Anmerkungen zur Transkription.
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Die Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.
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August Strindberg
Roman
*
1919
Hyperionverlag / Berlin
Deutsch von Else von Hollander
Das Rote Zimmer
[S. 3]
Es war ein Abend Anfang Mai. Der kleine Park auf Mosebacke war für das Publikum noch nicht geöffnet, und die Beete waren noch nicht umgegraben; die Schneeglöckchen hatten sich durch die Laubansammlungen des Vorjahres hindurchgearbeitet und waren gerade im Begriff, ihre kurze Laufbahn abzuschließen, um den empfindlicheren Krokus Platz zu machen, die unter einem unfruchtbaren Birnbaum Schutz gesucht hatten; der Flieder wartete auf südliche Winde, um aufzublühen, aber die Linden boten den Buchfinken, die ihre mit Flechten bekleideten Nester zwischen Stamm und Ast zu bauen begonnen hatten, in ihren unaufgesprungenen Knospen noch Liebesdecken; noch hatte kein menschlicher Fuß die Kieswege betreten, seit der Schnee des letzten Winters verschwunden war, daher führten Tiere und Blumen ein sorgloses Leben in diesem Park. Die Spatzen sammelten allen möglichen Plunder, den sie dann unter den Dachpfannen der Navigationsschule versteckten; sie schleppten sich mit Stücken von den Raketenhülsen vom letzten Herbstfeuerwerk, sie lasen Strohhalme von den jungen Bäumen, die im Jahre vorher aus der Baumschule in Rosendal gekommen[S. 4] waren und — sie sahen alles! Sie entdeckten Mullfetzen in Lauben und holten auch wohl zwischen den Splittern eines Bankfußes Haarbüschel von Hunden hervor, die sich seit dem Josephinentage im vorigen Jahr nicht mehr hier gebalgt hatten. Das war ein Leben!
Die Sonne aber stand über Liljeholm und schoß ganze Strahlenbündel gen Osten; sie drangen durch die Rauchwolken von Bergsund, sie eilten über den Ritterfjord, kletterten zum Kreuz der Riddarholmskirche hinauf, warfen sich auf das steile Dach der Deutschen Kirche, spielten mit den Wimpeln der Boote an der Schiffsbrücke, illuminierten die Fenster im Zollgebäude, beleuchteten die Wälder von Lidingö und verschwammen in einer rosenfarbenen Wolke, weit weit in der Ferne, wo das Meer liegt. Und von dort kam der Wind und machte denselben Weg zurück über Vaxholm, vorbei an der Festung, vorbei am Zollamt, bis zur Siklainsel, drang in Hästholm ein und sah sich die Sommerfrischen an; kam wieder heraus, eilte weiter und gelangte nach Danvik, entsetzte sich und stürmte davon, am Südstrande entlang, spürte den Geruch von Kohle, Teer und Tran, prallte gegen den Stadthofkai, stürzte nach Mosebacke hinauf, in den Park und fuhr gegen eine Wand. Im selben Augenblick wurde die Wand aufgetan von einem Mädchen, das eben die Verkittung der Doppelfenster entfernt hatte; ein entsetzlicher Geruch von Bratfett, Bierresten, Tannenzweigen und Sägespänen drang heraus und wurde vom Winde weit fortgeführt, der jetzt, während die Köchin die frische Luft durch die Nase einzog, die Fensterwatte erfaßte, die[S. 5] mit Flimmer und Berberitzenbeeren und Heckenrosenblättern bestreut war und nun auf den Wegen des Gartens einen Rundtanz begann, an dem bald die Spatzen und Buchfinken teilnahmen, da sie nun ihre Wohnungssorgen zum größten Teil beseitigt sahen.
Unterdes setzte die Köchin ihre Arbeit an den Doppelfenstern fort, und nach wenigen Minuten war die Tür von der Kneipe nach der Veranda geöffnet, und in den Garten trat ein junger Herr, einfach aber vornehm gekleidet. Sein Gesicht hatte nichts Ungewöhnliches, aber in seinen Blicken lag etwas Besorgtes und Unruhiges, das allerdings verschwand, als er aus dem engen Wirtshauszimmer herauskam und den freien Horizont vor sich hatte. Er wandte sich nach der Windseite, knöpfte den Überzieher auf und holte ein paarmal tief Luft, was seinen Brustkorb und sein Gemüt zu erleichtern schien. Dann begann er an dem Geländer auf und ab zu gehen, das den Garten von dem steilen Seeufer trennte.
Tief unter ihm lärmte die eben erwachte Stadt; die Dampfkrane unten im Hafen schnurrten, die Eisenstangen in der Eisenwage rasselten, die Pfeifen der Schleusenwärter schrillten, die Dampfer an der Schiffsbrücke rauchten, die Omnibusse polterten klappernd über das holprige Pflaster; Lärm und Rufen auf dem Fischmarkt, draußen auf dem Strom flatternde Segel und Fahnen, Geschrei der Möwen, Hornsignale von Skeppsholm, das Herausrufen der Wache vom Södermalmsmarkt, klappernde Holzpantoffel der Arbeiter in der Glasfabrikstraße, — das alles machte einen Eindruck[S. 6] von Leben und Betriebsamkeit, der die Energie des jungen Mannes zu wecken schien, denn jetzt hatte sein Gesicht einen Ausdruck von Trotz und Lebenslust und Entschlossenheit angenommen, und als er sich über das Geländer beugte und auf die Stadt zu seinen Füßen niederblickte, war es, als betrachte er einen Feind; seine Nasenflügel weiteten sich, seine Augen flammten, und er hob die geballte Hand, als wolle er die arme Stadt herausfordern oder ihr drohen.
Jetzt läutete es sieben von Katrina, und Maria sekundierte mit ihrem milzsüchtigen Diskant, und die Große Kirche und die Deutsche fielen mit ihren Bässen ein, und die ganze Luft hallte bald von allen Abendglocken der Stadt; aber als eine nach der andern verstummte, hörte man noch weit in der Ferne die letzte ihr friedvolles Abendlied singen; sie hatte einen höheren Ton, einen reineren Klang und ein rascheres Tempo als die andern — das hat sie wirklich! Er lauschte und suchte festzustellen, woher der Klang kam, denn er schien Erinnerungen in ihm zu wecken. Da wurden seine Mienen weich, und sein Gesicht drückte den Schmerz aus, den ein Kind empfindet, wenn es sich allein gelassen sieht. Und er war allein, denn sein Vater und seine Mutter lagen auf dem Klarakirchhof, von wo man noch die Glocke hörte, und er war ein Kind, denn er glaubte noch an alles, an wahre Dinge wie an Märchen.
Die Glocke von Sankta Klara verstummte, und er wurde durch das Geräusch von Schritten auf dem Kiesweg aus seinen Gedanken gerissen. Auf ihn zu kam von der Veranda her ein kleiner Mann mit großem Backenbart[S. 7] und einer Brille, die mehr die Blicke als die Augen schützen zu sollen schien, mit einem boshaften Munde, der gern einen freundlichen, ja sogar gutmütigen Ausdruck annahm, einem eingebeulten Hut, einem sauberen Überzieher mit defekten Knöpfen, auf Halbmast gehißten Hosen und einem Gang, der Sicherheit und Scheu zugleich andeutete. Sein Äußeres war so unbestimmt, daß man unmöglich seine gesellschaftliche Stellung oder sein Alter danach abzuschätzen vermochte. Man konnte ihn ebensogut für einen Handwerker wie für einen Beamten halten, und er schien zwischen neunundzwanzig und fünfundvierzig Jahren zu sein. Jetzt schien er sich jedoch von der Gesellschaft des Herrn, dem er entgegenging, geschmeichelt zu fühlen, denn er zog ungewöhnlich rief den verbogenen Hut und steckte sein gutmütigstes Lächeln auf.
»Sie haben doch nicht gewartet, Herr Assessor?«
»Nicht einen Augenblick. Eben hat die Uhr sieben geschlagen. Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind, denn ich muß gestehen, daß diese Zusammenkunft von größter Wichtigkeit für mich ist; es gilt sozusagen meine Zukunft, Herr Struve.«
»Kreuzdonnerwetter!«
Herr Struve blinzelte mit den Augenlidern, denn er hatte sich nur auf einen Grogabend gefaßt gemacht und hatte — aus guten Gründen — wenig Lust zu einer ernsten Unterhaltung.
»Damit wir besser miteinander reden können,« fuhr der Assessor fort, »wollen wir uns hier draußen hinsetzen, wenn Sie nichts dagegen haben, und einen Grog trinken.«
[S. 8]
Herr Struve zupfte an dem rechten Bartzipfel, drückte vorsichtig den Hut auf den Kopf und dankte für die Einladung, blieb aber unruhig.
»Erstens muß ich Sie bitten, mich nicht mehr Assessor zu titulieren,« begann der junge Herr das Gespräch, »denn das bin ich nie gewesen; ich war nur außerordentlicher Hilfsarbeiter, und das hat mit heute ein Ende; ich bin nur noch Herr Falk.«
»Was sagen Sie?«
Herr Struve sah aus, als habe er eine vornehme Bekanntschaft eingebüßt, blieb aber bei guter Laune.
»Sie sind doch ein Mann mit liberalen Ideen ...«
Herr Struve versuchte zu Wort zu kommen, um eine längere Rede zu halten, aber Falk fuhr fort:
»Ich habe Sie um eine Unterredung gebeten in Ihrer Eigenschaft als Mitarbeiter des freisinnigen ›Rotkäppchens‹.«
»Aber um Gottes willen, ich bin ein so unbedeutender Mitarbeiter ...«
»Ich habe Ihre donnernden Artikel in der Arbeiterfrage und in allen andern Fragen gelesen, die uns am Herzen liegen. Wir sind jetzt im Jahre III, mit römischen Ziffern, denn jetzt tritt die neue Volksvertretung im dritten Jahre zusammen, und wir werden bald unsere Hoffnungen verwirklicht sehen. Ich habe im ›Bauernfreund‹ Ihre vortrefflichen Biographien der führenden Politiker gelesen, dieser Männer aus dem Volke, die endlich vorbringen dürfen, was ihnen so lange schwer auf der Seele gelegen hat; Sie sind ein Mann des Fortschritts, und ich schätze Sie sehr!«
[S. 9]
Struve, dessen Blick bei der feurigen Rede erloschen war, statt sich zu beleben, machte sich die blitzableitende Äußerung zunutze und ergriff mit Eifer das Wort.
»Ich muß gestehen, es ist mir eine wirkliche Freude, von einem jungen und — das darf ich wohl sagen — hervorragenden Manne, wie Sie es sind, Herr Assessor, eine Anerkennung zu hören, anderseits aber, warum wollen wir über Dinge sprechen, die allzu ernster, um nicht zu sagen trauriger Natur sind, wo wir hier draußen im Schoße der Natur sitzen, heute, am ersten Frühlingstag, wo alles in Knospen steht und die Sonne ihre Wärme in der ganzen Natur verbreitet; lassen Sie uns sorglos sein und unser Glas in Frieden trinken. Verzeihung, aber ich glaube, ich bin das ältere Semester — und — wage — deshalb vielleicht vorzuschlagen ...«
Falk, der wie ein Feuerstein ausgegangen war, um Stahl zu suchen, merkte, daß er in Holz gehauen hatte. Er nahm das Anerbieten ohne Wärme an. Und da saßen nun die neuen Brüder und hatten sich nichts zu sagen außer der Enttäuschung, die ihre Gesichter ausdrückten.
»Ich habe dir vorhin gesagt, Bruder,« nahm Falk das Gespräch wieder auf, »daß ich heute mit meinem bisherigen Leben gebrochen und die Beamtenkarriere aufgegeben habe; nun will ich nur noch hinzufügen, daß ich Schriftsteller zu werden gedenke!«
»Schriftsteller! O Himmel, warum denn? Das ist doch ein Jammer!«
»Das ist kein Jammer! Aber nun möchte ich dich fragen, ob du weißt, wohin ich mich wenden kann, um Arbeit zu bekommen?«
[S. 10]
»Hm, das ist wirklich schwer zu sagen. Es strömen von allen Seiten so viele Leute herzu. Diesen Gedanken solltest du aufgeben. Es ist wirklich ein Jammer, daß du deine Laufbahn abbrechen willst; die Schriftstellerkarriere ist dornenvoll!«
Struve sah aus, als empfinde er Bedauern, konnte aber doch eine gewisse Befriedigung, einen Unglücksgefährten zu bekommen, nicht verbergen.
»Aber«, fuhr er fort, »sage mir doch den Grund, warum du eine Laufbahn aufgibst, die Ehren und Macht bringt.«
»Ehre den Leuten, die sich die Macht anmaßen, und Macht den Rücksichtslosen.«
»Ach, du redest! So gefährlich ist es doch nicht!«
»Nicht? Nun, dann lassen wir das. Ich will dir nur ein Interieur von einem der sechs Ämter geben, denen ich zugeteilt war. Die fünf ersten habe ich sofort verlassen, aus dem einfachen Grunde, weil keine Arbeit da war. Jedesmal, wenn ich hinaufkam und fragte, ob etwas zu tun sei, war die Antwort: Nein! Und ich habe auch niemanden etwas tun sehen. Dabei war ich in so einflußreichen Ämtern, wie dem Kollegium für Spiritusfabrikation, der Steuereinschätzungskommission und der Generaldirektion für Beamtenpensionen. Als ich aber diese Unmengen von Beamten sah, die durcheinander wimmelten, kam mir der Gedanke: das Amt, das alle diese Gehälter auszuzahlen hat, müsse doch etwas zu tun haben. Folglich ließ ich mich zum Kollegium für Auszahlung der Beamtengehälter versetzen ...«
[S. 11]
»In dem Amt bist du gewesen?« fragte Struve, dessen Interesse zu erwachen begann.
»Ja. Ich kann nie den großen Eindruck vergessen, den dies umfangreiche und gut organisierte Amt auf mich machte, als ich dort eintrat. Ich ging um elf Uhr vormittags hin, weil das Amt um diese Zeit geöffnet wird. Im Amtsdienerzimmer lagen zwei junge Amtsdiener über einem Tisch und lasen das ›Vaterland‹.«
»Das Vaterland?«
Struve, der bisher den Spatzen Zucker hingeworfen hatte, begann die Ohren zu spitzen.
»Ja. Ich sagte Guten Morgen. Eine schwache, schlangenartige Bewegung der Rücken der beiden Herren deutete an, daß mein Gruß ohne ausgesprochenen Unwillen aufgenommen wurde; der eine machte sogar eine Bewegung mit dem rechten Stiefelabsatz, die einen Händedruck bedeuten mochte. Ich fragte, ob einer der Herren frei sei und mir die Räume zeigen könne. Sie erklärten, sie seien verhindert; sie hätten Order, das Amtsdienerzimmer nicht zu verlassen. Ich fragte, ob weiter keine Amtsdiener da seien. Doch, es seien noch andere da. Aber der Oberamtsdiener habe Ferien, der erste Diener sei auf Urlaub, der zweite sei dienstfrei, der dritte sei zur Post, der vierte krank, der fünfte hole Trinkwasser, der sechste sei auf dem Hof. ›Und da sitzt er den ganzen Tag; im übrigen pflegt kein Beamter vor ein Uhr zu kommen.‹ Das war ein Wink für mich, wie unpassend mein früher, störender Besuch war, und eine Anspielung darauf, daß die Amtsdiener auch Beamte seien.
[S. 12]
Nachdem ich jedoch erklärt hatte, daß ich fest entschlossen sei, die Räume zu besichtigen, um dadurch einen Begriff von der Verteilung der Arbeit in einem so einflußreichen und großen Amt zu bekommen, ließ sich der Jüngere von den beiden herbei, mich zu begleiten. Es war ein großartiger Anblick, der sich mir bot, als er die Tür öffnete und eine Flucht von sechzehn Zimmern, größeren und kleineren, vor meinen Blicken lag. Hier muß es doch Arbeit geben, dachte ich, und hatte das Gefühl, eine glückliche Idee gehabt zu haben. Das Prasseln von sechzehn Birkenholzfeuern, die in sechzehn Kachelöfen flammten, unterbrach sehr angenehm die Stille der Zimmer.«
Struve, der immer aufmerksamer zugehört harte, suchte jetzt zwischen Oberstoff und Futter der Weste einen Bleistift hervor und schrieb 16 auf seine linke Manschette.
»›Dies sind die Zimmer der Hilfsbeamten,‹ erklärte der Diener.
›Ach so! Sind denn viele Hilfsbeamte hier?‹ fragte ich.
›O ja, es reicht aus!‹
›Was machen sie denn?‹
›Sie schreiben natürlich, ein bißchen ...‹ — Hierbei sah er so vertrauensvoll aus, daß ich es für geraten hielt, ihn zu unterbrechen. Nachdem wir die Zimmer der Kopisten, der Sekretäre, der Kanzlisten, des Revisors und des Revisionssekretärs, des Kontrolleurs und des Kontrollsekretärs, des Staatsanwalts, des Kammerverwesers, des Archivars und des Bibliothekars, des Kämmerers, des Kassierers, des Syndikus, des Obersekretärs,[S. 13] des Protokollsekretärs, des Aktuars, des Registrators, des Expeditionssekretärs, des Bürochefs und des Expeditionschefs durchwandert hatten, blieben wir schließlich vor einer Tür stehen, auf der mit vergoldeten Buchstaben geschrieben stand: Präsident. Ich wollte die Tür öffnen und eintreten, wurde aber ehrerbietig von dem Diener gehindert, der in wirklicher Unruhe meinen Arm faßte und ›Still!‹ flüsterte. — ›Schläft er?‹ konnte ich in dem Gedanken an ein altes Gerücht nicht unterlassen zu fragen. ›Um Gottes willen, sagen Sie nichts; hier darf niemand eintreten, bevor der Präsident klingelt.‹ — ›Klingelt der Präsident denn oft?‹ — ›Nein, ich habe ihn in dem Jahr, seit ich hier bin, nicht klingeln hören.‹ — Wir schienen wieder auf das vertrauliche Gebiet zu kommen, deshalb brach ich ab.
Als die Uhr bald zwölf war, stellten sich nach und nach die Hilfsbeamten ein, und ich war sehr überrascht, in ihnen lauter alte Bekannte aus der Generaldirektion für Beamtenpensionen und dem Ausschuß für Spiritusfabrikation zu finden. Aber meine Überraschung wurde noch größer, als ich den Kammerverweser von der Steuereinschätzungskommission hereinspazieren, sich in das Zimmer und auf den Ledersessel des Aktuars setzen und es sich hier ebenso bequem machen sah wie in dem andern Amt.
Ich nahm einen der jungen Herren beiseite und fragte ihn, ob es nicht angebracht sei, hineinzugehen und dem Präsidenten meine Aufwartung zu machen. ›Still!‹ war seine geheimnisvolle Antwort, indem er mich in das achte Zimmer führte! Wieder dieses geheimnisvolle ›Still!‹
[S. 14]
Das Zimmer, in dem wir uns jetzt befanden, war ebenso dunkel wie alle andern, aber schmutziger. Roßhaarbüschel guckten aus dem zerrissenen Leder der Möbel heraus; dicker Staub lag auf dem Schreibtisch, auf dem ein ausgetrocknetes Tintenfaß stand; da lag auch eine unbenutzte Siegellackstange, auf die der frühere Besitzer in anglosächsischen Buchstaben seinen Namen gemalt hatte, eine Papierschere, deren Scheren zusammengerostet waren, ein Datumzeiger, der auf Johanni vor fünf Jahren stand, ein Staatskalender, der fünf Jahre alt war, und ein Bogen Konzeptpapier, auf dem Julius Cäsar, Julius Cäsar, Julius Cäsar mindestens hundertmal abwechselnd mit Vater Noah, Vater Noah geschrieben stand.
›Dies ist das Zimmer des Archivars, hier sind wir ungestört‹, sagte mein Begleiter.
›Kommt der Archivar denn nicht her?‹ fragte ich.
›Er ist seit fünf Jahren nicht hier gewesen, also jetzt wird er sich wohl schämen, zu kommen.‹
›Ja, aber wer versieht denn seinen Dienst?‹
›Der Bibliothekar.‹
›Worin besteht denn seine Tätigkeit in einem Amt wie diesem Kollegium für Auszahlung der Beamtengehälter?‹
›Sie besteht darin, daß die Amtsdiener die Quittungen sortieren, chronologisch und alphabetisch, und sie zum Buchbinder schicken, worauf der Bibliothekar ihre Aufstellung auf die dafür bestimmten Regale überwacht.‹«
Struve schien jetzt Gefallen an der Unterhaltung zu finden und schrieb dann und wann ein Wort auf seine[S. 15] Manschette; als Falk eine Pause machte, glaubte er etwas Bedeutsames sagen zu müssen.
»Nun, aber wie hat denn der Archivar sein Gehalt bekommen?«
»Ja, das ist ihm nach Hause geschickt worden. Das war doch sehr einfach. Jedenfalls gab mir mein junger Kollege den Rat, hineinzugehen, dem Aktuar meine Reverenz zu machen und ihn zu bitten, mich den andern Beamten vorzustellen, die jetzt allmählich eintrafen, um das Feuer in ihren Öfen zu schüren und die letzten Strahlen der Kohlenglut zu genießen. Der Aktuar sei eine sehr mächtige und auch gutherzige Persönlichkeit, berichtete mein Freund, und sehr empfänglich für Höflichkeit.
Nun hatte ich, der ich den Aktuar in seiner Eigenschaft als Kammerverweser gekannt hatte, eine ganz andere Meinung von ihm; aber ich glaubte meinem Kollegen und ging zu ihm.
In einem großen Lehnstuhl vor dem Kachelofen saß der Gefürchtete, die Beine auf einem Renntierfell ausgestreckt. Er war sehr beschäftigt damit, eine echte, in Handschuhleder eingenähte Meerschaumspitze einzurauchen. Um nicht müßig zu sein, hatte er die Postzeitung vom gestrigen Tage vorgenommen, die ihn über die Wünsche der Regierung unterrichtete.
Bei meinem Eintritt, der ihn zu betrüben schien, schob er die Brille hoch und legte sie auf den kahlen Schädel; das rechte Auge versteckte er hinter dem Zeitungsrand, und mit dem linken schoß er eine Kugel auf mich ab. Ich brachte mein Anliegen vor. Er nahm die Zigarrenspitze[S. 16] in die rechte Hand und sah nach, ob es ›genützt hatte‹. Das entsetzliche Schweigen, das nun entstand, bestätigte all meine Befürchtungen. Er räusperte sich und spuckte, daß die Kohlenglut im Ofen laut aufzischte. Dann fiel ihm die Zeitung ein, und er setzte seine Lektüre fort. Ich meinte, mein Anliegen mit einigen Variationen wiederholen zu müssen. Da hielt er nicht länger an sich. ›Was wollen Sie, Herr? Was haben Sie in meinem Zimmer zu suchen, Herr? Kann ich in meinem eigenen Zimmer nicht ungestört sein? Wie?! Hinaus, hinaus, hinaus, Herr! Sehen Sie denn nicht, daß ich beschäftigt bin? Sprechen Sie mit dem Obersekretär, wenn Sie irgend etwas wünschen! Nicht mit mir.‹ — Ich ging zu dem Obersekretär.
Dort tagte seit drei Wochen ein großer Materialausschuß. Der Obersekretär hatte den Vorsitz, und drei Kanzlisten führten das Protokoll. Die von den Lieferanten eingesandten Proben lagen auf den Tischen verstreut, an denen alle nicht beschäftigten Kanzlisten, Abschreiber und Sekretäre Platz genommen hatten. Man hatte, allerdings mit großer Meinungsverschiedenheit, sich für zwei Ballen Lesseboer Papier entschieden und nach wiederholtem Probeschneiden achtundvierzig Scheren von dem preisgekrönten Fabrikat aus Graatorp (von welcher Fabrik der Aktuar fünfundzwanzig Aktien besaß) bestellt; das Probeschreiben mit den Stahlfedern hatte eine ganze Woche erfordert und das Protokoll darüber zwei Ries Papier verschlungen; jetzt war man zu den Federmessern gekommen, und das Kollegium war gerade dabei, sie auf den schwarzen Tischplatten zu probieren.
[S. 17]
›Ich schlage Sheffield Nr. 4 mit zwei Klingen, ohne Korkzieher, vor,‹ sagte der Obersekretär und hob einen Splitter aus der Tischplatte, so groß, daß man ein Feuer damit hätte anzünden können. ›Was meinen Sie, Herr Sekretär?‹
Dieser, der beim Probeschneiden zu tief geschnitten hatte und auf einen Nagel gestoßen war, so daß ein Eskilstuna Nr. 2 mit drei Klingen beschädigt wurde, schlug diese Marke vor.
Nachdem alle sich geäußert und ihre Ansichten unter Beifügung praktischer Proben streng motiviert hatten, beschloß der Vorsitzende, zwei Gros Sheffield zu bestellen.
Hiergegen protestierte der erste Sekretär in einer längeren Ausführung, die zu Protokoll genommen, in zwei Exemplaren kopiert, registriert, sortiert (alphabetisch und chronologisch), eingebunden und von dem Diener unter Oberaufsicht des Bibliothekars auf ein geeignetes Regal gestellt wurde. Dieser Protest war von warmem vaterländischen Gefühl erfüllt und wollte in der Hauptsache darauf hinweisen, wie nötig es sei, daß der Staat die einheimische Produktion fördere. Da hierin aber eine Anklage gegen die Regierung lag, weil sich der Protest doch gegen einen Beamten der Regierung richtete, mußte der Obersekretär die Regierung in Schutz nehmen. Er begann mit einer Geschichte der Entstehung des Manufakturwarendiskonts (bei dem Worte Diskont spitzten alle außerordentlichen Hilfsarbeiter die Ohren) und gab einen Überblick über die ökonomische Entwicklung des Landes in den letzten[S. 18] zwanzig Jahren, wobei er sich so in die Einzelheiten vertiefte, daß die Uhr in der Riddarholmkirche zwei schlug, ehe er zum Thema gekommen war. Bei dem verhängnisvollen Glockenschlage sprangen alle Beamten von ihren Plätzen auf, als sei Feuer ausgebrochen. Als ich einen jungen Kollegen fragte, was das zu bedeuten habe, antwortete der alte Sekretär, der meine Frage gehört hatte: ›Die erste Pflicht des Beamten, mein Herr, ist, pünktlich zu sein, mein Herr!‹ Zwei Minuten nach zwei war keine Menschenseele mehr in den vielen Zimmern! ›Morgen haben wir einen heißen Tag,‹ flüsterte mir ein Kollege auf der Treppe zu. ›Was um Gottes willen ist denn los?‹ fragte ich unruhig. ›Die Bleistifte!‹ antwortete er. Und es gab heiße Tage! Siegellack, Kuverte, Papiermesser, Löschpapier, Bindfaden. Aber das ging noch an, denn alle hatten wenigstens Beschäftigung. Es kam aber ein Tag, da sie knapp wurde. Da faßte ich mir ein Herz und bat, mir etwas zu tun zu geben. Sie gaben mir sieben Ries Papier für häusliche Abschriften, durch die ich mich verdient machen könne. Diese Arbeit führte ich in sehr kurzer Zeit aus; aber statt Anerkennung zu finden und angespornt zu werden, wurde ich mit Mißtrauen behandelt, denn man schätzte fleißige Leute nicht. Später bekam ich überhaupt keine Arbeit mehr. Ich will dir die qualvolle Beschreibung eines Jahres voller Demütigungen, voll zahlloser Stiche, voll grenzenloser Bitterkeit ersparen. Alles, was mir lächerlich und kleinlich vorkam, wurde mit feierlichem Ernst behandelt, und alles, was ich als groß und rühmenswert schätzte, wurde in den Staub gezogen.[S. 19] Das Volk nannte man Pack und vertrat den Standpunkt, es sei eigens für die Garnison da, damit sie im Bedarfsfalle daraufschießen könne. Man schmähte offenkundig die neue Staatsform und nannte die Bauern Verräter.[1] Das hörte ich sieben Monate lang mit an; man begann mir zu mißtrauen, da ich an dem Gelächter nicht teilnahm, und forderte mich heraus. Als man das nächste Mal die Oppositionshunde angriff, explodierte ich und hielt eine lange Rede mit dem Ergebnis, daß die andern wußten, wie sie mit mir daran waren und daß ich unmöglich wurde. Und jetzt mache ich es wie so viele Schiffbrüchige: ich werfe mich der Literatur in die Arme!«
Struve, den der abgehackte Schluß nicht zu befriedigen schien, steckte den Bleistift in die Tasche, trank seinen Grog aus und hatte eine zerstreute Miene aufgesetzt. Er glaubte aber doch etwas sagen zu müssen.
»Lieber Bruder, du bist noch unerfahren in der Lebenskunst; du wirst sehen, wie schwer es ist, sein Brot zu verdienen, du wirst sehen, wie das allmählich die Hauptsache im Leben wird. Man arbeitet, um Brot zu bekommen, und man ißt sein Brot, um arbeiten zu können. Glaube mir, ich habe Weib und Kind, und ich weiß, was das heißen will. Man muß sich den Verhältnissen anpassen, siehst du. Man muß sich anpassen! Und du weißt nicht, wie die Lage eines Schriftstellers ist. Der Schriftsteller steht außerhalb der Gesellschaft!«
[S. 20]
»Nun ja, das ist die Strafe dafür, daß er sich über die Gesellschaft erheben will! Im übrigen verabscheue ich die Gesellschaft, denn sie beruht nicht auf freier Übereinkunft, sie ist ein Gewebe von Lügen — und ich gehe ihr mit Vergnügen aus dem Wege!«
»Es wird kalt,« bemerkte Struve.
»Ja, wollen wir gehen?«
»Vielleicht gehen wir.«
Die Flamme des Gesprächs war erloschen.
Unterdes war die Sonne untergegangen, der Halbmond hatte den Horizont erklommen und stand jetzt über den Feldern im Norden der Stadt, hier und da rang ein Stern mit dem Tageslicht, das noch oben am Himmel verweilte; unten in der Stadt, die nun still zu werden begann, wurden die Gaslaternen angezündet.
Falk und Struve wanderten zusammen in nördlicher Richtung und plauderten über Handel, Schiffahrt, Gewerbe und alles mögliche, was sie nicht interessierte, worauf sie sich unter gegenseitiger Erleichterung trennten.
Während neue Gedanken in seinem Kopf keimten, ging Falk die Stromstraße hinunter bis Skeppsholm. Er kam sich vor wie ein Vogel, der gegen eine Fensterscheibe geflogen ist und nun geschlagen daliegt, gerade als er die Schwingen zu heben glaubte, um direkt ins Freie hinaus zu fliegen. Er setzte sich auf eine Bank am Strande und lauschte auf das Wellengeplätscher; eine leichte Brise rauschte in den blühenden Ahornen, und der Halbmond leuchtete mit schwachem Schein über dem schwarzen Wasser; da lagen zwanzig, dreißig Boote am Kai vertäut, rissen an ihren Ketten und[S. 21] streckten eins nach dem andern die Köpfe empor, nur einen Augenblick, um dann wieder unterzutauchen; Wind und Wellen schienen sie vorwärts zu jagen, und sie machten einen Anlauf gegen die Brücke, wie eine Koppel gehetzter Hunde; aber die Kette riß sie zurück, und dann stießen und stampften sie, als wollten sie sich losreißen.
Hier blieb er bis Mitternacht sitzen; da schlummerte der Wind ein, die Wellen gingen zur Ruhe, die gefangenen Boote rissen nicht mehr an ihren Ketten, die Ahorne rauschten nicht mehr, und der Tau fiel.
Da stand er auf und wanderte träumend nach Hause in seine einsame Dachkammer hinten auf Ladugaardsland.
Das tat der junge Falk; der alte Struve aber, der am selben Tage in das konservative »Graumützchen« eingetreten war, nachdem das »Rotkäppchen« ihn verabschiedet hatte, ging nach Hause und schrieb für die berüchtigte »Volksfahne« einen Artikel »Über das Kollegium für Auszahlung der Beamtengehälter«, vier Spalten, die Spalte zu fünf Kronen.
[1] Diese Schilderung trifft jetzt nicht mehr zu, nachdem die große Reorganisation der Ämter vorgenommen ist.
[S. 22]
Der Flachshändler Karl Nikolaus Falk, ein Bruder des früheren außerordentlichen Hilfsarbeiters im Ministerium und jetzigen Schriftstellers Arvid Falk und Sohn des verstorbenen Flachshändlers Herrn Karl Johann Falk — der zu den fünfzig Ältesten der Bürgerschaft gehört hatte und Hauptmann der Bürgerwehr, Kirchenvorsteher und Direktionsmitglied der Stockholmer Feuerversicherungsgesellschaft gewesen war —, hatte sein Geschäft, oder wie seine Feinde es mit Vorliebe nannten, seinen Laden, in der Österlangstraße, schräg gegenüber der Ferkensgasse, so daß der Kommis, wenn er von seinem Roman aufblickte, den er heimlich unter dem Ladentisch las, gelegentlich ein Stück von einem Dampfer, ein Radgehäuse, einen Klüverbaum und ähnliches, sowie einen Baumwipfel auf Skeppsholm und einen Streifen Luft darüber sehen konnte. Der Kommis, der auf den nicht ungewöhnlichen Namen Andersson hörte — und er hatte hören gelernt —, hatte eben, früh am Morgen, aufgemacht und eine Flachsknocke, eine Fisch- und eine Aalreuse, ein Bündel Angelruten und ungesplissene Federn hinausgehängt; darauf hatte er den Laden ausgefegt, hatte Sägespäne auf den Fußboden gestreut[S. 23] und sich hinter dem Ladentisch niedergelassen, wo er aus einer leeren Kerzenschachtel, von einer Hakenstange gehalten, eine Art Mausefalle konstruiert hatte, in die sein Roman hinunterfallen konnte, wenn der Prinzipal oder einer von dessen Bekannten den Laden betrat. Etwaige Kunden schien er nicht zu befürchten, teils weil es früh am Morgen war, teils weil er nicht an einen Überfluß in dieser Beziehung gewöhnt war. Das Geschäft war zu Zeiten des seligen König Fredrik gegründet worden — Karl Nikolaus Falk hatte wie alles andere auch diesen Ausdruck von seinem Vater geerbt, der ihn wiederum in direkt absteigender Linie von seinem Großvater übernommen hatte — es war früher gut gegangen und hatte ein schönes Stück Geld abgeworfen, sogar noch bis vor wenigen Jahren; da aber war das unglückselige Kammersystem gekommen und hatte allem Handel ein Ende gemacht, alle Aussichten zerstört, alle Unternehmungslust gehemmt und die Bürgerschaft mit dem Untergang bedroht. So behauptete Falk; andere aber waren der Ansicht, daß er sich nicht um das Geschäft kümmerte und daß ein gefährlicher Konkurrent sich unten am Schleusenplatz niedergelassen hatte. Falk sprach jedoch nicht unnötig von dem Verfall des Geschäfts und war klug genug, Gelegenheit und Zuhörer sorgfältig zu wählen, wenn er diese Saite anschlug. Wenn einer von seinen alten Geschäftsfreunden in freundlicher Weise sein Erstaunen über den verminderten Verkehr äußerte, sagte er, er habe sich auf den Großhandel in der Provinz verlegt und benutze den Laden nur als Aushängeschild; und sie glaubten ihm, denn er hatte[S. 24] hinter dem Laden ein kleines Kontor, in dem er sich meistens aufhielt, wenn er nicht in der Stadt oder auf der Börse war. Wenn jedoch seine Bekannten — das war etwas anderes —, der Sekretär und der Magister, dieselbe freundliche Besorgnis äußerten, dann hatten die schlechten Zeiten, die von dem neuen Kammersystem herrührten, die Stagnation hervorgerufen.
Jetzt aber war Andersson von ein paar Burschen gestört worden, die in der Tür gefragt hatten, was die Angelruten kosteten, hatte dabei auf die Straße hinaus gesehen und den jungen Herrn Arvid Falk zu Gesicht bekommen. Da er sich das Buch gerade von ihm geliehen hatte, konnte es liegen bleiben, wo es lag, und mit vertraulichem Ton und einer Miene heimlichen Einverständnisses begrüßte er seinen früheren Spielkameraden, als dieser den Laden betrat.
»Ist er oben?« fragte Falk mit einer gewissen Unruhe.
»Er ist beim Kaffeetrinken,« antwortete Andersson und deutete nach der Decke. Im selben Augenblick hörten sie, wie gerade über ihren Köpfen ein Stuhl gerückt wurde.
»Jetzt ist er vom Tisch aufgestanden, Herr Arvid.«
Sie schienen beide dies Geräusch und seine Bedeutung gut zu kennen. Darauf hörte man ziemlich schwere, knarrende Schritte das Zimmer in allen Richtungen durchkreuzen, und durch die Decke drang ein dumpfes Gemurmel zu den lauschenden jungen Leuten hinunter.
»Ist er gestern abend zu Hause gewesen?« fragte Falk.
[S. 25]
»Nein, er war aus.«
»Mit den Freunden oder den Bekannten?«
»Mit den Bekannten.«
»Und ist spät nach Hause gekommen?«
»Ziemlich spät.«
»Glauben Sie, Andersson, daß er bald herunterkommt? Ich möchte nicht gern hinaufgehen, meiner Schwägerin wegen.«
»Er wird wohl bald hier sein, das höre ich am Schritt.«
Im selben Moment hörte man oben eine Tür zuschlagen, und unten wurde ein bedeutungsvoller Blick gewechselt. Arvid machte eine Bewegung, als wolle er gehen, aber dann ermannte er sich.
Nach einigen Sekunden hörte man Geräusch im Kontor. Ein böser Husten erschütterte den kleinen Raum, und dann ertönten die bekannten Schritte: stapf — stapf, stapf — stapf!
Arvid ging hinter den Ladentisch und klopfte an die Tür des Kontors.
»Herein!«
Er stand seinem Bruder gegenüber. Dieser sah wie ein Vierziger aus, und er war es auch ungefähr, denn er war fünfzehn Jahre älter als der Bruder und hatte sich deshalb, allerdings auch noch aus andern Gründen, gewöhnt, ihn als einen Knaben zu betrachten, an dem er Vaterstelle vertrat. Er hatte hellblondes Haar, einen blonden Schnurrbart, blonde Augenbrauen und Wimpern. Er war ziemlich korpulent, daher konnte er so gut mit den Stiefeln knarren, die unter der Last seiner stämmigen Gestalt kreischten.
[S. 26]
»Du bist es nur?« fragte er mit einem leichten Anflug von Wohlwollen und Verachtung, Gefühlen, die bei ihm unzertrennlich waren, denn er war nicht böse auf die, die in irgendeiner Hinsicht unter ihm standen, gleichzeitig aber verachtete er sie. Indes er sah jetzt doch aus, als sei er enttäuscht, denn er hatte ein dankbareres Objekt für seinen Ausbruch erwartet, und der Bruder war eine bescheidene und schüchterne Natur, die nie unnötig opponierte.
»Ich störe dich doch nicht, Karl?« fragte Arvid, der an der Tür stehen geblieben war. Diese demütige Frage hatte die Wirkung, daß der Bruder beschloß, seinem Wohlwollen Ausdruck zu geben. Er nahm selbst eine Zigarre aus seinem großen, gestickten Lederetui und bot dann dem Bruder aus einer Kiste an, die in der Nähe des Kamins ihren Platz gefunden hatte, weil die Zigarren — die »Besuchszigarren«, wie er sie offen nannte, denn er war eine offene Natur — einen Schiffbruch erlebt hatten, was sie sehr interessant, wenn auch nicht besser machte, und eine Strandauktion, wodurch sie sich sehr billig stellten.
»Nun, was hast du auf dem Herzen?« fragte Karl Nikolaus, indem er sich seine Zigarre anzündete und darauf die Streichholzschachtel in die Tasche steckte, — aus Zerstreutheit, denn er konnte die Gedanken nur auf einen Punkt konzentrieren, innerhalb eines Kreises, der nicht sehr groß war; sein Schneider hätte auf den Zoll sagen können, wie groß, wenn er seinen Leibesumfang maß.
»Ich möchte über unsere Geschäfte mit dir sprechen,«[S. 27] antwortete Arvid und drehte seine unangezündete Zigarre zwischen den Fingern.
»Setz dich!« kommandierte der Bruder.
Es war immer seine Gewohnheit, die Leute aufzufordern, sich zu setzen, wenn er sie sich vornehmen wollte, denn dann hatte er sie unter sich und konnte sie leichter zerschmettern, — falls es erforderlich war.
»Unsere Geschäfte? Haben wir Geschäfte miteinander?« begann er. »Davon weiß ich nichts. Hast du Geschäfte?«
»Ich meinte nur, ich möchte wissen, ob ich noch etwas zu bekommen habe.«
»Was sollte das sein, wenn ich fragen darf? Etwa Geld? He?« scherzte Karl Nikolaus und ließ den Bruder den Duft der feinen Zigarre genießen. Da er keine Antwort bekam, die er auch nicht haben wollte, mußte er selber sprechen.
»Bekommen? Hast du nicht alles bekommen, was dir zusteht? Hast du nicht selbst die Quittung vorm Vormundschaftsgericht unterschrieben? Habe ich dich seitdem nicht ernährt und gekleidet, das heißt dir Vorschuß gegeben? Denn diese Summen wirst du zurückzahlen, wenn du einmal dazu imstande bist, deinem eigenen Wunsch entsprechend; ich habe alles aufgeschrieben, um es zu haben für den Tag, da du selber dein Brot verdienen kannst, und das hast du bisher noch nicht getan.«
»Das gerade möchte ich jetzt tun, und deshalb bin ich hergekommen, um genau zu erfahren, ob ich noch etwas zu erwarten habe, oder ob ich etwas schuldig bin.«
[S. 28]
Der Bruder warf einen durchdringenden Blick auf sein Opfer, um zu ergründen, ob dieses irgendwelche Hintergedanken habe. Dann begann er mit seinen knarrenden Stiefeln den Fußboden in einer Diagonale zwischen Spucknapf und Schirmständer zu durchmessen; die Berlocken bimmelten an der Uhrkette, als wollten sie die Leute warnen, ihnen in den Weg zu kommen, und der Tabaksrauch stieg empor und legte sich in langen, drohenden Wolken, die ein Unwetter anzukündigen schienen, zwischen Kachelofen und Tür. Er ging heftig auf und ab, mit gesenktem Kopf und vorgeschobenen Schultern, als memoriere er eine Rolle. Als er sie zu können glaubte, blieb er vor dem Bruder stehen und sah ihm gerade in die Augen mit einem langen, meergrünen, falschen Blick, der wie Vertrauen und Schmerz aussehen sollte; und mit einer Stimme, die klang, als komme sie aus der Familiengruft auf dem Klarakirchhof, sagte er:
»Du bist nicht ehrlich, Arvid! Du bist nicht ehr—lich!«
Jeder Zuhörer, außer Andersson, der hinter der Ladentür stand und lauschte, hätte sich rühren lassen von diesen Worten, die mit dem tiefsten brüderlichen Schmerz ein Bruder dem Bruder sagte. Arvid selbst, der von klein auf an den Glauben gewöhnt worden war, daß alle andern Menschen vortrefflich seien, er selbst aber schlecht, überlegte wirklich einen Augenblick, ob er ehrlich sei oder nicht, und da seine Erzieher mit zweckdienlichen Mitteln ein höchst empfindliches Gewissen in ihm großgezogen hatten, konstatierte er, daß er nicht sehr ehrlich oder zum mindesten nicht sehr offen[S. 29] gewesen war, als er soeben in ziemlich verschleierter Weise an den Bruder die Frage gestellt hatte, ob er ein Schurke sei.
»Ich bin zu der Ansicht gekommen,« sagte er, »daß du mich um einen Teil meines Erbes betrogen hast; ich habe mir ausgerechnet, daß du die schlechte Beköstigung und deine abgelegten Kleider zu hoch bewertet hast; ich weiß, daß mein Vermögen nicht für meine schrecklichen Studien draufgegangen sein kann, und ich glaube, daß du mir eine recht große Summe schuldest, die ich jetzt brauche und die ich jetzt — ausbezahlt haben möchte!«
Ein Lächeln erhellte das blonde Gesicht des Bruders, und mit einer so ruhigen Miene und einer so sicheren Geste, als habe er sie jahrelang einstudiert, um in Aktion treten zu können, sobald das Stichwort fiel, steckte er die Hand in die Hosentasche, schüttelte das Schlüsselbund, bevor er es herausholte, ließ es in der Luft eine Volte machen und trat voll Andacht an den Geldschrank. Er schloß ihn schneller auf, als seine Absicht war und als die Heiligkeit des Ortes vielleicht gestattete, holte ein Papier heraus, das ebenfalls bereit gelegen und auf das Stichwort gewartet hatte, und reichte es dem Bruder.
»Hast du dies geschrieben? — Antworte! Hast du dies geschrieben?«
»Ja!«
Arvid erhob sich, um zu gehen.
»Nein, setz dich! — setz dich! Setz dich!«
[S. 30]
Wenn ein Hund im Zimmer gewesen wäre, würde er sich sofort gesetzt haben.
»Nun, was steht da? Lies! — Ich, Arvid Falk, bestätige und bezeuge, — daß — ich — von — meinem Bruder, dem mir vom Gericht bestimmten Vormund — Karl Nikolaus Falk — mein Erbe vollständig ausgezahlt bekommen habe, — in Höhe von usw.«
Er schämte sich, die Summe zu nennen.
»Du hast also eine Sache bestätigt und bezeugt, an die du nicht geglaubt hast! Ich darf wohl fragen: ist das ehrlich? Nein, antworte auf meine Frage! Ist das ehrlich? Nein! Ergo hast du ein falsches Zeugnis abgelegt. Du bist also ein Schuft! Ja, das bist du! Habe ich nicht recht?«
Die Szene war zu dankbar und der Triumph zu groß, um ohne Publikum genossen werden zu können. Der unschuldig Angeklagte mußte Zeugen haben; er machte die Tür zum Laden auf.
»Andersson!« rief er. »Beantworten Sie mir eine Frage: hören Sie genau zu! Wenn ich ein falsches Zeugnis abgebe, bin ich dann ein Schuft oder bin ich es nicht?«
»Sie sind natürlich ein Schuft, Herr Prinzipal,« antwortete Andersson ohne Bedenken und mit Wärme.
»Hörst du: er sagt, ich bin ein Schuft — wenn ich eine falsche Quittung unterschreibe. Nun, was habe ich vorhin gesagt? Du bist nicht ehrlich, Arvid; du bist nicht ehrlich! Das habe ich schon immer gesagt! Gutmütige Menschen sind sehr oft Schufte; und du bist immer gutmütig und nachgiebig gewesen, aber ich[S. 31] habe gemerkt, daß du insgeheim andere Gedanken hegtest; du bist ein Schuft! Das hat dein Vater auch gesagt, ich betone ›gesagt‹, denn er sagte immer, was er dachte und war ein rechtschaffener Mann, Arvid, und das — bist — du — nicht! Sei überzeugt: wenn er jetzt noch lebte, so würde er mit Schmerz und Gram sagen: Du bist nicht ehrlich, Arvid! Du — bist — nicht ehrlich!«
Er schritt wieder einige Diagonalen ab, und es klang, als applaudiere er seiner Szene mit den Füßen, und er klingelte mit dem Schlüsselbund, als gebe er das Signal für den Vorhang. Die Schlußreplik war so abgerundet gewesen, daß jede Hinzufügung das Ganze verderben würde. Trotz der schweren Beschuldigung, die er tatsächlich seit mehreren Jahren erwartet hatte, denn er war immer der Überzeugung gewesen, daß der Bruder ein falsches Herz habe, war er sehr froh, daß es jetzt vorüber war, und so glücklich vorüber, so gut und so sinnreich vorüber, daß er fast fröhlich und sogar ein wenig dankbar gestimmt wurde. Außerdem hatte er ja eine so gute Gelegenheit gefunden, loszuwettern, nachdem er oben in der Familie gereizt worden war; seinen Zorn an Andersson auszulassen, hatte im Lauf der Jahre seinen Reiz eingebüßt, — und ihn oben auszulassen — dazu hatte er die Lust verloren.
Arvid war verstummt; er war eine durch die Erziehung so eingeschüchterte Natur, daß er immer etwas Unrechtes zu tun glaubte; er hatte von Kind an diese furchtbar großen Worte: rechtschaffen, ehrlich, aufrichtig, wahrhaft täglich und stündlich aussprechen hören, so daß sie[S. 32] wie Richter vor ihm standen, die ihn immer schuldig sprachen. Er dachte einen Moment, er habe sich in seinen Berechnungen getäuscht, der Bruder sei unschuldig und er selber wirklich ein Schuft; aber im nächsten Augenblick sah er in dem Bruder einen Betrüger, der mit einfachem Advokatengeschwätz ihn übertölpelte, und er wollte sich aus dem Staube machen, um nicht mit ihm in Streit zu geraten, wollte sich aus dem Staube machen, ohne ihm sein Anliegen Nummer 2 vorzutragen: daß er nämlich im Begriff stehe, seinen Beruf zu wechseln.
Die Pause wurde länger, als beabsichtigt war. Karl Nikolaus hatte also Zeit, in der Erinnerung seine eben erlebten Triumphe durchzugehen. Das kleine Wort »Schuft« tat der Zunge so wohl, wenn sie es aussprechen konnte, genau so wohl wie das Wort »Hinaus!«. Und das Öffnen der Tür und Anderssons Antwort und die Vorführung des Dokuments, alles hatte so gut geklappt; das Schlüsselbund war nicht auf dem Nachttisch liegengeblieben, das Schloß hatte funktioniert, das Dokument war bindend gewesen wie ein Garn und die Schlußfolgerung wie die Angel, die den Hecht in ihrer Schlinge fängt. Er war in gute Laune gekommen; er hatte verziehen, nein, er hatte vergessen, alles vergessen, und als er den Geldschrank wieder zuwarf, da verschloß er die unangenehme Affäre für immer. Aber er wollte sich nicht so von dem Bruder trennen, er hatte das Verlangen, über andere Dinge mit ihm zu sprechen, ein paar Schaufeln Geschwätz über das unangenehme Thema zu werfen, ihn in einer alltäglichen[S. 33] Situation zu sehen, zum Beispiel ihn an einem Tisch sitzen zu sehen, warum nicht essend und trinkend? Die Menschen sahen immer vergnügt und zufrieden aus, wenn sie aßen und tranken, und er wollte ihn vergnügt und zufrieden sehen; er wollte sein Gesicht ruhig sehen und hören, daß seine Stimme nicht mehr zitterte, und kam zu dem Entschluß, ihn zum Frühstück einzuladen. Die Schwierigkeit war, einen Übergang zu finden, eine geeignete Brücke, die man über den Abgrund werfen konnte. Er suchte in seinem Kopf, fand aber keine, er suchte in seinen Taschen und fand die — Streichholzschachtel.
»Teufel auch, du hast ja deine Zigarre nicht angesteckt, Junge!« sagte er mit wirklicher, nicht erheuchelter Wärme.
Aber der Junge hatte seine Zigarre im Lauf des Gesprächs zerbröckelt, und sie wollte nicht mehr brennen.
»Hier, nimm dir eine neue!«
Er holte sein großes Lederetui heraus:
»Sieh her! Nimm nur! Es sind gute Zigarren!«
Der Bruder, der so unglücklich veranlagt war, keinen Menschen verletzen zu können, nahm das Anerbieten dankbar an, wie eine zur Versöhnung hingestreckte Hand.
»So, alter Junge,« fuhr Karl Nikolaus fort und schlug einen angenehmen Gesellschaftston an, auf den er sich so gut verstand. »Komm jetzt, dann gehen wir zu Riga und frühstücken ein bißchen! Komm nur!«
Arvid, an Freundlichkeit nicht gewöhnt, war hierüber so gerührt, daß er dem Bruder hastig die Hand drückte[S. 34] und hinauseilte, durch den Laden hindurch, ohne Andersson zu grüßen, hinaus auf die Straße.
Der Bruder blieb bestürzt stehen; dies konnte er nicht begreifen; was sollte das bedeuten! Davonlaufen, wenn er zum Frühstück eingeladen wurde; davonlaufen, und dabei war er doch nicht böse. Davonlaufen! Das würde ein Hund nicht getan haben, wenn man ihm ein Stück Fleisch hingeworfen hätte!
»Er ist so sonderbar!« murmelte er und stampfte über die Dielen. Darauf trat er an sein Pult, schraubte den Sessel so hoch, wie es ging, und kletterte hinauf. Von diesem erhöhten Platz pflegte er Menschen und Verhältnisse von einem höheren Gesichtspunkt zu betrachten und fand sie in der Regel klein, allerdings nicht so klein, daß sie nicht für seine Zwecke zu verwenden gewesen wären.
[S. 35]
Es war zwischen acht und neun Uhr an dem schönen Maimorgen, als Arvid Falk nach der Szene bei dem Bruder durch die Straßen wanderte, unzufrieden mit sich selbst, unzufrieden mit dem Bruder und unzufrieden mit der ganzen Welt. Er wünschte sich trübes Wetter und schlechte Gesellschaft. Daß er ein Schuft war, daran glaubte er nicht ganz, aber er war mit sich selbst nicht zufrieden; er war gewohnt, hohe Anforderungen an sich zu stellen, und es war ihm eingeimpft, in dem Bruder eine Art Stiefvater zu sehen, vor dem er große Achtung, fast Ehrerbietung hegen müsse. Aber auch noch andere Gedanken tauchten auf und erfüllten ihn mit Sorge. Er war ohne Geldmittel und ohne Beschäftigung. Dies letzte war vielleicht das Schlimmste, denn die Untätigkeit war für ihn ein böser Feind, da er mit einer nimmer ruhenden Phantasie begabt war.
Unter recht unangenehmen Grübeleien war er in die kleine Parkstraße gekommen; er ging auf dem linken Trottoir entlang, am Dramatischen Theater vorbei, und befand sich bald in der Norrlandstraße; er wanderte ziellos weiter, immer geradeaus; bald wurde das Pflaster uneben, Hütten aus Holz traten an die Stelle[S. 36] der Steinhäuser, schlecht gekleidete Menschen warfen mißtrauische Blicke auf den gut angezogenen Herrn, der so früh am Tage ihre Gegend aufsuchte, und ausgehungerte Hunde knurrten den Fremden drohend an. Zwischen Gruppen von Soldaten, Arbeitern, Brauergesellen, Waschfrauen und Lehrlingen hindurch ging er das letzte Stück der Norrlandstraße mit etwas beschleunigten Schritten, kam dann in die große Hopfenparkstraße und betrat den Hopfenpark. Die Kühe des Generalfeldzeugmeisters hatten bereits die Viehweide in Benutzung genommen, die alten, kahlen Apfelbäume machten einen Versuch, Knospen zu treiben, die Linden waren schon grün, und die Eichhörnchen spielten in den Kronen. Er ging am Karussell vorbei und kam in die Allee, die zum Theater führt; dort saßen Knaben, die die Schule schwänzten und »Knopf« spielten; ein Stück weiter lag ein Malerlehrling auf dem Rücken im Grase und schaute durch die hohen Laubwölbungen zu den Wolken hinauf; er pfiff so sorglos, als warteten weder Meister noch Gesellen auf ihn, während Fliegen und andere Insekten herbeikamen und sich in seinen Farbtöpfen ertränkten.
Falk langte auf der Höhe oben beim Ententeich an; dort blieb er stehen und studierte die Metamorphosen der Frösche, beobachtete die Blutegel und fing einen Wasserläufer. Dann begann er Steine ins Wasser zu werfen. Das brachte sein Blut in Bewegung, und er fühlte sich verjüngt, kam sich vor wie ein schwänzender Schuljunge, frei, trotzig, frei; denn es war eine Freiheit, die er mit recht großen Opfern erkauft hatte. Bei dem[S. 37] Gedanken, frei und nach Belieben mit der Natur verkehren zu können, auf die er sich besser verstand als auf die Menschen, die ihn nur mißhandelt und ihn schlecht zu machen versucht hatten, wurde er froh, aller Unfriede schwand aus seinem Gemüt, und er stand auf, um seinen Weg zur Stadt hinaus fortzusetzen. Er ging durch das Kreuz und befand sich in der nördlichen Hopfenparkstraße. Hier sah er, daß im Zaun gerade gegenüber einige Bretter fehlten und daß auf der andern Seite ein Fußsteig ausgetreten war. Er kroch durch den Zaun, schreckte ein altes Weib auf, das Nesseln pflückte, spazierte über die weiten Tabakfelder, wo heute das Villenviertel steht, und befand sich am Eingang von »Lill-Jans«.
Hier war der Frühling im Ernst über die kleine hübsche Ansiedlung hereingebrochen, die mit ihren drei kleinen Häusern in blühenden Flieder und Apfelbäume eingebettet lag, vor den nördlichen Winden von dem Tannenwald auf der andern Seite der Landstraße geschützt. Hier war ein wirkliches Idyll aufgetischt. Der Hahn saß auf der Gabel eines Wasserkarrens und krähte, der Kettenhund lag in der Sonne und fing Fliegen, die Bienen schwärmten wie eine Wolke um die Körbe, der Gärtner kniete bei den Mistbeeten und zog Radieschen, die Laubsänger und die Rotschwänzchen sangen in den Stachelbeersträuchern, halbbekleidete Kinder scheuchten die Hühner, die die Keimfähigkeit verschiedener frisch gesäter Blumensamen untersuchen wollten. Über dem Ganzen lag ein hellblauer Himmel, und dahinter stand der schwarze Wald.
[S. 38]
Neben den Mistbeeten, im Schutz des Zaunes, saßen zwei Männer. Der eine trug einen schwarzen hohen Hut, einen sauber gebürsteten schwarzen Anzug, hatte ein langes schmales blasses Gesicht und sah aus wie ein Geistlicher. Der andere war der Typ eines zivilisierten Bauern, mit zusammengesunkenem, aber korpulentem Körper, hängenden Augenlidern und mongolischem Schnurrbart; er war sehr schlecht gekleidet und sah wie alles mögliche aus — wie ein Vagabund, ein Handwerker oder ein Künstler —, er machte einen sonderbar verkommenen Eindruck.
Der Magere, der zu frösteln schien, obwohl er direkt in der Sonne saß, las dem Fetten, der aussah, als habe er alle Klimate der Erde erprobt und könne sie mit Ruhe alle vertragen, aus einem Buch vor.
Als Falk durch die Pforte auf die breite Landstraße trat, hörte er deutlich die Worte des Lesenden durch den Zaun, und er meinte stehen bleiben und zuhören zu dürfen, ohne einen Vertrauensdiebstahl zu begehen.
Der Magere las mit trockner, eintöniger Stimme, der jeder Klang fehlte, und der Fette gab dann und wann seine Zufriedenheit zu erkennen durch ein Schnauben, das bisweilen mit einem Grunzen abwechselte und schließlich zum Spucken wurde, wenn die Worte der Weisheit, die er hörte, über den gewöhnlichen Menschenverstand gingen. Der Lange las:
»Die höchsten Grundsätze sind, wie gesagt, drei: ein absolut unbedingter und zwei relativ unbedingte. Pro primo: der absolut erste, rein unbedingte Grundsatz soll die Handlung ausdrücken, die allem Bewußtsein[S. 39] zugrunde liegt und dieses erst möglich macht. Dieser Grundsatz ist die Identität: A = A. Er bleibt bestehen und kann auf keine Weise fortgedacht werden, wenn man alle empirischen Bestimmungen des Bewußtseins absondert. Er ist das ursprüngliche Faktum des Bewußtseins und muß darum notwendigerweise anerkannt werden; überdies ist er nicht wie jedes andere empirische Faktum etwas Bedingtes, sondern als Folge und Inhalt einer freien Handlung völlig unbedingt.«
»Verstehst du, Olle?« unterbrach sich der Leser.
»O ja, es ist wundervoll! — ›Er ist nicht wie jedes empirische Faktum etwas Bedingtes.‹ — Oh, ist das ein Mensch! Weiter, weiter!«
»Wenn man annimmt,« fuhr der Vorleser fort, »daß dieser Satz ohne jeden weiteren Grund sicher ist —«
»Höre einer diesen Filou an — ›ohne jeden weiteren Grund sicher‹,« wiederholte der dankbare Zuhörer, der damit jeden Verdacht, als verstehe er nicht, von sich abschütteln wollte, »ohne jeden weiteren Grund, wie schlau, wie schlau, statt nur zu sagen: ohne jeden Grund.«
»Soll ich weiterlesen? Oder gedenkst du mich noch öfter zu unterbrechen?« fragte der beleidigte Vorleser.
»Ich werde dich nicht wieder unterbrechen, weiter, weiter!«
»So — jetzt kommt die Schlußfolgerung (herrlich in der Tat!) — mißt man sich die Fähigkeit bei, etwas zu behaupten.«
Olle schnaubte.
»Man behauptet demnach nicht A (großes A), sondern bloß, daß A = A ist, wenn und soweit A überhaupt ist.[S. 40] Es handelt sich nicht um den Inhalt des Satzes, sondern bloß um dessen Form. Der Satz A = A ist also seinem Inhalt nach bedingt (hypothetisch) und nur seiner Form nach unbedingt.«
»Hast du beachtet, daß es das große A ist?«
Falk hatte genug gehört; dies war die entsetzlich tiefe Philosophie von Upsala, die sich bis hierher verirrt hatte, um die rohe Großstadtnatur zu bezwingen; er sah nach, ob nicht die Hühner von ihren Stangen gefallen seien und ob nicht die Petersilie aufhörte zu wachsen beim Anhören dieses Tiefsten, das in Lill-Jans jemals in Zungen geredet worden war. Er wunderte sich, daß der Himmel sich noch an seinem Platz befand, obwohl er zum Zeugen einer solchen Kraftprobe des menschlichen Geistes angerufen worden war; zugleich aber forderte seine menschliche niedrigere Natur ihr Recht, und er fühlte eine große Trockenheit in der Kehle, weshalb er beschloß, in eins der Häuser hineinzugehen und um ein Glas Wasser zu bitten.
Er kehrte also um und betrat das Haus, das, wenn man von der Stadt kommt, rechts am Wege liegt. Die Tür zu einer großen ehemaligen Backstube stand nach der Diele offen, die nicht größer war als ein Reisekoffer. Im Zimmer befand sich nur eine Schlafbank, ein zerbrochener Stuhl, eine Staffelei und zwei Personen; die eine von diesen stand vor der Staffelei, angetan mit Hemd und Hosen, die von einem Riemen gehalten wurden. Er sah aus wie ein Handwerksbursche, aber er war Künstler, denn er war damit beschäftigt, die Skizze zu einem Altarbilde zu entwerfen. Der andere war[S. 41] ein junger Mann von feinem Aussehen, relativ fein gekleidet. Er hatte seinen Rock ausgezogen, hatte das Hemd heruntergestreift und stand augenblicklich dem Maler mit seiner prachtvollen Büste Modell. Sein schönes, vornehmes Gesicht trug Spuren von Ausschweifungen der vergangenen Nacht, und sein Kopf fiel dann und wann nach vorn, wodurch er sich eine besondere Zurechtweisung von dem Meister zuzog, der ihn unter seinen Schutz genommen zu haben schien. Den Endrefrain einer solchen Moralpredigt bekam Falk zu hören, als er die Diele betrat.
»Daß du so ein Schwein bist und mit diesem Bummler Sellén kneipen gehst! Jetzt stehst du hier und vergeudest deinen Vormittag, statt in der Handelsschule zu sitzen — die rechte Schulter etwas höher, so! Hast du tatsächlich die ganze Miete durchgebracht, so daß du nicht nach Hause zu gehen wagst? Hast du gar nichts übrig behalten? Keinen Pfennig?«
»O doch, etwas habe ich noch übrig, aber das reicht nicht!«
Der junge Mann holte ein zusammengeknülltes Stück Papier aus der Hosentasche und wickelte es auf, wobei zwei Dreikronenscheine zum Vorschein kamen.
»Gib her, ich hebe sie dir auf,« riet der Meister und nahm wie ein Vater die Scheine an sich.
Falk, der sich vergebens bemerkbar zu machen versucht hatte, hielt es jetzt für richtig, so unbemerkt, wie er gekommen war, seiner Wege zu gehen. Er ging also wieder an dem Komposthaufen und den beiden Philosophen vorbei und bog links in den Königin-Christina Weg[S. 42] ein. Er war noch nicht weit gegangen, als er einen jungen Mann gewahrte, der seine Staffelei vor dem kleinen Erlenbruch gerade an der Stelle, wo der Wald anfängt, aufgeschlagen hatte. Es war eine feine, schlanke, fast elegante Gestalt mit etwas spitzem, brünettem Gesicht; sprühendes Leben erfüllte seine ganze Person, wie er da vor dem schönen Bilde stand und arbeitete. Er hatte Hut und Rock abgelegt und schien bei vortrefflichster Gesundheit und in bester Laune zu sein. Bald pfiff er, bald summte er vor sich hin, bald sprach er mit sich selber.
Als Falk so weit herangekommen war, daß er ihn im Profil sah, drehte er sich um:
»Sellén! Guten Tag, alter Kamerad!«
»Falk! Alte Bekannte hier draußen im Walde! Was um Gottes willen bedeutet das? Bist du um diese Tageszeit nicht in deinem Amt?«
»Nein. Aber wohnst du hier draußen?«
»Ja, ich bin mit einigen Bekannten am 1. April hier herausgezogen; es wurde zu teuer, in der Stadt zu wohnen — die Wirte sind auch so kleinlich!«
Ein pfiffiges Lächeln spielte in dem einen Mundwinkel, und die braunen Augen funkelten.
»Ach so,« erwiderte Falk, »dann kennst du vielleicht auch die Typen, die da hinten bei den Mistbeeten sitzen und lesen?«
»Die Philosophen? Aber natürlich! Der Lange ist außerordentlicher Hilfsarbeiter im Versteigerungsamt mit achtzig Reichstalern jährlich, und der Kleine, Olle Montanus, der sollte eigentlich zu Hause sitzen und bildhauern,[S. 43] aber seit er mit Ygberg zusammen auf die Philosophie verfallen ist, hat er aufgehört zu arbeiten, und jetzt geht es in raschem Tempo bergab mit ihm. Er hat entdeckt, daß die Kunst etwas Sinnliches ist!«
»Aber wovon lebt er denn?«
»Eigentlich von nichts! Manchmal steht er dem praktischen Lundell Modell, und dann bekommt er ein Stück Blutkuchen ab und lebt einen Tag davon, und im Winter darf er in seinem Zimmer auf dem Fußboden liegen, denn ›er wärmt doch immerhin etwas‹, sagt Lundell, wo das Holz so teuer ist; und hier war es im April recht kalt.«
»Wie kann er Modell stehen, er sieht doch aus wie ein Quasimodo?«
»Ja, bei einer Kreuzesabnahme soll er der eine Schächer sein, dem die Knochen schon entzwei geschlagen sind; der arme Teufel hat ein Hüftleiden gehabt; wenn er sich also über eine Stuhllehne legt, wird er sehr gut. Manchmal muß er sich nach hinten umdrehen, und dann ist er der zweite Schächer.«
»Warum tut er denn selbst nichts? Hat er kein Talent?«
»Olle Montanus, mein Lieber, ist ein Genie; aber er will nicht arbeiten, er ist Philosoph und würde sicher ein großer Mann geworden sein, wenn er nur hätte studieren können. Es ist wirklich merkwürdig, ihn und Ygberg reden zu hören; Ygberg hat ja allerdings mehr gelesen, aber Montanus hat einen so guten Kopf, daß er ihn manchmal in die Enge treibt, und dann geht Ygberg seiner Wege und liest noch ein Stück für sich; aber er leiht Montanus sein Buch nie.«
»Ach, ihr schätzt Ygbergs Philosophie?« fragte Falk.
[S. 44]
»Oh, die ist sehr fein! Sehr fein? Du liebst doch Fichte? Oh, oh, oh, so ein Kerl!«
»Nun,« unterbrach Falk, der Fichte nicht liebte, »wer waren denn die beiden Typen dort im Hause?«
»Ach, die hast du auch gesehen? Ja, der eine war der praktische Lundell, der Figuren- oder richtiger Kirchenmaler, und der andere war mein Freund Rehnhjelm.«
Die letzten Worte versuchte er in sehr gleichgültigem Ton auszusprechen, um den Eindruck desto stärker zu machen.
»Rehnhjelm?«
»Ja, ein sehr netter Junge.«
»Er steht Modell da drinnen?«
»Das tut er! Ja, dieser Lundell; der kann die Menschen ausnutzen; das ist ein ganz sonderbar praktischer Kerl. Aber komm mit, wir wollen hineingehen und ihn necken, das ist das Lustigste, was ich hier draußen habe; dann hörst du vielleicht auch Montanus reden, und das ist wirklich interessant.«
Weniger von der Aussicht, Montanus reden zu hören, als von der Hoffnung, ein Glas Wasser zu bekommen, verlockt, folgte er Sellén und half ihm Staffelei und Malkasten tragen.
Im Hause hatte sich die Szene insoweit verändert, als das Modell sich auf den zerbrochenen Stuhl hatte setzen dürfen und Montanus und Ygberg sich auf der Schlafbank niedergelassen hatten. Lundell stand vor der Staffelei und rauchte aus einer schnarchenden, hölzernen Stummelpfeife den armen Kameraden,[S. 45] denen das bloße Vorhandensein einer Tabakspfeife ein Genuß war, etwas vor.
Als Assessor Falk vorgestellt worden war, wurde er sofort von Lundell, der seine Meinung über sein Bild hören wollte, mit Beschlag belegt. Das Bild erwies sich als ein Rubens, wenigstens dem Stoff nach, wenn auch nicht in bezug auf Farbe oder Zeichnung. Darauf ließ sich Lundell über die schweren Zeiten für einen Künstler aus, machte die Akademie herunter und schimpfte auf die Regierung, die nichts für die einheimische Kunst tue. Er sei jetzt dabei, eine Skizze für ein Altarbild zu malen, aber er sei fest überzeugt, daß es nicht angenommen werden würde, denn ohne Intrigen und Beziehungen komme man nirgends durch. Hierbei warf er einen forschenden Blick auf Falks Anzug, um sich zu vergewissern, ob er vielleicht eine Beziehung abgeben könne.
Eine andere Wirkung hatte Falks Kommen auf die beiden Philosophen gehabt. Sie hatten in ihm sofort einen »Studierten« entdeckt und warfen ihren Haß auf ihn, denn er konnte sie ihres Prestiges in der kleinen Gesellschaft berauben. Sie wechselten bedeutsame Blicke, die Sellén nicht entgingen, so daß er sich versucht fühlte, seine Freunde in ihrem Glanz vorzuführen und womöglich einen Disput zustande zu bringen. Er machte sofort einen Zankapfel ausfindig, zielte, warf und traf.
»Was sagst du denn zu Lundells Bild, Ygberg?«
Ygberg, der nicht erwartet hatte, so bald zu Wort zu kommen, mußte einige Sekunden überlegen. Dann erwiderte er mit markierter Stimme, während Olle ihm den Rücken rieb, damit er sich gerade halte:
[S. 46]
»Ein Kunstwerk ist nach meiner Meinung in zwei Kategorien zu zerlegen: in Inhalt und Form. Was den Inhalt dieses Kunstwerks betrifft, so hat es einen tiefen und allgemein menschlichen Inhalt, das Motiv ist fruchtbar, an sich, als solches, und enthält alle Begriffsbestimmungen und Potenzen, die sich für künstlerische Produktion geltend machen können; was aber die Form betrifft, die an sich de facto den Begriff manifestieren soll, das heißt die absolute Identität, das Sein, das Ich — so kann ich nicht umhin, sie weniger adäquat zu finden.«
Lundell fühlte sich von der Kritik geschmeichelt, Olle lächelte ein seliges Lächeln, als sehe er die himmlischen Heerscharen, das Modell schlief, und Sellén fand, Ygberg habe einen unbestrittenen Erfolg errungen. Jetzt richteten sich aller Blicke auf Falk, als auf den, der den hingeworfenen Handschuh aufnehmen mußte, denn daß es ein Handschuh war, darüber waren sich alle einig.
Falk war teils belustigt, teils geärgert und suchte in den Rumpelkammern seines Gedächtnisses nach einigen philosophischen Windbüchsen, als sein Blick auf Olle Montanus fiel, der am Schluß Gesichtszuckungen bekommen hatte, ein Zeichen, daß er sprechen wollte. Falk lud aufs Geratewohl seine Flinte mit Aristoteles und feuerte ab.
»Was meinen Sie mit adäquat, Herr Assessor? Ich kann mich nicht erinnern, daß Aristoteles dies Wort in seiner Metaphysik anwendet.«
Es wurde ganz still in dem Raum, und man fühlte, daß hier ein Kampf zwischen der Künstlerkolonie Lill-Jans[S. 47] und dem Gustavianum bevorstand. Die Pause wurde länger als wünschenswert war, denn Ygberg kannte Aristoteles nicht und wäre lieber gestorben, als daß er das zugegeben hätte. Da er nicht schlagfertig war, entdeckte er die Bresche nicht, die Falk offen gelassen hatte; Olle aber sah sie, und er fing den abgeschossenen Aristoteles ab, faßte ihn mit beiden Händen und schleuderte ihn auf den Gegner zurück.
»Wenn ich auch kein Gelehrter bin, möchte ich mir doch die Frage erlauben, ob der Herr Assessor wirklich die Argumente seines Gegners über den Haufen geworfen hat. Ich glaube, man kann adäquat als Bestimmung in einer logischen Schlußfolgerung setzen und als solche gelten lassen, obwohl Aristoteles das Wort in seiner Metaphysik nicht erwähnt. Habe ich recht, meine Herren? Ich weiß es nicht! Ich bin ein ungelehrter Mann, und der Herr Assessor hat diese Dinge studiert.«
Er hatte mit halbgeöffneten Augenlidern gesprochen; jetzt schlug er sie ganz nieder und sah unverschämt bescheiden aus.
»Olle hat recht,« ertönte es von allen Seiten.
Falk fühlte, daß man hier mit harten Fäusten zufassen mußte, wenn die Ehre Upsalas gerettet werden sollte; er schlug eine Volte mit dem philosophischen Kartenspiel und warf ein As hin.
»Herr Montanus hat den Vordersatz verneint oder ganz einfach gesagt: nego majorem! Gut! Ich erkläre wiederum, daß er sich eines posterius prius schuldig gemacht hat; er hat, als er einen Hörnerschluß machen mußte, sich verirrt und hat einen Syllogismus[S. 48] nach ferioque statt barbara gemacht; er hat die goldene Regel vergessen: Caesare Camestres festino barocco secundo; infolgedessen ist seine Schlußfolgerung limitativ! Habe ich nicht recht, meine Herren?«
»Sehr recht, sehr recht,« antworteten alle, außer den beiden Philosophen, die nie eine Logik in der Hand gehabt hatten.
Ygberg sah aus, als habe er auf einen Nagel gebissen, und Olle grinste, als sei ihm Schnupftabak in die Augen gekommen; aber da er ein schlauer Kerl war, wurde ihm die taktische Methode seines Gegners sofort klar. Er faßte also rasch den Entschluß, nicht auf die Frage zu antworten, sondern von etwas anderem zu sprechen. Er kramte deshalb alles, was er gelernt, und alles, was er gehört hatte, aus dem Gedächtnis hervor und begann mit dem Referat über Fichtes Wissenschaftslehre, das Falk vorhin durch den Zaun gehört hatte; dies zog sich bis gegen Mittag hin.
Unterdes stand Lundell und malte und schnarchte mit seiner sauren Holzpfeife. Das Modell war auf dem zerbrochenen Stuhl eingeschlafen; der Kopf sank tiefer und immer tiefer, bis er gegen zwölf Uhr zwischen den Knien hing, so daß ein Mathematiker hätte ausrechnen können, wann er den Mittelpunkt der Erde erreichen würde.
Sellén saß am offnen Fenster und genoß die Situation, und der arme Falk, der davon geträumt hatte, daß die entsetzliche Philosophie zu Ende gehen werde, mußte ganze Fäuste voll philosophischem Schnupftabak nehmen und ihn seinen Feinden in die Augen werfen. Die Qual[S. 49] hätte kein Ende genommen, wenn nicht der Schwerpunkt des Modells sich ganz allmählich auf eine der empfindlichsten Seiten des Stuhls verlegt hätte, so daß dieser mit einem Krach zusammenbrach und der Baron auf die Erde fiel, was Lundell Gelegenheit bot, über das Laster der Trunksucht und seine bedauerlichen Folgen für den Menschen selbst und für andere — damit meinte er sich selber — zu schimpfen.
Falk, der dem verstörten Jüngling aus seiner Verlegenheit helfen wollte, brachte in aller Eile eine Frage aufs Tapet, die von ganz allgemeinem Interesse sein mußte.
»Wo wollen die Herren heute zu Mittag essen?«
Es wurde so still, daß man die Fliegen summen hörte; Falk wußte nicht, daß er auf fünf Hühneraugen zugleich getreten hatte. Lundell brach das Schweigen zuerst. Er und Rehnhjelm wollten im »Kochkessel« essen, wo sie zu essen pflegten, weil sie dort Kredit hatten; Sellén wollte nicht dort essen, weil er mit dem Essen nicht zufrieden war, und hatte sich noch für kein Lokal entschieden; bei dieser Unwahrheit warf er einen fragenden, ängstlichen Blick auf das Modell. Ygberg und Montanus hatten »viel zu tun«, so daß sie »sich ihren Tag nicht zerreißen wollten«, indem »sie sich anzögen und in die Stadt gingen«; sie wollten sich hier draußen etwas beschaffen; was das war, sagten sie nicht.
Darauf begann die Toilette, die in der Hauptsache im Waschen an dem alten Brunnen im Garten bestand. Sellén, der doch ein Stutzer war, hatte unter der Schlafbank ein Zeitungspapierpäckchen versteckt, aus[S. 50] dem er Kragen, Manschetten und Chemisette, alles aus Papier, hervorholte; dann verbrachte er eine lange Zeit kniend vor der Brunnenöffnung, um sich zu spiegeln, während er ein braungrünes Atlasband umband, das er von einem Mädchen geschenkt bekommen hatte, und sein Haar auf besondere Art frisierte; nachdem er dann die Schuhe mit einem Klettenblatt abgerieben, den Hut mit dem Rockärmel abgebürstet, eine Traubenhyazinthe ins Knopfloch gesteckt und seinen Spazierstock herausgeholt hatte, war er fertig. Auf seine Frage, ob Rehnhjelm bald kommen werde, antwortete Lundell, er habe vorläufig noch keine Zeit, er müsse ihm zeichnen helfen, und Lundell pflegte immer zwischen zwölf und zwei zu zeichnen. Rehnhjelm war gefügig und gehorchte, so schwer es ihm auch fiel, sich von seinem Freunde Sellén zu trennen, den er liebte, während er gegen Lundell einen ausgesprochenen Abscheu empfand.
»Wir treffen uns auf jeden Fall heute abend im Roten Zimmer?« warf Sellén tröstend hin, und darin waren alle einig, sogar die Philosophen und der moralische Lundell.
Auf dem Wege nach der Stadt weihte Sellén seinen Freund Falk in allerlei Geheimnisse in bezug auf die Ansiedler von Lill-Jans ein; er erzählte, er selbst habe mit der Akademie gebrochen, weil seine Auffassung von Kunst eine so ganz andere sei; er wisse, daß er Talent habe und einmal Erfolg haben werde, wenn es auch lange dauern könne, obwohl es unendlich schwer sei, sich einen Namen zu machen, ohne die königliche Medaille bekommen zu haben. Auch natürliche Hindernisse[S. 51] stellten sich ihm in den Weg; er sei an der waldlosen Küste der Provinz Halland geboren und habe das Große und Einfache in der Natur dieser Gegend lieben gelernt; Publikum und Kritik dagegen bevorzugten augenblicklich Einzelheiten, Finessen, deshalb verkaufe er nichts; er könne wohl wie die andern malen, aber das wolle er nicht.
Lundell dagegen sei ein praktischer Mann — Sellén sprach das Wort praktisch immer mit einer gewissen Verachtung aus. — Er male nach Wunsch und Geschmack der Menge. Er leide nie an Indisposition; er sei freilich auch von der Akademie fortgegangen, aber aus geheimen, praktischen Gründen, und er habe nicht ganz mit ihr gebrochen, obwohl er das überall erzähle. Er schlage sich ganz gut durch, mit Zeichnungen für illustrierte Zeitschriften, und werde sicher eines Tages Erfolg haben, ungeachtet seines unbedeutenden Talents, dank irgendwelchen Beziehungen und besonders Intrigen, die er von Montanus lernte, denn dieser habe bereits einige Pläne entworfen, die von Lundell mit Erfolg verwirklicht worden seien — Montanus aber sei das Genie, allerdings entsetzlich unpraktisch.
Rehnhjelm sei der Sohn eines ehemals reichen Mannes oben in Norrland. Der Vater habe ein großes Gut besessen, das ihm aber schließlich verloren gegangen und in die Hände des Verwalters gekommen sei. Jetzt sei der alte Edelmann ziemlich arm und hege den Wunsch, der Sohn möge aus der Vergangenheit eine Lehre ziehen und, als Verwalter, der Familie wieder ein Gut verschaffen; deshalb besuche dieser jetzt die[S. 52] Handelsschule, um landwirtschaftliche Buchführung zu lernen, was er verabscheue. Er sei ein netter Junge, aber etwas schwach, und lasse sich von dem schlauen Lundell leiten, der es nicht verschmähe, das Honorar für seine Morallehren und seine Protektion in natura zu nehmen.
Unterdes hatten Lundell und der Baron sich an die Arbeit gemacht, und zwar in der Weise, daß der Baron zeichnete, während der Meister auf der Ofenbank lag und die Arbeit überwachte, das heißt rauchte.
»Wenn du jetzt fleißig bist, so kannst du mit mir kommen und im ›Zinnknopf‹ zu Mittag essen,« verhieß Lundell, der sich mit den beiden Reichstalern, die er aus dem Ruin gerettet hatte, reich vorkam.
Ygberg und Olle hatten sich auf die Waldhöhe begeben, um über Mittag zu schlafen. Olle strahlte nach seinen Siegen, Ygberg aber war verstimmt; er war von seinem Schüler übertroffen worden. Außerdem hatte er kalte Füße bekommen und war ungewöhnlich hungrig, denn das eifrige Gespräch über Essen hatte schlummernde Gefühle geweckt, die sich ein ganzes Jahr lang nicht Luft gemacht hatten. Sie legten sich unter eine Tanne; Ygberg barg das kostbare Buch, das er Olle nie leihen wollte, gut in Papier gewickelt, unter seinem Kopf und streckte sich in seiner vollen Länge aus. Er war blaß wie eine Leiche, kalt und ruhig wie eine Leiche, die die Hoffnung auf Auferstehung aufgegeben hat. Er sah, wie die Vögelchen über seinem Kopf den Tannensamen pickten und die Schalen auf ihn niederfallen ließen, er sah eine strotzende Kuh zwischen den Erlen weiden und[S. 53] sah den Rauch aus dem Küchenschornstein des Gärtners aufsteigen.
»Bist du hungrig, Olle?« fragte er mit matter Stimme.
»Nein,« sagte Olle und warf hungrige Blicke auf das wunderbare Buch.
»Wer doch eine Kuh wäre!« seufzte Ygberg, faltete die Hände über der Brust und überantwortete seine Seele dem allerbarmenden Schlaf.
Als seine schwachen Atemzüge einigermaßen regelmäßig geworden waren, holte der wachende Freund vorsichtig und ganz leise, damit der Schläfer nicht gestört werden sollte, das Buch hervor, warf sich dann auf den Bauch und begann den kostbaren Inhalt zu verschlingen, worüber er sowohl den »Zinnknopf« wie den »Kochkessel« vergaß.
[S. 54]
Es waren einige Tage vergangen. Karl Nikolaus Falks zweiundzwanzigjährige Frau hatte eben ihren Kaffee im Bett getrunken, dem kolossalen Mahagonibett in dem riesigen Schlafzimmer. Es war erst zehn Uhr. Ihr Mann war schon seit sieben Uhr früh fort und nahm unten an der Brücke Flachs auf. Es geschah jedoch durchaus nicht in dem Glauben, er werde nicht so bald nach Hause kommen, daß die junge Frau sich die Freiheit nahm, so lange im Bett zu liegen, obwohl es im übrigen gegen Sitten und Gewohnheiten des Hauses verstieß. Es schien ihr eher ein Vergnügen zu bereiten, mit allen eingewurzelten Sitten und Gewohnheiten des Hauses zu brechen. Sie war erst seit zwei Jahren verheiratet, hatte aber genügend Zeit gehabt, durchgreifende Reformen in dem alten, konservativen Bürgerhause einzuführen, wo alles alt war, sogar die Dienstboten. Die Macht dazu hatte sie bekommen, als ihr Mann ihr seine Liebe erklärt und sie ihm gnädig ihr Jawort gegeben, das heißt sich in Gnaden von einem verhaßten Elternhause befreit hatte, in dem sie um sechs Uhr hatte aufstehen müssen, um den ganzen Tag zu arbeiten. Sie hatte ihre Brautzeit gut[S. 55] ausgenutzt; sie hatte nämlich während dieser Zeit alle Garantien dafür gesammelt, für ihre Person ein freies, unabhängiges Leben führen zu dürfen, ohne Einmischung vonseiten des Mannes. Diese Garantien bestanden freilich nur in Versprechungen, die ein liebeskranker Mann gegeben hatte; sie aber, die bei klarer Besinnung blieb, nahm sie entgegen und schrieb sie sich ins Gedächtnis. Der Mann jedoch zeigte jetzt nach zweijähriger, kinderloser Ehe die Neigung, all diese Verpflichtungen — daß die Frau so lange schlafen dürfe, wie sie wolle, daß sie im Bett Kaffee trinken könne usw. — zu vergessen. Er war sogar unzart genug gewesen, sie daran zu erinnern, daß er sie aus dem Schlamm gezogen, daß er sie aus einer Hölle befreit und sich selbst dabei aufgeopfert habe, denn er sei eine Mesalliance eingegangen — ihr Vater war Flaggschiffer bei der Marine. Über die Antwort auf diese und ähnliche Beschuldigungen dachte sie jetzt nach, und da ihr guter Verstand während ihrer Bekanntschaft nie von irgendeinem Gefühlsrausch umnebelt gewesen war, hatte sie ihn völlig in der Gewalt — und sie wußte ihn zu gebrauchen. Deshalb hörte sie mit ungemischter Freude die Symptome der Heimkehr ihres Mannes zum Frühstück. Die Türen zum Eßzimmer wurden nämlich ins Schloß geworfen, während gleichzeitig ein furchtbares Brüllen hörbar wurde, wobei die Frau den Kopf unter die Decke steckte, um ihr Lachen zu verbergen. Schritte ertönten auf dem Teppich im Nebenzimmer, und in der Schlafzimmertür erschien der erzürnte Mann mit dem Hut auf dem Kopf. Die Frau wandte[S. 56] ihm den Rücken und lockte mit ihrer zärtlichsten Stimme:
»Kommt da mein kleiner Dickwanst? Komm nur herein, komm nur herein!«
Der kleine Dickwanst — das war sein Kosename, und die Herrschaften hatten noch originellere — hatte keine Lust hereinzukommen, sondern blieb in der Tür stehen und schrie:
»Warum ist das Frühstück nicht aufgetragen? He?«
»Frage die Mädchen, ich habe das Tischdecken nicht übernommen. Und nimm bitte den Hut ab, wenn du hereinkommst, mein Herr!«
»Was hast du denn mit meiner Mütze gemacht?«
»Die habe ich verbrannt. Sie war so fettig, daß du dich schämen solltest.«
»Hast du verbrannt! Nun, darüber wollen wir nachher reden! Warum liegst du noch spät am Vormittag im Bett, statt auf die Mädchen zu passen?«
»Weil es mir Spaß macht!«
»Denkst du, ich habe eine Frau geheiratet, die sich nicht um ihren Haushalt kümmert? He?«
»Ja, das hast du! Und warum meinst du, habe ich dich geheiratet? Das habe ich dir schon tausendmal gesagt, — weil ich die Arbeit loswerden wollte, und das hast du mir versprochen. Hast du mir das nicht versprochen? Kannst du dein Ehrenwort geben, daß du es mir nicht versprochen hast? Da siehst du, was für ein Mann du bist! Genau wie alle andern!«
»Ja, das war damals!«
»Damals! Wann war es? Sind nicht Versprechungen[S. 57] immer bindend? Müssen sie etwa zu einer bestimmten Jahreszeit gegeben werden?«
Der Mann kannte diese unerschütterliche Logik zu genau, und die gute Laune seiner Frau tat die gleiche Wirkung wie sonst Tränen in solchen Fällen, — er ergab sich.
»Ich bekomme Besuch heute abend,« erklärte er.
»Ach, bekommst du Herrenbesuch?«
»Natürlich! Weiber kann ich nicht vertragen.«
»Nun, da hast du wohl schon deine Einkäufe gemacht?«
»Nein, das sollst du tun.«
»Ich! Nein, ich habe kein Geld für Besuch! Ich denke gar nicht dran, mein Wirtschaftsgeld für Extrabewirtungen auszugeben.«
»Nein, das verbrauchst du für deine Toilette und andere unnötige Sachen.«
»Nennst du das unnötige Sachen, die ich für dich arbeite? Ist ein Hauskäppchen etwa unnötig? Sind Pantoffel etwa unnötig? Sag! Antworte doch ehrlich!«
Sie verstand ihre Fragen immer so zu formulieren, daß die Antwort für den Antwortenden vernichtend ausfallen mußte. Das war ihres Mannes eigene Methode. Er mußte also, wenn er nicht ganz zu Boden geschmettert werden wollte, unaufhörlich neue Themen aufnehmen.
»Ich habe wirklich Veranlassung,« sagte er mit einer gewissen Rührung, »heute abend Gäste einzuladen: mein alter Freund Fritz Levin von der Post ist nach neunzehnjähriger Dienstzeit jetzt fest angestellt worden — es hat gestern in der Postzeitung gestanden. Aber[S. 58] da es dir unangenehm zu sein scheint und du weißt, daß ich dir immer den Willen tue, so will ich weiter kein Aufhebens von der Sache machen, sondern empfange ihn und Magister Nyström nur unten im Kontor.«
»Ach, dieser Bummler Levin ist fest angestellt worden, nun das ist ja gut! Da bekommst du vielleicht auch all das Geld wieder, das er dir schuldig ist?«
»Nun ja, das denke ich doch.«
»Aber sag einmal, wie kannst du mit so einem Bummler, wie er ist, verkehren, und dann mit dem Magister; das sind ja richtige Lumpenkerle, denen kaum die Kleider auf dem Leibe gehören.«
»Hör einmal, Altchen, ich mische mich nicht in deine Angelegenheiten; bekümmere du dich nicht um meine.«
»Wenn du unten Besuch hast, so wüßte ich nicht, was mich hindern sollte, hier oben auch Besuch zu haben.«
»Nein, natürlich nicht.«
»Na, so komm her, kleiner Dickwanst, und gib mir etwas Geld!«
Der Dickwanst, der in jeder Hinsicht mit dem Resultat zufrieden war, kam dem Befehl mit Vergnügen nach.
»Wieviel willst du haben? Ich bin heute sehr knapp bei Kasse.«
»Ach, ich bin mit fünfzig zufrieden.«
»Bist du verrückt?«
»Verrückt! Bitte, gib mir, was ich verlange; ich brauche doch nicht zu hungern, wenn der Mann ins Wirtshaus geht und schlemmt.«
Der Friede war geschlossen, und die Parteien trennten sich unter gegenseitiger Zufriedenheit. Es blieb ihm[S. 59] erspart, zu Hause ein schlechtes Frühstück zu essen, er mußte außer dem Hause frühstücken; es blieb ihm erspart, da oben zu sitzen, ein bescheidenes Abendbrot einzunehmen und sich vor den Damen zu genieren, denn er war zu lange Junggeselle gewesen; und er brauchte kein schlechtes Gewissen zu haben. Das hätte er nur haben müssen, wenn seine Frau allein zu Hause saß, — aber sie wollte sich ja selbst Besuch einladen und ihn wohl ganz gern los sein — und das war fünfzig Reichstaler wert.
Als der Mann gegangen war, klingelte die Frau der Haushälterin, um derentwillen sie sich heute gezwungen hatte, so lange liegen zu bleiben, weil diese erklärt hatte, hier im Hause pflege man um sieben Uhr aufzustehen. Dann ließ sie sich Papier und Bleistift bringen und schrieb folgendes Billett an Frau Revisor Homan, die gegenüber wohnte:
»Liebe Evelyn! Komm heute abend zu einer Tasse Tee zu mir, dann können wir über die Statuten des Vereins ›Frauenrechte‹ sprechen. Vielleicht wäre ein Basar oder eine Liebhaberaufführung praktisch. Ich habe wirkliches Verlangen, den Verein zustande zu bringen; es ist ein dringendes Bedürfnis, wie Du so oft sagst, und ich empfinde es sehr tief, wenn ich darüber nachdenke. Glaubst Du, daß Ihre Gnaden mir auch die Ehre erweisen würde? Ich werde vielleicht erst bei ihr Besuch machen. Hole mich bitte um zwölf ab, dann gehen wir zu Bergens und trinken Schokolade. Mein Mann ist aus.
Deine Eugenie.
PS. Mein Mann ist aus.«
[S. 60]
Darauf stand sie auf und zog sich an, um zu zwölf Uhr fertig zu sein.
Es war am Abend desselben Tages. Die Österlangstraße lag bereits im Dämmern, als die Uhr von der Deutschen Kirche sieben schlug; nur ein schwacher Lichtstreif von der Ferkensgasse fiel noch in Falks Flachsladen, den Andersson jetzt zumachte. Im Kontor waren die Läden schon geschlossen und das Gas angezündet. Dort war ausgefegt und aufgeräumt worden; an der Tür prangten zwei Flaschenkörbe, aus denen Hälse mit rotem und gelbem Lack, mit Stanniol und sogar mit rosa Seidenpapier hervorsahen. Mitten im Zimmer stand ein weißgedeckter Tisch; darauf thronte eine ostindische Bowle und ein schwerer, vielarmiger silberner Leuchter. Und im Zimmer wanderte Karl Nikolaus Falk auf und ab. Er hatte einen schwarzen Gehrock angezogen und sah respektabel, aber auch vergnügt aus. Er hatte die Berechtigung, einen gemütlichen Abend zu beanspruchen; er hatte selbst die Kosten bestritten und alles arrangiert; er war zu Hause bei sich, ohne sich vor Damen genieren zu müssen, und seine Gäste waren von der Sorte, daß er ein Recht hatte, nicht allein Aufmerksamkeit und Artigkeit, sondern noch etwas mehr zu verlangen. Es waren freilich nur zwei Personen, aber er war nicht für viele Leute; dies waren seine Freunde, zuverlässig, treu wie Hunde, unterwürfig, angenehm, immer mit Schmeicheleien vollgepfropft und nie auf Widerspruch erpicht. Er hätte sich für sein Geld wohl besseren Verkehr schaffen[S. 61] können, und er hatte ihn auch zweimal im Jahr, wenn die alten Freunde seines Vaters eingeladen wurden; aber er war offen gesagt zu sehr Despot, um sich in ihrer Mitte wohl zu fühlen.
Jetzt war es drei Minuten nach sieben, und die Gäste hatten sich noch nicht eingefunden. Falk begann ungeduldig zu werden. Er war, wenn er seine Leute requirierte, gewohnt, daß sie auf die Minute zur Stelle waren. Der Gedanke an das ungewöhnlich blendende Arrangement und seinen lähmenden Eindruck hielt seine Geduld aber noch die eine Minute aufrecht, die verging, bevor der Postbeamte Fritz Levin eintrat.
»Guten Abend, mein lieber Bruder, — nein!« — Hier hielt er im Ausziehen des Überrocks inne, nahm die Brille ab und heuchelte Überraschung über die großartigen Zurüstungen, als wolle er vor lauter Verwunderung auf den Rücken fallen. Der siebenarmige Leuchter und das Tabernakel. »Mein Gott! Mein Gott!« rief er, als er die Flaschenkörbe bemerkte.
Der unter dem Vorbringen dieser gut einstudierten Artigkeiten den Überzieher auszog, war ein Mann mittleren Alters von dem vor zwanzig Jahren modernen Typ der königlichen Beamten, mit zusammenhängendem Schnurr- und Backenbart, das Haar schräg gescheitelt, mit coup-de-vent. Er war bleich wie eine Leiche, dünn wie ein Bindfaden, elegant gekleidet, sah aber aus, als friere er an allen Gliedern und stehe heimlich mit der Armut in innigem Verkehr.
Falk hieß ihn in roher und überlegener Art willkommen,[S. 62] die einesteils andeutete, daß er Schmeicheleien verachte, besonders von dieser Seite, andernteils, daß der Eintretende das Vertrauen genoß, sein Freund zu sein. Als geeigneten Glückwunsch zur Anstellung sah er eine Anspielung auf die Bestallung seines Vaters zum Hauptmann der Bürgerwehr an.
»Nun, es ist wohl ein schönes Gefühl, sein königliches Diplom in der Tasche zu haben? Was? Mein Vater hatte auch ein königliches Diplom ...«
»Verzeih, lieber Bruder, ich habe nur ein konstitutoriales.«
»Ach, konsistoriales oder königliches Diplom ist ganz dasselbe; willst du mich belehren! Mein Vater hat das königliche Diplom auch gehabt ...«
»Ich versichere dir, Bruder ...«
»Versichere! Was meinst du mit versichern? Denkst du, ich bin ein Lügner? Sag! Denkst du wirklich, ich lüge?«
»Nein, durchaus nicht, du mußt nicht gleich so hitzig werden!«
»Du gibst also zu, daß ich nicht lüge, also hast du doch das königliche Diplom. Was stehst du denn da und redest Unsinn! Mein Vater ...«
Der bleiche Mann, der schon beim Betreten des Kontors eine Schar Furien hinter sich zu haben schien, denn er zitterte an allen Gliedern, stürzte jetzt auf seinen Wohltäter zu, fest entschlossen, kurzen Prozeß zu machen, bevor das Fest begann, damit man nachher Ruhe hatte.
[S. 63]
»Hilf mir!« stöhnte er wie ein Ertrinkender und holte einen Revers aus der Brusttasche.
Falk setzte sich auf das Sofa, rief Andersson, befahl ihm, die Flaschen aufzuziehen, und begann die Bowle zu brauen. Darauf antwortete er dem Blassen:
»Helfen? Habe ich dir nicht geholfen? Hast du mich nicht wiederholt angepumpt, ohne je etwas zurückzuzahlen? He? Nun, habe ich dir nicht geholfen? Was meinst du?«
»Mein lieber Bruder, ich weiß schon, daß du immer gut zu mir gewesen bist.«
»Nun, bist du jetzt nicht fest angestellt? Ja! Nun also! Dann sollte doch alles gut werden! Dann wolltest du alle Schulden bezahlen, und es sollte ein neues Leben anfangen. Das habe ich seit achtzehn Jahren gehört. Nun, wieviel Gehalt bekommst du jetzt?«
»Zwölfhundert Reichstaler, gegen achthundert früher. Aber höre nur zu. Das Diplom kostet einhundertfünfundzwanzig, für die Pensionskasse muß ich fünfzig bezahlen, Summa hundertfünfundsiebzig; wo soll ich die hernehmen? Doch nun kommt das Schlimmste: meine Gläubiger haben mein halbes Gehalt mit Beschlag belegt, so daß ich jetzt nur noch sechshundert Reichstaler zum Leben habe, gegen früher achthundert, und darauf habe ich nun neunzehn Jahre lang gewartet! Es ist wirklich eine Freude, fest angestellt zu werden.«
»Ja, aber warum hast du Schulden gemacht? Man muß keine Schulden machen, — niemals — Schulden — machen!«
[S. 64]
»Wenn man viele Jahre lang nur hundert Reichstaler Gratifikation bekommt!«
»Dann hat man da nichts zu suchen. Aber das sind Dinge, die mich nichts angehen! Mich — nichts — angehen!«
»Willst du nicht dies eine Mal unterschreiben?«
»Du kennst meine Prinzipien in diesem Falle, ich unterschreibe nie. Höre jetzt auf davon!«
Levin schien an abschlägigen Bescheid in diesem Punkte gewöhnt zu sein und beruhigte sich. Im selben Augenblick kam auch Magister Nyström und unterbrach in höchst erwünschter Weise die Unterhaltung. Er war ein dürrer Herr von geheimnisvollem Aussehen und geheimnisvollem Alter; auch seine Beschäftigung war geheimnisvoll — er sollte Lehrer an irgendeiner Schule im Süden der Stadt sein, aber in welcher, danach fragte niemand, und er selbst legte keinen Wert darauf, darüber zu sprechen. Seine Mission in Falks Gesellschaft war erstens die, Magister tituliert zu werden, wenn jemand es hörte, zweitens unterwürfig und höflich zu sein, drittens dann und wann zu kommen und einen Pumpversuch zu machen, höchstens fünf Kronen — denn es gehörte zu Falks geistigen Bedürfnissen, daß Leute zu ihm kamen, um Geld von ihm zu borgen, kleinere Beträge natürlich —, und viertens bei festlichen Gelegenheiten Verse zu machen, und das war nicht der unwichtigste Teil seiner Mission.
Jetzt saß Karl Nikolaus Falk da, selber mitten auf dem Ledersofa, denn man sollte nicht vergessen, daß[S. 65] es sein Sofa war, — umgeben von seinem Generalstab oder seinen Hunden, wie man auch sagen konnte. Levin fand alles wundervoll, die Bowle, die Gläser, die Kelle, die Zigarren (die ganze Kiste vom Kaminsims war hingestellt worden), die Streichhölzer, den Aschbecher, die Flaschen, die Korke, die Eisendrähte, — alles. Der Magister sah zufrieden aus und brauchte nicht zu sprechen, denn das besorgten die andern; er brauchte nur anwesend zu sein, um im Bedarfsfall als Zeuge zu dienen.
Falk hob das erste Glas und trank, — auf wen, das erfuhr niemand, der Magister aber nahm an, es gelte dem Helden des Tages, holte deshalb gleich seine Verse heraus und begann die »Fritz Levin bei seiner Anstellung« gewidmeten Strophen zu lesen.
Falk wurde dabei von einem heftigen Husten befallen, der die Vorlesung störte und die Wirkung der witzigsten Pointen auslöschte; Nyström aber, der ein kluger Mann war, hatte das vorausgesehen und deshalb die ebenso schön gedachte wie gesagte Wahrheit eingeflochten: »Was hätte wohl Fritz Levin gemacht, wenn Karl Nikolaus Falk nicht seiner gedacht?« Die feine Anspielung auf die vielen Darlehen, die von Falk seinem Freunde bewilligt worden waren, hatte zur Folge, daß der Husten nachließ und man die Schlußstrophe besser hören konnte, die unhöflicherweise wieder Levin gewidmet war, ein Mißgriff, der von neuem die Harmonie zu stören drohte. Falk goß sein Glas hinunter, als leere er einen bis an den Rand mit Undank gefüllten Kelch.
[S. 66]
»Du bist heute abend nicht so amüsant wie sonst, Nyström,« antwortete er.
»Nein, an deinem achtunddreißigsten Geburtstag war er viel amüsanter,« half Levin nach, der wußte, worauf es hinausging.
Falk durchforschte mit einem Blick die geheimsten Winkel seiner Seele, um zu sehen, ob sich irgendein Falsch dort verbarg — und da er zu stolz war, so etwas zu sehen, sah er nichts. Er vollendete also:
»Ja, das will ich meinen! Das war das Amüsanteste, was ich je gehört habe; es war so witzig, daß man es hätte drucken lassen können; du solltest deine Sachen drucken lassen. Hör einmal, Nyström, du kannst es bestimmt noch auswendig, nicht wahr?«
Nyström hatte ein so schlechtes Gedächtnis, oder, um die Wahrheit zu sagen, er fand, sie hätten noch zu wenig getrunken, um dem Schamgefühl und dem guten Geschmack so gröblich Gewalt anzutun; er bat also um Aufschub; Falk aber, den die stille Opposition reizte und der schon zu weit gegangen war, um umkehren zu können, bestand auf seinem Kopf. Er glaube sogar, er habe eine Abschrift der Verse bei sich; er suchte in seiner Brieftasche, und wahrhaftig, da lagen sie! Die Bescheidenheit hätte ihm nicht verboten, sie selbst vorzulesen, denn das hatte er schon oft getan; aber es klang besser, wenn ein anderer es tat. Und der arme Hund biß in seine Kette, aber sie hielt. Dieser Magister war eine feinfühlige Natur, doch er mußte roh sein, um das kostbare Geschenk des Lebens weiter verwalten zu können, und er war gehörig roh gewesen.[S. 67] Die intimsten Verhältnisse des Lebens waren bloßgelegt: alles was mit der Geburt des Achtunddreißigjährigen, mit seiner Aufnahme in die menschliche Gesellschaft, seiner Erziehung und Pflege in Verbindung stand und was den Gefeierten selbst angeekelt hätte, wenn es sich um einen anderen als ihn selbst gehandelt hätte. Jetzt aber war es ausgezeichnet, weil es sich mit seiner Person beschäftigte. Nach beendeter Vorlesung wurde unter lautem Jubel auf Falks Wohl getrunken, und man leerte viele Gläser darauf, denn man hatte das Gefühl, zu nüchtern zu sein, um seine wirklichen Gefühle im Zaum halten zu können.
Darauf wurde der Tisch abgeräumt, und nun wurde ein köstliches Mahl aufgetragen, mit Austern und Geflügel und allen möglichen guten Dingen. Falk ging umher und beroch die Schüsseln, schickte diese und jene zurück, sah nach, ob der englische Porter verschlagen und die Weine je nach ihrer Art temperiert seien. Jetzt sollten seine Hunde ihren Dienst antreten und ihm ein angenehmes Schauspiel bereiten. Als alles fertig war, zog er seine goldene Uhr und behielt sie in der Hand, während er die folgende scherzende Frage hinwarf, an die die Antwortenden so gewöhnt, so sehr gewöhnt waren:
»Wieviel ist die silberne Uhr der Herren?«
Diese gaben pflichtschuldig und unter angemessenem Lachen die verlangte Antwort: ihre Uhren seien beim Uhrmacher. Das versetzte Falk in brillante Laune, die sich in der durchaus nicht unerwarteten Bemerkung Luft machte:
»Die Fütterung der Tiere findet um acht statt!«[S. 68] — Worauf er sich setzte, drei Schnäpse einschenkte, selber einen nahm und die anderen aufforderte, ein gleiches zu tun.
»Ich fange an, wenn ihr nicht wollt. Hier werden keine Umstände gemacht. Haut nur ein, Jungens!«
Und nun begann die Fütterung. Karl Nikolaus, der nicht besonders hungrig war, hatte genügend Zeit, sich an dem Appetit der anderen zu weiden, und er forderte sie durch Püffe und Stöße und Grobheiten auf, zu essen. Ein grenzenlos wohlwollendes Lächeln breitete sich über sein blondes Sonnenschein-Gesicht, als er ihren Eifer sah, und es war schwer festzustellen, was ihn am meisten ergötzte: daß sie so fleißig aßen oder daß sie so hungrig waren. Er saß da wie ein Kutscher und trieb sie durch Schnalzen und Knallen an.
»Iß nur, Nyström; du weißt nicht, wann du wieder was kriegst. Nimm dir, Postrat — du siehst aus, als könntest du Fleisch auf den Knochen brauchen. Grinst du über die Austern — taugen die etwa nicht für so einen Kerl? — He? Nimm dir noch eine! Nimm doch! Du kannst nicht? Was ist das für ein Geschwätz! So! Jetzt trinken wir einen Schluck! Trinkt Bier, Jungens! Du mußt mehr Lachs nehmen! Zum Teufel, nimm doch noch ein Stück Lachs! Iß doch, zum Teufel! Das kostet alles gleich viel!«
Als das Geflügel zerlegt war, füllte Karl Nikolaus mit einer gewissen Feierlichkeit die Rotweingläser, und die Gäste, die eine Rede befürchteten, machten eine Pause. Der Wirt hob sein Glas, roch daran und sprach mit tiefem Ernst den folgenden Willkommensgruß:
[S. 69]
»Prost, Schweine!«
Nyström beantwortete den Toast dankbar, indem er sein Glas hob und trank, Levin aber ließ das seine stehen und machte ein Gesicht, als schleife er ein Messer in der Tasche.
Als das Abendessen seinem Ende zuging und Levin sich von Speise und Trank gestärkt fühlte und der Weindunst ihm zu Kopf stieg, überkam ihn ein gewisses gefährliches Gefühl von Unabhängigkeit, und ein starker Freiheitstrieb erwachte in ihm. Seine Stimme wurde klangvoller, seine Worte sprach er mit mehr Sicherheit aus, und er bewegte sich unbefangen.
»Gib mir eine Zigarre,« befahl er, »eine gute Zigarre! Kein so schlechtes Kraut!«
Karl Nikolaus, der dies für einen gelungenen Scherz hielt, gehorchte.
»Ich sehe deinen Bruder heute abend nicht hier,« sagte Levin noncholant.
Es lag etwas Unheilverkündendes und Drohendes in seiner Stimme, und das empfand Falk, denn er wurde mißmutig.
»Nein!« antwortete er kurz, aber unsicher.
Levin zögerte, bevor er zum nächsten Schlage ausholte. Es gehörte zu seinen einträglichsten Beschäftigungen, sich in die Angelegenheiten anderer Leute zu mischen, wie man es nennt; er trug Klatsch von einer Familie zur anderen, säte hier ein Korn Zwietracht und da eins, um dann die dankbare Rolle des Vermittlers zu übernehmen. Hierdurch verschaffte er sich einen gefürchteten Einfluß und konnte, wenn er[S. 70] wollte, die Menschen wie Puppen tanzen lassen. Falk empfand diesen unangenehmen Einfluß auch und wollte sich ihm entziehen, vermochte es aber nicht, denn Levin verstand durch Kunstgriffe seine Neugier sehr geschickt zu reizen; und indem er mehr andeutete als er selbst überhaupt wußte, entlockte er den Leuten ihre Geheimnisse.
Jetzt hatte also Levin die Peitsche in der Hand, und er schwor sich, sie seinen Unterdrücker fühlen zu lassen. Einstweilen knallte er nur in der Luft, aber Falk war auf Hiebe gefaßt. Er versuchte das Thema zu wechseln. Er forderte zum Trinken auf, und es wurde getrunken. Levin wurde immer weißer und kälter, aber sein Rausch wuchs! Er spielte mit seinem Opfer.
»Deine Frau hat Besuch heute abend,« sagte er gleichgültig.
»Woher weißt du das?« fragte Falk bestürzt.
»Ich weiß alles,« antwortete Levin und zeigte die Zähne. Er wußte wirklich beinahe alles. Seine ausgedehnten Geschäftsverbindungen nötigten ihn, so viele öffentliche Lokale wie möglich zu besuchen, und dort bekam er viel zu hören, sowohl was in seiner Gesellschaft wie in fremder erzählt wurde.
Falk bekam tatsächlich Angst, er wußte nicht warum, und er fand es geraten, die drohende Gefahr abzuwenden. Er wurde höflich und sogar demütig, Levin dagegen immer kühner. Schließlich blieb dem Wirt nur übrig, eine Rede zu halten, wirklich an die Veranlassung dieses Gelages mit den Massen von Speisen und Weinen zu erinnern, mit einem Wort, dem Helden[S. 71] des Tags eine Anerkennung zu spenden. Es gab keinen anderen Ausweg; — er war allerdings kein Redner, aber es mußte nun einmal sein! Er klopfte an die Bowle, füllte das Glas, erinnerte sich einer alten Rede, die sein Vater auf ihn gehalten hatte, als er Geschäftsinhaber geworden war, stand auf und begann sehr langsam:
»Meine Herren! Ich bin jetzt seit acht Jahren Inhaber des Geschäftes; damals war ich erst dreißig Jahre alt.«
Die Veränderung der Lage vom Sitzen zum Stehen rief einen heftigen Blutandrang nach dem Kopf hervor, so daß er sich verwirrt fühlte, wozu auch Levins höhnische Blicke beitrugen. Er geriet so in Verwirrung, daß die Zahl dreißig ihm ungeheuer groß vorkam und er ganz bestürzt darüber wurde.
»Habe ich dreißig gesagt? Das — habe ich nicht gemeint! Jedenfalls hatte ich damals bei meinem Vater viele Jahre konditioniert, wie viele Jahre kann ich mich jetzt nicht genau erinnern. Mja — es würde zu weit führen, alles aufzuzählen, was ich in diesen Jahren durchgemacht und erfahren habe, denn das ist des Menschen Schicksal! Ihr findet vielleicht, daß ich egoistisch bin ...«
»Hört!« stöhnte Nyström, der sein müdes Haupt auf den Tisch gelegt hatte.
Levin stieß den Rauch gegen den Redner aus, als speie er ihn an.
Falk, der jetzt betrunken war, fuhr fort, während seine Blicke ein fernes Ziel suchten, das er nicht fassen konnte:
[S. 72]
»Der Mensch ist egoistisch, das wissen wir alle. Mja! Mein Vater, der eine Rede auf mich hielt, als ich Geschäftsinhaber wurde, wie ich vorhin sagte —«
Hier holte der Redner seine goldene Uhr heraus und löste sie von der Kette. — Die beiden Zuhörer rissen die Augen auf. Wollte er Levin eine Ehrengabe überreichen?
»Überreichte mir bei diesem Anlaß diese goldene Uhr, die er von seinem Vater bekommen hatte, im Jahre —«
Wieder diese furchtbaren Zahlen, und er schrak zurück.
»Diese goldene Uhr, meine Herren, habe ich bekommen, und nie denke ich ohne Rührung — an den Augenblick, da ich sie bekam. Sie finden vielleicht, daß ich egoistisch bin, meine Herren? Das bin ich nicht. Es ist allerdings nicht schön, über sich selbst zu sprechen, aber bei einer solchen Gelegenheit liegt es nahe, daß man zurückschaut — über das Vergangene. Ich will nur von einem einzigen kleinen Umstand erzählen.«
Er hatte Levin vergessen, hatte die Bedeutung des Tages vergessen und dachte, es sei sein Junggesellenschmaus. Jetzt aber schwebte ihm die Szene mit dem Bruder am Morgen und sein Triumph vor. Er fühlte ein unklares Bedürfnis, von diesem Triumph zu sprechen, konnte sich aber auf keine weiteren Einzelheiten besinnen, als daß er ihm bewiesen hatte, er sei ein Schuft; die ganze Beweiskette war seinem Gedächtnis entfallen, und es waren nur zwei Tatsachen übriggeblieben. Bruder und Schuft; er versuchte sie zu verknüpfen,[S. 73] aber sie wollten sich nicht vereinigen. — Sein Hirn arbeitete und arbeitete, und neue Bilder drängten sich heran. Er hatte das Verlangen, von einem edelmütigen Zuge seines Lebens zu sprechen, und ihm fiel ein, daß er seiner Frau am Morgen Geld gegeben hatte, daß sie schlafen konnte so lange sie wollte, und ihren Kaffee im Bett trinken durfte; aber das war für diese Gelegenheit nicht geeignet; er befand sich in einer schwierigen Lage und kam zur Besinnung aus Furcht vor dem Schweigen, das entstanden war, und den scharfen Blicken, die ihn unablässig betrachteten. Er fand sich mit der Uhr in der Hand dastehen. Mit der Uhr? Wo war sie hergekommen! Warum saßen sie hier im Dunkeln, während er stand? Ja, so war es, er hatte ihnen von der Uhr erzählt, und sie warteten auf die Fortsetzung.
»Diese Uhr, meine Herren, ist freilich keine merkwürdige Uhr. Es ist nur französisches Gold.«
Die beiden früheren Besitzer der silbernen Uhren machten große Augen. Dies war ihnen neu!
»Und ich glaube, es sind nur sieben Rubine — es ist durchaus keine merkwürdige Uhr — es ist eher eine schlechte Uhr!«
Er wurde aus irgendeinem geheimen Grunde, der seinem Gehirn kaum bewußt war, wütend und mußte seinem Zorn irgendwie Luft machen. Er schmetterte die Uhr auf den Tisch und schrie:
»Es ist eine verdammt schlechte Uhr, sage ich. Hört zu, wenn ich rede! Glaubst du mir nicht, Fritz? Antworte! Du sitzt da und siehst so falsch aus. Du glaubst[S. 74] nicht, was ich sage! Ich sehe es deinen Augen an, Fritz, du glaubst nicht, was ich sage. Ich bin ein Menschenkenner, du! Und ich kann schon noch einmal für dich Bürgschaft leisten! — Entweder lügst du, oder ich lüge! Hör zu: soll ich dir beweisen, daß du ein Schuft bist? Mja! Hör zu, Nyström! Wenn — ich — ein falsches Zeugnis abgebe, bin ich dann ein Schuft?«
»Natürlich bist du ein Schuft!« antwortete Nyström prompt.
»Ja! — Mja!«
Er versuchte sich vergebens zu erinnern, daß Levin ein falsches Zeugnis oder überhaupt irgendein Zeugnis abgegeben habe, also war die Sache hinfällig. Levin war müde und fürchtete, das Opfer könne die Besinnung verlieren, so daß es nicht mehr die Kraft hätte, den zugedachten Schlag zu empfinden. Er unterbrach also den Redner mit einem Scherz in Falks eigenem Stil.
»Prost, alter Schuft!«
Dann setzte er die Peitsche in Bewegung. Er zog nämlich eine Zeitung aus der Tasche und fragte Falk in kaltem, mörderischem Ton:
»Hast du die ›Volksfahne‹ gelesen?«
Falk starrte das Skandalblatt an, schwieg aber. Das Unvermeidliche mußte kommen.
»Es steht ein amüsanter Artikel über das ›Kollegium für Auszahlung der Beamtengehälter‹ darin.«
Falk wurde weiß im Gesicht.
»Man sagt, dein Bruder habe ihn geschrieben.«
[S. 75]
»Das ist eine Lüge! Mein Bruder ist kein Skandalschreiber! Mein Bruder nicht, du!«
»Leider hat er doch dafür büßen müssen! Er soll aus dem Amt fortgejagt sein!«
»Das lügst du!«
»Nein, ich habe ihn übrigens heute mittag mit einem Bummler im ›Zinnknopf‹ gesehen! Es ist verflucht schade um den Jungen!«
Das war wirklich das Schlimmste, was Karl Nikolaus treffen konnte. Er war entehrt! Sein Name und der Name seines Vaters, — alles, was die alten Bürger ausgerichtet hatten, war vergebens gewesen. Wenn einer gekommen wäre und ihm erzählt hätte, seine Frau sei gestorben, — dann wäre doch noch nicht alles verloren gewesen, auch ein Geldverlust hätte sich wieder gutmachen lassen. Wenn ihm einer erzählt hätte, feine Freunde Levin oder Nyström seien wegen Wechselfälschung verhaftet worden, so würde er ganz einfach die Bekanntschaft mit ihnen abgeleugnet haben, denn er ließ sich nie außerhalb des Hauses mit ihnen sehen. Aber die Verwandtschaft mit seinem Bruder konnte er nicht ableugnen. Er war entehrt durch seinen Bruder! Das war ein Faktum.
Levin hatte es eine gewisse Befriedigung bereitet, diese Geschichte vorzubringen; denn Falk, der seinem Bruder nie ein ermunterndes Wort gönnte, wenn dieser es hörte, pflegte dagegen seinen Freunden gegenüber mit ihm und seinen Verdiensten zu protzen.
»Mein Bruder, der Assessor! Hm! Das ist ein Kopf! Er wird es weit bringen, das sollt ihr sehen!« Es hatte[S. 76] Levin gereizt, ständig diese indirekten Vorwürfe zu hören, um so mehr, als Karl Nikolaus eine bestimmte, unübersteigbare Grenze zwischen Post- und Ministerialbeamten zog, wenn er sie auch nicht mit einem Wort präzisieren konnte.
Levin hatte, ohne die Hand heben zu müssen, eine blendende Rache genommen, eine so wohlfeile Rache, daß er es sich leisten zu können glaubte, edelmütig zu sein und als Tröster aufzutreten.
»Nun, du mußt es nicht so verdammt schwer nehmen! Man kann ja doch ein Mensch sein, wenn man auch Zeitungsschreiber ist, und was den Skandal betrifft, so ist er nicht so gefährlich. Wenn man keine bestimmten Persönlichkeiten angreift, ist es ja kein Skandal; im übrigen ist es sehr amüsant geschrieben, sehr witzig, und wird in der ganzen Stadt gelesen.«
Diese letzte Trostpille brachte Falk vollends in Raserei.
»Er hat meinen guten Namen gestohlen, meinen Namen! Wie kann ich es wagen, mich morgen auf der Börse sehen zu lassen. Was werden die Leute sagen!«
Mit den Leuten meinte er eigentlich seine Frau, die über das Ereignis, das die Mesalliance weniger fühlbar machte, sehr entzückt sein würde. Seine Frau würde seinesgleichen werden — dieser Gedanke machte ihn rasend. Er wurde von einem unauslöschlichen Menschenhaß gepackt. Er hätte der Vater dieses Bastards sein mögen, dann hätte er wenigstens seine Hände waschen können, indem er sich das väterliche Prärogativ zunutze machte, einen Fluch aussprach und[S. 77] damit frei war; aber daß einem Bruder ein solches Recht zustand, hatte man noch nie gehört.
Vielleicht war er selbst zum Teil an seiner Schande schuld; hatte er nicht den Neigungen des Bruders bei der Berufswahl Gewalt angetan, hatte er diesen Artikel vielleicht durch die Szene am Morgen hervorgerufen oder durch die ökonomischen Schwierigkeiten, in die er den Bruder gebracht hatte? Er? Sollte er dies verschuldet haben? Nein! er hatte nie eine schlechte Handlung begangen; er war rein, er genoß Achtung und Ansehen, er war kein Skandalschreiber, er war nicht weggejagt worden; hatte er nicht ein Papier in der Tasche mit der Bestätigung, daß er der beste Freund mit dem besten Herzen sei? Hatte der Magister das nicht vorhin vorgelesen? Ja, natürlich! Er begann zu trinken — unmäßig — nicht um sein Gewissen zu betäuben, das hatte er nicht nötig, denn er hatte nichts Unrechtes getan, sondern um seinen Zorn zu ersticken. Aber das half nichts, der Zorn kochte über, und die in der Nähe saßen, wurden verbrüht.
»Trinkt, ihr Elenden! Da sitzt das Vieh und schläft! Das nenne ich Freunde! Weck ihn auf, Levin! Du! Du!«
»Wen schreist du so an?« fragte der gekränkte Levin in mürrischem Ton.
»Dich natürlich!«
Über den Tisch wurden Blicke gewechselt, die nichts Gutes verhießen. Falk, dessen Laune sich besserte, als er einen anderen in Wut geraten sah, nahm einen Löffel voll Bowle und goß sie dem Magister[S. 78] über den Kopf, daß sie ihm hinten in den Kragen lief.
»Tu das nicht noch einmal,« sagte Levin energisch und drohend.
»Wer sollte mich hindern?«
»Ich. — Ja, ich! Ich dulde solche Schändlichkeiten nicht, daß du seine Kleider ruinierst!«
»Seine Kleider!« lachte Falk. »Seine Kleider! Ist das nicht mein Rock, hat er ihn nicht von mir bekommen?«
»Jetzt geht es zu weit,« — sagte Levin und stand auf, um zu gehen.
»Ja, jetzt gehst du! Du bist satt, du kannst nicht mehr trinken, du brauchst mich heute abend nicht mehr; willst du mich um einen Fünfer anpumpen? Wie? Darf ich nicht die Ehre haben, dir etwas Geld zu leihen? Oder soll ich lieber unterschreiben, unterschreiben, du?«
Bei dem Wort unterschreiben spitzte Levin die Ohren. Wie, wenn er ihn in dieser erregten Stimmung überrumpeln könnte? Er wurde ganz weich bei dem Gedanken.
»Du darfst nicht ungerecht sein, lieber Bruder,« nahm er das Gespräch wieder auf. »Ich bin nicht undankbar und weiß deine Güte durchaus zu schätzen; ich bin arm, so arm, wie du nie gewesen bist und nie werden kannst; ich habe Demütigungen erduldet, die du nie für möglich halten würdest, dich aber habe ich immer als einen Freund angesehen. Wenn ich das Wort Freund sage — meine ich es. Du hast heute abend getrunken und bist traurig, deshalb bist du ungerecht; aber ich versichere allen, daß es kein besseres[S. 79] Herz gibt als deins, Karl Nikolaus. Und das sage ich nicht zum erstenmal. Ich danke dir für deine Aufmerksamkeit heute, wenn ich nämlich die festliche Bewirtung, die uns zuteil geworden ist, und die ausgezeichneten Weine, die hier geflossen sind, auf mich beziehen darf. — Ich danke dir, lieber Bruder, und trinke auf dein Wohl. Prost, Bruder Karl Nikolaus. Hab Dank, hab herzlichen Dank! Du sollst dies nicht umsonst getan haben! Denke daran!«
Diese mit vor Bewegung (Gemütsbewegung) zitternder Stimme gesprochenen Worte taten merkwürdigerweise ihre Wirkung. Falk kam sich gut vor; hatte man ihm nicht abermals versichert, daß er ein gutes Herz habe? Er glaubte es. Sein Rausch trat jetzt in das sentimentale Stadium. Man kam sich näher, man sprach abwechselnd über seine guten Eigenschaften, über die Bosheit der Welt, sprach darüber, wie warm man fühle und einen wie guten Willen man habe; man hielt sich an den Händen. Falk sprach von seiner Frau, wie gut er zu ihr sei; er sprach davon, wie geistlos seine Tätigkeit sei, wie tief er den Mangel an Bildung empfinde, wie verfehlt sein Leben sei; und als er seinen zehnten Likör getrunken hatte, vertraute er Levin an, er habe sich eigentlich dem geistlichen Beruf widmen, ja Missionar werden wollen. Man wurde immer geistiger und geistiger. Levin sprach von seiner verstorbenen Mutter, von ihrem Tod und ihrem Begräbnis, von einer verschmähten Liebe und schließlich von seinen religiösen Anschauungen, über die er nicht mit jedem Beliebigen spräche; und jetzt war man bei[S. 80] der Religion angelangt. Die Uhr wurde eins, wurde zwei, und man hörte noch immer nicht auf, während Nyström, den Kopf und die Arme auf den Tisch gelegt, getreulich schlief. Das Kontor war von dem Tabakrauch, der das Licht der Gaslampen verdunkelte, in Dämmerung gehüllt; die sieben Kerzen des siebenarmigen Leuchters waren niedergebrannt, und der Tisch sah betrüblich aus. Ein paar Gläser hatten den Fuß verloren, Zigarrenasche war auf das beschmutzte Tischtuch verstreut, Streichhölzer lagen auf dem Fußboden umher. Durch die Öffnung in den Fensterläden drang jetzt das Tageslicht herein, brach in langen Strahlen durch die Tabakswolken und bildete eine kabbalistische Figur auf dem Tischtuch zwischen den beiden Glaubenshelden, die eifrig im Zuge waren, die Augsburger Konfession umzuredigieren. Sie sprachen jetzt mit zischenden Stimmen, das Gehirn war stumpf geworden, die Worte kamen immer trockener heraus, die Spannung ließ nach, trotz dem fleißigen Anheizen, man versuchte noch einmal, sich zur Ekstase emporzuschrauben, aber sie flackerte und flackerte, der Geist entfloh, bedeutungslose Worte wurden noch hervorgebracht, bald aber erlosch der letzte Funke; die betäubten Hirne, die wie gepeitschte Kreisel gearbeitet hatten, ließen nach und fielen um. Nur ein Gedanke stand noch klar da — man mußte schlafen gehen, sonst würde man sich voreinander ekeln, man mußte allein sein.
Nyström wurde geweckt. Levin umarmte Karl Nikolaus und steckte drei Zigarren in die Tasche. Man war[S. 81] zu hoch gestiegen, um so schnell wieder herunter kommen und über den Schuldschein sprechen zu können. Die Abschiedsgrüße wurden ausgetauscht, der Wirt ließ die Gäste hinaus, — und er war allein! Er öffnete die Läden, und das Tageslicht fiel herein — er öffnete das Fenster und ein frischer Luftstrom von der Schiffsbrücke drang durch die enge Gasse, deren eine Häuserreihe von der eben aufgegangenen Sonne beleuchtet wurde. Es schlug vier; dieser wunderbare, kurze Glockenschlag, den nur der auf dem schlaflosen Bett des Kummers oder der Krankheit liegende, nach dem Morgen verlangende erbarmenswerte Mensch zu hören pflegt. Selbst die Österlangstraße, diese Straße des Lasters, des Schmutzes, der Schlägereien, lag still, einsam, rein da. Falk fühlte sich tief unglücklich. Er war entehrt, und er war einsam. Er schloß das Fenster und die Läden, und als er sich umdrehte und die Verwüstung sah, begann er aufzuräumen. Er sammelte alle Zigarrenstummel auf und warf sie in den Kamin, er deckte ab, er fegte aus, er wischte Staub, er stellte alles auf seinen Platz. Er wusch sich Gesicht und Hände und kämmte sich; ein Polizist hätte ihn für einen Mörder halten können, der sich bemühte, die Spuren seiner Tat zu verwischen. Aber bei all dem dachte er klar, bestimmt und deutlich. Und als er das Zimmer und sich selbst in Ordnung gebracht hatte, war sein Entschluß gefaßt, den er wirklich lange vorbereitet hatte und der jetzt ins Werk gesetzt werden sollte. Er wollte die Schande auslöschen, die er in seiner Familie erlitten hatte, er wollte emporsteigen, er wollte ein berühmter, ein mächtiger Mann[S. 82] werden; er wollte ein neues Leben beginnen, er hatte einen Namen hochzuhalten, und er wollte ihn zu Ehren bringen. Er fühlte, daß eine große Leidenschaft nötig war, um sich nach dem Schlag, den er heute abend empfangen hatte, aufrechtzuerhalten; der Ehrgeiz hatte lange in ihm geschlummert, man hatte ihn geweckt, und nun war er da.
Er war jetzt völlig nüchtern geworden, steckte sich eine Zigarre an, trank einen Kognak und ging in seine Wohnung hinauf, still und leise, um seine Frau nicht zu wecken.
[S. 83]
Arvid Falk wollte seine Versuche bei dem mächtigen Smith beginnen — den Namen hatte dieser aus übertriebener Bewunderung für alles Amerikanische angenommen, als er einmal in seiner Jugend einen kleinen Ausflug nach dem großen Lande gemacht hatte —, bei dem gefürchteten Manne mit den tausend Armen, der sogar aus schlechtem Material in zwölf Monaten einen Schriftsteller machen konnte. Seine Methode war bekannt, aber es gab niemanden, der sie anzuwenden wagte, denn dazu war ein beispielloser Grad von Frechheit erforderlich. Der Schriftsteller, dessen er sich annahm, konnte sicher sein, einen Namen zu bekommen, deshalb wurde Smith von namenlosen Schriftstellern überlaufen. Als ein Beispiel dafür, wie unwiderstehlich er war und wie er die Leute trotz Publikum und Kritik hochbringen konnte, pflegte die folgende Geschichte angeführt zu werden. Ein junger Mensch, der noch nie etwas geschrieben hatte, verfaßte einen schlechten Roman, den er Smith brachte. Diesem gefiel das erste Kapitel — mehr las er nie —, und er beschloß, die Welt mit einem neuen Schriftsteller zu beglücken. Das Buch kommt heraus; auf der Rückseite des Umschlages[S. 84] steht zu lesen: »Blut und Schwert. Roman von Gustav Sjöholm. Diese Arbeit des jungen und vielversprechenden Schriftstellers, dessen Name in weiten Kreisen schon lange bekannt und sehr geschätzt war, usw. ... Tiefe der Charaktere ... Klarheit ... Kraft. Unserem Romane lesenden Publikum aufs wärmste zu empfehlen.« Das Buch erschien am 3. April. Am 4. April stand in der viel gelesenen Stockholmer Zeitung »Graumützchen«, von der Smith fünfzig Aktien besaß, eine Kritik. Die Kritik schloß: »Gustav Sjöholm ist bereits ein Name; wir brauchen ihm nicht erst dazu zu verhelfen; und wir empfehlen dieses Werk nicht nur dem Romane lesenden, sondern auch dem Romane schreibenden Publikum.« Am 5. April war das Buch in allen Zeitungen der Hauptstadt angezeigt, und in der Annonce fand sich das folgende Zitat: »Gustav Sjöholm ist bereits ein Name; wir brauchen ihm nicht erst dazu zu verhelfen (Graumützchen).«
Am selben Abend stand eine Rezension im »Unbestechlichen«, der aber von niemandem gelesen wird. Da wurde das Buch als ein Muster für erbärmliche Literatur besprochen, und der Rezensent verschwor sich, daß Gustav Sjöblom (ein absichtlicher Schreibfehler des Rezensenten) überhaupt kein Name sei. Aber da der »Unbestechliche« nicht gelesen wurde, so verhallte diese Opposition ungehört.
Die anderen Zeitungen der Hauptstadt, die im Urteil nicht von dem führenden, ehrwürdigen »Graumützchen« abweichen wollten und es Smiths wegen nicht wagten, waren recht milde, aber nicht mehr. Sie glaubten,[S. 85] Gustav Sjöholm werde sich durch Arbeit und Fleiß in Zukunft einen Namen machen können.
Einige Tage blieb es still, aber in allen Zeitungen, in dem »Unbestechlichen« mit fettem Druck, standen die Annoncen und verkündeten: Gustav Sjöholm ist bereits ein Name. Dann jedoch tauchte im »Allerlei« von X-köping ein Artikel auf, der gegen die Härte der hauptstädtischen Presse gegen junge Schriftsteller zu Felde zog. Der heißblütige Korrespondent schloß: »Gustav Sjöholm ist ganz einfach ein Genie, trotz der Opposition doktrinärer Dummköpfe.«
Am Tage darauf stand wieder die Annonce in allen Zeitungen und verkündete: »Gustav Sjöholm ist bereits ein Name« usw. (Graumützchen), »Gustav Sjöholm ist ein Genie!« (X-köpinger Allerlei). Das nächste Heft der Zeitschrift »Unser Land«, von Smith herausgegeben, enthielt auf dem Umschlage die folgende Anzeige: »Zu unserer Freude können wir unseren vielen Lesern mitteilen, daß der berühmte Schriftsteller Gustav Sjöholm uns für das nächste Heft eine Originalnovelle in Aussicht gestellt hat usw.« Und dann Annoncen in den Zeitungen! Zu Weihnachten kam schließlich der Kalender »Unser Volk« heraus. Von den Verfassern waren auf dem Titelblatt genannt: Orvar Odd, Talis Qualis, Gustav Sjöholm u. a. Die Tatsache blieb bestehen: Gustav Sjöholm war schon nach acht Monaten ein Name. Und das Publikum, ja, das konnte nichts daran ändern; es mußte ihn hinnehmen. Es konnte in keine Buchhandlung gehen und ein Buch ansehen, ohne von ihm zu lesen, es konnte keine alte[S. 86] Zeitung zur Hand nehmen, ohne ihn darin angezeigt zu sehen, ja, es gab keine Situation im Leben, in der man nicht diesen Namen auf einem Fetzen bedruckten Papiers gefunden hätte. Die Hausfrauen hatten ihn Sonnabends im Marktkorb liegen, die Mädchen brachten ihn aus den Geschäften mit nach Hause, die Laufburschen fegten ihn von der Straße auf, und die Herren trugen ihn in der Schlafrocktasche.
Da der junge Schriftsteller diese große Macht Smiths kannte, stieg er nicht ohne eine gewisse Beklemmung die dunklen Treppen seines Hauses bei der Großen Kirche hinauf. Lange mußte er sitzen und warten und sich den peinlichsten Betrachtungen überlassen, bis die Tür aufgerissen wurde und ein junger Mann mit Verzweiflung im Gesicht und einer Papierrolle unterm Arm hinausstürzte. Zitternd betrat Falk das hintere Zimmer, in dem der Gefürchtete empfing. Er saß auf einem niederen Sofa, ruhig und mild wie ein Gott, nickte freundlich mit seinem graubärtigen, mit einer blauen Mütze versehenen Kopf und rauchte so friedvoll seine Pfeife, als habe er nicht soeben die Hoffnungen eines Menschen vernichtet oder einen Unglücklichen von sich gestoßen.
»Guten Tag, guten Tag!«
Und er musterte mit einigen Götterblicken die Kleider des Eintretenden, die proper aussahen; aber deshalb forderte er ihn doch noch nicht auf, Platz zu nehmen.
»Mein Name ist ... Falk.«
»Der Name ist mir unbekannt. — Was ist Ihr Vater?«
[S. 87]
»Mein Vater ist tot!«
»So, er ist tot? Gut! Was kann ich für Sie tun, mein Herr?«
Der Herr holte ein Manuskript aus der Brusttasche und überreichte es Smith.
Dieser setzte sich drauf, ohne es anzusehen.
»Nun, und das soll ich drucken lassen? — Es sind Verse? Jawohl, ja! Wissen Sie, was es kostet, einen Bogen zu drucken? Nein, das wissen Sie nicht!«
Hier stieß er dem Unwissenden mit dem Pfeifenschaft vor die Brust.
»Haben Sie einen Namen, mein Herr? Nein! Haben Sie sich irgendwie ausgezeichnet? Nein!«
»Ich habe für diese Gedichte eine Belobigung von der Akademie bekommen.«
»Von welcher Akademie? Von der Akademie der Wissenschaften! Nun ja! die die vielen Flintsteinsachen herausgibt. Nun ja!«
»Flintsteinsachen?«
»Nun ja, Sie wissen doch, mein Herr, die Akademie der Wissenschaften. Nun ja, unten im Museum am Strom, nun also!«
»Nein, Herr Smith, die schwedische Akademie, bei der Börse ...«
»Nun ja! Die mit den Stearinkerzen! Gleichviel! Kein Mensch weiß, wozu die gut ist! Nein, sehen Sie, mein Bester, man muß einen Namen haben, wie zum Beispiel Tegnell, Öhronschlegel und so weiter! Unser Land hat viele große Dichter, auf die ich mich im Augenblick nicht besinne; aber man muß einen Namen[S. 88] haben. Herr Falk! Hm! Wer kennt Herrn Falk? Ich jedenfalls nicht, und ich kenne viele große Dichter! Ich habe neulich noch zu meinem Freunde Ibsen gesagt: Hör einmal, Ibsen — ich duze ihn —, hör einmal, Ibsen, schreibe etwas für meine Zeitschrift; ich bezahle, was du verlangst! Er hat geschrieben, ich habe bezahlt, aber ich habe es auch bezahlt bekommen. Nun also!«
Der niedergeschmetterte junge Mann wäre am liebsten in die Fugen des Fußbodens gekrochen und hätte sich versteckt, als er hörte, daß er einem Manne gegenüberstand, der Ibsen duzen durfte. Er wollte sein Manuskript wieder an sich nehmen und davonlaufen, wie vorhin der andere, hinaus, weit fort, an irgendeinen größeren Strom. Smith schien das zu empfinden.
»Nun ja. Sie können Schwedisch schreiben, mein Herr, das glaube ich schon! Sie kennen wohl auch unsere Literatur besser als ich sie kenne! Nun also! Gut! Mir ist eine Idee gekommen! Ich habe gehört, daß es große, schöne, geistliche Schriftsteller in der Vergangenheit gegeben hat, unter Gustaf Eriksson oder seiner Tochter Christine; nun ja, das ist einerlei! Ich besinne mich auf einen, der einen großen, einen sehr großen Namen hat; er hat eine große Versdichtung über Gottes Schöpfung geschrieben, glaube ich! Haakan heißt er mit Vornamen!«
»Haqvin Spegel meinen Sie, Herr Smith! Gottes Werke und Ruhe!«
»Ja richtig! Nun also! Ich habe die Absicht, das herauszugeben! Unser Volk sehnt sich nach Religion in unseren Tagen; das empfinde ich; und man muß[S. 89] den Leuten etwas geben. Ich habe ihnen freilich schon etwas von diesem Hermann Francke und Arndt gegeben, aber die große Stiftung kann billiger verkaufen als ich, und jetzt will ich etwas Gutes billig herausbringen. Wollen Sie sich der Sache annehmen?«
»Ich weiß nicht, was ich dabei zu tun hätte, da es sich nur um einen Neudruck handelt,« antwortete Falk, der nicht nein zu sagen wagte.
»Aber nein, so eine Unwissenheit! Die Redaktion und die Korrektur! Sind wir einig? Sie geben es heraus! Nicht wahr? Wollen wir einen kleinen Zettel schreiben? Die Arbeit kommt in Lieferungen heraus. Nicht wahr? Einen kleinen Zettel. Geben Sie mir Feder und Tinte her! — So!«
Falk gehorchte; er konnte keinen Widerstand leisten. Smith schrieb, und Falk unterschrieb.
»So! Das wäre die Sache! Nun die andere! Geben Sie mir das kleine Buch, das da auf dem Regal liegt! Im dritten Fach! So! Sehen Sie her! Eine Broschüre. Titel: Der Schutzengel. Nun, sehen Sie sich die Vignette an! Ein Engel mit einem Anker und einem Schiff — es ist ein Schoner ohne Rahen, glaube ich! Es ist ja bekannt, wie segensvoll die Seeversicherung für das allgemeine soziale Leben ist. Alle Menschen haben doch einmal — wenig oder viel — auf einem Fahrzeug über See zu schicken. Nicht wahr? Nun also! Alle Menschen brauchen deshalb eine Seeversicherung. Nicht wahr? Nun also! Das haben nicht alle Menschen eingesehen? Nein! Deshalb ist es also die Pflicht des Wissenden, den Unwissenden aufzuklären?[S. 90] Nun also! Wir beide wissen, Sie und ich, also müssen wir aufklären. Dieses Buch handelt davon, daß jeder Mensch seine Sachen versichern muß, wenn er sie über See schickt! Aber dies Buch ist schlecht geschrieben! Nun also! Deshalb wollen wir es besser schreiben! Nicht wahr? Sie schreiben mir eine Novelle von zehn Seiten für meine Zeitschrift »Unser Land«, und ich verlange, daß Sie so viel Verstand haben, den Namen Triton, — so heißt eine neue Gesellschaft, die mein Neffe gegründet hat und die ich unterstützen will, und man soll doch seinem Nächsten helfen, nicht wahr? — Nun also! Der Name Triton soll zweimal vorkommen, nicht mehr und nicht weniger; aber so, daß es nicht auffällt. Verstehen Sie?«
Falk fühlte sich etwas abgestoßen von dem angebotenen Geschäft, aber es lag ja noch nichts Unehrenhaftes in dem Vorschlag; er bekam ja Arbeit bei dem einflußreichen Manne, und alles im Handumdrehen, ohne weitere Anstrengung. Er dankte also und nahm an.
»Sie kennen doch das Format. Vier Spalten pro Seite macht vierzig Spalten zu je zweiunddreißig Zeilen. Nun also. Wir wollen vielleicht einen kleinen Zettel schreiben.«
Smith schrieb einen Zettel, und Falk unterschrieb.
»Nun also, gut. Und jetzt hören Sie zu. Sie kennen doch die schwedische Geschichte. Nun also, wieder auf dem Regal! Da liegt ein Klischee, ein Holzstock! Rechts! Nun also! Können Sie mir sagen, wer die Dame ist? Es soll eine Königin sein.«
Falk, der anfangs nichts weiter sehen konnte als[S. 91] ein schwarzes Stück Holz, entdeckte schließlich einige menschliche Züge und erklärte, nach seiner Ansicht müsse es Ulrika Eleonora sein.
»Hab ich es nicht gesagt! Hihihi! Dies Klischee ist als Königin Elisabeth von England benutzt worden, in einem amerikanischen Volksbuch, und nun habe ich es mit unzähligen anderen billig gekauft. Jetzt nehme ich es als Ulrika Eleonora in meine Volksbibliothek auf. Wir haben ein so gutes Volk; es kauft meine Bücher so brav. Nun also. Wollen Sie den Text schreiben, mein Herr?«
Falks fein ausgebildetes Gewissen konnte hierin nichts eigentlich Unrechtes finden, obwohl seine Gefühle sehr unangenehm berührt waren.
»Nun also! Dann schreiben wir einen kleinen Zettel! Sechzehn Seiten Oktav zu drei Spalten zu je vierundzwanzig Zeilen. So!«
Und dann wurde wieder geschrieben. Da Falk die Audienz für beendet hielt, machte er Miene, sein Manuskript wieder an sich zu nehmen, auf dem Smith die ganze Zeit gesessen hatte. Aber dieser wollte es nicht aus den Händen geben, er werde es bestimmt lesen, aber es werde noch etwas dauern, erklärte er.
»Nun, Sie sind ja ein verständiger Mann, mein Herr, und wissen, was die Zeit wert ist. Hier war vorhin ein junger Mann, auch mit Versen, einer großen Versdichtung, für die ich keine Verwendung habe. Nun, ich habe dem Herrn dasselbe angeboten wie Ihnen; wissen Sie, was er gesagt hat? Er sagte, ich solle etwas tun, was ich nicht aussprechen kann. Ja, das[S. 92] hat er gesagt, und dann ist er davongelaufen. Der Mann wird nicht lange leben! Adieu! Adieu! Sie verschaffen sich wohl den Haakan Spegel! Nun also! — Adieu! Adieu!«
Smith deutete mit dem Pfeifenschaft nach der Tür, und Falk entfernte sich.
Seine Schritte waren nicht leicht. Das Holzklischee in seiner Brusttasche war schwer, es zog ihn zu Boden, es hielt ihn zurück. Er dachte an den blassen jungen Mann mit dem Manuskript, der so etwas zu Smith zu sagen gewagt hatte, und ihm kamen hochmütige Gedanken. Dann aber tauchte die Erinnerung an alte väterliche Ermahnungen und Ratschläge auf, und zugleich meldete sich die alte Lüge, daß alle Arbeit gleich achtbar sei, und hielt ihm seinen Hochmut vor; da unterwarf er sich seiner Vernunft und ging nach Hause, um achtundvierzig Spalten Ulrika Eleonore zu schreiben.
Da er früh aufgestanden war, fand er sich schon um neun Uhr am Schreibtisch sitzend. Er stopfte sich eine große Pfeife, faltete zwei Bogen Papier, wischte seine Stahlfedern ab und versuchte sich zu besinnen, was er von Ulrika Eleonore wußte. Er schlug im Ekelund und Fryxell nach. Da stand vielerlei unter der Rubrik Ulrika Eleonore, aber von ihr selbst stand fast nichts da. Um halb zehn hatte er das Thema erschöpft; er hatte aufgeschrieben, wann sie geboren war, wann sie starb, wann sie die Regierung antrat, wann sie dem Thron entsagte, wie ihre Eltern hießen und mit wem sie verheiratet war. Das war ein gewöhnlicher Auszug aus einem Kirchenbuch und füllte nicht mehr als drei[S. 93] Seiten, — blieben also nur noch dreizehn. Er rauchte einige Pfeifen. Er stocherte mit der Feder im Tintenfaß, als wollte er nach der Midgardschlange fischen, aber es kam nichts nach oben. Er mußte sich über ihre Person äußern, eine flüchtige Charakteristik geben; er hatte das Gefühl, ein Urteil über sie aussprechen zu müssen. Sollte er sie loben oder sie heruntermachen? Da er in dieser Frage indifferent war, konnte er sich zu nichts entschließen, und die Uhr wurde elf. Er machte sie herunter, — und war unten auf der vierten Seite (blieben noch zwölf). Hier war guter Rat teuer. Er sollte von ihrer Regierung sprechen; aber da sie nicht regiert hatte, so war nichts darüber zu sagen. Er schrieb über ihre Räte — eine Seite —, blieben noch elf. Er rettete Görtz' Ehre — eine Seite —, blieben noch zehn. Er hatte noch nicht die Hälfte. Wie er diese Frau haßte! Neue Pfeifen! Neue Stahlfedern! Er ging in der Zeit zurück, er gab einen Überblick, und da er gereizt war, setzte er sein altes Ideal Karl XII. herab; aber das ging so rasch, daß dadurch nur eine einzige Seite den andern hinzugefügt wurde. Rest neun! Er schritt in der Zeit weiter vor und hackte auf Fredrik I. herum. Eine halbe Seite! Er schaute mit sehnsüchtigen Blicken auf das Papier, sah nach, wo die Mitte war, konnte aber nicht bis dahin kommen. Er hatte aber doch schon siebeneinhalb kleine Seiten geschrieben, wo Ekelund nur anderthalb hatte. Er warf das Klischee auf den Fußboden, stieß es unter den Schreibtisch, kroch ihm nach, stäubte es ab und legte es auf den Tisch! War das eine Qual! Ihm war so trocken in der Seele wie einem[S. 94] Buchsbaumbusch, versuchte sich zu Ansichten emporzuschrauben, die er nicht hatte, er versuchte irgendwelche Gefühle für die verstorbene Königin in sich zu erwecken, aber ihre langweiligen in Holz geschnittenen Gesichtszüge machten denselben Eindruck auf ihn wie er auf den Holzstock. Da sah er seine Unfähigkeit ein und fühlte sich verzweifelt, erniedrigt! Und diesen Beruf hatte er gegen den anderen eingetauscht. Er ließ wieder seine Vernunft sprechen und ging zum Schutzengel über. Der war ursprünglich für eine deutsche Gesellschaft namens Nereus verfaßt und enthielt kurz folgendes: Herr und Frau Schloß waren nach Amerika ausgewandert und hatten dort große Reichtümer erworben, die sie, damit die Erzählung möglich wurde, unpraktischerweise in kostbaren Gegenständen und Nippsachen angelegt hatten; damit nun diese ganz sicher umkommen sollten und nichts gerettet werden konnte, wurden sie auf einem Dampfer erster Klasse vorausgeschickt, nämlich auf Washington, Nr. 326 der Veritas, der mit Kupfer beschlagen, mit wasserdichten Schotten versehen und für vier Millionen Taler bei der großen deutschen Seeversicherungsgesellschaft Nereus versichert war. Nun also! Herr und Frau Schloß reisten mit den Kindern auf dem besten Dampfer der White-Star-Linie, Bolivar, der bei der großen deutschen Seeversicherungsgesellschaft Nereus (Grundkapital zehn Millionen Dollar) versichert war, und kamen in Liverpool an. Die Reise wurde fortgesetzt. Sie kamen bis an die Spitze von Skagen. Das Wetter war natürlich auf der ganzen Reise schön gewesen und der Himmel strahlend[S. 95] klar, aber gerade als sie an die gefährliche Spitze von Skagen kamen, brach natürlich der Sturm los; das Fahrzeug scheiterte, die Eltern, die ihr Leben versichert hatten, ertranken und garantierten dadurch den geretteten Kindern eine Summe von fünfzehntausend Pfund Sterling. Die Kinder waren natürlich sehr froh darüber und kamen in guter Laune in Hamburg an, um die Lebensversicherungssumme und das elterliche Erbe in Besitz zu nehmen. Man denke sich ihre Bestürzung, als sie die Nachricht bekamen, daß die Washington vor vierzehn Tagen auf der Doggerbank gestrandet und daß ihr ganzes Vermögen unversichert zugrunde gegangen sei. Ihnen blieb also nur die Lebensversicherungssumme. Sie eilten auf die Agentur der Gesellschaft, aber man denke sich ihren Schreck, als sie erfuhren, daß die Eltern unterlassen hatten, die letzte Prämie zu bezahlen, die — welches Schicksal! — am Tage vorher fällig gewesen war — gerade an dem Tage, als sie ertranken. Die Kinder waren hierüber sehr betrübt und betrauerten ihre Eltern tief, die so fleißig für sie gearbeitet hatten. Weinend fielen sie sich in die Arme und schwuren sich, fortan stets ihre Sachen zu versichern und nie mehr zu versäumen, ihre Lebensversicherungsprämien zu bezahlen.
Und dies sollte nun lokalisiert, schwedischen Verhältnissen angepaßt und lesbar gemacht werden, in einer Novelle, mit der er in die Literatur eintreten sollte. Von neuem erwachte der Teufel des Hochmuts und flüsterte ihm zu, er sei ein Lump, wenn er sich mit diesen Dingen befasse; aber diese Stimme wurde bald[S. 96] von einer anderen übertönt, die aus der Magengegend kam und von ungewöhnlich saugenden und stechenden Gefühlen begleitet war. Er trank ein Glas Wasser und rauchte eine neue Pfeife, aber das Unbehagen steigerte sich; seine Gedanken wurden düsterer; er fand sein Zimmer ungemütlich, die Zeit schien ihm lang und einförmig; er fühlte sich matt und niedergeschlagen; alles kam ihm widrig vor; seine Gedanken waren abgeschmackt und drehten sich nur um nichtige oder unangenehme Dinge, und zugleich wuchs die körperliche Unlust. Er fragte sich, ob er hungrig sei. Es war ein Uhr, und er pflegte nicht vor drei zu essen! Er untersuchte unruhig seine Kasse. Fünfunddreißig Ör. Also kein Mittagessen! Das war das erstemal in seinem Leben! Dergleichen Sorgen hatte er noch nie gehabt. Aber mit fünfunddreißig Ör brauchte man nicht zu hungern. Er konnte sich doch Brot und Bier holen lassen. Nein, das konnte er nicht, denn das war nicht möglich, das schickte sich nicht; und wenn er selbst in den Milchladen hinunterging? Nein! Und wenn er ausging und pumpte? Unmöglich! Es gab keinen Menschen, den er hätte anpumpen mögen! Bei dieser Gewißheit raste der Hunger wie ein losgelassenes Raubtier und zerriß ihn, zerfleischte ihn und jagte ihn durch das Zimmer. Er rauchte eine Pfeife nach der andern, um die Bestie zu betäuben, aber es nützte nichts. Jetzt ertönte unten auf dem Kasernenhof ein Trommelwirbel, und er sah, wie die Soldaten mit ihren kupfernen Flaschen aufmarschierten, um sich ihr Mittagessen zu holen; aus allen Schornsteinen, die er sah, stieg Rauch auf,[S. 97] auf Skeppsholm läutete die Mittagsglocke, beim Nachbar, dem Polizisten, in der Küche prasselte es, und Bratengeruch drang durch die offene Korridortür zu ihm herein; er hörte im Zimmer nebenan Messer und Teller klappern, hörte, wie die Kinder das Tischgebet sprachen; die Pflasterer unten auf der Straße hielten, gesättigt, auf den leeren Proviantbeuteln Mittagsschlaf; er war überzeugt, daß die ganze Stadt in diesem Augenblick zu Mittag aß, alle außer ihm! Und er wurde böse auf Gott! Da durchkreuzte ein klarer Gedanke sein Gehirn. Er nahm Ulrika Eleonora und den Schutzengel, wickelte sie in Papier, schrieb Smiths Name und Adresse darauf und gab dem Boten seine fünfunddreißig Ör. Dann atmete er erleichtert auf, legte sich auf sein Sofa und hungerte mit Hochmut im Herzen.
[S. 98]
Dieselbe Mittagssonne, die Arvid Falk in dem erstem Kampf mit dem Hunger hatte unterliegen sehen, schien heiter in die Stube in Lill-Jans, in der Sellén in Hemdärmeln vor seiner Staffelei stand und an seinem Bilde malte, das am folgenden Tage vor zehn Uhr, vollständig fertig, gefirnißt und mit Rahmen versehen in der Ausstellung sein sollte. Olle Montanus saß auf der Schlafbank und las in dem wunderbaren Buche, das er sich auf einen Tag gegen sein Halstuch geborgt hatte; ab und zu warf er einen Blick auf Selléns Bild und sprach seinen Beifall aus, denn er bewunderte in Sellén ein großes Talent. Lundell arbeitete in Ruhe an seiner Kreuzesabnahme; er hatte schon drei Bilder auf der Ausstellung und wartete, wie so viele andere, mit einer gewissen Spannung den Verkauf ab.
»Das ist gut, Sellén!« sagte Olle. »Du malst göttlich!«
»Darf ich deinen Spinat jetzt einmal anschauen?« fiel Lundell ein, der prinzipiell nie etwas bewunderte.
Das Motiv war einfach und großzügig. Ein Flugsandfeld an der Küste von Halland mit dem Meer im Hintergrunde; Herbststimmung, Sonnenstrahlen durch[S. 99] zerrissene Wolken; ein Teil des Vordergrundes war Flugsand mit eben angeschwemmtem, noch von Wasser triefendem Tang, von der Sonne beleuchtet; dahinter das Meer, zu einem guten Stück in starkem Schatten, hohe See mit weißen Kämmen, ganz hinten am Horizont aber schien wieder die Sonne und öffnete eine Perspektive ins Unendliche. Die einzige Staffage bildete ein Volk Strichvögel. Dies Bild mußte von jedem unverdorbenen Gemüt verstanden werden, das den Mut gehabt hat, die geheimnisvolle, reiche Bekanntschaft der Einsamkeit zu machen, das gesehen hat, wie der Flugsand vielversprechende Ernten erstickt. Es war mit Inspiration und Talent gemalt; die Stimmung hatte die Farbe gegeben, nicht umgekehrt.
»Du mußt etwas im Vordergrunde haben,« predigte Lundell. »Setze eine Vordergrundkuh dahin!«
»Ach rede nicht!« antwortete Sellén.
»Tu, wie ich sage, du Tollkopf, sonst verkaufst du nicht. Setze irgendeine Figur dahin, ein Mädchen. Ich will dir helfen, wenn du es nicht kannst, sieh her ...«
»Bitte, keine Dummheiten! Was soll man draußen im Sturm mit Weiberröcken. Du bist doch zu toll auf Weiberröcke!«
»Nun, tu was du willst,« antwortete Lundell, heimlich verletzt durch den Scherz über eine seiner schwachen Seiten. — »Aber wenigstens hättest du Störche malen können statt dieser grauen Möwen, von denen man nicht weiß, was für eine Art es ist. Denke dir die roten Storchbeine gegen die dunkle Wolke, das wäre ein Kontrast!«
[S. 100]
»Ach, das verstehst du nicht!«
Sellén war nicht stark im Motivieren, doch war er seiner Sache gewiß, und sein gesunder Instinkt führte ihn sicher an allen Mißgriffen vorbei.
»Aber du wirst nicht verkaufen,« fing Lundell wieder an, der um das ökonomische Wohlergehen des Kameraden besorgt war.
»Nun, so werde ich auch so leben! Habe ich jemals etwas verkauft? Bin ich deswegen schlechter? Denkst du, ich weiß nicht, daß ich verkaufen könnte, wenn ich malte wie die andern; denkst du, ich kann nicht ebenso schlecht malen wie sie? Oh, darauf kannst du Gift nehmen! Aber ich will nicht!«
»Du mußt doch schließlich daran denken, deine Schulden zu bezahlen. Du bist Meister Lund im ›Kochkessel‹ ein paar hundert Reichstaler schuldig.«
»Nun, davon wird er nicht arm! Übrigens hat er ein Bild bekommen, das doppelt soviel wert ist!«
»Du bist doch der eingebildetste Mensch, der mir je vorgekommen ist! Das Bild war keine zwanzig Reichstaler wert.«
»Ich taxiere es auf fünfhundert, nach dem üblichen Preis! Aber Neigung und Geschmack sind recht verschieden hier in der Welt, das weiß Gott! Ich finde deine Kreuzigung erbärmlich, du findest sie gut. Nun also! Das kann dir niemand verdenken! Es ist eben sehr verschieden!«
»Jedenfalls hast du uns allen im ›Kochkessel‹ den Kredit verdorben; Meister Lund hat ihn mir gestern[S. 101] gekündigt, und ich weiß nicht, wo ich heute zu Mittag essen soll.«
»Nun, was willst du auch damit? Man kann auch so leben! Ich habe seit zwei Jahren nicht zu Mittag gegessen!«
»Ach, du hast erst neulich ein Mittagessen ergaunert von diesem Assessor, der dir in die Klauen gefallen war.«
»Ja, das stimmt! Das ist ein netter Junge! Übrigens ein Talent, es ist viel Natur in seinen Versen; ich habe an diesen Abenden einige gelesen. Doch ich fürchte, er ist etwas zu weich, um sich in der Welt durchzusetzen; die Kanaille hat so empfindliche Gefühle!«
»Wenn er mit dir verkehrt, wird sich das schon legen. Aber ich finde es eine Schande mit anzusehen, wie du den jungen Rehnhjelm in der kurzen Zeit verdorben hast. Du hast ihm ja wohl in den Kopf gesetzt, er müsse zum Theater gehen!«
»Nein, hat er das erzählt? Ja, das ist ein forscher Kerl! Aus dem wird was, wenn er am Leben bleibt; das ist jedoch gar nicht so einfach, wenn es so schrecklich wenig zu essen gibt! — Gottsdonnerwetter! Jetzt ist die Farbe verbraucht! Hast du etwas Weiß? Gott sei mir gnädig, alle Tuben sind so ausgepreßt, daß — du mußt mir Farbe geben, Lundell.«
»Ich habe nicht mehr, als ich selber brauche, und wenn ich auch welche hätte, würde ich mich hüten, dir etwas zu geben!«
»Ach, rede keinen Unsinn; du weißt, es ist eilig!«
»Im Ernst, ich habe deine Farben nicht! Wenn du Haus hieltest, würden sie länger reichen ...«
[S. 102]
»Ja, das wissen wir! Dann gib Geld her!«
»Geld, ja, das wäre so etwas!«
»Auf, Olle, du mußt hin und was versetzen!«
Bei dem Wort Versetzen machte Olle ein heiteres Gesicht, denn dann, wußte er, würde es auch Essen geben. Sellén begann das Zimmer zu durchsuchen.
»Was habt ihr denn hier? Ein Paar Stiefel! Darauf bekommen wir fünfundzwanzig Öre, also ist es besser, sie zu verkaufen.«
»Das sind Rehnhjelms Stiefel, die darfst du nicht nehmen,« unterbrach Lundell, der sie am Nachmittag, wenn er in die Stadt ging, anziehen wollte. — »Findest du, daß du fremde Sachen nehmen darfst?«
»Ja, was tut das? Er kriegt sie ja später bezahlt! Was ist dies hier für ein Paket? Eine Samtweste! Die ist schön! Die nehme ich selber, dann kann Olle meine wegtragen! Kragen und Manschetten! Ach, das ist nur Papier! Ein Paar Strümpfe! Hier, Olle, fünfundzwanzig Öre! Stecke sie in die Weste. Die leeren Flaschen kannst du verkaufen! Ich glaube, am besten verkaufst du alles!«
»Willst du wirklich anderer Leute Sachen verkaufen? Du hast doch keine Spur von Rechtsgefühl,« unterbrach Lundell wieder, der stark darauf spekuliert hatte, auf dem Wege der Überredung in den Besitz dieses Pakets zu kommen, das ihm schon lange in die Augen gestochen hatte.
»Ach, das bekommt er später bezahlt! Aber dies ist nicht genug! Wir müssen ein paar Bettlaken nehmen! Was tut das! Wir brauchen keine Laken! So, Olle! Pack es nur ein!«
[S. 103]
Olle machte mit großer Geschicklichkeit aus einem Laken einen Sack, in den er unter Lundells eifrigsten Protesten alles hineinstopfte.
Als der Sack fertig war, nahm Olle ihn unter den Arm, knöpfte den zerlumpten Gehrock zu, um das Fehlen der Weste besser zu verdecken, und machte sich auf den Weg nach der Stadt.
»Er sieht aus wie ein Dieb,« sagte Sellén, der am Fenster stand und verschmitzt auf den Weg hinausblickte. — »Wenn ihn nur die Polizei ungeschoren läßt, ist es gut! — Eile dich, Olle!« rief er dem Fortgehenden nach. »Kaufe sechs Brötchen und zwei Flaschen Bier, wenn bei der Farbe noch etwas übrigbleibt.«
Olle drehte sich um und schwenkte so zuversichtlich den Hut, als habe er das Festmahl schon in den Taschen.
Lundell und Sellén waren allein. Sellén stand da und bewunderte seine neue Samtweste, der so lange Lundells heimliche Liebe gegolten hatte. Lundell kratzte seine Palette ab und warf neidische Blicke auf die verlorene Herrlichkeit. Aber nicht darüber wollte er jetzt sprechen, nicht das wollte ihm so schwer über die Lippen.
»Wirf doch einen Blick auf mein Bild,« sagte er. »Was hältst du davon, im Ernst?«
»Du mußt nicht soviel daran tüfteln und zeichnen, du mußt malen! Wo kommt das Licht her? Von den Kleidern! Von den nackten Partien! Das ist doch ganz närrisch! Was atmen diese Menschen? Farbe, Leinöl! Ich sehe keine Luft!«
[S. 104]
»Nun,« meinte Lundell, »das ist eben verschieden, wie du sagst! Aber wie findest du die Komposition?«
»Zu viel Menschen!«
»O, du bist ja schrecklich, ich möchte am liebsten noch ein paar mehr haben!«
»Laß mich jetzt sehen! Einen Fehler hat das Bild!« — Sellén schoß diese langen Blicke, die den Bewohnern der Küste oder der Ebene eigen sind.
»Ja, einen Fehler hat es! Siehst du ihn?« gab Lundell zu.
»Es sind nur Männer! Das ist etwas zu trocken!«
»Ja, das stimmt! Daß du das siehst!«
»Du willst also ein Weib haben?«
Lundell überzeugte sich durch einen Blick, ob er scherze; aber das war schwer festzustellen, denn jetzt pfiff er.
»Ja, mir fehlt eine weibliche Figur,« antwortete er.
Es wurde still, und das war unangenehm, wenn zwei so alte Bekannte unter vier Augen sind.
»Wenn ich nur wüßte, was ich tun soll, um ein Modell zu bekommen. Die von der Akademie will ich nicht haben, denn die kennt alle Welt, und im übrigen ist der Stoff religiös.«
»Du willst etwas Feineres haben? Oui! Ich verstehe! Wenn sie nicht nackt sein müßte, könnte ich vielleicht ...«
»Sie soll gar nicht nackt sein, bist du verrückt, unter so vielen Männern; im übrigen ist es ein religiöser Stoff ...«
»Ja, ja, das wissen wir schon. Sie soll jedenfalls ein Kostüm anhaben, etwas orientalisch, soll vornübergebeugt[S. 105] dastehen, denke ich mir, und tun, als höbe sie etwas vom Boden auf, soll die Schultern, den Hals und die ersten Rückenwirbel zeigen, ich verstehe! Aber religiös, natürlich, wie Magdalena! Oui! Vogelperspektive, jawohl!«
»Du mußt doch auch mit allem deinen Scherz treiben und alles herabziehen!«
»Zur Sache! Zur Sache! Du sollst ein Modell haben, denn das muß man haben; du selber kennst keins! Gut! Deine religiösen Gefühle verbieten dir, eins zu beschaffen, also werden Rehnhjelm und ich, wir beiden leichtsinnigen Gesellen, dir eins besorgen!«
»Es muß ein anständiges Mädchen sein, das sage ich im voraus!«
»Natürlich, ja! Wir wollen sehen, was wir in der Sache tun können, übermorgen, wenn wir Geld bekommen!«
Und dann wurde wieder gemalt, schweigend und still, bis die Uhr vier wurde, bis sie fünf wurde. Dann und wann warf man unruhige Blicke auf den Weg hinaus. Sellén brach zuerst das bange Schweigen.
»Olle bleibt lange aus! Es ist ihm bestimmt etwas zugestoßen!« sagte er.
»Ja, es geht nicht mit rechten Dingen zu; aber warum mußt du auch immer diesen armen Teufel schicken? Du kannst doch deine Besorgungen selbst machen!«
»Ach, er hat nichts weiter zu tun, und er geht so gern!«
»Das kannst du nicht wissen, und übrigens will ich dir sagen: man weiß nicht, wie Olle endet. Er hat große[S. 106] Pläne und kann jeden Tag wieder auf den Beinen sein, und dann wäre es gut, zu seinen Freunden zu zählen!«
»Ach, was du sagst! Was hat er denn Großes vor? Ich glaube wohl, daß Olle ein großer Mann wird, wenn auch nicht als Bildhauer! Aber was trödelt dieser entsetzliche Kerl! Hältst du es für möglich, daß er das Geld vertut?«
»O ja! Er hat schon lange nichts gekriegt, und die Versuchung kann zu groß gewesen sein,« antwortete Lundell und schnallte den Schmachtriemen zwei Löcher enger, während er überlegte, was er an Olles Stelle getan haben würde.
»Ja, man ist ja auch nur ein Mensch, und jeder ist sich selbst der Nächste,« stimmte Sellén bei, der genau wußte, was er getan hätte. »Ich kann aber nicht warten; ich muß Farbe haben, und wenn ich sie stehlen soll! Ich gehe zu Falk!«
»Willst du den armen Kerl schon wieder aussaugen! Du hast ihm doch gestern erst das Geld für den Rahmen abgenommen! Und das war nicht wenig!«
»Ach, lieber Freund! Ich bin nun einmal gezwungen, der Scham den Kopf abzubeißen, es hilft nichts! Was muß man nicht alles auf sich nehmen! Übrigens ist Falk ein hochherziger Mann, der für jede Situation Verständnis hat. Jetzt gehe ich aber! Wenn Olle nach Hause kommt, so sage ihm, er sei ein Rindvieh! Adieu einstweilen! Komm ins Rote Zimmer, dann wollen wir sehen, ob der liebe Gott so gnädig ist, uns etwas Essen zu bescheren, ehe die Sonne untergeht! — Schließe die Tür ab, wenn du gehst, und lege den Schlüssel unter die Schwelle! Adieu!«
[S. 107]
Er ging, und nicht lange danach stand er vor Falks Tür in der Grafmagnistraße. Er klopfte, bekam aber keine Antwort! Da öffnete er die Tür und trat ein. Falk, der wahrscheinlich unruhige Träume gehabt hatte, fuhr aus dem Schlaf auf und starrte Sellén an, ohne ihn zu erkennen.
»Guten Abend, Bruder,« grüßte Sellén.
»Ach, Donnerwetter, du bist es! Ich muß etwas Komisches geträumt haben! Guten Abend, setz dich und rauche eine Pfeife! Ist es schon Abend?«
Sellén, dem die Symptome bekannt vorkamen, tat doch, als merke er nichts, sondern nahm die Unterhaltung auf.
»Du bist wohl heute nicht im ›Zinnknopf‹ gewesen?«
»Nein,« antwortete Falk verwirrt, »ich bin nicht da gewesen. Ich war in ›Iduna‹.«
Er wußte wirklich nicht, ob er das geträumt hatte, oder ob er dagewesen war, aber er freute sich, daß er es gesagt hatte, denn er schämte sich seines Mißgeschicks.
»Nun, das war recht,« bekräftigte Sellén. »Im ›Zinnknopf‹ ist das Essen nicht gut.«
»Ja, das muß ich auch sagen,« erwiderte Falk, »ihre Fleischsuppe ist verdammt schlecht!«
»Ja, und dann steht der alte Wirt da, dieser Lümmel, und zählt die Butterbrote.«
Bei dem Wort Butterbrote erwachte Falk zum Bewußtsein, aber er fühlte sich nicht sonderlich hungrig, wenn auch etwas matt in den Beinen. Das Thema war jedoch unangenehm und mußte rasch gewechselt werden.
[S. 108]
»Nun,« sagte er, »hast du dein Bild für morgen fertig?«
»Nein, leider Gottes, es geht nicht!«
»Was ist denn jetzt los?«
»Ich kann unmöglich fertig werden.«
»Kannst nicht? Warum sitzt du nicht zu Hause und arbeitest?«
»Ach, es ist die alte Geschichte, lieber Falk! Ich habe keine Farbe! Farbe!«
»Nun, dem läßt sich doch wohl abhelfen? Hast du etwa kein Geld?«
»Dann wäre es ja nicht schlimm!«
»Und ich habe auch keins! Was sollen wir da machen?«
Sellén schlug die Augen nieder, bis seine Blicke in die Höhe von Falks Westentasche kamen, in die eine sehr dicke goldene Kette hineinkroch; nicht, daß Sellén geglaubt hätte, es sei Gold, abgestempeltes Gold, denn er hätte nicht begriffen, wie man so übermütig sein könne, so viel Geld außen auf der Weste zu tragen. Seine Gedanken hatten aber eine bestimmte Richtung eingeschlagen und er fuhr fort:
»Wenn ich wenigstens etwas zu versetzen hätte; aber wir sind so unvorsichtig gewesen, die Winterüberzieher an dem ersten sonnigen Tag im April wegzugeben.«
Falk errötete. Solche Dinge hatte er noch nicht mitgemacht.
»Versetzt ihr Überzieher?« fragte er. »Bekommt ihr auf solche Sachen etwas?«
»Versetzen kann man alles — alles,« betonte Sellén. »Wenn man nur etwas hat.«
[S. 109]
Vor Falks Augen drehte sich alles im Kreise. Er mußte sich setzen. Dann zog er seine goldene Uhr heraus.
»Was meinst du, was man für die bekommt, mit Kette?«
Sellén wog die künftigen Pfänder in der Hand und betrachtete sie mit Kennermiene.
»Ist es Gold?« fragte er mit schwacher Stimme.
»Es ist Gold!«
»Gestempelt?«
»Gestempelt!«
»Uhr und Kette?«
»Uhr und Kette!«
»Hundert Reichstaler,« erklärte Sellén und schüttelte die Hand, daß die goldene Kette klirrte. »Aber es ist schade. Du sollst nicht um meinetwillen deine Sachen versetzen.«
»Dann also um meinetwillen,« sagte Falk, der sich nicht einen Anschein von Selbstlosigkeit geben wollte, die er nicht besaß. »Ich brauche auch Geld. Wenn du sie in Geld verwandeln willst, so tust du mir einen Gefallen!«
»Also gut,« sagte Sellén, der seinen Freund nicht durch unzarte Fragen in Verlegenheit bringen wollte. »Ich versetze sie! Zieh dich jetzt an, Bruder! Das Leben ist zuweilen bitter, siehst du, aber wir müssen uns doch damit abfinden!«
Er schlug Falk auf die Schulter, mit einer Herzlichkeit, wie sie nicht oft den Schutzwall von Hohn durchdrang, den er um sich angelegt hatte, und sie gingen fort.
Es wurde sieben Uhr, bis die Besorgung erledigt[S. 110] war. Dann kauften sie Farbe, und darauf begaben sie sich ins Rote Zimmer hinunter.
Berns Salon begann gerade zu dieser Zeit seine kulturhistorische Rolle in dem Stockholmer Leben zu spielen, indem er dem ungesunden Café-Chantant-Betrieb, der in den sechziger Jahren in der Hauptstadt floriert oder grassiert und sich von da über das ganze Land verbreitet hatte, den Garaus machte. Hier versammelten sich von sieben Uhr an Scharen von jungen Leuten, die sich in dem abnormen Zustand befanden, der eintritt, wenn man das elterliche Haus verläßt, und so lange dauert, bis man selbständig wird; hier saßen Scharen von Junggesellen, die der einsamen Kammer oder dem Dachstübchen entflohen waren, um hier in Licht und Wärme sitzen zu können, um ein menschliches Wesen zu treffen, mit dem sie plaudern konnten. Der Wirt des Lokals hatte verschiedentlich Versuche gemacht, sein Publikum durch Pantomime, Gymnastik, Ballett und so weiter zu amüsieren, aber man hatte ihm sehr deutlich zu verstehen gegeben, daß man nicht hierher kam, um sich zu amüsieren, sondern um Ruhe zu haben, daß man ein Konversationszimmer, einen Versammlungsraum suchte, in dem man sicher war, jederzeit einen Bekannten zu treffen; da die Musik kein Hindernis für eine Unterhaltung bildete, eher im Gegenteil sie förderte, so wurde sie geduldet und bildete schließlich einen Bestandteil der Abenddiät des Stockholmers, neben Punsch und Tabak. So wurde Berns Salon der Junggesellenklub für ganz Stockholm. Die einzelnen Cliquen hatten ihre[S. 111] Ecken, und die Kolonisten von Lill-Jans usurpierten das hintere Schachzimmer unter der südlichen Galerie, das wegen seiner roten Möbel und um der Kürze willen mit der Zeit den Namen »Das rote Zimmer« bekam. Hier war man immer sicher, sich zu treffen, wenn man auch im Laufe des Tages wie Spreu auseinandergeweht worden war; von hier wurden förmliche Razzien durch den Saal unternommen, wenn die Not groß war und Geld aufgetrieben werden mußte; dann wurde eine Kette gebildet; zwei Mann streiften die Galerien ab, zwei nahmen den Saal auf den Längsseiten; man zog gewissermaßen ein Schleppnetz, und selten zog man vergeblich, da ja im Laufe des Abends immer neue Gäste zuströmten. Heute abend kam eine solche Arbeit nicht in Frage, deshalb ließ sich Sellén stolz und ruhig neben Falk auf dem roten Sofa nieder.
Nachdem sie eine kleine Komödie miteinander gespielt hatten, was sie trinken wollten, blieben sie schließlich dabei stehen, daß sie essen müßten. Sie hatten gerade das Abendbrot in Angriff genommen, und Falk fühlte seine Kräfte wachsen, als ein langer Schatten auf ihren Tisch fiel — und vor ihnen stand Ygberg, bleich und abgezehrt wie gewöhnlich. Sellén, der sich in einer glücklichen Situation befand und dann immer gut und höflich war, fragte sofort, ob er ihnen nicht Gesellschaft leisten wolle, und Falk schloß sich diesem Aufforderung an. Ygberg zierte sich noch, während er schon den Inhalt der Schüsseln abschätzte, ob er wohl satt oder nur halb satt werden würde.
»Sie haben eine scharfe Feder, Herr Assessor,« sagte[S. 112] er, um die Aufmerksamkeit von den Streifzügen, die seine Gabel über das Tablett machte, abzulenken.
»Wieso? Was habe ich?« fragte Falk und flammte auf; nach seiner Meinung hatte kein Mensch mit seiner Feder Bekanntschaft gemacht.
»Dieser Artikel hat viel Beifall gefunden!«
»Welcher Artikel? Ich verstehe nicht!«
»Nun, dieser Artikel in der ›Volksfahne‹ über das Kollegium für Auszahlung der Beamtengehälter!«
»Den habe ich nicht geschrieben!«
»Im Kollegium wird das aber behauptet! Ich habe einen mir bekannten außerordentlichen Hilfsarbeiter aus dem Amt getroffen: die Erbitterung soll nicht klein sein!«
»So?«
Falk fühlte sich zur Hälfte schuldig, und jetzt wurde ihm klar, was sich Struve an jenem Abend auf Mosebacke notiert hatte. Struve war aber doch nur Referent gewesen, Falk hatte gesprochen, und er fühlte sich verpflichtet, für das Gesagte einzustehen, selbst auf die Gefahr hin, als — Skandalschreiber angesehen zu werden! Da er jetzt fühlte, daß der Rückzug ihm abgeschnitten war, erkannte er deutlich, daß es nur eine Möglichkeit gab, und zwar: draufloszugehen!
»Gewiß,« sagte er, »ich bin der Urheber des Artikels. Aber sprechen wir von etwas anderm! Was halten Sie von Ulrika Eleonora, Herr Ygberg? Ist das nicht eine interessante Gestalt? Oder die Seeversicherungsaktiengesellschaft Triton? Oder Haqvin Spegel?«
»Ulrika Eleonora ist der interessanteste Charakter in der ganzen schwedischen Geschichte,« erwiderte Ygberg[S. 113] ernst; »ich habe eben eine Bestellung auf einen Aufsatz über sie bekommen.«
»Von Smith?« fragte Falk.
»Ja, woher wissen Sie das?«
»Dann kennen Sie auch den Schutzengel?«
»Woher wissen Sie denn das?«
»Ich habe ihm die Sachen heute mittag zurückgeschickt.«
»Es ist unrecht, nicht zu arbeiten! Sie werden es bereuen! Glauben Sie mir!«
Eine hektische Röte war Falk in die Wangen gestiegen, und er sprach wie im Fieber. Sellén saß ruhig da und rauchte und hörte mehr auf die Musik als auf die Unterhaltung, die ihn einesteils nicht interessierte und ihm andernteils unverständlich war. Von der Sofaecke, in der er saß, konnte er durch die beiden Türöffnungen, die auf die südliche Galerie führten und Aussicht auf den Saal gewährten, die nördliche Galerie überblicken. Durch die gewaltigen Rauchwolken, die ständig über dem Schlund zwischen den beiden Galerien standen, konnte er doch die Gesichter der Leute erkennen, die sich auf der andern Seite befanden. Plötzlich heftete sich seine Aufmerksamkeit auf irgend etwas weit hinten. Er nahm Falk beim Arm.
»Nein, sieh doch, so ein Duckmäuser! Sieh, dort hinter dem linken Vorhang!«
»Lundell!«
»Ja, der! Er ist auf der Suche nach einer Magdalena! Sieh, jetzt redet er sie an! Das ist ein feines Kind!«
Falk errötete, daß Sellén es bemerkte.
»Sucht er seine Modelle hier?« fragte er verwundert.
[S. 114]
»Ja, wo sollte er sie sonst herkriegen? Er kann sie sich doch nicht im Dunkeln greifen!«
Gleich darauf trat Lundell ein und wurde von Sellén mit einem gönnerhaften Kopfnicken begrüßt, dessen Bedeutung er zu verstehen meinte; er verbeugte sich deshalb höflicher als gewöhnlich vor Falk und drückte in beleidigender Weise sein Erstaunen über Ygbergs Anwesenheit aus. Ygberg, der dies alles genau beobachtet hatte, nahm die Gelegenheit beim Schopf und fragte, was Lundell zu verzehren wünsche; dieser machte große Augen und glaubte sich unter lauter Magnaten zu befinden. Er fühlte sich sehr glücklich, er wurde weich und menschenfreundlich, und als er ein warmem Abendbrot bekam, empfand er das Bedürfnis, seinen Gefühlen Ausdruck zu geben. Er hatte Falk etwas zu sagen, das war unverkennbar, konnte aber nicht dazu kommen. Unglücklicherweise spielte das Orchester gerade »Hör uns, Schweden« und ging im nächsten Augenblick zu »Ein feste Burg ist unser Gott« über.
Falk ließ mehr Getränke kommen.
»Sie lieben gleich mir das alte gute Kirchenlied, Herr Assessor,« begann Lundell.
Falk konnte eigentlich nicht sagen, daß er Choräle besonders bevorzugte, sondern er fragte Lundell, ob er nicht Punsch trinken wolle. Lundell hatte Bedenken; er wisse nicht, ob er es wagen könne. Er wolle vielleicht erst noch etwas mehr essen, er sei kein großer Trinker, was er, nachdem er den dritten Schnaps getrunken hatte, durch einen heftigen aber kurzen Hustenanfall beweisen zu müssen glaubte.
[S. 115]
»Versöhnungsfackel ist ein guter Name,« fuhr er fort; »er deutet das tiefe religiöse Bedürfnis der Versöhnung an und zugleich das Licht, das in die Welt kam, als das größte aller Wunder geschah, das den Hoffärtigen ein Ärgernis ist.«
Damit legte er einen Fleischkloß hinter den letzten Backenzahn und wartete ab, was für eine Wirkung seine Worte haben würden; — aber er fühlte sich nicht geschmeichelt, als er drei verständnislose Gesichter, die das größte Erstaunen ausdrückten, sich zugewandt sah. Er mußte deutlicher sprechen.
»Spegel ist ein großer Name, und seine Rede ist nicht wie die der Pharisäer. Wir wissen alle, daß er den herrlichen Choral ›Jetzt schweigen die Klagelieder‹ geschrieben hat, dessengleichen man suchen soll. Prost, Assessor! es freut mich, daß Sie ein solcher Repräsentant sind!«
Hier entdeckte Lundell, daß er nichts im Glase habe. — »Ich darf mir wohl noch einen Schnaps einschenken!«
Zwei Gedanken schwirrten durch Falks Hirn. Erstens: Der Kerl säuft ja Branntwein! Zweitens: Wie kann er das von Spegel wissen? Wie ein Blitz durchfuhr ihn ein Verdacht, aber er wollte nichts wissen, sondern sagte nur:
»Prosit, Herr Lundell!«
Das unangenehme Gespräch, das nun folgen mußte, wurde glücklicherweise durch Olles Kommen verhindert. Denn dieser kam wirklich, zerlumpter als gewöhnlich, schmutziger als gewöhnlich und dem Anschein nach auch lahmer in den Hüften, die wie Bugspriete unter dem Gehrock abstanden, der jetzt nur noch von einem einzigen[S. 116] Knopf dicht über der ersten Rippe zusammengehalten wurde. Aber er war vergnügt und lachte, als er so viele Speisen und Getränke auf dem Tisch sah, und zu Selléns Entsetzen begann er über den Verlauf seiner Mission zu berichten und sich seiner Aufträge zu entledigen. Er war wirklich von der Polizei gefaßt worden.
»Hier hast du die Quittungen!«
Er reichte Sellén über den Tisch zwei grüne Pfandscheine, die dieser sofort in eine Papierkugel verwandelte.
Er war zur Polizeiwache gebracht worden. Er zeigte, daß man ihm den Rockkragen abgerissen hatte. Dort hatte er seinen Namen angeben müssen. Der war natürlich falsch! Kein Mensch hieß Montanus! Dann den Geburtsort: Västermanland. Das war natürlich falsch, denn der Wachtmeister stammte selber daher und kannte natürlich seine Landsleute. Nun das Alter: achtundzwanzig Jahre. Das war eine Lüge, »denn er müsse mindestens vierzig sein«. Wohnung: Lill-Jans! Das war eine Lüge, denn da wohnte nur ein Gärtner. Beruf: Künstler! Das war auch eine Lüge, »denn er sehe aus wie ein Vagabund«!
»Hier ist die Farbe, vier Tuben! Sieh sie dir an!«
Dann hatten sie das Bündel aufgemacht, wobei das eine Laken zerrissen war!
»Deshalb habe ich nur eine Krone und fünfundzwanzig Öre für beide bekommen! Sieh dir die Quittungen an; da wirst du sehen, daß es stimmt!«
Dann war er gefragt worden, wo er die Sachen gestohlen habe. Olle hatte geantwortet, er habe die[S. 117] Sachen nicht gestohlen, worauf der Wachtmeister ihn darauf aufmerksam gemacht hatte, es sei hier nicht die Rede davon, ob er sie gestohlen, sondern wo er sie gestohlen habe! Wo? Wo? Wo?
»Hier ist das Geld zurück, fünfundzwanzig Öre! Ich habe nichts genommen.«
Darauf war ein Protokoll über die »Gestohlenen Sachen«, die mit drei Siegeln versiegelt wurden, aufgesetzt worden. Vergebens hatte Olle seine Unschuld beteuert, vergebens hatte er an ihr Rechtsgefühl und ihre Humanität appelliert. Dieser letzte Appell hatte, wie es schien, die Wirkung, daß der Polizist vorschlug, man solle zu Protokoll nehmen, daß der »Gefangene« — er war schon Gefangener — einen starken Rausch gehabt habe, was auch geschah, allerdings mit der Einschränkung, daß das Wort »stark« wegfiel. Dann hatte der Wachtmeister wiederholt den Polizisten gebeten, sich zu erinnern, ob der Gefangene bei der Festnahme nicht Widerstand geleistet habe; der Polizist hatte versichert, er könne es nicht auf seinen Eid nahmen, daß der Gefangene Widerstand geleistet habe (was in diesem Falle sehr bedenklich gewesen wäre, weil er tückisch und drohend aussehe), er »glaube« aber doch bestimmt, der Gefangene habe versucht, Widerstand zu leisten, indem er in einen Torweg flüchtete; das wurde zu Protokoll genommen.
Nun wurde ein Rapport aufgesetzt, den Olle unterschreiben sollte. Der Rapport hatte folgenden Wortlaut: Ein Mann von tückischem und drohendem Aussehen ist in der Norrlandstraße angetroffen worden, wie[S. 118] er an der linken Häuserreihe entlang schlich, um dreiviertel fünf Uhr nachmittags, mit einem Bündel von verdächtiger Beschaffenheit in der Hand. Die verhaftete Mannsperson war bei ihrer Festnahme mit einem Rock aus grünem Kord bekleidet (ohne Weste), mit Beinkleidern aus blauem Boi und einem Hemd, das am Halse P. L. gezeichnet war (was beweist, daß es entweder gestohlen ist oder daß der Verhaftete einen falschen Namen angegeben hat), mit grauen Wollstrümpfen und einem niedrigen Filzhut mit Hahnenfeder. Der Verhaftete hat den angenommenen Namen Olle Montanus angegeben, hat fälschlich behauptet, in Västermanland als Sohn eines Bauern geboren zu sein, hat glaubhaft zu machen versucht, daß er Künstler sei und hat als Wohnort Lill-Jans angegeben, was nachweislich falsch ist. Er hat bei der Verhaftung Widerstand zu leisten versucht, indem er in einen Torweg flüchtete.
Darauf folgte die Spezifikation des Inhalts des gestohlenen Bündels. Da Olle sich weigerte, die Richtigkeit des Rapports anzuerkennen, wurde sofort nach dem Gefängnis telephoniert, worauf eine Droschke den Gefangenen, das Bündel und einen Polizisten abführte. Als sie in die Münzstraße einbogen, erblickte Olle seinen Retter, den Reichstagsabgeordneten Per Ilsson aus Träskaala, einen Landsmann von ihm, den er anrief und der ihm bestätigte, daß der Rapport falsch sei. Darauf wurde Olle losgelassen und bekam sein Bündel wieder. Und jetzt war er hier und —
»Hier habt ihr Brötchen! Es sind nur noch fünf, ich habe eins aufgegessen. Und hier ist das Bier!«
[S. 119]
Er legte wirklich fünf Brötchen auf den Tisch, die er aus der Rocktasche holte, dazu zwei Flaschen Bier, die er aus den Hosentaschen hervorzog, worauf seine Figur wieder die gewohnten Disproportionen annahm.
»Du mußt Olle entschuldigen, Falk, er ist es nicht gewohnt, sich unter Menschen zu bewegen. — Stecke die Brötchen wieder ein, Olle; was sind das für Dummheiten!« belehrte Sellén.
Olle gehorchte. Lundell wollte das Tablett nicht hergeben, obwohl er es so gründlich abgeweidet hatte, daß man auch nach den Spuren nicht hätte bestimmen können, was auf den Platten gelegen hatte; aber die Branntweinflasche wurde dann und wann dem Glase genähert, worauf Lundell wie in Gedanken einen Schnaps trank. Ab und zu stand er auf oder drehte sich auf dem Stuhl um, um »nachzusehen«, was sie spielten, wobei seine Gesten von Sellén genau beobachtet wurden. Dann kam Rehnhjelm. Schweigsam und betrunken setzte er sich nieder und suchte ein Ziel für seine umherirrenden Blicke, wo sie sich ausruhen konnten, während er Lundells Verwarnungen anhörte. Seine müden Augen richteten sich schließlich auf Sellén und blieben auf der Samtweste haften, die für den ganzen späteren Teil des Abends einen reichen Stoff für seine stillen Betrachtungen bildete. Einen Moment hellte sich sein Gesicht auf wie beim Anblick eines alten Bekannten, dann aber erlosch das Licht wieder, als Sellén, »weil es zog«, den Rock zuknöpfte. Ygberg protegierte Olle, indem er ihm ein Abendbrot spendierte, und wurde nicht müde, ihn mäzenatenhaft zu ermuntern, zuzugreifen[S. 120] und sich einzuschenken. Die Musik wurde, je weiter der Abend vorschritt, um so lebhafter, und die Unterhaltung paßte sich ihr an. Falk fühlte sich sehr wohl in diesem Zustand der Betäubung; hier war es warm, hell, geräuschvoll, rauchig, und hier saßen Menschen, deren Leben er um einige Stunden verlängert hatte und die infolgedessen glücklich und fröhlich waren wie Fliegen, die von einigen Sonnenstrahlen neu belebt werden. Er fühlte sich ihnen verwandt, denn sie waren im Grunde unglücklich, und sie waren bescheiden, sie verstanden, was er sagte, und wenn sie sich äußerten, sprachen sie wie Menschen, nicht wie Bücher; sogar ihre Roheit hatte einen gewissen Reiz, denn es lag so viel Natur darin, so viel Unschuld; selbst Lundells Heuchelei vermochte ihm keinen Widerwillen einzuflößen, denn sie war so naiv, so lose angeklebt, daß sie jeden Augenblick abgerissen werden konnte. Und so verging der Abend, und der Tag ging zu Ende, der ihn unwiderruflich auf die dornige Laufbahn des Schriftstellers geworfen hatte.
[S. 121]
Am folgenden Morgen wurde er von der Aufwärterin geweckt, die ihm einen Brief überreichte, der folgenden Wortlaut hatte:
2. Thim. IV, 7. 8. 9. 1. Kor. IX, 24. 25. 26.
Teurer Bruder!
Unseres H. J. Ch. Gnade und Friede, die Liebe des Vaters und die Gemeinschaft des H. G. usw. Amen!
Ich habe aus dem »Graumützchen« von gestern abend ersehen, daß Du die »Versöhnungsfackel« herauszugeben gedenkst. Suche mich in meiner Tätigkeit morgen früh vor neun Uhr auf.
Dein erlöster
Nathanael Skaare.
Jetzt verstand er Lundells Rätsel, zum Teil.
Er kannte freilich den großen Gottesmann Skaare nicht persönlich und wußte nichts von der »Versöhnungsfackel«, aber er war neugierig und beschloß, dem unverschämten Ruf Folge zu leisten.
Um neun stand er in der Regierungsstraße vor dem riesigen vierstöckigen Hause, dessen Fassade vom Erdgeschoß bis zum Dachfirst mit Schildern bedeckt war: Christliche Buchdruckerei Friede, A.-G., 2. Stock;[S. 122] »Das Erbe der Gotteskinder«, Redaktion, Zwischenstock; Expedition vom Jüngsten Gericht, 1. Stock; Expedition der Friedensposaune, 2. Stock; Redaktion der Kinderzeitschrift: Nähre meine Lämmer, 1. Stock; Direktion der Christlichen Bethausaktiengesellschaft Gnadenstuhl, vermittelt Auszahlungen und bewilligt Darlehn gegen erste Hypothek, 3. Stock; Kommt zu Jesus, 3. Stock. Achtung!☛Ordentliche Verkäufer, die Kaution stellen können, finden Beschäftigung. Missionsaktiengesellschaft Adler verteilt den Gewinn des Jahres 1867 in Kupons, 2. Stock; Kontor des Christlichen Missionsdampfers Zululu, 2. Stock.
☛ Der Dampfer geht, so Gott will, am 28. cr. ab. Güter werden gegen Konnossement und Zertifikat im Kontor Schiffsbrücke, an der Dampferladestelle, angenommen.
Der Nähverein Bienenkorb nimmt Gaben im Erdgeschoß entgegen. Priesterkrausen werden gewaschen und geplättet beim Portier! Oblaten 1,50 pro Pfund, beim Portier! Achtung! Schwarze Frackanzüge, passend für Konfirmanden, zu verleihen. Ungegorener Wein (Matth. 26, 28) zu verkaufen beim Portier, 75 Öre pro Kanne, ohne Gefäß.
Unten, links von der Haustür, war eine christliche Buchhandlung. Falk blieb stehen und las die Titel der im Fenster ausgelegten Bücher. Es war das Althergebrachte: indiskrete Fragen, unverschämte Beschuldigungen, verletzende Vertraulichkeiten, alles längst und gründlich bekannt. Aber was seine Aufmerksamkeit mehr anzog, waren die vielen illustrierten Zeitschriften,[S. 123] die mit ihren großen, englischen Holzschnitten aufgeschlagen lagen, um die Leute anzulocken. Die Kinderzeitschriften besonders hatten ein interessantes Programm, und der Buchhandlungsgehilfe wußte zu erzählen, daß alte Männer und Frauen stundenlang vor dem Fenster stehen und die Illustrationen betrachten konnten, die ihre frommen Gemüter zu rühren und die Erinnerung an eine entschwundene, vielleicht in Torheit entschwundene Jugend wachzurufen schienen. Falk wurde einen Augenblick von einem gottlosen Gedanken ergriffen, den er aber sofort zu dem sittlichen Inselvolk schickte, das Brot ißt und sein Blut trinkt, und er schämte sich seines Gedankens.
Er steigt zwischen pompejanischen Wandmalereien die breiten Treppen hinauf, die lebhaft an den Weg erinnern, der nicht zur Seligkeit führt, und kommt dann in ein großes Zimmer, das wie der Saal einer Bank eingerichtet ist, mit Pulten, die noch nicht von Kassierern und Buchhaltern eingenommen sind. Mitten im Zimmer steht ein Schreibtisch, groß wie ein Altar, einer Orgel mit vielen Registern gleichend; die Register werden hier von einer ganzen Klaviatur von Knöpfen für Lufttelegraphen mit trompetenähnlichen Sprachrohren gebildet, die die Verbindung mit allen Räumen des Gebäudes herstellen. Daneben steht ein großer Mann in Reitstiefeln, den Priesterrock mit einem Knopf oben am Halse zugeknöpft, so daß er wie ein offner Uniformrock aussieht, mit weißem Halstuch und einer Seekapitänsmaske darüber, denn das richtige Gesicht ist in einer Pultschublade oder einer Packkiste verschwunden.[S. 124] Der große Mann peitscht seine blanken Stiefelschäfte mit einer Reitgerte, deren Knauf, symbolisch, von einem Pferdefuß gebildet wird, und raucht eine starke Regalia, die er eifrig kaut, anscheinend um den Mund in Tätigkeit zu halten. Falk betrachtet den großen Mann mit Erstaunen.
Dies war also die letzte Mode dieser Art Menschen, denn auch in Menschen gibt es Moden. Dies war der große Verkünder, dem es gelungen war, eine Mode daraus zu machen, sündig zu sein, nach Gnade zu dürsten, elend, armselig, erbärmlich, mit einem Wort irgendwie schlecht zu sein. Dieser Mann hatte die Erlösung fashionabel gemacht! Er hatte ein Evangelium für die Große Parkstraße gefunden! Die Gnadenordnung war Sport geworden. Man veranstaltete Wettrennen in Sündigkeit, bei denen der Schlechteste den Preis errang; man stellte Schnitzeljagden nach armen Seelen an, die erlöst werden sollten; aber es gab auch, gestehen wir das, Treibjagden nach Opfern, an denen man sich in Besserung üben wollte, indem man sie zum Gegenstand der grausamsten Wohltätigkeit machte.
»Ach, Herr Falk, Sie sind es!« sagt die Maske. »Willkommen, mein Freund! Sie wollen sich wohl meine Tätigkeit ansehen! Verzeihen Sie, Herr Falk, Sie sind doch erlöst? Ja! Nun also! Dies ist die Expedition der Druckerei-Aktiengesellschaft — entschuldigen Sie einen Augenblick.«
Er tritt an die Orgel und zieht ein paar Register, worauf man als Antwort ein Pfeifen hört.
»Bitte, sehen Sie sich einstweilen hier um!«
[S. 125]
Er setzt den Mund an eine Trompete und ruft: »Siebente Posaune und achtes Weh! Nyström! Schrift Mediäval, 8, vorrätig, Überschriften Fraktur, Namen gesperrt!«
In derselben Trompete antwortet eine Stimme: »Das Manuskript fehlt!« Die Maske setzt sich an die Orgel, nimmt eine Feder und einen Bogen Papier und läßt die Feder über das Papier gleiten, während er durch die Zigarre spricht.
»Diese Tätigkeit — hat — solchen Umfang angenommen, — daß sie — nahezu meine — Kräfte übersteigt, — und — meine — Gesundheit würde schlechter sein — als — sie ist, — wenn — ich sie nicht — so gut pflegte.«
Er springt auf, zieht ein anderes Register und ruft in eine andere Trompete hinein: »Korrektur von ›Hast du deine Schulden bezahlt?‹« — Und dann fährt er fort, zugleich zu sprechen und zu schreiben:
»Sie wundern — sich, — warum — ich Reitstiefel — anhabe. Das hat seinen Grund — darin, — daß ich — viel reite, — meiner Gesundheit — wegen ...«
Ein Laufjunge bringt die Korrektur. Die Maske reicht sie Falk und sagt mit der Nase — weil der Mund beschäftigt ist — »lesen Sie das!«, während er mit den Augen dem Jungen zuschreit: »Warten!«
»Zweitens — (mit einer Bewegung der Ohren sagt er prahlerisch zu Falk: Hören Sie, daß ich orientiert bin) — weil ich finde, — daß ein Mann des Geistes — sich — durch sein — Äußeres nicht von andern Menschen — unterscheiden sollte, — denn das — nennt — man[S. 126] geistigen — Hochmut, und — es gibt nur — Anlaß zu — Lästerungen.«
Ein Buchhalter tritt ein und wird von der Maske mit der Stirnhaut begrüßt, der einzigen Partie, die nicht in Anspruch genommen ist.
Um nicht müßig dazusitzen, nimmt Falk die Korrektur zur Hand und liest. Die Zigarre spricht weiter.
»Alle andern — Menschen — haben Reitstiefel, — ich — möchte mich — um keinen Preis von ihnen unterscheiden, — äußerlich, — deshalb, — weil — ich kein — Heuchler bin, — trage ich — Reitstiefel.«
Darauf gibt er dem Laufjungen das Manuskript und schreit — mit dem Munde: »Vier Winkelhaken Siebente Posaune für Nyström!« — Und dann zu Falk gewendet:
»Jetzt bin ich fünf Minuten frei! Wollen Sie, bitte, in den Lagerraum eintreten?«
Zum Buchhalter:
»Was lädt der Zululu?«
»Branntwein,« antwortet der Buchhalter mit einer rostigen Stimme.
»Geht das?« fragt die Maske.
»Es geht!« antwortet der Buchhalter.
»Nun, dann in Gottes Namen! — Kommen Sie, Herr Falk.«
Sie betreten ein Zimmer, das mit Regalen voll Bücherstößen bekleidet ist. Die Maske schlägt mit der Reitgerte auf die Rücken der Bücher und sagt hochmütig — ohne Umschweife:
»Dies habe ich geschrieben! Was sagen Sie dazu? Ist das nicht viel? Sie schreiben ja auch — etwas![S. 127] Wenn Sie sich dranhalten, werden Sie eines Tages auch so viel schreiben! —« Er biß und riß an der Zigarre und spuckte die Stückchen aus, die wie Schmeißfliegen umherschwirrten, bevor sie sich auf die Rücken der Bücher setzten; dabei machte er ein Gesicht, als denke er an etwas Verächtliches.
»Versöhnungsfackel? Hm! Ich finde, das ist ein dummer Name! Finden Sie das nicht auch? Haben Sie ihn sich selbst ausgedacht?«
Zum erstenmal hatte Falk Gelegenheit, ihm zu antworten, denn wie alle großen Männer beantwortete er sich seine Fragen selbst; Falks Antwort war nein. Weiter kam er nicht, denn die Maske war schon wieder in Gang.
»Ich finde, das ist ein sehr dummer Name! Und Sie glauben, er zieht?«
»Ich weiß nichts von der Sache und begreife nicht, wovon Sie sprechen.«
»Sie wissen nichts?«
Er nimmt eine Zeitung und zeigt sie.
Falk liest mit Bestürzung folgende Anzeige:
»Zur Subskription: Die Versöhnungsfackel. Zeitschrift für die christliche Welt. Erscheint demnächst, unter der Redaktion von Arvid Falk (Preisträger der Akademie der Wissenschaften). Das erste Heft enthält Haakan Spegels ›Gottes Schöpfung‹, eine Versdichtung von anerkannt religiösem Geist und tiefer Christlichkeit.«
Er hatte vergessen, auch den Spegel abzulehnen, und nun stand er sprachlos da.
[S. 128]
»Wie groß ist die Auflage, he? — Zweitausend, vermute ich. — Zu wenig! Hat keinen Zweck! Mein Jüngstes Gericht hat zehntausend, und ich stecke doch nicht mehr als — was soll ich sagen — fünfzehn netto ein!«
»Fünfzehn?«
»Tausend, junger Mann!«
Die Maske schien ihre Rolle vergessen zu haben und in alte Gewohnheiten zu verfallen.
»Nun also,« fuhr er fort. »Sie wissen, daß ich ein beliebter Prediger bin, ich kann das ohne Prahlerei sagen, denn die ganze Welt weiß es. Sie wissen, daß ich sehr beliebt bin, ich kann es nun einmal nicht ändern, es ist so. Ich wäre ein Heuchler, wenn ich sagte, ich wüßte nicht, was die ganze Welt weiß! Also gut, ich werde Ihr Unternehmen im Anfang unterstützen. Sehen Sie sich diesen Sack hier an. Wenn ich Ihnen sage, daß er Briefe enthält, von Damen — ja, ja, beruhigen Sie sich, ich bin verheiratet —, die mich um meine Photographie bitten, so habe ich nicht zuviel gesagt.«
Es war aber in Wirklichkeit nur ein Beutel, den er aufpeitschte.
»Um den Damen und mir viel Mühe zu ersparen und zugleich einem Menschen einen großen Dienst zu leisten, gedenke ich, Ihnen die Erlaubnis zu geben, meine Biographie zu schreiben, mit Bild, wodurch Ihre erste Nummer in Zehntausenden von Exemplaren abgesetzt würde und Sie mit dieser einen Nummer rund tausend Kronen in die Tasche stecken könnten.«
[S. 129]
»Aber Herr Pastor —« (er hätte beinahe Kapitän gesagt) — »ich weiß nichts von dieser Sache!«
»Macht nichts! Gar nichts! Der Verleger hat mir selbst geschrieben und um mein Bild gebeten. Und Sie sollen meine Biographie schreiben! Um Ihnen die Arbeit zu erleichtern, habe ich von einem Freund den Hauptinhalt aufsetzen lassen, so daß Sie nur eine Einleitung zu schreiben brauchen — kurz und ausdrucksvoll, ein paar Winkelhaken höchstens! Jetzt wissen Sie es!«
Falk war verzagt über so viel weise Voraussicht, und wunderte sich, daß die Photographie dem Original so unähnlich war und die Handschrift des Freundes der der Maske so völlig glich.
Die Maske hatte ihm Bild und Manuskript überreicht und streckte ihm jetzt die Hand hin, um sich danken zu lassen.
»Grüßen Sie — den Verleger!« — Er war so nahe daran, Smith zu sagen, daß eine leichte Röte zwischen seinen Backenbärten aufstieg.
»Aber Sie kennen meine Anschauungen ja nicht, Herr Pastor,« protestierte Falk.
»Anschauungen? He? Habe ich nach Ihren Anschauungen gefragt? Ich verlange die Anschauungen eines Menschen nie zu wissen! Gott behüte mich! Ich? Nie!«
Er peitschte noch einmal die Rücken seiner Verlagsartikel, öffnete die Tür, begleitete seinen Biographen hinaus und kehrte zu seinem Altardienst zurück.
Falk konnte wie gewöhnlich, und das war sein Unglück, erst hinterher die passende Antwort finden, und[S. 130] er war schon unten auf der Straße, als sie ihm einfiel. Eine Kellerluke, die zufällig offen stand (und nicht mit Plakaten bedeckt war) nahm Biographie und Porträt in ihren Schoß auf.
Darauf ging er in die nächste Zeitungsredaktion, um einen Protest gegen die »Versöhnungsfackel« in die Presse zu bringen und dann einem sicheren Hungertode entgegenzugehen.
[S. 131]
Es schlug zehn von der Riddarholmskirche einige Tage später, als Falk vor dem Reichstagsgebäude anlangte, um den Berichterstatter des »Rotkäppchens« in der Zweiten Kammer zu unterstützen. Er beschleunigte seine Schritte, denn in diesem Amt, wo man ordentlich bezahlt wurde, mußte man doch wohl auf den Glockenschlag zur Stelle sein, dachte er. Er ging die Ausschußtreppe hinauf und wurde auf die linke Berichterstattertribüne der Zweiten Kammer gewiesen. Mit einem gewissen feierlichen Gefühl betrat er die wenigen Planken, die wie ein Taubenschlag unter der Decke aufgehängt waren, damit »die Männer des freien Worts von hier aus hören sollten, wie die heiligsten Interessen des Landes von seinen würdigsten Mitgliedern diskutiert wurden«. Dies Ganze war Falk völlig neu, aber er wurde von keinem großen Eindruck überwältigt, als er von seinem Verschlag niederblickte und unter sich den leeren Saal sah, der lebhaft an eine Lancastersche Schule erinnerte. Es war fünf Minuten nach zehn, aber noch war außer ihm keine lebende Seele anwesend. Einige Minuten lang herrschte eine Stille wie in einer Dorfkirche vor der Predigt; ein leises Knabbern tönte durch[S. 132] den Saal. Eine Ratte, denkt er; aber dann entdeckt er auf der Berichterstattertribüne gerade gegenüber eine kleine, verhutzelte Gestalt, die auf dem Geländer einen Bleistift anspitzt, und er sieht, wie die Späne niederschneien und sich unten auf die Tische legen. Es gibt hier nicht vieles, worauf seine Augen ruhen können, als sie an den leeren Wänden umhertasten, aber sie heften sich schließlich auf die alte Wanduhr aus den Zeiten Napoleons I., deren kaiserliche, frisch vergoldete Embleme den aufgewärmten Kohl symbolisieren; aber auch die Zeiger, die zehn Minuten über zehn zeigen, sind — ironisch — ein Symbol für etwas, als die Türen im Hintergrunde sich öffnen, und ein Mann hereintritt. Er ist alt; seine Schultern beugen sich schon unter der Last der öffentlichen Ämter, sein Rücken krümmt sich unter dem Gewicht der kommunalen Missionen, sein Hals ist durch das lange Sitzen in feuchten Amtszimmern, Komiteesälen, Bankgewölben usw. aus der Fasson gekommen, es liegt etwas Pensioniertes in seinen leidenschaftslosen Schritten über den langen Kokosläufer, der zum Rednerpult führt. Als er in die Mitte des Ganges kommt, in die Nähe der kaiserlichen Uhr, bleibt er stehen — er scheint es gewohnt zu sein, mitten auf dem Wege stehenzubleiben und umherzuschauen, aber auch zurück; jetzt jedoch bleibt er stehen, vergleicht seine Spindeluhr mit der Wanduhr, und schüttelt unzufrieden den alten, verbrauchten Kopf: zu schnell, zu schnell! und sein Gesicht drückt eine überirdische Ruhe aus, die Beruhigung, daß seine Uhr nicht zu langsam gehen kann. Er setzt seine Wanderung durch[S. 133] den Gang mit den gleichen Schritten fort, als gehe er auf sein Lebensziel zu, und es ist sehr die Frage, ob er es nicht dahinten in dem ehrenvollen Lehnstuhl neben dem Rednerpult gefunden hat.
Als er das Ziel erreicht hat, macht er halt, holt sein Taschentuch heraus und schnäuzt sich im Stehen; darauf läßt er den Blick über die lauschende Zuhörerschar von Bänken und Tischen schweifen und sagt ein paar bedeutungsvolle Worte, zum Beispiel: »Meine Herren, jetzt habe ich mich geschnäuzt.« Dann setzt er sich und versinkt in eine präsidentenhafte Ruhe, die Schlummer sein könnte, wenn sie nicht Wachen wäre; und, wie er glaubt, allein in dem großen Raum, allein mit seinem Gott, schickt er sich an, Kräfte zu sammeln für die Arbeit des kommenden Tags, als ein starkes Knabbern von links, hoch oben unter dem Dach, ihn aufschreckt; er wirft den Hals herum, daß er mit einem Dreiviertelblick die Ratte morden kann, die in seiner Gegenwart zu knabbern wagt. Falk, der die Stärke der Resonanz in dem Taubenschlag nicht berechnet hatte, nimmt den Todesstoß von dem mordenden Blick entgegen, der sich jedoch beim Niedergleiten von der Decke mildert und leise flüstert — denn laut wagt er es nicht zu sagen: »Es war nur ein Berichterstatter; ich fürchtete, es sei eine Ratte!« Dann aber überkommt den Mörder tiefe Reue über die Sünde, die sein Auge begangen hat, und er verbirgt sein Gesicht in der Hand — und weint? — Nein, er reibt den Fleck fort, den der Anblick eines widrigen Gegenstandes auf der Netzhaut seines Auges hervorgerufen hat.
[S. 134]
Nun aber beginnen sich die Türen zu öffnen, die Mitglieder kommen, und die Zeiger der Wanduhr kriechen vorwärts, immer weiter vorwärts. Der Vorsitzende teilt in Form von Händedrücken und Grüßen Gratifikationen an die Guten aus und straft die Bösen, indem er sein Gesicht von ihnen abwendet, denn er muß gerecht sein wie der Höchste.
Jetzt kommt der Berichterstatter vom »Rotkäppchen«, häßlich, nicht ganz nüchtern und verschlafen; trotzdem scheint er ein Vergnügen darin zu finden, die Fragen des Neulings wahrheitsgemäß zu beantworten.
Noch einmal öffnen sich die Türen sperrangelweit, und herein kommt ein Herr mit so sicheren Schritten, als sei er hier zu Hause, der Kammerverweser aus der Steuereinschätzungskanzlei, der Aktuar aus dem Kollegium für Auszahlung der Beamtengehälter; er geht sogar bis an den Sessel, begrüßt den Vorsitzenden wie einen alten Bekannten und wühlt in den Papieren, als wären es seine eigenen.
»Wer ist das?« fragt Falk.
»Das ist der Oberschreiber,« antwortet der Freund vom »Rotkäppchen«.
»Was? Schreibt ihr hier auch?«
»Auch! Das wirst du bald sehen! Sie haben ein ganzes Stockwerk voller Schreiber; die ganzen Böden sitzen voll, und bald werden auch im Keller Schreiber sitzen!«
Jetzt wimmelt es da unten wie in einem Ameisenhaufen. Der Hammer schlägt auf den Tisch, und es wird still. Der Oberschreiber verliest das Protokoll der vorigen[S. 135] Tagung, das ohne Widerspruch genehmigt wird. Dann verliest er ein Gesuch um vierzehntägigen Urlaub für Jon Jonsson aus Lerbak.
Wird bewilligt!
»Gibt es hier auch Urlaube?« fragt der Neuling verwundert.
»Aber natürlich. Jon Jonsson muß nach Hause und in Lerbak Kartoffeln pflanzen.«
Jetzt beginnt sich die Estrade mit jungen Leuten zu füllen, die mit Feder und Papier bewaffnet sind. Lauter alte Bekannte aus Falks Hilfsarbeiterzeit. Sie lassen sich an kleinen Tischen nieder, als wollten sie Preference spielen.
»Das sind die Schreiber,« erklärt das »Rotkäppchen«. — »Sie scheinen dich zu erkennen!«
Und das ist wirklich der Fall, denn sie setzen ihre Kneifer auf und blicken alle nach dem Taubenschlag hinauf, genau so herablassend, wie die Parkettbesucher im Theater nach der Galerie hinaufsehen. Jetzt flüstern sie untereinander und tauschen Ansichten über einen Abwesenden aus, der sich allem Anschein nach auf dem Stuhl befinden muß, auf dem Falk sitzt. Falk fühlt sich von so viel Aufmerksamkeit so tief gerührt, daß er Struve, der verschlossen, ungeniert, schmutzig und konservativ den Taubenschlag betritt, nicht allzu freundlich begrüßt.
Der Oberschreiber verliest einen Antrag auf Bewilligung neuer Binsenmatten für das Vestibül und neuer Messingnummern für den Galoschenständer.
Bewilligt!
»Wo sitzt die Opposition?« fragt der Uneingeweihte.
[S. 136]
»Ja, du, das weiß der Teufel, wo die sitzt.«
»Sie sagen doch zu allem ja!«
»Warte nur noch ein bißchen, dann wirst du schon hören!«
»Sind sie denn noch nicht hier?«
»Hier kommt und geht man, wie es einem gefällt.«
»Das ist ja genau wie bei einer Behörde.«
Der konservative Struve, der diese leichtfertige Rede gehört hat, meint die Regierung repräsentieren zu müssen.
»Was redet der kleine Falk da? Er soll nicht murren!«
Falk braucht eine so lange Zeit, um die passende Antwort zu finden, daß die Verhandlungen unten ihren Anfang nehmen.
»Du mußt dich nicht um ihn kümmern,« tröstet das »Rotkäppchen«; »er ist immer konservativ, wenn er Geld zum Mittagessen hat, und er hat vorhin fünf Kronen von mir gepumpt!«
Der Oberschreiber liest: »54. Bericht des Ausschusses über Ola Hipssons Antrag auf Abschaffung der Pfahlzäune.«
Holzhändler Larsson aus Norrland fordert unbedingte Annahme: »Was soll aus unsern Wäldern werden?« ruft er; »ich will nur fragen: was soll aus unsern Wäldern werden?« Und er wirft sich keuchend auf die Bank nieder. Diese kernige Beredsamkeit ist in den letzten zwanzig Jahren aus der Mode gekommen, und die Szene wird mit Zischen aufgenommen, worauf das Schnaufen auf der norrländischen Bank von selber aufhört.
[S. 137]
Der Vertreter Ölands schlägt Sandsteinmauern vor; der Vertreter von Schonen bevorzugt Buchsbaumhecken; die Leute aus Norrbotten sind der Ansicht, daß Pfahlzäune unnötig sind, wenn man keine Äcker hat, und ein Redner auf der Stockholmer Bank meint, die Frage müsse an eine Kommission von Sachverständigen, er betont Sachverständigen, verwiesen werden. Da aber bricht ein Sturm los. Lieber den Tod als eine Kommission! Man verlangt Abstimmung. Der Antrag wird abgelehnt, und die Pfahlzäune werden stehenbleiben, bis sie von selber umfallen.
Der Oberschreiber liest: 66. Bericht des Ausschusses über Karl Jönssons Antrag auf Aufhebung des Beitrages für die Bibelkommission. Bei diesem ehrwürdigen Namen einer hundertjährigen Institution hört sogar das Grinsen auf, und ein ehrfurchtsvolles Schweigen entsteht im Saal. Wer würde es wagen, die Religion in ihren Grundfesten anzugreifen? Wer würde es wagen, sich der allgemeinen Verurteilung auszusetzen? Der Bischof von Ystad bittet ums Wort.
»Soll ich schreiben?« fragt Falk.
»Nein, das geht uns nichts an, was er sagt.«
Aber der konservative Struve schreibt das folgende Referat:
»Die heil. Interessen des Vaterlandes. Im Namen der Religion und der Menschlichkeit. 829. 1632. Ketzer. Neuerungssucht. Gottes Wort. Menschenwort. Hundert Jahre. Ansgar. Eiferer. Biederk. Unparteilichkeit. Fähigkeit. Lehre. Bestand der schwed. Kirche. Uralte schwedische Ehre. Gustaf I. Gust. II. Höhen[S. 138] von Lützen. Augen Europas. Urteil der Nachwelt. Trauer, Schande. Der grüne Rasen. Wasche meine Hände. Sie haben es nicht gewollt.«
Karl Jönsson bittet ums Wort.
»Jetzt schreiben wir,« sagt das »Rotkäppchen«.
Und sie schreiben, während Struve den Samt des Bischofs bestickt.
»Unsinn. Große Worte. Kommission tagte hundert Jahre. Kosten hunderttausend Kr., neun Erzbischöfe, dreißig Prof., Upsala zus. fünfhundert Jahre. Diätare. Sekretäre. Gehilfen. Nichts geleistet. Probebogen. Schlechte Arbeit. Geld, Geld, Geld! Jedes Ding beim rechten Namen! Humbug. Beamten. Aussaugesystem.«
Nicht eine Stimme erhebt sich, aber bei der geheimen Abstimmung wird der Antrag angenommen.
Während das »Rotkäppchen« mit geübter Hand die holperigen Ausführungen Jönssons zurechtstutzt und eine packende Überschrift darüber setzt, ruht Falk sich aus. Als aber seine Augen die Zuhörertribüne streifen, treffen sie auf einen bekannten Kopf, der auf der Barriere liegt und dessen Besitzer Olle Montanus heißt. Er sieht in diesem Augenblick aus wie ein Hund, der einen Knochen bewacht. Nicht ohne Grund sah er so aus, aber das wußte Falk nicht, da Olle sehr verschwiegen war.
Jetzt erschien unten bei der Bank unter der rechten Galerie, gerade an der Stelle, wo die verhutzelte Gestalt die Späne des Bleistifts hatte niederschneien lassen, ein Herr in blauer Beamtenuniform mit dem Dreispitz unter dem Arm und einer Papierrolle in der Hand.
[S. 139]
Der Hammer fiel auf den Tisch, und es entstand ein ironisches, boshaftes Schweigen.
»Schreib,« sagte das »Rotkäppchen«, »aber nimm nur die Zahlen. Ich nehme das andere.«
»Wer ist das?«
»Das sind königliche Anträge.«
Jetzt wurde aus der Papierrolle vorgelesen: »Antrag Seiner Majestät des Königs auf Erhöhung des Beitrags von 50000 Kr. für das Amt zur Vervollkommnung adliger Jünglinge in lebenden Sprachen, unter Rubrik Schreibmaterialien und Ausgaben auf 56000 Kr. 37 Öre.«
»Was sind das für Ausgaben?« fragte Falk.
»Wasserkaraffen, Schirmständer, Spucknäpfe, Jalousien, Diners in Hasselbacken, Gratifikationen und dergleichen. Halt den Mund; es kommt noch mehr!«
Die Papierrolle fährt fort: »Antrag Seiner Majestät des Königs auf Einrichtung von sechzig neuen Offiziersstellen in der westgotländischen Kavallerie.«
»Waren es sechzig?« fragte Falk, dem staatsmännische Angelegenheiten völlig fremd waren.
»Sechzig waren es! Schreibe nur!«
Die Papierrolle entrollte sich knisternd und wurde immer größer und größer.
»Antrag Seiner Majestät des Königs, fünf neue ordentliche Kanzlistenstellen einzurichten in dem Kollegium für Auszahlung der Beamtengehälter.«
Große Bewegung an den Preferencetischen; große Bewegung auf Falks Stuhl.
Die Papierrolle rollte sich knisternd wieder zusammen, der Vorsitzende stand auf, dankte mit einer Verbeugung,[S. 140] die fragte: Ist weiter nichts gefällig?, und der Besitzer der Papierrolle setzte sich auf die Bank und begann die Späne fortzublasen, die der Verhutzelte ausgestreut hatte, aber sein steifer goldgestickter Kragen hinderte ihn, in dieselbe Sünde zu verfallen, die der Vorsitzende in der Frühe begangen hatte.
Die Verhandlungen gingen weiter. Sven Svensson aus Torrlösa bat ums Wort in der Armenfürsorgefrage. Wie auf ein gegebenes Zeichen erheben sich alle Berichterstatter, gähnen und recken sich.
»Jetzt gehen wir hinunter und essen Frühstück,« erklärt das »Rotkäppchen« seinem Schützling. »Wir haben eine Stunde und zehn Minuten Zeit.«
Sven Svensson aber spricht.
Die Mitglieder der Kammer beginnen sich zu rühren, etliche gehen hinaus. Der Vorsitzende spricht mit einigen guten Mitgliedern und drückt dadurch vonseiten der Regierung seine Mißbilligung dessen aus, was Sven Svensson vorbringt. Zwei ältere Mitglieder von der Stockholmer Bank gehen mit einem jungen Herrn, anscheinend einem Neuling, in die Nähe des Redners, um diesen wie ein Wundertier vorzuführen; sie nehmen ihn genau in Augenschein, finden ihn lächerlich und kehren ihm den Rücken.
Das »Rotkäppchen« scheint es für ein Gebot der Höflichkeit zu halten, Falk darüber aufzuklären, daß der Redner die »Zuchtrute« der Kammer ist. Er ist weder kalt noch warm, kann von keiner Partei benutzt werden, ist für kein Interesse zu gewinnen, aber er spricht, spricht. Doch worüber er spricht, das kann niemand[S. 141] sagen, denn es ist niemals in irgendeiner Zeitung über ihn berichtet worden, und keiner hat sich die Mühe gemacht, im Protokoll nachzusehen; die Schreiber an den Tischen aber haben geschworen, wenn sie einmal zur Macht kämen, seinetwegen die Gesetze ändern zu lassen.
Falk jedoch, der eine gewisse Schwäche für alles Unbeachtete hat, bleibt im Saal und hört, was er schon lange nicht mehr gehört hat: einen Ehrenmann, der untadelig seinen Weg geht und die Klage der Unterdrückten und Mißhandelten vorbringt — und niemand hört ihn an.
Struve hat beim Anblick des Landmanns schnell seinen Entschluß gefaßt und ist in die Kneipe hinuntergegangen, wohin ihm jetzt die andern folgen und wo sie die halbe Kammer treffen.
Als sie gegessen haben und etwas angeheitert sind, gehen sie wieder hinauf, setzen sich auf die Hühnersteige und hören noch eine Weile Sven Svensson reden, oder richtiger, sehen ihn reden, denn jetzt ist die Unterhaltung nach dem Frühstück so lebhaft, daß man kein Wort von dem Sprecher hört.
Aber es nimmt doch einmal ein Ende. Niemand hat etwas einzuwenden, irgendeine Folge hat die Rede nicht, es ist, als sei sie überhaupt nicht gehalten worden.
Der Oberschreiber, der unterdes einmal in seine Ämter hat laufen können, um seine Postzeitungen durchzusehen und sein Feuer im Ofen zu schüren, ist jetzt wieder auf seinem Platz und liest:
»72. Denkschrift des Staatsausschusses über den Antrag Per Ilssons aus Träskaala, 10000 Kr. zur[S. 142] Restaurierung der alten Schnitzarbeiten in der Kirche von Träskaala zu bewilligen.«
Der Hundekopf auf der Barriere der Zuhörertribüne sah drohend aus, als wolle er seinen Knochen bewachen.
»Kennst du diese Mißgestalt da hinten auf der Tribüne?« fragte das »Rotkäppchen«.
»Olle Montanus, ja, das will ich meinen.«
»Weißt du, daß er der Landsmann von dem Träskaalaer ist? O, das ist ein pfiffiger Kerl! Sieh dir den sprechenden Kopf an, jetzt wo der Mann aus Träskaala spricht.«
Per Ilsson hat das Wort.
Struve wendet mit Verachtung dem Sprecher den Rücken und schneidet sich ein Stück Tabak ab, Falk und das »Rotkäppchen« halten die Bleistifte zur Aktion bereit.
»Nimm du die Redensarten,« sagt das »Rotkäppchen«, »ich notiere die Tatsachen.«
Falks Papier war nach einer Viertelstunde mit folgenden Buchstaben bedeckt:
»Vaterl. Kultur. Ökon. Interessen. Vorw. d. Materialism. Nach Fichte Mater. Vaterl. Kult. nicht Mater. Ergo Vorw. hinfällig. Ehrw. Tempel im Glanz der Morgensonne. Turm bis in die Wolken. Heidn. Zeit. Philos. nicht träumen lassen. Heil. Rechte der Nation. Heil. Inter. d. Vaterl. Kult. Akad. der Wissensch. u. d. Künste.«
Dies Sammelsurium, das zum Teil Heiterkeit erregt hatte, besonders bei der Ausgrabung des toten Fichte, rief doch eine Erwiderung von der hauptstädtischen Bank und von der Bank von Upsala hervor:
[S. 143]
Der erste sagte: obwohl er weder die Kirche von Träskaala noch Fichte kenne, und obwohl er nicht wisse, ob die alten Gipsonkel zehntausend Kronen wert seien, so glaube er doch seinen Beifall ausdrücken zu müssen, um einen schönen Antrag in der Kammer zu unterstützen, denn es sei das erstemal, daß die Majorität zu etwas anderem Geld verlange als zu Brücken, Zäunen, Volksschulen und ähnlichem.
Der Redner auf der Upsalaer Bank meinte (nach Struves Aufzeichnungen): der Antragsteller habe a priori recht; seine Prämisse: die vaterländische Kultur müsse gepflegt werden, sei richtig; seine Schlußfolgerung: die zehntausend Kronen müßten gezahlt werden, sei bindend; der Zweck, die Absicht, die Tendenz sei schön, löblich, vaterländisch, aber hier sei doch ein Fehler begangen worden. Von wem? Vom Vaterlande? Vom Staat? Von der Kirche? Nein! Von dem Antragsteller! Verstandesmäßig gesehen habe der Antragsteller recht und deshalb könne der Redner nicht anders, er wiederhole das noch einmal, als den Zweck, die Absicht, die Tendenz loben, und er werde das Schicksal des Antrags mit den wärmsten Sympathien begleiten; er fordere die Kammer auf, im Namen des Vaterlandes, im Namen der Kultur und im Namen der Kunst, dem Antrag zuzustimmen; er selbst aber müsse den Antrag ablehnen, da er, begriffsmäßig, falsch, unmotiviert, uneigentlich sei, denn er wolle den Begriff des Orts unter den des Staats subsumieren.
Der Kopf auf der Zuhörertribüne rollte die Augen und bewegte die Lippen konvulsivisch, während die[S. 144] Abstimmung vorgenommen wurde, aber als sie vollzogen und der Antrag genehmigt worden war, explodierte der Kopf und verschwand durch die mißvergnügte und gepuffte Zuhörerschar.
Falk glaubte den Zusammenhang zwischen Per Ilssons Antrag und Olles Anwesenheit und Verschwinden zu begreifen. Struve, der nach dem Frühstück noch konservativer und lärmender geworden war, äußerte sich rückhaltlos über dies und jenes. Das »Rotkäppchen« war ruhig und gleichgültig; er hatte aufgehört, sich zu wundern.
Aber aus der dunklen Wolke von Menschen, in die Olle Montanus einen Spalt gerissen hatte, tauchte jetzt klar und hell und leuchtend wie eine Sonne ein Gesicht auf, und Arvid Falk, der seine Blicke dorthin gewandt hatte, mußte die Augen niederschlagen und sich abwenden — es war sein Bruder, das Haupt der Familie, die Ehre des Namens, der ihn einmal groß und glänzend machen würde. Hinter Nikolaus Falks Schultern sah man die Hälfte eines schwarzen Gesichts mit milden, falschen Zügen, das dem Blonden Heimlichkeiten zuzuflüstern schien. Falk hatte nur eben Zeit, sich über die Anwesenheit des Bruders in diesem Hause zu wundern, weil er seinen Unwillen gegen die neue Staatsform gut kannte, als der Vorsitzende auch schon Anders Andersson die Befugnis erteilte, einen Antrag einzubringen; diese Befugnis machte sich Andersson mit großer Ruhe zunutze und las: »Auf Grund hinreichender Vorkommnisse stelle ich hiermit den Antrag, der Reichstag möge von sich aus den Beschluß fassen, daß Seine[S. 145] Majestät der König bei allen Aktiengesellschaften, deren Statuten er sanktioniert, solidarisch verantwortlich ist.«
Die Sonne verlor ihren Schein auf der Zuhörertribüne, und im Saal erhob sich ein Orkan.
Graf von Splint hat das Wort:
»Quousque tandem Catilina! So weit mußte es kommen! Man vergißt sich so sehr, daß man die Regierung zu tadeln wagt! Hören Sie, meine Herren! Man tadelt die Regierung, oder, was schlimmer ist, man macht sie zur Zielscheibe eines Scherzes, eines rohen Scherzes, denn anders kann man diesen Antrag wohl nicht auffassen. Ein Scherz, sage ich, nein, ein Attentat, ein Verrat! O mein Vaterland! Deine unwürdigen Söhne haben vergessen, was sie dir schuldig sind! Aber wie kann es auch anders sein, da du deine Ritterwacht, deinen Schild, deine Wehr verloren hast. Ich fordere, daß Per Andersson, oder wie der Mann heißt, seinen Antrag zurückzieht, oder, bei Gott, er soll sehen, daß König und Vaterland noch treue Verteidiger haben, die wohl einen Stein heben können, um die vielköpfige Hydra des Verrats zu zerschmettern!«
Beifall von der Zuhörertribüne, Unwille im Saal.
»Ha, glaubt ihr, ich fürchte mich!«
Der Redner arbeitet mit den Armen, als würfe er mit Steinen, die Hydra aber lacht mit ihren hundert Gesichtern. Der Redner sucht nach einer andern Hydra, die nicht lacht, und er findet die Referententribüne.
»Dort! Dort!« Er deutet nach dem Taubenschlage hinauf und schleudert Blicke, als sehe er in der Wand den Abgrund sich auftun. »Dort sitzt das Rabennest![S. 146] Ich höre ihr Gekrächz, aber sie können mich nicht einschüchtern! Auf, schwedische Männer, haut den Baum ab, sägt die Bretter durch, reißt die Balken nieder, zertretet die Stühle, zertrümmert die Pulte, in Splitter nicht größer als so« (er mißt ein Stück vom kleinen Finger ab) »und verbrennt das ganze Gesindel mit Mann und Maus, dann sollt ihr sehen, wie das Reich in Ruhe blüht und wie seine Pflanzen gedeihen. So spricht ein schwedischer Edelmann! Denkt daran, Bauern!«
Diese Rede, die vor drei Jahren am Ritterhausmarkt mit Bravorufen begrüßt und wörtlich ins Protokoll aufgenommen worden wäre, um später separat gedruckt und an alle staatlichen Volksschulen und andere allgemeine Wohltätigkeitseinrichtungen verteilt zu werden, wurde jetzt als ein Amüsement angesehen, im Protokoll gehörig berichtigt und sonderbarerweise nur in den Oppositionsblättern erwähnt, die sonst nicht gern so etwas aufnehmen.
Darauf baten die Upsalaer ums Wort. Der Redner war in der Sache vollkommen mit dem Vorredner einig und hatte mit seinem feinen Ohr etwas von dem einstigen Schwerterklang in dessen Rede vernommen; jetzt wolle er selbst über die Idee der Aktiengesellschaft als Idee sprechen, aber er bat darauf aufmerksam machen zu dürfen, daß die Aktiengesellschaft keine Ansammlung von Geld sei, keine Vereinigung von Personen, sondern die Aktiengesellschaft sei eine moralische Persönlichkeit und als solche unzurechnungsfähig —
Jetzt erhob sich im Saal ein solches Gelächter und Geschwätz, daß der Referent nichts mehr von der Rede[S. 147] verstehen konnte, die damit endete, daß die Interessen des Vaterlandes auf dem Spiel ständen, begriffsmäßig genommen; würde der Antrag nicht abgelehnt, so würden die Interessen des Vaterlandes vernachlässigt und somit der Staat in Gefahr geraten.
Sechs Redner beschäftigten sich bis zur Mittagspause damit, Auszüge aus der offiziellen Statistik Schwedens, aus Naumanns Verfassung, aus dem Juristischen Handbuch und aus der Göteborger Handelszeitung vorzulegen, und immer war die Schlußfolgerung, das Vaterland sei in Gefahr, wenn Seine Majestät der König für alle Aktiengesellschaften, deren Statuten von ihm sanktioniert worden seien, solidarisch verantwortlich gemacht werde, und die Interessen des Vaterlandes ständen auf dem Spiel. Einer war kühn genug, zu behaupten, die Interessen des Vaterlandes ständen auf einem Becherwurf, während ein anderer meinte, sie ständen auf einer Karte; manche waren der Ansicht, sie hingen an einem Haar, während der letzte Redner vorzog, zu sagen, sie hingen an einem Faden.
Vor Beginn der Mittagspause wurde die Verweisung an einen Ausschuß abgelehnt, das heißt, das Vaterland brauchte nicht mehr durch die Ausschußmühle, das Kanzleisieb, die Reichshäckselkiste, die Keulenschwinge und den Presselärm zu gehen. Das Vaterland war gerettet! Armes Vaterland!
[S. 148]
Karl Nikolaus Falk und seine liebe Frau saßen einige Zeit nach den Ereignissen des vorigen Kapitels eines Morgens am Kaffeetisch. Der Mann war, gegen seine Gewohnheit, nicht in Schlafrock und Pantoffeln, und die Frau hatte einen kostbaren Morgenrock an.
»Ja, du, sie sind gestern hier gewesen und haben alle fünf ihr Leid geklagt,« sagte die Frau mit einem munteren Lachen.
»Das ist doch ver...«
»Nikolaus! Besinne dich! Du stehst jetzt nicht mehr hinterm Ladentisch!«
»Was soll ich denn sagen, wenn ich wütend werde?«
»Erstens wird man nicht wütend, man wird böse! Und dann kann man sagen: ›Das ist sehr merkwürdig!‹«
»Nun, es ist also sehr merkwürdig, daß du mich immer mit unangenehmen Dingen traktieren mußt. Sprich nicht ständig von so etwas, was mich in Wut bringt.«
»Ärgert, mein Alter! — So, ich soll also immer meinen Kummer allein tragen, du aber lastest ...«
»Lädst heißt es.«
»Lastest heißt es, deinen Ärger mir auf. Sag, hast du mir das versprochen, als wir uns heirateten?«
[S. 149]
»Nun, nun, nur keine Auseinandersetzungen, keine Logik! Sprich nur weiter! Sie waren also alle fünf hier, die Mama und deine fünf Schwestern!«
»Vier Schwestern! Du hast wirklich nicht viel Liebe zu deinen Verwandten!«
»Zu deinen Verwandten! Das hast du doch auch nicht!«
»Nein! Ich mag sie nicht!«
»Nun also, sie waren hier und haben darüber gejammert, daß dein Schwager aus dem Amt gejagt ist, das hatten sie im ›Vaterland‹ gelesen. War es nicht so?«
»Jawohl! Und dann waren sie unverschämt genug, mir zu sagen, ich hätte jetzt keine Berechtigung mehr, dicknäsig zu sein.«
»Hochmütig, Altchen!«
»Dicknäsig, haben sie gesagt; ich würde mich nie herabgelassen haben, einen solchen Ausdruck anzuwenden!«
»Nun, was hast du denn geantwortet? Du hast es ihnen wohl ordentlich gegeben?«
»Ja, darauf kannst du dich verlassen! Und zwar so, daß die Alte drohte, nie mehr ihren Fuß über meine Schwelle zu setzen.«
»Ach, hat sie das gesagt? Glaubst du, daß sie Wort hält?«
»Nein, das glaube ich nicht! Aber sicher ist, daß der Alte ...«
»Du sollst nicht ›der Alte‹ von deinem Vater sagen, wenn einer es hört.«
[S. 150]
»Glaubst du, dann würde ich mir das erlauben? — Jedenfalls kommt der Alte — unter uns — nie mehr hierher.«
Falk versank in tiefes Nachdenken. Dann nahm er wieder das Wort:
»Ist deine Mutter hochmütig? Ist sie leicht zu verletzen? Ich verletze so ungern Menschen, wie du weißt! Du mußt mir ihre schwachen, empfindlichen Seiten aufzählen, dann werde ich vermeiden, ihnen zu nah zu kommen.«
»Ob sie hochmütig ist? Das weißt du doch, auf ihre Art. Wenn sie zum Beispiel erführe, daß wir eine Gesellschaft gegeben und sie und die Schwestern nicht eingeladen hätten, dann würde sie nie wieder herkommen.«
»Sicher nicht?«
»Ja, darauf kannst du dich verlassen!«
»Es ist merkwürdig, daß Leute ihres Standes ...«
»Was redest du?«
»Nun, nun! Daß Frauen so empfindlich sein können! Sag einmal, wie steht es augenblicklich mit deinem Verein? Wie nanntest du ihn doch?«
»Für Frauenrechte!«
»Was sollen das für Rechte sein?«
»Nun, die Frau soll über ihr Vermögen selbst verfügen können.«
»Kannst du das denn nicht?«
»Nein, das kann ich nicht.«
»Ja, was hast du denn für Vermögen, über das du nicht verfügen darfst?«
»Dein halbes Vermögen, mein Alter! Meinen gesetzlichen Anteil als deine Ehefrau!«
[S. 151]
»Himmeldonnerwetter, wer hat dich solche Dummheiten gelehrt?«
»Das sind keine Dummheiten, das ist der Geist der Zeit, siehst du. Die neue Gesetzgebung müßte so werden: Ich hätte bei unserer Heirat die Hälfte bekommen müssen, und für diese Hälfte hätte ich kaufen können, was ich wollte.«
»Und wenn du sie ausgegeben hättest, müßte ich dich doch versorgen? Ich würde mich hüten!«
»Du würdest wohl dazu gezwungen werden, sonst kommst du ins Arbeitshaus! So steht es im Gesetz, wenn einer seine Frau nicht versorgen will.«
»Nein, höre einmal, jetzt geht es zu weit! Aber abgesehen davon: habt ihr eine Sitzung gehabt? Was sind denn da für Leute gewesen? Erzähle doch!«
»Wir stellen jetzt in den vorbereitenden Sitzungen erst die Statuten auf.«
»Nun, was sind denn für Leute da?«
»Vorläufig erst Frau Revisor Homan und Ihre Gnaden Rehnhjelm.«
»Rehnhjelm! Das ist ein recht guter Name! Mir ist, als hätte ich ihn schon früher einmal gehört. Aber war nicht auch von einem Nähverein die Rede, den ihr gründen wolltet?«
»Stiften, heißt es! Ja, und denke nur, Pastor Skaare will einmal abends kommen und eine Vorlesung halten.«
»Pastor Skaare ist ein vortrefflicher Prediger und verkehrt in der vornehmen Welt. Es ist recht, mein Altchen, daß du schlechte Gesellschaft meidest. Es gibt nichts Gefährlicheres für den Menschen als schlechte[S. 152] Gesellschaft. Das hat mein Vater immer gesagt und das ist einer meiner strengsten Grundsätze geworden.«
Die Frau las Brotkrümel auf und versuchte mit ihnen ihre leere Kaffeetasse zu füllen; der Mann wühlte in der Westentasche nach seinen Zahnstochern, um etwas Kaffee zu entfernen, der sich zwischen den Zähnen festgesetzt hatte.
Die beiden Ehegatten genierten sich voreinander. Jeder kannte die Gedanken des andern, und sie wußten, wer zuerst das Schweigen brach, würde eine Dummheit sagen, etwas Kompromittierendes. Sie suchten in aller Stille nach neuen Themen, prüften sie, fanden sie aber untauglich; alle standen in irgendeiner Beziehung zu dem eben Gesprochenen oder waren damit in Verbindung zu bringen. Falk versuchte einen Fehler im Arrangement des Tisches zu entdecken, der sich seinen Unwillen zuziehen konnte. Die Frau blickte aus dem Fenster, um eventuell einen Wetterumschlag zu konstatieren, aber — vergeblich.
Da kam der Diener und brachte mit den Zeitungen den Rettungsanker, während er zugleich Herrn Levin meldete.
»Lassen Sie ihn warten!« befahl der Herr des Hauses.
Darauf ließ er die Stiefel eine Weile über die Dielen knarren, damit der arme Wartende draußen auf dem Korridor beizeiten von seinem hohen Kommen unterrichtet würde.
Levin, auf den das neu erfundene Warten auf dem Korridor einen lebhaften Eindruck machte, wurde[S. 153] schließlich, zitternd, in das Zimmer des Hausherrn geführt, wo er kurz wie ein Bittsteller empfangen wurde.
»Hast du das Wechselformular bei dir?« fragte Falk.
»Ich glaube,« antwortete der Bestürzte und holte ein Bündel Schuldscheine und Wechselformulare aller möglichen Gattungen aus der Tasche. — »Zu welcher Bank möchtest du am liebsten gehen? Ich habe Formulare für sozusagen alle.«
Trotz dem feierlichen Charakter der Situation mußte Falk lachen, als er halbausgefüllte Schuldscheine sah, auf denen der eine Name fehlte, ausgeschriebene Wechsel ohne Akzeptanten und fertige Wechsel, die refüsiert worden waren.
»Wir nehmen wohl die Reiferbank,« sagte Falk.
»Das ist wirklich die einzige, die nicht geht, weil — man — mich dort kennt!«
»Nun, dann die Schuhmacherbank, die Schneiderbank, irgend eine, aber rasch!«
Man einigte sich auf die Schreinerbank.
»Nun,« sagte Falk mit einem Blick, als habe er die Seele des andern gekauft, »jetzt mußt du dir einen neuen Anzug bestellen, aber bei einem Uniformschneider, damit du später deine Uniform auf Kredit bekommst.«
»Uniform? Die brauche ich nicht ...«
»Schweig, wenn ich spreche! Sie muß Donnerstag nächster Woche fertig sein, wenn ich meine große Gesellschaft gebe. Du weißt, ich habe mein Geschäft mit Lager verkauft und bekomme morgen das Bürgerrecht als Großhändler.«
[S. 154]
»Oh, ich gratuliere ...«
»Schweig, wenn ich spreche! Jetzt gehst du nach Skeppsholm und machst einen Besuch! Durch dein falsches Wesen und dein unerhörtes Talent, Unsinn zu schwatzen, hast du meine Schwiegermutter erobert. Gut! Nun frage sie, wie sie über meine große Gesellschaft am vorigen Sonntag denkt.«
»Über deine ...? Hast du ...?«
»Schweig und gehorche nur! — Dann wird sie grüne Augen machen und fragen, ob du eingeladen gewesen seist! Das bist du natürlich nicht, da ich überhaupt keine Gesellschaft gegeben habe. Gut! Ihr äußert gegenseitig euer Mißvergnügen, werdet gute Freunde, verleumdet mich, ich weiß, das kannst du; aber meine Frau mußt du loben! Verstehst du?«
»Nein, nicht ganz!«
»Das brauchst du auch nicht, gehorche nur! Noch eins: Du kannst Nyström sagen, ich sei so hochmütig geworden, daß ich nicht mehr mit ihm verkehren wolle. Sage das rundheraus, dann sagst du doch einmal die Wahrheit! — Nein, halt! Wir wollen damit noch etwas warten. Du gehst zu ihm, sprichst von der Bedeutung des Donnerstags, stellst ihm die großen Vorteile vor, die vielen Wohltaten, die glänzenden Aussichten und so weiter. Du verstehst.«
»Ich verstehe!«
»Aber dann gehst du zum Buchdrucker mit dem Manuskript, und dann ...«
»Dann stoßen wir ihn nieder!«
»Ja, wenn du dich so ausdrücken willst, meinetwegen!«
[S. 155]
»Und ich lese auf der Gesellschaft die Verse vor und teile sie aus?«
»Hm, ja! Noch eins! Versuche mit meinem Bruder zusammenzukommen! Erkunde seine ganzen Verhältnisse und mit wem er verkehrt! Hefte dich an ihn, stiehl sein Vertrauen — das ist leicht; werde sein Freund! Sage ihm, ich hätte ihn betrogen, sage ihm, ich sei hochmütig, und frage ihn, wieviel er dafür verlangt, seinen Namen abzulegen!«
Levins weißes Gesicht wurde von einem leichten grünen Schatten überzogen, der ein Erröten vorstellen sollte.
»Dies letzte ist nicht schön,« sagte er.
»Was? Hör einmal! Noch eins! Als Geschäftsmann möchte ich meine Angelegenheiten in Ordnung haben! Ich bürge für eine soundso große Summe, — ich muß sie bezahlen, das ist doch klar!«
»Oh! Oh!«
»Ach rede nicht! Im Falle eines Todes habe ich keine Sicherheit. Schreibe mir diesen Schuldschein aus, ausgestellt auf den Inhaber und auf Sicht zahlbar; das ist ja nur eine Formalität!«
Bei dem Worte Inhaber ging ein leichtes Zittern durch Levins Glieder, und er faßte zögernd die Feder, obwohl er genau wußte, daß es keinen Rückzug gab. Er sah eine Perspektive von schäbigen Kerlen, die Spalier standen, mit Stöcken in den Händen, Kneifern vor den Augen, die Brusttaschen geschwollen von gestempelten Schriftstücken, er hörte Klopfen an Türen, Laufen auf Treppen, Vorladungen, Drohungen, Fristgewährungen;[S. 156] hörte die Rathausuhr schlagen, während die Männer ihre spanischen Rohre schulterten und er mit einem Klotz am Bein zum Richtplatz geführt wurde, wo man ihn selber laufen ließ, während seine Bürgerehre beim Jubel der Menge unter dem Beil fiel.
Er unterschrieb. Die Audienz war zu Ende.
[S. 157]
Schweden hatte vierzig Jahre lang gearbeitet, um die Berechtigung zu erlangen, die jeder mündig Gewordene zu bekommen pflegt. Man hatte Broschüren geschrieben, Zeitungen gegründet, Steine geworfen, Diners eingenommen und Reden gehalten; man hatte Tagungen veranstaltet und Petitionen aufgesetzt, hatte Eisenbahnfahrten gemacht, Hände gedrückt, Freiwilligenkorps eingerichtet, und schließlich mit viel Lärm bekommen, was man wollte. Der Enthusiasmus war groß und berechtigt. Die alten Birkentische im Opernkeller wurden zu politischen Tribünen, aus dem Dunst des Reformpunsches wurde dort mancher Politiker geboren, der sich später zu einem großen Schreier entwickelte, der Duft der Reformzigarren weckte manchen ehrgeizigen Traum, der sich später nicht verwirklichte; man wusch mit Reformseife den alten Staub von sich ab und dachte, alles sei gut; und dann ging man schlafen nach dem vielen Lärm, um auf das glänzende Resultat zu warten, das jetzt von selber kommen mußte. Man schlief ein paar Jahre lang, aber als man aufwachte, stand die Wirklichkeit vor einem, und man glaubte sich[S. 158] verrechnet zu haben. Hier und da wurde ein Murren laut; die Staatsmänner, die man noch eben bis zu den Wolken emporgehoben hatte, wurden kritisiert; unter der studierenden Jugend gab es sogar Leute, die entdeckten, daß die ganzen Anträge von einem Lande übernommen seien, das zu dem Antragsteller in sehr nahen Beziehungen stand, und daß man diese Anträge im Original in einem sehr bekannten Handbuch lesen könne. Genug: die Zeit zeichnete sich durch eine gewisse Niedergeschlagenheit aus, die bald die Form allgemeiner Unzufriedenheit oder Opposition, wie man es nennt, annahm. Doch es war eine neue Art Opposition, denn sie war nicht, wie gewöhnlich, gegen die Regierung gerichtet, sondern gegen den Reichstag. Es war eine konservative Opposition, der sich Liberale und Konservative, Junge und Alte anschlossen, so daß es ein großes Elend im Lande war.
Nun ereignete es sich, daß die Zeitungsaktiengesellschaft »Graumützchen«, die unter liberalen Konjunkturen geboren und groß geworden war, einzuschlafen begann, da sie Ansichten verteidigen sollte (falls man von Ansichten einer Aktiengesellschaft sprechen kann), die nicht populär waren. Die Direktion legte der Generalversammlung einen Antrag auf Änderung gewisser Ansichten vor, die nicht mehr die für den Bestand des Unternehmens erforderliche Abonnentenzahl sicherten. Die Generalversammlung nahm den Antrag an, und das »Graumützchen« gehörte jetzt zu den Konservativen. Aber — hier war ein Aber, das freilich die Gesellschaft nicht sehr bedrückte — man mußte den Chefredakteur wechseln um[S. 159] sich nicht zu blamieren; daß die unsichtbare Redaktion bleiben konnte, sah man als selbstverständlich an. Der Chefredakteur, der ein Ehrenmann war, nahm seinen Abschied. Die Redaktionsmitglieder, die lange wegen ihres roten Anstrichs gelästert worden waren, akzeptierten das Anerbieten mit Freude, da sie dadurch gratis ein Diplom als »bessere Leute« bekamen. Blieb nur die Sorge, einen neuen Chefredakteur zu beschaffen. Nach dem neuen Programm der Gesellschaft mußte er folgende Qualifikationen besitzen: er mußte zunächst ungeteiltes Vertrauen als Mitbürger genießen, mußte dem Beamtenstande angehören, mußte einen Titel haben, mochte er usurpiert oder erworben sein, der bei Bedarf verbessert werden konnte, mußte außerdem ein respektables Äußeres besitzen, so daß er sich bei Festen und andern öffentlichen Veranstaltungen sehen lassen konnte, mußte unselbständig sein, vielleicht etwas dumm, weil die Gesellschaft wußte, daß wahre Dummheit stets von konservativer Denkart und daneben einem gewissen Grad von Hinterlist begleitet ist, die die Wünsche der Vorgesetzten in der Luft spürt und nie vergißt, daß das allgemeine Wohl privater Natur ist, vom rechtlichen Standpunkt nämlich; er mußte bei Jahren sein, weil man ihn dann leichter lenken konnte, und verheiratet, weil die Gesellschaft, die aus Geschäftsleuten bestand, die Erfahrung gemacht hatte, daß verheiratete Knechte sich besser benahmen als unverheiratete.
Diese Persönlichkeit wurde gefunden und besaß in hohem Grade alle aufgeführten Eigenschaften. Es war ein selten schöner Mann von ziemlich guter Figur, mit[S. 160] langem, wallendem, blondem Vollbart, der alle schwachen Punkte seines Gesichtes verdeckte, durch die sonst die Seele unbehindert hätte hindurchblicken können. Seine großen, offnen, falschen Augen fingen den Beschauer ein und lauerten ihm sein Vertrauen ab, das dann ehrlich mißbraucht wurde; seine etwas verschleierte Stimme, die nur Worte der Liebe, des Friedens, der Gerechtigkeit und vor allem der Vaterlandsliebe sprach, lockte viele irre gemachte Zuhörer an den Punschtisch, an dem der vortreffliche Mann seine Abende verbrachte, indem er Gerechtigkeit und vaterländisches Gefühl propagierte. Man vernahm mit Erstaunen, welchen Einfluß dieser Ehrenmann auf seine schlechte Umgebung ausüben sollte; sehen konnte man es nicht, aber man hörte es. Diese ganze Koppel, die jahrelang auf alles Alte und Ehrwürdige losgelassen gewesen, die auf Regierung und Beamte gehetzt worden war, die sogar die höheren Dinge angegriffen hatte, war jetzt still und liebevoll, nur nicht gegen die alten Freunde; ehrenhaft und gerecht, nur nicht in ihrem Herzen. Sie folgten in allem dem neuen Programm, das der neue Redakteur bei seinem Regierungsantritt aufgestellt hatte und dessen Kardinalpunkt — in wenigen Worten — war, alles neue Gute zu verfolgen, alles alte Schlechte zu fördern, vor der Macht zu kriechen, die emporzuheben, die Erfolg hatten, die niederzuschlagen, die hinauf wollten, den Erfolg zu verehren und das Unglück zu schmähen; in der freien Übersetzung des Programms hieß dies allerdings: »Nur dem Erprobten und anerkannt Guten Beifall zu spenden, aller Sensationssucht entgegenzuarbeiten,[S. 161] streng aber gerecht den Einzelnen zu verfolgen, der durch Unehrlichkeit den Erfolg erringen möchte, den nur redliche Arbeit schenken darf.« Für diesen geheimnisvollen letzten Punkt, der den Redaktionsmitgliedern am meisten am Herzen lag, gab es eine nicht allzufern liegende Erklärung. Die Redaktion bestand nämlich aus lauter Leuten, die alle auf irgendeine Weise in ihren Hoffnungen enttäuscht worden waren; die meisten allerdings durch eigene Schuld, hauptsächlich durch Leichtsinn und Trunksucht; einige waren sogenannte Universitätsgenies gewesen, die einmal als Sänger, Redner, Poeten oder Witzbolde einen großen Namen gehabt hatten und später einer gerechten Vergessenheit, die sie ungerecht nannten, anheimfielen. Nun hatten sie eine Reihe von Jahren hindurch voll Ärger alle Unternehmungen der Neulinge und überhaupt alles Neue fördern und rühmen müssen; es war also kein Wunder, wenn sie jetzt die günstige Gelegenheit ergriffen, um unter dem ehrenhaftesten Vorwand allem, was neu war, Gutem und Schlechtem durcheinander und ohne Unterschied, den Krieg zu erklären. Der Redakteur besonders war ein wahrer Herkules in bezug darauf, Humbug und Unehrlichkeit aufzustöbern. Wenn ein Reichstagsabgeordneter sich Anträgen widersetzte, die darauf hinausliefen, für die Interessen privater Vereinigungen das Land zu ruinieren, so wurde er sofort als ein Scharlatan bezeichnet, der originell sein wolle, der nach dem Ministerfrack dürste — er sagte nicht Portefeuille, denn er hielt sich meistens an die Kleider. Aber die Politik war nicht seine Stärke,[S. 162] oder ehrlicher gesagt, seine Schwäche; das war die Literatur. Er hatte einmal auf dem Nordischen Fest eine Rede in Versen auf die Frau gehalten und damit einen wichtigen Beitrag zur lyrischen Literatur geliefert, der auch in so vielen Provinzzeitungen abgedruckt wurde, wie der Verfasser für seine Unsterblichkeit für nötig hielt. Damit war er Dichter; er kaufte sich nach bestandenem Examen ein Billett zweiter Klasse, um nach Stockholm zu fahren, ins Leben hinauszutreten und die Huldigung entgegenzunehmen, die er in seiner Eigenschaft als Dichter verlangen konnte. Unglücklicherweise lesen die Großstädter die Provinzzeitungen nicht. Der junge Mann war unbekannt, und sein Talent wurde nicht gewürdigt. Als kluger Mann, denn sein kleiner Verstand hatte nie durch eine übermächtige Phantasie Schaden genommen, verbarg er die Wunde und ließ sie das Geheimnis seines Lebens sein. Die Bitterkeit, hervorgerufen dadurch, daß er seine ehrliche Arbeit, wie er es nannte, unbelohnt sah, machte ihn besonders geeignet zum Kritiker literarischer Werke; aber er schrieb nicht selbst, denn seine Stellung verbot ihm, an solchen persönlichen Beschäftigungen teilzunehmen, sondern das überließ er dem Rezensenten, der alle an Gerechtigkeit und unbeugsamer Strenge übertraf. Dieser hatte selbst sechzehn Jahre lang Verse geschrieben, die kein Mensch gelesen hatte, unter Benutzung eines Pseudonyms, ohne daß irgend jemand sich die Mühe gemacht hätte, nach dem wirklichen Namen des Verfassers zu fragen. Seine Gedichte wurden aber jede Weihnacht aus dem Staub ausgegraben und[S. 163] im »Graumützchen« gelobt, von einem Unparteiischen natürlich, der stets seine Signatur unter den Artikel setzte, damit das Publikum nicht glauben solle, der Verfasser habe ihn selbst geschrieben; denn man hoffte immer noch, daß der Verfasser dem Publikum bekannt sei. Jetzt, im siebzehnten Jahre, hielt der Verfasser es für opportun, ein neues Buch (die Neuauflage eines alten) unter seinem wirklichen Namen herauszugeben. Aber da wollte das Unglück, daß das »Rotkäppchen«, das von jungen Leuten geschrieben wurde, die nie den wirklichen Namen des alten Pseudonymus gehört hatten, den Verfasser als einen Anfänger behandelte und sein Erstaunen darüber ausdrückte, daß ein Schriftsteller gleich bei seinem ersten Auftreten seinen Namen auf das Buch setzte und ferner, daß ein junger Mann so trocken und so altmodisch schreiben könne. Das war ein harter Schlag; der alte Pseudonymus bekam einen Fieberanfall, erholte sich aber wieder, nachdem er im »Graumützchen« glänzend rehabilitiert worden war, das in einem Atem das ganze Publikum herunterriß, es unsittlich und unehrlich nannte, weil es eine ehrliche, gesunde und moralische Arbeit nicht zu schätzen vermöge, die man ohne Schaden einem Kind in die Hand geben könne. Über diesen letzten Ausspruch machte sich ein Witzblatt sehr lustig, so daß der Pseudonymus einen Rückfall bekam, worauf er aller einheimischen Literatur, die künftig herauskommen würde, ewigen Tod schwur; freilich nicht aller, denn ein guter Beobachter konnte bemerken, daß recht häufig schlechte Literatur im »Graumützchen« gelobt wurde, wenn auch in lahmer, zweideutiger[S. 164] Art, und derselbe Beobachter konnte feststellen, daß diese Literatur von bestimmten Verlegern herausgegeben wurde; das brauchte aber nicht zu bedeuten, daß der Pseudonymus sich von irgendwelchen äußeren Umständen, wie Kohlrouladen oder Fischkonserven, hätte beeinflussen lassen, denn er war, gleich allen Mitgliedern der Redaktion, ein gerechter Mann, der ganz sicher nicht gewagt haben würde, mit andern so hart ins Gericht zu gehen, wenn er nicht selber untadelig gewesen wäre.
Dann kam der Theaterrezensent. Er hatte in einem Aushebungsbüro in X-köping seine Bildung erworben und seine dramatischen Studien gemacht und hatte sich dabei in eine Größe verliebt, die nur bei ihrem Auftreten in X-köping groß war. Da er nicht gebildet genug war, zwischen seinem privaten Urteil und einem mehr allgemeinen zu unterscheiden, so passierte ihm das Mißgeschick, daß er, als er zum erstenmal in den Spalten des »Graumützchens« losgelassen wurde, die erste Schauspielerin des Landes heruntermachte und behauptete, sie habe in dieser Rolle Mamsell — wie sie nun gerade hieß — imitiert. Daß dies auf plumpe Art geschah, braucht wohl nicht erwähnt zu werden, und daß es geschah, ehe das »Graumützchen« seinen Mantel nach dem Winde gedreht hatte, auch nicht. All das verschaffte ihm einen Namen, das heißt einen verhaßten, einen verachteten Namen, aber immerhin einen Namen, der ihn für den Unwillen, den er erregte, schadlos hielt. Zu seinen hervorragenderen, wenn auch spät geschätzten Eigenschaften als Theaterkritiker gehörte, daß er taub[S. 165] war. Da es mehrere Jahre dauerte, bis das entdeckt wurde, wußte man nicht, ob es mit einem Renkontre in Verbindung stand, das seine Rezension eines Abends im Opernvestibül, als das Gas schon ausgelöscht war, hervorgerufen hatte. Fortan übte er seine Armkraft nur an den Jungen, und wer die Verhältnisse kannte, konnte aus seiner Rezension genau ersehen, ob er etwa ein Mißgeschick in den Kulissen gehabt hatte, denn der eingebildete Kleinstädter hatte an irgendeinem schlechten Ort gelesen, Stockholm sei ein Paris, und das glaubte er.
Der Kunstkritiker endlich war ein alter Akademiker, der nie einen Pinsel in der Hand gehabt hatte, der aber dem vornehmen Künstlerverein Minerva angehörte, wodurch er in die Lage versetzt wurde, dem Publikum Kunstwerke zu beschreiben, bevor sie fertig waren, so daß er ihm die Mühe ersparte, sich sein Urteil selbst zu bilden. Er war immer mild gegen seine Bekannten und vergaß nie einen einzigen von ihnen, wenn er über eine Ausstellung berichtete; dabei hatte er eine so vieljährige Übung, gut über sie zu schreiben — wie hätte er es auch anders wagen sollen —, daß er zwanzig Stück in einer halben Spalte aufzählen konnte, wodurch seine Kritiken an das bekannte Spiel »Bilder und Verse« erinnerten. Die Jungen dagegen erwähnte er mit peinlicher Gewissenhaftigkeit nie, so daß das Publikum, das seit zehn Jahren nur immer die alten Namen gehört hatte, an der Zukunft der Kunst zu verzweifeln begann. Eine Ausnahme hatte er aber gemacht; das war gerade jetzt geschehen, und leider in einem unglücklichen Augenblick;[S. 166] deshalb befand sich das »Graumützchen« an diesem Morgen in erregter Gemütsverfassung.
Es war folgendes geschehen:
Sellén, wenn wir uns des unbedeutenden Namens von einem früheren, nicht eben bemerkenswerten Anlaß erinnern, war im letzten Augenblick mit seinem Bilde in die Ausstellung gekommen. Nachdem dieses den schlechtesten Platz, der eben möglich war, bekommen hatte, da sein Urheber weder die königliche Medaille besaß noch der Akademie angehörte, erschien der »Professor in Karls IX.« Er wurde so genannt, weil er nie etwas anderes als Szenen aus Karls IX. Geschichte malte; das wieder kam daher, daß er einmal auf einer Auktion ein Weinglas, ein Tischtuch, einen Stuhl und ein Pergament aus Karls IX. Zeit gekauft hatte; diese Gegenstände malte er jetzt seit zwanzig Jahren, bisweilen mit, bisweilen ohne König. Aber er war nun einmal Professor und Ritter hoher Orden, und das half nichts. Jetzt war er mit dem akademisch Gebildeten zusammen, als seine Augen zufällig auf den Oppositionsmann und sein Bild fielen.
»Ach, Sie sind auch wieder hier?« — Er setzte den Kneifer auf. »So, dies soll also der neue Stil sein! Hm! Hören Sie auf mich, mein Herr! Hören Sie auf einen alten Mann; nehmen Sie das weg! Nehmen Sie es weg! Oder ich sterbe! Und Sie tun sich selbst einen großen Gefallen! Was meinst du dazu, lieber Bruder?«
Der Bruder hielt es ganz einfach für eine Unverschämtheit; er wolle als Freund dem Herrn raten, Schildermaler zu werden.
[S. 167]
Sellén wendete sanftmütig aber durchdringend ein, es gebe so sehr viele tüchtige Leute in diesem Beruf, deshalb habe er die künstlerische Laufbahn gewählt, in der man ja im übrigen allem Anschein nach sehr viel leichter vorwärts komme. Über diese naseweise Antwort geriet der Professor außer sich, und er kehrte dem Niedergeschmetterten mit einer Drohung den Rücken, die der Akademiker in ein paar Verheißungen umwechselte.
Darauf hatte die erleuchtete Ankaufskommission getagt, — bei verschlossenen Türen. Als die Türen sich wieder öffneten, waren sechs Bilder angekauft für das Geld, das die Allgemeinheit bereitgestellt hatte zur Förderung einheimischer Künstler. Der Auszug aus dem Protokoll, der in den Zeitungen veröffentlicht wurde, hatte nachstehenden Wortlaut: »Der Kunstverein hat gestern folgende Arbeiten angekauft. 1. Wasser mit Ochsen, Landschaft von Großhändler K. 2. Gustaf Adolf vor dem Brand von Magdeburg. Geschichtliches Gemälde von Leinwandhändler L. 3. Ein sich schneuzendes Kind. Genrebild von Leutnant M. 4. Der Dampfer Bore im Hafen. Marine von Schiffsmakler N. 5. Wald mit Dame. Landschaft von Kgl. Sekretär O. 6. Hühner mit Champignons, Stilleben von Schauspieler P.«
Diese Kunstwerke, die durchschnittlich tausend Reichstaler kosteten, waren dann im »Graumützchen« in zweidreiviertel Spalten (die Spalte zu fünfzehn Kronen) gelobt worden, und das war nichts Merkwürdiges; aber der Rezensent hatte, teils um die Spalte zu füllen,[S. 168] teils um beizeiten ein zunehmendes Übel zu unterdrücken, eine Unsitte getadelt, die sich einzunisten begann: daß nämlich junge, unbekannte Abenteurer, die der Akademie entlaufen seien, jetzt ohne Studien, nur durch Effekthascherei und Kniffe das gesunde Urteil des Publikums zu trüben suchten. Hierauf wurde Sellén bei den Ohren genommen und gestäupt, so daß sogar seine Gegner es ungerecht fanden, — und dann weiß man Bescheid. Nicht genug damit, daß ihm jede Spur von Talent abgesprochen und er ein Scharlatan genannt wurde, man griff auch seine privaten finanziellen Verhältnisse an, machte Anspielungen auf die minderwertigen Lokale, in denen er zu Mittag essen mußte, auf die schlechte Kleidung, die er trug, auf seine mangelhafte Moral, seinen geringen Fleiß, und endete damit, ihm im Namen der Religion und der Sittlichkeit eine Zukunft in irgendeiner Zwangsanstalt zu prophezeien, wenn er sich nicht beizeiten bessere.
Dies war ein großes Verbrechen, aus Leichtsinn und Eigennutz begangen, und daß, als das »Graumützchen« an diesem Abend herauskam, nicht eine Seele verloren ging, war ein Wunder.
Vierundzwanzig Stunden später erschien der »Unbestechliche«. Er stellte gewisse eingehende Betrachtungen darüber an, wie das Geld der Allgemeinheit von einer Clique verwaltet werde; wie unter den jetzt angekauften Bildern kein einziges von einem Maler gemalt sei, sondern alle von Beamten und Gewerbetreibenden, die sich nicht entblödeten, mit den Künstlern zu konkurrieren, die hier ihr einziges Absatzgebiet hätten; wie diese Räuber[S. 169] den Geschmack verdürben und die Künstler demoralisierten, deren einziges Streben hinfort darauf gerichtet sein müsse, ebenso schlecht zu malen wie die Verkaufenden, wenn sie nicht untergehen wollten. Dann wurde Sellén erwähnt. Sein Bild sei das erste seit zehn Jahren, das einer Menschenseele entsprungen sei; zehn Jahre lang sei die Kunst ein Produkt von Farben und Pinsel gewesen; Selléns Bild sei eine ehrliche Arbeit, voll Inspiration und Begeisterung, völlig ursprünglich, wie nur ein Mensch, der dem Geist in der Natur ins Auge gesehen habe, malen könne. Der Rezensent warnte den Jungen, gegen die Alten zu kämpfen, denn die habe er schon überholt; er ermahnte ihn, zu glauben und zu hoffen, denn er habe eine Aufgabe usw.
Das »Graumützchen« schäumte vor Wut.
»Ihr sollt sehen, der Kerl hat Erfolg!« rief der Chefredakteur. »Zum Teufel, warum mußten wir auch so schroff gegen ihn vorgehen! Denkt, wenn er sich durchsetzt! Dann haben wir uns blamiert!« Aber der Akademiker schwur, er werde keinen Erfolg haben, und er ging nach Hause mit Unfrieden in der Seele und las in seinen Büchern und schrieb eine Abhandlung, die von neuem den Beweis führte, daß Sellén ein Scharlatan und der »Unbestechliche« bestochen sei.
Das »Graumützchen« atmete auf, aber nur, um einen neuen Schlag zu bekommen.
Die Morgenzeitungen des nächsten Tages verkündeten, Seine Majestät der König habe Selléns »meisterhafte[S. 170] Landschaft« angekauft, die bereits seit mehreren Tagen das Publikum in die Ausstellung locke.
Jetzt faßte der Wind das »Graumützchen«, und es flatterte wie ein Lappen auf einem Zaunpfahl. Sollte man umkehren oder drauflosgehen? Es galt die Zeitung, und es galt den Rezensenten. Da beschloß der Chefredakteur (auf Befehl des geschäftsführenden Direktors), den Rezensenten zu opfern und die Zeitung zu retten. Aber wie? Man erinnerte sich Struves, der in allen Labyrinthen der Öffentlichkeit völlig zu Hause war, und rief ihn herbei. In einem Augenblick hatte er die Situation erfaßt und versprach, in wenigen Tagen die Sache zu deichseln. Um Struves Machinationen zu verstehen, muß man einige der wichtigsten Daten seiner Biographie kennen. Er war der geborene ewige Student und nur aus Not in die Literatur gekommen. Zunächst wurde er Redakteur der sozialdemokratischen »Volksfahne«; darauf knüpfte er Beziehungen zu dem konservativen »Bauernschinder« an; als diese Zeitung aber in eine andere Stadt verlegt wurde, mit Inventar, Druckerei und Redakteur, änderte sich der Name in »Bauernfreund«, und damit nahmen auch die Anschauungen eine andere Farbe an. — Darauf war Struve an das »Rotkäppchen« verkauft worden, wo er gerade durch seine Bekanntschaft mit allen Schlichen der Konservativen sehr erwünscht war, genau wie es jetzt beim »Graumützchen« sein erheblichstes Verdienst war, daß er alle Geheimnisse des Todfeindes, des »Rotkäppchens«, kannte, die er mit der größten Freiheit mißbrauchte.
[S. 171]
Struve begann die Reinwaschungsarbeit mit einem Artikel in der »Volksfahne«, aus dem dann einige Zeilen im »Graumützchen« zitiert wurden, die von dem großen Zulauf zur Ausstellung berichteten. Darauf schrieb er ein Eingesandt im »Graumützchen«, worin er den akademischen Kritiker angriff; dem Eingesandt waren einige beruhigende Worte, »Die Redaktion« unterzeichnet, beigegeben. Diese Worte lauteten: »Obwohl wir niemals die Ansicht unseres geehrten Rezensenten in bezug auf die mit Recht sehr gerühmte Landschaft Herrn Selléns geteilt haben, können wir doch anderseits das Testimonium des geehrten Einsenders nicht voll unterschreiben; da es aber zu unseren Grundsätzen gehört, auch anderen Anschauungen in unseren Spalten Raum zu geben, so haben wir nicht gezögert, den obenstehenden Artikel zum Druck zu bringen.«
Jetzt war das Eis gebrochen. Struve, der, wie man sagte, über alles schrieb — außer über kufische Münzen —, schrieb jetzt eine glänzende Kritik über Selléns Bild zusammen und unterzeichnete sie mit dem höchst charakteristischen Dixi. Und da war das »Graumützchen« gerettet und Sellén natürlich auch, aber das war nicht so wichtig.
[S. 172]
Es ist sieben Uhr abends. Das Orchester bei Berns spielt den Hochzeitsmarsch aus dem Sommernachtstraum, und bei seinen festlichen Klängen hält Olle Montanus seinen Einzug ins Rote Zimmer, in dem noch keins der Mitglieder anwesend ist. Olle sieht heute stattlich aus. Er hat einen hohen Hut auf, den er seit seiner Konfirmation nicht mehr besessen hat. Er hat neue Kleider, heile Stiefel an, ist gebadet, frisch rasiert und hat sich die Haare brennen lassen, als wolle er auf seine Hochzeit gehen; eine schwere Messingkette hängt auf der Weste, und eine deutliche Anschwellung ist an der linken Westentasche zu sehen. Ein sonniges Lächeln liegt auf seinem Gesicht, und er sieht so gütig aus, als wolle er der ganzen Welt mit einem kleinen Vorschuß helfen. Er legt seinen früher so vorsichtig zugeknöpften Überzieher ab und setzt sich mitten auf das Sofa, schlägt den Rock auf und zupft an der weißen Chemisette, daß sie sich knackend wölbt, und wenn er sich bewegt, knistert das Futter der neuen Hosen und der Weste. Das scheint ihm großes Vergnügen zu machen, ebenso großes, als wenn er seine Stiefel an den Sofabeinen knarren läßt. Er holt seine Uhr heraus, seine[S. 173] alte, liebe Kartoffel, die ein Jahr lang und noch einen Fristmonat im Leihhaus gewesen ist, und die beiden Freunde scheinen sich beide der Freiheit zu freuen. Was ist diesem armen Menschen passiert, daß er so unsagbar glücklich aussieht? Wir wissen, daß er nicht in der Lotterie gewonnen, keine Erbschaft gemacht, keine ehrenvolle Anerkennung bekommen, nicht das holde Glück errungen hat, das über alle Beschreibung geht; was ist denn nur geschehen? Ganz einfach: er hat Arbeit gefunden!
Und dann kommt Sellén: in Samtjacke, Lackschuhen, mit Plaid und einem Krimstecher am Riemen, Spazierstock, gelbseidenem Halstuch, zartfarbigen Handschuhen und einer Blume im Knopfloch. Ruhig und zufrieden wie immer; keine Spur von den aufregenden Eindrücken, denen er in den letzten Tagen ausgesetzt war, ist auf seinem mageren, intelligenten Gesicht zu sehen. In seiner Gesellschaft ist Rehnhjelm, stiller als gewöhnlich, denn er weiß, daß er sich von einem Freund und Beschützer trennen muß.
»Nun, Sellén,« sagt Olle, »jetzt bist du glücklich? Nicht wahr?«
»Glücklich! Was ist das für ein Unsinn. Es ist mir gelungen, eine Arbeit zu verkaufen. Die erste in fünf Jahren! Ist das zuviel?«
»Aber du hast doch die Zeitungen gelesen? Du hast einen Namen!«
»Nun, darum wollen wir uns nicht kümmern! Du mußt nicht glauben, daß ich mir aus solchen Bagatellen etwas mache. Ich weiß ganz genau, wieviel mir noch[S. 174] fehlt, bis ich etwas bin! In zehn Jahren, Bruder Olle, wollen wir über die Sache reden.«
Und Olle glaubt die eine Hälfte und glaubt die andere nicht, und er knackt mit der Chemisette und knistert mit dem Futter, so daß Selléns Aufmerksamkeit erregt wird und er sich zu dem Ausruf veranlaßt sieht:
»Potztausend, wie fein du bist!«
»Ja, findest du? Aber du siehst ja aus wie ein Löwe!«
Und Sellén peitscht seine Lackschuhe mit dem Stöckchen, riecht verschämt an der Blume im Knopfloch und sieht sehr gleichgültig aus.
Da aber holt Olle seine Kartoffel heraus, um nachzusehen, ob Lundell nicht bald kommt; und da muß Sellén sein Fernglas nehmen, um nach den Galerien hinaufzusehen, ob er vielleicht dort sitzt. Dann aber darf Olle mit der Hand über die Samtjacke streichen, um zu fühlen, wie weich sie ist, denn Sellén versichert, daß es für den Preis ungewöhnlich guter Samt ist. Und da muß Olle fragen, was er kostet, und das weiß Sellén, der zur Revanche Olles Manschettenknöpfe bewundert, die aus Muscheln gemacht sind.
Und dann erscheint Lundell, der bei dem großen Schmaus auch einen Knochen abbekommen hat, denn er soll für geringen Preis das Altarbild für die Kirche in Träskaala malen; aber das hat keinen sichtbaren Einfluß auf seinen äußeren Menschen gehabt, abgesehen davon, daß seine fetten Wangen und sein strahlendes Gesicht eine bessere Diät andeuten. Und mit ihm[S. 175] kommt Falk. Ernst, aber froh, ehrlich froh im Namen der ganzen Welt, weil dem Verdienst Gerechtigkeit widerfahren ist.
»Ich gratuliere dir, Sellén, aber das war nicht mehr als recht,« sagte er. — Und das findet Sellén auch.
»Ich habe seit fünf Jahren ebenso gut gemalt, weißt du, und man hat gegrinst; man hat noch vorgestern gegrinst; aber jetzt! Pfui Teufel, sind das Menschen! Sieh, diesen Brief habe ich von diesem Idioten, dem Professor in Karls IX., bekommen.«
Große Augen und scharfe Augen, denn den Tyrannen möchte man gern in der Nähe sehen, ihn in den Händen halten und wenigstens das Papier mißhandeln, auf dem er seinen Namen geschrieben hat.
»›Mein bester Herr Sellén!‹ Hört nur! — ›Ich heiße Sie in unserer Mitte willkommen!‹ — Die Kanaille hat Angst! — ›Ich habe immer eine hohe Meinung von Ihrem Talent gehabt!‹ — So ein Heuchler! Zerreißt den Wisch und laßt uns seine Dummheit vergessen!«
Und dann nötigt Sellén zum Trinken; er stößt mit Falk an und spricht die Hoffnung aus, er werde auch bald in irgendeiner Weise durch seine Feder von sich hören lassen; Falk zögert und errötet und verspricht, das zu tun, wenn die Zeit da sei, aber seine Studienzeit werde lange dauern; er bittet die Freunde, nicht die Geduld zu verlieren, wenn er auf sich warten lasse, und dankt Sellén für die gute Kameradschaft, in der er gelernt habe, Geduld zu üben und Entbehrungen zu ertragen. Sellén jedoch sagt, er solle keinen Unsinn[S. 176] schwatzen; was es für eine Kunst sei, zu leiden, wenn man keine andere Wahl habe, und inwiefern es merkwürdig sei, zu entsagen, wenn man nichts bekomme?
Olle aber lacht so gütig, und die Hemdbrust schwillt vor Freude, so daß man die roten Hosenträger sieht, und er trinkt auf Lundells Wohl und rät ihm, sich Sellén zum Vorbild zu nehmen, damit er nicht um der ägyptischen Fleischtöpfe willen das Gelobte Land vergesse; denn er habe Talent, das habe Olle gesehen, und zwar immer, wenn er er selber bleibe und seine eigenen Gedanken male; sobald er aber heuchle und fremde Gedanken male, dann sei er schlechter als andere; deshalb solle er jetzt dies Altarbild als ein Geschäft auffassen, durch das er in die Lage versetzt werde, später nach eigenem Kopf und Herzen zu malen.
Falk will die Gelegenheit wahrnehmen und heraushören, was Olle über sich selbst und seine Kunst denkt, etwas, was ihm schon lange ein Rätsel ist, als Ygberg das Rote Zimmer betritt. Man bestürmt ihn im nächsten Augenblick mit Einladungen, Platz zu nehmen, denn man hatte ihn in den stürmischen Tagen vergessen, und will ihm nun zeigen, daß es nicht aus egoistischen Gründen geschehen ist; Olle aber wühlt in seiner rechten Westentasche, und mit einer Geste, die sehr unauffällig sein soll, stopft er einen zusammengerollten Papierlappen in Ygbergs Rocktasche, und dieser versteht, denn er antwortet mit einem dankbaren Blick.
Ygberg trinkt Sellén zu und meint, man könne wohl sagen, was er bereits an anderer Stelle ausgesprochen habe, Sellén habe sein Glück gemacht. Anderseits[S. 177] wieder könne man auch behaupten, das sei nicht der Fall. Sellén sei noch nicht entwickelt, er brauche noch viele Jahre, denn die Kunst sei lang, das wisse Ygberg selbst, der entschiedenes Pech gehabt habe und deshalb nicht in den Verdacht kommen könne, einen zu beneiden, der bereits so anerkannt sei wie Sellén.
Der aus Ygbergs Rede sprechende Neid rief eine leichte Wolke an dem sonnigen Himmel hervor, aber nur für einen Augenblick, denn alle wußten, daß der Neid durch die Bitterkeit eines langen, verlorenen Lebens zu entschuldigen war.
Mit desto froheren Gefühlen überreichte Ygberg gönnerhaft Falk eine neugedruckte kleine Schrift, und dieser sah mit Erstaunen das schwarze Bild der Ulrika Eleonora sich auf dem Umschlag abzeichnen. Ygberg erklärte, er habe die Bestellung auf den Tag abgeliefert. Smith habe Falks Absage und seinen Widerruf mit größter Ruhe entgegengenommen und sei jetzt im Begriff, Falks Gedichte zu drucken.
Die Gaslampen verloren ihren Schein vor Falks Augen, und er versank in tiefe Gedanken, weil sein Herz zu voll war, um sich Luft machen zu können. Seine Gedichte sollten gedruckt werden, und Smith würde die hohen Kosten bestreiten. Es mußte also etwas daran sein! Das war genug zum Nachdenken für diesen Abend.
Rasch enteilten die Stunden dieses Abends den Glücklichen, und die Musik verstummte, und die Gaslampen wurden ausgelöscht; man mußte gehen, aber es war noch zu früh, sich zu trennen, und so machten sie einen[S. 178] Spaziergang an den Kaien entlang unter endlosen Gesprächen und philosophischen Erörterungen, bis sie müde und durstig wurden; da endlich schlug Lundell vor, die Gesellschaft zu Marie zu führen, bei der sie Bier bekommen würden. Und nun wanderten sie nach Ladugaardsland hinaus und kamen in eine Gasse, die auf den Zaun eines ans unbebaute Land grenzenden Tabakfeldes mündete. Da standen sie nun vor einem alten zweistöckigen Steinhause, das nach der Straße einen Giebel hatte. Über der Tür grinsten zwei in die Mauer eingesetzte Köpfe aus Sandstein, deren Ohren und Kinn sich in Blatt- und Schneckenformen auflösten, die ein Schwert und ein Beil umgaben. Dies war das alte Scharfrichterhaus. Lundell, der mit der Örtlichkeit bekannt zu sein schien, gab ein Signal vor einem Fenster zu ebener Erde, worauf das Rouleau hochgezogen und eine Scheibe geöffnet wurde; ein Frauenkopf sah heraus und fragte, ob es Albert sei. Als Lundell sich zu diesem seinem Nom de guerre bekannte, schloß die Frau die Tür auf und ließ die Gesellschaft herein gegen das Versprechen, leise zu sein; da dieses Versprechen ohne Schwierigkeit gegeben werden konnte, so befand sich das Rote Zimmer bald im Hause und wurde Marie unter schnell angenommenen Namen vorgestellt.
Das Zimmer war nicht groß; es war früher eine Küche gewesen, und der Herd war noch darin. Das Meublement bestand aus einer Kommode, wie Dienstmädchen sie haben; darauf ein Spiegel mit einer weißen Musselingardine; über dem Spiegel eine kolorierte Lithographie,[S. 179] die den Erlöser am Kreuz darstellte; die Kommode war überladen mit kleinen Porzellangegenständen, Parfümflaschen, einem Gesangbuch und einem Aschbecher und schien mit ihrem Spiegel und den zwei brennenden Stearinkerzen einen kleinen Hausaltar zu bilden. Über dem Ausziehsofa, das noch nicht aufgemacht war, saß Karl XV. zu Pferde, umgeben von Ausschnitten aus dem »Vaterland«, die meistens Polizeibeamte darstellten, diese Feinde aller Magdalenen. Am Fenster vegetierten eine Fuchsia, ein Geranium und eine Myrte, — der stolze Baum der Venus neben den Pflanzen des Armenhauses. Auf dem Nähtisch lag ein Photographiealbum. Auf der ersten Seite war der König, auf der zweiten und dritten Papa und Mama, arme Landleute, auf der vierten ein Student — der Verführer —, auf der fünften das Kind, und auf der letzten der Bräutigam — ein Handwerker. Das war ihre Geschichte, die übliche. An einem Nagel neben dem Herd hing ein elegantes Kleid mit reichen Plissees, ein Samtmantel und ein Hut mit Federn — das war das Feengewand, in dem sie ausging, um Jünglinge zu fangen. Und sie selbst! Eine stattliche vierundzwanzigjährige Frau von gewöhnlichem Aussehen. Leichtsinn und durchwachte Nächte hatte ihrem Teint diese durchsichtige Weiße gegeben, welche die Reichen, die nicht arbeiten, auszuzeichnen pflegt, aber ihre Hände trugen noch die Spuren der mühsamen Arbeit ihrer Jugend. In einen schönen Schlafrock gekleidet, mit gelöstem Haar, konnte sie wohl für eine Magdalena gelten. Sie hatte ein verhältnismäßig schamhaftes[S. 180] Wesen und war heiter, höflich und gesittet in ihrem Benehmen.
Die Gesellschaft verteilte sich in Gruppen, setzte die unterbrochene Unterhaltung fort und nahm neue Themen auf. Falk, der jetzt Dichter war und in allem etwas Interessantes finden wollte, auch in dem Banalsten, vertiefte sich in ein sentimentales Gespräch mit Marie, was ihr sehr gefiel, weil es ihr schmeichelte, als Mensch behandelt zu werden. Sie kamen wie gewöhnlich auf ihre Geschichte und die Motive, aus denen sie ihre Laufbahn gewählt hatte. Bei der ersten Verführung hielt sie sich nicht lange auf; »das sei nicht der Rede wert«; desto düsterer schilderte sie ihre Zeit als Dienstmädchen, dies Sklavenleben unter den Launen und Zänkereien einer beschäftigungslosen Frau, dies Leben der Arbeit ohne Ende. Nein, dann lieber die Freiheit!
»Ja, aber wenn Sie dieses Lebens einmal überdrüssig werden?«
»Dann verheirate ich mich mit Westergren!«
»Und er will Sie haben?«
»Er freut sich schon jetzt auf den Tag, und übrigens mache ich dann selbst mit meinem Ersparten einen kleinen Handel auf. Aber danach haben schon so viele gefragt. — Hast du Zigarren?«
»Ja, die habe ich! Aber jetzt wollen wir hiervon reden!«
Er nahm ihr Album und schlug den Studenten auf — es ist immer ein Student mit weißer Binde und der Studentenmütze auf den Knien, von tölpelhaftem Aussehen, der den Mephistopheles spielt.
[S. 181]
»Wer ist das?«
»Ach du, das war ein netter Junge!«
»Der Verführer? Was?«
»Still du! Es war meine Schuld ebenso gut wie seine, und so ist es immer, mein Bester; beide haben Schuld! Da siehst du mein Kind! Das hat der liebe Gott zu sich genommen, und das war wohl das beste. Aber jetzt wollen wir von etwas anderem sprechen! — Was ist das für ein lustiger Kerl, den Albert heute abend mitgebracht hat? Der da am Herd sitzt neben dem Langen, der bis an den Schornstein reicht?«
Olle, dem diese Worte galten, fühlte sich ganz beschämt über die schmeichelhafte Aufmerksamkeit, die seine Person erregte, und er drehte an seinem gebrannten Haar, das nach den vielen Libationen schon wieder glatt wurde.
»Das ist Diakonus Maansson,« sagte Lundell.
»Pfui Teufel, ist das ein Pfaffe? Ich hätte es ja an seinen verschmitzten Augen sehen können. — Wißt ihr, vorige Woche war auch einer hier. — Komm her, Masse, laß dich anschaun!«
Olle kroch vom Herd herunter, auf dem er gesessen und mit Ygberg Kants kategorischen Imperativ diskutiert hatte. Er war so gar nicht daran gewöhnt, von Frauen beachtet zu werden, daß er sich sofort jünger fühlte, und mit schlendernden Schritten ging er auf die Schöne zu, die er mit einem Auge bereits beobachtet und bezaubernd gefunden hatte. Er drehte seinen Schnurrbart so gut wie möglich und fragte mit gezierter Stimme, während er eine Verbeugung riskierte, die nicht in der Tanzstunde gelernt war:
[S. 182]
»Finden Sie, Fräulein, daß ich wie ein Pastor aussehe?«
»Nein, jetzt sehe ich, daß du einen Schnurrbart hast. Du hast zu saubere Kleider an, um ein Handwerker zu sein — laß mich deine Hand sehen, — ach, du bist doch Schmied!«
Olle war rief gekränkt.
»Bin ich so häßlich, mein Fräulein?« sagte Olle mit rührender Stimme.
Marie sah ihn einen Augenblick an.
»Du bist recht häßlich! Aber du siehst nett aus!«
»O mein Fräulein, wenn Sie wüßten, wie weh Sie meinem Herzen tun. Mich hat noch nie eine Frau liebgehabt; ich kenne so viele, die glücklich sind, obwohl sie häßlicher waren als ich, aber das Weib ist ein verwünschtes Rätsel, das kein Mensch lösen kann, und deshalb verachte ich die Frau!«
»Gut! Olle,« ertönte eine Stimme aus dem Schornstein, wo Ygbergs Kopf saß. »Sehr gut!«
Olle wollte nach dem Herd zurückkehren, aber er hatte ein Thema berührt, das Marie zu sehr interessierte, als daß sie es hätte abbrechen mögen, und er hatte eine Saite angeschlagen, deren Ton sie kannte. Sie setzte sich neben ihn, und sie vertieften sich bald in eine weitschweifige, ernste Diskussion — über Weib und Liebe.
Rehnhjelm aber, der den ganzen Abend still, stiller als gewöhnlich gewesen war, und aus dem keiner recht klug wurde, war allmählich etwas aufgelebt und saß jetzt in Falks Nähe in der Sofaecke. Er hatte schon lange etwas auf dem Herzen, was ihm nicht über die Lippen[S. 183] wollte. Er nahm sein Bierglas und klopfte auf den Tisch, als wolle er eine Rede halten, und als seine nächsten Nachbarn verstummt waren, sprach er mit zitternder und nachlässiger Stimme:
»Meine Herren! Sie denken, ich bin ein Rindvieh, ich weiß, Falk, ich weiß, daß du mich für dumm hältst, aber ihr sollt sehen, Jungens, ihr sollt sehen, hol mich der Teufel ...«
Er hob die Stimme und schlug das Bierglas auf den Tisch, daß es zerbrach, worauf er auf das Sofa zurücksank und einschlief.
Diese Szene, die nicht ganz ungewöhnlich war, erregte doch Maries Aufmerksamkeit. Sie stand auf und brach ihre Unterhaltung mit Olle ab, der obendrein die rein abstrakte Seite der Frage zu verlassen begann.
»Nein, so ein hübscher Bengel! Wo habt ihr den her? Armer Junge! Er ist so müde. Ich habe ihn gar nicht gesehen!«
Sie legte ihm ein Kissen unter den Kopf und breitete ihren Schal über ihn. »Seht nur diese kleinen Hände! Solche habt ihr Bauernjungens nicht! Und dies Gesicht! So unschuldig! Pfui, Albert; du hast ihn verleitet, so viel zu trinken!«
Ob es nun Lundell gewesen war oder ein anderer, war in diesem Falle unwesentlich, denn der Mann war betrunken; sicher war aber, daß niemand ihn zu verleiten brauchte, denn ihn verzehrte eine ständige Begierde, eine innere Unruhe zu betäuben, die ihn von seiner Arbeit wegzutreiben schien.
[S. 184]
Lundell war jedoch nicht entzückt über die Betrachtungen, die sein schöner Freund veranlaßte, und der wachsende Rausch spornte seine religiösen Gefühle an, die an diesem Abend infolge des reichlichen Essens ziemlich stumpf gewesen waren. Und da der Rausch allgemein zu werden begann, nahm er Veranlassung, an die Bedeutung des Abends zu erinnern und an die Gefühle, die ein Abschied hervorruft. Er erhob sich von seinem Platz, füllte das Bierglas, lehnte sich gegen die Kommode und appellierte an die allgemeine Aufmerksamkeit.
»Meine Herren« — er erinnerte sich der Anwesenheit Magdalenas — »und Damen. Wir haben heute abend gegessen und getrunken, und zwar, um zum Thema zu kommen, in der Absicht, jetzt von dem Materiellen abzusehen, das nur der niedere, sinnliche, tierische Bestandteil unseres Wesens ist, in einem Augenblick wie diesem, da die Stunde des Abschieds naht — wir sehen hier ein betrübliches Beispiel des Lasters, das wir das Laster der Trunksucht nennen! Es ist in Wahrheit erschütternd für das religiöse Gefühl! Wenn man nach einem Abend, den man im Freundeskreise verbracht hat, sich veranlaßt fühlt, ein Glas auf den zu trinken, der sein seltenes Talent gezeigt hat — ich meine Sellén —, dann sollte man doch denken, daß die Achtung vor einem selbst sich in irgendeiner Weise geltend machte. Ein solches Beispiel, betone ich, hat hienieden in einer höheren Potenz sich zu erkennen gegeben; ich erinnere mich der schönen Worte, die mir stets in den Ohren klingen werden, solange ich lebe,[S. 185] und ich bin überzeugt, daß wir uns alle ihrer erinnern, wenn auch der Ort nicht sehr geeignet ist; dieser junge Mann, der, soviel ich sehe, dem Laster zum Opfer gefallen ist, das wir Trunksucht nennen wollen, hat sich leider in unsere Gesellschaft eingeschlichen und, um mich kurz zu fassen, traurigere Resultate gezeitigt, als man hätte erwarten sollen. Prosit, edler Freund Sellén, ich wünsche dir alles Glück, das dein edles Herz verdient! Und auch dein Wohl, Olle Montanus! Falk ist ebenfalls ein edler Mann, der sich in größerem Maße bemerkbar machen wird, wenn seine religiösen Gefühle die Festigkeit erlangt haben, die sein Charakter zu verbürgen scheint. Von Ygberg will ich nicht sprechen, denn er hat jetzt endlich seinen Entschluß gefaßt, und wir wünschen ihm alles Gute für die Laufbahn, die er so schön begonnen hat — die philosophische; es ist eine schwere Laufbahn, und ich sage mit dem Psalmisten: Wer kann es uns sagen? Wir haben jedoch allen Anlaß, für unsere Zukunft das Beste zu erhoffen, und ich glaube, wir können stets auf sie rechnen, solange wir edel von Gefühl sind und nicht nach schnödem Gewinn trachten, denn, meine Herren, ein Mensch ohne Religion ist ein Vieh. Deshalb möchte ich die Herren alle miteinander auffordern, ihre Gläser zu heben und sie bis zum Grund zu leeren auf alles Edle, Schöne und Herrliche, das wir erstreben! Prosit, meine Herren!«
Das religiöse Gefühl begann jetzt Lundell zu überwältigen, in so hohem Grade, daß die Gesellschaft es geraten fand, an Aufbruch zu denken.
[S. 186]
Das Rouleau war schon eine gute Weile vom Tageslicht beleuchtet worden, und die Landschaft mit der Ritterburg und der Jungfrau strahlte jetzt im ersten Glanz der Morgensonne. Als es hochgezogen wurde, fiel das Tageslicht voll in das Zimmer und beleuchtete diejenigen von der Gesellschaft, die sich in der Nähe des Fensters befanden, so daß sie wie Leichen aussahen. Ygberg, der auf dem Herd schief, die Hände um das Bierglas gefaltet, hatte noch den roten Schein vom Stearinlicht im Gesicht und gab einen vortrefflichen Effekt. Olle aber hielt Reden auf das Weib, auf den Frühling, auf die Sonne, auf das Universum, wobei er das Fenster aufmachen mußte, um für seine Gefühle Luft zu bekommen. Die Schlafenden wurden aufgerüttelt, Abschiedsgrüße wurden gewechselt, und die ganze Gesellschaft ging durch den Torweg hinaus. Als sie auf die Gasse kamen, drehte Falk sich um; da lag Magdalena im offenen Fenster; die Sonne schien auf ihr weißes Gesicht, und ihr langes, schwarzes Haar, das von der Sonne dunkelrot gefärbt wurde, glitt am Halse herunter und sah aus, als stürze es sich in mehreren Rinnsalen auf die Straße hinab; und über ihrem Kopf hingen Schwert und Beil und die beiden grinsenden Gesichter. In einem Apfelbaum auf der anderen Seite der Gasse aber saß ein schwarz und weißer Fliegenschnäpper und sang sein milzsüchtiges Lied als Ausdruck seiner Freude, daß die Nacht vorbei war.
[S. 187]
Levi war ein junger Mann, der, zum Kaufmann geboren und erzogen, eben im Begriff stand, sich mit Hilfe seines reichen Vaters selbständig zu machen, als der Vater starb und nichts hinterließ als eine unversorgte Familie. Das war eine große Enttäuschung für den jungen Mann, denn er war jetzt in den Jahren, da er meinte, selber mit arbeiten aufhören und andere für sich arbeiten lassen zu können; er war fünfundzwanzig Jahre alt und hatte ein vorteilhaftes Äußeres; breite Schultern und das völlige Fehlen von Hüften machten seinen Rumpf besonders geeignet, einen Gehrock in der Weise zu tragen, wie er es so oft bei gewissen ausländischen Diplomaten bewundert hatte; sein Brustkorb hatte von Natur die elegante Wölbung, die einer Hemdbrust mit vier Knöpfen volle Elevation geben kann, auch wenn der Träger auf dem Lehnstuhl an der Schmalseite eines langen, mit Mitgliedern vollbesetzten Direktionstisches niedersinkt; ein schön geteilter Vollbart gab seinem jungen Gesicht ein einnehmendes und zugleich vertrauenerweckendes Aussehen; seine kleinen Füße waren dazu geschaffen, über einen Brüsseler[S. 188] Teppich in einem Direktionsbüro zu schreiten, und seine wohlgepflegten Hände eigneten sich besonders gut für eine leichtere Arbeit, zum Beispiel, seinen Namen zu unterzeichnen, am liebsten auf gedruckten Formularen. In dieser Zeit, die man heute die gute nennt, obwohl sie tatsächlich für viele recht bös war, hatte man soeben die große Entdeckung — die größte des Jahrhunderts — gemacht: — daß es billiger und angenehmer ist, vom Gelde anderer zu leben als von seiner eigenen Arbeit. Viele, viele hatten sie sich schon zunutze gemacht, und da sie nicht patentamtlich geschützt war, darf niemand sich wundern, daß auch Levi sich beeilte, sich ihrer zu bedienen, besonders da er selber jetzt kein Geld besaß und keine Lust hatte, für eine Familie zu arbeiten, die nicht seine eigene war.
Er zog also eines Tages seinen besten Anzug an und lenkte seine Schritte zu seinem Onkel Smith.
»So, also du hast eine Idee; nun, laß hören! Es ist gut, Ideen zu haben.«
»Ich wollte eine Aktiengesellschaft gründen.«
»Schön! Dann wird Aron Rechnungsführer, Simon Sekretär, Isaak Kassierer und die andern Jungen Buchhalter; das ist eine gute Idee. Nun weiter! Was für eine Gesellschaft soll es sein?«
»Eine Seeversicherungsaktiengesellschaft, habe ich gedacht.«
»So so, das ist schön! Alle Menschen müssen ihre Sachen versichern, wenn sie eine Seereise machen. Aber deine Idee? Nun?«
»Das ist meine Idee!«
[S. 189]
»Das ist keine Idee! Wir haben doch die große Gesellschaft Neptun! Nun also! Das ist eine gute Gesellschaft! Deine muß besser sein, wenn du mit ihr konkurrieren willst! Was ist das Neue an deiner Gesellschaft?«
»Oh, ich verstehe! Ich ermäßige die Prämien, dann bekomme ich alle Kunden des Neptun!«
»Ja, das ist eine Idee! Also der Prospekt, den ich natürlich drucken lasse, enthält als Ouvertüre: ›Da es ein lange empfundenes Bedürfnis ist, die Seeversicherungsprämien herabzusetzen, dies aber aus Mangel an Konkurrenz nicht geschehen ist, so geben sich Unterzeichnete hiermit die Ehre, zur Aktienzeichnung für die Gesellschaft‹ ... Nun?«
»Triton!«
»Triton? Was ist das für ein Mann?«
»Das ist ein Meergott!«
»Na schön! Triton! Das wird ein gutes Plakat. Das mußt du bei Rauch in Berlin machen lassen, dann wird es nachher in ›Unser Land‹ abgedruckt. Nun also! Unterzeichnete! Ja! das wäre zunächst ich! Aber wir müssen große, gute Namen haben! Gib mir den Staatskalender her! So!«
Smith blätterte eine gute Weile.
»Eine Seeversicherungsaktiengesellschaft müßte einen hohen Seeoffizier haben. Nun, warte einmal! Admiral nennt man das ja wohl!«
»Ach, die haben ja kein Geld!«
»Ei, ei, ei! Verstehst du so wenig von Geschäften, mein Junge? Sie zeichnen, brauchen aber nicht einzubezahlen,[S. 190] und dann bekommen sie ihre Zinsen dafür, daß sie die Generalversammlungen besuchen und an den Diners beim Direktor teilnehmen. Nun also! Hier sind zwei Admirale! Der eine hat das Ordensband des Polarsterns, der andere aber hat den russischen Annenorden! Was macht man da! — Ja! — Nun also! — Wir nehmen den Russen, denn Rußland ist ein gutes Seeversicherungsland! So!«
»Aber glaubst du denn, Onkel, daß sie sich so einfach nehmen lassen?«
»Ach, sei doch still! Jetzt müssen wir einen ehemaligen Minister haben! — So! Nun also! Mit dem Titel Exzellenz! Ja! Gut! — und dann einen Grafen! Das ist schwieriger! Grafen haben so viel Geld! Wir nehmen einen Professor! Die haben nicht viel Geld! Gibt es Professoren der Schiffahrt? Das wäre gut für das Geschäft! Ist neben dem Restaurant vom Südtheater nicht ein Segelklub? Ja! Nun also! Jetzt ist die Sache in Ordnung! Ach, ich habe das Wichtigste vergessen. Ein Jurist! Ein Justizrat! Nun also! — Da haben wir ihn!«
»Ja, den; aber wir haben noch kein Geld!«
»Geld! Was soll man mit Geld, wenn man eine Gesellschaft gründet! Muß nicht der, der sein Gut versichert, das selber bezahlen? Jawohl! Sollen wir für ihn bezahlen? Nein! Also die Leute müssen mit ihren Prämien bezahlen! Nun also!«
»Aber das Grundkapital?«
»Ach! Man schreibt Grundkapital-Obligationen aus.«
»Ja, aber man muß einen Teil auch bar einzahlen!«
[S. 191]
»Jawohl, man zahlt bar ein mit Obligationen. Ist das nicht bezahlen? Nun also! Wenn ich dir eine Obligation für eine bestimmte Summe gebe, so bekommst du in jeder Bank Geld darauf. Ist eine Obligation also kein Geld? Nun also! Und in welchem Gesetz steht, daß bar dasselbe ist wie Banknoten? Dann sind Privatbanknoten auch kein Bargeld! Was?«
»Wie groß muß das Grundkapital sein?«
»Sehr klein! Man darf keine großen Kapitalien festlegen. Eine Million! Davon werden dreihunderttausend bar eingezahlt, der Rest in Obligationen!«
»Aber, aber, aber! Die dreihunderrtausend Kronen müssen doch wohl in Banknoten eingezahlt werden?«
»O du mein Schöpfer! Banknoten? Banknoten sind doch kein Geld! Hat man Banknoten, ist es gut, hat man keine, auch gut! Nun also! Deshalb muß man kleine Leute interessieren, die nur Banknoten haben!«
»Aber die großen? Womit bezahlen die?«
»Mit Aktien, Obligationen, Schuldscheinen natürlich! Nun, nun, nun! Das kommt später! Laß sie nur zeichnen, so werden wir das übrige schon arrangieren!«
»Aber nur dreihunderttausend? So viel kostet ja ein einziger großer Dampfer! Wenn man nun tausend Dampfer versichert?«
»Tausend? Oh! Neptun hatte achtundvierzigtausend Versicherungen im vorigen Jahr und hat sich nur gerade so gehalten!«
»Nun, um so schlimmer! Aber wenn — wenn es nun schief geht ...«
[S. 192]
»Dann liquidiert man!«
»Liquidiert?«
»Ja, macht Konkurs! Das nennt man so! Und was tut es, wenn die Aktiengesellschaft Konkurs macht? Nicht du, nicht ich, nicht er macht Konkurs! Sonst aber pflegt man eine neue Aktienausgabe zu machen, oder man fertigt Obligationen aus, die dann in schweren Zeiten vom Staat preiswert eingelöst werden können!«
»Es ist also kein Risiko?«
»Gar keins! Übrigens, was hast du zu riskieren? Hast du einen Pfennig? Nein! Nun also! Was habe ich zu riskieren? Fünfhundert Kronen! Ich nehme nicht mehr als fünf Aktien, siehst du! Und fünfhundert sind für mich so viel!«
Er nahm eine Prise Schnupftabak, und damit war die Sache in Ordnung.
Diese Gesellschaft kam zustande, man mag es glauben oder nicht, und sie verteilte in den zehn Jahren ihrer bisherigen Tätigkeit 6, 10, 10, 11, 20, 11, 5, 10, 36 und 20 Prozent. Man schlug sich um die Aktien; und um das Geschäft erweitern zu können, wurde eine neue Aktienemission vorgenommen, gleich darauf aber wurde eine Generalversammlung einberufen, und über diese sollte Falk jetzt für das »Rotkäppchen« referieren, dessen außerordentlicher Berichterstatter er war.
Als er an einem sonnigen Nachmittag im Juni in den Kleinen Börsensaal kam, wimmelte es dort schon von Leuten. Es war eine glänzende Gesellschaft. Staatsmänner, Genies, Gelehrte, Militärs und Zivilbeamte der höchsten Rangstufen, Uniformen, Doktorfracks,[S. 193] Orden, Kommandeurbänder, — all diese Leute wurden von einem gemeinsamen großen Interesse hierhergezogen, der Förderung dieser menschenliebenden Institution, die man Seeversicherung nennt. Und es ist eine große Liebe erforderlich, um sein Geld für den in einer Notlage befindlichen Nächsten aufs Spiel zu setzen, der vom Unglück betroffen wird; so viel Liebe hatte Falk nie auf einmal beisammen gesehen! Er war fast verwundert darüber, obwohl er der Illusionen noch nicht gänzlich beraubt war; aber seine Verwunderung wuchs, als er den kleinen Schuft, den ehemaligen Sozialdemokraten Struve, wie ein Ungeziefer in dem Gewimmel umherkriechen sah und beobachtete, wie hochgestellte Persönlichkeiten ihm die Hand drückten, ihm auf die Schulter schlugen, ihm zunickten und ihn ansprachen. Besonders fiel ihm auf, wie er von einem älteren Herrn mit Ordensband begrüßt wurde und wie Struve bei diesem Gruß doch errötete und sich hinter einem bestickten Rücken verbarg; dadurch kam er in Falks Nähe, der ihn sofort festhielt und ihn fragte, wen er eben gegrüßt habe.
Struves Verlegenheit steigerte sich in hohem Grade, und er mußte bei der Antwort seine ganze Frechheit zu Hilfe nehmen: »Das müßtest du eigentlich wissen! Das ist der Präsident des Kollegiums für Auszahlung der Beamtengehälter.«
Als er das gesagt hatte, mußte er hinüber an das andere Ende des Saales, aber so eilig, daß Falk ein Verdacht überkam: Sollte dieser Mensch sich meiner Gesellschaft schämen? Sollte ein Ehrloser sich durch[S. 194] die Gesellschaft eines anständigen Menschen geniert fühlen?
Jetzt begann die glänzende Versammlung ihre Plätze einzunehmen. Aber der Stuhl des Vorsitzenden war noch leer. Falk blickte sich nach dem Tisch der Berichterstatter um, und als er Struve neben dem Referenten des Konservativen rechts von dem Sekretär an einem Tisch sitzen sah, faßte er sich ein Herz und schritt mitten durch die glänzende Versammlung hindurch; aber gerade als er den Tisch erreicht hatte, wurde er von dem Sekretär zurückgehalten, der ihn fragte: »Für welche Zeitung?«
Eine momentane Stille entstand im Saal, und mit bebender Stimme antwortete Falk: »Rotkäppchen«, denn er erkannte in dem Sekretär den Aktuar aus dem Kollegium für Auszahlung der Beamtengehälter.
Ein ersticktes Gemurmel durchlief die Versammlung, worauf der Sekretär mit lauter Stimme sagte: »Ihr Platz ist dort hinten.« Er deutete nach der Tür, wo wirklich ein kleiner Tisch stand. Da erfaßte Falk in einem einzigen Augenblick, was konservativ bedeutete, und was Schriftsteller hieß, wenn man nicht konservativ war, und mit siedendem Blut ging er durch die hohnlachende Menge zurück; aber als er sie mit brennenden Blicken musterte, als wolle er sie herausfordern, begegnete sein Auge einem andern, ganz hinten an der Wand; und diese Augen, die so sehr jenem andern Augenpaar glichen, das jetzt erloschen war, ihn aber dereinst mit Liebe angesehen hatte, waren grün vor Bosheit und durchbohrten ihn wie eine Nadel, und er[S. 195] hätte weinen mögen vor Kummer, daß ein Bruder einen Bruder so ansehen konnte.
Er nahm seinen bescheidenen Platz an der Tür ein und ging nicht seiner Wege, nur weil er nicht fliehen wollte. Bald wurde er aus seiner scheinbaren Ruhe von einem Herrn geweckt, der jetzt hereintrat und ihn beim Ausziehen des Überrocks in den Rücken stieß, worauf ein paar Gummischuhe unter seinen Stuhl gestellt wurden. Der Eintretende wurde von der Versammlung begrüßt, die sich wie ein Mann erhob. Es war der Präsident der Seeversicherungsaktiengesellschaft Triton, aber er war mehr. Es war ein früherer Reichsmarschall, ein Freiherr, einer von den Achtzehn der Schwedischen Akademie, Exzellenz und Kommandeur des Hausordens Seiner Majestät des Königs usw.
Der Hammer schlug auf den Tisch, und der Präsident flüsterte unter lautlosem Schweigen die folgende Begrüßungsrede (die er kurz vorher in einer Steinkohlenaktiengesellschaft in den Räumen der Kunstgewerbeschule gehalten hatte): »Meine Herren! Unter allen patriotischen und für die Menschheit heilbringenden Unternehmungen dürften wenige, wenn nicht gar keine, so edler und in ihren Absichten menschenfreundlicher Art sein wie eine Versicherungsgesellschaft.«
»Bravo, bravo!« rauschte es durch die Versammlung, ohne auf den Marschall irgendeinen Eindruck zu machen.
»Was ist das Menschenleben anders als ein Kampf,[S. 196] ein Kampf auf Leben und Tod, kann man sagen, gegen die Naturkräfte, und wenigen von uns dürfte es wohl erspart bleiben, früher oder später mit ihnen in Streit zu geraten.«
»Bravo!«
»Lange ist der Mensch, besonders im Naturstadium, ein Raub der Elemente gewesen; ein Spielball, ein Handschuh, der wie ein Rohr vom Winde hierhin und dorthin geweht wurde! Heute ist das anders! Ganz anders! Der Mensch hat revoltiert, in einer unblutigen Revolution, nicht in der Weise, wie ehrvergessene Vaterlandsverräter bisweilen gegen ihre gesetzlichen Herrscher vorgegangen sind, nein, gegen die Natur, meine Herren! Er hat den Naturkräften den Krieg erklärt und gesagt: Bis hierher und nicht weiter!«
»Bravo! Bravo!« (Händeklatschen.)
»Der Kaufmann sendet sein Schiff, seinen Dampfer, seine Brigg, seinen Schoner, seine Bark, seine Jacht, was weiß ich, aus. Der Sturm zerschmettert das Fahrzeug! Der Kaufmann sagt: Zerschmettere du nur! Und der Kaufmann hat nichts verloren! Das ist der große Gesichtspunkt, der große Gedanke der Versicherungsidee! Bedenken Sie, meine Herren, der Kaufmann hat dem Sturm den Krieg erklärt — und der Kaufmann hat gesiegt.«
Ein Orkan von Beifallsrufen rief ein Siegerlächeln auf den Lippen des großen Mannes hervor, und er sah aus, als tue dieser Orkan ihm sehr wohl.
»Aber meine Herren! Wir dürfen die Institution der Seeversicherung kein Geschäft nennen! Es ist kein Geschäft![S. 197] Wir sind keine Geschäftsleute, um alles in der Welt nicht! Wir haben Geld zusammengeschossen, das wir aufs Spiel zu setzen bereit sind, nicht wahr, meine Herren?«
»Sehr richtig!«
»Wir haben Geld zusammengeschossen, sage ich, um es für den vom Unglück Betroffenen bereit zu stellen; denn den Prozentsatz, den er zahlt, ein Prozent ist es, glaube ich, kann man keine Einzahlung nennen; deshalb haben wir dafür sehr richtig den Namen Prämie, nicht als wenn wir irgendeine Belohnung nehmen wollten — Prämie bedeutet Belohnung — für unsere geringen Dienste, die wir — ich für meine Person möchte das aussprechen, nur aus Interesse, aus reinem Interesse — an der Sache leisten, und ich wiederhole, ich glaube nicht, daß einer von uns sich bedenken würde, das kommt wohl gar nicht in Frage, ich glaube nicht, daß einer von den Herren es auch nur schmerzlich empfinden würde, wenn sein Zuschuß, wie ich die Aktien nennen möchte, im Interesse der Sache verwandt würde.«
»Nein, nein!«
»Und nun bitte ich den Herrn geschäftsführenden Direktor, den Jahresbericht zu verlesen.«
Der Direktor stand auf. Er sah bleich aus, als habe er einen Sturm durchgemacht, seine großen Manschetten mit den Onyxknöpfen vermochten kaum ein leises Zittern der Hand zu verbergen, seine listigen Augen suchten aus Smiths bärtigem Gesicht Trost und Geisteskraft zu schöpfen, er schlug den Rock auf und ließ die[S. 198] breite Hemdbrust schwellen, als wolle er einen Schauer von Pfeilen auffangen, — und dann las er.
»Wunderbar und nicht vorauszusehen sind in Wahrheit die Schickungen der Vorsehung —«
Bei dem Worte Vorsehung erblaßte ein guter Teil der Versammlung; aber der Reichsmarschall hob seine Augen zur Decke, als sei er auf den schlimmsten Schlag gefaßt (einen Verlust von zweihundert Kronen).
»Das soeben beendete Versicherungsjahr wird in den Annalen lange als ein Kreuz auf dem Grabe der Unglücksfälle stehen, die der Voraussicht des Weisesten Hohn gesprochen und die Berechnungen des Vorsichtigsten über den Haufen geworfen haben.«
Der Reichsmarschall legte die Hände vor die Augen, als bete er, Struve aber dachte, die weiße Brandmauer sei schuld, und stürzte ans Fenster, um die Vorhänge herunterzulassen, doch der Sekretär kam ihm zuvor.
Der Vorlesende trank ein Glas Wasser. Das rief einen Ausbruch der Ungeduld hervor.
»Zur Sache! Ziffern!«
Der Reichsmarschall nahm die Hand von den Augen und war bestürzt, es dunkler zu finden als vorher. Ein Augenblick der Verlegenheit, und der Sturm war im Anzug. Man vergaß allen Respekt!
»Zur Sache! Weiter!«
Der Direktor mußte einen Haufen von Phrasen überspringen und direkt auf die Sache losgehen.
»Also gut, meine Herren, ich werde mich kurz fassen.«
»Vorwärts, zum Donnerwetter!«
[S. 199]
Der Hammer fiel auf den Tisch. »Meine Herren!« Es lag so viel Ritterhaus in diesem einen »Meine Herren!«, daß man sich sofort der Achtung erinnerte, die man sich selber schuldig war.
»Die Gesellschaft hat im abgelaufenen Jahre die Haftung für rund 169 Millionen übernommen!«
»Hört! Hört!«
»Und hat an Prämien anderthalb Millionen vereinnahmt.«
»Bravo!«
(Falk stellte hier in aller Eile eine kleine Berechnung an und konstatierte: wenn der ganze Prämienbetrag, anderthalb Millionen, angesetzt wurde, dazu das gesamte Grundkapital in einer Höhe von einer Million — ungefähr — so blieben noch 166 Millionen, für die die Gesellschaft die Kühnheit besessen hatte, die Haftung zu übernehmen, und er begann den Sinn des Ausspruches von den Schickungen der Vorsehung zu erfassen.)
»An Schadenersatz hat die Gesellschaft bedauerlicherweise 1728670 Kronen, 8 Ör auszahlen müssen.«
»Schändlich!«
»Wie Sie sehen, meine Herren, hat die Vorsehung ..«
»Lassen Sie die Vorsehung aus dem Spiel! Ziffern! Ziffern! Die Dividende!«
»Mit Schmerz und Bedauern kann ich in meiner beklagenswerten Eigenschaft als geschäftsführender Direktor unter den augenblicklichen ungünstigen Verhältnissen keine andere Gewinnverteilung in Vorschlag bringen als fünf Prozent des eingezahlten Kapitals.«
[S. 200]
Jetzt brach der Sturm los, den kein Kaufmann der Welt besiegen konnte.
»Schändlich! Unverschämt! Schwindler! Fünf Prozent! Pfui Teufel! Da kann man ja sein Geld verschenken!«
Aber man hörte auch menschenfreundlichere Äußerungen, wie zum Beispiel: »Die armen kleinen Kapitalisten, die nur von ihrem Gelde leben! Was soll aus denen werden! Gott behüte, so ein Unglück! Hier muß der Staat schleunig helfen! Oh! Oh!«
Als es möglich wurde fortzufahren, verlas der Direktor die Elogen, die der Aufsichtsrat dem geschäftsführenden Direktor und allen Beamten hatte zuteil werden lassen, die »mit unermüdlichem Fleiß und ungeteiltem Eifer die undankbare Aufgabe übernommen hätten« usw. Das wurde mit offenem, ehrlichem Hohn angehört.
Darauf wurde der Bericht der Revisoren verlesen. Sie hatten (nach einem erneuten Ausfall gegen die Vorsehung) die Geschäfte in guter, um nicht zu sagen, vortrefflicher Ordnung und bei der Inventuraufnahme alle Garantiefonds-Obligationen als richtig (!) befunden, weshalb sie den Antrag stellten, den Geschäftsführern Entlastung zu erteilen unter lebhafter Anerkennung ihres ehrlichen und mühevollen Strebens.
Die Entlastung wurde natürlich erteilt. Darauf erklärte der geschäftsführende Direktor, er meine die ihm zustehende Tantieme (hundert Kronen) nicht annehmen[S. 201] zu dürfen, sondern wolle sie dem Reservefonds überweisen. Das wurde mit Beifall und Lachen aufgenommen. Nach einem kurzen Abendgebet, das heißt nach einer demütigen Bitte, die Vorsehung möge im nächsten Jahre zwanzig Prozent geben, wurde die Versammlung vom Reichsmarschall geschlossen.
[S. 202]
Frau Falk hatte am selben Nachmittag, als ihr Mann zu der Versammlung des Triton gegangen war, ihr neues blaues Samtkleid geschickt bekommen, mit dem sie jetzt gleich auf frischer Tat Frau Revisor Homan, die ihr gegenüber wohnte, ärgern wollte. Und nichts war leichter und einfacher, denn sie brauchte sich nur am Fenster zu zeigen — und dazu hatte sie tausend Anlässe, während sie die Arrangements in den Zimmern überwachte, mit denen sie ihre Gäste, die sie um sieben Uhr zur Sitzung erwartete, »zu Boden schmettern« wollte. Die Direktion der Kinderkrippe Bethlehem wollte nämlich zusammentreten und den ersten Monatsbericht prüfen. Nun bestand aber die Direktion aus Frau Revisor Homan, deren Mann — als Beamter — nach Frau Falks Ansicht hochmütig war, aus der adelsstolzen Baronin Rehnhjelm und aus Pastor Skaare, der in allen vornehmen Häusern Hausprediger war und deshalb gedruckt werden mußte. Aus diesem Grunde sollte die ganze Direktion auf die denkbar großartigste und liebenswürdigste Art zu Boden geschmettert werden. Die Inszenierung hatte schon bei der großen Gesellschaft begonnen, für die alles alte Mobiliar, das keinen[S. 203] Antiquitäts- oder Kunstwert besaß, weggeschafft und durch blendend Neues ersetzt worden war. Die mitwirkenden Figuren wollte Frau Falk bis zum Ende der Sitzung leiten, dann sollte eine Störung durch Falk kommen, der einen Admiral mit nach Hause brachte — er hatte seiner Frau mindestens einen Admiral mit Uniform und Orden versprochen —, worauf Falk und der Admiral die Bitte stellen sollten, als zahlende Mitglieder in die Krippe aufgenommen zu werden; Falk sollte außerdem einen Teil des Gewinns, den er bei der Dividendenausteilung in der Aktiengesellschaft Triton so ohne sein Zutun eingeheimst hatte, als Schenkung zur Verfügung stellen.
Frau Falk hatte jetzt ihre Arbeit am Fenster erledigt und machte nun den perlmuttereingelegten Jakarandatisch zurecht, an dem der Monatsbericht verlesen werden sollte. Sie wischte das Achattintenfaß ab, legte den silbernen Federhalter auf die Schildpattschale, drehte das Petschaft mit dem Chrysoprasschaft so, daß der bürgerliche Namenszug nicht zu sehen war, schüttelte vorsichtig die aus feinstem Stahldraht verfertigte Geldkassette, so daß die Ziffer einiger darin als Gefangene verwahrten Banknoten (ihre Handkasse) sichtbar wurde, und erteilte dann dem Diener, der in Gala war, ihre letzten Befehle. Darauf setzte sie sich in den Salon und nahm eine sorglose Stellung ein, in der sie von der Meldung ihrer Freundin, der Frau Revisor, überrascht werden wollte, die sicher zuerst kommen würde, — und das tat sie auch. Frau Falk umarmte Evelyn und küßte sie auf die Wange, und Frau Homan[S. 204] umarmte Eugenie, die sie an der Tür zum Eßzimmer empfing, wo sie sie zurückhielt, um sie nach ihrer Meinung über die neuen Möbel zu fragen. Die Frau Revisor wollte aber nicht bei dem festungsartigen eichenen Büfett aus der Zeit Karls XII. mit den hohen japanischen Vasen verweilen, weil sie sich davon überwältigt fühlte, sondern wendete sich der Kerzenkrone zu, die sie zu modern fand, und dem Eßtisch, der nicht zum Stil passe; sie fand außerdem, die Öldrucke hätten nichts zu suchen zwischen den alten Familienbildern, und sie brauchte eine gute Weile, um den Unterschied zwischen einem Ölgemälde und einem Öldruck zu erklären; Frau Falk streifte gegen alle Möbelkanten, die ihr erreichbar waren, um durch das Rascheln ihres neuen Samtkleides die Aufmerksamkeit der Freundin zu erregen, aber es gelang ihr nicht. Sie fragte die Freundin, wie ihr der neue Brüsseler Teppich im Salon gefalle; und als diese fand, er kontrastiere zu sehr mit den Vorhängen, wurde sie ärgerlich und hörte auf zu fragen.
Man ließ sich am Tisch im Salon nieder und begann sofort nach den Rettungsbojen zu greifen — nach Photographien, unlesbaren Gedichtbüchern und ähnlichem. Ein kleines Blatt fiel der Frau Revisor in die Hände; es war auf rosa Papier mit Goldschnitt gedruckt und trug den Titel »An Großhändler Nikolaus Falk bei Vollendung seines vierzigsten Lebensjahres«.
»Ah, das sind die Verse, die neulich auf der Gesellschaft vorgelesen wurden. Wer hat sie doch noch geschrieben?«
[S. 205]
»Ja, das ist ein Genie, ein Freund meines Mannes. Er heißt Nyström.«
»Hm! Komisch, daß man den Namen noch nie gehört hat! Also ein Genie! Aber warum hat man ihn auf der Gesellschaft nicht zu sehen bekommen?«
»Er war krank, bedauerlicherweise, da konnte er nicht kommen, meine Liebe!«
»Ach so! Ja, meine liebe Eugenie, es ist schrecklich traurig mit deinem Schwager! Er ist schlimm dran!«
»Sprich nicht von ihm! Es ist eine Schande und ein Kummer für die Familie, ganz schrecklich!«
»Es war recht unangenehm auf der Gesellschaft, weißt du, wenn Leute kamen und mich nach ihm fragten. Ja, meine liebe Eugenie, ich habe mich wirklich geschämt für dich ...«
Das ist für das Büfett aus der Zeit Karls XII. und die japanischen Vasen, dachte die Frau Revisor.
»Für mich? O bitte sehr, für meinen Mann, meinst du?« fiel Frau Falk ein.
»Nun, das ist wohl dasselbe, scheint mir!«
»Nein, durchaus nicht! Ich denke gar nicht daran, mich für alle Taugenichtse verantwortlich zu fühlen, mit denen mein Mann verwandt zu sein geruht!«
»Wie schade, daß deine Eltern neulich auf der Gesellschaft auch krank sein mußten. Wie geht es deinem lieben Papa jetzt?«
»Danke, sehr gut! Wie nett und besorgt du bist!«
»Nun ja, man muß doch nicht nur an sich selbst denken! Ist er sehr kränklich, der alte — wie soll ich ihn nennen?«
[S. 206]
»Kapitän, bitte!«
»Kapitän? Ich glaube mich doch zu erinnern, mein Mann sagte, er sei — Flaggschiffer, aber das wird dasselbe sein. Und von den Töchtern war auch keine da.«
Das ist für den Brüsseler Teppich, dachte die Frau Revisor.
»Nein! Die sind so launenhaft, auf die kann man nie rechnen.«
Frau Falk sah ihr ganzes Photographiealbum durch, daß der Einband krachte. Sie war ganz rot vor Wut.
»Sag einmal, liebe Eugenie,« fuhr die Frau Revisor fort, »wie hieß doch dieser unangenehme Herr, der neulich abends die Verse vorlas?«
»Du meinst Levin, den Königlichen Sekretär Levin; das ist der intimste Freund meines Mannes.«
»Ach, wirklich! Hm! Wie sonderbar! Mein Mann ist Revisor im selben Amt, wo er Sekretär ist, und ich will dich gewiß nicht traurig machen oder dir etwas Unangenehmes sagen; so etwas sage ich nie zu einem Menschen; aber mein Mann behauptet, er soll in sehr schlechten Verhältnissen leben. Also das ist sicher keine passende Gesellschaft für deinen Mann.«
»Sagt er das? Das ist etwas, was ich nicht weiß und worein ich mich auch nicht mische. Ich will dir sagen, meine liebe Evelyn, ich mische mich nie in die Angelegenheiten meines Mannes, wenn es auch viele Leute gibt, die das tun!«
»Verzeih, meine Liebe, aber ich glaubte, dir einen Dienst zu leisten, wenn ich dir dies sagte.«
[S. 207]
Das war für den Kronleuchter und den Eßtisch! Blieb nur noch das Samtkleid!
»Nun,« fing die gute Frau Revisor wieder an, »dein Schwager soll ja, soviel ich gehört habe ...«
»Schone meine Gefühle und sprich nicht von einem verkommenen Menschen!«
»Ist er wirklich verkommen? Ich hörte, er solle mit den schlechtesten Menschen verkehren, die man sich vorstellen kann ...«
Hier wurde Frau Falk begnadigt, denn der Diener meldete Ihre Gnaden die Baronin Rehnhjelm.
O wie willkommen sie sei! O wie liebenswürdig von ihr, ihnen die Ehre zu erweisen!
Und liebenswürdig war sie wirklich, die alte Dame mit dem freundlichen Gesicht, wie es nur ein Mensch haben kann, der mit dem wahren Mut durch alle Stürme hindurchgegangen ist.
»Nun, liebe Frau Falk,« sagte Ihre Gnaden, nachdem sie Platz genommen hatte, »ich kann Sie von Ihrem Schwager grüßen!«
Frau Falk fragte sich, was sie der Person Böses getan habe, daß nun auch die mit Sticheleien kam, und sie antwortete in gekränktem Ton: »Ach so!«
»Ja, das ist ein so liebenswürdiger junger Mann; er war heute bei mir und hat meinen Neffen besucht; sie sind so gute Freunde! Oh, das ist ein ganz vortrefflicher junger Mann!«
»Ja, nicht wahr?« fiel die Frau Revisor ein, die bei Frontveränderungen nie auf sich warten ließ. »Wir haben eben von ihm gesprochen.«
[S. 208]
»Wirklich? Und was ich am meisten bewundere, ist sein Mut, eine solche Laufbahn einzuschlagen, bei der man so leicht auf Grund gerät; aber so etwas brauchen wir bei ihm nicht zu befürchten, er ist ein Mensch von Charakter und Prinzipien; finden Sie nicht auch, liebe Frau Falk?«
»Ja, ich habe das auch immer gesagt, aber mein Mann war anderer Meinung.«
»Ach, dein Mann«, fiel die Frau Revisor ein, »hat immer seine Meinungen für sich gehabt.«
»Also, er verkehrt mit Ihrem Neffen, Frau Baronin?« nahm Frau Falk eifrig das Gespräch wieder auf.
»Ja, sie haben einen kleinen Zirkel, in dem auch Künstler sind. Sie haben doch von dem jungen Sellén gelesen, dessen Bild von Seiner Majestät angekauft worden ist?«
»Ja natürlich, wir waren auf der Ausstellung und haben es gesehen. Der ist auch dabei?«
»Ja, das ist er. Es soll den jungen Leuten oft recht kläglich gehen, wie jungen Menschen wohl fast immer, wenn sie sich in der Welt emporarbeiten sollen.«
»Dein Schwager soll ja Poet sein,« sagte die Frau Revisor.
»Nun, das will ich meinen! Hm! er schreibt ganz ausgezeichnet; er hat in diesem Jahre einen Preis von der Akademie bekommen, und mit der Zeit wird sicher etwas Großes aus ihm werden,« antwortete Frau Falk mit voller Überzeugung.
»Ja, das habe ich ja immer gesagt,« bestätigte die Frau Revisor.
[S. 209]
Und nun gingen sie mit Arvid Falks Vortrefflichkeit hausieren, so daß er schon im Tempel des Ruhms angelangt war, als der Diener Pastor Skaare meldete. Dieser trat mit eiligen Schritten ein und begrüßte die Damen hastig.
»Ich bitte um Entschuldigung, daß ich spät komme, aber ich habe nicht viele Minuten Zeit. Ich muß um halb neun zur Sitzung bei der Gräfin von Fabelkrantz und komme direkt von meiner Arbeit.«
»Oh, daß Sie es so eilig haben, Herr Pastor!«
»Ja, meine ausgedehnte Tätigkeit läßt mir keine Ruhe. Vielleicht können wir also gleich zu den Verhandlungen schreiten.«
Von dem Diener wurden Erfrischungen hereingebracht.
»Wollen Sie nicht eine Tasse Tee trinken, Herr Pastor, ehe wir anfangen?« fragte die Wirtin, die wieder das Unbehagen einer kleinen Enttäuschung verspürte.
Der Pastor warf einen Blick über das Tablett.
»Danke, nein; da Punsch da ist, trinke ich den. Ich habe es mir zur Regel gemacht, meine Damen, nie in meinem äußeren Leben von meinen Mitmenschen abzustechen. Alle Menschen trinken Punsch, ich liebe dies Getränk nicht, aber die Welt soll nicht sagen, ich sei besser als sie, und Heuchelei ist ein Laster, das ich verabscheue! Darf ich den Bericht vorlesen?«
Er ließ sich am Schreibtisch nieder, tauchte die Feder ein und begann:
»Über die im Monat Mai eingegangenen Gaben für die Kinderkrippe Bethlehem wird hierdurch von[S. 210] der Verwaltung Bericht erstattet. Unterzeichnet Eugenie Falk.
Geborene — wenn ich fragen darf ...«
»Ach, das ist nicht nötig,« versicherte Frau Falk.
»Evelyn Homan.«
»Geborene — wenn ich bitten darf ...«
»Von Bähr, lieber Herr Pastor!«
»Antoinette Rehnhjelm.«
»Geborene, meine Gnädige ...«
»Rehnhjelm, Herr Pastor.«
»Ach richtig, verheiratet mit dem Vetter, der Mann tot, kinderlos! Wir können fortfahren! Eingegangene ...«
Allgemeine (fast allgemeine) Bestürzung!
»Aber«, wendete die Frau Revisor ein, »setzen Sie nicht auch Ihren Namen darunter, Herr Pastor?«
»Ich verabscheue Heuchelei so sehr, meine Damen, aber wenn Sie es wünschen! Bitte sehr!«
»Nathanael Skaare.«
»Prosit, Herr Pastor; trinken Sie ein wenig, bitte, ehe Sie anfangen,« bat die Wirtin mit einem bezaubernden Lächeln, das matter wurde, als sie sah, daß das Glas des Pastors geleert war, worauf sie es von neuem füllte.
»Ich danke Ihnen, gnädige Frau, aber wir wollen nicht zu heftig vorgehen! Wir fangen also an. Wollen Sie bitte das Manuskript vergleichen!
Eingegangene Gaben: Ihre Majestät die Königin: 40 Kronen. Gräfin von Fabelkrantz: 5 Kronen und ein Paar wollene Strümpfe. Kommerzienrat Schalin:[S. 211] 2 Kronen, ein Stoß Kuverte, sechs Bleistifte und eine Flasche Tinte. Fräulein Amanda Libert: eine Flasche Eau de Cologne. Fräulein Anna Feif: ein Paar Manschetten. Karlchen: 25 Pfennig aus seiner Sparbüchse. Fräulein Johanna Pettersson: eine halbes Dutzend Handtücher. Fräulein Emilie Björn: ein Neues Testament. Kolonialwarenhändler Persson: ein Beutel Hafergrütze, ein Viertelzentner Kartoffeln und eine Flasche eingemachte Zwiebeln. Kaufmann Scheike: zwei Paar wollene Un —«
»Meine Herrschaften,« unterbrach Ihre Gnaden, »darf ich mir eine Frage erlauben: Soll dies wirklich gedruckt werden?«
»Ja, natürlich,« antwortete der Pastor.
»Dann bitte ich aus der Direktion austreten zu dürfen.«
»Glauben Eure Gnaden wirklich, die Gesellschaft könne durch freiwillige Gaben weiterbestehen, wenn die Namen der Geber nicht gedruckt werden? Ausgeschlossen!«
»Und die Wohltätigkeit soll also der kleinlichsten Eitelkeit Glanz und Gewicht geben?«
»Aber nein! Nicht so! Eitelkeit ist ein Übel, sehr richtig, ja! Wir verkehren das Böse in Gutes, wir verwandeln es in Wohltätigkeit, ist das nicht gut?«
»Ja, aber wir dürfen einer kleinlichen Sache nicht einen schönen Namen geben; das ist Heuchelei!«
»Eure Gnaden sind sehr streng; die Heilige Schrift sagt, man soll nachsichtig sein; vergebt ihnen ihre Eitelkeit!«
[S. 212]
»Ja, Herr Pastor, ich vergebe ihnen, aber mir selbst nicht! Daß beschäftigungslose Damen sich mit Wohltätigkeit unterhalten, das ist verzeihlich, das ist brav, aber daß sie das eine gute Tat nennen, was nur ein Vergnügen ist, ein Vergnügen, größer als andere durch den Reiz, den die Öffentlichkeit, die größte Öffentlichkeit, die es gibt, nämlich die Publikation im Druck, ihm verleiht, das ist schändlich!«
»Ach,« griff Frau Falk ein mit der ganzen Kraft ihrer furchtbaren Logik, »meinen Eure Gnaden, es ist schändlich, Gutes zu tun?«
»Nein, kleine Freundin, aber drucken zu lassen, daß man ein paar wollene Strümpfe gespendet hat, das halte ich für schimpflich.«
»Nun, aber ein paar wollene Strümpfe schenken ist doch Gutes tun, also ist es schimpflich, Gutes zu tun ...«
»Nein, es drucken zu lassen, mein Kind; Sie müssen hören, was ich sage,« wies Ihre Gnaden die hartnäckige Hausfrau zurecht, die sich noch nicht ergab, sondern fortfuhr:
»Ach, das Drucken ist schimpflich! Nun, aber die Bibel ist doch auch gedruckt, dann ist es also auch schimpflich, die Bibel zu drucken ...«
»Wollen Sie bitte fortfahren, Herr Pastor,« unterbrach Ihre Gnaden, etwas verletzt durch die ungezogene Art, mit der die Hausfrau ihre Dummheiten verfocht, aber diese ließ nicht nach.
»Ach so, Eure Gnaden halten es für unter ihrer Würde, mit einer so geringen Frau wie mir Ansichten auszutauschen ...«
[S. 213]
»Nein, mein Kind, aber behalten Sie Ihre Ansicht; ich möchte nicht tauschen.«
»Nennt man das diskutieren, frage ich? Herr Pastor, wollen Sie uns bitte sagen, ob man es diskutieren nennen kann, wenn der eine Teil sich weigert, auf die Beweisführung des andern zu antworten?«
»Meine beste Frau Falk, diskutieren kann man das allerdings nicht nennen,« antwortete der Pastor mit einem zweideutigen Lächeln, das Frau Falk beinahe zum Weinen gebracht hätte. »Aber wir wollen eine gute Sache nicht durch Zank verderben, meine Damen. Wir schieben den Druck auf, bis der Fonds größer wird. Wir haben das junge Unternehmen aufkeimen sehen wie ein Samenkorn, und wir wissen, daß viele wohlwollende Hände gesonnen sind, die junge Pflanze zu pflegen; aber wir müssen an die Zukunft denken. Die Gesellschaft hat einen Fonds; dieser Fonds muß verwaltet werden, wir müssen mit andern Worten darauf bedacht sein, uns nach einem Verwalter umzusehen, einem praktischen Mann, der die eingegangenen Gaben veräußern und sie in Geld verwandeln kann; wir müssen mit andern Worten einen Rendanten wählen. Ich fürchte, eine solche Persönlichkeit können wir nicht ohne pekuniäre Opfer bekommen — und was bekommt der Mensch ohne solche Opfer? Haben die Damen eine geeignete Persönlichkeit für dieses Amt vorzuschlagen?«
Nein, daran hatten die Damen nicht gedacht.
»Nun, dann möchte ich einen jungen Mann von ernster Gemütsart in Vorschlag bringen, den ich für geeignet halte. Hat die Direktion etwas dagegen, daß Sekretär[S. 214] Eklund gegen eine mäßige Entschädigung Rendant der Krippe wird?«
Nein, dagegen hatten die Damen nichts, besonders da Pastor Skaare ihn empfahl, und das konnte er um so mehr, als der Sekretär ein naher Verwandter von ihm war. Und so bekam die Gesellschaft einen Rendanten, mit sechshundert Kronen Gehalt.
»Meine Damen,« nahm der Pastor wieder das Wort, »finden Sie nicht, daß wir für heute genug im Weinberg gearbeitet haben?«
Schweigen. Frau Falk blickt nach der Tür, ob ihr Mann nicht kommt.
»Meine Zeit ist knapp, und ich sehe mich außerstande, länger zu verweilen! Hat jemand noch etwas hinzuzufügen? — Nein! — Aber indem ich Gottes Beistand für unser Unternehmen anflehe, das einen so schönen Anfang genommen hat, wünsche ich uns allen Gnade und Segen und kann das nicht mit besseren Worten tun, als er selber uns gelehrt hat, da er uns beten lehrte: Abba, lieber Vater! Vater unser ...«
Er verstummte, als scheue er sich, seine eigene Stimme zu hören, und die Gesellschaft hielt die Hände vor die Augen, als schäme sie sich, sich ins Gesicht zu sehen. Die Pause wurde lang, länger, als man ertragen konnte; sie wurde zu lang, aber keiner wagte sie zu unterbrechen; man blickte zwischen den Fingern durch, ob nicht jemand eine Bewegung machen würde, als ein heftiges Klingeln draußen im Korridor die Gesellschaft wieder auf die Erde riß.
Der Pastor nahm seinen Hut, trank sein Glas aus[S. 215] und erinnerte ein wenig an einen Menschen, der sich davonschleichen will. Frau Falk strahlte, denn jetzt würde die Zerschmetterung kommen, und die Rache und die Rehabilitierung, und ein lebhaftes Feuer strahlte aus ihren Augen.
Und die Rache kam, und die Zerschmetterung auch, denn der Diener brachte einen Brief herein, der von ihrem Manne geschrieben war; was er enthielt — das erfuhren die Gäste nicht, aber sie sahen genug, um sofort zu erklären, sie wollten nicht länger stören, und sie würden zu Hause erwartet.
Ihre Gnaden, die gern bleiben wollte, um die junge Frau zu beruhigen, deren Aussehen einen hohen Grad von Unruhe und Kummer verriet, wurde jedoch keineswegs dazu ermuntert, sondern ihr wurde im Gegenteil eine so auffallende Aufmerksamkeit beim Anziehen der Sachen erwiesen, daß es den Eindruck machte, als wolle man sie am liebsten so rasch wie möglich auf der Straße sehen.
Man trennte sich unter recht großer Verlegenheit, die Schritte erstarben auf der Treppe, und die Fortgehenden konnten an dem nervösen Knacken des Schlosses, das hinter ihnen zugemacht wurde, hören, daß die arme Hausfrau die Einsamkeit herbeisehnte, um ihren Gefühlen Luft zu machen. Und das tat sie. Als sie in den großen Zimmern allein geblieben war, brach sie in heftiges Weinen aus; aber es waren nicht Tränen, die wie Mairegen auf ein altes, verstaubtes Herz fallen, es war die Galle des Zorns und der Wut, die den Spiegel der Seele verdunkelt und dann niedertropft und wie Säure die Rosen der Gesundheit und Jugend zerfrißt.
[S. 216]
Eine heiße Nachmittagssonne brannte auf das Pflaster in der großen Provinzstadt X-köping. Im Saal des Ratskellers war es noch still und leer; Tannengrün lag auf dem Fußboden und roch nach Begräbnis; die geeichten Likörflaschen standen auf ihren Regalen und hielten Mittagsschlaf, gerade gegenüber den Branntweinflaschen mit den Ordensketten um den Hals, die bis zum Abend Urlaub hatten; die Wanduhr, die nie Mittagsschlaf halten konnte, stand wie ein langer Rekel an der Wand aufgerichtet und verhökerte die Zeit, während sie einen riesigen Theaterzettel zu studieren schien, der auf einem Garderobenhaken daneben aufgespießt war; der Saal war sehr lang und schmal, und die beiden Längswände waren mit birkenen Tischen besetzt, die von der Wand ausgingen, so daß der Saal das Aussehen eines Stalls bekam, in dem die Tische, alle auf vier Beinen, die Pferde bildeten, die, mit den Hinterteilen dem Zimmer zugewendet, an die Wand gebunden waren; aber nun standen alle und schliefen, hier und da hatte einer das Hinterbein etwas hochgehoben, denn der Boden war recht holperig; daß sie schliefen, konnte man sehen, da die Fliegen ungestört[S. 217] auf ihren Rücken spazierten; aber der sechzehnjährige Kellner, der an die Uhr neben dem Theaterzettel gelehnt saß, schlief nicht, denn er schlug wieder und wieder mit seiner weißen Schürze nach den Fliegen, die eben draußen in der Küche gespeist und sich nun aufgemacht hatten, um ihr Spiel zu treiben; dann sank er wieder zurück und lehnte sein Ohr gegen den dicken Bauch der Uhr, als wolle er feststellen, was sie zu Mittag gegessen habe. Und das sollte er bald erfahren, denn jetzt stieß das lange Biest auf und genau vier Minuten später noch einmal, und dann begann es in seinem Rumpf zu rumoren und zu lärmen, daß der Junge in die Höhe fuhr und hörte, wie die Uhr unter entsetzlichem Röcheln sechsmal hintereinander schlug, um dann wieder zu ihrer stillen Beschäftigung zurückzukehren.
Aber der Junge mußte an seine Arbeit, und er machte jetzt eine Ronde durch seinen Stall, striegelte seine Gäule mit der Schürze und räumte auf, als erwarte er Gäste. Er stellte Streichhölzer auf einen Tisch hinten im Hintergrunde des Saales, von wo ein Beobachter den ganzen langen Raum mit seinen Blicken bestreichen konnte. Neben die Streichhölzer stellte er eine Flasche Absinth und zwei Gläser, ein Likörglas und ein Wasserglas. Darauf ging er nach dem Brunnen, holte eine große Karaffe Wasser, stellte sie neben die feuergefährlichen Dinge auf dem Tisch und machte dann einige Promenaden durch den Saal, wobei er höchst unerwartete Positionen einnahm, als imitiere er jemanden. Jetzt hatte er die Arme über der Brust verkreuzt, hielt[S. 218] den Kopf gesenkt, hatte den linken Fuß vorgestreckt und warf Adlerblicke über die abgeschabten Tapeten der alten Wände; eben verkreuzte er die Beine, die Knöchel der rechten Hand auf dem Tischrand, und hielt in der linken eine Lorgnette aus einem Bierflaschendraht, durch die er spöttisch die Deckenleisten betrachtete, als die Tür aufflog und ein fünfunddreißigjähriger Herr mit einer Sicherheit eintrat, als sei er hier zu Hause. Sein bartloses Gesicht hatte die scharf markierten Züge, die fleißiges Trainieren der Gesichtsmuskeln zu verleihen pflegt und die man nur bei Schauspielern und noch einer andern Gesellschaftsklasse findet; man sah alle Muskeln und Bänder durch die von einem dunklen Bartboden beschattete Haut, ohne das elende Drahtwerk wahrzunehmen, das diese feinen Tasten in Bewegung setzt, denn es war kein gewöhnliches Klavier, das eines Pedals bedurft hätte. Eine hohe Stirn, etwas schmal, mit eingesunkenen Schläfen, erhob sich wie ein echt korinthisches Kapitell; darüber hingen schwarze, ungeordnete Locken wie wilde Pflanzen, zwischen denen kleine, gerade Schlangen hinunterkrochen und zu den Augenhöhlen zu gelangen suchten, ohne jemals dorthin zu kommen. Seine großen, dunklen Augen sahen im Ruhezustand sanft und melancholisch aus, aber er konnte auch Feuer geben, und dann glichen die Pupillen den Mündungen eines Revolvers.
Er ließ sich an dem hergerichteten Tisch nieder und warf einen betrübten Blick auf die Wasserkaraffe.
»Warum stellst du immer Wasser hin, Gustav?«
[S. 219]
»Weil Herr Falander nicht verbrennen soll.«
»Was geht es dich an, ob ich verbrenne! Kann ich das nicht halten, wie ich will!«
»Herr Falander sollen heut nicht Nihilist sein!«
»Nihilist! Wer hat dich das Wort gelehrt? Wo hast du das her? Bist du verrückt, Junge? Sag!«
Er stand vom Tisch auf und gab ein paar Schüsse aus seinen dunklen Revolvern ab.
Gustav verstummte vor Furcht und Entsetzen über den Ausdruck in dem Gesicht des Schauspielers.
»Nun, antworte, Junge, wo hast du das Wort her?«
»Herr Montanus hat es neulich gesagt, als er von Träskaala hier war,« antwortete Gustav ängstlich.
»So, Montanus!« wiederholte der düstere Mann und setzte sich wieder. »Montanus ist mein Mann; das ist ein Kerl, der versteht, was man sagt. Hör einmal, Gustav, du kannst mir ruhig erzählen, was für einen Namen, einen Spitznamen, verstehst du, dies Theaterpack mir gegeben hat. Nun, hab keine Angst!«
»Nein, der ist so häßlich, daß ich ihn nicht sagen mag.«
»Warum willst du es nicht, wenn du mir mit so wenig eine Freude machen kannst? Findest du nicht, mir tut etwas Aufheiterung not? Sehe ich so schrecklich vergnügt aus? Vorwärts! Wie sagen sie, wenn sie fragen, ob ich hier gewesen bin? Sagen sie nicht: Ist ...«
»Der Teufel ...«
»Ah! Der Teufel! Das ist ein guter Name. Sie hassen mich, nicht wahr?«
»Ja, schrecklich!«
[S. 220]
»Schön! Aber warum? Habe ich ihnen etwas Böses getan?«
»Nein, das können sie nicht sagen!«
»Das glaube ich auch!«
»Aber sie sagen, Herr Falander verdirbt die Menschen!«
»Verdirbt?«
»Ja, sie sagen, Herr Falander hat mich verdorben, weil ich finde, daß alles alt ist!«
»Hm! Hm! Pflegst du ihnen zu sagen, daß ihre Witze alt sind?«
»Ja, alles was sie überhaupt sagen, ist alt; sie sind alle miteinander so alt, daß sie mich anwidern!«
»So! Findest du nicht auch, daß es etwas Altes ist, Kellner zu sein?«
»Aber gewiß! Es ist alt, zu leben, es ist alt, zu sterben, alles ist alt — nein — eins nicht — Schauspieler zu sein!«
»Doch, mein Freund, das ist das Älteste von allem. Sei jetzt still, ich muß mich betäuben!«
Er trank seinen Absinth aus und sank mit dem Kopf gegen die Wand, an der ein langer brauner Streifen zu sehen war, an der Stelle, wo der Rauch seiner Zigarre in den sechs langen Jahren, die er hier gesessen hatte, emporgestiegen war. Die Sonnenstrahlen drangen durch das Fenster herein, wurden aber erst von den großen Espen draußen durchgeseiht, deren leichtes Blattwerk sich im Abendwinde regte, so daß der Schatten an der Längswand ein bewegliches Netz bildete, in dessen unterster Ecke der Kopf des düsteren Mannes[S. 221] mit seinen ungeordneten Locken einen Schatten warf, der genau wie eine große Spinne aussah.
Gustav hatte sich wieder hingesetzt, um den Uhrenmann zu behorchen, und beobachtete ein nihilistisches Schweigen, während er zusah, wie die Fliegen um die Hängelampe tanzten.
»Gustav!« ertönte es hinten von dem Spinnennetz her.
»Ja!« erklang es vom Uhrgehäuse.
»Leben deine Eltern noch?«
»Nein, das wissen Sie doch, Herr Falander!«
»Das ist gut für dich!«
Eine lange Pause.
»Gustav!«
»Ja!«
»Kannst du nachts schlafen?«
»Was meinen Sie, Herr Falander?« antwortete Gustav und errötete.
»Was ich sage!«
»Natürlich kann ich das! Warum sollte ich es nicht können?«
»Warum willst du Schauspieler werden?«
»Das kann ich nicht sagen! Ich glaube, ich würde glücklich werden!«
»Bist du denn jetzt nicht glücklich?«
»Das weiß ich nicht! Ich glaube es nicht!«
»Ist Herr Rehnhjelm schon hier gewesen?«
»Nein, das ist er nicht, aber er wollte Herrn Falander um diese Zeit hier aufsuchen.«
Eine lange Pause; worauf die Tür geöffnet wird und[S. 222] ein Schatten in das große Netz fällt, das ins Wanken kommt, so daß die Spinne in der Ecke eine hastige Bewegung macht.
»Herr Rehnhjelm?« sagt der düstere Kopf.
»Herr Falander?«
»Seien Sie mir willkommen! Sie haben mich heute schon gesucht?«
»Ja, ich bin heute mittag angekommen und wollte Sie sofort aufsuchen. Sie erraten mein Anliegen; ich möchte mich um ein Engagement beim Theater bewerben.«
»Ach wirklich! Das wundert mich!«
»Wundert es Sie?«
»Ja, allerdings! Aber warum suchen Sie mich zuerst auf?«
»Weil ich weiß, daß Sie der beste Schauspieler sind, und weil ein gemeinsamer Bekannter, der Bildhauer Montanus, Sie mir als einen ausgezeichneten Menschen empfohlen hat.«
»Oh, hat er das? Was kann ich denn für Sie tun?«
»Mir einen Rat geben!«
»Wollen Sie an meinem Tisch Platz nehmen?«
»Danke sehr, wenn ich der Wirt sein darf.«
»Das kann ich nicht zugeben ...«
»Aber als mein eigener Gast, wenn Sie nichts dagegen haben?«
»Wie Sie wünschen! — Sie wollen einen Rat? Hm! — Wollen Sie einen aufrichtigen haben? Ja, natürlich! Aber hören Sie gut zu und nehmen Sie das ernst, was ich Ihnen sage, und vergessen Sie nie,[S. 223] daß ich am heutigen Tage soundso gesagt habe, denn ich habe gewissermaßen die Verantwortung für das, was ich sage.«
»Nun, sprechen Sie Ihre Meinung aus, ich höre!«
»Haben Sie schon Pferde bestellt? Nein! Tun Sie es und reisen Sie wieder nach Hause!«
»Halten Sie mich denn für untauglich, Schauspieler zu werden?«
»Nein, sicher nicht! Ich halte niemanden für untauglich dazu. Im Gegenteil! Alle Menschen haben mehr oder minder das Talent, Menschen darzustellen!«
»Nun also?«
»Ach, das ist etwas ganz anderes, als Sie ahnen! Sie sind jung, Ihr Blut ist in Wallung, tausend Bilder, schöne, helle wie in den Märchenbüchern, wirbeln in Ihrem Kopf durcheinander, aber Sie wollen diese Bilder nicht verbergen, Sie wollen sie ins Licht hinausbringen, sie auf die Arme nehmen und sie zeigen, vor allem sie der Welt zeigen und dabei eine stolze Freude empfinden, — nicht wahr?«
»O gewiß, — Sie sprechen meine Gedanken aus!«
»Ich habe nur den besten und gewöhnlichsten Fall angenommen, denn ich suche nicht schlechte Motive für alles, obwohl ich das meiste recht niedrig einschätze! Also gut, diese Neigung ist so stark, daß Sie lieber Not und Demütigungen auf sich nehmen, sich von Vampiren aussaugen lassen, das Vertrauen ihrer Mitmenschen verlieren, Konkurs machen, untergehen wollen, als umkehren! Nicht wahr?«
»Jawohl! Oh, wie gut Sie mich kennen!«
[S. 224]
»Ich habe einmal einen jungen Mann gekannt — jetzt kenne ich ihn nicht mehr, denn er hat sich sehr verändert! Er war fünfzehn Jahre alt, als er der Strafanstalt entlief, die jede Gemeinde für die Kinder unterhält, die das äußerst gewöhnliche Verbrechen begangen haben, zur Welt zu kommen; in dieser Strafanstalt müssen die unschuldigen Kinder die Sünden ihrer Eltern abbüßen, denn wie sollte es sonst kommen .. Ach bitte, erinnern Sie mich, daß ich bei der Sache bleibe! Er hielt sich dann fünf Jahre in Upsala auf und las schauerlich viele Bücher; sein Gehirn wurde in sechs Fächer eingeteilt, in die sechs Sorten von Angaben eingepackt wurden: Angaben von Zahlen und Namen; ganze Speicher voll fertiger Urteile, Schlußfolgerungen, Theorien, plötzlicher Einfälle, Dummheiten. Das mochte noch angehen, denn das Gehirn ist geräumig; aber es sollte auch die Gedanken anderer aufnehmen, alte vermoderte Gedanken, an denen fremde Menschen ihr ganzes Leben lang gekaut hatten und die sie jetzt ausspuckten; da bekam er Erbrechen und da — er war zwanzig Jahre alt, als er zum Theater ging. Sehen Sie meine Uhr an; sehen Sie den Sekundenzeiger: sechzigmal, ehe es eine Minute wird, sechzigmal sechzig, ehe es eine Stunde wird, und das wieder vierundzwanzigmal, und es ist erst ein Tag; das wieder dreihundertfünfundsechzigmal — und es ist erst ein Jahr. Denken Sie nun, zehn Jahre! Herr — sind Sie schon einmal vor einem Hause auf und ab gegangen und haben auf einen lieben Bekannten gewartet? Die erste Viertelstunde vergeht wie ein Nichts; die zweite Viertelstunde[S. 225] — nun, man tut es so gern für einen, den man lieb hat; die dritte Viertelstunde: er kommt nicht; die vierte: Hoffnung und Furcht; die fünfte: man geht fort, kehrt aber wieder um; die sechste: Herr Gott, ich habe meine Zeit unnötig verschwendet; die siebente: aber ich bleibe doch hier, da ich nun einmal so lange geblieben bin; die achte: Raserei, Verwünschungen; die neunte: man geht nach Hause und legt sich auf sein Sofa und fühlt eine Ruhe, als halte man den Tod im Arm. Er wartete zehn Jahre, zehn Jahre lang! Sträuben sich mir nicht die Haare auf dem Kopf, wenn ich zehn Jahre sage? Sehen Sie nach! Es sind doch noch welche da? Zehn Jahre vergingen, bevor er eine Rolle bekam. Und dann hatte er Erfolg — sofort. Und da wäre er beinahe wahnsinnig geworden über seine vergeudeten zehn Jahre; er raste, weil es nicht vor zehn Jahren geschehen war, und wunderte sich, daß das eingetroffene Glück ihn nicht glücklich machte, und so wurde er unglücklich.«
»Meinen Sie, daß er die zehn Jahre nicht gebraucht hat, um seine Kunst zu studieren?«
»Er konnte ja nie studieren, da er nie spielen durfte. Er war eine lächerliche Figur, ein Ausschuß auf dem Theaterzettel; der Direktor sagte, er sei nicht zu gebrauchen, und wenn er sich an einen andern Direktor wendete, sagte der, er habe kein Repertoir!«
»Aber warum war er nicht glücklich, als er Erfolg hatte?«
»Glauben Sie, eine unsterbliche Seele ist damit zufrieden, Erfolg zu haben? — Aber warum über so etwas[S. 226] reden! Ihr Entschluß ist unwiderruflich! Meine Ratschläge sind überflüssig! Es gibt keinen anderen Lehrmeister als die Erfahrung, und er ist sehr launisch und berechnend, genau wie die Lehrer in der Schule; einige Schüler werden immer gelobt, andere bekommen immer Prügel; Sie sind dazu geboren, Lob zu bekommen; glauben Sie nicht, daß ich das in Hinblick auf Ihre Herkunft sage; ich bin aufgeklärt genug, dem weder Gutes noch Böses zuzuschreiben; das ist ein völlig gleichgültiger Faktor in diesem Falle, denn hier gilt der Mensch als Mensch! Ich wünsche Ihnen, daß Sie so rasch wie möglich Erfolg haben, damit Sie aufgeklärt werden — so rasch wie möglich! Sie verdienen das, glaube ich!«
»Aber haben Sie denn keine Achtung vor Ihrer Kunst? Der größten und herrlichsten von allen?«
»Die überschätzt wird wie alles, worüber Menschen Bücher geschrieben haben. Sie ist gefährlich, denn sie kann schaden! Eine schön gesagte Lüge kann einen wahrhaften Eindruck machen! Sie gleicht der Volksversammlung, in der die ungebildete Majorität den Ausschlag gibt. Je oberflächlicher, desto besser — je schlechter, desto besser. Ich habe damit nicht gesagt, daß sie unnötig ist!«
»Was Sie sagen, kann doch nicht wirklich Ihre Ansicht sein!«
»Es ist meine Ansicht, aber sie braucht deshalb ja nicht zuzutreffen.«
»Aber haben Sie denn wirklich keine Achtung vor Ihrer Kunst?«
[S. 227]
»Vor meiner? Warum sollte ich vor meiner mehr Achtung haben als vor der anderer?«
»Und Sie haben doch die tiefsinnigsten Rollen gespielt; Sie haben Shakespeare gespielt? Sie haben den Hamlet gespielt? Sind Sie wirklich nie in Ihrem Innersten erschüttert gewesen, wenn Sie den tiefen Monolog ›Sein oder Nichtsein!‹ gesprochen haben?«
»Was meinen Sie mit tief?«
»Tiefsinnig, tief gedacht!«
»Erklären Sie sich! Ist es so tief zu sagen: Soll ich mir das Leben nehmen oder nicht? Ich würde es sehr gern tun, wenn ich wüßte, was nach dem Tode kommt, und das würden alle andern auch tun, aber wir wissen es nun einmal nicht, deshalb wagen wir nicht, uns das Leben zu nehmen. Ist das nun so tiefsinnig?«
»Nein, so nicht ...«
»Nun also! Sie haben ganz sicher schon einmal daran gedacht, sich das Leben zu nehmen? Nicht wahr?«
»Ja, das haben wohl alle Menschen getan!«
»Nun, warum haben Sie es nicht getan? Weil Sie, wie Hamlet, es nicht wagten, weil Sie nicht wissen, was hinterher kommt. Nun, waren Sie da sehr tiefsinnig?«
»Nein, natürlich nicht!«
»Nun also, es ist ganz einfach eine Banalität. Es ist mit einem Wort — wie nennt man das, Gustav?«
»Es ist alt!« kam die Antwort vom Uhrgehäuse her, wo man auf das Stichwort gewartet zu haben schien.
»Ja, es ist alt! Hätte aber der Dichter ein annehmbares Bild von dem künftigen Leben gegeben, das wäre neu gewesen!«
[S. 228]
»Ist alles Neue so ausgezeichnet?« fragte Rehnhjelm, der über die neuen Dinge, die er zu hören bekam, sehr niedergeschlagen war.
»Das Neue hat wenigstens ein Verdienst — nämlich: daß es neu ist! Versuchen Sie Ihre Gedanken selber zu denken, und Sie werden sich immer neu finden. Wollen Sie glauben, daß ich gewußt habe, worüber Sie mit mir sprechen würden, bevor Sie in die Tür traten? Und daß ich weiß, was Sie mich nun zunächst fragen werden, nun wir in die Nähe Shakespeares gekommen sind?«
»Sie sind ein sonderbarer Mensch; ich muß gestehen, daß Sie in dem, was Sie sagen, recht haben, obwohl ich es nicht gutheiße.«
»Nun, was halten Sie von der Leichenrede des Antonius an Cäsars Bahre? Ist die nicht merkwürdig?«
»Das gerade wollte ich Sie fragen? Es ist ganz, als könnten Sie meine Gedanken lesen.«
»Ja, das habe ich Ihnen ja eben gesagt. Und ist das so seltsam, da alle Menschen dasselbe denken oder richtiger sagen? Nun, was finden Sie tief daran?«
»Das kann ich mit Worten nicht ausdrücken ...«
»Nun, finden Sie denn nicht, daß es eine ganz gewöhnliche Form einer ironischen Äußerung ist? Man sagt genau das Gegenteil von dem, was man meint, und wenn man die Kanten schärft, so wird keiner umhin können, sich daran zu stechen. Nun, aber haben Sie je etwas Schöneres gelesen als Julias und Romeos Zwiegespräch nach der Hochzeitsnacht?«
»Ja, die Stelle, wo er sagt, er habe geglaubt, es sei die Nachtigall, als es die Lerche war?«
[S. 229]
»Welche andere Stelle sollte ich meinen, da die ganze Welt sie meint. Nun, hier beruht doch die Wirkung auf einem einzelnen, sehr häufig angewandten poetischen Bilde; glauben Sie nun, daß Shakespeares Größe auf poetischen Bildern beruht?«
»Warum wollen Sie mir alles zertrümmern, warum wollen Sie mir meinen ganzen Halt nehmen?«
»Ich werfe Ihre Krücken fort, damit Sie — selber gehen lernen. Im übrigen: verlange ich, daß Sie auf das eingehen, was ich sage?«
»Sie verlangen es nicht, Sie zwingen einen, es zu tun!«
»Dann müssen Sie meine Gesellschaft meiden. — Ihre Eltern sind traurig über Ihr Vorhaben?«
»Ja, natürlich! Wie können Sie das wissen?«
»Das sind alle Eltern! Warum müssen Sie mein Urteilsvermögen überschätzen? Sie dürfen überhaupt nicht überschätzen!«
»Glauben Sie, daß man dadurch glücklicher wird?«
»Glücklicher? Hm! Kennen Sie jemanden, der glücklich ist? Antworten Sie jetzt mit eigenen Ansichten, nicht mit fremden Worten!«
»Nein!«
»Nun, wenn Sie nicht glauben, daß irgend jemand glücklich ist, wie können Sie dann davon sprechen, daß man glücklicher wird? — Also Sie haben Eltern! Es ist sehr dumm, Eltern zu haben!«
»Wieso? Wie meinen Sie das?«
»Finden Sie es nicht unnatürlich, daß eine alte Generation eine neue erziehen und sie mit ihren veralteten[S. 230] Dummheiten aufpäppeln soll? Nun, Ihre Eltern verlangen Dankbarkeit von Ihnen? Nicht wahr?«
»Ja, man soll doch auch wohl seinen Eltern dankbar sein?«
»Dankbar dafür, daß sie uns mit gesetzlicher Erlaubnis in dies Elend hineingesetzt, uns mit schlechtem Essen ernährt, uns geschlagen, unterdrückt, gedemütigt, sich unsern Wünschen widersetzt haben? Wollen Sie glauben, daß eine Revolution nötig ist? Nein, zwei! Warum trinken Sie nicht Absinth? Sie haben Angst davor? Ach, sehen Sie, es ist doch das Rote Kreuz darauf! Es heilt die Verwundeten auf dem Schlachtfelde, Freund und Feind! Es betäubt den Schmerz, stumpft die Gedanken ab, tilgt die Erinnerung, erstickt alle edlen Gefühle, die den Menschen verleiten, Torheiten zu begehen, und löscht schließlich das Licht der Vernunft aus. Wissen Sie, was das Licht der Vernunft ist? Das ist erstens eine Phrase, zweitens ein Irrlicht, Sie wissen, so ein Licht, das über Orten umhertanzt, wo Fische vermodert sind und Phosphorwasserstoff erzeugt haben; das Licht der Vernunft ist Phosphorwasserstoff, aus der grauen Gehirnsubstanz erzeugt. Es ist doch merkwürdig, daß alles Gute hier auf Erden untergeht und vergessen wird. Ich habe bei meinen zehnjährigen Streifzügen und meiner anscheinenden Untätigkeit alle Volksbibliotheken durchgelesen, die in den kleinen Städten existieren; alles Schlechte und Bedeutungslose, was in den Büchern steht, wird zitiert und neu gedruckt, aber das Gute bleibt unbeachtet. — Was ich sagen wollte — erinnern Sie mich daran, daß ich bei der Sache bleibe —«
[S. 231]
Jetzt begann die Uhr ihr Unwesen zu treiben und donnerte sieben Schläge. — Die Tür flog auf, und herein wälzte sich mit großem Lärm ein Mensch. Es war ein Fünfziger mit fettem, schwerem Kopf, der wie ein Mörser zwischen ein paar fetten Schultern ruhte, wie auf einer Lafette mit einer beständigen Elevation von 45 Grad, und aussah, als wolle er die Sterne bombardieren. Das Gesicht machte den Eindruck, als sei sein Besitzer aller möglichen Verbrechen und aller unmöglichen Laster fähig, werde aber von Feigheit abgehalten, sie zu begehen. Er schleuderte sofort eine Granate auf den Düsteren und verlangte von dem Kellner einen Rumgrog in einer grammatikalisch ungehobelten Sprache, mit einer Stimme wie ein Korporal.
»Das ist der Lenker Ihres Geschicks,« flüsterte der Düstere Rehnhjelm zu. »Das ist der große Tragöde, der Direktor und Intendant, mein Todfeind.«
Rehnhjelm schauderte, als er die entsetzliche Gestalt betrachtete, die einen Blick tiefsten Hasses mit Falander gewechselt hatte und nun dasaß und den Gang mit Spucksalven beschoß.
Darauf öffnete sich die Tür von neuem, und herein glitt ein fast eleganter, älterer Mann mit pomadisiertem Haar und gewachstem Schnurrbart. Er ließ sich vertraulich neben dem Direktor nieder, der ihm den mit einem Karneolring geschmückten Mittelfinger zum Schütteln reichte.
»Das ist der Redakteur der hiesigen konservativen Zeitung: der Verteidiger von Thron und Altar. Er hat freien Zutritt zu den Kulissen und möchte alle[S. 232] Mädchen verführen, auf die nicht der Direktor seine Augen wirft. Er war früher königlicher Beamter, mußte die Stellung aber aufgeben, — ich schäme mich, zu sagen, warum,« erläuterte Falander. »Aber ich schäme mich auch, im selben Raum zu sitzen wie diese Herren, und ich gebe außerdem hier heute abend meinen Freunden ein kleines Fest anläßlich meines gestrigen Benefizes. Wenn Sie Lust haben, in schlechter Gesellschaft zu sein, mit den verworfensten Subjekten, zwei übel beleumundeten Damen und einem alten Lump von Herrn, so sind Sie mir um acht Uhr willkommen.«
Rehnhjelm zögerte nicht einen Augenblick, die Einladung anzunehmen.
Die Spinne an der Wand kletterte durch ihr Netze wie um es zu inspizieren, und verschwand dann. Die Fliege blieb noch eine kleine Weile sitzen. Aber die Sonne verkroch sich hinter der Domkirche, die Maschen des Netzes lösten sich auf, als seien sie nie gewesen, und die Espen zitterten vor dem Fenster. Da aber erhob der große Mann, der künstlerische Direktor, seine Stimme und schrie, denn das Sprechen hatte er verlernt; und er sagte:
»Nun, du hast gesehen, wie das Wochenblatt mich wieder angegriffen hat.«
»Ach, um das Geschwätz mußt du dich nicht kümmern!«
»Ich soll mich nicht darum kümmern! Was meinst du damit, zum Teufel? Liest es nicht die ganze Stadt? Oh, ich werde mich schon darum kümmern! Ich gehe zu ihm in die Wohnung und verprügele ihn, das tue ich! Er behauptet ganz frech, ich übertreibe und sei affektiert.«
[S. 233]
»Nun, so bestich ihn doch! Aber mache keinen Skandal!«
»Bestechen? Denkst du, das habe ich nicht versucht? Diese liberalen Zeitungsschreiber sind verdammt sonderbare Leute! Wenn man mit ihnen befreundet und bekannt ist, können sie nett über einen schreiben, aber bestechen, das geht nicht, und wenn sie noch so arm sind!«
»Ach, du verstehst dich nicht darauf! Man muß nicht gerade drauflos gehen, sondern muß ihnen Geschenke schicken, die man versetzen kann, oder auch bares Geld, anonym, und sich dann später nie etwas merken lassen!«
»Wie man es mit dir macht? Nein du, das geht bei ihnen nicht; ich habe es schon versucht. Es ist eine Hölle, mit Leuten mit Prinzipien zu tun zu haben.«
»Was meinst du, was war das für ein Opfer — um das Thema zu wechseln —, das der Teufel in den Klauen hatte?«
»Das geht mich nichts an!«
»Vielleicht doch! Gustav! Wer war der Herr, den Falander bei sich hatte?«
»Ja, der will zum Theater und heißt Rehnhjelm.«
»Was sagst du? Der will zum Theater? Der?« schrie der Direktor.
»Ja, das will er,« antwortete Gustav.
»Und Tragödie spielen, natürlich. Und von Falander protegiert werden? Und sich nicht an mich wenden? Und meine Rollen nehmen? Und uns die Ehre erweisen. Und ich weiß kein Wort von der Sache? Ich? Ich? Das tut mir leid um ihn! Es ist schade um ihn! Was für eine schreckliche Zukunft! Ich werde ihn natürlich[S. 234] protegieren! Ich werde ihn unter meine Flügel nehmen! Man fühlt die Kraft meiner Flügel, auch wenn ich nicht fliege! Sie haben einen guten Druck! Das war ein schmucker Kerl! Ein feiner Kerl! Schön wie ein Antigonus! Schade, daß er nicht zuerst zu mir gekommen ist, dann hätte er Falanders sämtliche Rollen bekommen! Oh! Oh! Oh! Aber das ist noch nicht zu spät! Ha! Erst muß der Teufel ihn verderben! Er ist noch etwas zu frisch! Er sah wirklich unverdorben aus! Armer Junge! Ja, ich sage nur: Gott behüte ihn!«
Der Laut des letzten Stoßgebets erstarb unter dem Lärm, der entstand, als nun alle Groggäste der Stadt sich einfanden.
[S. 235]
Am folgenden Tage erwachte Rehnhjelm in seinem Bett im Hotel spät am Vormittag. Die Erinnerungen an die verflossene Nacht stiegen wie Gespenster auf und umgaben sein Bett mitten an dem sommerhellen Tag. Er sah das schöne, mit Blumen reich geschmückte Zimmer, in dem die Orgie bei fest verschlossenen Fensterläden stattgefunden hatte; er sah die fünfunddreißigjährige Schauspielerin, die von einer Rivalin in das Mutterfach verdrängt worden war; sie kommt voll Verzweiflung und Wut über neue Beschimpfungen herein, betrinkt sich, legt die Beine auf die Sofalehne und knöpft, als es zu warm im Zimmer wird, die Taille auf, so sorglos, wie ein Herr nach einem großen Diner die Weste aufmacht; da wankt der alte Komiker umher, der frühzeitig das Liebhaberfach aufgeben mußte, nach einer kurzen Blütezeit zu Dienerrollen herabgesunken ist und nun die Kleinbürger mit seinen Liedern und vor allem seinen Erzählungen aus der Zeit seiner Größe ergötzt; aber mitten in dem Rauch und den Bildern des Rausches sieht er die junge Sechzehnjährige, die mit tränengefüllten Augen eintritt und[S. 236] dem finsteren Falander berichtet, daß der große Direktor ihr wieder schimpfliche Anträge gemacht und bei ihrer Weigerung geschworen habe, sich zu rächen und ihr nur noch Dienstmädchenrollen zu geben; und er sieht Falander, der die Sorgen und Kümmernisse aller entgegennimmt und sie anhaucht, daß sie verschwinden; wie er alles in ein Nichts auflöst: Kränkungen, Demütigungen, Fußtritte, Unglücksfälle, Not, Elend und Jammer; wie er seine Freunde belehrt und ermahnt, nichts zu überschätzen, vor allem die eigenen Sorgen nicht. Aber wieder und immer wieder sieht er die kleine Sechzehnjährige mit dem unschuldigen Gesicht, deren Freund er geworden ist und von der er beim Abschied einen Kuß bekommen hat, einen heftigen, leidenschaftlichen Kuß; sein überreiztes Hirn erinnerte sich jetzt, wenn es aufrichtig war, diesen Kuß etwas unerwartet gefunden zu haben. Aber wie hieß sie doch nur?
Er steht auf, um nach der Wasserkaraffe zu greifen, und bekommt ein kleines Taschentuch mit Weinflecken darin in die Hand. Ah! Da steht es unauslöschlich mit Zeichentinte geschrieben — Agnes! Es küßt es auf der reinsten Stelle zweimal und stopft es in den Koffer. Darauf zieht er sich sorgfältig an, um zum Theaterdirektor zu gehen, der zwischen zwölf und drei Uhr am sichersten zu treffen ist.
Um sich nichts vorwerfen zu müssen, geht er um zwölf Uhr ins Theater und trifft einen Diener, der ihn fragt, was er wünsche und ob er ihm zu Diensten sein könne. Rehnhjelm hält das nicht für möglich, sondern fragt von neuem, ob der Direktor nicht zu sprechen sei;[S. 237] darauf wird ihm mitgeteilt, daß der Direktor sich augenblicklich in der Fabrik befinde, später aber herkommen werde. Rehnhjelm hält das Wort Fabrik für eine familiäre Bezeichnung für das Theater, wird aber dahin belehrt, daß der geschäftsführende Direktor eigentlich Inhaber einer Streichholzfabrik ist. Sein Schwager, der Rendant, ist auf der Post beschäftigt und pflegt erst um zwei Uhr zu kommen, und dessen Sohn, der Sekretär, tut auf dem Telegraphenamt Dienst, so daß man nie sicher ist, ihn zu treffen. Da jedoch der Diener Rehnhjelms Anliegen zu kennen glaubte, überreichte er ihm in eigenem und in des Theaters Namen ein Exemplar der Statuten des Theaters, mit denen der junge Debütant sich die Zeit vertreiben sollte, bis einer von den Direktionsmitgliedern käme. Er wappnete sich also mit Geduld und setzte sich auf ein Sofa, um zu studieren. Als er die Satzungen durchgelesen hatte, war es erst halb eins. Da unterhielt er sich mit dem Diener bis dreiviertel eins. Darauf machte er sich daran, den ersten Paragraphen der Statuten zu ergründen: »Das Theater ist eine moralische Institution, deshalb müssen alle seine Mitglieder sich der Gottesfurcht, der Tugend und guter Sitten befleißigen.« Er drehte und wendete den Satz und suchte ihn ins rechte Licht zu stellen, ohne daß es ihm gelang. Wenn das Theater schon eine moralische Institution ist, so brauchen doch die Mitglieder, die (neben Direktor, Rendant, Sekretär, Maschinen und Dekorationen) die Institution bilden, so brauchen sie sich doch nicht erst all des Schönen, wie es nun auch heißt, zu befleißigen. Wenn man gesagt[S. 238] hätte: Das Theater ist eine unmoralische Institution und deshalb ... Ja, dann hätte es einen Sinn gegeben; so war es aber von der Direktion nicht gemeint. Und dann dachte er an Hamlets »Worte, Worte«, erinnerte sich aber sofort, daß es alt sei, Hamlet zu zitieren, und daß man seine Gedanken mit eigenen Worten ausdrücken müsse; so überlegte er lange und blieb schließlich dabei stehen, es Geschwätz zu nennen; er verwarf auch das als nicht originell, aber das war das Original ja auch nicht.
Paragraph 2 half ihm dann, sich eine weitere Viertelstunde mit Betrachtungen über den Text zu vertreiben. »Das Theater ist keineswegs zum Vergnügen da. Nicht bloß zur Belustigung.« Da stand: Das Theater ist nicht zum Vergnügen da, und da stand: Das Theater ist nicht ausschließlich zum Vergnügen da, also ist es (auch) zum Vergnügen da. Darauf dachte er darüber nach, wann man sich im Theater unterhält: Ja, wenn man sieht, wie Kinder, zumal Söhne, ihre Eltern um Geld betrügen, vor allem, wenn die Eltern sparsam, gutmütig und verständig sind; zweitens wenn Frauen ihre Männer betrügen; das ist besonders lustig, wenn der Mann alt ist und die Hilfe seiner Frau braucht; weiter erinnerte er sich, furchtbar gelacht zu haben über zwei alte Männer, die dem Hungertode nahe waren, weil ihr Geschäft zurückgegangen war; und noch heutigentags lachte man darüber in dem Stück eines klassischen Dichters. Er erinnerte sich ferner, sich an dem Unglück eines älteren Mannes ergötzt zu haben, der das Gehör verloren hatte; erinnerte sich, zusammen mit sechshundert[S. 239] andern Menschen sich höchlich amüsiert zu haben über einen Priester, der auf natürlichem Wege Heilung für die Verrücktheit suchte, in die seine Enthaltsamkeit ihn gebracht hatte, und über die Heuchelei, die er zur Erreichung seiner Absichten anwenden mußte. Worüber hatte man nur so gelacht, fragte er sich. Und da er nichts anderes zu tun hatte, so versuchte er darauf zu antworten! Ja, über Unglück, Not, Elend, Laster, Tugend, über die Niederlage des Guten, den Sieg des Bösen. Dies Resultat, das ihm teilweise neu war, versetzte ihn in gute Stimmung, und er fand einen großen Genuß an diesem Spiel mit Gedanken. Da die Direktion noch nichts von sich hören ließ, setzte er das Spiel fort und kam, ehe fünf Minuten vergangen waren, zu dem Ergebnis, daß man in der Tragödie über genau dieselben Dinge weint, über die man in der Komödie lacht. Da aber blieb er stehen, denn herein stürmte der große Theaterdirektor, rannte an Rehnhjelm vorbei, als sehe er ihn nicht, und stürzte in ein Zimmer links, wo einen Augenblick später eine Klingel von starker Hand in Bewegung gesetzt wurde. Der Diener brauchte eine halbe Minute, um hinein zu gehen und mit der Erklärung wieder herauszukommen, Seine Hoheit empfange.
Als Rehnhjelm eintrat, hatte der Direktor schon abgeprotzt und seinen Mörser in so großem Winkel gerichtet, daß er unmöglich den Sterblichen sehen konnte, der leise zitternd eintrat. Aber er mußte ihn gehört haben, denn er fragte sofort in verletzendem Ton, was gefällig sei.
Rehnhjelm erklärte, er wolle debütieren.
[S. 240]
»Oh! Großes Debüt! Großer Enthusiasmus! Haben Sie ein Repertoire, Herr? Haben Sie Hamlet, Lear, Richard Sheridan gespielt und sind nach dem dritten Akt zehnmal herausgerufen worden? Was? He?«
»Ich bin noch nie aufgetreten!«
»Ach so! Das ist etwas anderes!«
Er setzte sich in einen versilberten, mit blauer Seide bezogenen Lehnstuhl, und sein Gesicht legte eine Maske an, die in einer der Biographien im Svetonius als Illustration hätte dienen können.
»Darf ich Ihnen meine aufrichtige Meinung sagen, mein Herr? Ja? Verzichten Sie auf diese Laufbahn!«
»Unmöglich!«
»Ich wiederhole: Verzichten Sie auf diese Laufbahn! Es ist die schrecklichste aller Karrieren! Sie ist so voll von Demütigungen, Unannehmlichkeiten, Nadelstichen, Dornen, mein Herr, die Ihnen, glauben Sie mir, das Leben so verbittern, daß Sie schließlich wünschen, nie geboren zu sein!«
Er sah wirklich glaubwürdig aus, aber Rehnhjelm war unerschütterlich in seinem Entschluß.
»Nun, beachten Sie meine Worte wohl! Ich rate Ihnen feierlich ab und erkläre Ihnen: die Aussichten sind so trübe, daß Sie vielleicht jahrelang als Statist fungieren müssen! Überlegen Sie sich das! Und kommen Sie später nicht zu mir und beschweren Sie sich. Diese Laufbahn ist so verteufelt schwer, mein Herr, daß Sie, wenn Sie Bescheid wüßten, sie nie einschlagen würden! Sie haben eine Hölle vor sich, glauben Sie mir, jetzt ist es gesagt!«
[S. 241]
Es waren vergeudete Worte!
»Würden Sie dann nicht lieber gleich ohne Debüt ein Engagement nehmen? Das ist weniger riskant.«
»Ja natürlich, aber das hatte ich nicht in Erwägung gezogen.«
»Wollen Sie bitte diesen Kontrakt unterschreiben? Zwölfhundert Kronen Gage und zwei Jahre Kontrakt. Ist das gut?«
Er holte einen ausgefüllten und von der Direktion unterzeichneten Kontrakt, der unter dem Löschblatt lag, hervor und reichte ihn Rehnhjelm zur Unterschrift, und Rehnhjelm, dem die zwölfhundert Kronen den Kopf verwirrten, unterschrieb unbesehen.
Als das geschehen war, reichte der Direktor ihm seinen großen Mittelfinger mit dem Karneolring und sagte: »Willkommen!«, wobei er das Zahnfleisch des Oberkiefers und das gelbe, blutgesprenkelte Weiße der beiden Augen mit der seifengrünen Iris zeigte.
Und dann war die Audienz beendet. Rehnhjelm aber, dem das Ganze zu rasch gegangen war, blieb stehen und nahm sich die Freiheit, zu fragen, ob er nicht warten solle, bis die Direktion versammelt sei.
»Die Direktion?« rief der große Tragöde; »das bin ich! Haben Sie etwas zu fragen, so wenden Sie sich nur an mich! Wollen Sie einen Rat haben, so wenden Sie sich an mich! an mich, mein Herr! An keinen andern! So! — Marsch!«
Es sah aus, als bleibe Rehnhjelms Rockschoß an einem Nagel hängen, gerade als er im Hinausgehen war, so hastig blieb er stehen und drehte sich um, gewissermaßen[S. 242] um festzustellen, wie die letzten Worte aussahen, aber er erblickte nur das rote Zahnfleisch, das einem Folterwerkzeug glich, und das mit Blut marmorierte Auge, weshalb er keine Lust verspürte, eine Erklärung zu fordern, sondern in den Ratskeller eilte, um Mittag zu essen und Falander zu treffen.
Dieser saß schon an seinem Tisch, ruhig und gleichgültig, als sei er auf das Allerschlimmste, was es auch sei, gefaßt. Es wunderte ihn also nicht, daß Rehnhjelm engagiert worden war, wenn er auch sehr finster wurde, als er es erfuhr.
»Wie gefällt dir der Direktor sonst?« fragte Falander.
»Ich hätte ihm am liebsten eine Ohrfeige gegeben, aber ich wagte es nicht.«
»Das wagt die Direktion auch nicht, und deshalb ist er Alleinherrscher. Du wirst immer sehen, daß die Roheit die Macht in Händen hat. Du weißt, daß er auch Dramatiker ist?«
»Das habe ich gehört!«
»Er schreibt eine Art historische Schauspiele, die immer Beifall finden; das kommt daher, daß er Rollen schreibt, statt Charaktere zu gestalten. Er bringt Applausstellen bei den Abgängen an und treibt Wucher mit dem sogenannten vaterländischen Gefühl. Übrigens können seine Figuren nicht sprechen, sie keifen und zanken nur: Männer und Fragen, Alte und Junge, allesamt, so daß sein bekanntes Stück ›König Göstas Söhne‹ mit Recht ein historisches Spektakelstück in fünf Auftritten heißt, denn es sind keine Akte, sondern regelrechte Auftritte, Familienauftritte, Straßenauftritte, Reichstagsauftritte[S. 243] und so weiter. Statt der Antworten erteilt man sich Gertenhiebe, die nicht Szenen, sondern den schrecklichsten Spektakel hervorrufen. Statt der Dialoge hat er Wortwechsel, in denen man sich gegenseitig beschimpft, und die höchste dramatische Wirkung wird von Handgreiflichkeiten hervorgerufen. Die Kritik sagt, er sei groß in der Schilderung historischer Charaktere. Wie hat er aber Gustav Wasa in dem erwähnten Stück geschildert? Ja, als einen breitschultrigen, langbärtigen, großmäuligen, unlenksamen und muskelstarken Mann — er zerschlägt unter anderem auf dem Reichstag in Västeraas einen Tisch und tritt bei der Versammlung in Vadstena eine Tür ein. Aber einmal sagte die Kritik, seinen Stücken fehle der Sinn; da wurde er böse und nahm sich vor, Sittenkomödien mit Sinn zu schreiben. Er hatte einen Jungen, der die Schule besuchte (das Ungeheuer ist verheiratet!), sich unanständig benahm und Prügel kriegte. Sofort schrieb der Vater eine Sittenkomödie, in der er die Lehrer abkonterfeite und schilderte, wie unmenschlich die Jugend heutzutage behandelt werde. Ein andermal wurde eine gerechte Rezension über ihn geschrieben, und sofort verfaßte er eine Sittenkomödie, in der er die liberalen Journalisten der Stadt darstellte! Nun, meinetwegen mag er tun, was er will!«
»Ja, aber warum haßt er dich?«
»Weil ich auf einer Probe Don Pasquale gesagt habe, obwohl er erklärt hatte, es heiße Paskal. Das Resultat: ich wurde bei Geldstrafe verurteilt, den Namen so auszusprechen, wie er befahl, wobei er erklärte, es[S. 244] möge in der ganzen Welt heißen, wie es wolle, hier aber solle es Paskal heißen, denn so heiße es!«
»Wo kommt er her? Was ist er gewesen?«
»Kannst du nicht sehen, daß er Stellmachergeselle gewesen ist? Aber wüßte er, daß du es weißt, so würde er dich vergiften! Doch, um jetzt von etwas ganz anderm zu sprechen: wie fühlst du dich nach gestern?«
»Ausgezeichnet! Ich habe ganz vergessen, dir zu danken!«
»Nun! Das ist schön! Und dir gefällt das Mädel? Die Agnes?«
»Ja, sie hat mir sehr gefallen!«
»Und sie ist in dich verliebt! Das paßt gut! Nimm sie.«
»Ach, wie du redest! Wir können doch noch nicht heiraten!«
»Wer hat gesagt, daß ihr das tun sollt?«
»Was meinst du denn?«
»Du bist achtzehn, sie ist sechzehn! Ihr liebt euch! Also gut! Wenn ihr einig seid, ist es doch die privateste Angelegenheit, die es gibt!«
»Ich verstehe dich nicht! Forderst du mich zu einer schlechten Handlung auf? Oder wie?«
»Ich fordere dich auf, ein wenig der großen Stimme der Natur zu gehorchen, nicht der dummen der Menschen. Wenn die Menschen euer Benehmen verwerfen, so geschieht es aus Neid, und die Moral, die sie predigen, ist ihre Bosheit, die eine passende, präsentable Form angenommen hat. Hat nicht die Natur euch schon jahrelang zu ihrem großen Fest geladen, das die Freude[S. 245] der Götter, aber das Entsetzen der Gesellschaft ist, die fürchtet, Alimente zahlen zu müssen?«
»Warum rätst du uns nicht zur Heirat?«
»Weil das etwas anderes ist! Man bindet sich nicht fürs Leben nach einem gemeinsam verbrachten Abend, und es ist nicht gesagt, daß jemand, der die Lust mitmacht, auch das Leid mit auf sich nehmen will! Die Ehe ist eine seelische Angelegenheit; das ist diese Sache vorläufig gerade noch nicht! Übrigens brauche ich euch nicht zu dem aufzufordern, was ohnehin geschehen wird. Liebt euch in der Jugend, ehe es zu spät ist, liebt euch wie die Vögel, ohne einen Gedanken an den Nestbau oder wie die Blumen aus der Klasse der Diözien.«
»Du sollst nicht so unehrerbietig von dem Mädchen sprechen! Sie ist gut, unschuldig und bedauernswert, und wer etwas anderes zu sagen wagt, der lügt! Hast du je unschuldigere Augen gesehen als ihre, liegt nicht sogar im Klang ihrer Stimme Wahrheit? Sie ist einer großen Liebe und einer reinen Liebe würdig, nicht so einer wie die, von der du sprichst, und ich hoffe, es ist das letztemal, daß du etwas in dieser Richtung vorbringst! Das eine kannst du ihr sagen: ich werde es als das größte Glück und die größte Ehre ansehen, ihr einmal, wenn ich ihrer würdig bin, meine Hand anzubieten!«
Falander schüttelte den Kopf, daß die Schlangen sich ringelten.
»Ihrer würdig? Deine Hand? Was sagst du?«
»Dabei bleibe ich!«
[S. 246]
»Das ist entsetzlich! Wenn ich dir sage, daß dies Mädchen nicht nur aller Eigenschaften ermangelt, die du ihr zuerkennst, sondern sogar die entgegengesetzten besitzt, so glaubst du mir nicht, sondern wirst mein Feind!«
»Ja, das werde ich!«
»Wie kann die Welt nur so voller Lüge sein, daß ein Mensch keinen Glauben findet, wenn er die Wahrheit spricht.«
»Wie soll man dir glauben können, da du keine Moral hast?«
»Sieh, da haben wir das Wort wieder! Das ist ein merkwürdiges Wort; es beantwortet alle Fragen, schneidet alle Diskussionen ab, verteidigt alle Fehler, die eigenen, aber nicht die fremden, schlägt alle Gegner zu Boden, plädiert für und gegen, ganz wie ein Rechtsanwalt. Jetzt hast du mich damit geschlagen, das nächste Mal schlage ich dich damit. Lebwohl, ich muß nach Hause, denn ich gebe um drei Uhr Stunde! Lebwohl! Viel Glück!«
Und Rehnhjelm blieb allein mit seinem Mittagessen und seinen Betrachtungen.
Als Falander nach Hause kam, zog er sich Schlafrock und Pantoffel an, als erwarte er durchaus keinen Besuch. Aber eine heftige Unruhe schien ihn zu beherrschen, denn er ging im Zimmer auf und ab und blieb dann und wann hinter der Gardine stehen, um ungesehen auf die Straße blicken zu können. Dann[S. 247] trat er vor den Spiegel, knöpfte seinen Kragen ab und legte ihn auf den Sofatisch. Nachdem er eine Weile so hin und her gewandert war, nahm er die Photographie einer Dame aus einer Visitenkartenschale, legte sie unter ein riesiges Vergrößerungsglas und betrachtete sie, wie man ein mikroskopisches Präparat betrachtet. Er saß recht lange bei dieser Arbeit. Als er Schritte auf der Treppe hörte, versteckte er hastig die Photographie da, wo er sie hergenommen hatte, sprang auf und setzte sich an den Schreibtisch, so daß er der Tür den Rücken kehrte. Er war in voller Beschäftigung, als ein Klopfen an der Tür — zwei kurze, leise Doppelschläge — ertönte.
»Herein!« rief Falander mit einer Stimme, die nicht einladend klang, sondern eher für eine Ausweisung paßte.
Herein trat ein junges Mädchen, klein von Wuchs, aber mit angenehmen Linien in der Figur; ein feines, ovales Gesicht, von Haar umgeben, das seine blonde Farbe durch Bleichen in der Sonne bekommen zu haben schien, denn es hatte nicht dieses ausgesprochene Blond, das angeboren ist. Die kleine Nase und der fein geschnittene Mund brachten ein munteres Spiel kleiner, schelmischer Kurven zustande, die unaufhörlich die Formen änderten wie Figuren in einem Kaleidoskop; wenn sie zum Beispiel die Nasenflügel bewegte, und der hellrote Knorpel sich wie ein Anemonenblatt abzeichnete, teilten sich die Lippen und zeigten die Spitzen sehr kleiner, gleichmäßiger Zähne, die, obwohl sie echt waren, zu gleichmäßig und zu weiß waren, um Vertrauen einzuflößen. Die Augenwinkel gingen nach der[S. 248] Nasenwurzel zu in die Höhe und senkten sich an den Schläfen, wodurch ein beständig bittender, elegischer Ausdruck erzielt wurde, der eine zauberhafte Disharmonie mit den unteren, spielenden Partien des Gesichts bildete; aber die Pupille war unruhig, sie konnte in einem Augenblick fein werden wie die Spitze einer Nähnadel, um sich im nächsten aufzutun und zu starren wie das Objekt eines Nachtfernrohrs.
Sie betrat also das Zimmer und verriegelte die Tür, nachdem sie den Schlüssel hereingeholt hatte.
Falander saß noch immer und schrieb.
»Du kommst spät heute, Agnes,« sagte er.
»Ja, das tue ich,« antwortete sie trotzig, während sie den Hut abnahm und sich häuslich einrichtete.
»Ja, wir sind über Nacht spät ins Bett gekommen!«
»Warum stehst du nicht auf und begrüßt mich? So müde kann man doch nicht sein!«
»Ach, verzeih, das habe ich vergessen!«
»Vergessen! Ich habe bemerkt, daß du seit einiger Zeit manches vergißt.«
»So? Seit wann hast du das bemerkt?«
»Seit wann? Was meinst du? Bitte, zieh den Schlafrock und die Pantoffel aus!«
»Liebes Kind, das ist mir heute zum erstenmal passiert, und du findest das eine lange Zeit! Ist das nicht seltsam? Sag!«
»Du verspottest mich! Was ist mit dir? Du bist seit einiger Zeit so sonderbar!«
»Seit einiger Zeit! Da haben wir es wieder![S. 249] Warum sagst du seit einiger Zeit? Weil gelogen werden muß? Warum muß gelogen werden?«
»So, du wirfst mir vor, ich lüge?«
»O nein, ich scherzte nur!«
»Denkst du, ich sehe nicht, daß du meiner überdrüssig bist? Denkst du, ich habe das gestern abend nicht gesehen, als du gegen die simple Jenny so aufmerksam warst, daß du für mich den ganzen Abend kein Wort hattest?«
»Du bist also eifersüchtig?«
»Ich? Nein, weißt du, nicht im geringsten! Wenn du sie mir vorziehst, bitte schön! Das rührt mich keine Spur!«
»So! Du bist nicht eifersüchtig? Das ist unter gewöhnlichen Verhältnissen eine bedauerliche Tatsache.«
»Unter gewöhnlichen Verhältnissen? Was meinst du damit?«
»Ich meine — ganz einfach —, daß ich deiner überdrüssig bin, wie du vorhin selbst gesagt hast!«
»Das lügst du! das bist du nicht!«
Sie bewegte die Nasenflügel, zeigte die Zahnspitzen und stach mit den Nähnadeln.
»Wir wollen von etwas anderm sprechen,« sagte er. »Wie hat dir Rehnhjelm gefallen?«
»Sehr nett! Das ist ein lieber Junge! Und ein feiner Junge!«
»Er hat sich bis über beide Ohren in dich verliebt!«
»Wie du redest!«
»Doch das Schlimmste ist, daß er sich mit dir verheiraten will!«
»Ach, bitte, verschone mich mit solchen Dummheiten!«
[S. 250]
»Da er aber erst zwanzig Jahre alt ist, will er warten, bis er deiner würdig ist, wie er sich ausdrückt!«
»So ein Narr!«
»Mit würdig meint er, ein anerkannter Schauspieler sein. Und das kann er nicht eher werden, ehe er Rollen bekommt. Kannst du ihm nicht dazu verhelfen?«
Agnes errötete, warf sich in die Sofaecke und zeigte ein paar elegante Stiefeletten mit goldenen Troddeln.
»Ich? Ich kriege ja selber keine! Du machst dich über mich lustig!«
»Ja, das tue ich!«
»Du bist ein Teufel, Gustav! Willst du das glauben?«
»Vielleicht, vielleicht nicht! Es ist so schwer, so etwas zu entscheiden! Aber wenn du ein verständiges Mädchen bist ...«
»Schweig!«
Sie nahm ein scharfes Papiermesser vom Tisch und hob es drohend im Scherz, der wie Ernst aussah.
»Du bist so schön heute, Agnes,« sagte Falander.
»Heute? Was meinst du? Heute? Hast du das früher nicht gesehen?«
»O doch, das habe ich schon!«
»Warum seufzt du?«
»Das tut man immer, wenn man gebummelt hat.«
»Darf ich dich ansehn? Tun dir die Augen weh?«
»Die durchwachte Nacht, meine Liebe!«
»Ich will gehen, dann kannst du Mittagsschlaf halten!«
»Geh nicht fort! Ich kann doch nicht schlafen!«
»Ich glaube, ich muß ohnehin gehen! Ich bin eigentlich nur hergekommen, um dir das zu sagen!«
[S. 251]
Ihre Stimme wurde weich, und ihre Augenlider senkten sich sacht wie der Vorhang nach einer Todesszene. Falander erwiderte:
»Das ist lieb, daß du doch gekommen bist, um abzusagen.«
Sie stand auf und setzte vor dem Spiegel ihren Hut auf.
»Hast du Parfüm hier?« fragte sie.
»Nein, das habe ich im Theater.«
»Du mußt dir das Pfeifenrauchen abgewöhnen; das setzt sich so scheußlich in den Kleidern fest.«
»Das will ich tun.«
Sie bückte sich und machte ihr Strumpfband zu.
»Verzeih!« sagte sie und warf einen bittenden Blick auf Falander.
»Was denn?« antwortete er mit abwesender Miene, als habe er nichts gesehen.
Da die Antwort ausblieb, faßte er sich ein Herz, holte rief Luft und fragte:
»Wo willst du hin?«
»Ich muß ein Kleid anprobieren, du brauchst dich also nicht zu beunruhigen!« antwortete sie, sehr ungezwungen, wie sie glaubte. Er aber hörte an dem falschen Akzent, daß es einstudiert war, und sagte nur:
»Also dann adieu!«
Sie ging auf ihn zu, um sich küssen zu lassen. Er nahm sie in die Arme und drückte sie an die Brust, als wolle er sie ersticken, darauf küßte er sie auf die Stirn, führte sie zur Tür, schob sie hinaus und sagte ganz kurz: »Adieu!«
[S. 252]
Eines Nachmittags im August sitzt Falk wieder im Park auf Mosebacke, einsam, wie er den ganzen Sommer über gewesen ist, und summiert seine Erfahrungen in diesem Vierteljahr, das vergangen ist, seit er zuletzt hier war, so voller Hoffnungen, so mutig und so stark. Er fühlt sich alt, müde, gleichgültig; er hat in all diese Häusermassen hineingesehen, die dort unten stehen, und es sah immer anders aus, als er gedacht hatte. Er hat sich in der Welt umgeschaut und hat die Menschen unter mancherlei Verhältnissen beobachtet, wie es nur einem Armenarzt oder einem Zeitungsschreiber vergönnt ist, allerdings mit dem Unterschiede, daß der Journalist sie zu sehen bekommt, wie sie sich zeigen, während der Arzt sie gewöhnlich sieht, wie sie sind. Er hatte Gelegenheit gehabt, die Menschen als Gesellschaftstiere in allen möglichen Formen zu sehen. Er war im Reichstag gewesen, hatte an Kirchenratssitzungen, Generalversammlungen von Aktiengesellschaften, Wohltätigkeitsveranstaltungen, polizeilichen Untersuchungen, Festen, Beerdigungen, Volksversammlungen teilgenommen; überall große Worte und viele Worte, Worte, die in der täglichen Rede nie gebraucht[S. 253] wurden, eine besondere Art von Worten, die nicht ein Ausdruck für irgendeinen Gedanken sind, wenigstens nicht für den, der ausgesprochen werden müßte. Er hatte dadurch eine einseitige Auffassung vom Menschen bekommen und konnte in ihm nur noch das verlogene Gesellschaftstier sehen, das er sein muß, da die Zivilisation offenen Krieg verbietet; infolge seines Mangels an Verkehr vergaß er, daß es ein anderes Tier gab, das zwischen Glas und Wand recht liebenswürdig ist, wenn es nicht gereizt wird, und das sich gern mit all seinen Fehlern und Schwächen zeigt, wenn keine Zeugen anwesend sind. Das hatte er vergessen, und deshalb war er sehr bitter. Aber ein anderer Umstand war noch trauriger: er hatte die Achtung vor sich selbst verloren! Und zwar ohne eine einzige Handlung begangen zu haben, deren er sich hätte schämen müssen! Andere aber hatten sie ihm geraubt, und das geht sehr leicht vonstatten. Überall, wo er auch aufgetreten war, hatte man ihm Mißachtung gezeigt, und wie hätte er, der von Kindheit an des Selbstgefühls beraubt worden war, den achten können, den alle andern mißachteten! Eins aber machte ihn wirklich unglücklich, nämlich zu sehen, wie die Referenten der konservativen Zeitungen, das heißt alle, die alles Verkehrte verteidigten oder zum mindesten unangetastet ließen, mit sehr großer Höflichkeit behandelt wurden. Er zog sich also nicht so sehr in seiner Eigenschaft als Zeitungsschreiber die allgemeine Verachtung zu, sondern als Anwalt der Elenden! Bisweilen war er ein Raub grausamer Zweifel gewesen. Er hatte zum Beispiel[S. 254] in dem Bericht über die Generalversammlung des Triton das Wort Schwindel gebraucht. Hierauf hatte das Graumützchen mit einem langen Artikel erwidert und so klar bewiesen, daß die Gesellschaft ein national-patriotisches, philanthropisches Unternehmen sei, daß er selbst fast glaubte, unrecht gehabt zu haben, und sich lange mit Gewissensbissen plagte, weil er so leichtsinnig mit dem Ruf der Menschen umgegangen war. Er befand sich eben jetzt in einem Zustand zwischen Fanatismus und absolutem Indifferentismus, und es hing nur von dem nächsten Impuls ab, welche Richtung er einschlagen würde.
Das Leben war ihm in diesem Sommer so sauer geworden, daß er mit Schadenfreude jeden Regentag begrüßte, und er fühlte jetzt ein relatives Behagen, als er sah, wie hier und da ein welkes Blatt über die Kieswege raschelte. Er saß da und stellte zu seinem Trost teuflisch heitere Betrachtungen über sein Dasein und dessen Zweck an, als er fühlte, wie eine magere, knochige Hand sich auf seine Schulter legte und eine andere seinen Arm umspannte, als wolle der Tod ihn beim Wort nehmen und ihn zum Tanz führen. Er blickte auf und erschrak: da stand Ygberg, bleich wie eine Leiche, mit abgezehrtem Gesicht und mit Augen, die eine so verwässerte Farbe hatten, wie nur der Hunger sie hervorbringen kann.
»Ah, guten Tag, Falk,« flüsterte er mit kaum hörbarer Stimme und klapperte am ganzen Körper.
»Guten Tag, Ygberg,« antwortete Falk und kam in recht gute Laune. »Setz dich und trinke eine Tasse[S. 255] Kaffee mit mir, zum Teufel! Wie gehts dir? Du siehst aus, als hättest du unterm Eis gelegen!«
»Ach, ich bin so krank gewesen, so krank!«
»Du hast einen angenehmen Sommer gehabt, gerade wie ich!«
»Ist er für dich auch so schwer gewesen?« fragte Ygberg, während eine schwache Hoffnung, es möchte so sein, sein gelbgrünes Gesicht erhellte.
»Ich will nur sagen: Gott sei Dank, daß der verfluchte Sommer vorbei ist! Meinetwegen könnte das ganze Jahr Winter sein! Nicht genug, daß man selber leiden muß, man soll auch noch mit ansehen, wie andere sich freuen! Ich habe keinen Fuß vors Tor gesetzt! Und du?«
»Ich habe keine Tanne gesehen, seit Lundell im Juni von Lill-Jans fortgezogen ist! Aber warum muß man auch gerade Tannen sehen! Das ist nicht so nötig! Und etwas Merkwürdiges ist es auch nicht! Aber daß man es nicht haben kann, das empfindet man so bitter!«
»Nun, das soll uns jetzt nicht kümmern; da hinten im Osten ist es trüb, also morgen bekommen wir Regen, und wenn die Sonne wieder scheint, ist es Herbst! Prost!«
Ygberg sah den Punsch an, als dächte er, es sei Gift, aber er trank doch.
»Nun,« nahm Falk das Gespräch wieder auf, »du hast doch die schöne Erzählung von dem Schutzengel oder der Seeversicherungsaktiengesellschaft Triton für Smith geschrieben. War das nicht gegen deine Überzeugung?«
[S. 256]
»Überzeugung? Ich habe keine Überzeugung!«
»Hast du keine?«
»Nein, nur dumme Menschen haben eine!«
»Bist du unmoralisch, Ygberg?«
»Nein! Sieh, wenn ein dummer Mensch einen Gedanken hat, entweder aus sich selbst oder aus andern, so erhebt er ihn zu seiner Überzeugung und hält daran fest und prahlt damit, nicht weil es eine Überzeugung ist, sondern weil es seine Überzeugung ist. Was die in Rede stehende Gesellschaft betrifft, so glaube ich, daß es Schwindel ist. Sie schadet recht vielen Menschen, nämlich den Aktionären, dafür aber macht sie andern, der Direktion und den Beamten, um so mehr Freude, und auf diese Weise tut sie doch viel Gutes!«
»Hast du denn alle Begriffe von Ehre verloren, Freund?«
»Man muß alles seiner Pflicht opfern!«
»Ja, das gebe ich zu.«
»Des Menschen erste und größte Pflicht ist es, zu leben — zu leben, um welchen Preis es auch sei! Das fordert das göttliche Gebot, das fordert das menschliche Gesetz.«
»Aber die Ehre darf man nicht opfern.«
»Beide Gesetze fordern, wie gesagt, daß man alles opfert — sie fordern von dem Armen, die sogenannte Ehre zu opfern! Das ist grausam, aber der Arme kann nicht dafür!«
»Du hast keine heiteren Ansichten vom Leben!«
»Wo sollte ich die herhaben?«
»Ja, das ist wahr!«
[S. 257]
»Aber um auf etwas anderes zu kommen: ich habe einen Brief von Rehnhjelm. Ich will dir etwas daraus vorlesen, wenn du magst.«
»Er ist ja zum Theater gegangen, hörte ich.«
»Ja, und da scheint er keine guten Tage zu haben.«
Ygberg holte einen Brief aus der Brusttasche, steckte ein Stück Zucker in den Mund und las:
»Wenn es eine Hölle im künftigen Leben gibt, was recht zweifelhaft ist ...«
»Der Junge ist Freidenker geworden!«
... »so kann sie nicht schlimmer sein als meine jetzige. Ich bin seit zwei Monaten engagiert, und mir kommt es vor, als seien es zwei Jahre. Ein Teufel, ein ehemaliger Stellmachergeselle, jetzt Theaterdirektor, hat mein Schicksal in die Hände genommen und geht so zu Werk, daß ich dreimal täglich ans Ausreißen denke; aber vorsichtigerweise sind die Strafbestimmungen des Kontrakts so schwer, daß ich den Namen meiner Eltern entehren würde, im Falle eines Prozesses, so daß ich es vorziehe, zu bleiben. Denke Dir, ich bin Abend für Abend als Statist aufgetreten und habe noch kein Wort sagen dürfen. Zwanzig Abende hintereinander habe ich mir Umbra ins Gesicht schmieren und in einem Zigeunerkostüm auftreten müssen, von dem nicht ein Stück mir paßt: das Trikot ist zu lang, die Schuhe zu groß, die Jacke zu kurz. Ein Unterteufel, Kulissensouffleur genannt, paßt genau auf, daß ich diese Kleidungsstücke nicht gegen passende vertausche, und immer, wenn ich versuche, mich hinter dem Volkshaufen zu verkriechen, der aus den Fabrikarbeitern des direktorialen[S. 258] Fabrikbesitzers besteht, öffnen sie die Reihen und stoßen mich nach vorn, und sehe ich dann nach den Kulissen hinüber, so steht dort der Unterteufel und lacht, und blicke ich in den Zuschauerraum, so sehe ich den Bösen selber in der Loge sitzen und lauten Halses lachen. Er scheint mich zu seinem Privatvergnügen engagiert zu haben, nicht, damit ich dem Theater etwas nütze. Einmal wagte ich seine Aufmerksamkeit darauf hinzulenken, daß ich mich einmal in Sprechrollen üben müsse, wenn ich Schauspieler werden solle. Da wurde er grob und erklärte, erst müsse man kriechen lernen, ehe man gehen könne! Ich erwiderte ihm, ich könne gehen! Das sei eine Lüge, sagte er und fragte mich, ob ich glaube, die Schauspielkunst, die schönste und schwerste aller Künste, erfordere keine Schule. Als ich ihm antwortete, das eben sei meine Ansicht, und deshalb warte ich ungeduldig darauf, diese Schule beginnen zu dürfen, sagte er, ich sei ein ungebildeter Hund und er werde mir einen Tritt geben. Als ich hiergegen opponierte, fragte er weiter, ob ich glaube, sein Theater sei eine Rettungsanstalt für unbemittelte Jünglinge; ich antwortete mit einem offenen, unbedingten, freudigen Ja! Da erklärte er, er werde mich morden, und dabei ist er jetzt. Ich fühle, wie meine Seele herunterbrennt wie ein Talglicht in Zugluft, und bin beinahe überzeugt davon, daß das Böse zum Schluß siegen wird, obwohl es sich in Wolken verbirgt, oder wie es im Katechismus heißt. Aber das Schlimmste von allem ist, daß ich die Achtung vor dieser Kunst verliere, die die Liebe und der Traum meiner Jugend[S. 259] gewesen ist. Wie ist es anders möglich, als daß ich anfangen muß, den Wert dieser Kunst gering zu schätzen, wenn ich hier Leute sehe, die ohne Erziehung, ohne Bildung, vom Handwerk und von der Straße kommen, nur von Eitelkeit und Leichtsinn getrieben, ohne Begeisterung und Verstand, sehe, wie sie nach ein paar Monaten Charakterrollen, historische Rollen spielen, leidlich gut, ohne einen Funken von Ahnung von der Zeit zu haben, in der sie sich bewegen, oder eine Spur von Verständnis für die Bedeutung, die die Personen, die sie darstellen, in Wirklichkeit besaßen.
Es ist ein langsamer Meuchelmord, der an mir verübt wird. Und unter diesem Pöbel, der mich unterdrückt (einige Mitglieder der Truppe sind mit Paragraphen des Strafgesetzbuches in Kollision gekommen), werde ich, was ich nie gewesen bin — Aristokrat, denn so schwer kann der Druck der Gebildeten von den Ungebildeten nie empfunden werden.
Aber es gibt doch einen Lichtpunkt in dieser Finsternis: ich liebe. Ein Mädchen von reinstem Gold mitten in diesen Schlacken. Natürlich wird auch sie zu Boden getreten und macht dieselbe langsame Hinrichtung durch wie ich, nachdem sie mit Stolz und Verachtung die schändlichen Anträge des Regisseurs zurückgewiesen hat. Sie ist die einzige Frau mit lebendigem Geist unter all den Tieren, die sich hier im Schmutz wälzen, und sie liebt mich mit ihrer ganzen Seele und ist jetzt im geheimen meine Braut. — Oh, ich warte nur auf den Tag, da ich mich durchgesetzt habe und ihr meine Hand bieten kann, aber wann? Wir haben oft daran[S. 260] gedacht, zusammen in den Tod zu gehen, doch dann kommt die trügerische Hoffnung und verleitet einen, das Elend fortzusetzen! Dies unschuldige Mädchen zu sehen, zu sehen, wie sie leidet und sich schämt, wenn sie gezwungen wird, in unanständigen Kostümen aufzutreten, das ist mehr, als man ertragen kann! Aber ich will dies traurige Kapitel einstweilen ruhen lassen.
Von Olle kann ich grüßen, und von Lundell auch! Olle hat sich sehr verändert! Er ist in eine neue Art Philosophie hineingekommen, die alles niederreißt und alle Dinge um und um kehrt, daß sie auf dem Kopf stehen. Es ist sehr amüsant anzuhören und wirkt bisweilen sehr wahr, ist aber auf die Dauer recht gefährlich. Ich glaube, ihm sind diese Ideen in dem Verkehr mit einem hiesigen Schauspieler gekommen, der ein sehr guter Kopf ist und große Kenntnisse besitzt, der aber sehr unmoralisch ist und den ich liebe und hasse zu gleicher Zeit. Es ist ein sonderbarer Mensch! Er ist im Grunde gut, aufopfernd, edel, großherzig, ich kann mit einem Wort nicht eine schlechte Eigenschaft von ihm anführen, — aber er ist unmoralisch, und ohne Moral ist der Mensch doch ein Schuft. Nicht wahr?
Jetzt muß ich abbrechen, denn ich sehe meinen Engel, meinen guten Geist kommen; nun werde ich wieder eine Stunde haben, da alle bösen Gedanken fliehen und ich mich wieder als ein besserer Mensch fühle! Grüße Falk und bitte ihn, an mein Schicksal zu denken, wenn er es schwer hat.
Dein Freund R.«
»Nun, was sagst du dazu?«
»Das ist die alte Geschichte von den Kämpfen des[S. 261] wilden Tieres! Weißt du, Ygberg, ich glaube, man muß ein schlechter Mensch werden, wenn man in der Welt vorwärts kommen will.«
»Versuche es! Es ist vielleicht nicht so leicht!«
»Hast du jetzt noch Geschäfte mit Smith?«
»Nein, leider nicht. Du etwa?«
»Ich bin wegen meiner Gedichte bei ihm gewesen. Er hat sie für zehn Kronen pro Bogen gekauft, so daß er an mir denselben Mord begehen kann wie der Stellmacher an Rehnhjelm. Und ich fürchte etwas in dieser Art, denn noch habe ich keinen Ton gehört. Er war beängstigend gutmütig, so daß ich auf das Allerschlimmste gefaßt bin, wenn ich nur wüßte, was es ist. Aber was ist dir, Bruder, du bist ja ganz weiß im Gesicht?«
»Ja, siehst du,« erwiderte Ygberg und hielt sich am Geländer fest, »ich habe seit zwei Tagen nur diese fünf Stückchen Zucker gegessen! Ich glaube, ich werde ohnmächtig!«
»Wenn dir mit Essen geholfen ist, so geht es, denn ich habe glücklicherweise Geld bei mir!«
»Gewiß ist mir mit Essen geholfen,« flüsterte Ygberg mit matter Stimme.
Das war jedoch nicht der Fall, denn als sie in die Kneipe gegangen waren und Essen vorgesetzt bekamen, wurde Ygberg immer elender, und Falk mußte ihn unter den Arm nehmen und ihn nach Hause bringen in seine Wohnung hinten auf dem Weißen Berge.
Es war ein altes einstöckiges Holzhaus, das auf einen Berg geklettert war und jetzt aussah, als habe es ein Hüftleiden; es war scheckig, als habe es den Aussatz[S. 262] gehabt, denn es hatte früher einmal angestrichen werden sollen, aber es war beim Spateln geblieben; es sah in jeder Beziehung erbärmlich aus, und man traute dem Feuerversicherungsschild nicht recht, das an der Wand rostete, als eine Verheißung, daß ein Phönix aus der Flamme emporsteigen werde. Zu Füßen des Hauses wuchsen Butterblumen, Brennesseln und Wegerich, diese treuen Begleiter des Menschen in der Not; Spatzen badeten in dem glühend heißen Sand, daß er nur so spritzte, und Kinder mit dicken Bäuchen und blassen Gesichtern, die aussahen, als würden sie mit neunzig Prozent Wasser ernährt, machten sich Halsketten und Armbänder aus Butterblumenstengeln und suchten sich im übrigen ihr trauriges Dasein zu verbittern, indem sie sich zankten und beschimpften.
Falk und Ygberg stiegen eine knarrende, wackelige Holztreppe hinauf und kamen in ein großes Zimmer, in dem drei Parteien wohnten, die das Zimmer mit Kreidestrichen in drei Kreise eingeteilt hatten. In zweien von diesen Kreisen wurde ein Handwerk betrieben, von einem Tischler und einem Schuhmacher; der dritte Kreis war ausschließlich für das Familienleben bestimmt. Wenn die Kinder zu schreien anfingen, was alle Viertelstunde geschah, geriet der Tischler in Raserei und begann zu schimpfen und zu fluchen, was wieder von seiten des Schuhmachers Bibelsprüche und Ermahnungen zur Folge hatte. Die Nerven des Tischlers waren von diesem ewigen Jammergeschrei, den Züchtigungen und dem Zank so aufgerieben, daß er, obwohl er sich vorgenommen hatte, Geduld zu üben, kaum[S. 263] fünf Minuten, nachdem der Schuhmacher die Versöhnungsprise angeboten hatte, von neuem in Wut geriet; er war meistens den ganzen Tag in Wut, am schlimmsten aber war es, wenn er die Frau fragte, »warum die Teufel von Weibern so viele Kinder in die Welt setzen müßten«, denn dann kam die Frauenfrage aufs Tapet, und dann blieb man ihm die Antwort nicht schuldig.
Durch dies Zimmer gingen Falk und Ygberg, um in Ygbergs Kammer zu gelangen; aber obwohl sie ganz leise gingen, weckten sie doch zwei von den Kindern auf, weshalb die Mutter ein Wiegenlied zu singen begann, mitten in einem Wortwechsel zwischen Schuhmacher und Tischler, so daß der Tischler sofort wieder einen Anfall bekam.
»Sei still, Weib!«
»Sei doch selber still! Kann Er die Kinder nicht schlafen lassen?«
»Geh zur Hölle mit den Gören! Sind es meine Kinder? Soll ich darunter leiden, daß andere liederlich gewesen sind? Was? Bin ich selber liederlich? He? Habe ich selber Kinder? Halt den Mund, oder du kriegst den Hobel an den Kopf!«
»Aber Meister! Meister!« nahm der Schuhmacher das Wort; »Er darf nicht so von den Kindern reden! Gott schickt die Kinder auf die Welt!«
»Das ist eine Lüge, Schuster! Nein, der Böse schickt sie! Und dann schieben die liederlichen Eltern es auf Gott! Oh, ihr solltet Euch schämen!«
»Meister! Meister! Er soll doch nicht fluchen! Die Bibel sagt, den Kindern gehört das Himmelreich.«
[S. 264]
»Ach so, solche sind im Himmelreich!«
»Gott, wie Er redet,« rief die erzürnte Mutter. »Wenn Er selbst einmal Kinder bekommt, so will ich beten, daß sie verkrüppelt und lahm werden; ich will beten, daß sie stumm und taub und blind sind; ich will beten, daß sie in die Besserungsanstalt und an den Galgen kommen; das will ich tun.«
»Ja, tu das, du liederliches Weibsstück; ich habe nicht die Absicht, Kinder in die Welt zu setzen, damit sie wie Hunde schuften; Ihr müßtet ins Arbeitshaus, weil Ihr solche armen Dinger ins Elend hineinsetzt. Ihr seid verheiratet? Ja! Müßt Ihr liederlich sein, weil Ihr verheiratet seid? He?«
»Meister! Meister! Gott schickt doch die Kinder!«
»Das ist eine Lüge, Schuster! Ich habe in einer Zeitung gelesen, die verdammte Kartoffel sei schuld, daß die Armen so viele Kinder kriegen, denn seht, die Kartoffel enthält zwei Materien oder Stoffe, die man Sauerstoff und Stickstoff nennt; wenn sie in einer gewissen Zusammensetzung und in einer bestimmten Menge vorkommen, werden die Frauen fruchtbar!«
»Aber wie soll man es denn ändern?« fragte die erzürnte Mutter, deren Gefühle sich beim Anhören des interessanten Vortrags besänftigt hatten.
»Man soll das Kartoffelessen lassen, das kannst du doch wohl begreifen!«
»Was soll man denn essen, wenn man keine Kartoffeln essen darf?«
»Beefsteak, Weib, mußt du essen! Beefsteak mit Zwiebeln! He! Ist das gut? Oder Chatto-briang![S. 265] Weißt du, was das ist? He? Im ›Vaterland‹ stand neulich von einer Frau, die Mutterkorn genommen hat, so daß beinahe sie und das Kind draufgegangen wären.«
»Was sagst du da?« fragte die Frau und spitzte die Ohren.
»Bist du neugierig, he?«
»Ist das mit dem Mutterkorn wirklich wahr?« fragte der Schuhmacher blinzelnd.
»Ja, das treibt Leber und Lunge aus einem heraus, und übrigens steht schwere Strafe darauf, und das ist recht!«
»Ist das recht?« fragte der Schuhmacher mit dumpfer Stimme.
»Gewiß ist das recht! Wer liederlich ist, muß Strafe haben; und man darf doch seine Kinder nicht morden!«
»Kinder! Das ist doch wohl noch ein Unterschied,« sagte die erzürnte Mutter ergeben. »Aber wo kommt der Stoff her, Meister, von dem du sprachst?«
»Ach so, du willst noch mehr Kinder machen, du Weibsstück, obwohl du Witwe mit Fünfen bist! Nimm dich vor dem Schuster in acht; der ist sehr streng gegen die Weiber, obwohl er gottesfürchtig ist! Gib eine Prise her, Schuster!«
»Also es gibt wirklich ein Kraut ...«
»Wer hat gesagt, daß es ein Kraut ist? Habe ich gesagt, daß es ein Kraut ist? Nein! Es ist ein zoologischer Stoff. Seht einmal, alle Stoffe — es gibt etwa sechzig Stoffe in der Natur — alle Stoffe lassen sich in chemische und zoologische einteilen; dieser Stoff[S. 266] heißt auf lateinisch Cornutibus secalias und kommt im Auslande vor; zum Beispiel auf der Kalabrischen Halbinsel.«
»Ist es wohl sehr teuer, Meister?« fragte der Schuhmacher.
»Teuer!« wiederholte der Tischler und hielt den Hobel, als ziele er mit einem Karabiner. »Es ist verteufelt teuer!«
Falk, der mit großem Interesse diese ganze Unterhaltung angehört hatte, fuhr zusammen, als er durch das offene Fenster hörte, wie ein Wagen auf der Straße anhielt und zwei Frauenstimmen, die er zu kennen glaubte, ein Gespräch anfingen:
»Dies Haus sieht gut aus!«
»Es sieht gut aus?« fragte die ältere Dame. »Ich finde, es sieht schrecklich aus.«
»Ich finde, es sieht gut aus für unsern Zweck. Wissen Sie, ob hier im Hause Arme wohnen, Kutscher?«
»Ich weiß es nicht, aber der Teufel soll mich holen, wenn keine drin wohnen.«
»Fluchen ist Sünde, also lassen Sie das! Warten Sie hier auf uns, während wir hinaufgehen und unseres Amtes walten.«
»Höre, Eugenie, wollen wir nicht hier unten bleiben und erst mit den Kindern sprechen?« sagte Frau Revisor Homan zu Frau Falk.
»Ja, das wollen wir tun! Komm her, kleiner Junge, wie heißt du?«
»Albert!« antwortete ein kleiner blasser Sechsjähriger.
[S. 267]
»Kennst du Jesus, mein liebes Kind?«
»Nee,« antwortete der Kleine lachend und steckte den Finger in den Mund.
»Das ist ja entsetzlich,« sagte Frau Falk und holte ihr Notizbuch heraus. »Ich schreibe also hier: Katharina-Gemeinde, auf dem Weißen Berge. Tiefe geistige Finsternis bei den Minderjährigen. — Kann man Finsternis sagen? — Nun, möchtest du ihn nicht kennenlernen?« fragte sie weiter.
»Nee!«
»Willst du denn einen Groschen haben, mein Junge?«
»Ja!«
»Bitte, sagt man! — Im höchsten Grade verwahrlost; es gelang jedoch durch Milde, ihnen ein besseres Benehmen beizubringen.«
»Hier ist ein entsetzlicher Geruch; wir wollen weitergehen, Eugenie,« bat Frau Homan.
Sie stiegen die Treppen hinauf und traten, ohne zu klopfen, in das große Zimmer.
Der Tischler griff zum Hobel und nahm ein ästiges Brett in Angriff, so daß die Damen schreien mußten, um sich Gehör zu verschaffen.
»Ist hier jemand, der nach Erlösung und Gnade dürstet?« schrie Frau Homan, während Frau Falk mit Parfüm aus dem Zerstäuber die Kinder besprengte, die zu schreien anfingen, weil es ihnen in den Augen brannte.
»Haben Sie Erlösung auszubieten?« fragte der Tischler, der eine Pause in der Arbeit machte. »Wo haben Sie die her? Vielleicht gibt es auch Wohltätigkeit und Demütigung und Hoffart? He?«
[S. 268]
»Sie sind ein roher Mensch, der der Verdammnis anheimfallen wird,« erwiderte Frau Homan. Frau Falk schrieb in ihr Notizbuch und sagte. »Der ist gut.«
»Sprechen Sie,« sagte die Frau Revisor.
»Das kennen wir! Vielleicht wollen die Damen über Religion mit mir sprechen! Ich kann über alles sprechen! Wissen die Damen, daß in Niceum im Jahre 829 ein Konzil stattfand, wo der Heilige Geist in die Schmackhaldinschen Artikel aufgenommen wurde?«
»Nein, das wissen wir nicht, guter Mann!«
»Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut, als Gott allein, sagt die Heilige Schrift! Also die Damen kennen das Konzil zu Niceum im Jahre 829 nicht? Wie kann man da andere lehren wollen, wenn man selber nichts weiß? Nun, wenn jetzt die Wohltätigkeit losgehen soll, so passen Sie den Augenblick ab, wenn ich den Rücken wende, denn die wahre Wohltätigkeit geschieht im geheimen. Aber üben Sie sie vor allen Dingen an den Kindern, die können sich nicht wehren; doch kommen Sie uns nicht zu nah! Geben Sie uns Arbeit, wenn Sie wollen, und lernen Sie Arbeit bezahlen, dann brauchen Sie nicht so umherzulaufen! Eine Prise, Schuster!«
»Kann man so schreiben, Evelyn?« fragte Frau Falk, »starker Unglaube, Verstocktheit ...«
»Verhärtung ist besser, liebe Eugenie!«
»Was schreiben die Damen auf? Unsere Sünden? Dann ist das Buch viel zu klein ...«
»Die Frucht der sogenannten Arbeitergewerkschaften ...«
[S. 269]
»Sehr gut,« sagte die Frau Revisor.
»Nehmen Sie sich vor den Gewerkschaften in acht,« sagte der Tischler. »Jetzt ist es seit ein paar Jahrhunderten über die Könige hergegangen, aber nun haben wir entdeckt, daß es nicht ihre Schuld ist; das nächste Mal kommen alle Faulenzer an die Reihe, die von der Arbeit anderer existieren; dann sollt ihr was erleben!«
»Still, still!« sagte der Schuhmacher.
Die erzürnte Mutter, die während dieses Auftritts die Augen auf Frau Falk gerichtet hatte, benutzte jetzt eine Pause, um zu fragen: »Verzeihung, sind Sie nicht Frau Falk?«
»Nein, das bin ich nicht,« antwortete die fragliche Dame mit einer Sicherheit, die sogar Frau Homan frappierte.
»O Herrgort, die Dame ist Ihnen so ähnlich; ich kannte ihren Vater, den Flaggschiffer Raanock auf dem Holm, als er Matrose war!«
»Das ist ja sehr interessant, aber das gehört nicht hierher ... Wohnt hier noch sonst jemand, der Erlösung braucht ...«
»Nein,« sagte der Tischler, »Erlösung brauchen sie nicht, aber Essen und Kleider, oder am liebsten Arbeit, viel Arbeit und gutbezahlte Arbeit. Aber es ist besser wenn die Damen nicht hineingehen, denn der eine hat die Pocken ...«
»Die Pocken!« schrie Frau Homan; »und man hat uns kein Wort davon gesagt! Komm, Eugenie, dann schicken wir die Polizei her. Pfui, was für Menschen!«
[S. 270]
»Aber die Kinder? Wem gehören diese Kinder? Antworten!« sagte Frau Falk und drohte mit dem Bleistift.
»Mir, gute Frau!« sagte die Mutter.
»Aber der Mann? Wo ist der Mann?«
»Der läßt sich nicht mehr blicken,« sagte der Tischler.
»So! Dann werden wir ihm die Polizei auf den Hals schicken! Und wir werden ihn ins Arbeitshaus stecken! Hier soll es anders werden! — Dies ist wirklich ein gutes Haus, wie ich sagte, Evelyn!«
»Wollen gnädige Frau nicht Platz nehmen?« fragte der Tischler. »Es plaudert sich besser, wenn man sitzt, aber Stühle können wir Ihnen nicht anbieten, denn wir haben keine, und das macht nichts; wir haben auch keine Betten, die sind draufgegangen für die Beisteuer zur Gasbeleuchtung, pro primo, damit Sie nicht nachts im Dunkeln aus dem Theater nach Hause gehen müssen; wir haben kein Gas, wie Sie sehen; und für die Wasserleitung, pro secundo, damit Ihre Dienstmädchen keine Treppen zu steigen brauchen; wir haben keine Wasserleitung; und für das Krankenhaus, pro tertio, damit Ihre Söhne nicht zu Hause zu liegen brauchen ...«
»Komm, Eugenie, um Gottes willen, hier wird es unerträglich ...«
»Ich versichere Ihnen, meine Damen, es ist hier schon unerträglich,« sagte der Tischler. »Und es wird ein Tag kommen, da es noch schlimmer wird, aber dann, dann kommen wir vom Weißen Berge herunter, und vom Schinderbuchtberge, und vom Tyskbagarberge, und wir kommen mit großem Getöse wie ein[S. 271] Wasserfall und fordern unsere Betten zurück. Fordern? Nein, nehmen! Und ihr könnt dann auf Hobelbänken liegen, wie ich es muß, und ihr werdet Kartoffeln essen, daß eure Bäuche sich wie ein Trommelfell spannen, ganz als hättet ihr die Wasserprobe durchgemacht wie wir ...«
Die Damen waren verschwunden, unter Zurücklassung eines Stoßes Broschüren.
»Pfui Teufel, wie das nach Eau de Cologne riecht! Ganz wie bei Dirnen!« sagte der Tischler. »Eine Prise, Schuster!«
Er wischte sich mit der blauen Schürze über die Stirn und griff wieder zum Hobel, während die Gesellschaft ihre Betrachtungen anstellte.
Ygberg, der die ganze Zeit über geschlafen hatte, erwachte jetzt und machte sich zurecht, um mit Falk wieder fortzugehen. Durch das offne Fenster hörte man noch einmal Frau Homans Stimme:
»Was meinte sie mit dem Flaggschiffer? Dein Vater ist doch Kapitän?«
»Man nennt ihn so! Übrigens ist Schiffer und Kapitän dasselbe! Das weißt du doch! Findest du nicht, es war ein unverschämtes Pack? Hierher komme ich nie wieder! Aber ein feiner Bericht wird es! Fahren Sie nach Hasselbacken, Kutscher!«
[S. 272]
Falander saß eines Nachmittags zu Hause und lernte eine Rolle, als ein leises Klopfen — zwei Doppelschläge — an der Tür ertönte. Er sprang auf, zog einen Rock an und öffnete.
»Agnes! Das ist ein seltener Besuch!«
»Ja, ich mußte dir einmal Guten Tag sagen; es ist so verdammt langweilig!«
»Wie du fluchst!«
»Laß mich fluchen; das ist so schön!«
»Hm! Hm!«
»Gib mir eine Zigarre; ich habe seit sechs Wochen nicht geraucht! Diese Erziehung macht mich verrückt!«
»Ist er denn so streng?«
»Verdammt!«
»O pfui, Agnes, wie kannst du so etwas sagen!«
»Ich darf nicht rauchen, nicht fluchen, keinen Punsch trinken, nicht abends ausgehen! Aber laß mich nur erst verheiratet sein! Dann!!!«
»Ist es sein voller Ernst?«
»Sein voller! Sieh dir dies Taschentuch an!«
»A. R. mit Krone; neun Zacken?«
[S. 273]
»Wir haben die gleichen Initialen, und er hat mir seine Schablone geliehen! Ist das nicht fein?«
»Ja, das ist fein. Also soweit seid ihr schon!«
Der Engel im blauen Gewande warf sich selbstherrlich auf das Sofa und qualmte die Zigarre. Falander betrachtete ihren Körper mit Blicken, als mache er einen Kostenüberschlag, darauf sagte er:
»Trinkst du ein Glas Punsch?«
»Ja, gern!«
»Nun, du liebst deinen Verlobten?«
»Er gehört nicht zu der Sorte von Männern, die man richtig lieben kann! Doch das weiß ich übrigens nicht. Lieben! Hm! Was ist das eigentlich?«
»Ja, was ist das?«
»O, du weißt es schon! — Er ist sehr achtenswert, schrecklich sogar, aber, aber, aber!«
»Nun?«
»Er ist so ordentlich!«
Sie sah Falander mit einem Lächeln an, daß der abwesende Bräutigam gerettet gewesen wäre, wenn er es gesehen hätte.
»Er ist nicht nett zu dir?« fragte Falander in neugierigem und unruhigem Ton.
Sie trank ihr Glas Punsch aus, machte eine Kunstpause, schüttelte den Kopf und sagte mit einem Theaterseufzer:
»Neihein!«
Falander schien mit der Antwort zufrieden zu sein und fühlte sich sichtlich erleichtert. Darauf setzte er seine Inquisition fort.
[S. 274]
»Es mag lange dauern, bis du heiraten kannst! Er hat noch immer keine Rolle bekommen.«
»Nein, das weiß ich.«
»Das wird langweilig für dich werden?«
»Man muß Geduld haben!«
»Hier muß man die Folter anwenden,« dachte Falander.
»Du weißt doch, daß Jenny augenblicklich meine Geliebte ist.«
»Die alte häßliche Person!«
Es zog eine ganze Schar weißer Nordlichtflammen über ihr Gesicht, und alle Muskeln gerieten in Bewegung, als ständen sie unter der Einwirkung einer galvanischen Säule.
»Sie ist gar nicht so alt,« sagte Falander kaltblütig. »Hast du gehört, daß der Kellner aus dem Ratskeller in dem neuen Stück als Don Diego debütieren soll, und daß Rehnhjelm seinen Diener spielen wird? Der Kellner wird wohl Erfolg haben, denn die Rolle spielt sich von selber, aber der arme Rehnhjelm wird vor Scham sterben.«
»Gott im Himmel, was sagst du!«
»Es ist Tatsache!«
»Das darf nicht geschehen!«
»Wer kann es hindern?«
Sie sprang vom Sofa auf, leerte ein Glas, brach in heftiges Weinen aus und rief:
»O wie bitter die Welt ist, wie bitter! Es ist, als wenn eine böse Macht dasitzt und all unsere Wünsche ausspioniert, um sie durchkreuzen zu können, unsere[S. 275] Hoffnungen belauert, um sie zu zerschmettern, unsere Gedanken errät, um sie zu ersticken. Wenn man sich selbst alles Böse wünschen könnte, müßte man es tun, um diese Macht zum Narren zu halten!«
»Sehr richtig, mein Kind! Deshalb muß man immer davon ausgehen, daß es schlimm endet! Aber das ist nicht das Traurigste! Hör zu, dann will ich dir einen Trost geben! Du weißt, jedes Glück, das dir zuteil wird, geschieht immer auf Kosten eines andern; wenn du eine Rolle bekommst, so hat ein anderer keine; dann windet er sich wie ein getretener Wurm, und du hast unfreiwillig Böses getan; deshalb ist auch das Glück vergiftet! Dein Trost im Unglück muß sein, daß du mit jedem Pech, das du erleidest, eine — sagen wir unfreiwillige — gute Tat tust, und unsere guten Taten sind die einzigen reinen Genüsse, die wir haben.«
»Ich will keine guten Taten tun, ich will keine reinen Genüsse haben, ich bin ebenso berechtigt wie andere, Glück zu haben, und ich — werde — Glück haben!«
»Um jeden Preis?«
»Um jeden Preis muß ich aufhören, die Kammerjungfer deiner Geliebten zu spielen!«
»Oh, du bist eifersüchtig! — Lerne mit Geschmack Unglück zu haben, mein Kind, das ist größer — und viel interessanter.«
»Sag mir eins — liebt sie dich?«
»Ich fürchte, sie hat sich allzu ernstlich an mich attachiert!«
[S. 276]
»Und du?«
»Ich? Ich werde nie eine andere lieben können als dich, Agnes.«
Er faßte ihre Hand.
Sie sprang vom Sofa auf, daß die Strümpfe zu sehen waren.
»Glaubst du, es gibt etwas, was Liebe heißt?« fragte sie und richtete ihre großen Pupillen auf ihn.
»Ich glaube, daß es mehrere Arten von Liebe gibt.«
Sie ging durchs Zimmer und blieb an der Tür stehen.
»Liebst du mich ganz, ungeteilt?« fragte sie mit der Hand am Schlüssel.
Er dachte zwei Sekunden nach und antwortete:
»Deine Seele ist böse, und ich liebe das Böse nicht!«
»Ich kümmere mich nicht um die Seele! Liebst du mich? Mich?«
»Ja! So sehr ...«
»Warum hast du mir Rehnhjelm auf den Hals geschickt?«
»Weil ich fühlen wollte, wie es ist, dich nicht zu besitzen!«
»Du hast also gelogen, als du sagtest, du seist meiner überdrüssig!«
»Ja, das habe ich getan!«
»O du Teufel!«
Sie hatte den Schlüssel hereingeholt und er die Jalousien heruntergelassen!
[S. 277]
Als Falk an einem sehr regnerischen Abend im September nach Hause wanderte und in die Grafmagnistraße einbog, sah er zu seinem Erstaunen hinter seinem Fenster Licht. Als er näher kam, gewahrte er oben an der Decke einen Schatten, der an einen Menschen erinnerte, den er schon gesehen hatte, aber er konnte sich nicht erinnern, wer es war. Es war eine traurige Gestalt, die in der Nähe noch betrüblicher wirkte. Als Falk das Zimmer betrat, saß Struve am Schreibtisch, den Kopf in die Hände gestützt. Seine Kleider waren naß vom Regen und hingen auf den Fußboden nieder, wo sich Wasserläufe gebildet hatten, die ihren Abfluß durch die Dielenritzen suchten; sein Haar stand ihm in Strähnen um den Kopf, und sein sonst so steifer englischer Backenbart hing wie Tropfstein auf seinen nassen Rock. Neben ihm auf dem Boden stand sein schwarzer Hut, der unter der eigenen Schwere das Knie gebeugt hatte und um seine verlorene Jugend zu trauern schien, denn er trug einen schmalen Trauerflor.
»Guten Abend,« sagte Falk; »das ist ja vornehmer Besuch!«
»Verspotte mich nicht,« bat Struve.
[S. 278]
»Warum sollte ich das nicht? Ich wüßte keinen Grund, warum nicht.«
»Ach so, du bist auch am Ende!«
»Ja, darauf kannst du dich verlassen, ich werde nächstens auch konservativ! Du hast Trauer, sehe ich, hoffentlich kann ich gratulieren.«
»Mir ist ein Kind gestorben.«
»Nun, dann kann ich dem gratulieren! — Aber sag, was willst du eigentlich von mir? Du weißt, daß ich dich verachte; das tust du selbst wohl auch, vermute ich. Nicht wahr?«
»Freilich, aber höre einmal, mein Freund, findest du nicht, daß das Leben bitter genug ist, ohne daß man es sich gegenseitig unnötig zu verbittern braucht? Wenn Gott oder das Schicksal Vergnügen daran findet, so braucht sich doch nicht auch der Mensch so weit zu erniedrigen!«
»Das ist ein vernünftiger Gedanke; er macht dir Ehre! Willst du nicht meinen Schlafrock anziehen, während dein Gehrock trocknet; du frierst doch darin?«
»Ich danke dir, aber ich muß bald gehen.«
»O bleib doch eine Weile hier, dann können wir uns wenigstens einmal aussprechen.«
»Ich spreche so ungern von meinem Mißgeschick.«
»Dann sprich von deinen Verbrechen!«
»Ich habe keine begangen!«
»Oh, große! Du hast deine schwere Hand auf die Unterdrückten gelegt, du hast die Verwundeten mit Füßen getreten, du hast die Elenden verhöhnt! Erinnerst[S. 279] du dich des letzten Streiks, als du dich auf die Seite der Gewalt stelltest?«
»Auf die Seite des Gesetzes, lieber Freund!«
»Ha, das Gesetz! Wer hat das Gesetz für die Armen geschrieben, du Narr? Der Reiche! Das heißt der Herr für den Sklaven!«
»Das Gesetz hat das ganze Volk und das allgemeine Rechtsbewußtsein geschrieben — das hat Gott geschrieben!«
»Spare deine großen Worte, wenn du mit mir sprichst. Wer hat das Gesetz des Jahres 1734 geschrieben? Herr Cronhjelm! Wer hat das letzte Gesetz über die Prügelstrafe aufgestellt? Das war Oberst Sabelmann — sein Antrag war es —, und es wurde von seinen Bekannten durchgedrückt, die damals die Majorität ausmachten. Oberst Sabelmann ist nicht das Volk, und seine Bekannten sind nicht das allgemeine Rechtsbewußtsein. Wer hat das Gesetz über die Rechte der Aktiengesellschaften geschrieben? Richter Svindelgren! Wer hat die neue Reichstagsverfassung aufgesetzt? Assessor Vallonius! Wer hat das Gesetz über den ›gesetzlichen Schutz‹ gemacht, das heißt den Schutz des Reichen gegen die rechtmäßigen Ansprüche des Armen? Großhändler Kryddgren! Halt den Mund! Ich kenne deine Phrasen! Wer hat das neue Erbrecht entworfen? Verbrecher! Wer hat das Forstgesetz gemacht? Diebe! Wer hat das Gesetz über das Notenemissionsrecht der Privatbanken geschrieben? Schwindler! Und du behauptest, Gott habe das getan? Armer Gott!«
[S. 280]
»Darf ich dir einen Rat geben, einen Rat fürs Leben, den mir die Erfahrung erteilt hat! Wenn du der Selbstverbrennung zuvorkommen willst, der du als Fanatiker entgegengehst, so eigne dir schleunigst eine neue Anschauung von Sachen und Dingen an; übe dich, die Welt in Vogelperspektive zu sehen, und du wirst erkennen, wie klein und bedeutungslos alles erscheint; geh davon aus, daß das Ganze ein Kehrichthaufen ist, daß die Menschen Abfall, Eierschalen, Mohrrübenkraut, Kohlblätter, Zeuglappen sind, so wirst du nie mehr überrumpelt werden, kannst nie mehr eine Illusion verlieren; dafür aber wirst du eine ganze Menge Freude erleben, so oft du einen schönen Zug, eine gute Tat siehst; lege mit einem Wort eine ruhige und stille Weltverachtung an — du brauchst deshalb nicht zu fürchten, herzlos zu werden.«
»Diesen Standpunkt nehme ich noch nicht ein, das ist richtig, aber die Weltverachtung habe ich schon zum Teil. Das ist aber auch mein Unglück, denn wenn ich einen einzigen Beweis von Güte oder Edelmut sehe, liebe ich die Menschen wieder, überschätze sie und werde von neuem betrogen!«
»Werde Egoist! Pfeife auf die Menschen!«
»Ich fürchte, das kann ich nicht!«
»Suche dir eine andere Beschäftigung. Tu dich mit deinem Bruder zusammen; er scheint hier in der Welt zu gedeihen. Ich habe ihn gestern auf der Kirchenratsversammlung von Nicolai gesehen.«
»Auf der Kirchenratsversammlung?«
[S. 281]
»Er ist im Kirchenrat! Ja, das ist ein Mann mit einer Zukunft! Der Pastor Primarius hat ihm zugenickt! Er wird nächstens Stadtverordneter werden, wie alle Hausbesitzer.«
»Wie steht es augenblicklich mit dem Triton?«
»Ach, die sind jetzt bei den Obligationen; dabei hat dein Bruder nichts verloren, wenn er auch nichts verdient hat, nein, er hat andere Geschäfte.«
»Wir wollen nicht von dem Mann reden.«
»Aber er ist doch dein Bruder!«
»Ist das ein Verdienst von ihm, daß er mein Bruder ist? Aber nun haben wir so viel hin und hergeredet; sage mir jetzt, was du willst!«
»Ach, ich habe morgen Begräbnis, und ich habe keinen Frack.«
»Nun, den kannst du bekommen ...«
»Danke, lieber Freund, du hilfst mir aus einer großen Verlegenheit. Das war die eine Sache; aber es ist noch eine andere, von etwas heiklerer Art ...«
»Warum wählst du mich, deinen Feind, zum Vertrauten in so heiklen Fällen? Das wundert mich!«
»Weil du ein Mensch von Herz bist ...«
»Darauf verlaß dich jetzt nicht mehr! Nun, sag ...«
»Du bist so nervös geworden, und so ganz anders, du warst doch früher so sanft!«
»Das sage ich ja! Nun, heraus mit der Sprache!«
»Ich wollte fragen, ob du mit zum Kirchhof gehen würdest?«
»Hm! Ich? Warum bittest du keinen von deinen Kollegen vom ›Graumützchen‹?«
[S. 282]
»Weil es besondere Umstände sind! Dir kann ich es sagen! Ich bin nicht verheiratet!«
»Nicht verheiratet? Du, der Wächter des Altars und der Sitten, lockerst du die heiligen Bande?«
»Die Armut, die Verhältnisse! Aber ich bin doch glücklich! Meine Frau hat mich lieb und ich sie, und das ist alles! Es ist auch noch eine andere Ursache! Das Kind ist aus gewissen Gründen nicht getauft worden; es war drei Wochen alt, als es starb, und da bekommt es am Grabe keinen Pastor, aber das darf meine Frau nicht wissen, denn dann würde sie verzweifeln; deshalb habe ich ihr gesagt, der Geistliche komme direkt auf den Kirchhof; damit du Bescheid weißt. Sie selbst bleibt natürlich zu Hause. Du wirst nur zwei Personen treffen; der eine heißt Levi, ein jüngerer Bruder des Direktors vom Triton, der im Kontor der Gesellschaft angestellt ist; das ist ein liebenswürdiger junger Mann mit einem ungewöhnlich guten Kopf und einem noch besseren Herzen. Du mußt nicht lachen, ich sehe schon, du denkst, ich habe Geld von ihm gepumpt; das habe ich natürlich auch getan; aber es ist ein Mann, der dir gefallen wird! Und dann mein alter Freund Doktor Borg, der das Kind behandelt hat. Das ist ein vorurteilsloser Mann von sehr fortschrittlicher Denkart — mit dem wirst du dich gut verständigen. Nun, jetzt kann ich wohl auf dich rechnen; wir sitzen nur zu vieren im Wagen, und dann natürlich der Sarg mit dem Kinde.«
»Ja, ich werde kommen!«
»Aber ich muß dich noch um eins bitten. Siehst du,[S. 283] meine Frau hat religiöse Bedenken, daß das Kind nicht selig wird, weil es ungetauft gestorben ist, und sie fragt alle Menschen nach ihrer Meinung, um ihr Gemüt zu beruhigen.«
»Nun, du kennst doch die Augsburger Konfession?«
»Es ist hier nicht die Rede von einer Konfession!«
»Aber wenn du für die Zeitung schreibst, ist immer die Rede von dem offiziellen Glauben.«
»Die Zeitung, ja, das ist ja die Sache der Firma — wenn die Firma das Christentum aufrechterhalten will, so mag sie das tun; wenn ich für die Firma arbeite, so ... das ist eine Sache für sich ... Sei nett und stimme ihr zu, wenn sie sagt, sie glaube, daß das Kind selig wird.«
»Nun ja, um einen Menschen glücklich zu machen, kann ich wohl den Glauben verleugnen, besonders da es nicht meiner ist. Aber du mußt mir auch sagen, wo du wohnst!«
»Weißt du, wo der Weiße Berg liegt?«
»Ja, das weiß ich! Wohnst du etwa in diesem scheckigen Holzhaus oben auf dem Berge?«
»Woher kennst du das?«
»Ich bin einmal dort gewesen.«
»Du bist wohl mit dem Sozialisten Ygberg bekannt, der mir die Leute aufsässig macht? Ich bin Vizewirt dort für Smith und habe freie Wohnung dafür, daß ich die Mieten eintreibe; aber wenn sie nicht bezahlen können, so reden sie allerhand Quatsch, den er sie gelehrt hat, von Arbeit und Kapital und so allerhand, was in den Skandalzeitungen gestanden hat.«
[S. 284]
Falk wurde still.
»Kennst du den Ygberg?«
»Ja, das tue ich! Willst du jetzt den Frack anprobieren?«
Nachdem Struve in den Frack geschlüpft war, zog er den nassen Gehrock darüber, knöpfte ihn bis zum Kinn zu, steckte sich einen zerkauten Zigarrenstummel an, der auf ein Streichholz gesteckt war, — und ging.
Falk leuchtete ihm die Treppe hinunter.
»Du hast weit zu gehen,« sagte Falk, um den Abschied etwas abzurunden.
»Ja, das soll Gott wissen! Und einen Regenschirm habe ich nicht.«
»Und keinen Überzieher! Willst du nicht meinen Winterüberzieher anziehen?«
»O danke vielmals, aber das ist zu freundlich von dir!«
»Du kannst ihn mir ja gelegentlich wiedergeben!«
Falk kehrte in sein Zimmer zurück, holte den Überzieher und trug ihn Struve hinunter, der unten auf dem Flur stand, und nach einem kurzen Gute Nacht ging er wieder hinauf. Aber die Luft kam ihm so stickig vor, daß er das Fenster öffnete. Draußen strömte der Herbstregen nieder, prasselte auf die Dachpfannen und stürzte auf die schmutzige Straße. Von der Kaserne gegenüber hörte man den Zapfenstreich, während im Logement die Abendandacht gehalten wurde, daß abgerissene Choralverse durch die geöffneten Fenster drangen.
Falk fühlte sich leer und müde. Er hatte gehofft, einem Repräsentanten alles dessen, was er für feindlich hielt, eine Schlacht liefern zu dürfen, aber der[S. 285] Feind war geflüchtet und hatte ihn zugleich teilweise besiegt. Wenn er sich klarzumachen suchte, worum der Kampf eigentlich ging, gelang ihm das nicht, und wer recht hatte, konnte er auch nicht ergründen. Und er begann sich zu fragen, ob nicht die ganze Sache, die er zu der seinen gemacht hatte, die Sache der Unterdrückten nämlich, bloß eine Unwirklichkeit sei. Im nächsten Augenblick machte er sich diese Feigheit zum Vorwurf, und der permanente Fanatismus, der in ihm glühte, flammte wieder auf; er verurteilte seine Schwäche, die ihn ständig zum Nachgeben verleitete; eben hatte er den Feind in den Händen gehabt, und er hatte ihn nicht nur seinen tiefen Abscheu nicht fühlen lassen, sondern hatte ihn sogar mit Wohlwollen behandelt und ihm Sympathie erzeigt. Was würde der nun von ihm denken? Diese Gutmütigkeit war kein Verdienst, da sie ihn hinderte, kraftvolle Entschlüsse zu fassen, sie war nur eine moralische Schlappheit, die ihn unfähig machte für einen Kampf, dem er sich immer weniger gewachsen fühlte. Er verspürte das lebhafte Bedürfnis, das Feuer unter dem Kessel auszulöschen, der einem so hohen Druck nicht mehr lange widerstehen konnte, da kein Dampf verbraucht wurde, und er dachte an Struves Rat; er dachte so lange, daß er sich schließlich in einem chaotischen Zustand befand, in dem Wahrheit und Lüge, Recht und Unrecht in behaglicher Eintracht umhertanzten, so daß sein Gehirn, in dem die Begriffe durch die akademische Erziehung schön sortiert gewesen waren, bald wie ein gutgemischtes Kartenspiel aussah.
[S. 286]
Es gelang ihm merkwürdig gut, sich in einen Zustand des Indifferentismus hineinzuarbeiten; er übte sich darin, gute Motive für die Handlungen des Feindes zu suchen und gab sich mit der Zeit selbst unrecht, fühlte sich versöhnlich gestimmt gegenüber der Weltordnung, nahm schließlich den erhöhten Standpunkt ein und fand es in der Tat völlig bedeutungslos, ob das Ganze nun schwarz oder weiß sei; war es schwarz, so gab es keine Sicherheit dafür, daß es nicht so sein sollte, und in diesem Falle stand es ihm nicht zu, es anders zu wünschen. Er fand diesen Seelenzustand angenehm, denn er brachte ein Gefühl von Ruhe mit sich, wie er es in den vielen Jahren, in denen er in Unruhe um die Menschheit gewesen war, nicht empfunden hatte. Er genoß diese Ruhe, im Verein mit einer Pfeife starken Tabaks, bis die Aufwärterin hereinkam, um sein Bett zurechtzumachen und ihm zugleich einen Brief zu bringen, den der Postbote eben abgegeben hatte. Der Brief war Olle Montanus unterzeichnet, war sehr lang und schien zum Teil einen lebhaften Eindruck auf Falk zu machen. Er hatte folgenden Wortlaut:
Lieber Freund!
Obwohl Lundell und ich jetzt unsere Arbeiten abgeschlossen haben und bald in Stockholm eintreffen werden, habe ich doch das Verlangen, meine Eindrücke aus den vergangenen Tagen hier aufzuzeichnen, weil sie von großer Bedeutung für mich und meine geistige Entwicklung gewesen sind; denn ich bin zu einem Resultat gekommen und stehe nun verwundert da wie ein eben ausgebrütetes Küchlein, das mit neugeöffneten[S. 287] Augen in die Welt blickt und der Eierschale, die ihm so lange das Licht ferngehalten hat, einen Tritt gibt. Dies Resultat ist allerdings nicht neu; Plato hat es bereits ausgesprochen, bevor das Christentum kam: die Wirklichkeit, die sichtbare Welt ist nur ein Schein, ein Schattenspiel der Gedanken; das heißt: die Wirklichkeit ist etwas Niederes, Bedeutungsloses, Sekundäres, Zufälliges. Jawohl! Aber ich will synthetisch verfahren und mit dem Einzelnen anfangen, um von da zum Allgemeinen zu kommen.
Zunächst will ich von meiner Arbeit sprechen, für die sich Reichstag und Regierung gemeinsam interessiert haben. Neben dem Altar in der Kirche von Träskaala standen zwei Holzfiguren; die eine war zertrümmert, die andere war heil. Die unbeschädigte hielt ein Kreuz in der Hand und war eine weibliche Gestalt; von der zertrümmerten Figur waren zwei Säcke mit Stücken in der Sakristei aufbewahrt. Ein gelehrter Altertumsforscher hatte den Inhalt der beiden Säcke untersucht, um das Aussehen der zertrümmerten Figur zu bestimmen, war aber über Mutmaßungen nicht hinausgekommen. Er ging jedoch gründlich zu Werk; er nahm eine Probe von der weißen Farbe, mit der die Figur überstrichen war, schickte sie an das Pharmazeutische Institut und erlangte auf diese Weise die Bestätigung, daß sie Blei enthalte und nicht Zink; folglich war die Figur älter als 1844, weil Zinkweiß erst in diesem Jahre in Gebrauch kam. (Was soll man zu einer solchen Schlußfolgerung sagen, die Figur konnte doch übermalt sein!) Darauf schickte er eine Probe des[S. 288] Holzes an das Tischleramt in Stockholm und bekam die Antwort, es sei Birke. Die Figur war also aus Birke, vor 1844 entstanden. Aber nicht das wollte er feststellen, sondern er hatte Anlaß(!) zu der Annahme (das heißt, er wünschte es um seiner Ehre willen), daß die Bildwerke aus dem sechzehnten Jahrhundert stammten, und er hätte am liebsten gesehen, wenn sie von dem großen (natürlich großen, da sein Name so gut in Eiche eingeschnitten war, daß er sich bis in unsere Tage erhalten hat) Burchard von Schiedenhanne verfertigt wären, der die Chorstühle in der Domkirche von Västeraas geschnitzt hat. Die gelehrten Untersuchungen wurden fortgesetzt. Er hatte etwas Gips von den Figuren in Västeraas gestohlen und schickte den nun mit der Gipsprobe aus der Sakristei von Träskaala an die Ekole pollyteknik (ich kann es nicht richtig schreiben) in Paris. Das Urteil war vernichtend für die Zweifler: die Analysen ergaben, daß die Gipsproben die gleiche Zusammensetzung hatten, 77 Äquivalente Kalk und 23 Schwefelsäure, folglich (!) stammten die Figuren aus der gleichen Epoche. Das Alter der Figuren war mithin festgestellt; die Teile wurden abgezeichnet und an die Akademie für Altertümer eingeschickt (die Gelehrten haben eine entsetzliche Passion, alles einzuschicken); jetzt mußte nur noch die zertrümmerte bestimmt und rekonstruiert werden. Zwei Jahre lang wurden die beiden Säcke zwischen Upsala und Lund hin und her geschickt; die beiden Professoren waren diesmal glücklich verschiedener Meinung, so daß ein Streit entstand; der Professor in Lund, der soeben[S. 289] Rektor geworden war, schrieb eine Abhandlung über die Figur für seine Rektoratsrede und schlug den Professor in Upsala zu Boden; dieser antwortete mit einer Broschüre. Glücklicherweise trat im selben Moment ein Professor von der Stockholmer Kunstakademie mit einer ganz neuen Ansicht auf; die Folge war wie immer, daß Herodes und Pilatus sich einigten und nun gemeinsam über den Stockholmer herfielen und ihn mit der ganzen Galle des Kleinstädters zerrissen. Ihre Meinung aber war, und daran hielt man fest: die zertrümmerte Figur habe den Unglauben dargestellt, weil doch die heile Figur — mit dem Symbol des Kreuzes — den Glauben darstellen mußte. Die Mutmaßung (des Professors in Lund), die zertrümmerte Figur habe die Hoffnung dargestellt, da man in dem einen Sack einen Ankerhaken gefunden habe, wurde verworfen, weil man dann das Vorhandensein einer dritten Figur, der Liebe, hätte voraussetzen müssen (!), von der sich keine Spur fand, und für die auch kein Platz da war; außerdem wurde (durch Beispiele aus der reichen Sammlung von Pfeilspitzen im Historischen Museum) bewiesen, daß es kein Ankerhaken sei, sondern eine Pfeilspitze, eine von den Waffen, durch die der Unglaube symbolisiert wird; vergleiche Brief an die Hebräer, wo von den blinden Schüssen des Unglaubens gesprochen wird, und Jesaias, wo mehrfach die Pfeile des Unglaubens erwähnt werden! Die Form der Pfeilspitze, die denen aus der Zeit des Reichsverwesers Sture genau glich, entfernte den letzten Zweifel betreffs des Alters der Figur.
[S. 290]
Meine Aufgabe war nun, nach der Idee der Professoren eine Statue des Unglaubens als Pendant zum Glauben herzustellen. Das Programm war gegeben, und ich zögerte nicht. Ich suchte mir ein männliches Modell, denn ein Mann mußte es sein; ich habe lange suchen müssen, aber ich habe ihn gefunden, ja, ich glaube, ich fand den Unglauben in eigener Person — und es ist mir brillant gelungen. Nun steht der Schauspieler Falander links vom Altar, mit einem mexikanischen Bogen aus dem Schauspiel Ferdinand Cortez und einem Räubermantel aus Fra Diavolo; aber die Leute sagen: es ist der Unglaube, der vor dem Glauben die Waffen streckt, und der Propst, der die Einweihungspredigt hielt, sprach von den herrlichen Gaben, die Gott bisweilen den Menschen gebe und besonders mir; und der Graf, bei dem wir zum Einweihungsdiner waren, erklärte, ich hätte ein Meisterwerk geschaffen, das gut mit den Werken der Antike zu vergleichen sei (die er in Italien gesehen habe); und ein Student, der bei dem Grafen konditionierte, nahm die Gelegenheit wahr, Verse drucken zu lassen und zu verteilen, in denen er den Begriff des Erhaben-Schönen entwickelte und eine historische Übersicht über die Teufelsmythe gab.
Bisher habe ich als echter Egoist nur von mir selber gesprochen! Was soll ich von Lundells Altarbild sagen? Es sieht folgendermaßen aus: Christus (Rehnhjelm) am Kreuz im Hintergrunde; links der unbußfertige Schächer (ich; der Schuft hat mich noch häßlicher gemacht als ich bin); rechts der bußfertige Schächer (Lundell selbst, die scheinheiligen Augen auf Rehnhjelm[S. 291] gerichtet); zu Füßen des Kreuzes Maria Magdalena (Maria, du weißt doch, tief dekolletiert); ein römischer Zenturio (Falander) zu Pferd (der Beschäler von dem Schöffen Olsson).
Ich kann nicht beschreiben, was für einen entsetzlichen Eindruck es auf mich machte, als nach der Predigt die Hüllen fielen und all diese bekannten Gesichter von dem erhöhten Platz am Altar über die Gemeinde hinstarrten, die mit Andacht den großen Worten des Geistlichen von der hohen Bedeutung der Kunst lauschte, zumal wenn sie im Dienst der Religion stehe. Vor meinen Augen zerriß in diesem Augenblick ein Schleier, der vieles, vieles verhüllt hatte, und was ich später über Glauben und Unglauben gedacht habe, sollst du einmal zu hören bekommen; was ich jedoch über die Kunst und ihre hohen Aufgaben denke, werde ich in einem Vortrag zum Ausdruck bringen, den ich in einem öffentlichen Lokal zu halten gedenke, sobald ich in die Stadt komme.
Daß Lundells religiöse Gefühle in diesen »teuren« Tagen überhandnahmen, kannst Du Dir vorstellen; er ist verhältnismäßig glücklich in seinem kolossalen Selbstbetrug, und er weiß nicht, daß er ein Schelm ist.
Nun habe ich, glaube ich, das meiste gesagt; das weitere mündlich, wenn wir uns sehen.
Bis dahin lebwohl und laß es dir gutgehen!
Dein wahrer Freund
Olle Montanus.
PS. Ich habe ganz vergessen, von der Auflösung der Altertumsforschungsgeschichte zu erzählen. Sie endete[S. 292] so, daß der Armenhäusler Jan, der sich aus seiner Kindheit erinnert, wie die Figuren ausgesehen haben, die Erklärung abgab, es seien drei gewesen: Glaube, Liebe und Hoffnung; da die Liebe die größte sei (1. Korinther), so habe sie über dem Altar gestanden. Der Blitz habe sie und den Glauben um das Jahr 1810 niedergerissen. Die Figuren habe sein Vater, der Galjonschnitzer in Karlskrona war, verfertigt.
D.O.
Nach der Lektüre dieses Briefes ließ Falk sich an seinem Schreibtisch nieder, sah nach, ob die Lampe gut gefüllt war, steckte sich eine Pfeife an, holte ein Manuskript aus der Schublade und begann zu schreiben.
[S. 293]
Der Septembernachmittag lag grau und warm und still über der Hauptstadt, als Falk die südlichen Höhen hinaufwanderte. Auf dem Katarinenkirchhof setzte er sich nieder, um auszuruhen; er empfand ein wirkliches Wohlbehagen, als er sah, daß die Ahorne in den letzten Nächten rotgefroren waren, und er hieß den Herbst mit seiner Dunkelheit, seinen grauen Wolken und seinem fallenden Laub herzlich willkommen. Kein Windhauch regte sich; es war, als ruhe die Natur, müde von der kurzen Sommerarbeit; alles ruhte, die Menschen lagen unter dem Rasen so still und friedlich, wie sie nie im Leben gewesen waren, und er wünschte, sie lägen alle dort unten und er auch. Oben auf dem Turm schlug die Uhr; da stand er auf und ging weiter, ging die Parkstraße entlang, bog in die Neue Straße ein, die vor hundert Jahren neu gewesen sein mochte, ging über den Neumarkt und kam nach dem Weißen Berge. Da blieb er vor dem scheckigen Hause stehen und hörte zu, was die Kinder sagten, denn wie gewöhnlich waren Kinder auf dem Hügel; und sie unterhielten[S. 294] sich laut und ungeniert, während sie kleine Ziegelsteine schliffen, die sie zum Hupfspiel brauchten.
»Was hast du zu Mittag bekommen, Janne?«
»Geht das dich was an?«
»Angeht? Sagst du, ob mich das was angeht? Nimm dich in acht, du, sonst hau ich dir eine runter!«
»Du! Ach, hör an! Du, mit den Augen!«
»Na, weißt du! Hab ich dich nicht neulich erst am Hammarbysee verwichst? He?«
»Ach, halt's Maul!«
Janne wird »verwichst«, und die Unruhe legt sich.
»Hast du etwa nicht auch Kresse auf dem Katrinenkirchhof gestohlen, Janne? He!«
»Hat der lahme Olle gepetzt?«
»Und kam da nicht die Polizei, he?«
»Denkst du, ich habe Angst vor der Polizei! Das sollst du mal sehen!«
»Wenn du keine Angst hast, so komm doch mit zu Zinkens Teich und hilf Birnen mausen heut abend.«
»Ich steige nicht über den Zaun, da sind bissige Hunde!«
»Ach, der Schornsteinfeger-Pelle steigt über den Zaun wie ein Hui, und den Hunden muß man einen Tritt geben.«
Das Schleifen wird von einer Magd unterbrochen, die herauskommt und Tannenzweige auf die grasbewachsene Straße streut.
»Was für ein Teufel soll heut begraben werden?«
»Ach, von dem Vizewirt, der mit seiner Frau wieder ein Kind gekriegt hat.«
[S. 295]
»Der Vizewirt ist ein kitzlicher Satan, was?«
Statt der Antwort stimmte der andere eine unbekannte Melodie an, die auf besondre Art gepfiffen wurde.
»Wir verhauen seine Füchse, wenn sie aus der Schule kommen. Und seine Frau, weißt du, die ist aufgeblasen. Das Teufelsweib hat uns einmal nachts im Schnee sitzen lassen, als wir die Miete nicht bezahlt hatten, und da haben wir im Blechschuppen schlafen müssen.«
Das Gespräch versiegte, denn diese letzte Mitteilung schien auf den Zuhörer nicht den geringsten Eindruck zu machen.
Nicht mit sehr heiteren Gefühlen betrat Falk das Haus nach der Vorstellung, die die beiden Straßenjungen vermittelt hatten. Er wurde in der Tür von Struve begrüßt, der eine betrübte Miene aufgesetzt hatte und ihn jetzt beim Arm nahm, als wolle er ihm eine vertrauliche Mitteilung machen oder in seinem Beisein eine Träne zerdrücken, irgend etwas mußte er tun — und er faßte ihn um.
Falk befand sich in einem großen Zimmer mit Eßtisch, Büfett, sechs Stühlen und einem Sarg. Vor den Fenstern hingen weiße Laken, durch die das Tageslicht hereinsickerte und sich an dem roten Schein zweier Stearinkerzen brach; auf dem Eßtisch stand ein Tablett mit grünen Weingläsern und ein Suppennapf mit Georginen, Levkoien und Astern.
Struve faßte seine Hand und führte ihn an den Sarg, in dem der kleine Namenlose auf Hobelspänen in Tüll gebetet lag, mit wilden Weinblättern bestreut.
[S. 296]
»Hier,« sagte er. »Hier!«
Falk spürte keine andern Erregungen, als die einen immer in Gegenwart einer Leiche überkommen, und konnte daher keine für die Situation passenden Worte finden, sondern beschränkte sich darauf, dem Vater die Hand zu drücken, worauf dieser sagte:
»Ich danke dir, ich danke dir!« und sich entfernte, um in ein Nebenzimmer zu gehen.
Falk war allein; er hörte zunächst ein heftiges Flüstern hinter der Tür, hinter der Struve verschwunden war; darauf wurde es eine Weile still; dann aber drang am andern Ende des Zimmers ein Gemurmel durch die dünne Bretterwand; er konnte die Worte nur teilweise unterscheiden, glaubte aber die Stimmen wiederzuerkennen. Zunächst hörte man einen schrillen Diskant, der sehr rasch lange Strophen sprach.
»Babebibobubybäbö. — Babebibobubybäbö. — Babebibobubybäbö —« ertönte es.
Darauf antwortete eine zornige Männerstimme unter der Begleitung des Hobels. »Witscho-witscho-witsch-witsch-hitsch-hitsch.«
Und dann ein langsam dahinrollendes »Mum-mum-mum-mum. Mum-mum-mum-mum.« Worauf der Hobel wieder sein »Witsch-witsch« zu spucken und zu niesen begann. Und darauf ein Sturm von »Babili-bebili-bibili-bobili-bubili-bybili-bäbili-bö!«
Falk ahnte, um was die Diskussion sich drehte, und an einem gewissen Tonfall glaubte er zu erkennen, daß der kleine Tote in die Sache verwickelt sei.
Nun begann wieder ein heftiges Flüstern hinter[S. 297] Struves Tür, durchschossen mit Schluchzen; dann öffnete sie sich, und heraus kam Struve und führte eine Waschfrau an der Hand, die schwarzgekleidet war und rote Augen hatte. Struve stellte mit der Würde eines Familienvaters vor:
»Meine Frau. — Assessor Falk, mein alter Freund!«
Falk wurde mit einer Hand so hart wie ein Waschholz und einem Lächeln sauer wie Pickels begrüßt. Er versuchte in größter Hast eine Redensart zu konstruieren, die die beiden Worte »Frau« und »Schmerz« enthielt, und kam einigermaßen damit zustande, so daß Struve ihm eine Umarmung zuteil werden ließ.
Die Frau, die auch eine Freundlichkeit beisteuern wollte, begann ihrem Mann den Rücken abzubürsten und sagte:
»Schrecklich, wie Christian sich immer einschmiert; ewig ist er hinten staubig. Finden Sie nicht auch, Herr Assessor, daß er wie ein Ferkel aussieht?«
Dem armen Falk blieb es erspart, diese liebevolle Frage zu beantworten, denn hinter dem Rücken der Mutter tauchten jetzt zwei rote Köpfe auf und grinsten den Fremden an. Die Mutter nahm sie zärtlich beim Schopf und sagte:
»Haben Sie schon einmal so häßliche Buben gesehen, Herr Assessor? Sehen sie nicht aus wie junge Füchse?«
Das stimmte mit der wirklichen Sachlage in solchem Grade überein, daß Falk sich veranlaßt fühlte, die Tatsache aufs lebhafteste in Abrede zu stellen.
[S. 298]
Die Korridortür öffnete sich, und herein traten zwei Herren. Der erste war ein breitschulteriger Dreißiger mit einem viereckigen Kopf, dessen Vorderseite das Gesicht vorstellen sollte; die Haut sah aus wie eine halbvermoderte Brückenplanke, in die Würmer ihre Labyrinthe gegraben hatten; der Mund war breit geschnitten und stets etwas geöffnet, so daß man die vier gut geschliffenen Eckzähne sah; wenn er lachte, wurde das Gesicht in zwei Teile gespalten, und man konnte bis an den vierten Backenzahn sehen; kein Barthalm wagte sich auf dem unfruchtbaren Boden hervor; die Nase war so schlecht angebracht, daß man von vorn ein gutes Stück in den Kopf hineinsehen konnte; auf dem oberen Teil des Schädels wuchs etwas, das wie eine Kokosmatte aussah.
Struve, der das Talent besaß, seine Umgebung zu adeln, stellte den Kandidaten Borg als Doktor Borg vor. Dieser gab kein Zeichen von Befriedigung oder Mißvergnügen, sondern hielt den Ärmel seines Überziehers seinem Begleiter hin, der sofort den Rock auszog und ihn an die Angel der Stubentür hängte, wobei Frau Struve bemerkte: dies alte Haus sei so schlecht; nicht einmal ein Kleiderständer sei da. Der Rockauszieher wurde als Herr Levi vorgestellt. Es war ein langaufgeschossener Jüngling; sein Schädel schien sich durch eine Entwicklung des Nasenbeins nach hinten gebildet zu haben; und der Rumpf, der bis zu den Kniekehlen reichte, sah aus, als sei er auf die Weise entstanden, daß der Schädel durch ein Zieheisen gegangen war, wie man Stahldraht zieht. Die Schultern[S. 299] fielen wie Dachrinnen ab, von Hüften war keine Spur zu sehen, die Schienbeine gingen bis an die Schenkel, die Füße waren abgelaufen wie alte Schuhe, die Höhlung niedergetreten, die Beine standen nach auswärts wie bei einem Arbeiter, der schwere Lasten getragen oder den größten Teil seines Lebens gestanden hat: es war ein richtiger Sklaventyp.
Der Kandidat war, nachdem er von dem Überzieher befreit worden war, an der Tür stehen geblieben; er hatte die Handschuhe ausgezogen, den Stock weggestellt, sich geschneuzt, das Taschentuch eingesteckt, ohne Struves wiederholte Versuche, ihn vorzustellen, zu beachten; er glaubte noch auf dem Korridor zu sein; jetzt aber nahm er seinen Hut, kratzte mit dem Fuß und trat einen Schritt ins Zimmer hinein.
»Guten Tag, Jenny, wie geht es?« sagte er und faßte die Hand der Frau mit einer Wichtigkeit, als gelte es ihr Leben. Darauf verbeugte er sich unmerklich vor Falk mit einer Grimasse wie ein Hund, wenn er einen fremden Köter auf seinem Hof sieht.
Der junge Herr Levi folgte dem Kandidaten auf den Fersen, fing sein Lächeln auf, zollte seinen Sarkasmen Beifall und ließ sich von seiner Überlegenheit ducken.
Die Frau zog eine Flasche Rheinwein auf und reichte ihn herum. Struve ergriff sein Glas und hieß die Gäste willkommen. Der Kandidat öffnete den Rachen, legte den Inhalt des Glases auf seine zu einem Rinnstein gewordene Zunge, schnitt eine Grimasse, als solle er einnehmen, und schluckte es hinunter.
[S. 300]
»Er ist schrecklich sauer und schlecht,« sagte die Frau; »vielleicht trinken Sie lieber ein Glas Punsch, Henrik?«
»Ja, er ist recht schlecht,« gab der Kandidat zu und erntete Herrn Levis ungeteilten Beifall.
Der Punsch wurde gebracht. Borgs Gesicht klärte sich auf; er sah sich nach einem Stuhl um; sofort brachte Herr Levi ihm einen.
Die Gesellschaft ließ sich am Eßtisch nieder. Die Levkoien dufteten stark, und ihr Geruch mischte sich mit dem des Weins, das Licht spiegelte sich in den Gläsern, die Unterhaltung kam in Fluß, und bald stieg vom Platz des Kandidaten eine Rauchsäule auf. Die Frau warf einen unruhigen Blick nach dem Fenster, wo der Kleine schlummerte, aber diesen Blick sah niemand.
Da hörte man draußen einen Wagen vorfahren. Alle außer dem Doktor standen auf. Struve hustete und fragte mit leiser Stimme, als sage er etwas Unangenehmes: »Wollen wir uns fertigmachen?«
Die Frau trat an den Sarg, beugte sich nieder und weinte heftig; als sie sich wieder aufrichtete, sah sie ihren Mann mit dem Sargdeckel bereitstehen und brach in lautes Schluchzen aus.
»Nun, nun! beruhige dich,« sagte Struve und beeilte sich, den Deckel aufzulegen, als wolle er etwas verbergen. Borg goß ein Glas Punsch in seinen Rinnstein und sah hinterher aus wie ein Pferd, wenn es gähnt. Herr Levi half Struve den Deckel festschrauben, was er mit großer Gewandtheit tat, als mache er eine Packkiste zu.
[S. 301]
Man verabschiedete sich von der Frau, zog die Überzieher an und ging; die Frau bat die Herren, auf der Treppe vorsichtig zu sein; »sie sei so alt und schlecht«.
Struve ging voran und trug den Sarg; als er auf die Straße kam und eine kleine Volksversammlung sah, die ihm zu Ehren zusammengeströmt war, wurde er so vom Hochmutsteufel gepackt, daß er den Kutscher anfuhr, weil er die Wagentür nicht geöffnet und das Trittbrett nicht heruntergelassen hatte; um die Wirkung zu steigern, duzte er den großen livrierten Mann, der mit dem Hut in der Hand schleunig seinen Befehlen nachkam; das hatte in dem Haufen einen kurzen, boshaften Hustenanfall eines Jungen zur Folge, der auf den Namen Janne hörte; als er sich durch sein Husten die Aufmerksamkeit der Umstehenden zuzog, begann er mit emporgewandten Augen die Schornsteine zu mustern, als erwarte er den Kaminkehrer.
Die Wagentür schlug hinter den vier Herren zu, und unter den jüngeren Mitgliedern der Volksversammlung, die sich jetzt sicherer fühlten, entspann sich das folgende Gespräch:
»He du! So ein protziger Sarg! Hast du ihn gesehen?«
»Ja, natürlich! Aber hast du gemerkt, daß auf dem Schild kein Name stand?«
»Wirklich nicht?«
»Nein, das konnte man doch sehen; es war ganz blank.«
»Was bedeutet das denn?«
»Weißt du das nicht? Das war ein Hurenkind!«
[S. 302]
Glücklicherweise knallte die Peitsche, und der Wagen rollte davon. Falk warf einen Blick nach dem Fenster hinauf; da stand die Frau, die schon ein paar Laken abgenommen hatte, und blies die Stearinkerzen aus, und neben ihr standen die jungen Füchse, jeder mit einem Glas Wein in der Hand.
Der Wagen rasselte dahin, straßauf, straßab; keiner machte einen Versuch zu sprechen; Struve sah geniert aus, wie er mit dem Sarg auf den Knien dasaß; und es war noch so hell, daß er sich am liebsten unsichtbar gemacht hätte.
Es war ein langer Weg nach dem Neuen Friedhof, aber er nahm doch auch ein Ende, und schließlich war man angelangt. Vor dem Zaun hielt eine lange Wagenreihe. Man kaufte Kränze, und der Totengräber nahm den Sarg in Empfang. Nach einem längeren Spaziergang machte die kleine Prozession auf einem neuzugekauften Sandfelde ganz hinten am nördlichen Ende des Kirchhofs halt. Der Totengräber legte die Bretter zurecht; der Doktor kommandierte: Anfassen! Hochheben! Loslassen! und nun wurde der kleine Namenlose drei Ellen rief in die Erde gesenkt; es entstand eine Pause; alle neigten die Köpfe und blickten in das Grab hinunter, als warteten sie auf etwas; schwer und grau lag der Himmel über dem weiten, öden Sandfelde, auf dem die weißen Pfähle wie die Gespenster kleiner Kinder standen, die sich hier draußen verirrt hatten; der Waldsaum zeichnete sich schwarz wie der Hintergrund eines Schattenspiels ab, kein Windhauch regte sich. Da hörte man eine Stimme,[S. 303] zuerst zitternd, bald aber klar und bestimmt, wie von einer Überzeugung getragen; Levi war auf die Bahre gestiegen und sprach mit entblößtem Haupt:
»Von dem Höchsten sicher beschirmt, im Schatten seiner Allmacht ruhend. Zu dem Ewigen spreche ich: Du meine Zuflucht bist der Getreue, du meine Burg, die ewig sichere, du Gott, dem ich vertraue! — Kaddisch! — Herr, du allmächtiger Gott, gib, daß dein heiliger Name in der ganzen Welt angebetet und geheiligt werde; denn du wirst dereinst die Welt erneuen, du, der du die Toten auferweckst und sie zu neuem Leben rufst. Du, der du ewigen Frieden in deinem Himmel herrschen läßt, schenke du auch dem ganzen Israel deinen Frieden, Amen!
Schlaf in Frieden, du Kind, das keinen Namen bekommen hat! Er, der die Seinen kennt, wird dich schon beim Namen rufen! Schlafe gut in der Herbstnacht, keine bösen Geister werden dich stören, wenngleich du das geheiligte Wasser nicht empfangen hast; freue dich, daß du den Kämpfen des Lebens entgehst, seine Freuden sind zu entbehren. Glücklich du, der du von hinnen gehen durftest, ehe du die Welt kennen lerntest; rein und fleckenlos ließ deine Seele ihre zarte Hülle zurück, deshalb wollen wir nicht Erde auf dich werfen — Erde ist Vergänglichkeit —, sondern wir wollen dich mit Blumen zudecken; denn wie die Blume aus der Erde aufsteigt, so wird sich auch deine Seele aus dem dunklen Grabe zum Licht erheben, denn von Geist bist du gekommen, zu Geist sollst du wieder werden!«
[S. 304]
Er ließ den Kranz fallen und bedeckte den Kopf.
Struve trat heran, faßte seine Hand und drückte sie mit Wärme, wobei ihm die Tränen in die Augen kamen, so daß er sich von Levi das Taschentuch leihen mußte. Der Doktor, der seinen Kranz ins Grab geworfen hatte, war schon im Gehen, und die andern folgten ihm langsam. Falk aber stand gedankenvoll über das Grab gebeugt und starrte in die Tiefe hinunter; anfangs sah er nur eine viereckige Finsternis, aber allmählich tauchte ein heller Fleck auf, der wuchs und eine bestimmte Form annahm, er wurde rund und warf einen weißen Schein wie ein Spiegel — das war das unbeschriebene Lebensschild des Kindes, das durch die Dunkelheit leuchtete und nur das ungebrochene Licht des Himmels widerstrahlte. Er ließ seinen Kranz hinuntergleiten; ein schwacher, dumpfer Ton, und das Licht erlosch. Da wandte er sich um und folgte den andern.
Am Wagen erhoben sich einige Diskussionen, wohin man fahren solle; Borg machte kurzen Prozeß und kommandierte. »Nach Norrbacka!«
Nach einigen Minuten befand sich die Gesellschaft in dem großen Saal im ersten Stock, wo sie von einem Mädchen empfangen wurde, das Borg mit einem Kuß und einer Umarmung begrüßte, worauf er seinen Hut unter ein Sofa warf, Levi befahl, ihm den Überzieher auszuziehen und eine Kanne Punsch, fünfundzwanzig Zigarren, eine halbe Flasche Kognak und einen Hut Zucker bestellte. Darauf zog er sich auch den Rock aus und belegte das einzige Sofa des Saals mit Beschlag.
[S. 305]
Struves Gesicht begann zu strahlen, als er die Vorbereitungen zu einer Kneiperei sah, und er verlangte Musik. Levi setzte sich ans Klavier und haspelte einen Walzer herunter, während Struve Falk um die Taille faßte und mit ihm im Saal umherwanderte unter leichtfaßlichen Gesprächen über das Leben im allgemeinen, über Schmerz und Freude, über die unbeständige Natur des Menschen usw., woraus sich das Resultat ergab, daß es sündhaft sei, über das zu trauern, was die Götter — er gebrauchte das Wort Götter, weil er schon von sündhaft gesprochen hatte, damit Falk nicht glauben solle, er sei Pietist — gegeben und genommen hätten. Diese Erwägung schien die Introduktion zu dem Walzer zu bilden, den er gleich darauf mit der Kellnerin tanzte, die die Bowle hereinbrachte. Borg füllte die Gläser, rief Levi, hob ein Glas und sagte:
»Jetzt wollen wir Brüderschaft trinken, dann können wir nachher grob gegeneinander sein!«
Levi drückte seine große Freude über diese Ehre aus.
»Prost, Isaak,« sagte Borg.
»Ich heiße nicht Isaak ...«
»Denkst du, ich kümmere mich darum, wie du heißt? Ich nenne dich Isaak, und du bist mein!«
»Du bist mir ein netter Teufel ...«
»Teufel! Schämst du dich nicht, du Judenjunge ...«
»Wir wollten doch grob sein ...«
»Wir? Ich wollte grob gegen dich sein, ja!«
Struve glaubte vermitteln zu müssen:
»Hab Dank, Bruder Levi,« sagte er, »für deine[S. 306] schönen Worte. Was war das für ein Gebet, das du gesprochen hast?«
»Das war unser Begräbnisgebet.«
»Es war sehr schön.«
»Ich finde, es waren nur Phrasen,« fiel Borg ein. »Der ungläubige Hund hat nur für Israel gebetet, es konnte also gar nicht dem Verstorbenen gelten!«
»Alle Ungetauften rechnen zu Israel,« erwiderte Levi.
»Und dann hast du die Taufe angegriffen,« fuhr Borg fort. »Ich dulde nicht, daß jemand die Taufe angreift — das wollen wir selber tun. Ferner hast du die Rechtfertigungslehre angetastet! Laß das bleiben; ich dulde nicht, daß ein anderer unsere Religion antastet!«
»Da hat Borg recht,« sagte Struve, »sofern wir es nämlich dahin ausdehnen, die Taufe oder irgendeine andere der heiligen Wahrheiten überhaupt anzugreifen, und ich möchte mir ausbitten, daß jedes Gespräch dieser leichtsinnigen Art heute abend aus unserer Gesellschaft verbannt bleibt.«
»Möchtest du dir ausbitten?« schrie Borg. »Was möchtest du dir ausbitten? — Nun, ich verzeihe dir, wenn du den Mund hältst. Spiel auf, Isaak! Musik! Warum ist die Musik so stumm bei Cäsars Fest! Musik! Aber komme nicht mit etwas Altem. Neu muß es sein!«
Levi setzte sich ans Klavier und spielte die Ouvertüre zur Stummen.
[S. 307]
»Schön, jetzt wollen wir plaudern,« sagte Borg. »Sie sehen ja so traurig aus, Assessor; kommen Sie, wir wollen trinken.«
Falk, der in Borgs Gegenwart eine gewisse Beklemmung empfand, nahm die Einladung mit einiger Zurückhaltung an. Aber es kam zu keiner Unterhaltung, man fürchtete gewissermaßen einen Zusammenstoß. Struve irrte umher wie eine Motte auf der Suche nach Vergnügen, ohne es zu finden, und kehrte doch immer wieder an den Punschtisch zurück; dann und wann machte er einige Tanzschritte und bildete sich ein, es sei lustig, es sei festlich, aber das war es nicht. Levi ging zwischen Klavier und Punsch hin und her; er machte sogar den Versuch, ein lustiges Lied zu singen, aber es war zu alt, als daß einer danach hingehört hätte. Borg brüllte, um »Stimmung« zu machen, wie er es nannte, aber es wurde immer stiller und fast beängstigend. Falk ging ab und zu durchs Zimmer, schweigend und unheilverkündend wie eine geladene Gewitterwolke.
Auf Borgs Befehl wurde nun ein gewaltiges Abendbrot aufgetischt. Man setzte sich unter bedrohlichem Schweigen zu Tisch. Struve und Borg sprachen dem Schnaps unmäßig zu. Borgs Gesicht sah aus wie eine bespuckte Ofenklappe; hier und da zeigten sich rote Flecke, und die Augen wurden gelb; Struve dagegen glich einem gefirnißten Edamer Käse, gleichmäßig rot und fettig. Wenn man Falk und Levi in dieser Gesellschaft sah, wirkten sie wie ein paar Kinder, die bei den Menschenfressern ihr letztes Abendbrot aßen.
[S. 308]
»Gib dem Skandalschreiber den Lachs,« befahl Borg Levi, um das einförmige Schweigen zu unterbrechen.
Levi reichte Struve die Schüssel. Dieser schob die Brille in die Höhe und spie Galle.
»Schämst du dich nicht, du Jude?« fauchte er und warf Levi die Serviette ins Gesicht.
Borg legte ihm seine schwere Hand auf den kahlen Schädel und sagte:
»Schweig, du Lump!«
»In was für eine Gesellschaft ist man hier geraten! Ich will Ihnen sagen, meine Herren, daß ich so etwas nicht gewöhnt bin, und ich bin wirklich zu alt, mich wie einen dummen Jungen behandeln zu lassen,« sagte Struve mit zitternder Stimme und vergaß seine angenommene Gutmütigkeit.
Borg, der jetzt gesättigt war, stand vom Tisch auf und sagte:
»Pfui Teufel, ist das eine Gesellschaft! Bezahle, Isaak, ich gebe es dir später wieder; ich gehe voraus!«
Er zog sich den Überzieher an und setzte den Hut auf, füllte ein Wasserglas mit Punsch, goß es bis an den Rand mit Kognak voll, leerte es in einem Zuge, pustete im Vorbeigehen ein paar Kerzen aus, zerschlug einige Gläser, steckte sich eine Handvoll Zigarren und eine Streichholzschachtel in die Tasche und taumelte hinaus.
»Es ist ein Jammer, daß so ein Genie so trinkt!« sagte Levi andächtig.
Nach einer Minute war Borg wieder im Zimmer, trat an den Eßtisch, nahm den Leuchter, zündete sich[S. 309] eine Zigarre an, blies Struve den Rauch ins Gesicht, streckte die Zunge heraus und zeigte die Backenzähne, löschte das Licht aus und ging. Levi lag bäuchlings auf dem Tisch und schrie vor Entzücken.
»Was ist das für ein Abschaum, mit dem du mich zusammenbringst?« fragte Falk ernst.
»Ach, mein Bester, jetzt ist er betrunken, aber er ist der Sohn von dem Stabsarzt und Professor ...«
»Ich habe nicht gefragt, wer sein Vater ist, sondern wer er selber ist; aber jetzt hast du mir gesagt, warum du dich von so einem Hund treten läßt! Kannst du mir nun auch die Frage beantworten, warum er mit dir verkehrt?«
»Ich behalte mir alle Sottisen vor,« sagte Struve vornehm.
»Ja, behalte dir alle Dummheiten der Welt vor, aber behalte sie für dich!«
»Was ist mit dir, Bruder Levi?« sagte Struve einschmeichelnd; »du siehst so ernst aus!«
»Es ist ein wahrer Jammer, daß so ein Genie wie Borg so schrecklich trinkt!« sagte Levi.
»Wie und wann äußert sich sein Genie?« fragte Falk.
»Man kann ein Genie sein, ohne Verse zu schreiben,« bemerkte Struve anzüglich.
»Das glaube ich, denn Verse schreiben setzt kein Genie voraus, — aber sich wie ein Vieh betragen, auch nicht,« sagte Falk.
»Wollen wir jetzt bezahlen?« fragte Struve und verließ das Zimmer unter einem Vorwand.
[S. 310]
Falk und Levi bezahlten. Als sie hinauskamen, regnete es, und der Himmel war schwarz, nur das Gaslicht aus der Stadt stand wie eine rote Wolke im Süden. Die Droschke war nach Hause gefahren; es blieb ihnen also nur übrig, die Rockkragen hochzuschlagen und zu gehen. Sie waren erst bis an die Kegelbahn gekommen, als sie hoch in der Luft einen furchtbaren Schrei hörten.
»Fluch!« schrie es über ihren Köpfen, und nun sahen sie Borg auf einem der höchsten Äste einer Linde schaukeln. Der Ast senkte sich fast bis auf die Erde, hob sich aber im nächsten Augenblick wieder und beschrieb eine unerhörte Kurve.
»Oh, das ist kolossal!« schrie Levi. »Das ist kolossal!«
»So ein Tollkopf,« lächelte Struve, stolz auf seinen Schützling, und zog den Rockkragen hoch.
»Komm her, Isaak,« brüllte Borg oben in der Luft, »komm her, Judenjunge, wir wollen uns gegenseitig anpumpen!«
»Wieviel willst du haben?« fragte Levi und schwenkte die Brieftasche.
»Ich pumpe nie weniger als einen Fünfziger!«
Im nächsten Augenblick war Borg vom Baum herunter und steckte die Banknote in die Tasche.
Dann zog er den Überzieher aus.
»Zieh ihn an!« sagte Struve befehlend.
»Ich soll ihn anziehen? Was sagst du? Willst du mir befehlen? He? Sagst du, ich soll? Sagst du das? Vielleicht willst du dich mit mir prügeln?«
[S. 311]
Dabei schlug er seinen Hut gegen den Baumstamm, daß er einknickte, worauf er Rock und Weste auszog und den Regen auf das bloße Hemd peitschen ließ.
»Komm nur her, du Lump, wir wollen uns schlagen!«
Damit faßte er Struve um den Leib und rang mit ihm, daß beide in den Graben fielen.
Falk machte sich auf den Weg nach der Stadt, so schnell er konnte, aber noch lange hörte er hinter sich Levis Lachsalven und Bravorufe: »Das ist göttlich, das ist kolossal — das ist kolossal!« und Borgs: »Verräter, Verräter!«
[S. 312]
Die Standuhr im Ratskeller zu X-köping donnerte an einem Oktoberabend sieben, als der künstlerische Direktor des Stadttheaters sich zur Tür hereinwälzte. Er hatte eine strahlende Miene aufgesetzt, wie eine Kröte strahlen mag, wenn sie eine gute Mahlzeit gehalten hat; er sah froh aus, aber die Muskeln seines Gesichts waren es nicht gewöhnt, so etwas mitzumachen, sondern sie legten die Haut in unruhige Falten und entstellten sein schreckliches Aussehen nur noch mehr. Er grüßte gnädig den kleinen, dürren Wirt, der hinterm Büfett stand und die Gäste zählte.
»How are you?« schrie der Direktor — er hatte nämlich längst aufgehört zu sprechen, wie wir uns erinnern.
»Thank you,« antwortete der Wirt.
Da es nun mit dem Englisch der Herren zu Ende war, so gingen sie unmittelbar zu ihrer Muttersprache über.
»Nun, was sagen Sie zu dem Jungen, dem Gustav? War er nicht glänzend als Don Diego? Was? Ich kann Schauspieler machen, das will ich meinen!«
»Ja, das sage ich auch! Dieser Bengel! Aber es ist, wie Herr Direktor selbst gesagt haben: es ist leichter,[S. 313] ein Talent aus einem Menschen zu machen, der sich nicht mit den dummen Büchern verpfuscht hat ...«
»Die Bücher sind ein Verderb, das weiß ich am besten! Übrigens, wissen Sie, Herr Wirt, was in den Büchern steht? He? Ich weiß es! Sie sollen sehen, wenn jetzt der junge Rehnhjelm als Horatio auftritt, wie der sich benimmt. Das wird nett werden! Ich habe ihm die Rolle versprochen, weil er so sehr gebettelt hat; aber ich habe ihm gleich gesagt, daß ich ihm nicht helfen werde, denn ich will für sein Fiasko nicht verantwortlich sein. Ich habe ihm auch gesagt, er solle die Rolle bekommen, weil ich ihm beweisen möchte, wie schwer es sei zu spielen, wenn die Natur einem nicht die Gabe verliehen hat. — Oh, ich will ihn ducken, daß er noch manchen lieben Tag hinterher nicht nach Rollen ausschaut. Das will ich tun! Aber darüber wollten wir nicht reden! Hören Sie, Herr Wirt, haben Sie ein paar Zimmer frei?«
»Die beiden kleinen?«
»Ganz recht!«
»Immer zu Ihrer Disposition, Herr Direktor!«
»Ein Souper für zwei, aber fein! Um acht! Sie servieren selbst, Herr Wirt!«
Er schrie nicht, als er dies letzte sagte, und der Wirt verbeugte sich zum Zeichen, daß er verstanden habe.
Im selben Augenblick trat Falander ein. Ohne den Direktor zu grüßen, setzte er sich auf seinen alten Platz. Der Direktor stand sofort auf und sagte, als er am Büfett vorbeiging, geheimnisvoll: »Um acht Uhr«, worauf er sich entfernte.
[S. 314]
Der Wirt stellte jetzt Falander eine Absinthflasche mit Zubehör hin. Da dieser keine Miene machte, die Unterhaltung zu eröffnen, nahm der Wirt seine Serviette und begann den Tisch abzuwischen; als das nichts half, füllte er den Streichholzständer und sagte:
»Souper heute abend; in den kleinen Zimmern! Hm!«
»Von wem und wovon sprechen Sie?«
»Hm! Von ihm, der eben wegging!«
»Ach, von dem! Nun, das ist ja etwas Merkwürdiges, wo er so geizig ist! Das ist wohl für eine Person?«
»Nein, für zwei,« sagte der Wirt und blinzelte mit den Augen. — »In den kleinen Zimmern! Hm!«
Falander spitzte die Ohren, schämte sich aber zugleich, daß er den Klatsch anhörte, und ließ das Thema fallen; aber das lag nicht in der Absicht des Wirtes.
»Ich möchte wissen,« sagte er, »wer das sein kann! Seine Frau ist krank, und ...«
»Was geht es uns an, mit wem das Ungeheuer zu soupieren geruht. Haben Sie eine Abendzeitung, Herr Wirt?«
Dieser brauchte auf den Verweis nicht zu antworten, denn jetzt kam Rehnhjelm herein, strahlend wie ein Jüngling, der einen Lichtschimmer auf seinem Wege sieht.
»Stelle den Absinth heute abend weg,« sagte er, »und sei mein Gast. Ich bin so froh, daß ich weinen möchte!«
»Was ist geschehen?« fragte Falander ängstlich. »Du hast doch nicht etwa eine Rolle bekommen?«
[S. 315]
»Doch, du Pessimist, ich habe den Horatio bekommen ...«
Falander wurde finster:
»Und sie die Ophelia,« warf er hin.
»Woher weißt du das?«
»Ich vermute es.«
»Deine Ahnungen! Das war aber nicht schwer zu ahnen! Findest du nicht, daß sie es verdient? Haben wir eine Bessere hier am Theater?«
»Nein, das gebe ich zu! Nun, gefällt dir Horatio?«
»Oh, er ist herrlich!«
»Ja, es ist merkwürdig, wie verschieden der Geschmack ist!«
»Was findest du denn?«
»Ich finde, er ist der größte Schuft von allen Hofleuten, er sagt zu allem ja. ›Ja, mein Prinz, ja, mein guter Prinz!‹ Wenn er sein Freund ist, so muß er doch auch einmal nein sagen und ihm nicht immer zustimmen wie jeder beliebige Schmeichler.«
»Mußt du mir auch das wieder verderben?«
»Ja, ich will dir alles verderben! Wie kannst du, solange du alles, was jämmerliche Menschen gemacht haben, groß und herrlich findest, etwas Unzeitliches erstreben? Wenn du in allem Irdischen Vollkommenheit und Vortrefflichkeit siehst, wie kannst du da Sehnsucht nach dem wirklich Vollkommenen haben? Glaube mir, der Pessimismus ist der wahrste Idealismus, und der Pessimismus ist eine christliche Lehre, wenn es dein Gewissen beruhigen kann, denn das Christentum lehrt die Eitelkeit der Welt, der wir entsagen sollen.«
[S. 316]
»Soll ich denn wirklich nicht finden, daß die Welt schön ist? Darf ich ihr nicht dankbar sein, weil sie alles Gute schenkt, und mich freuen über das, was das Leben zu bieten hat?«
»Doch, doch, freue dich, mein Junge, freue dich und glaube und hoffe. Da alle Menschen auf Erden der gleichen Sache nachjagen — dem Glück —, so ist die Wahrscheinlichkeit, daß du es erringen wirst, gleich 1439145300stel, weil es nämlich so viele Menschen gibt, wie der Nenner des Bruchs besagt. Ist das Glück, das du heute erobert hast, diese monatelangen Qualen und Demütigungen wert? Und übrigens: worin besteht dein Glück? Daß du eine schlechte Rolle bekommen hast, in der du nicht reussieren kannst, wie man das nennt, — ich will damit nicht sagen, daß du Fiasko machst. Bist du denn sicher, daß ...«
Er mußte Luft holen ...
»Daß Agnes als Ophelia Erfolg hat? Vielleicht macht sie in ihrem Eifer, die seltene Gelegenheit auszunutzen, zuviel aus der Rolle, das ist das übliche! Aber es tut mir leid, daß ich dich traurig gemacht habe, und ich bitte dich wie immer: glaube nicht, was ich sage; man weiß ja nicht, ob es wahr ist!«
»Wenn ich dich nicht kennte, würde ich glauben, du beneidetest mich!«
»Nein, mein Junge, ich wünsche dir, wie allen Menschen, daß ihnen so schnell wie möglich ihre Wünsche erfüllt werden, damit sie ihre Gedanken einem Bessern zukehren können; denn das dürfte doch der Zweck des Lebens sein.«
[S. 317]
»Das kannst du so ruhig sagen, du, der du dich schon durchgesetzt hast?«
»Ja, sollen wir nicht dahin kommen? Wir wünschen uns ja gar nicht, Glück zu haben; wir wünschen uns, so dasitzen und über unsere großen Bestrebungen, unsere großen, hörst du, lächeln zu können!«
Die Uhr schlug jetzt acht, daß es durch den Saal schmetterte. Falander erhob sich hastig vom Stuhl, als wolle er gehen, dann strich er sich mit der Hand über die Stirn und setzte sich wieder.
»Ist Agnes heute abend bei Tante Beate?« fragte er in gleichgültigem Ton.
»Woher weißt du das?«
»Nun, das kann ich mir doch denken, wenn du hier in aller Ruhe sitzt! Sie will ihr wohl die Rolle vorlesen, denke ich mir, da ihr nicht mehr viel Zeit habt.«
»Ja, hast du sie heute abend getroffen, da du auch das weißt?«
»Nein, auf Ehre nicht! Ich kann mir nur keinen andern Grund denken, warum sie dich einen Abend, wo wir nicht spielen, allein läßt.«
»Da hast du ganz richtig gedacht. Übrigens hat sie mich gebeten, auszugehen und mir Gesellschaft zu suchen, weil ich so lange zu Hause gesessen habe. Sie ist so besorgt und zärtlich, das liebe Mädel!«
»Ja, sie ist sehr zärtlich!«
»Sie hat mich erst einen einzigen Abend allein gelassen, als sie bei ihrer Tante aufgehalten wurde und nicht absagen lassen konnte. Ich wäre beinahe verrückt geworden und habe die ganze Nacht nicht schlafen können.«
[S. 318]
»Das war am 6. Juli, nicht wahr?«
»Du erschreckst mich! Spionierst du?«
»Warum sollte ich das tun? Ich kenne euer Verhältnis doch und begünstige es in jeder Weise. Und wenn ich weiß, daß das an einem Dienstag, am 6. Juli, passiert ist, so kommt das daher, daß du so oft davon gesprochen hast.«
»Ach, das ist wahr!«
Es wurde wieder lange still.
»Es ist seltsam,« unterbrach Rehnhjelm schließlich das Schweigen, »wie melancholisch das Glück einen Menschen machen kann; ich bin heute abend so unruhig und wäre lieber mit Agnes zusammengewesen. Wollen wir nicht in die kleinen Zimmer gehen und sie holen lassen? Sie kann ja sagen, es sei Besuch von auswärts gekommen.«
»Das würde sie nie sagen; sie bringt es nicht fertig, die Unwahrheit zu sprechen!«
»Oh, das ist nicht gefährlich! Das können alle Frauen!«
Falander fixierte Rehnhjelm auf eine Art, die dieser nicht enträtseln konnte; dann sagte er:
»Ich will erst nachsehen, ob die kleinen Zimmer frei sind, davon wollen wir es abhängig machen!«
»Nun, gut!«
Falander hielt ihn zurück, als er Miene machte, mitzugehen, und entfernte sich. Nach zwei Minuten war er wieder da. Er war ganz weiß im Gesicht, aber ruhig, und sagte nur:
»Sie sind besetzt!«
»Wie ärgerlich!«
[S. 319]
»Nun, wir müssen uns so gut wir können Gesellschaft leisten!«
Und sie leisteten sich Gesellschaft, und sie aßen und tranken, und sie sprachen vom Leben, von der Liebe und von der Bosheit der Menschen; und sie wurden satt und betrunken und gingen nach Hause und legten sich schlafen.
[S. 320]
Rehnhjelm erwachte um vier Uhr am folgenden Morgen, weil ihm war, als rufe jemand seinen Namen. Er richtete sich im Bett auf und lauschte — es war still. Er zog das Rouleau hoch und sah einen grauen Herbstmorgen, regnerisch und stürmisch. Er legte sich wieder hin, versuchte aber vergebens zu schlafen. Es waren so viele wunderliche Stimmen im Winde; sie klagten und warnten und weinten und ächzten. Er versuchte an etwas Angenehmes zu denken: an sein Glück; er nahm seine Rolle und begann zu lesen; aber es war nur: »Ja, mein Prinz,« und er dachte an Falanders Worte und fand, daß dieser zum Teil recht habe. Er versuchte daran zu denken, wie er auf der Bühne als Horatio aussehen werde; er versuchte sich Agnes als Ophelia vorzustellen, und er sah in ihr eine heuchlerische Intrigantin, die auf Polonius' Einflüsterung ihm eine Falle stellte; er wollte dies Bild verscheuchen und sah an Stelle von Agnes die galante Mamsell Jaquette, die er im Stadttheater zuletzt die Ophelia hatte spielen sehen. Vergebens versuchte er diese unangenehmen Gedanken und Bilder zu verjagen, aber sie verfolgten ihn wie Mücken. Als er sich müde gekämpft hatte,[S. 321] schlief er ein und machte im Traum dieselben Qualen durch; er riß sich los und ermunterte sich, schlief aber wieder ein, und die gleichen Bilder wiederholten sich. Gegen neun Uhr erwachte er davon, daß er laut aufschrie; da sprang er aus dem Bett, als wolle er vor bösen Geistern, die ihn verfolgten, fliehen. Als er vor den Spiegel trat, sah er, daß er geweint hatte. Er kleidete sich in aller Eile an, und als er die Stiefel anziehen wollte, lief eine Spinne über den Fußboden. Er freute sich, denn er glaubte an Spinnen, sie sollen Glück bedeuten; ja, er kam in ganz vortreffliche Stimmung und sagte sich selber, man dürfe abends keine Krebse essen, wenn man gut schlafen wolle. Er trank seinen Kaffee und rauchte eine Pfeife und lächelte über die Regenschauer und den Sturm draußen, als es an die Tür klopfte. Er fuhr zusammen, denn er fürchtete heute alle Nachrichten, er wußte nicht warum; dann dachte er an die Spinne und ging ruhig hin und öffnete.
Es war Herrn Falanders Dienstmädchen, das ihn bat, unbedingt pünktlich um zehn Uhr in einer höchst wichtigen Angelegenheit zu Herrn Falander zu kommen.
Von neuem wurde er von der unbeschreiblichen Angst überfallen, die ihn im Morgenschlummer geplagt hatte. Er versuchte sich die noch bleibende Stunde zu vertreiben. Aber es war unmöglich. Da zog er sich an, und eilte mit hochklopfendem Herzen zu Falander.
Bei diesem war schon aufgeräumt und alles empfangsbereit. Er begrüßte Rehnhjelm mit freundlicher, wenn auch ungewöhnlich ernster Miene. Dieser bestürmte ihn mit Fragen, Falander aber erwiderte, er[S. 322] könne vor zehn Uhr nichts sagen. Rehnhjelm wurde unruhig und wollte wissen, ob es etwas Unangenehmes sei; Falander sagte, nichts sei unangenehm, wenn man es nur richtig zu sehen verstehe. Und er erklärte, daß viele Dinge, die uns unerträglich erschienen, sehr leicht zu ertragen seien, wenn man sie nur nicht überschätze. So verging die Zeit bis zehn Uhr.
Da wurde zweimal leise an die Tür geklopft, die sich unmittelbar darauf öffnete, und herein trat Agnes. Ohne auf die Anwesenden zu achten, holte sie den Schlüssel herein, verschloß die Tür und stand im Zimmer. Aber der Ausdruck der Verlegenheit, als sie statt einer Person deren zwei sah, dauerte nur eine Sekunde und löste sich in eine angenehme Überraschung auf, Rehnhjelm auch hier zu treffen. Sie warf den Regenmantel ab und lief auf ihn zu; er umarmte sie und drückte sie heftig an die Brust, als habe er sie ein Jahr lang nicht gesehen.
»Du bist lange fort gewesen, Agnes!«
»Lange? Was meinst du damit?«
»Ich habe dich seit einer Ewigkeit nicht gesehen, finde ich. Du siehst heute so frisch aus; hast du gut geschlafen?«
»Findest du, ich sehe frischer aus als gewöhnlich?«
»Ja, das finde ich; du bist so rosig und hast so runde Wangen! Willst du Falander nicht begrüßen?«
Dieser stand ruhig da und hörte dem Gespräch zu, aber sein Gesicht war weiß wie Gips, und er schien zu überlegen.
[S. 323]
»Himmel, wie siehst du angegriffen aus,« sagte Agnes und machte einen Entrechat durch das Zimmer mit den weichen Bewegungen eines Kätzchens, nachdem sie sich Rehnhjelms Armen entwunden hatte.
Falander antwortete nicht. Agnes betrachtete ihn genauer und schien in einem Augenblick seine Gedanken zu erraten; ihr Gesicht verwandelte sich wie eine Wasserfläche, wenn der Windstoß sich nähert, aber nur für eine Sekunde. In der nächsten war sie wieder ruhig und entschlossen, allem zu begegnen, nachdem sie mit einem Blick Rehnhjelm gemustert und die Situation erfaßt hatte.
»Darf man wissen, was für wichtige Angelegenheiten uns so früh hierhergeführt haben?« sagte sie heiter und schlug Falander auf die Schulter.
»Ja,« begann er, fest und entschlossen, so daß Agnes erblaßte; aber im selben Augenblick warf er den Kopf herum, als wolle er den Gedanken eine andere Richtung geben: »heute ist mein Geburtstag, und ich möchte euch zum Frühstück einladen.«
Agnes, der zumut war wie einem Menschen, der einen Zug auf sich zubrausen sah, ihm aber im letzten Augenblick entronnen ist, brach in ein klingendes Lachen aus und umarmte Falander.
»Aber da ich es erst zu elf Uhr bestellt habe, müssen wir hier solange warten. Bitte, nehmt Platz!«
Es wurde still, unheimlich still.
»Jetzt geht ein Engel durchs Zimmer,« sagte Agnes.
»Das warst du,« sagte Rehnhjelm und küßte ehrerbierig und innig ihre Hand.
[S. 324]
Falander sah aus wie einer, der aus dem Sattel geworfen, aber wieder hinaufzuklettern bemüht ist.
»Ich habe heute früh eine Spinne gesehen,« sagte Rehnhjelm, »das bedeutet Glück!«
»Araignée matin: chagrin,« sagte Falander; »das kennst du wohl nicht!«
»Was bedeutet das?« fragte Agnes.
»Spinne am Morgen, Unglück und Sorgen.«
»Hm!«
Es wurde wieder still, und das ruckweise Peitschen des Regens an den Fenstern ersetzte die Unterhaltung.
»Ich habe über Nacht ein so aufregendes Buch gelesen,« begann Falander, »daß ich gar nicht habe schlafen können.«
»Was war das für ein Buch?« fragte Rehnhjelm, ohne sonderliches Interesse an der Sache, denn er fühlte sich noch immer beunruhigt.
»Es hieß Pierre Clément und behandelte die übliche Weibergeschichte; aber sie war so lebendig dargestellt, daß sie einen sehr starken Eindruck machte.«
»Welches ist denn die übliche Weibergeschichte, wenn ich fragen darf?« sagte Agnes.
»Untreue und Falschheit, natürlich!«
»Nun, und Pierre Clément?« fragte Agnes.
»Er wurde natürlich betrogen. Er war ein junger Maler, der die Geliebte eines andern liebte ...«
»Jetzt erinnere ich mich, den Roman gelesen zu haben,« sagte Agnes, »und er hat mir sehr gefallen. Verlobte sie sich dann nicht mit einem, den sie wirklich liebte? Ja, so war es, und unterdes erhielt sie die alte[S. 325] Beziehung aufrecht. Damit wollte der Verfasser beweisen, daß die Frau auf zwei Arten lieben kann, der Mann aber nur auf eine. Das ist sehr richtig. Nicht wahr?«
»Gewiß! Doch dann kam der Tag, als ihr Verlobter sich mit einem Bilde an einer Konkurrenz beteiligen wollte — kurz und gut, sie gab sich dem Akademiedirektor hin, und Pierre Clément wurde glücklich — und konnte sich verheiraten.«
»Und damit wollte der Verfasser sagen, daß die Frau für den Mann, den sie liebt, alles opfern kann, während der Mann ...«
»Das ist das Schändlichste, was mir je vorgekommen ist!« rief Falander.
Er stand auf und trat an seinen Schreibsekretär. Er öffnete heftig die Klappe und holte ein schwarzes Kästchen heraus.
»Hier,« sagte er und gab Agnes das Kästchen; »geh nach Hause und befreie die Welt von einem Abschaum!«
»Was ist das?« sagte Agnes lachend, indem sie das Kästchen öffnete und einen sechsläufigen Revolver herausholte. »Nein, ist das ein nettes Ding! Hast du den nicht als Karl Moor gehabt? Ja, den hattest du! Ich glaube, er ist geladen!«
Sie hob den Revolver, zielte nach der Schornsteinklappe und drückte ab.
»Leg ihn wieder weg!« sagte sie. »Das ist kein Spielzeug, meine Freunde!«
Rehnhjelm hatte sprachlos dagesessen. Er begriff alles, aber er konnte kein Wort herausbringen, und er[S. 326] stand so unter dem Zauber des Mädchens, daß er nicht einmal unfreundliche Gefühle gegen sie aufbringen konnte. Er wußte freilich, daß ihm ein Messer durchs Herz gegangen war, aber der Schmerz hatte noch nicht Zeit gehabt, sich einzufinden.
Falander war von so viel Frechheit aus der Fassung gebracht und brauchte eine Weile, um sich zu sammeln, da seine ganze moralische Hinrichtungsszene mißglückt und sein Theatercoup für ihn nicht sehr günstig ausgefallen war.
»Wollen wir jetzt nicht gehen?« fragte Agnes und begann ihr Haar vor dem Spiegel zu ordnen.
Falander öffnete die Tür.
»Geh!« sagte er, »und nimm meinen Fluch mit dir. Du hast den Seelenfrieden eines ehrlichen Mannes zerstört.«
»Wovon sprichst du eigentlich? Mache doch die Tür zu, es ist nicht warm hier drinnen.«
»Ach so, wir müssen deutlicher reden. Wo bist du gestern abend gewesen?«
»Das weiß Hjalmar, und dich geht es nichts an!«
»Du warst nicht bei deiner Tante; du hast mit dem Direktor soupiert!«
»Das ist eine Lüge!«
»Ich habe dich um neun Uhr im Ratskeller gesehen!«
»Das lügst du! Um die Zeit bin ich zu Hause gewesen; du kannst Tantes Mädchen fragen, die mich nach Hause begleitet hat!«
»Das hätte ich doch nicht gedacht!«
[S. 327]
»Wollen wir diese Unterhaltung jetzt nicht beenden, so daß wir endlich wegkommen? Du mußt nachts nicht solche dummen Bücher lesen, dann hast du tags darauf den Koller! Zieht euch jetzt an!«
Rehnhjelm mußte sich an den Kopf fassen, um zu fühlen, ob der noch an seinem richtigen Platz saß, denn ihm drehte sich alles vor den Augen. Als er sich überzeugt hatte, daß alles in Ordnung war, suchte er nach einem klaren Gedanken, der Licht in die Angelegenheit hätte bringen können, aber er fand keinen.
»Wo bist du am 6. Juli gewesen?« fragte Falander mit der vernichtenden Miene eines Richters.
»Was du für dumme Fragen stellst; wie soll ich mich erinnern, was vor drei Monaten geschehen ist?«
»Nun, du warst bei mir, während du Hjalmar gesagt hast, du seist bei deiner Tante.«
»Höre nicht auf ihn,« sagte Agnes und ging schmeichelnd auf Rehnhjelm zu, »er schwatzt so viel dummes Zeug.«
Im nächsten Augenblick hatte Rehnhjelm sie am Halse gepackt und warf sie nun rücklings in die Ofenecke, wo sie still und regungslos auf einem Haufen Holz liegen blieb.
Dann setzte er den Hut auf, Falander aber mußte ihm den Überzieher anhelfen, denn er zitterte an allen Gliedern.
»Komm, wir wollen gehen,« sagte er, spuckte auf die Steine vor dem Ofen und ging hinaus.
Falander zögerte einen Augenblick, fühlte Agnes' Puls und ging dann sofort hinter Rehnhjelm her, den er unten auf dem Flur einholte.
[S. 328]
»Ich bewundere dich,« sagte Falander zu Rehnhjelm; »die Sache stand wirklich außerhalb aller Erörterungen.«
»Ich bitte dich, sie auch weiter so zu behandeln; wir haben nicht mehr viel Zeit, um gegenseitig unsere Gesellschaft zu genießen; ich fahre mit dem nächsten Zuge nach Hause, um zu arbeiten und zu vergessen! Jetzt wollen wir in den Ratskeller gehen und uns betäuben, wie du es nennst!«
Sie kamen in den Keller und ließen sich ein separates Gemach geben, verbaten sich aber die »kleinen Zimmer«.
Bald saßen sie an einem wohlgedeckten Tisch.
»Habe ich graues Haar bekommen?« fragte Rehnhjelm und befühlte sein Haar, das ganz feucht war und dicht am Schädel klebte.
»Nein, mein Freund, das geht nicht so schnell; grauhaarig bin ich ja noch nicht einmal geworden.«
»Hat sie sich verletzt?«
»Nein.«
»In diesem Zimmer war es — das erste Mal!«
Er stand vom Tisch auf, machte einige Schritte, wankte und fiel neben dem Sofa auf die Knie, auf das er seinen Kopf legte und in ein Weinen ausbrach wie ein Kind, wenn es in seiner Mutter Schoß weint.
Falander setzte sich neben ihn und nahm seinen Kopf zwischen die Hände. Rehnhjelm fühlte etwas Heißes wie einen Feuerfunken auf seinen Hals fallen.
»Wo ist die Philosophie, Freund? Her damit! Ich ertrinke! Einen Strohhalm! Hierher!«
»Armer, armer Junge!«
[S. 329]
»Ich muß sie sehen! Ich muß sie um Verzeihung bitten! Ich liebe sie! Dennoch! Dennoch! Hat sie sich wehgetan? Gott im Himmel, daß man leben, daß man so unglücklich sein kann, wie ich bin!«
Um drei Uhr am Nachmittag reiste Rehnhjelm mit dem Zuge nach Stockholm ab. Falander warf selbst die Kupeetür hinter ihm zu und verschloß sie.
[S. 330]
Der Herbst hatte große Veränderungen auch für Sellén mit sich gebracht. Sein hoher Protektor war gestorben, und jetzt sollten alle Erinnerungen an diesen ausgelöscht werden; sogar das Andenken an seine guten Taten sollte ihn nicht überleben. Daß das Stipendium eingezogen wurde, verstand sich von selbst, besonders da Sellén nicht der Mann war, etwas zu erbetteln; übrigens glaubte er jetzt keiner Unterstützung mehr zu bedürfen, nachdem man ihm einmal so gut auf die Beine geholfen hatte, und er sah viele Jüngere, die bedürftiger waren. Aber er sollte erkennen, daß nicht nur die Sonne erloschen war, sondern daß auch alle kleinen Planeten in ein Stadium totaler Verfinsterung eingetreten waren. Obwohl er im Sommer durch strenge Studien sein Talent vervollkommnet hatte, erklärte der Direktor der Akademie, er habe sich verschlechtert, und sein Erfolg im Frühling sei ein Glückstreffer gewesen; der Professor der Landschaftsmalerei sagte ihm als Freund, aus ihm würde nie etwas werden, und der akademisch gebildete Rezensent nahm die Gelegenheit wahr, sich zu rehabilitieren, und hielt an seiner anfänglichen Meinung fest.[S. 331] Außerdem trat eine Veränderung des Geschmacks bei den Bilderkaufenden ein, das heißt bei der den Geschmack bestimmenden, unwissenden, reichen Masse; Landschaften mußten ein Porträt der Sommerfrischen sein, wenn sie Käufer finden wollten, und selbst dann war es noch schwer, denn eigentlich ging nur das tränenselige Genrebild oder das halbnackte Kabinettstück. Es waren also schwere Zeiten für Sellén, und es ging ihm sehr schlecht, denn er konnte sich nicht dazu verstehen, wider sein besseres Gefühl zu malen.
Jetzt hatte er sich ein ehemaliges photographisches Atelier oben in der Regierungsstraße gemietet. Die Wohnung bestand aus dem Atelier selbst, mit vermodertem Fußboden und ausgetrocknetem Dach — ein Übelstand, dem freilich jetzt im Winter der Schnee, der darauf lag, abhalf —, sowie der früheren Dunkelkammer, die nach Kollodium roch, so daß sie nur als Kohlen- und Holzschuppen benutzt werden konnte, wenn die Verhältnisse eine solche Art der Benutzung mit sich brachten. Das Meublement bestand aus einer Gartenbank aus Haselholz, mit herausstehenden Nägeln, und so kurz, daß sie, wenn sie als Bett benutzt wurde, was immer der Fall war, wenn der Besitzer (der Entleiher) nachts zu Hause war, ihm nur bis zu den Kniekehlen reichte. Das Bettzeug bestand aus einem halben Plaid — die andere Hälfte war versetzt — und einer Mappe voller Skizzen. Im Kohlenverschlag befand sich eine Wasserleitung mit Ausguß, das war die Toilette.
An einem kalten Nachmittag kurz vor Weihnachten stand Sellén und malte, zum drittenmal, ein neues[S. 332] Bild auf einer alten Leinwand. Er war gerade erst von seinem harten Bett aufgestanden; keine Aufwärterin war gekommen und hatte eingeheizt, teils weil er keine Aufwärterin hatte, teils weil er nichts zum Heizen besaß; aus den gleichen Gründen war auch keine Aufwärterin gekommen, um ihm die Kleider zu bürsten und den Kaffee hereinzubringen. Aber er stand doch ganz vergnügt da und pfiff und legte seine Farben auf zu einem brillanten Sonnenuntergang auf dem Gaustafelsen, als vier Doppelschläge an der Tür ertönten. Sellén öffnete ohne Zögern, und herein trat Olle Montanus, einfach und leicht gekleidet, ohne Überzieher.
»Guten Morgen, Olle! Wie geht's? Hast du gut geschlafen?«
»Danke für die Nachfrage!«
»Wie steht's mit der Metallkasse in der Stadt?«
»Ach, schlecht!«
»Und die Banknoten?«
»Es sind so wenig Banknoten im Umlauf.«
»Ja, sie wollen nicht mehr ausgeben! Nun, aber die Wertpapiere?«
»Keine vorhanden!«
»Glaubst du, daß es ein strenger Winter wird?«
»Ich habe heut früh viele Seidenschwänze bei Bälsta gesehen — das bedeutet einen kalten Winter!«
»Du hast einen Morgenspaziergang gemacht?«
»Ich bin die ganze Nacht umhergelaufen, seit ich um zwölf aus dem Roten Zimmer gekommen bin!«
»Ach, du bist gestern abend dagewesen!«
[S. 333]
»Ja, und ich habe zwei neue Bekanntschaften gemacht: Doktor Borg und Sekretär Levin!«
»Ach, diese Kuckucke! Die kenne ich! Nun, warum hast du nicht bei ihnen übernachtet?«
»Ach, sie waren etwas hochmütig, weil ich keinen Überzieher anhatte, und ich schämte mich. Ach, ich bin so müde, ich lege mich ein bißchen auf dein Sofa! Erst bin ich nach dem Katrinenberg vorm Kungsholmer Tor gegangen, dann bin ich wieder umgekehrt und bin nach Bälsta hinausgewandert. Heute gedenke ich bei einem Ornamentbildhauer Arbeit zu suchen, sonst sterbe ich.«
»Ist es wahr, daß du in den Arbeiterverein Nordstern eingetreten bist?«
»Ja, das ist wahr! Ich soll dort Sonntag einen Vortrag halten über Schweden!«
»Das ist ein feines Thema! Sehr fein!«
»Wenn ich hier auf dem Sofa einschlafe, so wecke mich nicht; ich bin so schrecklich müde!«
»Geniere dich nicht, schlafe nur!«
Nach ein paar Minuten lag Olle in tiefem Schlaf und schnarchte. Sein Kopf hing über die eine Seitenlehne, die seinen dicken Hals stützte, und seine Beine über die andere.
»Armer Teufel!« sagte Sellén und warf den Plaid über ihn.
Jetzt klopfte es wieder, aber nicht reglementsmäßig, so daß Sellén es nicht geraten fand, zu öffnen; doch da wurde das Klopfen so dröhnend, daß alle Furcht vor etwas Ernstem verschwand und Sellén Doktor Borg[S. 334] und Sekretär Levin die Tür öffnete. Borg führte das Wort:
»Ist Falk hier?«
»Nein!«
»Was liegt denn da für ein Holzsack?« fuhr Borg fort und deutete mit seinem schneebedeckten Stiefel auf Olle.
»Das ist Olle Montanus!«
»Ach, dies Original, das Falk gestern abend bei sich hatte. Schläft er noch?«
»Ja, er schläft.«
»Hat er hier übernachtet?«
»Ja, das hat er!«
»Warum hast du kein Feuer gemacht? Hier ist es verteufelt kalt!«
»Weil ich kein Holz habe.«
»Nun, laß doch welches holen! Wo ist die Aufwärterin, der will ich Beine machen!«
»Die Aufwärterin ist zur Beichte.«
»Wecke den Ochsen auf, der daliegt und schläft, dann schicke ich den!«
»Nein, laß ihn schlafen!« bat Sellén und zog den Plaid über Olle, der die ganze Zeit geschnarcht hatte und noch immer weiter schnarchte.
»Nun, dann will ich dir eine andere Methode beibringen. Ist hier Erd- oder Schuttfüllung unter den Dielen?«
»Darauf verstehe ich mich nicht,« antwortete Sellén und nahm vorsichtig auf einigen auf dem Boden ausgebreiteten Pappscheiben Platz.
[S. 335]
»Hast du noch mehr solche Pappe?«
»Ja, wieso?« fragte Sellén, und eine leichte Röte war an den Haarwurzeln zu sehen.
»Ich brauche sie und eine Feuerzange.«
Borg bekam die verlangten Dinge von Sellén, der nicht wußte, worauf er hinauswollte; er nahm jetzt seinen Malerstuhl und ließ sich auf den ausgebreiteten Pappscheiben nieder, wo er sitzenblieb, als bewache er einen Schatz.
Borg warf den Rock ab und begann mit der Feuerzange ein von Säuren und Regentropfen morsch gewordenes Brett herauszubrechen.
»Nein, bist du des Teufels!« schrie Sellén.
»So habe ich es in Upsala gemacht,« sagte Borg.
»Ja, aber in Stockholm geht das nicht!«
»Das schert mich den Teufel! Ich friere, und hier soll eingeheizt werden!«
»Aber brich doch nicht mitten im Zimmer meinen Fußboden auf! Man sieht es ja sofort!«
»Ist mir ganz egal, ob man es sieht, das kann ich dir sagen! Ich wohne ja nicht hier! Aber das ist zu hart.«
Er hatte sich Sellén genähert und stieß nun gegen den Stuhl, daß Sellén umfiel und im Fallen seine Pappscheiben mitriß, daß die nackte Bodenfüllung sichtbar wurde.
»So ein Schuft! Hier hat er eine regelrechte Holzgrube und sagt kein Wort!«
»Ja, das hat der Regen getan!«
»Ist mir ganz egal, wer es getan hat, jetzt wollen wir aber Feuer machen!«
[S. 336]
Mit kräftigem Ruck hatte er ein paar Bohlenstücke losgerissen, und bald brannte das Feuer im Ofen.
Levin verhielt sich unterdes ruhig, abwartend und höflich. Borg setzte sich vor das Feuer und machte die Feuerzange glühend.
Wieder klopfte es, drei kurze Schläge und ein langer.
»Das ist Falk,« sagte Sellén und ging hin, um Falk zu öffnen, der mit etwas hektischem Aussehen eintrat.
»Brauchst du Geld?« fragte Borg den Eintretenden und schlug sich auf die Brusttasche.
»Sonderbare Frage!« antwortete Falk etwas zweideutig.
»Wieviel brauchst du? Ich kann es besorgen!«
»Ist das Ernst?« sagte Falk, und sein Gesicht erhellte sich.
»Ernst! Hm! Wieviel? Die Summe! Die Ziffer!«
»Nun, sechzig Kronen könnte ich schon brauchen!«
»Das ist ein bescheidener Mann,« sagte Borg und wandte sich zu Levin.
»Ja, das ist furchtbar wenig,« gab dieser zu. »Nimm doch, Falk, wenn es dir angeboten wird!«
»Nein, das will ich nicht! Ich brauche nicht mehr und kann mich nicht in größere Schulden stürzen. Übrigens weiß ich ja nicht, wann es bezahlt werden muß!«
»Zwölf Kronen jeden sechsten Monat, vierundzwanzig Kronen jährlich, in zwei Raten,« erwiderte Levin sicher und entschieden.
»Das sind ja loyale Bedingungen,« sagte Falk. »Wo bekommt ihr dafür Geld?«
»In der Stellmacherbank! — Gib Papier und Feder her, Levin!«
[S. 337]
Dieser hatte schon einen Schuldschein, einen Federhalter und ein Taschentintenfaß in der Hand. Der Schuldschein war bereits ausgefüllt. Als Falk die Zahl achthundert sah, zögerte er einen Augenblick.
»Achthundert Kronen?« sagte er fragend.
»Nimm doch mehr, wenn du nicht zufrieden bist.«
»Nein, ich will nicht; und es ist ja gleichgültig, wer das Geld nimmt, wenn es nur richtig bezahlt wird. Übrigens bekommt ihr Geld auf so ein Papier, ohne Sicherheit?«
»Ohne Sicherheit? Du hast doch unsere Bürgschaft!« antwortete Levin verächtlich und vertrauensvoll.
»Ich will ja nichts dagegen sagen,« meinte Falk; »ich bin dankbar, daß ihr für mich bürgen wollt, aber ich glaube nicht, daß es durchgeht!«
»Hahaha! Es ist schon bewilligt,« sagte Borg und holte einen Bewilligungsschein heraus, wie er es nannte. »Nun, unterschreibe!«
Falk schrieb seinen Namen. Borg und Levin standen wie Polizisten neben ihm.
»Assessor,« diktierte Borg.
»Nein, ich bin Schriftsteller,« erwiderte Falk.
»Nützt nichts, du bist als Assessor angemeldet, und übrigens stehst du so noch im Adreßbuch.«
»Habt ihr nachgesehen?«
»Man muß in Formsachen streng sein,« sagte Borg ernst.
Falk unterschrieb.
»Komm her, Sellén, und bezeuge!« befahl Borg.
[S. 338]
»Ja, ich weiß nicht, ob ich es riskiere,« antwortete dieser. »Ich habe daheim auf dem Lande so viel Elend aus solchen Unterschriften entstehen sehen ...«
»Du bist jetzt nicht auf dem Lande und hast nicht mit Bauern zu tun! Schreibe und bestätige, daß Falk seinen Namen selbst geschrieben hat, das kannst du doch tun!«
Sellén unterschrieb, schüttelte aber den Kopf.
»Wecke jetzt den Zugochsen da auf, dann muß er auch unterschreiben.«
Als alles Rütteln vergebens war, um Olle zum Leben zu erwecken, nahm Borg die Feuerzange, die jetzt rot geworden war, und hielt sie dem Schlafenden unter die Nase.
»Wach auf, du Hund, dann kriegst du was zu essen!« schrie er.
Und Olle sprang auf und rieb sich die Augen.
»Du sollst Falks Unterschrift bestätigen, verstehst du!«
Olle nahm die Feder und schrieb nach dem Diktat der beiden Bürgen, worauf er sich wieder zum Schlafen legen wollte, aber von Borg gehindert wurde.
»Nein, warte einmal! Falk muß erst noch eine Ersatzbürgschaft schreiben.«
»Leiste keine Bürgschaft, Falk,« sagte Olle; »das geht nie gut; das ist ein Leiden!«
»Schweig, du Hund!« brüllte Borg. »Komm her, Falk. Wir haben für dich gebürgt, Kaution gestellt, verstehst du! Jetzt sollst du eine Ersatzbürgschaft leisten an Struves Stelle, der gerichtlich belangt worden ist.«
»Was heißt Ersatzbürgschaft?« fragte Falk.
[S. 339]
»Das ist nur eine Form. Das Darlehn lautete auf achthundert Kronen in der Malerbank; die erste Anzahlung ist geleistet, nun aber wird Struve gerichtlich belangt, und da müssen wir uns nach einem Ersatzmann umsehen. Es ist ja ein altes gutes Darlehn, also ein Risiko ist nicht dabei; das Geld ist vor einem Jahr verfallen.«
Falk unterschrieb, und die beiden Zeugen setzten ihre Namen ebenfalls darunter.
Borg kniffte sorgfältig und mit Kennermiene die Schuldscheine zusammen und überreichte sie Levin, der sich sofort der Tür zuwandte.
»In einer Stunde bist du mit dem Geld wieder hier,« sagte Borg, »sonst gehe ich sofort zur Polizei und lasse dich suchen!«
Damit stand er auf und legte sich, zufrieden mit seinem Werk, auf das Sofa, auf dem Olle gelegen hatte.
Dieser wankte ans Feuer, ließ sich auf dem Fußboden nieder und rollte sich zusammen wie ein Hund.
Es blieb eine Weile still.
»Hör einmal, Olle,« sagte Sellén, »wenn wir auch so ein Papier unterschrieben!«
»Dann kommt ihr nach Rindö,« sagte Borg.
»Was ist Rindö?« fragte Sellén.
»Das ist eine Insel in den Schären; aber wenn ihr den Mälarsee vorzieht, so gibt es einen Ort, der Zuchthaus Langholm heißt!«
»Aber im Ernst, was geschieht,« fragte Falk, »wenn man am Verfalltage nicht bezahlen kann?«
[S. 340]
»Dann nimmt man ein neues Darlehn auf in der Schneiderbank,« antwortete Borg.
»Warum leiht ihr nicht von der Reichsbank?« fing Falk wieder an.
»Die ist faul,« antwortete Borg.
»Verstehst du das?« sagte Olle zu Sellén.
»Kein Wort!« erwiderte dieser.
»Ihr werdet es einmal lernen, wenn ihr Mitglieder der Akademie seid und im Adreßbuch steht.«
[S. 341]
Nikolaus Falk saß in seinem Kontor am Morgen des Tages vor dem Weihnachtsabend; er war nicht mehr ganz der alte; die Zeit hatte das blonde Haar auf seinem Schädel gelichtet, und im Gesicht hatten die Leidenschaften kleine Abflüsse gegraben für all die Säure, die aus dem sumpfigen Boden hervorquoll. Er saß über ein kleines schmales Buch vom Format des Katechismus gebeugt und arbeitete mit der Feder darin, als steche er Muster aus.
Es klopfte, und sofort verschwand das Buch unter der Pultklappe, und eine Morgenzeitung nahm seine Stelle ein. Falk war tief in die Lektüre versunken, als seine Frau eintrat.
»Setz dich!« sagte Falk.
»Nein, dazu habe ich keine Zeit! Hast du die Morgenzeitung schon gelesen?«
»Nein!«
»Ach so, ich dachte, du seiest gerade dabei!«
»Ja, ich habe eben angefangen!«
»Dann hast du wohl die Kritik über Arvids Gedichte gelesen?«
»Ja ja, die habe ich gelesen!«
[S. 342]
»Nun, er hat ja großes Lob bekommen!«
»Das hat er selbst geschrieben!«
»Das hast du gestern abend auch gesagt, als du das ›Graumützchen‹ last!«
»Nun, was willst du?«
»Ich habe vorhin die Admiralin getroffen; sie dankte für die Einladung und sprach ihre Freude aus, den jungen Dichter zu treffen!«
»Hat sie das gesagt?«
»Ja, das hat sie!«
»Hm! Nun, man kann sich ja getäuscht haben! Ich sage damit nicht, daß man es getan hat! Du willst wohl wieder Geld haben?«
»Wieder? Wann habe ich denn zuletzt welches bekommen?«
»Hier! — Geh nun! Aber verlange jetzt vor Weihnachten nicht noch einmal etwas; du weißt, es ist ein schweres Jahr gewesen!«
»Nein, das weiß ich allerdings nicht! Alle Menschen sagen, es sei ein gutes Jahr gewesen!«
»Für den Landwirt, ja! Aber nicht für die Versicherungsgesellschaft. Adieu!«
Die Frau ging, und herein trat Fritz Levin, vorsichtig, als fürchte er einen Hinterhalt.
»Was willst du?« begrüßte Falk ihn.
»Ach, ich wollte nur im Vorbeigehen einmal Guten Tag sagen!«
»Das ist gescheit! Ich wollte gerade mit dir sprechen!«
»Ach nein!«
»Du kennst den jungen Levi?«
[S. 343]
»Ja, gewiß!«
»Lies dies Schriftstück; laut!«
Levin las laut: »Großartige Schenkung! Mit einer bei unsern Kaufleuten heute nicht ungewöhnlichen Freigebigkeit hat der Großhändler Karl Nikolaus Falk, um den Jahrestag einer glücklichen Ehe zu feiern, der Direktion der Kinderkrippe Bethlehem eine Schenkungsurkunde über 20000 Kronen eingehändigt, wovon die eine Hälfte sofort, die andere Hälfte nach dem Tode des edlen Spenders ausgezahlt wird. Das Geschenk ist von um so größerem Wert dadurch, daß Frau Falk eine der Gründerinnen der menschenfreundlichen Institution ist.«
»Ist das gut?« fragte Falk.
»Ausgezeichnet! Das bedeutet zu Neujahr den Wasa-Orden.«
»Nun, dann geh jetzt zu der Direktion, das heißt zu meiner Frau, mit der Schenkungsurkunde und dem Geld, und dann suche den jungen Levi auf! Verstehst du?«
»Gewiß!«
Falk gab ihm die Schenkungsurkunde, die auf Pergament geschrieben war, und die Summe.
»Zähle nach, ob es stimmt,« sagte er.
Levin riß einen Stoß Papiere auf und machte große Augen. Es waren fünfzig bedruckte Bogen für viele Kronen in allen möglichen Farben.
»Ist das Geld?« fragte er.
»Das sind Wertpapiere,« antwortete Falk, »fünfzig Aktien zu je zweihundert Kronen vom Triton, die der Kinderkrippe Bethlehem überwiesen werden.«
[S. 344]
»Aha, der wird jetzt sinken, da die Ratten das Schiff verlassen!«
»Das hat niemand gesagt,« antwortete Falk mit einem boshaften Lachen.
»Ja, wenn es aber der Fall ist, dann wird die Kinderkrippe Konkurs machen müssen!«
»Was geht das mich an, und dich noch weniger! Jetzt etwas anderes! — Du mußt — du weißt, was ich meine, wenn ich sage, du mußt —«
»Ich weiß, ich weiß; Gerichtsvollzieher, Scherereien, Schuldscheine — sprich nur, sprich nur!«
»Du mußt zu meinem Diner am dritten Weihnachtstag Arvid herschaffen!«
»Ebensogut könnte ich drei Barthaare von dem Riesen holen! Siehst du jetzt, wie gut es war, daß ich deinen Auftrag damals im Frühjahr nicht ausgeführt habe? Habe ich nicht gleich geäußert, es würde so kommen?«
»Hast du? Was willst du geäußert haben? Halt jetzt den Mund und tu, was ich sage: das war die Sache! — Nun noch eins! — Ich habe gewisse Symptome von Reue bei meiner Frau bemerkt. Sie muß die Mutter oder eine von den Schwestern getroffen haben. Weihnachten ist eine sentimentale Jahreszeit. — Geh nach dem Holm und heize etwas ein!«
»Das ist kein angenehmer Auftrag ...«
»Marsch! — Der Nächste!«
Levin ging und wurde von Magister Nyström abgelöst, der durch eine Tapetentür im Hintergrunde des Zimmers hereinkam, worauf die Tür verschlossen[S. 345] wurde. Jetzt verschwand die Morgenzeitung, und das lange schmale Buch kam zum Vorschein.
Nyström sah bedauerlich herabgekommen aus; sein Körper war auf ein Drittel seines Volumens reduziert und sein Anzug äußerst dürftig. Er blieb demütig an der Tür stehen, holte ein sehr verbrauchtes Notizbuch aus der Tasche und wartete.
»Fertig?« fragte Falk und legte den Zeigefinger in das Buch.
»Fertig,« antwortete Nyström und öffnete das Notizbuch.
»Nummer 26. Leutnant Kling; 1500 Kronen. Bezahlt?«
»Nicht bezahlt!«
»Wird prolongiert mit Strafzinsen und Provision. Wird zu Hause aufgesucht!«
»Empfängt zu Hause nie!«
»Dann muß man ihm brieflich androhen, ihn in der Kaserne aufzusuchen! — Nummer 27. Assessor Dahlberg: 800 Kronen. Wart einmal! Sohn des Großhändlers, der auf 35000 geschätzt wird; kann vorläufig gestundet werden, wenn er nur die Zinsen bezahlt! Behalte ihn im Auge!«
»Er bezahlt die Zinsen nie!«
»Muß auf Postkarte gemahnt werden, die ins Amt geschickt wird! — Nummer 28. Hauptmann Stjernborst: 4000. Da haben wir den Jungen. Nicht bezahlt?«
»Nicht bezahlt!«
»Schön! Verhaltungsmaßregeln: Wird um zwölf Uhr auf der Wache aufgesucht. Anzug — deiner, nämlich[S. 346] — kompromittierend. Der rote Überzieher, der an den Nähten gelb ist — du weißt ja!«
»Das nützt nichts! Ich habe ihn im Winter im Gehrock im Wachlokal aufgesucht!«
»Dann gehst du zu den Bürgen!«
»Da bin ich gewesen, und die haben mich zum Teufel geschickt! Die Bürgschaft sei nur eine Formalität gewesen, sagten sie.«
»Dann suchst du ihn selbst einmal am Mittwochnachmittag um eins auf, wenn er in der Direktion des Triton sitzt; nimm Andersson mit, damit ihr zu zweien seid.«
»Das ist schon geschehen!«
»Nun, was machte die Direktion denn für ein Gesicht?« fragte Falk und blinzelte mit den Augen.
»Sie sahen geniert aus!«
»Oh, taten sie das? Sahen sie wirklich geniert aus?«
»Ja, das taten sie!«
»Aber er selbst?«
»Er begleitete uns hinaus auf den Flur und sagte, er werde bezahlen, wenn wir nur versprächen, ihn nie wieder dort aufzusuchen!«
»Ach so! Oho! Sitzt da zwei Stunden in der Woche für sechstausend Kronen, weil er Stjernborst heißt! — Warte einmal! Heute ist Sonnabend! — Du bist pünktlich halb eins im Triton; wenn du mich da siehst, was sicher ist, so bitte — keine Miene! — Verstanden? Gut! — Neue Gesuche?«
»Fünfunddreißig!«
»Ja ja! Morgen ist Weihnachten!«
[S. 347]
Falk blätterte einen Stoß Schuldscheine durch; dann und wann glitt ein Lächeln über seine Lippen, und ein vereinzeltes Wort entfuhr ihm.
»Herrgott! Ist es so weit mit ihm gekommen! Und der — und der — der für so solide gilt! Ja ja, ja ja, ja ja! Das sind Zeiten! — Ach, der braucht Geld? Dann werde ich sein Haus kaufen ...«
Es klopfte an die Tür. Die Klappe wurde zugemacht, Papiere und Katechismus waren wie fortgeblasen und Nyström ging durch die Tapetentür hinaus.
»Um halb eins,« flüsterte Falk ihm nach. »Noch ein Wort! Hast du das Gedicht fertig?«
»Ja,« ertönte es aus der Unterwelt.
»Gut! Halte Levins Schuldschein bereit, daß wir ihn der Kanzlei vorlegen können. Ich werde ihm eines Tages den Garaus machen! Der Teufel ist falsch!«
Darauf rückte er das Halstuch zurecht, zog die Manschetten vor und öffnete die Tür zum Korridor.
»Ah, guten Tag, Herr Lundell! Ergebenster Diener! Bitte sehr, treten Sie näher! Wie geht es? Ich hatte mich einen Augenblick eingeschlossen!«
Es war wirklich Lundell, wie ein Kommis gekleidet, nach der letzten Mode, mit Uhrkette, Ring, Handschuhen und Galoschen.
»Ich störe wohl, Herr Großhändler?«
»Nein, durchaus nicht! Glauben Sie, Herr Lundell, daß wir es bis morgen fertig bekommen?«
»Muß es unbedingt morgen fertig sein?«
»Unbedingt! Die Krippe hat ein Fest, das ich gebe,[S. 348] und meine Frau soll dies Porträt überreichen, damit es im Eßsaal aufgehängt wird!«
»Nun, dann darf es keine Hindernisse geben,« erwiderte Lundell und holte ein fast fertiges Bild und eine Staffelei aus einem Kämmerchen. »Wollen Herr Großhändler bitte einen Augenblick stillsitzen, dann kann ich hier und da etwas korrigieren!«
»Bitte sehr! Bitte sehr! Ganz wie Sie wünschen!«
Falk warf sich auf einen Stuhl, schlug die Beine übereinander, nahm die Haltung eines Staatsmanns an und setzte eine vornehme Miene auf.
»Bitte, sprechen Sie,« sagte Lundell. »Das Gesicht ist allerdings schon an sich interessant, aber je mehr Nuancen des Charakters es ausdrücken kann, desto besser!«
Falk lächelte, und ein Schein von Wohlgefallen und Zufriedenheit mit sich selbst erhellte seine rohen Gesichtszüge.
»Sie speisen doch am dritten Weihnachtstag bei mir, Herr Lundell?«
»Danke sehr ...«
»Da werden Sie die Gesichter hochverdienter Männer studieren können, die am Ende würdiger wären, auf der Leinwand festgehalten zu werden als meins.«
»Ich werde vielleicht die Ehre haben, sie zu malen?«
»Sicher, wenn ich ein gutes Wort für Sie einlege!«
»Oh, glauben Sie wirklich?«
»Ganz sicher!«
»Jetzt habe ich eben einen neuen Zug gesehen. Bitte, behalten Sie diese Miene bei. So! Vortrefflich![S. 349] Ich fürchte, wir müssen heute den ganzen Tag daranwenden, Herr Großhändler! Es bleiben noch eine Menge Kleinigkeiten, die man nur so unter der Hand entdeckt. Ihr Gesicht ist so reich an interessanten Zügen.«
»Nun, dann wollen wir zusammen im Restaurant essen! Und wir wollen uns oft treffen, Herr Lundell, damit Sie Gelegenheit haben, mein Gesicht besser zu studieren zu der zweiten Auflage — die man doch immer gern haben möchte! Ich muß wirklich sagen, Herr Lundell, es gibt wenige Leute, die so angenehm auf mich wirken wie Sie ...«
»Oh, ich bitte ergebenst.«
»Und ich muß Ihnen sagen, mein Herr, daß ich sehr scharfsichtig bin und Wahrheit von Schmeichelei wohl zu unterscheiden verstehe.«
»Das habe ich sofort gesehen,« erwiderte Lundell gewissenlos. »Mein Beruf hat mir die Fähigkeit gegeben, Menschen zu beurteilen!«
»Sie haben Blick! Mich können in der Tat nicht viele Menschen richtig beurteilen. Meine Frau zum Beispiel ...«
»Nun, das kann man von Frauen auch nicht verlangen.«
»Nein, habe ich das nicht immer gesagt? — Hören Sie, darf ich Sie nicht zu einem guten Glas Portwein einladen?«
»Danke sehr, Herr Großhändler, aber ich habe mir zum Prinzip gemacht nie etwas zu trinken, wenn ich arbeite ...«
[S. 350]
»Das ist sehr richtig! Dies Prinzip respektiere ich — ich respektiere Prinzipien immer — um so mehr, wenn ich sie teile.«
»Aber wenn ich nicht arbeite, trinke ich gern ein Glas.«
»Ganz wie ich — ganz wie ich!«
Es schlug halb eins. Falk sprang auf.
»Entschuldigen Sie mich, ich muß einen Augenblick in Geschäften fort, aber ich werde sogleich wieder da sein!«
»Bitte sehr! Bitte sehr! Die Geschäfte gehen vor!«
Falk zog sich an und ging. Lundell blieb allein in dem Kontor.
Er steckte sich eine Zigarre an und betrachtete das Porträt. Wer sein Gesicht jetzt beobachtet hätte, würde seine Gedanken nicht haben lesen können, denn er hatte schon so viel Lebenskunst gelernt, daß er nicht einmal der Einsamkeit seine Ansichten anvertraute, ja er hatte sogar Angst, sie sich selber kundzutun.
[S. 351]
Man war zum Dessert gekommen. Der Champagner funkelte in den Gläsern, in denen sich die Lichtstrahlen des Kronleuchters in Nikolaus Falks Eßsaal in der Wohnung an der Schiffsbrücke spiegelten. Arvid nahm von allen Seiten freundliche Händedrücke mit Komplimenten und Glückwünschen, Warnungen und Ratschlägen entgegen; alle wollten sich einen Anteil an seinen Erfolgen sichern, denn jetzt war es ein ausgesprochener Erfolg.
»Herr Assessor Falk! Ich habe die Ehre!« sagte der Präsident des Kollegiums für Auszahlung der Beamtengehälter und nickte ihm über den Tisch zu. »Das ist ein Genre, auf das ich mich verstehe!«
Falk nahm das verletzende Kompliment mit Ruhe entgegen.
»Warum schreiben Sie so melancholisch?« fragte eine junge Schönheit, die rechts vom Dichter saß. »Man könnte glauben, Sie seien unglücklich verliebt!«
»Herr Assessor Falk! Darf ich mir erlauben!« sagte der Chefredakteur des ›Graumützchens‹ von links, indem er seinen langen blonden Bart strich. »Warum schreiben Sie nicht für meine Zeitung, Herr Assessor?«
[S. 352]
»Ich glaube, die Herren würden nicht drucken, was ich schreibe!« antwortete Falk.
»Ich wüßte nicht, was uns hindern sollte!«
»Die Ansichten!«
»Oh! Das ist doch nicht so gefährlich damit! Das wird sich schon ausgleichen! Wir haben ja gar keine Ansichten!«
»Prosit, Falk!« schrie der schon ganz ausgelassene Lundell über den Tisch. »Heisa!«
Levi und Borg mußten ihn festhalten, damit er nicht aufstand und eine Rede hielt.
Es war das erste Mal, daß er in so einer Gesellschaft war, und die stattliche Versammlung und das glänzende Diner waren ihm zu Kopf gestiegen; da aber alle Gäste sich in einem höheren Stadium befanden, erregte er gleicherweise kein unliebsames Aufsehen.
Arvid Falk fühlte sich warm beim Anblick dieser Menschen, die ihn wieder in ihrer Mitte aufgenommen hatten, ohne eine Erklärung zu verlangen oder eine Abbitte zu fordern. Er hatte ein Gefühl von Sicherheit, auf diesen alten Stühlen zu sitzen, die zu seinem Elternhause gehört hatten; er erkannte mit Wehmut den großen Tafelaufsatz wieder, der früher nur einmal im Jahre herausgeholt wurde; aber die vielen neuen Menschen machten ihn zerstreut. Er ließ sich von ihren freundlichen Mienen nicht täuschen; sie wollten ihm allerdings nichts Böses tun, aber ihr Wohlwollen hing von einer Konjunktur ab. Außerdem kam ihm die ganze Veranstaltung wie eine Maskerade vor. Was für gemeinsame Interessen hatte Professor Borg, der[S. 353] Mann mit dem großen wissenschaftlichen Ruf, mit seinem ungebildeten Bruder? Sie waren in der gleichen Aktiengesellschaft! Was tat der hochmütige Hauptmann Gyllenborst hier? Kam er her, um zu essen? Unmöglich, obwohl die Menschen recht weit gehen, um zu essen. Und der Präsident? Und der Admiral? Hier gab es unsichtbare Bande, starke, unlösliche Bande vielleicht!
Die Freude ging hoch, doch das Lachen war zu schrill, der Witz sprudelte, war aber säuerlich; Falk fühlte sich beklommen, und er hatte das Gefühl, als blicke von dem Porträt, das über dem Klavier hing, das Gesicht des Vaters zornig auf die Gesellschaft nieder.
Nikolaus Falk strahlte vor Zufriedenheit; er sah und hörte nichts Unangenehmes, wich aber den Blicken des Bruders soviel er konnte aus. Sie hatten noch kein Wort miteinander gewechselt, denn Arvid hatte sich nach Levins Anweisung erst eingefunden, als alle Gäste versammelt waren.
Das Diner näherte sich seinem Ende. Nikolaus hielt eine Rede auf »die eigne Kraft und den festen Willen«, die den Menschen zum Ziel führen: »zur wirtschaftlichen Unabhängigkeit« und einer »Position«. »Dies alles zusammen«, sagte der Redner, »verleih Selbstgefühl und gibt dem Charakter die Festigkeit ohne die wir nichts ausrichten können; nichts ausrichten im Dienst der Allgemeinheit, dem Höchsten, was wir erreichen können; und dahin, meine Herren, streben wir doch alle, wenn wir wahr sein wollen! Ich trinke auf das Wohl meiner geehrten Gäste, die heute meinem Hause die Ehre geben, und hoffe, daß ich noch oft die gleiche Ehre genießen werde!«
[S. 354]
Darauf antwortete Hauptmann Gyllenborst, der schon etwas angeheitert war, in einer längeren, scherzhaften Rede, die in einer andern Stimmung und in einem andern Hause als skandalös bezeichnet worden wäre.
Er griff den kaufmännischen Geist an, der jetzt um sich gegriffen habe, und erklärte scherzend, es fehle ihm gewiß nicht an Selbstgefühl, obwohl er im höchsten Grade der wirtschaftlichen Unabhängigkeit entbehre; er habe gerade heute vormittag eine Affäre recht unangenehmer Art gehabt, — trotzdem jedoch habe er Charakterstärke genug besessen, zu diesem Diner zu gehen; und was seine gesellschaftliche Position betreffe, so halte er sie für ebenso gut wie die irgendeines andern Menschen — und dieser Meinung seien auch andere, da er ja doch die Ehre habe, an dieser Tafel, bei diesen scharmanten Gastgebern zu sitzen!
Als er geendet hatte, atmete die Gesellschaft erleichtert auf, denn »man habe das Gefühl gehabt, als zöge eine Gewitterwolke vorüber«, bemerkte die Schöne zu Arvid Falk, der dieser Äußerung lebhaft zustimmte.
Es war so viel Lüge, so viel Falschheit in der Luft, daß Falk sich beklommen fühlte und sich hinaussehnte. Er sah, wie diese Menschen, die ganz sicher ehrenhaft und achtenswert waren, gleichsam an einer unsichtbaren Kette gingen, an der sie dann und wann mit erstickter Wut zerrten — ja, Hauptmann Gyllenborst behandelte den Wirt wirklich mit offener, wenn auch scherzhafter Verachtung. Er steckte sich im Salon eine Zigarre an, nahm unpassende Stellungen ein und[S. 355] beachtete die Damen nicht. Er spuckte auf die Steine vor dem Ofen, kritisierte unbarmherzig die Öldrucke an den Wänden und sprach seine Verachtung für Mahagonimöbel aus. Die übrigen Herren beobachteten ein indifferentes, ihrer selbst würdiges Benehmen und schienen Dienst zu tun.
Erregt und unzufrieden verließ Arvid Falk unbemerkt die Gesellschaft und ging fort. Auf der Straße stand Olle Montanus und wartete auf ihn.
»Ich habe wirklich nicht geglaubt, daß du kommen würdest,« sagte Olle. »Es ist so schön hell da oben!«
»Ach deshalb! Ich wollte, du wärst dabei gewesen!«
»Nun, wie macht Lundell sich unter feinen Leuten?«
»Beneide ihn nicht! Er wird auch noch bittere Tage haben, wenn er Porträtmaler werden will! — Laß uns jetzt von etwas anderm sprechen! Ich habe mich wirklich so nach diesem Abend gesehnt, wo ich die Arbeiter aus der Nähe sehen soll! Oh, ich glaube, nach diesem Qualm wird es wie frische Luft sein! Mir ist, als dürfte ich in den Wald gehen, nachdem ich in einem Krankenhaus darniedergelegen habe! Ich werde doch nicht auch dieser Illusion beraubt werden?«
»Der Arbeiter ist mißtrauisch, du mußt also vorsichtig sein!«
»Ist er edel? Ist er frei von Kleinlichkeit? Oder hat der Druck ihn verdorben?«
»Du wirst ja sehen! Es ist vieles in der Welt anders, als man sich vorstellt!«
»Ja, leider Gottes, das ist es!«
Nach einer halben Stunde befanden sie sich in dem[S. 356] großen Saal des Arbeitervereins Nordstern, der schon vollbesetzt war. Falks schwarzer Frack machte keinen guten Eindruck, und er mußte manchen unfreundlichen Blick aus finsteren Gesichtern entgegennehmen.
Olle stellte Falk einem langen, hageren, hustenden Manne von fanatischem Aussehen vor:
»Tischler Eriksson!«
»Ach,« sagte der, »ist das auch ein Herr, der Reichstagsabgeordneter werden will? Dazu sieht er mir doch zu schmächtig aus!«
»Nein, nein,« sagte Olle, »er kommt für die Zeitung!«
»Was für eine Zeitung? Es gibt so viele Sorten von Zeitungen! Vielleicht ist er hier, um sich über uns lustig zu machen!«
»Nein, durchaus nicht,« sagte Olle, »er ist ein Arbeiterfreund und will alles für euch tun!«
»So so, das ist etwas anderes! Aber ich habe Angst vor solchen Herren; wir hatten einen, der bei uns wohnte, das heißt in demselben Haus oben auf dem Weißen Berge; er war der Vizewirt — Struve hieß die Kanaille!«
Ein Hammerschlag ertönte, und ein Mann in mittleren Jahren setzte sich auf den Präsidentenstuhl. Das war Stellmacher Löfgren, Stadtverordneter und Inhaber der Medaille Litteris et Artibus. Durch Übung in der Wahrnehmung kommunaler Ämter hatte er sich eine große Routine erworben, und sein Äußeres hatte ein Gepräge von Würde angenommen, das Stürme beschwichtigen und Aufruhr eindämmen konnte. Eine[S. 357] große Richterperücke beschattete ein breites Gesicht, das mit Backenbart und Brille geziert war.
Neben ihm saß der Sekretär, in dem Falk einen Diätar aus dem großen Amt wiedererkannte. Dieser trug einen Kneifer und drückte durch ein bäurisches Grinsen seine Mißbilligung über das meiste aus, was geäußert wurde. Auf der ersten Bank unterhalb der Tribüne saßen die vornehmsten Mitglieder, Offiziere, Beamte, Großhändler, die alle loyalen Anträge kräftig unterstützten und mit überlegenem parlamentarischen Geschick alle Reformprojekte niederstimmten.
Das Protokoll wurde vom Sekretär verlesen und von der ersten Bank genehmigt. Darauf wurde der erste Punkt der Tagesordnung vorgetragen.
»Der vorbereitende Ausschuß stellt dem Arbeiterverein Nordstern anheim, der Mißbilligung Ausdruck zu geben, die jeder rechtdenkende Bürger hinsichtlich der ungesetzlichen Bewegungen empfinden muß, die unter dem Namen Streik durch fast ganz Europa gehen.
Will der Verein ...«
»Jawohl,« schrie die erste Bank.
»Herr Vorsitzender!« rief der Tischler vom Weißen Berge.
»Wer lärmt da hinten?« fragte der Vorsitzende und blickte mit einer Miene unter der Brille durch, als wolle er den Rohrstock holen.
»Hier lärmt keiner; ich wollte nur ums Wort bitten,« sagte der Tischler.
»Wer ist ich?«
[S. 358]
»Tischlermeister Eriksson!«
»Sind Sie Meister? Wann sind Sie das geworden?«
»Ich bin ausgelernter Geselle und habe nie die Mittel gehabt, meine Meisterprüfung zu machen, aber ich bin ebenso geschickt wie irgendein anderer, und ich arbeite selbständig! Das kann ich sagen!«
»Tischlergeselle Eriksson, wollen Sie sich bitte setzen und uns nicht weiter stören. — Hält der Verein die Frage für bejaht?«
»Herr Vorsitzender!«
»Um was handelt es sich?«
»Ich bitte ums Wort! Können Sie nicht hören, Herr?« brüllte Eriksson.
»Eriksson hat das Wort,« wurde im Hintergrunde gemurmelt.
»Geselle Eriksson — schreiben Sie sich mit x oder mit z?« fragte der Vorsitzende, dem der Sekretär soufflierte.
Lautes Lachen ertönte auf der vordersten Bank.
»Ich schreibe mich überhaupt nicht, meine Herren, ich diskutiere!« sagte der Tischler mit funkelnden Augen; »das tue ich! Wenn ich das Wort in der Gewalt hätte, würde ich sagen: die Streikenden haben recht, denn wenn die Meister und Prinzipale fett werden, die nichts weiter tun als herumlaufen und scherwenzeln bei Audienzen und solchem Scheiß, so hat das den Schweiß der Arbeiter gekostet! Aber wir wissen recht gut, warum ihr unsere Arbeit nicht bezahlen wollt: weil wir dann das Wahlrecht zum Reichstag bekommen würden, und davor hat man Angst ...«
[S. 359]
»Herr Vorsitzender!«
»Herr Rittmeister von Sporn!«
»Und wir wissen recht gut, daß die Steuereinschätzungskommission die Steuer herabsetzt, sobald sie eine bestimmte Höhe erreicht. Wenn ich das Wort in der Gewalt hätte, würde ich noch viel mehr sagen, aber es hat so wenig Zweck ...«
»Herr Rittmeister von Sporn!«
»Herr Vorsitzender, meine Herren! Es ist höchst unerwartet, daß in einer Versammlung wie dieser, die sich durch ihr würdiges Verhalten (noch kürzlich bei dem königlichen Beilager) einen so guten Namen gemacht hat, Personen ohne allen parlamentarischen Takt einen achtenswerten Verein durch schamlose und rücksichtslose Verachtung aller Formen kompromittieren dürfen. Glauben Sie mir, meine Herren, so etwas könnte nicht geschahen in einem Lande, wo man von Jugend auf militärische Zucht lernt ...«
(»Allgemeine Wehrpflicht!« sagte Eriksson zu Olle.)
»... wo man sich daran gewöhnt, sich selbst und andere zu beherrschen! Ich spreche die gemeinsame Hoffnung aus, daß ein so störender Zwischenfall nicht wieder vorkommt unter uns ... ich sage uns ... denn ich bin auch Arbeiter ... wir sind alle Arbeiter vor dem ewigen Gott ... ich sage das in meiner Eigenschaft als Mitglied dieses Vereins, und der Tag würde ein Tag der Trauer sein, an dem ich die Worte zurücknehmen müßte, die ich kürzlich in einer andern Versammlung — jawohl, es war in dem Nationalverein der Freunde der allgemeinen Wehrpflicht — geäußert[S. 360] habe: Ich denke hoch von dem schwedischen Arbeiter!«
»Bravo! Bravo! Bravo!«
»Hält der Verein den Antrag des vorbereitenden Ausschusses für angenommen?«
»Ja! Ja!«
»Zweiter Punkt: Auf den Antrag eines Mitgliedes des Arbeitsausschusses wird dem Verein anheimgestellt, zu der bevorstehenden Konfirmation Seiner Königlichen Hoheit des Herzogs von Dalsland in Anerkennung der Dankesschuld, die der schwedische Arbeiter dem Königshaus gegenüber hat, und besonders als Ausdruck der Mißbilligung jener Arbeiterunruhen, die unter dem Namen Kommune die Hauptstadt Frankreichs verheeren, eine Sammlung für eine Ehrengabe zu veranstalten, deren Wert allerdings dreitausend Kronen nicht übersteigen dürfte.«
»Herr Vorsitzender!«
»Herr Doktor Haberfeld!«
»Nein, ich war es, Eriksson, ich bitte ums Wort!«
»Ach so! Nun! Eriksson hat das Wort!«
»Ich möchte darauf hinweisen, daß nicht der Arbeiter die Kommune in Paris gemacht hat; sie ist gemacht von Beamten, Advokaten, Offizieren, gerade von den Wehrpflichtigen — und von Zeitungsschreibern. Wenn ich das Wort in der Gewalt hätte, so würde ich die Herren bitten, ihre Gefühle in einem Album zur Konfirmation auszudrücken!«
»Hält der Verband den Antrag des Arbeitsausschusses für angenommen?«
[S. 361]
»Ja! Ja!«
Und nun begann ein Schreiben der Schreiber und ein Kollationieren und ein Schwatzen wie im Reichstag selbst.
»Geht das hier immer so zu?« fragte Falk.
»Finden Sie das lustig, Herr?« antwortete Eriksson. »Man möchte sich die Haare ausreißen! Ich nenne dies Korruption und Verrat. Lauter Eigennutz und Schändlichkeit; keiner, der ein Herz hätte, der sich der Sache annimmt; deshalb kommt es auch, wie es kommt!«
»Was kommt denn?«
»Wir werden ja sehen!« sagte der Tischler und ergriff Olles Hand. »Bist du bereit?« fuhr er fort. »Sieh dich nur vor, denn hier wirst du kritisiert!«
Olle nickte schlau.
»Ornamentbildhauergeselle Olof Montanus will einen Vortrag über Schweden halten,« begann der Vorsitzende. »Das Thema ist sehr umfangreich, finde ich, und etwas allgemein gehalten, aber wenn er verspricht, es in einer halben Stunde zu erledigen, so wollen wir zuhören; oder was meinen die Herren?«
»Jawohl!«
»Herr Montanus, bitte, treten Sie vor!«
Olle schüttelte sich wie ein Hund, ehe er zum Sprung ansetzt, und ging durch die Menge hindurch, die ihn mit den Blicken musterte.
Der Vorsitzende eröffnete eine kleine Unterhaltung mit der ersten Bank, und der Sekretär gähnte, ehe er eine Zeitung zur Hand nahm, um zu zeigen, wie wenig er auf den Vortrag zu hören gedenke.
[S. 362]
Olle aber stieg auf die Tribüne, senkte seine großen Augenlider, kaute ein paarmal, um die Zuhörer glauben zu machen, er wolle anfangen, und als es wirklich stillgeworden war, so still, daß man hören konnte, was der Vorsitzende zu dem Rittmeister sagte, begann er.
»Über Schweden. — Einige Gesichtspunkte.«
Eine Pause entstand.
»Meine Herren! Es dürfte wohl mehr als eine unverbürgte Annahme sein, daß die fruchtbarste Idee, die kraftvollste Bestrebung unserer Zeit die ist, das kurzsichtige Nationalgefühl aufzuheben, das die Völker trennt und sie als Feinde einander gegenüberstellt; wir haben die Mittel gesehen, die hierbei angewendet werden — Weltausstellungen und ihre Wirkungen — die Ehrendiplome!«
(Man sah sich fragend an. »Was war das für eine Stichelei?« sagte Eriksson. »Das kam etwas unerwartet, sonst war es gut!«)
»Die schwedische Nation marschiert, wie immer, so auch hier, an der Spitze der Zivilisation; sie hat in höherem Grade als irgendein anderes Kulturvolk die kosmopolitische Idee fruchtbar zu machen gewußt und hat, wenn man nach der Statistik urteilen darf, schon sehr vieles erreicht. Hierzu haben ungewöhnlich günstige Umstände beigetragen, über die ich jetzt einen kurzen Überblick geben will, um dann zu etwas Leichterverständlichem wie der Regierungsform, der Grundsteuer und ähnlichem überzugehen.«
(»Das wird lang,« sagte Eriksson und puffte Falk in die Seite; »aber er ist amüsant!«)
[S. 363]
»Schweden ist, wie man weiß, ursprünglich eine deutsche Kolonie, und die Sprache, die sich bis in unsere Tage ziemlich rein erhalten hat, ist Plattdeutsch in zwölf Dialekten. Dieser Umstand, nämlich die Schwierigkeit für die Provinzen, sich untereinander zu verständigen, hat als mächtiger Faktor der Entwicklung des ungesunden Nationalitätsbegriffs entgegengearbeitet. Andere glückliche Umstände wieder haben einem einseitigen deutschen Einfluß entgegengewirkt, der früher einmal so weit gegangen ist, daß Schweden eine Deutschland einverleibte deutsche Provinz war, nämlich unter Albrecht von Mecklenburg. Hierzu rechne ich zunächst die Eroberung der dänischen Provinzen, Schonen, Halland, Blekinge, Bohuslän und Dalsland. Schwedens reichste Provinzen sind von Dänen bewohnt, die noch heute die Sprache ihres Landes sprechen und sich weigern, die schwedische Herrschaft anzuerkennen.«
(»Worauf in Jesu Namen will er hinaus? Ist er verrückt?«)
»Der Schone zum Beispiel sieht noch heutigentags Kopenhagen als Hauptstadt an, und die Vertreter Schonens bilden im Reichstag die regierungsfeindliche Partei. Ähnlich ist auch die Situation in dem dänischen Göteborg, das Stockholm nicht als Reichshauptstadt anerkennt. Da haben aber jetzt die Engländer die Initiative ergriffen und eine Kolonie angelegt. Diese Nation, die englische, fischt längs der Küste und hat während des Winters in der Stadt fast den gesamten Großhandel in den Händen; im Sommer fahren sie[S. 364] wieder nach Hause und genießen die gesammelten Schätze in ihren Landhäusern im schottischen Hochland. Übrigens ein prächtiges Volk! Die Engländer halten sich auch eine große Zeitung, in der sie ihre eigenen Taten rühmen, ohne die fremden geradezu zu schmähen.
Dann haben wir die zahlreichen Einwanderungen in Betracht zu ziehen, die dann und wann stattgefunden haben. Wir haben Finnen in den finnischen Wäldern, haben sie aber auch in der Hauptstadt, wohin sie unter den schwierigen politischen Verhältnissen in ihrer Heimat ausgewandert sind.
In unseren größeren Eisenwerken gibt es eine Unmenge von Wallonen, die im siebzehnten Jahrhundert ins Land kamen und noch heute ihr gebrochenes Französisch sprechen. Bekanntlich hat ein Wallone in Schweden die neue Staatsverfassung eingeführt, die Wallonien entlehnt ist. Tüchtige Leute, und sehr ehrlich!«
(»Nein, was in ... soll das heißen!«)
»Zu Gustaf Adolfs Zeiten strömte eine Menge schottischen Gesindels ins Land und verdingte sich als Soldaten, wodurch viele von ihnen auch ins Ritterhaus kamen!
An der Ostküste gibt es viele Familien, deren Traditionen von der Einwanderung aus Livland und den andern slawischen Provinzen sprechen, weshalb man hier oft rein tatarische Typen trifft.
Ich stelle die Behauptung auf, daß das schwedische Volk auf dem besten Wege ist, sich zu entnationalisieren! Schlagen Sie das Wappenbuch des schwedischen Adels[S. 365] auf, und zählen Sie die schwedischen Namen, die Sie treffen. Wenn das mehr als fünfundzwanzig Prozent sind, so können Sie mir die Nase abschneiden, meine Herren!
Schlagen Sie aufs Geratewohl das Adreßbuch auf; ich habe selbst den Buchstaben G nachgezählt: von vierhundert Namen waren zweihundert ausländische. Welches sind die Ursachen? Es gibt ihrer viele, die vornehmsten aber sind: die ausländischen Dynastien und die Eroberungskriege. Wenn man sich überlegt, wieviel Gesindel auf dem schwedischen Thron gesessen hat, so wundert man sich, daß die Nation noch heute so monarchisch ist. Hätte unsere Verfassung eine Bestimmung aufzuweisen, wonach der schwedische König stets ein Ausländer sein müßte, so würde dadurch unbedingt unser Ziel, die Entnationalisierung, geradeswegs erreicht werden, und das ist auch geschehen! Daß das Land durch Anschluß an fremde Nationen gewinnen kann, ist meine Überzeugung, denn verlieren kann es nichts, weil man nichts verlieren kann, was man nicht hat. Der Nation fehlt ganz einfach die Nationalität; das hat Tegnér im Jahre 1811 entdeckt und kurzsichtigerweise beklagt; da war es jedoch bereits zu spät, denn die Rasse war durch die Aushebungen während der dummen Eroberungskriege schon verdorben. Von der einen Million Einwohner, die es zu Gustaf Adolfs Zeiten im Lande gab, wurden siebzigtausend zeugungsfähige Männer ausgehoben und ruiniert. Wie viele Karl X., XI. und XII. ruiniert haben, ist mir nicht bekannt, aber man kann sich vorstellen,[S. 366] was für eine Rasse die Zuhausebleibenden erzeugen konnten, da sie ja doch Ausschuß waren.
Ich kehre zu meinem Auspruch zurück, daß uns die Nationalität fehlt. Kann jemand mir etwas Schwedisches in Schweden nennen, außer unsern Fichten, Tannen und Eisenbergwerken, die für den Weltmarkt bald überflüssig sein werden? Was sind unsere Volkslieder? Französische, englische und deutsche Romanzen, in schlechten Übersetzungen! Was sind die Volkstrachten, deren Verschwinden wir bedauern? Alte Überbleibsel von den Trachten der Edelleute des Mittelalters. Schon zu Gustafs I. Zeit verlangten die Talmänner, man solle alle die bestrafen, die ausgeschnittene und bunte Kleider trügen. Wahrscheinlich waren die bunten Hofgewänder, die burgundische Tracht, noch nicht zu den Talfrauen hinuntergekommen! Und sicher haben sie seitdem viele Modeveränderungen durchgemacht.
Nennen Sie mir eine schwedische Dichtung, ein Kunstwerk, eine Musikschöpfung, die so spezifisch schwedisch ist, daß sie sich von allem Nichtschwedischen unterscheidet! Zeigen Sie mir ein schwedisches Gebäude! Es gibt keins, und wenn es eins gibt, so ist es entweder schlecht oder es ist nach ausländischem Muster gemacht.
Ich glaube nicht zuviel zu sagen, wenn ich behaupte, daß die schwedische Nation eine unbegabte, hochmütige, sklavische, neidische, kleinliche und rohe Nation ist! Und deshalb geht sie ihrem Untergang entgegen, und zwar mit Riesenschritten!«
(Jetzt erhob sich Lärm im Saal! Vereinzelte Hochrufe auf Karl XII. übertönten jedoch den Spektakel.)
[S. 367]
»Meine Herren, Karl XII. ist tot, lassen wir ihn bis zum nächsten Jubelfeste ruhen! Ihm in der Hauptsache haben wir unsere Entnationalisierung zu danken, und deshalb bitte ich die Herren, mit mir in ein vierfaches Hurra einzustimmen: Meine Herren! Karl XII. lebe hoch!«
»Ich muß die Versammlung zur Ordnung rufen!« schrie der Vorsitzende.
»Kann man sich wohl etwas Dümmeres denken, als daß ein Volk vom Ausland lernen muß, Dichter zu werden? Was sind das für Ochsen, die sechzehnhundert Jahre hinter dem Pfluge hergehen und nicht auf den Gedanken kommen, Lieder zu dichten! Da aber kam ein lustiger Bruder von Karls XI. Hof und zerstörte das ganze Werk der Entnationalisierung! Früher schrieb man deutsch, jetzt sollte schwedisch geschrieben werden! Ich muß deshalb die Herren bitten, mit mir in den Ruf einzustimmen: Nieder mit dem dummen Hund Georg Stjernhelm!«
(»Wie hieß er? Edvard Stjernström!« Der Vorsitzende schlägt mit dem Hammer auf den Tisch. Unruhe. »Es ist genug! Nieder mit dem Verräter! Er macht sich über uns lustig!«)
»Die schwedische Nation kann nur schreien und schlagen, das höre ich! Und da ich nicht weitersprechen darf und nicht zur Regierung und auf die Krongüter komme, so will ich nur sagen, daß solche servilen Lümmel, wie ich heute abend hier gehört habe, reif für den Absolutismus sind. Und ihr werdet ihn bekommen! Verlaßt euch drauf! Ihr bekommt den Absolutismus!«
[S. 368]
(Ein Puff von hinten stieß dem Redner, der sich jetzt an das Pult klammerte, um sich festzuhalten, das Wort aus dem Halse.)
»Und ein undankbares Geschlecht, das die Wahrheit nicht hören will ...«
(»Schmeißt ihn raus! Haut ihn kaputt!« Olle wurde von der Tribüne hinuntergeworfen, aber noch im letzten Augenblick schrie er wie ein Wahnsinniger, während er Püffe und Schläge hinnahm: »Es lebe Karl XII.! Nieder mit Georg Stjernhelm!«)
Olle und Falk waren auf der Straße.
»Was war dir nur?« fragte Falk; »warst du von Sinnen?«
»Ja, das war ich, glaube ich! Ich hatte fast sechs Wochen lang meine Rede gelernt, ich wußte aufs Haar, was ich sagen wollte, aber als ich dann dastand und all diese Augen sah, da zerbrach es; meine ganze kunstvolle Beweisführung stürzte zusammen wie ein Gerüst, ich fühlte den Boden unter den Füßen schwinden und alle Gedanken kamen durcheinander. War es sehr falsch?«
»Ja, es war schlimm, und die Zeitungen werden über dich herfallen.«
»Ja, es ist zu traurig! Und ich dachte, es sei alles so klar! Aber es war doch schön, ihnen eins zu versetzen!«
»Auf diese Weise schadest du deiner Sache und kannst nie mehr öffentlich sprechen!«
Olle seufzte.
»Was um Gottes willen hattest du mit Karl XII. zu schaffen? Das war das Schlimmste von allem!«
[S. 369]
»Frage mich nicht, ich weiß nichts!«
»Liebst du den Arbeiter noch?« fuhr Falk fort.
»Ich bedaure ihn, weil er sich von Glücksrittern verführen läßt, und ich werde seine Sache nie im Stich lassen, denn seine Sache ist das Problem der nächsten Epoche, und eure ganze Politik ist dagegen nicht einen roten Heller wert!«
Olle und Falk wanderten durch die Straßen, kamen dann wieder in die Stadt hinunter und schritten die Neue Straße entlang, wo sie ins Café Naples gingen.
Es war jetzt zwischen neun und zehn Uhr, und das Café war sozusagen leer. Nur ein einziger Gast saß an einem Tisch in der Nähe des Büfetts. Er las aus einem Buch der Kellnerin vor, die neben ihm saß und nähte. Es sah sehr nett und gemütlich aus, mußte aber Falk stark irritieren, denn er machte eine heftige Bewegung, und sein Gesichtsausdruck veränderte sich.
»Sellén! Bist du hier! Guten Abend, Beda!« sagte Falk mit einer erkünstelten Herzlichkeit, die ihm sehr fremd war, indem er die Hand des jungen Mädchens ergriff.
»Ach, Bruder Falk!« sagte Sellén. »Verkehrst du hier auch? Ich habe mir schon gedacht, daß so etwas los sei, da wir uns so selten im Roten Zimmer sehen!«
Falk und Beda wechselten einen Blick. Das junge Mädchen hatte für seine Stellung ein distinguiertes Aussehen; ein feines, intelligentes Gesicht, das einen leidvollen Ausdruck trug; eine schlanke Gestalt, mit einem eigenwilligen, aber keuschen Linienspiel; die Augen gingen an den Winkeln etwas nach oben, als wollten[S. 370] sie ein Unglück vom Himmel erspähen, konnten aber im übrigen alle Spiele spielen, die eine momentane Laune zu ersinnen vermochte.
»Wie ernst du bist,« sagte sie zu Falk und blickte auf ihre Näherei nieder.
»Ich bin in einer ernsten Versammlung gewesen,« sagte Falk und errötete wie ein Mädchen. »Was lest ihr denn da?«
»Ich habe die Zueignung zum Faust gelesen,« sagte Sellén und streckte seine Hand aus, um mit Bedas Nähzeug zu spielen.
Eine dunkle Wolke zog über Falks Gesicht. Das Gespräch wurde gezwungen und unerträglich. Olle saß in Betrachtungen versunken da, die sich um Selbstmord zu drehen schienen.
Falk ließ sich eine Zeitung geben und bekam den »Unbestechlichen«. Plötzlich fiel ihm ein, daß er nachzusehen vergessen habe, was der über seine Gedichte schrieb. Er schlug die Zeitung auf und richtete die Augen auf die dritte Seite; da fand er, was er suchte. Es waren keine Schmeicheleien, aber auch keine Grobheiten, denn der Artikel war von wirklichem und tiefem Interesse diktiert. Der Rezensent fand Falks Poesie nicht schlechter und nicht besser als die der sonstigen Zeitgenossen, aber ebenso egoistisch und bedeutungslos; sie handele nur von den Privatangelegenheiten des Verfassers, von unerlaubten Beziehungen, erdichteten oder wirklichen, kokettiere mit kleinen Sünden, trauere aber nicht über die großen; sie sei keine Spur besser als die englische Boudoirpoesie, und der Verfasser hätte[S. 371] ruhig sein Porträt vor den Text setzen sollen, dann wäre das Buch wenigstens illustriert gewesen usw. Diese einfachen Wahrheiten machten einen tiefen Eindruck auf Falk, der nur die Reklame im »Graumützchen«, die Struve geschrieben hatte, und die von persönlichem Wohlwollen diktierte Rezension im »Rotkäppchen« gelesen hatte. Er verabschiedete sich kurz und stand auf, um zu gehen.
»Willst du schon fort?« fragte Beda.
»Ja. Treffen wir uns morgen?«
»Ja, wie gewöhnlich. Gute Nacht!«
Sellén und Olle gingen mit ihm.
»Das ist ein nettes Kind!« sagte Sellén, nachdem sie eine Weile stumm dahingegangen waren.
»Ich möchte dich bitten, dich etwas zurückhaltender über sie zu äußern!«
»Ach, du bist in sie verliebt, scheint mir?«
»Ja, das bin ich, und ich hoffe, du verzeihst es mir!«
»Bitte sehr, ich will dir nicht hinderlich sein!«
»Und ich bitte dich, nichts Schlechtes von ihr zu denken ...«
»Nein, das tue ich auch nicht! Sie ist beim Theater gewesen ...«
»Woher weißt du das? Das hat sie mir nie erzählt!«
»Nein, aber mir! Man darf diesen kleinen Teufeln nie glauben!«
»Nun, dabei ist ja nichts Schlimmes! — Ich gedenke sie sobald ich kann aus dieser Stellung wegzunehmen; unser Verkehr beschränkt sich darauf, daß wir morgens[S. 372] um acht nach dem Hagapark gehen und Wasser aus der Quelle trinken.«
»Wie unschuldig! Soupiert ihr nie abends zusammen?«
»Ich bin noch nie auf den Gedanken gekommen, ihr einen so unpassenden Vorschlag zu machen, den sie mit Verachtung zurückweisen würde. Du lachst! Tu es nur! Ich glaube noch an ein Weib, das liebt, welcher Klasse es auch angehören, ja, was für Abenteuer es auch früher gehabt haben mag. Sie hat mir gesagt, ihr Weg sei nicht rein gewesen, aber ich habe versprochen, sie nie nach dem Vergangenen zu fragen!«
»Es ist also ernst?«
»Ja, es ist ernst!«
»Das ist etwas anderes! Gute Nacht, Bruder Falk! Olle, du kommst wohl mit mir!«
»Gute Nacht!«
»Armer Falk,« sagte Sellén zu Olle; »jetzt muß er auch das Spießrutenlaufen durchmachen; aber es muß so sein! Das ist wie Zahnwechsel; es wird kein Mann aus einem, ehe man nicht seine Geschichte gehabt hat!«
»Wie ist das Mädel denn?« fragte Olle aus reiner Höflichkeit, denn seine Gedanken waren weit weg.
»Sie ist in ihrer Art recht nett; aber Falk nimmt die Sache ernst; das tut sie scheinbar auch, solange sie glaubt, ihn erobern zu können; zieht es sich aber in die Länge, so wird sie der Sache überdrüssig, und es ist nicht sicher, daß sie sich nicht doch unterdes anderweitig Zerstreuung sucht. Nein, ihr könnt solche Affären nicht richtig behandeln; man muß nicht so lange trödeln,[S. 373] sondern gleich zupacken, sonst kommt einem ein anderer in den Weg. Hast du nie so etwas erlebt, Olle?«
»Ich hatte ein Kind mit unserer Magd daheim auf dem Lande; deshalb hat Vater mich aus dem Hause geworfen. Seitdem hab ich die Weiber nicht mehr anspucken mögen!«
»Das war ja nicht sehr verwickelt! Aber betrogen zu werden, wie man es nennt, das spürt man, das kannst du mir glauben. Oh! Oh! Oh! Man muß Nerven haben wie Geigensaiten, wenn man dies Spiel spielen will. Wir werden sehen, wie Falk die Feuerprobe besteht; manche nehmen so etwas sehr tief, und das ist dumm! — Ach so, die Tür ist auf! Tritt ein, Olle! Ich hoffe, das Bett ist gemacht, damit du recht gut liegst! Aber du mußt meine alte Aufwärterin entschuldigen, daß sie die Betten nicht ordentlich aufschüttelt; sie hat so schwache Hände, daher wird es vielleicht ein bißchen knollig und hart sein.«
Sie waren die Treppen hinaufgeklettert und langten nun oben an.
»Tritt ein, tritt ein!« sagte Sellén. »Es scheint, daß Stafva hier gelüftet hat oder auch gescheuert; ich finde, es riecht so feucht.«
»Du machst Witze! Hier kann doch niemand scheuern, es ist ja kein Fußboden da!«
»Ist kein Fußboden da? Das ist etwas anderes. Wo ist er denn geblieben? Vielleicht ist er verbrannt worden? Nun, einerlei! Dann werden wir auf unserer Mutter Erde schlafen, oder auf dem Schutt, was es nun auch ist.«
[S. 374]
Und sie legten sich in den Kleidern auf die Bodenfüllung, nachdem sie mit Stücken Malerleinwand und alten Skizzen ein Lager hergerichtet hatten, und schoben sich beide ihre Brieftasche unter den Kopf. Olle machte Feuer, holte einen Stearinkerzenstummel aus der Hosentasche und stellte ihn neben sich auf den Fußboden; ein schwacher Lichtschein irrte in dem großen leeren Atelier umher und schien den Massen von Finsternis, die sich durch die kolossalen Fenster hereinstürzen wollten, heftigen Widerstand entgegenzusetzen.
»Es ist kalt heute abend,« sagte Olle und holte ein schmieriges Buch heraus.
»Kalt! Aber nein! Es sind zwanzig Grad draußen, da sind hier im Zimmer mindestens dreißig, wo wir so hoch wohnen. Wie spät mag es wohl sein?«
»Mir war, als hätte es vorhin von Johannis eins geschlagen.«
»Johannis? Die haben gar keine Uhr! Die sind so arm, daß sie sie versetzt haben.«
Eine lange Pause entstand, die erst von Sellén unterbrochen wurde.
»Was liest du, Olle?«
»Das ist egal!«
»Ist das egal? Mußt du nicht höflich sein, wenn du zu Besuch bist?«
»Es ist ein altes Kochbuch, das Ygberg mir geliehen hat.«
»Nein, Teufel auch, das ist es? Oh, dann wollen wir etwas lesen; ich habe heute nichts gegessen als eine Tasse Kaffee und drei Glas Wasser!«
[S. 375]
»Was willst du denn haben?« sagte Olle und blätterte in dem Buch. »Willst du ein Fischgericht haben? Weißt du, was Mayonnaise ist?«
»Mayonnaise? Nein! Lies das! Das klingt gut!«
»Also hör zu. Nummer 139, Mayonnaise. Butter, Mehl und etwas englischer Senf werden geschwitzt und mit guter Bouillon verquirlt. Wenn es kocht, werden einige Eigelb hineingequirlt, worauf die Soße erkalten muß ...«
»Nein, zum Teufel, davon wird man nicht satt ...«
»Oh, es ist noch nicht zu Ende. Feines Speiseöl, Weinessig, etwas Sahne und weißen Pfeffer — ja, jetzt sehe ich, daß es nichts taugt. Willst du etwas Kräftigeres haben?«
»Schlage Kohlrollen auf; das ist mein Leibgericht!«
»Nein, ich kann nicht mehr laut lesen, laß mich!«
»Ach, lies doch!«
»Nein, laß mich jetzt in Ruh!«
Es wurde wieder still. Dann erlosch das Licht, und es wurde ganz dunkel.
»Gute Nacht, Olle! Deck dich gut zu, damit du nicht frierst!«
»Womit soll ich mich zudecken?«
»Ja, das weiß ich nicht! Findest du dies Dasein nicht herrlich?«
»Ich möchte wissen, warum man sich nicht das Leben nimmt, wenn es so kalt ist.«
»Das darf man nicht. Ich finde es interessant, zu sehen, wie es schließlich kommt.«
»Hast du Eltern, Sellén?«
[S. 376]
»Nein, ich bin unehelich; und du?«
»Ja! Aber das ist egal!«
»Du mußt der Vorsehung dankbar sein, Olle! Man muß der Vorsehung immer dankbar sein — obwohl ich nicht weiß, was es eigentlich für einen Zweck hat! Es muß wohl so sein!«
Es wurde wieder still; diesmal war Olle der Störenfried.
»Schläfst du?«
»Nein, ich liege und denke an die Gustav-Adolf-Statue; willst du glauben, daß ...«
»Frierst du nicht?«
»Frieren? Hier ist es doch so warm!«
»Mein rechter Fuß ist ganz abgestorben!«
»Zieh dir den Farbenkasten über und stopfe die Pinsel neben dich, dann wird es besser.«
»Glaubst du, daß je ein Mensch es so schwer gehabt hat wie wir?«
»Schwer? Haben wir es schwer? Wir haben doch ein Dach überm Kopf! Es gibt Professoren der Akademie, mit Dreimaster und Degen, die es viel schlechter haben. Professor Lundström hat den halben April im Hopfenparktheater geschlafen! Das finde ich stilvoll! Er hatte die ganze linke Loge für sich, und er behauptet, es sei nach ein Uhr nachts nicht ein Parkettplatz freigewesen, im Winter immer gut besucht, aber im Sommer schlecht! Gute Nacht, du, jetzt schlafe ich!«
Und Sellén schnarchte. Olle jedoch stand auf und ging im Zimmer hin und her, bis es im Osten hell wurde; da erbarmte der Tag sich seiner und schenkte ihm die Ruhe, die die Nacht ihm nicht gegönnt hatte.
[S. 377]
Und der Winter verging, langsam für die Unglücklichen, schneller für die weniger Unglücklichen. Und der Frühling kam mit seinen zunichte gewordenen Hoffnungen auf Sonne und Grün, bis der Sommer da war als eine kurze Vorbereitung auf den Herbst.
Eines Maimorgens ging der Schriftsteller Arvid Falk in glühender Sonnenhitze über die Schiffsbrücke nach der Redaktion der »Arbeiterfahne« und sah zu, wie am Hafen die Schiffe aus- und eingeladen wurden. Sein Äußeres war nicht so gepflegt wie früher, sein schwarzes Haar länger, als die Mode guthieß, und sein Bart a la Henri IV. gewachsen, was seinem abgemagerten Gesicht einen fast wilden Ausdruck gab. Seine Augen brannten in einem unheilverkündenden Feuer, das den Fanatiker oder den Trinker zu verraten pflegt. Er schien unter den Schiffen zu wählen, konnte sich aber schwer entschließen. Nach langem Zögern trat er auf einen Matrosen zu, der einen Karren mit Warenballen auf eine Brigg rollte. Er lüftete höflich den Hut.
»Wollen Sie mir bitte sagen, wohin dies Schiff geht?« fragte er schüchtern, obwohl er in einem sehr kühnen Ton zu sprechen glaubte.
[S. 378]
»Schiff? Ich sehe kein Schiff!«
Und die Umstehenden lachten.
»Aber wenn Sie wissen wollen, wohin die Brigg geht, so lesen Sie da!«
Falk fühlte sich aus der Fassung gebracht, stachelte sich aber selber auf und fuhr in heftigem Ton fort:
»Können Sie auf eine höfliche Frage nicht eine höfliche Antwort geben?«
»Sie? Scher dich zur Hölle und steh nicht herum und schimpfe! — Aufgepaßt!«
Das Gespräch war zu Ende, und Falk faßte endlich einen Entschluß. Er machte kehrt, ging durch eine Gasse über den Kaufmannsmarkt und bog in die Kindstustraße ein. Hier blieb er vor der Tür eines schmutzigen Hauses stehen. Wieder zögerte er, denn seine Hauptsünde, die Unentschlossenheit, konnte er nicht überwinden. Da kam ein kleiner, zerlumpter, schielender Bengel gelaufen, die Hand voll langer Korrekturfahnen, und wollte an Falk vorbei, als dieser ihn anhielt.
»Ist der Redakteur oben?« fragte er.
»Ja, er ist schon seit sieben Uhr da,« antwortete der Junge außer Atem.
»Hat er nach mir gefragt?«
»Ja, schon mehrmals!«
»Ist er böse?«
»Ja, das ist er immer!«
Und der Junge schoß wie ein Pfeil die Treppen hinauf. Falk aber folgte ihm unmittelbar und betrat das Redaktionszimmer. Es war ein Loch mit zwei[S. 379] Fenstern nach der dunklen Straße; vor jedem stand ein ungestrichener Holztisch mit Papier, Federhaltern, Zeitungen, Schere und Leimflasche.
An dem einen Tisch saß unser alter Freund Ygberg, in einem zerlumpten schwarzen Gehrock, und las Korrektur; an dem andern Tisch, der Falk gehörte, saß ein Herr in Hemdärmeln, mit einer schwarzseidenen Mütze auf dem Kopf, ähnlich wie die Kommunards sie tragen. Sein Gesicht war mit einem roten Vollbart bewachsen, und seine untersetzte Gestalt mit den groben Formen verriet den Arbeiter. Als Falk eintrat, machte der Kommunard eine heftige Bewegung mit den Beinen unter dem Tisch und krempelte die Hemdärmel auf, wobei eine blaue Tätowierung, bestehend aus einem Anker und einem angelsächsischen R, sichtbar wurde. Darauf ergriff er die Schere, stach sie mitten durch das erste Blatt einer Morgenzeitung, machte einen Ausschnitt und sagte in rauhem Ton, dem angeredeten Falk den Rücken kehrend:
»Wo sind Sie gewesen, Herr?«
»Ich war krank,« sagte Falk trotzig, wie er selbst meinte, aber demütig, wie Ygberg hinterher versicherte.
»Das ist gelogen! Sie haben gesoffen, Herr! Sie sind gestern abend im Naples gewesen; ich habe Sie gesehen!«
»Nun, das darf ich doch tun ...«
»Sie können sitzen, wo Sie wollen, Herr, aber hier haben Sie pünktlich zu sein, auf den Glockenschlag, nach Vereinbarung! Jetzt ist es schon ein Viertel nach acht! Ich weiß, solche Herren, die sich an der Universität[S. 380] herumgetrieben haben, wo sie so schrecklich viel zu lernen glauben, können sich nicht an Ordnung und Lebensart gewöhnen. Ist es nicht ungeschliffen, zu spät zu kommen? Benehmen Sie sich nicht wie ein Tölpel, Herr, wenn Sie Ihren Arbeitgeber Ihre Arbeit tun lassen? Wie? Augenblicklich ist alles auf den Kopf gestellt, das sehe ich! Die Arbeitnehmer kujonieren die Meister, das heißt die Arbeitgeber, und die Kapitalisten sind die Unterdrückten! So ist es!«
»Seit wann haben Sie diese Ansicht, Herr Redakteur?«
»Seit wann? — Seit eben, Herr! Seit eben! Aber ich hoffe, deswegen ist die Ansicht doch gut! Ich habe jedoch auch noch etwas anderes entdeckt! Sie sind ja ein ungebildeter Mensch, Herr! Sie können ja nicht Schwedisch! Bitte, sehen Sie her! Was steht hier? Lesen Sie! ›Wir hoffen, daß alle, die im nächsten Jahr zur Übung eingezogen werden‹ — hat man so etwas schon gehört? ›alle, die ...‹«
»Ja, das ist richtig,« sagte Falk.
»Das ist richtig? Wie können Sie das behaupten, Herr! Es heißt: alle die, welche; also muß man schreiben: ›alle die, welche‹.«
»Ja, wenn ...«
»Oh, keine gelehrten Redensarten; damit kommt man nicht weiter! Solchen Unsinn müssen Sie mir nicht vorsetzen, Herr! — Nun, und dann schreiben Sie exserzieren nur mit x, obwohl es ex-serzieren heißt! Schweigen Sie! Heißt es ex-erzieren oder ex-serzieren? Antworten Sie!«
[S. 381]
»Man sagt allerdings ...«
»Man sagt, also heißt es ex-serzieren; denn es kann nicht anders heißen, als man sagt! Vielleicht bin ich dumm, alles in allem, vielleicht kann ich nicht einmal Schwedisch sprechen! Ich habe es jedenfalls korrigiert! Sehen Sie her! Lesen Sie jetzt weiter und seien Sie ein andermal pünktlicher!«
Er sprang mit einem Aufschrei vom Stuhl auf und gab dem Korrekturjungen eine schallende Ohrfeige.
»So, du sitzt am hellen Tage da und schläfst, du Lümmel! Dich will ich lehren, wachzubleiben! Du bist noch nicht zu alt, Prügel zu kriegen!«
Er nahm das Opfer beim Gürtel, warf es auf einen Haufen unverkaufter Zeitungen und prügelte es mit seinem Leibriemen, den er abgeschnallt hatte.
»Ich habe nicht geschlafen, ich habe nicht geschlafen, ich habe nur die Augen zugemacht!« schrie der Junge unter Schmerzen.
»So, du leugnest auch noch! Du hast lügen gelernt; aber ich werde dich lehren, die Wahrheit zu sagen! — Hast du geschlafen, oder hast du nicht geschlafen? Sage jetzt die Wahrheit, sonst gibt es ein Unglück!«
»Ich habe nicht geschlafen,« stotterte der Unglückliche, der noch zu jung und zu unschuldig war, um sich mit einer Lüge aus dem Dilemma retten zu können.
»So, du leugnest noch! Du bist mir ein verstockter Lümmel! So frech zu lügen!«
Er wollte gerade daran gehen, den jungen Wahrheitsfanatiker noch weiter zu bestrafen, als Falk aufstand, auf den Redakteur zuging und mit fester Stimme sagte:
[S. 382]
»Schlagen Sie den Jungen nicht; ich habe gesehen, daß er nicht schlief!«
»Nein, höre einer an! Sie sind mir ein netter Knabe! ›Schlagen Sie den Jungen nicht!‹ Wer hat das gesagt? Mir war, als hätte ich eine Mücke vorm Ohr summen hören! Ich habe mich wohl verhört! Das hoffe ich! Das hoffe ich zu Gott! — Herr Ygberg! Sie sind ein anständiger Mann! Sie haben nicht studiert! Hören Sie, haben Sie vielleicht zufällig gesehen, ob der Junge, den ich hier wie einen Fisch an den Hosenträgern halte, haben Sie gesehen, ob er geschlafen hat, Herr?«
»Wenn er nicht geschlafen hat,« erwiderte Ygberg sanftmütig und einschmeichelnd, »so war er wohl gerade im Begriff, einzuschlafen.«
»Das ist die rechte Antwort! Herr Ygberg, wollen Sie mir bitte den Hosenbund festhalten, während ich mit meinem Stock einen Jüngling die Wahrheit sprechen lehre!«
»Sie haben kein Recht, ihn zu schlagen,« sagte Falk. »Wenn Sie ihn anrühren, öffne ich das Fenster und rufe einen Polizisten herauf.«
»Ich bin der Prinzipal, und ich schlage meine Lehrlinge! Er ist ein Lehrling, denn er soll später in die Redaktion! Das soll er, obwohl manche akademisch gebildeten Leute glauben, daß man eine Zeitung nicht ohne ihre Hilfe redigieren kann. Sag einmal, Gustav, lernst du nicht das Zeitungswesen? Was? Antworte jetzt, aber sprich die Wahrheit, sonst ...«
Die Tür öffnete sich, und ein Kopf sah herein — es war ein sehr ungewöhnlicher Kopf, der an diesem Ort[S. 383] recht ungewohnt wirkte, aber es war ein sehr bekannter Kopf, denn er war fünfmal abgebildet worden.
Jedenfalls hatte dieser bedeutungslose Kopf die Wirkung, daß der Redakteur in einen Rock schlüpfte und den Leibriemen umschnallte, sowie eine Verbeugung machte und ein Grinsen aufsteckte, das von großer Übung zeugte.
Der Staatsmann fragte, ob der Herr Redakteur zu sprechen sei, worauf eine befriedigende Antwort erfolgte, während der letzte Rest des Arbeiters verschwand, indem die Barrikadenmütze vom Kopf genommen wurde.
Die beiden Herren traten in das Privatgemach des Redakteurs, und die Tür wurde gut hinter ihnen verschlossen.
»Mich soll wundern, was der Graf jetzt für Pläne hat,« sagte Ygberg und setzte sich selbstherrlich auf seinen Stuhl, wie ein Schuljunge, wenn der Lehrer fortgeht.
»Das soll mich gar nicht wundern,« sagte Falk, »denn jetzt glaube ich zu wissen, was für ein Schelm er ist, und was für ein Schelm der Redakteur ist; aber mich wundert das eine, wie du aus einem Rindvieh ein ehrloser Hund hast werden können, der sich zu Schändlichkeiten hergibt.«
»Du mußt nicht so heftig sein, lieber Freund! — Aber du warst ja über Nacht nicht im Plenum!«
»Nein! Nach meiner Ansicht ist der Reichstag für andere als private Interessen bedeutungslos. Wie ist es mit der schlechten Geschäftslage des Triton abgelaufen?«
[S. 384]
»In allgemeiner Abstimmung wurde beschlossen, der Staat solle, in Anbetracht der großen nationalen Idee des patriotischen Unternehmens, die Obligationen übernehmen, während die Gesellschaft liquidiert ... das heißt die laufenden Geschäfte abwickelt!«
»Das heißt — der Staat stützt das Haus, während das Fundament einstürzt, so daß die Direktoren Zeit haben, sich in Sicherheit zu bringen.«
»Du hättest lieber gesehen, daß all die kleinen ...«
»Weiß schon! Weiß schon! All die kleinen Rentiers — jawohl, ich würde lieber sehen, daß sie mit ihrem kleinen Kapital arbeiten, als daß sie faulenzen und damit wuchern, aber am liebsten würde ich sehen, daß die Betrüger ins Zuchthaus kämen, dann würden betrügerische Unternehmungen nicht ermutigt. Das nennt man politische Ökonomie! Pfui Teufel! — Übrigens: Du trachtest nach meinem Posten! Du sollst ihn haben! Du sollst nicht da in deiner Ecke sitzen und bittere Gedanken gegen mich hegen, weil du in der Korrektur hinter mir auskehren und aufräumen mußt. Ich habe da drinnen bei diesem Freiheitshund, den ich verachte, zu viele Artikel ungedruckt liegen, als daß ich hier noch länger sitzen und Räubergeschichten für ihn aufschneiden möchte. Das ›Rotkäppchen‹ war mir zu konservativ, die ›Arbeiterfahne‹ aber ist mir zu schmutzig!«
»Gut, daß du deine Hirngespinste aufgibst und vernünftig wirst! Geh du zum ›Graumützchen‹, da hast du eine Zukunft!«
»Ich gebe das Hirngespinst auf, daß die Sache der[S. 385] Unterdrückten in guten Händen liegt, und ich glaube, es wäre eine große Aufgabe, die Allgemeinheit darüber aufzuklären, was die öffentliche Meinung, besonders die gedruckte, in Wirklichkeit ist, und wie sie entsteht, aber die Sache selbst gebe ich nie auf!«
Die Tür zum Zimmer des Redakteurs öffnete sich wieder, und herein kam der Redakteur selbst. Er blieb mitten im Zimmer stehen und sagte mit unnatürlich geschmeidiger, fast höflicher Stimme:
»Herr Assessor, wollen Sie bitte die Redaktionsgeschäfte führen in meiner Abwesenheit — ich muß auf einen Tag in einer höchst wichtigen Angelegenheit verreisen. Der Assistent kann Ihnen bei den laufenden Arbeiten helfen. Der Herr Graf bleibt eine Weile in meinem Zimmer — ich hoffe, die Herren werden dem Herrn Grafen behilflich sein, wenn er etwas wünscht.«
»Bitte sehr, das ist nicht nötig!« rief der Graf aus dem Zimmer, wo er über ein Manuskript gebeugt saß, das im Entstehen war.
Der Redakteur ging, und merkwürdigerweise entfernte sich der Graf ungefähr zwei Minuten später, das heißt nach genau so langer Zeit, wie nötig war, um sich nicht in Begleitung des Redakteurs der »Arbeiterfahne« zeigen zu müssen.
»Bist du sicher, daß er gleich abreist?« fragte Ygberg.
»Ich hoffe es!« sagte Falk.
»Dann gehe ich nach der Mönchsbrücke und sehe zu, wie die Frauen einkaufen. Übrigens, hast du Beda seitdem getroffen?«
»Seit wann?«
[S. 386]
»Ach, seit sie das Café Naples verlassen und sich eine Wohnung gemietet hat!«
»Woher weißt du das?«
»Du mußt versuchen, ruhig zu sein, Falk! Sonst nimmt es ein schlimmes Ende mit dir!«
»Ja, ich muß es wohl versuchen, sonst verliere ich den Verstand! Dies Mädchen, das ich so geliebt habe, so sehr! Sie hat mich so schändlich betrogen! Was sie mir verweigerte, das hat sie diesem dicken Krämer gegeben! Und weißt du, was sie mir geantwortet hat? Sie sagte: das beweise die Reinheit ihrer Liebe zu mir!«
»Das ist eine feine Dialektik! Und sie hat recht, denn die Prämisse ist ganz richtig: sie liebt dich noch immer?«
»Sie verfolgt mich wenigstens!«
»Und du?«
»Ich hasse sie, so tief man hassen kann; aber ich fürchte ihre Nähe!«
»Das heißt, du liebst sie noch!«
»Laß uns von etwas anderm reden!«
»Du mußt dich beruhigen, Falk! Sieh mich an! Jetzt gehe ich aber weg und sonne mich; man muß doch sein Dasein in seiner zeitlichen Existenz genießen. Gustav, du kannst auf eine Stunde an den deutschen Brunnen hinuntergehen und Knopf spielen, wenn du magst.«
Falk war allein. Die Sonne schien mit aller Macht auf das schräge Dach gegenüber und durchglühte jetzt das Zimmer; er öffnete das Fenster und blickte hinaus, um frische Luft zu schöpfen, aber ihm schlug der betäubende[S. 387] Geruch aus der Gosse entgegen; er ließ den Blick nach rechts hinüberschweifen durch die engen Gassen, und sah ganz hinten in der Ferne ein Stück von einem Dampfer, ein paar Wellen des Mälar, die im Sonnenschein glänzten, und eine Partie des Schinderbuchtberges, der jetzt erst hier und da in den Schluchten etwas Grün aufwies. Er dachte an die Leute, die auf diesem Dampfer in die Sommerfrische fahren würden, die in den Wellen baden und ihr Auge an dem Grün erlaben konnten. Nun aber begann der Klempner unten zu hämmern, daß Haus und Fensterscheiben zitterten. Ein paar Arbeiter fuhren einen rasselnden, stinkenden Karren vorbei, und aus der Kneipe gegenüber strömte ein Geruch von Branntwein, Dünnbier, Sägespänen und Tannenreisern. Er zog den Kopf zurück und setzte sich an seinen Tisch; vor ihm lagen wohl hundert Provinzzeitungen zum Ausschneiden bereit. Er zog die Manschetten aus und begann die Durchsicht. Sie rochen nach Kienruß und Öl und färbten ab — das war der Haupteindruck; was er des Ausschneidens wert fand, durfte er nicht nehmen, denn er mußte an das Programm seiner Zeitung denken. Wenn die Arbeiter einer Fabrik dem Werkmeister eine silberne Schnupftabaksdose geschenkt hatten, so war das sofort auszuschneiden; wenn aber ein Prinzipal der Kasse der Arbeiter fünfhundert Kronen stiftete, so mußte er daran vorbeigehen. Wenn der Herzog von Halland einen Rammblock eingeweiht und Direktor Trälund ein Gedicht darauf gemacht hatte, so mußte er das mit Gedicht und allem ausschneiden, »denn so[S. 388] etwas lesen die Leute gern«; konnte er etwas Geringschätziges hinzufügen, so war es um so besser, sie kriegten es dann wenigstens zu hören. Im übrigen galt für das Ausschneiden die folgende Regel: alles Rühmliche über Journalisten und Arbeiter, alles Schmähliche über Geistliche, Militärs, große Kaufleute (nicht kleine), Akademiker, berühmte Schriftsteller und Juristen. Außerdem mußte er mindestens einmal wöchentlich die Direktion des königlichen Theaters angreifen, sowie die leichtsinnigen Singspiele der kleinen Theater im »Namen der Moral und der Sittlichkeit« herunterreißen, denn der Redakteur hatte bemerkt, daß die Arbeiter diese Theater nicht liebten. Einmal monatlich mußten Stadtverordnete der Verschwendung bezichtigt (und verurteilt) werden, wobei, so oft sich die Gelegenheit bot, die Regierungsform angegriffen werden sollte, aber nicht die Regierung. Strenge Zensur hatte der Redakteur sich bei Attentaten auf gewisse Reichstagsabgeordnete und gewisse Minister vorbehalten. Auf welche? Das war ein Geheimnis, das nicht einmal der Redakteur kannte, denn das hing von den Konjunkturen ab, und die vermochte nur der geheime Verleger der Zeitung zu beurteilen.
Falk arbeitete mit seiner Schere, bis seine eine Hand schwarz war, und er klebte; aber die Leimflasche gab einen so ekelhaften Geruch von sich, und die Sonne brannte so heiß; die arme Aloe, die wie ein Kamel dursten und alle Stiche einer gereizten Stahlfeder ertragen konnte, sah sehr betrübt aus und machte den wüstenartigen Eindruck grauenhaft lebendig; sie hatte[S. 389] lauter schwarze Punkte von Stichen, und ihre Blätter schossen wie ein Bündel Eselsohren aus der wie Schnupftabak trocknen Erde auf. Etwas Ähnliches mochte Falk vorschweben, denn er saß in Gedanken versunken, und ehe er es bereuen konnte, hatte er alle Ohrzipfel abgeschnitten. Dann, vielleicht um das Gewissen zu betäuben, vielleicht um etwas zu tun zu haben, strich er Leim auf die Wunden und sah zu, wie die Sonne es trocknete; darauf überlegte er eine Weile, wo er Mittagessen herbekommen werde, denn er war auf den Weg geraten, der zur Verdammnis führt, das heißt auf den Weg der sogenannten »schlechten Verhältnisse«; schließlich steckte er sich eine Pfeife Knaster an und ließ den betäubenden Rauch aufsteigen und sich in dem kurzlebigen Sonnenschein baden. Das stimmte ihn milder gegen das arme Schweden, wie es sich nach der Meinung der Leute in den Tages-, Wochen- und Halbwochenbulletins, die man Zeitungen nennt, darstellte. Er legte die Schere beiseite, warf die Zeitungen in eine Ecke und teilte mit der Aloe brüderlich den Inhalt der Tonkaraffe; dabei fand er, daß die Ärmste aussah, als seien ihr die Flügel beschnitten — wie eine Ente zum Beispiel, die auf dem Kopf im Schlamm steht und nach irgend etwas gräbt — vielleicht nach Perlen, oder doch wenigstens nach Muscheln ohne Perlen. Dann packte ihn wieder die Verzweiflung, wie der Gerber mit seinen langen Haken, und stieß ihn zu Boden, hinunter in den Schmutz, wo er präpariert werden sollte, bevor das Messer kam und ihm die Haut abschabte, damit er würde wie andere Menschen. Und er fühlte keine[S. 390] Gewissensbisse, keine Reue über ein verfehltes Leben, sondern ganz einfach Verzweiflung darüber, in seiner Jugend sterben zu müssen, den geistigen Tod, bevor er hatte wirken können, Verzweiflung darüber, wie ein unnützes Rohr, wie dürres Holz ins Feuer geworfen zu werden!
Von der Deutschen Kirche schlug es elf, und nun setzte das Glockenspiel ein: »Wie groß ist des Allmächtigen Güte« und »Mein Leben ist ein Wellenspiel«; gewissermaßen von derselben Idee erfaßt begann ein italienischer Leierkasten mit der obligaten Flötenstimme »An der schönen blauen Donau« aufzuspielen; soviel Musik auf einmal brachte neues Leben in den Klempner, der mit verdoppeltem Eifer sein Blech vornahm; all dieser Lärm war schuld, daß Falk nicht hörte, wie die Tür sich öffnete und zwei Personen eintraten. Die eine war eine lange, magere, finstere Gestalt mit Habichtsnase und Polkahaar, die andere ein dicker, blonder, untersetzter Mann, dessen Gesicht blank vom Schweiß war und große Ähnlichkeit mit dem Tier hatte, das bei den Hebräern für das unreinste von allen galt. Ihr Äußeres deutete auf eine Beschäftigung hin, die weder die Seelen- noch die Körperkräfte zu sehr in Anspruch nahm; es war jenes unbestimmte Etwas, das Unregelmäßigkeit in Arbeit und Lebensweise verrät.
»Pst!« flüsterte der Lange; »bist du allein?«
Falk schien von dem Besuch halb angenehm, halb unangenehm überrascht zu sein.
»Ich bin sogar ganz allein; der Rote ist verreist.«
[S. 391]
»Oh, dann komm mit und iß mit uns!«
Dagegen hatte Falk nichts einzuwenden; er schloß das Büro zu und ging mit den beiden in die Kneipe »Stern« in der Österlangstraße, wo sie sich in der dunkelsten Ecke niederließen.
»Ach, sieh da, Branntwein!« sagte der Dicke, und seine erloschenen Augen leuchteten beim Anblick der Branntweinflasche.
Aber Falk, der hauptsächlich deshalb mitgegangen war, um Teilnahme und Trost zu finden, schenkte den aufgetischten Herrlichkeiten nicht die gebührende Aufmerksamkeit.
»Ich habe mich schon lange nicht so unglücklich gefühlt,« sagte er.
»Nimm dir ein Brötchen mit Hering!« sagte der Lange. »Wir wollen Rydinger Kümmelkäse essen. — Pst! Kellner! Mischung Blomberg!«
»Könnt ihr mir jetzt einen guten Rat geben?« versuchte Falk wieder; »ich halte es bei dem Roten nicht länger aus und muß suchen ...«
»Pst! Kellner! Bergmanns Hartbrot! — Trink doch, Falk, und rede keinen Unsinn!«
Falk war aus dem Sattel geworfen und machte keine weiteren Versuche, auf diese Art Linderung seiner geistigen Not zu finden; er schlug einen andern nicht ungewöhnlichen Weg ein.
»Sagtest du, wir wollten trinken? Für mein Leben gern!«
Es floß wie Gift durch seine Adern, denn er war nicht an Alkohol am Vormittag gewöhnt; aber er empfand[S. 392] ein wunderliches Wohlbehagen bei den Essensgerüchen und dem Fliegengesumme und dem Duft des halbverfaulten Blumenstraußes, der neben dem schmutzigen Tafelaufsatz stand. Sogar die schlechte Gesellschaft mit der unsauberen Wäsche, den fleckigen Anzügen und den ungekämmten Galgenphysiognomien harmonierte so sehr mit seiner eigenen Erniedrigung, daß er eine wilde Freude empfand.
»Gestern sind wir im Tiergarten gewesen und haben gesoffen!« sagte der Dicke, um in der Erinnerung die verflossenen Genüsse noch einmal durchzukosten.
Dagegen hatte Falk nichts einzuwenden, und seine Gedanken schlugen sofort eine andere Richtung ein.
»Ist es nicht schön, einmal vormittags frei zu sein?« sagte der Lange, der die Rolle des Versuchers übernommen zu haben schien.
»Ja, das ist schön,« antwortete Falk und wollte mit einem Blick durch das Fenster seine Freiheit gewissermaßen messen, aber er sah nur eine Feuerleiter und einen Müllkasten auf dem Hof, auf den nur der schwache Widerschein des Sommerhimmels hinunterdrang.
»Jetzt trinken wir einen Schnaps! So! — Ah! — Nun, und der Triton? Hahahaha!«
»Du mußt nicht lachen,« sagte Falk; »es werden so viele arme Leute darunter leiden!«
»Was für arme Leute? Arme Kapitalisten? Hast du Mitleid mit Leuten, die nicht arbeiten, sondern von ihrem Gelde leben? Nein, mein Junge, du hast immer noch deine Vorurteile! Aber in der ›Hornisse‹ stand eine lustige Geschichte von einem Großhändler, der[S. 393] der Kinderkrippe Bethlehem 20000 Kronen geschenkt und dafür den Wasa-Orden bekommen hatte; nun stellt sich aber heraus, daß es Triton-Aktien mit solidarischer Haftung waren, und jetzt muß die Krippe Konkurs machen! Ist das nicht köstlich? Die Aktiva bestehen aus fünfundzwanzig Kinderbetten und einem Ölbilde eines unbekannten Meisters. Das ist doch herrlich! Das Porträt wird auf fünf Kronen geschätzt! Ist das nicht köstlich? Hahahaha!«
Falk fühlte sich von dem Thema, das er besser kannte als die andern, unangenehm berührt.
»Nun, hast du gesehen, daß das ›Rotkäppchen‹ den Schwindel mit Skönström entlarvt hat, der Weihnachten diese elenden Gedichte herausgegeben hat?« sagte der Dicke. »Es war direkt erfreulich, einmal ein wahres Wort über diesen Kerl zu lesen. Ich habe ihm in der ›Natter‹ ein paar Hiebe versetzt, daß es nur so pfiff.«
»Ja, aber du bist etwas ungerecht gegen ihn gewesen, seine Verse waren nicht schlecht,« sagte der Lange.
»Schlecht? Sie waren doch viel schlechter als meine, die das ›Graumützchen‹ so heruntergerissen hat — du erinnerst dich wohl!«
»Apropos, Falk, bist du im Tiergartentheater gewesen?« fragte der Lange.
»Nein.«
»Schade!«
»Da grassiert jetzt die Lundholmsche Räuberbande! Das ist ein frecher Lümmel, kann ich dir sagen. Er[S. 394] hatte der ›Natter‹ keine Billette geschickt, und als wir gestern hingingen, schmeißt er uns raus! Das soll er büßen! Willst du dir den Hund nicht vornehmen? Hier hast du Papier und Bleistift. Erst schreibe ich! ›Theater und Musik. Das Tiergartentheater.‹ Nun schreibst du.«
»Aber ich habe seine Truppe ja nicht gesehen!«
»Was tut das, zum Teufel? Hast du noch nie über etwas geschrieben, was du nicht gesehen hast?«
»Nein, das habe ich nicht; ich habe Schwindel entlarvt, aber ich habe nie Unschuldige angegriffen, und seine Truppe kenne ich nicht.«
»Oh, die ist elend! Lauter Pack!« bestätigte der Dicke. »Spitze deinen Bleistift und stich ihn in die Ferse, was du so gut kannst!«
»Warum stecht ihr nicht selbst?« fragte Falk.
»Weil die Setzer unseren Stil kennen, und die pflegen abends da draußen eine Rolle zu spielen. Übrigens ist Lundholm ein so jähzorniger Kerl, der kommt sicher ins Büro gerast, und dann muß man es ihm unter die Nase reiben können, daß es eine Meinungsäußerung eines Unparteiischen ist! Ja, wenn Falk über Theater schreibt, so nehme ich mir die Musik vor. Es ist doch in dieser Woche in der Kirche in Ladugaardsland ein Konzert gewesen. — Hieß er nicht Daubry mit y?«
»Nein, mit i,« antwortete der Dicke. »Vergiß nur nicht, daß er Tenor war und das Stabat mater gesungen hat!«
»Wie schreibt sich das?«
»Das können wir gleich nachsehen,« sagte der dicke[S. 395] Redakteur der ›Natter‹ und nahm einen Stoß schmieriger Zeitungen vom Gasmesserschrank.
»Hier hast du das ganze Programm, und ich glaube, es steht auch eine Rezension in der Zeitung.«
Falk konnte sich eines Lachens nicht erwehren.
»Es kann doch nicht eine Rezension drinstehen am selben Tag, wo die Annonce erscheint?«
»Das kann es schon! Aber es ist nicht nötig, denn ich werde dies französische Pack schon noch rezensieren. — Nimm du dir nur die Literatur vor, Dickus!«
»Schicken die Verleger der ›Natter‹ Bücher?« fragte Falk.
»Bist du verrückt?«
»Kauft ihr sie selbst, nur um das Vergnügen zu haben, sie zu rezensieren?«
»Kaufen? — Grünschnabel! Nimm dir noch ein Glas und mache ein heiteres Gesicht, dann kriegst du ein Kotelett!«
»Ihr lest wohl die Bücher gar nicht, die ihr rezensiert?«
»Wer sollte denn Zeit haben, Bücher zu lesen, he? Genügt es nicht, daß man darüber schreibt? Man liest die Zeitungen, das ist hinreichend! Übrigens ist es unser Prinzip, alle runterzumachen!«
»Aber das ist doch ein dummes Prinzip!«
»Unsinn! Dadurch zieht man alle Gegner und Neider der Dichter auf seine Seite — und da hat man doch die Majorität. Die Neutralen lesen lieber Grobheiten über andere als Lobesworte! Es liegt für den Unbeachteten etwas Erbauliches und Tröstliches darin, zu sehen, wie dornenvoll der Weg des Ruhms ist. Nicht wahr?«
[S. 396]
»Ja, aber wie kann man so mit den Schicksalen der Menschen umgehen!«
»Oh, das tut Alten und Jungen sehr gut, das weiß ich, denn ich habe in meiner Jugend nie etwas anderes als Grobheiten zu hören bekommen!«
»Aber ihr führt das Urteil des Publikums irre.«
»Das Publikum will gar kein Urteil haben, das Publikum will seine Passionen befriedigt sehen. Wenn ich deinen Gegner lobe, windest du dich wie ein Wurm und sagst, ich hätte kein Urteil; wenn ich deinen Freund lobe, sagst du, ich habe Urteil! Nimm dir das letzte Stück des Dramatischen Theaters vor, Dickus, das soeben veröffentlicht ist!«
»Bist du sicher, daß es schon erschienen ist?«
»Aber gewiß! Du kannst jedenfalls betonen, daß es keine Handlung hat; daß man das sagt, ist das Publikum gewohnt; ferner kannst du dich über die ›schöne Sprache‹ mokieren; das ist ein altes, gutes, abschätziges Lob, und dann falle über die Direktion des Theaters her, die das Stück angenommen hat; sprich auch davon, daß der sittliche Gehalt des Stückes zweifelhaft ist, das kann man immer sagen; sage aber nichts über die Aufführung, das ›verschieben wir auf ein andermal, aus Mangel an Raum‹, kannst du hinzufügen, dann verhaust du dich nicht, weil du doch das Zeug nicht gesehen hast.«
»Wer ist der Unglückliche, der dies Stück geschrieben hat?« fragte Falk.
»Das weiß man noch nicht!«
»Denkt doch an seine Eltern und Geschwister; vielleicht lesen sie diese Dinge, die ja höchst ungerecht sein können.«
[S. 397]
»Nun, was haben sie mit der ›Natter‹ zu tun? Sie wollten doch sicher etwas Abfälliges über ihre Gegner lesen; sei überzeugt: sie wissen genau, was die ›Natter‹ zu enthalten pflegt.«
»Ihr habt also kein Gewissen?«
»Hat das Publikum, das geehrte Publikum, das uns unterhält, Gewissen? Meinst du, wir würden leben, wenn sie uns nicht hielten? Willst du einen Erguß über den augenblicklichen Stand der Literatur hören, den ich geschrieben habe? Er ist nicht dumm, das kann ich dir sagen! Ich habe einen Abzug bei mir! Aber wir wollen erst ein Glas Porter trinken! Kellner! Pst! — Paß jetzt auf, dann sollst du was hören! Du kannst es auch auf dich beziehen, wenn du willst!«
»Seit langer Zeit hat man nicht solchen Jammer in der schwedischen Versfabrik gehabt; es ist ein Gewimmer, das zum Verzweifeln ist; große, ausgewachsene Männer winseln wie Katzen im März! Und diese Leute wollen, wenn sie auf andere Art nicht imstande dazu sind, das Interesse der Welt durch Bleichsucht und Polypen erregen; mit Schwindsucht wagen sie nicht zu kommen, das ist zu alt. Dabei haben sie einen Rücken so breit wie Bierwagenpferde und ein Gesicht so rot wie ein Weinzapfer. Da jammert einer über die Untreue des Weibes, der nie etwas anderes kennen gelernt hat als die bezahlte Treue der Hure; und jener andere, der da schreibt, er habe kein Gold, er habe nur seine Leier — so ein Lügner —, der hat fünftausend Kronen Zinsen jährlich und Anwartschaft auf einen Sitz in der Schwedischen Akademie. Und dieser[S. 398] treulose, zynische Spötter, der seinen Mund nicht auftun kann, ohne unreinen Atem auszustoßen, der predigt Gottseligkeit. Ihre Poesien sind nicht um ein Haar besser, als sie vor dreißig Jahren für Pastorentöchter in Gitarrenmusik gesetzt wurden; sie sollten für den Zuckerbäcker schreiben, für zwölf Pfennig den Zoll, nicht aber von Verlegern, Druckern und Rezensenten verlangen, sie zu Dichtern zu machen! Worüber schreiben sie? Über nichts, das heißt über sich selbst! Es ist unpassend, von sich selbst zu sprechen, aber schreiben darf man! Worüber jammern sie? Über ihre Unfähigkeit, Erfolg zu haben. Erfolg! Das ist das Wort! Hätten Sie einem einzigen Gedanken Ausdruck gegeben, der in irgendeinem andern, in der Epoche, in der Gesellschaft Wurzel schlüge; hätten sie ein einziges Mal sich zum Sprecher der Elenden gemacht, so sollten ihre Sünden ihnen verziehen sein, aber das haben sie nicht getan; deshalb sind sie ein tönendes Erz — nein, wie ein gellendes Eisen und eine zersprungene Narrenschelle — denn sie haben Liebe nur für die nächste Auflage von Bjurstens Literaturgeschichte, für die Schwedische Akademie und sich selbst! — Das ist scharf! Was?«
»Das ist ungerecht, finde ich,« sagte Falk.
»Ich finde es forsch,« sagte der Dicke. »Du mußt jedenfalls zugeben, daß es gut geschrieben ist. Nicht wahr? Der Lange hat eine Feder, die durch Sohlleder geht!«
»Haltet jetzt den Mund, Jungens, und schreibt, dann kriegt ihr nachher Kaffee und Kognak!«
[S. 399]
Und sie schrieben über Wert und Unwert der Menschen und knickten Herzen, wie man Eier zerschlägt.
Falk hatte ein unbeschreibliches Verlangen nach frischer Luft; er öffnete das Fenster nach dem Hof, aber es war ein so hoher, schmaler, dunkler Hof, in dem man sich wie in einem Grabe fühlte, und wo man nur ein Viereck vom Himmel sehen konnte, wenn man den Kopf nach hinten bog. Und er hatte auch das Gefühl, tief unten in seinem Grabe zu sitzen, mitten in Branntweindunst und Speisengerüchen, im Begriff, seine Jugend, seine guten Vorsätze und seine Ehre zu Grabe zu trinken; er versuchte an dem Flieder zu riechen, der auf dem Tisch stand, aber der verbreitete nur einen Duft von Fäulnis; er versuchte noch einmal durch das Fenster irgendeinen Gegenstand zu erspähen, der ihm keinen Ekel einflößte; doch er sah nur den frischgeteerten Müllkasten, der dastand wie ein Sarg mit seinem Inhalt von weggeworfenen Zieraten, ausgedienten Gebrauchsgegenständen; er ließ seine Gedanken die Feuerleiter hinaufklettern, die aus Schmutz und Gestank und Schande direkt in den blauen Himmel zu führen schien, aber da stiegen keine Engel auf und nieder, und hoch oben war kein freundliches Gesicht zu sehen, nur das leere blaue Nichts.
Falk faßte die Feder und begann die Buchstaben in der Überschrift »Theater« zu schraffieren, als eine kräftige Hand ihn beim Arm faßte und eine energische Stimme sagte:
»Komm mit, ich muß mit dir sprechen!«
[S. 400]
Falk blickte auf, betroffen und beschämt. Borg stand neben ihm und schien ihn nicht loslassen zu wollen.
»Darf ich vorstellen ...«, begann Falk.
»Nein, das darfst du nicht,« unterbrach Borg; »mit Branntweinliteraten möchte ich nicht bekannt werden. Komm nur mit!«
Und er zog Falk mit nach der Tür, unwiderstehlich.
»Wo ist dein Hut? So! Komm jetzt nur!«
Sie waren draußen auf der Straße; Borg faßte ihn unter und führte ihn nach dem Eisenmarkt; dort zog er ihn in einen Laden für Schiffsartikel und kaufte ein Paar Segelschuhe, darauf schleppte er ihn über die Schleuse nach dem Hafen hinunter; da lag ein Kutter vertäut, fertig zur Abfahrt; auf dem Kutter saß der junge Levi, studierte eine lateinische Grammatik und aß ein Butterbrot.
»Hier«, sagte Borg, »siehst du den Kutter Uria; das ist ein häßlicher Name, aber er fährt gut und ist beim Triton versichert; da sitzt der Reeder des Schiffes, der Judenjunge Isaak, und lernt Rabes Grammatik — der Idiot möchte studieren —, und nun bist du sein Lehrer für den Sommer; und jetzt fahren wir nach unserer Sommerfrische auf Nämdö. Alle Mann an Bord! Keine Widerrede! — Fertig? — Abfahrt!«
[S. 401]
Brief von Kandidat Borg an Journalist Struve
Nämdö, Juni 18..
Alter Skandalschreiber!
Da ich ganz sicher bin, daß weder Du noch Levin Eure Abschlagszahlungen auf unser Darlehn in der Schuhmacherbank geleistet habt, so schicke ich hiermit einen Schuldschein für ein neues Darlehn in der Baumeisterbank. Das wenige, was nicht für die Abschlagszahlungen draufgeht, ist christlich zu teilen; meinen Anteil bitte ich mir mit dem Dampfer nach Dalarö zu schicken, wo ich ihn mir abhole.
Bruder Falk habe ich jetzt einen Monat lang in meiner Behandlung gehabt, und ich glaube, er ist auf dem Wege der Besserung. Du erinnerst dich, daß er uns unmittelbar nach dem Olaischen Vortrag verließ und, statt sich seinen Bruder und seine Beziehungen zunutze zu machen, in die »Arbeiterfahne« eintrat, wo er für fünfzig Kronen monatlich mißhandelt wurde. Die freiheitliche Luft in der Kindstustraße muß aber demoralisierend auf ihn gewirkt haben, denn er begann bessere Leute zu meiden und sich schlecht zu kleiden.[S. 402] Ich hatte jedoch die ganze Zeit ein Auge auf ihn mit Hilfe der bewußten Dirne Beda, und als ich ihn für reif hielt, diese Kommunardbeziehungen abzubrechen, habe ich ihn geholt. Ich traf ihn in der Kneipe Stern, wo er mit zwei Skandalschreibern saß und Schnaps trank — ich glaube, sie schrieben auch! Sein Zustand bei dieser Abholung war, was ihr traurig nennen würdet! Wie du weißt, betrachte ich die Menschen mit dem Blick absoluter Gleichgültigkeit; ich nehme sie als geologisches Präparat, als Mineralien; einige kristallisieren in dem einen System, andere in einem andern; warum sie das tun, ja, das hängt von Gesetzen oder Umständen ab, denen gegenüber wir uns gleichgültig verhalten müssen; ich weine nicht über den Kalkspat, weil er nicht hart ist wie Bergkristall; deshalb kann ich Falks Lage auch nicht traurig nennen; sie ist ganz einfach das Produkt seines Temperaments (seines Herzens, wie ihr sagt), plus der Umstände, die sein Temperament hervorgerufen hat. Immerhin war er in diesem Falle etwas »down«. Ich brachte ihn an Bord, und er verhielt sich passiv. Aber gerade als wir losgemacht hatten und Fahrt bekamen, drehte er sich um, und da, ich weiß nicht, wie sie dahingekommen ist, stand die bewußte Beda am Ufer und winkte. Da wurde der Mann toll; er wolle an Land, schrie er, und drohte, ins Wasser zu springen. Ich nahm ihn beim Arm und steckte ihn in die Kajüte, worauf die Tür verschlossen wurde. Als wir an Vaxholm vorbeifuhren, gab ich zwei Briefe zur Post, einen an den Redakteur der »Arbeiterfahne« mit der Bitte, Falks dauerndes[S. 403] Ausbleiben zu entschuldigen, den andern an seine Wirtin, mit dem Ersuchen, seine Kleider hierher zu schicken.
Inzwischen beruhigte er sich, und als er das große Wasser und die Schären erblickte, wurde er sentimental und redete eine ganze Masse Unsinn, wie: er habe nicht geglaubt, Gottes (!) grüne Erde noch einmal wiederzusehen und so weiter. Dann aber überkam ihn eine Art Gewissensbisse. Er glaubte nicht das Recht zu haben, so glücklich zu sein und so in Muße genießen zu dürfen, wo so viele Menschen unglücklich seien; er meinte, seine Pflicht gegen den Lumpen von der »Arbeiterfahne« versäumt zu haben, und wollte umkehren; er erklärte auf meine schreckliche Beschreibung seiner letzten Zeit, es sei die Pflicht der Menschen, füreinander zu leiden und zu arbeiten. Diese Ansicht hat bei ihm einen religiösen Charakter angenommen. (Ich habe sie aber jetzt mit Selterwasser und Seebädern beseitigt.) Der Mann schien ganz kaputt zu sein, und ich habe viel Mühe gehabt, ihn zu kurieren, denn psychisch und physisch war hier schwer zu unterscheiden. Ich muß sagen: in gewisser Beziehung erregt er meine Verwunderung — bewundern tue ich nie. — Es muß eine besondere Manie sein, die ihn treibt, genau gegen seine Interessen zu handeln. Denke doch, wie gut er es gehabt hätte, wenn er in seiner ruhigen Beamtenkarriere geblieben wäre, besonders da der Bruder versprochen hatte, ihm in diesem Falle mit einer größeren Summe zu helfen. Statt dessen geht er hin und vertut sein Ansehen und wird der[S. 404] Sklave eines rohen Arbeiters — alles um der Ideen willen! Das ist zu wunderlich!
Jetzt scheint er jedoch in der Besserung zu sein, besonders nach der letzten Lektion. Kannst du Dir denken, er hat den Fischer hier draußen Herr genannt und hat den Hut vor ihm abgenommen. Außerdem hat er sich in kleine kordiale Unterhaltungen mit der Bevölkerung eingelassen und wollte sich informieren, wie sie lebten. Die Folge war, daß der Fischer es mit der Angst bekam und eines schönen Tages mich fragte, ob »dieser Falk« seine Miete selber bezahlen, oder ob der Herr Doktor (ich) das tun werde! Ich erzählte es Falk, und er war traurig, wie immer, wenn er seine gute Meinung von etwas verliert. Einige Zeit darauf sprach er über das allgemeine Wahlrecht mit dem Fischer; die Folge war, daß dieser zu mir kam und fragte, ob Falk in schlechten Verhältnissen sei.
In den ersten Tagen ist er hier am Strande umhergelaufen und hat sich wie ein Irrsinniger benommen; manchmal hat er lange Schwimmtouren gemacht, als wolle er überhaupt nicht wieder umkehren, und da ich den Selbstmord stets für eins der heiligsten Rechte des Menschen gehalten habe — denn er hat diese Gabe von der Natur empfangen —, so habe ich nicht in seine Gewohnheiten eingegriffen. Isaak erzählte, Falk habe ihm sein Herz ausgeschüttet über diese Nymphe Beda, die ihn gründlich hineingelegt zu haben scheint.
Übrigens Isaak, das ist ein feiner Kopf, kann ich Dir sagen. Er hat sich in einem Monat den Rabe einverleibt und liest den Cäsar, wie wir das »Graumützchen«[S. 405] lesen, und was mehr ist, er weiß, was drinsteht, was wir nie gewußt haben. Aber sein Kopf ist im Grunde rezeptiv, das heißt empfänglich, und dabei berechnend, und das ist eine Gabe, mit der mancher ein Genie geworden ist, obwohl er ein Dummkopf war. Seine praktische Veranlagung muß sich bisweilen Luft machen, und wir hatten neulich ein glänzendes Beispiel seines kaufmännischen Talents. Ich bin über seine pekuniäre Lage nicht orientiert, denn er ist in dieser Beziehung sehr geheimnisvoll, aber eines Tages legte er eine gewisse Unruhe an den Tag, denn er hatte ein paar hundert Kronen zu bezahlen. Da er sich nicht an den Bruder im Triton wenden konnte, mit dem er gebrochen hat, so kam er zu mir. Ich konnte ihm nicht helfen. Da nahm er einen Briefbogen und schrieb einen Brief, den er durch Eilboten befördern ließ; darauf war es einige Tage still.
Vor dem Hause, in dem wir wohnen, stand ein schönes Eichengehölz, das angenehmen Schatten gab und zugleich Schutz vor den Seewinden bot. Ich verstehe mich im allgemeinen nicht auf Bäume und Natur, aber ich liebe Schatten, wenn es heiß ist. Eines Morgens, als ich das Rouleau aufzog, fand ich mich nicht zurecht. Der Fjord lag frei vor den Fenstern, und eine Kabellänge vom Lande war eine Jacht verankert. Das ganze Eichengehölz war gefällt, und auf einem Baumstumpf saß Isaak, studierte Euklid und zählte die Bäume, die auf die Jacht gebracht wurden. Ich weckte Falk; er war verzweifelt und wütend und geriet in einen Wortwechsel mit Isaak, der bei diesem[S. 406] Geschäft tausend Kronen in die Tasche steckte. Der Fischer bekam zweihundert — er hatte nicht mehr verlangt. Ich war wütend — nicht wegen der Bäume, sondern weil ich nicht selber auf diese Idee gekommen war. Falk sagt, es sei unpatriotisch, Isaak aber behauptet, die Aussicht sei viel besser, nun da »dies Gestrüpp« entfernt sei, und er gedenkt in der nächsten Woche sich ein Boot zu nehmen und die Nachbarinseln zu dem gleichen Zweck zu besuchen. Die Frau des Fischers hat den ganzen Tag geweint, doch der Alte fuhr nach Dalarö, um ihr ein hübsches Kleid zu kaufen; er blieb zwei Tage lang weg, und als er wiederkam, war er besoffen, aber das Boot war leer, und als seine Frau nach dem Stoff fragte, erklärte der Alte, er habe ihn vergessen.
Adieu einstweilen! Schreibe bald und erzähle ein paar Skandalgeschichten, und besorge das mit dem Darlehn gut!
Dein Todfeind und Bürge
H. B.
P. S. Ich habe aus den Zeitungen ersehen, daß man im Begriff ist, eine Beamtenbank zu gründen. Wer wird da Geld hineinstecken? Behalte das jedenfalls im Auge, dann können wir später ein Papierchen anbringen.
Bitte die folgende Notiz hinsichtlich meiner bevorstehenden Promotion ins »Graumützchen« zu lancieren:
Wissenschaftliche Entdeckung. Cand. med. Henrik Borg, einer unserer jüngeren, bedeutenderen Ärzte,[S. 407] hat bei seinen zootomischen Forschungen in den Stockholmer Schären eine neue Art der Familie Clypeaster entdeckt, der er den sehr treffenden Namen maritimus gegeben hat. Der Charakter läßt sich kurz folgendermaßen bestimmen: Hautplatten in fünf mit Poren durchbohrten Ambulacralfeldern und fünf Interambulacralfelder mit Knöpfen an Stelle der Stacheln. Das Tier hat in der gelehrten Welt lebhafte Aufmerksamkeit erregt.
Brief von Arvid Falk an Beda Petterson.
Nämdö, August 18..
Wenn ich am Meeresstrande wandere und sehe, wie der Weiderich aus Schreibsand und Kieselsteinen emporsprießen kann, denke ich daran, wie Du einen ganzen Winter lang in einem Krug in der Neuen Straße blühen konntest.
Ich kenne nichts Lieblicheres, als lang ausgestreckt auf den Strandklippen zu liegen und zu fühlen, wie die Gneisscherben meine Rippen kitzeln, während ich aufs Meer hinausschaue; denn dann werde ich hochmütig und fühle mich als Prometheus, aber der Geier — das bist Du — muß in einem Federbett in der Sandbergstraße liegen und Quecksilber schlucken.
Am Tang hat man keine Freude, wenn er auf dem Meeresgrunde wächst; kommt er aber an Land und vermodert, dann riecht er nach Jod, das ist gut für die Liebe, und nach Brom, und das ist gut für Verrücktheit.
[S. 408]
Es gab keine Hölle auf Erden, bevor das Paradies ganz fertig war, das heißt bevor das Weib kam! (Alt!)
Weit draußen im Meer wohnt ein Eiderpaar in einer ausgesetzten Schnupftabakkiste. Wenn man weiß, daß die Eider zwei Fuß zwischen den Flügelspitzen messen, so muß man an ein Wunder denken — und die Liebe ist ein Wunder! Ich habe jetzt in der ganzen Welt nicht mehr Platz!
Brief von Beda Pettersson an Assessor Falk.
Stockholm, August 18..
Geliebter Freund!
Ich erhielt Deinen Brief gerade eben, aber ich kann nicht sagen, daß ich ihn verstanden habe; aber ich hörte, daß Du denkst, ich bin in der Sandbergstraße, aber das ist eine ewige Lüge, und ich kann mir wohl denken, daß dieser Lump sie verbreitet hat, es ist eine ewige Lüge, und ich beteure, daß ich Dich noch ebensosehr liebe wie früher, ich sehne mich oft danach, Dich zu sehen, aber das wird wohl so bald nicht geschehen.
Deine getreue Beda.
Postskriptum. Lieber Arvid, wenn Du mir bis zum 15. mit dreißig Kronen helfen könntest, wärst Du sehr lieb, Du bekommst sie am 15. bestimmt zurück, denn dann bekomme ich selber Geld. Ich bin sehr krank gewesen und bin manchmal so traurig, daß ich sterben möchte. Die Mamsell im Café war ein Unmensch, sie war eifersüchtig auf mich wegen des dicken Berglund, deshalb bin ich da ausgetreten. Alles,[S. 409] was sie über mich reden, ist nur Verleumdung und Lüge. Laß es Dir immer gutgehen und vergiß nicht
Deine
Dieselbe.
Du kannst das Geld an Hulda im Café schicken, dann bekomme ich es.
Brief von Kandidat Borg an Journalist Struve.
Nämdö, August 18..
Konservativer Schurke!
Hast Du das Geld unterschlagen? Erstens habe ich keins zu sehen bekommen, zweitens habe ich einen Mahnbrief von der Schuhmacherbank erhalten. Denkst Du, man darf stehlen, weil »man Weib und Kind hat«? Schreibe sofort, oder ich komme in die Stadt und mache Skandal!
Die Notiz habe ich gelesen, aber natürlich mußten Druckfehler drin sein: da stand zoologische statt zootomische und Crypeaster statt Clypeaster. Ich hoffe, sie hat trotzdem gewirkt.
Falk ist total verrückt geworden, seit er dieser Tage einen Brief von Damenhand bekommen hat. Bald klettert er die Bäume hinauf, bald taucht er auf den Meeresgrund hinunter. Das ist wahrscheinlich die Krisis, — nachher werde ich vernünftig mit ihm reden.
Isaak hat seine Jacht verkauft, ohne mich um meine Zustimmung zu fragen, weshalb wir momentan verfeindet sind; er liest jetzt das zweite Buch Livius und ist im Begriff, eine Fischerei-Aktiengesellschaft zu gründen.
[S. 410]
Außerdem hat er ein Strömlingsnetz gekauft, eine Seehundsflinte, 25 Pfeifenschäfte, eine Lachsleine, zwei Barschnetze, einen Netzschuppen und — eine Kirche. Dies letzte klingt unglaublich, ist aber wahr! Sie ist freilich von den Russen etwas angesengt worden (1719), aber die Mauern stehen noch (die Gemeinde hat eine neue Kirche, die auf die gewöhnliche Art benutzt wird; die alte diente als Speicher). Er gedenkt sie der Akademie der Wissenschaften zum Geschenk zu machen, um den Wasa-Orden zu bekommen. Man hat ihn schon für weniger gekriegt! Sein Onkel, der Gastwirt ist, bekam den Wasa-Orden dafür, daß er die Taubstummen mit Bier und Butterbrot traktierte, wenn sie im Herbst in der Reitbahn waren. Das hat er sechs Jahre lang getan, aber schließlich ist es geglückt. Jetzt bekommen die Taubstummen kein Butterbrot mehr, ein Beweis, wie schädlich der Wasa-Orden ist.
Wenn ich den Kerl nicht ersäufe, ruht er nicht eher, bis er ganz Schweden aufgekauft hat.
Raffe Dich jetzt auf und sei redlich, sonst komme ich über Dich wie Jehu, und dann bist Du verloren.
H. B.
P. S. Wenn Du Notizen über Badegäste in Dalarö schreibst, so nenne mich und Falk (Assessor), aber nicht Isaak; ich beginne mich von seiner Gesellschaft etwas geniert zu fühlen — und da ging er hin und verkaufte die Jacht.
Schicke mir ein paar Wechselformulare (blaue, Sola-) mit, wenn das Geld kommt.
[S. 411]
Brief von Kandidat Borg an Journalist Struve.
Nämdö, September 18..
Ehrenmann! Moneten eingetroffen! Schienen gewechselt zu sein, denn die Baumeisterbank pflegt immer in Schonenschen Fünfzigkronenscheinen zu zahlen. Nun! Einerlei!
Falk ist gesund und hat die Krise wie ein Mann überstanden; er hat wieder Selbstgefühl bekommen, ein sehr wichtiges Organ für unser Vorwärtskommen im Leben, das aber, wie die Statistik beweist, in hohem Grade geschwächt ist bei Kindern, die ihre Mutter früh verlieren. Ich habe ihm jetzt ein Rezept gegeben, das er akzeptiert hat, um so mehr, als er selbst auf den Gedanken gekommen ist. Er kehrt zu der Beamtenlaufbahn zurück — ohne Geld von dem Bruder anzunehmen (das ist seine letzte Dummheit, und ich kann sie nicht respektieren); kehrt zurück in die Gesellschaft, registriert sich in die Herde ein, wird respektabel, erlangt eine gesellschaftliche Stellung und hält den Mund — so lange, bis sein Wort Autorität hat. Dies letzte ist unbedingt notwendig, wenn er weiterleben soll, denn er hat Anlage zum Wahnsinn und würde verdunsten, wenn er sich nicht alle seine Ideen aus dem Kopf schlüge, — die ich im Grunde nicht verstehe; ich glaube auch nicht, daß er selber sagen kann, was er eigentlich will.
Er hat die Kur schon angefangen, und ich staune über die Fortschritte, die er macht. Er endet bestimmt in irgendeiner Hofcharge. So dachte ich; jawohl![S. 412] Aber da ist ihm jetzt ein Zeitungsblatt in die Hände gefallen, und darin hat er von der Pariser Kommune gelesen. Sofort bekam er einen Rückfall und fing wieder an, auf die Bäume zu klettern — doch es gab sich, und jetzt wagt er keine Zeitung mehr anzusehen. Er hat jedoch kein Wort gesagt. Ihr könnt euch alle vor dem Mann in acht nehmen, wenn er einmal fertig ist!
Isaak hat jetzt mit dem Griechischen angefangen! Er findet die Lehrbücher sehr dumm und sehr lang, deshalb nimmt er sie auseinander und schneidet das Wichtigste heraus; das klebt er in ein Kontobuch, das er sich als Kompendium für das Abiturium eingerichtet hat.
Die zunehmenden Kenntnisse in den klassischen Sprachen machen ihn aber frech und unangenehm. Er hat neulich beim Schach mit dem Pastor über Religion zu disputieren gewagt und dabei behauptet, das Christentum sei von den Juden erfunden, und alle Christen seien Juden. Das Lateinische und Griechische ist ein Verderb! Ich fürchte, ich habe einen Lindwurm an meinem bärtigen Busen genährt; wenn es so ist, so muß des Weibes Same der Schlange den Kopf zertreten.
Adieu.
H. B.
P. S. Falk hat sich seinen amerikanischen Bart abrasiert und nimmt vor den Fischern nicht mehr den Hut ab.
Jetzt wirst Du aus Nämdö nichts mehr von uns hören; wir kehren am Montag in die Stadt zurück.
[S. 413]
Und es ist wieder Herbst; es ist ein klarer Novembermorgen, als Arvid Falk sich von seiner jetzigen eleganten Wohnung in der Großen Straße nach dem ....manschen Mädchenpensionat am Karlsmarkt begibt, wo er als Lehrer für Schwedisch und Geschichte eintreten soll. Er hat die Herbstmonate gut genutzt, um sich wieder in die zivilisierte Gesellschaft hineinzufinden, und hat dabei erfahren, was für ein Barbar er auf seinen Streifzügen geworden war; er hat seinen Räuberhut abgelegt und sich einen neuen hohen angeschafft, der anfangs gar nicht sitzen wollte; er hat sich Handschuhe gekauft, war aber so verwildert, daß er, als das Fräulein im Laden nach seiner Nummer fragte, fünfzehn antwortete, was einiges Lächeln bei den vielen Verkäuferinnen hervorrief; die Mode hatte große Veränderungen durchgemacht, seit er sich zuletzt einen Anzug gekauft hattet; er kommt sich vor wie ein Stutzer, wenn er durch die Straßen geht, und spiegelt sich dann und wann in den Schaufenstern, um zu sehen, ob alles ordentlich sitzt. Jetzt geht er auf dem Trottoir[S. 414] vor dem Dramatischen Theater auf und ab und wartet, daß die Uhr von Sankt Jakob neun schlagen soll; er fühlt sich unruhig und erregt, ganz als solle er selber in die Schule gehen; das Trottoir ist zu kurz, und er meint wie ein Hund an einer Kette zu laufen, wenn er wieder und immer wieder in seinen Spuren umkehrt; einen Augenblick denkt er ernstlich daran, die Promenade etwas weiter auszudehnen, denn er weiß, daß man nach Lill-Jans kommt, wenn man die Straße verfolgt, und er erinnert sich des Morgens, als das gleiche Trottoir ihn aus der Gesellschaft, die er floh, zur Freiheit, zur Natur und — zur Sklaverei hinausführte.
Es wird neun Uhr! Er steht auf dem Flur; die Türen zur Aula sind geschlossen; im Zwielicht sieht er so viele kleine Kleidungsstücke an den Wänden umherhängen; Hüte, Boas, Häubchen, Kapuzen, Handschuhe, Muffe liegen auf dem Tisch und in den Fensternischen, und auf dem Fußboden stehen ganze Regimenter von Überschuhen. Aber es riecht nicht nach feuchten Kleidern und nassem Leder wie im Vestibül des Reichstags oder im Arbeiterverein Phönix, oder — oh, da strich ein Duft wie von frischgemähtem Heu vorbei — der kam bestimmt von dem kleinen Muff, der weiß ist wie ein Kätzchen mit schwarzen Flecken; blauseidenes Futter hat er und hängende Quasten; er kann nicht umhin, ihn in die Hand zu nehmen und das Parfüm New-mown hay zu riechen — aber da öffnet sich die Flurtür, und herein kommt eine kleine Zehnjährige, von ihrem Fräulein begleitet; sie sieht[S. 415] den Lehrer mit großen, unerschrockenen Augen an und macht einen kleinen koketten Knix, den der Lehrer fast verlegen mit einer Verbeugung erwidert, über die die kleine Schönheit lächelt, und das Fräulein auch! Sie kommt zu spät, aber das scheint sie nicht anzufechten, denn sie läßt sich von dem Fräulein Mantel und Überschuhe mit so ruhiger Miene ausziehen, als komme sie zu einem Ball. Da — was dringen da für Töne aus dem Zimmer — ihm klopft das Herz —, was war das? — Ah! Das war ja die Orgel! Hm! Die alte Orgel! Jawohl!
Und ein ganzes Heer von Kinderstimmen singt: »Jesus, laß mich stets beginnen.« Ihm ist nicht ganz wohl, und er muß an Borg und Isaak denken, um die Fassung wiederzugewinnen. Aber nun wird es noch schlimmer. »Vater unser, der du bist im Himmel!« — Herrgott, ja! Das alte Vaterunser! Das ist lange her ... Es wird still, so still, daß man das ganze Heer kleiner Köpfe sich aufrichten und Kragen und Schürzen knistern hört, und dann öffnen sich die Türen, und ein ganzes Blumenbeet junger Mädchen von acht bis vierzehn Jahren wogt hin und her. Er wird verlegen und kommt sich fast wie ein ertappter Dieb vor, als die alte Vorsteherin ihm die Hand reicht und ihn willkommen heißt; da entsteht eine Bewegung im Blumenbeet, und es wird geflüstert, und Blicke werden gewechselt, und es wird getuschelt und gezischelt.
Und jetzt sitzt er an dem einen Ende eines langen Tisches, umgeben von zwanzig frischen Gesichtern mit[S. 416] frohen Blicken, zwanzig Kindern, die das bitterste Leid des Erdenlebens, die Demütigungen der Armut, nie kennen gelernt haben; und sie begegnen seinen Blicken keck und neugierig, er aber ist verlegen, bis er sich zusammennimmt; bald aber ist er sehr intim mit Anne-Charlotte und Georgine und Lisen und Henny, und der Unterricht ist ein Vergnügen; fünf muß gerade sein, und Ludwig XIV. und Alexander sind wieder große Männer, wie alle, die Erfolg gehabt haben, und die Französische Revolution war ein entsetzliches Ereignis, das für den edlen Ludwig XVI. und die tugendsame Marie Antoinette ein schlimmes Ende nahm, und so ähnlich. Und als er dann nachher ins Amt für Heubelieferung der Kavallerieregimenter ging, fühlte er sich ganz warm und verjüngt.
In dem besagten Kollegium, wo er den »Konservativen« las, saß er bis elf Uhr, dann ging er in die Kanzlei für Branntweinfabrikation. Dort aß er Frühstück und schrieb zwei Briefe — an Borg und Struve.
Punkt eins ist er im Departement für Erbschaftssteuern. Dort kollationiert er eine Vermögensaufnahme, an der er hundert Kronen verdient, worauf er bis zum Mittagessen noch so viel Zeit hat, Korrektur einer neu durchgesehenen Auflage des Forstgesetzes zu lesen, die er herausgibt. Und so wird die Uhr drei. Wer dann über den Ritterhausmarkt geht, wird auf der Brücke einem jungen Herrn begegnen, der eine wichtige Miene aufsetzt und, mit Dokumentenrollen in den Taschen, die Hände auf dem Rücken verkreuzt, gemächlich dahinwandert neben einem alten, mageren, graugesprenkelten[S. 417] Herrn in den Fünfzigern. Das ist der Aktuar aus dem Erbschaftsamt. Alle, die im Bereich der Stadt sterben, müssen diesem Manne angeben, was sie besitzen; davon erhebt er seine Prozente; einige sagen, das sei sein Amt, andere meinen, er repräsentiere die Erde und müsse aufpassen, daß die Gestorbenen nichts mit wegnehmen von hier, wo alles ein Darlehn ist — ein zinsloses Darlehn! Jedenfalls ist er ein Mann, der sich mehr für die Toten als für die Lebenden interessiert; deshalb fühlt Falk sich in seiner Gesellschaft so wohl; daß er sich an Falk anschließt, hat seinen Grund darin, daß dieser gleich ihm selber Münzen und Autographen sammelt, und daß er so frei von Opposition ist, etwas so Ungewöhnliches bei jungen Leuten. Nun gehen die beiden alten Freunde zu Rosengren, wo sie ziemlich sicher davor sind, junge Leute zu treffen, und wo sie über Numismatik und Autographie sprechen. Darauf trinken sie Kaffee auf einem Sofa bei Rydberg und sehen Münzkataloge durch bis sechs Uhr; dann kommt die Postzeitung, und sie lesen die Ernennungen. Sie fühlen sich gegenseitig in ihrer Gesellschaft so glücklich, denn sie geraten nie in Streit; Falk ist so frei von Ansichten, daß er der liebenswürdigste Mensch geworden ist; daher ist er bei Vorgesetzten und Kollegen gleich beliebt und geschätzt. Manchmal bleiben sie noch zusammen, essen dann in der »Hamburger Börse« und trinken nachher einen Bittern, vielleicht auch zwei, im Opernkeller. Wenn man sie dann um elf Uhr nach Ladugaardsland hinaufpilgern sieht, Arm in Arm, so ist das wirklich ein erfreuliches[S. 418] Bild. Er ist sehr oft zu Diners und Soupers in Familien geladen, bei denen Borgs Vater ihn eingeführt hat; die Damen finden ihn interessant, aber sie wissen nie, wie sie mit ihm dran sind, denn er lächelt immer und sagt ihnen bisweilen reizende Bosheiten.
Wenn er aber das Familienleben und die gesellschaftliche Lüge satt hat, dann geht er hinunter ins Rote Zimmer; dort trifft er den schrecklichen Borg, seinen Bewunderer Isaak, seinen heimlichen Feind und Neider Struve, der nie Geld hat, und den sarkastischen Sellén, der nun allmählich beginnt, zum zweitenmal Glück zu haben, nachdem all seine Nachahmer das Publikum an die neue Manier gewöhnt haben. Lundell, der mit dem religiösen Gefühl Schluß gemacht hat, als sein Altarbild vollendet war, lebt jetzt vom Porträtmalen, eine Beschäftigung, die unendlich viele Einladungen zu Diners und Soupers mit sich bringt, die er für das Studium der Charaktere für unerläßlich erklärt; er ist ein fetter Epikuräer geworden, der nur immer dann ins Rote Zimmer kommt, wenn er nassauern möchte. Olle, der noch immer bei dem Ornamentbildhauer arbeitet und düster und menschenfeindlich ist nach seiner großen Niederlage als Politiker und Redner, will die Gesellschaft nicht »genieren«, sondern bleibt für sich. Falk ist feurig und wild, wenn er ins Rote Zimmer kommt, und Borg meint, viel Ehre mit ihm einzulegen; ja, er ist ein wirklicher Sappeur, dem nichts heilig ist — außer der Politik; an die rührt er nie. Aber sieht er dann,[S. 419] wenn er zur Belustigung der andern seine Raketen abbrennt, auf der andern Seite des Saales durch die Rauchwolken den düsteren Olle, so wird er finster wie eine Nacht auf dem Meer und nimmt große Quantitäten starker Getränke zu sich, als wolle er ein Feuer auslöschen oder verbrennen. Jetzt aber hat Olle sich schon lange nicht mehr blicken lassen.
[S. 420]
Der Schnee fällt so leicht, so leise, so weiß auf die neue Königsholmbrücke, als Falk und Sellén abends an der Feuermühle und dem Seraphimlazarett vorbeiwandern, um Borg ins Rote Zimmer abzuholen.
»Merkwürdig, was der erste Schnee für einen, ich will nicht gerade sagen feierlichen Eindruck macht,« sagte Sellén. »Die schmutzige Erde wird ...«
»Bist du sentimental?« unterbrach Falk höhnisch.
»Nein, ich äußerte mich nur als Landschaftsmaler.«
Sie gingen schweigend weiter durch den Schnee, der ihnen um die Füße wirbelte.
»Der Königsholm mit seinen Lazaretten ist mir immer etwas unheimlich vorgekommen,« bemerkte Falk.
»Bist du sentimental?« sagte Sellén höhnisch.
»Nein, das bin ich nicht, aber dieser Stadtteil macht immer einen gewissen Eindruck auf mich.«
»Ach, Unsinn! Er macht gar keinen Eindruck; das ist ein Irrtum von dir! Sieh, jetzt sind wir da, und bei Borg ist Licht. Mich soll wundern, ob er heute abend ein paar nette Leichen hat.«
Sie standen jetzt vor der Pforte des Instituts; das riesige Gebäude blickte mit seinen großen, dunklen[S. 421] Fenstern auf sie nieder, als wolle es fragen, wen sie zu dieser späten Stunde suchten; sie wateten durch den Gang an dem Rondell vorbei und betraten das kleine Gebäude rechts. Ganz hinten im Saal saß Borg allein bei seiner Lampe und arbeitete an dem Körper eines abgeschnittenen Gehängten, den er auf die furchtbarste Art entstellt hatte.
»Guten Abend, Kinder,« sagte Borg und legte das Messer hin. »Wollt ihr einen Bekannten sehen?«
Er wartete nicht auf die Antwort, die ausblieb, sondern steckte eine Laterne an, griff nach seinem Überzieher und nahm ein Schlüsselbund in die Hand.
»Ich hätte nicht gedacht, daß wir hier Bekannte haben,« sagte Sellén, der den Humor nicht verlieren wollte.
»Kommt!« sagte Borg.
Sie gingen über den Hof nach dem großen Gebäude; die Tür kreischte und schloß sich hinter ihnen, und der Stearinlichtstumpf, der bei dem letzten Kartenspiel übriggeblieben war, warf seinen roten, machtlosen Schein über die weißen Wände. Die beiden Fremden versuchten in Borgs Gesicht zu lesen, ob es sich um einen Scherz handle, aber da stand nichts geschrieben.
Jetzt bogen sie links in einen Korridor ein, in dem der Laut ihrer Schritte widerhallte, als gehe jemand hinter ihnen her. Falk hielt sich dicht hinter Borg, um Sellén im Rücken zu wissen.
»Hier!« sagte Borg und blieb mitten im Gang stehen.
Keiner sah etwas anderes als Wände. Aber man hörte ein Geräusch wie einen sachten Regen, und ein[S. 422] sonderbarer Duft wie von einem feuchten Gartenbeet oder einem Nadelwald im Oktober schlug ihnen entgegen.
»Rechts!« sagte Borg.
Die rechte Wand war aus Glas, und hinter ihr sah man drei weiße Körper auf dem Rücken liegen.
Borg holte einen Schlüssel heraus, öffnete die Glastür und ging hinein.
»Hier!« sagte er und blieb vor dem zweiten von den dreien stehen.
Es war Olle! Er hatte die Arme über der Brust verkreuzt, als halte er Mittagsschlaf; die Lippen hatten sich nach oben gezogen, so daß er zu lächeln schien; im übrigen war er gut erhalten.
»Ertrunken?« fragte Sellén, der sich zuerst faßte.
»Ertrunken. — Kennt einer von euch seine Kleider?«
An der Wand hingen drei traurige Hüllen, unter denen Sellén sofort die richtige herausfand, eine blaue Joppe mit Matrosenknöpfen und eine schwarze Hose mit weißen Knien.
»Bist du ganz sicher?«
»Ich muß doch meinen eigenen Rock kennen, — den ich von Falk gepumpt habe.«
Aus der Brusttasche der Joppe holte Sellén ein großes, sehr dickes Notizbuch heraus, das von Wasser klebrig und mit grünen Algen behängt war, die Borg enteromorph nannte. Er öffnete es beim Lichtschein und sah den Inhalt durch — ein paar verfallene Pfandscheine und ein Stoß beschriebener Zettel, auf denen geschrieben stand: »An den, der es lesen will!«
[S. 423]
»Habt ihr jetzt genug gegafft?« sagte Borg. — »Dann gehen wir nach der Piperschen Mauer!«
Die drei Trauernden (Freunde war ein Wort, das nur von Lundell und Levin angewendet wurde, wenn sie Geld haben wollten) konstituierten sich in der nächsten Kneipe als Ausschuß des Roten Zimmers. Bei einem flammenden Feuer im Ofen und einer Batterie starker Getränke begann Borg die Verlesung der nachgelassenen Papiere, mußte aber dann und wann Falks Fertigkeit als Autograph in Anspruch nehmen, denn das Wasser hatte die Tinte verwischt, so daß es aussah, als habe der Schreiber geweint, wie Sellén scherzhaft bemerkte.
»Still jetzt!« sagte Borg und trank seinen Grog mit einer Grimasse, daß die Backenzähne zu sehen waren. »Jetzt fange ich an, und bitte mich nicht zu unterbrechen!«
»An den, der es lesen will!
Daß ich mir jetzt das Leben nehme, ist mein Recht, um so mehr, als ich damit in die Rechte keines andern Menschen eingreife, sondern vielmehr einen glücklich mache, wie man es nennt; ein Arbeitsposten und 400 Kubikfuß Luft täglich werden frei.
Ich begehe diese Tat nicht aus Verzweiflung, denn ein denkender Mensch verzweifelt nie, sondern ziemlich ruhigen Herzens; daß ein solcher Schritt Erregung hervorrufen muß, wird man wohl verstehen; diese Handlung aus Furcht vor dem, was hinterher kommt, aufzuschieben, vermag wohl nur der Erdensklave, der diesen Vorwand sucht, um hierbleiben zu dürfen, wo[S. 424] er es sicherlich nicht so schlecht gehabt hat. Ich fühle mich befreit bei dem Gedanken, dies Dasein verlassen zu dürfen, denn schlechter kann ich es nicht bekommen, wohl aber besser. — Bekomme ich überhaupt nichts, — so ist der Tod an sich schon eine Seligkeit, so groß wie die, nach schwerer körperlicher Arbeit in einem guten Bett schlafen zu dürfen; wer beobachtet hat, wie dann der Körper sich gewissermaßen in allen Gliedern löst und die Seele sich allmählich fortstiehlt, der wird den Tod nicht fürchten.
Wenn die Menschen so viel Aufhebens von dem Tode machen, so liegt das daran, daß sie sich zu tief in die Erde eingegraben haben, als daß sie das Herausreißen nicht schmerzlich empfinden müssen. Ich habe mich längst losgemacht; keine Familienbande, keine wirtschaftlichen, keine staatsrechtlichen oder juristischen Bande halten mich, und ich gehe von hinnen, weil ich ganz einfach die Lust zum Leben verloren habe. Keineswegs will ich damit andere, denen es gutgeht, auffordern, zu tun, was ich tue; sie haben ja keinen Grund dazu und können deshalb meine Tat nicht beurteilen; ob sie feig ist oder nicht, darüber habe ich nicht nachgedacht, denn das ist gleichgültig; übrigens ist es eine Angelegenheit ganz privater Natur. Ich habe nie darum gebeten, hierherkommen zu dürfen; folglich habe ich das Recht, zu gehen, wann es mir paßt.
Warum ich gehe? Das hat viele und tiefe Gründe, und ich habe weder die Zeit noch die Fähigkeit, sie hier auseinanderzusetzen. Deshalb halte ich mich an[S. 425] die nächsten, die für mich und meine Tat besondere Bedeutung haben.
In meiner Kindheit und Jugend war ich Arbeiter; ihr, die ihr nicht wißt, was es heißt, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang zu arbeiten, um dann in einen tierischen Schlaf zu versinken, ihr habt euch dem Fluch des Sündenfalls entzogen — denn es ist ein Fluch, zu fühlen, wie die Seele in ihrem Wachstum stillsteht, während der Körper sich in die Erde hineinwühlt. Geh hinter dem Ochsen her, der den Pflug zieht, und laß tagaus, tagein das Auge an der grauen Erdscholle haften, so wirst du schließlich vergessen, zum Himmel aufzublicken; steh mit dem Spaten da und hebe in brennender Sonnenhitze einen Graben aus, und du wirst empfinden, wie du in den sumpfigen Boden einsinkst und deiner Seele das Grab gräbst. Das wißt ihr nicht, die ihr euch's den ganzen Tag über wohl sein laßt und in einer müßigen Stunde zwischen Frühstück und Mittag arbeitet, um dann eure Seelen im Sommer auszuruhen, wenn die Felder grün sind, — wenn ihr die Natur genießt wie ein Schauspiel, das veredelt und erhebt. Für den Erdarbeiter ist die Natur so nicht vorhanden; der Acker ist Brot, der Wald Holz, das Meer ein Waschfaß, die Wiese Käse und Milch — alles ist Erde ohne Seele. Als ich sah, daß die eine Hälfte der Menschheit mit ihren Seelen, die andere mit ihren Körpern arbeitete, da dachte ich anfangs, die Welt habe zwei Arten von Menschen vorgesehen; aber dann kam die Vernunft und stellte das in Abrede. Da empörte sich meine[S. 426] Seele, und ich beschloß, mich ebenfalls dem Fluch des Sündenfalls zu entziehen — und ich wurde Künstler.
Den vielbesprochenen Künstlertrieb kann ich analysieren, da ich ihn selber besessen habe. Er beruht zunächst auf einer breiten Basis von Sehnsucht nach Freiheit, nach Befreiung von nützlicher Arbeit; deshalb hat auch ein deutscher Philosoph das Schöne als das Unnützliche definiert; denn wenn ein Kunstwerk nützlich sein will, eine Absicht oder eine Tendenz verrät, so ist es schlecht; ferner beruht dieser Trieb auf Hochmut; der Mensch will in der Kunst Gott spielen, nicht als ob er etwas Neues schaffen könnte (das kann er nicht!), sondern er will umgestalten, verbessern, zusammenstellen. Er fängt nicht damit an, die Vorbilder, das heißt die Natur, zu bewundern, sondern er fängt mit Kritik an. Man findet alles so mangelhaft und will es besser machen. Dieser Hochmut, der einen treibt, und diese Befreiung vom Fluch des Sündenfalls, der Arbeit, bewirkt, daß der Künstler über andern Menschen zu stehen glaubt, was er in gewisser Weise auch tut; aber er muß sich beständig hieran erinnern, sonst kommt er leicht hinter seine eigenen Schliche — das heißt er erkennt, wie nichtig seine Tätigkeit und wie unberechtigt seine Flucht vor dem Nützlichen ist. Dies ständige Bedürfnis, seine unnütze Arbeit anerkannt zu sehen, macht ihn eitel, unruhig und oft tief unglücklich; wird er sich über sich selbst klar, so hört häufig sein Produktionsvermögen auf, und er geht unter, denn zurückkehren ins Joch, wenn[S. 427] er einmal die Freiheit gekostet hat, das kann nur der Religiöse.
Einen Unterschied zwischen Genie und Talent zu machen, das Genie als eine neue Eigenschaft hinzustellen, ist dumm, denn dann müßte man auch an die besondere Offenbarung glauben. Der größte Künstler hat gewisse Anlagen zu einer technischen Fertigkeit bekommen; ohne Übung sterben diese; deshalb hat jemand gesagt: Genie sei Fleiß; das kann man sagen; ebensogut wie so vieles andere, was zu einem Viertel wahr ist: kommt Bildung hinzu (was nicht häufig ist, weil Wissen bald zur Erkenntnis des Irrtums führt, so daß der Gebildete sich selten der Kunst zuwendet) und ein guter Verstand, so entsteht das Genie als Produkt einer ganzen Reihe von günstigen Umständen.
Ich verlor bald den Glauben an das Höhere in meinen Neigungen (meinem Beruf, Gott behüte mich), denn meine Kunst konnte keine einzige Idee ausdrücken, sie konnte allenfalls den Körper darstellen in der Situation, die eine den Gedanken begleitende Gemütsbewegung zu bezeichnen scheint, — konnte also aus dritter Hand einen Ausdruck geben. Das ist wie der Feldtelegraph — sinnlos für alle, die nicht die Bedeutung der Signale kennen. Ich sehe nur eine rote Flagge, der Soldat aber sieht den Befehl: Vorgehen! Übrigens hat bereits Plato, der doch ein so feiner Kopf und dazu ein Idealist war, das Nichtige der Kunst erkannt, als einen Schein vom Schein (der Wirklichkeit), weshalb er aus seinem Idealstaat auch den Künstler vertrieb. Es war ihm Ernst.
[S. 428]
Da versuchte ich in die Sklaverei zurückzukehren, aber das war unmöglich. Ich versuchte in ihr meine höchste Pflicht zu finden, ich versuchte zu resignieren, aber das ist mir nicht gelungen. Meine Seele nahm Schaden, und ich war auf dem Wege, ein Vieh zu werden; ich fand bisweilen, die viele Arbeit sei geradezu Sünde, weil sie dem höheren Ziel, der Entwicklung der Seele, entgegenwirkte; da schwänzte ich und floh für einen Tag hinaus in die Natur, wo ich in Meditationen lebte, die mich unaussprechlich glücklich machten — doch dies Glück erschien mir als ein selbstsüchtiger Genuß, ebenso groß, ja größer als das Glück, das ich bei der künstlerischen Arbeit empfunden hatte, und da kam das Gewissen, das Pflichtgefühl wie eine Furie über mich, und ich floh zurück in mein Joch, das nun wieder lieblich war — für einen Tag!
Um mich von diesem unerträglichen Zustand zu befreien und Klarheit und Frieden zu finden, gehe ich dem Unbekannten entgegen! Ihr, die ihr meine Leiche sehen werdet — sehe ich unglücklich aus im Tode?«
Gelegentliche Aufzeichnungen bei Wanderungen im Freien
Der Plan der Welt ist die Befreiung der Idee von der Sinnlichkeit, die Kunst aber versucht die Idee in eine sinnliche Hülle zu kleiden, damit sie sichtbar wird. Also ...
Alles korrigiert sich selbst. Als die Künstlerwirtschaft in Florenz zu bunt wurde, kam Savonarola — o dieser[S. 429] tiefe Mann! — und sprach sein: Das ist nichts! Und die Künstler — und was für Künstler! — machten einen Scheiterhaufen aus ihren Kunstwerken. O dieser Savonarola!
Was mögen die Bilderstürmer in Konstantinopel gewollt haben? Was wollten die Anabaptisten und Bilderstürmer in den Niederlanden? Das wage ich nicht zu sagen, denn dann erscheinen am Samstag Karikaturen von mir — vielleicht auch schon am Freitag!
Die große Idee unserer Zeit: die Arbeitsverteilung führt zum Fortschritt der Gattung und zum Tod der Individuen! Was ist denn die Gattung? Das ist der Totalitätsbegriff, die Idee, sagen die Philosophen, und die Individuen glauben es und sterben für die Idee!
Es ist merkwürdig, daß die Fürsten immer wollen, was das Volk nicht will. Sollte einem solchen Mißverhältnis nicht auf sehr einfache und leichtverständliche Art abzuhelfen sein?
Als ich in reiferen Jahren meine Schulbücher wieder las, wunderte ich mich nicht, daß wir Menschen solche Dummköpfe sind! Ich habe neulich Luthers Katechismus gelesen und machte dabei
Einige Bemerkungen und Entwurf zu einem Katechismus.
(Nicht der Kommission einzureichen; das hier Mitgeteilte ist alles, was ich geschrieben habe.)
[S. 430]
Das erste Gebot. Vernichtet den Glauben an einen Gott, denn es setzt voraus, daß es noch andere Götter gibt, etwas, was das Christentum auch anerkennt.
Anm. Der so gefeierte Monotheismus hat einen schlechten Einfluß auf die Menschen gehabt, denn er hat sie der Achtung und Liebe für den Einzigen und Wahren beraubt dadurch, daß die Erklärung des Bösen ausgeblieben ist.
Das zweite und dritte Gebot enthalten wirkliche Lästerungen, weil der Verfasser unserm Herrgott so kleinliche und dumme Vorschriften in den Mund legt, die eine Beleidigung seiner Allweisheit sind, und die dem Verfasser einen Prozeß zugezogen haben würden, wenn er in unsern Tagen gelebt hätte.
Das vierte Gebot müßte folgenden Wortlaut haben: Du sollst dich von deiner angeborenen Ehrfurcht vor deinen Eltern nicht verleiten lassen, auch ihre Fehler zu bewundern, und du brauchst sie nicht mehr zu ehren, als sie verdienen. Du bist unter keinen Umständen den Eltern irgendwelche Dankbarkeit schuldig, denn sie haben dir keinen Gefallen damit getan, daß sie dich in die Welt gesetzt haben; daß sie dich ernähren und dich kleiden, das gebietet ihnen sowohl ihr Egoismus als auch das bürgerliche Gesetz. Die Eltern, die von ihren Kindern Dankbarkeit erwarten (es gibt sogar Eltern, die Dank verlangen), sind wie Wucherer: sie setzen gern das Kapital aufs Spiel, wenn sie nur Zinsen bekommen.
Anm. 1. Wenn die Eltern (besonders die Väter) ihre Kinder häufiger hassen als lieben, so liegt das[S. 431] daran, daß die Kinder ihren Wohlstand einschränken. Es gibt Eltern, die ihre Kinder wie Aktien behandeln, von denen sie unaufhörlich Dividenden verlangen.
Anm. 2. Dies Gebot hat die ungeheuerlichste aller Regierungsformen geschaffen, die Familientyrannei, gegen die schwerlich eine Revolution helfen kann. Die Menschheit würde mit Kinderschutzvereinen mehr Ehre einlegen als mit Tierschutzvereinen.
(Fortsetzung folgt.)
Schweden ist eine Kolonie, die ihre Blütezeit, die Epoche der Großmacht, gehabt hat, und nun gleich Griechenland, Italien und Spanien in den ewigen Schlaf einzugehen scheint.
Die schreckliche Reaktion, die nach 1865, dem Todesjahr der Hoffnungen, eingetreten ist, hat demoralisierend auf das neue Geschlecht gewirkt, das herangewachsen ist. Eine größere Gleichgültigkeit gegen die Allgemeinheit, einen größeren Egoismus, eine größere Irreligiosität hat man seit langer Zeit in der Geschichte nicht gesehen. Es stürmt draußen in der Welt, und die Völker brüten vor Wut gegen die Tyrannei, doch hier im Lande feiert man nur Jubelfeste.
Der Pietismus ist die einzige Äußerung von Seelenleben bei dem schlafenden Volk; das Mißvergnügen wirft sich der religiösen Resignation in die Arme, um nicht in Verzweiflung oder ohnmächtige Raserei zu verfallen.
Pietisten und Pessimisten gehen von dem gleichen Grundsatz aus: von der Erbärmlichkeit des Daseins,[S. 432] und streben dem gleichen Ziele zu: der Welt zu entsagen, mit Gott zu leben.
Aus Berechnung konservativ zu sein ist die größte Sünde, die ein Mensch begehen kann. Das ist ein Attentat gegen die Weltidee, für drei Silberlinge, denn der Konservative sucht die Entwicklung zu hindern; er stemmt den Rücken gegen die rollende Erde und sagt: steh still! Es gibt nur eine Entschuldigung: Dummheit; schlechte Geldverhältnisse sind keine Entschuldigung, wohl aber ein Motiv.
Ich frage mich, ob Norwegen für uns nicht ein neuer Flicken auf einem alten Kleide wird.
Stjernhelm, der ein dummer Kerl war, schrieb schon im siebzehnten Jahrhundert folgendes über Schweden:
[S. 433]
»Nun, was sagt ihr dazu?« fragte Borg, als er die Lektüre beendet und einen Kognak getrunken hatte.
»Ach, gar nicht so übel; es hätte freilich etwas witziger sein können,« sagte Sellén.
»Nun, was sagst du denn, Falk?«
»Es ist ja das übliche Gewinsel — nichts weiter. Wollen wir jetzt gehen?«
Borg sah ihn an, um festzustellen, ob es Ironie sei, aber er sah nichts Beunruhigendes.
»Ja,« sagte Sellén, »Olle hat seligere Gefilde aufgesucht; nun, jetzt hat er es ja gut; jetzt braucht er sich nicht mehr ums Mittagessen zu sorgen. Ich möchte wissen, was der Wirt im ›Knopf‹ hierzu sagen wird. Er hatte doch wohl einen kleinen Klaps, wie er es nannte. Ja ja!«
»Was für eine Herzlosigkeit! Was für eine Roheit! Pfui Teufel, diese Jugend!« brach Falk los, warf Geld auf den Tisch und griff nach seinem Mantel.
»Bist du sentimental?« höhnte Sellén.
»Ja, das bin ich! Adieu!«
Und er ging.
[S. 434]
Brief von Doktor Borg, Stockholm, an Landschaftsmaler Sellén, Paris.
Lieber Sellén!
Du hast jetzt ein ganzes Jahr lang auf einen Brief von mir gewartet, aber nun habe ich wenigstens etwas zu schreiben. Ich wollte meinen Grundsätzen getreu zuerst von mir selber sprechen, aber ich habe mich in Höflichkeit zu üben, denn ich muß mir jetzt bald mein Brot verdienen; ich fange also mit Dir an! Ich gratuliere mir, daß Dein Bild in der Ausstellung angenommen worden ist und dort solchen Effekt gemacht hat. Isaak hat die Notiz ins »Graumützchen« gebracht, ohne Wissen des Redakteurs, so daß dieser vor Wut schäumte, als er es las, denn er hatte geschworen, aus Dir sollte nie etwas werden. Da Du nun aber im Ausland anerkannt bist, hast Du natürlich auch hier daheim einen Namen, und ich brauche mich Deiner nicht mehr zu schämen.
Um nichts zu vergessen und um mich kürzer fassen zu können, denn ich bin faul und müde nach anstrengendem Dienst in der Entbindungsanstalt, verfasse[S. 435] ich meinen Brief in Notizenform, ganz wie im »Graumützchen«, so daß Du auch leichter das überspringen kannst, was dich nicht interessiert.
Die politische Lage wird immer interessanter; alle Parteien haben sich gegenseitig mit Geschenken und Gegengeschenken bestochen, so daß sie nun alle miteinander grau sind. Diese Reaktion wird wahrscheinlich mit Sozialismus enden. Es ist stark die Rede davon, die Zahl der Kreise auf achtundvierzig zu erhöhen, denn in der Ministerkarriere wird man jetzt am schnellsten befördert, besonders da nicht einmal das Volksschullehrerexamen dazu erforderlich ist. Ich sprach neulich mit einem meiner Schulkameraden, der schon Minister a. D. ist, und er behauptete, es sei viel leichter, Minister zu sein als Expeditionssekretär. Die Tätigkeit soll sehr an die Arbeit erinnern, die man zu tun hat, wenn man eine Bürgschaft leistet: man braucht nur zu unterschreiben! Mit der Bezahlung wird es nicht so genau genommen, man hat ja den zweiten Bürgen.
Was die Presse betrifft — ja, die kennst Du! Im allgemeinen hat sie sich als Geschäft konstituiert, das heißt, sie folgt der Ansicht der momentanen Majorität, und die Majorität, das heißt die meisten Abonnenten, ist reaktionär. Ich habe eines Tages einen liberalen Zeitungsmann gefragt, warum er so gut über Dich schreibe, ohne Dich zu kennen. Er sagte, das liege daran, daß Du die öffentliche Meinung, das heißt die meisten Abonnenten, für Dich hättest. »Nun, aber wenn die öffentliche Meinung sich gegen ihn wendet?« — »Dann stürze ich ihn natürlich!«
[S. 436]
Unter solchen Verhältnissen ist es Dir wohl verständlich, daß die ganze nach 65 herangewachsene Generation, die nicht im Reichstag vertreten ist, die Lage verzweifelt findet; deshalb sind sie auch Nihilisten, das heißt sie ....... auf alles oder sehen ihren Vorteil darin, konservativ zu werden, denn unter solchen Verhältnissen liberal bleiben, das ist des Teufels!
Die wirtschaftliche Lage ist gedrückt; der Banknotenvorrat, meiner wenigstens, reduziert; auch die feinsten Papiere, von zwei Doktoren unterzeichnet, werden von keiner Bank angenommen.
Die Aktiengesellschaft Triton liquidierte, wie Du weißt, in der Weise, daß Direktoren und Liquidatoren alle gedruckten Aktien übernahmen, während Aktionäre und Depositäre von der bekannten Norrköpinger Gesellschaft (der einzigen, die sich in diesen Schwindelzeiten gut gehalten hat) allerlei lithographische Papiere bekamen; ich habe eine Witwe gesehen, die die Hand voll Obligationen für einen Marmorbruch hatte; es waren große, schöne Bogen, rot und blau bedruckt, auf denen immer wieder 1000 Kronen graviert war, und darunter standen, ganz als hätten sie Bürgschaft geleistet, die Namen von Leuten, von denen mindestens drei das Ehrengeläut für die Inhaber des Seraphimerordens bekommen, wenn sie aufhören, in dieser Welt Aktionäre zu sein.
Der Freund und Bruder Nikolaus Falk, der seiner privaten Darlehnswirtschaft überdrüssig geworden ist, weil sie ihm kein volles bürgerliches Ansehen schenkte, was doch die öffentliche tut, beschloß, sich mit einigen[S. 437] sachverständigen (!) Personen zu vereinigen und eine Bank zu gründen. Das Neue an dem Programm wurde folgendermaßen angekündigt: »Da die Erfahrung gelehrt hat — wahrlich eine betrübende Erfahrung! — (Levin ist der Verfasser, das merkst Du!), daß Depositenscheine nicht hinlängliche Sicherheit bieten, um anvertraute Wertsachen, das heißt deponiertes Geld, auch wirklich zurückzubekommen, so haben die Unterzeichneten, erfüllt von uneigennützigem Eifer für die vaterländische Industrie, und um dem wohlhabenden Publikum eine größere Sicherheit zu bieten, sich als Bank konstituiert, unter dem Namen Depositen-Garantie-Aktiengesellschaft. Das Neue und Sichere, denn nicht alles Neue ist sicher, in unserer Idee ist, daß die Depositäre statt der wertlosen Depositenscheine Wertpapiere im vollen Betrag der hinterlegten Summe bekommen usw. Das Geschäft ist noch im Gange, und Du kannst Dir denken, was für Papiere statt des Depositenscheins ausgehändigt werden. Mit seinem scharfen Blick erkannte Falk, wie großen Vorteil er aus einem Menschen mit so weitgehender ökonomischer Erfahrung ziehen kann, wie Levin sie besitzt, der außerdem, durch seine Pumpgeschäfte, ungeheuer viele Menschen kennt; um ihn aber richtig vorzubereiten und ihn mit allen Irrwegen eines Geschäfts und besonders der juristischen Seite voll vertraut zu machen, schlug Falk ihn mit seinem Schuldschein zu Boden und zwang ihn zum Konkurs. Dann trat er als Retter auf und machte ihn zu einer Art finanziellem Beirat mit dem Titel Direktionssekretär, und nun sitzt Levin da in einem[S. 438] kleinen Privatzimmer, darf sich aber in der Bank nicht sehen lassen. Kassierer ist Isaak. Er hat das Abiturium gemacht (mit Lateinisch, Griechisch und Hebräisch, ebenso den juristischen und philosophischen Doktor mit den höchsten Nummern in allen Fächern — sein Examen wurde natürlich im »Graumützchen« erwähnt). Er arbeitet jetzt zum juristischen Staatsexamen und schachert einstweilen auf eigene Faust. Er ist wie der Aal, er hat neun Leben und lebt von nichts! Er trinkt keinen Alkohol, genießt kein Nikotin in irgendeiner Form; ob er sonst irgendwelche Laster hat, weiß ich nicht, aber er ist furchtbar! Er hat eine Eisenhandlung in Härnösand, ein Zigarrengeschäft in Helsingfors und ein Galanteriewarengeschäft in Södertelge; außerdem hat er im Süden von Stockholm ein paar kleine Häuser! Er ist ein Mann der Zukunft, sagen die Leute, er ist ein Mann der Gegenwart, finde ich. Der Bruder Levi hat sich nach Abwicklung der Geschäfte des Triton mit einem recht hübschen Vermögen, wie man sagt, zu Privatgeschäften zurückgezogen. Er soll das Waldkloster haben kaufen wollen, um es in einem neuen Stil zu restaurieren, den sein Onkel von der Kunstakademie erfunden hat. Das Angebot ist aber abgelehnt worden. Levi war sehr beleidigt darüber und schrieb im »Graumützchen« eine Notiz mit der Überschrift: Judenverfolgung im neunzehnten Jahrhundert, wodurch er sich die lebhaften Sympathien der gebildeten Kreise zuzog; er kann durch diesen Coup Reichstagsabgeordneter werden, wenn er Lust hat. Er bekam sogar eine Dankadresse von seinen Glaubensgenossen[S. 439] (als wenn Levi einen Glauben hätte!), in der sie ihm dafür dankten (sie war im »Graumützchen« abgedruckt), daß er die »Rechte« der Juden verteidige (nämlich das Waldkloster zu kaufen!). Die Adresse wurde bei einem Fest im Grünen Jäger überreicht, zu dem auch eine ganze Menge Schweden (ich führe die Judenfrage immer auf das richtige Gebiet — das ethnographische — zurück) eingeladen waren, zu verdorbenem Lachs und offnem Wein. Bei dieser Gelegenheit wurde dem Helden des Tags unter großer Rührung (siehe »Graumützchen«) eine Ehrengabe von zwanzigtausend Kronen (in Kroppaktien) überreicht, für das »Heim für verwahrloste Kinder evangelischen Glaubens« (immer muß der Glaube herhalten). Ich bin auch auf dem Fest gewesen und habe — was ich noch nie erlebt — Isaak betrunken gesehen! Er erklärte, er hasse mich und Dich und Falk und alle Weißen — er nannte uns abwechselnd Weiße und Eingeborene und »Roche«; das letzte Wort kenne ich nicht, aber als er es aussprach, scharten sich sofort zahllose »Schwarze« um uns und machten so unheimliche Gesichter, daß Isaak mich in ein Nebenzimmer schleppte. Dort brach er los: sprach von seinen Leiden als Kind in der Klara-Schule, wie Lehrer und Kameraden ihn mißhandelt und zurückgesetzt, wie die Straßenjungen ihn auf der Straße geprügelt hätten; das Rührendste war eine Erzählung aus seiner Soldatenzeit: er war bei der Andacht vor die Front gerufen worden, um das Vaterunser zu beten, und als er das nicht konnte, wurde er verhöhnt. Seine Schilderung[S. 440] hat mich veranlaßt, meine Ansichten über ihn und seine Rasse zu ändern.
Der Religionssnobismus und die Wohltätigkeitscholera grassieren in hohem Maße und machen den Aufenthalt im Vaterlande sehr angenehm. Du kennst zwei von diesen Haaren des Teufels: Frau Falk und Frau Revisor Homan; die beiden kleinlichsten, eitelsten und boshaftesten Geschöpfe, die nur je müßig herumgelaufen sind; Du erinnerst Dich an ihre Kinderkrippe und deren Ende; jetzt haben sie ein Magdalenenheim gegründet, und die erste, die aufgenommen wurde, war — auf meine Empfehlung — die Marie aus der Neuen Gasse! Die Arme hatte ihre ganzen Ersparnisse einem Handwerksburschen geliehen, der damit durchgebrannt ist. Jetzt ist sie froh, alles umsonst zu haben und die bürgerliche Achtung wiederzugewinnen. Das viele Gotteswort, das mit all solcher Wirksamkeit verbunden ist, erklärt sie aushalten zu können, wenn sie nur morgens ihren Kaffee habe.
Du erinnerst Dich auch Pastor Skaares; er hat die Stelle des Pastor primarius nicht bekommen; aus Ärger darüber ist er jetzt dabei, eine neue Kirche zusammenzubetteln; gedruckte Bettellisten, unterzeichnet von den reichsten Magnaten Schwedens, rufen die allgemeine Barmherzigkeit an. Die Kirche, die dreimal so groß wie die Blasieholmskirche werden und einen wolkenhohen Turm haben soll, wird da stehen, wo jetzt die Sankt-Katarinenkirche steht; diese soll nämlich angekauft und niedergerissen werden, weil sie sich als zu klein erwiesen hat für das große geistige Bedürfnis,[S. 441] das jetzt das schwedische Volk reitet. Die zusammengebettelten Mittel sind schon so groß, daß man zu ihrer Verwaltung bereits einen Rendanten (mit freier Wohnung und Heizung) hat ernennen müssen. Kannst Du raten, wer dieser Rendant ist? — Hör zu! Struve! — Er ist in letzter Zeit etwas religiös geworden — ich sage etwas, weil es nicht viel ist, aber doch hinreichend für seine kleinen Verhältnisse, denn nun wird er von den Gläubigen protegiert. Das hindert ihn nicht, seine Zeitungsschreiberei und sein Trinken fortzusetzen; aber sein Herz ist nicht weich; er ist im Gegenteil erbittert auf alle, die dem Verfall entgangen sind, denn, unter uns, er ist entsetzlich verkommen; deshalb haßt er Falk und Dich und hat sich vorgenommen, Euch niederzuschlagen, sobald Ihr wieder von Euch hören laßt. Um aber die Rendantenwohnung beziehen und die Heizung verbrennen zu können, hat er sich trauen lassen müssen, was in aller Stille oben auf dem Weißen Berge vor sich gegangen ist. Ich war Trauzeuge (betrunken natürlich) und habe mir die Szene angesehen. Die Frau hat sich ebenfalls auf das Gottesgnadentum geworfen, nachdem sie erfahren hat, daß es vornehm ist. — Lundell hat das religiöse Gefühl völlig ad acta gelegt und malt nur noch Bilder von geschäftsführenden Direktoren, wodurch er Lehrer an der Kunstakademie geworden ist. Er ist jetzt auch unsterblich, weil ein Bild von ihm sich im Nationalmuseum befindet. Die Methode war sehr einfach und ist zur Nachahmung zu empfehlen: Smith hat dem Museum ein von Lundell gemaltes Genrebild geschenkt, dafür hat Lundell ihm[S. 442] gratis sein Porträt malen müssen! — Das ist fein? Was?
Schluß eines Romans. Ich sitze eines Sonntags vormittags, in der kurzen Stunde, wenn der Sabbatfriede nicht von den schrecklichen Glocken gestört wird, in meinem Zimmer und rauche. Da klopft es an die Tür, und herein kommt ein großer, hübscher Kerl, den ich zu kennen glaube — es ist Rehnhjelm. Gegenseitiges Examen. Er ist Verwalter eines großen Betriebes und recht zufrieden mit seiner Welt. Es klopft noch einmal. Herein kommt Falk (mehr von ihm weiter unten). Alte Erinnerungen und gemeinsame Bekannte werden erörtert. Dann kommt der bekannte Augenblick nach einem eifrigen Gespräch, wo es still wird und eine sonderbare Pause entsteht! Rehnhjelm griff nach einem Buch, das ihm gerade zur Hand lag, blätterte darin und begann laut zu lesen:
»›Ein Kaiserschnitt. Akademische Abhandlung, die mit Genehmigung der hohen medizinischen Fakultät im kleinen Hörsaal des Gustavianums öffentlich verteidigt wird.‹ Das sind ja schreckliche Figuren; wer ist denn so unglücklich, daß er nach seinem Tode auf diese Weise umgehen muß?«
»Sieh nach!« sagte ich, »das steht auf Seite zwei.«
Er las weiter:
»Das Becken, das unter Nr. 38 in der pathologischen Sammlung der Akademie — Nein, das war es nicht. Unverehelichte Agnes Rundgren.«
Der Mann wurde weiß wie Kalk und mußte aufstehen und Wasser trinken.
[S. 443]
»Hast du sie gekannt?« fragte ich, um ihn etwas abzulenken.
»Ob ich sie gekannt habe! Sie war in X-köping am Theater und ist später nach Stockholm gegangen in ein Restaurant, wo sie sich Beda Pettersson nannte.«
Jetzt hättest Du Falk sehen müssen. Es gab eine Szene, die damit endete, daß Rehnhjelm die Frauen im allgemeinen verfluchte, worauf Falk sehr erregt erwiderte, es gebe zwei Arten von Frauen, darauf bitte er aufmerksam machen zu dürfen, und zwischen Frauen und Frauen sei ein so großer Unterschied wie zwischen Engeln und Teufeln. Und er sprach mit solcher Rührung, daß Rehnhjelm die Tränen in die Augen traten.
Ja, Falk! Den habe ich mir bis zuletzt aufgehoben. Er hat sich verlobt! Wie das zugegangen ist? Er selbst hat das folgendermaßen erzählt: »Wir sahen uns!« Wie Du weißt, habe ich niemals fertige Ansichten, sondern warte immer noch auf neue Erfahrungen, aber was ich bisher gesehen habe, scheint unstreitig zu beweisen, daß die Liebe etwas ist, worüber wir Junggesellen nicht urteilen können — was wir mit diesem Namen bezeichnen, ist nur Liederlichkeit! Lache nur, Du alter Spötter!
Ich habe sonst nur in schlechten Theaterstücken eine so rasche Charakterentwicklung gesehen wie damals bei Falk. Mit der Verlobung ging es nicht sehr rasch, das mußt Du nicht denken. Der Vater war ein alter Witwer, Egoist, Pensionär, der seine Tochter als ein Kapital betrachtete: durch eine reiche Heirat sollte sie[S. 444] ihm ein angenehmes Alter schaffen (ein sehr häufiger Fall). Er sagte rundheraus nein! Da hättest Du Falk sehen sollen. Er ging ein Mal übers andere zu ihm und wurde hinausgeworfen, aber er kam wieder und sagte dem Alten gerade ins Gesicht, sie würden ohne seine Einwilligung heiraten, wenn er nicht nachgebe; ich weiß nicht, aber ich glaube, sie haben sich geprügelt. Dann eines Abends begleitete Falk seine Braut von Verwandten, bei denen er sich eingeführt hatte, nach Hause. Als sie in die Straße kamen, sahen sie beim Laternenschein den Alten im Fenster liegen — er hat ein kleines Haus in der Hornzollstraße, das er allein bewohnt. Falk rüttelt an der Gartentür; er rüttelt eine Viertelstunde lang, niemand öffnet! Er klettert über den Zaun, wird von einem großen Hund angefallen, den er überwältigt und in den Müllkasten sperrt (denke Dir den ängstlichen Falk); darauf zwingt er den Hausmann, aufzustehen und zu öffnen; jetzt standen sie auf dem Hof; blieb noch die Haustür; er schlägt mit einem großen Stein gegen die Tür, aber von innen hört man keinen Laut. Da holt er aus dem Garten eine Leiter und klettert zum Fenster des Alten hinauf (genau wie ich es selbst auch gemacht haben würde) und ruft: Aufmachen, sonst schlage ich das Fenster ein! Da ertönt von innen die Stimme des Alten: »Schlag, du Lümmel, dann schieße ich dich nieder!« Falk schlug das Fenster ein. Es blieb eine Weile totenstill. Schließlich hörte er durch die zerschmetterte Scheibe: »Das war stilvoll (der Alte war Soldat gewesen)! Du bist mein Mann!« — »Ich[S. 445] schlage nicht gern Fenster ein,« sagte Falk, »aber für Ihre Tochter tue ich alles!« und damit war die Sache in Ordnung.
Er verlobte sich! Du mußt bedenken, daß vor kurzem der Reichstag die große Reorganisation der Ämter vorgenommen hat, wobei Gehälter und Stellen verdoppelt wurden, so daß ein junger Mann sich schon in der untersten Gehaltsklasse verheiraten kann! Er will im Herbst heiraten. Sie bleibt Lehrerin, das ist sie nämlich! Ich weiß sehr wenig von der Frauenfrage, denn sie geht mich nichts an, aber ich glaube, nach dem, was ich gesehen habe, daß unsere Generation das Asiatische abschaffen wird, das der Ehe noch anhaftet. Beide Parteien schließen einen freien Vertrag, keiner gibt seine Selbständigkeit auf, keiner versucht den andern zu erziehen, jeder lernt die Schwächen des andern respektieren, und man hat eine Kameradschaft fürs Leben, die nicht dadurch langweilig wird, daß der eine Teil auf Zärtlichkeit pocht. Frau Nikolaus Falk, Du weißt, diese wohltätige Teufelin, halte ich für nichts anderes als eine femme entretenue, und so sieht sie sich selbst auch an; die meisten Frauen verheiraten sich, um es gut zu haben und nicht mehr arbeiten zu müssen, um selbständig zu werden; daß so wenig Ehen geschlossen werden, das ist die Schuld der Frau, aber auch die des Mannes.
Falk aber ist undurchdringlich; er hat sich auf die Numismatik geworfen mit einem Eifer, der nicht ganz natürlich ist, ja ich habe ihn sogar neulich davon reden hören, er sei mit der Ausarbeitung eines Lehrbuchs[S. 446] der Numismatik beschäftigt und wolle versuchen, es in den Schulen einzuführen, wo die Münzenkunde Lehrfach werden solle; nie liest er eine Zeitung; nie weiß er, was in der Welt passiert; und die Schriftstellerei scheint er sich ganz aus dem Sinn geschlagen zu haben. Er lebt nur für seinen Dienst und seine Braut, die er vergöttert; aber ich glaube nicht an dies alles. Falk ist ein politischer Fanatiker, der weiß, daß er verbrennen würde, wenn er der Flamme Spielraum gäbe, deshalb löscht er sie durch strenge, trockne Studien aus; ich glaube jedoch nicht, daß es ihm gelingt, denn wenn er sich derartig Zwang antut, befürchte ich einmal eine Explosion; übrigens — unter uns — glaube ich, daß er einer der heimlichen Gesellschaften angehört, die Reaktion und Militarismus auf dem Kontinent hervorgerufen haben. Als ich ihn neulich im Reichstag sah, als Herold bei der Thronrede, im roten Purpurmantel, mit der Feder am Barett und dem Stab in der Hand, zu Füßen des Thrones (zu Füßen des Thrones!) — da dachte ich: ja, es ist eine Sünde, das zu sagen; als aber der Minister Seiner Majestät des Königs gnädige Propositionen über Zustand und Bedürfnisse des Reiches vorbrachte, da sah ich einen Blick in Falks Augen, der ungefähr sagte: »Was weiß Seine Majestät von der Lage und den Bedürfnissen des Reiches?« Der Mann, der Mann!
Nun habe ich wohl meine Rundschau beendet, ohne jemanden vergessen zu haben. Leb also für diesmal wohl! Du wirst bald wieder von mir hören!
H. B.
Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
August Strindberg
Ausgewählte Romane in fünf Bänden
Das Rote Zimmer
Die Leute auf Hemsö
Am offenen Meer
Die Gotischen Zimmer
Schwarze Fahnen
*
Ferner erschienen:
August Strindberg
Inferno
Berechtigte Übertragung von Chr. Morgenstern
*
Heiraten (Ehegeschichten)
*
In Vorbereitung:
Ausgewählte Dramen in fünf Bänden
Die Kronbraut / Schwanenweiß / Ein Traumspiel
Nach Damaskus
Totentanz / Der Vater / Fräulein Julie / Kameraden
Kammerfestspiele / Jahresfestspiele
Geschichtliche Dramen
August Strindberg
Ausgewählte Romane