*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 79332 *** ======================================================================= Anmerkungen zur Transkription. Das Original ist in Fraktur gesetzt. Die Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden. Eine Liste der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes. ======================================================================= =~Reise~= in das ~Morgenland~ in den Jahren 1836 und 1837 von +Dr.+ Gotthilf Heinrich von Schubert. Erster Band. Erlangen, =1838= ~bei J. J. Palm und Ernst Enke.~ ~Reise~ in das =Morgenland= in den Jahren 1836 und 1837 Erster Band. Erlangen, gedruckt bei C. H. Kunstmann =Ihrer Königlichen Majestät=, ~Theresia~, ~regierenden Königin von Bayern~, etc. etc. etc. Eure Königliche Majestät haben es nicht verschmäht einige Immortellenblüthen allerhuldvollest anzunehmen, welche jüngsthin ein armer Pilgrim, dessen Hand nichts Besseres zu geben fand, mit sich aus dem Lande einer alten Verheißung und Erfüllung brachte. Jene Blumen sind von der Sonne des Ostens zum Leben geweckt und groß gezogen worden, und auch jetzt, wo der Reiz des besondren Lebens erloschen ist, blieb ihnen wenigstens das buntfarbige Gewand, mit welchem Sonne und Boden des reichen Geburtslandes sie umwebten. Dem Buche, das der Pilgrim Eurer Königlichen Majestät hiermit in tiefester Ehrfurcht zu Füßen legt, mangelt zwar das lieblich bunte Gewand der Immortellen; die Gluth der Sonne, welche auf die Arbeit fiel, war für die Kraft der Darstellung zu übermächtig; mit dem frischen Triebe der Gestaltung ermattete und verblich öfters auch die äußere Farbe. Dennoch hat vielleicht derselbe Strahl, der das Grün zerstörte, dem kahlen Felsen der Wüste irgend eine Beleuchtung gewährt, die das Auge zum Aufmerken bewegt. Dieses allein gab dem Verfasser den Muth Eurer Königlichen Majestät eine Reisebeschreibung in tiefester Ehrfurcht zu widmen, deren Erinnerungen von einem Morgenroth der Zeiten beleuchtet sind, welches Eure Majestät kennen und lieben, und von einem Thau des Thabor und Hermon benetzt, dessen Segnungen im reichsten Maaße über Allerhöchst Sie und das ganze Königliche Haus kommen und fortwährend auf ihm verbleiben mögen. Ich beharre in tiefster Ehrfurcht =Eurer Königlichen Majestät= allerunterthänigster München den 21ten August 1838. ~G. H. v. Schubert.~ Vorwort. Ich gebe hier den ersten Band der Beschreibung meiner Reise in das Morgenland, welcher freilich gerade da zu erzählen aufhört, wo der Weg nach dem eigentlichen Ziele meiner diesmaligen Wandrung seinen Anfang nahm. Möge daher die Gedult des Lesers nicht ermüden, wenn ich ihn, nothgedrungen, zuerst in diesem Bande durch jenes unfruchtbarere Dickig der vorbereitenden Wege und Schwierigkeiten führe, durch welches ich selber hindurch mußte, um auf das freie Feld der größesten Thaten und Geschichten unsres Geschlechts hinaus zu kommen. Freilich war durch die Beschaffenheit des Bodens, über welchen dieses erste Drittel der Reise seinen Gang nahm, die Aussicht nach dem hehren Endziel noch sehr gehemmt, doch brach auch da schon zuweilen ein Strahl in das Dunkel herein, der zum Weitergehen Freudigkeit und Kraft gab. Der zweite Theil, welcher durch die Stätte des Reiches der Memphiten und durch die Wüsten des Sinai und des Hor nach dem gelobten Lande führen soll, wird dem ersten sehr bald, dem zweiten dann der dritte und letzte in möglichst kurzer Zeit nachfolgen. In diesen beiden folgenden Bänden werde ich namentlich die naturwissenschaftlichen Bemerkungen auf den ungleich engeren Raum der Notenschrift verweisen. Jenen Lesern, welche ihrem Auge die Lust der unmittelbaren Anschauung mancher in meiner Reise berührten Gegenden verschaffen können und wollen, darf ich die lithographirten Abbildungen empfehlen, welche mein Reisegefährte, Herr Maler ~Bernatz~, durch die Steinkopf'sche Buchhandlung zu Stuttgart öffentlich mitgetheilt hat. Ich kann versichern, daß diese Abbildungen wenigstens treu und wahr sind, während so viele andre Bilder von Gegenden und Orten des gelobten Landes, welche in diesem Augenblick verbreitet werden, entweder ganz erdichtet, oder doch durch ein diesen Gegenständen fremdes, blendendes Gewand entstellt sind. München am 21ten August 1838. =Der Verf.= Inhalt des ersten Bandes. I. =Einleitung.= Die innren Beweggründe des Verfassers zu seiner Reise und das Ziel von dieser, S. 1-34. II. =Reise nach Constantinopel= S. 35. ~Abreise von München nach Wien.~ Abschied vom Hause S. 35-36; Fernansicht der Alpen 37; die Reisegefährten 37-38. -- Wasserburg 39; Salzburg 40, 41; Frankenmarkt 42; Kleinmünchen 43; Lorch und Strengberg 44; die Donauufer 45; Mölk 46-48; St. Pölten 49; Perschling 50; Ankunft in Wien 51; der Jahrestag der Entsetzung Wiens im Jahr 1683, S. 52-56. ~Wien.~ Erster Eindruck S. 57, 58. Die Stephanskirche 59, 60; andre Kirchen 61; der Josephsplatz und seine Gebäude 62-63. Dankbare Erinnerungen des Reisenden 64, 65; Schönbrunn 66. ~Die Donaufahrt von Wien nach dem schwarzen Meere.~ Abreise von Wien S. 66, 67; eine neue Mitreisende 67; Fischament, Petronell, Hainburg 68; Theben und Preßburg 69; die Insel Schütt und Comorn 70; Vissegrad und Waitzen 71; Pesth 71; Hemmung der Weiterfahrt durch Nebel 72; Beginn der ungarischen Ebene 73; Tolna 74; Mohadsch mit seinen historischen Erinnerungen 74-77; Nachtruhe bei Dalya 77; Vukovar und Illok 78; Peterwardein 79; Carlowitz, Slankamen, Szurduck 80; Semlin 81, 82; Belgrad 83-86; Semendria 87; Rama, Gradiska und Bassiadsch 88; Alt- und Neu-Moldawa 89; Golubadsch und seine Mordmücken 90, 91. Der Anfang der Engpässe des untren Donaulaufes 92, 93; Fahrt durch dieselben und über die Donauwirbel in einem Ruderschiff von Trenkova nach Alt Orsowa 93-97. Aufenthalt in Alt Orsowa 97-100; Reise zu den Herculesbädern bei Mehadia 101; die Heilquellen des Ortes 102-104; die Natur der Umgegend 105, 106. Die Reise durch den eisernen Thorpaß 106-107; Skela Kladowa 108; die Trajansbrücke 109, 110; Widdin 111; türkische Reisegefährten 112; das bulgarische Donauufer 113; Nikopoli und seine historischen Momente 114-119; Rusdschuk 120; Giurgevo 121; Silistria 122; Brailow 123; Galladsch 124, 125; Isadschi und Tuldscha 126; die Ausfahrt aus der Donau 127. ~Die Fahrt auf dem schwarzen Meere und durch den Bosporus.~ Die Bewegtheit des Pontus Euxinus S. 128; die Seekrankheit 129; Varna 130; Einfahrt in den Bosporus 131; Rumili und Anatoli Kawack 132; die Naturschönheit des Bosporus 133, 134; Sarijari und Bujuckdereh 135; der Riesenberg und die Papiermühle 136; Begkos, Sultania, Indschirkoi, Stenia, Tschübükli 137; Göcksu und Rumili Hissari 138; Fernansicht der Hauptstadt 139. ~Constantinopel.~ Erster Eindruck S. 140-142; die Pest 143, 144; Ansicht der Stadt vom Hafen aus 145. Unsre Dragoman 146; das Mehlthor 147; die Pantokratorskirche und Wasserleitung des Valens 148; Moschee Mohammeds +II.+ 149, 150. Uebersicht der Stadt vom Thurm des Seraskiers und Andeutungen der Oertlichkeiten des alten Byzanz 151-154. Gastfreiheit der Thurmwächter 155; Aussicht nach der Umgebung und auf die jetzigen Haupttheile der Stadt 156, 157; die Suleimansmoschee 158-161; die Gasse der Teriakis 162; Kaffeehäuser und altes Serai 163; die Bajasidsmoschee 164; Ueberlieferungsschule 165; die verbrannte Säule 165-167; sogenannter Pallast des Belisar 167; die Cisterne der tausend und eine Säulen 168; der Hippodrom oder Atmeidan 169-171; die Achmedmoschee 171 u. 172; die dreifache Schlange und der Obelisk des Hippodroms 172 u. 173. Die Aja Sophia 174-178; Grabmal Murads III. 179; Sorbetladen 180. Das neue Serai mit manchen seiner historischen Erinnerungen 181-188; die hohe Pforte 189, 190; Osmans +III.+ Moschee und der große Bazar 191; Sultan Abdulhamidschans Begräbnißplatz 192; Hafenseite des neuen Serai's 192; öffentliche Bäder 193. -- Die zweite Wandrung durch Constantinopel. Das griechische Patriarchat 195; Ajasma der Blachernen 195; Vorstadt der Töpfer 196; Ejubs Vorstadt, Moschee und Begräbnißplätze 197-201. Ruinen des byzantinischen Kaiserpallastes des Hebdomon 202 u. 203; das Adrianopelthor 203 u. 204; die Moschee der Sultanin Mihrmah, 205 und Selims I. 206. Das Kanonenthor 207; Balikli 208 u. 209. Die Stadtmauern 210 u. 211; die sieben Thürme und die goldne Pforte des alten Cyklobion 212. Kirche des h. Polycarpos so wie die der Armenier 213 u. 214; der Bezirk Condoscale 215; großes Kaffeehaus am Hafen 216. ~Die Vorstädte und Umgegend von Constantinopel.~ Die älteste vom Apostel Andreas begründete Christengemeinde in den Vorstädten von Byzanz 217-219; die Vorstädte Südlidsche und Piripascha 220; Chasskoi 221; Kassim Pascha 221-225; Galata 226-229; Pera 230; die tanzenden Derwische 234 u. 235; Bonnevals Grabmal 236; Topchana 237, 238; Skutari 239-241; die Prinzeninseln 241-243. Einige naturgeschichtliche Bemerkungen über die Umgegend von Constantinopel 244-249; Wandrung nach Bujukdereh 250-252. III. =Reise von Constantinopel nach Smyrna= S. 253. Rückblicke auf die letzten Tage unsres Aufenthaltes in Pera S. 253 u. 254. Historische Erinnerungen, welche der Anblick der Ufer des Propontis weckt 255-258; der Abend auf dem Propontis 258; der Fernanblick des Rhodopegebirges im Morgenlichte 259; Gallipoli und Lampsacus. Die nachbarlich im Hellespont sich gegenüberstehenden Ufer von Asien und Europa 261; Sestos und Abydos 262; die Dardanellen 263, 264. Ilions Küste 265-268. Tenedos 268; Imbros, Samothrake und Lemnos 269; Lesbos 270; Anblick von Smyrna 271. ~Smyrna.~ Erster Eintritt in die Stadt S. 272. Bucht von Smyrna 273; die verschiedenartigen Bewohner der Stadt 274, 275; die Akropolis 275, 276; Grabstätte des h. Polykarpos 277. Das asiatische Griechenland eine Geburtsstätte vieler Heroën der Wissenschaft und Kunst 278-280. Das Thal des Mäandros 281; Celänä ebendas.; Colossä und Laodicea 282; Hierapolis 283. ~Reise nach Ephesus.~ Sediköi S. 284; Fernblick nach den Gebirgen des Kaystros 285; Trianda 286; die Jurucken 287-288; Verwüstung der Gegenden durch Niederbrennen der Gesträuche 289; Metropolis 290; Jeniköi 291; Nachtlager daselbst 292; der Phyrites und Pagasäische See 293; Thal des Kaystros 294; der Aquädukt von Ajasaluk 295; die Akropolis 296; das Oertlein Ajasaluk 297; St. Johannis Bleibstätte und Kirche 298; das von Lysimachus erbaute Ephesus 299; Stadium und Theater 300; Stätte des Dianatempels 301 u. 302; Erinnerungen an die hiesigen Synoden 303; an Tamerlans Lager 304; Böreklüdsche Mustapha 305; Christengemeinde zu Ephesus 306; griechischer Hirt und türkischer Landmann 307, 308; geistige Polar- und Tropen-Bewohner 309; Rückreise nach Jeniköi 310 und Budscha 311. ~Reise nach Magnesia und Sardis~ S. 312; Fernblick auf das Gebirge des Hermosthales 313, allgemeine Schilderung desselben 314; die sieben apokalyptischen Gemeinden 315; Pergamos 316 u. 317, Thyatira 318, 319. Abreise von Smyrna nach Magnesia 320, der Mimnolus 321, 322; Ankunft in Magnesia und Nachtlager im erzbischöflichen Pallast 323-325; Besehen der Stadt 326; die vormalige christliche Kirche am Burgberge 327; türkische Schulen 328; die Akropolis 329; Themistokles in Magnesia 330; Murads +II.+ und +III.+ Andenken 331; Jusuff Effendi 332. -- Weiterreise am Sipylos hin 333; Fernansicht des Tmolus 334; Ankunft und erstes Nachtlager in Kassabah 335. Weiterreise; türkische Todtenäcker in Gegenden wo kein Dorf mehr ist 336; Teriköi; Karawane von Armeniern 337; Achmedli 338; wandernde Schaaren der Turkomanen 339; Grabeshügel des Alyattes und Gygäasee 340; Bergabhang des Tmolus 341; volle Ansicht dieses Gebirges 342. Ankunft bei den Ruinen von Sardis (Sart) 343; Ueberreste des Theaters und der christlichen Kirchen 344; Spuren und Geschichten von den hiesigen Erdbeben 345. Die älteste Christengemeinde von Sardis 346; die Gerusia 346, 347; Geschiebe des Paktolus 348; der Cybeletempel 349. Rückkehr nach Kassabah und zweites Nachtlager daselbst 350, 351. Berichte über das alte Philadelphia 352-355; Rückreise nach Magnesia 356, 357. Besuch bei dem Oglu Bey in Magnesia 358; ein türkischer Rechtshandel 359 u. 360; Rückreise nach Budscha 361 u. 362. ~Rückkehr nach Smyrna.~ Dankbare Erinnerungen an diese Stadt und ihre Bewohner S. 363-369; naturgeschichtliche Bemerkungen 369-382; Anstalten zur Abreise 383, 384; Einzug in das Schiff 385, 386; Besorgnisse wegen der Pest 387, 388. +IV.+ =Reise von Smyrna nach Alexandria und Cairo.= Abfahrt S. 390; Blicke auf den heutigen Weg des Schiffes und auf die Bewohner seines Innren, namentlich auf unsre türkischen Reisegefährten, die Hadschis 392-394; ärztliche Hülfleistung 395, 396; getäuschte Hoffnung 397. Die Oenussischen Inseln 398; Aussteigen an der einen derselben und Beschreibung derselben 399-402; nächtliche Unterhaltungen der Hadschis 403. Aussteigen an einer andern Insel 404; Aussicht auf Tschesme und Erinnerungen an die Seeschlacht von 1770 S. 405-407; Beschreibung der Insel 408-410. Abermaliger Besuch auf der vorgestern bestiegenen Insel 411-413. Weiterfahrt 414. Ansicht von Samos 415, 416; Ikaria 417; nächtlicher Sturm 418; Patmos, Leros, Cos 419; Halikarnassos und Cnidos 420. Erste Annäherung an Rhodus und vergeblicher Versuch auf ihm zu landen 421-423; rückgängige Bewegung des Schiffes und Einlaufen desselben in Symi 424; Eindruck dieser Insel aufs Auge 425; die älteren und neueren Bewohner der Insel 426-428; Aussteigen ans Land und Betrachtung desselben 429 u. 430; verdrießliche Stimmung und Wiederaussöhnung der Hadschis 431, 432; Kajütenleben bei schlechtem Wetter 433. Nochmaliges Aussteigen an der Insel 434; Vermuthungen über den Grund der eigenthümlichen Gestaltung des hiesigen Kalksteines 435, 436. Streit des Capitäns mit den Hadschis 437; Abfahrt von Symi 438; blinder Feuerlärm 439; Telmessus 440; endliches Einlaufen im Hafen von Rhodus 441. ~Rhodus.~ Erster Eindruck S. 441, 442; Rückblick auf die älteste Geschichte der Insel 443; die Zeit der Ritter 444; Abgabe und Wirkung unsrer Empfehlungsbriefe 445; Milde der türkischen Quarantäne 446; Spaziergang nach der Stadt 447; die Ritterstraße und vormalige St. Johanniskirche 448; der Johannisthurm 449; Gärten der Stadt und Allerheiligenkirche 450; Schulen in Rhodus 451; Rückkehr ins Schiff und neuer Besuch des Landes 452. Die ältesten Belagerungen der Stadt 453; jene durch Mohammed +II.+ 454-457; Belagerung und Eroberung durch Suleiman den Großen 458-461. Spaziergang in die Umgegend 462; Freuden der Locanda 463; Aufhebung der Quarantäne 464; Erinnerungen an den Kampf mit dem Drachen 465; genaures Besehen der Stadt 466, 467; Liebeinsam 468; Winterflora der Umgegend 469, 470. Familie des Consul Giulianich 471; ein Seesturm vom Lande gesehen 472 u. 473; Ruhe der Locanda 474; vergebliche Sorgen 475; Hassans Mittheilungen 476; schneller Wittrungswechsel 477; Uebernachten und Erwachen am Lande 478; Abschied von Rhodus 479. ~Die Seereise von Rhodus nach Alexandria~ S. 480. Ausfahrt aus dem Hafen und Aussicht auf die Ufer der Insel 480. Abschied vom Anblick des Landes 481; stürmische Fahrt über das weite Meer 482; Streit der beiden Capitäne, bei welchem der griechische Recht behält 483; Ankunft in Alexandria 484. ~Alexandria.~ Erster Anblick S. 484; freundlicher Empfang 485; Ausschiffung der Hadschis in das Quarantänegebäude 486, 487. Besuch beim Sprachgitter am Lande 488; große Illumination beim Anfang des Ramadans 489; stürmisches Wetter im Innren und Aeußren 490, 491; Quarantäneleben auf dem Schiffe 492, 493; Beendigung der Quarantäne und freier Austritt ans Land 494; erste Besuche in der Stadt 495. -- Aufsuchen des alten Alexandria im neuen 496; die Stätte des Bruchion und seines Museums 497; Erinnerungen an das, was hier geleistet worden 498; Größe des alten Alexandria 499; der Molo 500 u. 501; die Nekropolis und das sogenannte Bad der Kleopatra 502; der Mareotissee 503; die Pompejussäule 504; das Gymnasium 505; Circus und Stadtmittelpunkt 506; das Serapion 507; das Alexandria der Sarazenen 508; Verheerung durch die Türken 509. -- Die Winterzeit in Alexandria 510; das Frankenquartier 511; der Weihnachtsabend 512; Landzunge von Abukir und Stätte des alten Canopus 513. ~Die Nilfahrt nach Cairo.~ Einrichtung der Nilbarke; Birket Gitas S. 514; Frühlingsabend am Machmutskanal 515; Adfu 515. Erster Anblick des Nils 516; die Reize des Landes in seiner Blüthenzeit 517, 518; Fuch und Salmieh, 519; die Stätte des alten Sais 520; Schabur (Andropolis) 522; Salamun 523; Schluß des alten und Beginn des neuen Jahres in Zayrah 523-526; Abentheuer in Ghisahi 527; erster Anblick der großen Pyramiden 528; Gedultsübung durch Windstille 528; Weiterfahrt mit starkem Seitenwind 528; Ankunft in Boulak 529; starker Gewitterregen 530; Aussteigen ans Land 531; erste Annäherung an Cairo 531. I. Einleitung. Wohin willst du? »Wohin willst du?« so fragen wir den Wandrer, den wir auf einem einsamen, von uns noch nie betretenen Stege einholen, und an den wir uns, wenn er etwa gleichen Weges mit uns gienge, als Gefährten anschließen möchten. »Wohin willst du?« so möchte wohl auch der zum Mitreisen geneigte Leser den alten Wandrer fragen, welcher in den nachfolgenden Blättern die Geschichte seiner Reise nach dem Morgenlande beschreibt. Dieselbe Frage wurde schon viermal, zu vier verschiedenen Zeiten meines Lebens an mich gethan und ich brauche hier nur zu berichten, was ich jene vier Male auf sie zur Antwort gegeben. Es hat wohl selten ein Mensch, der kein Schweizer von Geburt war, so tief, so verzehrend am Heimweh gelitten, als ich. Da ich, in meinem neunten Jahre zum ersten Male vom Hause der Eltern getrennt, an einem fremden Orte lebte, um dort die Schule zu besuchen, da schien mich auch die Miene eines Jeden, der mir theilnehmend in mein verweintes Auge schaute, zu fragen: »~wo willst du hin?~« und jeder Nerv, jede Ader meines Wesens antwortete: »Ich will zum Hause meiner Eltern.« Dachte und sprach ich ja, außer den Stunden der Schularbeit nichts andres als was die Heimath, was das Elternhaus angieng; das Heimweh ließ mich nicht einschlafen, ließ mich nicht ausschlafen; es ließ mich nicht ruhen beim Spiele der Kinder, nicht froh werden beim Essen, wenn ich auch noch so hungrig war: im Hause der lieben Mutter hätte mich wohl trocknes Brod und Wasser mehr vergnügt, als in der Fremde Alles was süß und lecker ist. Mein Heimweh wurde nicht eher still, bis die Thräne kam; die bittre süße Thräne des heißen Sehnens nach dem Elternhause, die anfangs im Verborgenen, später aber, immer zudringlicher um Mitleid und Hülfe flehend, auch vor Andren geweint wurde. Ich wundre mich selbst darüber wie ich so gar siech und elend vor Heimweh seyn konnte. Von Natur war ich ein kräftiger, muntrer Knabe, dem, das wissen Alle die mich in meiner Kindheit kannten, kein Thurm- oder Kirchengemäuer zu hoch und zu gefährlich, kein Baum oder einzeln hinausragender Ast zu gäh oder zu schwierig zum Besteigen war; der ohne Grubenlicht dem Bergmann nachschlich in die dunkle Tiefe[1] ohne sich von dem Sausen und Heulen der Kunsträder und Saugwerke stören zu lassen. Ich liebte die Einsamkeit und gieng oft stundenlang im Buchen- und Tannenwald umher, suchend nach Dingen, nach denen Keiner unter meinen Gespielen Verlangen trug, außer mir. Und an dem fremden Orte, wohin man mich in meinem neunten Jahre gebracht hatte, wohnte ja meine liebe, älteste Schwester und der Vorstand der gut eingerichteten, kleinen Schule, war mein eigner Schwager; wie kam es doch da, daß jeder Odemzug, jeder Blutstropfen in mir nur nach dem Elternhause ächzte und hinjagte, und daß mich die kindische Thräne des Heimwehes so blind machte gegen all das Tröstliche und Gute das um mich her war? Freilich hatte das Elternhaus gar besondere Dinge in und an sich, die ein junges Herz, gerade je stärker beweglich es war, desto mehr zu sich hinziehen konnten. Es wohnte da vor allem eine Mutter, welcher eine Gabe und Macht der Liebe zu Gott und den Ihrigen, so wie zu allen Menschen verliehen war, wie dergleichen nur selten in einem Menschenherzen gefunden wird; eine Liebe die überall um sich her Friede, Freude und heitres Wohlseyn ausstrahlte, weil sie in beständiger, das eigne Selbst vergessender That lebendig war. Mit ihr ein Vater, über dessen kräftiges Wesen die Ruhe eines guten Gewissens vor Gott und den Menschen ihren Fittich breitete, ein Mann in Wort und That, dessen ganzem, festen Wesen der Wahlspruch eingeprägt war: »schlicht und recht das behüte mich«[2]. Dabei noch zwei Schwestern, welche dieser Eltern Kinder waren und welche den jüngsten, spätgebornen Bruder von Herzen liebten. Das Elternhaus hatte aber außer dem innern, mächtig anziehenden Reiz noch einen andern, auch äußeren: das war die hohe Anmuth der Gegend in welcher es lag. Das nachbarlich an diese angrenzende Muldenthal hat schon vor zweihundert Jahren einen begeisterten Lobredner und Sänger gefunden, an meinem mir sehr theuren, vielgereisten Landsmanne ~Paul Fleming~ aus Hartenstein, von welchem namentlich das schöne Lied: »In allen meinen Thaten« so lange forttönen wird als es einen deutschen christlichen Gesang giebt[3]. Der Berg aber, der sich wie eine hehre Warte an der Westseite der kleinen Halbinsel erhebt, welche durch die beiden gleichnamigen Schwestern: die Freiberger und Zwickauer Mulde gebildet wird; der Berg worauf meine kleine Vaterstadt Hohenstein, in der Grafschaft Schönburg liegt, trägt denn doch jenes Element, an welchem sich in der Brust des Schweizers das Heimweh entzündet, in noch viel höherem Maaße an sich, als das liebliche Muldenthal. Er ist ein Rigiberg im Kleinen; ein Gilead zwischen der hehren Gebirgsgegend des Südens und der hier angränzenden, fruchtbaren Ebene des Nordens. Die Kirche des Städtleins, mit ihrem Thurme, wird wegen der hohen Lage weithin im Lande gesehen; nahe bei dieser Kirche wohnten meine Eltern. Von den Fenstern ihres Hauses, mehr aber noch vom väterlichen Garten am Thurme und von der an ihn angrenzenden Höhe überblickt man gegen Süd und Südost zunächst ein wellenförmig emporsteigendes, von grünenden Thälern durchschnittnes, hügliches Land, über dessen Saum weiterhin die Gebirgskette der erzreichen Sudeten, mit ihren Granitzinnen und rundlichen, basaltischen Kuppen emporsteigt; in West und Südwest erheben sich die waldreichen Hochufer des Muldenthales, und in weiter Ferne die Voigtländischen Gebirge; gegen Norden ergeht sich die Aussicht ungehemmt über die weite Ebene des niedreren Muldenlaufes; tief am Horizont zeigt sich noch, als letzte dem Auge wahrnehmbare Erhöhung, der Petersberg bei Halle. Damals, in den Zeiten meiner Kindheit, war der seitdem fast kahl gewordene Scheitel unsres vaterstädtischen Berges von einem Walde der hohen Edeltannen und Buchen umkränzt, aus dessen kühlem Schatten mancher seitdem versiegte Quell hervorströmte, in dessen dunkeln Zweigen mancher seitdem verstummte Gesang der Vögel ertönte. Allerdings war das ein Anblick von seltner Art, wenn von den Fenstern des Elternhauses aus gesehen die Morgensonne an einem hellen Wintertage über die beschneiten Felsenwände des Greifensteines (bei Geyer) emporstieg und wenn nun die beeisten Bächlein im Thale wie Silberfäden das dunkle Grün der Fichtenwälder umspannen, oder wenn das Abendroth seine Flammen über dem Voigtländischen Gebirge und im Nachbarwald der Edeltannen spielen ließ und der Rabe schreiend von dem Flug des Tages wiederkehrte. Der Sturm hatte auf diesen freien Höhen, wenn er die Zweige des vereinzelt stehenden Baums erfaßte oder durch die Schalllöcher des Thurmes hindurchstrich, einen ganz andren, mächtigeren Laut als anderswo; der Strahl der Frühlingssonne, wenn er in das grünende, terassenartig emporsteigende Thal trat, das in Süden und Westen den Fuß des Berges umwindet, oder wenn er auf den südlichen Abhang von diesem selber fiel, weckte da mit den Maibrunnen[4] zugleich eine Mannichfaltigkeit der Frühlingsblumen des Gebirges, wie sie, in gleicher Fülle nur selten erscheint. Der alte Wandersmann, der damals als Knabe mit einer freilich kindisch übertriebenen Vorliebe an der Gegend seines Geburtsortes hieng, hat seitdem manche Länder und Gegenden gesehen, die wohl zu den schönsten der Erde gehören, noch aber wird ihm das Herz warm, wenn, nach langer Abwesenheit wieder einmal sein Blick, verjüngt wie ein Adler, von der Höhe des Berges seiner kleinen Vaterstadt einen Ausflug weithin über die Thäler und Berge machet. Im Garten meines Vaters, wie im Thal und auf den Höhen hatten jeder bunte Stein, jede Blume für mich ihre besondere Sprache, ihren Namen; die kleine, glänzende Quarzdruse, die mein erstes, köstliches Besitzthum der Art war, verwahrte ich, wie einen, wenn etwa Feuersgefahr ihn zerstörte, unersetzbaren Schatz, in einer Oeffnung der innern Gartenmauer. Wenn mich dann auch beim Anblick des Bergsaumes, der den Horizont begränzte, je zuweilen das Verlangen anwandelte, zu sehen was jenseits der Berge wäre, so hatte ich doch Viel zu Viel und angelegentlich mit dem Elternhause und seiner Umgebung zu schaffen und zu reden, als daß mir, da zum ersten Male die Frage an mich ergieng, »wo willst du hin?« eine andre Antwort möglich gewesen wäre als die: »zum Hause der Eltern.« Der Wunsch, der in dieser Antwort lag, wurde gewährt; nach etwa zweijährigem Aufenthalte an fremdem Orte kam ich wieder heim und blieb im Hause der Eltern bis zur Gränze des Knabenalters. Ueber die ersten beiden Jahre der neuen Trennung breitete ein jugendlicher Leichtsinn seinen Nebel; an dem Orte wo ich damals war, konnte keine Art von Heimweh, konnte nichts Tieferes aufkommen; es war nichts da, was die Tiefe aufregte. Da zog mich, wie eine sichere Ahnung des Künftigen, dergleichen ich in meinem Leben öfters erfahren, ~Herders~ mir kaum bekannter Name, Herders Gegenwart nach Weimar, und siehe es ward mir das Glück zu Theil in der Nähe dieses großen Geistes, der seinem Zeitalter ein Ararat, ein Ort der Bergung vor großen Wassern war, aufzuwachen, zum innern, geistigeren Leben. Was ich etwa späterhin als wissenschaftlicher Schriftsteller hervorgebracht habe -- es ist so Weniges und so Mangelhaftes, daß ich fürchte es würde den theuren Mann beschämen, wenn er diese Worte vernähme -- dazu danke ich, nächst Gott, den ersten Antrieb und die erste Anregung ~Herder~. In diese lebendig, bis in die Tiefe aufgeregte Zeit meiner Jünglingsjahre fällt nun der zweite Brennpunkt meines Lebens, an welchem mein Innres die Frage vernahm und beantwortete »~wohin willst du~?« Die Frage ließ sich zwar damals wiederholt vernehmen, es ist mir aber vor allem ein Moment in der Erinnerung stehen geblieben, in welchem, wie mir scheint, Frage und Antwort am lautesten sich begegneten. Ich erzähle was mir damals geschehen. Es war ein Tag des eben beginnenden Frühlinges, ein solcher, der in allen Seelen das Vorgefühl eines Lebens weckt, das niemals aufhört, da wollte in mir das Heimweh, das bittersüße, nach dem Elternhause zum zweiten Male, und wie mir schien, innig tiefer als jemals erwachen. Ich stund, ganz allein, an dem kleinen See eines stillen Thales. Das Gewölk gegen Süd und Ost hatte sich leise geöffnet; ein röthlicher Schimmer schwebte am Horizont; ein röthlicher Strahl fiel aus dem Gewölk auf die Bäume am Ufer und auf den Spiegel des Sees; es war als wollte noch jetzt, am Mittage, der ganze Himmel in Morgenroth sich auflösen. Eine Schaar der erst neulich wiedergekehrten Vögel, die über den See flog, wurde nur gesehen, nicht gehört; die Lerche, als dürfte sie die Stille des Thales nicht stören, sang ihr Lied hoch in der Luft; das Gebüsch wie der Baum waren schweigend in das Geheimniß ihres Wachsens und Gedeihens versenkt; es war wie ein Warten in der Natur: ein Warten, das seinen Mund nicht aufthut, weil sich das sehnlich Erwartete schon nahet. Es sind dieses Stunden, da der Geist, welcher in der Natur webt und waltet, dem Geiste, der im Menschen lebt, mehr denn sonst sich nähert, deutlicher denn sonst sich ihm kund giebt. Das Sehnen das in dem heimwehkranken Herzen so eben noch von dem Elternhause sprach, schwieg, mit der schweigenden Natur; wie ein Wandrer, wenn er bei einer am Wege stehenden Menschenschaar vorüberkommt, welche unverwandt, in stiller Erwartung, nach einem vor ihr gelegenen Punkte hinblickt, unwillkürlich sein Auge dahinwendet, wohin die Andren sehen; so lauschte der innre Sinn des Jünglinges, von welchem wir hier, aus seinem eignen Munde erzählen, auf eine Stimme, die ihm sagen könnte, wohin dieses Warten der Natur gienge? Die Frühlingssonne trat jetzt frei aus dem Gewölk hervor, da endete das Schweigen; die Nachtigall im Gebüsch begann ihr erstes Lied: das Lied, das nach dem Verlauf der Wanderzeit durch ferne Auen, die wiedererreichte Heimath begrüßt. Dem Jünglinge war es als sey heute sein innres Ohr geöffnet; als verstünde er die Sprache der Sängerin, die mitten in die Begrüßung der Heimath das Lob des Landes verwebte, aus dem sie so eben kam. »Ja,« so schien mirs lautete der Inhalt des Liedes, »ja das Wiedersehen der Stätte, die mich gebar, ist süß, und mächtig der Zug, der mich nach ihr zurückführte; mächtiger aber noch war jener, der mich im Spätsommer, als hier noch Feld und Gebüsch mit all ihrer grünenden Fülle geschmückt waren, hinwegtrug über Meer und fernes Land, in die Geburtsstätte der höheren Art, aus der sich am Morgen die Sonne erhebt und über die ihr Weg am Mittage hinübergeht. Das Sehnen, das zum Wandern treibt, weiß von einer doppelten Heimath: von jener, in der das einzelne, sterbliche Leben geboren ward und erzogen, und von einem andern, aus welchem das Leben Aller, das Leben des ganzen Geschlechts seinen Anfang nahm.« Es war freilich nicht bloß das Lied der Nachtigall oder die begeisternde Kraft die in der Schönheit des Frühlingstages lag, sondern mehr denn beide war es ein innres, aus der Seele selber kommendes Bewegen, was in jener Stunde dem enger beschränkten Heimweh, das noch kurz vorher sich schmerzlich geregt hatte, eine neue Richtung gab; was dem Herzen auf die abermals wach gewordene Frage: wohin willst du? die Antwort einsprach: »in das Land des Aufganges der Geschichte meines Geschlechts.« Eine unbeschreibliche Lust zum Wandern, zum weiten Wandern hatte mich seitdem ergriffen; meine liebste Erholung von dem gewöhnlichen Werk des Tages war das Lesen von Reisebeschreibungen, und wenn im Herbst die kleinen Zugvögel auf der Heide sangen: »ziehe mit« -- »ziehe mit,« da konnte ich nicht widerstehen, ich ergriff den Wanderstab, und zog, so weit es gehen wollte über Berg und Thal, bis zuletzt, nach vierzig Jahren -- denn so weit liegt jener Frühlingstag meiner Jugend[5] schon hinter mir, es mir war, als ob der Wanderstab, den ich so lange rüstig geführt und bewegt hatte wohin ich wollte, jetzt mich, bei schon ergrauendem Haare erfaßte und mich führte dahin ich gehen ~mußte~. Ehe ich aber dieses Begebniß, so wie jenen entscheidendsten Augenblick meines späteren Mannesalters beschreibe, da in meinem Innern zum dritten Male die Frage gefragt und beantwortet wurde: »wohin willst du« muß ich zuerst noch über den Sinn der Antwort, die mir das zweite Mal auf jene Frage in Herz und Mund gelegt wurde, etwas Weiteres berichten. Es wirkt nicht allein auf den Vogel ein zweifacher Zug zum Wandern: einmal nach dem besondren, engbeschränkten Bergungsplatz, da sein mütterliches Nestlein ist, und Nahrung für ihn und die Jungen, dann nach dem allgemeineren, weiteren, da die zahllosen Schaaren seines Geschlechts Bergung vor dem Winter und Fülle der Nahrung finden, sondern auch im Menschen regt sich ein ähnlicher, doppelter Zug des Heimwehes und der Wanderlust. Kaum giebt es ein Volk der Erde, in welchem nicht, wie ein Jugendtraum noch die Kunde nachtönte von einem Lande des gemeinsamen Ursprunges, von einer paradiesisch reichen, früheren Heimath seines Geschlechts, und in welchem diese Kunde nicht einen Zug des Heimwehs aufregte. -- Ein Berg war es, bewacht von geisterhaften Mächten: der Goldberg Meru, von welchem, nach der Sage der Inder, als von dem Wohnsitz der seligen Götter, der Ausgang des Schaffens geschehen; die Kunde von diesem Paradiese, dessen ewige Fülle von keinem Sturme bewegt ward, kleidete sich bei den Griechen in die Sage vom Lande der Hyperboräer; ein letzter Nachklang der alten Ueberlieferung war vielleicht selbst die Dichtung von der Nibelungen Hort. Wie die Magnetnadel in den Gegenden, die ostwärts dem physikalischen Erdpole liegen gen Westen, in denen die westwärts gelegen sind gen Osten hinweiset: nach dem Punkte, von welchem ihr lebendiges Bewegen ausgieng; so weiset uns ein altes Sehnen der Völker in Osten, wie die Stimme des sterbenden Confucius, wie der Stern jener Weisen des Morgenlandes nach Westen, während sich das Erwarten der Bewohner des Westens gegen den Aufgang, als auf das Land der Erfüllung hinwendet. Es ist dieses Heimweh des Menschen nach dem vormaligen, paradiesisch schönen Wohnsitz seines Geschlechts zum Theil selbst ein anregendes Element für die Wanderungen der Völker gewesen, welche im Reiche des Sichtbaren vergeblich nach dem suchten, das nur in einem Reiche des Höheren zu finden war. Und dennoch spiegelt sich ja immer, auch im Sichtbaren und Niedreren, das Höhere, nicht mehr im Bereich des Sichtbaren Liegende ab; es läßt sich wirklich, auch noch auf Erden eine Stätte bezeichnen, welche auf den Namen des Ausgangspunktes der Geschichte unsers Geschlechtes und der zunächst zu diesem gehörigen organischen Natur einen Anspruch machen kann. Seitdem ~Paul Tournefort~ auf seiner Reise nach den Morgenländern an dem Ararat eine Welt im Kleinen kennen gelernt und beschrieben hatte, in welcher sich auf engem Raume fast alle Hauptformen des Pflanzenreiches beisammen finden: unten am Fuße des Berges die Gewächse des wärmeren Asiens, höher hinauf die des mittleren Europas, näher nach dem beschneiten Gipfel die Pflanzengeschlechter vom nördlichen Schweden und Lappland, hatte sich hie und da bei den Naturforschern die Vorstellung von einem, ich möchte sagen, Schöpfungsberge gebildet, der vielleicht wie eine Insel aus dem Gewässer hervorragend, die Stammformen der Geschlechter der organischen Wesen trug und hegte, die sich nachmals im Verlaufe der Zeiten über alle Gegenden der Erde ausbreiteten und fortpflanzten. Und in der That, an die von Tournefort veranlaßte Vorstellung werden wir noch von einer ganz andern Seite erinnert. In dem Hochlande Armeniens, umgürtet und bewacht von der Wildniß, welche hier erhabener ist und gewaltiger als an andern Orten der Erde, liegt eine Gegend, auf die der Morgenglanz der Geschichte unsres Geschlechts seine ersten erhellenden Strahlen wirft. Einsam erhebt sich dort der Ararat über die Hochebene; ein Mittelpunkt des größesten Länderstriches der Erde, welcher vom Südende von Africa bis zum nordöstlichen Küstensaume von Asien reicht; ein Mittelpunkt des Zuges der Wüsten, wie der Gewässer, deren Stromgebiete von seiner Nachbarschaft aus nach allen Richtungen hin zu den Meeren und Seen im Norden und Westen, in Süden und Osten sich hinabsenken[6]. Die hehre Warte jenes Gebirges, das in seinen Umrissen einem Schiffe verglichen wird, erscheinet noch jetzt den umwohnenden Völkern wie den Bewohnern der westlichen Länder als eine Denksäule der großen Errettungen; als eine Stätte des Ausruhens von dem Ungestüm der gewaltigen Wasser. Denn hier, in dieser Gegend, war es, wo der übrig gelassene Sprosse eines älteren, zertrümmerten Stammes unsres Geschlechts zuerst wieder Wurzeln schlug; hier erbaute am Frühlingsmorgen des zweiten Weltentages Noah jene Hütten, aus denen, wie aus einem gemeinsamen Quellpunkte, die Ströme der Völker von neuem über die Länder der Erde sich ergossen. Aber diese Gegend, in deren Thälern und Ebenen noch jetzt ein fast beständiger Frühling seinen Sitz hat, ist nicht bloß die Zeugin des einen, zweiten Frühlingsmorgens der Geschichte unsres Geschlechts gewesen; sie war auch Zeugin nicht nur, sondern Theilhaberin an der Herrlichkeit eines andern Tages, dem an äußerer Fülle und Lieblichkeit kein andrer Tag der Erde gleich kam. Könnten diese Berge und Thäler mit Worten von Dem zeugen, was einst in ihrer Mitte sich zugetragen, dann würde ihre Stimme ein Lied der Schöpfung nachhallen, bei dessen Tönen der Mensch einst zum Bewußtseyn seiner selbst und zum Anschauen Dessen erwachte, der ihn erschuf. Denn hier, diese Hochebene an den Quellen des Euphrat und Tigris, welche noch jetzt, vorzugsweise vor allen andren Punkten der Erdfläche, als das vermuthliche Vaterland unsrer Getreide- und Obstarten, wie der nützlichsten Hausthiere erscheint, wird uns von der heiligen Urkunde als die erste Heimath unsres Geschlechts; als die Stätte des Paradieses bezeichnet[7]. Noah, als er aus den Schrecknissen der allverheerenden Fluth hieher entrann, hatte seine Bergungsstätte nahe bei der Heimath der ersten Väter gefunden. Und fürwahr, die Kräfte der frischesten Jugend der Menschennatur müssen sich, ein und das andre Mal, hier, wie in den nachbarlich angränzenden Ländern, in einer Stärke und Mächtigkeit geregt haben, wie kaum sonst in andren Gegenden der Erde; hier ward namentlich ein Bauwerk des Menschengeistes begründet, welches statt der Werksteine aus den Sternen des Himmels zusammengefügt ist; denn noch jetzt verräth das älteste System der Sternkunde durch die Anfügung seiner Elemente an die Grade der Breite dieses Erdstriches, daß es von da seinen Ausgang genommen. Riesenhaft groß und mächtig, dieß bezeugen selbst die wenigen übrig gebliebenen Trümmer, muß aber auch alles Das gewesen seyn, was, bald nach dem Beginn des zweiten, noachischen Weltentages, die Jugendzeit der Völker, dort, auf dem Tummelplatz ihrer ersten Thaten, aus irdischem Material erbaute. Das, was der spätgeborne Sohn des Westens bei dem Anblick von Baalbeck empfindet, in dessen Ringmauern Werkstücke von mehr denn sechzig Fuß Länge sich finden; das was er bei dem Anblick von Palmyra fühlt, das ist dennoch, was die Größe und Macht der Massen betrifft, nur ein schwacher Nachhall von Dem, was vormals in den östlicher gelegenen Ländern bestanden. Wie ein einsamer Wandrer strömt der Euphrat an den Schutthaufen des alten Babylon, der Tigris an der Stätte vorüber, auf welcher einst das mächtige Ninive drei Tagreisen weit sich ausbreitete; statt der Menage der Städte die während ihres längst vergangenen Jahrtausends in dem Gewässer jener Ströme sich spiegelten, wirft jetzt die verödete, menschenleere Wüste ihren Schatten darein; nicht ein Drittheil, nicht die Hälfte, sondern mehr denn neun Zehntheile der Zahl der Seelen, die einst hier wohnte, und von Geschlecht zu Geschlecht sich forterbte, sind von dem schweren Gericht der Zeiten, das diesen reichen Erdstrich traf, ertödtet und hinweggeräumt worden; zur Erde, in den Staub gefallen, sind die Sterne der irdischen Größe, welche einst hier leuchteten. Sollte jener große König, der im Gesichte der Nacht mit dem goldnen Haupte verglichen ward; jener König, der auf dem Dache seiner Burg wandelnd, vor Hochmuth trunken, sich des Anblickes »der großen Babel« freuete, »die er sich erbaut hatte zu Ehren seiner Herrlichkeit«[8], sollte dieser jetzt auf dem Trümmerhügel stehen, zu welchem seine Königsburg zusammengesunken ist, und um sich schauen, wie würde es da vor Dem ihm grauen, das einstmals seiner Augen Lust war. Den Lauf der langen, geraden Straßen, die sich meilenweit in Osten, meilenweit in Westen, seitwärts vom Strome des Euphrat, und eben so weit, seinem Laufe folgend, gegen Norden und Süden ausdehnten, bezeichnen anjetzt nur noch jene wall- oder rainartigen Schutthaufen, an deren Abhange sich die Schlange sonnet; Nebucadnezars, des Weltbeherrschers Pallast, in dessen Sälen Alexander, der Welterschütterer, starb, unterscheidet sich von den andern Trümmerhaufen, die an der Ostseite des Stromes liegen, nur durch seine bedeutendere Höhe und Ausdehnung; vergeblich suchet da das Käuzlein ein aufrecht stehendes Gemäuer, in welchem es sich vor dem blendenden Lichte des Tages verbergen könnte. Und wen sollte auch die grauenvolle Zerstörung aller der Bauwerke, welche die Ostseite der vormaligen Haupt- und Mutterstadt der Weltenreiche umfaßte, noch befremden, wenn er die Zertrümmerung jener ungleich colossaleren Werke der Menschenhand gesehen, die an der Westseite des Stromes stunden. Von Bagdad herkommend, haben mehrere frühere Reisende jenen Theil der Ruinen des alten Babylons, von denen wir jetzt reden, gar nicht beachtet, denn sie liegen drei Stunden Weges vom Ufer des Euphrat ab. Hier -- es war einst, nach der Beschreibung der Alten, die Mitte der Stadt, stund, selbst noch in den Zeiten der genaueren historischen Kunde, jener Birs Nimrud oder Thurm des Baal, welcher in acht terassenartig sich absetzendem Stockwerken, deren unterstes sechshundert Fuß im Durchmesser beherrschte, bis zur entsprechenden Höhe von sechshundert Fußen sich erhob; es umfaßte dieser Thurm in seinem mächtig weisen, unterem Ringe, den viereckten Tempel des Baal, dessen Umfang zwölfhundert, die Länge jeder der einzelnen Säulen dreihundert Fuß betrug; im Innersten des Tempels fand sich das vierzig Fuß hohe güldene (wenigstens mit dichtem Goldblech überzogene) Bild des babylonischen Gottes, für dessen unmittelbares, persönliches Annahen die Kammer des obersten Stockwerkes erbaut war. Doch dieser Thurm, den uns ~Strabo~ beschreibt, war selber nur ein Neubau, errichtet über den Trümmern eines Thurmes zu Babel, von dessen ältestem Bau die historische Kunde uns zwar kein Maaß der Fuße und Ellen, die heilige Urkunde aber ein andeutendes Bild gegeben hat, das den Schatten seines mächtigen Emporstrebens weithin über das Feld der Geschichte der nachkommenden Geschlechter wirft. Noch jetzt ziehet der Trümmerberg, der sich an der Stätte des denkwürdigen Gigantenwerkes emporthürmt, von Allem was die Zeit, deren Zuname das Vergehen ist, von der alten Babel übrig gelassen hat, das Auge des Wandrers am meisten an sich. Er erscheint als eine terassenartig emporsteigende Anhöhe, die zu unterst aus einem Schuttwerk von alten Bausteinen bestehet, welche, nach ~Ker-Porters~ Beschreibung und Ausdruck[9], wie durch ein Feuer vom Himmel, wie durch Blitze verglast sind, und vielleicht, daß dieser unterste Hügel der zerschmetterte Leichnam jenes ältesten Thurmes zu Babel ist, der sich die Höhe des Höchsten zum Endziel seines jugendlich übermüthigen Emporstrebens erlesen hatte. Oben auf der Mitte des Trümmerhügels giebt noch jetzt ein kunstreiches Gemäuer, aus den Zeiten der späteren assyrisch-babylonischen Weltherrschaft den wilden Thieren, welche in unsern Tagen die wüste Stätte des gesunkenen Thrones beherrschen, einen notdürftigen Schatten; ~Ker-Porter~ sahe bei einem seiner Besuche des Birs Nimrud zwei Löwen neben jenem Gemäuer stehen, welche erst bei dem lauten Geschrei, das seine arabischen Begleiter erhuben, sich entfernten. Daß von Ninive, daß von der noch gewaltigeren Babel, deren Stadtmauern, ehe Darius Hystaspes sie erniedrigte, nach ~Herodots~ Angabe 350 Fuß hoch waren, fast gar nichts übrig geblieben als häßliche Schutthaufen, das darf uns nicht befremden. Das Material aus welchem zum größeren Theil jene uralten Städte erbaut waren, konnte ihnen keine lange Ausdauer sichern: es bestund aus Backsteinen, geformt aus dem feinen Thon der Euphratebene, verbunden mit Asphalt aus Is am Euphrat und mit Rohrlagen. Auch bei solchen Menschenwerken wird erkannt, daß der Anfang zwar von einem Antriebe ausgehe, der, im Vergleich mit jenem der den Fortgang bewirkt, von überwiegend mächtigerer geistiger Natur ist, daß aber die leibliche Basis mit welcher dieser Antrieb sich überkleidet, wie bei der Blüthe des Baumes eine leichter vergängliche sey, während später, nach dem Vergehen der Fülle der Blüthen die Früchte, sparsamer an Zahl und langsamer, zugleich aber auch in dauerhafterer Form heranwachsen. Uebrigens konnte auch Babylon, außer der Euphratsbrücke noch manche andre Bauwerke aus festerem Gestein umfaßt haben, deren Trümmer ein später bauendes Geschlecht von ihrer anfänglichen Stätte hinwegführte; denn aus den Ruinen jener alten Herrscherstadt haben[10], außer den vielen kleineren, drei namhafte Städte des späteren Altertums sich erbaut und ausgestattet: Seleucia der Griechen, Ktesiphon der Parther und Al-Maidan der Perser. Siegreicher sind aus dem Kampfe mit den Verheerungen der Zeiten jene Werke der verständig und künstlich bauenden Menschenhand hervorgegangen, welche vormals um einen zweiten Thron der irdischen Herrlichkeit versammelt waren: um jenen, den das Geschlecht des Chus im Nilthale begründete; in dem Thale das so reich begabt ist mit allen Lieblichkeiten, mit aller Fülle und Kraft der Natur. Der Geist des Menschen hat hier, an der Gränze der Wüste, welche den beständigen Schlaf des Todes schläft, Denkmale seines lebendigen Bewegens hinterlassen, die noch jetzt in dem sie Betrachtenden eine lebendige Bewegung der Theilnahme erwecken, an einem irre gegangenen Sehnen der Menschenseele, welches das Leben, das ohne Ende ist, da gesucht hatte wo dasselbe nie gefunden wird: bei den Gebeinen der Todten. Riesenhaft mächtig dann, wie das ungestillte Sehnen des Menschengeistes, erheben sich jene Pyramiden, neben deren fast unzerstörbar festem Gebäu schon weit mehr denn hundert Geschlechter den Menschen geboren wurden und sich niederlegten zur langen Ruhe des Grabes. Auch die Ruinen der alten Königsstadt Theben, welche noch jetzt einen Umkreis von neun Stunden Weges erfüllen, tragen eine Beachtung erweckende Macht in sich, die mehr in der Bewegung des Suchens, als in der befriedigten Ruhe des Findens oder Gefundenhabens ihren Grund hat. Denn wenn der Geist des Wanderers jene Memnonskolosse »Tama« und »Chama«[11], welche hoch über den Akazienwald des alten thebanischen Gefildes hervorragen; wenn er jene riesenhaften Sphinxe, deren Reihen zwischen Luksor und Karnack eine weithin laufende Allee bilden[12]; wenn er die Bildwerke der Tempel und Grabgewölbe des alten Aegyptens fraget: »wohin schauet euer Auge so unverwandt?« -- Da antworten jene: »wir sehen des Lebens Ende, wir schauen den Tod an.« -- Wenn dann der Geist des Wandrers weiter fragt: »was suchet ihr bei dem Tode?« -- Da sprechen jene »wir suchen bei ihm die Lösung des Räthsels, das in der Brust des Menschen stehet.« -- »Und wie heißt das Räthsel?« -- »Es heißet Ewigkeit.« -- »Habt ihr bei dem Schweigen der Gräber die Lösung gefunden?« -- »Der Staub, den gestern der Wind verwehte, sagte zu uns, ich kenne sie nicht; der Splitter des Todtengebeines, dem unsre Kunst Ewigkeit zu geben wähnte und mit welchem nun die Hand des spätgebornen Fremdlings ihr Spiel treibt, sprach: ich weiß nicht was ewig ist.« Wir haben erst einen Theil der Fernansicht jenes Landes des Ausganges der Geschichte unsres Geschlechts betrachtet, von welchem damals, als zum zweiten Male die Frage: »wohin willst du?« in mir laut wurde, die Antwort sprach. Näher als alle Herrlichkeiten und Werke der schaffenden Menschenhand lagen damals dem Jüngling jene noch unvergänglicheren Herrlichkeiten und Werke, welche der bedenkende, schaffende Geist namentlich bei dem Volke der Griechen und Römer geweckt und zur Vollendung gebracht hat. Ninive's Stätte und Nebucadnezars Königspallast konnten keinen so anziehenden Reiz für mich haben, als Homers liebliches Vaterland, als der hohe Ida und Troja's verödete Küste. Jene Lehren uralter Weisheit welche man einst in Aegyptens Tempeln vernahm, oder welche die chaldäische Sternkunde auf Babylons künstlich bereitete Steine schrieb, mögen allerdings hehren, reichen Inhaltes gewesen seyn; näher aber und vertrauter sind dem nach Erleuchtung verlangenden Geiste jene offenkundigen Lehren, welche die Weisen von Athen nicht im verschlossenen Innern der Tempelgewölbe, sondern hier im Schatten der Platane, dort beim freundschaftlichen Mahle und selbst mitten im Geräusch der öffentlichen Volksversammlungen Jedem, der offnen Sinnes für ihre Worte war, verkündeten. Das Andenken an Ninus und Semiramis ausgedehnte Herrschergewalt, oder an Nebucadnezars stolze Macht, konnte mich nicht so rühren, als die Beschreibung von des alten Roms Einfalt der Sitten und innerer Kraft; die Ufer von Salamis und Marathons Gefilde können es bezeugen, wie weit überlegen die eigne durch ernstes Streben erworbene Kraft des Armes jener Macht sey, welche der im Purpur erwachsene Despot des Morgenlandes durch die Menge der bei der Geburt ihm zugefallenen Arme der Sklaven empfieng. Ueberhaupt zog mich namentlich zu den Griechen und Römern nicht bloß die Verwandtschaft der äußern Form und der innern Richtung mit der meines eignen Volkes hin, sondern ein jugendliches Wohlgefallen an jener jugendlich selbstthätigen Kraft, die sich, wie der Adler des Fluges, so der Arbeit und des Sieges über das feindlich hemmende und beschränkende Element freut. Denn während die vormals herrschenden Völker am Euphrat wie am Nil zunächst nur des Genusses und Besitzes jener Güter pflegten, in deren Fülle, wie in einem wohlgesicherten väterlichen Erbtheil, sie geboren waren, mußten und wollten die Völker des Westens mit der Mühe der Hand das Eigenthum sich erwerben. Dem Westen und höherem Norden, wohin diese kräftigen, unter sich nahe verwandten Völker sich ausbreiteten, konnte auch äußerlich der fruchtbringende Boden nur im männlichen Kampfe des Armes mit den schwer durchdringlichen Waldungen und mit den wilden Thieren in ihrem Innren abgewonnen und durch immer sich wieder erneuernde Arbeit im Bau erhalten werden. Hier giebt es keine Palmen, die dem Schläfer unter ihrem Obdache ihre Früchte fast mühelos darreichen; selbst den Sprößling des Obstbaumes und den Saamen des Getraides mußten die Völker, welche hier ihre Wohnstätten aufschlugen, mit sich aus der alten Heimath des Ostens herüberbringen. Wie das edle Metall des Nordens und das nützliche Eisen ist da Alles als ein Keim, welcher der Menschenthat zu seiner Belebung bedarf, im Boden verschlossen, oder muß durch den rüstigen Arm, mit Jagdspieß, Bogen und Fischernetz erbeutet werden. Selbst in dem Gebiet des Wissens betrat das kräftige Volk des Westens, durch eigne Wahl, zuerst die Bahn eines selbstständigen Forschens; die Güter jener Tempelweisheit, welche den Völkern des Ostens ohne ihr Zuthun, als ein ererbtes Gut aus dem Mund und der Hand der Väter gekommen waren, diese verarbeiteten sich namentlich die Griechen durch eignes Sinnen und geistiges Bemühen; so zeigte sich in jeder Hinsicht der Stamm der Völker, welcher im Westen des mittlern Asiens und diesseits des Bosporus und des Archipelagus herrschte, neben jenem, der auf Sinears und Aegyptens üppigem Boden wurzelte und waltete, wie ein kräftig männliches Geschlecht, neben dem minder kräftigen, nicht männlichen. Die heilige Urkunde nennt uns drei Hauptstämme des nun auf Erden angesiedelten Geschlechtes der Menschen, welche, nach der allverheerenden Fluth, in das Geschäft der Besitznahme und des Wiederanbaues der Länder sich theilten, und in der That sind es drei verschiedene Richtungen des Bewegens und der äußren Gestaltung, in welche, von frühester Zeit an, die Masse der Völker sich scheidet. Wir betrachten zuerst jene Verschiedenheit, welche die innerste Wurzel der Menschennatur angehet: die Kraft und Aeußerung des Denkens und Erkennens. Daß der Mensch nicht ursprünglich, so wie er aus der Hand seines Schöpfers hervorgieng, ein Thier, mit Anlage zur Vernunft, sondern umgekehrt ein vernünftiges, denkendes Wesen, mit Anlage zur Thierheit gewesen sey, das beweist uns jeder vergleichende Blick auf die älteste wie neuere Entwicklungsgeschichte unsres Geschlechts. Der Mensch war ein Denkender und Sinnender, weil er ein Sprechender war; der Geist des Erkennens, der Geist aus Gott, wodurch er von dem Thier sich unterschied, war das Wort, war die Sprache. Daß diese nicht von niederem, thierischen Anfange, sondern höheren, geistigeren Ursprunges sey, das bezeugt uns die Betrachtung der ältesten bekannten Sprachen; die tiefe Vielsinnigkeit ihrer Worte, die Kraft ihres Ausdruckes. Wie die Pyramiden Aegyptens und die Herrlichkeit des alten Thebens zu den bequemen, aber keineswegs großartigen Bauwerken einer modernen Gewerbstadt, verhalten sich die uns bekannten Sprachen des ältern Orients und die des klassischen Alterthums der Griechen und Römer zu den jetzt lebenden, sogenannt gebildeteren Sprachen. Mit Recht hat man gesagt, daß allein in der vielseitigen Bedeutung und Zusammenfügung der Worte der hebräischen und samscretamischen Sprache ein ganzes System der Philosophie verborgen liege. Daß in jenen frühesten Menschenaltern, von denen die historische Kunde weiß, nicht ein halbthierischer Instinkt die Bauwerke am Euphrat und am Nil, wie am Ganges hervorgebracht habe, sondern ein tief bedenkender Verstand, das zeigen uns die Nebengebäude der geistigen Art, die bei jenen steinernen bestunden: die Sternkunde der alten Chaldäer, wie der Aegypter und Inder. Während die Wissenschaft bei den Völkern aus dem Stamme Japhets, wie wir oben sahen, zwar als das Erzeugniß einer höheren Begeisterung, zugleich aber als ein Werk des einzelnen Menschen erscheint, und Allen zugänglich ist, nennt uns die Tempelweisheit der Völker des Ostens aus den Geschlechtern des Sem und des Cham keine einzelnen, menschlichen Erfinder ihrer geistigen Werke, sondern sie spricht nur von einem höheren, göttlichen Ursprung derselben; die Verwaltung der Güter des höheren Wissens ist zunächst in die Hände eines einzelnen Standes: des Standes der Priester gelegt. Doch eben hiebei zeigt sich ein neuer, bedeutender Unterschied zischen dem erwählten Saamen aus dem Stamme Sems und den Völkern aus Chams Geschlecht. Das Haus des Sem blieb fortwährend auf dem festen Grunde des höheren, geistigen Anfanges erbaut; nicht bloß die eigne Aussage, sondern die That und Kraft seiner Geschichte bezeuget es, daß dasselbe wie ein Kind und Erbe in fortwährender, lebendiger Verbindung mit den Kräften des ewigen, väterlichen Ursprunges blieb. Wie eine Felsenwarte, aus deren Ruhesitz die Quellen des Thales hervorbrechen und deren Gipfel dem Wandrer der Wüste zum Richtpunkt des Weges dienet, stehet Sems friedliche Hütte mitten in dem mühevollen Treiben der Urgeschichte der andern Völker da; Sems Geschlecht wußte in der That von einer andren höheren Lust zu zeugen[13] als von der Lust der Sinnen. Dagegen war in Chams Völkern, so wie diese im Spiegel der Urkunde und Geschichte uns erscheinen, von Grund aus eine andre innere Richtung, welche vorherrschend auf den Genuß und Besitz Dessen hingieng, das die Sinne ergötzt und was der leiblichen Natur des Menschen herrlich und groß erscheint. Dieser innre Zug führet notwendig zur Abhängigkeit unsres Wesens von der Lust und dem Bedürfniß der Sinnen, und wie sich aus dem Schooß der Sklaverei und neben dieser stets die Herrschsucht entfaltet, so wird jene Richtung mittelbar eine Begründerin der Weltenreiche und ihrer Eitelkeit. Ihr entsprechend und sie begünstigend ist dann auch die Wahl des äußern Wohnortes gewesen. Denn wenn irgend eine Gegend der Erde geeignet erschien den Zug nach dem Besitzen und Genießen der Herrlichkeit der Welt auf sich hinzulenken, so war dieß jene, die hinabwärts am Euphrat und Tigris und hinanwärts am Nil sich ausbreitet. Hier aber, wie bald nachher am Ganges, schlug vor allem Chams Geschlecht seine Wurzeln; Nimrod, der Sohn Chus, des Sohnes Chams, so erzählt uns die heilige Urkunde hatte in Sinear (Babylonien) das erste Weltenreich begründet, während Mizraim, Chams Sohn, Aegypten zur Stätte seiner Herrschermacht erkohr. An dem einzelnen Menschen wie in der Geschichte ganzer Völker wird es erkannt, daß die Kräfte unsrer Natur in der Gluth des Sehnens nach dem nahe liegenden Sinnlichen am frühesten reifen; am frühesten zu einem Zustand der äußern Vollendung und der raschen Beweglichkeit nach dem Ziele jenes Sehnens gelangen. Dieses frühe Reifen zu einer vollendeten Form der Staaten und einem Gipfelpunkt der Herrschergewalt zeigte sich namentlich auch bei den Völkern aus dem Geschlechte Chams. Denn diese waren es, wie wir eben gesehen, welche mitten in der Fülle des irdischen Paradieses in Mesopotamien und am Nil, jene vorhin erwähnten Bauwerke errichteten, welche, noch in ihren Trümmern, nicht minder von der Geschicklichkeit der bauenden Hände als von der unumschränkten Gewalt der Herrscher zeugen. Sie waren es auch, welche zuerst von Phöniziens Küste aus, weithin über das gefahrvolle Meer den Gang nach der Herrlichkeit und den Schätzen der weiter abgelegenen Länder wagten. Wie viel langsamer und später, und dennoch dann wie viel kräftiger und selbst mächtiger entwickelte sich der Keim, der in Japhets hartem Geschlechte lag, das die Ströme seiner Völker über die Länder des Westens und Nordens ergoß. Es hatte dieses Geschlecht die Kräfte eines doppelten Segens mit sich aus dem gemeinsamen Hause der Väter genommen: den der weitern Verbreitung über das freie, dem Scepter der Weltenreiche des Cham nicht unterworfene Land der Erde und jenen der einstigen Wiederkehr zu Sems friedlichen Hütten. Die Kraft des letzteren Segens war es, welche Japhets Geschlecht auf dem labyrinthischen Wege seiner Mühen einen Faden der Ariadne in die Hand gab: einen Zug des Heimwehes nach der Ruhe im Vaterhause, der zuletzt aus dem Kampfe der Schwerter zum Frieden, aus dem Dunkel des ungewissen Sehnens zum Licht führte. Die nordische Edda giebt uns in einer ihrer Sagen, in der von ~Gangler~, dem weitgereisten Könige, ein treues Abbild jenes Geschlechtes der vielgeschäftigen Männer: des Geschlechtes Japhets welches Freude hatte an dem Gedeihen des selbstgepflanzten Keimes und an dem Genießen der selbsterbeuteten Lust, und welches deshalb in der Wissenschaft, die es sich selbst neu erschuf, wie im Leben von der That des Armes wie des Geistes sich nährte. Gangler, der königliche Wandrer, war aus der Ferne hergekommen, zu forschen nach der Weisheit Urstätte; nach des Werdens verborgenem Anfang und Ende. Gefunden hat er endlich den Ort, von dem eine dunkle Kunde ihm sprach; die sichtbare Vorhalle, da das Göttliche dem Menschlichen sich nahet. Das Thor der mächtigen Burg ist ihm aufgethan; aus ihren Sälen vernimmt er die lauten Stimmen vieler Sprechenden, ein Getös der Waffen. Er tritt in den ersten Saal aus dem das Tönen der sprechenden Stimmen kam und findet ihn leer; die Sprechenden, er hört dies deutlich, sind im angränzenden Saale. Er kommt in diesen, aber auch da ist wieder Alles stumm und leer. So zieht er, im vergeblichen Suchen nach dem Anblicke der Redenden, dem Laute nach, durch manchen der Säle, bis er näher nach dem Innern der Burg gelangt, vor sich Schaaren der spielenden Helden erblickt, welche sich vergnügen an dem Emporwerfen und Wiederauffangen der spitzigen, scharfen Schwerter. Durch die Tausende der stürzenden Schwerter, welche so dicht fallen als Flocken des Schnees, gehet sein Weg hin; er wandelt ihn furchtlos. Da öffnet sich ihm die Thüre zum innersten Gemach. Hier ist Frieden und Stille; das Getös der Stimmen wie der Waffen wird nicht mehr gehört; auf dem Throne sitzen, von ruhigem Lichte beleuchtet, jene Drei, welche jetzt Drei dann wieder Einer sind: Har, Jafnhar und Tredie; hier vernimmt der Forschende das Geheimniß des Seyns und der Schöpfung Kunde; hier findet er das ersehnte Ziel des langen, vielfach irrenden Wanderns. Seit jenem Frühlingstage am stillen See, da in mir die Wanderlust nach der Heimath im höheren Sinne: nach den Stätten des Ausganges der Geschichte unsres Geschlechts so mächtig erwachte, war mehr denn ein Jahrzehend vergangen; die Zeit des Lebens war von der Morgenstunde hinweg, dem Mittage näher gerückt. Mir, wie vielen Andren aus Japhets Geschlecht, war das geschehen was uns die Sage von Gangler im Abbilde darstellt. Wir suchten weit herum im Lande nach einer Weisheit, an deren Fülle der Geist ein Ausruhen und Frieden finden könnte, und siehe ein Ende des Weges -- es war wie ein Gemäuer, das uns nicht weiter ließ -- schien erreicht. Da hörten wir ein Gerede vieler Stimmen; wir giengen dem Gerede nach, denn durch die Vielen, so wähnten wir, konnte man vielleicht die sichre Kunde vernehmen von dem was wir suchten. Aber das Gerede der Vielen, wenn wir näher traten, zerstob in ein leeres Nichts, auch das Gedräng der Noth, wenn es gleich den spitzen Schwertern der Kämpfer, in Ganglers Sage, dicht wie Schneeflocken auf uns herabfiel konnte nichts Andres als unsre Schritte nach dem Ort des Friedens und des sichern Ausruhens beschleunigen. Endlich fand sich das, was wir suchten, in der stillen Kammer, die jenseit des Lärmens der vielen Stimmen wie der Waffen, im Innersten des Hauses lag. Ein Räthsel war mir auf dem Wege den mein Sehnen nach den Stätten des Aufganges, mein Wandeln über das Feld der Geschichte unsres Geschlechtes nahm, aufgefallen, davon hätte ich die Lösung gerne gewußt; das Räthsel wie doch das, was durch eignen, inwohnenden Zug seiner Natur, gleich dem fallenden Steine hinab zur Tiefe gesunken war, ganz seiner Natur entgegen, sich wieder erheben und emporsteigen konnte. Denn wenn aus der Mitte der Menschenzeiten jenes äußerlich so unscheinbare Ereigniß hinwegfiele, das einst in Bethlehem, in Jerusalem statt gefunden, was wäre dann aus der innern Verwesung geworden, in welche die herrschende Welt der Heiden mit all ihrer äußern Bildung und Herrlichkeit am Ende des zweiten Weltentages versunken war? Giebt es auch wohl unter den Heilmitteln unsrer Menschenweisheit eines, welches kräftig genug wäre das Todte, das schon so weit von der Fäulniß eines allgemeinen Verderbens ergriffen war, wieder zu erwecken und dasselbe zur Jugendfrische und Gesundheit zurück zu führen? Vor diesem Räthsel stund ich noch sinnend, da kam die Stunde, da zum dritten Male in meinem Leben in meinem Innren die Frage gefragt und beantwortet wurde: ~wohin willst du~? Es ist diesmal nicht zunächst von einem äußren, sondern von einem innren Ereigniß die Rede, welches der wörtlichen Erzählung sich entziehet; ich gebe deshalb, statt eines äußerlich thatsächlichen Berichtes von der Geschichte jener Stunde, ein Bild der innren Gestalt derselben, wie dieses in dem Spiegel eines Vergleiches sich darstellt; eines Vergleiches der jedoch Vielen von Denen, welche mit mir die Geschichte jener Tage erlebten, aus denen ich Ein einzelnes Moment hervorhebe, leicht verständlich seyn wird. Es war eine Nacht -- ich meine die dunkelste meines Lebens; -- der Himmel war mit Gewitterwolken bedeckt; mit dem Laut des Donners vermischte sich ein Rasseln in der Luft, wie das des nahenden Hagels; Blitze zuckten von allen Seiten hervor; kehrte der Wandrer, von dem Leuchten, das aus Osten kam, gescheucht, sich zurück nach Westen, da schreckte ihn eine andre stärkere Flamme, die aus dem Westen hervorbrach; hinter der Gefahr, die aus Norden drohete, machte sich unverzüglich die andre auf, die von Süden ausgieng. Das arme Land war damals[14] von den Kriegsvölkern eines äußern Feindes zertreten; der Weinberg, wo man sonst, wenn etwa die Stadt ein Gedräng der Noth traf, eine Stätte der Bergung und der Sicherheit gefunden, war von innren Feinden -- von den Weingärtnern selber[15] -- verwüstet; er war zu einem Anblick des Entsetzens und des Eckels geworden[16]. Ich suchte, getrieben von innrer Angst, nach einem Obdach; nach einer Lagerstätte in der späten Nacht, denn mein ganzes Haupt war krank, das ganze Herz war matt. »Da kam ich an einen Ort, der einem Häuslein im Weinberge, einer Nachthütte im Kürbisgarten«[17] glich. Ich hörte da die Stimme eines Rufenden, welche zu Dem sprach, Der da hält Bund und Gnade Denen die Ihn lieben und die seine Gebote halten[18], eine Stimme welche die Schuld der Weingärtner und des ganzen Volkes bekannte, das sich zur Feindschaft seines eigenen väterlichen Erbes und des heiligen Berges verkehrt hatte. Mitten unter den Tönen der Stimme des Rufenden hörte man die eines Kampfes, welchen Einer, der von Natur schwach war, mit dem Starken zu kämpfen wagte. Und siehe, jener siegte über den Starken, als er, statt der eignen Waffe, die Waffe des Starken erfaßte, welche dieser ihm willig abtrat, weil der Kampf ein Kampf des Liebenden mit dem Geliebten war[19]. Ich trat hinein in die Nachthütte des Kürbisgartens und fand da eine vom Feinde noch unbesiegte, »übrig gelassene« Stätte[20] des Ausruhens. Hier war ein festes Obdach gegen den niederstürzenden Hagel; das Zucken der Blitze leuchtete nicht hinein; der Donner war jenseits der Berge verstummt. In mir war es, durch die Stimme des Rufenden, mehr aber noch durch die Nähe Dessen, mit dem der Rufende den Kampf des geistigen Sehnens gekämpft hatte, Friede geworden; eine Stunde der Ruhe war gekommen, wie ich sie seit Langem nicht genossen. Der Morgen leuchtete herein; sein Strahl fiel gerade auf das Bild jenes großen Ereignisses, das in Bethlehem, das in Jerusalem statt gefunden, und siehe, der Augenblick war vorhanden, da ich an und in mir selber die Lösung des Räthsels erfuhr: wie das Herz das durch eigenen, inwohnenden Zug seiner Natur, gleich dem fallenden Steine hinab zur Tiefe gesunken war, ganz seiner Natur entgegen, sich wieder erheben und emporsteigen könne. Das »kranke Haupt« war eben noch geneigt; von dem Ausruhen gestärkt richtete es sich jetzt empor; siehe da war mirs als vernähm ich zum dritten Mal in meinem Leben die Frage: wo willst du hin? und die Antwort war fast eine ähnliche als sie würde gewesen seyn, wenn jemand in meiner Kindheit, im Hause der Eltern mich so gefragt hätte. »Wo sollte ich hingehen,« so lautete sie jetzt, »was ich gesucht das hab' ich nun.« Die Ruhe in der sichern, stillen Stätte that wohl; sie diente zur Stärkung und Bekräftigung des Hauptes wie der Glieder. Der Herr des Weinberges, bei welchem es mir vergönnt war meine Hütte zu bewohnen, hatte mich indeß zu dem Geschäft eines Boten bestellt, welcher gebraucht ward um etwa da und dort ein Gewürzkraut der Berge, einen Stein zum Bauen oder auch Blumen zur Erquickung und Belehrung der Kinder des Hauses herbei zu holen. Wenn ich dann in der Stunde des frühen Morgens, da der Thau auf dem Felde lag, oder am späten Abend über Berg und Heide gieng, da war ich fröhlich, denn ich wußte, mein Gang sey nach Seinem Geheiß. Oefter wurde es mir auch freigestellt, in der Nähe oder in der Ferne den Ort selber zum Ziel meines Weges zu erwählen, wo ich den heilsamen Enzian oder die balsamische Lilie des Thales reichlicher zu finden meinte. Und so geschah mir es auch jüngsthin da ich rufend in meiner Hütte stund und darüber nachsann wohin der etwa weitere Gang am meisten sich lohnen möchte, daß ich abermals gefragt wurde: wohin willst du? Da erwachte auf einmal wieder -- und er durfte dieses -- in seiner ganzem Macht und ersten Richtung der alte Trieb zum Wandern und die Antwort auf die Frage lautete diesmal wieder ähnlich jener, die mein wanderlustiger Sinn in der Zeit des Jünglingsalters auf dieselbe Frage gab: »Ich will mich aufmachen nach der Stätte des Aufganges und der Geburt, nicht des Lebens des Einzelnen, sondern des Lebens Aller, damit ich beim Sammlen der Gewürzkräuter, wenigstens in der lebendigen Erinnerung an das, was hier geschehen, die Kräfte des Sehens mit eignen Augen, des Berührens mit eignen Händen erfahre.« Das Ziel der Pilgerreise, die auf diese Weise doch noch, nachdem der Keim des Vorsatzes so lange im Boden verborgen gelegen, zur Ausführung kam, habe ich bereits bezeichnet. -- Es war ein kleiner, armer Fleck der Erde, bewohnt von einem durch eigne Schuld sehr verachtetem Volke, wo es der ewigen Weisheit gefiel den Grundstein zu einem geistigen Gebäu zu legen, welches das wahrhaft erlangte, was jener alte Thurmbau zu Babel in seinem Uebermuth vergeblich erstrebte: ein Hinansteigen des Irdischen und Menschlichen zu dem Himmlischen und Ewigen. Das was etwa ein Wandrer, der mit »Ganglers« Sehnen, weit über Länder und Meere nach dem Lande der großen Verheißungen und ihrer Erfüllung kam, dort findet, das sind freilich keine Pyramiden Aegyptens, es sind keine Tempelhallen oder Königsgräber von Theben, sondern es ist da nur ein verödetes Erdreich, benetzt von den Thränen der Tausende, welche hier nicht eine Stätte der großen Menschenwerke, sondern der Wunderthaten Gottes begrüßten. Aber es ruhet noch eine besondre Kraft in diesen verödeten Steinen, in dem Anblick dieser Höhen und Thäler; eine Kraft, welche, wie Elisa's Gebein den Todten, den man darauf hinwarf, so die Erinnerungen zum Leben erweckt, wenn sie auch fast erkaltet und todt im Herzen schliefen. Wer hat nicht erfahren, welches neue kräftige Leben der Anblick der Gräber oder der Wohnstätte der längst verstorbenen Eltern den Gefühlen der dankbaren, kindlichen Liebe gab, wenn er einmal, nach langem Verweilen in der Fremde die Heimath wieder besuchte. Und in der That, das was in den Thälern und auf den Höhen Judäa's sich bezeugte, das war ja mehr als Vatertreue, mehr als Mutterliebe. Darum möge man auch dem alten Wandersmann, der in den nachfolgenden Blättern seine Reise nach den Ländern des Aufganges beschreiben will, es zu gute halten, wenn er nicht bloß manches äußerlich unscheinbare Blümlein, sondern selbst die dürren Grashälmchen und Keime an seinem Wege je zuweilen in dem rosenfarbenen Lichte einer sich selber nicht mehr beherrschenden Liebe betrachtet; in dem Lichte das über jenem Frühlingstage seiner Jugend leuchtete, an welchem, wie er vorhin erzählte, der so spät zur Ausführung und Reife gekommene Gedanke zu dieser Reise zuerst, im Innren, zu keimen anfieng. II. Reise nach Constantinopel. Abreise von München nach Wien. Wenn der Alpenjäger noch spät am Abend die gähe Felsenwand hinanklimmt und die Herbstsonne war so dunkelroth untergegangen als wollte auf die Nacht ein Nebel kommen, da ruft ihm sein Nachbar aus der Hüttenthür bedenklicher und nachdrücklicher als sonst sein »behüt dich Gott« zu. Der Weg, den der alte Wandersmann am 6ten September 1836 antrat schien von nicht minder bedenklicher Art als der des Jägers über die Alpenwand bei später Abendzeit; denn wenn man schon sechs und funfzig Jahre alt ist, da geht es auch auf den Abend zu, und als das Anzeichen eines nahen Nebels, der am Weiterziehen hätte hindern können, ließ sich wohl die Kränklichkeit betrachten, die den Wandrer in den letzten Monaten vor Antritt der Reise heimgesucht hatte. Darum sahen ihn viele seiner Freunde und Nachbarn ungern ziehen und auch der treuen Hausfrau, die nöthigenfalls dem alten Genossen selbst zum Tode folgen wollte, kam diesmal der Ausgang aus der Heimath härter als jemals an. Das Haus war bestellt; nicht bloß wie vor einer großen, sondern, wenn es Gottes Wille wäre, wie vor der größesten Reise, von welcher keine Wiederkehr mehr möglich ist; der letzte Schlaf im lieben, eignen Kämmerlein, wenigstens für lange Zeit, war vorüber; der Reisewagen stund bereit. Noch einmal ein Blick zurück, auf alles Das was die Trennung schwer, ja unmöglich machen würde, wenn es da überhaupt eine Trennung gäbe; und nun die Hand frisch an den Pflug gelegt und nicht mehr umgeschaut. Du muntre Isar, wenn ich an deinem grünen Wasser saß, da sehnte ich mich so oft nach der Stunde, da ich deinen ganzen Weg mit dir machen dürfte, der zuletzt, nach so manchen Hemmungen und Krümmungen, vereint mit dem der Donaufluth in dem weitab in Osten gelegnem Meere sich endet, darinnen der hohe Caucasus sich spiegelt und dessen südöstliche Küste an das Nachbarland der Armenischen Hochebene gränzt. Und siehe da die Stunde ist jetzt gekommen wo ich mich dir als Reisegefährte anschließen darf; als ein Mitwandrer nach dem Lande des Aufganges. Der Morgen war wunderschön und heiter; wir genossen seines vollen Glanzes, da wir jenseits der Isarbrücke die Anhöhe erreichten und nun der Zug der Alpen weithin in Süden sich entfaltete. Die Masse der Hochgebirge ziehet nicht bloß das schwebende, todte Bleiloth und das fliegende Gewölk gegen sich; sie bewegt auch mit unwiderstehlicher Gewalt die Empfindung des Menschen; man weiß daß selbst Blinde ein deutliches Gefühl von der Annäherung des Gebirges hatten. Der Anblick der Alpen macht auf die Seele, wenn diese es gelernt hat die Sprache der Natur in die des Geistes zu übersetzen, immer einen wohlthuenden Eindruck; er hebt sie empor wenn sie niedergebeugt, er bewegt sie freudig, wenn sie durch Traurigkeit der Welt gebunden und gelähmt ist, denn es scheint als ließen sich bei dem Anblick zugleich die Worte eines alten Liedes vernehmen: »ehe denn die Berge wurden ... bist du Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit«[21]. Und in der Seele antwortet darauf eine Stimme: »Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hülfe kommt«[22]. -- Wer nun auch bekümmerten und beschwerten Gemüthes den Weg von München nach Salzburg und von da weiter nach Wien machte, den müßte wohl, sollte man denken, schon der Anblick der hohen, herrlichen Alpenkette, die er bei heitrem Himmel fast immer zu seiner Seite erblickt, aufmuntern und freudig stimmen. Auch auf uns hatte heute, wie schon so manch andres Mal, der Ausblick auf die Berge diese Wirkung. Wie ein Vogel, der dem Käfig entronnen, endlich die Fittiche zum langersehnten Fluge bewegt hat und der nun, ausruhend in den sichren Zweigen des Eichbaumes sein erstes Lied singt; so feierte die Seele im Anblick der hehren »Werke« welche das Auge neben sich sahe, und der Mund sang seine gewohnten Lieder. Erst jetzt auf dem Wege und auf den Stationen des Ausruhens gab es wieder Zeit und Ruhe genug um mit den Reisegefährten, die sich für diese Pilgerfahrt mit uns verbunden hatten, ein Wort zu reden; denn in dem Drange der letzten Tage vor der Abreise hatte man sich kaum gesehen, noch weniger gesprochen. Auch der Leser, der sich im Geiste der Reisegesellschaft anfügen will, muß diese Gefährten kennen lernen, denen er hoffentlich in der Folge noch manchen freundlichen Blick zuwenden wird. An das ältere Paar der Wandrer, an mich und meine Hausfrau, hatte sich vor allem diesmal ein jüngeres: ein Paar von Freunden angeschlossen, deren Seele von der innigen Zuneigung zu einem und demselben hehren, schönen Gegenstand entzündet und bewegt wird: von der Liebe zur Erkenntniß der Natur und des Waltens jener ewigen Weisheit, die sich dem redlich forschenden Sinne in den sichtbaren Werken kund machet. Beide, +Dr.+ ~Johannes Roth~ und +Dr.+ ~Michael Erdl~ sind ihrem ganzen innren und äußerem Berufe nach Naturforscher und Aerzte. Sie sind dem Ziele ihrer jugendlich kräftigen Zuneigung schon über manchen Berg und durch manches Thal nachgegangen und auch jetzt ist es vor allem dieses Eine, was sie zur Mitreise nach den Morgenländern bewegt. Zu diesen Vieren hatte sich, schon von München aus, noch ein andrer Freund gesellt: der fleißige und geschickte Architectur- und Landschaftsmaler ~Martin Bernatz~, der durch seine vielen, treuen Zeichnungen dem schnell vorüber eilenden Fluße der äußren Erscheinungen, welche uns auf dieser Reise begegneten, ein festes Bestehenbleiben für die Erinnerung verlieh. Für diese Fünf, welche gleich von dem ersten Schritte der Reise an gemeinsam das Angesicht wie die Herzen gerichtet hatten nach dem Lande des Aufganges, bedurfte es keiner längeren Bekanntschaft und Zusammengesellung um sie in Einklang mit einander zu bringen; sie glichen schon daheim fünf Saiten eines Saitenspieles welches die Hand eines guten Tonkünstlers an einander gefügt und gestimmt hat, zu einem Liede das von Freude und Frieden singet, und so blieben sie dieß auch im fernen Lande. -- Für die kürzere Strecke des Weges, von München nach Salzburg, hatten sich uns überdieß noch mehrere andre, nahe befreundete Begleiter zugesellt. Mit Freuden begrüßten wir bei ~Wasserburg~ (dem alten +Pons Aeni+) den Inn, den kräftigen Jüngling unter den vaterländischen Flüssen, welchem eines der merkwürdigsten und schönsten Thäler von Europa zur Heimath verliehen ist und der seinen Ursprung von einem Elternpaare der Gebirgsstämme herleitet, das die Reihe seiner Ahnen bis zu den altberühmten Hochrücken des Taurus und des Antitaurus hinanführen kann. Denn das Innthal, das zusammen mit jenem der Adda eine fortlaufende, tief einschneidende Kluft durch die Alpen, von der oberdeutschen bis zur oberitalischen Hochebene bildet[23], ist nichts andres als die natürliche Abgränzung des südistrischen, vom Antitaurus herkommenden, und des apenninischen, vom Taurus auslaufenden Gebirgszuges[24]; jener begleitet und nähret durch seine zuströmenden Wasser den Inn von der rechten (südlichen), dieser von der linken (nördlichen) Seite. Selbst bei Wasserburg hat sich der nun seinem Ende nahende Verlauf des Flusses noch einzelne Spuren seiner majestätischen Schönheit erhalten. Aber es will hier freilich Abend werden mit dieser Schönheit; statt der hehren Alpen, deren beschneite Häupter weiter aufwärts in sein Thal herabblicken, statt der gähen Felsenwände, die sich, bei Finstermünz, nahe zusammengerückt die Stirne bieten, zeigen sich hier nur noch niedere Berge und bald verlieren auch diese sich in hügliches Land. Die Abendsonne warf einen verklärenden Schein über Thal und Höhen und mit ihrem glänzenden Taglauf war auch unser unscheinbarer, kleiner Taglauf in ~Frabertsheim~ geendet; klein wie er auch gewesen, war er doch ein Schritt vorwärts, auf dem Wege nach dem Ziel. In ~Salzburg~, der mir so wohlbekannten, lieben Stadt[25] gab es am andren Abend, beim Hofwirth zum Mirabell, eine zahlreiche, fröhliche Familientafel, denn zu unsrer aus München gekommenen Reisegesellschaft fand sich hier noch eine andre, von jungen Freunden, die vor uns die Vaterstadt verlassen hatten und von einer eben beendeten Alpenreise ausruhten. Ein Nachklang der Gespräche der letzten Tage vor unsrer Abreise lebte auf; noch einmal erfüllte mich das ganze, volle Gewicht der langen Trennung von dem mir so eng und nahe anliegenden Kreise meines gewöhnlichen Wirkens und Lebens. Wir hätten keinen schöneren Tag für unsren diesmal nur kurzen Aufenthalt in Salzburg haben können als den 8ten September. Der Himmel war heiter und rein; die Alpen stunden in voller Klarheit vor uns, neben und zwischen ihren hellglänzenden Höhen lag das tiefe Dunkel des Engpasses am Lueg wie ein verschlossenes Haus da, dessen Bewohner noch schlafen, während die muntren Nachbarn umher schon längst Thüren und Fensterläden ihrer Wohnungen dem hellen Tage geöffnet haben. Es war heute Festtag (Mariä Geburt); auf den Gassen und in den Kirchen zeigte sich überall ein fröhliches Gedränge der festlich gekleideten Städter und Landleute. Auch der Mönchberg, den wir noch während der kühleren Morgenstunden bestiegen, war mit seinem Festtaggewand bekleidet: mit dem Grün, durchwirkt von dem farbigen Schmucke der mannichfaltigen Blumen, unter denen das rosenröthliche Cyclamen schon aus der Ferne durch seinen lieblichen Duft sich verrieth. Wir erquickten uns lange an der hehren Aussicht, die sich bei dem Herumgehen um die Höhe des Berges auf jeder Seite neu gestaltet und entfaltet, dann suchten wir eine andre Aussicht auf, welche, wenn auch nicht das äußre, leibliche, doch das innre, geistige Auge in noch weitere Fernen führte als die vom Gipfel des Berges. Es fand sich diese Fernsicht in einem Eckzimmer des Lustschlosses Mirabell, an das sich für den alten Reisenden manche tiefanregende Erinnerungen knüpfen. Hier ward (am 1ten Juni 1815) ein König geboren, dessen Scepter, zugleich mit der Form welche die Herrschergewalt bezeichnet, die Bedeutung des Pilgerstabes vereint, auf welchen der Wandrer, der nach den Stätten des Aufganges zieht, sich stützet; ein Wandrer, dessen jugendliches Haupt mit dem Diadem zugleich die Palme umschlingt, welche mitten in des Kampfes Last und Mühe vom Lohne des Siegers spricht. Bedeutungsvoll erscheint der lebendig gewordenen Erinnerung Alles, was von jenem Zimmer aus das Auge siehet. Aus dem Fenster, das sich gen Süden öffnet, zeigt sich jenseit des Gartens, dessen Blumenbeete als ein Symbol der lieblichen, sorglos spielenden Kindheit, unmittelbar an das Haus angränzen, da das Auge zuerst dem Licht sich öffnete, zuerst die gute Stadt, wie ein Bild der schönen, reichen Heimath; hinter ihr aber erhebt sich, ohne merklichen Uebergang, mit plötzlichem, gähen Ansteigen im Südost -- als sollte dies die künftige äußre Richtung des Lebens andeuten -- der Fels mit dem hohen Kreutze: dem Panierzeichen des östlichen Königreiches; ihm gegenüber die fest auf ihrem Berge gegründete Burg, und zwischen beiden siehet das Auge hinaus in den engen, dunklen Weg der nach dem Lande des Südens führt: in den Paß Lueg. Der Tag war heiß geworden; auf den Höhen in Südwesten sammelten sich Gewitterwolken; wir wollten den Regen, mit welchem das Thal der Salzach so oft und so reichlich gesegnet ist, diesmal nicht mit der sonst so werthen Gegend theilen und unser Weg war noch ein weiter: darum machten wir uns noch heute, bald nach Mittag, zur Weiterreise auf. Bald hatten die Alpen rings umher ihre Nebelkappen aufgesetzt, doch blickten noch unter dem tiefgehenden Gewölk die Umgegend des Mondsees und der waldige Höhenrand, der den Attersee umgürtet, in ihrer ganzen Anmuth hervor, bis mit dem Dunkel der Nacht der Regen zugleich über das Thal hereinbrach. Erst spät erreichten wir das Nachtlager in ~Frankenmarkt~, das mit all den Bequemlichkeiten reichlich versehen war, welche der spät ankommende, vor allem der Ruhe bedürfende Fremdling begehrt. Der Regen war mit der Nacht vorübergegangen, nur noch einzelne Wolken hatten sich zwischen den waldigen Hügeln am Attersee verspätet, welche, als die höher steigende Sonne ins Thal vordrang, eilig den Rückzug nach den Hochgebirgen antraten, wo sich ihr zerstreutes Heer noch einmal sammlete. Der Eindruck, welchen die Gegend zwischen Frankenmarkt und Lambach, das wir am Mittag erreichten, auf die Sinne des Reisenden machet, gleicht jenem, den ein lebhaftes Gespräch in einer geistreichen, großen Gesellschaft hervorbringt, das vom näher Liegenden und Gewöhnlichen auf das Höhere und Entferntere und von diesem wieder aufs Nähere übergeht, über Alles aber, was es im Vorübergehen beleuchtet, einen Glanz der Anmuth ausstrahlet. Mit dem reichen Wiesengrund der Thäler wechslete die weite, freie Aussicht auf den Höhen der Hügel; mit dem Anblick der wohlbebauten Ebene jener des gähen Alpenrückens. Hier rechts im Gebirge, das im Süden über das hüglige Land hervorblickt, hat ein altes Ehepaar von Naturmächten seine Wohnstätte aufgeschlagen, welches keinen bei ihm zusprechenden Wandrer ohne das Gastgeschenk einer reichen, tiefeingeprägten Erinnerung von sich lässet: die Erhabenheit des Hochgebirges vermählt mit der Lieblichkeit des grünenden Thales, hat sich die Gegend des Traunsees zu einem Ruhesitz erlesen, der auch auf das Gemüth des hier verweilenden Fremdlings öfters einen eigenthümlich beruhigenden Einfluß übet. -- Am Nachmittag erfreuten wir uns an dem Betrachten des lebendigen Verkehres, den die neu angelegte Linzer Eisenbahn der Welser Heide gebracht hat; ~Kleinmünchen~, das wir zum Nachtlager erwählten, erinnerte wenigstens durch den Anblick der vielen biertrinkenden Gäste, die sich unter Rauchwolken des Tabaks in der geräumigen Wirthsstube versammlet hatten, an die bürgerlichen Abendunterhaltungen des großen Münchens. Uns ward ein Bergungsort vor dem betäubenden Nebel in einem kleinen, freundlichen Nebenzimmer angewiesen. Der zehnte September war einer jener Tage der Reise, da mit dem äußren Laufe auch der innre auf eine recht merkliche Weise gefördert ward. Bisher war es mir öfter gewesen, als wenn sich mehr nur der Leib, im Wagen sitzend, vorwärts bewege nach Osten, die Seele aber noch nicht recht dabei, sondern zurückgeblieben sey im Westen, bei mancherlei Geschäften und Sorgen des Hauses. Heute aber kam die Verspätete nach und nahm wirklichen, wachen Besitz von dem Glücke, das sie bisher nur wie im Traume genossen hatte; von dem Bewußtseyn, daß sie nun endlich wirklich auf dem Wege nach dem langersehnten Ziele sich befinde. Vielleicht liegt selbst in der historischen Bedeutung der Gegend, durch welche wir heute kamen ein Element das den Zug des Heimwehes nach der Stätte des Aufganges anregt und verstärkt, denn hier in der Nähe, bei ~Enns~, war jene alte Pflanzstätte des Christenglaubens, die schon in den Zeiten der ersten Jahrhunderte von dem Morgenlicht des neuen, geistigen Lebens bestrahlet war, während das Land rings umher noch tiefe Nacht bedeckte. Hier stund einst das römische ~Laureacum~ (Lorch), welches die Füße der Boten, die da Heil verkündeten, schon in den Zeiten des zweiten Jahrhunderts betraten; das der gottgeweihte Bischof Maximilian, im dritten Jahrhundert mit dem Wort des Lebens erfüllte und wo der christliche Kriegsheld Florian, im Wasser der Enns, den Zeugentod starb. -- Noch jetzt hat sich Unterösterreich, in das wir nun jenseit der Enns hineintraten, die Gestalt einer fruchtbaren Pflanzstätte, gleich wie ein äußeres Abbild oder wie einen Namen der großen Zeit, die einst hier lebte, erhalten: es gleichet, durch seine reichen Obstbaum-Anlagen, einem großen, schönen Garten. Besonders am Nachmittag, jenseit ~Strengberg~ ergriff uns Alle, mit ganz besonderer Macht, die Lieblichkeit des Herbsttages, die erhabene Schönheit des Landes. Die Zinnen der steyerischen Alpen, zum Theil mit frisch gefallenem Schnee bedeckt, glänzten im Wiederschein der Abendsonne; ein erfrischender Wind regte die Zweige der Bäume und die Blumen des Feldes auf; aus der Nähe wie aus der Ferne ließen sich die Töne der Vesperglocken vernehmen. Mir war es als verkündeten mir diese Töne nicht nur das Annahen des morgenden Sonntages, sondern ein Annahen an das Land, das der Woche ihren Sonntag, das dem mühseligen Treiben des Menschengeschlechtes die Ruhe des Sabbathes gab. War ich doch wenigstens einige Schritte vorwärts auf meinem Wege gekommen und jeder neue Schritt sollte mich dem Ziele näher bringen. Ich ruhete freudig in dem Gedanken, daß ich nun wirklich, endlich einmal das Angesicht gewendet habe, zu wandeln nach Jerusalem und daß ich nicht eher es wieder zurückkehren werde nach Westen, bis ich das Ziel erreichte. Das zuversichtliche Hoffen das mich, mit ganz besonderer Kraft, in diesen Stunden ergriff, hat den ganzen, weiteren Weg meiner Reise wie ein Morgenstern beleuchtet und ist mir selbst in den Stunden des kleinmüthigen Zagens auf dem Meere vor Rhodus noch ein innrer Quell der Beruhigung geworden. Am 11ten September, einem Sonntag, näherten wir uns schon frühe den hier ganz besonders lieblichen, reichbegabten Ufern der Donau. Bald eröffnete sich uns, in ihrer ganzen Herrlichkeit, die Aussicht nach dem bergigen Lande das im Norden des Flusses ansteiget und auf jeder neuen Höhe zu der es emporwächset, mit wohlgebauten Dörfern und Flecken, mit zierlichen Landhäusern und Lustschlössern der neuern Zeit, wie mit Burgruinen der alten, längstvergangenen sich bekleidet. Ueber den Wein- und Obstgärten schmücken grünende Saatfelder die Stirn der Hügel, den Scheitel des Hochlandes bedeckt die Fülle der Waldungen; in der That die Wallfahrtskirche von Maria Taferl konnte keinen, zum Hinansteigen auf ihre Höhen einladenderen Punkt sich erwählen, als diese grünende Stufenleiter der Thäler und Hügel, welche hier der letzte Abfall des böhmisch-mährischen Urgebirgs bildet. Ihm gegenüber, in Süden, zeigt sich von der Höhe herab, welche die Straße an einigen Punkten besteigt, der Zug der Alpen; näher heran der grünende Hügelzug am Ufer der Erlaf. ~Mölk~, mit seinem prächtigen, auf einem Granitfelsen thronenden Kloster wird mit Recht für einen der schönsten Anhaltspunkte der Donaugegenden gehalten. Der Fels, auf welchem es gründet, erhebt hier seine gähe Wand 180 Fuß hoch über den Wasserspiegel des Flusses; an seinem nördlichen Abhange und Fuße liegt das Städtlein, dessen äußerer Gestalt man leicht die Wohlhabenheit und Ordnungsliebe der Bewohner anmerkt. Das Kloster -- eine Abtei der Benedictiner, wurde zuerst im Jahr 984 durch Leopold den Erlauchten begründet, sein jetziger prachtvoller Bau: im sogenannt italiänischen Stile ist das Werk des berühmten Baumeisters Prandauer aus St. Pölten und ist nur wenig über hundert Jahre alt. Es findet sich hier die Familiengruft der Babenberge; in der Kirche eine Reihe von Frescogemälden aus Rothmayers Hand; eine treffliche, weitberühmte Orgel; im Klostergebäude selber eine reiche Bibliothek mit einem Codex des Horaz, neben ihr eine Münzsammlung, so wie ein, mit vaterländischen Gegenständen wohlversorgtes Naturalienkabinet, auch einige schätzenswerthe ältere deutsche Gemälde, namentlich von Lucas Kranach. Zu der herrlichen Aussicht, die sich im Garten des Klosters darbietet, möchte man, wäre dies möglich, gar gerne öfter wiederkehren. Zunächst am gegenüberliegenden Ufer des Flusses zeigt sich, unter der Ruine Weideneck, das kaiserliche Landhaus Lubereck in edler Einfalt und Anspruchslosigkeit der äußern Form, als wollte es mitten unter den Herrlichkeiten der äußern Natur, welche es umgeben, die Aufmerksamkeit des Reisenden nicht stören; nicht auf Menschenwerk hinlenken. Denn in der That diese Gegend ist geeignet das Auge zu beschäftigen und zu vergnügen; sie darf sich, was Naturschönheiten betrifft, mit mancher der lieblichsten Ansichten des Rheinthales messen. Das Engthal in das der Strom hier mehr nach Norden gewendet sich hineindrängt: die ~Wachau~ genannt, ist an seinem untern Saume mit Weinbergen, höher hinan von Obstgärten und Waldungen umgürtet; die Menge der römischen Ruinen, wie der noch jetzt blühenden Ortschaften, die grauen Gemäuer der alten, zerstörten Burgen des Mittelalters neben den schöngebauten neuen Schlössern und Landhäusern bezeugen es dem Vorüberreisenden, daß der eigenthümliche Reiz dieses Thales nicht bloß für einzelne Stunden die Theilnahme aufs Höchste zu steigern vermöge, sondern daß er in alter wie in neuerer Zeit kräftig genug gewesen sey eine Menge der fleißigen Bewohner an sich zu ziehen und sie aufs reichlichste zu begaben. Unfern von Lubereck hat sich Emmersdorf an die Stätte einer alten, römischen Niederlassung gebettet; ihm gegenüber öffnet sich das Thal der Bielach in jenes der Donau; hoch auf einem Felsen, an dessen Fuß das Wasser des Flusses mit lauter Strömung sich bricht, stehet das Schloß Schönbühel und auf seinem weitern Verlaufe gegen Krems hin ziehet der Strom an den Ruinen des einst übermächtigen Raubschlosses Aggstein, dann an der Felsenwand der sogenannten Teufelsmauer, endlich, näher an Krems an dem alten Gemäuer des Dürrensteins vorüber, auf welches die romantische Sagenzeit des Mittelalters ihren farbigen Schimmer fallen läßt, denn hier ward Richard Löwenherz gefangen gehalten. Doch fällt auf diese Berge und Thäler auch noch ein andres, höheres Licht der Geschichte, welches mehr noch als jenes der Sonne die Kraft in sich trägt nicht bloß zu erhellen, sondern zugleich auch zu erwärmen und zu beleben. Dort in den waldigen Gebirgen gegen Mähren und Böhmen hin haben einst Cyrillus und Methodius ein festeres Gebäu begründet als alle diese alten und neuen Städte oder Schlösser des Landes waren, das Gebäude des Christenglaubens, welches später weder die Wuth der heidnischen Fürstin Drahomira noch die Macht ihres Sohnes: des Brudermörders Boleslav, noch alle Macht und Feindseligkeit des Heidenthumes wieder zu zerstören vermochte. Und selbst der Ort welcher der Betrachtung hier am nächsten liegt, die Benedictinerabtei Mölk war in älterer wie in neuerer Zeit eine Wohnstätte und Pflanzschule für Männer, welche mit dem Licht des Erkennens die Kraft des Glaubens vereinten. Diese Kraft war es welche im Jahr 1683, als das Heer der Türken die Hauptstadt und das ganze umliegende Land so hart bedrängte und ängstete, den damaligen Prälaten von Mölk, ~Gregorius Müller~, zu einem Retter der Stadt und des Klosters machte. Denn er wußte, durch sein Beispiel, den Muth der wenigen, aber tapfern Bürger so kräftig anzuregen und so weislich zu leiten, daß alle, sich öfter erneuernde Angriffe der Feindesschaaren zurückgewiesen wurden. Wir kehrten von dem Besehen des Klosters und seiner Umgegend wieder nach dem Städtlein selber zurück. So sehr uns auch die Aussicht vom Klostergarten heraus an die Ufer des Rheines erinnert hatte, so wenig vermochte dieß der hier einheimische Wein zu thun, den wir im Gasthaus genossen. Der Reisende der auf der Donaufahrt durch den Anblick der üppig grünenden und fruchttragenden Weinberge, die zwischen Mölk und Krems die Ufer bedecken, entzückt wird, muß es nicht versuchen an diesem Entzücken des Auges die Zunge Theil nehmen zu lassen. Er darf es nicht vergessen, daß der meiste Wein dieser fruchtbaren Reben nur zur Essigbereitung benutzt wird und daß namentlich Emmersdorf, dessen Weinberge so anlockend schön ins Auge fallen, durch seine großen Essigsiedereien berühmt ist. In St. ~Pölten~ das wir zeitig am Nachmittag erreichten, bemerkten wir schon deutlich den Einfluß welchen die Nachbarschaft der großen, reichen Kaiserstadt auf ihre Umgegend ausübt; die Wirthstafel war mit vornehm erscheinenden Gästen und Speisen besetzt; das Tischgespräch hatte zu seinem Inhalt die jüngsten Tagesneuigkeiten der Hauptstadt. Uebrigens wäre St. Pölten auch ohne die Nähe der Hauptstadt ein nicht unansehnlicher Ort, denn es ist der Sitz eines Bischofes und Domcapitels, so wie Kreisstadt des Ober-Wienerwald-Viertels und überdies der gewöhnliche Aufenthaltsort eines Regimentsstabes. Den großen Hauptplatz ziert eine 63 Fuß hohe Säule; die Domkirche enthält Gemälde von Altamonte. Die alten ehrwürdigen Stadtmauern haben in früheren Zeiten manchem Anlauf der Feinde widerstanden; im Jahre 1683 wurde St. Pölten durch eine kleine Reuterschaar vom Dünewaldschen Regiment gegen die heranstürmende Uebermacht der Türken geschützt. Die Aussicht nach der Steyrischen Alpenkette, welche sonst die Ebene von St. Pölten darbietet, war uns durch das immer mehr sich verdichtende Gewölk verschlossen; bald ergoß sich der Regen in Strömen und trieb uns unter das freundliche Obdach des Posthauses von ~Perschling~. Der Regen war ein bald vorübergehender gewesen; der erste Eindruck der großen, schönen Kaiserstadt sollte uns ein unverwischt lieblicher und erfreuender werden, die Nähe von Wien empfieng uns mit einem freundlichen Angesicht des Himmels. Wir hatten den Weg des heutigen Tages (am 12ten September) mit der aufgehenden Sonne zugleich angetreten; die Bäume, vom Morgenwind bewegt, schüttelten die nächtliche Last des Regens von sich; aus den grünenden Wiesen stieg ein leichter Nebel auf, der sich über das Gebüsch der Hügel ergoß; ein etwas dichterer umzog noch das Gebirge, bald aber hatte die wärmer scheinende Sonne die Scheidung der oberen, blauen Veste, durch welche ihr Pfad gehet, von der unteren, grünenden der Erde, auf welcher der Fuß des Menschen wandelt, vollendet und das Wasser als fallenden Nebel an seine eigentliche, untere Wohnstätte zurückgewiesen. Wie oft habe ich später, im weitren Verlauf dieser Reise, mit einem im eigentlichen Sinne dürstenden Sehnen an solche Naturscenen mich erinnert, wie die war, welche wir an jenem Morgen vor uns sahen und wie sie in den vaterländischen Gegenden so oft und häufig auftreten. Diese Fülle des fließenden, des niederträufelnden, des in jeder Vertiefung des Bodens und auf jedem Blatte stehenden Wassers und dagegen die dürre, wasserlose Oede des nach Erquickung lechzenden Bodens der arabischen Wüste! Was wäre das arme Erdreich, mit all seinen in dasselbe hineingelegten Lebenskeimen, ohne das ernährende Wasser; aber was wäre auch das Wasser der Erde, wenn nicht ein Licht von oben, das der Sonne, seine belebenden Kräfte in dasselbe hineinlegte. Der letzte Ausläufer des Kahlenberges, eines Abkömmlinges der Alpenkette, lag jetzt vor uns; auf einer der Anhöhen zu der sich unser Weg erhob, öffnete sich uns zur Linken die Aussicht nach der Donauebene gegen Tuln und Klosterneuburg, zur Rechten die nach den weiter entfernten Reihen der Gebirgshäupter. Wir hatten aber jetzt nicht mehr Zeit noch Neigung zur Rechten oder zur Linken, das was in der Ferne lag zu betrachten, denn zu mächtig zog uns der Anblick des Nahen und des vor uns Liegenden an. Neben unserem Wege die Menge der Landhäuser und ihrer Gärten, die lieblich auf den Anhöhen und in ihren Thälern gelegenen Dörfer und Lustörter, vor uns die Thürme und Häusermasse der prächtigen Stadt. Bald sahen wir uns innerhalb ihrer Thore und gegen drei Uhr waren wir schon, wenn auch nur für wenig Tage, Bewohner derselben, die sich, im guten Gasthof zur Stadt London, so wohl versorgt und einheimisch fühlten, als in einem eignen, seit Jahren bewohnten Hause. Die noch übrigen Stunden des wunderschönen Nachmittages benutzten wir um eine vorläufige Bekanntschaft mit der Stadt und ihrer nächsten Umgebung zu machen. Aus dem muntren Gedränge einiger der schönsten und besuchtesten Hauptplätze gieng ich, mit meiner lieben Begleiterin hinaus auf den Wall. Ich hatte da, gerade heute, noch etwas ganz Besonderes, mir sehr Werthes aufzusuchen und zu thun. Ohne daß ich vorher daran gedacht, noch weniger aber ohne daß ich dieß absichtlich so eingerichtet hatte, war ich an einem Tage und in Stunden dieses Tages nach Wien gekommen, die meiner Erinnrung aus der Geschichte dieser Stadt in besonderer Tiefe und Frische eingeprägt sind[26]. Heute vor hundert und drei und fünfzig Jahren, gerade als die Noth der von den Türken hart geängsteten Stadt am höchsten gestiegen war, kam die Stunde der Errettung aus des Feindes Hand. An der Stätte der alten Löbel- und Burgbastey stehend, ließ ich, so weit ichs vermochte, das Andenken der ganzen Reihe jener Begebenheiten aus der Geschichte der damaligen Leiden und Freuden Wiens an mir vorübergehen. Einen Monat lang hatte die verhältnißmäßig kleine Schaar der Belagerten durch Wunder der Tapferkeit den Andrang der Hunderttausende der Feinde von den Mauern der Stadt zurückgehalten, als am 12ten August eine feindliche Mine die äußerste Ecke des Burgravelins zerstörte. Zwar wurde an diesem Tage der zweistündige, wüthende Sturm der Türken zurückgeworfen und bis zum 16ten August der Einbruch ihrer Schaaren in den Graben verhindert, dann aber durchbrach die Wuth der übermächtigen, immer neu andringenden Feinde den Damm der Gegenwehr; ihre Haufen ergossen sich, über die Leichname der Ihrigen, in den Löbelgraben, den sie besetzten und von wo aus nun ihre unmittelbar an der Contrescarpe errichteten Batterien die Mauern der Stadt beschossen. Dennoch hielt der Muth der Belagerten sich und die sinkende Stadt noch aufrecht, obgleich das Schwert der Feinde, mehr aber noch eine unter der zusammengedrängten Volksmenge ausgebrochene ruhrartige Seuche Viele der Kämpfer hinweggenommen oder zum Kampfe unfähig gemacht hatte. Als aber nun durch die ungeheure Gewalt der Minen, welche die Türken am 4ten, am 6ten und am 8ten September springen ließen, zuerst die Spitze der Burgbastei und eine fünf Klaftern lange Strecke der Courtine, dann sogar die beiden Façen der Löbelbastei sammt einem vierzig Fuß langem Theil der Stadtmauer, endlich der größeste Theil dieser Bastei selber zerschmettert und in Schutthaufen verwandelt waren, da schien der nahe Untergang der Stadt unvermeidlich. Zwar hatte diese, statt der gesunkenen Mauern mit dem unerschütterlichen Glaubensmuth ihrer christlichen Kämpfer sich umgürtet und der vom Großvezier selber geleitete furchtbare Sturm vom 6ten September wurde mit großem Verlust der Stürmenden von der Macht dieser unscheinbaren Schutzwehr zurückgeworfen, auch war es gelungen eine Kreuzmine des Feindes zu entdecken und unwirksam zu machen, die in der Nacht zum 9ten September der Burgbastei Zerstörung drohete; dennoch konnte man es nicht hindern, daß der Feind vom Graben aus allenthalben in die wankenden, zerborstenen Gemäuer sich hineinwühlte. Da schien denn doch endlich der Kahlenberg jene feurige Sprache der Angst und Noth zu verstehen, welche die bekümmerte Stadt bisher jede Nacht durch unzählige aufsteigende Raketen mit ihm gesprochen hatte und man sahe besonders vom 9ten September an von seinem Gipfel antwortende Raketen emporsteigen, welche die Annäherung des verbündeten Heeres und durch dasselbe die Rettung Wiens verkündeten. Endlich als am letzten Abend dieser angstvollen Woche die Sonne noch im Scheiden das Gehänge des Kahlenberges beschien, sahe man auf seinen Höhen von der Stadt aus die ersten Vorposten der Verbündeten, deren Stücke schon auf einige Feindeshaufen zornig herabblitzten. Da eilte Alles, was noch gehen konnte, auf die Zinnen der Häuser, auf Mauern und Thürme, um sich an diesem seit neun Wochen bang ersehnten Anblick zu weiden, und alsdann in die Kirchen um Gott für die nahe Rettung zu danken. Einen schöneren, mehr zur Andacht stimmenden Sonntagsmorgen hatten die damaligen Bewohner Wiens wohl niemals erlebt, als der jenes 12ten Septembers war, welcher ihnen die Hülfe brachte in der großen Noth. Da sie beim Anbruch des Tages »ihre Augen aufhuben zu den Bergen,« von denen ihnen diese Hülfe kam, erblickten sie auf dem Gipfel des Kahlenberges eine Fahne, an der sich auf rothem Grunde ein weißes Kreuz zeigte, um den Belagerern sowohl als ihren Drängern anzudeuten, wessen Sache jenes Heer vertheidigen solle, das sich, so weit nur das Auge reichte, über den ganzen Rücken des Berges hin verbreitet hatte und welches nun allmälig nach dem Thale herabzuziehen begann. Freilich war dieser Sonntag für die Belagerten sowohl als für das befreundete Heer noch keineswegs ein Tag der Ruhe; das Volk der Janitscharen, das die Laufgräben erfüllte, schien die letzte Anstrengung der wüthenden Tapferkeit zu versuchen, um noch vor der Ankunft der Verbündeten in die hier mauernlose Stadt einzudringen, welche sie ohne ihr und sich ein Ausruhen zu gönnen, durch Bomben und Steinwerfen, Miniren und Anstürmen aufs Aeußerste bedrängten. Auf der andern Seite mußte auch das Heer der Retter, welches der Zahl nach kaum ein Drittel so stark war als das der Türken, jeden Schritt seines Vordringens durch die vom Feinde besetzten Hohlwege, Schanzen und Steinhaufen mit manchem Heldenblut und gewaltiger Anstrengung erkaufen. Endlich am Mittage hatte es die Ebene erreicht; der linke Flügel, geführt von dem Herzog von Lothringen und dem alten Kriegshelden Golz, mit der schweren sächsischen Cavallerie und mehreren andren wohlgeübten Truppen hatte sich den schwersten Theil des Tagwerkes: den Kampf mit der Hauptmacht der Janitscharen erlesen, deren Gegenwehr durch die kriegserfahrensten, tapfersten Baschen aufs Höchste gesteigert wurde; den Kern des verbündeten Heeres bildete die bayerische Armee, zu der sich, wie zum linken Flügel, die Blüthe des deutschen Adels aus allen Gegenden des Vaterlandes gesellt hatte; am rechten Flügel kämpften die Schaaren der Polen, geführt von ihrem edlen Könige Sobiesky. Unter dem Herzog von Lothringen, auf dem linken Flügel des Heeres, begann der Kampf zuerst und war zugleich am furchtbarsten und ausdauerndsten, bis zuletzt Prinz Ludwig von Baden die sächsische Cavallerie zum Absitzen ermahnte und mit ihnen und einigen kaiserlichen Regimentern sich den Weg nach der Roßau und hiermit auch ins feindliche Lager und zur Stadt bahnte. So hatte denn auf dieser Seite das Heer der Unsrigen zuerst die Süßigkeiten eines Sieges geschmeckt, welcher nicht von armseliger Selbstsucht herbeigewünscht, sondern von dem Sehnen aller rechten Gottesfreunde herbeigebetet worden war; bald drang auch der Mittelpunkt der verbündeten Armee, die sich in allen ihren Bewegungen nach denen des linken Flügels gerichtet hatte in die Flanke des Feindes und als nun selbst der heldenmüthige König Sobiesky mit frischen Truppen gegen diesen anrückte, wurde derselbe zuerst ins Lager zurückgeworfen, dann aber durch die Flucht seines von Lothringens Schaaren geschlagenen rechten Flügels mit fortgerissen in die gleiche Eile des Entfliehens. So war denn jener zwölfte September, dessen Andenken wir heute, da er sich jährte, dort auf dem lieblich von der Abendsonne beleuchteten, jetzt mit allen Gaben eines langen Friedens geschmückten Walle feierten, ein Tag des großen Heiles und der innigen Freude für Wien geworden. Ich hatte, als wollte ich auch noch die Fußtapfen der großen Begebenheit am Boden erblicken, so lange und unverwandt nach dem Kahlenberg, auf den sich jetzt die untergehende Sonne niedersenkte, hinübergeschaut, daß ich ganz geblendet, das Nahe kaum mehr erkannte; erst in dem fröhlichen Getümmel der Straßen und Hauptplätze über die wir noch giengen, fand sich die Erinnrung und der bemerkende Blick für das gegenwärtige Heute und seine Erscheinungen wieder. Die Dämmerung war schon eingebrochen als wir uns aus dem Treiben und Geräusch der Straßen wieder zurückzogen auf unsre stillen Zimmer; das Bild aber von Dem, was wir heute gesehen, leuchtete noch lange in unsrer Seele fort, und in den Gesprächen an der Wirthstafel, an der wir heute Abend mit unsern Reisegefährten ganz allein waren, verwandelte sich das mannichfache Getöne der Stimmen und der rollenden Wägen, das wir noch so eben gehört hatten, in einen Nachklang, welcher wie ein fröhliches Lied lautete, denn uns Allen war es in dieser großen, volkreichen, für unsre Sinnen noch ganz neuen Stadt in den wenigen Stunden, welche wir da gelebt hatten, schon so vertraulich wohl geworden, daß wir, wäre der Zug nach dem fernen, großen Ziele der Reise nicht so mächtig gewesen, Wochen statt der einzelnen Tage hätten verweilen mögen. ~Wien.~ Statt eines eigentlichen Capitels meiner Reisebeschreibung gebe ich hier nur eine Ueberschrift, zu der sich Jeder, der selber zu sehen Gelegenheit hat, aus eigner Anschauung oder Erinnrung den Text hinzufügen kann. Denn des noch künftig zu Beschreibenden, weniger Bekannten, ist noch zu viel, und überdieß wäre die Aufgabe für den Beschreiber zu schwierig; denn wie von einem Maler der sich unterfängt, das Portrait eines allbekannten, geehrten Fürsten zu malen, würde man von ihm ein treffend ähnliches Abbild verlangen und dazu hat mir der große, schöne Gegenstand meiner Beschreibung zu kurze Zeit gesessen, indem wohl Monate nöthig seyn möchten, um alles Sehenswerthe der Kaiserstadt und ihrer Umgebung zu sehen, uns aber hierzu für dieses Mal nur vier Tage gegeben waren. Das was sich uns von jedem Besuch einer vorhin noch nie gesehenen Gegend oder Wohnstätte der Menschen am ersten, und zugleich am tiefesten in die Erinnrung einprägt, ist zuletzt doch nur Das, was selber in der Tiefe des Seyns und Bleibens gründet: der Geist der etwa einst in den Thaten der Geschichte hier waltete, oder der in den Bewohnern noch jetzt lebt und fortwirkt. Das herrschende Prinzip des geselligen Lebens und Bewegens in den Bewohnern Wiens ist ein solches, mit welchem sich auch der schnell hindurchgehende Fremdling und Wandrer bald und leicht befreundet: es herrscht da, so weit wir dieß zu beurtheilen vermochten, im Allgemeinen ein Geist des Wohlwollens und der Friedlichkeit, wie er uns in einer glücklichen, einträchtig beisammenlebenden Familie begegnet. Eine solche gute Stimmung aller Genossen des Hauses geht zunächst von der vorwaltenden Stimmung der Häupter der Familie: des Hausvaters und der Hausmutter aus, und wer die Geschichte von Wien seit längerer Zeit kennt, der weiß es, daß es hier gute, an innrem Frieden reiche Oberhäupter des Haushaltes gegeben hat und noch fortwährend giebt. Was dem geselligen Ton in Wien, dem Grundton der durch den Wechselverkehr seiner Bewohner geht, den eigenthümlichen Wohllaut mittheilt, das ist der Geist der Freundlichkeit und des Wohlwollens, der von dem Haus der Herrscher ausgieng. Darum wird es auch dem Fremden unter den Bürgern Wiens so zu Muthe wie unter Kindern die bei der guten, ausreichenden Versorgung welche sie im Elternhause haben, ganz vergnügt und wohlauf leben und ihre Eltern in Ehren halten. Die große Kaiserstadt war gerade in den Tagen, in denen wir sie besuchten, in etwas vereinsamt; der Hof befand sich in Prag, bei den Festlichkeiten der Krönung; ein großer Theil der Gelehrten und Lehrer der Hochschule, auf deren Bekanntschaft ich mich gefreut hatte, befand sich auf dem Lande oder war auf Ferienreisen in der Nähe und Ferne verstreut. Man sagte uns es sey eben jetzt bei weitem weniger »Leben« in der Stadt als gewöhnlich; wir aber bemerkten das nicht, uns war es, wenn wir in manchen Stunden des Tages über einen der Hauptplätze giengen so zu Muthe wie den Landleuten, wenn sie an einem Jahrmarktstage aus ihrem stillen Dorfe in das Volksgedränge der Stadt kommen. So in langen Reihen und so zusammengeschaart wie hier an jedem schönen Nachmittag sieht man bei uns die gehenden und fahrenden Städter und Städterinnen nur an Sonntagen oder bei besonderen Festlichkeiten; Wien legt sein Sonntagsgewand die ganze Woche nicht ab. Aus einer solchen Masse des Sehenswerthen und Neuen, wie die ist, welche hier auf unsre Sinnen einstürmte, wählt man sich bald einzelne Lieblings- und Ausruhepunkte aus, zu denen man gern öfter wiederkommt. Ein solcher Ausruhe- und Richtpunkt der Wege war für uns die ~St. Stephanskirche~, die schon im Jahre 1144 von dem ersten Babenberger Herzog gegründet wurde, obgleich der Ausbau nach dem jetzigen Umfang erst in die Jahre 1359 bis 1430 fällt. In ihrem Innren drängen sich mehrere Mächte der älteren Kunst zusammen: die Glasmalerei der drei Fenster um den aus schwarzem Marmor gebildeten Hochaltar; die Fürstengruft; das Grab Friedrichs des Vierten mit mehr als 300 Figuren und vielen Wappen, oben auf ihm die liegende Figur des Kaisers im fürstlichen Ornat. Zur Vervollständigung des Eindruckes, den schon das Innre, selbst auf den bloß Beschauenden macht, gehört jedoch vor allem die Betrachtung des Aeußeren. Der eine, ausgebaute Thurm, hat mit Recht auf den Tafeln der Messungen der Höhen und Tiefen seine Stellung neben den höchsten menschlichen Bauwerken der Erde erhalten. Er stehet hierinnen der größesten der ägyptischen Pyramiden und dem Straßburger Münsterthurm nur wenig nach; seine Höhe erscheint wie ein wohlgelungener Reim auf das Höhenverhältniß des Donauspiegels bei Wien zur Fläche des Meeres, denn so hoch der mittlere Stand des Flusses über das Meeresniveau, so hoch erhebt sich die Spitze des gewaltigen Stephansthurmes über den Boden in welchem sein Grundgemäuer ruhet[27]. Das Baumaterial der Quadersteine, abgesehen von dem kräftigen, in wohlerwogenem Verhältniß zur Höhe stehenden Durchmesser, giebt diesem mächtigen Gebäu das Ansehen eines fast auf der Tiefe ruhenden Berges, den die mannichfachen, zierlichen Gestalten der altgothischen Verzierungen wie eine Welt der auf ihm wohnenden Thiere und Pflanzen beleben. Es thut dem Auge, das gern in die Höhe schaut, ganz besonders wohl, wenn es mitten auf der Ebene und in der Mitte der immer bewegten Wellen des gewöhnlichen Lebens einer großen Stadt an einem solchen Berge (nach Psalm 121) ausruhen kann, den sich, wenn auch nur als ein Abbild, ein frommer Sinn mitten in die Fläche der Alltäglichkeit hineingesetzt hat. Auf der Höhe des Stephansthurmes, zu der man auf etwa 700 Stufen hinansteigt, hat man auch den besten, den vollständigsten Ueberblick über die Stadt und ihre reiche, schöne Umgegend. Wie riesenhaft groß das Gebäude sey, das man erstiegen hat, das bemerkt man bei dem genauen Anblick der Tafel der Uhr, welche über 12 Fuß hoch und fast eben so breit ist. Die große Glocke des Thurmes, die aus dem Erz der eroberten türkischen Kanonen gegossen ward, wiegt 354 Zentner (nach andern Angaben 412 Z.) sie übertrifft mithin an Masse und Gewicht die große Glocke zu Notre Dame in Paris, wie die des Mailänder Domes, welche beide zu 320 Zentnern geschätzt werden, noch mehr die zu Magdeburg (von 293 Z. Gewicht) und hat im deutschen Vaterlande zur gleichkräftigen Gesellin nur die berühmte Erfurter Susanna, deren Gewicht 362 Zentner betragen soll. Ueberhaupt wird die St. Stephansglocke in Europa (seitdem die riesenhaft große Glocke in Moskau, von, wie man sagt, mehr als 4000 Zentnern Gewicht, nicht mehr vorhanden ist) nur von wenigen solchen stimmführenden Mächten, namentlich von der Cordeillac zu Toulouse (sie wiegt über 500 Zentner) übertroffen. Nächst der St. Stephanskirche hat noch gar manches andre der prächtigen Kirchengebäude von Wien einen anziehenden Reiz für den Fremden. Die kleine St. Ruprechtskirche erhielt sich nur den Ruf, nicht aber das äußere Ansehen ihres hohen Alterthumes, denn obgleich ihre erste Erbauung auf das Jahr 740 gesetzt wird, gehört dennoch ihre jetzige Form dem 15ten Jahrhundert an. Dagegen hat sich die St. Michaëlskirche in ihrem Innren unverändert die ehrwürdige Form der morgenländisch christlichen Bauart bewahrt; eine freundliche Gabe der jüngsten Zeit an das alterthümlich merkwürdige Gebäude sind die Gemälde von Ludwig Schnorr. Selbst außen auf dem Vorplatze von St. Michaël erinnert man sich gern an ein Ereigniß aus den Zeiten der vorhin erwähnten Belagerung Wiens durch die Türken. Die erste Bombe welche damals die Feinde in die Stadt warfen, war gegen diese Kirche des Schutzengels der Unschuld gerichtet, sie fiel, Verderben drohend, vor ihrem Gemäuer nieder; da lief ein dreijähriges Kind, das sich von selber zu dieser kühnen That getrieben fühlte, zu ihr hin, löschte sie aus und wendete so die Gefahr von der Kirche und allen ihren Nachbargebäuden ab. Gleich am ersten Nachmittag unsres kurzen Aufenthaltes in Wien waren wir von dem sogenannten Graben durch ein schmales Seitengäßchen zu der St. Peterskirche gekommen, welche Johann Fischer von Erbach der Form der Peterskirche zu Rom nachbildete; von demselben Meister ist auch die prachtvolle St. Karlskirche auf der Wieden erbaut worden. Das Grabmal der Erzherzogin Christina von Canova's Meisterhand findet sich in der Hofpfarrkirche der Augustiner. Auf unsren Wanderungen durch die große Kaiserstadt und einige ihrer Vorstädte verweilten wir öfters mit vorzüglichem Wohlgefallen auf dem Josephsplatze. Die eine Seite desselben nimmt das Gebäude der k. k. Hofbibliothek ein, dessen äußere Pracht und Herrlichkeit nicht vergeblich auf einen eben so reichen innern Gehalt schließen lässet. Der Sarkophag von weißem Marmor, den man unten in der Vorhalle des Gebäudes sieht und auf welchem in halberhabener Arbeit der Kampf des Theseus mit den Amazonen dargestellt ist, wurde (im siebzehnten Jahrhundert) unter den Ruinen von Ephesus aufgefunden und durch seinen glücklichen Finder -- einen Grafen von Fugger -- hieher geschenkt. Der Freund der naturgeschichtlichen Litteratur wird nicht ohne ein Gefühl der höchsten Befriedigung den großen, herrlichen Saal der Bibliothek verlassen. Von der alten Handschrift des Dioscorides an, bei der sich gemalte Pflanzenabbildungen finden, bis zu den theuersten und seltensten Kupferwerken der neuesten Zeit wird man beständig daran erinnert, daß man sich hier in einer Stadt befinde, wo sich mehrere durch Talent und Wissen wie durch hohen Stand mächtige Geister der Naturwissenschaft zugewendet haben. Der Reichthum an den bedeutungsvollsten Werken des Morgenlandes ließ mich den Einfluß des reichen Geistes von Hammer's errathen, überhaupt erkannte ich und erfreute mich gar vielfältig in Wien an den Fußtapfen der Wirksamkeit dieses verehrten Mannes, ihn selber aber, dessen Werke wie wohlwollende Empfehlungen mir doch ein so kräftiges Geleite auf diese Reise gaben, fand ich nicht. -- Für die Betrachtung der Landcharten und Kupferstiche, so wie doch eigentlich für die genauere der Bibliothek hätte man sich nur mehr Zeit wünschen mögen, als für dieses Mal dafür vorhanden war. Eben so für die Betrachtung der gehaltreichen Naturaliensammlung. -- Auf dem Josephsplatze steht auch noch die große, schöne Reuterstatue Josephs +II.+, von Zanner. -- Außer dieser für mich so vielfach anziehenden Parthie der Stadt, sind mir auch der neue Markt mit den trefflichen Brunnenfiguren von Donner, der hohe Markt, mit dem kleinen Tempel in seiner Mitte, wo die Vermählung der heil. Jungfrau dargestellt ist; der sogenannte Graben mit der wenigstens stark genug in die Augen fallenden Dreifaltigkeitssäule gar wohl in der Erinnrung geblieben. Unter den vielen, nicht immer regelrecht verlaufenden Gassen der Stadt lernte ich mich nicht einmal bei dem Tageslicht der unmittelbaren Anschauung zurecht finden, noch weniger vermöchte ich dieß jetzt, bei dem dämmernden Licht der Erinnrung. In der k. k. Burg und ihrer Nähe ist mir es immer sehr wohl geworden; sie ist ein Stammbuchblatt in der Geschichte Deutschlands, auf welchem viele werthe Namen, Derer die hier walteten, aufgezeichnet stehen. Ihr Innres gewährt viel mehr als das Aeußre verspricht. Die köstliche Mineraliensammlung sahe ich nicht; der treffliche Mohs war verreist. Vor den Gewächshäusern und in den nachbarlichen Gärten der Burg weilte ich mit Wohlgefallen. Nun möchte aber auch wohl bald alles das beisammen seyn, was ich von der Altstadt von Wien zu sagen weiß. Denn wenn ich auch aus dem Tagebuch des Gedächtnisses noch einige Dinge erwähnen wollte, würde man bald die flüchtige Eile bemerken, in der ich an Allem vorübergekommen bin, oder ich müßte nur aus Hörensagen beschreiben, was ich nicht einmal selber gesehen, wie namentlich Belvedere mit der reichen Gemäldegallerie und der schönen Aussicht nach der Stadt und ihren Vorstädten. Ueberdieß ist auch noch gar zu viel von der Geschichte der Reise nach dem Morgenlande zu erzählen, welche doch eigentlich erst von Wien aus ihren Anfang nimmt. Indem ich aber nun meine Erzählung anheben will, fühle ich mich wie von neuem an der guten Kaiserstadt festgehalten und zu ihr hingezogen; ich finde, daß die Geschichte der Reise nicht erst von Wien aus, sondern schon in demselben ihren Anfang nimmt. Denn in seiner Mitte entspannen sich jene goldenen Fäden des Wohlwollens und der freundlichen Fürsorge, die mich auf meinem ganzen weitem Wege von der Donau bis zur Herrscherstadt vom Propontis und von da wieder an den Meles, Nil und Jordan, ja bis zum Arno geleiteten. Die kräftige Wirksamkeit jener Empfehlungen, welche ich aus der Staatskanzlei Seiner Durchlaucht, des ~Fürsten von Metternich~ mit mir nahm, ließen es mich erfahren: daß der große, vielumfassende Geist dieses Staatsmannes mit der Vorsorge für das Allgemeine und Ganze auch die für das Bemühen eines Einzelnen zu vereinen wisse, und daß neben dem mächtigen Strome des politischen Bewegens, dessen Lauf derselbe zum Wohle des Vaterlandes zu leiten bemüht ist, auch ein armes Bächlein seiner Hülfe sich erfreuen dürfe, welches, aus dem Quell der Wissenschaft hervorgehend, vielleicht irgendwo einen noch schlummernden Keim des Erkennens wecken könnte. Was ich hierbei dem hohen Wohlwollen Seiner Excellenz, des Herrn ~Grafen von Ottenfels~ verdankte, das war so Wesentliches und so Vieles, daß ich meinen tiefgefühlten Dank dafür besser durch den Thatbericht über das, was jenes Wohlwollen in dem ihm so nahe bekannten Lande des Ostens für mich bewirkt hat, als durch Worte auszusprechen vermag. Einen andern Punkt, von welchem die goldnen Fäden der freundlichen Bemühungen für mich und das gute Gelingen meiner Reise ausgiengen, habe ich schon genannt; das war ein Schreibtisch, von welchem gar viele goldne Fäden über ganz Europa und tief nach Asien hinein, bis weit über den Euphrat auslaufen: der Schreibtisch des hochverehrten ~Ritters von Hammer~. Der Mittelpunkt aber, das eigentliche »Herz« von welchem alles das Bewegen zu meinem Gunsten in Wien seinen ersten Antrieb empfieng, habe ich noch nicht genannt: das war jener Mann, der die hülfreiche That seines Wohlwollens und seiner Liebe schon in so manches frühere Jahr und Begegniß meines Lebens unvergeßlich tief hineingeprägt hat, der hochtheure K. Bayerische Minister, Baron ~Maximilian von Lerchenfeld~. Wenn aber alle die eben erwähnten Beweise von Wohlwollen und Güte, die wir in Wien erfahren durften, zusammen mit dem freundlichen, nur unsres Vortheiles gedenkenden Geleites, das uns die Briefe der Herrn Eskelin und C. in alle größeren Handel treibenden Städte der östlichen und südöstlichen Mittelmeeresküste gaben, wenigstens doch an die Fortreise erinnerten, so waren daneben auch noch andre Fäden wirksam, die uns in der Kaiserstadt selber so fest und innig umspannen, daß sie uns fast hätten können das Weitergehen vergessen machen. Wir erfuhren hier die Kräfte und Aeußerungen einer Freundschaft, welche zu ihrem Erstarken keiner längeren Zeit des Sehens und Bekanntwerdens bedarf, weil sie von einer Art ist, über deren Gedeihen und Fortbestehen die Zeit keine Gewalt hat. An der Seite des theuren ~Endries~ besuchten wir noch am letzten Tage unsres Aufenthaltes einige Gärten und Landhäuser in der Nähe der Stadt; vor allem Schönbrunn. Hier ließ uns die Umgegend von Wien noch einmal die Fülle aller ihrer Lieblichkeiten sehen und genießen; zuerst bei der weiten Aussicht am Gloriette, dann in den stillen, schattigen Gängen der hohen Baumgruppen und am Gesundbrunnen der hehren Nymphe. Die kräftig gedeihenden, ausländischen Gewächse der Treibhäuser und Blumengestelle sprachen mit mir zum Theil schon die Natursprache jener Länder, die mein Fuß nun bald betreten sollte. Bei jedem solchen Anblick merkte ich recht deutlich, daß mein ganzes Sinnen und Trachten nicht mehr daheim, sondern bereits ausgewandert sey in das Land gegen der Sonne Aufgang, und wo das Herz wandelte, da wollten dieß auch die Füße. Darum auf, zur Weiterreise! Die Donaufahrt von Wien nach dem schwarzen Meer. Es schien als sey eine ganze Gemeinde im Auswandern begriffen, so groß war die Zahl der Reisenden, so wie der mit Reisegepäck belasteten Träger und Karren, welche mit uns zugleich am Nachmittag des 15ten Septembers hinabzogen durch den Lustwald des Praters nach der Donau. Hier, bei dem Dampfschiff, war das Gedräng noch größer; denn so wie mehrere liebe Freunde uns aus der Stadt bis hieher das Geleit gaben, so hatten auch die Schaaren der andern Reisenden ihre Begleiter, zu denen sich die Menge der Neugierigen und der im Prater Lustwandelnden gesellte, welche das Dampfschiff wollten abfahren sehen. Das Glöcklein das die Abfahrt verkündete, hatte zum letzten Male geläutet, die Räder der Dampfmaschiene setzten sich in Bewegung und mit ihnen zugleich die Stimmen, die sich noch einmal vom Schiff und vom Lande aus begrüßten. Auch auf der schnellen Fahrt, die nun begann, fuhren die Stimmen, die mit uns im Schiff geblieben waren, fort, an Lauttönigkeit und Schnelle mit den Rädern und Getrieben zu wetteifern; die Menge der Mitreisenden war aber auch so groß, daß sich zum Sitzen nur selten Raum und Gelegenheit fand, man stund da in einem Menschengedränge, wie jenes ist, das sich an einem Jahrmarkte vor einer Garküche anhäuft. Denn gerade dergleichen Erinnerungen an Jahrmarkt und Garküche drängten sich hier der Seele am meisten auf, wo man so viel reden hörte von den in Wien gemachten Einkäufen, so viel wahrnehmen mußte von der Geschäftigkeit der Küche, deren Erzeugnisse, von den schnellen Dienern ohne Aufhören unter die immer mehr und Neues begehrende Menge ausgetragen wurden. Unter solchen Umständen konnten freilich die Gedanken an die Pilgerschaft nicht recht aufkommen, obgleich gerade heute eine besondere Anregung zu denselben vorhanden gewesen wäre. Denn es hatte sich von Wien aus noch eine Mitpilgerin an uns angeschlossen, die wir mit ihrem Vornamen: ~Elisabeth~ nennen wollen. Eine muthige und freudige Wanderin nach dem Morgenlande, welche namentlich meiner Hausfrau oftmals, wenn zu den äußern Stürmen auf dem Meere die innern der Sorgen und der Furcht vor dem »großen Wasser« hinzukamen, von neuem Muth und Freudigkeit mittheilte, und durch ihr geduldiges Ertragen der vielfältigsten Bedrängnisse uns Allen zur Stärkung; durch Rath wie That zur Erleichterung und Hülfe gereichte. Der Anfang der großen Wasserbahn, die wir jetzt auf unserm Dampfschiffe, der Nador genannt, betreten hatten, gewährt dem Auge nicht viel Unterhaltung. Der mächtige Strom wird hier zu beiden Seiten durch eine grünende Ebene begränzt, die sich erst bei ~Fischament~, am Ufer der rechten Seite, wieder hüglich erhebt. Hier belebt sich die unmittelbare Nachbarschaft des Wassers auch durch die große Landstraße, welche auf dem 10 Fuß hohen Damme hingehet; zur Linken dehnt sich noch das Marchfeld aus. Uebrigens gehet die Fahrt hier an einem Boden vorüber, den man gerne, nicht bloß im schnellen Vorüberschiffen mit dem Auge durchstreifen, sondern zu Fuß durchwandern möchte, denn nahe bei ~Petronell~ deuten der Triumphbogen des Tiberius, so wie andre Ruinen die Stätte des alten ursprünglich Celtischen, dann Römischen ~Carnuntum~ an; eine merkwürdige Schanze, welche diese alten Bewohner und Beherrscher des Landes errichteten, reichet von dieser Gegend fünf Stunden weit gen Süden, bis an den Neusiedlersee und dehnt sich auch jenseit des linken (nördlichen) Ufers der Donau bis an Zwerndorf aus. Vor ~Hainburg~ (Hunnenburg) erinnert der 60 Fuß hohe rundliche Hügel, noch mehr aber die Ruine der wahrscheinlich von den Römern angelegten, dann aber von den Hunnen bewohnten Veste an König Etzels (Attila's) Hofhalt und an den Sagenkreis des Nibelungen Liedes. Noch jetzt in ihren Trümmern riesenhaft mächtig erhebt sich am linken Ufer des Stromes die Burg des schon zu Ungarn gehörigen Gränz- und Mauthortes ~Theben~, deren Begründung auch den Römern zugeschrieben wird und welche dem Mittelalter für eines der unüberwindlichst festen Schlösser des Landes galt. Berge zu beiden Seiten, deren Abhänge und Schluchten mit Laubwald und Weinpflanzungen sich bekleiden, geben der Nähe von ~Preßburg~, dessen alte Königsburg sich von ferne zeigt, ein gastlich einladendes Ansehen und noch ehe die Sonne sinkt landet das Dampfschiff bei der Stadt an. Wir waren von Wien nach Preßburg, wohin der gerade Weg (abgesehen von den Krümmungen der Donau) 12 Stunden beträgt, in nicht ganz 3 Stunden gekommen. Wir hatten uns beim Hineingehen nach der Stadt etwas verspätet; denn welchen Fremdling sollte nicht der erste Anblick dieses alten, ungarischen Königssitzes anziehen und festhalten, der von den Vorbergen und Weinbergshügeln der kleinen Karpathen im Halbkreis, wie von einem grünen Mantel umgeben ist, und welcher seinen Fuß auf den hier ungetheilten, 780 Fuß breiten, majestätischen Strom stellt. Die Herrscherburg, in welcher vormals die Reichskleinodien bewahrt wurden, thronet auf einem 420 Fuß hohem Felsen und hat sich noch immer, obgleich die Feuersbrunst von 1811 ihr Innres verheerte, die äußren Züge ihrer stattlichen Gestalt bewahrt; ehrwürdig durch ihr Alter wie durch ihre Bauart, stehet die von Ladislaus dem Heiligen im Jahr 1090 begründete St. Martinskirche mit ihrem prächtigen Thurme da; unter manchen andren schönen und ansehnlichen Gebäuden zeichnet sich der erzbischöfliche Pallast aus. Während wir jedoch so beim Anschauen zögerten, hatte das kleine Heer von Reisenden, das sich aus dem Schiffe über alle Gassen und Plätze der Stadt ergoß, bereits von allen bessern Gasthöfen Besitz genommen, wir fanden endlich nach langem Herumfragen nur noch in einem Wirthshause von ziemlich niederem Range ein Unterkommen. * * * * * Wir fuhren am andern Morgen bald nach Tagesanbruche ab; der Himmel hatte sich getrübt, die Gluthsäule des Morgenrothes über den grünenden Hügeln, so schön sie dem Auge erschien, war nichts Erfreuliches, denn sie deutete auf nahen Regen. Bald jenseit Preßburg theilt sich die mächtige Donau in mehrere Arme, zwischen denen sich die beiden Inseln Schütt, die größere zur Linken auf die Länge von 9, die kleinere zur Rechten auf 7 Meilen ausdehnt, wobei die Breite von jener 4-5, von dieser etwa 1 Meile beträgt. So fruchtbar auch diese Inseln seyn mögen, hätten wir für heute gerne ihres Anblickes entbehrt und uns vor dem dicht herabfallenden Regen in die Kajüten gerettet, wenn da nicht das Gedränge der vielen Menschen eine so unerträgliche Schwüle erzeugt hätte, daß der Aufenthalt auf dem Verdeck unter dem Regenschirme noch immer vorzuziehen war. Es waren indeß nur Gewitterregen, die sich, einer nach dem andern, über die Ebene entluden, dazwischen gab es auch heitre Sonnenblicke, die uns das unüberwindlich feste ~Comorn~, am Einfluß der Waag und die jenseits Comorn wieder bergig sich erhebenden, namentlich bei Neszmely (Nesmil), reich mit Reben und Obstbäumen bepflanzten Ufer, so wie den majestätisch auf seinem Felsen hervortretenden Dom zu ~Gran~ mit genußreicher Ruhe betrachten ließen. Ueber den Höhenzügen des Bakonyerwaldes zu unsrer Rechten, stiegen am Nachmittag von neuem die Wetterwolken wie Berge auf, während die noch höherstehende Sonne den wunderlichen Bau der dreieckigen Bergveste von ~Vissegrad~ (der Plentenburg) beleuchtete, in welcher einst der edle ~Matthias Corvinus~ in der Gesellschaft unsres großen Landsmannes des Astronomen ~Regiomontanus~ Tage eines genußreichen Ausruhens verlebte, und welche ein Lieblingsaufenthalt mehrerer ungarischen Könige war. Unten am Fuße des Berges, der die Burg auf seinem Rücken trägt, stehet der 6 Stockwerk hohe Salomo'sthurm, so genannt, nicht nach dem weisen Herrscher des Israëlitischen Reiches, sondern nach einem Vetter des Königes Ladislaus, dem ungarischen Gegenkönig Salomo, der (im Jahr 1077) hier gefangen saß. Bei dem schön gelegenen ~Waitzen~ nimmt der Strom seine Wendung nach Süden; nur noch eine kurze Strecke hatten wir zu fahren, da zeigte sich das hochgelegene ~Ofen~ und bald begrüßte das an dem gegenübergelegenen ~Pesth~ anlandende Schiff die Bewohner der schönen Stadt mit Kanonenschüssen. Abgesehen von den vielen, sehr bedeutenden Krümmungen, welche die Wasserbahn machet und die der Landweg abschneidet, misset selbst der gerade Weg von Preßburg nach Pesth 32 Stunden, während unser Dampfschiff in 13 Stunden das Ziel erreichte. Doch brachte wenigstens uns diese Eile für heute wenig Vortheil; ein heftiger Regenguß, der das Ausladen des Reisegepäckes aus dem Nador, den wir hier mit dem Dampfschiff Zriny vertauschen sollten, überaus erschwerte, hielt uns noch mehrere Stunden im Fahrzeug zurück, bis wir endlich nach 9 Uhr Abends im schönen, bequemen Gasthause zum König von Ungarn Ruhe und Erquickung fanden. Sonnabends, den 17ten September, noch vor Tagesanbruch mußten wir schon wieder auf unsrem Dampfschiffe seyn; denn dieses sollte, so war es die Absicht des Capitäns, heute einen noch weiteren Weg machen als gestern; es sollte am Abend bei dem gegen 40 Stunden Weges von Pesth abliegenden Mohacs anlegen, damit dort das Einladen der Steinkohlen während der Nacht geschehen könnte. Die Wasserbahn wurde allmälig heller, die Räder begannen ihren Kreislauf; wir wandelten wenigstens mit Augen und Herzen nach dem guten Ofen hinauf, das wir so gerne begrüßt und besucht hätten; doch schon nach wenig Riesenschritten des Fahrzeuges war uns das schöne Schwesterpaar der Städte, zuerst Pesth, dann Ofen aus dem Auge gerückt und wir zogen auf dem einen Arme der hier wieder getheilten Donau hinab nach der großen, unübersehlich weiten Ebene. Vor dem eigentlichen Beginn von dieser erhub sich noch einmal der letzte Sprosse des von Westen, vom Savoischen Gebirgsstamme herkommenden Höhenzuges zu dem mit Weingärten umkleideten Eugeniusvorgebirge, auf welchem ein prächtiges Lustschloß gesehen wird; dann aber fiel der Vorhang eines dichten Nebels über den großen Schauplatz herunter, das Dampfschiff mußte, weil jetzt die Weiterfahrt wegen der vielen Schiffsmühlen am Ufer bedenklich erschien, den kaum begonnenen Lauf hemmen, und wir lagen da, mitten im Strome, bis gegen Mittag still. Indeß hatten wir Zeit genug uns in dem Dampfschiffe umzusehen, das von heute an auf längere Zeit unsere Wohnstätte seyn sollte. Der Zriny, so heißt dasselbe, hat eine Länge von 180 Fuß und 23 Fuß Breite, bewegt seine Last mit einer Kraft, welche jener von 80 Pferden gleichkommt und durchläuft hiermit, unter sonst günstigen Umständen in jeder Stunde eine Strecke, welche mehr als 6 Stunden Weges beträgt. Zu unsrer großen Freude hatte sich das Gedräng der Reisenden, das auf dem Nador so übervoll war, sehr vermindert; nur eine Schaar von Handelsleuten, die auf einen Jahrmarkt jenseit Semlin zog, schien in Pest neu hinzugekommen zu seyn; an unsere nähere Gesellschaft schloßen sich jetzt, wo man erst Gelegenheit fand sich näher zu kommen, ein alter, vielgereister, wohlunterrichteter Engländer mit seinem Neffen und ein junger Grieche aus Chios an, der in München studirt hatte. Gegen Mittag wurde der Vorhang des Nebels wieder aufgezogen, die neue Scene: der volle Anblick der großen, ungarischen Ebene begann, die Fahrt gieng ohne Hemmung weiter. Der schöne Strom, als wollte er einige Zeit von dem schnellen Laufe ausruhen, ergeht sich hier, gleich einem weidenden Rosse durch üppig grünende Auen; verbirgt sich bald hinter dem grünenden Gebüsch, bald zwischen einzelnen Laubwäldern, aus denen manche uralte Bäume weit emporragen. Heerden von bräunlichen Cormoranen und wilden Gänsen flogen lautschreiend über uns hin, Pelikane mit schneeweißem Gefieder sonnten sich auf den abgelegenen Sandbänken, Löffelgänse schoßen begierig nach ihrer Beute, den kleinen Fischen, herunter, hin und wieder zeigte sich auf einem Baum am Ufer ein einsamer Seeadler. Nur an wenig Stellen öffnete sich über das hohe Grün des Ufers hinüber die Aussicht nach einem Dorfe; Heerden des weidenden Viehes oder ein wohlberittener Landmann, der die Schnelle seines guten Rosses prüfen und zeigen wollte, indem er auf der Ebene am Ufer mit dem Dampfschiff den Wettlauf versuchte, verriethen es, daß das Land von Menschen bewohnt sey. Gegen Abend schien sich unser Weg in undurchdringlichen Waldungen zu verlieren; die Nacht war schon angebrochen als wir aus der Stille dieser dichten Laubgänge hinausgelangten ins Freie und in ~Tolna~ das Nachtlager suchten. Hier fanden wir ein Gasthaus, das an die beßern Gasthäuser mancher unsrer wohlhabenden Dörfer erinnerte; der Tisch des Wirthes bot in Fülle die reichen Gaben des Landes dar; noch vor dem Einschlafen ergötzte uns ein lieblich tönender, von Flöten begleiteter, zweistimmiger Gesang, der sich nahe bei den Fenstern unsers Zimmers von einer vorüberziehenden Gesellschaft vernehmen ließ. Die Stille des Sonntag Morgens, am 18ten September, wurde in den sich immer gleich bleibenden, grünenden Auen durch nichts gestört, das etwa die Sinnen sehr anzuziehen vermocht hätte. Noch vor Mittag erreichten wir ~Mohacs~, dessen reiche Ebene an das malerisch schöne Gebirge von Villany und Hersany, so wie an die Höhen sich anlehnt, welche das breite Thal von Fünfkirchen begränzen. Unser Dampfschiff hielt hier, um neue Steinkohlen einzunehmen, mehrere Stunden und ließ uns Zeit, den in vieler Hinsicht merkwürdigen Ort zu besehen. Jene Höhe bei Hersany und Villany, die sich in Gestalt eines rundlichen Grabeshügels über die Ebene erhebt, trägt allerdings, gleich dem Tumulus des Patroklos oder Achills die Bedeutung eines alten Heldengrabes an sich; denn diese Ebene ist ein großes, mit vielem Blute benetztes Schlachtfeld der Völker, auf welchem das eine Mal die Macht des türkischen Halbmondes so zum Wachsen kam, daß der Morgenstern der Herrlichkeit dieses Landes vor seinem Glanze erlosch; das andre Mal aber so ins Abnehmen gerieth, daß sein schwaches Licht in der Helle des neuanbrechenden Tages verschwand. Am 29ten August 1526 traf hier bei Mohacs die Schaar der Christen unter Ludwig +II.+, dem Könige von Ungarn, auf das Heer der Türken, welches Suleiman der Große zur Schlacht führte. In der That ein ungleicher Kampf; denn die Armee der Christen, der Zahl nach nicht viel mehr als ein Zehntheil der türkischen, war ein Gemächte aus vielen unter einander streitenden Gliedern, denen ein kräftig herrschendes Haupt fehlte, weil der erst 20jährige König, zwar von seiner Geburt an[28] durch manche Schule der Schmerzen gegangen, die stählende Kraft aber derselben immer von neuem in der erschlaffenden Wärme seiner nächsten, nur auf Sinnenlust denkenden Umgebung wieder verloren hatte; während Suleiman, der Schrecken der Völker vom Nil bis zum schwarzen Meere, ein vollkommner Herrscher und Heerführer seiner an Kampf und Sieg gewöhnten Schaaren war. Als dort, in den Sümpfen des nachbarlichen Czelie der fliehende junge König, unter der Last seines gestürzten Rosses den Tod gefunden, da brach die furchtbare Verheerung durch Feuer und Schwert der Türken über das ganze wehrlose Land herein und erfüllte dasselbe bis gen Gran, ja bald nachher bis gen Wien, mit Wehklagen und mit einem Elend, welches über einen großen Theil von Ungarn länger denn anderthalb Jahrhunderte lastete. Aber eben in dieser nämlichen Ebene von Mohacs kam auch für jenes Land eine Stunde der großen Errettung, als am 16ten August 1687 hier das Heer der Türken, das der Großvezier führte, von jenem der Christen, welches der Herzog von Lothringen befehligte und Prinz Eugen beseelte, vollkommen geschlagen ward. Achtzig Kanonen und das ganze christliche Lager waren vormals (im Jahre 1526) in die Hände der Türken gefallen; achtzig Kanonen und das ganze Lager der Türken wurden jetzt in die Hände der christlichen Sieger zurückgegeben; und wie damals der zwanzigjährige König Ludwig ein Triumph der Türken ward, so triumphirte jetzt ein nicht viel mehr als zwanzigjähriger christlicher Held, Prinz Eugen von Savoyen über die Türken, als er, in jugendlicher Kampflust zuerst die Gräben des feindlichen Lagers erstieg und nach beendigter Schlacht den Auftrag des Feldherrn empfieng: die Kunde des Sieges selber nach Wien zu bringen[29]. War es doch derselbe Eugen, der 10 Jahre später als Feldherr dort im Osten von Mohacs, bei Zenta die von dem Großherrn selber geführte Uebermacht der Türken brach, und endlich nach wiederum 2 mal 10 Jahren (am 10. August 1717) das Lager des Großveziers bei Belgrad vernichtete, wobei 140 Kanonen und unmittelbar nachher Belgrad selber eine Siegesbeute der Christen wurden. Die Geschichte der beiden, an Erfolg so ungleichen Schlachten bei Mohacs ist in dem dortigen erzbischöflichen Pallast in zwei großen Schlachtgemälden dargestellt, die man in ihrer gerade nicht sehr kunstwerthen Art als »grausam schön« bezeichnen könnte. Wir besahen sie dennoch, so wie das bei ihnen befindliche Porträt des unglücklichen Königs Ludwig, dann erquickten wir uns im Gasthaus an dem berühmten Sexarder Wein, der hier in der Nähe wächst und an kräftig bereiteter Speise, später mischten wir uns unter das sonntäglich geschmückte Volk, das heute außer dem Sonntag selber noch ein andres Kirchenfest feierte. Mohacs hat mehr als 8000 Einwohner, denen man großentheils Wohlhabenheit und gutmüthiges Wohlbehagen anmerkt. Ich habe das Volk der Ungarn, so weit ich es auf dieser Reise kennen lernte, wahrhaft liebgewonnen. Es erinnerte mich oft, in seiner Art und Sitte, an jene ~Sarolta~, das schöne Weib des heidnischen Ungarnköniges Geyssa, welche den Keim der höheren, geistigen Gestaltung in ihr Volk legte, als sie, selber Christin, zuerst den Gemahl, dann, durch ihren Sohn: König Stephan +I.+ das Vaterland zum Christenglauben hinführte. Diese, kräftig und entschlossen wie sie war, wußte nicht allein, gleich einem Reutersmann zu Pferd zu sitzen und das Roß zu bändigen, sondern, an der Seite des kämpfenden Gemahles, auch das Schwert zu führen; sie achtete während des Feldzuges nicht Beschwerde noch Gefahr, dagegen achtete sie auch des Spottes der Fremden nicht, wenn sie, nach väterlicher Sitte, den Männern beim Trinken Bescheid that. So liegen auch in dem kräftigen, entschloßnen Volke der Ungarn vielversprechende Keime einer immer höheren Ausgestaltung und der entschiedene Hang zum Festhalten an väterlicher Art und Weise. Einige Stunden nach Mittag war das Geschäft des Einnehmens der Steinkohlen ins Schiff beendigt, die Fahrt gieng weiter an der sumpfigen, durch ihre große Schweinezucht berühmten Margarethen-Insel hin. Gegen Abend erreichten wir, vor ~Dalya~, den Punkt, da die Drau, aus grünen Waldungen herkommend, sich zur Donau gesellt, und bald hernach warf unser Dampfschiff mitten im Strome Anker. Vormals hätte sich freilich gerade in dieser Gegend ein gastlicherer Ruhepunkt gefunden als der im Wasser, denn hier zur Rechten, wo sich am Einfluß der Drau auf dem hüglichen Vorgebirge vereinzelte Ruinen zeigen, stund zu den Zeiten der Römerherrschaft ~Teutoburgum~ und später die Veste von Erdöd. Das Land zur Rechten des Stromes, vom Einfluß der Drau bis zu jenem der Save gehört zu Slavonien, dessen reiche Ebene bei dem wohlhabenden Marktflecken ~Vukovar~, am Einfluß der Vuka, wo wir am andern Morgen vorüberfuhren, so wie noch mehr die waldigen Höhen, welche bei der Ruine von Scharengrad und Illok die Ufer begränzen, einen neuen, sehr angenehmen Eindruck auf das Auge machen. Hinter ~Illock~, auf einer Anhöhe des Sissatovajischen Bergrückens zeigen sich die Ruinen von drei, wahrscheinlich römischen Kastellen, unfern von ihnen im Walde die Trümmer eines Dianentempels mit einigen halbzerbrochnen Säulen. Die Worte: Zerstörung und Vernichtung wiederholen sich hier, in der Zeichensprache der Natur und der untergegangenen Herrlichkeiten der Menschenhand, in den verschiedensten Sprachen und Dialekten; denn während über die bergigen Ufer der rechten Seite der Graus der Zerstörung durch Krieg und Kampf der Menschen ihren Lauf nahm, war die fruchtbare, ungarische Ebene auf der linken Seite, vornämlich zwischen O-Palanka und O-Futak, wiederholten Einbrüchen des Stromes ausgesetzt, welche noch jetzt die Wohnstätten und das Eigenthum der Menschen fortwährend gefährden und unsicher machen. Unsicher jedoch wie dieser Boden erscheint, ist er dennoch nicht ohne mächtig anziehenden Reiz, denn während sich bei ~Szussek~ das rechte Ufer mit Weinbergen schmücket, vergnügt sich das Auge an der linken Seite bei ~O-Futak~ und ~Kamenicz~ an den üppig grünenden Baum- und Gartenanlagen, welche durch ihre etwas höhere Stellung gegen die Verheerungen der Fluthen geschützt sind. Gegenüber der Festung ~Peterwardein~ bei der ansehnlichen Handelsstadt ~Neusatz~, legte das Dampfschiff an, um hier Waaren auszuladen und einzunehmen. Die Veste von Peterwardein liegt auf einem Serpentinfelsen, der sich 194 Fuß über den Wasserspiegel erhebt; im Halbkreis umschließet als eine zweite, untere Vestung die eigentliche Stadt die gewaltigen Mauerwerke der oberen Vestung. An der Stätte von Peterwardein, das wie man sagt von Peter dem Einsiedler, dem Anführer der ersten Kreuzfahrer seinen Namen empfieng, lag das ~Milata~ der Römer; die untere Festung wurde erst im 6ten Jahrzehend des vorigen Jahrhunderts erbaut. Obgleich die benachbarte Eugeniusinsel kein Denkmal enthält, das des Siegers und Bändigers der türkischen Macht würdig wäre, läßt sich dennoch der Felsenhügel von Peterwardein schon für sich allein als ein Ehrendenkmal des Helden betrachten, der hier am 5ten August 1716 einen der größesten Siege über die Türken erfocht, welche die europäische Christenheit jemals über diese Feinde feierte. Das ganze türkische Lager mit der reichen Kriegskasse der Feinde und 170 Kanonen waren die eine, die Eroberung von Temes war die andere Frucht dieses Sieges; das Wehen der Paniere, welche der Sieger weithin in dem wiedergewonnenen Lande aufstellte, verbreitete Furcht und Schrecken durch alle Länder der Osmanen, Freude und Jubel durch alle Länder der europäischen Christenheit vom Eismeer bis zu den Pyrenäen. Seit diesen glorreichen Tagen konnte auch Neusatz, das kurz vorher nur ein armes, serbisches Fischerdorf war, sich zu einer blühenden Handelsstadt erheben, welche in unsern Tagen schon gegen 20,000 wohlhabende Einwohner zählt, unter denen viele deutsche Handwerker und Handelsleute sind. Beide Städte, Neusatz und Peterwardein, so nahe unter sich verschwistert wie Pesth und Ofen, sind durch eine Schiffsbrücke verbunden. Jenseits Peterwardein gehet die Fahrt an den mit herrlichen Eichenwaldungen gekrönten, von Weinpflanzungen umsäumten Gebirge von Fruska Gora vorüber. Hier soll Kaiser Probus die ersten Reben gepflanzt haben; in den anmuthigen Schluchten des Gebirges liegen 15 griechische Klöster zerstreut, welche den Reisenden in all ihrer Armuth aufs Freigebigste Obdach und Bewirthung darbieten. Obgleich etwas weiterhin die ausgedehnten Sandflächen und Sandbänke des Ufers die zuströmende Macht des Stromes verrathen, so wird dennoch das Auge durch den Anblick der überreichen Weinbergshügel des am äußersten Saume der Fruska Gora lieblich gelegenen ~Carlowitz~ viel mehr an die Segnungen erinnert, welche die Nähe des Wassers bringt. Der hiesige, köstliche Wein gedeiht nicht selten in solcher Fülle, daß man im Jahr 1812 den Eimer desselben um 48 Kreutzer verkaufte. -- Von ~Slankamen~, das an der Stätte des römischen ~Acimincum~ liegt, strömt die mächtige Theiß in die noch mächtigere Donau; bei ~Szurduck~ lag das ~Rittium~ der Römer. Allmälig sahen wir jetzt die Gebirge des Fremdlingslandes, das unter der Herrschaft des Halbmondes steht, aus der Ebene aufsteigen, vor allem den durch seine rundliche Form ausgezeichneten Avalaberg, welcher 5 Stunden südwärts von Belgrad liegt und goldhaltig seyn soll. Ein erfrischender Wind wehete uns aus Westen, vom Gebirge her entgegen; Heerden von großen Wasservögeln zogen schwerfälligen Fluges über uns hin; auf dem Strome bewegte sich das Gedräng der Fischerboote und der kleinen Frachtschiffe, welche Waaren und Handelsleute zu einem Jahrmarkt in der Nachbarschaft hinführten; mitten durch alle und an ihnen vorüber schritt unser Dampfschiff so eilenden Laufes vorbei, wie ein schnelles Roß an den Heerden der auf der Weide gehenden Stiere. Noch in einer frühen Nachmittagsstunde erreichten wir ~Semlin~, bei welchem unser Fahrzeug, weil dies eine seiner Hauptstationen war, für die künftige Nacht anlegte. Obgleich der Landungsplatz eine ziemlich weite Strecke von der Stadt und ihren Gasthäusern abliegt und die Abfahrt am andern Morgen sehr zeitig geschehen sollte, zogen wir es dennoch vor, statt im Schiffe, auf dem Lande zu übernachten, auf welchem es uns während der bisherigen, kurzen Reise durch Ungarn überall so wohl ergangen war. Als wir denn da über den Damm des Donauufers und durch die nur aus Hütten bestehende Vorstadt einzogen, wachte unwillkührlich, in Einigen von uns, jene Stelle aus dem alten, deutschen Volkslied von Prinz Eugen auf: »bei Semlin schlug man das Lager, alle Türken zu verjagen.« Doch dieser Nachklang aus mancher fröhlichen Stunde in der theuren Heimath mußte bald vor dem ernsteren Eindruck verstummen, den die Gegenwart auf uns machte. Das Zimmer, das man uns im Gasthaus zum Löwen anwieß, hat die freie Aussicht nach dem ganz nahen, am jenseitigen Ufer der Save gelegenen ~Belgrad~, dessen Festung, mit der hochgewölbten Moschee, so wie die untere, am Ufer des Flußes sich ausbreitende, sogenannte Wasserstadt, mit dem Pallast des Fürsten Milosch in größester Deutlichkeit vor uns lagen. Der Halbmond der Minares erglänzte dort in einem von der Abendsonne erborgten Glanze, während das Abendgeläute der christlichen Kirchen zu Semlin von einem Lichte sprach, das älter und bleibender ist, denn jenes der Sonne. Uns freilich lauteten heute diese Glockentöne wie die Worte eines Abschiedes, den eine gute Mutter von ihren hinwegwandernden Söhnen nimmt, obgleich bei den Gedanken des Ernstes das freudige Gefühl war, von dem hülfreichen Nahebleiben und der Gewißheit des Wiedersehens der Mutter. Der wunderschöne Abend zog Mehrere von uns noch auf einige Augenblicke hinaus, zum Besuchen der Stadt und ihrer Umgegend. Das jetzige Semlin liegt nahe an der Stätte des ~Taurunum~ der Römer, welches, weniger durch seine Größe oder durch Verkehr und Handel als durch seine große Festigkeit ausgezeichnet, zum Anhaltspunkt jener Abtheilung der Donauflotte diente, die gewöhnlich beim Ausfluß der Save sich aufhielt. Dagegen hat das heutige Semlin die vormalige Bestimmung zur Festung ganz aufgegeben und sich mit seinen 9000 Einwohnern die friedlichere des Handels und Verkehrs erwählt. Serbische, griechische und türkische, mit ihnen einzelne deutsche und italienische Kaufleute haben sich einträchtiglich in dieses Geschäft getheilt; die deutsche Sprache scheint allgemein unter ihnen verständlich; selbst die Häuser, wenigstens in etlichen Straßen der innern Stadt, wo sich auch ein Straßenpflaster findet, erinnern durch Bauart und Einrichtung an das Vaterland. Dagegen gleichen die kleinen Häuser des nördlichen Stadttheiles, die sich an den sogenannten Zigeunerberg anlehnen, den Hütten der stets zum Wegziehen bereiten Pilgrime, und die Ruinen der Burg des Johann Hunvads, die hier auf einem kleinen Hügel gesehen werden, reden von Krieg und Zerstörung. Die Quarantäneanstalt, welche auf der andern Seite der Stadt liegt, umfasset in ihrem von 12 Fuß hohen Mauern umschloßenen Raume, außer den Magazinen, 6 einstöckige, massive Häuser, welche, sammt ihrem freien Vorplatz, von einem hohen Stacketenzaun eingefaßt und durch diesen äußerlich, so wie innerlich durch die Mauern, in vier verschiedene Quartiere, für eben so viele Reisegesellschaften abgetheilt sind. -- An der Wirthstafel in unserm Gasthause trafen wir beim Abendessen Landsleute aus den verschiedensten Gegenden von Deutschland, welche großenteils der Handel hieher gezogen hatte; das Tischgespräch ergieng sich bald am Rhein, bald in den Gegenden des Mains und der Elbe, oder in jenen der Spree. Der Morgen des 20ten Septembers brach unter Regengewölken an, die jedoch bald zerrissen und den blauen Himmel wieder durch sich hindurchblicken ließen. Der erste Reiseeindruck den wir heute empfiengen, war der nahe Anblick der Festung ~Belgrad~, (dem ~Singidunum~ der Römer, das Justinian mit starken Mauern umschloß), der so oft von Türken und Christen belagerten, eroberten und wiederverlorenen. Wem sollte nicht vor allem, bei dem Anblick dieser alten Mauern ~Johann Hunyads~ und ~Capistrano's~ Heldenmuth und Heldenglaube in die Erinnrung kommen, welche hier bei Belgrad ein fester Damm wurden, an welchem die wilde Kraft Mohammeds +II.+ und der Uebermuth der Türken sich brach. Denn schon gedachte dieser zweite Mohammed den Halbmond, so wie auf der Sophienkirche und den Zinnen des von ihm eroberten Constantinopels, auch in Ofen, ja auf der St. Stephanskirche und den Zinnen von Wien aufzupflanzen, als seinem in der rasenden Trunkenheit der vielen Siege fast unwiderstehlich gewordenen Heere am 14. Juli 1456, gerade drei Jahre nachher, nachdem der türkische Eroberer alle Herrscher der christlichen Nachbarstaaten als Zinnspflichtige erklärt und abgeschätzt hatte, Johann Hunyad zuerst die Lehre gab, daß es im Reiche der Christenheit noch Köpfe gäbe, an welche man bei der Berechnung der türkischen Kopfsteuer nicht gedacht hatte. Denn an diesem Tage schlug der ungarische Held auf der Donau die Flotte der Türken, eroberte 3 Galeeren, bohrte 4 in den Grund, die übrigen ließ der Sultan selber verbrennen, damit sie nicht Beute der Christen würden. Noch aber stund am Lande das Heer des Mahommed: eine furchtbare Macht durch seine mehr denn anderthalbmal hundert tausend wohlgeübte Krieger, durch seine 300 Kanonen, unter denen 22 die Riesengröße von 27 Fuß hatten und sieben Mörser zentnerschwere Steinkugeln schleuderten. Tag und Nacht hörte man den Donner dieser gegen Belgrad gerichteten Geschütze, bis nach dem 24 ungarische Meilen entfernten Szegedin und schon waren die Mauern zerschmettert, schon war über ihre Trümmer Mohammeds Heer am 21ten Juli in die untere Stadt erobernd eingezogen, auch die Mauern der obern, so wie Hunyads Muth, welcher die Festung schon als verloren betrachtete, waren gebrochen; da setzte Capistrano's gottbegeisterte Rede andre, höhere Kräfte in Bewegung als die der Mörser und Riesenkanonen des Feindes waren. Er, an der Spitze jener mit dem Kreuz bezeichneten, meist aus ungeübten Bürgern, Landleuten und Studenten gebildeten Schaar, welche sein feuriger Glaubensmuth für diesen Kampf geworben und entflammt hatte, schreckte zuerst die über den Schutt der gestürzten Mauer heraufklimmenden Türken durch angezündete, in Schwefel getauchte Reisigbündel zurück und wagte dann, mit nur 1000 Kreuzfahrern, einen angreifenden Anfall auf das mehr als hundertfach stärkere türkische Heer. Es war ein Schrecken von Gott, der die Tiger des Ostens ergriff, als sie mit dem lauten Schlachtruf Allah, vor jenem äußerlich schlecht bewaffneten Häuflein flohen, das mit dem Loosungsworte »Jesus« ihren mordenden Waffen sich entgegenwarf. Mohammed selber, am Schenkel verwundet, ward zur Flucht vor diesen »Hündlein« hingerissen; 24,000 Türken lagen erschlagen auf dem Schlachtfeld vor Belgrad, unter ihnen der tapfre Feldherr Karadscha und Hasan der General der Janitscharen; hundert Wägen, mit Verwundeten beladen, zogen mit dem Reste des feindlichen Heeres gen Sophia; das ganze Belagerungsgeschütz der 300 Kanonen war in die Hände der Christen gefallen. So endigte für diesmal der Lauf der Eroberungen Mohammeds, der so unaufhaltsam geschienen, vor Belgrad und der Sieg der Christen hätte noch andre, bedeutungsvollere Früchte getragen, wären nicht bald nachher Hunyad und Capistrano, so wie ein großer Theil der Schaaren des Letztern der Seuche erlegen, welche vielleicht aus dem verpesteten Aushauch des blutgetränkten Landes ihren Ursprung genommen hatte. Aber Belgrad mußte dennoch der türkischen Macht sich beugen, denn schon unter der Regierung Ludwig +II.+, am 29. August 1521, ward diese für unüberwindlich gehaltene Veste durch Suleiman erobert, nachdem ein Häuflein von 700 tapfern Ungarn und Serbiern, unter des ritterlich kühnen Morgai Oberbefehl, drei Monate lang der Uebermacht des türkischen Heeres widerstanden hatte. Und auch jetzt, hätte die Vertheidiger der Stadt der Schrecken, den die Macht der ihnen noch unbekannten Minen erregte, noch nicht zur Uebergabe bewogen, wäre nicht die Ueberzahl der Serbier, die als griechische Christen ein unglücklicher Religionsstreit mit den Ungarn entzweite, auf der Capitulation bestanden, in welcher zwar von einem freien Abzuge die Rede war, der jedoch von den Türken nachmals nur den Seelen der von ihnen niedergehauenen Streiter, nicht den lebenden Leibern gegeben wurde. Erst am 6ten September 1688 ward Belgrad von neuem durch das christliche Heer, das der Churfürst von Bayern befehligte, erobert, schon im October 1690 aber, als ein, wie man glaubt, durch Verrätherei entzündetes Pulvermagazin die Mauern zerstört hatte, gieng es zum 2ten Male an die Türken verloren, wobei von 8 der besten Regimentern des christlichen Heeres nur 500 Mann sich auf Schiffen retteten. Und was half es, daß Prinz Eugen im Jahr 1717 es wieder gewonnen hatte, ward es doch schon ein Jahr nach dem Tode dieses großen Helden, im Jahr 1737, in dem leichtsinnig und übereilt abgeschlossenen Belgrader Frieden den Türken ohne Schwertstreich überlassen, ja selbst, nachdem Landon 1789 noch einmal sie genommen, kam die Veste schon in dem Friedensvertrag von 1791, den das Unglück der damaligen Zeiten Oesterreich abnöthigte, wieder in die Hände der Feinde. Jetzt sind alle die Werke, welche besonders während des österreichischen Besitzes von 1717 bis 1737 hier angelegt waren, in einem sehr augenscheinlichen Verfall. Bei ~Panczova~ verließ uns ein Theil unsrer Handel treibenden Reisegefährten; mit der geflügelten Schnelle unsres Dampfschiffes eilten wir weiter auf der Bahn des Wassers hinab; das Auge, ohnehin durch einzelne Regenschauer gehindert, konnte nur schnell vorüberziehende Streifzüge machen, bald hinüber in die fruchtreiche Ebene des Banats, bald in die immer näher an den Strom heranrückenden waldbedeckten Gebirge und Weinbergshügel von Serbien, und in Kurzem sahen wir uns schon bei der dreieckig geformten, serbischen Festung Semendria[30], an deren zinnenreichen Mauern dreimal sieben viereckte Thürme sich erheben. In der That, es ist etwas Schönes um die Eile eines Dampfschiffes. Von Pesth nach Semlin beträgt der Weg 75 Meilen, wir waren (den Aufenthalt bei Nacht und bei Nebel abgerechnet) kaum 26 Stunden gefahren. Von Semlin oder Belgrad würde ein Fußgänger fast einen ganzen Tag lang bis nach Semendria zu gehen haben, denn die Entfernung beträgt 12 Stunden, wir aber hatten diese Strecke fast in zwei Stunden zurückgelegt. In der Nachbarschaft der alten, thürmereichen Vestung von Semendria sahen wir auch den ersten türkischen Gottesacker, über dessen weißen Denksteinen der Baum, der unter allen andren ein Sinnbild der freudig emporstrebenden Kraft seyn könnte: die Zypresse, als Sinnbild der Trauer dastehet. Weiß doch die jugendlich kräftige Natur dieses Landes überall, besonders am rechten Ufer des Flußes, Das was ans Veralten und an Zerstörung erinnern könnte, mit ihren Reizen zu verhüllen und zu bekleiden, denn die Trümmer der alten Burgveste von ~Kulich~, am Einfluße der Morava in die Donau werden unter der Fülle der Gärten und Weinberge kaum bemerkt; der Pestkirchhof, nahe an der Eugeniusschanze, auf der 6 Stunden langen Insel Ostrava, wird von dem lieblichen Grün der hohen Bäume beschattet; ~Rama~ (das vormalige Armata?) mit seinem alten römischen Kastell, stehet, umgürtet von seinen waldbewachsnen Felsen, wie ein zwar grauhaariger, aber noch immer starker Held da, welcher der Hut des Landes wartet. Noch am 28ten Juni 1788 vertheidigte der damalige Lieutenant Joseph Baron ~Lopresti~ dieses Schloß mit 23 Mann gegen 4000 Türken und ihre Kanonen, bis zuletzt das von dem Feind in Flammen gesetzte Gebäude die tapfre, kleine Schaar unter den zusammenstürzenden Trümmern begrub. Rama gegenüber, am linken Ufer der Donau, scheint ~Uj-Palanka~, nahe vor dem Einfluße der Nera, den vorüberziehenden Schiffer in seine freundlichen Wohnungen einzuladen. Von hier an zieht sich auch an dieser Seite die Ebene zurück, und das banatische Gebirge, von Norden herkommend, tritt an ihre Stelle. Der Strom, von einem hier fast beständig wehenden Zugwind des Engthales erfrischet, windet sich nach Südosten, rauschet an der grünenden Felseninsel Nova gaja vorüber und zeiget den Ruinen der serbischen Festung ~Gradisca~ das Bild ihrer veralteten Herrlichkeit in seinem Spiegel. Gerade die Stelle des linken Ufers, bei welcher unser Dampfschiff, um neue Steinkohlen einzunehmen, einige Stunden lang verweilte: der Bergabhang von ~Bassiacz~ gewährte wenigstens in dieser Jahreszeit kein besonderes Interesse. Die vorhergegangene, lang anhaltende Dürre hatte an den jenseits des kleinen griechischen Kirchleins häufig wachsenden Rosengesträuchen nur noch die Dornen, keine einzige der schönen Blüthen zurückgelassen, auch die Schmetterlingsblume der hier gedeihenden Hülsengewächse war zur unscheinbaren Frucht geworden. Statt des Gesanges der Vögel oder des Blöckens der Lämmer hörte man nur das unliebliche Grunzen einer Schweinheerde, welche auf den Ruf einer Frau die aus der Wohnung des griechischen Geistlichen hervortrat, aus Wald und Gebüsch herbeieilte und an dem reichlich hingeworfenen Mittagsfutter sich sättigte, während ein kleiner Zigeunerknabe, der den Hirtendienst versahe, durch einen andren, deutschredenden Knaben, der ihm zum Dolmetscher diente, gegen uns die Klagen und Wünsche des bittern Hungers aussprach[31]. In ~Alt-Moldawa~, bei welchem wir am Nachmittag einige Augenblicke anhielten, weil hier der Capitän unsres Dampfschiffes Vorkehrungen für unsre morgende Weiterförderung zu treffen hatte, fanden wir ein fröhliches Gedränge festlich gekleideter Menschen. Jenseit des Orts zeigen sich die Trümmer einer zerstörten Burg und etwas weiter nach Norden das Bergbau treibende ~Neu-Moldawa~. Der Strom begiebt sich nun von neuem in die einsame Wildniß der Gebirgswände, aus denen sich auf der linken (ungarischen) Seite der Fels Tivadicza; auf der serbischen der Jocz hervorhebt, und welche für die Bahn des Wassers zum Theil nur einen Raum von 500 Fuß übrig lassen. Der mächtige Fluß wird zwar schon längst nicht mehr durch diesen Engpaß so angestaucht und gehemmt als vormals, wo sein Gewässer in der Ebene des Banats einen großen Landsee bildete, aber sein lautes Rauschen und Anbranden gegen die Felsen verräth die Gewalt, mit welcher er noch immer sich durchdrängen muß. Während das Ohr des sicher dahin Schiffenden mit dem Brausen des Wassers sich unterhält, wird das Auge mächtig angezogen und entzückt durch die wahrhaft majestätische Form der Felsenberge und der Burgruinen von ~Golubacz~ und der ihm auf der linken Seite des Stromes gegenüberliegenden vormaligen Veste von ~Babakaly~. An den riesenhaften Gemäuern von Golubacz haben sehr verschiedene Zeiten gebaut, denn ein Theil derselben ist offenbar ein Werk der Römer, die hier eine Veste, ~Cupus~ genannt, besaßen; ein andrer Theil, dies bezeugen die arabischen Inschriften, ist von der Hand der Türken. Unter den alten Thürmen dieser Veste wird der, welcher am weitesten nach oben liegt, für das Gefängniß der schönen, griechischen Kaiserin Helena gehalten. So hehr und lieblich diese Gegend dem Vorüberreisenden erscheint, so furchtbar ist sie dem, mit der Natur des Landes bekannten Eingebornen, weil hier aus dem Schooße der Schönheit Schrecken und Verderben hervorgehen. Denn gerade dieses zur Ruhe in seinem Schatten einladende von klaren Quellen und kleinen Wasserfällen durchwebte, malerisch schöne Grün der Waldungen gebiert in der wärmeren Zeit des Spätfrühlinges jene Schwärme der Golubaczer Mordmücken[32], welche in manchen Jahren in unermeßlicher Menge über das ganze, benachbarte Land sich verbreiten und ganze Heerden des Viehes, dem sie durch Nase und Mund in die Luftröhre und Eingeweide dringen, plötzlich tödten oder in Lebensgefahr bringen. Weil diese sehr kleine Mücke, welche auch in andern Gegenden von Europa, obwohl nirgends in solcher übermächtiger Menge vorkommt, bei kühlem Wetter und eintretendem Regen sich in die Felsenhöhlen und Klüfte verbirgt, wo man sie dann oft in ungeheuren Massen zusammengehäuft finden kann und von wo aus dieselbe bei wiederkehrender Wärme in ganzen Wolken hervorbricht, ist daraus die Volkssage entstanden, daß sie ihren Ursprung aus diesen Höhlen, besonders aus einer, unterhalb Golubacz gelegenen nähmen, in welcher der h. Georg den Drachen erlegt haben sollte. Vergeblich war aber, dies zeigte die Erfahrung, das Bemühen, durch das Vermauern mehrerer solcher Höhlen der Vermehrung der Mordmücken Einhalt zu thun; man hatte ihnen nur ein und den andern bequemeren Schlupfwinkel genommen, worinnen sie bei kühler Zeit leichter als anderwärts durch Feuer zu tödten gewesen wären; statt dessen fanden die furchtbaren Schwärme einen andern Bergungsort in hohlen Bäumen und Felsenklüften. Nur Eines kann dem Verderben steuern, das hier aus einer ungebändigten Ueberfülle der sich selber überlassenen, herrscherlosen Natur entsprang: das ist der Fleiß der Menschenhand, welcher das feuchte Dickig durchbrechen, das in den Schluchten stehende Wasser der Sümpfe ableiten, den faulenden Abfall und die erstorbenen Reste der organischen Körper hinwegräumen müßte. Aber das Auge vermisset hier in diesem serbischen, so reich begabten Waldgebirge und Wiesenland nur zu sehr die Hand des ordnenden Herrschers; es fehlt demselben, wie einem schon ganz zur Wohnung eingerichteten Hause der Bewohner selber: der Mensch; auf jeder Miene der dortigen Natur und Creatur spricht sich ein sehnliches Warten des besseren Künftigen aus. Von Golubacz fuhren wir auf dem hier wieder in breiterer Strombahn, immer aber noch in reissender Schnelle verlaufenden Fluße nur noch eine kurze Strecke, dann warfen wir am linken Ufer Anker; an einer Stelle, bei welcher keine Ortschaft in der Nähe sich zeigte. Denn hier fand sich jene Gränze, welche damals noch, wenigstens bei niedrem Wasserstande, die von Menschenhänden unbezwungene Natur, der Dampfschifffahrt von da an bis zum eisernen Thor jenseits Orsowa setzte. Aber nicht der unternehmende Sinn der Dampfschifffahrer allein, sondern auch die Vorstellung die man etwa zu der ungarisch-serbischen Donauklause von ferne her mit sich brachte, muß vor dieser Wildniß der Felsengebirge sich beugen, denn seines Gleichen mag dieser Engpaß, wenigstens in Europa nur wenige haben, weil die Macht und Fülle des Stroms, die sich da in den Kampf mit der Veste der Erde begiebt, eine größere ist, als die der meisten andern Ströme unsres Welttheiles. Es wunderte mich nun nicht mehr, daß jener gekrönte Freund der Architektur: Kaiser Trajan, dessen Geschmack an großartig Schönem so viele Bauwerke verkünden, seines Namens Gedächtniß so eifrig und wiederholt in diese Felsenwände einschreiben lassen; denn hier vergnügt sich das Auge an einer Baukunst der Natur, deren Herrlichkeit wie der Flug des Adlers den Flug eines im Käfig erzogenen Vogels, so die Herrlichkeit der Menschenwerke besieget. Der Engpaß, zu welchem das eiserne Thor gehört, ist keinesweges durch die mechanische Gewalt eines da hindurchreissenden Gewässers entstanden, sondern durch jene krystallinisch bauenden Kräfte der Natur gebildet, welche bei dem Entstehen der jetzigen Erdveste aus dem formlosen Zustand[33] der Massen, die einzelnen Stämme und Gruppen der Gebirge von einander sonderte und abgränzte. Es nähern sich bei diesem Engpasse der vom Kaukasus entsprossene Hauptstamm der nordistrischen Gebirge und der vom Höhenzug des Antitaurus herkommende südistrische allerdings einander so sehr, daß sich ihre tieferen Wurzeln, wie die zweier nachbarlichen Gewächse in einander verpflechten, das aber, was zuletzt die Wände der so nahe gerückten Höhenzüge als Zwischenkluft von einander abgränzt, das scheint eine Wirkung derselben Kraft, welche die Flächen zweier nachbarlichen Krystalle gesondert hält. Die Felsarten zu beiden Seiten gehören vorherrschend zum Geschlecht der granitischen Gebirge. Ein kleines, aber bequem genug eingerichtetes Ruderschiff, von tüchtigen, des Ortes kundigen Schiffsleuten bewegt und geleitet, brachte uns am andern Tage, den 21sten September weiter, und die dritthalbstündige Verzögerung, die uns bei der Unterschrift der Pässe in dem höchst uninteressanten ~Trenkowa~ zustieß, erschien uns härter als die leicht vermeidliche Gefahr, welche die Klippenreihe des Sztenka gleich am Anfang der Fahrt hätte bringen können, obgleich weiter abwärts unser Schifflein, wegen des niedern Wasserstandes, auf einer der Klippen für einige Augenblicke festsaß. Der Strom ist da, wo er aus der Hemmung der Felsenriffe sich hinausringet, so kräftig schnell, daß er das Fahrzeug auch ohne Ruderschlag bald gegen ~Berszaszka~ hinfördert, dessen Wachtthürme sich am linken, ungarischen, gegenüber einer Burgruine am rechten, serbischen Ufer zeigen. Eine halbe Stunde unterhalb Berszaszka, bei dem Wachthause Welika Kozla, verräth die starke Brandung des Stromes ein andres, durch sein Bette hindurchsetzendes Felsenriff. Von hier, etwa in einer Entfernung von einer Viertelstunde, folgt bei dem Einfluß des Szirinyakbaches in den Hauptstrom die Charybdis des unteren Donaulaufes: der berüchtigte Jardop- oder Kurdapwirbel, der durch das Zurückprallen des Wassers von den Felsenwänden des serbischen Ufers entstehet, hierauf die freilich nur bei hohem Wasserstande gefährliche Skylla: der mitten aus dem Flußbette hervorragende Doppelfels Bioolj. Drei Viertelstunden weiter hinabwärts drohet das laut gegen die Felsen des Izlas und weiter abwärts des Tachtalia anbrandende Wasser eine neue Gefahr, welcher noch im Jahr 1833 fünf große Fahrzeuge erlagen, indem sie an den hier überall nahe zur Oberfläche heraufragenden Klippen zerscheiterten. Diese Gefahr wird vermieden, wenn sich die Schiffe ganz nahe zum serbischen Ufer halten, an welchem ein fahrbarer Paß von 60 Fuß Breite offen stehet. Jenseit des minder gefährlichen Felsens Brany, bei dem serbischen Flecken ~Porecz~ und der nach ihm benannten Insel Porecza beginnen die Donaufälle, von denen jene des linken, stärkern Armes, über Klippen hinabstürzend, auch für die kühnsten Schiffer unfahrbar sind, während die des rechts an der Insel vorbeiströmenden, serbischen Armes selbst stromaufwärts befahren werden, obgleich das Wasser mit solcher Gewalt über die rundlichen, glatten Felsenmassen herunterstürmt, daß man, um ein Frachtschiff mit etwa 80 Zentnern Ladung heraufzufördern, einer Vorspann von 120 bis 130 Menschen und 10-20 Ochsen bedarf. Die Bahn des Stromes erweitert sich nun, sein Lauf wird ruhiger; am linken Ufer zeigt sich Szvinicza, weiter abwärts das Dorf Plavischivicza. An vielen dieser Punkte und selbst an Tachtalia und bei den Donaufällen hat das Auge Ruhe genug an dem Anblick der Uferfelsen sich zu ergötzen, das Ohr, um auf andre Stimmen der Natur zu horchen, welche etwa, vom Lande her, die Melodien des brausenden Stromes begleiten. Aber das majestätische Schweigen dieser Gebirgsgegend wird nur selten durch die Stimme eines Vogels, etwa des Schwarzspechtes, oder in den grünenden Thälern, die sich hie und da an den Seiten des Stromes eröffnen, durch das Brüllen eines Stieres, dem das Echo der Felsen antwortet, unterbrochen; es ist als ob die Häupter der Gebirge, mit stillem Lauschen, nur auf die Stimme der Wasserwogen herabhorchten, welche der Lauf aus manchem fernen, schönen Lande hier vorüberführt. Die tiefer stehende Sonne war schon hinter die Höhen der niedreren Ufergebirge hinabgesunken; das Thal mit dem Gewässer lag im Schatten, während die gähe Felsenwand des 2000 Fuß hoch über die Thalfläche emporsteigenden Sterbeczberges noch in hellem Sonnenlichte erglänzte, da fieng das seit Kurzem wieder ruhiger gewordene Wasser von neuem an zu wogen und wir hörten sein Brausen, sahen seine Wirbel an dem Felsensaume des Kazan. Der Strom ist hier in ein Engbette von nur 520 Fuß Breite zusammengedrängt, seine Tiefe gleichet an dieser Stelle der Tiefe eines Thurmes, denn sie wird nahe an 170 Fuß geschätzt. Längs der gähen Felsenwände des linken Ufers wird, mit bewundernswürdiger Kunst, auf Kosten der k. k. österreichischen Regierung eine neue Straße angelegt, die schon ziemlich weit gediehen ist. Eine halbe Stunde lang waren wir durch diesen Lustwald der Felsen und des brausenden Gewässers gefahren, da zog die Abendröthe über den Abhang des Blutberges hinüber, dessen jetziger Name (ursprünglich hieß er Schukuru) an eine blutige Niederlage erinnert, welche die Türken bei seinem Fuße erlitten. In diesem Berge zeigt sich, 120 Schritte vom linken Donauufer entfernt, in einer Höhe von etwa 12 Fuß, der von Schanzen umgürtete, von oben durch die 70 Fuß hohe, weit überhangende Felsenwand geschützte, durch eiserne Thüren verschließbare Eingang jener Höhle, deren alter Name Romanaz und Pescabara seit dem Jahr 1692 fast ganz aus dem Munde der deutsch redenden Bewohner des Landes verschwunden ist. Denn in diesem Jahre hatte der General ~Veterani~ jene Höhle, die in ihrem geräumigen Innern eine Besatzung von fast 700 Mann zu fassen vermag, zu einer Veste einrichten lassen, welche durch 300 Deutsche und eine geringe Anzahl serbischer Soldaten so trefflich versehen wurde, daß sie die Schifffahrt der Türken auf der Donau und auch die Bewegungen der Feinde auf dem benachbarten Lande fast gänzlich hemmte. Nur der Mangel an allen Lebensmitteln zwang zuletzt das kleine Häuflein der Vertheidiger zur Capitulation mit der sie belagernden Armee des Pascha von Belgrad. Seitdem wird diese Höhle allgemein die Veteranische genannt. Und warum sollte sie nicht wenigstens hierdurch das Andenken des Mannes erhalten, der sich nicht bloß durch seine Tapferkeit und großen Feldherrntalente, sondern mehr noch durch seine weise Milde in Siebenbürgen den Namen eines Vaters des Landes erworben hatte und der auch in der Schlacht, welche gerade heute vor 141 Jahren, am 21. September 1695, bei dem 10 Meilen von hier nördlich gelegenen ~Karansebes~ geschahe, als Vertheidiger von Siebenbürgen den Tod des Helden starb, als er, verlassen von der ihm versprochenen Hülfe der befreundeten Armee, mit seinem nur 7000 Mann starken Corps ein mehr als 8 mal stärkeres, mit Wuth kämpfendes Feindesheer von dem Eindringen durch den Gebirgspaß von Varhely abhalten wollte. Drei und zwanzig Jahre später (1718) vertheidigte gegen die Uebermacht der Türken der tapfere Major von Stein diese Höhle, deren Geschütz die hier nur 840 Fuß breite Strombahn vollkommen beherrscht. Einige alte bei der Höhle aufgefundene Inschriften bezeugen es, daß schon die Römer hier Waffenthaten geübt haben, und etwas weiter hinabwärts, dem fast unmittelbar auf das Dörflein Dubova folgendem ~Ogradina~ gegenüber, am rechten Ufer, spricht in halbverloschenen Zügen eine Marmortafel, vom Bilde des römischen Adlers und der Delphine beschattet, von Trajans erstem, siegreichen Feldzuge in Dacien. Es ist hier ein Ort des Zusammentreffens, da der Geist, welcher in der Geschichte waltet, und jener, der in der Natur herrschet, im Zweigespräche der großartigen Gedanken sich begegnen; unten im Thale murmelt die schnell vorübergehende Welle ein Erinnern an die Thaten des Menschen die hier geschahen, oben in den feststehenden Zinnen des Felsengebirges verkündet der tausendstimmige Widerhall des Sturmwindes oder des Donners die großen Thaten Gottes. Für ein Verweilen von etlichen Tagen konnte es, am ganzen untern Laufe der Donau, für uns keinen angenehmern Ort geben als ~Alt-Orsova~ (dem +Tierna+ oder +Colonia Zernensium+ der Römer und Byzantiner) in welchem wir jetzt die Ankunft des Dampfschiffes Pannonia zu Kladowa abzuwarten hatten. Das deutsche, wohleingerichtete Gasthaus bietet Alles dar, was man zur Ruhe und Pflege des ermüdeten Leibes bedarf; die Gesellschaft an der Wirthstafel, die aus mehreren wohlunterrichteten, freundlich zuvorkommenden Officieren und Beamten bestund, zu denen am andern Tage noch einige junge Adelige aus Siebenbürgen hinzukamen, fanden wir unterhaltend und angenehm. Wir besahen uns am 22ten September zuerst die nächste Umgegend von Orsova. Das Städtlein wird landeinwärts von einem Halbkreise der Höhen umgränzt, gegen die Stromseite hin gewährt es eine herrliche Aussicht nach der gerade gegenüber am rechten Ufer, auf den Felsen thronenden Elisabethburg, deren einst unter der österreichischen Herrschaft wohlbestellter Bau, jetzt unter türkischer sehr in Verfall gerathen ist, und auf das serbische Dorf Tekia. Weiter abwärts zeigt sich die mitten im Fluße, auf einer Insel gelegene, türkische Festung ~Neu-Orsova~, und neben ihr, am linken Ufer, erhebt sich der wegen seiner herrlichen Aussicht gerühmte Alionberg, während man stromaufwärts in das waldige Engthal hineinblickt, an dessen Ufer die schon oben erwähnte Trajanstafel und andere Ueberreste römischer Bauwerke gefunden werden. Die Umgegend von Alt-Orsova ist vorzüglich reich an Wein- und Maisbau; den Strom erfüllt eine Menge von Fischen, unter denen der oft mächtig große Hausen (+Acipenser Huso+) den man öfters gleich einem spielenden Delphin über die Wasserfläche emporspringen sieht, für den Fischfang der wichtigste, für den Gaumen der köstlichste ist. Das Städtlein selber hat in Folge des Friedensvertrages von 1739 aufgehört Festung zu seyn, was es doch schon zu den Zeiten der Römer gewesen war; seine späteren österreichischen Werke sind geschleift; die Ueberreste alter Befestigung, die man noch an einigen Punkten bemerkt, sind früheren, türkischen Ursprunges. Die Zahl der Bewohner von Alt-Orsova steigt kaum über 900, doch wird der kleine Ort belebt und wohlhabend durch seine Lage an der türkischen und wallachischen Gränze, die ihn zu dem Wohnsitz eines Cordons-Commandanten und eines Dreißigstamtes macht; auch führt die Nähe der Heilbäder von Mehadia im Sommer viele besuchende Fremde hieher. Ganz nahe bei dem Orte liegt das Dorf ~Schupaneck~ mit einer wohleingerichteten Quarantäneanstalt, die vor vielen andren den aus dem Orient zurückkehrenden Reisenden zu empfehlen scheint, da die Lage gesund, die besten Lebensmittel in Fülle vorhanden, und (wenigstens war es bei unsrem Hierseyn so) die Anforderungen auf ein längeres Verweilen in der Obhut der Quarantäne ungleich gemäßigter sind, als an den meisten Häfen des adriatischen und des europäischen Mittelmeeres. Und wo könnte der von der Reise im Fremdlingslande vielleicht noch heftig angegriffene Reisende sich besser zu dem Wiedereintritt in die rauhere Heimath stärken, als in den kraftvollen Bädern von Mehadia. Am Nachmittag ergötzten wir uns am Besuch der Skella: jenes Gränz-Ueberfahrtspunktes am Ufer der Donau, der gegen das Land hin ganz von Pallisaden umschlossen ist, und bei welchem überdieß Wachtposten stehen, um jede Verpestung drohende Gemeinschaft mit den Waaren und Bewohnern des jenseitigen Ufers zu verhindern. Hier wird täglich, unter Aufsicht einiger Sanitäts- und Mauthbeamten, in einer ziemlich großen, bretternen Schranne (Verkaufsbude) Markt gehalten. Die Bewohner des jenseitigen Ufers, Serbier wie Türken, mit ihnen Zigeuner, die den Geschäftsgang des Handels mit dem gellenden Laut ihrer singenden Stimmen und ihrer Instrumente begleiten, kommen auf Fahrzeugen herüber und stellen sich, so wie die etwa mitgebrachten Waaren hinter den Schranken des jenseits, nach dem Ufer hin gelegenen Theiles der Bude auf, während die Bewohner und Verkäufer, so wie Käufer des diesseitigen Ufers in dem landeinwärts gelegenen Theile, ebenfalls hinter Schranken ihre Stelle einnehmen; in der Mitte zwischen beiden Schranken bleibt ein freier Platz für die Sanitäts-Officianten. Man zeigt sich nun gegenseitig die Waaren des Ostens wie des Westens, des Nordens wie des Südens, und nach abgeschloßnem Handel wird das Geld wie die Waare auf den Boden des Mittelplatzes zwischen den beiden Schranken hingeworfen, oder, wenn es von diesseits kommt, den Sanitätsdienern übergeben, die es unmittelbar hinüber befördern an die andere Seite, während das, was von jenseits kam, zuerst den Räucherungen oder den Waschungen mit Essig und Wasser unterworfen wird. In ganz vorzüglichem Maaße zog unsre Aufmerksamkeit eine christliche serbische Familie an sich, die in reichem, festlichen Nationalschmuck, in einer zierlichen Barke vom jenseitigen Ufer zur Skella herüberkam. Es war ein serbischer Hauptmann mit seiner Frau und mehreren Kindern. Die wahrhaft hohe, männliche Schönheit des Vaters war mit einer Würde gepaart, wie sie nur ein angeborner Edelsinn der Natur des Menschen giebt; wir hörten seiner Unterredung mit dem Cordons-Commandanten von Orsova, obgleich wir die Sprache nicht verstunden mit Interesse zu, weil die Mienen und Gebärden des Serbiers uns zu Dolmetschern dienten. Auch die Mutter wie die Töchter schienen es zu fühlen, daß der höchste Schmuck der Schönheit, welche ihnen die Natur gab, jene bescheidene Sittsamkeit sey, die sich, ihnen selber unbewußt, in ihrem ganzen Wesen aussprach. Uns erinnerte dieser Anblick an jene schöne serbische Prinzessin, die als Lieblingsgemahlin des türkischen Sultan Murad +I.+ dem Glauben der christlichen Väter auch im Fremdlingslande bis an ihr Ende getreu blieb. Den zweiten Tag unsres Aufenthaltes in dieser Gegend benutzten wir zu einer Reise nach den Herculesbädern bei ~Mehadia~, welche in einer Entfernung von 5 Poststunden von Orsova an den Ufern der Caserna liegen. Der Weg gehet zuerst ziemlich nahe an dem Dorfe Schupaneck und seinen Quarantänegebäuden vorüber, durch die reiche Donauebene, und tritt dann durch den Engpaß von Koramnick in den sogenannten Serakovaer Schlüssel, unter welchen sich jedoch der Reisende, in dieser Gegend, wo jede kleine Parthie durch die Geschichte der so häufig hier vorgefallenen Schlachten, ihren eigenen Namen hat, keine solche Vorstellung machen darf, wie von den »Clausen« und Schlüsselpässen unsrer Tyroler Alpengebirge; denn gegen diese gehalten, erscheint freilich der Serakovaer Schlüssel gleich dem eines Zimmers- gegen einen Kirchenschlüssel. Auf einer kleinen Anhöhe zeigen sich jetzt die ersten vier Bögen jenes Aquädukts, der weder türkischer noch altrömischer Art, mehr an jene Bauwerke erinnert, die wir etwa, aus den Zeiten des »Dietrichs von Bern« in Verona so wie bei Terracina erblicken. Die Straße zieht sich von da, an dem durch starke Mauern gestützten Ufer der Czerna hinan und immer zeigen sich von neuem die Trümmer der alten Wasserleitung, deren zweistöckige Bögen an einigen Stellen die Höhe von 30 bis 36 Fuß erreichen. Eine hölzerne Brücke führt weiterhin über das Bächlein Jardesdizka, das an Forellen reich ist; weiterhin zeigen sich jene alten, festgemauerten Gräben, die für den Anfang des erwähnten Aquäduktes gehalten werden und bald ist das reichgrünende Felsenthal von Mehadia mit seinen zum längern Verweilen einladenden, schönen Gebäuden und hiermit zugleich die Eingangspforte zu den Bädern des Hercules erreicht. Wenn auch der Halbgott, dessen Namen diese Heilquellen, gleich andern ihrer Art geweiht waren, in die Gegend von Mehadia nicht die Reize des Gartens der Hesperiden hineinlegte, so gab er ihr doch dafür desto reichlicher den Ausdruck der Alles durchbrechenden Kraft. Das Werk des Hinwegräumens der niedergestürzten und von der Czerna herabgeführten Felsmassen, scheint wie von der Hand jenes Starken begonnen, nicht aber vollendet zu seyn, denn zwischen und neben den üppig grünenden Wäldern und Bergwiesen liegen an vielen Stellen, gleich den Gandecken einer ehemals hier sich stauchenden, dann hindurchbrechenden Wasserfluth, die wilden Gehäuse des Bergsturzes. ~Mehadia~, ein Marktflecken mit etwa 1500 Einwohnern, liegt am linken Ufer der Bella-Reka an der Stätte des römischen +ad Mediam+. Eine lange, steinerne Brücke führt über das breite Bette des kleinen Flußes hinüber, der sich nicht fern von da mit der Czerna verbindet. Die Herculesbäder, welche, wie dies die hier aufgefundenen Inschriften, so wie die vormaligen Ueberreste der Tempel des Hercules und Aeskulap erweisen, schon den Römern bekannt, und bei ihnen, wegen ihrer Heilkräfte sehr in Ehren waren, liegen etwa 40 Minuten weit von dem Städtlein entfernt, am felsigen Ufer der Czerna. Das Grundgebirge, aus dessen Gangspalten die Dämpfe hervorsteigen, welche nach oben zu dem Wasser der Heilquellen sich verdichten[34], ist Granit, der unten in der Tiefe des Flußbettes, besonders auf der rechten Seite, zu Tage ausstehet und weiter flußaufwärts große Felsen bildet. Ueber dem Granit sind Mergelschiefer und dichter, aschgrauer Kalkstein aufgelagert, aus denen die heißen Quellen zunächst hervorbrechen[35]. Der Geruch nach geschwefeltem Wasserstoffgas (Hydrothionsäure) der an jenen von faulen Eiern erinnert, kündigt dem im Thale aufwärts gehenden Fremdling die Nachbarschaft der Heilbäder an, welche von 22, mit wenigen Ausnahmen nur am rechten Ufer gelegenen Quellen, mit solcher Fülle von heißem Wasser versorgt werden, daß in dieser Hinsicht nur wenig andre Warmbrunnen von Europa, namentlich die Isländischen, die von Mehadia übertreffen. Denn schon neun jener Quellen, welche ~Zimmermann~ mit musterhafter Genauigkeit untersuchte und beschrieb, liefern in einer Stunde im Mittel 6525 Cubikfuß Wasser, mithin mehr denn halb so viel als die gesammten Wasserleitungen von Paris dieser Königsstadt an Quellwasser zuführen[36]. Unter diesen neun genauer beschriebenen Quellen stehet, an Wassermenge, die des Herculesbades, welche am weitesten nach oben im Czernathale entspringt, voran, denn sie quillt wie ein kleiner Bach aus der Höhle des dichten Kalksteines hervor und stürzet, nachdem sie das was zur Füllung zweier großen Badekästen nöthig ist, in die verdeckten Röhren abgegeben, den größten Theil ihres Wasserüberflusses in die Czerna hinab. Diese Quelle allein giebt im Mittel in jeder Stunde über 5000 Cubikfuß Wasser, doch ist diese Menge veränderlich, weil die Quelle ihre große Stärke zum Theil der Zumischung von Tagewässern verdankt, weßhalb sie im Frühling, wenn der Schnee der Gebirge thaut, oder nach starkem Regen, am reichlichsten fließt, dann aber zuweilen nur 18° R. Wärme zeigt, während sie in trockner Sommerzeit minder reichlich strömt, zugleich aber 39° R. Wärme annimmt. Die Heilquellen von Mehadia enthalten außer dem geschwefelten Wasserstoff- und kohlensauren Gas auch etwas Stickgas; unter den festen Bestandtheilen hauptsächlich salzsaures Natron und salzsauren Kalk[37]. Die Wärme einiger der am tiefsten im Czernabette entspringenden Quellen steigt bis 51° Reaumur. Gegen Gicht und langwierige Rheumatismen, Lähmungen und gegen eine große Zahl anderer Krankheiten, welche durch eine Steigerung der Hautthätigkeit gehoben werden können, haben sich diese Warmbrunnen schon vielfältig heilsam bewiesen. An den Ufern der Czerna giengen wir durch das Schattendach des Laubwaldes und an grünenden Waldwiesen vorüber, aufwärts bis zu dem Wasserfalle. Auf dem grünen Rasen und im Schatten der Gebüsche zeigte sich mit fleischrothen Blüthen, ähnlich unsrer Herbstzeitlose, der +Crocus speciosus+; unter den Bäumen erhub sich stellenweise der schöne, türkische Haselnußbaum (+Corylus Colurna+), an einem Felsenabhang stund neben dem ruthenartigen Bohnenstrauche (+Cytisus elongatus+) der mittägige Zeltenbaum (+Celtis australis+); im dichten Waldschatten erschien zwischen den heller grünenden Bäumen die Schwarzföhre (+Pinus Pinaster+). In verwildertem Zustande wird nicht selten am Saum des Waldes der Weinstock gesehen, und, als Zeichen der Milde dieses Landstriches gedeiht schon, nahe bei der Herculesquelle, der Feigenbaum (freilich nur von strauchartiger Größe) im Freien. Unter den Vögeln glaubten wir die Bewohnerin des Ostens: die wilde Lachtaube (+Columba risoria+) zu bemerken. Auf den langen Spaziergang schmeckte uns das wohlbereitete Mittagsessen im Gasthause sammt dem mit Recht gepriesenen Schillerwein von Mehadia vortrefflich; am Nachmittag kehrten wir nach Orsova zurück, wo die heitre Stimmung, in welche der Genuß dieses Tages uns versetzt hatte, auf einige Augenblicke durch die kleinen Quälereien unterbrochen ward, welche die Douaniers uns zufügten. Doch bald war der innre Ton wieder derselbe, der er am Morgen gewesen, und der letzte Abend in Orsova wurde fröhlich beschloßen. Sonnabends am 24ten September traten wir die Weiterreise nach Kladowa an, wo das Dampfschiff Pannonia unsrer wartete. Unsre Gesellschaft hatte sich getheilt; Einige, welche das beßre Theil erwählt hatten, machten den Weg zu Wasser durch das sogenannte eiserne Donauthor (+Cataractae Danubii+) auf einem mit tüchtigen Schiffern versorgten Fahrzeuge, Andre zu Lande in einer Art von Gesellschaftswagen. Der Landweg, welcher Anfangs die herrliche Aussicht auf die Elisabethburg, Neu-Orsova und das rechte Ufer der Donau, so wie auf den Eingang des eisernen Thores beherrscht und auch in seinem späteren Verlauf meist in der Nachbarschaft des Flußes bleibt, geht eine halbe Stunde unterhalb Alt-Orsova über die Czerna und zieht sich dann am Vorgebirge Alion vorüber hinab nach der Wodiczer Mühle. Nahe bei dieser, am Bagnabache erinnerten die steinernen Pyramide mit dem Doppeladler und die Gebäude des Cordonpostens an den letzten Abschied aus den guten, österreichischen Landen, denn hier ist die Gränze; jenseits des Baches betritt man in dem Dorfe Werczerowa die Wallachei und von nun an wachen die Sanitätsdiener, welche die Landreisenden begleiten, ängstlich über jede Gelegenheit, bei welcher eine Berührung ihrer Personen oder ihrer Pferde mit den Menschen und Thieren von jenseits statt finden könnte, weil sie sonst selber durch eine lange Quarantäne den freien Eintritt in die Heimath wieder erkaufen müßten. Die Felsarten, aus denen sowohl das gäh abstürzende linke, als auch das mehr terassenartig ansteigende rechte Ufer der Donau beim eisernen Thore bestehen, sind vorherrschend Glimmerschiefer und Gneus; an unsrem Wege blühten unter andrem die acanthusblättrige Silberdistel (+Carlina acanthifolia+), die schwärzlich purpurne Centaurea (+Centaurea atropurpurea+) und das caucasische Doronicum (+Doronicum caucasicum+); die große, grüne Eidechse und die vierstreifige Natter (+Coluber Elaphis+) sonnten sich am Felsen. Ungleich interessanter als der Landweg ist der zu Wasser, der zugleich im wohlversorgten Fahrzeuge so sicher ist, daß der größte Theil der Damen, welche gleich uns auf der Pannonia sich einschiffen wollten (es waren meist Engländerinnen) ihn vorzogen. Denn obgleich auf der Fahrt durch den eigentlichen Engpaß des eisernen Thores das Schifflein fast wie auf stürmischem Meere bewegt wird, obgleich die Brandung an den Felsenmassen, die aus dem Strom hervorstehen und das laute Tosen des abstürzenden Wassers, so wie die vielen Wirbel bei der Insel Balmi, in der Nähe des serbischen Dorfes Sip (man zählte sonst ihrer 23) einen gewaltigen Eindruck auf die Sinnen machen, darf man dennoch, besonders seit den Sprengarbeiten des Jahres 1834, ohne alle Furcht sich der Betrachtung der hehren Felsenpforte hingeben, durch welche der mächtige deutsche Strom hinaustritt in das Land des Ostens. Die Länge des Engpasses beträgt 7200 Fuß, die Breite der Strombahn gegen 600, der Fall des Wassers auf der ganzen Strecke 16 Fuß, die Geschwindigkeit seines Fortbewegens fast 12 Fuß in einer Secunde. Bei dem Dorfe ~Sip~ werden, auf der rechten Seite der Donau, noch die Ueberreste eines von den Römern angelegten, gemauerten Kanales bemerkt, durch welchen es möglich wurde, die bedenklichsten Stellen des Engpasses ganz zu umschiffen und auf diese Weise selbst die Aufwärtsfahrt an den Catarakten zu erzwingen. Das schöne, große Dampfschiff Pannonia, welches nahe bei ~Skela Kladova~ vor Anker lag, mußte eigentlich einen größern anziehenden Reiz für uns haben, als das armselige, wallachische Oertlein mit seinen Lehmhütten. Da wir aber wußten, daß von dem Augenblicke an, in welchem wir das in beständigem Verkehr mit dem rechten (türkischen) Ufer stehende Fahrzeug beträten, der fernere Verkehr mit dem linken Ufer uns versagt seyn werde, genoßen wir noch eine Zeit lang der Freiheit am sandigen Ufer, unter dem langhaarigen Volk der Wallachen herumzugehen und in ihre Hütten hineinzutreten, in denen man Kaffee und allerhand andre Lebensmittel feil bot. Wir wurden jedoch dieser Unterhaltung ziemlich bald müde und begaben uns freiwillig, indem wir die Pannonia bestiegen, hinüber in den Fremdlingskreis des rechten Ufers, aus welchem von nun an eine Rückkehr zur Heimath nur durch die Sühnanstalt einer langen Quarantäne möglich war. Unser Dampfschiff ließ es übrigens gleich vom ersten Augenblicke an den Reisenden sehr heimathlich in seinem Innern werden. Das gemeinsame Aufenthalts- und Speisezimmer, wie die Nebenkammern mit den reinlichen Betten waren hell und geräumig; ein italienischer Koch versorgte auf seine vaterländische Weise den Tisch und ergötzte die Schiffsgesellschaft während seiner freien Stunden mit Guitarrespiel und Gesang; unter dem dienenden Personal war ein Landsmann: ein Kellner aus Bayern. Erst am Nachmittag war das Geschäft des Einräumens der Waaren vollendet; das Dampfschiff begann seinen kräftigen Lauf und führte uns in Kurzem zu den so viel besprochenen Resten der Brücke, welche Kaiser Trajan nach seinem Siege über die Dacier durch den kunstreichen Architekten Apollodorus Damascenus erbauen ließ. Dieses mächtige Bauwerk ruhete auf 20 durch Bögen unter einander verbundenen, steinernen Pfeilern, welche auf hölzernem Rost begründet waren. Nicht die spätere Herrschermacht der Barbaren, sondern der Nachfolger des Trajan selber, Kaiser Hadrian, ließ diese erste und bis auf unsre Tage letzte Brücke, welche die untere Donau jemals getragen, wieder zerstören, angeblich um den Uebergang der Geten über den Strom zu hindern, nach einer andern Vermuthung des Alterthums aber aus Neid über den Ruhm des Apollodor[38]. In unsern Tagen sieht man noch, bei niedrigem Wasserstand, die Trümmer von 11 Pfeilern im Strome stehen; auch am rechten Ufer haben sich zwei 18 Fuß breite Pfeiler und hier wie am linken Ufer die Mauerreste der Brückenkastelle erhalten, welche aus großen Quadersteinen erbaut und mit Ziegelsteinen überkleidet sind. Der Brückenkopf des rechten Ufers hieß das +Caput bovis+ und hier in der Nähe lagen ~Egeta~, so wie das stark befestigte ~Zanes~[39], am linken Ufer war in der Nachbarschaft der Brücke die Stätte von ~Drubetis~ und von ~Amutrium~. Da wo einst diese so wie die Menge der andern Städte und Burgfesten ein eisernes Netz der römischen Waffenrüstungen bildeten, welches die Freiheit der alten Bewohner des Landes umstrickte, wirft jetzt der Bewohner von ~Werbicza~ und ~Tikya~ seine Netzfallen und Harpunen zum Fange der Hausen aus, deren Caviar und Fleisch von hier weithin stromauf- und abwärts verführt werden. Der spätere Nachmittag und der vom Vollmond beleuchtete Abend waren sehr genußreich. Das äußere Auge ruhete bald im Anblick des fruchtbaren Hügel- und Berglandes des rechten (Serbischen) Ufers, bald auf der getraidereichen Ebene der linken Seite oder auf dem stillen Spiegel des Stromes; das innre Auge betrachtete, im reichen Lande der Erinnerungen den Lauf eines andern Stromes, der nicht so still und ruhig, wie hier die Donau, sondern mit verheerender Gewalt über diese Wüste der Völker hereinbrach; den Strom jener Tausende aus Japhets-Stamme, welche in den Zeiten der Völkerwanderungen aus den Ländern des Aufganges herüberdrangen in die Wohnsitze ihrer vorangegangenen Brüder, damit auch an ihnen die Verheißung erfüllt würde, daß sie wohnen sollten in den Hütten Sems. Der Mond schien so hell, und die Fahrt auf dem hier still und ruhig gehenden Wasser ist, mit Ausnahme einiger leicht vermeidlichen Sandbänke von so wenigen Hemmungen bedroht, daß unser Dampfschiff auch während der Nacht seinen Lauf fortsetzte. Wir hörten noch bis zu einer späten Stunde, auf dem Verdecke sitzend, dem Gesange der neapolitanischen Volkslieder zu, mit welchem der gefällige Schiffskoch uns vergnügte, dann begaben wir uns zur Ruhe und bald nach Mitternacht folgte auch das Dampfschiff diesem Beispiele, indem es bei ~Widdin~ sich vor Anker legte. Es war eine sehr gemischte Empfindung von erhebender Freudigkeit und zugleich von einer sich hier in der Fremde fühlenden Scheu, mit welcher wir am Sonntag den 25sten September beim Grauen des Tages erwachten, als auf dem ganz nahen Minare der türkische Iman sein lautes, wohlklingendes: »Gott ist nur Einer, Gott ist groß, Gott ist allmächtig« sang. Ja, wir werden auch in diesem Fremdlingslande unter dem Schutz und Schirm des Allmächtigen sicher wohnen und wandeln! -- Schon in einer der frühesten Morgenstunden traten wir, jetzt durch keine Sanitätsmasregeln des linken Ufer mehr gehemmt und gebunden, hinaus ans Land und ergiengen uns zum ersten Male in den Gassen und Bazars einer türkischen Stadt. Ein wohlschmeckendes Frühstück war hier schon für uns aufgestellt: die Menge der süßesten, wohlschmeckendsten Trauben, und der in diesen Ländern gewöhnliche, aus Blätterteig und dem Fleisch der Lämmerschwänze bereitete Kuchen. Widdin ist eine ansehnliche Stadt, welcher ihre 25 Minares schon von fern ein stattliches Aeußeres geben; die Zahl der Bewohner wird auf 25,000 geschätzt; unter ihnen sind einige tausend griechische Christen, welche hier unter der Leitung eines Erzbischofes stehen und eine viel besuchte Schule haben. So hat das alte +Viminacium+ als das jetzige Widdin noch immer einen abendlichen Schatten jenes vormaligen Glanzes erhalten den ~Procopius~[40] an ihr rühmt, so oft auch im Verlauf der Jahrhunderte die Fluthen des verheerenden Krieges über sie zusammenschlugen. Denn schon unter Bajasid +I.+ ward sie zweimal (1394 und 1396) von den Türken eingenommen, und selbst die Heldenmühe des Prinzen Ludwig von Baden, der sie am 6ten October 1689 der Hand des Feindes entriß, trug für die christliche Herrschaft keine lang dauernden Früchte des Besitzes. Die Insel, welche nahe vor der Stadt im Strome liegt, beherrscht durch ihre Anhöhe die Stadt, und von dort aus gelang es auch den österreichischen Geschützen im Jahr 1689 jene zur Uebergabe zu zwingen. Von Widdin aus, wo wir ziemlich lang anhielten, pflegt sich das Dampfschiff allmählig mit türkischen Passagieren zu bevölkern, was auch auf unsrer diesmaligen Fahrt, besonders im Verlaufe einiger der späteren Tage geschahe. Diese, sobald sie das Schiff betreten und einen Raum für sich und ihre Geräthschaften aufgefunden hatten, setzten sich mit übergeschlagenen Beinen auf die am Boden hingebreitete Decke, und schienen auf nichts zu achten als auf den aus der langen Pfeife hervorgeathmeten Dampf. Man hätte diese neuen Bewohner unsres Vapore selber für seelenlose Dampfmaschinen halten mögen, wäre an ihnen nicht, wenigstens in den Stunden des Gebetes, das Walten einer Menschenseele sichtbar geworden, deren innerstes Wesen in der Hoffnung eines Ewigen bestehet. Denn wenn diese Stunden kamen, da verrichteten unsre Moslimeer, ohne sich im Mindesten durch die Gegenwart der neugierigen Fremden stören zu lassen, das Angesicht nach der Gegend von Mekka hinwendend, die frommen Gebräuche ihrer Gebete und Waschungen, und bezeugten hierdurch, vielleicht auf eine für manche Christen beschämende Weise, daß Gott ihnen beachtenswerther und größer erscheine als das Urtheil und Ansehen der Menschen. Aber diese äußere, sich immer gleich bleibende Ruhe unsrer türkischen Begleiter scheint auch ein bleibender Charakterzug jenes Landes zu seyn, in das wir von hier an mehr und mehr hineintraten. Der Hochrücken des nordistrischen Gebirges hat sich weit von dem linken Ufer des Stromes zurückgezogen; dieser ist so breit und dabei so ruhig geworden wie einer unsrer Landseen in der windstillen Zeit eines Sommertages, nur die emporspringenden, mächtig großen Hausen rühren von Zeit zu Zeit den stillen Wasserspiegel auf. Das rechte (südliche) Ufer des Flusses, in dessen Nähe unser Fahrzeug großentheils blieb, ist bei weitem das schönere; es ist ein fruchtbares Hügelland, geziert mit dem Gewand des Südens. Denn in der Nähe der vielen Ortschaften, aus denen die schlanken, weißen Minares hervorglänzen, zeigen sich hin und wieder kleine Haine von Zypressen; den Bach im Thale beschattet die hohe Platane; die Anhöhen bekleiden sich mit den Waldungen der immergrünen Eiche; in den Gärten stehet, mit reifenden Früchten bedeckt, der edle Lorbeer- neben dem Feigenbaum; die Gehänge der Hügel sind mit Weinreben bedeckt, aus deren Laubdach allenthalben die großen, reifen Trauben hervorblicken. Nur ein leiser, kühlender Hauch aus Osten regt sich in den Zweigen der alten Terebinthe und im Schilfe der großen Donauinseln; das tiefe Blau des Himmels wird nirgends von einem Gewölk getrübt; es ist, als habe dort bei den Feldern des zum Theil noch blühenden Mohns und des eben aufblühenden Safrans neben dem geräuschlos hineinströmenden Bächlein die Ruhe selber ihr Bette aufgeschlagen, welches so weich und so bequem ist, daß sie nicht von ihm aufstehen mag. Wir kamen an diesem Tage vorüber an dem Einfluß des Lom, bei welchem, an der Stätte des jetzigen ~Lom-Palanka~ das alte ~Almum~ lag, dann an jenem des Dsibritz, da die Gränzstadt gegen Nieder-Mösien, ~Cibrus~, ihre Stelle hatte. Das alte Gemäuer einer zerstörten Veste, das bei dem Flecken ~Oreava~, am Einfluß des Schitul gesehen wird, mag wohl noch zu den Ueberresten des römischen ~Variana~ gehören; nahe gegenüber, am linken Ufer, mündet hier der Schyll in die Donau, der bei den Alten Rhabon, auch Sargetia, von den späteren Geographen Gilpit genannt war. Die Sonne stund schon ziemlich tief, da wir am reich grünenden Strande den Ort der Begegnung des Eskers (Oescus) mit der Donau und die Stätte des vormaligen, ansehnlichen, mit dem Flusse gleichnamigen Oescus erreichten, da in späterer Zeit das Heerlager der Hunnen seinen Sitz aufschlug. Wir fuhren von hier noch etwa eine Stunde, dann legte sich unser Fahrzeug, nahe vor dem Einfluß des Utus oder Vid, bei einer kleinen, buschreichen Insel, aus welcher die Rohrdommel ihr rauhes Abendlied vernehmen ließ, vor Anker. Das alte ~Nikopolis~ mit seinem vormals festen Schloße lag zwischen seinen grünenden Hügelabhängen in so ganz besonders günstiger Beleuchtung von der Morgensonne da, daß es uns, als wir am 26ten September aufs Verdeck traten, war, als wollte diese bedeutungsvolle Gegend zu uns sagen: siehe mich recht an. Und wir thaten dieses mit jener ernsten Aufmerksamkeit, mit welcher der Wandrer in der Fremde irgend einen sinnvollen Spruch betrachtet und erwägt, der in einem bemoosten Denkstein am Wege eingegraben stehet. Der Spruch welchen der Griffel der Geschichte hier dieser Stätte mit unvergänglichen Zügen eingeschrieben hat, heißet: »der den Harnisch anleget, soll sich nicht rühmen als der ihn hat abgelegt«[41]. Dort vor Samaria gab diese Lehre in zweimaligem Siege ein Tyrann von Israël dem syrischen Könige Ben Hadad, der auf die Macht seines Heeres, seiner Rosse und Wägen trotzend, dem Hort und Helfer Israëls Hohn sprach; hier nahe bei Nicopolis gab sie einmal ein Herrscher des westlichen Reiches: Trajan, dem durch sein Waffenglück trunken gewordenen Dacierkönige Decebalus, ein andres Mal aber ein waffengeübter Tyrann des Ostens: Bajasid +I.+ dem vor Uebermuth rasenden Heere der Christen. Sind es doch gerade jetzt, 1836, in diesen Tagen des Septembers, 440 Jahre, daß hier bei Nicopolis die Blüthe der damaligen europäischen Ritterschaft zum Kampfe gegen den gemeinsamen Feind der christlichen Reiche versammlet stund; ein Heer, so wohlgerüstet, so waffenkundig und muthig, als bis dahin der Westen noch keines den Türken entgegen gestellt hatte. Denn eine Schaar von 1000 französischen Rittern, unter ihnen mehrere Prinzen von Geblüt, Herzöge und Fürsten, befehligt von dem kühnen Grafen von Nevers und dem Connetable Grafen von Eu; geleitet, wenn sie das hätten seyn mögen, durch den Rath des alten, wohlerfahrnen Feldherrn Coucy, so wie des edlen Admirals Jean de Vienne; verstärkt durch die Begleitung von 1000 Knappen und 6000 Söldnern waren dem König Sigmund von Ungarn zu Hülfe gezogen; mit ihnen ein Heerhaufe der bayrischen Ritter unter dem Churfürsten von der Pfalz und dem Burggrafen von Nürnberg, sammt den Schaaren des deutschen Ritterordens, geführt von ihrem Großprior, dem Grafen Friedrich von Hohenzollern, so wie der Johanniterritter aus Rhodus unter dem Ordensmeister Philibert von Naillac. Wenn auch diese Macht des Westens, welche zusammen mit dem durch steyermärkische und wallachische Truppen verstärkten Heere der Ungarn nach der gemäßigtsten Angabe 60,000, nach andern 100,000 Mann stark war, an Zahl der Streiter dem Heere des Bajasid nicht ganz gleich kam, so übertraf sie dasselbe dennoch an innrer auf Kriegskunst gegründeten Stärke, und der Sieg wäre dem christlichen Heere nicht entgangen, hätte dieses nicht in das Lager bei Nicopolis zugleich mit jenem tollen Hochmuth, welcher beständig dem nahen Falle vorausgeht, die vermessene Sicherheit mitgenommen, die den Feind, ohne ihn zu kennen, verachtet. Denn wie jene 32 Könige, die vormals als Verbündete den König der Syrer Ben-Hadad vor Samaria begleiteten, im Zelte saßen beim Schmauße und trunken waren vom Wein, als schon das Racheschwert über ihrem Haupte geschwungen ward, so thaten auch jene Verbündeten des Ungarnköniges Sigismund, vor Allem die französischen Ritter. Diese, welche in ihrem Uebermuth sprachen: »Wenn auch der Himmel einstürzte, wollten sie mit ihren Speeren ihn aufhalten,« hielten sich vor aller Gefahr so sicher, daß sie sorglos und schrankenlos dem Taumel der Sinnen und der Schwelgereien sich hingaben. Und als heute vor 440 Jahren, am 26ten September 1396, die Kunde von der Annäherung des türkischen Heeres, welche die hartgekränkten Bewohner des Landes verheimlicht hatten, durch seine eigenen Soldaten zu dem Marschall Baucicault kam, da drohte dieser den Ueberbringern derselben als falschen Lärmmachern die Ohren abschneiden zu lassen. Doch jene Kunde erwieß sich nur zu wahr; Bajasids Heer stund kaum noch 6 Stunden weit entfernt. Am 27ten September wurde hierauf großer Kriegsrath gehalten, in welchem der Marschall Baucicault und der Connetable den besonnenen Schlachtplan, den der sachkundige König Sigmund und mit ihm der greise Couzy sammt dem Admiral vorschlugen, mit toller Geringschätzung verwarfen. Namentlich stellten sie es als Ehrensache hin, daß nicht die hiezu am besten geeigneten, leichten Truppen der Wallachen, sondern die ganze französische Macht der Seifenblase des türkischen Vortrabes entgegen ziehen und diese zersprengen sollte. War doch die wilde Hitze und Anstrengung bei diesen Verblendeten so hoch gestiegen, daß sie, nach gepflogenem Kriegsrath, gegen das gegebene Wort der Verschonung, die im Lager befindlichen türkischen Gefangenen mordeten. Als aber nun am Tage der Schlacht, am 28ten September, das kühn vorandringende Heer der französischen Ritter durch das Zersprengen der leichten Asiaten und selbst des verschanzten Vortreffens der Janitscharen, so wie eines Theiles der Spahi's sich entkräftet und ermüdet hatte, als es auch jetzt, wo die Wagschale des Sieges noch immer auf die Seite der Christen geneigt war, Couzy's Rath, das nachrückende ungarische Heer zu erwarten, nicht beachtete, sondern im blinden Selbstvertrauen den Hügel, welchen der Kern des feindlichen Heeres besetzt hielt, hinansprengte, da ward, beim Anblick der 40,000 Lanzen, in dessen Mitte Bajasid stund, der nicht männliche, sondern knabenhaft tolle Muth in weibische Feigheit verkehrt[42]; jene vorgeblichen »Himmelserhalter« flohen in wilder Eile und rissen in ihre Flucht den nachfolgenden Troß, so wie den rechten, von Lascovitsch geführten und den linken, aus Wallachen bestehenden Flügel des ungarischen Heeres mit hinweg. Nicht aber den edlen Admiral Jean de Vienne, der den zwölf Rittern die ihn umgaben es zurief: »hier gilt es ehrenvoll zu sterben« und mit ihnen zugleich den Tod unter den Lanzen der Feinde suchte und fand; auch König Sigmund hielt mit dem Kern der ihm treu gebliebenen Ungarn und mit den steyermärkischen, so wie bayerischen Schaaren festen Stand und diese tapfern Haufen hatten schon die Janitscharen geworfen, selbst die Spahi's fingen an ihren geschloßenen Reihen zu weichen, da kam der Despot von Serbien mit 5000 frischen, tapfern Streitern Bajasid's Heere zu Hülfe und Sigmunds Heer erlag der Uebermacht. Ihn selbst, den König, hatten der Burggraf von Nürnberg und der Anführer der Steyermärker Hermann von Cilly dem Gedränge der Schlacht und der Todesgefahr entrissen und ihn auf ein Donauschiff gebracht, während viele der Seinen noch mit dem Muthe verwundeter Löwen kämpften. Alle bayerischen Ritter, so wie die meisten der Steyermärkischen waren zuletzt in diesem Heldenkampf gefallen[43], zugleich aber deckten auch das Schlachtfeld 60,000 Leichname der Erschlagenen aus dem türkischen Heere. Ungleich bedauernswerther als das Loos derer, welche den Tod in der Hitze der Schlacht, ohne ihn fast zu bemerken, gefunden hatten, war das Loos jener Streiter des christlichen Heeres, welche lebend von den Türken gefangen wurden, oder durch die Flucht sich zu retten gedachten. Von den Letzteren ertranken Viele, als sie in den von Menschen überfüllten Fahrzeugen über die Donau setzen wollten; von den Gefangenen ließ Bajasid am Tage nach der Schlacht, zur Rache für die gefallenen Moslimen 10,000 niedermetzeln, unter denen vielleicht Manche waren, welche 3 Tage vorher dasselbe an den ihnen auf Treu und Glauben ergebenen Türken gethan. Zwar der Graf von Nevers hatte, gegen Versprechen eines hohen Lösegeldes, für sich und 24 der vornehmsten Gefangenen Schonung des Lebens erhalten, aber auch von diesen starben Mehrere, unter ihnen der alte Feldherr Coucy, noch ehe die Auslösung geschahe, in den Gefängnissen von Kallipolis und Brussa; nur König Sigmund und einige ihn begleitende Herren waren so glücklich gewesen, an der Mündung der Donau die Flotte der Rhodiser und auf dieser, schon nach 3 Monaten, die Küste von Dalmatien zu erreichen. So endigte hier bei Nicopolis, der »Siegesstadt,« welche Trajan zum Andenken an seinen entschiedenen Sieg über die Dacier begründet und so benannt hatte, die Heerfahrt einer christlichen Macht, die sich vermessen hatte, nicht bloß die Türken zu besiegen und Jerusalem wieder zu erobern, sondern selbst den bewegten Kräften des Himmels die Macht ihrer Arme entgegen zu stellen. Statt der Lustfeuer und der lärmenden, nur allzu frühe triumphirenden Freude, womit das fremde Bundesheer noch kurz vorher das Land erfüllt hatte, brannte jetzt das Feuer der angezündeten Städte, hörte man das Aechzen der Sterbenden, das Jammern der hinweggeschleppten Gefangenen; Steyermark und Sirmien wurden verheert, die ganze Halbinsel zwischen der Save, Drave und Donau mit dem Schutte der zerstörten Städte und dem Graus der Verwüstung erfüllt. Von Nicopolis, dessen deutsche Benennung ~Schiltau~ ist, selber, sahen wir nur wenig. Die Masse seiner alten Häuser dehnt sich über einen weiten Raum aus; es ist der Sitz eines griechischen Erzbischofes, so wie eines katholischen Bischofes und zählt 20,000 Einwohner. Ihm gegenüber, am linken Ufer, nahe an der Mündung des Aluta- (Araros-) Flußes, liegt an der Stätte des alten Pelendova der wallachische Ort ~Turnul~. Vorüber an dem grünenden Hügelland und den Auen des rechten Ufers kamen wir nach einigen Stunden zu der wohlhabenden Handelsstadt ~Sistov~, welche durch den Friedensschluß zwischen Oesterreich und der Türkei im Jahre 1791 eine politische Wichtigkeit erhielt. Während die 21,000 Einwohner dieser freundlich aussehenden Stadt ein lebhafter Verkehr mit den Bewohnern des eignen Landes, wie der fremden Länder ernährt, beschäftiget die Bewohner der nahe gegenüber gelegenen, wallachischen Oertlein ~Simnitza~ und ~Tuteschty~ ein ziemlich ergiebiger Hausenfang. -- Auf der weiteren Fahrt, am Nachmittag, glich die Donau, deren Breite zuletzt bis auf eine Stunde Weges anwächst, einem kleinen, stillen See; wir landeten bei ~Rusczuk~, wo unser Dampfschiff eine Menge der in ihm enthaltenen Waaren ausschiffte, und neue aufnahm: denn diese Stadt, welche 30,000 Einwohner umfasset, ist eine der bedeutendsten Handelsplätze des unteren Donaulaufes. Zwar, wie dies schon die vielen, ansehnlichen Moscheen mit ihren Minares dem Auge bezeugen, herrschet die Macht des Islamismus hier vor, doch leben unter den Türken mehrere Tausende von Christen (Armenier und Griechen), denen ein Erzbischof vorstehet und eine bedeutende Anzahl von Juden. Die Stadt, von Festungswerken umgeben, liegt auf einem Berge; wir besahen uns einige ihrer Gassen und Plätze, genoßen in einem türkischen Kaffeehaus des warmen Getränkes, giengen dann aber wieder herab an den Abhang des Hügels, von wo die Aussicht nach der Insel Slobodsee und dem festen Schlosse, weiter hinab aber nach dem von Mahommed +I.+ begründeten Giurgevo einen neuen Genuß gewährte. Während wir hier die uns neue Gegend beschauten, waren wir selber für Andre ein Schauspiel geworden, denn neugierig betrachteten uns, durch die Zwischenräume der pallisadenartigen Umzäumung, die verschleierten Bewohnerinnen eines benachbarten Harems. Unsre europäisch gekleideten, so frei sich bewegenden Begleiterinnen schienen der Hauptgegenstand ihrer Betrachtungen zu seyn. Wer sollte nicht, bei einem vergleichenden Blick auf jene Gefangenen und auf diese Freien die Segnungen des Christenthumes dankbar empfinden, welches den Völkern zuerst die wahre Beachtung des weiblichen Wesens lehrte. * * * * * Von hier aus brauchten wir noch anderthalb Tage zur Fahrt nach Gallacz. Das von der Morgensonne beleuchtete ~Giurgevo~, bei welchem wir frühe am andern Tage vorbeikamen, imponirte dem Auge mehr durch seine Größe, denn es hat gegen 3 Stunden im Umfange, als durch seine Schönheit. Die große Wüste der Geten[44], am rechten (bulgarischen) Ufer des Stromes, ist ein grünendes Hügel- und Flachland, welches wenig Abwechslung zeigt. ~Turtukai~ liegt an der Stätte des alten Transmariska: nahe gegenüber, auf der linken (wallachischen) Seite mündet die Dombrovicza (Argis) in die Donau, an welcher nur eine kleine Tagreise aufwärts Bukarest liegt. ~Silistria~ hat sich unter dem kräftig gestaltenden Einfluße, der in den letzten Jahren auf diese Stadt wirkte, zu einer Herrscherin des Stromes und des angränzenden Landes erhoben; mit dem immer blühender werdenden äußeren Verkehr war sie in dieser Zeit zugleich ein Mittelpunkt des geistigen Verkehres der Völker des Nordens und Ostens geworden. In dieser Hinsicht ist sie an die Stelle des alten ~Axiopolis~ getreten, dessen Stätte da war, wo jetzt weiter stromabwärts ~Rassova~ stehet. Nahe bei Silistria werden die Ueberreste jener Gränzmauer gesehen, welche die Griechen zur Abwehr gegen die Einfälle der Barbaren erbaut hatten. Jenseits Rassova wird die Strombahn des Flusses, der von hier an nach Ptolemäus Aussage den Namen ~Ister~ empfieng, nach Norden gekehrt; denn die Ausläufer des Balkangebirges, die sich an das rechte Ufer herandrängen, verhindern den geraden Fortgang nach Osten. Dieser Damm der Gebirge, welcher stellenweise mit sumpfigen Niederungen und Haideland abwechslet, ist, besonders seit dem letzten Kriege, zu einer Einöde geworden, in welcher, gleich den Ameisen, die an den Resten einer längst abgefallenen, dürren Frucht zehren, die Schaaren der Zigeuner ihr Wesen treiben. -- Am 28ten September kamen wir zuerst an ~Hirsova~ oder Kersova vorüber, das an die Stätte des alten ~Corsus~ oder Karson getreten ist. Die Stadt, welche nur 4000 Einwohner zählt, wird von einer Citadelle beherrscht. Der Strom theilt sich jenseits Hirsova in viele Arme, welche manche buschreiche oder mit Schilfrohr bewachsne Inseln umschließen. Das Chor der gefederten Sänger, das im Frühling und angehenden Sommer hier, wie man uns sagte, ohne Aufhören seine Stimmen vernehmen lässet, war jetzt verstummt; nur noch die Trompetentöne der vorüberfliegenden Kraniche wurden gehört. Wir naheten uns nun wieder dem linken Ufer der Strombahn, welche da, wo die zertheilten Arme des Flußes von neuem sich einander nähern, mächtig breit erscheint. Hier liegt, von Wällen umgeben, die ansehnliche Stadt ~Brailov~, der Ausgangspunkt namentlich eines wichtigen Getraidehandels nach Konstantinopel. Brailov (von den Türken Ibrahil genannt) zählt gegen 25,000 Einwohner; in seinem großen Hafen sieht man die Flaggen der verschiedensten, Seehandel treibenden Nationen wehen; zu den Zeiten des »Pfalwütherichs« Wlad, des Woiwoden der Wallachey, als im Jahr 1401 Mahommed +II.+ sie niederbrannte, war diese Stadt der berühmteste Handelsplatz des Landes[45]. Die beiden Ufer haben ihre bisherige Rolle gegen einander ausgetauscht; das rechte zeigt nur noch einzelne, kleine Befestigungspunkte, auf welche in früheren Zeiten der Krieg zuweilen seinen Fuß setzte, während er mit dem andern Fuße das Land umher zertrat, dann waldiges Hügel- und Flachland, auf welchem einzelne unbedeutende Ortschaften zerstreut stehen; dagegen bietet das linke dem Verkehr der Völker reiche Sammel- und Ruhepunkte dar, vor allem jenseit der Einmündung des Szereth an der Fürstin unter den Handelsstädten des ganzen, unteren Donaulaufes: an ~Gallacz~. Es war in einer der früheren Stunden des Nachmittags als wir die weithin über das hügliche Ufer sich ausdehnende Stadt mit ihrem ansehnlichen, von Schiffen erfüllten Hafen vor uns sahen. Unter den Schiffen zeigten sich schon einzelne Dreimaster; im Vorüberfahren hörten wir uns von englischen, italienischen und russischen Zungen begrüßt; Oesterreicher, Franzosen und Türken sind hier mit den andern Schifffahrt treibenden Nationen zu friedlichem Verkehr vereint. Die Strenge der Quarantäne bewachte und hemmte unsre Schritte; wir durften eben so wenig als die Mannschaft der türkischen, bulgarischen und serbischen, so wie der aus Constantinopel kommenden europäischen Schiffe die Stadt betreten, oder mit ihren Bewohnern und mit den vom linken Ufer und aus Oesterreich angelangten Fahrzeugen unmittelbar verkehren, doch war die von Pallisaden umzäumte Skella groß genug, um sich auf ihr zu ergehen und dem muntern Austausch der Waaren des Südens und Ostens mit den Erzeugnissen des reichen Landes zuzusehen. Da uns, als den Genossen der Türken, der Eintritt in Gallacz und in dem ganzen Fürstenthum Moldau versagt war, fuhren Einige von uns am andern Morgen auf einem kleinen türkischen Fahrzeuge den breiten Strom hinüber, an eine große baum- und buschreiche Insel, wo wir den größeren Theil des Tages unter den noch spärlich blühenden Gewächsen und dem kleineren wie größeren Geflügel des Waldes zubrachten. Den schönen, gelben Blüthen der punktirten Lysimachia (+Lysimachia punctata+) mußte hier unter den Spätlingen der übrigen Blumenwelt der Preis der Schönheit zugestanden werden; die hohlsägenblättrige Nachtviole (+Hesperis runcinata+) war schon mit Schoten bekleidet; zugleich mit den andern Schilfarten zeigte sich das Prunkrohr (+Arundo speciosa+). Unter den einzeln noch herumschweifenden Schmetterlingen schien uns die Roxelana (+Hipparchia Roxellana+) an die Familiengeschichte des großen Suleiman erinnern zu wollen, dessen vormaligen Wohn- und Herrschersitze wir uns jetzt naheten. Am Ufer des Stromes lagen die (fossilen?) Schaalen von Cerithien, Trunkatellen und Rissoën angeschwemmt, am Lande fand sich noch lebend und von besonderer Schönheit die österreichische Schnirkelschnecke (+Helix austriaca+) im Gebüsch der drüsenblättrigen Brombeeren (+Rubus glandulosus+). Bei einigen Türken, welche etwas aufwärts am Strome ihr Fahrzeug ausbesserten, konnten wir doch unsre auswendig gelernten türkischen Grüße anbringen, als wir aber in dem kleinen Kaffeehause, das stromabwärts, am Ende der Insel, jenseits einem kleinen Arm des Flußes lag, außer dem schwarzen, ungezuckerten Getränk noch andre Lebensmittel verlangten, da war unser Türkisch nur durch die Sprache der Zeichen verständlich. Die letzten Stunden des Tages brachten wir wieder auf und bei unserm Dampfschiff in der Skella zu, wo man so eben mit dem Einladen der mit Butter gefüllten Ochsenhäute in die Fahrzeuge beschäftigt war. Noch am Abend bezogen wir das große, schöne Dampfschiff Ferdinand, das uns von hier zum schwarzen Meere und nach Constantinopel bringen sollte. Unsre Abfahrt von Gallacz war eigentlich auf den 1ten Oktober bestimmt gewesen, da aber einer der Vorsteher der österreichischen Donauschifffahrt, an welchem wir seit Cladova einen sehr kenntnißreichen, zuvorkommend freundlichen Reisegefährten gefunden hatten, in dringenden Geschäften seiner Gesellschaft nach Konstantinopel und Smyrna eilte, wurde der Aufenthalt um einen Tag verkürzt und schon am 30ten September, gegen 2 Uhr des Morgens, zogen wir wieder auf die vom Mond beleuchtete, breite Strombahn hinaus. Von Gallacz bis zur Donaumündung bei Sulina durchmisset der oft gekrümmte Lauf des Stromes eine Strecke von 50 Stunden, diese sollte am heutigen Tage zurückgelegt werden, und dem Eilschritt des Ferdinand, der in jeder Stunde, auch bei ungünstigem Winde, 13 englische Meilen durchläuft, wurde dieses auch möglich, obgleich bei Sonnenaufgang ein starker Nebel die Fahrt etliche Stunden lang hemmte. Da der Nebel sich verzogen hatte, sahen wir zur Linken das fruchtbare Hügelland von Bessarabien, zur Rechten begegneten dem Auge die äußersten Höhenzüge des Balkangebirges. Schon war ~Isaczi~ (das alte Aegysus) hinter uns; der Strom belebte sich mit einer Menge der aufwärts seglenden Fahrzeuge, während andre, welche gleich uns hinaus zum Meere wollten, am Ufer still lagen. Wir bogen jetzt, zwischen den immer häufiger werdenden Landseen, deren Spiegel, von der Sonne beleuchtet, von Zeit zu Zeit hinter den Hügeln des Ufers hervorblickten, in den Donauarm von Suline ein; noch vor Mittag kamen wir an dem ansehnlich aussehenden ~Tulcza~ (dem vormaligen Salsovia) und bald nachher an der Stätte des alten Halmyris (bei Kisilbasch) vorüber. Ein frischer Wind wehete vom Meere her. Schaaren von Möven flogen lautschreiend über uns hin, am Ufer zeigten sich immer häufiger die Gewächse der Seeküste, es deutete Alles die Nähe des Meeres an. Aber nur wir, in unserm Dampfschiffe, das in ungehemmter Eile über die ruhende Wasserfläche hinabglitt, durften uns dem freudigen Gefühl überlassen, daß wir jetzt mit jedem Augenblick dem Thor zu dem Gewässer des Ostens näher rückten; der nämliche Wind, der uns mit seinem erfrischenden Hauche so wohlthuend entgegen kam, hielt seit mehreren Wochen, in den einzelnen Buchten des Stromes, eine Menge von Segelschiffen, deren Mastbäume wie ein dichter Wald über die Ebene hervorragten, vom Auslaufen zurück. In übermüthigem Scherz riefen unsre Schiffer ihren Landsleuten auf einigen dalmatinischen Fahrzeugen, an denen sie jetzt, seit 14 Tagen, zum 3ten Male vorbeikamen, die Aufforderung zu »sie möchten doch vorwärts machen.« Jene schwiegen verdrießlich. Die Fahrt im neuen Dampfschiffe ist eine Uebung der selbstthätigen menschlichen Kraft; die Fahrt in einem Segelschiffe ist eine vielleicht noch wohlthätigere Uebung der menschlichen Geduld. Die Sonne neigte sich zum Untergang; ihre letzten Strahlen beleuchteten uns die blaue, dunkle Tiefe des schwarzen Meeres. Das Auge hatte einige Augenblicke den Glanz der eben scheidenden Königin des Tages betrachtet; beim Zurückschauen auf das Verdeck schwebten farbige Schattenbilder vor dem geblendeten; sie glichen den Gestalten von theuren, fern in der Heimath weilenden Freunden, welche im Geist auf dieser Reise uns begleiteten. Die treue Hausfrau, die voll Furcht vor dem Meere, vor allem aber vor diesem war, von dessen Gefahren sie so Vieles gelesen und gehört hatte, drängte sich ängstlich an mich hinan; aber das Rauschen der hohen Wellen wollte uns ja nur einen Spruch in die Erinnerung zurückführen, der uns heute, am Morgen des 30ten Septembers, als Loosungswort (Parole) des Tages gegeben worden war: »die Wasserwogen im Meere sind groß und brausen gräulich; der Herr aber ist noch größer in der Höhe« (Ps. 93. V. 4.). Die Fahrt auf dem schwarzen Meere und durch den Bosporus. Die Macht der Fluthen der Donau, bei ihrem Einströmen in das schwarze Meer, ist so groß, daß, wie man sagt, noch in einem Abstand von der Küste gegen Osten hin, welche drei und eine halbe Meile beträgt, das Süßwasser des Flußes fast unvermischt über dem schwereren Seewasser seinen Lauf fortsetzet, und durch seinen Geschmack sich verräth. Wir, gegen Süden gewendet, verloren sehr bald dieses Geleite, das der heimathliche Strom den gegen Osten steuernden Schiffen noch auf ein Stück Weges hin, auf das unwirthbare, fremde Gewässer giebt; wir traten in das unbeschränkte Herrschergebiet des Pontus Euxinus ein. Wie ganz anders war hier das Bewegen des wogenden Wassers; wie ganz anders das Bewegen des Dampfschiffes, als auf der stillen Donau. Das schwarze Meer, auch bei ruhiger Zeit, gehet fast immer in hohen Wogen; sein Wasserspiegel ist ein Punkt des Begegnens des im Osten an ihn angränzenden caucasischen Hochgebirges, des im Süden ihn umgürtenden Hämus und Olympus, so wie der von Westen und Norden her verlaufenden Ebene des unteren Donaugebietes und der nördlichen Stromtiefen. Durch diesen kräftigen Gegensatz der nahe zusammengränzenden Bergketten und der von ihnen umschlossenen Ebenen, wird ein fast beständiges Bewegen der Atmosphäre erregt; das schwarze Meer ist im Großen das, was etwa mitten in einer unsrer Städte der Vorplatz vor einer hohen Domkirche im Kleinen ist: der Treibheerd eines beständigen Wind- und Wetterzuges. Bewegt, wie das Gewässer, wird hier das Gemüth des Wanderers, der zum ersten Male hinaustritt in die Nähe des Schauplatzes der hehren Jugendthaten unsres Geschlechts. Da, im Osten, erhub sich die Sonne des zweiten Weltentages der Geschichte; dort, im fernen Süden erstieg sie die Höhe ihres Mittages. Der Mond gieng endlich auf und beleuchtete mit unsichrem Scheine die immer weiter zurücktretende, westliche Küste, die Nacht ward so windstill und ruhig, wie sie in solcher Jahreszeit auf diesem Meere nur selten gefunden wird. Am andern Morgen versuchten die Meisten von uns vergeblich sich vom Lager zu erheben, um wenigstens nach der Stätte der westlichen Küste hinüber zu blicken, an welcher ~Tomi~, die vormalige Hauptstadt der Scythiaminor lag, wo der dorthin verbannte römische Dichter Ovid die Schmerzen seines Heimwehes besang. Uns hatte jetzt jener Zustand ergriffen, der einem Sterben gleicht, an welchem niemand stirbt; jene Krankheit, da man sich übersatt fühlt, ohne gegessen, zum Tode müde, ohne gearbeitet zu haben, weil selbst die Ruhe kein Aufhören der Bewegung bringt. Es ist als fühlte man nicht mehr sich selber, sondern nur das schwankende Schiff; die Gedanken sind aus dem Gehirn entwichen; sie sitzen, wie festgebunden, am Mastbaume, an ihrer Statt ist ein umkreisendes Bewegen der rasselnden Räder und ein Auf- und Niederschnappen der Dampfmaschinen hinein in den Kopf getreten, was diesem alle Kraft nimmt, sich aufrecht zu halten. So vergieng uns der schöne Tag des ersten Octobers; nur am Nachmittag gewährte der kurze Aufenthalt vor dem ansehnlichen ~Varna~, dem ~Odessus~ der Alten[46] einige Augenblicke des Ausruhens, dann begann in und außer uns von neuem das Rasseln der Räder, das Auf- und Niederschnappen des Pumpengestänges. Aber auf die Unruhe des Sonnabends folgte am 2ten October eine liebliche Stille des Sonntages. Freilich schien es uns anfangs, als wir noch vor Mittag den Kyaneen oder Symplegaden an der äußern Mündung des Bosporus uns näherten, als sey dieses Fünfgespann der Felseninseln mit sammt dem Fußgestell vom Altar des Apoll, welches auf der einen von ihnen stehet, von neuem von jenen Ruhesitzen aufgestanden und losgeworden, die ihnen die Orpheische Lyra angewiesen; sie schienen uns, denn noch schwindelte das Haupt, wieder eben so bewegt, wie damals, als Jason seiner Argo die Taube voraus sendete und als zwei der Symplegaden, durch welche der Vogel noch so eben hindurchflog, diesem, durch ihr Zusammenschlagen die Federn des Schwanzes entrissen. Als aber jetzt, bei Fanaraki, das Dampfschiff in das ruhigere Gewässer des Bosporus eintrat und zugleich die schaukelnden Bewegungen desselben sich milderten, da kehrten mit einem Male Gesundheit und der sichre Blick des Auges wieder. Wir sind nun bei dem Boden einiger bedeutungsvollen Sagen des Alterthums. Hier zur Rechten, am europäischen Ufer, auf dem zerklüfteten Felsen stund einst ~Phineus~, des Erblindeten, Königsburg, der dem Jason und den andren Helden der Argo freundliche Bewirthung bot. Statt der Harpyen, welche damals, bis Jasons Begleiter sie besiegten, die Freuden der Gastung störten; statt der Geier, die noch jetzt hier nisten, kam ein Vogel der Minerva: die thrazische Nachteule an unser Schiff geflogen und ruhete, nachdem sie mehrmalen ihn umkreiset, einige Minuten auf dem Mastbaume aus. Phineus Burg ist längst verschwunden; an ihrer Stätte stehet das türkische Kastell ~Karibdsche~; diesem gegenüber, am asiatischen Ufer, ein andres, ~Poiras~ genannt, beide von Batterieen umpflanzt. Hierauf steigen, an der rechten oder europäischen Seite die Felsenwände von ~Mauros-molos~, wo vormals ein griechisches Kloster stund[47], so gäh aus dem Meere hervor, daß zu ihren Füßen kein Raum für den Wandrer und sein Lastthier bleibet; oben auf der Höhe stehet die +Turris Timaea+: jener alte, rundliche Leuchtthurm, dessen Licht den Schiffern ein sichrer Leitstern durch die Klippen der Kyaneen zum Eingang des Bosporus gewesen wäre, hätten nicht die Barbaren der äußeren Küste durch andre, von ihnen angezündete Feuer die Fahrzeuge zwischen die Klippen verlockt, um die gestrandeten zu berauben. Das eigentliche Thor zu den Schönheiten des Bosporus thut sich erst jenseits der beiden einander gegenüberstehenden Vorgebirge von ~Rumili Kawack~ und ~Anatoli Kawack~ auf. Diese Vorgebirge sind einer der Hauptpunkte des Ueberganges der asiatischen, vom Antitaurus herstammenden Gebirgskette nach Westen; denn die letzten, bei Rumili Kawack hervortretenden Ausläufer des europäischen Hämus begegnen hier unmittelbar gegenüber denen des asiatischen Olympos. Auf diese Gränzhöhen der beiden Welttheile hatte das Alterthum die Mächte aller seiner Götter versammlet; denn der Hinausblick auf die nahen Todesgefahren des Pontus Euxinus mußte auch in der trägesten Seele die Gedanken der Ewigkeit wecken. Dort zur Linken, am asiatischen Ufer, stund der Tempel der zwölf großen Götter, mit dem kostbaren Dache der vergoldeten, metallenen Ziegel. Jason, als er hier anbetend der Herrschergewalt des Unsichtbaren sich gebeugt, erbaute am nahe gegenüberliegenden europäischen Ufer die Altäre der Cybele und des Serapis. Während der byzantinischen Herrschaft stunden hier zwei Schlösser, davon das eine in seiner byzantinisch-genuesischen Bauart noch ziemlich wohl erhalten stehet; in Zeiten der Noth wurden von einem Schloß zum andren eiserne Ketten gezogen, um die Durchfahrt der feindlichen Schiffe zu hemmen. Von der Felsenwand des Berges, da der Tempel der Zwölf erbaut war, wagte, so erzählte die alte Sage, ein jugendliches Paar von Liebenden eine nur in den Augen des Heidenthumes bewundernswert erscheinende That: es sprang, als das Opfer einer Liebe, deren Flamme mit dem Tode stirbt, vom festen Grunde hinab ins Meer; aus dem Leben des Diesseits, dessen Kräfte es verkannte, hinüber, in die richterliche, ernste Stille des Jenseits. -- Anjetzt wohnet hier ein Volk, gleich jenem zu Mönkgut auf der Insel Rügen, kräftig, sittsam und friedlich, die Vermischung mit den Nachbarn vermeidend; von den Türken des Unglaubens beschuldigt; hierinnen gleiches Loos theilend mit den Drusen des Libanon. Wir treten nun hinein in das Innre dieses Zaubergartens: in das Innre des eigentlichen Bosporus. Welche Erinnerungen an irgend etwas schon Gesehenes soll ich aber in den Seelen meiner Leser hervorrufen, welche jenes Paradies des Meeres und des Landes noch nicht besuchten, um an das schon Geschaute und Erfahrene das Bild des noch nicht Geschaueten anzuknüpfen. Ich hatte, ehe ich hieher kam die schönsten Küstengegenden von Italien, Südfrankreich und Piemont gesehen, aber unter den Erinnerungen an diese früheren Genüsse meiner Wanderschaften war keine, die mir, wie ein passender Reim zu jenen Empfindungen erschienen wäre, welche der Anblick des Bosporus weckte. -- Wir haben etwa in unsrer Kindheit die Mährchen des Orients gelesen; wir haben im Spiegel jener Gedichte der Morgenländer, welche ~Rückerts~ Meisterhand auf vaterländischen Boden verpflanzte, das Bild einer irdischen Natur gesehen, durch deren vergänglichen Schleier allenthalben die Schönheiten einer unvergänglicheren, überirdischen Natur hindurchblicken; das was jene Dichtungen uns ahnden ließen, das glaubt hier das Auge verwirklicht vor sich zu sehen. Bei dem Feigendorfe ~Indschirkoi~, an dem wir weiterhin vorüberkamen, bewundert der Einheimische wie der Fremde eine Baumgruppe von seltsamer Art: zwei Zypressen und zwei Feigenbäume sind hier so in und durch einander gewachsen, daß die fruchttragenden Arme des Feigenbaumes aus dem Körper der Zypresse, der hohe Scheitel von dieser aus dem Stamme von jenem hervorzukommen scheint; der Feigenbaum hat der Zypresse die Fülle seiner Süßigkeiten, diese aber hat jenem die Kräfte ihres erhabenen Aufschwunges mitgetheilt. So, wie in dieser Baumgruppe sind im Bosporus die Elemente des innigsten Liebreizes der Natur mit der hochstrebenden Herrschermacht derselben verschlungen. Wie das Brennbare, wenn der entzündende Funke es getroffen sich als Flamme emporschwingt, und, je stärker die Gluth wird, immer höher sich erhebt; so erhebt sich bei dem Anblick des Bosporus die Empfindung; es ist wie ein Jauchzen der Lust, das gleich der singenden Lerche emporsteigt vom Boden, in das unbegränzte, unermessene, tiefe Blau des Himmels. Aber der Vogel der Empfindung, wenn er auch jetzt sich hinaufschwang, läßt sich doch bald da bald dort wieder nieder auf das Thal und das grünende Ufer, wenn sich hier, neben der hohen Platane die Wildniß des blühenden Rosengesträuches entfaltet; wenn unter dem Wald der Zypressen die duftende Wiese des Crocus und der Anemonen sich hinbettet, oder die grünende Fülle der Orangengärten, gleich einem überschwellenden Strome über die Mauern der Lustgärten heraustritt und ihre Wände mit den blühenden Ranken der Ipomöen und persischen Winden bedeckt. Hier, neben der festlich geschmückten Natur hat auch die Baukunst des Morgenlandes ihr Prachtgewand angelegt; die hochgewölbten Moscheen, die Palläste der Großen, im Glanze des weißen Marmors ihrer Säulen und Mauern erscheinen wie durchsichtig; es ist als hätte die Gluth des Schönen, welches allhier in unbesiegbarer Jugendkraft waltet, das starre Gemäuer durchdrungen und dasselbe für ihre Strahlen durchleuchtig gemacht. -- Doch es ist Zeit, daß ich einige der lieblichsten Ruhepunkte des Auges, die sich hier unter dem tiefen Blau des südlichen Himmels und neben dem noch tieferen Lazur des Meeres auf dem immer grünenden Boden auferbauet haben, wenigstens nenne und im Umriß bezeichne. Der Hain der Zypressen und Platanen der hier zur Rechten, sobald jenseit der Landspitze von Mesar-Burnu das Schiff in das eigentliche Innre des Bosporus tritt, bei ~Sarijari~ ins Auge fällt, ist nur eines jener bunten Gewänder, welches die Sitte der Moslimen über die Schatten und Schrecknisse der Gräber breitet, denn unter den weissen Steinen ruhen Gebeine der Todten, denen die türkische Inschrift einer der Springbrunnen, Wiederbelebung, durch die Kräfte eines Wassers verheißet, welches auch das Erstorbene neu erfrischt. Nahe hierbei fließet das gepriesene Wasser von ~Kastanessu~, oder des Kastanienquelles; weiterhin zeigt sich das breite Thal von ~Bujuckdereh~: ein Lustgarten des Landes, in dessen grünendem Gebüsch und Bäumen, als wir an ihm vorüberzogen, ein erfrischender Wind seine Wogen schlug. Hier erquickte sich, so erzählte die Sage, nach der Mühe der langen Pilgerfahrt Gottfried von Bouillon mit der vertrauten Schaar seiner Helden, und noch jetzt ist Bujuckdereh ein Ort der Erquickung für den hier, während des Sommers verweilenden fränkischen Adel. Dort zur Linken, den Hainen des wasserreichen, thrazischen ~Belgrad~[48] gegenüber, erhebt sich der ~Riesenberg~, mit dem steinernen, sogenannten Bette des Hercules, das die Sage der Moslemen zu Josua's Grabe machet; weiterhin stehet, am asiatischen Ufer, an der Stätte des vormals herrlichen Sommerpalastes zu ~Chunkar Inkalessi~ die schönste Papiermühle in der Welt: ein Gebäu aus Marmor errichtet, mit prachtvollen Sälen, am Saume des reichen Flußthales; als wollte es alle Die, welche auf Papier schreiben an die Tröstungen und Freuden des Paradieses erinnern, wo das gar viele Schreiben aufhören wird. Wenn auch der Blick des schnell Vorüberfahrenden von da sich wieder hinüber wendete zur europäischen (linken) Seite, auf ~Tharapias~ Gärten, bei denen Medea dem väterlichen Zorn entfliehend, ihre bezaubernden Gifte ans Land geworfen; oder auf die schattige, fischreiche Bucht von ~Kalender~ und die wilde Brandung an den Felsen von ~Jenikoi-Burni~; so kehrt es doch bald wieder zurück zu der im Ganzen schöneren und reicheren asiatischen Küste. Hier, bei ~Begkos~ und seiner unter hoher Kuppel spielenden Fontäne waren die Ochsenställe des Amykos, der im Kampfe dem Kastor unterlag; hier stund die +Daphne insan+, jener Lorbeerbaum dessen Blätter -- möge doch kein treuloser Krämer in unserm Vaterlande sie verbreiten -- in Jedem, der sie genoß, Streitsucht und gehässigen Unmuth erregten. Statt des Lustschlosses in persischer Bauart und mit persischer Pracht innerlich geziert, das Murad +III.+ (um 1585) in ~Sultania~ erbaute, stehet jetzt der Pallast eines türkischen Großbeamten am Bache der Platanen. Die Hügel des Dorfes der Feigen: ~Indschirkoi~, von dessen merkwürdiger Baumgruppe vorhin Erwähnung geschahe, sind ein Fruchtgarten, so reich und anmuthig, wie das Auge des Wanderers durch die Nachbarländer der Heimath noch kaum einen gesehen. An der europäischen Seite hat sich jetzt der schönste Hafen des Bosporus: ~Stenia~ eingestellt; die Masten der europäischen Kriegsschiffe wetteifern an Höhe mit den Zypressen des nahen ~Emirgum~, wo sonst ein Tempel der Hekate stund, jetzt aber die türkische Mauth ihren Sitz aufschlug. Asiatischer Seits öffnet sich den Blicken die Bucht der Ruthe: ~Tschübükli~, so genannt, weil Sultan Bajasid +II.+ seinem Sohne Selim hier 8 Ruthenstreiche ertheilte. Vormals stund da ein Kloster jener »Schlaflosen«, deren einzelne Chöre ohne Aufhören, Tag und Nacht Loblieder tönten und Gebete. Prachtvoll wölbt sich bei ~Karibdsche~ die Kuppel der hohen Moschee; ihr gegenüber, bei ~Balkalimani~ zeigen sich Grabmäler der türkischen Heiligen. Die verdüsternde Wolke, welche etwa der »schwarze Thurm« bei ~Anatoli Hissari~, einst ein grausamer Kerker der Kriegsgefangenen, in der Seele des Betrachtenden aufsteigen ließ, zerstreut sich beim Anblick der »himmlischen Wasser« von ~Göcksu~, aus deren Rosenhainen und duftenden Orangengärten ein Sommerpallast des Großherrn hervorschimmert. Ein türkischer Dichter besingt diese liebliche Gegend am Bosporus in Versen, deren ohngefährer Sinn folgender ist: Wie Damaskus und Yemen und Sogd auf Erden berühmt sind, So wird im Paradies Göcksu's Gestade gerühmt. Der abentheuerliche Bau der alten, gegenüber liegenden Veste von ~Rumili Hissari~, welche ~Mohammed~ +II.+ zwei Jahre vor der Eroberung von Constantinopel nach einem Grundriß erbauen ließ, der die Züge der arabischen Buchstaben in dem Worte »Mohammed« nachahmte, bildet mit den Prachtgebäuden des benachbarten ~Bebeck~, so wie mit denen des nahe gegenüber liegenden ~Kandilli~ einen sonderbaren Contrast. Dort im Thurme von ~Kule Bagdschessi~ ward Suleiman der Große, Selims +I.+ einziger Sohn, dessen Hinrichtung der mit dem Blut vieler seiner Freunde befleckte Vater im Zorn befahl, drei Jahre lang von dem wohlgesinnten Bostandschi Bey verborgen, bis der Grimm des Herrschers der bittren Reue über den vermeintlich vollbrachten Mord des Sohnes Raum gegeben. Jene hochstämmige, alte Zypresse, die dort neben dem Quell stehet, soll der gefangene Prinz mit eigner Hand gepflanzt haben. Bei ~Arnaudkoi~, an der europäischen Seite, wird die vorherrschend nach Nord und Süd gehende Strömung der Meerenge so heftig, daß die Schiffer der kleineren Fahrzeuge, wenn sie aufwärts fahren, durch die hier wohnenden Piloten am ausgeworfenen Seile sich ziehen lassen. Unser Dampfschiff steuerte so ruhig wie ein auf der Woge scherzender Delphin auf dem schäumenden Meeresstrom hinab, gegen die Lustgärten und Palläste von ~Beglerbegkoi~ und gegen Kurutsche hin, wo die berühmten Einsiedler des 5ten Jahrhunderts: Simon und Daniel Stylites in jahrelanger Entsagung, auf einer Säule stehend gelebt und Buße gepredigt haben. Kaum hat das Auge noch so viel Zeit, daß es sich an dem Anblick des wogenden Blumenmeeres, durch dessen Farben das von der Sonne beleuchtete Wasser der Springbrunnen hindurchschimmert und an den Prunkgebäuden und Moscheen von ~Baschiktasch~ und ~Istawros~ ergößen kann; denn dort bei ~Fündüklü~, der Stätte des vormaligen Altars des Ajas, Skutari gegenüber beut sich, in der ganzen Macht des ersten Eindruckes der Anblick der nahen Hauptstadt des osmanischen Reiches und der ihrer Vorstädte dar. Die Stunden, welche wir, bis zur Ausschiffung unsrer Personen und unsrer Gerätschaften noch auf dem Verdeck des Schiffes zubrachten, vergiengen uns wie der Traum eines Schläfers im Schatten des Rosengebüsches. Das Boot das uns von dem Dampfschiff wegführte, hatte bei ~Galata~ gelandet, von hier, im Geleite der Lastträger, die unser Gepäck auf ihre starken Schultern nahmen, stiegen wir den Berg hinauf nach ~Pera~, wo uns das Haus einer trefflichen Landsmännin, der Madame ~Balbiani~ Ruhe und reichliche Pflege gab. Von den Fenstern unsres Zimmers aus gesehen, lag die Herrscherstadt des Ostens, auf ihren sieben Hügel gebettet, in ihrer ganzen Herrlichkeit vor uns; die Abendsonne bestrahlte die hohen, vergoldeten Kuppeln der Moscheen, die Palläste und Thürme; zu ihren Füßen das blaue Meer; der Himmel war klar und rein. Aber wie ein Schatten, den eine im Trauerkleide vorüberwandelnde Wittwe auf ein Beet der blühenden Tulpen wirft, zogen mitten durch den Glanz des Neuen die düstern Streifen der alten Ruinen und der erst neulich, an einem der Hügel entstandenen Brandstätten hindurch. Die Hauptstadt der Moslemen mag ihr gold- und perlengesticktes Gewand ausbreiten, so viel sie will, dennoch reicht es nicht hin, um die Flecken des Blutes und die Gebeine einer vor ihr gemordeten Vorwelt zu verdecken, welche, so tief sie auch zuletzt gesunken, ohnläugbar einst höher geragt und Bessres erstrebt hat als sie. Constantinopel. An den türkischen Fahrzeugen finden sich öfters die Namen der Siebenschläfer, aus der bekannten anmuthig-kindlichen Legende. Denn diese sieben Langschläfer sind auf eine sonderbare Weise zu der Ehre gekommen, Schutzpatrone der türkischen Schiffer zu werden; deshalb nämlich, weil ihre Geschichte, die der Koran ziemlich ausführlich erzählt, mit den Worten endet: »und sie stiegen in ein Schiff.« Auch uns kam, am ersten Tage unsres Aufenthaltes in Constantinopel jene im Munde der Christen wie der Moslemen lebende Sage lebhaft in die Erinnerung; nicht deshalb, weil sie im Koran stehet; nicht deshalb, weil die türkischen Inschriften an der Pupa der vor unsren Augen im Hafen liegenden Schiffe von ihr redeten, sondern weil das, was wir an und in uns selbst an diesem ersten Tage erfuhren, Aehnlichkeit mit Dem hatte, was den Siebenschläfern bei dem Erwachen aus ihrem tiefen Schlafe begegnete. Diese, nachdem sie in dem Schlummer der vielen Jahre die Zeiten der blutigen Verfolgungen und alle Gräuel der seitdem zu Ende gegangnen, heidnischen Herrschaft verträumt hatten, erwachten erst in den Tagen einer neuen Weltherrschaft. Die lange Ruhezeit hatte ihnen nur wie eine einzige Nacht gedäuchtet; von alle Dem, was seitdem geschehen und geworden, wissen sie nichts, so kommen sie hinab in die nachbarliche, sonst so wohlbekannte Stadt, welche sie noch so zu finden wähnen, als sie dieselbe »gestern« verließen. Aber wie ist da Alles so verändert; kaum daß sie noch eine der alten Gassen wieder erkennen; sie wollen Speise kaufen, aber die Verkäufer verstehen ihre Sprache, kennen ihr Geld nicht; staunen sie nur an in der alterthümlichen, ungewohnten Tracht, und sie ihrerseits verstehen jene nicht, staunen das Gewand und die Weise der ihnen neuen, spätern Welt an. So ergieng es, abgesehen von Dem was diesmal die Stellung vom Alten zum Neuen in eine umgekehrte verwandelte, uns, und so ergehet es vielleicht Jedem, der den schnellen Flug des Dampfschiffes auf der Donau hinabmachte, bei dem Eintreten in die große türkische Kaiserstadt. Wir hatten zwar eine Morgenstunde lang in den Gassen von Widdin, dann des einen Abends zwischen den Häusern und Hütten von Rusczuk uns herumgetrieben, Varna, vom Hafen aus, wie ein Bild im Guckkasten beschaut; dieß Alles war aber nur eben so viel, als wenn ein Zugvogel, der eilig, ohne Ruhe und Rast über das Meer in ein fremdes Land ziehet, zuletzt etwa noch einige Augenblicke lang auf den Dächern eines Wohnortes der Fischer ausruhet und in die Höfe oder Gassen hinunterschauet, kaum aber, so groß ist die Eile, nur Muße hat, das unter ihm Liegende und Stehende genau zu bemerken. Jetzt war der Flug zu Ende und wir saßen, giengen und stunden in der mächtigen Herrscherstadt und in der Mitte eines Volkes, das an Religion, Sitte und Sprache uns fremd -- wie den Siebenschläfern die neue, spätere Welt war. Wie lärmte, wie schallte, wie drängte sich all das bunte Gewimmel in den engen Gassen des gewerbthätigen Galata, dem Tummelplatze aller hieher Schifffahrt treibenden Nationen; zur Rechten, etwa in einem griechischen Kaffeehause, Musik und Tanz; zur Linken, in einer von türkischen Officieren besetzten Garküche, der gellende Gesang eines Zigeunerknabens, begleitet von dem Geklimper einer übeltönenden Zither; dort weintrinkende, lärmende Matrosen der fremden Schiffe, nicht weit davon einheimische Türken, die beim Dampfe der langen Pfeifen den schwarzen Kaffee tranken; außen auf der Gasse Mäkler und Lastträger; beschäftigte wie unbeschäftigte Franken und Türken; gravitätisch einherschreitende Derwische und gespensterartig vermummte Frauen. Doch wir wollen hier nicht zuerst bei der Beschreibung und Geschichte einer Vorstadt von Konstantinopel verweilen, sondern uns sogleich über den Hafen hinüber nach der Hauptstadt selber begeben; wir berichten, ehe wir von Pera und von der Umgegend reden, das, was wir auf mehreren unsrer Tagwanderungen in der alten und neuen Kaiserstadt des Ostens gesehen und empfunden. Diese zeigte sich uns freilich, so laut auch die Geigen und der gellende Gesang der Zigeuner in Galata tönten, damals, als wir bei ihr verweilten, nicht in der fröhlichen Gestalt einer Herrscherin, welche durch solche Musik zum Tanzen sich locken ließe; eine langanhaltende Dürre, welche das Land, diesseits und jenseits des quellenreichen Bosporus seit Monaten aussog, hatte Asche auf das Haupt der Fürstin der türkischen Städte gestreut; die Pest war in ihrem Innren mit einer Heftigkeit ausgebrochen, in der sie seit vielen Jahren nicht mehr erschienen; eine heftige Feuersbrunst hatte vor Kurzem einige der ansehnlichsten Gassen der Stadt, mit ihren reichen Kaufmannsläden vernichtet, und während wir in Pera wohnten, brach nahe bei uns ein Feuer, in den armseligen türkischen Hütten, am südöstlichen Bergabhange, gegen das Arsenal hin aus, dessen drohende Gefahr nur durch die Windstille und die Entschlossenheit der zu Hülfe eilenden Franken von der Vorstadt abgewendet schien. Wenn wir, im Haine der Zypressen, bei den türkischen Grabstätten, deren lange, meist durch säulenartig aufrecht stehende Steine bezeichnete Reihen fast bis unter die Fenster unsrer Wohnung sich heranzogen, hinabgiengen zum Meere, da begegneten uns Lastträger, welche einen Todten, in härene Decke gehüllt, hinausschleppten; im Hafen kleine Fahrzeuge, mit belasteten Särgen oder Todtenbahren. Jenseits der Stadt, auf der Landseite, etwa gegen Daud-Pascha hin waren die Gräber der moslemitischen Heiligen nach einem eben so gefährlichen als eckelhaften Gebrauche des hiesigen Volkes mit Kleiderstücken und Lappen vom Körper oder Lager der tödtlich Kranken behangen, welche hierdurch Linderung ihrer Krankheit und selbst Heilung zu erlangen hofften; in den Gassen und Bazars der Stadt begegnete man allenthalben den in schwarzen Wachstaffet gekleideten Franken, die sich durch diese Verhüllung, so wie durch die langen Stöcke der Gefahr der Berührung von den Türken zu entziehen strebten; wenn man in das Haus eines Franken trat, oder nach einem Ausgange in die Stadt und ins Freie in die eigne Wohnung zurückkehrte, da ward man in einen schrankähnlichen, nur oben an der Thüre mit einer kleinen Oeffnung zum Athmen versehenen Kasten gesperrt, und von dem übelriechenden Rauchwerk eines zu den Füßen gestellten Kohlenbeckens fast bis zum Ersticken durchräuchert. Bei all diesen Bedenklichkeiten und Gefahren blieben jedoch die eigentlichen Bewohner der Hauptstadt: die Moslemen so unerschüttert ruhig, als wäre die Pest nur als eine beiläufige Zeitungsnachricht aus fernem Lande, nicht sie selber, als verwirklichtes Ereigniß unter ihnen verbreitet; in den Gassen wie in den Bazars drängten sich, eben so wie sonst, die Haufen der gleichgültigen, Handel- und Wandel-treibenden Menschen; kaum daß sie den Trägern auswichen, die etwa wieder einen Todten aus den Häusern forttrugen; verächtlich blickte der im Kaffeehause sitzende, ruhig rauchende Türke heraus, auf das ängstliche Bemühen der Franken jedes Anstreifen an einen Vorbeigehenden zu vermeiden. Uebrigens gehörten wir, besonders in den ersten Tagen unsres Hierseyns nicht zu diesen ängstlichen Franken; wir drängten uns, gleich den Moslemen, ziemlich furchtlos durch die Haufen des Volkes; sey es, daß wir die Größe der Gefahr allzuwenig erkannten oder daß uns etwa die Worte jenes heiligen Hochgesanges, den wir am ersten Morgen mit einander lasen, bei gutem Muth erhielten: »ob Tausende fallen zu deiner Rechten und Zehntausende zu deiner Linken, so wird es doch Dich nicht treffen«[49]. Wir blieben in Allem neun Tage in Constantinopel und sahen in dieser Zeit außer dem Innren der hehren Sophia, zu welchem den nicht allzu schwierigen Eingang uns zu bahnen wir versäumt hatten, Alles, was für uns und wohl für die meisten Reisenden aus dem Westen als das Sehenswürdigste und Schönste in der großen Stadt und ihrer nächsten Umgegend erscheint. Ich beschreibe hier in einigen Hauptumrissen vornämlich die Geschichte zweier Tage, die mir als die genußreichsten und denkwürdigsten unsres Aufenthaltes erschienen. Dienstags am 4ten October hatten wir uns frühe, als der Tag noch kühl war, aufgemacht. Hier, in der Nähe des Weges, der uns hinab zum Hafen führte, fand sich vormals, auf einem der nun verwitterten Grabessteine, welche die Gebeine der in den früheren Kämpfen des Islams mit Byzanz gefallenen Krieger deckte, eine Inschrift des folgenden, ohngefähren Inhaltes. Sie sind es, die gekommen und gegangen, Was haben sie auf dieser Welt erlangt? Gekommen und gegangen, was erlangt? Das Eine, daß ins ewge Heim sie drangen. Als wir über den Meeresarm des Hafens hinüberfuhren, da glänzten die Moscheen auf den Höhen der Stadt; da leuchteten die Minares mit ihren farbigen oder vergoldeten Dächern und Halbmonden, von der Morgensonne beschienen, so mächtig auf uns herab, daß wir, von diesem Glanze geblendet, das kleinliche Gewirr der andren Häusermasse nicht bemerkten. Es ist jedoch dieses nur die Ouvertüre, aus einem alten Meisterstück der Tonkunst entnommen, die zu dem Stücke des heutigen Tages, das so eben gegeben werden soll, nicht ganz paßt; denn Constantinopel verspricht, von fern gesehen, mehr, als es in der Nähe, in seinem Innren gewährt. Man hat, wegen der nach oben kolbigen Gestalt des meist bunten Dachwerkes die Minares mit Tulpen verglichen; wohl mag denn die türkische Kaiserstadt wegen der Menge der hellfarbigen Minares die nach allen Richtungen über sie verbreitet sind, ein prunkendes Tulpenbeet genannt werden, man thut jedoch wohl, wenn man den Boden, aus dem diese Tulpen sich erheben, nicht zu genau beachtet; denn dieser bestehet aus einem Stoffe, der zwar den Gewächsen eine gute Nahrung gewährt, für die Sinnen aber des Vorübergehenden nur ein Gegenstand des Eckels, nicht des Wohlgefallens seyn kann. Wir näherten uns, bei unsrer ersten Ueberfahrt von Pera, der Hafenseite der Stadt in der Gegend des Mehl- und Holzthores. Wir hatten uns in mehrere der kleinen, beständig bereit liegenden türkischen Fahrzeuge vertheilt, denn außer uns Sechsen, die wir die eigentliche Hauptgesellschaft dieser Reise bildeten, war mit uns ein junger (israëlitischer) Dragoman aus Varna, der sich uns schon auf dem Dampfschiffe zu diesem Geschäft angeboten hatte, im Ganzen ein günstiger Fund, denn obgleich dieser Dragoman bei jedem Handel oder sonstigen Auftrag, wobei Geld im Spiele war, seines Vortheils wahrnahm, so geschahe doch dieses in keinem zu übertriebenen Maße, dabei war er im hohen Grade unternehmend und zum Führer selbst an schwerer zugängliche Orte geschickt; in Ungarn erzogen, sprach er so fertig Deutsch als Türkisch und Ungarisch. Außer diesem freilich unentbehrlichen Begleiter der mit der jetzigen Stadt und ihren Bewohnern gleich einem Eingebornen bekannt war, fand sich in unsrer Gesellschaft noch ein freundlicher, wackrer Landsmann, Herr Mühr, der schon seit längerer Zeit in Constantinopel gelebt und mit Sprache so wie mit Sitte des Volkes sich bekannt gemacht hatte, vor Allem aber, was dem Dragoman abgieng, einen Ueberblick über die alte und neue Geschichte der Stadt, eine Kenntniß der alten Bauwerke und Denkmale besaß, welche uns die Bekanntschaft mit dem alten wie neuen Byzanz sehr erleichterte und das Interesse unsrer Wanderungen ungemein erhöhte. So eben haftete der Blick noch an der prächtigen Moschee Suleimans des Großen, dem Meisterwerke des großen Baukünstlers ~Sinan~, da mußte er sich, denn wir waren am Aussteigen, auf den Boden niederlassen. Unsre türkischen Schiffer hatten nicht gerade den günstigsten Punkt zu diesem Aussteigen gewählt. Wir mußten gezogen am Arme von unsren Türken an der morschen Bretterwand, welche hier den Hafen einfaßte, emporklimmen, und wo wir ans Land traten, hatte dieses kein erfreuliches Aussehen. Dort lagen, am Strahle der Morgensonne sich wärmend die Schaaren und Familien der verwilderten Hunde auf den erhöhten Haufen des Unrathes, neben diesen, schon besetzten Höhen, breitet sich der Stoff, auf dem jene liegen, in reichlicher Menge aus. Hier sollte wohl der Wandrer immer seine Wasserstiefeln anhaben, diese könnten ihn noch gegen andre Dinge schützen als gegen Wasser. Doch schon sind wir über den fatalen Landungsplatz hinüber; wir steigen zuerst von der Gegend des Mehlthores (~Unkapu~) an dem Abhang des einen der sieben Hügel (~Sirek~), durch die Mühlengasse hinan. Tagwerker gehen da eben an ihr Geschäft, dazwischen beladene Esel, kleine Truppen von Schlachtvieh; einzelne, vermummte Frauen. Auch hier erinnerte das schlechte, vereinzelt über den Schmutz gelegte Pflaster, wie die Rotten der Hunde, nur zu sehr daran, daß man fern von den Wohnungen des Heimathlandes: in der Türkei sey. Während wir so am Hügel hinansteigen, zeigt sich zur Rechten über uns, auf der Höhe desselben, die Moschee des Eroberers von Constantinopel, Mohammeds +II.+, und, mit der lang fortlaufenden Reihe ihrer Bögen, die alte Wasserleitung des Valens. Vor diesen beiden beschäftigt uns jedoch der Anblick einer an unsrem Wege liegenden Ruine, an deren Schutt und Gemäuer kaum noch der Umriß jener ~Pantocrators-Kirche~, mit ihren vormaligen vierzig Kuppeln zu erkennen ist, welche Johannes der Comnene mit seiner Gemahlin Irene erbauen ließ. Diese alte, von Mohammed +II.+ in eine Schusterwerkstätte, später in die Moschee ~Kilissi dschamissi~ verwandelte Kirche umfaßte einst die Familiengruft der byzantinischen Herrscher aus dem Geschlecht der Comnenen; hier begrub man auch (im Jahr 1158) die deutsche ~Bertha~, Kaiser Conrads Schwester, Kaiser Manuels +I.+ geliebte Gemahlin. Ein alter Sarkophag von Verde antico, aus jener Fürstengruft entnommen, dienet jetzt, außen vor dem Gemäuer, zum Wassertrog. -- Die ~Wasserleitung~, nach ~Valens~ genannt, sollte eigentlich die des Constantin heißen, weil dieser ihr erster Begründer und Erbauer, Valens nur ihr Wiedererneuerer war. Doch, so wie sie jetzt vor Augen steht, ist sie ein zusammengesetztes Werk der Hände manches späteren Jahrhunderts; denn das Erdbeben hatte öfters ihre Bögen zerrissen und niedergestürzt; Barbarenhände den Bau zerstört, dessen einzelne Steine selber an Krieg und Zerstörung erinnerten, da Valens sie den geschleiften Stadtmauern Chalcedons hatte entnehmen lassen. Hier ist ja überall, wohin das Auge siehet, ein Feld der wilden Bewegungen der Natur und der Gräuelthaten der Menschen; denn die ersteren unter Justinian, unter Michael der Paphlagonier und manchem andren der späteren Herrscher wecken nur jene Empfindungen die ein Orkan oder ein tobendes Gewitter erregt, und auch die Wuth der Avaren, welche einen Theil der Wasserleitung verheerten, erregt keine solchen Gefühle des Abscheus als die Erinnerung an das gräuelvolle Leben und den noch gräuelvolleren gewaltsamen Tod des einen Bauherrn an diesem Aquädukt, Andronikus des Comnenen (im Jahr 1184), so wie an die Ermordung eines der späteren Bauherrn, des 18jährigen Sultans Osmans +II.+ im Aufstande der Janitscharen (1622)[50]. Da, wo nun die Moschee des Eroberers von Constantinopel, Mohammed +II.+ auf dem vierten der sieben Hügel stehet, prangte vormals einer der schönsten Tempel des christlichen Byzanz: ~die Kirche der heiligen Apostel~. Sie war, in jener Form und innren Pracht, welche Theodora, Justinians Gemahlin ihr verliehen, an Rang wie an Schönheit die zweite der Kirchen, nach der Aja Sophia; in ihren Todtengrüften ruheten, von Constantin an, die Gebeine der meisten morgenländischen Kaiser, umschlossen von den reich verzierten Särgen aus Porphyr, ägyptischem Granit und lacedämonischem Marmor, bis die Lateiner, nach Einnahme der Stadt unter Balduin und Dandolo im Jahr 1204, die Särge sammt den Gebeinen ihren alten Lagerstätten entrissen und diese stummen Zeugen einer längst vergangenen Herrlichkeit vernichteten. Nach Mohammeds, des osmanischen Eroberers Absicht, sollte der Tempel, den er hier zu seines Namens Gedächtniß erhöhete, nicht der zweite: er sollte der erste der Stadt an Höhe und äußrer Gestalt werden; hierzu fehlten jedoch der damaligen Baukunst die Mittel und Kräfte. Der erzürnte Tyrann ließ -- so erzählt man -- dem Baumeister Christodulos, als er erfahren, daß dieser zwei der höchsten, zum Bau bestimmten, antiken Granitsäulen etwas kürzer sägen lassen, beide Hände abhauen, stellte sich jedoch auch, da der Verstümmelte ihn verklagte, wie ein andrer (gemeiner) Bürger der Stadt vor den Richter, der ihn vorladen lassen, ein, und fügte sich willig dem strafenden Urtheil, das ihm die lebenslängliche, reichliche Versorgung des Baumeisters und seiner Familie auferlegte. Die Moschee, auf einer 8 Fuß hohen Terrasse stehend, ragt vom Boden bis zur Höhe der Kuppel gegen 170 Fuß; die Säulengänge des Vorhofes, mit den bleigedeckten Kuppeln; die Fontäne, welche mitten im Vorhofe zwischen den hohen Zypressen spielt; die 8 zu Hochschulen bestimmten Hallen, mit den hinten an sie anstoßenden 360 zellenartigen Wohnplätzen für Studirende; das Krankenhaus und die Küche, aus welcher täglich eine große Zahl der Armen gespeist wird; das Becken mit dem hervorsprudelnden Wasser, zu welchem man neben den Moscheegebäuden tief in den Boden hinabsteigt, sind Gegenstände, welche der jetzige Reisende ganz ungehindert betrachten darf. Unser diesmaliger Weg führte uns vor Allem, denn wir suchten einen Ueberblick über das Ganze der Stadt zu gewinnen, auf den Thurm der Feuerwache: den ~Thurm des Seraskiers~ in der Nähe des alten Serais. Ich habe nichts dagegen, wenn der Reichshistoriograph Isi, der in der Mitte des vorigen Jahrhunderts schrieb, den Scheitel des Feuerwächterthurmes sammt dem fensterreichen, obersten Rundgemach, mit einem in den Lüften schwebenden Neste des Paradiesvogels vergleicht[51], denn die Aussicht, die man von da über Land und Meer genießt, ließe sich wohl eine paradiesische nennen, doch scheint es mir fast ein wenig übertrieben, wenn derselbe Schriftsteller in seinem türkischen Hofstyl hinzufügt: »es ist eine, für erleuchtete Sinnen ausgemachte Wahrheit, daß man von diesem Thurme aus nicht nur die Feuersbrünste des ganzen Erdkreises, sondern auch den Brand der Sterne am Himmel mit den Augen der Beobachtung ermessen könne.« -- Armes Byzanz! du selber hast im Verlaufe deiner Geschichte mehrmalen das Beispiel eines innren Brandes gegeben, dessen Flamme den ganzen Erdkreis erschreckte, dessen Trauer verkündende Asche über die Reiche der Christenheit hinstäubte; dessen entzündende Fackeln aus den bewegten Gewalten der Höhe wie der Tiefe hervorbrachen! Wir stehen hier oben als Zuschauer vor einer Bühne, auf welcher eines der ernstesten, tief bedeutendsten Trauerspiele der Geschichte gegeben ward. Das Stück ist noch nicht zu Ende; es spielet im fünften Akt; möge, ehe der Vorhang fällt, in die vom abnehmenden Mond nur düster beleuchtete Scene ein Morgenstrahl hereindämmern, der die annahende Zukunft eines neuen, besseren Tages, eines Tages des Friedens von oben verkündet. Wir treten als Freunde und geistige Genossen deiner vormals herrlichen Jugendzeit in deine Mitte, du altes und neues Byzanz. Aber wo sind wir hier, und wo ist der Eingang zu deiner Gruft, aus der dein Schatten, wenn unser theilnehmendes Sehnen ihn beschwört, gleich Samuels Gestalt heraustreten wird vor unser Auge? Zwar das Meer, das deinen Fuß umspülte, ist noch dasselbe geblieben; hier im Süden spiegelt sich, wie sonst, der blaue Himmel in den weiten Fluthen des Propontis ab; in Osten rauscht an deiner Seite noch die Strömung des Bosporus vorüber, in Nord und Nordosten umgürtet dich noch wie vormals der Meeresarm des Hafens. Auch der vormalige Umriß der Herrscherstadt der Konstantine ist an dem jetzigen, osmanischen Stambul noch zu erkennen, ein etwas unregelmäßiges Dreieck, dessen eine Seite die von den ~Blachernen~ bis zu der Spitze des ~neuen Serai's~ reicht gegen das Gewässer des Hafens, die andre vom Serai bis zu den ~sieben Thürmen~ nach dem Bosporus und dem Propontis, die dritte dem flachen Lande, gegen Adrianopel zugewendet ist und davon jede einzelne etwa auf die Länge einer Stunde sich ausdehnt. Noch sind die sieben Hügel, daraus auch die östliche Roma begründet war, eben so abgegränzt, noch fließt der ~Lykus~, der zum armseligen Bächlein geworden, an derselben Stelle von Westen zur Stadt herein, noch wird in der asiatischen Vorstadt ~Skutari~ das alte ~Chrysopolis~, in ~Kadikoi~ der Ort der Kirchenversammlung: ~Chalcedon~ erkannt, dort vor ~Skutari~, auf dem Meeresfelsen ~Damalis~ stehet noch der von Manuel dem Comnenen befestigte ~Leanderthurm~, von welchem, in Zeiten der Gefahr, eiserne Ketten hinüber nach dem Thurme an der Spitze des Serai's gezogen, den Paß zwischen dem Bospor und Propontis sperrten, und hier gegenüber liegt noch ~Galata~, dessen einer Thurm einen andern Befestigungspunkt der Ketten, vom jetzigen Serai her, zum Versperren des Hafens darbot. Wo aber finden wir die eigentlichen Wohnstätten der von dem tausendstimmigen Lobe der Dichter wie der Redner, hoch, bis zum Himmel erhobnen und gepriesnen Herrlichkeiten der alten, byzantinischen Herrscherstadt? -- Wie? sollte jenes bräunlich graue Trumm, dessen Gipfel da südostwärts, wie ein verbrannter Schornstein, über das ihm nahe Gedräng der Häuser hervorragt, wirklich ein Ueberrest der fast 100 Fuß hohen, von goldenen Kränzen umwundenen Porphyrsäule seyn, die nach der Beschreibung der Zeitgenossen auf Erden nicht ihres Gleichen hatte; jener Porphyrsäule, welche zuerst das colossale Bildniß des Constantin, dann das des Julian, hierauf jenes des Theodosius, zuletzt, nachdem das Erdbeben dieses gestürzt ein hochragendes, vergoldetes Kreuz trug? War denn da, bei dieser Säule nicht das Forum des ~Constantin~? Wohin sind denn die bedeckten Hallen, welche dieses umgaben; wo die 12 Porphyrsäulen mit den goldenen Sirenen; die eherne Uhr, das riesige, eherne Gebilde des Elephanten, die künstlich aus Metall gegossenen Rosse, Seewölfe und Schildkröten? Zwar, die Herrlichkeit jener mit den Blüthen der altgriechischen Baukunst und Architektur geschmückten Bogenhallen, die sich vom Forum der Porphyrsäule bis zu dem andern Forum des Constantin: dem ~Augusteon~, an der Seite der Sophienkirche und vor dem alten Kunstpallast ausdehnten, sie, sammt dem goldnen Meilenzeiger und allen Kunstwerken, welche diesen umgaben, sind schon bei dem verheerenden Einbruche der Lateiner von den Flammen verzehrt worden; wo aber stehet, auf hoher Säule, die Reiterstatue des prachtliebenden Justinian? Lagen nicht zu den Füßen des Pferdes dieses metallenen Reiters noch in den Tagen der osmanischen Eroberung der Stadt das Haupt und der Leichnam des Letzten der christlichen Kaiser hin zur Schau gestellt, und nun ist mit der hohen Säule und ihrer Statue selbst jener freie Platz verschwunden, in dessen Mitte die Säule stund? Sollte nicht hier, in der Nähe des Thurmes des Seraskiers, da wo nun das sogenannte alte Serai zur Wohnung der veralteten Schönheiten aus den Sultanischen Frauenkästchen dient, die Stätte des ~Theodosischen~ +Forum Tauri+, mit jener Triumphsäule gewesen seyn, welche im Schmucke der künstlichen, halberhabenen Arbeit der Triumphsäule des Trajan in Rom nacheiferte? Und der kleine Raum des jetzigen, sogenannten Hünermarktes ist dann der einzige Rest jenes hochgepriesenen Forums? Wo stehet denn die 120 Fuß hohe, prächtige ~Säule des Arcadius~? War nicht dort, wo nun der Weibermarkt des türkischen Stambuls ist, ihre Stätte? Und jene Schaar der Kunstwerke, welche die byzantinischen Herrscher aus allen Gegenden ihres Reiches im ~Hippodrom~ versammelten, ist sie denn, bis auf den Obelisken, dort vor ~Achmets Moschee~, ganz vernichtet und zerstäubt? -- War dort, an der nordwestlichsten Ecke der Stadt, der hohe Pallast der ~Blachernen~, war da, in seiner Nähe, jenes Thor, durch welches Justinian als Sieger, begrüßt von dem Päan der Sänger: +Jo Triumphe+ hereinzog; voran der Zug der betenden, Hymnen singenden Priester, mit den Heiligtümern der Kirchen, nachfolgend die Reihen der lieblich blühenden, mit Rosen geschmückten Jungfrauen. -- Du schöne Jungfrau des Ostens, wie sind deine Rosen entblättert und in den Staub getreten; wie ist der Nacken, der sich siegreich emporhob, unter der Last der Sklavinnenkette zum Boden gebeugt. Gehe nicht hin dein Leid im Haine der Zypressen zu klagen; die Zypresse darf, so will es dein Dränger, nur an den Gräbern der Seinen von Leid und Schmerz reden; dort wo an der Meeresbucht des Propontis die jugendliche Platane schattet, da sprich von deiner Vergangenheit und von der Hoffnung des Künftigen. Denn unter den Zweigen dieses langlebenden Baumes wird sich, wir hoffen es mit dir, ein Geschlecht deiner Kinder oder Enkel jener wiedererwachten, gerade nach oben strebenden Kraft des Geistes, aus welcher mit der innern zugleich auch die äußere Freiheit kommt, erfreuen, von welcher die Zypresse nur wie ein Abbild des Traumes zu deinen Feinden redet. Die gastfreundliche Sitte des Morgenlandes ruft uns aus den Gedanken an das, was vormals gewesen, zurück in die Gegenwart, deren Luft wir athmen. Die Thurmwächter haben am Kohlenfeuer des Kamins den Kaffee bereitet; man bringt uns die mit dem schwarzen, bittern Getränk gefüllten, kleinen Tassen, dabei Gläser voll trefflich schmeckenden Wassers. Der freundliche Mann, der uns das Getränk herumreicht, versichert uns: es sey dieß von dem besten Wasser, das sich in Stambul finde. Und er hat recht, denn es ist aus der ~Simeons Fontäne~ am östlichen Thore des alten Serai's geschöpft; aus jener Fontäne, deren Wasser, da unter Mahommed +II.+ alle Brunnen der Stadt durch Sachverständige geprüft wurden, vor ihnen allen das höchste Lob empfieng, so daß seitdem selbst der Bedarf des Trinkwassers für die Tafeln des Großsultans und des neuen Serai's hier, in silbernen Flaschen geschöpft, und drei Pferdeladungen täglich, weggeführt wird. Der türkische, schwarze Kaffee hat die Kräfte eines Nepenthes: er setzt das Blut, welches noch so eben durch die ernsteren Gedanken der Seele nach ernsterem Takte bewegt war, in eine leichte, zur Fröhlichkeit stimmende Wallung; der Takt ist ein andrer geworden; unwillkührlich passet sich der veränderten Tonweise ein neuer Text der Gedanken an. Wir kehren wieder zu der weiten Aussicht an den Fenstern des Thurmes zurück; wir gehören jetzt der Gegenwart an. Wie deutlich sieht man dort, gegen Süd in Ost den Gipfel des hohen Olymp; wie schmückt sich die ganze Küste von Asien, vom fernen Süden herauf bis zum nahe gegenüber liegenden Osten (bei Skutari) mit Bergen und grünenden Hügeln. Die goldenen, von porphyrnen Säulen getragenen Sirenen im vormaligen Forum des Constantin sind verschwunden; der Ton ihrer Stimmen aber, zur Sehnsucht lockend, wird noch immer auf diesen mit Gärten und Rebenpflanzungen bedeckten Hügeln vernommen. Die Nachtigall, da sie noch jung war, hat hier den Sirenen die Melodie des Gesanges abgelauscht; sie besingt im Gebüsch des Lorbers den Reiz jener Daphne, die selbst in Apollos Brust das Lied eines Sehnens erweckte, welches in vergänglichen Thautropfen der Rose das Bild der unvergänglichen Sonne erkennt. Das mitfühlende Herz schlägt lauter; ist es doch als wollte selbst das arme Gebüsch, welches einst menschlich fühlende Daphne war, aus dem Schlafe der Starrsucht erwachen; da breitet der ernste Hain der Zypressen seinen abkühlenden, düstern Schatten über den Hügel aus und bald ist der letzte Wiederhall der Töne verstummt. In der That, der »Beinbrecher« (dies ist die Bedeutung des Namens des Osmanen)[52] hat sein Nest allenthalben in den Hain der Zypressen gesetzt. Wohin man sieht, in Ost und Nord und Westen, da blickt der grüne Teppich der Zypressenwälder hervor, auf dem die Herrscherin der Städte des Halbmondes sitzet. Jede Grabstätte der Türken hat, wo noch Raum für einen jugendlichen Stamm war, jenen Baum der Trauer wie der nach oben sich richtenden Hoffnung neben sich hingepflanzt; er erhebt seine hohen Wipfel in der Nähe der Moscheen und der Springbrunnen der Stadt, wie auf allen Hügeln und Flächen des Landes; seine Tausende sprechen ohne Aufhören von der Ruhe der Gräber, welcher sich die Lebendigen auf den Tausenden der Wege ihrer Mühen und Freuden nähern. Mag immerhin, wie nach Edrisi's Erzählung von Osmans prophetischem Traume[53], Constantinopel mit seinen glänzenden Moscheen hier am Zusammenfluß zweier Meere und zweier Erdtheile, als ein Diamant zwischen zwei Sapphiren und zwei Smaragden gefaßt erscheinen, dennoch blicken die weißen Steine der Todtenmäler, wie Flecken aus der smaragdnen Einfassung hervor; das Blau der beiden Sapphire war nur zu oft durch Blut geröthet; der Demant in ihrer Mitte ist voll Risse und Mackel. * * * * * Gefällt es uns: der Aufseher des Thurmes zeigt und nennt uns wenigstens die Gegend aller der acht und zwanzig Thore, welche (nur sieben jedoch von ihnen an der Landseite) die jetzige Stadt besitzt; nennt uns die Namen der festen Thürme der Hafenseite, deren viele noch die Namenszüge ihrer alten byzantinischen Erbauer, und, wie die in und bei ihnen liegenden Kanonen, griechische Inschriften an sich tragen. Er zeigt uns, dort in Osten, neben der hehren Sophia, das neue Serai: den Pallast der jetzigen Herrscher, mit festen Mauern umschlossen, eine Stadt im Kleinen; er zeigt uns hier in der Nähe die Gebäude des alten Serai; etwas ferner, an der südöstlichen Ecke der Stadt, da wo die dreifache Mauer der Landseite am Propontis endigt, die Stätte der alten, byzantinischen Burg des Cyklobion: die sieben Thürme, mit dem altgepriesenen, goldenen Thore, zugleich aber auch mit dem Blutbrunnen in ihrem Innren. Uns aber reizet für jetzt mehr als das Ferne der Anblick der nahe von hier, auf der Höhe des dritten der sieben Hügel gelegenen ~Suleimanje~, der Moschee des großen Suleiman. An Symmetrie und äußrer Würde ist sie das schönste Gebäude des jetzigen Konstantinopels; ~Sinan~, der Baumeister, errichtete sie in den Jahren 1550-56. Hier, von oben hinabgesehen, wird es uns am leichtesten die äußren Grundzüge des Bauplanes aller Moscheen, an einem der besten Beispiele zu überblicken. Gleich den alten, ägyptischen Tempeln bestehet jede von ihnen aus drei Haupttheilen: dem Vorhofe, oder, nach dem türkischen Kunstausdrucke, dem Harem, dann dem eigentlichen Kirchengebäude[54], dann dem sogenannten Garten, mit den Begräbnißstätten der Erbauer und ihrer nächsten Angehörigen. Am Eingange zum Vorhof oder zur Moschee selber, stehen die hohen Minares[55], deren die Suleimanje vier hat: zwei niedere am Vorhofe, zwei höhere am eigentlichen Tempelthore. Im Vorhofe findet sich immer ein laufendes oder emporspringendes Wasser, bestimmt zu den vorgeschriebenen Waschungen Derer, die in den Tempel treten wollen; bei der Suleimanje ist es eine Fontäne, deren Wasser unter einem thürmchenartigen Dache spielt. Säulenhallen, bei eben dieser Moschee, von acht und zwanzig Kuppeln gedeckt, laufen um die drei Seiten des Vorhofes herum; im Innern desselben die langen Reihen der Marmorsitze. Das Dach des eigentlichen, prachtvollen Tempelgebäudes wölbt sich zu einer hohen Kuppel, umgeben von zwölf kleinen Halbkuppeln. Der Haupteingang zu allen Moscheen der Hauptstadt und ihrer Umgegend, wenn sie nicht etwa durch bloße Umgestaltung einer christlichen Kirche entstanden sind, liegt an der S. S. O. Seite, weil der ~Mihrab~, oder mahommedanische Hochaltar (eine Nische zur Aufbewahrung des Korans), welche, dem Eingange gegenüber, im hintersten Grunde des Gebäudes stehet, seine Richtung nach der Kibla, das heißt nach jener Weltgegend nehmen muß, in welcher Mekka liegt, und diese ist für die Gegend von Konstantinopel in Süd-Süd-Ost. Ober dem Haupteingange, nach welchem sich die Moslimen beim Gebete hinwenden, stehen, im Innern der Suleimans-Moschee, mit goldenen Buchstaben auf lasurblauem Grunde die Worte: »Ich habe mein Gesicht zu ihm gewendet, der Himmel und Erde ernährt.« In dieser Moschee, deren Bau 760,000 Ducaten gekostet hatte[56], ließ der Erbauer unter andern die vier schönsten und höchsten Säulen des alten Konstantinopels bringen, welche ihm seine baulustigen Vorfahren noch übrig gelassen; namentlich die, welche vormals das Reiterbildniß des Justinian trug. Jene vier Säulen aus rothem Granit, an deren marmornen Capitälern der Meißel des Sinan mit den prachtvollsten Zierrathen der Säulen von Palmyra und Persepolis zu wetteifern versuchte, stützen die Kuppel. Auch am Mihrab, so wie an der zu seiner Linken stehenden Kanzel (Kursi) und dem Gerüste des Freitagsredners (dem ~Mimber~) und an dem Sitze des Sultans (~Makssure~), der eine Art von Emporkirche, rechts vom Mihrab bildet, zeigt sich, in mannichfachen Zierrathen, diese künstliche Hand; an den Wänden laufen Reihen von Marmorbänken für die Leser und Hörer des Korans herum; oben, die Gallerieen dienen hier wie in vielen Moscheen zu geheiligten Verwahrungsorten für das Geld und die andern Kostbarkeiten der Privatleute, welche mit Recht in diesem festen, steinernen, von der Andacht bewachten Gebäude ihr Eigenthum vor Feuersbrünsten und Diebereien besser verwahrt glauben als in ihren eigenen, leichtgebauten Wohnungen. Die prunkendfarbig ins Auge fallenden Glasmalereien der Fenster, welche Blumen oder die Namenszüge »Allah« darstellen, sind von der Hand eines zu seiner Zeit berühmten Meisters in dergleichen Arbeiten, der »trunkene Ibrahim« genannt. Im Friedhof oder sogenannten Garten der Moscheen, welcher unmittelbar an die Seite des Mihrab (d. h. der Hochaltars-Nische) angränzt, ohne hier durch einen Ausgang unmittelbar mit der Kirche verbunden zu seyn, zeigen sich, von hohen Kuppeln bedeckt, das große Grabmal des Erbauers: des Sultan Suleiman[57] und hinter ihm das etwas kleinere seiner berüchtigten Lieblingssultanin Roxelane, jener schönen und talentvollen Russin, an deren blutige Ränke die nicht fern von hier, südwärts von der Suleimanje gelegene, kleine Moschee der Prinzen wenigstens mittelbar erinnert. Denn hier wurde zwar nicht der gefürchtetste Sohn von Roxelane's Nebenbuhlerin, der trefflich begabte, edle, künftige Thronerbe Mustapha, als unschuldiges Opfer eines bei dem Vater erregten Verdachtes begraben, wohl aber sein Bruder, der geistreiche Prinz Dschihangir, dessen von Natur gebrechlicher Körper dem tiefen Schmerz über des Vaters Härte und des Bruders Tod erlag. Roxelane selber starb schon im zweiten Jahre nach Vollendung der Suleimans-Moschee, 1558. Nur noch einen Blick auf die hehre Sophienkirche des alten, auf die Aja Sophia des neuen Byzanz, und wir begeben uns wieder hinab in das muntre Volksgedränge der Hauptstadt. Der riesenhafte, vergoldete Halbmond, der auf dem Gipfel pranget (sein Durchmesser soll 50 türkische Ellen betragen), weckt schon aus weiter Ferne die Aufmerksamkeit des Auges, denn man sieht, wenn die Sonne ihn erweckt, seinen Glanz viele Meilen weit im Meere; man bemerkt ihn von der Höhe des fernabliegenden Olymp. Das Gebäude selber, mit seiner leicht sich hinüberspannenden, großen, kunstreich flachen Kuppel, welche die Kreise der kleineren Halbkuppeln umgürten, vermag jene erwachte Aufmerksamkeit des Auges nicht bloß fest zu halten, sondern sie zur höchsten Theilnahme zu steigern. Doch eben dieser Fernanblick ist es auch, der uns am unwiderstehlichsten wieder hinunter, zu der näheren Betrachtung des gepriesensten Bauwerkes des alten Byzanz führet. Wir nehmen unsren Weg am Vorhof der prächtigen Suleimanje vorbei; weiterhin zieht unsre Neugier die ~Gasse der Teriaki's~ oder Opiumverkäufer an, in deren Hallen sich schon ein Theil der Freunde und Gefangenen der an Wahnsinn gränzenden, silenischen Begeisterung des Mohnsaftgenusses eingefunden haben. Wer die närrischen Taumelfreuden dieses in seinen Folgen gefahrvollen Zustandes einmal und mehrmalen gekostet, für den mögen sie, abgesehen von dem Bedürfniß nach neuer Aufregung, welches aus der Abspannung hervorgeht, eine fast unwiderstehliche Kraft der Anziehung haben. Jene Bedauernswürdigen oder auch jene Neugierigen, die sich ihm, jene für immer, diese nur auf ein und das andre Mal hingaben, schildern die innre Aufregung durch den Mohnsaft fast ganz auf dieselbe Weise, auf welche Kämpfer die Trunkenheit von den aus Hanfextrakt und anderen narkotischen Stoffen bereiteten Fröhlichkeitspillen beschreibt, welche er einstmals, auf seiner asiatischen Reise, aus eigner Erfahrung kennen lernte. So leiblich überglücklich und fröhlich, sagt er, habe er sich in seinem Leben noch niemals gefühlt als in jenem Zustande; das Tischgespräch solcher Berauschter wird zu einem Lachen, welches zuletzt über nichts mehr als über sich selber lacht; man ist mit der ganzen Welt in Brüderschaft getreten; Franken und Moslimen umarmen sich wie alte Freunde und Bekannte. Und beim Nachhausereiten am Abend fühlt man sich so leicht und seltsam in die Höhe gehoben, daß es einem däuchtet als gienge das Pferd nicht auf dem Boden, sondern in den Lüften und man ritte gerade in das Gewölk der Abendröthe hinein. Man kommt nach Hause, ißt mit gutem Appetit, schläft vortrefflich, fühlt am andern Tage keine Beschwerde. -- Dieß ist der Viele verlockende, harmlos scheinende Zustand der noch gesund verdauenden Anfänger im Opiumessen. Kämpfer ließ sich indeß hierdurch nicht zum weitern Genuß auch der minder schädlichen Fröhlichkeitspillen verleiten; er kämpfte ritterlich gegen jede Wiederholung des Versuches. * * * * * Auch die berühmten Kaffeehäuser dieser Stadtgegend verdienen eine Beachtung; ihr täglicher Besuch, vom Morgen bis zum Abend ist zu innig mit dem Lebenskreise der Bewohner der osmanischen Hauptstadt verschlungen. Man kann sich den jetzigen Türken fast nicht ohne Kaffee und Tabak denken; beide Genüsse, so sollte man meinen, haben hier ihren Ausgangs- und Mittelpunkt. Und doch wurde das erste Kaffeehaus in Constantinopel erst im Jahr 1554 von einem Aleppiner errichtet, der nach 3 Jahren mit einem baaren Gewinn von 5,000 Ducaten in sein Vaterland zurückkehrte. Die Sitte des Tabaksrauchens gesellte sich im Jahr 1605 zu der des Kaffeetrinkens. * * * * * Wir gehen weiter, gegen die Mauern des alten Serai's hin, welche die Wohnungen der Gemahlinnen und der noch unverheiratheten Töchter der verstorbenen Sultane umschließen. Hier herrschte gewöhnlich nur ein stummes Nachsinnen über das Vergangene, doch gab namentlich die Wittwe Achmeds +I.+, die Stiefmutter Osmans +II.+, diesem hier ein mehrtägiges glänzendes Fest. Weiterhin im Süden vom alten Serai verweilen wir ein wenig bei der ~Moschee Bajasids~ +II.+ (der Große genannt), des Sohnes und Nachfolgers des Eroberers der Stadt: Mohammed +II.+ Sie ward 1505 sieben Jahre vor Bajasids Tode vollendet. Der Vorhof mit dem Brunnen, dessen Kuppel auf acht Marmorsäulen ruhet, zog uns zu sich hin; wir blickten von da ungehindert in das schmucklose Innre hinein, in welchem keine Säulen, und außer der Emporkirche mit vergoldetem Gitter (dem Sitze des Sultans) nichts Besondres bemerkt wird. Sie hat nur zwei Minare's. Bei dieser Moschee werden die hochgeschätztesten Kiblaname oder Gebetscompasse für die Moslimen gefertigt und verkauft; sie sollen, so meint man, dem Betenden, wo er auch stehe, am sichersten es erkennen lassen, wo Mekka liege und wohin er beim Gebet sein Gesicht zu richten habe. Denn, so erzählt die Sage, als der Baumeister der Moschee den Sultan Bajasid, der bei den Türken im Geruch großer Heiligkeit stehet, um Bestimmung der Kiblalinie für den Grundplan des Gebäudes bat, da ließ ihn der Herrscher auf seinen Fuß steigen, und die Augen des Baumeisters wurden geöffnet; er sahe Mekka vor sich liegen. Bajasid der sich während seiner dreißigjährigen Regierung als ein natürlich wohlwollender, nach dem Maaße seiner Erkenntniß frommer Moslim zeigte, war eben als solcher im hohen Grade für die Träumereien der Astrologie und orientalischen Mystik eingenommen. Eine Menge von Schulen und Bildungsanstalten, welche er stiftete, wie seine Bereitwilligkeit jedes weiterstrebende Talent zu unterstützen, beurkunden vielleicht das freilich unbefriedigt gebliebene Sehnen dieses Mannes für sich selber wie für sein Volk ein höheres Erkennen zu begründen. Nicht ohne Theilnahme erinnert sich der vorübergehende Wandrer der Schicksale dieses osmanischen Herrschers; besonders seiner Entthronung durch seinen ihm ungleichen Sohn, den Wütherich Selim, und der Auswanderung des kränklichen Alten, der sich jetzt von allem, so lang gewohnten Prunk und Glanz des Thrones so wie den Schaaren der Höflinge entkleidet und verlassen sahe, nach seinem Geburtsort Demitoka, den er jedoch nicht mehr erreichte, weil ihn bald nach dem Hinaustreten aus der Herrscherstadt der Tod eine nähere Ruhestätt, hier in dem Garten der von ihm selber erbauten Moschee anwieß. In der Nähe der Bajasids Moschee, welche auch auf dem dritten Hügel der Stadt stehet, blickten wir in eine sogenannte Ueberlieferungsschule, wo von einem hierzu bestellten Lehrer eine Art von Encyclopädie der höheren Rechtskunde und der Glaubenslehren der Moslimen vorgetragen wird. Jenseits dem kleinen mit Marmor gepflasterten Hofe, in einem großen, lüftigen Saale, an dessen Wänden die Reihen der gepolsterten Kissen für die vornehmeren Zuhörer herumliefen, saß der türkische Professor (Muderris); ein stattlicher, alter Mann, lesend in einem Buche und Tabak rauchend. Wir begrüßten ihn nach orientalischer Sitte, mit den über die Brust gelegten Armen; er dankte mit Gravität. Die Thüren stunden offen, aber kein Zuhörer hatte sich noch eingefunden. Wir naheten uns jetzt der Stätte und den Resten der gepriesensten Kunstherrlichkeiten des alten Byzanz. Da stund denn vor uns die noch immer fünfzig Fuß hoch über ihr Gestell hinaufragende »~verbrannte Säule~,« der einst so weltberühmte Stylos von Porphyr, den Constantin hatte errichten lassen. Von den acht Stücken aus denen diese Porphyrsäule vormals bestund, bis ein Erdbeben unter Alexius +I.+ die drei obersten, sammt der Statue des Kaisers herunterstürzte, sind noch fünf stehen geblieben; statt der prächtigen, goldenen Kränze, welche die Fugen zwischen den einzelnen Stücken umgürteten und verdeckten, sieht man nur noch die schon von den Byzantinern herumgelegten, häßlichen, eisernen Reifen. Der Schaft der Säule, die von dorischer Ordnung ist, misset im Umfange 33 Fuß; jedes der acht ursprünglichen Stücke hatte zehn, das Piedestal achtzehn Fuß Höhe, so daß das ganze Werk, ohne die auf ihm stehende Statue 98 Fuß hoch ragte. Unter dem Grundgemäuer dieses von Erdbeben und Feuersbrünsten so vielfach entstellten Säulenkolosses ließ Constantin das Palladium des alten Romes, gebildet aus den Gebeinen des Pelops vergraben, damit durch diesen Talisman seine Herrscherstadt, selber unbesiegbar, eine Besiegerin der andren Städte werde, wie Rom dieß war. Da jener Grund, seitdem man ihn legte, niemals aufgegraben, ja nur berührt worden ist, hat dieses Palladium nun schon fünfzehn Jahrhunderte lang Zeit gehabt seine magischen Kräfte zu bewähren; dieses ist jedoch auf eine Weise geschehen, welche wenig Zutrauen zu dergleichen magischen Kunststücken, an denen das alte Byzanz so reich war, einflößen konnte. Hat sich doch die unbezwingbar und unverletzlich machende Kraft der Gebeine des Pelops nicht einmal über die nächste Umgebung zu erstrecken vermocht, denn die Statue des Apolls mit dem ihr angesetzten von einem Nimbus umgebenen Kopfe, welcher Constantins Züge trug; diese heidnisch-christliche sogenannte Bildsäule des Constantin, die zuerst den Gipfel der Säule einnahm, fand hier kaum 30 Jahre eine bleibende Stätte und auch die Statue des Julian, welche dieser statt dem Bild des Erbauers auf so hohen und doch so wandelbaren Fußschemel stellte, mußte abermals nach 30 Jahren jenem des großen Theodosius weichen. Nachdem das Erdbeben im Jahr 1112 auch diese Herrscherstatue sammt den obersten Stücken des Schaftes herabgestürzt und zerschmettert hatte, stund auf der nun kürzer gewordenen Säule ein hohes, vergoldetes Kreuz. Dieses wollte allerdings an jenes »Geheimniß«[58] erinnern, welches, so lange es über den »Hütten« der Erdbewohner »bleibet« eine mächtiger bewahrende und schützende Kraft hat als jedes Palladium aus Gebeinen der Todten oder das Bild der Glücksgöttin, das am Fuß der Porphyrsäule stund. Aber das Volk von Byzanz hatte die Erinnerung, welche das vergoldete Zeichen gab, weder beherzigt noch verstehen wollen, darum wurde auch das todte Denkzeichen von den Augen hinweggenommen; statt des Goldschimmers blieb nur die Farbe des Rostes und des Rußes. Das gewesene ~Forum~, in dessen freiem Raume die vormalige Porphyrsäule emporragte (m. v. oben S. 153.), ist jetzt mit einer Menge, zum Theil sehr unansehnlicher und verfallener Häuser überbaut; eine dieser Ruinen wird, ohne hinlänglich überzeugenden Grund als der gewesene ~Pallast des Belisarius~ bezeichnet. In der Nähe der so oft von den Schrecknissen Gottes getroffenen, verbrannten Säule, in einer der hier angränzenden Latrinen fand der Urheber vieler innrer Zerrüttungen und geistiger Verheerungen der Kirche: Arius seinen grausenhaften Tod. Auf diesem Platze, bei dem angeblichen Palast des Belisarius befand sich in den früheren Zeiten der Osmanischen Herrschaft der Eltschichan oder die Wohnung der auswärtigen Gesandten, welche hier gleich Gefangenen bewacht und behandelt wurden. Einem von ihnen, einem Herrn von Sinzendorf, wurden auf Großsultanischen Befehl die Fenster seiner Wohnung zugemauert, weil er durch dieselben herausgesehen hatte und weil (was er kaum wissen konnte) diesen Fenstern gegenüber ein Türkischer Harem war. Wir besahen, von hier weiter gehend, jene berühmte ~Cisterne~ in der Nähe des Hippodrom, welche die Türken, nach ihrer Liebhaberei an großen, runden Zahlen, ~Bin bir dinek~, d. h. die ~tausend und eine~ Säulen nennen. Wirklich fanden und finden sich in ihr noch jetzt 672 Säulen, denn dieses alte Wasserbehältniß, welches Philoxenos der Senator unter Constantin dem Großen erbauen ließ, bestund aus drei Stockwerken, davon jedes von 224 Säulen getragen wurde. Die Säulen des obersten (Decken-) Geschosses sieht man noch in ihrer ganzen Höhe von 24 Fuß frei hervorstehen; die des zweiten sind mit zwei Drittheilen ihrer Länge, die des untersten Geschosses ganz im Schutt und Schlamm versenkt. Um dieses Behältniß ganz zu füllen, bedurfte es nach ~Andreossy's~ Berechnung einer Wassermenge von mehr als einer Million Cubikfuß, mithin fast so viel als alle jetzige Wasserwerke Constantinopels zusammengenommen in drei Tagen liefern. Gegenwärtig findet sich in dem kühnen Bauwerk der (sogenannt) 1001säuligen Cisterne eine Seidenspinnerei, die einem Armenier zugehört. Auf dem nun mit Schutt und Modererde bedeckten Platze, der an das Gebäude angränzt, fanden sich einst die Bäder und der Pallast des ~Lausus~, ausgeziert mit vielen der berühmtesten, schönsten Kunstwerke der alten Welt. Doch diese alle waren nur Zierrathen einer schönen Vorhalle, denn siehe, noch um einige Schritte weiter finden wir uns auf dem Boden des ~Hippodrom~ oder des ~At Meidan~, auf jener merkwürdigen Tenne, da einst Früchte der Kunst aufgespeichert waren, deren Werth die Schätze eines jetzigen Königreiches nicht aufzuwiegen, deren Verlust die später gebornen Zeiten bis jetzt noch nicht wieder zu erstatten vermogten. Dieser At Meidan, für die Spiele des Wettrennens schon von Severus begründet, war unter den Kaisern des Ostens nicht nur ein Hauptpunkt der Stadt und des ganzen Reiches, sondern der gesammten damaligen gebildeten Welt geworden. Denn wie sich von hieraus alljährlich aus der ehrgeizigen Streitsucht der Rennpartheien jene Fäden der inneren Kämpfe und Zerrüttungen entspannen, welche öfters das ganze Reich erschütterten; so feierten da, auf eine edlere, stillere Weise die Künste der blühendesten Jahrhunderte des gesammten Griechenlandes ohne Aufhören einen Wettkampf, der die Seelen der Betrachtenden zur tiefsten Theilnahme bewegte, und aus welchem sich die Fäden eines Gewebes entspannen, das nachmals der christlichen Kunst zu einem Teppich diente, auf welchen sie zuerst ihre Füße setzte. Die Herrscher des oströmischen Reiches hatten die gepriesensten Kunstwerke des Griechischen und zum Theil selbst des Römischen Alterthumes hieher auf diesen engen Raum versammlet, und, so kann man sagen, auf die Schlachtbank der später über sie hereinbrechenden Vernichtung geführt. Hier stund das Meisterwerk des Lysimachos: jenes kolossale, eherne Bildniß des ~knieenden Herkules~, dessen Daumen der Dicke, dessen Wade, an dem niedergelehnten Fuße der Höhe eines Mannes gleich kam; ein Werk, das sich dem Andenken der Alten so tief eingeprägt hatte, daß sie es als Bild des Knieenden, in den Darstellungen der Sternbilder nachahmten. Hier war, unter den Tausenden der andern Kunstwerke, jenes Bildniß der ~Trojanischen Helena~, dessen Untergang ein alter Freund der Kunst nicht minder beklagenswerth nannte, als Ilions Untergang selber; hier stunden die Kunstwerke ~des Reuters~, auf dem kampfgierigen Rosse; ~des Helden~, der mit dem Löwen rang; des ~fliegenden Adlers~; des ~Viergespannes~ der Rosse vor dem Wagen der Siegesgöttin und etwas weiter hin auch jenes andere freie Doppelpaar der Rosse, welches vormals, ehe Theodosius +II.+ es von dort hinweggeholt, der Stolz von Chios war und das jetzt den Eingang der Markuskirche in Venedig schmücket. Hier im Hippodrom fanden sich auch die Bilder der ~Dioskuren~, der ~Wölfin Roma's~, des ~Erymantischen Ebers~ und des ~Eseltreibers aus Actium~, eines Meisterstückes aus der Augusteischen Zeit, welches an das Glück verheißende Wort des begegnenden Landmannes vor der entscheidenden Schlacht bei Actium erinnern und der Stadt Constantins selber Glück bedeuten sollte. Doch, wer sollte es versuchen wollen, eine für sich allein nichtssagende Reihe von Namen aller Götter und Heroën, so wie der Herrscher und Herrscherinnen, der Ungeheuer und Wunder des Meeres wie des Landes zu wiederholen, deren Gestalten, aus der Hand der kunstmächtigsten Meister des Asiatischen und Europäischen Griechenlandes hier zusammengehäuft stunden. Hatten doch Ephesus und Sardis, Smyrna und Chios, Athen, Cäsarea, Cycikus und Sebastia, Tralles und Antiochia, Cypern, Creta und Rhodus, mit allen andern kunstliebenden Städten und Inseln ihrer Nachbarschaft die Augenlust ihrer Tempel und vormaligen Herrscher-Palläste hergeben müssen, damit sie, wie die enggedrängten Stämme eines Waldes, der Arena des byzantinischen Hippodromos Schatten gäben. Manche dieser alten Herrlichkeiten des At Meidan hatten schon die großen Feuersbrünste der Regierungszeiten des Arkadius und Anastasius (in den Jahren 406 und 498) beschädiget; viele, ja die meisten hatte die Barbarei der Lateiner am Anfang des 13ten Jahrhunderts vernichtet, welche, namentlich das Bild des knieenden Herkules zu kleinen Geldmünzen und Waffengeräthen verschmolzen, das aber, was noch übrig war, das haben die Baulust und die Bilderscheu der Osmanen vollends hinweggeräumt. So wurden die Säulen des von Severus errichteten unteren Theiles des Rennplatzes zum Bau der Moschee des großen Suleiman, die Marmorstufen zum Bau des Pallastes eines seiner Minister verwendet. Der jetzige At Meidan, seiner Breite nach durch den Aufbau der Achmedmoschee, der Länge nach durch den eines Spitales verkürzt, misset noch immer 250 Schritte in die Länge, 150 in die Breite; er empfängt seine schönste Zierde jetzt nicht mehr durch die eignen Kunstwerke, sondern durch seine prächtige Nachbarin: die ~Moschee des Sultan Achmed~, jenes Herrschers, der während seiner vierzehnjährigen Regierung, welche durch Krieg und Empörung von aussen wie im Innern des Reiches vielfach beunruhigt war, sein liebstes Ausruhen an der Begründung und Ausschmückung dieses prunkend schönen Gebäudes fand. Die Achmeds-Moschee, zu welcher der Grund im Jahr 1609, am 25. December, dem alten Geburtsfest des Mithras, in einer von den Hofastronomen bestimmten, glücklichen Stunde[59] gelegt ward: im zwanzigsten Lebensjahre des Sultans, sechs Jahre nach seiner Thronbesteigung, läßt sich, wegen ihrer Bestimmung bei den Hauptfesten der Stadt als die eigentliche Cathedrale derselben betrachten. Sie pranget mit sechs Minares; vier thurmartig nach außen vorstehende Säulen tragen die Kuppel, in ihrem Innern finden sich die hochgerühmten vier mit Smaragden besetzten Lampen, die riesenhaften Leuchter aus edlem Metall und andre Kostbarkeiten. Und doch erinnert dieses prunkende Gebäu, wenigstens bei dem Anblick seines Todtengartens, zugleich an die Gräuel des Hippodroms, dessen Kunstgehalt nach seinem Maßstab es nachzuahmen versuchte. Denn neben den Gebeinen Achmeds des Erbauers, welcher, nur 28 Jahre alt, 1617 starb, ruhen hier die Gebeine seiner Söhne: Sultan Osman +II.+, der den frühzeitigen Anfang seiner Regierung mit dem Mord des Bruders (Mahommed) befleckte, er selber aber, schon im 18ten Lebensjahre aufs grausamste und schmählichste von den empörten Janitscharen gemordet ward, außer diesen die Reste auch von drei andern Söhnen Achmeds, namentlich die des Wütherichs Murad +IV.+ und der beiden von ihm gemordeten Brüder Bajasid und Suleiman. Nur noch einen Blick auf jene traurigen Reste der Herrlichkeit der Kunst, die einst, wie ein Schattenspiel an der Wand, an der Stätte des Byzantinischen Hippodroms vorüberzog. Hier ist noch die dreifache ~eherne Schlange des Delphischen Dreifußes~; doch sind ihr die drei Köpfe (der eine durch Mohammed +II.+) abgehauen. Da stehet auch noch der nach oben wie abgespitzte Obelisk, der aus der alten Aegyptischen Heimath zuerst nach Athen, dann nach Constantins Stadt geführt wurde, mit seinen, auf einigen Seiten noch deutlich erkennbaren Hieroglyphen-Räthseln. Unten an seiner Basis bezeugen es die lateinische wie die griechische Inschrift, daß Theodosius diesen Obelisken, der vom Erdbeben gestürzt lag, wieder aufrichtete. In der Reihe dieser beiden, armen Reste zeigt sich endlich auch noch die Spitzsäule des Rennbahnzieles, welche jedoch ihrer metallenen Bekleidung mit der prahlenden Inschrift aus den Zeiten des Constantinus Porphyrogenitus schon vorlängst beraubt ward. So ist die Lust der Augen, so ist die Pracht der Städte Kleinasiens und Hella's wie ein Stein im Meere, im Elend der späteren Zeiten versunken; gleich Blasen des Schaumes schweben nur noch jene armseeligen Reste über der Fluth. Aber ein flüchtiges Doppelpaar von Rossen, das ungefesselt stund, ist dem Kampf entronnen; es kam zu uns, an Venedigs Gestade herüber. Wie? -- wollte es etwa gegen die sonstige Weise der Streitrosse, welche den Kampf der Männer lieben, der Gefahr sich entziehen, das Getöse der Waffen meiden? -- Keinesweges; das was es zu uns über das Meer herüberführte, das war ein Zug der Treue zu dem alten Herrn und Pfleger; denn wie es dort in der Nähe der Kirche gestanden, da die Gebeine mehrerer der Apostel ruheten und ihr Andenken geehrt ward; so wollte es mitten durch die Gräuel der Verwüstung das friedliche Heiligthum des Schwestertempels der hehren Sophia: die Markuskirche Venedigs aufsuchen, weil hier noch fortlebend das Gedächtniß und der Name eines der Apostel wohnet. Das vielgewanderre Doppelpaar der Rosse, das aus seiner Heimath Athen zuerst nach Chios, dann nach Byzanz, dann nach Venedig, von hier nach Paris und abermals nach Venedig gezogen ist, erweckt noch eben so wie vormals in der Seele des Betrachtenden ein Andenken an das Werk der Heldenkämpfe; weniger aber jener des Schwertes als der friedlich stilleren, dafür aber desto kräftigeren des Geistes, welche zuletzt alle Macht der Finsterniß und der Barbarei besiegt. Doch wir haben lange genug bei der Betrachtung des Hippodroms und seiner nächsten Nachbarschaft verweilt, mächtig zieht uns die hohe, über die Masse der alten Palläste und Häuser hervorragende Kuppel der Aja Sophia zu dem Anblick dieses dreizehnhundertjährigen Tempels hin, welcher neunhundert Jahre lang der Gottesverehrung der Christen geweihet war. An solchen Greisen, die zuletzt gedächtnißschwach wurden, hat man öfters bemerkt, daß, während die Mühen und die Noth so wie das kleinliche Thun und Treiben der späteren Jahre ganz aus der Erinnerung geschwunden sind, einzelne Begebenheiten aus der glücklichen Zeit der Jugend oder einzelne, bedeutungsvollere Thaten des früheren Lebens ihnen noch so frisch vor der Seele stehen, als wären sie erst gestern geschehen. Gleich einer solchen deutlichen, sich vollkommen treu gebliebenen Erinnerung an den genußreichsten, kraftvollsten Moment der früheren Vergangenheit, stehet mitten in dem Osmanischen Stambul das schönste, prachtvollste Gebäude des alten, von so manchem Ungewitter des Elendes verheerten Byzanz, die ~Aja Sophia~ da. Wenn man sich die vier unsymmetrisch gebauten Minare's und die Nebengebäude hinwegdenkt, welche die türkische Architektur angefügt hat, und die sich hier ausnehmen wie Aenderungen oder Zusätze, die ein moderner Dichterling an dem Lied eines alten Meisters anbrachte; wenn man, sage ich, von dem türkischen Schleier absiehet, der einen Theil des Angesichtes der hehren Sophia verhüllet, so hat man da, noch vollkommen erhalten, den Tempel der ewigen Weisheit, den Justinian im 6ten Jahrhundert (im Jahr 538) erbaute, vor sich. Denn als der Osmanische Eroberer Mahommed der Zweite 900 Jahre später mit seinem Barbarenheer in die Stadt eindrang, behielt er sich, als seinen Antheil an der reichen Beute, nur die Gebäude vor, und da er, beim Hineintreten in das Innre der Sophienkirche einen seiner Soldaten bemerkte, der im Begriff war, einen kostbaren Stein des Mosaikpflasters herauszubrechen, traf sein handgreiflicher, mit dem Schwert geführter Verweis den Frevler so empfindlich in die Schulter, daß man diesen ohnmächtig aus der Kirche heraustragen mußte. Dieser freilich sehr wirksamen Art der allergnädigsten Verweise danken wir denn die Rettung und so vollkommne Erhaltung des berühmtesten christlichen Kirchengebäudes des Morgenlandes. Ich versuche es, das Aeußere der hehren Sophia aus eigner Anschauung zu beschreiben; das Innre habe ich zwar leider nicht selbst gesehen, dennoch werde ich auch von ihm aus fremden Berichten Einiges erwähnen. -- Es war heute zum ersten Male, daß mich jene Wehmuth ergriff, die ich nachmals öfters auf dieser Reise empfunden: die Wehmuth, die jenen alten Nordländer erfaßte, als er seinen Sohn zu Algier in dem Gewand und der Lebensweise des türkischen Renegaten erblickte. Du altes Heiligthum des Christenglaubens; der Christ darf deine Hallen nicht betreten; er darf nur im Vorübergehen hinein in deine Vorhöfe blicken. Wie lange weilet der Minstrel, der außen vor deinem Gefängniß, wie vor dem Thurme, in welchem Richard Löwenherz gefesselt lag, die wohlbekannten Töne anstimmet, denen dann Du, im Innern, mit Hymnen des Lobes und dem Posaunentone des Dankens antworten wirst? Der Minstrel, dein Retter und Befreier; er weilet lange. Du alter Glockenthurm am Eingange, gegen die Minare's und ihre vergoldeten Halbmonde erscheinest du nur klein, wenn dir aber dereinst die Stimme wiederkehrt, da wird sie weiter tönen über Meer und Land, als der Ruf des Muesin's. Die Sophienkirche, welche in manchen Zügen der Aehnlichkeit an die Marcuskirche in Venedig erinnert, ist so wie alle älteren christlichen Kirchen orientirt; der Haupteingang in Westen, der Hochaltar stund in Osten. Der Umriß ahmet die Gestalt eines griechischen Kreutzes nach. Die Länge des innern Schiffes, von West nach Ost, misset 269, die Breite 143 Schuhe; 180 Fuß beträgt die Höhe vom Boden bis zum Scheitel der Kuppel. Diese, die Kuppel, machet durch die Leichtigkeit, mit welcher sie sich, gleich einer nur wenig gehobenen Woge des Meeres, über das Gebäude hinspannt, einen besonders mächtigen Eindruck aufs Auge, denn bei einem Durchmesser von 115 Fuß hat diese Kuppel kaum 20 Fuß Höhe. Ueber den Eingang zum Tempel wölben sich zwei Vorhallen, die erste gegen Westen mit drei, gegen Nord und Süd mit einer Pforte, die andre mit 16 Thüren, davon 5 in die erste Vorhalle, 2 nach den Seiten, 9 nach dem Innern der Kirche sich öffnen. An dem Deckengewölbe dieser Hallen zeigen sich noch Spuren der vormaligen kostbaren Mosaikbilder. Das Haupt, das äußere Ansehen des alten Gemäuers, aus Backsteinen bestehend, ist seiner ehemaligen christlichen Zierrathen beraubt, dagegen enthält das Innre, das sein meistes Licht durch die 24 Fenster der Kuppel empfängt, noch immer jenes Heer der herrlichsten Säulen, welches mit Zuversicht des gewissen Sieges den Fremdling zu fragen scheint, ob er wohl auf Erden seines Gleichen gesehen habe. Denn als Justinian hier an die Stätte der von den Rennpartheien im Jahr 532 niedergebrannten Sophienkirche des Constantin und Theodosius dieses mächtige, steinerne Bauwerk setzen ließ, da wurden acht der schönsten Säulen des Dianentempels zu Ephesus, achte des Sonnentempels zu Balbeck zum Bau herbeigeführt; zu ihnen gesellte man jene berühmten aus dem Cybeletempel zu Cyzikus, deren weißer Marmor von rosenrothen Streifen (erinnernd an das Blut des Athys), durchwirkt ist; und wo es noch sonst in alten Tempeln und Pallästen zu Athen und Troas wie auf den Cykladen Säulen gab, welche vor andern als die schönsten galten, die wurden herbeigebracht, um die damalige Herrscherin aller christlichen Kirchengebäude zu schmücken. Die große Kunst der beiden Baumeister, des ~Anthemius von Tralles~ und des ~Isidorus von Miletos~ giebt sich noch jetzt in der sichern Anordnung des kostbaren Materials kund, das ihnen zu Gebote gestellt war. Denn obgleich das thurmartige Tabernakel mit der goldnen von goldnen Lilien umkränzten Kuppel, und dem goldnen, 75 Pfund schweren Kreuze, obgleich die 12 goldnen Säulen vor dem Altar, so wie der goldene Baldachin über dem Lesepulte, mit seinem 100 Pfund wägenden goldnen, mit Edelsteinen und Perlen besetzten Kreuze längst verschwunden sind; obgleich der türkische Ritus, der den Hochaltar in die Mekkalinie oder Kibla zu stellen gebeut, mithin nach S. S. O., die Symmetrie des alten Kirchengebäudes durchkreuzt, stehen dennoch in ungebrochener Kraft ihrer Schönheit und Würde jene acht Porphyrsäulen aus Balbeck da, von denen vier die große, vier die an diese gränzenden kleineren Kuppeln tragen; die grünen Säulen des Dianentempels, welche den Frauenchor stützen und jene andern, auf denen die Gallerien ruhen. Vierzig zählt man in allem im innern Theile der Kirche, sechszig in den Gallerien, sieben an den Eingängen. Wir werfen noch im Vorübergehen einen Blick auf die mit vielen Kuppeln gedeckten Säulengänge, welche den Vorhof von drei Seiten umgeben; auf den Springbrunnen von Marmor in seiner Mitte, und auf die Menge des laufenden Wassers, das unter dem alten Glockenthurme hervordringt. Es kommt aus einem immer gefüllten unterirdischen Gewölbe der Sophienkirche und wem sein klarer Strom noch nicht wohlschmeckend genug erscheint, der kann an einem jener beiden Brunnenhäuser, die zu den Stiftungen dieses Tempelgebäudes gehören, sich von den hiezu bestellten Leuten den erfrischenden Trunk reichen lassen. War nicht vielleicht hier in der alten byzantinischen Zeit jene Cisterne, auf welche der große Justinian, dieser Ludwig +XIV.+ der oströmischen Kaiser, das Bild des Königs Salomo hatte darstellen lassen, welcher mit den Mienen der Verwunderung, ja des Schreckens nach der Sophienkirche hinblickte? Wie denn auch Justinian, am Tage der Einweihung der Kirche unter anderen dadurch an Salomo zu erinnern suchte, daß er 1000 Ochsen, 1000 Schafe, 600 Hirsche, 1000 Schweine, 10,000 Hühner für die Armen schlachten, 30,000 Mezzen Kornes und mehrere Zentner Goldes unter sie vertheilen ließ. Wenn ihm aber auch wirklich diese äußerliche Nachahmung des weisesten der Könige gelungen seyn sollte, so gelang ihm desto weniger jene mehr von innen kommende Nachahmung, die sich in dem, was er bei der Einweihung sprach, kund gab. Denn nachdem der große Kaiser hinlaufend gegen den Altar, die Worte gesagt hatte: Ich danke dir Gott, daß du mich diesen Bau hast vollenden lassen; rief er selbstgefällig mit lauter Stimme aus: »Ich habe dich besiegt Salomo.« Ja, jene Weisheit, welche Salomo kannte und in deren Kraft er bei der Einweihung seines Tempels betete, war eine andre als die Weisheit Justinians; jene von himmlischer, göttlicher, diese von irdischer, menschlicher Art. Wir gehen von hinnen; denn diese ~Begräbnißstätte Murads~ +III.+ und seiner Söhne ist eine Denksäule des Brudermordes. Hundert und zwei Kinder waren dem Sultan Murad geboren, von diesen überlebten ihn 20 Söhne und 29 Töchter. Außer Mohammed +III.+, dem Thronerben waren bei dem Tode des Vaters vier Söhne, schon erwachsen; durch ihren Lehrer Newi aufs Sorgfältigste erzogen und gebildet, unter ihnen der vielversprechende Prinz Mustapha. Sie alle, zugleich mit den 15 noch unmündigen Brüdern, ließ Mohammed am Tage seiner Thronbesteigung erwürgen; sieben Sclavinnen, noch vom verstorbenen Sultan schwanger, wurden auf seinen Befehl im Meere ertränkt; bald folgten den sämmtlich, einen Tag nach dem Begräbniß des Vaters hier bestatteten 19 Brüdern noch andre, dem Sultan verdächtig gewordne Verwandte, selbst seine eigene Mutter, gewaltsam hingerichtet, in die Gruft; nach einer nicht ganz neunjährigen Regierung wurden auch die Gebeine des Mörders zu denen der durch ihn Gemordeten gesammlet[60]. Die Würmer, welche sterben, möchten immer nagen; die Verwesung, die ein langsames Verbrennen ist, möchte das arme Todtengebein verzehren, gäbe es nicht einen andern Wurm, der niemals stirbt; ein Feuer, das niemals verlöscht. Der Tag fängt an heiß zu werden, der reinliche schöngeschmückte Laden des ~Sorbetbereiters~ zieht das Auge wie den Geruch an; wir treten hinein uns zu erquicken. Wie groß ist da die Mannichfaltigkeit der lieblich kühlenden Getränke, der eingemachten Früchte und der Gelees. Sorbet und Gelee aus Rosen von Brussa, aus Aprikosen von Damascus, aus den Datteln Aegyptens, den Pandanusblüthen Arabiens, den Amomumwurzeln Indiens; wohlriechende Wasser und Spezereien aus Yemen und Persien. Dazu genießt man das treffliche Wasser des gegenüber liegenden Brunnenhauses, von welchem ein fühlender Aushauch über die ganze Nachbarschaft ausgehet. Es bedarf hier keiner langen Ruhe; der Anblick des Neuen wirkt selber wie Speise und Trank. Wir sind ja da auch ganz nahe ~am neuen Serai~ und in wenig Minuten stehen wir vor seinem Hauptthore. Ehe wir hineintreten, betrachten wir erst den von Achmed +III.+ erbauten ~Wasserthurm~, dessen oberer Theil an den Bau einer chinesischen Pagode erinnert. Er ist im Ganzen von viereckigem Umriß; statt der Ecken stellen sich aber zwischen den beiden Seitenflächen noch vier schmälere ein, und diese Flächen enthalten auf lasurblauem Grunde poëtische Lobschriften der Güte dieses Wassers. Einer unserer Begleiter erzählte uns mit halblauter Stimme von jenen Schreckensstunden, da hier, nach der Besiegung der aufrührerischen Janitscharen, Haufen von abgehauenen Menschenköpfen zur Schau lagen. Wir treten hinein in dieses Thor, dessen Halle vormals, in der Zeit der byzantinischen Herrscher mit den auserlesensten Statüen, die Decke und Wände mit den Mosaikbildern geziert waren, welche Belisars Siege darstellten. Jetzt hat hier, statt der Götter und Helden die türkische Thorwache der Kapidschi's ihren Sitz. Ein junger angehender Offizier und ein Unteroffizier oder wohl auch Gemeiner ließen sich bereitwillig finden, uns zuerst in den Garten, dann in die Höfe des Serais zu begleiten. Wir traten durch das Gartenthor hinaus in das Haus der Rosen oder Gülchane, wo die Pagen des Hofes alljährlich, am dritten Tage des Bairams vor den Augen des Sultans in den Waffen sich üben. Wir gehen hinab, neben dem Lusthaine der alten Zypressen und jenseits desselben bis an die Mauern am Meere; bis zu dem ~neuen Köschk am Sommerharem~. Was kümmern uns die geschmacklos eingerichteten, jetzt leer stehenden Käfiche der Frauen da neben uns; oder das Theater für die Ballettänze, wo der Sultan auf der Bühne sitzt, während die Schauspieler im Parterre ihre Kunststücke machen; wir mögen das nicht sehen; wir weilen bei der Aussicht am Meere und setzen uns dann in der Nähe des neuen Köschk bei einem gar wirthlich für die besuchenden Fremden eingerichteten Hause, wo man uns Kaffee und jene blasenden Instrumente reicht, welche, statt zu tönen nur dampfen. Wie groß erscheint von hier aus das Serai mit seinen hohen Mauern und Thurmzinnen. Ich glaube gerne, daß es mit den Gärten eine Stunde im Umfange hat, und daß Raum für Tausende der Bewohner in ihm ist. Hier nordwärts von uns ist das ~Kanonenthor~ des Serai's. Steht da vielleicht jene Kanone, die bei nächtlicher Weile durch ihren Donner den Bewohnern der Stadt es ankündigt, daß jetzt die gleich weiterhin ans Kanonenthor angränzende, sonst immer verschlossene Pforte ~Odun Kapussi~ einmal wieder sich aufthue, nicht für Einen der die liebliche Kühlung der Nacht in sich aufnehmen will, sondern für Einen den jetzt die Nacht für immer in ihre Schatten aufnimmt: für den Leichnam eines hingerichteten, durch die Anklage der Eunuchen verdächtig gewordenen Weibes, oder eines gefallenen Günstlinges. Wir kehren zurück zum ersten Hofe des Serais. Da links vom Haupteingang durch den wir vorhin kamen, das jetzige Zeughaus, war einst, man erkennt es noch am Baue, die ~Kirche der heiligen Irene~, vor welcher, gegen die Sophienkirche hin jene silberne Statue der Kaiserin Eudoxia stund, von welcher nicht in jene beiden nachbarlich angränzende Kirchen allein, sondern durch alle Kirchen der Stadt eine mächtige Bewegung ausgieng. Denn als ~Chrysostomus~ mit heiligem Ernste gegen die heidnische Verehrung des Bildnisses predigte, da zog ihm sein lautes Sprechen das Urtheil der Verbannung zu; der Kirche des Landes aber innre Zerrüttung und Kämpfe. -- Hier der Brunnen am Rasenplatze ist ein ~Ajasma~ oder ein Weihbrunnen, dessen Wasser die Griechen an ihren Festen um ziemlich hohen Preis von der Thorwache des Serais erkaufen. Dort weiterhin an der linken Seite des Hofes ist die ~türkische Münze~ mit den Wohnungen des Münzdirectors, des Stadthauptmannes, und des Cabinetssecretärs. Wir stunden da im Schatten einer uralten, herrlichen Platane, während unser Dragoman im Münzhause für uns neue türkische Piaster, Paras und etliche kleine Goldmünzen einwechselte. Auf der rechten Seite des Hofes sind die Kanzleien, die Bäckerei und die Wohnungen der niederen Dienerschaft. Wir nähern uns nun der Seite die zum zweiten Hofe führt und ihrem Thore, in dessen Halle so Mancher hineintrat, der nicht mehr aus ihr herausgieng. Da rechts neben dem Thore ist der Eingang zum Marstall des Serais (der eigentliche, größere Stall liegt am Meere); die Fontäne vor dem Marstall des Serais ist nach ~Abla~, dem Beduinenmädchen genannt, das der ritterliche Sarazene Antar liebte und besang; nicht weit davon steht der große Mörser, welcher, so geht die Sage, sonst zum Zerstampfen nicht von allerhand Wurzeln, sondern von allerhand Menschen diente. Da, unmittelbar am Eingang zum Thore des zweiten Hofes ist der Stein ~Binek-taschi~ d. h. Vortheil der Reitschule, an welchem die fremden Gesandten und andre Standespersonen, Einheimische wie Fremde, die sich des Sultans Majestät nähern wollen, absteigen müssen. Wir treten jetzt hinein unter die Halle des Thores, die sich nach beiden Seiten hin durch Thüren schließen läßt. Hier ist oder war wenigstens sonst die Wohnung des Scharfrichters; hier geschahen auch meist die Hinrichtungen der zu solchem Zweck hieher Geladenen, und hier mußten, wenigstens sonst, nach der barbarischen Etikette des osmanischen Hofes, die Gesandten der fremden Mächte so lange stehen, bis man sie beim Sultan gemeldet. Doch war dies nur die vorläufige Meldung, die eigentliche, wenn drinnen Alles bereit war, brachte der Großwessir in dem blumenreichen Style des Orients unmittelbar vor dem Thore der Glückseligkeit, d. h. vor dem Eingang zum dritten Hofe an. Die Herrn Gesandten konnten es jetzt selber mit anhören, denn obgleich die Ceremonienmeister, die vor ihnen Schritt vor Schritt vorausgiengen, den Stock mit dem vergoldeten Knopfe immer laut auf das Pflaster aufstießen und hierdurch ihr »bis hieher und nicht weiter« aussprachen konnte man doch der Hauptmeldung ganz nahe beiwohnen. Diese lautete wörtlich übersetzt dahin, daß der Großvessir bei dem Throne der Glückseligkeit die Gnade nachsuchte, »daß der fremde Gesandte, nachdem er gespeist und gekleidet worden, seine Stirne in dem Staube der Füße der sultanischen Majestät abreiben dürfe«[61]. Wir bedurften dieser Anmeldung nicht; unsre beiden Kapidschi's, zu denen sich noch, ohne unser Begehren ein Dritter und Vierter, damit der Weg nicht ohne Leute sey, gesellt hatte, führten uns wohlbehalten durch das unheimliche Mittelthor in den zweiten Hof hinein. Hier zeigen sich drei gepflasterte Wege; der zur Rechten führt zu den neun Küchen des Serai's; der zur Linken zum Diwan, in dessen beiden, mit Kuppeln bedeckten Sälen der Reichsrath sich versammlet, welchem der Sultan, so oft er will, in seiner vergitterten Loge ungesehen beiwohnen kann, und neben dem Diwan sind die Sorbetbäckereien. Der zwischen beiden die Mitte haltende, gerade, geht nach dem Thore der Glückseligkeit, nach dem Eingang zum dritten Hofe hin. Hier halten gewöhnlich die weißen und schwarzen Eunuchen Wache; uns ließ man, nach dem der junge, türkische Offizier für uns gesprochen, hineintreten und hindurchgehen. Die alte Porphyrsäule, außen, vor dem Thore der Glückseligkeit[62], so wie die alten, vergoldeten Schilde, die in der Halle des Thores hängen, erregten keine großen Erwartungen, und auch im Innren des dritten Hofes ist nicht viel Besondres zu schauen; die alte sultanische Herrlichkeit sieht ziemlich baufällig aus; die Gebäude des ~Harems~ und des ~Schimschirlück~, oder des Prinzenkäfiches, worinnen seit jenen Bruderkriegen die sich durch Roxelanes Ränke entspannen, alle Prinzen bis zur Thronbesteigung wie gefangen gehalten wurden, so wie alle die andren hier anstoßenden Theile des Kaiserpallastes lassen, wenigstens von außen, nichts von dem Prunk ahnden, der in ihrem Innren sich zeigen soll. Wir hielten uns auch mit ihrer Betrachtung nicht auf, sondern wendeten uns sogleich nach dem reich vergoldeten und bemahlten, marmornen, porzellanenen, buntsteinigen Audienzsaale, wo den auswärtigen Gesandten nach der alten Sitte des Hofes vormals die Gnade wiederfuhr, daß ihnen die beiden hierzu verordneten Ceremonienmeister, die neben ihnen hergiengen, die Hände auf das Haupt legten, und dieses, so tief sie wollten, zu einer Verbeugung gegen des Sultans Majestät niederdrückten. Wir schauten neugierig durch die hellen Fenster des Saales hinein, dessen Wände von allerhand glänzenden Dingen flimmerten. Da man uns dieses so hingehen ließ, wollten wir auch in ein andres schönes, buntes Lusthäuslein oder Gemach hineinblicken, da kam ein alter, bartloser, vornehm gekleideter Türke, von der Seite, wo der Eingang zum ~Harem~ ist, heraus und schalt auf Türkisch über uns und unsre Kapidschis. Etliche von diesen, sammt dem Dragoman, traten ganz erschrocken zurück, als wollten sie sich hinter uns verstecken, nur der junge Offizier blieb bei uns in Reihe und Glied stehen, brummte etwas in den Bart hinein, machte aber, sobald der alte Herr den ersten, ziemlich langen Satz seiner Strafrede geendigt hatte, rechts umkehrt euch mit uns und wir beeilten uns Alle, glücklich wieder aus dem Thor der Glückseligkeit hinaus zu kommen. Die neun Küchen, worinnen für den Sultan, für die Sultanin Kasseki und Walide so wie für ihre Damen und Dienerinnen, für den Präfekten des Serais, den Schatzmeister und andre Hofdiener, der tägliche Bedarf der Tafeln zubereitet wird, schienen namentlich unsren Reisegefährtinnen einer nähern Betrachtung werth, und da man uns den Eintritt anbot, besuchten wir zunächst die Küche der Sultaninnen. Man setzte uns hier eine große Schüssel vor, mit einem süßen Gebackenen, das noch überdieß in Zucker geschmalzen war, wir mußten jedoch diese Gabe der Gastfreundschaft stehend vor dem Küchentische verzehren und Messer, Gabeln und Löffeln gab man uns auch nicht. Sobald wir Andren zulangten, griffen unsre Kapidschi's auch sehr eilig mit uns in die Schüssel. Vielleicht sollte uns dieses an jene alte türkische Hofsitte erinnern, nach welcher, wenn fremde Gesandten und Herrschaften kamen, den Janitscharen Schüsseln mit Pilau vor die Küche hingesetzt wurden, und wenn dann die Soldaten recht munter auf die Schüsseln zusprangen und Hand an die Speisen legten, so war das ein gutes Zeichen; ein Zeichen, daß dieses so leicht aufzureizende Volk zufrieden und Alles ruhig und sicher sey[63]. Da nun unsre Kapidschis so eilig mit ihren Händen in die Schüsseln fuhren, konnte man dieß allerdings als ein Zeichen ihrer Zufriedenheit und der öffentlichen Sicherheit betrachten; nur wäre zu wünschen gewesen, daß diese fleißigen Hände sich mit Löffeln oder Gabeln versehen hätten. Nach diesem türkischen Mahle der Süßigkeiten zeigte man uns noch Alles was zu den Räumen und Geschäften der Küche gehörte und wenigstens bei dem Türken, welcher, wie es schien, das Geschäft eines Unteraufsehers der Küche begleitete, geschah dieß ohne Eigennutz, denn unser Geschenk, das der Dragoman ihm anbot, wurde von ihm ab- an die Dienerschaft der Küche gewiesen. Mit einem Gefühl des Unheimlichen verweilten wir noch im Hinausgehen einige Augenblicke beim Anblick des mittleren Hofes und der zu ihm gehörigen Gebäude. Während den Zeiten des alten christlichen Byzanz haben sich allerdings über diese Stätte vielfache Gräuel ergossen, aber immer ward doch der im Innern der entarteten Herrscher wüthenden Seuche durch die Furcht vor der Kraft oder vor dem äußern Ansehen eines göttlichen Gesetzes noch Ziel und Damm gesteckt. Welche Furcht konnte aber die einst hier hausenden Wütheriche unter den mohammedanischen Herrschern bändigen, welche vom neuen Serai aus über Stadt und Land Furcht und Entsetzen verbreiteten? Wer wollte es, unter Murads +IV.+ Herrschaft nur wagen den Mauern dieser prunkvollen Mordgrube sich zu nahen. Schoß doch der Tirann mit eigner Hand den Sohn eines Pascha nieder, ließ er doch ein Boot, das von Weibern erfüllt war, im offnen Meere versenken, weil sie unversehens den Mauern des Serais zu nahe gekommenen waren; eine andre Gesellschaft von Frauen, die auf einer Wiese mit Tanz und Gesang sich vergnügte, wurde ertränkt, weil den Sultan der Ausdruck der Frölichkeit in Grimm setzte; Hunderte der Mächtigen und zum Theil auch der Edlern des Landes, welche des Sultans Befehl ins Serai zum Handkuße rief, endeten, ehe sie das Thor der Glückseligkeit erreichten, unter der Hand des Henkers. Nur in den letzten sieben Jahren seiner siebenzehnjährigen Regierung, welche mit dem Mord der Brüder begann, wurden 50,000 Menschen auf Murads Befehl hingerichtet; als er selber schon mit den Vorboten des Todes rang, befahl er die Hinrichtung des einzigen noch lebenden Bruders und Thronerben der osmanischen Dynastie, Ibrahim, und als man die (erdichtete) Nachricht von der Vollziehung des Urtheils ihm brachte, erheiterte ein schadenfrohes Lächeln noch einmal sein Gesicht, auf welchem man gleich vorher nur den Ausdruck der Schrecken des Todes gesehen. Doch wie bald mögen, in vielfach vergrößertem Maaße diese Schrecken zurückgekehrt seyn, dem Manne, welcher, so lange er lebte, Allen, die um ihn seyn mußten, so zum Schrecken war, daß sie kaum es wagten, in seiner Gegenwart anders als durch Zeichen der Taubstummensprache zu reden und zu antworten. Und was hatte das arme Land gewonnen als nun an die Stelle der Grausamkeiten des mordlustigen Murad +IV.+ die Gräuel der Wollüste seines Bruders und Nachfolgers Ibrahim traten und Verheerungen andrer Art über das Reich der Osmanen ergoßen, welche nur als Mordthaten in andrer Form erschienen, bis mit Ibrahims Hinrichtung (im Jahr 1648) die schmachvolle Herrscherzeit der drei Söhne Achmeds und ihres blödsinnigen Oheims Mustapha endigte. Wir traten jetzt wieder hinaus vor das Serai in die Straßen der Stadt. Hier betrachteten wir die vormals sogenannte ~hohe Pforte~: den ~Pallast des Großwessirs~, worinnen dieser Audienzen ertheilt und in welchem die wichtigsten Angelegenheiten des Reiches berathen und besorgt werden. Allerdings konnte man das alte, vormalige Wohn- und Geschäftshaus der osmanischen Großwessire, das in dem letzten, großen Aufstand der Janitscharen großentheils in Trümmer fiel, als die hohe, von den Seufzern des Elendes nur selten erreichbare Pforte betrachten, durch deren geöffnete Thüren Schrecken und Kriegsgeschrei weithin über Land und Meer ihren Auslauf nahmen, in welchem auch mancher nicht bloß kräftige, sondern zugleich weise Wessir, wie der Sokolli Mohammed Pascha, dann der greise Köprili und mehrere Andre das wahre Wohl des Landes beachteten, aber diese allvermögenden türkischen Minister selber, so sehr ihnen mit dem Thor der Glückseligkeit zugleich der Weg zu allen irdischen Ehren und zu allem Glück der Sinnenwelt eröffnet schien, waren dennoch deshalb keineswegs hierüber zu beneiden. Unter dem Tyrannen Selim +I.+, dem Vater Suleimans des Großen, der selbst diesen, seinen einzigen Sohn hätte hinrichten lassen, wenn der kluge Bostandschi Pascha (nach S. 138.) die Gräuelthat nicht verhindert hätte, war es eine seitdem lange in Gebrauch gebliebene Verwünschungsformel der Türken geworden, zu dem Feinde oder Beleidiger zu sagen: mögest du Sultan Selims Wessir seyn. Denn, wie dies der osmanische Geschichtsschreiber Aali erzählt[64], die Wessire Sultan Selims blieben oft kaum einen Monat im Amte, ohne der Hand des Henkers überliefert zu werden, daher dieselben ihr Testament beständig bei sich im Busen trugen, und, so oft sie wieder lebend von der Audienz des Tyrannen herauskamen, das Leben als ein neugeschenktes betrachteten. Da einmal der kräftige, kluge und in allen Geschäften gewandte, dabei auch unbescholtene Großwessir Piribascha diesen »strengen« Herrn bei besonders guter Laune traf, sprach er, halb im Scherze zu ihm: mein Padischah, ich weiß, daß du mich zuletzt doch unter irgend einem Vorwand umbringen wirst; könntest du mir nicht wenigstens einen freien Tag zuvor schenken, an welchem ich meine Rechnungen mit dieser und jener Welt in Ordnung bringen könnte? Der Großherr lachte über diese freimüthige Bitte und antwortete: seit langem gehe ich wirklich mit dem Gedanken um, dich hinrichten zu lassen, aber ich habe noch keinen Andern, den ich an deine Stelle setzen könnte, sonst wäre es mir ein Leichtes, dir deine Bitte zu erfüllen. -- Unter solchen Umständen, die sich unter vielen der türkischen Sultane wiederholten, erschien allerdings der Zugwind der vom Serai durch die hohe Pforte wehte als eine schlimmere Ursache des Halswehes, denn der Zugwind unter den Thüren der armen Bürgerhäuser. Auf dem weitern Wege wurde uns an der Mauer des Serais der ~Köschk~ oder das Lusthaus gezeigt, hinter dessen Gitter-Jalousieen der Großsultan den öffentlichen Aufzügen zusieht, ohne selber gesehen zu werden. Durch manche der langen, krummen Gassen kamen wir zu der modernen, fensterreichen ~Moschee Osmans~ +III.+ (vollendet im Jahr 1755), in deren Nähe das 14 eckige Bibliothekgebäude dem Auge auffällt. Hier finden sich unter den 1693, meist geschriebenen Büchern selbst die astronomischen Tafeln von Cassini in einer türkischen, die heiligen Schriften der Christen in arabischer Uebersetzung[65]. Mehr jedoch als die Betrachtung der Bücher zog unsre Begleiterinnen, und für diesmal auch uns der ~Besestan~ oder große Markt zu seinen unter den bedeckten Hallen hinlaufenden Kaufmannsläden hin. Hier ist Alles zu haben, was an Kleidung, Zierrathen und Kostbarkeiten ein türkisches Herz sich etwa wünschen mag. Wie prunkten da, in ganzen Reihen der Buden, die kostbaren Kaschemir-Schawls; die gold- und perlengestickten Tücher, Tabaksbeutel, Schleier, Kopfputzsachen, Schuhe und Pantoffeln. -- Mit den eigentlichen Türken ist es gut handeln; sie sind im Ganzen ehrlich und offen, legen kein zu hohes Aufgebot auf ihre Waaren, lassen sich aber von der gebotenen Summe nur wenig abhandeln. Bei einer spätern Gelegenheit sagte ein türkischer Fabrikant aus Magnesia zu jemand aus unsrer Begleitung, der an einem seiner Teppiche Gefallen zu finden schien: mich kostet er 60 Piaster, dir will ich ihn um 70 lassen, statt daß unsre Fabrikanten öfters in solchen Fällen das Umgekehrte sagen. Mit Freund Mühr gieng ich jetzt noch durch den ägyptischen Marktplatz (+Missr-tschar schussi+), dessen Gewürze schon aus ziemlicher Entfernung durch ihren starken Duft sich verriethen, hinab nach dem Hafen, um in der Nähe desselben den einfach schönen, im Jahr 1775 erbauten ~Begräbnißplatz des Sultan Abdulhamidschan~ zu betrachten. Er selbst der Großsultan, so wie seine beiden in den Soldatenempörungen umgekommenen Söhne Selim +III.+ und Mustapha +VI.+ sind hier beerdigt; wie bei vielen andern Begräbnißstätten der verstorbenen osmanischen Herrscher, finden sich auch bei dieser mehrere wohleingerichtete, fromme Stiftungen. Dem Grabmale gegenüber zeigt sich eine reinliche und geräumige Armenküche, mit ihren großen, glänzenden, metallenen Kesseln und Pfannen. Hier werden täglich, außer den vielen Fleischspeisen und Pilau, 1200 Brode an die Dürftigen vertheilt. Neben dem Hauptgebäude selber verdient noch das Gebäude einer andern, wohlthätigen Stiftung die Aufmerksamkeit des Fremden: das der Bibliothek des Abdulhamidschan, zu welcher auch Ausländer und Nichttürken ungehinderten Zutritt haben. Hier, wie bei allen Grabmälern der Großen sind einige Hymnensänger und Leser des Korans zur Erbauung des Volkes angestellt. Die Sonne stund noch hoch; der Abend war schön; wir nahmen beim Gartenthor eine Barke und fuhren im Hafen hinab, nach der Seeseite des Serai hin. Vor allem fällt an dieser der ~Indschuli Köschk~ oder das Perlenlusthaus, in seiner morgenländisch prächtigen Bauart und mit seinen grünen, wie es scheint aus »lacedämonischem Marmor« gehauenen Säulen ins Auge; weniger das Uferlusthaus oder der ~Jalli Köschk~, von welchem der Sultan dem Aus- und Einfahren der Flotten, sitzend auf silbernem Throne zusiehet. Heimkehrend nach Pera, nehmen wir unsren Weg über die stattlich aussehende Vorstadt Tophana, welche unter Pera am Ufer, neben Galata liegt. Doch von den Gebäuden und andren Sehenswürdigkeiten dieser, wie der übrigen Vorstädte, wird nachher noch besonders die Rede seyn, vor der Hand erwähne ich nur noch einiger sonderbaren Ueberschriften der öffentlichen Bäder, auf welche mein Freund und mehr noch Joseph von Hammer in seinem Werk über die Hauptstadt und ihre Umgebungen mich aufmerksam machte[66]. Schon durch diese Ueberschriften bestimmt sich fast jedes Bad für einen besondern Stand, dessen Zugehörige sich auch wirklich an diesen Orten, die zugleich der geselligen Unterhaltung dienen, zusammenfinden. So giebt es, wenigstens besagen dieß die einladenden Inschriften, ein eignes Bad für Gesetzgelehrte, eines für fromme und andächtige Männer, ein andres für unschuldige und sittsame Leute, andre, besondre Bäder sind für Sternkundige, für Dichter, für Maler, für Tonkünstler, für Derwische, für Pferdeliebhaber bestimmt; in Akhaba sogar eines für Mystiker und nicht weit davon eines für Vogelfänger. Aber außer diesen wohl- oder doch nicht geradezu übellautenden Inschriften giebt es auch andre, welche den, der ihre Züge zu enträthseln versteht, nicht sehr zum Besuch des Bades einladen können. Denn man findet unter andrem ein Bad für Solche, welche das Gebet nicht lieben, eines für +bons vivans+, eines für Possenreisser, eines für Banditen, in Tophana eines für Lügner. Freilich könnte da jeder Badende beim Eintritt in das Haus voraus wissen, welche Gespräche hier unter den Gästen vorherrschen werden; der Rechtsgelehrte wird sich dahin gesellen, wo von den Rechtshändeln, der Pferdeliebhaber dahin, wo von den schönsten Pferden der Stadt die Rede ist. Wir gehen nun zu der kurzen Beschreibung einer zweiten Tagwanderung durch Constantinopel über. Donnerstags den 6ten October hatte sich ein erfrischender Herbstwind aufgemacht, der uns hinüber über den Hafen nach der Stadt und einiger ihrer nächsten Angränzungen begleitete. Wir waren diesmal zu Pferde; unser Weg gieng an der Nordostseite von Constantinopel, zwischen dem Hafen und den alten hohen Mauern der Stadt hinan. Er zog sich großentheils durch enge, schlecht gepflasterte Gassen, in deren einer die langen Reihen von Werkstätten der Steinmetzen Staub in Menge verbreiteten. Von Zeit zu Zeit wird der von einem ortskundigen Führer geleitete Reisende, auf diesem Landwege nach Ejub, dem sonst der Weg zu Wasser vorzuziehen wäre, bald zur Rechten nach dem Hafen, bald zur Linken gegen die Stadt zum Beschauen abgerufen. Ein Punkt, der Beachtung werth, ist da am ~Petrion~ innerhalb dem Fanalthore oder ~Fener-Kapussi~ das Kirchen- und Wohngebäude des ~griechischen Patriarchats~, zum heiligen Georg genannt. Die alte Kirche hat vielleicht weniger wirklichen als historischen Kunstwerth. Unter den Vorhallen zeigen sich bildliche Darstellungen der verschiedenen Bleibstätten der Seligen, deren größere Menge in geistlichem Gewand der Patriarchen, Bischöfe und Mönche erscheint; so wie die buntfarbigen Schilderungen der verschieden Stufen der Höllenstrafen. Der Künstler, verzichtend auf die Kenntlichkeit der Figuren, die der Pinsel gab, hat sich hie und da durch Zusetzen der Namen geholfen, unter denen, auf der feuerrothen Seite der Linken, oder der Verdammten, Julians, des Abtrünnigen, so wie Maximinians Name zu lesen ist. Im Innren der Kirche wird unter andrem der mit Perlenmutter ausgetäfelte Stuhl des h. Joannes Chrysostomus gezeigt, worauf der Patriarch, an hohen Festen seinen Sitz einnimmt. Diesem gegenüber stehen die mit Scharlach aufgeschlagenen, durch ein weißes Kreuz und seit neuerer Zeit mit dem russischen Adler verzierten Sitze der Fürsten der Moldau und Wallachey. Nicht fern von dem Patriarchat des heiligen Georg, außerhalb dem Fanalthor ist die Residenz und Kirche des Patriarchen von Jerusalem so wie des Bischofs von Bethlehem. Immerhin macht das Hineinblicken in diese alten, christlichen Kirchen, hier in dem mohammedanischen Constantinopel auf den innren Sinn des christlichen Pilgrims einen ähnlichen Eindruck als der ist, welchen der Anblick des frischen Schnees der Alpen auf den äußren Sinn eines Wandrers macht, der sich fern von jenen Höhen, mitten im dürren, heißen Sand der Wüste befindet. Der Schnee ist wohl kalt und todt, aber es quillt aus seinem Schooße doch lebendiges Wasser, hier aber in der brennend heißen Wüste erstirbt die Seele den schmerzhaften Tod des Durstes. Vor dem Hinaustreten aus dem Thore von ~Haiwan Hissari~ gegen die ~Vorstadt der Töpfer~ hin, wenden wir uns zuerst noch zur Betrachtung jenes Weihbrunnens (Ajasma), der wenigstens die Stätte bezeichnet, bei welcher die während den Zeiten der byzantinischen Herrschaft so hoch in Ehren gehaltene, zuerst von der Kaiserin Pulcheria (457) erbaute, dann von vielen spätern Kaisern erweiterte und verschönerte Kirche der Blachernen stund. Diese ist den Freunden der altdeutschen Dichtkunst wegen einer Anspielung im Titurel merkwürdig, denn in dieser Kirche war außer dem heiligen Schranke mit dem Gewand der Mutter Gottes auch jenes Gnadenbild, dessen Schleier jeden Freitag Abend wie durch unsichtbare Hände erhoben wurde und das Angesicht des Bildes einen Tag lang unverhüllt sehen ließ, bis er am Sonnabend bei der Vesper sich wieder herniederließ und die Gestalt 6 Tage lang verhüllte. Nach der Kirche der Blachernen fanden jährlich mehrere Male sehr feierliche Prozessionen statt, an denen der Kaiser mit seinem ganzen Hofstaate theilnahm. Weiterhin führt der Weg nach Ejub durch die Vorstadt der Töpfer. Hier verweilt man gern bei der schönen, von Sinan dem Architekten erbauten ~Moschee Sal Pascha~, um welche, wie Zellen der Bienen, die Wohnstätten der Studirenden, die hier durch wohlthätige Stiftung erhalten werden, herumgelagert sind. Vormals war da, wo diese Moschee steht, ein Tempel des Jupiter; später die Kirche des heiligen Mamas; nahe von hier zog sich die prachtvolle, von Leo dem Großen im Jahr 469 erbaute Brücke über den Meeresarm des Hafens hinüber. Eine der beiden Fontänen, die sich in der Nähe dieser Moschee zeigen, wird bedeutungsvoll durch ihren Erbauer, denn sie erinnert an den Großwessir ~Sokolli Mohammed Pascha~, der die Würde eines Großwessirs 40 Jahre lang unter der Regierung von drei Sultanen: Suleiman dem Großen, Selim +II.+ und Murad +III.+ mit Verstand und Glück bekleidete, bis er im Jahr 1599 durch Meuchelmord erlag und die so ungewöhnlich lang getragene Ehrenstelle seinem Nachfolger einräumte. Ejub, die lieblich zwischen den hochwüchsigen Zypressen, Platanen und Ahornbäumen gelegne Vorstadt, hat für den Christen wie für den Mohammedaner ein besonderes historisches Interesse. Hier, wo jetzt die Sultanin Mutter (Walide) ihren Sommerpallast, nahe am Ufer des Meeres bewohnt, stund das ~Kosmidion~ der Byzantiner, jenes Schloß das nach den Namen der beiden heiligen Nothhelfer und sich selber verläugnenden Krankenwärter Kosmas und Damianus benannt war. Es wurden den Schutzheiligen dieser Kirche heilsame Wunderkräfte zugeschrieben, welche selbst im Traum des Nachts, wie dieß einst im Tempel des Aeskulap geschehen, der Seele sich kund thaten und durch sie über den kranken Leib sich ergossen. Auf diese Weise ward Justinian der Große von einer tödtlich scheinenden Krankheit, in welcher die Aerzte ihn schon aufgaben, wieder geheilt und zur dankbaren Erinnerung daran hatte dieser prachtliebende Kaiser die Kirche der heiligen Nothhelfer nach größerem Maßstabe neu erbauen lassen. Vielleicht daß noch manches der alten Grundgemäuer des vormaligen Kosmidion das sehenswerthe, anmuthig gelegene Gebäu des ~Pallastes der Walide~ stützt; wäre aber auch dieses nicht, so wird dieses Kosmidion in der Erinnerung des abendländischen Reisenden, durch das Andenken eines Glaubenshelden: des Gottfried von Bouillon gestützt, welcher auf seinem Kreuzzuge nach Jerusalem mit seinen 70,000 Streitern zu Fuße und 10,000 Reutern hier eine Zeit lang gelagert war. Damals erhielt das Kosmidion, weil Graf Raimund in ihm wohnte, den Beinamen der Raimundsburg. Nach dem Besehen des Pallastes der Walide, erquickten wir uns an der in dieser Vorstadt ganz besonders guten, den Bewohnern der Hauptstadt rühmlich bekannten geronnenen Milch (Kaimak). Ejub hat keine bedeckten Hallen, sondern eine Reihe offner Kaufmannsläden. In einem von diesen betrachtete ich die türkischen Spielsachen für Kinder. Wie arm erschien mir da der Kreis der kindlichen Vorstellungen und Bedürfnisse gegen jenen Kreis den in unsrem Vaterland eine Spielwaaren-Niederlage überblicken lässet und umfasset. Nichts als hölzerne Pferde, Trommeln und andre Lärm machende Dinge, Säbelchen, Flinten und Peitschen; für die Mädchen falsche Schmucksachen und Dinge, die an die Kaffeevisiten und die halb blödsinnigen Spiele des Harem erinnern. Wie verirrte Zugvögel des Auslandes erschienen übrigens auch unter den neuen, türkischen Spielsachen einige ziemlich altmodisch aussehende Nürnberger Waaren, vor allem solche, bei denen da und dort ein kleiner Spiegel angebracht war, auch kleine Messingwaaren, an denen die wohlbekannten Zeichen unsrer vaterländischen Fabriken zu erkennen waren. Selbst die (wohlfeileren) Arten des Porzellans sind hier häufig von deutschem Ursprung. Wir wandelten nun weiter nach dem Orte hin, der dem jetzigen Ejub seine Hauptbedeutung in den Augen der osmanischen Bewohner der Hauptstadt und des ganzen Landes giebt. Hier stehet, im Schatten der uralten, hohen Platanen die Moschee des Ejub, die schon der Eroberer von Constantinopel, Mohammed +II.+ begründete, und in welcher jeder neue Herrscher der Osmanen gleich nach der Besteigung des Thrones, durch die Umgürtung mit Mohammeds Schwert die höhere Weihe für seine Regentenwürde empfängt. Sie gilt den Moslimen für eine der heiligsten Gedenkstätten ihres Glaubens. Sie darf nie von einem Christen oder Juden betreten werden; schon das bloße Hineinblicken auf den ummauerten, mit Bäumen bepflanzten Platz, der den Vorhof umgiebt, wurde uns von den Thorhütern verwiesen. Im Koran findet sich eine Stelle, welche die Moslimen von Anfang an als eine untrügliche Weissagung ihres Propheten betrachteten, und welche auch wirklich Jahrhunderte lang, bis sie endlich in Erfüllung gieng, sich von wunderbar aufregender Kraft an den Schaaren der eroberungssüchtigen, kriegslustigen Völker des mohammedanischen Ostens erwies. Die Stelle, welche von der Zukunft des Reiches des Islams und seiner Ausbreitung durch die Gewalt des Schwertes handelt, schließt mit den politisch-prophetischen Worten: »sie« (die Gläubigen des Islams) »werden Constantinopel erobern; wohl dem Fürsten, dem jenesmaligen Fürsten, wohl dem Heere, dem jenesmaligen Heere.« Im Vertrauen auf die unverbrüchliche Wahrheit dieser Weissagung machte sich schon Moawia, der Feldherr Ali's, des Schwiegersohns des Propheten, im 34. Jahre der Hedschira, dem 684ten nach Christi Geburt, zum Kampfe gegen die Kaiserstadt des Ostens auf und wiederholte zum zweiten Male, da er selber Khalif geworden war im Jahr 667, dann zum dritten Male durch seinen Feldherrn Sosian Ben Auf im Jahre 672 die Belagerung. Die Söhne der Wüste umlagerten damals, wie eine Wolke, die von der Morgensonne geröthet, am künftigen Abend mit Ungewitter drohet, die Stadt, deren Stunde noch nicht gekommen war. Für Mahoammeds Jünger war dieses eine Zeit der ersten Begeisterung; mächtige, ritterliche Waffenthaten wurden von ihnen geübt; dennoch wurde Constantinopel noch gegen den furchtbar andrängenden Sturm gehalten. Bei dem Heere der Moslimen fand sich auch ein für heilig geachteter, greiser Held: ~Ejub~ Chalad, ben Said Anssari, der den Propheten noch selber gekannt und in den Kämpfen desselben seine Fahne getragen hatte. Dieser älteste Streiter für den Islam fiel, im kühnen Kampfe mit den Heeren der Stadt und wurde an der Stätte, wo nun seine Moschee stehet, begraben. Das Grab war längst vergessen, da fand es, vielleicht geleitet durch die Namenszüge des alten längstbemoosten Denksteines, oder durch andre andeutende Zeichen ~Ak-Schem-Seddin~, einer jener heiligen Scheikhs, welche fast 800 Jahre nach Ejubs Tode das Heer des Eroberers der Stadt, Mahommeds +II.+ begleiteten, wieder auf und diese (wenigstens angebliche) Entdeckung entflammte den schon gesunkenen Muth der Belagerer von neuem zu so gewaltigen Waffenthaten, daß bald hernach die bedrängte Stadt ihnen unterlag. Jene Weissagung. »sie werden Constantinopel erobern; wohl dem Fürsten, dem jenesmaligen Fürsten; wohl dem Heere, dem jenesmaligen Heere«, ließ dann der Eroberer, durch den sie wirklich in Erfüllung gegangen war, mit goldenen Buchstaben in die von ihm erbaute, schon oben erwähnte Moschee schreiben. * * * * * Die Moschee von Ejub enthält außer dem Grabmal des alten Fahnenträgers und Waffengefährten des Propheten auch noch ein Erinnerungszeichen an diesen selber; nämlich einen Fußtapfen, welchen er, da er am Bau der Kaaba mithalf, dem Felsenboden, auf welchem er stund, einprägte. Von Mekka war dieser angebliche Fußtapfen nach Aegypten, von da, bei Eroberung dieses Landes nach Constantinopel in den osmanischen Herrscherschatz gekommen, bis ihn im Jahr 1705 der damalige Schatzmeister Redschel-Pascha unter den andren alterthümlichen Kostbarkeiten auffand, und der Sultan die kostbare Fußspur mit Silber umfaßt in die Wand der Ejubs-Moschee einmauern ließ. * * * * * Diese Vorstadt ist seit den Zeiten der türkischen Eroberung zu einer kleinen, für den Kenner der osmanischen Geschichte merkwürdigen Gräberstadt geworden. Es gehörte zu den frommen Wünschen Aller durch ihren Stand oder durch eine Art von geistliches und wissenschaftliches Verdienst hierzu berechtigten Moslimen der Hauptstadt, da, bei den Gebeinen des Freundes ihres Propheten begraben zu werden. Darum sieht man hier, als ein Prachtwerk des großen Baukünstlers Sinan, das Grabmal des oben (S. 196) erwähnten glücklichen Großwessirs Suleimans und seiner beiden Nachfolger: des ~Sokolli Mohammed Pascha~, des Eroberers von Szigeth, so wie das von demselben Meister erbaute, kleinere, des Wessirs ~Pertew Pascha~, welcher in derselben Stunde, in welcher Suleiman vor Szigeth starb, die ungarische Gränzfestung Giula einnahm. Auch das Grabmal des Wessirs ~Ferhad Pascha~, nahe am Landungsplatze des Meeresarmes ist Sinans Werk. Wenn diese Grabstätten schon durch den werkereichsten und berühmtesten Architekten, den Michel Angelo der Osmanen, beachtenswerth erscheinen, so sind dieß Andre wenigstens durch das Andenken an die ausgezeichneten Männer, deren Gebeine sie beschatten. Denn unter den Hunderten der andern berühmten Männer ruhen hier bei Ejub der große Gesetzgelehrte und Rathgeber Suleimans ~Ebn-Suud~; der gelehrte Koranforscher und Prinzenlehrer ~Achmed Effendi~; dann ~Seadeddin~ oder ~Chodscha Effendi~, der vornehmste unter den Geschichtsschreibern der Osmanen, so wie die Dichter ~Ghanaji~ und ~Baba Mahmud~. Zu den meisten dieser Grabstätten und in das Innre der sie umringenden Gärten, gestattete man uns ohne Schwierigkeit den Zutritt; von andern, namentlich jenen der Stifter oder gewesener Vorstände mancher Derwischorden, wieß man uns zurück. Die Umgegend von Ejub gehört zu den reizendsten, welche die Nachbarschaft von Constantinopel dem Reisenden darbietet. Die Menge der Zypressenhaine, die Quellen in den kleinen schattigen Thälern, vor allem aber die paradiesisch-schönen Ufergegenden am Einfluß des Barbyses in den Cydaris, bei dem durch Achmed +III.+ durch viele neue Anlagen gezierten Dorfe ~Alibeg-köi~ und noch mehr der Lustort ~der süßen Wasser~ (von den Türken Kiagdschane genannt), welcher weiter hineinwärts gegen das Ende des Hafens liegt, in welches der Barbyses und Cydaris münden, wären eines Verweilens, nicht nur von etlichen Stunden, sondern von ganzen Tagen werth. Die Pflanzenwelt dieses reichen Landes wird hier in einer Fülle und Farbenpracht gesehen, zu welcher sie in unsern Treibhäusern und Lustgärten sich niemals erhebt. Doch wir hatten an diesem Tage noch Vieles zu sehen; wir kehrten deshalb wieder zurück zu der Vorstadt der Töpfer, und zogen, an der Gegend der türkischen Grabstätten vorüber, den Hügel hinan, zu dem nicht weit vom Kanonen-Thore (~Egri Kapu~) der Hauptstadt gelegenem ~Pallast des Hebdomon~, dessen alte Gemäuer noch jetzt mit ihren drei Stockwerken ziemlich wohlerhalten dastehen. Schon Constantin der Große hatte diesen Pallast erbaut; hier lebte später jene der himmlischen Weisheit vertraute kaiserliche Jungfrau Pulcheria, die unter allen Perlen, welche in der reichen Schatzkammer des Pallastes aufgehäuft lagen, selber die kostbarste Perle des Landes war; hier hatte der Philosoph Leo seine Schule; hier wohnte selbst der prachtliebende Justinian. Noch unter der Regierung des Kaiser Theophilus (im J. 830) fanden sich unter den vielen, werthvollen Schätzen dieses Pallastes die weltberühmten fünf goldnen Thürme, bei ihnen jener goldne Baum, auf dessen Zweigen künstliche, goldne Vögel tönten; die beiden goldnen, reich mit Edelsteinen verzierten Orgeln; dann unter andern Reliquien das Haupt Johannis des Täufers. -- Durch die Hütten der armen Leute (es waren Juden), die sich anjetzt wie Dohlen in und an das Gemäuer des vormaligen Kaiserpallastes angebaut haben, stiegen wir hinan zum zweiten Stockwerk, das sieben Fenster und eben so viele Bogengewölbe hat. An der Rückseite dieses Stockwerkes sieht man noch den Erker, mit der weiten, herrlichen Aussicht, zunächst freilich über die armenischen und türkischen Gräberstätten, dann aber weit über das Land und zur Rechten über die Zypressenhaine und grünenden Ufer bei Ejub. Hier stund der Thron der vormals hier Hof haltenden byzantinischen Kaiser. -- Hier unten, auf dem angränzenden, jetzt mit dem Schutt der niedergestürzten Mauern bedeckten und mit Gras wie Gesträuch bewachsnen, äußeren Vorplatz des gewesenen Pallastes fand unter Mohammeds +II.+ Regierung ein spielendes Kind den schönsten und größesten Demant des osmanischen Schatzes. Vermuthlich war dieß derselbe Demant, der im 22sten Jahre der Regierung des Kaisers Justinian, bei einem öffentlichen Aufzuge aus dem Throngeschmeide dieses reichen Fürsten verloren gegangen war. -- Die byzantinischen Herrscher hatten noch andre, kostbarere Gaben, die ihnen anvertraut gewesen, verloren; möge eine künftige, glücklichere Zeit dieses Landes sie wieder auffinden und sie besser benutzen als Jene dieß gethan. Von dem alten Pallast des Hebdomon oder Tekir-Serai ritten wir weiter am Innren der Stadtmauer hin, bis zum ~Adrianopelthore~ oder ~Edrene Kapussi~. Dieses Thor führte in der Zeit der Byzantiner den Namen des vielmännrigen (polyandros). Diesen Namen: Thor des Männergedränges empfieng es unter der Regierung des jüngeren Theodosius. Denn als ein furchtbares Erdbeben im 31sten Regierungsjahre dieses Kaisers die Mauern der Stadt, sowohl die alten, welche 100 Jahre vorher Constantin der Große, als auch die neuen, welche Anthemius während der Minderjährigkeit des jüngeren Theodosius errichtete, niedergestürzt hatte, und der Kaiser den damaligen Präfekten der Stadt, Cyrus-Constantinus genannt, Befehl gab, die zertrümmerten Werke neu zu erbauen, da wollte dieser, wie vor ihm Anthemius in zwei Monaten die riesenhafte Aufgabe vollenden, obgleich ihm nicht wie diesem die Einrichtung nur einzelner, großer Stücke, sondern der gesammten Stadtmauern oblag. Hierzu setzte er als den wirksamsten Hebel den Wetteifer, der beständig unter einander ehrsüchtig sich aufreizenden Rennpartheien in Bewegung, denn während die Grünen oder die Prasiner am Hafen bei dem hölzernen Thore (Xyloporta), in der Gegend, durch welche heutigen Tages der Weg von der Stadt nach Ejub führet, bis hieher ans Adrianopelthor die Mauern baueten, hatten die Blauen oder Veneter die Aufgabe, die Strecke vom goldnen Thore, gegen den Propontis hin, bis zum Adrianopelthor zu erneuern. Bei diesem, in der Mitte der beiden Strecken gelegnen Thore, begegneten sich dann beim Hinein- und Herausgehen die Arbeiter der beiden Partheien und machten hierdurch dasselbe wirklich zu einem Punkte des lebhaftesten Volksgedränges. Wir wendeten uns vom Thore einwärts, um einige in der Nachbarschaft desselben gelegne Merkwürdigkeiten zu betrachten. Die zunächst liegende ist jene große, schöne Moschee, ganz nahe beim Thore, welche die Sultanin Mihrmah oder Sonnenmond, die Tochter Suleimans des Großen und der Roxelane zugleich mit einer andren nach ihrem Namen genannten in Skutari, wie man erzählt, von dem Werthe eines einzigen ihrer Pantoffeln erbauen ließ. Ein Bad und ein Markt, so wie die von hohen Platanen beschatteten Wohnungen der Studirenden, im Vorhof der Moschee, sind die wichtigsten Nebengebäude von dieser. Von hier an, wie an mehreren Punkten des nach der Landseite hingekehrten Theiles der Stadt, den wir heute besuchten, kamen wir durch so vereinsamte, menschenleere Gassen und vorüber an so armseligen Hütten, daß es schien als hätten die Bewohner ihren alten Grund und Boden den verwilderten Hunden, die hier in ganzen Schaaren hausten, das verfallene Dach aber der vormals bedeckten Hallen den Fledermäusen und Spatzen zur Wohnung überlassen. Ich habe in keiner andren auf dieser Reise gesehenen Stadt des türkischen Reiches so menschenleere Plätze gesehen, als stellenweise die Hauptstadt in sich fasset, welche hierin mit der lebendig bewegten, überall reich bewohnten, wohlgebauten Hauptstadt Aegyptens, mit Cairo, einen auffallenden Contrast bildet. Unser Abweg führte uns unter andrem zu der Moschee ~Kahrije Dschamissi~, vormals eine von Justinian erbaute Kirche, in welcher das, wie man glaubte, vom h. Apostel Lucas gemalte Bildniß der Mutter Gottes Hodegedria (Wegweiserin) genannt, aufbewahrt wurde, welches die Türken, bei der Eroberung der Stadt in 4 Stücken zerhieben. Wir sahen dann einige jener osmanischen Gebäude, welche die Ohnmacht der letzten byzantinischen Herrscher noch vor der Eroberung der Stadt von ihren Drängern sich aufzwingen ließen. An einer Stelle, welche wieder besser gebaut und besser bevölkert erschien, begegnete uns ein armenischer Hochzeitzug; anderwärts eine Reihe beladener Lastthiere der Holzverkäufer. Wir hatten uns auf die Höhe des fünften Hügels der Stadt, zur ~Moschee des Sultan Selims~ +I.+, des gestrengen Vaters des großen Suleiman hingelenkt, welche in den Jahren 1520 bis 26 erbaut ist. In den Hallen des mit Marmor gepflasterten Vorhofes prangen 20 Säulen aus kostbarem Granit und vielfarbigem Marmor, zwischen hohen Zypressen spielt das Wasser einer Fontäne und auch außerhalb dem Vorhofe geben zwei unterirdische Springbrunnen, zu denen 52 Stufen hinabführen, eine größere Menge von Wasser als die hier nachbarlich angränzenden Bewohner des Stadttheiles bedürfen. Die Kuppel dieser, nicht sonderlich hoch erscheinenden Moschee soll im Durchmesser noch um eine Spanne größer seyn als die Kuppel der Aja Sophia. -- Nicht fern von der Selimsmoschee sieht man auch eine jener alten Cisternen, an denen das alte Byzanz so überreich war, bis Kaiser Heraklius, nachdem sein Hofastrolog Stephanus ihm geweissagt hatte, er werde im Wasser umkommen, die meisten derselben austrocknen und zu Gärten machen ließ. Die bei der Selimsmoschee gelegne ~Cisterne des h. Petrus~ hatte der Kaiser Manuel Comnenus begründet; sie ist im Viereck gebaut und jede der Seiten misset 460 Fuß, die Dicke der Mauern beträgt sechszehn Fuß; sie ragen heutiges Tages etwa nur noch sechs Fuß über den Schutt und die Ausfüllungsmasse des Innren hervor, welches einst, da es noch unverschüttet war, über 6 Millionen Cubikfuß Wasser fassen konnte. Wir kehrten wieder nach der Gegend des Adrianopelthores zurück. Von diesem gen Süden, da wo der Lykus, der sich uns nur als armseliges Bächlein zeigte, herein in die Stadt fließt, kommt man durch das Quartier der Zigeuner, deren weit verbreitete Schaaren, hier, in der Hauptstadt der Türkei, einen ihrer wichtigsten Halt- und Mittelpunkte haben. Wie ein Schwarm von krächzenden Krähen und Todtenvögeln, hat sich dieses, in seinem ganzen Wesen räthselhafte Volk hier um einen Punkt der Stadt versammlet, der vor allen andren die tiefergreifendsten Erinnerungen an Tod und Vernichtung erweckt. Da, auf dem jetzigen ~Top Kapu~ oder ~Kanonenthore~, dem St. Romanusthor der Byzantiner, fiel der letzte der Paläologen, der letzte Herrscher des griechischen Kaiserthrones, Constantin der Blutzeuge, als christlicher Held; im Kampfe für den Glauben der Väter und für sein Volk. Das Abendroth pfleget, wenn es recht hochfarbig ist und weit sich verbreitet, ein gutes Vorzeichen für den künftigen Tag zu seyn. Als dieses Blut des edelsten der Paläologen aus dem Herzen floß, welches der Liebe zu Gott und den Brüdern geweiht war, da war auch die Abendstunde des oströmischen Reiches gekommen, und wie ein Abendroth färbte dasselbe hochansteigend und weithin die letzten Blätter der byzantinischen Geschichtsbücher. Die Nacht kam seitdem über das Land und sie hat lang gewährt. Aber schon dämmert in der Ferne vielleicht der Morgen und der neue Tag wird, dieß verkündete das Abendroth, schön seyn. Nach dem mehrstündigen Herumwandeln in den engen, schmutzigen Gassen der Stadt und nach dem Verweilen bei manchen trüben Erinnerungen gewährte es eine Erquickung für Auge und Herz als wir jenseits des verschlossenen Thores aus dem ~Neuthor~ (~Jeni-Kapussi~) hinaustraten vor die Mauern der Stadt ins Freie. Von hier rechts (gegen N. O.) gelangt man in die weite Ebene von ~Daudpascha~, die sich bis nahe an die Mauern der Stadt hinanzieht, und die zum Versammlungs- wie zum Musterungsort der türkischen Armeen dient, welche von Constantinopel aus gegen die Länder des Westens ziehen. Unser diesmaliger Weg führte aber zuerst südwärts eine zeitlang neben den Denksteinen und Zypressen der türkischen Grabstätten vorbei, die sich hier nahe an der Stadt hinziehen; auf der andern Seite ragten die alten, von Epheu umsponnenen Mauern. Bei dem Thore von Silivri wendeten wir uns hinauswärts nach dem lieblich, im Schatten der hohen Bäume gelegnen armenischen Wallfahrtsorte von ~Balikli~. Die dortige griechische Kirche, am heiligen Quell, hatte zuerst Justinian aus dem vom Bau der Sophienkirche übrig gebliebenen Material erbauen lassen, und auch nach ihrer Verheerung durch die Bulgaren, im Jahr 929, wurde sie durch den Kaiser Romanus stattlich wieder aufgerichtet. Es wurden hier vormals in der tief gelegnen Cisterne, welche aus dem Quell ihr Wasser empfängt, die für wunderbar gehaltnen goldenen, heut zu Tage die »gebratenen« Fische gezeigt, welche wenigstens durch die bräunliche Farbe den Anschein tragen als wären sie, dem Rost entgangen, hier im Quell wieder lebend geworden. Auch wir giengen, durch die Menge der Almosen begehrenden Krüppel und Bettler hinein ins Gebäude und stiegen hinab ins Gewölbe an der Cisterne, in deren nur von einem dämmernden Lichte beleuchteten Wasser die gebratenen Fische herumschwimmen sollen. Wir bekamen aber wenig von ihnen zu sehen und der hier Aufsicht haltende griechische Geistliche schien keine Lust zu haben, uns europäisch gekleideten Fremdlingen seine wunderbaren Thiere näher zu zeigen. Interessanter als das Wasser des Quells fanden wir die herrliche Aussicht auf dem Hügel von Balikli, weithin über Meer und Land. Die Armenier haben in dieser Gegend eine Begräbnißstätte; der Hauptgegenstand ihrer häufigen Besuche und Wallfahrten ist jedoch das Grab eines ihrer Märtyrer, des Comidas, der im Jahr 1707 auf Befehl des damaligen Großwessirs hingerichtet wurde. Es machte einen ganz eigenthümlichen, beruhigenden Eindruck auf uns in der Unruhe und Sorge des Reisens Begriffene, als wir uns da unter den schattigen Baumgruppen die ruhig bei ihrem einfachen Mittagsbrod sitzenden Familien der Wallfahrer oder Lustwandler betrachteten. Ja freilich ists eine schöne Sache um das ruhige, stille Daheimseyn mit und bei den Seinen, doch hat die große Gotteswelt auch da außen in der Fremde und Ferne ihre Altäre, bei denen der flüchtige Vogel des Sehnen's nach dem stillen Heim einen Ruheort finden kann. Das arme Morgenland, dessen äußerer Friede so oft und viel durch Kampf und Krieg der Natur wie der Menschenhand gestört wird, begrüßt wenigstens mit dem Munde sich und jeden Wandrer, der ihm begegnet, mit dem Gruß und Wunsch des Friedens und spricht dadurch sein unauslöschliches Heimweh nach der Segensfülle jenes Friedens aus, der einst in seiner Mitte seinen Quell und Wohnsitz hatte. Ist doch noch jetzt, wenigstens äußerlich, eine Stille und Ruhe hier zu Hause, wie ich sie in und bei volkreichen Städten von Europa niemals gefunden. Der Gesang der Muesin von den Minare's verkündigte eben, daß der Mittag vorüber sey, als wir uns wieder in der Nähe der alten Stadtmauern befanden. Wir ritten lange schweigend an dem Gemäuer hin; sein Anblick weckt Gedanken, wie dieß nur selten und an wenig Punkten das todte Gestein es vermag. Dieser Thron der Herrscher, gegründet an den Gränzen zweier Welttheile und zweier Weltenzeiten, hat seine Fuße zu vertrauensvoll auf dem schnell vorübereilenden Strom der Lust der Augen und der andern Sinne gesetzt; ein Boden, welcher, eben weil er ein immer rinnender Strom ist, seinem Besitzer niemals lange Treue hält. Wie Helena's leicht anlockender Reiz ward dieses »goldne Horn« des Bosporus und Propontis ein nach Ambra duftender Köder, der die Räuber, wie scharfzähnige Hayen, aus allen Gegenden hieher lockte; die Stadt Constantins glich einer Wohnung an vielbesuchter Straße, durch welche mit lautem Getös der Heerpauken und Waffen die kämpfenden Schaaren vieler Völker zogen, und deren Aussicht zwar dem Besitzer Unterhaltung genug, zugleich aber Unruhe und Unsicherheit des Besitzes bringt. Vier und zwanzig Mal ward diese Stadt von Feinden bestürmt und belagert[67], nur wenige Male aber ward sie von ihnen eingenommen. Denn abgesehen von den 3 frühern noch in die Zeiten der heidnischen Herrschaft fallenden Eroberungen des alten Byzanz durch Alcibiades, Severus und Constantin, schlug das christliche Constantinopel von 616 an vierzehn schwere Belagerungen zurück, ward erst in der fünfzehnten (1204) durch die Lateiner genommen und furchtbar verheert, dann 1261 durch Michaël den Paläologen wieder eingenommen erhielt es noch, freilich bereits im Zustand eines Sterbenden 192 Jahre Frist zur Bestellung seines morschen Hauses, bis dieses vielfach verschuldete Haus den Osmanen anheim fiel. Wie fest und gewaltig erscheint der Bau dieser von Mahoammed +II.+, dem Eroberer, von Grund auf neu errichteten, dann von dem Wütherich Murad +IV.+ im J. 1635 und zuletzt von Achmed +III.+ im Jahr 1721 ausgebesserten und verstärkten Mauern, und doch zeigt er sich schon wieder an vielen Stellen von den Zinnen herab bis an den Boden zerrissen und zerspalten; das todte Gestein, eben weil es ein Todtes war, hat den Angriffen des Erdbebens erliegen müssen, nur das Lebende: der Epheu, der es umschlingt, hat sich unverletzt erhalten. Die weitklaffenden Risse aber jener Todtgebornen, gegenüber den Tausenden der Grabsteine und der neu, für die Schaaren, welche der Pest erlagen, erst heute geöffneten Gräber reden zu dem Auge des Wanderers aus Westen eine beredte Sprache. »Nicht deine Macht«, so sagen sie, »du Volk des Westens und Nordens hat mich so gebeugt und zerrissen, sondern die Hand des Allmächtigen hat mir diese Wunden geschlagen; der Schrecken von Gott hat meine Mauern gerührt und erschüttert.« Wir zogen jetzt hinein zu dem Nachbarthore der ~sieben Thürme~, zu dem ~Jedi Kulleler Kapussi~ und naheten uns den eisernen Pforten dieser, seit den Zeiten der Osmanen zu einer Behausung des Jammers und der Todesnoth gewordnen Veste. Das Schloß der sieben Thürme, welches Mahommed +II.+ nach seinem jetzigen Umriß und in seiner jetzigen Gestalt neu erbauen ließ, war das ~Cyklobion~ der alten Byzantiner; der festeste Punkt an der Stadtmauer der Landseite. Hier, zwischen den beiden massiv, aus mächtigen Quadern zusammengefügten, viereckigen Thürmen, an denen noch jetzt die Spuren der römischen Adler an ihren Byzantinischen Erbauer Kantakuzenus (im Jahr 1345) erinnern, öffnete sich gegen den jetzigen Stadtgraben hin das vormals mit den herrlichsten Kunstwerken ausgezierte goldene Thor, durch welches die Byzantinischen Herrscher ihre Triumpheinzüge in die Stadt hielten. Das Ganze des Schloßes bildet ein Fünfeck; außer den beiden alten, eben erwähnten Thürmen, welche in der Mitte der einen der fünf Seiten stehen, erhub sich an jeder der fünf Ecken ein Thurm, von denen der eine der nachbarlichen Eckthürme des ehemaligen goldnen Thores durch Erdbeben, im vorigen Jahrhundert zerschmettert ward, so daß anjetzt eigentlich nur 6 Thürme vorhanden sind, unter denen jener, welcher links vom Eingang stehet, mit seinem obern Stockwerk am höchsten (bis über 180 Fuß) sich erhebt. Auch die viereckten Thürme, zu beiden Seiten des goldnen Thores, mit der noch immer architektonisch imposanten, sie beide verbindenden Mauer, ragen 100 Fuß hoch empor. In dem einen dieser beiden alten Thürme ist das furchtbare Gefängniß mit dem Blutbrunnen; so genannt, weil in ihn die Köpfe der Hingerichteten geworfen wurden. Waren es doch nicht allein die nicht zum Throne geborenen Einheimischen und Fremden, welche in dieser Todesburg als Opfer der Osmanischen Tirannei fielen, sondern hier, in dem Schloß der sieben Thürme erlag auch ein Herrscher dieses Hauses selber, Osman +II.+ der Hand seiner Mörder. Der Eingang in das Schloß war uns, durch Freund Mührs Verwendung leicht gebahnt; auf dem Hofraum zeigen sich riesenhaft große, eiserne Kugeln aufgehäuft; an der einen Seite stehet das Haus des Aga, sonst die gewöhnliche Wohnung der hier gefangen gehaltnen vornehmeren Unterthanen der europäischen christlichen Mächte, welche das Unglück des Krieges in diese Banden führte. Zu unsrer Zeit ward eine lebendige Löwin in einem Käfig des Schloßhofes gefangen gehalten. Die schöne Aussicht auf einer der Plattformen läßt es dem Wandrer, bei ihrem Genusse, hier in der Nähe des Blutbrunnens nicht recht wohl und heimathlich werden. Durch manche verödet aussehende, öfters von hohen Bäumen beschattete oder mit Gras bewachsne Gassen und Plätze, zogen wir, von dem Schloß der sieben Thürme aus, immer in der Nähe des Meeres hin, nach der Gegend des Sandthores oder ~Psammatia Kapussi~. Ziemlich nahe bei einander finden sich hier die alte, griechische ~Kirche des heiligen Polykarpos~, mit Spuren von unterirdischen Anlagen und die neue, erst seit wenig Jahrzehenden erbaute ~Patriarchatkirche der Armenier~. Für Reisende, welche vielleicht weniger anderweitige Gelegenheit finden große armenische Kirchen zu sehen, wird das Hineintreten in diese nicht ohne besondres Interesse seyn. Man siehet in ihrem Innren keine Bänke, wie in andren Kirchen; der Fußboden ist, wie in den Moscheen, mit Binsenmatten und Teppichen bedeckt; eben so wie in den Moscheen zeigen sich zwischen den Hängeleuchtern, die an langen Schnüren schwebenden, mit Goldflittern verzierten Straußeneier. Das Allerheiligste stehet auf einer Art von niedriger Emporkirche, welche den hintren Theil des Kirchenschiffes seiner Breite nach einnimmt und auf welcher drei Altäre stehen, deren mittelster der Hochaltar ist. Der Weg von diesem zu den Seitenaltären ist durch eine vorstehende Wand verdeckt; beim Gottesdienst, welcher in den frühesten Stunden des Tages, selbst im Sommer vor Sonnenaufgang gehalten wird, wandelt der Priester, in Begleitung der Diakonen, mit feierlichem Chorgesang bald vor den Altären, bald hinter den Mauern jener Gänge und hinter dem Hochaltar[68]. Die Kirche selber hat drei Abtheilungen, eine für die Frauen, zwei andre für die Männer; die buntfarbigen Gläser der Kronleuchter wie die blaue Fayence, welche, mit mannichfachen Zeichnungen verziert, die Wände des Allerheiligsten bedeckt, macht einen angenehmen Eindruck aufs Auge, Werke jedoch einer höheren Kunst darf man weder hier noch wohl auch in andren armenischen Kirchen des Morgenlandes suchen, wenigstens fanden wir auf den Wegen unsrer weiteren Reise nichts dergleichen; die Kunst der Armenier weiß nur in der Art und Sprache der Kinder zum Auge zu reden; bloß der Festigkeit des Baues gedenkend gilt ihr selbst das marmorne Kunstwerk einer früheren Zeit nur als Baustein, wie denn bei der Errichtung dieser armenischen Kirche wirklich in dem alten, zum Bau benutzten Gemäuer eine vielleicht beachtenswerte Statue gefunden, alsbald aber wieder in den Bau der neuen Mauern hineingefügt wurde[69]. Ein Reisegefährte, der uns später durch Kleinasien begleitete, Jusuf Effendi, selber ein Armenier von Geburt, pflegte seine Landsleute, wenn ihm welche begegneten, scherzhaft zu fragen, was der Koch Mohammeds mache, denn dieser war nach der Sage der Moslimen ein Armenier von Geburt. Das Amt und Geschäft der Bereitung der Speise ist ein ehrenwerthes, möge es nur immer auch in geistiger Hinsicht in der Kirche der Armenier auf recht kräftige, gute Weise geübt werden, dann vergißt man an dem reinlichen Gewand des Koches gern den Mangel der Zierrathen. Nordwärts von hier erhebt sich der Saum des siebenten Hügels der Stadt, auf welchem, in der Gegend des jetzigen Weibermarktes, oder ~Avret Bazar~, einst das +Forum Arcadii+ mit seinen vielfachen Bildwerken und mit der Säule des Arkadius sich befand, von deren Fußgestell nur wenige Spuren geblieben sind. Die Richtung unsres diesmaligen Weges blieb jedoch näher dem Meere; sie zog sich neben dem ~Vlanga-bostan~, wo zur Zeit des großen Constantin ein künstlicher Hafen bestund (der eleutherische genannt), durch einen Theil des Stadtviertels der Armenier nach dem Bezirk ~Condoscale~, der meist von den Griechen und Juden bewohnt ist. Während der Sumpf und Moorboden des alten, eleutherischen Hafens, an welchem wir kurz vorher vorüber kamen, mit grünenden Gemüsefeldern bedeckt und bekleidet ist, findet sich in diesem Stadtviertel ein Sumpf von andrer, sittlicher Art, dessen losen, bösen Grund keine menschliche Kraft noch Kunst mit erfrischendem Grün zu bekleiden vermag; es sind hier die verrufensten Stätten der niedrigsten Laster und Bübereien. Weniger Furcht und Ekel erregte der Anblick der Pestleichen, welche weiterhin in den von Türken bewohnten Gassen neben uns vorübergetragen wurden, so wie der Anblick eines Sterbenden, den die Verwandten herausgetragen hatten vor die Thüre, an die Wärme der Sonne. Lieber möchte man mit diesem Sterbenden sterben, als mit dem bübischen Gesindel leben, das in dem armen Condoscale seine Schlupfwinkel hat. Am Nachmittag ruheten wir, auf die Mühe der langen Wanderungen, unter den luftigen Hallen am großen Hafen, bei einem berühmten Kaffeehaus, in welchem der geübteste und beliebteste unter allen jetzigen Mährchenerzählern der Hauptstadt die Schaaren der um ihn Versammleten mit seinen morgenländischen Sprüchen und Dichtungen zu unterhalten pflegt. Den Erzähler selber fanden wir heute nicht, aber das Andenken an alles Das, was wir an diesem Tage gesehen, gestaltete sich in unsrer Seele auch ohne ihn wie eine seiner Sagen aus dem Zypressenhaine von Ejub, wie die Sage von jenem alten Fahnenträger, dessen Geist, nachdem der Leib schon vor achthundert Jahren sich zur Ruhe gelegt, Thaten des Helden wirkte. Denn so liegt auch das sichtbare Wesen des alten Byzanz unter dem prachtvollen Grabgewölbe, welches das Osmanische Stambul über seiner Asche bildet; das unsichtbare Wesen aber des Geistes, der einst hier lebte, wirket doch im Verborgnen noch fort und wird das Werk, welches er begonnen, in der künftigen Zeiten Lauf vollenden. -- Statt des Mährchenerzählers ergözte ein Zitterspieler das Ohr der Gäste; die Melodie klang fröhlich, der Inhalt des Liedes war eine Art von Todtenklage. So wirket auch der Anblick von Constantinopel auf den Betrachtenden wie ein Lied, dessen Melodie eine fröhlich scheinende, dessen Text aber ein sehr ernster ist. Auf unsrer Heimfahrt, über den Hafen hinüber nach Galata hatten wir das Glück den Großsultan zu sehen, der in seiner prächtigen, offnen Barke ganz nahe an uns vorüberfuhr. Nicht ohne besondres Interesse betrachteten wir diesen Mann, dessen Bestimmung es scheint seinem Volk das allmälige Hinüberwachsen in eine neue, höhere Stufe der geistigen Gestaltung und Ausbildung zu erleichtern. Die Vorstädte und Umgegend von Constantinopel. Einer jener armen Fischer aus Bethsaida am See Tiberias, welche der Herr zu Menschenfischern geweiht hatte, Andreas der Apostel, der Bruder des heiligen Petrus, war auf seiner Reise, die er im Dienst seines Herrn hinaus durch den Bosporus nach dem schwarzen Meere machte, hieher in die Gegend des jetzigen ~Galata~ gekommen, wo er, so erzählt die fromme Sage, mit eigner Hand dem todten Felsenstein das Erinnerungszeichen an Den, welchen seine Seele liebte: die Form eines Kreuzes aufprägte. Und bald nachher gelang es ihm den Namen Dessen, an den das Kreuz erinnert, nicht bloß dem starren Felsen, sondern den lebenden Herzen der Bewohner dieser Gegend einzuschreiben; das arme Volk am Gestade bei Hieron, dem jetzigen Skutari, wie in Byzanz selber, vor allem die Einwohner jenes Stadttheiles, der am jetzigen Fanal lag, nahmen willig die große Botschaft der Freude und des Friedens auf, welche der Apostel ihnen verkündete. Zwei Jahre lang bewohnte dieser, als die Tyrannei des damaligen Herrschers von Byzanz, des Zeuxippos, aus der Stadt selber ihn vertrieben, die Landschaft, welche nordwestwärts von Galata, diesseits ~Piri Pascha~, auf der Thrazischen Seite des Hafens liegt, und säete von hier aus die ersten Samen einer byzantinischen Christengemeide, die nachmals unter Sonnenhitze und Sturm so manche gute Garbe trug. So war dieses so oft verheerte und zur Wüste gewordene, und dennoch stets, aus tief inwohnender, unzerstörbarer Kraft immer wieder neu aufgrünende Paradies, hier um Galata und bei dem gegenüber gelegnen Skutari einst mit den gesegneten Fußtapfen eines Apostels des Herrn bezeichnet; die Christenkirche der östlichen Roma nennt als den ersten ihrer Engel Andreas, den Bruder jenes Apostels den die westliche Roma als ihren Engel verehrt. Freilich sind jene Spuren eines Wandelns der geistigen Kräfte über den leicht verwehenden, veränderlichen Staub in dem jetzigen Galata und Byzanz kaum noch erkennbar; Disteln und Dornen bedecken das Ackerfeld; Trümmer und Schutthaufen verhüllen den Weg, auf welchem vormals die Boten des Friedens einhergiengen, aber noch immer ist ein Nachhall jener lebenskräftigen Erinnerungen, welche diese Gegend da im Herzen der Christen wecken sollte, bei einem Volke zurückgeblieben, das dem der Christen, wie der Fels, der das Echo giebt, der tönenden Stimme gerade gegenübersteht: bei den Türken. Merkwürdiges Volk, das gleich der Grasmücke im Dornengebüsch durch einen unwiderstehlichen Naturtrieb sich gedrungen fühlt das verlassene Ei des Kukuks auszubrüten und des verwaisten Keimes eines künftigen Lebens zu pflegen, bist du etwa selber der todte, starre Felsenstein, dem die Kraft des Geistes die Form eines Erinnerungszeichens an den Geliebten einprägte; der Felsenstein, welcher ohne dies zu wollen und zu wissen von einem Leben zeugen muß, das ihm noch fremd ist? Man erzählt, daß in jener Zeit als durch Napoleons Macht ein großer Theil der vollendetsten Kunstwerke des Alterthumes in Paris zusammengedrängt war, ein Gärtnermädchen fast täglich zu diesen Bildwerken kam und vor allem die Statue des Belvederischen Apolls mit Bewunderung und mit einer Art von Ehrfurcht betrachtete. Sie, welche niemals von Opfern und Gaben, die man einst in der Zeit der Heiden jenem Bilde darbrachte, etwas vernommen, fühlt sich zuletzt innerlich gedrungen, jeden Morgen, an welchem sie den Besuch wiederholt, der Götterstatue eine Spende der Blumen und Gartenerzeugnisse zu bringen. So hatte der Geist des Künstlers dem Marmorgestein eine Ehrfurcht gebietende Gewalt aufgeprägt, die nach Jahrhunderten noch fortwirkte, und es war als haftete an dem Bilde eine besondre, magische Kraft, welche die irregeleitete Vergötterung der anbetenden Menschenseelen in dasselbe gelegt hatte. Wenn aber der Menschengeist schon in diesem minderkräftigen Kreise ein Werk der Uebertragung seines innren Bewegens an ein fremdes, späteres Geschlecht, durch das an sich todte Erinnerungszeichen vermochte, wie sollte er dieses Werkes nicht fähig gewesen seyn, wo jener Glaube ihn erfüllte, welcher Leben schaffet und Leben wirket allerwärts, wohin sein Odem wehet. Gewiß ist, daß die Moslimen allenthalben, wo sie den dunklen Schatten ihrer Herrschaft über Stätten der christlichen Verehrung warfen, alsbald diese Stätten selber zum Gegenstand der lebhaftesten und eifersüchtigsten Verehrung machten, wie dies die Aja Sophia in Constantinopel, der Tempel Morija's zu Jerusalem, die Kirche über der zwiefachen Höhle zu Hebron, und eine Menge der andren vormals christlichen Heiligthümer bezeugen. Der Grund, weshalb hier an der Thrazischen Küste bei Galata und Piri-Pascha und hinanwärts am Meeresarm des Hafens bis zu den süßen Wassern die Andacht der Türken ihre Tritte so ganz in die Fußtapfen einer früheren christlichen Verehrung dieser Oertlichkeit setzte, ist übrigens noch ein andrer, unmittelbar geschichtlicher. Während der sieben Belagerungen von Constantinopel durch die Araber, vorzüglich aber während der dritten, welche sieben Jahre dauerte und bei der sich mehrere alte Waffengefährten des Propheten befanden, wurde das gegenübergelegne Ejub, so wie hier diese Ufergegenden, nord-westwärts von Galata eine Stätte der Kämpfe und der Gräber vieler, von den Moslimen für heilig gehaltner Verehrer des Islams. Wie deshalb der griechische Patriarch ~Nicolaus~ der Exeget bei ~Südlidsche~ dem Milchdorf, das schon zu den Zeiten der Byzantiner ~Galakrene~ (Milchquell) hieß, ein Kloster erbaute, in welchem er in stiller Zurückgezogenheit den Betrachtungen und Forschungen der h. Schrift lebte, so wohnten auch hier die Zeitgenossen und Freunde Suleimans des Großen, der weise Ausleger des Korans Ebus-suud und der mächtige Feldherr Sokolli Mohammed Pascha. Weiter am Hafen her gegen Galata, vorüber an der großen Ankergießerei, in der Vorstadt ~Piri-Pascha~, welche meist von Griechen, Armeniern und Juden bewohnt ist, finden sich nachbarlich beisammen die Moscheen der Türken und die Kirchen der Christen; Weihbrunnen, davon der eine jenen, der andre diesen werthvoll erscheint. Hier beginnt dann die Reihe der den Christen wie den Israëliten und Mohammedanern heiligen Grabstätten, welche in der älteren Zeit Piri-Pascha zu einem Wallfahrtsort der Byzantiner machten, während bei der nachbarlich angränzenden Vorstadt ~Chasskoi~, welche ganz von Juden bewohnt ist, die Menge der Israëlitischen Leichensteine schon von ferne ins Auge fällt, und die Grabstätten der großen, mit den ansehnlichsten Gebäuden verzierten Vorstadt ~Kassim Pascha~, noch fortwährend, eben so wie Ejub, ein Wallfahrtsort der Moslimen sind. Denn hier, hinter dem mächtigen Gebäude des Arsenals waren vormals und sind zum Theil noch die Denkmäler der in den sieben Belagerungen Constantinopels durch die Araber gefallenen Kämpfer, so wie die Gräber mehrerer Stifter jener geistlichen Orden zu sehen, deren Klöster in Kassim Pascha zusammengedrängt stehen. Unter den alten Grabmälern wird auch das des ~Meitsade~, des Grabgebornen genannt, der wie die alte Sage gehet von seiner Mutter, die am Ende der Schwangerschaft starb, erst nach dem Tode geboren und lebend dem Grabe entnommen ward[70]. Die Vorstadt ~Kassim Pascha~[71] mit ihrem großen Arsenal, ihren Brücken, von denen die eine, ansehnlichste, zu unsrer Zeit eben im Bau war, fällt von Pera, wo wir wohnten, so nahe und so deutlich ins Auge, daß ich noch einige Worte über dieselbe hinzufüge. Sie ist einer der wichtigsten Punkte des Osmanischen Reiches, ein Grundstein seiner Herrschermacht, denn hier werden die meisten Türkischen Kriegsschiffe erbaut und ausgerüstet. Alle die Gebäude, welche der Zimmerung und der Zurüstung jener Schiffe dienen, nehmen einen weiten Raum am Ufer ein; bei dem eigentlichen Arsenal findet sich das Admiralitätsgebäude und etwas höher gelegen der Pallast des Kapudan-Pascha. Nicht gar fern von diesem Wohnsitz der Sinnenlust türkischer Pascha's findet sich eine Behausung vielfältigen Jammers der Christen, das ~Bagno~ oder Sklavengefängniß, in welchem sonst Tausende der christlichen Kriegsgefangenen als Galeerensclaven eingesperrt waren und die unmenschlichste Behandlung der Türken erduldeten. Die Geschichte der Brüder des Trinitarierordens, welche eine Menge dieser Unglücklichen loskauften, so wie die des edlen Britten, des Admirals ~Sir Sidney Smith~, dessen vielvermögende Fürsprache den Franzosen, die bei dem ägyptischen Feldzug in türkische Gefangenschaft gerathen waren, die Befreiung aus dem Bagno bewirkte, lässet auf diesen Sitz des Jammers einen erheiternden Strahl fallen. Das Arsenal verdankt seine spätere Erweiterung und zweckmäßigere Einrichtung vornämlich zwei unglücklichen Seeschlachten der Türken: jener von Lepanto, im Jahr 1571 (am 8ten October) und der von Tschesme im Jahr 1770. Denn als bei Lepanto der ritterlich kühne Don Juan von Oesterreich mit einer Flotte der verbündeten christlichen Mächte Spaniens und Italiens die um ein Drittel der Streitkräfte mächtigere Flotte der Türken fast ganz vernichtet und genommen hatte, da war Uladsch, oder wie er nachmals hieß, Kilidsch Pascha, ein Renegat, durch kluge Tapferkeit mit dem Rest der Flotte dem allgemeinen Untergang entronnen und in den Hafen von Constantinopel zurückgekehrt. Während die christlichen Mächte, durch ihre innre Uneinigkeit diesen günstigen Augenblick, die Macht des gemeinsamen Feindes auf immer zu brechen oder zu demüthigen vorübergehen ließen und nur die damalige Kunst dem Andenken an diesen herrlichen Sieg die Dauer der Jahrhunderte verlieh[72], wendete der sachkundige und unermüdet thätige Renegat alle Zeit und Kräfte auf den Bau einer neuen Flotte, welche besser und mächtiger ausgerüstet als die verlorne, schon nach 8 Monaten zum Auslaufen bereit war. So hatte sich für jenesmal die Großsprecherei des Sultan Selims +II.+, des Trunkenboldes, bewährt, als dieser zu dem Venetianischen Botschafter, der nach der Schlacht von Lepanto ihm aufwartete, sagte: »wir haben euch, da wir euch ein Reich (Cypern im Jahr 1570) entrissen, einen Arm abgehauen, ihr, indem ihr unsre Flotte schlugt, uns den Bart geschoren; der abgehauene Arm wächst nicht wieder nach, der abgeschorne Bart nur um so dichter.« Die Macht der Osmanen jener der Christen gegenüber erhielt nur dadurch ihr furchtbares Uebergewicht, daß jene einmüthig und unzertheilt, nur die Waffen mit sich in den Krieg brachten, während die Macht der Christen, vielköpfig und vielgetheilt, mit dem belastenden Gepäck ihrer kleinlichen politischen Interessen ins Feld zog. Wie einig und ernst der Sinn der beiden damaligen, noch von Suleiman dem Großen an seinen ihm so ungleichen Sohn vererbten Minister Ebus-suud und Mohammed Sokolli nur auf Abwehr der Gefahr, mit Aufopferung aller kleinlichen Bedenklichkeiten gerichtet war, das bewies die Aeußerung des letzteren gegen den Kilidsch Pascha, als dieser um Herbeischaffung der Anker für die 250 neuen Kriegsschiffe verlegen war: »und wenn es befohlen würde die Anker von Silber, das Tauwerk von Seide, die Segel aus Atlas herbeizuschaffen, so sollte dies möglich werden.« Damals, wo dem Admiral der Flotte jedes Ansuchen gewährt und alles erlaubt wurde, geschahe die erste große Erweiterung des Arsenals, sogar auf Kosten der großherrlichen Gärten und der angränzenden türkischen Grabstätten; das zweite Mal geschahe dieselbe, nach der Vernichtung der türkischen Flotte durch die Russen und Engländer im Hafen von Tschesme, denn auch dieses Mal wurden dem Baron von Tott, einem geborenen Ungarn, welchen Frankreich dem Großsultan empfohlen hatte, alle seine Vorschläge zur Verbesserung des Arsenals bewilligt, so wie in unsern Tagen unter der Leitung einsichtsvoller Seeleute des westlichen Europa's diese mächtigen Anlagen noch immer weitre Vollendung erhielten. Unter den vielen Moscheen der Arsenal-Vorstadt, von denen einige ein Werk des berühmten Sinan sind, zeichnet sich die in der Schlucht gegen den Pfeilplatz (Okmeidan) gelegene Moschee des Piale Pascha (des Eroberers von Chios unter Suleiman) durch ihre prachtvolle Bauart aus. Sie enthält 12 von rothen Granitsäulen getragene Kuppeln; das Metall der Fenstergitter kam, wie man sagt, von dem Metall der eingeschmolzenen christlichen Glocken. Eine herrliche Aussicht genießt man auf der Höhe hinter dem Arsenal. Bei der Moschee Sinans, nicht des Architekten dieses Namens, auch nicht jenes Pascha's Sinan, der 5 mal die Würde des Großwessirs erlangt, 4 mal dieselbe durch Ungnade der Sultane, zum fünften Mal durch den Tod verloren hatte; jenes rohen Feindes aller Christen, aller Dichter, aller tieferen Gelehrsamkeit und höheren Bildung, Freundes dagegen nur des irdischen Mammons[73], sondern des Sinanpaschas, des Bruders Rustems, der bis 1554 die Würde eines Admirals der Flotte, oder Kapudan-Paschas bekleidete. Wer sich einmal recht in die Menge und ins Gedränge der Türken und ihrer Derwische, untermischt von einzelnen französischen und englischen Seeleuten, begeben will, der braucht nur den Marktplatz bei dem ~Kloster der Mewlewis~ in Kassim-Pascha zu besuchen, jenes Klosters, das unter Murad +IV.+ der fromme Derwisch Abdidede von dem Ertrage seiner Handarbeit erbauen ließ. Dort jenseits Kassim-Pascha, gegen Chasskoi hin ist auch der Punkt, von welchem auf einmal an einem für das christliche Constantinopel verhängnißvollen Morgen, im April 1453 zum Schrecken der Belagerten eine türkische Flotille von mehr denn siebenzig Segeln unter dem Schall der Trompeten und Pauken mitten in dem von eisernen Ketten versperrten und bisher so wohl verteidigten Hafen einlief. Mohammed +II.+, den Gott zum Vollstrecker seiner schweren Gerichte über die vielverschuldete Hauptstadt der morgenländischen Christen bestimmt hatte, zeigte auch damals, welche ungeheure und ungewöhnliche Kräfte der Natur dem Wahnsinne, zu dessen Geschlechte die unbändige Zornwuth gehört, zu Gebote stehen, denn er hatte in einer Nacht dieses Geschwader der Kriegsfahrzeuge, von Beschiktasch im Bosporus, über den hüglichen und unebenen Grund hinter Galata und Pera, auf einer Dielenbahn, die mit Ochsenschmalz geglättet war, nahe gegen zwei Stunden Weges heranschleifen, und mit den vom günstigen Winde geschwellten Segeln ins Gewässer des Hafens laufen lassen. So kommt, wenn die Frucht ohnehin zum Abfallen reif und mürbe ist, auch noch der Wind dazu, der die locker sitzende mit einer Gewalt, vom Himmel gesandt, zu Boden wirft. Wir kommen nun allmählig von Piri-Pascha und den jenseits demselben, bis hinan zu den süßen Wassern gelegnen, für Christen wie für Moslimen bedeutungsvollen Gegenden der Küste, unsrer Pilgerherberge während des Aufenthaltes in Constantinopel, in Pera, wieder näher, und verweilen vorerst in der größesten der Vorstädte des europäischen Ufers: in ~Galata~. Wenn nach ~Walsh~[74] die Gesammtzahl der Einwohner von Constantinopel auf 700,000 geschätzt wird und hiervon 200,000 der Halbinsel von Pera zugerechnet werden, so dürfte wohl die Bevölkerung von Galata allein, nach dem was man uns hierüber berichtete, ein Fünftel dieser Bewohnerzahl und darüber umfassen. Der Umfang dieser alten, nach einem gewissen Galatius genannten Vorstadt, zu welcher ursprünglich auch Pera, die »jenseitige« gehörte[75], kommt für sich allein, ohne Pera und das nachbarlich an der Hafenseite angränzende Topchana, nach ~v. Hammers~ Schätzung dem Umfange der Altstadt von Wien, ohne ihre Vorstädte, nahe gleich. Die Häuser liegen theils am Abhange des steilen Felsenhügels gegen Pera hinan, theils in der Ebene am Ufer zwischen den äußersten Schiffsbauwerften von Kassim-Pascha und dem durch seine Stückgießerei berühmten Topchana ausgebreitet. So wie Galata noch jetzt, abgesehen von seinen Moscheen und anderen osmanischen Bauwerken, dem zur See oder zu Lande sich ihm nähernden Fremdling mit seinen alten Mauern und Festungsthürmen ins Auge fällt, ist es großentheils ein Werk der Genueser, welche als mächtige Nachbaren und öfters als Feinde der byzantinischen Hauptstadt vornämlich seit dem Ende des 13ten Jahrhunderts hier festen Fuß faßten. Denn jenes große Vertrauen das die Venetianer, von den Zeiten Justinians in der Mitte des 6ten Jahrhunderts an, bei den Byzantinern gefunden hatten, war durch öftere Handlungen des Uebermuthes jener Republikaner und durch ihre stolze Verachtung der Griechen vielfältig geschwächt, zuletzt aber mit der Eroberung und Verheerung der Stadt durch die Lateiner (1204), woran die Venetianer unter ihrem 90jährigen blinden Dogen Dandolo einen vorzüglichen Antheil genommen, ganz zerstört worden, so daß seit der Wiedereroberung der Hauptstadt durch die byzantinischen Herrscher die Nebenbuhler und Gegner des Freistaats von Venedig, die Genueser, in Constantinopel vorherrschend begünstigt wurden. Von da an war Galata und der Vortheil des Verkehrs der oströmischen Hauptstadt mit den Ländern des Westens in den Händen dieser Kaufleute, welche nur zu oft das äußre Wohl der ganzen Europäischen Christenheit und das Blut von Tausenden der christlichen Kämpfer (wie vor der Schlacht bei Varna und wie bei dem Untergang des christlichen Herrscherthrones von Constantinopel selber) um Geld und Geldeswerth an die Feinde verkauften. Auch Galata bietet dem besuchenden Fremdling einen unvergleichlichen Punkt der weiten Aussicht über sein Innres und über die ganze Umgegend dar, dies ist der große Thurm der oben auf dem Hügel, vor Pera liegt. Da von hier aus die Vorstadt von feindlichen Wurfgeschützen beherrscht und verheert werden konnte, benutzten die Genueser eine Zeit der innren Zerrüttung des Byzantinischen Reiches, während der Bürgerkriege zwischen der Mutter Johannes des Paläologen und seinem Vormunde dem Kaiser Kantakuzenus, um ihren Wohnsitz auch nach dieser Richtung hin zu sichern; sie erbauten während der Abwesenheit des Kaisers den großen Thurm und dehnten den Umfang der Mauern von Galata über einen Theil des Hügels aus (im J. 1348). Bei diesem Baue legten selbst die Weiber mit Hand an und der Kaiser konnte, nach seiner Rückkehr, obgleich mannichfach erbittert durch Feindseligkeiten, die sich seine übermüthigen Nachbarn zu gleicher Zeit gegen die Hauptstadt selber erlaubt hatten, jenes Austreten der fremden Macht aus den ihnen angewiesenen Dämmen nicht mehr verhindern, um so weniger da bald nachher die Genueser mit dem Herrscher der Osmanen, mit Orchan, gegen ihre Erbfeinde, die Venetianer und gegen die Byzantiner sich verbündeten. So ward dieser Thurm, der seine Stirn mit so herausfodernder Kühnheit der Veste der Hauptstadt entgegensetzet, ein Wahrzeichen das schon hundert Jahre vor der türkischen Besitznahme die herannahende Gefahr des Unterganges verkündete, wie noch jetzt der Thurm von Galata ein Erwecker der Angst und Schrecknisse ist, wenn die Trommel der Feuerwächter den Ausbruch der Flammen verkündet, durch welche so oft ganze große Strecken dieser Vorstädte in Schutt und Asche aufgelöst wurden. Man steigt zu der Höhe dieses festen Thurmes auf 146 Stufen hinan. Der Herunterblick auf die engen, vielfach durch einanderlaufenden Gassen, auf die zum Theil nach alten, in genuesischem Geschmack gebauten, oben mit Zinnen bekränzten Häuser, auf die hohen mit 12 Thoren versehenen Mauern von Galata ist weniger anziehend, als der über den Meeresarm des Hafens bis hinan zu den süßen Wassern, über einen Theil des Bosporus und Propontis und über die reiche, das Wasser umsäumende Landschaft; jetzt darf man auch ungescheut, selbst in Gegenwart der durch ein kleines Trinkgeld befreundeten Feuerwache durchs Fernrohr hinüberblicken nach der Hauptstadt und wohin man sonst will, während in frühern Zeiten der türkischen Tyrannei das arglose und vielleicht zufällige Hinüberblicken eines europäischen Fremdlinges durch ein Fernrohr, nach der Gegend des Serai's mit dem Tode bestraft wurde. Die Genueser behielten auch nach der Eroberung von Constantinopel ihren Wohnsitz in Galata bei, der ihnen, nebst vielen Freiheiten, gegen eine Kopfsteuer von Mohammed +II.+ zugesichert wurde. Denn obgleich während der Belagerung ihr tapfrer Landsmann Giustiniani und mehrere Edle ihres Freistaates die Mauern ritterlich vertheidigen halfen, verharrten dennoch die Bewohner von Galata in solcher zweideutigen Stellung zu den Türken, daß sie mehr als Verbündete der Feinde, denn ihrer hartbedrängten, christlichen Brüder erschienen waren. Späterhin haben sich dann inmitten dieses, gerade nicht auf die ehrlichste Weise erworbenen Asyls der fränkischen Freiheiten die Handelsleute, Handwerker und Künstler aus den verschiedensten Ländern des westlichen Europa's niedergelassen; in Galata wie in Pera wohnen Franzosen, Holländer, Engländer, Italiäner, Russen und Deutsche, mit Griechen, Armeniern und Türken beisammen. Auch Amerika hat daselbst seine Handelshäuser, wie seinen friedlichen Verkehr; Aegypten wird durch mehrere fränkische Speditionshandlungen repäsentirt, so daß sich hier das materielle Interesse der Völker von vier Welttheilen zu einem bunten Gewebe verflicht, dessen groteske Grundlage die anjetzt sehr dultsam gewordene Türkische Macht bildet. In Galata wie in Pera haben auch die Katholiken mehrere Kirchen; die Protestanten ihre eignen Kapellen, in deren einer wir einem deutschen Gottesdienst beiwohnten. Am meisten und nächsten wurden wir, unter allen andern Vorstädten mit ~Pera~ bekannt. Wir hatten hier bei Madame ~Balbiani~, eine Wohnung gefunden, die sich durch ihre herrliche, die schönste Aussicht gewährende Lage eben so vorteilhaft auszeichnete, wie durch Reinlichkeit, Trefflichkeit und Billigkeit der Bewirthung. Madame Balbiani stammt aus dem südlichen Deutschland; sie war mit ihrem ersten Gemahl (einem Deutschen) nach Odessa gezogen, dann mit dem zweiten, der bald nachher starb, hiehergekommen, wo sie durch ihr gastliches Haus vornämlich dem deutschen Reisenden eine heimathliche Oase mitten in der Wüste des Fremdlingslandes darbietet. Denn die treffliche Familie des französischen Consuls Fabriquet aus Candia und ein junger Reisender aus der französischen Schweiz, die wir als Hausgenossen schon vorfanden, trugen nur noch mehr dazu bei, es in der stillen, freundlichen Wohnung uns recht wohl werden zu lassen. Die Vorstadt Pera zieht sich in ziemlich bedeutender Ausdehnung über den sattelförmigen Rücken des Hügels von Galata hin. Noch lag, seit den Verheerungen, welche die große Feuersbrunst einer der letzten Jahre hier anrichtete, ein großer Theil der verödeten Baustätten mit Schutt und Asche bestreut; an vielen Stellen erhuben sich jedoch auch wieder neue Gebäude und der langen Hauptstraße so wie einigen Nebenstraßen merkte man von dem Einbruch, den das Feuer auch in ihre Häuserreihen gemacht hatte, nur noch wenig an. Am meisten ließ auch noch die jetzige Gestalt der Ruinen des englischen Gesandtschaftspallastes, der auf der Krone des Hügels lag, den Untergang dieses schönen Gebäudes beklagen, welches Lord Elgin, unterstützt von der orientalischen Compagnie und von dem brittischen Gouvernement mit so vielem Geschmack erbaut hatte. Der große Platz, auf welchem dieser prächtige Pallast sich erhub, war ehedem mit Hütten und kleinen hölzernen Häuschen bedeckt, in denen meist Türken wohnten. Als die Engländer durch Vertreibung der Franzosen aus Aegypten sich ein so großes Verdienst um den osmanischen Thron erworben hatten, ließ die hohe Pforte den Platz räumen, mit hohen Mauern umfassen und machte ihn, als Zeichen ihrer Erkenntlichkeit der englischen Gesandtschaft zum Geschenk. Auch am Tage, wo der Bau und die innre Einrichtung des Pallastes vollendet war und wo derselbe nun zum ersten Male dem Besuch der andern Gesandten eröffnet wurde, überraschte der Großsultan die brittische Gesandtschaft mit einem ganz besondern Beweis seiner dankbaren Anerkennung, denn mitten unter dem Gedränge der hohen Gäste und ihrer Begleitung stellte sich ein Haufe von Christensklaven ein, denen das türkische Gouvernement an diesem Tage ihre Freiheit geschenkt hatte, unter ihnen einige, welche seit dreißig Jahren in der harten Gefangenschaft geschmachtet hatten. Diese Alle, neu gekleidet, dankten in den verschiedensten Sprachen der christlichen Nationen dem edlen Lord, der ihnen als der Urheber ihres Glückes war genannt worden, und kehrten meist bald nachher, von den Engländern reichlich beschenkt, in ihre Heimath zurück. Obgleich jetzt nur ein zerborstenes Gemäuer an das Prachtgebäude erinnerte, das noch vor wenig Jahren die schönste Zierde von Pera war, vergnügten wir uns dennoch sehr an dem Anblick des Gartens, der fortwährend in gutem Stand erhalten wird. Der Judäabaum (+Cercis Siliquastrum+) zeigte sich an manchen Stellen noch mit den Spätlingen seiner purpurrothen Blüthen bedeckt, neben dem Gebüsch der schönfarbigen Passionsblumen erhub sich, mit kräftigem Stamme die Lebbek Mimose (+Mimosa Lebbek Forsk.+), welche wegen ihrer langen, feinen Staubfäden von den Türken Seidenrose (Gul-Ibrasim) genannt wird; Bäume, vom Geschlecht der Pistazien und des Lorbeers, Orangen und Zitronen gaben ihren Schatten. Nur schade, daß die lang anhaltende Dürre und die weit vorgerückte Jahreszeit so wenig von den Reizen übrig gelassen hatten, welche im Frühling diesen Garten schmücken, der sich mit dem ganzen zu ihm gehörigen angebauten und freien Platze über einen Raum von vier Morgen Landes ausdehnt. Am Abhange des Hügels, auf welchem der Pallast der brittischen Gesandtschaft stund, ziehen sich die Reihen der türkischen Grabstätten, bepflanzt mit hohen Zypressen hin, deren ernstere Form nach unten, im Thale der Kürbisgärten (Dolma-Backtsche) in die freundlichere der hier immer reichlich grünenden Gartengewächse übergehet. Namentlich gewährt ein Kaffeehaus, das am westlichen Saume der Vorstadt liegt und welches, wie so viele andre in Pera befindliche, ganz in französischer oder italienischer Art eingerichtet und bedient ist, eine liebliche Aussicht über die angränzende Landschaft. An der andren, östlichen Seite des Hügelsattels, auf dessen Länge die Vorstadt sich hinzieht, in der Nähe der dortigen Gesandtenwohnungen ist die Aussicht hinüber nach der Hauptstadt und zunächst nach den Gebäuden des neuen Serai's am besten zu gewinnen. In jedem Falle müßte man, wenn man anders der schönen Aussicht begehrt, dahin trachten, während des Verweilens in Pera nicht in der Mitte der engen Gassen, wo dennoch einige der besuchtesten Gasthäuser stehen, sondern an einer der freieren Seiten zu wohnen. Der Zypressenhain der Grabstätten, der an unsre Wohnung angränzte, zog uns oft hinab zu Spaziergängen in seinem Schatten. Mehr jedoch als diese Nachbarschaft zog eine andre unsre Neugierde an, das war die der ~Tanzhalle der Mewlewis~, in welcher die Derwische dieses Ordens wöchentlich zweimal, am Dienstag und am Freitag jene mystischen Sphärentänze beginnen, die als ein uraltes Erbgut der Geheimlehren der Väter zu den jetzigen Verehrern des Islam gekommen sind. In der Mitte der Halle sitzt der Scheich, der den Tanz mit dem Spiele der Flöte begleitet, um ihn tanzen einzeln, um sich selber sich drehend und so den Umkreis beschreibend die Derwische, langsam, mit feierlicher Geberde. Oder auch es beginnt der in der Mitte stehende Führer des Reigens, den ein Andrer seitwärts, außer dem Kreise Sitzender mit dem Spiele der Töne belebt, die langsamen Umdrehungen, und die Uebrigen, Einer und wieder Einer, dann Alle erbeben sich zum Wirbel des Tanzes, der so gleichmäßig und kräftig ist, daß der Saum des Gewandes, wie der einer Glocke oder fast radförmig ausgespannt, die Füße umkreiset. Wenn bei solchen oder andren Aeußerungen einer Trunkenheit des innren Sinnes der Ausruf »Huh« oder »Ja Huh« das heißt Jehovah, aus der Brust der Tänzer sich hervorringet, dann erinnert dieser Zustand an jene unwillkürlichen Ausbrüche einer Entzückung des sinnlichen Menschen, bei welcher jene Kräfte von oben, die den Kreislauf des sichtbaren Seyns und Wesens der Natur bewirken, in ihre Wogen ihn hinreißen, ohne daß der freie Wille, der aus dem erkennenden Geist kommt, den Zügel des Bewegens zu erfassen und dieses zu leiten vermag. Denn es giebt in der Geschichte der menschlichen Natur eine zweifache Art der Begeisterung, die eine ist die sinnliche, die man auch silenische, oder magnetische und mystische nennen kann, die andre ist die prophetische. Jene, sie möge durch silenische Berauschung oder magnetische Gewaltthätigkeit oder mystische Ueberspannung hervorgerufen seyn, zeigt sich des klaren Selbstbewußtseyns, der Selbstherrschaft des freien Willens, öfters selbst der Rückerinnerung beraubt; sie stehet häufig in der traurigen Abhängigkeit von dem Willen und Befehl andrer Menschen oder von dem Einfluß leiblicher Elemente; auf die Bekräftigung des wachen, selbstbewußten Willens, auf das Gedeihen und Wachsthum des inneren Menschen hat sie nur selten entschiedene Einwirkung. Die prophetische Begeisterung dagegen lässet dem Menschen das klare, wache Selbstbewußtseyn und den freien Willen. Sie gebeut ihm zu reden und zu thun, und er gehorcht, weiß es aber auch daß und warum er gehorcht und genießet das Wohlbefinden, nicht nur der lieblich blühenden Rose oder Lilie, die wie das Schlafende unter dem Herzen der Mutter von dem Geist des Lebens durchwirkt wird, sondern jenes des Kindes, das die Mutter beim Namen nennt und das ihre Worte versteht. Der Tanz der Sphären, welcher die sich selber umkreisende und zugleich die Bahn um die Sonne beschreibende Bewegung der Planeten unwillkührlich nachbildete; derselbe, den wir bei den jetzigen Mewlewis-Derwischen finden, war ein geheiligter Gebrauch bei den Indern (wo Chrishna als Scheich den Reigen begann) und bei den alten Persern; er war ein Hinstarren mit unverwandtem Blicke und ein unwillkührliches Nachahmen der Bewegungen Dessen, das den Heiden der anziehende Mittelpunkt der Verehrung und das Hochheilige war: der Sonne, der Königin des Tages, der Führerin und strahlenumgränzten Lyra des Reigens und des harmonischen Bewegens der Gestirne[76]. Den zuschauenden Moslimen erscheinen deshalb diese Bewegungen, welche, nur schneller sich wiederholend, jener der Sonnenblume gleichen, so ehrwürdig, daß ein (christlicher) Reisender des vorigen Jahrhunderts, nach Stephan Schulze, aus der Gefahr vom fanatischen mohammedanischen Pöbel gesteinigt zu werden, sich dadurch rettete, daß er sich (ich mag nicht sagen, ob das recht und wohlgethan war) gleich den Mewlewis-Derwischen um sich selber tanzend drehete. Denn alsbald riefen die Alten, die dem Unfug der jungen Fanatiker bisher ruhig zugesehen hatten: lasset diesen unverletzt, er ist ein heiliger Mann. -- In der Nähe der Mewlewis-Tanzhalle war auch das Grabmal ~Bonnevals~ jenes vormals berühmten Franzosen, der noch nicht zufrieden mit dem äußern Glücke, das ihn bis zum Range eines österreichischen Generals unter Eugen hatte steigen lassen, durch Verläugnung des Glaubens seiner Väter da im Reiche der Osmanen ein noch größeres Glück zu erkaufen suchte. Er starb hier als Chef des Bombardier-Corps. Pera war in der Zeit, da wir unter seinen Dächern verweilten, von jenen Bewohnern verlassen, welche sonst der Mittelpunkt seines Verkehres und innern Lebens sind: von den Gesandten der christlich europäischen Höfe. Diese hielt, theils die noch immer fortwährende Hitze des Spätsommers, welche in diesem Jahre noch kein Regenguß der Herbstnachtgleiche abgekühlt hatte, theils auch jene Zerrüttung, welche der heftige Ausbruch der Pest in den Verkehr mit der Hauptstadt gebracht hatte, noch auf ihren Landsitzen, namentlich in Bujukdereh zurück. Dennoch boten sich uns, auch schon aus dieser Entfernung von jenen Inhabern, nicht nur der Macht, sondern auch der Güte der Herrscher der christlichen Heimath wohlwollende Hände, von denen ich nachher noch reden will. Unter den anwesenden Bewohnern der pilgerlich-heimathlichen Vorstadt erfreuten uns die Herren Brown und Goodel, Schneider und Mühr durch ihre Bekanntschaft, und ein Mitpilgrim durch viele Gegenden der Erde, dem wir später noch mehrmalen begegneten, Herr Leewes, näherte sich uns hier zum ersten Male. Ehe ich jedoch mehr von dem reden darf, was uns hier während der schnell vorübergehenden Pilgerschaft in der Nähe von Constantinopel begegnete, muß ich zuerst weiter fortgehen in meiner Beschreibung der Vorstädte und des benachbarten Landes. ~Topchana~ ist der dritte Theil jenes Dreiblattes, das die Vorstädte der Halbinsel von Galata bilden, denn es liegt am Ufer des Meeres, nachbarlich neben Galata, welches durch das Topchana-Thor (Topchana-Kapussi) mit ihm verbunden ist, und zieht sich hinter den Mauern von Galata am Bergabhange hinan gegen Pera, mit welchem es auf der Anhöhe zusammengränzt. Schon der Name Top-Chane, d. h. Kanonenbehaußung, deutet die Bestimmung dieser Vorstadt an: eine Mutter- und Werkstätte der groben Geschütze zu seyn, auf deren Macht und Menge die Herrscher des Osmanischen Reiches seit Mohammed +II.+ sich fortwährend so viel zu gute thaten. Denn seitdem zuerst Orban, der ungarische Stückgießer, den Hang dieses Städtebestürmers und Eroberers zu ungeheuern Kriegsgewehren geweckt und genährt hatte, war es eine der ersten Bauunternehmungen des Sultans, daß er gleich nach der Eroberung von Constantinopel eine außerhalb den Mauern von Galata gelegne christliche Kirche sammt dem zu ihr gehörigen Kloster in eine Stückgießerei verwandeln ließ. Zwar von dieser ältesten Anlage des Gebäudes, welches das Entstehen der Vorstadt Topchana bewirkte, haben die Feuersbrünste, namentlich des vorigen Jahrhunderts und die hierdurch veranlaßten neuen Aufbaue, so wie die vielen späteren Erweiterungen nur wenig übrig gelassen; dagegen hat sich fortwährend die rege Theilnahme der osmanischen Herrscher für diese wichtige Anstalt erhalten, deren innre Einrichtung und Leistungen als großartig ins Auge fallen. Der jetzige Großsultan hat zur Verschönerung dieser Vorstadt der Stückgießer Vieles beigetragen, namentlich durch den Aufbau seiner neuen, prachtvollen Moschee und des überaus zierlichen Brunnenhauses. An die Stelle der vormaligen, aus Persien nach Constantinopel und seiner Umgegend gekommenen Fayance-Werkstätten scheinen jetzt andre von sehr untergeordnetem Range, namentlich die Pfeifenkopffabriken getreten zu seyn. Eine solche Menge dieser vergoldeten und unvergoldeten rothen, thönernen Pfeifenköpfe wie in Topchana sahen wir nirgend sonst beisammen. -- Schon bei unserm erstmaligen Besuch dieser Vorstadt und bei unserem Hinaufgehen durch ihre Gassen gegen Pera hin setzte uns der Anblick der großen Menge der verwilderten Hunde in Verwunderung, als wir aber später einmal am Abend, bei der Zurückkehr aus Bujuckdereh den Weg durch Topchana nahmen, hätte sich jenes Staunen fast in Furcht und Schrecken verwandelt, denn nur mit Mühe und großer Vorsicht entgiengen wir den Zähnen dieser bissigen, namentlich den Fremden sehr aufsäßigen Thiere, die schon manchem Europäer seine Kleider zerrissen und ihn verwundeten, zuweilen auch, in abgelegenen Gegenden der Stadt wehrlose Wanderer umbrachten. Auf der Höhe des Hügels, ober Topchana, war auch vormals jene merkwürdige unterirdische Sternwarte des türkischen Astronomen Ali Kuschdschi, ein 105 Ellen tiefer Brunnen, der unter Murad +IV.+ verschüttet ward. Größer an Umfang als Galata, obwohl nicht so wie dieses von Mauern umgeben ist ~Skutari~, das alte Chrysopolis, das auf der auch hier noch durch höhere Naturschönheit ausgezeichneten asiatischen Küste des Bosporus liegt. Sein eigentlicher Name, Uskudar bedeutet auf Persisch Postbothe und mag wohl aus derselben Zeit stammen als der Name Chrysopolis oder Goldstadt, den der Ort erhielt, weil hier die Perser während ihrer Herrscherzüge in Europa die erbeuteten Schätze und Abgaben der unterworfenen Völker aufhäuften. Noch jetzt ist Skutari die erste Poststation von der Hauptstadt des Reiches aus in Asien, der Sitz eines Molla's oder Gerichtspräsidenten, dessen Obergerichtsbarkeit alle Ortschaften an der asiatischen Seite des Bosporus untergeordnet sind. Von ferne her gesehen macht Skutari einen imposanten Eindruck aufs Auge durch die Krone des mächtigen Zypressenhaines der den Hügelabhang oberhalb der mit ihren Moscheen und Minare's prangenden Vorstadt bedeckt (m. v. S. 156). Dieser Zypressenhain, welcher die größte Gräberstätte der Hauptstadt und ihrer asiatischen Nachbarküste beschattet, erstreckt sich über einen fast 1½ Stunden langen Raum; ober demselben erhebt sich der Berg ~Bulgurlu~, dessen entzückend schöne Aussicht Einheimische wie Fremde zu seinem Besuche anlockt. Der alte Name des Berges ~Damatrys~, scheint nach ~J. v. Hammers~ Vermuthung (a. a. O. +II.+ 338) freilich in sehr verwandelter Gestalt die Benennung der beiden auf dem Gipfel liegenden Dörflein: Groß- und Klein-»Dschamlidsche« erzeugt zu haben, an deren vortrefflichem Wasser, Kaffee und allerhand Süßigkeiten die Besuchenden aus der Hauptstadt sich erquicken. Denn in der günstigen Jahreszeit vergeht selten ein Tag, wo nicht mehrere der mit Ochsen bespannten Wägen, befrachtet vornämlich mit verschleierten Frauen und ihren Kindern, den Berg hinanfahren und oben im Schatten der Bäume den bewegten Lebensstrom der Luft in und mit sich walten lassen. Das Gefühl, das den Wandrer an solchem hehren Orte, bewegt von den Kräften des waltenden und erhaltenden Lebensgeistes, dessen Odem auch durch die Sichtbarkeit hindurchwirket, erfasset, ist ein ähnliches als jenes, das die häufig an den Denksteinen zwischen den Zypressen vorkommende Grabschrift wecket: +Ena Lillahi we ileihi radschiune+, d. h. »wir sind Gottes und zu Gott kehren wir zurück«[77]. Die Vorstadt Skutari zeichnet sich durch ihre breite, schöne Hauptstraße und mehrere prachtvolle, öffentliche Gebäude aus. Die hiesige, von Sultan Selim angelegte türkische Druckerei hat Manches zur Begründung und Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse unter den Osmanen beigetragen; eine ebenfalls berühmte Druckerei von ganz andrer Art: die Kattundruckerei der Armenier wetteiferte zu gleicher Zeit mit den ähnlichen Unternehmungen der westeuropäischen Länder. Ein Gegenstand der Beachtung für viele Reisende, ist besonders seit ~Clarkes~ und noch mehr durch ~J. v. Hammers~ genauer Beschreibung das Kloster der ~Rufaji Derwische~ geworden (genannt nach dem von den Moslimen für heilig gehaltnen Said Achmed Rufai). Die Gebete dieser Derwische sind nicht bloß Andachts-, sondern zugleich Leibesübungen zu nennen, denn nach einem ruhigeren Anfange derselben steigert sich die Sinnentrunkenheit allmählig zu so raschen, wilden Bewegungen des abwechslend vorwärts geneigten, dann gerade stehenden, dann rückwärts gebognen oder auch rechts und links sich neigenden Körpers, daß das Auge der Zuschauer kaum ihnen zu folgen, das Ohr die einzelnen Silben des Gebetes »La-i-lah-il-la-lah« nicht mehr zu unterscheiden vermag, sondern nur noch ein tobendes Il-lah hört, abwechslend mit dem Ausruf des Entzückens: »Ja-Huh.« Das stöhnende Geschrei dieser im Eifer ihrer »Andacht« Rasenden begleitet indeß ein lieblich tönender Choral, welchen zwei gute Sänger in feierlichem Takte absingen; es ist meist die »Borda« das Lobgedicht auf den Propheten oder irgend ein andres Lied zum Preis der Gläubigen des Islams. Nebenbei unterhalten dann auch noch die Derwische die Zuschauer mit allerhand gaukelspielerischen Versuchen, wodurch sie ihre Unverletzlichkeit durchs Feuer zu bezeugen suchen, indem sie glühende Kugeln und glühende Eisen anfassen und in den Händen bewegen. Auch noch eine Erwähnung der so viel gepriesenen und besungenen ~Prinzeninseln~, welche weiterhin im Propontis, an der asiatischen Küste liegen, glauben wir dem Leser schuldig zu seyn. Ihr alter Name »~Daimonnisoi~« wurde, wie ~v. Hammer~ bemerkt, in den jetzigen verwandelt, weil diese so schönen Eilande während der Zeiten der byzantinischen Herrschaft ein Verbannungs- und Verwahrungsort so vieler für den Purpur des Fürstenstandes Geborenen und Erzogenen, so Vieler Herren und Großen des Reiches waren. Man zählt neun dieser Inseln, die man beim Hinaus- oder Hereinfahren in und aus dem Propontis, so wie schon von den erhöhten Punkten der Hauptstadt, noch besser aber vom Bulgurluberge überblicken kann. So schön sie auch sind, so weckt doch zugleich fast jede von ihnen Erinnerungen des Abscheus oder der Trauer. Denn im gewesenen Klostergebäude auf ~Prote~ (jetzt Kinaliadassi), der am nächsten herüber nach der Stadt gelegnen Insel, starben die Kaiser Romanus der Erste und vier Menschenalter später Romanus Diogenes im Elend, der letztere mit ausgestochnen Augen, an deren wunden Höhlen die Würmer nagten. Auf ~Antigone~ (jetzt ~Baghatsli ada~) schmachtete der h. Methodius, der Maler und kräftige Beschreiber der Gerichte Gottes, sieben Jahre im Kerker, und in einem spätern Jahrhundert verzehrte hier den entthronten Kaiser Romanus Lacapenus und seinen Prinzen Stephan das Heimweh nach den gewohnten Freuden des Thrones, Deren sie der eigne Sohn und Bruder, Constantin, der im Purpur Geborene beraubt und sie hieher verbannt hatte. Die lieblichste unter allen Prinzeninseln ist, durch ihre Naturschönheit ~Heibeli adassy~, deren alter Name Chalkitis oder auch der nachher auf die ganze Gruppe übertragene Demonesos war. Alleen von Zypressen, Gruppen von Terebinthen und Pinien, Gärten voll von Feigen und andern Fruchtbäumen, hin und wieder dickstämmige Platanen zieren dieses Eiland, das von dreieckigem Umrisse ist und drei Hügel hat, auf deren jedem ein griechisches Kloster stehet. In älterer Zeit wurde auf Chalkitis, das hiervon diesen Namen erhielt, ein Kupferbergbau betrieben. Hier wie auf den andern Prinzeninseln verübten die rachsüchtigen Schaaren der Venetianer im Jahr 1302 an den Bewohnern wie an den armen dem Schwert der Perser hieher entflohenen christlichen Pelopythiern große Gräuel, so daß damals auch diese schöne Insel ein Ort der Seufzer und des Jammers war. Die flache, öde Insel ~Plate~ erinnert an Michaël Rhangabes, der mit seinen Söhnen hieher (im J. 813) verbannt ward, wo er unter dem Namen Athanasius 32 Jahre lang im Kloster lebte; die noch trauriger aussehende kleine Felseninsel ~Oxeia~, an den hier gebornen und hieher verbannten frommen Patriarchen Michaël Oxyta; ~Pyti~, an den unter Zeno im J. 477 hieher verbannten Unruhestifter Petrus Knaphäus. ~Antirobidos~ und ~Niandro~ sind bloß nackte, von Kaninchen bewohnte Meeresklippen, welche nur etwa für Liebhaber dieser Jagd einen anziehenden Reiz haben, dagegen ist die Chalkitis gegenübergelegne große Prinzeninsel, die bei den Türken ~Kisil ada~, rothe Insel, bei den Griechen und Franken ~Prinkipo~ heißt, die vielbesuchteste von allen. In dem Thale, welches zwischen zwei Reihen von Hügeln das gegen drei Meilen lange Eiland durchsetzt, vermählt sich die vollwüchsige Rebe mit der Zypresse; Feigen und Granaten und am Hügelabhang hinan Waldungen von Oelbäumen wechslen mit Gärten der andern Obstbäume und der Gemüse. Der Reiz dieses fruchtbaren Thales und der quellenreichen, grünenden Schluchten wird durch den Anblick der Felsenwildniß im Süden der Insel nur noch mehr erhöht. In einem Kloster dieser Insel, das sie selber erbaute, lebte Irene, die große Kaiserin, die Zeitgenossin Carls des Großen wie Harun al Raschid's in der Verbannung; späterhin traf hier dasselbe Loos Zoë, die Gemahlin Michaëls +V.+, und noch später Anna, die Mutter der Comnenen, welche mit ihren Töchtern in dieses Kloster verschlossen ward. Anjetzt mag diese schöne Insel manchem Wandrer, welcher die edleren, reineren Freuden aufzusuchen weiß, deren Quellen hier neben dem klaren Wasser aus den Felsen strömen, ein Verbannungsort seiner Sorgen und mancher trübender Erinnerungen werden. Während sich das Auge der meisten andern Reisenden dem ruhigen Genusse jenes Totaleindruckes hingeben darf, welchen es beim Anblick der herrlichen Umgegend von Constantinopel empfängt, muß der Freund der Natur an das seinige noch andre Ansprüche machen: sein Auge soll die einzelnen Fäden beachten und bezeichnen, woraus das Gewebe des Totaleindruckes einer Gegend zusammengefügt ist. Wie gern hätte ich dieses Berufsgeschäft auch bei Constantinopel treulich geübt, wenn mich nicht nur zu bald das Loos der Gefangenen auf den Prinzeninseln getroffen hätte: eine Verbannung aus der schönen, freien Natur in den engen Raum des Zimmers, nicht zwar durch Tirannengewalt, wohl aber durch Krankheit. Wer sollte es meinen, daß man in solchem heißen Lande und bei solch heißen Tagen der beständigen Gefahr der Erkältung ausgesetzt sey, und daß gerade dieses die größeste sey, welcher die Gesundheit des Fremdlinges in diesem Lande unterliegt. Während sich in der lieben, jetzt so weit entfernten Heimath die Cholera zuerst regte, mußte auch ich, wenn auch nur einige Tropfen aus dem Becher ihrer Schmerzen und ihres Wehes kosten, den sie um diese Zeit den Bewohnern Münchens reichte. Als Folge einer mehrmaligen Erkältung, besonders bei Gelegenheit einer abendlichen Fahrt auf dem Bosporus, nach einer Fußwanderung in der Hitze des Tages über Berg und Thal, hatte ich mir Uebel zugezogen, welche leichten Anfällen der Cholera glichen. Dennoch behielt ich der Stunden und Tage noch mehrere, an denen ich kräftig genug war herum zu wandern und zu sehen, um so mehr, da die Stimme des Wehes sich gewöhnlich bloß in der Nacht vernehmen ließ und während der heißen Stunden des Tages verstummte. Den einen der gesünderen Tage benützte ich, in Gesellschaft meiner jungen Freunde und des Herrn Mühr zu einer naturhistorischen Wanderung in die nördlich von Pera gelegne Landschaft, aus der wir uns dann herabbegaben nach den Ufern des Bosporus und nach dem lieblich gelegnen Bujukdereh. Um zuerst über das Felsengeripp der Landschaft Einiges im Vorübergehen zu bemerken, so zeigt sich im Norden der Halbinsel von Pera an mehrern Punkten der Thonschiefer; weiterhin gegen den Bosporus und am Saume von diesem treten häufig die Felsarten des von Werner sogenannten Flötztrappes: Wacke, basaltischer Mandelstein, Porphyrschiefer und Basalt auf; bei Sarijari, jenseits Bujukdereh ein eisenschüßiger Quarz mit eingesprengten Schwefelkies-Krystallen. Aus den Bergen, die sich am Propontis auf der asiatischen Seite erheben, sahen wir Bausteine von bläulichgrauem Kalk; auch die Felsart des Riesenberges ist Kalk. Am nördlichen Verlaufe des Bosporus zeigt sich an beiden Ufern eine Breccie mit eisenthonigem und quarzigem Bindemittel, häufig von Chalcedongängen durchschwärmt; zu der schönen Gruppe von Basaltsäulen bei Yum Burnu nahe bei der äußern Mündung des Bosporus ins schwarze Meer, so wie zu den Höhlen der Bucht von Cabacos konnten wir nicht kommen; wir verweisen hierüber auf ~Andreossy's~ und ~Walsh~ Beschreibung[78]. Noch immer liefert die Umgegend von Constantinopel und dem Bosporus in Menge jene Steinart, welche von Chalzedon (gegenüber dem alten Byzanz), ihren Namen hatte: den Chalzedon, der sich am Bosporus öfters in Kugeln findet, außer demselben Carneol, Achat und Jaspis von verschiedenen Farben. * * * * * Die langanhaltende Dürre hatte uns nur wenig blühende oder grünende Pflanzen übrig gelassen; über die Hochebene hingehend hatten wir zur Rechten wie zur Linken nur ein verödetes Erdreich, da nur wenig Pflügen und Ernten ist, denn der Kornbau ist, besonders auf der europäischen Seite, so unbedeutend, daß der Landbauer den ganzen armseeligen Ertrag seiner Ernte auf dem Rücken der Lastthiere oder in wenig kleinen Wagenladungen zur Tenne führt. Am Abhange der zur Schaafweide benützten Hügel wie auf der unbebauten Ebene zeigte sich in Menge die ~stachliche Bibernelle~ (+Poterium spinosum+), an einigen Stellen prangte die baumartige Heide (+Erica arborea+) mit ihren Blüthen; die Beeren des Machmudistrauches (+Osyris alba+) fiengen an sich zu röthen; das Blumenrohr (+Spartium junceum+) trug, statt der lieblich duftenden Blüthen schon dürre Hülsenfrüchte, auch die schöne strauchartige Phlomis (+Phlomis fruticosa+) war schon verblüht. Auffallend ist auf solchem dürren, heißen Boden die Menge der stachlichen oder hakrig-borstigen Gewächse, denn da zeigten sich die gemeine Stechwinde (+Smilax aspera+)[79], der Mäusedorn (+Ruscus aculeatus+), der Judendorn (+Zizyphus Paliurus+), häufiger aber als alle diese der gemeine Bürzeldorn (+Tribulus terrestris+) und die hakrig-borstigen Echien (+Echium italicum+, +violaceum+ u. f.). An einer felsigen Stelle nach dem Meeresufer hin fand sich der hakige Tragant (+Astragalus hamosus+), in den buschreichen Schluchten der Erdbeerbaum (+Arbutus Unedo+), die türkische Haselnuß (+Corylus colurna+ auf türkisch +Jaban Fonduk+), die gemeine Mispel (+Mespilus germanica+) und Quitte (+Cydonia vulgaris+ auf türkisch +Jaban Aiva+, d. h. wilde Quitte), die Kermes- und Färbereiche (+Quercus coccifera+ und +infectoria+), so wie der Granatapfel und (meist nur strauchartig) der Mastixbaum (+Pistacia Lentiscus+). * * * * * Da wir hier einmal bei der Pflanzenwelt von Constantinopel verweilen, richten wir auch einen Blick auf die Gewächse der Gärten und Felder. Es war eben die Zeit der Reife der Trauben (auf Türkisch +Uzum+, unter denen die gewöhnlichste, weiße Sorte die Traube des Landes (+Jeri Uzum+), süß und lieblich; die röthliche +Altin Uzum+ unsrer Muskatellertraube verwandt, die goldfarbige +Gradina+ am meisten geachtet ist. Die Gärten sind reichlich mit Arten der Kirschen (+Chiress+), Weichseln (+Vischene+, daraus der gleichnamige kühlende Trank), Aprikosen (+Kaissi+), Pfirsichen (+Schiefteli+), Birnen (+Armud+), Aepfeln (+Alma+), Mandeln (+Badem+), schwarzen Maulbeeren (+Kara Dul+) und andern, auch bei uns vorkommenden Obstsorten versehen; beliebt ist bei den Osmanen auch die von ihnen sogenannte Traube der Franken (+Frenk-Uzum+) d. h. unsre saure Johannisbeere. Aber neben all diesen Gewächsen der Heimath findet der deutsche Reisende hier auch Bäume, mit reifen Früchten, die er in den gewöhnlichen Gärten des Vaterlandes kaum jemals kostete: wie die Dattelpflaume (+Diospyros Lotus+, auf Türkisch +Kurmasi+), die Frucht des schmalblättrigen Oleaster (+Elaeagnus angustifolius+, auf Türkisch +Igidè+), die wohlschmeckende Jujubenbeere (+Zizyphus Lotus+ und +Jujuba+), so wie als Gartengesträuch den eßbaren Hibisch (+Hibiscus esculentus+), dessen schleimige Frucht +Bamia+ genannt hier zu Lande gekocht und als Gemüse verspeist wird. Ueberhaupt findet man in Constantinopel gar manches undeutsche Gemüse, wie die Früchte mehrerer Arten von Solaneen oder Nachtschatten (+Solanum pomiferum+, +Melongena+) mit ihnen auch die eckelhaften Brunstäpfel oder +Pommes d'amour+: die Früchte des auf meine Natur immer wie ein Gift wirkenden +Solanum Lycopersicum+. Dagegen gewähren einen angenehmern Zusatz zu den Speisen, vornämlich zu den Zucker- und Honigkuchen (+Helva+ genannt) die Saamen des Sesams. Von Blumen liebt der Osmane vor allen die von greller Farbe wie +Tagetes patula+ (auf Türkisch Kadisè Tschitscheghi d. h. Sammtblume), die bunte großblumige Rosenpappel (+Alcea rosea+), welche er die Rose Fatime's (Gul-Fatime) nennt, aber auch die sanfte, blaue Passionsblume (auf Türkisch Rad des Himmels: »Schiark-Feleki«). Seine Geruchsnerven können nicht so empfindlich seyn wie jene des Italieners, denn in großer Menge wurde in dieser Jahreszeit die starkduftende Tuberose (+Polyanthes tuberosa+ hier »Teber« genannt) in den Gärten gebaut und in die Harems verkauft. Auch von der einheimischen Thierwelt bekamen wir während unsers Aufenthaltes in Constantinopel nur wenig zu sehen. Der Wolf wie der »Tschakal« (+Canis aureus+) sollen sich, der letztere zu allen Jahreszeiten, der erstere vorzüglich im Winter in der Umgegend der Hauptstadt aufhalten; der Zlepez (+Spalax typhlus+), die Zieselmaus (+Spermophilus Citillus+) und der Jerboa (+Dipus sagitta+) bewohnen mit dem gemeinen Maulwurf die Untertiefungen jener Auen und Felder, auf denen der Hase, der jetzt fast allgemein von den Türken genossen wird, in Menge gesehen wird. Der Gesang der Vögel an den Felsen und in den Gärten war verstummt; doch sahen wir den beliebtesten Sänger dieses Landes: die Blaudrossel (+Turdus Cyanus+ auf Türkisch Felsennachtigall oder Kaja-Bulbul) und auf den Feldern die Spinoletta und Calandra-Lerche; von Schildkröten giebt es die allbekannte griechische (+Testudo graeca+); unter den Fischen des Bosporus erschien uns am interessantesten der Schwertfisch (+Xiphias gladius+, auf Türkisch »Chilik«), dessen Fang im July und August, wo er in ganzen Zügen den Canal passirt, von Wichtigkeit ist; unter den Insekten interessirten uns namentlich der auch in den ungarischen Weinbergen lebende Großkopfkäfer (+Lethrus Cephalotes+) so wie der Fingerkäfer (+Scarites+) und die Arten der Fangheuschrecken (+Mantis+), deren Wachsthum jetzt eben vollendet war; unter den Süßwasser-Conchylien, die meine jungen Freunde fanden, war die schönste die Hainschnirkelschnecke (+Helix lucorum+) aus Skutari[80]. Doch es ist Zeit, daß wir aus diesem bacchantischen Herumschwärmen neben den zerrissenen Gliedern der thrazischen Natur, die im Frühling so hehr und reich, in der dürren Zeit des Spätsommers und Herbstes so arm ist, zurückkehren und wieder zu uns selber kommen. Die Fußreise über die Landschaft der Halbinsel von Pera, endete, wie ich schon vorhin erwähnte, in dem lieblichen Bujukdereh. Hier war mir noch der größte Genuß und die reichste Ausbeute dieses Tages aufbehalten: die persönliche Bekanntschaft so wie das Wiedersehen mehrerer hier wohnenden durch Stand wie durch geistigen Werth hochgestellten Franken. Zwar den hochverehrten Herrn ~Grafen von Königsmark~, Königlich Preußischen Gesandten, der mir während meines Aufenthaltes in Constantinopel so viele Beweise seines Wohlwollens gab, fand ich heute nicht, sondern lernte ihn erst am folgenden Tage in Pera kennen, dagegen fand ich im Pallast der russischen Gesandtschaft einen theuren Freund wieder, den ich schon in München kennen lernte, den Legationsrath ~Baron von Titoff~ und an Sr. Excellenz dem Kaiserlich-Russischen Gesandten, ~Grafen Boutenineff~ einen neuen Gönner, dessen wirksame Empfehlungen mir von hier an auf meiner ganzen, weitern Reise durch das Morgenland von größtem Nutzen waren. Doch vor allem, mit der innigsten Rührung der Dankbarkeit, gedenke der genußreichen Stunde, die mir im Pallast des k. k. österreichischen Herrn Internuntius, ~Baron von Stürmer~ vergönnt war. Das Gefühl des innren Wohlseyns und der Heimathlichkeit, das mich in der Nähe dieses ausgezeichneten Staatsmannes und seiner huldvollen Gemahlin erfüllte, ist ein Gastgeschenk das wohl Jedem zu Theil wird, der für den Geist, welcher in dieser reichbegabten Familie herrschet, offnen Sinn hat: denn hier wohnen die Kräfte einer hohen Bildung mit den Gaben eines gütigen, menschenfreundlichen Herzens in Frieden beisammen. Außer der wohlthuenden Erinnerung, die ich an jenes theure Haus mit mir auf meinen weitern Weg nahm und welche mich nie verlassen wird, begleiteten mich noch gar viele andre, kräftige Zeichen des Wohlwollens des hochverehrten Herrn Internuntius. Namentlich fand ich in Folge seiner freundlichen Empfehlungen an die k. k. Oesterreichischen General-Consulate zu Smyrna und Alexandria, überall freundliche Zuvorkommenheit und gebahnten Weg für meine Reisepläne. Einen großen Genuß gewährte mir auch die persönliche Bekanntschaft der k. k. Herrn Interpreten Freiherrn v. Testa, v. Kletzl und R. Steiner, die ich noch öfter in Pera sahe und die mir unvergeßliche Beweise ihrer freundschaftlichen Gesinnung gaben. Der Tag hatte sich schon ziemlich geneigt, da wir ins Boot stiegen und die Heimkehr, hinab auf dem Bosporus antraten. Ein frischer Nordostwind bewegte das Wasser mächtig; unsre Ruderer ersuchten uns, daß wir von den Bänken herab auf den Boden uns setzen möchten, dennoch schwankte das Fahrzeug gewaltig und die hochgehenden Wogen ergossen sich so reichlich über seinen Bord, daß unsre Kleider ganz durchnäßt wurden. Doch diese Beschwerden minderten sich sehr, da wir aus der breiteren Bahn des Meeresstromes jenseits Kenikoi in den Schutz der hohen Ufer kamen. Zu dem erhabenen Schauspiel, welches unsrem Auge das hochbewegte Meer gab, gesellte sich jetzt jenes der Liebreize und Segnungen, die sich hier über Berg und Thal ergießen. Ehe wir indeß den Hafen von Topchana erreichten, war das Dunkel der Nacht schon eingebrochen und mit Mühe den Bissen der Gassenhunde entronnen, gaben wir uns in dem gastlichen Pera ganz dem angenehmen Gefühl des Ausruhens nach einem für uns so reichen Tage hin. Das gute Pera war mit jedem Tage uns lieber geworden, durch die Liebe und Güte der Freunde, die wir hier gefunden hatten. Denn außer den schon genannten Wohlthätern und Freunden hatten wir hier den theuren ~Fielstedt~ getroffen, dem wir auf dieser Reise bald wieder begegnen werden; durch ihn so wie durch Briefe aus der Heimath ward uns die Bekanntschaft und Annäherung an die Herren ~Leeves~ und ~Renger~, ~Goodel~, ~Brown~ und ~Schneider~ gewährt, und die Herren ~Lafontainee~ und ~Deshayes~ bezeugten uns Fremdlingen eine theilnehmende Freundlichkeit, welche unsrem Gemüth, das so gerne der fremden Liebe sich freut, für immer werth bleiben wird. III. Reise von Constantinopel nach Smyrna. Die Gegend, durch welche uns die heutige Erzählung einer Schifffahrt über das Marmora-Meer führet, giebt in ihrer Geschichte einen ganz besonders kräftigen, herrlichen Beweis für die Wahrheit jenes guten, alten Sprichwortes: »wo die Noth am größesten ist Gottes Hülfe am nächsten.« Ja, wer als ein guter Haushalter der Güter seines geistigen Erkennens die Belege für eine solche hohe, tröstliche Wahrheit gern zusammenhält und vermehrt, der steige mit uns, Montags den 10ten October am Nachmittag auf das für Smyrna bestimmte Dampfschiff, und theile mit mir alten Wandersmann das Gefühl der Errettung aus großem Uebel, mit uns Allen aber jene Gefühle, die beim Anblick von Chalcedon und der lieblichen Bucht von Ismid oder Nicomedia das Andenken an die großen Thaten Gottes erweckte, welche einst, als die Noth am größesten gewesen, vor 1500 Jahren, an dieser Stätte geschahen. Die letzten Tage des Aufenthaltes in Pera waren für Mehrere von uns Tage des Schreckens und der Noth gewesen. Noch hallte in unsrem Ohre der dumpfe Ton der Trommel und der Ruf der Wächter auf dem Galata-Thurme »Janghin-war,« Feuer ists, so wie das angstvolle Getümmel nach, das sich bei der ganz in unsrer Nähe entstandenen Feuersbrunst, Sonnabends den 8ten October, am Saume der türkischen Begräbnißstätten erhub, da wurden wir in der darauf folgenden Nacht durch ein noch viel entsetzlicher lautendes Geheul und Geschrei erweckt. In dem Hause, welches nur durch eine enge Gasse von demselben geschieden, unsrem Schlafzimmer gegenüber lag, war die Frau des Hauses, eine junge Griechin, plötzlich an der Pest gestorben; das Geheul und Geschrei, das wir in der Nacht hörten, kam aus der Brust ihrer Kinder und ihrer Dienstboten. Am darauf folgenden Tage wurden in dem Hofe jenes Nachbarhauses die Betten und Gewänder der Verstorbenen mit Feuer verbrannt; der übelriechende Dampf drang in die leicht verwahrten Fenster unsrer Wohnung herein und verpestete die Luft derselben auf unerträgliche Weise. Hierbei litt ich, dessen Uebelbefinden durch Alles, was die unwillkührlichen Aeußerungen des innren, heftigen Eckels erweckte, sehr vermehrt wurde, am meisten, meine Krankheit hatte sich am Montage, am Tage der Abreise in solchem Grade gesteigert, daß ich mich kaum aufrecht zu erhalten vermochte und daß nur das sehnliche Verlangen hinauszukommen vom Krankenlager an die frische Luft des Meeres, mir die Kraft gab hinab zum Hafen zu schleichen. Kaum aber wehete mich auf dem Verdeck des Dampfschiffes der erfrischende Ostwind an, da fühlte ich mich unbeschreiblich gestärkt und da ich auf dem spiegelglatten, sanften Marmorameere noch einmal das prächtige Constantinopel, dann aber vor allem Chalcedon und weiterhin, vorüber an den Prinzeninseln, den Eingang zu der herrlichen Bucht von Ismid vor mir sahe, da wirkte auch noch die Erinnerung an Das, was einst sich hier zugetragen mit so wunderbar stärkender Kraft auf die Seele, daß ihre Empfindungen sich zu einem Liede des Lobes und Dankens gestalteten. * * * * * Meine Leser werden es mir zu gute halten, wenn ich auch sie an eine zwar altbekannte, in ihrer Wirkung aber auf das Gemüth noch immer jugendlich neue und kraftvolle Geschichte erinnere. * * * * * Seit Kaiser Gallienus für längere Zeit den blutigen Verfolgungen des Christenthumes Ruhe und Stillstand geboten, war der gotteskräftige Glaube an den Gekreuzigten, gleich dem lebendigen Keime, welcher aus dem Senfkörnlein kam, zu einem Gewächs erstarket, das über alle Provinzen des großen, römischen Reiches, bis heran an die Ens und den Lech, bis an den Rhein und an die Seine seinen erquickenden, friedengebenden Schatten verbreitete. Da geschahe es, im Winter des Jahres 303 nach Christi Geburt, daß der Kaiser ~Diocletian~, der eben damals hier ostwärts in ~Nicomedia~ oder Ismid sich aufhielt, durch den Ausspruch eines zusammenberufenen Rathes, an dessen Spitze der Mitregent, der grimmige Feind der Christen: Galerius stund, zu dem Entschluß bewogen wurde, den überall aufkeimenden Christenglauben durch Feuer und Schwert von der Erde zu vertilgen. Furchtbarer und grimmiger hat keine Verfolgung gegen das arme Häuflein der »Nazarener« gewüthet, als die damalige; sie war zu einem wirklichen Vertilgungskriege geworden. In der Provinz allein, deren Hauptstadt Nicomedia war: in Bithynien wurden 150,000 Christen um ihres Bekenntnisses willen gemordet; die Hunderttausende der Andren, welche in den meisten übrigen Provinzen des Römerreiches als Schlachtopfer fielen, vermochte die spätere Kirche kaum mehr zu zählen. Wenn man, so berichten die Reisenden[81] in die Bucht hineinfährt, da sieht man, jenseits Libyssa an der fast unersteiglich gähen Felsenwand des Ufers noch Spuren von armseeligen Menschenwohnungen; hieher hatte sich eine kleine Schaar der noch übriggelassenen Christen in die Klüfte und Felsenlöcher gerettet, und vielleicht später, da sie dem Auge der andern Menschen sich wieder zeigen durfte, die Hütten, mit der kleinen Kirche, deren Trümmer noch bestehen, an den Bergabhang geklebt. Die andren Kirchlein des Landes waren zerstört; der große Name, in dessen Kräften das Heil der Menschen ruhet, wurde nirgends mehr laut genannt, denn die Lippen, denen er ein Vorschmack des Himmels gewesen, waren im Grabe verstummt; die wenigen Herzen, in denen er noch lebte, von Furcht und von dem Schrecken des Todes wie erstarrt. In der That es war so stumm auf dem großen Blutacker geworden, daß der Wahn der Herrscher, als sey der Aberglaube der »Christen« jetzt vom Erdreiche vertilgt, einen Anschein der Wahrheit gewann, und daß Säulen errichtet, Münzen geschlagen wurden, deren prahlende Inschriften das Gelingen der Ausrottung des Christenthumes und der Wiederherstellung des alten Götzendienstes verkündeten. Mußte es doch selbst Vielen unter dem noch überlebenden Häuflein der Gläubigen so erscheinen als sey es jetzt aus -- Alles aus. Aber, wir wiederholen unser Sprichwort: wann und wo die Noth am größesten, da ist Gottes erbarmende, allmächtige Hülfe am nächsten. -- Blicken wir noch einmal hinüber auf diese vor uns liegende, östliche Küste des Propontis. Hier, gerade bei Chalcedon, schlug Constantin der Große am 18ten September des Jahres 323 seinen Gegner und Nebenkaiser Licinius, den Verteidiger und Schützer des Heidenthumes, und setzte hierdurch, wie durch ein von den Feinden selber herbeigerufenes Gottesurtheil, den Herrscherthron des Christenglaubens auch äußerlich fest. Aber, was noch vielmehr und bedeutungsvoller ist: in Nicomedien, in der nämlichen Stadt, welche der Ausgangs- und Mittelpunkt des Vertilgungs- und Ausrottungskrieges gegen die Christen gewesen war, empfieng -- da eben seit jener Zeit nur ein einziges Mannesleben von 33 Jahren vergangen war, im Jahre 337, Constantin die Taufe der Christen. -- Du hoher Olymp im Süden schauest noch in unverwandelter Gestalt auf das vormalige Blutfeld herunter; der Kaiser aber, der sich auf den Münzen, die seinen Sieg über die Christen feiern sollten, als Herrscher des Olymp, als Jupiter, mit dem Donnerkeil in seiner Rechten, und zu seinen Füßen die niedergeschmetterte Macht der Christen darstellen ließ, wie hätte er schon nach einem einzigen Mannesleben Alles so ganz anders gestaltet gefunden, als er es erwartet. ~Hannibals Grab~, dort bei Libyssa, zwischen Chalcedon und Nicomedia, du erinnerst an das Vorspiel oder die Ouvertüre, welche die Geschichte hier dem großen Schauspiele, das sie bald zu geben bereit war, voraussendete. Hier versank der Strom, der einst so mächtig gewesen, daß er die Grundsteine der stolzen Roma zu erschüttern drohete, gleich einem Siechbache der Wüste, welcher mit starker Fluth aus dem Gebirge hervorbrach, im Sande. Fürwahr, die Geschichte beobachtet, wenigstens was die Einheit des Ortes betrifft, bei ihren Vorstellungen öfters die Regeln der alten Tragödie. Wie hat sich doch hier, in einem engbegränzten Raume, auf einer kleinen Bühne der Erdoberfläche, deren Scenerie unverändert dieselbe blieb, ein Cyklus von Tragödien entwickelt, welche, wie jene, in denen Sophokles die Geschichte des Oedipus und seines Hauses besang, ein großes Ganzes bildet, das, durch Gleichheit des Inhaltes der einzelnen Stücke sich als ein zusammengehöriges zeigt. An der südlichen Gränze des Propontis erhub sich die Flamme, von welcher Troja verzehrt wurde, dessen Lebenskeim, wie der Phönix der alten Sage, in der neuen Form des römischen Weltenreiches wieder aufwachte. Hier bei Libyssa feierte die Macht des weströmischen Reiches an Hannibals Grabeshügel einen Triumph, dessen Gegenspiel der Sieg des Constantin über den Licinius war; denn damit erhub sich ein Gegengewicht, das für lange Zeiten den Scepter aus der Hand des Westens zu sich herüberriß. Hier auch, in Nicomedia, rühmte sich das Heidenthum über das, wie es schien, vertilgte Christenthum eines Sieges, dessen das Christenthum bald nachher sich nicht rühmte, sondern seiner in der That und Wahrheit genoß. Es war ein unbeschreiblich schöner Abend, als wir mit unserem Dampfschiff über den Propontis hinschwebten. Die Schaaren der Delphine spielten in unsrer Nähe; dieses Thier, das einer wirklichen Regung der Neugier fähig ist, schien durch das Rauschen und Rauchen des Dampfschiffes mehr angelockt denn abgeschreckt zu werden. Wir hatten uns wieder der westlichen, der europäischen Küste genähert, die sich hier zur weiten Ebene ausdehnt; fern hinter uns lag schon das alte ~Athyras~ (jetzt Bujuk Tschekmedsche), wo der Feldherr Belisarius, nachdem er noch einmal das greise Haupt mit dem Kriegshelme bedeckt, die Hunnen schlug; weiterhin erheben sich über die vormals so reiche Fläche nur hohe Grabeshügel, welche die Gebeine wie den Namen der Helden, deren Ehrendenkmal sie einst waren, verdecken und verschweigen. So lange die Dämmerung es erlaubte genossen wir des Anblickes des Meeres und Landes; den von ~Rodosto~, dem Wohnorte vieler deutschredenden Ungarn und Siebenbürgen, die aus Buda hieher kamen, entzog uns die Nacht. Die Empfindung, mit welcher ich am 11ten October beim ersten Grauen des Tages erwachte, glich fast jener, die mich in meinen Jünglingsjahren ergriff, als nun endlich der Morgen des längst ersehnten Tages gekommen war, an dem ich den theuren Mann und Lehrer, der mir der erste, freundliche Führer auf das Meer des eigenen, selbständigen Denkens und Forschens gewesen war[82], nach zweijähriger Trennung wiedersehen sollte. Ich sollte heute ein Land sehen und begrüßen, das mir in der Blüthenzeit des Lebens ein Lustgarten gewesen war, darinnen meine Seele sich Hütten, wie zum beständigen Wohnen aufgeschlagen, meine Phantasie täglich sich ergangen hatte; ich sollte die Küste von ~Ilion~ sehen: Achilles wie des Patroklos Grabmal und des Skamandros blühende Gefilde. Schon vor Sonnenaufgang stunden wir auf dem Verdeck; ein Geruch, wie nach Narden, den der Wind vom Lande her brachte, kam uns entgegen; die breitere Bahn des Propontis lag hinter uns, wir näherten uns schon dem Eingang zum Hellespont. Dort auf den Alpenhöhen des Rhodopegebirges, die sich uns durch eine der Thalschluchten zeigten, erwachte jetzt, im Strahle der aufgehenden Sonne der Morgen; es war als ob einzelne Töne der Orpheischen Lyra, wie ein Säuseln aus dem Wipfel der Eiche, an unser Ohr kämen; dort an dem beschneiten Gipfel von Rhodopes Gebirge, klagte Orpheus seine Euridice. Das Herz des alten Barden, der, ein Seher des Künftigen, in vielen seiner Lieder die Herrlichkeit eines fernkommenden Reiches des Geistigen besang, schlug noch jugendlich treu und warm, als das Haupt schon vom Schnee des Alters bedeckt war; die Liebe seiner Jugend war ihm Vorbild und Führerin zu einer Liebe gewesen, die nicht vom Geschlecht des Vergänglichen, sondern von einer niemals alternden, unvergänglichen Art ist. ~Gallipoli~, auf welches nun auch die Strahlen der Morgensonne fielen, erscheint noch immer, wie sein alter Name Kallipolis es nennet, als eine schöne Stadt; malerisch schön durch den Gürtel der streifenweise geschichteten, von Gärten und Zypressenwäldern durchzogenen Felsen, an die es sich anlehnt; schön durch das farbige Gemisch seiner Moscheen und Häuser. Denn wenn auch der (deutlich geschichtete) Felsen seit Jahrtausenden derselbe blieb, so hat doch dieses Heer der Gebäude, gleich der Haut einer Schlange, im Verlauf der Jahrhunderte sich oft erneut; es erhub sich aus den Haufen des Schuttes und der Asche, in welche es durch die Barbarei der Lateiner versunken war, und als in der Mitte des 14ten Jahrhunderts ein furchtbares Erdbeben Mauern und Häuser der Stadt zu Boden gestreckt, da hob dieselben die Hand der Türken, welche hiermit zuerst festen Fuß an der europäischen Küste faßten, zu neuer Herrlichkeit empor. Das vormalige ~Lampsacus~ (jetzt Lepsek oder Lamsaki), das an der entgegengesetzten asiatischen Küste etwas südlicher denn Gallipoli liegt, hat sich nicht so wie dieses erneuert und gehäutet; es hat dieses Geschäft der peloponnesischen Riesenschlange (+Boa turcica+) überlassen, welche unter der üppigen Fülle der Landschaft (der alten Abarnis) herumschleicht, da wo nach der Sage der häßlich entstellte Halbbruder des Amor geboren ward, den, von Schaam ergriffen die eigne Mutter verläugnete. Noch jetzt vermöchte diese Gegend, deren köstlicher, feuriger Wein vom Alterthume so hoch gepriesen ward, eine Pflegerin jener silenischen Begeistrung zu werden, welche den von ihr Bewältigten sich selber und seine geistige Bestimmung vergessen und verläugnen machet, denn noch immer glühet hier, unter dem Grün der Rebe das Feuer der edelsten, gehaltreichsten Trauben; Feigenbäume von bräunlichen Früchten behangen, bedecken die Hügel. Das Oertlein selber aber, das an der Stätte von Lampsacus, dem Geburtsorte des mitten in solcher Naturfülle nüchtern gebliebenen Redners und Geschichtsforschers Anaximenes stehet, ist ein unregelmäßiges Gehäufe armseliger Hütten. Immer genußreicher und reizender wird jetzt die Fahrt. -- Da in der Meerenge des Hellespontes stehen sich die Kräfte zweier nachbarlicher Welttheile, wie die Vorposten zweier Heere nahe gegenüber; sie rufen sich wechselseitig Worte der Herausforderung zu. Das asiatische Ufer, in der unvergleichlich schönen Fülle seiner Lorbeer- und Terebinthenhaine, in dem Schmucke der Wein- und Kirschengärten, über deren niedre Hügel von Süden her der hohe Ida hervorblickt, ruft mit lauter Stimme zu der Nachbarin hinüber: »Siehst du mein Haupt mit Kränzen des Ruhmes umwunden?« -- »Wunden« antwortet drüben das Echo aus den gähen Felsen des Chersonesus. Darauf fraget der noch jetzt von den Trümmern der ~Mauer des Miltiades~ umzäumte Chersonesus: »Siehst du die hehren Werke meiner Hände?« und das Echo der asiatischen Küste antwortet »Ende.« Von neuem rufet das Blumengefilde Mysiens zu der Nachbarin hinüber: »Was hast du, mit Asiens Blüthen zu vergleichen?« -- »Eichen« antwortet darauf der Wiederhall von Thraziens Halbinsel. -- Wiederum erhebt Europas Küste die mächtige Stimme und rufet: »Welcher Ausgang bleibt dir, du Sklavin der Sklaven offen?« -- Die Gegnerin antwortet: »Hoffen.« Indem wir so, das Auge bald auf die grünenden Anhöhen und die von immerblühenden Rosengehängen gerötheten Schluchten der asiatischen Küste, bald auf die von Seelilien[83] umsäumten Felsengestade des Chersonesus gerichtet, dem Zweigespräch der beiden Nachbarinnen lauschten, sind wir schon, ~Sestos~ gegenüber, bis an das ~Vorgebirge von Abydos~ gekommen. Da, an den Klippen, deren Reihen weit hinein ins Meer sich fortsetzen, sahe man noch vor wenig Jahren einzelne Trümmer jener fünf türkischen Kriegsschiffe herumgestreut liegen, welche der kühne, englische Admiral ~Duckworth~ (im J. 1807) hier, hinter der für unannahbar gehaltenen Schutzwehr der Dardanellen aufgesucht und zerstört hatte, ein Wagstück, welches übrigens schon unter Andren der Capitän des Meerbusens von Venedig: ~Jacob Veniero~ im Jahr 1464, und Admiral ~Elphinston~, nach der für die Türken so unglücklichen Seeschlacht bei Tschesme im Jahr 1770 bestanden hatten, der Letztere so glücklich, daß er, nachdem er jenseits der Dardanellen ruhig Anker geworfen, und während seine Trompeter bließen, eine Tasse Thee getrunken hatte, ohne Verlust mit der Fluth zurückkehrte. Hier, wo die Sage der Dichter ~Hero's~ und ~Leanders~ Ort der Begegnung und letzten Trennung hinsetzet, treten sich beide Ufer am nächsten, darum hatte da bei der Landspitze ~Nagara Burnu~, auf welcher der alte Leuchtthurm stund, etwas nördlich von Abydos Xerxes seine Schiffsbrücke gebaut; hier bei Abydos war es auch, wo Alexander der Große mit seinem Heere nach Asien übersetzte, und wo auch die kriegerische Macht der Galater hinüberdrang, während umgekehrt da in derselben Gegend ~Soliman~, Orchans Sohn, am Saume des Strandes hinreitend, hundert Jahre vor der Einnahme von Constantinopel den Entschluß faßte und auszuführen begann, als Eroberer nach Europa überzusetzen. Uns, wie einst die alten Gallier, wandelte, bei dem Anblicke der ganz nahe an unsrer Seite liegenden, asiatischen Küste der entgegengesetzte Trieb an, hinüber zu ziehen nach Asien, welches hier, am Ufer der Bäche, die aus den waldigen Höhen herabstürzen, eine unbeschreibliche Lieblichkeit entfaltet. Wir hatten indeß nicht lange Zeit das Auge mit den Heerden der Lämmer zugleich, die am Abhange der Hügel giengen, auf die Weide dieser grünenden Auen zu senden; schon lagen vor uns, drohend in roher Kraft, die beiden Bergschlösser der Dardanellen: das ~Kellidil Bahar~ oder Auge des Meeres und die ~Sultanie Kalessi~ oder große Sultansstadt. Unser Dampfschiff hatte hier auf kurze Zeit anzuhalten; wir kamen der Kellidil Bahar so nahe, daß wir in den ungeheuren Schlund ihrer Geschütze so deutlich hineinschauen konnten als Odysseus in das grimmig blickende Auge des Kyklopen. Seitdem, wie schon erwähnt, jener gefangene Ungar für Mohammed +II.+ die Riesenkanone gegossen, welche steinerne Kugeln von 6 Zentnern Gewicht, wie man sagt, auf eine Meile weit schoß, und welche wirklich bei dem Bestürmen der Mauern von Constantinopel furchtbare Wirkung that, haben die Türken mehrere ihrer befestigten Orte, vor allen aber die Dardanellen mit solchen, Feuer und Gestein speienden Ungeheuern besetzt, die sich an Größe zu andern Kanonen fast so verhalten, wie die Riesenschlange zur Ringelnatter. Träge jedoch zugleich und unbeweglich wie die Riesenschlange, wenn sie ihren Leib mit Nahrung gefüllt hat, liegen diese Feuerschlünde an ihrem Orte; sie gleichen Gewalten der Natur, welchen der Mensch nichts zu gebieten vermag, das sie nicht selber zu thun geneigt sind; sie schleudern ihre verderblichen Steinmassen immer nur nach einem Punkte hin, eine Richtung von andrer Art kann ihnen, so wie sie da fest liegen, der Türke nicht geben. Dennoch vermögen sie auch so noch Ungeheures zu leisten; dieses erfuhr der kühne Duckworth als er nach der Zerstörung der türkischen Flotille mehrere Tage in vergeblichen Unterhandlungen vor Constantinopel verloren und als nun die türkische Artillerie, geleitet durch französische Offiziere, an den Dardanellen und manchen andern Punkten der Küste seiner mit feindselig gespannter Aufmerksamkeit wartete. Denn obgleich er, begünstigt von Wind und Strömung ziemlich schnell zwischen den künstlichen Vulkanen der Dardanellen hindurchfuhr, ward dennoch ein Theil seiner Schiffe so nachdrücklich von dem Geschütze getroffen, daß der Royal George fast zu Grunde gegangen wäre; dem Windsor Castle wurde der Mastbaum, einer andern Fregatte das Steuerruder sammt einem Theil der Pupa zerschmettert; an der Aktive, auf welche eine mehr als zwei Fuß im Durchmesser haltende, gegen 8 Zentner schwere Granitkugel auftraf, wurde das mächtig starke Zimmerwerk in der Gegend des Backbordbuges so durchbohrt, als sey es von Papier; die Kugel rollte jedoch dann auf dem Mittelverdeck nach hinten, ohne weiteren Schaden zu thun. Auch Jacob Veniero, als er des groben Geschützes dieser furchtbar drohenden Felsenschlösser spottend zwischen den Dardanellen hin und herfuhr, verlohr auf der Einfahrt 7, auf der Hinausfahrt 5 Ruderer, nicht sowohl durch die großen Kanonen als durch die kleinen Schießgewehre der Besatzung. Doch wir haben in diesen Gegenden andre, bedeutungsvollere Dinge zu bedenken und zu betrachten als die Thaten einiger neueren Seehelden; wir stehen hier am Ufer eines Meeres der bewegten Lebenskräfte, welches, dem Auge unübersehbar von einem Jahrtausend zum anderen woget. Der Geist, welcher durch seine Kraft das sichtbare und vergängliche Wesen zum Leben der Ewigkeit weihet, hat verschiedne Weisen dieser Weihungen; denn Er ist es, welcher der Seele die Weihe eines Lebens in Gott und aus Gott ertheilet, Er auch ist es, der ihr, mitten in dem dumpfen Gedränge des Sinnenlebens ein Sehnen nach Gott und dem Göttlichen einhauchet. Noch ehe das zarte Kind den süßen Namen, der noch nicht gekannten Mutter zu nennen vermag, ist sein Rufen nach ihr ein Weinen; dieses Weinen ist es, durch welches im leiblichen Menschen zuerst die Kraft der Stimme und der Sprache aufkeimet; der Schmerz ist das erste nährende Element der Seele, deren Wesen und Leben ein Sehnen ist, hinaus und hinauf aus dem armen, beengten Kreise des selbstsüchtig sinnlichen Seyns in den Zustand eines Mitgenießens der Freude, welche niemals aufhört; des Lebens das niemals endet. Wie das Kind zuerst an der Hand der Wärterin sich festhält und so zum eignen Gehen sich bekräftiget: so erstarket das geistige Leben der Völker, das Leben der frühe verwaisten, in die Fremde gerathenen Kinder zuerst durch das Erfassen des Mitgefühles mit vielen Andren, welche das Gleiche fühlen; eines Mitgenießens der Freude, welche viele Andre erfreut. Dieses Mitgefühl, das in Tausenden zugleich die Thräne des Schmerzens wie das Aufwallen der Freude und der Begeisterung zur That der Helden weckte; dieses Mitgefühl das um viele der äusserlich unter sich getrennten und uneinigen Städte, Inseln und Völkerschaften ein Band der geistigen Einheit schlang, reichte die Muse dar, welche Ilions Fall und ein Sehnen nach der Heimath besang, das erst nach langem Kampfe und mühseligen Irrfahrten das theure Heim gefunden. Denn wie einst der Atreiden Schlachtruf Hella's Stämme vor Ilion versammlet, so rufte Homers Lied der Helden sie alle von neuem zum gemeinsamen, geistigen Werk des Lebens; Athens wie Sparta's Gesetzgeber und Begründer des Bauwerkes der Staatenverfassung, sie erfuhren von neuem die Kräfte jener Orpheischen Lyra, die das ungeordnete Gestein zur Anordnung der Tempelgemäuer herbeizog, als sie durch Homers Gesang die Seelen der Menschen zum Aufmerken auf die große That der Geschichte geweckt hatten, welche überall, sie erscheine in welcher Form sie wolle, ein Hineilen nach einem Ausgang und nach einer Lösung des Räthsels ist, die nicht in des vergänglichen Lebens Zeit, sondern in des Lebens Ewigkeit fällt, und deren sichtbares Gewebe aus Fäden sich entspinnt, die in einer unsichtbaren Welt des Göttlichen ihren Anfang nehmen. Was hierbei so Großes wirkte, das war vor allem das Erfassen dieser unsichtbaren Anfänge und Ausgänge alles in das sichtbare Wesen kräftig wirkenden Thuns; ein Erfassen das durch Kraft, hier des Geistes als Muse, gewirkt ward, als in Argos Auen wie an Asiens Küsten und auf Creta's Gebirgen der Gesang widertönte, vom Zorne der Atreiden und des Peleiaden Achilles, oder die Thräne des Mitleides bei Hektors und Andromache's Abschied, wie, zu Achills Füßen, um Hektors Leichnam, mit dem ergrauten Priamus, das Auge des dorischen wie des jonischen Jünglinges und des Bewohners der Inseln benetzte. Ja, »aus Troja's leiblichem Untergang ist ein geistiges Ilion erstanden und wenn auch nicht mit dem beglückteren Achill auf Leuke, lebet doch der frühe verblühete Hektor, lebet mit ihm Andromache ein nie verwelkendes Leben im Liede; Ilions Fall und geistige Verklärung wird hierdurch ein Bild voll Bedeutung wie das Samenkorn das im Boden verwest, während der Keim des Neuen fröhlich aus ihm hervorwächset«[84]. Doch nicht mit dem geistigen Auge allein, auch mit dem leiblichen treten wir jetzt dem Schauplatz der Homerischen Heldenkämpfe etwas näher. Unser Dampfschiff hielt hier, weil mehrere Reisende ausstiegen, gerade so lange als nöthig war, um wenigstens die Hauptpunkte der Scenerie, die sich aus ~Le Chevalier's~ und ~Clarke's~ Beschreibungen dem Gedächtniß tief eingeprägt hatten, freilich nur wie ein Gemälde, zu überblicken. Da, wo der Saum der Küste ein wenig anwärts steigt, erhebt sich noch jetzt, neben dem des ~Patroklus~ jener ~Grabeshügel des Achill~, den schon vor 22 Jahrhunderten Alexander der Macedonier durch gymnischen Kreistanz ehrte; hier war das Lager der Griechen; dort auf der Anhöhe, die nun das Dorf ~Burnabaschi~ einnimmt, stund Ilions Veste und noch jetzt quillt am Fuße des Hügels der warme Quell, noch jetzt zeigt sich da, von altem Gemäuer umfaßt, ein Wasserbehältniß, vielleicht dasselbe, an welchem Troja's Frauen, ehe das Annahen der feindlichen Heeresmacht die Sitte des Friedens störte, die Gewänder wuschen. Noch jetzt wächst auf dem ~Feigenhügel~ das Gebüsch der wilden Feigen; die Höhe von ~Kali Kolone~ dort jenseits, auf welcher die mit Troja befreundeten Götter, jene ihr gegenüber gelegne, auf welcher die mit den Griechen verbündeten stunden, selbst der kleine Hügel (das ~Grabmal des Aësites~), von wo Polites die Bewegungen des Griechenheeres erspähte, lassen, aus ~Homers~ Beschreibungen, sich noch errathen. Der ~Simois~ wälzet noch jetzt sein trübes, schlammiges Wasser zuletzt in eine sumpfige, mit Schilf bewachsne Brake, aus deren stehendem Wasser die Strahlen der Sonne Seuchen ausbrüten wie damals, da Griechenlands Heere vom tödtlichen Geschoß derselben erlagen. Zwar der klare, fischreiche ~Skamandros~ strömet jetzt durch ein andres, später gegrabenes Bett ins Meer, doch zeigen sich noch in den Vertiefungen des Bodens die Spuren seiner alten Zusammenmündung mit dem Simois. So tritt die Natur, wie die Aussage eines unschuldigen, unbefangenen Kindes auf die Seite des Dichters und bezeuget, daß Homers Muse Wahres gesehen und gesprochen. Jenseits ~Tenedos~, das noch immer, wie zu Themistokles Zeiten durch seinen köstlichen Wein[85] berühmt ist, begegnete uns, gerade in den heißen Stunden des Tages, ein erfrischender Wind; das Meer, auf welches ein vorüberziehendes Gewölk das dunkle Lasur seines Schattens warf, gieng in etwas kräftigeren Wogen; fern im Norden, hinter und neben ~Imbros~ zeigte sich der ~Saoke~, der Berg von ~Samothrace~. Es erscheinet nicht ohne tieferen Sinn, daß dieser Sitz der alten Orpheischen Geheimlehren so nahe an Ilions Küste gestellt war; wie in Dante's und Shakespear's Geiste gesellet die ewige Weisheit auch in der Geschichte der Länder und Völker zu dem mildernden Vordergrunde des Diesseits den ernsten Hintergrund der Kunde des Jenseits. Eben ertönte noch in unserem Ohre der liebliche Gesang zur Zither und der Laut der Flöte, welche von der Lust und dem Leid des vergänglichen Lebens sprachen; da erhebt das ernste Geläute der Glocke, vom benachbarten Thurme seine Stimme und erinnert an Das, was jenseits der Gräber ist. Die Gesänge der Homerischen Muse auf Troja's Ebene stärkten und begeisterten Die, welche sie vernahmen, zu den Heldentaten des Schlachtfeldes und des Kampfes der Männer; die Töne der Orpheischen Lyra, in den Geheimlehren Samothrakes gaben Denen, die sie vernahmen und erfaßten, Kraft und Muth zu dem Bestehen der siebenten Trübsal, zu dem Kampf mit den Schrecken des Todes. ~Lemnos~ hatten wir wenig beachtet; desto mehr zog uns der Anblick des bergigen, schön bewachsnen ~Lesbos~ (~Metelyn~) an, an dessen östlichen Ufern wir in den späteren Nachmittagsstunden ganz nahe hinfuhren, und in dessen einer Bucht unser Dampfschiff für kurze Zeit anhielt, weil hier mehrere Reisende ausstiegen. Noch jetzt, wie zu Tourneforts Zeiten, gewährt diese Insel mehr als 100 größeren und kleineren Ortschaften Nahrung und fröhlichen Verkehr, und dieser reiche Boden war nicht bloß fruchtbar an leiblichen Gewächsen, er war dies auch an geistigen Kräften, denn Lesbos ist die Geburtsstätte von ~Alcäus~ und ~Sappho~, wie von dem Zeichner der Charaktere, dem Dolmetscher der stummen Zeichensprache der Pflanzen, der Steine und Meteore: ~Theophrast~ dem Eresier. Wie durchsichtig und klar der Himmel dieser Länder sey, das lehrte uns am Abend der Anblick der Mondsichel, die wie ein zarter Silberfaden schon heute, gegen Ende des 2ten Tages nach dem Neumond, tief am Horizont sich zeigte. Die Feuer der brennenden Gebüsche, welche die Hirten entzündet hatten, ergoßen sich wie Gluthströme über die Schluchten des Gebirges; erst spät verließen wir das Verdeck, um die Ruhestätte zu suchen. Beim Erwachen, in der Dämmerung des nächsten Morgens, war das Erste das wir vernahmen ein Laut, den wir lange nicht mehr gehört hatten: der Ton der christlichen Gebetglocken. Unser Schiff lag schon seit mehreren Stunden in der Bucht von ~Smyrna~. Sey uns gegrüßt du altes, schwärzlich graues Felsenschloß auf der Höhe des Mastusiaberges, aus dessen Pallästen und Tempeln einst die Fülle und Herrlichkeit Joniens in solcher siegreichen Anmuth hervorblickten, daß der länderkundige Strabo bei dem Anblick das Lob der »schönen Stadt« ausrief. Noch mehr aber sey du uns gegrüßt du immergrünendes Gefilde des Meles, aus dem einer jener Engel hervorgieng, der wie jene, durch deren Geschäft das Gesetz gegeben ward, die Bestimmung hatte, den Völkern und Menschen ein geistiges Bewegen, hinweg von dem thierischen Sinnengenuß in ein Gebiet des innern Schauens und Genießens zu bringen, welches wenigstens die Vorhalle oder der Garten jenes Tempels der Innenwelt ist, deren Pforten der Glaube eröffnet. Hier oder nahe von hier war die Geburtsstätte des Homeros, des einen, ganzen Sängers der Ilias und der Odyssee, nicht jenes vielköpfigen, vielarmigen, den sich die Gelehrsamkeit unsrer Tage ersonnen hat. Es lag, in der dämmernden Frühe, über den Hainen der Zypressen und den Gärten der Orangen eine Stille, wie jene die eine liebende Mutter sich und den Ihrigen auferlegt, damit der schlafende Säugling nicht geweckt werde; endlich nahete, von den Höhen des Sipylos der Morgen und goß seine Strahlen herab in das Thal; der dunkelgrüne Vorhang der Zypressenhaine that sich auf und verstattete dem Auge den Zutritt hinein in die Lustgänge der Lebenden wie auf die Ruhestätte der in den langen, letzten Schlummer versenkten Schläfer. Wenn auch die jetzige Geschichte des Landes gleich dem Tithon die Züge des kraftlosen Alters an sich trägt, so fällt dennoch auf sie noch immer, lieblich verklärend, der Strahl der niemals alternden, ewig kräftigen Morgenröthe, und es ist nicht die irdische Aurora allein, die im Liede des Sängers hier mit Homers Geburtsstätte sich vermählte; es ist ein Morgenglanz der Ewigkeit der seine Strahlen auf diese alte Stadt wirft, die nicht nur im Liede der Dichter, sondern in dem hehren Worte der Offenbarung eine hochgepriesene ist. Vergessen wir nicht, daß wir hier bei der besten, untadelichsten unter jenen sieben alten Christengemeinden sind, an welche die Sendschreiben des versiegelten Buches gerichtet waren, das den Schlußstein der Schriften des neuen Bundes bildet[86]. Smyrna. Wir verweilten fast vier Wochen in Smyrna und seiner Umgegend; hier, oder in dem Zypressenhaine von ~Budscha~ war der Mittelpunkt, von welchem unsre Reisen nach dem Thale des Kaystros wie des Hermos und des Paktolus ausgiengen, und wenn uns der Anblick der Marmorruinen von Metropolis, die wie ein zerrissenes Leichentuch über die Stätte der Gräber gestreut liegen, wenn uns die grauenvolle Verödung auf den Gassen und in den Säulenhallen von Ephesus, wenn uns der erschütternde Anblick von Sardis, aus dessen von Erdbeben und Barbarenhänden zerrissenen Gemäuern Furcht und Entsetzen, wie aus dem Haupt der Gorgone hervorblicken, niedergebeugt und traurig gestimmt hatten, da erholten wir uns von neuem in dem lebensfrohen Smyrna; darum beschreiben wir auch dieses zuerst. Wir steigen jetzt aus, an dem reinlich gepflasterten Hafenplatz bei dem Frankenquartier, der von ansehnlichen, europäisch eingerichteten Häusern umgeben ist. Man glaubt sich hier in einer einheimischen Stadt zu finden, denn neben den Waaren und Kaufleuten aus England und Frankreich findet man auch mannichfache Handelsartikel aus Nürnberg und einzelne deutsch-redende Kaufleute und Handwerker. Man hatte uns schon vor unsrer Ankunft Wohnung in dem Gasthaus einer Griechin (der Madame Maraccini) bestellt und bereitet, das in einer der ansehnlichsten, luftigsten Nebenstraßen des Frankenquartieres liegt; hier fanden wir in fast zu großem Ueberfluß die Bequemlichkeiten eines gut eingerichteten europäischen Gasthauses und eine Gesellschaft von Gästen, welche in vier Welttheilen zu Hause war; denn außer den einheimischen Asiaten und den Europäern waren besuchende Fremde aus Aegypten und Amerika da. Doch wir halten uns hier nicht auf, schon nach dem Genuß des Frühstückes in dem zur Rosenlaube eingerichteten Hofraume begeben wir uns hinaus vor die Stadt, ans Meer und in die Gärten. Ich beschreibe mit dem Eindruck der ersten Stunde zugleich das, was wir im Verlaufe auch der übrigen Tage unsres hiesigen Aufenthaltes gesehen. Man hat die weite, von Bergen umgürtete Bucht von Smyrna mit der von Neapel verglichen. Die Natur ist allerdings eben so großartig und gewaltig in ihren Umrissen, ja vielleicht selbst noch großartiger als die von Neapel; der Gedanke, daß man hier in Homers, in Hesiods, in Anakreons, in Anaxagoras Vaterlande, und was noch mehr ist, daß man sich an der Stätte jener alten Christengemeinde befinde, welche vor allen andern Gemeinden der Erde den Namen »~der treuen~« sich erworben, erhebt vielleicht die Seele noch mächtiger, als der Anblick von Virgils Grabe am Posilippo; eines aber geht dennoch der Gegend von Smyrna im Vergleich mit der von Neapel ab: das ist die grüne Bekleidung der Berge und Hügel mit Gebüsch und Bäumen, welche Italiens Landschaften ihren ganz besondren Reiz giebt. Der Muselmann, wie er sein eignes Haupt, das er unter dem Turban verbirgt, ganz kahl zu scheeren, ja glatt zu rasiren pflegt, rasirt auch, so weit er es nur vermag, die Höhen seiner Berge und Hügel und entzieht hierdurch den Quellen und Flüssen seines Landes die natürliche Nahrung. Die Ebenen und Schluchten um Smyrna sind allerdings lachend schön, die Höhen aber daneben lachen nicht; sondern in ihrer jetzigen Entstellung grinsen sie das Auge des Europäers an, wie ein kahl geschorner Türkenkopf, dem der Turban entfiel; während das Haupt der neapolitanischen Höhen mit der Jugendfülle der Locken umgeben ist. Dennoch, wenn wir in der grünenden Ebene, gegen Burnabat hin uns ergiengen oder zwischen den duftenden Orangengärten uns so verirrt hatten, daß wir keinen Ausweg mehr fanden, oder, jenseits der Gärten der Feigen und der Oelbäume auf einem der Hügel, bei den Heerden der hier weidenden großen, schönen Kameele stunden, neben uns das Engthal des ~Meles~, das noch jetzt den Namen Paradeisos führt und in welchem, wie man sagt, der Dichter der Iliade seine Grotte oder sein Hüttlein hatte, vergaßen wir gerne das was etwa fehlte, und erquickten uns inniglich an dem das in reicher Fülle gegenwärtig und vorhanden war. In Smyrna haben Christen und Mohammedaner Jahrhunderte lang feindlich sich gegenübergestanden und manche blutige Kämpfe mit einander gekämpft. Oben die alte Burg auf dem Mastusiaberge[87], die seit Antigonus, des Feldherrn Alexanders des Macedoniers und seit der römischen Kaiser Zeiten[88] von so vielerlei Händen gebaut und wieder zerrissen und wieder gebaut ward, hatten meist die Türken, den untern Theil der eigentlichen Stadt vorherrschend die Christen im Besitz, bis zuletzt unter der fester begründeten türkischen Herrschaft die Osmanen auch in der Stadt selber die Oberhand gewannen. Dennoch, seitdem die blutigen Kämpfe der griechischen Revolution beendigt wurden, wohnen jetzt in dieser hierin merkwürdigen Stadt Mohammedaner und Juden mit den Christen der verschiedensten Glaubensbekenntnisse so einträchtig beisammen, daß man sich, nur freilich nach ungleich größerem Maßstabe, in ein Gasthaus von Marseille, oder selbst von Leipzig, zur Zeit der Messe, versetzt glaubt, wo sich auch die Abkömmlinge und Bewohner der verschiedensten Länder und Städte zu friedlichem Verkehr vereint, durcheinander bewegen. Der Stadttheil, welchen die Armenier und Türken bewohnen, ziehet das Auge des Europäers durch seine reich, mit den Erzeugnissen des Orients besetzten Bazars an. Die Gassen sind hier zum Theil sehr schlecht gepflastert und schmutzig, dabei so eng, daß wenn der lange Zug der Kameele mit Holz, Baumwolle oder getrockneten Feigen beladen da hereinkommt, man in eine der angränzenden Werkstätten sich retten muß; wenn sich, wie dieß nicht selten geschieht, in einer solchen langen, engen Gasse zwei Züge von Kameelen begegnen, zwingt man die des einen Zuges, welche entweder gar nicht, oder mit minder der Gefahr ausgesetzten Dingen beladen sind, sich niederzulegen und die Thiere des andern Zuges steigen dann ganz vorsichtig auftretend über ihre am Boden liegenden Gefährten hinweg. Um eine Uebersicht über das alte und neue Smyrna zu gewinnen, besteigt man den Berg der alten, weitläufigen Burg, in deren innren Räumen noch eine verlassene Moschee gesehen wird. Ein riesenhaft großer, weiblicher Kopf, in halberhabener Arbeit, den die Türken öfters zur Zielscheibe ihrer Pistolen gemacht und hierdurch sehr beschädigt haben, soll an jene Amazone, oder nach Andern an jene Gemahlin des aeolischen Begründers des alten Smyrna erinnern, von welcher diese Stadt, die alte wie die spätere neue, ihren Namen empfieng. Wie diesem Bildniß ist es dann freilich auch den vormals so viel und hochgepriesenen Bauwerken des klassischen Smyrna selber ergangen. Das prachtvolle Theater, es war das größeste in Asien, ist von den Osmanen bis auf wenige Reste, die etwa schon bei der türkischen Besitznahme einen Theil der benachbarten Wohnhäuser ausmachten, aus einander gerissen und seine marmornen Mauerstücke zum Erbauen der Kaufmannshallen und andrer öffentlicher Gebäude verwendet worden. Dennoch läßt sich noch die Stätte, nicht nur des alten ~Theaters~ und des ~Stadiums~, sondern auch die des ~Tempels~ des ~Jupiter Acräus~, in der vormaligen ~Akropolis~ bestimmen und auch die Wasserleitung, deren Bögen sich durch das sogenannte Thal des Paradieses hinüberziehen, stammt, ihrer Grundlage nach, aus den Zeiten wenigstens der römischen Baukunst her. Von der Höhe des alten Burgberges überblickt man auch am besten den bedeutenden Umfang der jetzigen Stadt, welche, wie man sagt, 12,500 Häuser, darunter freilich sehr viele Hütten, umfasset und über 120,000 Einwohner hat. Herabwärts gehend von den verödeten Baustätten des zweiten, für uns aber immerhin alt klassischen Smyrna[89] kommen wir da an einem Felsenvorsprung vorüber, auf welchem, im Schatten der alten Zypresse, ein einfaches Grabmal in türkischer Bauart stehet. Hier, in der Nähe des Gemäuers eines längst zerstörten christlichen Kirchleins, das nach seinem Namen genannt war, fand sich der noch jetzt lebenden Sage nach, das Grab des heiligen ~Polykarpos~, eines Schülers des Lieblingsjüngers des Herrn, des Apostels Johannes. Auf eine beachtenswerthe Weise halten selbst die Türken diese Grabstätte, und das Andenken des Mannes, an den sie erinnert in Ehren. Sie sagen von ihm, daß er ein wahrer Freund Gottes gewesen sey; öfters schlachten sie da Lämmer, deren Fleisch sie an die Armen vertheilen. Polykarpos litt hier, in der Nähe seiner Grabstätte im Jahr 177 nach Christi Geburt, mithin ein Jahr vorher, ehe das furchtbare Erdbeben (von 178) die Stadt verheerte, den Zeugentod, der mit den Martern der Flamme begann und durch das Schwert vollendet wurde. Da der heidnische Richter den fast hundertjährigen, im Glauben seligen Greis fragte, ob er nicht seines hohen Alters schonen und durch das Darbringen des Rauchwerkes vor dem vergötterten Bilde des Kaisers Christo entsagen wolle, antwortete der Alte: und wie könnte gerade ich, der so viele, lange Jahre hindurch die Liebe und Wohltaten dieses guten Herrn erfahren, mich von ihm lossagen? -- Ja, der Alte hatte jene Worte des göttlichen Sendschreibens, das durch St. Johannis Hand an ihn ergangen war[90], wohl beherzigt und behalten: er war getreu geblieben bis an den Tod, und als ein fortwährender Segen des alten Hirten und seiner Heerde mag es erscheinen, daß Smyrna seine Christengemeinden von den Zeiten der Apostel bis auf unsre Tage sich noch immer bestehend erhielt, während der Leuchter von Ephesus längst hinweggestoßen ward, Laodicea in die Vergessenheit einer zerstörten Gerichtsstätte gerieth und über Sardis die Vernichtung kam wie ein Dieb in der Nacht. So gehet hier in Smyrna, wie in seiner ganzen Umgegend, die Erinnerung an die Heroën der Dichtkunst und der tiefer gründenden Weltweisheit mit der an die Helden des Christenglaubens Hand in Hand. Die Geschichte Joniens wie die eines jeden einzelnen, wahrhaft geistig durchgebildeten Menschen bezeugt es, daß die höchste Stufe dessen, was wir mit Achtung und Recht »klassische Bildung« nennen, dem einfältigen Kinderglauben des Christen keineswegs entgegenstehe und mit ihm unvereinbar sey; sondern daß gerade die hohe Kunst und die Weisheit der sichtbaren Welt, wenn sie nur redlich nach Wahrheit suchet, eine Führerin zu jener verborgenen Weisheit werden kann, deren Reich zwar über und auf, aber nicht ~von~ der Welt ist. Damit uns dieses deutlicher werde, erbauen wir uns, ehe wir etwas Weitres von dem Aufenthalte in Smyrna erzählen, da auf einem der Berge ein geistiges Homerion, zwar nicht aus Säulen des Marmors oder des Granit, wohl aber aus einem Material das bleibender ist denn diese: aus Erinnerungen an die große Geschichte dieses Landes. Man braucht nur einen Blick auf die Charte von Kleinasien und auf die ganz nahe an seinen Küsten liegenden Inseln zu richten, um mit einem Male an die ganze Urgeschichte der Wissenschaft wie der hellenischen Kunst erinnert zu werden. Dieses Land gleichet dem Granatbaum am Bache des Elisa bei Jericho, an welchem keine Blüthe fehl schlägt, an welchem jedes einzelne Zweiglein mit der Fülle der Früchte pranget: denn es ist hier keine Stadt, keine Insel, die nicht Mutter und Pflegerin irgend eines Heroën gewesen wäre, dessen Name in der Bildungsgeschichte unsers Geschlechts glänzt. Fassen wir da einen Erdstrich an der Küste von Kleinasien ins Auge, dessen längste Ausdehnung nur gegen 30 geographische Meilen beträgt und wir finden auf ihm die Heimath aller der gepriesensten Väter und Anfänger der Kunst wie der Wissenschaft beisammen. Dort, in der nachbarlichen, nördlich von Smyrna gelegnen Meeresbucht von Sandarli sieht man noch die Ruinen von ~Cyme~, dem Geburtsort des Dichters der Werke, des ~Hesiod~; hier in der Gegend von Smyrna selber, oder wenn man dieß lieber will, auf dem nahe gelegnen Chios war ~Homer~, der Vater der epischen, nur wenige Meilen südwärts von Smyrna, an der andern Seite der kleinen Landzunge, in ~Teos~, jener der lyrisch-erotischen Dichtkunst: ~Anakreon~ geboren. ~Miletos~ war die Vaterstadt des ersten der sieben Weisen, des Begründers der ältesten Schule der Philosophie: des ~Thales~ und mit ihm des ~Anaximander~ und des ~Anaximenes~; in ~Priene~, zwischen Miletos und Ephesus, lebte der weise ~Bias~; ~Ephesus~ selber war der Geburtsort des tiefsinnigen ~Heraklit~; dort in dem nachbarlich gegenüber (von Ephesus) gelegnen ~Samos~ war der Erforscher einer mächtiger und tiefer ins Leben eingreifenden Weisheit: ~Pythagoras~ geboren; hier südwärts von Miletos, in ~Halikarnassos~, der Vater der Geschichte, ~Herodot~; auf der Nachbarinsel ~Cos~ (Stanchio) der Vater der Arzneikunde, ~Hippokrates~; ~Klazomenä~ (jetzt Vourla) ganz nahe bei Smyrna war die Vaterstadt von ~Anaxagoras~, des Perikles Lehrer. Blicken wir auf die Geschichte der Kunst, dann darf sich Samos die Mutter der gepriesensten Altmeister der griechischen Baukunst nennen; denn hier wurden ~Rhökos~ und sein Sohn ~Theodoros~, so wie der gleichnamige Enkel geboren, welche mit Ktesiphon dem Cretenser den älteren Dianentempel zu Ephesus aus Crösus reichen, freiwilligen Gaben erbauten. Ephesus selber war die Mutterstadt eines der ältesten Meister der Malerkunst: des ~Parrhasius~, die Pflegerin des großen Bildhauers ~Praxiteles~; ~Zeuxis~ war bei Milet in ~Heraklea~ am Latmusgebirge, ~Apelles~ in ~Cos~ geboren. Und da späterhin auf dieses an geistigen Erscheinungen so reiche Land noch ein anderer Thau von oben fiel und auf seinem Boden neben den Myrten und Granaten auch Heilgewächse zur Gesundheit der Heiden und Völker aufgehen und gedeihen ließ; da hierdurch Kleinasien nicht nur ein Lustgarten der Wissenschaft und Kunst, sondern ein Garten Gottes wurde, in welchem die Neues schaffenden Kräfte der Ewigkeit sich ergiengen, in welchem Glanze stunden damals Patmos und Ephesus, Colossä und Laodicea, Smyrna und Sardis, Pergamum, Thyatira und Philadelphia da! Ein Besuch bei einigen der sieben Gemeinden in Kleinasien, an welche die Sendschreiben der Apokalypse gerichtet sind, gehörte von Anfang an zu den Lieblingsplänen unsrer Pilgerreise, es war deshalb unsre Absicht gewesen, schon von Constantinopel aus das unvergleichlich schöne Brussa zu besuchen und von dort den Weg vielleicht zu Lande über Pergamos und Thyatira nach Smyrna zu machen. Leider hatte die Pest, welche gerade damals sehr heftig in Brussa und seiner Umgegend wüthete, die Ausführung unsres Vorhabens verhindert und uns den Besuch der hehren Gegend am Olymp und des prächtigen Brussa's verwehrt, wir hatten jedoch auch von Smyrna aus günstige Gelegenheit, wenigstens die alten Wohnstätten der kleinasiatischen Christengemeinden im Thale des Kaystros und des Hermos zu besuchen. Ehe wir von diesen Besuchen etwas Näheres erzählen, sey es erlaubt, jene in der Geschichte der ersten christlichen Jahrhunderte so bedeutungsvolle Landschaft im Allgemeinen zu überblicken. Es waren vorzüglich die fruchtbaren Flußthäler der Nachbarschaft von Smyrna, namentlich jenes des ~Hermos~ (jetzt Sarabat) und das des ~Mäander~ (jetzt Meinder), das erstere nördlich, das andere südlich der Halbinsel von Smyrna, in denen die Wohnstätten jener Gemeinden sich fanden, deren Namen uns aus den Schriften der Apostel ein so lieber, wohlbekannter Klang sind. Freilich haben in diesem Lande nicht nur die Hände der Menschen sondern auch die Kräfte der Natur die alte Gestalt der Dinge sehr verändert; der vormals flötende Quell des Marsyas, inmitten des alten ~Celänä~, bei der Burg und dem Park des Cyrus, hat, vielleicht schon seit dem Erdbeben in den Zeiten des Mithridates, einen andern Ausgang durch den Felsen genommen, auch das spätere ~Apamea~ (jetzt ~Dinare~), das Antiochus Soter neben Celänä begründete, ist durch Erdbeben und die Einbrüche der Türken ganz zerstört, dennoch finden sich auf dem Berge, den eine spätere Sage, die sich auf Sybillinische Verse berief, zu dem Ararat der Noachischen Fluth machen wollte[91], noch die Trümmer einer Kirche und viele Grabstätten der Christen. Folgen wir weiter hinab dem Laufe des Mäander, dann wecken die Schutthaufen der Städte, an einem seiner Nebenflüsse: dem ~Lykus~ (jetzt Görduk) noch näher liegende, ernste Erinnerungen. Nahe dem Quell des Lykus, bei dem heutigen ~Khonas~, lag das einst so blühende ~Colossä~, dessen Andenken der Brief des Apostels an die Colosser eine Dauer der Ewigkeit verlieh, während die Gemäuer der Kirchen, Palläste und Häuser, welche einstmals den Namen dieser Stadt trugen, niedergestürzt sind in den Staub. Noch im 12ten Jahrhundert war Colossä oder wie es damals hieß Colassä eine Wohnstätte vieler Christen; es stund hier eine dem Erzengel Michael geweihete, prächtige Kirche; allen diesen Herrlichkeiten aber machte die Zerstörung durch die Türken ein Ende und selbst der unterirdische Felsenweg des Lykus, den das Alterthum beschreibt, ist vom Erdbeben zerstört oder verändert. Ungleich reicher noch und mächtiger denn Colossä war ~Laodicea~ am Lykus, das seinen Namen so oft wie ein reicher Mann die Gewänder gewechselt hat. Denn während diese Stadt in den Zeiten des Crösus Cydrara[92] und nach Plinius Angabe[93] Diospolis, dann Phoas geheißen, erhielt sie den späteren Namen von Laodike, der Gemahlin Antiochus +II.+, Theos. Die noch immerhin prächtigen Trümmer der niedergestürzten Marmorgebäude von Laodicea finden sich nun unter dem Namen ~Eski Hissar~ unweit dem türkischen ~Denizli~. Nur noch der arme Ziegenhirte weidet bei den Mauern der alten Theater und Palläste, in denen der Scorpion und die Schlange wohnen, seine Heerde, keine einzige Hütte beut dem bedürftigen Wandrer hier Obdach und Bewirthung dar. Dieß ist das Ende der einst auch von Christen bewohnten[94] Stadt gewesen, welche mitten in der Fülle des äußern Wohlstandes sprach: »ich bin reich und habe gar satt, und bedarf nichts«[95]; der Stadt, deren Namen in dem Munde der ernsteren Geschichte kein Fortleben fand[96], weil sie, gleich dem verdorrten Grase und Gesträuche, das ihre Trümmer bedeckt, weder nährende Frucht noch Schatten gab und deshalb nur noch zum Empfang der verzehrenden Flamme geschickt war. Wie Colossä und Laodicea liegt auch ~Hierapolis~ (jetzt ~Pambuck Kalessi~), im Schutt und Staube, die heißen Quellen, noch jetzt reich an heilenden Kräften wie vormals, beurkunden seine ehemalige Stätte, westwärts und nahe bei Laodicea. Auch hier blühte, bis zum Beginn der alles verheerenden türkischen Herrschaft eine ansehnliche Christengemeinde, über deren Hütte freilich ein andres, geistig kräftigeres Geheimniß waltete als über jener des Cybeledienstes, dessen Mysterien ein früheres Jahrtausend hier feierte. Doch wir gehen an diesen Städtetrümmern, wie an denen von ~Carura~ und seinen heißen Quellen, gehen selbst an jenen der einst so großen, in den Zeiten des Heidenthumes geistig mächtigen ~Cabyra~ oder Kibyre (am Carischen Flüßlein Indus) vorüber und beschreiben aus eigner Anschauung die Reise nach der Wohnstätte einer der wichtigsten Christengemeinden in Asien: nach ~Ephesus~, im Thal des Caystros. Reise nach Ephesus. Die Tage, auch die späteren des Octobers, sind in Kleinasien keineswegs, so wie bei uns, Herbsttage; sie sind noch angethan mit allen Kräften des heißen Sommers; dieß erfuhren wir, als wir am 19. October uns aufmachten von dem paradiesisch schönen Budscha, wo wir seit mehreren Tagen bei den theuren Freunden ~Jetter~ und ~Fielstädt~ wohnten, um in ihrer, so wie in des landeskundigen Herrn ~Browns~ Gesellschaft das Thal des Caystros zu besuchen. Wie bei uns im Sommer, gieng die Schaar der Honig sammelnden Bienen aus und ein in den großen, schönfarbigen Blumen der wilden Artischoke, die Myrte entfaltete noch, neben der schon reifenden Beere einzelne ihrer spätgebornen Blüthen; auch das Gesträuch des Lygon oder des Keuschlammstrauches war zugleich mit den traubenförmig beisammenstehenden Früchten und mit dem lieblich farbigen Schmuck der Blüthen geziert; in den Zweigen der Zypresse, wie der immergrünen Eiche besangen noch Vögel den hier nie ganz verwelkenden Jugendreiz des Landes. Neben diesem Grün der Schluchten und der Wälder zeigte sich jedoch auch über weite Strecken hin der von der langen Dürre des Sommers verbrannte Boden, die Ebene weißfarbig wie ein zur Ernte reifes Getraidefeld, der nackte Boden der Hügel zerborsten und zerstäubt. Ein Theil unsrer Reisegesellschaft (denn nur ich und die Hausfrau wohnten in Budscha) hatte fast gleichzeitig mit uns die Reise von Smyrna aus angetreten; wir begegneten uns noch vor ~Sediköi~, dem Landaufenthalt mehrerer wohlhabenden Franken, welchem man die Verheerungen durch die Revolution nicht mehr anmerkt. In unsrer Gesellschaft befand sich auch der merkwürdige, vielgereiste Armenier, ~Jusuff Effendi~, von welchem wir später noch reden werden; ein Mann, welcher der Sprache und Sitte der Türken mächtig, unter diesen als einer ihres Gleichen gilt; mit ihm zwei türkische Postknechte oder Surutschuis. Als wir jetzt aus einem der immergrünenden Eichenwälder und dem dichten Gebüsch der Myrte hinaustraten auf die freiere Höhe, da stiegen jenseits der Ebene, in einer Klarheit, wie sie nur der Himmel von Smyrna gewährt, gleich dunkellasurblauen Gewölken, die Felsenhöhen von Teos und in Südost die Gebirge des Kaystros und des Mäandros am Horizont herauf. Wie eine emporgehobene Hand, die dem besuchenden Fremdlinge Willkommen zuwinkt, stunden vor uns die malerisch schönen Höhengruppen des Mesogischen Bergzuges und gleich den Melodieen eines Liedes, das uns die liebende Mutter bei der Wiege sang, lebten die Erinnerungen an die Träume und Wünsche der Jünglingsjahre auf; die Träume, die nun, einer nach dem andern, zum wirklichen Genuß, die Wünsche, die zur Erfüllung wurden. War ja hier in der Nachbarschaft des Meles, wie bei Teos, Ephesus und Milet, ja allerwärts wohin nun das Auge sahe, die Seele schon oftmals wandeln gegangen, ehe dieß endlich auch der Leib konnte. Bei einem türkischen Kaffeehause, das neben etlichen Häusern am Fuße des Hügels stehet, ruheten wir einige Augenblicke. Weiter hin deutet ein meist ausgetrocknetes Flußbett, an dessen letzten Säften das gemeinste Strauchwerk dieser südlichen Länder, die Keuschlammstaude (+Vitex agnus castus+) sich groß saugt, den Lauf des alten Mastusiaflußes an. Eine ansehnliche, steinerne Brücke aus älterer Zeit, welche wie ein Spott auf den jetzigen, wasserleeren Zustand des Bächleins aussiehet, führt über das Gestrüpp hinüber und bald hernach zieht sich der Weg über eine kleine, mit dürftigem Myrtengebüsch und vereinzelten immergrünen Eichen bewachsene Anhöhe. Die Strahlen der Sonne fiengen jetzt an heftig zu brennen, denn ein Wind aus Südwest, so heiß als käme er aus einem Gluthofen, verstärkte ihre Strahlen. Ein Schwarm von größeren wie kleineren blutsaugenden Insekten warf sich auf unsre armen Thiere, mein altes, aus Budscha gebürtiges Pferd, eben so ungeschickt zum Lauf als der, welcher auf ihm saß zum Reiten, stürzte im Kampfe mit jenen feindlichen Thierlein; zum Schrecken der guten Hausfrau kam ich an Gesicht und Hand ein wenig verwundet, in Trianda an. Hier bei ~Trianda~, im Schatten einer mächtig großen, uralten Platane, am Ufer des noch immer reichlich und munter fließenden Tartalu oder Halesus, hielten wir Mittag. Wir hatten kaum auf den kühlen Steinen am Fluße unsern Sitz genommen, da gesellte sich zu uns eine Schaar von andren Wanderern, die es uns deutlich inne werden ließ, daß wir in Asien seyen. Ein Zug von Kameelen und bei ihnen eine Heerde von Kindern und Frauen, deren fast olivenbraunes Gesicht von keinem Schleier bedeckt war, kam neben uns vorbei und während die Kameele tranken oder mit hoch emporgehobenen Hälsen ausruheten, erquickten sich diese, wie wilde Gänse lärmenden Schaaren im frischen Wasser und lagerten sich im Gebüsche. Es waren ~Jurucken~, ein Völklein, das in diesen Gegenden allenthalben unter die kräftigen Turkomannen zerstreut lebt und welches manches Verwandte mit unsern Zigeunern hat. Sie bilden hier, in Kleinasien, unter dem unmittelbaren Schutze des Großsultans einen ziemlich ansehnlichen, unabhängigen Stamm, der, nach seinem eigenen Gesetz, von einem eingebornen Fürsten regiert wird. Dieser Landesfürst, der bei Trianda ein großes Haus besitzt und meist bewohnt, ist sehr reich an Grundeigentum wie an Heerden der Kameele und des andern Viehes; seine Unterthanen, Turkomanen und Jurucken, großenteils ohne festen Sitz, durchziehen mit ihren Kameelen und Ziegenheerden das Land nach allen Richtungen, suchen im Frühling und Sommer schaarenweise die Weideplätze des Hochgebirges, im Winter die der milder gelegnen Ebenen und Küstengegenden auf. Sobald jedoch, im Kriege, der Großherr ihres Beistandes bedarf, dann eilen die flüchtigen Haufen derselben, dem Ruf ihres Fürsten gehorsam, von allen Seiten herbei, furchtbar dem Feinde nicht bloß durch rasche Beweglichkeit und persönliche Tapferkeit, sondern mehr noch durch ihre Raubsucht und durch ihre Lust an allen Gräueln des Krieges. In ganz andrer Weise jedoch als im Kriege erscheint der Jurucke in der Zeit des Friedens. Die Gastfreundschaft, die Pflege der Armen und Hülfsbedürftigen, ist ihm eben so heilig wie seinem Nachbarn, dem Turkomanen; der Wandersmann, wenn er so glücklich war den zerfleischenden Bissen ihrer grausamen halbverwilderten Hunde zu entgehn, was bei Nacht für den Unbewaffneten schwer seyn möchte, darf sich getrost dem Zelte der Jurucken nahen; diese reichen ihm willig von der gesäuerten Milch ihrer Ziegen und dem schwärzlich grauen, kuchenartigen Brode ihres Heerdes so viel dar, als ihre Hand findet und als er zu seiner Sättigung bedarf. Auch der wohlhabendere Reisende, der sich im Hochgebirge des Tmolus mit Zutrauen den Horden der Jurucken nahet, hat weder für sein Leben noch für sein Eigenthum etwas zu fürchten; er empfängt, auch bei einem längeren Aufenthalte von seinen Nachbarn Alles, dessen er zum täglichen Leben nöthig hat, und selbst an dem freiwilligen Geschenke, das er etwa bei seinem Abschiede giebt, scheint die Freundlichkeit des Gebers höher angeschlagen zu werden als der innre Werth. Doch nehmen Manche, welche in öfterem Verkehr mit der Stadt stehen, auch gern eine Bezahlung in Gelde an. Die Jurucken, welche wir sahen, schienen sich durch ihre schlankere Gestalt, durch ihr glänzend schwarzes, gerade herabhängendes Haar und die dunklere Hautfarbe von den gedrungener gebauten, minder brunetten Turkomannen auszuzeichnen; auch ihre einfache Körperverhüllung nähert sich mehr jener der Beduinen; doch gehen die Frauen gewöhnlich unverschleiert. Die Wohnung ist ein Zelt, ähnlich jenem der Beduinen, bestehend aus schwarzen, wasserdicht gewebten, härenen Decken, die auf Pfähle gespannt sind. Im Verkehr mit Andren reden die Jurucken die gewöhnliche Sprache des Landes, unter sich selber bedienen sie sich öfters einer Sprache, oder wenigstens gewisser Worte und Ausdrücke, welche auf eine größere Verschiedenheit als die des bloßen Dialektes hinzudeuten scheinen. Was ihre seyn sollende Religion betrifft, so haben sie zwar in manchen äußerlichen Ceremonien und Geberden die Farbe der hier herrschenden Lehre des Islam angenommen, doch ist dieses mehr nur äußerer Schein; dem Wesen nach halten sie in großer Unwissenheit über alle die wichtigsten Angelegenheiten der Menschenseele, wie unsre Zigeuner, an einzelnen von ihren Vätern ererbten, heidnischen Gewohnheiten und abergläubigen Verrichtungen fest, durch welche sie das Unglück von ihren Heerden und Zelten abzuwenden meinen. Bei diesem allem ist jenes Volk sehr lernbegierig und bildsam; namentlich scheint den halbnackten, muntren Kindern der Jurucken aus ihrem lebhaften Auge und orientalisch wohlgebildetem Angesicht die Fähigkeit des leichten Auffassens und der gute Wille dazu hervorzublicken, möge daher das Bemühen einiger edlen Menschenfreunde durch Errichtung von Schulen für diese Kinder einst unter dem ganzen Volke höhere geistige Bildung und Umgestaltung zu bewirken, reich gesegnet seyn. Wir fahren fort in der Erzählung von unsrer Reise selber. -- Ein altes Juruckenweib, aus der nachbarlich neben uns im Myrtengebüsch versteckten Schaar trat jetzt zu uns, und betrachtete neugierig vor allem die Kleidung der beiden europäischen Frauen. Sie fragte unsren Jusuff Effendi gar Vieles, aß, als sie von ihren Landsleuten sich nicht beobachtet glaubte, von Allem das wir von unsrem Mittagsmahl ihr anboten, selbst Schinken, und nahm mancherlei übriggebliebene Brocken für die Ihrigen mit. Reichlich erquickt und gestärkt von der noch aus Smyrna mitgebrachten Speise und von dem wohlschmeckenden Wasser des Halesus ritten wir jetzt weiter durch eine Ebene, welche so aussahe als hätten Tamerlans wilde Horden, die einst Smyrna und seine Landschaft verheerten, von neuem hier das Werk der Mordbrenner geübt. Die Turkomanen hatten, wie es schien, erst vor wenig Tagen die Gebüsche der Myrten und des Lygos angezündet; über die verkohlten Reste des niedren Gestrüppes ragte hie und da eine Cerreiche oder Pinie mit versengten Zweigen und geschwärztem Stamme hervor, nur der scharfstachliche Judendorn oder Paliurusstrauch, dem man das Verbranntwerden am liebsten hätte gönnen mögen, war noch häufig genug den Flammen entgangen und zerschnitt uns, beim Hindurchreiten unsre Kleider. Mitten aus diesen weiten, öfter wiederkehrenden Brandstätten der Natur blickte die Verheerung der vormals hier bestandenen menschlichen Werke heraus: dort die zerrissenen Bögen einer alten Wasserleitung, hier die Trümmer einer Marmorsäule oder die verstreuten Reste eines ehemaligen Landhauses. Es war schon in einer späteren Nachmittagsstunde, als wir, neben den Hüttenzelten einer Turkomanenhorde, die eine Schaar der großen verwilderten Hunde umschwärmte, nach dem Hügel hinritten, auf welchem das Gemäuer der Akropolis und des Theaters unter dem übrigen Schutt hervorragen, der die Stätte des alten lydischen Metropolis[97] bezeichnet. Das erste was wir von dieser vormaligen Mutterstadt der nachbarlichen Colonieen zu Gesicht bekamen, das war das Todtenfeld unten am Fuße des Hügels, über das wir hinritten. Auf den marmornen Grabessteinen, die in Menge herumliegen und stehen, hat sich noch manche der griechischen Inschriften deutlich erhalten, welche vom Wehe der Trennung und Schmerz der Menschen reden und Namen der vormals Lebenden nennen, welche nur Gott kennt; die uralte Platane aber und die Wallnußbäume, die ihren Schatten auf die Gräber werfen, die sagen: wir Namenlosen wissen nichts von euren Schmerzen. Der Weg über den von Trümmern bestreuten Hügel wurde so schlecht, daß wir abstiegen und zu Fuße giengen. Die Sonne war hinter die Anhöhe der Akropolis getreten; die wilde Taube, mit rosenroth schillerndem Halse, girrte im Gebüsch der Myrte und auf den Zweigen der Terebinthe; die Heerden der Ziegen, gesättigt von der reichen Weide, sprangen munter über die Felsen und Mauertrümmer herab, daneben, mit ruhigem Anstande, erhub das Kameel, das Sinnbild der immer sich gleich bleibenden Ruhe des Orientalen seinen langen Hals und athmete, gleichwie der Türke den Dampf seiner langen Pfeife, so den erfrischenden Abendwind ein. Ganz nahe bei den Ruinen von Metropolis und aus ihnen großentheils erbaut liegt zwischen den Bäumen der Feigen und Granaten so wie der hohen Platanen ~Jeniköi~ (Neudorf). Hier wollten wir, so war unsre anfängliche Absicht, nur etwas Milch und Wasser genießen und dann in der Kühle des Abends, begünstigt vom Mondschein, noch etwas weiter reisen; da sich aber ein Theil unsrer Gesellschaft von dem noch sehr ungewohnten Reiten gar ermüdet fühlte, wurde der Plan geändert und der Mühe des heißen Tages schon hier ein Ende gesetzt. Einladender zur Ruhe des Abends konnte auch kaum ein Ort seyn, als das vom Schatten des Hügels gekühlte ~Jeniköi~, mit seiner herrlichen Aussicht, hier auf die dunklen Ruinen von Metropolis und auf die weite Ebene, dort aber auf das majestätisch gebildete Gebirge, dessen fernste Höhen wie dunkles Gewölk am Abendhimmel erschienen. Der türkische Ferman, den wir aus Smyrna mit uns führten, räumte uns, durch Jusuff Effendi geltend gemacht, das Haus des Dorfrichters ein, welches übrigens, wie die meisten Häuser des Ortes, nur aus einem einzigen Zimmer besteht, das für gewöhnlich von dem männlichen Personal der Familie bewohnt und von männlichen Gästen besucht wird, während für das weibliche und seine Besucherinnen ein eigenes, nicht weit davon stehendes Wohnhaus eingerichtet ist. Während man für uns in der Nachtherberge Raum machte, hatten wir bei einem Nachbarhause auf einem der alten, marmornen Leichensteine Sitz genommen, der hier mit andern Trümmern griechischer Bauwerke zur Errichtung des niedren Gemäuers, um den Hof her, verwendet war. Der Mond, wie ein unbemittelter, aber fröhlicher Wandrer, der am Abend die Gaben, welche er aus der Hand der Reichen empfieng, unter die Seinigen austheilt, ergoß seine, von der Sonne empfangenen Strahlen über die Landschaft; noch einmal ließ sich das Krächzen oder Jauchzen einer Schaar von Dohlen vernehmen, welche durch den Ueberfall der Eulen in ihrer Ruhe gestört waren, dann wurde Alles still; denn die Schaar der Fledermäuse und Nachteulen, die sich aus der zerstörten Burg der alten Herrscher hervormachte, flog lautlos, wie ein Gespräch im Traume, über die Trümmer und Hütten hin. Auch wir nahmen nun unsren Sitz auf den Binsenmatten ein, welche unser turkomanischer Wirth am Boden seines Zimmers für uns hingebreitet hatte, genossen, während dem fröhlichen Gespräch mit den Freunden, die abendliche Erquickung des Thee's und der Milch und versuchten dann zu schlafen. Jedoch die Hütte, in welcher wir unser Nachtlager genommen, war zwar von ihren menschlichen Bewohnern geräumt, nicht aber von jenen Bewohnern, deren Wohnsitz die Bewohner selber sind. Von wie bewundernswürdig mannichfacher Art und Menge sind im Morgenlande jene kleinen, langsam kriechenden oder schnell hüpfenden Hausgenossen der Hausbewohner. Mehrere von uns wachten die ganze Nacht hindurch mit diesen unermüdet wachsamen Wesen; noch lange vor dem Grauen des Tages saßen wir, selber von Grauen ergriffen, wieder zu Pferde. Der Mond war untergegangen; ein tiefes Dunkel bedeckte die Ebene, dennoch bemerkten wir, als wir zu ihr hinabkamen, daß wir nicht die einzigen Reisenden seyen, welche sich so frühe vom Nachtlager erhuben; dem türkischen Gesange unsrer Surutschuis antwortete das trillernde Lied der Kameeltreiber, die uns, mit ihren schwer beladenen Thieren, einen langen Zug bildend, unten im Thale des ~Phyrites~ begegneten. Auch wir ließen uns von den singenden Türken und von der frühen Lerche nicht beschämen; neben den türkischen hörte man auch gute deutsche Morgenlieder ertönen. Der anbrechende Tag beleuchtete uns jenseits des damals kaum einer Lache gleichenden ~pegaseischen Sees~, durch welchen der kleine Phyrites seinen Lauf nimmt, eine Gegend von seltner Schönheit. Neben uns zeigten sich die Kalkgebirge des Mimas, welche das rechte Ufer des schwänereichen Kaystros begränzen; weiterhin, gegen Süden und Osten, erhuben die Gebirge des Mäandros ihre blauen, rundlichen Häupter. Wir umritten den Fuß des rechts an unsrem Wege gelegenen Berges und es öffnete sich uns nun das herrliche Thal des schilfreichen, langsam fließenden Kaystros. Ganze Schwärme von Dohlen zogen mit lautem Freudengeschrei der aufgehenden Sonne entgegen; sie bewohnen nicht nur das verödete Gemäuer des rechts, am Eingange ins Thal auf dem Berge gelegenen Kastelles von ~Kezel-Hissar~, sondern häufiger noch die Höhlen des Kalkgebirges, deren größere und kleinere Oeffnungen vielleicht von Menschenhand erweitert, man überall, auch aus weiter Ferne, bemerkt. Jene Steinbrüche, aus denen der Marmor dieser Gegend gewonnen wurde, den man öfters unter den Bausteinen von Ephesus findet, mögen freilich zum Theil sehr alt seyn; einige von ihnen fielen auf unsrem Wege, weißfarbig und hellglänzend wie die in Gneus gelagerten Marmorbrüche des Penthelikon bei Athen, deutlich ins Auge. Mehr und mehr belebte sich jetzt die Gegend vor und neben uns. Ueber dem grünenden Wiesengrunde, auf dem wir hinritten, schwirrte die Lerche des Südens empor; an dem Samen des hohen Cardobenedictenkrautes (+Centaurea benedicta+) weidete sich zwitschernd ein vorüberziehendes Heer der kleineren Vögel; zwischen dem Schilf des Kaystros erhub schweigend der edle Schwan sein Haupt, während um ihn die kleineren Wasservögel, lautschreiend nach der Beute haschten. Einige Züge von wohlgestalteten, hohen Kameelen, dann eine Gesellschaft von meist europäisch gekleideten Reisenden (wahrscheinlich Griechen) auf Maulthieren und Pferden, kam uns, vielleicht von Guzel Hissar oder auch von Scalanuova herauf, am Ufer des Kaystros entgegen. An der alten, steinernen Brücke, die sich auch noch in ihrem halb zertrümmerten Zustande als ein Gebäu der kräftig tragenden Bögen über den Fluß hinüberspannt, stiegen wir, die gute Hausfrau sammt mir und einem der jungen Freunde, von unsren Thieren herunter, nahmen an dem jenseits des Wassers gelegenen türkischen Kaffeehause einige kleine Oelkuchen und etwas Kaffee zu uns, und giengen dann auf der grünenden, zum Theil buschreichen Ebene, dem vor uns liegenden, pyramidalen Hügel entgegen, dessen Gipfel von dem Gemäuer des Kastelles des ältesten wie des jüngsten Ephesus gekrönt ist. Denn auf diesem Felsenhügel, an dessen Abhang die jetzige, türkische Ortschaft ~Ajasaluk~ sich anlehnt, lag schon die Akropolis des alten, von den Kariern und Lelegern begründeten, von den Joniern nur erweiterten Ephesos; stark genug befestigt, um selbst eine ernstliche Belagerung durch Crösus auszuhalten[98]. Erst Lysimachos stellte die Mitte der wohlverwahrten Grundfesten der Stadt auf jene südlicheren Höhen, wo noch jetzt die bedeutendsten Werke des »klassischen« Alterthums gefunden werden. Es war heute für mich ein besonderer Festtag; die treue Lebensgefährtin und Mitpilgerin hatte eben am 20ten October ihren Geburtstag, der wollte gerne auch ein wenig in der Stille gefeiert seyn, darum that das langsame Hingehen durch das schöne Thal (mit unsern Thieren waren die Surutschuis schon vorausgezogen) so ganz besonders wohl. Der ansehnliche Aquädukt, welcher links vom Hügel der Ruinen des ältesten und neueren Kastelles über die Ebene, nach dem Abhange des Paktolus, sich hinzieht, ist von der Hand der späteren Herrscher und Eroberer aus den Trümmern des alten Ephesus erbaut oder wenigstens wieder erneuert; denn der Geist, wie die Hand des Menschen bezeugen dadurch jenes Recht der Erstgeburt, welche das Leben vor dem Tode, der Geist vor dem Leiblichen hat, daß sie den todten Trümmern einer dahin geschwundnen Herrlichkeit das Gepräge ihres noch fortwährenden, frischen Lebens aufdrücken. Wir stiegen jetzt auf einem Fußsteige, der unter den von Epheu übersponnenen Trümmern bald sich verlor, bald von neuem sich zeigte, an dem Hügel der ältesten ephesinischen Akropolis hinan. Da stunden wir, an dem einst, namentlich zu den Zeiten der byzantinischen Herrscher so prächtigen »Thore der Verfolgungen« das zum Kastell hinanführte; betrachteten vor demselben eine kleine, aus Marmorblöcken und älteren Gebäudetrümmern erbaute, nun auch verödet stehende Moschee, mit ihrem Brunnenhause und ihren türkischen Inschriften und ruheten ein wenig im Schatten des Gemäuers. Unter uns rauchten die armseeligen Hütten des seit der griechischen Revolution wieder neu aufgebauten, von Turkomanen bewohnten Ajasaluks, jenseit des Schlosses erheben sich die majestätischen Trümmer der vormaligen Kirche des heiligen Johannes, die später zur Moschee und dann abermals zur Ruine geworden, daran erinnert, daß Der, welcher angebetet seyn will im Geist und in der Wahrheit, nicht seine bleibende Wohnstätte habe in Tempeln, von Menschenhänden gemacht. Weiterhin stehen über der sumpfigen, durch die Anschwemmungen des Kaystros gebildeten Ebene die Höhen der vormals herrlich gewesenen Fürstin unter den Städten Kleinasiens[99]: die trümmerreichen Hügel des griechisch-römischen und apostolisch-christlichen Ephesus, und in noch weiterer Ferne zeigen sich, wie ein stahlblaues Schild, die Gebirge von Samos. Die Freunde warteten unser; wir giengen hinab zum Dörflein, das die Südostseite des Felsenhügels halbmondförmig umschlingt[100]. Der Vorplatz des türkischen Kaffeehauses, wo wir unsre Reisegefährten fanden, war nothdürftig gegen die Strahlen der Sonne geschützt; ganz in der Nähe lud ein Brunnen, mit frischem laufenden Wasser den Wandrer wie sein Thier zur Erquickung ein; dort am Wege steht ein alter Sarkophag, daneben das Gemäuer des türkischen Todtenackers mit einer kleinen Moschee, auf welche eine hohe, alte Platane ihre Schatten wirft. Neben und aus dem Staube der Verwesung erhub eine schöne Herbstamaryllis ihre goldfarbenen Blüthen. Ich ruhete da auf den Steinen, welche unter den Sprüchen des Korans Namen der Todten nannten und beschaute im Geiste das Bild der herrlichen Vergangenheit, die sich einst da, eine Herrlichkeit des Herrn, über den Hügel und sein Thal gelagert hatte, als noch das »Geheimniß Gottes« über den Hütten der jugendlichen Gemeinde war. Hier bei dem jetzigen Ajasaluk, das nur eine Vorstadt des griechisch-römischen Ephesus war, hatte wahrscheinlich, wie einst in einer Vorstadt der alten Roma, das arme Häuflein der Christusbekenner seine Wohnungen, wenigstens will die Sage der griechischen Kirche, daß dort, an der westlichen Seite des Hügels von Ajasaluk das Grab des heiligen Timotheus, in der St. Johanniskirche jenes des Apostels Johannes gewesen sey, während die Grabstätten der Maria Magdalena, so wie die der sieben Schläfer der Legende am Abhange eines nachbarlichen Hügels, wahrscheinlich des Prion gezeigt wurden[101]. So mag denn wohl auch da bei dem jetzigen Ajasaluk, in der Stille der abgelegenen Hütte, Timotheus der »rechtschaffene« und »liebe«[102] gewohnt haben, welcher der ersten Christengemeinde zu Ephesus als Bischof vorstand und hier, als Blutzeuge seinen Lauf mit Freuden endete; hier wohnte wahrscheinlich auch der Lieblingsjünger des Herrn, welcher vor und nach seiner Verbannung auf Patmos längere Zeit in Ephesus verweilt hat. Wandelte nicht vielleicht auch hier einstmal mit ihm die Auserwählte der Frauen, welche der Mund des Herrn seinem Jünger zur Mutter gab und welche dieser von Stund an zu sich nahm? In der That jener Eifer der Ehrfurcht, mit welcher Justinian die Stelle des ältesten, ehrwürdigen Christenkirchleins durch sein prächtiges Marmorgebäude zierte, ist dem mitfühlenden Herzen sehr begreiflich. Der arme, schnell vorüberziehende Pilgrim kann freilich über dieser Stätte, auf welcher einst die Füße der Engel und Boten Gottes wandelten, keine marmornen Denkmale errichten, er hat sich aber in den Stunden seines Hierseyns ein Denkmal im Herzen erbaut, welches wohl auch länger bestehen wird als das so bald vergehende Fleisch. Am Nachmittag machten wir uns auf, die Ueberreste des alten Ephesus zu besehen. Wir wendeten uns zuerst noch einmal seitwärts zu dem verödeten Gebäude der großen Moschee, am Abhange des Hügels von Ajasaluk. Das Zeichen des Kreuzes, welches ältere Reisende auf Grabsteinen in oder bei dieser Moschee sahen und das noch jetzt an den Capitälern einiger corinthischen Säulen im Vorsale bemerkt wird, so wie viele andre Umstände machen es wahrscheinlich, daß hier die prachtvolle, von Justinian erbaute Kirche des h. Johannes stund[103]. Der glänzend weisse Marmor, aus welchem die Fronte der Moschee erbaut ist, so wie manche der herrlichen Säulen und andre Baumaterialien in ihrem Innern, erinnern an die vormalige Nachbarschaft des hochgepriesnen Tempels der Diana, mit dessen Bestandtheilen Justinian so manches seiner Prachtgebäude schmückte. Aus dem zerrissenen Getäfel des Marmorbodens wächst nun Gras und Gesträuch hervor; die halberhabenen Arbeiten in sarazenischem Stile an der Kiblaseite, dienen den Vögeln zum Ort der Bergung. Die Stätte des eigentlichen, von Lysimachus erbauten Ephesus ist von Ajasaluk durch eine fruchtbare, von Wassergräben durchschnittene Flur geschieden. Einst war die nun längst versandete und verschlämmte Bucht, in welcher der Caystros mündete, dieß bezeugen die mit Steinpflaster belegten und vormals zum Anlanden der Schiffe eingerichteten Molo's, bis heran an die alte Stadt schiffbar; jetzt ist das Ufer des Meeres durch das Anwachsen des von der Menschenhand vernachläßigten Landes mehr als eine Stunde weit von der Stätte des ehemaligen Ephesus zurückgedrängt und die Gemäuer seines Hafens liegen meist tief im Boden verborgen. Die alte Städtefürstin hatte sich an den Bergen begründet, welche die Ebene der Caystrosmündung gegen Süden begränzen; ein Theil seiner Gebäude zog sich an dem rundlichen, fruchtbaren Berge Prion, ein andrer am Corissus hinan. Bei den Ruinen eines mächtigen alten Gebäudes, in dessen Bogenhallen, aus deren einer Wasser hervorquillt, mehrere Hirten ihre Mittagsruhe hielten, stiegen wir den mit Trümmern bedeckten Hügel hinan. Wir waren da bei den Ueberresten eines alten Stadiums und bei den gewölbten Substruktionen ihrer einen, nach der Ebene hingekehrten Seite, während die andre, entgegengesetzte Seite sich an den Hügelabhang hinanlegt. Die Länge der eigentlichen Rennbahn misset 625 Fuß, mithin ein gewöhnliches römisches Stadium; die vormaligen Marmorsitze, die sich in vielen Reihen übereinander erhuben, sind längst herausgebrochen, nur an der Fronte hat sich noch ein Theil der Marmorstücke nebst einem Thorbogen erhalten. Wir giengen weiterhin über die nun von Disteln und Dornen erfüllten Gassen der alten Städtefürstin, besahen, dem Stadium gegenüber, auf der andern Seite eine der alten Hauptstraßen; das Marmorbassin, in welches, wie man vermuthet, die Quelle Calippia sich ergoß, dann den Marktplatz, vor allem aber das Theater, welches nicht fern vom Stadium, an derselben Seite des Berges Prion seine Stätte hatte und an welches ein Säulengang angränzte. Zwar ist das Proscenium großentheils zerstört und seine Marmorquader sind längst zu andern Bauwerken hinweggeholt worden; von den Sitzen der Zuschauer ist jedoch ein Theil der Grundlage und an beiden Seiten noch ein Rest der architektonischen Zierrathen geblieben. In den Vorhallen dieses Gebäudes das einst selber der Augen Lust war und immer neue Lust der Augen in seinem Innren versammlete, ruheten wir eine Zeit lang. Wir gedachten jenes Augenblickes, da diese Räume von dem tausendstimmigen Geschrei wiederhallten: »groß ist die Diana der Epheser.« Hier gegenüber oder dort unten am Saume des alten Hafens war der Tempel der großen Göttin erbaut, welcher einst ganz Asien und der Weltkreis Gottesdienst erzeigte; der Tempel, der als eines der Wunder der Welt geachtet war. Nun ist selbst die Stätte dieses Weltwunders schwer zu bestimmen, und vor der Majestät der Göttin beuget sich längst kein Kniee mehr; der einst verachtete Name aber, den in den Tagen seines Fleisches Paulus bekannte, der ist zu einem Heil und Trost der Völker geworden. Und, so sprach eine Stimme der Zuversicht in unsrem Herzen, die bald auch auf die Lippen trat, er wird dies bleiben. -- Der Wind aus dem vorüberziehenden Gewölk wehete in die zerrissenen Mauern des zerstörten Schauplatzes herein; es war als vernähme man von den Marmorstufen her ein leises, aber dennoch tausendstimmiges »Amen.« Jenseit des Theaters kommt man in ein Thal, welches sich zwischen dem Prion und dem Corissus hinziehet. Am Prion sieht man stellenweise jene Felsart anstehen, durch welche dieser Berg für Ephesus ein so reiches Geschenk wurde: den schönen, weißen Marmor. Nicht fern vom Theater, auch am Abhange des Prion, finden sich in jenem Thale die Ueberreste des Odeons; da wo das Thal allmählig sich erweitert und zur Ebene hinabsenkt die Reste des gewesenen Gymnasiums, mit einigen Bruchstücken von großen Statuen. An einer andern Seite der alten Stadt sieht man das ziemlich wohlerhaltne Bauwerk eines römischen Tempels. Was nun die Reste des gewesenen Wunderwerkes der Welt: des Dianatempels betrifft, an dessen Vollendung zwei Jahrhunderte gearbeitet hatten, so möchte ich nicht mit voller Gewißheit entscheiden, ob das seine wirkliche Stätte war, die unser kenntnißreicher Führer, Herr ~Brown~ mit mehreren der frühern Forscher, dafür hielt und als solche uns zeigte. Allerdings war diese Stätte, auf einem nur wenig erhöhten Grunde, ganz nahe an dem alten, jetzt mit Moorerde und Kies erfüllten Hafen, so daß die Fronte von weißem Marmor, wie die Alten es uns beschreiben, dem Schiffer schon aus weiter Ferne ins Auge leuchten konnte, auch lassen die zerbrochenen Säulen von Porphyr, die Trümmer von Serpentin und mancherlei Bruchstücke architektonischer Prachtwerke, zusammen mit dem mächtigen Umfang, den das hier stehende Gebäude eingenommen haben muß, und seinen riesenhaften Substruktionen, auf die ehemalige Herrlichkeit desselben schließen. Ein Bedenken gegen die Annahme, daß hier der Tempel der großen Göttin stund, erregt nur jener eine Umstand, daß die Stätte, gegen die noch vorhandne Aussage des Alterthums, zu nahe bei dem Theater und der Mitte der von Lysimachus erbauten Stadt gewesen wäre. Vielleicht dann, daß die eigentliche Baustelle des vom Angesicht der Welt entschwundenen »Weltwunders« weiter hinab nach dem Meer war und daß seine Reste, mit manchen andren Herrlichkeiten der alten Kunst, tief unter dem angeschwemmten Lande vergraben liegen. War doch ohnehin schon der Tempel, auch da er noch frei vor den Augen der noch lebenden Geschlechter dastund, seiner schönsten Zierden beraubt worden, denn an wie viele Orte, in die Kirchen und Palläste der Christen wie in die Moscheen der Moslimen, sind seine herrlichen Säulen und architektonischen Prachtwerke gewandert. Mehrere der Säulen, in frühester Zeit, kamen in die Kirche des heiligen Grabes zu Jerusalem, acht der schönsten in die Sophienkirche nach Constantinopel, zwei Säulen, wie man sagt, aus dem Ephesinischen Wundergebäude, zieren selbst die Domkirche zu Pisa. Was dann zurückblieb auf dem alten, jetzt mit Cardobenediktendisteln und Dornen bewachsnen Boden, der einst so auserlesene Blüthen und Früchte der Kunst getragen, das sind etwa solche Trümmer von Säulen, welche die Hand der späteren Zerstörer als unbrauchbar liegen lassen. Wir aber stehen vergeblich sinnend über den Namen, womit die Stimme der Vergangenheit das Bauwerk, welches diese Säulen trugen, benannt hat, denn zwischen ihr und uns hat sich ein Strom der barbarischen Verheerungen ergossen, dessen lautes Brausen Denen, welche diesseits stehen, die Stimme jener, die am andern Ufer sind, unvernehmbar machet. Der Strom, der hier vorüberrauschte, war oft von Schlamm, öfter aber noch und furchtbarer durch Blut getrübt; seine Wogen untergruben den Grund, nicht nur des äußren Bestehens, sondern des innren, geistigen Lebens der einst so herrlichen, reichbegabten Stadt. Denn der Grund der »ersten Liebe,« welchen die ältesten Bischöfe und Engel der Gemeinde zu Ephesus: Timotheus und Johannes der Evangelist[104] gelegt hatten, mußte schon sehr untergraben und wankend seyn, als bei der hiesigen Kirchenversammlung im Jahr 431 Nestorius und Cyrillus über die geeinte oder gezweite Natur Dessen im heftigen Kampfe sich entzweiten, dessen Wesen nicht von der Natur jener Vernunft ist, welche nur zu theilen vermag, sondern näher verwandt dem Glauben, der in ungetheilter Kraft das aufnimmt und genießt, was ihm aus dem Quell des Lebens kommt. Nicht der Geist der Liebe oder des Glaubens war es, der dem Dioskuros bei der berüchtigten Ephesinischen Räubersynode vom Jahr 449 es eingab durch bewaffnete Mönche und Soldaten die Gegner seiner Meinung zur Einstimmung zu zwingen und den edleren Flavianus mit Schlägen zu mißhandeln. Die prachtvollen Kirchen und Denkmale der Apostel, welche, ein Jahrhundert hernach Justinian hier erbaute, konnten den fliehenden Geist des Lebens in ihren Gemäuer nicht umschließen und festhalten; Ephesus war zu einem dürren Feld der Aehren geworden, deren Fruchtkörner die Vögel hinweggetragen hatten, als im ersten Jahrzehend des 14ten Jahrhunderts (um 1307) die Macht der Osmanen geführt von Saisan, verheerend wie ein Feuer der Hirten, in seine Mauern einbrach und kaum drei Menschenalter nachher (im Winter 1402 auf 1403) riß der grausame Orkan, den Timur-Tamerlan[105] über Asien herbeiführte, selbst die Asche und übrigen Stoppeln dieses Todtenfeldes hinweg. Denn hier bei Ephesus hatte jener allgewaltige Chan der Tartaren, der 36 Jahre lang die Völker des Ostens zittern machte sein Lager; hier war der Brennpunkt, in welchem alle die Strahlen seiner Mordfackeln sich zusammendrängten und von wo aus sie immer von neuem sich entzündeten; hier in der Nähe war der Schauplatz aller jener Gräuel, die dem Leben der Völker an die Wurzel griffen, da sie Wald und junges Gebüsch, Palläste, Tempel und Hütten, Thiere wie Menschen, die Letzteren ohne Unterschied der Geschlechter, Lebensalter und selbst des Glaubens von der Erde vertilgten[106]. So war das arme Ephesinische Feld der dürren Stoppeln bis auf die Wurzel hinab ausgebrannt, da zog im Jahr 1419 wie ein gespenstiger Schatten der räthselhafte Vater der osmanischen St. Simonisten, Böreklüdsche Mustapha an der Stätte vorüber; der fanatisch begeisterte Verkündiger jener neuen Lehre, welche Gemeinschaft aller Güter (mit Ausnahme des Harems) und brüderliche Beachtung der Christen gebot. Dieser, von den Seinen nur »Vater und Herr« (Dede Sultan) genannt, wurde hier bei den Trümmern von Ephesus ans Kreuz genagelt und Schaaren seiner Anhänger vor seinen Augen von den Osmanen geschlachtet; Schaaren der schwärmerisch Verzückten, welche im Sterben ausriefen: »Dede Sultan Irisch« d. h. »Vater Sultan laß uns zukommen« (dein Reich). Dauerte doch selbst nach dem Tode des Böreklüdsche Mustapha der Wahn unter seinen überlebenden Anhängern noch fort, der Vater Sultan sey nicht wirklich gestorben; sein Freund, der christliche Anachorete auf Chios, wie er vorher schon erzählt hatte, daß Mustapha jede Nacht, trocknen Fußes über das Meer wandelnd, zum vertrauten Gespräche ihm genaht sey, behauptete derselbe sey, nachdem er zum Schein sich tödten lassen, zurückgekehrt nach Samos, zu den früheren Uebungen des beschaulichen Lebens[107]. Wir hätten beim Nachhausereiten noch gerne die Ueberreste jener kleinen, alten christlichen Kirche besucht, die sich unter den andern Trümmern finden sollen, aber wir hatten uns so zwischen den Disteln und Dornen verstrickt und zwischen den Gräben am Hügel verirrt, daß wir nicht ohne Mühe den Ausgang nach der Ebene fanden, auf deren Feldern Türken mit Bestellen des Ackers und dem Einbringen der Früchte beschäftigt waren. Hier stunden wir noch einmal still und blickten nach der Stätte des vormaligen »Wunders der Welt« zurück. Siehe dieß ist nun das alte, einst so herrliche Ephesus, zu welchem (nach Apok. C. 2.) »der, so da hält die sieben Sterne in seiner Rechten und wandelt mitten unter den sieben goldenen Leuchtern« einst sagte: »Ich weiß deine Arbeit, und deine Geduld, und daß du die Bösen nicht tragen kannst -- -- und um meines Namens willen arbeitest du und bist nicht müde geworden. Aber ich habe wider dich, daß du die erste Liebe verlässest. Gedenke wovon du gefallen bist und thue Buße, und thue die ersten Werke. Wo aber nicht, werde ich dir kommen bald und deinen Leuchter wegstoßen von seiner Stätte, wo du nicht Buße thust.« -- Ja die »erste Liebe« hatte vielleicht einst, hier unter den Augen des Jüngers, den der Herr lieb hatte, in Ephesus geblüht wie an wenig Orten; sie war aber bald nachher von ihrem geistigen Grunde entrückt worden und gewichen; aus einer »Hasserin« zu einer Liebhaberin der Werke der Nicolaiten geworden. Und wie ist nun das Wort so wahr geworden: der Leuchter der Ephesinischen Christenkirche ist hinweggestoßen von seiner Stätte. -- Wir lernten einen einzigen griechischen Christen in dieser Gegend kennen, einen Hirten, der zu unsrem Kaffeehaus kam und bei uns bettelte. Wenige andre Christenfamilien leben noch in den armen Hütten des Gebirges verstreut, etwas mehrere in dem etliche Stunden entfernten ~Kirkinge~; Ajasaluk, wie die ganze Stätte des alten und neuen Ephesus, ist von Mohammeds Jüngern bewohnt. War jener Hirt, welchen wir da beim Kaffeehaus trafen (seinem Aussehen nach hätte ich ihm und seines Gleichen nicht gern im einsamen Felde begegnen mögen) vielleicht derselbe? von welchem man in Smyrna erzählt[108], was ich hier kurz nacherzählen will. Einige reisende Engländer, von einem heftigen Regenguß überfallen, hatten, auf Anrathen des Wirthes im Kaffeehaus von dem kleinen Haus eines Türken Besitz genommen, welches eben leer stund, weil der Eigenthümer desselben verreist war. Der Regen war so anhaltend und so stark, die Ebene so überschwemmt, daß sie auch am andern und dritten Tage noch nicht weiter reisen konnten; sie fiengen an Mangel zu leiden. Da werden sie mit einem alten, griechischen Hirten Handels einig um ein Lamm seiner Heerde, das dieser ihnen, freilich um ungewöhnlich hohen Preis, ablassen will, statt des Lammes bringt derselbe aber eine alte, dürre Schaafmutter, und da sie auf dem Lamm bestehen, das nun auch schon ausgewählt worden, verlangt er noch um die Hälfte mehr als seine anfängliche Forderung gewesen. Aus Noth geht man auch diesen erhöhten Preis ein, da er aber die Fremden bereit sieht ihn zu bezahlen, nimmt er das Lamm auf seine Schultern und erklärt, daß er es nicht anders lassen wolle denn um mehr denn das Doppelte der Summe, über die man anfangs einig geworden war. Der Mann mußte etwas von dem Verkauf der sybillinischen Bücher gehört aber nicht recht verstanden haben. Es gab indeß keinen Tarquinius unter diesen Franken, man ließ den ungeschickten Nachahmer der Sybille seines Weges ziehen. Indeß, was geschieht, während man so sitzt und überlegt, woher man etwas zu essen bekommen könne, öffnet sich die Thüre, und der Türke, dem das Haus gehörte, welches unsre Fremden, ohne seine Erlaubniß dazu abzuwarten, in Besitz genommen hatten, tritt herein. Voll Verwundrung blickt er die unerwarteten Gäste an, doch er grüßt sie mit dem Friedensgruße »Salam« und bald spricht er auch das treuherzige Wort »Hosch gelde« (ihr seyd mir willkommen) und nun glaubte man sich vor weitren türkischen Anspielungen auf die Besitznahme der fremden Wohnung sicher. Aber man hatte sich geirrt; der Türke geht hinaus aus der Hütte und nach einiger Zeit kommt er wieder herein, mit einem großen, scharfen Schlachtmesser in der einen, mit einem Lamme in der andern Hand. Das Lamm wird geschlachtet, das Fleisch (mit Pillaw) zubereitet und nun nöthigt der Türke mit jenem gutmüthigen Ungestüme, der diesem Volke, so oft es Gastfreundschaft übt, eigen ist, seine Gäste zum Essen. Da sie am andern Tage abreisen und dem Wirthe etwas für Wohnung und Mahlzeit bezahlen wollen, sagt er: ihr seyd unter das Dach meines Hauses gegangen und ich habe zu euch gesagt: »Hosch gelde« seyd mir willkommen. Sollte ein Gläubiger von seinen Gästen Bezahlung nehmen? -- Nur mit Mühe konnte man der wahrhaft dürftigen, in einem Nebenhause wohnenden Familie des Mannes einige kleine Geschenke aufdringen. Bei dem Vergleich des türkischen Landmannes mit dem christlichen Hirten müssen wir uns in acht nehmen, daß wir über die hiesigen armen Griechen, von denen freilich manche Züge ähnlicher Art wie der eben von dem Hirten berichtete, erzählt werden, nicht zu hart urtheilen. Das Elend, welches Jahrhunderte lang nagte und lastete, konnte wohl auch den Stamm mancher edlen Gewächse zernagen. Ja, in der Finsterniß thut der Pilgrim der Erde: der Mensch, immer unsichere, irrende Tritte, und über der ephesinischen Christenheit, »deren Leuchter hinweg gestoßen ward« lastet die Finsterniß schon lange. -- Der Mohammedaner ist ein geistiger Polarländer, dem in seiner anhaltenden Nacht der wohlthätige Mond ohne Aufhören scheint; der Christ gleichet dem Bewohner der reichen Tropenländer, welchen, wenn die Sonne ihm entwich, die Nacht plötzlich überfällt. Statt eines kleinen Marmortrümmers, etwa vom vormaligen Stadium, wollen wir auch noch zum Andenken an das alte Ephesus eine Lehre des tiefdenkendsten unter allen seinen bekannt gewordenen Bürgern, des Heraklit, mit uns nehmen: jene Lehre, daß das Sehnen (das innre geistige) der Vater der Erfüllung, die Hoffnung die Mutter des Findens sey. »Denn wer nicht verlangt wird nicht erlangen, wer nicht hoffet wird nichts gewinnen.« Das Nachtlager in den Hütten von Ajasaluk versprach, bei seiner Unreinlichkeit noch weniger Nachtruhe als das von Jeniköi; das Schlafen aber im Freien wurde bei jetziger Jahreszeit in der sumpfigen Niederung dieser Gegend, für sehr ungesund gehalten. Nur unser fleißiger Maler, welcher noch einige Punkte des alten Ephesus aufnehmen wollte[109], beschloß deshalb, in Begleitung des einen Surutschuis die Nacht hindurch bei dem Feuerheerd des Kaffeehauses zu schlafen oder auch zu wachen; für die übrige Reisegesellschaft wurde es angemessener befunden, noch an demselben Abend bei dem hellen Mondenschein nach Jeniköi zurück zu reiten. Denn die prachtvollen Ruinen von Teos (jetzt Bodrun), der Geburtsstadt des Anakreon, welche in reizend schöner Umgebung gelegen, noch so wohlerhalten dasteht, weil sie seit den Bedrückungen der Perser und der damaligen Auswanderung ihrer Bewohner nach Thrazien fast ganz unbewohnt, mithin auch von den späteren Barbarenhorden unzerstört geblieben ist, hofften wir noch bei andrer Gelegenheit besuchen zu können. Der Abend, im Thal des Kaystros, war noch festlich schön. Ein alter, graubärtiger Turkomane, der uns begegnete und den ich begrüßt hatte, wünschte mir, wie mir dieß ~Jusuff Effendi~ übersetzte, außer dem gewöhnlichen Gruß des Friedens Gottes ewige Erbarmung. Und in der That, es war Frieden im Herzen, so wie das Gefühl und Vertrauen daß Gottes Gnade mit uns sey. Wir hatten lange genug Gelegenheit, die Wirkung der hellen Mondbeleuchtung auf das Aussehen dieser schönen Nachbargegend des Larissäischen Gefildes zu beobachten, denn unser Surutschui, der des Weges nicht so kundig war wie sein älterer, bei unsrem Freunde in Ephesus zurückgebliebener Gefährte, hatte sich ziemlich weithin verirrt, so daß wir erst nahe vor Mitternacht Jeniköi erreichten. Hier dauerte es ziemlich lange, bis das Zimmer unsers Turkomanischen Wirthes, das schon andre Schläfer besetzt hielten, uns eingeräumt werden konnte. Desto lieblicher war die Ruhe; denn die heutige große Ermüdung ließ uns die Bisse der Insekten, die uns gestern gestört hatten, nicht fühlen, obgleich dieses an Aegyptens Plagen erinnernde Ungemach von einer Art war, daß das Sprichwort, dessen sich ~Jusuff Effendi~ am andern Morgen, im Streit mit der zänkischen, ihn verächtlich behandelnden Wirthin bediente, das Sprichwort: mein Bette ist reiner als das deinige (d. h. ich bin vornehmer als du) auch in seinem wörtlichsten Sinne als wahr erschien. Der Tag war schon längst angebrochen, als wir aus unsrer Hütte heraustraten. Der Himmel hatte sich getrübt; über den Gebirgen des Mäandros und der Quellen des Kaystros stunden dichte Regenwolken, welche wie die kühler gewordene Luft dieß vermuthen ließ, schon angefangen hatten, einen Theil ihres Inhaltes zu ergießen. Am Abhange des Hügels, an welchem sich hin und wieder die Platane zeigt, mit dem breiten Dache ihrer Aeste, die nach unten von den Kameelen abgeweidet sind und deshalb hier wie künstlich zugeschnitten aussehen, weideten Kameelmütter mit ihren Jungen, hinter den Ruinen von Metropolis ertönte die Rohrpfeife der Hirten, dazwischen die Töne kleiner Zugvögel, welche vom Hochgebirge herkommend, mit dem vorüberziehenden Gewölk nach der Ebene am Meere hinabeilten. Auch wir ungeflügelten Wandrer und Fremdlinge machten uns zum Weiterzuge auf. Wir hatten unsren diesmaligen Rückweg, geführt von unserm jüngeren Surutschui über eine sehr wasserreiche Ebene gewählt, die, wenn der Regen uns auf ihr ereilt hätte, schwerlich würde den Durchzug erlaubt haben; schon heute, wo noch kein Regen den hier stauchenden Nebenfluß des Tartalu angeschwellt hatte, war das Hindurchreiten durch sein tiefes, sumpfiges Bette sehr schwierig. Wie manche Bauwerke der alten Zeit mag dieses angeschwemmte Land verdecken, auf dessen erhöhteren Stellen jetzt nur die schwarzen Zelte der Jurucken gesehen wurden, umschwärmt von der Schaar der häßlichen Hunde, die an den Knochen eines gefallenen Kameeles nagten. Bei Trianda kamen wir an dem ziemlich europäisch eingerichteten Landhaus des Landesfürsten vorüber, und während wir abermals unter der großen Platane am Ufer des Halesus ruheten, sahen wir ihn, den Fürsten mit einer seiner Frauen, beide in europäisch-türkischer Kleidung an uns vorüberreiten. Wir kamen gegen Abend, gerade noch vor dem Regengewölk, das sich schon am Nachmittag in mächtigen Strömen auf den Nachbarbergen, und am Abend, wie in der darauf folgenden Nacht auch in der Ebene ergoß, wieder in dem gastfreundlichen Budscha an. Reise nach Magnesia und Sardis. Vor allen andren Sinnen des Leibes trägt der Geruch das Vermögen in sich die Pforten zu dem fest verschlossenen Garten unsrer Erinnerungen zu eröffnen und mit magnetischer Kraft das Andenken an das Vergangene aus seiner Vergangenheit hervorzuziehen. Der Duft eines blühenden Baumes oder eines Gewürzes, der Geruch einer Arznei oder andre Male der eines im Feuer verbrennenden Stoffes weckt in uns nicht selten das Andenken an ganze, vergessene Geschichten unsrer Kindheit auf; die Erinnerungen selber, in ihrer unzerstörbaren Kraft der Wiedererzeugung gleichen dem Duften des Moschus oder des Ambra, welches sich Jahre lang fortsetzet, ohne daß der Stoff, von welchem es herkommt, dadurch verzehrt wird; das Erinnern der Seele, in seinem höheren Maße, erscheint verwandt dem Einhauchen der Gerüche durch den athmenden Leib. Die Zeit meines Verweilens in Kleinasien war in solcher Beziehung für mich der Aufenthalt in einem Garten voller Blumen und Gewürzkräuter; das anmuthige Budscha war mir eine Laube, beschattet vom Gebüsch des blühenden Je länger je lieber, und wo ich aus diesem Ruhesitze heraus den Fuß hinstellte, zwischen die duftenden Beete, da weckte jeder Hauch die innre Welt der Erinnerungen auf. Auf einer Anhöhe, nahe bei Budscha öffnet sich die weitre Aussicht nordwärts und ostwärts nach den Höhen des Sipylus und nach den Gebirgen, welche das Gebiet des Hermos (Sarabat) begränzen. Wie sollte es nicht vor allem nach dieser Gegend mich hingezogen haben, deren Felsenwänden und Thälern die Geschichte der Natur wie der Völker das Andenken an die Thaten Gottes und der Menschen so vielfach und so reichlich eingeschrieben hat wie nur wenig andren Stellen der Erde. Die Natur dieses ganzen Landes in und neben dem Thalgebiet des Hermos erinnert eben so an die Lieblichkeiten eines Paradieses wie an die Schrecknisse, welche den gewesenen Bewohner aus der Stätte des Friedens verscheuchten, und an den leitenden Zug, der den Hinweggescheuchten über Land und Meer zur neuen Heimath führte. Denn an das Land der süßen Früchte und aller Fülle des Bodens, genährt von dem Gewässer der goldreichen Flüsse, gränzet weiterhin das Gebiet des Lydischen Brandfeldes (Katakekaumene) mit seinen erloschenen Vulkanen und seinem vom Zornfeuer der Natur verschlackten Erdreich; bei Magnesia bezeuget noch jetzt ein auffallendes Bewegen der Magnetnadel das Vorhandenseyn jener attraktorischen Eisenmassen, welche dem beobachtenden Geiste des Alterthumes ein Führer in das innerste Gebiet der Geheimnisse der Natur, den späteren Zeiten ein Führer über Land und Meer wurden[110]. Wie oft hat in diesem Thale des Hermos der Mensch es erfahren, daß hier in einem solchen Paradiesesgarten der Erde das Wohnen ein unsichres und unstättes sey; das alte, so fest ans Land gewachsne Volk der Lydier, sammt des Crösus Reichthum und Macht entwurzelte das Schwert des Cyrus; die Hoheit der persischen Satrapen hauchte der Sturmwind des großen Macedoniers vom Boden hinweg; der Herrschaft der Syrer machte das Reich der Römer ein Ende; das was das Schwert der früheren Eroberer noch nicht gefressen hatte, das vernichtete der große Schlächter und Würger der Völker, Tamerlan; auf dem Felde der vielen älteren Todtenmahle gräbt und erbaut sich jetzt das Volk der Osmanen seine Gräber. Und wenn auch hier zuweilen die Stimme der Kriegstrommete und der tartarischen Trommeln schwieg, wenn die Völker des Ostens sich zuriefen, es ist Frieden, da erschütterten dieses Paradies der Erde die Schrecknisse Gottes, die als Erdbeben kamen wie ein Dieb in der Nacht, so daß die Ruhe der Sinnen, wenn sie, gleichwie Murad +II.+ in seinem geliebten Magnesia that, so im Gefilde des Hermos heute ihre Hütten aufschlug, schon morgen den flüchtigen Fuß erheben und weiter ziehen mußte. Dieses Land hier spricht aber auch noch auf andre Weise von den Lieblichkeiten des Innren, wie von den Schrecknissen der Pforten des Paradieses; es ist noch in andrem Sinne die Fundgrube eines Magnetes, der über die rauchenden Trümmer des Vergangenen hinweg zur Ruhe einer künftigen Heimath hinleitet; über seinen Gefilden hat die Weckstimme noch einer andern Trommete ertönt als die der Schlachten, eine Stimme die auch noch jetzt fortwährend die Schläfer zu wecken vermag und zu warnen vor der nahen Gefahr. Hier in dem Gebiet des Hermos und dem benachbarten des Caicus hatten vier jener sieben asiatischen Christengemeinden ihre Stätte, welche in der ältesten Geschichte der Kirche als so bedeutungsvolle Denkzeichen dastehen und von denen wir schon drei (Smyrna, Ephesus und Laodicea) vor der Erinnerung des Lesers vorüberführten. Jenes geheimnißvolle Buch, welches den hehren, bedeutungsvollen Schlußstein der Bücher, die Offenbarungen Gottes bildet, jenes Buch, dessen Kräfte des Himmels und der Ewigkeit sich jedesmal in den Zeiten der größesten Trübsale und Verfolgungen der Kirche tröstend, aufrichtend und neubelebend erwiesen haben: das Buch »der Offenbarung Johannes« beginnt mit sieben Sendschreiben des Fürsten der Könige auf Erden an die sieben Gemeinden in Asien. Diese sieben Gemeinden waren zu ihrer Zeit und sind noch jetzt die sieben äußern Erscheinungsformen oder Richtungen, in denen der Christenglaube, der Welt gegenüber, sich darstellt; sie sind uns in den Sendschreiben beschrieben nach jenen Gefahren, die im täglichen Kampf und Wechselverhältniß mit dem feindlichen Element von außen, ihnen drohen, so wie zugleich nach der Möglichkeit ihrer Verherrlichung durch die heilende Kraft und den Lebensgeist von oben. Wie die sieben Grundgestalten und Erscheinungsformen der natürlichen Dinge, können auch die sieben Erscheinungsformen der Kirche Christi theils als gleichzeitig ~neben~ einander, theils als in der Zeit ~nach~ einander hervortretend betrachtet werden. Es regt und bewegt sich jedoch keine der sieben Grundkräfte, es leuchtet keiner der sieben Sterne ohne die Mitwirkung der andern sechs; das Herz jedes Christen hat in seinem Laufe auf Erden die Einwirkung und die eigenthümliche Natur aller der sieben Grundrichtungen des Glaubens an sich zu erfahren, obgleich die eine oder andre an jedem Einzelnen die vorherrschende wird und zuletzt alle die andern in die erste: in die Grundrichtung der kindlichen Liebe wieder zurückkehren und in ihr sich vollenden müssen. Jene sieben Sendschreiben sind daher nicht bloß der gesammten Christenheit auf Erden, sondern auch ihren einzelnen Gliedern zur Warnung, zur Belehrung und innern Bekräftigung gegeben; sie sind zugleich, noch in ihrem jetzigen Zustande ein Beweiß für die Wahrheit der Weissagungen, welche der Geist über die Zukunft der sieben Asiatischen Gemeinden aussprach. Darum darf der Erzähler einer Reise in Kleinasien wohl auf eine Theilnahme seiner christlichen Leser rechnen, wenn er in einigen schnell vorübergehenden Zügen einen Abriß der neusten, jetzigen Geschichte jener Gemeinden entwirft. Das dritte der Sendschreiben, deren erstes an Ephesus, das zweite an Smyrna lautet, ist an den Engel (Bischof) der Gemeinde von ~Pergamos~ gerichtet. Das alte Pergamum, das sich noch jetzt seinen Namen als ~Pergamo~ erhalten hat, liegt am Caicusfluße (jetzt Mandragorai genannt) auf einem steilen, kegelförmigen Felsen, der sich an den Pindasus anlehnt. Diese Stadt, von welcher das in ihr erfundene oder zuerst im Großen als Schreibematerial angewendete Pergament den Namen führt, war in alter Zeit eine berühmte Pflegerin der Wissenschaften, denn während sie Lysimachus wegen ihrer großen Festigkeit zum Verwahrungsort seiner Schätze gewählt hatte, machte sie der König Eumenes zu einer Schatzkammer von andrer, höherer Art, indem er hier jene kostbare Bibliothek anlegte, welche bis auf 200,000 Rollen anwuchs. Unter der Herrschaft der Römer ward sie die Hauptstadt von Mysien; in ihr wurde Galenus geboren, einer der Väter der älteren Arzneikunde, schon vor ihm der Redner Apollodorus, der Lehrer des Kaiser Augustus. Noch jetzt haben sich in Pergamum bedeutende Ueberreste der alten Herrlichkeit erhalten, vor allem die Gemäuer der alten Burg der Herrscher, so wie einer meist unterirdisch verlaufenden Wasserleitung, welche beide durch ihre riesenhaft massive und feste Bauart allen Zerstörungen der Natur- und Menschenkräfte widerstanden haben; in einem türkischen Badehause der Stadt findet sich eine wunderschöne griechische Vase. Jene Kirche, in der vormals die Gebeine des Antipas, des getreuen Zeugen, geruht haben sollen, führt jetzt den Namen der h. Sophia; die große Kirche des Evangelisten (Theologen) Johannes ist zu einer Schule geworden. Von dieser St. Johanneskirche erzählen die jetzigen Bewohner der Stadt, selbst die Türken, mit einer Art von ehrfurchtsvoller Scheu, daß man früher mehrmalen versucht habe, ein Minare bei derselben aufzuführen, der Bau sey aber immer wieder auf unvorherzusehende Weise zusammengestürzt. Die jetzige Christengemeinde von Pergamo bestehet aus etwa 250 Seelen. Für den Eifer wie für die äußere Vermögenheit dieser kleinen Gemeinde scheint der Umstand zu zeugen, daß sie vor Kurzem (1836) den Bau einer neuen Kirche begann, der nun wahrscheinlich vollendet ist. So ist über ihr das Wort der Weissagung Dessen, »der das scharfe zweischneidige Schwert« zur Prüfung der Menschenherzen hat, wahr geworden: das Wort das dieser Gemeinde das Lob des Festhaltens an Seinen Namen giebt und welches zwar ein besondres, göttliches Gericht über einige der Abtrünnigen unter ihren Gliedern, nicht aber den Untergang des getreugebliebenen Häufleins verkündet. Sie hat deshalb bis zu unsrer Zeit die Segnungen jenes guten Zeugnisses zu genießen und die Kräfte jenes neuen Namens, den die Treuen, die unter ihr waren, mit dem guten Zeugniß zugleich empfangen haben. Ostwärts von Pergamum, in dem nördlichsten Gebiet des alten Lydiens findet sich ~Thyatira~, welches, ehe Lysimachus, der Wiedererneuerer der Stadt ihr diesen Namen gab, Pelopia hieß, jetzt aber den Namen ~Akhissar~, d. h. weißes Schloß, führet. Sie ist eine Nachbarin jenes Brandfeldes (Katakekaumene), dessen Boden, wie wir vorhin erwähnten, die deutlichen Spuren vulkanischer Schrecknisse an sich trägt; das Alterthum rühmte die hohe Kunst ihrer Purpurwebereien so wie die verfeinerten Sitten ihrer Bewohner. Noch jetzt bestehet in Akhissar ein lebhafter Verkehr des Handels (besonders mit Baumwolle) und der Gewerbe. Sie ist reichlich mit gutem Quellwasser versehen. An die Gemeinde von Thyatira war das vierte der prophetischen Sendschreiben gerichtet, welches bei all' seinem göttlich-richterlichen Ernst Worte des Trostes und der Verheißung enthält. Denn, wie Der sagt, dessen Blick durchdringend ist wie die läuternde Gluth der Flamme, es bestund hier eine durch Werke und treuen Dienst lebendige Liebe, Glauben, Geduld und ein Eifer, der immer mehr zu thun strebte, darum, obgleich die falsche Duldung gegen das silenisch-somnambule Prophetenthum der »Jesabel«[111] gerügt, und dieser Abtrünnigen wie ihren Anhängern Strafe des Unterganges gedroht wird, schließt sich dennoch dieser Drohung zugleich die Versichrung an, daß die Andren, die solche Lehre nicht hatten, verschont bleiben sollten und das aufmunternde Wort: festzuhalten, das was ihr Herz besaß. Und noch jetzt hält Thyatira nach seinem Maße fest am Bekenntniß des großen Namens: es lebt hier eine Christengemeinde, welche an Zahl der Seelen jene zu Pergamus übertrifft und es bestehet eine christliche Schule, welche in einem lobenswerthen, guten Zustand sich befindet. An die ältere, vormals hier bestandene Gemeinde erinnert eine zur Moschee umgestaltete Kirche, mit jener Gestalt der wie aus Seilen zusammengeschlungenen Marmorsäulen, welche wir nachher bei einer ähnlichen alten Kirche in Magnesia erwähnen wollen. Der selbst in seinen Trümmern noch von der vormaligen Pracht zeigende Altar der Kirche ist verwüstet; eine uralte Zypresse in der Nähe des entweiheten Gebäudes scheint die Stätte des vormaligen Gottesackers der christlichen Stadt zu bezeichnen. Von der Herrlichkeit des vorchristlichen, heidnischen Thyatira ist nur ein kostbarer, sehr reich von der Kunst ausgestatteter Sarkophag als Denkmal übrig geblieben. Wir gehen nun zu der fünften der sieben Gemeinden, zu Sardis (jetzt Sart) über, bei welcher wir etwas mehr verweilen, weil sie das Ziel unsrer zweiten Reise in Kleinasien war. Seit unsrer Rückkehr aus Ephesus war der Herbstregen in Strömen auf das dürre Erdreich herabgestürzt; seine Ergüsse waren so heftig und so reichlich, daß in der einen Nacht das Wasser selbst durch die Decken des Hauses drang, welches wir in Budscha bewohnten, und daß am Sonntag Morgen der Verkehr selbst des einen Nachbarhauses mit dem andern sehr erschwert war. Während sich die Wolken in der Ebene als Regen ergossen, hatten sie die Gipfel des Hochgebirges, namentlich die des Tmolus, mit frischem Schnee bedeckt. Seitdem hatte die Natur des Landes eine sehr merkliche Veränderung erfahren. Aus dem Erdreich sproßte ein neues, junges Grün; neben dem genügsamen Kameel fand auch das längst darnach schmachtende Hornvieh wieder die angemessene Weide; aus den Zweigen der Zypressen wie der Gebüsche hörte man die bekannten Stimmen auch unsrer Singvögel, vor allen die der heimathlichen Finkenarten, welche vor der diesmal früher eingetretenen Kälte des Nordens wie der Hochgebirge hieher, in die warme Ebene geflohen waren. Der heiße Wind aus Südwest und Südost hatte seine Alleinherrschaft verloren; die Luft war meist angenehm kühl geworden, obwohl sie noch immer abwechslend auf einzelne Tage und Stunden ihre vorige Gluthhitze wieder bekam. Diese vortheilhafte Aenderung erschien uns für die Ausführung unsres Planes einer Reise in die nördlicheren Gegenden von Smyrna so günstig, daß wir uns hinein in die Stadt begaben, um die nöthigen Vorbereitungen zu treffen. Freilich steckte uns das nachmals unerfüllt gebliebene Versprechen des Capitäns unsres zur Weiterreise erkohrenen Schiffes, daß er schon in den ersten Tagen der nächsten Woche abreisen wolle, für die Dauer der Reise sehr enge Gränzen, doch konnte wenigstens das Gebiet von Magnesia und Sardis in dieser Zeit besucht werden. * * * * * Donnerstags den 27ten October, an einem Vormittage der mit allen Lieblichkeiten eines mittelasiatischen Herbsttages geziert war, traten wir die Reise von Smyrna aus zu Pferde an. Unsre Gesellschaft war diesmal kleiner als auf dem Wege nach Ephesus; sie bestand nur aus mir und meinen drei jungen Reisegefährten; als freundliche Führer und Dolmetscher hatten sich der werthe Gastfreund ~Jetter~ und sein damaliger Hausgenoß, der vielgewanderte, vielerfahrene ~Jusuff Effendi~ uns beigesellt; für das Geschäft aber der Besorgung der Pferde hatte uns der Postmeister in Smyrna zwei berittene Postknechte (Surutschuis) statt einem aufgedrungen. Der Anfang des Weges nach Magnesia führt durch Gärten und an dem westlichen Abhange der Berge hin. Ein vornehm gekleideter, seinem Aussehen nach todtkranker Grieche, begegnete uns, zu beiden Seiten von Bedienten gestützt und gehalten, auf einem Esel reitend, neben und hinter ihm, ebenfalls reitend, seine trauernde Familie. Dieser Anblick, wie so vieles Andre von ähnlicher Art, erinnerte uns an jene, scheinbar selbst unbedeutenderen Vorzüge und Vortheile, welche unser liebes Vaterland in Bezug auf das Reisen, der Kranken wie der Gesunden, vor dem ihm sonst an äußerer Cultur näherstehenden Kleinasien hat. * * * * * Die fruchtbare Ebene von Smyrna wird auch gegen Magnesia hin, nach etwa zwei Stunden Weges von einem Berge (dem Mimnolus?) begränzt, an dessen Abhange jener Stein in ganzen Blöcken und einzelnen Geschieben zerstreut liegt, der von diesem Lande seinen Namen führt: der Probier- oder lydische Stein[112]. Mit ihm zugleich sieht man seinen öfteren Begleiter, den Feuerstein; an manchen Punkten stehet der Kalkfels dieser Höhen frei zu Tage aus. Schon von der Ebene, noch mehr aber von dem Bergabhange genießt das Auge einer reichen Aussicht auf die Meeresbucht bei Burnabat hin und in die herrlichen Baumgruppen von Hajilar, so wie weiterhin in die grünenden Thäler und Schluchten der östlichen Höhen, namentlich in das Thal des Meles. Der erste Berg, über welchen die vielbesuchte Straße nach Magnesia hinansteigt, ist nur eine niedere Stufe der bedeutenderen Anhöhe, die sich vom ersten Gipfel aus jenseits eines fruchtbaren Hochthales dem Auge zeigt. Nur kurze Zeit verweilten wir bei dem ziemlich ansehnlich erscheinenden Dorfe, das jenseits des Thales am Fuße der höheren, aus Kalkstein bestehenden Bergwand liegt, denn der nördliche Abhang, gegen die Ebene von Magnesia hinab, will wegen seiner Steilheit und wegen der einzelnen, gefahrdrohenden Stellen am Tage bereist seyn. Jenseits des Ortes zieht sich der Weg zur Rechten einer grünenden Bergschlucht hinan, in welcher selbst die unersättliche türkische Lust am Niederbrennen der Bäume und Gesträuche es nicht vermocht hat die Kraft der Wiedererzeugung zu lähmen, welche hier noch immer aus den Wurzeln der oft verstümmelten Eichen junge Stämme hervortreibt; in besondrer Höhe gedeihen da die Platane und Pappel. Die Anhöhe war nun erstiegen und in seiner ganzen Majestät zeigte sich uns, jenseit eines engen Seitenthales, der hehre Sipylos. Bald nachher lag auch die reiche Ebene vor uns, die der Hermos durchströmt, weithin nach Norden, an die Höhen des Caicus und von Pergamos sich ausbreitend. Das Auge konnte sich hier, was auf einem unsrer vaterländischen Postpferde wohl schwerlich möglich gewesen wäre, ruhig dem Genuß des herrlichen Anblickes hingeben, denn die Thiere, die uns trugen, hatten zum Theil schon seit etlichen Jahren wöchentlich mehrere Male diesen steilen Gebirgsweg gemacht, der sich bald über zertrümmertes Gestein, bald in den engen, durch den Fußtritt der Lastthiere und der Menschen in den Thonschiefer hineingegrabenen Rinnen hinabzieht, an deren Wänden die weißen Gänge des Quarzes (und Schwerspathes?) halberhabene Zierrathen bilden. Die Hand der jetzigen Herrscher des Landes thut hier nichts zur Erleichterung des Reisens, denn das fast auf der Hälfte des jähen Hinabweges gelegene, einzelne Haus ist keineswegs, wie Einige von uns dies glaubten, eine Art von Chausseehaus, sondern nur eine der zahllosen Kaffeeschenken dieser vieldurchreisten Gegend, und die starke, steinerne Brücke, die beim Beginn der Ebene über das jetzt nur wenig befeuchtete Bette des Winterstromes führt, ist, wenigstens ihrer Grundlage nach, ein Werk der früheren Zeiten, welche das Bauen zu gemeinsamen Zweck und Nutzen kannten und übten. Die buschreiche Ebene, zuerst im Thale am breiten Bette des Winterstromes sich hinziehend, war nun glücklich erreicht und jenseits einer niederen Anhöhe, die sich von den Vorbergen des Sipylos herkommend hier in das Flachland verläuft, zeigte sich uns zwischen Baumgärten und Zypressenhainen ~Magnesia~, mit seinen vielen, hohen, prächtigen Minare's. Das war die erste asiatische Stadt, die schon von fern gesehen, den Eindruck einer eigentlichen, in sich selber einigen Bauart des älteren Morgenlandes machte, und nächst Brussa soll sie auch in dieser Hinsicht die schönste und stattlichste unter allen Städten Kleinasiens seyn. Unsre Thiere, die Nachtherberge erkennend, eilten, wie im Wettlaufe der Stadt zu, die wir nahe vor Sonnenuntergang erreichten. Der Weg zog sich noch lang durch die ansehnliche Stadt hin, bis wir den Ort des Ausruhens erreichten. Ein Empfehlungsbrief von dem wohlwollenden, freundlichen Kaiserlich-Russischen Generalkonsul in Smyrna hatte uns den Zutritt zu dem Pallast des griechischen Erzbischofes eröffnet. Wir ritten in den Hof hinein, gaben unsern Brief ab, wurden sogleich ersucht abzusteigen und hinaufgeführt in das gemeinsame Besuchszimmer, wo man uns mit unsern Gepäck wie einen Besuch für längere Zeit aufnahm und behandelte. Es war das erste Mal, daß uns auf dieser Reise die Sitten des Empfanges der Gäste, die sich fast durch den ganzen Orient gleich bleiben, vor Augen traten: die Spende, zuerst der in Zucker eingemachten Früchte oder andrer Süßigkeiten mit dem Glase des frischen, klaren Wassers, dann der Racky oder Traubenbranntwein, hierauf die angezündete, lange Pfeife und die mit schwarzem Kaffee gefüllte Tasse. Dazu sitzt man, wer es vermag, mit herangezogenen Beinen auf den niederen, an den Wänden umherliegenden Kissen. Der Erzbischof selber war in Constantinopel; sein hiesiger Stellvertreter, der Bischof von Hierapolis, ein heitrer, freundlicher Mann, empfieng uns und gesellte sich, beim gemeinsamen Rauchen der Pfeife und beim Trinken des Kaffees zu uns. Das Gespräch, zuerst von den hiesigen Schulen, wendete sich bald zu Gegenständen aus dem Gebiet der Heilkunde, denn jeder Gelehrte aus europäischen Landen, muß, nach der Meinung des Orientalen hierin bewandert seyn. Da nun wirklich Mehrere von uns darin einige Kenntnisse besassen, so kamen bald auch andre geistliche Bewohner oder Gäste des Hauses, die sich unsern ärztlichen Rath erbaten. Bei dem Abendessen erprobten wir es selbst, daß der Ruhm, den die Melonen dieser Gegend schon bei den Alten erlangt hatten, ein wohlbegründeter sey; ihres Gleichen an Süßigkeit und aromatischem Geschmack hatten wir noch nie genossen. Auch für die Ruhe der Nacht war aufs beste gesorgt, man hatte uns dazu die gastlichsten Zimmer des Hauses eingeräumt. * * * * * Schon in der frühesten Morgendämmerung weckten mich die Töne der Menschenstimmen, welche aus der jenseits der engen Gasse gelegnen Juden-Synagoge kamen. Zwar lauteten diese Töne nicht wie ein »Lob in der Stille zu Zion«, nicht wie ein Loblied in »höherem Chor,« sie erinnerten aber dennoch an die bei diesem Volke so wunderbar ausdauernde Verehrung jenes Heiligthumes, das »hoch gebaut ist, wie ein Land, das ewiglich fest stehen soll«[113]; sie erinnerten an jenen Bund der Verheissung, welcher noch immer eine innre Lebenskraft dieses Volkes ist, aus der das äußere Fortbestehen desselben hervorgehet. Auch wir mit unsern jungen Reisegefährten freuten uns, in unsrem einsamen Zimmer der Erfüllung jenes Trostes, dessen Israël so ausdauernd wartet, und genossen der geistigen Stärkung. * * * * * Dem Leibe ließen die freundlichen, geistlichen Bewohner des Hauses nichts abgehen von dem, was er zu seiner Stärkung und Nahrung brauchte. Kaum hatten wir uns sehen lassen, da erschien auch der Kaffee, mit den Tellern voll des wohlschmeckenden Kaimaks, welcher aus dem eingedickten Rahm der Büffelmilch bereitet und mit Zucker versüßt ist. Dabei durften denn auch die andern, zum Kreise des morgenländischen Frühstückes gehörigen Dinge nicht fehlen, namentlich der Racky mit den Süßigkeiten der Früchte und den Gläsern des frischen Wassers, so wie vor und nach dem Genuße des Frühbrodes die angezündete Pfeife. Die Lachtaube, die hier, als einheimischer Vogel in den Bäumen des Hofes nistete, ließ dabei, wie zum harmlosen Genusse einladend, ihre fröhlichen Töne hören. Der Vormittag wurde zum Besehen der Stadt angewendet, welche sich vor Smyrna und vielen andern Städten des Morgenlandes durch ihre breiteren, reinlicheren Gassen und ihre schöneren Gebäude sehr vortheilhaft auszeichnet. Die Zahl der Häuser von Magnesia wird auf 9000 angegeben, wovon fast sechs Siebentheile von Türken bewohnt sind, 800 sind im Besitz der Griechen, 350 haben die Armenier, 100 die Juden inne; die Summe der gesammten Einwohner soll sich auf nahe 80,000 belaufen. Wir beobachteten auch hier unsre gewohnte Weise um zu einer Uebersicht über die schöne Stadt und ihre noch schönere Umgegend zu gelangen: wir stiegen vor allem auf eine Anhöhe, welche den freien Blick über beide gewährt. Dieses ist hier ganz besonders leicht, denn Magnesia liegt am Fuße des hohen Sipylos, der sich da, nach der Ebene hin, mit mehreren gähen Vorbergen umgürtet hat. Einer dieser Vorberge ist jener, worauf die vormalige Akropolis der Stadt liegt und an dessen Abhange die bedeutendsten Ueberreste aus der alten christlichen Zeit dieser Gegend gefunden werden. Wir stiegen zuerst da hinan, und verweilten mit hohem Interesse bei der ehemaligen nun schon längst zur Moschee gewordenen Kirche. In ihrer Bauart erinnert sie an die, freilich ungleich größere Domkirche von Modena, auch an der vorhin erwähnten Kirche zu Thyatira zeigt sich dieselbe Form der Säulen und der Bögen wie der äußern Zierrathen. Die Moslimen hegen gegen dieses Gebäude eine ganz besondere Verehrung. Zwar hat der Bilderhaß derselben das Innre der gewesenen Kirche nicht verschont, das Aeußere aber, mit all seinen christlichen Emblemen ist so unangetastet geblieben, daß selbst der alte Glockenthurm, statt zum Minare umgestaltet zu werden, seine Glocke behalten hat, die noch fortwährend zum Anzeigen der Zeitabschnitte benutzt wird. Unser fleißiger Maler, Hr. ~Bernatz~, war bei dem merkwürdigen Gebäude allein zurückgeblieben, um dasselbe zu zeichnen. Eine türkische Frau bemerkte dieß, und, über die vermeintliche Entweihung der heiligen Moschee durch die Nachbildung von der Hand eines Ungläubigen entrüstet, erhub sie mit lautem Geschrei gegen das Bild wie gegen das gute, ehrliche Angesicht des Künstlers ihre mit scharfen Nägeln bewaffneten Hände, und beide, wenigstens das Bild würde, da jetzt auch noch andre schreiende Frauen hinzukamen, hart angetastet worden seyn, wenn der Maler sich nicht entfernt hätte. Uebrigens bemerkten wir auch noch bei andrer Gelegenheit, daß der Anblick eines europäisch gekleideten Mannes für einen Theil des hiesigen Volkes ein Widerwillen erregender seyn müsse. Einer der jungen Freunde (+Dr.+ Roth) klopfte mit seinem geognostischen Hammer an eine Felsenwand des Kastellberges, an welchem wir mit einer besondern, heimathlichen Zuneigung die Felsarten unsers Tyroler Fassathales erkannten, da trat mit zornigem Geschrei ein türkisches Weib aus der Hütte hervor, die auf diesem Felsenvorsprunge stand und äußerte ihre Besorgniß: daß der Ungläubige ihr Haus umstürzen wolle. Nahe bei der vormaligen christlichen Kirche steht eine Platane, welche ihrer Stärke und Größe nach wohl eben so alt oder noch älter seyn mag als das Gebäude; aus ihren Zweigen ertönt noch unverändert derselbe Gesang der Vögel, der aus ihr vielleicht schon vor einem Jahrtausend vernommen wurde, während in dem benachbarten Gemäuer schon die Zungen der verschiedensten Völker laut wurden. Wir hörten jetzt andere Stimmen, die uns lieblicher waren als die der Vögel: die Stimmen der kleinen Kinder einer nicht weit von der Platane abgelegnen Kinderschule, deren Lehrer Freund Jetter kannte und wegen seiner Redlichkeit und Geschicklichkeit liebte. Mit Bedauern vernahm aber unser Freund, daß ein großer Theil der Kinder, die noch im vorigen Jahre diese Schule besuchten und unter ihnen mehrere der fleißigsten und talentvollesten, an der verheerenden Pest des vergangenen Frühlinges gestorben seyen. Unter den jetzt anwesenden Kindern zeichnete sich ein Mägdlein von etwa acht Jahren durch seine Fertigkeit im Lesen, so wie in den Anfangsgründen des Rechnens aus. Sie hatte es bei ihrem geschickten Schullehrer, der sich selber die auf gute, europäische Weise eingerichteten Schulen zum Muster nimmt, ohnfehlbar weiter gebracht als der schon mehr als zwanzigjährige Student, den wir bald nachher in dem unteren Theil der Stadt bei der prächtigen Moschee Sultan Murads +III.+ kennen lernten, wo er an der dortigen Hochschule die verborgenen Tiefen der türkischen Weisheit ergründen wollte. Die Gelehrsamkeit dieses guten Jünglinges war auch in der That eine sehr verborgene, denn er konnte nicht einmal lesen. Er sagte uns, in der Türkei brauche man bloß zu singen, um ein gelehrter Muesin (Gebetsausrufer) zu seyn; wozu solle man das erst lesen, was man schon auswendig wüßte. Oben auf dem Kastellberg genossen wir denn der ungehemmtesten Aussicht über Stadt und Land. In ziemlicher Nähe von Magnesia windet sich der Hermos durch das grünende, trefflich angebaute Thal; die Stadt, mit ihren 32 Moscheen und andern ansehnlichen Gebäuden liegt selber wie in einem großen, schönen Garten; man begreift die große Anhänglichkeit Murads +II.+ an sein geliebtes Magnesia wohl, dessen Tulpengärten und Zypressenhaine er zweimal mit dem Thron und seiner Herrscherwürde vertauschte, bis beide Male ihn die Noth des Augenblickes einmal zum Kampfe gegen den andringenden äußren Feind (bei Varna), das andre Mal zur Beschwichtigung einer innern Empörung von dem Ruhesitz hinwegrief. Dort, am Fuße des Hügels bezeichnet noch ein altes Gemäuer, im Schatten der hohen Zypressen den Ort, wo Murads Pallast stund, nahe dabei erheben sich die Kuppeln der Grabmäler von 22 Kindern und Frauen Murads +II.+ so wie Murads +III.+, der ebenfalls die Melonenfelder und Fruchtgärten von Magnesia den Herrlichkeiten der unruhigen Kaiserstadt vorzog. Von dem letztern, von Murad +III.+ (nicht von Murad +II.+[114]) sind auch jene öffentlichen Gebäude begründet, welche unter den sehenswürdigsten der Stadt genannt werden: die Moschee des Sultans mit schönem Portal und hohem Kuppelgewölbe (vollendet im Jahr 1591) mit den Gebäuden der Akademie; die Moschee der Günstlingin (Chasseki) und der Frau (Chatunije); ein Bad und Speisehaus für Arme, eine Karawanserai, ein Kloster für Derwische und ein Narrenhaus. Wenn schon diese beiden Osmanischen Herrscher, mehr freilich der edlere, thatenkräftigere Murad +II.+ als der weichliche, dem Sinnentaumel ergebene Murad +III.+ durch das Hineinflechten ihrer Geschichte in die der Stadt, dem schönen Magnesia einigen Glanz verleihen, so thun dieses in noch viel höherem Grade jene beiden Helden des Alterthumes, an deren Andenken dieser Ort erinnert. Hier in Magnesia, welches der Perserkönig Artaxerxes mit noch zwei andern Städten sammt allen ihren Einkünften[115] ihm zum Ruhesitz der letzten Tage verliehen hatte, starb der Sieger bei Salamis, der große Leitstern der geistigen Kräfte Athens zum ferneren Ziele der Vollendung: ~Themistokles~; und wenn auch von den Statüen, womit der kunstliebende Mann den Markt seiner Stadt schmücken ließ, wenn auch von dem Grabmal des berühmten Atheniensers keine Spur mehr geblieben ist, so hat sich doch noch immer in der Seele der jetzt da lebenden Griechen das Andenken an Themistokles erhalten, dessen Geist hier einstmals gewaltet[116]. Auch ein thatenreicher Römer hat neben dem Athenienser, mehr denn acht Menschenalter später als dieser (im J. 190 v. Chr.) der Umgegend von Magnesia sein Andenken eingeschrieben: Cornelius Scipio, der sich hier durch den Sieg über das buntgemischte Heer des Antiochus den Beinamen des Asiaten, wie sein Bruder durch Carthago's Besiegung jenen des Africaners erwarb. Der Fels der Akropolis, auf dem wir jetzt der herrlichen Aussicht über Länder und Zeiten genossen, enthält nach ~Chishulls~ Beobachtung Spuren von Magneteisenstein und wirkt auf die Bewegung der Magnetnadel, was jedoch noch mehr an einem andren Punkte des nachbarlichen Sipylus statt finden soll. Bei der Akropolis selber konnten wir jene Spuren nicht auffinden; die vorherrschende Felsart derselben ist Wacke (Flötzgrünstein) von porphyr- und mandelsteinartiger Struktur, doch fanden wir in dem Bette eines Gießbaches im Thale serpentinartiges Gestein und Chlorit, die gewöhnlichen Muttergesteine des Magneteisens. Wir stiegen jetzt wieder hinab in die schöne Stadt und brachten mehrere Stunden mit dem Beschauen ihrer Merkwürdigkeiten zu, unter denen die schon vorhin erwähnte Moschee Sultan Murad +III.+ den größten, die Gärten beim alten Pallast Murad +II.+ den angenehmsten Eindruck auf das Auge machten. Wie sehr beklagten wir, daß jetzt nicht die Zeit des Tulpenflor sey, deren Pracht in der Umgegend von Magnesia so groß seyn soll. Es enthält indeß das jetzige Magnesia noch andre Blumenbeete, deren Pracht dem Wechsel der Jahreszeiten nicht unterliegt, das sind die in neuester Zeit hier trefflich gedeihenden Schulen, vor allen jene der armenischen Christen. Hiedurch ist auch ein Theil der türkischen Volksschullehrer, wie wir davon schon oben ein Beispiel sahen, zum rühmlichen Wetteifer erweckt worden und unter ihren Händen werden die Schulen zu einem viele Früchte versprechenden Blüthengarten, während uns die alten, Kaffee (vielleicht auch Opium) schlürfenden und Tabakrauchenden Muderris oder Professoren an der Academie bei der Muradsmoschee, in ihren buntfarbigen Hörsälen wie abgestorbene, vom Wetter getroffne Zypressen vorkamen, von denen keine Frucht mehr zu erwarten ist. Wir mußten, bei unsrem gastfreien Bischof noch das Mittagsmahl einnehmen, wobei, wegen des Fasttages, keiner der höheren Geistlichkeit, sondern statt ihrer der Arzt des Hauses, ~Giovanni Velastis~, ein geborner Italiener den anordnenden und nöthigenden Wirth machte. Die Diener des Tisches (einige Geistliche von geringerem Range) neckten, wegen der ihm verbotenen Speisen unseren ~Jusuff Effendi~, der sich, obgleich Armenier, wie ein Türke hält und beträgt; dieser, mit seiner gewöhnlichen Ueberlegenheit des Geistes, machte das Tischgespräch lebhaft und unterhaltend. Und wie sollte er nicht bei jeder Gelegenheit sich uns als lehrreicher und angenehmer Reisegefährte erwiesen haben, er, der weltkundige, vielgereiste Mann, der nicht bloß einige der wichtigsten und schönsten Gegenden von Europa, namentlich Italien gesehen, sondern Asien von seiner Westküste an bis zur Gränze von China zu Lande durchreist hat und auch in Afrika, von Aegypten aus so tief eingedrungen ist wie vor ihm kaum ein europäischer Reisender, und, was das Meiste ist, der diese Reisen mit solchem klaren Sinn und Verstand gemacht hat. Gleich nach Tische bestiegen wir unsre Pferde und ritten gegen Kassabah (Durguthli) hin, welches gegen 6 Stunden Weges von Magnesia abliegt und das wir zu unsrem Nachtlager bestimmt hatten. Der Anfang des Weges läuft an dem nordöstlichen Fuße des Sipylos hin, dessen Felsenwände schon in den Nachmittagsstunden dem Wandrer Schatten gewähren. Ein klares, frisches Wasser entspringt aus der Sohle des (zum Theil dolomitartigen) Kalkgebirges, dessen zackige Form und Umrisse an jene der Julischen Alpen erinnern; an einer weiterhin gegen den Kryosfluß gelegnen Stelle der gähen Bergwand zeigt sich eine große aus dem Felsengestein ausgehauene menschliche Figur: ein altes Bild der Cybele. Aus noch älterer Zeit als dieses Götzenbild der vormaligen Lydischen Beherrscher des Landes, sind jene tiefen Klüfte, durch welche sich, jetzt, seitdem mit den Waldungen zugleich der Reichthum des Quellwassers sich vermindert hat, nur noch zur Zeit des Winterregens, Wasserfälle herabstürzen, die an erhabener Schönheit ihrer Umgebung den schönsten Wasserfällen unsrer vaterländischen Alpen nichts nachgeben mögen. Da, wo die Straße von den Wänden des Sipylos hinweg gegen Südosten sich kehrt, nahe an der alten, steinernen Brücke, die über den eben jetzt ziemlich reich strömenden ~Kryos~ hinüberführt, begegnete uns ein Zug der schönsten türkischen Rosse, welcher dem reichen Aga ~Oglu Bey~ zu Magnesia angehörte, dessen Frauen auf diesen Thieren eine Reise zu einem Familienfeste, wahrscheinlich nach dem schön gelegnen ~Nymphi~ gemacht hatten[117]. Unser Auge wurde indeß bald von einem Gegenstand angezogen, der einen mächtigeren Eindruck auf dasselbe machte, als alle Pracht der Rosse und Mäuler. Vor uns lag, in seiner ganzen Erhabenheit, der hohe ~Tmolus~, seine Gipfel mit Schnee bedeckt, der Abhang von reichen Waldungen überkleidet; näher gegen uns hin zog sich der Sandstein oder vielmehr der Hügelzug des Fluthlandes, welcher in seinen grotesken Formen jetzt die Gestalt von Burgruinen, dann von lang fortlaufenden Wällen und Mauern nachbildete; die jetzt trocknen Rinnsäle der Winterbäche, durch welche wir ritten, führten zum Theil Geschiebe und Bruchstücke, welche dem Schiefergebirge der Urzeit entstammt waren, mit ihnen zugleich den nicht selten dolomitartigen Kalk. Noch jetzt ist die Thalgegend, die am Sipylus und weiterhin am Tmolus sich hinziehet, eine reich gesegnete. In der Nähe von Magnesia zeigte sich uns überall neben und an den Baumwollenfeldern, deren Ernte jetzt begonnen hatte, unter vielen andern südlichen Feldfrüchten die Fülle der süßesten Melonen (auf Türkisch Karpuz genannt) und der Honigkürbisse (+C. Melopepo+, auf Türkisch Bal-Kahaghi), von denen beiden unsre Surutschuis öfters sich welche aus der Hand der Feldarbeiter erbaten und das Erbetene in Fülle erhielten. Am Gewässer des Kryos und gegen den Hermos hin wie am Abhange der Hügel bemerkt man allenthalben das üppig grünende Weideland; das hiesige Vieh ist groß und stark, auch die Bewohner des Landes, die uns mit ihren von Baumwollenkapseln erfüllten Wägen, oder mit der Last ihrer Ernte auf den Schultern begegneten, erschienen uns so kräftig und schön als ihr Land. Doch hatte die Pest des vorhergehenden Frühlinges unter diesen »Starken,« wie man uns erzählte, eine mächtige Verheerung angerichtet. Die Minare's von Kassabah, mit denen die Bäume, welche den Ort umgeben, an Höhe wetteifern, lagen jetzt nahe vor uns; bald ritten wir in den ansehnlichen, 2000 Häuser umfassenden, wohlhabenden Flecken ein. Wir nahmen unsren Weg, gleich nach dem Eintritt in den Ort, rechts, zu der Wohnung des Pächters, welcher die hiesigen Güter des Erzbischofs von Magnesia verwaltet und seine Einkünfte aus der Umgegend eintreibt. Hier hatte uns der empfehlende Brief, welchen uns der Bischof von Hierapolis von Magnesia aus mitgab, Bewirthung und Nachtlager bereitet. Das Haus des Pächters liegt neben einem türkischen Gottesacker, im Schatten des Baumes, welcher, so oft man ihn auch in diesem Lande sieht, dem Auge immer von neuem lieb und angenehm erscheint: im Schatten einer hohen, alten Platane. Nicht fern davon findet sich das griechische Kloster und jener Theil der Stadt, in welchem mehrere griechische Familien beisammen zu wohnen scheinen. Außer den griechischen wohnen auch armenische Christen in Kassabah, die schon seit dem Ende des 17ten Jahrhunderts eine eigne Kirche hier besitzen und zu den wohlhabendsten Grundbesitzern so wie Baumwollenfabrikanten des Ortes gehören. Die Familie des Pächters war erst seit wenig Tagen vom Gebirge zurückgekehrt, in dessen gesündere Luft sie sich vor den Schrecknissen und Gefahren der Pest geflüchtet hatte. Das gastliche Zimmer des Hauses, in welchem, während der Abwesenheit der Bewohner ein Theil des Hausgeräthes aufgestellt worden, mußte erst geräumt werden, was indeß der Hand unsrer rüstigen Wirthin und ihrer beiden Söhne sehr schnell gelang. Bald hielten wir unsren Einzug in das Ehrengemach des bischöflichen Landsitzes und ruheten auf den reinlich aussehenden, niederen Polstern. Die Aussicht aus den Fenstern des Zimmers über die weite, abendliche Flur und nach dem Purpurdache der eben untergehenden Sonne war schön; die Gastfreundlichst unsrer Wirthsleute zeigte sich von unsrem Eintritt ins Zimmer bis zu dem Augenblick des Schlafengehens beschäftigt uns alle Süßigkeiten und eben aufzutreibende Speisen der Gegend kosten zu lassen. Noch vor Sonnenaufgang verließen wir das gastliche Kassabah. Zwar die Morgenröthe, welche über das Thal des Hermos heraufstieg, war kein ganz gutes Vorzeichen für das heutige Wetter, aber sie trug nicht wenig zur Erhöhung der eigenthümlichen Reize dieses unvergleichbar schönen Morgens bei. Die aufgehende Sonne beleuchtete uns die nun näheren, wunderlichen Gruppen des jüngeren Sandsteines, der sich hier zu mächtigem Pfeilern, höher noch als bei Adersbach, und zu ruinenartigen Gewänden erhebt. Rechts an unsrem Wege, unter alten Zypressen, lag ein türkischer Todtenacker, welcher, nach der Menge der Grabessteine zu urtheilen, vielen Geschlechtern einer vormals hier bestandnen Gemeinde zur Ruhestätte der Gebeine gedient haben muß. Die Denkmäler der Todten sind fester und ausdauernder gewesen als die Wohnungen der Lebenden; denn diese sind, bis auf wenige Spuren verschwunden; der Ackersmann, welcher über und neben den Trümmern der vormaligen Häuser sein Feld pflüget, der Hirte, der hier seine Heerde weidet, wissen nicht einmal mehr den Namen der einst da bestandenen Orte zu nennen. Und die gleiche Bemerkung von einer augenfälligen Abnahme der Zahl der türkischen Einwohner in diesen Ländern, drängt sich dem Reisenden sehr oft und vielfach auf. Mit dem Dorfe ~Teriköi~ (Dorf des Thales) das rechts von der Straße nach Sardis in einer Schlucht des grotesken Sandsteines liegt, möchten sich wohl wenig Dörfer der Erde an majestätischer Schönheit der Lage vergleichen lassen. Die Häuser so wie die von der Morgensonne bestrahlten Minare's machten, wenigstens aus dieser Ferne gesehen, den Eindruck von Reinlichkeit und Wohlstand der Einwohner; dort am Quell, im Schatten der uralten Platane feiert der vormals reicher blühende Liebreiz dieses Landes mit der durch manchen Sturm der Zeiten gebrochenen Kraft des Landes seine goldene Hochzeit und wenn alle diese Bäume und Gesträuche des Oleanders, die den Bach beschatten, durch welchen weiterhin der Weg uns führte, in voller Blüthe stehen, dann muß jene Landschaft einem Rosenteppiche gleichen. Ganze Züge von hohen, schwerbeladenen Kameelen, angeführt von einem Eselein, das mit dem Ton der an seinem Halse hängenden Glocke die lastbaren, hinter ihm drein gehenden Thiere im Takt der Schritte erhielt, begegneten uns jetzt. Die Männer, die jene Züge begleiteten, waren Landsleute von Mohammeds Koch und von unserm Jusuff Effendi: Armenier, in ihren dichtgewebten, oben nur mit den Löchern für den Kopf und die Arme versehenen härenen Kutten, die so wasserdicht sind, daß sie ihren Träger, wie der Schildkröte das Gewölbe ihrer Schaalen, gleich einer Hütte zum Obdach dienen können. -- Neben den türkischen Todtenäckern und ihren veralteten Zypressen zeigten sich jetzt auch an unsrem Wege hin und wieder die Todtenmähler eines früheren Jahrtausends: die kegelförmigen Grabeshügel der alten, heidnischen Bewohner von Lydien. Als wollte der Mensch überall, in die Felsen wie in die Hügel des Erdreiches, in das Holz der Zypresse wie in jenes der Ceder nur seinen ursprünglichen Namen einschreiben: den Namen des Staubes aus dem er gemacht ist, und in welchen er -- dieß ist das gewisseste der natürlichen Ereignisse -- auch wieder zurückkehren und versinken soll. Ueber die Ebene, am Fuße der Vorberge des Tmolus hin, dessen Gipfel die näheren Höhen uns noch verdeckten, gelangten wir jetzt zu dem Dorfe ~Achmedli~, vor dessen türkischem Kaffeehause wir ein wenig ausruhten. Ein junger Türke und ein wandernder Jude vergnügten sich hier an dem Spiele einer viersaitigen, türkischen Zither, und der Israëlit sang zum Ton der Saiten ein nicht unlieblich lautendes Lied. Noch während wir am Kaffeehaus ruheten, kam eine Familie der wandernden Turkomanen mit den Heerden ihrer schönen Ziegen vorüber; die Schaaren dieser Wandrer wurden immer ansehnlicher und zahlreicher, je näher wir von Achmedli aus dem eigentlichen Abhange des Tmolus kamen. Wir glaubten uns in die patriarchalische Zeit zurückversetzt, als wir diese Züge der einzelnen Familien und ganzer Horden der mit dem Trosse der Jurucken vermischten Turkomanen sahen; ein Greis, vielleicht der älteste der kleinen Gemeinde, zu Pferde oder zu Kameel an ihrer Spitze; die jüngeren Männer und unverschleierten Frauen zu Fuße neben den Kameelen, welche außer den gesammten Geräthschaften des einfachen Haushaltes und dem Baumaterial der Nomadenwohnung auch die kleineren Kinder trugen, die auf dem Bauche liegend an die Stroh- und Filzdecken fest gebunden waren. Hinter den Kameelen folgten dann die Schaaren der langhaarigen, wie Seide glänzenden Ziegen. Jährlich zweimal, mit den Sangvögeln der Hochwälder zugleich, ziehet das rüstige Volk dieser Gebirgsnomaden durch das Thal des Hermos. Einmal, wie eben jetzt, im Herbste, wenn der fallende Schnee die Heerden und ihre Hirten von den Alpenwiesen verscheucht, dann wieder im Frühling, wenn der neubelebte Teppich der Gewürzkräuter des Gebirges von neuem zu der Rückkehr nach den heimathlichen Höhen einladet. Während der Wintermonate weiden diese Hirtenstämme ihre Heerden in der vom Regen erfrischten Ebene und in der wärmern Küstengegend, deren fruchtbarer Boden, reich genug um eine zehnfache ja zwanzigfache Zahl der Bewohner mit Brod und andern Erzeugnissen zu nähren und zu bekleiden, jetzt nur noch zum Weideland dienet. Der Reichthum dieses Volkes bestehet vornämlich in den Heerden ihrer fein- und langhaarigen Ziegen, durch deren Zucht einst die Umgegend von Laodicea so reich war. An Güte des Haares stehen diese Ziegen zwar allerdings noch hinter den berühmten von Angora zurück, doch würde die Zucht, mit leichter Mühe, sich aufs einträglichste verbessern lassen. Indeß sehen diese Nomaden gerade nicht so aus als wenn sie ihr Nachdenken sonderlich anstrengten, um ihr Einkommen zu vermehren. Das fröhliche, zum Theil wahrhaft schöne Angesicht der graubärtigen Alten wie der Jüngeren; der Fleiß der Frauen, die selbst im Gehen ihren Flachs am Handrocken spannen, sprach uns sehr eindringlich an. So mancher Winter ist über diese Gebirge gekommen, der die Schaaren der geflügelten Sänger von dort verscheuchte; so mancher ist vergangen und hat dem wärmenden Frühling Raum gemacht, in welchem die Stimmen des Gesanges in Fels und Wald von neuem erwachten, möchten doch auch einmal zu diesen Hirten des Gebirges jene Boten wiederkehren, die ihnen im Schatten des äußern Friedens ihrer Hütten auch jenen höheren, inneren Frieden verkündeten, den die Welt nicht zu geben vermag. Links von diesem Wege zeigten sich uns jetzt die nördlichen Gebirgsdämme des Hermosthales immer näher; an ihrem Saume, herabwärts gegen den Fluß, doch jenseits desselben erhebt sich der merkwürdige, berühmte ~Grabeshügel des Alyattes~, der wie ein Riese neben den vielen kleineren Grabhügeln dasteht. Der hier schnell vorüberziehende Nomade kann von dem bedeutungsvollen See von Gygäa: dem Coloesee und von dem Grabmal des Alyattes nur das erzählen, was Andre, länger verweilende Reisende schon berichteten, denn er selber sahe dieses Nachbild des ägyptischen Mörissees und der Pyramiden nur wie im Fluge. Dem Jünglinge, in seinem beengten Sehnen nach dem Hause des Vaters und der Mutter ward (nach S. 8.) die erste Regung zum Hinausgehen nach einer Heimath der höheren Art an einem See. Ist doch das Wasser überall im Gebiet der Sichtbarkeit die Stätte des Ausziehens, in welches das hinauswärts von dem Anfangspunkte des Werdens gewendete Gestalten zurückkehrt und aus welcher es von neuem seinen Ausgang, zur höheren Stufe des Seyns und des sichtbaren Wesens nimmt. Nicht ohne Bedeutung erscheint es, was die Ueberläufer aus dem Leben des Diesseits in das des Jenseits, die Scheintodtgewesenen, wenn sie der noch ungesättigte Drang nach sichtbarer Verleiblichung zu diesem zurückführte, mit so wörtlicher Uebereinstimmung von jenen »Wassern« berichteten, die zwischen dem Diesseits und dem Jenseits schweben. Es sind Wasser, noch im anderen Sinne als das Auge sie kennt, doch sind die sichtbaren der unsichtbaren Abbild. In Aegypten gab der See Möris den noch Lebenden und Sehenden ein Erinnerungszeichen an das Wasser der Auflösung des alten, und der Ausgeburt des neuen, beginnenden Lebens. Die Tonweise dieses »Liedes der Völker« ist fernhin, über viele Berge und Thäler der Erde gezogen, auch der Gygäasee, umgeben von Grabmälern der Lydischen Herrscher und Helden, hatte die gleiche hieroglyphische Bedeutung wie der Mörissee; das Grabmal des Alyattes, das von unten auf steinern, oben mit Erde überschüttet, an seiner Basis sechs Stadien im Umfange hatte, war wenigstens eine weitläufigere, wenn auch nicht eine gleichkräftige Nachahmung der um mehr denn ein Jahrtausend früher erwachsnen großen Pyramiden von Ghizeh. Alyattes, dessen Grabeshügel dort vor Augen liegt, war der Besieger der Cimmerier, der Vater des ~Crösus~; wie sein Tumulus die andren alle überragt, so hatte die äußere Macht der Lydischen Herrscher mit ihm und seinem Sohne ihren Gipfelpunkt erstiegen. Glücklicher Vater, der du das Unglück deines Sohnes nicht mehr kommen sahest, und noch glücklicherer Sohn, der du das Elend, das auf dich einstürmte, zu deiner Besserung benutztest. Der Bergabhang zu unsrer Rechten wurde immer reicher und schöner. Solche dichte Waldungen wie sie hier stehen, hatte ich kaum in einem Lande zu sehen vermuthet, wo jeder der Bewohner, so wie der Fremdling, nach Belieben sein Bau- oder Brennholz hauen darf, und wo nicht selten die barbarische Sitte des Niederbrennens den Segen der Natur zu nichte machet. Noch eine vorspringende Anhöhe war jetzt umritten, da lag, von keinem seiner niedrigeren Nachbarn mehr verdeckt, in seiner hehren Majestät der Tmolus vor uns; auf seinem Gipfel mit Schnee bedeckt, weiter abwärts aber noch jugendlich, wie im Frühlinge grünend. Dieser Berg, der mich seinem Umrisse nach an einige der schönsten Urgebirge der europäischen Hochländer erinnerte, erhebt sich stufenweise, zuerst als gähes, pfeilerartig zerklüftetes Sandsteingebilde, dann über grünende, wellenartig gerundete Alpenwiesen und Hochwälder zu dem Felsenhaupt des prächtigen Gipfels. Noch jetzt heißt er bei den Eingebornen der Freudenberg (Bozdag), obgleich die Fülle der Wein- und Obstgärten, die nach dem Zeugniß des Alterthums[118] vormals über ihn, von seinem Scheitel an bis herab zum Fuß sich ergoß, großentheils verschwunden ist, und das Gold, aus dessen Ueberfluß einst der Paktolus und Hermos sich bereicherten, tief in seine Felsen sich verschließt. An den Fuß dieses schönen Berges lagert sich die fruchtbare Ebene von Sardis. Schon aus der Ferne fällt auf einem schroffen Sandsteinfelsen die ~Akropolis~ dieser Herrscherstadt des alten Lydiens als unbeschreiblich imposante Ruine ins Auge. Sie wäre jetzt, seitdem nicht allein Timurs wüthendes Heer, sondern die noch mächtigeren Erdbeben einen großen Theil des Gemäuers sammt den Felsenmassen, worauf es gegründet war, hinabgestürzt haben, noch schwerer zu besteigen als damals, wo ein Soldat aus Cyrus Heere einem der Belagerten, dem der Helm über einen Theil des Felsens herabgerollt war, die Möglichkeit absahe, selbst an diesem scheinbar unzugänglichsten und deshalb nur wenig bewachten Punkte herab und hinan zu klimmen. In ziemlicher Entfernung von der Burg zeigt sich, unten in der Ebene, das mächtige Bauwerk der vermuthlichen ~Gerusia~, des vormaligen Herrscherhauses des Crösus. Bei der Mühle, am Ufer des Paktolus, deren Oberknecht einer von den beiden Christen ist, die jetzt noch den einzigen Ueberrest der alten Christengemeinde von Sardis bilden, machten wir Halt. Auf den im Bette des kleinen Flüßlein liegenden größeren Steinen schritten wir trocknen Fußes über den Paktolus hinüber nach den Ruinen des von Tiberius so prachtvoll wieder erneuerten, römischen und byzantinischen Sardis. Zu unsrer Rechten lagen die jetzt verlassenen, aus Mauersteinen und Lehm erbauten Hütten der Turkomanen; weiterhin auf unsrem Wege nach den Mauern des alten Stadiums, kamen wir an den schwarzen Zelten einer Juruckenhorde vorüber, deren Frauen außen vor der Hütte an einem kunstlosen Weberstuhle mit dem Fertigen von bunten Teppichen und Gewändern beschäftigt waren. Mehrere von diesen Frauen, da sie uns kommen sahen, liefen nach ihren Zelten und holten aus diesen alte, kupferne Münzen hervor, alle in sehr verrostetem Zustand und keine darunter, deren Alter über die Zeit der römischen Kaiser hinaufgieng. Auch hier wurde unser ärztlicher Rath und unsre Hülfe sogleich in Anspruch genommen, von einem armen Juruckenweibe, das am Brustkrebs litt. Ihr Uebel hatte leider schon einen so hohen Grad erstiegen, daß nur noch das schneidende Messer, nach menschlicher Ansicht, Rettung versprechen konnte. Nicht weit jenseits der Juruckenzelte betraten wir die Stätte des römischen Theaters und des mit ihm verbundenen Stadiums. Das noch von beiden stehende Gemäuer ist vom Erdbeben zerrissen; auf den mit wucherndem Unkraut bedeckten Hügeln des Schuttes und Grauses lag eine Rudel verwilderter Hunde, häßlich von Farbe und Aussehen, manche von ihnen von Wunden bedeckt, die vielleicht den Kampf mit Hyänen und Schakals bezeugten. Diese sind es, welche anjetzt das vormals herrlich gewesene Theater besuchen, dessen äußrer Durchmesser 396, der innre 162 Fuß betrug; statt der Gesänge der Chöre, die einst hier ertönten, hört man am Tage das Chor der Krähen, bei Nacht antwortet der kreischenden Stimme des Käuzleins im Innern, von außen das Geheul des Schakals und der grunzende Ton der Hyäne. -- Hier in der Gegend des Theaters war es, wo die Soldaten Antiochus des Großen die Mauern überstiegen und der Stadt sich bemächtigten. Von den Trümmern der römischen Herrlichkeit hinweg giengen wir nach den Ruinen der beiden Kirchen des alten, christlichen Sardis. Sie liegen gegen den östlichen, hier langsam schleichenden Nebenfluß des Paktolus hin. Die größere dieser Ruinen gehörte einer Marienkirche an. Ihre vom Erdbeben zerrissenen, nicht unansehnlichen Mauern sind zum Theil aus den Marmorblöcken und Fragmenten von Säulen und Tafeln zusammengeflickt, welche den zerstörten Heidentempeln und den Pallästen einer früheren Zeit entnommen scheinen; dazwischen auch Stücke von zerschlagenen Statüen. Weiter hinab in der Ebene stehen die minder ansehnlichen Mauern der Johanniskirche. Dazwischen liegen, bewachsen mit Gras und Gesträuch, an welchen die Ziege wiederkäuend ruhet, die Hügel der Trümmer, die das Erdbeben und die Verheerungen des Krieges aus den zusammengestürzten Gebäuden bildeten. Einsam, denn meine Begleiter waren einen andern Weg gegangen, schritt ich über den oft mit Blute benetzten Schutt hin. Gegen die überschwellenden Wasser des Hermos und des Cogamus hatte die große Kunst des Menschen dort jenseits des Flußes, am Saume der Hügel den Gygäa- oder Cola-See gegraben; den Strom der Verheerung aber, welcher, vor allem mit Tamerlans wüthenden Rotten, plötzlich über Sardis hereinbrach, den vermochte keine menschliche Kraft noch Kunst abzuleiten und jenes arme Werk der Häuser und Hütten, welches später über der großen Stätte des Gerichts von neuem sich anbaute, das ward vom Erdbeben niedergestürzt[119]. Ja, hier, wo nun der Weg der wandernden Kameele wie der weidenden Ziegen über einen mächtig großen Grabeshügel führt, welcher Gebeine der Todten bedeckt, die zum Theil lebendig und noch athmend den andern Todten beigesellt wurden, stund einst das alte, christliche Sardis, von dessen Engel (dem Vor- und Abbild der ganzen Gemeinde) Jener, der die Geister Gottes hat und die sieben Sterne, sagt: »Ich weiß deine Werke; denn du hast den Namen, daß du lebest und bist todt,« und zugleich die Drohung hinzufügt: »so du nicht wirst wachen, werde ich über dich kommen wie ein Dieb und wirst nicht wissen, welche Stunde ich über dich kommen werde.« -- Das Auge darf nur einen einzigen Blick auf Sart und seine zerborstenen alten, so wie dahin geschütteten späteren Mauern richten, um selber Zeugniß nehmen und zu geben, für die Wahrheit jener Worte. * * * * * Ich mußte, nach der Gerusia hin einen weiten Bogen machen, um nicht, ganz unbewaffnet wie ich war, in unnütze Händel mit den verwilderten Hunden zu gerathen, die sich auf einigen der bewachsenen Schutthügel sonnten. Jene ließen mich schweigend ziehen und sonst war hier Alles so einsam und still, daß ich in das Gemäuer des angeblichen Schatz- und Wohnhauses oder der Gerusia hineintretend, den Wiederhall meiner eignen Schritte hörte. Dieses mächtige Gebäude, dessen doppelte Mauern aus riesenhaften Werkstücken zusammengefügt sind und welches, eben vermöge seiner massiven Anlage verhältnismäßig am wenigsten vom Erdbeben gelitten hat, könnte, eben durch diese seine Bauart wohl Ansprüche machen auf den Rang eines Werkes aus dem heroischen Zeitalter der Baukunst; ich meines Theils möchte es für eine Arbeit, nicht der Römer, sondern der alten Lydier halten. Der erste der Säle, in welchen man hineintritt, ist an seinen beiden Enden halbrund, seine Länge misset 165, die Breite 43 (englische) Fuß, die Dicke der Wände beträgt 10 Fuß. Nach Vitruvs[120] Zeugniß hatten die Bewohner des späteren, seit Alexanders des Großen Zeiten wieder sehr reich und mächtig gewordnen Sardis das Haus des Crösus zur Gerusia bestimmt: zu einem öffentlichen Gebäude, worinnen, wie im Prytaneum, alle, um den Staat verdiente Männer lebenslänglich Wohnung und Verpflegung fanden. Wie seltsam ist der Eindruck den diese dicken, riesenhaften, jetzt so leeren Wände des alten Schatzhauses eines der reichsten Herrscher der alten Welt auf das Auge machen. Er gleichet jenem Eindruck, den ein Wandrer empfindet, der am Morgen über das Gebirge der Räuberhöhlen ziehet, und der da am Boden den leeren, zerrissenen Beutel, befleckt mit dem Blute des Ermordeten liegen siehet, welchen das Gesindel des Waldes in der vergangenen Nacht einem Reisenden geraubt hat. Möchte sie dahin seyn die unermeßliche Menge des geprägten und gehämmerten, des ungeprägten und durchbrochenen Goldes und Silbers, die Fülle der Arm- und Fußbänder, der Halsbänder und Diademe, der Ringe und Gürtel vielleicht mit Golkondas Diamanten, Bedachschans Rubinen, mit Zeylons Sapphiren und Omans Perlen besetzt, hätte nur Sardis jenen Schmuck sich erhalten, den es eben so wie das treugebliebene, nachbarliche Philadelphia empfangen, aber nur zu bald befleckt und verloren hatte. Es war als wollte die Natur dennoch hier bei manchem unsrer Schritte uns daran erinnern, daß der alte Quell des Reichthumes dieses Landes noch nicht ganz versiegt sey. In ungemeiner Menge und Pracht der goldgelben Farbe wuchs und blühete neben dem Gemäuer der Gerusia und noch mehr weiter südwärts, in der Nähe des Paktolus die ephesinische Sternbergia. Im Hinaufgehen nach der Mühle begegnete mir ein Kameeltreiber; ich athmete fröhlich auf, wieder einen lebenden Menschen zu sehen. Noch wohler ward mir, da ich meinen jungen Freund, den +Dr.+ ~Roth~ in dem jetzt großentheils trocken liegenden Bette des Flüßleins eifrig suchend fand. Er suchte da, und auch ich begleitete ihn später bei diesem Geschäft, nach jenem Steine, der von Sardis seinen alten Namen hatte: nach dem +Lapis Sardius+ (Sarder) oder Carneol. Wir fanden gerade da, wo wir am längsten suchten, nur unbedeutende, aber dennoch sichre Spuren seines hiesigen Vorkommens; reichere Ausbeute verspricht dem Mineralogen, den vielleicht ein antiquarisches Interesse zu seinen Nachforschungen antreibt, jene, diesseits Sardis, gegen Kassabah gelegne Gegend der Ebene, über welche, vom Abhange der Sandsteinhügel herab, die Rinnsäle einiger Gießbäche verlaufen. Die Hauptmasse der Geschiebe des Paktolus bildet ein öfters röthlich oder gelblich gefärbter Quarz. Während der Mittagsstunde ruheten wir im Schatten der Bäume, bei der Mühle, am westlichen Arm des Paktolus. Das Hochgebirge hatte sich mehr und mehr mit dicken Regenwolken bedeckt, die uns einen Theil der erhabenen Bergansicht nach dem andern verhüllten. Unten in der Ebene behielt indeß die heiß strahlende Sonne noch die Herrschaft, welche uns Hoffnung gab zum guten Gelingen, auch noch des übrigen Theiles unsres heutigen im Sehen und Beschauen bestehenden Tagwerkes. Denn der schönste Sinnengenuß des heutigen, reichen Tages stund uns noch bevor. Nach der kurzen Ruhe des Mittags machten wir uns deshalb auf zum Besuch des Tempels der Cybele, der am Fuße des alten Burgberges liegt. Mit Recht, so scheint es mir, haben viele neuere Reisende, welche diesen Tempel sahen, seine Säulen, was die Form der Kapitäler betrifft, als die schönsten gepriesen, die man von jonischer Bauart kennt. Sie sind aus gleicher Zeit mit dem älteren, von Herostratus verheerten Dianentempel von Ephesus; das einzige Denkmal, das noch in ursprünglicher Schönheit von der Herrlichkeit und Herrschermacht des Crösus zeuget. Anjetzt stehen noch zwei Säulen dieses herrlichen Tempels, die andren sind durch das Erdbeben und durch die Habsucht der Türken niedergestürzt, welche Letztere mit kräftiger Faust das Blei heraushämmern, das den einzelnen Theilen der 6½ Fuß dicken Säulenschäfte und ihrer Kapitäler zur Verbindung diente. Das Baumaterial ist der schönste, reinste weiße Marmor. Ich erinnre mich nur weniger Stunden meines Lebens, in denen mich die erhabene Stille einer großartigen, menschenleeren Natur so tief ergriffen hatte, als in jenen Sonnabend-Nachmittagsstunden, die ich hier, sitzend auf den Marmorstufen des alten Cybeletempels zubrachte. Da in der verfallenen Akropolis wohnte der Herrscher, der sich für den Glücklichsten aller Sterblichen hielt, weil er mehr denn Alle Silber und Gold sich gesammlet, weil er Alles, was seine Augen wünschten ihnen ließ; weil er groß und stark war, durch die Macht seiner Heere. Und siehe, dort in der Ebene erlag alle diese Macht und Stärke dem Heere eines Volkes, das unter Cyrus plötzlich, wie der Waldstrom den ein Gewitterregen im Gebirge gebar, hereinbrach. Dort unten stund auch die reiche, durch Handel und Gewerbe blühende Stadt Sardis, welche da sie schon einmal das Erdbeben gestürzt hatte, Tiberius prächtiger wieder aufbaute. Und siehe auch über diese große, schöne neue Stadt kam das Verderben durch Krieg und Erdbeben plötzlich, wie ein Dieb in der Nacht. Vielleicht war es hier, bei diesem Tempel der Cybele, in einem der längst von der Erde verschwundenen Lusthäuser des großen Königes, wo Solon der Weise, Crösus, den irdisch Glücklichen ermahnte, vor allem das Ende zu bedenken. In der That, wenn irgend ein Punkt der Erde geeignet ist, das Andenken an das Ende zu wecken, so ist es dieser da, am einsamen Tempel der Cybele bei Sardis. Die zerrissenen Wände der alten Akropolis dort auf dem Sandsteinfelsen reden zu dem Auge des Wandrers von der Eitelkeit der Eitelkeiten; von der vergeblichen Mühe, die der Mensch unter der Sonne hat. Es ist alles eitel, sagen hier die niedergestürzten Säulen des Tempels, wie dort unten die Mauern des alten Schatzhauses des Crösus. Nach unsrer Rückkehr zur Mühle hatte sich das Regengewölk vom Gebirge immer näher und tiefer herabgezogen zum Thale. Der morgende Tag, so erkannten die Bewohner der Gegend, und wahrscheinlich auch schon der heutige Abend ließ einen heftigen Erguß des Regens erwarten. Freund ~Jetter~, mit der Natur des Landes und mit den Folgen, die das plötzliche, starke Durchnäßtwerden auf den Körper der Fremden habe, schon seit Jahren bekannt, fürchtete vor allem für meine, seit Constantinopel noch immer leidende Gesundheit; er bewog uns noch an diesem Abend zurückzukehren nach dem gastlichen, bequem eingerichteten Hause des Pächters in Kassabah. Wir drei, Jetter, Jusuff Effendi und ich, in Begleitung eines der Surutschuis ritten voraus, während unsere jungen Freunde, beschäftigt noch mit der Zeichnung des imposanten Cybeletempels und seiner gewaltigen hehren Umgegend, zurückblieben[121]. Wir zogen so schnell über die Ebene dahin, als unsre zur Eile gewöhnten Postpferde dieß vermochten. Dennoch fand uns die nächtliche Dämmerung schon jenseits Achmedli. Aus dem Dunkel der eingebrochenen Nacht ertönte von den Zelten der hier gelagerten Turkomanen und Juruckenhorden her die Pfeife der Cameelhirten, und als diese, vom herabstürzenden Regen verscheucht, verstummte, da antworteten sich mit lauterer Stimme die Donner des Gebirges. Wir kamen dennoch, nur wenig durchnäßt, vor dem Thore der Pächterwohnung an, das wir schon geschlossen fanden. Die guten Leute hatten heute unsre Ankunft nicht mehr vermuthet, aber auch die unvermutheten Gäste wurden von ihnen gern willkommen geheißen, und das Abendessen, zu welchem auch noch, nicht lang nach uns unsre wohlberittenen jungen Freunde, im Geleite des andern Postknechtes eintrafen, ward uns ein Beisammenseyn zu lieblichen Gesprächen. Schon am späteren Abend und noch mehr während der Nacht fiel der Regen in so starken Strömen herab, wie man dergleichen nur in den wärmeren Ländern als gewöhnliche Erscheinungen der Herbst- und Winterentladungen kennen lernt. Auch in unser Schlafzimmer drang das Wasser in reichlicher Menge herein. Am nächsten Tage (30. October) ließen wir uns, während der noch immer von Zeit zu Zeit heftig strömenden Regengüsse die liebliche Ruhe und Stille des Sonntages sehr gern gefallen; außer andrem, was diesem Tag gebührte, benutzte ich die Stunden des ungestörten Beisammensitzens mit Freund ~Jetter~, um mir von diesem, der erst wenige Monate vorher wieder einen Besuch bei den »sieben Gemeinden« gemacht hatte, den jetzigen Zustand der von uns leider nicht selbst gesehenen beschreiben zu lassen. Was er mir von dem jetzigen Pergamum und Thyatira (Akhissar) mittheilte, das habe ich bereits oben erwähnt; ich füge nur noch eine kurze Beschreibung der siebenten jener alten Christengemeinden: ~Philadelphia's~ bei. Wer von uns möchte nicht gern von dieser frühen Wohnstätte der treuen Bekenner etwas erfahren, welcher der Mund der Wahrheit, nächst der Gemeinde von Smyrna das ungetheilteste Lob, und nur Worte der Verheißungen und Tröstungen ertheilt. Denn weil dieselbe, bei ihrer nur kleinen Kraft Sein Wort behalten und Seinen Namen nicht verläugnet hatte, sollte auch sie behalten werden vor der Stunde der Versuchung, die über den Erdkreis kommen würde und auch die Ermahnung, womit das hehre Sendschreiben schließt, trägt zugleich Kräfte der Verheißung und Erfüllung in sich; das Wort: »halte was du hast, daß niemand deine Krone nehme«[122]. Und ja alle diese Worte der Segnungen haben sich bis zu unseren Tagen in ihrer ganzen Lebenskräftigkeit bewährt und erwiesen; jene Gemeinde »von kleiner Kraft« ist unter tausendfältigen Versuchungen und Gefahren treu geblieben am Wort der Gedult; hält noch jetzt am Bekenntniß fest. Der ältere Name von ~Philadelphia~ ist wahrscheinlich ~Kallabytos~ gewesen, sein jetziger heißt ~Allah-Scheher~; Philadelphia ward sie von Attalus von Pergamos genannt. Der erste Bischof oder Engel der Christengemeinde dieser Stadt, ~Lucius~[123] war von Paulus, der zweite, Demetrios von Johannes dem Apostel zu diesem Dienst geweiht und bestellt worden[124]. Vergeblich hatte im ersten Jahrzehend des 14ten Jahrhunderts (um 1307) der türkische Fürst von Kermian, Alischir das fest auf seinem Felsen gegründete Philadelphia belagert, welches damals durch Rogger den gewesnen Templer entsetzt wurde; vergeblich hatten Orchan und Murad +I.+ den Versuch wiederholt, bis endlich Bajesid +I.+, der Blitzstrahl, auch in diese guten Mauern einschlug und einbrach. Als hierauf Timur alle Namen und Wohnstätten der Gemeinden und Menschen mit Blutströmen hinwegwusch und vertilgte, da wurde, wie durch ein Wunder das ringsumher von Tod und Verderben bedrohete Philadelphia vor dem Untergang bewahrt; es diente sogar zur Zufluchts- und Bergungsstätte der wenigen, dem Schwerte Timurs und seiner Rotten entflohenen Christen von Sardis so wie ihres Bischofes. Bis zum 16ten Jahrhundert wohnte der Bischof von Philadelphia fortwährend bei seiner Gemeinde; damals schlug er seinen Sitz in Venedig, später in Constantinopel auf. Philadelphia (Allahscheher) liegt südostwärts von Sardis in einem Seitenthale des Hermos, am Ufer eines seiner Nebenflüsse, auf einem Hügel, welcher die Aussicht über die reiche, fruchtbare Ebene beherrscht. Nach allen Seiten von Ortschaften der Muhammedaner umgeben, bildet hier diese kleine Stadt die letzte, einsam stehende Warte des Christenbekenntnisses, mitten im Lande der Feinde. Denn welche Stürme, besonders seit den Zeiten der türkischen Besitznahme und Oberherrschaft im Aeußerlichen auch über seine kleine, fortwährend jedoch von der Vertilgung verschont gebliebene Gemeinde ergangen sind, das bezeugen die niedergestürzten Mauern der Vestungswerke so wie die Ruinen des gewaltsam zerstörten Kastelles, dessen entzückend schöne Lage und Aussicht den christlichen Reisenden mit Wehmuth erfüllt, weil er, so weit sein Auge über den kleinen Kreis der Stadt hinausreicht, nur ein Land sieht, aus welchem die einst so reichen Segnungen des Christenglaubens gewichen sind. Aber von dem Häuflein der Christen in Philadelphia sind sie noch nicht gewichen. Dieses besteht aus etwa fünfzig Familien griechischer Christen, welche jedoch fast durchgängig nur noch die türkische Sprache reden und verstehen. Mit großer Liebe empfangen sie den christlichen Reisenden in ihrer Mitte, und dieser fühlt sich hier wie unter Verwandten. Die Schulen unterliegen zwar jenen Unvollkommenheiten, an denen auch die meisten türkischen Schulen leiden, doch wird den jungen Seelen der Name des Herrn in Einfalt verkündet. Sehr hart lastet auf der armen Gemeinde die Hand des jetzigen Bischofes P...s, der gewöhnlich in Constantinopel lebt, von dort aus jedoch, so wie noch mehr bei seiner etwa gelegentlichen, persönlichen Anwesenheit solche gewaltthätige Erpressungen und Grausamkeiten übt, daß er nicht wie ein Wolf in Schafskleidern, sondern als ein Tiger in unverhüllter Gestalt erscheint. Aus der alten, christlichen Stadt finden sich außer einigen kleineren, noch im Gebrauch bestehenden Kirchlein, die ansehnlichen Reste einer größeren (ehemaligen Johannis-) Kirche. Ein Iman, welcher in der Nähe dieser alten Mauern wohnt, erzählte mit ehrfurchtsvoller Scheu, daß er nicht selten, besonders bei Nacht, hier Stimmen höre und auch zuweilen Erscheinung sehe, von majestätischer, Schrecken erregender Art. So spricht sich selbst noch in dieser Sage jene natürliche Achtung aus, welche die Moslimen an vielen Orten dem biblischen und christlichen Alterthume bezeugen. Dieses ist der jetzige Zustand, der noch immer fortlebenden apokalyptischen Gemeinde zu Philadelphia, die, ganz nach jener Verheißung die ihr geschahe, eine von den vieren aus den sieben ist, welche stehen blieben, während drei, abermals wie das Wort es verkündet hatte, von ihrer Stätte hinweggerissen und vertilgt sind. Es war nun, in den Stunden des Nachmittags, endlich Zeit an die Weiterreise zu denken; der Regen schien sich mehr von der Ebene hinweg nach dem Gebirge ziehen zu wollen. Mehrmalen hatten wir unsre Surutschuis, welche in einem der besten Chans des Ortes, genannt »zum Sohn des Malers« ihrer Ruhe pflegten, ermahnen lassen, daß sie doch mit den Pferden kommen möchten; diesen guten Leuten wie ihren Rossen that die seltne Ruhe so wohl, daß sie mit dem Abbrechen derselben so lang als möglich zögerten. Endlich sahen wir uns wieder auf dem Rückwege nach Magnesia. Die Gebirge, in abwechslender Verhüllung der Wolken, troffen noch immer vom Regen; unser Weg durch das Thal war von der Sonne beschienen und keiner der vorüberziehenden Regengüsse, die wir vor und hinter uns bemerkten, berührte uns. So genossen wir ruhig den Anblick dieses Landes in jenem Zustand seiner Berge und Thäler, worinnen es getränket wird und gesättigt, mit der Ueberfülle des nährenden Wassers. Denn als wir uns den Wänden des Sipylos wieder genähert hatten und in seinem erquicklichen Schatten dahinritten, da glaubten wir eines der Alpengebirge unsres an lebendigen Wasser so reich gesegneten Vaterlandes vor uns zu sehen; die Felsenwände waren da und dort mit den silbernen Fäden der herabrinnenden Regenbächlein übersponnen, aus den Klüften hörte man das Rauschen des Gewässers, das von seinem Wolkenfluge nach der Höhe zur heimatlichen Tiefe zurückeilte. Ja, so wie es uns heute sich zeigte, erschien uns das alte Lydien wirklich, wie sein eigner und seiner Einwohner Namen Mäon und Mäones bei Herodot und Homer[125] es zu bezeichnen scheint, als ein Wasserland, aber auch in der trockenen Jahreszeit verdient es vor vielen andren Ländern des wärmeren Asiens diesen Namen, denn fast in jeder Stunde Weges kommt man auf der Reise durch seine Haupthäler an ein laufendes Wasser, das durch wohlthätige Stiftung zum Brunnen gefaßt ist, oder als natürlicher Quell und selbst als Bächlein aus dem Boden hervordringt; bei jedem Kaffeehaus -- und wo im Orient gäbe es mehrere und bessere als hier -- giebt es ein reines, erfrischendes Wasser. Nahe vor Magnesia begegnete uns reitend auf wohlgebauten Rossen ein Paar von Turkomanen; das jugendliche Weib mit zurückgeschlagnem Schleier, in seinem Arm ein kleines Kind haltend. Auf dem Angesicht dieses Volkes, so wie der in Kleinasien wohnenden Griechen, spiegelt sich noch sehr oft die Schönheit und Klarheit des Jonischen Himmels; sollten da nicht auch die Kräfte des Geistes innwohnen, durch welche Jonien einst so groß und herrlich war und müßte es nicht leicht seyn, den anjetzt nur gebundnen Drang nach geistiger Bewegung und Gestaltung wieder zu entbinden und zu wecken? * * * * * Da waren wir schon wieder bei dem ersten, am Anfange der Gärten gelegnen Brunnen von Magnesia, erbaut vielleicht aus manchem der übrig gelassenen Trümmer vom Grabmal des Themistokles, und noch am Tage ritten wir durch die Gassen der schönen Stadt. Hier nahmen wir abermals unsre Wohnung in dem gastlichen Hause des Erzbischofes. Wir fanden dieses voll besuchender Gäste, unter welchen der in Smyrna wohnende (Titular-) Bischof von Ephesus der vornehmste schien. Dennoch ward uns, unserer Gegenvorstellungen ungeachtet, das große Gastzimmer wieder eingeräumt, das wir auf der Hinreise innen hatten. Beim Abendessen vertrat der freundliche Doctor Velastis die Stelle des Wirthes und bot Alles auf, was er vermochte, um uns gut zu unterhalten. Vor wie nachher sahen wir noch manchen der eben zu Besuche anwesenden Bischöfe, welche durch ihre glänzenden Namen, die von längst untergegangenen Gemeinden herstammen, an jenes Gefühl erinnerten das ein alter Kriegsheld noch fortwährend von einem Gliede und allen einzelnen Theilen desselben zu haben glaubt, welches das Schwert oder Geschoß der Feinde ihm schon vor vielen Jahren hinwegriß und das schon längst verwest und verstäubt ist. Wir verweilten am andern Tage abermals bis nach Mittag in Magnesia. Ich ward heute schon ziemlich früh dem ~Oglu-Bey~, einem der reichsten Fürsten im jetzigen Anatolien vorgestellt. In seinem Pallaste zeigten sich, wenn auch nicht in der Form der europäischen Pracht, doch der Bedeutenheit nach die Spuren einer herzoglichen Macht und Vermögenheit. Dieser Herr hat sich an vielen Orten seiner weitläufigen Besitzungen gar manches prunkende Gebäude aus den Trümmern der alten jonischen Herrlichkeit erbaut. Auch an dem Ruin des herrlichen Cybeletempels bei Sardis arbeitet er auf diese Weise, leider gar rüstig mit, denn von dort hat er schon viele Stücke der unvergleichlich schönen, weißen Marmorsäulen sammt den kostbaren Architraven hinwegholen und nach seinem Geschmack zuhauen lassen. Wir schritten hindurch, durch die Leibwachen und die mit Bedienten erfüllten Vorzimmer; ein Offizier in modern türkischer Militäruniform führte uns ein; wir fanden einen vornehmen griechischen Kaufmann bei dem Fürsten sitzend; auch uns nöthigte man Platz zu nehmen auf dem Sitze der Polster; ein Page brachte Kaffee und langrohrige Pfeifen mit dem großen Mundstück von Bernstein. ~Oglu-Bey~ ist ein Mann von mittleren Jahren, stark von Körper, gefälligen Aussehens; gegen uns wie gegen die meisten Europäer sehr freundlich; dennoch machte diese Freundlichkeit wie die der meisten orientalisch-türkischen Hoheiten, welche ich auf dieser Reise sahe, auf meine Seele einen ähnlichen, gemischten Eindruck wie der Geschmack des wilden Honiges der Fichtenwaldungen auf die Zunge; mitten aus dem Süßen schmeckt man etwas gar Strenges, unter dem übrigen Gewürz die Myrrhe heraus. Einer der vornehmen Hofdiener des Fürsten nahm meine ärztlichen Kenntnisse in Anspruch; Kenntnisse, welche mir in Europa, schon wegen Mangel an Uebung, so unbrauchbar geworden waren wie ein eingerostetes Schwert, und die mir dennoch auf dieser orientalischen Reise öfters nützlich und meinem Nächsten zum Trost gewesen sind. Auch zu dem kränklichen ~Kadi~ der Stadt nöthigte mich +Dr.+ Velastis mitzugehen, um meine Meinung und meinen Rath über den Zustand des Mannes zu vernehmen. Der Kadi ist ein feingebildeter Mann, der sich in den Schulen seiner Vaterstadt, Constantinopel, gebildet hat; seine Rechtlichkeit und Theilnahme an allem, was die Bildung des Volkes fördern kann, wie seine Geschicklichkeit im Amte wurden mir gerühmt. Einen Rechtsfall sahe ich hier entscheiden, ganz in orientalischer Art und Form. Ein armer Landmann, der noch einen andern als Sprecher bei sich hatte, und mit diesen beiden zugleich ein vornehmer gekleideter Türke traten herein. Der Landmann näherte sich barfüßig, bis auf einige Schritte dem Kadi, warf sich dann demüthig, mit der Stirn den Boden berührend, vor ihm nieder, und trat hierauf wieder zurück bis zu der Stelle an der Wand des Zimmers, wo hinter einer Art von Schranke die Kläger und Beklagten stehen. Der Kadi winkte ihm mit der Hand, zu reden, da nahm der Sprecher des armen Mannes das Wort und erzählte ausführlich, wie ein Aga in der Nachbarschaft, der vor Kurzem wegen der vielen von ihm verübten Ungerechtigkeiten seiner Würde entsetzt und nach Constantinopel abgerufen worden war, dem Bauersmann sein kleines Landstück, darinnen der größte Theil seines Vermögens bestand, mit Gewalt abgedrungen habe; dieses nämliche, dem armen Landmann geraubte Feld, hatte der reiche, neben dem Kläger stehende Türke von dem Aga gekauft. -- Der Türke sagte darauf bloß, das Feld sey sein, denn er habe es dem Aga theuer genug bezahlt. Der Kadi verlangte die Papiere zu sehen, wodurch der Bauer als ursprünglicher Eigenthümer des Grundstückes sich legitimiren könne. Dieser erwiederte: die Papiere habe der Aga bei sich behalten, der sie auch, vorgeblich um sich von dem Besitzrecht des Landmannes zu überzeugen, zu sehen begehrt hatte. Der Kadi forderte jetzt den Kläger auf ihm Zeugen zu stellen, welche sein Eigenthumsrecht bestätigen könnten und der Arme wie sein Sprecher traten ab mit fröhlichen Mienen, aus denen ihr gutes Gewissen sprach. Der vornehmere Käufer des Feldes zögerte noch, als hätte er etwas mit dem Kadi zu reden, dieser aber, mit ernstem Blicke winkte ihm gleichfalls abzutreten. Zwar wurde das Gespräch mit dem verständigen Kadi durch dieses wie durch manche andre Geschäfte sehr unterbrochen, dennoch diente es um unsre gute vorgefaßte Meinung von dem Manne zu bekräftigen. Seine Fragen an Jetter über die bestmögliche, dem örtlichen Bedürfniß am meisten angemessene Weise die türkischen Schulen zu verbessern, wie seine Aeußerungen zu Jetters Antworten, erschienen verständig und treffend. Durch den Besuch des »heiligen« Derwisches, der sich schweigend und ohne zu grüßen auf den Diwan uns gegenübersetzte, die ihm von dem Bedienten des Hauses dargereichte Tasse Kasse schlürfte und dann schweigend sich wieder entfernte, ließ sich der Kadi in seinem Gespräche nicht stören, vielmehr scheint es, daß er, wie viele der jetzigen, von dem Geist der europäischen Cultur angeweheten, vornehmeren Türken weder seinerseits den Imans und Derwischen sonderliche Achtung bezeuge, noch daß auch ihrerseits diese den Kadi besonders günstig sind, ein Umstand, der ihm, bei dem immerhin noch sehr großen Einfluß dieser Leute für die Sicherheit seiner äußern Stellung nachtheilig werden kann. Nach einem kleinen Umweg durch die Stadt kamen wir endlich, gegen Mittag, wieder zurück zur erzbischöflichen Behausung. Von hier durften wir nicht ungegessen hinweg; nach eingenommener Mahlzeit entließ uns der Bischof von Hierapolis mit gewohnter Freundlichkeit; ein junger Grieche, der nahe Verwandte eines der hohen Geistlichen des Hauses und +Dr.+ Velastis gaben uns noch das Geleite zum Thore der Stadt hinaus. Wie steil und mit anderen, der Gegend ungewohnten Rossen, wie gefahrvoll der Weg über den Berg jenseits Magnesia sey, das lernten wir heute noch einmal beim Hinansteigen erkennen. Die Aussicht jedoch hinab nach dem Engthal und hinauf nach dem jenseit desselben emporsteigenden Sipylos, so wie bald nachher über das Thal des Meles und nach dem Meerbusen von Smyrna ist jedoch auch desto lohnender. Der reichliche Erguß des Regens hatte während unsrer Abwesenheit die Schluchten noch häufiger mit Wasser versorgt und die Ebene so getränkt, daß die Felder des Klees und die Saaten in üppiger Fülle grünten. An dem Kaffeehaus vor Hadjilar, an dem wir hielten, wurden alle Lastthiere der eben hier verweilenden Reisenden mit frischem Klee erquickt, nur unsern armen Postpferden, welche überhaupt während des Tagmarsches niemals gefüttert wurden, versagten die Surutschuis das grüne Futter. Einige von uns wählten in Begleitung des einen Postknechtes, angeführt durch H. Jetter und Jusuff Effendi den Nebenweg über das Gebirge nach Budscha, während die Andern gerade in der Ebene fort nach Smyrna ritten. Wir auf unserm Wege kamen jenseits Hadschila durch einen Wald von Granatbäumen, in dessen Zweigen noch eine Fülle der spätgereiften Früchte hieng. Das Dickig der Baumzweige und der wild durch einander wachsenden Gebüsche wurde zuletzt so undurchdringlich, daß wir unsern Weg durch das breite Bette eines Baches nehmen mußten, welches eben jetzt reichlich mit Wasser gefüllt war. Die Anhöhe über dem Granatwald, die anfangs sanft, dann aber immer steiler und steiler emporstieg mit den jetzt neu aufgrünenden Thälern und Schluchten an ihrer Seite war so reich an Reiz der Sinnen, daß man sie gern mit weniger ermüdeten Pferden und nicht bei Einbruch der Nacht hätte durchreisen mögen. Ein dunkles Gewölk hatte sich mit der Nacht zugleich vom Sipylos aufgemacht und schattete über die Hügel, unten aus Westen vom Meere her leuchtete noch an dem klaren Himmel die späte Dämmerung, in den Zweigen der Zypressen spielte der Wind ein Abendlied, leise, wie die Stimme der Gräber, in uns aber tönte jetzt fröhlich, dann ernst ein Nachhall dessen, was wir auf dem reichen Wege der letzten Tage gesehen und empfunden hatten. Das Haus unsres theuren Gastfreundes Jetter fanden wir einsamer, als wir erwartet hatten. Ich hoffte meine liebe Hausfrau noch hier zu finden, sie aber hatte mir auf dem gewöhnlichen Wege über Smyrna entgegenkommen wollen und wartete meiner in Gesellschaft der lieben Reisegefährtin und Freundin, begleitet von Herrn Fielstedt, dort in der Stadt. Dahin machten denn auch wir, Freund Bernatz und ich, Dienstags den 1ten November uns frühe auf, um noch einmal die reiche Gegend zu Fuß zu durchwandern und in Smyrna den Abgang unsers Schiffes zu erwarten. Rückkehr nach Smyrna. Die dankbaren Gefühle, mit denen ich hier noch einmal auf meinen Aufenthalt in Budscha und Smyrna zurückblicke, gleichen den Gefühlen eines Wanderers, der am Abend ermüdet und krank bei der Ruhestätte ankam, hier bald dem heilkräftigen Schlummer sich überließ und der nun neugestärkt erwacht, wenn die Morgensonne das gastliche Haus bescheint, vor diesem auf und nieder gehend seiner schönen Lage und Bauart sich erfreut. Die Sonne, welche mir jetzt ihre Strahlen auf das freundliche Budscha und das gute Smyrna fallen lässet, das ist die Kraft der Erinnerung: jener lebendigen und geistigen, welche mit dem Leibe nicht leidet noch krank ist, mit ihm nicht stirbt, sondern welche, immer sich selber treu und gleich auch jenseit des Grabes noch fortlebt. Das niedre Thal des leiblichen Befindens war damals, wo ich in Budscha und Smyrna der Güte des Landes und seiner Bewohner genoß, von Wolken der Kränklichkeit bedeckt, daneben brausten öfters die Wogen des Kleinmuthes, hoch über den Wolken stund die Sonne, und nun, da der Wind das Gewölk vertrieben, scheint diese hell und klar auf den vorhin verdunkelten Boden herab. Ehe ich von dem Abschiede aus dem alten Vaterlande der Meister der Menschenweisheit wie des Gesanges und der Kunst noch einige Worte von der Güte des Landes sage, sey es mir erlaubt, etwas von der hier erfahrenen Güte der Menschen zu erzählen. Ein theurer Freund, den ich schon in Deutschland liebgewonnen, dann in Constantinopel auf einige Augenblicke wiedergefunden hatte, der edle Schwede ~Fielstedt~, war uns schon in der Nacht vom 12ten October, gleich nach der Ankunft unsers Dampfschiffes im Hafen von Smyrna mit einem Boote entgegengekommen; da man aber, aus einem Misverstehen der Namen, ihn vom Dampfschiffe, als sey da niemand unsers Namens, hinweg gewiesen hatte, war er am Morgen nach Budscha zurückgekehrt. Wir machten aber noch an diesem nämlichen Morgen die persönliche Bekanntschaft eines anderen Mannes, dessen Namen mir schon im deutschen Vaterlande seit vielen Jahren ein wohllautender Klang gewesen war: die Bekanntschaft des holländischen Generalconsuls ~van Lennep~. Es giebt in der Geschichte der einzelnen Städte wie ganzer Reiche, in der Geschichte der Wissenschaften wie der Kunst einzelne Familien und Häuser, welche wie ein Strömlein frischen Wassers, das beständig aus dem Quell sich erneut und ergänzt, durch viele Menschenalter hindurch ihren wohlthätigen Lauf nehmen und welche noch den Urenkeln ein wohlthätiger Punkt des Anhaltens sind, wie sie den Vätern es gewesen. Ein solches Haus ist für die fränkischen Bewohner von Smyrna so wie für den dorthin kommenden Europäer das van Lennepische, in welchem zugleich auch der edle Stamm der Hochepiedschen Familie sich fortsetzt. Seit länger als einem Jahrhundert wissen alle Fremde, welche aus Europa nach den Morgenländern kamen, von der Freundlichkeit und Güte der Hochepieds und van Lenneps zu erzählen; die Familie von jenem wurde in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts wegen ihrer edlen Mildthätigkeit, die sie in der Auslösung vieler Christensclaven, namentlich aus Ungarn und Oesterreich, bewiesen, in den Grafenstand erhoben, weit mehr aber noch als jemals Menschen erfuhren, ist von jenen guten Holländern für Freie wie für Knechte, Einheimische wie Fremde, Gutes geschehen, wie dieß namentlich die Geschichte der Schreckenstage der griechischen Revolution und der türkischen, bei dieser Gelegenheit bewiesenen Barbarei bezeugt. Auch uns gäbe die viele Freundlichkeit und Güte, die wir von Herrn van Lennep von den ersten Stunden unsrer Ankunft in Smyrna an bis zu den letzten erfuhren, Stoff genug, »ein Liedlein« zu singen. In seinem gastfreien Hause lernten wir besuchende Fremde aus vielen Ländern von Europa, wie aus Amerika und aus Aegypten kennen, denen allen der treffliche Mann durch Rath und That das Reisen und den Aufenthalt im Morgenlande nach Kräften zu erleichtern und angenehm zu machen sucht. An den Grafen Hochepied erinnerte uns gar oft der von ihm angelegte große Garten in Budscha mit den vielen hohen Zypressen, in dessen Nähe wir wohnten, obgleich derselbe jetzt keineswegs mehr in dem Zustande sich befindet, in welchem ihn im Jahr 1752 Stephan Schultz sahe, weil der Landaufenthalt der van Lennep'schen Familie jetzt nicht mehr in Budscha ist. Es hat indeß nicht bloß Holland hier in Smyrna einen Repräsentanten seines innren Wohlstandes und der freundlichen Gesinnung, wodurch seine besseren Bewohner sich auszeichnen, sondern auch die andern europäischen Länder reichen hier dem Fremdling durch ihre Bevollmächtigten freundlich und hülfreich ihre Hand. In der That, die europäische Christenheit bildet da, mitten in den türkischen Landen eine auf wechselseitiges Zusammenwirken und Liebe zum gemeinsamen Vaterland begründete, ansehnliche Macht. Die Gasse am Meere hin, wo auf hohen Segelstangen die Flaggen der verschieden Nationen wehen und die Wohnungen der Gesandten bezeichnen, wird mir immer in dankbarem Andenken bleiben, weil ich in ihr so viel Gutes empfangen und genossen. An dem K. K. Oesterreichischen Herrn General-Consul, Ritter ~von Chabert~, lernte ich nicht bloß die unermüdliche Gefälligkeit und kräftige Verwendung zu Gunsten aller unsrer Reisezwecke dankbar verehren, sondern zugleich auch jene trefflichen naturwissenschaftlichen Kenntnisse schätzen, durch welche er uns Fremdlingen ein zurechtweisender Führer in die Betrachtung der physikalischen Beschaffenheit dieses Landes wurde. Von der Freundlichkeit des Kaiserlich Russischen Herrn General-Consuls, des Baron W. de Lelly welcher uns die gastfreie Aufnahme im erzbischöflichen Hause zu Magnesia und Kassabah bereitete, habe ich schon oben (S. 324.) gesprochen. Bei diesem einen Beweis von zuvorkommender Güte ließ es aber jener edle Mann nicht bewenden, sondern die Zeichen seiner warmen Theilnahme und Vorsorge begleiteten uns auch auf die ganze weitre Reise. Durch den Kais. Russischen Herrn Generalkonsul fand ich hier in Smyrna auch einen interessanten Reisenden und vieljährigen Bekannten ~Baron von Yxkül~ auf, welcher, eben von einer Reise durch Griechenland und auf den griechischen Inseln zurückgekehrt, meine Sehnsucht, das herrliche Patmos zu sehen, welche erst so spät befriedigt wurde, in hohem Grade steigerte. Diese und manche andre interessante Bekanntschaft, namentlich jene der Herren ~Gliddon~, der Söhne des Americanischen General-Consuls von Alexandria, hatten wir gleich in den ersten Tagen unsers Hierseyns gemacht; da that sich uns durch die theuren Freunde ~Fielstedt~ und ~Jetter~ eine Thüre noch zu neuen Bekanntschaften auf, aus denen das Herz große Stärkungen für die Pilgerfahrt und eine Fülle der lieblichsten Erinnerungen mitnahm. Der Anblick der reifen Frucht eines guten Baumes, wie der einer edlen Perle, welche unter vielen Stürmen und Wellenschlägen groß gewachsen ist, hat für das Auge etwas Erquickliches; noch mehr aber hat dieses für das Herz das Anschauen einer solchen geistig reifen milden Frucht und sanft glänzenden Perle wie Vater ~Lee~ dieß ist[126]. Der lebenskräftige Geist des ~Eli Smith~ hat sich zwar in seinen öffentlich bekannten Werken, namentlich in seinen +Researches in Armenia+ (+2 Vol. Boston 1833+) deutlich genug kund gegeben; noch etwas ganz Andres als die mittelbare giebt jedoch bei Menschen dieser Art die unmittelbare, persönliche Annäherung. Der liebe Smith war eben in tiefer Trauer; seine treue Lebensgefährtin war vor Kurzem ihm vorausgegangen in die Heimath, aus welcher kein Wiederkehren ist, aber wie die Lilie im Schatten der Nacht ihren stärksten Wohlgeruch giebt, so strahlte aus seinem stillen Wesen eine Kraft hervor, welche wohlthuend über alle verwandten Seelen sich ergoß. Den Verfasser so vieler gesegneten Schriften für die Jugend, Herrn ~Brewer~ habe ich schon oben unter den Reisegefährten nach Ephesus genannt. Einen Gefährten von so kindlich heitrem Gemüth möchte man sich aber nicht bloß für die Tage einer Reise nach Ephesus, sondern für die des ganzen Lebens wünschen. Zu der schon älteren Bekanntschaft der Herrn ~Leeves~ und ~Renger~, welche bald nach uns auch hier eintrafen, kam die neue des trefflichen Herrn ~Barker~ und noch mehrerer hier anwesenden Engländer hinzu. Durch Freund Jetter lernte ich auch den Bischof der armenischen Christengemeinde kennen; einen hochbetagten Greis, dessen ganzes Wesen Ehrfurcht und Liebe weckt, weil er selber von Ehrfurcht und kindlicher Liebe zu Gott seinem Herrn durchdrungen ist. Und wenn ich nun vollends im Geiste von Smyrna hinauswärts über die immer belebte Caravanenbrücke, dann an der türkischen Begräbnißstätte und dem Melesflüßlein vorüber, den steilen Berg, links neben der Akropolis hinangehe und weiterhin den Weg nach dem heimathlichen Budscha nehme, wohin mein Geist so oft wandeln geht; wenn ich im Geiste hineinblicke in das gute Nachbarhaus der hohen Zypressen, was kann ich von dort dem Leser mitbringen als ein Gefühl des Heimwehes nach einer, dem Raume nach jetzt so fernen, innerlich aber immer nahen Wohnstätte des Friedens und der innigen, im Werke thätigen Liebe zu Gott und den Brüdern. Die Familie ~Jetter~, Eltern wie Kinder, der theure, brüderliche Freund ~Fielstedt~, wollen ihren Lohn nicht gern vorhin nehmen; was ich über meinen Aufenthalt bei ihnen, dankbar liebend zu sagen hätte, das sey wie ein Familiengeheimniß bewahrt. Mit Fielstedt vereinte mich auch noch ein andrer Zug der gemeinsamen Neigung. Dieser Friedensbote, der schon in Ostindien am Werk der neuen, geistigen Gestaltung der Menschenseelen arbeitete, ist durch unmittelbare Erfahrung zu denselben Ansichten gelangt, welche ~Schweigger~ in Halle mehrmalen so eindringend aussprach: daß in diesen Ländern und unter diesen Völkern die Heilkunde der Seelen jene des Leibes in ihren Bund ziehen, die Erkenntniß des Wortes jene der sichtbaren Werke sich zur Freundin und Gesellin wählen solle. Er beschäftigt sich deshalb fortwährend, so viel seine Berufsgeschäfte ihm dieß erlauben, mit dem Studium der Natur- und Heilkunde. An der Hand dieses theuern Freundes ergieng ich mich oft in der reichen Natur der Umgegend von Smyrna und versuche es jetzt dieß auch, auf wenige Augenblicke an der Hand des Lesers zu thun. Die Natur des alten Lydiens erscheint durch die Fülle und Mannichfaltigkeit ihrer Erzeugungen als ein Abbild der Geschichte ihrer vormaligen Bewohner. Wenig Länderstriche der Erde haben auf so geringem Raume eine solche bunte Verschiedenheit der sichtbaren Dinge aufzuweisen als dieses Vaterland der mannichfachsten, hochstrebendsten Männer des Alterthumes. Wenn man nur das Thal des Hermos und in ihm die vielartigen Geschiebe betrachtet, welche die Gießbäche vom Sipylos und Tmolus herabführten, dann kann man nicht mehr fragen, welche Felsarten hier zu Hause seyen, sondern besser, welche bekannte Hauptform der Felsarten dieser Gegend abgehe? Die Familie der granitartigen Gebirge, namentlich der Gneus bildet den Kern des Hochrückens; an den niedren Höhen zeigt sich der Thonschiefer mit den Lagern des lydischen Steines; bei Ephesus und an vielen andern Orten der körnige Kalkstein; nordwärts von Smyrna der Kalk mit Feuersteinen; am Fuße des Tmolus der Sandstein; bei Magnesia wie um Smyrna die grünstein- und mandelsteinartige Wacke, mit Chalzedon; bei den Trümmern von Laodicea wie diesseits Thyatira gegen den Hermos hin die Mannichfaltigkeit der vulkanischen Erzeugnisse. Der Reichthum des magnetischen Eisens verräth sich bei Magnesia, selbst an der Boussole; im Thale des Kryos finden sich Spuren eines älteren Bergbaues; der hehre Tmolus scheint noch jetzt den Geognosten aufzufordern jene Schatzkammern des edlen Metalles in seinem Innren aufzuschließen, aus denen vormals die Menge des Goldes und des Crösus Reichthum gekommen und wodurch das Volk der alten Lydier so frühe zu einem metallschmelzenden und Metall verarbeitenden geworden. Wie das Mineralreich so ist auch die Pflanzenwelt von Anatolien ungemein reich an Arten und kräftig an Wuchs wie an Ertrag der Früchte. Lydien genießt zugleich den lebenstärkenden Einfluß der Wärme und den nährenden des Wassers; nahe an die Niederung der Küste und der Thäler gränzt das Hochgebirge, dessen Rücken alljährlich vom nordischen Winter besucht wird, darum gedeihen hier in einem Abstand von wenig Meilen die freilich sehr vereinsamte Palme des Südens mit der Pappel und Weide des Nordens; Baumwolle und Flachs; unsre wohlbekannte Kirsche mit der Orange und Feige; Indiens Reis wie Deutschlands Gerste. Es kann hier meine Absicht nicht seyn, auch nur eine vollständige Aufzählung der Namen, der uns hier zu Gesicht und zu Hand gekommenen Arten der Gewächse zu geben, um so mehr da ich bei einer andern Gelegenheit und an andrem Orte von der Naturgeschichte Kleinasiens zu reden hoffe, einige Grundzüge des Bildes will ich jedoch vorläufig entwerfen. Wenn ich irgend ein wärmeres Land unsrer Halbkugel für das alte, ursprüngliche Vaterland oder für den Lieblingssitz des Feigenbaumes halten möchte, so wäre dieß Kleinasien, vor allem die Umgegend von Smyrna. Die Feigen dieser Gegend, wegen ihres Wohlgeschmackes berühmt, haben auf eine beachtenswerte Weise in neuerer Zeit die ersten Fäden einer Handelsverbindung zwischen den christlich europäischen Ländern und dem osmanischen Orient angeknüpft. Die Türken bezeugten früher eine so eifersüchtige Vorliebe für die Feigen von Smyrna, daß die Ausfuhr derselben in andre Länder ganz verboten war, da schloß König Karl +II.+, durch seinen Gesandten den Sir Finch im Jahr 1676 unter Mohammeds +IV.+ Regierung mit der hohen Pforte einen Vertrag ab, vermöge welchem alljährlich zwei Schiffsladungen Smyrnaer Feigen zum Bedarf der Küche Sr. Maj. des Königs nach England ausgeführt werden durften. An die zwei »Ladungen« von nicht sehr genau bestimmtem Werthe, schloßen sich bald zwei andre; an die vier in einem der nächsten Jahre vier neue und so entfaltete sich im Schatten des Vertrages über zwei Schiffsladungen Feigen ein lebhafter Handelsverkehr zwischen der Levante und dem europäischen Westen, welcher noch viele andre Gegenstände in seinen Kreis hineinzog, deren Ausfuhr sonst verboten oder sehr erschwert war. Hier, in der Umgegend von Smyrna, hat man die beste und häufigste Gelegenheit, die Anwendung der Caprification zu beobachten. Auf den Felsen, namentlich in der Nähe der Küste, wächst in Kleinasien wie auf den Inseln des griechischen Archipelagus in Menge der wilde Feigenbaum (von den Griechen Ornos oder Orinia genannt), der Stammvater unsres durch Cultur veredelten zahmen. Wie die Thiere der Wildniß, namentlich der Löwe, wo die Auswahl ihnen frei steht, lieber das Lastthier, das den Reiter trägt als den Menschen, lieber den Neger oder den Indianer, als den cultivirten Europäer anfallen[127], so geht auch ein merkwürdiges Thierlein, das noch einen viel größeren Geschmack an der Feige findet als die Osmanen und als Karl +II.+ von England, lieber die wilde, als die zahme Feige an. Dieses Thierlein: die Feigenfruchtwespe (+Cynips Psenes+) genannt, gehört jedoch keinesweges zu den vertilgenden Feinden der Feige sondern vielmehr zu ihren Erhaltern und Gönnern. Die Feige, wie dies hier vielleicht für einen Theil der Leser der Erinnerung bedarf, ist nämlich keinesweges, wie der Augenschein dies vorzuspielen scheint, eine Frucht, welche ohne vorhergehende Blüthen entstund, sondern, wie das zergliedernde Messer lehrt, in dem Innren ihres fleischigen Gehänges sitzen die kleinen, sehr deutlichen Blüthchen, aus denen die Saamen des süßen Fruchtbodens (Kuchens) sich erzeugen. In den verschiedenen Früchten ist die Beschaffenheit und Kraft dieser Blüthen sehr verschieden, es finden sich nämlich in einigen derselben solche Blüthen, bei denen die beiden Gegensätze des Pflanzengeschlechtes: die Pollen tragenden Antheren und die jene annehmenden Pistille neben und mit einander vollkommen entwickelt sind und bei solchen Blüthchen gedeiht und wächst die Frucht von selber, ohne Beihülfe der äußren Natur. Bei dem größeren Theil der Früchte des Feigenbaumes ist jedoch das Verhältniß ein andres, und zwar ein solches, welches eine höhere Stufe der innren Entwicklung andeutet[128]. In ihnen sind nämlich, bei den einen nur Blüthchen vorhanden, welche Pollen tragende Antheren umfassen, oder nur Pistille denen die zur Erzeugung der süßen Frucht nothwendigen Antheren mangeln, beide also, jene ohne diese, wie diese ohne jene, würden keine reife Frucht tragen, sondern die grüne Kammer, welche das Geheimniß der Befruchtung umschließet, würde noch ganz klein und unausgebildet abfallen, wenn nicht das vorsorgende Band, welches allen Mangel des einen Einzelwesens mit der Fülle des andern ergänzend durch die Wesen der Sichtbarkeit gehet; wenn nicht die mütterliche, in der Natur waltende Weisheit, auch hier ein Andres bedacht hätte. Jene kleine Feigenfruchtwespe, gesättigt jetzt mit dem Lieblingstrank den die Antherenblüthen tragende Kammer umschließet, bohrt sich, von jenem Triebe geleitet, welcher auf die Ernährung und Erhaltung der noch ungeborenen Brut gerichtet ist, in solche Kammern (Früchte) ein, bei denen vorwaltend nur das aufnehmende Pistill zur Vollendung gekommen ist. So empfängt nun auch dieses den keimbelebenden Einfluß und eine Menge der sonst unreif abfallenden Kammern wird somit zu den besten, größesten, lieblichsten Früchten gezeitigt. Damit nun dieses erreicht werde, pflegt der Landmann der Umgegend von Smyrna den wilden Feigenbaum, der die Lieblingswohnung des geflügelten Gastfreundes und Schutzherrn der Feige ist, oder noch öfter die Früchte desselben, in denen die Larve des Insekts den Beruf ihrer Verwandlung eben zu beendigen bereit ist, in die Nähe und um die Früchte des zahmen Feigenbaumes zu pflanzen oder aufzuhängen. Man sagt, daß auf diese Weise ein Baum, der ohne solche Fürsorge nur 25 bis 30 Pfund Früchte tragen würde, eine Ergiebigkeit von mehrern Zentnern empfangen könne. So vortrefflich die Rosinen sind, welche man aus den Trauben von Smyrna bereitet, so schlecht und übelschmeckend, wenigstens für den Gaumen des Europäers, ist der hiesige Wein. Ich habe, außer manchen Arzneien, noch niemals eine widerwärtigere Flüßigkeit gekostet als die war, welche man im Gasthofe der Madame M**** unter dem Namen des Weines zur Tafel brachte, so daß ich ganz unbefangen die Wirthin fragte, woraus dieses Getränk gemacht werde? und daß auch, nachdem sie uns gesagt hatte, daß man es aus Trauben fertige, keiner von allen Tischgästen, selbst nicht der Sohn des Hauses davon trinken mochte. Der Geschmack eines solchen Smyrnaer Weines gleicht einer Auflösung von unreinem Geigenharz in schlechtem Branntwein, worunter der Uebelkeit erregende Saft von der Zaunrübenbeere (+Bryonia alba+) gemischt ist; die Farbe ist ein schmutziges Dunkelbraun. Man soll hier ziemlich allgemein Gyps und andre sonderbare, in unserm Vaterlande unerhörte Dinge unter den Most werfen, angeblich damit der Wein sich halte. Wie gut ist es, daß der Meles reines, klares Wasser in Menge zur Stadt führt und daß auch, namentlich wie man uns sagte, in der hiesigen, sehr gut eingerichteten Schweizerpension so wie in den englischen Gasthäusern andre Weine als der Smyrnaer zu haben sind. In den Gärten von Smyrna, welche einen weiten Raum um die Stadt her einnehmen, gedeiht eine solche Menge von Orangen- und Zitronenbäumen, daß, in guten Jahren, mit der Fülle ihrer Früchte ganze Schiffe befrachtet werden können. Jene zarten Gewächse hatten jedoch, als wir sie sahen, durch die Kälte des unmittelbar vorhergegangen Winters (in den ersten Monaten von 1836) so sehr gelitten, daß viele von ihnen nur von neuem Zweige aus dem Stamm hervortrieben und auch die übrigen wenig Hoffnung zu einer guten Fruchternte gaben. Diese Verheerungen durch den Frost kommen nicht selten über das niedre Land, weil das nachbarliche Hochgebirge im Sommer zwar den wohlthätigen Niederschlägen des Wassers, im Winter aber dem Schnee zum Versammlungspunkte dient. Außer den Orangen und andern Südfrüchten tragen die hiesigen Gärten alle Arten unsres feinen Obstes, vor allem Aprikosen und Pfirsichen, Kirschen und Weichseln, auch Aepfel von ziemlicher Güte, wiewohl mir schien, daß in der Zucht dieser letztern Frucht so wie der Birnen und am meisten der Pflaumen unser Vaterland vor der Smyrnaër Landschaft voraus sey. Die Gemüse sind theils die unsrigen, theils die bei der Beschreibung von Constantinopel (S. 248.) erwähnten. Die Wässerung der Gärten wird meist durch Schöpfräder und Pumpen besorgt, welche Esel oder alte Maulthiere in Bewegung setzen. Unter den wichtigeren Erzeugnissen der Felder stehet die Baumwolle (von +Gossypium herbaceum+) oben an. Auch der Taback, besonders aus der Umgegend von Magnesia, ist in großem Ruf der Güte. Noch mehr das Opium von Anatolien, von welchem freilich die beste Sorte nicht innerhalb den Gränzen des alten Lydiens gebaut wird, sondern aus dem nachbarlichen Phrygien und dem Gebiet des Mäandros, aus ~Karahissar~ kommt, das an der Stätte des oben (S. 281.) erwähnten Celänä, zwei Tagreisen ostwärts von Sardis liegt[129]. Dieses Opium aus der Gegend des »schwarzen Schlosses« (Karahissar) wird dem Aegyptischen so wie jeder andern bekannten Sorte vorgezogen, und weil es viel theurer als das ägyptische an die großen Kenner und Liebhaber der falschen prophetischen Begeisterung, an die Chinesen, verkauft werden kann, kommt es nur selten in die Läden der Droguisten und in die Officinen des westlichen Europas. Wir fanden in dem reichen Waarenlager des freundlichen van Lennep ganze große Massen jenes silenisch begeisternden Giftes aufgehäuft, welche an die Hauptniederlagen der holländisch-ostindischen Handelscompagnie versendet werden sollten, von denen es dann in ganzen Schiffsladungen nach China ausgeführt wird. Auch die reicheren Opiophagen, vornämlich die der osmanischen Kaiserstadt, kennen die besondern Kräfte des Opiums von Karahissar und erkaufen es um höheren Preis als jedes andre. Unter den Bäumen des Waldes erscheint häufig die schöne ~Valonia-Eiche~ (+Quercus Aegilops+) mit Blättern, ähnlich jenen des ächten Kastanienbaumes. Ihre großen, zackig-schuppigen Kelchschüsseln enthalten so stark adstringirende Bestandtheile, daß sie, gleich den Galläpfeln zur Färberei angewendet und deshalb häufig nach Europa ausgeführt werden. Dasselbe gilt von der ~Färbereiche~ (+Quercus infectoria+). An den Abhängen des Tmolus wie des Sipylus gedeihen die Kastanie mit der Pinie und höher hinan selbst die hochwüchsige Edeltanne; allenthalben an wasserreichen Stellen die edle Platane, am Seestrand die Seefichte. Ein Baum, den man in so wie um Smyrna überaus oft in den Gärten, wie in den Höfen vor den Häusern sieht, ist der ~Azedarachbaum~ (+Melia Azedarach+), welcher durch seinen hohen Wuchs und durch seine (freilich doppelt) gefiederten Blätter von ferne gesehen an unsre Edelesche (+Fraxinus excelsior+) erinnert. Jetzt im Spätherbst, hieng dieser Baum voller Früchte, die von gelblich grüner Farbe, von der Größe unsrer Kirschen, etwas länglich geformt sind und in Büscheln beisammen stehen, im darauf folgenden Frühling sahen wir ihn zuerst in St. Saba, dann in Jerusalem und Sichem, am häufigsten aber um Beirut in dem Schmucke seiner kleinen, blaulichen (lilafarbenen) Blüthlein. Obgleich das bittersüßliche Fleisch der Früchte des Azedarachbaumes schädlich und für viele Säugthiere (selbst Hunde) sogar tödtlich ist, auch von den Vögeln nicht angerührt wird, hat diese Frucht dennoch für die Türken einen Werth, weil sie aus ihrem rundlichen, fünfgefurchten Kerne (Stein) ihre Paternoster bereiten, wie dies der türkische Name +Tespih+ und der fränkische +Arbore degli padre nostro+ und +arbre saint+ andeutet. Was aber hauptsächlich wohl jenem Baume sein Hausgenossenrecht in diesem und andren Ländern des Ostens verschafft hat, das ist die Meinung, daß seinen Blättern eine heilsame Kraft gegen pestartige Uebel und selbst gegen die Folgen des Schlangenbisses innen wohne. -- An den Feldrändern der Umgegend von Smyrna sieht man häufig den gemeinen Terpenthinbaum (+Pistacia Terebinthus+); in feuchten Schluchten hin und wieder neben unsrer vaterländischen weißen und schwarzen Pappel auch die seltnere, ägyptische Weide (+Salix aegyptiaca+); unter den Holzarten, welche in ganzen Kameellasten von den gebirgigen Gegenden zur Stadt gebracht wurden, war öfters das schöne, feste Holz des Cedernwachholders (+Juniperus Oxycedrus+), zuweilen auch das des Storaxbaumes (+Styrax officinale+) den wir auf dem Weg nach Ephesus sahen. Bis zum Uebermaß häufig ist unter dem niedren Strauchwerk der Keuschlammstrauch (+Vitex agnus castus+); unter den herbstlichen Distelarten fiel die wilde Artischoke am schönsten ins Auge. Die am Sipylus schon gedeihende ~Jacea-Stäheline~ (+Stähelina arborescens+) gewährte uns den neuen Anblick eines im Freien wachsenden Baumes aus der 19ten Linnëischen Klasse. Die hohe ~Opopanaxpflanze~ (+Pastinaca Opopanax+) fiel uns zwischen den Trümmern von Ephesus; mehrere Arten des ~Majorans~ (+Origanum smyrnaeum+, +sipyleum+, +creticum+) auf den dürren Hügeln in die Augen; obgleich der wohlriechende Jasmin (+Jasminum fruticans+) und die Phillyreen (+Phillyrea media+ und +latifolia+) schon verblüht waren, blieben sie dennoch leicht erkennbar; das gelbe Bilsenkraut (+Hyoscyamus aureus+) schmückte mit seinen goldfarbenen Blumen noch die Mauern; in ihrer Saftfülle brüstete sich noch die blühende Kermesbeere (+Phytolacca decandra+) an schattigen Orten. Doch es konnte hier unsre Absicht nicht seyn, auch nur einen unvollkommnen Abriß der Flora von Jonien zu geben, denn selbst die Ausführung dieser wenigen Grundzüge unsrer Wahrnehmungen in diesem Gebiet, gehören an einen andren Ort. Ich sage daher nur noch Einiges über die Thierwelt von Smyrna. Unter allen Thieren des schönen Landes gewährte mir das Kameel die meiste Unterhaltung. Ich hatte dieses Schiff der Wüste noch niemals in so großen Heerden, noch nie so groß und schön gesehen und auch auf der weiteren Reise mußte ich den Kameelen von Smyrna den Preis der Schönheit, wenn auch nicht der Schnelligkeit vor den ägyptischen und arabischen zugestehen. Wenn ich diese Thiere mit abgemessenem Anstand einherschreiten oder mit gerade gen Himmel gestreckter Nase den kühlenden Hauch der Luft oder irgend einen andren für ihren Instinkt angenehmen Duft einathmen sahe; wenn ich ihren Gehorsam gegen die Pfeife des Treibers, die nachgebende Unterwürfigkeit, mit welcher sie hinter dem Glöcklein läutenden Eselein drein giengen, beachtete, erschienen sie mir immer als das innerlich ruhigste, brauchbarste, ordnungsliebendste Bürgervolk des Tierreiches. Wenn von ihrer seltsamen, freundschaftlichen Zusammengesellung mit den Eselein die Rede ist, darf man sich freilich die letzteren nicht wie unsre vaterländischen Esel vorstellen. Die hiesigen sind ungleich kräftiger als die unsrigen; eines Morgens begegneten wir, auf dem Wege nach Budscha einem Manne, der auf seinem, noch überdieß schwer beladenen Esel aus Angora (im alten Galatien) hergeritten kam und der auf dieser ganzen, langen Reise keinen Rasttag gemacht hatte. Ein andres Thier, welches in der Umgegend von Smyrna, vorzüglich aber während unsrer Reise nach Sardis meine Aufmerksamkeit beschäftigte, war die schöne, große Ziege mit dem seidenartig glänzenden, feinen (meist schwarzen) Haare. Es ist noch immer dieselbe, welche einst dem alten Loadicea seinen Reichthum gab; dieselbe durch welche Angora seinen Ruf hat, denn die Umgegend des Tmolus liefert zu vielen jener feinen Gewebe den Stoff, die wir, als aus Angora kommend betrachten. Das hiesige Pferd gehört zur tartarischen Rasse; die Zucht des gemeinen Rindes wird durch jene des stärkeren Büffels fast verdrängt. Häßlich, aber von großer Stärke ist der hiesige Hund; ein Thier dieser Art war uns aus der Gegend von Ephesus gefolgt und hatte sich vorzüglich an +Dr.+ Roth, der es einige Male fütterte, angeschlossen. Das Gefühl der Dankbarkeit und Anhänglichkeit schien übrigens auf diesem wilden Grund keine tiefe Wurzeln fassen zu können und auch andre schlimme Eigenschaften des Thieres nöthigten uns die Freundschaft mit ihm wieder abzubrechen. Nicht selten ist um Smyrna der Schakal; die größte hiesige Katzenart ist der Leopard; auf den Feldern und Wiesen lebt die Blindmaus (+Spalax typhlus+). Auf dem Gefilde von Sardis zeigte sich der ägyptische Percnopterusgeyer (+Cathartes Percnopterus+), welcher bei den Türken unter dem Namen »Humai« als ein Sinnbild königlicher Großmuth und Milde gepriesen wird[130]. Auf einigen der Ruinen jener vormaligen Stadt nistet der Storch; in der Ebene zeigt sich in ziemlicher Menge das griechische Rebhuhn; in den Gärten um Smyrna vernahm man öfters die Stimme mehrerer bekannter Finken und Sylvienarten, unter den letzteren auch die des Feigensängers (+Sylvia Ficedula+). Von den Amphibien des Landes erwähnen wir nur die auch anderwärts im Morgenland gemeine Dorneidechse (+Stellio cordylea+) dann den +Pseudopus+ und die braun und weißgefleckte Walzenschlange (+Amphisbaena fuliginosa+) die sich namentlich in der Gegend des alten Ephesus unter Steinen findet, so wie eine schwarze Flußschildkröte im Meles. Wenn man die Fische der Bucht von Smyrna nennen wollte, da dürfte man fast alle Arten des Mittelmeeres anführen, denn eine größere Mannichfaltigkeit der Arten sahen wir auf keinem der andren Fischmärkte der asiatischen Küstengegend. Eine der gemeinsten Speisen des hiesigen Volkes sind die ~Meeräschen~ (+Mugil Cephalus+ und +M. Labeo+). Von der schönen rothen Seebarbe (+Mullus barbatus+) sahen und genossen wir hier mehrmalen für sehr geringen Kaufpreis so große Stücke, daß, wenn sie uns nur um die Hälfte jener Summen wären angerechnet worden, die man zur Zeit des Tiberius in Rom für einen Fisch dieser Art und solcher Größe bezahlte, unser ganzes Reisegeld für solchen Genuß aufgegangen seyn würde[131]. Von Sepien finden sich hier die meisten im Mittelmeer vorkommenden Arten, am öftersten der Feind und Vertilger der Krebse: der gemeine Achtfuß (+Octopus vulgaris+). Wenn aber auch dieser Verfolger der Krustenthiere viele ihres Geschlechtes erhaschet, so weiß sich doch eine merkwürdige Art seinen Nachstellungen zu entziehen: der merkwürdige Pinnenwächter, der durch seine fast beständige Zusammengesellung mit der großen Steckmuschel, die Aufmerksamkeit schon des früheren Alterthumes erregte. Ein sehendes, schwaches Zwerglein ist da mit einem starken, zugleich aber blinden Riesen in Verbindung getreten und einer ergänzt den Mangel des andren. Die große schöne Steckmuschel mit seidenartigem Byssus, welche in ansehnlicher Menge (wie dies schon die am Ufer herumgestreut liegenden Schaalentrümmer bezeugen) in der Bucht von Smyrna wohnt, hegt und bewirthet in ihrer Schaale fast beständig einen jener kleinen, muntren Krebse, die sich in den Muschelgehäusen finden (den +Pinnotheres antiquorum+). Und warum sollte es nicht so seyn können, wie die Fischer noch jetzt erzählen, daß jener kleine Wächter, wenn er die nahende Gefahr erblickt, aus Furchtsamkeit tiefer in die Schaale und unter den Mantel des Muschelthieres hineinkriecht und auf diese Weise das augenlose Thier zum Schließen seiner Schaale reize. Der Meles ist reich an mehreren sehr schönen Arten von Neritinen; in den Gebüschen an seinem Ufer und am Meere fanden sich noch etliche Käfer[132]. Auf den Wogen des Meeres schwebten viele große Scheibenquallen (Aequoreen, Geryonien, Rhizostomen und Oceaniten) und sonst noch andre Heere der Lebendigen belebten das immer Neues gebährende Gewässer. Doch es ist Zeit, daß wir uns von dem Fischmarkt und der Seeküste nach Hause begeben, um die Vorbereitungen zur nahen Weiterreise zu treffen. Schon im Hafen von Constantinopel hatten wir ein Dampfschiff aus Aegypten getroffen, welches die Wittwe eines der verstorbenen Söhne des Mehemed Ali dorthin geführt hatte und von da wieder nach Aegypten zurückbringen sollte. Es wäre uns leicht gewesen, in diesem Schiffe ein Räumlein und Gelegenheit zur schnellen Ueberfahrt über das Meer zu finden, denn der Arzt desselben war ein Grieche, der in Deutschland (auch in München) studirt hatte. Eines Theiles hatte mich jedoch der Wunsch, Kleinasien zu sehen, dann auch mein körperliches Uebelbefinden gehindert, von dieser Gelegenheit Gebrauch zu machen, was uns auf der späteren, so vielfach gehemmten Seereise oft reute, wiewohl mit Unrecht, denn auf diesem nämlichen, schnellen Dampfschiffe war auf der Reise die Pest ausgebrochen; obgleich mehrere Wochen vor uns in Alexandria angelangt, hatte dasselbe noch die Pein der Quarantäne zu dulten, da wir schon längst aus derselben erlöst waren. Auch in Smyrna selber waren uns mehrere Gelegenheiten während der ersten Woche unsers dortigen Aufenthaltes entgangen, Zufälle und Versäumnisse, die wir ebenfalls auf der Weiterreise oft beklagten, aber eben so mit Unrecht als das Abgehen des Aegyptischen Dampfschiffes, denn auch auf diesen Schiffen war die Pest ausgebrochen; ein americanisches Fahrzeug war, wie man uns noch in Smyrna erzählte, während der stürmischen Tage des Herbstregens, den wir so ruhig unter dem Dach des Pächters zu Kassabah verlebten, an den Klippen des Meers bei Patmos gescheitert. Dennoch fieng es, bei der schon vorgerückten Jahreszeit an uns bang zu werden um eine Reisegelegenheit, das österreichische Kriegsschiff, das man aus den westlicheren Küstengegenden erwartete, wollte nicht kommen, mit Freuden vernahmen wir daher durch ein Brieflein am 24ten Oktober in Budscha die Nachricht, daß der sorgsame Hr. ~von Lennep~ ein Schiff für uns aufgefunden habe, das zwar einem Türken gehöre, welches aber durch einen griechischen Capitän geführt werde, den Hr. van Lennep persönlich kannte und achtete. Und in der That, wir hatten späterhin oft Gelegenheit, die Wahrheit eines alten Sprüchleins zu erkennen, das uns am Morgen des 24ten Octobers 1830 als ein besondres Tagesgeschenk gegeben wurde: »der Herr machet im Meere Weg und in starken Wassern Bahn«, denn außer den vielfachen Bewahrungen und Rettungen in und aus der Gefahr der Stürme, war das die größeste, daß unser Schiff, ohngeachtet es mehr als alle andre, vor ihm ausgelaufene, mit türkischen Pilgrimen beladen war, von der Pest verschont blieb. Ich habe schon oben erwähnt, daß unser Capitän seine Abreise länger verschob als er es anfangs Willens gewesen. Wir brachten die letzte Woche in Smyrna, nicht unbeschäftigt zu, bald unter den Ruinen der alten Stadt, bald am Meere oder in Betrachtung der andern Sehenswürdigkeiten, namentlich einer reichen Sammlung von alten Münzen, welche ein hier wohnender, kenntnißreicher Engländer besitzt. Unser Capitän hatte uns gerathen, uns für eine Zeit von drei Wochen mit Lebensmitteln zu versehen, denn »obgleich er hoffe, daß wir die Fahrt nach Alexandria in viel kürzerer Zeit beendigen würden, sey es doch nicht unmöglich, daß sie gegen 20 Tage daure.« Das Einkaufen dieser Vorräthe so wie einer schönen, großen, mit Baumwolle gefüllten Decke, welche wir hier sehr wohlfeilen Preises fanden, führte uns noch einmal in das bunte Gewirr des türkischen Bazars so wie in die Läden der Frankenstraße, durch die man jetzt noch unbesorgt sich ergehen konnte, obgleich sich während der letzten Tage unsres Aufenthaltes in Smyrna in einer der Vorstädte die ersten Vorboten und Regungen der Pest gezeigt hatten, welche kurz nachher auch in der Stadt mit Heftigkeit ausbrach, und hierdurch die Strenge unsrer nachmaligen Quarantäne in Alexandria vermehrte. Sonnabends den 5ten November wurden wir denn endlich auf unser Schiff bestellt, denn, so ließ der Capitän uns sagen, es war nun Alles zur Abfahrt bereit. Wir hätten nicht so zu eilen gebraucht, denn der Landwind, welcher die Ausfahrt aus der Bucht von Smyrna möglich macht und begünstigt, erhebt sich gewöhnlich erst in der Nacht, während in den späteren Nachmittagsstunden ein kräftiger Seewind in entgegengesetzter Richtung weht, der das Einlaufen beschleunigt, die Ausfahrt dagegen hemmt. Dennoch wünschten wir noch den Nachmittag zur Einrichtung unsers kleinen Hauswesens in der Kajüte des Capitäns zu benutzen, welche wir für uns gemiethet hatten, wir fuhren daher schon um 2 Uhr nach Mittag aufs Schiff hinüber, welches das Panier der Sonne führte. Wir fanden da freilich viele Veränderungen, welche auf dem Verdeck seit dem erstmaligen Besehen unsrer künftigen Wohnung des Gewässers statt gefunden hatten. Namentlich war der freie Raum auf dem Verdeck der Pupa, über und neben unsrer Kajüte, der uns zur alleinigen Benutzung versprochen war, mit kleinen, neuerbauten Bretterhüttchen besetzt und außer diesen stunden da Körbe und Kisten, die nur wenig Raum zur Bewegung ließen. Es war indeß hier nichts zu ändern, denn in dem schriftlichen Kontrakt mit dem Capitän war nur von der Einräumung der Kajüte die Rede, der freie Platz auf dem Verdeck war uns bloß mündlich verheißen worden. So stiegen wir denn ruhig die enge Treppe in unsre neue kleine Wohnung hinunter, die wir mit Besemen sauber gekehrt, rein gewaschen und geschmückt fanden und trafen da unsre häusliche Einrichtung. Ein Fenster, oben an der Decke gab uns so viel Licht, daß man, wenn man sich unter dasselbe setzte, sogar lesen und schreiben konnte, das war schon guter Trost; statt des Tisches diente eine alte, in Smyrna gekaufte Kiste, in welcher unsre Vorräthe von Schiffszwieback und andern Lebensmitteln lagen, statt der Stühle bediente man sich der Reisekoffers und zum Ueberfluß eines kleinen, ebenfalls in Smyrna gekauften Rohrschemels; als Lagerstellen fanden sich zwei Pritschen (an jedem Ende der Kajüte eine), davon die, welche nächst der Thür war, der Freundin Elisabeth, die andre mir und der Hausfrau zur Ruhestätte angewiesen wurde, während +Dr.+ Roth und Erdl den Fußboden, der Maler Bernatz eine Art von Holzkasten bei der Treppe zum Schlafgemach wählten. So war denn für die Bewohner des Zimmerleins schon aufs Beste gesorgt und auch unsre Barometer und Flinten fanden an den Wänden Orte der Befestigung; unsre blechernen Teller und Becher stunden trefflich verwahrt in einer Eintiefung der hölzernen Wand, die mir zugleich öfters während der Freuden der Tafel statt eines Tisches diente, da das Halten des Tellers auf dem Schooße nicht immer bequem fiel. Der theure, brüderliche Freund ~Fielstedt~, der sich in seiner Liebe niemals selber genug that, hatte uns zum Schiff begleitet und hier eingeführt, war dann noch einmal nach der Stadt gefahren und mit allerhand kleinen Gegenständen beladen, die uns, wie er bemerkt hatte, zur Bequemmachung der Reise noch abgiengen, wieder zurückgekehrt. Zum letzten Male saßen wir da beisammen, dankbar des Aufenthaltes in Smyrna, voll Vertrauen und guter Hoffnung der weitern Reise gedenkend, aber der Freund wollte heut noch nach Budscha, es war Zeit ihn zu entlassen. Ihm nachschauend stund ich auf dem Verdeck, das schon mehr und mehr mit türkischen Reisegefährten sich gefüllt hatte und vertiefte mich in mancherlei Nachsinnen, und in manche, wie sich später zeigte, vergebliche Sorge. Es waren heute gerade acht Tage nach den meiner Seele tief eingeprägten Nachmittagsstunden, in denen mir am Fuße des hehren, mit Wetterwolken bedeckten Tmolus die Säulen des Cybeletempels und das zerrissene Gemäuer der Akropolis, die über das verödete, vereinsamte Trümmerfeld von Sardis herabschauen, Solons Lehre predigten: »an das Ende zu denken.« Hier auf unsrem türkischen Schiffe gab es freilich keine Säulen des Cybeletempels, welche mir und meinen Reisegefährten jene Lehre des atheniensischen Weisen wiederholen konnten, wohl aber sonst Dinge genug, die an das Ende erinnerten. Namentlich konnte man als solche Erinnrungszeichen alle die Körbe und Kisten, wollenen Teppiche und Kotzen der türkischen Schiffsgesellschaft, so wie diese selber betrachten. Es war nämlich gerade jetzt die Zeit, in welcher sich aus allen Gegenden, am schwarzen Meere, am Bosporus und Propontis, wie aus Kleinasien die türkischen Pilgrime oder Hadschi's zur Fahrt nach Aegypten aufmachten, um sich dort dem Zuge der großen Karawane anzuschließen, welche im Januar von Cairo nach Mekka abgehen sollte. Dieses meist arme Volk von Pilgrimen, welches auch die Hauptladung unsres Schiffes und die Veranlassung zu seiner jetzigen Fahrt nach Alexandria war, kam zum Theil aus Gegenden, in denen eben damals die Pest in größester Heftigkeit wüthete. Brachte nur einer aus dieser Schaar die Seuche mit sich und brach diese erst unter der eng zusammengedrängten Menschenmasse aus, dann war die Gefahr für Alle eben so groß als wenn Feuer das Schiff ergriffen hätte. Denn wohin sollte man sich retten! Aus einem solchen verpesteten Schiffe darf Keiner an das bewohnte und bewachte Land steigen und zuweilen (so erzählte uns der Capitän auf einem unserer österreichischen Dampfschiffe) ist es, ehe man an der Küste von Aegypten und Syrien die Quarantänespitäler zur Aufnahme der Ankommenden erbaute, in Zeiten der heftigen Pest geschehen, daß zuletzt Keiner mehr da war, der von dem Mastbaum des unglücklichen, von der Pest ergriffenen Fahrzeuges die gelb und schwarze Pestflagge wieder abnehmen konnte, Keiner, der das Ende der Quarantäne erlebte; das Schiff war ein großer Sarg aller seiner gewesnen Bewohner geworden, den man, seine Seiten durchbohrend, mit den Leichnamen zugleich ins Meer senkte. Ich habe schon vorhin erwähnt, daß auf mehreren der vor und ziemlich gleichzeitig mit uns von Constantinopel und Smyrna ausgelaufenen Schiffe die Pest wirklich ausgebrochen war und daß namentlich das schöne ägyptische Dampfschiff, welches versäumt zu haben wir auf der Reise so oft beklagten, noch lange nach unsrer Befreiung aus der Quarantäne in Alexandria durch seine gelb und schwarze Trauerflagge uns daran erinnerte, daß zum Eilen das Schnellseyn nicht immer helfe. Wie leicht hätte dieses Loos auch unser Schiff treffen können! -- Dies und noch manches Aehnliche war damals am 5ten November des Abends auf dem türkischen Schiffe zum Panier der Sonne, mein Sorgen, als die Sonne untergieng über den Felsengipfeln des Mimas. Doch eben diese Felsenhöhen, zusammen mit der Klarheit des Himmels und der Stille des Meeres erinnerten mich daran, daß noch ein anderer festerer Fels, ein andres, beständigeres Klar, abgespiegelt in einem noch tieferen Meere, da seyen; ein Fels, auf welchem man diese Last der vorbeieilenden Sorgen sichrer noch und zur längern Ruhe ablegen könne als der scheidende Tag seine vor sich selber erröthenden Abschiedsgedanken auf dem Gestein des Mimas. Und da jetzt im Blau des Nordens auch ein Stern aufgieng, war es als würde mir mit seinem Schimmer zugleich ein Strahl der sonnenartig-selber leuchtenden, nicht verlöschenden Zuversicht ins Herz gegeben; ich stieg fröhlich hinab zum stillen Raume der Kajüte und bald war der Schlaf auf der schon in Semlin gekauften Matrazze und im Schirm der in Smyrna hinzugekommenen wollenen Decke so fest und süß wie in der lieben Heimath. IV. Reise von Smyrna nach Alexandria und Cairo. Der Capitän des Schiffes war am Abend unsrer Ankunft auf demselben noch in der Stadt beschäftigt gewesen; der Unterkapitän, ein Türke hatte, bei unsrer Aufnahme in die neue Behausung seine Stelle vertreten. Wir hatten (wenigstens ich) in dem festen, guten Schlafe nichts von der Ankunft des Capitäns um Mitternacht, nichts von der Ankunft der vielen, mit türkischen Pilgrimen beladnen Bote, schon in den späteren Abendstunden vernommen. Da hörte man, zuerst noch halb im Traume, dann beim Erwachen das Rasseln der Ketten, an denen der Anker hieng und emporgewunden wurde, das taktmäßig die Arbeit begleitende »Kyrie eleison« der griechischen Matrosen und bald nachher einen wahrhaft harmonisch lautenden Gesang der türkischen Hadschis, dessen Inhalt ein Gebet um guten Wind und glückliche Fahrt war. In Smyrna hatte man uns gesagt, es würden etwa dreißig oder etliche und dreißig Hadschi's im Schiffe »zur Sonne« mit uns fahren, die Stimmen aber, die da sangen, tönten nicht wie die Stimmen von dreißig, sondern wie die von hundert Männern und nur zu bald überzeugten wir uns, daß es mit der uns angekündigten Zahl der türkischen Reisegefährten nur dann seine Richtigkeit habe, wenn man die hundert nicht beachtete, welche über die dreißig waren, denn ihre Summe belief sich auf 134. Es war nun kein rechter Schlaf mehr möglich, doch gesellte sich zu dem Rauschen der Wellen, welche das schnellseglende Schiff durchschnitt noch eine Art von Schlummer, mit seinen Träumen von hochwüchsigen Fruchtbäumen, in deren Wipfeln der Wind rauscht. Schon vor Sonnenaufgang waren wir auf dem Verdeck; dieses aber war in ein türkisches Lager verwandelt, denn jeder Fußbreit, mit Ausnahme eines schmalen Stegleins für das arbeitende Schiffsvolk, war von den Hadschi's, so wie von ihren Vorrathskörben und Küchengeschirren eingenommen; überall dampften schon die kleinen, thönernen Oefchen, auf deren Kohlen ein mit Knoblauch und Zwiebeln gewürzter Pilau, oder das brünette Getränk des Kaffees bereitet ward. Der Wind indeß und das Wetter waren gut und so wurden auch wir bald wieder guten Muthes. Und warum sollten wir dieses nicht seyn; hatten wir doch Das bei uns, was der weise ~Bias~, welcher dort jenseits der Berge der nachbarlichen Halbinsel, in ~Priene~ wohnte, für das höchste Gut des Menschen hielt; das ruhige Selbstbewußtseyn eines Wandrers, der sich auf dem geraden Wege nach dem Ziele seiner Reise weiß. Dazu war ja heute Sonntag, und nicht bloß der Leib, sondern auch die Seele hatte als Festtagsgewand jenes Gefühl des innren Still- und Ruhigseyns und jenen Drang zum Auffliegen über die grünlichen Wellen angezogen, welcher die Lerche über das grünende Feld und die Wiesen emporhebt. Die Sonne stieg jetzt empor; wir sahen uns um nach dem guten Smyrna, aber dieses lag schon weit hinter uns, von einer vorspringenden Landzunge verdeckt; doch zeigten sich der hohe Sipylos wie der Mimnolus, den wir neulich auf der Reise nach Magnesia bestiegen hatten, und fern in Südwest die Stätte des alten ~Klazomenä~, der Vaterstadt des ~Anaxagoras~, welche früher eine Insel war, später aber durch Dämme und neuen Ansatz des Landes mit dem Festland sich vereinte. Der Wind war in hohem Grade günstig; die Fahrt nahm einen glücklichen Anfang. Wir hatten jetzt Zeit und guten Muthes genug um uns mit unsrer neuen Umgebung bekannt und vertraut zu machen. Fürwahr, über Einsamkeit konnte man in unsrem Schifflein nicht klagen. Außer uns sechs Inhabern der Kajüte, als des vornehmsten Räumleins, und den 134 türkischen Hadschi's, so wie den Matrosen, Küchenjungen und beiden Capitänen, gab es da noch eine Griechin mit ihren drei Kindern, welche ihrem Manne nach Alexandria nachzog, zwei deutsche Schneidergesellen, einen entlaufenen russischen Bedienten und einen jungen Griechen, welcher der Vetter eines Bischofs war. Die türkischen Hadschi's, das geht aus ihrer Zahl hervor, bildeten den Hauptkörper der Schiffsmannschaft; ihretwegen setzte sich das Schiff von Smyrna aus nach Aegypten in Bewegung, denn, obgleich jeder einzelne nur wenige Gulden für die weite Fahrt bezahlte, war dennoch dieser Fahrlohn der Hadschi's die Haupteinnahme des Capitäns, wie des Inhabers des Schiffes. Hätten diese guten Leute einen ähnlichen, unruhigen Drang nach Bewegung gehabt, wie in der Regel wir Franken ihn fühlen, dann wäre freilich diese Fahrt in viel andrem Maaße beschwerlich geworden, als sie dieß wirklich war; so aber saß das Volk der Pilgrime fast den ganzen Tag so still auf einem Fleck, daß es uns öfters wie ein gemaltes Jahrmarktsgedränge oder wie eine Gallerie von Wachsfiguren vorkam. Nur wenn die Stunde der Waschungen oder Gebete kam, noch öfter aber, wenn das Geschäft und der Vorgang der Ernährung und der Verdauung sie dazu nöthigte, erhuben sie sich von ihren Sitzen, sonst war ihr gewöhnliches Tagesgeschäft jene harmlose Lust an der Jagd, welche ihre Befriedigung nicht im düstren Walde oder auf steilem Gebirge, sondern schon in den Falten des Turbans und der Gewänder fand, und welche niemals den Tod des erbeuteten Thieres bezweckte, sondern dieses lebendig hinfallen ließ aufs Verdeck, damit es ein andres Unterkommen sich suche. Wie dieses große Volk der Hadschi's vornämlich bei Nacht, wo der ausgestreckt liegende Mensch doch einen größeren Strich des Bodens einnimmt als der auf untergeschlagnen Beinen sitzende, in unsrem engen Schiffe und seinem untern Raume Platz gefunden habe, das ist uns später, da wir den ganzen Gelaß des leer gewordnen Fahrzeuges betrachteten, noch öfters ein Räthsel gewesen, um so mehr da auch Frauen in diese untern Räume eingestallt saßen, für welche ein eigner Verschlag von Brettern angebracht war. Freilich sahen wir an dem Beispiel Derer, welche oben auf dem Verdeck auf oder neben ihren Körben schliefen, daß diese armen Leute in Beziehung auf die Schlafstätten so verträglich seyen wie die wandernden Schneegänse, denn öfters diente der eine dem andren, dieser wieder dem dritten zum Kopfkissen. Wir lernten übrigens gar bald es unterscheiden, daß da unter dem Troß der ärmeren Hadschi's auch solche wären, die sich vornehmer zu seyn dünkten denn die Andren. Von den kleinen Bretterhütten, welche auf dem Verdeck, ober unsrer Kajüte erbaut waren, bewohnte die eine, vorderste, ein wohlhabender türkischer Kaufmann aus Smyrna, Namens ~Hassan~, ein Mann, der uns durch seine gutmüthige Zutraulichkeit und sein Anschließen an unsre Gesellschaft manche Unterhaltung gewährte; die hierauf folgende Bretterhütte bewohnte die Griechin mit ihren Kindern und dieser gehörten auch die sehr alt aussehenden Mobilien (Tische und Stühle), welche wegen des Mangels an Raum über den Bord hinaus gebunden waren. Die beiden hintersten Bretterhütten waren abermals von zwei türkischen, unter sich nahe verwandten Familien bewohnt, davon die eine aus dem ältlichen Vater, seiner Frau und Tochter, die andre aus einem Mann mit seiner Frau bestund. Der erstere hatte durch die Pest alle seine Kinder, außer der ihn begleitenden, etwa 10jährigen Tochter verloren und schien hierdurch zur Pilgerfahrt bewogen. Was den andren zu dieser angetrieben hatte, weiß ich nicht, so viel aber schien gewiß, daß für seine arme Frau diese Reise eine furchtbare Pein seyn mußte, denn diese war in einen so engen Raum eingesperrt, daß sie nur liegen und sitzen, nicht aber aufrecht stehen konnte; durch ein Loch der bretternen Thür des Kastens reichte der Mann ihr Speise und Trank und nur selten verließ derselbe seinen Sitz oder sein Lager vor dieser Thüre. Nicht mehr zwar durch das Bewohnen eines eignen Bretterkastens, wohl aber durch andre Merkmale als vornehm ausgezeichnet, erschien ein alter Kaufmann aus Magnesia, mit seinen beiden Söhnen, davon der eine, ältere, ein Iman, der andre, viel jüngere der Liebling des Vaters war, der am Tage an seiner Seite, bei Nacht an seiner Brust ruhte. Alles Neue und Seltsame, was der Vater bei meinen jungen Freunden sahe: Repetiruhren, Compaß, Messer, Farben, das wollte er für seinen Liebling kaufen. Etwas entfernter von uns, im Vordertheil des Schiffes hatte eine Familie von Mohren (mit weißen wie schwarzen Frauen) ihre Bleibstätte, die ebenfalls reicher denn die andren schien, vornehm genug that und unruhiger so wie anspruchsvoller war denn alle andren Hadschis. Auch ein Derwisch, von schöner Gestalt und Aussehen, wurde von seinen Genossen mit besondrer Achtung und Auszeichnung behandelt. Er hatte gar bald mit +Dr.+ Roth und Erdl Bekanntschaft geschlossen; wenn er diesen, den einen Finger emporhebend, durch den Ausruf des Wortes »Huh« (Jehovah) sein Glaubensbekenntniß ablegte, da war sein Blick so bedeutend und ernst, daß ich mit innrem Vergnügen ihn betrachtete. Daß sich der Derwisch schon heute mit so besondrer Achtung an unsre beiden jungen Aerzte anschloß, daß diese beiden gleich vom ersten Tage an ein Gegenstand des Aufmerkens für die ganze Schaar der Schiffsgesellschaft wurden, das hatte einen guten Grund. Unter den Matrosen befand sich ein altes, kleines, sonst aber kräftig gebautes Männlein, welches die andren den Engländer (+il Inglese+) nannten. Er war als Knabe in diese Gegenden gekommen, hatte sein Unterkommen als Seemann bei den Türken gesucht und gefunden, und, ob er hierbei Christ geblieben oder Türk geworden, das blieb uns ein Räthsel. Dieser »Inglese« nun lag am ersten Tage unsrer Seereise sehr krank, an einer Brustfellentzündung darnieder, hatte am Morgen schon eine Art von mündlichem Testament gemacht, worin er seine wenigen Habseligkeiten, in Gegenwart des Capitäns, an einen seiner Kameraden vererbte, und nun wartete das Volk, das ganz ruhig um den ächzenden Mann herumsaß oder stund, auf den Augenblick, da dieser »abfahren« würde. Der Capitän indeß dachte nicht so. Er mochte schon in Smyrna gehört haben, daß Aerzte unter uns seyen, er kam zu meinen jungen Freunden, bat diese um ihren Rath und um Hülfe, und Doctor ~Erdl~ wendete sogleich einen tüchtigen Aderlaß so wie kühlende Mittel mit so günstigem Erfolg an, daß der Kranke bald sich erleichtert fühlte und nach wenig Tagen wieder arbeiten konnte. Diese glückliche Cur machte auf unsre türkischen Hadschi's einen solchen Eindruck, daß viele von ihnen zu +Dr.+ ~Erdl~ kamen, sich den Puls fühlen ließen und Arznei oder einen Aderlaß begehrten und obgleich in den letzteren Wunsch ohne Noth nicht eingewilligt wurde, gewährte man dennoch desto reichlicher den ersteren, denn +Dr.+ ~Roth~ war mit einer guten Reiseapotheke versehen und bei solchen meist eingebildeten Krankheiten war die Hauptsache der Zucker oder irgend ein andrer Beisatz der Art, wodurch die Masse der Arznei vermehrt wurde. Man konnte wirklich bei mehreren Gelegenheiten dieser Art sehen, was das Vertrauen that; die Leute sagten gewöhnlich die Arznei habe ihnen alsbald geholfen. Während die Hadschis von den beiden jungen Doctoren allerhand Heilmittel begehrten, ersuchten sie mich, seitdem ich einigen von ihnen freiwillig eine Prise angeboten hatte, ziemlich allgemein um Schnupftabak und da ich in Smyrna einen großen Vorrath dieses unschuldigen Zeitvertreibs mit mir genommen hatte, konnte ich solche Bittgesuche gern gewähren, dem einen ein wenig in seine kleine Dose, dem andren in ein Schächtelchen, dem dritten auf die Hand reichen. Der Wind blieb heute fortwährend günstig und frisch, so daß wir schon mehrere Stunden vor Sonnenuntergang die Spitze der erythräischen Halbinsel umschifften, welche gegen Westen die hermäische Bucht: die Bucht von Smyrna umgränzt; gegen Norden sahen wir die Gebirge von Lesbos, im Süden erschien bereits die Pelinäische Höhe von Chios, neben uns die Bergkette des Mimas, deren nördliche Ausläufer das Vorgebirge von Meläna (jetzt Karaburnu) bilden. Seitdem wir uns gegen Süden gewendet hatten, lag das Schiff, das den Wind von der Seite nahm, etwas schief; ich fühlte von neuem eine leichte Anwandlung von jenem Uebel, das ich oben (S. 129.) bei der Fahrt über das schwarze Meer beschrieb und begab mich hinab auf meine Pritsche. Das was ich noch vor dem Hinabsteigen in die Kajüte gehört hatte und noch bis gegen Abend von meinen Freunden vernahm, lautete sehr gut. Morgen früh, so sagte selbst der Unterkapitän, könnten wir an Patmos ankern; in fünf Tagen, so versicherten Andre, könnten wir, bei solchem Winde, im Hafen von Alexandria einlaufen und obgleich der sehr erfahrene Capitän zu allen diesen wohllautenden Aeußerungen schwieg, ließen wir uns dadurch dennoch nicht irre machen, sondern träumten schon vor dem Einschlafen von dem Genuß des morgenden Tages auf den Felsen des herrlichen Patmos. Einige Stunden nach Mitternacht hörten wir über unsrem Haupte die große Kette raßlen und den Anker ins Meer lassen. »Da sind wir ja schon in Patmos, rief ich den zugleich mit mir erwachten Freunden zu, das ist über Erwarten schnell gegangen.« Wir ruhten dann noch etliche Stunden, beim Anbruch des Morgens aber stunden wir auf dem Verdeck und sahen uns in einer engen Meeresbucht zwischen felsigen Inseln. Ist dies Patmos? fragte ich den Capitän. Dieser schüttelte den Kopf und zuckte die Achseln; von Patmos, sagte er, sind wir noch weit. Mit der Sonne zugleich gieng nun auch uns ein Licht auf über unsre jetzige geographische Stellung. Wir waren noch gar nicht weit von dem Punkt hinweggerückt, an dem sich unser Schiff am gestrigen Abend befand; das Vaterland der erythräischen Sibylla, dessen Gebirge wir schon gestern sahen, war noch immer ganz in unsrer Nachbarschaft. Der Wind, der am gestrigen Morgen zuerst Nordost, dann Nordwind war, hatte schon am Abend sich etwas gegen Westen umgesetzt, und in der Nacht, nach kurzer Windstille, war er uns ganz ungünstig geworden: statt des erfrischenden für unsre Fahrt günstigen Nordwindes stürmte uns heute der warme Sirocco aus Südwesten entgegen. Unser wohlunterrichteter und vorsichtiger Oberkapitän, welcher die Gefahren dieses Windes hier, in der klippenreichen Gegend des Meeres kannte, war, Chios gegenüber, zwischen zwei kleinen Felseninseln eingelaufen, welche zu den südlichsten der Gruppe der oenussischen oder hippidischen Inseln der Alten gehören; zu jener Gruppe, deren nördliche und größere Inseln auf unsren Charten unter dem Namen der Spalmadoren (Spermatoren) verzeichnet stehen. Unser Capitän nannte sie Agonusi (Egonuses), wie noch jetzt die Griechen diese Oenussä heißen. Hier, wo unser Schiff lag, war das Meer so ruhig und spiegelglatt, daß wir Unerfahrenen in dieser Art des Welt- und Windlaufes gar nicht begreifen konnten, wie die Schiffsleute von einer Gefahr reden konnten, welche unsrer Weiterfahrt, wenn diese anders noch möglich, gedroht hätte; doch sahen wir nach einigen Stunden auch das griechische Packetboot, welches damals noch die gewöhnliche Communication zwischen Smyrna und Athen unterhielt, und das fast einen halben Tag vor uns Smyrna verlassen hatte, von Süden her zurückkehren und in einiger Entfernung von uns Anker werfen. Die eine der beiden kleinen Inseln, deren Felsenwände uns hier in unsren Schutz genommen hatten; die welche uns auf der Westseite lag, ist ganz unbewohnt, und wird nur von Zeit zu Zeit von Fischern oder von Hirten besucht, welche, von benachbarten Inseln kommend, hier ihre Netze auswerfen oder ihr Vieh auf die spärliche Weide führen. Sie hat eine Quelle mit gutem Wasser; unsre Matrosen ruderten hinüber, um einige Fässer zu füllen und da wir sahen, daß bei jeder solcher Fahrt eine gute Anzahl der türkischen Hadschis sich ans Land setzen ließ, auch zugleich erfuhren, daß heute den ganzen Tag an eine Weiterreise nicht zu denken sey, gaben auch wir dem Hange nach das Eiland zu besuchen und fuhren mit den Matrosen hinüber. Die Frauen blieben bei der Griechin und ihren Kindern, in der Nähe des Quelles, wir Männer zerstreuten uns zwischen die Felsenklippen; denn jeder Schritt bot uns da etwas beachtenswertes Neues dar. Der ganze Umfang des kleinen Eilandes beträgt kaum eine Stunde; es besteht nur aus einem rundlich sich erhebenden Berge, der nach dem Meere hin, besonders an der Westseite, Chios gegenüber, hohe, gähe Felsenwände bildet. Die herrschende Felsart auf dieser, wie auf der gegenüber liegenden Insel ist außer dem Trapp, welcher die Höhe einnimmt, nach unten ein Thonschiefer von sehr eigenthümlicher Art und Gestaltung. Er gleicht an manchen Stellen einer riesenhaften Schlacke mit Höhlungen und Blasenräumen von einem Umfang und Rauminhalt wie ich noch niemals dergleichen gesehen; öfters stehen nur die Reste der zerstörten Gewölbe als sichelförmige Zacken hervor. Sehr häufig zeigten sich in diesem Schiefer Lager und Nester von einem bröcklich weichen, stark abfärbenden, viele Kohle enthaltenden Zeichenschiefer und auch die Höhlungen und jetzt leeren Blasenräume mögen mit dieser Masse ausgefüllt gewesen seyn. Die schon vorhin erwähnten gähen Felsenwände an der Westseite der Insel tragen die Spuren eines gewaltsamen Zusammensturzes an sich; mächtige Bruchstücke liegen zu ihren Füßen im Meere und bilden, senkrecht in der Richtung ihrer Schichten stehend eine oder mehrere Reihen von hohen, natürlichen Mauern um die Insel her, zwischen welche das Meer hereintritt und in deren Schutz und Schatten die Schaaren mancher der zarteren Seethiere sich versammlen. Einige Abhänge und Schluchten der Insel waren eben jetzt mit den kleinen, weißen Blumen der spätblühenden Narzisse (+Narcissus serotinus+) bedeckt, an manchen Stellen entfaltete das Calocasien-Arum (+Arum Calocasia+) seine schönen Blüthen. An dem Saamen der reifen Gräser ergötzte sich eine kleine Schaar des Zaunammers (+Emberiza Cirlus+, von den Türken »Kirlak« genannt) mit olivenfarbener Brust so wie gelb und schwarz gefärbter Kehle; auch das rothe Rebhuhn (+Perdix rufa+, auf Türkisch »Cil«) und eine Art von wilden Tauben kommen auf der Insel vor, selbst ein weißschwänziger Steinschmätzer (+Saxicola Oenanthe+) wollte mit seinem kurzem Liede zeigen, daß auch diese Wüste ihre Gesänge habe. Unten im Meer erfreute uns der Anblick der Aktinien und Seeanemonen, so wie der kleinen buntfarbigen Fische aus der Familie der Meerjunker (+Labrus Julis+) der Anthias und Lutjane; an den Felsen lebte +Helix naticoides+. Mich hatte das Aufsuchen des blühenden Arums an die nördliche Seite der kleinen Insel hingezogen, da wo das Wrack eines vielleicht erst unlängst an diesen Klippen gescheiterten Fahrzeuges und weiterhin das Gemäuer eines zerstörten Hauses an die Kämpfe des Menschen mit dem übermächtigen Element wie an die noch furchtbareren mit seinem eignen Geschlecht erinnerten. Je weiter ich mich gegen Westen wendete, desto bedeutungsvoller und origineller wurden die Formen der Thonschieferfelsen. Nach Norden hin zeigten sich die schwärzlichen Berge der andern Inseln dieser Gruppe; die Bucht von Erythrä wie jene von Tschesme waren durch die östliche Nachbarinsel verdeckt. Ich war jetzt an die schönste Stelle des Eilandes gekommen: an die mächtigen Felsenhallen seiner Westseite; dort, Chios gegenüber, suchte ich mir, in der schattigen Felsenschlucht eine Ruhestätte. Wie ganz anders zeigte sich hier das freie Meer als in der verschlossenen Bucht da unser Schiff lag. Seine Wogen oben von weissem Schaum bedeckt schlugen mit Ungestüm an die Wände des Schiefers; die Brandung, aus einem benachbarten Felsengewölbe, das die Fluth sich ausgewaschen hatte, tönte wie ein ferner Donner; das Gefühl der Sicherheit aber, mit welchem ich von meinem festen Sitze aus das nachbarliche Saki oder Skio, die Hauptstadt von Chios betrachtete, ließ mir das wogende Meer wie eine Gewitterwolke erscheinen, die ein Alpenhirte vom Gipfel des Rigi oder des Watzmanns aus tief unter seinen Füßen sich entladen siehet, während er selber im heitren Glanze der Morgensonne dastehet. Dort an einem der grünenden Abhänge von Chios war die sogenannte »Schule des Homer«; wie ist doch die geistige Gestaltung, die von Homers eigentlicher, nicht sogenannter Schule ausgieng, so frisch und fest, gleich den Felsen dieser Inseln geblieben, während so manches Bewegen der Völkergeschichte gleich den bald zerstäubenden Wogen des jetzt heftig aufbrausenden, dann wieder ruhenden Meeres daran vorüberzog. Ich suchte jetzt auch meine Reisegesellschaft wieder auf. Die Hausfrau mit den beiden größeren Kindern der Griechin kam mir schon entgegen; die Türken lagen und schliefen an der Ostseite der Insel oder wuschen an einer Pfütze, die vom Quell ihren Zufluß nahm, Tücher und Gewänder; +Dr.+ Roth und Erdl vergnügten sich mit dem Heraushämmern von schönen Schwefelkieskrystallen, die sich an mehreren Stellen in großer Menge im Thonschiefer eingewachsen fanden, Hr. Bernatz zeichnete eine Gruppe der Felsen. Wir bedurften gegen Abend keines Glöckleins und keines Trompeters, die uns zur Tafel riefen, uns zog von selber der Hunger zum Schiff, denn wir hatten gestern, weil in dem Getümmel des ersten Tages noch keine Einrichtung mit der Küche des Schiffes zu treffen war, fast nichts gegessen. Auf unserem Fahrzeug herrschte noch eine angenehme Stille und Einsamkeit, denn die türkische Besatzung war großentheils auf die Insel gefahren; der Küchenjunge hatte sich in der Bereitung der trockenen Bohnenkerne und des geräucherten Fleisches als ein Meister der Kochkunst gezeigt. Auch unsre Hadschis kehrten, nachdem sie ihr Abendgebet noch auf der Insel verrichtet hatten, wieder zum Schiff zurück; bald dampften die Oefchen von neuem vom Rauchwerk des stark gezwiebelten Pilaus und gleich nach gehaltner Mahlzeit wurde der enge Raum der Ruhestätte gesucht. ~Arundel~[133] erzählt, daß er öfters in Smyrna jene von mehrern Reisenden gemachte Erfahrung aus eigner Wahrnehmung bestätigt gefunden habe, nach welcher die Hähne im Morgenlande fast mit der Pünktlichkeit einer Uhr gewisse Stunden der Nacht durch ihr Krähen anzeigen. Das gesammte Chor der Hähne, so berichtet jener ehrenwerthe Beobachter, kräht in Smyrna zum ersten Male in der Nacht zwischen 11 und 12, das zweite Mal zwischen 1 und 2 Uhr, und wenn etwa das eine dieser Thiere seinen Wächterruf ein wenig früher oder später denn die andern ertönen läßt, so beträgt der Zeitunterschied nicht mehr denn eine Minute. An unsern türkischen Reisegefährten bewunderte ich öfters auch eine ähnliche Eigenschaft des Aufwachens zur bestimmten Stunde der Nacht. Der große, untre Schiffsraum, in welchem der größte Theil der Hadschis bei Nacht zusammengeschichtet lag, war von jenem Theil unsrer Kajüte, an welchem bei Nacht mein Kopf lag, nur durch eine Bretterwand geschieden, welche so dünn war, daß man jedes Wort vernehmen, und den Geruch der geliebten Knoblauch- und Zwiebelgerichte, welche jenes immer eßlustige Volk auch bei Nacht sich bereitete, deutlich wahrnehmen konnte. Bald nach Mitternacht war der erste Schlaf meiner schon um 7 Uhr zur Ruhe gehenden Kammernachbarn beendigt; da fiengen alle zumal an laut zu sprechen, einige auch zu essen, nach 1 Uhr wurden sie wieder still, zwischen 4 und 5 Uhr war auch der zweite Schlaf beendigt und nur wenige entschlossen sich zu einem dritten, denn die Lust zum Essen überwog jetzt alle Lust zum Schlafen. Heute, am Dienstag den 8ten November mußte dieß in vorzüglichem Maaße der Fall seyn, denn das laute Sprechen und der Geruch der Eßwaaren jener Mekka-Pilgrime ließ uns fast von vier Uhr an keine Ruhe mehr; mit Freuden bemerkten wir das Grauen des Morgens und traten aufs Verdeck. Unser griechischer Capitän hatte recht gehabt; der ungünstige Wind der selbst für schnell seglende Fregatten den Durchgang durch die Meerenge zwischen Icaria und Samos unmöglich macht, hielt auch heute noch an, und würde, so versicherte unser alter Seemann, wohl auch morgen noch andauern. Wir wünschten nun, da ja die Umstände es erlaubten, auch die andre, östlich gelegne Nachbarinsel zu besehen; zu ihr ließen wir uns hinüberfahren. Diese Insel ist bedeutend größer als die westliche; ihr Gebirge erhebt sich höher, an ihrer südöstlichen und östlichen Seite findet sich ein von Fischern und Ziegenhirten bewohntes Dorf. Es war heute kein so heitres Wetter denn gestern, der Sturm war stärker geworden; selbst in unsrer stillen Bucht bemerkte man eine Aufregung des Gewässers; oben auf dem Berge fühlte man ein heftiges Wehen des Windes. Wir (die Hausfrau und ich) suchten zuerst den höchsten Gipfel des mehrköpfigen Berges zu ersteigen, an welchen das übrige hügliche Land der Insel sich anlehnt. An dem steilen, steinigen Abhang so weit hinanzuklimmen, war nicht ganz leicht; mehrmalen glaubten wir uns dem höchsten Punkt schon nahe, jenseit des vermeintlich obersten stieg aber dann noch ein höherer an. Die Aussicht oben von der Höhe, hinüber nach dem Festlande der Halbinsel, so wie im Westen nach Chios, lohnte indeß die Mühe des Ansteigens reichlich. Dort, jenseits des schwärzlichen Felsengebirges, das sich in Südosten zeigt, öffnet sich die Bucht von ~Tschesme~; die Bucht der Schreckensnacht des 5ten July des 1770sten Jahres, aus welcher mit den Feuerflammen und dem Rauche der verbrennenden türkischen Flotte zugleich eine Feuer- und Rauchsäule aufging, die wie einst Israëls Heer vor Pharao, so das Volk der griechischen Christen vor dem Henkerschwert der Osmanen schützte. Denn die siegreichen Fortschritte der russischen Waffen am Pruth und Kagul, zusammen mit dem so unglücklich endigenden Aufstand der Griechen in Morea hatten bei der unbändig stolzen, hohen Pforte nur Wuth und Erbittrung erregt, nicht Furcht vor der Macht der Christen; noch war die griechische Halbinsel ein großer Blutacker, auf welchem die Leichname der seit Orloffs Abzug von den Albanesen und Türken gemordeten Griechen, vermischt mit den Trümmern der niedergebrannten Städte und Dörfer herumgestreut lagen, da ward im türkischen Diwan gefragt, ob es nicht das Rathsamste sey, alle griechische Christen im großen Reiche der Osmanen zu vertilgen. Doch auch dieser Rath der Feinde jenes großen Paniers, welchem der endliche Sieg über die Völker der Erde verheißen ist, wurde, wie vormals bei Galerius und Diocletian zu Schanden. Zwar die Seeschlacht in den heißen Mittagsstunden des 5ten July, hier im nachbarlichen Meere diesseits Chios hatte den christlichen Waffen noch keine großen Vortheile gebracht; von dem türkischen Admiralschiff hatte sich die verheerende Flamme auch auf das russische verbreitet und dieses mit sich in die Luft gerissen, doch war außer dem russischen Admiral Orloff auch der leitende Geist, die Seele dieses ganzen Unternehmens, Lord ~Elphinston~ aus den Flammen gerettet worden und da die türkische Flotte, wie von einem Gorgonenhaupte aus den Wolken geschreckt, in die enge und schlammige Bucht, Schiff an Schiff gedrängt sich flüchtete, da besetzte der brittische Seeheld mit mehreren Schiffen den Eingang der Bay. Hierauf wagte es der heldenmüthig kühne Engländer ~Dugdale~, unterstützt von seinem Landsmann dem Contreadmiral ~Greigh~, während der Nacht mit Brandern der türkischen Flotte sich zu nahen; es gelang ihm, mitten unter dem Regen der türkischen Geschützeskugeln einen dieser Brander an ein feindliches Schiff zu befestigen und mit verbrannten Händen, Gesicht und Haaren durch Schwimmen zu den Seinen sich zu retten. Unser berühmter ~Hackert~ hat, von Alexius Orloff hierzu beauftragt, in vier Gemälden die vier Hauptmomente dieser mächtigen Seeschlacht dargestellt, bei welcher das nur zum Verderben der Christen bestimmte eigne, innre Feuer die türkische Kriegsmacht vernichtete, mithin »ein Feind den andren fraß«[134]. Diese Gemälde, auch in ihrer stummen Zeichensprache erregen Schauder; ein ungleich andrer jedoch war jener den die Donner des Gerichts in jener Nacht im Ohre aller Schläfer des benachbarten Festlandes und der Inseln, so wie das Gluthfeuer der gerötheten Berge im Auge der wirklichen Zuschauer weckten. Das Krachen der vom eignen Pulver zersprengten Schiffe hörte man, wie fernen Donner bis nach Athen; in Chios wurden die Häuser erschüttert, in Smyrna und Lesbos erbebte die Erde; die russische Flotte, welche ziemlich fern von der Bucht sich gehalten, wurde wie vom heftigsten Sturme auf und nieder bewegt, und mehrere Schiffe, wie schwimmende Nußschaalen vor dem Hauch eines starken Mannes hinausgestoßen ins Meer. Zwar jene Türken, die sich ans nahe Ufer bei Tschesme retteten, ließen ungehemmt ihre bis zum Wahnsinn gesteigerte Wuth an dem armen griechischen Volk aus, das sie ohne Erbarmen schlachteten und seine Städte und Flecken in Brand setzten; der Anschlag aber der hohen Pforte, die Christen in ihrem ganzen großen Reiche zu vertilgen, war über Nacht vergangen; seine Ausführung schien jetzt nicht mehr rathsam. Man mußte sich denn doch im Divan gestehen, daß nicht bloß das Panier des Islams, sondern auch jenes der Christen zuweilen Furcht und Bedenken erregen könne; denn wäre damals ~Elphinstons~ Muth (m. v. oben S. 405.) auch bei andren Führern der Flotte gewesen, Constantinopel hätte diese vor seinen Mauern und in seinem Hafen gesehen. Wie einst Odins Stab die Stimme der alten ~Whole~ (dieser nordischen Sibylla) aus ihrem Grabe weckte, das schon so lange von Thau und Schnee benetzt war, so hatte Tschesmes Feuersäule hier an der nachbarlich angränzenden Stätte von Erythrä die Stimme der ~Herophile~, der erythräischen Sibylla aus ihrem Grabesschlummer geweckt, welche mehr noch als das weissagende Wort der Whole dem Hause des Odin und der Freya, dem Throne Osmans das nahende Weh verkündete. Und es war noch etwas Andres, Höheres, was die Stimme der Gräber am Fuße der zerrissenen Felsenhäupter von Erythrä aussprach; in jenem natürlichen Wohnsitz der Kassandrischen Begeisterung, wo das Auge gern von den furchtbar verödeten Klippen nach dem tiefblauen, fast nie getrübten Himmel und seinen Mächten aufblicket, hat einst Herophile, welche das Alterthum unter seinen tiefblickendsten, berühmtesten Sibyllen nennt, in prophetischem Geiste von einer Zukunft gesprochen, da die Reiche und Völker der Erde unter dem Schatten eines Friedens wohnen werden, der niemals endet[135]. Wir hatten uns lange an der Beschauung der großen Felsenwüste des Mimas ergötzt; der Sturm brauste laut über die Bergeshöhe und erregte da, statt der Hitze die wir gestern unten am Meere empfunden, ein Gefühl von Kälte; wir stiegen in der Schlucht, welche zwischen den beiden Hauptgipfeln des Berges verläuft, wieder hinab nach dem Meere. Auf unsrem, wegen des losen Gesteines sehr beschwerlichem Wege kamen wir an einzelnen Feldern und dürftigen Baumpflanzungen vorüber, um deren Gezweig sich ohne Aufsicht und Pflege die Rebe schlingt; dazwischen Trümmer von zerstörten Häusern und Hütten des noch jetzt hier lebenden Hirtenvolkes, roh aus Steinen zusammengehäuft, tiefer hinabwärts auch etliche Bruchstücke von weißem Marmor, vormals vielleicht Bestandtheile eines Tempels oder eines Landsitzes, welcher diese liebliche Bucht zu seiner Stätte erwählte. Denn lieblich, in der That, muß einst diese Bucht, in die wir jetzt hinabkamen, gewesen seyn, als ihr noch jetzt fruchtbarer, grünender Boden von dem Fleiß der Menschenhand mit Gaben des ordnenden, die Schönheit erkennenden Geistes geziert war. Wie fern oder wie nahe uns hier unser Schiff sey, wußten wir nicht, denn die Schlucht, in der wir hinabgestiegen waren, hatte uns die Aussicht nach der südwestlicheren Seite der Insel verdeckt; ich war ohne Compaß und auch die Sonne, nach deren Stellung man sich hätte orientiren können, war von Wolken bedeckt. Wir sahen jetzt an dem entgegengesetzten Rande der Schlucht einige Männer, der eine mit einer Flinte bewaffnet, übrigens aber armselig genug aussehend herabsteigen, welche ihre Richtung gegen uns hin zu nehmen schienen, und obgleich die erythräische Sibylla uns kein Leid, sondern Frieden geweissagt hatte, hielt es die Hausfrau dennoch für sicherer, daß wir »des Friedens halber« mit jenen Leuten uns nichts zu schaffen machten, sondern die Nähe des Schiffes aufsuchten. Schnellfüßig eilte sie über den steinigen Hügel hinan, da begegneten uns, ehe wir noch das Schiff sahen, einige unsrer Reisegefährten, bewaffnet mit Jagdflinten, in ihrer Begleitung auch die Freundin Elisabeth sammt der Griechin und ihren Kindern. Der Knabe der Griechin, ein Männlein von eben so lebhafter Einbildung als großer Furcht, wollte dort am Steinhaufen eine große Schlange gesehen haben, welche er, noch jetzt blaß vor Schrecken, als ganz entsetzlich beschrieb; wir forschten nach, es war aber nur eine Eidechse gewesen, die durch das dürre Gras rauschte. Ich ruhete ermüdet von der fast schlaflosen Nacht und dem Besteigen des Gebirges, in dem dichten Gebüsch der Myrten und der Terebinthen, in dessen Obdach ich mich, zum Schutz gegen den Wind hineingedrängt hatte, während nicht fern von mir mein Freund Bernatz zeichnete. Der kurze Schlummer hatte meine Augen zur neuen Lust des Sehens gestärkt; es war als seyen die alten Felsen wie das Meer ganz etwas Andres, Neues geworden, auch hatte jetzt der blaue Himmel gegen Nord und West hin das Nebelgewölk durchbrochen. Verloren in dem Anschauen der Höhen wie der vom Gewässer bedeckten Tiefe hatte ich selbst den Weg (der ja eigentlich kein Weg war) verloren, ich konnte weder den Freund Bernatz noch die andren Reisegefährten finden, endlich ward mir der Ton der geognostischen Hämmer ein Führer, hinab nach der schönen Bucht, in der wir vorher verweilten, und hier fand ich die Begleiter, sammt der Hausfrau und der Freundin. Da unten auf den Stufen des zerklüfteten Thonschiefers, neben der blauen tiefen, von keinem Lüftchen bewegten Fluth, in welcher die Schaar der buntfarbigen Fischlein spielte und die Seeanemone neben der rothen Aktinie ihren Kelch aufthat, um ihn mit den Strömen des Wohlgefallens, welche durch die ganze Sichtbarkeit gehen, zu sättigen, möchte ich wohl jetzt sitzen und meine Reise beschreiben; die Arbeit würde vielleicht noch einen andren, höheren Ton gewinnen, als hier, wo der Lufthauch die Aeolsharfe der athmenden Brust nur durch das halb geöffnete Fenster berührt. Doch auch hier blüht neben mir, vom Wasser genährt die Rose, wie sie, weißlich gefärbt und nach Bisam duftend an einem der Felsenabhänge der Insel blühete. In den späteren Stunden des Nachmittags hatte der Himmel sich ganz aufgeheitert; das Meer aber, jenseits der stillen Buchten, schlug noch immer seine weißbeschäumten Wogen. Wir suchten jetzt die Nähe unsres Schiffes auf und dort verstund man unsren Wink; das Boot setzte sich in Bewegung und bald waren wir wieder in der kleinen Heimath unsrer Kajüte, wo wir abermals an einem wohlgelungnen Meisterstück des Schiffskoches: an dem Gericht der ganz weich gekochten und hinlänglich gesalznen Linsen uns ungemein erquickten. Hassan hatte, mit der Angel, die einer unsrer jungen Freunde ihm lieh, sein Glück zur See versucht, nichts aber erbeutet als einige kleine, bunte Fischlein, die wir unsrer Sammlung zufügten. Desto glücklicher waren die türkischen Hadschi's gewesen, welche jetzt, nach verrichtetem Abendgebet von der kleineren Insel auf der wir gestern gewesen, zurückkehrten, geschmückt und beladen mit den Blumen der spät blühenden, lieblich duftenden Narzisse, welche sie, weil sie gestern uns solche Blumen sammlen sahen, freigebig uns schenkten. Auch am dritten Tage (den 9ten November) hielt der ungünstige Wind noch an, obgleich dabei der Himmel ganz wolkenlos und klar erschien. Auf der kleineren, westlichen Insel, zwischen dem Wrack des gescheiterten Fahrzeuges und dem Gemäuer des zerstörten Hauses hatten griechische Fischer, von einer der benachbarten Inseln, ihr langes Netz ausgeworfen, das sie jetzt eben herauszogen. Auch wir ließen uns zu ihnen hinüberschiffen, sahen aber bald daß die nächtliche Arbeit der guten Leute für diesmal vergebens gewesen war; außer einigen Sepien war nichts im gezogenen Netze, das der Beachtung werth erschien. Mit Freund Bernatz, welcher heute das allerdings »malerisch schön« vor unsern Augen liegende Saki (Chios) aufnehmen wollte, hatte ich mich auf ein Amphitheater der Felsen an der Südwestspitze des kleinen Eilandes begeben. Der Sirocco ergoß seinen erschlaffend warmen Hauch über das Meer, auf dem schwarzen Felsen weckte der glühende Strahl der Sonne eine Hitze, wie sie bei uns nur noch der August oder der angehende September kennt; auch über das ja fortwährend bald trotzige bald wieder verzagte Herz ergoßen die Ungedult und der Unglaube ihren lähmenden Einfluß. Wir waren zu sehr durch den sich immer gleich bleibenden Fortgang der Dampfschiffahrt verwöhnt, welche uns so schnell nach Constantinopel und so schleunig von da nach Smyrna gefördert hatte; wer kann wissen, so murrte das ungedultige, undankbare Herz, wie lange der ungünstige Wind noch anhält und wie weit indeß, während wir hier gehemmt sind, die stürmische Jahreszeit des Decembers heranrückt, welche den weiten Weg über die breite Wasserbahn zwischen Rhodos und Alexandria, zu einem Weg der Gefahren und der Schrecknisse macht. Doch so wie unten, zwischen den Klippen, die feste Felsenwand durch ihren Schatten dem Leibe Kühlung und Erquickung gab, so empfieng die Seele Schatten und Stärkung, nach ihrem Maaße und in ihrer Art, durch den Gesang eines guten alten Liedes und durch manches andre kräftige Wort. Eine besondere beruhigende Kraft liegt auch in der Ausübung des Handwerkes; in dem Thun und Schaffen des Berufes, den Gott dem Menschen gab, besonders wenn er ein solcher ist, der überall, auf Felsen wie auf grünenden Auen, am Meere wie auf Bergeshöhen betrieben werden kann. Ein vorlängst vorstorbener Rathsherr in N..., aus dessen nachgelassener Bibliothek ich selber mittelbar einige schöne Bücher gekauft habe, lernte noch in seinen späteren Jahren Hebräisch, weil er meinte, dieses sey die allgemeine Sprache der Welt des seeligen Jenseits. So hoch mir nun auch die hebräische Sprache ihrer innern Kraft und Bedeutung nach stehet, meine ich doch, daß man sie gerade nicht zu erlernen brauche, um etwa einmal künftig die Bürger des Jenseits zu verstehen, denn das, was diese reden, das wird Jeder, der Parther, wie der Elamiter, gleich wie in seiner Sprache gesprochen vernehmen. Eine Rede aber kenne ich, welche ausgehet in alle Lande; eine allgemeine Sprache, welche die ewige Weisheit überall mit ihren Menschenkindern redet: das ist die Sprache der Werke, die Hieroglyphik der sichtbaren Gestaltungen in der Natur. Einem Wandrer, dessen Auge und Ohr für dieses Zwiegespräch der Weisheit mit ihren Kindern geöffnet ist, dem wird niemals, auch wenn ihn der ungünstige Wind auf eine der öden Felsenklippen der Hippiden verbannen sollte, die Zeit lang. Auch heute, nachdem der Nebel der unnöthigen Sorgen verschwunden war, erfuhren wir dieses. Wir, ich und meine jungen Freunde, hatten uns förmlich, mit stillschweigendem Vertrag, in die kleine Insel, die ja ohnehin keinen Herrn hatte, getheilt. Der Maler Bernatz und ich, wir bewohnten ein großes Amphitheater, das die Natur dort in dem stufenweis absetzenden Thonschiefer gebildet hatte, unsre Herrschaft war die weite Aussicht über das Meer und das nachbarliche Chios, kleine Fische in Menge, wie Unterthanen des Besitzthumes, sonnten sich zu unsern Füßen im Meere; einer der andern jungen Freunde wohnte und saß wie Thoms, in Zelters wohlklingendem Liede, »am hallenden See«, wo er purpurfarbne Aktinien und allerhand Seeschnecken in sein Felsenschloß aufhäufte; der dritte Herr der Insel, der seine Besitzungen ostwärts hatte, wäre unermeßlich reich geworden, wenn der Erzgang, den er heute im Thonschiefer entdeckt hatte, und an welchem er den ganzen Tag von frühe an bis zum Abend herumhämmerte, statt des goldfarbenen Schwefelkieses auch wirkliches Gold enthalten hätte. Freilich, mit dem eigentlichen Hausbestand, sahe es, bei all diesen Schätzen, auf unsrer Insel bedenklich aus; die schönen Fische mochten mit unsern schönen, neuen Fangwerkzeugen nichts zu schaffen haben, die Rothhühner wollten sich weder schießen noch fangen lassen und so kamen wir auch heute sehr hungrig auf unser Schiff zurück, wo uns, ich schäme mich fast unserer damals noch an beständige Abwechslung denkenden Leckerei zu erwähnen, ein unvergleichlich wohlschmeckendes Gericht von gekochten, trocknen Erbsen, aus der Hand des Küchenjungen erwartete. Donnerstags, den 10ten November, noch vor Tagesanbruch, lichtete unser Schiff, zugleich mit dem griechischen Packetboot die Anker und als wir bei Sonnenaufgang das Verdeck betraten, da waren wir so nahe an ~Chios~ (Saki), daß wir jedes Haus der weithin laufenden Hauptstadt der Insel mit seinen Fensteröffnungen und den zum Theil zinnenartigen Mauern unterscheiden konnten, ja daß es uns fast möglich gewesen wäre, mit den am Ufer wandelnden Menschen ein Zweigespräch zu halten. Chios wird nicht bloß von den Türken, es wird auch von den Franken, die sich längere oder kürzere Zeit da aufhielten als das Paradies der griechisch-asiatischen Inseln geschildert. Hier vermählt sich nicht, wie in Italien der Weinstock mit der Ulme oder mit der Pappel, sondern mit dem edleren Bürger des Ostens: dem ~Mastixbaume~, dessen balsamisch kräftiges Harz nirgends in solcher Güte gewonnen wird denn auf Chios; das Dickig der Granatbäume, das sich bald mit dem Scharlachroth der Blüthen bald mit dem Purpur der Früchte schmücket, wechslet mit dem zarten Weiß und dem glänzenden Golde der Blüthen oder Früchte tragenden Orangenbäume; am Saume der Oelgärten duftet die Fülle der Gewürzkräuter. Der kränkliche Engländer Bainbridge, als er in seinem 74sten Jahre einen schmerzhaften Armbruch erlitt, von dessen Folgen er nirgends in Europa sich erholen konnte, zog hieher nach Chios, in dessen balsamischer Luft er ein heitres Alter von 93 Jahren erreichte. Am Nachmittag näherten wir uns dem herrlichen ~Samos~. Ich bin zweimal an dieser Geburtsinsel des Pythagoras ganz nahe vorübergekommen, und verweilte auf dem Rückwege, von ungünstigem Winde gehalten, fast einen ganzen Tag in ihrer Nähe, und beide Male war es mir, wenn sich mein Auge in der erhaben schönen Gebirgsnatur dieser Insel ergieng, als vernähme ich, mit dem Ohr des Geistes, jene Hymnen, mit denen die Schaar der Pythagoräer, dort in dem fernen Lande des Westens die aufgehende Sonne begrüßte so wie die niedergehende besang. Die schöne, gewaltige Natur um uns her ist eine Schrift der musikalischen Noten, zu denen der ernstlich betrachtende Geist beständig die entsprechenden Töne findet. Heute, da wir dem hehren ~Cercetiusberge~ von Samos zum ersten Male uns naheten, sahen wir ihn auch, wie Clarke[136], mit mehreren Kreisen von Wolken umringt; sein Abhang steiget überaus steil vom Meere aufwärts; etwa bei zwei Drittel seiner Höhe hat er eine Stelle, an der sich des Nachts, wie dies schon Clarke berichtet, und wie alle ortskundige Schiffer es bestättigen, bei stürmischem Wetter eine weithin leuchtende Feuererscheinung zeiget. Oefters schon sind Eingeborne wie Fremde an der gähen Bergwand hinan gestiegen, um den Quell dieses phosphorischen Lichtes zu erforschen, ohne jedoch ihren Zweck zu erreichen. Es verhielt sich damit, wie, im geistigen Gebiet, mit dem Feuer der Andacht, welches, je stärker die Stürme von außen toben, desto lebendiger emporflammet, welches jedoch, wenn ein fremdes, neugierig forschendes Auge sich ihm nahet, tief ins Innre sich verbirgt, weil sein eigentlicher Heerd nicht das sichtbare, augenfällige Wesen, sondern die unsichtbare Region des Geistes ist. -- Das was jene Phosphorescenz bewirkt, sind wahrscheinlich Schwaden der leuchtenden Dünste, etwa einer Naphthaquelle, welche nur dann dem Auge sichtbar werden, wenn sich der weit ausgedehnte und deshalb verdünnte Schimmer, von fern gesehen, auf engerem Raume zusammendrängt. Das Gebirge von Samos durchsetzt, in der gleichen Höhe seiner Häupter die Insel von Ost nach West, dort gegen das Vorgebirge Mykale des Festlandes, hier gegen das westlich gelegne Ikaria hin gerichtet. Der alte Name ~Ampelos~, den die niedere, gegen Westen verlaufende Fortsetzung des samischen Gebirges trug und der sie als einen Weinberg bezeichnete, ist in unsern Tagen vielleicht wahrer und richtiger denn vormals; denn der lieblich süße Wein des jetzigen Samos wird selbst nach Europa geführt und ist hier hochgeachtet, während das alte Samos sich nicht durch Weinbau auszeichnete. Die jetzigen Bewohner der Insel haben freilich die Armuth zum Sporn für ihre landwirtschaftliche Thätigkeit, ein Sporn, welcher den vormaligen Einwohnern abgieng. Denn wie die Herrscherin Juno auf diesem blumenreichen[137] Eilande die Tage der ersten Kindheit und blühenden Jugend verlebte, so hat auch hier Joniens Macht und Reichthum einen Lieblingssitz seiner aufblühenden Jugend gehabt. So mächtig und reich denn Samos war damals, als ~Polycrates~ sie beherrschte, keine der griechischen Städte und Inseln; die Geschwader der reich beladenen Handelsschiffe, beschirmet von hundert Kriegsschiffen zogen von ihrem Hafen aus und ein, und hinaus bis über die Säulen des Herkules, aber so wie das Loos des allzuglücklichen Polykrates selber, war auch jenes der reichen Stadt: jener starb durch Hinterlist eines äußern Feindes den Tod des Sklaven; diese fand zuerst durch innre, dann durch äußre Feinde ihren Untergang. Das mächtige Samos, das unter Polykrates 100, das noch in den Zeiten des Peloponnesischen Krieges 60 Kriegsschiffe ausrüstete, hat jetzt nur noch einzelne Fischerboote; sein Hauptort, das Städtlein Kora, gleicht einem armen Marktflecken. Zwischen dem hochgebirgigen Samos und dem niedrigeren, vormals so weidereichen ~Ikaria~ (jetzt Nikarie), das uns in den Abendstunden zur Rechten (im Westen) lag, bewegt sich das durchströmende Meer fast immer in höheren Wogen denn außerhalb der Meerenge; heute jedoch erschien diese Bewegung von ganz besondrer Stärke. Die Wolkenringe um den Cercetius hatten uns nichts Gutes bedeutet; der frische Wind, der am Tage wehete, hatte sich zum Sturmwind verstärkt. In dem Contrakt, den wir in Smyrna mit unsrem Capitän abgeschlossen hatten, war als eine der Hauptbedingungen festgesetzt worden, daß er an Patmos landen und dort einen Tag mit uns verweilen solle; er selber, der Capitän, wünschte aus persönlichem Interesse diese Bedingung einhalten zu können, denn er hatte auf jener Insel einen Sohn, dem er, von Smyrna aus, mancherlei zu bringen im Begriff war. Doch die Fahrt vorüber an den Corassischen Felseninseln und zwischen den südwärts, gegen Patmos hin gelegnen Klippen und Riffen hätte uns diesmal gar leicht ähnliche Gefahren bringen können, als dem Ikaros der alten Fabel, dessen Grab das benachbarte Ikaria geworden, sein Flug über das Meer, denn in der Nacht wurde der Sturm so heftig, daß die Wellen über das Verdeck des Schiffes schlugen und einen Theil ihres Gewässers herunter in die Kajüte strömten. Es war der erste Sturm, den wir auf dem Meer erlebten; das Aufrechtstehen war uns unmöglich; vom Lager aus, an dessen Brettersaum man sich festhalten mußte, um nicht jetzt heruntergerollt, dann wieder gegen die Wand geworfen zu werden, sahen wir mit Schrecken und Bedauern, wie nicht bloß die Kiste, in der Mitte der Kajüte, hin- und hergerissen wurde und die Reisekoffer an diesem stoßweisen Bewegen Antheil nahmen, sondern wie auch unsre wissenschaftlichen Geräthschaften, vor allem aber die scheinbar so gut und sicher gestellten Barometer der Gewalt unterlagen, von denen das eine in dieser Nacht den Todesstoß erhielt und auch ein andres, in Wien gekauftes, wenigstens für diese Reise unbrauchbar wurde. Der Capitän Angeli, der sich uns auf dieser ganzen Reise als ein Ehrenmann gezeigt hat, welcher gern sein gegebenes Versprechen erfüllte, sendete mehrmalen den Unterkapitän zu uns hinab in die Kajüte und ließ uns fragen, ob wir nicht lieber wollten, daß die Beschwerlichkeiten dieser Fahrt vermindert würden, indem wir das freie Meer suchten; wir hätten aber gern alle jene vorübergehenden Uebel erduldet, wenn nur Patmos wäre erreicht worden. Als er uns aber, etwa gegen 2 Uhr des Morgens, sagen ließ, er sey zwar noch immer bereit, sein gegebenes Wort zu halten, wenn wir darauf bestünden, aber er halte jetzt die Weiterfahrt zwischen die Felsenklippen und selbst nach dem Hafen von Patmos, dessen Eingang schwierig sey, für gefährlich, -- da entließen wir ihn seines Versprechens und gaben für diesmal den Besuch der guten Insel auf. Freilich schmerzte es uns sehr, als wir beim Aufgang der Sonne das herrliche Patmos so nahe hinter uns sehen mußten, ohne seinen durch vielfache, hehre Erinnerungen geweiheten Boden betreten zu können. Da lag es, von der Morgensonne beleuchtet, vor uns, wie die Gestalt eines brütenden Adlers; das Haupt mit dem kastellartigen, griechischen Kloster gekrönt; an der einen der beiden Schwingen, jedoch jenseits unsres damaligen Gesichtsfeldes, liegt die Schule und Grotte des h. Johannes, wo dieser im Geiste die Zukunft und den Ausgang der Kämpfe des Geistes mit der Macht des Scheines erblickte; die Abhänge des Berges wie der Saum der Küste mit einer großen Zahl der Kirchlein und einzelnen Kapellen bedeckt. Der Wind hatte schon vor Aufgang der Sonne seine Sturmesgewalt abgelegt, war aber noch immer kräftig und der Richtung unsrer Fahrt günstig. Schon am Vormittag sahen wir zu unsrer Linken (westwärts) die Insel ~Leros~ (Lirios); am Nachmittag fuhren wir an dem honigreichen ~Kalymna~ (Kolmone) vorüber, gegen Abend ergözte uns der nahe Anblick von ~Cos~ (Stanchio). Hier war ~Apelles~, der altberühmte Meister der Malerkunst geboren; wie sein hochgepriesenes Bild der Venus Anadyomene, das hier in dem Tempel des Aeskulap stund, später aber Cäsars Tempel in Rom zierte, war auch hier die Arzneikunde, als ein festgestaltetes Wissen aus dem Meere der vielfältigen Erfahrungen und Wahrnehmungen hervorgestiegen, denn aus Cos entstammte ~Hippokrates~, der Vater der Arzneikunde, dessen forschender Geist an der wachen (nicht träumenden) Beachtung jener Gedenktafeln am Tempel des Aeskulap erwacht war, welche in einfachen Worten die Geschichte einzelner Krankheiten und ihrer Heilung erzählten. Noch jetzt ist Cos eine schöne, von der Natur reich begabte Insel, wenn auch jener hohe Wohlstand, welchen ihr vormals die Webereien der Purpurgewande und der farbigen Tücher gaben, schon längst von ihr gewichen ist. Es war heute der zweite Tag nach dem Neumonde und zugleich der Sonntag der Türken: unser Freitag. Sie hatten bei Sonnenuntergang knieend ihre Gebete verrichtet und dabei auf eine lieblich lautende Weise gesungen. Daß wir Männer ihre Andacht beobachteten, schien ihnen nicht zuwider, wohl aber, daß auch die Frauen dieß thaten, weshalb diese auf die Kajütentreppe sich zurückzogen. Indeß trugen sie uns jenes Versehen nicht nach, und als nach Sonnenuntergang am heitren Blau des Himmels die zarte Sichel des Mondes sich zeigte, da wurden sie sehr fröhlich darüber, zeigten uns dieselbe und weissagten aus der Klarheit des Mondlichtes einen ferneren günstigen Fortgang unsrer Fahrt. Doch wie trügerisch sind alle solche Schattenspiele, die der Mensch sich selber schaffet und welche er Voraussicht des Künftigen nennt, mag nun in seiner +laterna magica+ als Lampe die Mondsichel oder ein phosphorisch entzündeter Dunst leuchten. Der günstige Wind hatte uns während der darauf folgenden Nacht ganz verlassen; wir schwebten am andern Morgen (Sonnabends den 12ten November) noch südostwärts von Cos; hinter uns im Norden zeigten sich die Gebirge der Umgegend von ~Halikarnassos~, welche das Andenken an den hier geborenen Vater der Geschichte, an ~Herodot~, verherrlicht, und wo der Reisende noch jetzt das von dem deutschen Johanniterritter ~Schlegelhold~ aus den Ruinen des als Weltwunder gepriesenen Mausoleums erbaute Schloß ~Petreon~ bewundert; nahe bei uns erhuben sich die schroffen Felsenhäupter von ~Cnidos~, im Westen ~Nicyros~. Wenigstens mit dem Fernrohr blickten wir (an Zeit hinzu fehlte es uns bei der heutigen, langsamen Fahrt nicht) hinüber nach den Ruinen des einst so schöngebauten Cnidos, der Vaterstadt des ~Praxiteles~ und jenes ~Sostrates~, der als Erbauer des Pharos in Alexandria so großen Ruhm erlangte. Ob das, was wir, in etwas ungünstiger Beleuchtung als Ruinen zu sehen glaubten, wirklich die noch vorhandenen Reste des alten Theaters seyen, oder ein andres Gemäuer, konnten wir nicht entscheiden. Gegen Abend näherten wir uns der Insel ~Symi~ und beschlossen im Anblick dieser gewaltig schönen Felsenberge die erste Woche unsres Seelebens mit frohen, dankbaren Herzen. In der Nacht hatte sich ein schwacher Wind aus Norden, vom Lande her erhoben; mittelst desselben war es unsrem Schiffe gelungen, bis in die Meeresstraße von Rhodus vorzudringen, und als am Sonntag den 13ten November die Sonne aufgieng, da beleuchtete sie uns ~Rhodus~ in solcher Nähe, daß wir jede einzelne Windmühle an der Nordseite der Stadt deutlich unterscheiden und das (schwache) Bewegen ihrer Flügel bemerken konnten. In einer Stunde, so sagte uns selbst der in seinen Voraussagungen sehr vorsichtige Obercapitän, könnten wir im Hafen einlaufen. Aber diese Stunde währte lange. Eine plötzlich eintretende Windstille hielt unser Schiff dort, im Anblick der nun auch stille stehenden Windmühlen, wie festgebannt, die Segel mochten gezogen und gespannt werden wie sie wollten, immer hiengen sie schlaff und leblos herab. Wem es etwa im Traume so vorkam, als ob er gehen wollte, und die Füße waren ihm wie gelähmt, er wollte mit der Hand zugreifen oder die Zunge zum Sprechen bewegen, und beide waren so starr, als wären sie in Stein verkehrt, der hat eine ohngefähre Vorstellung von dem Zustand eines Schiffenden, der ganz nahe bei dem Ziele und neben diesem hin und her schwebt, ohne dasselbe erreichen zu können. Der Morgen vergieng noch leicht; wir hatten ihn meist stille lesend in der Kajüte zugebracht; der Nachmittag aber, als wir auch da, so oft wir aufs Verdeck traten, immer auf demselben Fleck uns sahen, wurde schon etwas schwerer. Man bot jetzt dem einen, dann dem andern Hadschi eine Prise Tabak, diese guten Leute dagegen nöthigten den Geber des Schnupftabaks etwas von ihren Süßigkeiten: den getrockneten Jujubenbeeren oder Aprikosen anzunehmen, und solches durfte man nicht verschmähen, so wie auch die Türken, selbst ohne daß man sie dazu einlud, wenn für uns etwa in der Küche ein ihnen neues oder sonst anständiges Gericht bereitet wurde, mit ihren Fingern in die Schüssel langten und kosteten. Man gieng wieder hinab in die Kajüte und las, aber leider nicht auf solche Weise, daß das Lesen dem Herzen Ruhe und Stärkung gebracht hätte, denn der Unmuth des verzagten Herzens schaute mit in das Buch hinein; die Ungedult wendete das Blatt um. Abermals traten wir in einer späteren Nachmittagsstunde hinauf aufs Verdeck und sahen da noch immer die gleichen stillstehenden Windmühlen von Rhodus; Vögel vom Lande wie vom Meere her vorbeiziehend vor unserm Schiffe, giengen und kamen; ein Wind aber, der auch uns von der Stelle bewegt hätte, wollte nicht kommen. Endlich, am Abend, beim Untergang der Sonne erhub sich einer; die Windmühlen, die so lang und oft betrachteten, regten ihre Flügel, unsre Segel schwellten sich auf, aber leider es war nicht der Wind, den wir zur Förderung unsrer Reise brauchten, sondern der conträrste von allen, welcher uns in diesem Augenblick hätte kommen können: der Wind aus Südost, welcher alsbald unser Schifflein auf seine Schwingen nahm und es wieder dahin zurückführte von wo es gestern hergekommen war. Ich schäme mich, es zu gestehen; aber es gehört mit zu den Zügen der innern Geschichte dieser Reise, darum sey es bekannt: mein ganzer Muth war mir jetzt durch diesen so wenig bedeutenden Vorfall wie gebrochen und gelähmt; ich hätte gleich jenem Manne, dem ein Wurm seine Kürbisstaude stach, unter deren Ranken und Blättern er Schatten fand, so daß sie am Hauch des Südwindes verwelkte, vor Verzagtheit und Unmuth sterben mögen. Ich war mit der Hausfrau hinabgegangen in die Kajüte, der Kleinmuth äußerte bei uns gegenseitig seine so leicht ansteckende Gewalt; es war mir an diesem Abend, als würde die Frage »wohin willst du?« von welcher ich am Eingang dieses Werkes gesprochen, in ganz andrer Weise als vormals an mich gerichtet: in jener, in welcher man einen Entflohenen fragt, der entwichen ist aus dem Hause, dahin er gehörte, zu dem »Brunnen in der Wüste am Wege zu Sur«[138]. Zweifel, ob dieser Weg wohl recht sey, ob man nicht wieder umkehren solle, stiegen wie düstre Wolken über die erschrockene Seele auf; die Arme, sie hatte vergessen, daß sie, ihrer Natur nach, dazu gemacht ist, auf einem Felsen zu stehen, der überall ihr nahe ist, und hatte sich in ein wogendes Meer geworfen, in welchem des unstäten Bewegens weder Anfang noch Ende ist. Sehr wohlthätig war uns an diesem Abend, welcher unter dem Panier der Zweifel dahin fahren wollte, die Nähe unsrer sich gleich und ruhig bleibenden Freundin Elisabeth, die uns daran erinnerte, daß es ja wohl im Leben nichts Neues und Ungewöhnliches sey, daß am Abend das Weinen währe, am Morgen aber die Freude komme, und daß bei einer solchen Pilgerreise nach der Stätte des Aufganges mit dem äußern Fortbewegen durch den Raum der Meere und Länder auch ein innres Fortbewegen gut und nützlich sey, durch die Bahn der Selbstverläugnung und der Gedult. Rückwärts gieng die Fahrt recht schnell; wir kamen in einer Stunde so weit von Rhodos hinweg, daß wir nur noch die Umrisse der Gebirge im Licht der Dämmerung unterschieden. Der Wind wurde während der Nacht stärker, wir hörten in unsren Halbschlummer hinein das Rauschen und Anschlagen der Wellen und die Stimmen der arbeitenden Schiffer beim Hin- und Wiederspannen, Aufziehen und Niederlassen der einzelnen Segel, so wie die Commandoworte des Capitäns, welche auf ein nahes Einlaufen in einen Hafen hindeuteten. In den Frühstunden wurde das Meer stille, das Schiff schien wie in einer stillen Bucht zu ruhen oder kaum merklich sich zu bewegen, auch der Leib fieng an in die stille Bucht eines erquickenden Schlafes einzulaufen. Da wir am Morgen, ~Montags den 14ten November~, auf das Verdeck traten, beleuchtete uns die aufgehende Sonne eine Felsengegend, deren erhabene Wildheit ein Gefühl des Schreckens und der Ehrfurcht zugleich weckte. Man erzählt von einem berühmten Reisenden, daß er in der Audienz, die er bei dem geistig größesten Monarchen seiner Zeit hatte, sich mit etwas ungeschickter, naiver Dreistigkeit benommen habe. Der Monarch fragte ihn lächelnd: er habe wohl schon die Bekanntschaft mehrerer Könige gemacht? »O ja«, erwiederte der Reisende, »ich habe die Ehre gehabt, schon fünf wilde und zwei zahme (europäische) Könige kennen zu lernen und Eure Majestät sind von diesen der dritte.« Zu jenen wilden Hoheiten und Herrlichkeiten, auf deren Bekanntschaft sich der Naturfreund eben so viel zu gute thun kann, als unser Reisender auf die Bekanntschaft seiner fünf wilden Könige, gehört auch die Gegend von ~Symi~, in deren enger Bucht wir uns jetzt befanden. Die Felsenmassen dieser Insel gleichen nach ihrem Maaße und in ihrem Geschlecht den hohen Mimosenbäumen der Wüste, die sich neben den Ehrfurcht gebietenden Denkmalen des alten Aegyptens erheben, und von deren Rinde der genügsame Araber sein eßbares Gummi sammlet; wie diese in ihrer Art prachtvollen Bäume mit Stacheln, so ist hier das schroffe, wilde Kalkgebirge mit unzähligen Zacken und vorragenden Felsenspitzen bedeckt; das wenige Grüne, das man in den einzelnen Vertiefungen gewahr wird, scheinet kaum zur Ernährung etlicher Ziegen hinzureichen, und dennoch finden da ganze Gemeinden eines kühnen Küstenvolkes hinlängliche Mittel des Unterhaltes und des Erwerbes. Wir fuhren langsam in den engen Meeresarm hinein: in dem kleinen, vom Kesselrand der hohen Felsen umgürteten Hafen von ~Sembecki~ warfen wir Anker. Hier erfuhren wir, daß uns nur nach dreitägiger Quarantäne das Anlanden und der unmittelbare Verkehr mit den Eingebornen könne verstattet werden, weil das Schiff mit türkischen Reisenden gefüllt sey, die aus verpesteten oder doch der Pest verdächtigen Gegenden kamen. Unser Capitän wollte wenigstens für uns Franken (denn die hiesige, noch in ihrer Kindheit begriffene Quarantäne war gar leicht zur kindlichen Nachgiebigkeit zu bewegen) eine kleine Vergünstigung erlangen; er fuhr mit mir und meinen beiden jungen Aerzten in einem Boot hinüber nach dem Landungsplatze. Einer der Vorstände der neuen Quarantäneanstalt, ein Grieche, mit noch mehrern andern ansehnlichen Bürgern der Stadt trat zu uns an den Rand des Hafendammes, der Capitän sprach gar Manches zu unsern Gunsten, und nach kurzem Hin- und Herreden wurde uns Franken, weil wir unsrer so wenige seyen, erlaubt, bei dem Felsenufer diesseits der Stadt, ans Land zu steigen, doch dürften wir nicht in die Stadt selber kommen und sollten uns jeder Annäherung an ihre Bewohner enthalten. Für diese Vergünstigung waren wir sehr dankbar, und beschlossen sie sogleich zur Beschauung des merkwürdigen Felseneilandes zu benutzen. Zuerst geben wir einige Züge aus der Geschichte der Bewohner dieser Insel, welche von jetzt an drei Tage lang uns Sicherheit und Ausruhen in ihrem Hafen gewährte. Den Namen ~Symi~, so erzählt uns das Alterthum, erhielt dieses felsige Eiland von der entführten Gemahlin eines Fürsten jener Ansiedler, welche schon vor den Zeiten des trojanischen Krieges hier ihren Sitz aufschlugen. Später maßten sich die Karier die Herrschaft der Insel an, die jedoch freiwillig den Besitz des Felsennestes aufgaben, in welchem dann gelegentlich Archiver, Lacedämonier und zuletzt Rhodier ihre Bleibstätte aufschlugen. Während der Herrschaft des Johanniterordens auf Rhodus gehörte Symi zu jenen acht Inseln, welche im Besitz des Ordens waren[139]. Noch jetzt erinnert das alte, hoch auf dem Berg begründete Schloß, so wie das ansehnliche, auf einer andern Seite der Insel gelegne griechische Kloster an jene Ritterzeit, welche durch Suleimans des Großen Eroberung von Rhodos im Jahr 1522 endigte. Damals hatten, bei der Belagerung der Stadt, die Griechinnen von Symi, als geschickte Taucherinnen, dem Osmanischen Herrscher so gute Dienste geleistet, daß er ihnen das Vorrecht ertheilte, einen weißen (türkischen) Kopfbund zu tragen; ein Vorrecht, von welchem die Nachkomminnen bis auf unsre Tage Gebrauch machen, wenn sie in Rhodos bei den dortigen Türken ihrem Geschäft als Wäscherinnen oder andern Taglohngeschäften nachgehen, um sich den sonst spärlich zugemessenen Unterhalt zu erwerben. * * * * * Noch jetzt ist Symi vorherrschend und fast ausschließend von griechischen Christen bewohnt; noch jetzt zeichnen sich, wenigstens die hiesigen Männer, durch dieselbe Geschicklichkeit aus, welche Suleiman der Große an den damaligen Frauen anerkannte und belohnte; in Symi wie in dem benachbarten Nisyros leben die berühmtesten Schwammfischer und Taucher des Mittelmeeres. Da, unter ~Hamiltons~ Leitung, die Engländer jene reiche Beute an Kunstschätzen, welche nun eine Zierde ihrer Museen sind, aus Athen hinwegführten und eines der Schiffe, das mit diesen Kostbarkeiten beladen war, außer ihnen aber auch wichtige Papiere enthielt, in der Bay von Cerigo unterging, ließ man einige von jenen Tauchern kommen, welche in die Tiefe von sechszig Fuß bis zu dem untergesunkenen Schiffe hinabtauchten, eiserne Stangen durch die mit Marmorwerken erfüllten Kisten stießen und so das Heraufziehen derselben möglich machten[140]. Den Haupterwerb dieser Inselbewohner, die an Kühnheit und Geschicklichkeit des Untertauchens mit den Seevögeln wetteifern, lernten wir auf jeder unsrer Wanderungen kennen, die uns etwa in die Nähe eines außer der Stadt gelegnen Hauses führte; denn auf dem breiten Steinpflaster vor den Hausthüren lag die Menge der erst neulich aus der Tiefe heraufgebrachten Badeschwämme zum Trocknen aufgehäuft. Schon ~van Egmont~ und ~Heyman~ erwähnen einer Sitte der Taucher zu Symi, die noch jetzt herrschen soll, und welche an Schillers Ballade vom Taucher erinnert. Wenn ein bemittelter Vater für seine Tochter einen Mann wählen will, kündigt er den Tag der Wahl den unverheuratheten Burschen an, welche sich dann bei der Meeresbucht versammlen und vor den Augen der künftigen Braut so wie ihres Vaters ins Meer hinabtauchen. Der, welcher am tiefsten hinabzutauchen und am längsten im Wasser zu verweilen im Stande ist, empfängt die Hand des Mädchens[141]. * * * * * Das Ufer, an welchem wir mit unsrem Boote anfuhren, war nur etliche hundert Schritte vom Schiffe abgelegen; einige Fischerhäuser stunden ganz in der Nähe des Landungsplatzes. Das Hinansteigen auf die Anhöhe, überhaupt aber das Herumwandern an diesen Felsenufern war keine leichte und angenehme Sache. Ich habe selten so viele, so eng zusammengedrängte Gräten und Zacken und Spitzen der Felsenmassen gesehen als gerade an jenem Theile der Bucht, bei welchem wir ausstiegen. Wenn man über eine der Gräten oder größern Felsenspitzen hinübergestiegen war, da hemmte, schon in einer Entfernung von einigen Fuß eine andre das Weitergehen, oder es erschwerten die kleineren Zacken das Fortkommen. Bei all der Regellosigkeit und anscheinenden Verworrenheit, in welcher diese, nicht aus herumgestreuten Felsenblöcken, sondern aus festanstehenden Massen bestehenden Spitzen emporstarrten, blickte dennoch wie eine Art von Bildungsgesetz aus dem Dunkel hervor; der Gesammtumriß glich jenem der Mäandrinen unter den Steincorallen, deren Vertiefungen und Erhöhungen bogig sich um die thierisch belebte Gallertmasse der Polypen herumwinden. Wir nahmen uns heute noch keine Zeit, diese Gesteine genauer zu betrachten, sondern mehr als sie zog uns der Anblick der lebenden Natur an. Es war jetzt gerade die Zeit der Safranernte; jeder Fußbreit Landes zwischen den Felsen, ja jede Handbreite des Erdreichs, die sich in den kleinen Höhlungen und Blasenräumen angelegt hatte, ist von den fleißigen Bewohnern der Bucht zum Anpflanzen jenes nützlichen Gewächses benutzt worden; die meist goldfarbigen, zum Theil stark ins Röthliche spielenden Blüthen gewährten im Großen einen ähnlichen Anblick als eine in Felsenstein gehauene, mit Gold ausgelegte Schrift. Wir kamen jetzt zu schmalen Fußsteigen, die, etwas bequemer zum Gehen, bald auf-, bald niederwärts gebogen an dem steilen Abhang hinliefen. Aus den Felsenritzen ragte die große, feste Knolle des persischen Cyclamen (+Cyclamen persicum+) hervor, zum Theil mit duftenden röthlich-weißen Blüthen geziert; weiterhin nach einer Schlucht, durch welche in der Regenzeit ein Gießbach herabstürzt, fanden wir die buntfarbige Herbstzeitlose (+Colchicum variegatum+) und die schon öfter erwähnte goldfarbige Sternbergia, so wie im Schatten des Gesteines die Calocasien-Aronwurzel. Die Zwiebeln und verdorrten Stengel der Asphodi-Lilien, Scillen und Hyazinthen ließen uns ahnden, wie reich und schön die Vegetation dieser Felseninsel im Frühling seyn müsse. Unten am Meere zeigte sich eine große Mannichfaltigkeit der Seeschwämme, wiewohl keiner von denen, welche an der Küste sich fanden, noch fest saß oder mit der frischen Gallert erfüllt war, sondern nur abgerissene, von den Fluthen ausgeworfene Stücke in unsre Hände fielen. Desto frischer waren die Tangarten, die an den Klippen im Meere wuchsen, vor allen zog der Pfauentang, durch seine schöne Form und Färbung die Blicke auf sich. Wir stiegen neben dem Gießbachbette der Schlucht hinanwärts; oben auf der Höhe zeigten sich Oelbäume und einzelne Gärten, deren spärliche Anpflanzungen von Weinreben und Obstbäumen durch mauernartige Anhäufungen von Steinen und noch mehr durch die scharfstachlichen Hecken der Opuntienfeigen (+Cactus Opuntia+) vor dem Eindringen der Ziegen nothdürftig geschützt werden. Zwischen den Felsenklippen neben und über uns zeigten sich hie und da die Bewohnerinnen der Insel mit dem Einsammlen des Safrans und andern Feldarbeiten beschäftigt, deren Ertrag hier keinesweges im Verhältnis zu der angewendeten Mühe steht. Von der Anhöhe herab konnten wir etwas weiter in die Bucht hinabschauen und sahen da, wie hoch schon dort die weiß beschäumten Wellen giengen und mit welcher Anstrengung ein Schifferboot, das einer andern Stelle der Küste zusteuerte, mit der Bewegung des Wassers und der Luft kämpfen mußte, während unser Schifflein so ruhig und gesichert lag. Da wir von unsrer Wanderung ziemlich ermüdet und hungrig zum Schiff zurückkehrten, fanden wir die bisherige gesellige Stimmung der Reisegefährten gegen uns sehr verändert. Die Türken so wie die Griechin mit ihren Kindern hatten auch gleich uns ans Land steigen wollen, die Quarantänehüter jedoch es ihnen nicht erlaubt. Da war unter ihnen, und zwar mit einigem Recht, ein unmuthiges Murren entstanden: warum denn gerade uns nur, den Fremden, das Aussteigen zugelassen, ihnen aber, den Unterthanen des Landes, hier auf einer türkischen Insel verwehrt sey. Allerdings hätte sich darauf erwiedern lassen, daß ein Mann aus der Quarantäne, der von dem Städtlein her über den Felsensteig bis zu unserm Landungsplatz gegangen war, unsre Bewegungen zu bewachen schien und die Bewohner der benachbarten Fischerhütten, die sich uns, Schwämme und Safran zum Verkauf anbietend, nähern wollten, vor dieser Annäherung warnte, eine Vorsichtsmaßregel, die nur bei so wenigen Personen, als wir waren, wirksam seyn konnte, nicht aber dann, wenn mehr als hundert solche Leute ans Land gestiegen wären, welche nicht gewohnt sind, von den Griechen sich etwas sagen zu lassen. Alle solche Entschuldigungsgründe fanden aber bei unsern Türken keinen Eingang; den Meisten von ihnen war ohnehin eine Quarantäne im türkischen Reiche noch etwas ganz Neues und Unerhörtes, mit den Grundsätzen des Islams im Widerspruch Stehendes. Am deutlichsten zeigte sich die neidische Erbitterung bei dem Iman, dem ältesten Sohne des Fabrikanten aus Magnesia, so wie bei jenem Trupp der Türken, der das Vordertheil des Schiffes einnahm, wohin wir nur selten kamen. Bald jedoch gab sich bei den Meisten diese Verstimmung. Die Nachbaren an der Kajütentreppe nahmen wieder freundlich lächlend die dargebotenen Prisen des Schnupftabaks; der lange Türke, der mit seiner verschleierten Frau und seinem Töchterlein die größere Bretterhütte am Hintertheil des Schiffes bewohnte, langte wieder wie sonst mit seinen Fingern in unsre Schüssel mit Nudeln, als diese von der Küche aus an ihm vorübergetragen wurde; der gute Hassan aus Smyrna, der sich am wenigsten hatte von der Sache afficiren lassen, kam wieder mit dem Capitän hinab in unsre Kajüte und unterhielt uns mit der Beschreibung seiner häuslichen Einrichtung; der Capitän erzählte von seinen Kämpfen und Gefahren im Befreiungskriege von Griechenland. Freilich war es keine leichte Sache, das gebrochne Italienisch dieser guten Leute zu verstehen. Hassan zwar, der als Kaufmann öftere Uebung hatte, konnte noch ziemlich deutlich es uns begreiflich machen, wie sehr er über die vielerlei Geschicklichkeiten der fränkischen Frauen verwundert sey, da die seinige den ganzen Tag kein andres Geschäft übe als essen und trinken und den Besuch des Bades der Weiber; wenn aber der Capitän jene Lieblingsgeschichte seines Feldzuges erzählte, wo er einen von den Türken hart verwundeten Franken, der neben ihm kämpfte, auf seinem Rücken von dem Orte der Gefahr hinwegtrug, da konnte man nicht daraus klug werden, ob dieser Getragene lebendig oder todt gewesen sey, denn bald schien die Rede andeuten zu wollen, daß die Türken demselben den Kopf abgeschnitten hätten, bald aber berichtete sie wieder, daß der hart Verwundete gesprochen habe. Schon gegen Abend, noch mehr aber bei Nacht erhub sich ein heftiger Sturm, dessen Sausen so wie das ferne Rauschen des von ihm bewegten Meeres man hinein hörte in unsre stille Bucht. Einige kleine Schiffe, die dem Ungewitter entflohen waren, legten sich neben dem unsrigen vor Anker; ein mächtiger Regen ergoß sich in Strömen auf das Verdeck; die armen Türken, die im untern Schiffsraume kein Unterkommen fanden und selbst die Griechin mit ihren Kindern, in der leichten Bretterhütte, wurden sehr durchnäßt, während man den Eingang zu unsrer Kajüte mit einer dicken Decke verwahrt und auch das Fenster mit Brettern bedeckt hatte, so daß es uns mehrere Male in der Nacht war als sollten wir ersticken. Auch am Morgen den 15ten November regnete es noch etwas, doch erlangten wir wenigstens eine baldige Befreiung von den Decken und Brettern, so daß ein nothdürftig erhellender Schein des Tages uns erlaubte auf der über die Kniee gelegten Mappe einen Brief und die Fortsetzung unsrer Tagebücher zu schreiben. Wie dankbar lernte man bei solcher Witterung jene große Wohlthat erkennen, welche uns durch das bisher so beständig anhaltende gute Wetter widerfahren war, das uns doch täglich erlaubt hatte, aufs Verdeck zu gehen und hier die längste Zeit zu verweilen. Denn in unsrer Kajüte vermochten die Meisten von uns nur dann aufrecht zu stehen, wenn sie unter das Fenster der Decke traten; an allen übrigen Punkten mußte man sitzen oder gebückt stehen. Heute konnten wir doch auch an jenem Handelsverkehr mit den Insulanern Theil nehmen, welchen gestern, während unsrer Abwesenheit, die Türken allein genossen hatten. Man brachte vortrefflichen Honig, Feigen und etwas Wein zum Verkauf, welcher, wie man uns sagte, der einzige noch übrige Vorrath im Hause des Weinverkäufers sey; denn man pflegt hier den wenigen, selbst gebauten Wein großentheils als Most zu trinken und den Schwammfischern und Schiffern sagt der Racki (Traubenbrantwein) besser zu denn der schwächer wirkende Wein. Auch etwas frisches Lammfleisch hatten wir erhalten, das jedoch, da man es an den Mastbaum gehangen, irgend einen andern Liebhaber und früheren Esser unter der Schiffsgesellschaft gefunden hatte, als uns. Mittwochs den 16ten November war zwar der Himmel wieder vollkommen heiter, aber es wehte der Wind noch aus Südwest, welcher, so warm er auch erschien, dennoch, wie ein falscher Freund uns ungünstig und entgegen war. So ließen wir uns denn abermals bei demselben nachbarlichen Punkte, wo wir neulich es gethan, ans Land setzen, stiegen über die scharfen Gräten der Felsen hinüber und giengen dann in der Schlucht am Gießbachbette hinan, wendeten uns jedoch weiterhin links auf die Anhöhe, welche der Stadt unmittelbar gegenüber liegt. Wir schauten von da hinunter auf die kleine Schiffswerfte des Städtleins und folgten wenigstens mit unsern Blicken den Schaaren der Beschäftigten oder der Käufer und Verkäufer, welche von dem untern Theil der Stadt den steilen Berg hinanstiegen auf den oberen, oder von da hinab zum Meere. Unten im Thale, das nicht fern von der Schiffswerfte an der Meeresbucht endet, sahen wir manchen grünenden Baum und Strauch, wie es uns schien, selbst einige Palmen; aber so wenig auch die Fernansicht uns genügte, hinabzusteigen zur Stadt, und in das grünende Thal erlaubte die Quarantäne uns nicht. So nahmen wir denn wenigstens ein Bild des seltsamen Felsennestes mit uns und zwar in doppelten Exemplaren: das eine, welches sich der Seele einprägte, das andre von der treuen Hand unsers guten Bernatz aufs Papier gezeichnet. Du alte, verfallene Ritterburg auf dem Berge, hast zur Zeit der Herrschaft der Johanniter wohl manchen guten Deutschen, tapfer wie ~Rudolph von Walenberg~ und ~Christoph von Waldner~ es waren[142], in deinen Mauern gepflegt und gewartet, wir durften nur, wie vorüberziehende Wanderfalken aus der Ferne dich beschauen. Unten in der Bucht gab es heute noch Vieles zu besehen und zu bedenken. Lebende Lernäen fielen in unsre Hände, Bruchstücke aber von ziemlich großen Porzellanschnecken so wie die Schließdeckel der Mondschnecken ließen uns nur errathen, daß solche Thiere hier leben, finden konnten wir in dieser Jahreszeit keine; wir mußten uns mit den Gehäusen der Landschnecken und mit den Tangarten begnügen[143]. Bedeutungsvoller jedoch und Nachdenken erweckender als die hiesige Thier- und Pflanzenwelt erschien uns jenes in Symi aufgeschlagene Buch der Zeiten und Werke, dessen Blätter und Buchstaben die Felsen und ihre Gestaltungen sind. Tief unten am Ufer nach der äußeren Seite der engen Bucht bei unserm Landungsplatz hin zeigten sich wieder, wie auf Agonusi, die Felsenmassen des Thonschiefers mit ihren Schwefelkiesen und Brauneisensteinen, der Kalk aber, auf ihnen gelagert, ward uns je länger je mehr ein Gegenstand des neuen Bedenkens und der neuen Beachtung. Das was die Schwämme im benachbarten Meere, noch jetzt fortlebend und fortgedeihend, oder noch mehr das was die Mäandrinen unter den Steinkorallen der wärmeren Meere im Kleinen sind, das ist diese zackige Felsart von Symi im Großen. Da ist kein einziges Stück, welches nicht von mäandrinischen Furchen durchzogen wäre, an deren großen und tiefen die schmäleren und kleinern rippenartig sich anschließen; kein Stück, in welchem nicht die Anlage oder der Durchgang der rundlichen Poren und schwammartigen Zellen sich zeigte. Auf diese Weise konnten weder das Feuer noch eine andre Kraft der unorganischen Natur die Steinmasse gestalten, viel eher erinnert eine solche Form an ein Walten organischer Kräfte. Zwar, der Muschelversteinerungen, die wir hier fanden, waren nur wenige[144], aber sollte nicht bei dem Entstehen dieser mäandrinischen Felsengebilde eben so wie bei dem Entstehen der Seeschwämme und mancher Steinkorallen ein organisches oder organisirbares Element mitgewirkt haben, gleich der noch immer räthselhaften Gallert, welche in den Poren und auf der Oberfläche der Seeschwämme lebt und aus deren im Polypenkörper ausgehenden Masse das Kalkgerippe der Lithophyten sich ausscheidet? ~Ehrenbergs~ sinnvolle Entdeckungen der Myriaden von Infusionsthier-Ueberresten, welche einen nicht unbedeutenden Theil unsrer Erdrinde bilden, bezeugen nur dasselbe, was nach seinem Maaße jeder Frühling, was jeder Moment der neuen Erzeugungen uns lehret, wenn vor dem Ansetzen der bleibenden Früchte unzählbare, bald wieder verschwindende Blüthen, wenn Millionen der Keime, wenn eine Ueberfülle des Elementes, das als Träger der erzeugenden Kraft auftritt, wie ein anschwellender Strom über seine Dämme hervorbricht und nur zum geringsten Theil zur Befruchtung des Landes dient, zum meisten aber, scheinbar nutzlos ins Meer verrinnet. Es ist dieß nur eines jener vielen Ereignisse, aus denen hervorgeht, wie unermeßbar viel höher, mächtiger und größer der Schöpfer sey als das Geschöpf, das Leben als der Tod. Denn überall, wo Jenes diesem sich nahet, da zeigt es sich in seiner Alles durchdringenden, lebendig gestaltenden und bewegenden Kraft; wenn aber der Blitz, der wie ein Feuermeer herabfuhr und über Wald und Feld, über Berg und Thal sich ergoß, vorüber ist, dann brennt nur hie und da, in schwächerem Lichte ein einzelner, entzündeter Baum oder es raucht der Boden, den der Strahl getroffen; doch zündet auch der zurückgelassene Funke weiter und wird in der fortlebenden Natur wie in der Hütte des Landmannes zu einem beständigeren Quell des Lichtes und des Feuers. Am Nachmittag kehrten wir aufs Schiff und in den engen Raum unsrer Kajüte zurück. Die Türken, namentlich der Iman, hatten abermals an dem Capitän ihren Unmuth ausgelassen, darüber, daß ihnen verwehrt sey, ans Land zu gehen. Morgen, so erwiederte ihnen der Capitän, sey die dreitägige Quarantäne, welche ja er nicht anzuordnen habe, zu Ende, dann könnten sie Alle in der Stadt und wo sie sonst möchten, sich ergehen; sie aber mochten hiervon nichts wissen, sondern drangen darauf, daß noch heute die Anker gelichtet würden und der (türkische) Unterkapitän schien auf ihrer Seite, obgleich unser griechisches Schiffsvolk allgemein versicherte, das Auslaufen werde uns, bei noch immer widrigem Winde, nicht viel weiter fördern. Auch unser Verlangen, endlich einmal einen Schritt weiter zu kommen, war im geheimen Einverständniß mit den Türken und als beim lieblich tönenden Abendgeläute der christlichen Betglöcklein aus den Kirchen der Stadt die Anstalten zur Fortreise gemacht, die Schiffstaue, die uns mit der Felsenküste verbanden, gelöst wurden, da regten sich in uns die Schwingen der Hoffnung und fröhlichen Zuversicht auf ein endliches gutes Gelingen der Fahrt. Es war Abend um 9 als der Anker aufgezogen wurde und das Schifflein, durch einen schwachen Landwind begünstigt, seine Weiterfahrt antrat. Da wir am 17ten November des Morgens aufs Verdeck traten, sahen wir uns noch immer in der Nähe von Symi, und, bald von Windstille bald von ungünstigem Winde gehemmt, kreuzten wir fast diesen ganzen Tag vor der bergigen Landspitze von ~Loryma~, auf der uns die höher steigende Sonne die Stätte der alten Felsenburg ~Phönyx~ beleuchtete, dann die nahe am Lande liegende Insel ~Helause~, während die Gebirge von Rhodos noch immer nur in blauer Ferne sich zeigten. Am Abend erhub sich wieder, vom Südwind erregt, das Getümmel und Brausen der Wasserwogen und vereitelte die Hoffnung des Capitäns, mittelst der hier meist von Nord nach Süd gehenden Meeresströmung etwas vorzurücken. Der Ungestüm des Meeres und das Schwanken des Schiffes hatte sich in der Nacht so verstärkt, daß der Tollrausch der Seekrankheit wie ein Gewapneter mich ergriff und aufs Lager warf; die Betäubung der Sinnen wurde jedoch gegen Mitternacht durch ein wildes Geschrei im angränzenden untern Schiffsraum und durch ein starkes Laufen und Rennen auf dem Verdeck verscheucht. Unsre Türken hatten sich den gefährlichen Unfug des Hinabnehmens ihrer Oefchen in den Schiffsraum nicht verwehren lassen, bei Nacht war eine dieser kleinen Handküchen, in der noch Kohlen glühten, umgefallen und hatte in seiner Nähe gezündet; der Rauch und Dampf der brennenden Binsenmatten und Teppiche drang in unsre Kajüte hinein; das eng zusammengedrängte Volk suchte eilig, ohne ans Löschen zu denken, die freie Luft des Verdeckes. Die Entschlossenheit wie Geschicklichkeit unsres Capitäns und seiner griechischen Matrosen dämpfte indeß das nicht sehr bedeutende Feuer bald. Doch sahen wir bei dieser Gelegenheit was unser Schicksal würde gewesen seyn, wenn auf dieser Fahrt ein ernstlicheres Unglück dieser Art sich ereignet hätte. Die Türken, an Ueberzahl und Macht der Waffen uns weit überlegen, an ihrer Spitze der lautschreiende Mohr und der Iman, hatten gleich bei dem ersten Entstehen des Feuerlärmes Hand an das große, im Schiffe hängende Boot gelegt und wollten dieses ins Wasser lassen, um sich und ihre kostbareren Sachen darauf zu retten. In solchem Falle würde weder uns noch dem griechischen Schiffsvolk das Hineinsteigen in den ohnehin zum Sinken angefüllten Kahn möglich und verstattet gewesen seyn. * * * * * Freitags den 18ten November hielt das stürmische Wetter von außen, im Innern die Seekrankheit noch fortwährend an. Wenn man auch mühsam sich aufraffte vom Lager und das Verdeck erreichte, so war das, was da in die Sinnen fiel von solcher Art und Weise, daß man gern bald wieder in das Halbdunkel der Kajüte sich zurückzog. Denn so reizend und lieblich auch der Fernanblick der Felsenbucht von ~Telmessus~[145], das vormals durch seine Zeichendeuter so berühmt war, unter andern Umständen und zu andern Zeiten gewesen wäre, so unlieblich war dagegen der Naheblick auf unsre türkischen Hadschi's, welche fast sämmtlich von der Seekrankheit dahingestreckt lagen oder saßen, und ihr Krankseyn auf eine nur zu stark sich äußernde Weise kund gaben. Auch das Hinabgehen in die Kajüte machte übrigens des Eckels kein Ende, denn die dünne, spaltenreiche Bretterwand hinderte weder das Ohr noch die andern Sinnen es wahrzunehmen, daß hier neben uns, im untern Schiffsraum, viele Kranke dieser Art seyen. Die guten Leute feierten heute ihren Freitag ohne Gesang und Klang, doch schienen sie wenigstens bei der Bedienung ihrer kleinen Küchen des Festtages zu gedenken, denn so elend sie waren, hörten sie doch nicht auf ihren gezwiebelten Pilau zu bereiten und in jeder Pause der Krankheit den Magen von neuem zu beladen, obgleich jeder Versuch solcher Art der Krankheit nur neuen Stoff gab sich zu äußern. In dieser Weise lebten und schwebten wir auch am Sonnabend den 19ten November auf dem bewegten Meere, doch hatten wir uns heute, vom Sturm zurückgeworfen, Rhodus wieder mehr genähert. Unsre Freundin, die so gern Nachrichten von tröstlicher Art vernahm und der beängsteten Hausfrau mittheilte, hatte uns schon am Tage erzählt, was der Steuermann als Geheimniß mittheilte, daß der Capitän, wenn der Wind nicht heute noch günstig werde, in den Hafen von Rhodus einzulaufen gedenke; als in der Nacht der Sturm noch drohender wurde, kam endlich dieser gute Vorsatz zur Reife: gegen 10 Uhr näherten wir uns dem äußern Hafen der Insel, eine Stunde vor Mitternacht warfen wir in ihm Anker. So endigte die zweite Woche unsrer Fahrt glücklich, im sichern Hafen, den wir seit acht Tagen so sehnlich erstrebt und nicht erlangt hatten; der Schlaf, seit mehreren Nächten zum ersten Male wieder sorglos und ruhig, nahm uns auf seinen Mutterschooß und ließ uns erst spät am andern Morgen erwachen. Rhodus. Der Bergmann, der etliche Tage lang, Schlegel und Eisen ungebraucht in der Hand haltend, denn die Grubenlampe war ihm erloschen, unten in seiner Förderstrecke gefangen saß, weil er, als er nach vollendeter Tagschicht ausfahren und heimkehren wollte zu den Seinen, den Ausgang durch eine niedergegangene Gesteinwand gesperrt fand, kann wohl kaum das Tageslicht und die grünenden Höhen mit innigerem Wohlbehagen begrüßen, als ich den schönen Sonntagmorgen und die mitten im Grün der Gärten und fruchtbaren Höhen gelegene Stadt Rhodus, da ich am 20ten November des Vormittags aus der Kajüte hinauftrat auf das von der wärmenden Sonne bestrahlte Verdeck. Ich kann es nicht läugnen, auch mir war während der zwei Tage lang ununterbrochen anhaltenden Seekrankheit das Grubenlämplein der inneren Freudigkeit zur Fortsetzung der Reise fast erloschen; ich hatte in dem Zustand jenes beständigen Uebelseyns, welcher die Natur des Menschen überaus kleinmüthig stimmt, oft gedacht, ob es nicht besser und rathsamer seyn möchte, die Weiterreise über das große, breite Meer, das uns noch zwischen Rhodus und Aegypten lag, aufzugeben, und mit dem so beständig anhaltenden ungünstigen Winde, der gerade für solche Absicht ein günstiger gewesen wäre, umzukehren zur Heimath. Noch öfter war mir aber, wenn ich so festgebannt auf der Pritsche lag, und, ohne schwindlich zu werden, nicht einmal den Kopf erheben konnte, die Sehnsucht angekommen, nur einmal fünf Minuten lang hinaustreten zu können ins Freie, damit ich statt der seekranken Türkenluft, die da unten herrschte, frische Luft athmen möchte, und nun ward mir die Erfüllung dieses Sehnens nicht bloß auf fünf Minuten oder auf fünf Stunden, sondern auf fast fünf Tage gewährt. Zwar, da ich jetzt hinaustrat aufs Verdeck, konnte ich nicht, ohne am Geländer der Kajütentreppe mich zu halten, aufrecht stehen; denn das Meer gieng auch hier in dem wenig geschützten Hafen sehr hoch, das Schiff tanzte noch stark; ich aber, der ich niemals das Tanzen geübt, war heute um so weniger zum Mittanzen geschickt, da ich seit zwei Tagen nichts gegessen hatte und auch jetzt noch keine Lust zum Essen empfand. Aber nur um so stärker, um so überwältigender war der reizende Eindruck, den die strahlende Schönheit von Rhodus, wie das Licht auf die lange im Dunkel gewesnen Augen, auf die nüchternen Sinnen machte. * * * * * Wie hätte mir nicht gleich bei den ersten Worten, die ich vorhin über das Gefühl sprach, womit ich Rhodus begrüßte, der Bergmann einfallen sollen; hier, beim Anblick dieser Insel, welche in ältester Zeit die Heimath der ~Telchinen~, jener kunstreichen Meister in der Bearbeitung der Erze war; jener Meister im Gebrauche der Hände wie des Wortes, die dem Stein wie dem Erze nicht bloß göttliche Gestalt, sondern durch magische Sprüche eine übersinnliche Gewalt über die Seele des Beschauenden gaben?[146]. Zieht nicht da noch ein Hauch jener die Sinne bezaubernden Gewalt mit dem Morgenwinde zugleich über Berg und Thal und über die amphitheatralisch an den Felsen gelehnte Stadt, welche bald nachdem die Bewohner der Insel, gegen Ende des peloponnesischen Krieges, die Macht und den Reichthum ihrer drei älteren Städte Lindos, Jalyssos und Kamiros zum Aufbau dieser gemeinsamen Hauptstadt vereinten, mit Recht den Beinamen der kolossalen und herrlichen empfieng, weil nicht bloß sie selber durch den Baumeister des Piräus und der langen Mauer von Athen, welcher ihre Anlage leitete, diese herrliche Gestalt empfieng, sondern weil mit den weltberühmten Colossen der Sonne und dem nicht viel kleineren des Zeus noch tausend andre Colossen sammt dreitausend Statüen ihre freien Plätze, Gassen und Tempel schmückten. Ist es doch als ob die magische Kraft, welche die Telchinen in das Werk ihrer Hände legten, und welche dieses mit einer abwehrenden Gewalt umgab, von einem bauenden Geschlecht aufs Andre sich fortgeerbt hätte. Denn als ~Artemisia~, die Erbauerin eines andern Weltwunders: des Mausoleums in Halikarnaß, der Stadt Rhodus durch List sich bemächtiget und zur Schmach für die Besiegten ihr eignes Bildniß, in mishandelnder Stellung, neben die Statue der Rhodos stellen lassen[147], wagten es, aus abergläubischer Scheu vor einem Werke der Kunst, die Bewohner von Rhodus nicht, dieses Denkmal ihrer Schmach zu vernichten, sondern sie umschlossen beide Bilder nur mit Mauern, in welche Keinem der Zugang gestattet war. Auch ~Demetrius~, der Städtebezwinger, schenkte der Erhaltung von Protogenes[148] berühmtem Bilde eine mehr als kindliche Sorgfalt[149], und Cassius wagte es nicht das Viergespann der Sonne von Lysippos, der alten Lieblingsinsel des Helios, zu rauben. Eben so haben selbst die Osmanischen Eroberer diesen Wohnsitz der Rhodischen Ritter, wie aus einer Scheu, selbst vor der Höhle des alten Löwen, fast ganz in seinem alten Zustande gelassen und haben hierinnen schonender verfahren als der deutsche Rhodiser Ritter Schlegelhold (m. v. S. 420.), welcher, ohne dies vielleicht zu bedenken, für den Uebermuth, den Artemisia an seiner Ordensinsel geübt, dadurch eine späte Rache nahm, daß er das weltberühmte Mausoleum derselben, hier ein Stück und dort ein andres in eine Burgveste, Petreion genannt, verbaute. Ja, wer eines der schönsten Meisterwerke der mittelalterlichen Befestigungskunde, wer eine ganze Stadt aus der kraftvollen, ritterlichen Zeit sehen will, der darf nur Rhodus betrachten. Welchen mächtigen Eindruck aufs Auge machen noch jetzt diese alten Mauern mit ihren Zinnen und Thürmen, vor allem der feste St. Niclasthurm, welcher rechts bei der Einfahrt in den Hafen stehet und der auf der andern Landzunge ihm gegenüberliegende Engelsthurm, so wie dort in der Ferne die alte Burgveste St. Elmo mit ihren tiefen Gräben, Zugbrücken und Bollwerken. Doch es ist Zeit, daß wir aussteigen aus dem schaukelnden Schiffe in das freilich noch stärker tanzende Boot, durch dieses aber hinaus auf den festem Felsenboden und den kiesigen Strand der Insel. Von Smyrna aus hatten wir Empfehlungen an den k. k. österreichischen Consul Herrn ~Giulianich~, so wie an den kaiserlich russischen und americanischen, Herrn ~Wilkinson~. Da der Capitain erklärt hatte, daß er, sobald günstiger Wind komme, die Abfahrt beschleunigen wolle und wir deßhalb nicht wissen konnten, ob nicht schon am andern Morgen Rhodus wieder fern von uns liegen werde, beschloß ich jene Empfehlungen baldmöglichst abzugeben und mit Hülfe derselben den Versuch zu machen, ob es uns nicht erlaubt werden könne, ungeachtet der auf drei Tage festgesetzten Quarantäne, schon heute die Stadt zu sehen, in deren Nähe wir dann vielleicht in unserm Leben nicht mehr kommen möchten. In Begleitung meiner beiden jungen Aerzte und des Capitäns fuhr ich hinüber zu den Schranken der Quarantäne, die Briefe, nachdem man sie wohl durchräuchert hatte, wurden angenommen und während wir an dem Anblick der buntfarbigen, mannichfaltigen Steingeschiebe am Strande uns ergötzten, kam schon der Sohn des trefflichen Herrn Consuls Giulianich und bald auch, mit dem Vater zugleich, Herr Wilkinson. Diese edlen Männer fragten sogleich womit sie uns dienen könnten und da wir den Wunsch, vor allem die Stadt zu sehen, äußerten, sendeten sie alsbald zum türkischen Kommandanten, erbaten von ihm einen Janitscharen und einen Quarantäneaufseher und äußerten selber ihre Bereitwilligkeit uns zur Stadt zu begleiten. Während dieser Verhandlungen war der Hunger, den die Seekrankheit so lange in Fesseln gehalten, zugleich aber auch heftig gereizt hatte, in seiner ganzen Stärke erwacht, wir fragten bescheiden an, ob uns wohl aus einer nahen Locanda etwas zu essen könne gebracht werden und diese Frage wurde sehr bald durch die That beantwortet. Als man jetzt die Thüre, hinein ins Innre der Schranken uns öffnete und uns selbst eine Hütte der Quarantänehüter zum Speisezimmer einräumte, fielen mir freilich die Worte eines alten Engländers ein, der mit uns die Donaureise machte: daß »nur in der Türkei noch Vernunft sey«, weil man da weder mit der Pestquarantäne noch mit der Mauth es so genau nehme, doch möchte ich diese Art von Vernunft nicht unbedingt und überall anempfehlen, obgleich, bei der wirklich sorgfältigen Aufsicht, welche die Herrn Consuln und die Quarantänehüter über uns und jede unsrer Bewegungen führten, von uns weniger die Gefahr einer Ansteckung zu fürchten war, als von jenen türkischen Schiffen, die mit uns fast aus denselbigen Gegenden kommend, durch besondre Vergünstigung der türkischen Stadtbehörden gleich nach ihrer Ankunft der Quarantäne überhoben wurden. Ohnehin war ja die ganze Einrichtung dieser noch jugendlichen Anstalt nicht eben ausreichend zu nennen, da nach Verlauf der kurzen, dreitägigen Frist unsre Türken mit einem großen Theil ihrer in Körben und Kisten verwahrten Sachen ohne weitre Vorkehr zu ihren Glaubensgenossen hinüberzogen. Wir traten jetzt den Weg an, vorüber an der Grabstätte des türkischen Heiligen (Marabu's), dem unsre Hadschi's schon heute reichliche Gaben zum Opfer sendeten, um durch seine Hülfe eine günstige Seefahrt zu erflehen; vorüber dann an einigen erhöhten, mit Bäumen bepflanzten Plätzen und an den Brunnen mit herrlichem Wasser, aus deren einem, welcher der Quarantäne zugehört, auch wir, so wie unsre Matrosen, Wasser schöpfen und trinken durften. Hier neben uns, am Eingang des innern oder Galeeren-Hafens, nicht an jenem des äußern, stund, so sagt man, auf den Felsenklippen das eine der sieben Wunder der alten Welt: der Sonnenkoloß, das Meisterwerk des Chares und Laches von Lindos, welcher siebenzig bis achtzig Ellen hoch ragte und zwischen dessen Füßen die Schiffe ein- und ausliefen. Im 282ten Jahre vor Christus war dieser Coloß, zum Andenken an die glückliche Abwehr des Städtebezwingers Demetrius von den hart bedrängten Mauern errichtet worden; schon im Jahre 226, nachdem er nur 56 Jahre gestanden, stürzte er, durch ein Erdbeben getroffen nieder; auch in seinen Trümmern noch Bewunderung erregend, bis die ersten moslimitischen Eroberer der Insel, die Araber, welche Moavia hieher geführt hatte, im Jahr 656 n. Chr., im 938ten nach der Aufrichtung, selbst diese Reste, deren Erzmasse 9000 Zentner lastete, hinwegführten. Zwischen dem innern oder dem Galeerenhafen und den Mauern der Stadt zieht sich ein Saum der Küste hin, auf welchem, außerhalb der eigentlichen Stadt, das Haus des türkischen Statthalters der Insel stehet. Weiterhin steigt man den grünenden Hügel hinan zu einem der Thore, das zunächst stehet dem Schloß St. Elmo und dem Bollwerke der Engländer, während der Belagerung der Stadt durch Suleiman. Die Kanonen in der Nähe dieses Einganges tragen das Bild des heiligen Johannes und Inschriften, welche es bezeugen, daß sie einst im Dienste andrer Herren und Vertheidiger der Stadt gewesen, denn die jetzigen sind. Nicht fern von hier tritt man in die Hauptstraße der Ritter (+Strada dei Cavalieri+). Da rechts, über den Thüren der alten, festgebauten Häuser sieht man noch jetzt die Wappen jener edlen Geschlechter, die aus den Ländern des Westens hierher gezogen waren, zum Kampfe für den Glauben der Väter und das heilige Land. Es erwecken diese Zeichen das Andenken an manchen Pilgrim und mannhaften Streiter aus den noch jetzt in der christlichen Heimath fortbestehenden Häusern; denn hier in Rhodus, im Munde seiner Ritter, sprach sich der ernstliche Wunsch, dem von Osten hereinbrechenden Verderben zu steuern, in acht verschiedenen Zungen aus: in der französischen, deutschen, englischen, spanischen, portugiesischen und italienischen, zu denen sich noch die für sich bestehenden Schaaren der Ritter der Auvergne und der Provence gesellten. Der Pallast des Großmeisters, mit seinen Hallen und Gemächern, das alte Gebäude der Kanzlei und der Rittersaal, erinnern durch die noch ungebrochene Kraft ihres festen Gemäuers an die Kraft ihrer ritterlichen Erbauer und an jene Einfalt, die sich so gut mit der Würde vertrug. Hier, am Ende der Ritterstraße stehet die vormalige Cathedrale: die Kirche des heiligen Johannes. Sogar die Thüren aus Sykomorus(?)holze mit vielem, halberhabenen Schnitzwerk, noch mehr aber die Säulen und Bögen des ehrwürdigen Gebäudes, sind in ihrer anfänglichen Schönheit zu sehen. Mitten durch das Innre der Kirche haben die Türken einen bretternen Verschlag gezogen; der östliche Theil, wo der Hochaltar stund, ist in ein Kornmagazin verwandelt. Hier ließ man uns ohne Schwierigkeit ein; noch erinnert mancher Zug der Gestaltung des festen Gesteines an die vormalige Bestimmung der Stätte, die Wände aber, von welchen die zügellosen Janitscharen nach der Eroberung der Stadt durch Suleiman, an dem für Rhodos so trauervollem Christtage (25. Dec. 1522), alle christlichen Gemälde abkratzten, sind kahl. Der westliche Theil der Kirche, jenseit des bretternen Verschlages hat die Bestimmung einer Moschee erhalten. Ein neidischer Türke, der eben vorübergieng, protestirte laut gegen unsern Eintritt, als der Janitschar die Thür uns öffnete, dieser aber gebot ihm Schweigen und wir giengen hinein. Doch was sieht man da, als die auf den Boden, zur Bequemlichkeit der Betenden, hingebreiteten Matten und Teppiche; an den leeren Wänden einige Koransprüche und den Rednerstuhl des Freitagspredigers. Wir stiegen jetzt hinan auf den noch immer festen St. Johannisthurm und genoßen der Aussicht über Stadt und Land, so wie auf das Meer. Nach der Eroberung der Stadt durch die Türken fand man in diesem Thurme vermauerte Gemächer, in denen ziemlich ansehnliche Vorräthe von Schießpulver aufgehäuft lagen. Da man weiß, daß Rhodus zuletzt hauptsächlich durch den Mangel an Munition zur Uebergabe an den Feind genöthiget wurde, glaubt man mit vielem Recht in dieser Verheimlichung eines so wichtigen Kriegsbedürfnisses die Spuren, entweder einer innern Verrätherei oder der geheimen Geschäftigkeit jener selbst unter den Rittern und Bürgern nicht unansehnlichen Parthei zu erblicken, welche die Uebergabe beschleunigt wünschte, der sich eine andre Parthei der Tapfern standhaft widersetzte. Doch könnte dieses Vermauern der Pulvergemächer auch einen andern minder zweideutigen Grund gehabt haben, welcher nur durch den Tod des Generals der Artillerie, der bei einem der ersten Stürme (am 17ten September) fiel, zum Geheimniß wurde. Der Weg an der Mauer der Stadt hin eröffnete uns eine Aussicht hinab in die Gärten, welche nach der langen Entbehrung eines solchen Anblickes dem Auge ganz besonders wohl that. Seit Magnesia und Smyrna hatten wir keine solchen Gärten gesehen und diese hier waren noch ungleich mehr als jene mit den Kräften und Schönheiten des warmen Südens angethan. Es war eben die Zeit der angehenden Reife der Orangen, die hohen, dickstämmigen Bäume prangten in dem reichsten Schmucke ihrer goldfarbenen Früchte. Dazwischen zeigten sich auch hochwüchsige Palmen, zum Theil mit halbreifen Datteln, deren volle Reife freilich hier auf Rhodus, dessen Wintertage nicht selten Flocken selbst des Schnees erzeugen, kaum zu Stande kommt. * * * * * An der vormaligen Allerheiligenkirche konnten wir freilich nur die prächtigen Marmorsäulen und die schönen, halberhabenen Arbeiten ihres Haupteinganges und Vorhofes betrachten[150]; ihr Innres, das als eine der Hauptmoscheen der Stadt im Dienste des Islams steht, durften wir nicht betreten. Hier in der Nähe sind auch die Gebäude und Zellen einer türkischen Hochschule. Dieser arme, gespenstische Schatten, dieses Zerrbild einer Schule der Weisheit an solchem Orte, macht einen schmerzlichen Eindruck. Ja, Rhodos ist freilich vormals in andrem Maaße, eine Schule der Kunst und der Weisheit gewesen: in den Zeiten des Chares und Laches aus Lindos, der Bildner des großen Sonnencolosses, so wie des Bryares, des Meisters der andern kolossalen Statuen, eine Schule der Sculptur; zu Protogenes Zeiten der Malerei; in den Tagen der römischen Republik eine Schule der Redekunst und Staatsweisheit, deren Lehren Cato, Cicero, Cäsar und Pompejus hier vernahmen, nachmals eine Schule der ritterlich christlichen Tapferkeit und Kunst der Waffen, jetzt aber ist diese ruhmgekrönte Stadt des Alterthums für jeden, der ihre Geschichte bedenkt, eine Schule nur jener verborgenen, auf Glauben gegründeten Weisheit, welche in der zu Boden gefallenen, zerborstenen Frucht jene Saamenkörnlein erblickt, aus denen einst die Gewächse einer neuen Zeit hervorkeimen werden. Statt der Herrlichkeit der in der Geschichte der Kunst so hochgepriesnen Hallen des alten Rhodus, in denen der Auläos und Mänander des Apelles, der Meleager, Herkules und Perseus des Zeuxis bewundert wurden, sahen wir jetzt noch die Waaren und bewunderten namentlich die riesenhaften Kürbisse in einem der Hauptbazars der Stadt. Auch wir durften an dem Handel und Verkehr Theil nehmen, dabei aber weder in die unmittelbare Nähe der Menschen noch der Waaren kommen, bis unser Quarantäneaufseher die letzteren vor uns hin auf den Boden gelegt hatte. An den Schranken der Quarantäne, zu welcher wir in einer späteren Stunde des Nachmittags wieder zurückgekehrt waren, fanden sich jedoch bald andre Handelsleute ein, die uns den Einkauf leichter machten als er im Bazar gewesen: eine Menge von Juden, beladen mit Früchten und allerhand andern eßbaren Gegenständen. Noch vor Sonnenuntergang kehrten wir zum Schiff zurück, dessen schwankender Mastbaum schon von fern das noch immer fortwährende Schaukeln verrieth, das uns hier, nach kurzer, wohlthätiger Ruhe auf dem festen Boden erwartete. Doch hatte schon diese kleine Ausruhezeit und noch mehr der Genuß der frischen Orangen den Magen so kräftig gestärkt, daß der Schwindel der Seekrankheit nicht wieder kehrte, denn wenn auch das Schiff schwankte, so stunden doch der nachbarliche alte St. Niklasthurm, so wie der Thurm der Engel, an der andern Seite des Hafeneinganges desto fester und in ihrem Anblick fand das Auge jene sichern Anhalts- und Ausruhepunkte, welche das widerwärtige Gefühl der Unstättigkeit und Bodenlosigkeit, das den Schwindel erzeugt, vertreiben. Es war heute ein griechisches Schiff neben uns im Hafen eingelaufen, welches, von demselben Wind begünstigt, der uns entgegen war, den Weg von Alexandrien hieher in wenig Tagen gemacht hatte. Montags den 21ten November war noch immer bei anhaltendem Südwind an kein Weiterfahren zu denken und auch unsre türkischen Reisegefährten wünschten diesmal, mit uns zugleich, ein längeres Verweilen an der Insel, die ihnen so viele frische Lebensmittel, wohlfeilen Kaufes darbot und wo viele von ihnen alte Bekannte und Freunde wiedersahen. Der Himmel war klar und schön, wir beschloßen den Tag so gut als möglich zum weitern Besehen der Stadt und ihrer Umgegend zu benutzen. Wir fuhren denn mit unserm wackern Capitän Angeli wieder hinüber nach der Gegend der Quarantäne, stiegen aber heute sogleich an dem Molo des Galeerenhafens aus, wo uns alsbald unsre gestrigen Kaufleute: mehrere Juden mit kleinen Schüsseln voll wohlschmeckendem Kaimak (S. 326.) entgegen kamen. Bald waren auch unsre freundlichen Begleiter: die Herrn Consuln Giulianich und Wilkinson wieder bei uns: erbötig uns auf unserm Wege zu begleiten und uns die Merkwürdigkeiten der Gegend zu zeigen. Ein kleines Mißverständniß, das zwischen unsrem griechischen Capitän und einem der Mitglieder der Quarantäne-Commission ausbrach, umwölkte auf einige Augenblicke die heitre Stimmung des Tages, bald aber trat diese wieder in ihre Rechte und wir bestiegen einen der Hügel an der Nordseite der Stadt, wo sich diese mit allen Erinnerungszeichen an ihre bedeutungsvolle Geschichte dem Auge auf eine höchst imposante Weise darstellt. Wie diese fest und schön begründete Stadt all den Mauerbrechern und Belagerungsmaschinen des »Städtebezwingers« Demetrios so kräftig widerstehen konnte, begreift man wohl, obgleich, da schon die erste und auch die zweite aus den Quadern der eingerissenen Theater und andrer Gebäude errichtete Mauer gesunken war, auch wohl die dritte unter den Stößen der von dreißigtausend Menschen errichteten und bedienten Maschine Helepolis (Städtegewinnerin) würde erlegen seyn, wenn nicht die Gesandten der andern griechischen Staaten für Rhodus den Frieden erbeten hätten. Schwerer begreiflich ist es aber, wie Rhodos, als seine Bewohnerzahl und Seemacht kaum noch ein Fünftel der früheren war, die überlegene Gewalt der Türken so lange von sich abwehren konnte. Die Geschichte dieser tapfern Abwehr gehört zu jenen Ereignissen, welche nach ihrem Maaße die Macht und Oberherrschaft eines ernsten Willens und des Menschengeistes überhaupt über das gegenüberstehende, leibliche Element beweisen, es möge daher erlaubt seyn, ehe wir von hinnen segeln in ein Land, da der Geist noch andre, mächtigere Spuren seines Waltens hinterlassen hat, bei der Betrachtung der Heldenthaten zu verweilen, durch welche hier ein kleines Häuflein christgläubiger Männer im Kampfe mit der riesenhaft großen Uebermacht eines allgemeinen Feindes sich kräftig erwiesen. Der Wahnsinn einer fanatischen Wuth, welcher seiner Natur nach dem gesunden, ruhigen Leben des Menschengeistes feindlich entgegenstehet, hatte seine Ketten zerrissen, und wie es bekannt ist, daß die Raserei das Maaß der leiblichen Kräfte auf mehr denn das Vierfache steigert, so hatte die Fiebertrunkenheit des Islamismus gleich Anfangs den Armen ihrer Kämpfer eine Macht gegeben, welche auch durch die Anstrengung vieler Arme nicht zu hemmen, noch zu bändigen war. Immerhin liegt auch darinnen ein Beweis der alten Herrschermacht der Seele über den Leib, daß selbst dann, wenn sie in kranker Gestalt aus der Verborgenheit der leiblichen Hülle hervortritt, die leibliche Natur des Menschen sammt der ruhig in diese versenkten Seele vor ihr erschrickt und daß Rolands, des Rasenden, furchtbarer Anblick und übernatürlich kräftiger Arm ein ganzes Heer der nur mit leiblichen Waffen Versehenen schlägt. Die Völker und Reiche des christlichen, wie des heidnischen Ostens waren der Heldenwuth des neuen Glaubens unterlegen, wie vom lähmenden Hauche des Siroccowindes oder des Odems der Schlange war der sonst kräftige Norden von dem Schrecken Gottes getroffen, das den Schritten der Heere der Moslimen vorangieng, da führte noch immer das Panier des Kreuzes eine Schaar der Ritter dem Feind entgegen, denen diese Löwen nur dadurch noch Widerstand zu leisten vermochten, daß sie zugleich Lämmer waren, die sich schweigend und duldend, wenn der Glaube es gebot, zur Schlachtbank stellten. Aus Akre zuletzt durch die Uebermacht des Feindes vertrieben, hatten die Johanniter, geführt von ihrem Großmeister Foulques von ~Villaret~, im Jahr 1411, ihrerseits wieder die Räuberschaar der Türken aus Rhodus verscheucht und die Stadt im Sturm erobert; der Nachfolger des Eroberers, der Großmeister Helion ~de Villeneuve~ war hierauf bemüht gewesen, die Mauern zu erneuern und durch neuangelegte Bollwerke sie zu befestigen; ihm folgte in diesem Werke der im Liede des Dichters lebende Kämpfer mit dem Drachen: ~Dieudonné de Gozon~, denn dieser war es, der den festen Damm des Galeerenhafens begründete; etwas später der Großmeister ~Johann Lastik~, welcher die Zahl der neuen Festungswerke noch vermehrte, so daß das Heer des ägyptischen Sultans, welches im Jahr 1444 die Stadt belagerte, nach 42tägigen vergeblichen Anstrengungen wieder abziehen mußte. Es war dieß nur das erste, schwache Donnern jenes furchtbaren Ungewitters gewesen, welches bald nachher dem Ruhesitz der Ritter sich nahen sollte, denn schon am 4ten December 1479 zeigte sich das drohende Gewölk, als der türkische Admiral ~Mesih Pascha~ eine Schaar seiner Krieger ans Land setzte. Der Sieg des Großpriors von Brandenburg: ~Rudolph von Walenberg~ über diese Haufen bewirkte nur einen kurzen Aufschub des Kampfes; am 23ten Mai 1480 erschien 100 Segel stark die Flotte des Eroberers von Constantinopel, des Besiegers der Städte, Inseln und Völkerheere: Mohammeds +II.+ vor Rhodus, und jene mordlustigen Schaaren, die sie ans Land setzte, schlugen bald nachher dort am Fuß des Berges von St. Stephan, im Westen der Stadt, ihr Lager auf. Wäre innerhalb diesen Mauern nicht ein andrer Muth und Sinn wach gewesen als der, welcher das türkische Heer belebte, so würde die Stadt bald von den meisten ihrer Bewohner und Vertheidiger verlassen gewesen seyn, welche die Furcht vor dem nahenden Tode hinaus getrieben hätte ins Gebirge oder auf die unsichern Schiffe. Denn dies war ja dasselbe Volk der Feinde, das schon ein Jahr vorher (am 11. August 1479) Otranto, die feste Schutzwehr Apuliens eingenommen, die Heiligthümer entweiht, die unschuldigen Kinder an der Wand zerschmettert, den Befehlshaber und Bischof zersägt, mehr denn die Hälfte der Einwohner ermordet, die andern zu längeren Martern und allerhand Gräueln aufgespart hatte. Und mit sich führten sie mehrere jener Tod und Verwüstung bringenden künstlichen Vulkane, mehrere jener riesenhaften Geschütze, welche die Mauern des mächtigen Byzanz darniedergestürzt hatten. Bald mußte der feste Thurm von St. Niklas die Macht der türkischen Kanonen erfahren, derselbe war mit dreihundert Schüssen von der Landseite her in Bresche gelegt, dennoch konnte der Feind selbst bei dem gewaltigen Sturm am 19ten Juny das halb zerbrochene Werk nicht nehmen, weil der Muth seiner Vertheidiger noch ungebrochen war. Auch auf die Mauern der Stadt, in der Gegend des Judenquartiers donnerten die großen Kanonen mit so entsetzlicher Kraft, daß man das Getös hundert Miglien weit nordwestlich, bis nach Cos, und eben so weit östlich bis nach Castelrosso vernahm. Endlich war die feste Mauer der Gewalt erlegen und obgleich die Belagerten jenseits der äußern Mauer eine zweite, innere aufgeführt hatten, an deren Bau Greise wie Kinder, Wittwen wie Jungfrauen Hand anlegten, so schien dennoch die Einnahme der Stadt fast unvermeidlich, als am 28ten Juny dritthalbtausend Feinde in die Bresche eindrangen und hinter ihnen das ganze türkische Heer nachdringend sich bewegte. Die Stürmenden hatten schon die Stricke bei sich, womit sie die Knaben und Mädchen der Stadt zu binden, Säcke, worein sie den Raub zu fassen, achttausend Pfähle, woran sie die Ritter und andern Bewaffneten der Stadt lebendig zu spießen gedachten, denn im Rathe ihres Heerführers wie des Sultans war das Loos der Stadt in derselben Art beschlossen, wie jenes der andern, von Mahommed eroberten Städte gewesen. Aber sie hatten ihren Rath beschlossen und es ward nichts daraus; der Arm der Helden im Innern der Mauer war, so gering auch ihre Zahl, dennoch den Feinden zu schwer und selbst der Geiz des Heerführers, der die schon gegebene Erlaubniß des Plünderns noch jetzt, wo er die Stadt schon für gewonnen hielt, zurücknahm, ward für ihn und die Seinen ein Strick, der besser band als die Stricke, welche die Türken für ihre vermeintlich künftigen Gefangnen bei sich trugen. Vierthalbtausend Erschlagene lagen in der Bresche, da stund der Feind von seinem Stürmen ab und sein Muth war von nun an mehr denn die Mauer, die er beschossen, darniedergeschlagen, denn hiermit war die Bedrängniß der Stadt geendigt; die Feinde ließen ab von der Belagerung, welche neuntausend der Ihrigen das Leben gekostet, funfzehntausend aber durch mehr oder minder schwere Verwundung zum weitern Kampfe unfähig gemacht hatte. Statt der Schätze und Güter der Stadt, nach denen dieses Räubervolk so lüstern gewesen, schleppte es nun den Reichthum des armen Landmannes, seine Heerden und Kinder mit sich fort zur Schlachtbank und Sklaverei und noch lange Zeit nach dem Abzug der Türken, nachdem schon alle Leichname der von ihnen Gemordeten begraben waren, bezeugten die zerstörten Dörfer und Hütten die schwere Schuld des Mörders, welcher seinen ungerechten Grimm an den Armen und Wehrlosen ausgelassen hatte. Noch etwas länger als ein Menschenalter ward jetzt dem Orden zu seinem Haushalt auf Rhodus Frist gegeben. Hätte er nur diese letzte Zeit vor Abschluß der Rechnung nicht durch solche Handlungen entehrt, wie die des gebrochenen Wortes und der Verletzung des Gastrechtes an dem Bruder Bajasids +II.+: dem unglücklichen Prinzen ~Dschem~, oder träfe wenigstens diese Schuld so wie das ganze Gewicht der letzten Seufzer des zuletzt in Italien durch Gift getödteten Prinzen nicht gerade jenen Großmeister d'Aubüsson, welcher als Kämpfer für die Mauern der Stadt bei der Belagerung des Jahres 1480 so große Errettung erfahren[151]. Doch über Rhodus kamen bald die Zeiten noch schwererer Kämpfe, zugleich aber auch der besseren Thaten als die zuletzt erwähnten es waren, als im Jahr 1522 die letzte Stunde der Herrschaft der Ritter auf dieser Insel schlug. Damals war Großmeister des Ordens der greise ~Villiers de l'Isle Adams~; als Führer eines Heeres von 100,000 Mann, das sich zu Lande der gegenüberliegenden Küste nahte, war ~Suleiman der Große~ selber zum Kampf herbei gezogen, während sich zugleich die türkische, mit andren Heerhaufen bemannte Flotte, dreihundert Segel stark der Insel nahete. Zwei Festtage waren es, die den christlichen Bewohnern der Insel sonst die Tage der größesten Freude und Verherrlichung gewesen, welche diesmal zu Tagen des größesten Jammers und Elendes wurden: der Tag Johannis des Täufers, des Schutzpatrons des Ordens der Johanniterritter und der Tag des heiligen Weihnachtsfestes; denn am 24ten Juny hatte der Schwarm der Feinde zuerst gelandet und seine verheerende Wuth an der Umgegend von Favez ausgelassen; am 25ten December ward das moslimitische Gebet von dem Thurm der St. Johanniskirche ausgerufen und von den Zinnen des eroberten St. Niklasthurmes ertönte die türkische Musik. Die Ereignisse jener sechs Monate, welche zwischen den beiden Festtagen innen lagen, werfen gleich einer Gluthsäule, die bei Nacht von einer verbrennenden Stadt aufsteigt, einen blutrothen Schimmer auf die Bücher der Geschichte der vor Alters so »seelig« (in ihrem Beinamen Makaria) gepriesenen Insel. Dort auf dem Hügel St. Cosmas und Damians schlug Suleiman, als er am 28ten July unter dem Donner von mehr denn hundert türkischen Canonen gelandet, sein Zelt auf; hier an der Nordseite der Stadt, bei dem nahe am damals sogenannten Siegerthor gelegenen Bollwerk der Deutschen, an deren Spitze ~Christoph von Waldner~ aus Pludenz kämpfte, geschahe am 1ten August der erste, wüthende Angriff der Türken. Wie mächtig die Geschütze des Feindes auf die Mauern trafen, das bezeugen noch jetzt einige Reste der riesenhaften, steinernen Kugeln, welche jene schleuderten, denn diese Kugeln maßen 6 bis 10, etliche sogar 11 Spannen im Umfange[152]. Dennoch widerstund die alte, feste Mauer bis zum Ende des August dem furchtbaren Anlauf der feindlichen Kräfte; erst am 4ten September öffnete eine Mine, dort an der Ostseite der Stadt, dem Sturme den Zugang, da wo das Bollwerk der Engländer war. An dieser Stelle sind die größten Heldenthaten jener Tage geschehen, denn hier ward dreimal der schon eingedrungene, übermächtige Feind durch das Schwert der Ritter zurückgeworfen, und Tausende der Seinigen erschlagen, die Fahnen, welche derselbe schon auf den Wällen aufgepflanzt hatte, von den christlichen Kämpfern (eine von dem deutschen Waldner) erobert. Hier war es auch, wo jene heldenmüthige Griechin, die Geliebte eines Feldobersten, den blutigen Mantel ihres vom Feind erschlagenen Freundes um sich legend, und sein Schwert erfassend, sich kämpfend unter die dichtesten Schaaren der Türken warf und den Heldentod errang, als am 24ten September das ganze Heer der Feinde von der Nord- und Ost- und Südseite zugleich die hart bedrängte Stadt bestürmte. Noch trug »die Rose« (Rhodos), die der Räuber brechen wollte, ihre Stacheln und verwundete die Hand, die nach ihr sich ausstreckte, so hart, daß fünfzehntausend Türken dem damaligen Kampf mit den Schwertern und Geschützen der christlichen Helden unterlagen. Doch so wenig Erfolg auch die oft wiederholten Stürme des Feindes, durch welche dieser im October und November die Stadt bedrohete, für den Fortgang seiner Waffen hatten, so mußte dennoch der hohe Sinn der Vertheidiger zuletzt in das unvermeidliche und unabwendbare Loos der Unterwerfung sich ergeben. Denn obgleich der Feind bei den Stürmen und Angriffen der Stadt während der ganzen Zeit der Belagerung 64,000 Mann und gegen 40,000 durch Krankheiten verloren hatte, waren dennoch seine Streitkräfte jenen der Belagerten noch immer ungeheuer überlegen, weil diese gleich anfangs nur aus einem Häuflein von 600 Rittern und 5000 Reisigen bestunden, denen freilich die Bewohner der Stadt von jedem Alter und Geschlecht nach Kräften beistunden. Die Uebergabe, von welcher noch immer mehrere der Ritter nichts wissen wollten, wurde zuletzt durch den Mangel an Pulver beschleunigt und am 20ten December 1480 auf die Zusicherung eines freien Abzuges der Belagerten nach zwölf Tagen festgesetzt; zugleich hatte Suleiman den Bürgern versprochen, daß sein Heer bis auf die Entfernung einer Meile von der Stadt sich zurückziehen sollte. Aber dieses Versprechen blieb unerfüllt, denn schon nach fünf Tagen (am 25ten December), als Ferhad Pascha 15,000 Janitscharen von der persischen Gränze herbeigeführt hatte, welche allerdings nicht zu jenem Heere der bisherigen Belagerer gehört hatten, deren Zurückziehen von der Stadt verheißen war, rückten die Janitscharen, blos mit Stöcken und Bündeln in der Hand heran, erbrachen das cosquinische Thor und erfüllten alle Gassen und Häuser der Stadt mit dem Jammer ihrer Gräuelthaten; die Kirchen mit den Ausbrüchen ihrer feindseligen Wuth. Daß es bei dieser Einnahme von Rhodus nicht ganz zum Aeußersten kam, daß der alles verheerende und vernichtende Strom seine Dämme nicht durchriß und über die Stadt und alle ihre Bewohner sich ausgoß, das hinderte Suleimans Menschlichkeit, die sich auch hierbei in mehreren denkwürdigen Zügen bezeugte. Denn als am 26ten December der Großmeister, mit einem Kaftan bekleidet, ihm vorgestellt wurde, tröstete ihn der Sultan mit der Erinnerung, daß es das öftere Loos der Hochgestellten sey, von dieser Höhe herabzufallen; besuchte nochmals, freundlich zusprechend, in Gesellschaft nur eines Sklaven und des Achmed-Pascha, den Greis, im Speisesaal der Ritter und da am ersten Tage des Jahres 1523 der Großmeister, vor seiner Abfahrt von der Insel, noch einmal seinen Besieger begrüßte, sagte Suleiman zu einem seiner Vertrauten: »mir thut es leid, daß ich diesen Greis von Haus und Hof vertrieben«[153]. Wir hatten über dem Rückblick in die Vergangenheit der schönen, alten Stadt, fast die Beachtung ihrer Gegenwart vergessen. Doch diese ist so eindringend lieblich, daß sie bald das Aufmerken wieder auf sich lenkt; wie ein schönes Kind, das einem nachsinnenden Alten so lange am Gewand zieht und anregt, bis er endlich sein Auge zu ihm hinabwendet, stund der Frühling von Rhodos neben uns auf dem aus der Fülle des neulich geflossenen Regens wieder belebten, grünenden Hügel und legte, spielend mit Farben und mannigfachen Gestalten, seine lieblichen Blumen zu unsern Füßen. Es blühten da die frühen Ranunkeln und Muskari-Hyazinthen des Südens; von den Schaaren der seit Kurzem angekommenen Wandervögel des Nordens schienen Manche, des Weiterziehens vergessend, auf den Hügeln wie an der Küste die Stätte ihres Winteraufenthaltes zu suchen; das vaterländische Rothkehlchen und die Bachstelze zwitscherten im Gebüsch und am Felsen. Quarantänepflichtig wie wir auch waren, führte uns dennoch Herr Wilkinson in sein Haus und bei seiner Familie ein. Die Gemahlin, eine schöne Griechin, bewirthete uns mit Kaffee, den wir, an der entgegengesetzten Seite des Saales sitzend, genoßen, während die andern nicht in der Quarantäne begriffenen Gäste und Bewohner des Hauses in der Nähe der Wirthin ihren Sitz nahmen. Von hier gingen wir in Begleitung des Herrn Giulianich in die +Locanda della Luna+, deren Inhaber, Pietro Petrowisch, einer der gefälligsten Gastwirthe die ich auf dieser Reise gefunden, uns sogleich einen kleinen Salon einräumte, zu welchem man auf einer Treppe hinansteigt. Diese für jeden Reisenden, der nicht zu hohe Ansprüche macht, sehr empfehlenswerte Locanda, liegt, eben so wie die Wohnungen der sämmtlichen Consuln auswärtiger Nationen, in jener Vorstadt, in welcher die meisten christlichen Ein- und Anwohner von Rhodus sich aufhalten; denn in der Stadt selber darf, seit der Eroberung derselben durch die Türken, kein Christ wohnen; nur den Juden ist es verstattet innerhalb der Mauern ihr Obdach zu haben. Es that uns ganz besonders wohl, einmal wieder an einem still und feststehenden Tische und zwar aufrecht auf Stühlen zu sitzen, und wenn auch die Küche unsres Wirthes nicht an sich selber sehr gut bedient, der Wein vortrefflich gewesen wäre, so würde schon die von der Seekrankheit sehr geschärfte Eßlust und der herrliche, frühlingsartige Tag der zu den geöffneten Fenstern hereinblickte, über diesen Mittagstisch einen ungewöhnlichen Reiz ergossen haben. Auch der Nachmittag vergieng uns in der Familie des griechischen Herrn Consuls, bei welchem wir abermals mit Kaffee bewirthet wurden, sehr angenehm. Der Sohn des Hauses spricht mehrere Sprachen, unter andern auch mit ziemlicher Geläufigkeit das Deutsche. Sehr erquickt und gestärkt an Seele und Leib kehrten wir am Abend auf unser Schiff zurück, das nun schon mit allen Bequemlichkeiten und Genüssen versorgt war, die uns die Nähe des Landes darbot; selbst wieder mit Milch zum Thee. Dienstags den 22ten November hatten wir kaum das Land betreten und unter den Bäumen, jenseits des Galeerenhafens, uns ein wenig ergangen, als wir erfuhren, daß die Angelegenheit unsres Capitäns wegen baldiger Aufhebung der Quarantäne so günstig und glücklich beendigt sey, daß wir schon heute, und nun nicht mehr bloß wir, sondern mit uns zugleich alle unsre türkischen Reisegefährten derselben entlassen werden sollten. Wir waren, in Begleitung der Herrn Consuln, zu der Gasse hingegangen, die an den alten Hafen gränzt, da brachte ein Janitschar des Aga, begleitet von einem Oberaufseher der Quarantäne, den Befreiungs- und Erlösungsbrief aus dem Gewahrsam der Sanitätswache. Uns war diese Gefangenschaft freilich durch die Güte der Herrn Consuln sehr erleichtert worden, dennoch gewährte es uns eine Art von Festfreude, als uns jetzt die Freunde, die sich bisher so fern von uns gehalten, unsre Berührung so sorgfältig vermieden hatten, die Hand reichten, uns umarmten und zur Beendigung der Quarantäne Glück wünschten. Alsbald ward das Zeichen hinüber nach dem Schiffe gegeben; die Quarantäneflagge ward abgenommen; das große Boot füllte sich mit Türken und von der Stadt aus stießen mehrere türkische Boote ab, um die Ueberfahrt der Landsleute zu beschleunigen. Ehe eine halbe Stunde vergieng, waren alle Kaffeehäuser und Hallen am Hafen mit unsern Tabak rauchenden und Kaffee schlürfenden Hadschi's erfüllt, welche die Ruhe auf dem Schiffe nun mit der Ruhe am Festlande vertauschten, denn sie saßen hier den größten Theil des Tages eben so unbeweglich still auf ihren unterschlagenen Beinen, als sie dieß am Bord gethan hatten. Wir Andern, fern im Lande des Abends geboren, des Abends, dessen wachsende Schatten ohne Aufhören an das Nahen der Nacht erinnern und zur Beschleunigung der Schritte treiben, mochten nichts vom Stillsitzen wissen, sondern beschloßen sogleich von der empfangenen Freiheit Gebrauch zu machen und nun erst recht ungehemmt das schöne Rhodus zu beschauen. Hatten doch ohnehin unsre beiden Begleiterinnen noch nicht einmal die Ritterstraße und die andren Denkwürdigkeiten der Stadt gesehen, welche wir gleich am ersten Nachmittag betrachteten. Wir giengen heute nicht mehr durch die Nebenpforte der St. Elmoburg, sondern, denn nun war das Alles erlaubt, durch das volkreiche Hauptthor am Hafen. Wahrscheinlich hier sahe noch ~Thevenot~ im Jahr 1653 den riesenhaften Kopf jenes sogenannten Drachen aufgehängt, welchen der schon oben genannte provenzalische Ritter ~Deodat de Gozon~ mit tapfrer Hand erlegte. Er beschreibt jenen Kopf, als von platter Form, größer und dicker als den eines Pferdes, der Rachen war bis an die Gegend der Ohren geöffnet, mit furchtbar starken Zähnen bewaffnet; die Augen größer als die eines Rosses, die Nasenlöcher rund; die Haut von graulich weißer Farbe[154]. Dieses alte, augenfällige Denkzeichen an die That des Ritters ist nun freilich schon längst, bis auf jede Spur von dem Thore verschwunden, doch lebt die Erinnerung an »den Kampf mit dem Drachen« auf schönere Weise im wohlbekannten Liede fort, als in einer abgebleichten, thierischen Haut, und nun ist es ein andres, schöneres Thor als das des zinnenreichen Rhodos, es ist Walhallas Thor, an welchem der deutsche Jüngling, in Schillers Ballade das Bild der herrlichen Heldenthat erblickt. Wir zogen jetzt wieder hinauf durch die stille, menschenleere Straße der Ritter, und betrachteten die vielen, in Stein gehauenen Wappen. Wenn auch dort, die verödeten Hallen des Pallastes und des Rittersaales auf schmerzliche Weise von Krieg und Zwietracht der Völker zeugen, so redet dagegen diese Straße in der stummen Zeichensprache ihrer Wappen, in denen die Edlen aller christlichen Reiche und Länder Europas zusammengestellt erscheinen, von einer Eintracht und einem Frieden, welchen der Glaube und die Kraft des Geistes geben, und welche einmal künftig, wenn der Keim der im Senfkörnlein lag, nach seinem ganzen Maaß sich entfaltet hat, nicht über eine, sondern über viele Inseln und Länder und Meere ihren Schatten breiten werden. Bei der vormaligen Allerheiligen Kirche und jetzigen Moschee schrie mich ein kleines, muthiges Türkenknäblein zornig blickend und schimpfend an, zog zugleich seinen hölzernen Säbel drohend, als wollte es auf mich einhauen; ich streichelte ihm lächlend seine rothen Backen und es steckte, wie erschrocken, die kleine, harmlose Waffe in ihre Scheide. Desto unversöhnlicher schien der Grimm zu seyn, mit welchem uns ein Imam, aus der verschlossenen Thüre hervortretend, anblickte, als einer unsrer Begleiter, ohne seinen Willen, an den metallenen Zierrathen des Thürschlosses ein etwas lautes Geräusch verursacht hatte. Zwar, als er die begleitenden Consuln und Janitscharen sahe, sprach er seinen fanatischen Unmuth nur in halblauten Scheltworten aus, seine Augen und Mienen ließen aber gar wohl errathen, wie gern er zum Worte die Thaten des Zornes gesellt hätte. Friedlicher dagegen gieng heute der Handel und Verkehr im großen Bazar von statten. Wir durften nun selber an die Buden und ins Innre der Kaufmannsläden hineintreten; die Waaren mit der Hand berühren und auswählen. Als Unterhändler und Dolmetscher drang sich uns hierbei ein in rothen Kaftan gekleideter Jude auf, der auch für Herrn Giulianich die auswärtigen Geschäfte des Hauses besorgt und dieser Freund Rothmantel begleitete uns von heute an, wo wir der Quarantäne entlassen bald da bald dorthin zogen, auf jedem unsrer Schritte, mischte sich in alle unsre Händel und Geschäfte. Doctor Roth fand in einem der Kaufmannsläden zu seiner großen Freude mehrere Waaren aus seiner Geburtsstadt Nürnberg, mit den Namenszeichen der Verfertiger und Fabriken versehen: der Merkwürdigkeit wegen wurden einige dieser weit gewanderten Sachen gekauft. Auch etliche unsrer türkischen Hadschi's hatte die Eßlust von ihren Ruhesitzen in den Hallen und Kaffeehäusern am Hafen hinweg, hieher nach dem Bazar gezogen, wo sie reichlich mit frischem Brod und Zwiebeln sich versahen. Erst heute lernten wir die noch immer ansehnliche Stadt recht kennen. In einer der Hauptstraßen sahen wir außer dem vormaligen, erzbischöflichen Pallast noch viele, nun in Schmuz und Verödung liegende, ansehnliche Gebäude; hie und da ein alterthümlich prachtvolles Gesimse, von Tauben bewohnt; Marmortafeln, mit Spuren der ehemaligen, halberhabenen Zierrathen, zur Thürschwelle gebraucht. Dennoch aber, ohngeachtet dieser kleinen, einzelnen Züge der allmälig vorschreitenden Auflösung, erscheint das ritterliche Rhodus wie ein auf der Todtenbahre liegender Held, der in der Blüthe seiner Jahre, ohne vorangegangene Krankheit plötzlich den Tod des Schlachtfeldes starb und dessen Leichnam noch unentstellt den Ausdruck der männlichen Stärke und Schönheit sich erhielt. Einen besonders imposanten Eindruck aufs Auge macht der Anblick der hohen Mauern und Gräben der Stadt von der Westseite derselben, und zugleich ist auch hier die Aussicht nach den benachbarten Anhöhen von St. Stephan und hinabwärts nach der Küste ungemein reich und ergötzlich. Dort, in einer der Felsenhöhlen soll der »Drache« seinen Aufenthalt gehabt haben; an dem Thore der Landseite, zu welchem wir da herauskamen, war auch, nach Thevenots Bericht, zuerst der Kopf des Ungeheuers aufgehängt gewesen, ehe die Türken ihn zu dem Thor am Hafen hinbrachten. Aber durch eben dieses Thor, das den Sieg der ritterlichen Tapferkeit bezeugte, drang dann später ein furchtbareres Ungeheuer hinein in die Stadt, als jenes gewesen, das der edle Provenzale erschlug; hier zog zuerst das wüthende Heer der Türken ein, und verwandelte den Wohnsitz der Ritter selber in eine Höhle des Lindwurms. Ganz besonders schön und reich bewachsen zeigt sich die Umgegend der Stadt nach der nördlichen Seite hin. Hier erhebt sich der Hügel »~Sünbülli~« das heißt der hyazinthenreiche, beschattet von hohen Zypressen, deren röthliches, duftendes Holz mit unter dem Namen des Rhodusholzes begriffen und geachtet ist. Vormals stund da im Schirm der hohen Bäume eine Kirche der Christen »Liebeinsam« genannt, in welcher ein Gnadenbild verehrt ward. In den letzt verflossenen Zeiten bewohnte hier der englische Seeheld ~Sir Sidney Smith~ ein Landhaus, welches, wenn auch nicht durch die Pracht seiner Bauart oder Bequemlichkeit der Einrichtung, doch durch den Liebreiz seiner Umgebung mit den hochgepriesensten Landhäusern der Erde wetteifern konnte. -- Der jüngere Herr Giulianich erzählte uns von einer Pflanze, welche hier und an vielen andern Stellen der Insel wachsen soll und welcher die Eingebornen ganz besondre Heilkräfte gegen die Folgen des Schlangenbisses zuschreiben. Jetzt im November konnte unser Freund weder das längst verblühte Gewächs auffinden, noch bekamen wir eine jener Schlangen zu sehen, die sich im Sommer noch immer in Menge auf dieser Insel zeigen sollen, welche eben deshalb schon bei den Alten den Beinamen der schlangenreichen (Ophiussa) erhielt, ja deren Namen Rhodus eben so im Phönizischen die Bedeutung der Schlange, denn im Griechischen der Rose hat. Uebrigens fanden wir an diesem Tage als einen freilich nur sehr kleinen Bruchtheil der in andren Jahreszeiten so überreichen Flora von Rhodus noch oder von neuem blühend den ächten Jasmin (+Jasminum officinale+), das jonische Cyclamen (+Cyclamen Coum+); in einem Garten das wohlriechende Veilchen (auf türkisch Menekschieh), die buchtig blättrige Statice (+Statice sinuata+), die italienische Anchuse (+Anchusa italica+). Mit der römischen Hyazinthe (+Hyacinthus romanus+) zugleich blühete die lieblich duftende Tazette (+Narcissus Tacetta+); mit einem unserem vaterländischen wurzelknolligen (+Ranunculus bulbosus+) wenigstens sehr nahe verwandten auch der röthlich blüthige carische Ranunkel (+Ranunculus asiaticus+) und die balearische Waldrebe (+Clematis balearica+). Von den zahlreichen aromatischen Gewächsen der 14ten Linnéischen Klasse, deren Blätter und Stengel an vielen Stellen gesehen wurden, fanden wir nur noch blühend die kopfständige Saturei (+Satureja capitata+, auf türkisch Jaban Zibarik) und in Gärten das Basilienkraut so wie den Majoran (+Ocymum basilicum+ und +Origanum officinale+); aus einer andern Familie jener Klasse das Löwenmaul (+Antirrhinum cymbalaria+). Von mehreren hiesigen Levcojen-Arten blühete noch der +Cheiranthus tricuspidatus+, von Bohnenarten der +Phaseolus Caracalla+, von zusammengesetzt blüthigen die +Centaurea moschata+, die +Artemisia crithmifolia+ und das +Gnaphalium stoechas+. Von der kleinen Thierwelt, die sonst an diesen Gewächsen oder in ihrem Schatten lebt, fanden wir außer mehreren noch unbestimmten Arten der Schnecken den zierlichen braunstreifigen +Bulimus fasciatus+ so wie den +Bulimus decollatus+, +Helix pellita+ und +carascalensis+; von Käfern fast nur den +Ateuchus variolosus+. Wenn aber auch in diesem Gebiet für den Naturfreund und Sammler nur wenig zu forschen und zu gewinnen war, so gab für ihn gerade diese Jahreszeit der Insel ein besondres Interesse jene Menge der wandernden Vögel, die nun alltäglich aus Norden ankam. Freilich findet unter diesen gerade der Nordländer wenig oder keine neue Bekannten; die Schnepfen, welche in den letzten Tagen des Novembers und Anfang Decembers Rhodus so häufig besuchen, daß dann jeder Hauswirth seinen Tisch oft und reichlich damit versorgen kann, haben mehr für den Jagdliebhaber als für den Naturforscher Interesse; dennoch freut sich dieser der Gelegenheit, die Zeiten und die Richtung jener Wanderungen zu beachten, deren Geschichte zu den höheren, bedeutungsvolleren Geheimlehren der Natur gehören. Ueberdieß bleibt dem Vorüberwandernden auch in solcher Zeit des Jahres der Reichthum der Meeresküste: jene Mannichfaltigkeit der Geschiebe der Felsarten, die selbst für das unkundige Auge der Türken durch ihre Buntfarbigkeit etwas so Anziehendes hat, daß man die Steine von Rhodus bis nach Smyrna und Constantinopel führt um sie in Häusern, Höfen und Gärten der Harems zur Fertigung eines farbigen Mosaikgrundes zu benutzen. Die rothe Farbe der Steine kommt von Jaspis wie von Feldspath; neben der rothen erscheint die grüne Farbe des Serpentins und der grünsteinartigen Geschiebe, in jenen nicht selten der bronzefarbige Schillerstein, anderwärts zeigt sich das silberfarbige Weiß des Glimmers, das Rabenschwarz der Hornblende. Im Ganzen wird, auf eine beachtenswerthe Weise zwischen den Geschieben, die wir hier an der Küste von Rhodos und jenen, die wir etwas später an einigen Stellen des ägyptischen Ufers, noch mehr aber an der Küste von Cypern fanden, eine sehr große Aehnlichkeit und innre Uebereinstimmung bemerkt. Wir brachten einen sehr vergnügten Mittag im Hause und an dem gastlichen Familientische des Herrn Giulianich zu. Hier waren wir ja ganz unter Landsleuten, denn Herr Giulianich selber stammt aus Triest, seine Gemahlin aus Gräz in Steiermark; unter den Kindern spricht vornämlich der Sohn sehr fertig deutsch. Heute so wie schon am gestrigen Tage ward in Ueberlegung gezogen, ob wir auch für die weitere Reise nach Alexandria in unsrem voll Türken gepfropften Schiffe bleiben, oder mit einem andren fahren sollten, dessen Hauptladung Holz war, mit welchem aber zugleich auch ein hiesiger Arzt und seine Familie die Reise machen wollte. Die Wagschale der Ueberlegung neigte sich dennoch zu Gunsten unsres Türkenschiffes, denn dieses war uns mit all seinen Vorzügen und Mängeln bekannt und war überdieß sogleich, sobald der Wind sich günstig machte, zur Abfahrt bereit; das andre hätte uns durch sein längeres Verzögern gar leicht der Gefahr jener größeren Stürme und widrigen Winde aussetzen können, welche im Winter nicht selten die Schiffe Wochen, ja Monate lang in Rhodos und seiner Umgegend zurückhalten. Am Nachmittag besahen wir noch die Kirche der Franziskaner, in welcher ein Madonnenbild auf Marmor gemalt gezeigt wird, das ein Werk des letzten Großmeisters der Rhodiser Ritter: des Villiers de l'Isle Adam ist, welcher, wie der Augenschein lehrt, es nicht verschmähte, auch mit dem Pinsel den kindlich frommen Sinn zu bezeugen, der sich in derselben Hand so oft durch das Schwert als ein männlich starker kund gab. Wir kehrten fröhlich nach dem Hafen und nach unsrem Schiffe zurück. Die Gebirge der gegenübergelegenen Küste hatten sich mit dichten Wolken umhüllt, der Horizont in Westen war getrübt, in den Wipfeln der Zypressen und Platanen rauschte ein starker Wind; das Innre aber der Pilgrime und Fremdlinge, da sie jetzt wieder hinabstiegen zur kleinen bretternen Kammer, war durch nichts getrübt und durch keine Stürme bewegt. Einige Stunden lang mochte der ruhige Schlaf in dem freilich schon heftig schwankenden Schiffe gedauert haben, da weckte uns das laute Heulen des Sturmes, das Rauschen und Anschlagen der Wellen an das Fahrzeug, das Tosen der Brandung am Felsen. Der äußere Hafen von Rhodus gewährt freilich den hier vor Anker liegenden Schiffen Rettung und Sicherheit vor dem Untergang, das heftige Schwanken derselben aber durch die Gewalt der Stürme kann er mit seiner meist niederen Umgebung nicht verhindern. Wir stunden schon beim Grauen des Morgens auf dem Verdeck, um bald möglichst ans Land zu gehen. Das große Boot ward zur Ueberfahrt bereitet, aber die Wellen warfen es bald hoch hinauf in die Nähe des Schiffsbordes, bald glitt es wieder hinab in die neu sich öffnende Tiefe, näherte sich jetzt dem Schiffe so weit, daß nur mit Mühe das Zusammenstoßen vermieden werden konnte und fuhr dann weit von ihm hinweg. So schwer war den beiden Reisegefährtinnen das Aussteigen aus unsrem Haus der Gewässer noch nie geworden und dennoch begehrten sie so sehnlich aus dem unter ihren Füßen schwankenden in ein still und fest stehendes Haus zu kommen. Als ein besonders günstiger Umstand erschien es uns, daß der Sturm nicht gestern, sondern erst heute kam, denn gestern, wo wir der Sanitätsobhut noch nicht entlassen waren, hätten wir, wenn dies anders bei solchem Sturme möglich, den weiten Umweg um den St. Niklasthurm hinum nach dem Quarantänebezirk nehmen müssen; heute durften wir gerade über den Hafen hinüber nach dem nahen Damm unmittelbar beim Stadtthor fahren. So nahe aber auch dieser Weg der Ueberfahrt war, reichte er dennoch hin, um uns sattsam in das Spritzbad des Meeresschaumes einzutauchen, denn die Wogen zerstäubten sich dort am Felsen weit hin vom Boote und der Sturm warf den flüssigen Staub wie Regengüsse über uns her; wir kamen gründlich durchnäßt am Lande an. Das angenehme Gefühl jedoch, dem wir uns hier, auf sicherem Boden stehend überließen, während wir unser gutes Schiff drüben im Wasser so taumeln und schwanken sahen, das läßt sich für Einen, der es noch nicht selbst erfahren, kaum beschreiben. Dazu kam noch, am einsamen Felsenufer bei und jenseits der St. Elmoburg der wahrhaft erhebende Hinausblick auf das vom Sturm bewegte Meer; ein Schauspiel der Elemente, das ich bis dahin in solcher Großartigkeit noch nie gesehen hatte. Der Himmel war fast ganz mit schweren dichten Wetterwolken bedeckt, nur aus Osten fuhr, wie ein drohend gezucktes Schwert ein Streifen des dunkelroth glühenden Morgenrothes empor, der bald wieder verschwand; ein oder etliche Male blickte die Sonne, blickte Apollo der Hirt, mit gelblich falbem Scheine auf die Wogen herunter, welche wie eine Heerde, die von Furcht und Entsetzen ergriffen nicht mehr auf die Stimme des Hirtens achtet, in wilder Eile dahin fuhren; die Blätter der hohen Platanen wurden vom Sturme weithin über Land und Meer gestreut. Die Stimme der Schrecken, welche die Natur in solchen Augenblicken vernehmen lässet, tönet zwar lauter als die ihrer Lieblichkeiten, es wird aber in jenen wie in diesen dasselbe harmonisch lautende Lied der Schöpfung vernommen. Die Gewitterwolken zogen sich immer dichter und drohender zusammen, wir wußten aus mehrmaliger Erfahrung, mit welcher überströmenden Kraft sie in dieser Gegend und in dieser Jahreszeit sich entladen, daher eilten wir an der Grabstätte des türkischen Marabus vorüber nach unsrer +Locanda della Luna+, wo uns bald das kleine, abgesondert stehende Häuslein, das sich über die Mauer des Hofes erhebt und welches mich oft durch seine Bauart an die Nachthütte im Kürbisgarten erinnerte, unter sein Dach aufnahm. Fenster gab es da nicht, sondern bloß hölzerne Läden, welche heute, beim herannahenden Gewitter verschlossen bleiben mußten, das nöthige Licht fiel durch die geöffnete Thüre herein und beleuchtete da die einfache Geräthschaft des Häusleins: einen alten, hölzernen Tisch, zwei hölzerne Bänke und einen Stuhl. Wir hatten hinlängliches Licht, um uns einmal am lieben, festen Lande auf Pilgrimsweise durch Wort und Schrift zu erquicken, unter andern lasen wir heute ein tröstliches Wort von Einem, der uns leitet nach Seinem Rath, und hatten auch ein Gefühl von jener Freude, deren Die genießen, welche zu Ihm sich halten (Ps. 72. V. 24, 28.). Und dieses Gefühl, mit seiner stärkenden Kraft, kam uns heute gerade zur rechten Zeit, denn bald nach unsrem Einzug unter das stille Dach der »Nachthütte« brach nicht nur das Ungewitter mit furchtbaren Donnerschlägen und Blitzen und mit Hagelschauer aus, sondern, da das Gewitter ein wenig stiller geworden, kam der Sohn unsres wohlwollenden Herrn Consuls Giulianich, der uns die Nachricht brachte, daß im Quarantänehaus zu Alexandria die Pest ausgebrochen sey. So hatten sich zwei Sorgen statt einer, und beide waren, wie sich nachher zeigte, vergebliche, in unsre Gesellschaft eingedrängt: die eine, ob uns nicht vielleicht die jetzt mit Macht einbrechenden Winterstürme Wochen, ja Monate lang auf Rhodus zurückhalten und hierdurch unsern Reiseplan sehr verändern und verkürzen würden, die andre, daß wir abermals, auch wenn wir nach Alexandria gelangten, als Hausgenossen einziehen müßten bei der »Pestilenz die im Finstern schleichet, bei der Seuche die im Mittage verderbet.« Das dumpfe Toben des Meeres, welches das Liedlein der ersteren Sorge sang, hörte man, bis herein in unsre kleine Hütte, dazwischen aber vernahm die Seele auch ein andres Lied in höherem Tone, dessen Anfang lautete: »gieb dich zufrieden und sey stille.« Gegen Mittag hatte der Regen aufgehört, die lauten Donner schwiegen, nur die furchtsamen Lämmer und wilden Stiere des Meeres, die Wasserwogen, konnten noch nicht von dem Entsetzen sich los machen, das sie ergriffen, obgleich, wenn sie vor Furcht auch noch so hoch sprangen, nur hier eine Tiefe und dort eine andre Tiefe sich aufthat. Hassan, unser türkischer Freund aus Smyrna besuchte uns, und auch heute, wo wir mit ihm allein waren, vernahmen wir Aeußerungen von ihm, welche uns schließen ließen, daß in dem geistigen Reiche der Osmanen zwar noch die Wogen, jetzt einmal in Bewegung gesetzt, laut, gegen den Felsen brausen, der fest stehet, daß aber die Wetterwolken, aus denen der aufregende und bewegende Sturm kam, bereits anfiengen sich zu zertheilen und zu verziehen. Hassan äußerte auf seine Weise mehrmalen gegen uns, als Hoffnung seines Herzens, daß vielleicht schon in wenig Jahrzehenden die Moslimen in Sinn und Sitte den Franken (Christen) gar ähnlich und sehr nahe befreundet seyn würden; der Großherr selber mache zu der Annäherung einen guten Anfang. Namentlich schien ihm auch der Anblick unsrer christlichen Familienverhältnisse und das Benehmen unsrer Reisegefährtinnen das Vorurteil der Türken (wenn es anders wirklich noch in ihm war) benommen zu haben, daß in den Frauen keine solche, zum Wirken kräftige, verständige Seele sey, wie in den Männern. Hassan war heute unser Gast und nach einiger Zeit fand sich auch unser guter Capitän Angeli bei uns ein, den der sorgsame, wohlwollende Herr Giulianich hieher beschieden hatte, um ihn, in unsrer Gegenwart, das Versprechen abzunehmen, daß wir im Hafen zu Alexandria auf seinem Schiffe, nicht in dem jetzt verpesteten Siechhause die Quarantäne halten dürften. Rhodus war, nach der Sage des Alterthums, dem Sonnengott als einer seiner Lieblingssitze geheiligt, denn dort auf dem hohen Atabyriosberge sahe Phoebus die lieblich blühende »Rhodos,« die Tochter der Aphrodite und wählte sich die Jungfrau zur Braut und Gemalin[155]. Darum vergehet schon nach dem Ausspruch der Alten kaum ein Tag, an welchem nicht, wenn auch Wolken ihn verhüllten, die Sonne, aus dem Gewölk hervor, ihr Lieblingseiland wenigstens auf eine Stunde beleuchtete[156], der Himmel ist über diesem Gefilde der Rosen (und Schlangen) von einer so vorherrschenden Neigung zur Heiterkeit und zum Lachen, wie die Laune des ~Aristophanes~, welcher dieser Insel entstammt war. Auch die jetzigen Bewohner sagen, daß ein Tag, an welchem die Sonne nicht wenigstens eine oder etliche Stunden schiene, zu den großen Seltenheiten auf ihrer Insel gehöre. Eine dieser Seltenheiten glaubten wir heute erlebt zu haben, denn ein so geschwärzter Himmel, wie der des heutigen Vormittags war, schien so bald keine Aufheiterung zu versprechen. Und dennoch war der ganze Nachmittag so schön und heiter, die Sonne schien wieder so lieblich warm, wie in unsrem Vaterlande etwa an einem der letzten Tage des Aprils. Diese günstige Stimmung des Himmels zog uns bald wieder hinaus auf die Höhe des Hügels und ans Meer. Hatten doch selbst unsre Hadschi's den Ruhesitz der Kaffeehäuser verlassen und waren in Schaaren her zu der Grabstätte und Moschee ihres Heiligen gezogen, dem dieses Volk auch nach seinem Tode, wie vormals das heidnische Alterthum den auf Rhodos wohnenden Telchinen, eine magische Gewalt und Macht über Wind und Wetter zuschreibt, deren Verwendung zu Gunsten unsrer Schifffahrt, diese türkischen Reisegefährten durch Gebet und reichliche Gaben zu gewinnen suchten. Obgleich der eigentliche Sturm sich ganz gelegt hatte, war dennoch das Meer, selbst innerhalb des Hafens noch so unruhig, unser Schiff schwankte so gewaltig, daß wir uns entschlossen, heute dem Beispiel jener türkischen Hadschi's zu folgen und am Lande zu übernachten. Unsre jungen Reisegefährten fanden gastliche Aufnahme im Kloster der Franziskaner, wir, sammt unsrer Gefährtin, bei einem Freunde des Herrn Giulianich, und die Ruhe in einem unbewegt feststehenden, bequem eingerichteten Bette erschien uns so neu und unvergleichlich wohlthuend, daß wir ruhig schliefen bis an den hellen Morgen. Als wir am Donnerstag, den 24ten November, die Läden öffneten und bald nachher auch hinaustraten ins Freie, da zeigten sich uns die Hochgebirge der benachbarten kleinasiatischen Küste am Cap Balbi (Phönix) und an der Bucht von Marmaris (Loryma) mit dem Leichentuche des frisch gefallenen Schnees bedeckt. Das aber, was uns auf den Höhen als Trauergewand erschien, das war und ward für uns ein Anlaß und Anzeichen der Freude, denn siehe, eine der gestrigen Sorgen war über Nacht gehoben und vergangen, der Wind war uns endlich wieder einmal günstig geworden und ließ, durch sein kräftiges Wehen, einige Ausdauer erwarten. So bestättigt es, auch bei solchen minder bedeutend scheinenden Ereignissen, selbst die unmündige Natur, daß in ihr, wie in der Geschichte unsres Geschlechts, eine Mutterliebe walte, welche gern sich zu dem Schweigen und Erstarren des Todes herablässet, damit in ihren Kindern die Stimme und Lust des Lobes wie des Dankens erwachen könne. Unsre hiesigen landes- und meereskundigen Freunde, vor allen Herr Giulianich, der in seinen jüngeren Jahren selbst Seekapitän war, hatten uns gesagt, daß jener günstige Wind, den wir schon seit mehreren Tagen erwarteten und der nun endlich heute gekommen war, in dieser Jahreszeit und auf diesem Meere selten länger als drei Tage anhalte. Wenn man ihn jedoch gleich bei seinem Anheben benutze, dann sey diese Zeit gerade ausreichend, um mit ihm von Rhodus nach Alexandria zu seglen; wo nicht, so dürfe man oft lange warten, bis ein eben so kräftiger, günstiger Wind käme. Wir hatten dieses wohl zu Herzen gefaßt, und da uns keine Zeit zu verlieren war, suchten wir gleich am Morgen unsern Schiffskapitän auf, um ihn zur baldigen Abreise zu bestimmen. Wir fanden ihn, den wohlerfahrnen Mann, schon von selber unserm Wunsche entgegenkommend, denn er war eben im Begriff gewesen, uns bis gegen Mittag aufs Schiff zu bescheiden. Aber unsrer und des Capitäns Entschluß fand diesmal nicht den Beifall der Hadschi's. Diese, an deren Spitze der Unterkapitän stund, hätten gerne noch ihren morgenden Wochenfesttag (Freitag) auf dem Lande zugebracht und der Unterkapitän suchte auch mich mit in das Einverständniß zu ziehen. Wir aber blieben mit dem Capitän für die Beschleunigung der Abreise, und die Anwesenheit unsrer fränkischen Freunde legte ein solches Gewicht in die Wagschaale, daß der Unterkapitän keinen weitern Widerspruch wagte und auch die Hadschi's sich ruhig in den baldigen Abschied von den glückseligen Hallen der Kaffeehäuser fügten. Noch einmal kehrten wir dann zu unsrer Vorstadt zurück, genossen zum letzten Male die Aussicht bei den Zypressen des Hügels von »Liebeinsam« und da uns von da ein schnell vorüberziehender Regenguß verscheucht hatte, erquickten wir uns noch einmal an den Gütern unsrer Locanda. Der Abschied von unseren hiesigen wohlwollenden Freunden war ein dankbarer und herzlicher; mehrere von ihnen begleiteten uns zum Hafen, der Freund Rothmantel sogar aufs Schiff. Bald nach Mittag ward der Anker gelichtet und gegen 2 Uhr, war, mit einiger Anstrengung, weil gerade der heutige, unsrer Weiterfahrt im Ganzen so günstige Wind das Auslaufen hinderte, der Ausgang aus dem Hafen gewonnen. Die Seereise von Rhodus nach Alexandria. Das Geschrei unsrer Matrosen, ihr lautes »Kyrie eleison,« womit sie jede anstrengende Bewegung beim Aufwinden der Anker, beim Auf- und Niederziehen der Segel, beim Fortbugsiren des Schiffes aus dem Hafen hinaus zu begleiten pflegten, war verstummt, man hörte nur noch das Rauschen der Wogen, durch welche unser Schiff mit kräftig aufgeblähten Segeln hindurchschritt. Der Wind war Maëstral Tramontana (Nord-Nordwest) und wehte so frisch, daß man den Mantel vertragen konnte; der Himmel war klar und rein, nur am Gipfel des hohen Atabyrisberges, im Süden der Insel, hiengen einzelne Wolken. Doch dieser war ja schon den Alten, wie sein Name sagt, als ein Verhüllter bekannt; auf seinen Höhen stund ein Tempel des umhüllten Zeus des Gottes der über den Wolken thronet, auf uns aber schien die Sonne ungetrübt hernieder und das Gewölk der Sorgen hatte sich zerstreut, obgleich unsre Freunde in Rhodus uns darauf gefaßt gemacht hatten, daß, bei leicht möglicher Veränderung des Windes wir vielleicht nach Castelrosso und von da zurück nach Rhodus verschlagen werden könnten. Wir steuerten mehrere Stunden lang nahe an der Insel hin, deren Berge und Thäler wie Blätter der Rose, die das Sinnbild des lieblichen Eilandes war, vor unserm Auge sich ausbreiteten. In besondrer Schönheit zeigte sich uns die bergumsäumte Bucht und Felsenstätte des alten Lindos, der Geburtsstadt des Chares und manches andern großen Meisters in Erz und Stein. Das Werk des Erzes und Steines schien zwar dauernd und fest genug, wo wäre es aber, verwandelt vielleicht in die häßliche Schlauchform der Kanonen, oder in die Kochgeschirre der Türken und Beduinen, geblieben, hätte nicht das Wort, das beschreibende, welches unvergänglicher ist denn alles Erz und Felsengestein der Erde, seinen Nachhall erhalten. Denn von allem sichtbaren Werk und Wesen bleibet zuletzt doch nur das, und geht in die Ewigkeit hinüber, was mit den ewigen Kräften ~des Wortes~ sich überkleidet. Der Atabyris warf seinen Schatten weithin über die schöne Landschaft, wir waren bei dem südlichen Ende der großen Insel; nur noch ein kleines, niedriges Eiland, mit Bäumen bewachsen, zeigte sich neben uns, im Westen; die Sonne gieng uns schon im weiten, freien Meere unter. Das Auge, noch einmal auf die dunkelnden Höhen von Rhodus gerichtet, nahm Abschied vom Lande und vom Anblick der Berge, der uns, auf unsrer bisherigen Fahrt von Constantinopel nach Smyrna und von da durch das inselnreiche, aegeische Meer noch keinen Tag ganz verlassen hatte; denn auf der großen, breiten Fläche des Gewässers, die sich zwischen Rhodus und Alexandria ausdehnt, ist nun kein weiterer Punkt des Anhaltens und der Bergung vor Stürmen; kein Eiland, das dem Schiffer auch nur einen Trunk des frischen Wassers darbieten könnte. Der Mond, welcher fast voll war, beleuchtete jetzt die schaumbedeckten Wogen, deren Andrang hier, auf dem freieren Meere, mächtiger erschien, als in der Nachbarschaft der Insel; der Wind hatte sich etwas mehr nach Westen gewendet und legte das Schiff, das ihn noch immer mit vollen Segeln erfaßte, so stark auf die Seite, daß Mehreren von uns das Feststehen auf dem Verdeck unbequem ward; wir giengen freiwillig wieder hinab in das kleine Gefängniß der Kajüte und streckten uns, um den Anfall der Seekrankheit zu verhüten, aufs Lager der Pritsche. In der Nacht hatte sich der Wind fast wieder zur Sturmesgewalt verstärkt, der Himmel mit Wolken bedeckt, die sich von Zeit zu Zeit in Regenströmen ergossen. Die armen Hadschi's oben auf dem ungeschützten Verdeck, so wie unten im engen Schiffsraume hatten heute (am Freitag) ein trübseliges Wochenfest; sie alle waren seekrank und auch mir schwindelte, so oft ich mich vom Lager erheben wollte, der Kopf so sehr, daß ich gar bald mich wieder niederlegen mußte. Auch am Sonnabend hielt das stürmische Wetter an; die Wellen giengen so hoch, daß sie öfters über das Verdeck schlugen und ihr Gewässer über die Treppe hinab in die Kajüte ergoßen, der obere Eingang zu dieser wurde deshalb mit Decken verschloßen und auch das Deckenfenster der Kajüte, um das Eindringen des Regens zu verhüten, öfters mit Brettern und härenen Teppichen verhüllt. Hiedurch ward die Luft in dem engen, dunklen Kämmerlein so drückend und dumpf, dabei durch die Nachbarschaft der seekranken Hadschi's im Schiffsraume so verpestet, daß der Eckel und Schwindel im Haupte fast keinen Gedanken, im Herzen keine Freudigkeit aufkommen ließen. Meine lieben Reisegefährten waren indeß weniger von der Seekrankheit erfaßt worden denn ich, auch die Hausfrau stieg von Zeit zu Zeit hinan aufs Verdeck, von wo sie, freilich immer sehr bald, mit Mienen der Furcht und des Schreckens zurückkehrte, wenn sie hier und wenn sie dort in die geöffneten Tiefen des Wassers hineinblickte, oder wenn eine große Woge über den Saum des Schiffes hereinsprang. Seitdem der Oberkapitän gegen den Wunsch des türkischen Unterkapitäns und seiner Glaubensgenossen die Abfahrt von Rhodus beschleunigt hatte, war ein Zwiespalt zwischen beiden entstanden, der sich auch darin äußerte, daß der Unterkapitän die seit Rhodus eingeschlagene Richtung der Fahrt beständig tadelte, und behauptete, auf diese Weise würden wir nicht nach Alexandria, sondern nach einem westlicheren Punkt der Küste kommen, der, wenn wir bei Nacht anführen, wegen der Sandbänke gefährlich werden könne. Der Oberkapitän, seiner Sache gewiß, hatte auf das Geschwätz wenig geachtet, und sein Triumph ward vollkommen, da am 27ten November des Morgens um 9 Uhr auf einmal einer unsrer Matrosen vom Mastkorbe aus das Land, und zwar das der Umgegend von Alexandria erkannte und dieses mit lautem Freudengeschrei verkündete. Die Hoffnung gab jetzt den Gliedern neue Kraft, Alle drängten sich aufs Verdeck und sahen unverwandten Blickes nach Süden hin und bald erkannten auch wir Andern ganz niedrig am Horizont die Wipfel der Palmen und den hohen Scheitel der sogenannten Säule des Pompejus; die Burg des Vizekönigs und den Wald der Mastbäume der vielen, im innern Hafen liegenden Schiffe. Es war heute die dritte Woche seit unsrer Abfahrt aus Smyrna vergangen, dazu war heute der erste Adventssonntag: ein Tag der Freude für viele Volker und Länder. Die beschwerliche Seereise, mit all ihren vergeblichen Sorgen, lag hinter uns und wir mußten jetzt mit freudigem Dank es erkennen, wie sehr sie uns durch die öfteren Ausruhezeiten am Lande und durch die Beschleunigung der letzten Fahrt von Rhodus bis hieher erleichtert worden war. Der frische Wind, gleich als hätte er nun seine Botschaft vollendet, fieng an uns zu verlassen, wir näherten uns, mit seinem letzten Hauche, langsam dem Lande und zwischen 1 und 2 Uhr des Nachmittags liefen wir im äußern Hafen von Alexandria ein und warfen neben vielen Schiffen, auf denen die schwarz und gelbe Quarantäneflagge wehte, Anker. Alexandria. Wir waren nun, wenn auch nicht auf dem Boden, doch auf dem Gewässer von Aegypten; nahe bei uns die Stätte der hohen Obelisken (Nadeln der Cleopatra) und an vielen Stellen der Küste die dichtgedrängten Waldungen der Palmen; vor uns die ansehnlichen Gebäude der neuen Straße, bei denen, auf hohen Mastbäumen, die Zeichen der verschiedensten Nationen des Westens wehen, deren General-Consuln hier wohnen; weiterhin die Moscheen, so wie die Palläste und Gärten der Großen. Ueber uns schwirrten und zwitscherten die Schwalben und verkündeten uns, daß wir nun im Lande des beständigen Grünens und Blühens, im Lande des anhaltenden Sommers seyen. Wir stunden an dem Anfang jenes Weges der großen Thaten der Geschichte, welcher ein Hauptweg auch unsrer Reise werden sollte; stunden vor dem Thore der alten Heimathstätte einer Weisheit der Tempel, deren Licht weithin über die Zeiten und Völker leuchtete. Ehe sich uns aber dieses Thor selber aufthat, ehe wir unsern Fuß auf jenen Weg der bedeutungsvollen Weiterreise setzen durften, da sollte noch mancher Tag vergehen; denn gleich einem tiefen, von Wasser gefüllten, durch Pallisaden verwahrten Graben, den das Auge von weitem nicht bemerkte, der aber desto größeren Schrecken bei der Annäherung erregt, lag zwischen uns und dem freien Austritt ans Land die langweilige Absperrung einer vier und zwanzigtägigen Quarantäne. Diese wäre allerdings vermieden worden, wenn wir den Weg von einem der europäischen Häfen unmittelbar hieher genommen hätten; jetzt aber, da wir noch dazu in Gesellschaft dieser großen, verdächtigen Schaar der Türken aus Gegenden gekommen waren, in denen die Pest herrschte, konnten wir den Stricken der Sanitätsobhut nicht entgehen. Wir hatten gleich in den ersten Stunden nach unsrer Ankunft im Hafen unsre Empfehlungsbriefe abgegeben und schon am darauf folgenden Tage erfreuten uns die Herren, an welche jene Briefe lauteten, mit ihrem tröstlichen, angenehmen Besuche bei dem Schiffe[157]. So machte ich schon an diesem Tage die später für mich so wichtigen und genußreichen Bekanntschaften der Herrn General-Consuln von Oesterreich, Rußland, Preußen, Dänemark und Amerika; des Herrn Regierungsrath Ritters ~v. Laurin~, des Herrn Obersten ~Duhamel~, der Herrn v. ~Dumreicher~, ~Roquerbe~ und ~Gliddon~, und später am Nachmittag die des Herrn Bergwerksdirectors ~Russegger~, dessen bedeutungsvolle Forschungen mit Recht in ganz Europa Teilnahme erregt haben. Am meisten und unmittelbarsten nahm sich unsrer und aller unsrer Angelegenheiten unser wohlwollender, gütiger Landsmann, der k. dänische Herr Generalconsul ~v. Dumreicher~ an, der aus Bayern (Kempten) gebürtig, die Liebe zu seinem Vaterlande an uns bei jeder Gelegenheit bewieß. Durch ihn, so wie durch seinen jungen Freund und Landsmann, Herrn ~Pfäffinger~, wurde uns die Gefangenschaft der Quarantäne sehr erleichtert, denn außer dem Verlangen nach Freiheit wurde uns jedes andre aufs Zuvorkommendste erfüllt. Die schon früher vernommene Nachricht von dem Ausbruch der Pest in den Gebäuden des Quarantänehauses bestättigte sich hier im vollen Maße; unser Entschluß im Schiffe zu bleiben, wurde dadurch von neuem bestärkt. Ein Hauptanliegen mußte es jetzt für uns seyn, daß die Hadschi's bald möglichst ausgeschifft würden. Denn erst wenn dieses geschehen und die andre der ansteckenden Kraft verdächtige Waare, die unser Capitän an Bord führte, ausgeladen war, konnten wir aus dem äußern (sogenannten neuem) in den innern (alten) Hafen einlaufen und den eigentlichen Anfang der Quarantäne machen; alle die Tage, die wir im neuen Hafen verweilten, zählten hierbei nicht mit, sondern waren wie verloren. Aber der Erfüllung unsres Wunsches, der auch zugleich der Wunsch der türkischen Hadschi's war, die sich selber aus dem engen Schiff hinaus ans Land sehnten, stund entgegen, daß alle Räume des Quarantänehauses bereits besetzt waren. Endlich, am Dienstag, sollte die Ausschiffung geschehen. Unsre Türken hatten den Augenblick kaum erwarten können; schon am frühen Morgen setzten sie sich, mit all' ihren Geräthschaften in die beiden großen, zu ihrem Transport bestimmten Böte. Zu dieser Eile mochte wohl auch die Mishelligkeit beigetragen haben, in welche die Hadschi's seit gestern mit dem Capitän gerathen waren, weil sie für das Wasser, das er hier im äußern Hafen doch selber kaufen mußte, und das sie bei ihren Waschungen so übermäßig verschwendeten, nichts bezahlen wollten, sondern dasselbe noch immer umsonst, wie bisher auf der Ueberfahrt verlangten. Die guten Leute mußten indeß auch diesmal erfahren, daß zum Eilen das Schnellseyn nicht immer helfe, denn bei dem Ausräumen des Quarantänehauses hatten sich Schwierigkeiten ergeben; nachdem die Türken den ganzen Tag, der Sonnenhitze ausgesetzt und eng zusammengepreßt in ihren schwankenden Böten, gesessen waren, unvermögend ihren Pilau zu kochen, mithin auch meist ohne zu essen, ohne Kaffee zu trinken, ja selbst ohne Tabak zu rauchen, mußten sie am Abend wieder hinaufsteigen ins Schiff. Dieses alles geschahe mit einer wahrhaft bewundernswürdigen Ruhe; mit derselben Gleichmüthigkeit, mit welcher sie am Tage fast regungslos zusammengepreßt gesessen, rauchten sie jetzt am Bord des Schiffes ihre Pfeife und bereiteten sich den zwiebeldurchwürzten Reis oder Kaffee. Erst am Mittwoch wurde es Ernst mit dem Ausladen der Türken, deren etliche, an ihrer Spitze der streitsüchtige Mohr, zuletzt noch widerwärtige Streitigkeiten mit dem Capitän wegen der Bezahlung der Ueberfahrt hatten. Das Schiff war nun auf einmal für uns ein sehr geräumiger, bequemer Wohnsitz geworden, denn alle Hadschi's waren heraus; von den Türken blieben überhaupt nur noch der gute Kaufmann Hassan und der Unterkapitän so wie der Halbtürke Inglese; der ganze Raum des Verdeckes war jetzt, abgesehen von dem Schiffsvolk, für uns und die Griechin mit ihren drei Kindern, einen jungen Griechen und die beiden deutschen Handwerkspurschen, denen ich die Erlaubniß ausgewirkt hatte, im Schiff zu bleiben. Wir hatten an diesem Tage außer dem Gefühl der Befreiung von einer Reisegesellschaft, die uns leicht, wenn Krankheiten unter ihr ausgebrochen wären, sehr gefährlich hätte werden können, noch einen andern großen Genuß gehabt: ein mehrstündiges Verweilen auf dem festen Boden des Landes, in dem freilich eng begränzten Bezirk des Quarantäne-Mauthhofes. Als wir, reichlich versehen mit Vorräthen der eben reifenden Datteln und mancher andern Güter des Landes zum Schiff zurückkamen, fanden wir dieses gereinigt und gesäubert, so gut dieß nur durch die Hände der Matrosen geschehen kann; auch das Ausladen der »suspekten« Waaren des untren Schiffsraumes, zu denen man erst jetzt, da die Hadschi's fort waren, gelangen konnte, hatte schon begonnen und am Donnerstag den 1ten December war Alles so weit im Reinen, daß wir nun endlich den äußern Hafen verlassen und in den innern (alten) einlaufen durften. Hier hatten wir freilich einen ungleich sichrerern und angenehmern Bergungsort gefunden als der äußre Hafen ihn darbot. Denn außerdem daß hier unser Schiff viel geschützter vor dem Angriff der Stürme lag, denen es dort, besonders wenn sie aus Nordost weheten, nicht viel weniger als auf dem offnen Meere ausgesetzt lag, genossen wir auch da den unmittelbaren, nahen Anblick der schönen Flotte des Viceköniges und der vielen vor Anker liegenden europäischen Schiffe; hatten ganz nahe bei uns auf dem Lande ein bequem eingerichtetes Sprachgitter, an welchem wir öfter mit freundlichen Landsleuten zusammentrafen, konnten vom Verdeck aus die Arbeiten der Schiffswerfte betrachten, das Auge an dem Grün der vielen Palmengärten und dem Beschauen der Pompejussäule erquicken. Die Geschichte eines Quarantäneaufenthaltes hat so viel Einförmiges, daß sie sich kurz zusammenfassen läßt. Man ließt da, man schreibt Briefe, man empfängt Besuche, unter andern schon am ersten Tage den des griechischen Herrn Generalconsuls ~Tosizza~ und jenen eines freundlichen, gefälligen Landsmannes, des Herrn Flottenarztes +Dr.+ ~Koch~; man fährt zum Quarantänesprachgitter oder ergeht sich in der kühleren Zeit des Tages auf dem Verdeck des Schiffes. Gleich am zweiten Tage nach unserer Einfahrt in den innern Hafen gewährte uns eine große Illumination der Kriegsschiffe und mehrerer öffentlicher, in der Nähe des Hafens stehenden Gebäude, so wie der Minare's der Stadt, eine große Augenbelustigung. Es hatte heute (Freitag den 2ten December) bei Sonnenuntergang die Fastenzeit: der Ramadan der Moslimen begonnen und dieser Abend von hoher moslimitischer Bedeutung, wurde von Kanonenschüssen angekündigt und dann als ein Fest der Lampen gefeiert. Nächst der Beleuchtung der Peterskirche in Rom, am Vorabend und am eigentlichen Festabend von Peter und Paul habe ich noch keine große Lampenbeleuchtung gesehen, die einen so mächtigen Eindruck auf mein Auge machte, als die der ägyptischen Kriegsschiffe, deren Licht seine widerspieglenden, beweglichen Funken weithin über den Wasserspiegel des Hafens ergoß. Wir hatten heute am Tage eine Wärme unsrer Sommertage gehabt, die Kühle des Abends that wohl; wir blieben lange, wie Kinder an den vielen Lichtlein uns freuend, auf dem Verdeck. Es war nur ein Traumbild gewesen, das in mir wie ein Funke der großen, gesehenen Lampen, wenn er in Baumwolle oder Werg gefallen wäre, den Brand der innren Unruhe entzündet hatte und doch fühlte ich den ganzen Tag seine Schmerzen. Ich war auf einmal im Traum wieder zurückgekehrt in die liebe Heimath. Theilnehmend drängten sich mehrere meiner Freunde um mich; ich sollte ihnen von meiner Reise erzählen. Ich that dieß mit einer Lebendigkeit und Wärme, deren ich im Wachen selten fähig bin und mit großer Ausführlichkeit; ich beschrieb die Donaufahrt, Constantinopel, Kleinasien, die Fahrt nach Alexandria und kam mit meinem Reiseberichte bis zu der Beschreibung der gestrigen Illumination, da auf einmal stockte die Erzählung. Meine Freunde ersuchten mich, ich solle ihnen doch noch mehr sagen über Aegypten, über die Wüste des Sinai und über das gelobte Land, da mußte ich mit einem unbeschreiblichen Schmerz gestehen: ich bin so lange und weit weggewesen und bin nun zurückgekehrt, ohne den eigentlichen Zweck meiner Reise erlangt, ohne die Pyramiden, ohne das rothe Meer und den Sinai, ohne Palästina, ja selbst ohne nur den Nil gesehen zu haben. Wer die Unruhe eines Wandervogels mit theilnehmendem Sinne betrachtet hat, der, wenn die Wanderzeit kam, im Käfich versperrt und festgehalten war, der kann sich in die Lage eines aus allen Kräften vorwärts, zum Ziele der Pilgrimschaft strebenden Menschen denken, wenn derselbe auf einmal da im Angesicht der Palmenhayne wochenlang auf den Wellen schweben muß und nutzlos die Zeit verstreichen siehet, die er zwischen den Ruinen von Theben und Luxor oder bei dem Rauschen der Nilkatarakten hätte zubringen können. Das unruhige Sehnen, einzugehen wenigstens in das schon so nahe vor uns liegende Thor des Nilthales wurde noch gesteigert, da heute Herr Bergwerksdirector ~Russegger~ mit +Dr.+ ~Veit~ und einigen andern seiner Begleiter zu uns ans Schiff kam und uns nach vielen interessanten Mittheilungen über seine bisherigen gründlichen und gehaltreichen Forschungen seine nahe Abreise in das obere Nilthal ankündigte. Wie gerne hätten wir uns ihm angeschlossen, und, obgleich dieses nicht zunächst in unserem Reiseplan lag, auch die später denn die Pyramiden gebornen Herrlichkeiten von Theben gesehen[158]. Das innre, unruhige Bewegen war durch Nachrichten aus dem Vaterlande von dem Ausbruch der Cholera bei dem heimatlichen Heerde noch vermehrt worden, wiewohl die guten, schon am 29ten November empfangenen Briefe zugleich auch vielen heilenden und lindernden Balsam gegen die Schmerzen der Unruhe enthielten; einen Balsam, der nur gerade heute nicht recht gebraucht und angewendet wurde. Freilich war es, als wollte selbst die äußere Natur in den Takt des gellenden Singetanzes einstimmen, der eben im Innern ertönte, denn wir hatten seit der vergangenen Nacht statt des gestrigen Sommerwetters Sturm bekommen, am Morgen war nur 14° R. Wärme; wir durften froh seyn, daß wir nicht mehr im äußern, sondern im innern Hafen vor Anker lagen, denn selbst hier empfanden wir das Schwanken des Schiffes auf dem stark bewegten Wasser; im äußern Hafen wäre uns dasselbe wieder zu einem Siechbette der Seekrankheit geworden. Auch am Sonntag dauerte das stürmische Wetter in solcher Heftigkeit an, daß uns dasselbe von unsern Freunden in der Stadt abtrennte, doch sahen wir wenigstens den freundlichen Landsmann, Herrn Pfäffinger. Endlich am Montag den 5ten December hatten wir uns in das unvermeidliche Loos der Sanitätsgefangenschaft gefunden und von hier an begann für uns ein arbeitsames, häusliches Leben, das neben den Entbehrungen auch seine vielfachen Freuden hatte. Wenn wir am Morgen aus der stillen, dem gemeinsamen Lesen bestimmten Kajüte, gestärkt an Seele und Leib hinaustraten aufs Verdeck, da dauerte es nicht lang, da kam unsre »Silberflotte« an; das kleine Boot das uns frische Lebensmittel aus der Stadt, zuweilen auch Briefe und die »allgemeine Zeitung« brachte. Jeder gieng nun an sein Tagesgeschäft: Einige schrieben oder lasen, Andre zergliederten und zeichneten Seethiere, der Maler Bernatz porträtirte. Denn seitdem unser Schiffsvolk an ihm und +Dr.+ Erdl diese Geschicklichkeit bemerkt hatte mußten beide, vornämlich aber Bernatz, nach und nach sie Alle, und zwar Manche von ihnen mehrere Male abbilden. Hierbei wurde ganz vorzüglich auf ein getreues Nachbilden der schönen Kleidung gesehen; selbst der Capitän war darüber empfindlich, daß +Dr.+ Erdl ihn in seiner ziemlich alten und farblos gewordenen Schiffskleidung gemahlt hatte; er zog für die zweite Abkonterfeiung durch Bernatz, eben so wie Jeder der sich später malen ließ, sein schönstes Gewand an und der Unterkapitän borgte sich zu gleichem Zwecke von dem reicheren Hassan noch allerhand buntfarbigen Zierrath, nur damit das Bild recht schön werde. Mitten in diese Tagesgeschäfte, welche jetzt großenteils, wenn die Sonne nicht zu heiß schien, auf dem freien Verdeck verrichtet wurden, kam dann ein angenehmer Augenblick des Ausruhens, wenn jetzt ein Schiff von der Barbareskenküste, erfüllt mit mauritanischen Hadschi's, ankam, die viel unsaubrer und wildfremder aussahen als unsre Türken, oder wenn ein europäisches Schiff ungehindert, mit vollen Segeln neben uns vorbeifuhr und bald hernach seine, durch keine Quarantäne gehemmten Passagiere und Waaren -- vielleicht auch neue Briefe für uns -- ausschiffte. Nicht selten ward auch ein Besuch am Sprachgitter und auf seinem Vorplatz gemacht und das Gedräng der verschleierten Frauen, die hier mit ihren von einer Seereise heimkehrenden Männern oder Söhnen sprachen, oder die Beduinen betrachtet, die allerhand Eßwaaren feil boten. Der Mittagstisch war außer den gewöhnlichen Speisen täglich mit der lieblich schmeckenden, frischen Frucht der Datteln und mit Orangen, zuweilen auch mit ägyptischen Kuchen besetzt. Dabei mußten unsre beiden arabischen Quarantäneaufseher, so wie Hassan und der Unterkapitän müssig zusehen, denn diesen erlaubte das Gebot des Islams jetzt, während der langen Fastenzeit oder des Ramadans von Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang nicht einmal einen Trunk Wassers oder eine Pfeife Tabak, geschweige die Erquickung der Speisen. Doch kam der aufgeklärte Hassan gar oft zu uns herunter in die Kajüte, um sich während des Tages mit einem Glas Wein zu laben, denn, sagte er, von Weintrinken sey in den Vorschriften die den Ramadan beträfen keine Rede, der sey nur überhaupt und im Allgemeinen verboten, es sey also einerlei, ob man ihn während oder außer der Zeit der Fasten tränke. Am Nachmittag erhielten wir nicht selten Besuche am Schiffe, besonders von unserm gefälligen Landsmann, dem Herrn Flottenarzte +Dr.+ Koch; gegen Abend vergnügte uns unser griechisches Schiffsvolk mit Gesang oder der freundliche Capitän stellte zu unserer Belustigung gymnastische Spiele im Springen und Tanzen an, wobei einige seiner Leute sich durch ungewöhnliche Kraft und Gewandtheit auszeichneten. So wie dann die Sonne jenseits der Palmengärten hinabsank und zum Untergang sich neigte, da stopften unsre arabischen Quarantänehüter ihre Pfeifen, legten dann die glühende Kohle vor sich hin und in dem Augenblick, wo die Kanonenschüsse den eigentlichen Untergang der Sonne verkündeten, da begannen sie das behägliche Rauchen und das Trinken des Wassers, bis ihnen die Matrosen die große, volle Schüssel mit gekochten Bohnen oder Erbsen hinsetzten. Auch Hassan und der Unterkapitän fiengen jetzt ihre offenbarlichen Schmausereien an, wir aber vergnügten uns noch einige Zeit an dem Anblick des ägyptischen Sternenhimmels, an welchem unserm Auge zum ersten Male der in dem Vaterlande niemals sichtbare ~Canopus~ in seiner vollen Schönheit sich zeigte. So war denn der 20te December und mit ihm das Ende unsrer Quarantänezeit herangekommen. Unsre lieben Freunde und Landsleute, Herr Generalconsul von Dumreicher, Hr. Pfäffinger und Hr. +Dr.+ Koch holten uns, jetzt zum ersten Mal Hand in Hand uns begrüßend, hinüber zum Lande; die Angelegenheiten der Mauth brachte Hr. Pfäffinger in Ordnung, wir Andern, im Geleite der Freunde, giengen durch manche Gassen der ältern, türkischen Stadt hinüber zu dem schönen, meist neugebauten Quartier der Franken, wo für uns in dem ganz europäisch eingerichteten Gasthaus zum schwarzen Adler schon Zimmer und Kost bestellt waren. Wie neu und wie herrlich erschien uns da Alles was wir sahen und genoßen; die schöne Aussicht von dem festen, sichern Boden des Speisezimmers nach dem Meere und zunächst nach dem Hafen, in dem wir zuerst Anker geworfen hatten; das Sitzen auf Stühlen und an ordentlichen Tischen, ja selbst auf einem Sofa; das Schlafen auf den weichen Matrazzen eines Himmelbettes; die Bequemlichkeit eines abgesonderten, sogar verschließbaren Zimmers. Das Wohlbehagen über alle diese Dinge ließ mehrere Stunden lang gar kein andres Gefühl noch andre Gedanken aufkommen, erst am Nachmittag erhuben wir uns zu einigen Besuchen und zum Besehen der Stadt. Das erste was uns da, in einer der Gassen auffiel, waren unsre türkischen Hadschi's, die mit uns zu gleicher Zeit der Obhut der Quarantäne entlassen waren. Sie grüßten uns freundlich und wir erfuhren, daß keiner von ihnen, mitten unter den Pestsiechen des Quarantänehauses erkrankt sey. Auch unsre griechischen Matrosen, festlich geputzt, trieben sich in den Gassen umher. In einer der spätern Stunden des Nachmittags besuchte ich in Gesellschaft des aufopfernd gütigen Herrn Dumreicher wenigstens noch ~eine~ Gegend der Stadt, in welcher die längstvergangene Herrlichkeit des alten, hochgepriesnen Alexandria, wie eine Stimme der Gräber zu dem jetztlebenden Geschlecht redet. Es ist dieß eine Baustätte am Ende jener neuen, schönen Straße, welche Ibrahim Pascha anlegen lässet; eine Baustätte, bei welcher man, als hier der griechische Generalconsul den Grund zu einem Pallaste legen wollte, in bedeutender Tiefe unter dem Boden viele prächtige Säulen von ansehnlicher Größe aus rothem ägyptischen Granit, zum Theil noch aufrecht stehend, fand. Wir stiegen hinab bei diesen Ausgrabungen zu jener Stelle, wo dem Boden ein brackiges Wasser entquillt, welches damals noch den Fortgang des neuen Baues bedeutend hemmte. Es waren einst noch Quellen von ganz anderer, höherer Art, welche da an dieser Stätte entsprangen, denn hier stund wahrscheinlich, wie wir nachher sehen werden das Gebäude des Museums. Auf dem Heimwege sahen wir noch jenes kleine Kirchlein und Kloster der hiesigen abendländischen Christen, das, wie man sagt, seit den Zeiten der Kreuzzüge wenigstens seine alte Stätte, wenn auch nicht seine vormalige innre Vermögenheit und Bedeutung behalten hat. Noch jetzt ist es eine Herberge der Pilgrime des Westens. Von den Fenstern unsers Speisezimmers aus genossen wir später den Anblick auf die vom Mond beleuchtete, kräftig bewegte Wasserfläche des äußern (neuen) Hafens und auf die felsige Landzunge, auf welcher einst der Pharos stund und erfreuten uns dann der so lang entbehrten Bequemlichkeit eines guten, nach heimathlicher Weise eingerichteten Lagers. Mittwochs den 21ten December war es, sobald wir das Haus verließen, mein erstes Tagesgeschäft, mich auf der Stätte des vormaligen älteren und ältesten, so wie in dem jetzt bestehenden, neuesten Alexandria zu orientiren. In Gesellschaft der Hausfrau, denn die andere Reisegefährten waren schon nach andrer Richtung voraus, gieng ich durch die große neue Straße des Frankenquartiers, dann weiterhin zu den sogenannten Nadeln der Cleopatra: jenen Obelisken, welche nebst den felsigen Vorgebirgen Lochias und Pharos, dann der Säule des Pompejus und den Katakomben die Hauptanhaltspunkte für die Forschungen über Lage und innre Anordnung des alten Herrschersitzes der Ptolemäer gewähren. Nur noch der eine jener herrlichen, mit Hieroglyphen beschriebenen Obelisken stehet aufrecht, der andre liegt niedergestürzt am Boden, ist aber in neuerer Zeit wenigstens so weit von dem früherhin über ihm liegenden Sand und Schutt befreit, daß man seine Hieroglyphenschrift ungehemmt von drei Seiten, und, wenn man sich etwas hinabbeugt, selbst von einigen Parthieen der vierten, zum Theil untergrabenen Seite lesen kann. Die Höhe der beiden stattlichen Spitzsäulen, deren jede aus einem Stück rothen, ägyptischen Granit gearbeitet ist, beträgt mit dem Piedestal und dem Dreieck des Gipfels 70, der Durchmesser der Basis sieben Pariser Fuß; zwischen den Obelisken und der Meeresküste stehen Gebäude, welche, wie es scheint anjetzt zum Bezirk der neuerrichteten Quarantänehäuser gehören, zu denen die Annäherung jedem der sich nicht selber leiblich suspekt machen will, versagt ist. Stellen wir uns hin, auf eine der benachbarten Anhöhen, und rufen wir uns mitten in dieses Gewirre der Palläste, der Häuser, wie der armseligen, von den Frauen der Soldaten bewohnten Hütten und der leeren Räume, das Bild des alten durch Alexander den Großen begründeten, dann jenes des noch immer bedeutungsvollen sarazenischen Alexandria hervor. Hier, bei den Obelisken war die Ostseite jenes Stadtviertels der Königspalläste, welches ~Bruchion~ hieß und welches dem Raume nach nicht nur den vierten, sondern fast den dritten Theil der auf drei Stunden des Umfanges ausgedehnten Stadt umfaßte. Mitten in diesem Bezirk der von Gartenanlagen umgebenen Palläste stund jenes Museum, welches durch seine, mit Marmorsitzen versehene Säulenhalle, durch seinen großen Saal und durch sein von der Freigebigkeit der Ptolemäer zur täglichen Bewirthung der hierher zusammenberufenen Gelehrten bestimmten Speisezimmer zu einem Mittel dienen sollte, das einmüthige Zusammenwirken der Geister, zum gemeinsamen Zweck der höheren Bildung herbeizuführen. Freilich hat auch die damalige Erfahrung gelehrt, daß eine solche Einheit der Geister nicht durch wohlmeinende Gaben der königlichen Milde, nicht durch leibliche Speise und Getränke, sondern nur durch einen anders woher kommenden (magnetischen) Zug bewirkt werden könne, welcher dem allbewältigenden, vereinigenden Einfluß des Bienenweisels gleichet. Dennoch hat der wohlmeinende Sinn der edlen Begründer dieses Museums Früchte getragen, welche auf dem Wege des geistigen Forschens und Erkennens vielen nachkommenden Geschlechtern der Menschen zur erquicklichen Nahrung dienten. Jener Leuchtthurm, an welchem die große Kunst seines Erbauers, des ~Sostratus~ von Cnidos eines der gepriesensten »Wunderwerke der Welt« erschaffen hatte, ist schon längst von seiner Stätte verschwunden, noch aber leuchtet, bis auf unsre Tage allen Arbeitern in den reichen Fundgruben der ägygtischen Hieroglyphensprache und Geschichte, ~Eratosthenes~ aus Cyrene[159], welcher das feste Gebäu seines wissenschaftlichen Forschens auf dem uralten Grund der Tempelweisheit errichtete. Jene vierhundert Säulen aus ägyptischem Granit, welche noch zu Saladins Zeiten die Umgegend der großen Pompejussäule zierten, hat Karadja ins Meer gestürzt; keine Macht aber der Barbarei vermochte jene Säulen zu zerbrechen, mit denen Euclides und Aristarch, Erasistratos und Hipparch, auch Appian und Herodian und mit ihnen noch viele der alexandrinischen Gelehrten das Gebäu des wissenschaftlichen Erkennens verherrlichten. In dieser geistigen Stadt der Ptolemäischen Herrscherzeit fällt es deshalb noch immer ungleich leichter sich zu orientiren als auf der verwüsteten Stätte des alten, leiblichen Alexandria. Wo hat jenes mit Recht gepriesene Museum gestanden? Vielleicht dort, bei jener Stelle am Ende der großen, neuen Straße, wo wir gestern und auch wieder heute die Ausgrabungen der Granitsäulenhallen betrachteten? Immerhin ist es erfreulich, daß die europäische Cultur und Baukunst gerade wieder in die Fußstapfen der höchsten alexandrinischen Herrlichkeit ihre Schritte setzt, denn die neue Straße und das Quartier der Franken nimmt einen Theil der Stätte des alten Bruchion: des Bezirkes der Palläste und des Grabestempels Alexanders des Großen ein. Folgen wir von hier aus weiter über das nun verödete oder entstellte Land hinüber jenen zurechtweisenden Fäden, die uns, vor allem in ~Strabo's~ Beschreibung den Umriß des alten Alexandria bezeichnen. Nach jener ersten Grundlage, welche auf Alexanders Geheiß ~Dinochares~ der Stadt gegeben, erstreckte sich dieselbe ihrer Länge nach 1½ Stunden weit von West gegen Ost[160], während die Breite an den schmalsten Stellen nur ein Viertel der Länge, der Umfang der ganzen Stadt über 3 Stunden Weges betrug. Wenn in der blühendsten Zeit des innern Wohlstandes Alexandria 300,000 freie Einwohner, zusammen aber mit den Sklaven und den Bewohnern der Judenvorstadt wahrscheinlich über 600,000 zählte, da mochte wohl der Anbau der Häuser in den Vorstädten so bedeutend geworden seyn, daß jene Hauptstraße, welche die Stadt ihrer Länge nach durchzog, nach Diodors Zeugniß 40 Stadien oder eine geographische Meile weit zwischen den Reihen der Häuser dahinlief. Die Richtung und Gränze der beiden Dimensionen wird uns auf eine genügende Weise durch das hier zusammentretende Land und Gewässer gegeben. Das felsige Vorgebirge ~Lochias~ mit der Insel Farillon, auf welcher in den Zeiten der Ptolemäer ein königliches Schloß stund, ist noch dasselbe geblieben; es ist jene Felsenreihe, die man beim Einfahren in den neuen (äußern) Hafen zur Linken (nach Osten) siehet. Eben so ist der Felsengrund der Insel Pharos noch vorhanden. Hier stund der nahe 400 Fuß hohe, aus mehreren Etagen bestehende Leuchtthurm, dessen prachtvolle Gallerieen von Marmorsäulen getragen wurden, auf dessen Gipfel bei Nacht die angezündete Leuchte auf 300 Stadien weit den Schiffen sichtbar war, am Tage aber die Schiffe in einem später hier angebrachten stählernen Spiegel schon aus großer Ferne bemerkbar wurden. Statt dieses bewundernswürdigen Gebäudes, das Sostratus unter dem Zweiten der Ptolemäer (dem Philadelphus) in der Mitte des dritten Jahrhunderts vor Christo vollendete, stehet jetzt auf der Felseninsel des Pharos jenes Kastell, das beim Einfahren in den neuen Hafen rechts (westwärts) sich zeigt. Von der Stadt aus führte ein mächtiger Damm, welcher 7 Stadien, oder eine Viertelstunde Weges lang war und deshalb Heptastadion hieß, hinaus ins Meer zu der Insel Pharos und theilte den Hafen in zwei Theile, deren einer der jetzt sogenannte neue, der andre der alte Hafen (vormals Eunoste genannt) war. Während wir bei unsrer Ausfahrt aus dem neuen oder äußern Hafen zuerst weit hinaus ins Meer fahren mußten, um den zur Einfahrt in den alten Hafen günstigen Wind zu erfassen und deshalb mehrere Stunden zu diesem Weg gebrauchten, fand sich in alter Zeit eine unmittelbare Verbindung beider Häfen durch zwei, im Heptastadion offen gelassene Zwischenräume, über welche die von mächtigen Säulen getragenen Brücken so hoch sich hinüberspannten, daß den Schiffen hinreichender Raum zur Durchfahrt blieb. Die beiden Häfen des alten sind, wie wir oben erwähnten, auch noch die des neuen, jetzigen Alexandria's geblieben; sie sind noch denselben Winden ausgesetzt, denen sie dies, nach der Klage der Alten ehemals gewesen; die Umgränzung der Klippen und höheren Felsen ist noch die gleiche; was aber ist aus dem tief und fest im Meere begründeten Heptastadion geworden? Nichts andres als jene zum Theil nur fünf- bis sechshundert Schritte breite Landzunge, die sich nordwestlich vom Frankenquartier in gerader Linie etwa eine Viertelstunde lang ins Meer hineinzieht, rechts (nach Osten) von dem neuen, links vom alten Hafen begränzt ist und auf welcher sich die jetzige Stadt der Türken angebaut hat. Das Meer hat zu beiden Seiten, von Osten wie von Westen her, seine Gerölle und Schuttmassen an dem festgegründeten Damm angelegt; die alten Oeffnungen, über welche die Brücke führte, sind von diesen Auswürfen der Fluth schon längst verstopft und angefüllt, eben so jener, welcher die kleine Insel ~Antirhode~ von dem Meere schied; diese Insel wie die nachbarliche Stätte des Theaters sind nun selber mit ihren Schutthaufen in die Landzunge eingeschlossen; das anfangs lose Gerölle ist zum Theil durch den feineren Absatz des Meeres zu einer breccienartigen Festigkeit gelangt und in bedeutender Mächtigkeit von Sand und Erde bedeckt. So hat das merkwürdige Volk der Türken, welches in seinem Wesen selber einer Anschwemmung des großen Völkerstromes auf den Boden der alten Weltenreiche gleicht, auch hier seine Wohnstätte auf dem Schutt und Graus der von den Elementen wie von ihm selber angerichteten Verheerungen aufgeschlagen; es wohnet auf einem Lande, das kein Land war; hier wo nun der türkische Bazar hinläuft, war der Molo; die Kaffeehäuser am Saume des neuen Hafens stehen da wo vormals das Meer fluthete und gegen den Molo anbrandete. Wenden wir uns nun weiter zu der westlichen und südwestlichen Gränze der alten Stadt. In Westen beschränkte die weitre Ausdehnung der Eunostische oder jetzt sogenannte alte Hafen, in dessen südöstlichster Ecke der kleine, nun ganz mit Sand und Gerölle ausgefüllte Hafen ~Kibotos~ abgedämmt war. Nach Südwesten hin setzte die Natur keine solche Gränzen. Hier zog sich die Gräberstraße zwischen dem Meere und dem Mareotissee bis zu dem öfters sogenannten Bad der Kleopatra und den hier angränzenden Gräbergewölben, welche fast eine halbe Stunde weit von der jetzigen Stadt, an einem Punkte des Meeresufers liegen, den man bei der Einfahrt in den alten Hafen zur Rechten hat. Es gleichen die einzelnen Systeme jener Grabeskammern, welche anjetzt der genaueren Betrachtung allmählig zugänglicher werden, einer unterirdischen Stadt, zum Theil mit domartigen in den Felsen ausgehauenen Wölbungen, getragen von Säulen, verwandt mit jenen einfachen der älteren dorischen Ordnung, welche jenen ähnlich sind, die in einigen später zu erwähnenden Gräbern bei Jerusalem gefunden werden. Das sogenannte Bad der Kleopatra scheint mehr zur Abwaschung der todten menschlichen Körper als der lebenden bestimmt gewesen zu seyn. Die ganze Vorstadt der Gräber oder Nekropolis, deren Höhlengebäude weithin am Meeresufer sich verbreiteten, war gegen Süden von dem Mareotissee begränzt, welcher, als wir ihn sahen, abermals in den widerwärtigen Zustand eines weit ausgedehnten, mächtigen Sumpfes zurückgesunken war, dessen tiefste Stellen etliche Fuß hoch ein brackiges Wasser anfüllt, aus welchem weißliche Schlammhügel hervorragen. Zu Strabo's Zeiten mündeten vier Canäle in diesen damals von Papyrusschilf grünenden See; an seinem Ufer verbreiteten sich die reichen Pflanzungen der Oliven und der Reben, deren Wein selbst nach Rom ausgeführt und dort hoch geschätzt ward; noch im Mittelalter, bis zu dem tiefen Verfall und Elend, welches diese Gegend bei der Besitznahme durch die Türken traf, sahe man hier nach allen Richtungen hin eine üppig grünende, von Palmenhainen durchzogene Landschaft. Später war der einst so lieblich umgürtete See mit den verschlämmten Betten seiner Canäle zu einer sumpfigen Wüste geworden, aus deren stehenden Lachen die Sonnenhitze fast beständige Seuchen ausbrütete, bis die Engländer im Frühling des Jahres 1801, während ihres Kampfes mit der französischen Macht bei Aboukir jenen Uferdamm durchstachen, auf dem der Canal hinläuft, welcher vom Nil aus der Stadt Alexandria ihr trinkbares Wasser zuführt. Damals drang das Gewässer des Meeres in solcher Fülle durch den Aboukirsee in das alte, seichte Becken des Mareotissees herein, daß eine Menge Meierhöfe und (meist sehr kleine) arabische Ortschaften der Nachbargegend von ihm überschwemmt wurden und erst nach einem Monat hörte das Anwachsen des Wassers auf. Auf die gesündere Stimmung der Luft schien dieser Einbruch der Fluth von so wohlthätigem Einfluß, daß hierdurch der momentane Nachtheil desselben fast aufgewogen wurde. Seit der Wiederherstellung des Uferdammes, welcher den Zufluß des Nilwassers vermittelt ist dem Einströmen des Meeres Einhalt geschehen und zugleich hat nun auch die allmälige Wiederaustrocknung des Mareotissees begonnen. Immerhin dienet jedoch der Umriß jenes Brackenwassers und seiner schlammigen Ufer noch zu einem wichtigen Anhaltspunkt für die Umgränzung der alten Stadt. Wir betrachten nun, von dem »Bad der Kleopatra« fast in gerader Richtung nach Osten gehend die südliche Umgränzung Alexandrias. Hier fällt uns schon aus weiter Ferne die außerhalb des Sedrathores der (Araber-) Stadt stehende imposante »~Pompejussäule~« ins Auge, deren riesenhaften Schaft bei einem Durchmesser von acht Fuß und acht und sechzig Fuß Höhe dennoch aus einem einzigen Stück rothen, ägyptischen Granites gehauen ist. Die Säule gehört zur corinthischen Ordnung; der Schaft, und sein Fußgestell das auf Steinen ruhet, welche mit Hieroglyphen beschrieben sind, scheint aus älterer Zeit als das zierlich gearbeitete Capital; die Gesammthöhe des Werkes, von der Basis des Fußgestelles bis zum obern Ende des Knaufes misset 98½ pariser Fuß. Wir gaben uns, da wir an einem späteren Tage unsres hiesigen Aufenthaltes die Pompejussäule besuchten ganz jenem Eindruck hin, den dieser vereinsamt in der Wüste stehende, mächtige Ueberrest der alten Herrlichkeit auf die Sinnen macht, ohne für diesmal jener verschiedenartigen Meinungen zu gedenken, welche die europäischen Gelehrten über den Begründer und die Bestimmung jenes Kunstwerkes aufgestellt haben. Der gelehrte Araber Abulfeda nennt sie die Säule des Severus; eine erst in neuer Zeit wieder erkannte griechische Inschrift am Piedestal führte zu der Vermuthung, daß Diocletian der Begründer gewesen; Clarke macht es wahrscheinlich, daß Julius Cäsar wirklich einmal dieser wahrscheinlich schon lange vor seiner Zeit errichteten Säule die Bestimmung gegeben habe, oben, in einer noch jetzt sichtbaren beckenartigen Eintiefung des damals neu zu dem alten Schaft hinzugefügten Capitals jene Urne zu tragen, in welcher das Haupt des Pompejus beigesetzt war. Obgleich dann Hadrian und vielleicht noch manche andre römische Kaiser sich um die Wiedererneuerung der Säule Verdienste erwarben, würde sie dann noch immer mit mehrerem Rechte ihren gewöhnlichen Namen als »Pompejussäule« führen. Fragen wir nun, an welcher Stelle der großen ägyptischen Herrscherstadt der Ptolemäer und Römer diese Pompejussäule stund, so erscheint es wahrscheinlich, daß ihre Stätte westwärts von dem südlichen Ende jener Straße war, welche von Nord nach Süden gehend die große, von Ost gen West streichende Hauptstraße durchkreuzte[161]. Schwieriger als nach den andren Seiten ist die Abgränzung des alten Alexandria in Osten nachzuweisen. Im Süden von den Nadeln der Kleopatra, vor dem Rosettethor der ehemaligen Araberstadt sahen frühere Reisende noch viele jener Marmorsäulen, deren Reihen in den Tagen der prachtliebenden Ptolemäer die mehr denn sechshundert Fuß langen Säulenhallen trugen, welche zum Gebäude des ~Gymnasiums~ gehörten. Auch dem jetzigen Reisenden deuten noch einzelne solcher mächtigen Ueberreste diese Stätte der Uebungen an, deren Bestimmung es war mit den Kräften des Leibes zugleich auch die der Seele zu üben und zu stärken, weil der rechte Gebrauch und die Bewältigung der Glieder in der Hand des rechten Erziehers ein Mittel werden kann, die Selbstherrschaft des Willens über die Leiblichkeit zu begründen. Ostwärts von der Stätte des Gymnasiums, vor dem Canopusthore, gegen die damalige stattliche Vorstadt Nikopolis hin war auch der große, zum Wettrennen bestimmte Circus, dessen Stätte anjetzt einige armselige Hütten der Araber einnehmen. Forschen wir nun auch nach der gewesenen Stellung und Anordnung der innren Theile des alten Alexandria. Jene Hauptstraße, welche sich in einer Breite von mehreren hundert geometrischen Schritten durch die ganze Länge der Stadt, von Ost nach Westen zog, ward, wie schon erwähnt von einer andren Straße, deren Richtung von Nord in Süden gieng, unter einem rechten Winkel durchschnitten. Da wo beide Straßen sich kreuzten bildeten sie einen freien viereckten Platz von mächtigem Umfang, auf welchem stehend man zu den Thoren hinausblicken und im großen Hafen wie im Eunostischen die Schiffe sehen konnte. Dieser freie Platz wird mithin mitten in dem nun verödeten Bezirk der Stadt der Araber in einer Linie zu suchen seyn, welche ostwärts von der Pompejussäule gegen Norden nach dem neuen Hafen läuft. Von der Stelle des Stadtbezirkes, welches die königlichen Palläste und das Museum in sich faßte, sprachen wir schon oben. Seine Länge erstreckte sich von den Nadeln der Kleopatra bis an den Molo oder die jetzige Türkenstadt. Westwärts, mehr gegen den alten Hafen hin, jedoch diesseits des Kanals, welcher von dem kleinen, Kibotos genannten Hafenraum nach dem Mareotissee führte, lag der ~Serapistempel~, der nach Ammians Zeugniß nächst jenem des Capitoliums in Rom das prachtvollste Gebäude seiner Art in der damals bekannten Welt war. Von diesem Tempel erhielt der ganze ihn umgränzende Bezirk der Stadt den Namen ~Serapion~, ein Name, welcher in dem Freunde der alten Literatur schmerzliche Erinnerungen weckt, denn hier war die spätere, weltberühmte alexandrinische Bibliothek. Schon zu Julius Cäsars Zeit war eine andre hiesige Bibliothek, jene welche in den königlichen Pallästen aufbewahrt stund, ein Raub der Flammen geworden, die sich von der durch Cäsar in Brand gesteckten ägyptischen Flotte hieher verbreitet hatten; damals aber hatte sich bereits neben jener königlichen und aus der Ueberfülle derselben eine andre Bibliothek im Serapion begründet, welche nachmals, obgleich noch mancher ähnliche kleinere Unglücksfall sie betroffen, der vereinigende Sammelplatz für die wissenschaftlichen Werke des Alterthumes geworden. Sie war es, welche im Jahr 651 auf des Kalifen Omars Befehl als Heizungsmaterial der Bäder verbrannt wurde. Anjetzt läßt sich kaum noch mit Sicherheit die Baustelle des Serapistempels so wie jene vom Tempel des Neptun, am großen Marktplatz bestimmen; ein hochgethürmter Anbau des Schuttes und Sandes verbirgt die mächtigen Grundgemäuer und so manche ansehnliche Reste der alten Herrlichkeit tief unter seinen Massen; mit der Augenlust des alten Alexandria, mit vielen seiner Marmor- und Granitwerke hat Rom sich ausgestattet und nachmals Byzanz, über andren fluthet das Meer, nur die hunderte der noch immer vorhandnen Cisternen, deren Zahl einstmals jener der Tage des Jahres gleichkam, bezeugen es noch, daß hier die große Stadt, die mächtige Herrscherin der Meere und Wüsten gestanden, welcher an Reichthum und Pracht, während der Zeit ihrer höchsten Blüthe keine andre damalige Stadt der Erde zu vergleichen war[162], und welche selbst später unter der Herrschaft Roms für die zweite Stadt des Reiches galt. Selbst in seiner Verstümmelung durch die Araber, welche nach sechszehn monatlicher Belagerung im Jahr 651 die von ihrem byzantinischen Herrscher ohne Hülfe gelassene Stadt einnahmen, stund Alexandria fortwährend als ein herrlicher Koloß da. Zwar hatten die Sieger viele der noch übrigen Züge der vormaligen Schönheit zerstört, hatten im Jahr 875 die alten Mauern abgetragen und in einem nur etwa halb so großen Raume die neue Stadt »mit ihren hundert Thürmen« begründet, deren sarazenische Mauern namentlich auf der Südseite, gegen die Pompejussäule hin noch jetzt ziemlich wohlerhalten dastehen, dennoch blieb auch damals Alexandria die Hauptstadt der afrikanischen Küste. Denn bis zu Edrisi's Zeit im 12ten Jahrhundert war, außer dem weltberühmten Leuchtthurm, auch ein großer Theil der alten Monumente und der Plätze der Stadt bestehen geblieben; bis ins 13te Jahrhundert blühete Alexandria durch seinen reichen Handelsverkehr mit drei Welttheilen und selbst bei dem beginnenden Verfall durch viele innere und äußere Kämpfe, blieb der Stamm, wenn auch der Blüthe beraubt, noch kräftig genug, bis im Jahr 1517 Selim der Wütherich mit den Schaaren seiner Henker und Mordbrenner über Aegypten kam. In diesen neuen Eroberern war für die freilich veraltete Schönheit des greisen Alexandria weder Sinn noch Schonung; was für Feuer, Schwert und Hämmer nicht zu fest gewesen, das wurde vernichtet oder unter Schutt begraben, auch auf die Stadt der Araber, welche durch ihre sich rechtwinklich durchschneidenden Gassen einem Schachbret glich, ist damals der zermalmende Felsen gestürzt, welcher mit den spielenden Figuren zugleich das zierliche Gefüge der zinnenreichen Gebäude zerstäubte. Wenn man jetzt von der großen Straße südwärts durch eine der kleinen Seitengassen hinausgeht in das ehemalige Gebiet des sarazenischen Alexandrias findet man allerdings freie Plätze genug; Plätze, so weit und geräumig, daß sie die Emporien und Mittelräume der Herrscherstadt der Ptolemäer bei weitem an Umfang übertreffen. Statt der Palläste jedoch und Tempel, statt der zum Theil nach Rom geretteten Obelisken und prachtvollen Säulen findet man neben den vereinzelten Gebäuderesten aus sarazenischen und einzelnen aus dem Schutt hervorragenden Trümmern der noch älteren Zeit hier etwa eine arabische Hütte, dort das zierliche Haus eines Franken oder die im ummauerten Hofraum gelegne Wohnung eines Türken; anderwärts geräumige Gärten mit den Pflanzungen der hohen Palmen. Wer in das alte Alexandria eintrat, der sahe sich in diesem Paris der Vorzeit alsbald unter dem Gedräng eines Volkes das mit dem Gepräge der feinen äußren Bildung zugleich jenes der Vielgeschäftigkeit und der unruhigen Neuerungssucht an sich trug; eines Volkes das hier, im reichsten Lande der Erde mit dem Reichthum und üppigen Wohlleben einen Bund für immer geschlossen zu haben schien. Der größte Theil der jenesmaligen Bewohner waren Griechen, welche zum Theil das Verlangen nach dem geistigen Erwerb des Wissens, häufiger aber noch die Lust an irdischem Gut hieher gezogen und zu Bürgern der Stadt gemacht hatte; unter ihnen wohnte jedoch auch der ernste Aegypter, der Handel treibende Jude und Fremdlinge aus allen Gegenden der Erde; Sklaven wie Freie. Wenn man aber in unsren Tagen auf der Spur jener langen Straße wandelt, welcher nach Diodors Zeugniß an großartiger Pracht keine Gasse irgend einer Stadt der Erde gleichkam, da sieht man nur ein armes Volk der Araber, neben ihm das wiederkäuende Cameel, das besser gesättigt scheint, denn seine Treiber; statt der köstlichen Waaren Indiens und Nubiens werden da Bohnen verkauft und Datteln. Nachdem wir uns so über die Schuttmassen des neuen Alexandria ein beiläufiges Abbild des vormaligen, alten hingezeichnet haben, erwähnen wir noch mit einigen Worten der einfachen und unbedeutenden Geschichte unsres dortigen Aufenthaltes. Die Weihnachtszeit, die wir in Alexandria zubrachten, erscheint ganz besonders dazu geeignet dem Bewohner des kühleren Europa's, welcher zum ersten Male nach Aegypten kommt, an das neue Clima zu gewöhnen. Wir fanden da noch die Kräfte unsres Sommers mit der Fülle des Herbstes vereint, während an vielen Stellen der neu grünende Boden an die Tage des Frühlings erinnerte und ein oder etliche Male ein leichter Nebel ein Schattenbild unsrer winterlich trüben Tage gab. Schwalben flogen in der Luft; in dem Garten des Bogusbay, dahin ein Freund am 23ten December uns führte, blüheten Nelken, Ipomöen und Rosen während die Palmenbäume voll reifer Datteln hiengen; die Abende waren so mild, daß wir, von unsrem freundlichen Landsmann +Dr.+ Koch geleitet noch spät bei hellem Mondenschein zwischen den Bazars und den Kaffeehäusern der Türkenstadt herumwandelten, deren Bewohner jetzt, in der Zeit des Ramadans erst am Abend zu den gewöhnlichen Belustigungen der Sinnen aufwachen. Am Tage, im Sonnenschein, war die Wärme so stark und kräftig, daß uns das schön eingerichtete europäische Bad im arabischen Stadtbezirk außerordentlich wohlthat und daß wir am ersten Weihnachtstage, selbst noch in einer der späteren Stunden sehr begierig den Schatten eines Palmengartens aufsuchten, in welchem wir uns mit frischen, reifen Datteln und Pisangfrüchten, deren Geschmack an eine süße Mehlspeise erinnert, erquickten. Hätten uns übrigens nicht die Palmengärten, die Springhasen und buntfarbigen Nilenten, welche die Beduinen zum Verkauf brachten, so wie die unserem Auge noch neuen Formen der Fische des Fischmarktes, so oft daran erinnert, daß wir in Aegypten seyen, dann möchte sich leicht in uns der Wahn erzeugt haben, daß wir in einer europäischen Stadt verweilten, wohin etwa der Handel eine Schaar der Orientalen gezogen hätte. In unserm Frankenquartier und im Umgang mit so vielen Landsleuten walteten beständig der Charakter und die Formen der Heimath vor; in den Kaffeehäusern wie in den Wohnungen, an Kleidung wie Sprache und Sitte der Menschen, die man da sahe, war fast Alles so wie man es bei uns findet; Alexandria trug schon in alter Zeit nicht den eigentlichen Charakter Aegyptens, sondern des Auslandes und noch jetzt erscheint es vorherrschend als eine Pflanz- und Wohnstätte der Fremden. Selbst jene armen arabischen Landleute (Fellahs), die man auf den Feldern und in der Stadt sieht, die Soldaten und ihre in ärmlichen Hütten wohnenden Frauen und Kinder erscheinen wie vorüberziehende Fremdlinge; der Gesang der arabischen Mädchen, welche Baumaterial auf ihrem Haupt durch die Gassen trugen, lautete fast wie die Töne der Klageweiber, die wir am 22ten December einen Todten zu seinem Grabe, in der Nähe der Pompejussäule geleiten sahen, zu jenem abgeschiedenen Räumlein der Erde, das der müde Wandrer zuletzt doch sein eigens nennen darf. Den Weihnachtsabend feierten wir still und auf heimathliche Weise in unsrem Zimmer; Palmenzweige von Wachslichtchen beleuchtet vertraten die Stelle des deutschen Tannenbäumchens. Am ersten Weihnachtstag sammlete sich bei uns, nach griechischer Sitte, zum Besuch unser alter Capitän Angeli mit einem Theile seines stattlich geputzten Schiffsvolkes. Vor allen Andren hatten wir seinen kleinen Pflegesohn, der auf dem Schiff uns zur Bedienung gegeben war, mit mancherlei Weihnachtsgaben bedacht; so war dann auch für uns in der weiten Entfernung von der theuren Heimath der liebe Tag ein Fest der Kinder geworden. Hat ja über Alexandria, so tief es auch gesunken war, niemals, in geistiger Hinsicht aufgehört der Wechsel von Säen und Ernten, Morgen und Abend, denn seit der ersten Verkündigung der großen Botschaft des Heiles der Menschen durch den Evangelisten Marcus und den von ihm zum Bischof geweihten Anicenus, ist diese Stadt immer die Wohnstätte einer Christengemeinde gewesen und geblieben. Die Tage nach dem Weihnachtsfeste vergiengen im Umgang der Freunde, unter denen uns der naturkundige +Dr.+ ~Hedenborg~ ein lehrreicher Führer und Rathgeber wurde, gar schnell. Noch am letzten Morgen, Dienstags den 27ten December, machte ich eine einsame Wanderung hinaus nach Nordost auf dem Wege nach Abukir. Ich wollte wenigstens auf die Stätte des alten Canopus hinüberblicken, das mir seit langer Zeit so bedeutend war. Auf einem der Pylonen des dortigen Serapistempels hat ~Claudius Ptolemäus~, der kenntnißreiche Forscher des Laufes der Gestirne vierzig Jahre lang gewohnt und den Himmel beobachtet. Mein Weg gieng, jenseits den Nadeln der Cleopatra an den Hütten der Soldatenfrauen vorüber, bald nachher über das Schlachtfeld von 1801; weiterhin bestieg ich eine der Anhöhen bei dem alten Kastellgemäuer, welches, wie man vermuthet, aus den Zeiten der Römer stammt. Von einem der Hügel überblickt man die ganze schmale Landzunge, die sich zwischen dem See von Abukir und dem Mittelmeer hinzieht und auf welcher vormals die schöngebauten Nachbarstädte des größeren Alexandria: Nikopolis, Taposiris und Canopus (jetzt Abukir) lagen. In Südost zieht sich die noch schmälere Landzunge zwischen dem See von Abukir und dem Mareotis hin, über welche der Nilkanal, der Alexandria mit dem Nil verbindet und zugleich mit seinem trinkbaren Wasser versorgt, hingeführt ist. Das feste Gestell dieser Landzungen, so weit nicht die Hand des Menschen dabei mitbauete, ist ein Kalksandstein mit vielen Muscheltrümmern, welcher noch fortwährend als Ansatz des Meeres sich zu bilden scheint. Ziemlich ermüdet kehrte ich, bald nach Mittag zur Stadt zurück, denn die ägyptische Sonne erschien mir auch in ihrer Winterschwäche noch überkräftig und stark. Noch einige Stunden verweilten wir in dem gastlichen Alexandria, dann zogen wir im Geleite der freundlichen, gütigen Landsleute, v. Dumreicher und Koch, neben dem Kameel, das all unsre Sachen trug, hinaus zum Canal, wo schon die Nilbarke unsrer wartete. Die Nilfahrt nach Cairo. Eine Nilbarke, wie der treffliche americanische Consul H. Gliddon ihrer mehrere erbauen ließ, gewährt freilich ganz andre Bequemlichkeiten als etwa ein solches Segelschiff wie unser bisheriges türkisches war. Man hat einige wohleingerichtete Kajütenzimmer zur Wohnung, unten im Schiffsraum kühle Verwahrungsorte für die Speisen und Getränke, auf dem Verdeck eine Art von Küchenherd. Ein arabischer Diener, Ibrahim genannt, den uns Freund Dumreicher empfohlen, begleitete uns als Koch; auch der Reis oder Capitän der Barke so wie sein Schiffsvolk waren Araber. Erst gegen Abend fuhren wir ab; die Baumanlagen und Landhäuser zu beiden Seiten des Machmut-Kanals beleuchtete uns, mit unsicherem Schimmer, nur die Dämmerung; die enge Landzunge zwischen dem Abukirsee und der sumpfigen Tiefe des Mareotissees durchfuhren wir bei Nacht. Bald nach Anbruch des Morgens am 28ten December hielt unsre Barke bei ~Birket Gitas~ still, bei welchem unmittelbar am Canal eine Art von Markt gehalten wurde, zu dem aus der ganzen Umgegend Käufer und Verkäufer herbeigekommen waren. Das Dorf selber liegt etwas tiefer landeinwärts; bei ihm das Gebäude eines Telegraphen; zum ersten Male sahen wir hier die sonderbare kegelförmige Bauart der ägyptischen Bauernhäuser, deren Hauptmasse ein getrockneter Nilschlamm ist. Von der Höhe des Dammes aus war eine weite, herrliche Aussicht über die üppig grünende, zum Theil noch vom Wasser des Nils bedeckte Ebene. Es ward Mittag, ehe es unsern Schiffern, welche vergeblich auf günstigen Wind warteten, weiter zu fahren gefiel, diese Fahrt war indeß für sie auch keinesweges eine vergnügliche, denn die Barke mußte von den Matrosen an Seilen gezogen werden. Bei solchem Lauf der Dinge schien es uns besser und anmuthiger auf dem Lande, wo jeder Schritt etwas Neues uns zeigen konnte, zu gehen, als in der Barke zu stehen oder zu sitzen: wir ließen uns aussetzen. Als ich da in einer der späteren Nachmittagsstunden zwischen den Heerden der fröhlich springenden Lämmer durch die Wiesen des blühenden Trigonellenklees und des alexandrinischen Dreiblattes hingieng, singende Lerchen und Bachstelzen neben mir emporschwirrten, da glaubte ich mich in einen Maitag des Vaterlandes und zwischen die grünenden Ebenen und Felder der fruchtbaren Ebenen von Thüringen versetzt; ich fühlte mich in dieser milden, balsamischen Luft so leicht und wohl, wie in der Zeit meiner Jünglingsjahre. Von der Höhe des Dammes, in der Nähe eines ägyptischen Wachthauses sahe ich noch einmal die Sonne, die in der unbegränzten Ebene, wie in einem grünenden Meere untergieng; am Abhang des Dammes glänzten wie kleine Sterne die Stücken des Salzes, welche hier überall aus dem aufgegrabenen Erdreich hervorblicken; in Nordost ruhete das Auge auf dem dunklen Grün der Palmenwälder. Nach Sonnenuntergang kehrten wir in unsre Barke zurück; gegen neun Uhr am Abend landeten wir bei ~Adfu~, am Ende des Machmutkanals. Ein erquickender Schlaf auf dem kühlen, reinlichen Lager der Barke hatte alle Sinnen kräftig gestärkt und empfänglich gemacht für den hohen Genuß der ihnen heute bevorstund. So bedeutungsvoll der Kanal, auf dem wir von Alexandria hieher fuhren, für das jetzige Land ist, so viel man auch Ursache hat dieses im Jahr 1820 vollendete Werk der Hände von 25,000 ägyptischen Landleuten (Fellahs) zu bewundern, so weit steht doch das Alles, was die Fahrt auf dem Machmutskanal gewährt, hinter dem Genuß einer eigentlichen Nilfahrt zurück. Wir konnten am Morgen es kaum erwarten den Strom zu sehen, welcher durch sich selber wie durch sein Land ein Wunder der Welt ist. In Adfu besteigt man eine größere Barke; die unsrige lag schon bereit, ehe aber die Waaren, die sie, sammt uns nach Cairo führen sollte, so wie jene die sie aus Cairo, zur Befrachtung unsrer bisherigen Barke brachte, aus- und eingeladen waren, vergieng der größere Theil des Vormittages. Wir brachten dann die müßige Zeit des Wartens zwischen dem Gedränge der Araber zu, die hier Datteln, Orangen und andre Früchte des Landes feil boten und dagegen Waaren, aus Alexandria gekommen, einhandelten, und im Besehen der Umgegend. Endlich war es so weit gekommen, daß wir das neue, schöne Fahrzeug, dessen Kajütenzimmer ganz zu unsrer Disposition waren, beziehen und abfahren konnten. Das tacktmäßige Geschrei unsers arabischen Schiffsvolkes beim Aufziehen des Ankers und dem Aufspannen der Segel; das Rauschen des Wassers, dessen Lauf wir durchschnitten, klang uns wie ein Lied des Jubels als wir an dem von Palmenwäldern beschatteten Fuah und an Salmieh hinfuhren. Obgleich mir die früher gemachten Wasserfahrten auf der Rhone und Etsch, auf dem Rhein und der Donau manchen schönen Genuß gewährten, so stund dieser doch unvergleichbar weit hinter dem Genuß der Nilfahrt zurück. Man darf ja wohl sagen, daß diese nicht nur zu den anmuthigsten und herrlichsten gehöre, die man auf Erden machen kann, sondern daß sie die herrlichste von allen sey, denn welcher befahrbare Fluß der Erde ist an vielfacher Bedeutendheit mit dem Nil zu vergleichen? Es sind hier nicht allein die Waldungen der Palmen und der blühenden Mimosen, nicht die weithin schattenden Stämme der uralten Sykomoren oder das Smaragdgrün der Saatfelder, das sich am gelben Saume der Wüste hinziehet; es ist nicht der balsamische Duft den jeder Windhauch aus den Hainen der Orangen oder aus den Feldern der blühenden ägyptischen Bohnen und des Klees mit sich bringt; sondern das was hier wie ein belebender Odem die Seele aufregt, das sind die riesenhaften Fußtapfen einer Heroënzeit der Wissenschaft, der Kunst und der gesammten Geschichte unsres Geschlechts, die allenthalben, selbst dem Sande der Wüste, mit unvergänglicher Kraft eingeprägt erscheinen. Noch ein andres äußres Element war es, das den Becher der innren Freude mit seinen Strömen des Wohlgefallens füllte. Der Frühling von Aegypten war gekommen; die Mimosen entfalteten ihre goldgelben Blüthen; auf den Feldern grünten und blüheten die Saaten und Kräuter zur Sättigung des Menschen und seiner Heerden; die strauchartige Baumwolle zeigte neben den reifen Saamenkapseln zugleich wieder die große, wunderschöne Blüthe; reife Orangen von ungemeinem Wohlgeschmack bedeckten die Bäume; die edle Palme sättigte auch das ärmere Volk mit der Fülle ihrer Datteln. So hätten wir denn keine schönere Zeit des Jahres zu unsrer Reise durch das Nildelta wählen können als die von den letzten Tagen des Decembers bis in die erste Woche des Januars; war doch diese Zeit schon den alten Aegyptern eine besonders festliche, denn jetzt, wo die Sonne aus den südlichen Sternbildern zurückkehrt in die nördlichen, ward Horos, der Sohn der Isis und des Osiris, er selber eine liebliche Blüthe unter Blumen geboren. Der Nil war zwar wieder in sein Bett zurückgekehrt, floß aber in diesem noch in voller Strömung und hatte überall in der angränzenden Niederung von seiner Ueberfülle Wasser zurückgelassen. Unsre Fahrt, aufwärts auf dem kräftigen Strome gieng gerade nicht mit Dampfschiffseile von statten, wir brauchten zu ihr von Adfu bis Cairo fast so viele Tage als etwa ein Dampfschiff Stunden dazu nöthig gehabt hätte; unsre fortrückende Bewegung glich den Schritten eines Spaziergängers, der durch einen Lustgarten wandelt und zur Betrachtung wie zum Genuß sich volle Zeit gönnet. Die Windstille wechslete großenteils nur mit dem Winde aus Süden, der uns entgegen war, und erst am letzten Tage der Reise beschleunigte ein wahrhaft günstiger Wind, der fast zum Sturm ward, unsre Fahrt. Gerade aber diese scheinbare Ungunst der Wittrung gab uns Gelegenheit das schöne Land am Ufer nicht blos zu sehen, sondern auch zu durchwandern; denn so oft das Fahrzeug gezogen werden mußte, oder stille lag, stiegen wir aus und ergiengen uns bald in den Wäldern der Palmen, bald in den Feldern der Baumwollen-Gesträuche oder des Indigos, oder zwischen jenen sonderbaren, zuckerhutförmigen Häusern des ägyptischen Landvolkes, die, aus Lehmen und irdenen Krügen zusammengesetzt, mehr und besser zu Wohnungen unzähliger Tauben als der Menschen eingerichtet sind. Nach dieser allgemeinen Beschreibung unsrer Nilfahrt geben wir auch die besondre der einzelnen Tagesstationen in einigen wenigen Zügen. Die erste Tagesfahrt von Adfu aus gieng noch immer ziemlich schnell von statten. Wir kamen gleich anfangs an der herrlichen, mit Palmenwäldern bedeckten Insel und Ebene bei ~Fuah~ (Fueh?) vorüber, erreichten dann nach etwa anderthalb Stunden die Gegend von ~Salmieh~ und die Palmenhaine des nahe gegenübergelegenen ~Abou Salem~, brauchten von hier keine ganze Stunde zu dem grünumsäumten ~Mehallet Malek~, kamen noch in der letzten Neige des Tages an ~Marieh~ vorüber und sahen die Sonne hinter den Palmen versinken, ehe wir die Nähe von ~Rahmanieh~ gewonnen. Unsre arabischen Schiffsleute sammt ihrem alten Reis oder Capitän hatten sehnlich auf diesen Augenblick gewartet; ihr heutiges Tagwerk, das Hinübertragen der Waaren aus der einen Barke in die andre war ein sehr schweres gewesen und dabei hatten sie wegen des Ramadan, den sie mit größter Strenge feierten, seit Sonnenaufgang noch mit keinem Bissen oder Trunk Wassers sich gelabt. So groß aber auch ihr Verlangen seyn mochte, ihre Hände und den Mund mit den gekochten Bohnen zu füllen, fragten sie dennoch, auch da die Sonne augenscheinlich untergegangen war, uns, die wir Uhren hatten, ob jetzt der Tag zu Ende sey und erst als wir dies bejaht hatten, griffen sie fröhlich nach ihrem hölzernen Gefäß mit Nilwasser und nach den Bohnen. Wir, bei unsrem Abendessen bemerkten heute zum ersten Male einen Mangel, der uns freilich schon nach wenig Tagen nicht mehr fühlbar war. In Alexandria sammelt man zur Zeit der Stromschwelle das Nilwasser in die seit alter Zeit zu diesem Zweck bestimmten Cisternen, wo es seinen Schlamm absetzt und klar wird. Wir hatten deshalb dort immer helles, reines Wasser getrunken und auch in der Barke die uns nach Adfu brachte, fand sich ein Faß mit solchem Getränk. In Adfu selber hatten wir ganze Haufen von jenen wohlfeilen thönernen Gefäßen gesehen, durch deren poröse Wände man das trübe Nilwasser durchseihen läßt und so dasselbe beständig klar und zugleich abgekühlt erhalten kann, wir hatten aber versäumt dergleichen Gefäße zu kaufen und mußten daher bis Cairo mit unsern Arabern das unklare Flußwasser genießen. Da der günstige Wind noch anhielt und noch vor Mitternacht der Mond aufgieng, setzten unsre Schiffer auch bei Nacht die Fahrt fort. Der Wind war indeß nach Mitternacht immer schwächer geworden und hatte vor Sonnenaufgang sich ganz gelegt, der Morgenglanz des 30ten Decembers beleuchtete uns die grünenden Ufer jenseits ~El Goudabi~ (Ghodabbi). Ein Theil unsres Schiffsvolkes stieg aus, um die Barke zu ziehen; wir benutzten die Gelegenheit begierig, um hier ans Land zu kommen. Wie schmerzlich hatten wir es zu beklagen, daß die Windstille nicht um einige Stunden früher eingetreten war. Denn so wenig auch die Stätte der ältesten griechischen Niederlassung ~Naukratis~, nahe bei der jetzigen Ortschaft ~Mahallet Dakhel~ dem Auge dargeboten hätte, so bedeutungsvoll und erwünscht wäre uns der Anblick der bei ~Sa el Hadschar~ (Salhadschar) gelegenen ~Ruinen von Sais~ gewesen. Diese konnten von der Stelle des Ufers bei ~El Goudabi~, an der wir jetzt ans Land gestiegen waren, kaum anderthalb Stunden Weges entfernt seyn. Bei der großen Langsamkeit, mit welcher die Fahrt seit Mitternacht vor sich gegangen war, hätten wir, wäre es am Tage gewesen, gar leicht die wallartigen, grünbewachsnen Schutthügel und die Felder der Fellahs von Sa el Hadschar besuchen können, unter deren mit Bohnen besäeten Boden der nachgrabende Freund des Alterthums gar leicht eine Ernte machen würde, welche reicher wäre als alle Ernten dieser Landschaft. Zwar wußten wir wohl, daß jetzt, seitdem auch die letzten über die Erdfläche hervorragenden Reste der alten Kunstwerke, so weit sie nur tragbar waren, hinweggenommen sind, fast nichts mehr die Stätte von Sais und vom Grabmal des Osiris bezeichne als nur die wallartigen Hügel, welche einen fast viereckten Raum umschließen, dennoch beklagen wir es den Besuch dieser Höhen verfehlt zu haben, auf welche einst ein so geistig Hohes seinen Glanz warf, daß der Wiederschein weiter über das Reich des Erkennens strahlte, als das Licht des Pharos zu Alexandria über Meer und Land[163]. Die Morgenstunde während welcher wir da, in der Nachbarschaft des alten Sais im Schatten der eben blühenden Nil-Mimosen (+Mimosa nilotica+), zwischen den Feldern der großblumigen Baumwolle[164] lustwandelten, war unbeschreiblich schön. Jenes Lied der sieben Stammlaute, jenes Lied, in welchem die Priester des alten Aegyptens Ihn, den erhabenen, ewigen Gott priesen; Ihn den rastlosen Vater der Wesen, den Ordner und Erhalter des Weltalls, tönte, wie ein Säuseln im Wipfel der Palme aus dem alten Sais herüber, und weckte tief im Herzen seinen Nachklang. Wie der ferne Klang der Posaunen lautete dem Ohr das Rauschen des herrlichen Stromes der hier, zur Linken einer langen waldbewachsnen Insel, in etwas verengterem Bett geht. Jenseits ~El Farastagh~, ~Nikleh~ gegenüber kamen wir an einen Wassergraben, der das Weitergehen hinderte; wir mußten in die Barke zurück, welche, den schwachen Windhauch benutzend, der sich eben wieder erhoben hatte, langsam von ~Mahallet Läbben~ gegen ~Mordeh~ auf dem hier kaum sechshundert Fuß breitem Strome hinaufschwamm. Bei ~Kufur Sowali~ bildet der Fluß, in mehrere Arme getheilt, große, mit Saatfeldern und Lebech-Akazien bepflanzte Inseln. Die Barke wurde hier von neuem gezogen bis gegen Mit ~Schahaleh~, wo der Lauf des Stromes eine Krümmung gegen Osten (fast O. N. O.) macht, bei welcher uns der jetzt aus Südosten wehende Wind hülfreich zu statten kam. Es war schon in einer späteren Nachmittagsstunde als wir vor ~Schabur~, mit den Schiffsleuten zugleich, welche dort von neuem die Barke ziehen mußten, wieder ans Land stiegen. Wie verödet und verbrannt sahe hier das Erdreich aus, an der Stätte da einst ~Andropolis~ stund, das noch zur alexandrinischen Synode des Jahres 362 einen eignen Bischof (Zoilus) sendete. Keine einzige blühende Pflanze ließ sich hier finden, auch von dem schönen, großen Isiskäfer (+Copris Isidis+) den wir heute früh zum ersten Male, bei Farastagh gesehen hatten, fanden wir, unten am Ufer nur etliche verstümmelte Leichname. Der Ort ~Schabur~, der durch die siegreiche Schlacht der Franzosen am 14ten July 1798 bekannt ist, nimmt sich von außen ziemlich stattlich aus; sein Innres, durch welches wir zum Theil hindurchgiengen, zeigte uns meist nur armselige, halbverfallene Lehmhütten und eine Menge der erblindeten Bettler. Ein Theil der rüstigsten Jugend, welche dem vereinsamten Orte noch übrig gelassen ist, begegnete uns jenseits demselben, dies waren die jungen arabischen Frauen oder Jungfrauen, welche kleine Körbe, gefüllt mit Banmwollenkapseln und kleinen Limonien auf dem Kopf trugen und von den letzteren uns zum Verkauf boten. Auf einer Sandbank des Stroms sahen wir viele Pelikane, nahe bei uns, am Ufer lustwandelte die sogenannte ägyptische Elster: der spornflügliche Regenpfeifer[165]. Wir waren unsrer Barke weit vorausgekommen, denn das arme Schiffsvolk, vom strengen Fasten ermüdet, konnte dieselbe nur langsam nachziehen; das einbrechende Dunkel und ein breiter Wassergraben nöthigte uns wieder ins Fahrzeug zu steigen; wir übernachteten im Flusse, unter den Baumpflanzungen von ~Salamun~. Als wir am letzten Morgen des Jahres, Sonnabends den 31ten December, erwachten, lag unser Schifflein noch still. Unsre jungen Freunde giengen auf die Jagd und der Maler, Herr Bernatz, hatte auf einem Baum ein Nest mit ganz befiederten Jungen des ägyptischen Weihen erbeutet. Etwas nach acht Uhr rief unser Ibrahim die jungen Jäger zurück in die Barke, die nun, bald von einem schwachen Winde bewegt, bald gezogen, ihren langsamen Lauf antrat, vorüber an ~El Bahgi~ und ~El Dschedid~. Bei der ruhigen Bewegung des Schiffes benutzten wir den größten Theil des Tages zum Briefeschreiben, was hier, in der bequem eingerichteten Barke, freilich viel leichter war als im türkischen Schiffe. Wir kamen noch am Nachmittag bis nach ~El Zayrah~ (Sahyarah) wo die Fahrt durch den widrigen Wind gehemmt ward. Unser Schiffskapitän sagte uns, daß dieser Ort wegen des Raubgesindels, das in ihm hauste, sehr berüchtigt sey, erbat sich etwas Pulver und Blei, um einige Flinten zu laden und ersuchte auch uns, wir möchten zur etwa nöthigen Vertheidigung bereit seyn. Wir schenkten der Warnung wenig Glauben; gingen noch am hohen Nilufer gegen Tanoub hinab spazieren, lasen dann in der stillen Kajüte noch Einiges; gedachten all der großen, guten Dinge die in diesem nun vergangenen Jahre an uns geschehen und tranken zum Schlaftrunk, nach heimathlicher Gewohnheit, ein Glas Punsch. Unsre Schiffsleute hielten wirklich abwechselnd Wache, sie hatten auch, bei einbrechender Nacht, mehrere Male ihre Gewehre abgefeuert, um den Leuten in ~El Zayrah~ es bemerkbar zu machen, daß wir bewaffnet seyen; die ganze Nacht vergieng aber so still und ruhig wie in einer sichern Kammer der Heimath. Der erste Tag des Jahres 1837 war ein Tag der Todesschrecken für Tausende der Bewohner von Syrien und Palästina; ein furchtbares Erdbeben hatte Saphet wie Tiberias und eine Menge andrer Ortschaften niedergestürzt; hatte in Nazareth wie in Sichem Verheerungen angerichtet; die Höhen der Gebirge vom Sinai bis zum Libanon erschüttert. Auch im Nilthale, namentlich in Cairo, wo es vier Häuser umwarf, hatte es sich theils durch Erdstöße, theils aber als heftiger Sturmwind bemerkbar gemacht; in der letztern Gestalt erschien es auch uns bei El Zayrah und hielt uns hier, weil seine Richtung der Fahrt entgegen war, den ganzen Tag festgebannt. Dennoch war diese Verbannung eine sehr erträgliche. Die Gegend um El Zayrah ist wahrhaft reich und schön; die Alleen der Mimosen wechslen mit den Pflanzungen der Orangen- und Zitronenbäume; zwischen den Feldern der Indigopflanzen, dem Strauchwerk der Baumwolle und der Saat des Sesams, duften die Gewürzkräuter Arabiens; das benachbarte Tanub, südwärts von Zayrah und die ostwärts vom Strome gelegenen Ortschaften ~Rabia~ wie ~Mit-Koram~ liegen jedes in einem dichten Haine der Palmen. Wir begannen das neue Jahr mit dem wohlthuenden Gefühl und Bewußtseyn, daß es nicht bloß dieselbe Sonne sey, welche hier uns wie dort in der weit entfernten Heimath die theuern Verwandten und Freunde beleuchte; sondern daß dieselbe, allumfangende Mutterliebe uns wie diese aus dem alten Jahre ins neue herübergetragen habe und auch ferner tragen werde, und wenn sich dann auch manchmal an uns wie an jenen eine Neigung »zum Weinen« im neuen Jahre einstellen möchte, so werde ja wohl auch das Sprichwort an uns beiden sich bewähren, daß wenn am Abend das Weinen walte, bald hernach, am Morgen die Freude komme. Ein lieber Freund in München lag, nach den letzten Zeitungsnachrichten, welche wir lasen, an der Cholera krank; wir hofften, er werde uns ja auch fürs neue Jahr und fernerhin erhalten werden und unsre Hoffnung ist nicht zu schanden geworden. Ich hatte, als wäre ich zu Hause, in der Barke einige Briefe geschrieben; die jungen Freunde waren auf der Jagd oder mit dem Zubereiten des bereits Erbeuteten für unsre Sammlungen beschäftigt; die Hausfrau in Gesellschaft der Freundin Elisabeth hatte sich aufgemacht, die Landschaft von Zayrah zu besehen. Die Briefe waren geschrieben; ich wollte nun auch wieder hinaus zu den Freunden. Ich hatte mich zwischen den Indigofeldern hin nach Osten gewendet; da vernahm ich, die ohnehin laute Stimme der Hausfrau noch lauter als gewöhnlich sprechend. Ich wendete mich hin nach der Orangenpflanzung, aus welcher der Ton der Rede kam, und sahe dann die beiden Freundinnen eilig aufs Feld heraustreten. Sie hatten sich während der wärmeren Zeit des Mittags im Schatten der Bäume ergangen und sahen sich jenseits der Alleen der Mimosen auf einmal unter arbeitenden Männern, die mit scharfen Hackmessern die Orangenbäume beschnitten. Sie wollen schnell vorbei gehen; die Hausfrau aber, voraustrippelnd, da sie nach der Freundin sich umsieht, bemerkt zu ihrem Schrecken, daß ein Araber dieser nachgeht und das scharfe Hackmesser über ihrem Nacken schwingt. Sie ruft laut auf; der Araber verschwindet zwischen dem Gesträuch, noch lange aber hatte der Wiederhall des Schreckens in dem kräftigen Stimmorgane der Hausfrau nachgetönt. Zusammengehalten mit der Aeußerung unsres arabischen Reis, daß hier ein Raub- und Mordgesindel wohne, möchte man wohl glauben, daß die Schwingung des Hackmessers gegen das Haupt unsrer Freundin nicht Scherz, sondern Ernst gewesen sey. Wir hatten aber ja jetzt wieder des Schutzes im vollen Maaße; zuerst die Barke, mit dem rüstigen Schiffsvolk, dann den tapfren Maler Bernatz, der uns mit seiner nicht vergeblich geladnen, sondern für einige Wiedehopfe des Nilstrandes todtgefährlich gewordnen Flinte hinaus nach Tanub begleitete, wo wir im Schatten der Palmen noch eine liebliche Frühlings-Abendstunde genossen. Heute Abend machten sich die Schiffsleute wie die jungen Freunde noch mehr denn gestern auf eine etwa nöthige Erwiederung des Begrüßens der Zayrahner bereit, aber noch vor 10 Uhr erhub sich plötzlich ein günstiger Wind, den unsre Schiffer benutzten, und zuerst zum westlichen Ufer bei ~Kum Scherik~ hinübergewendet, dann in der Mitte des Stromlaufes weitergehend am Morgen bereits ~Nadir~, noch vor Mittag aber ~Gezaieh~ (Ghisahi) erreichten. Hier fanden wir mehrere Nilschiffe, die sich, gleich dem unsrigen, an dem wie es scheint wohlhabenden Orte mit Lebensvorräthen versorgen wollten. Während wir da die wunderlichen Lehmhütten der Fellahs betrachteten, welches eigentlich Schläge und Kolonien der Tauben sind, bei denen der Mensch zur Miethe wohnt, war unser Ibrahim hinein ins Dorf gegangen, um frische Brote, Eier und Milch für unsern verschwenderischen Haushalt zu kaufen. Auf einmal entstund bei und in der Barke ein Geschrei; man wollte im Dorfe unsern Ibrahim behalten und zum Soldatenstand pressen. Aber die tapfern, mit dem weiten Gewand des fliegenden Hemdes bekleideten Seemänner unsrer Barke, die jungen, arabischen Helden der Bohnen und Linsen, ergriffen Stangen und Stöcke und drangen so kräftig in das Volk der halbblinden und lahmen Männer, welche das Dorf beherrschten, ein, daß Ibrahim bald wieder mit all seinen eingekauften Eiern, Broten und Milchkrügen frei war. Wir fuhren, noch immer mit günstigem Winde, weiter, vorüber an ~Terraneh~ und seinen nachbarlichen, modernen Ruinen, dann an ~Zaviet Rezin~ und ~Abu Noschabeh~; erst jenseit ~Mit Salameh~ verließ uns der Wind. Im Ganzen hatten wir seit voriger Nacht einen Weg von fast zehn Stunden zurückgelegt. Dafür lagen wir aber auch schon in der Nacht und am Morgen des dritten Januars unbeweglich still, an der Westseite des Flusses, in einer Gegend, in welcher das Auge, als wir ans Land stiegen, weiter gegen Westen hin nichts erblickte als die Hügel des Sandes. Schon vor Sonnenaufgang verkündete uns einer der jungen Freunde, der vor uns ans Land gestiegen war, daß man außen auf der sandigen Anhöhe beim Ufer die Pyramiden sehen könne. Wir stiegen hinan ans hohe Ufer und siehe die aufgehende Sonne bestrahlte uns jene Wunder der ältesten Baukunst, welche schon Abraham sahen und Moses, deren Höhen Thales maß, deren Pracht Herodot bewunderte und in deren Nähe Joseph, der Versorger und Ernährer seiner Brüder so wie achtzehn Jahrhunderte nach ihm ein andrer Joseph seine Zufluchtsstätte fand, dem noch ein viel höherer Beruf des Pflegens und Versorgens geworden war, als Joseph, dem Sohne des Altvaters Jacob. Jetzt, bei Sonnenaufgang sahen wir außer den beiden größesten Pyramiden von Ghizeh auch die dritte kleinere; da die Sonne höher stieg, verschwand uns diese und nur die größeren blieben sichtbar. In der That es war noch eine Gedultsprobe dergleichen unsre Wasserfahrten mit Segelschiffen uns schon mehrere aufgegeben hatten: so nahe und bereits im Anblick eines ersehnten Zieles abermals, wir wußten ja nicht auf wie lange? stillstehen zu müssen. Zwar gab uns die Natur auch hier, auf den öden Sandhügeln manche Unterhaltung; wir machten glückliche Jagd auf mehrere Pimelien- und selbst auf den großen Isiskäfer, sahen zum ersten Male einige vereinsamte Straucharten der Wüste, dennoch ward uns da in den glühend heißen Strahlen der Sonne die Zeit des Wartens, bis fast gegen Mittag, sehr lang. Endlich erhub sich ein Wind aus Westen (W. N. W.), welcher jedoch hier, wo unser Schiff hinter der Wand des hohen, gähansteigenden Nilufers lag, die Segel nicht recht fassen konnte; die Schiffsleute ruderten deshalb in ihrem Boote hinüber an die östliche Seite und zogen die Barke nach, deren Segel alsbald sich füllten und das Schifflein wie auf Taubenflügeln von hinnen trugen. Wie im Fluge zogen wir an dem Grabmal eines türkischen Santo's vorüber, das vor ~Atris~ nahe am Ufer liegt, dann an ~Wardan~ und ~Abu Awali~. Der Fluß wendet sich hier nach Osten; der Westwind stund gerade in unser Segel. Als aber jetzt der Stromlauf wieder mehr nach Süden sich kehrte und der Wind fast zur Stärke des Sturmes sich steigerte, da hatten sich die sanften Taubenflügel, die uns vorhin weiter trugen, wenigstens in den Augen der sorgsamen Hausfrau in Rabenschwingen verkehrt; das Schiff, das den Wind von der Seite hatte, lag so schief, daß Alles was in unsrer Kajüte nicht fest gemacht war, in Bewegung gerieth. So flogen wir an ~El Ghatah~ und bei einer neuen Krümmung an ~El Aksas~ vorüber, erreichten schon um vier Uhr des Nachmittags vor ~El Akmin~ und noch mehr bei ~Dschaladnieh~ und ~El Machi~ jene Orte der ungetheilten Stärke und jugendlichen Kraft des Nilstromes, an welchen dieser die Fülle seines Wassers noch nicht an alle seine Sprößlinge, an jene Arme vererbt hat, welche das Nildelta bilden. Von den Herrlichkeiten des in dieser Jahreszeit paradiesischen Schubra sahen wir nur die grüne Schaale der hohen Bäume. Ein Gedränge der Wetterwolken war an dem vorher so klaren, blauen Himmel emporgestiegen, gleich als wollte es uns daran erinnern, daß keine Regel, welche die Sichtbarkeit giebt, ohne Ausnahme sey. Wir waren kaum, gegenüber von ~Embabeh~, in den Nilhafen von Cairo, in ~Boulak~ eingelaufen und hatten dort den stillen, sichren Landungsplatz gefunden, an welchem, nach eingezogenen Segeln das Schiff wieder gerade und still stund, da stürzte der Regen in solchen Strömen herab, daß unsre, scheinbar so gut gedeckte Kajüte mit ganzen Wasserbächlein erfüllt ward, die sich weiter hinunter in den Schiffraum, auf die geladenen Waaren ergossen. So alltäglich und unbedeutend ein solches Naturereigniß bei uns erscheinen würde, gehörte es dennoch in früheren Zeiten wenigstens, für diese Gegend von Aegypten zu den ungewöhnlicheren. Wie man sagt, hat sich, seitdem Ibrahim Pascha der Umgegend von Cairo durch seine reichen Gartenanlagen eine neue Gestalt gab, auch die hiesige Witterung anders gestaltet denn sonst; der starke Regen, welcher in alter Zeit in dem Distrikt von Memphis unter die seltneren Erfahrungen eines Menschenlebens gerechnet war, ist seitdem ein öfter wiederkehrender, wohlthätiger Gast des Landes geworden. So sehr es auch außen wetterte, so still und behaglich war es, die Nässe, die sich nicht wohl vermeiden ließ, abgerechnet, innen in unsren Kajütenzimmern. Die gute Hausfrau hatte heute Mittag, als das Schiff so schief stund und Alles in der Kajüte ins Bewegen gerieth, nicht mehr da bleiben mögen; hatte von dem vortrefflichen Gerichte der gekochten Gerste, welches der arabische Knecht mit arabischer Vortrefflichkeit zur Tafel brachte, nichts genießen können; jetzt da Alles wieder auf festem Fuße stund, that auch ihr die Erquickung des Thees und des frischen, arabischen Brodes wohl. Wir Alle aber ruheten, besser denn auf Polstern, auf dem Bewußtseyn, daß jetzt doch endlich der ~Anfangspunkt~ unsrer eigentlichen Reise in das Morgenland erreicht sey. Als wir am Morgen des vierten Januars erwachten, da war das gestrige Ungewitter, mit aller Trübung des Himmels, wie ein Traum verschwunden. Die Sonne schien wieder hell und heiß; kein Wölklein war mehr zu sehen; nur die Durchweichung des fruchtbaren Bodens am Ufer und die Nässe auf den Verdecken und in den Räumen der Nilschiffe erinnerte noch an die Regenströme der vergangenen Nacht. Das erste, was uns beim Hinaustreten ans Land, bei dem Obdach der Chans von Boulak in das Auge fiel, waren unsre türkischen Hadschi's: die beständigen Reisegefährten von Smyrna nach Alexandrien. Bald aber bewillkommten uns auch, denn wir hatten durch Ibrahim Botschaft hinein nach Cairo gesendet, mehrere der lieben Freunde und Landsleute aus der Herrscherstadt des jetzigen Aegyptens, und machten es uns fühlbar, daß, wenn auch die Heimath des Leibes auf gewisse Gränzen gewiesen, dennoch die des Geistes an allen Orten der Erde, und unumschränkt sey. * * * * * Das ägyptische Zollamt in Boulak hielt nur wenig auf, bald war unser, nicht sehr großes Hab und Gut auf den Rücken der Eselein geladen und auch für uns stunden etliche dieser reitbaren Thiere bereit. Mehrere von uns, unter denen auch ich, zogen es vor den Weg nach der Stadt zu Fuße zu machen. Und siehe, da lag denn das große, mächtig ausgedehnte Cairo mit seiner hochgebauten Burg, seinen dreihundert Moscheen, und, wie man sagt, mehr denn siebenhundert Thürmen, ganz nahe vor den Augen. * * * * * Ein Gedränge der Fußgänger und Reiter, der Lastthiere und ihrer Treiber zog mit uns zugleich nach der volkreichen Hauptstadt; wie Staub vom Winde erregt stieg der Lärmen, den das lautstimmige Volk machte, vom Boden auf. Fast an jedem andern Orte wäre das Getöse überlästig geworden, hier aber, im Anblick der hehren Pyramiden, gestaltete es sich für das innre Ohr zu dem Rauschen eines Wasserfalles, welcher, so tief auch seine zerstäubenden Tropfen auf die Ebene herabstürzen, dennoch an die Höhe und an den uralten Sitz des Alpenschnees erinnert, aus welchem sein Strömen herkam. Verbesserungen. Neben manchen andren Druck- und Schreibfehlern hat sich in diesem Bande einer, und zwar doppelt eingeschlichen, den man zu verbessern bittet; auf S. 31 Z. 3 und 2 v. u. in den Noten steht nämlich Daniel 4 statt Daniel 9. Nachricht. Die auf diese Reise bezüglichen, aber auch ein selbstständiges Kunstwerk bildenden »Vierzig ausgewählte Original-=Ansichten aus dem heiligen Lande=, aufgenommen und gezeichnet von =J. M. Bernatz=, lithographirt von Emminger und Federer, =mit erläuterndem Texte von G. H. v. Schubert=« erscheinen bei Unterzeichneter binnen Jahresfrist in viererlei Ausgaben: Nro. 1 auf großem französ. Velinpapier +à+ 3 Rthlr. 8 ggr. Preuß. " 2 " chinesischem Papier +à+ 2 Rthlr. 12 ggr. " 3 " weißem Papier in der Größe von Nro. 2 +à+ 2 Rthlr. " 4 " etwas kleinerem Papier (Allgem. Ausg.) +à+ 1 Rthlr. 16 ggr. +pro+ Heft mit je zehn Ansichten. welche Subscriptionspreise nach der Vollendung jedes der vier Hefte aufhören. Ein Blick auf die fertigen Blätter wird den Werth dieses Unternehmens außer Zweifel setzen. ~Stuttgart~ im Juli 1838. =J. F. Steinkopfsche Buchhandlung.= Fußnoten: [1] Meine kleine Vaterstadt hatte damals noch Bergbau. [2] Ps. 25. V. 21. [3] Neuerdings hat ein verwandter Geist: ~Gustav Schwab~ durch die Herausgabe von ~Paul Flemings erlesenen Gedichten~ (Stuttgart 1820) sammt einer kurzen Lebensbeschreibung des Dichters den Freunden der deutschen, lyrischen Poesie ein werthvolles Geschenk gemacht. Das hier erwähnte »Reiselied« steht in der Schwab'schen Ausgabe S. 48. [4] Kleinere, nur im Frühlinge und zwar auf kurze Zeit fließende Quellen, die von dem in die Bergklüfte eingedrungenen Wasser des thauenden Schnees und Eises der Höhen ihren Zufluß haben. [5] Im Jahr 1797. [6] M. vgl. ~C. v. Raumers~ Abh. in der Hertha 1829 S. 346, so wie desselben allgem. Geographie. [7] Genes. 2. [8] Daniel 4. V. 27. [9] +Ker-Porter travels II. p.+ 312-317. u. f; m. vgl. auch +Maurice Rich. Memoir on the ruins of Babylon+, so wie Desselben +Observations on the ruins of Babyl.+ und +Topographie of anc. Bab.+ in d. +Archeol. Britt. XVIII.+ 8. 243.; u. ~Hammers~ Fundgruben III.; ~K. O. Müllers~ Handb. d. Archäol. u. Kunst S. 259. [10] Begünstigt von den jährlichen Stromschwellen, welche nach ~Ker-Porter~ das Ueberschiffen der Steine vom Euphrat bis zum Tigris möglich machen. [11] So nennen sie die umwohnenden Araber. [12] Die hier erwähnte erstreckt sich über mehr als eine halbe Stunde Weges. [13] Ps. 1. V. 2. 37. V. 4. Hiob 22. V. 26. [14] 1809 und 1810. [15] Es. 3. V. 14. [16] Matth. 21. [17] Esaj. 1. V. 5-8. [18] Dan. 9. V. 4-19. [19] Dan. 9. V. 18. [20] Esaj. 1. V. 9. [21] Ps. 90. [22] Ps. 121. [23] M. vgl. ~Ulysses von Salis in Johann von Müllers~ Schriften. +XII.+ +c.+ 54. [24] M. vgl. meine ~Geschichte der Natur~. +I.+ S. 255. [25] M. vgl. mein ~Wanderbüchlein eines reisenden Gelehrten~ durch Salzburg, Tyrol u. f. [26] Vorzüglich durch meine Bearbeitung von ~Claudius Angeli de Martelli~ Errettung in und aus der türkischen Gefangenschaft. Erlangen 1825. Die Einleitung dieses freilich durch eine Masse von Druckfehlern und durch seine Sprachweise selber entstellten Büchleins giebt eine kurze Geschichte der Belagerung und Entsetzung Wiens im Jahr 1683. [27] Gegen 420 Fuß. [28] ~Engels~ Geschichte des ungarischen Reichs. +III.+ Bd. S. 130. [29] ~Engel~ a. a. O. +III.+ Bd. S. 295 u. f. +V.+ S. 131. [30] Erbaut im Jahr 1433. [31] An Süßwasser-Conchylien fanden wir übrigens hier die +Neritina danubialis+ und +transversalis+; die +Paludina neritoides+ und +achatina+; +Unio tumidus+, +patavus+, +crassus+; +Anodonta complanata+; +Mytilus Wolgae+. [32] +Similium reptans.+ [33] M. v. die treffliche Abhandlung des Oberbergrathes +D.+ J. N. Fuchs: ~über die Theorie der Erde~ im Februarheft der Münchner gelehrten Anzeigen Nr. 26 bis 30. [34] In der hoch auf einem Felsen über der Herculesquelle gelegenen Dampfcaminhöhle, steigen aus den Spalten des Bades heiße Dämpfe hervor, die sich an den Wänden zu Tropfen verdichten. [35] Das Streichen der Mergelschieferlagen gehet fast von Süd nach Nord, ihr Fallen unter einem Winkel von beiläufig 25° von N. O. in S. W. Unter den aufgelagerten Massen zeigt sich auch stellenweise eine grauwackenähnliche Felsart, anderwärts Grünstein, flußabwärts Thonschiefer. [36] Jene Wasserleitungen liefern täglich 293600 C. F. Wasser, in jeder Stunde 12233⅓. [37] Die Quelle des Kaiserbades, welche 44° R. Wärme hat und in jeder Stunde 89 Cubikfuß Wasser giebt, enthält in 100 Cubikzollen Wasser: 10,10 Cubikzoll geschwefeltes Wasserstoffgas, 1,15 Stickgas, 2,10 kohlensaures Gas, überdieß 96 Gran salzsaures Natron, 50 Gran salzsauren Kalk, 5 Gran schwefelsauren Kalk. Die Ludwigsquelle, die 960 Cubikfuß Wasser in einer Stunde giebt und 37° Wärme hat, enthält in 100 Cubikzoll Wassers 5,15 C. Z. geschwefeltes Wasserstoffgas, 1,10 Stickgas, 1,24 Kohlensäure, fast 55 Gran salzsaures Natron, 23 salzsauren Kalk u. s. w. Die Herculesquelle führt gar kein geschwefeltes Wasserstoffgas, dagegen die meiste Kohlensäure (3,68 C. Z.) und eben so viel Stickgas als die Ludwigsquelle. [38] M. s. die Beschreibung des Bauwerkes bei +Procopius de aedificiis+ +IV+, 5. [39] a. a. O. +IV+, 6. [40] +de aedificiis IV+, 5. [41] 1 Könige 20, V. 11. [42] +Ils devenoient tout d'un coup moins que des femmes. Mém. de Mad. de Lussan III.+ [43] ~Schiltberger's~ Reise in den Orient. München 1813. ~J. v. Hammer's~ Geschichte des osmannischen Reiches. +I.+ S. 241. [44] +Getarum solitudo.+ [45] M. s. ~J. v. Hammer~ Geschichte des osman. Reiches +II.+ S. 64. [46] Sie hieß später +Constantia ad Varnam+. Uns Christen könnte sie billig »~Warnstadt~« heißen, denn hier gab uns am 10ten November 1444 die an Murad +II.+ verlorne, für das spätere Schicksal der christlichen Reiche so entscheidende Schlacht die Warnung, daß man durch den Machtspruch keiner menschlichen Willkühr, trüge sie auch das Gewand eines Engels des Lichtes, zu dem Wahne sich verleiten lassen solle, daß wir armen Menschen straflos seyen, wenn wir einem Andersglaubigen den geschwornen Eid und das gegebene Wort brächen, da doch Gott selber das Wort seiner gegebnen Verheißungen allen Völkern und Heiden so treulich hält. [47] M. v. die treffliche Beschreibung aller der hier und weiterhin erwähnten Küstengegenden in ~J. v. Hammers~ Constantinopel und der Bosporus, B. +II.+ [48] Dieses Dorf, früher Petra genannt, erhielt den Namen ~Belgrad~, seitdem durch Suleiman den Großen jene Bulgaren, denen die Türken bei der Einnahme des serbischen Belgrad im Jahr 1521 das Leben geschenkt hatten, hieher versetzt wurden. Belgrad liegt in einem Wald von Platanen, Eichen, Buchen, Ahornen, Ulmen, Pappeln, Pinien und Birken, welcher gegen 6 Stunden im Umfang hat und der von den Türken sorgfältig geschont wird, weil auch ihnen die Erfahrung gelehrt hat, daß von dem Wohlbestand dieses Waldes der Zufluß und Niederschlag des Wassers in die bei Belgrad befindlichen, wichtigen Wasserbehältnisse abhänge, aus deren Fülle mehrere Wasserleitungen der nahen Hauptstadt versorgt werden (m. v. ~J. v. Hammers~ reizend schöne Beschreibung dieses Lustwald-Ortes in s. Constantinopel und der Bospor. +II.+ S. 252. [49] Ps. 91. [50] M. v. J. v. ~Hammers~ Gesch. d. osman. Reiches +IV.+ S. 553-555. [51] Nach ~J. v. Hammers~ Constant. und der Bospor. +I.+ S. 331. [52] ~J. v. Hammers~ Gesch. d. osm. Reich. I. S. 64. [53] Ebendas. S. 50. [54] Dem Mesdschid, d. h. Ort der Anbetung. [55] D. h. Leuchtthürme, wegen ihrer Beleuchtung besonders am Ramasan-Feste. [56] ~J. v. Hammers~ Gesch. d. osm. Reich. +III.+ S. 341. [57] Er starb vor Szigeth zehn Jahre nach Vollendung der Suleimanje am 6ten Sept. 1566. [58] ~Hiob~, 29 v. 4. [59] M. vergl. ~Jos. v. Hammers~ Gesch. d. Osm. B. +IV.+ S. 442. [60] M. s. ~Jos. v. Hammers~ Gesch. des Osm. Reich. +IV.+ S. 241. [61] M. s. über dieses erniedrigende Ceremoniell des türkischen Hofes ~J. v. Hammers~ Constantinopel und der Bospor. +I.+ S. 246 u. f. [62] Sie stund früher im Portikus des byzantinischen Kaiserpallastes. [63] M. v. ~J. v. Hammer~ a. a. O. [64] Bei ~Jos. v. Hammer~ Gesch. d. osm. R. +II.+ S. 378. [65] ~J. v. Hammers~ Const. u. d. Bosp. +I.+ S. 521. [66] ~J. v. Hammers~ Const. u. d. Bosp. +I.+ S. 537. [67] Zweimal durch alte Griechen (Alcibiades und Philipp den Macedonier), dreimal durch römische Kaiser (Severus, Maximinus und Constantinus), einmal durch die Perser (im J. 616) und zehn Jahre nachher (626) durch die Avaren; siebenmal (654, 667, 672, 713, 743, 780, 798) durch die Araber, zweimal durch die Bulgaren (764 und 914), zweimal durch Rebellen (819 und 1048), einmal durch die Lateiner (1204), dann durch einen byzantinischen Herrscher selber (1261); dreimal durch die Osmanen (1393, 1424, 1453). Wenn man die kurzen Intervalle zwischen den Stürmen von 616 und 1453 vergleicht, so findet man, daß Constantinopel nur in den ersten 3 Jahrhunderten seines christlichen Herrscherreiches so wie seit der Einnahme durch die Osmanen eine etwas längere Ruhezeit genossen habe. [68] M. s. die schöne Beschreibung des armenischen Gottesdiensts, dem ich in Constantinopel nicht selber beiwohnte, in ~J. v. Hammers~ Constant. u. d. Bosp. +I.+ S. 470. [69] +J. v. Hammer+ a. a. O. S. 469. [70] ~J. v. Hammer~ a. a. O. +II.+ S. 73. [71] Ihren Namen empfieng sie von dem Pascha Kassim, der unter Suleiman dem Großen Napoli di Romania eroberte. [72] Zu Padua in der Justinakirche, zu Venedig im Dogenpallaste, in der Kapelle des Rosenkranzes, im Arsenal und in der Akademie; zu Rom in der Kirche +Ara coelis+ u. f. [73] Nach seinem Tode im Jahr 1596 fand man in dem Schatze dieses »osmanischen Marius«, über dessen rohe Behandlung alle Botschafter der christlichen Mächte, wie alle Dichter seines eignen Volkes sich bitter beklagen, unter anderem 600,000 Ducaten, 61 Maaße Perlen, in Silber fast drei Millionen Aspern, 20 Kistchen mit Chrysolithen, 20 Mäßchen Goldstaub, 30 diamantne Rosen, 15 Rosenkränze von großen, 30 Pferdedecken mit kleinern Perlen, zwei Halsbänder von Diamanten, zwanzig mit Edelsteinen besetzte Waschbecken, sieben dergleichen Tischdecken, 900 Pelze von Grauwerk, 600 dergleichen von Zobel, 30 von schwarzem Fuchse. M. v. ~Jos. v. Hammers~ Gesch. d. osm. Reiches +IV.+ S. 258. [74] +A Residence at Constantinople. Lond. 1836. I. p. 265.+ [75] Beide zusammen hießen in ältester Zeit Sykä, Feigengegend, seit Justinian Justiniana. [76] M. v. über den Sphärentanz der Mewlewis-Derwische und seine Bedeutung: ~J. v. Hammers~ Constant. u. d. Bosp. +II.+ S. 112. [77] ~J. v. Hammer~ Const. u. d. Bosp. +II.+ S. 332 und S. 335 wo derselbe zugleich den schönen Commentar eines arabischen Philologen über diesen Koranspruch anführt, der hiermit den Gebrauch der Vorwörter erläutern will: Wir beginnen ~mit~ Gott, und vollenden ~in~ Gott; Wir leben ~durch~ Gott, und streben ~nach~ Gott; Wir wandeln ~vor~ Gott, und handeln ~für~ Gott; Wir sprechen ~aus~ Gott, und schwören ~bei~ Gott; Wir trauen ~auf~ Gott, und bauen ~nächst~ Gott; Wir kommen ~von~ Gott, und gehen ~zu~ Gott. [78] +~Andreossy~ voyage p. 35; ~Walsh~ residence at Constantinople I. p. 284.+ [79] In den Gärten baut man auch +Smilax excelsa+, um die jungen Schossen als Sallat zu benützen. [80] Außerdem fanden sich um Pera, meist im Garten der englischen Gesandtschaft + ~Helix~ vermiculata+, +adspersa+, +carthusianella+, +conica+, +turrita+, +subrostrata+; +~Bulimus~ Pupa+ u. +ventricosa+; +~Clausilia~ sulcosa+ u. +similis+; +~Pupa~ tridens+. [81] M. v. unter andrem +~Walsh~, a residence at Constantinople. II. p. 164+. [82] M. v. oben S. 7. [83] +Pancratium maritimum.+ [84] M. v. m. Gesch. der Seele §. 59. [85] ~Tournefort~ nannte ihn als den besten des Orients. [86] M. v. Offenb. +II.+ V. 8-11. [87] +Plin. V+, 29. [88] Nach dem großen Erdbeben vom Jahr 178 ließ sie Marcus Aurelius prächtig wieder aufbauen. [89] Das alte Smyrna lag etwa eine Stunde Weges (2500 Schritte) von dem späteren, dessen Stelle zum Theil das jetzige noch einnimmt, entfernt und war von Aeoliern aus Thessalia erbaut, vom lydischen Könige ~Sadyattes~ zerstört worden. Vierhundert Jahre nach dem politischen Untergange des alten Smyrna erbaute ~Antigonus~ der Nachfolger Alexanders des Großen das neue Smyrna, mit der prächtigen viereckten Säulenhalle des Homer (dem Homerion). [90] Apok. 2. V. 11. [91] M. v. +Arundel discoveries in Asia minor I. p. 208.+ u. f. so wie +Bochart. Sacr. geograph. I. c. 3.+ [92] +Herodot. VII, 20.+ [93] +Plin. V, 29.+ [94] Ep. an die Coloss. +II+, 4. +IV+, 13. 15. [95] Apok. +III.+ V. 17. [96] Ebendas. V. 16. [97] Ich bin in der Benennung dieser Ruinen ~Arundel~ gefolgt, in seinem Werk +A visit to the seven Churches of Asia p. 23+. [98] +Herodot. I. 26.+ [99] M. v. die Inschrift auf den ephesinischen Münzen aus den Zeiten Vespasians. [100] Selbst der Name Ajasaluk bedeutet: »kleiner Mond.« [101] +~Arundel~ discover. in As. min. II. p. 253.+ [102] 1 Ep. an Tim. 1 V. 2; 2 Ep. 1 V. 2. [103] ~+Arundel+~ a. a. O. +p.+ 264. [104] Der ältere und neuere Orient nennt ihn immer »den Theologen.« [105] Sein eigentlicher Name Timur bedeutet Eisen; weil er lahm war, bekam er den Beinamen »Lenk« (der Lahme) und aus Timurlenk gestaltete die Sprache der westlichen Völker den Namen Tamerlan. [106] In Smyrna hatte doch Timur bloß die abgehauenen Köpfe der Christen durch Wurfgeschosse auf die Schiffe der Christen geschleudert, in Siwas (Sebaste) bloß die gefangenen Armenier und die Tapferen der Stadt wie Knäuel zusammenbinden und lebendig in die Gruben rollen lassen, hier aber in diesen Gegenden selbst die Schaar der moslimitischen Kinder, welche Sprüche aus dem Koran betend und um Erbarmen flehend, ihm entgegenzogen, von den Hufen der Rosse zerstampfen lassen (m. s. ~Jos. v. Hammers~ Gesch. des osm. Reiches +I.+ 334). [107] ~J. v. Hammer~ ebendas. S. 378. [108] M. v. auch +~Arundel~ discoveries I. p. 248+ u. f. [109] M. v. in den Bildern aus dem heiligen Lande, treu nach der Natur aufgenommen und gezeichnet von ~J. M. Bernatz~, Stuttgart bei Steinkopf, im ersten Heft die erste Abbildung, welche eine der damaligen Arbeiten des genannten Künstlers ist. [110] Der Magnet hatte vorzüglich von diesem Lydischen Magnesia seinen Namen. [111] Der Sage nach war diese angebliche Prophetin das Weib der Jugend des Engels (Bischofs) der Gemeinde gewesen, das sich jedoch selber von ihm geschieden hatte. [112] Jaspisartige Kieselschiefer. [113] Ps. 78. V. 69. [114] M. v. ~Jos v. Hammer~ a. a. O. +I.+ 465. [115] Magnesia zum Brode, Lampsakos zum Weine, Myus zum Gemüse. [116] Wir überzeugten uns auf unsrer ganzen Reise bei vielen Gelegenheiten von der vertrauten Bekanntschaft der jetzigen Griechen mit der Geschichte und den Thaten ihres Volkes. [117] Dieses ~Nymphi~, ein Lieblingsaufenthalt des byzantinischen Kaisers ~Michaël Paläologus~ (im J. 1260) soll in seiner Nähe Gold- und Silbergänge enthalten. Berühmter jedoch als diese sind in jetziger Zeit seine Kirschgärten, welche von Smyrna aus viel besucht werden. [118] +Virgil. Georg. II, 97+; +Plin. V, 29+; +VII, 48+. [119] Ein ganz verheerendes für diese Gegend war, außer den vielen früheren, das von 1595. Damals war Sardis (Sart) wieder ein Flecken gewesen, den das Erdbeben ganz in einen Schutthaufen verwandelte. Zu gleicher Zeit quoll am Wege nach Magnesia pechschwarzes Wasser hervor; bei Partschinlü klaffte die Erde 10 Joche weit, das Wasser sprang thurmhoch empor und warf seltsame, noch nie gesehene, blinde Fische aus. (M. v. ~v. Hammer~ +IV+, 255.) Auch im 17ten und 18ten Jahrhundert, trafen die Landschaft noch manche schwere Erderschütterungen, sie fanden jedoch nicht viel mehr zu verheeren übrig. Doch sahe noch Thomas Smith im 17ten Jahrhundert hier eine Moschee, die sich mit Trümmern alter Bauwerke, namentlich schöner Säulen geschmückt hatte. [120] +Vitruv. II, 8. med.+ m. v. auch +Plin. h. n. XXXV, c. 14. Sect. 49.+ [121] Die Gegend von Sardis, ohne den Cybeletempel, s. m. in den von ~H. M. Bernatz~ herausgegebnen Steindrücken; die Ansicht des Cybeletempels wird er bei andrer Gelegenheit mittheilen. [122] Apok. 3 V. 8-11. [123] M. v. Apostelgesch. +XIII+, V. 1; Ep. an d. Röm. +XVI+, V. 22. [124] +Oriens christianus I. p. 868.+ [125] +Herod. I+, 7; +Hom. Il. II+, 865. ~Sickler~, in seinem Handbuche der alten Geographie, 2te Auflage +II.+ S. 319 erinnert bei dem Worte Mäon an die des gleichlautenden semitisch-arabischen Wortes, welches »Wasser« bedeutet. [126] Herr ~John Lee~ wohnt schon über 50 Jahre (seit 1786) in Smyrna. [127] Selbst der Haifisch zeigt diese Vorliebe für das menschliche »Wildpret.« [128] Wie das System annimmt, stehen die vorher erwähnten und die zwei hier nachfolgend zu erwähnenden Blüthen gewöhnlich an drei verschiednen Bäumen. [129] In einem Aufsatz, den ich in der Quarantäne bei Livorno schrieb, wo ich meiner Papiere und Landcharten so wie aller wissenschaftlichen Hilfsmittel beraubt war, und den ich, so wie er geschrieben war, dem Druck überließ, habe ich leider Karahissar (Celänä) und das drei gute Tagereisen von diesem nordwestwärts gelegnen Akhissar (Thyatira) mit einander verwechslet, wofür ich hier um Entschuldigung bitte. [130] M. s. ~v. Hammer~ Gesch. d. osman. Reichs +I.+ S. 51. [131] Eine Seebarbe von 4 Pfund Gewicht wurde nach unsrem Gelde mit eben so vielen 100 Gulden bezahlt (+Senec. epist. 95.+). [132] Namentlich +Brachycerus barbarus+, +Larinus subcostatus+, +Tentyria grossa+, +Pimelia alutacea+, so wie +Erodius+ u. f. [133] In s. +Discoveries in As. min. II. p. 278+. [134] Um dem Künstler die Arbeit zu erleichtern, ließ Orloff bei Livorno ein Kriegsschiff in die Luft sprengen. [135] Bemerkenswert ist es, daß in dem Geburtsort jener uralten Sibylla, selbst noch zu Alexanders Zeiten eine neue Sibylla aufstund, welche dieselben (jetzt näher gerückten) Aussichten in die Zukunft besang, an deren Fernanblick die ältere sich entzückt hatte. (M. v. +Strabo+ 953.) [136] +Travels II, 1. p. 192.+ [137] Ein Beiname von Samos war Anthemos. [138] Genes. +XVI+, 7. [139] Leros, Kos, Kalymna, Nisyros, Telos, Chalke, Limonia, Symi. [140] +Clarke travels II, 1. p. 230.+ [141] +v. Egmont and Heyman travels I. p. 266.+, bei +Clarke+ a. a. O. [142] Jener war unter den Vertheidigern der Stadt bei der Belagerung durch Mohammed +II.+, dieser bei der durch Suleiman. [143] Eine noch unbestimmte, schöne +Carocolla+, +Helix melastoma+, +naticoites+. Von Käfern ein +Helops+ und der in diesen Ländern gemeine +Trox paniculatus+. Unter den Tangarten am häufigsten die +Ulva pavonia+. [144] Unter andern eine Art von Neritine. [145] +Sinus Glaucus+ der Alten. [146] +Diodor. Sicul. V.+ [147] +Vitruv. II.+ [148] Nach Plinius +XXXV+, 10. [149] Lieber, so sagte er, wolle er das Bild seines Vaters als das weltgepriesne Meisterstück des Protogenes in Flammen aufgehen lassen. [150] Waffen darstellend, so wie musikalische Instrumente, Delphine und Embleme der Kaufmannschaft. [151] M. s. ~Jos. v. Hammers~ Gesch. des osm. Reiches +II.+ S. 278, und die ganze Geschichte der Gefangenschaft und Hinrichtung Dschems durch Gift von S. 263 bis 277. [152] ~Jos. v. Hammer~ a. a. O. +III.+ S. 22 und 627. [153] ~Jos. v. Hammer~ a. a. O. +III+, S. 30. [154] +Thevenot Relation d'un voyage fait au Levant. Paris 1665. p. 223.+ [155] +Pindar. Olymp. VII. 25.+ [156] +Plinius II+, 62. [157] Bei solchen Besuchen führt ein Mann von der Quarantäne, der die Besuchenden begleitet, die Aufsicht; das Boot muß immer in einiger Entfernung vom Schiff bleiben. [158] Die Erbauung der Pyramiden wird nach den neuesten, auf die Entzifferung der Hieroglyphen begründeten chronologischen Untersuchungen von ~Bunsen~ auf das Jahr 3150 v. Chr. gesetzt, die von Theben fiel um anderthalb Jahrtausende später. [159] Unter Ptolemäus Euergetes (246-224) zum Aufseher der Bibliothek ernannt. [160] Genauer fast von W. S. W. nach O. N. O. [161] Den Lauf dieser Hauptstraße deuten noch jetzt lange Reihen der Schutthaufen, einzelne Granitsäulen und viele Cisternen an. [162] Nach Appian hinterließ der zweite der Ptolemäer (Philadelphus), obgleich ihm nur allein der Bau des Pharos 3½ Million gekostet, eine baare Summe von nahe 440 Millionen Gulden (740,000 ägyptischer Talenten). Die Flotte war damals 2000 Segel stark, das besoldete Heer zählte 240,000 Mann. [163] Von dem Dienst der Neith zu Sais und der dortigen Tempelweisheit reden wir noch einmal im nächsten Bande dieses Buches. [164] Es war das strauchartige +Gossypium hirsutum+. [165] +Charadrius spinosus.+ Anmerkungen zur Transkription. Die unterschiedliche Schreibweise des Propheten Mohammed und die des Generalkonsuls wurden beibehalten. Die Berichtigungen sind eingearbeitet worden. Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~. und =fett gedruckte= so. *** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 79332 ***