trennen. In der Nacht weckte mich ein Geläute der Glocken, das nahe bei unsrer Zelle ertönte. Die Mönche, so wie ein großer Theil der Pilgrime, waren munter und begaben sich hinab in die Kirche, zur nächtlichen Feier des Gottesdienstes. Auch ich war gern mit jenen munter geworden und blieb dieses noch lange nachher, da Alles wieder stumm ward, in der hehren Stille der Nacht. Wie einsame Wandrer die sich in den Stunden, da andre Leute schlafen, auf den vereinsamten Gassen begegnen, begegneten sich da, in der Seele Gedanken des Ernstes an das Seyn des Jenseits; an seine Schrecknisse und Hoffnungen. Der Nachtwind wehete so frisch daß es mich schauerte, ich begab mich wieder aufs Lager der Zelle bis das Morgenlicht über die Höhen, jenseits dem Kidronthale heranstieg. Wir Alle waren zeitig zur Abreise fertig. Ich gieng mit meiner Frau zu Fuße voran, um noch einmal diese Wildniß der Felsen zu besehen. Die Gebirgsart der Gegend ist Kreidekalk mit häufigen Lagern und Nestern des Feuersteines. Der blühenden Pflanzen gab es außer der Nissolischen Phlomis (+Phlomis Nissolii+), dann den Faseln des Nils (+Dolichos niloticus+) und dem +Solanum coagulans+ nur wenige; weiterhin, da wir wieder an einzelne, sehr dürftig bestellte Saatfelder kamen, zeigte sich zwischen dem Getraide, als Hauptbewohnerin der Aecker, die schöne, freilich für den Landmann nicht sehr erfreuliche goldgelbe Wucherblume (+Chrysanthemum coronarium+) und eine Art der Strohblume (+Xeranthemum+). Im Ganzen ist jedoch die Gegend ungleich fruchtbarer als die Gebirgsgegend, welche wir vorgestern und gestern durchzogen hatten. Der Weg nach Jerusalem zieht sich allmälig obwohl abwechselnd mit mehreren Senkungen, aufwärts. St. Saba liegt nach unsern Messungen mehr denn 1280 Pariser Fuß über dem Spiegel des todten, mehr denn 680 über dem des Mittelmeeres. Wir waren also gestern von den Stunden des Mittages bis gegen Abend, auf einer Strecke von reichlich vier Stunden Weges nahe gegen 1300 Fuß gestiegen und hatten uns heute, auf einem Wege von drei Stunden, von St. Saba bis zu unsrem Klosterhauße in Jerusalem noch 1200 Fuß zu erheben. Dennoch wird das Ansteigen erst vom Kidronbette an, beim Brunnen des Nehemia recht merklich. Ueberhaupt erscheint Jerusalem von keiner andern Seite her in solchem Maße als eine hochgebaute Stadt, denn auf dem Wege von St. Saba, wo man diese alte, verarmte Königin der Städte schon aus weiter Ferne auf dem Thron ihrer Berge erblickt. Ich stieg zuletzt allein durch die südliche Schlucht des Tyropäonthales, die vom Siloahquell beginnt, hinan zur Stadt und kam durchs Zionsthor etwas eher zur Pilgerherberge als meine Reisegefährten. Es war ein sehr gemischtes Gefühl mit dem ich das mir so theuer gewordne Obdach begrüßte, denn diesem Gruß des Wiedersehens stund jenem des Abschiednehmens -- wahrscheinlich für immer -- ganz nahe. Naturgeschichtliche Bemerkungen. Ehe wir Jerusalem verlassen und den Wanderstab weiter zur Reise durch andre Gegenden von Palästina erheben, sey es mir erlaubt noch einige allgemeine Bemerkungen über die Naturbeschaffenheit der Landschaft jener merkwürdigsten Stadt der Erde zu machen. Da es meine Absicht ist diesen Gegenstand noch einmal künftig ausführlicher und tiefer eingehend zu behandeln als mir es hier der Plan dieser Reisebeschreibung verstattet, hebe ich aus den Thatsachen, welche hieher gehören nur Einige heraus und stelle sie als den unvollkommenen Schattenriß eines künftigen, vollkommneren Naturgemäldes zusammen. Abgesehen von der großen Geschichte dieses Landstriches, so hat der Umgegend Jerusalem schon die Natur solche Züge der Auszeichnung und Eigenthümlichkeit aufgeprägt, daß hierinnen kaum ein andrer Punkt der Erde ihr zu vergleichen ist. Man hat zwar nach jener hochgelegnen Stadt von allen Richtungen her im Allgemeinen, wenn man hierbei den Höhengürtel ihrer nächsten Umgränzung unberücksichtigt lässet, aufwärts zu steigen, denn der Höhe von nahe 2500 Fuß über dem Meere, auf welcher Jerusalem liegt, kommt die Höhe nur weniger andrer so nahe am Meere gelegener Städte der östlichen Halbkugel gleich, dennoch ist jenes Aufwärtssteigen am auffallendsten von Osten, vom todten Meere und der Jordansaue her. Bei dem jetzigen Stand der Wissenschaft darf man wohl fragen: wo auf Erden ist ein ähnliches nahes Beisammensein des Hohen mit dem Tiefen bemerkt und erhört worden als hier, wo in einer Linie von sieben Stunden Weges eine Absenkung von ~wenigstens~ 600 Fuß ~unter~ und eine mehr denn vierfach so große Erhebung ~über~ die Meeresfläche gefunden wird. Der Unterschied der Erhöhung beträgt zwischen Jerusalem und der Jordansaue bei Jericho über 3000 Fuß. Wenn man hierbei jener Annahme folget, nach welcher 100 Metres dieses Unterschiedes einen ähnlichen Einfluß auf die mittlere Temperatur haben, als eine Differenz der geographischen Lage um einen Grad der Breite, so geht daraus hervor daß die mittlere jährliche Wärme der beiden so nahe an einander gränzenden Gegenden ohngefähr eben so weit von einander abstehen möge als die von Rom und London. Während hiernach das Klima der Jordansaue und des todten Meeres dem der südlichen Araba und des Nildeltas gleich zu schätzen wäre, käme das von Jerusalem etwa nur dem Klima der Insel Lemnos und der Stätte des alten Troja, oder mit jenem des Thales von Tempe und den mittlern Küstengegenden von Sardinien gleich. Und wenn es erlaubt wäre aus thermometrischen Beobachtungen die nur etliche Wochen umfaßten, dabei jedoch in den Monat April fielen, dessen mittlere Temperatur mit der mittlern des Jahres in naher Uebereinstimmung zu stehen pflegt, einen Schluß auf das Klima von Jerusalem zu machen, so würde ich die mittlere Wärme des Jahres in Jerusalem wenigstens nicht höher stellen als etwa die von Cagliari in Sardinien es ist; ich würde sie noch nicht so hoch als die von Neapel, höchstens zwischen 16 bis 17 Grad der hunderttheiligen Skala (zu 13¹⁄₂ Grad R.) anschlagen. Daher reift die Dattelpalme, obgleich sie noch zum Baum, auch in ungeschützter Lage erwächst, um Jerusalem niemals ihre Früchte, während die Datteln der Umgegend von Jericho und des todten Meeres schon bei den Alten im Rufe der höchsten Vortrefflichkeit stunden; die strauchartige Baumwolle und ähnliche Gewächse der wärmeren Zone sieht man dort nicht; dagegen gedeiht um Jerusalem und Bethlehem ein Wein, welcher an Wohlgeschmack und Feuer dem von Lemnos und Lampsakos nichts nachgiebt; der Oelbaum, die Feige, die Obstarten, der Wallnußbaum lohnen da überall, durch eine Fülle der Früchte, die Mühe des Anbaues. Die geographische Lage von Jerusalem wird zu 31° 47' 47" der N. Breite und 32° 53' L. von Paris angegeben[61]. Die Breite entspricht mithin ohngefähr jener von Marocco; der Unterschied der Längen macht in der Zeit, zwischen Paris und Jerusalem nur 2 Stunden 1¹⁄₂ Minuten, zwischen München und Jerusalem nur eine Stunde und 43 Minuten aus. Ueber die Verschiedenheit der Jahreszeiten, namentlich der Temperatur der einzelnen Sommer- und Wintermonate weiß ich leider nur wenig Zuverläßiges zu sagen, doch will ich dieses Wenige nicht unerwähnt lassen. Im Ganzen scheint auch von der Umgegend von Jerusalem dasselbe zu gelten, was mit großer Allgemeinheit in allen östlich an das Mittelmeer angränzenden Länderstrichen statt findet: daß die Kühle des Winters weiter in den Frühling, die Wärme des Sommers aber tiefer in den Spätherbst hineinrückt als in den westlichen Gegenden. Die Hitze soll im Sommer öfters über 32° R. (40° Cent.) betragen[62]. Wenn dann, wie dieß gerade in der Mitte des Sommers häufig der Fall ist, der heiße, trockne Ost- und Südostwind wehet, bringt selbst die Nacht nur wenig Abkühlung und der Aufenthalt in der fast schattenlosen Nähe von Jerusalem fällt dann dem Fremden der aus den Ländern des Schattens und der Wasserströme hieher kam so unerträglich, daß die Schaaren der Kreuzfahrer, bei der ersten Belagerung der Stadt sich tief in die Erde eingruben, deren durchwärmter Staub nur wenig Lindrung gegen die Hitze brachte. Dennoch wird das hochgelegene Jerusalem auch noch in den Zeiten des Spätfrühlinges manchmal von so kühlenden Nordwinden besucht, daß nach Falmereier selbst im Anfang des Juni die Mönche des griechischen Klosters zuweilen wieder ihre Pelzkleidungen anlegen. Dagegen ist die Hitze in den Herbstmonaten meist noch sehr groß, und auch nachdem der Frühregen, welcher mitten in der Zeit zwischen dem Herbstäquinoctium und dem Wintersolstitium, etwa 7 Wochen vor Weihnachten fällt, das lechzende Land mit seinen reichen Strömen erquickt hat, bringen die Südwestwinde wieder so milde Tage, daß hier die Zeit um Weihnachten öfters zu den lieblichsten Zeiten des ganzen Jahres gehört[63]. In der Regel fängt es erst gegen die Mitte des Januar an etwas anhaltender kalt zu werden und selbst noch im Februar gefriert es zuweilen, so wie auch der Schnee in Jerusalem eben so als eine zwar schnell vorübergehende, dennoch aber nicht besonders seltne Erscheinung bekannt ist als in Rom. Ohnehin sieht man dann die höher gelegnen Punkte des Landes öfters mehrere Tage lang weiß beschneit. Der Spatregen stellt sich um die oder bald nach der Zeit des Frühlingsäquinoctiums ein. Wie reichlich in Palästina der Thau falle, davon werde ich bei der Beschreibung unsrer weiteren Reise reden. Auch dieser trägt das Seine zur Ernährung des Landes bei; das meiste Wasser aber, dessen der Mensch zu seinem Haushalt bedarf kommt vom Regen. Namentlich hat in Jerusalem jedes Haus eine oder mehrere Cisternen; wir tranken in unsrem Kloster kein andres als Cisternenwasser und fanden dasselbe von ganz besondrem Wohlgeschmack und dabei vollkommen klar und rein. Was die herrschenden Gebirgsarten der Umgegend von Jerusalem, und, wenn ich von der kleinen Strecke welche ich durchzog urtheilen darf, des gelobten Landes überhaupt betrifft, so glaube ich sagen zu dürfen, daß die Gebirge diesseits des Jordans fast durchgängig Kalk sind, auf dem sich schon jenseits Cana, auf der Hochebene von Hittin und am westlichen Abhange des Tiberiassees der Basalt einfindet, welcher ostwärts vom Jordan in so ungeheuer großen Massen und weiter Ausdehnung auftritt, als ich dieß nie vorher gesehen. Daß jener Kalkstein, der bei Jerusalem, der zwischen da und Jericho, so wie bei Nazareth und am Thabor zunächst ins Auge fällt, der den Gipfel des Oelbergs bedeckt und seine Abhänge bildet zum Kreidekalk gehöre, wird auch der Anfänger in dieser Art der Untersuchungen alsbald erkennen; die Lager und Nester des Feuersteines treten allenthalben aus ihm hervor; das Gebirge behält den Charakter seiner Formation eben so deutlich wo es in seinen festeren Gebilden unserem Alpenkalksteine und Schnürlkalk als da wo es in seiner lockreren Beschaffenheit dem Kreidemergel gleicht. Aber außer dem Kreidekalk, an welchem wir freilich schon in unsrem Vaterlande die mannichfachsten Annäherungen an die Formen andrer, sogenannt ältrer Gruppen der kohlensauren Kalkgebirge gewohnt sind[64] zeigt sich schon um Jerusalem, eben so wie in andren Gegenden des Landes eine andre Felsart, die ich mit ihren häufigen Dolomitgebilden für keine andre als für unsre sogenannte Juraformation halten konnte. Ich darf mich hierbei auf das Urtheil eines Mannes vom Fache, des wackren Geognosten ~Rußegger~ berufen, welcher nach mir Palästina bereiste. Auch dieser beschreibt[65] die Gebirgsart, von welcher ich hier rede, als »ein Gebilde das allen innren und äußren Kennzeichen zu Folge, dem oberen Jura und Oolith so wie dem Juradolomit beizuzählen ist.« Unter dem Jurakalk von Jerusalem mit Dolomit unterschied derselbe (einen auch mir auffallend gewesenen) Kalkstein, der sehr eisenschüssig ist und keine Dolomite führt, ja selbst unter diesem wieder einen (meiner Beobachtung entgangenen) zweiten, dunkelgefärbten, dichten, mit Enkriniten, der sich nur in geringer Entwicklung bei Jerusalem zeigt und hier nur an wenigen Stellen, stets aber als tiefestes Gebilde auftritt, während er in Osten der Jordansmündung und des todten Meeres zu hohen Bergen ansteigt. Den dichten, eisenschüssigen Kalkstein der ersteren Art hält Rußegger für ein Parallelgebilde des unteren Jura und des unteren Oolithes; den Enkrinitenkalk der als Tiefestes dasteht für den +carboniferous Limestone+ oder Kohlenkalkstein. Da ich, durch einen unglücklichen Zufall, von welchem ich später reden werde, noch in diesem Augenblicke nicht im Besitz unsrer größeren, auf der Reise durchs Peträische Arabien so wie durch Syrien gemachten geognostischen Sammlung, doch nicht ohne Hoffnung bin dieselbe wieder zu erhalten, verspare ich die ausführlichen Nachweisungen über diesen Gegenstand an einen andern Ort. Man dürfte, um nur noch eine Bemerkung über die Gebirgsnatur von Palästina hinzuzufügen, dieses Land, vor den meisten andern Ländern der Erde ein Land des Salzes nennen, das mit seinem Ueberflusse, der vorzüglich am todten Meere zu Hauße ist, auch in leiblicher Hinsicht ein Salz der ganzen Erde werden könnte. Auch an warmen Quellen ist es überaus reich. Dem lästigen Sande begegneten wir erst wieder jenseits dem Libanon, bei Beirut, und, in geringer Menge, an einzelnen Stellen der Hochebene von Damaskus. Palästina ist schon von Natur ein Land der Höhlen wie wenig andre Länder der Erde, und seit alter Zeit hat der hier wohnende Mensch die Zahl dieser Grotten noch vermehrt oder ihren natürlichen Umfang erweitert, weil er gern, wie die Taube, in den Felslöchern und Steinklüften wohnte. In diesen ist im Sommer gegen die Hitze so wie im Winter gegen die kalten Winde und Regen Schutz zu finden. An vielen Orten sieht man noch jetzt die Häußer so an den Fels gebaut, daß die Höhlen desselben theils zu Kammern, theils zu Viehställen dienen können. Obgleich das Erdbeben zu den öfter wiederkehrenden Schrecknissen des Landes gehört, bemerkt man dennoch die Spuren seines Vorüberzuges nicht so wie in Kleinasien an den Gebirgen, weil die Gewölbe des Kalksteines seinen Stößen besseren Widerstand leisten denn der Sandstein. Während das große Erdbeben vom ersten Januar in und um Nazareth so viele Menschengebäude niederstürzte, blieben jene Grotten, welche, wie wir später erwähnen wollen, der Andacht gewidmet sind, mit allem dem was sie umfassen, unberührt. Das Kalkgebirge, vor allem das mergliche, zeichnet sich allenthalben, wo der Segen des Wassers es benetzt und der Strahl der höher stehenden Sonne es belebt, durch eine ganz besondre Mannichfaltigkeit der Pflanzenformen so wie durch ein kräftiges Gedeihen derselben aus; das Basaltgebirge ist eine Mutter der Quellen. Welcher Boden könnte von Natur fruchtbarer und zum Anbau günstiger seyn als der von Palästina, wenn der Mensch nicht selber mit der Wiege der Fruchtbarkeit den Säugling vernichtet, wenn er nicht mit der vormaligen grünenden Bedeckung der Höhen und Bergabhänge den Kreislauf des Süßwassers, das als Dampf und Gewölk vom Meere hinansteigt nach der kühlen Höhe und von da als Quell und Bach wieder hinunterströmt zur Tiefe, zerstört hätte. Denn das Gewächsreich gleichet in der Geschichte jenes Kreislaufes den Haargefäßen, welche im lebenden Leibe den Uebergang des Blutes aus den Enden der Schlagadern in die Anfänge der Blutadern vermittlen und auf diese Weise es möglich machen daß der Puls nicht stille stehe. So sehr aber auch das eigne Volk des Landes, aus Neid gegen den fremden Eroberer und Herrscher[66], und so sehr die Feinde desselben, deren Zorn so oft diese Stätte der alten Segnungen traf, gegen den innren Wohlstand desselben gewüthet haben, ist es mir dennoch unbegreiflich, daß nicht bloß Spötter und geistige Feinde des Landes der großen Verheißungen, wie Voltäre, sondern selbst manche frühere Reisende, Palästina als eine natürliche Einöde, als einen Boden der weder vormals noch jetzt zum einträglichen Anbau taugte in böses Geschrei bringen konnten. Wer die unverwüstliche Fülle des Pflanzenreichthumes am Carmel und am Saum der Wüste, wer die grünenden Gefilde von Esdrälon und in der Jordansaue, die Laubwaldungen am Thabor, wer die Ufer des Tiberias- und des Meromsees gesehen, denen nichts fehlt als die anbauende Menschenhand, welche dem üppigen Boden ihre Saamenkörner und Pflanzungen anvertraut, der mag doch sagen welches andre, von tausendjährigen Kriegen entvölkerte Land unsrer Halbkugel er günstiger zum Wiederanbau gefunden. Freilich war es auch hier, ja hier vor allem der Segen von oben, der die Fülle des Gedeihens gab, aber der Kanal durch den der Strom des Segens sich ergoß ist noch jetzt weit geöffnet wie vormals. Die eigentliche, nähere Betrachtung der Flora von Palästina, so weit ihm dieselbe möglich seyn wird, verspart sich der Beschreiber dieser Reise an einen andern Ort; hier führt er seinen Leser nur, wie die Richtung des Weges es eben wollte, durch einen einzelnen Gang oder Fußpfad des großen Gartens. Im Koran der Mohamedaner schwört Gott bei der Feige und bei der Olive, das heißt bei Damaskus und bei Jerusalem. Der Oelbaum war und ist noch jetzt der Fürst unter den Bäumen dieses Landes, das seine natürliche Heimath zu seyn scheint. Ich habe nirgends so alte Oelbäume gesehen als hier; ihre Anpflanzungen könnten und würden freilich, wenn solche fleißige Hände ihrer pflegten, wie die der Provenzalen, ungleich ausgedehnter und einträglicher seyn. Das Oel, welches man aus der Frucht gewinnt, ist vortrefflich. Aber auch der andre Baum, den der Koran neben die Olive stellt, wächst in ungemeiner Menge in Palästina und seine Pflanzungen bedecken, namentlich in der Umgegend von Jabrut, auf den Hügeln zwischen Bir und Sindschil ganze fast unübersehliche Landstriche. Die Frucht ist von ganz besonders lieblichem Geschmack und aromatischer Süßigkeit, dabei aber meist kleiner als die der Umgegend von Smyrna[67]. Dagegen wird der Weinstock von Palästina, der freilich nur noch einzelnen Landstrichen desselben angehört, nicht nur an der feurigen Kraft seines Fruchtsaftes, sondern auch, wenigstens im südlicheren Gebirge des Landes an Größe und Menge der Trauben von keinem andern Weinstock der Erde übertroffen. Ich habe am Libanon Wein getrunken, dem mir kein andrer an Kraft und Wohlgeschmack gleich zu kommen schien, welchen ich jemals sonst gekostet. Da die Mohamedaner nur unter der Hand den Wein trinken (obwohl sie, wie früher erwähnt, diesem verbotenen Genuß allmählich mehr Geschmack abgewinnen) benutzen sie die Fülle der Trauben, die ihnen das Land giebt, außer zur unmittelbaren Nahrung und zum Verkauf an Christen und Juden, welche ihn keltern, nur zur Bereitung von Rosinen und vor allem zu der eines unvergleichlich guten Traubensyrupes, Dibse genannt, der meist nach Aegypten verkauft wird. Wie groß der Ertrag sey, zeigt die Größe der Ausfuhr jenes Syrupes aus einzelnen Orten, denn nach Shaw[68] soll allein Hebron jährlich gegen 2000 Centner davon versenden. Um Bethlehem wie um Jerusalem fällt die Reife der Traube und ihre Lese in den September; nur am Libanon giebt man sich die Mühe den Wein für längere Zeit zu pflegen und zu erhalten; gewöhnlich trinkt man das Gewächs des Jahres von einer Lese zur andern. Der erste Baum, dessen Blüthe vor der Zeit des Spätregens erwacht und in den tiefen Thälern selbst vor Eintritt der kalten Tage des Februar sich öffnet, ist der Loz oder Mandelbaum; die Gegend von Bethlehem und Hebron fanden wir im März mit blühenden Obstbäumen geschmückt unter denen sich die Aprikose, der Apfel und die Birne zeigen; im April vermählt sich der Purpur der Granatblüthe mit dem Weiß der Myrte und zugleich beginnt dann die Zeit der Rosen des Landes und der buntfarbigen Ladanen (Cistus); der Zakkumbaum (+Elaeagnus angustifolius+) giebt neben dem Storaxbaum, dessen Blüthe unserm sogenannten deutschen Jasmin (+Philadelphus coronarius+) ähnlich ist, seinen süßen Duft. Mit der siegreichen Kraft des Landes ist zwar zugleich das Zeichen des Sieges, die Palme von ihrem Ort hinweggenommen; die Palmengärten von Jericho sind bis auf wenige Spuren verschwunden. Wie trefflich jedoch der herrliche Baum im niederen Lande gedeihen könne, das zeigte uns die Ansicht von Akre und die Nachbarschaft von Kaipha. Nur als ein Pflegling der Menschenhand stehet in Gärten, wie an Begräbnißstätten und andern freien Plätzen der Ortschaften, die hohe Zypresse da; als selbstständiges Erzeugniß des Bodens erscheinen auf den Hügeln und Hochebenen der Azerolbaum (+Crataegus Azarolus+) der Wallnuß- und Erdbeerbaum, der Lorbeer- und Lorbeer-Tinus, die Arten der Pistazien und Terebinthen, der immergrünen Eichen so wie die baum- und strauchartigen Sorten des Rhamnus, der Cedernwachholder und einige Arten der Thymeläen, auf den vormals waldigen Höhen aber mehrere Arten der Pinien und Fichten. Der Sykomorus und der Johannisbrodbaum, die Maulbeeren und Opuntienfeigen wachsen meist nur angepflanzt in der Nähe der Ortschaften; Gärten voller Orangen und Zitronen fanden wir am meisten bei Nablus (Sichem). Die Arten des Getraides gehen in vielen Gegenden des Landes, vor allem in der Ebene Jesreel und auf den Hochebenen von Galiläa in großer Menge von selber auf, als verwilderte Nachkommen der vormals hier bestandnen Saatfelder, und bezeugen hierdurch noch jetzt welch herrliches Getraideland einst Palästina gewesen. Außer dem Waizen und der Gerste sahen wir unter diesen Wildlingen auch häufig unsern Roggen. Der jetzige, sehr nachläßig betriebene Ackerbau beschäftigt sich mit der Cultur fast derselben Getraidearten die man in Aegypten baut. Man sieht Felder des Sommer-Moorhirses (+durah gaydi+), des gemeinen (+durah sayfeh+) und des Herbstmoorhirses (+d. dimiri+), welche sämmtlich Varietäten des +Holcus Sorghum+ sind; Waizen (+kumh+) besonders der Spelt, Gerste (+Schay-ir+) gedeihen fast überall; in der obern Jordansaue und am Meromsee auch Reis (+aruz+); an der Jacobsbrücke im Jordan sahen wir schönes, hochwüchsiges Papyrusschilf. Von Hülsenfrüchten baut man den Hommos oder die Kichererbse (+Cicer arietinum+), die Fuhl oder Aegyptische Bohne (+Vicia faba+), den Gischrungayga (+Phaseolus Mungo+) und Gilban (+Lathyrus sativus+) so wie die Ads oder Linsen und die Bisilleh oder Erbsen. Unter den Gemüsen sind die Früchte der Hibiscusarten beliebt: Bamia Towileh ist +Hibiscus esculentus+, Bamia beledi und Wayka sind +Hib. praecox+; hie und da ist auch durch die Franken der Anbau der Kartoffeln (+kolkas franschi+) versucht worden; sehr gemein ist in den Gärten der Klöster die Kharschuf oder Artischoke so wie der Khus oder Salat; in feuchten Gegenden, wie bei Sichem die Batikh oder Wassermelone, Khiar oder Gurke u. a. Häufiger als der Kettan oder Lein wird der Bust oder Hanf gebaut, in günstigen Lagen auch die Baumwollenpflanze oder Qotn, so wie die Färberröthe oder Fuah. Wenn ich des eigentlichen Volkes der Pflanzen und Blumen von Palästina, welche uns die schönste Zeit des Jahres hier zu Gesicht brachte auch nur mit wenigen, beschreibenden Zügen gedenken wollte, dann könnte mein Bericht zu einem kleinen Büchlein anwachsen, denn wer nur dem (verhältnißmäßig doch nur kurzem) Laufe des Jordans vom todten Meere am Tiberias- und Meromsee bis zu den obersten Quellen am Antilibanon folgt, der durchwandert in wenig Tagen klimatische Zonen und mit ihnen zugleich verschiedenartige Hauptformen des Gewächsreiches wie sie in andern Gegenden der Erde um Hunderte der Meilen auseinander liegen. Ein Pflänzlein das die Pilgrime gewöhnlich am Oelberg sich sammeln ist die kleine Blut-Immortelle (+Gnaphalium sanguineum+); vom Karmel und Libanon nehmen sie sich die große orientalische Immortelle (+Gn. orientale+) als Andenken ihres Pilgerzuges mit. Auch nach den Früchten der Palästinensischen Mandragora (+Mandragora autumnalis+) suchen die Orientalischen Christen so wie die Mohamedaner in der Umgegend von Jerusalem, weil sie diesen Früchten besondre Kräfte zuschreiben; sie ist aber gerade hier sehr selten, häufig dagegen südwärts von Hebron, dann am Thabor und Carmel. Wer die Pracht der Liliengewächse, der Tulpen, der Hyazinthen, Narzissen und Anemonen recht im Großen sehen will, der muß im Frühling einige der Gegenden besuchen, durch welche wir kamen; empfangen doch selbst in diesem Lande die wilden Laucharten eine Schönheit und Größe, die sie zum Schmuck unsrer Gärten machen würde. Bei der Thierwelt von Palästina werde ich mich noch kürzer verweilen. Nur selten sieht man noch Heerden von Rindvieh; der Stier der Umgegend von Jerusalem ist unansehnlich und klein; Rindfleisch oder Kalbfleisch gehören zu den seltneren Genüssen. Dagegen gedeiht der Stier besser und wird häufiger gesehen in dem oberen Jordansthale, auch am Thabor und in der Nähe von Nazareth, vor allem aber ostwärts vom Jordan, auf dem Wege von der Jacobsbrücke nach Damaskus. Den Gamus oder Büffel sieht man in den Gegenden der Meeresküste; er kommt hier an Größe und Stärke dem Aegyptischen gleich. Es scheint das Türkische System der Abgaben gewesen zu seyn, das vom Großen zu Großes nahm, oder auch die Raubsucht der herrschenden Fremdlinge des Landes, dem sich das Kleine leichter verbergen und entziehen ließ als das Große, was der eifrigeren Zucht der Rinder solchen Eintrag that, denn man darf wohl sagen daß, wenn noch hundertmal so große Heerden, als jetzt da sind, in den fruchtbar gebliebenen Auen und Gefilden weideten, sie in den verwilderten Saatfeldern mehr niedertreten würden, als sie verzehren könnten. Wenigstens erschien dieß in den Frühlingsmonaten so, in denen die Gras- und Getraidearten noch nicht, weil der Mensch das Mähen versäumte, von selber zum Heu zusammengedorrt waren. Wenn in unsren Tagen ein König Friedreich oder Salomo Israëls Herrscherthron bestiege, er würde sich statt der zehn gemästeten Rinder und zwanzig Weiderinder, welche Salomo täglich, neben den andern Schlachtthieren für seinen Hofhalt brauchte mit Schafen und Ziegen begnügen müssen. Denn diese sieht man noch in großer Menge und zahlreichen Heerden in allen Gegenden des Landes; ihre Milch und ihr Fleisch dienen zur täglichen Nahrung, ihre Wolle und Haar zur Bekleidung der Bewohner. Die gewöhnlichere Art der hiesigen Schafe zeigt noch die Anlage zum Fettschwanz; das Haar der Syrischen, langohrigen Ziegen ist von ziemlicher Feinheit, schien uns aber dennoch dem der Kleinasiatischen Abart, am Sypilus und Tmolus nachzustehen. Von Hirscharten sah ich nur eine Kuh des Damhirsches und zwar in derselben Gegend in welcher Hasselquist Damhirsche bemerkt hatte, nämlich auf dem Thabor; auf dem Wege von St. Philipp nach St. Johann glaubte ich auch auf der Höhe des Berges Thiere vom Geschlecht der Hirsche zu erblicken, es ist mir jedoch selber wahrscheinlicher, daß es die hiesige braune Gazelle (+Antilope hinnuleus+) war, denn von dem Geschlecht der Antilopen bemerkten wir mehrere Arten in Palästina. Eine Kamelzucht die der Erwähnung werth wäre, hat dieses Land, wenigstens westwärts vom Jordan nicht mehr, wohl aber begegneten wir im Thal der Thäler: in der Hochebene zwischen dem Libanon und Antilibanon, bei Baalbeck ansehnlichen Herden dieser Thiere. Unter den hieländischen Pferden sahen wir manche die von schöner Form waren, und von edler Arabischer Abkunft schienen, seiner einheimischen Pferdezucht kann und wird sich aber das jetzige Palästina schwerlich rühmen. In seiner Art, dieß kann man wohl sagen, steht hier der Esel auf einer höheren Stufe der Veredlung als das Roß; seiner, wie des Maulthieres und Maulesels bedient man sich auch am öftersten zum Reiten, und bei den hiesigen schlechten Gebirgswegen ist diese Art des Fortbewegens auch die zweckmäßigste und sicherste. Der Eber (+khanzir+) ist häufig auf dem Thabor und kleinen Hermon, so wie an den wald- und buschreichen Abhängen des Karmel. Aus diesen Aufenthaltsorten kommt er oft herunter in die Ebene von Jesreel. Vom Wower oder +Hyrax syriacus+ konnten wir in Palästina und Syrien, nach welchem er doch genannt ist, keine Spuren entdecken. Obgleich unsre Mucker, die uns zuerst von Jerusalem ans todte Meer, dann nach Damaskus, aus dessen Nähe sie gebürtig waren, geleiteten, uns den Assed oder Löwen unter den Gefahr drohenden Thieren des Landes nannten, konnte ich diesen guten Leuten dennoch keinen vollen Glauben schenken, denn sie nannten jede Art der Thiere, nach deren Arabischen Namen ich sie fragte, entweder mit dem allgemeinen Namen Hywan, d. h. Thier, oder höchstens Wahesch d. h. wildes Thier. Dagegen ist aus dem Geschlecht der Katzen der gemeine Panther oder Nimr in den mittleren Gebirgsgegenden von Palästina zu Hauße; aus dem der Hunde in den südlicheren Gegenden der kleine Abul Hhosseyn oder +Canis famelicus+, und eine größere Art des Fuchses, die wir nicht zu sehen bekamen, scheint mit dem Namen Taleb bezeichnet zu werden. Außer diesen ist der Schakal (Dib) ein Feind der Herden. Von Bären sahen wir nur das verstümmelte Fell als Decke oder Lagerstätte des Reiters am Sattel einiger Maulthiere hängen die uns begegneten. Angeblich waren die Thiere am Antilibanon[69] erlegt; die Fragmente des Felles erinnerten aber weniger an die von Ehrenberg beschriebene Art als an unsern gemeinen, braunen Bären. Der hiesige Igel, den wir aus Bethlehem bekamen, ist nicht der langöhrige, Aegyptische, sondern gleicht ganz unsrem gemeinen Europäischen. Der hiesige Erneb oder Hase ist der Arabische; das Stachelschwein wohnt häufig in den Felsenklüften von Palästina; gemein ist hier auch die Blindmaus für die wir keinen andern Namen erfuhren als den allgemeinen für Ratte: »Far.« Unter den größeren Raubvögeln sahen wir am öftersten den gemeinen Cathartes oder Aasgeier (+Cathartes Percnopterus+), so wie den Hedy oder Weihen; die hiesige wilde Taube (+qimri+) ist von unsern Arten nicht wesentlich verschieden, eben so wenig die Arten des Neuntödters, der Krähen, die Mandelkrähe u. A. Ob das große Thier, das die hiesigen Araber Temsah nennen, und das westwärts von Sichem in einem Fluß oder kleinen See vorkommen soll, wirklich ein Krokodil sey, hatten wir nicht Gelegenheit zu untersuchen. Die hieländische Schildkröte, die wir bei Bethlehem und Nazareth fanden, ist die bekannte Griechische (+Testudo graeca+) die schon bei Rom lebt; vom Chamäleon sprach ich schon. Schlangen sind sehr selten, und nach dem Bericht andrer Reisenden gehören sie nur zu den ungiftigen. Ueber die Süßwasserschnecken von Palästina wird mein lieber Reisegefährte und Freund: +Dr.+ Roth öffentliche Mittheilungen machen; bei Beiruth sahen wir die +Janthina fragilis+, die den gemeinen Purpur lieferte. Unter den hiesigen Insekten ist die Biene (Nahl) die ruhmwürdigste Fürstin, ein Namensverzeichniß der zahlreichen Käfer u. a. die wir in Palästina erbeuteten, möchte wenig Interesse haben. Von den Namus oder Mosquitos hatten wir in dieser Jahreszeit noch nicht zu leiden. -- Nur so viel einstweilen, von der Naturgeschichte des bedeutungsvollen Bodens. Läge das Element, welches die Beachtung des Geistes auf irgend ein Land der Erde hinlenket, nur in der Größe oder Naturbeschaffenheit desselben, dann würde Palästina mit all seinen äußren, auch noch so interessanten Eigenthümlichkeiten unter der Menge der andren Länder wie die kleine Lilie des Thales (+Convallaria majalis+) erscheinen, die im Gebüsch und Schatten des hohen Eichenwaldes sich verbirgt. Aber auch das Auge, das mit seinem Blicke die unermeßbar großen Reiche der Sichtbarkeit umfasset, ist ein kleines unter den andren Gliedern des Leibes; der Menschenleib selber, in dem die ewige Weisheit Schätze von ganz andrer, unvergänglicherer Art verborgen hat, denn die des edlen Erzes sind, erscheint nur als eine vorüberziehende Wolke von Staub gegen die Hochgebirge, in denen »das Silber seine Gänge und das Gold seinen Ort hat.« Nicht das Heer der Sterne, so unermeßbar dasselbe für die Sinnen seyn möge, ist das Unendliche, das ewig Eine, sondern der Geist, welcher das sichtbare Wesen umfasset und bedenkt; nicht das tägliche Wunder der Erhaltung und des Bestehens, sondern das ewige Wunder des Schaffens und Wiedergebährens aus dem Geiste ist das Anfängliche und Höhere. Und dieses Höhere und Höchste hatte einst in dem kleinen Palästina den Thron seiner Herrschergewalt auf eine offenbarlichere, näher erfaßbare Weise aufgeschlagen, denn in allen Reichen der Erde, ja in allen Reichen der Sichtbarkeit, von einem Stern zum andren; hier hat den denkenden Geist im Menschen, dessen wahres Heim noch ein andres ist als das der Sternenwelten, ein Licht umleuchtet, heller denn die Sonne, ja denn aller Sonnenheere Glanz. Die liebliche Zeit des Pilgerlaufes in Jerusalem gieng nun zu Ende; die Stunden des Abschiedes waren gekommen. Das Pilgerhaus des Lateinischen Klosters war uns ein Salem, eine Stätte des Friedens, des innren wie des äußren Menschen gewesen; noch einmal besuchten wir die Kirche des heiligen Grabes und die guten Väter des Griechischen Klosters, die uns so reiche, uneigennützige Beweise ihrer Freundlichkeit und Liebe gaben; sahen die deutschen Landsleute unter den hiesigen Israëliten, Bergmann, Hirsch und Schwarz, und wandelten noch einmal über dem Kidron hinüber nach dem Abhange des Oelberges. Die letzten Stunden des Abends brachte ich auf dem oft erwähnten Hügel, innerhalb des Stephansthores zu. Der Mond leuchtete hoch über dem Gebirge des Ostens und ließ die Stadt wie unter dem weißen Schleier einer einsamen Wittwe sehen. Doch nicht immer wirst du eine Einsame und Trauernde seyn, du hohe Stadt Jerusalem; auch aus deinem Abend wird wieder der Morgen werden, wenn der Tag der Erfüllungen kommt, der zwar verzeucht, aber nicht ausbleibet. Reise nach Sichem und Nazareth. Wir hatten uns, Sonnabends den 15ten April noch lange bei den treuen Vätern des Lateinischen Klosters verweilt; vor allem bei dem trefflichen Padre Secretario Fr. Perpetuo a ~Solerio~ dessen Freundlichkeit und Güte gegen uns sich der dankbaren Erinnerung tief eingeprägt hat; es war halb neun Uhr geworden, als wir unsre Thiere bestiegen und die Weiterreise antraten. Unsre Reisegesellschaft hatte sich um einen guten, bisherigen Begleiter vermindert; Herr Krohn war noch zurückgeblieben, auch Herr Mühlenhof besorgte Geschäfte in der Stadt, die ihn um einige Stunden verspäteten. Jenseit des Thores von Damaskus, auf der Höhe, im Norden der Stadt stunden wir noch einmal still und betrachteten die liebe Stadt. Ja, »wünschet Jerusalem Glück, es müsse wohlgehen Denen die dich lieben.«[70] Denn siehe Denen die nach deinem Heile fragen und trachten nach deinem Frieden ist Israëls Gott ihres Herzens Trost und ihr Theil; sie werden kommen gen Zion mit Jauchzen; ewige Freude wird dann über ihrem Haupte seyn; Freude und Wonne werden sie ergreifen und Schmerz und Seufzen wird wegmüssen[71]. Der Weg war anfangs der schon früher von uns betretene, an den Gräbern der Könige vorüber, dann die Anhöhe hinauf und gegen Schafat hin, das der Weg zur Linken lässet. Wir hatten bis hieher und bis an die Hügelzwillinge, von denen ich früher sprach[72], auf unsren langsamen Maulthieren anderthalb Stunden gebraucht. Die Aussicht, vor allen gegen Westen und Nordwesten hin, über die nach vielfachen Richtungen verlaufenden Flachthäler und ihre Nachbarhöhen ward hier entzückend schön; am nächsten und mächtigsten fiel die Moschee auf jenem erhabenen Gebirge zu unsrer Linken ins Auge, das die Kunde der jetzigen Bewohner des Landes für die Stätte von Ramathaim Zophim, des Geburtsortes und des Grabes Samuels des Propheten hält. Ein Ort, am Fuße des Berges, ward uns von einem alten Hirten Henina genannt. Obwohl unsre Seele tief in ihrem Innersten, bei dem Genuß dieser Stunden Etwas von den Kräften jener Verheißung empfand: ihr sollt mit Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden, ergriff mich dennoch, bei dem Anblick dieser Gegend und aller ihrer oft zerstörten und in kümmerlicher Zeit wieder aufgebauten Ortschaften, auf den Höhen und in den Ebenen, ein eigenthümliches Leid. Ich war hier unter Bekannten und dennoch Unbekannten. Wenn ich mich, bei der Betrachtung des vor mir aufgeschlagen da liegenden Buches der Denksteine großer Geschichten selber fragte: verstehest du auch was du siehest; da mußte ich mir traurig antworten: wie kann ich, so mich nicht jemand anleitet? Wie sehr hatte ich die Abwesenheit des trefflichen, landeskundigen Nicolaison zu beklagen, der mir gewiß in und um Jerusalem ein freundlicher Führer geworden wäre. Unsre Mucker waren zwar zum Theil diese Straße schon öfter gezogen, aber, sie selber Fremdlinge im Lande, konnten uns nur die Stationen mit Sicherheit nennen, an denen sie gewöhnlich Halt zu machen pflegten. Darum waren wir, namentlich für den heutigen Tag, mit dem Einholen von Erkundigungen nur an die Hirten oder andre uns begegnende Araber gewiesen. Nach 2¹⁄₄ Stunden kamen wir in dem Thale, durch das unser Weg führte und welches nur von mäßig hohen Felsenwänden begränzt ist, an zahlreichen Ruinen vorüber; zur Linken des Weges zeigten sich vier Bögen, zur Rechten Mauern und viele in den Felsen gehauene Stufen. Weiterhin traten wir, in mehr nördlicher Richtung in ein andres, von höheren Felsen umgürtetes Thal ein, auf dessen grünendem, von etwas Wasser getränktem Grunde Hirten ihre Herden weideten. Auch in diesem Thale sahen wir einige (unbedeutende) Ruinen aus alter Zeit. Es war schon Mittag vorüber, da wir den reichlich fließenden, schön ummauerten Brunnen, am Fuße des Hügels auf welchem Bir, das alte Beeroth liegt, erreichten; wir hatten, von Jerusalem hieher, 3³⁄₄ Stunden Zeit gebraucht. Da der Name Bir keine andre Bedeutung hat als Brunnen, kann man aus diesem allein nicht mit Sicherheit urtheilen, ob da die Stätte des alten Michmas oder die von Beeroth war[73]. Es ist hier eine Gegend der Heldenthaten und der Kämpfe in der wunderbaren Kraft Jehovahs; Gibeon das auf einer der benachbarten Höhen lag war überdieß auf einige Zeit die geheiligte Ruhestätte der Bundeslade, es war der Ort, da Salomon der König, den Herrn nicht um langes Leben, noch um Reichthum, sondern um ein gehorsames Herz, um Weisheit bat[74]. Die christliche Sage knüpft jedoch an die Stätte dieses Bir noch eine andre Erinnerung. Hier soll der Ort des ersten Nachtlagers gewesen seyn, an welchem die Eltern Jesu den zwölfjährigen Knaben vergeblich unter den Gefreundeten und Bekannten suchten[75]. Denn noch jetzt pflegen die Pilgrime, wenn sie nach der österlichen Zeit aus Jerusalem zur Heimath zurückkehren, aus alter Gewohnheit, welche kein frühes Aufbrechen aus der Stadt erlaubt, die erste Tagreise nur bis Bir auszudehnen, wo die ansehnlichen, weitläufigen Gemäuer eines vormaligen Klostergebäudes später zu einem Chan oder Lagerort der Karawanen benutzt wurden. Die Andacht der Christen hatte sich aber auch hier noch eine andre Stätte des höheren, geistigen Ausruhens geschaffen, in einer Kirche, deren ansehnliche Ruinen noch jetzt die Beachtung des Reisenden anziehen. Die Spitzbögen und Giebel erinnern an jene Zeit der christlichen Baukunst, welche die vorgothische oder byzantinische genannt wird; vielleicht, um für dieses Land es näher zu bezeichnen, an die Zeiten der Kreuzzüge. Doch sollte, der bestehenden Sage nach, schon die Kaiserin Helena an dieser Stätte eine Christenkirche begründet haben. Man hatte uns gesagt, daß wir auf diesem gewöhnlichen Heerwege der Reisenden an jedem Orte Lebensmittel in Fülle finden würden. Die grünenden Hügel und Auen in der Nachbarschaft, mit den Herden des Viehes schienen eben dasselbe zu versprechen. Da wir aber jetzt von den Arabischen Bewohnern des Ortes Brod und Milch begehrten, sagten uns diese daß sie nichts verkaufen dürften, brachten aber dennoch nach einer Zwischenzeit, in welcher bei uns der Hunger das Wort führte, beides herbei, wofür sie, nachdem wir es kaum genossen hatten, ein Gegengeschenk einfoderten, welches in reichlichem Maße dem Werth des Empfangenen gleich kam. Wir gaben dies gern und hätten es auch ohne die Einfoderung gethan; es war hier ein gemeinsamer Durchgangspunkt solcher Schaaren, denen das Geben nicht seliger ist denn das Nehmen, sondern welche umgekehrt lieber nehmen als geben. Wir blieben und ruheten hinter dem Schatten der alten Gemäuer in Bir bis 2¹⁄₂ Uhr nach Mittag. Herr Mühlenhof, den wir hier erwarten wollten, war nicht gekommen, wir wußten daß er uns wenigstens im Nachtlager einholen würde. Jenseits Bir, im Norden von diesem, liegen, in geringer Entfernung vom Orte, abermals Ruinen, zur Rechten des Weges. Unsre Mucker konnten uns keinen Namen derselben nennen; daß aber die Gebirge, die wir von der Höhe her in Nordwesten, mit ihren wald- oder buschreichen Rücken sich hinziehen sahen, die Gebirge Ephraims seyen, das brauchte uns kein Führer zu sagen. Noch jetzt tönet über diesen majestätisch schönen Höhen ein Nachhall der Worte des Segens Mosis, des Mannes Gottes, die er über Joseph sprach: Sein Land ist gesegnet vom Herrn; mit dem Edlen der Höhe, dem Thau, und mit dem der Tiefe, die unten liegt; und mit dem Edlen des Himmels und mit edlen Schossen der Monde; und mit dem Köstlichsten der Berge des Aufganges und mit dem Edlen der ewigen Hügel und der Erde und was drinnen ist. Die Gnade deß, der in dem Busch wohnte, komme auf das Haupt Joseph, und auf den Scheitel des Nasir unter seinen Brüdern[76]. Oder die Worte jenes älteren Segens, Jacobs des Erzvaters, welche höher giengen denn die der Vorältern, bis zur Wonne der ewigen Hügel[77]. Wir waren, von Bir hinweg, anfangs etwas aufwärts gestiegen; jenseits dem Rücken der Höhe senkte sich der Weg abwärts. Wir hatten zur Linken neben uns ein Thal an dessen gegenüber stehendem Abhange in der Mitte der grünenden Pflanzungen von Feigen, Oliven und andern fruchttragenden Bäumen, das ansehnlich aussehende Dorf Jabrut liegt. Nahe bei diesem öffnet sich, gegen Südwesten, ein Felsenthal, an dessen gähen Wänden eine Menge der Grabeshöhlen gesehen wird, welche bezeugen daß hier einst die Stätte eines ansehnlichen Wohnortes in der selbstständigen Herrscherzeit des Landes gewesen. Auf der nordwestlichen Höhe, über und neben Jabrut liegt Ensimei (so benannten es unsre Führer) dessen alte Gemäuer sehr kräftig ins Auge fallen. Unsre Mucker, welche überhaupt keine Freunde von großen Tagreisen waren, bezeugten Lust in Jabrut zu übernachten; da wir aber am andren Tag recht zeitig nach Sichem zu kommen wünschten, widersetzten wir uns dieser Absicht und drangen auf weitre Fortsetzung der Reise. Indem uns Jabrut etwa in der Entfernung von 20 Minuten Weges westwärts (zur Linken) blieb zogen wir jetzt in nördlicher dann etwas nordwestlicher Richtung, auf sehr steiniger Straße an dem Bergabhang hinunter, der ein fast unübersehlich großer Garten von Feigenbäumen ist. Die Pflanzungen schienen, nach der Größe der Bäume zu urtheilen, noch ziemlich jung, sie verriethen eine sorgfältigere Anlage und Pflege als die Gärten der Fellahs oder auch der Stadtbewohner in der Umgegend von Jerusalem. Diese Tausende der Feigenbäume, an denen schon ziemlich augenfällige Früchte stunden, müssen in guten Jahren einen Ertrag geben, dessen Fülle eine ganze Provinz unsers Vaterlandes mit den Schüsseln des Nachtisches versorgen könnte. Das tiefe, fruchtbare Thal in das wir jetzt eintraten, zieht sich wieder in nördlicher und selbst etwas nordöstlicher Richtung fort. An seinen Felsenwänden zeigt sich der Dolomitkalk, den wir überhaupt auf der heutigen Tagreise öfters sahen. Jenseit der Feigenbaumpflanzungen tritt die freie, von der Menschenhand unberührte Natur wieder in ihre Rechte; neben den Rosen, deren Erstlinge sich eben aufschlossen[78], blühte der wohlriechende Jelägerjelieber und mehrere Arten der strauch- und krautartigen Malven[79]. Gegen fünf Uhr, 2¹⁄₂ Stunden von Bir aus fanden wir in der Tiefe des engen Felsenthales alte Gemäuer unter denen sich die von einer Art von Teich oder Cisterne am meisten auszeichneten. Nahe dabei entspringt ein Quell unter dem Vorsprung des Felsendaches. Der Kalkstein dieser Gegend ist sehr porös und zerklüftet. Ostwärts zieht sich ein andres, noch engeres Felsenthal nach dem Gebirge hinan. Es war wieder ein festlich schöner Vorabend des Sabbathes, wie uns dieses Land schon mehrere gegeben hatte. Hier in der Nähe war einst die Stätte von Bethel, dem Hauße Gottes, da dem Jacob die Verheißung ward deren Segnungen über alle Geschlechter der Erde sich ergoßen. Dort war es, wo der Trost Israëls und sein Hort dem einsamen Wandrer im Gesichte der Nacht begegnete und zu ihm sprach: siehe Ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinzeuchst, und will dich wieder herbringen in dieß Land. Denn ich will dich nicht lassen bis daß ich thue was ich dir geredet habe[80]. Nachdem wir noch eine halbe Stunde lang durch das schöne Thal, das sich hier mehr erweitert, gezogen waren, wendeten wir uns wieder zur Linken (etwas westlich) und stiegen fast drei Viertelstunden lang den Bergabhang hinan gegen Sindschil, das wir zu unsrem Ruheort für die nächste Nacht erwählt hatten. Wir erreichten die Nähe des Dorfes kurz vor Sonnenuntergang. Der Ort ist von Türken und Arabern bewohnt; man bot uns, da wir kein Zelt hatten, freundlich den Vorplatz vor der Moschee zur Stätte des Nachtlagers an, wir zogen es jedoch vor, außen im Freien, auf einem von niedern Mauern umschlossenen, reichlich grünendem Platze zu schlafen und schlugen hier unser Pilgerlager auf[81]. In der That ein herrlicheres Schlafgemach als dieses konnte nirgends gefunden werden. Die Abendsonne warf ihre Strahlen auf das jenseit dem Thale in Ost und Nordost gelegne Gebirge, das in rundliche Kuppen ausläuft, und von grünenden Schluchten und Flachthälern durchzogen wird. In einer sattelförmigen Eintiefung der Höhen, fast in Nordost von Sindschil zeigte sich Silun: das Silo der heiligen Schrift, dessen Name eine Friedselige bedeutet. An diesem Ort eines seligen Friedens hatte lange Zeit hindurch, von Josua bis auf Samuel die Stiftshütte ihren geheiligten Wohnsitz, denn hier versammelte sich unter dem Manne, den der Herr an Mosis Statt zum Retter und Führer des Volkes erwählt hatte, die ganze Gemeine der Kinder Israël und richteten daselbst die Stiftshütte auf, und das Land war ihnen unterworfen[82]. Und wem sollte nicht vor allem, bei dem Anblick von Silo die liebliche Geschichte von Samuel dem Knaben einfallen[83]; die Geschichte jener Hanna die dort bei dem Heiligthume des Herrn mit tiefbetrübtem Herzen weinte und betete, und welcher der Gott Israëls gab ihre Bitte, die sie von ihm gebeten hatte, nämlich einen Sohn der dem Herrn verlobt war von Mutterleibe an. Dahin nach Silo brachte Hanna das Kind, sobald es entwöhnet war, damit es vor dem Herrn und in seinem Dienste bleiben möge sein Leben lang, und jedes Jahr wenn die Mutter Hanna hinaufzog mit ihrem Manne Elkana von Ramathaim Zophim nach Silo, um daselbst ihr Opfer zu opfern, brachte sie dem Knaben ein kleines Oberkleid mit und sahe mit fröhlichem Herzen wie der Knabe gieng und nahm zu und war angenehm bei Gott und bei den Menschen. Denn Er, der allein heilig ist, hatte auch darinnen das Gebet der tief Betrübten und hoch Getrösteten angesehen, daß Er die Füße des Ihm Geheiligten behütete, daß er nicht verführt ward zu den Sünden der Söhne Eli; Er hatte ihn ausgesondert und gerufen bei seinem Namen damit er ein Seher würde des Verborgenen und Künftigen; ein Mund durch welchen der Herr sprach zu seinem Volk. Mitten in dem Lande, das mir in meiner Kindheit als ein unerreichbar fernes, fast wie jenseit des Grabes, im Himmel gelegenes Land der Wunder erschienen war, wandelte mich an diesem Abend abermals ein Gefühl auch des leiblichen Daheimseyns an. Ich weiß nicht mit welcher Gegend meines lieben Muldenthales diese da, bei Silo, Aehnlichkeit haben mag; mir war es aber als hätte ich ihr Vorbild schon in den frühesten Tagen meines Lebens gesehen. Freilich gab es bei uns zu Hauße, man mochte nun in Waldenburg oder in Glaucha, oder in Lößnitz bei Hartenstein seyn, ordentliche Betten, darinnen ein Mensch Raum hat, und diese Betten stunden unter einem Obdache, das weder der Thau des Himmels noch der kühle Nachtwind anrührte, hier aber gab es nur eine schmale Matratze, die für zwei Personen, sie mochten sich vorwärts oder rückwärts legen, doch nur halbgenügenden Raum hatte und der Thau der Nacht fiel ungehemmt auf das Gras worauf die Matratze lag, so wie auf das Gesicht der Schlafenden. Auch hatte die nächste Umgegend unsers heutigen Lagers in ihren Mienen viel Fremdartiges; denn weder in dem guten Waldenburg noch auch in der Altstadt der Töpfer, die zu seinen Füßen liegt, giebt es solche platte Dächer, wie in Sindschil, oder in dem Dorfe unten im Thale das wir ganz nahe vor Augen hatten, auch sieht man dort keine Moscheen noch Minares, sondern Gott Lob! christliche Kirchen und Thürme. Dennoch dachte ich hier, in der Nähe von Silo und Bethel, so lebendig als wäre ich in dir, deiner, du kleines Vaterland in der Nähe des Muldenthales, und mein Herz sprach über euch, ihr Bewohner des Fürstenschlosses in Waldenburg einen Segensgruß aus, den ich auch hier nicht verschweigen will. Möge es in deiner Mitte, du gesegnetes Fürstenhaus, in einer Zeit da des Herrn Wort theuer geworden ist[84], niemals an Einem fehlen der von ganzem Herzen nach dem Herrn frage und nach jener Wahrheit welche ewig bleibet. Unten im Thale dämmerte schon der Abend; die Höhen von Silo beleuchtete der Mond. Herr Mühlenhof war jetzt auch wieder zu uns gekommen; eine Schaar der männlichen Bewohner des Dorfes, ihre Pfeifen rauchend, hatte sich zu dem Feuer gesellt, an welchem unser Reis kochte, oder saß ehrerbietig auf den niedern Mauern unsers Lagerplatzes und hörte dem lauten Gespräch der Andren mit unsrem Arabischen Knechte und mit den Muckern zu. Wir schliefen zuletzt mitten unter diesem Gespräch, wie bei dem Murmeln eines Baches ein. Wer in solcher Zeit des Jahres in diesem Lande unter freiem Himmel schläft, der wird am Morgen doppelt gestärkt erwachen; denn der erfrischende Thau, gewürzt von den Düften der blühenden Gesträuche, benetzt sein Haupt und Angesicht. Ein erfrischender Thau noch von andrer höherer Art war hier auf unser Auge gefallen, da es sich am Sonntagsmorgen, den 16ten April dem anbrechenden Tage wieder aufthat, das war die Erinnerung an die Geschichte des Landes das vor uns lag. »Gewißlich ist der Herr an diesem Orte,«[85] das war der Gedanke mit dem ich da, in der Nähe von Bethel erwachte und durch ein merkwürdiges Zusammentreffen, das uns auf dieser Reise mehrmalen begegnete, war es auch der Spruch der Tageslosung, den wir heute, am 16ten April 1837 aufschlugen. Wo viel Licht, da giebt es, so lange wir im Leibe wallen auch starke Schatten; die innre Ruhe wurde in etwas durch die Entdeckung eines Diebstahles gestört, der im Vaterlande, wo man Alles so leicht wieder haben kann, von sehr geringer Bedeutung gewesen wäre, hier aber in der Fremde nicht so erschien. Das, was dabei am meisten zu bedauern war, lag nicht in dem kleinen Verluste, sondern in der Richtung die unser Verdacht nahm. Wir argwöhnten daß einer der Türkischen Bewohner des Dorfes der Dieb gewesen sey, wie sich aber später mit größester Wahrscheinlichkeit ergab hatte uns ein alter Mucker, der, ohne zu den unsrigen zu gehören, der Gesellschaft sich anschloß, bestohlen; von heute an war er niemals mehr unter unsern unmittelbaren Begleitern; wir trafen noch einmal mit ihm in Nazareth zusammen, sahen ihn aber dann nicht mehr. Der Türkische Nasir, oder Vorstand des Dorfes, der von dem Diebstahl gehört hatte, begleitete uns, eines unsrer Thiere führend, eine Strecke Weges über das Dorf hinaus und lehnte mit Ernst den Verdacht von den Leuten seines Dorfes ab. Ich bekenne es aber mit Beschämung, daß ich dennoch seinen Reden nicht glaubte, denn weil der alte Mucker, wenigstens dem Namen nach ein Christ war, traute ich diesem gegen seine Glaubensgenossen ein Besseres zu als den Mohamedanern. Wir waren um 6 Uhr des Morgens aufgebrochen. Der Weg lenkt sich zuerst in nordöstlicher Richtung über den steilen, steinigen Abhang wieder hinab in das Thal, aus dem wir am gestrigen Abend heraufgestiegen waren, dann an seiner andren (nördlichen) Seite wieder hinan auf den Höhenzug, der es auf der andern Seite begränzt. Von dem Gipfel dieses Bergrandes zieht sich der Weg über den steilen, steinigen Abhang hinunter in ein schönes, fruchtbares Thal: in das von Libna, oder Lebona. Nahe zu unsrer Rechten lag ein tiefer gemauerter Brunnen, in ziemlicher Entfernung vom Orte; hier schöpften einige der Bewohnerinnen Wasser, das sie, nach der Sitte des Landes in Schläuchen und Krügen nach Hauße schleppten. Wir fragten sie scherzend, warum sie nicht lieber ihre Männer, die ja stärker seyen als sie, dieß schwere Geschäft verrichten ließen, die zunächst Gefragte antwortete: für unsre Männer wäre es unziemlich, für die Frauen geziemt es sich. Anderthalb Stunden nach unserm Ausritt aus Sindschil (um 7¹⁄₂ Uhr) kamen wir an Lebona vorüber, das uns links, am Bergabhange, zur Seite liegen blieb. Diese alte, Kananitische Königs- und nachmalige Israëlitische Levitenstadt Libna erinnert den Pilgrim an das letzte Aufflackern des Hochmuthes Sanheribs, welcher mehr noch als Goliath dem Zeuge Israëls und seinem Hort, Hohn gesprochen. Dieses Weissenburg oder Weissenberg des gelobten Landes (denn solche Bedeutung hat der Name Libna) war der Ort, an welchem der Assyrische Herrscher das Gerücht vernahm von Thirhaka's des Mohrenköniges Auszug gegen ihn, und von wo er, mehr fürchtend die Pfeile des Mohrenköniges, als die Macht Jehovahs, die Botschaft absendete gegen Hiskia, in deren Worten er nicht dem Könige von Juda, sondern dem König der Könige auf Erden den Krieg ankündete[86]. Nach zwei Stunden Weges von Sindschil kamen wir in meist nördlicher Richtung an einem Orte Namens Sawia oder Sawi vorüber; nach 2¹⁄₄ Stunden sahen wir zu unsrer Rechten eine Ruine. Der Weg zieht sich an einem, nicht sehr hohen Abhange hinan, auf dessen Gipfel blühendes Cistusgesträuch stehet und auf der unfruchtbaren Heide das +Poterium spinosum+. Etwas vor zehn Uhr (3³⁄₄ Stunden nach unsrem Aufbruch) gelangten wir von neuem in ein schönes, grünendes, sonntäglich stilles Thal. Dieses Hauptthal, fast von Süd gen Nord verlaufend, ist breiter; nach beiden Seiten hin öffnen sich aber Nebenthäler in dasselbe, deren östliche das Auge weit hinan verfolgen kann aufs Gebirge. An der Mündung der Seitenthäler, wie im Hauptthale liegen mehrere Ortschaften. Ein Hirtenmägdlein, festlich geschmückt (denn auch die Mohamedaner feierten, wie ich nachher erwähnen will, heute einen hohen Festtag), etwa von zehn Jahren, saß am Wege. Es erinnerte mich durch seine ernst und dennoch freundlich hell blickenden Augen an meine liebe Tochter Selma, wie diese als Kind von solchem Alter gewesen; ich fragte das Mägdlein nach dem Namen der Orte, zur Rechten und zur Linken: sie nannte den mittleren der nahe vor uns im Hauptthale lag Howara, den zur Linken, in Westen, an der Mündung des Nebenthales gelegnen Anabue, den zur Rechten, der auch an einem Seitenthale liegt, Betä. Von hier an zogen wir noch über anderthalb Stunden weit durch das herrliche Thal hin. Wer sollte nicht dort, auf dem Wege durch die blühenden Saatfelder, zwischen deren Getraide purpurne Alceen am hohen Stengel sich neigten, an jenen höchsten Gast und Pilgrim der Erde gedacht haben, der schon als Kind mit seinen, dem Herrn geheiligten Eltern, dann als Jüngling und Mann auf diesem Wege oft gewandelt und durch sein Naheseyn ihn gesegnet hat; denn dieses war und ist noch jetzt der gewöhnliche Weg von Nazareth nach Jerusalem. Mehrere Züge von Griechischen Pilgrimen begegneten uns, die zum Osterfeste nach Jerusalem walleten; sie störten die sonntägliche Stille des Thales nicht. Siehe da lag vor uns der vielgipfliche Grisim oder Garizim über dessen grünenden, nur wenig vom Thale ansteigenden Fuß die Straße nach Sichem, dem jetzigen Nablus, hinüberführt und schon am Mittag (um 12¹⁄₄ Uhr) hielten wir an dem Brunnen still, an welchem der Herr in dem tief von ihm durchschaueten Herzen des Samaritanischen Weibes den Quell des lebendigen Glaubens öffnete. Einige wenige Häußer (vielleicht nur eines zu welchem die andren als Nebengebäude gehören mögen) stehen ganz nahe, nordwärts vom Brunnen, dessen klares Wasser aus großer Tiefe quillt. Es schöpften an diesem Wasser mehrere Frauen der Nachbarschaft; eine arme Familie brachte dort, am frischen Quell, den Festtag zu. Wir sahen uns nach den Ruinen jener alten Bauwerke um, welche auch hier die Meisterin und älteste Pflegerin der christlichen Baukunde, die Kaiserin Helena begründet hatte. Es hat sich von ihnen fast nur jenes Werk der Mühe erhalten, das den Brunnen in seiner Tiefe erfaßte und ummauerte; von der Kirche sind nur einzelne Steine übrig. Der Brunnen liegt nahe am südöstlichen Eingang in jenes hoch von Bergen umgränzte Thal, auf dessen schmalen Grunde Sichem oder das jetzige Nablus sich gebettet hat, und welches von Ostsüdost nach Westnordwest verläuft. Man tritt, mit jedem Schritte weiter, in einen Garten voll hoher Oel- und Feigenbäume ein, mit dessen gemeineren Stämmen an der Südwestseite der Stadt die edleren Bäume der Südfrüchte abwechslen. Der Berg zu unsrer Linken, dessen Fuß, weil aus ihm die Quellen und Brunnen des Thales kommen, in augenfälligerem Maße grünt, als der seines gegenüberstehenden Nachbars, ist der Garizim, auf dessen Höhe sechs Stämme Israëls auf Gottes Befehl jene Worte der Segnungen aussprechen mußten, welche dem Gehorsam im Gesetz Jehovahs verheißen waren; da zur Rechten, der etwas steilere, wasserärmere, und darum, jenseits der Oelbaumpflanzungen seines Fußes kahler ins Auge fallende Felsenberg, der die andre Seite des Engthales begränzt, ist der Ebal, auf welchem die übrigen sechs Stämme die Worte des Fluches aussprachen, der dem Ungehorsam gedrohet war[87]. Hier, auf einer dieser steilen Felsenwände des Garizim stund Jotham, der Sohn des Helden Gideon, als er den Mördern seiner Brüder das sinnvolle Gleichniß von den Bäumen erzählte, die sich den Dornbusch zu ihrem König erwählt hatten[88]. Wir ruheten einige Augenblicke am Gemäuer des Brunnen und kosteten von seinem erquicklichen Wasser, das uns eine der Frauen aus ihrem Kruge reichte, dann machten wir uns neu gestärkt zum Weiterzuge auf. Ich schlug den einsamen Fußweg unter dem Schatten der Bäume auf der linken Seite des Thales, näher dem Garizim ein. Vor mir erhuben sich, in ihrer schlanken Gestalt, die hohen weißen Minares der Stadt, aus dem Walde der Oelbäume, zur Rechten blendete das Auge der Widerschein der Mittagssonne von den Felsenhöhen des Ebal, zur Linken zog ein augenfälliges Gebäude, in der Form der Türkischen Grabmähler meine Aufmerksamkeit an. Es stehet an einer Schlucht des Garizim, in einem ummauerten Vorhof und ist von hohen Bäumen umgeben. Ich konnte leicht errathen daß dieses Josephs, des Erzvaters Grabmahl sey, dessen Gebeine die Heere Israëls mit sich aus Aegypten brachten, und, dem Eide getreu, den ihre Väter dem Nasir unter seinen Brüdern geschworen hatten, hier, auf dem Stück Feldes begruben, das Jacob, als besondres Erbtheil Joseph und dessen Söhnen hinterließ[89]. Nach Stephanus Worten[90] sind, außer Josephs Gebeinen auch die seiner andren Brüder mit herübergebracht und beigesetzt worden an der Stätte bei Sichem, so daß dieses die Begräbnißstelle aller Söhne Jacobs, wie Hebron die der drei Stammväter der zwölf Geschlechter war. Auch die Mohamedaner hegen und bezeugen gegen Josephs Grabmahl eine große Verehrung, und gerade heute konnten wir Zeugen der Feier eines ganz besonders hochgehaltenen Volksfestes seyn, welches, wie in Kairo die Hhasaneyn-Moschee, so hier in Nablus das Grabmahl Josephs zu seinem Mittelpunkt hat. Daß es auch hier vor allem ein Fest der Frauen, die an diesem Tage ganz besondre Freiheiten genießen, so wie der Kinder sey, zeigten uns die fröhlichen Schaaren von beiden, welche im Schatten der Bäume bei und vor der Grabmoschee lustwandelten, oder mit Essen und allerlei Spielen sich vergnügten. Die Frauen und größeren Mägdlein waren weiß gekleidet und dicht verschleiert, unter den kleineren Kindern zeigten sich die bunt (meist roth) geputzten Knäblein, die sich munter auf den unter den Bäumen angebrachten Schaukeln ergötzten. Ich hielt diesen lebendigen Garten der weißen Blumen und der kleinen bunten Blümlein, der sich da mitten im festgewurzelten Garten der grünen Bäume bewegte, weil heute Sonntag war, für Kinder und Frauen der etwa in Nablus wohnenden Christen und wollte mich unbefangen ihnen nähern, da belehrte mich ein alter, wie es schien als Wächter dastehender Türke, daß es den Männern nicht erlaubt sey da hinüber zu gehen und erst jetzt fiel mir wieder ein, welches Fest heute die Bekenner des Islams feierten. Da dasselbe dem Tag unsers Aufenthaltes in Nablus seine eigenthümliche Farbe gab, erwähne ich kurz die Bedeutung des Festes. Es war heute am 16ten August 1837 der zehnte Tag des ersten Monates, des Moharrem der Mohamedaner, welche zwar die ganzen zehn ersten Tage ihres Jahres für sehr gesegnete halten, vor allem aber dem zehnten, dem Yom Aschura, die höchsten Kräfte der Segnungen beilegen. An diesem Tage vereinte sich, nach der Sage des Islams, das erste Elternpaar, Adam und Eva, nach der Vertreibung aus dem Paradiese zum gemeinsamen Bund und Tagwerk der Mühen und Schmerzen; an diesem Tage verließ Noah mit den Seinigen die Arche und trat wieder heraus auf die von neuem gesegnete Erde. Wie aber durch solche Erinnerungen der Yom Aschura ein Freudenfest ist, so wird er zugleich durch ein andres Ereigniß, das an ihm sich zutrug, ein Tag der Trauer und des feierlichen Besuches der Gräber, weil am 10ten Tage des Moharrem Hhosseyn der Enkel des Propheten in der Schlacht auf der Ebene Kurbelei erschlagen wurde. Daher ist auch an diesem Tage, den man das hohe neue Jahr der Mohamedaner nennen könnte, die Moschee des Hhosseyn in Kairo, oder an andern Orten die Begräbnißmoschee irgend eines andren dem Volke heiligen Mannes so gedrängt voll; vor allem von Frauen die auf die vergnügte Feier dieses Tages ein ganz besondres Recht haben, ein Recht das an dem Yom Aschura nicht bloß ihre Kinder, sondern auch alle Hausgenossen, bis zum geringsten der Taglöhner oder Dienstboten mit den Gebieterinnen theilen. Denn im Koran stehet geschrieben, daß Dem, welcher am Tage des Aschura reichlich den Leuten seines Haußes giebt, Gott bescheeren werde für das ganze Jahr eine Fülle des Wohlstandes und des Ueberflusses. Darum sieht man die minder bemittelten Frauen der Mohamedaner schon etliche Tage vor dem Aschura ganze Kübel voll Waizen in Wasser einweichen, den man, wenn er von seiner festen Haut gereinigt ist, kochen läßt und dann mit Honig oder Traubensyrup zum süßen Hhubub-Sterzen (dicken Brei) bereitet, ein Gericht zu welchem die wohlhabenderen Weiber statt des Waizens Reis mit Nüssen, Mandeln und Rosinen nehmen. Mit diesem Hochneuenjahrgericht werden dann alle die zum Hauße gehören, Große wie Kleine, am Yom Aschura nach Möglichkeit vollgestopft; denn jemehr heute auf diese Weise in dem Hauße eines Gläubigen aufgeht, desto größer wird der Segen seyn, der unter dem freigebigen Obdache einkehrt. Aber nicht bloß auf die Genossen des Haußes, sondern viel weiter dehnt sich bei dieser Gelegenheit die Pflicht und Lust des Gebens aus: jenes Viertel vom zehnten Theile des jährlichen Einkommens, das jeder Gläubige gesetzmäßig als Almosen zu geben hat, wird bei Vielen am Tage des Aschura freiwillig oder nothgedrungen ausgegeben. Denn da die Gaben dieses Tages nicht bloß für den, der sie ertheilt, sondern auch für jenen der sie empfängt, ganz besonders heilbringende Kräfte haben, betteln dann die Kinder auch der bemittelten Eltern von Bekannten und Unbekannten das »Zekah el Aschr« oder Hochneujahr-Almosen, und wenn die Hausfrau eines »Gläubigen« an diesem Tage von ihrem Eheherrn nach Maßgabe seines Vermögens einen schönen Schmuck oder Schawl erbettelt, da erhält sie ihn leichter denn zu andern Zeiten, nicht bloß deßhalb weil ihr selber die Gabe des Aschrs ganz vorzüglich wohl bekommen und gesund seyn wird, sondern weil das Geben heute auch dem Manne besonders zuträglich und gesund ist. Und so ist durch die Sitte des Landes dafür gesorgt daß der Yom Aschura wenigstens für die Frauen, die Kinder, Dienstboten und für die singenden so wie nichtsingenden Schaaren der Bettler ein rechter Lust- und Freudetag ist, wenn auch gerade nicht in demselben Maß für die Männer. Ich konnte und wollte die Lust der weißen und rothen Gäste dort im Schatten der Bäume nicht stören, ich versparte mir den Besuch von Josephs Grabmahl bis an den Abend und wendete mich einstweilen der Stadt zu. Das jetzige Sichem, oder wie es dem Kaiser Vespasian zu Ehren genannt wurde, Flavia Neapolis (jetzt Nablus) liegt, allem Anschein nach weiter westwärts im Thale hinangerückt als das alte Israëlitische, das sich näher an der dem Andenken der Erzväter geheiligten Stätte angebaut hatte; es liegt an einer Stelle, an welcher der Ebal und der ihm gegenüber stehende Garizim so nahe zusammentreten, daß für die eigentliche, ebenere Sohle des Thales nur gegen 1200 Schritte Raum bleibt. Sie ist von herrlichen Gärten und Baumpflanzungen umgeben, von denen jene, die von der Südseite der Stadt am Fuße des Garizim hinanziehen, meist mit Orangen und Citronen, Granaten und Feigen so wie Aprikosen und andern Fruchtbäumen bepflanzt sind, während sich an der nördlicheren Seite der Stadt, am Abhange des Ebal, welcher heftigeren Strahlen der Mittagssonne ausgesetzt ist, vorherrschender Oelbäume finden. Das Thal das zwischen den beiden Bergen wie schon erwähnt in der Richtung von Ostsüdost nach Westnordwest verläuft, ist sehr reich an Quellen, die sich jenseit (westwärts) der Stadt zu einem Bächlein vereinen; besonders strömt vom Fuße des Garizim so viel lebendiges Wasser herunter, daß von ihm ein Graben erfüllt wird, der die Orangengärten wässert. Auch in der Stadt, nahe bei der Hauptstraße findet sich ein schön gemauertes, von einem Dache überwölbtes Behältniß, in welches sich in reicher Menge das Wasser eines starken Quelles ergießt. Wir hatten zu unsrem Nachtlager das Griechische Convent ausersehen, an dessen Vorstand wir von Jerusalem aus empfohlen waren. Die Stadt ist, der Gestalt des Engthales gemäß, vorherrschend in die Länge gebaut; eine Hauptstraße zieht sich fast von Ost nach West durch sie hindurch, in welcher viele Waarenlager und Kaufmannsläden gesehen werden; die Nebenstraßen, großentheils eng und dunkel, enthalten meist Werkstätten der Handwerker. Der Weg von dem östlichen Thore bis zu dem jenseit der Mitte der Stadt gelegnen Griechischen Kloster dauerte länger als wir vermuthet hatten, denn er war an mehreren Punkten durch die noch immer nicht ganz hinweggeräumten Trümmer versperrt, mit denen das furchtbare Erdbeben vom Anfange des Jahres durch den Einsturz vieler Häußer die Stadt erfüllte. Nahe bei einem der Ruinenhaufen redete ein Orientalisch gekleideter Mann uns Deutsch an, und Dialekt wie Aussprache ließen uns in ihm einen Polnisch-Deutschen Juden erkennen. Wir waren erfreut über das Auffinden des Nachbar-Landsmannes, von welchem wir uns manche Auskunft versprachen, er ließ sich aber leider später weder in unsrer Wohnung, wohin wir ihn bestellt hatten, noch in der Stadt vor uns sehen. Von dem Griechischen Kloster hatten wir uns freilich eine andre Vorstellung gemacht als die war, welche wir gleich bei unserm Eintritte von ihm bekamen. Wenn uns, bei unsern Vorstellungen auch nicht gerade der erzbischöfliche Pallast von Magnesia, oder die mächtig großen Klostergebäude am Sinai und zu St. Saba, auch nicht die zu Bethlehem und Jerusalem zum Maßstabe dienten, so hatten wir doch eine Behaußung wie die des bischöflichen Pächters oder des kleinen Griechischen Klosters zu Kassabah[91] erwartet. Das kleine Gebäude aber, das vom Eingang aus zur Rechten des engen Hofraumes stehet, mit seiner schmutzig aussehenden Stube erinnerte uns an jene, aus einem einzigen Zimmer bestehenden Hirten- oder Siechhäußer, die sich vor manchen unsrer vaterländischen Dörfer zeigen; es war überdieß von Griechischen Pilgrimen ganz erfüllt; wir wählten deshalb zu unsrem Aufenthalt den engen Raum, der sich vor der kleinen Kirche befindet, zu dem man auf einer steinernen Treppe hinansteigt und die Vorhallen des Kirchleins selber. So klein übrigens der Raum des sogenannten Klostergebäudes ist, mag er dennoch, außer der österlichen Zeit vollkommen für seine gewöhnlichen Bewohner genügen, denn diese bestehen nur aus zwei Geistlichen: einem Messe lesenden Priester und einem Gehülfen, der zugleich die Stelle des Sakristans vertritt. Unser Empfehlungsschreiben von dem Griechischen Patriarchat in Jerusalem, an alle Griechische Klöster von Palästina und Syrien gerichtet, war in Arabischer Sprache abgefaßt, die der Priester zwar zum Verkehr des gemeinen Lebens hinreichend sprach, aber nicht lesen konnte; man las ihm deshalb den Inhalt des Briefes vor. Neugierig sammleten sich um uns, außer den Griechischen Nachbarn und Bekannten des Haußes auch mehrere Pilgrime; ich aber mit etlichen der jungen Freunde machte mich auf um den Nachmittag zum Besehen des Interessantesten, das etwa Nablus darbeut, zu benutzen. Wir giengen zuerst zu dem Wasserbehältniß, von dem ich vorhin sprach, in welches eine Fülle des Wassers, das man vom Fuß des Garizim hieher geleitet hat, sich ergießt und von da weiter durch mehrere Gegenden der Stadt fließt. Von da stiegen wir hinan zu dem Abhange des Garizim, von welchem aus man die Stadt, in ihrer ansehnlichen Längenausdehnung, mit den hohen Minares und dem Gemisch der alten wie neuen Häußer am besten überblickt. Hier theilten wir uns, damit die kurze Zeit zu Wahrnehmungen der verschiednen Art so gut als möglich benutzt würde; +Dr.+ Erdl mit dem Barometer stieg in Begleitung des Herrn Franz hinan auf den Garizim um eine beiläufige Messung seiner Höhe zu begründen; Herr Bernatz und ich blieben mit unsrem Griechischen Führer in der Nähe des Thales und der Stadt. Jene beiden stiegen zwar bis weit über die Weingärten und Oelbaumpflanzungen des Bergabhanges hinauf; sie genossen hier weithin der Aussicht über die Gebirge Ephraims und Judas, sahen gegen Westen das Mittelmeer und ergötzten sich vornämlich an dem Anblick des majestätischen Ebal so wie der in Nordost erscheinenden Höhengruppen des Gebirges Gilboa, dennoch aber hatten sie den eigentlichen Gipfel des Berges nicht erreicht. Die Höhe des Punktes, den sie bestiegen hatten wurde nach ihren barometrischen Messungen zu 2398 oder beiläufig 2400 Par. Fuß berechnet, der eigentliche Gipfel mag aber an Höhe dem Oelberg (zu 2500 Fuß) gleichkommen; unsre Herberge im Griechischen Kloster liegt 1751 Fuß über dem Meeresspiegel. Während unsre beiden Freunde die Luft des Gebirges athmeten, erquickten wir andren beiden uns auf bequemere Weise hier an dem Lustgarten des Landes. In den nördlicheren Gärten der Stadt stunden die Bäume der Orangen und Citronen eben in voller Blüthe und strömten weithin, von einem frischen Nordwestwind durchwehet den balsamischen Duft aus; in dem Gebüsch am Wege wie an den Bäumen der Gärten hatte hin und wieder die Granate, in dem purpurnen Gehäuße der Blüthe das Gold der Staubfäden entfaltet; an dem alten Gemäuer, das vielleicht noch aus den Zeiten des Römischen Herrscherreiches herstammt, klommen die Stämme des Epheus empor. Fast alle Gärten waren heute der Feier des Mohamedanischen Hohenneujahrfestes bestimmt; die Besitzerinnen derselben, vor Allem aber die Kinder, saßen im Schatten der Bäume und genossen, mit lauten Aeußerungen der Freude der süßen Speisen und des geselligen Spieles. Außen vor den Gärten, nahe bei dem nordwestlichen Ende der Stadt vergnügte sich ein Theil des ärmeren Volkes bei einem gemauerten Brunnen, dem sein Wasser aus einer breiteren Schlucht des Berges zuströmt. So ergießt der hehre Garizim noch immer seine leiblichen Segnungen und ihre Freuden, obgleich die Kinder des Landes die Quelle jener geistigen Segnungen, deren Schattenbild die leiblichen sind, sich und Andren großentheils verstopft und verdorben haben. Zwischen den Gärten hindurch nahmen wir jetzt den Weg zu dem am Westende der Stadt gelegenen, angeblichen Grabe des Eleasar, des Sohnes Aarons. Eine spätere Sage des Landes hat die Stätte dieses hohenpriesterlichen Grabes hieher verlegt, obgleich die älteste wahrhaftigste Kunde als den Ort der Beisetzung Gibea Pinehas bezeichnet[92]. Da indeß das später lebende Geschlecht öfters seine Volkssagen an Gegenden des Landes knüpft, welche auf irgend eine andre Weise historisch bedeutend und sehenswerth sind, hatten wir dennoch beschlossen das Denkmal des Nebi oder Propheten zu sehen. Seine Stätte wird in einem Türkischen Hauße gezeigt, das von einem Garten umgeben ist, in welchem blühende Orangenbäume neben dem Gebüsch der Rosen und des Geisblattes ihren Schatten auf zerstreute Marmortrümmer der alten Zeit warfen. Als die Stätte des Grabes wurde uns ein Mauerwerk der offenbar neueren Zeit bezeichnet, das in einem gewölbten Gemach des Haußes steht. Ein altes Türkisches Weib, das zur Familie des Hausbesitzers zu gehören schien, hatte von einem Theil jenes Gemaches Besitz genommen; mit einem Schelten, das sich durch ein kleines Geschenk gern besänftigen ließ, öffnete sie uns die Thüre zum Innren. Während mein junger Freund Bernatz zeichnete, wandelte mich die Lust an den alten Thurm an der Mauer des Gartens zu besteigen. Das letzte Erdbeben hatte in seinem Innren solche Verheerungen angerichtet, daß, wie ich später erfuhr, seitdem noch niemand wieder auf seine Höhe hinaufgekommen war. Auch mein Griechischer Begleiter, der mir ein Stück Weges gefolgt war, kehrte da er die Zertrümmerung sahe wieder um; der oberste Theil der Wendeltreppe fand sich eingestürzt; das letzte Ende des Weges, beim Hinaufsteigen auf den Kranz des Thurmes mußte mühsam erklommen werden. Ich konnte aber nun auch dort oben einige Zeit allein bleiben mit meinen Sinnen und Gedanken und mit der Aussicht über das herrliche Thal und seine Bergwände. Wie sonderbar stehen jene vielen, uralten Grabeshöhlen, welche in die Felswände des Ebal gehauen sind, den neulich entstandenen Türkischen Gartenhäußern und Madnehs gegenüber! Durch welche Wetterwolken hat sich das Licht, das von oben kam, getrübt und gebrochen, wie es im Laufe der wechslenden Jahrhunderte auf die Wasser von Sichem herabfiel. Hier in der Nähe war Mores Hain, in welchem Abraham, da der Herr ihn hatte gehen heißen aus seinem Lande und von seiner Freundschaft und aus seines Vaters Hauße, zuerst als Gast und Pilgrim wohnete; hier war es, wo er dem Namen Jehovahs, dem Herrn der ihm erschienen war, einen Altar errichtete[93]; hier schlug Jacob, da er aus Mesopotamien zurückkam, sein Lager auf und erkaufte für sich und die Seinen das Feld auf welchem der Altar stund »des starken Gottes Israëls«[94]; hier erneuerte das Volk, das Josua zum letzten Male vor sich versammlete, den Bund mit Gott und gelobte dreimal das Festhalten an Jehovah und seinen Dienst: den Gehorsam gegen Gottes Stimme[95]. Und dennoch ward dieses Sichem nicht bloß der Ausgangspunkt der politischen, erdbürgerlichen Zerspaltungen der Stämme Israëls unter Rehabeam[96], sondern der noch tiefer gehenden, geistigen Spaltungen unter dem Priester Manasse[97]; der Wohnplatz eines tollen Pöbels, welcher der Weisheit Feind war[98]. Auch das Wort vom Heil, da es der Herr selber und dann seine Apostel dem Volk dieses Landes verkündeten, ward zuerst freudig aufgenommen, dann von dem nämlichen Volke (unter Justinians Regierung) blutig verfolgt; hier ist schnell wechslend, wie die Bewegung des rinnenden Wassers, bald Jehovah, bald Jupiter, Christus und Mohamed Herrscher der Seelen gewesen. Und jetzt erscheint seit Jahrhunderten der Letztere, der Prophet des Irrthumes im ungestörten Besitz seines geistigen Reiches! -- War etwa dort, gegen den Ebal hin, wo sich ein dichtes Gebüsch aus der Schlucht hervordrängt jene Eiche (Terebinthe) bei Sichem, unter welcher Jacob die fremden Götter vergrub[99] und sind nun die vergrabenen wie der Wurzelausschlag einer längst vermoderten Eiche, aus dem Boden hervorgestiegen auf die Wipfel der Minares und in die Moscheen? Doch nein, es sind keine fremden Götter, es ist dennoch Abrahams, auch ihres Vaters Gott, der Gott der »große Wunder thut,« dem diese ohne Seinen eigentlichen Namen zu kennen, Gottesdienst und Verehrung bezeugen. Er aber weiß und kennt ihre Namen, und wie die Ströme von Garizims leiblichen, werden auch die von seinem geistigen Segen einst wieder über das Land und seine Bewohner sich ergießen. Da ich herunterkam vom Thurme fand ich den Besitzer oder Aufseher des Gartens und des Hauses, der bei unsrer Ankunft abwesend gewesen war, wieder zurückgekehrt; der Mann war unwillig, daß ich auf den Thurm gestiegen war, nicht etwa, so schien mir es, aus Theilnahme an meinem Wohlbefinden, das vielleicht dabei hätte gefährdet werden können, sondern aus jenem abergläubischen Mistrauen der Bewohner des Orients gegen uns »listige« Franken, die überall wo sie in altes Gemäuer oder in Grotten der Gräber kommen die hier verborgnen Schätze an sich ziehen. An den Trümmern der vormaligen Herrlichkeit, die wir im Garten und an einigen benachbarten Orten herumgestreut sahen, ließ sich kaum erkennen zu welchem Ganzen sie vormals gehört hatten; ob diese Säulentrümmer einst, da sie noch beisammen waren, die Vorhallen eines Römerpallastes oder eines Tempels getragen hatten. Diese Bausteine, seitdem man sie zuerst gehauen hatte, sind auch gar manchmal von ihrer Stätte gerückt und zu andrem Bau zusammengefügt worden; jene Marmorstücken, die vorhin ein Theil des Jupitertempels gewesen, haben später das Obdach einer Christenkirche getragen. Ich gedachte, da unser Führer auf dem Nachhausewege uns auf die Trümmer einer alten, wie es schien ansehnlichen Christenkirche aufmerksam machte, eines solchen geistigen Bausteines der vorhin einem Tempel, der hohen und dennoch geistig menschlichen Weisheit eingefügt gewesen, dann aber, diesem entrissen ein Werkstück wurde, das auf dem Ecksteine ruhend den Tempel der ewigen, geistig göttlichen Weisheit bilden half. Ich gedachte an einen meiner Lieblinge in der Geschichte der Kirche Jesu, an ~Justinus~, den Blutzeugen, der in Sichem geboren und in alle Tiefen und Höhen der Weisheit der alten Welt eingeführt, nachmals aber, im Jahr 163 nach Christo zu Rom, unter Marcus Antoninus dem Philosophen gemartert und enthauptet ward, weil er jene höchste, einfältige Weisheit, bis zum Tode treu, als Wahrheit bekannte, welche alle Höhen der Menschenweisheit zu Schanden machet. Dieser Sichemite Justinus, hatte bei den Meistern der Stoa, dann bei den Peripatetikern, den Pythagoräern und Platonikern noch immer nicht das gefunden was das Sehnen des Menschengeistes nach einem bleibend Wahren stillt, obwohl die Letzteren ihn, weil sie zu dem Sehnen eine Hoffnung gesellten, am meisten nach dem Quell, den er suchte, hingeführt hatten. Da wandelt er einst (es war zu Alexandria) nachsinnend über das große Räthsel des Menschenlebens, dessen Geist ein ewiges Fragen ist, am Strand des Meeres, und hier begegnet ihm ein ehrwürdiger Greis von so viel andrem als gewöhnlichem Aussehen, daß sein ganzes Aufmerken auf ihn gezogen wird. Der Jüngling wagt es, den Greis anzureden; er spricht zu ihm von der Seligkeit der einsamen stillen Betrachtung. Der Alte erwiedert daß nicht in der innern Beschauung, sondern in der nach außen gehenden That die Beseligung des Geistes gefunden werde. Darauf redet jener von seinem Sehnen Gott zu finden und zu erkennen und rühmet sich des philosophischen Wissens, als des rechten, nächsten Weges zu diesem Ziele; der Alte aber spricht dagegen von einer Weisheit, welche älter ist denn die des Plato und des Aristoteles, von einem Worte das nicht Menschen, welche nach Ihm forschten, sondern Er selber zum Geist des Menschen gesprochen, und welches sicherlich saget, was Er der Herr sey, und was der Mensch durch Ihn und zu Ihm werden solle. Nachdem auf diese Weise der Alte den Jüngling hingewiesen auf die Bücher der Propheten, eines, schon bei dem Geschlecht des damaligen Tages sehr verachteten Volkes, und auf die Lehren und Berichte der Apostel, fügt er hinzu: »vor allem bete, daß Gott selber dir die Thore des Lichtes aufthun möge, denn sie können von Keinem erschauet werden dem es nicht von Gott und seinem Christus gegeben wird.« Der Greis entfernte sich und Justinus sahe ihn niemals wieder, aber ein Feuer der Liebe war in ihm entzündet, das ihn hinführte zu den Schriften der Propheten, so wie zu dem Umgang mit den Freunden Christi, und sein Glaube ward mit Kräften der Ewigkeit gestärkt da er erfuhr und sahe an dem Beispiele der neben ihm wandelnden Bekenner, wie selig es sich in und mit Christo lebt und stirbt. Sey mir gesegnet du Baustein des Tempels, der nie vergeht, Justinus der Blutzeuge. Auch Andre wie du können es von sich mit den Worten jenes alten Liedes sagen: »Ich lief verirrt und war verblendet, ~ich suchte dich~ und fand dich nicht«; aber wenn dann auch diesen Andren die »Thore desselben Lichtes« aufgethan wurden, das dir sich kund that, wo blieben bei ihnen diese Treue bis zum Tode, dieser Ernst der hindurchdringt zum Leben, welche in dir waren? Es nahete der Abend, ich und mein Freund Bernatz, nachdem wir auf kurze Zeit bei den Reisegefährten im Kloster zugesprochen und da gesehen hatten, daß der Arabische Knecht zwar Vorräthe für das späte heutige »Mittagsessen« eingekauft aber noch nicht zum Genießen zubereitet hatte, eilten noch einmal hinaus zu Josephs Grabe und zum Brunnen der Samariterin. Schon beim Hinausgehen aus dem östlichen Thore sahen wir die Frauen und Kinder, denen die Sitte des Landes ein zeitiges Nachhausegehen gebietet, auf dem Steige, der am Fuße des Garizim hinführt, zur Stadt ziehen; die Nachbarschaft von Josephs Grabe war jetzt für uns geräumt und zugänglich. Auch diese Ruhestätte der Gebeine jenes Erzvaters, der sich lieber sein Grab in Palästina's unscheinbaren Auen als bei Aegyptens Königstempeln gewählt hatte, ist, wie ich schon vorhin erwähnte, aus wohlmeinender Ehrfurcht von den Mohamedanern überbaut und zu einem Orte der Gottesverehrung erhoben worden. Wie zwischen liebende Arme nimmt der Garizim die geheiligte Ruhestätte in eine seiner grünenden Schluchten auf; am Saume des Granatengebüsches stehet einsam die Königin des Thales, die weiße Lilie[100]. Sie, die ungeschmückte Tochter des Landes, ist schöner als Salomos Pracht und Aegyptens Herrlichkeit. Noch einmal gingen wir am Feldrande hinunter, nach dem Brunnen Jacobs; dem Brunnen der Samariterin. An unsrem Wege zeigte sich einige Male das vermuthliche, jetzt grün bekleidete Gemäuer des alten Sichems. Denn hier auf Jacobs Acker und in der Nähe von Josephs Grabe in dem breiteren Thale waren Jacobs Hütten und die Stätte von Josuas letztem Landtag; da sind die Felsenhöhen des Garizim von denen das Volk die Verheißungen eines Segens vernahm, welche Berg und Thal, Höhen und Tiefen mit ihren Alles befruchtenden Kräften erfüllen. Andre, höhere Segnungen aber sprach Der aus, der hier am Brunnen mit der Samaritanerin redete. -- Ja, gieb uns allewege solches Wasser, damit der Durst, den das Sehen und Genießen aller Schönheiten und Herrlichkeiten der Erde nicht vergnügen konnte, in Dir und durch Dich gestillt werde. Auf dem Heimwege, fast beim Untergang der Sonne, maßen wir noch die Breite der Thalsohle unmittelbar bei der Stadt, und betrachteten die Oelbaumpflanzungen am Fuße des Ebal. Es bleibt dennoch dabei, daß, schon wegen der Menge seiner Quellen und seiner Lage gegen die Himmelsgegend, der Abhang des Garizim ungleich fruchtbarer ist als der des Ebal; oben auf der schattenlosen Höhe mögen beide sich gleich seyn. Vom Brunnen Jacobs bis zum Thore der Stadt hatten wir, langsam gehend, ohngefähr 20 Minuten Zeit gebraucht. In der Stadt fanden wir Schaaren von Knaben, geführt von ihren Schulmeistern und einigen Derwischen, welche Fahnen trugen, auf denen sich Mohameds und Hhosseyns Namenszüge buntgestickt zeigten; sie sangen da, nach einer wohlklingenden Tonweise Lieder, welche dem Fest entsprachen und empfiengen an den Häußern die Gaben des Aschura. Unsre, deshalb bedauernswürdigen Freunde hatten schon lange auf uns mit dem abendlich späten Mittagsessen gewartet, welches von Mahomed, nicht dem Propheten, sondern dem Arabischen Knechte seit länger als einer Stunde gefertigt war. Wir führten unsre Entschuldigungen unter den Fahnen Hhosseyns und Mohameds, denn wirklich hatte der Gesang der Kinder, den man ja in allen Zungen und Zonen gerne hören mag, unser Heimkommen so sehr verspätet. Die Güte der Freunde nahm diese Entschuldigung an und ließ das Wohlwollen, das Alles versüßt, mit zum halb erkalteten Mahle niedersitzen. Mit dem Aufsuchen des Lagers der Ruhe, nach dem wir heute Alle uns sehnten, hätte es übrigens keiner solchen Eile bedurft und es wäre besser und vergnüglicher gewesen wenn wir uns noch beim Schein des Mondes in der Stadt und ihrer Umgegend ergangen hätten. Denn als uns, denen das Lager unter den Vorhallen des Kirchleins als Ehrenplatz zugekommen war, das Schlafen beliebte, da beliebte den Tausenden der kleinen Insekten, welche die Gesellschaft des Menschen suchen, das Wachen, und auch wir waren, gegen unsern Willen genöthigt, den größten Theil der Nacht mit dieser thierischen Gesellschaft wach zu bleiben. So frühe wir auch, Montags den 17ten April schon munter gewesen waren wurde es dennoch sechs Uhr des Morgens ehe sich alles zum Aufbruch bereit fand. Ich war, mit einigen der Reisegefährten zu Fuß vorausgegangen; der Griechische Führer von gestern hatte uns nebst einem andern Griechen begleitet, um sich, ohne daß man im Kloster es merken sollte, zu der schon erhaltnen Zugabe auf das gestrige Geschenk noch eine Nachzugabe zu erbitten. Da er das Gebetene empfangen hatte stellte er uns seinen Landsmann vor, als einen solchen der im Kloster sehr gut bekannt sey und welcher gestern sehr gern mit ihm zugleich uns würde begleitet haben, wenn er nicht gerade über Land gewesen wäre. Auch dieser gute Wille mußte denn, wie billig, belohnt werden. Indeß waren unsre Mucker mit der übrigen Reisegesellschaft gekommen und wir zogen, theils reitend, theils zu Fuße gehend im Thale, das in fast nordwestlicher Richtung verläuft, weiter. Hier ist Wasser in solcher Fülle, daß, wenn Menschenhände da wären diese Segnungen zu benutzen und sie in verständiger Art über das Gefilde zu leiten, das ganze, umliegende Land gar bald aus einer üppig grünenden Wildniß der Bäume, Gräser und Sumpfgewächse ein schöner Garten werden müßte. Auch aus den Bergabhängen zur Rechten des Weges, die vom Ebal sich fortsetzen, dringen jetzt reichliche Quellen hervor; das Wasser zum Bach geworden, staucht sich an vielen Stellen des Thales zum Sumpf oder zu kleinen seichten Teichen an. Nach fünf Viertelstunden kamen wir bei Beit Ajaba (unsre Mucker nannten es Betiba) an einer Wasserleitung mit 12 Bögen vorüber, welche noch jetzt Wasser führt. Wir ließen diese zur Linken und wendeten uns dann, in mehr nördlicher Richtung rechts hinan auf das Gebirge über dessen einzelne Höhenabsätze wir fast eine Stunde lang hinzogen, dann tief hinabstiegen in das Kesselthal von Samaria oder Sebaste. Die vormalige Stadt, so wie das armselige Oertlein Sibusti oder Schomrom, das anjetzt ihre Stätte einnimmt, lag auf einem Hügel welcher, namentlich gegen Nordost, Nord und Nordwest sehr steil aus dem Thale aufsteigt, und großentheils mit herrlichem Baumwuchs bekleidet ist. Unten im Thale, vor dem Fuße des Stadthügels kamen wir an einer Wasserleitung vorüber, welche noch jetzt einem Mühlrad sein Aufschlagwasser zuführt; nicht weit von da bemerkt man das Gemäuer eines alten Wasserbehältnisses oder Teiches. Wir ließen unsre Maulthiere sammt ihren Führern im Schatten der alten Oelbäume, während wir selber unsren Weg hinauf nach dem Hügel und zwar zuerst nach dem, noch jetzt in seinen Trümmern mächtigen Gebäude nahmen, das schon aus der Ferne unsre Aufmerksamkeit angezogen hatte. Es war dieses vormals eine christliche Kirche, welche durch das Material aus dem sie zusammengefügt ist, so wie durch Form und Größe als eine der beachtenswerthesten aus der christlichen Herrscherzeit dieses Landes erscheint. Ist sie doch schon an dieser Stelle, und durch ihre Bedeutung, ein höchst merkwürdiges Gebäude. Samaria, seitdem Amri der König von Israël sie begründet[101] eine königliche Feste der Stämme Israëls, war dennoch zu seinem höchsten Glanze, zu seiner Würde einer Königin der Städte erst durch Herodes den Großen, dem Augustus sie wieder gab, gelangt. Hier stund jener goldne Palast, hier waren die Tempel von Herodes erbaut, deren Herrlichkeit mit jener der Paläste und Tempel von Rom wetteiferten. Es war ein Sohn dieses großen Herodes, von Malthace der Samaritanerin: Herodes Antipas, der Vierfürst von Galiläa, welcher den vor seinen Augen geringen, aber »guten Mann« Johannes den Täufer[102] zu Machaerus, im Lande jenseit des Jordans hinrichten ließ; er selber jener Herodes der Große, der Mörder der unschuldigen Erstlinge zu Bethlehem, hatte hier in Samaria das Blut der beiden Söhne, seiner aus Argwohn gemordeten Gemahlin Mariamne vergossen[103]. Und von wem reden nun seit anderthalb Jahrtausenden diese Marmorsäulen und Quader, die vormals das Dach von Herodes goldnem Pallast und seinen abgöttischen Tempeln getragen? Führen sie den Namen des großen Herodes oder seiner beiden hier hingerichteten Söhne? -- Von diesen weiß die Kunde des Landes und das seit Jahrhunderten hier lebende Volk kaum mehr die Namen noch weniger die Thaten. Man sagt daß schon die Kaiserin Helena, gesegneten Andenkens, da auf dem Hügel zu Samaria ein Kirchlein dem Namen jenes geringen aber gerechten Mannes errichten ließ, dessen Haupt Herodes der Sohn als Lohn für den vettelhaften Tanz einer fürstlichen Dirne dahingab. Die Johanniterritter haben dann auf den Grund und Boden des alten Kirchleins den ansehnlichen Tempel aus einem noch größeren Trümmergehäufe der Herodianischen Herrlichkeit errichtet, dessen Ruinen noch fortwährend das Vornehmste sind, an welchem die Kunde der Eingebornen wie die Aufmerksamkeit der vorüberziehenden Fremdlinge haftet. Denn von Johannes »dem Propheten« spricht der hiesige Araber und Türke mit Verehrung und zeigt in einem, freilich wohl erst in den Zeiten der christlichen Herrscher so mit Gemäuer und getäfeltem Boden ausgestatteten unterirdischen Gemache, den angeblichen Ort, da Johannes, der große Vorgänger, von Herodes Antipas sollte im Gefängniß behalten und enthauptet worden seyn. Es findet auch bei dieser Kunde jene Verwechslung der Seitenzahlen, im Buche der Oertlichkeiten der Geschichte statt, von welcher wir früher (S. 95) sprachen. Eine weisliche Zulassung jener höheren, ewigen Weisheit, die über dem Werke der Ur- wie der Abschriften wachte; damit nicht über dem menschlich eitlen Festhalten an der leblosen Zahl und Gestalt der Seiten der Inhalt derselben übersehen und vergessen würde. Die Ruinen der alten Kirche, in welche wir über die zerbrochene Ringmauer und dann durch eine Art von Fensteröffnung hineinstiegen, erinnern durch ihre Gestalt an die vaterländischen Christenkirchen des 12ten und 13ten Jahrhunderts. In dem starken Gemäuer bemerkt man allenthalben die eingeflickten Werkstücke, und, die nach Gutdünken behauenen, architektonischen Bestandteile von früheren Gebäuden, deren Erbauer nicht an eine Ehre dachten die vor Gott, sondern die vor Menschen gilt. Von den Ruinen der Kirche stiegen wir weiter hinan und herum an dem Hügel, namentlich zu jenen noch jetzt im Garten der Feigenbäume aufrecht stehenden Säulen, die auf seinem Gipfel ins Auge fallen. Wir zählten derselben, die am Boden liegenden mitgerechnet, einige zwanzig. Uns schien es als hätten sie zu einem Vorhofe, wer weiß von welchem Gebäude gehört; ihre alte Reihenfolge ist oft unterbrochen, indem bald hier, bald da mehrere zerbrochen und hinweggenommen sind. Höher als die Stätte dieser, eben nicht ausgezeichnet schönen Säulen findet sich eine Plattform, auf der das eigentliche Hauptgebäude mag begründet gewesen seyn. Ansehnlicher, an Zahl und Gestalt, so wie an Ausdehnung ihrer Reihen erscheinen jene Säulen die sich am südlichen Abhange des Hügels zeigen und auch am nördlichen Abhange, tiefer gegen das Thal hin bemerkt man, gleich Schaaren von Müssiggängern, die noch Keiner zu einem nützlichen Tagwerk dingte, solche dastehende Säulen. Viele aber der schönsten Kapitäler von solchen Säulen und viele der Marmorplatten sind von den jetzigen Herren des Weinberges von Schomrom: von den Arabern und Türken zum Dienste des täglichen Bedürfnisses benutzt und gedungen, denn sie sind Mauerstücke und Thürschwellen ihrer armseligen Hütten und Ziegenställe geworden. Wir stiegen, ohne daß jemand uns hinderlich gewesen wäre, allenthalben in den Gärten und Feldern zwischen den Ruinen herum und genossen hierbei der erhaben schönen Aussicht über die grünenden Thäler und Höhen. Die Umgegend von Samaria ist unvergleichbar reicher und fruchtbarer als die von Jerusalem, und wenn der Mensch hier nur im geringsten Maaße seine Pflicht gegen die Natur erfüllte, dann würde diese Gegend eine hundertfach größere Zahl der Bewohner mit den köstlichsten Früchten ihres Bodens ernähren und erquicken. Bei einer der niedren Hütten, die noch zu den reinlichsten des armen Ortes gehörte, setzten wir uns auf ein Marmorstück das zu einem Troge für das Vieh zugehauen war. An seiner Außenfläche hatte sich ein Theil des kunstreichen halberhabenen Laubwerks erhalten. Es sind keine erhebenden Erinnerungen die sich an den Anblick der Reste des Herodianischen Sebaste knüpfen; ein Gefühl, wie dasselbe die Schwüle eines heißen Mittages erregt, beengt die Seele wenn sie an die alte Geschichte dieser Residenz des Ahab und der andren ihm gleichgesinnten Könige Israëls denkt. Aber mitten durch diese Schwüle bricht, wie ein kühlender Sturmwind, die Erinnerung an die Thaten Elisa, des Mannes Gottes herein, welcher mächtiger und fester begründet denn die Säule Baals, dort auf dem Berge, seinem Volk eine Denksäule war des Namens und der Wundermacht Jehovahs. Es ist nun eine Theurung andrer Art über das arme Samaria gekommen als jene war, aus welcher der Herr durch den Mund des Elisa die unerwartet plötzliche Rettung verhieß und Hülfe gewährte[104]; möchte doch auch an dieser Stätte das Erstorbene, wie jener Leichnam, den die Träger auf die Gebeine Elisas warfen, wieder aufleben und auf seinen Füßen stehen[105]. Wir giengen wieder hinunter ins Thal, zu unsrer Reisegesellschaft. Es war heiß geworden und die Oelbäume gewährten nur wenig Schatten. Der Herrschervogel des Landes: ein Aasgeier, welcher in träger Ruhe auf den Zweigen einer halberstorbenen Terebinthe saß, zusammen mit dem widrigen Geruche den die Hitze der Mittagsstunden im Boden des Thales weckte, erinnerten an Tod und Verwesung; es war uns wohl da wir wieder auf unsren breitsattlichen Thieren saßen, und von hinnen zogen[106]. Wir nahmen unsre Richtung gegen Norden, betrachteten noch einmal den herrlich grünenden Hügel des alten Samaria und die an seinem nördlichen Abhange stehenden Säulen, dann aber huben wir, in fröhlicher Erwartung Dessen, das kommen sollte, die Augen auf zu den Höhen, die vor uns lagen. Ein ziemlich ansehnliches Dorf, bei welchem wir uns mit saurer Milch statt des Mittagsmahles erquickten, wurde uns Birke genannt, doch findet sich dieser Name auf keiner Karte und bleibt uns deshalb zweifelhaft. Von hier zog sich unser Weg zuerst in einer Schlucht, an dem Bette eines Regenbaches, dann sehr steil nach der Höhe eines ansehnlichen Berges hinan, auf welchem wir, zu unsrer großen Freude in Westen wieder das Mittelmeer erblickten. Ein frischer Wind wehete uns hier entgegen und machte die ermüdeten Augen wieder hell und klar. Es ist da eine Lustwarte des Landes von der man weithin über Israëls Reich, vom Meere bis zu den Gebirgen des Jordans schauen kann. Auch in den Büchern der Heldenthaten wird diese Gegend verherrlicht; denn nicht fern von unserm Wege sahen wir die Trümmerhaufen hoch auf ihrem Felsenhügel liegen, welche die Stätte des alten Bethulia, des späteren Sannur bezeichnen. Hier lebte Judith, die Heldin und Retterin ihres Volkes, die mit kühner That die Macht der Assyrer von Jerusalem abwandte und zu Schanden machte. Von der Höhe des Gebirges führte unser Weg tief und steil hinab in ein Felsenthal, das durch seine Gestalt und seinen grünenden Grund an die vaterländischen Thäler erinnerte. Es begegneten uns Schaaren der Griechischen Pilgrime; auch ein alter Türke, mit seinen Frauen, auf schönen Pferden reitend. Bei einem Dorfe das uns Arabah genannt wurde stillte ein Arabisches Bauernweib unsren Durst, mit dem Wasser das sie aus dem nahe bei den Häußern gelegnen Brunnen schöpfte. Wir zogen weiter im Schatten der Felsenwände durch ein enges, grünendes Thal hin, das sehr reich an seltnen Insekten und Pflanzen war. An seinem Ende lag von Baumpflanzungen umgeben das stattlich aussehende Dschennin (Ginäa) vor uns, in der weiten von Gilboas Bergen begränzten Ebene. Hier endet die Landschaft von Samaria und jene von Galiläa beginnt. * * * * * Das Uebernachten im Freien hatte für uns einen solchen Reiz gewonnen, daß wir auch heute uns nicht entschließen konnten in dem Städtlein einzukehren, sondern wir wählten uns nahe bei diesem den Schirm und Schatten eines alten Feigenbaumes zu unsrer Ruhestätte, welche an ein Dickicht der Bäume und Gesträuche angränzte, durch das ein kleines Bächlein seinen Lauf nimmt. Brod und Milch, dazu auch einige Eier empfiengen wir aus dem Orte. Für das Auge bot Dschennin, außer dem Anblick der ansehnlichen Moschee und den Ruinen eines christlichen Klosters nichts dar, das die Aufmerksamkeit hätte an sich ziehen können; statt der Mauern, von denen sich die verfallenen Reste zeigen, ist der Ort von einem Dickig der stachlichen Opuntienfeige umzogen. Wenn aber auch dem Auge hier nicht viel Unterhaltung ward, so empfieng diese doch das Ohr, denn ein Brautzug der in Dchennin statt fand ließ weithin über die nächtlich stille Ebene seine Jubeltriller der Frauen und die gellend laute Musik vernehmen; auch ein sonderbares Geschrei vorüberziehender Vögel hörten wir in dieser Nacht, das uns an die alte Sage vom wilden Heer erinnerte. -- Die Höhe unsers Nachtlagers über dem Meeresspiegel ergab sich aus den Messungen zu 515 Par. Fuß. Dienstags den 18ten April waren wir schon mit Sonnenaufgang zur Weiterreise gerüstet und bald nach sechs Uhr fanden wir uns in der weiten, grünenden Ebene von Jesreel; auf dem Blumengefilde von Esdrelom. Es ist dieß eine Gegend, an welcher das Auge des Fremdlinges und Pilgrims sich nicht satt sehen kann, er mag nun zunächst den Reichthum des Bodens oder die Schönheit der benachbarten Gebirge, oder die an ihren Fuß und in den Thälern zerstreuten Orte betrachten und hierbei ihrer Geschichten gedenken. Dabei war der Morgen so schön, die Luft so balsamisch, in unsren Gliedern ein solches Gefühl von Leichtigkeit, daß es uns, auch wenn wir, wie dieß hier meist geschahe zu Fuße durch die blumigen Felder hingiengen, so zu Muthe war, als würden wir von der sanften, weichen Luft getragen. Am meisten fiel das von der Morgensonne beleuchtete Gebirge Gilboas zu unsrer Rechten ins Auge und in der Erinnerung wachte der Klaggesang Davids um Saul und Jonathan auf. »Die Zierde Israël ist auf deinen Höhen erschlagen, wie sind die Helden gefallen! Sagets nicht an zu Gath, verkündet es nicht auf den Gassen zu Asdod, daß sich nicht freuen die Töchter der Philister, daß nicht frohlocken die Töchter der Unbeschnittnen. Der Bogen Jonathan wich nie zurück, das Schwert Saul ist nie leer wiedergekommen; Saul und Jonathan liebreich und holdselig in ihrem Leben sind auch im Tode nicht geschieden; sie waren leichter denn die Adler und stärker denn die Löwen. Ihr Töchter Israël weinet über Saul. -- Jonathan ist auf (Gilboa's) Höhen erschlagen. Mir ist wehe um dich, mein Bruder Jonathan; gar wonnig warst du mir; deine Liebe ist mir sonderlicher gewesen, denn Frauenliebe ist. Wie sind die Helden gefallen und die Streitbaren umgekommen!«[107] Am Fuße der schönen, wellenförmig gerundeten, von grünen Einbuchtungen durchzogenen Gebirge Gilboas liegt Zerin, das alte Jesreel, der Ort auf dessen Namen ein Gewicht der vielen großen Blutschulden aber auch der Verheißungen ruhet[108]. Hier in der Nähe bei Ain (am Quell Tubania) lagen Israëls Heere vor der unglücklichen Schlacht mit den Philistern, in welcher Saul und seine Söhne fielen. Auch am Abhange der westlichen Berge, welche dem Gilboa gegenüber die schöne Ebene begränzen, zeigten sich im Glanz der Morgensonne mehrere Ortschaften deren eine unsre Mucker uns Sili, die andre Om el Bachem (Mutter der Kohle) nannten; dort weiter gegen Norden lag auch Thaanach, die Denkstätte von Baraks Siege über das Heer der Canaiter und über Sissera den Feldhauptmann. Wenn von Gilboas Höhen das Klagelied ertönet über Israëls blutigen Jammer und den Tod seiner Helden, dann antwortet ihm gegenüber auf den Hügeln von Thaanach der Triumphgesang des Barak und der Debora, der Mutter in Israël: »Die Könige kamen und stritten, da stritten die Könige Canaan, zu Thaanach am Wasser Megiddo; sie nahmen nicht Silbers Gewinn. -- Vom Himmel ward wider sie gestritten; die Sterne in ihren Bahnen stritten wider Sissera. Der Bach Kison wälzte sie, der altberühmte Bach, der Bach Kison. Tritt meine Seele auf die Starken. Da rasselten der Pferde Füße vor dem Zagen; dem Zagen ihrer mächtigen Reiter. -- Also müssen umkommen, Herr, alle deine Feinde! Die Ihn aber lieb haben müssen seyn wie die Sonne aufgehet in ihrer Macht[109].« Ein andrer Anblick that sich weiterhin unsern Augen auf, mächtig und hehr wie ein Ferngesicht der von oben kommenden Begeisterung. Die Berge Gilboas zogen sich allmälig zurück, die Höhen des Hermon traten jenseit des Thales hervor und hinter und neben denselben erhub sich, wer sollte ihn an seiner vor allen Bergen ausgezeichneten Form nicht erkannt haben, -- der Thabor. Bei diesem Anblick erwachte in der Seele das Lied Ethans des Esrahiten[110]. Ich will singen von der Gnade des Herrn ewiglich und seine Wahrheit verkündigen mit meinem Munde für und für. -- Herr Gott Zebaoth, wer ist wie du ein mächtiger Gott? und deine Wahrheit ist um dich her. Norden und Süden hast du geschaffen, ~Thabor und Hermon jauchzen in deinem Namen~. Gerechtigkeit und Gericht ist deines Stuhles Festung; Gnade und Wahrheit sind vor deinem Angesicht. Wohl dem Volke, das (Dir) frohlocken kann. Sie werden über deinen Namen täglich fröhlich seyn, denn du bist der Ruhm ihrer Stärke.« Auf dem Gipfel des Hermon stehet eine Moschee, deren ansehnliches Gebäude weithin über das Land sichtbar ist; unten im Thale aber, am Fuße des Höhenzuges des Hermon zeigte sich, minder augenfällig als die Moschee des Berggipfels, aber dennoch eine lieblichere Erscheinung, zur Rechten unsers Weges Sulim, das Sunem der heiligen Schrift. Hier lebte die Sunanitin, die Freundin des Mannes Gottes Elisa, die der Herr fröhlich machte und tief betrübte, und welcher er wiedergab was er ihr genommen, durch seine wunderbare Hand, weil sie nicht abließ vom Hoffen und vom Glauben[111]. Der Boden des Gefildes Jesreel oder Esdrälon ist ein Feld des Getraides, dessen Samen keine Menschenhand aussäet, dessen reife Aehren kein Schnitter erntet. Denn wenigstens der größeste Theil des Getraides, in dessen hohen Halmen die Maulthiere bis an den halben Leib verdeckt gehen, säet sich von selber aus den reifen Aehren aus, deren Ueberfülle kein Bewohner des Landes benutzt und genießt. Die Heerden der Schafe und Ziegen so wie der Stiere, treten in diesem verwilderten Saatfelde der Natur mehr nieder als sie abweiden; der Eber vom Thabor und Carmel wühlet ungescheucht und verborgen hinter dem hochwüchsigen Grün den fetten Boden um und zuweilen erschleicht in diesem Versteck des Grünes auch der Leopard, wenn der Hunger ihn vom Gebirg herabführte, ein Thier der Heerde. Unter den hohen Halmen der Gräser zeigen sich die buntfarbigsten Blumen namentlich aus der Familie der Liliengewächse, aus der wir hier einige neue, noch unbeschriebene Arten fanden und sammleten. Bei einem Zeltendorfe der Beduinen, welches etwas seitwärts von unserm Wege lag, erquickten wir uns reichlich an der vortrefflichen, sauren Schafmilch. Langsam schleicht hier ein Wasser durch den sumpfigen Grund, das gegen Nordwesten, dem Kison zuströmt. Mittag war schon vorüber da wir uns dem Ufer des altberühmten langsam fließenden Kison naheten, der so wie er an dieser Stätte und zu dieser Jahreszeit erscheint bei uns zu Lande kaum den Namen eines Flußes empfangen würde. Dennoch geht er an manchen Stellen, wo sein Bett sich in den fruchtbaren Grund grub, so tief und schlammig als die Unstrut. Fast unmittelbar jenseits der Furth des hier seichteren Flüßleins steigt der Weg berganwärts, zuerst eine reichliche halbe Stunde ziemlich steil und beschwerlich, dann zieht er sich ohngefähr eben so lang (abermals eine reichliche halbe Stunde) neben einer grünenden Schlucht, welche ein wenig Wasser hat, allmäliger aufwärts nach der Höhe, die jedoch nicht der eigentliche Gipfel des Berges, sondern nur der höchste Punkt der Straße ist. Hier findet sich ein Brunnen, an welchem unsre Maulthiertreiber ihre Thiere tränkten; Pilgrime die zum Osterfeste zogen und von denen uns auf unsrem heutigen Wege schon ganze Schaaren begegnet waren, weilten hier, unter ihnen eine Frau, an welcher wir die seltsame Sitte des Nasenschmuckes (Ringe mit edlem Gestein, die am rechten Nasenflügel befestigt waren) bemerkten. Von der Höhe am Brunnen senkt sich der Bergabhang allmälig gegen Norden hinab. Ich war vorausgegangen; im nahen Anblick von Nazareth, bei einer kleinen, natürlichen Grotte, wartete ich der Freunde. Die Hausfrau hatte in der grünen Bergschlucht jenseits des Brunnen eine lebendige Landschildkröte gefangen, die wir später wohlbehalten mit ins Vaterlande brachten und der Hand eines lieben Freundes übergaben; unter den Pflanzen, welche die jungen Freunde am Berge gesammelt hatten, prangten die gelben ansehnlichen Blüten des Acanthus. Wir kamen auf Sturmwindsflügeln nach dem stillen, guten Nazareth; denn ein Orkan aus Südost, welcher ganze Wolken voll Staub und Sand mit sich führte, hatte sich aufgemacht und trieb uns zur Eile an, welcher er, da wir ihn zum Glück im Rücken hatten, sogar günstig war. Das große Gebäude des Lateinischen Klosters, das einer Veste gleicht, war bald erreicht; die Väter desselben waren so eben zum Nachmittags-Gottesdienst in der Kirche versammelt; dennoch fanden wir Männer ohne Schwierigkeit Zutritt unter das feste Obdach des Klosters, während die beiden Frauen, weil hier strenge Clausur ist, noch im Hofe unter dem beweglichen Obdach der Staub- und Sandwolken, das der Sturm bald aufbaute, bald wieder niederriß, verweilen mußten. Endlich kam der Prior; wir überreichten unsre Empfehlungsschreiben aus Jerusalem und fanden die herzlichste Aufnahme. Für uns Männer war freilich bald ein Unterkommen in einem Seitengebäude des Klosters selber gefunden, aber mit der Aufnahme der beiden weiblichen Pilgrime hatte es dießmal große Schwierigkeit. Das Erdbeben vom 1ten Januar hatte das Pilgerhaus, das an der gegenüberstehenden Seite des Hofes zur Aufnahme solcher Gäste bestimmt gewesen war, ganz niedergestürzt, und obgleich an seinem Wiederaufbau rüstig gearbeitet wurde, fand sich doch noch kein einziges bewohnbares Zimmer in ihm. Indeß brachte man die beiden vorläufig unter ein Obdach und bald wurde ihnen in einem andren kleinen Häuslein des Klosterhofes das Zimmer eingeräumt, welches gewöhnlich ein Schreiber oder Rechnungsführer des Klosters bewohnte, der gerade verreist war. Dieses wurde dann während unsers Aufenthaltes in Nazareth unser gemeinsames Speisezimmer am Mittag und Abend, und bei Nacht die Ruhestätte der Reisegefährtinnen. Ein Umstand erschien mir bei der Geschichte dieser kleinen Unbequemlichkeiten und ihrer Veranlassung denkwürdig. Nach einem früheren Plan unsrer Reise, nach welchem wir zuerst Palästina, dann Aegypten und den Sinai besuchen wollten, ein Plan der noch in Smyrna uns vorschwebte hatten wir die Adventszeit in Jerusalem, Weihnachten in Bethlehem, das neue Jahr in Nazareth zubringen wollen. Wäre dieser Plan durch eine passende Schiffsgelegenheit begünstigt worden und gelungen, dann hätte uns, menschlich gesprochen, das Erdbeben vom ersten Januar gerade in der Mittagsstunde in dem Zimmer des damals zusammengestürzten Pilgerhaußes beisammengefunden, und in demselben Augenblick wo auch ein Theil des niederbrechenden Portales der Kirche mehrere unter ihm stehende Kinder und Erwachsene zerschmetterte, auch uns unter den Trümmern begraben können. Der Sturm hatte sich gelegt, der Himmel war wieder heiter geworden; wir beschlossen noch heute unsern Antrittsbesuch in der Stadt und ihrer Umgegend zu machen. Nazareth liegt in dem muldenförmig ansteigenden (westlichen) Ende eines Thales des Kreidekalkes, dessen rundliche Höhen in vielfache Schluchten getheilt sind und das gegen Osten allmälig zur Ebene abfällt. Die Höhe des Thales über dem Meere misset da, wo Nazareth liegt, 821, jene der Ebene am westlichen Fuße des Thabor 439 Par. Fuß. Dagegen steigen die Höhen, welche zunächst der Stadt in Westen, Südwest und Nordwest das Thal umgürten, bis zu einer Höhe von 1500 bis 1600 Fuß an und gewähren die Aussicht zugleich nach dem beschneiten Gipfel des Libanon und Antilibanon und nach dem Spiegel des Mittelmeeres. Ich habe an wenig andern Gegenden die Züge der Freundlichkeit und Milde mit jenen des hohen Ernstes so vereint gefunden als an der von Nazareth; das blumenreiche Thal ist eine immer jugendliche Mutter, welche nur der Pflege und Ernährung ihres Lieblinges: des Menschen gedenkt, das Gebirge ein lehrender Vater, der den Blick auf die Höhen wie auf die Tiefen hinleitet. Die Palme, obwohl vereinzelt, gedeihet in Nazareth, besser aber noch die Orange, die gewürzhafte Feige, der Oelbaum, die Granate, unter den Früchten des Feldes aber die Baumwolle. Das Thal, gegen Nord und West geschützt, stehet dennoch den Nordost- und Ostwinden offen, und, wenn auch nur selten, wird dennoch in einzelnen Jahren und auf einzelne Tage die Kälte des Winters für die nur schlecht gegen sie geschützten Bewohner empfindlich. Die Stadt selber glich damals, da wir sie sahen, einer von tiefem Wehe heimgesuchten Trauernden, welche nach der alten Sitte des Landes das Haupt mit Asche bestreut, auf den Haufen des Schuttes saß; denn das große Erdbeben hatte ganze Häußer darniedergestürzt, andre aber so zerrissen und baufällig gemacht, daß ihre leichtgebaute Schönheit dahin war. Wir besahen zuerst die Stätte unsers Aufenthaltes: das lateinische Kloster. Ein eignes Nebengebäude desselben ist zu einer Schule eingerichtet, in welcher eine ziemliche Anzahl größerer und kleinerer Schüler von etlichen Vätern des Klosters im Schreiben und Lesen des Arabischen, im Rechnen und nebenbei auch im Italienischen oder Spanischen unterrichtet werden. Die Kirche (der Verkündigung) die in ihrer jetzigen Form nicht viel über hundert Jahre alt ist hat einen verhältnißmäßig bedeutenden Umfang und ist von gefälliger Bauart. Sie ist nur ein neuer Aufbau jener oft (namentlich im Jahr 1263) von Grund aus zerstörten und wieder aufgebauten älteren Kirche, deren erste Grundlage Helena, die Mutter der Erbauung, an der Stelle veranlaßte, an der einst das Haus der Maria gestanden. Das eigentliche Heiligthum dieser Kirche ist jenes vormals unterirdische Gemach, in welchem die christliche Andacht die Stätte der Erscheinung des Engels und der Verkündigung verehrt; zwei Säulen, davon die eine in der Mitte abgebrochen ist, bezeichnen die Orte wo Maria stund und wo der Engel sie begrüßte. Außer diesem zeigen die Mönche noch ein andres Zimmer oder Felsengemach, welches, während die erkohrene Jungfrau die heilige Elisabeth besuchte, von einer Freundin bewohnt war. Etwas seitwärts von der Stadt findet sich, am Fuße des ansehnlichen Griechischen Klosters, in einer Schlucht des Gebirgsrandes, der Brunnen der Maria. Sowohl dieses Kloster als auch seine nächste Umgebung waren voller Griechischer Pilgrime; ganze Familien von diesen hatten im Schatten der Bäume ihr Lager aufgeschlagen, denn Nazareth ist bei den Wallfahrten ein Hauptpunkt des Ausruhens. In der Stadt selber wird in einer Art von kleinen Kapelle die Stätte verehrt, da Josephs, des Pflegvaters Haus stund, in welchem Jesus als Kind mit seinen Eltern lebte und ihnen unterthan war. In einer Bergschlucht an der Südwestseite der Stadt wird den Pilgrimen eine natürliche Grotte (Kapelle) gezeigt, in der sich, gleich einem niedren Tische, eine Felsenplatte findet; hier sollte der Herr auch nach seiner Auferstehung mehrmalen mit seinen Jüngern verweilt haben. Gegen Abend kehrten wir ins Kloster zurück, in welchem die guten Väter aufs Trefflichste für unsre Bewirthung gesorgt hatten. Denn außer dem köstlichen Libanonwein trug man uns Fleisch vom wilden Schweine auf, einer Thierart die in dieser Gegend nicht selten ist. Auch nach dem Abendessen ergiengen wir uns noch während der Dämmrung im Garten des Klosters, der zwar minder schön gelegen als jener von St. Johann, dennoch eine nicht minder sorgfältige Pflege verräth. Die Mönche von Nazareth bauen unter anderm auch Tabak an, aus welchem sie eine Art von Spaniol bereiten, welcher dem besten Spanischen nicht nachstehet. Mittwochs, den 19ten April machten wir uns auf zum Besuch des Thabor. Der Weg führt, am Marienbrunnen vorüber, den hohen Berg hinan, jenseits welchem ein zweiter Bergkessel sich dem Auge eröffnet, der mit jenem von Nazareth nach der Ebene Esdrälon sich hinabsenkt. Wir zogen am Abhange des Berges neben diesem Bergkessel hin, dann senkt sich der Weg hinab nach einem niedrigeren Bergsattel, der die Verbindung zweier, einander gegenüberstehender Höhen bildet. Sein gras- und buschreicher Boden wird von Aegilopseichen beschattet, deren dicht belaubte Zweige sich weithin ausbreiten; in den Gebüschen sangen Vögel, von dem Geschlecht unsrer einheimischen Sänger, ihr Morgenlied. Wir hatten, von Nazareth hieher, anderthalb Stunden Zeit gebraucht. Eine Wanderung durch eine Gegend wie diese hier, in den Morgenstunden eines Frühlingstages, müßte in jedem, auch dem historisch unwerthesten Welttheile, Herz und Sinnen beleben und erquicken; wenn sich aber zu den aufregenden Eindrücken auf die äußren Sinnen, im Innren der Gedanke gesellt, daß hier durch diesen grünenden Eichengrund der Weg zum Thabor gehet, daß dieses da die Auen und Berge von Galiläa sind, auf denen der Fuß Dessen, durch welchen alle Gegenden und Völker der Erde gesegnet sind, in den Tagen Seines Fleisches am öftersten wandelte, dann wird mit dem Leibe zugleich auch die Seele sich erheben und der Geist sich freuen an einem Naheseyn, dessen Kräfte zwar überall, hier aber in besondrer Stärke ihn berühren. Wenn auch nicht die Stätte der längst zerstörten Kirche von Kabula, wie die christliche Sage des Landes dieses bestimmte, der Ort des Gebirges war, wo der Herr nach seiner Auferstehung fünfhundert Jüngern auf einmal erschien und ihren Glauben stärkte; so war doch gewiß eine dieser nachbarlichen Höhen die Stelle jenes seligen Wiedersehens. Der letzte Theil des Weges zieht sich über einen sanften Abhang nach der Ebene des Kison hinab, auf welcher sich der Thabor, abgeschieden von allen Nachbarbergen wie ein Altar im Felde erhebt. Dieser Nasiräer unter den Bergen trägt schon in seiner auffallend symmetrischen (runden) Form ein Gepräge des Außerordentlichen: Fragte man den Pilgrim aus fremden Lande, der noch nie eine Beschreibung vom Thabor hörte oder las, indem man ihn hinstellte auf die Ebene vor den Karmel und Gilboa's Höhen, vor Hermon und Hermonim: welche von allen diesen Höhen hältst du für den heiligen Berg?[112] er würde ohnfehlbar auf diese einsam im Felde stehende, grünende Felsenwarte hindeuten. Denn wie dem Angesicht eines Menschen, welcher zur That der höheren Begeisterung bestimmt war, glaubt man diesem Itabyrion es anzusehen, daß Der, welcher ihm seine Gestalt gab, mit ihm Gedanken einer künftigen Verherrlichung hatte. Nur wenig über das Thal und das Bette des Kison erhöht liegen zwei Ortschaften, am Fuß des Berges nachbarlich beisammen, in der einen (nördlicheren) von diesen, ~Dabury~ genannt, verweilten wir einige Augenblicke um uns an der gewöhnlichen Gabe des Landes, an geronnener Milch zu erquicken, dann setzten wir unsre Füße weiter. Ueber und neben manchen Trümmern älterer wie neuerer Gebäude (Dabury hatte in alter Zeit auch eine Christenkirche) giengen wir anfangs allmäliger aufwärts durch die Felder; das stärkere Ansteigen beginnt erst da, wo sich auf dem breiteren Fußgestell des unteren Drittels (?) des Berges sein eigentliches rundliches, mit Wald und Gebüsch begränztes Haupt erhebt, dessen Scheitel eine nur wenig gegen Westen gesenkte Ebene bildet. Das Aufsteigen von Dabury bis zum östlichsten (höchsten) Punkt des Scheitels hatte gegen 1¹⁄₂ Stunden gedauert; die Gebirgsart, aus welcher der Thabor besteht, ist Kreidekalk. Oben am waldigen Gipfel war ich vorangegangen und hatte mich, ohne dieß zu bemerken, von dem Wege, den meine Freunde nahmen, entfernt. Doch wer würde auch da, in dem Lustgefilde des Thabor es innen werden, daß er allein sey und einer menschlichen Unterredung begehren. Ist doch hier jeder Odemzug, der mit dem Duft der balsamischen Gesträuche zugleich in die Brust dringet, ist doch selbst der unmerkliche Schlag des Herzens ein Sprechen des Lebens mit seinem Quell und Anfang. Wenn dort, wo in das dunkle Grün der Wallnußbäume der schlanke Azedarach seine lilafarbenen Blüthentrauben verwebt; wo mit dem Roth der eben ausbrechenden Rose das gelbliche Weiß der Storaxblüthe sich vermischet, oder wenn auch dort, wo am Stamme der alternden Pistazie der Epheu emporklimmt und am Saum des Eichenwaldes die Gesträuche des Alhaghi wie des Ladans grünen, der Anblick der zerstörten Klöster und Christentempel ein Zug werden wollte, hinab zu Gedanken der Trauer, dann wirket alsbald diesem abwärts gehenden der Zug eines »freudigen Geistes« entgegen, der die Seele hoch emporhebt über alles Leid und alle Trauer der Erde. Wie das Gold unter den andren Metallen, so ist der Thabor der schönste unter allen Bergen der Erde; gleich einem Thautropfen auf dem Blatt der Rose, der auf seiner klaren Fläche den blauen Himmel und den Strahl der Sonne abspiegelt, stehet der »heilige Berg« da über der grünenden Ebene von Esdrälon und die Erinnerungen die in dem Schatten seiner Eichen erwachen sind herrlicher als der Strahl der Sonne und das Blau des Himmels im Spiegel des Thautropfens. Aber auch ohne diese Erinnerungen würde der bloße natürliche Eindruck, den dort die blühende grünende Nähe wie die weithin sichtbare Ferne auf die Sinnen machet, in jedem Wandrer der den Thabor besteigt einen Nachhall der Worte: »hier ist gut seyn« erregen. An sich selber erscheint die Höhe von 1748 Par. Fuß, bis zu welcher der Berg der Berge nach unsrer barometrischen Messung über den Meeresspiegel emporragt, keine sehr bedeutende. Abgesehen jedoch davon daß die Thalsohle unterhalb Dabury nur 438 Fuß Höhe hat und daß mithin die Linie des senkrechten Aufsteigens von hier an bis zum Scheitel über 1300 Fuß misset, ragt auch dieser Scheitel um mehr denn 200 Fuß über die Berge seiner Nachbarschaft, und die Aussicht von seiner Höhe fußet am Spiegel des Tiberiassees auf einer Tiefe welche um mehr denn 535 Fuß unter das Meeresniveau gesenkt ist. Die senkrechte Linie der Erhebung vom Ufer jenes nachbarlichen Sees bis zum Gipfel des Thabor kommt mithin nahe an 2300 Fuß. Es ist jedoch vor allem die Stellung, in der Mitte zwischen der wunderbaren Tiefe in Nordosten, den großen Höhen in Norden und an dem Thore der weiten Thalklüfte zwischen dem Carmel und dem Gebirgsstock Gilboas, zwischen Ephraims und Judäas Höhen, was der Aussicht vom Thabor ihre ganz besondre Kraft giebt. Denn auf den scharfen dunklen Farbenton, den der Anblick des Tiberiassees und der mitten innen liegenden Ebene giebt, antwortet wie das Echo von einer fernen Gebirgswand das blendende Weiß des Schnees auf dem Gipfel des Antilibanon; neben das tiefe, dunkle Blau der Berge Ephraims und Judäas stellt sich das bleiche Grün der Berge Gilboas und des nachbarlichen kleinen Hermon hin. Es war ein Unfall jener Art, dergleichen uns mehrere auf dieser Reise begegneten, daß unser kunstverständiger Freund, der Maler Bernatz, an dem Morgen an dem wir von Nazareth nach dem Thabor giengen, nicht sogleich bei uns war, sondern in der Nachbargegend beschäftiget, erst später uns nachkam, so daß er nur zur Zeichnung des Berges selber, wie derselbe unten vom Thal des Kison erscheinet, nicht zu jener des Panoramas der Aussicht, die man oben hat, Zeit gewinnen konnte. Ich beschreibe deshalb nur in einigen Zügen die Hauptfäden des Gewebes der Höhen und Tiefen das man von dem Berge aus überschaut. Tief in Süden glaubten einige von uns den Spiegel des todten Meeres zu sehen, doch war dieser Anblick, bei der Stellung der Sonne gegen das Auge höchst ungewiß und undeutlich. Desto deutlicher war der des Genezarethsees und eines Theiles des Jordansbeckens, dessen gegenüberstehende Höhenränder wenigstens durch ihre Farben und Schatten sich unterscheiden. Vom Jordan her ziehen sich in fast südwestlicher Richtung drei bis vier Reihen von Bergrücken hinter und neben einander herüber, deren südlichere mit dem Gebirg von Samaria sich verbinden, die nördlicheren aber nach der Ebene Jesreel abfallen. Das Gebirge von Dscholan, im Osten des Tiberiassees und des Jordans erscheinet, besonders in seinem nördlicheren Verlaufe auch vom Thabor aus noch von bedeutender Höhe, namentlich aber blickt man nach Saphet als auf einen höher gelegnen Punkt hinan und selbst in West und Nordwesten von Nazareth stellt sich das Gebirge als eine hohe Mauer vor die freie Aussicht nach dem Mittelmeere, welche dennoch an einigen Stellen sich öffnet, so daß der Thabor ein Anhaltspunkt für die genauesten trigonometrischen Messungen der verschiednen Höhen jener Wasserspiegel des Ostens und Westens werden könnte. An den beschatteten Gemäuern der zerstörten Klöster vorüber, dann über die freie, von hochwüchsigem, verwildertem Getraide hinweg und durch eine Art von verfallenen Thorweg war ich meinen Reisegefährten voran nach den Trümmern jener ansehnlichen Veste gekommen, welche die Sarazenen gegen Anfang des dreizehnten Jahrhunderts als Zeichen ihres nahe vollendeten Sieges über das Reich der Christen auf dem Thabor erbauten. Auf einer Balustrade des alten Burggemäuers lag ein schlafender Mann, in der Kleidung des hiesigen Arabischen Volkes; er selber, der Schlafende, hätte kein Bedenken erregt, desto nöthiger aber schien es mir zu forschen ob nicht wachende Männer derselben Art im Gemäuer verborgen seyen, denn ich hatte nicht einmal einen Stock zur Abwehr bei mir. Mein Bedenken wurde indeß gehoben da ich einen Blick in das neben dem Schlafenden liegende Buch warf, welches mich in ihm den Christen erkennen ließ, denn es war ein altes, christliches Andachtsbuch in Syrischer Sprache. Der Mann erwachte und schien anfangs über den Anblick eines neben ihm stehenden, fremden Menschen, der in seinem Buche blätterte, etwas betroffen; mit verlangender Miene sahe er nach seinem Schatz und steckte das Buch sogleich, da ich es ihm zurückgab, in seinen Pilgersack, der ihm zum Kopfkissen gedient hatte. Wir wurden indeß bald mit einander bekannt und später erfuhr ich von ihm daß er hieher gekommen sey um vierzig Tage lang in der Einsamkeit des Thaborgipfels zu wohnen und zu beten. Drei Viertheile dieser, von ihm zu frommen Uebungen bestimmten Zeit waren schon vergangen, das letzte Viertel, bis zur Feier des diesjährigen Osterfestes der Orientalischen Christen war noch übrig; die Hirten und Dorfbewohner der Nachbarschaft versorgten den Einsiedler von Zeit zu Zeit mit Brode; sein Pilgersack enthielt einen Vorrath getrockneter Früchte; zum Getränk diente ihm das Wasser einer Cisterne, nahe bei der Stätte der zerstörten Eliaskirche. Die Reisegefährten, bei denen auch meine Hausfrau sich befand, waren indeß herbeigekommen, wir genossen nun gemeinsam der Aussicht am Gemäuer der Feste, deren einzelne Punkte, so weit dieß nöthig war, der Syrische Christ und ein Mann aus Dabury, der mit den Freunden gekommen war, uns benannten und erläuterten. Zu unsren Füßen, im Thale das zwischen dem Thabor und Hermon sich hinziehet, liegt jenes Nain, an dessen Thore einst der Herr den Sohn der Wittwe aus den Todten zurückrief; nicht weit hiervon ein andres Oertlein erinnert auf andre Weise an den gewaltsamen Einbruch einer lebenden Gewalt in das Reich der Todten: es ist Endor, wo die Magierin den Geist Samuels des Propheten gewaltsam heraufführte vor Sauls Angesicht. Siegreicher jedoch und göttlich hehrer denn selbst zu Nain brach die Macht des ewigen Lebens in das Reich der Sterblichkeit hier, auf dem Thaborgipfel herein, da Er selber, des Lichtes und des Lebens ewiger Anfang sich vor den Augen der drei erwählten Jünger verklärte, also daß sein Angesicht leuchtete wie die Sonne und seine Kleider hell wurden wie der Blitz. Denn hier war es wo Moses und Elias in der Klarheit des Himmels Ihm erschienen und mit Ihm redeten von dem Ausgang, welchen Er sollte erfüllen zu Jerusalem, während mächtiger noch denn Moses und Elias und alle Kräfte der Himmlischen die Stimme des ewigen Vaters selber zeugete aus der Wolke, von Ihm, dem geliebten Sohne, »den wir hören, auf dessen Wort wir merken sollen«[113]. Als damals Petrus, ergriffen und dahingenommen von der Entzückung des Himmels sprach: Herr, hier ists gut seyn; lasset uns drei Hütten machen, dir eine, Mosi und Elias eine, da wußte er nicht was er redete. Wußten vielleicht, so fragt uns da unten in der nachbarlichen Ebene das Schlachtfeld von Hittin, auch jene Kämpfer für die sichtbare Herrschergewalt des Christenthumes, welche den Wunsch des Jüngers Jahrhunderte hernach erfüllten und hier an dem Orte da es gut seyn ist nicht bloß Hütten sondern Tempel der Andacht errichteten, auch nicht was sie machten? In der That, der Jünger der jetzigen Tage, wenn er hier, auf der Höhe des Thabor mit dem Geist der Geschichte sich unterredet, blickt in ähnliche Dunkel hinein als die waren, welche »die Tage der Erfüllung in Jerusalem« vor den Augen der ersten Jünger verhüllten. Welche Gegend vermag schmerzlichere Erinnerungen in der Seele des abendländischen Christen zu wecken denn diese da, über welcher sich jener begeisternde Glanz der Morgenröthe, der den Heldendrang der Kreuzzüge weckte, auflößte in ein armseliges Nebelgewölk, aus dem sich Blut ergoß, das, wie es schien, keinen schlafenden Keim des Lebens in dem benetzten Boden weckte, sondern vergeblich dahin gegeben war. Und dennoch, wenn auch Jene, die das Sehnen nach der Heimath der ewigen Palmen ergriff und dahinnahm, als sie da, auf dem Boden des heiligen Landes, von welchem die Liebe bezeugt: hier ist gut seyn, die bleibenden Hütten eines sichtbaren Herrscherreiches erbauen wollten, es nicht wußten was sie thaten, so wußte dieß doch Er, welcher des Sehnens Ursprung und Endziel war. Wie das innre Bewegen, das im Herbst die Schaaren der wandernden Vögel mit unwiderstehlicher Gewalt ergreift und über Land und Meer dahinführt, wie der Trieb der Säfte, der in den Tagen des Frühlinges die Tausende der Blüthen aus dem Fruchtbaum herausdrängt ans Licht, an welchem die meisten, gleich einer vergeblichen Ueberfülle verblühen und abfallen, ohne Frucht zu tragen, wie jeder Zug des Instinktes im niedreren Reiche der Sichtbarkeit ein Walten der Kraft ist, die das Wesen der Leiblichkeit begründete und beherrscht, so war auch jenes Bewegen, das die Menschenseelen zu dem Werk der Kreuzzüge dahinriß, nicht von unten her, sondern es kam von oben, aus einem Anwehen des Geistes, der dem Menschen im Anfang den lebendigen Odem gab. Auch jene Zeit war nach ihrem Maaße eine solche, in welcher, wie der Mund der Wahrheit von einer andern höheren Zeit bezeugte, das Himmelreich Gewalt litt, und die ihm Gewalt thaten die rissen es an sich[114]. Wird nicht mit den Tausenden der Blüthen, die wie eine Fülle der Verschwendung sich herausdrängen und als ein vergebliches Wirken der Natur dahinströmen auch jene tiefere innerlichere Kraft des Baumes wach, welche die Knospe weckt aus der die Frucht erwächset, die dann fest und daheim am Stamme bleibt? Oder ist etwa die Aufregung, welche den jungen Schwarm der Bienen zur Begründung des neuen Staates treibt, nur für jene Auswandrer da und wird sie nicht zugleich für die im Stocke zurückbleibende Menge ein Sporn und Antrieb zur neuen, verstärkten Thätigkeit? Wie tief in den Zeiten der beginnenden Kreuzzüge der größere Theil der Abendländischen Christenheit in die rohe Dumpfheit des Sinnengenusses und in jene fanatische Blindheit versunken war, welche Belials Thaten und Christi Werk mit einander verwechslet oder doch nicht zu unterscheiden vermag, das beweist uns eben jener Abschaum der damals neben den edleren Schaaren die das Kreuz nicht nur äußerlich sondern auch innerlich trugen, von Westen her über den Osten sich ergoß. Eben diesem Unrath, der nur zum Theil den geheiligten Boden besudelte meist aber schon auf dem Wege zum Ziel dem eignen, innern Verderben unterlag, wollen wir hier keinesweges das Wort reden sondern wie schon erwähnt, an ihm nur erkennen wie hoch die allgemeine Krankheit gestiegen war und wie, ohne ein neues Moment der Begeisterung und Belebung von oben die Christenheit des Westens und ihre Herrscherreiche bald dasselbe Loos des geistigen Verderbens würde getroffen haben, welchem jene des Morgenlandes und das Reich der Byzantiner unterlagen. Denn wenn jenes wilde Heer das im Jahr 1096 unter Wilhelm dem Zimmermann und dem Grafen Enrico von Mainz, bestehend aus zweimalhundert Tausenden zu Fuß und drei Tausenden zu Roß, aus Frankreich und Deutschland auszog, eine Gans und eine Ziege vor sich hertrieb, welche vom Geist Gottes beseelt seyn sollten und deshalb göttlich von ihm verehrt wurden[115], so bezeugte es hierdurch nur, was es schon durch seine Gräuelthaten gethan, daß es nicht von der Macht jenes Geistes geleitet sey, welcher aus der Kraft des Kreuzes kommt und dieses liebt, sondern von der Macht jenes andern, finstren Geistes, der das Kreuz hasset. Dieser Geist, welcher nicht das Leben, sondern den Tod der Menschenseelen sucht und will, war es auch, der jene fanatisch Rasenden vor Meßburg (Mosony) in Ungarn, als ihre Uebermacht die Mauern der Stadt bereits gebrochen hatte und der Muth der Belagerten entwichen war, plötzlich dem Verderben preis gab, da sie, statt in die eroberte Stadt einzugehen von einem natürlich unerklärlichen Schrecken dahingerissen innen hielten und in verworrener Flucht sich über einander stürzten. Weder die gottbegeisterte Ziege noch die heilige Gans konnten jetzt die Dahingegebenen vor dem Schwert der Rache retten, das an ihnen die Tausende der gräulichen Blutschulden, die sie schon auf ihrem Zug durch Deutschland auf sich geladen, heimsuchte. Auch Gottschalks Heeresgesindel, das etwas früher auf der Ebene von Belgrad unterlag und Petrus des Einsiedlers mit Walthers ohne Habe unbändige Schaaren, welche zu Helenopolis das Verderben ereilte, bewiesen durch ihre Thaten wie durch ihr Schicksal, daß in dem größesten Theil von ihnen nicht jener bessere Geist wohne und walte, der ein Geist der Zucht und Ordnung ist. Selbst jener abentheuerlich ritterliche Sinn der im Jahre 1101, da schon durch Gottfrieds von Bouillon und Balduins +I.+ Heldenmuth mitten im Lande der Feinde ein Königreich Jerusalem begründet war, Tausende, selbst der edlen Frauen und Jungfrauen aus Deutschland und Frankreich, im Schutze der wackren Kämpfer unter Wilhelm von Nevers und Wilhelm von Poitou zur Wallfahrt nach dem heiligen Lande bewog, war noch nicht der rechte Geist des Christenglaubens und der Ordnung. Das blutige Loos der Schlachtopfer, das jene vorhin so rüstigen Kämpfer am Halys traf und das noch elendere, welches den noch jugendlichen Frauen und Jungfrauen (unter ihnen war Ida von Oesterreich) in der Türkischen Gefangenschaft begegnete, erscheint zum großen Theil als ein wohlverdientes[116] und in Wilhelms von Poitou, des Troubadours Liedern, darinnen er später, als er dem Untergang entronnen wieder daheim war, seine und der Seinigen damaliges Schicksal besang, sprach sich fast nur jener Leichtsinn des Menschenherzens aus, der selbst durch schweres Leid nur auf kurze Zeit entmuthiget, nicht aber geheilt und gebessert wird[117]. Und was Andres als dieser Leichtsinn, gepaart mit dem Hochmuth, der Herrschsucht und dem Geize des natürlichen Menschen war es, was die Thaten auch jener Kreuzfahrer deren Anlauf ein besserer gewesen, befleckte und sie hemmte, mitten auf dem Weg ihrer Siege. Kaum war die furchtbare Noth, welche das große Heer der Kreuzfahrer unter Gottfrieds von Bouillon Leitung auf ihrem Zuge durch Bithynien und Phrygien betroffen und in welcher fast die Hälfte der Streiter erlegen waren, vorüber, da ergab sich die noch gerettete Hälfte vor Antiochien, in der Trunkenheit des Leichtsinnes solchen Schwelgereien und Sinneslüsten, wie sie vormals nur das verdorbene Heidenthum geübt hatte[118]. Ein unedles Feuer der Herrsucht und des Neides entzündete sich selbst in Balduins sonst ritterlich edlem Herzen, da er Boëmunds Banner, durch Tankreds tapfre Hand auf die Mauern von Tarsus gepflanzt erblickte[119], und solche verderbliche Aufwallungen des Hochmuthes und der Herrschsucht der Heerführer lähmten späterhin fast auf jedem Schritte den Fortgang der christlichen Waffen. Erniedrigender jedoch und Unheil bringender als selbst die Herrschsucht zeigte sich bei Tausenden von Gelegenheiten der Geiz der Wallbrüder, wenn sie, nicht gewarnt durch das Unglück das bei solchem Anlaß schon so oft über ihre Schaaren gekommen war, immer nur zunächst der Beute gedachten und hierbei nicht selten das Schwert, statt gegen den noch unbesiegten Feind, gegen die Brüder selber wendeten. Die stets sich wiederholende Folge eines solchen Beginnens war die, daß der Feind, welcher dem Muth der Christen, so lange ihr Herz noch ungetheilt bei dem Kampfe für das Kreuz war, nicht zu widerstehen vermochte, sein Schwert zurückkehrte gegen die getheilten und hierdurch ohnmächtiger gewordnen Herzen, und die tödtete oder gefangen nahm, welche schon vorhin im Geize todt oder schimpflich gefangen lagen. Hätte doch die Raubgier selbst der tapfren Templer den christlichen Heere fast den Sieg entrissen und alle Früchte einer wie übermenschlichen Anstrengung und des vielen vergossenen Blutes der Kämpfer vernichtet und vergeblich gemacht, als im Jahre 1153 unter Balduin +III.+ die festen Mauern des so oft belagerten Askalons endlich gebrochen und nun der Eingang in die Stadt den tapfren Belagerern geöffnet war. Denn damit die reiche Beute der Stadt nur ihm und seinen Rittern zu Theil werde, hatte Bernhard der Großmeister alle Andre, die außer ihm und seiner Schaar durch die Bresche eindringen wollten, gewaltsam zurücktreiben lassen, mußte jedoch, denn der edle Geist der vorhin den Sieg gab, war von ihm gewichen, alsbald der Uebermacht der Askaloniten unterliegen[120], und diese schlossen von neuem den Riß der Mauer, welche ohne eine Macht von oben, die über die Heiden eine unbegreifliche Furcht und Schrecken ausgoß, nie in die Hände der Christen gekommen wäre. So hatte, dieß bezeugte später noch vielmehr der Fall von Ptolemais, des letzten Bollwerkes der christlichen Streiter im Lande der Verheissung, selbst jene Orden, die wie es anfangs geschienen nicht sich selber und ihr Eigenes, sondern nur die Sache des Reiches Christi suchten, und die um dieser Sache willen in so mancher Schlacht ihr Leben dahingaben, jene geistige Seuche ergriffen der so viele Seelen der Menschen, die unter dem Panier des Kreuzes nach den heiligen Stätten zogen, unterlagen. Die Pullanen, das heißt die unmittelbaren Nachkommen jener Helden, welche das geliebte Land mit ihrem Blute und tausendfachen Mühen wiedergewonnen hatten, waren nach wenig Jahren so in Wollust und Dumpfheit der sinnlichen Gelüste entartet, daß nicht viel fehlte sie wären den entarteten, treulosen Byzantinern und andern Griechen des Orients an innrer Verdorbenheit gleich gekommen. Denn wie sich gegen den armen, von den Griechen verrathenen Rest von Conrads und Ludwigs +VII.+ Kreuzesheer bei Attalia (im Jahr 1148) die Türken ungleich menschlicher und milder benahmen als die Griechischen sogenannten Christen[121]; so erwiesen sich auch später die »Ungläubigen« öfters treuer, edler und brüderlich liebevoller gegen die fremden, ihnen feindseligen Kreuzfahrer, als das niederträchtig feige, verkäufliche Volk der Pullanen, zu dessen Beistand und Vertheidigung doch die Fremden gekommen waren. Und wohl dem Fränkischen Namen und der Ehre seiner Ritterschaft, wenn die Kunde der Geschichte nur von den Griechen und den Pullanen und nicht auch in Beziehung auf ihn es bekennen müßte, daß bei den Ungläubigen öfters jener Geist der Großmuth und Milde, welcher selbst des besiegten Feindes schont und der Hülflosen sich erbarmt; jener Geist der edlen Zucht und Ordnung, welcher mit Recht als eine der höchsten Gaben des Christenglaubens gepriesen wird, mehr gewaltet hätte als bei den Verehrern des Kreuzes. Wie geistig größer und höher erscheint Saladin als Richard Löwenherz[122], dessen natürliche Tapferkeit mit Recht unsre Lieder preisen. Sagt uns doch diese Geschichte ganzer Heere, wie die Geschichte der Einzelnen, in alter wie in neuer Zeit, daß der Besuch der heiligen Stätten, der ritterliche Feuereifer für das heilige Land das Herz an sich selber weder heilig noch gerecht mache. Denn selbst jener hochsinnige, jugendliche Held, Sigurd der Norwegische Königsohn, dessen christlicher Edelmuth, dessen sich selber vergessende Uneigennützigkeit, Demuth und Milde als hohes Vorbild den andren Kreuzfahrern leuchtete, versank, da er mit dem Lorbeer nicht nur der vielen Siege, sondern mit der Palme und Weihe des Besuches der heiligen Stätten in sein Land zurückkehrte, hier gar bald in den Abgrund der schnöden Wollust und der Laster[123]. Und so löste sich noch vielmehr bei Andren die heilige Flamme, welche, so geistig hoch sie geschienen, dennoch nur durch sichtbar Vergängliches entzündet und genährt war, in qualmenden Rauch und Asche auf. Wenn aber in ein Land, in welchem während der unerträglichen Schwüle des Sommers ein bösartiges Fieber sein Heerlager aufschlug und Tausende der Bewohner dahin raffte, plötzlich der erfrischende Sturmwind aus Norden hereinbricht, der die Luft reinigt und die Seuche verscheucht, oder wenn über die wasserlose von der Hitze versengte Ebene endlich ein starker Regenstrom sich ergießt, da vergisset der einheimische Hirt so wie der hier verweilende Fremdling gern des gleichzeitigen Schadens den der Sturm wie der anschwellende Strom an den Bäumen und Feldern gethan, und gedenket mehr nur der Linderung der allgemeinen Noth des Landes, welche ein solches Ereigniß brachte. Es vergleichet selbst das Buch der Bücher den Geist aus Gott, aus dem das Leben geboren wird, mit dem Sturmwinde, dessen Brausen der aufmerkende Sinn vernimmt auch ohne die Stätte zu kennen, von welcher er kommt und dahin er fähret. Ein Bewegen des Geistes der von oben kommt, gleich jenem des Sturmwindes der manche noch unzeitige Frucht und manches Blatt von den Bäumen reisset, ja ganze Wälder entwurzelt, ist dennoch in der Geschichte der Kreuzzüge sichtbar; das Bewegen einer Kraft, welche allen künftigen Geschlechtern nicht nur im Allgemeinen die Herrschermacht des Geistes im Menschen über die Elemente der vergänglichen Leiblichkeit, sondern die Verknüpfung dieser Macht mit einem Ewigen und Göttlichen bezeuget. Die leibliche Stärke und der persönliche Muth der Helden des Abendlandes waren es nicht, welche in den damaligen Völkern des Ostens jene Furcht und Schrecken aufregten, in deren Geleite oft zehn dieser Helden Hunderte der Feinde in die Flucht schlugen oder erlegten. Die Thaten Wickers des Schwaben, des Löwenwürgers, die riesige Stärke Gottfrieds und Balduins, wie der deutschen Ritter vor Iconium und des grünen Spanischen Ritters vor Tyrus[124] und andre solche Züge konnten nur Bewundrung, nicht lang andauernde Furcht in den hinter unbezwingbaren Mauern gedeckten oder durch Tausende der Lanzen und Schilder geschützten Feinden erwecken. Hatten doch auch die Türken solche Starke unter sich, wie denn namentlich jene Gefangene, welche dem Kreuzesheere bei der Belagerung von Jerusalem dienten, durch die eiserne Kraft mit der sie beim Tragen und Heben der Lasten so viel leisteten, als sonst vier andre Männer, das Staunen der Kreuzfahrer erregten. Auch nicht jene bewundernswürdig kühnen Unternehmungen der Ritter, dergleichen das von Balduin +I.+ war, da er durch das Peträische Arabien bis nach Wadi Musa und bis in die Gegend des Sinai sein siegreiches Panier trug, konnten die innre Ruhe des Reiches der Sarazenen und Türken auf lange Zeit stören. Kühner noch und ungeheurer war selbst der abentheuerliche Zug, welchen Rainald von Chatillon noch in jenen Tagen begann, da die Macht der Christen in Syrien ihrer Auflösung ganz nahe war; jener Zug nach Ailah (Akaba) am rothen Meer, dann auf den fremden, von ihm erbeuteten Schiffen an die Küste von Aegypten und selbst von Arabien, um Mekka und Medina zu zerstören oder zu erobern. Aber diese That, wie die eines Muthwilligen der mit dem Stecken in einen wohlbevölkerten Bienenstock stößt, hatte nur die Wuth der Feinde heftiger gereizt, nicht ihren Muth erschüttert, und auf bemerkenswerthe Weise erfolgte wenig Monate nach dem mislungenen Versuch einer Eroberung von Mekka und Medina, die von Jerusalem durch das Heer Saladins[125]. Auch solche Zeugnisse von der Gewalt des Geistes über den schon sterbenden Leib, wie das war, welches der zum Tod verwundete Joscelin der ältere vor Cressum gab[126], konnten den Mitlebenden wie der Nachwelt nicht als etwas Höheres erscheinen denn die ähnliche That des sterbenden Sultans Muley Maluk von Marocco. Das aber was von der Schaar der ausgehungerten Schatten eines christlichen Heeres in Antiochia, welches mitten in seinen Mauern, in der noch uneroberten Burg so wie außer den Mauern den Feind hatte, vorausgieng, als dieselbe gegen das vielfach überlegene, wohlversorgte Heer des Korboga den Ausfall wagte, das war nicht der Sturm einer leiblichen Stärke und Tapferkeit, nicht ritterlicher Muth, der Alles wagt, sondern es war die Macht eines kindlich festen Vertrauens auf Gott, wie sie der Christenglaube dem Herzen giebt[127]. Denn mehr denn die Entdeckung der »heiligen Lanze« hatte das Wort des frommen Erzbischofes Ademar von Puy jene Begeisterung geweckt die über Alles siegt. Diese Begeisterung eines Glaubens der die Welt überwindet war es, welche, wie wir früher erwähnten, das wohlbefestigte und von einer überlegneren Schaar der streitbaren Männer vertheidigte Jerusalem, so wie so manche andre feste Stadt in die Gewalt der Christen brachte; sie war es, welche das funfzehnmal größere Heer des Sultan Afdan in Gottfrieds und der Seinigen Hand gab[128]; welche zuerst Balduins +I.+ stolzen Sinn selber, dann aber durch ihn das übermächtige Heer der Feinde bei Askalon demüthigte, den Sarazenen bei Joppe (im Jahr 1102) den Sieg entriß und drei Jahre hernach bei Rama die siebenmal stärkere Macht der Heiden brach. Und wer möchte die Kraft eines festen, treuen Christenglaubens verkennen, mit welcher der achtzehnjährige, von den Qualen seiner unheilbaren Krankheit[129] fast aufgelöste König Balduin +IV.+, an der Spitze von 370 Geharnischten dem Heere Saladins, das außer den schwerer Bewaffneten 26000 leicht bewaffnete Reiter zählte, bei Ramla (am 25. Nov. 1177) entgegengieng und dieses schlug. Als damals der jugendliche Held, dessen Loos ein Leben der beständigen Schmerzen war, im Angesicht des unübersehbar weit ausgedehnten Lagers der Feinde von seinem Wagen stieg, vor dem heiligen Kreuz sich niederwarf und mit Gebet und Thränen die Hülfe von oben erflehte, da ergriff der Anblick die Streiter für das Kreuz mit solcher Macht, daß sie ein Treuseyn bis zum Tode beschwuren und diesem Gelübde gewärtig den Sieg errangen[130]. Wie dort den Jüngling, fast erstorbenen Leibes, und durch sein Beispiel die kleine Schaar seiner Streiter der Christenglaube mit der Kraft der Ueberwinder erfüllte, so that dasselbe unter vielen andren Fällen dieser Glaube an dem gottbegeisterten Greise, der Deutschlands höchsten Herrscherthron zierte: an dem fast siebenzigjährigen Friedrich Barbarossa. Dieser Sieger in so vielen Schlachten hatte keinen schwereren Kampf gekämpft, keinen herrlicheren Sieg errungen als den letzten seines Lebens, den Sieg bei Iconium, weil er in ihm, mehr denn in seinem ganzen Leben durch Wort wie durch die That den Namen Dessen verherrlichte für dessen Reich er jetzt kämpfte. Es ist eine andre, höhere Theilnahme als jene gewöhnliche, welche das Anhören oder Lesen der Kunde jenes schweren Heldenkampfes erregt, womit der Christ die Geschichte des Heereszuges Friedrichs durch das Land des Sultans von Iconien betrachtet. Als nach den unausgesetzten Kämpfen mit den mordgierigen Feinden und mit der Lebensgefahr der Gebirgswege von Laodicea bis jenseits Philomelium endlich auch noch mit erneuter Kraft der Mangel an allen Lebensmitteln hereinbrach, so daß viele der Besseren im Heere von Ermattung gelähmt Waffen und Habe den kräftigeren Genossen gaben und am Boden liegend den Tod von Feindeshand erwarteten; als zu gleicher Zeit das furchtbar übermächtige Heer des Sultans sich zur Schlacht des nächsten Tages rüstete und aufstellte, da erwieß sich auch an der Schaar der fast zum Tode ermatteten, christlichen Kämpfer die Wahrheit jenes Spruches, daß der Mensch nicht vom Brod allein lebe und Stärkung empfange, sondern von einem jeglichen Worte das durch den Mund Gottes gehet. Es war der Tag der Pfingsten (3. Mai 1190); das Pilgerheer ruhete an einer wüsten Stätte, die nicht einmal Schatten, geschweige andre Lindrung des Elendes darbot, da brach ihnen der fromme Bischof von Würzburg das Brod des Lebens. Als dieser mit freudigem Muthe jene Gnade prieß, welche an diesem heiligen Tage der Gemeinde des Herrn die Gabe des heiligen Geistes verliehen, da erinnerte er zugleich daran, daß seit jenem Tage der beseligende Glaube am mächtigsten durch die Thaten der Blutzeugen und der Kämpfer, welche treu blieben bis zum Tode, festgegründet und verbreitet worden sey. Dieser Glaube ist es der die Schmerzen des Todes überwindet, zugleich aber auch jene Kraft giebt, in welcher Einer Tausend und Zweie zehn Tausend in die Flucht zu jagen vermögen, »darum (so sprach er) vertrauet auf den Herrn.« Da nun auch der ergraute Kaiser Worte sprach, welche der Christenglaube der Menschenzunge leihet, da ergriff ein freudiger Geist alle die Besseren im Heere; wie die fröhlichen Gäste eines Fürstenmahles stimmten Alle ein Heldenlied in Schwäbischer Weise an. Der Kampf des andren Tages war keine eigentliche Schlacht zu nennen; er war das unwiderstehliche Hindurchbrechen eines tödtenden Blitzes durch die mauerdichten Heerschaaren der Feinde. Aber diese Mauer, wenn sie auch einen Riß bekommen, war deßhalb nicht niedergestürzt, und da am Abend des hart durchkämpften Tages zu den Beunruhigungen die der beständige Andrang der Turkomanen brachte, auch noch in der sandigen Wüste die fast unerträgliche Pein des Durstes kam, da wurden manche der Pilger so irre an Gott daß sie übergiengen zu den Heiden und den Glauben verläugneten. Nicht so der alte Kaiser und die, welche mit ihm gleiches Sinnes waren. Auch in unsrem Heere, so sprach er, mußte der Waizen gesichtet werden von der Spreu; jene Kinder des Verderbens mußten abfallen von uns, damit nicht durch sie der Segen unsrer Heerfahrt gehindert und vernichtet werde. Und als an einem der folgenden Tage das Heer der Christen zwar in etwas erquickt durch den Genuß eines sumpfigen Wassers, dabei aber noch aller Noth des Hungers dahingegeben war, und als nun der durch Glauben starke Kaiser auch den letzten Antrag des Sultans den Frieden wie den Markt der Lebensmittel um ein Lösegeld von dreihundert Zentnern Silbers zu gewähren, als seiner und der christlichen Ritterschaft des Kreuzes unwürdig zurückgewiesen hatte, da siegte dennoch über den fast allgemeinen Kleinmuth des Heeres der Rath der Helden, das wohlbefestigte Iconium nicht, wie Viele wollten, vorüberzugehen, sondern diese von andren Heeren der Kreuzfahrer vergeblich belagerte Stadt zu erobern. Was anders als der Christenglaube konnte einer Schaar der Halberstorbenen, die ohne alles Belagerungsgeräthe war, diesen Riesengedanken des Heldenmuthes eingeben und sein Gelingen möglich machen! Galt es da nicht, am Freitag, den 18ten Mai, ein Treuseyn bis zum Tode, da schon am Morgen die Herolde das Gebot verkündeten: daß jeder Pilger, der noch Lebensmittel besitze, mit seinem Mitbruder, welcher deren nicht habe, sie theilen möge, weil sie am andern Tage ja alle gleich seyn würden, entweder durch die Beute in Iconium oder durch die Palme der Sieger im Himmel. Ein Treuseyn bis zum Tode, als der Kaiser den kleinen Rest der Ritterschaaren, welcher nur noch aus Tausend vollkommen gerüsteten und mit Rossen versehenen Männern bestund, so theilte, daß die eine Hälfte, geführt von dem Herzog von Schwaben, Iconium in stürmischer Eile nehmen, die andren fünfhundert aber, an deren Spitze der alte, kaiserliche Held selber war, den Kampf mit der ungeheuren Uebermacht des Feindesheeres bestehen sollte, ohne daß die eine Schaar um die andere sich kümmern, oder auch in der größten Noth sie zur Hülfe rufen solle. Und als nun wirklich nicht allein durch ein unbegreifliches Wunder der Tapferkeit sondern des christlichen Glaubensmuthes Herzog Friedrich, zugleich mit den fliehenden Türken in die Stadt eingedrungen war, da galt es abermals bei der andern Hälfte der Schaar und bei ihrem Herrscher ein treues Festhalten an jener Hoffnung, welche nie zu schanden werden lässet. Im ungleichen Kampfe mit den in unermeßlicher Zahl andringenden Feinden war der Arm der Ritter wie ihres Führers ermattet, ihr Muth fast gebrochen, nur die Siegespalme der Martyrer schien nahe; schon hatten die Bischöfe und Priester, der Schlachtbank sich darbietend, die Stolen über ihre Schultern gelegt. Da rief der Kaiser, angeweht von neuer Kraft der Begeistrung: »Was weilen wir hier und grämen uns; Christus siegt, Christus regiert, Christus führet uns. Kommt, meine Heergesellen die ihr aus dem (irdischen) Reiche der Heimath zoget, daß ihr mit eurem Blute das Reich des Himmels erlangtet« und er selber voran wie ein Löwe brach in das Heer der Heiden ein, seine Ritter ihm nach über die Leichname der erschlagenen Feinde, bis in die Thore Iconiums. Dieses that und vermochte der Glaube der Christen; Schwabenland, dieß vermochte einer deiner Helden in der Kraft jenes Glaubens, von welchem du dich nicht wie Etliche aus der Schaar deiner Väter, am 14ten Mai 1190 durch die schwere Pein des Durstes nach Wasser sondern durch ein aus Trunkenheit erzeugtes Gelüste nach den Seifenblasen der Weltweisheit willst abtrünnig machen lassen. Aber auch der einfältige Glaube eines vereinsamten Pilgrimes dieser späteren Tage könnte bei dem Anblick des Kalykadnus, in der Ebene von Seleucia, oder des Feldes der Disteln und Dornen, im Osten des Thabor zwar nicht abtrünnig werden und fallen, doch fast strauchlen oder erschrecken. War es nicht dort, am Kalykadnus, wo der Sieger bei Iconium, der Held, nicht bloß der Schlachten sondern des Glaubens, Barbarossa seinen Lauf endete, wenige Tage nach dem durch seine Hand dem Reiche der Christen ein neues, großes Heil aufgieng? Schon am 10ten Juni 1190 erlosch hier die Flamme des in keinem Kampfe besiegten Feuers, das wie die aufgehende Sonne dem geheiligten Lande einen neuen Tag zu bringen schien, in dem Wasser eines Bergstromes. Und da, am Fuße des Thabor, auf dem Felde bei Hittin, war schon einige Jahre früher die Palme des Sieges, die der Christenglaube unter Strömen des edelsten Heldenblutes im Lande der Verheißung aufgepflanzt hatte, wie durch einen Sturmwind entwurzelt und dahingerafft worden. Was wollte dieser richterliche Ernst, was wollte die allvernichtende Strenge bei einem Werke, das wenigstens im Glauben begonnen, wenn auch nicht in der Weise jenes Glaubens dessen erste Früchte Demuth und Liebe sind, fortgeführt war? Man erzählt von einer Schaar von Schiffbrüchigen, welche schon im Anblick des heimathlichen Hafens ein Sturm ergriff, der das Fahrzeug zertrümmerte und den mit Noth Geretteten nur das nackte Leben ließ. Während die andren Alle jammerten und klagten, weil sie den mühsamen Erwerb der ganzen Fahrt und langen Arbeit der Reise verloren hatten, blieb nur Einer unter ihnen, ein Jüngling, ruhig und fröhlich. Der Zweck meiner Fahrt, so sprach er, war es, von einem weisen Manne des fernen Landes ein sichres Heilmittel zu erfahren gegen die lange, schmerzliche Krankheit meiner Mutter; diese Gabe ist mir geworden, und sie ist mir nicht zugleich mit den Waffen, Kleidern und andren Gütern im Meere versunken, denn ich trage die Kunde des Heilmittels für die kranke Mutter ~in mir~. -- Auch der scheinbar vergebliche Kampf der abendländischen Christenkirche um die äußere Weihe, die an geheiligter, sichtbarer Stätte empfangen werden sollte, hatte in ihren Gliedern die Kraft einer innren Weihe geweckt, die an unsichtbarer Stätte ruhet. Wie im Wasser des Jordans, das ein Pilgrim aus dem heiligen Land brachte, der neugeborne, künftige Herrscher eines Landes; so ward in dem Feuer, das die Kreuzzüge entzündet, der Geist jener neuen Zeit getauft, welche seitdem über dem Occident aufgieng. Die Begeistrung welche den Heldenlauf nach einer äußren Palme des Sieges zu dem Lande des Aufganges gelenkt, blieb in den Völkern des Abendlandes wach und erhub da ihr Auge nach einem andren, überall nahen, ewigen Osten. Ihre Stimme, eben so mächtig als Gottfrieds und Balduins und Barbarossa's Schlachtruf, wird nicht nur in Dantes Gesängen vernommen; das Wehen ihres Panieres wird nicht nur in Cimabue's und Giotto's Meisterwerken bemerkt: sondern ihr Bewegen drang bis in die innersten Tiefen des Reiches des Geistes, bis zu dem Quell des Lebens, das aus dem Glauben kommt. Wenn auch seit der Schlacht von Hittin die Schlüssel zu jenem Jerusalem, welches irdisch und sichtbar ist, verloren giengen und die fast sichere Hoffnung, sie wieder zu gewinnen mit Barbarossa am Kalykadnus dahin war, so behielt doch das christliche Abendland die Schlüssel und das Herrscherrecht für ein andres höheres Reich, für jenes des geistigen Erkennens und Strebens, welches keine rohe, leibliche Uebermacht seitdem ihm zu entreissen vermochte. Denn das Banner dieser Macht ist mit dem Wort vom Leben zugleich ausgegangen aus dem Abendlande nicht nur bis zum Thabor und Hermon und Oelberg, sondern bis zu den fernsten Enden des Ostens und Westens; die Christenheit des Abendlandes mit jener der Morgenländer verglichen erscheint noch immer, in all' ihrem selbst verschuldeten Elend als eine wachende und lebende, gegen eine schlafende oder erstorbene. Der junge Adler, wenn ihm auch die Hirten des Feldes die Beute seines ersten Ausfluges entrissen, hat doch seitdem den Gebrauch der Schwingen zum weitren Auszug über Meer und Länder gelernt. Eine kindlich fromme Sage, die sich in der Geschichte der Kreuzzüge sehr oft wiederholt, erzählt von Erscheinungen einer Schaar von weißen Rittern; himmlischer Streiter, welche aus der oberen Welt des Sieges und der Kraft dem Heere der christlichen Kämpfer dann zu Hülfe kamen und seine sinkende Kraft von neuem belebten und stärkten, wenn die Noth am größesten war, ja wenn der Untergang unvermeidlich schien[131]. In dieser lieblichen Sage spricht sich der Glaube aus an einen Bund der Seelen, welche hinübergiengen zu der Stätte des ewigen Friedens, mit jenen, die noch auf dem mühevollen Pilgerwege nach jener oberen Heimath sind. Es giebt Mächte der oberen Welt, welche für das Reich wirken und streiten, wie Mächte der unteren; es giebt eine Gemeinschaft der Heiligen deren lebende Glieder nicht Alle das vergängliche Leben des Fleisches leben. Der Tod wie das Unterliegen auf einer niedreren Stufe des Seyns, wird zu einem Aufleben und einem Siege in dem höheren Reiche; der sterbende Glaubensheld weckte nicht nur öfters durch sein Sterben in den Seelen seiner Mörder ein neues, höheres Leben, sondern in dem Augenblick wo ihn das Schwert der Feinde aus dem Dienst eines sichtbaren Banners der Streiter für das Reich hinwegriß, trat er in die Reihen der Streiter, die unter dem Schirm eines unsichtbaren Banners ohne Aufhören Triumphe feiern. Welche große Zahl der vollwichtigen Garben aus der Mitte des Unkrautes, zur Zeit der Kreuzzüge in die ewigen Scheuren gesammlet wurden, das soll uns einst der große Tag der Erndte lehren. Der Glaube welcher nicht nur für das eigne Leben, sondern für das Leben Aller ringt, welche Glieder sind an dem einen, lebendigen Haupte, hat auch damals die Keime einer Palme in den mit Blut befruchteten Grund gelegt, deren eigentliche Wurzel, umgekehrt wie die Gewächse der Sichtbarkeit nicht in dem irdischen Boden, sondern in dem Reiche der oberen, himmlischen Kräfte stehet, während die Zweige, mit ihren Blättern, die zur Gesundheit der Heiden dienen, hinaus ragen in das Reich des leiblich-sichtbaren Lebens. Wem sollte nicht gerade hier auf dem Berg der Berge, auf dem Gipfel des Thabor der Gedanke an ein beständiges Naheseyn des Himmlischen und Göttlichen bei dem Leben der Mühe und der Grabstätten, sich aufdringen? Moses und Elias, in ihrer Mitte Er selber welcher eher war denn beide, lassen da noch fortwährend einen Strahl jenes Entzückens auf die Seele, auch des ärmsten Jüngers fallen, das hier an dieser Stätte einst Petrum und Johannem und Jacobum ergriff; die Stimme aus der Wolke: »den sollt ihr hören« bezeugt sich da noch immer durch innre Bewegungen und Kräfte, welche in das selige Seyn der Ewigkeit hinüberragen. »Ja, hier ist gut seyn« so rief auch der Mund noch einmal aus, als das Auge von einem Ende des hehren Gesichtskreises: von Judäas bis zu des Libanons, von Gileads bis zu des Carmels Höhen sich ergangen hatte, und des Sehens nimmer satt den Lauf immer von neuem begann und fortführte. Mich wandelte ein Sehnen an, mit dem einsamen Syrischen Christen nicht bloß noch Stunden, sondern Tage und Wochen auf dem Berge zu bleiben. Von Zeit zu Zeit aus der weiteren Aussicht zurückkehrend, besahen wir uns auch das, was hier näher vor Augen und zu unsern Füßen lag. Diese Mauern, die noch jetzt in bedeutender Stärke eine Schutzwehr des steilen Abhanges bilden, mögen wohl noch zum Theil ein Rest der Befestigungswerke seyn, welche Josephus, der Geschichtsschreiber, im Kampfe für sein Volk, hier, am Itabyrion gegen die Macht der Römer anlegte und in vierzig Tagen vollendete. Ein Werk der gesegneten Hand die in Palästina überall »Erbauung« zu stiften bemüht war, die Kirche der drei Apostel Petrus, Johannes und Jacobus erstund schon in den Zeiten der Kaiserin Helena auf dem Thabor und damals hatte sich um diesen Tempel eine kleine von Christen bewohnte Stadt angebaut. Mönche aus dem Griechischen Orden der Basilianer haußten später in dem Kloster des heiligen Elias; Mönche aus Clugny begründeten das Kloster der Abendländischen Christen. Die Letzteren hatten ihr Haus der Höhe nur wenige Jahre bewohnt als im Jahr 1113 auf das Gebot des Sultans von Damaskus ein Heer der Sarazenen ins Land kam, das seine Gräuel der Verwüstung auch über den Berg der Verklärung ausschüttete, dessen Kloster es verheerte und die Mönche ermordete. Vier und siebenzig Jahre nachher, im Jahr 1187, drei Tage vor der unglücklichen Schlacht von Hittin ward dieser hehre Thabor mit dem Nachbarlande zugleich zu einem unheildrohenden Vorzeichen für das Reich der Christen, denn auch seine Friedenswohnungen hatte damals die Mordfackel der Feinde entzündet. Dennoch war die Wetterwolke die sich im Frühling (April) des Jahres 1263 am Thabor aufzog noch ungleich furchtbarer als die, welche der edle Held Saladin über das Land führte. Denn damals ließ Sultan Bibar, dem jede Schonung aus Edelmuth fern war, die schöne Kirche auf dem Thabor, gleich jenen zu Nazareth und zu Cabula von Grund aus zerstören und bald nachher erhub sich der Wüthrich mit seinem Heer vom Fuße dieses Berges, wo für einige Zeit sein Lager war, und erfüllte das Land bis zum Ufer des Meeres mit Strömen des unschuldig vergossenen Blutes der Christen, wie mit Flammen und Trümmern der Städte und Dörfer. Seitdem hat der Glaube der Christen ferner keine Tempel von Menschenhänden gemacht und keine Wohnungen der Andacht auf dem Thabor begründet, nur jährlich einmal versammlet sich ein kleines Häuflein der Lateinischen Christen zu dem Gottesdienste, welchen die Franziskaner aus Bethlehem in einer Felsenhöle halten, die sie zur Capelle geweiht haben; einige hundert Schritte von da begehen, in größerer Schaar, die Griechischen Christen des Landes das Fest der Verklärung. * * * * * Wir hatten uns fast fünf Stunden auf dem Gipfel des heiligen Berges verweilt; sie waren uns vergangen wie fünf Minuten. Der Syrische Christ hatte meine Gefährten zu einer Art von natürlicher Cisterne: einer Eintiefung im Felsen geführt, deren Wasserspiegel (denn wir hatten nichts zum Schöpfen) nur durch einen kühnen Sprung zu erreichen war. Durch das Feld des verwilderten Roggen (wenigstens herrscht diese Getraideart hier wie in einigen Stellen der Ebene Esdrälon an Menge über den Bartwaizen vor) und die Gebüsche des blühenden Storax, die Hände erfüllt mit Sträußen der Blut-Immortelle und andrer, seltnerer Pflanzen des Landes zogen wir fröhlichen Herzens wieder hinunter nach Daburah, aus dessen von Bienen wie von Kühen (die da ihren Stall haben) bewohnten Felsenhölen auch noch für uns heute die Segnungen des gelobten Landes, Milch und Honig floßen. Die christliche Sage des Landes will, daß hier bei Daburah die Stätte gewesen sey an welcher der Herr als er mit den drei zu Zeugen erwählten Jüngern vom Berge wieder hinabkam, das Gedränge des Volkes um die andren hier zurückgebliebenen Jünger versammelt fand, unter ihnen den Vater mit dem mondsüchtigen Sohne, dessen Leiden der noch schwache Glaube der Apostel nicht zu überwinden vermocht hatte. Ich machte, mit einem der jungen Freunde (mit Herrn Franz) auch den Heimweg nach Nazareth wieder zu Fuße, und wir kamen früher zum Ziele als die auf Maulthieren reitenden Gefährten. Wen sollten die Stunden eines Frühlingstages, zugebracht auf dem Thabor, nicht verjüngen und anziehen, nach seinem Maße, mit Kräften des Adlers, »der wieder jung wird.« Auch nach dem Abendessen ergiengen wir uns noch gemeinsam beim hellen Schein des Mondes, der fast voll war, im blumenreichen Thale von Nazareth, am Brunnen der Maria. Zwar erinnert in diesem Städtlein noch immer die kleine Moschee mit dem Minaret, der neben ihr wie ein dürrer Stab emporraget, an die Herrschaft des Islams, doch ist diese in unsern Tagen eine ungleich mildere und leichtere geworden als sie in den Zeiten der früheren Reisenden war. Der Christ wandelt jetzt bei Tage wie bei Nacht mit Sicherheit in einer Gegend, deren Bewohner ihrer vorherrschenden Zahl nach Genossen oder Mitbekenner seines Glaubens sind und auch die hiesigen (wenigen) Mohamedaner leben in gutem Einverständniß mit den Christen. Es sollte in diesem Lande jeder Tag für uns ein neues Fest werden, auch der Donnerstag (20ste April), an welchem wir die Reise nach dem majestätischen Carmel antraten, ward uns ein solches Fest. Wir verließen Nazareth eine halbe Stunde nach sechs Uhr, unser Führer war heute der freundliche Pater Giulio, ein Italiener. Der Weg führte uns an dem Abhange des Bergkessels, der das Thal von Nazareth im Westen umschließet, hinan; nach einer halben Stunde öffnete sich uns die herrliche Aussicht in ein andres Thal, in dem wir das, mitten unter seinen Ruinen noch sehr stattlich erscheinende Japhia (Japha) zu unsrer Linken erblickten, bei welchem einzelne Palmen sich erheben. Die hiesigen Christen nennen es St. Giacomo (St. Jacob) weil nach der unter ihnen herrschenden Sage hier der Apostel Jacobus geboren ward. Japhia war noch in den letzten Zeiten des jüdischen Reiches ein so ansehnlicher Ort, daß Josephus der Historiker und Feldherr mit Sorgfalt auf seine Befestigung Bedacht nahm und daß bei der Eroberung der Stadt unter Vespasian 15000 Juden, als Vertheidiger derselben ihren Tod fanden. Näher nach unserm Weg heran zeigte sich ein Dörflein das unser Führer uns Makbey benannte (wahrscheinlich Magidel). Von dem nordwestlichen Bergrand dieses Thales, an welchem er sich hinzieht, steigt der Weg auf eine noch bedeutendere Höhe hinan als die zwischen Nazareth und St. Jacob gelegene ist; nach unsern barometrischen Messungen erreicht dieselbe an dem Punkte den der Weg berührt 1500 Fuß über dem Meeresspiegel. Von hier an ritten wir in ein enges Thal hinab, dessen Bergabhänge von Gebüsch und Bäumen bekleidet waren, dessen Grund voll der mannichfaltigsten Gewächse grünte und blühete. Auf dieser zeigten sich (vor allem auf den Blüthen des +Carduus leucographus+) die smaragdgrünen Cetonien mit gluthrothem Halse (+Cetonia ignicollis+) in Menge. Auch eine große Schlange, wie es schien vom Geschlecht der Schlinger (+Eryx+), ward gesehen; der gute Pater Giulio, der sie für giftig hielt, wehrte meine jungen Freunde von ihrem Fange ab. Wir traten jetzt abermals in jenes Gefilde ein, das durch seine Fruchtbarkeit noch Zeugniß giebt von dem was Palästina vormals war, und was es im Strahle des Segens, von welchem Alles Gedeihen kommt, von neuem werden könnte. Felder voller Getraide und Hülsengewächse, auch Baumwolle, sie alle nur nachlässig gepflegt, künden durch den üppigen Wuchs ihrer Pflanzungen den reichen Ertrag an; kleine Bächlein und Wassergräben durchziehen das grünende Gefilde, das verhältnißmäßig mit vielen Ortschaften bebaut ist. In einem Dorfe (Geida?) das statt der Mauern die natürliche Schutzwehr der stachlichen Opuntienfeigen umgiebt, hielten wir an, um uns an dem Frühstück der sauren Milch zu erquicken. Es sah vor und in den Häußern so staubig und schmutzig aus, daß wir uns nicht entschließen konnten einen Fuß auf den Boden zu setzen; wir genossen unsren Labetrunk auf dem Sattel sitzend. Desto wohler wurde es uns da wir jenseit der Felder von Geida, das auf einem niedrigen Hügel liegt, wieder hinabkamen in das fruchtbare Gefilde und noch mehr da wir aus diesem hinanstiegen auf den grünenden Höhenzug, der von Ost gegen West durch das Land streicht. Gegen den Carmel, mit dessen Richtung die seinige fast einen rechten Winkel bildet, ist dieser Hügelrücken der jüngeren Anschwemmungen freilich nur sehr niedrig; gegen die Ebene der Meeresküste aber so bedeutend, daß sich auf seiner Höhe eine unvergleichlich schöne Aussicht eröffnet. Das Meer nordwärts von Kaipha erscheint hier so nahe, daß wir wähnten wir würden es schon gegen Mittag erreichen, später fanden wir jedoch daß der Taglauf von Nazareth nach Kaipha auf der Höhe von Tell Scheik Beraik noch nicht einmal halb vollendet war, denn wir hatten bis hieher, mit dem kurzen Aufenthalt in Geida nur 3¹⁄₂ Stunden Zeit gebraucht; von der Höhe aber durch die Ebene des Kison bis nach Kaipha dehnte sich der Weg, allerdings durch viele Krümmungen, welche der Lauf des Wassers nöthig machte, noch über fünf Stunden aus. Ein Wald der Eichen, welche freilich nicht so dicht stehen wie in den heimatlichen Wäldern, und die von ungleich niedrigerem Wuchse sind als die Edel- und Steineiche des deutschen Vaterlandes[132], gewährt manchem Vogel einen bequemen Wohnsitz. In ganz besondrer Menge sahen wir hier die Mandelkrähe (+Coracias garrula+) deren blauliches Gefieder, wenn sie in den Zweigen der Bäume ruhete oder über den Hügel flog, im Widerschein der Sonne einen angenehmeren Eindruck aufs Auge als das Geschrei der Alten und Jungen auf die Ohren machte. Da lag denn die grasige Ebene des Kison und jenseits derselben der vielgipfliche, von hundertfältigen größeren wie kleineren Schluchten durchzogene Carmel vor uns. Dieser ist nicht so kahl wie die Gebirge von Judäa, sondern an vielen Stellen von dichtem Gebüsch und Bäumen bedeckt, dabei reich an Quellen. Aber selbst in diesem Gewand des Lieblichen und der Fülle erregt dieser majestätische Berg durch seine Klüfte, Höhlen und Felsenzinnen in dem Wandrer, der ihn zum ersten Male sieht, ein Gefühl in welchen sich Bewundrung und Furcht vermischen. Es ist als hätten sich durch diese unzähligen Spalten Kräfte und Mächte der dunklen Tiefe den Weg heraus ans Tageslicht gebrochen; ein ganzes Heer der Feinde wie der Schrecknisse der Natur vermöchte in diesen Felsenklüften sich zu verbergen. In andrer Weise zwar als der Sinai könnte auch gleich diesem der Carmel sich zu einem Aufenthalt solcher Einsamen eignen, welche an sich und Andren das Werk des innren Lebens mit »Furcht und Zittern« schaffen. Der merkwürdige Berg spricht, statt in Worten, in der Zeichensprache seiner Gestaltungen den Inhalt des alten Liedes aus »Mitten wir im Leben sind von dem Tod umfangen.« Unten im Thale des Kison weideten mehrere ansehnliche Heerden des Viehes; der Stier ist hier von ungleich bedeutenderer Größe und Stärke als in Judäa. Der Weg, welchen Anfangs unsere Mucker durch das hohe Gras einschlugen, zeigte sich wegen des tiefen Sumpfes zu dem er uns führte, in dieser Jahreszeit noch ungangbar; weiter hinabwärts setzten wir ohne Schwierigkeit über den Kison, der hier kaum vierzig Fuß Breite und dabei doch nur eine Tiefe von drei bis vier Fuß hat, so daß das Wasser unsern Maulthieren nur an den halben Leib gieng. Wir nahmen jetzt den Weg ganz nahe am Fuß des Carmel hin. Da, wo ein starker Quell des reinen klaren Wassers wie ein Bach aus dem Felsen hervordringt, ist die Stätte, an welcher Elias »der Eiferer um den Namen und die Ehre Jehovahs« die Baalspfaffen schlachtete; weiter am Berge hinan, in einer grünenden Schlucht wird die Stätte gezeigt, wo nach der Sage des Landes jener Altar des Herrn stund, der zerbrochen war und den Elias heilte; nicht weit davon die Stätte des andern Altares der durch König und Volk dem Baal geweiht war. Ein Nachhall jenes richterlichen Ernstes, der einst am Sinai mitten unter die Tanzenden um das goldne Kalb trat, wird, wie ein Donner im Gebirge auch in der Geschichte des Carmel vernommen. Möchten doch hieher treten und schauen alle Die, deren Gott Baal, das große Licht, weder Feuer noch Leben hat, möchten sie es versuchen und anrufen den Namen Baals von Morgen an bis an den Mittag und um den Altar hinken den man gemacht hat; möchten sie, wenn sie erfuhren daß da keine Stimme ist nach Antwort, zu ihrem Gott welcher meditirt (dichtet)[133] noch lauter rufen und mit Steinen sich ritzen oder auch als Hellseher weissagen bis zur Zeit des nahen Abendes. Möchte es aber auch dann, wenn sie Baals Kräfte recht kennen lernten, ihnen, seinen Priestern, eben so wie allem Volke vergönnt seyn daß sie hinzugerufen würden zu dem Altar, bei welchem sie erführen daß Er, der Herr, Gott ist, und bei welchem ihr Herz wieder zurückgewendet würde zu Ihm. Denn siehe, ob auch in den Zeiten des Ahab Elias noch allein übrig war ein Prophet des Herrn, und der Propheten des Baal waren vierhundert und funfzig, jener der Astarte aber vierhundert Mann, dennoch bekannte Er, der Gott Abrahams, Isaaks und Israëls sich zu der Hoffnung und dem Vertrauen dieses einsam Zurückgebliebenen; die Antwort auf die Stimme des Glaubens, die nicht zu menschlichen Götzen, sondern zu Ihm, dem lebendigen Gott gen Himmel schriee, war ein Feuer welches das Brandopfer des Altars wie alle Herzen des Volkes entzündete; ein Feuer das weder Baal, der Gott des Dichtens noch der des Meditirens zu geben vermag. Da waren wir denn endlich, freilich um mehrere Stunden später als uns die Aussicht vom Tell Scheik Beraik es zu verheissen geschienen hatte, in Kaipha, der Küstenstadt am Ufer des Meeres, am westlichen Fuße des Carmel, auf dessen Abhange das Kloster der Carmeliten schon von ferne her sichres Obdach und gastliche Aufnahme verheißet. Der abendländische Fremdling erkennt in diesem schmutzigen, armseligen, allerdings noch ummauerten Oertlein kaum noch die Spuren jener für die fränkischen Christen so wichtigen Feste, welche der edle Tankred, in Gesellschaft des Löwenwürgers Wicker aus Schwaben im Jahr 1100 mit so kräftigem Anlauf erobern mußte. Es ward dieses glückliche Ereigniß den christlichen Kämpfern, gerade in der Zeit, in welcher die Nachricht von Gottfrieds von Bouillon Tode sie tief gebeugt hatte, zur besondren Stärkung; in unsren Tagen wäre das Hinwegnehmen dieses Oertleins von so geringer Bedeutung, daß es kaum für den Verlust eines einzelnen Kriegsschiffes entschädigen könnte. Wenn Kaipha derselbe Ort ist, den uns Hieronymus in seinem Onomastikon bei der Erläutrung des Wortes Japhet nennt, dann würde dasselbe aber so wie Jaffa oder Joppe an jene alte Sage erinnern, daß Japhet, der Sohn Noahs hier, in dieser Gegend der Küste Wohnungen für die Seinen begründete; wurde doch Joppe, eine der Nachbarinnen von Kaipha, selbst von den heidnischen Schriftstellern für älter gehalten als die Zeit der großen allgemeinen Fluth[134]. Wir lassen dem freilich ansehnlicheren Jaffa so wie dem unansehnlichen Kaipha sehr gerne jeden Ruhm der Alterthümlichkeit, den, vielleicht mit Recht, jede wohl gelegne Küstenstadt dieses Landstriches sich zueignen könnte, bekennen aber zugleich daß auf uns dieses Jüdische Gaba und Griechische Porphyreon, so gut auch noch sein Hafen und so viel besser gelegen als selbst der von Akko (Ptolemais) er seyn möge, nur den Eindruck einer zerrissenen, von Würmern und Motten zerfressenen Ritterfahne machte, dergleichen man als vormaliges Siegeszeichen in mancher unsrer alten, heimathlichen Kirchen aufgepflanzt sieht. Da wir uns hier zum ersten Male, seit langer Zeit, wieder in einer Küstenstadt sahen, die mit den Europäischen Seestädten in fortwährendem Verkehr steht, da wir überdieß schon im Türkischen Bazar Englischen und Italienischen Seeleuten begegneten, welche dort in und außer den Kaffeehäußern sich herumtrieben, hofften wir etwas voreilig in Kaipha alle Mittel zur anständig Europäischen Befriedigung des Hungers und Durstes zu finden, die uns weniger um unsert- als um des freundlichen Padre Giulio willen erwünscht gewesen wären. Der Grieche aber, bei dem wir in der Nähe des Arsenals (?) einkehrten bot uns statt des Weines ein aus verdorbenem Traubensaft und mancherlei Zusatz bereitetes Getränk, dabei zur Speise faulich schon von ferne riechende, noch übler aber in der Nähe schmeckende gesalzene Fische und eine Art von Käse dar, bei welcher es ungewiß erschien ob sie zu den uralten, merkwürdigen Versteinerungen des Carmel gehöre, oder ein, seit den Zeiten der Menschen bereitetes Ding sey. Der Weg nach dem Kloster am Carmel, unter dessen Dache, sobald wir Kaipha gesehen hatten, wir nach dem Rathe des Padre Giulio die Nachtherberge zu suchen beschlossen, ist auf Europäische Weise zum Aufsteigen erleichtert, und führt ziemlich bequem am Abhange des Berges hinan. Zur Linken hat man die öfters von Höhlen durchzogene Felsenwand des Meeres, zur Rechten die herrliche Aussicht nach der Kisonsmündung und nach dem uns heimathlich ansprechenden, darum sehr lieben, Mittelmeer. Wer sollte nicht überrascht werden, wenn er da, am Abhange des majestätisch-erschrecklichen Carmels das überaus schöne neue Kloster der gastfreien Mönche sieht, und noch mehr, wenn er in sein Innres hineintritt. Freilich hat schon von selber, hier an seinem westlichen Abhange nach dem Meere hin, der hehre Berg alle Mienen des richterlichen Ernstes abgelegt; er erscheint daselbst wie ein vormals furchtbares Schwert, dessen Eisen durch die Hand des Friedens in nutzbare Hacke und Pflug umgewandelt wurde; aber bei alle dem hätten wir in der vor wenig Jahren noch so armen Behausung der Carmeliter keine solche heimathlich bequeme und vornehme Einrichtung erwartet, als wir da wirklich vorfanden. Das neue Klostergebäude, damals, wo wir es sahen, noch nicht ganz vollendet, gleicht einem jener reichen, zu ähnlichem Zweck bestimmten Gebäuden, dergleichen sonst in unserm deutschen Vaterlande so viele waren; es erinnert an irgend eines jener nun verlassenen Klöster, wie Banz, wie Triefenstein, wie Pollingen gewesen sind. Dieser äußre Wohlstand ist nicht durch große Geschenke aus dem Abendlande, oder durch bedeutende Fonds, die etwa das noch immer nicht sehr reiche Kloster besäße, begründet worden, sondern vor allem durch die kluge Anwendung, welche der treffliche, haushälterische, geistvolle Padre Matteo eine Reihe von Jahren hindurch von den auswärtigen Gaben, so wie von den Vergünstigungen machte, die Ibrahim Pascha den Mönchen gewährte. Ein Saal, wie in einer unsrer gefürsteten Abteien, Zimmer, die auch für anspruchsreichere Gäste aus den höheren Ständen nichts zu wünschen übrig lassen, dabei eine Küche, welche die Fülle der Naturerzeugnisse die das benachbarte Meer und das fruchtbare Thal alltäglich darbieten, aufs Beste zu benutzen weiß, sind Vorzüge des Klosters auf dem Carmel, worin kein andres Kloster von Syrien ihm gleichkommt, und welche schon manchen reichen Gast aus England und Frankreich hieher gezogen haben. In der That, ich wüßte keinen Ort, den ich Reisenden, welche aus den gemäßigteren oder nördlicheren Gegenden von Europa nach Palästina kommen, so vorzugsweise zu ihrem ersten Aufenthaltsorte empfehlen möchte als das Kloster am Carmel. Seine Lage, in mäßiger, freier Höhe, welche der kühle Luftstrom vom Hochgebirge des Libanon und Antilibanon auch in der heißen Zeit des Sommers, abwechslend mit dem erfrischenden Seewinde besucht, das reiche Grün der neuen Anlagen und die Vortrefflichkeit des Wassers macht diese schöne Pilgerherberge der Lateinischen Christen so gesund, daß man selten, auch in den Jahreszeiten der bösartigen Fieber, von Unpäßlichkeiten der Bewohner des Carmels hört. Ja die Kranken aus der sumpfreichen Ebene genesen und erholen sich bald wieder, wenn sie auf einige Zeit auf die Höhe des Carmel ziehen, welche außer den andren Vortheilen, wodurch sie zu einem Pflegehaus sich eignet, auch den gewährt, daß sie ein Gewürzgarten oder eine Apotheke der Natur ist, dergleichen wenig andre gefunden werden. Denn die Flora des Carmels ist eine der reichsten und mannichfaltigsten, welche in diesen Gegenden vorkommt, weil sie die Formen des Gebirges mit jenen der Thäler und des Meeresstrandes vereint[135] und eben so regt sich in dieser vielartigen Blumenwelt eine solche Menge der selteneren, buntfarbigen Insekten, daß der Sammler hier ein ganzes Jahr hindurch eine reichlich lohnende, anmuthige Beschäftigung finden würde. Das Kloster des Carmel liegt nach unsern barometrischen Messungen nur 582 Fuß über dem Spiegel des Mittelmeeres, am nordwestlichen Abhange des Berges, der sich von dort an vielleicht noch einmal so hoch, bis an 1200 Fuß und darüber erheben mag. Die Aussicht ist nur gegen Südost und Osten durch die vorstehende Höhe beschränkt; nach Norden und Nordosten zeigen sich die schneebedeckten Gipfel des Libanon und Antilibanon, nach Westen hat man das Mittelmeer, in Süden die Ebene der Meeresküste bei Atlit und gegen das Gefilde von Cäsarea hin vor Augen. Am anziehendsten ist der Anblick der Bucht, die sich gegen Akre (Ptolemais) hinzieht und jener der grünenden, fruchtbaren Abhänge des Libanon welche weiter in Norden zum Meere sich senken. Akre liegt so nahe vor Augen, daß man seine Mauern, ansehnlicheren Gebäude und die Mastbäume der Schiffe im Hafen unterscheidet und das kleine, in seiner Wirkung treffliche Frauenhofersche Fernrohr, das wir bei uns trugen, ließ uns bei der Betrachtung jener merkwürdigen Stadt noch mehr ins Einzelne gehen. Der Abend, in solcher Gegend, war auch für das schönste Gebäude der Erde zu schön, er wollte im Freien genossen seyn. Unsre kleine Reisegesellschaft trennte sich, zur bessren Durchmusterung der Gegend in mehrere kleine Abtheilungen, deren eine ich selber, in Gesellschaft meiner Hausfrau bildete. Wir besahen uns zuerst das ansehnliche Gebäude, das in der Nähe des Klosters am Bergabhange steht und welches Ibrahim Pascha den Mönchen des Carmel zur besseren Aufnahme und Versorgung der Pilgrime, so wie im Nothfall der Kranken geschenkt hat. Eine kleine, damals noch jugendliche Anlage von Bäumen und Gebüschen, weiterhin Gärten und Weinberge breiten sich über den Berg aus; die scheinbare Leichtigkeit, mit welcher die eine der grünenden sanftabfallenden Schluchten nach dem Meer hinabzuführen versprach, verleitete uns nach ihr den Weg einzuschlagen. Ich hätte gerne wenigstens den langsameren, für den Sammler umgänglicheren Bewohnern der Meeresbucht, den Schnecken und Muscheln einen Besuch gemacht, weil mich schon der Name Porphyrion, womit die Griechen die Stadt Kaipha benannten, zu der Vermuthung berechtigte, daß hier in der Nähe wenigstens die gemeinste Purpur gebende Schnecke, die +Janthina fragilis+ häufig seyn müsse. Wir stunden indeß bald von unsrem Vorhaben ab als wir fanden, daß der gewählte Weg weder so bequem noch das Meer so bald erreichbar sey, als von oben es geschienen. Desto mehr vergnügten wir uns dann oben, in der Nähe des Klosters, mit dem Fange eines seltnen, häufig an den Blumen sitzenden roth und schwarz gestreiften Käferleins, das zum Geschlecht der Hoplien gehört. Die Sonne senkte sich in das ruhige Meer, der Vollmond stieg über dem Gebirge auf; wir begaben uns zu unsrer Gesellschaft in das schöne, gemeinsame Gastzimmer, wo uns die guten Väter außer dem trefflichen Abendessen, dergleichen wir seit unsrer Abreise aus Aegypten noch keines genossen hatten, auch noch durch ihre muntere, lehrreiche Unterhaltung sehr vergnügten. In dem Zimmer das für mich und meine Hausfrau zur Nachtruhe bestimmt war, bewunderte ich die lange nicht gesehenen beiden Himmelbetten, die schönen Vorhänge, das Sofa und alle Gegenstände der gewöhnlichen Europäischen Bequemlichkeit wie ganz außerordentliche Erscheinungen. Sie bildeten mit den Umgebungen in denen wir uns nun seit etlichen Monaten befunden hatten einen so auffallenden Contrast, daß sie uns ganz wie neu erschienen. Eine Augenlust andrer, höherer Art hätte ich jedoch heute noch genießen können und sollen, wenn ich, wie schäme ich mich das zu bekennen, daran gedacht hätte. Es trat heute eine totale Mondfinsterniß ein, freilich für die Gegend des Carmels etwas später (der Tageszeit nach) als für unser deutsches Vaterland. Zwar war ich mit keiner hinlänglich zuverläßigen Uhr noch mit andren Apparaten zur Benutzung dieses Ereignisses für geographische Ortsbestimmung versehen, und die Ermüdung durch die mancherlei Anstrengungen des vorhergehenden Tages war groß, dennoch würde die Betrachtung einer solchen, auf mich jederzeit mächtig wirkenden Erscheinung, hier am Carmel von ganz besondrem Interesse gewesen seyn. Das erste was uns an dem herrlichen Morgen, Freitags den 21sten April, ins Auge fiel war das von der aufgehenden Sonne beleuchtete Meer, über dessen Fläche Schiffe, in vollen Segeln dahinzogen. Bei diesem Anblick mischte sich der Zug des Verlangens nach der lieben Heimath mit jenem der uns noch an dem werthen Lande fest hielt. Es giebt indeß eine Heimath die überall nahe und leicht zu finden ist, auf den Höhen des Carmels eben so wie in der Nachbarschaft der Bayerischen Alpen und des Fichtelgebirges; so oft man in diese Heimath eintritt hat man alle die Seelen bei sich deren man gern gedenkt. Wir hatten schon gestern die Kirche des Klosters und die zu ihr gehörigen Stätten gesehen, welche die christliche Andacht hier verehrt. Das Gebäude ist einfach und schön; die kleine Kapelle in der wir der Morgenandacht beiwohnten ist unter der Ebene der neuen Hauptkirche, in einer vormaligen Felsengrotte; das Marienbild am Altar der oberen Kirche ist sehr kunstreich aus Holz geschnitzt, ungleich höheren Kunstwerth hat aber ein andres, von einem Spanischen Meister aus Holz gearbeitetes Werk, das in der Sakristei aufbewahrt wird. Es stellt dieses den Elias dar, mit einem Flammenschwert in seiner Rechten, das gegen einen Baalspfaffen gerichtet ist, der zu den Füßen des Propheten liegt. Der Ausdruck des edlen Zornes und göttlichen Eifers im schönen Angesicht des Elias bildet einen auffallenden Contrast mit jenem der gemeinen Wuth und der Verzweiflung im Angesicht des falschen Propheten. Außerhalb dem Klostergebäude wird noch eine andre Grotte, als die Wohnstätte des Elisa gezeigt, in welcher die Sunanitim, gebeugt von mütterlichen Jammer über den Tod des Sohnes den Mann Gottes aufsuchte[136]. In Gesellschaft eines ortskundigen in der Geschichte des Landes wohl erfahrenen Mönches bestiegen wir jetzt das platte Dach des Klosters und genossen da noch einmal der hehren Aussicht. Gegen Norden gewendet steigt der Blick von den Alpenhöhen des Libanon herab über die herrlich grünende, Tyrische Leiter (am Abhange des Gebirges) bis zu dem von Palmen umgebenen Akre (Akko) oder Ptolemais, dessen Geschichte den christlichen Fremdling an so manche Kämpfe der Seinen um die Palme erinnert, obgleich hierbei aus den Strömen des vergossenen Blutes nur geistige wie leibliche Seuchen, keine daurenden Siegespalmen aufgiengen. Zwar die Herrschaft des Heidenthumes, welche hier im Jahr 103 vor Christo, als Ptolomäus Lathurus die Stadt dem jüdischen Reiche entriß sich festsetzte, wurde später durch den geistigen Sieg des Christenglaubens über die Seelen der Völker verdrängt, doch hatte schon im Jahr 638 Omar der Chalif von neuem das Panier des Islams über Ptolemais aufgepflanzt, welche nun wieder im Munde des Volkes so wie sie anfangs geheißen: Akka, d. h. die Gedrückte und Zerbrochene wurde. Ein Name den sie auch mit Recht führen und behalten mag. Denn obgleich im Jahr 1104, am Feste der Himmelfahrt, nach zwanzigtägiger Belagerung das Heer der Christen siegreich in die Stadt einzog, so ergab sich diese dennoch schon am 9ten Juli 1187, nicht durch Sturm oder Schwert, sondern nur durch Furcht und Schrecken überwunden in Saladins siegreiche Hände. Desto schwerer und langwieriger war der Kampf der Christen vor diesen wohlbefestigten und tapfer vertheidigten Thoren, welche dennoch am 12ten Juli 1191 von neuem ihnen sich aufthun mußten. Schon damals befleckte einer ihrer Helden, Richard Löwenherz den Namen und Ruhm des Christenglaubens durch jene unmenschliche Grausamkeit womit er einige Tausend, ihm auf Vertrag übergebene Gefangene ermorden ließ. Eine That, welche hundert Jahre nachher, als am 20sten Mai der Sultan Malek al Aschraf Akka eroberte durch eine fast dreißigfältige Zahl der gemordeten Christen furchtbar gerochen wurde[137]. Und möchte dennoch der Christ, bei der Geschichte dieses Schreckentages, an welchem der letzte Schatten der christlichen Herrschaft in Palästina vollends sich auflöste, nur die Grausamkeit der barbarischen Feinde, welche nicht wußten was sie thaten, nicht auch die Ruchlosigkeit der eignen Glaubensgenossen anzuklagen haben. Denn in der That wenn irgend eine Stadt, durch das innre Verderben ihrer Menschenseelen dem Gerichte reif erschien, so war dieß das damalige Ptolemais, in welchem die abendländische Christenheit, nachdem jetzt das Werk das ihr in den Kreuzzügen oblag, vollendet war, fast nur noch den verdorbenen Auswurf ihrer Kräfte zurückgelassen hatte: ein Volk unter sich selber uneins und voll Hasses, ohne Treue und Glauben, in alle Laster jenes Heidenthumes versunken, welche es bekämpfte, ja in noch niedrigere und schwerere denn diese. Akka, die Zerbrochene, nachdem sie zur Noth wieder geheilt war, blieb dann in ihrem ungestörten Ohnmachtschlummer, bis sie daraus durch die Einnahme der Türken im Jahr 1517 geweckt wurde. Auch diese Herrschaft saß über dreihundert Jahre auf dem Schatten der alten Größe fest, bis die Aegyptischen Heere im Jahr 1832 die Stadt von neuem verheerten und einnahmen. Deutlicher noch als Akka oder Ptolemais liegen, vom Kloster des Carmel aus die imposanten Ruinen von Atlit, dem christlichen Pilgerkastell vor Augen. Diese Burg war schon in den ersten Zeiten der christlichen Herrschaft in Palästina, auf einem zwischen Kaipha und Cäsarea gelegnem Vorgebirge, zum Schutz und Dienst der Pilgrime angelegt worden; die Tempelritter hatten darauf den verfallenen Bau im Jahre 1218 wieder erneut, ihn mit festen Mauern und Thürmen umgeben und aufs Tapferste vertheidigt. Atlit nebst Tortosa waren auch später, selbst nach dem Verlust von Ptolemais die beiden letzten Punkte an denen sich das Panier des Kreuzes gegen die Uebermacht der Feinde noch aufrecht erhielt. Doch nur kurze Zeit dauerte dieser letzte Todeskampf der Tapferkeit, denn schon zehn Wochen nach dem Untergang von Akka (am 30sten Juli 1291) ward Atlit, etliche Tage nachher auch Tortosa von dem Häuflein seiner Vertheidiger verlassen, von Aschrafs Schaaren eingenommen und zerstört. Wie ein Heldenleichnam mit zerhauener Rüstung liegt die edle Burg auf ihrem Meeresfelsen da. Einsame Pilger und Seefahrer, wenn sie vom Sturm an diese grünende Küste verschlagen in der Nähe der Ruinen übernachten, vernehmen, wie die Sage des Landes will, das Rauschen des Windes in dem zerrissenen Gemäuer wie ein Geheul oder wie Töne der Todtenklage. Und obgleich das Ohr ähnliche Töne bei mancher alten Bergruine hören würde, wenn der Sturm in hiezu günstiger Richtung durch die Spalten der Mauern streicht, so hat dennoch das Lied der Klage gerade an diese Gegend hin ein größeres Heimathsrecht als an die meisten andern Gegenden der Erde; denn der Carmel setzet diesseits wie jenseits seinen Fuß in Ebenen, da schon manches menschlich Hochanstrebende heruntergesunken ist zur Gleichheit des Bodens aus dem es erwachsen war. Nennt uns doch das Wort eines Sehers der göttlichen Rathschlüsse, eben so wie die Geschichte jenes frommen Königes, in dessen Geist noch einmal, zuletzt, die geistige Herrlichkeit des sichtbaren Königreiches David sich kund that, das Gefilde Megiddo, am Fuße des Carmel so wie Hadad Rimmon als einen vorbildlichen Ort, selbst jener seligen, heilbringenden Klage, die einst in der Stadt der Städte erwachen soll[138]. Ja der Berg von Mageddon oder Megiddo, Harmageddon (der Carmel) soll in der Zeiten fernkünftiger noch einmal ein Ort der Entscheidung werden, bei deren plötzlichem, unvorhergesehenem Hereinbrechen es gut seyn wird, daß Jeder seine Kleider -- das was er empfieng und hat, fest halte[139]. So vermag der Pilgrim die schönen Fruchtgefilde des Carmel nicht zu betrachten, und, so leiblich wohl es ihm hier geworden, sie nicht zu verlassen, ohne einen Stachel der wehmüthig ernsten Erinnerungen in seinem Herzen mit hiwegzutragen, welcher zum Eilen auf dem Wege antreibt. Der gute, geistvolle Padre Matteo, den Gott noch lange als eine Zierde seines Klosters erhalten möge, war schon gegen sieben Uhr am Morgen, ganz allein (so groß ist jetzt die Sicherheit des Landes) auf seinem treuen Rößlein, statt des Schirmes der Waffen nur unter dem des breitkrempigen Strohhutes gegen die Sonne, mit einem andren, beßren Schirm aber in seinem Herzen fortgeritten nach Beiruth. Auch wir nahmen, eine halbe Stunde nachher von den freundlichen Vätern des Klosters Abschied. Wir verweilten diesmal nicht in dem schmutzigen Kaipha, sondern genossen nur wieder in Geita, das uns von der Herreise bekannt war, etwas Milch. In dem grünenden Gefilde wie in dem Engthale gegen St. Jacob (Japhia) hinauf ergötzte sich unser Auge, das für Dinge dieser Art vorzüglich empfänglich ist, an dem Anblick der zahllosen Schaaren der jungen Immenvögel (+Merops apiaster+), welche, wie es schien, seit wenig Tagen das Nest in den Felsenlöchern verlassen hatten und nun laut jubelnd über uns hinflogen, während das grüne und goldgelbe Gefieder dieser Paradiesesvögel des Westens im Strahl der Sonne prachtvoll erglänzte. Bald nach fünf Uhr am Abend (nach etwa 9¹⁄₂ Stunden vom Ausritt am Morgen) kamen wir nach Nazareth zurück, das uns zwar nicht jene Fülle der Europäischen Bequemlichkeiten, wie das Kloster am Carmel, wohl aber eine noch erquicklichere und friedlichere der Erinnerungen darbot. Der 22ste April, ein Sonnabend, war in ausschließenderem Maße für den Genuß dieser Erinnerungen bestimmt. Ich brachte, in Gesellschaft meiner Hausfrau die Morgenstunden zuerst am Brunnen der Maria dann aber bei den Höhlengräbern, gegenüber dem Hauße des Joseph zu, wo die Blüthen der Granatbäume so eben ihren Purpurmantel über den goldnen Unterkleid aufthaten und das bleichere Roth des Haleppinischen Cyclamen die Abhänge der Felsen zierte. War nicht vielleicht hier diese Stätte des Ernstes ein Lieblingsort des Verweilens Dessen, Dem das ernsteste Werk des Menschenlebens oblag? Die Kirche von Nazareth ist zugleich, außer den Zügen ihrer Geschichte, welche nur vom Leben reden, eine Grabstätte manches trefflichen Helden. Unter ihnen nennen wir nur den edlen Ritter Hugo von Tiberias, der, ein Tod der Heiden, denen er Angesicht gegen Angesicht begegnete, bei Cäsarea Philippi, als er dort ohne Panzer ritt, von einem Pfeil der Sarazenen von hinten getroffen und getödtet ward. Auch ist hier das Grab jener Erstlinge unter den heldenmüthigen Schlachtopfern des Jahres 1187, deren verstümmelte Leichname man am 1ten Mai, »an den man sonst Rosen sammlet« vom Schlachtfelde in der Nähe des Thabor aufhub und hier in der Marienkirche beisetzte. Am Nachmittag genossen wir noch, auf einer der Höhen des Thalkessels, der an der Nordwestseite Nazareth umgürtet, einer Aussicht, die bis über den Spiegel des Mittelmeeres reichte. Reise von Nazareth nach Damaskus. Sonntags den 23sten April verließen wir die Friedensstätte die uns auf einige Tage so vielfältig erfreut und erquickt hatte. Der Weg führte uns rechts, am Griechischen Kloster vorbei, an dem Gebirge des Kreidekalkes hinan, auf dessen Höhe der schneebedeckte Gipfel des Antilibanon in seiner ganzen Herrlichkeit gesehen wird. Hinabwärts, auf der Nordostseite des Berges bleibt ein schmales, grünendes Wiesenthal dem Weg zur Linken. Nach drei Viertelstunden, seit dem Aufbruche aus Nazareth kamen wir an dem, von dem letzten Erdbeben ganz zerstörten Raïneh vorüber, bald hernach tief hinab, auf einem beschwerlichen, steinigen Wege, an den Hügel von Cana (in Galiläa) an dessen Fuße ein schöner, von Gemäuer umfaßter reichlicher Quellbrunnen sein Gewässer ergießt. Frauen und Mädchen waren hier mit dem Waschen von Gewändern beschäftigt; weiter hinan am Hügel, im Dorfe selber, herrschte sonntägliche Stille, denn wenn auch der dort wohnende Mensch nicht freiwillig sich und seinem Lande die Ruhe gönnen wollte, so hatte ihm dieselbe dennoch das Erdbeben aufgedrungen, das auch hier, obwohl nicht so allgemein als in Raïneh, ein Brachfeld der Ruinen aus den Menschenwohnungen gemacht hatte. Dennoch, wie ein Vater, der alle seine Kinder und Enkel überlebte, wohnt noch im Munde des hiesigen Volkes die Erinnerung an jene, wenn auch nicht höchste, doch dem Herzen des hilfebedürftigen Pilgrims in der täglichen Noth des Lebens so nahe tretende That des Herrn, durch welche die Hochzeit zu Cana verherrlicht ward. Die Kunde der dort verweilenden Christen wollte noch, unter den Ruinen, die Stätte des Haußes bezeichnen, in welchem der Herr, durch seine Gegenwart ein Fest der Erdenfreuden mit einer Vorahndung der Kräfte der Himmelsfreuden durchstrahlte. Jenseits Cana wendet sich der Weg nach dem Tiberiassee in ein breites Thal, dessen Bergwände zur Rechten wie zur Linken aus Kreidekalk gebildet sind, während sich in seiner Mitte an vielen Stellen der Basalt, in kleine Säulen gesondert, zeigt. In dem Kalkgebirge sieht man von Zeit zu Zeit natürliche, auch wohl durch Menschenhand erweiterte Grotten. Das grünende Gefilde, das noch jetzt ohne Pflege der Menschenhand, ein Feld der verwilderten Waizenähren, freilich untermischt mit zahllosen Disteln ist, wird von der christlichen Sage als jenes erkannt und verehrt, auf welchem die Jünger am Sabbath Aehren rauften und ihr Korn zur Stillung des Hungers genossen[140]. An einigen Stellen des Weges sieht man den herrlichen Thabor, der sich hier ansehnlich als mächtiger Selbstherrscher über die Ebene erhebt. Nahe zur Linken des Weges stehet der seltsam tafelförmig geformte Berg der Seligkeiten, mit seinen beiden aufwärts gebognen Enden, wie der kleine Thron eines Mächtigen da, dessen Fußschemel der Erde Feste ist. In ihm verehrt die christliche Kunde des Landes jene Stätte, da der Herr zu dem vielen Volke, das ihm aus Galiläa, aus den zehn Städten, von Jerusalem und dem Jüdischen Lande, so wie aus den Gegenden jenseit des Jordans nachgefolgt war von den Seligkeiten sprach, welche den geistlich Armen, den hienieden Leid tragenden, den nach Gerechtigkeit dürstenden, den Barmherzigen und Friedfertigen, denen die reines Herzens sind und welche um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden in der Ewigkeit der Ewigkeiten aufbehalten sind[141]. Vielleicht daß Viele jener Leidtragenden, welche dort, am Fuße des Berges der Seligkeiten, am 4ten Juli 1187 das Loos traf, daß sie in der Schlacht von Hittin die Hoffnungen ihres scheinbar so wohl begründeten Christenglaubens zu Schanden werden und den Trost ihrer Augen dahin schwinden sahen, jener unvergänglichere, fester stehende Trost ergriff, den die Predigt vom Berge ihren Hörern gab. Wenn man übrigens die Angst und Schrecknisse recht erkennen will, welche hier, auf der Ebene von Hittin, mächtiger noch und furchtbarer als die Geschosse und Waffen der Feinde auf das Heer der Christen eindrangen, dann muß man selber diese Gegend, in der Zeit des Sommers besucht haben. Wir, schon heute, am 23sten April fanden die Hitze in der Vormittagsstunde auf der Ebene diesseits Hittin fast unerträglich. Clarke, der im Juli da vorbeikam, beobachtete selbst im Schatten eine Wärme von 100 Grad Fahrenheit (30° R.), so daß der sonst so unermüdliche Sammler sich zu jeder kleinen Bewegung verdrossen und wie gelähmt fühlte. Und hier auf diesem schattenlosen Felde war es wo in der heißesten Zeit des Jahres (am 4ten und 5ten Juli 1187) das Heer der christlichen Streiter in dem heißen Kampf mit Saladin unterlag. Und doch war es nicht die Gluth der Sommersonne, es war nicht die Qual des Durstes und des Hungers oder die Ueberlegenheit des feindlichen Heeres was bei den Hörnern von Hittin[142] die Macht des christlichen Königreiches auf immer zerbrach, sondern jenen Kämpfern kam die Stunde des Unterganges, wie Wilhelm von Tyrus schon bei dem ersten, von ihm richtig erkannten Vorzeichen des nahen Unglückes, bei der Niederlage an der Jordansbrücke und der Zerstörung der dort gelegnen Burg durch Saladin (im Spätjahr 1187) sagt, »weil der Herr ihr Gott von ihnen gewichen war«[143]. Hatte doch schon damals der gewöhnlichste, mächtigste Verderber der Menschen und Völker: der Geiz das wohlgerüstete Heer der Pullanen in das Netz der Feinde und des Todes geführt, denn das was die Ordnung des Heeres aufgelöst hatte war abermals nur die Begier nach der Beute gewesen, welche die einzelnen, flüchtigen Schaaren der Türken von sich warfen. Geiz war es und mit ihm der andre mächtige Verderber der Völker, der selbstsüchtige Hochmuth durch welchen der Knecht des Verderbens, der damalige Großmeister der Templer, Odo von St. Amand sich versündigte. Zwar er selber, der Stifter dieses Elendes, ward an jenem Tage gefangen und starb bald nachher, von Keinem der ihn kannte betrauert in den Banden[144]; die Blüthe seiner Ritterschaft mußte die Schuld des Meisters durch den Tod bei der feindlichen Eroberung der Jordansveste büßen, aber dieser Verlust an Heldenblut hatte den sonst so kräftigen, edlen Körper jenes Ritterordens nur geschwächt, nicht, so scheint es, ihn gebessert. Denn sprach nicht selbst ein Tempelritter aus edlem Geschlecht (Robert von St. Alban) noch im Jahr des großen Unglückes (1187) durch seinen Abfall vom Christenthum es aus, daß das äußre Zeichen des Kreuzes nicht vor der innren Feindschaft gegen das Kreuz schütze; war es nicht abermals das hochmüthige Selbstvertrauen eines starrsinnigen Großmeisters der Templer, des Gerhard von Betford, welcher den Untergang seiner Glaubensgenossen herbeiführte und beschleunigte? Denn dieser große Meister in unheilbringenden Werken, dessen Ohr für jeden vernünftigen Rath taub war, hatte schon am ersten Mai hundert und vierzig Ritter und fünfhundert Fußknechte durch seinen unverständigen, planlosen Kampf gegen die Uebermacht der Heiden, im Gefilde Esdrälon auf die Schlachtbank geführt. Das Fußvolk, dem der Großmeister durch übereiltes Voraneilen den Schutz der Ritter entzogen, war zuerst dem Schwert und den Keulen der Feinde erlegen, die Ritter selber durch ihren Führer in einen engen Raum gerathen an dem sie weder gegen die Türken anrennen noch ihre Lanzen anlegen konnten. Da geschahe es daß diese Löwen im Kampfe, welche, mit Ausnahme des Großmeisters, der in Gesellschaft nur dreier Templer die Flucht ergriff, Alle die Siegespalme der Martyrer dem schimpflichen Loos des Entfliehens vorzogen, zuletzt den leichten Waffen der Feinde unterlagen, welche andre Male gleich Binsen vor ihrem Schwert zersplittert waren. Unter den Gewaltigen, die an jenem unglücklichen Tage fielen, war der edle Großmeister der Hospitaliter, Roger du Moulin, vor allem aber der Schrecken aller Heidenschaaren, der weiße Ritter Jacob von Mailly (aus Tours). Die Kraft dieses Mannes erschien den Heiden als eine so wunderbare und übermenschliche, daß sie zuletzt den noch in seinen Todeswunden Kämpfenden nicht mehr zu nahen wagten, sondern nur aus der Ferne, wie einen belagerten Thurm, durch steinerne Geschosse ihn zerschmetterten, ja daß sie selbst den blutgemischten Staub von seinem Leichnam auf ihren Nacken legten, um hierdurch, wie sie wähnten, Kräfte dieses Helden an sich zu ziehen[145]. Aehnliche Wunder der Tapferkeit hatte der Mitkämpfer des weißen Ritters, Heinrich der Hospitaliter noch im Sterben gethan. Er selber, der Anstifter dieses Unglücks, Gerhard von Betford war erhalten worden, damit er nicht bloß wie am ersten Mai hundert und vierzig, sondern fast die ganze edle Ritterschaft des heiligen Landes, zweitausend an der Zahl mit ihren achtzehntausend Lanzenknechten und einem ganzen Heer der Bogenschützen und leichten Reiter in die Hand der Feinde geben sollte. Denn er vor allem war es, welcher den zum Unglück gebornen König Veit (Guido), gegen den Rath aller verständiger und landeskundiger Ritter überredete, die feste, glücklich gewählte Stellung bei Sephoria zu verlassen und in solcher Jahreszeit hieher zu ziehen auf das wasserlose Steinfeld bei Hittin. Als sich da am vierten Juli in der Nacht das schon von der Hitze des Tages und durch den beständigen Andrang der Feinde, so wie durch das Entbehren aller leiblichen Erquickung gelähmte Heer auf der dürren Höhe eines felsigen und unwegsamen Berges gelagert hatte, da blieben zwar Alle in den Waffen, weil sie in jedem Augenblick den Angriff der Feinde erwarteten, nur Wenige aber waren noch vermögend auch nur vom Boden sich zu erheben. Die Qual dieser Nacht, welche für den größesten Theil der Kämpfer die letzte ihres Lebens war, wurde auch noch dadurch vermehrt, daß die Türken aus Stroh und zusammengerafftem Gesträuch rings um die eng zusammengedrängte Schaar der Christen Feuer entzündeten deren Rauch und glühend heißer Dampf die Unsrigen fast erstickte. Auch am Morgen des entscheidenden Schlachttages hatten die ermatteten Streiter statt der Feinde, welche, um die schweren Reiter und ihre vom Durst fast gelähmten Rosse noch mehr zu entkräften, dem Kampfe beständig auswichen, nur diese Feuer von angezündetem Stroh neben sich, deren Gluth und Rauch der Wind ihnen ins Gesicht trieb. Da erlag endlich, nachdem das Fußvolk zu seinem eignen Verderben sich auf die Höhe eines Berges zusammengedrängt hatte, die so oft siegreich gewesene Kraft der christlichen Ritterschaaren, nur Raimund von Tripolis mit wenig Andern entgieng dem Verderben, die andren Alle, wie edle Hirsche die man matt zum Tode gehetzt, wurden von dem Schlachtmesser der Feinde gefällt oder von diesen gefangen. Zum letzten Male hatten an diesem Tage die Christen unter dem Panier des heiligen Kreuzes gekämpft, das in so mancher Schlacht sie zu Wundern des gläubigen Heldenmuthes begeisterte. Der Bischof von Ptolemais, dem der unwürdige Heraklias der damals zum Verderben des Christenglaubens den Patriarchenstuhl von Jerusalem besaß[146], statt seiner zum Träger des Kreuzholzes ernannt hatte, sank, von einem feindlichen Pfeil getroffen und übergab sterbend das Heiligthum dem Bischof von Lidda, dem jedoch auch im Gedräng der Schlacht es entrissen und seitdem nie wieder aufgefunden wurde. Das bedauernswerthe Heer hatte schon längst jene innre Macht des Glaubens verloren, welche dem Gebet vor jenem heiligen Kreuze seine siegreiche Kraft gab, darum war der äußre Verlust nur eine Folge des innren und jener war nicht der größere von beiden. Dort im Anblick des Tiberiassees und der Berge von Gilead war damals der Macht der Christen im Orient die tiefe Wunde geschlagen, welche fortan kein Balsam aus Gilead zu heilen vermochte. Er selber, der rathlose König Veit von Jerusalem, mit ihm der größte Theil der Fürsten und Herren seines Reiches waren in die Gefangenschaft des Feindes gefallen, die Ritterschaft lag erschlagen oder theilte das gleiche Loos. Hierbei erwachte dennoch in den gefangenen Templern und Hospitalitern als man sie, weil sie selber dem Feinde niemals Pardon gaben, zum Tode führte, die Flamme des Heldenglaubens, denn sie drängten sich freudig, wie zu einem Siegesmahle, zum Tode, und die fromme Sage des Landes bemerkte selbst noch an den Leichnamen dieser Martyrer wundervolle Zeichen einer göttlichen Beachtung[147]. Ein Göttliches jedoch von andrer Art als wohl in den meisten der erschlagenen oder gefangenen Christen that sich an jenem Helden kund, der zum Werkzeug des großen Zorngerichtes ausersehen, an der Spitze der Feinde stund: an Saladin. Dieser, wie dieß selbst die Christen bezeugten, überhub sich nicht, wie dieß so oft von ihren Heerführern geschehen, seines Sieges, sondern da er die große Menge der erschlagenen und gefangenen Christen erblickte, gab er, mit betend emporgehobenen Händen Gott die Ehre, dessen Furcht in seinem Herzen war. Denn daß dieses so sey, bezeugte der Held durch seine Freundlichkeit und Milde gegen die meisten der Gefangenen, unter denen nur den Rainald von Chatillon für seinen treulosen Bruch des Waffenstillstandes die wohlverdiente Rache traf. In der That es widerfuhr wenigstens bei dem Unterliegen unter Saladins Waffen der Christenheit des Morgenlandes das, was jene Könige der Amoriter, Sebah und Zalmuna von Gideon sich erbeten[148]; der welcher sie darnieder schlug war kein schwacher Knabe, sondern ein rechter Mann, dem das Schwert wie das Scepter wohl anstunden. Du aber, du Schaar der Jünger Dessen der das Schwert nicht auszuziehen, sondern einzustecken befahl, der selbst den Thaten des tödlichsten Hasses, welche der Feind übte, nur mit Werken der Segnungen entgegentrat und dasselbe zu thun auch den Seinen befahl[149]; du wirst niemals durch eiserne noch bleierne Waffen das Reich deines Herrn vermehren oder seinem Namen Siege erwerben. Sieger aber wirst du allezeit seyn, und das Feld behalten, wenn du, statt der eisernen oder stählernen Kampfgeräthe dich anthust mit dem Harnisch des Glaubens und der Liebe, mit dem Leben der Hoffnung zur Seligkeit, umgürtet an den Lenden mit Wahrheit[150]. Wie konnten selbst diese Könige der Pullanen dem Glauben, dessen Namen sie führten, Achtung erwerben und wie mußten sie in den Augen der Heiden im Vergleich mit Männern aus ihrer Mitte, wie der wahrheitliebende Saladin war, erscheinen, wenn sie heute in der Stunde der Noth die heiligsten Eide schwuren, morgen aber, statt lieber gleich Regulus in die Gefangenschaft zurückzugehen, von ihren Priestern sich dieser Eide entbinden ließen, und so jedes Wort, das ein Christ spricht, der Lüge verdächtig machten[151]. In mehr als einem Sinne war es uns dort auf der Ebene bei Hittin heiß und beklommen zu Muthe geworden; es that uns wohl, da wir jetzt den Abhang der Ebene erreichten, von welchem das Auge ungehemmt hinabblickt nach dem See von Tiberias und seinen grünenden Uferbergen. Auf eine unerwartete Weise sieht man hier, mitten in der Ebene von so geringer Erhebung über dem Meere eine Tiefe sich öffnen, die dem Wandrer einen Fernanblick auf den See, wie von einem hohen Gebirge vorspiegelt. Jene Reisenden aber, welche dieser Täuschung des Auges vertrauend den unvergleichlichen Tiberiassee als einen See der Hochalpen beschrieben, hatten es außer Acht gelassen daß die Höhe seiner Randberge diesen nicht für sich selber, sondern nur im Vergleich mit der tiefen, außerordentlichen Senkung seines Wasserspiegel zukomme. Denn der von der Ebene etwas ansteigende Rand der Höhen, welche gegen Cana und Nazareth hin den Kessel des Sees umgränzen, liegt nach unsren barometrischen Messungen nur 504 Par. Fuß über, der See selber aber 535 Fuß unter dem Niveau des Meeres, so daß allerdings die Höhe von der man hinabblickt über 1000 Fuß misset. In jener Mittagsstunde in welcher wir über den grünenden Abhang hinabstiegen nach dem herrlichen See, von welchem, wenn man ihn einmal vor sich hat, es nicht möglich ist das Auge wieder hinwegzuwenden, dachten wir nicht an solche geographische Vergleiche und Erörterungen; der Ostwind, der vom Gebirge jenseits des Sees kam, wehete uns mit erfrischender Kraft an; Gedanken des Friedens und der Sabbathsstille, wie sie heute, am Tage des Herrn, in der Seele erwachen, die in dem Heiligthum Seines Tempels Sein gedachte, kamen uns hier wie Boten aus der Höhe entgegen. Die fromme Sage der hiesigen Christen will, daß hier an diesem grasreichen Abhange die Stätte sey, da Christus der Herr mit wenigen Broden und Fischlein die hungernden Tausende speiste. Sollte diese Stätte, wie dieß v. Raumer aus den Worten der Schrift selber gezeigt hat, auch nicht hier, sondern am jenseitigen Abhange der Berge zu suchen seyn, gewißlich ist und bleibt dieser See und seine ganze Umgegend, auf jedem Schritte den der Pilger thut, bei jedem Blicke den er auf sie richtet, eine Gedenkstätte der vielen, großen Wunder des Erbarmens. Und wenn auch nicht unmittelbar der Leib, so wurde doch hier in der Kraft der Erinnerungen der Geist, so wie durch ihn der Leib erquickt und gestärkt durch jene innre Speise, die aus dem Worte kommt. Ja, wie es in dem alten Liede: »Wie wohl ist mir o Freund der Seelen,« das Einige von uns beim Hinuntersteigen über den balsamisch duftenden Wiesengrund sangen, heißet: »Du bist mein Himmel schon auf Erden, wer sollte nicht vergnüget werden, der in Dir findet Ruh und Lust.« Die Pflanzenwelt ist am oberen Theile des Abhanges im Ganzen noch dieselbe, die sich in der Ebene um Nazareth und am Fuß des Carmel zeigt; tiefer hinab bemerkten wir Formen, die der Umgegend von Jericho und dem unteren Jordan eigenthümlich sind. Auf der Oberfläche des Berges erscheint öfters Basalt von kuglicher Absondrung. Die Meisten von uns waren von den Maulthieren abgestiegen, denn der Abhang ist sehr steil, und das Hinabsteigen bis zum Ufer des Sees dauerte eine ganze Stunde. Da lag denn, unmittelbar vor uns, das vormals so herrliche Tiberias, als ein Gehäufe der Trümmer, gräßlich anzusehen. Das Erdbeben, am ersten Tage des Jahres hatte die Häußer wie die Hütten der Bewohner alle einander gleich gemacht; Hohes wie Niedriges lag, von gelblichem Staube bedeckt, zusammengestürzt. Doch hatte sich noch der größere Theil der Ringmauern mit ihren Thürmen, sowie die Hauptmauern des Kastelles aufrecht stehend, wenn auch vielfach zerrissen, erhalten. Sie sind das Werk einer kräftiger bauenden Zeit; vielleicht noch der Tage Gottfrieds von Bouillon, der im Jahr 1109 die Mauern von Tiberias errichtete. Ein Zug von Kamelen, der, wie es schien mit Baumaterial beladen zur Stadt geführt wurde, wollte durchaus nicht neben den Ruinen der äußren Häußer vorbei, zum Thore hineingehen. Die Türkischen Bewohner der Stadt hatten seit den Tagen des Schreckens ihre Behaußung in Zelten, außen vor der Westseite der Stadt aufgeschlagen, einer unsrer Mucker versprach uns dennoch, mitten unter den Schutthaufen der gewesenen Stadt Lebensmittel und Obdach zu verschaffen, bei den hiesigen Israëliten, welche den ihnen vielfach heiligen Boden von Tiberias nicht verlassen hatten, sondern da über dem Schutte, unter welchem viele der Ihrigen vom Erdbeben begraben lagen, leicht gebaute, bretterne Hütten bewohnten. Wir hatten auch auf dieser Reise manche vom Erdbeben niedergestürzte Häußer angetroffen und ich war in früheren Jahren, auf einer Reise durch die Schweiz, über die Stätte des wenig Jahre vorher unter dem Bergsturz begrabenen Goldau gekommen. Einen solchen Gräuel der Verwüstung als hier in Tiberias, hatte ich dennoch niemals vorhin gesehen. Vielleicht war es Einbildung, vielleicht auch ein wirklicher Aushauch der großen Gräberstätte, den die große Hitze dieser Mittagsstunde aus der Tiefe hervorlockte, ich roch, da wir über die Reihe der Schutthaufen, welche die Richtung des ehemaligen Bazars bezeichneten hinüberstiegen, allenthalben den Geruch der Leichname und der Verwesung. Desto wohler that es uns, da wir jetzt an einem etwas freieren Platze, an dem es sich leichter athmete, in den Schatten einer Bretterhütte traten die von einer Israëlitischen Familie bewohnt ward. Zwar hätte es uns hier (nach dem Bericht mancher neuer Reisender) nicht unerwartet kommen sollen, dennoch aber überraschte es uns freudig, da die Wirthin der Hütte uns Deutsch anredete. Sie, wie die Ihrigen so viel Deren bei dem Untergang der Stadt sich retteten waren aus den Deutschen Provinzen von Polen gebürtig. Die gute Frau ließ uns Wein, Brod und Eier käuflich ab, und erzählte uns dabei von dem Unglück, das sie und ihr ganzes Haus betroffen hatte. Sie und die eine ihrer Töchter, welche kaum vierzehn Jahre zählte, waren durch das Erdbeben Wittwen geworden; Mann und Schwiegersohn wurden mit mehreren andern Verwandten und Freunden unter den Trümmern der niederstürzenden Häußer zerschmettert und begraben. Dasselbe Loos traf mehrere Hunderte der Einwohner und eine noch größere Zahl wurde zwar nicht getödtet, wohl aber mehr oder minder schwer verletzt. Die beiden Frauen hatten sich als das Erdbeben (bald nach Mittag) kam gerade außerhalb des Haußes befunden. Während wir uns so mit unsrer gesprächigen Wirthin unterhielten kamen einige Aschkenasim (so nennen sich hier die Polnischen Juden); Landsleute und Bekannte der Familie in die Hütte herein. Der eine von ihnen erwieß sich im Gebiet der Talmudischen Gelehrsamkeit wohl erfahren; er hatte mehrere Europäische Länder gesehen, schien namentlich in Holland wohl bekannt. Das merkwürdige Volk hält dieses Tabaria oder Tiberias, nebst Jerusalem, Hebron und Safed für eine der heiligsten Stätten der Erde, an welcher große Verheißungen haften. In Tiberias, so erzählte uns der gelehrte Rabbiner sey schon vor Christi Geburt eine Schule bestanden an welcher große Meister lehrten; namentlich der ältere Hillel habe eine Zeit lang hier gelebt[152]. Nach der Zerstörung von Jerusalem ward zuerst Safuri, dann aber Tiberias für lange Zeit der Sitz des Jüdischen Sanhedrin oder hohen geistlichen Rathes, und ein Sammelplatz solcher Forscher welche den Trost Israëls, der schon gekommen war, in den Tröstungen einer tiefkünstlichen Menschenweisheit suchten. Ein Werk, zum Theil schon der älteren Schule von Tiberias, war die gedankenreiche Mischnah, welche manche Lehren und Ueberlieferungen einer uralten Weisheit mit späteren Erfindungen des Menschenwitzes vermischet. Wenn der Talmud lehret daß aus dem See von Tiberias einst der verheißene Messias aufsteigen werde, da ergehet es ihm wie der Schwalbe, die mit vergeblichem Abmühen über der Fläche des Wassers auf und niederschwebt, auf dessen Grund, nach der Erzählung der alten Fabel, ihr Schatz versank. Denn Er, der Verheißene hat einst wirklich den See von Genezareth durch sein Naheseyn geweiht und geheiligt; Er ist wahrhaft hier Seinem Volk durch göttliche Wunder offenbar geworden und selbst nach seiner Auferstehung, da, bei Tiberias, ihnen erschienen. Wir verlangten aus dem engen Bretterhaus, in welchen es viele, schon von früheren Reisenden in dieser Gegend angetroffene Unbequemlichkeiten gab, hinaus an den schönen See und an seine reinlichen, grünen Ufer. Jenseit des Thores, vor welchem große, dicke Blätterstämme der Opuntienfeigen, bedeckt mit gelben Blüthen stunden, wendeten wir uns südwärts am Ufer hinab, nach der Gegend des schönen, neuen, ganz in Europäischer Weise eingerichteten Badehaußes, das Ibrahim Pascha über den dortigen berühmten heißen Quellen hat erbauen lassen. Es war eigentlich schon in Jerusalem und Nazareth unser Vorsatz und Plan gewesen in jenem bequemen Gebäude zu übernachten, das für viele Gäste Raum darbietet; in Tiberias aber erfuhren wir daß ein Türkischer Pascha, der die Badekur gebraucht, für sich und sein zahlreiches Gefolge den größesten Theil der Zimmer eingenommen habe und beschlossen deßhalb unser Lager, zu welchem die beiden Frauen in Begleitung des Herrn Mühlenhof und der Mucker schon vorauszogen, außen vor der Stadt, im Freien aufzuschlagen. Wenn man von der Stadt hinweg, nach jenem Bade hingehet, sieht man an der Seite des Weges viele ansehnliche Ruinen von Tempeln und Palästen aus der römischen Zeit. Von dem einen dieser Gebäude stehen noch die Mauern, deren zum Theil aus älteren Trümmern zusammengesetzte Masse freilich eine spätere, neuere Wiedererrichtung des Werkes andeutet. Weiterhin zeigen sich noch mehrere, aufrecht stehende Säulen von einem vormaligen Portikus. Vielleicht sind dieses noch Reste jener ersten Stadt, welche Herodes Antipas bei den Wohnungen der Fischer begründete und die er dem Tiberius zu Ehren mit dem Namen benannte, den sie bis auf unsre Tage behalten hat. Wir nahten uns dem Ufer des Sees und einige der jungen Freunde genossen seiner reinigenden Fluth, während wir Andren am Ufer uns beschäftigten. Die Gebirge zu beiden Seiten empfangen durch ihre vielen tiefen Schluchten und durch die gähen Abhänge eine so malerisch schöne Form, wie kaum an einem andren mir bekannten See. Sie bestehen, ihrer Hauptmasse nach aus Kalkstein, wahrscheinlich von mehreren der früher erwähnten Formationen, vorzugsweise aber aus Kreidekalk, an dessen Abhängen wie in den Schluchten der Basalt (mit zeolithaltigem Mandelstein und Basalttuff) auftritt. Ein tiefblauer Himmel zieht sich über den klaren, dunklen See hin, dessen Fluth mit ihren vielen lebendigen Bewohnern schon seit vielen Jahrhunderten ein ununterbrochenes Hall- und Jubeljahr feiert, denn als wir hier waren wurde die Stille des Sees durch keinen einzigen darüber hinfahrenden Fischerkahn gestört, indem es, für uns bedauernswürdig genug, am Umfang des ganzen Ufers keinen gab. Dennoch ist, namentlich bei Tiberias, die Menge der Fische so groß, daß man sich ihrer mit Leichtigkeit durch Hamen und Netze in den Buchten bemächtigt. Wir konnten, obgleich wir es bestellt hatten, keine erhalten, weil, wie es schien der Fischer für den ansehnlichen Pascha im Badehaus zu sehr beschäftigt war; Hasselquist bestättigte durch seine eigne Beobachtung eine Bemerkung die schon der alte, Jüdische Geschichtsschreiber Josephus machte[153], daß sich in dem Wasser des Sees (und nach Josephus im Quell von Capernaum) dieselben Formen der Fische finden wie im Nil und dem See Mareotis. Wir sammleten am Ufer, an dessen seichteren Stellen das Wasser von etwas salzigem Geschmack ist, die Schaalen derselben Süßwasserschnecken die wir schon früher in der Nähe der Jordansmündung und am todten Meere gefunden. Die freilich fast aller ihrer vormaligen Zierden beraubte Pflanzenwelt um Tiberias bezeugt es, daß die Ufer dieses Sees, wenn man sie nur recht benutzen wollte, ein natürliches Treibhaus zu seyn vermöchten, in welchem die Gewächse Aegyptens und selbst Arabiens gedeihen würden. Die Dattelpalme, obwohl sehr vereinzelt, stehet eben so kräftig da wie um Akaba und Alexandria; von dem Balsamstrauch, welchen der viel und glücklich forschende Burkhardt hier antraf, konnten wir weder selber eine Spur finden noch auch von Andren erfragen. Die tiefe Lage jedoch des Thales, noch unter dem Meeresniveau; der Schutz, welchen ihm die hohen Gebirge in Norden und Osten gegen die kältesten Winde gewähren, die Menge des wärmeren Wassers, das sich nördlich von Tiberias in ganzen Bächen in den See ergießt würde gewiß, einzelne Stellen wenigstens des Ufers, für Anpflanzungen der Arabischen Amyris-Arten wie des Myrrhenstrauches geschickt machen. Uebrigens soll der Winter auch in Tiberias zuweilen kalte Stunden und Tage haben; doch gehört die Erscheinung des Schnees unten am Ufer zu den großen Seltenheiten. Wenn einmal künftig von diesem hehren Paradiese, über dessen stillen, tiefen See ein Geist der himmlischen Gedanken und Erinnerungen schwebt, während in seinem Wasser die erhaben schönste Natur ihr Angesicht spiegelt, noch zwei Unheil drohende Wetterwolken: der Krieg und die Pest werden hinweggezogen seyn, dann wird, bei der großen Erleichterung der Meeresfahrten durch die Dampfschiffe, das Wasser der Heilquellen dieses Sees ein Sammelplatz vieler Leidenden aus dem Abendlande werden, die in der Heimath vergeblich nach Hülfe suchten. Denn es ist nicht allein die eigenthümliche Kraft des Wassers der hießigen heißen Quellen, deren Bestandtheile an jene des Carlsbades erinnern, auch nicht bloß die hohe Temperatur desselben (48° Reaumur) was die Heilung namentlich der Gicht und ähnlicher Krankheiten bewirken würde, sondern vor allem die anhaltend hohe Temperatur der Tage und Nächte, während einer langen Reihe der Tage und Monate. Und für den Christen der sich der großen Vergangenheit dieser Gegenden erinnerte könnten die Heilquellen am See Gennezareth ein Bethesda seyn, dessen Wasser ein Engel anrührt und mit Kräften der oberen Welt erfüllt. Herr Franz hatte es übernommen bis zum Bade hinzugehen und dasselbe auch für uns zu betrachten. Er fand im Gefolge des Pascha's einen jungen, Griechischen Arzt, welcher deutsch sprach, weil er seine Studien zum Theil in Deutschland gemacht hatte. Ich bedauerte später sehr diese Bekanntschaft versäumt zu haben. Das Wasser des Quells das er mitbrachte enthält Salz, so wie hydrothionsaures Eisen. An dem Rande der Quellen so wie am Boden der Gefäße setzt sich Schwefel so wie Kalksinter, von Eisenoxyd roth gefärbt ab. Ich stieg, von meinen Gefährten getrennt, noch allein am Fuße des Uferabhanges hinan und genoß da der Aussicht nach dem See und den gegenüberliegenden Gebirgen. Wie lieblich mag es sich einst dort auf jenen grünen Hügeln gewohnt haben, da Sein Ruf ausgieng über Berg und Thal, in alle umliegende Oerter, da Tausende kamen um Sein Wort zu hören und Seine Thaten zu sehen: jene Thaten der Erbarmung welche Blinden das Gesicht, Tauben das Gehör, den Lahmen die Kraft der Bewegung, den leiblich wie geistig Toden das Leben wieder brachten. Dort in Norden am See lag Capernaum, in welchem der Herr so oft und lange verweilte, daß es seine Stadt hieß; nicht weit von da waren die Orte der Geburt und des Wohnens von Petrus und Andreas, von Jacobus und Johannes, wie von Maria der Magdalenerin. Welche andre Gegend der Erde hat auf so kleinen Raum von wenig Stunden solche Früchte, nicht nur für ~ein~ Land und ~ein~ Volk, sondern für ~alle~ Länder und Völker und Zeiten getragen. Wem schon bei dem Anblick von Siena und dem Genuß seiner hehren Aussicht, wem in Assisi und Urbino, oder in Präneste das Herz wärmer schlug, bei den Erinnerungen, welche, wie Schmetterlinge an duftenden Blumen, an der Schönheit des Ortes hafteten, was muß der fühlen bei dem Anblick des schönsten der Seen, an welchem nicht Kräfte der gottbegeisterten Menschen, sondern der Gottheit selber sichtbarlich sich ergiengen. Der Heimweg führte mich nahe bei den Zelten der Mohamedanischen Bewohner des zerstörten Tiberias vorbei, welche hier den Wiederaufbau ihrer Häußer und Hütten abwarten. Ihre Feuer dampften, die Frauen bereiteten die Abendkost, während die Männer, Tabak rauchend, da saßen. Friede sey mit euren Zelten! und möge euch bald ein festerer Wohnsitz des Friedens, der nie vergeht, noch auf Erden gegeben werden als Häußer es sind, von Menschenhand erbaut. Und ihr dort, in den bretternen Hütten, die ihr treu den Vorschriften der Väter, über den Schuttgräbern der Stadt, wie auf Saphets und Jerusalems Trümmern und in Hebron[154] zu Jehovah betet, daß der Trost Israëls zu euch komme, möge Er, der Verheißene und Erbetene, der Aufgang aus der Höhe, euch bald besuchen. An diesem Abend traf den größeren Theil unsrer kleinen Reisegesellschaft das Loos eines allgemeinen, langen Herumirrens. Die Mucker hatten mit uns ausgemacht daß sie nordwärts von der Stadt einen Lagerplatz wählen und daß wir da uns treffen wollten. Wir hatten versäumt uns näher nach diesem Punkte des Wiedervereinens zu erkundigen, da wir es für unmöglich hielten denselben zu verfehlen, und Fünfe von uns hatten, wie schon erwähnt, ihren Auslauf in südlicher Richtung am See hinab genommen. Aber auch diese Fünfe hatten sich vereinzelt und von einander zerstreut, denn H. Bernatz, der Maler hatte sich einen Ruhepunkt gesucht um da Tiberias sammt seinem See zu zeichnen; Herr Franz hatte die Sendung nach dem Badehaus des Ibrahim Pascha übernommen, +Dr.+ Roth und +Dr.+ Erdl weilten am Ufer des Sees, ich selber, nachdem ich kurze Zeit bei ihnen geblieben, hatte mich weiter hinangezogen nach dem Bergabhange und nach seinem zeolithhaltigen, basaltischen Gebilden. Die Sonne war schon längst hinter die westlichen Gebirge hinabgegangen, die Höhen des Ostens röthete der Abend, da ich am Thore vorüberkam und den Weg des Suchens nach der Lagerstätte nordwärts von der Stadt antrat. Ich blickte rechts und links vom Wege in jede Schlucht, an den meisten Stellen konnte man den ganzen Abhang des Berges von seiner Höhe an bis zum Ufer des Sees überblicken, und wo dieß nicht möglich war da suchte ich zur Rechten oder zur Linken einen Standpunkt auf, der die freie Aussicht gewährte, und nur unmittelbar an der Stadtmauer hatte ich dieses zu thun versäumt. Der Abend dunkelte schon über das Thal und den See herein, ich war weiter denn eine halbe Stunde Weges gegangen, hatte zuletzt nach oben und nach unten die Schluchten durchkreuzt, da begegnete mir der bei vielfältigen Gelegenheiten dieser Art hülfreich gewesene, treue Bernatz der mich von seinem Felsensitze aus die Richtung gegen Magdala hin hatte nehmen sehen und mehr um mich, als um den Lagerplatz zu finden mir nachgeeilt war. Diese stille, redliche Seele hat, dieß erfuhr ich öfter, die Gabe empfangen den rechten Weg zu finden. Er führte mich, nachdem wir beide noch einmal, so viel die Dämmrung dieß erlaubte, nach beiden Seiten die Gegend durchforscht hatten, zur Stadt zurück, weil wir dort, wie er ganz richtig bemerkte am leichteren den Lagerplatz von zehn Maulthieren und vor allen von einigen, jedem Auge auffallend gekleideten, Europäischen Frauen erfahren würden. Er hatte sich nicht geirrt. Ein Türke, der in der Nähe des Stadtthores saß, zeigte uns einen steilen, ganz in der Nähe der Stadtmauern hinabführenden Fußweg; kaum hatten wir den Felsenvorsprung erreicht, der die freie Aussicht nach dem untren Theile des Abhanges und nach dem See hemmte, da sahen wir zwischen dem Gebüsch, auf grünenden Rasen unsre Maulthiere und die beiden Mitpilgerinnen. Für die andren noch in der Irre gehenden Reisegefährten wurde nun sogleich besser gesorgt; einer der trägen Mucker, die schon lange auf ihrem Lager ruheten, mußte in Begleitung des Herrn Mühlenhof hinansteigen an die Anhöhe, über welche der Weg führt, und auf das Nachforschen nach den Fehlenden ausgehen und noch vor Einbruch der Nacht hatten wir die Freude uns Alle wieder vereint zu sehen. Diese Lagerstätte da, so schwer sie uns auch zu finden gewesen, war freilich des Aufsuchens werth; sie war eine der schönsten die wir auf der ganzen Reise getroffen. Zwar bot sie keine ebene, sondern eine stark abwärts geneigte Fläche zum Liegen dar, denn die bequemste Stelle des Ortes hatten bereits die Mucker mit ihren Maulthieren eingenommen. Doch diese kleine Erschwerung für das Ausruhen des Rückens wurde schnell und leicht vergessen, wenn das oft sich wieder öffnende Auge, da jetzt der Mond über dem Gebirge aufgegangen war, an dem Anblick des beleuchteten Seespiegels oder an dem Wipfel der Palme, den der Nachtwind bewegte, ausruhete, und wie eine Stimme des Traumes das leise Plätschern des Wassers sich vernehmen ließ. Zuletzt kam, mit dem Thau der Nacht, der das Angesicht erfrischte, auch der erquickende Schlaf. Ich erwachte (Montags am 24ten April) schon mit Anbruch des Tages. Ein Vogel (der Stimme nach schien er eine Blaudrossel) sang auf den Zinnen des benachbarten Thurmes sein Morgenlied, eine Sylvie mit leiseren Tönen stimmte aus den Zweigen des Nebekbaumes in den Gesang ein, das frische Wasser des Sees machte beim Waschen Augen wie Angesicht munter. Der Himmel zeigte sich etwas getrübt, ohne jedoch mit Regen zu drohen, ein mäßiger Wind aus Südwest bewegte die Fläche des Wassers. Mir war es unmöglich die Vorbereitungen unsrer langsamen Mucker zur Weiterreise abzuwarten; während diese ihren Thieren das Morgenfutter gaben machte ich mich auf, um auf dem einsamen Wege am See hin mit meinen Gedanken allein zu seyn. Es war nicht der laute Morgengesang des einsamen Vogels auf dem Dache der meine Brust wie die Sylvie in den Zweigen des Nebekbaumes zum Mitsingen weckte; hier an diesem See wird in den Morgenstunden des Tages der Gedanke des Herzens von selber zum Gesang; ein Lied des Auferstehungsmorgens tönte von meinen Lippen; ich genoß fröhlich im Geiste, wie ich es selten gewesen, eine Nachfeier des Osterfestes. Hier an dem See bei Tiberias war es, wo sich (nach Johann. 21) Christus zum dritten Male nach seiner Auferstehung seinen Jüngern offenbarte. Nach der vergeblichen Arbeit der Nacht, da sie jetzt ihre Augen aufhuben, siehe da stund Er, der Herr, am Ufer; sie aber wußten nicht daß es Jesus war, bis Er sich ihnen kund gab durch die Wunderthat Seiner Hülfe und Seines Erbarmens. Da erkannte ihn zuerst unter Allen der Jünger, welchen Jesus lieb hatte, Petrus aber, den Andren voraneilend, gürtete sein Gewand um sich und warf sich ins Meer. Und siehe, nicht nur das Größere und Künftige allein, auch das Kleinere und Nähere hatte Er bedacht, dessen vorsorgende Liebe eine höhere, inniglichere ist als die der Mutter; die Jünger, da sie kamen und sahen fanden schon Kohlen gelegt und Fische darauf und Brod; denn nicht nur der Geist sondern auch der arme, bedürftige Leib sollte sich freuen der Nähe Gottes, seines Heilandes. Vielleicht war es dann hier, gerade in dieser Bucht, wo der Herr, der alle Dinge weiß, Petrum dreimal fragte, ob er ihn lieb habe und ihm befahl zu weiden seine Schaafe wie seine Lämmer, zugleich aber ihm verkündete das Loos jener Todesart, womit er einst, in seinen späteren Tagen den Herrn preisen sollte. Die Worte: »folge mir nach« die der Herr damals zu Petrus sprach, werden freilich das Herz jedes Jüngers bewegen der die Geschichte der seligen Morgenstunden am See Tiberias bei St. Johannes liest, der Lesende mag nun daheim oder in der Fremde, in der Kammer des Daches oder auf dem Felde seyn. Dennoch schien es mir als gäbe das Verweilen hier an dem Orte der Erscheinung selber und der Anblick des hehren Sees den lieben Worten: »folge mir nach« noch eine ganz besondre Kraft. Das träge Herz des alten Pilgrims fühlte sich mächtiger als sonst durch das Wort gezogen; es hätte, wie der Lieblingsjünger, der dem Zuge der Liebe, seinem Herrn zu folgen, nicht widerstehen konnte, Ihm nachgehen mögen, wohin Er auch führte. Mit der Erinnerung an den Morgen des Wiedersehens beim See Tiberias erwachte an dieser Stätte noch eine andre. Dort, jenseits der Bucht in die der Bach von Hottein sich ergießt, liegt Magdala, aus welcher sie stammete, die Maria, welche erst eine tief im Elend Gebeugte, dann eine reich Begnadigte und Erhöhete war[155]. Auch Sie hatte in der Angst ihrer Seele Ihn kennen gelernt, ihren Heiland, als einen Herrn der da hilft und der vom Tode errettet, und mit der dankbaren Liebe war ihr eine Treue ins Herz gegeben, welche nicht mehr von Ihm lassen wollte; welche bei Ihm blieb unter dem Kreuz, in den Schmerzen des Todes und am Dunkel das Grabes. Darum geschahe es ihr, daß Er, da sie mit schmerzlichem Sehnen nicht abließ selbst bei den Todten ihn zu suchen, sie zuerst unter Allen bei ihrem Namen rief, und daß sie Ihn sahe mit ihren Augen, Ihn, welcher todt war und siehe Er ist lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit. -- Ja auch hier, am See Genezareth, in der einsamen Felsenbucht lautete das deutsche Osterlied: »Preis dem Todesüberwinder« mit seiner Melodie der Triumphgesänge wohl und stimmte das Herz freudig. Ich war auf meinem Wege am See hin oft stehen geblieben, dann wieder mit eiligem Schritte vorwärts gegangen; an einer jener Stellen bei der ich schnell durch das Gebüsch und hohe Gras dringen wollte, wurde mein Fuß bewahrt daß ich nicht in eine Art von Cisterne oder unterirdische Felsenkammer fiel, deren Anblick mich damals in den Stunden der freudigen Aufregung nicht erschreckte, später aber in der lebhaften Erinnerung oft schaudern machte. Denn welcher Mensch würde den Halbzerschmetterten da unten gesucht und gefunden haben. Schon aus einiger Entfernung fiel mir, da ich jetzt näher kam an die Bucht von Szermedein, bei welcher ein Bach von warmen Wasser in den See fällt, unten am Ufer und am Abhang des Hügels ein rosenfarbiger Schimmer ins Auge; es war ein Wald oder vielmehr Buschwerk von blühendem Oleander. Ich habe an diesem schönen Gewächs, welches Hasselquist für den Baum, gepflanzt an den Wasserbächen hält, von welchem die heilige Schrift redet[156], immer ein Wohlgefallen gehabt; eine solche Lust der Augen, wie hier am Tiberiassee hatte mir aber dasselbe noch niemals gewährt. Wenn man aber auch in der günstigsten Zeit des Jahres, wo selbst in unsrer Heimath dieser schöne Fremdling seine rosenfarbigen Blüthen aufthut, alle Oleanderbäume der Gärten und Häußer einer unsrer größesten, blumenliebenden Städte an einem gemeinsamen Orte zusammenstellen wollte, sie würden keinen solchen weit ausgebreiteten Teppich bilden als diese Gebüsche am Genezarethsee, die wie ein Morgenroth der Tiefe über Thal und Hügel sich hinwegziehen. Ich hatte beide Hände voller Blüthensträuße, die ich wie einen Festtagsschmuck mit mir nahm. Der starke Bach von warmen Wasser, von welchem ich schon vorhin sprach, kommt, in einem Abstand von etwa einer halben Stunde von Tiberias, aus einer Felsenhöhle hervor, und ist da wo er herauskommt in ein Gemäuer gefaßt, welches von alter Bauart zu seyn scheint. Ich hatte kein Thermometer bei mir; dem Gefühle nach schien mir die Wärme des Wassers mehrere zwanzig Grad Reaumur zu seyn; dasselbe schmeckte ziemlich stark nach Eisen mit nur weniger Beimischung von Salz. Da wo die Grotte sich öffnet, aus welcher der Bach mit lautem Rauschen herausstürzt, öffnet sich von Westen herab ein Thal, dessen Wände Kalkstein sind. Nahe dabei, am Seeufer, stehen einige ärmliche Hütten. Ich gieng jetzt durch das dichte Gebüsch, aus welchem Nebekbäume sich erheben, hinan zum Wege der Maulthiere, auf welchem meine Reisegefährten kommen mußten. Auf einem Felsenhügel, jenseit des Thales, der eine weite Aussicht über den Weg von Tiberias her gewährte, setzte ich mich nieder um hier die Freunde zu erwarten, denn der Tag, obgleich der Himmel bedeckt war, fieng an heiß zu werden durch den Wind aus Süden. Von den Felsen wie aus dem Gebüsch ließ sich die Stimme der wilden Tauben vernehmen, die in ganzen Schaaren an mir vorüberflogen. Mir war inniglich wohl und still zu Muthe. Während ich so da saß und ruhete, bald den See und seine Felsenufer betrachtend, bald hinausblickend nach dem Wege, auf welchem die Gefährten kommen sollten, trat ein Mann in armseliger Arabischer Kleidung aus dem Gebüsch heraus und vor mich hin. Sein schwarzbraunes Gesicht wie der Hals waren durch Narben entstellt, welche der struppige dunkle Bart nur unvollkommen verdeckte, er mußte schon im harten Gefecht gewesen seyn. Die Art wie mich der Mann mit seinem dunklen, unruhigen Auge ansahe, erweckte kein Zutrauen; es war mir aber in diesem Augenblick gegeben ihm sehr ruhig entgegen zu blicken. Er maß mich vom Kopf zu Fuß, ich ihn auch; er hatte keine Waffen als sein kurzes, dolchartiges Messer, ich hatte nichts als meine Hände, nicht einmal einen Stock oder geognostischen Hammer. Ich habe selten einen solchen Ausdruck von roher Habsucht in Augen und Mienen eines Menschen gesehen als der war womit der Mann auf meine Taschen deutete und ungestüm Geld (Flusch) verlangte. Ich hatte zwar dergleichen bei mir fand es aber nicht rathsam ihm meinen Beutel sehen zu lassen; deutete deßhalb nur auf den Weg nach Tiberias hin und sagte ihm, daß wenn meine Begleiter kämen er etwas Geld haben solle. Er sah sich unruhig um, da aber der Weg so weit man ihn überblicken konnte, ohne Menschen war, begann er seine ungestümen Forderungen bald von neuem, drang näher heran und schien mich am Leibe packen zu wollen. Da siehe, in demselben Augenblick ward meine Reisegesellschaft freilich noch in weiter Ferne diesseits des Felsenvorsprunges sichtbar; Herr Mühlenhof und Herr Franz in ihrer stattlichen Türkischen Kleidung, Mohamed in seiner rothen Aegyptischen Soldatenjacke, dazu die Doctoren Roth und Erdl mit Herrn Bernatz, die meisten mit Flinten bewaffnet; ich beugte mich zur Seite und rief »siehst du denn nicht daß sie kommen?« Mein Araber sah sich von neuem um; sein Ungestüm war gebrochen; er zwang die Mienen zu einer Art von Lächeln, redete mich als Effendi an und erzählte mir etwas von welchem ich, was übrigens sein Aussehen bezeugte, nur so viel verstund, daß er sehr arm und hungrig sey. Ich sagte ihm von neuem: wenn diese kommen sollst du einen Piaster haben. Er schien lange ungewiß was er thun, ob warten oder davon laufen sollte, und sahe mich dazwischen immer fragend an, da ihm aber meine Mienen keine Furcht einzuflößen schienen, blieb er in einiger Entfernung vom Wege stehen. Die Freunde kamen endlich; durch die Langsamkeit der Mucker beim Aufbrechen waren sie so verspätet worden; ich stieg auf mein Maulthier und da der Araber sahe, daß Keiner eine feindselige Bewegung gegen ihn machte, gesellte er sich, als sey nichts geschehen, zu uns. Er erhielt jetzt von mir sein Almosen und ich ließ ihn durch den Dragoman fragen, bei welcher Gelegenheit er diese Wunden am Gesicht und Hals empfangen habe? Da erzählte der Mann, hier in dieser Gegend sey es gefährlich zu reisen und er selber sey einmal von Räubern angefallen und fast erschlagen worden. Ich möchte indeß nicht entscheiden wer bei jener Gelegenheit der Angreifende oder Angegriffene gewesen. Das Gewissen des Mannes schien wenigstens nicht das sauberste; denn obgleich er anfangs Lust bezeugt hatte uns gegen ein Botenlohn zu den Ruinen zu führen, die sich rechts vom Wege im Walde finden sollen, entwich er doch plötzlich, da in El Medschel, wo wir Milch tranken, ein etwas ansehnlicher aussehender Mann, den wir für den Scheikh des Dorfes hielten, gegen uns hinkam. El Medschel, das ist der jetzige Name von Magdala, bei welchem noch zu den Zeiten der Kreuzzüge eine ansehnliche Burg stund, ist jetzt ein Dorf, das aus elenden Hütten besteht, aus denen dem Reisenden ein Geruch der Unreinlichkeit entgegenkommt. Wir mochten nicht von unsern Thieren absteigen und den von Unrath entstellten Boden betreten, und auch die saure Milch, die wir im hölzernen Gefäß von einer Araberin bekamen, würde der Eckel zurückgewiesen haben, wenn nicht der große Durst und der Hunger gesagt hätten: behalte sie. Indeß bemerkten wir später, daß wir zufällig gerade bei den elendesten Hütten (es waren die nächsten am Wege) Halt gemacht hatten. Wir verweilten hier so lange bis Herr Bernatz eine Zeichnung des Ortes und seiner Umgegend entworfen hatte, was in etwa einer halben Stunde geschehen war. Die Umgegend wird interessant durch ihren Hintergrund der Felsenwände, welche voller natürlicher wie künstlicher Hölen sind; mehrere alte starke Gemäuer bezeichnen den vormaligen Umfang und die Bedeutenheit von Magdala. Das westliche Ufer der nördlichen Hälfte des Sees vor und jenseits El Medschel ist überaus fruchtbar und mit Gebüsch und Bäumen, dazwischen, nach dem Strande hin, mit Saatfeldern bedeckt. Es scheint hier vor andern Gegenden ein Lieblingsaufenthalt der wilden Tauben und Turteltauben; wir sahen sie zu vielen Hunderten und hörten ihre Stimme; sie schienen in dieser Zeit seiner reifenden Früchte vorzüglich gern auf dem Nebek oder Thederbaum, einer Art des Rhamnus zu verweilen. Ein altes Kastell unweit Medschel hat seinen Namen Kalaat Hamam oder Taubenkastell von den vielen in seinen Mauert nistenden Tauben, ja ein ganzes Thal, an das dieses Kastell gränzt, heißt das Wadi Hamam oder Taubenthal. Die große Fruchtbarkeit der Gegend ist vor allem eine Folge der vielen Bäche und Quellen, die aus dem westlichen Höhenrande hervorbrechen. Schon vor, noch mehr aber jenseits (nordwärts) von Medschel kamen wir über mehrere kleine und größere Bäche, unter denen jener, den man, bald nachdem man das Dorf verlassen in der Mitte des Dickichts passirt, der ansehnlichste ist, so daß er wohl für einen kleinen Fluß gelten könnte. Dieser kommt durch das breite, vielfach gekrümmte Hattinthal (Wadi Hattin) herab und sein Wasser muß durch Aufnahme mehrerer warmer Quellen eine erhöhte Temperatur haben, denn wir sahen es in den Morgen- und selbst in den Vormittagsstunden, da wo es aus den basaltreichen Klüften sich herabstürzt, rauchen, wie ein am Boden ausgeschüttetes, warmes Wasser. Da wo wir, nahe an seiner Mündung, über das Flüßlein kamen, ließ uns weder seine Temperatur noch sein Geschmack einen Unterschied von andern, gewöhnlichen Bächen dieses warmen Landes bemerken. Nicht weit jenseit des Flußes aus dem Hattinthal sollten, nach der Versichrung eines unsrer älteren Mucker Ruinen von Gebäuden seyn. Wir konnten sie nicht auffinden. Die treffliche Karte von Berghaus setzt in diese Gegend die Stätte des alten Genezareth, von welchem der ganze See einen seiner Namen hatte. Oben am Abhange der westlichen Berge ward ein Dorf oder Flecken sichtbar, Sendschol genannt. Zuletzt über eine fruchtbare Ebene an einem verfallenen Gebäude (vormaligem Khan) vorüber, kamen wir bei einem Bächlein an die unansehnlichen Ruinen von Tel Hum, welche nach der Aussage unsrer Mucker so wie nach der Beschreibung die man uns in Nazareth und Tiberias gegeben die Stätte von Capernaum andeuten sollten. Wie unverkennbar haben sich doch jene Worte des Wehes, das der Mund der Wahrheit über Capernaum, über Bethsaida und Charizim aussprach, bewährt! ihre Stätte kennet niemand mit Sicherheit; ihr Name ist von der Erde verschwunden. Nahe bei den Ruinen des angeblichen Capernaum, die wir um 11 Uhr Vormittags erreicht hatten, bei dem Quell, hatte sich eine Schaar der Pilger gelagert, die noch zum Osterfest der orientalischen Christen nach Jerusalem ziehen wollte. Wir wendeten uns jetzt wieder etwas links (südwestlich) und zogen dann über den anfangs wellenförmig dann steiler ansteigenden Abhang des nördlichen Bergkessels nach dem Khan Dschob Yusef, oder dem Khan des Josephsbrunnens. An vielen Stellen unsers Weges kamen wir über eine alte, kunstreich gepflasterte Straße, gleich jenen alten Römischen, denen man in Italien so oft begegnet. Es schien uns diese ein sichres Anzeichen davon, daß einst in dem Thale, von dem sie heraufführt auf die Höhe, eine ansehnliche Stadt (Capernaum) gestanden habe. Schon auf dem Wege nach dem Josephsbrunnen hatten wir eine herrliche Aussicht nach dem Tiberiassee und seinen Ufern. Ich hatte mich auf dem Sattel des Maulthieres, obgleich die Mucker mich darüber verlachten, rückwärts gesetzt, so daß ich unausgesetzt die hehre Gegend betrachten konnte. Selbst das Augenmaß (so wenig ich mich, an mir selber allein, auf seine Richtigkeit verlassen möchte) schien uns hier die Länge des Sees nicht größer als die unsers Starenberger Sees, etwa zu fünf Stunden anzudeuten, die Breite aber ist gleichmäßig größer als die jenes vaterländischen Sees, sie mag wohl wenigstens oder mehr als ein Drittel der Länge betragen. Unter den Bergen des östlichen Ufers zeichnet sich der eine durch seine auffallender rundliche Form aus; an dem Fuße dieses östlichen Kesselrandes läuft eine Ebene hin, auf welcher gewiß das Reisen zu Fuße wie zu Pferde, so wie der Transport durch Lastthiere weniger Schwierigkeit haben würde als an der westlichen Seite. Und es wird ja die Zeit kommen, wo alle diese Lande voll werden Seiner Ehre, wie der Segnungen Seiner Güte; dann wird Er, der Herr, wieder, wie in den Tagen Seines Fleisches Tausenden das Brod brechen auf diesen noch immer so fruchtbaren, aber vereinsamten Hügeln und Bergen. Bei dem sogenannten Josephsbrunnen, dessen Stätte wir nach einem etwas mehr als anderthalbstündigem Aufsteigen von der Ebene am See erreichten, stehet noch das freilich sehr in Verfall gerathene Gemäuer eines Sarazenischen Herberghaußes für Reisende oder Khans. Wenn nicht die Unterscheidung der Sarazenischen und Altfränkischen oder Gothischen Bauwerke so vielen Schwierigkeiten unterläge, würde ich keinen Anstand nehmen die erste Anlage des Gebäudes den Zeiten der Kreuzzüge und des christlichen Königreiches von Jerusalem zuzuschreiben. Eine teichähnliche Cisterne, deren Boden sehr mit Binsen bewachsen war, und die nur wenig Wasser enthielt, findet sich außerhalb (nordwärts) von der Caravanserei; in den Ringmauern von dieser selber ein Schöpfbrunnen. Dieser oder wie unser Maronitischer Mucker, der schon so oft diesen Weg gemacht hatte, es wollte, ein andrer, auf der östlichen Anhöhe gelegner, halbverschütteter Brunnen, sollte, nach einer späteren Sage des Landes derselbe gewesen seyn, in welchen die Söhne Jacobs ihren Bruder Joseph hineinwarfen, bis sie an die Schaar der vorüberziehenden Ismaëliter ihn verkauften. Doch stehet diese (vorzüglich unter den Mohamedanern herrschende) Sage mit den Worten der Schrift im Widerspruch, denn nach diesen war Dothan, an dem Abhange der Gebirge Gilboas gegen den Jordan hin, nordostwärts von Sindschil (unsrem letzten Nachtlager vor Nazareth) der Ort an welchem Joseph, von Sichem aus, seinen Brüdern begegnete, von ihnen in den Brunnen gesenkt und dann verkauft wurde[157]. Auch von dem Dschob Yusef oder Josephsbrunnen zog sich unser Weg noch hoch bergan. Wir hatten von hier eine herrliche Aussicht, nicht bloß rückwärts nach dem Tiberiassee, sondern ganz nahe zu unsrer Linken, auf das nordwestlich hoch auf den Bergen gelegne Saphet, eine der vier heiligsten Stätten der Erde für die noch auf den Trost Israëls hoffenden Juden. Aus der Ferne konnte man jenem vormals so ansehnlichen, von den Tempelrittern so stark befestigten und mannhaft vertheidigten Orte die Zerstörung nicht ansehen, welche das letzte, große Erdbeben auch innerhalb seiner, noch immer stattlich aussehenden Mauern angerichtet hatte. Nach einer Sage des Landes sollte dieses Saphet oder Szaffad die Stadt seyn, die auf einem Berge liegt und deshalb nicht verborgen bleiben kann, welche Christus der Herr, bei diesen Worten seiner Bergpredigt vor Augen und im Sinne hatte[158]. Wir gedachten, da wir den gähen Felsenabhang jener alten Burg der Kreuzfahrer betrachteten, an die Ströme von Blut der Tempelritter und der andren christlichen Bewohner der damaligen Stadt, welche der Wüthrich Bibar, im Jahr 1266 gegen Völkerrecht und Vertrag dort vergoß. Die Gegend wird hier unbeschreiblich majestätisch, die Aussicht gewaltig. So hoch man auch auf dem Bergrücken, über welchen die letzte Strecke des Weges führt schon gestiegen ist, so hat man dennoch neben sich als noch höher hinanragenden Gipfel den Dschebel Szafad (das Gebirge Naphthali), an dessen südlichem Ende Safed liegt; während sich gegen Süden der Tiberiassee Und die Jordansaue mit den Gebirgen und Ebenen von Galiläa, Dscholan und Gilead (?) zeigen, erblickt man in Norden den Meromsee und den Antilibanon der seinen grünenden Fuß in das weite Thal von Paneas setzet und den beschneiten Gipfel zu den Wolken gesellt. Mit dem Gefühl der Erhebung und des Wohlgefallens das dieser Anblick weckte mischte sich heute in meinem Innren ein andres der Wehmuth; es war als vernähme ich vom Gebirge des Antilibanon und vom Meromsee, mitten unter den Tönen jenes ewigen Lobgesanges, den hier die Majestät der Werke anstimmt, das Geläute der Todtenglocken. Vielleicht hatte der seit langer Zeit entwohnte Anblick des umschleierten Himmels auf diese Stimmung Einfluß; vielleicht war sie ein Nachhall des Gedankens der mich schon bei dem Jacobsbrunnen beschäftigt hatte: des Gedankens, daß ich nun ganz nahe am Ende der Reise durch das werthe, heilige Land sey. Doch liegt auch in der Geschichte des Gebietes, das hier der Pilger, gegen Norden hin überschaut, manches Element das zum Ernst stimmen kann. Zwar dort rechts hinan vom Meromsee ist die Gegend von Paneas (des alten Cäsarea Philippi) in der heiligen Geschichte noch mit den Fußtapfen Dessen bezeichnet der durch sein sichtbarliches Wandeln den ganzen Kreis der Erde geheiligt und gesegnet hat; aber nur wenig zur Linken von da, im Norden des Sees ist die Stätte des alten Lais oder Dan, des Ortes da zuerst ein ganzer Stamm des erwählten Volkes von dem Herrn sich abwandte und dem durch doppelten Diebstahl erworbenen Götzen anhieng[159] und wo später ganz Israël an Jerobeams Kälberdienst sich versündigte[160]. Es hatte sich aber auch die Natur der wahrhaft schönen Umgegend mit Geberden der tiefen Trauer und des Elendes angethan; ein großer Theil der Ortschaften, zur Seite unsers Weges, lagen, wie uns dieß ein Mann erzählte, der mit einem beladnen Esel uns begegnete, seit dem letzten großen Erdbeben in Trümmern; Madscharah war ein Schutthaufen geworden; ein andres Dorf, aus welchem einer unsrer Mucker Lebensmittel für uns holen wollte (Girseh?) war nicht mehr vorhanden; die Felder des Getraides warteten dort umsonst der pflegenden, ihre Fülle erntenden Menschenhand. Unser Weg wendete sich jetzt mehr nach Osten, durch ein Gefilde das mit blauen Lupinen und andern Blumen herrlich geschmückt war; wir stiegen zu Fuß den steilen Abhang hinunter, an welchem wir die nahe Aussicht hatten nach dem Jordansbette, von jenseit des Meromsees an bis dahin wo sich dasselbe südlich in den Krümmungen des Gebirgsthales verliert, das zum Tiberiassee hinläuft. Schon gegen vier Uhr des Nachmittags hatten wir die Stätte, die zum heutigen Nachtlager bestimmt war: die Jacobsbrücke erreicht. Hier war freilich eine der Fragen: woher Brod nehmen in der Einöde? denn wir hatten außer der sauren Milch in Magdala den ganzen Tag nichts genossen, und, vertrauend auf die feste Versichrung unsrer Mucker daß sie uns auf dem Wege Lebensmittel verschaffen wollten, mit keinen Vorräthen uns versorgt. Jene Frage wurde indeß bald in befriedigender Weise beantwortet, denn wir fanden in der Nähe der Brücke einige Arabische Familien, die, seitdem das Erdbeben ihre Hütten zerstört hatte, hieher geflohen waren, wo sie unter Zelten wohnten, durch diese erhielten wir Milch, Eier und später auch etwas Brod. Der Name, welchen das Volk des Landes schon seit einer Reihe von Jahrhunderten der alten, steinernen Brücke gab, über die wir jetzt hinüberzogen in das östliche Gebiet des Jordans, gründet sich auf die Sage, daß hier der Ort gewesen sey wo Jacob, nach seiner Zurückkehr aus Mesopotamien mit seinen Söhnen über den Fluß gegangen sey. Doch findet diese Sage in den Worten der heiligen Schrift keine deutliche Bestättigung; denn nach diesen war der Ort des ernsten Ringens im Gebet, welches nicht abließ, bis es den Segen empfangen[161] die Furth des Jabob, und von hier wendete sich das kleine Heer des Altvaters zwar nördlich, wie dieß die Angabe des ersten Aufenthaltsortes im diesseitigen Gebiet, Suchoth, vermuthen lässet, doch ist dieser genannte Punkt, fast parallel mit Jesreel und Dschennin noch sehr weit (über acht geographische Meilen) von der Jacobsbrücke abgelegen. Dieses hinderte indeß die Seele des Pilgrims nicht an jenem Genusse, den hier an dieser Stätte die Betrachtung der Geschichte von Jacobs Heimkehr darbot. Auch für uns war der Jordan in gewisser Hinsicht die Gränze, jenseits welcher wir aus dem Lande, das unserer Reise letztes Ziel gewesen, uns hinaus begaben auf die, freilich noch durch manche Umwege gehende Heimkehr nach dem Vaterland. Auch an uns war auf den Wegen unsrer Wallfahrt viel und Großes geschehen; wir waren wie auf Adlersfittigen getragen und vor allem Unglück bewahrt worden; unsre Seele, wenn sie dessen gedachte, was sie auf der Pilgerschaft an Erkenntnissen und lebendigen Erfahrungen empfangen hatte, konnte wohl mit dem Altvater Jacob ausrufen: »Ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und aller Treue die du an mir gethan hast.« Der Lauf des Jordans, so kurz er im Ganzen ist, hat von seinem Anfange bis zu seinem Ende, etwas höchst Bedeutungsvolles und Außerordentliches. Welchem andern namhaften Fluß der Erde ist wie ihm sein Lauf unter dem Spiegel des Meeres angewiesen; welches rinnende Gewässer zieht seine Bahn durch solche majestätisch schöne Auen als diese da sind am Merom und im Thal von Paneas; welches hat eine herrlichere Stätte des Ursprunges, als die dort ist am Antilibanon, bei welcher schon die pythisch begeisterte Ahndung des Heidenthums ein besondres Naheseyn der Kräfte des Geistigen und Göttlichen verspürte. Wir waren sehr begierig die verhältnißmäßige Höhe des Jordans hier an der Jacobsbrücke zu der des Tiberiassees und des unteren Jordansspiegels in dem Gebiet von Jericho zu erfahren, aber der allem Anschein nach schon an sich tiefe Barometerstand der mit der heutigen trüben Wittrung, die sich am Abend in einen leichten Regen auflöste, in Beziehung stund machte unsre Messung etwas unsicher. Wir fanden nach dieser die Höhe unsrer Lagerstätte bei der Jacobsbrücke 378, die des Jordans gegen 350 Fuß über dem Meeresspiegel; ein Unterschied von mehr denn 880 Fuß gegen die Lage des Tiberiassees, was für die geringe Entfernung zwischen beiden Punkten ein Gefäll des Flusses ergäbe, welches das unsrer Isar zwischen Mittenwald und Länggries (682 F.) noch überträfe. Uebrigens ist allerdings der Lauf des Jordans hier ein reissend schneller und sein Gefäll bis zum Einfluß in den See mag ein sehr bedeutendes seyn. Der Fluß ernährt hier, außer andern Wassergewächsen in großer Menge das Papyrusschilf (+Cyperus Papyrus+), das zu sehr ansehnlicher Höhe erwächst. Weiter hinab am Ufer fanden sich Stämme des Zakkumbaumes (+Eleagnus angustifolius+) und des Dornrhamnus (+Rhamnus spina Christi+), dazwischen das blühende Gesträuch des Oleanders. Die Brücke selber, die unsrer Betrachtung am nächsten lag, ist gegen sechzig Schritte lang und wird von vier Bögen getragen; sie ist von alter, fester Bauart; die Breite des Flußbettes beträgt nicht viel mehr denn halb so viel als die Länge der Brücke (gegen 80 Fuß) seine Tiefe nur an wenig Stellen über vier Fuß. Von dem einst so bedeutungsvollen, festen Kastell, das die Kreuzfahrer, wie wir früher erwähnten, unter Balduin +IV.+ diesseits (westlich) der Jacobsbrücke begründeten und das die Templer nur kurze Zeit, bis zur Erstürmung desselben durch Saladin besetzt hielten, sieht man nur noch einige wenige alte Gemäuer; auch das Haus ist verschwunden, in welchem sonst die Türkischen Zolleinnehmer wohnten, welche von jedem Pilgrim der über die Brücke kam eine ansehnliche Abgabe erhuben, denn diese Besteurung der Reisenden hatte zu unsrer Zeit, unter Aegyptischer Herrschaft aufgehört. Desto ansehnlicher sind die Gemäuer der großen Karawanserei die an der Ostseite noch jetzt zum Nachtlager der Karawanen dient. Sie enthält unter andrem ein ziemlich großes, aus schwarzem, basaltischen Gestein fest gemauertes vierecktes Behältniß, das, weil es tiefer als der übrige Boden liegt, als eine Art von vormaligem Wasserbehältniß erscheinen könnte. Die Hauptgebirgsart der Gegend durch die wir vom Tiberiassee bis hieher kamen ist Kalk (Kreidekalk?) an vielen Stellen aber, wie namentlich hier am Jordan, zeigt sich Basalt. Der Meromsee bildet, so wie wir ihn heute und am andern Morgen sahen, eine zusammenhängende Wasserfläche und das viele Schilf und Papyrusrohr das in ihm wächst läßt auf keine große Tiefe desselben schließen. Wir hätten allerdings zwischen den Ringmauern der alten Karawanserei unser Nachtlager aufschlagen können, da indeß der Boden ihres Steinpflasters von sehr unreinlichem Aussehen und das Gebäude ohne Dach war, so daß wir innerhalb demselben eben so sehr dem Thau und Regen ausgesetzt blieben als außerhalb, zogen wir eine grasreiche Wiese in der Nähe des Jordansbettes zur Lagerstätte vor und blieben auch diesem Vorsatz treu da sich am Abend ein leichter Regen ergoß, der sich während der Nacht in einen ungemein starken Thau verwandelte. Wir suchten uns zwar, wenigstens am Gesicht, durch Regenschirme, die wir in schiefer Stellung hinlehnten, gegen diese Unbequemlichkeit zu verwahren und versuchten es auch den Kopf durch übergespannte Tücher zu schirmen, aber die Schwüle der eingeengten Luft wurde dabei so unerträglich, daß wir es vorzogen vom Regen und Thau benetzt und von den kräftigen Stichen der vielen, großen Mücken geneckt zu werden, als unter solcher Bedeckung halb zu ersticken. Zu den besondren Unterhaltungen dieser Nacht gehörte es auch noch daß die Maulthiere frei neben und über uns herumschritten und daß die vielen Frösche der Nachbarschaft, als hätten sie uns etwas Besondres zu sagen, ganz nahe bei unsren Ohren ihr lautes Quacken erhuben. Der Anbruch des Morgens kam uns unter diesen Umständen und nach solchem nächtlichen Bad in Regen und Thau sehr erwünscht; es war weder an unsern Decken noch an unserm Gewand ein trocknes Flecklein zu finden, doch hatte sich das Herz jene (vergnügliche) Trockenheit erhalten, die ein Philosoph des griechischen Alterthumes (Herakleitos) als den wünschenswerthesten Gesundheitszustand der Menschenseele beschreibt. So traten wir denn nun, als bald nach 6 Uhr des Morgens unsre kleine Karawane in Bewegung kam, den Weg, der anfangs sehr steil am Gebirg hinanstieg, nach einem Gränzland des alten Canaan an, das nur zum Theil in die Geschichte des gelobten Landes und seiner Bewohner verwebt ist. Die Landschaft durch welche uns die heutige und noch zum Theil die morgende Tagreise führen sollte, gehörte noch zu Christi Zeiten zu Basan, das durch seine Fruchtbarkeit so berühmt und gepriesen war; im engeren Sinne bildete es die Provinz Ituräa in welcher zu den Zeiten Johannis des Täufers, Philippus, der Bruder des Herodes, Vierfürst war. Die Meisten von uns stiegen nicht bloß die erste sehr steile Bergwand, welche hier das Jordansthal begränzt, zu Fuße hinan, sondern, da wir hierbei den Muckern und ihren Thieren weit voraus kamen, blieben wir auch weiterhin, bis gegen Mittag, meist zu Fuße. Das etwas schwere Ansteigen, zum Theil auf einer Art von Steinpflaster, das neben einem sumpfigen Grunde hinführt, dauert noch nicht drei Viertelstunden und die Mühe des Steigens wird auf jedem Punkte an dem man Halt macht durch die herrliche Aussicht nach dem nahen Meromsee und dem Thale von Paneas reichlich aufgewogen[162]. Der Weg zieht sich jetzt minder steil berganwärts und es wird nun eine Stelle erreicht, welche einen weiten Ueberblick über den See von Tiberias und einen Theil des Jordansthales gewährt. Sey mir noch einmal gesegnet du heiliges Land durch das der Jordan fleußt, du Land der Turteltauben am See Gennezareth; die Stimme des Sehnens und des Hoffens, welche dort der Geist vernahm, verkündigte es daß du mit all deinen Lieblichkeiten nur ein Schatten und Vorbild bist von jenem Heim der ewigen Verheißung an welchem der Weg des Pilgrims und Fremdlings der Erde sein Ziel und Ende hat. Immer höher hinan zog sich der Weg über grünende Bergauen, auf denen bald vereinzelter, bald dichter zu Gruppen kleiner Wäldchen zusammengedrängt Valoniaeichen und alte Terebinthen stehen. Die Höhe betrug da wo die ersten Eichen stunden, schon 2027 Fuß über dem Meeresspiegel. In den blühenden Gesträuchen des Azerol-Weisdornes sang eine Nachtigall; mit dem Ohre zugleich wurde das Auge und die Hand des Sammlers ergötzt durch das Auffinden des hier in Menge blühenden wunderschön geformten Indischen Salbei (+Salvia indica+). Von dem blumenreichen Hügel herab begegnete uns ein Zug buntfarbig gemischter Leute; Beduinen, Männer wie Frauen, mit kostbaren Kopftüchern, unter ihnen etliche Mohren, Aegyptische Soldaten und Leute in der Landestracht, dabei ein armes, unsern Zigeunern gleichendes Gesindel. Sie schienen von einem Feste oder, wenn es dergleichen hier gäbe, von einem Markte zu kommen. Bald aber nahmen das Schweigen und die hehre Stille wieder Besitz von dem herrlichen Lande, in welcher sie, seitdem der Mensch es verlassen, als Herrscher walten. Wie die Flor der Blumen hier aufblühet und welkt, ohne daß ein Kenner sie bemerkt und ihre heilenden Kräfte benutzt, so steht das Chor der Gebirge, das den Gesichtskreis umgiebt da, ohne daß ein hier verweilendes für diese Schönheit empfängliches Menschenauge seiner sich freut. Sie machen auf das Auge des Vorüberreisenden denselben Eindruck, den auf sein Ohr die Harmonieen eines Conzertes machen würden, zu welchem sich eine Gesellschaft von Tonkünstlern außen im einsamen Felde, wo kein Gedräng des neugierigen Volkes sie stört, versammlete. Wie reich und prächtig steigen dort in Süden die grünenden, waldigen Berge von Dscholan empor, vor uns in Nordosten erhebt sich in seiner ausgezeichnet rundlichen Form der Berg der Eber (Tell el Khanzyr); von Norden her leuchtet im Schein der Sonne der blendend weiße Schnee des großen Hermon oder Antilibanon. Wir hielten noch vor Mittag bei einem Dorf der Turkomannen, Nowaran, das zwischen alten Gemäuern, in einem Walde von Wallnuß und Eichenbäumen liegt. Es ist das Nuara, bei welchem die gegen Zenki mit dem Reich der Christen verbündeten Damascenischen Truppen im Jahr 1139 ihrer Bundesgenossen warteten[163]. Anjetzt gehört ein geübtes Auge dazu, um aus den Trümmern und Steinhaufen zu errathen, daß hier einst eine Stadt stund. Die Bewohner und Bewohnerinnen des Oertleins, das nur aus wenigen Hütten besteht, schienen nach ihrer Art sehr vergnügt und wohlhabend; wir erhielten hier Buttermilch und Brod in Menge; ein alter Türke aus Damaskus, der sich bei der Jacobsbrücke zu uns gesellt hatte, war ungebeten unser Gast und während wir Andren mit Löffeln aßen oder die saure Milch tranken, langte er mit den Händen in die große hölzerne Schüssel, uns hiermit stillschweigend lehrend wie man, wenn sie nicht zu heiß ist, auch ohne Löffel Suppe essen könne. Jenseit Nowaran naheten wir uns dem schon erwähnten rundlichen, waldbewachsnen Eberhügel (Tell el Khanzyr) bis auf sehr geringe Entfernung, ließen ihn zur Rechten und fanden uns bald hernach auf einer Hochebene, welche nach unsern barometrischen Messungen mehr denn 2800 Fuß über dem Meeresspiegel, mithin 3300 Fuß über dem Tiberiassee liegt. Der frische Wind, der uns von Norden her entgegenkam, war anfangs noch erquickend und wohlthätig, erst etwas später verstärkte er sich zum kalten Sturm, der unsrem Gefühl, im Gegensatz zu der großen Wärme die wir in den letztvergangenen Tagen erdultet hatten, ziemlich empfindlich fiel. Ein gemauertes Wasserbehältniß, an welchem der Weg noch vor Tell Abu Nedy vorüberführt, verdient die Beachtung des Reisenden. Es wird von Seetzen mit Recht für die Quelle Phiala gehalten, aus der nach Josephus und Hieronymus der Jordan seinen eigentlichen Ursprung nimmt. Der heutige Name des kleinen Teiches, dem sein Wasser aus mehrern Quellen zuströmt, ist Birket Ram oder Abu Ermeil. Noch jetzt ist dieser vormals heilige Brunnen zu gewissen Zeiten ein Versammlungsort des Volkes aus der ganzen weiteren Umgegend; als ob dem Jordan schon von seinem ersten Ursprung an eine geistige Kraft der Anziehung für Menschen und Völker innenwohnte. Obgleich kaum merklich, erhebt sich der Weg auch jenseits Phiala noch immer bis in die Gegend eines Hügels, an welchem das Grabmahl des Mohamedanischen Heiligen Abu Nedy mit mehreren Häußern sich findet. Jenseit dieses Punktes fängt die Landschaft an sich ein wenig abwärts (gegen Norden) zu senken. Gegen drei Uhr des Nachmittags lag das stattlich aussehende Kanneytra vor uns, mit seinem ansehnlichen Khan, der einem großen vaterländischen Meierhof glich, und mit seiner Moschee. Da hier eine Hauptstation der Karawanen ist, welche dem Verkehr zwischen Damaskus und Ptolemais dienen oder aus andren südwestlichen Gegenden von Palästina kommen, hätten wir in dem Khan eine sehr geräumige, sogar durch ein Dach geschützte Herberge gefunden; ein Blick aber auf den mit Stroh und thierischen Unrath bedeckten Boden des größeren Innenraumes und in die nicht viel sauberer aussehenden, für die Menschen bestimmten Lagerstellen scheuchte uns bald wieder hinweg ins Freie und wenigstens der eine Mucker, so ungern er es that, mußte uns mit den Thieren die unser Gepäck trugen, hinaus vor das Dorf begleiten. Ich hatte die Eichenbäume, welche nordwärts von Kanneytra, in einiger Entfernung von dem Orte gesehen wurden, zu unsrem Nachtlager ausersehen, bemerkte aber bald daß die Protestation, welche unser Mucker gegen diesen Vorsatz einlegte, eine wohlgegründete war, denn das Auge hatte sich auf dieser weiten Hochebene getäuscht; je weiter wir kamen desto mehr bemerkten wir daß die Bäume noch sehr fern stünden. So mußten wir uns zuletzt entschließen hinter einem alten Gemäuer Halt zu machen, welches so niedrig war, daß man kaum im Liegen gegen den Wind würde geschützt gewesen seyn, auch wenn dieser nicht gerade von der offen stehenden Seite hergekommen wäre. Es war noch so zeitig am Nachmittag (kaum halb vier Uhr) daß wir gute Gelegenheit hatten uns in der Gebirgseinöde, auf der wir uns befanden, recht vollständig umzusehen. Die sehr unansehnlichen Mauerstücke, die sich in der Nähe von Kanneytra zeigen, werden von Burkhardt für die Reste einer alten Stadt (Canatha) gehalten[164], sie haben indeß nicht das Ansehen des hohen Alterthumes oder müssen geringen Gebäuden angehört haben. Merkwürdiger als die alten und neuen Menschenwohnungen des Ortes ist die Landschaft, auf welcher er steht. Kanneytra und die an dasselbe gränzende Ebene ist der Rücken des Dschebel Heisch, der sich hier gegen Norden, gegen den Gipfel des Antilibanon hin zu senken scheint. Wahrscheinlich befindet sich das Auge des Beobachters gerade hier am Gesenke einer jener wellenförmig ansteigenden und kaum merklich wieder sich senkenden Höhen, deren lang fortlaufende Reihe den Dschebel Heisch bildet. Wir glaubten uns nahe am Fuße des mit Schnee bedeckten Dschebel Scheikh oder großen Hermon und das Auge ließ sich schwer davon überzeugen, daß zwischen unsrer Lagerstätte und jenem glänzend weißen Gebirgsriesen eine Strecke von acht Stunden Weges innen läge. Wenn aber auch nicht am Fuße fanden wir uns doch auf dem Fußgestelle des Antilibanon; denn als solches läßt sich der Dschebel Heisch betrachten. Und so groß der Genuß, den diese Stellung und Nachbarschaft uns gewährte, unter andern Umständen würde gewesen seyn, etwa wenn wir das majestätisch schöne Gebirge aus dem Fenster eines Haußes, wie das auf dem Rigikulm oder auch nur aus der Hütte eines Vogelstellers hätten beschauen dürfen; so war dennoch für diesmal mit der Lust eine nicht unbedeutende Last verbunden. Denn der Wind, der mit jedem Augenblick heftiger wurde, wehte so schneidend kalt, obgleich aus Südwesten her, daß wir uns aus dem heißen Sommer des Tiberiassees und des Jordansthales an die Gränze des Winters gerückt fühlten und daß ich, um an meinem Tagebuch schreiben und den Anblick des Antilibanon ruhig genießen zu können, hinter ein Gebüsch (den Wurzelausschlag eines alten Eichenstammes) mich retten mußte. Wie viel kälter auch diese Landschaft seyn müsse denn jene, durch welche wir bisher gekommen waren, das bezeugte uns die Vegetation, die gegen der von Palästina wie um einen ganzen Monat zurück schien. Dennoch beträgt die Höhe unsrer Lagerstätte über dem Meere nach unsern barometrischen Messungen nur gegen 2850 Fuß. Herr Mühlenhof mit den beiden andren Muckern und dem Arabischen Knecht, die im Dorfe das Geschäft des Einkaufes besorgt hatten, kamen jetzt mit einem Lämmlein und etlichen Broden zurück. Das Thier wurde geschlachtet und die Mahlzeit bereitet, welche freilich, da der Wind die ruhige Wirksamkeit des Feuers hinderte, noch sehr roh und stark nach Rauche schmeckte, überdieß auch für so viele hungernde Gäste nur spärlich ausreichte. Denn außerdem daß der Metzger aus Kanneytra einen Theil des Lämmleins als Schlächterlohn in Anspruch nahm, waren wir mit dem alten Türken, der zu den Muckern als Gast sich gesellte, unsrer dreizehn an dieser Abendtafel des Blachfeldes, welche deshalb bald nach ihrem Beginnen wieder aufgehoben wurde. Nach den Freuden der Tafel schickten wir uns an die Freuden des Lagers zu genießen. Wir hatten nach unsrem Schlafgemach nicht weit zu gehen; Jeder von uns saß schon am Boden, auf der Stelle wo er zu schlafen gedachte. Es gehörte jedoch, da wir jetzt lagen und vergeblich versucht hatten den Regenschirm als Schutzwehr gegen den Sturm aufzustellen, wenig Scharfsinn zu der Bemerkung die Einer machte: »daß es sehr kalt sey,« und Mancher der Reisegefährten wäre wohl in diesem Augenblick lieber in der kalten Herberge bei München gewesen als hier in der Nachbarschaft der hochberühmten Jordansquelle Phiala. Anderthalb Stunden nach Sonnenuntergang legte sich der Sturmwind, zugleich aber stieg ein Nebel auf, so schnell wie ein Rauch vom Ofen und so dicht wie wir ihn im Vaterland beim Beginnen oder am Ende des Winters, im November und März zu sehen gewohnt sind. Der Nebel war aber nicht wie ein gewöhnlicher, sondern er ließ so bereitwillig und in solcher Menge sein Wasser fallen und dieses war von so frischem Anfühlen, daß wir bald wieder zu den vom Sturmwind niedergeworfnen Regenschirmen griffen, und diese noch mit Tüchern bedeckten um sie etwas wasserhaltiger zu machen. So war doch wenigstens das Gesicht, bei Einigen durch die Schirme bei Andren durch Tücher oder den Mantel bedeckt und wir hatten es recht gut, denn Keinen von uns quälte, Gott Lob, ein böses Gewissen, keiner litt an leiblichem Schmerz, kein Feind, weder Türken noch Sarazenen verfolgten uns, kein Recensent wußte von uns. Und obgleich der unzulänglich befestigte Regenschirm durch sein Umfallen von Zeit zu Zeit uns weckte, erbeuteten wir dennoch so viel des flüchtigen Schlafes, daß wir am Morgen gestärkt und sehr gern das nicht sehr anziehende Lager verließen. Mittwochs am 26sten April, es war mein Geburtstag, saßen wir bald nach sechs Uhr auf unsern Thieren. Der Boden war vom nächtlichen Nebel oder Regen so durchnäßt, daß die gewöhnliche Lust zum Fußgehen, so groß auch die Kälte war die zur Bewegung antrieb, nicht aufkommen konnte; zum ersten Male, so weit ich mich in meinem Leben zurückerinnern konnte, hatte ich keine Lust mich zu waschen, so viel auch Wasser in der Nähe war. Doch der Nebel war vergangen, die Sonne spiegelte sich aus blauem Himmel in den Thautropfen des Grases und da wir jetzt in die Nähe der vereinzelten Eichen und Terebinthen kamen, da ließ sich von allen Seiten der Frühlingsgesang der Vögel vernehmen. Da wachten auch in meinem Herzen die Loblieder auf, die wie die Lerche zur Höhe, so zu Dem sich emporheben, Der uns, wie es in einem Liede des seligen Gerhard Terstegen heißet, »Schritt vor Schritt« aus der Unruhe des Lebens »zur stillen Ewigkeit« geleitet. Und, wie August Herman Franke in einem seiner Loblieder singt: Es danken Dir die Himmelsheer' O Herrscher aller Thronen. und die auf Erden, Luft und Meer, In deinem Schatten wohnen, Die preisen Deine Schöpfermacht, Die Alles, Alles wohlbedacht. Gebt unserm Gott die Ehre. Aber ich will es nicht läugnen, denn ein solches Wechselspiel der Gedanken ist ja das beständige Loos unsers wandelbaren Herzens, obgleich ich in einem andern Liede desselben gottbegeisterten Mannes, in dem Liede: »Gott Lob, ein Schritt zur Ewigkeit ist abermals vollendet,« die letzten Worte: »Fahr hin was heißet Stund und Zeit, ich bin bald in der Ewigkeit« u. s. w., wie ich meinte mit rechter innrer Wahrheit gesungen hatte, dachte ich einige Minuten darauf keinesweges an die Ewigkeit, sondern an heute übers Jahr. Meinen alten Magen, der so eben sein 57stes Lebensjahr antreten sollte, hungerte nämlich sehr; und obgleich ich ihm vorhielt daß er ja erst gestern Abend Lämmleinsbraten gegessen habe, wollte er sich doch nicht darauf besinnen, sondern gab mir nur die Gedanken ein: heute übers Jahr werde ich doch, wills Gott, keinen solchen Hunger leiden müssen wie da vor Damaskus, denn den Tag vorher, am 25sten April ist meine silberne Hochzeit und heute übers Jahr mein Geburtstag, an welchem die gute Hausfrau in München, wo Alles zu haben ist, ihren silbernen Eheherrn gewiß satt füttern wird. Unser Weg, in vorherrschend nordöstlicher Richtung, zog sich immer wieder lehnan, über mäßige, wellenförmige Höhen. Nach etwa einer Stunde kamen wir durch die ansehnlichen Ueberreste eines aus Eichen und Pistazienbäumen bestehenden Waldes. Nahe an unserm Wege zeigten sich über dem grünenden, fruchtbaren Boden mehrere Basaltriffe und Säulentrümmer. Man sieht Wiesen von Gebüsch umgränzt, so schön als im lieben Vaterlande. Gegen Mittag um zwölf kamen wir an eine Basaltniederlage von furchtbar ödem, wüsten Aussehen. Durch sie zieht sich eine alte, riesenhaft angelegte Straße. Nach ein Uhr zog sich der Weg etwas merklicher abwärts, dann über eine Brücke nach dem festungsartig hochummauerten Oertchen ~Sasa~, an welchem ein Bächlein (unsre Mucker nannten es auch Sasa) vorüberfließt und vor dessen Thoren jenseit des Baches ein Wald von hohen Pappeln, Weiden und Wallnußbäumen sich erhebt. Wir kamen hier vor zwei Uhr des Nachmittags an; so lange hatten unsre Mägen sich gedulten müssen; nun aber wurden sie auch reichlich durch Brod und saure Milch, die man aus dem Dorfe heraus unter den Schatten eines Platanenbaumes uns brachte, getröstet. Das was wir von Hügel herab für eine Citadelle oder ein Commandantenhaus der vermeintlichen kleinen Festung gehalten hatten, das war der große für die Reisenden wohl eingerichtete Khan; das Oertlein hat überdieß einen ordentlichen Bazar, auf welchem für uns diesmal das Lebben oder die saure Milch der Hauptartikel der Nachfrage war. Selbst hier hatte das Erdbeben mehrere Häußer niedergeworfen, deren Wiederaufbau freilich nicht viel kosten mochte. Die Höhe von Sasa über dem Meere beträgt nach unsern Messungen 2788 Par. Fuß. Wir verließen Sasa noch vor drei Uhr. Eine steinerne Brücke führte uns über einen kleinen munter strömenden Fluß hinüber, an dessen linker Seite der Weg von hier an eine Zeit lang bleibt. Die Gegend läßt noch wenig von den Schönheiten bemerken zu deren Thoren sie sich nahet. Zwar den beschneiten Dschebel Scheikh, den Königssitz des ewigen Schnees hatten wir heute den ganzen Tag vor Augen gehabt; wir bemerkten, namentlich von Sasa an, wie er uns allmälig zur Seite unsers Weges (westwärts) trat und nach seiner Breite sichtbar wurde; das Auge ergieng sich an seinem von der Sonne beleuchteten Gehänge zuerst über die unteren grünenden (von Wald bedeckten) Vorberge, dann über die kahleren Felsenwände bis hinan zum glänzend weißen Scheitel, die unmittelbare Nachbarschaft unsers Weges bot aber wenig Unterhaltung dar. Sie ist eine steinige, von seichten Thalschluchten durchzogene Hochebene, in der sich der Fluß ein tiefes, an seinem Rande grünendes Bett gebahnt hat; jenseit des Flußes in Osten erheben sich, wie die Grabmähler auf einem Schlachtfelde des Nordens, über dem verödeten Gefilde die Felsenmassen und Trümmerhaufen des Basaltes. Dennoch, so sehr dem unmittelbar vor Augen liegenden die Anmuth mangelt, ist diese Gegend in Hoffnung schön. Denn da wir etwa anderthalb Stunden weit über die allmälig sich senkende Ebene gezogen waren zeigte sich uns, im Glanze der abendlichen Sonne, wie eine grünende Insel die Umgegend von Damaskus, umschirmt von den Warten ihrer Berge. Der Wind hatte sich wieder stärker erhoben und bließ ziemlich kalt, wir wollten anfangs, um auf die vorhergehende, fast schlaflose Nacht etwas länger zu ruhen, schon jenseit Sasa uns ein Feldlager suchen, da aber nirgends ein Schutz gegen den Wind zu finden war, zogen wir vollends auf der Ebene hinab bis zu einem alten, weitläufigen, am Seybaranyfluß gelegnen Gebäude: dem Khan el Scheikh. Unmittelbar bei den Mauern von diesen stehet ein hochwüchsiger Wald von Pappeln; hinter diesem und jenseit des Flusses, über den eine hölzerne Brücke führte, lagerten wir uns, neben und zwischen dicken Stämmen des Bauholzes auf einem Rasenplatze, zufrieden daß wir uns hier doch einigermaßen vor dem Winde geschützt fanden. Es fehlte dieser Lagerstätte nicht an Stoff zu mannichfacher Unterhaltung. In einem Kanal des Flußes zeigte sich in Menge eine Art von Flußschildkröte (+Emys+), welche dieser Landschaft so wie dem Gebiet des Euphrat eigenthümlich ist; da sich die Sonne zum Untergang neigte kamen ganze Schaaren des gold-grünen Merops gezogen, die im Dickig der Zweige das Nachtlager suchten. Bei all dem Neuen und Schönen aber, das die grünende Herberge darbot, fieng ich erst heute an einen Verlust, der mir übrigens schon am vorhergehenden Tage zugestoßen war, recht schmerzlich zu empfinden: jenen der Berghaußischen Karte von Syrien, die mir mit der Grimm'schen zugleich gestern, wahrscheinlich schon bei Nowaran, durch Schuld der Mucker welche den Reisesack öffneten, verloren gegangen war. Die Berghaußische Karte war mir durch ihre große Genauigkeit und Ausführlichkeit schon in Palästina, wo doch noch immer so viele Unsicherheit herrscht, ein unschätzbarer Begleiter gewesen; in der Umgegend von Damaskus und bei der ferneren Reise durch die Gegenden des Antilibanon und Libanon hätte sie mir durch die außerordentliche Treue mit welcher sie diese Landschaft darstellt noch viel mehr zu geben vermocht. Doch mußte man in diesen Unfall sich fügen. Die Höhe unsers Nachtlagers über dem Meere ergab sich aus den barometrischen Messungen zu 2455 Fuß. Schon in der Nacht, noch mehr aber gegen Morgen vor Sonnenaufgang wurde es bei dem häufig fallenden Thau sehr merklich kalt. Selbst an unsrem ziemlich geschützten Lagerplatz zeigte das Thermometer bei Sonnenaufgang nur 3 Grad R. über dem Gefrierpunkt; weiter nach der freien Fläche hin hatte es gereift und wie kalt diese Nacht gewesen das verrieth uns, als wir in den wärmeren Stunden des Tages zu den Gärten von Damaskus kamen, das Aussehen der Wallnußbäume, deren junge, zarte Blätter und Blüthenkätzlein an Stellen die dem Winde offen stunden vom Froste wie gebrüht und geschwärzt waren. Doch die Sonne stieg klar und rein am blauen Himmel empor und weckte am Boden die Wärme, in den Zweigen aber den vielstimmigen, lauten Gesang der Vögel auf, aus deren Chor auch das Lied einer Nachtigall hervortönte; wir verließen bald nach sechs Uhr unsre Lagerstätte. Der Fluß blieb uns wieder rechts, und nach einiger Zeit entfernten wir uns von seinem mehr nach Osten gehenden Laufe und wendeten uns gerade gegen Damaskus hin, dessen weiße Minares, als wir weiterhin kamen, über den Wald der Bäume, gleich Mastbäumen der Schiffe über einen grünenden See hervorragten. Nach etwa zwei Stunden erreichten wir die ansehnlich aussehende, vormals von Ebioniten bewohnte Ortschaft Kokab, die vermuthliche Geburtsstätte des Barcochaba, jenes falschen Messias der Juden, der im Jahre 133 nach Christo durch sein fanatisches Feuer sein Volk und Vaterland zur offnen Empörung gegen die Römer entflammte und hierdurch das Racheschwert der Herrscher über das arme Judäa führte[165]. Zwischen unsren Muckern hatte sich ein Wettstreit entsponnen, welcher sehr zu unsrem Vortheil gereichte, da derselbe unsren Lauf so beschleunigte, daß wir den Weg, zu welchem sie, nach ihrer gewohnten Langsamkeit, einen ganzen Tag würden gebraucht haben, schon in sechs Stunden zurücklegten. Zwei von ihnen waren nämlich, mit einem Theil der Reisegesellschaft, bei welchem die beiden jungen Doctoren waren, vorausgeritten und hatten die Richtung über Dareya genommen, die sie für näher hielten; der vornehmste der Mucker aber der den Weg zur Linken, nahe bei El Aschrafe vorüber, für den besseren und geraderen zum Lateinischen Kloster erklärt hatte, wollte beweisen daß er recht habe, und da wir Andren uns seiner Führung überließen, trieb er die Thiere so stark an, daß wir diese zum ersten Mal auf unsrer Reise aus dem Schritte herausfallen und in Trab gerathen sahen. Bald nach zehn Uhr kam jene Abtheilung der Gesellschaft, bei welcher ich mich befand, bei den Gärten der Stadt an, durch welche wir länger als anderthalb Stunden ritten. Ein sonderbar neues Schauspiel für die Augen gewährten die Häußer der Vorstadt, die in zuckerhutförmigen Thürmchen enden und wie die Mauern der Gärten von thoniger Erde gebaut sind. Wir hatten nur kurze Zeit durch die Stadt zu reiten; schon vor zwölf Uhr waren wir bei den Pforten des Franziskanerklosters. Die andre Abtheilung langte, zum großen Triumph unsers Muckers, etwas später als wir beim Ziele an; sie hatte einen zwei Stunden langen Weg durch die herrlichen Gärten gemacht und war, auf dem Wege durch die lange gerade Gasse, welche man für jene hält, die in der Apostelgeschichte »die richtige« heißt, eine Stunde weit durch die Stadt, bis zu dem fast am andren Ende gelegnen Kloster geritten. Im Kloster fanden wir jene Strenge der Clausur, welche zwar nicht uns Männer, wohl aber die beiden Begleiterinnen auf den Kreuzgang, vor dem Hof des Gebäudes beschränkte. Hier gaben wir unsren offnen, allgemeinen Empfehlungsbrief aus Jerusalem ab und alsbald führte man mich und meine Reisegesellschafter hinein in den Speisesaal der Pilger, während man den beiden Pilgerinnen zuerst in dem einen Nachbarhauße Zimmer anwieß, dann aber, da sich diese Zimmer bereits von einer Unzahl von Wanzen (als älteren Miethsleuten) bewohnt fanden, sie in das Haus eines verheirateten Griechischen Geistlichen einführte, in dessen Erdgeschoß sie ein bequemes und reinliches Unterkommen fanden. Damaskus. Wenn ich des ersten Eindruckes gedenke, welchen Damaskus auf meine Sinnen machte, dann fühle ich mich noch immer von einer leisen Anwandlung jenes schwärmerischen Entzückens ergriffen, mit welchem die Bekenner des Islams dieses vielsäulige Irem, diese wie Eden prächtige, von dem Propheten dreimal selig gesprochene Hauptstadt Syriens preisen. Die drei Jungfrauen des Himmels, welche Allah zur Beseligung des Paradieses geschaffen: Schönheit, Fülle und Weisheit, giengen einst wandeln auf Erden, daß sie die Stätte fänden, welche vormals des unsterblichen Edens sterbliche Schwester war; sie wandelten lange und suchten, da aber wo der Weisheit es zu seyn beliebte, da mochte die Schönheit nicht wohnen; wo die Fülle am meisten sich daheim fühlte, da mißfiel es der Weisheit. Da sprach die Weisheit zu den beiden Schwestern: laßt uns vereinzelt mit dem Flug der Schwingen durchziehen Meer und Land, nach dreien Tagen begegnen wir uns im Thal von Mina, dann sagt jede von uns wo sie das Eden der Erde gefunden. Und da die Dreie sich begrüßten im Thal von Mina da sagte die Schönheit: Edens Abglanz ist Scham[166], denn auf keinen andren Ort der Erde fällt so herrlich der Strahl der Schönheit von Allahs Angesicht. Die Fülle sagte: Edens irdische Schwester ist Dimischk[167], denn keine andre Stätte duftet so mächtig nach Allahs schaffender Fülle. Die Weisheit rief: das Paradies Gottes bei den Menschen ist Damaskus, denn nirgends wie hier hat Allah solche Gedanken und Worte der Weisheit auf Herzen und Lippen der Menschen ergossen. Da beschlossen die Schwestern daß sie bei Damaskus drei Zelte ihrer Wanderschaft errichten wollten; die Fülle schlug das ihre auf in den Tausenden der Fruchtgärten und in den Gassen der Stadt; die Schönheit spannte ihr Zelt hinüber vom tönenden Findschaquell bis über die vielsäulige Moschee der Ommiaden; die Weisheit wählte sich zur Stätte der Ruhe, zu der sie oft zurückkehrte, das Grabmahl des Mohijeddin Al Arabi[168]. Darum ist Damaskus ein Becher in welchen die Fülle aller Segnungen ihre Kräfte ergeußt, die Schönheit bekränzt ihn mit dem Liebreiz der menschlichen Anmuth, die Weisheit hält ihn und reicht dem Trinker ihn dar mit Gedanken des göttlichen Besinnens. In der That es scheint so als habe diese Stadt, eine Fürstin unter den ältesten Städten der Erde, den Becher der Berauschung, der auch sie, wie viele der Andern trunken machte, mit etwas größerer Mäßigung genossen als jene, denn sie allein stehet noch als eine wohlhabende und kräftiger gesunde Herrin des Haußes da, während Ninive, Babylon, Memphis und tausende der andern Fürstenstädte von der Erde verschwanden oder krank und siech sind; während Jerusalem zu einer verarmten, elenden Wittwe geworden ist, deren Kinder nach Brod gehen. Lebt vielleicht dieses Damaskus noch fortwährend von dem Erbtheil das der Glaube, dessen Wunsche niemals seine Erfüllung fehlt, ihm zugedacht hatte[169], bis daß ihm, dem Glauben, obwohl er erstorbenen Leibes geschienen, selber wieder der Erbe des Landes geboren seyn wird? Es giebt Gegenden der Erde, so wie Zeiten der Geschichte des einzelnen Menschen und ganzer Völker, in denen die Fülle der Lebenskräfte gleich wie über ihre Dämme getreten ist, und wo sich mit jeder That das Vermögen zum Thun, mit dem Genuß das Sehnen steigert. Ein solcher Ort ist Damaskus; ein solcher Moment in der Geschichte des Ganzen ist die Einzelgeschichte dieser Stadt. Vier Gewächse der Erde, so sagt der Bewohner von Damaskus, stritten um den Rang unter den Kräutern: der Weinstock, die Rose, die Olive und die Dattel. Der Weinstock sprach: ich bin der Herrscher, denn meiner bewegenden Gewalt an den Herzen der Menschen kommt keine andre Kraft gleich. Die Rose sagte: mir gebührt der Rang, denn wie die meinige rührt keine andre Schönheit der Blumen das Auge des Menschen. Der Oelbaum fragte, welche Milde und Lieblichkeit eurer Früchte käme den meinigen gleich? die Dattel antwortete: ich bin süßer als der Wein, milder als die Olive. Da riefen die vier Streitenden zur hohen Platane: sage uns, du viel tausendjährige, älteste, welchem Gewächs gebührt der Preis. Die Platane sprach: »der Saft des Mohns bewegt mächtiger noch als der des Weines das Herz des Menschen, die Trunkenheit die er macht ist tiefer und wunderlicher als die von der Traube; sein Purpur, wenn er über ganze weite Gefilde sich ergießt, rührt mächtiger die Sinnen als die zarte Röthung der vereinzelten Rose; sein Oel ist lieblich wie das der Olive; die Biene spricht zum Mohn: dein Honig schmeckt mir süßer als der der Dattel.« Was der Weinstock unter den Gewächsen, das ist Istambul (Konstantinopel) unter den Städten; was die Rose, das ist Brusa; was die Olive, Adrianopel; Kairo gleicht der Dattel; Damaskus, die Stadt der Feigen, läßt mit dem Mohn sich vergleichen, denn wer Damaskus genossen der hat die Freuden von Stambul, von Brusa, von Adrianopel und Kairo, ja mehr denn in allen war empfunden. Lassen wir den lobpreisenden Inhalt der Lieder, die etwa noch jetzt, wenn die Karawanen der Pilgrime, die nach Mekka ziehen in dem »Paradiesesduftenden« Scham sich versammeln, durch seine Gassen ertönen, rücksichtlich seiner innern Wahrheit dahin gestellt seyn; so viel bleibt gewiß: daß auch der christliche Pilgrim des Westens, wenn er der Herrscherin der Syrischen Städte sich naht und ihre Geschichte kennt, von einem ganz besondern, gleich wie ein Geruch der starken Salben aufregendem Gefühl sich ergriffen findet. Denn es sind nicht nur die Essenzen aus Rosen oder der Balsam aus Mekka, welche die alte, mächtige Städtefürstin noch jetzt in Menge in sich führt und in die Länder der Erde verbreitet, was ihren Moscheen, Pallästen und Gassen diesen eigenthümlichen Duft, wie aus den Locken eines Gesalbten ertheilet, sondern dieser Duft ist noch ein andrer, geistiger. Damaskus, wie jeder Leser und Freund der Dichter des Orients dies weiß, ist die gesangreiche und vielbesungene; sie war und ist selbst noch jetzt das ersehnte Ziel der Jünger, die wie Sadi nach Weisheit suchen; hier war das eine der Thore durch das die Verlangenden in den Tempel der Geheimlehren der Mystik des Orients eingiengen. -- Was ist Mystik? Es ist eine Trunkenheit der Liebe, welche, wie Petrus auf dem Thabor, nicht weiß was sie sagt, wohl aber deutlich fühlt und empfindet was sie will und sucht. Das Wallen und Flammen der Liebe ist ein doppeltes: das eine gehet hin, bewegt sich nach Dem, das es schon gesehen hat und kennt; das andre regt sich und bewegt sich, es weiß noch selber nicht wornach. Der größte der Mystiker unter Denen, welche das gesehen und kannten, wornach die Liebe verlangte, war Johannes der Evangelist. Der Geist aber, der das Sehnen das noch im Suchen ist, wenn es auch wie die Nachtigall nur in Tönen statt in Worten spricht, nicht misverstehet, der wird auch dem Mystiker aus Samos wie dem Mystiker hier am Barada und andren »Liebestrunkenen des Orients« nicht ungern zuhören, wenn ihre Lippen von dem ertönen was des innren Lebens Anfang und Endziel ist. So fühlte denn auch ich, gleich in den ersten Stunden der schönen, heitren Tage die ich in dem glänzenden Damaskus zubrachte, mich hinübergeführt in die Heimath von Sadi's Rosengarten und in die Welt der sinnvollen Bildersprache der Orientalischen Mystik. Als wir gleich nach unsrer Ankunft im Speisezimmer des Klosters von den gastfreien Vätern desselben begrüßt und bewirthet wurden, da waren alle meine jungen Reisegefährten, in Folge der beiden letzten kalten Nächte nicht wohl auf und ohne Eßlust; nur, wie dies der gute Padre Präsidente mit Vergnügen bemerkte, ich, der Alte (+il vecchio+) war im vergnüglichen Wohlsein und ließ das Essen, wie den vortrefflichen Wein mir schmecken. So durfte ich denn auch den gesunden frohen Muth mit mir zu den ersten Ausgängen in die Stadt und ihre nächste Umgegend nehmen. Wie ganz anders findet der Fremdling aus Westen Damaskus in unsren Tagen, als es die Reisenden der früheren Jahrzehende gefunden. Dimischk war mit Recht bei den Christen wegen seiner Undultsamkeit und Härte gegen den fremden Glauben und fremde Sitten verrufen; es durfte früher kein Christ in den Gassen der Stadt anders als zu Fuß, später wenigstens keiner zu Pferde sondern nur auf Eseln reitend sich blicken lassen; seine Fränkische Kleidung würde ihm nicht nur den allgemeinen Spott sondern die rohesten Mishandlungen des Pöbels zugezogen haben. Vor allem dann, wann die fanatischen Schaaren der Mekkapilgrime aus dem tiefesten Innren der Mohamedanischen Länder, zu denen nie ein Christ des Abendlandes sich nahete, hier zusammenkamen und den Zug begannen, oder, aus Mekka zurückkehrend, sein Ende feierten, dann durfte Keiner, in dem sich der Christ erkennen ließ, auf den Gassen erscheinen. Doch diesem allen hat Ibrahim Pascha's Machtspruch ein Ende gemacht. Da die Bewohner von Damaskus bei ihm sich beklagten daß Franken, was unerhört sey, sich unterwänden auf Rossen durch die Stadt zu reiten, ein Recht das nur den Gläubigen des Islams zustehe, da antwortete ihnen der Aegyptische Herrscher: wenn es euch als unverbrüchliches Recht erscheint daß die Moslemen auf höheren Thieren sitzen denn die Christen, wohlan so reitet ihr auf Kamelen durch die Gassen und laßt den Christen die Pferde. Und so wurden von Ibrahim Pascha auch die ersten Regungen der pöbelhaften Undultsamkeit der Damascener, als diese auf einmal Franken in der eigenthümlichen Kleidung unter sich sahen, durch ironische Aeußerungen wie durch polizeiliche Strenge kräftig darniedergehalten. Hat doch Mehemed Ali die, wenn auch nicht dem Namen, doch der That nach höchste Gewalt der Stadt in die Hände eines katholischen Christen, des edlen Bakary Bey gelegt, der sich in all seinem Thun und Wesen des Namens eines Christen würdig bezeugt. Darum ward uns jenes Gefühl des Wohlbehagens, das die schöne Syrische Hauptstadt für sich selber in jedem Besuchenden erregen muß, ungleich mehr erleichtert als den früher hieher kommenden Europäern, in denen dasselbe durch den Fremdenhaß der Bewohner und durch beständige Furcht vor diesen gar sehr gestört wurde. Nicht bloß wir Männer sondern auch die beiden Frauen durften in der Fränkischen Kleidung und unverschleiert durch das Volksgedränge der Gassen und der Bazars dahin gehen; man konnte ohne Furcht und ganz allein rings um die Stadt her durch die Felder und über die Hügel wandeln und selbst das Annahen an die Begräbnißstätten der berühmten Weisen und der heiligen Scheikhs wurde uns nicht verwehrt. Ich spreche zuerst Einiges von der natürlichen Lage und der Umgegend von Damaskus. Jene Sage daß um das Gebiet von Scham der Winter und der Sommer einen beständigen Kreistanz machen, so daß der Frühling die tiefere Ebene nach Osten betrete, wenn der Winter auf der Höhe des Kasiun sich niederlasse, und der Frühling auf den Bergen seinen Einzug halte, wenn die Bäume der heißen, wasserlosen Ebene winterlich verdorrt sind, mag in gewissem Maße gegründet erscheinen, doch ist Damaskus selber, mit all seinen herrlichen Gärten keinesweges die Wohnstätte eines beständigen Frühlinges. Es liegt fast eben so hoch über dem Meer als Jerusalem (2186 P. F.), dabei um 1³⁄₄ Grad nördlicher denn dieses und die Nachbarschaft des Antilibanongipfels so wie seines ewigen Schnees gewährt zwar dem Auge einen erhebenden Anblick und die Segnungen der frischen Wasser kommen vom Gebirg her, zugleich aber macht von diesen Höhen die Kälte des Winters nicht selten Ueberfälle ins Thal, welche hier in der Pflanzenwelt Verheerung, bei den Bewohnern Schrecken verbreiten. Wir selber, wie bereits erwähnt worden, litten auf der Hochebene von Damaskus noch in den letzten Tagen des Aprils an Kälte, und jenes Heer der Kreuzfahrer das im Winter des Jahres 1129, nach der schimpflichen Niederlage der Seinigen, wohlgerüstet, um die Schmach zu rächen, gegen Damaskus zog, ward nicht durch das Schwert der Feinde sondern durch plötzlich, nach einem heftigen Gewitter einfallende Kälte und starken Schnee zurückgetrieben. Dennoch muß, dies bezeugten uns die einzelnen, freilich in geschützter Lage stehenden Dattelpalmen, die dickstämmigen Orangen- und Citronenbäume, der Storax und der hohe Nebeckbaum, so wie die (Persischen) Zierpflanzen der Gärten die mittlere Temperatur der Gegend eine bedeutend hohe seyn. Jene Gabe der Natur die dem Bewohner des wärmeren Morgenlandes als eine der höchsten, wünschenswerthesten erscheint: das frische Wasser, ist wohl wenig größeren Städten der Erde in solcher Fülle, Klarheit und solchen Wohlgeschmack mitgetheilt als dieser Syrischen Hauptstadt. Der Pharpharfluß, dessen alter Name noch in den jetzigen (Barrada) zu erkennen ist, umfasset und durchströmt die große Stadt mit sieben Armen, deren Wasser in eine unzählbare Menge von Gräben und Kanälen sich vertheilt; zu jenen sieben Versorgern kommt der glücklichen Landschaft noch der achte: die Quelle Findschah, die sich als starker Bach, mit lautem Rauschen aus der Felsenkluft eines Lustgartens ergießt und bald nachher mit dem Barrada sich vereint. Ein solches Zusammenwirken der väterlich belebenden Wärme und des mütterlich nährenden Wassers, wie hier, begünstigt dann jene Fülle der Zeugungen des Pflanzenreiches, welche den Fremdling, auch wenn derselbe aus den fruchtbarsten Ländern von Europa kam, als etwas noch nie Gesehenes erscheint. Durch Wälder der hohen Eichen und Buchen oder auch der Kastanien ist er wohl auch in seiner Heimath Stunden ja Meilen weit gekommen; Wälder aber der edelsten Fruchtbäume, welche, einer am andren, eine Fläche von sechs bis sieben Quadratmeilen bedecken, und hierbei so hoch und dickstämmig sind als die um Damaskus, sind ihm dort niemals begegnet. Wie Aphrodyte dem Meere, so ist die schöne Fürstin der Städte einer Fluth des Gewächsreiches entstiegen, deren Fülle überall aus ihren Locken herabträufelt, wo sie stehet oder ruhet; denn mitten in den Gassen, in allen Höfen und Vorplätzen der Häußer bricht das übermächtige Grün hervor und lässet selbst die Menschengebäude der volkreichen Stadt öfters nur wie Vorhallen oder Umzäunungen der Gärten erscheinen. Der vorherrschendere Baum der Gartenwaldungen, welche die Stadt umgeben, ist der Aprikosenbaum, dessen Früchte hier größer, saftvoller und süßer gedeihen als vielleicht irgendwo anders. Zwar ein großer Theil dieser Früchte wird von den Damascenern, nach einer sonderbaren Liebhaberei der Orientalen am jugendlich Unreifen, noch grün verzehrt, und schon jetzt am Ende des April sahen wir sie (als einen Festgenuß ihrer Ostertage) dergleichen Fruchtansätze von der Größe einer kleinen Kirsche essen, dennoch erreicht noch eine solche Fülle jener Früchte die volle Zeit der Reife, daß Damaskus mit seinem getrockneten »Mischmisch« und mit dem gallertartig eingedickten, dann kuchenartig fest gewordnen Saft seiner Aprikosen die Länder vom Euphrat bis zum Nil, die Städte vom Bosporus bis an das rothe Meer versorgt[170]. Dieses Nahrungsmittel begleitet den Hadschi auf seiner mühsamen Wallfahrt nach Mekka, den wohlhabenderen Beduinen auf seinen Wandrungen in die Wüste. Außer den Aprikosen sind alle unsre edelsten Arten der Obstbäume und beerentragenden Gesträuche, alle Arten der Nüsse (vornämlich der Wallnußbaum) so wie die ächte Pistazie, um Damaskus zu Hauße, und mit jenen landsmännlichen Gewächsen mischt sich reichlich gedeihend der Granat- und Feigenbaum, die Orangen, der Lotusbaum und die mannichfachsten Arten der Melonen, der Kürbisse, der Gurken, der Solaneen, des Hibisch so wie aller edleren Gemüse und Gartengewächse des wärmeren Abend- wie Morgenlandes. Der Wein von Damaskus vermag an Feuer und Lieblichkeit mit den edleren Weinen von Frankreich und Spanien zu wetteifern, und würde, bei gleich guter Behandlung den edelsten jener Länder gleich kommen; das Oel der Oliven aus der Landschaft wird als ganz besonders fein gepriesen; der Bau der Baumwolle, des Flachses, des Hanfes, der Färberröthe, des Tabakes, des Ricinus (zur Oelbereitung) und der meisten Getraidearten so wie der mannichfachsten Hülsengewächse, lohnet die Mühe der Menschenhand durch eine ungemeine Ergiebigkeit des Bodens. Was jedoch die vormals hier einheimische, wilde Pflanzenwelt betrifft, so verhält sich es damit wie in Aegypten; sie ist durch die uralte Cultur des Bodens rings um die Stadt her sehr beschränkt, ja an vielen Orten fast vertilgt worden, so daß man ihre Nachkommen zum Theil in weiter Ferne von den Mauern, an den Abhängen der Berge, oder in dem Bette des Flusses aufsuchen muß. Doch es ist nicht die Gestalt der Aecker und Gärten, mit ihren Bäumen und Kräutern, welche das Aufmerken des Hadschi an sich ziehet, der das herrliche Scham zum ersten Male begrüßt, um von hier den Zug nach dem Grabe des Propheten zu beginnen; sondern das Thal von Gutha, in welchem Damaskus liegt, wird für sein Auge noch von einem andren Reiz der Schönheit bestrahlt als jener der Gärten und Felder ist. Wem sollte nicht, wenn er von Süden oder von Osten her durch die Ebene kommt, der sonderbar gestaltete, altarförmige Berg, in Norden der Stadt ins Auge fallen; ist es nicht als wollte er schon durch die Züge seines Umrisses an etwas Bedeutungsvolles erinnern das auf seiner Höhe sich zugetragen? Eine Kunde des Landes, man weiß nicht woher noch aus welchen fernen Zeiten sie ist, erzählt von diesem Berge, daß auf ihm das erste Opfer dem Tode gefallen sey, welcher durch Schuld des Menschen zum Herrscher geworden erst auf Golgatha besiegt ward. Dort hat, so berichtet die Sage, von Abels Altar, und weiterhin am Abhange von Cains die Gabe des Lämmleins und der Feldfrüchte geflammt; auf diesem Berge sahe das erste Elternpaar die erste Frucht der Sünde; hier erfuhr der Mensch zuerst daß er sterben müsse, denn auf diesem Berge Kasiun erschlug Cain seinen Bruder Abel. Daher komme, so spricht die Sage weiter, der uralte Name Damaskus, der einen Blutbecher oder Teich des Blutes bedeute. Aber außer Abels Todesstätte, welche die Bekenner des Islams auf dem Kasiunberge suchen, umfasset Damaskus und seine Umgegend die Grabstätten von vierzig Jüngern des Propheten; jene von einer Menge ihrer gepriesensten Mystiker, Rechtsgelehrten und frommen Scheikhs; die der beiden an Geist und Gemüth hochbegabten Herrscher des Mohamedanischen Morgenlandes: Nureddins und Saladins[171]. Und erinnert nicht, eben so wie der Kasiun, vor den Thoren der Stadt, so in ihrem Innren das größte Heiligthum, das sie in der Moschee der Ommiaden, dem Wunder der Baukunst bewahrt, an einen Mord, verübt an ihm, welchen die Kunde des Islams noch näher stehet denn Abel, an Osman, den Sammler des Korans? Denn jene, wie die Mohamedaner glauben, eigenhändig von diesem verabfaßte Abschrift des Korans ist zugleich mit den noch jetzt sichtbaren Flecken seines Blutes bezeichnet, da ihn, im Muschhaf lesend, der Stahl des Mörders traf. Aber sollte nicht auch für den christlichen Pilgrim dieses prachtvolle Damaskus eine Stätte des besondern Aufmerkens und des Wohlgefallens seyn? Zwar, den Wahn der Bekenner des Islams, daß in der großen Moschee der Ommiaden das selbst von ihnen verehrte Haupt Johannes des Täufers sich finde, kann er nicht mit ihnen theilen; ist aber nicht für ihn hier in Damaskus etwas geschehen das zu Abels Ermordung durch Cains Hand der versöhnende Gegensatz und die Lösung des großen Räthsels ist, welches da (nach der Kunde des Volkes) eine Unthat die aus der Wurzel seines Geschlechts hervorgieng, ihm aufgab. Hier ward der Haß eines späteren Cain, welcher vorhin, bei Stephanus, des ersten christlichen Blutzeugen und bei vieler anderer Jünger Tode als solcher sich kund gethan, durch ein Wunder der Erbarmung in eine Liebe umgeschaffen, die sich selber, mit allem was sie hatte zu einem freiwilligen Opfer dahingab, dessen Flamme feuriger war und lebenskräftiger als die von Abels Altar. Hier in Damaskus ward Saulus der Verfolger und Widersprecher in einen Nachfolger und Bekenner des Wortes vom Leben umgewandelt. Der erste Nachmittag unsers Aufenthaltes in der alten, Syrischen Hauptstadt, war mir, wie dieß schon aus dem bisher Gesagten merklich werden mag, ein Lustgang der Seele wie des Leibes unter den immerblühenden Rosen dieses Landes. Hätte mich und einige der Freunde die mit mir waren, nicht der sogenannte Janitschar des Klosters, ein Türkisch gekleideter, christlicher Bürgersmann der Stadt geleitet, wir hätten uns schwerlich aus dem Gewirr der volkreichen Straßen, wie aus dem lieblich grünenden Labyrinth der Gärten und Baumpflanzungen, am Umkreise der Mauern wieder nach Hauße gefunden. Gleich in den ersten Stunden, noch mehr aber an dem stillen Abend den ich mit dem Padre Präsidente des Spanischen Klosters zubrachte, bauete ich mir da im Geist eine Hütte des innren Wohlbefindens, zu welcher die Erinnerung gern und öfters zurückkehrt. Ich werde von jenem edlen Spanier, wie von den andren Brüdern des Klosters nachher noch reden. Auch dem Leibe that die Stille und Bequemlichkeit des friedlichen Obdaches wohl und seit vielen Nächten hatten wir Alle keines so erquicklichen Schlafes genossen als hier in den reinlichen Zimmern des christlichen Conventes und Pilgerhaußes. Freitags den 28sten April regten sich zwar bei den Reisegefährten noch immer die Uebel, welche die Erkältung der vorletzten Nächte gewirkt hatte; fast Alle husteten; +Dr.+ Erdl litt dabei an Beklemmung auf der Brust, welcher er durch ein Cantharidenpflaster zu begegnen suchte, aber demohnerachtet wollte keiner der Patienten zu Hauße bleiben, da wir uns jetzt aufmachten die Stadt und ihre Bazars zu besehen. Damaskus und Kairo waren so oft und lange unter denselben Herrschern vereint, das Volk der beiden Städte ist sich durch gemeinsame Sprache und Religion verbunden und dennoch machen beide Städte einen überaus verschiedenartigen Eindruck. Man hat, um den ersten Eindruck den beide Städte machen durch einen Vergleich mit etwas näher Liegendem zu verdeutlichen, Kairo das Paris des Morgenlandes genannt; Damaskus möchte ich mit Madrid, nicht dem jetzigen, aufgelösten, sondern dem früheren, noch fest bestehenden vergleichen. Das Leben der Kahiriner bewegt sich, wie im flüchtigen Tanze, die Gestalt ihrer Stadt, in den Einzelheiten ihrer Gebäude wie im Ganzen, trägt das, wodurch sie den Sinnen imponirt, unverhüllt und äußerlich an sich, es hat bei den Erbauern der einzelnen Häußer wie der Gassen ein gewisser ungebundener Sinn geherrscht, der öfters wie ein Einfall der Laune erscheint und große Mannichfaltigkeit begründet. Dagegen schreitet das Leben der fleißigen Damascener ernsten, bedächtigen Schrittes einher, ihre Stadt mit all ihren alten Pallästen, Moscheen und Khanen bewirkt nicht gleich beim ersten, flüchtigen Sehen, wohl aber beim längeren Betrachten ihres Innren, Beachtung und selbst Bewundrung; es hat bei dem Aufführen der einzelnen Häußer wie der Gassen nicht ungebundene Freiheit und Willkühr geherrscht, sondern feststehende Norm und Gesetz, daher erscheint hier mehr Einförmigkeit als in Kairo und die Aegyptische Herrscherstadt hat namentlich keine so lange, gerade, breite Straße aufzuweisen als die lange Gasse von Damaskus ist. Dürfte man im Allgemeinen von dem Baustil beider Städte reden, so könnte man sagen daß dieser sich verhalte wie ihr Alter. Kairo ist ein Parvenu unter den Städten; Damaskus ist von uraltem Adel und hat sich so unvermischt erhalten, daß es die Ahnenprobe bestehen kann; denn damals als die Aegyptische Hauptstadt in den Zeiten der Chalifen erst begründet und erbaut ward, hatte die Syrische schon dreitausend Jahre bestanden und aus den Trümmern ihrer Verheerungen immer wieder nach dem alten Urbild sich erneut. Darum ist Kairo von (allerdings verhältnißmäßig alter) Sarazenischer Bauart; in Damaskus waltet ein Nachhall jener noch viel älteren ja ältesten Baukunst, welche das früheste Herrscherreich am Euphrat und Tigris geübt. Jene sonderbar zeltförmige, wie die Mütze der Maronitinnen oder wie ein Zuckerhut oben spitzig zulaufende Form der Lehmhütten, welche die armen Fellahs der Gartenvorstädte von Damaskus bewohnen, findet man weithin in den Ländern des Ostens verbreitet; die Gestalt der eigentlichen, innren Stadt soll jener der Persischen gleichen. Damaskus stehet an Umfang, an Zahl der Häußer wie der Bewohner, Kairo nur wenig nach. Zwar sieht man auch in jenem große Strecken und ganze Viertel, in denen eine Stille und Leblosigkeit herrscht wie in einer verlassenen Stadt, und wo das Gras auf den Gassen wächst, doch rührt dieser Schein der Unbewohntheit mehr von der sonderbaren Bauart der Häußer als von wirklicher Menschenleere her. Die Häußer haben nämlich nicht, wie in unsrem neugierigen Europa ihre Fenster vornen heraus auf die Gassen, sondern hier sieht man häufig nur die leeren Wände, während die bewohnten Zimmer mit ihren Fenstern, bedeckten Gängen und schönen Terrassen nach dem geschlossnen Hof hin liegen, der bei vielen mit Bäumen und Blumenbeeten geziert ist und in dessen Mitte ein Springbrunnen oder laufendes Wasser plätschert. Auch ein Theil der Arbeiter, wie viele der Weber, scheinen in diesen schattigen Hintergebäuden ihr Werk zu treiben, während andre die vorderen Räume ganzer langer Gassen besetzt halten und namentlich die Bazars von einem großen Gedränge der Menschen erfüllt sind, welches übrigens niemals so laut noch so unruhig erscheinet, als das der Bazars von Kairo. Die eigentliche, innre Stadt ist von mächtig hohen, dicken Mauern umgeben, an denen eine Menge Thürme und Zinnen sich erheben; die Gassen haben zu beiden Seiten für die Fußgänger erhöhte Trottoirs, sind aber dabei zum Theil so eng, daß, wenn ein beladnes Kamel hindurch geht, man nur mit Mühe den Stößen, die seine Bürde nach beiden Seiten austheilt, sich entziehen kann. Ich berührte schon einige Male den auffallenden Unterschied, der sich zwischen den Bewohnern von Damaskus und denen von Kairo findet. Auch jene sind gemischt wie diese, denn wenn man mit Ali Bey die Bevölkerung der Syrischen Hauptstadt zu 200000 Seelen schätzt (und sie ist eher größer denn geringer), dann darf man wohl annehmen, daß wenigstens der achte, auch wohl der siebente Theil (25 bis 28000) hiervon Christen, der vierzigste Theil Juden sind, während die eigentliche, Mohamedanische Hauptmasse der Bewohner theils von altem Syrischen und Arabischen, theils von Turkomanischem und Osmanischem Stamme ist. Unter den Christen bilden zwar die größere Anzahl jene, welche in den Zeiten des Byzantinischen Reiches zur Griechischen Kirchengemeinschaft gehörten, da aber der meiste Theil von ihnen (über siebentausend), eben so wie die Maroniten und die Reste der Sorianer unirt sind, kann man mit Ali Bey annehmen daß wenigstens vier Fünftheile der hiesigen Christen, ja in neuester Zeit vielleicht fünf Sechstheile Katholiken sind, an deren Spitze der schon erwähnte, edle Bakary-Bey steht. Eine Schattenseite des hiesigen (Mohamedanischen) Volkscharakters, die, wenigstens vormalige große Undultsamkeit gegen Christen überhaupt, vor allem aber gegen die Franken habe ich schon berührt. Möchte man doch sagen dürfen daß der veranlassende Grund zu jener fanatischen Härte bloß in der Abgeschiedenheit der Lage von Damaskus von dem unmittelbaren Verkehr mit den Europäern, oder in seinem Verband mit den bornirten Stock-Islamiten der weiter in Osten gelegnen Länder seinen Sitz habe! Leider trugen aber die Christen selber an dem Benehmen ihrer Mitbürger einen großen Theil der Schuld. Denn, um nur die letzte Handlung zu erwähnen, durch welche die schon damals kleinere Zahl der Christen in Damaskus bei der übermächtigen Menge der Bekenner des Islams sich verhaßt machte: es waren die Christen, welche als Freunde und Verbündete der jenesmal dem Islam feindlichen Mongolen sich zeigten als Hulaku Chan über die Landschaft von Damaskus hereinbrach. Und als sie, die Christen, von dem ihnen freundlich gewogenen Chan einen Freiheitsbrief sich erwirkt hatten da zogen sie nicht nur mit diesem unter Vortragung von Kreuzen und mit dem Gesange der Worte: »Sehet den Sieg des wahren Glaubens« in die Stadt ein (denn dieses würde keine Flamme des Hasses entzündet haben), sondern sie zwangen die Mohamedaner, die sie auf den Gassen trafen, vor dem Kreuze niederzuknieen und begossen sie dann mit Wein. Auf ähnliche Weise, durch Ausgießung von Wein, an die Eingänge derselben, entweihten sie die Moscheen; während in ihrer eignen (der Marien-) Kirche, ein Prediger, statt das Volk zum demüthigen Dank gegen Gott und zur Liebe zu ermahnen, seine Beredsamkeit zu Schmähungen und Schimpfreden auf den Islam und seine Bekenner benutzte, so daß der noch heftiger entflammte, christliche Pöbel alsbald anfieng die Thürme der Moscheen, die in der Nähe der christlichen Kirchen stunden, niederzuwerfen und in die Moscheen selber eindrang um hier die anbetenden Moslemen zu verspotten[172]. Diese unzeitig eifernden Spötter hatten vergessen daß der ~Glaube~ der Menschenseele, auch der irre gehende eine ~Majestät~ sey, welche es dem Christen nicht erlaubt zu verhöhnen und zu verspotten[173]. Jene Thaten einer fanatischen Wildheit geschahen merkwürdiger Weise am 31sten August 1260, mithin nur drei Tage vor jener entscheidenden Schlacht bei Ain Dschaluth, in welcher die Herrschaft der Mongolen über Syrien gebrochen und mit ihr zugleich die nur kurze Zeit bestandene Gewalthaberei des armen Christenhäufleins in Damaskus zu nichte gemacht ward. So mag denn wohl der lang anhaltende (denn der Orientale hält solche Eindrücke fest) fanatische Widerwille der Damascener, wenn er anders entschuldigt zu werden vermöchte, in dem früheren Benehmen der Christen selber eine Art von Veranlassung gehabt haben. Aber vergessen wir es nicht neben jener, Gott Lob nun kaum noch merklichen Schattenseite auch die schönere Tagseite an dem Charakter des Volkes von Damaskus hervorzuheben. Seines gleichen, an Arbeitsamkeit, handwerksmäßiger und bürgerlicher Tüchtigkeit, Ordnungsliebe und Mäßigkeit glaube ich kaum in einer andern Stadt des Morgenlandes gesehen zu haben. Schon die kräftig schönen Gestalten, die man überall unter dem Volke bemerkt, lassen auf eine wackre Uebung der Kräfte schließen; von dieser unermüdeten Uebung kann man aber unmittelbarer Zeuge seyn, sobald man hinaustritt auf die Gassen der Handwerker und Künstler und in die Bazars der Handelsleute. Ich wüßte keinen Hauptzweig der künstlichen Handarbeiten der nicht in Damaskus auf eine bewundernswürdige Weise gepflegt würde. Wer sollte nicht von den berühmten Stahlarbeiten der Damascener, von ihren Webereien in Seide, in Leinen und Baumwolle, ihren Arbeiten in Leder, in Holz und in Elfenbein oder andern festen Stoffen der Art gehört haben oder von ihrer Fertigkeit in Zusammensetzung metallischer Farben, in Bereitung von Balsamen, geistigen Essenzen, aromatischen Oelen, wohlriechenden Wassern, Seife und all dergleichen Dingen, oder von dem im Morgenland hochgepriesenen Wohlgeschmack ihrer mannichfachen Gebäckereien so wie der gebratenen, gedämpften und gesottenen Speisen ihrer reinlichen Garküchen. Die Silber- und Goldarbeiten zeugen von eben so viel gutem Geschmack als von Geschicklichkeit; die Stahlarbeiter benutzen zwar häufig zu der kostbarsten Art ihrer Damascenerklingen das Material von schon vorhandenen alten Klingen, denen sie nur eine neue, äußre Appretur geben und man will behaupten die vormalige Kunst der festen Stahlbereitung werde jetzt vernachläßigt oder sey ganz außer Anwendung gekommen; dennoch vermögen auch noch die besseren jetzigen Stahlarbeiten von Damaskus mit den besseren (wenn auch nicht besten) Europäischen an Härte zu wetteifern und übertreffen sie an Wohlfeilheit wie an Zierlichkeit der Form. Man sagt, daß allein über vierzigtausend Arbeiter mit der Fabrikation der Atlas- und gestreiften oder geblumten, öfter mit Gold durchwirkten Seidenzeuge beschäftigt sind, deren Einkauf und Transport in andre Länder, vor allem nach Aleppo, ganze, große Karawanen in Bewegung setzt. Stehen doch selbst die Sattlerarbeiten aus Damaskus in so hohem Rufe, daß sie, wie ihre Träger, die edlen Rosse der Umgegend selber, von Käufern aus weiter Ferne gesucht werden, und die wohlschmeckenden, nur für unsren Gaumen etwas zu pikanten Gerichte der öffentlichen Köche so wie die mancherlei Arten des (meist süßen) Gebackenen versuchten wir selbst. So darf man doch gewiß dem Volk von Damaskus den Ruhm lassen, daß es von dem gewöhnlichen Hang zum Nichtsthun, den man dem Orientalen vorwirft, sich losgemacht habe, ja daß es an Fleiß und Arbeitsamkeit dem Bewohner des mittleren Europas nicht nachstehe. Hierbei muß auch der Europäer noch zu seiner Beschämung die Bemerkung machen, daß man in dieser Orientalischen Fabrikstadt weder jenes tiefe Elend und die Bettelarmuth noch die Sinnlosigkeit finde, welche in so vielen Fabrikstädten unsers Welttheils ins Auge fallen; auch den ärmeren Arbeitern sieht man keine Noth und keinen Hunger an. Allerdings mag hiervon die Ursache zum Theil in der großen Fruchtbarkeit des Landes liegen, doch ist dieselbe auch überdieß in dem Verhältniß der Arbeiter zu ihren Mohamedanischen Fabrikherrn zu suchen. Die guten Leute in den Bazars und in den Gassen der Arbeiter mochten wunder denken was für kauflustige Absichten wir Fränkische Herrschaften und welche Summen wir anzubringen hätten, denn wir betrachteten uns alle die schönen Sachen, fragten auch öfters nach dem Preise kauften aber aus mehreren Gründen nur sehr wenig. Während wir aber an dieser bunten Welt der neuen Sachen unsre Neugier befriedigten, waren wir selber Gegenstände der Neugier geworden, für einige kleine Türkische Knäblein, die uns, doch ohne uns zu belästigen, auf jedem Schritte folgten. Um zwischen dieser künftigen Generation von Damaskus und den Fränkisch gekleideten Leuten schon im voraus ein gutes Vernehmen anzuknüpfen, kaufte ich bei einem Bäcker der kleinen Sesam- und Honigkuchen einige dieser Küchlein und beschenkte damit unsre kleinen Begleiter, denen die Zweckmäßigkeit dieser Fränkischen Sitte so wohl einleuchtete, daß sie eine ganze Schaar ihrer Altersgenossen herbeiführten, die sich in gleichen Friedensverkehr mit Europa einlassen wollten und daß sie auch während der übrigen Tage unsers hiesigen Aufenthaltes uns nur selten, wenn wir in ihrem Stadtviertel uns blicken ließen, das Geleite versagten. Wir waren durch unsren Kabasch oder Janitscharen mit einem Maronitischen Silberarbeiter bekannt geworden der uns durch seine Freundlichkeit wesentliche Dienste leistete. Während die Reisegefährten noch mit dem Besehen der fremden Waaren und mit Einkäufen beschäftigt waren, wendete ich mich, in Begleitung des Maler Bernatz zu dem gepriesensten Bauwerk von Damaskus: zu der vormaligen Christenkirche des h. Johannes oder der Maria; der nachmaligen und noch jetzt fortwährenden Moschee der Ommiaden. Wer Hammers Geschichte des Osmanischen Reiches las, dem mußte sich schon in weiter Ferne der Nahme wie der Ruhm dieses »ersten Wunderwerkes der Arabischen Baukunst« tief einprägen, das selbst nach dem Urtheil der Pilger welche Mekka und Medium sahen, an Herrlichkeit die Tempel dieser heiligen Städte, so wie die Moscheen von Kairo übertrifft. Wir durften zwar nicht das Innre des mächtigen Tempelgebäudes, nicht seine 88 aus kostbarem Gestein gehauenen Säulen, seine kostbaren Lampen und das Grabmahl sehen in welchem die Mohamedaner noch jetzt die Stätte der Beisetzung von St. Johannes Haupt verehren, doch konnten wir sein Aeußres vollständig genug betrachten: den Haupteingang, vom Markte (großen Bazar) des Murad-Pascha, die herrlichen Springbrunnen, das große Minare und die hohen, prachtvollen Kuppeln. Die Länge des Gebäudes von Ost nach West scheint, so weit uns ein vorsichtiges Messen durch Schritte, und dieses noch überdieß in einiger Entfernung errathen ließ, vierhundert Fuß zu übersteigen[174]; das Gebäude war ursprünglich aus drei Hauptschiffen gebildet. Wir hatten aber und benutzten noch eine andre Gelegenheit uns der Moschee zu nahen. Unser Silberarbeiter führte uns in einen, wie es schien von lauter christlichen Genossen seines Handwerkes bewohnten Bazar; hier stiegen wir aus dem Hofe eines Haußes hinan auf das platte Dach desselben, von diesem auf andere, immer höher gelegene bis wir zuletzt auf jene kamen, welche unmittelbar an die eine Seite der großen Moschee angebaut sind, der wir uns auf diese Weise so unmittelbar näherten, daß wir ihr Mauerwerk und die Capitäler der hohen, Korinthischen Säulen, so wie das Gesimse mit der Hand anrühren konnten. Hier überzeugten wir uns denn, daß wenigstens ein großer Theil des prachtvollen Gebäudes weder der Zeit der Ommiaden noch jener der Byzantiner (unter Heraklius) entstammt, sondern alt Römischen Ursprunges sey: die vormalige Marien- oder St. Johanniskirche war lange vorher, ehe sie dieses wurde, ein prachtvoller Tempel der Juno. Dieses bezeugen sogar die Reste einer Römischen Inschrift am Gesimse des Tempels selber und mehrere, jetzt abgesondert vom Gebäude stehende Trümmer alter Säulenhallen. Auch von einem alten, vormals hoch ragendem Triumphbogen bemerkt man, von jenem Standpunkt aus den wir einnahmen, die nicht unansehnlichen Ueberbleibsel. Die Blüthenzeit der Römischen Macht und Herrlichkeit in Damaskus fällt in die Zeiten des Kaiser Diocletian, welcher hier auch die wahrscheinlich ungleich ältere Kunst der Stahlbereitung in neuen Aufschwung brachte, durch die Waffenfabriken welche er begründete. Ein andrer Gegenstand der aufmerksamen Beachtung war für uns an diesem Vormittag ein Chan von prachtvoller Bauart und großem Umfange. Der Maler Bernatz hat sein Innres eben so wie das Aeußere der Moschee der Ommiaden gezeichnet und wird es bei Gelegenheit mittheilen. Die Ueberreste des alten Tempels, den man für einen Serapistempel hält, das baufällige alte Schloß so wie den gewesenen in seinem Innren modernisirten Pallast der alten Herrscher, dann die vielleicht schon bei Gelegenheit des großen Brandes, den die Mordfackel des Morgenlandes, Timur-Chan, in Damaskus entzündete, verwüsteten doch wieder zusammengestückten Grabmähler Nureddins und Saladins des Helden sahe ich zum Theil erst am Sonntag, als ich, wie ich nachher erwähnen will, in Gesellschaft des Padre Präsidente Besuche in der Stadt machte. Dem Bekenner des Islam zeigt man außer diesem die von Timur, dem Zerstörer im Jahr 1401 neu aufgebauten oder verschönerten, Grabmähler zweier Gemahlinnen des Propheten: der Umm Selma und Umm Haliba, sowie die Grabstätten einer großen Zahl der Jünger und Zeitgenossen Mohameds und einer noch größeren der Heiligen, der Weisen, der Dichter die in Damaskus lebten. Von christlichen Alterthümern und Erinnerungszeichen aus der heiligen Geschichte hat diese schöne, alte Stadt der Chalifen nur wenig aufzuweisen. In der Kirche unsres Spanischen Klosters zeigte man uns einen durch seine Geschichte merkwürdigen Gegenstand: es war eine Art von Schild mit 366 Feldern, deren jedes mit einem Tag des Jahres, auch wenn dieses ein Schaltjahr war in Beziehung stund, und ein kleines Stücklein von einer Reliquie, z. B. einen Knochensplitter des Heiligen enthielt, dessen Name der einzelne Tag trägt. Dieses Allerheiligen-Schild hatte das Kloster von dem Erben eines Kardinals gekauft, welcher Mohamedaner geworden war. Am Nachmittag führte uns unser Kabasch zu der Stätte außerhalb der Stadt wo Saulus von einem Licht vom Himmel umleuchtet ward, dann zu dem angeblichen Hauße des Ananias, der Paulus wieder sehend machte und taufte, so wie zu dem Ort der Mauer an welchem man diesen im Korbe herabließ. Bei Gelegenheit dieser Umgänge um die Mauern führte uns auch der Kabasch zu den Resten eines kleinen Römischen (?) Tempels, bei welchem er uns ganz andächtig eine lange Legende von Mar Dschirdschis (dem heiligen Georg) und seiner Enthauptung erzählte. Da man mich beim Nachhausekommen im Kloster befragte was ich Alles gesehen, und ich auch der Erzählung unsers Kabasch, welcher ganz verlegen dabei stund, erwähnte, bekam dieser einen Verweis, daß er abermals, was ihm schon oft verboten worden sey, ein Mährlein der Schismatiker vorgebracht habe, das mit der katholischen Ueberlieferung im Widerspruch stehe. Die Christen des Orients feierten heute, fünf Wochen nach uns, den Charfreitag. Obgleich die guten Väter unsers Klosters die Feste der Leidenstage und Auferstehung schon mit den andern Lateinischen Christen begangen hatten, nahmen sie doch auch an der Feier dieser Tage bei ihren Orientalischen Glaubensgenossen Antheil und der ehrwürdige Padre Präsidente lud mich ein in einer der späteren Nachmittagsstunden mit ihm die Kirche der unirten Griechen zu besuchen. Dieses ansehnliche Gebäude war ganz voller Menschen. Zuerst hielt ein junger Geistlicher von der Kanzel eine Predigt in Arabischer Sprache über die Leidensgeschichte, welche großen Eindruck zu machen schien, dann sprach der Bischof, auf seinem Stuhle in der Nähe des Hochaltares sitzend, in derselben Sprache Worte des Gebetes und der Ermahnung. Einmal hielt dieser mitten in seiner Rede an und sprach mit erhöhter Stimme gegen einige Frauen hin, die in der Nähe des Haupteinganges der Kirche stunden, indem er es ihnen sehr ernstlich verwieß, daß sie nicht der Ordnung dieses Gotteshaußes gemäß auf die (vergitterten) Emporkirchen giengen, wo den Frauen ihr Ort angewiesen sey. Die Weiblein (man sagte mir es seyen solche gewesen die nicht zur Gemeinde gehörten) entfernten sich ganz erschrocken und der gute Bischof fuhr in seinem Vortrage fort. Während des Gottesdienstes war mir ein Ehrenplatz neben dem Bruder des Bakary-Bey, der selber zu erscheinen durch Unpäßlichkeit verhindert war, angewiesen. Am Sonnabend, den 29sten April erquickte ich mich durch ein kräftiges Türkisches Bad. Das Haus in welchem ich dieses nahm, war das vornehmste und schönste seiner Art das ich im Orient gesehen; die einzelnen Zimmer mit Marmorplatten belegt, für alle Bequemlichkeit der Besuchenden aufs Anständigste gesorgt. Beim Nachhausekommen wendete ich einige Stunden zum Schreiben des Tagebuches an, den Nachmittag brachten wir mit dem wiederholten Besuch des Bazars und einiger Hauptplätze der Stadt, dann aber unmittelbar vor den Mauern neben einem Hauptarme des Barradaflußes in und bei einem Kaffeehauße zu, das im Schatten der hohen Platanen liegt. Die Kaffeehäußer von Damaskus, großentheils an vorbeifließendem oder emporspringenden Wasser gelegen gewähren den Besuchenden einen ganz besonders anmuthigen Aufenthalt. Man kann in und bei der Stadt zu allen Zeiten des Jahres Eis und Gefrorenes haben, welches hier in besondrer Güte bereitet wird. Am Sonntag, den 30sten April brachte ich den ganzen Vormittag in Gesellschaft des Padre Präsidente zu. Von diesem trefflichen Manne könnte ich Vieles erzählen. Er ist ein Spanier aus sehr vornehmen Geschlecht; höher aber als seine Geburt stellt ihn sein christliches Erkenntniß, seine große Gelehrsamkeit, vor allem aber seine Liebe und Demuth. Obgleich der Vornehmste und Aelteste im Kloster unterzieht er sich aller der niedrigsten Geschäfte, namentlich der eigenhändigen Pflege jener Elenden und Kranken, welche nicht selten im Kloster ihre Zuflucht suchen, obgleich diese Pflege dadurch doppelt beschwerlich wird daß in jenem Lande so viele Krankheiten sich durch kritische Uebel der Haut entscheiden. Wenn man ihn fragt warum er dieses Geschäft nicht den andern, jüngeren Brüdern überlasse, sagt er: diese sind alle von gutem Stand und solcher Dinge ungewohnt; mir hat Gott ein Naturell gegeben das keinen Ekel kennt. Die anderen Mönche aber, wenn man sie darum befragt, sagen: er ist ja von Geburt der Vornehmste und vom Hauße aus am wenigsten an niedre Dienste gewöhnt, aber er läßt sie uns nun einmal nicht verrichten, sondern, wo es nur möglich ist, bedient er selbst uns. Diese Freude am Dienen erfuhren auch wir an dem merkwürdigen Manne, da er uns unsre Betten machte, Waschwasser zutrug, das Zimmer reinigte, bei Tische uns immer stehend bedienen wollte, während wir saßen. Und daß dies Alles nicht Wirkungen einer bloß äußerlich angenommenen Form der Liebe und Demuth sey, das zeigen die Früchte; denn nur eine wahre, lautere Liebe kann solche Gegenliebe erzeugen als dieser Mann von seinen Klosterbrüdern und von den Gliedern seiner Gemeinde genießt. Ich wohnte einmal beim Gottesdienst einem Vortrag bei, den er über einer Stelle aus den Propheten Ezechiel (C. 34) hielt, die von Christo weissaget, und obgleich ich, weil der Vortrag Arabisch war, nur seinem Hauptinhalt folgen konnte, erbauete ich mich dennoch an der innigen Andacht der Zuhörer, wie an der unverkennbaren Salbung des Redners. Ueber die Christen aus andern Gemeinschaften des Abendlandes (er begriff sie unter dem allgemeinen Namen der Engländer) drückte er sich bei andrer Gelegenheit so aus: »Ich glaube was meine Kirche glaubt, aber ich bemühe mich in allen Dingen jenen mich als wahrer Bruder zu zeigen. Ich weiß daß sie auf Christum getauft sind und daß sie festhalten am Glaubensbekenntniß der Apostel. Was sie in Gottes Augen sind, das verstehe ich nicht, Gott aber weiß es.« * * * * * Noch in einer frühen Vormittagsstunde nahm mich der gute Padre Präsidente mit sich zu jenen Besuchen, welche heute, an ihrem Ostertage, die vornehmeren Christen von ihren Untergebenen und Freunden zu empfangen pflegten. Man braucht kein tiefer Menschenkenner zu seyn um auch bei einem kurzen Zusammensein mit dem Bakary-Bey in diesem ausgezeichneten Manne jene Züge von Milde, herzlichem Wohlwollen und Redlichkeit zu erkennen, durch welche sich derselbe schon in Aegypten allgemeines Vertrauen erworben hat. Dabei ist er einer der verständigsten, gewandtesten Geschäftsmänner welche Aegypten in seinem Dienste hat. Der Bischof der unirten Griechen, ein Mann von mittleren Jahren verbindet mit dem Ausdruck von Ernst und Würde eine Vertrauen erweckende Freundlichkeit; der Patriarch der getrennten Griechen ist schon sehr hoch bei Jahren. Man reichte uns nach der Sitte des Landes allenthalben Kaffee und andre Erfrischungen. Auf unsrem Wege durch die Stadt zeigte mir mein Führer einige der schon vorhin genannten alten Gebäude der Stadt. Am Nachmittag machte ich mich mit Freund Bernatz auf den Weg um noch einige Merkwürdigkeiten der Stadt und ihrer Nachbarschaft zu sehen. Zuerst zeigte uns unser Kabasch auf einem von Häußern umgebenen Platze außerhalb der Mauern (in einer der Vorstädte) jene uralte Platane, deren Stamm einen Umfang von 39 Par. Fuß misset. Wir gingen hierauf zwischen den Lehmmauern der herrlichen Gärten hinaus nach dem Dorf Salehieh. Dort ist Vieles zu sehen, denn unweit dem Dorfe ist jener Lustort Rabua der im Jahr 1148, als die Heere der christlichen Kreuzfahrer, geführt von Balduin +III.+, Ludwig +VII.+ von Frankreich und dem deutschen Konrad +III.+ hier Tod und Schrecken verbreiteten, für die Bewohner von Damaskus kein Ort der Lust sondern des Wehes war, und dieses in noch höherem Maße geworden wäre wenn nicht die Tücke der Orientalischen Christen (Pullanen) den Abendländischen Kämpfern den schon entschiednen Sieg über die Stadt durch ihren verderblichen Rath wieder entrissen hätte. Nahe hierbei entspringt der klare Findscha-Fluß, der mich sehr an die Quelle von Vaucluse erinnerte; am Abhang des Berges bei Salehieh findet sich das Grabmahl des schon erwähnten Meisters der Orientalischen Mystik, des Mohijeddin al Arabi, und viele Grabstätten ähnlicher Weisen des Morgenlandes; lieber jedoch und lehrreicher denn dieser Gräberbesuch war mir die Bekanntschaft des kenntnißreichen, freundlichen Englischen Generalconsuls Mr. Farren und seiner liebenswürdigen Gemahlin, welche ich hier auf ihrem Landgute besuchte. Die Erinnerung an dieses Zusammentreffen mit zwei Menschenseelen, bei denen man so bald sich daheim fühlte, war noch eine schöne, werthvolle Zugabe zu den mannichfaltigen Freuden und Genüssen die uns das schöne Damaskus gewährt hatte. Reise von Damaskus nach Beirut. Am ersten Mai, an dem Tage welcher in der Heimath zu den jugendlich festlichsten des Landes wie seiner Bewohner gehört, traten wir die Reise in das Thal der Thäler, das in Westen der Antilibanon, in Osten der Libanon begränzet, und nach dem in seiner Mitte liegenden Baalbeck an. Die Stimmung meines Herzens war anfangs keine festliche, keine so fröhliche und friedliche wie sie zum ersten Mai sich reimte. Denn als wir von den guten Vätern des Klosters, vor allem von meinem guten Padre Präsidente nach der Morgenandacht einen herzlichen, dankbaren Abschied genommen hatten, glaubte ich, nach der Verabredung mit unsren Muckern, alsogleich aufsitzen und fortreiten zu können; da wir aber zum Kloster heraustraten, waren zwar die Maulthiere in der Nähe, von den Muckern aber fehlten jetzt zwei, dann wenigstens noch einer: der Führer von ihnen Allen. Ich gieng indeß, nach der Weise meiner alten Ungedult voraus, kam halben Weges nach Salehiah, wartete und wartete, kehrte indeß, klüger geworden durch das Schicksal meines Vorausgehens auf der Reise nach Jericho, wieder nach dem Thor der Stadt und zuletzt sogar nach dem Vorplatz vor dem Kloster zurück, wo ich, zu meinem großen Erstaunen die Maulthiere noch immer unaufgepackt stehen fand, weil jetzt zwar der Hauptmucker bei der Hand war, zugleich aber die Nebenmucker fehlten, deren Geschäft das Aufpacken ist. Zu diesem Ungemach machte der Kabasch des Klosters, der schon bei der Hand war um uns das Geleite zu geben, damit er zu dem letzten und allerletzten Endlohn den er bekommen noch einen aller-allerletzten sich verdienen möge, ein so lustiges Gesicht, daß ich mich über den Menschen fast eben so sehr ärgerte als über die trägen Mucker. Ich lief noch einmal, um wenigstens den unvernünftigen Maulthieren ein gutes Beispiel zu geben unvernünftig voraus, diesmal zwar nicht so weit als das erste Mal, damit ich desto eher zurückkehren könne, und da ich nun endlich alle drei Mucker, beschäftigt bereits mit dem Aufpacken und um halb acht Uhr auch fertig zur Weiterreise fand, zankte ich mit ihnen, so gut ich dieses auf Arabisch verstund, bloß bis hinaus an den Türkischen Gottesacker, bei welchem auch der heute zur Unzeit lustig gewesene Kabasch, nachdem er eben wegen dieser Lustigkeit nur noch eine Kleinigkeit bekommen, uns verließ. Bald aber gab es noch eine andre Veranlassung zum Bruch des Friedens mit dem lieben ersten Mai. Die Mucker hatten bisher immer gesagt, der Umweg über die Cedern des Libanon werde die Ankunft in Beirut nur um zwei Tage verspäten; jetzt auf einmal vermehrten sich, in der Aussage ihres Mundes, die zwei Tage auf Fünfe. So war die Stimmung meiner Seele von der lieblichen Temperatur des ersten Mais in jene des letzten Novembers hinübergerückt, und ich schäme mich noch heute meiner Verstimmung vor meinen Reisegefährten, noch mehr aber vor dem Angesicht eines Andern, der auch das innerste Geheimniß der unzufriednen, undankbaren Menschenherzen siehet. Der freundliche Mr. Farren und seine Gemahlin hatten mich eingeladen mit meiner ganzen Reisegesellschaft bei ihnen ein Frühstück einzunehmen; ich hatte dieses zwar schon gestern nicht zugesagt, heute aber, in dieser Stimmung des Herzens, hätte ich es ohnehin nicht vermocht in solche geistig friedliche, heitre Augen zu blicken, als die des Farrenschen Ehepaares sind. Dazu kam auch noch, daß unsre Mucker, als sie mein eiliges Wesen bemerkten, es geäußert hatten, daß es zwar möglich, aber sehr schwer sey in zwei Tagen nach Baalbeck zu kommen, für dessen künstliche Wunderwerke ich so gern den ganzen, dritten Tag zur Beschauung gewinnen wollte. Damit deshalb der Grund des Verzuges wenigstens nicht uns zugeschrieben werden möge, zogen wir einen mehr links gelegnen Weg, in einiger Entfernung von des guten Mr. Farrens Landhause, den mein Herz mit inniger Liebe segnete, vorüber. Findschas Strom, aus dem Felsen herausquellend, an dem wir heute nahe vorüberkamen, zeigt noch dieselbe Kraft, wie damals als des deutschen Königes, Konrads +III.+ Kraft hier wie ein Alles durchbrechender Bergstrom sich aufmachte und zuerst durch die Schaaren der Französischen dann durch die vordersten Reihen der Pullanen-Schaaren vordringend, den Wald der feindlichen Lanzen und Schwerter durchriß, und so dem Panier des Kreuzes Luft machte[175]. Möchte noch jetzt in seinem Volke ein solcher Heldeneifer für Dasselbe Panier seyn. Wir erfuhren von neuem die Kraft des Geleites der unsichtbaren Schaaren, da in einer der steil bergabgehenden, halsbrechend steinigen Gassen des oberen Städtchens von Salehieh das Maulthier des Herrn Franz, welches durch das Geschrei eines jungen Hundes, den mein Maulthier getreten hatte, scheu geworden war, seinen Reiter auf wahrhaft gefährliche Weise abwarf, so daß dieser gelähmt und halb bewußtlos da lag und dennoch nach einiger Zeit unbeschädigt wieder mit uns weiter ziehen konnte. Auf der Höhe der Berge lösen sich ja alle Wetterwolken zuerst in leichte Nebel, dann in heitres Himmelsblau auf; welche Menschenseele sollte nicht da oben auf dem Berge, vor und jenseits dem Rabua-Passe heiter und froh werden, wo man das ganze Thal von Gutha, die grünende Fluth der Gärten und in ihrer Mitte das große Damaskus, mit all seinen Thürmen und Häußern vor Augen hat. Diesen Höhen des Westens zeigt sich ohnfehlbar die Syrische Hauptstadt in ihrer schönsten, anmuthigsten Gestalt, als wollte sie noch jetzt zu der Stätte des Thurmes am Libanon aufschauen der nun nicht mehr, künftig aber wieder gegen Damaskus siehet. Der Weg gehet dort steil hinauf an den Felsenwänden, deren Gebirgsart Jurakalk ist; jenseits des Höhensattels senkt er sich wieder in das Thal des Barrada, dessen Ufer von hohen Pappeln, Wallnuß-, Feigen- und andern Bäumen grünen. Dazwischen sieht man Oelbaum- und Weinpflanzungen, Gärten voller Orangen und Obstbäume[176]. Es zeigen sich, hinanwärts am Fluße mehrere Ortschaften und ziemlich wohlgebaute, vereinzelte Häußer; ich glaubte mich in eines der schönsten Engthäler versetzt welche am +Lago maggiore+ hinanführen nach den Alpen. In der That jenem Feldhauptmann der Syrer (Naëman) war es nicht zu verdenken, wenn er das Wasser des Pharphar (Barrada) so hoch stellte. Seine krystallene Klarheit, das Grün der Ufer, die Schönheit seiner Thäler, geben diesem Fluße, der gleich einer Gazelle des Gebirges raschen Laufes nach der Ebene von Gutha eilt, eine Schönheit, wie sie wenig andre Flüsse haben. Wie fruchtbar und angebaut könnte dieses quellenreiche Thal bis hinan auf die kahlen Berge seyn, wenn der Fleiß des Menschen es in seine erhaltende Pflege nähme, statt (durch Ausrotten der Wälder und Gebüsche) seinen natürlichen Wohlstand an der Wurzel anzugreifen und zu vernichten. Die Richtung unsers Weges blieb im Ganzen der des Flußes treu; wir sahen diesen meist in geringer Tiefe neben dem Bergabhang strömen; die mäßige Geschwindigkeit in der sich unsre kleine Karawane fortbewegte gab uns öfters Gelegenheit zu Fuße zu gehen. Nach zwei Uhr hielten wir an dem Dorfe Hassenie oder Senie, wo wir uns mit Milch erquickten. Während unsre Maulthiertreiber hier der nothwendigen Pflege ihrer Thiere warteten giengen wir ein wenig voraus an einen Bergrand hin, welcher eine freie Aussicht über das herrliche Thal und seine Nachbarberge gewährt. Diese Gegend da müßte, so sollte man meinen, in jeder empfänglichen Menschenseele Gedanken eines Liedes der Begeisterung wecken; hat sie doch auch das Volk des Landes zu einer Dichtung aufgeregt, welche dieses Thal mit Erinnerungszeichen an die frühesten Tage der Geschichte bevölkert. Der steile Berg hier in Süden, an dessen nördlichem Fuße Hassenie liegt, ist der Nebi Abel. »Kain, so erzählt die alte Volkssage, nachdem er seinen Bruder am Altar auf den Kasiun, bei Damaskus, wo damals das erste Elternpaar wohnte, erschlagen hatte, trug den Leichnam des Ermordeten auf seinen Schultern und wußte nicht was er mit dem Bruder anfangen sollte, dessen tiefer Schlaf noch immer nicht weichen wollte, ja dessen Leib schon die Verwesung anrührte. Wehklagend irrte er im Thale des Barrada und kam endlich mit seiner grausenhaften Bürde hieher. Da sahe er wie ein Rabe, neben welchem ein andrer, todter Rabe lag, mit seinem Schnabel ein Loch in die Erde scharrte, worein er den Todten begrub, und dieser Anblick gab ihm den Gedanken ein daß ein solcher tiefer Schlaf, wie der seines Bruders, eines andren Lagers bedürfe als des gewöhnlichen; er grub auf dem Berg eine Gruft zur Ruhestätte des Todten.« Oben auf der Höhe stehen noch die Reste eines alten Tempels, der nach einer griechischen Inschrift, welche Pococke an ihm entdeckte, in den Zeiten Lysanias des Vierfürsten, mithin im dritten Jahrzehent unsrer christlichen Zeitrechnung erbaut ward[177]. Denn hier in der Nähe von Senie, wahrscheinlich aber auf der andern (linken) Seite des Flußes lag Abila, von welcher die Provinz Abilene ihren Namen hatte. Das Lied eines unsrer älteren Dichter »ihr Rosen blüht auf Abels Grabe zu einem Hain empor,« nach der schönen Melodie eines vaterländischen Tonkünstlers, in welcher ich es in meiner Kindheit öfters hatte singen hören, lebte hier in der Seele auf, mit all den Erinnerungen an die kindlichen Träume, welche damals Inhalt und Tonweise in mir aufregten. Lag nicht schon in jenen Träumen eine Vorahndung Dessen was ich heute wirklich sahe und erlebte? Zwar kein »Hain der Rosen« wie Abels Schwestern in dem erwähnten Liede dies singen blühte da an dem sagenreichen Hügel, wohl aber war der Bergrand mit den schönen, großen Blumen eines prachtvollen +Glaucium+, von noch nie gesehener Art bedeckt; den Schmuck des grünen Felsenabhanges erhöhten die zierlichen Blüthen der schon früher einmal gefundnen +Salvia indica+. Eine kleine Stunde weiter hinan im Thal kamen wir an El Suk vorüber. Unsre Mucker wollten diesen Ort zur Nachtherberge wählen; uns schien es noch zu früh zu solcher Wahl; in der Hoffnung daß auch weiter hinan am Barrada, so wie bisher, ein Ort dem andren in geringer Entfernung folgen werde, bestunden wir auf weitre Fortsetzung des Tagmarsches. Die Gegend durch welche wir jetzt kamen war von unbeschreiblicher Schönheit. Nicht weit oberhalb El Suk traten wir, dem Laufe des Flußes folgend, in ein enges Felsenthal ein, an dessen nördlichen Wänden eine alte Stadt der Gräber sich ausbreitet. Die Grufthöhlen sind, wie in Palästina tief in den Felsen gehauen; der Eingang bei vielen mit kunstreichen Portalen geziert, an einigen Stellen der Felsenwände sieht man halb erhabene Arbeiten; hie und da zeigen sich Trümmer von Säulen und altes Gemäuer von Wohnungen oder Tempeln. Der Weg führt über eine ziemlich neu aussehende festgemauerte Bogenbrücke an die andre (nördliche) Seite des Flußes, der in diesem Engthale mehrere Wasserfälle von großer Schönheit bildet, davon der eine von einer Höhe von etwa funfzig Fuß senkrecht herabstürzt. Wie leid that es uns, da wir jetzt auf die zwar grünende, aber baumlose Ebene hinaustraten und nur in einer für heute unerreichbaren Ferne einige Ortschaften erblickten, daß wir nicht in dem herrlichen Felsenthale bei den Ruinen oder in der Nähe des Wasserfalles unser Nachtlager aufgeschlagen hatten; dort hätte uns manche der natürlichen oder künstlichen Höhlen, oder auch eine vorspringende Felsenwand Schutz gegen den Wind gewährt, der uns hier auf der hohen, freien Ebene sehr unfreundlich anhauchte. Dazu war der Ort, an dem wir, als der Tag sich neigte, endlich Halt machten, keinesweges ein schöner, denn der Barrada floß weit von uns in der tieferen Gegend des weiten Gefildes; das Schilf an seinem Ufer erregte kein Verlangen uns in seiner feuchten Nähe zu betten; die Ebene weiter gegen Nordwest erschien ziemlich einförmig, da wo wir lagerten war ein ödes Steinfeld, auf welchem nur einzelne Grasarten kümmerlich wuchsen[178]. Die Sonne war in einem Damm von Nebel untergegangen der gar bald seine feuchten Schwingen über uns verbreitete und noch vor Mitternacht in einen Regen sich auflöste, welcher, so fein er war, dennoch die Decken und Mäntel gründlich durchnäßte, während wenigstens das Gesicht unter dem Regenschirm einigen Schutz fand. Gegen Morgen zertheilten sich die Wolken und die Sichel des abnehmenden Mondes stieg über das Gebirge auf. Die Höhe unsers Lagerplatzes über dem Meere fand sich nach unsern barometrischen Messungen, hier, im oberen Thale des Barrada zu 3530 Par. Fuß, sie war mithin nur um 100 Fuß geringer als jene des Brockengipfels. Dienstags den 2ten Mai bedurfte es nicht jenes Antreibens, das gestern nöthig gewesen war, um den schwerfälligen Körper unsrer Karawane in Bewegung zu setzen; es war Jeder von uns mit Vergnügen bereit das kühle Lager zu verlassen. Deshalb fand uns heute schon die aufgehende Sonne auf dem Wege nach dem ansehnlich aussehenden, mitten in Gärten und Maulbeerbaumpflanzungen gelegnen Zebdeni (Sabbethani), das wir (indem wir ein andres kleines Dorf zur Seite ließen) in anderthalb Stunden nach unsrem Ausritt erreichten. Was wir durch unser zeitiges Aufbrechen gewonnen hatten, das gieng dort durch eine unerwartete Hemmung wieder verloren; einem unsrer Maulthiere war auf dem steinigen Wege das Hufeisen entfallen, es mußte neu beschlagen werden, und hiezu war nicht sogleich die kunstfertige Hand eines Schmiedes zu finden. Zebdeni ist großentheils von Christen bewohnt und der Sitz eines Bischofs; der Ort zeichnet sich durch Reinlichkeit und gute Bauart seiner Häußer aus. Da unser gestriges Abendessen nur aus ein wenig Brod und schwarzem Kaffee bestanden hatte, that uns hier ein Trunk Milch sehr wohl. Jenseit Zebdeni, zuerst an einem Bächlein das sich in den Barrada ergießt und viele kleine Wasserfälle bildet aufwärts, fiengen wir an den Fuß des Antilibanon zu besteigen und nachdem wir ein Stück Weges in nördlicher Richtung an diesem hingezogen waren, wendeten wir uns, wie uns schien auf einem seltner besuchten Wege gegen Westen, nach dem Hochrücken des Gebirges hinan. An mehreren Punkten unsres Weges genossen wir einer herrlichen Aussicht zurück nach dem fern in Südsüdwest gelegenen, uns so wohl bekannt gewordenen schneebedeckten Dschebel Scheikh. Bald nach Mittag hatten wir die Höhe des Passes, welche nach unsren barometrischen Messungen nur 4827 Par. Fuß betrug, erstiegen. Wir fanden das Gebirge an dieser Stelle keineswegs kahl, sondern wie wir anwärts zur Höhe durch ein grünendes[179], von buschartig niedrigen Valonia-Eichen bewachsnes Thal gekommen waren, so öffnete sich uns auch auf der andern Seite ein solches und zugleich stellte sich uns, doch meist in Wolken gehüllt, in scheinbar großer Nähe der majestätische Libanon vor Augen. Schon beim Aufsteigen nach dem Bergpasse hatten die vorüberziehenden Wolken einzelne Regentropfen auf uns herabfallen lassen, und da wir jetzt jenseits in ein reichlich grünendes Thal kamen, das schon in das Hauptthal Bekaa mündet, da traf uns zuerst ein gewöhnlicher Regen, dann ein mächtiger Regenguß, der uns gar bald den Vorsatz, noch heute nach Baalbeck zu kommen hinweg spülte und uns, nachdem wir noch über einige kleinere, wellenförmige Höhen auf und abgestiegen waren, nöthigte, das Nachtlager schon um 3 Uhr des Nachmittags in Zarain zu nehmen, einem von griechischen Christen bewohnten Oertlein, welches auf einer kleinen, hüglichen Erhöhung des Hauptthales von Baalbeck (im Thal Bekaa) liegt. Unsre Mucker zogen hier anfangs, nach Obdach fragend, an mehrere Hütten, zuletzt wieß man uns zum Geistlichen des kleinen Dorfes, der uns den kleinen Innenraum des Kirchleins zum Nachtlager einräumte. Das Gebäude ist, mit Ausnahme der niedren Lehmmauern über welche Balken gelegt sind, auf denen das Dach ruht, ganz aus Holz erbaut und so leicht gedeckt, daß heute der Regen an vielen Stellen hereindrang und kein Raum, den ein liegender Mensch einnimmt, vollkommnen Schutz gegen die Nässe fand. Dazu war es sehr dunkel, denn das Licht fiel nur durch die geöffnete Thüre und durch ein oder etliche kleine Löcher herein, dergleichen sich an unsern Viehställen finden. Die Andacht der guten Leute dieses Dörfleins muß recht kindlich herzlich seyn, wenn sie sich durch eine solche Gestalt der Stätte, die, weil sie Gott, der ein Gott der Ordnung heißt, geweiht ist, doch auch äußerlich reinlich und anständig sein sollte, nicht stören lässet. Selbst der Altar, eine viereckte Eintiefung in der Lehmmauer, darin ein Lämplein vor einem kleinen, rußigen Bilde brannte, erinnerte mehr an den offnen Wandschrank einer armen Bauernhütte, als an das, was er vorstellen sollte. Dennoch, da wir ja in diesem Raum nichts anders als den Bergungsort sahen und suchten, that uns der Schutz gegen den Regen und das seit langer Zeit nicht mehr genossene Fleisch der jungen Hühner, so wie der zwar trübe, doch angenehm schmeckende Wein sehr wohl, und wenn es uns in dem dunklen, dumpfigen Raum zu eng werden wollte traten wir in regenfreien Augenblicken hinaus ins Freie und betrachteten den hehren, schneebedeckten Libanon, über den die Wolken noch immer eilig dahin flogen. Einzelne Kranke des Dorfes kamen, begehrten und erhielten von meinen jungen Freunden Heilmittel und guten Rath. So vergieng der Rest des Nachmittags und auch die Ruhe der Nacht, obgleich durch die Unbescheidenheit der kleinen, in den Stroh- und Binsenmatten wohnenden Insekten sehr gestört, that dennoch, auf die vorhergehende, noch schlechtere Nacht, sehr wohl. Die Höhe unsres Nachtlagers in Zarain ergab sich aus der Beobachtung des Barometerstandes beiläufig zu 3400 (3396) Fuß über dem Meere. Als wir am Mittwoch den 3ten Mai, am Tage vor dem Himmelfahrtsfest unsrer Abendländischen Christengemeinschaften, früh um 6 Uhr im großen, breiten Thal Bekaa hinaufritten, da schienen uns die vielen, obwohl leichten Gewölke und Nebel welche bald zu unsrer Seite, bald über uns dahinzogen und zum Theil in Regentropfen sich auflößten, keinen heitren Tag zu versprechen. Dazu war auch der Boden an vielen Stellen von der Fluth des gestrigen Regens überschwemmt. Doch schon nach einer Stunde hatte die Sonne gesiegt, die Nebel des Thales hatten sich zerstreut, die Wolken ins Gebirge geflüchtet, wo sie, eine nach der andern, dem Auge entschwanden. Wir hatten nun volle Gelegenheit das majestätisch schöne Thal zu betrachten, welches schon sein alter Name Bekaa (Bikath) als »Thal« im ausschließenderen Sinne als ein Thal der Thäler bezeichnet. Wo anders fände sich eine solche majestätische Umhegung der Gebirge als da in dieser grünenden Breite, zwischen dem Libanon und Antilibanon. Dieser, zu unsrer Rechten, trug auf seinem Hochrücken, dessen höchster Punkt nach Süden auf den Dschebel Scheikh fällt, nur noch eine leichte Decke von Schnee; der Frühling wollte sich da schon von seinem Lager erheben und die Decke von sich werfen; oben am Libanon aber, zu unsrer Linken (in Westen des großen Thales) schlief die Natur, unter der dichteren Schneedecke noch einen festeren Morgenschlaf, während unten im Bekaa, die grünende Saat schon den Grundriß der Aehren entworfen hatte. Wenn man für jene Erzählung des Marco Polo von der silenischen Weihe der Assassinen zu ihrem künftigen, blutigen Tagwerk die passendste Stätte suchen wollte, dann meine ich wohl, könnte man sie hier, im Thale von Baalbeck finden. Ein von Mauern umhegter Raum, dort am klaren Bache des Leontes, mitten in der Zeit des Frühlings oder Sommers, könnte dem Jünglinge, der in den Jahren der aufstrebenden Sinnlichkeit von einem Schlaftrunk berauscht in den Garten der blühenden und Früchte tragenden Bäume versetzt würde, und dort an den künstlichen Brunnen des Weines und des Honiges, mitten unter dem lieblichen Spiel der Saiten und beim Gesange der schönen Jungfrauen erwachte, allerdings glauben machen er sey in die himmlischen Räume des Paradieses versetzt. Er könnte in seiner Seele, der Getäuschte, wenn er abermals im künstlichen Schlafzustand aus dem Paradiesgarten hinausgebracht würde auf den Boden der Alltäglichkeit, ein Heimweh davontragen, das ihn zu allen Thaten bereitwillig machte, welche ihm, nach der Lehre des Alten vom Berge die Rückkehr und beständige, niemals wieder endende Einkehr in das Paradies zusicherten, dessen Freuden er so eben nur kosten durfte. Und dennoch hatte in dieser erhabenst schönsten Einsiedelei, welche die Natur auf Erden sich erbaute, hier in dem von den Armen des Libanon umfaßten Thale der Thäler nicht die Silenische Begeistrung, sondern lange vor ihr und bleibender, dies beweist die Fortdauer ihrer unzerstörbaren Werke, die höhere, Pythische Sitz und Stimme; ehe das Bewegen des Geistes der Völkergeschichte nach Westen, wie nach Süden und Norden ausgieng, da hat es hier im Thal von Baalbeck, dem erhabenst stillsten der Erde, alle seine Kräfte zu einer geheimen Berathung versammlet. Und ein Werk der Begeisterung, welche bei diesem hohen Rathe den Vorsitz führte, war die erste Grundlage des nachmals sogenannten Sonnentempels von Baalbeck. Es war noch kaum neun Uhr als wir Baalbeck mit seinen erhöht liegenden Ruinen vor uns liegen sahen. Wir kamen auf dem Wege, den unsre Mucker uns geführt hatten zuerst zu den Ueberresten eines rundlichen Gebäudes (Tempels), dessen vormaliges Dach von acht schönen Sienitsäulen getragen wurde, welche bis auf eine mit ihren einfachen Architraven noch aufrecht stehen. Zwischen zweien von ihnen findet sich eine Nische, vielleicht vormals zur Aufnahme des Götzenbildes bestimmt. Von diesem Fremdling aus früherer Zeit, der uns zuerst in der Umgegend von Baalbeck begrüßte, wendeten wir uns zu dem merkwürdigen Steinbruche der in geringer Entfernung von dem Orte liegt. Aus seiner Felsenmasse ist der größere Theil der Bausteine genommen, welche die Mauern und Grundlage der mächtigen Ruinenburg bilden. In ihm liegt noch, aus unbekannter Zeit ein schon ganz fertig gehauener Steinblock von riesenhafter Größe. +Dr.+ Erdl maß ihn und fand seine Länge 71 Bayrische Fuß (20,7 franz. Meter) die Breite gegen achtzehn die Dicke gegen vierzehn Fuß. Welche Kräfte mußten das seyn welche sich dem Geschäft der Fortbewegung einer solchen Steinmasse gewachsen halten konnten. Und daß sie dieß waren, daß sie wirklich solche Gewichte zu bewegen vermochten, das zeigen die nicht viel kleineren Werkstücke derselben Steinart, die sich, wie ich nachher erwähnen werde, in die südwestliche Mauer der Ruinenburg eingefügt finden. Die Gebirgsart, in welcher dieser große Steinbruch, so wie ein andrer weiter nach Süden stehender angelegt sind, ist ein dichter Kalkstein, dessen Gefüge sich an vielen Orten dem körnigen nähert. In den Felsenwänden bemerkt man öfters natürliche, so wie künstlich erweiterte Grotten; vormalige Stätten der Bestattung der Todten, so wie nach einer Volkssage der hier lebenden Einsiedler. Wir kamen noch vor eilf Uhr in das armselig neben den Ruinen seiner vormaligen Herrlichkeit dastehende jetzige Baalbeck. Herr Mühlenhof war vorausgeritten und hatte uns Wohnung bestellt im Hauße des Bischofes der hiesigen unirten Griechen. Dieser Mann hat sich, wie dieß Herr Mühlenhof auf einer seiner früheren Reisen erfahren, in eine ganz besondre kriegerische, feindselige Stellung gegen Großbritannien gesetzt, und hier in seinem einsamen Bekaa, geschirmt wie er meint von den Gebirgsmauern des Libanon und Antilibanon wagt er es, auf seine Weise, der Macht jenes geistig wie leiblich gewaltigen Reiches die Stirn zu bieten. Er nimmt nie einen Engländer unter sein Dach auf; Herr Mühlenhof war einst Zeuge eines Ausbruches seiner feindseligen Erbittrung gegen einen wie es schien vornehmen Engländer; eines Ausbruches der sich mit lautem Aufschreien und allerhand Scheltworten Luft machte. Was der eigentliche Grund dieser Verstimmung sey konnten wir nicht erfahren, denn daß er deßhalb jenem edlen Volke so gram sey, weil einige englische Reisende an den Ruinen des Sonnentempels kleine Verheerungen durch Hammer und Meisel angerichtet hatten, das ward uns dadurch unwahrscheinlich, daß der Mann so gar kein Interesse an jenen Alterthümern nahm. So feindselig aber der Bischof von Baalbeck gegen die Engländer ist, so freundschaftlich gewogen ist er dagegen den Franzosen, und Frankreich hat wenig so treue Alliirte als diesen da, im mächtigen Thale des Libanon. Zum Glück ist der Mann kein sonderlicher Geograph; es scheint er erkennt in ganz Europa nur zwei Mächte an: eine schwarze, das ist ihm England, und eine weiße, das ist ihm Frankreich. Als deshalb Herr Mühlenhof ihm auf seine Fragen versicherte daß wir keine Engländer sondern Bayern seyen, was auch unser Arabischer Firman bestättigte; als er ihm ferner sagte daß selbst jener Firman, den ich aus meiner Heimath bei mir trage (mein Ministerialpaß), nicht in Englischer sondern in Französischer Sprache abgefaßt sey, ließ er uns ohne Weiteres als Weiße, d. h. als Franzosen gelten und sein geistlicher Gehülfe, da er am Nachmittag einige Zeit unsrem (deutschen) Gespräch zugehört hatte, äußerte gegen Herrn Mühlenhof daß ihm dieses Hören der Französischen Sprache, obgleich er sie nicht ganz verstehe, sehr angenehm sey. Wie groß die Macht und das Vermögen des Bischofs von Baalbeck seyn möge, weiß ich nicht; sein Pallast ließ es, wenigstens in dem Zustand in welchem wir ihn sahen, auch nicht errathen. Die Treppe hinauf zu dem oberen Stockwerk des Haußes, wo das bischöfliche Zimmer war, konnte zwar noch mit Sicherheit bestiegen werden, oben aber mußte man mit einiger Vorsicht von einem Balken zum andern steigen, denn wie an einem noch im Bauen begriffenen Hauße fehlte zwischen den Balken das Deckenwerk, welches die untere von der oberen Etage scheidet, so daß man durch einen unvorsichtigen Schritt gar leicht aus dieser in jene hätte versetzt werden können. Das Zimmer des Bischofs glich einer unsrer (geringeren) Bauernstuben, es hatte Glasfenster; er selber der Bischof empfieng uns mit gehaltner Gravität, doch freundlich, und würde ohnfehlbar noch freundlicher gewesen seyn, wenn wir ihm, nach der Sitte des Landes, so wie unsre Mucker es thaten, die Hand hätten küssen wollen. In einem Nebengebäude, das mit der oberen Etage des Haußes in Verbindung steht, wurden uns einige kleine, übrigens reinliche Zimmer angewiesen, welche gewöhnlich dem andren Geistlichen, welcher Gehülfe des Bischofs ist, zur Wohnung dienen. Die Haushälterin des Bischofs besorgte uns, gegen baare Vorausbezahlung ihrer Forderungen, Lebensmittel, und während unser Arabischer Knecht das Mittagsessen unten im Hofe bereitete giengen wir aus um die ganz nahe an dem bischöflichen Hauße gelegenen gewaltigen Ueberreste des alten Sonnentempels zu besehen. Ich nannte diese vorhin eine Ruinenburg; denn außerdem daß jene colossalen Trümmer der alten Pracht und Herrlichkeit in späterer Zeit öfters die Stelle einer Festung vertreten mußten um deren Besitz die Belagerer wie die Belagerten mit heftigster Anstrengung und zerstörender Wuth sich stritten, glich auch ursprünglich die Anlage der alten Bauwerke auf einem großenteils aus ungeheurem Mauerwerk gebildeten oder von diesem umgränzten Hügel, der Anlage einer Burg, in welcher nicht nur ein einzelnes, sondern ein ganzes Chor von Tempelgebäuden, ein ganzes Heer von Säulengängen, Hallen und Bildwerken versammelt war. Wir brachten den ganzen übrigen Tag, mit Ausnahme der wenigen Minuten, welche das Mittagessen uns hinwegnahm unter den Tempelruinen, mit ihrer genauen Betrachtung und einige der Gefährten mit ihrer Zeichnung zu, besuchten sie dann von neuem am andern Tage, deshalb verspare ich die Beschreibung des Eindruckes den Baalbecks Sonnentempel auf die Seele macht, auf die Geschichte des Nachmittages dieses Himmelfahrtvorabends, und verweile mich zuerst bei einem kurzen Abriß der Gestalt des Fußgestelles, d. h. der Umgegend des großen Ehrendenkmales das hier die Baukunst nicht nur der alten (Römischen) sondern der älteren (Syrischen), ja der ältesten der Völker sich gesetzt hat. Dieses Fußgestelle der nächsten Umgegend, namentlich des jetzigen Baalbeck gleicht freilich, neben den noch immer fest auf ihren Füßen stehenden Tempelsäulen, einem hölzernen Gestelle, welches, so oft es auch erneut und gewechselt wurde, von Würmern zerfressen, vom Moder aufgelöst ist. Baalbeck, das alte Baalgad und Baalhamon[180] der heiligen Schrift, dessen noch jetzt bestehender, die Stadt des Baal oder Sonnengottes bedeutender Name, nur auf kurze Zeit von dem griechischen, dasselbe bedeutenden Namen Heliopolis verdrängt werden konnte, liegt an jenem Giebelpunkt des mächtigen Libanonthales, welcher die Wetter- und Wasserscheide zwischen dem nördlichen und südlichen Verlaufe von diesem bildet. Einige Stunden im Norden von Baalbeck entspringt der Orontes, der seinen Lauf nordwärts nimmt; wenige Stunden südwärts von hier quillt der Leontes, der nach Süden läuft; der Bach aber der durch Baalbeck fließt nimmt zwar auch seinen Lauf nach Süden, kann aber auf der Ebene nicht den nöthigen Abfall zur regelmäßigen Fortsetzung seines Laufes finden und versiegt deshalb in geringer Entfernung von hier, an dem grünenden Boden. Die Höhe von Baalbeck über dem Meere ergab sich nach unsern barometrischen Messungen zu 3572 Par. Fuß, wir waren deshalb von der Thalgegend bei Zarain, bis zu der vollkommneren Ebene bei Baalbeck aufwärts gestiegen. Die Breite der eigentlichen Thalsohle zwischen dem Libanon und Antilibanon misset, hier in der Gegend von Baalbeck nicht viel über eine deutsche Meile; die Gebirgswände zu beiden Seiten steigen, gegen und mehr denn 8000 Fuß über dem Meere, gegen 5000 Fuß über der Fläche des Bekaa empor; hier in der Breite von Baalbeck ist allem Anscheine nach der Libanon, weiter nach Süden, bei dem Dschebel Scheich der Antilibanon höher als sein Nachbar. Der steilere Abfall ist an beiden Gebirgszügen nach Westen, der allmäliger ansteigende gegen Osten gekehrt, so daß vom Thale aus der Antilibanon nackter und wilder erscheint als der nach unten mit Feldern und auch weiter hinan mit Wald und Gebüsch, an seinem Gipfel mit Schnee bedeckte Libanon. Das Thal der Thäler, dieses alte Cölesyrien ist an seinem Saume wie an den Abhängen der beiden Seiten, seltner an jenen tiefen Stellen an welchen sich, während der Zeit des Regens und des thauenden Schnees die Gewässer versammlen mit vielen Ortschaften angebaut. Die Bewohner von diesen benutzen theils mit den hindurchziehenden Nomadenschaaren der Turkomanen und Beduinen das reiche Weideland des Thales zur Viehzucht; theils nährt sie der Ertrag der Aecker an Baumwolle und Getraide, so wie der Bau der Maulbeerbäume (zur Seidenzucht) und des Weines. Unter den Heerden sieht man am häufigsten die langohrige Ziege mit langem Haar von mittlerer Feinheit; das Schaaf mit der mehr oder minder entwickelten Anlage zum Fettschwanz; eine sehr bedeutende Menge von Kühen; Esel und Maulthiere von besondrer Schönheit, Pferde in verhältnißmäßig geringer Anzahl. Von den Bewohnern von Baalbeck bilden ein reichliches Viertheil die Christen, deren Zahl sich auf drei bis vierhundert belaufen mag; die übrigen, etwa sieben bis achthundert Einwohner sind Mohamedaner, von dem früherhin, wegen seines feindseligen Benehmens gegen die Fremden sehr verrufenen Stamme der Metawelis[181]. Wir hatten nichts von ihnen zu leiden, auch kein Emir, wenn anders einer im Orte war, gab sich die Mühe uns (wie manche frühere Reisende) zu beunruhigen oder sich um uns zu bekümmern. Das Alterthum rühmte die große Schönheit der Bewohnerinnen von Baalbeck; die Männer haben etwas von dem Fleiße ihrer Nachbarn, der Damascener an sich genommen, sie beschäftigen sich zum Theil mit dem Weben der Baumwolle und der Seide. Das ganze jetzige Baalbeck gleichet einem mächtig großen, verödeten Pallast, in dessen von seinen alten Besitzern verlassenen Hallen ein armes Gesindel einstweilen zur Miethe wohnt, bis die rechten Eigenthümer sie von neuem beziehen. Abgesehen von dem was dieses Baal-Gad oder Baal-Hamon in den Zeiten des Israëlitischen Reiches gewesen, so fragt der Reisende, der seine verwüstete Stätte betritt: wo ist die mächtige Stadt Baalbeck hingeschwunden, welche gegen Omar den Khalifen so tapfer sich vertheidigte; welche in den Zeiten der Kreuzzüge, ja selbst noch in jenen der Türkischen Oberherrschaft so oft Gegenstand der Kämpfe, so oft belagert und gewonnen, dann wieder verloren ward? Bis zur siebenten Woche hatten ihre festen Mauern und ihre Vertheidiger den furchtbaren Anstürmen des Zenki (im Jahr 1139) widerstanden und da die Stadt endlich erobert war, dauerte es noch andre 11 Tage bis sich die feste Burg dem Tyrannen durch einen Vertrag übergab, den dieser grausam brach, indem er die tapfren Vertheidiger an Kreuze schlagen ließ. Wo ist das mächtige auch durch seine Schulen der Morgenländischen Weisheit berühmte Baalbeck, in welchem der große Saladin, dessen Vater Ejub hier Statthalter war, einige Jahre seiner frühesten Jugend in stiller Betrachtung der Geschichten des Vergangenen zubrachte?[182] Oder wenigstens die bürgerlich reiche Stadt, welche Timurs Heeren (im Jahr 1401) auf lange Zeit Proviant gewährte. Von welchem bedeutenden Umfang noch damals die Stadt gewesen sey, das bezeugen die Grundlagen der Mauern und der fast ganz verschütteten Wälle und Gräben. Zwischen den armseligen Hütten so wie neben den etwas größeren, aber auch nicht viel schöneren Gebäuden, die sich namentlich an der südlicheren Seite des Ortes finden, zeigen sich noch an vielen Stellen die Trümmer der vormals mächtigen, prachtvollen Fürstenstadt. Aus einer noch älteren Zeit als die blühendste des Sarazenenreiches hat sich ein schöner runder Tempel mit Korinthischen Säulen erhalten, aus der späteren ein schönes Bad; die beiden Moscheen haben durch das letzte Erdbeben sehr gelitten. Wir verlassen jedoch die ganz verarmte Erbin der alten Herrlichkeit und Macht von Heliopolis und steigen über den mit Gras bewachsnen Hügel des Schuttes hinan zu der Tempelburg, deren zerrissenes Gemäuer uns da den Zutritt zum Innren gestattet. Hier ist es still und einsam; kein Hirt des Dorfes und kein wandernder Beduine hat es gewagt unter diesen Trümmern seine Hütte oder sein Zelt aufzuschlagen; wir sahen, so lange wir dort verweilten niemals einen Menschen sich nahen, wir waren ganz allein gelassen mit den Werken eines Geistes, der einst als unumschränkter Herrscher dort gewaltet, wo seine Stätte nun nirgends mehr gefunden wird. Es ist dieser hehre Geist der das jetzt lebende Volk des Thales mit einem Gefühl der Furcht erfüllt, wenn es das vermeintliche Werk der Genien (Dschennin) oder der unheildrohenden Geister betrachtet, welche Salomo, der Herrscher über die Geisterwelt, hier zu seinem Dienst und zur Erbauung seines Baal Hamon zusammenrief. In der That jener Gedanke, der die Tempelburg von Baalbeck begründete, übt noch jetzt eine übermächtige Gewalt über die Geister, er zwingt und bindet diese, daß sie Theil nehmen müssen an seinem Emporfluge zur inneren lebendigen Anschauung jenes Schönen, mit welchem die bedenkende Weisheit überall sich bekleidet, wo sie dem sichtbaren Wesen sich nahet. Ich kann mich nicht überzeugen, daß die Tempelruinen von Baalbeck ganz und gar zu einem Werk der Römischen Baukunst aus den Zeiten Antonins des Frommen gehört haben sollten, sondern bin hierin der Meinung eines vaterländischen Forschers und Schriftstellers über diesen Gegenstand, daß, eben so wie die Korinthische Säulenordnung keine Erfindung erst der Griechen, sondern eine ungleich ältere der Völker von Syrien war, auch der Tempel von Baalbeck schon zum Theil, und vielleicht seinen Umrissen nach als ein Werk dieser älteren, einheimischen Baukunst bestanden hatte, ehe die Römer aus dem Zustand seiner Verheerung ihn von neuem aufrichteten, und ihm das Gepräge ihrer eignen Kunst aufdrückten, die eine Schülerin vieler Zeiten und Völker war. Der Tempel dieses Heliopolis ist ein Syrischer Herrscher, welchen, da er in Armuth versunken war, die Herrscherin Roma mit ihrer Gunst beehrte und ihn mit dem prächtigsten Gewand ihres Bürgerrechtes bekleidete. Sollte Rom in dieser abgelegnen Ferne eines fremden Welttheiles ein Werk begründet und ausgeführt haben, dem, in gewisser Hinsicht, keines in seinem eignen, vaterländischen Gebiet zu vergleichen ist? Die Ruinen von Baalbeck sind so oft und trefflich beschrieben, dazu auch abgebildet worden, daß ich mich bei ihrer Beschreibung kurz fassen darf. Die hohe Plattform oder der künstliche, aus riesenhaften Werkstücken begründete und zusammengefügte Hügel, worauf die Reste der Tempel stehen, hat durch seine spätere Umgestaltung zur Akropolis, die Form eines ungleichseitigen Viereckes bekommen, dessen längster Durchmesser über 1200 Par. Fuß beträgt. Zunächst waren es zwei Tempel welche die Römische Baukunst hier aus altem und neuen Material dargestellt hatte oder darstellen wollte: der eine von ihr wirklich vollendete war ein Tempel der Sonne oder des Baal, der andre, ungleich größere sollte ein Pantheon, allen Gottheiten von Heliopolis gewidmet seyn. Jene sechs majestätischen Säulen, welche dem Auge schon bei dem ersten Anblick der Tempelburg aus der Ferne auffallen, und bei denen es auch in der Nähe am liebsten verweilt, waren Theile vom Peristyl des größeren Tempels, dessen südliche Seite sie, in Gesellschaft mit vier andren ihrer längst gefallenen Gefährten zierten. Nach ihnen hin hatten wir zuerst unsre Richtung genommen und zwischen ihnen dastehend hat man auch die beste Ansicht von der nördlichen und westlichen Aussenseite des kleineren, vollendeten Tempels, der gerade im Süden des größeren stund. Doch wie sehr muß man sich hüten das Wort kleiner nicht mißzudeuten. Dieses Wort kleiner das nur der Vergleich mit dem andern, über 1000 Fuß langen Allgöttertempel an die Hand gab, wird hier von einem Bauwerke gebraucht das zu den größesten seiner Art gehört. Freilich stehen von jenen vierzehn Säulen welche die nördliche Außenseite dieses Sonnentempels zierten nur noch neun, von den vierzehn der südlichen Seite vier, von den achten der Westseite nur noch drei, dennoch gewähren diese einen ziemlich deutlichen Begriff von der ursprünglichen Schönheit des Peristyls. Namentlich erkennt man noch an der gegen feindliches Anstürmen geschützter gewesenen nördlichen Seite die ganze sorgfältige Ausführung des Fries und Carnies; die Lacunari mit ihren netzförmig sich verwebenden Bildwerken sind hier zum Theil noch so frisch wie sie aus der Hand des Meisters hervorgiengen. Die Wände des Tempels innerhalb des Peristyls stehen in kunstloser Einfachheit da, nur an den vier Ecken treten die prachtvollen Pilaster hervor und wie schön das Carnies gewesen, das erkennt man am besten, wenn man unterhalb des Burghügels stehend, die Südseite des Tempels betrachtet. Vom Portikus, im Osten des Gebäudes haben sich nur vier Säulen erhalten. Ursprünglich bestund derselbe aus zwei Reihen derselben, welche gerinnet waren, mit Ausnahme der beiden äußersten an jeder Seite, deren Schäfte gleich jenen der Säulen des Peristyls glatt sind. Ueber die eben erwähnten, noch stehenden Säulen des Portikus haben die Sarazenen einen Citadellenthurm errichtet und zugleich das Tempelthor durch eine plumpe Mauer verbaut; ein niedrer Eingang, der eher einem Loche gleicht, führt durch diese hinein vor das Portal, an welchem der Korinthische Baustyl Alles, was ihm an Verzierungen zu Gebote stund, fast überreich und dennoch in symmetrisch-schönem Einklange angebracht hat. Der Schlußstein des Portals ist durch die Kraft des Erdbebens aus seiner Anfügung losgerissen worden; er hängt, nur mit seiner oberen Hälfte noch zwischen den Nachbarsteinen festgehalten, drohend über das Haupt des Eintretenden herunter; ihn zierte das halberhabene Bild eines Adlers und zu dessen rechter und linker Seite ein geflügelter Genius. Ranken des Weines, unter dessen Blättern kleine Liebesgötter lauschen, untermischt mit Kornähren, scheinen, als Zierrathen dieses Einganges die Kräfte der belebenden Sonne andeuten zu sollen. Wenn auch diesem schönen Eingang entsprechend das Innre des Tempels mit seinen sechs gerinneten, mit der Wand verbundnen Säulen an jeder Seite, und seinen prachtvollen Bögen noch jetzt als sehr bedeutungsvoll ins Auge fällt, so gehet doch diesem Innren jede Spur seiner vormaligen Hauptzierde ab; Baal ist gefallen; sein Altar zwischen den beiden prachtvollen Bögen an der dem Eingang entgegengesetzten Seite ist verschwunden. Doch findet sich auch von den beiden Reihen der Säulen, welche Theodosius setzen ließ, als er den Baalstempel in eine Christenkirche umwandelte, seit länger als einem Jahrhundert keine deutliche Spur mehr, während der wunderliche, Sarazenische Anbau, zu dessen obern Raum eine Treppe hinanführt, mit seinen grell gegen die Korinthische Bauart abstechenden Spitzbögen, beider dahingesunkner Herrlichkeiten zu spotten scheint. Der größere, der schon erwähnte Allgöttertempel von Baalbeck steht höher als der des Baal, auf einer gewölbten Grundlage. Zu seinem Haupteingang der in Osten war, giengen Stufen hinan; zur Rechten wie zur Linken des äußeren Portikus prachtvolle Pavillons; darauf ein achteckiger, jenseit desselben ein viereckter Hof (über 300 Fuß lang wie breit) dann abermals Stufen, die, unter dem doppelten Säulengang zum eigentlichen innren Portikus des Tempels führten, welchen mehrere Reihen von Säulen, deren Höhe zwischen 50 bis 60 Fuß maß, trugen, während ein Peristyl seine Außenseite verherrlichte, an dessen Nord- wie an der Südseite sechszehn, an der Westseite acht Säulen von derselben Höhe ihre Stellung angewiesen war. Die Länge des ganzen Tempels von Ost gegen West misset gegen 1000 Fuß. Aber dieses Werk von so großartigem Umriß und Bauplan scheint zu seiner Zeit ein ähnliches Schicksal gehabt zu haben als der Dom zu Köln und manches andre Meisterstück der Gothischen Baukunst; es ist angefangen und nicht vollendet worden. Um zuerst das zu erwähnen was der Verlauf der Zeit und was Barbarenhände an ihm zerstört und verändert haben, so ist die große Treppe die zum Eingang führte zerstört, vor diesem selber aber eine sehr contrastirende, moderne Mauer gezogen worden. Von den Pavillons, an den Seiten des Portikus sind die der rechten Seite noch in ziemlich gutem Stande und hier fallen dem Auge namentlich die vierseitigen Korinthischen nach oben sich verdünnenden Säulen auf, welche an die Aegyptische Bauart erinnern. Das Bildhauerwerk am großen Portal, das an jeder Seite einen kleinen Eingang hatte; das an der Verbindungsmauer zwischen beiden Pavillons, eben so wie der achtseitige Vorhof scheinen unvollendet geblieben zu seyn; desto prachtvoller ausgeführt sind dagegen die Zellen und Exedren an den Seiten des großen Vorhofes (für die Priester und Magier) so wie die zur Aufstellung von Götterstatuen bestimmten Nischen, die sich zwischen den Zellen und Exedren finden. An einem der unvergleichlich schönen Friese zeigt sich das bekannte Bildwerk so vieler Aegyptischer Tempel: die Weltkugel mit Schwingen zwischen Schlangen und nahe bei dieser Stelle zeigen sich Trümmer von Säulen aus schönem Aegyptischen Granit. Die Central-Colonnade, welche die Reisenden in den letzten Jahrzehenden des 17ten Jahrhunderts noch sahen ist verschwunden; nur ihre Plattform ist noch vorhanden; ein weitläufiges, halbrundes Bauwerk der Mohamedanischen Herrscher des Landes hat die Basen von 8 Säulen, welche die erste Reihe der Colonnade bildeten, in sich aufgenommen. Zu den Säulen an der Südseite des Peristyls des Tempels gehörten dann eben jene sechs noch stehenden, welche, wie schon erwähnt das Imposanteste und Herrlichste sind, was von dem alten Baalbeck noch übrig blieb, denn, um mit Lord Lindsays Worten[183] zu reden, man mag diese Säulen aus der Nähe oder aus der Ferne betrachten, immer erregen sie durch ihre Anmuth und Vollendung, an welcher auch der geübteste Kunstsinn nichts vermisset noch auszusetzen findet, ein gleiches Gefühl der liebenden Bewundrung. Noch zu Pocockes Zeiten stunden, statt der jetzigen sechs, neun solcher Säulen des Peristyls, seitdem ist selbst ein Theil der Plattform barbarisch hinweggebrochen worden, doch lassen sich in allem noch von siebenzehn Säulen des ganzen Peristyls die Spuren erkennen. Vielleicht daß niemals die ganze Zahl derselben, welche die Symmetrie des Gebäudes erfordert hätte, vollendet war, und daß, wie dieß Lord Lindsay vermuthet, jene riesenhaften, mehr denn 60 Fuß langen Steinblöcke, von denen wir schon oben sprachen, die eigentliche Bestimmung hatten zu den etwa noch fehlenden Säulen verarbeitet zu werden. Wie schon das Alterthum die beiden Werke des Homer, die Iliade und die Odyssee, jene mit der aufgehenden, diese mit der niedergehenden Sonne verglichen, so vergleicht der treffliche Lindsay Palmyra mit dem Aufgang, Baalbeck mit dem Untergange des herrlichen Gestirnes des Tages. Und in der That, in vielfacher Hinsicht erinnert dieses Heliopolis auch so wie es in seinem spätesten, Römischen Gewand uns vor Augen steht an eine Stunde des Dahinscheidens bei deren Betrachtung der Geist des Pilgrims lieber noch oder mit reicherem Genuße verweilt als bei dem Anblick des jugendlich aufstrebenden Lebens. Ist nicht jene Kraft der Menschenseele, welche hier in den Tagen ihrer noch minder schuldbefleckten Jugend »dem unbekannten Gotte« Tempel erbaute zuerst wie ein verirrtes Kind in dem Hauße des gütigen Pflegers, so unter der näheren Leitung Dessen gewesen, dem sie unwissend Dienst erzeigte, und regt sich nicht selbst noch in dem ehrfurchtsvollen Beachten eines unveränderlich feststehenden Gesetzes, in der Bewegung der Gestirne ein Anerkennen Dessen, der allein ewig derselbe ist? Aber das verirrte Kind, da es nun mündig geworden, fieng an den Weg der Rettung, der sich ihm darbot, für ein Verirren; sein Verlaufen aber aus dem Vaterhauße für den Richtweg zu seinem Glück zu halten; da verkehrte sich das kindlich bräutliche Sehnen nach jenem nicht Erscheinenden (Unscheinbaren) das der Sonne ihren Glanz und ihre lebenfördernde Kraft giebt in eine dämonische Brunst, zu Jenem, welches des Irrweges Anfang und Führer war. Siehe, auch hier in Baalbeck war ein wilder Dienst der Aphrodite; auch hier hat jener Baal-Moloch gewaltet, dem die Wollust (denn wer ist grausamer denn sie) die eignen Kinder geopfert. Zuletzt, in der Nähe des Todes, pflegt der Wahnsinn zu enden; die Erfahrung der Aerzte und Forscher der Seelenkunde bezeugt es, daß Menschenseelen, wenn sie vorhin Jahre lang in den krankhaften Banden eines Irrwahnes gewesen, einige Wochen oder Monate vor ihrem Sterben wieder zum Bewußtsein Dessen gelangten was sie wirklich waren und sind. Auch hier in Baalbeck gelangte zuletzt die alte Welt des Heidenthumes wieder zur Erinnerung an Das, was einst das Sehnen und der Leitstern ihrer Jugend gewesen; es sagte durch die Werke dieser Tempel zu Dem, nach welchem einst, in der schuldloseren Zeit seiner Jugend das Sehnen gegangen: »ja, Du bist schön.« Ich will meine eigne, kindische Achtung der Bauwerke von Baalbeck, als der letzten Thaten oder Worte eines Sterbenden nicht läugnen; ich hätte es nicht über mich vermögen können mit Hammer oder Meisel ein Stücklein des noch Bestehenden abzuschlagen. Von den am Boden (zwischen der Westseite des Sonnentempels und der Citadellenmauer) liegenden doppelt und zehnfach zertrümmerten Trümmern der Säulen nahm ich etwas und zergliederte es dem Auge: es ist, wie das ganze Baumaterial der Tempel zu Baalbeck jener dem körnigen Kalkstein (weissen Marmor) sehr ähnlich sehende, an manchen Orten an Versteinerungen sehr reiche (Jura?) Kalkstein, aus welchem der größeste Theil des Antilibanon wie des Libanon bestehet. Die Baumeister der Tempel entnahmen die meisten ihrer Materialien aus den nachbarlichen Steinbrüchen, von denen wir schon vorhin sprachen. Noch ein Ausblick zu den schneebedeckten Gipfeln des Libanon und seines gegenüberstehenden Nachbars, welche wie die beiden Genien, die zur Rechten und Linken neben dem Adler am halbgestürzten Portalstein des Sonnentempels schweben, von unvergänglicherem Wesen sind denn diese Herrlichkeiten der Menschenhand, die das große Thal zieren; dann verließen wir für heute die Burg der Tempel. Ein Loblied Dessen schwebte, bei dem Betrachten dieser wunderbaren Gebirgshalle der Erde auf unsern Lippen, Dessen Güte, auch wenn die Berge weichen, und die Hügel hinfallen, ewig und unverändert Dieselbe bleibt. Die Lerchen sangen mit uns, aufsteigend über die Getraidefelder, das Abendlied, da wir jetzt, nachdem wir noch von allen Seiten den künstlichen Hügel der Ruinen umgangen und seine drei riesenhaften (60füßigen) Werkstücke an der Südwestseite gemessen hatten, nach Hauße giengen zu unsrem reinlichen und bequemen Nachtlager, das uns heute durch die wahrhaft erquickliche Ruhe die es gewährte für die Entbehrungen zweier vorgehenden Nächte, und etliche meiner Reisegefährten auch für die der nächstkünftigen Nacht entschädigen mußte. Donnerstags am 4ten Mai, am lieblichen Fest der Himmelfahrt, stund unsrer kleinen Reisegesellschaft eine Zertheilung für etliche Tage bevor. Die Gegend der Cedern des Libanon sollte gesehen, zugleich auch der südliche Verlauf des großen Thales, wenigstens bis zu der altberühmten Stätte von Noahs Grabe und zu dem herrlich gelegnen Sachile besucht werden. Zu den Beschwerden des ersteren Weges in der jetzigen Jahreszeit, wo noch der Schnee die Höhen und Schluchten des Gebirges bedeckte, waren nicht Alle von uns geschickt und bereitwillig. Die Freundin Elisabeth litt schon seit etlichen Tagen an einem fieberhaften Uebelbefinden; Herr Franz hatte sich von den Folgen seines Sturzes vom Maulthiere noch nicht ganz erholt; mich bewegte das Verlangen so bald als möglich eine Schiffsgelegenheit zu finden, die uns von Beirut nach Athen führen könnte. Während der angeblich langen Dauer einer Reise nach den Cedern, womit unsre Mucker uns erschreckt hatten, mochte in Beirut manches bequeme Fahrzeug ankommen und wieder abgehen, welches, wenn man zur rechten Zeit die Gelegenheit erfaßte, uns zur baldigen Heimkehr -- denn nach dieser sehnte ich mich nun herzlich -- behülflich seyn konnte. Es wurde deshalb beschlossen daß die beiden muntren, auf dieser ganzen Reise so behülflich gewesnen Freunde: +Dr.+ Roth und +Dr.+ Erdl, in Begleitung des Dragomans Herrn Mühlenhoff, und des einen, landeskundigen Muckers die Reise nach den Cedern machen, wir Andern aber den nächsten, und freilich für diesmal bequemeren Weg über Sachile nach Beirut einschlagen sollten. Die Reise nach den Cedern, welche die erstere Abtheilung unsrer Gesellschaft machte, lasse ich hernach den +Dr.+ Johannes Roth aus eigner Erfahrung und darum mit eignen Worten erzählen; ich beschreibe indeß hier den alltäglicheren Verlauf des Weges den ich in Begleitung der beiden Mitpilgerinnen so wie des Herrn Franz und Herrn Bernatz von Baalbeck nach Beirut machte. Unsre Freunde hatten ihren Taglauf mit der Sonne zugleich angetreten, wir Andren verweilten etliche Stunden länger, um noch einmal die Ruinen und einige andre Gegenstände der nächsten Umgebung zu sehen. Während Bernatz bei der Tempelburg mit Zeichnen beschäftigt war stieg ich in südöstlicher Richtung am Abhange des Gebirges hinan, indem ich anfangs dem Laufe eines Bächleins (Dschusch) folgte. Es zeigten sich hier neben den seltneren, manche Gewächse welche mit vaterländischen Arten ganz nahe verwandt oder dieselben waren[184]. Auf einer Anhöhe, ganz nahe über der Stadt betrachtete ich die Ruinen einer Moschee und die neben ihr gelegnen Felsengräben, in denen so manches Geschlecht der Menschen seine Todten mag begraben haben. Zuerst vom Abhange des Berges, dann unten, vom Saume des Hügels auf dem die Tempelburg stehet, zuletzt oben auf dieser selber, unter den majestätisch schönen sechs Säulen stehend, faßte ich noch einmal das großartige Bild eines in Trümmern liegenden künstlichen Paradieses ins Auge. Ja, auch hier, bei der letzten, herrlichen Palingenesie des alten, Syrischen Sonnentempels durch die Hand der Römer regte sich zuletzt noch, in riesiger Kraft das Bestreben des Heidenthumes das verlorene Paradies, dessen Herrlichkeit doch zunächst eine geistige war und auch nur im Geiste wieder errungen werden kann, durch ein Geschäft der leiblichen Hand zurückzurufen. Mitten in ein hehres Eden, das hier die Natur im Thale des Libanon begründet, legte der Mensch die Grundsteine zu einem Eden seiner Kunst. Doch vergeblich. Wenn sich auch an diese dachlos nach dem blauen Himmel emporstarrenden Säulen Gedanken der Menschenhoffnungen und Menschenpläne, wie Fäden des Herbstgespinstes an die dürren Zweige eines Baumes anknüpften, und noch jetzt das Wohlgefallen an dem menschlich Schönen sie daran anspinnt, der Sturmwind des nächsten Tages zerriß sie dennoch und zerreißt sie noch immer. So tief auch das Heidenthum, als es jetzt den Gipfel seiner Macht erstiegen den Grund grub und so stark die Unterlage geschienen auf die es das Werk seiner Herrlichkeit stellte, das Erdbeben eines Gerichtes, welches über die Völker kam grub noch tiefer und war stärker als die Grundlage der Göttertempel und Herrscherpalläste. Noch tiefer aber und mächtiger als das Erdbeben eines göttlichen Zorngerichtes senkte sich ein Keim der Liebe und des Hoffens, der von oben kam, in den armen verödeten Boden der Völkergeschichte; neben all diesen, gar bald wieder in Trümmer gesunkenen Paradiesen der künstlichen Hand, legte der Geist des Menschen im Verborgenen den Grund zu einem Eden, dessen Blüthen niemals welken, dessen Tempel kein Erdbeben zerreißt; das Verlorene ward wieder gebracht, das Hoffen und Sehnen aller Zeiten und Völker ward erfüllt, denn der Christenglaube war von neuem eine Hütte Gottes bei den Menschen geworden. Es war gegen acht Uhr als wir uns in Frieden von unsrem Wirthe, dem Griechischen Bischof verabschiedeten und in dem weiten, herrlichen Thale hinabzogen. Wir hatten uns mehr gegen die Westseite desselben gewendet, und fanden da bald einen ebenen, im grünenden Grunde hinlaufenden Weg. Der Himmel war von besondrer Klarheit; zu unsrer Rechten glänzten die Schneemassen des Libanon, zur Linken zeigten sich an den Abhängen und in den Schluchten des Antilibanon, von dichtbelaubten Bäumen umgeben, die Dörfer und Ortschaften. Noch vor Mittag begegneten wir einem kleinen Heerlager der wandernden Beduinen, welche mit ihren zahlreichen Ziegen- und Schaafheerden so wie mit den Schaaren ihrer schönen, starken Kamele aus den Niederungen, wo sie den Winter zugebracht hatten, wieder hinanzogen nach den Alpenwiesen des Gebirges. Die eine Horde dieser Nomaden war so eben im Begriff mitten in dem grasreichen Thale ihre Zelte aufzuschlagen; ihre Heerden hatten schon von dem reichen Weideplatz Besitz genommen; andre Schaaren waren noch in Bewegung. Es gab uns dieser Anblick zu jenem Bild der Erinnerung das uns der 29ste October des vorhergehenden Jahres in die Seele geprägt hatte ein unterhaltendes Gegenstück; damals kamen die Züge der Hirtenstämme vom Gebirge zurück nach der Meeresküste, jetzt hatten sie umgekehrt ihre Richtung nach den Höhen genommen. Wenn ich hierbei an die muntre Fröhlichkeit unsrer vaterländischen Alpenhirten und Sennerinnen dachte, die beim Auszug auf die Alpen in mannichfachen Liedern laut wird, und den stummen, schweigenden Ernst dieser Asiatischen Hirten damit verglich, prieß ich mich glücklich einem Lande anzugehören welches in allen Dingen viel mehr und größere Ursache hat sich zu freuen als zu trauern. Denn Jene dort wohnen in Frieden und in der Fülle Dessen das Leib und Seele glücklich machet, über diesen hier schwebt ohne Aufhören wie ein drohendes Gewölk die Furcht. Denn wenn die Ermüdung vom Tagwerk voll Sehnen das Obdach des Zeltes oder der Hütte suchte und das Auge des Bewohners dieser schönen Einöden sich schloß, da erhebt, mitten in der Stille der Nacht ein Geschrei der Todesschrecken seine Stimme. Oder wenn der Hunger seine Hand ausstrecken will, nach dem im Schweiß des Angesichtes erarbeiteten Brode, da hat dieß ein Andrer schon hinweggenommen, welcher schneidet das er nicht gesäet, erntet das er nicht gepflanzet hat; ihre Jünglinge frisset das Schwert im fremden Lande; jene welche daheim blieben raffet die Pest dahin; Unfrieden verfolgt sie im Thale und ereilt sie im Gebirge. Darum sey mir gesegnet du theures, friedliches Vaterland. Nahe zur Rechten unsers Weges sahen wir die mit Wasser gefüllte Schlucht, aus welcher der Leontes seinen Ursprung nimmt; die Gewässer des thauenden Schnees ergossen sich jetzt reichlicher denn in der Zeit des Sommers vom Libanon herunter in das Thal; die Bächlein die sich da vereinen waren gefüllt, tiefer liegende Stellen des Wiesengrundes überschwemmt. Wie hehr ward jetzt, besonders nach Mittag, die Aussicht gegen Süden in das prachtvolle Thal und auf die Schneemassen des Dschebel Scheikh der sich uns hier von seiner andren, westlichen Seite zeigte, welche steiler und unwirthbarer aus der Ebene emporsteigt als die östliche, an der wir auf dem Weg nach Damaskus vorüberkamen. Auch der Dschebel Sanin, einer der höchsten Gipfel des Libanon trat uns jetzt so nahe zur Seite, daß seine mächtigen Schneemassen Gedanken und Bilder des Winters erweckten; während unten im Thale der warme Frühling seinen Blumenteppich zu unsern Füßen ausbreitete. Ein Mann in vornehmer Türkischer Kleidung, es war ein Pascha, ritt kurz vor Kerak mit seinem ansehnlichen Gefolge an uns vorüber. Unser Auge ergötzte sich an dem Anblick seiner schönen Rosse, aber dieses Ergötzen war von kurzer Dauer; denn diese glänzende, bunte Schaar der Reiter flog wie vom Winde bewegt an uns vorüber; jene waren schon in das Städtlein hinein, da es uns schien als stünden wir mit unsern Maulthieren noch an demselben Flecke des Feldes. Auch wir kamen indeß, freilich fast eine halbe Stunde später nach und genossen wenigstens mit den Augen das Fest, das für diesen vornehmen Gast bereitet war. Denn außen vor der Stadt, auf einem grünenden Rasenplatze waren Teppiche gedeckt; ganze Haufen der frischen Arabischen Kuchenbrode waren an den Plätzen wo die Gäste sich niederlassen sollten hingelegt und nach der Zahl dieser kleinen Kuchenthürme mußte eine sehr große Menge von Tischgenossen hier erwartet werden; es schien ein Fest, an welchem ein großer Theil der Bewohner von Kerak Theil haben sollte. Auch in den Gassen und Bazars der kleinen Stadt war Alles in lebhafter Bewegung; eine Mannichfaltigkeit der verkäuflichen Dinge (besonders viel buntes, irdenes Geschirr) war da zu sehen und zu haben; das Volk festlich geputzt. An Kerak knüpft die sagenreiche Geschichte dieses Landes einen jener goldnen Fäden, von deren Gewebe die ganze Umgegend des Libanon bis gen Damaskus umsponnen ist. Hier bei Kerak soll Noahs, des Altvaters Grab seyn. Das Gebäude, welches das angebliche, mehr denn zehn Fuß lange und etwa drei Fuß breite Grabmahl umfasset, liegt an der Südseite der Stadt, nahe bei einer Moschee und bei den Trümmern einer, ihrer Inschrift nach, Römischen Grabstätte. Seit Jahrhunderten ist es ein Ort der Verehrung nicht nur für die Bekenner des Islams, sondern auch für die Maroniten und Drusen; Timur-Chan, als er auf seinem Heereszug nach Damaskus in das Thal von Baalbeck kam, wallfahrtete ehrfurchtsvoll hieher nach Noahs Grabe. Uebrigens hat dieses Gebäude wegen seiner großen Länge und geringen Breite kein Ehrfurcht erregendes Aussehen: der vorüberreisende Europäer wird durch die Form desselben viel eher an einen Kegelschub seines Vaterlandes, denn an einen Ort der Todtenbestattung erinnert. Von Kerak aus wendet sich der Weg durch ein kleines, schönes Thal am Bache hinan, der mehrere Mühlen in Bewegung setzt, und das mit Wohnungen der Menschen so wie mit Weinbergen und Gärten bepflanzt ist[185], gegen Sachile. Diese kleine Stadt liegt auf dem Felsenhügel, zu welchem ein sehr steil angehender, schmutziger Hohlweg hinanführt. So beschwerlich und ungünstig sich aber auch dieser Eingang anließ, so erschien uns dennoch das Städtlein selber, da es endlich erstiegen war, desto gastlicher und freundlicher. Es war erst halb fünf Uhr des Nachmittags als wir unter das Obdach des Maronitenklosters einritten, in welchem unsre Mucker (sie selber als Maroniten) sehr wohl bekannt und an das wir überdieß von Damaskus aus empfohlen waren. Die guten Väter des Klosters (es wohnten nur ihrer vier in demselben) empfiengen uns mit großer Freundlichkeit und wiesen uns sogleich das große Ehrenzimmer des Gebäudes zur Wohnung und zum Nachtlager an. Während aber die Zubereitungen zu einem Abend- und Mittagessen getroffen wurden, nach welchem freilich unser seit heute früh unbeschäftigt gebliebener Magen einiges Verlangen trug, giengen wir noch hinaus in das freie Feld, welches festlich angethan war, wie eine Braut. Denn an den Rändern der Felder wie der Gärten und am Abhange des Hügels stunden die Rosenstöcke, die ich noch nie in größerer Menge beisammen gesehn, in voller Blüthe; der Weinstock hatte sich mit all seinen Blättern geschmückt und seine Blüthentrauben machten aus dem Verborgnen sich auf; im Gebüsch der blühenden Granaten ließ eine Nachtigall sich hören. So feierten wir da, lustwandelnd zwischen den Rosengärten, dann sitzend im Schatten eines Wallnußbaumes die letzten Nachmittagsstunden des schönen Himmelfahrtsfestes. Nahe vor uns lag in einer mächtigen Spalte des Gebirges, durch die sich ein Bach hindurch reißt, das ansehnlich große, Griechische Kloster des heiligen Elias; von seinem kleinen Thurme ertönte die Vesperglocke und bald stimmten in ihren Ton noch viele Glocken der christlichen Klöster und Kirchen, in der Stadt und in ihrer Umgegend ein. Wie süß und lieblich dieser Ton unsrem Ohre war, wie sehr er unser Herz bewegte und erhub, das könnte nur Der mit uns fühlen, welcher so lange als wir keine christlichen Glocken gehört. Es war uns als würde uns heute ein großes Fest unsres Lebens eingeläutet: das Fest des Wiedereingehens in das eigentliche Vaterland: in die Gemeinde der Christen, und wie uns vor fast acht Monaten das Abendgeläute in Semlin mit Wehmuth erfüllte, so ergoß das heutige, des lieben Himmelfahrtstages in unser Herz ein solches Gefühl des seligsten Friedens und der Freude als selbst ich, der ich schon so oft in meinem Leben fröhlich gewesen, kaum jemals in höherem Maaße empfunden. Es war uns nach so mancher, seit acht Monaten überstandnen, Tageslast und Gefahr wie Solchen, die aus großen Wassern und aus dem Brausen der Wogen hinaustraten ans sichre Land und mit besondrer Kraft wurden von uns die Worte unsrer heutigen Tageslosung erfahren: Die Er zu Lande gebracht hat nach ihrem Wunsche, die sollen dem Herrn danken und Ihn bei der Gemeine preisen (Psalm 107, V. 30-32). Auch bei unsrer Zurückkunft ins Kloster bemerkten wir recht daß wir hier unter theilnehmenden, durch gemeinsame Taufe, durch gemeinsamen Glauben mit uns verbundnen Seelen seyen. Es hatten sich im Hofe des Klosters eine Menge der Frauen und Kinder der hiesigen katholischen Maroniten versammlet, denen der Anblick fränkisch gekleideter Pilgerinnen noch etwas Neues war. Es war aber nicht bloß ein Ausdruck der gemeinen Neugierde, mit welchem sie sich zu meiner Hausfrau und zu der kranken Freundin hindrängten, sondern die Augen Mehrerer von ihnen waren voll Thränen der Liebe und der herzlichsten Theilnahme da sie die beiden Pilgerinnen anblickten; es war als wollten sie wenigstens, da sich die Sprachen der Zungen nicht verstunden, durch Mienen sagen: seyd uns gesegnet. An diesen unverschleierten Frauen fiel uns Allen nicht bloß der sonderbare hohe, einer abgestumpften Pyramide gleichende Kopfputz und die Wohlgestalt so wie die Anmuth der Gesichtszüge auf, sondern vor allem die blonde Farbe der Haut wie die blauen Augen, durch welche Einige von ihnen ganz an die Gestalt unsrer vaterländischen Frauen erinnerten. Auch die Kinder, welche die Mütter auf ihren Armen trugen oder an der Hand führten, zeigten sich voll Zutrauen gegen die fremd gekleideten Leute; sie reichten uns ohne Rückhalt die kleinen Hände und keines unter ihnen störte durch Geschrei oder ungeberdiges Benehmen die Stille dieser Abendstunden. Sachile ist, namentlich seit der Aegyptischen Herrschaft über die Landschaften des Libanon, ein vorherrschend von Christen bewohnter Ort, deren Zahl auf fünf bis sechstausend geschätzt wird. Die meisten von ihnen sind unirte Griechen; seit den letzten Jahren hat aber auch die Zahl der (katholischen) Maroniten, deren Familien mehr und mehr vom Gebirge sich hieher zogen, sehr zugenommen. Die Bewohner sind ein fleißiges Völklein, das von dem Fertigen künstlicher Gewebe und Färbereien, so wie vom Ertrag der Weinberge, der Feigen und Obstgärten sich nährt. Unten im Thale, an dem von St. Elias herkommenden Berdaunibache (oder Flüßlein) liegen mehrere Eisenhämmer. Unser Arabischer Knecht Mohamed war nicht ohne einige Furcht in diese ganz von Christen bewohnte Gegend eingetreten. Hatten wir doch selbst bei dem sonst so gebildeten Freunde Hassan, jenem Türkischen Kaufmann aus Smyrna, der uns von dort nach Alexandria begleitete, das seltsame Vorurtheil gefunden daß es lebensgefährlich für jeden Mohamedaner sey in Länder zu gehen wo lauter Christen wohnten, weil diese, sobald sie inne würden daß der Fremde ein Bekenner des Islam sey, ihn sogleich hinrichten ließen; um so weniger war denn unsrem armen Knecht eine solche Furcht zu verargen. Er bat uns dringend, es ja nicht merken zu lassen wes Glaubens er sey, an ihm solle das auch niemand bemerken. Und hierinnen hatte er recht; denn auf der ganzen Reise welche er mit uns machte hatten wir niemals Gelegenheit an ihm wahrzunehmen ob er ein Türk, ein Christ, Jud oder Heide sey. Das Abendessen war jetzt bereit, an dem wir Alle, außer der armen Freundin, welche krank auf ihrem Lager blieb, einen eifrigen Antheil nahmen. Die Maronitinnen der Nachbarschaft hatten ganze Krüge voll Wein und andre Lebensmittel herbeigebracht um den Vätern des Klosters die Bewirthung ihrer Gäste zu erleichtern. Wir saßen auf den Polstern des Bodens; genossen der guten auf Europäische Weise zugerichteten Suppe so wie der gesottenen und gebratenen Hühner, sammt der aus den Früchten des Landes bereiteten Süßigkeiten, vor allem aber des köstlichen, feurigen Weines, von welchem es mir schien als hätte ich niemals in meinem Leben einen besseren genossen. Der gute Klostergeistliche, der als Wirth mit uns Theil nahm am Mahle mußte etwas von der Sitte des Anstoßens der Trinkgläser, bei uns Europäern gehört haben, oder diese Sitte ist eine hier einheimische; er stieß fast jede Minute mit seinem zinnernen Becher an die unsrigen an und suchte uns nach seiner wohlmeinenden Weise zum Genießen der Gaben des Landes aufzufordern. Hätten wir nicht mit einiger Vorsicht den Becher gehandhabt, den er so gern uns von neuem füllte, dann hätte uns dieser Abend leicht ein Erinnrer werden können an einen Zug aus der Geschichte des Altvaters Noah, dessen Grab die Sage in die Nachbarschaft des gastfreien Sachile versetzt. Geschieht es ja ohnehin den menschlich höchsten und besten Gefühlen, dergleichen die unsrigen am heutigen Nachmittag zu seyn schienen, so gar leicht, daß ihre Flamme, wie jene der brennenden Wachskerze zwar zuerst ein Weichwerden und Schmelzen, dann aber ein widerliches Hinablaufen der Masse des Lichtes nach dem Leuchter erzeugt, wodurch dieser befleckt, das Licht aber selber verunstaltet wird. Doch bei aller Vorsicht im Genuße fühlten wir wenigstens daß dieser Wein vom Libanon einen ungewöhnlich festen Schlaf mache und diese Wirkung des köstlichen Getränkes hätte uns in der Nacht gar leicht gefährlich werden können. Denn durch eine kleine Unvorsichtigkeit war das Docht der Lampe, die in einer Vertiefung der Wand brannte, zu weit hervorgezogen worden; eine glimmende Schnuppe derselben war auf die wollene Decke gefallen unter welcher wir beide, die Hausfrau und ich schliefen; die Decke hatte sich entzündet, das Zimmer war mit dickem Rauch erfüllt, ich aber erwachte erst als die Gluth an meine Füße traf und mit Mühe wurde das Feuer durch das Wasser der großen Krüge gelöscht, die zu unsrem Glück im Zimmer stunden. Am Freitag, den fünften Mai, fand uns der anbrechende Morgen, den das lieblich tönende Geläute der christlichen Betglocken ankündete, schon auf der Terrasse des Haußes. Auch unsre Mucker waren ungewöhnlich zeitig zur Weiterreise bereit; die kranke Freundin fühlte sich durch die freilich fieberhaft unterbrochene Ruhe der Nacht erleichtert. Einer der Geistlichen, ich weiß nicht gewiß ob des unsrigen oder eines andren Maronitenklosters hatte mit uns denselben Weg zu machen; wir nahmen Abschied von unsern gastfreien Wirthen und von den schon so früh wieder im Hofe des Klosters versammelten Maronitinnen, die, wie es schien, noch einmal die fremden Pilgerinnen begrüßen wollten und traten dann um 6 Uhr des Morgens den Weg der Weiterreise an, der uns zuerst, in fast östlicher Richtung die Anhöhe hinanführte, dann aber bald hernach gegen Südwest und West sich wendete. Ich gieng mit dem Klostergeistlichen, der sich zu uns gesellt hatte, zu Fuße voran; der Tag war schon in den Morgenstunden sehr heiß. In ganz besondrer Klarheit zeigte sich uns, da wir über die quellenreichen Anhöhen hinanstiegen noch einmal, heute vielleicht für mein Auge zum letzten Male der im weißen Gewand seines Schnees erglänzende große Hermon (Dschebel Scheikh), von welchem der Jordan hinabquillt in das werthe Land. Palästinas Gebirge und Auen; die hinter dem Schleier der blauen Höhen verborgenen Höhen; sie riefen noch einmal dem Pilgrim ihren Abschiedsgruß und Segen auf seine Weiterreise zu. Jetzt aber, es war der Mittag schon vorüber, hatten wir, nach manchem gähen, gefahrdrohenden Absturz des Gebirges, über den der Weg auf rolligem Gesteine kaum für die Maulthiere gangbar war, den Dschebel Riehan, einen Hochrücken des Libanon erreicht, der uns in der That ein Neues vor Augen stellte, dergleichen wir niemals vorhin gesehen. Neben uns öffnete sich zur Rechten ein tief einschneidendes Kesselthal des Gebirges, dessen Abhänge mit Waldungen bedeckt sind. Der Baum, welcher diese Waldungen vorherrschend zu bilden scheint, ist eine Fichtenart, die bisher unter dem Namen der Halepinischen Fichte (+Pinus halepensis+) mitbegriffen war, neuerdings aber als +Pinus bruttia+ erkannt worden ist. Die Abhänge des Thales sind mit vielen Ortschaften bebaut, in denen Maronitische Christen wohnen. Hier und an mehreren andren Stellen unsers heutigen Weges begegneten uns viele Drusen. Dort lag das Mittelmeer vor uns, in solcher fernen Tiefe, daß das Auge seiner eignen Wahrnehmung ungewiß ward, denn das was Tiefe und Wasserspiegel ist, das erschien uns wie ein Wolkendamm, der über der Ebene emporsteigt. Ich selber, der ich das Meer noch niemals von einer solchen Höhe gesehen, zweifelte daran, ob das, was ich hier sahe, ein Gebilde der Luft oder ob Wasser sey. Allmälig aber überzeugte sich jedoch das Auge, daß diese blaue, scheinbar anwärts steigende Fläche, das liebe, uns schon als etwas Vaterländisches erscheinende Mittelmeer sey, und zuletzt konnten wir selbst im Hafen von Beirut, die Masten der Schiffe unterscheiden. Unser freundlicher Begleiter, der Maronitische Geistliche, wendete sich jetzt, da wir nach mancher Hinabsenkung und Wiedererhebung des Weges die letzte Anhöhe des heutigen Tagmarsches hinaufziehen wollten, zur Linken (gegen Südwest), wo er, in einem geistlichen Obdach der Maroniten sein Nachtlager fand, während wir andern die gewöhnliche Station des Weges, den Khan Hhussein aufsuchten, den wir schon vor fünf Uhr erreichten. Einem Nachtlager in den untern Räumen des Khans, und selbst auf dem grasigen Boden des Gartens, wo ein andrer Reisender sein Zelt aufgeschlagen hatte, wurde die Ruhestätte auf dem platten Dache eines der Nebengebäude vorgezogen. Wir ergiengen uns noch auf einer der benachbarten Anhöhen, von welcher aus wir das Meer und die Mastbäume der Schiffe im Hafen von und in der Bucht bei Beirut ungleich deutlicher als an dem früher erwähnten Punkte der Meeresaussicht sehen konnten. Vielleicht, so gab uns das seit gestern lebendiger erwachte Heimweh nach dem lieben Vaterlande die Gedanken ein, liegt unter diesen Schiffen, deren Mastbäume wir da sehen, schon jenes vor Anker, das uns weiter zur Heimath fördern soll. Da wo wir am Felsenrand des Hügels hineingiengen fand sich die Arabische Mandel (+Amygdalus arabica+) und die Horminum Salbei (+Salvia Horminum+); die Gebirgsart selber (der Libanonkalkstein), war an einigen Stellen voll von Versteinerungen, namentlich von Mytuliten. Gar lieblich ward uns auch der heutige Tag durch die christlichen Abendgebetglocken eines im benachbarten Thale liegenden Dörfleins zur Ruhe geläutet, und diese Ruhe, die uns der Ton verkündete, war dort auf dem platten Dache wo Keiner uns, so wie gestern zum Essen und Trinken nöthigte, gar erquicklich und süß. Auch heute, Sonnabends den 6ten Mai, weckten uns die Morgenglocken. Es ist als wollten sich hier, den Bekennern des Islams gegenüber welche jenen erwecklichen Klang aus ihren Gränzen verscheuchen die nachbarlichen Christen schadlos halten für die Entbehrung: man hört meines Bedünkens in wenigen Gegenden so oft den erfreulichen Ton der Glocken, als hier unter den Maroniten, bei denen jedes Kirchlein nicht nur eine, sondern viele Glocken und Glöcklein hat. Der Weg, den wir bald nach unserm Aufbruch aus dem Nachtlager, hinabwärts über den steilen Abhang des Gebirges antraten, war so überflüssig bestreut von rolligem Gesteine, und hin und wieder so uneben durch die auf ihm lagernden, mächtigeren Felsenstücke, daß das Fortkommen der Reiter viel bedenklicher war als das jederzeit sichre der Fußgänger. Dennoch hatte ich mich durch Trägheit verleiten lassen auf dem Maulthier sitzen zu bleiben, bis ein Sturz desselben, bei welchem auch ich zu Boden kam, mich vorsichtiger machte. In einem Khan, darinnen ein christlicher Wirth war, (man nannte uns das Oertlein Gheheli), genossen wir das Frühstück. Ein Derwisch, von ungesetzlichem Durst ergriffen, wollte durchaus, nicht nur an dem Frühstück des Brodes das ihm gern vergönnt wurde, sondern des ihm verbotenen Weines Theil nehmen. Es schien nicht als ob er sich den Verweis, den wir ihm über die Versündigung an einem ihm als heilig geltenden Gesetz gaben, sonderlich zu Herzen nähme. Endlich lag denn die Ebene am Meere und das stattliche Beirut, mit seinen hohen Minares vor uns. Der letzte Theil des Weges gesellt sich an kleinen Waldungen von +Pinus bruttia+ hinabsteigend unten in der Ebene zu dem Flüßlein, das mit Beirut gleichen Namen führt, dann zieht er sich neben reichen Maulbeerpflanzungen hin, über den tiefsandigen Boden gegen das Thor der Stadt. Aus einer der Maulbeerbaumpflanzungen trat uns ein Weib entgegen, welches uns einlud in den Hütten von Rohr das uns vielleicht neue Geschäft der Wartung der Seidenwürmer und die Behandlung ihrer Gespinste zu sehen. Für diesmal hatten wir nur wenig Zeit diesem Hauptgewerbe der Bewohner von Beirut unsre Aufmerksamkeit zu schenken; wir eilten dem, in solcher Mittagshitze wie die heutige war, doppelt ersehnten Obdach zu und kamen gegen 12 Uhr des Mittags in dem Italienischen Gasthause des Herrn Battista an, das uns schon von vielen Seiten als ein gut gelegener, wohleingerichteter Ausruheort empfohlen war. So hatte nun die eine Abtheilung unsrer kleinen Reisegesellschaft den Hafen, zwar nicht des Einlaufens aber doch des Auslaufens erreicht; am Meere, das ja die Küste auch der lieben Europäischen Heimath umfluthet. Ehe ich jedoch von dem Ruheorte, der uns noch einige Wochen lang an der Syrischen Küste Pflege gab, etwas Weitres sage, will ich zuerst die andre Abtheilung der Pilgercarawane auf ihrem Wege zu den Cedern des Libanon und von diesen hieher nach Beirut begleiten. Ich lasse hierbei, wie schon erwähnt, meinen lieben jungen Freund, den +Dr.+ Roth mit seinen anspruchslosen, treuen Worten erzählen. Reise zu den Cedern des Libanon, beschrieben von +Dr.+ Johannes Roth. Wir verließen Baalbeck früh Morgens den 4ten Mai 1837 in der Absicht, auf dem höchsten für Lastthiere noch gangbaren Saumpfad des Libanon den Cedernhain und die als paradiesische Gegenden längst bekannten westlichen Abhänge dieses majestätischen Gebirges zu besuchen. Nur in kleiner Anzahl: drei Reisende (m. v. S. 335) und ein Mucker, dem die Maulthiere gehörten, welche die Reisenden und ihr Gepäck trugen, hatten wir uns auf den Weg gemacht, wohl voraussehend, welche Schwierigkeiten dieser hohe Paß, eben so hoch wie die höchste Kunststraße von Europa, das Stilfser-Wormser Joch, uns bereiten würde. Nach einem zweistündigen scharfen Ritte in nord-westlicher Richtung, über die damals sehr sumpfige Ebene, erreichten wir den mit dichtem Wald bedeckten Fuß des Gebirges. Durch zwei ärmliche, fast ganz verlassene Dörfer hatte uns der Weg geführt; auf beiden Seiten lagen noch mehrere, die zum Theil in ihrer nächsten Umgebung wohl bebaute Getraidefelder sehen ließen. Rechts von der Straße, etwa ³⁄₄ Stunden nach Baalbeck und so ziemlich am Fuß des Gebirges zeigte sich eine einzeln stehende sehr große Säule, ähnlich jenen des Sonnentempels von Baalbeck; hie und da zerstreut noch altes zerrissenes Gemäuer. Kaum hatten wir den Wald betreten, da bekam unser Mucker einen Anfall seines kalten Fiebers, das wir früher schon bei seinem ganz unregelmäßigen Verlaufe vergebens zu heben versucht hatten. Er konnte sich auf seinem Esel nicht mehr halten, und da für ihn ein forçirter Marsch über die schneeigen Gipfel, wie wir ihn vorhatten, ganz unmöglich schien, empfahl er uns der Leitung Gottes und blieb liegen, nicht mehr antwortend auf unsere Fragen nach dem nächsten Wege. Da nun bewohnte Orte ganz in der Nähe lagen, auch der Weg hier unten noch ziemlich belebt war, nahmen wir keinen Anstand, ihn zu verlassen; wir bezeichneten ihm die Orte, die wir besuchen und den Tag an welchem wir in Beirut eintreffen wollten, nicht wähnend, daß er aus Sorge für seine Thiere so bald uns einholen würde. Wir waren nun freilich ganz ohne sichtbaren Führer; doch keineswegs muthlos. Herr Mühlenhoff, der früher sowohl Baalbeck als den westlichen Abhang des Libanon besucht hatte, war eines anderen Weges über das Gebirge gekommen; wir mußten fürchten, daß bei zunehmender Höhe die ohnehin sehr sparsamen Wohnungen der Menschen und noch mehr die wegeskundigen Wanderer abnehmen würden; unser Mucker hatte früher schon bedeutende Zweifel geäußert, ob der frisch gefallene Schnee überhaupt den Uebergang gestatten möchte; auf jeden Fall müßten, sagte er, große Umwege genommen werden, die auf 3¹⁄₂ Tagereisen wenigstens anzuschlagen seyen. Dieß hielten wir damals für Uebertreibung unseres bequemen, furchtsamen Führers und es zeigte sich im Verfolge, daß wir ihm nicht Unrecht gethan; jetzt aber konnten wir nicht ohne einiges Grauen diese Schneemassen auf den himmelanstrebenden Felsen betrachten. Dennoch versuchten wir es unter solchen eben nicht sehr lockenden Aussichten die Reise allein fortzusetzen. Wir kamen bald zu einem sehr fest aussehenden Gehöfte mit wenigen Bewohnern, denen wir unsern Kranken empfahlen. Die wildromantische Gegend wurde noch durch einen kleinen See (Birket el Jenum nach der Karte von Berghaus) in welchen sich Bäche von Schneewasser stürzten, sehr verschönert. Dichter Wald von Eichen, Pappeln, Weiden, Fichten (+Pinus Bruttia+), +Juniperus Oxycedrus+, und auf letzterem eine neue Art +Viscum+ mit 2″ dickem Stamme, Tamarisken, Gesträuche von +Crataegus+, +Cistus+ versperrten oft den sehr schmalen Pfad; außer wenigen Exemplaren von +Emberiza melanocephala+ sahen wir keinen Vogel; ein schwarzes Eichhörnchen war das einzige Säugethier, und dieses kam uns nicht zum Schusse. Unzählige, theils parallell laufende, theils in einem rechten Winkel abgehende Nebenwege zeigten an, daß hier der Reisende seinen Weg selbst suchen, und die einmal festgesetzte Richtung auch durch dichtes Gebüsch verfolgen müsse. Wir stiegen höher; streckenweise konnten wir schon jetzt nicht mehr reiten. Eine Caravane Maroniten, meistens Frauen, kam uns entgegen den Berg herab; sie hatten ihre Esel mit dürrem Holze geladen. Holz ist selbst an ihrem Wohnorte (ihr Beit lag zwei Tagereisen von hier im Belad Baalbeck) nicht rar und Jedermanns Eigenthum; sie scheinen, da sie keine Rückladung von Beirut, woher sie kamen, zu führen hatten, zu dieser werthlosen Ladung ihre Zuflucht genommen zu haben, um nur die Esel nicht leer gehen zu lassen, was, wie bekannt, von ihnen für schädlich gehalten wird. Oder mußte vielleicht Holz eine kostbarere Ladung vor den Augen der Wegelagerer bergen? Sonderbar war es immer, hier Holz aufzunehmen. Nach einem dreistündigen Ritte hatten wir endlich den bewaldeten Theil des Berges überschritten; allein der schlimmste Theil war noch übrig. Der Schnee, der vom letzten harten Winter und aus den jüngsten Gewittertagen hier noch aufgehäuft lag, erfüllte die Schluchten, in welchen allein das Hinanklimmen für die Maulthiere möglich war; mehrere Male brach die Schneedecke unter ihnen, die uns Fußgänger leichter trug; unsere vereinten Anstrengungen brachten sie immer wieder heraus. Wir kamen wieder auf einen vom Schnee freien Platz, und fanden hier zu unserer Verwunderung eine Schaafheerde gelagert; aus dem scheuen Hirtenknaben war nichts herauszubringen, als daß man von hier aus an die Cedern gelangen könne. Seine übrigen Worte waren selbst für Herrn Mühlenhoff unverständlich. Die Aussicht war nun ziemlich frei; links, in der Entfernung von etwa einer Stunde und in einer Höhe von 400 Fuß sahen wir das Joch, über welches, als das niederste der ganzen Gebirgsreihe, unser Weg zu führen schien. Freilich war es ganz außer unserer Richtung, viel zu sehr westlich; allein rechts führte kein Weg, und schon der Gedanke in dieser Richtung sich einen eigenen Weg zu suchen, konnte Schwindel erregen. Denn rechts lag uns der Hauptgipfel des ganzen Stockes, der Djebbel Makmel (Höhe 12,000 Fuß), der von dieser Seite unersteiglich ist; links waren auch bedeutende Höhen, doch keine, die sich mit der rechts gelegenen hätte messen können. Einzelne verkrüppelte, vom Winde zerbrochene Cedern, niedriges Gestrüppe noch ohne Blätter deutete uns an, in welcher Höhe wir uns schon jetzt befanden. Wir fühlten nur zu deutlich den Wechsel der Temperatur, die im Thale von Baalbeck so angenehm und glücklich gemischt, hier oben aber sehr rauh, und, wären wir geritten, zu rauh sich erzeigte. Uebrigens waren nur einzelne Windstöße, die in dieser Höhe nirgends gebrochen, aber allenthalben durch den thauenden Schnee abgekühlt werden, so empfindlich für uns und die Thiere, deren ungewohnte Anstrengung sich an ihrem unmäßigen Schweiße kund gab. Noch ein kurzes Aufsteigen, und wir befanden uns auf dem höchsten Punkte der Straße; der Barometer zeigte uns eine Höhe von 7154 Fuß über dem Meere. Herrlich war schon weiter unten die Aussicht gewesen, als wir bloß nach Südost in die lange Ebene von Cölesyrien durch den Antilibanon scheinbar bis auf ¹⁄₂ Stunde Breite beengt, schauen konnten; allein wer mag den Anblick beschreiben, der sich nun uns darbot, auf dem Rücken eines Berges, der nach Westen an seinem vom Meere bespülten Fuße den Sommer, in der Mitte den Frühling, oben den Winter trug; nach Osten aber schwarze Wälder, begrenzt durch den Schnee, und am Fuße wie Silberfäden die Wasser des Thales von Baalbeck. Uns und den Thieren hätte ein Ausruhen sehr wohlgethan; aber hier war unseres Bleibens nicht. Wir hatten nur dürre Brodkuchen und Kaffee bei uns; Brennholz war weit und breit nicht zu finden, ebensowenig Nahrung für die Maulthiere; eine Nacht da ohne Feuer zuzubringen, war nicht räthlich; es mußte um jeden Preis eine niedrigere, wirthlichere Gegend gewonnen werden. Allein erst hier vermißten wir mit Schmerzen die Führung eines mit der Oertlichkeit betrauten Mannes. Wir glaubten zwar sehr gut zu sehen, welche Richtung wir zu nehmen hätten; allein über jäh abfallende mit Gerölle bedeckte Wände, stellenweise zerrissen von Schluchten voll Schnee, durfte man nicht hoffen, die vor Ermattung zitternden Thiere lebend hinabzubringen. Für diese allein war uns bange; denn wir selbst, ziemlich geübt im Bergsteigen, hatten früher schon im Sinaitischen Gebirge eine ungleich furchtbarere, mit Lebensgefahr vielfach verknüpfte Descension glücklich ausgeführt. Wir versuchten nämlich damals in Begleitung unsers Freundes, des Mechanikus Franz, von der Spitze des Sinai an seinem schroffen südlichen Abhange herabzuklimmen, der fast nur dem Steinbocke zugänglich ist. Der Grund dieses Unternehmens war, einen vollkommenen Anblick jenes Berges zu genießen, dessen südlicher Abfall in die Hochebene herabsteigt, ohne durch Vorberge, wie auf den andern Seiten, beengt und bedeckt zu werden. Einige 100 Fuß tief gieng das Herabsteigen ziemlich gut; man glitt über jähe Wände hin, die unten einen Vorsprung hatten. Allein als wir dort angelangt waren, öffnete sich uns eine furchtbare Tiefe: es wurde beschlossen, den Rückweg hinauf anzutreten, doch dieser war nicht mehr möglich; der Versuch Stufen in den harten Syenit zu hauen, scheiterte bald, da die Hämmer eher nachgaben als das Gestein, und guter Rath war jetzt theuer. Endlich kamen wir überein das Gepäck (Flinten, Taschen, Hämmer, Botanisirbüchsen u. s. w.) hinabzuwerfen; jeder sollte sich einen eigenen Weg suchen, da zwei hintereinander sich nicht helfen, wohl aber verderben konnten. Die Hauptmanier des Herabklimmens war die, daß man mit den Händen an dem scharfen Kamme einer hohen Wand, sich soweit als möglich herablassend, endlich den Hängepunkt fahren ließ, und sehr schnell, oft übel zerrissen, an einem Vorsprunge ankam, um hier das Wagestück von neuem zu beginnen. Wir kamen glücklich hinab, der Schweizer zuerst. -- So gefährlich war es zwar hier nicht; aber die gemietheten Thiere wichen immer wieder von dem Abgrunde zurück. Doch gezwungen durch den Leitzaum fuhren sie mit schrecklichem Sperren der Hinterfüße eine Strecke weit hinab, und nahmen das Gerölle mit, das uns, die Vorangehenden sehr beschädigte. Wir versuchten in den Klüften über den Schnee zu schleichen, allein dieser war hier von der mächtigen Sonne zu sehr erweicht. Von Zeit zu Zeit sahe man daselbst an Stellen, wo der Wind den Schnee weggefegt hatte, ganz deutlich, daß allerdings hier ein zu anderer Jahreszeit betretener Saumpfad sey. Schon brach der Abend herein; die Sonne beleuchtete das Meer und die darauf gelagerten Wolken, welche wir für Inseln zu halten geneigt waren, wenn in dieser Richtung (Küste von Batrun) solche zu vermuthen gewesen wären; ein prächtiges Schauspiel, zu dessen Betrachtung jedoch unsere nicht geringe Verlegenheit uns wenig Muße ließ. Zugleich erkannte Herr Mühlenhoff die ganze Gegend wieder; dort rechts, schon weit jenseits des von uns überstiegenen Dschebbel Makmel liegt der Cedernhain; hier unten in der Tiefe zu unsern Füßen Betscherri, Kanobin und andere paradiesisch gelegene Ortschaften; das »heilige Thal« erschien uns hier als eine prächtige, lachende Ebene. In der That, schon dieser Anblick allein wäre hinreichend gewesen, uns für die bis jetzt erduldeten Beschwerden zu entschädigen. -- Durch unablässige Versuche, oft mit unerwartetem Gelingen belohnt, oft auch durch die bittere Nothwendigkeit, wieder umzukehren, vereitelt, hatten wir endlich ein kleines Plateau gewonnen, das günstig gelegen, uns schon die Nähe von Menschen verrieth; wir standen mitten auf einem jungen, grünen Kornfelde. Dichte Finsterniß fiel auf uns herab wie ein Regen; noch wenige Minuten und wir sahen nicht mehr vor unsere Füße. Aus der Tiefe hörte man die Abendglocken; ja selbst Menschenstimmen, Hundegebell und das Meckern der Ziegen glaubten wir zu vernehmen. Die Nähe der Menschen beunruhigte uns jetzt sehr; wir mußten vermuthen, daß sie uns entdecken und dann eine nicht geringe Buße, freilich nicht mit Unrecht, für ihr verwüstetes Kornfeld nehmen würden. Denn es war nun unmöglich geworden, weiter vorwärts zu gehen; ja nicht einmal aus dem Felde hinaus, das die ganze Platte einnahm; unsere armen Thiere fielen mit Gier über dieses kräftige, ihnen so nothwendige Futter her; wir selbst nicht minder der Ruhe und der Nahrung bedürftig, streckten uns nieder, nachdem die Maulthiere an große Steine angebunden waren, um wenigstens einen Theil des Feldes vor der Verwüstung zu retten. Keiner von uns mochte weder sich noch seinem Nächsten zumuthen, auch nur eine Stunde Wache zu halten; über dem Essen der dürren Brodkuchen schliefen wir ein, bei dem Murmeln eines zu unsern Häuptern herabrieselnden Schneewassers. Vergleichen wir unsern hier beschriebenen Weg mit der Karte von Berghaus, die uns leider damals nicht zu Gebote stand, und dem darauf verzeichneten Wege von Baalbeck nach den Cedern, so ergiebt sich, daß wir mit Vermeidung von Deir el Achmar und Umgehung des durch El Hermel bezeichneten Distriktes und von Ainette, gleich Anfangs zu weit westlich statt fast gerade nördlich uns gehalten; daß wir dann von dem Birket el Jemun (Liemun) auf einen selten besuchten Fußpfad gekommen, der um und zum Theil noch über den Dschebbel Makmel führt; ein großer Umweg, doch keineswegs unbelohnend. Mit dem Grauen des nächsten Morgens (5ten Mai) waren wir, ziemlich durchnäßt vom Thau, schon wieder reisefertig. Nichts hatte uns in der Nachtruhe gestört als das Schellen der am Zaumzeuge unserer Maulthiere angebrachten Glöckchen, welche uns so leicht verrathen konnten. Allein sey es, daß der Ton nicht so klar und deutlich von oben nach unten dringt, als umgekehrt, oder sey es, daß das sehr seitwärts rechts gelegene nächste Dorf Hosran, aus welchem wir die Stimmen vernahmen, nicht die Besitzer des von uns occupirten Feldes enthielt; genug, wir wurden nicht gestört. Wir stiegen nun gemach herab, hielten uns rechts in der Richtung des bemerkten Dorfes und der von uns am vorigen Tage verfehlten Cedern. Bald kamen wir in Baumgärten (Aprikosen, schon zeitigend, Pflaumen, Weinstöcke, Feigen, Maulbeeren) und endlich nach wenigen Viertelstunden in das Dorf Hosran. Ein anscheinend reicher Mann, der uns zuerst begegnete, lud uns ein, bei ihm abzutreten; allein wir verlangten nach den Cedern und nahmen sehr gerne und dankbar seine Begleitung an. Im ganzen Dorfe, etwa 20 Häußer aus Stein enthaltend, wurde uns große Aufmerksamkeit erwiesen, nicht sowohl als Fremden, die hieher nicht selten zu kommen scheinen, als wegen unseres neuen Geleitsmannes. Durch ein Wasser, das, weil es keine Brücke trug, unbeständig zu seyn schien, mußte gewatet werden; auf einer Anhöhe, die wir erstiegen, lag ein artiges, aus 40 Häußern bestehendes Dorf, Kaffra, das sich mit dichten Baumgärten ganz umgeben hatte. Berg auf und ab, doch mehr aufwärts, fast gerade nördlich, über reißende Bergströme und neben gähnenden Abgründen, gerade gegenüber von Betscherri und dessen Fußpfad zu den Cedern, führte uns der Weg. Wo dem Rollgesteine nur wenige Fuß festes Erdreich abgewonnen werden konnte, ward dieses sorgfältig benützt. Die übrige Vegetation war auffallend gering; besonders stärkeres, wild wachsendes Holz nicht zu sehen. Der Graswuchs gedieh hier vortrefflich; man sah den übrigens künstlich angelegten Wiesen es wohl an, daß nie die Sense über sie komme; die vom Vieh verschont gebliebenen Halme des vorigen Jahres (oft noch eine »rauschende Waldung«) dienen als Düngungsmittel. Ueber ausgedehnte, sanft aufsteigende Wiesengründe kamen wir endlich nach 1¹⁄₂ Stunden an den Eingang des Thales der Cedern. Dieß ist von drei Seiten so ziemlich geschlossen; nur in Südwest fehlt die Wand, welche den etwas engen, kaum ¹⁄₂ Stunde im Umkreise betragenden Raum, zu einem Kessel und bei dem Wasserreichthume der hohen Schneeberge wahrscheinlich zu einem See gestaltet hätte. Aus ihm stürzt sich ein starker Bach in die Kluft, welche Kaffra von Betscherri scheidet, und welche, breiter geworden und mehr Wasser führend, in nordwestlicher Richtung bis an das Meer in der Nähe von Tripolis zu verfolgen ist, und das »heilige Thal« bildet. Wir betraten den Cedernhain um 9 Uhr Vormittags. Lieblicher Sonnenschein ließ uns die unmittelbare Nähe der herablaufenden Schneefelder des östlichen »Grenzsteines« (dessen Spitze wenigstens 1000 Fuß höher gelegen ist, als dieses Thal) nicht empfinden. Starke Thautropfen glitzten noch auf der Rasendecke des Waldsaumes, der mit minderjährigen, der allgemeinen Form nach Wachholdergebüschen gleichenden Cedern besäet war. Eine heilige Stille, nicht einmal durch Vogelstimmen unterbrochen, nahm uns auf. Sehr nüchtern geworden an Leib und Geist durch die Entbehrungen und Mühsale des vorigen Tages, hatten wir gerade die rechte Stimmung, diese uralten, noch lebenden Zeugen einer großen Zeit zu uns reden zu lassen, von den Tagen, die sie gesehen. Bei einem der Gefährten trat noch ein anderes persönlicheres Moment hinzu, das geeignet war, ihn besonders feierlich zu stimmen; er feierte heute an dieser ~Stelle~ seinen 23sten Geburtstag. Der Knechte Salomons waren heute nur drei ausgeschickt Holz zu fällen zum Aufbau einer neuen Bundeslade in ihrem Innern. -- Queer von Nord nach Süd durchschneidet ein kleines, jetzt leeres Wasserbette den Hain; hier wurde von unserem gefälligen Begleiter ein Feuer zum Kochen des Kaffees angeschürt, zu dessen Unterhaltung wir dürre Cedernreisser zusammentrugen. Bald gesellte sich zu uns ein anderer freundlicher Maronite, der sich als Aufseher des Cedernhaines, von Ibrahim Pascha selbst dazu ausersehen, zu erkennen gab. Er sprach viel davon, daß es nicht erlaubt sei, hier frisches Holz zu hauen, ja daß die umwohnenden Maroniten nicht einmal das dürre Holz nehmen dürften; beklagte sehr den Muthwillen einiger Europäer, die jüngst ihr Lagerfeuer an dem Fuße eines der ältesten Bäume so angebracht hatten, daß die eine Hälfte desselben verkohlt, die andere in Folge davon abgestanden war. Aus unsern Wunsch jedoch kletterte er mit uns auf eine der jüngeren Cedern, hieb Aeste ab trotz des Verbotes, dessen Beobachtung ihm als dem Aufseher am ersten obgelegen hätte, und zeigte uns einen schicklichen Platz in einem alten Stamme, wo wir unsere Namen zu einer großen Anzahl von kaum leserlichen Namen einschneiden sollten; gewiß ein ziemlich vollständiges Verzeichnis derjenigen Europäer, welche vielleicht seit einem Jahrhundert diese Gegend besucht haben[186]. In der Mitte ist der Hain etwas lichter; hier stehen fünf, an Umfang (9 Fuß im Durchmesser) fast gleiche, für Salomons Zeitgenossen gehaltene Cedern; die eine, welche dadurch, daß sie gespalten ist, und ihre Spaltwände sehr weit klaffen, besonders dick erscheint, aber durch den Blitz ihre Krone verloren hat, ist die heiligste von ihnen; unter ihr steht ein Altar aus rohen, nur zusammengewälzten Steinen, an welchem jährlich einmal, an dem Feste der Verklärung Christi, und sonst wohl noch bei der Anwesenheit ausgezeichneter Fremder Messe gelesen wird. Dieser Baum ist zugleich derjenige, welcher von den meisten Reisenden immer eines kleinen Theiles seiner Rinde beraubt wird durch das grausame, oft bis ins Holz fortgesetzte Einschneiden der Buchstaben, die bei gutem Triebe des Baumes doch binnen wenigen Jahren unleserlich geworden sind. Selbst auf den über der Erde befindlichen Wurzeln lasen wir erst jüngst eingeschnittene Namen. Der übrigen, jüngeren Cedern, die meist etwas höher sind, als jene fünf alten, mögen wohl 300 seyn. Wir sammelten von ihnen Zapfen, die nicht am Zweige herabhängen, sondern von ihm aufrecht getragen werden, und Harz, wovon sie eine gute Quantität aus zahlreichen Rissen fließen lassen. In kurzer Zeit hatten wir durch das Abhauen einiger kleiner Aeste gegen zwanzig solcher vollkommen ausgebildeter, doch nicht ganz zeitiger Zapfen erhalten; auch Holz wurde mitgenommen. Der Boden des Haines war mit mancherlei Blumen geziert. Schade daß das wenige Trockenpapier welches wir noch übrig hatten, uns abhielt, mehr von ihnen einzulegen. Von ~neuen~ Pflanzen fanden sich hier folgende: +Corydalis Erdelii Zuccar.+ nebst der +angustifolia D. C.+, +Vinca libanotica Zuccar.+, +Moltkea libanotica Zuccar.+, +Puschkinea libanotica Zuccar.+, +Gagea libanotica Zuccar.+ und +minima+. Ferner ein +Thlaspi+, +Alyssum+, +Bupleurum+, +Geranium+, +Lamium+, +Salvia+ (+Horminum+), +Omphalodes+, +Cistus+ (drei +Spec.+) +Anthericum+ (+graecum+). Der Heimath gedachten wir bei dem Anblick vieler Gräser: +Aegilops ovata+, +Bromus tectorum+, +lanuginosus+ u. a. +Hordeum bulbosum+. Unerwartet gering war die zoologische Ausbeute; von Säugethieren, Vögeln, Amphibien ließ sich nichts sehen; nur wenige +Coleoptera+, die wir auch in andern Gegenden schon gesammelt, und +Diptera+ in großer Zahl. Wir hatten sechs Stunden (von 9-3 Uhr) hier zugebracht; es war Zeit, Nahrung zu suchen. Ein ziemlich abschüssiger Weg, der uns bald diesen Platz, Zeuge der ehemaligen Herrlichkeit des Gebirges aus dem Gesichte brachte, führt nach Betscherri, das an der vorhin erwähnten tiefen Schlucht des Nahr Kodischa, gegenüber von Kaffra sehr anmuthig gelegen ist. Wir wurden von dem Schech-Belet nicht wie Fremde, sondern wie lang erwartete Freunde aufgenommen. Was das Haus vermochte wurde aufgetragen. In der angenehmen Gesellschaft des Italieners +Dr.+ Gaëtano Gaëtani, der sich in diesem Distrikte als praktischer Arzt niedergelassen, und der reicheren Einwohner dieses und der nächsten Dörfer brachten wir vergnügte Stunden zu; doch noch eine Unruhe nach Beseitigung so vieler Gefahren war uns zurückgeblieben: die um das Schicksal unseres krank zurückgelassenen Muckers. Auch diese wurde gehoben durch die Ankunft desselben, der nicht wenig verwundert war, daß wir allein so weit gekommen. -- Herr +Dr.+ Gaëtani führte uns zu einigen seiner Patienten, die Verlangen nach unserem Besuche getragen hatten. Abends kam noch eine große Anzahl Kranker in unsere Wohnung, die uns genug zu thun gaben. Glücklicherweise hatten wir von einigen wichtigen Arzneimitteln noch so viel übrig, daß wir unserm Freunde davon mittheilen konnten; er befand sich nehmlich in nicht geringer Verlegenheit, da seine Arzneimittel ausgegangen, und neue, erwartete Lieferungen aus Beirut (dem nächsten Platze, wo sich eine Apotheke befindet und dennoch 1¹⁄₂ Tagereisen entfernt) ausgeblieben waren. Uebrigens ist hier der Gesundheitszustand vortrefflich; von Pest und Cholera weiß man nichts; Lungenleiden, bedingt durch die scharfe, reine Luft, sind die einzige Landplage. Hier konnten wir wieder einmal ruhig schlafen; prächtige Teppiche und Divanpolster wurden uns ausgebreitet in dem allgemeinen Familienzimmer, das früher wie das ganze Haus ein etwas ärmliches Aussehen hatte, während die Bewohner reich gekleidet einhergiengen. Mit Vergnügen bemerkten wir, daß diese guten Leute, wie überhaupt alle Maroniten des Gebirges, sich der Reinlichkeit viel mehr befleißigen, als ihre moslemitischen Nachbarn. Auch die Polizei ist gut bestellt; der angesehenste, oft auch nur der älteste Einwohner eines Dorfes ist Richter oder Schech: mehrere dieser Schech Belet stehen unter dem Schech eines größeren Ortes (ein solcher ist Schech Petrus in Eden, von dem weiter unten die Rede seyn wird) der nur den Fürst des Libanon, Emir Beschir, als höhere Auctorität über sich erkennt. Zwischen den größeren Orten giebt es oft breite Straßen, freilich nur für Saumthiere, und hölzerne Brücken über die bedeutenderen beständigen Bäche. Schlanke Glockenthürme (ein wichtiges Vorrecht dieser ganz christlichen Bevölkerung ist dieß, daß sie Glocken besitzen und beim Gottesdienste gebrauchen dürfen) ragen auf vielen, unzugänglich scheinenden Bergen der Nachbarschaft in die Höhe; zahlreiche Klöster der Maroniten, Lateiner, Griechen, Armenier, oft nur wenig bevölkert (in Betscherri ist ein Carmeliterkloster mit nur ~einem~ Pater) versehen neben den weniger reich ausgestatteten Kirchen der Weltgeistlichen (Abunis) den Gottesdienst. Kein Moslem darf sich unter den Maroniten des Berges niederlassen, oder Grundeigenthum erwerben; keiner darf an einer Kirche, in welcher gerade Messe gelesen wird, vorüberreiten; er muß absteigen. Das hässliche Wort »Giaur« (Ketzer) gebrauchen hier die Christen verschiedener Confession gegeneinander. Den 6ten Mai Morgens fanden wir wieder Viele von der gestrigen Tischgesellschaft um uns versammelt. Für die äußerst gastfreie Bewirthung nahm man natürlich keinerlei Geschenk an, selbst die Diener widerstanden lange. Mit mündlichen Aufträgen des Schech an seinen Vorgesetzten den Schech Petrus von Eden versehen, verließen wir diesen uns sehr lieb gewordenen Ort. Der Herr Doctor begleitete uns eine weite Strecke zu Fuße. Wir schlugen die Straße nach Eden ein, die von Betscherri aus wieder in die Höhe führt; denn es liegt jener Ort 132 Fuß höher als dieser[187]. Längs der einen Seite der Straße, links, welche von einem tiefen Abgrunde, dem Flußbette des Kodischa, begleitet wird, lief eine 3′ hohe Mauer aus aufgeschichteten Basaltbrocken (oft schöne, wohl erhaltene Säulen); auf der andern Seite setzten uns unfruchtbare, steile Felsen, die augenscheinlich hie und da künstlich gesprengt waren, durch die Menge der in ihnen enthaltenen Petrefakten (besonders aus der Ordnung der Gasteropoden) in Erstaunen. Nach 1¹⁄₂ Stunden erblickten wir Eden, welches wohl, wie auch sein Name besagt, einen Vergleich mit den gepriesensten Gegenden der Erde aushalten mag. Auf einem Kegel erbaut, der nach Süden und Westen außerordentlich steil abfällt, vereinigt es alle jene Annehmlichkeiten in sich, durch welche einzelne unserer Alpendörfer für wenige Monate im Jahre sich auszeichnen. Nur in sehr strengen Wintern liegt hier der Schnee zwei Monate; zehn Monate ist der Himmel beständig heiter; von der Hitze der nicht fernen Meeresküste ist nichts zu spüren; laue Seewinde mäßigen die frische Luft, welche die benachbarten Schneeberge aushauchen. Die Vegetation ist sehr üppig; gegen Norden, wo der Abfall sanfter ist, kann man kaum ein unbenütztes Plätzchen sehen; selbst der nicht unbelebte Weg nach Sibbaihl (von uns nur »Siwah« gehört) war mit einem Teppich wohlbekannter Gräser bedeckt. Wallnußbäume von solcher Stärke und Höhe hatten wir noch nicht gesehen; auch die Weinberge zeigten Stöcke von seltener Ausdehnung. Ueber alle Beschreibung herrlich ist die Aussicht gegen Westen in das Meer, gegen Südwest in die wilden, mit prächtigen Klöstern (Kanobin, das in der Nähe einen sehenswerthen Wasserfall hat) gekrönten Schluchten. Fröhlichkeit herrscht im Dorfe; kein Bettler, kein Müssiggänger, keine Gassenjungen belästigen mit Zudringlichkeit den Fremden. -- Wir hielten unter einem Wallnußbaume vor dem Dorfe an, und ließen uns Brod und Wein herausbringen, weil wir einem langen Aufenthalte bei dem gastfreien Petrus ausweichen wollten. Allein da wir von mehreren Seiten sehr dringend an ihn gewiesen waren, auch früher von ihm viel gehört hatten, entschlossen wir uns endlich seine Bekanntschaft zu suchen. Und wir hatten keineswegs die Verzögerung zu bereuen. Er empfieng uns in einem großen Zimmer, umgeben von seinen Söhnen und Schwiegersöhnen, alle auf Sesseln sitzend. Wir wurden auf ein hohes Kanapee nach Europäischer Form gesetzt. Nach der stillen Begrüßung und der stillschweigend eingenommenen Begrüßungscollation (wie gewöhnlich aus Süßigkeiten, frischem Wasser mit Racki, und Tabak bestehend) fieng er endlich an, uns zu befragen nach unsern Geschäften, nach unsern Plänen; gab uns Rathschläge, indem er allerlei Excursionen vorschlug, die er selbst begleiten wolle; versprach uns weiße Bären (+Ursus syriacus Ehrenb.+) die nicht selten seyen, aber wegen der allgemeinen Entwaffnung und des mit Lebensstrafe belegten Verbotes der Führung von Feuergewehr von Seite eines Rajah nur von uns selbst erlegt werden könnten; bezeichnete uns einen nach Norden gelegenen, etwa drei Stunden entfernten Berg, der ganz aus Ichthyolithen bestehe; zum Beweise davon brachte er eine große, schöne Schaale von Kalkschiefer mit mehreren Fischabdrücken herbei, die er uns schenken wollte zu denen, die wir selbst noch an Ort und Stelle finden würden. Allein da wir uns nicht aufhalten konnten, weil wir an einem bestimmten Tage, am 8ten Mai in Beirut einzutreffen versprochen hatten, mußten wir diese freundlichen Anerbietungen alle ablehnen. Indessen war unvermerkt eine gedeckte Tafel hereingetragen worden; alle Entschuldigungen, daß wir schon gegessen, daß wir heute erst kaum zwei Stunden Weges gemacht u. s. w. halfen nichts; wir mußten uns setzen. Speisen wurden aufgetragen, die wir seit unserem Abschiede aus Europa nur selten an der Tafel reicher Franken gesehen: dabei war die Bereitung so vortrefflich, wie wenn diese Kost ihre gewöhnliche wäre. Es fiel uns auf daß Niemand mit uns aß; ein Theil der Gesellschaft verließ sogar das Zimmer, und nur der alte Hausherr und sein jüngerer Sohn, Jussuf, der bei einem Italienischen Missionare Italienisch und Französisch gelernt hatte, und sich mit ziemlicher Leichtigkeit in beiden Sprachen ausdrückte, blieben bei uns zurück, immer zusprechend mit einer den Orientalen sonst nicht eigenthümlichen, in Deutschland beliebten Art von Nöthigung. Das Tafelgedecke, ja die Tafel selbst war Europäisch; Porzellanteller, Servietten, silbernes Besteck, geschliffene Gläser, alles wie in einem größeren Fränkischen Gasthofe der Levante. Er selbst gab uns bald Aufklärung über diese Nachahmung Europäischer Sitte. Durch sein Haus gienge der Zug der Fremden auf den Libanon; er nehme alle gerne auf, und glaube durch diese Ueberraschung ihnen den Besuch angenehm zu machen; hauptsächlich habe ihn aber dazu Sr. königl. Hoheit der Prinz Joinville von Frankreich veranlaßt, der im vorigen Jahre auf seiner Reise in Syrien sein Haus mit einem zweitägigen Besuche beehrt, und einem Familienfeste, der Verlobung der ältesten Tochter des Haußes mit dem Schech eines benachbarten Dorfes, als Zeuge des Bräutigams beigewohnt hatte. Bei Gelegenheit dieser Feier erhielt das Haus Europäische Einrichtung; das Zimmer, in welchem der Königssohn gewohnt, wird noch in demselben Zustande, in welchem er es verlassen, bewahrt und nicht betreten. Kostbare Geschenke Sr. königl. Hoheit, bestehend in Waffen aller Art, waren neulich den männlichen nächsten Verwandten des Schech zugekommen; ein besonderer Firman von Ibrahim Pascha erlaubte die Annahme und das Tragen des sonst hochverpönten Schmuckes; wir arme, in den Augen unseres Wirthes aber sehr vornehme Wanderer sollten nach unserer Rückkehr persönlich dem »Sultan« den Dank der Familie ausdrücken, und ein Gegengeschenk anbieten, das dem Vater theurer war, als sein »Augapfel,« seinen obenerwähnten, 16 Jahre alten Sohn, Jussuf, an welchem der Prinz Gefallen gefunden. Damals hatte sich der Vater nicht entschließen können, sein Kind mit dem hohen Gönner ziehen zu lassen, der sich erboten, für eine standesgemäße Erziehung zu sorgen, wir konnten die Gründe nur ehren, welche den Greis bestimmt hatten, das lockende Anerbieten des ritterlichen, Königlichen Jünglings dankbar abzulehnen. Nun aber, nachdem er von uns eine kurze Schilderung der Bodenkultur in Europa gehört, und der Schulen, in welchen alle Künste gelehrt und geübt würden, die auch dieser Gegend vielfachen Nutzen bringen könnten, entschloß er sich, durch uns seinen Sohn der Gnade seines Königlichen Gönners zu empfehlen. Unsere Vorstellung, daß wir wohl schwerlich so bald »das Angesicht des Sultans« sehen würden, daß er selbst eine viel nähere Mittelsperson in dem Französischen Consul in Beirut haben könnte u. s. w. wurde nicht beachtet; um ihn nicht zu betrüben, übernahmen wir den Auftrag mit der +reservatio mentalis+, ihn unausgeführt zu lassen, wenn nicht die unwahrscheinlichste der Begegnungen uns in die Nähe des Prinzen führen sollte. Das Gespräch verbreitete sich bald über den politischen Zustand Europas, uns gleich unbekannt, wie ihm; die Hauptbegebenheiten der letzten Jahrzehente interessirten ihn sehr. Immer zutraulicher geworden stellte er wiederholt an uns die Bitte, länger bei ihm zu verweilen, und suchte uns, die wir seinem trefflichen Weine alle Ehre angedeihen ließen, dadurch zurückzuhalten, daß er uns einen Wein von 1755 aus seinem Keller versprach. Beim Abschiede verkündigte uns unser gütiger Gastwirth, daß eben ein Bote nach Sibbaihl (3 Stunden von hier) abgegangen sey, um uns dort bei dem Schech Tobia (Dhobbye), seinem Vetter, anzukündigen und Herberge zu machen. Ein Kavaß sollte mit uns gehen; wozu? unter diesem friedlichen Volke; nur um unserm etwas armseligen Aufzuge mehr Ansehen zu geben. Wir hatten uns so lange in Eden verweilt, daß allerdings Sibbaihl für unser Nachtlager nicht mehr zu nahe war. Wir stiegen anfangs tief hinab immer zwischen Gärten; allein bald mußten wir desto höher wieder hinauf (zum Dschebbel Arneto?). Auf dem höchsten Punkte dieses Berges hörte die Cultur auf, doch keineswegs die Vegetation, welche sich hier um so besser in ihrer Eigenthümlichkeit zeigen konnte. Jenseits des Berges gieng es in ein tiefes Thal; eine ganz unbewohnte, verlassene Wildniß, durch welche unser Weg führte. Bis dicht vor Sibbaihl erstreckt sich ein junger, ziemlich dünner Wald von +Pinus Bruttia+ vermischt mit mehreren Laubhölzern (+Quercus+, +Pistacia+). Zahlreiche Quellen, deren Lauf üppiges Oleandergebüsch bezeichnet, bewässern hinlänglich den fetten Boden, von dem man nicht einsieht, warum er brach liegt. Unter andern Pflanzen sahen wir hier eine prachtvolle, wahrscheinlich neue +Phlomis+. Schöne Ichthyolithen und andere Petrefakten bedeckten den holperigen Weg. Wir waren bei dem Schech Tobia angekündigt; deßwegen ritten wir sogleich nach seiner Wohnung, welche abgesondert vom Dorfe auf einem Hügel liegt, mit prächtiger Aussicht. Der Hausherr war auf einige Tage weggereist; seine beiden Brüder aber, wovon der eine ein Abbuni, nahmen uns in seinem Namen mit der größten Gastfreiheit auf. Wir speißten mit der Familie; das Gespräch wäre gewiß eben so unterhaltend und lehrreich geworden als in Eden und Betscherri, wenn sich hier nur wie dort ein Mann gefunden hätte, der neben seiner Muttersprache noch etwas Französisch oder Italiänisch gesprochen hätte; allein da dieß nicht der Fall war, mußte die ganze Conversation durch Herrn Mühlenhoff als Dragoman geleitet werden. Einer unsrer Wirthe hatte die Güte uns mit der hiesigen sehr einfachen Weise bekannt zu machen, den köstlichen Wein dieser Gegend (in der Levante unter dem Namen +Vino d'oro+ bekannt) zu bereiten; eine Methode, die freilich bei unsrem Gewächse keine Anwendung finden kann. Nirgends blieb unser ärztlicher Stand unbekannt; auch hier verstrich der Abend unter Konsultationen wegen wirklicher und wegen eingebildeter Uebel. Es scheint aber diese Gegend schon nicht mehr so gesund zu seyn, wie das luftige Eden; wir sahen Schwindsüchtige, Gichtbrüchige, mit Flechten und Geschwüren Behaftete. Sibbaihl liegt 2344 Fuß über dem Meere. Wohlstand scheint hier nicht so allgemein verbreitet, obgleich die Lage weit günstiger ist für den Landbau und für den Verkauf der Feldfrüchte wegen der Nähe des Seehafens. Ein sehr allgemeines, beliebtes Heilmittel für alle möglichen Krankheiten sind hier Seebäder; Tripolis soll schöne stark besuchte Anstalten dazu darbieten, die unter der Aufsicht eines Militärarztes stehen. Dieser Tag war für uns ein Ruhetag gewesen; im Ganzen nur 5 Stunden Weges zu machen, und so wenig in unserem Geschäfte zu arbeiten, war uns ungewohnt geworden. Dazu kam noch die beispiellose Gastfreundschaft (mit belästigender Aufmerksamkeit) welche uns jeder Sorge für Nahrung und Herberge überhob, und welche ganz geeignet war, uns auf einige Zeit vergessen zu lassen, daß wir hier nur Fremdlinge seyen. Hätten vollends noch die übrigen lieben Reisegefährten, die unsrer schon in Beirut harrten, diesen Feiertag mit uns zubringen können, wie vollkommen wäre dann unsre und der Gastwirthe Freude gewesen! Wir mußten viel von ihnen erzählen; besonders die Frauen bedauerten sehr, daß ihnen die so seltene Ehre der Bewirthung von Fränkischen Damen, die dießmal so leicht hätte zu Theil werden können, entgangen sey. Den 7ten Mai Morgens verließen wir erst ziemlich spät Sibbaihl. Ungeachtet unsrer Bitte hatte man es unterlassen, uns zur Frühmesse aufzuwecken: wir mußten warten, bis unsre Wirthe aus der nahen Kirche zurückkamen. Man sah dem guten Abbuni, Bruder des abwesenden Hausherrn, wohl an, daß ihm die Fortsetzung unsrer Reise (als eine Arbeit) am Sonntage nicht gefalle. -- Von Sibbaihl abwärts gegen die Küste von Tripolis wurde die Gegend sehr öde; nur wenige Dörfer, wie ausgestorben, weil die Bewohner in den Kirchen versammelt waren; sehr ausgedehnte Pflanzungen von Maulbeerbäumen, die, abgeblättert, einen unerquicklichen Anblick gewährten, eben so, wie in Welsch-Tyrol und der Lombardei im Spätsommer die Eschen und Ornen an den Landstraßen; doch gaben sie uns einen Begriff von der Ausdehnung, in welcher hier die noch nicht lange eingeführte Seidenzucht betrieben wird. Wir mußten, um über einen angeschwollenen Fluß (Abu Ali) zu kommen, über welchen nur ~eine~ Brücke zwei Stunden vor Tripolis führt, uns dieser Stadt so sehr nähern, welche zu besuchen keine Zeit mehr war; ein Umweg von wenigstens vier Stunden. Da wir noch ziemlich hoch standen, konnten wir sehr gut die in der nördlichen Bai gelagerten Inselgruppen sehen; auch viele große und kleine Segel am Horizonte. Nachdem der Fluß überschritten war (bei einer wohl eingerichteten Getraidemühle), drehte sich plötzlich der Weg; wir zogen nun nach Süden, dem verabredeten Sammelplatze näher. -- Durch mehrere Dörfer, worunter eines, Fer Hasir gegenüber von Amyun, besonders schön gelegen ist, welche uns aber nicht einmal einige Gläser Wein verkaufen konnten, führte der einförmige ganz schattenlose Weg; endlich kamen wir hinter ein weit in das Meer hinausragendes Vorgebirge (Ras el Schakka) auf seiner Spitze mit einem Kloster (Deir Nurye Seida?) geziert. Wahrhaft prachtvoll ist das Thal, welches hinter diesem Vorgebirge südlich gegen das Meer zieht, und in welchem auf einem ungeheuern, von der linken Wand herabgestürzten, in der Mitte des Thales liegenden Felsblocke ein uraltes, jetzt verfallenes Schloß (Kalaat Meszabeha) erbauet ist. Hier fanden wir eine ganz neue Spezies von +Aristolochia+. Der Tag neigte sich, als wir Batrun, eine ziemlich beträchtliche Stadt, mit ganz gemischter Bevölkerung, erreichten; nirgends hatten wir uns während dieser Tagreise aufgehalten, weil die gewöhnlichsten Lebensmittel, nach denen der Mucker vielmal ausgeschickt worden, nicht zu bekommen waren; daher ließen wir uns hier auf offenem Markte speisen, und ritten dann noch zur Stadt hinaus an ein am Meeresufer gelegenes Kaffeehaus. Zwischen den Klippen des Strandes bereitete uns der Wirth ein Lager aus Teppichen; und nachdem wir uns durch Kaffee und ein Seebad erfrischt, legten wir uns nieder. Den 8ten Mai. Der lang nicht mehr gehörte, wohlbekannte Edsan weckte uns auf zu der heutigen, längsten Tagereise. Trotz der Protestation des Muckers ritten wir in einem Tage von hier nach Beirut; eine Strecke, die fast einen halben Breitengrad einnimmt. Der Weg läuft immer längs der Küste, und ist keineswegs reich an schönen Ansichten; nur hin und wieder auf dem begleitenden Höhenzuge castellartige Klöster. Eine bedeutende, ehemals befestigte Stadt (uns nur Beit genannt) wahrscheinlich Djaebbehl, bietet noch etwas Abwechslung. In einem Kaffeehauße (Berdj um Heisch) mußte ein Maulthier beschlagen werden; daher ließen wir uns von dem Kaweh, der früher bei dem englischen Consul in Beirut als Koch gedient, eine vortreffliche Eierspeise bereiten. Große Züge Griechischer Pilgrime, die von Jerusalem kamen, und uns erzählten, dort sey die Pest ausgebrochen, hielten uns mannigmal an den vielen Brücken auf, die hier zu passiren sind. Auch jener Französische Missionar, der uns auf dem Ausfluge an den Jordan und das todte Meer begleitet hatte, und der in Eden wohnt, begegnete uns hier. Endlich um neun Uhr Abends kamen wir wohlbehalten in dem Gasthofe des Herrn Battista in Beirut an. Beirut. Es war ein sehr gemischtes Gefühl mit welchem wir uns auf einmal wieder in einem, ganz auf gewöhnliche, Europäische Weise eingerichtetem Gasthofe aufgenommen sahen. Seit nahe drei Monaten hatten wir jede Nacht entweder auf freiem Felde oder in Klöstern zugebracht, in denen nicht der Eigenwille und die Gewohnheiten des Fremden, sondern wie eine gute Mutter die Ordnung und Observanz des Haußes herrscht; weder die Wüste noch die Klöster hatten uns durch einen allzugroßen Ueberfluß in Versuchung zur Unmäßigkeit geführt; eine ernste Stille und Abgeschiedenheit von dem Getümmel der Städte war, mit wenigen Ausnahmen unsre beständige Begleiterin gewesen. Hier nun, im Gasthofe der Herrn Battista, fanden wir alle Räume von Fremden angefüllt; kaum daß wir für uns und die kranke Freundin noch ein Zimmer bekamen das durch einen bretternen Verschlag nicht seiner Länge oder Breite, sondern seiner Höhe nach abgetheilt war, etwa so wie der Stall eines Rosses oder Nützlichen Stieres, wo sich oben ein Verschlag zur Aufbewahrung des Heues findet. Denn in der That jene Stiege, durch welche man aus der untern Etage des Zimmers in die obere gelangte, war, wenn auch nicht ihrer Gestalt, doch ihrer Unbequemlichkeit nach von einer Stallleiter nicht sehr weit verschieden. Doch war unmittelbar neben unsrer Zwillingsstube ein andres, recht anständig mit Sofa und Polsterstühlen versehenes Zimmer, zur Aufnahme der Besuchenden, und weil dieses Zimmer für alle Gäste des Haußes zu gemeinsamem Gebrauch war, konnten auch wir während des Tages in ihm verweilen. Unsren jungen Reisegefährten wurde ein kleines Haus, nicht fern vom Gasthofe, zur Wohnung angewiesen. Da waren wir nun freilich wieder unsre eignen Herren, welchen es frei stund zu thun und zu lassen, so wie von allerhand käuflichen Dingen zu begehren was sie wollten. Aber gleich am ersten Mittag, an der Wirthstafel, wie war da Alles so anders als in der Wüste und in den Klöstern! Der Magen wollte anfangs nichts mehr wissen von dieser belästigenden Ueberfülle der Speisen, denn der Genuß ließ Trägheit und Stumpfheit zurück; das Geschwätz der Gäste bei Tische (es waren Französische Offiziere in Aegyptischem Dienste, Kaufleute aus sehr verschiednen Ländern, ein St. Simonist und ein Künstler) war dem Kreise unsrer bisherigen Anschauungen und Unterhaltungen so fremd, daß es uns vorkam als ob wir von der freien Aussicht die der hohe Münsterthurm in Straßburg gewährt, hinabträten in die dunklen, engen Räume, durch die man wieder hinabsteigt auf das Steinpflaster der Gassen. Dennoch gesellte sich zu dem Allem der Gedanke: daß wir nun endlich wieder am Anfang der großen Brücke des Gewässers stünden, die uns aus dem fremden Welttheile hinüber führen sollte in den eignen und zuletzt in das kleine, liebe Land der Väter. Dieser Zug, hinüber nach dem heimathlichen Altar und Heerd war nun so lebhaft erwacht, daß ich gleich nach Tische mich aufmachte um meine Empfehlungsbriefe abzugeben und zugleich durch die Herrn Consuln, an welche sie lauteten, mich zu erkundigen ob ein Schiff vor Anker läge das uns, gleich nach dem Pfingstfeste, denn dieses wollten wir gern am Lande feiern, nach Griechenland führen könne. Wie freudig wurde ich überrascht da ich zu dem Griechischen Herrn Consul Thesee kam und mir dieser ein Schreiben seines Königlichen Ministeriums aus Athen mittheilte, welches mittelst des General-Consulats in Alexandria an alle Griechische Consulate der bedeutenderen Küstenstädte Syriens ergangen war; ein Schreiben worinnen sich die huldvollste Vorsorge Seiner Majestät des an Gemüth so reich und hochbegabten Königes Otto für seinen alten Lehrer aussprach. Dieses Schreiben dem ich schon in Beirut so viele Freuden verdankte, ward mir ein Zug mehr, hin zu der Stätte des jugendlichen Herrscherthrones, der das Panier des Friedens, Athenes Oelzweig wieder anpflanzet und feststellt, aus einer Stätte welcher die äußren Segnungen des Christenthumes: bürgerliche Ordnung, Frieden und Sicherheit ganz fremd geworden waren. Von den vielen Erweisungen gastfreundlicher Zuvorkommenheit, Dienstfertigkeit und Güte, womit mir Herr Thesee meinen Aufenthalt in Beirut lieb und angenehm machte, werde ich nachher reden. Auch der Oesterreichische Consul Herr Laurella, den ich gleich am ersten Tage besuchte, bemühte sich auf alle Weise mir und meinen Reisegefährten gefällig und bei allen Angelegenheiten unsrer Reise behülflich zu seyn. Vor der Hand war noch keine passende Schiffsgelegenheit für uns da. Noch sehr zeitig am Nachmittag kam ich, begleitet von dem freundlichen Herrn Thesee zum Gasthof zurück. Der Aufenthalt in den schwülen Zimmern war, nach so langem Verweilen in der freien Luft, schwer zu ertragen: wir giengen hinaus durch das nahe beim Gasthof gelegne nordöstliche Thor der Landseite, auf den Türkischen Begräbnißplatz, dessen Nachbarschaft einen der schönsten Punkte der Aussicht über Land und Meer gewährt. Ohnehin sind zur Beschauung des hehren Libanon, welcher hier seinen Fuß im Meere badet, dort aber den Scheitel in die beständige Wohnung des Schnees erhebt, in dieser Gegend der Küste die Nachmittagsstunden die besten, weil dann alle seine Schluchten und Kuppen im vollen Glanz der Sonne stehen. Denn Beirut gleichet seiner Lage nach einem Hauße, dessen Fronte mit all ihren Fenstern gegen Westen stehet und auf welches deshalb die Strahlen der Nachmittags- und Abendsonne in voller Stärke auftreffen, darum ist es auch hier, wie dieß der Fremde gar bald empfindet, so gewaltig heiß. Doch von dieser Hitze hatten wir jetzt, in den ersten Tagen des Maies nur noch wenig zu leiden, wir genossen deshalb in ungestörterem Maße die Schönheiten dieser Gegend, welche einem goldnen Gefäß gleichet in welches der Libanon die ganze Fülle seiner Naturgaben hineinströmen lässet. Wie ein Hausvater, dessen Scheitel die schneeweiße Locke des Alters bedeckt, und dessen höchste Lust es ist den Kindern und Enkeln Nahrung und Erquickungen zu reichen, steht dieser herrliche Berg da; sein Hochrücken träget die nützliche Bürde des Holzes, unter seinen Armen hält er die vollen Garben des Getraides, in seinen Händen die Becher des köstlichsten Weines und des Oeles, zu seinen Füßen sind die goldnen Früchte der Hesperiden hingeschüttet. Wie uns überhaupt alle die vorzüglichsten Früchte der Gärten und Felder, alle unsere edleren Hausthiere aus dem Vaterland unsers eignen Geschlechtes, aus Asien herüber kamen, aus welchem sie der Mensch auf seinen Wanderungen über die andern Länder der Erde, mit sich zuerst nach unserm Abendland brachte und von da sie mitnahm, selbst über das Meer hinüber nach der andern Halbkugel; so kann man namentlich hier, am Fuße des Libanon, einen Inbegriff aller Gaben unsers Haushaltes in solcher Kraft und Fülle beisammen sehen, wie an wenig andern Orten der Erde. Unten an der heißen Küste ist ein Land der Palmen, der Orangen und aller der edelsten Südfrüchte; weiter hinan gedeihet das Obst, vor allem aber der Wein aufs Herrlichste; auf die Waldungen der Oelbäume folgen die der Pistazien, der Wallnüsse, zuletzt die Arten des kräftigsten Getraides. Und wie sich hier fast alle Gewächse der Gärten und Felder mit veredelteren Kräften zeigen, so hat selbst am Libanon das unscheinbare Geschlecht der Fichten seine höchste Form: die Ceder entwickelt. Als wir hier waren stund, namentlich in der Nähe des Türkischen Begräbnißplatzes die Menge der Azedarachbäume in voller Blüthe; in der Luft schwirrten mit lautem Geschrei, die unzählbaren Schaaren des buntfarbigen Bienenfressers; im schattigeren Gebüsch und im Dickig der Bäume hörte man noch den Gesang des Bullud oder der Orientalischen Nachtigall, der uns schon bei Akaba, am rothen Meere durch seinen volltönigen Wohlklang erfreute. Unter den mächtigen Seestädten der westasiatischen Küste, in denen das betriebsame Volk der Phönizier alle Gaben und Reichthümer der Länder versammlete, hat sich Beirut noch am meisten einen Schatten des alten Wohlstandes erhalten. Die andren Nachbarkolonien von Sidon, und sie selber die Mutterstadt, die so reiche, große, sind in die tiefste Unbedeutenheit versunken, denn wer könnte an dem armseligen Saida noch eine Spur der Herrlichkeit bemerken, womit die Königin unter allen Handelsstädten der alten Welt angethan war; wer sollte in dem kleinem Sur das mächtige, reiche Tyrus wieder erkennen. Noch immer nimmt sich aber Beirut mit seinen Mauern und Thürmen sehr stattlich aus; dieses alte Berytus, dessen uraltes Herkommen und Wichtigkeit Skylax (42) rühmet; welches nach Plinius Zeugniß die Pflegstätte einer hochansehnlichen Rechtsschule war[188], in den Zeiten der Kreuzzüge ein Spielball des Kriegsglückes, den dieses bald in die Hände der Christen, bald wieder in die der Mohamedaner warf. Die Zahl der Bewohner der jetzigen Stadt soll sich auf 9000 belaufen; es wohnen in ihr, unter den Türken, Arabern und Drusen des Gebirges, sehr viele Christen der Griechischen und Römischen Kirche; die Maroniten wie die Griechen haben hier einen Erzbischof; auch die Zahl der Engländer und Amerikaner, welche in Beirut und seiner Umgegend wohnen, ist nicht unansehnlich und diese sind im Besitz einer englischen protestantischen Kapelle. So fanden wir in dieser Seestadt, mitten unter dem Völkergemisch der westasiatischen Küste einen Zusammenfluß aller Europäischen Nationen und selbst jenes Welttheiles, der ein kräftiger Ableger der Europäischen Lebenskräfte ist; am Hafen wie an öffentlichen Plätzen vernahm man die verschiedensten Sprachen der Europäischen Länder, mitten unter den Gesprächen der Araber und Türken. Das Hauptgeschäft des hiesigen Volkes ist, wie schon erwähnt, die Zucht der Seidenwürmer und die Verarbeitung ihrer Gespinste. Der größeste Theil der Umgegend ist mit Maulbeerbäumen bepflanzt, jenem Gewächs, welches das traurige Loos trifft daß es heute noch im vollen Schmuck der Blätter stehet, morgen aber wie mitten im Winter von der Hand des Menschen entlaubt ist. Diese Einrichtung fiel auch unserm Auge nicht wenig lästig, denn wir fanden nach wenig Tagen auf jenen Lieblingswegen am Meere hin, die uns anfangs den dichtesten Schatten gewährt hatten, keinen Schutz mehr gegen die Strahlen der Sonne. Beim Abendessen im Gasthof warf der St. Simonist, von welchem ich schon sprach, sein Senkblei mitten in unsre Unterhaltungen aus, um zu forschen ob unsre Gesinnungen und Ansichten für ihn ein fahrbares Wasser darböten. Er war am Sinai und in den meisten Gegenden von Syrien und Palästina, welche wir besucht hatten, gewesen, drückte sich aber über die Absichten seiner Reise und über das was ihm in diesen Ländern und den Erinnerungen welche sie wecken das Bedeutungsvolleste gewesen sey so geheimnißvoll aus, daß wir ihn nicht verstanden. Wir dagegen redeten über den nämlichen Gegenstand so unverholen und einfältiglich, daß er bald sahe woran er mit uns sey und von nun an sich wenig mehr mit uns zu schaffen machte. Am Sonntag besuchte ich in Gesellschaft des freundlichen Herrn Thesee den Kaiserlich Russischen Herrn Consul Chasseaud, an welchen ich auch einen Empfehlungbrief hatte. Ich wohnte, mit herzlicher Theilnahme und freudiger Erhebung dem Englischen Gottesdienste bei, der in seinem Hauße gehalten ward. Schon an diesem Tage fand ich den theuren Eli Smith, den berühmten Reisenden durch Armenien und nun auch durch die Arabische Wüste und Palästina, wieder, den ich schon in Smyrna hatte kennen gelernt. Durch ihn und bei ihm lernte ich die Herren Herbart, Thompson und noch mehrere edle Amerikaner so wie Engländer kennen, deren Begegnung mir für Geist und Herz ein unschätzbarer Gewinn war. Könnte nur die That den Dank für die Freundlichkeit und Güte dieser Männer besser aussprechen als die Zunge es vermochte. Meine Stimmung in Beirut war die eines Reisenden, der so eben sein Zelt abbrach und der schon mit dem einen Fuß im Steigbügel steht, während noch ein theurer Freund, unversehens über das Feld kommt und ihn begrüßt. Mein Herz war in der That nicht mehr bei mir in Syrien, da ich nach vollendeter Reise durch Palästina hier an der Küste stund, jeden Augenblick zur Abreise bereit, sondern es war schon vorausgeflogen nach der lieben Heimath. * * * * * Die Woche vergieng unter den Beschäftigungen des Briefschreibens und allerhand Vorbereitungen zur Reise. Die jungen Freunde, geschmückt, statt des Lorbeers mit den noch seltneren Zweigen und Früchten der Ceder, waren, wie wir vorhin sahen, wieder zu uns gekommen; die Freundin mit ihrer felsenfesten Natur hatte sich, bis gegen Ende der Woche so weit wieder erholt, daß sie das Zimmer und Haus verlassen, und auch die Umgegend von Beirut sehen konnte. Wenn der Morgen und Vormittag zu den etwa nöthigen Geschäften der Hand verwendet waren, dann brachten wir den Abend an dem reichen Meeresstrande und bei den Resten des Phönizischen wie des Griechischen Alterthumes dieser Küste oder bei Herrn Thesee zu, dessen Wohnung, auf den alten Festungswerken der Stadt, eine herrliche Aussicht über die Landschaft darbietet. Eben dieser unermüdlich gefällige Freund bereitete uns auch noch einen seltenen Genuß der Sinnen, als er mich und meine jungen Freunde am Tag vor Pfingsten, der nach unserm Calender der 13te Mai war, zu einer nationalen Feier des ersten Mais (denn der Griechische Calender hat sich hinter dem eigentlichen Lauf der Sonne um etwas verspätet) nach St. Dimitri einlud. Unter dem Schatten der Bäume, an einem Punkte welcher die unvergleichlichste Aussicht über die Gegend der Küste, so wie über die Stadt und weit hinaus nach dem Meere gewährt, waren Haufen von abgehauenen Zweigen, mit Teppichen bedeckt und mit Rosen bestreut zu Ruhesitzen, ein andrer, größerer Haufen von Aesten und Blüthenzweigen, auf ähnliche Weise zu einem Tisch umgestaltet, an welchem man uns die edelsten Gaben des Landes, namentlich einen achtzigjährigen Cyperwein (Herr Thesee ist selbst ein Cypriot) darbot. Wir tranken da aufs Wohl des jungen Königes, dessen Andenken auch alte Herzen erwärmt und begeistert, und auf die meines hochgeliebten Königes von Bayern. Die Stimmung der kleinen Gesellschaft war so fröhlich, als sie es bei einem Maifeste in solcher Gegend und Umgebung zu seyn vermag. Auf dem Rückwege zeigte uns noch unser gütiger Führer und Gastfreund das von Bäumen umschattete Gartenhaus in welchem Lamartine so manche Stunden des Genusses, wie des tiefsten Leides und Schmerzens verlebt hatte. Da wurde im vervielfachten Maße jene Theilnahme wach, die in uns das Lesen seiner Beschreibung des Aufenthaltes in Beirut erregt hatte. Eine unerwartete Freude wurde uns zu Theil, als wir auf einmal unsern treuen Reisegefährten durch die Wüste, den Herrn Krohn mit seinem Arabischen Bedienten, den großen Koch Abd er Wached, in unsrem Gasthof hereintreten sahen. Unser unermüdeter Freund hatte von Jerusalem aus noch mehrere interessante Wanderungen, namentlich in die Gegenden ostwärts vom Jordan gemacht und wollte jetzt mit einer der nächsten Gelegenheiten wieder nach Alexandria gehen um sich auf einem dortigen Dampfschiffe nach Europa einzuschiffen. Wir hätten, wie wir dieß später erst einsahen, sehr wohl gethan diesem Beispiel zu folgen, denn als wir mehrere Wochen nachher, nach überstandner Quarantäne in Syra die Bekanntschaft des dortigen Russischen Herrn Consuls machten erzählte uns dieser daß Herr Krohn noch ehe wir nach Syra kamen und die Quarantäne antraten die seinige schon vollendet hatte und abgereist war. Wir aber waren damals durch die Erfahrungen die wir schon einmal mit der Segelschifffahrt gemacht hatten noch nicht klug genug geworden; die Versicherung die wir von mehreren Seiten hörten: daß jetzt im Mai die beste Zeit zur Ueberfahrt nach Europa sey, weil man in dieser Jahreszeit fast mit Sicherheit auf günstigen Wind rechnen könne, machte uns geneigt noch einmal den Versuch mit einem Segelschiff zu machen. Hatten wir doch ein Beispiel, wie gut ein solcher Versuch gelingen könne, ganz nahe vor uns. Denn eine Deutsche Familie, deren Bekanntschaft wir zu unsrer großen Freude noch in Beirut machten und mit welcher unsre Seelen bald ein innigeres Band als das der bloßen Landsmannschaft verknüpfte, hatte erst vor Kurzem den Weg von Marseille bis hieher mit einem Segelschiff in sechs oder sieben Tagen zurückgelegt und dasselbe Glück konnte ja auch uns zu Theil werden. Wozu dann, so dachten wir, den Umweg noch einmal über Alexandria machen, da uns ja unsre gute Hoffnung den geraderen Weg an Cypern vorüber nach Griechenland als einen eben so schnell zu beendigenden vorspiegelte und überdieß eine solche Fahrt nach unsrer Rechnung ungleich weniger kostete. Aus diesem Grunde fuhren wir fort uns, wie wir gleich bei unsrer Ankunft gethan hatten, nach einer guten Segelschiffgelegenheit umzuthun, und nachdem wir schon etliche Fahrzeuge besehen, davon uns das eine, Türkische zu klein, ein andres, Französisches zu theuer geschienen, wurden wir zuletzt, noch vor Pfingsten mit einem Griechischen Capitän aus Patmos handelseinig, welcher gleich nach den Festtagen mit uns unter Segel zu gehen versprach und die Hoffnung gegen uns aussprach, daß wir gar wohl in sechs bis sieben Tagen in Patmos und in neun bis zehn Tagen in Athen landen könnten. So war denn abermals eine, wie es schien sichre Hoffnung vorhanden die erhaben schöne Felseninsel Patmos, nach deren Besuch mich schon auf der Herreise so sehr verlangt hatte, zu sehen und zu betreten. Denn der Capitän Kallos hatte sein Haus und seine Familie schon seit länger als einem Jahre nicht gesehen, eben so seine von derselben Insel gebürtigen Schiffsleute; wenn sich der liebende Zug nach der Heimath hätte zu einem günstigen Winde gestalten können, der die Segel unsers Schiffes schwellte, wir wären allerdings in wenigen Tagen von Syriens Küste nach Patmos gekommen. Alle unsre Angelegenheiten waren geordnet; die wissenschaftliche Ausbeute unsrer ganzen Landreise von Kairo bis Jerusalem, die wir von Joppe aus zu Schiff hieher gesendet hatten war glücklich in unsern Händen, und mit ihr zugleich auch jene die wir auf dem weitren Wege von Jerusalem nach Damaskus und von da über den Libanon erworben. So konnten wir in Ruhe dem Tage der Abfahrt entgegen sehen. Der vierzehente Mai, der werthe Tag der Pfingsten war gekommen und auch ihn durfte ich noch in Ruh und Frieden an den Gränzen des gelobten Landes feiern. Denn Berotha oder Beirut kann man noch als eine Stadt des Landes der Verheißung betrachten nicht bloß weil sie David dem Jüdischen Reiche unterwarf[189], sondern weil sie das Wort der Weissagung, das auf noch fernkünftige Zeiten deutet unter den Grenzstädten des heiligen Erbes nennet[190]. Es war noch früh am Morgen und vom Gebirge her wehete eine erquickend kühlende Luft, als ich auf einem Felsenvorsprung am Meere stehend dem Strahl der Sonne zusahe, wie derselbe vom beschneiten Gipfel des Gebirges an bis zu seinem Fuß eine Schlucht nach der andren von der Decke der Schatten enthüllte, und die Farben der Waldungen, Felder und Gärten weckte. Statt der Glocken, welche in dieser Stunde im lieben Vaterlande ertönen, läuteten mir das hohe Fest die ans Ufer schlagenden Wogen ein. Ich gedachte an die Zeiten einer geistigen Herrlichkeit, welche auch über diesem Lande des Libanon einstmals aufgegangen war und dasselbe bedeckte, als das Erbtheil aus den Hütten Sems und Japhets, die Erkenntniß Jehovahs noch bei den Fürsten der Völker war. Damals, so spricht der Geist der Weissagung von dem Könige von Tyrus[191], »warest du ein reinlich Siegel, voller Weisheit und hoher Schönheit. Du warest im Lustgarten Gottes und mit allerlei Edelsteinen geschmückt; ein ausgebreiteter, deckender Cherub, den die Hand des Herrn auf den heiligen Berg Gottes setzte, daß er da wandelte unter den feurigen Steinen: ohne Wandel in deinem Thun; bis deine Missethat sich fand. Denn du bist voll Frevels geworden durch deine große Handthierung (Handel) und hast dich versündiget.« Und nicht bloß von einer vergangenen, auch von einer noch künftigen geistigen Herrlichkeit dieses Landes redet das Wort der Weissagung, wenn es verkündet daß der Libanon der vorhin welk und entehrt stund wieder werden soll ein Fruchtgefilde, das mächtig dastehet, gleich einem Walde[192]. Nach den festlichen Augenblicken außen am Meere begab ich mich wieder in die Stadt und feierte dann den Tag der großen Thaten mit der Englischen Gemeinde, in deren Kapelle ich eine Predigt hörte, welcher man deutlich die Kräfte und das lebendige Bewegen des Geistes anmerkte, von dessen Herabkommen zum Reiche der Sichtbarkeit sie zeugte. Den Mittag brachte ich im Hauße und in der Familie des gütigen Herrn Laurella, sehr vergnügt und lehrreich zu; denn die Gäste mit denen ich hier zusammentraf hatten zum Theil gar manche Städte und Länder gesehen. Einer der Gegenstände unsers Tischgespräches war die Bestätigung der Nachricht, die wir schon in Damaskus und auch in unserm Gasthofe gehört hatten daß kurz nach unsrer Abreise von Jerusalem dort die Pest ausgebrochen sey. Am Nachmittag und bis gegen Abend zeigte mir ein ortskundiger Freund noch einige Merkwürdigkeiten der Stadt die ich bisher nur flüchtig oder gar noch nicht betrachtet hatte. Von dem alten, Griechischen so wie Römischen Berytus sind, wie schon erwähnt, nur noch wenige Reste vorhanden; namentlich in der Gegend des Hafens und an der nördlich von der Stadt gelegnen Küste, Stücken von altem Mosaik-Steinpflaster, vereinzelte Säulen und Säulentrümmer, auch südwärts von der Stadt Reste von Gebäuden so wie von den Befestigungswerken des Hafens. Die Burg von Berytus, die sich durch außerordentliche Festigkeit und durch große Pracht in ihrem Innern auszeichnete, zerstörte und schleifte der Feldherr des Sultan Aschraf, der Pascha Schadschai im Jahr 1291, bald nach dem Fall von Ptolemais. Als damals die (meist christlichen) Bewohner, erschreckt durch das Unglück der Ihrigen sich zur Uebergabe bereit zeigten, lockte sie jener Pascha durch das Versprechen aus ihren festen Mauern heraus, daß, wenn sie ihm zutraulich entgegen kämen, ihrer aller geschont werden sollte, brach aber alsbald den Vertrag als die Wehrlosen, in feierlichem Zuge zu ihm hinauskamen und ließ die Leichtgläubigen tödten oder in Fesseln legen. Er übte hierdurch, vielleicht ohne es zu wissen nur eine furchtbare Wiedervergeltung für den gleichen Bruch der Treue, den sich bei der ersten Eroberung der Stadt durch Balduin +I.+, im Jahre 1110 die Christen gegen die Sarazenen hatten zu Schulden kommen lassen. Denn auch damals war dem armen Volk der Stadt freier Abzug verheißen, die Pisaner aber, sammt den Provençalen überfielen, so sehr dieß gegen den Willen der edlern Kreuzfahrer war, mörderisch die entwaffnete Menge und bedeckten die Gassen der eroberten Stadt mit unschuldigem Blute. Noch einmal, gegen Anfang des 17ten Jahrhunderts ward Beirut von dem zweideutigen Glanze einer politischen Bedeutenheit bestrahlt, als der letzte Zerstörer von Baalbeck, der große Emir der Drusen, Fachreddin hier so wie in Sidon seine Residenz hatte. Die noch immer sehr schönen, altertümlichen Mauern der Stadt mögen wohl noch zum Theil aus den Zeiten der Kreuzzüge zurückgeblieben seyn; namentlich wissen wir daß die Christen unter Balduin +IV.+ eine ganz besondre Sorgfalt und große Summen auf die Befestigung von Beirut verwendeten. Sehr vergeblich; denn wenige Jahre nachher ward die wohlverwahrte Stadt durch Saladin gewonnen und den Christen entrissen. Am Tage vor der Abreise sammlete die Güte der hiesigen Freunde ein ganzes Heer von zum Theil lebenden Liebesgaben um uns. Der so vielfach um uns bemüht gewesene Griechische Consul Herr Thesee hatte uns eine junge, schöne Ziege mit langen, hängenden Ohren und mit langem, glänzend schwarzen, ziemlich feinen Haare geschenkt, dazu ein Paar schneeweiße Lachtauben, zwei treffliche Singvögel, einige Körbe mit ächten Pistazien und noch sonst mancherlei Erquickungen auf die Reise; aus dem Garten unsrer Amerikanischen Freunde hatten wir einige lebendige Chamäleons und eine ganze Kiste voll schöner Versteinerungen und Mineralien vom Libanon zum Geschenk erhalten. So girrte, meckerte und sang, flatterte und kroch ein ganzes Völklein von Lebendigen um uns her, das bestimmt war uns hinaus auf das Meer, und, wo möglich, zum Theil wenigstens ins Vaterland zu begleiten. Noch einmal besuchten wir, zum Abschied die Freunde und erwarteten nun mit Sehnsucht die Abreise, denn unser diesmaliges Tagwerk im Morgenlande war vollendet; wir sehnten uns wie ein Taglöhner in den heißen Stunden des Nachmittags nach dem Schatten der Dämmrung, hinüber nach dem Heimathlande des Abends. Auch fieng wirklich nach etlichen Tagen die Hitze an uns sehr fühlbar und lästig zu werden, vielleicht auch deßhalb weil wir das sicherste Schutzmittel gegen die auflösende Wirkung der Hitze, unsre bisherige sehr einfache Diät gegen eine andre vertauscht hatten, die uns selbst vor unsrer Reise, in der Heimath als eine schwer zu ertragende erschienen seyn würde. +II.+ Reise nach Griechenland. Die Seefahrt nach Patmos. Unter allen den Thieren welche wir mit uns an Bord nahmen war eines am Dienstag den 17ten Mai, des Morgens, schon lange wach, als die andren noch schliefen; es war das älteste und hässlichste von allen, obgleich es nicht in einem Vogelkäfig wie die weißen Tauben oder in einem durchsichtigen Glase wie die Chamäleons, sondern in dem undurchsichtigen Herzen gehegt wurde; denn das böse Thier welches ich meine, war meine Ungedult. Ich war schon sehr früh beim Hafen; mir schien es als ob die Sonne heute viel zeitiger anfienge heiß zu machen denn jemals sonst und zwar recht unerträglich heiß; bis um neun Uhr hielt ich es noch am Lande, in der Nähe des Bureaus des Freundes Laurella aus, dann aber, als die Matrosen unsers Schiffes wieder eine Ladung Waaren und zugleich mehrere uns zugehörige Kisten vom Lande abholten, konnte ich es nicht mehr aushalten; ich setzte mich mit einem der jungen Freunde ins Boot und fuhr hinüber nach dem Schiffe, obgleich dieses, wie uns Alle, selbst die Matrosen versicherten, unter sechs bis sieben Stunden noch nicht abgehen konnte. Da war ich dann, in Gesellschaft zweien der jungen Reisegefährten, denn der eine war schon vor einer Stunde an Bord gegangen, um dort unsre Sachen in Empfang zu nehmen, wenigstens um eine Viertelstunde Weges (so weit lag unser Fahrzeug vom Lande) der Europäischen Küste näher gekommen. Ich hatte jetzt Zeit mich recht nach Bequemlichkeit in dem neuen Wohnhaus des Gewässers, das für längere Zeit als wir gerechnet hatten unser Standort werden sollte, umzusehen. Das Griechische Schiff, welches wir jetzt auch das unsrige nennen konnten, war viel kleiner als das Türkische das uns von Smyrna nach Alexandria geführt hatte, indeß sollte es ja auch keine so große Gesellschaft aufnehmen als jene unsrer Hadschis gewesen war. Denn außer uns achten (der Arabische Knecht Mohamed hatte sich in Beirut von uns verabschiedet um nach Aegypten zurückzureisen) hatte sich bloß ein junger Grieche aus Smyrna, den wir in Beirut kennen lernten und welcher den hochklassischen Namen Homer führte als Passagier nach Athen eingefunden; das Schiffsvolk mit dem Capitän und Steuermann überstieg auch nicht die poetische Neunzahl, so daß wir zusammen nur achtzehn (Menschen) Seelen an Bord waren. Das ganze Schiff, seine Kajüte und der größere der untren Räume, dann so weit dieß die etwa nöthigen Geschäfte der Matrosen, beim Aufziehen und Stellen der Segel erlaubte, das ganze Verdeck war mithin zunächst zu unsrer Disposition da, denn der Waaren, welche unser Capitän für Smyrna geladen hatte, schienen auch nicht viele zu seyn. Die Kajüte war klein, aber sie wäre zum Aufenthalt am Tage wie zum Lagerplatz bei Nacht für Mehrere einladend genug erschienen, wenn sich nicht selbst schon jetzt am Tage in den Spalten des bretternen Getäfels die Menge der Wanzen verrathen hätte. Dieselbe Qual der Schlafenden ließ auch der andre, größere Schiffsraum erwarten, der einem Theil unsrer Reisegesellschaft zur Lagerstätte angewiesen war, und hier, so wie an andren Stellen des Fahrzeuges wurde es deutlich sichtbar, daß dieses keineswegs ein neues, sondern ein ziemlich altes Bauwerk sey. Allmälig füllten sich jetzt die Räume mit unsren Geräthschaften und mit unsren Lebensvorräthen für die Reise, zu denen der gütige Herr Thesee noch einen Korb voll köstlicher, süßer Orangen und eine große, mit Stroh umflochtene Flasche voll trefflichen Weines gefügt hatte. Die theilnehmende Aufmerksamkeit dieses Freundes erwieß sich auch dadurch, daß er an diesem ganzen Tage, gleich als ob eine vornehme Herrschaft im Abreisen begriffen sey die Griechische Flagge auf der Zinne des Mauerthurmes wehen ließ, bei welchem seine Wohnung liegt. Und obgleich wir uns, um den vielbeschäftigten Mann nicht noch einmal zu bemühen, schon am Morgen bei ihm verabschiedet hatten, ließ er uns dennoch durch seine Janitscharen, welche bei dem Transport unsrer Geräthschaften überall Hülfe und Aufsicht geleistet hatten, sagen, daß er noch einmal ans Schiff kommen werde um uns zu sehen und glückliche Reise zu wünschen. Mehrere unsrer am Lande gebliebenen Reisegefährten waren so klug gewesen noch einmal zu Herrn Battista zu gehen und da zu essen. Mich hatten die schaukelnden Bewegungen des Schiffes, deren ich ganz entwöhnt war und wohl niemals ganz gewöhnen werde, so übersatt gemacht, daß ich in nüchterner Trunkenheit mich am Bord festhalten mußte, und daß mir die herrliche Aussicht nach dem Libanon und dem reichen, grünenden Ufer gar bald selbst bei heitrem Himmel getrübt und geschwärzt wurde. Doch wurden die Augen und Sinnen nach einigen Stunden wieder hell. Meine Hausfrau und ihre Freundin waren jetzt im Ehrengeleite des Griechischen Herrn Consuls und seiner liebenswürdigen Nichte, so wie der beiden Janitscharen gekommen, bald erschien auch der Capitän des Schiffes und mit ihm alle noch am Lande verspätete Mitglieder unsrer Reisegesellschaft. Mit dankbarer Liebe nahm ich Abschied von dem guten Herrn Thesee der sich durch die vielen Beweise seiner uneigennützigen Freundschaft ein unvergängliches Denkmal in meinem Herzen gesetzt hat. Sein Boot fuhr ab, während man den Anker gelichtet und die Segel aufgespannt hatte; mit Hülfe eines schwachen, vom Lande kommenden Windes segelten auch wir, bald nach fünf Uhr des Abends ab. Mein Auge konnte sich von dem Anblick des Landes nicht trennen, so lange es Tag war; die Strahlen der untergehenden Sonne und dann der hellen Dämmrung warfen noch lange einen rosenröthlichen Schimmer auf die Schneegipfel des Libanon als die Gegend der Küste schon im Schatten schwebte; bald aber war Alles entschwunden was uns an das liebe Land erinnerte, nur der Widerschein des Mondes begleitete mit zitterndem Schritte den Gang des Schiffes über die Wogen. Unten in der Kajüte hatte der alte Steuermann das Lämplein vor dem Bilde des Schutzheiligen des Schiffes: des heiligen Johannes angezündet und schien uns erinnern zu wollen daß es Zeit sey über die Anordnung unsrer Lagerstätten uns zu vereinen; in die, von einer Unzahl lebendiger Bewohner schon eingenommene Kajüte hatte niemand sonderliche Lust sich hinabzubegeben; endlich entschloß ich mich doch unter mancherlei Vorsichtigkeitsmaßregeln den nächtlichen Kampf zu bestehen und auch meine Hausfrau suchte sich an einer minder gefährlich scheinenden Stelle dieses kleinen Räumleins eine Lagerstelle auf, während die andern Alle es vorzogen lieber, in der warmen, heitren Nacht auf dem Verdeck zu bleiben. Und wir Alle wurden bald durch das gleichmäßige, sanfte Bewegen des Schiffes und den einförmigen Ton der anschlagenden Wellen in einen gesunden, wenn auch zum Theil oft unterbrochnen Schlaf gewiegt. Am Mittwoch den 17ten Mai sahen wir noch in großer Deutlichkeit und seiner ganzen Ausdehnung von Nord nach Süd den Gebirgszug des Libanon; die Gegenden der Syrischen und Phönizischen Küste zogen sich wie ein blaulich-grüner Streifen an seinem Fuße hin. Nach wenig Stunden, als die Sonne uns stärker ins Gesicht stund, verschwanden die niedrigeren Gegenden der Küste wie ein Traumbild, und als nun der Wind, so schwach er auch wehte, uns dennoch ein wenig weiter nach Westen führte, sahen wir bald nur noch das Haupt des Libanon aus dem Bad der Wellen hervorstehen. Das Meer ließ sich durch das schwache Lüftchen, welches kaum noch am Segel bemerkbar war, in seiner tiefen Mittagsruhe nicht stören; es wurde bald so glatt als ein Spiegel und nach Sonnenuntergang trat gänzliche Windstille ein. Die warme, stille Nacht ward uns durch das Mondlicht erhellt. Am Morgen des 18ten Mais erhub sich wieder ein schwacher Lufthauch der sich von Zeit zu Zeit in die Segel legte und uns ein wenig weiter führte, dazwischen aber immer wieder aussetzte. Heute sahen wir die Gebirge von Cypern deutlicher, welche Einige von unsern Reisegefährten schon gestern Abend bemerkt haben wollten. In der Nacht war es zwar windstill, das Meer aber dennoch bewegt, so daß wir ein starkes Schaukeln des Schiffes spürten. Unsre jungen Freunde erzählten sich beim Erwachen allerhand wunderliche Träume, welche dieses Bewegen der Lagerstätte in ihnen aufgeschüttelt hatte. Uebrigens machte es keinen besonders angenehmen Eindruck auf uns, da wir uns beim Hinausschauen auf das Meer fast noch ganz auf demselben Flecke sahen als gestern beim Anbruch der Nacht. Und selbst heute, Freitags den 19ten Mai sahe es, wenigstens am Vormittag, mit unsrem Fortkommen nicht besonders tröstlich aus. Der Wind spielte zwar zuweilen ein wenig mit unsern Segeln, dann aber, als beliebte ihm ein andres Spiel besser, verließ er uns und regte an einer andern Stelle das Meer auf. Einige Unterhaltung gewährten uns die Delphine, welche truppweise, in mehreren Abtheilungen, an unserm Schiff vorbeischossen, auch Vögel flogen über uns hin, denn das Land kam dennoch, wenn auch langsam näher. Am Nachmittag wurde der Wind (aus Norden) etwas kräftiger; unser Capitän vermuthete aus mehreren Zeichen einen nahen Sturm; das Meer kam nach Sonnenuntergang in stärkere Bewegung, es bauete vor unsren Augen, als wollte es uns an etwas in weiter Ferne Gesehenes erinnern, eine große Pyramide, hundertfach größer als die des Cheops, statt der Steine aus lauter Lichtmassen auf; denn der Widerschein des Mondes bildete auf den Wogen einen langen Lichtstreifen der in der Ferne mächtig breit, gegen das Schiff wie eine Pyramide sich zuspitzte. Nur bis gegen 11 Uhr des Nachts hielt der Wind an, dann wurde es wieder ganz still. Sonnabends den 20sten Mai hatten wir einen großen Genuß. Cypern, die reiche, schöne Insel, nach Sizilien selbst an Umfang und Flächeninhalt die zweite des Mittelmeeres, lag ganz deutlich und nahe vor unsern Augen und breitete vor uns seine schönen, fruchtbaren Thäler so wie die grünenden Höhen aus. Wie schmerzlich mußte es gerade uns, den Freunden solcher Forschungen seyn, daß wir an dieser Insel, die schon von den ältesten Zeiten als ein Paradies der Naturforschung anerkannt war, kaum landen, geschweige auf ihr uns ergehen durften. Denn die Quarantäne hatte auch um diese schöne Insel gegen alle Schiffe die aus dem Morgenland kamen ein eisernes Gitterwerk gezogen, durch welches der Reisende wie ein vorüberziehender, hungernder Vogel auf die reife Traube, die von einem Netz umsponnen ist, nur vergeblich sehnende Blicke werfen konnte. Das was wir zuerst, gerade in Norden vor uns sahen war die Gegend von Larnaka, in dessen Nachbarschaft das alte Citium lag; eine von den neun alten Hauptstädten der Insel, deren ansehnliche Ruinen wir deutlich zu erkennen vermochten. Hier starb Cimon, der Athenienser, gleich nach Eroberung der, während der Zeit der Perserkriege von einem eigenen König beherrschten Stadt; hier ward Zeno, der Begründer der Stoischen Schule und Apollonius der Arzt geboren. An dem alten Namen dieser bedeutenden Handelsstadt, an Citium wollte schon Josephus die Abstammung von dem nach älteren, in der heiligen Schrift vorkommenden Namen Chitim[193] erkennen, und noch jetzt heißt das benachbarte Vorgebirge gegen Westen Cap Chiti. Wir sahen ziemlich viele Schiffe auf der Rhede liegen. Das Gebirge von Cypern erscheint von hier aus gesehen in besondrer Schönheit; denn da sein Hauptrücken fast in der Richtung von Ost gegen West mitten durch die Insel verläuft, sieht man denselben von Süden aus, fast in seiner ganzen Ausdehnung. Gegen das Cap Chiti und die Bucht von Larnaka zieht sich ein hoher, zum Theil schroff abfallender Seitenzweig des Hochrückens nach Süden herunter; der höchste Gipfel des ganzen Gebirges ist der Kreuzberg (+monte croce+) der sich auf der westlichen Hälfte der Insel erhebt und welchen wir den ganzen Tag vor Augen hatten. Zwar hat die vormalige Zierde dieser Gebirge, jener dichte Wuchs der Wälder durch welchen sich die Cultur des Landes in der ältesten Zeit nur mühsam ihre Bahn brach, so unmöglich dieß vielleicht den Alten geschienen hätte, großenteils der verheerenden Wuth einer spätern Barbarei, vornämlich der Türkischen weichen müssen; dennoch sieht man noch immer an vielen Stellen der Insel Waldungen und Buschwerk. Vormals lieferte Cypern das Zimmerholz für ganze Flotten der Schiffe, und noch jetzt giebt es seinen Bewohnern für die Errichtung ihrer kleinen Fahrzeuge das nöthige Holzwerk und dabei Brennmateriales die Fülle. Denn wenn auch die Hochwaldungen zum großen Theil verschwunden sind so bleibt dennoch Cypern ein Eldorado, ein Ziel des Sehnens und Suchens für den Botaniker wie für den Mineralogen, und gewiß auch in einem verhältnißmäßig nicht viel minder reichem Maaße für den Zoologen. Wer den Plinius gelesen, der wird sich erinnern daß kaum ein andres Land der Erde so oft als Fundort der Arten des edlen Gesteines, der Metalle, der Erden, der heilbringenden Gewächse genannt ist denn Cypern. Hatte doch das Kupfer von dieser Insel, auf der es sich in ungemeiner Fülle fand und noch finden ließe, einen seiner Beinamen, so wie einige selbst den Namen der Zypresse aus demselben Stamme ableiten wollten. Die Heilkünstler des Alterthumes, wenn sie die Stoffe zu ihren wirksamsten Arzneien weithin, über Land und Meer aufsuchten, verweilten in keiner andern Gegend so lange und mit so günstigem Erfolge, denn in Cypern und Creta; ein Erklärer oder Uebersetzer des Dioscorides sollte mit den Büchern dieses alten Kräuterkenners in der Hand vor allem nur die Gebirge und Thäler von Cypern durchwandeln; denn wie in einen Brennpunkt versammeln sich hier die Strahlen der Kleinasiatischen, der Syrischen und selbst der Nordafrikanischen Flora. Es wäre uns bei all' unsrer Armuth, fast leichter angekommen bei den offenstehenden Thüren eines Schatzhaußes des Crösus als bei solcher Insel, mit leeren Händen vorüberzuziehen. Etwas, so wenig es auch war, durften wir dennoch mitnehmen. Nach drei Uhr des Nachmittags kamen wir endlich an die Bucht von Limasol, wo unser Schiff Anker warf um Wasser und Lebensmittel einzunehmen. Wir ließen uns überfahren an den von hohen Staketen umzäunten Platz der Quarantäne, über dessen Gränze es nicht erlaubt war hinauszugehen. Durften wir doch auf diese Weise den Boden von Cypern betreten und konnten mit eignen Augen wenigstens einige Geschiebe seiner Gebirgsarten sehen und aufsammeln. Was wir sahen waren fast lauter Trümmer von Urgebirgen: Gneus und Glimmerschiefer, häufiger noch die Hornblendehaltigen Trapparten. Unter den zertrümmerten Schaalen der Seeschnecken zeigten sich auch die der zarten Schlechtpurpurschnecke (+Janthina fragilis+) die wir an der Küste von Beirut gesehen hatten. Die hiesigen Griechischen Unterhändler machten sich unsre Abtrennung von dem eigentlichen Markt der Lebensmittel zu nutze; sie ließen sich für die getrockneten Fische, für Eier, Brod und Wein von uns ungewöhnlich viel bezahlen, obgleich von allen Reisenden die Wohlfeilheit von Limasol gerühmt wird. Dafür waren es aber auch die Brosamen von einer alten Göttertafel; denn hier bei Limasol lag einst das uralte, hochberühmte Amathus, bei welchem Aphrodite mit besonderem Wohlgefallen verweilte. Hier prangten einst die Tempel des Jupiter wie der Venus und des Adonis; der Ort war reich durch seinen köstlichen Wein und seine Kupferminen. Noch jetzt wächst, fast nur bei Limasol und in seiner Nachbarschaft jener süße, feurige Wein, den man in Europa unter den ausschließenderen Namen des Cypernweines kennt, denn der Wein den man in den meisten andern Gegenden der Insel baut gleicht an Geschmack und Güte kaum dem gewöhnlichen, rothen Tischwein der Provençe. Da wo das alte Amathus gestanden, einige oder etliche Stunden ostwärts von unserm Ankerplatz sieht man noch Ruinen. Das jetzige Limasol ist nach allen Seiten von Gärten und Weinpflanzungen umgeben; mitten im Schatten hoher Zypressen, Feigen und Maulbeerbäume prangen stattlich aussehende Landhäußer; nahe beim Ufer stehen einige hohe Dattelnpalmen. Unter den meist niedern Gebäuden des längs dem Strande sich ausbreitenden Städtchens zeichnen sich zwei Moscheen und eine Art von Fort aus. Wir blieben da auf unsrer dürren Steinwiese des Quarantäneplatzes bis um 8 Uhr des Abends, dann aber, weil ein leichter Landwind sich erhub, lichtete unser Schiffsvolk die Anker und wir bemühten uns, bei hellem Vollmondsscheine um das, in niedrige Landzunge auslaufende Cap Guta herum zu steuren. Bei dieser Gelegenheit war unser Fahrzeug, wahrscheinlich durch die Schuld des jüngeren Steuermannes, der bei Limasol auf unsre Gesundheit viel Wein getrunken hatte, einige Male in naher Gefahr auf Untiefen aufzulaufen. Die Segel wurden meist beigelegt und wir fuhren erst am andern Morgen, den 21sten Mai um das Vorgebirge herum. Es war heute Sonntag und noch dazu das schöne Dreifaltigkeitsfest; wir durften auch auf unsrem armen Schifflein es erfahren daß das Brod des Lebens auf dem fernen Meere eben so wohl schmeckt und so stärkend ist als daheim auf dem Lande. Das Wasser war still und spiegelglatt; der Wind bis gegen 9 Uhr des Vormittags zwar nicht ungünstig aber sehr schwach; dann aber erhub sich auf einmal, zu unsrer großen Freude, um 9 Uhr ein so kräftiger und dabei vollkommen günstiger Wind aus Südost als wir auf unsrer ganzen diesmaligen Seereise noch nicht gehabt hatten; unser Schiff zog mit vollen Segeln über den bewegteren Wasserspiegel, so daß wir in jeder Stunde fünf Miglien zurücklegten und Cypern bald ziemlich weit hinter uns ließen. Die Wirkungen eines solchen günstigen Windes auf die Reisenden zur See sind überaus auffallend. Die Bewegung eines Schiffes das den Wind ganz in Pupa (hinter sich) hat, sind, bei aller Schnelligkeit, gleichmäßig und sanft; die rasche Bewegung durch die Atmosphäre, die Aufregung der kühlen Meeresfluth erzeugen eine Frische welche alle Räume des Schiffes so wie alle Glieder des Menschenleibes durchdringt. Doch genossen wir heute dieser Erquickung nur kurze Zeit; schon um 1 Uhr legte sich der Wind und bald trat eine gänzliche Windstille, mit großer Schwüle und leichter Trübung der Luft ein. Als wir am Montag den 22sten Mai uns wieder auf dem Verdeck fanden, da erhub sich zwar ein Wind, und zwar ein ziemlich starker, aber dieser war uns eben nicht förderlich denn er bließ uns gerade aus der Richtung entgegen nach welcher wir hin wollten: aus Nordwest. Dieser, unter andern Umständen so gute, vaterländische, nur gerade uns nicht erwünschte Wind hielt den ganzen Tag an. Es kamen heute mehrmalen einzelne Gesellschaften von hoch aufspringenden Delphinen an unser Schiff; einer von den jungen Reisegefährten schoß auf ein großes Thier dieser Art, das er auch verwundet zu haben schien. Nicht ohne Verdruß und Aengstlichkeit sahen dieses unsre Schiffer, denn ihnen ist der Delphin in gewissem Maaße ein geheiligtes Thier, dessen absichtliche Verletzung, wie sie meinen, Gefahren und Unglück für die Seefahrer nach sich zieht, und ich bin überzeugt daß diese guten Leute einen Theil des verhältnißmäßig vielen Ungemachs das uns auf der weiteren, gemeinschaftlichen Seereise traf, jenem verübten Frevel zuschrieben, so wie auch (denn dieß ließ uns der alte Obersteuermann bei mehreren Gelegenheiten merken) unserem »immerwährenden« Lesen und Schreiben. Gegen Abend ließ der Wind nach und bald bekamen wir eine gänzliche Windstille. Wir hatten diesen ganzen Tag kein Land, nur Meer und Himmel gesehen. Jener wackre Postillon, der dem armen Lohnkutscher seine Pferde vorspannte und ihm den schweren Wagen, in welchem gar ungedultige Reisende saßen, über den Berg führen half, wurde hierzu durch die Gedult des Mannes bewogen, die ihn gerührt hatte. Denn als er in die Nähe des Wagens kam, vor welchem die Pferde gelähmt von Müdigkeit dastunden und aus welchem die Reisenden sehr heftig herausschimpften, fragte er den Fuhrmann warum er sich so schimpfen lasse und worauf er bei so später Nacht warte? Ich dulte, antwortete dieser, es gerne, denn ich warte auf die Hülfe des Herrn. Jene Hülfe, die sich uns am Dienstag Morgen, den 23sten Mai nahete und uns einen frischen Seitenwind vorspannnte, der das Schiff doch wieder eine kleine Strecke vorwärts brachte, konnte in der That hierzu weder durch unsre (wenigstens nicht durch meine) Gelassenheit noch durch den Glauben bewogen seyn; denn von dem rechtschaffenen Glauben heißt es ja, daß er Gedult wirke[194], und meine Seele war seit etlichen Tagen durch Ungedult ganz entstellt, weil wir noch immer wie die gestrigen Sonnenbeobachtungen unsers Capitäns gezeigt hatten, zwischen dem fünf und sechs und dreißigsten Grade der Breite und dem acht- und neun und vierzigsten Grade der Länge herumschwebten. Darum war es recht gut daß die Gelassenheit noch etwas besser geprüft wurde, damit ihr vermeintlicher Inhaber erkennen lerne auf wie schwachen Füßen sie stehe. Denn das ist gewiß, eine bessere Schule der Gedult für ungebärdige Reisende kann es nicht geben als die Fahrt auf einem Segelschiff. Da hatte uns nun heute Morgen die Vorspann des Windes wieder um etliche Meilen weiter gebracht, auf einmal verließ die Luft unser Segel und wir stunden abermals unbeweglich still auf einem Flecke, da im Meere, wo wir doch gar nichts zu thun hatten! Dazu war heute auch der Himmel etwas getrübt und die Luft sehr schwüle. Lieber ein Sturmwind als gar kein Wind, sagten gestern Mehrere von uns, zu denen selbst ich unbesonnener Weise gehörte, und nun schien es als könnte auch dazu Rath werden. Der Mond war in der Nacht glühend roth (Sturm bedeutend) aufgegangen, nach 2 Uhr des Morgens ließ sich ein Brausen, wie das eines fernen Donners vernehmen, welches immer näher kam und lauter wurde bis plötzlich ein heftiger, aus Süden kommender Windstoß die Segel ergriff und das Schiff so auf die Seite legte, daß die meisten nicht fest gemachten Gegenstände ins Bewegen geriethen. Das Schiffsvolk sprang auf, man hörte schreien und laufen; die Segel einziehen, und, da der Wind gemäßigter wurde wieder aufspannen; eine halbe Stunde lang hielt das Bewegen der Luft an, welches uns ein Stück Weges gegen Norden hinschob, dann kam unsre gewöhnliche, langweilige Gesellschafterin: die Windstille wieder, sammt der großen Mittagsschwüle. Am Abend, da es kühl ward auf dem Verdeck, saßen wir beisammen auf den leeren Hünersteigen und erzählten uns Geschichtlein, worauf besonders Herr Franz sich sehr wohl versteht. Um 11 Uhr ergötzte uns ein Feuerwerk des Gewässers: das Leuchten des Meeres. Die Nacht war wieder ganz windstill; ob wir weiter gekommen seyen konnten wir freilich beim Umherblicken am Morgen des 25sten Mais nicht wissen, denn so wie gestern sahen wir auch heute nichts denn Himmel und Meer; nirgends ein Land das dem Auge zum Anhaltspunkt dienen konnte. Und doch schien sich der heutige Tag nicht übel anzulassen, denn mit dem Emporsteigen der Sonne erhub sich ein heftiger Seitenwind, der anderthalb Stunden anhielt und uns wieder sieben bis acht Seemeilen weiter brachte, dann wurde die Luft von neuem so schwach daß ein Schubkärner, auch wenn er jede Viertelstunde einmal eingekehrt oder ausgeruht hätte, dennoch viel weiter gekommen wäre als unser Schiff. Und Jeder von uns wäre lieber am Lande mit einem Schubkärner zu Fuße gegangen und hätte sogar selber mit ziehen oder schieben helfen, als hier im Schiff gesessen; denn der Karrenschieber hätte doch wahrscheinlich ein hinreichendes Stück Brod für uns gehabt, in unsrem Fahrzeug aber waren die Lebensmittel so zusammengegangen daß außer den rohen Zwiebeln und eingesalznen Oliven, welche die gewöhnliche Kost unsrer jungen Freunde ausmachten, und außer etlichen Orangen sammt dem schwarzen Kaffee für uns Aeltere, nichts zu essen da war als ein sehr wurmstichiger Schiffszwieback, der unseren verwöhnten Gaumen damals noch gar nicht schmecken wollte. Am meisten war bei dieser Noth die arme, junge Ziege zu bedauern, welche durchaus nichts als Grünes fressen wollte, und, da uns dieses ausgieng, und auch keine Rüben oder rohen Kartoffeln mehr da waren, langsam hinsiechte. Die beiden Chamäleons hatten den kurzen Lebenslauf schon überstanden und ihr Grab in einer Weingeistflasche gefunden; die scheeweißen Lachtauben hatten Eier, über denen sie zärtlich brüteten; die beiden Bull Bulls waren munter und sangen uns noch zuweilen ihre Lieder. In der Nacht leuchtete das Meer wieder sehr schön; +Dr.+ Erdl, der einige Tropfen der leuchtenden Flüssigkeit sammt ihren kleinen phosphorischen Thierlein durch den Eimer aufschöpfen wollte, gerieth in Gefahr, da ein plötzlich erwachender Windstoß das Schiff stark auf die Seite legte. Dieser Windstoß, dem bald noch mehrere Gefährten folgten, war der Vortrab des Sturmes den wir am Freitag den 26sten Mai bekamen, und welcher am Mittag so heftig aufstund, daß keiner von uns den Mangel der Lebensmittel fühlte, weil die Eßlust bei allen vergangen war. Doch so lästig uns dieser neue Reisegefährte erschien, der, weil er gerade aus Westen kam, das Schifflein, statt vorwärts nach Europa, vielmehr wieder rückwärts führte nach Asien, so brachte er unsern Augen dennoch einen großen Trost, nach welchem es sich lange vergebens gesehnt hatte: wir sahen schon am Morgen, noch deutlicher aber in jeder weitren Stunde, die Küste von Lycien und dann die Bucht von Castell rosso vor uns, in welcher unser Capitän einzulaufen beschloß. Obgleich das heftige Bewegen des Schiffes auch in uns die Bewegung des Schwindels geweckt hatte, so daß uns das Aufrechtstehen schwer ankam, wollte doch jeder gern Zeuge des erwünschten Augenblickes seyn in welchem das Schiff den sichern Hafen erreichte. Und da waren wir denn schon am Eingang der Bucht, der zu beiden Seiten durch felsige Vorgebirge umschlossen wird: noch einige Minuten günstiger Wind und wir sind darinnen. Aber diese Minuten wurden uns nicht, denn da wir eben einlaufen wollten kam ein heftiger Windstoß aus Nordost, der uns von neuem zurückschleuderte ins Meer. Noch ein und etliche Male wurde das Landen versucht, es gelang aber nicht; wir mußten, da jetzt der Abend kam, das offnere Meer suchen, auf dem wir die ganze Nacht auf und nieder geworfen wurden. Auch am Sonnabend den 27sten Mai, als uns der 31ste Psalm die Worte zugerufen »seyd getrost und unverzagt Alle, die ihr des Herrn harret,« schien anfangs die Hülfe noch sehr fern, denn eine Stunde lang mislangen alle mühsamen Versuche Castell rosso zu erreichen. Da gab endlich unser Capitän dem Sturmwind nach und ließ von ihm das Schiff mit vollem Segel gegen Osten treiben, so daß wir in drei Viertelstunden einen großen Weg bis in die Nähe von Cacamo machten. Hier aber schien es als erhielte der Wind Contreordre, denn nach einer kurzen Windstille kamen Stöße aus Osten die uns noch einmal mit nach Castell rosso zu nehmen versprachen. Doch siegte zuletzt wieder der vaterländische Wind aus Westen der uns gerade im günstigsten Augenblick zu Hülfe kam, so daß wir bald nach 9 Uhr des Vormittags wohlbehalten und innig froh in die Meerenge und in den sichren Hafen von Cacamo einliefen, welcher drei bis vier Stunden westwärts von Myra, der vormaligen Hauptstadt von Lycien, gelegen ist. In der Lage und Stimmung in welcher wir uns eben befanden würde auch eine sandige Insel, oder ein ödes, felsiges Eiland mit etlichen Fischerhütten, wo man den Hunger stillen konnte, ein erquicklicher Ausruhepunkt gewesen seyn; darum war die Freude doppelt groß, da wir uns mitten in einen Lustwald versetzt sahen, schön und reich wie uns die Beschreibung des Alterthumes die Umgebung der Tempel des Apoll oder der Diana schildert. ~Cacamo~, vielleicht das Symena der Alten, liegt an einer vieltheiligen Bucht welche gegen Südost von einer lang sich hinziehenden Insel (Kakara?), nach Nord und Nordwest von der felsigen Küste des Festlandes umgränzt wird. Von beiden Seiten, von dem Lande wie von der Insel treten Vorgebirge und Riffe in das Meer, wodurch die Wasserstraße desselben bald sich verengt, zur Breite eines Stromes, bald aber sich wieder erweitert, zur Gestalt eines Sees. Der Sturm konnte unser Schiff, da wo dieses vor Anker lag, nicht berühren; die hohen Wogen welche außen vor der Bucht brausten hatten sich dort innen in kleine, niedre Wellen verwandelt deren Plätschern gegen den Felsen kaum vernehmbar war. Schon dieses, das Gefühl der Ruhe und der Sicherheit, nach der vorhergehenden Unruhe, war etwas sehr Wohlthätiges, aber die beiden Tage der ländlichen Erholung die wir in Cacamo zubrachten, gewährten uns auch überdieß noch manchen Genuß, den wir gerade hier in der Wüste der Gewässer nicht erwartet hatten. Einige unsrer Matrosen fuhren in dem kleinen Boote nach der nordöstlichen Küste hinüber, um dort aus einer Art von Schöpfbrunnen Trinkwasser einzunehmen; wir begleiteten sie und nahmen auch unsre arme, kleine Ziege mit uns, die schon so todesmatt vor Hunger war, daß sie nicht mehr stehen konnte. Noch ehe die Matrosen ihren Wasserplatz erreichten ließen wir uns an dem felsigen, dicht mit grünem Gebüsch bewachsnen Ufer aussetzen; denn hier zog uns ein Gegenstand mächtig zu sich hin, der uns deutlich wahrnehmen ließ daß wir uns auf klassischem Boden befänden. Es waren die Ruinen einer weit ausgedehnten Nekropolis; Sarkophagen von bedeutender Größe und nicht geringer Schönheit, in solcher Menge, wie wir sie auf dieser Reise noch nicht beisammen gesehen hatten. Wir setzten zuerst unsre kleine Ziege unter dem grünen Gesträuch der Thymeläen und der Terebinthen ans Land; das arme Thier, anfangs noch am Boden liegend, fieng sogleich an zu fressen und in wenigen Minuten kamen seine Kräfte so weit wieder, daß es mit wankenden Schritten sich selber ein passendes Futter aufsuchen konnte. Wir indeß stiegen auf beschwerlichem Wege über das Gehäufe der Trümmergesteine hinan, nach einigen der augenfälligsten Grabmähler. Auf einem von diesen, das von einer Art von Hof umgränzt wird, welcher in den Felsen gehauen ist, zeigt sich das Bild des Herkules mit der Keule, in halberhabener Arbeit; an vielen bemerkt man Spuren Griechischer Inschriften; diese sind jedoch so verstümmelt und verwittert daß man nur einzelne Buchstaben zu erkennen vermag. Fast alle sind gewaltsam geöffnet, und der Ort des Einbruches noch erkennbar, während bei andren der herausgenommene Stein so gut wieder eingefügt ist, daß man sie auf den ersten Blick für ungeöffnet halten könnte. Ein Matrose von einem zweimastigen Griechischen Schiffe, das mit uns fast zu gleicher Zeit in Cacamo eingelaufen war, erzählte uns am darauf folgenden Tage daß vor zwei Jahren ein Englisches Linienschiff hier vor Anker gelegen sey um die Küstengegend zu untersuchen und zu vermessen. Und da sollte denn die Mannschaft jenes Schiffes jene (gewiß schon von mancher früheren Hand geöffneten) Sarkophagen aufgebrochen haben. Ja der gute Mann wollte noch mehr wissen: daß nämlich jene Engländer, die sich aufs Schatzgraben verstunden, bei jener Gelegenheit mehrere Millionen Zechinen gefunden und erbeutet hätten. Er erzählte dieses zunächst dem +Dr.+ Erdl und da er diesen bei den Ruinen eines alten, viereckten Gebäudes sitzen fand, dessen eine Wand aus einem einzigen Steine besteht, fragte er ihn wie alt dieser Bau sey und um wie viel Fuß die Erbauer solcher mächtiger Werke größer gewesen wären als die jetzigen Menschen. Wir trafen schon heute, am ersten Nachmittag unsers Hierseyns jene Griechischen Pilgrime, die der Zweimaster in ihr Vaterland zurückführen sollte, in der Nähe des Schöpfbrunnens, der sich nahe bei der Nekropolis findet. Sie kamen von Jerusalem und hatten sich schon vor länger denn drei Wochen in Jaffa eingeschifft. Ihre Fahrt war mithin auch nicht begünstigter gewesen denn die Unsrige. Der eine von diesen Pilgrimen bot mir alte Münzen, meist von Rhodus zum Verkauf an, hielt sie aber im Preis so hoch daß ich nicht mit ihm des Handels einig wurde. Wir saßen und wandelten noch einige Zeit dort in der blühenden und grünenden Einsamkeit der Gräber. In solcher Umgebung spricht selbst die Asche der Todten mehr von der Hoffnung des ewigen Lebens und einer alles erneuernden Wiederbringung des Leibes, als von den Kämpfen des Sterbens. Auch unter Diesen, die man dort schlafen legte, hatten wohl Manche das Geheimwort einer Hoffnung vernommen, die auf ein noch künftiges Heil gerichtet war; einer Hoffnung, welche Den, der sie auf rechte Weise ins Herz faßte nicht zu schanden werden lässet. Es hatte sich abermals über unser Erwarten so gefügt daß wir den Sabbathsvorabend in einer äußren Stille und Ruhe zubringen durften welche auch die Seele zum Erfassen und Empfinden jenes Friedens geschickter macht, der ein uralter, von der Menschenseele so oft verscherzter Segen des Sabbathes ist. Unsre Matrosen, nachdem sie uns ans Schiff gebracht hatten, machten sich noch zu einer andern Fahrt auf, nach dem kleinen von Griechen bewohnten Dorfe, das jenseit eines Felsenvorsprunges, etwas ostwärts von der Nekropolis liegt. Sie wollten dort Lebensmittel für uns und für sich einkaufen. Einige unsrer jungen Reisegefährten begleiteten sie und nahmen die kleine Ziege mit sich, welche wir, um sie nicht wieder dem Hungertod auszusetzen, hier zu lassen beschlossen. Eine junge Griechin nahm das Geschenk mit Freuden an und versprach das schöne Thier treulich zu pflegen bis es groß und alt wäre, damit sie durch dasselbe vielleicht eine ganze Nachkommenschaft solcher Ziegen gewinnen könne. Unsre Freunde brachten einen Ueberfluß an Lebensmitteln mit sich, von denen wir uns schon heute ein nach den Entbehrungen der letzten Tage sehr gedeihliches Abendessen bereiteten. Es gehört schon in dem gewöhnlichen, ruhigen Verlauf des Lebens, zu Hauße, im lieben Vaterlande zu den besondren Vergnügungen des Sonntages, wenn man ihn nach einer arbeitsvollen Woche, draussen auf einem Dörflein, zwischen den waldbewachsnen Felsen feiern darf. Da hört man am Morgen, bald nach dem ersten Zwitschern der Schwalbe das Geläute der Frühglocke und ehe noch die Nachtigall ihr Morgenlied vollendete, tönen die Glocken die zum Morgengottesdienst rufen; drinnen im Kirchlein bricht der Strahl der Sonne durch das Fenster beim Altar herein und auch ein innres Licht der Freude, das Leib und Seele durchdringt, ist aufgegangen; das Leben hat sein Alltagsgewand abgelegt; wie ein schweres Dach sind die Sorgen und Unruhen der Woche hinweggenommen; ungehemmt sonnt sich das Pflänzlein der Ewigkeit, das im Dunkel nicht gedeihen kann in dem vollen Glanze einer Sonne der Geisterwelt. Vieles von dem das ein Frühlingssonntag in einem Dörflein der Heimath schon von selber mit sich bringt, vermißten wir freilich in Cacamo; man hörte hier keine Frühglocken, kein Geläute das zum Gottesdienst rief, nirgends war eine Kirche der Christen zu sehen. Als wir aber heraustraten aufs Verdeck da erschienen uns die wilden Felsen mit ihrem dunkelgrünen Laubwald und Gebüsch, in der Frische des Morgenthaues und im Glanz des anbrechenden Tages wie verklärt; selbst unser Schiffsvolk hatte ein sonntägliches Gewand angethan; der abnehmende Mond stund hoch am Himmel. Im Anblick der Nekropolis, deren weiße Sarkophagen aus dem Gebüsch der Daphne hervorschimmerten, empfieng selbst der Inhalt des heutigen Evangeliums, das den Blick hinüber in die Welt, jenseit des Grabes eröffnet, eine ganz besonders eindringende Kraft und wir erfuhren auch dießmal daß der innre Frieden, den die Feier des Sabbathes in die Seele ausgießt, nicht an die Mauern der Kirche allein gebunden sey. Bald nach sieben Uhr ließen wir uns ans Land führen, an welchem wir einen großen Theil des heutigen Tages zubringen wollten. Nach einem kurzen Verweilen in der Gegend der gestern besehenen Nekropolis begaben wir uns nach dem Griechischen Dörflein um von dort die ansehnliche, alte Burg zu besteigen, welche uns ostwärts von unsrem Ankerplatz ins Auge fiel. Wir besuchten unsre kleine Syrische Ziege, bei der Hütte der armen Bäuerin, die den hungermatten Fremdling bei sich aufgenommen hatte. Das Thier konnte auch jetzt nicht stehen, sondern lag wiederkäuend im Schatten eines Baumes weil es das langentbehrte Futter in zu großen Uebermaß genossen hatte. Die Kinder der Bäuerin freuten sich ungemein an dem schönen Thiere, zu dem sie liebkosend sich hingesetzt hatten. Unter dem Schatten eines Terpentinbaumes, dessen kleine, ölgebende Früchte schon anfiengen sich zu röthen, genossen auch wir ein Frühstück der süßen Milch und des frischen Brodes und stiegen dann den Hügel zur Burg hinan. An seinem Abhange, noch mehr aber in der Nähe der Akropolis selber stehen die Reste mehrerer alter, zum Theil prächtig gewesner Gebäude. Von ihrer vormaligen Schönheit und Festigkeit zeugen zum Theil noch die Portale mit gerinneten Säulen; die Trümmer des Frieses; die starken Gewölbe und Bögen. Die Burg ist von vormals starken, jetzt aber sehr verfallenen Mauern umgeben. Eine zerbrochen daliegende, eiserne Kanone bezeugt daß man auch hier mit Waffen der neueren Kriegskunst kämpfte; im Innren der Burg selber aber erinnert namentlich das sehr gut erhaltene, kleine Amphitheater an Zeiten die noch kein Krachen der Kanonen hörten. Ein kleines, am Hügel gelegnes Gebäude schien, wenn auch seine ursprüngliche Bestimmung eine andre war, als Kirchlein oder Kapelle im Dienst des Christenthumes gewesen zu seyn. * * * * * Die Aussicht von den freien Punkten des alten Schlosses, dessen Aufseher uns ein Türke zu seyn schien, ist herrlich. Zunächst über eine breite, allenthalben von waldigen Felsen umgebene Bucht auf der Ostseite der Burg, an deren jenseitigem Ufer noch eine ungleich größere Menge von Ruinen ins Auge fällt, als in der unmittelbaren Nähe von Cacamo gefunden werden. Einige von uns fuhren später in einem Boot das einem hiesigen Fischer gehörte hinüber an dieses Ufer und betrachteten da die Reste eines kleinen, schönen Tempels so wie mehrere prachtvolle Gebäude, vor allem aber die jenseitige Nekropolis, deren Ausdehnung und Menge der schönen Sarkophagen auf die vormalige Nähe einer ansehnlichen Ortschaft schließen lässet. Das Bett eines kleinen Winterstromes scheint sich weit von Norden her nach dieser Bucht herein zu ziehen, welche durch die Stille ihres klaren Meerwassers und durch die Gestalt ihrer grünenden Ufer an einige unsrer schönsten Gebirgsseen erinnert. Jene Meerenge mit ihren Buchten muß einst mit mehreren Städten oder Flecken bebaut gewesen seyn, welche sich vielleicht durch die Nähe der schönen Stadt Myra belebten. Diese Stadt, welche Theodosius +II.+ zur Hauptstadt von Lycien erhub wird zwar von Malte Brün[195] für identisch mit Cacamo gehalten, doch spricht hiergegen der weite Abstand beider Orte, welche nach der Behauptung unsers Capitäns so wie der hiesigen Griechen drei bis vier Stunden beträgt. Die Griechen kennen noch fortwährend die dortigen, sehr bedeutenden Ruinen, die in der Nähe eines neueren Oertleins Strumita (gleich wie Ephesus bei Ajasaluk) liegen, unter dem alten Namen Myra; nicht weit von dort ergießt sich der kleine Fluß Limgrue (Limyris) ins Meer. Aus Myra brachten die Venetianer im Jahr 1101 die Gebeine des h. Bischofes Nicolaus von Myra und zweier seiner Vorgänger im Bisthum mit sich nach Hauße: als einzige oder vorzüglichste Ausbeute ihres Zuges nach Palästina, wo sie Kaipha erobern halfen. Im Schatten der Bäume und eines Seitengebäudes, auf den verfallenen, steinernen Stufen sitzend, lasen wir da die erste Epistel des Johannes. Ja, es bleibt dabei, daß Dieser, von welchem die Gotteskraft der Liebe zeuget, ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben. Unten im Dörflein fanden wir auch die beiden jungen Doctoren die sich in Wald und Gebüsch ergangen und manche schöne Erinnerungszeichen an Cacamo mit sich gebracht hatten[196]. Bei unsrer Griechischen Bäuerin genossen wir ein leichtes Mittagsmahl von Eiern, saßen und wandelten dann noch lange in der Nähe des Dorfes im Gebüsch und am Ufer und kehrten erst spät am Nachmittag nach dem Schiff zurück, wo wir auch jetzt noch nicht ruhig sitzen blieben sondern nach einem nahe beim Schiff gelegnen Felsenhügel uns überfahren ließen. Schon heute Abend sahen wir unsre Schiffsleute Vorbereitungen zur Abfahrt treffen. Der Capitän hatte im Dorfe lassen Brod backen, aber so groß der Vorrath desselben uns schien, war er dennoch, wie sich später zeigte für die unerwartet lange Dauer unsrer weiteren Fahrt nicht ausreichend; auch Fleisch, mit welchem der Koch uns schon heute gespeist hatte, Eier und einige lebendige Hüner waren aufgenommen worden; so meinten wir bis nach Syra oder Athen ganz zureichend ausgestattet zu seyn. Noch vor Tagesanbruch lichtete man die Anker; die Segel stunden bereit, den Wind, der uns hinausführen sollte aus der Meerenge, zu empfangen, er aber wollte lange nicht kommen; endlich, anderthalb Stunden nach Sonnenaufgang machte sich ein Lüftlein vom Gebirg auf und half uns wenigstens bis in die Nähe des Ausganges nach dem Meere, dann aber mußte das Fahrzeug durch die Matrosen welche sich bald an dieser, bald an der entgegengesetzten Seite auf die Felsenklippen begaben, mühsam vollends hinausgezogen werden. Es hätte dieses mühsamen Erzwingens der Weiterfahrt nicht bedurft, denn kaum hatten wir das offne Meer erreicht da gebot uns dennoch der starke Westwind, der sich um Mittag in heftigen Sturm verkehrte, von neuem Stillstand; wir kreuzten und schwebten den ganzen Tag auf den Wogen ohne die Nähe von Castell rosso zu erreichen; Mehrere von uns waren seekrank. Auch in der Nacht, obgleich der Wind sich gelegt hatte, war das Schwanken des Schiffes so mächtig, seine Wogen schlugen so heftig an die Planken des Schiffes, daß der Schlaf meist verscheucht wurde. Bald nach Sonnenuntergang stürmte uns wieder der Westwind entgegen, der uns so zurückhielt, daß wir, bei allem Hin- und Herkreuzen nur wenig über Castell rosso hinauskamen. In jener fast fortwährend seekranken Stimmung, in der wir uns befanden, war uns die Bemerkung unsers Capitäns: daß dieser heftige Wind wohl noch acht Tage anhalten könne, keine sonderlich tröstliche; aber wie unzuverläßig dergleichen menschliche Voraussagungen seyen das zeigte uns schon der heutige Tag, denn der Sturm legte sich bald nach Mittag. Auch am darauf folgenden Tage, Mittwochs den 31sten Mai hatten wir nur in den Vormittagsstunden mit dem ungünstigen Winde zu kämpfen und als wahre Kreuzritter gegen ihn zu kreuzen; am Nachmittag waren Luft und Meer still und ruhig. Zugleich erfreute uns hier ein prachtvolles Panorama, das die nahe Küste uns aufthat. Tief im Lande sahe man die hohe Gebirgskette des Taurus mit ihren zackigen, von Schnee bedeckten Gipfeln sich von Ost gegen Westen hinziehen und auf einer Anhöhe, ganz nahe an der Küste zeigten sich die sehr augenfälligen Ruinen von Patara, dem Delphi des Ostens. Denn hier fand sich jener Hain und Tempel des Apollo, dessen Orakel das berühmteste in Kleinasien war. Seine Enthüllungen des Verborgenen und Künftigen, seine Aussprüche und Beantwortungen der Fragen wurden für eben so tief eindringend und treffend gehalten als die des Apolls zu Delphi, und, gleich als ob der Gott in verschiednen Zeiten des Jahres seinen Aufenthalt wechsle, hielt man dafür daß die beßte Zeit um Weissagungen zu vernehmen für Delphi der Sommer für Patara aber der Winter sey. In Westen der Anhöhe, auf der die großartigen Ruinen von Patara prangen, fällt der kleine, Lycische Xanthus ins Meer, an dessen Mündung die Stadt Xanthus lag, die durch einen in hoher Achtung stehenden Tempel des Sarpedon berühmt war. Bei Patara selber fand sich in alten Zeiten ein vortrefflicher, jetzt von den Anwürfen des Meeres verschütteter Hafen. Durch diesen wurde sie, eben so wie Myra, zu einem jener Landungsplätze an denen der Apostel Paulus auf einigen seiner Reisen verweilte, so daß ihr Name noch jetzt in dem Herzen des Freundes der heiligen Geschichte liebliche Erinnerungen weckt. -- Mit der Aussicht in Norden verband sich auch eine nach Westen, denn man konnte in weiter Ferne die Gebirge von Rhodus wahrnehmen. Doch vor allem anziehend war der Anblick der majestätischen Tauruskette und jener von Patara, dessen wir genossen bis ihn die einbrechende Nacht uns entzog. Diese blieb still; wir konnten heute ziemlich ruhig schlafen. Der erste Juni wäre auch bei stürmischem Meere und ungünstigem Winde ein Lust- und Freudentag gewesen, denn heute vor zwei und zwanzig Jahren nahm ein Leben seinen Anfang das mir so wie Tausenden von Seelen als ein Baum erscheinet, in dessen Schatten es gut zu wohnen ist, weil an seinem Wesen die tiefgehende, den Grund festhaltende Wurzel des Deutschen Eichbaumes mit der Milde der Griechischen Olive vereint ist; der aufwärts nach dem Lichte gehende Wuchs der Palme mit den Kräften der Nahrunggebenden, demüthig nach unten geneigten Aehre. Außer der Freude aber, die schon das lebendigere Andenken an den werthen Fürsten dieses Tages uns Allen gewährte, fieng sich auch gleich der Morgen sehr glücklich für uns an, denn wir hatten endlich einmal günstigen Wind. Zwar hielt dieser, anfangs aus Osten dann aus Nordost wehend nur zwei Stunden lang an, dann kam wieder Windstille, wir waren jedoch in diesen beiden Stunden weiter vorwärts gekommen als vorhin in zwei Tagen, denn wir sahen nun Rhodus, die wohlbekannte Insel ganz deutlich vor uns. Als wir am Mittag eine uns Allen theure Gesundheit trinken wollten da wurde bemerkt daß das große Gefäß mit trefflichem Wein, mit welchem die Gastfreundlichkeit des guten Herrn Thesee mich versorgt hatte, fast leer war, obgleich ich während der beständigen Neigung zur Seekrankheit es nur selten berührt hatte, und eine ähnliche Bemerkung hatte sich unsern jungen Freunden in Beziehung auf das Fäßchen mit Libanonwein aufgedrungen, das für sie in dem Schiffsraum aufbewahrt wurde, in welchem die Matrosen ohne Aufhören bald Dieß bald Jenes zu schaffen hatten, während von uns äußerst selten Jemand hinunterkam. Gute, theilnehmende Seelen schienen da oft und viel auf unsre oder wer weiß auf welche Gesundheit getrunken zu haben und wir hätten es ihnen gern vergönnt, wenn sie uns dafür nur bessren Wind zum Vorwärtskommen hätten machen können. Wir feierten den Festtag noch auf andre Weise, indem wir am Abend unsre besten, schönsten Lieder sangen, wie uns denn die ersten Worte die wir heute am Morgen lasen, zu »Lob- und Freudengesängen« ermuntert hatten. Auch dem Auge wurde noch an diesem Abend ein festliches Schauspiel zu Theil, denn wir sahen die Gebirge der Kleinasiatischen Küste in wunderschöner Beleuchtung, und erkannten schon in ziemlicher Deutlichkeit die gute Stadt Rhodus, in der es uns so wohl gegangen war. Vor der untergehenden Sonne zeigten sich (atmosphärische?) Erscheinungen welche durch ihr scheinbar unverändertes Feststehen an einem bestimmten Punkte der Scheibe großen Sonnenflecken glichen. Während der ganzen Nacht vom 1sten auf den 2ten Juni hatte der ungünstige Westwind angehalten, doch kamen wir mit Hin- und Herkreuzen durch diesen Wind wenigstens so weit daß wir mit der Stadt, die wir in deutlicher Nähe erblickten, parallel stunden. Wir aßen heute das letzte Huhn gemeinschaftlich auf und auch die andern Lebensvorräthe waren nahe am Ende; namentlich konnte man voraussehen daß der Wein unsrer jungen Freunde kaum noch für den nächsten Tag ausreichen würde. Und doch konnte man in Rhodus nicht einlaufen, theils weil der Wind es nicht zuließ, theils aber auch weil so eben die Pest, wie man uns dieß in Beirut und in Cacamo gesagt hatte, in der Stadt wüthete. Vor Sonnenuntergang hatten wir noch einen Theil der Insel vor uns (bei Trianda?) dessen Landschaft zu den malerisch schönsten gehört, welche die fruchtbarste Phantasie sich träumen könnte. Das Oertlein meist hinter Bäumen verborgen; Berge deren tafelförmig abgeschnittener Gipfel von einem lichteren Grün begleitet ist mit welchem das dunkle Grün der waldigen Schluchten und Thäler einen kräftigen Gegensatz bildet; an manchen Stellen die ernsten Schattengestalten großartiger Ruinen. Auch Symi hätten wir begrüßen können; denn da uns der Westwind bei der jetzigen Richtung unsers Schiffes als Seitenwind förderlich war, kamen wir am Sonnabend den dritten Juni nahe an jener Insel und an Knidos vorüber. Wie gern wären wir am Lande gewesen, denn es hatte heute nur sehr schmale Bissen gegeben, da auch der aus Cacamo mitgenommene Brodvorrath zu Ende war. Unser Capitän vertröstete uns auf Cos (Stanchio) wo er mit großer Sicherheit am andren Morgen Anker zu werfen hoffte und wo ja eine Fülle aller Lebensmittel zu erwarten stund. Für meine beiden jungen Aerzte und auch für mich hatte der Gedanke, die Geburtsinsel des großen Altmeisters unsrer Kunst: des Hippokrates zu sehen etwas sehr Anlockendes und wir ergaben uns gern in das Loos des heutigen Hungers, in Hoffnung der morgen zu erwartenden Sättigung. Aber die Sicherheit mit welcher unser Capitän Kallos von den Begegnissen des andern Morgens gesprochen hatte, zeigte sich doch, als dieser erwünschte Morgen kam, als eine unsichre und täuschende. Schon während der Nacht hatte sich häufig die Windstille angemeldet; bei Sonnenaufgang nahm sie völligen Besitz vom Meere und schien Herrscherin dieses Tages werden zu wollen. Zugleich trübte sich der Himmel und es drohete mit Regen. Da saßen wir denn, nach einer fast dreiwöchentlichen Fahrt, fast wieder an derselben Stelle fest, wo wir schon auf der Hinreise von Smyrna nach Aegypten von widrigen Winden und Windstille waren festgehalten worden; denn in unverrückbarer Gleichförmigkeit blieb zu unsrer Linken (südwärts), die nordwestliche Seite von Rhodos, zu unsrer Rechten (nordwärts) das durch die Hinfahrt und ein mehrtägiges Verweilen an seinem Fuße so wohlbekannte Gebirge von Symi stehen. Aber es war heute der Tag des Herrn; wir hatten in dem Worte der Friedensbotschaft das auf diesen (zweiten Trinitatis-Sonntag) gerichtet ist von Einem gelesen, dessen erbarmendes Mitleid ohne Aufhören ausgehet das Verirrte und Verlorene zu suchen; diesmal waren wir auch leiblich Verirrte auf dem weiten Meere, die gern in der Heimath gewesen wären, und konnten doch aus der Wüste des Wassers den Weg nicht herausfinden; der Glaube gedachte es würde schon wer kommen der uns heraushälfe; in meinem Herzen war die zuversichtliche Hoffnung erwacht: noch heute werde uns Hülfe von dem Herrn kommen. Bis zu den ersten Stunden des Nachmittags sahe es freilich nicht so aus als sollte die Hoffnung erfüllt werden. Denn wenn sich auch unser Schiff durch die Strömung des Wassers bewegt zuweilen ein wenig drehete, so blieben doch Rhodos und Symi, so wie der Felsenarm der Küste bei Knidos immer an derselben Stelle und in derselben Nähe. Dazu bekam die stille, beschauliche Stellung in der wir verharrten noch eine ganz eigenthümliche Farbe durch das Gefühl von Nüchternheit welches wir empfanden. Denn da das eßbar erscheinende Brod im Schiffe gänzlich aufgebraucht war, wurde aus den untersten Räumen, einer alten Kiste das uneßbar scheinende hervorgesucht: jenes verdorbene und zur Seite geworfene das unsre Schiffer zum Futter der Schweine und Hüner aufbehalten hatten. Freilich war da vielleicht manches auch von unsren Mahlzeiten zu Boden gefallene Bröcklein darunter, aber das meiste war doch wurmig und schimmlig, dazu staubig und schmutzig, bekam deshalb, ins Wasser geweicht einen Beigeschmack, welcher verschaffte daß man sich nicht der Unmäßigkeit hingab. Endlich, am Nachmittag um drei Uhr kam die ersehnte Hülfe: ein günstiger Wind der zwar anfangs noch schwach war, dennoch aber unser schwerfälliges Fahrzeug sehr merklich gegen Knidos (Messi) hinführte. Schon gegen fünf Uhr ward der noch immer günstige Wind so heftig daß er unser Schiff mit der Schnelle eines Dampfschiffes beflügelte; wie ein Vogel strich es an dem schönen Nisyros vorüber, das von der Ebene an bis hinauf zu seiner von Seeräubern erbauten Burg wie ein großer üppig grünender Baumgarten erscheint, und bald sahen wir Cos (Istankoi) ganz nahe vor uns liegen. Aber der sturmartige Wind war nur der Vorläufer einer übermächtigeren Bewegung der Elemente; Gewitterwolken waren am Horizont aufgestiegen; ein Theil des abendlichen Himmels zuckte in beständigen Blitzen; die hohen Wogen spielten mit unserm Schiffe wie mit einem Balle; die Brandung an den Felsenklippen übertönte fast den Laut des bald näheren bald ferneren Donners. Man hatte zuletzt alle Segel einziehen müssen, denn die treibende Kraft des Wassers bedurfte nicht der Hülfe des Windes um uns vorwärts zu stoßen. Unter solchen Umständen war es unmöglich an Stanchio zu landen; mit großer Anstrengung suchte man ein freieres Meer zu gewinnen und man sagte uns später daß wir in dieser Stunde in großer Gefahr gewesen seyen. Die Abenddämmerung brach an, der alte Obersteuermann dessen kräftiger und verständiger Lenkung des Steuerruders wir heute viel zu danken hatten, war in den wenigen Augenblicken, in denen er vom Untersteuermann sich ablösen ließ, hinabgegangen in die Kajüte und hatte da vor dem Bild des Schutzpatrons mehr Lampen als gewöhnlich und immer noch mehrere angezündet; der Capitän blätterte und studirte sehr angelegentlich in seinen großen Seekarten; ich hatte die gute, in Wassersnöthen etwas ängstliche Hausfrau vermocht hinabzugehen in die Kajüte damit sie das Blitzen der Wolken und das Toben der Wellen nicht mehr sähe. Während der wenigen Minuten in denen ich mich noch länger auf dem Verdeck hielt (denn auch mich hatte der Schwindel der Seekrankheit ergriffen) trat der Kapitän zu uns hin und erklärte daß er es bei diesem Ungewitter auch nicht mehr rathsam fände den Lauf gegen Patmos und sein Meer voller Klippen fortzusetzen, zur Förderung unsrer Fahrt sey es ohnehin vortheilhafter geraden Weges nach Syra zu gehen, wo wir, wenn dieser Wind uns nur einen Theil der Nacht bliebe, am andern Morgen bei guter Zeit landen könnten. Und so ergaben wir uns denn darein, Patmos auch diesmal nicht zu sehen, und suchten, auch um die Bewegungen des Schiffsvolkes nicht zu hindern, unsre Lagerstätten. Das Schwanken des Schiffes, das Anschlagen der tobenden Wogen, die ihren Regenschauer über das Verdeck ausgossen, ließen uns nicht einschlafen, und mich namentlich hielt noch ein andrer Nachtgedanke wach. Der Lieblingsjünger des Herrn, der dort in der einsamen Stätte ein Leben des Gebetes und der Gemeinschaft mit seinem Gott gelebt: St. Johannes der Apostel, den noch jetzt ein frommer, im Orient wurzelnder Glaube wie einen, in näherem Verbande mit der Kirche Fortlebenden betrachtet, vereinte, mit der reichen Liebe seines Gemüthes zugleich jenen Ernst gegen die Uebertreter, welcher es verbeut diese zu Hauße zu nehmen, ja selbst nur zu begrüßen[197]. Ich war mir, selbst noch auf dieser Reise, so vieler Unlauterkeiten und Uebereilungen bewußt, daß ichs von Herzen erkannte: auch ich bin ein Solcher, den wohl der von meiner Seele innig geliebte Apostel nicht hätte in seinem Hauße aufnehmen und begrüßen sollen. Das will mir die Stimme sagen, mit dem dräuenden Wetter vom Herrn, das mich nun schon zum zweiten Male von der geweihten Wohnstätte des Jüngers hinwegschleudert. Ich will auch dießmal mit einem, Gott gebe ernstlich beschämten und gedemüthigten Herzen, an der lieben Insel vorübergehen, weiß ich doch, daß noch eine andre erbarmende Liebe über mir waltet, welche reicher, stärker, unermeßlicher ist, als selbst die eines heiligen Apostels: die Liebe des Herrn, meines Arztes. Ja, bei Ihm vor Allem ist Gnade und Vergebung! Gegen Morgen schien das Meer etwas beruhigter; das Schiff schwankte nicht mehr so stark; die Wogen schlugen nicht mehr so laut an seine Seite; ich schlief noch ein wenig ein. Da ich aber nun hinaufkam aufs Verdeck und fragte: ob wir wohl bald in Syra oder doch bei Paros seyen, da zeigte man mir, vom Glanze der Morgensonne beleuchtet, Patmos, das schon ganz nahe vor uns lag. Der unbeständige Wind hatte seine Richtung wieder verändert, statt unser Schiff noch weiter nordwestwärts gegen Syra hin zu fördern, hatte er uns wieder nach Osten verschlagen, und hier in der Nähe von Patmos fast verlassen, denn gerade schien es als würde abermals eine Windstille uns im Angesicht des ersehnten Zieles fest halten. Dennoch gieng es, wenn auch langsam, vorwärts; schon zeigte uns unser Capitän die Gegend, wo neben andern Häußern der hochgelegnen Stadt das seinige sich befand, so wie das Kloster, das durch seine Lage und seine Bauart ganz einer Akropolis gleicht. Auch unten am Ufer (wir kamen zu der Insel von Südwest und Süden her) zeigten uns die Matrosen allerhand Gegenstände, auf welche die phantastische Volkssage einer späteren Zeit ihren Schimmer wirft. Der eine, große Fels, der, von ferne gesehen, eine ohngefähre Menschenfigur nachäfft, soll ein Erinnerungszeichen an den Dämon (Teufel) seyn, dem das Volk der Insel, ehe St. Johannes diese betrat, göttliche Verehrung bezeugte, weil er eine Menge dämonische Wunder verrichtet, sogar Todte erweckt habe. Auch vor den Augen des Apostels wollte er ein solches Wunder thun, »da habe ihn dieser durch seine höhere Macht selber in ein Todtes, in diese schwarze Felsenmasse verwandelt, die noch jetzt von unheilbringender Natur sey, indem sie allen, sonst eßbaren Seethieren, die an ihr sich ansaugten, einen unerträglich widerwärtigen Geschmack und giftige Eigenschaften ertheile.« Auch ein andrer Fels, die versteinerte Jungfrau genannt, sollte durch eine Verwandlung entstanden seyn, welchen der Fluch der Mutter über eine ungehorsame Tochter herbeiführte, die, gegen das ausdrückliche Verbot der Mutter, an einem Fasttag hinabgegangen war ans Meer, um da einen Fisch zu fangen. So suchten die Seeleute sich und uns die lange Zeit des Verzuges zu verkürzen bis wir endlich aus einer Bucht in die andre zum Hafen von la Scala gelangten, in welchem unser Schiff noch vor Mittag Anker warf. Wir ließen uns bald möglichst hinübersetzen ans Land; aber auch hier, fast vor der Thüre der Häußer, mußten wir noch einige Gedult üben. Der Aufseher der hiesigen, sogenannten Quarantäne, der vielleicht oben in der Stadt war, mußte erst gerufen werden, um zu entscheiden ob wir ans Land (auf dem wir freilich bereits saßen und stunden) dürften gelassen werden oder nicht? Der gute Mann, da er endlich kam, fand keine Schuld, noch Verdacht der Pest oder Cholera an uns; der Capitän, der sich schon vorher, als Bürger der Stadt manche kleine Ueberschreitung der Quarantäneregeln hatte zu Schulden kommen lassen, wurde, nach wenig Worten und einer, nur mit scheinbarer Vorsicht geschehenen Besichtigung seiner Papiere, durch traulichen Handschlag begrüßt; wir durften gehen, wohin wir mochten. Wohin hätten wir aber in diesem Augenblick, nach dem Mangel den wir seit zwei Tagen auf unserm Schiffe ausgestanden, lieber gehen mögen als nach einer Locanda oder Garküche, deren mehrere hier zu sehen waren, um vor allem nur einen Bissen Brodes zu essen. Und in der wohlbestellten Locanda, in deren offenstehende Thüre wir zuerst hineinblickten und dann auch hineintraten, war mehr zu haben denn bloßes Brod; es gab da Käse, Sardellen und recht wohlschmeckenden Samoswein. Unser Capitän hatte, während wir unten am Hafen ruheten und aßen, Botschaft nach der Stadt gesendet mit jenen Empfehlungsbriefen welche der gütige Griechische Consul in Beirut mir dahin mitgegeben. Nach einigen Stunden begrüßten uns mit herzlicher Einfalt einer der Männer aus dem Magistrat der Stadt und ein Geschäftsführer des Klosters. Wir stiegen mit diesen auf der gepflasterten Straße den hohen, steilen Berg nach der Stadt hinan und besahen zuerst die seitwärts an diesem Wege gelegne Grotte des heiligen Johannes mit der bei ihr gelegnen Schule. Ein freundlicher Alter, von klugem Aussehen, begrüßte uns hier, und bot uns nach Orientalischer Sitte die Süßigkeiten des Landes mit frischem Wasser und Racky, dann Kaffee an. Die Wände der Schulstube waren mit Landcharten und andern Materialien für den allgemein wissenschaftlichen Unterricht bedeckt; die Schule, deren Lehrer sich zuweilen durch rühmliche gelehrte Kenntnisse, namentlich in der Altgriechischen Literatur vor Andren ihres Standes hervorthaten, hat den früheren Menschenaltern mehrere tüchtige Geistliche und Geschäftsmänner erzogen; sie wurde aus allen Gegenden Griechenlands von lehrbegierigen Schülern besucht. Auch jetzt erhält sie sich noch in ihrem näheren Kreise einen guten Ruf, obgleich sie mit den neuerdings besser eingerichteten Schulen des eigentlichen Griechenlands auf keine Weise in die Schranken treten kann. Vor allem zog mich schon heute die in ein einfaches, kleines Kirchengebäude eingeschlossene Grotte des heiligen Johannes an, mit ihrer hehren Aussicht über die stillen, einsamen Buchten des Meeres und ihre Felsenwände. Hier hat nach der wahrscheinlichen, auf uralter Ueberlieferung beruhenden, aus dem Munde seiner frühesten Jünger herkommenden Sage der Apostel während seiner Verbannungszeit auf Patmos gewohnt; hier hat er seine Offenbarung der zukünftigen Dinge empfangen. Heute war ich in dem ruhigen Genusse des hehren Ortes sehr gestört, ich kehrte aber, während der Zeit unsers Aufenthaltes auf der Insel täglich, oder auch wohl mehrere Male in einem Tage zu der Stätte zurück, die mir eine der liebsten geworden ist, unter allen die ich auf dieser ganzen Reise sahe. Ich saß dort zuweilen ganz allein auf der hölzernen Bank in der Tiefe der Grotte, oder auch näher dem Fenster, das den Hinabblick gewährt, in eine Gegend, deren erhabener Natur die Majestät Gottes, die einst hier wandelte, ihre Fußtapfen vor vielen andren sichtbarlich eingeprägt zu haben scheint. Ein Schweigen, das zur Anbetung erhebt, geht da über das dunkle Gewände des Gebirges wie über das Grün des Thales und das ruhende Wasser der Buchten; selbst die Sichel der Schnitter, die sich am Bergabhange mit der Arbeit der Erndte beschäftigten, regte sich, wie von Ehrfurcht gegen die heilige Grotte gehalten, nur leise; in den schattigen Zweigen der Ceratonien wurde kein Geschwätz der Cicaden vernommen. Gleich bei unserm Hinaufkommen nach der Stadt, schon am ersten Nachmittag unsers hiesigen Aufenthaltes besuchten wir auch das große Kloster des h. Christodulos und seine Bewohner. Das Gebäude steht am höchsten Punkte der Insel in so festem Schutze seiner hohen Mauern und der steilen Felsenwände worauf diese gegründet sind, daß die Bewohner der Stadt in früheren, stürmischen Zeiten hier gar oft Zuflucht und Schutz gegen die Ueberfälle der Seeräuber und andrer Feinde fanden. Jede Familie pflegte gewöhnlich ihre kostbarsten und werthvollesten Sachen in das Kloster zur Verwahrung zu geben und nur für den Augenblick des Gebrauches von dort zu holen, und noch jetzt hat sich diese Gewohnheit erhalten. Die einst so vielgerühmte Bibliothek des Klosters sahen wir an einem andern Tage. Sie ist ihrer bedeutendsten Manuscripte schon längst beraubt; was man uns zeigte, das waren Abschriften der Werke der Griechischen Kirchenväter; Geschichten der Heiligen und Märtyrer; Fragmente von alten mit kostbarem und zierlichen Fleiße gemachten Abschriften von einzelnen Theilen der heiligen Schrift, so wie vollständige Copien, namentlich von dem Evangelium und der Offenbarung Johannis; Psalmen mit uralten Notenzeichen; eine Paraphrase vom Buche Hiob mit hinein gemalten Bildern, wie wir eine ähnliche, jedoch schönere in der Bibliothek des Klosters am Sinai gesehen hatten. Neben den Griechischen Manuscripten und gedruckten Büchern von theologischem Inhalte, fanden sich, wie durch den übel angebrachten Scherz eines reisenden Franzosen oder Engländers, Französische Journale so wie einige Englische, und in beiden Sprachen einige andere, sehr wenig hieher passende, zum Theil nichtswürdige Schriften. Unser gastfreier Capitän Kallos hatte uns genöthigt das Nachtlager in seinem Hauße zu nehmen, das eine schöne Lage an der höchsten Stelle der eigentlichen Stadt einnimmt. Von dem platten Dache überblickten wir den größten Theil der Insel und ein weites Gebiet des Meeres; die zärtliche, jugendliche Hausfrau des Capitäns pflegte, wie dieser uns erzähle, auf diesem Dache, während der oft langen Abwesenheit ihres Mannes, mit dem Fernrohr in der Hand die Schiffe zu betrachten, und zu forschen ob nicht das ihres lieben Gemahles darunter sey. Unsre Zimmer gränzten unmittelbar an jenes Dach an, auf dem wir noch am Abend, beim Lichte der Mondsichel die erfrischende Luft athmeten. -- Nach der beschwerlichen Seereise und der höchst unbequemen Schlafstätte im engen Schiffe that uns die schöne Wohnung und gute Pflege auf der Insel des heiligen Johannes ganz besonders wohl. Es war als hätte die sorgsam liebende Hand eines Bruders uns hier die Herberge bestellt. Wir brachten, zuletzt gegen unsren Willen, vier volle Tage, vom Montag bis zum Freitag auf dem wahrhaft hehren Eilande zu; denn am Donnerstag war das Himmelfahrtsfest der Griechen; dieses wollte unser Schiffsvolk mit Recht nicht auf dem Meere, sondern in der lieben Heimath feiern. Diese Zeit wurde von uns nach allen Kräften benutzt um die Insel und ihre Bewohner kennen zu lernen. Das Gebirge, woraus Patmos besteht, scheint vulkanischer Abkunft, man sieht da nach allen Seiten dieselben, namentlich trachytischen und basaltischen Gebirgsarten wie an den erloschenen oder auch an den noch thätigen Vulkanen von Europa[198]. Der große Hafen der Insel erscheint als ein ehemaliger Krater, dessen gähe, hohe Bergwände den hier eingelaufenen Schiffen einen kräftigen Schutz gegen die Winde gewähren. Außer diesem verlaufen sich noch eine Menge kleinerer Meeresbuchten zwischen den ausgebreiteten Felsenarmen der Insel, welche durch ihre Einsamkeit und Stille zu einem längeren Verweilen einladen. Mehrere von diesen tragen die Spuren einer ursprünglich trichter- (krater-) förmigen Gestalt an sich. Die dunkle (schwärzliche) Färbung der Felsenmassen, das tiefe Blau des in ihrem Schutze ruhenden Meereswassers, das Grün der einzelnen Schluchten, die sich von dem Gebirge herabziehen, giebt der Landschaft einen Anstrich des Ernstes mit unbeschreiblicher Milde vermischt. Vom Hafen aus fällt die Form des Hauptgebirgskernes der Insel am deutlichsten ins Auge. Man kann, wie ich dieß schon bei der Beschreibung unsrer ersten Vorüberreise an Patmos erwähnte, den Umriß dieses Centralgebirges mit der Gestalt eines mit halbausgebreiteten Schwingen sitzenden, brütenden Adlers vergleichen. An den mittleren Körper, auf dessen Haupte das festungsartige Kloster des h. Christodulos und die umgebende Stadt liegen, schließen sich symmetrisch zu beiden Seiten, wie Flügel, zwei etwas niedrigere Berge an, die sich hinab nach dem Meere ausbreiten; wie Spitzen der Schwungfedern und des übrigen Gefieders laufen zuletzt von ihnen die noch niedrigeren Felsenwände aus. Wer, mit einigem Rechte, zu den Hauptschönheiten einer Gegend die schattigen Waldungen zählt, dem muß freilich Patmos Vieles zu wünschen übrig lassen; denn keinen eigentlichen Wald, ja nicht einmal ein Wäldchen giebt es hier. Die Schiffe bringen das Brenn- und Bauholz eben so wie das meiste Getraide zur täglichen Nahrung aus andern Gegenden her, und als während des Griechischen Aufstandes lange Zeit keine Schiffe von der Insel ausliefen waren die Bewohner genöthigt die wenigen wildwachsenden Bäume und die einzelnen Dickige des Strauchwerkes abzuhauen, um, während des Winters, die nöthige Feuerung zu haben. Wurzelausschläge von +Quercus coccifera+ und +Ilex+ verriethen noch den ehemaligen Standort ihrer Stämme; von Gesträuchen zeigte sich das Gebüsch der Gartenrose (+Rosa centifolia+) deren Blüthenzeit schon vorüber war, so wie die kretische Ladane (+Cistus creticus+) und das Gestrüpp des +Spartium villosum+. Von andern Gewächsen und zum Theil blühend das goldgefleckte Bilsenkraut (+Hyoscyamus aureus+), der kretische Natternkopf (+Echium creticum+), das weichhaarige Geranium, das stachliche Poterium (+Poterium spinosum+) u. a.[199]. Aber wenn auch die freie Natur, ohne die Hülfe des Menschen der auch so noch schönen Insel keine schattigen Waldungen gewährt, so werden diese dennoch, bis zu einem gewissen Grade durch die Gärten und Weinbergpflanzungen ersetzt die sich oben bei der Stadt, noch mehr aber in den Schluchten des Gebirges finden. In ziemlicher Menge wächst an den Felsrändern der Johannisbrodbaum (+Ceratonia siliqua+); den Gärten gewährt der Wallnußbaum neben einigen Arten der Obstbäume Schatten; der Wein welcher auf Patmos wächst gehört zu den feurigsten, wohlschmeckendsten Weinsorten der Griechischen Inseln, und die Bewohner verstehen die Kunst ihn mehrere Jahre aufzubehalten und hierdurch noch zu veredeln. An Getraidearten baut man Waizen und Gerste, doch nicht in hinreichender Menge für die Zahl der Bewohner und für die Verproviantirung der eignen so wie der fremden Schiffe, welche nicht selten, besonders in dem großen Hafen von La Scala einkaufen. Es bestehet daher ein Hauptgewerbe der Schiffe von Patmos in der Zufuhr von Getraide, vornämlich aus den Häfen des schwarzen Meeres, was dann zum Theil wieder in andre Gegenden ausgeführt und dort verkauft wird. An Thieren erhielten wir ein schönes, ziemlich großes wildes Kaninchen, welches ein Bewohner der hiesigen Felsenklüfte ist, auch das große, Griechische Rebhuhn sahen wir. In den Zeiten der Wandrung wird dieses Eiland von mancherlei Zugvögeln besucht. An Fischen, und zwar den mannichfaltigsten Arten, ist Ueberfluß; von Conchylien sahen wir nur die allenthalben in diesen Küstengegenden gemeinen. Unter den hier gefundenen Insekten zeichnen sich einige Arten aus der Familie der Myrmeleonen aus. Von Hausthieren sind die bedeutendsten die Ziege und das Schaaf, aus deren Milch ein sehr guter, berühmter Käse bereitet wird. Esel und Maulesel dienen beim Transport und beim Reiten hinauf nach der Stadt und hinab nach dem Hafen statt der hier nicht gebräuchlichen Wägen. Unsre jungen Reisegefährten hielten sich während des Tages meist unten in La Scala, in einer ziemlich guten Locanda auf, in welcher auch wir öfters aßen; bei Nacht aber schliefen sie auf dem Schiffe. Schon dieses gab Veranlassung zu einem beständigen Verkehr zwischen uns und der Meeresküste. +Dr.+ Roth war als Arzt von den Bewohnern der Stadt sehr in Anspruch genommen und diese so wie die Mönche des Klosters gewannen ihn so lieb daß sie ihn mit einer jährlichen Besoldung von dreihundert Thalern zurückbehalten wollten. Für diese Summe hätte er freilich nicht bloß alle Kranke der Insel, ohne auf weitre Vergeltung Anspruch zu machen, behandeln, sondern auch alle dazu nöthigen Arzneien herbeischaffen müssen. Obgleich unser junger Freund keine Neigung bezeugte auf diesen Antrag einzugehen, hatte dennoch das Gerücht von dieser Unterhandlung den größten Unmuth und Neid des Italienischen (vorgeblichen) Apothekers erregt, der für Patmos die Stelle eines Arztes vertritt. Die Wanderungen durch die Höhen und Thäler der Insel gewährten einen ganz besondren Genuß. Allerwärts stehen kleine Kirchen und Kapellen, deren Stätten die fromme Sage mannichfache Bedeutung giebt. Hier bei diesem Felsen war es etwa, wo der heilige Apostel einen Blinden heilte; dort gab er dem todtkranken Sohne einer armen Mutter seine Gesundheit wieder; hier an dieser Meeresbucht hat er, aus dem Ueberfluß des Glaubens und der Liebe, ein Häuflein der Schiffbrüchigen gespeist und gekleidet und sie durch seine Predigt vom Götzendienste zum Christenthum bekehrt; dort auf jener einsamen Höhe pflegte er oft zum Gebet sich zu sammeln; hier im Thale war es wo er den Schaaren der Kinder und den Jünglingen von Christo dem Herrn erzählte; da an der Küste segnete er, mit ihnen betend, zum letzten Male die Glieder der kleinen, durch ihre zum höheren Leben geborenen Gemeinde, als er, seiner Verbannung entlassen, nach Ephesus zurückkehrte. Auch von dem Begründer des großen Klosters der Stadt, dem heiligen Christodulus der in den Zeiten des Kaiser Alexius (gegen Ende des zehnten Jahrhunderts) hieher auf die Insel kam und dessen Gebeine in der Kirche des Klosters verwahrt werden, erzählt das Volk mancherlei an die Oertlichkeiten des Eilandes geknüpfte Sagen. Johannes, der Jünger des Herrn, hat bis auf unsre Zeit der Insel Patmos ein geistiges Erbtheil, einen fortbestehenden Segen hinterlassen, der sich an den Bewohnern zeigt. Die Insel ist nur von Christen bewohnt, die sich nicht bloß (vorzüglich die Frauen) durch eine besonders schöne Gestaltung des äußren Leibes, sondern auch der innren Natur auszeichnen. Freundlichkeit, Demuth und Dienstfertigkeit scheinen bei ihnen ziemlich allgemein zu herrschen. Während die Männer großentheils das mühsame Geschäft der Schifffahrt, oder, (die Aermeren) der Schwammfischerei betreiben, nähren die an Zahl sehr vorwaltenden Frauen sich und die Kinder mit den kunstreichen Arbeiten ihrer fleißigen Hände; denn solche Strickereien der Strümpfe und Mützen, an Feinheit und Festigkeit werden kaum noch anderswo auf Erden gemacht, als die sind, welche die Frauen in Patmos fertigen. Die Seeleute der Insel rühmen sich mit Recht, daß aus ihrer Mitte, auch während der Zeit der Zerrüttung durch die Griechische Revolution, niemals ein Seeräuber hervorgegangen sey; die Frauen und Jungfrauen bewahren sich fortwährend den guten Ruf der Keuschheit und Züchtigkeit; es ist noch jetzt fast ohne Beispiel daß eine Wittwe sich wieder vermählt, denn man hält dieses in Patmos nach 1. Timoth. 5, V. 12 für einen Bruch des ersten Bundes, und eine junge Wittwe welche ich hier kennen lernte, eine Schwester oder nahe Verwandtin der Frau unsers Capitäns schien mir in der That eine solche zu seyn, wie sie der Apostel in der eben erwähnten Stelle V. 5 beschreibt. Als ein äußres Zeichen der Zucht und Ehrbarkeit der hiesigen Frauen kann man die musterhafte Reinlichkeit und Ordnung betrachten, die wir in allen Häußern bemerkten. Für die Erziehung und den Unterricht der Kinder wird nach bestem Wissen gesorgt. Ein besondres Vorrecht empfangen hier die Töchter vor den Söhnen dadurch, daß die Nachlassenschaft des Vaters fast ganz auf die Töchter und zwar zumeist auf die älteste von ihnen übergeht. Während deshalb der Jüngling, auch wenn sein Vater nicht unbemittelt war, gewöhnlich nichts Andres zur Begründung seines künftigen Haushaltes in den Händen hat, als das, was er sich durch seine Seedienste oder kleine Handelsgeschäfte erwarb, bringt ihm seine Frau, wenn sie die Erbin eines begüterten Vaters war, nicht nur den Besitz eines eignen Haußes, sondern öfters noch so viel mit, daß sie ihm ein Schiff zu kaufen vermag, wodurch er Geld und Güter sich erwirbt. Während der Abwesenheit der Männer, deren Viele den Gefahren des Seelebens sehr früh unterliegen, leben die Frauen ganz überaus sparsam und eingezogen und auch wenn die Familie beisammen ist, scheint keine Verschwendung statt zu finden. Ein Hauptvergnügen der wohlhabenden Bürger ist das Zusammenkommen in einer Art von Europäisch eingerichtetem Kaffeehaus, das nahe am Anfang der Stadt an der Straße von La Scala liegt. Man erzählt sich da, beim Rauchen der Pfeife von seinen Reisen und gemachten Geschäften. Die jüngeren Männer vergnügen sich im Freien mit dem Spiele des Kugelwerfens, das die Muskeln außerordentlich stärkt und übt. Die meisten Bürger von Patmos, welche zum wohlhabenderen Mittelstand gehören, sprechen etwas Italienisch. Auch die Fränkische Kleidung sieht man, statt der Griechischen Nationaltracht bei manchem von ihnen, während die Frauen noch großenteils auch hierin der alten Sitte treu geblieben sind; namentlich die abentheuerlich schöne Kopfbedeckung beibehalten haben, die einer Grenadiermütze gleicht. Zwar steht auch diese Insel dem Namen nach unter Türkischer Oberherrschaft, wie sie jedoch schon vor dem Griechischen Befreiungskriege manche besondre Vorrechte genoß, so hat sie seit der glücklichen Beendigung desselben noch größere Begünstigungen erlangt. Ein damals hochgeachtetes Vorrecht der früheren Zeit war schon dieses, daß die Christen auf Patmos Glocken haben und läuten durften, deren Ton auch uns hier zum ersten Male seitdem wir den Libanon verließen wieder erfreute; anjetzt bemerken es die Bewohner von Patmos kaum noch daß der Großsultan ihr Herr ist, denn obgleich sie an seine Kassen jährlich einige hundert Gulden Abgaben zu entrichten haben, so stehen ihnen doch zugleich so viele Mittel und Rechte zu Gebote um von jener Summe allerhand Abzüge zu machen, daß am Ende des Jahres nur wenig in baarem Gelde, das Meiste in Gegenrechnungen und Deficits abgetragen wird; die letzteren nach jenem alten Sprichwort, daß, wo Nichts ist, der Kaiser sein Recht verloren hat. Das Volk der kleinen, friedlichen Insel wird durch eine selbst, aus seiner Mitte erwählte Obrigkeit, nach eigenem Gebrauch und rechtlicher Sitte regiert; eine vorzüglich hohe Auctorität sind die jedesmaligen Vorstände des Klosters, deren jetzigem das Beste seiner Mitbürger ein wirkliches Anliegen scheint. Die Gesammtzahl der Einwohner der kleinen Insel wurde uns zu vier- bis fünftausend bestimmt; unter diesen sind neuerdings manche Einwandrer aus andren Inseln und Gegenden des benachbarten Festlandes, die sich vornämlich in La Scala angesiedelt haben. Das weibliche Geschlecht soll in so großem Maaße die Ueberzahl bilden, daß man vier bis fünf Bewohnerinnen gegen einen Bewohner rechnet. Von dem stärkeren Geschlecht rafft allerdings das Meer, dessen Wogen von Kindheit an seine zweite Heimath sind, alljährlich eine Anzahl von Opfern hinweg, ein andrer Grund aber des ungleichen Zahlenverhältnisses der beiden Geschlechter scheint in der Neigung der Patmoser auch zum Dienst auf fremden Schiffen und zu dem Verweilen in andren Gegenden zu liegen. Wir lernten Familien kennen, deren Hausväter mit ihren ältern Söhnen für beständig in irgend einer Stadt des benachbarten Kleinasiatischen Festlandes leben, wo sie ein für sie vorteilhaftes Handelsgeschäft oder Gewerbe treiben, während die Mutter mit den Töchtern in der Heimath das einsame Leben einer Wittwe führt. Patmos hat nur zwei bewohnte Ortschaften; die eine von diesen ist die untere, kleine Hafenstadt La Scala, die andere die eigentliche, um das Kloster angebaute Stadt. Vormals soll der größte Theil der Bevölkerung unten bei La Scala am Meeresstrand gewohnt haben, an welchem man auch noch jetzt manche Reste von Gebäuden bemerkt; die beständigen Ueberfälle von Seeräubern scheuchten jedoch das arme Volk hinauf auf den Berg, in die Nähe und in den Schutz des mächtig befestigten Klosters, das im Nothfall einer großen Zahl von ihnen, ja Allen in seinen für Piraten unbezwingbaren Mauern Zuflucht gewährte. Ein Thurm des Klosters diente in jener Zeit der beständigen Unsicherheit zur Warte, von welcher aus ein bestellter Wächter weithin, nach allen Seiten das Meer betrachtete und die Annäherung jedes verdächtigen Schiffes alsbald verkündete. Noch jetzt ist dieser Thurm ein Punkt der Fernsicht über das Meer und seine Inselgruppen, bei dem der Fremde mit freudiger Bewundrung verweilt, denn während man in Norden Samos, Furni und Ikaros, in Süden Leros und Kalymna erblickt, nimmt man in Osten die Umrisse einzelner Gebirge des Asiatischen Festlandes wahr. Uns jedoch zog es jetzt nach keinem dieser Punkte mehr hin, wir waren froh daß wir den Süden und Osten für diesmal hinter uns hatten und sahen mit Verlangen nach der deutlich, ihrem ganzen Umfange nach vor Augen liegenden kleinen Insel Amorgos hin, die uns schon aus dem lieben befreundeten Lande entgegenblickte. Recht im vollesten Maße genossen wir noch das geistige und leibliche Ausruhen in dem hehren Patmos, so wie die Beweise der Freundlichkeit seiner Bewohner, Mittwochs den 7ten Juni, welches zugleich der Vorabend vor dem hiesigen Himmelfahrtsfeste war. Ich hatte mich bald nach Sonnenaufgang in Gesellschaft meiner Hausfrau aufgemacht um einige Theile der Umgegend der Stadt zu sehen, dahin wir noch nicht gekommen waren. Wenn diese vielen kleinen Kapellen, die an der grünenderen, sanfter nach dem Meere abfallenden Süd- und Südwestseite des Eilandes stehen, ein Ausdruck der Gegenliebe sind, zu Ihm, den uns der Apostel, an den hier jeder Schritt erinnert, als die Liebe kennen lehret, dann dürfen wir ihre Erbauer und Erhalter sehr glücklich preisen. Wohl gewählt, zur Erweckung des dankbaren Wohlgefallens an den Werken des Herrn erscheint die Stelle von jedem dieser Kirchlein; wenn das eine in der Mitte der Felder, deren Erndtezeit jetzt gekommen war, das andre am grünenden Wiesengrunde, der aus der Thalschlucht heraufsteigt, ein drittes auf der Spitze der Felsen steht, zu dessen Fuß das Meer mit all seinen Gaben sich ausbreitet. Der Sohn einer hiesigen, ansehnlichen Familie studirte damals in München und war auch mein Zuhörer gewesen. Wir wurden heute in sein Elternhaus, zu seiner Mutter und seinen Schwestern (denn der Vater wohnt in Scala nuova bei Ephesus) eingeladen und es ward uns sehr wohl unter dem Obdach dieses Haußes, dessen Bewohnerinnen mit der äußren Wohlgestalt zugleich die innre der geistigen Anmuth verliehen ist. Ich konnte die Fragen der sorgsamen Mutter auf eine für sie sehr beruhigende Weise beantworten. Von hier gieng es, einen großen Theil des Vormittages und auch noch des Nachmittages hindurch von einem Hauße der hiesigen Bekannten zum andren. Denn da nach einer vielleicht niemals recht ernst gemeinten Versichrung des Capitäns die Abfahrt am morgenden Abend geschehen sollte und wir dem Hauße des guten Mannes unmittelbar vor einer vielleicht langen Trennung von den Seinigen keine Unruhe machen wollten, beschlossen wir noch heute Abschied zu nehmen und die Nacht auf dem Schiffe zuzubringen. Ueberall aber wohin ich kam, im Kloster und bei den Herren des Stadtmagistrats, die mich besucht und zu sich eingeladen hatten sollte ich Bewirthung annehmen; wenigstens doch Süßigkeiten und Getränke. Das gute Patmos wollte mir bis zur letzten Stunde beweisen daß es aus freiem, innern Antriebe und eigner Neigung jenem Lobe nachtrachtet, welches der Apostel, dessen Andenken es sich geweiht hat, Gajo, dem Lieben, dem Gastfreien und in ihm der christlichen Gastfreundlichkeit selber ertheilt. Auch von der guten, edlen Hausfrau unsers Capitäns (er selber war unten im Hafen) hatten wir jetzt herzlich dankbaren Abschied genommen und zogen den so oft betretenen Steinweg nach La Scala hinunter. Ich wendete mich rechts, zu dem mir so lieb gewordnen Kloster der Apokalypse, das über der Grotte des heiligen Johannes stehet, und stieg, von Keinem bemerkt, die Treppen hinab, zu dem Kirchlein der Grotte. So still und einsam wie heute hatte ich es noch niemals da getroffen. Ich betrachtete den Inhalt der ersten Capitel der Offenbarung Johannis, dann schauete ich aus dem kleinen Fenster des Kirchleins hinunter nach dem tempelartigen Gebäu der Felsen und nach dem in ihrer Mitte ruhenden Wasser der Meeresbucht. »Ja, Herr, du bist würdig zu nehmen Preis und Ehre und Kraft; denn du hast alle Dinge geschaffen, und durch deinen Willen haben sie das Wesen und sind geschaffen«[200]. Ich stund noch auf dem platten Dache bei der Johannisschule und sahe da die Sonne untergehen über dem Hügel. Auch hier durfte ich heute ganz allein seyn, und mich noch einmal recht darüber freuen daß es mir gelungen war nach Patmos zu kommen. Es ist doch ganz besonders schön auf diesem Eilande das uns manche Erdbeschreiber nur mit wenig Worten als einen dürren, nackten Felsen bezeichnen. Meinem Auge erschienst du anders, du hehre, aus dem Feuer der Tiefe geborene und mit einem Feuer aus der Höhe getaufte Felsenveste und du wärest eine Stätte ganz nach meinem (sonderbaren) Geschmacke. Ja, ich meine daß einem Manne, der neben dem Nutzen und Dienst für den Nächsten die Stille und das einsame Verweilen in einer zur Erhebung und zur Freude an den Werken Gottes aufregenden, majestätisch-schönen Natur liebt, das Loos eines seinem Amte gewachsenen Lehrers, an der St. Johannisschule zu Patmos als eines der schönsten erscheinen müßte, welches ein Sterblicher sich wünschen könnte. Unten in der kleinen Vorstadt des Hafens, in dem gewöhnlichen Sammelplatz der Locanda, fand ich unsre ganze kleine Reisegesellschaft beisammen. Der Mondschein begleitete uns bei der kurzen Fahrt hinüber nach dem Schiffe, das wir festtäglich gereinigt und geschmückt, und mit Ausnahme eines oder zweier Matrosen, die bei dem Geräthe zurück bleiben mußten, von allen seinen gewöhnlichen Bewohnern verlassen fanden. Die Nacht war so still und das Wasser so unbewegt daß wir ganz gut in dem kleinen, schwimmenden Hauße ruheten, in dem wir so manche Stunde der Angst zugebracht hatten. Früh am Morgen, bei dem Geläute der Glöcklein und Glocken vom Berge, welche die schöne Feier des heutigen Tages verkündeten, waren wir Alle schon auf dem Verdeck und bald nachher auch am Lande. Ein Fahrzeug war angekommen mit Engländern, welche, wie es schien, Patmos, so wie andre benachbarte Inseln und Küstengegenden geometrisch untersuchten und namentlich die Buchten und Hafenplätze genau in Augenschein nahmen; die Reisenden hatten sich ein Zelt an der Landzunge aufgeschlagen, welche den Hafen von La Scala von einer andren Meeresbucht des Eilandes scheidet, deren Oeffnung gegen Nordwesten gerichtet ist. Auch jene Bucht, die wir uns heute besahen, gewährt in der Mitte ihrer vulkanischen Felsenmassen den Schiffen einen sichren Bergungsort gegen die meisten Stürme, und öfters geschieht es daß Fahrzeuge denen der Wind das Einlaufen in den größeren Hafen verwehrte in diesem kleineren ihre Zuflucht suchen, zu welchem gerade dann die Annäherung am leichtesten ist, wenn sie an dem andern, entgegengesetzten am schwersten wurde. Vormals war aber auch jene unbewohnte, nordwestliche Bucht sehr oft ein Schlupfwinkel für die Seeräuber, welche, wenn ihnen hier ein unvermerktes Landen gelungen war, Schrecken und Raubmord über die arme Insel verbreiteten. Von solcher Noth ist Patmos schon seit mehreren Jahren ganz verschont geblieben, denn das Brüllen des englischen Löwen so wie der Flug des nordischen Adlers hat jenes Raubgesindel geschreckt, und der Geruch der Lilie, die am Strande des nördlichen Afrikas Wurzel gefaßt hat, ist ihm ein Geruch zum Tode geworden. Aus der Stadt fanden wir, da wir wieder zurückkamen zur Locanda, mehrere herzliche Einladungen. Wir sollten doch, da ja für heute die Abfahrt noch sehr ungewiß sey, diesen Tag noch oben zubringen. Auch unsrem Capitän war es gar nicht recht daß wir sein Haus verlassen hatten. Da uns jedoch bei dem heutigen, ganz besonders heißen Tage das Hinansteigen auf den steilen Berg etwas sauer ankam, weil wir gern die hier gesammelten Kräfte für die vermuthlichen Beschwerden der weitren Seefahrt aufgespart hätten, und da wir überdieß unsrerseits keine Veranlassung zu einem noch längern Verzug der Abreise geben wollten, lehnten wir jene freundlichen Einladungen ab und beschlossen im Hafen die nahe Abfahrt zu erwarten. Da kamen uns dann noch heute so wie am andern Morgen noch allerhand Gaben: Käse, Körbe mit Festtagsbroden und Kuchen, Wein, und aus dem Kloster, an dessen Armenschule ich ein kleines Geschenk gegeben, ein Lamm zu. Am Nachmittag besuchten Einige von uns noch einmal das Kloster der Apokalypse und die heilige Grotte, so wie die andren Hölen des vulkanischen Felsengesteines, die in der Nähe des Gebäudes sich finden. Wir kehrten, zum letzten Nachtlager in Patmos, auf das Schiff zurück. Ein lieblicher Gesang von jugendlichen Stimmen ertönte, wie es schien uns zu Liebe, aus einem Boote, das beim Scheine des Mondes in der Nähe unsres Schiffes hin und her ruderte. Die Töne giengen mit in unsre Träume der Nacht hinüber; der ganze Aufenthalt auf Patmos erschien uns, als wir am andern Mittage von der Insel schieden, wie ein Traum, in welchem sich der Seele Gesichte und Erscheinungen der Engel zeigten. Fahrt von Patmos nach Syra und Athen. Es war, wie ich oben erwähnte, Freitags den 9ten Juni Mittag geworden als endlich der Capitän und mit ihm der größte Theil unsres Schiffsvolkes vom Lande, wo wir sie mit ihren Freunden seit vielen Stunden stehen und trinken sahen, zu uns an Bord kamen und nun die Anker aufgezogen wurden. Bis zu dem Augenblick wo man die Segel aufspannte waren einige wackre Männer vom Stadtrath, die mich noch zum Abschied besucht hatten, bei uns auf dem Schiffe geblieben, jetzt sagten wir uns herzliches Lebewohl und jene zogen nach der nahen, wir nach der fernen Heimath hin. Die Fahrt hinaus zum Hafen gieng vortrefflich von statten; der Wind füllte die Segel und das Meer schien dabei ruhig; ein solcher guter Anfang der Reise erfüllte uns mit den frohesten Hoffnungen. Anders aber zeigte sich uns das mächtige Element, das im Schooß der Felsen so zahm that, als wir wieder hinaus ins Freie kamen, wo dasselbe nicht mehr bei der ruhenden Bergfeste ruhete, sondern mit dem unruhigen Sturm sich bewegte. Da gesellte sich sogleich unser alter, wohlbekannter Reisegefährte, der vaterländische Westwind zu unsrem Schiffe, der uns, obgleich wir ihn nur als Seitenwind nahmen, mit seiner am Nachmittag zunehmenden Heftigkeit gegen Samos hinführte, so nahe daß wir meinten wir sollten auch auf dieser schönen Insel noch landen. Hierbei gieng das Meer so hoch, daß die Wellen öfter über das Verdeck hereinschlugen. Doch milderte sich gegen Sonnenuntergang dieser Ungestüm des Wetters und die Nacht war ruhig; am Morgen beim Erwachen sahen wir neben uns in Süden das gute Patmos, zur Rechten, in Norden, lag uns das lang sich hinstreckende Ikaria. * * * * * Wenn, wie dieß sehr wahrscheinlich geschehen war, die zärtliche Hausfrau unsers Capitäns heute, Sonnabends den zehnten Juni, das Schiff ihres Gemahls mit dem Fernrohr in der Hand auf dem Meere einmal aufgefunden hatte, da wurde es ihr nicht schwer seinen Lauf von Stunde zu Stunde zu verfolgen, denn am ganzen Vormittag hatten wir so wenig Wind daß wir fast an derselben Stelle blieben; betrachtend, bald das Gebirge von Ikaria, mit seinen rinnenförmig herablaufenden Schluchten, bald das Felseneiland von Patmos mit seinem Kloster und seiner Stadt. Und als am Nachmittag von neuem der Westwind in ziemlicher Heftigkeit sich erhub da nöthigte er das Schifflein statt gerade aus, zur Linken (nach Süden) sich zu wenden und führte uns abermals, obwohl von andrer Seite neben Patmos hinab, so daß wir gegen Abend Amorgos, die Geburtsinsel des Dichters Simonides, obwohl in ziemlicher Ferne vor uns hatten und zugleich die Gebirge von Naxos so wie den hohen Dimastesberg auf Mykonos erblickten, den Denkstein des siegreichen Kampfes einer Götterkraft mit der feindlichen Macht des Unteren, den Zeugen der Thaten des Halbgottes, denn hier, am Fuße des Dimastes sollten nach den Heldensagen des Alterthumes alle von Hercules erschlagene Centauren begraben liegen. Bei dieser Querfahrt unsers Schiffleins waren wir dennoch, dieß erkannten wir aus dem weiteren Abstande in welchem wir nun Patmos in nordöstlicher Richtung hinter uns sahen, etwas weiter gegen Westen vorgerückt. Noch vor Sonnenuntergang machte uns der Capitän auf zwei nackte, schroff über das Meer herausstehende Felsen aufmerksam, an denen sich die Brandung mit donnerndem Getöse brach. Sie werden von den Schiffern dieses Meeres die »Ochsen« genannt und ihre steinernen Hörner haben schon manches gute Schiff zerstoßen, denn rings um sie her ist das Meer voll verborgner Klippen und Untiefen. Wir kamen glücklich an diesen bösen Stieren vorüber, welche zum Glück für die Seefahrer an ihren Weideplatz des Gewässers fest gebunden sind. Der Wind legte sich nach Sonnenuntergang und der Mond erleuchtete das Meer mit seinem milden Lichte. So gieng denn auch dieser Tag, ein Gedächtnißtag des deutschen Volkes, denn er ist der Todestag seines großen Barbarossa, zu Ende, und mit ihm die Woche, deren Anfang für uns ein so saurer, der Fortgang aber ein so leichter und lieblicher gewesen war. Mochte denn da immer das Ende auch wieder ein wenig langweilig aussehen! Das Anschlagen der Wellen an die Seiten des Schiffes, so wie das unerwünschte Schwanken desselben, das nach Mitternacht stärker wurde, hatten uns errathen lassen daß der Wind sich wieder erhoben habe, da jedoch alle Segel eingezogen waren konnte uns derselbe nicht hindern an derselben Stelle des Meeres hin und her zu kreuzen, so daß wir am Morgen, Sonntags den 11ten Juni uns wenigstens nicht rückwärts getrieben, sondern immer noch in ziemlicher Nähe der beiden bösen Ochsen sahen. Aber mit dem hellen Tage zugleich konnte auch wieder das zwar nicht sehr erfreuliche aber dennoch förderliche Kreuz unsrer bisherigen Seefahrt: das Kreuzen beginnen, denn es bleibt dabei daß widriger Wind, wenn er nicht über das Maaß der kämpfenden Kräfte geht, im Leiblichen wie im Geistigen immerhin ungleich besser und förderlicher ist denn die böse Windstille. So ließen wir uns denn, indem wir die Vorspann des ungestümen Westwindes bald von der rechten, bald von der linken Seite in die schief aufgespannten Segel nahmen, jetzt nach Nordnord- dann nach Südsüdwesten führen und kamen auf diese Weise dennoch von Stunde zu Stunde näher nach dem Ziele (in Westen) hin. Freilich hatten wir den längst ersehnten Ruhepunkt des heutigen Tages, die Insel Syra schon früh um neun Uhr gesehen und erreichten ihren Hafen erst mit vieler Anstrengung am Abend um sieben, aber die heutige Fuhre, so sehr sie durch Umwege gieng, war keinesweges für das Aufmerken ermüdend, sondern im hohen Grade unterhaltend, denn hier in diesem Chore der schönen Inseln, deren fast jede ein Lied von den Thaten der Heroën oder von dem bedeutungsvollen Wandel der Götter auf Erden singet, findet das Auge, wie die Erinnerung an die längst vergangenen Zeiten an jedem Punkte eine neue Unterhaltung. Waren wir doch nun auch über die Gränze des gefahrvollen Ikarischen Meeres hinübergerückt, in das Aegäische und in jene Gränzen des Gewässers, bei welchen Europa und zugleich die Herrschaft eines unsren Seelen theuren, vaterländischen Königes beginnt; wir fanden uns in dem Gebiet der Sporaden und bald nachher in jenem der Cykladen. Die erste Insel an welcher wir heute in ziemlicher Nähe vorüberkreuzten, war Stenosa, jenes vormals allgemein gefürchtete Felsennest der Seeräuber, welches bei aller Wildheit nicht ohne Reize seiner Natur erscheinet. Doch wie eine Fürstin in ihrem Schmucke, neben dem Weib eines Zigeunerhauptmannes erhebt sich, unfern von Stenosa, das reiche Naxos, an dessen Ufern uns das Wasserglück des heutigen Tages ganz nahe vorbeiführte. Mit Recht prägte diese Insel die symbolische Göttergestalt des Glückes, ein Füllhorn haltend auf ihre Münzen, denn jene Güter des Erdenglückes, welche der Boden erzeugt: Getraide und Früchte der Bäume so wie der Reben gedeihen noch immer auf ihr in Menge und namentlich stehet der Wein von Naxos in hohem Rufe der Güte. Sie war dem Alterthum ein Miniaturbild des reichen Siciliens und als solches Klein-Sicilien benannt. An ihre Gebirgshöhen knüpft sich der erste Ring der Kette der Sagen, von dem Ausgang der Bacchischen Begeisterung durch die Länder und Völker; hier wird Dionysos mit Ariadne vermählt; ein dennoch hochstrebender Irrwahn des Geistes mit dem Sehnen der Menschenseele. Die Gestalt der Insel, mit ihren meist grün bekleideten Bergabhängen und Thälern ist mild und freundlich. Abermals, nachdem wir gegen Nordwest steurend, das nördliche Ende von Naxos umschifft hatten, wendeten wir uns etwas südwärts, gegen Paros, zu der Marmorinsel, der Geburtsstätte des Jambendichters Archilochos. Wie diese Insel für die bildende Kunst in alter wie in späterer Zeit eine Fundgrube des köstlichsten Materials gewesen, so ward sie dieses auch für die Geschichte, denn hier auf Paros fand der glückselige Arundel jene Marmortafeln, auf welchen in kurzen Zügen die Hauptmomente der Geschichte Griechenlands, von Kekrops bis auf die Tage des Archonten Diognetos von Athen, zugleich mit der Angabe der Zeiten, verzeichnet stunden; jene Marmortafeln der Parischen Chronik, welche eine neue Zugabe zu dem alten, wohlbegründeten Ruhm der Universität Oxford wurden, als der edle Graf, ihr Entdecker, sie derselben übergab. Schon in den Morgenstunden des heutigen Tages hatten wir gegen Nordwest und dann gegen Norden hin den herrschenden Mittelpunkt der zwölf Cycladischen Inseln, Delos mit seinem erhabenen Cynthusberge vor Augen gehabt. Das viel gepriesene, den Völkern des Alterthumes hochwerthe Eiland, dessen Tempel und heiligen Haine ein Vereinigungsort des ganzen Griechischen Volkes und die Lust seiner Augen waren. Wie Naxos als ein Ausgangspunkt des Bewegens der Bacchischen Begeistrung, so war Delos als ein Quellpunkt der höhern, Pythischen Inspiration gepriesen. Hier waren Apoll und Artemis geboren; hier ertheilte Phöbus die hellesten, deutlichsten seiner Göttersprüche. Nicht durch Mauern oder durch Schild und Waffen vieler Wächter war das kleine, leicht zugängliche Delos mit allen Kostbarkeiten und Schätzen seiner Tempel gegen feindliche Angriffe und Räubereien geschützt, sondern durch jene Heiligkeit des Ortes, welche Jahrhunderte lang als eine unverletzliche galt, bis in den Tagen eines beginnenden Verfalles der Religion und der Ehrfurcht vor dem Gesetz Menophanes, der Feldherr des Mithridates seine Hand an die geweihete Stätte legte, die Tempel des Apollo und der Latona ihrer Schätze beraubte und dann sie, wie die Stadt zerstörte, deren Bewohner vom Schwert erschlagen oder gefangen geführt wurden. Und was gab diesem Delos seine Heiligkeit in den Augen der Völker? War es nicht der unausreißbar tief in dem Menschenherzen wurzelnde Glaube an ein Annahen des Göttlichen zu dem Geist des Menschen? ein Annahen das diesen mit jener wunderbaren Kraft erfüllt, durch welche der Seher eine Welt des Oberen und Künftigen erkennt und vernimmt, von denen das leibliche Auge wie das leibliche Ohr nichts bemerken. Der Glaube an eine Macht des allbedenkenden Geistes durch welchen die Sichtbarkeit entstund, und einer Begeistrung, durch welche jedes gute Werk der Menschenhand begonnen und vollendet wird. Und das, was jener Glaube der alten Völker auch hier in Delos, »der Offenbaren« nur im verhüllten Bilde gesehen, das hat sich einem späteren Geschlecht im klaren Worte offenbart, dessen Kraft und Schätze kein Menophanes hinwegnehmen, dessen Heiligthümer keine Hand der Barbaren aus Pontus und Asia zerstören kann. Das schöne Delos, die Meisterin in Erz vor allen andern benachbarten Inseln, hat von seinen gepriesenen Herrlichkeiten nur eine kunstreiche Steinmasse der Trümmer aufzuweisen, welche noch jetzt die hohe Schönheit der Bauwerke errathen lassen, von denen sie herstammen. Dieses Eiland auf dessen heiligem Boden vormals keine Gräber waren, denn alle seine Todten wurden auf der südwärts von Delos gelegnen kleinen Insel Rheneia beerdigt, war damals, als wir es sahen, der Standort einer Quarantäne geworden, dahin man während der in Poros ausgebrochenen Pest solche Schiffe verwieß, deren Mannschaft oder Güter im Verdacht der Verpestung stunden. Etwas weiter in Norden zeigte sich uns das hohe Felsengebirge von Tenos (Tino) dessen Häupter mit Wolken bedeckt waren; ein Vorzeichen der längeren Andauer des stürmischen Wetters. Einst war ein Tempel des Poseidon, des Hülfreichen, die Zierde der Insel; jetzt erglänzet am Abhang des Berges eine schöne christliche Kirche, die erst seit wenig Jahren aus freiwilligen Gaben der Andacht erbaut wurde. Auch die Stunden des Nachmittags waren fast vergangen. Syra, zuerst mit der oberen Stadt, jetzt auch mit der untren lag deutlich vor uns; der schöne Leuchtthurm vor dem Eingang des Hafens, das Werk eines trefflichen vaterländischen Meisters, des Architekten Erlacher, war uns ganz nahe, das Einlaufen in den Hafen wurde jedoch durch den noch immer heftigen Wind so erschwert, daß wir lange Zeit in Ungewißheit blieben ob wir in Syra landen oder die Weiterfahrt nach Athen versuchen sollten. Die Ungewißheit jedoch ob man auch im Piräus eine Quarantäne machen könne, oder ob man, wie uns dieß auf Patmos versichert worden war, bei der jetzigen Pestgefahr mit einem aus dem Orient kommenden Schiffe wieder zurück nach Syra würde gewiesen werden, gab zuletzt, da der Wind etwas nachließ, den Ausschlag für das Einlaufen in den Hafen von Syra, dessen Eingang nach manchem Hin- und Herkreuzen unsers Fahrzeuges wir auch endlich, am Abend gegen sieben Uhr erreichten. ~Syra~, minder berühmt in den Zeiten des Alterthumes durch die Geschichten und Thaten als durch die Gaben der Götter: durch seinen Reichthum an Getraide und Wein, so wie an guten Weideplätzen für das Vieh, nahm uns von jetzt an etliche Wochen in seine Pflege und theilte uns so reichlich alle seine Naturgaben mit, daß uns diese Insel schon deßhalb die liebste und wertheste wurde unter allen Cycladen; werther als Delos und Naxos und denn alle andre Sitze der Götter und Heroën. Aber hierzu kam noch ein andrer Reiz, durch den uns die schöne, reiche Handelsstadt Syra gleich bei unsrer Einfahrt in ihren sichren Hafen erfreute. Wir sahen und fanden uns hier, wenn auch noch nicht in, doch bei einer Stadt, die sich in jedem ihrer einzelnen Züge als eine Europäische kund gab; ja die Bauart der neuen, unmittelbar bei unserm Landungsplatz gelegnen Häußer erinnerte uns so sehr an unser liebes München, daß wir uns schon in einer Bayerischen Stadt zu befinden glaubten. Und die Aehnlichkeit hatte uns nicht ganz getäuscht; diese neuen Gebäude sind wirklich schon ein Stücklein von München, denn ihr Plan wie ihre Ausführung ist aus dem Geiste eines praktisch tüchtigen, kunstverständigen Münchner Architekten: des wackeren Erlacher hervorgegangen. Uns würde es schon eine große Freude gewährt haben, wenn wir nur einige Europäische Schiffe von mittlerer Größe, ja überhaupt nur Schiffe, welche die Möglichkeit des Weiterkommens verbürgten, gefunden hätten, hier aber sahen wir ein mächtiges, Englisches Linienschiff, zwei Französische Dampfschiffe und an den vielen, ansehnlichen Fahrzeugen, welche mit uns im Hafen lagen, bemerkten wir die Flaggen fast aller Europäischen Nationen. Die ganze Stadt breitet sich am Abhange einer Bucht des Gebirges amphitheatralisch aus; man erkennt es an ihr deutlich daß sie ein Werk zweier verschiedener Zeiten, einer älteren und einer neuesten ist. Denn während die Bewohner von Syra früher, in beständiger Gefahr der räuberischen Ueberfälle der Piraten sich hoch hinan auf den Berg gebaut hatten, wo die Altstadt, mit ihren großen Kirchen und Klostergebäuden liegt, durften es die jetzigen Bewohner, die unter dem Scepter ihres guten Königes in Frieden ruhen, wagen sich ganz unten an der Küste anzusiedeln, wo sich, großentheils erst seit dem Ende des Griechischen Befreiungskrieges die reiche, stattlich aussehende Neustadt begründet und erbaut hat. Syra ist seitdem ein Ort des lebhaftesten Verkehres der Nationen, einer der wichtigsten Handelsplätze des jungen Königreiches geworden; nicht nur die Zahl sondern auch der Wohlstand seiner Bewohner hat sich mächtig vermehrt und beides ist noch immerwährend im Wachsen. Am Morgen des zwölften Juni wurde unser Verlangen mit fort zu reisen aufs Lebendigste erregt, da wir das eine der beiden Französischen Dampfschiffe nach Athen das andre nach Marseille abfahren sahen, doch hielt uns die Quarantäne in ihren Banden und zugleich auch die Hoffnung zurück daß späterhin ein Oesterreichisches Dampfschiff auf kürzestem Wege uns zur Heimath fördern werde. Denn daß von Triest aus in Kurzem ein solcher Wechselverkehr zwischen Oesterreich und Griechenland angeknüpft werden sollte, das hatten wir schon in Beirut erfahren. Wir hatten schon gestern, gleich nach unsrer Ankunft es versucht die Quarantäne, sey es auf unsrem Schiffe oder baldmöglichst am Lande anzutreten, hatten aber vor der Hand nur einen Guardian erhalten, der seinen Aufenthalt in einem Boote nahm, das am Hintertheil unsers Schiffes befestigt war. Das damals noch etwas kleine (seitdem viel erweiterte) Quarantänehaus auf dem Lande war mit allen seinen Nebengebäuden und Bretterhütten so erfüllt, daß uns vor mehren Tagen kein Unterkommen in demselben konnte versprochen werden. Doch auch schon ans Schiff kam uns die Liebe und Gefälligkeit der hiesigen Freunde entgegen an die wir als Landsleute empfohlen waren und die uns später unsern Aufenthalt in Syra so unvergeßlich angenehm machten; denn schon heute besuchte uns Sandersky, von welchem ich später noch öfter reden werde, und brachte den uns damals noch persönlich unbekannten Herrn Erlacher mit sich. Auch auf andre Weise ließ es uns Syra gleich am ersten Tage recht heimathlich wohl werden, denn wir fanden zu unsrer leiblichen Erquickung eine Fülle der beßten Früchte, namentlich der Kirschen, Aprikosen und Birnen. Doch sollten wir auch wieder daran erinnert werden daß wir immer noch nicht daheim seyen auf dem guten, sichern Boden des Vaterlandes, sondern auf dem unsichern Element des Gewässers, denn da am Nachmittag der große, schöne Zweimaster, der Alexander genannt, das erste Griechische Schiff, welches die Fahrt nach Amerika versucht und glücklich vollendet hatte[201], mit vollen Segeln in den Hafen einlief und wir uns so eben darüber freuen wollten daß er uns so nahe zu Gesicht kam, stieß derselbe so gewaltig an den Schnabel unsers armen, alten Fahrzeuges an, daß er dieses stark beschädigte. Dazu erhub sich gegen Abend der Wind so heftig, daß wenigstens unser Schifflein, in starkes Schwanken gerieth und diese unwillkommne Bewegung auch während der Nacht beibehielt, während freilich die größeren Schiffe, vor allem das Linienschiff von diesem Ungemach nur wenig zu leiden hatten. Auch am andern Tage hielt der Sturm noch an und war sogar noch heftiger geworden, so daß wir uns herzlich darüber freuten daß wir uns nicht mehr auf dem freien Meere, sondern in einem sichern Hafen befanden. Donnerstags, den 15ten Juni konnten wir endlich das Schifflein, auf dem wir zwar manche Noth ausgestanden aber auch viel Gutes genossen hatten, verlassen, und ans Land, in die am jenseitigen Ende der Stadt und der Meeresbucht gelegne Quarantäneanstalt ziehen. Bei diesem Auszug wurde leider ein großer Korb, der den wichtigsten Theil unsrer geognostischen Sammlung enthielt und der sich im untersten Raume des Schiffes befand, dort vergessen und bis heute konnten wir ihn noch nicht wieder bekommen. Denn das Fahrzeug begann noch in derselben Stunde in der man uns ans Land gesetzt hatte, seine Abfahrt nach Smyrna. Für Leute welche wie wir Monate lang an die Freuden des Wüstenlebens gewohnt waren (welche wir ja nicht in der Wüste allein, sondern auch auf der Reise durch Syrien und die Meisten von uns auch auf dem Schiffe genossen hatten) konnte es keinen angenehmeren, erwünschteren Quarantäneufenthalt geben als der damalige in Syra war. Denn da sich im Innren des Gebäudes nur ein sehr ungenügender Raum für unsre zahlreiche Gesellschaft vorfand, welche mit Herrn Homer und einem andern jungen Griechen, der in Patmos zu uns gekommen war, aus zehn Personen bestund, gab man uns sehr gern die Erlaubniß außen im Freien, am Meere, in einer der Bretterhütten zu wohnen, welche damals einen ergänzenden Zusatz zu dem etwas engen Quarantänehaus bildeten. Da uns aber mit der ziemlich geräumigen Bretterhütte zugleich auch der freie Raum vor und zum Theil selbst neben derselben zu unsrer Verfügung gestellt wurde, zogen wir es, der Reinlichkeit wegen vor, außen im Freien am Tage zu wohnen und bei Nacht zu schlafen; geschützt gegen die Sonnenstrahlen am Tage und den Thau bei Nacht durch ein Segeltuch, welches Freund Erlacher uns verschaffte und das von dem Dach unsrer Hütte nach der hintren Dachseite einer andern gegenüberstehenden ausgespannt war. Uebrigens fanden mehrere unsrer jungen Freunde selbst dieses Obdach zu beengend; sie bereiteten sich ihr einfaches Lager auf dem Dache der Hütte und schliefen da. Wer sich eine recht lebendige Vorstellung von dem Wohlbehagen machen wollte, das bei allen kleinen Unbequemlichkeiten ein solches »freies Leben« als wir hier führten mit sich bringt, der müßte vorher etwas von dem Unbehagen empfunden haben das mit dem verhältnismäßig so langem Aufenthalt in dem engen, dumpfigen Raume unsers kleinen Schiffleins verbunden war. Der Fels auf dem wir da stunden, saßen und lagen schwankte doch nicht hin und her, sondern stund fest mitten im Getös der anschlagenden Wellen; wir hatten keinen Mangel an irgend einem Lebensbedürfniß zu besorgen, denn das reiche Syra und die in ihm wohnenden Freunde versahen uns überflüssig mit den Gütern des Landes; wir hatten einen freien Spielraum der Bewegung, zwar nicht von einem Meere zum andern wohl aber von dem kleinen Felsen an, der einige zwanzig Schritte ostwärts unsrer Hütte lag, bis hinab an das fünf oder sechsmal weiter abgelegne niedrigere Ufer in Südwesten. War doch diese kleine Felsenlandschaft die wir jetzt bewohnten selbst von geognostischem Interesse, denn nur einige Schritte von unsrer Hütte gieng ein Lager von schönem weißen Marmor, das sich im Gneisgebirge findet, zu Tage aus. Dabei ließ es uns der tägliche Besuch der hiesigen Landsleute und Freunde, die an unserm Felsen aussteigen und bis zu einem kleinen Abstande sich uns nähern durften, kaum bemerken daß wir von der Welt abgesperrt und abgeschlossen seyen. Wir hatten, während der ganzen Dauer unsrer hiesigen Quarantäne beständig heitres Wetter, und wenn auch zuweilen die Gebirge von Tenos, die wir wie das bedeutungsvolle Delos deutlich und nahe vor uns sahen, sich mit den Verkündigern des stürmischen Wetters, mit Wolken bedeckt zeigten, so konnten wir das mit vergnüglicher Ruhe beschauen, denn der verstärkte Wind brachte uns nur liebliche Kühlung und gab dem angenehmen Hall der Brandung, die neben uns an die Felsen schlug, eine lautere Stimme. Selbst die Nächte waren in den ersten Tagen durch den Schein des Vollmondes, später, wenigstens zum Theil, durch den des abnehmenden Mondes erleuchtet. Der Unteraufseher oder Sekretär bei der hiesigen Quarantäneanstalt war gleich Anfangs sehr freundlich und gefällig gegen uns gewesen; er wurde es in einem noch viel höherem Grade, da er hörte daß wir Freunde und nahe Bekannte des Hofrath Thiersch in München seyen. Denn dieser aufopfernd treue Freund des Griechischen Volkes und seiner höchsten Angelegenheiten hat in ganz Griechenland und auch in jenen östlicheren Gegenden (von Kleinasien) die von Griechen bewohnt sind so viele Fäden der Bekanntschaft, mittelbar wie unmittelbar angeknüpft und in dem Herzen so Vieler sich ein liebevolles Andenken begründet, daß wir bei mehreren Gelegenheiten schon durch das Nennen seines Namens, noch mehr aber durch das Vorzeigen eines allgemeinen Empfehlungsbriefes, womit seine Güte für diese Reise uns versehen hatte, eine günstige Aufnahme mitten in der Fremde fanden. Der Quarantäne-Inspector gehörte nicht bloß zu den mittelbaren Bekannten unsers Münchner Freundes, sondern kannte ihn persönlich und war ein warmer, herzlicher Verehrer von ihm. Die vierzehn Tage unsrer Quarantäne, von denen wir vier auf dem Schiffe verweilt hatten die andern zehn aber auf unsrem luftigen Landsitze zubrachten, verflossen uns schnell und leicht. Ehe am Morgen die Sonne aufgieng stunden wir gewöhnlich schon auf unsrem »Lug ins Land«: unsrem kleinen Felsen, von welchem man die herrliche Aussicht nach Tenos und Delos, so wie zunächst vor uns über den Hafen und über die Stadt hatte. Es wurden da die seit gestern angekommenen Segel- und Dampfschiffe gemustert und auch in den übrigen Stunden des Tages sahen wir dort öfters den Bewegungen und Geschäften der aus- und einlaufenden Schiffe oder dem Manövre der Englischen Seeleute auf dem großen, im Hafen vor Anker liegenden, Englischen Kriegsschiffe zu. Hierauf begaben wir uns, zusammensitzend unter dem Obdache des Segeltuches, auf die Reise in ferne Länder und Jahrtausende, namentlich ergötzten wir uns während der Morgenstunden unsrer Landquarantäne an dem gemeinsamen Lesen des Buches Hiob. Dann gieng jeder an sein Tagesgeschäft: +Dr.+ Erdl beobachtete und zeichnete die kleinen Seethiere, deren uns das Meer zu unsern Füßen eine ganze Fülle darbot, Andre nahmen sich der Durchsicht und der sorgfältigen Pflege der mitgebrachten Pflanzensammlungen und der übrigen Naturalien an, noch andre schrieben Briefe und ergänzten ihre Tagebücher. Bei Gelegenheit der Durchsicht unsrer Naturaliensammlungen fanden wir zu unsrem großen Leidwesen daß uns manche der Pflanzen, besonders aus der Gegend des Thabor und des Carmel ganz verschimmelt und verdorben und daß auch viele der gesammelten Insekten zu Grunde gegangen waren; eine nothwendige Folge des langen Verbleibens in dem dumpfig feuchten Schiffsraume unsers Patmoser Fahrzeuges. Doch die Hauptsachen waren gerettet und erhalten, vor allem die Schätze welche die Seele auf dieser Reise in ihr Innres aufgenommen hatte; es war uns bis hieher geholfen worden und dieser Hülfe durften wir ja auch für den noch übrigen Theil der Reise freudig entgegen sehen. Unsre jungen Freunde besorgten sich ihre Küche selber; abwechslend war heute der Eine von ihnen, morgen der Andre Koch und Kellner; für uns beide kochte die Hausfrau. Und wenn nun der Nachmittag kam da blickten wir verlangend auf den Hafen hinaus, ob nicht ein kleines Fahrzeug sich gegen uns herbewegte das einen oder mehrere der lieben Landsleute an Bord hätte. Diese Hoffnung wurde auch niemals getäuscht; denn am Abend nach vollbrachtem Tagwerk kam entweder Freund Sandersky oder der heitre Erlacher und in ihrer Gesellschaft öfters auch der theure Hildner, nicht selten begleitet von seiner treulich für uns besorgten Hausfrau und von Frau Sandersky. Das Geläute der Vesperglocken aus der Stadt, und manches schöne, Deutsche Lied half uns dann in den späteren Abendstunden unsern Tag fröhlich beschließen; wer es wünschte der konnte auch noch durch ein Bad im Meer leiblich sich erquicken. Am letzten Abend unsrer Abgeschlossenheit in der Quarantäne gab uns die benachbarte Stadt noch, ohne dieß zu wissen ein festliches Schauspiel. Es war der Vorabend von dem St. Johannisfeste; da hatten die Lateinischen Christen, welche oben auf der Höhe des Berges, in und bei ihrem dortigen Kloster wohnen, eine Menge kleiner Lustfeuer entzündet, welche eine prachtvolle Illumination hervorbrachten. Wir hatten bereits in den letzten Tagen unsre kleine Habe und Wandergeräthschaften, nachdem sie allen Vorsichtsmasregeln der Quarantäne unterzogen worden, für den Abzug bereit gemacht; schon am frühen Morgen des 25sten Juni kamen unsre treuen Freunde Sandersky und Erlacher um uns und unsre Sachen, zu Lande wie zu Wasser nach der Stadt abzuholen. Der gefällige Quarantäne-Inspector that es nicht anders: wir mußten noch mit ihm frühstücken. Die meisten Schiffe im Hafen, zu welchem wir zuerst giengen um unsre Angelegenheit mit der Mauth in Ordnung zu bringen, waren heute zum Johannisfest prächtig geschmückt, denn alle Fahrzeuge aus den westlicheren Ländern von Europa hatten ihre schönsten Flaggen aufgezogen. In der Stadt selber hatte sich die liebevolle Vorsorge der Freunde in unsre Pflege getheilt: meine Hausfrau und ich nahmen in Hildners Hauße, die Freundin Elisabeth bei Frau Sandersky, die übrigen Reisegefährten bei dem guten Erlacher die Wohnung. Uns ward die Freude zu Theil an dem heutigen Sonntage, nach so langer Zeit wieder zum ersten Male, einem Deutschen Gottesdienste beizuwohnen. Vier volle Tage weilten wir jetzt noch in Syra, das uns nach allen Seiten hin die jungen, frischen Lebenskeime des neubegründeten Königreiches kennen lehrte. Die Keime, nicht bloß des äußren Wohlstandes und des Gedeihens aller bürgerlichen Gewerbe, sondern vor allem jenes innren, auf welchem der äußere allein sein festes, sicheres Bestehen finden kann: die Anfänge und Erstlingsblüthen einer höheren Volksbildung. Unser theurer Freund und Landsmann Hildner, in dessen Umgange ich den größten Theil der letzten vier Tage in Syra zubrachte, ist selber einer der Vorsteher jener Volksschulen, deren Wirksamkeit schon in den wenigen Jahren ihres Bestehens eine so reich gesegnete war. Mit ihm gemeinsam arbeitete der treffliche Robertson, ein Amerikaner an dem schönen Werk der Jugendbildung und auch das hiesige sehr wohlbestellte, gute Gymnasium hat unter seinen Lehrern einen Deutschen, den gelehrten Philologen und begabten Schulmann: +Dr.+ Fabricius. Mit Freund Hildner und auch ohne ihn besuchte ich fast täglich die Volksschulen, welche der wohlthätige Eifer edler Menschenfreunde des fernen Auslandes begründet hat und die sich des besondern Schutzes Sr. Majestät ihres hochsinnigen Königes zu erfreuen haben. Die Unterrichtsanstalten für beide Geschlechter, für Knaben und Mädchen sind getrennt, jede von ihnen ist in mehrere Klassen getheilt; die Lehrer und Lehrerinnen sind mit Ausnahme des Vorstandes sämmtlich Griechen; die meisten von ihnen sind aus Syra selbst gebürtig und vornämlich ist darauf Bedacht genommen daß der Religionsunterricht von Männern ertheilt werde die zu derselben Kirchengemeinschaft gehören als die Kinder; fast ausschließend mithin von Griechischen Christen. Der übrige Unterricht umfasset alle jene Gegenstände welche am allgemein anerkanntesten zum Nutzen und zum Dienst des bürgerlichen Lebens und seiner Geschäfte gereichen und deren Kenntniß das begründet was man im Allgemeinen als höhere Bildung des Bürgerstandes bezeichnen kann; es sind dieselben Gegenstände die an jeder unsrer besseren, vollkommener eingerichteten Bürgerschulen gelehrt werden. Die Methode des Unterrichts ist im Ganzen die Lancastersche welche ich hier mit so viel Verstand und Consequenz angewendet und durchgeführt sahe als ich kaum anderwärts dieses gefunden. Namentlich machte mir in der Schule meines Freundes Hildner ein kleiner Knabe große Freude, der durch Fleiß und Talent in der Arithmetik so wie in andren verwandten Fächern so hoch unter den Mitschülern seiner Klasse hinangerückt war, daß er in der obersten Abtheilung von dieser das Amt des Vormannes oder Aufsehers begleitete, der die um viele Jahre älteren Knaben fragte und ihnen Aufgaben ertheilte und nach ihren jedesmaligen Leistungen sie anordnete. Der Kleine that dieses bei aller kindlichen Bescheidenheit mit einer solchen Art von Haltung und fast möchte man sagen von Würde, daß man nicht ohne ein besondres Wohlgefallen ihm zusehen und zuhören konnte. Wer nur einmal und ohne vorgefaßte Meinung diese Schulen betrachtete der wird es überall hindurch fühlen und bemerken daß in ihnen die besten, kräftigsten Mittel zur Veredlung und Bildung der jungen Seelen in Wirksamkeit gesetzt sind; denn man siehet da ein Feld der aufkeimenden fröhlich gedeihenden Anlagen an denen jedes gute Auge sein Wohlgefallen hat, am meisten das Auge jenes Gärtners der auch das große, vormals so fruchtbare Brachfeld dieses Landes wieder zu Gärten der Segnungen umgestalten will. Wer die Vorsteher und Lehrer näher kennen lernte der wird bald in ihnen den Geist jener uneigennützigsten, reinsten Menschenliebe ehren müssen, welcher nichts anders will als das Glück der Brüder, welches ohne wahre, geistige Bildung und Erkenntniß nicht bestehen kann. Es war leicht vorauszusehen daß diese wohlgemeinten Unternehmungen der Ausländer in einem gewissen Kreise des Volkes große Widerstrebungen wecken mußten, welcher den Werth der geistigen Bildung verkannte, weil diese selber ihm fremd war, und der bei dieser Verkennung dennoch kein gutes Gewissen hatte, weil sein Stand allerdings geistige Bildung forderte. Man sagte den Fremden, die zu einer andren christlichen Gemeinschaft gehörten als das Volk des Landes, es nach, daß sie die Absicht hätten das Ansehen der Religion zu untergraben; sie selber glaubten Nichts oder seyen Ketzer, darum machten sie das was dem Volke heilig sey bei jeder Gelegenheit zum Gespött. Diese feindseligen Verläumdungen von Männern denen ihrer ganzen Denkungsart nach das Heilige selber heilig und der Glaube das höchste, unantastbarste Kleinod der Völker ist, verfehlte nicht seine Wirkung auf solche Menschen welche nicht gewohnt sind eine auf eignes Forschen und Erfahren gegründete Ueberzeugung zu haben, sondern welche in allen Dingen ein Spiel der fremden Meinungen und Vorurtheile sind. Eine Aufregung der gehäßigsten Art machte sich bei mehren Gelegenheiten Luft und es kam ein oder etliche Male dahin, daß man die Schulen schließen mußte um den Ausbruch roher Gewaltthätigkeiten zu verhüten, oder daß die Eltern ihre Kinder von dem Besuch der Schule aus Furcht vor Andern zurückhielten. Allmälig aber hat man sich davon überzeugt daß jene Menschenfreunde, die sich der Jugendbildung so eifrig annahmen, keine Proselytenmacher sind, sondern daß sie hieher kamen um einem edlen Volke, an dessen Schicksalen alle gebildete Völker der Erde lebendigen Antheil nahmen, im Kampfe gegen die Barbarei beizustehen, in deren harten Banden dasselbe Jahrhunderte lang gefesselt lag. Denn das Joch dieser Barbarei unter welchem Griechenland seufzte, war ein doppeltes: ein äußres und ein innres und das letztere hatte mehr zur Entartung des Volkscharakters gewirkt als das erstere. Ist das nun nicht auch ein Befreiungskrieg und zwar der heiligste von allen, dessen Kämpfe gegen das Joch der innern Barbarei gerichtet sind, und sind jene Philhellenen, welche aus fernem Lande kamen um den Nachkommen des Volkes, dem unsre Väter und wir die fruchtbarsten Elemente des wissenschaftlichen Erkennens danken, in dem Kampfe gegen rohe Unwissenheit und geistige Verlähmung beizustehen, nicht eben so hoher Ehren werth als die, welche mit dem Schwert in der Hand Griechenlands Befreiung vom äußeren Barbarenjoch erfechten halfen? In der That jener innre Krieg ist nicht minder schwer und fordert nicht mindere Opfer der Selbstverläugnung als der andre. Und wenn auch das Volk die Bemühungen der einen wie der andren Art ihrer Freunde noch zuweilen verkennen sollte; so hat es doch, namentlich in Beziehung auf die Schulen der wahrhaft philhellenischen wie philanthropischen Fremdlinge aus Erfahrung sich überzeugt daß der Besuch dieser Anstalten zum Besten der Kinder gereichte, welche dadurch nicht bloß eben so gute Griechen ~geblieben~, sondern noch bessere ~geworden sind~ als sie vorhin waren. Uns war es in Syra recht wohl geworden. Bei dem guten Hildner hatten wir eine Hausordnung gefunden, welche in allen Stücken der unsrigen, in der Heimath glich; am Morgen sucht zuerst die Seele die Strahlen ihrer Sonne auf, von der sie Wärme, Licht und Belebung nimmt, dann macht sie sich auf zum Tagwerk welches ihr obliegt. Dem Leibe widerfährt die nöthige Pflege und Wartung, doch also daß er nicht beschwert und durch ihn auch die Seele gehemmt wird; am Mittage wie am Abend erfreut man sich im Beisammenseyn und traulichen Gespräch mit den Freunden. Das kleine, stille Haus, im Gärtlein der blühenden Rosen, welches unser Freund Sandersky mit seiner lieblich blühenden Neuvermählten bewohnte, nahm uns manche Stunde in seinen Frieden auf, der ein unveränderlich bleibender ist, weil er aus einem andren als nur äußerem Quell kommt. Mit dem trefflichen Robertson knüpften wir außer dem innersten Bande des Wechselverkehres der Herzen auch noch ein mehr äußeres des wissenschaftlichen Verkehres an, denn dieser vielseitig gebildete Gelehrte hat namentlich auch sehr tüchtige Kenntnisse in der Naturgeschichte und theilte uns aus seiner reichen Conchyliensammlung sehr schätzbare Gegenstände für die unsrige mit. Mit ihm und seiner liebenswürdigen Familie brachten wir manche gute, schöne Stunde zu. Und wo wäre ein Tag vergangen an dem uns der gutherzige Herr Erlacher nicht neue Beweise von seiner aufopfernd treuen Liebe und unermüdlichen Gefälligkeit gegeben hätte! So hätten wir Anlockungen genug gehabt für eine Verlängerung des Aufenthaltes in Syra; ein Zug aber war dennoch mächtiger, das war der nach Athen und dann noch weiter zur Heimath; wir unterließen es deshalb nicht gleich vom ersten Tage unsers Austrittes aus der Quarantäne an, uns nach einer guten Schiffsgelegenheit für Athen umzusehen. Nach den bisherigen Erfahrungen die wir im Glück der Segelschifffahrt gemacht hatten war es uns nicht zu verdenken daß wir hier, auf der Bahn der Dampfschiffe lieber mit einem von diesen weiter gegangen wären. Leider war aber das Französische Dampfschiff welches den Weg von Syra nach Athen macht noch vor unserm Austritt aus der Quarantäne dorthin abgegangen und die Hoffnung auf die Ankunft eines schon längst erwarteten Oesterreichischen Dampfschiffes, die uns, während der ganzen Zeit unsers Aufenthaltes in Griechenland als ein angenehmes, für diesmal jedoch täuschendes Traumbild vorschwebte, wollte auch nicht in Erfüllung gehen; es blieb uns deshalb zuletzt doch keine andre Wahl als die abermalige eines Segelschiffes. Das Griechische Fahrzeug auf welchem wir Freitags den 29sten Juni kurz vor Mittag aus dem Hafen von Syra abfuhren war das kleinste von allen denen wir uns und »unser Glück« auf dieser ganzen Reise anvertraut hatten. Es glich an Größe kaum einem jener besseren Segelschifflein die man auf unsren kleineren Deutschen Landseen antrifft, hatte keine eigentliche Kajüte, noch weniger eine Küche, und auf seinem Verdeck war nur eben so viel Raum daß wir acht (Herr Homer und der andre junge Grieche waren in Syra zurückgeblieben) so wie die drei Schiffsleute mit ihrem kleinen Knaben darauf ziemlich enge gedrängt sitzen und selbst zur Noth liegen konnten. Die schlecht verwahrten Krüge mit Vitriolöl welche der Schiffsmann außer seinen andern Sachen laden wollte, wurden zum Glück von unserm Freund Erlacher noch zur rechten Zeit bemerkt, und dieser drang darauf daß jene gefahrdrohende Waare, da keine Zeit mehr war sie besser zu verpacken, aus dem Fahrzeug entfernt würde. Ein kräftiger Wind, der jedoch endlich einmal nicht mehr aus Westen, sondern fast aus Norden kam und deshalb, als Seitenwind, die Fahrt begünstigte, schwellte das kleine Segel unsers Schiffleins und führte uns schnell zum Hafen hinaus. Zugleich aber nöthigte er uns, da wir im freien Meere waren, die Fahrt nicht wie gewöhnlich um die Nord- sondern um die Ost- und Südseite der Insel zu machen. Doch dieser kleine Umweg wurde mit dem frischen Winde so schnell zurückgelegt, und die nahe Aussicht auf das großartige, durch tiefe Schluchten getheilte Felsengebäu von Syra, so wie auf Delos, dann der Fernblick auf die Gebirge des in Süden gelegnen Paros und Antiparos gewährten dem Auge so viel Unterhaltung, daß wir selber fröhlich wie die Cormorane, die neben uns flogen und schwammen, über die Wogen hinschwebten. Etwas anders wurde es uns freilich zu Muthe, da wir jetzt aus dem Schutz der Insel heraustraten ins freiere Meer, wo der Nordwind ungehemmt auf unser Schiff traf. Dieses legte sich zur Seite, so daß man nicht ohne sich am Mastbaum anzuhalten aufrecht stehen konnte, dazu spritzten die Wellen häufig über den erhobenen Rand des Fahrzeuges herein. Wir hatten freilich hier gar Manches vor Augen, was uns über den schiefen Gang unsers Schiffleins und seine Kleinheit hätte trösten können. Denn so klein es auch war, blieb es doch immer noch ein Riesengebäu gegen jene Kiste in welcher der Held Perseus in Gesellschaft seiner Mutter Danaë dort an die Felseninsel, die wir erst südwestlich dann in Süden neben uns liegen sahen, glücklich hinanschwamm. Denn hier war Seriphus, das Eiland, welches mitten in seinen gähen, wilden Gebirgen den Reichthum des magnetischen Eisens und selbst die Gaben der Felder und Weinberge darbot, weil die versteinernde Kraft des Medusenhauptes in der Hand des Perseus mit dem König Polydektes zugleich nur die hochstrebenden Häupter, nicht die bescheidene Tiefe der Insel traf. In malerischer Schönheit erhub sich, wie ein vereinsamter, grünender Berg selbst die kleine Felseninsel Serpho Pulo (?) und konnte in Seelen, welche die Stille lieben, das Sehnen erwecken, dort einmal mit einigen andern gleichgesinnten Seelen Monate, ja Jahre lang zu leben und das niedliche Eiland in einen grünenden Lustwald umzuwandeln. Aber so schön auch der Anblick in die Ferne war und so klar und heiter der hohe blaue Himmel über das Meer und seine Inseln sich wölbte; so stieg doch in der Nähe, in dem kleinen Raume des Hauptes selber das trübende Gewölk der Seekrankheit und ihres Schwindels auf. Das Beispiel von übler Vorbedeutung war diesmal von der Jugend, von dem kleinen, vorher so muntren Schiffsjungen ausgegangen und hatte sich, wenigstens zum Theil, aufs Alter fortgepflanzt. Da wir aber bald nachher in den Schutz der hochbergigen Insel Thermia (Kythnos) kamen wurde das Meer so still und der Wind so unmerklich daß wir nur noch das Vergnügen, nicht mehr die Beschwerden der kleinen, günstigen Seefahrt empfanden. Unser Fahrzeug kam so nahe an das Ufer des mit warmen Heilquellen gesegneten Thermia hin, daß wir meinten der Schiffsmann wolle hier vor Anker gehen. Das Geläute einer Abendglocke tönte über das Meer her; wir hätten gern auf dem sichren Boden des Landes übernachtet, denn der abnehmende Mond, wenige Tage vor dem Neumond, der erst in den Morgenstunden aufgieng, konnte bei der nächtlichen Fahrt uns wenig Erleichterung gewähren. Der Bootsmann aber versicherte uns daß es keine Gefahr habe, denn er und seine Gefährten wüßten noch besser Bescheid auf dem Meere als auf dem Boden der Insel und der Wind werde bald sich legen. Daß er hierin recht gehabt erfuhren wir bald, als wir aus dem Schirm der Berge wieder hinauskamen auf das freiere Meer, denn die Luft wie die Wogen waren nach Sonnenuntergang ruhiger geworden; das Schiff stund wieder fast gerade aufrecht und glitt, auch von dem schwächeren Winde in seinem Laufe begünstigt, sanfter über die vom Sternenlicht beleuchteten Wogen. Wir genossen auf unserem Verdecke, angeweht von dem erfrischenden Nordwind, des ruhigsten Schlafes. Doch wer hätte hier, in diesem Lande auch nur eine Stunde des hellen Tages verschlafen mögen; in dem Lande wo jeder Berg und jedes Thal Erinnerungen an jene Stunden der Jünglingsjahre aufrufet, welche aus der Geschichte Griechenlands und seiner Thaten die Nahrung einer Begeisterung nahmen die noch den ergrauenden Mann auf dem Wege des wissenschaftlichen Forschens und des Denkens nach seinem Maaße kräftig macht und erhält. Der Tag fieng kaum an zu dämmern da erhub ich mich vom Lager und gieng auf die vergnügliche Wandrung der Augen aus. Hinter uns schon, fast in Osten, zeigte sich noch die vormals wegen ihrer Naturfülle gepriesene Insel Ceos, deren Fruchtbarkeit auch in andern Erzeugungen groß war als in denen der Felder, denn auf ihr waren namentlich die Dichter Simonides und Bacchylides geboren. Fern in Norden erhub sich, wie ein blauliches Gewölk das hohe Gebirge Oche (jetzt St. Elias) an der Südspitze von Euböa (Negropont) aus den Fluthen; ein bedeutungsvoller Denk- und Gränzstein in Griechenlands älterer Geschichte, denn an dem Felsenfuß jenes Gebirges, der sich als Landspitze von Kaphareus (Capo doro) ins Meer herabstreckt und an den Klippen die weiterhin an der Nordostseite der Insel stehen, brach sich zuerst das Ungewitter der Barbarenmacht, welches Griechenlands geistigem Streben den Untergang drohte. Dort ward ein Theil der Persischen Seemacht vom Sturm zerschmettert; ein Vorzeigen jenes Endes, das bald nachher bei Salamis fast die ganze Flotte ereilte. Aber auch Agamemnons, des besungenen Königes Schiffe, fanden bei der siegreichen Heimkehr von Troja an jener Felsenküste ihren Untergang. -- Der Morgen erglänzte heller; er beleuchtete uns das nahe vor uns liegende Vorgebirge von Sunium (Capo Colonni), an welchem, in dem ansehnlichen Demos von Sunium ein berühmter Tempel der Athene stund. Auch bei dem alten Namen jenes Vorgebirges tönte, wie ein Gesang aus dem Walde, manche durch die Gefühle der Jünglingsjahre belebte Erinnerung mit. Die Sonne trat herauf über die dunkelgrünen Höhen; wir hatten Sunium umschifft, da erhub sich, zur großen Begünstigung unsrer Fahrt ein frischer Ostwind. Und siehe dort lag Aegina die Insel vor uns, die alte Pflegerin der Künste, die Ernährerin eines vielthätigen Volkes das mit den Ameisen nicht nur den alten Namen sondern die sinnige Geschäftigkeit gemeinsam hatte. Auch Salamis trat nun deutlicher ins Auge, und anfangs kaum für uns erkennbar, schied sich allmälig die Akropolis von Athen als bestimmte Gestaltung aus den blaulichen Massen der Berge und der Ebene. Fast zu gleicher Zeit sahen wir dann auch den Wald der Mastbäume und die mächtigen Linienschiffe, welche gerade um diese Zeit England und Frankreich im Hafen des Piräus und in der Meerenge bei Salamis vor Anker liegen hatten. Zu jenen vorragenderen Gebäuden des Gewässers waren eine Menge andre von mittlerer Größe, so wie kleinere gesellt. Die neuere Kunde des Schiffbaues und der Seefahrt thut wohl wenn sie wie vormals die Bewohner Griechenlands nach Delos ihre Wallfahrten, hier an diese Stätte die ausgezeichnetsten Repräsentanten ihrer Macht und Geschicklichkeit sendet; denn das was dort bei Salamis durch die Kunst des Seegefechtes errungen ward, ist für die Geschichte aller gebildeten Völker werthvoller und wichtiger gewesen als jede Silberflotte des Atlantischen Meeres, oder als irgend ein goldreiches Land und großer Handelsgewinn: es war der Sieg des geistigen Verständnisses der Menschennatur über den nur leiblich mächtigen Unverstand. Bald nach zehn Uhr stiegen wir im Piräus ans Land. Wer diesen Hafen noch vor wenig Jahren gesehen und sein damaliges Bild treulich ins Gedächtniß gefaßt hätte, der würde freilich diese stattlichen und prachtvollen Gebäude, die breiten, wohlangelegten Gassen und das muntre Gedränge der Menschen mit noch andern Augen betrachten als der Fremdling, welcher sich der schon hoch aufgewachsnen Pflanzung des neuen Friedensreiches freuen darf ohne den wüsten Acker, auf dem sie gedeiht, jemals vorher gesehen zu haben. Als Lord Strangfort im Jahr 1821 hier im Piräus landete, da stunden nur einzelne elende Hütten und Türkische Wachtposten da; er selbst, der edle Lord wurde zwar von dem damaligen Türkischen Pascha von Athen zu Pferde nach der Stadt abgeholt, seine Gemahlin aber mußte es sich gefallen lassen in einem schwerfälligen Korbwagen, -- dem einzigen Fuhrwerk das in der Gegend aufzutreiben gewesen, auf dem schlechten, steinigen Wege nachgeschleppt zu werden. Jetzt ist die Vorstadt des Piräus an Schönheit und Wohlstand der Bewohner jeder der schöneren Mittelstädte unsres Vaterlandes zu vergleichen; zwischen ihr und dem anderthalb Stunden entfernten Athen bildet eine gute, mit Bäumen bepflanzte Kunststraße die Verbindung; fast zu jeder Stunde stehen Miethkutschen und Gesellschaftswägen bereit um die Einheimischen wie die Fremden hinein zur Hauptstadt zu geleiten. Wir suchten den liebevollen Freund aller Deutschen Reisenden, den Herrn Apotheker Mahn auf, um ihn zu bitten daß er unsre Sachen in seinem Hauße aufbewahren möge bis zu unsrer Abreise. Der gütige Mann, der noch keinen von uns jemals gesehen und gekannt hatte, that viel mehr als wir begehrten, er ließ das Ausladen unsrer Schiffsgüter besorgen und nahm nicht bloß diese in sein Haus auf, sondern nöthigte auch uns in demselben abzusteigen. So gut es uns hier im Piräus bei dem wohlwollenden und wohlunterrichteten Landsmann ergieng, hatten doch die Meisten von uns ein lebhaftes Verlangen noch heute nach Athen zu kommen. Einige der jungen Freunde waren vorausgeritten; ich mit den beiden Reisegefährtinnen fuhr bald darauf ihnen nach. Und da stunden sie, hell beleuchtet vom Glanze der Nachmittagssonne nahe vor mir, die noch übrigen Herrlichkeiten des alten, geistig mächtigen Athens: die hehre Akropolis, der untadelich schöne Tempel des Theseus und sonst manche Trümmer welche mein Auge damals noch nicht zu unterscheiden wußte. Zwar die Gefühle und Gedanken die mich bei diesem Anblick ergriffen waren wieder von andrer Art als jene, die mich bewegten als ich den Thoren von Jerusalem mich nahete, aber auch sie waren von mächtig erhebender Kraft und beide stunden in harmonischem Einklang. Denn es sind zwei Wege auf denen die unvergänglichen Elemente des geistigen Lebens der Völker hervorkamen und das leibliche Wesen durchdrangen; der eine führte von oben, von dem Einen herab zu den Vielen, der andre nahm seine Richtung von unten nach oben, von den Vielen zu dem Einen. Zwar das Hinausdrängen der Pflanze aus dem Dunkel des warmen, feuchten Bodens, nach einem belebenden, bekräftigenden Einfluß wäre fruchtlos, käme nicht eine Sonne herauf die ihre Strahlen hinunter in die Welt des Dunkels senkt; aber auch jenes Ringen der Creatur ist für das erkennende Auge von hoher Bedeutung. Die Geschichte der alten Welt zeigt uns vornämlich zwei Punkte und Städte der Erde an denen die beiden Bewegungen, jene von göttlicher und die von menschlicher Art recht sichtbarlich in das geistige Wesen der Menschennatur eingriffen; der eine dieser Punkte ist Jerusalem, der andre ist Athen. Jerusalem ist die Hauptstadt der Offenbarungen Gottes und dieses Vorrecht kann ihr auch im entferntesten nicht durch irgend eine andre Stadt der Erde streitig gemacht werden; sie ist in ihrer Art und Bestimmung die Eine, der keine andre gleich stehet, denn in ihr hat sich das ewig Eine, von welchem alles geistige Leben ausgehet und zu welchem es sich hinringen will, mit erbarmender Liebe herabgesenkt zu dem menschlichen Hoffen und Sehnen; dort ist die Sonne aufgegangen zu deren Strahl der Pflanzenkeim sich hinausdrängt. Bei Athen zwar ist der Vorrang, der ihr über die vielen andern Glanzpunkte von verwandter Art gebühret, welche in der Geschichte der Völker erschienen, kein so ungetheilter und unbestrittener, aber dennoch ist und bleibt er ein entschiedener. Das augenfälligste jener Werke welche Athen in seiner Blüthenzeit sichtbar hingestellt hatte waren die Propyläen: die Vorhallen zu dem Tempel, in welchem die Weisheit in abbildlich-symbolischer Gestalt verehrt ward. Der Fremdling aus fernem Lande, wenn er der Stadt sich nahete, erblickte vor allem die hoch auf dem Felsenberg begründeten Propyläen und noch jetzt fallen die Reste dieses herrlichen Bauwerkes schon aus weiter Ferne ins Auge. Und mit Recht hatte die kunstmächtige Stadt diese Säulenhallen als ein weithin sichtbares Panier ihrer geistigen Herrscherkraft auf das Haupt ihres Burghügels aufgepflanzt, denn es war darinnen am bedeutungsvollesten das ausgesprochen was das Vorrecht und die Bestimmung Athens vor andren Städten der Erde gewesen, eine Vorhalle zu werden durch welche das menschliche Erkennen und künstliche Vermögen, wenn es nur redlich dem bewegenden Zuge treu bleibet, sich annahet dem Erkennen und Neues schaffenden Vermögen einer göttlichen Weisheit. Mein Auge suchte, im Norden der Stadt jenen verödeten Hügel da Plato gelehrt und jenseits, etwa in Osten desselben die Stätte jenes Demos in welchem Sokrates geboren ward. Die Weisheit wie die Kunst in Attika's Hauptstadt, so lange in beiden der Zug kräftig blieb der nach dem Einen gehet welches des Forschens Ende und Ziel des Erkennens ist; nach dem Einen, ewig Schönen, welches die Kunst der rechten Art meinet und ahndet, auch ohne seinen Namen zu kennen, waren beide auf dem Wege nach jenem Punkt des Begegnens an welchem der Strahl, der von oben kommt das Menschliche mit den Kräften des Göttlichen durchdringt. Griechenlands geistige Macht vergieng wie ein Rauch, als ein selbstsüchtiger Sinn, welcher nicht mehr wollte und suchte das was oben, sondern jenes was unten, was Schein und Lüge ist, auf die Flamme, deren Kraft nach oben steiget, drückte und diese erstickte. So hatten jene beiden Völker ein ähnliches Schicksal denen die wichtigste Botschaft an die ganze Zukunft unsres Geschlechtes anvertraut war und welche vormals die Inhaber der beiden höchsten Kleinodien des Menschengeistes: der Offenbarung des Geistigen und des begeisterten Sehnens nach dem Lichte gewesen. Judäas erwähltes Volk versank in das tiefste Elend, weil es den Weg des Erbarmens, der von oben her zu ihm gerichtet war, verkannte und von ihm sich feindlich hinweg wendete; Griechenlands vorhin so hoch gestelltes Volk stürzte in den Staub weil es die Richtung seines geistigen Bestrebens die nach oben führte verließ, weil es mit der Liebe zum Lichte zugleich das Suchen nach ihm, worin seine Bestimmung lag, aufgab. Es sind für beide die Heilmittel bereit, das eine ist das gläubige Hören der Stimme, das andre das gläubige Erkennen der Wahrheit; wenn einst diese Heilmittel in ihrer göttlichen Kraft die beiden Angeln der Thüre des Ostens erfassen und bewegen werden, dann wird diese seit Jahrhunderten verschossene Thüre sich wieder aufthun und aus ihr hervorgehen das Licht und Leben eines neuen, besseren Tages der Geschichte der Völker. Und sollte nicht der Freund dieser Geschichte, der auf den endlichen Sieg des Geistigen und Besseren hofft, in dem neuesten Schicksale Griechenlands, in den ersten Regungen seines Wiedererwachens ein Vorzeichen der besseren Zukunft erblicken; ist nicht namentlich das Auferstehen Athens aus seiner Asche ein Beweis daß in unsrer merkwürdigen Zeit auch dürre Todtengebeine mögen wieder mit Fleisch und Adern bekleidet und lebendig werden? Ich trauete kaum meinen eignen Augen da ich vor mir das jetzige Athen, mit seinen vielen stattlichen, ja prächtigen Gebäuden und seinen zum Theil schon vollendeten Gassen sahe. Stünden nicht mitten unter den schönen Häußern des neu auflebenden Athens noch einzelne Hütten des alten, man würde kaum den Beschreibungen trauen die uns viele glaubwürdige Reisende von dem Zustande des vormaligen Lieblingssitzes der kunstreichen Athene gaben, wie derselbe noch unmittelbar vor der Griechischen Revolution war. Ich halte es, gerade hier, am Eingange meiner Betrachtung des Jetzigen und Neuen für gut eine dieser Beschreibungen voranzusenden; es ist die des Engländers Walsh, der im Anfang des Jahrs 1821 mit Lord Strangfort auf dem Cambrian hier anlandete und die Stadt Minervas besuchte[202]. Um ein beiläufiges Bild von dem damaligen Athen zu haben denke man sich eine Stadt in welcher weder eigentliche Straßen noch wahrhaft städtische ~Häußer~ zu sehen waren; einen Raum von zwei englischen Meilen im Umfange, mit einer armseligen Lehmmauer eingefaßt, darinnen ein parthieenweises Gehäufe von Hütten, durch das sich einige krumme, schmutzige Gäßchen hindurchwanden, welche nicht halb so breit und so hübsch waren als das des elendesten Fischerortes in England. Zu beiden Seiten dieser dunklen Gäßchen fanden sich baufällige Mauern, an denen sich Thorwege wie Gefängnißthüren zeigten, mit eisernen Nägeln beschlagen und mit eisernen Ketten verschlossen; dabei herrschte eine Menschenleere und Stille, welche nur durch das widerliche Gebell eines wilden Hundes, oder durch das Gerassel unterbrochen ward, das ein Türke beim Auf- und Zuschließen seiner Hausthür mit der eisernen Thorkette machte. Die Zahl der sogenannten Häußer oder großentheils Hütten wurde damals auf 1500 angegeben, davon zwei Drittel den Griechen gehörten; die Menge der Unterdrückten gegen die Unterdrücker war mithin groß genug. Vielleicht war es ein Trost daß die armen Erniedrigten so Viele um sich sahen, welche das gleiche Loos traf, denn der Anblick der damaligen Demüthigung der Stadt und ihrer Bewohner betrübte den theilnehmenden Reisenden fast auf jedem seiner Schritte. So fand Walsh am Tempel des Theseus, dem wohl erhaltensten Bauwerke des alten, klassischen Athens einige arme Griechen, welche unter Aufsicht zweier Türken Darmsaiten machten. Die faulenden, furchtbar stinkenden Därme wurden an den Marmorsäulen und Getäfel abgestrichen und von den an ihnen haftenden Fasern und Darmzotten gereinigt, so daß der herrliche Tempel als der Gegenstand des höchsten Eckels erschien. Die Türkischen Fabrikherren kommandirten aus einiger Entfernung (um sich nicht zu verunreinigen) die Griechischen Arbeiter, die mit sclavischer Unterwürfigkeit den Worten und Winken ihrer Herren gehorchten. »Dieß war,« so fügt Walsh hinzu, »der Zustand der Athener in ihrer eignen Stadt; dieß war die Anwendung, welche sie von ihrem vollkommensten und schönsten Tempel machten.« Wir lassen unsren Engländer noch einige Worte weiter sagen über das damalige Athen, die uns vielleicht auch den innren Zustand der Entmuthigung und Entgeistrung, der über seine Bewohner gekommen war, etwas deutlicher vor Augen stellen können. Auch der Tempel der Winde, so fährt er in seiner Erzählung fort, diente zu einem ganz besondren Gebrauche: er war ein Tanzboden der im Kreise sich drehenden Derwische. Besser war schon die sogenannte Laterne des Demosthenes benutzt, denn hier hatte ein alter, freundlicher Franziskaner, der Pater Paolo seine kleine Bibliothek und daneben sein Schlafzimmer angelegt. Dieser Pater Paolo gab kurz hernach, in den Zeiten des Befreiungskrieges ganz besondre Beweise von Geistesgegenwart und Muth. Damals stack jene Furcht, welche die Mütter schon ihren kleinsten Kindern einflösten, wenn sie ihnen zuriefen: »es kommt ein Türk« noch so tief in den Griechen, daß dieselben, obgleich sie jetzt mit Waffen versehen und an Zahl den Feinden überlegen waren, schon die Flucht ergriffen, als einstmals nur ein Thor der Akropolis (in welche die Türken sich zurückgezogen hatten) sich aufthat, und ein kleiner Haufe von Negersclaven mit Sicheln hervorkam, um etwas Futter für das Vieh zu holen. Bei dieser und mancher andren Gelegenheit sprach der Pater den Flüchtlingen auf so wirksame Weise Muth ein, daß sie allmälich Stand halten lernten. Und, so wollen wir hinzufügen, die darauf folgende Zeit hat es gezeigt daß die geistige Kraft des Volkes nur gelähmt und gefesselt, nicht erstorben war; denn sie kehrte bald zu Thaten des ausdauernden Muthes wieder. Aber wie aus so manchem »undankbaren« und untreuen Gedächtniß das Bild des vormaligen Zustandes der Stadt ganz verschwunden ist, so ist derselbe auch in der Wirklichkeit, nicht bloß im Bilde, vergangen und verwandelt worden. Wir beschreiben nun das was uns in Athen geschahe und was uns in ihm vor Augen kam. Schon in einer der ersten Straßen, in der Nähe des Palmbaumes der dort als eingewanderter Fremdling stehet, kam uns die Gastfreundschaft entgegen; wir wurden wie im Triumph der Liebe in das Haus des Cabinetsrathes Brandis geführt. Ich hatte diesen theuren Freund vor neun Jahren (im Jahr 1828) bei den neun vom Feuer der Tiefe durchwärmten Heilquellen von Karlsbad persönlich kennen gelernt, jetzt fand ich ihn wieder in der Nähe des »neunquelligen« (Enneakrune) Wasserbrunnens Kallirhoë, in einem Lande in welchem sein Geist seit Jahren sich heimathlich niedergelassen, aus dessen Tiefen und Höhen er schon längst die reifesten, köstlichsten Früchte gesammlet so wie über das Meer geführt hatte. Ich fand diesen glücklichen Forscher der Tiefe, der außer den gewöhnlichen Früchten des Landes auch den »verborgenen Schatz im Acker« gefunden mit seiner edlen, gleichgesinnten Hausfrau und all seinen lieben Kindern, hier, im fremden Lande, vergnügt und fröhlich; der Ungunst der äußern Wärme, wenn sie dem zarten Körper zu heftig und feindlich werden wollte, hatte in dem kindlich treuen Herzen die Wärme einer Liebe heilsam entgegengewirkt und das Gleichgewicht gehalten, die dem jugendlichen Manne galt der die Seele des neubegründeten Königreiches ist, und welcher der Liebe Aller werth ist. Die theilnehmende Güte meines Freundes Brandis und all der Seinigen ist mir lieblicher gewesen und erquicklicher als etwa dem durstenden Wandrer das Wasser der Quelle Kallirhoë, denn sie war lauterer noch und reiner als Kallirhoës Brunnen, wärmer und noch mehr von Heilkräften durchdrungen als Karlsbads Sprudel; in diesem Hauße und mit seinen Bewohnern lebte ich, während meines Aufenthaltes in Athen am öftersten und meisten. Ich war aber kaum unter dem Obdach des Freundes angekommen, da fand mich dort die huldvolle Vorsorge auf, die mir schon über das Meer, bis nach Beirut entgegengekommen war; die Vorsorge eines Herzens, dessen liebstes Anliegen es ist Menschen froh und glücklich zu machen und welches bei den Gedanken an das Wohl der Tausende, denen es zum Herrscher bestellt ward, auch des unbedeutendsten Einzelnen nicht vergißt. Ich sollte noch heute die Wohnung beziehen und die Pflege derselben genießen, welche Seine Majestät, der König Otto für mich bestimmt hatte. Für heute zog ich es vor in dem Hauße des Freundes zu bleiben, dem ich mich schon von Syra aus als Gast angekündigt hatte; schon für den andren Tag nahm ich jedoch das huldvolle Anerbieten des Königlichen Gastfreundes an. Auch die Freude des Wiedersehens sparte ich mir für den andern Tag auf. Ein kräftiger Regen, in dieser Jahreszeit in Attika eine seltnere Erscheinung, hatte das Land erfrischt; ich gieng, geführt von meinem Freunde, noch am Abend durch die Stadt, hinan zu dem westlich von der Akropolis gelegnen Hügel, auf welchem einst die Stätte der Pnyx war. Die Stimmen der Redner welche einst hier von Dem zeugten was des Volkes Recht und des Staates Bestes war, sind längst verstummt; doch in einer nicht minder beredten Sprache der Gestalten und Zeichen reden diese, von der Abenddämmrung beleuchteten Trümmer der Vorhallen und Tempel der Akropolis von einer Würde und einer Macht des Menschengeistes, welche, wenn sie sich selber recht erkennt und vom Aeußren zum Innren wendet, nicht nur der einzelnen Republick sondern aller Völker Bestes auf unvergängliche Weise zu begründen vermag. Nachdem wir nur einen vorübergehenden Blick auf das Denkmal des Philopappus und die Stätte des Museums gerichtet, giengen wir noch hinüber nach der Gegend in welcher einst der Areopagus gewesen, in dessen Mitte der Apostel Paulus dem hochgebildeten Volke der Athenienser »den unbekannten Gott« verkündete, welchen sie unwissend verehrten. Den Gott welcher der Menschen Geschlechtern Leben und Odem und Alles giebt, daß sie den Herrn suchen sollten, ob sie ihn doch fühlen und finden möchten, wiewohl er ja nicht ferne ist von einem Jeglichen unter uns. Und die Rede des unbedeutend aussehenden Mannes, der, zum Gespött für viele jener eingebildeten Weisen, die ihn hörten, das Gebot aussprach »Buße zu thun,« und der von einem Unbekannten aus dem verachteten Judäa erzählte, »den Gott von den Todten auferweckte und welcher einst den Erdkreis richten wird mit Gerechtigkeit,« hatte dennoch in Manchem eine andre Befriedigung gewirkt, als die der Neugier; dies bezeugten durch ihr Beispiel Dionysius, der Areopagite und Damaris, die Erwählte. Auch an dem Gemäuer, in welchem eine Sage vielleicht der späteren Zeit das Gefängniß des Sokrates finden wollte, waren wir vorübergekommen und hatten uns gefreut daß wenigstens das Andenken an den wahrhaft Weisen von Athen noch im Herzen des Volkes lebt. Der Heimweg führte uns an der Wohnung des Königes vorbei, welche in der jungen Anlage der Bäume und Gesträuche gleich einem einfachen Landhauße dastehet. Sey uns gesegnet du Haus, dessen Thore Gerechtigkeit sind und das auf den Säulen der Liebe zu Gott und den Brüdern sicher ruhet. Du Haus, dessen Zierde nicht ein Bildwerk von todtem Gestein, sondern das lebende Innre ist, das deine Mauern umfassen. Ich gieng am andern Morgen bei guter Zeit um Einiges von dem das ich gestern nur im Scheine der Abenddämmerung gesehen bei hellem Tage zu betrachten. Der Himmel war wolkenleer und klar, der gestrige kurze, obwohl starke Regen hatte nur an wenig Stellen Spuren von Feuchtigkeit hinterlassen. Ehe ich jedoch das erwähne was ich an diesem so wie in den sechszehn darauf folgenden Tagen von dem alten Athen gesehen und bei diesem Sehen empfunden, verweile ich zuerst noch bei Dem was mir gleich am ersten Morgen nach meiner Ankunft das neue Athen gewährte. Dieser erste Tag (es war der erste Juli) hat sich der Erinnerung mit ähnlichen Empfindungen eingeprägt als etwa die eines Freundes der Gärten sind, der einen jungen Baum in der Zeit der Blüthe sahe und der nun, nach langer Abwesenheit, in der Mitte des Sommers ihn wiedersieht, geziert mit seinen ersten, der Reife entgegengehenden Früchten. Ich habe schon erwähnt mit welcher huldvollen Freundlichkeit der König von Griechenland für mich gesorgt hatte da ich noch in Beirut war, so wie gleich bei meiner Ankunft in seiner Stadt. Ich war früher einer der unbedeutendsten Lehrer Sr. Majestät gewesen; dieser Prinz hatte aber von seiner frühesten Jugend an ein treues und dankbares Gedächtniß selbst für das Geringere und Unbedeutendere, und dieses eben so glückliche als beglückende Gedächtniß hat ihn auch mitten unter den Geschäften und Sorgen seines Fürstenthrones nicht verlassen. Er empfieng mich mit jener Liebe, welche der reichste Schatz seines Herzens ist, und von deren tief verborgenem Quell nur Die wissen welche dieses Herz mehr und näher kennen lernten. Es ist kein Bach, welcher weithin vernehmbar rauscht und braust, sondern welcher im stillen Laufe die Felder und Auen tränkt durch die sein Weg gehet. Der Glanz welchen das Selbstvertrauen um sich wirft blendet öfters, wie das Licht der heißen Mittagssonne, und besticht das Auge des Beobachters; es giebt aber ein Vertrauen höherer Art denn das meist so eitle Selbstvertrauen, welches keinen blendenden Glanz um sich wirft, das aber die Schritte eines Wandrers über gefahrvolle, steile Bahn sichrer und daurender beleuchtet als das Selbstvertrauen. Es sind, so sprach einst ein Weiser des Orients zu dem Erstgeborenen eines Thrones, zwei Engel, deren einen sich der Fürst erbitten darf an dem Tage da Gott ihn zum Herrscher weiht, der eine wird dir voran gehen und das Angesicht der Völker vor dir beugen, der andre wird bei dir bleiben und dich leiten an seiner Hand, daß deine Füße sicher gehen, bis zu den Thoren des Paradieses. Erwählest du dir jenen dann siehe auf den Boden daß du nicht fällst, denn dein Glück ist nicht bei dir sondern glänzet vor dir her und dein Lohn erwächset aus dem Boden. Erwählst du den andern dann siehe aufwärts, denn dein Glück ist nur in dir, dein Lohn ist nicht nahe vor sondern ~über~ dir. Es waren Augenblicke wie ich sie öfters in dem Naheseyn dieser Seele genossen. Ein Gefühl des Friedens, wie dasselbe ein gutes Gewissen, beides vor Gott und den Menschen dem Herzen verleihet, und ein Lebensodem der Liebe zu Gott und den Brüdern gehet von jenem Gewürzgarten aus, der in der Stille solcher Stunden welche das Alltagslicht nicht beleuchtet, am meisten und kräftigsten seinen Duft giebt; dem Wandrer im Garten wird es wohl dabei. Ich trat wieder hinaus ins Freie; mein Weg um die Stadt führte mich vorüber an einer jungen Pflanzung der Oelbäume. Dies ist der Baum womit Athene, die gepriesene Pflegerin der Stadt die Landschaft von Athen beglückte. Als die Göttin, mit eigner Hand, den jungen Sprößling der Olive, den künftigen Geber des Wohlstandes hieher gesetzt hatte, da kamen bald hernach einige Fremdlinge aus Westen und Norden: zeigt uns, so sprachen sie, zu den Bewohnern des Landes, die Gabe der Göttin. Und diese zeigten ihnen den jungen Baum, unscheinbar dastehend, mit Blättern, gleich jenen des nordischen Weidenbaumes. Wir kennen das Gewächs sprachen die Fremdlinge, den Ruhm aber seiner Früchte und seines Holzes vernahmen wir niemals. Der Frühling war da, die hundertblättrige Rose, die neben dem Oelbaume stund, prangte mit ihren purpurnen Blumen; der zarte Fremdling aber prunkte nicht mit seinen Blüthen, aus denen die Biene in stiller Freude ihren Honig nahm. Als aber die Zeit der Früchte kam, da trug der Sprößling, den Athene über das Meer hieher brachte, die Olive, welche zu des Landes beständigem Nutz und Dienst war und sein Holz ward kräftiger und fester denn selbst jenes der Eiche; die Rose aber trug nur Hagebutten und blieb ein Gebüsch, denn mit dem Oelbaum war die Kraft und der Segen der Göttin, in dem Rosenstrauch nur eine Kraft des von Adonis Blute gerötheten Bodens. An demselben Abend lernte ich auch noch die jugendliche Königin kennen, welche ihres Gemahles wie des Landes Freude ist. Und wie sollte nicht auch das junge Athen im Sinne des alten an einer solchen lieblichen Erscheinung sich freuen. Die Schutzherrin des Letzteren, Pallas Athene war heldenmüthig, kräftig und tapfer, so wie reich zugleich an Verständniß; wo fester Wille mit Milde des erkennenden Geistes sich vereinen, da ist das Bürgerrecht in Athen kein zufällig gekommenes, sondern ein rechtmäßig gebührendes und angestammtes. Eine allbedenkende Vorsorge hat in diesem Königlichen Paare den fröhlichen Gesang der Hymnen zu der gedankenvollen Stille der dämmernden Frühe gesellt, damit die Kraft des Gesanges durch die Stille gehoben, die stille Morgenstunde aber durch den Gesang beredt und sprechend werde. Dieser erste Juli sollte mir eben nach vielen Seiten ein Tag des Wiedersehens werden. Ich fand damals auch in Athen den theuren Mann, an dessen kräftigem, reichbegabten Geiste, an dessen redlichem, wohlwollenden Gemüth ich mich schon im Vaterlande oft erfreut und gestärkt hatte, Ignaz von Rudhart. Viele welche ehemals die lebendigen, auch den trägeren Sinn der Zuhörer aufweckenden Vorträge dieses seltnen Mannes an der Universität Würzburg hörten[203], noch ungleich mehrere aber die ihn mit Theilnahme auf dem Wege seines öffentlichen Wirkens bei den vaterländischen Ständeversammlungen begleiteten, haben an ihm eine hohe Gabe der äußeren Beredsamkeit, die für Alle ist, bewundert[204]; seine Freunde aber, die wie ich, das Glück hatten seinem Herzen näher zu kommen, lernten an ihm noch die Gabe einer andren, höheren Wohlredenheit kennen. Dieß war die unwiderstehliche Beredsamkeit seines ganzen, durch und durch von warmer Liebe und Eifer für das Rechte und Gute durchdrungenen Wesens; eine Beredsamkeit die sich in jeder Miene, jeder Aeußerung, jeder That kund gab. Die Milde seines Urtheiles, wenn er im Kreise vertrauter Freunde über anders, ja feindselig Gesinnte sprach, sein bescheidnes Erwähnen der eignen Leistungen, der ungebeugte, freudige Muth womit er in allen Hemmungen aufrecht stund, die innre Wahrheit welche durch Alles was er that und sprach hindurchblickte, gab den Stunden des Zusammenseyns mit Rudhart eine Stimmung wie diese nur selten bei den Freuden des geselligen Umganges empfunden wird. Gegen seine Freunde war er, ohne sich durch ihre Schwächen stören zu lassen, ein aufopfernd treuer, liebevoller Freund, seiner Familie ein Hausvater der in der Freude und dem Wohl der Seinen seine eigne, liebste Lust und Freude fand. Rudhart war damals, wo ich ihn in Athen traf erst seit wenig Monaten dem Rufe »zu der obersten Stelle in der Verwaltung Griechenlandes« gefolgt und sein Vaterland, vor allem die Bewohner jenes Bezirkes von Bayern in welchem er seit 1831 das Amt eines Regierungs-Präsidenten verwaltete, hatten ihn mit Schmerz hinweg ziehen sehen in das ferne Land, ahndend vielleicht schon damals, daß sie sein Angesicht auf Erden nicht mehr wiedersehen würden[205]. Auch mich ergriff eine bange Ahndung als ich den theuren Freund bei meinem ersten Besuch in seinem Hauße krank im Bette liegend fand. Und, um hier sogleich den Faden des Erzählens über ein ganzes Jahr hinüber zu führen, das bange Vorgefühl gieng in Erfüllung. Als Rudhart im darauf folgenden Frühling zum Vaterland heimkehren wollte »überfiel ihn auf der See eine Krankheit; sie wurde heftiger nachdem er in den Hafen eingelaufen war, und überwältigte ihn am Gestade zu Triest (am 11ten May 1838). Den schweren Abschied von dem Leben, das ihm durch die schätzenswerthesten Güter verschönert war, den schwersten, von einer innig liebenden und geliebten Familie bestand er mit der christlichen Fassung, die er nicht jetzt erst empfangen hatte. Dem Leide über sein frühes Hinscheiden darf gegenüber die Betrachtung stehen, daß er dem Geschick des Abnehmens, welches dem Starken härter als dem Schwachen fällt, entrückt worden ist, und auf ihn angewandt werden kann, was Göthe von dem im gleichen Alter hingerafften Johann Winkelmann sagt: ~Er hat als ein Mann gelebt und ist als ein vollständiger Mann von hinnen gegangen[206].~« Ich habe viel und dennoch nicht Genügendes von meinem theuren Freunde gesprochen; die Liebe hat mich reden gemacht ohne mir die Gabe des rechten, angemessenen Ausdruckes zu geben; lebte Rudhart noch ich hätte nicht Solches von ihm zu sagen gewagt und könnte er da jenseits von meinen Worten wissen er würde, wie er auf Erden gethan die Schwäche des alten Freundes mit Nachsicht ertragen. Ueber Rudhart ist viel Unschickliches gesprochen worden von Denen im Auslande die ihn nicht kannten; darum möge auch das vielleicht ungeschickte Wort eines Solchen gehört werden, der ihn kannte. Ich bin es dem Leser schuldig ihn von Dem, was zunächst mich und den Kreis meiner persönlichen Zuneigungen angehet, hinaus zu geleiten zu dem, wohin der Zug der Wißbegier jeden Fremdling in Athen führen würde: zu der Betrachtung der Ueberreste einer alten Welt der Künste, deren vormalige Hauptstadt hier war. Wir hatten kaum von der Wohnung Besitz genommen welche eine huldvolle Vorsorge für unser hiesiges Wohlbefinden uns bestimmt hatte, da giengen einige von uns auf »Entdeckungen« des für unser Auge so neuen Alten und Aeltesten aus. Damit ich jedoch meine Erzählung, welche ohnehin nur eine Aufzählung der Namen des Gesehenen seyn kann, wenigstens im Zusammenhange geben könne, beginne ich, ohne die Zeitfolge unsrer Umgänge in der Stadt und ihrer Nachbarschaft sonderlich zu beachten, mit einer Erwähnung des höchsten Punktes, der ~Akropolis~. Der Weg führte uns durch das Agora- oder Neumarktthor, an welchem vier alte, Dorische Säulen prangen und noch ein Markttarif aus den Zeiten des Kaiser Hadrian gesehen wird, hinan zu dem Felsenhügel, auf dem die Burg stehet. Im Vorübergehen warfen wir einen Blick hinab in das Odeion des Herodes Attikus, von dem noch ein Theil der Mauern und die in den Felsen des Hügels selber ausgehauenen Sitze vorhanden sind. Der gewöhnlich verschlossene Zugang zur Akropolis wurde uns geöffnet; an einem Soldatenwachthaus vorüber näherten wir uns dem vielgepriesenen Bauwerk aus den Zeiten des Perikles: den Propyläen. Könnte Mnesikles, der Baumeister dieser kostbaren Vorhallen, auf welche der Staat nach unsrem Gelde nahe gegen fünf Millionen Gulden verwendet hatte, sein Werk sehen, er würde mit Schmerz kaum den Grundgedanken wieder erkennen der ihm bei seinem Bau vorschwebte; auf der andern Seite würde er sich wundern daß nach alle dem was im Verlauf von zwei Jahrtausenden über Athen kam noch so viel davon stehen bleiben konnte. Stufen von weißem Marmor führten durch die offnen Säulenhallen, vorüber an der Menge der hier aufgestellten Statuen und durch fünf Thore hinan zu den höheren Theilen der Akropolis; der Fremdling welcher da hindurchgieng fand in den Propyläen wie in den beiden, als Flügel an sie anstoßenden Seitengebäuden einen Wettstreit aller bildenden Künste, die sich um den Preis seines Beifalles bewarben. Noch jetzt wird der Schattenriß der vormaligen Pracht an jenen sechs gewaltigen Marmorsäulen der Dorischen Ordnung bemerkt, die an der Fronte sichtbar sind. Aber diese Fronte hatte aufgehört das zu seyn was sie war, seitdem die Hand der hier hausenden Barbaren die ganze Vorderseite durch ein grob zusammengefügtes und dennoch festes Mauerwerk verschloß, während, wie man meint schon in den Zeiten der Herrschaft der Fränkischen »Herzöge von Athen« an dem einen, zur Rechten liegenden Seitenflügel der Thurm aufgeführt wurde der mit den Propyläen selber so sonderbar kontrastirt. Das jetzige Volk nennt ihn den Thurm des Odysseus, weil in ihm der berüchtigte Mann der Revolution und des spätern Aufruhrs, der sich den alten Namen Odysseus gegeben, gefangen saß und bei einem mißlungenen Versuch zu entfliehen sich da hinab zu todt stürzte. So erfährt der Reisende gleich bei seiner Ankunft in die Akropolis was hier seit des Pausanias Zeiten, dessen Beschreibung er in seiner Hand oder in seinem Haupte trägt, sich begeben hat; Pallas, die Schutzherrin war auf lange von hinnen gezogen und hatte den später hier eingezognen Geschlechtern nicht ihre Gedanken des Schönen und der kunstreichen Weisheit sondern nur die alten Waffenrüstungen dagelassen, welche jedoch diese Erben nicht, wie die Göttin gethan, zum Zerstören des Reiches der Barbarei sondern zur Begründung und Ausbreitung desselben verwendeten. Der jetzige Eingang in das tiefe Innre der Akropolis führt zur Rechten der Propyläen, zwischen dem Thurm des Odysseus und dem kleinen Tempel der »ungeflügelten Siegesgöttin« hindurch. Dieser Tempel ist, um dieß im vorbeigehen zu erwähnen, ein Fund der neuesten Zeit gewesen; seit mehreren Menschenaltern hatte ihn kein Reisender mehr gesehen, da entdeckte man den größesten Theil seiner Bestandteile auf einmal bei dem Hinwegräumen der Grundlage einer Türkischen Batterie, mit welcher dieselben ganz überbaut waren. Wohl möchte man wünschen daß die Türken, welche in allen Ländern ihres Reiches so Manches überbaut haben das künftig einmal wieder an den lichten Tag kommen wird, auch das höchste Meisterwerk welches vielleicht die Griechische Baukunst hervorgebracht hat: den Parthenon oder Jungfrauentempel ganz überbaut hätten. Dann hätte keine Bombe der Venezianer das Pulvermagazin zu entzünden vermocht, welches die Türken im Innern des Tempels angelegt hatten, in welchem vormals das Meisterwerk des Phidias, das hohe Standbild der Minerva, aus Gold und Elfenbein bereitet in der Mitte aller jener Kunstwerke stund, deren eines allein mehr werth gewesen denn alle Türkischen Pulvermagazine zusammen genommen. Auch hätte kein edler Lord Elgin einen Theil der noch übrigen Prachtwerke des Tempels aus der Türkischen in die freilich anständigere, aber schwerer wieder aufzulösende Englische Gefangenschaft führen können. Das was noch jetzt vom Parthenon übrig geblieben ist und vor Augen steht ist so vielfältig beschrieben und aufs treueste abgebildet worden, daß es ein nutzloser Versuch seyn würde die Aufmerksamkeit des Lesers durch eine neue, ohnehin nur Umrisse gebende Beschreibung fest halten zu wollen. Wie Herkules, als kräftiger, aber keineswegs idealisch schöner Mann, neben dem Bilde eines jugendlichen Apolls, dem Verein aller Reize einer göttlichen Jugend, so würde sich vielleicht selbst die riesenhafte Tempelburg von Baalbeck neben dem Parthenon ausnehmen, wenn beide noch unzerstört da stünden. Bis zum Jahr 1687 hatte sich dieses vollendetste Bauwerk der Blüthenzeit Athens noch großentheils unzerstört erhalten. Wir wandelten oben auf der Höhe des Parthenon. Hier, wie an andern jetzt wieder frei gewordnen Punkten der Akropolis hat man einen Ueberblick über Athen und seine Umgegend, vom Gebirge bis zum Meere und seinen nachbarlichen Inseln, der sein Bild auf unvergeßliche Weise der Erinnerung einprägt. Denn es ist die große, lebenskräftige Geschichte des Landes und seiner vormaligen Bewohner, welche diesem Bilde eine Lebhaftigkeit der Farben verleihet, die keine Zeit zu verlöschen vermag. Dort in Westen Salamis, und die Denkzeichen an Athens äußre Herrschermacht, hier näher gegen Norden, fast neben dem Hügel von Kolonos heiligem Haine, die Stätten der Akademie und des Lyceums wo Plato, Aristoteles und Theophrast die Lehren der Weisheit verkündeten; da in Osten die Gegend von Sokrates kleinem Geburtsort und freilich auch, fast in derselben Richtung, an dem nun fast versiegten Ilissus, die Stätte von Epikurs Zaubergärten des Sinnentaumels. Einen sonderbaren Eindruck macht auf den ersten Blick ein andres Tempelgebäude das sich im Raume der Akropolis findet: das Erechteion. Wie ein großer Meister der Tonkunst scheinbare Dissonanzen zu einer entzückenden Harmonie verschmilzt, so hat hier der Geist der Kunst scheinbar unsymmetrische Gebäudemassen zu einem Ganzen vereint, welches in wundervoller Herrlichkeit dastehet. Die Säulenhalle auf der Morgenseite; die Wand mit Fenstern in Westen, unter welcher zwei kleine Thüren zu unterirdischen Räumen führen; in Norden eine über das gewöhnliche Maaß vorspringende Halle, mit einer herrlich verzierten, blinden Thüre, in Süden eine andre vormals von sechs Karyatiden (Bildern der anmuthigen Jungfräulichkeit) getragene Halle, diese Theile, deren keiner dem andern gleicht, bilden das mit einer Fülle der halberhabenen Arbeiten gezierte Aeußere des Erechteions. Drei der Karyatiden stehen noch aufrecht; eine lag gefallen am Boden, eine, in Gesellschaft einer Ecksäule des Tempels entführte Lord Elgin in das Britische Museum, die sechste, von Thorwaldsen kunstreich ergänzt, stehet in der reichen Sammlung des Römischen Vatikans. Vom südlichen Rande der Akropolis beschaueten wir noch, wenigstens die Stätte an welcher vormals das dem Dionysos geweihte, bis auf wenige Spuren verschwundne Haupttheater, zu den Füßen des Parthenons, am Abhange des Felsen stund. Dieses Gebäude wurde von den Kunstkennern des Alterthumes als das schönste seiner Art gepriesen. Es war durch eine Mauer mit der Akropolis verbunden. * * * * * Mit besondrer Freude sahen wir die seit etlichen Jahren begonnenen und mit zwar sparsam zugemessenen Mitteln doch mit desto größerer Umsicht fortgesetzten Arbeiten der Ausgrabungen und der Restaurationen der Trümmer der Akropolis. Wie es gelungen ist, den kleinen Tempel der Nike apteros, dessen Bestandtheile freilich noch großentheils vorhanden waren, wieder herzustellen, so daß er eine Lust der Augen für jeden Freund der Baukunst ist, und wie man Hoffnung schöpfen darf daß auch der noch daran fehlende Fries des östlichen Portikus, aus dem Brittischen Museum, wohin er durch Lord Elgin geführt ward, einst wieder kommen werde[207], so erregt selbst Das, was bisher zur Restauration des Erechteion und des Parthenon mit glücklichem Erfolg geschehen, die Erwartung daß ein kommendes Zeitalter wenigstens die Gehäuße worinnen die Meisterwerke der großen Kunst der Griechen verwahrt waren von neuem auferstanden sehen werde. Möge dann auch ein Segen der auf das Land und seine Verwaltung kam einen neuen Opisthodomus bei der Akropolis oder wo sonst in Athen nach seinem Maaße eben so reichlich ausstatten als in den Zeiten des blühendsten Wohlstandes jenes Schatzhaus dies war, das als Hintergebäude an den Parthenon sich anschloß[208]. Auch die Ueberreste der Bauwerke in der Nähe der Akropolis, die ich am ersten Abend nur im Dämmerungsscheine gesehen, betrachtete ich später genauer, beim Licht des Tages. In südöstlicher Richtung von dem schon erwähnten Odeion des Herodes Attikus lag jenes frühere welches Perikles nach der Form des Zeltes des Xerxes erbauen und mit einem Kuppeldach überwölben lassen, damit das Volk, ruhend auf den amphitheatralischen Sitzen hier die Werke der Dichter und die Aussprüche der Archonten vernähme. Es ist nicht viel mehr als die Stätte von diesem zu seiner Zeit schönsten Odeion auszumitteln, das schon Aristion, bei der Belagerung der Stadt durch Sulla hatte niederbrennen lassen. Mehr dagegen findet sich noch zu sehen auf dem südwestlich von der Akropolis gelegnen Hügel des Museion, der einst die Tempel des Herkules und der Artemis trug. Es stehet hier wenigstens noch großentheils ein Werk aus der Römischen Zeit: das Denkmal jenes Philopappus, der aus dem Geschlecht der Syrischen Herrscher entsprossen, durch Kaiser Trajan die Würde eines Römischen Consuls empfangen hatte und in Athen seine Tage beschloß. Von diesem Hügel aus konnten freilich, wie dies Perikles wollte, der ihn zum öffentlichen Lustgange bestimmt hatte, die Athenienser die Hauptstütze ihrer Macht, die Flotte in den beiden Häfen Piräus und Phaleron sehr gut überblicken. Mit einem jedoch viel höherem Interesse als an dem Monument des Philopappus verweilt das Auge eines Freundes des klassischen Alterthumes an der noch jetzt vorhandnen Rednerbühne der Pnyx, welche in den Felsen des etwas nördlich vom Museion, westlich der Akropolis gelegnen Hügel gehauen ist. Er gedenkt hier der Bewegungen welche das Wort der feurigen Rede aus Demosthenes Munde hervorgerufen, so wie anderer Thaten des Wortes. Außer und nächst den an der Akropolis verübten Barbareien hat der Freund der Baukunst am meisten jene Verheerungen zu beklagen welche die Werke trafen deren einzelne noch fortwährend imposante Reste unten in der Ebene an der Südostseite der Akropolis gesehen werden. Hier stund das Wunderwerk jenes Tempels des Olympischen Herrschers und der andren Göttergestalten, das Pantheon von Athen. Vier Stadien betrug der Umfang des Riesengebäudes dessen Bau schon die Pisistratiden begonnen, Perikles und nachmals Kaiser Augustus fortgeführt, Hadrian aber vollendet hatte. Hundert und zwanzig Säulen aus dem seltnen Phrygischen Marmor zierten das Aeußere und nicht minder herrlich war das Innre durch die Meisterwerke der Kunst; auf die Gebäude selber war bis zu seiner Vollendung die Summe von 15 Millionen Thalern verwendet worden. Seitdem Sulla, noch mehr aber Alarich, der Gothenkönig, die Bahn gebrochen, hat sich eine ganze Fluth der Verheerungen, namentlich über diesen Lustgarten der Künste ergossen. Jene Säulen welche noch stehen gehören zu den schönsten aus der Korinthischen Ordnung welche man kennt; sie sind von weißem Marmor gehauen, ihr Durchmesser beträgt gegen sechs Fuß, die Höhe nahe zehnmal so viel; auf einigen der Säulen ruhen noch die prachtvollen Architrave. Oben auf dem Gipfel, in der Entablatur einer dieser Säulen hat vormals ein christlicher Einsiedler seine Wohnung gehabt. Nicht fern von den Resten des Olympieion findet sich das Thor oder der Triumphbogen des Kaiser Hadrian so wie die Stätten des Aegeian und Pythion. Der Tempel des Theseus, welcher dem Fremdling der von Westen, vom Meere herkommt zuerst ins Auge fällt weil er an der Westseite der Stadt stehet, ist zugleich am meisten geeignet jene hohe Achtung zu erregen welche der alten Mutterstadt der Künste gebühret. Er ist wo nicht das am besten, doch eines der best-erhaltenen Bauwerke seiner Art in Griechenland; seine 34 Säulen, in Dorischer Ordnung stehen noch aufrecht; ein großer Theil des Fries, an welchem der Kampf der Centauren und Lapythen dargestellt ist, wird fortwährend in seiner alten Pracht und Schönheit gesehen. In dem Umfange der jetzigen Stadt selber zeigen sich der wohlerhaltene achteckige Thurm oder Tempel der Winde, dessen Vitruvius erwähnt; die Stoa des Hadrian, die am Marktplatze stehet und noch manche andre Reste. Von jenen langen Mauern, welche an ihren Enden spitzwinklich zulaufend nach der einen Seite den Piräus, nach der andren den Hafen Phaleron umfaßten und mit der Stadt verbanden, zeigen sich nur wenige undeutliche Spuren; schon Sulla ließ sie niederreißen um sich ihrer Gesteine, bei der Belagerung der Stadt, zur Ausfüllung der Gräben zu bedienen; die seit diesen und den vielfältigen späteren Verheerungen übrig gebliebenen Grundlagen und Reste sind meist unter dem Ansatz des Sandes und der Dammerde verborgen. Zweimal besuchte ich, in Gesellschaft theurer Freunde das ostwärts von der Stadt, gegen den Hymettusberg hin, in der halbmondförmigen Schlucht des Felsenhügels angelegte Stadium des Herodes Attikus, welches von solchem Umfange war daß Kaiser Hadrian in ihm das Volk mit dem Schauspiel eines Wettkampfes vergnügen konnte, bei welchem tausend wilde Thiere die Rennbahn betraten. Anjetzt ist die Gegend jenes alten Stadiums für viele der Unsrigen ein Ort der wehmüthigsten Erinnerungen. Es findet sich dort ein Gottesacker, in dessen Boden manche Seele, die uns theuer war, das Gewand der leiblichen Hülle niedergelegt hat. Tief betrübte mich die einfache Inschrift auf einem der neuesten Gräber: sie nannte den Namen der Gemahlin meines theuren Freundes des Grafen Saporta und nicht minder bewegte mich der Anblick eines andern Denkmales, es war das der Tochter meines verehrten Savigni, die nur kurze Zeit das Glück des geliebten, edlen Gemahles war, dem sie hieher über das Meer folgte. In geringer Entfernung von dem Stadium so wie von dem Kirchhofe bewohnt ein Deutscher Ansiedler das Landhaus, dessen Umgegend er mit Deutschem Fleiße angebaut und fruchtbar gemacht hat. Seine reinliche Wohnung wird öfters von den Landsleuten aus der Stadt besucht. Ueberhaupt fand sich, wenigstens damals, wo ich in Athen war, in der Stadt selber so wie in ihrer ganzen Umgegend eine so große Menge der Landsleute, daß man öfters versucht werden konnte sich in eine Deutsche Stadt versetzt zu wähnen. In den Gassen Bayerisches Militär, Deutsche Handwerker, Künstler, Beamtete; dazwischen auch gar manche Müssiggänger so wie solche Leute die aus allen Gegenden von Deutschland zusammen gelaufen waren und welche eben so wie sie zu Hauße nicht gut gethan auch hier es nicht thun mochten. Ein Strom, der wenn die Frühlingsregen fallen und der Schnee im Gebirge schmilzt über Thal und Ebene sich ergießt, pflegt eben jederzeit in seinem Wasser, das aus reinem Quelle kam, eine Menge des Sandes und Unrathes zu führen, der von den Feldern wieder hinweggeräumt werden muß. Das eigentliche Volk von Athen scheint noch immer bildsam und von kräftiger Beweglichkeit und wird gewiß, wenn es erst die alte Haut abgestoßen hat, mitten unter den andren auf dem Wege der geistigen Bildung weiter fortgeschrittenen Völker eine ehrenvolle Gestalt annehmen. Wie die Juden müssen auch die Griechen einen Keim der Hoffnung in sich führen und noch zu etwas Großem, vielleicht nahe, Künftigem aufbehalten seyn. Denn wie unter den Insekten nur jene Mütter den Winter überleben welche die befruchteten Keime eines künftigen Geschlechtes in sich tragen, die andern aber sterben; so sind die Nachkommen Israëls so wie die Griechen durch alle Wetter der Trübsale und blutigen Ausrottungskriege gegangen, ohne ihnen zu erliegen, während viele andre Völker unter ungleich minder schwerem Drucke ihren Bestand, ihre Sprache und angestammte Form ganz verloren, und sich aufgelöst haben. Daß aber die Griechen noch immer nicht aufhörten das zu seyn was sie waren, beweist, außer der sich ziemlich treu gebliebnen Sprache jene Physiognomie ihres ganzen Wesens, in deren Zügen sich, wie bei äußerlich ähnlichen, wenn auch an Geist sehr unähnlichen Enkeln und Urenkeln die Züge der Ahnen wiederholen. Unter dem Volk von Athen (abgesehen von den höher Gebildeten, welche ohnehin keinen fremden Maßstab zu scheuen haben) finden sich häufig die trefflichsten äußren wie innern Anlagen mit kräftigem Fleiß und Gewerblust vereint. Der Wohlstand der Stadt wächst durch den immer häufiger werdenden Besuch der wohlbemittelten Fremden; das Land giebt in hinreichender Fülle sein Gewächs; Sicherheit und Ordnung breiten ihren schirmenden Fittich über den jungen Staat. Unter den besuchenden Fremden, welche in den Tagen meines hiesigen Aufenthaltes nach Athen kamen um sich an seinem Wiederauferstehen aus der Vernichtung zu freuen, war einer, der durch sein unerwartetes Erscheinen meinen Genuß an Athen in ganz besondrem Maße erhöhte. Es war ein Freund und Mitgenosse der schönen, fruchtbaren Jugendjahre, die ich an der Schule zu Weimar und nachmals in Jena verlebte: der Ritter von Haase aus Paris, den die gelehrte Welt als einen ihrer umfassendsten, gründlichsten Sprachforscher, namentlich im Gebiet der Griechischen klassischen Literatur kennt und ehrt. Ich hatte durch Rudhart erfahren daß Haase schon im Piräus sey, wo er aus Malta kommend, eine kurze Cholera-Quarantäne aushalten müsse. Diese Quarantäne war indeß noch kürzer geworden als man anfangs sie bestimmt hatte; ich fand den alten Freund, den ich seit fünf und dreißig Jahren nicht mehr gesehen auf einmal vor einer Zimmerthür des französischen Hotels stehen, das auch mir zur Wohnung angewiesen war. Er hatte keine Ahndung davon daß ich hier seyn könne; ich aber, da ich ihn in der Nähe wußte erkannte ihn, weniger an den Zügen des Gesichtes als an der wohlbekannten Stellung und Bewegung, so wie, bei dem Begrüßen, an seiner Stimme. Meine Frage: »kennst du mich noch?« blieb zwar anfangs unbeantwortet, aber nach wenig Augenblicken waren wir wieder, obwohl leiblich in Athen, im Geiste beisammen in Weimar, wo zuerst in unsern Herzen der Zug der begeisterten Theilnahme an Athens Geschichte und Thaten erwacht und genährt worden war; der Zug, der uns jetzt beide an dem Ziele unsers damaligen Sehnens und Strebens wieder zusammenführte. Als Ersatz für die Feier des ersten Juny, die ich vergeblich gehofft hatte in Athen genießen zu können wurde mir hier die frohe Feier eines andren Tages zu Theil der für alle Bayern ein Tag des Segens ist, weil er dem Lande ein gar großes Glück gebracht; dies war der 8te July. Seine Majestät der König Otto verlieh mir an diesem Tage ein ehrenvolles Erinnerungszeichen an den Erlöser, dessen Ort der Geburt, dessen Grab ich mit schon ergrauendem Haare und mannichfacher, nun glücklich überstandner Beschwerde besucht hatte. Möchte ich mich jenes Ehrenzeichens in dem Sinne würdig machen können, der in seinem Namen zu liegen scheint. Auch der naturhistorische Verein von Athen hielt an jenem Tage eine öffentliche Sitzung und erlaubte mir derselben als ordentliches Mitglied beizuwohnen. Ich fand da mehrere um die Wissenschaft und um unser vaterländisches Museum verdiente Männer, namentlich den +Dr.+ Buros und die trefflichen Landsleute und Freunde, von denen ich nachher noch reden werde, die beiden Leibärzte Wibmer und +Dr.+ Röser. Außer den Männern von Fach zeigten auch andre hiesige Gelehrte und Männer der höheren Stände ihre Theilnahme an dem neu begründeten, für die Zukunft viel versprechenden Institut. Die naturgeschichtliche Sammlung ist zwar erst im Entstehen, sie enthält aber bereits einen Schatz der vielleicht bald die Aufmerksamkeit aller Naturforscher in Europa auf sich ziehen wird: dies sind die fossilen Ueberreste von Landthieren die sich in einer, ganz in der Nähe von Athen vorkommenden Knochenbreccie finden. Unter diesen Ueberresten sind manche welche bisher unbekannten Thierarten der Vorwelt angehören. Namentlich entdeckte auch Professor Andreas Wagner zu München in einem kleinen Stück dieser Breccie das ein Bayerischer Soldat, der bei den Ausgrabungen mit beschäftigt gewesen war, mit sich aus Griechenland brachte, und an unser vaterländisches Museum verkaufte, den Oberkiefer eines Affen; mithin eines Thiergeschlechtes von welchem man noch vor wenig Jahren meinte daß es gar nicht unter den fossilen Thieren der Vorzeit gefunden werde, und von welchem auch wirklich bisher nur noch äußerst wenig Spuren unter den Antiquitäten der Erdfläche bemerkt worden sind. So öffnet Athen durch seine Ausgrabungen nach zwei Seiten hin einen Zutritt zur Erkenntniß der inhaltsreichen Geschichte seines Landes, und während der Freund der Kunst eine Welt, die für ihn auf immer untergegangen schien, aus ihrem Grabe auferstehen sieht, tritt dem Freund der Natur, auf demselben klassischen Boden eine Vorzeit der Lebendigen entgegen, deren Kunde noch niemals zu seinen Ohren gekommen war. Das Gebäude für das zoologische Museum und für die Sitzungen des naturhistorischen Vereins liegt an der Nordseite der Stadt. Leider hatte ich, da ich schon während der Sitzung von einer Kränklichkeit befallen wurde, die mich noch an demselben Tage das Bett zu hüten nöthigte, keine Gelegenheit Alles nach Muße zu besehen; dagegen besuchte ich mehrere Male den westwärts von der Stadt gelegnen botanischen Garten, welcher unter der Aufsicht des kenntnißreichen und geschickten +Dr.+ Fraas vor wenig Jahren erst eingerichtet und auf dem Wege eines sehr guten Gedeihens ist. Als Mitgehülfe war bei diesem Werke ein griechischer Geistlicher, ein Bruder meines Freundes, des Griechischen Consuls Thesee in Beirut thätig. Mein kleines Uebelbefinden, das eine Folge der schnellen Verändrung seyn mochte, welche in meiner bisher gewohnten Diät vor sich gieng, als ich hieher in die Ueberfülle der Gastfreundschaft kam, verlor sich schnell. Ich hatte aber auch einen Arzt der in noch viel andren und schwereren Fällen als dieser war mir Hülfe und Rath würde geschafft haben; einen Arzt dessen bloßer Anblick und dessen Nähe mir schon Vertrauen weckten, weil er außer jener Erkenntniß der Menschennatur und des ihr Heilsamen, die den Jüngern des Hippokrates geziemt, auch jenes Arkanum kennt und täglich anwendet, wodurch Hippokrates zum großen und glücklichen Arzt wurde[209]. Dieser liebe Freund und Arzt war der Leibmedicus +Dr.+ Röser, den ich, weil er dem Hauße von Brandis gegenüber wohnte, dort täglich sahe, der mir aber auch außerdem, so viel seine kostbare Zeit es erlaubte, ein heitrer Führer wurde, dessen Sinn für alles Gute und Bedeutsame empfänglich und dessen Herz immer bereit ist von der Fülle des Selbstempfundnen reichlich mitzutheilen. In Hinsicht auf solche geistig in Griechenland einheimische, wahrhaft ortskundige Führer hätte ich es überhaupt zu keiner Zeit und an keinem Orte besser treffen können als gerade damals hier in Athen. Denn wer hätte mir Mehr und Tieferes über die ganze jetzige Stellung des Morgenlandes zu den Ländern des Westens, über Griechenlands Gegenwart und Hoffnungen mitzutheilen vermocht als der verehrte Forscher und Herold »des Ostens« der geistvolle, edle Ritter von Prokesch. Er hatte mich schon in seinen Werken auf meiner Reise begleitet und durch seine frischen Ansichten von dem Leben und der Geschichte der Morgenländer erfreut, jetzt kam ich zu der Quelle dieser Anschauungen selber. Auch im anmuthigen Kreise seiner Familie und in seiner Wirksamkeit als K. K. Oesterreichischer Gesandter fand ich ihn so anziehend und liebenswürdig als er sich mir in seinen Schriften gezeigt hatte. Eben so lernte ich an dem Gesandten unsers eignen Hofes, dem Herrn Grafen von Waldkirch durch die Beweise von theilnehmender Güte und Gastfreundlichkeit welche er mir gab, einen Mann kennen, der sich nicht nur auf die Kunde des Landes und seines Geschäftskreises trefflich versteht, sondern auch auf jene noch liebenswürdigere Kunst Andre zu erfreuen und theilnehmend zu unterstützen. In dieses Geschäft der Freundschafts-Erweisungen gegen den alten Landsmann und Hadschi theilten sich aber noch Viele. Vor Allen zeigte sich darinnen unermüdet der meinem Herzen vielfach theure Graf Saporta, dem Gott alle seine mir bewiesne Liebe vergelten möge; und in das meinem Ohre so wohllautende Conzert der freundlichen Stimmen die mich in Athen begrüßten stimmten mehrere der hohen Offiziere und Beamteten, namentlich die Herren v. Burkhard, v. Wehmeier und Baron von Ow; der treffliche Leibmedicus +Dr.+ v. Wibmer, der Geheimsecretär v. Stengel den wir als glücklichen Gemahl einer liebenswürdigen jungen Griechin wiederfanden, und eine große Zahl der jüngeren Freunde, unter denen ich manche meiner lieben, gewesnen Zuhörer aus Erlangen und München antraf. In dem Hauße des schon durch frühere Bekanntschaft nahe befreundeten Hofprediger Meier, in welchem meine jungen Reisegefährten gastfreie Aufnahme gefunden, brachten auch wir manche stille Stunde des innren wie äußren Ausruhens zu; mein junger Freund +Dr.+ Zehler aus Nürnberg war erfindungsreich in allen Arten der Gefälligkeiten; Professor Roß der gelehrte, an Geist und Herzen tüchtige Mann; der edle Leeves und sein Freund Wenger, denen wir hier zum dritten Male auf unsrer Reise begegneten, und so manche andre hier wohnende Fremde trugen Alle das ihrige dazu bei um mich fühlen zu lassen daß es eine Landsmannschaft des Geistes gebe, welche an keine politischen Gränzen gebunden ist. An diese geistige Landsmannschaft schloß sich denn auch mancher edle Grieche an, vornämlich der treffliche +Dr.+ Schinas, damals Rector der Universität Athen, mit welchen ich so gerne noch mehr und länger zusammengelebt hätte. Im Hauße meines Freundes Brandis konnte man öfters am Abend eine Gesellschaft der Männer finden, welche das gemeinsame Interesse an dem Studium der Griechischen Klassiker und der Geschichte des Landes vereint; ein fröhlicher Kreis von meist jungen Deutschen versammelte sich auch, während der kühleren Abendstunden außen im Freien, in einer Deutschen Gartenwirthschaft welche den Namen: zum grünen Baum führte. Unter den vielen schönen Tagen die wir in Athen verlebten, zeichneten sich ganz besonders die Sonntage aus. Man konnte da mit einer Deutschen, christlichen Gemeinde sich erbauen und auf diese Weise das höchste, oft so schmerzlich vermißte Glück des Vaterlandes genießen; der Nachmittag und Abend wurde dann auch auf heimathliche Art mit Freunden zugebracht. An einem dieser Sonntags-Nachmittage besuchten wir mit der Familie des theuren Brandis und mit Freund Röser jenseit des alten Keramikos oder der Töpfervorstadt den verödeten, mit einzelnen Oelbäumen bepflanzten Hügel des Akademos: die Stätte der Akademie von Athen. Es waren andre, unvergänglichere Gefäße als die des nachbarlichen Keramikos: Gefäße der Ehre und Verherrlichung im Haushalt der ewigen Weisheit welche hier unter den Säulenhallen und im Schatten der hohen Platanen gebildet wurden. Hier hat Plato gewandelt und gelehrt: der hehre Gast und Fremdling aus einer Welt, deren sichtbare Verwirklichung eine damals noch zukünftige war; der Prophet im Gewande der Weltweisheit, welcher den Vorschmack eines göttlichen Glaubens und Schauens schon in dem redlich von ihm erfaßten Werke des menschlichen Erkennens empfunden. Die beiden Arme, jener des tiefsinnigen Sehnens des Menschengeistes nach dem lebendigen Erfassen der ewigen Wahrheit, der sich nach oben ausstreckt, und der andre eines göttlichen Entgegenkommens der von oben nach unten herabreichet, sind sich in Seelen wie Platos Seele war zu allen Zeiten nahe gewesen, und sie werden sich einst die Hände reichen zum unauflöslichen Bunde. Auch die Stätte des Lykeions, da der große »Meister Derer welche wissen,« Aristoteles gewandelt und gelehrt, ward von uns mit innigster Theilnahme betrachtet. An dem Nachmittage eines andern Sonntages machten wir uns mit der Familie unsers theuren Brandis auf um an der Hand dieses Führers die hehre Aussicht vom Gipfel des Pentelicon zu schauen. Wir kamen am Abend bis zum Fuße des Berges, ruheten, während der Stunden der warmen, schönen Sommernacht im Freien, in der Nähe einer Hütte, und waren schon in den ersten Stunden der Frühe oben auf der Höhe. Der unbeschreiblich schöne, klare Morgen hatte noch von dem gestern vergangenen Sabbath die Kräfte seines Friedens geliehen; alle diese Höhen und Thäler feierten, von der aufgehenden Sonne beleuchtet, gleich Heroën welche erst gestern ein Werk des ewigen Ruhmes und des Heiles der Völker siegreich vollbrachten, und welche nun festlich geschmückt neben den Altären der Götter anbeten. Erschien doch der leichte Duft welcher dort von den waldigen blauen Höhen von Euboea (Negropont) aufstieg selber wie der Rauch vom Opfer des Altares und hier, nahe unter uns, lag Marathons Schlachtfeld, auf welchem Athens Helden im blutigen Kampfe mit der Macht der Barbaren das erste Werk der großen Thaten vollbrachten zu denen Minervas Stadt unter den Völkern bestimmt war. Dort in Südwesten erinnerte jede Bucht, jeder Felsenvorsprung der Insel Salamis an die Geschichte eines zweiten großen Tagwerkes der Städtekönigin; die Gebirge von Platäa, nur wenig weiter in Norden reden von einem dritten; die Gegend aber dort von Eleusis bezeugt es, daß nach allem Genuß des Ruhmes der glücklich vollbrachten Thaten, wie durch allen Glanz der Künste und Erdenweisheit dennoch ein Sehnen in der Menschenbrust, das stärkste von allen, ungestillt blieb, welches, bis der Morgenglanz aufgieng, nur in der Tiefe der, Gedanken und Hoffnungen gebährenden, Nacht seine Lindrung fand. Der Kern des Gebirgszuges, von welchem der Pentelikon ein vereinzelter Gipfel ist, bestehet aus Gneus, in welchem vornämlich hier der körnige Kalkstein (weiße Marmor) in mächtigen Massen auftritt. In dem Steinbruche des Berges fanden wir viele Arbeiter unter sachverständigen Aufsehern beschäftigt, welche das Baumaterial zu dem schönen, nach Gärtners Plane würdevoll sich erhebenden Königsschlosse zurichteten, welches mitten unter Gartenanlagen auf dem herrlichsten Hügel der Stadt angelegt ist. Zum Besteigen des honigreichen Hymettus, im Osten der Stadt konnte ich keine Zeit gewinnen, wohl aber brachte ich mit meinem Freund Röser an den Ufern des Ilissus, der von jenem Gebirg entspringt und an seinem Fuße den Lauf nimmt, einen unvergeßlichen Nachmittag zu. Wohl uns, daß wir eine andre Begeistrung der liebenden Freundschaft kannten als jene war an welche die in dem lieblichen Thal gelegene Stätte von Epikurs Gärten erinnert. Den Mittag des letzten Sonntages hatte ich im Familienkreise des theuren Rudhart zugebracht. Es waltete mitten in den heitren Stunden dieses letzten Beisammenseyns ein Gefühl von Wehmuth, wie es Menschen ergreift, die auf lange Zeit sich trennen müssen. Und die Trennung welche uns bevorstund war die längste von allen. Wir brachten auch noch zusammen den Abend im Piräus und auf dem vom Monde beleuchteten Meere zu; erst spät trennten wir uns um uns am andern Tage noch einmal, dann aber niemals wieder zu sehen. Wir hatten lange genug vergeblich auf die längst verheißene Ankunft eines Oesterreichischen Dampfschiffes gewartet -- des ersten das die unmittelbare Verbindung zwischen Griechenland und Triest anknüpfen sollte; endlich mußten wir uns, wenn wir nicht noch einmal unser Glück auf einem schlechten Segelschifflein versuchen wollten, entschließen, nach Syra zurückzukehren um von dort mit einem Französischen Dampfschiffe, nach Livorno zu gehen. Denn der Ausbruch der Pest in Poros und die Furcht vor der langen, bei der Heimkehr abzuhaltenden Quarantäne hatte gerade damals den Verkehr mit den Küsten des Adriatischen Meeres sehr gelähmt. So rüsteten wir uns denn zur Abfahrt mit dem gewöhnlichen Postschiff aus Syra, welches am 17ten Juli des Abends den Piräus verlassen wollte. Noch einmal beurlaubten wir uns und nahmen Abschied von Allen die uns das neue Athen so theuer gemacht und verherrlicht hatten. Segen und Frieden sey mit deinen Pallästen und Hütten, du gutes Athen; es gieng uns wohl in dir, obgleich das Heimweh nach dem lieben Vaterlande, das zuletzt mit Macht erwachte, die Seele gefangen nahm und unwiderstehlichen Zuges hinwegriß. Der gute, aufopfernd gastfreundliche Herr Mahn im Piräus hatte noch alle Seile der Liebe aufgespannt um wenigstens unsre dankbare Erinnerung an die Küste des schönen Attikas unzerreißbar fest zu knüpfen. Und das Herz ist ja ohnehin diesem lieben Manne treu verbunden und wird es ihm bleiben, denn seine Güte hat viel für mich und meine jungen Freunde gethan. Unser theurer Brandis kam, nach vollendetem Taggeschäft auch noch einmal zum Piräus um uns das Geleite seiner Liebe zu unsrem Schiffe zu geben. Wir bestiegen dieses bald nach acht Uhr des Abends, um neun Uhr spannten wir die Segel und fuhren ab. Es war als sollten wir jetzt auf einmal auch den vollen Genuß einer glücklichen Seefahrt empfinden, wie wir bisher so manche Bitterkeit des Segelns mit ungünstigem Winde erfahren hatten. Der Vollmond beleuchtete aus blauem, klaren Himmel die stille Fluth; ein mäßiger Wind (es war unser alter Bekannter und Begleiter aus Westen, der uns aber gerade dießmal gut zu statten kam) stund uns in Pupa und trieb uns mit geschwellten Segeln von hinnen; das Schiff war mit allen Bequemlichkeiten für Reisende versehen. Freilich hatte diese ganz besondre Gunst des Windes keine sehr lange Ausdauer denn während wir auf unsrem Schiffe ruheten, hatte auch er sich zur Ruhe gelegt und wollte sich am andren Tage nicht recht dazu bequemen unserm Fahrzeug die gewöhnliche Vorspann zu leisten. Dennoch rückten wir auch durch das schwache Lüftchen, das von Zeit zu Zeit mit dem Segel spielte, etwas weiter und hatten auf diese Weise Gelegenheit das Vorgebirge von Sunium, so wie Keos und Thermia (Kythnos) zwischen denen beiden wir diesmal hinsteuerten genauer zu sehen, auch war die Gesellschaft, die mit uns im Schiffe fuhr, keine unangenehme. Wir andern Alle fanden uns in freudiger Stimmung, weil uns nun auch der letzte Wunsch den wir auf dieser Reise hatten, Athen zu sehen, so glücklich gelungen war, nur einer der Freunde, unser guter Doctor Erdl, litt an einem leichten Anfall von Fieber, und mochte in mehrern Tagen nichts genießen. Am Abend (des 18ten) kam uns wieder ein Wind aus Norden zu Hülfe der jenseits Thermia führte und als wir am 19ten erwachten hatten wir das vertrauliche Syra, die Wohnung der Freunde schon nahe vor Augen, so daß wir vor zehn Uhr Vormittags im Hafen ankern konnten. Noch ehe wir dieß thaten bemerkte Herr Erlacher, der damals ein kleines Häuslein am Hafen bewohnte unser Schiff, und kam uns, sobald wir gelandet, mit einem Boote entgegen das uns und alle unsre Geräthschaften hinüberbrachte in die noch leer stehenden Räume des Magazinhaußes, in welchem dießmal wir Alle unsre Wohnung nahmen, da Freund Hildner mit seiner Familie einen Landaufenthalt bezogen hatte, und ohnehin der Aufenthalt, bis zum Abgang des Dampfbootes, nur ein sehr kurzer werden sollte. Als ich am Nachmittag nach unsrer Ankunft mit Freund Sandersky durch die Gassen der Stadt gieng begegnete mir zu meiner großen Ueberraschung jener junge Mönch aus dem Sinaikloster von welchem ich im zweiten Bande (S. 329) erzählte, daß er, von Geburt ein Russe, früher Soldat gewesen sey. Wir freuten uns beide des unvermutheten Wiedersehens und begrüßten uns herzlich, denn dieser Mönch war mir unter allen jüngeren Geistlichen des Klosters der liebste gewesen, schon deshalb weil er sich am meisten und zutraulichsten uns genaht hatte. Er erzählte mir daß er in Angelegenheiten seines Klosters diese Reise unternommen habe, und im Verlauf des Gespräches erfuhr ich von ihm weiter daß es ihm zur Fortsetzung seines Weges an den äußeren Mitteln fehle. Ich legte nach Kräften ein nicht unansehnliches Geschenk in seine Hand, er nahm dasselbe wie es schien mit Freuden an. Am andern Morgen kam er zu Sandersky, brachte ihm das Geld wieder und äußerte: »er habe die Nacht nicht schlafen können vor dem Gedanken daß er Geld von einem Manne angenommen, der seines Irrglaubens wegen auf ewig verdammt sey. So nöthig er das Geld zu seiner Reise brauchen könne bäte er doch Herrn Sandersky er solle mir es wieder zustellen und mich ermahnen daß ich mich doch zur Griechischen Kirche bekehren möge, welche allein hell leuchte wie die Sonne. Da er auch hier in Erfahrung gebracht habe, daß ich bei Sr. Majestät dem Könige Otto etwas gälte ließe er mich sehr bitten ich möchte doch auch diesen ermahnen daß er sich von der irrigen, Römischen Lehre zur Griechischen Kirche bekehren möge, weil diese (er wiederholte den Ausdruck noch einmal) allein hell leuchte wie die Sonne.« Guter Mönch vom Sinai habe Dank für deine kindlich treumeinende Sorge um mein »ewiges« Wohl; ich bin übrigens froh darüber daß dieses Wohl nicht dem Gefäß einer besondren Kirchengemeinschaft sondern einer Gemeinschaft der Kirche verheißen ist und daß es einzig und allein auf die Gnade Dessen sich gründet welcher das Haupt, die Kraft und das Leben Seiner Kirche ist: der Gemeinschaft Derer die von ganzem Herzen an Ihn glauben und Ihm vertrauen. Wie ganz anders dachte und äußerte sich, wie ich dieß früher erwähnte, über denselben Gegenstand mein ehrwürdiger Freund, der Padre Präsidente in Damaskus. Ich hatte aber öfters Gelegenheit zu bemerken daß unter allen Kirchengemeinschaften, mit denen ich auf dieser Reise näher bekannt wurde, die ausschließend undultsamste gegen andre Gemeinschaften die Koptische und nächst dieser die Griechische sey. Wollen doch die Griechischen Geistlichen nicht einmal die Taufe bei den andern Confessionen als eine wirklich christliche gelten lassen; sie fordern von den Katholiken die sich mit einer Griechin vermählen wollen daß sie, wenn sie die kirchliche Einsegnung ihrer Ehe verlangen, sich noch einmal taufen lassen, weil die sogenannte Taufe der Lateiner keine rechte sey. Was ich indeß hier sagte gilt nur im Allgemeinen; die Ausnahmen der besseren Art sind unter den geistig gebildeteren Griechen nicht selten und werden immer häufiger. Leider wird jedoch auch hier der Weg vom Aberglauben, zum gesunden, lebendigen Glauben, durch den Tod und die Verwesung des Unglaubens gehen müssen. Der schönste Tag den wir in Syra erlebten war, ohne allen Vergleich der 20ste Juli, den wir mit dem theuren Hildner und seiner glücklichen Familie auf dem Lande, in einem Dörflein zubrachten das auf der Südseite der Insel an dem Abhange des Berges liegt. Seine Aussicht beherrscht eine weite Strecke des Meeres und das Hochland von Paros wie von Antiparos. Wir ruhten da im Schatten der Feigenbäume, aus denen der hundertstimmige Gesang der Cicaden sich hören ließ und der dichtbelaubten Ranken der Weinstöcke; die Aussicht die sich uns im traulichen Gespräch eröffnete gieng weiter als nach Paros und Antiparos, sie reichte weiter als Meer und Land, weiter als Zeit und Stunde der Gegenwart und sie redete in Worten eines Liedes, dessen Laute harmonischer sind und weiter hin ertönen als der hundertstimmige Gesang der Cicaden. Der Abschied von solchen Freunden wie hier diese waren, bewegt die Seele tief, er gleicht aber dem kräftigen Bewegen eines Windes welcher das Schiff in seinem Laufe nach dem Hafen fördert und bestärket; denn es ist in ihm, auch wenn der Abschied für das ganze Leben galt, eine sichre Hoffnung des Wiederfindens. Wir hatten uns etwas spät auf den Rückweg gemacht; der Abend übereilte uns, noch ehe wir die Stadt zu Gesicht bekamen. Doch wir giengen an der Hand eines treuen Führers, unsers Freundes Sandersky, der schon am Mittag uns nachgekommen war, zu dem lieblichen Ruhesitz. Das Dampfschiff, welches man bereits gestern am Abend erwartet hatte, kam erst heute, am 21sten Juli am Nachmittag; seine Abfahrt ward auf Abend um neun Uhr festgesetzt. Wir freuten uns doppelt der sichren Gelegenheit des Fortkommens, da die noch immer anhaltenden widrigen Winde den Lauf eines Segelschiffes nach Westen sehr erschwert haben würden. Ueberdieß hatten sich gerade damals noch andre Dinge ereignet, welche das Fahren mit einem kleinen Segelschiffe bedenklich machen konnten; die Seeräuber hatten wieder angefangen ihr altes, grausames Gewerbe im benachbarten Meere zu betreiben; auf Chios hatte man die Leichname von achtzehn Männern, denen die Köpfe abgehauen waren und nahe dabei an der Küste ein ganz ausgeraubtes Schiff gefunden, das, wie es schien aus Syrien oder Aegypten gekommen war. Der Abend war gekommen, wir drückten den Freunden noch einmal dankbar die Hand; der gute Herr Erlacher brachte uns und unsere Geräthschaften an den Bord des Schiffes, von welchem schon längst der Rauch des Dampfheerdes aufstieg; mit dem Schlage neun Uhr gab die Kanone das letzte Anzeichen zur Abfahrt; die Räder griffen frisch in die Fluth hinein und in wenig Minuten hatten wir die gastfreundliche Stadt und ihren Hafen hinter uns. III. Die Heimreise. Fahrt nach Livorno. Bei der Beschreibung unsrer fröhlichen, großentheils glücklichen Heimreise werde ich mich, obgleich der Weg noch ein sehr weiter war und durch gar manche sehenswürdige Gegenden gieng, sehr kurz fassen können; denn Vieles von Dem was uns ganz neu war und das wir gern näher und länger beschaut hätten, bekamen wir, weil die Quarantäne uns vom Lande abschloß nur im Vorbeifahren zu sehen; Manches aber, das wir mit Muße betrachten durften, wie Wolfratshaußen und Bayerbrunn hatten wir schon bei andrer Gelegenheit zur Genüge gesehen. Es ist eine schöne Sache um das Heimkehren, für Jeden der eine Heimath hat und liebt, und schon der Gedanke daß es nun dem Hauße zu gehet stimmt das Herz fröhlich und wohlgemuth; bei uns kam aber noch vieles Andre hinzu das diese Stimmung erhöhte. Der Unterschied zwischen einer solchen Fahrt mit einem Segelschiff als die unsrige von Beirut nach Syra war, und zwischen einer Dampfschifffahrt ist ein größerer denn jener der sich zwischen der Reise auf einem mit Ochsen bespannten Karren und auf einem Eilwagen findet. Denn die Ochsen, wenn auch langsam, ziehen doch weiter, und halten nur an den bestimmten Stationen; das Schifflein aber, besonders wenn es ein so schlechter Segler ist wie unser Patmoser es war, steht still, mitten im Meere, auch wo gar keine Station ist, und niemand kann wissen auf wie viele Tage oder selbst Wochen es so stehen bleiben wird. Ein Dampfschiff dagegen kann zwar auch in seinem gewöhnlichen Lauf durch den Wind gehemmt oder gefördert werden, im Ganzen jedoch gehet es immer vorwärts auf seinem Wege, es mag Windstille oder ungünstiger Wind seyn; mit großem Vergnügen und zuversichtlicher Erwartung lasen wir auf dem gedruckten Passagierzettel die Tage bestimmt an denen wir in Malta, dann in Livorno eintreffen sollten. Freilich mußten wir nun im Verlauf dieser Heimreise über das Meer die Erfahrung machen daß man auf den Dampf eben so wenig sicher rechnen dürfe denn auf den Wind, und daß das was gedruckt, deshalb nicht immer wahr ist, dieß aber wußten wir damals noch nicht wo wir uns am Bord des großen, schönen »Minos« ganz der Freude hingaben endlich aus den Banden der Segel erlöst, auf schnellen, unaufhaltsamen Rädern hinzugleiten. Das Französische Dampfschiff, der Minos genannt, dessen sehr zufriedene Bewohner wir jetzt geworden waren, gab uns allerdings durch seine ganze Einrichtung so wie durch das Benehmen der wackren Männer, denen seine Leitung anvertraut war die volleste Veranlassung zu dieser Zufriedenheit. Wir hatten, aus mehreren Gründen, uns nicht für den ersten, sondern für den zweiten Platz einschreiben lassen; unsre jungen Freunde sogar auf den dritten, der auf dem Verdeck ist. Außerdem aber, daß die zweite Kajüte aufs Anständigste und Bequemste eingerichtet und an ihrem Tische reichlich und vortrefflich bedient war, ließen auch die Herren Officiere des Schiffes niemals (wie dieß wohl anderwärts der Fall gewesen) es uns entgelten oder fühlen daß wir als »reisende Gelehrte« uns zur billigen Mittelstraße halten mußten. Es kam uns auch hier jene Achtung zu statten, welche die gebildeten Franzosen so allgemein der Wissenschaft wie der Kunst bezeugen, denn der wackre Capitän hatte kaum erfahren daß ein wissenschaftliches Interesse uns auf dieser Reise begleitet habe, als er durch seine lebhafte Theilnahme und Freundlichkeit bezeugte, daß er selber für dieses Interesse voll Sinn sey. Seine Höflichkeit gegen uns gieng so weit, daß er beständig den Lieutenant des Schiffes, einen kenntnißreichen Mann, der sich auch als Schriftsteller über das Seewesen bekannt gemacht hat, in unsrer Gesellschaft und zu unsrer Unterhaltung mit uns speisen ließ, während er selber in der ersten Kajüte die Stelle des Wirthes vertrat. Auch der Arzt des Schiffes näherte sich uns sehr freundlich und während unsers ganzen Aufenthaltes auf dem Minos hatten nur unsre jungen Reisegefährten zuweilen eine gerechte Klage über den Koch zu führen, welcher diesen dritten Tisch allzusehr vernachläßigte. Als wir am 22sten Juli des Morgens, kurz vor Sonnenaufgang herauftraten aufs Verdeck, da bemerkten wir keine Spur mehr von der Stätte unsres gestrigen Verweilens: von Syra. Hinter uns schon lagen die Inseln Seriphus (Seripho) und Siphnos (Sifano); in weiter Ferne zeigten sich am nördlichen Horizont die blaulichen Höhen von Argolis und von der Insel Hydra, dem Wohnsitze der tapferen Seekämpfer, während der Zeiten des letzten Befreiungskrieges; vor uns in Westen sahen wir den mächtigen Höhenzug des Parnon im alten Laconien (Maina), den Verkündiger jener mächtigen Kräfte die sich in der Natur des Landes und in Spartas alten Bewohnern regten. Anfangs noch ziemlich fern, bald aber immer näher und deutlicher erblickten wir in südöstlicher, später in östlicher Richtung die Inseln Milo und Antimilo neben uns. Wir hatten im weitren Verlaufe des Vormittags Gelegenheit genug den Umriß jenes interessanten Eilandes (des alten Melos) zu betrachten, auf welchem man dennoch, so großartig schön die zackigen Umrisse seiner schroffen Felsenwände ins Auge fallen, nicht für immer wohnen möchte, weil noch jetzt jene giftigen, von vulkanischem Feuer erzeugten Dämpfe dem Boden entsteigen, durch welche dieser Geburtsort des Gottesläugners Diagoras bei dem Alterthum berüchtigt war. Nach Plinius war die Insel, wie selbst ihr Name Melos dieß anzudeuten schien, rund wie ein Apfel; jene vulkanischen Erschütterungen aber, denen sie so häufig ausgesetzt war, haben die vormaligen Umrisse des Ufers so verändert, daß sie jetzt durch eine tief in ihr Innres hineintretende Bucht wie in zwei Hälften getheilt ist, welche hakenförmig herauslaufen ins Meer und von denen die südlichere hochgebirgiger ist denn die nördlichere. Vielleicht hat zu dieser Umgestaltung eben so sehr ein neuer Anbau durch vulkanische Kräfte, als der Einsturz des schon gebildeten Landes mitgewirkt; denn auch die kleine Insel Antimilo, die uns als schwärzliche Felsenmasse vor Augen lag, ist, vor noch nicht langer Zeit durch Kräfte des Feuers gebildet worden. Milo hat, wie die meisten vulkanischen Gegenden einen Boden, welcher der Erzeugung eines feurigen Weines und mehrerer Südfrüchte ganz besonders günstig ist; in seinen tiefen Buchten finden die Schiffe vor den Stürmen Schutz; das benachbarte Meer ist reich an Fischen. Auf dieser Insel entdeckte Baron von Haller bei den von ihm veranstalteten Ausgrabungen ein altes Amphitheater und zwei Statuen. -- Nahe bei Milo zeigte sich uns Argentiere, das vormalige Cimolus, das bei den Alten wegen seiner vermeintlich heilkräftigen (Cimolischen) Erde gepriesen war; in dem ferneren Osten erhob sich das felsige, eisenreiche Policandro (Pholegandros) dann Sikino (Sikinos) und nur wenig deutlich das kleine Nio (Ios), das wir schon auf der Reise von Patmos nach Syra wahrgenommen hatten. Wir warfen gerne noch zum Abschied auf dieses Ios einen theilnehmenden Blick; dort war, so erzählte die Sage, das Grab des Homer, dessen vermuthliche Geburtsstätte so wie das Feld der Thaten wir gesehen hatten, welche der alte Barde besingt. Man hätte den ganzen Tag ohne Aufhören da stehen oder im Schatten des ausgespannten Segeltuches sitzen und diese herrlichen Inselgruppen beschauen mögen, die mit jeder Stunde in andrer Stellung und von neuen Seiten sich zeigten, und im Ganzen thaten wir dieses auch so, denn wir hielten uns nur so lange als nöthig war beim sogenannten Frühstück in der Kajüte auf, um ja so bald als möglich wieder auf dem Schauplatze zu seyn. Wir bekamen schon vor Mittag einen starken Wind, nicht zum Begleiter, sondern zum Gegner des Schiffes, denn er kam gerade daher, wo wir hin wollten. Unser Dampfschiff gieng ihm dennoch, freilich mit etwas langsamerem Schritte gerade entgegen, ohne des Hin- und Herkreuzens zu bedürfen. Immer deutlicher tauchten in den Mittagsstunden die Küstengegenden des alten Lakoniens aus der Tiefe auf; seine Hochgebirge hatten wir schon längst im Auge gehabt. Jener südlichere Theil des Höhenzuges, der auf dieser Fahrt den Schiffenden zugewendet ist, war der Zarex der Alten; an der Küste, unweit den Ruinen des vormaligen Epidaurus Limera, wo dem Aeskulap ein berühmter Tempel geweiht war, liegt Malvasia, welches in späterer Zeit wenigstens den Jüngern des Aeskulap zwar nicht Tempel, wohl aber Häußer bauen half. Denn hier vornämlich wuchs jener feurige Wein, der von seinem Geburtsort Malvasier genannt war und der durch seine verführerische Süßigkeit manchen reichen Trinker in Europa dahin brachte daß er der Kunst des Aeskulap zinspflichtig wurde. Die Venezianer, als sie im Jahr 1690 Malvasia von den Türken erobert und von dort an einige Zeit besessen hatten, waren vornämlich die Verführer dieses Weines und durch ihn des trinklustigen Europas geworden. Von anziehender Gestalt erschien uns, vor dem Hintergrund des höheren Gebirges und des Meeres das Vorgebirge St. Angelo (Malea). Statt des Haines der vormals hier den kleinen, stillen See beschattete, mag sich freilich dort nur noch ein niedres Gebüsch erzeugen. Dennoch, wie groß sie auch seyn möge, kann die Verändrung und Entstellung, welche die Jahrhunderte an der Küstengegend von Malea geübt, in keinem Vergleich stehen mit jener, welche den vormaligen Wonnesitz Cythera, das jetzige Cerigo betroffen. Dieser Geburtsort der Liebesgöttin, besungen im uralten, geheimnißvollen Liede, war in frühester Zeit der Geschichte Griechenlandes eine Niederlassung der Phönizier, und durch sie ein Ausgangspunkt der Gewerbthätigkeit so wie ein fortwährender Ort des Begegnens zwischen den Völkern des Westens und Ostens. Auf dem höchsten Gebirge der Insel lag der Tempel der Venus Urania, begründet von den frühesten Einwanderern aus den Ländern des Aufganges, unter den Tempeln von Hellas einer der ältesten und heiligsten[210]. So wie in späterer Zeit dieses Kythera als ein Schlüssel des Peloponnesos betrachtet war dessen Besitz die Argiver den Phöniziern, die Lacedämonier den Argivern, jenen aber auf einige Zeit die Athener entrissen, bis diese, beim unglücklichen Ausgang des Peloponnesischen Krieges, die wichtige Insel den Spartanern zurückgeben mußten, so ist es nicht unwahrscheinlich daß Kythera auch in den ältesten Zeiten der Wanderungen der Völkerstämme aus dem gemeinsamen Geburtsland des Ostens herüber nach Europa, eines der Thore gewesen sey, welche den Ansiedlern den Zugang zu den wilden Wald- und Gebirgsgegenden des Griechischen Festlandes möglich machten. Ihre Häfen waren noch in den Zeiten der Lacedämonischen Herrschaft von solcher Wichtigkeit daß der Zustand derselben alljährlich von obrigkeitlichen Gesandten des Freistaates untersucht wurde; denn hieher kamen die reichbeladnen Schiffe aus Libyen und Aegypten. Die Insel selber war damals reich durch ihre Erzeugnisse der Viehzucht und des Landbaues; berühmt durch ihren Wein und die getrockneten Trauben, durch Oel, Honig und Wachs wie durch trefflichen Käse; ihre Bewohner in hohem Wohlstand durch Handel und Fleiß der Hände. Und was ist jetzt aus diesem alten Lustsitz der Liebesgöttin geworden? Ein ödes, rauhes Felsennest, das nur etwa noch durch die Schwärme der Turteltauben, welche in der Herbstzeit auf ihrem Zuge in ungeheurer Menge hieherkommen, an den Dienst der Venus erinnert. Gleich als wollte uns auch diese Verwandlung bezeugen daß der sinnliche Liebreiz, auch wenn er in die Gestalt des Göttlichen sich verkleidete, ein vergänglicher sey. Aber die Aphrodite von Cythera war ursprünglich keine bloß irdische, sie war eine Himmlische: eine Urania. Hehr sind dennoch und anziehend diese schön geformten Gebirge, welche nach einer Behauptung der Alten sehr schönen Porphyr enthalten sollen, weshalb auch die Insel den Namen der porphyrenen (Porphyrusa) geführt habe[211]. Und wie leicht könnte sie wieder im andern Sinne eine Urania werden, wenn diese alte Felsenwarte des Jonischen Meeres durch die Anlage einer Sternwarte zu einem Sitz der beobachtenden Astronomie, und, wozu gerade sie die günstigste Gelegenheit darböte, der Meteorologie geweiht würde. So sehr man auch in einer solchen Nachbarschaft in Versuchung kommt die Männer zu beneiden, die in einer kleinen Fischerbarke sitzend mit günstigem Winde (von Westen her kommend) der Küste zusteuern um dort zu verweilen, weil ja hier jedes Vorgebirge und jede Insel Beachtenswerthes enthält, hat es dennoch auch etwas sehr Reizendes, gleich einem Adler an den Herrlichkeiten eines Landes wie dieses ist vorüber zu schweben, und den mächtigen Eindruck eines Gesammtbildes derselben in die Seele aufzunehmen. Da in Norden lag jetzt, jenseit Cythera der weite Laconische Meerbusen neben uns; vor uns die lange Gebirgskette des Taygetos die sich zuletzt mit dem Vorgebirge Tänarium (Matapan) ins Meer senkt. Sey uns begrüßt, dort in der bergumsäumten, weiten Ebene in Norden du altes Vaterland der Männer, welche mit der vollkommnen Herrschaft über die andren Glieder des Leibes auch jene über die Zunge, dieses unbändigsten und gefahrbringendsten Gliedes zu vereinen wußten. Dein schöner, kräftiger Strom Eurotas verschwindet im Gebirge, und es scheint nun aus zu seyn mit seinem Laufe; nachmals aber, bei Skirites dringt er wieder hervor ans Licht des Tages, bricht sich die Bahn durch das enge Thal der Felsen und strömt dann weiterhin, in dem Bette das ein sorgsamer König ihm gegraben, seine Segnungen über das ganze Land aus: so mag auch dein kräftiges Bewegen für einige Zeit aus dem Tagesschein der Geschichte verschwunden seyn, dennoch wird es sich wieder Bahn machen und in gemildertem Laufe dem Ziele aller Völkerthaten zuströmen. Denn daß noch Kraft der Männer in deinem Volke wohnt, das bezeugte mir die Bekanntschaft mit einem deiner greisen Helden und Landesväter, die ich in Athen machte. Die tiefere Küstengegend am Ausfluß des Eurotas, deren fruchtbarer Boden den Leibeignen von Sparta, den Heloten zum Anbau und Wohnorte angewiesen war, und die Stätte des Hafens von Trinasus (Colochina) entzogen sich durch ihre Abgelegenheit dem Auge; desto deutlicher aber kam uns, schon in einer späteren Stunde des Tages das Vorgebirge Tänarium zu Gesichte, dessen Felsengestade zum großen Theil ein schwarzer Marmor bildet, welcher wie der Bundesgenosse des Eisens: der Schleifstein von Tänarium, bei dem Alterthume in hoher Achtung war. Hier stund vormals jener Tempel des Poseidon und bei ihm jener Hain zu dessen Schatten der Wandrer nicht ohne Furcht und Grauen sich nahete, denn nahe hierbei war die Höhle welche zu der Geheimstätte der bleibenden Schatten: zum Reiche der Todten führte; hier war es wo Herakles den kühnen Eingang wagte, als er den Cerberus aus der Wohnung der Grabesschrecken hervorzog an das nie gesehene Licht; hier gieng Orpheus den Weg der Hoffnung und des ungestillten Sehnens. Die untergehende Sonne beleuchtete uns, so wie wir jetzt weiter kamen, auch noch die Westseite des Vorgebirges, auf welche zugleich die Dichtung der Vorzeit einen verklärenden Schein fallen lässet. Denn dort bei Känopolis (Kaino) ward Arion durch den Delphin, den die Macht der Töne gerührt ans Land gebracht; weiter hinan gegen Norden, auf der Felsenklippe von Pephno (Peckno) war die Geburtsstätte der Dioskuren. Wie ein Klang der fernen Abendglocken tönte das Rauschen der Wogen an unserm Schiffe; der schöne Sonnabend, an den Küsten des Peloponnesus gieng zu Ende. Messenien, mit dem alten Königssitz des Nestor; das herrliche Elis ein vormaliges Mutterland der Weisheit und der Furcht der Götter und das vielbesungene Arkadia lagen weit hinter uns, gleich einem undeutlichen, blauen Gewölk, als wir am Sonntagsmorgen den 23sten Juli beim Aufgang der Sonne herauftraten auf das Verdeck. Es war vergeblich selbst mit dem Fernrohr die ohngefähre Gegend des heiligsten der Jupiterhaine: die Stätte von Olympia aufzusuchen, wo, im uralten, Dorischen Tempelgebäude das geistvollste Werk der bildenden Kunst des Alterthumes, das Bild des Olympischen Jupiter von Phidias stund. Das geistvollste; denn in den Mienen der Göttergestalt waren der Ausdruck der erbarmenden Milde und der allvermögenden Herrschermacht auf solche Weise vereint, daß im Geist des Betrachtenden jene Zuversicht erwachte, die zum Beten: zum Annahen des Menschlichen an ein Göttliches den festen Muth giebt, so daß man Jene als glücklich pries die noch vor ihrem Ende das Jupiterbild zu Olympia gesehen. Und mochte denn immer das schöne Arkadia und Olympia, das vormals den Hellenen einen festen Anhalt gewährte[212] für die Erkenntniß der Räume, der Zeiten und in gewisser Hinsicht selbst Dessen, was über Raum und Zelt stehet, unserm Auge entschwinden; kennt doch das Herz Etwas das schöner ist denn Arkadia, fester bleibend als die Maaße von Raum und Zeit zu Olympia. Bis zum Mittag hatte sich auch der letzte, unsichre Umriß des Landes unserm Blick entzogen, wir sahen nur Meer und Himmel; ein frischer Gegenwind wehete uns noch immer Kühlung zu, hemmte aber auch zugleich den Lauf des Schiffes. Am andern Tage hatte diese Hemmung aufgehört, wir rückten rascher vorwärts, sahen aber auch heute noch kein Land, als wir jedoch am Dienstag den 25sten Juli erwachten, da lag Malta, die kleine und doch so kräftige Schutzwehr gegen die Macht der Barbaren uns schon deutlich vor Augen. Malta macht, von ferne gesehen nicht jenen imposanten Eindruck, der mit dem Anblick mehrerer jener Inseln verbunden war an denen wir bisher vorüber kamen; es hat keine hochansteigenden Gebirge, sondern nur mäßige Höhen. So wie man aber näher kommt macht sich die Größe und Macht des menschlichen Fleißes bemerklich, und lässet den Mangel der Naturgröße vergessen. Gleicht doch die ganze kleine Insel durch die verhältnißmäßige Ueberzahl ihrer Einwohner, Dörfer und Häußer einer volkreichen Vorstadt zu jener kleinen Hauptstadt welche durch ihre riesenhaften Befestigungswerke die Heldin des benachbarten Meeres ist; denn derselbe Flächenraum auf welchen in Norwegen drei, ja selbst in England nur 152 Einwohner kommen, zählt in Malta deren 1103 (die ganze Insel 120000). Darum ist auch jedes Flecklein des Bodens zum Anbau benutzt und obgleich jetzt, in der heißesten Zeit des Jahres, die Höhen und Hügelabhänge einen großen Theil jenes Grünes, welches die Insel sechs Monate lang überkleidet, verloren hatten, bemerkte man dennoch überall die reichen Pflanzungen der Bäume, unter denen jene der süßen Orangen die häufigsten sind. Als wir an dem Eingang zum südlichen Hafen der Stadt vorüberfuhren sahen wir dort das (wie uns schien) Wrack eines Dampfschiffes am Strande liegen mit dessen Ausbessrung so eben viele Menschen beschäftigt waren. Wir bedauerten die Unglücklichen die auf dem schadhaften Fahrzeug gekommen waren oder weiter gehen sollten, ahndeten aber nicht daß wir selber diese Bedauernswürdigen seyn würden, denn wir hatten uns ja schon in Syra die Fahrt auf dem Minos bis nach Livorno ausbedungen. Der überraschend schöne Anblick der Meeresfeste und Stadt Valetta, der wir uns jetzt näherten, ließ uns indeß das arme Wrack des Schiffes bald vergessen. Diese zehnfach ummauerten Mauern und vielfach verbollwerkten Bollwerke sehen nicht aus als seyen sie wie andres Gemäuer aus Stücken der Steinmasse zusammengefügt, sondern als wären sie aus nur einer Masse, wie aus weißlichem Erz gegossen. Das Glöcklein, beim Marienbilde auf der Mauer kündete begrüßend und warnend zugleich die Ankunft unsers Schiffes an, als dieses jetzt noch vor zehn Uhr des Morgens in den Quarantänehafen hineinfuhr; zu unsrer Rechten lag, von einzelnen Baumgärten umgeben, das mächtige Gebäude der Quarantäne, welches einer kleinen für sich bestehenden Stadt gleicht, deren Häußer Palläste sind; vor uns und zu unsrer Linken das noch prachtvollere Valetta, in dessen gerade, zum Theil steil emporsteigende Gassen man von unten hineinblicken kann. Oben auf der Anhöhe zeigte sich Civita vecchia, nach der herrschenden Sage an jener Stätte an welcher Publius der Oberste der Insel sein Landgut hatte, als hier der vielthätige durch viele Gefährlichkeiten zu Wasser wie zu Lande gegangene Apostel Paulus aus dem Schiffbruch gerettet ans Land kam[213]. Die hiesige Quarantäneanstalt, welche seit der Englischen Besitznahme der Insel ihre jetzige Form erhielt, darf wohl unter allen andern als die großartigst und vollkommenst eingerichtete betrachtet werden. Bei all' ihrer großen Strenge gewährt sie den in ihr eingeschlossnen Reisenden so viele Erleichterung als wohl schwerlich irgend eine andre Quarantäne, und die Strenge, welche sie übt, that sehr noth, da noch in dem ersten Jahrzehend des jetzigen Jahrhunderts die Pest, durch Afrikanische Schiffe hieher gebracht, so heftige Einbrüche in die Bevölkerung der Insel machte, daß bei dem einen derselben zwanzig tausend Menschen unterlagen. Das arme Malta hatte übrigens gerade in jenen Tagen da wir in seinem Hafen lagen einen eben so verheerenden und gefährlichen Feind in seinem Innrem als die Pest ist, deren Gefahr es durch die Quarantäne von seinen Wohnungen entfernt hielt: die Cholera raffte täglich eine Menge von Opfern hin; mitten unter dem Geläute der andern Glocken vernahm man am häufigsten jenes der Sterbeglöckchen. Wir waren noch nicht lange im Hafen angekommen da besuchten uns in einem Boote, das übrigens dem Schiffe nur wenig nahen durfte, einige Landsleute und Freunde, denen Herr Franz unsre Ankunft gemeldet hatte. Unter den Besuchenden war der treffliche Herr Schlienz der auf vielfache Weise seine freundliche Bereitwilligkeit zeigte uns gefällig zu seyn. Hier in Malta löste sich denn auch schon ein wesentliches Glied von der Kette unsrer Reisegesellschaft ab; der gute Herr Franz, dessen früherer Aufenthaltsort bereits in La Valetta gewesen war, mußte nun in seine alten Verhältnisse zurückkehren und begab sich, um dies so bald als möglich zu können, in die hiesige Quarantäne. So hatte schon einer von uns die sichre Ruhestätte der Heimath gefunden. Uns Andren schien dieses Glück auf einmal in eine weitere Ferne zurückzuweichen. Der Kapitän hatte bald nach unsrer Ankunft, in Begleitung der andern Officiere die Barke bestiegen um einem Französischen Admiral, welcher als Botschafter seiner Regierung nach Konstantinopel gieng, seinen Besuch zu machen. Dieser Herr war mit seiner Familie und dem zu ihm gehörigen Dienstpersonale auf dem Dampfschiff Sesostris, dem nämlichen das wir in seinem hülflosen Zustande hatten auf der Rhede liegen sehen, von Marseille aufgefahren; bei Katanea war Etwas an der Maschine gebrochen; nur mit Mühe hatte man das Fahrzeug bis hieher gebracht, und da, wie der Admiral versicherte, seine Sendung Eil hatte legte er sogleich auf das nächste in Malta ankommende, seiner Regierung zugehörige Dampfschiff Beschlag, welches unglücklicher Weise gerade unser Minos war. Uns blieb nun keine andre Wahl übrig als entweder hier in Malta unsre Quarantäne auszuhalten oder mit dem freilich zur Noth wieder hergestellten, immerhin aber noch sehr gebrechlichen Sesostris die Weiterreise zu wagen. Als der Herr Capitän mit dieser unerwarteten Botschaft von Sr. Excellenz dem Gesandten an Bord kam entstund ein fast allgemeines Geschrei des Unmuthes aller Passagiere gegen ihn. Man wollte es als einen Bruch des früher eingegangenen Vertrages betrachten, wenn man uns auf einmal statt uns nach Livorno oder Marseille zu bringen, hier in Malta absetzte; eine Gesellschaft von 38 Passagieren aber bereden zu wollen, sich mit all ihren Gütern und was mehr denn Alles, mit ihrem Leben einem schadhaften Schiffe auszusetzen, sey noch unverantwortlicher. Der Capitän zuckte die Achseln, erklärte zu wiederholten Malen wie leid es ihm thäte daß er in diesem Falle, als Offizier, nur den Befehl seines Admirals berücksichtigen dürfe, gab uns aber zugleich die Versichrung daß wir bei der freilich nicht vollkommenen, jedoch für diese Seereise ausreichenden Wiederherstellung des Sesostris weder Gefahr noch Schaden leiden würden, denn in dem Falle daß die Fahrt etwas länger als zum gewöhnlich anzunehmenden äußersten Termin dauern sollte, würde die Regierung auf unsern Schadenersatz denken. Ungeachtet aller dieser Versicherungen war dennoch eine Spannung zwischen dem größesten Theil der Passagiere und den Offizieren eingetreten; selbst unser guter, alter Lieutenant kam nicht mehr an unsern Tisch. In Malta die Quarantäne zu machen, das war in diesem Augenblick für einen Reisenden, der nach Deutschland gehen wollte, im höchsten Grade unvortheilhaft. Denn bei der zwecklos ängstlichen Absperre welche die einzelnen Italienischen Staaten damals noch aus Furcht vor der Cholera gegen einander und gegen alle auswärtige, im Verdacht der Ansteckung stehenden Gegenden übten, hätten wir, weil in Malta die Cholera wüthete, auch nach einer hier glücklich überstandnen Quarantäne gegen die Pest, in jedem Hafen an der Westküste des Landes uns einer neuen Quarantäne gegen die Cholera unterwerfen müssen. Ja selbst diese zweite Hemmung der Reise, wenn wir sie im Neapolitanischen bestanden hätten, wäre vergebens gewesen, denn wenigstens eine dritte der Art hätte uns an der Römischen Gränze erwartet. Als deshalb der sachverständigste unter allen Passagieren, ein Amerikanischer Schiffscapitän, der ein erfahrener Seemann zu seyn schien im Auftrag der Andren mit unsrem Capitän die Fahrt nach dem Dampfschiff Sesostris gemacht, und dieses beschaut hatte und als auch dieser seinen Mitreisenden die Versichrung gab daß man sich unbedenklich dem Fahrzeug anvertrauen dürfe, wurde von Allen die Weiterreise beschlossen. Statt daß jedoch diese sogleich hätte angetreten werden sollen, mußten wir es uns gefallen lassen, nicht nur den heutigen sondern auch den folgenden Tag vor Anker liegen zu bleiben, und zu der Beschwerde welche die große Hitze in dem still liegenden Schiff uns brachte kam noch die andre, daß man das Schiff für die unerwartete neue Ausdehnung der Reise mit Steinkohlenvorräthen versehen mußte, von denen am zweiten Tage mehrere hundert Tonnen geladen wurden. Eine geringe Entschädigung für den Verlust der Zeit war es, daß wir durch die vom Kohlenstaub verdunkelte heiße Luft das nahe, mächtige Valetta mit seiner Engelsburg und seinen Festungswerken betrachten durften, an denen im Jahr 1565 die Wuth der Türken sich gebrochen, und welches die Wohnstätte so manches tapfern Ritters der frühern Zeit gewesen. Konnten wir doch nicht einmal ein Boot haben um wenigstens so weit die Quarantänegränze es erlaubte im Meer zu fahren. Dennoch waren die Stunden des letzten Abends auf dem Minos nicht ohne Genuß. Das Einladen der Kohlen war vorüber, Ordnung und Stille wieder hergestellt; die Abendröthe zog sich über den Hügel der christlichen Altstadt (Civita vecchia). Erst spät am Abend waren alle Vorkehrungen zur Aufnahme des neuen vornehmen Gastes im Minos getroffen; unsre Geräthschaften stunden bereit; ich nahm einen dankbaren Abschied von dem ohne seine Schuld mit uns in Misverhältniß gerathenen, wahrhaft wohlwollendem Capitän und seinen Offizieren. Man lud uns gegen zehn Uhr des Nachts Alle, noch dazu mit einem großen Theil unsrer Sachen in ein Fahrzeug, welches für solche Last kaum zureichend war; das Meer gieng ziemlich hoch, die Wellen spritzten öfters über den Bord des Bootes herein. Doch auch dieser schwere Uebergang wurde glücklich bestanden; nach etwa zwanzig Minuten fanden wir uns auf dem Verdeck des, abgesehen von dem Zustande seiner Maschine wohl eingerichteten, großen Dampfschiffes welches den Namen des schnellen, weithin fahrenden Aegyptischen Welteroberers trug, ohne gerade viel von seinen Eigenschaften und Kräften zu besitzen. Wir fanden bei unsrer Ankunft schon eine kleine Maltesische Besatzung im Schiffe: einige Familien aus Valetta die sich aus Furcht vor der Cholera nach Toskana flüchten wollten; ein Einfall, der, wie sich später zeigte, gerade nicht der glücklichste war. Namentlich hatte das schönste Nebengemach der zweiten Kajüte ein Italienischer Sänger mit seiner Familie eingenommen, welche Letztere aus seiner Frau, einem kleinen Hund und einem großen, lautstimmigen Arras-Papagey bestund. Das dienende Personal des Schiffes machte, namentlich uns Passagieren vom zweiten Range, als wir so spät sie noch in ihrer Ruhe störten, kein freundliches Gesicht; auch wir selber waren zum Theil an diesem Abend in keiner freundlichen Laune. Doch der vergangene Tag mit seinem Kohlenstaub und Meeresschaum ward bald verschlafen. -- Um ein Uhr des Morgens lichtete man die Anker; wir hörten es kaum, denn bald wiegte uns das einförmige Geräusch der Räder von neuem in süßen Schlummer. Der Papagey unsers Kajütennachbars war noch früher wach als wir, der Gesang aber mit welchem er die Morgendämmerung begrüßte, that den Ohren keinesweges wohl. Wir hatten ein zu geringes Vertrauen zu unserm »Sesostris« gehabt; als der leichte Nebel, der heute (am 27sten Juli) des Morgens das Meer gegen Norden hin bedeckte, sich gesenkt hatte, bemerkten wir zu unsrer großen Freude, freilich noch in weiter Ferne, die Gebirge von Sizilien. Schon vor Mittag hatten wir den deutlichen Anblick der fruchtbaren, mit einer Menge von Ortschaften bebauten, südlichen Küste der großen, schönen Insel und näherten uns dem Vorgebirge von Pachynum (Passaro). Wie gerne hätten wir an jener südlichen Küste die Geburtsstadt des Empedokles, das noch in seinen Trümmern mächtige Agrigent (Girgenti) wenigstens von fern gesehen, aber unser Weg war ein andrer. Desto deutlicher und besser bekamen wir jedoch im weitren Verlauf dieser Fahrt gerade jene Seite der Insel zu Gesicht welche für uns die interessanteste war; die östliche, mit dem Gebiet des mächtigsten der Europäischen Vulkane: des Aetna. Unser Schiff hielt sich so nahe ans Land daß wir öfters jedes hohe Gemäuer ja selbst die niedern Hütten der Fischer zu erkennen vermochten. Das große Schauspiel das uns noch an diesem, mehr aber am folgenden Tage die Insel gab wurde mit dem Anblick von Syrakus (Siragossa) eröffnet. Wie unansehnlich erscheint die jetzige Stadt zwischen den weithin ausgedehnten Ruinen ihrer Aeltermutter. Sie gleicht einem armen, kleinen Kinde das sich in das vormals reiche, nun aber zerrissene Gewand der hohen Ahnfrau versteckte, nirgends aber dieses ausfüllt. Noch vor Abend lag das ansehnlich aussehende Catana (Catanea) vor uns; die kühne Stadt, die ihren Fuß auf das Haupt eines feurigen Drachen -- auf den unterirdischen Heerd des Aetna gesetzt hat, die aber auch diese Kühnheit bei manchen Ausbrüchen der Macht der Tiefe büßen mußte. Denn schon jener, der während der Regierung des Kaisers Decius in der Mitte des dritten Jahrhunderts seine Lavaströme gegen die volkreiche, mächtige Stadt ergoß, füllte mit diesen Strömen einen großen Theil des vormals trefflichen Hafen aus; bei den furchtbaren Eruptionen die im siebenten Jahrzehend des zwölften Jahrhunderts die Insel verheerten, kamen allein in Catanea 16000 Menschen um; in der letzten Hälfte des 17ten Jahrhunderts, bis gegen 1693 war die arme Stadt, durch mehrmalen wiederkehrende Erdbeben, die der Vulkan erregte, fast ganz in einen Schutthaufen verwandelt. Von diesem Schauplatz der alten Verheerungen bis zu dem feurigen Quell aus dem sie kamen: zum Aetna ist zwar noch eine Strecke Weges von mehreren Meilen, aber dennoch lag der mächtige Berg in seinen Umrissen schon vollkommen deutlich vor uns da. Nach dem vielen Neuen und großartig Schönen das wir auf dieser ganzen Reise gesehen, hätten wir nicht geglaubt daß uns der Anblick einer andern Gegend so freudig überraschen, so entzücken könne als der von dem reizend und zugleich erhaben schönem Sizilien. Herrlich war heute vor allem der Sonnenuntergang. Drei Reihen von Bergen lagen vor uns; die vordersten, niedrigsten, zunächst an der Küste deckte schon der abendliche Schatten und ließ sie in dunkler Farbe erscheinen; die hinter ihnen emporsteigenden höheren und höchsten, hellfarbigen, waren von einem gluthrothen Strahl der Sonne geröthet, so daß sie wie ein geschmolzenes Erz in der Lohe des Ofens auf dem feurigen Grunde des Abendrothes erglänzten. Es fing an zu dunkeln, nur der feurige Rauch über dem Gipfel des Aetna machte uns die Gegend des Berges und den Umriß seines Gipfels noch deutlich; mit Schmerz nahmen wir von der Gegend Abschied, welche uns, so fürchteten wir, am andern Morgen schon weit hinweggerückt seyn konnte und giengen, um einige Stunden zu ruhen, hinab nach der Kajüte. Unsre Sorge, um den Anblick dieser für uns so bedeutungsvollen Gegend zu kommen, zeigte sich indeß bald als eine ungegründete. Wie ich schon erwähnte hatte unser Dampfschiff auf seiner Herreise gerade in derselben Gegend in der wir jetzt uns befanden den Unfall erlitten, dessen Folgen noch jetzt nicht ganz gehoben waren. Ein Mann der zu dem höheren Dienstpersonal des Sesostris gehörte sagte uns am andern Tage selber, daß weder der Steuermann noch der Capitän mit dieser Gegend des Meeres so vollkommen vertraut seyen daß man bei Nacht die Weiterfahrt hätte wagen dürfen; die Meerenge von Sizilien mit ihren uralt berüchtigten Felsenklippen der Skylla und Charybdis sey zwar bei ruhigem Wetter und am hellen Tage selbst für kleine Fahrzeuge nicht gefährlich, könne aber wohl dieses bei Nacht für ein Dampfschiff werden. Dieses wohlgegründete Bedenken unsres Kapitäns kam uns gerade diesmal sehr zu statten; schon am späteren Abend, noch vor dem Einschlafen bemerkten wir daß die Maschine in ihren Arbeiten sehr nachließ, und als wir am andern Morgen, um ja nichts zu versäumen, schon beim ersten Grauen des Tages auf das Verdeck traten, da lag der gewaltige Aetna unmittelbar vor unsern Augen; wir hatten in der ganzen vergangenen Nacht nur wenige Stunden Weges zurückgelegt. Die zunehmende Helle des Tages beleuchtete jetzt zuerst den kolbigen Gipfel des Berges mit seinen vereinzelten Schneefeldern, stieg dann tiefer herab auf die verödeten Felsenmassen der Lava, zwischen denen hin und wieder ein leichtes Grün gesehen wird, und kam zuletzt herunter zu der reichen, paradiesisch schönen Gegend der Küste, und der waldreichen Thäler. Der Aetna steigt zu einer Höhe von nahe 10500 Fuß an, der Winter weicht deshalb niemals ganz von seinem Gipfel; über alle andren Theile der Insel ragt er als König und Herrscher hervor. Und er ist dieses auch im vollesten Maaße, denn sein Reich gehet nicht bloß so weit der Umkreis seinem eignen Riesenkörpers reichet oder über die zunächst an seinem Fuß gelegnen niedern Berge und Thäler, sondern es breitet sich auch in der verborgnen Tiefe weithin aus, von einem Ende des großen Eilandes zum andren und selbst bis unter den Boden des Meeres. Er ist der uralte Werkmeister der Insel, welcher durch die Kraft seines Feuers einen großen Theil ihrer Bergfesten angelegt und gestaltet und durch seine Asche mit fruchtbarem Boden bekleidet hat; welcher der Insel fortwährend Vieles gab aber auch bei andrer Gelegenheit ihr fast eben so viel wieder nahm. Diese reiche Landschaft zu seinen Füßen mit all ihren Städten und Dörfern, mit den Landhäußern, Klöstern und Kirchen, welche von jedem Hügel und aus jeder grünenden Schlucht herabblicken, sind mit all ihrem äußeren Wohlstand beständig wie »an ein feurig Rad geschmiedet«; es ergehet ihnen wie den Dienern eines mächtigen Herrn, dessen unbändiger, unruhiger Geist ohne Aufhören an kriegerische Thaten denkt; heute sind sie, denn es ist gerade Frieden, an der reichen Tafel ihres Herrschers reich und fröhlich; morgen aber, ja vielleicht über Nacht, übereilt sie die Stimme der Schrecken und die Todesgefahr der Schlacht. Wie herrlich grünend stunden die Fluren, wie reich die Oel-, die Wein-, die Obstgärten von Montepelieri, als im vierten Jahrzehend des sechszehenten Jahrhunderts ein Feuerstrom aus dem Berge alle diese Auen und Gärten verbrannte und das schöne Kloster der Benediktiner unter seinen Fluthen begrub; wer hätte so nahe bei Nicolosi das Aufbrechen eines Kraters erwartet aus dessen Munde der Flammentod im Jahr 1669 über die arme Stadt und ihre Landschaft hervorbrach und Alles verheerte und verzehrte. Wie weit hinweg vom Berge haben Palermo, Agrigent und Syrakus sich gebettet und doch traf sie, eben so heftig als das näher gelegne Messina jener zerschmetternde Schlag, der im letzten Jahrzehend des siebenzehnten Jahrhunderts (1693) von dem unterirdischen Heerde des Berges ausgieng, die ganze Insel erschütterte und mit Trümmern bestreuete. Sechszehn Städte hatte damals das Erdbeben verwüstet, 93000 Menschen waren dabei umgekommen, die Schaaren und Heerden der Thiere welche der Tod traf hatte niemand gezählt. Und obgleich nun seit vielen Menschenaltern die wilde Kraft des Feuerriesen sich gemäßigt zu haben scheint, kocht dennoch ohne Aufhören in ihm die Gluth, und die Flammensäulen die zuweilen aus ihm ausbrechen, wie der Rauch der aus ihm aufsteiget von Tag zu Tage, bezeugen, daß die viel tausendjährige Arbeit in seinem Innren noch nicht zu Ende sey. Die Räder unsres Dampfschiffes hatten, sobald es Tag wurde wieder angefangen kräftig zu arbeiten, die Sonne war aufgegangen und alle Höhen und Thäler stunden in ihrem vollen Glanze; wir fuhren so nahe am Lande hin daß wir selbst den Fischern bei ihrer Arbeit zusehen und in die kleinen Kähne blicken konnten. Schon manche Ruine hatten wir am Gestade bemerkt denn in diesem Lande der fabelhaften Cyklopen und Lästrigonen haben viele kräftige Hände der Sikaner und Sikuler, Helymer und Phönizier, Chalcidenser, Punier, Carthaginenser und Römer, Sarazenen ja selbst Deutsche Herrscher gebaut; die mächtigsten, auffallendsten Reste jedoch von alten Bauwerken kamen uns bei dem herrlich gelegnem Taormina zu Gesichte. Die Sonne schien so hell in das große, Römische Amphitheater hinein, auf die Bögen der alten Wasserleitung und auf das Maurische Castell Mola, daß wir wenigstens mit den Blicken über alle einzelne Theile uns zu ergehen vermochten, und was das unbewaffnete Auge nicht erreichte, das fand das Fernrohr. Südwärts von dem Felsen, auf dem Taormina sich gründete, war einst die Stätte des Sizilischen Naxos, welches eine Kolonie der Dorischen Naxier dort erbaute und das Dionys der Tyrann zerstörte. Wandelbar ist im Verlauf der Jahrhunderte das Geschick und die Gestalt der Länder und Städte der Erde, wandelbar und veränderlich ist noch vielmehr die Aussicht die der Pilgrim von einem schnell vorüberziehenden Schifflein genießt. Da lag uns schon an der südwestlichsten Küstengegend von Italien Rhegium (das jetzige Reggio) vor Augen, ein Ort den man verwundert fragen möchte: wie? bist du auch noch da? du alter Blutfleck an der Felsenwand des Länderrisses; du arme so oft von Menschenhand und der Macht der Elemente darniedergeschlagene und immer wieder aufgestandene, auf Geheiß des Götterspruches begründete Stadt. Denn als das Orakel zu Delphi jenen zehnten Theil der jungen Mannschaft, welche die Stadt Chalcis in Euböa dem Gott als Sühnopfer geweiht hatte, hieher sendete, daß sie am Thore der Länder eine Wohnstätte fänden, da hatte es das Leben und den Wohlstand der künftigen Stadt an eine Wetterscheide gestellt, über welcher viele und furchtbare Ungewitter der Zeiten sich entluden. Die jugendliche Blüthe der Stadt zertrat schon der Tyrann Dionys, als der Spott der freien Bürger seinen Zorn gereizt hatte; neue Ströme des Blutes floßen in den Kämpfen mit den Bruttiern und noch mehr in dem Krieg mit Pyrrhus, als die eignen Verbündeten, die Besatzung der Campaner welche die Römer in die Mauern gelegt hatten fast alle Männer und Jünglinge des Ortes verrätherisch ermordete; wiederum neue Wunden schlug der Krieg mit Hannibal, der die Gegend besetzt hielt, tödtlichere fast noch der Bürgerkrieg zwischen Marius und Sulla, und so haben auch später abwechslend bald der Krieg, bald Erdbeben und verheerende Seuchen auf das arme Reggio sich geworfen, ohne seinen Namen und seine Wurzeln zu vertilgen. Als sollte uns dieser Ort des Zerreissens (denn als solchen bezeichnet ihn sein alter Name Rhegium) es bezeugen daß auch das Zerrissene und Zerschlagene immer wieder gebaut werden könne und solle, so lange der Verderber, der es traf, mehr nur ein äußrer, nicht ein Alles auflösender innrer ist. Noch jetzt ist da wo die Alten unweit Rhegium den Ort der Ueberfahrt von Italien nach Sizilien festgestellt hatten, bei der Columna rhegia, nordwärts hinan gegen Sciglia das Posthaus, von welchem man hinüber nach der Insel gefördert wird. Sollte doch, nach einer alten Sage, selbst ein Rudel von Hirschkühen einst an dieser Stelle den Uebergang schwimmend über die Meerenge versucht haben. Doch das Auge wurde bald wieder von den Gegenständen des Ufers zur Rechten hinweggezogen zu den ungleich schöneren, bedeutenderen des linken Sizilianischen Ufers. Da lag vor uns in der Form der Sichel ausgebreitet das reiche Messina[214], umkränzt, wie der Saum eines Bechers der Lust mit dem Grün der Orangen- und Obstgärten, der Wein- und Oelberge. Die schöne, wohlgebaute Stadt hatte damals einen Gallentrank statt des berauschenden Weines ihrer Sinnenfreuden zu kosten bekommen; die Cholera wüthete in ihr mit furchtbarer Gewalt; ein Abscheu all ihrer Nachbarn übte sie dennoch selber noch immer die Absperre gegen andre, fremde Schiffe, so daß fast aller Verkehr nach außen ihr genommen war. Darum herrschte in dem Hafen eine Stille wie vor dem Haus eines tödtlich Kranken; die daran gränzenden Plätze und Gassen waren leer von Menschen. Selbst die Gegend des Leuchtthurmes von Messina verdient eine Betrachtung. Es wird hier am Meere jener noch fortwährend im Wachsen begriffene Sandstein gefunden, der sich aus so eben noch beweglichen Sandkörnern bildet, welche von der sie zusammenkittenden Flüssigkeit und ihren kieselkalkigen Absätzen ergriffen, in Kurzem zum Conglomerat sich gestalten. Die Meerenge wird von hier an gegen Norden so schmal daß sie nur noch einem großen Strome gleicht. Und da waren wir an Skylla und Charybdis, die selbst nach den Homerischen Zeiten den Schiffern noch gefährlich, jetzt aber mittelst der Anschwemmung und des Hinwegspülens durchs Gewässer, so wie die Klippen bei Skylla selbst durch die Menschenhand so gefahrlos geworden sind, daß der ortskundige Fischer bei Tage und stillem Wetter mit dem kleinsten Fahrzeuge sich ihnen nahen darf. Bei der Skylla lag vormals am Ufer der gegen die Seeräuber befestigte Ort Scylläum, der, mit dem an Siziliens Küste gegenüberliegenden Vorgebirge Pelorum die Dardanellen der Alten bildete. Jene Veste welche Anaxilaos der Beherrscher von Rhegium auf dem Felsen des jetzigen Oertleins Sciglia erbauen ließ, trotzet noch jetzt, mit ihrem festgefügten Grundgemäuer der Verheerung der Zeiten, obgleich diese Gegend an den Erschütterungen des Erdbebens, welche Sizilien trafen, sehr oft nachbarlichen Antheil nehmen mußte. Denn das furchtbare Erdbeben von 1783 pflanzte offenbar seine vom Aetna (der äußerlich in Ruhe schien) ausgehenden Stöße tief unter dem Meere in dem hier granitischen Gebirge nach Italien fort. Das Gewässer der Meerenge ward damals von unten her so stark bewegt daß an jenen Schiffen, die gerade in der Richtung des Erdstoßes stunden, die Kanonen mehrere Zoll hoch von ihren Laffetten emporsprangen[215]. Die jüngern Lagen der Gebirge glitten damals hier, an der Italienischen Küste wie ein abstürzendes Dach von der Unterlage des Granits herunter, namentlich stürzte da bei Sciglio ein Theil des Berges ins Meer, dessen aufwallende Fluthen 1450 Menschen mit sich hinabrissen zur Tiefe. Die Brandung an den vormals so gefürchteten Klippen der Skylla ist noch jetzt, wegen der Meeresströmung welche dort sich bewegt, auch bei ruhigem Meere heftig; der kleine Strudel zur Linken (westwärts) gegen das Cap Peloro hin ist der schwache Ueberrest der vielbesungenen Charybdis. Wir waren jetzt beiden, der Skylla und Charybdis entgangen, das Schiff zog seine Bahn hinaus, nach dem Tyrrhenischen Meere; zu unsrer Seite in Osten begränzte den Horizont das Festland der Südspitze von Italien, gegen Westen und Süden zog sich die nördliche Küste von Sizilien hin, über welche das blauliche, Nebrodische Gebirge emporsteigt. Es war Mittag schon vorüber, da wir aus der Mündung der Messenischen Meerenge hinausfuhren ins Freie. Unser Schiff nahm seine Richtung nordwestwärts nach den Liparischen Inseln. Diese Feuergebilde zeigen Formen, welche Jedem, der noch keine vulkanischen Gebirge sahe als etwas Neues auffallen. Namentlich sind die kleineren Klippenmassen so zackig und von großen Löchern durchbrochen, daß sie wie Phantasiegebilde erscheinen: gleich Hallen und Thorwegen die man für den kühlenden Luftstrom durch den Felsen brach. Wenn der Sturm aus Westen in voller Gewalt über das Tyrrhenische Meer hereinbricht dann mag in diesen kolossalen Aeolsharfen sein Geheul, so wie das Rauschen der Wogen weithin genug tönen, wehe aber dann jedem kleineren Fahrzeug das solchem Conzert der grausenhaften Naturstimmen sich nahet. Das Meer war still, über seine spiegelnd glatte Fluth schwammen neben unserm Schiffe die Schaaren der wohlgebildeten, blaulichen Velellen mit aufgespannten Segeln, deren mehrere wir in einem kleinen, an langer Stange befestigten Hamen fiengen. Vor uns lag jetzt der herrlichste Leuchtthurm der Natur, der hohe Bergkegel des Stromboli, aus dessen Krater am Tage ohne Aufhören der Rauch, bei Nacht aber die Feuersäule emporsteigt, die den Schiffern dieser Meeresgegend schon aus weiter Ferne zum Signal dient. Wir steuerten gerade auf diesen beständigen Hochofen der Liparen zu und kamen kurz vor Sonnenuntergang so nahe an seine Südseite daß wir den Bewohnern der wenigen Häußer, die bei einer Kapelle, im Walde der Gärten stehen, hätten zurufen können. An dieser Seite ist der Fuß des Berges mit einem Grün begleitet das durch seine Frische die große Fruchtbarkeit des Bodens und das Daseyn jener Quellen bezeugt die sich in den Hölen und Klüften des Gebirges aus den aufsteigenden Wasserdämpfen bilden. Weiter hinan sind die bräunlichen Felsenwände unfruchtbar und öde und nach allen Richtungen von Rissen und Spalten durchzogen. Doch am interessantesten ist der Anblick der nordwestlichen und nördlichen Seite. Hier erhebt sich der eigentliche Schornstein des Berges: der verhältnißmäßig kleine, spitze Kegel des Kraters, aus welchem in regelmäßig auf einander folgenden Momenten die Ausbrüche des Rauches und Feuers, so wie die Auswürfe der glühenden Steine geschehen. Schon Dolomieu, der den Stromboli bestieg und in den kurzen Pausen der Ruhe in seinen Krater hinabblickte, bemerkte, daß die stärkeren Aufwallungen in je sieben bis acht Minuten sich wiederholen. Die Lava steigt dann wie eine siedende Masse im Felsenkessel empor, ein Rauchdampf fährt voran, die Flamme leckt hoch hinauf, dann fahren die Geschosse der Tiefe, die glühenden Steine mit der Lohe zugleich heraus und werden öfters so weit hinan geschleudert, daß es gut ist wenn der Beobachter einen abgelegneren Punkt, hoch über dem Krater erreichte. Oefters hört man beim Ansteigen der Lava ein dumpfes Gepolter und nicht selten kocht der alte Kessel, dessen Rand an vielen Stellen zerbrochen ist, über, die Lava strömt dann am steilen Abhang herunter und vermehrt da die langen Ströme, welche an dieser Seite der Insel den ganzen Bergabhang mit ihren bald nach dem Erkalten schwarz gewordnen Massen überkleiden. Im Winter und bei Stürmen, gerade dann wenn den Schiffern des Meeres dieses Feuersignal am nöthigsten ist, sind die Absätze kürzer; die Ausbrüche folgen sich dann bereits nach Pausen von zwei Minuten; die Feuersäule ist breiter und steigt höher, die Gluth der überfließenden Lavaströme wird dann schon aus weiter Ferne gesehen. Auch bei manchen Ausbrüchen des Aetna war der Stromboli unruhiger als gewöhnlich. Seit dem Jahr 299 vor Christo, wo dieser Berg seinen ersten bekannten Ausbruch machte, treibt derselbe sein grauenhaftes Spiel des Feuerwerkes beständig auf diese Weise. Uns erregte der Anblick kein Grauen. Wir stunden mit der Uhr in der Hand auf dem Verdeck und auf dem Dache der Offizierskajüte und sahen mit Vergnügen daß Dolomieus Beobachtung über die regelmäßige Aufeinanderfolge der Aufwallungen noch jetzt sich richtig erweist. In je sieben bis acht Minuten fuhr die Lohe und mit ihr das glühend rothe Gestein höher hinan, dann senkte sich die Flamme und leckte nur in mehrmaligen Zwischenzeiten wie ein bald verlöschendes Licht herauf; außer dem Hauptkrater drang öfters auch der Gluthrauch aus mehreren Nebenöffnungen heraus; zuweilen kochte die Lava über und lief am Rande des Kessels wie geschmolznes Eisen herab, doch nach wenig Minuten erstarb der Schimmer dieser bald erstarrenden Massen. Die ganze Höhe des Stromboliberges, bis zu seinem Gipfel ist zu 2700 Fuß gemessen; der Krater liegt noch ziemlich tief unter dem Gipfel, doch ist die ältere Angabe seiner Höhe über dem Meeresspiegel, zu nur 600 Fuß offenbar viel zu gering; das Augenmaaß schätzt sie auf wenigstens zwei Drittel der Gesammthöhe. Wir behielten dieses Schauspiel der stillen Nacht so lang als nur möglich im Auge; zuletzt glimmte es uns nur noch wie das Licht eines fernen Hochofens, oder wie das einer Fackel deren Schein bald dem Blick sich entzieht, bald wieder sichtbar wird. Der Himmel war etwas getrübt als wir am 29sten Juli des Morgens auf das Verdeck traten, das vorüberziehende Gewölk streute sogar einzelne Tröpflein von Regen aus; ein Sommertag jedoch des südlichen Italiens läßt solche Erscheinungen nicht aufkommen, bald war die Aussicht wieder frei. Die Räder unsers Dampfschiffes hatten in der vergangenen Nacht nicht gefeiert; vergeblich sahen wir uns nach den Liparischen Inseln um, auch nicht eine Spur war mehr von ihnen zu entdecken; wir mußten wenigstens gegen vierzehn geographische Meilen nach Norden vorgerückt seyn, da sich auch der Gipfel des Stromboli unserm Auge so ganz entzogen hatte[216]. Vor uns in Norden und Osten lag in blaulicher Ferne das fruchtbare, wald- und blumenreiche Lucanien, das reiche Weideland des jetzigen Kalabriens; der erste Gegenstand den das Auge mit Hülfe des Fernrohres an der Küste deutlich unterschied war das Vorgebirge Palinurum (Palinuro) jenseit Burentum (Policastro), das noch jetzt durch seinen Namen an des Aeneas Steuermann Palinurus erinnert, welcher den süßen, schon im Schiffe begonnenen Schlaf hier vollends im Meere ausschlief. Es wird dieses Vorgebirge durch die zwei Felsen kenntlich welche wie die beiden Säulen eines Thores am Eingang der Bucht sich gegenüber stehen. Näher als jenes des Palinurus trat unsrem Auge einige Stunden nachher das Vorgebirge Posidion (jetzt Leucosa); für den Freund des Alterthumes mehr durch seine Nachbarschaft denn als Vorgebirge bedeutungsvoll und wichtig. Denn südwärts hiervon[217] lag Hyele oder Elea, die alte Kolonie der Phokäer, von den Römern später Velia genannt. Sie war der Geburtsort eines Dioscuren-Paares in der Geschichte der Philosophie: der Pythagoräer Zeno und Parmenides, der Begründer der Eleatischen Schule. Als eine kunstreiche Stadt lernen wir diese alte Velia aus ihren schönen Münzen kennen. Doch anziehender noch für den Freund der Kunst und nicht minder beachtenswerth für den der Wissenschaft ist die Nachbarschaft der Küste welche in Norden an das Vorgebirge Leucosa gränzt. Ihr näherer Anblick ward uns für diesmal nicht gewährt, umsonst strengten wir die Augen selbst durch das Fernrohr an um die herrlichen Tempel bei Pästum, die wohlerhaltensten größeren Bauwerke ihrer Art in Europa zu erkennen, nur der weißliche, hohe Alburnusberg (Monte di Postiglione) machte sich uns deutlich bemerkbar. Auch die Gegend von Salern erschien uns am Rande des blauen Meeres nur als ein etwas dunkleres blaues Gewölk, von Salern, das durch seine hochberühmte Schule der Arzneikunde ein Cos des Abendlandes, während der Zeiten des Mittelalters war; berühmt wie Cos durch seinen Hippokrates, so durch die Meister Johann von Mailand und Matthäus Platearius. Es war schon gegen Mittag als uns das Vorgebirge von Sorrento mit seinen steil abfallenden Felsen und näher heran der Lagerplatz der Wachtelnzüge auf ihrer Wanderschaft über das Meer: die Insel Capri zu Gesicht kamen. Einige Stunden später that uns Italien eine andre Pforte seiner Schatzkammer der Naturschönheiten auf; wir blickten hinein in die Bucht von Neapel und begrüßten wenigstens von fern unsern alten Bekannten, den Vesuv, über dessen Gipfel ein leichtes Gewölk des Rauches schwebte. Auf Ischias schwärzlichen Felsen und fruchtbaren Bergschluchten ruhete der Strahl der Abendsonne als wir daran vorüberfuhren; in der Gegend des Eilandes Pandatoria (jetzt Ventotiene) des Verbannungsortes der Augusteischen Julia so wie der Agrippina und Octavia überfiel uns die Nacht. Das ausgezeichnet gestaltete, für den Freund der Pflanzenkunde durch seinen Reichthum anziehende Circaeische Vorgebirge (Monte Circello) lag uns, jedoch deutlich erkennbar schon in Südosten, als wir am schönen heitren Sonntagsmorgen, den 30sten Juli von neuem auf die Kunde des Landes ausgingen. Wir waren ungleich näher zur Küste gekommen als gestern; die Höhenzüge des Volskischen Gebirges mit dem sie beherrschenden Monte Lupino, dann die Bergreihen von Albano zwischen denen sich die Aussicht hinein in das grünende Land eröffnet, zogen uns mächtig an; am mächtigsten jedoch die Herrscherin Roma, deren Peterskirche einige der jüngeren Gefährten mit bloßen Augen, wir andern durchs Fernrohr deutlich sahen. Wie viel lieber hätten wir dort, auch in der ärmsten Locanda das sogenannte Frühstück (Mittagsbrod) genossen als in unsrer Kajüte, in der wir uns übrigens nur wenige Minuten aufhalten ließen. Unsre Schiffsmänner hatten uns schon gestern gesagt daß wir heute an einen Hafen der Küste hinanfahren und dort landen würden, denn die Lebensvorräthe im Schiffe seyen zu Ende. Die guten Leute, in ihrem täglichen Wohlleben wußten nicht was das heiße die Lebensvorräthe gehen zu Ende; sie hatten noch eine Fülle der kräftigsten Eßwaaren, die uns auf unsrer Reise durch die Wüste und auf der langen Seefahrt von Beirut nach Patmos Leckerbissen gewesen wären, aber es fehlte für die Tafel der Offiziere an delikatem Geflügel, guten Seefischen und Desertwein. Der Ort den man zur Landung wählte war Civita vecchia. Wir hielten uns im Angesicht der schönen Stadt und ihres Hafens den größten Theil des Nachmittags auf; die alten Thürme und Burgfenster am Hafen sind von stattlicher Bauart. Es war schon nahe am Abend als das Boot das den Herrn Capitän und einige seiner Offiziere an die Stadt, zu den Quarantäneschranken geführt hatte mit seinen eingekauften Vorräthen zurückkam; ein starker Wind hatte sich erhoben, das Meer gieng hoch, man suchte sobald als möglich der gefährlichen Nähe der Küste zu entkommen. Der vorletzte Tag unsrer Seefahrt und der letzte des Monates ward uns noch ein sehr schwerer und gefahrvoller, vielleicht einer der gefahrvollesten der ganzen Reise. Zwar der leichte Regen der am Morgen fiel verzog sich bald; wir erfreuten uns an dem Anblick von dem hochgebirgigen Elba und seiner schön gebauten Hafenstadt Porto Ferrajo; uns zur Rechten lag das stattliche Piombino, fern in Westen und Südwest erglänzten die weißen schneebedeckten Häupter von Korsika; aber schon um 9 Uhr wehete uns von eben diesen prachtvollen Gebirgen her ein frischer, in einzelnen Stößen kommender Wind an bei welchem der Steuermann, nach allen Seiten umherblickend, den Kopf schüttelte. Noch ehe wir die Ursache davon erkannten wurde das Signal gegeben zum Einziehen aller Segel und was beweglich war am Schiffe, das wurde, so weit dieß möglich, befestigt. Um 10¹⁄₂ Uhr war der Sturm da, der stärkste den ich jemals auf dem Meere erlebt hatte. So hoch und groß uns auch bisher unser Schiff geschienen, (es war auch wirklich nebst dem Minos das hochgebauteste Schiff das wir auf dieser Reise bestiegen) die Wogen die sich gegen uns herwälzten waren dennoch viel höher und größer, und wenn auch nicht der ganze Körper dieser Berge des Gewässers über uns herfiel und uns bedeckte, so stürzte doch der schaumbedeckte Gipfel derselben über das Verdeck her und ergoß sich strömend bis hinunter in die Kajüte. Das Schiff stürzte und hub sich bald hinab bald hinauf über die Tiefen und Höhen des Wassers, wie ein zum Tode verwundetes, geängstetes Roß; bald war das eine dann das andre Rad hoch über oder tief unter den Wellen. Selbst die schwerbeweglichsten Dinge verrückten sich und stießen mit lautem Gepolter gegeneinander, noch mehr thaten dies die leichteren Geräthschaften der Kajüte. Die Mannschaft des Schiffes arbeitete kräftig, die Stimmen des Capitäns und des Steuermannes tönten laut, der Sturm aber war noch lauter, man vernahm nicht mehr die eigne Stimme, es war als ob nicht flüssige Wellen sondern ein Bergsturz mit seinem rollenden Gestein an die Planken des Schiffes hinanschlügen. Dazwischen wähnte das getäuschte Ohr zugleich mit dem Geheul des Windes das Hülfegeschrei von Menschen zu hören, die mit dem Tode kämpften; der Wasserstaub der Wellen, die sich am Bord zerschlugen, verdeckte jegliche Aussicht. Doch auch diese Taufe der Angst und Noth gieng vorüber; mehrere Stunden lang hatte der Kapitän die Richtung gegen Livorno hin (von welchem wir nur noch acht Seemeilen entfernt waren) zu behaupten gesucht, nun aber war die Gefahr, daß uns der Sturm gegen die Küste schleudern würde, zu groß; er ließ das Schiff zurück nach Elba wenden, damit es hinter den Bergeshöhen von diesen den sichren Hafen fände. Es war als hätte zu gleicher Zeit auch der Sturmwind das Signal empfangen seinem Laufe Einhalt zu thun, denn seine Heftigkeit verminderte sich, und als wir hinter die Insel traten fanden wir es hier so still als seyen wir schon im Hafen. Wie aus schweren Banden entlassen erhuben sich Herz und Sinnen, und die letztern wurden reichlich getröstet und erfreut durch den ganz nahen Anblick der mächtig schönen Hochgebirge von Elba, vor allem aber durch den von Porto Lunghone in dessen stille Bucht unser Capitän einlief um hier wo möglich zu ankern. Ich habe wenig so würdige Gegenstände für die Kunst eines Landschaftsmalers gesehen als dieses Porto Lunghone; namentlich hat sich die kleine Kirche, die an der tief ins Gebirge hineinschneidenden Schlucht liegt den erhaben schönsten Standpunkt gewählt, und die ganze Bucht mit ihren grünenden Bergabhängen und dem hohen Chor der nackten Gebirgsgipfel erscheint der Seele, welche solche Hülfe und Rettung erfuhr als heute wir, wie ein Tempel, dessen hehres Gewölbe Gedanken des Lobes und Preises weckt. Wir konnten leider nicht in dem romantischen Porto Lunghone bleiben; denn hinein in den Hafen, der keine Quarantänestation ist, durften wir nicht, außen aber in der Bucht war kein Ankergrund. Noch einmal setzten sich dann die von dem heutigen Sturme vielfach verletzten Räder und Maschinen in Bewegung und schon nach einer halben Stunde ankerten wir bei dem kleinen Porto Rio, an dem wir vorhin stolz vorüber gefahren waren. Wer es auch nicht wüßte daß diese Insel Aethalia oder Ilwa ein Land sey »dessen Steine Eisen sind« und die Adern seiner Gebirge Erz, der würde dies schon den Hügelwänden bei Porto Rio ansehen. Sie sind zum Theil von dem Ocker des Eisens ganz durchdrungen und roth gefärbt und doch sind sie nur ein oberflächlicher Abraum den die alten Fluthen von den benachbarten höheren Gebirgen, den eigentlichen Lagerstätten des Eisens machten. Zwar die sonderbare Rechnung welche le Chevalier über das Alter des Bergbaues auf Elba macht, wobei es ihm, bei seiner Heerde von Jahrtausenden die er auf den Blättern seiner Schrift weiden lässet, auf eine Null mehr oder weniger nicht ankommt, möchte wohl kein eigentlicher Kenner des Bergbaues unterschreiben, daß aber schon die Phönicier und noch mehr die Karthaginenser hier einen sehr kunstverständig angelegten Bergbau betrieben haben, und daß später die Römer, die sonst gerade keine sehr tüchtigen Bergleute waren diesen Bau fortführten, ist gewiß. Aus diesem großen Eisenwerk der Erde sind zahllose Schwerter und Mordwaffen der Männer entnommen, darum war auch Elba ein großer Magnet der den Lauf des großen Bewegers der Schwerter und Mordwaffen nach sich hinlenkte. Neben den vielen Hunderttausenden der Schwerter entstiegen diesem Gebirge auch unzählige Geräthschaften des Landbaues; hätte der Mann des Schlachtgetümmels diese ergriffen statt jener, wie vergnüglich hätte das Ende seines Lebens seyn können auf dem schönen, wahrhaft anmuthigen und zugleich großartigen Elba. Der erste August war wieder ein schöner, heitrer Sommertag; die Stürme von gestern waren vorüber, an ihrer Stelle waltete die Windstille über dem Meer; wir hätten schon mit Anbruch des Tages weiter gekonnt. Aber an unserm Dampfschiff hatte der gestrige Sturm so hart herumgerückt daß es nur durch ein Arbeiten und Hämmern von vielen Stunden wieder in nothdürftigen Stand gesetzt werden konnte; erst kurz vor Mittag war Alles zur Abreise bereit. Doch war nun auch das Ende unsrer Meeresfahrt ein leichtes und ruhiges, denn obgleich das Meer noch stark bewegt war, brachte uns das preßhafte Schiff dennoch bis gegen Abend auf die Rhede von Livorno, und hat auch, wie wir später erfuhren, seinen übrigen Lauf vollends bis Marseille, bei ruhigem Wetter glücklich zurückgelegt. Daß es für den heutigen Tag zu spät sey noch in der Quarantäne ein Unterkommen zu finden hatten wir wohl voraussehen können; die Nachricht aber daß keines der beiden großen Quarantänehäußer zunächst bei der Stadt uns aufzunehmen vermöge, sondern daß wir hinausmüßten in das fast eine Stunde weit entfernte Hospital von St. Leopold, zugleich dann jene daß die Zeit der Quarantäne nicht, wie wir gehofft hatten, mit drei oder vier Wochen abgethan seyn werde, sondern zu 35 Tagen festgesetzt sey, überraschte uns auf keine angenehme Weise. Der ehrliche Bursche aus der Italienischen Schweiz der bisher unser Reisegefährte gewesen und von dem ich nachher reden werde, lachte laut auf da er die Nachricht hörte, denn einige der Unteraufseher bei St. Leopold waren seine Landsleute und Verwandte; in mir aber erweckte sein Lachen einen unziemlichen Zorn. Mehr als wir noch waren die Flüchtlinge aus Malta zu bedauern, welche, wären sie mit einem andern Schiff gekommen nur drei Wochen Quarantäne gehabt hätten, die aber nun mit uns in gleicher Verdammniß stunden. Endlich war, am zweiten August, des Morgens um acht Uhr die große Barke da, welche unsre Geräthschaften und uns, neunzehn Personen an der Zahl, nach der Quarantäne führen sollte; wir nahmen noch freundlichen Abschied von den im Schiffe bleibenden bisherigen Gefährten, vor allem von dem trefflichen Arzt des Schiffes, Herrn la Fosse, einem vielseitig gebildeten Manne, mit welchem wir vertraute Bekanntschaft geschlossen hatten, und von einem Freund aus Norden, den wir auf dieser Seereise gefunden hatten. Die Quarantäne in Livorno. Das Verweilen in einer Quarantäne erreget schon für sich selber eine ähnliche Stimmung als jene ist, in der sich ein vielbeschäftigter Mann befindet, wenn er an einem Tage, an welchem ihm Vieles und Wichtiges zu thun obliegt, in einem fremden Nachtlager schon um Mitternacht auf seinem Bette erwacht, und die ihm nöthige Erquickung des Schlafes nicht wiederfinden kann. Er hört das einförmige Hin- und Herklappern des Pendels der Wanduhr, vernimmt aus der Ferne das Rufen und Hörnerblasen des Nachtwächters, wendet sich bald da bald dorthin in seinem Bette, hebt das Haupt empor und legt es wieder nieder, aber so oft und so viel er auch gegen das Fenster blickt, der Tag will nicht und immer noch nicht kommen. Bei unsrer Quarantäne in Livorno kam noch Manches zum Verlust der Zeit hinzu, das, für die ersten Stunden wenigstens, die unliebliche Stimmung vermehrte. Wir waren jetzt dem hochummauerten Gebäude, welches mit seinen Thürmen einer Festung gleicht, nahe gekommen; das schwere Gatterwerk zog sich mit seinen rasselnden Ketten empor; das Fahrzeug wurde in ein tiefgemauertes Bassin hineingelassen in welches nur durch den verschließbaren Kanal das Meer hineintritt, das aber sonst nach allen Seiten von hohen Mauern umgeben ist. Oben auf einer Terrasse die an die Mauer gränzt stunden bereits die Frauen und Kinder der beiden Kaufleute welche von Syra an unsre Reise- und Leidensgefährten waren; die Männer hatten ihnen schon von der Rhede aus ihre Ankunft gemeldet. Auch manche der andren Mitreisenden sahen dort Freunde und Freundinnen, die sie fröhlich bewillkommneten. Dieser Anblick war ein erfreulicher, dazu gesellte sich aber ein andrer, von sehr entgegengesetzter Wirkung. Gerade damals als wir in der Quarantäne von St. Leopold ankamen, in den ersten Tagen des August 1837 war die Stelle des Commandanten dieser Anstalt unbesetzt, sie wurde durch einen Lieutenant versehen, einen ältlichen, hagren Mann, der mit einer nichtssagenden Gravität auf der Terrasse stund um unsre Einfahrt zu beobachten. Kaum hatte dieser Herr Lieutenant den Papagey und den kleinen Hund unsers Reisegefährten, des Schauspielers und Sängers aus Malta bemerkt, als er mit lauter Stimme herunterschrie: keine lebendigen Thiere dürften nicht in die Quarantäne, weil sie die Cholera verbreiten könnten. Aber unser Sänger, der sich gut aufs Reden verstund und sein vornehmstes Kleid angezogen hatte, rief eben so laut wieder hinauf seinen ziemlich ungestümen Wunsch wenigstens den Papagey behalten zu dürfen. Und sein Wunsch wurde ihm gewährt. Als aber nun auch meine beiden anmuthigen, kleinen Bull Bulls oder Orientalischen Nachtigallen welche die Leser schon aus meiner Beschreibung von Akaba oder doch aus Herrn von Lamartines Reise kennen zum Vorschein kamen, welche jeder in einem festverschlossenen Käfich wohl verwahrt waren da schrie der Herr Lieutenant von neuem ich sollte diese Vögel hinwegthun. Meine bescheidnen Gegenvorstellungen und Bitten, statt ihn zu bewegen, brachten vielmehr den armen Mann in solchen heftigen Zorn daß sein bleiches Gesicht ganz roth ward und daß er zu einem der Quarantäneaufwärter, welche unsre Sachen in Empfang nahmen, den Befehl herunterschrie er solle die lieben Vögelein erwürgen und ins Wasser werfen. Wenn auch wirklich ein übertrieben ängstliches Gesetz das die Ansteckung von der Cholera verhüten sollte zu diesem Benehmen Anlaß gab, so war dennoch weder die Ausnahme die man mit dem Papagey machte noch die rohe Weise in welcher jener Officier sich gegen mich und unsre Freundin die Baronesse v. Waitz benahm zu billigen. So mußte ich mich denn von meinen lieben, lieben Vögelein trennen; ich entriß sie wenigstens dem Tod des Erwürgens indem ich sie schnell dem jungen Offizier ins Boot gab, der uns vom Dampfschiff hieher begleitet hatte. Der eine der beiden Bull Bulls, freilich, wie ich vermuthe der ältere, zugleich aber zahmere, nicht der jüngere, hatte später das Glück durch meinen Freund, den Schiffsarzt La Fosse in eine hohe, theure Hand zu kommen; der vielgereiste Vogel hat seine Lebenstage in auserlesenem Wohlstand in Versailles beschlossen; was aus dem andren, den der junge Offizier in seine Pflege nahm, geworden ist, habe ich nicht erfahren. Von neuem that sich uns ein Thor auf; zwischen hohen Mauern führte man uns weiter nach einem außerhalb dem eigentlichen Gebäude gelegnen Raume: zu dem Ort unsres nunmehrigen, fünfwöchentlichen Aufenthaltes. Dieser war ein dreieckiges Magazingebäude um welches ein schmaler Rasensaum herumläuft, der von doppelten, ja nach einigen Seiten hin drei- und vierfachen hohen Mauern umschlossen ist. In den innren Hofräumen der eigentlichen Quarantänehäußer, davon überzeugten wir uns später selber, waren bei unsrer Ankunft keine Zimmer für so viele und so lang verweilende Gäste leer; jeder Raum war von Ankömmlingen aus jenen Gegenden erfüllt, die man im Verdacht der Cholera hatte; selbst von unsrem Magazingebäude konnte uns nur die eine, große Halle, die einer Wagenremise glich, eingeräumt werden, die andren beiden Flügel, deren einer schon von einer andren kleinen Gesellschaft besetzt war, hatte man außen am Rasenplatz durch ausgespannte Seile gegen uns abgesperrt. Wir waren, wie schon erwähnt, unsrer neunzehn Personen, welche jetzt in die geöffnete Halle hineintraten. Von dieser Zahl machten wir selber, mit Herrn Mühlenhof, der in unsrer Gesellschaft sein Deutsches Vaterland besuchen wollte, sieben aus, die beiden Kaufleute, von denen ich vorhin sprach (es waren Brüder), welche von Geburt Italiener, in Chios ein Handelshaus besaßen, machten neun; dazu kam ein Neapolitanischer Consul aus Algier, ein Baron aus Malta mit seinem kleinen Sohn und seinem Bedienten, der Sänger und seine Frau, ein junger Adlicher aus Polen, ein Griechischer Handelsmann aus Syra, endlich ein Israëlitischer Kaufmann aus Kairo, an den sich, um die Heimreise frei zu haben, in der Form eines Bedienten der schon erwähnte junge Italienische Schweizer angeschlossen hatte, den die übrige Gesellschaft seiner lauten Stimme und kräftigen Gestalt wegen den Bruder Bär nannte. Diesen wahrhaft gutwilligen Burschen, der uns während unsrer Quarantänedauer von großem Nutzen war, hatte seine Reiselust als Begleiter eines vornehmen Herrn vor etlichen Monaten nach Aegypten geführt; die Liebe zum Vaterland zog ihn jetzt von dort wieder zurück. Mit gar sonderbaren Mienen traten diese neunzehn Personen in die gewölbte Halle hinein in die sie jetzt, Männer und Frauen, Bekannte und Unbekannte auf so viele Wochen zusammengesperrt werden sollten. Da war nirgends eine schirmende Wand, hinter welcher das Eine vor dem Andren etwa sich abgränzen konnte; das ganze Feld des mit Ziegelsteinen gepflasterten Bodens war Gemeingut, Jeder mochte davon sich zueignen was er konnte. Wir beiden, die Hausfrau und ich breiteten unsre alte aus Semlin bis hieher gelangte sogenannte Matratze in einem Winkel der Halle aus, über welchem sich ein kleines Fensterlein befand; unsre Gränznachbarn nach der einen Seite waren die beiden Brüder, die Handelsleute, nach der andren unser guter Bernatz; den uns gegenüberstehenden Winkel hatte unsre Freundin, die Baronesse Waitz in Besitz genommen, die Andren schlugen ihr Lager theils neben dem Thorweg der Remise, theils in ihrem dunklen Hintergrunde, an den Wänden auf. Noch war, außer einem alten, großen Tische und einigen zu ihm gehörigen hölzernen Bänken keine Spur von Geräthschaften in unserm großen, gemauerten Käfich, bald aber bevölkerten sich seine Räume mit kleinen Tischen, Stühlen und für solche die es begehrten, mit einer Art von einfachen Bettstellen. Wir beiden wünschten keine Erhöhung der letzteren Art, sondern behielten das Lager am Boden, damit wir am Abend das Blatt unsers Tisches, den wir dann umlegten, so wie die umgestürzten Stühle auf welche Tücher gehangen wurden zu einer Art von Zimmerwand benutzen könnten, über welche freilich Jeder, der noch am Abend auf und nieder gieng hineinblicken konnte auf die, von der nachbarlichen, hochstehenden Lampe der beiden Brüder beleuchteten Schläfer. Dieses Vergnügen machten sich denn auch der Baron aus Malta und der junge Israëlitische Kaufmann aus Kairo öfters. Das erste, was die gute Hausfrau, nachdem die Matratze ausgebreitet worden, that, war daß sie, mit Thränen in den Augen, denn diese Behaußung gefiel ihr nicht, 35 Striche mit Bleistift an die Wand eines kleinen Pfeilers zeichnete, damit sie an jedem Morgen, wenn wieder eine Nacht dahin war, einen streichen könne. Denn nicht die Tage, sondern die Nächte waren der schwerste Theil dieser Zeit. Am Tage, wenn sich bald nach Sonnenaufgang unser festverriegelter Thorweg aufthat, konnte man doch hinaustreten auf den freien Rasenplatz, wo man gerade über sich einen Streifen des blauen Himmels sahe; zu unsrem kleinen Fenster schien die Morgensonne herein; die Matratze wurde auf die Seite geräumt und wir konnten da den kleinen Familientisch hinstellen oder auch diesen hinaustragen ins Freie, um an ihm zu schreiben und zu arbeiten. Am Mittag versorgte uns der Koch der Quarantäne mit einem, für unsren nicht sehr verwöhnten Gaumen wohlanständigen Essen und mit einem gut trinkbaren Weine; man durfte, in Begleitung eines Aufsehers durch die innren Höfe bis zu dem Sprachgitter der Quarantäne gehen, an welchem uns später öfters Freunde aus der Stadt besuchten; die kühleren Stunden des Nachmittags wurden zu einem, freilich sehr beschränkten Spaziergang auf dem schmalen Rasenplatze benutzt; der Thee oder die Wassersuppe mit Weisbrod schmeckten dann vortrefflich. Wenn aber nun der Abend kam da hatten freilich alle diese Vergnügungen und Sinnenbelustigungen ein Ende. Meister Antonio, der Verschließer kam mit seinem rasselnden Gebund der eisernen Schlüssel; er rief uns zusammen, zählte uns ob wir noch alle da seyen, nahm trocken von uns gute Nacht und gleich darauf klappte das Thor zu, man hörte den Riegel vorschieben, das Vorlegeschloß klirren und so ließ man uns zehn Stunden lang eingesperrt. Gewisse Unbequemlichkeiten welche ein so lange daurendes Eingeschlossenseyn bei Nacht und die Nothwendigkeit des Kleiderwechslens zu allen Zeiten mit sich brachten, lassen sich besser errathen als beschreiben. Es mußte Vieles öffentlich vor dem sechs und dreissig-äugigen Publikum geschehen was in die Kammer gehört. Am wenigsten genirten sich bei diesem allen der Maltesische Sänger und seine Frau so wie unsre Nachbarn, die beiden Brüder; in gewisser Hinsicht erinnerte unser Zustand an einen paradiesischen. Doch hatten unsre beiden Mitpilgerinnen durch ein großes, ausgespanntes Tuch sich eine Art von schirmendem Gezelt gebildet. In den ersten Nächten hatte einige ängstlichere Seelen unter unsrer Gesellschaft der Gedanke gepeinigt, daß wir hier so weit abgeschlossen seyen von menschlicher Hülfe; denn unsre Quarantänewärter, welche am Tage immer bei uns blieben, schliefen bei Nacht in einem ziemlich weit von uns abgelegnen Thurme. Es ereignete sich indeß in unsrer Gesellschaft, während der ganzen fünf Wochen niemals etwas, das schleunige Hülfe erfordert hätte; allmälig fanden sich Alle in die freilich etwas neue Lage, welche, namentlich gegen die Freiheit der Wüste sehr abstach. Die Strichlein an der Wand, anfangs so erschrecklich für das Auge, nahmen endlich doch merklicher ab; die Tage die wir in der Quarantäne zubrachten sind auch für unser Leben keine unbezeichneten (+sine linea+) oder nutzlosen gewesen. Meine näheren Bekannten und Freunde wissen es daß ich in Livorno nicht unfleißig war, ja daß ich sogar verhältnißmäßig recht viel gearbeitet habe. Eben so waren meine jungen, Münchner Reisegefährten vom Morgen bis zum Abend thätig; die beiden Doctoren im Zergliedern und Skeletiren von Seethieren, die sie aus der Stadt erhielten, Herr Bernatz in der Ausführung mancher seiner Zeichnungen. Ich nahm schon am frühen Morgen mein Arbeitstischlein, trug es hinaus in den Schatten des Gebäudes und arbeitete bis zum Mittag, dann, nach kurzer Ruhe wieder bis etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang. Wie wohl that dann das Auf- und Niedergehen auf dem freilich bald zum graslosen Fußsteig gewordnen Rasenplatze; wie wohl der Anblick des Monte nero mit seiner Kirche und seinen schönen Landhäußern; wie erheiternd war das Gespräch mit den Freunden und Gefährten. Die Sonntage waren ohnehin dem innren und äußren Ausruhen geweiht; sie gaben hier in der Fremde eben so wie in der Heimath dem Geiste Stärkung für die ganze Woche. Kam doch auch sonst noch manche ermunternde Abwechslung in das alltägliche Einerlei des hiesigen Aufenthaltes. Die fremde Reisegesellschaft, die wir bei unsrer Ankunft neben uns in einem andren Theile des Magazingebäudes vorfanden, bestehend aus einem trefflichen Künstler, der aus einem nördlichen Lande stammt, seit mehreren Jahren aber in Italien wohnt; aus seinem jungen Gefährten und einem Italienischen Arzte, hatte die Zeit ihrer (sogenannten Cholera-) Quarantäne schon fast überstanden als wir die unsrige antraten. Ueber die durch Stricke bezeichnete Gränze unsers Gebietes hinüber hatten wir noch manche angenehme Unterhaltung mit ihnen. Als diese Nachbarn ihrer Haft entlassen wurden und auszogen, ward uns das Glück zu Theil auch in ihrem bisherigen Gebiet uns ergehen, ja, was das Schönste war, die Terrasse des Gebäudes besteigen zu dürfen von welcher wir die herrlichste Aussicht aufs Gebirge, wie nach der Stadt und dem Meere genossen. Freilich dauerte dieses Glück nur einen Tag, denn am andren schon kamen neunzehn neue Bewohner in dieses Seitengebäude: ein armes Volk aus Tunis, das schon einmal in Malta die Quarantäne gemacht hatte, hier aber wegen der Cholera, noch andre 18 Tage lang eingesperrt wurde. Es war ein Gemisch aus Männern, Frauen und Kindern; Türken und Christen, die Letzteren großentheils von Geburt Maltheser, die in Tunis ihren nothdürftigen Lebensunterhalt gesucht und gefunden hatten und auf der beabsichtigten Heimkehr dorthin von Stürmen waren verschlagen worden. Sie hatten die Quarantäne von Livorno gewählt, weil für den Aufenthalt in dieser, vermöge einer wohlthätigen Stiftung nichts bezahlt wird; ihre Bedienung und einfache Küche besorgten sie selber. Als auch diese achtzehntägige Nachbarschaft ihre Zeit ausgehalten hatte, durften wir von neuem den oberen Theil des Gebäudes besteigen, und diese Vergünstigung blieb uns für die letzten Tage unsers Aufhaltes unverkürzt. -- Unter einer gewissen, kleinen Gesellschaft, welche mit uns zu gleicher Zeit in der Quarantäne war, befand sich ein Italienischer Gelehrter, der sich der Gewohnheit des Opiumessens ergeben hatte. Es war nicht uninteressant (wenn auch unerfreulich) an diesem Manne die Folgen jener üblen Gewohnheit zu beobachten. Am Morgen schlich er gebückt und traurig einher; schon im Verlauf des Vormittages, nachdem er eine ziemliche Portion seines aufregenden Giftes genommen, wurde er munter und gesprächig; nach Mittag gerieth er in eine wahrhaft bockssprüngige (Silenische) Lustigkeit, alle Muskeln des Angesichtes geriethen in lachende Zuckungen, man hörte dann manche witzige und gescheite Einfälle aus seinem Munde, welche das Unglück des Mannes nur um so mehr bedauern ließen. Einmal in der Nacht, da sein ganzer Opiumvorrath ausgegangen war, erhub er, von furchtbaren Schmerzen im Magen gepeinigt, ein sehr lautes, ängstliches Geschrei; der Quarantänewächter mußte herbei und noch in derselben Stunde der Nacht ihm Opium, von dem Arzt verschaffen. Eine ungemeine Erleichterung gewährte uns auch hier, in unsrem abgelegnen St. Leopoldsspital die Güte der Freunde. Der edle, wohlwollende K. Bayerische Consul, Herr Gebhardt in Livorno und sein trefflicher junger Freund, Herr Buchner aus München besuchten uns sehr oft an dem Sprachgitter der Quarantäne und nahmen sich unsrer, so wie aller unsrer Bedürfnisse mit der unermüdlichsten, uneigennützigsten Freundlichkeit an. Eine große Freude machte uns auch unser lieber Landsmann und Freund, +Dr.+ Höfler, der in Florenz als sehr geachteter Arzt lebt durch seinen unerwarteten Besuch; +Dr.+ Meier der vielseitig gebildete Pädagog, der sich um das Volksschulwesen in Livorno anerkennenswerthe Verdienste erworben hat, gewährte uns manche angenehme Unterhaltung, wenn er nach vollbrachtem Tagwerk zu uns heraus kam; auch der Kurfürstlich Hessische Consul zeigte sich uns gefällig. Mit herzlicher Dankbarkeit gedenke ich aller dieser »Freunde in der Noth.« Wie ich schon erwähnte bestand ein Theil unsrer Reisegesellschaft aus Flüchtlingen, die der Cholera in Malta ausweichen wollten. Namentlich war der Baron aus Malta von einem bedauernswürdig ängstlichen Naturell. Er hatte zu Hauße seine Frau und mehrere Kinder verlassen, nur um seine eigne Haut aus der Gefahr zu retten; wie groß war daher das Entsetzen des armen Mannes, da auf einmal die Nachricht kam und täglich mehr sich bestättigte, daß in Livorno selber die Cholera ausgebrochen sey und viele Opfer hinwegraffe. Ein Theil der Quarantänegefährten fand die Aengstlichkeit des armen Mannes so unterhaltend und belustigend, daß er sichs zum Geschäft machte sie durch die übertriebensten Gerüchte noch zu vermehren. Denn diese Leute, welche sich nicht so wie wir durch Arbeit zu vergnügen wußten, vertrieben sich die Langeweile großentheils dadurch daß sie die beiden Furchtsamsten und dabei lächerlich geizigsten Männer der Gesellschaft: den Maltesischen Baron und den jungen, Aegyptischen Israëliten, der noch dazu den großen, reichen Mann spielen wollte, auf jede Weise neckten. Auch der Maltesische Sänger trug unwillkürlich, und ohne daß sie ihn zu necken brauchten zur Belustigung dieser schwer Gelangweilten bei, indem er an jedem Tage drei- bis viermal seine bunten Sommerkleider wechslete um uns all seine Pracht sehen zu lassen, und dabei immer durch seine Mienen uns zu fragen schien: bin ich nicht der schöne, der berühmte Sänger? Aber auch jene Lustigmacher zogen die Segel ihrer scherzhaften Laune ein, da jetzt die Cholera selbst, so sehr man dieß zu verheimlichen suchte, näher zu uns heranrückte. Ein Reisender der aus einer Gegend kam in welcher die Seuche wüthete, starb in unsrem Spital, in einem ganz nahe an den Vorplatz unsres Magazinhaußes anstoßenden Theil des Gebäudes; sein Leichnam wurde in dem kleinen Kirchhofe beigesetzt, auf welchem schon ein andres Opfer jener Krankheit, eine junge Dame von hohem Stande, lag, und an dessen eisernem Gitterthor ich, weil mich hier gar niemand störte, öfters gearbeitet hatte. Wenn jetzt, da unsre lange Quarantänezeit zu Ende gieng nur bei einem von uns ein Uebelbefinden sich gezeigt hätte, wodurch er der Ansteckung verdächtig geworden wäre, dann hätten wir andern Alle mit ihm von neuem gefangen bleiben müssen. Eine unbeschreibliche Wohlthat war es für uns in unsrem engen Gewahrsam daß wir mehrere Wochen lang das schönste heitre Wetter genossen. In der Nacht aber zum 27sten August brach ein sehr starkes Gewitter aus, das durch sein furchtbares Donnern und Blitzen viele unsrer Gefährten, hier, in dem verschlossenen, engen Raume sehr beängstigte. In den darauf folgenden Tagen war ein so heftiger Sturm daß ich die Blätter des Papiers auf denen ich schrieb durch darauf gelegte, schwere Backsteine festhalten mußte; man hörte das Brausen und Getös der Wellen, deren Schaum über die äußren Mauern spritzte und wie feiner Regen auch über unsren Vorplatz hereindrang. Dennoch, so sagte man uns, war dieser Sturm bei weitem nicht so heftig als jener vom 31sten Juli, der uns bei Elba traf. Bis auf eine waren jetzt (am 4ten September) die Linien an der Wand gestrichen, noch eine einzige Nacht hatten wir in der Quarantäne zu weilen; ich war mit allen hier angefangenen Arbeiten zu einem glücklichen Ende gekommen; die freudig dankbaren Empfindungen des letzten Nachmittages waren von einer solchen Art daß mir es schien sie allein schon seyen der kleinen Pein des langen Gewahrsams werth gewesen. Freilich wußten wir daß wir uns jetzt, um den unvermeidlichen Durchgang durch das nördliche Gebiet des Kirchenstaates machen zu können, noch einer vierzehntägigen Choleraquarantäne unterziehen müßten; aber die große Liberalität der Toskanischen Regierung hatte es den Fremden gestattet diese vierzehn Tage frei in dem schönen Florenz und seiner Nachbarschaft zuzubringen; es waren mithin vielmehr Tage der Vergnügung und der Erholung als der Beschwerde. Am letzten Abend bewirtheten wir noch unsre ganze bisherige Gesellschaft sammt den Guardianen mit einem kräftigen Weinpunsch und schliefen zum letzten Male auf der Semliner Matratze, die sammt einigen andern weit gereisten Geräthschaften schon am andren Tage einer armen Frau aus der gewesenen Tunesischen Quarantänenachbarschaft eingehändigt wurde; denn das Leben der freien wie der eingesperrten Wildniß war nun ganz zu Ende, das gute, bequeme Alltagsleben nach heimathlicher Sitte wartete unsrer schon draußen vor dem Thore des St. Leopold-Spitales. Reise über Florenz nach München. Mit dem Grauen des Tages kam man am 5ten September um uns zu wecken; es hätte jedoch dieser Mühe nicht bedurft, denn die Meisten von uns waren schon vor Freude wach. Außen im Freien warteten unsrer bereits die Wägen; man rief den Gefährten noch ein herzliches Lebewohl zu und bald war der gute »Käfich« mit all seinen Freuden und Leiden weit hinter uns. In Livorno, wo wir noch den dortigen Freunden unsren herzlichen Dank sagten begegneten uns, als wir in der Nähe eines Krankenhaußes vorüber kamen, vier Särge, in welchen unter den gewöhnlichen Vorsichtsmaßregeln die Leichname derer hinausgetragen wurden, welche in der vergangenen Nacht an der Cholera gestorben waren. Es war heute, nach der vorhergegangnen stürmischen Witterung wieder der erste warme, vollkommen heitre Sommertag; unsre Seele war eben so heiter, unser Herz vor Freude eben so warm, da wir jetzt nach dem schönen Pisa hinfuhren. Dort erfreuten wir uns an der Betrachtung des herrlichen Domes und aller zu seiner Nachbarschaft gehörigen Werke der Künste wie der Andacht, vornämlich am Campo Santo, und der Genuß war mir ein noch höherer als jener, den ich bei meinem erstmaligen Hierseyn empfunden und beschrieben habe[218]. Auch der treffliche botanische Garten und die bei ihm befindliche, reiche Naturaliensammlung wurden wieder besucht, welche beide durch ihr ausgezeichnetes Gedeihen Ehrendenkmäler auf den Namen ~Savi~ (Vater und Sohn) sind. Die schöne prachtvolle Ceder im botanischen Garten fand ich in den zehn Jahren seitdem ich sie nicht gesehen, sehr gewachsen, sie war eben herrlich geschmückt mit ihren aufrecht stehenden, jungen Zapfen; auch an dem Gedeihen der andren Gewächse, an der Auswahl und Zusammenordnung ihrer Arten erkennt man die glückliche Hand und den scharfblickenden Geist des Pflegers wie des Vorstandes dieses Gartens. In der Naturaliensammlung fanden wir zu unsern schon früher gesehenen alten Bekannten so viele neue Gegenstände hinzugekommen und sie alle mit solchem wahrhaft kunstsinnigen Geschick wie Geschmack aufgestellt, daß wir den Mann bewunderten der die Züge des Lebens und seinen besondren Charakter auch noch am Todten so festzuhalten weiß. Die Sammlung und Anordnung der vaterländischen Versteinerungen ist ein Vermächtniß des Fleißes und der Forschungen des jüngeren Savi, bei welchem noch fernkünftige Menschenalter den Namen dieses seltnen Mannes ehren werden. Wir fanden, weil wir gerade in den ersten Nachmittagsstunden den botanischen Garten besucht hatten, keinen der Vorstände hier, den jüngeren Savi jedoch traf ich durch einen glücklichen Anlaß noch heute in einem andern Hauße an und freute mich an dem Wiedersehen des Mannes den ich sehr hochachte. Kein freundschaftliches Zureden konnte uns jedoch bestimmen noch heute in Pisa zu bleiben, denn wir hatten gehört, daß wenn wir nicht sehr zeitig am andern Tage in Florenz ankämen der Tag an der festbestimmten Zahl der Choleraquarantänetage nicht abgerechnet werde, wir fuhren deshalb noch heute mehrere Meilen weit über Pisa hinaus und kamen am Mittwoch den 6ten September noch zeitig am Vormittag in Florenz an. Ich versuche es hier nicht diese blühende Jungfrau unter den Städten Italiens mit all ihren Herrlichkeiten der Kunst und Gaben der Natur noch einmal zu beschreiben, denn ich fürchte es würde mir eben so wenig gelingen als das erste Mal[219]. Auch hier geschahe es mir übrigens, daß der Genuß und die Freude beim zweiten Sehen noch ein ungleich höherer und lebendigerer war als der beim ersten Besuche. Wird doch überall die kräftige Zuneigung und Liebe, welche die Betrachtung des Schönen weckt, durch das öftere Wiederholen dieser Betrachtung genährt und gesteigert. Zu der Erhöhung und Steigerung unsres Genußes trug auch der mächtige Contrast sehr Vieles bei, in welchem unser Aufenthalt in Florenz mit dem fünfwöchentlichen Gewahrsam der Quarantäne stund. Statt des Winkels in einer Magazinhalle bewohnten wir jetzt drei bequeme Zimmer, in einer der schönsten Gegenden der Stadt: auf dem freien Platze bei Maria novella; von unsren Fenstern aus überblickte man einen Theil des herrlichen Arnothales und der Apenninenkette; eine balsamische Luft wie sie hier in der Landschaft der Gärten der schönste Herbstmonat ausathmet, wehete uns an, wenn wir am frühen Morgen heraustraten aus dem Hauße auf den freien Vorplatz und etwa hinausgiengen auf die nicht fern von da abgelegne Brücke des Arno. Ein Kaffeehaus in einer der schönen Straßen oder in der Umgegend des Domes gab uns dann unser Frühstück; hierauf begann, während der meisten Stunden des Tages ein Lustgang der Sinnen und des Herzens durch die schöne, reichbegabte Stadt. Der erste Ort den wir täglich besuchten war auch diesmal, wie bei meinem ersten Hierseyn, der hehre Dom, in welchem, schon bei dem Anblick der fremden Andacht die eigne, des trägen Herzens erwachen muß, zu der sich die Seele durch den Eindruck mächtiger gestimmt fühlt, den das hehre, lieblich ernste Gebäude auf die Sinnen macht. Nach den Augenblicken des innren Versammlens der Kräfte und Gedanken ließ man diese an ihr Geschäft des Einsammlens und Zusammenordnens der Baumaterialien gehen. Denn der Geist des Menschen soll in jedem Kreise seines Wirkens, den er betritt, vor allem das Werk bedenken, zu welchem er auf Erden berufen ist. Seine Aufgabe ist es zuerst daß der ganze Mensch, daß Seele und Leib zu einem Tempel erbauet werden, der von ewiger Natur ist. Es geschiehet dieses Erbauen wie jenes der Hütte des Stiftes[220], nach einem Vorbilde, das dem Geiste ohne Aufhören nahe ist und von ihm angeschauet wird; es geschiehet in Kraft dieses Naheseyns und dieser Anschauung. Aber eine weitre Aufgabe für den Geist des Menschen ist es alsdann, daß durch ihn die ganze Erde, daß Volk und Land und die gemeinsamen Werke der Hände zu dem hehren Gebäu eines Tempels werden, an welchem das Walten jener ewigen Weisheit erkannt wird die ein Quell der Ordnung wie der Schönheit und der Harmonie alles lebendigen Bewegens ist. Auch dieses Erbauen eines der Weisheit geheiligten Tempels mitten in dem Reiche des sichtbaren Wesens gelingt dem Geist des Menschen nur in der Kraft jenes Geistes von oben[221] der ein Geist der Ordnung ist, wie der Schönheit und Güte. Und Er war es, der eine große Schaar dieser Meister welche hier in Florenz am Tempelbau der gottgeheiligten Künste arbeiteten »mit Namen berief« und sie erfüllete mit Seinen Kräften. Ein Herz welches hier bei den Gaben des Gebers gedenkt und sich hütet den Pinsel oder Meisel zu vergöttern, oder den Namen der Menschen eine Ehre zu geben welche Dem gebührt der den Menschen bei diesem seinem Namen rief, dem wird das Herumwandeln unter den Kunstwerken von Florenz und das aufmerksame Betrachten derselben ein Werk der Andacht, der innern Erbauung seyn; es wird sich hier Baumaterialien sammeln, welche es im Kreise seines eignen Lebens, zur Lösung der großen Aufgabe des Tempelbaues brauchen kann. Unser Weg führte uns gewöhnlich täglich ein- zuweilen auch zweimal über die +Piazza vecchia+, und zu den Kunstwerken ihrer Umgebung; höher jedoch war der Genuß den das Verweilen in der Kirche von Santa Croce gewährte. Hier sind die Werke und Ehrendenkmäler vieler Männer, welche bei ihrem Leben die erwählten Gefäße waren, durch die das Wasser des Lebens, das von oben kommt, hinabströmte zur Erde, und überall im Lande die Keime der geistigen Segnungen weckte. Auch alle die andern Kirchen und die von der Kunst so reich verzierten Palläste, die ich bei meinem ersten Hierseyn gesehen, wurden von neuem besucht, und Vieles, das ich damals nur im schnellen Vorübergehen gesehen, genauer betrachtet. In dem Gebäude der Naturaliensammlung sahe ich diesmal auch das durch seinen Reichthum ausgezeichnete Cabinet der physikalischen Apparate. Unter ihnen sind namentlich mehrere von großem, historischen Werthe; denn es sind da noch Werkzeuge deren Galilei sich bediente; einer der Brennspiegel mag derselbe seyn, an welchem jener geistvolle Mediceer[222] die Brennbarkeit des Demantes unmittelbar durch die That nachwieß, und hierdurch die Richtigkeit von Newtons Scharfblick bewährte. Solche Freude am Forschen und Erkennen der großen Werke und Kräfte der Natur, die den damaligen Herrscher zu seiner Entdeckung führte, ist beständig bei dem ruhmwürdigen Fürstenhauße dieses gesegneten Landes geblieben; dies bezeugen die fortwährenden Bereicherungen der physikalischen Sammlung mit neuen, kostbaren Apparaten. Wenn gleich der Genuß, den das fast tägliche Verweilen in der großen Gemäldegallerie der Stadt oder in jener des Palastes Pitti uns gewährte, als ein höherer erschien, weil hier die Leiblichkeit durchdrungen und überkleidet gesehen wird von den Kräften des ewigen Geistes, so gebührt dennoch auch einem andren Werke seine Ehre, welches dem forschenden Verstand die gebrechliche, vergängliche Leiblichkeit der Menschennatur, bis in ihre verborgensten Tiefen treu vor Augen legt. Dieses Werk ist die bewundernswürdige Sammlung der anatomischen Wachspräparate des naturhistorischen Museums. Mag immerhin den Fremdling in der Wissenschaft bei dem ersten Anblick dieser meisterhaften Nachbildungen des Todes, bei welchem einst das Leben zu Hauße war, ein flüchtiger Schauder ergreifen; er wird dennoch einer andern Empfindung Raum geben müßen: das ist die der Bewundrung einer Weisheit, deren Erbarmen bis zu dem Abgrund des vergänglichen Staubes herabdrang und diesen so kunstreich gestaltete. Das Nahe, das scheinbar Eigne, welches wir so leicht und gern vergessen, weil es das Bild der Sterblichkeit und natürlichen Gebrechlichkeit an sich trägt, ist es, was uns vielleicht dort zurückstößt; während wir bei dem Anblick der uns ferner stehenden Leiblichkeit, deren reiche Fülle in dem nachbarlich angrenzenden Gewächsgarten vor uns ausgebreitet stehet, mit Vergnügen verweilen. Aber dieses Fremdthun der Seele gegen das ihr so nahe Verwandte wird aufhören, wenn einst am Tage der Vollendung das nur scheinbar Eigne ein wirklich Eignes werden; wenn der wieder erstehende Leib angethan seyn wird mit der Natur des Geistes. Wenn wir dann so den Vormittag gebraucht und genossen hatten, dann fanden wir uns gewöhnlich in einem jener gastlichen Häußer zusammen, wo man auch dem Leibe das geben konnte, was ihm gebührte; hat doch die Natur die Tafel des Menschen an wenig Orten der Erde so überflüssig und reichlich besetzt als hier in Florenz, wie dieß schon der Anblick der Märkte bezeugt, über die jetzt eben der beginnende Herbst sein ganzes Füllhorn ausgeschüttet hatte. Wir hatten freilich schon am 19ten Juli in Syra Trauben von einer Süßigkeit gegessen, wie sie jetzt, im Anfang Septembers in Florenz noch nicht zu finden waren; doch jene hatte der vulkanische Boden von Milo oder einer andern vulkanischen Insel gezeitigt, während selbst in Italien der kühle Augustmonat von 1837 das Wachsthum verspäten mußte. Auch die Nachmittage wurden zum Betrachten der Stadt und zu Wanderungen durch ihre herrliche Umgegend benutzt, die ich bei meinem vorigen Hierseyn fast nicht gesehen hatte. Bei einer dieser Wanderungen besuchten wir das Landhaus, in welchem der große Galilei seine letzten Tage zubrachte; bei einer andren die paradiesischen Höhen von Fiesole: den Ort aus welchem ein Meister der Kunst hervorgieng, dessen Bilder beredter denn alle Bücher für die Unsterblichkeit der Seele zeugen. Denn Fiesoles Pinsel stellte nicht bloß Gestalten dar, welche das jetzige, leibliche Auge sahe, sondern solche, welche das prophetisch, für die selige Welt des Jenseits und des Zukünftigen geöffnete Gesicht erblickte. In den kühleren Stunden des Nachmittags lustwandelten wir öfters in den schattigen Anlagen am Arno; am Abend ergötzte uns noch der Anblick der schön beleuchteten Stadt und ihrer Läden, bis wir, in einer noch ziemlich frühen Stunde, das ruhige Obdach aufsuchten. So vergiengen uns, abgesehen von den bittersüßen Qualen des Heimwehes, die selbst in diesem Paradies sich regten, der Aufenthalt in Florenz in lauter Lust und Freude. Es war indeß nicht die Schönheit der reichen Stadt und ihrer Umgegend allein welche den diesmaligen Aufenthalt in ihr so genußreich machte, sondern zu jenem eingebornen Reiz kam noch ein andrer, den ihr die hier waltende Freundschaft gab. Ich fand, gleich während der ersten Tage meines hiesigen Aufenthalts zu meiner herzlichen Freude in dem K. K. Oesterreichischen Gesandschafts-Secretär v. Schnitzer nicht nur einen geistreichen, vielseitig gebildeten Diplomaten und wohlwollenden Landsmann, denn dafür ist er allgemein bekannt; sondern ich erkannte zu meiner großen Ueberraschung in ihm meinen gewesnen Zuhörer aus Nürnberg (im Jahr 1813) wieder: den feurigen, talentvollen Jüngling von edler Gesinnung, der mir schon damals mehr Freund als Schüler gewesen war. Sein dankbares Gemüth hatte mich noch früher erkannt als ich ihn; an seiner Hand machte ich, so oft seine Geschäfte es ihm erlaubten die meisten meiner täglichen Wanderungen durch und um die Stadt, und wurde durch seine Freundlichkeit zu manchen mir noch neuen Brunnen der geistigen Erheiterungen geführt; namentlich sahe ich mit ihm die hiesige Sammlung von Handzeichnungen der alten Meister, die wohl schwerlich an Reichthum von irgend einer andern Sammlung ihrer Art übertroffen wird. Wie groß erscheint doch bei der Betrachtung mancher dieser Anfänge der erste schöpferische Gedanke des Menschengeistes, und die Kraft jener Stunde der Begeistrung, aus welcher nachmals im längeren Verlauf der Zeit das sicher vollendete Werk mühsam, im Schweiße des Angesichtes geboren wird. Durch Veranlassung dieses Freundes ward mir eine andre Anschauung in der Nähe zu Theil, an welcher ich mich schon öfters aus der Ferne, innig theilnehmend erfreut hatte. Ich lernte durch ihn einen jener Meister im Bauen der beiden Arten der Tempel kennen, von denen ich vorhin (S. 569) sprach: den edlen Herrscher des Landes, in welchem sein Volk den Vater und Freund liebt, die Welt der Mitlebenden den glücklichen, hochbegabten Fürsten preiset, dessen Andenken aber noch der späte Enkel mit Thränen in den Augen segnen wird. Reich und mild wie sein Land, von anspruchslos einfacher Würde des Deutschen Herrscherstammes, so daß auch der unbedeutende Pilgrim ihm mit Vertrauen naht, rein von Wandel und fromm, lehrt dieser edle Fürst durch sein Vorbild und Beispiel wie man in jedem Stande mit dem eignen innren Frieden und bleibenden Wohl das Wohl und Heil der Andren schaffen und bauen müsse. In demselben Fürstenschlosse ward mir aber auch noch die Bekanntschaft einer andern Seele, die, weil sie die verborgene, köstliche Perle gefunden, selber dieser reichen, verborgenen Perle im Acker gleicht. Eine Seele, deren Bildniß ich schon von der Hand eines großen Meisters gezeichnet gesehen und beim Anblick die Züge wieder erkannte[223]; eine Kennerin und Liebhaberin jener Schönheit die vor Gott gilt; eine treue, mütterliche Führerin der Kinder ihrer Schwester nach dem seligen Ziele das diese schon erreichte. Ich war mehrere Male in diesem edlen, einfachen Fürstenhauße gewesen; noch am letzten Vormittag hatte ich mich dort verabschiedet; an der Hand meines Freundes war ich zur Wohnung zurückgekehrt. Der Wagen stund schon bereit; ein Platz für einen fremden, genügsamen Herrn war in ihm noch zu haben gewesen und der Vetturino hatte uns auch diesen Reisebegleiter schon angekündigt, wer er aber sey das wußten wir nicht. Wie groß war deßhalb die Freude da ich beim Herunterkommen aus unsern gewesenen Zimmern statt des vermeintlichen Fremden meinen theuren Domherrn Broske, den Freund des seligen Johann Michaël Sailer, und zugleich den meinigen, bei dem Wagen stehen sahe. Er selber war von diesem Zusammentreffen eben so sehr überrascht als ich; der erste unter den Freunden aus der Heimath der mich begrüßte; sein liebendes Herz hatte mich über Land und Meer begleitet; es war ein Zug, mächtiger als der des Magnetes zum Eisen, der uns hier in der Fremde zusammenführte. Wir reisten in dieser lieben Gesellschaft bis nach Bologna, der schon einmal gesehenen und von mir beschriebenen Wohnstätte vieler Wissenschaft und Kunst. Diese alte Hauptstadt der Hetrurischen Macht und Hetrurischen Kunst, die sich namentlich auf das Fertigen der Todtenurnen verstund, fängt jetzt an sich mit besondrer Liebe an dem Geschäft ihrer Urahnherrin, der +Bononia Felsina+ zu vergnügen, indem sie ihre Kunst und seltsame Ehre in dem kostbaren, prachtvollen Aufschmücken der »Gräber ihrer Todten« übt und suchet. Wie jener Agag, der Amalekiter König, scheinet sie sich also des Todes Bitterkeit vertreiben zu wollen. Von Bologna nahmen wir unsern Weg über Modena nach Mantua, dessen uralte Macht fester als durch die jetzigen Bastionen und Mauern begründet, und viel weiter als durch den Donner seiner Kanonen zu den Ohren der gebildeten Völker gedrungen ist; weil hier in diesen fruchtbaren Auen der Schwan von Mantua, Virgil geboren ist[224]. Wie ich vormals bei Neapel das Grabmahl des Dichters, des befreundeten meiner Jugend gesehen, so sollte ich heute auch zu der Stätte seiner Geburt kommen. Schon hier in Mantua, wo viel Deutsches Militär stehet, noch mehr aber in Verona, in der Colomba d'oro, nahe bei dem Römischen Amphitheater trafen wir eine Menge Deutsche Landsleute. Dennoch gab es uns wieder eine neue, schönere Sonntagsfreude, als wir vor und in Botzen in die Gegenden kamen, in denen alles Volk die liebe, Deutsche Muttersprache redet, und als wir uns zwei Tage nachher, zu Insbruck, im freundlichen Gasthaus zum Stern unter alten Bekannten fanden. Jugendlich lauter wurden noch die Ausbrüche der Freude, da uns jenseits Scharnitz ein Wagen begegnete, in welchem eine Frau mit dem Münchner Kopfputz der Riegelhaube saß, und da wir bald nachher über die frische, grüne, eilig dahin strömende Isar kamen. Der Herr Posthalter in Mittenwalde bewirthete uns mit der besten Art des so lang entbehrten, vaterländischen Getränkes, und obgleich sich am Abend, als wir im Dunkel über den steilen Kesselberg hinabstiegen noch einmal unser lieber +Dr.+ Roth, diesmal jedoch in Gesellschaft des +Dr.+ Erdl von uns verloren und verirrt hatte, so wußten wir doch daß es hier keine Gefahr der Wüste, keine Noth des Hungerns und Durstens giebt, und schon am andren Mittag waren die beiden Irrgänger wieder bei uns. Der Anblick der Frauenthürme von München, am Vorabend des Festes der Erzengel (Michaëlis) regte im Herzen wie auf den Lippen die Lieder des Dankes und Lobes auf. Freunde waren uns entgegengekommen; Freunde hatten die kleine, stille Wohnung mit Blumen geschmückt; Stimmen der fröhlichen Begrüßung ließen sich vernehmen. Möchten vor allem in unsrem Herzen die Blumen jenes Dankes nie verwelken, die Stimmen jenes Preises nie verstummen, welche Dem gebühren, der uns auf dieser ganzen Reise wie auf Adlersfittichen geführt und getragen, und den Eingang wie den Ausgang mit väterlichem Erbarmen gesegnet hat. [Blank Page] [Illustration] Fußnoten: [1] 1. Kön. 19, V. 36, 8. [2] K. v. Raumers Palästina, 2te Aufl. S. 307 Note 94a. [3] Auf wie viele noch ungleich bedeutendere Dinge versäumt öfters der Reisende in Palästina zu achten, weil er der Meinung ist, daß durch so viele Reisende in diesem Lande die Sache schon längst aufgehellt und bekannt sey. [4] 1. Mos. 49, V. 8. [5] Matth. 2, V. 18; Jerem. 31, V. 15. [6] Buch Ruth C. 2. [7] Mich. 5, V. 1. Matth. 2, V. 6. [8] Wegen der Nähe des Orientalischen Osterfestes war fast alles rohe Material wenigstens vorbereitend schon bearbeitet, so daß das naturhistorische Erkennen des Stoffes sehr erschwert war. Vieles neue Material wurde bei Gelegenheit des Rückzuges der Mekkapilgrime erwartet. [9] Das Tageslicht fällt meist nur durch die Thüre herein. [10] Psalm 23. [11] Amos 7, V. 14, 15. [12] Ebd. 1, V. 2. [13] E. 8, V. 11. [14] E. 9, V. 11, 13. [15] M. v. +Will. Tyr. Lib. XV. c. 6+, in der Hanauer Ausgabe der +Gesta Dei per Francos Vol. I. p. 875+; Wilken a. a. O. +II.+ S. 682. [16] Ps. 57 und 142. [17] 1. Sam. 22, V. 1, 2. [18] Ps. 57, V. 8-12. [19] Ps. 142, V. 8. [20] ~v. Raumer~ a. a. O. S. 219, 220. [21] Beth-Charem oder Bethhaccerem heißt Stätte des Weinberges. [22] Das Wort Sulamith bedeutet die Friedensreiche, wie unser deutscher Name Friederike; es stehet mithin dem männlichen Namen Salomo (Friedrich) gegenüber. [23] K. v. Raumers Palästina 2te Aufl. S. 312. Die Breite ist selbst an jedem einzelnen Teiche verschieden, nach einem Ende schmäler als am andern. Bei den obersten ist sie im Mittel am größesten, bei dem untersten am kleinsten. [24] Hohel. 4, V. 12. [25] M. v. K. v. Raumer a. a. O. S. 312. Unser Bethlehemitischer Führer versicherte dasselbe. [26] 2. Kön. 19, V. 35, 36. [27] M. v. den 2ten Band dieser Reise S. 460. [28] Apostelgesch. 8, V. 26-39. [29] Jesaj. 53, V. 7-12. [30] M. v. die Karten von Berghaus und Grimm. [31] 4. Mos. 13, V. 23-25. [32] Richt. 16, V. 4. [33] +Cotovici Itinerarium hyerosol. et syriac. p. 246.+ [34] 1. Makkab. 2, V. 1; 13, V. 25-30; Raumer a. a. O. S. 211. [35] Matth. 11, V. 11. [36] Luc. 1, V. 80. [37] 1. Samuel. 18, V. 6. [38] 1. Sam. 17, V. 28. [39] Nach einer bekannten Deutung des Wortes das gewöhnlich durch Heuschrecken übersetzt ist. [40] Hiob 38, V. 4 u. f. [41] Luc. 2, V. 49. [42] 1. Kön. 8, V. 11. [43] Esra 3, V. 12. [44] 1. Kön. 8, V. 27. [45] Ebend. V. 41, 43. [46] Richardson erhielt durch Omar Effendi, den er von einem Augenübel heilte, zum Dank die Erlaubniß die Moschee viermal zu besuchen. M. v. ~Raumer~ a. a. O. S. 289. [47] Plinius Fisk, aus dem Englischen übersetzt (von Heller) Erlangen 1835, S. 922. [48] Röm. 3, V. 24; Ephes. 2, V. 5. [49] Ps. 65, V. 2. [50] 1. Sam. 16, V. 5-13. [51] 2. Kön. 2, V. 19-22. [52] +Eleagnus angustifolius.+ [53] K. v. Raumers Palästina, 2te Ausgabe S. 196. [54] Josua 4, V. 34. [55] 1. Sam. 11, V. 15. 2. Sam. 19; 15, 40. [56] 2. Kön. C. 2. [57] Namentlich gehören jene Beobachtungen hieher, welche John Roebuck an sich und seinem Secretär in der verdichteten Luft des Windgewölbes vom Devonshirer Hochofen anstellte. +Edinb. Transact. V, 1. p. 2.+ [58] 5. Mos. 31, V. 6, 7. [59] 5. Mos. 32, V. 1-4. [60] 33, V. 26, 27, 29. [61] Nach Seetzens Beobachtungen, in der Monatl. Korresp. +XVIII.+ S. 542. Berghaus Geograph. Memoir. S. 28. [62] Ich glaube nicht zu weit von der Wahrheit abzugehen, wenn ich die mittlere Temperatur des Sommers auf 23 bis 24 Grad annehme. [63] Doch nicht immer. Wenigstens wird es dann auf den Gebirgen Galiläas, die den beschneiten Höhen des Antilibanon näher liegen, öfters sehr empfindlich kalt. [64] M. s. meine Geschichte der Natur, 1. Theil S. 400. [65] M. v. seinen Bericht in der Beilage zur allgemeinen Zeitung vom 23. Febr. 1839 (Nr. 54) S. 406. [66] +Plin. hist. nat. XII, 54.+ [67] Der allgemeine Name für Feige scheint zwar +Tin+, doch fügt man zur Bezeichnung der eigentlichen Feige noch das Wort +Berschumi+ hinzu, denn +Tin dschimmayz+ bedeutet die Sykomorus-, +Tin schuke+ die Opuntien-, +Tin serafendi+ die Zyziphusfrüchte. [68] +Travels p. 293+ bei Raumer a. a. O. S. 99. [69] Im Gebirge bei Damaskus. [70] Psalm 122. [71] Jesaj. 35, V. 10; 51, V. 11. [72] Band +II.+ S. 581. Bei einem spätern Lesen in Cotovicus Werk, fiel mir auf S. 146 in der Beschreibung des nahe bei Jerusalem gelegenen Begräbnißortes der Makkabäer Hasmonäer auch wieder dieser Hügel mit seinen Bauwerken ein. [73] v. Raumer Palästina, S. 210. [74] 1. Kön. 3, V. 4-11. [75] Luc. 2, V. 44. [76] 5. Mos. 33, V. 13-16. [77] 1. Mos. 49, V. 26. [78] Unter ihnen eine mit der immergrünenden Rose (+R. sempervirens+) nahe verwandte, wo nicht identische Art. [79] Neben vielen andern Arten der kleineren Gewächse die +Bartsia trixago+. [80] 1. Mos. 28, V. 14, 15. [81] Die Höhe dieses Lagerplatzes über dem Meere ist nach unsern barometrischen Messungen der Höhe des Oelberges nahe gleich; sie beträgt 2520 P. F. über dem Meere. [82] Jos. 18, V. 1. [83] 1. Sam. Cap. 1, 2 u. 3. [84] 1. Sam. 3, V. 1. [85] 1. Mos. 28, V. 16. [86] Jesaj. 37, V. 8 u. f. [87] 5. Mos. 11, V. 29; 27, V. 12, 13; Jos. 8, V. 33. [88] Richt. 9, V. 7. [89] 1. Mos. 48, V. 22; 50, V. 25; Jos. 24, V. 32. [90] Apostelgesch. 7, V. 16. [91] M. v. den ersten Band S. 335 und 350. [92] Jos. 24, V. 33. [93] 1. Mos. 12, V. 6 u. f. [94] 1. Mos. 33, V. 18-20. [95] Jos. 24, V. 16, 21, 24. [96] 1. Kön. 12, V. 1-17. [97] +Josephi antiquit. XI+, 7, 2; +VIII+, 2, 4. [98] Sir. 50, V. 28. [99] 1. Mos. 35, V. 4. [100] Wir sahen sie noch nicht aufgeblüht. [101] 1. Kön. 16, V. 23, 24. [102] +Josephi Antiqu. XVIII+, 5, 2. [103] M. s. diese ganze Geschichte kurz aber trefflich dem Josephus nacherzählt in Raumers Pal., 2te Aufl. S. 379 u. f. [104] 1. Kön. 7. [105] Ebend. C. 13, V. 21. [106] Ich erwähne nur noch, daß die Höhe von Samaria nach unsern barometrischen Messungen 926 Par. Fuß über dem Meere beträgt. [107] 2. Sam. 1, V. 19-27. [108] 1. Kön. 21; Hosea 2, V. 22. [109] Richt. 5, V. 19-22 und V. 31. [110] Ps. 89. [111] 1. Kön. 4, V. 8-37. [112] 2. Petr. 1, V. 18. [113] Matth. 17, V. 1-8; Marc. 9, V. 2-13. Luc. 9, V. 28-36. [114] Matth. 11, V. 12. [115] +Albert. Aquens. l. c. 31+; Wilkens Gesch. der Kreuzzüge +I.+ S. 96. [116] M. v. +Fulcher. Carnotens. histor. hierosol. c. 27+; Wilken a. a. O. +II.+ S. 146. [117] Wilken a. a. O. S. 148. [118] Ebend. +I.+ S. 178. [119] S. 161. [120] Die Zahl der kriegerischen und tapfren Besatzung der Stadt war zweimal stärker als das Heer der Christen das ihre festen Mauern bestürmte. Wilken +III.+ 2. S. 21. [121] Wilken +III.+ 1. S. 193. [122] Wilken +IV.+ S. 390 und anderwärts. [123] Wilken +II.+ 223. [124] Wilken a. a. O. +II.+ 35, 36, 108 und 111; +IV.+ S. 122 und 226. [125] Wilken +III.+ 2, S. 222, 311. [126] Ebend. +II.+ 602, 603. [127] Ebend. +I.+ S. 219 u. f. [128] +II.+ S. 9 u. f. [129] Es war der Aussatz. [130] +III.+ S. 186. [131] Wilken Gesch. der Kreuzzüge +I+. S. 223, 291; +IV+, S. 121 u. f. [132] Es ist meist +Quercus Aegilops+ (die Valonia-Eiche), hin und wieder auch +Qu. esculus+. [133] 1. Kön. 18, V. 27. [134] +Pomp. Mel. I. 11.+ +Plin. h. n. V, 13.+ [135] Um hier nur einige Namen von Pflanzen zu geben, die in der Landschaft des Carmel den Durchreisenden, von der Küste und dem Kison an bis zu den Höhen der Kalkgebirge ins Auge fielen erwähnen wir: +Aegilops ovata+, +Agrostis alba+, +Alopecurus creticus+, +Aristida pumila+, +Avena hirsuta+, +Bromus lanuginosus+ und +rubens+; +Cynodon dactylon+, +Festuca rigida+ und +pungens+, +Polypogon monspeliens.+, +Saccharum aegyptiacum+, +Serapias lingua+, +Juniperus Oxycedrus+, +Statice aristata+; +Buphthalmum graveolens+, +Gnaphalium sanguineum+, +Carduus leucographus+, +Centaurea calcitrapoides+ und +pumila+; +Phlomis herba venti+, +Teucrium Chamaedrys+ und +orientale+, +Marrubium acetabulosum+, +Moluccella laevis+, +Salvia syriaca+, +Acanthus spinosus+; +Convolvulus hirsutus+; +Physalis somnifera+; +Onosma syriacum+; +Ammi copticum+, +Cachrys Libanotis+; +Anethum graveolens+; +Delphinium incanum+ und +peregrinum+; +Chelidonium Glaucium+; +Cucumis Prophetarum+; +Tamarix gallica+?, +Anabasis spinosissima+, +Salsola kali+, +Atriplex halimus+; +Dianthus monadelphus+; +Euphorbia aleppica+ und +malacophylla+, +Ricinus palma Christi+; +Ononis vaginalis+, +Hedysarum Alhaghi+ u. a. m. [136] 2. Kön. 4, V. 25-27. [137] Wilken +IV+, S. 390; +VII+, S. 769. [138] Sacharja 12, V. 11, verglichen mit 2. Chron. 35, V. 22-25. [139] Offenb. 10, V. 16. [140] Matth. 12, V. 1; Marc. 2, V. 33; Luc. 6, V. 1. [141] Matth. 4, V. 25 bis Cap. 5, V. 1-10. [142] So heißt jetzt bei den Muselmännern der Berg der Seligkeiten (m. s. v. Raumer Palästina S. 37). [143] Wilken +III+, 2. S. 195. [144] +Wilh. Tyr. XXI, 29+ bei Wilken a. a. O. 194. [145] Wilken a. a. O. S. 270. [146] Wilken +III.+ (2) S. 275 und 285. [147] Unter diesen war übrigens nicht der Großmeister Gerhard von Betford, dem Saladin, seines hohen Ranges wegen das Leben schenkte, das er erst später durch seine treulose Wortbrüchigkeit verwirkte. [148] Richt. 8, V. 21. [149] Luc. 23, V. 34; Matth. 5, V. 44; 1. Cor. 4, V. 12. [150] 1. Thessal. 5, V. 8; Eph. 6, V. 14. [151] Abgesehen von vielen andren Beispielen dieser Art machte selbst der sonst ruhmwürdige König Balduin +II.+ sich dieses Tadels schuldig. M. v. Wilken +II.+ S. 516. [152] Dieser hat auch für uns Christen eine hohe Bedeutung, denn er war es, welcher 50 Jahre vor Christo aus den Weissagungen der Propheten es erkannte und es aussagte, daß der verheißene Messias länger nicht mehr als einen Jobelcyklus (50 Jahre) ausbleiben könne. Simeon, dem es vergönnt war noch mit seinen Augen den Heiland zu sehen (Luc. 2, V. 25-32) war ein Schüler jenes großen Hillel. [153] +Jos. de bell. Jud. L. III. c. 18; edit. Havercamp. T. II. p. 258.+ [154] Die Juden halten dafür, daß in jeder dieser vier Städte wöchentlich zweimal ein Gebet zu Jehovah nicht nur zum Heil ihres eignen Volkes, sondern der ganzen Erde dargebracht werden müsse, wenn nicht alsbald die ganze Welt das Verderben ereilen solle. [155] Magdala bedeutet einen hohen Thurm. [156] Ps. 1, V. 3. [157] 1. Mos. 37, V. 14-28. [158] Matth. 5, V. 14; m. ~v. Raumer~ a. a. O. S. 135. [159] Richt. C. 17 und 18. [160] 1. Kön. 12, V. 30. [161] 1. Mos. 32, V. 26. [162] Unsre barometrische Messung ergab für die Höhe des Bergrandes des Jordansthales im engeren Sinne 858 Par. Fuß; die Höhe des Josephsbrunnens am gestrigen Tage hatten wir 829 Fuß gefunden. [163] Wilken Gesch. der Kreuzzüge +II+, S. 687. [164] Burkhardts Reisen, herausgegeb. von Gesenius +II.+ S. 550. [165] v. Raumers Palästina, 2te Aufl. S. 409. [166] Der Orientalische Name von Damaskus. [167] Damaskus. [168] Dieser war einer der gerühmtesten Mystiker des Islams; wegen der großen Vielseitigkeit und Tiefe seines Erkennens preisen ihn die Mohamedaner als den zweiten Aristoteles (m. v. Hammer Gesch. der Osmanen, erste Aufl. S. 489.) [169] 1. Mos. 15, V. 2. [170] Nach Aleppo allein werden von getrockneten Aprikosen und Aprikosenmasse jährlich gegen 300 bis 400 Centner versendet. [171] M. s. die vortreffliche Beschreibung von Damaskus in v. Hammers Gesch. des Osman. Reichs +II.+ S. 481 u. f., woraus viele der Hauptzüge hier entnommen sind. [172] Wilken Gesch. der Kreuzzüge +VII+, S. 412 und 413. [173] Ep. Jud. V. 9. [174] Nach v. Hammer ist die Länge 550 nach Ali Bey 400 Fuß. [175] Wilkens Gesch. der Kreuzzüge +III.+ (1) S. 245. [176] Zwischen Damaskus und hier fanden sich unter andren die +Veronica macrostachya+, +Onosma sericeum+, ein noch unbestimmtes +Zygophyllum+, +Hyppocrepis unisiliquosa+ u. f. [177] Luc. 3, V. 1. [178] +Aegilops ovata+, +Bromus lanuginosus+, +Hordeum bulbosum+ u. a. [179] Unter den Pflanzenarten die wir dort fanden zeichneten sich zwei Orchideen vom Geschlecht des +Himantoglossum+ und der +Cephalanthera+ aus. [180] Jos. 11, V. 17; Hohel. 8, V. 11. Es hieß auch Beth-Semes, d. h. Haus der Sonne nach Richt. 1, V. 33 und Baalath nach 1. Kön. 9, V. 18. [181] Sie gehören, wie die Perser, zur Secte der Verehrer des Ali. [182] Saladin war im Jahr 1137 zu Takrid am Tigris geboren. Einige Jahre nachher erhielt sein Vater durch Zenki die Statthalterschaft von Baalbeck, in welcher Würde er, als Zenki im Jahr 1146 starb, durch den Fürsten von Damaskus bestätigt wurde. [183] Diesen feinen, tieffühlenden und mit der Beredsamkeit eines liebenden Gemüthes sich aussprechenden Beobachter habe ich hier, in der Beschreibung der Ruinen von Baalbeck öfters zur Seite gehabt, weil er mir das treueste Abbild meiner eignen Erinnerungen und schriftlichen Bemerkungen gab. M. v. +Letters on Egypt, Edom and the holy Land, by Lord Lindsay. Vol. II. p. 188+ u. f. [184] Namentlich +Medicago radiata+ u. f. neben dem +Centranthus elongatus+ und der +Veronica macrostachya+. Auch jenes +Glaucium+ das wir schon bei Nebi Abel fanden. [185] Es steht hier das Oertlein Malaka. [186] Aus der alten, heiligen Moschee +Amru+ in Alt-Kairo ließen uns einige alte Türken nicht eher heraus, als bis wir unsere Namen mit Bleistift an eine Mauer geschrieben, die auch fast jeden Fränkischen Besucher der Moschee nennen könnte. [187] Eden 4454, Betscherri 4322 Par. Fuß über der Meeresfläche; die Region der Cedern reicht bis an die Höhe von nahe 6000 Fuß. [188] +Plin. h. n. V, 20.+ Nach Eusebius (+Martyr. Pal. 4+) und Sokrates dem Kirchenhistoriker (+hist. eccles. I, 27+) sollte Berytus auch Beroë geheißen haben. Der eigentliche, alttestamentliche Name war Berotha oder Berethai (2. Sam. 8, V. 8; Ezech. 47, V. 16.). [189] 2. Sam. 8, V. 8. [190] Hesek. 47, V. 16. [191] Hesek. 28, V. 12 u. f. [192] Jesaj. 33, V. 9; 29, V. 17. [193] +Archaeolog. I.+ 7, 1. [194] Jac. 1, V. 3. [195] +Précis de la Geographie universelle III.+ 81. [196] Unter den hier gefundenen Gewächsen erwähne ich der +Daphne oleaefolia+; +Majorana nervosa+, +Teucrium regium+; eines +Bupleurum+ und einer +Frankenia+ von unbestimmter Art. Unter den Käfern zeichneten sich mehrere schöne Arten von +Buprestis+ aus; an Conchilien erschien die Gegend sehr arm. [197] 2. Joh. 10. [198] Der glasige Feldspath ist meist in sehr verwittertem Zustand; im Mandelstein und in dem lavaartigen Gestein zeigen sich hin und wieder Spuren der kalihaltigen Mineralien des Vesuvs. Da leider die hier gemachte geognostische Sammlung uns verloren gieng, wage ich es nicht etwas Genaueres über diesen Gegenstand zu sagen. [199] Namentlich, doch zum Theil schon verblüht: +Asphodelus ramosus+, +Allium subhirsutum+, +Muscari comosum+, +Iris graminea+; +Tordylium apulum+; +Cerinthe major+; +Linum angustifolium+; +Trifolium clypcatum+, +Lathyrus sativus+, +Vicia hybrida+, +Trigonella corniculata+. [200] Apok. 4, V. 11. [201] Dieses neue, wohleingerichtete Schiff betraf bei der Heimkehr von einer späteren Fahrt nach Amerika das Unglück, hier im Hafen von Syra mit all seinen vielen Waaren die noch nicht ausgeladen waren zu verbrennen. [202] M. v. +Walsh. A residence at Constantinopole etc. P. I.+ [203] Er wurde schon in seinem 21sten Jahre zum Lehrstuhl der Rechtswissenschaft und Geschichte an jener Hochschule berufen und wirkte 6 Jahre (bis 1817) in diesem Beruf. [204] Ich lasse über diese Gabe Rudharts einen Andren, »einen Mann von Wort« reden, ~Friedrich von Roth~, in seinem Ehrengedächtniß Ignaz von Rudharts, mitgetheilt in den Münchner gelehrten Anzeigen Nr. 69 des Jahrganges 1839. »Hervorragend wurde er vornehmlich durch ein Vermögen, das in Deutschland selten ist, weil die Geschäfte durchaus schriftlich geführt werden, die Beredsamkeit. Ein hochbejahrter Staatsmann, bei dem es nicht leicht zur Bewunderung kam, bezeichnete ihn einst in der Kammer der Reichsräthe als »den glänzenden Redner, den man eben so gerne höre als lese;« und es waren nicht wenige der Meinung, von den vielen Vorträgen auf dem Landtage, Reden genannt, seyen Rudharts die einzigen, denen mit Recht der Name zukomme. Er hatte zur Beredsamkeit, durch eine glückliche Verbindung von Festigkeit und Beweglichkeit, viel Anlage; dazu die Vortheile einer einnehmenden Gestalt und einer biegsamen Stimme; auch war ihm von der Uebung der freien Rede im Lehramte ohne Zweifel viel geblieben. Das Meiste aber that gewiß die Macht des Willens. Denn vor einer so gemischten Versammlung wo die Schulsprache noch sorgfältiger als der Kanzleistyl zu vermeiden war, gemeinfaßlich und dennoch gründlich, mit Nüchternheit und doch mit Nachdruck, über mannichfache, oft verwickelte Sachen, frei, zuweilen unvorbereitet zu sprechen, so daß die Aufmerksamkeit nicht nur gereizt sondern festgehalten wurde, dieß konnte nur einem starken Vorsatze, allerdings durch große Mittel unterstützt, gelingen. Und woher dieser starke Vorsatz? ~Es war ihm ernst~; oder nach einem Spruche aus den Blüthenzeiten der Redekunst: ~das Herz machte ihn beredt~. Nie beschlich ihn Gleichgültigkeit oder auch nur Lauheit; nie Zagheit, nicht einmal Schüchternheit. Eine hohe Meinung von der Aufgabe des Abgeordneten; ein tiefes Gefühl von dessen Pflicht; die Ueberzeugung, daß das Rechte nicht auf platter Hand liege sondern aus der gründlichsten Erörterung allein zu Tage komme; das Vertrauen, daß ein gutes Wort eine gute Statt finde; das erfüllte, durchdrang und übernahm ihn; davon quoll ihm die Rede. Belehrt durch die Geschichte und noch mehr durch die Geschäfte, welche selbst eine niedere Art Geschichte sind, daß den meisten Irrungen zwischen Wohlgesinnte nur unrichtig gefaßte oder mangelhaft gewürdigte Thatsachen zum Grunde liegen, hatte er sein Absehen immer vorzüglich auf dieses Gebiet, als das zugänglichste für Aufklärung und dadurch für Verständigung, Annäherung, Vereinigung. [205] Ich kann nicht umhin noch einige Stellen aus dem erwähnten Ehrengedächtniß über die Amtsthätigkeit Rudharts in Passau anzuführen: »Nach dem Schlusse des dritten, von ihm besuchten, Landtages wurde Rudhart zum Präsidenten der Regierung zu Passau ernannt. Als oberster Staatsbeamter in einem Bezirke, der den dritten Theil Altbayerns umfaßt und eines großen Emporkommens fähig ist, konnte er wohl versucht werden, vielfach einzugreifen, um mit jenem gelinden Zwange, den eine geachtete Verwaltung auszuüben weiß, die Entwicklung zu beschleunigen, wozu ihm die reichen Mittel vor Augen lagen. Er enthielt sich dessen, überzeugt, daß in weiten Kreisen nur eigener Trieb gedeihlich wirke, der zu seiner Zeit von selbst eintrete, wenn ihm nur Recht und Ordnung den Weg bereite. -- Also mit Verzicht auf alles Außerordentliche, widmete er dem Ordentlichen seine ungetheilte Aufmerksamkeit, ohne vorzugsweise einen Zweig vor dem andern zu bedenken, sondern mit jener Unpartheilichkeit gegen die Sachen, die auch dem gerechten Manne zuweilen schwerer zu üben ist als gegen die Personen, ist er nicht, wie Rudhart, immer eingedenk, daß er im Namen des Landesherrn, nicht in eigenem, handle. Sein schneller und scharfer Blick drang, ohne daß er sich zerstreute, in alle Gänge der Verwaltung, deren kleinstes Getrieb er weit entfernt war als Kleinigkeit gering zu schätzen. Gewohnt, alles was ihm oblag frisch zu thun, begehrte er dasselbe, nicht unbillig, da es dabei mehr auf guten Willen als besondere Kräfte ankommt, auch von den Untergebenen, und wehrte dadurch, so viel an ihm war, einer der schwersten Plagen des gemeinen Lebens, der Zögerung in den Geschäften. Theilnehmend und wohlwollend, bemühte er sich nicht nur das Ungehörige abzustellen, sondern zu dessen Vermeidung anzuleiten, und nicht nur gegründete Unzufriedenheit durch Abhülfe, sondern auch unbegründete durch Belehrung zu heben. Für diese Amtsführung ist ihm die ~allgemeine~ Zufriedenheit zu Theil geworden, die sich schon bei seinen Lebzeiten mehrfach zu erkennen gegeben, später in dem Beschlusse des versammelten Landrathes von Niederbayern, ihm ein Denkmal zu setzen, auf das feierlichste ausgesprochen hat. Nicht selten fällt auf Ehrenbezeugungen dieser Art ein trübender Verdacht von Schmeichelei, wenn sie der Macht, von Prahlerei, wenn sie dem Ruhme dargebracht werden; ~dieses~ Denkmal, einem stillen Verdienste von einer Dankbarkeit, worein sich keine Nebenabsicht mischen kann, errichtet, wird in dem reinen Lichte der Wahrheit stehen. [206] Fr. ~v. Roth~ a. a. O. [207] M. v. +Edw. Giffard, Esqu. A short visit to the Ionian Islands p. 107+. [208] Der öffentliche Schatz der im Opisthodomus am Parthenon aufbewahrt wurde, hatte einmal über 14 Mill. Thaler enthalten. [209] +Hippocrat. de decent. ornat. p. 25+; +Galen. de opt. medic. phil. p. 9+. [210] +Pausan. III+, 23. [211] Nach dem Scholiasten zu Dionys. +Perieget. v. 499.+ [212] Die Zeit der Olympischen Spiele, welche in jedem vierten Jahre hier gefeiert wurden, diente zum Maaßstab der Griechischen Zeitrechnung; die Länge des hiesigen Stadiums zu 600 Fuß zum Normalmaaß der Räume. [213] Apostelgesch. 28, V. 7. [214] Auf diese Sichelform gründete sich sein alter Name +Zankle+. [215] Nach Torcias Beschreibung dieses Ereignisses. [216] Ein 2700 Fuß hoher Berg ist im Meer über 14 geogr. Meilen weit bemerkbar. [217] Nahe bei der Mündung des kleinen Flusses Helos (Almedo). [218] In meiner »Reise durch Südfrankreich und Italien.« [219] In meiner schon erwähnten Reise durch Südfr. u. Ital. [220] 2. Mos. 25, V. 9 u. 40. [221] 2. Mos. 31, V. 2 u. f. [222] Cosmus +III.+ in den Jahren 1694-1695. [223] Das Bild stehet in der Ep. Pauli an Timoth. C. 5, V. 5. [224] Im Landsitz Aedes, dem jetzigen Dörflein Pietola. *** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 79334 ***