*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 79000 *** Anmerkungen zur Transkription Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Symbole gekennzeichnet: ~Gesperrt~ =Antiqua= +fett+ Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert. Poetische Formulierungen sind unverändert geblieben. Das Buch enthält mehrere Anekdoten. Ihnen gehen jeweils zwei Leerzeilen voraus, und sie sind eingerückt. Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote Ein großes Leben in bunten Bildern Von =Dr.= Paul Liman Alle Rechte von der Verlagsbuchhandlung vorbehalten =Copyright 1915 by Strecker & Schröder, Stuttgart= Druck des Textes und der Kunstbeilagen von Strecker & Schröder in Stuttgart Bilderdruckpapier der Papierfabrik Niefern (Bohnenberger & Cie.), Niefern in Baden [Illustration: ~Bismarck im Olymp.~ (»Hum. Blätter«, August 1898)] Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote Ein großes Leben in bunten Bildern Von Dr. Paul Liman Mit 242 Abbildungen und 20 ein- und mehrfarbigen Kunstbeilagen ~Fünfte Auflage~ Verlegt bei Strecker & Schröder in Stuttgart im Jahre des hundertjährigen Geburtsfestes Bismarcks und des deutschen Krieges 1915 Vorwort In eine Zeit der ungeheuersten Spannung, in eine Zeit, da Weltenschicksale entschieden werden, fällt der hundertjährige Geburtstag des größten Deutschen, ~Otto von Bismarck~. Können wir, dürfen wir seiner vergessen, auch wenn alle Herzen sich nur dem einen Ziele spannen: Kunde zu vernehmen von unseren Kämpfen im Osten und Westen, zu erlauschen, ob der Schlag der deutschen Schwerter heil- und siegkündend niederfährt auf die gegen uns bewaffnete Welt? Wahrlich nein! Denn um Bismarcks Werk wird gerungen, und Bismarcks starker, furchtloser Geist ist es, der unsere Krieger geleitet, weithin auf das Schlachtfeld, in die Enge der Schützengräben, in den Sturm auf feindliche Schanzen, in diesen heiligen Krieg, in dem sich des deutschen Volkes unverwüstliche Art so unvergleichlich offenbart. Fast könnte es scheinen, als ob die Geschichte zur Feier ihres größten Sohnes ein loderndes Fanal entflammt, in dessen Widerschein sich noch einmal Deutschlands heroische Zeit spiegelt, einen Scheiterhaufen, wie ihn einst Philoktet dem Herakles schuf, daß er auf seinen Flammen zu den Unsterblichen steige. Am 1. April sind hundert Jahre vergangen, seit in dem efeuumsponnenen Schloß von Schönhausen der erste Schrei des Knaben das Leben grüßte, der Deutschland zur Einigung führen, dem deutschen Leben einen Inhalt geben sollte. Wie hätte man sonst den Tag gefeiert! Er wird auch jetzt seine Feier haben: Ernst sinnend wird man des Gewaltigen gedenken, der sein Volk emporriß zu ungeheurer Tat. Aber wie anders hatte man sich das Fest gedacht! Frohe Fahrten zum Sachsenwalde, Festmähler, klingende Gläser und stolze Worte, und am Rhein wuchtig emporsteigend das Denkmal deutschen Dankes. Nur ein Teil hätte abseits gestanden — längst hatten Freisinn und Zentrum den rechten Maßstab für den toten Helden gefunden. Aber die sozialistische Arbeiterschaft hielt sich fern, ihr war im Frieden der vier Jahrzehnte das Verständnis für Bismarcks kühne Politik und auch für den Wechsel im wirtschaftlichen Leben verloren gegangen, der doch allein jener Politik entwuchs und auch der Arbeiterschaft die Grundlagen neuen Gedeihens schuf. Heute werden auch sie, die auf Bismarck schalten, seines Geistes einen Hauch verspüren, denn dieser Geist durchweht sie selbst, durchweht uns alle und gibt uns die Kraft, einer Welt von Feinden zu trotzen. Bismarckscher Geist löste die großen Fragen der Zeit durch Eisen und Blut, siegte bei Metz und Sedan, zwang den Völkerfrühling herauf; Bismarckscher Geist setzte Deutschland in den Sattel, auf daß wir jetzt zeigen, daß wir auch zu reiten verstehen. Bismarckscher Geist hat uns gelehrt, Gott, nichts sonst in der Welt zu fürchten. Auch wer einst auf Marx und Bebel schwur, wird jetzt im Schützengraben, im Sturmangriff, im Sausen der Granaten sich von diesem Geiste umweht und hingerissen fühlen. Hundert Jahre — auch damals, als ~Otto von Bismarck~ erschien, mußte noch einmal ein großes Werk durch Kampf gefestigt werden. Die Schlacht von Leipzig war geschlagen, nach Waterloo führte der Weg, noch einmal mußte durch Blut erworben werden, was in den Schlachten des ersten Freiheitsjahres das Blut gewann. So mußte jetzt, nach hundert Jahren, in einem furchtbaren Ringen zum anderen Male erkämpft werden, was Metz und Sedan uns brachten. Und was uns in all diesen Jahren dieselben Mächte mißgönnten, gegen die wir heute das Schwert ziehen mußten. Ein zerrissenes Deutschland, das mochte man dulden, gut genug, den Dünger anderer Nationen, den Schauplatz ihrer Schlachten zu bilden; ein einiges, seiner Kraft bewußtes, aufstrebendes Deutschland, das sein Erbrecht betont und seinen Platz an der Sonne fordert, das durfte nicht dauern. Und weil es furchtbar war in seinem Waffenstolz, deshalb haben sich gegen dieses Volk die Völker der Erde verbündet, gegen dieses Volk und Bismarcks Erbe! Denn um dieses ~Erbe geht heute der Kampf~. Der Meister sah es voraus, daß das Spiel noch nicht aus war, daß wir noch einmal zum Schwert greifen müssen, uns zu behaupten. So wurden die letzten Jahrzehnte seines gesegneten Lebens Jahre des Kampfes um unsere militärische und wirtschaftspolitische Rüstung. Löscht seine Arbeit, sein Vollbringen aus, folgt den Gedanken derer, die ihn bekämpften, die ihm mehr als einmal jeden Mann und jeden Groschen versagten, und träumt euch in eine Gegenwart, die diese Arbeit und ihre Siege entbehrte, und längst hätte das Bahrtuch Germanias Glieder umhüllt! Das eben ist das Wesen des Genius, daß er über die Enge der Gegenwart hinaus den Blick auf die Zukunft richtet und ihre Forderungen erkennt. Es ist nur dem Genius eigen, daß er den Zusammenhang des Gesamtlebens und auch das Kommende weiß, daß auch das Ferne schon als Ahnung sein Gemüt durchzittert, daß er »das letzte Klingen und Singen von künftigem Großen« unter dem Lebensstrome fühlt. Jedes Genie ist Prophet. Wir werden Bismarcks Festtag feiern. Ernster, tiefer als sonst, aber auch geschlossener. Denn in diesen brausenden Zeiten, im Sturme unerhörter Ereignisse, in der Offenbarung unseres stärksten und tüchtigsten Wesens, in Tapferkeit und Aufopferung sind wir sein, erst wahrhaft sein geworden. Der Heldengesang eines starken Geschlechtes wird seines Ehrentages Festlied sein. Erinnerung aber und Dank werden noch einmal sein Bild heraufbeschwören, und das Herz wird sich aufrichten an dieser eisernen Gestalt, und die Gegenwart wird in die blitzenden Augen der Vergangenheit blicken, die doch ewig Gegenwart bleibt, und ehrfurchtsvoll und zärtlich zugleich wird deutsches Empfinden bei dem Schöpfer unseres neugeschaffenen geschichtlichen Lebens weilen. Gedanken und Erinnerungen werden zu seinem Grabmal im Sachsenwald fliegen, und heimkehrend werden sie das gewaltige Denkmal des Roland im Hamburger Hafen streifen, das Bismarcks Züge trägt. Und gern wird, mitten im Sturme der Zeit, die Seele unseres Volkes bei dem Riesen weilen, der nicht nur das Reich erbaute, sondern auch durch eine weitschauende Bündnispolitik, durch heiße siegreiche Kämpfe um unsere Rüstung, durch die Steigerung unserer wirtschaftlichen Kraft und den Schutz der Früchte deutscher Arbeit die Bedingungen für unsere Siege im Weltkrieg schuf. Und kehren die Gedanken zurück in die gewaltige Zeit, die Bismarcks Prägung trug, dann wird auch das Verlangen sich regen, hineinzuschauen in die Werkstatt des Riesen, teilzunehmen an seinem Erleben, und dem Wandern dieses seltsamen märkischen Junkers zu folgen, das durch weite, reiche Täler und über alle Gipfelhöhen führte, und doch auch an den kleinen Zügen sich zu erfreuen, die den Giganten uns menschlich so nahe führen und die wie Schmetterlinge, die über die Wiese gaukeln, dem ernsten Leben reiche Farbe geben. So entstand dieses Buch. Es soll ein Bild zugleich der geschichtlichen Entwicklung des großen Kanzlers sein und doch auch die kleinen Züge umfassen, die das Menschliche enthüllen. Mitten in das Brausen gewaltiger Tage klingt darum die ~Anekdote~ herein, und wenn die Geschichte ihren Spiegel unparteiisch und ernst vor das Antlitz ihres großen Sohnes hält, so soll dieses Antlitz sich doch auch in jenem Spiegel zeigen, in dem die ~Karikatur~ die Züge nicht immer nur feindlich, sondern oft auch in scherzender Liebe darstellt. Denn auch sie bildet einen Quell der Geschichte. Sie zeigt uns die Wirkung seines Handelns auf die Mitwelt, und wer genau hinblickt, und wer auch nur das ~eine~ erwägt, daß wohl noch keine Persönlichkeit so eifrig, wie ~Otto von Bismarck~, zum Ziel des politischen Künstlerscherzes wurde, der wird auch hierin einen Beweis seiner oft genug nur mit grimmigem Widerstreben anerkannten Größe entdecken. Denn die Türme nur werden von den Dohlen umflattert. Hier aber war eines nötig, wenn anders ein würdiges Bild des gewaltigen Staatsmannes entstehen sollte: Die geschichtliche Darstellung seines Lebens und seiner Taten mußte den Rahmen bilden, in den Anekdote und Karikatur sich fügen. Denn Herz und Auge ermatten, wenn sie stets nur dem gleichen Farbenton begegnen. Aus dem Leben des Mannes muß die Episode herauswachsen, gleich einer bunten Blume auf saftgrüner Wiese, und erst dann genießt man die Karikatur, wenn sie, in den großen Zusammenhang der Taten gestellt, zum Zeugnis der Ernte an Haß und Liebe gemacht wird. Schwer, unendlich schwer ist es hier, den Maßstab zu finden. Denn in unermeßlicher Fülle bieten sich dort die einzelnen Züge in starker Prägung, wo die Persönlichkeit ein schlechthin originales Gepräge trägt. Das gilt auch von der Karikatur. Mehr als zwölftausend dieser von der Stunde geborenen Bilder lagen mir vor, die wohl die ganze Stufenleiter des Empfindens umfassen: Schadenfreude, Haß, hämischen Neid, widerwillige Bewunderung, Anerkennung, Enthusiasmus, Liebe. Sie alle sind in der Auswahl zur Geltung gekommen. Aber diese Auswahl stellte noch andere Bedingung. Sie mußte allen Parteien in Preußen und im Reiche das Wort geben, sie mußte einen Spiegel der Fernwirkung im Auslande bieten, sie mußte endlich einen Leitfaden für die Entwicklung der Technik auf diesem Gebiete schaffen. Was heute nicht mehr klar im Zusammenhange lebt, was nur für den Tag und seinen kleinen Streit Bedeutung hatte, das mußte weichen. So nur kann das Auge, das über die Bilder streift, aus ihnen selbst die Geltung und das Wachstum der Persönlichkeit erkennen. Und jedes Bild gewinnt mit dem künstlerischen zugleich einen geschichtlichen Wert. In der geschichtlichen Darstellung konnte ich auf früheren Arbeiten fußen. Und auch die unendlich mühsame Arbeit der Sammlung war mir erleichtert: Herr Buchhändler ~Kabitzsch~ in Würzburg hat seine unendlich wertvolle Sammlung, die er dem Germanischen Museum in Nürnberg schenkte, mir hochherzig zur vollen Verfügung gestellt, Herr Rudolf ~Brockhaus~ in Leipzig seine Sammlung von Blättern aus dem großen Kriege. Ich habe beiden Herren zu danken. Und auch dem jugendlichen =Dr.= Benno ~Kettner~, der mit prächtigem Eifer mich bei der Sammlung und Auswahl unterstützt hat. So mag denn dieses Buch in stattlichem Gewande hinausziehen in die Welt und an seinem Teile helfen, daß im deutschen Hause das Gedächtnis des gewaltigen Mannes stark und lebendig bleibt. ~Berlin~ im großen Kriegsjahr +=Dr.= Paul Liman+ Inhalt Seite Vorwort V Otto von Bismarck 1 Die Kindheit 11 Wilhelmine Mencken 12. Ferdinand von Bismarck 13. Er baumelt mit den Beenekens 14. Weil sie zu sehr stankte 14. Die Kanonenkugel l4. Die erste Erinnerung 14. Seltsame Bälle 15. Philosophie des Prügelns 15. Elastisches Fleisch 16. Wie kommt es nur? 16. Der Telamonier Ajax 16. Sein erster Brief 17. Trine Neumann und der Eierkuchen 17. Ein nettes Jungchen 18. Der dankbare Schüler 18. Sein Konfirmandenspruch 18. In Pension 19. Die Kniephofer Reichsexekutionsarmee 20. Als Jurist und Landwirt 21 Mensuren 21. Die Wette 23. Göttinger Reminiszenzen 23. Sturm und Drang 23. Die Dame aus Schweden 26. Der Teufel reitet die alte Tante 27. Rat Prätorius 28. Merken Sie sich, wie man das macht 28. Das Hinauswerfen ist meine Sache 29. Das Gardemaß 29. Das letzte Duell 31. Vom Leben auf Kniephof 32. Die Fuchsjagd 34. Der erste Orden 35. Die Verlobungsanzeige 36. Johanna 36. Die erste Rede 37. Der Eindruck bei Hofe 39. Im Strome der Politik 41 Er unternimmt eine Gegenrevolution 41. Der Berliner Schwindel 42. Die Nelke 42. Er sagt dem König die Wahrheit 43. Ich muß ihn vernichten 43. Gehängt wird er doch 44. Der Schreiber des jüdischen Gelehrten 45. Die Phrasengießkanne 45. Der renitente Schriftführer 45. Ein Brausekopf 46. Frankfurt 49 Wir wollen es versuchen 50. »Er wird schön hausen« 50. Sie kochen alles mit Wasser 50. Die Bundeszigarre 51. Beim alten Metternich 52. Wie Bismarck eine Depesche absandte 52. Alle vorm Feinde erworben 52. Der Streit mit Rechberg 53. Bismarck als Hehler 53. Wie er seine Glocke bekam 53. Amschel Rothschild 54. Wollen wir ein Geschäftchen machen? 54. Sie sind a scheener Mann 54. Die Frankfurter 54. Er sagt stets das Unerwartete 55. Otto tanzt mit Malwine 55. Ein Ball bei Bismarcks 56. Seine Häuslichkeit 56. Beginnen wir ein neues Leben 56. Sie sind unverbesserlich 57. Warum nicht nach Leipzig und Roßbach? 58. Reisepech 58. Das Duell mit Vincke 59. Beim blinden König 60. Pariser Leben 60. In den Tuilerien 61. Aber dumm, dumm! 62. Ich bin preußisch 62. In Sumpf und Busch 63. Petersburg und Paris 65 Nach neune ist alles vorbei 65. Levinstein 66. Das =Enfant terrible= 68. Merkwürdig viel Talg 68. Die Schildwache 68. Erwerbssinn 68. Er hält sich Bären 68. Der Entensteiß 70. Napoleon und Eugenie 71. Babelsberg 73. Die Konfliktszeit 77 Wann hätte er einen Gedanken gehabt? 77. Eisen und Blut 78. Der Ölzweig von Avignon 79. Kavalierpolitik 80. Können wir anständiger umkommen? 80. Waldeck in Bismarcks Beleuchtung 83. Massenweis dumm 83. Kein feudaler Unhold 85. Ein König als Kabinettskurier 87. Ein Stoßseufzer Johannas 91. Bettelbriefe 92. Die Faust aufs Auge 92. Der Seiltänzer 92. Bismarcks feines Gehör 93. Von Helmerding parodiert 94. Die Dinge verstehe ich besser 96. Das Duell mit Virchow 98. Pauline Lucca 98. Bismarck und die Frauen 99. Der Oldenburger Rezeß 99. Düppel und Königgrätz 101 Der Abjott Deitschlands 101. Beust 102. Wie einst im Mai 102. Bismarck als Faust 103. Ein Traum 103. In Lebensgefahr 103. Der Stab Arons 106. Quinze 107. Graf 107. Als Prophet 109. Blinds Attentat 110. Ein herzbewegendes Bild 111. Moltkes einziger Witz 112. Beinahe gefangen 113. Der preußische Soldat 114. Den Besen um die Ohren geschlagen 114. Im Kugelregen 114. Moltkes Feldherrnblick 114. Noch eine Zigarre 114. Die Geschwulst 115. Ohne Quartier 115. In Nikolsburg 116. Im Norddeutschen Reichstag 119. Ein liebenswürdiger Spitzbube 121. Wohlan, kreuzen wir den Degen 121. Ein schwerer Unfall 121. Auch sonst Glück im Unglück 122. Das Vorspiel zum großen Kriege 125 Die Schamade 127. Fanfare 127. Die alte Karkasse 127. Über Sedan nach Versailles 131 Feldzugsbriefe 131. Er reitet in die Nacht hinaus 133. Bill als Schweinetreiber 134. Im Granatenfeuer 134. Auf der Suche nach Quartier 134. Das zähe Huhn 135. Der Brief von Sedan 136. König Wilhelms Toast 138. Wie beim Kotillon 138. Die Arbeitslast 139. Ins Geschäft nie 140. =Parjure= und =infâme= 140. Eine Stunde der Bitterkeit 141. Achill 142. Es denkt, es spekuliert in mir 142. Wilhelm Tell 143. Wie er Burgunder bezog 143. Elefantenbraten 144. Von Erschaffung der Welt an 144. Der Jude mit den zerrissenen Stiefeln 144. Er redet deutsch 145. Obendrein Propfengeld 145. Garibaldi 145. Alexander von Humboldt 146. Cerf 146. Der dicke Daumer 147. Marsyas 147. Die Geschichte vom Schieferdecker 147. Die Türklinke 147. Pferdefleisch 148. Die Pendule der Madame Jessé 149. Das Bombardement 150. In Ungnade 152. Halali 153. Und noch eine Zigarre 154. Wurscht 154. Thiers 155. Er ist doch ein eminenter Mensch 155. Exzellenz, ich bin geneigt 156. =Peut être= 156. Bismarcks Einzug in Paris 156. Fürst 157. Der Sachsenwald 158. Der Ausbau des Reiches 159 Man muß toleranter denken 161. Der Dank 163. Die Wacht am Rhein 163. Die Franktireure von Osterburg 164. Tableau 164. Er trat mir einen Sporen ab 164. Die schwarze Perle von Meppen 166. Bismarck als Dichter 166. =Va banque= 167. Er sieht aus wie ein Koloß 168. Die dankbare Borussia 169. Vielleicht ein unbrauchbarer General 171. Graf Harry Arnim 172. Bibelfest 174. Die kostbare Dose 174. =Adelantador= 175. Ich hatt’ einen Kameraden 176. Kullmanns Attentat 177. Das Geschäft bringt es so mit sich 178. Bellachini 178. Pfui! 178. Der Gipfel der Gemeinheit 182. Unser allergnädigster Kanzler 183. Neue Kämpfe und Bekenntnisse 187 Die Wirkung des Namens Bismarck 188. Die Alpenblume 190. Ein bißchen Mazedonien 191. Der letzte Kampf mit Kaiser Wilhelm 191. Eine Kette von Exzellenzen 194. Der Feuerkopf 196. Wenn Bismarck sprach 199. Er will kein Telephon 199. Meyer, wie denke ich über schwedisches Eisen? 202. Weitere Kämpfe 203 Wie Schweninger Bismarcks Arzt wurde 208. Das ist der =Dr.= Schweninger 208. Die Brut muß ausgerottet werden 208. Die Geschichte eines Traumes 209. Die Abrüstung 210. Das fehlende Hirn 212. Vom durstigen Völk 213. Vom Haarschneiden 214. Hammelbraten 214. Die naseweisen Damen 215. Hundegeschichten 215. Schamlos 217. Der =Furor teutonicus= 223. Die Grabrede auf den alten Kaiser 226. Der Tod des Reitknechtes 228. Ein Stammbuchvers 228. Fraktur 229. Die Getreuen von Jever 229. Mondschein 229. Wie er Modell saß 230. Die Ägyptische Frage 230. Noch ein Vers Bismarcks 230. Wie man lästige Besuche entfernt 230. Ein löblicher Kanzler 231. Von der öffentlichen Meinung 231. Vom Werte des Ruhmes 231. Der Sicherheitsknüppel 232. Die Ahnherren 232. Roß und Reiter 232. Einer, von dem er sich einschüchtern ließ 232. Er bringt ein Hoch auf sich selbst aus 233. Abendsonne 235 Der Fahnenträger der Nation 236. Kein Gedanke daran 238. Das Kaiserpaar 238. Ehrendoktor der Theologie 241. Abschied von Berlin 249. Ein Abschiedsgedicht 253. Nach der Entlassung 255 Der Maulkorb 258. Das Leben in Friedrichsruh 258. Der zweite Uriasbrief 267. Götz von Berlichingen 267. Eine dicke alte Forelle 270. Stunden des Glücks 270. In der Politik gibt es kein Glück 270. Trinkfest 271. Ein kräftiger Kognak 271. Kräheneier 271. Man kann es aushalten 272. Der konnte es doch noch besser 272. Nur auf dem Kamel 272. Die Kreter sind faule Bäuche 273. Philosophie 273. Herr Baurat 274. Gewissermaßen fossil 274. Seine Tränen 275. Hausmusik habe ich immer geliebt 275. Der »Faust« ist meine Bibel 275. Das deutsche Lied 275. Wo er ruhen wollte 278. Ich spielte meine Karten blank aus 278. Sein Heim 279. Einsam 280. Wir sind alt geworden 281. So siehst du nicht aus 285. Man brauchte bloß die Register zu ziehen 287. Der Leibmedikus 288. Sonst tät’ ich’s umsonst 292. Er hält nicht stille 292. Nach dreitausend Jahren 293. Schluß 295 Otto von Bismarck Wie fern scheint heute schon die Zeit entschwunden, in der das deutsche Volk zu heroischer Größe emporwuchs, in der Otto von Bismarck das gewaltige Werk seines Lebens vollbrachte! Und doch sind jetzt, am 1. April des Jahres 1915, erst hundert Jahre vergangen, seitdem die Stimme des Knaben, den man einst den Eisernen Kanzler, den Schöpfer des Reiches, den getreuen Eckart nennen sollte, das Licht dieser Welt begrüßte, deren spätere Geschichte eine Geschichte seiner Taten wurde. Und erst siebzehn Jahre zogen dahin, seitdem seine Augen sich schlossen, und auch an diesem Großen sich das Schicksal erfüllte, das selbst an den Unsterblichen nicht vorüberschreitet. Und doch spinnt sich über Leben und Schaffen dieses Mannes schon eine Art von mythischem Schleier, schon scheint er zu einer Gestalt der Sage zu werden. Übermenschlich wächst er empor in Wollen und Schaffen, in Leisten und Vollbringen, und wenn im Hafen von Hamburg sich seine Gestalt als Roland erhebt, so fließen in unserer Phantasie die Züge und die Wesensart dieser beiden ragendsten Gestalten der deutschen Legende und des deutschen geschichtlichen Lebens schon längst ineinander; und wenn wir in dem Buche, das vor achthundert Jahren der Pfaffe Konrad schrieb, die Mär von dem Ausgang des Paladins Karls des Großen von neuem lesen, dann spüren wir erschüttert den Vorhall des Ausgangs Otto von Bismarcks: »Als Roland von der Welt verschied, vom Himmel ward ein großes Licht. Die Winde erhoben sich da, sie zerbrachen die herrlichen Waldbäume. Die Sonne erlosch, und der viel lichte Tag ward finster wie die Nacht, die Sterne zeigten sich offen, das Gewitter stürmte; und sie wollten alle glauben, daß die Zeit da wäre, da die Welt sterben und Gott sein Gericht halten würde.« So wie damals, als Roland starb, die Welt zu sterben schien, so in den Tagen, da Bismarck schied. Und so wie der Träger des Schwertes Durendart ein Hüter des Reiches gegen alle Feinde war, so wie er jetzt im Hamburger Hafen steht, so stand auch Bismarck in all den Jahren gewaltigen Ringens, weithin sichtbar, unerschüttert und stark auf deutschem Boden, auch dann noch, als der Abend über ihn heraufzog und ein junges Geschlecht, begehrend die Schwingen zu proben, aus eigener Kraft die Zukunft zu zimmern versuchte. Aufrecht und unbeugsam wie sein Leib blieb seine Seele, und wiewohl er die größten seiner Taten in der Vollreife des Mannestums vollbrachte, so blieb in den Herzen seiner Volksgenossen, und so wird auch in der Zukunft das Bild des Alten vom Sachsenwalde am festesten haften, des getreuen Mahners und Raters, auf den, wie er es selbst einmal aussprach, in seinem Gewissen die Pflicht wie eine Pistole zielte. [Illustration: Bismarcks Tod (»Punch«, August 1898)] Seltsam genug: So fernhin uns die Gestalt dieses Mannes zu entschweben scheint, so mächtig sie emporwächst, je mehr die Distanz sich vergrößert, desto näher tritt sie uns doch menschlich in ihren einzelnen Zügen, in dieser ganzen Fülle eines urgewaltigen, heißen, vorwärtsstürmenden, schöpferischen Lebens, in der ganzen Macht des in ihr wirkenden Gemütes. Wo immer sich ein neuer Zug in Briefen und Dokumenten offenbart, die erst den Späteren zugänglich wurden, da wächst noch der Eindruck, der Zauber, den diese Persönlichkeit auf uns ausübt. Keine andere Gestalt, auch Goethe nicht, weckt in uns so stark das Verlangen, bis in alle Einzelheiten ihres Lebens zu dringen, in jede Stunde ihres Wachsens und Werdens zu schauen, wie der große Sohn der märkischen Erde. Wo der Grund liegt? In dem seltsamen Zusammenklang von eiserner Entschlossenheit und rücksichtslosem Willen mit einem tiefen und zarten Gemüt, in der eigentümlichen Harmonie von todesverachtender Tapferkeit und einem Humor, der wie eine Perle in der Tiefe ruht. Er schritt nicht, wie Moltke, kühl und gelassen und unberührbar durch die Welt und das Leben — der unbezwingliche und unbesiegte Schlachtendenker wurde nie von der Menge umstürmt, die seine Hand zu fassen und mit Küssen zu bedecken verlangte. All die Großen der Geschichte ziehen an uns vorüber, seit Alexanders Zeiten und seit Cäsar: keiner von ihnen trat den Menschen so nahe wie Bismarck, keiner von den Staatsmännern, den Herren des Schlachtfeldes, den Künstlern. Die Schranke kühler Überlegenheit trennte Friedrich den Großen von seinen Preußen und verschloß ihm den Zutritt zur letzten und höchsten Volkstümlichkeit; die Majestät des Herrschers scheuchte selbst von Wilhelm dem Einzigen die Vertraulichkeit ab. Aber die dichten Brauen, der durchdringende Blick, die mächtige Figur eines Bismarck flößen selbst dem Kinde keine Scheu ein. Mit leichter Hand streicht es über die Züge, freundlich lächelt es dem Bilde zu: es fühlt das Menschliche im Wesen dessen, den dieses Bild darstellt. Und dieses Menschliche wird niemals allzu menschlich, wirkt niemals dürftig und klein; jede Einzelheit bleibt bedeutend: der ~einzige~ vielleicht, der auch vor dem Kammerdiener noch ein König war. Wo fällt ein Schatten auch nur auf sein privates Leben? Wo schleicht sich ein niedriger Zug in die Tafel seiner Geschichte? Irrtümer mochten auch ihm nicht erspart sein, weil auch der Genius die Schleier der Vorsehung nicht durchdringt, aber auch diese Irrtümer entflossen starken und großen Motiven, ob wir auf die erschütternden Seelenkämpfe der Jungmannszeit, auf das Ringen im preußischen Konflikte, auf die Arbeit für den Ausbau des Reiches, auf die letzten Kämpfe des gefesselten Prometheus blicken. — Wo liegt das Geheimnis der Liebe? Wo das Geheimnis der Größe? Die Liebe eines Volkes wird dort am sichersten wachsen, wo jeder einzelne Volksgenosse, wie in Bismarck, ein Stück des eigenen Wesens verkörpert sieht, wo er alles findet, was in ihm selbst an Gutem und Bedeutendem schlummert. Und wo dieses sein eigenes Wesen in origineller Prägung vor seine Augen tritt. Das Volk liebt nicht sie, die wie Griechenlands Götter in Marmorpalästen wohnen und auf ragenden Höhen, die schweigend droben über den ewigen Sternen wandeln, es liebt die anderen, die in dem bunten Gewimmel des Lebens stehen, mit ihm ringen und Kraft aus ihm ziehen, die seinesgleichen bleiben, auch wenn der Fittich des Genius sie zu den Wolken erhebt, die mit uns leben und mit uns lieben, die unsere Freude teilen und mit uns leiden, die mit uns zürnen, wenn wir zürnen, und die dennoch alles Typische in Besonderheit wandeln und scharf und klar und unverrückbar als Persönlichkeiten vor unsere Augen treten. Es gibt aber ein Merkzeichen der Volkstümlichkeit: die ~Anekdote~. Sie umfaßt und ergreift nicht das, was nichtig und zufällig ist, sondern sie dringt, richtig verstanden und bewertet, in das innerste Wesen des Menschen, und sie stellt uns in köstlicher Plastik dar, was die psychologische Analyse oft vergebens zu erläutern sucht. Sie ist und wirkt durch und durch lebendig; sie malt nicht mit dem Tintenstift, sondern mit vollen und satten Farben; sie bleibt nicht an der Oberfläche haften, sondern sie dringt in die letzte Tiefe. Und sie zeigt zugleich die Eigenart und die Kraft der Persönlichkeit, an die sie sich kettet. Denn sie entströmt ihr selbst; die Persönlichkeit ist ihr Schöpfer. Sie wird dort in reichem Strome fließen, wo das Wesen die originelle Prägung trägt; sie wird versagen, wo selbst ein Mann von Moltkes Größe doch im letzten Grunde einseitig bleibt. Sie wird strömen, wo der Humor, die letzte und tiefste Erfassung der Probleme des Lebens, die Seele erfüllt; sie wird aber versiegen, wo kühles Erwägen den warmen Blutstrom zurückdrängt. Und sie wird zuletzt auch dort nur haften, wo ein reiches Menschentum auch gegen den Widerspruch der Alltäglichen seine eigenen Bahnen wandert. [Illustration: ~Zu Bismarcks Geburtstag~ Das Komitee des Bismarck-Fonds sollte den Überschuß der Spenden zur Ausschreibung eines Preises für denjenigen »Kraftmeier« verwenden, der dem siebzigjährigen Bismarck dieses Kunststück nachmacht. (»Humor. Blätter«, 1. April 1887)] Bismarcks Größe trat dem deutschen Volke nahe, weil sich die Strahlen seines Geistes in dem Prisma seines Humors brachen. In der Hamburger Dramaturgie hat Lessing diesen Begriff erläutert. »Ich glaube es unwidersprechlich beweisen zu können, daß Humor und Laune ganz verschiedene Dinge, ja in gewissem Verstande ganz entgegengesetzte Dinge sind. Laune kann zu Humor werden, aber Humor ist, außer in diesem einzigen Falle, nie Laune.« Es ist in der Tat der Humor nicht das Produkt einer wechselnden Stimmung, sondern er ist eine stehende Stimmung, die Grundstimmung des Gemütes; er blüht nur in der Freiheit des Geistes und ist die reifste Frucht der Bildung. Er trägt die Seele über Abgründe hinweg und lehrt sie mit ihrem eigenen Leide spielen. Er ist die Gemütlichkeit, wie wir Deutschen es nennen. Hinter der Komik, die erscheint, verbirgt sich ein tiefer Ernst und die Weisheit der umfassendsten Lebensanschauung. Die Alten kannten ihn nicht, so paradox es klingt, weil sie die Trauer und die Sehnsucht nicht kannten. Der Humor ist germanisch, wie Luther, Shakespeare und Bismarck; er vereint den tiefen Ernst und den heiteren Frohsinn in dem Brennpunkt des Gemütes. Und er löst alle Widersprüche auf. Die Anekdote aber wandert in seinem Gefolge; sie ist sein legitimer Sprößling gleich dem Witz, nur wird sie vom Wohlwollen geboren und vom Lächeln empfangen, während an der Wiege des Witzes und vor allem der Karikatur nur allzuoft die Bosheit steht. [Illustration: Bismarck als Triumphator über den deutschen Michel im tschechischen Vilde. (»Hum. Listy«, August 1879)] Wie weltenfern ist darum Bismarcks Größe von der Größe der anderen, die gleich ihm das Antlitz der Welt zu wandeln bestimmt waren! Wo fällt der goldene Schimmer des Humors jemals auf Napoleons eisernes Antlitz? Wo umstrahlt er Cäsars oder Friedrichs des Großen Werkstatt? Wo packt uns, wie hier, die tiefe Innigkeit eines Gemütes, in dem die Kraft der äußersten Liebe sich mit der Kraft des unnachsichtlichen Hasses, die rücksichtslose Kraft des weltengestaltenden Staatsmannes mit dem zarten Künstlersinn des Freundes der Natur, mit dem weichen Empfinden des Schreibers der Briefe an seine Braut zu vereinen verstand? Bismarck war groß auch in seinem Menschentum. Und darum verlangt die Menschheit nach mehr als nur nach dem Rahmen des Lebens, und sie verlangt auch einen anderen Inhalt als das Register seiner geschichtlichen Taten. Neben das Bedürfnis des forschenden Geistes tritt das Bedürfnis der Liebe; neben dem hellen Mittag behält das Abenddämmern sein Recht mit seinen leisen Gesprächen, seinem stillen Erzählen von Tat und Geschehen, von Helden und Sagen. Die Kinder, sie hören es gerne. Nur in Bismarck ist das Geheimnis der Größe zugleich das Geheimnis der ihm dargebrachten Liebe. Er steht dem Volke menschlich nahe wie niemand sonst. Und als er starb, da war es, als ging uns allen der beste Teil des Lebens verloren. Wie anders sonst! Als die letze Kunde kam von dem stillen Eiland im Weltmeer, auf dem Napoleon den Tiefgang seines Lebens betrauerte, da erzitterte wohl auch die Menschheit in dem Bewußtsein, daß hier ein Riese der Macht der Natur erlag, aber die Trauer des Herzens hat gefehlt, das letzte und wertvollste Zeichen menschlicher Größe. Metternich beherrschte einst durch sein zähes und kluges System den Kontinent von Europa, Gortschakoff träumte sich als Bismarcks Meister, Gambetta hatte die Leidenschaftlichkeit seines Volkes zu dem letzten verzweifelten Kampfe gegen Deutschlands siegreiche Heere gespornt, Cavour und Viktor Emanuel haben Italiens Einheit in rühmlichem Kampfe erfochten. Und doch hat, als sie starben, der Werktag nicht sein Antlitz geändert. Kaiser und Könige schieden, der starken Hand eines Nikolaus entfiel das Zepter, der dritte Napoleon, der einst der Welt Gesetze zu geben gedachte, zollte dem Schicksal den letzten Tribut. Wo aber war die Menschheit so tief erschüttert wie an jenem Tage, der ihr Bismarck raubte! [Illustration: ~Im norddeutschen Parlament~ Entschieden ist er und ein gewaltiger Redner; das muß man ihm lassen. (»Figaro«, 5. März 1870)] Und seltsam beinahe: Solange Bismarck lebte, stand er immer im Kampfe mit einer Welt. Nirgends betrat er die ebene Bahn, nirgends schritt er ungehindert dem Ziele zu. Er mußte selbst ringen mit seinem alten König, mit dem Manne, dem er doch sterbend noch in der Inschrift seines Grabes das Geschenk seines Lebens vermachte; er mußte ringen mit dem Vorurteil der deutschen Welt, daß die großen Entscheidungen des Schicksals durch Resolutionen und Aktenstöße, nicht auf blutigem Blachfeld gefällt werden. Gegen ihn erhob sich die Masse der Kleinen, der Ehrgeizigen und der Verkannten. Ihm stellte sich alles entgegen, was vor der Größe zurückschreckt; an ihm verzagten in böser Zeit selbst die ältesten und getreuesten Helfer. Parteipolitisches Hoffen, höfischer Ehrgeiz, Doktrinarismus werden niemals dem Fluge des Genius vorbehaltslos folgen; sie werden in ihm stets etwas Feindliches spüren; sie werden versuchen, den Ragenden auf das Maß der eigenen Kleinheit zurückzuführen. Und feindlich wird ihm auch der »gesunde Menschenverstand« bleiben, dieser Trost des Philisters, der selbstgefällig nur die Weisheit der Allgemeinheit schlürft, der nach Schlußsatz und Kettenregel seine Folgerungen zieht, der aber stets abgestoßen wird von dem anderen, der intuitiv seine Entschlüsse faßt, der unregelmäßig erscheint, weil er das gewöhnliche Geleise verschmäht, der nur der Stimme der Gottheit folgt und den Pedanten verachtet. Bismarck hatte kein System; er hinterließ auch keine Schüler. Denn das scheinbar Unregelmäßige, das sich erst in einer höheren Sphäre gestaltet, läßt sich weder lehren noch lernen. Darum blieben auch sie, die in den langen Jahren gegen ihn rangen, die zehnfach an ihm irre wurden, doch redliche, vaterlandstreue Männer. Es ist kein Verbrechen, dem Genie zu erliegen, wohl aber erhöht es die Qualen des großen Menschen, wenn er das, was er als Goldmünze von der Vorsehung empfing, täglich und stündlich in die kleine Münze des Marktverkehrs umsetzen muß. [Illustration: ~Der Baumkraxler~ Michel: »Das ist gut, die streiten sich da herunten noch, wer kraxeln soll, während er schon lange oben ist.« (»Figaro«, August 1864)] So hat man gegen den Weg, den Otto von Bismarck einschlug, um Preußen stark und durch Preußens Stärke Deutschland groß zu machen, selbst dort gekämpft, wo man in schwungvollen Reden und in hallenden Beschlüssen dafür eintrat, daß das Vaterland größer sei und die schwarzrotgoldene Fahne über alle Lande von Memel bis nach Konstanz flattern muß. Der Doktrinarismus kennt nur ~einen~ Weg: den Weg, den er selbst approbierte, und jeder Schritt, jedes Abweichen von dieser Bahn erscheint ihm als ein Verbrechen gegen die eigene Majestät. Was Bismarck damals, als er eben in den Kampf eintrat, als man ihn als prahlenden Junker, als hohlen Großsprecher, als Napoleonverehrer und Städtevertilger begrüßte, als man ihn wechselnd mit Catilina und Strafford verglich und als Verräter beschimpfte, in seinem Brief an Motley schrieb, mag hart und ungerecht klingen trotz der humoristischen Färbung, aber es zeichnet doch den tiefen Unterschied zwischen dem Tatenmenschen, der schaffen will, und den Doktrinären, die selbst der Vorsehung ihre Bedingungen vorschreiben möchten: »Eure Gefechte sind blutig, unsere geschwätzig. Diese Schwätzer können Preußen wirklich nicht regieren; ich muß dem Widerstand leisten. Sie haben zu wenig Witz und zu viel Behagen. Dumm in seiner Allgemeinheit ist nicht der richtige Ausdruck; die Leute sind, einzeln betrachtet, zum Teil recht gescheit, meist unterrichtet, regelrechte deutsche Universitätsbildung, aber von der Politik gegenüber den Kirchturminteressen verstehen sie so wenig wie wir als Studenten davon wußten, ja noch weniger; in auswärtiger Politik sind sie auch einzeln genommen Kinder; in allen übrigen Fragen aber werden sie kindisch, sobald sie =in corpore= zusammentreten. Massenweise dumm, einzeln verständig.« Protestierte doch sogar, als Bismarck erklärte, nur eine preußische Sprache zu reden, ein Sybel gegen seine Politik, die »sich hiermit wieder das Zeugnis ausstellt, daß die Essenz ihres Wesens die Nichtachtung des Rechtes ist, daß sie weder im Innern noch nach außen handeln, weder ruhen noch wirken, weder leben noch sterben kann, ohne die Gesetze des Landes zu verletzen«. Und wie Sybel, so urteilten Twesten, Unruh, Simson, Waldeck, Vincke und Carlowitz und die anderen, und sie alle, die tausendmal das Lied von den meerumschlungenen Landen gesungen hatten, ließen durch den Vertreter der Mehrheit erklären: »Sagen wir uns von jeder Gemeinschaft mit der Politik dieses Ministeriums los!« Und sie jubelten Virchow zu, als er ausrief: »Er ist jetzt dem Bösen verfallen, und er wird von ihm auch nicht mehr loskommen!« Und sie lehnten die Anleihe für den Dänischen Krieg ab. Und als der Kampf siegreich beendet war, und als die preußischen Fahnen über Düppel und Alsen wehten, da füllten sie wiederum die Sitzungen nur mit Streitigkeiten, Vorwürfen und Anklagen. Da verwarfen sie abermals das Heeresgesetz und weigerten sich, das Geld für eine Flotte und für den Lorbeerkranz zu gewähren, der um Preußens Stirne gebunden war. Und Bismarck mußte ihnen zornig erklären, daß im allgemeinen wohl die Existenz auf der Basis der Phäaken bequemer sei als auf der Basis der Spartaner, im Lande der Philister angenehmer als im Lande der gehärteten Kämpfer, daß er aber hoffe, daß wie Düppel und Alsen ihnen zum Trotz erobert seien, so Preußen, ungeachtet ihrer impotenten Negative, auch eine Flotte bekommen werde, deren Bau man ihm eben versagte. Das Talent bleibt Reflexion, das Genie ist Tat. Dort die ungeheuren, wimmelnden Scharen, einander treibend und drängend, sich am Nachbarn erwärmend und von ihm mit neuem Mute begabt; hier der ~eine~, der mit breiter Brust sich dem Strom entgegenstellt. Und noch in späten Jahren, als alte Träume längst Wirklichkeit wurden, schrieb Bismarck, wenn er jener Zeiten gedachte, in neu erwachender Bitterkeit: »Es liegt im Rückblick auf die Situation ein bedauerlicher Beweis, bis zu welchem Maße von Unehrlichkeit die politischen Parteien bei uns auf dem Wege des Parteihasses gelangen. Es mag ähnliches anderswo vorgekommen sein, doch weiß ich kein Land, wo das allgemeine Nationalgefühl und die Liebe zum Vaterland den Ausschreitungen der Parteileidenschaft so geringe Hindernisse bereitet, wie bei uns. Die für apokryph gehaltene Äußerung, welche Plutarch dem Cäsar in den Mund legt, lieber in einem elenden Gebirgsdorfe der Erste, als in Rom der Zweite sein zu wollen, hat mir immer den Eindruck eines echt deutschen Gedankens gemacht. Nur zu viele unter uns denken im öffentlichen Leben so und suchen das Dörfchen, und wenn sie es in geographischer Art nicht finden können, die Fraktion, Unterfraktion und Koterie, wo sie die ersten sein können. Diese Sinnesrichtung, die man nach Belieben Egoismus und Unabhängigkeit nennen kann, hat in der ganzen deutschen Geschichte von den rebellischen Herzögen der ersten Kaiserzeiten an ihre Betätigung gefunden.« [Illustration: Ritter, Tod und Teufel Nach Albrecht Dürer. (»Berliner Wespen«, Juni 1875)] Was ist der Parteigeist anderes, als Doktrinarismus? Sie beide sind immer beschränkt, durch die Gesetze der Pedanterie beengt, ablehnend gegen die großen Gedanken, die dem Herzen entstammen, gegen die Kräfte der Begeisterung und des Gemütes. Sie werden stets unfruchtbar bleiben, gelenkt durch den Groll gegen die großen schöpferischen Geister, die es wagen, von der Säule des Prinzips hinabzusteigen in das blühende Leben. Der Doktrinarismus hat den großen Staatsmann gleich der Parteiwut verfolgt durch sein ganzes Leben, einer knurrenden Dogge vergleichbar, die sich an die Spur des Wanderers heftet. Was heute uns einfach und selbstverständlich erscheint, das wollte und konnte er nicht begreifen, eben weil es nicht nach seinem eigenen Gesetze erreicht werden sollte. Er hat zehnmal öfter »Fort mit Bismarck« geschrien, als er »Hoch Bismarck« rief. [Illustration: ~Bismarcks Kopf auf der Guillotine~ Auf der Stirne stehen die Worte: »Ehrgeiziger Schuft«. Die Unterschrift lautete: »Ich habe dich gekriegt, ich hab’s auf deine Stirne geschrieben, wer du bist, und jetzt drängt man herbei, um dich zu verspotten.« Die Aasgeier fliegen schon heran. (Französ. Flugbl. 1870)] Denn dieser Mann hat die Kühnheit gehabt, nie einer Fraktion anzugehören. Er ist, wie er es einmal aussprach, =à tour de rôle= herumgegangen, aber die Doktrin gab er stets wohlfeil: »Wer auf dem Standpunkt, den er einmal gehabt hat, feststeht, der bleibt zurück! Doktrinär bin ich in meinem Leben nicht gewesen; alle Systeme, durch welche die Parteien sich getrennt und gebunden fühlen, kommen für mich in zweiter Linie; in erster Linie kommt die Nation, ihre Stellung nach außen, ihre Selbständigkeit, damit wir als große Nation frei atmen können.« Bismarck hatte keine vorgefaßte Meinung; und die Menschen des Prinzips glichen ihm Wanderern, die mit quergelegten langen Stangen auf einem engen Waldweg vorwärts kommen wollten. Er wurde aber Sieger, weil in ihm die Kraft der Leidenschaft lebte, wie es ja nie eine Genialität ohne Leidenschaft gibt. Neue, kühne, begeisterte Ideen erzeugt nur ein heller Kopf, der über einem glühenden Herzen steht, wie der köstlichste Wein nur auf Vulkanen gedeiht. Und Bismarck war Autodidakt. Er war nicht über den Paßweg der Examina gegangen, er war nicht die Stufenleiter zu hohen Ämtern mühsam emporgeklettert, und als er den Weg nach Frankfurt antrat, auf den wichtigsten Posten, den Preußen kannte, da mochten ihn die Männer vom Bau als Dilettanten, als »Diplomaten =en sabots=« begrüßen und auf ihn das Wort anwenden, das einst für Lord Russel galt: »Der Mensch würde auch das Kommando einer Fregatte oder eine Steinoperation übernehmen.« Er selbst hat ja gefürchtet, daß er sich »wegen Unkenntnis der aktenmäßig üblichen Formen blamieren würde«, er hat, als er zuerst »vom Rade des Lebens gefaßt war«, sich erst gewöhnen müssen, »ein regelmäßiger Arbeiter und trockener Geschäftsmann zu sein, viele und feste Arbeitsstunden zu haben und alt zu werden«, und humoristisch schreibt er an die Gattin, und doch voll leichter Bitterkeit über die verlorene Freiheit: »Dann muß ich einen großen Train und Haushalt führen, und Du, mein armes Kind, mußt steife Hecke spielen, Diners und Bälle geben, schrecklich vornehm tun, Exzellenz heißen und mit Exzellenzen klug und weise sein.« Aber wenn Spiel und Tanz auch vorbei sind, so ist er doch entschlossen, ein ernster Mann zu sein, auszuharren auf dem Fleck, auf den Gott ihn gesetzt, und dem König und dem Lande seine Schuld zu bezahlen. Es ist das Selbstbewußtsein, das Kraftgefühl des Genies, das ihn, den Gutsbesitzer mit mäßigem Vermögen, der erst seit wenigen Jahren als Abgeordneter im politischen Sturme stand, zum Sieger über die Zunftdiplomaten, über all die geschäftigen Müßiggänger am deutschen Bundestag erhebt. Nur daß er die zehn Jahre des tollen Junkertums benutzt hat, in alle Tiefen des Wissens zu dringen, fertig zu werden an Geist und Charakter, alle Kultur zu gewinnen, die das Jahrhundert schuf. Kein anderer Staatsmann gleicht ihm in der Fülle des Erschauten und Erkannten, kein Redner ist darum so reich wie er an Gleichnissen und Bildern und an lebenden Zitaten aus den Werken der großen Dichter aller Nationen. Hier ist nichts künstlich angewandt, sondern alles Erschaute und Erkannte schmilzt mit dem eigensten Wesen des Mannes zusammen und wird sein unverlierbares Eigentum. Und das Beste geben ihm nicht die Bücher, sondern das Leben, in das er mit hellen, schnell erfassenden Augen blickt. So ward er ein Feind der Reflexion und wurde und blieb ein Mann des Handelns, und über der Pforte seines Daseins standen die Worte: »Am Anfang alles männlichen Daseins steht nicht das Wort, sondern die Tat.« [Illustration: =In patriae serviendo consumor!= (»Ulk«, 13. November 1896)] Und so löschte er von dem Tage an, da er in das geschichtliche Leben eintrat, von der Tafel die Politik der Perücken und schuf eine neue Politik der Kühnheit und der Wagnis. Nur die selbstbewußte Kraft des Genies, das über den Tag und seine Bedürfnisse hinwegblickt, konnte diesen Weg unbeirrt vorwärtsschreiten, auf dem überall Haß und Hohn als Hindernisse standen. Bis dann langsam das Verständnis für das Werden und die Ziele dieses Mannes erwachte, bis Groll und Mißmut sich beugten und selbst der Fremde, der Feind ausrief, daß kein Pantheon groß und vornehm genug sei, um ihm als Ruhestatt zu dienen. [Illustration: Gehässig wird Bismarck als Tartüff, ehrgeiziger Fälscher und Betrüger dargestellt. (»Les Célébrités«, Nr. 15, während des Krieges in Frankreich)] Und ein seltsames Eingeständnis machten selbst sie, die ihn bekämpften. Die ~Karikatur~ wird dort nur lebendig sein, wo Menschen den Rahmen des Gewöhnlichen verlassen und im Guten oder Bösen aus dem Geleise des Gewohnten treten. Überall aber, wo der Stift des Spötters den Lebensweg Bismarcks begleitet hat, dort hemmte ihn ein unbewußter Respekt vor der geahnten Größe an Exzessen der Phantasie. Der glühende Haß der Besiegten des großen Jahres und der anderen Kriege mochte ihn als Frevler auf die Guillotine senden, ihn meineidig oder blutgierig schelten, aber tritt nicht aus der Wildheit des Hasses sieghaft die Größe des Gegners hervor? Auf ihn allein und vor allem häufte sich seit dem Tage von Sedan aller Ingrimm des französischen Volkes. Er glitt an Roon und Moltke und selbst an König Wilhelm vorüber, um immer wieder ihn, den Gewaltigen, den Gefürchteten zum Ziele zu wählen. Hier verschmäht er spöttische Scherze; hier bleibt er heißer Zorn. Hier sucht er andere Bilder, als sie selbst die preußische Konfliktszeit und der Kulturkampf gebrauchte. Und eben hiermit neigt er sich doch wider Willen vor der überlegenen Größe. Und darum spiegelt sich hier wie dort in diesen Bildern des Spottes und der Ironie wie im Zerrspiegel etwas vom Wesen des Mannes wider: Auch das Negativ, das Licht und Schatten umgekehrt verteilt, läßt uns das originale Bild erkennen. Und aus Scherz, Satire und Ironie, aus Anekdote und Karikatur soll hier ein Bild gezeichnet werden. Und wer es mit Fleiß betrachtet, wer den kraftvollen Hauch verspürt, der aus all dem scheinbar Kleinen und Nebensächlichen und doch Erlebten zu uns dringt, und wer zugleich im Negativ zu lesen versteht, vor dem wird doch wieder und wieder, gewaltig wie der Roland im Hamburger Hafen, die Gestalt dieses einzigen Mannes erstehen, der, ein geborener Herrscher, die Gemüter der Menschen regierte, wie der Wind die Wolke regiert, und der mit eiserner Faust die Geschichte zwang, daß sie seinem Willen folgte. Widerstrebend und scheu zugleich wie ein Araberhengst, der den Meister verspürt. [Illustration: Bismarck als Drachentöter. (»Jugend«, 1908)] Die Kindheit Als der Pfarrer von Schönhausen den Namen Otto von Bismarck in das Kirchenbuch der Gemeinde eintrug, da verhallte eben in der Ferne der Kanonendonner, der das Jubellied der neuerrungenen deutschen Freiheit begleitet hat. Da schien auf dem blutgetränkten Felde junge Hoffnung zu sprießen, der Glaube an ein geeintes deutsches Reich ergriff die von dem Stolze über die aus eigener Kraft erfochtenen Siege erfüllte Menschheit; das Tor des Kyffhäuserberges schien gesprengt, alter Glanz wiederzukehren und junge Freiheit zu wachsen. Aber die Zeit war noch nicht erfüllt; das Geschlecht, das bei Leipzig und Waterloo siegte, war noch nicht reif. Die Erziehung, die das deutsche Volk durch Napoleons eiserne Faust und durch den feurigen Schöpfergeist Scharnhorsts und des Freiherrn vom Stein erhalten hatte, trug noch nicht die ersehnten Früchte. Und fast ist es ein Glück: Nicht aus den Händen intriganter Diplomaten, die in Wien sich um die Landkarte stritten, nicht nach dem Willen fremder Souveräne sollte das deutsche Volk die besten Gaben seines Schicksals erhalten, sondern von der eigenen gesteigerten Kraft, vom eigenen Verdienst. Erst mußte die Nation durch das Fegefeuer einer neuen harten Prüfungszeit wandern, ehe wirklich die Zeit erfüllt war. Und wunderlich, daß just in jenen Tagen, die so bittere Enttäuschung heraufführen sollten, in dem märkischen Dorfe, die Welt begrüßend, die Stimme des Knaben erklang, der alles Hoffen erfüllen, alles Leid in Segen verwandeln sollte. Die Zeit aber, die bestimmt war, eine Zeit des Reifens, des inneren Erstarkens für die deutsche Nation zu werden, diese Zeit der scheinbaren Erstarrung, in der über dem Weltteil sich mit schwerem Druck der armselige Ideenschatz der heiligen Allianz gelegt hat, in der Stein vor Metternich erlag und Hilflosigkeit und böser Wille in dem Bundesstaate nur die Karikatur eines Staatsgebildes schufen, diese Zeit der Indolenz, die nur der flammende Mut der Jugend zuweilen mit Blitzen heiligen Zornes erhellte, ist auch die Zeit des jugendlichen Reifens jenes Mannes gewesen, der sie ins Grab geleiten sollte. Bismarcks Jugend stand nicht unter dem Sterne bedeutenden Geschehens, hinreißender Taten. Philosophie und Empfindsamkeit führten die Herrschaft; die Tatenmenschen fanden keinen Raum. Der gewaltigen Periode der Freiheitskämpfe folgte die Reaktion der Ermattung. Am 11. April 1815 erschien in der Spenerschen Zeitung zu Berlin folgende Anzeige: Die gestern erfolgte glückliche Entbindung meiner Frau von einem gesunden Sohn verfehle ich nicht, allen Verwandten und Freunden unter Verbittung des Glückwunsches bekanntzumachen. Schönhausen, den 2. April 1815. Ferd. v. Bismarck. Schönhausen — noch steht das alte, efeuumsponnene Haus, noch kann ein dankbares Volk ehrfürchtig dorthin wallfahren, wo Bismarcks Wiege stand, noch ist das Zimmer unverändert, in dem Frau Wilhelmine einst in Nöten rang. [Illustration: Geburt Bismarcks] Otto von Bismarck war das vierte Kind seiner Eltern, doch war nur der fünf Jahre ältere Bernhard noch am Leben. Siebenundzwanzig Jahre zählte die Mutter, fünfundvierzig der Vater, als dem Schöpfer des neuen deutschen Reiches die Geburtsstunde schlug. Ein schlichter, mit Glücksgütern nicht reich gesegneter Landwirt, der einst als Rittmeister das Heer verließ, hatte jene Anzeige in der Zeitung erlassen. Fünf Fuß zehn Zoll zeigte das Maß des Vaters, kräftig und derb war seine Erscheinung. Die Mutter aber, Wilhelmine Mencken, war mittelgroß, zeigte feine Züge und leuchtende Augen. Sie war schön und geistreich, städtisch erzogen, und sie verlor auch in der Fülle des ländlichen Lebens niemals die heimliche Sehnsucht nach der großen Welt. In dem Briefe vom 24. Februar 1847, den später der junge Bräutigam an Johanna von Puttkamer schrieb, hat er die Mutter geschildert: Wilhelmine Mencken »Heute war der Geburtstag meiner verstorbenen Mutter. Wie deutlich schwebt es mir vor, als meine Eltern in Berlin am Opernplatz wohnten, dicht neben der Katholischen Kirche, wenn ich des Morgens durch den Jäger aus der Pension geholt wurde, das Zimmer meiner Mutter mit Maiblumen, die sie vorzüglich liebte, mit geschenkten Kleidern, Büchern und interessanten Nippes garniert fand; dann ein großes Diner mit vielen jungen Offizieren, die jetzt alte Majors sind, und schlemmenden alten Herrn mit Ordenssternen, die von den Würmern verzehrt sind. Und wenn man mich als gesättigt vom Tische geschickt hatte, so nahm mich die Kammerjungfer in Empfang, um mir mit beiseite gebrachtem Kaviar, Baisers u. dgl. den Magen gründlich zu verderben. Meine Mutter war eine schöne Frau, die äußere Pracht liebte, von hellem, lebhaftem Verstand, aber wenig von dem, was der Berliner Gemüt nennt. Sie wollte, daß ich viel lernen und viel werden soll, und es schien mir oft, daß sie hart und kalt gegen mich sei. Was eine Mutter dem Kinde wert ist, lernt man erst, wenn es zu spät, wenn sie tot ist; die mittelmäßigste Mutterliebe, mit allen Beimischungen mütterlicher Selbstsucht, ist doch ein Riese gegen alle kindliche Liebe. ... Von der Religion meiner Mutter erinnere ich nur, daß sie viel in den ›Stunden der Andacht‹ las, über meine pantheistische Richtung und meinen gänzlichen Unglauben an Bibel und Christentum oft erschrocken und zornig war. Zur Kirche ging sie nicht und hielt viel von Swedenborg, der Seherin von Prevorst und Mesmerschen Theorien, Schubert, Justinus Kerner. Eine Schwärmerei, die im seltsamen Widerspruch zu ihrer sonstigen kalten Verstandesklarheit stand.« In den »Gedanken und Erinnerungen« schreibt Bismarck weiter von seiner Mutter: »Sie war die Tochter des in damaligen Hofkreisen für liberal geltenden Kabinettsrats Friedrich des Großen, Friedrich Wilhelm =II.= und =III.= aus der Leipziger Professorenfamilie Mencken, welche in ihren letzten, mir vorhergehenden Generationen nach Preußen in den Auswärtigen und den Hofdienst geraten war. Der Freiherr vom Stein hat meinen Großvater Mencken als einen ehrlichen, stark liberalen Beamten bezeichnet. Unter diesen Umständen waren die Auffassungen, die ich mit der Muttermilch einsog, eher liberal als reaktionär, und meine Mutter würde, wenn sie meine ministerielle Tätigkeit erlebt hätte, mit der Richtung derselben kaum einverstanden gewesen sein, wenn sie auch an den äußeren Erfolgen meiner amtlichen Laufbahn große Freude empfunden haben würde. Sie war in bureaukratischen und Hofkreisen groß geworden; Friedrich Wilhelm =IV.= sprach von ihr als ›Minchen‹ im Andenken an Kinderspiele.« Über »Minchen« lag eine gewisse Kühle, auch ihre Briefe an die Söhne strahlen selten innere Wärme aus. Ihre Briefe sind literarisch, vernünftig, erfüllt von Sentenzen: »Es wäre das höchste Ziel meines Lebens,« so schreibt sie an den jungen Sohn, »und ich dachte es mir als das größte Glück für mich, das ich erreichen könnte, einen erwachsenen Sohn zu haben, der, unter meinen Augen gebildet, mit mir übereinstimmen würde, der als Mann berufen wäre, viel weiter in das Reich des Geistes einzudringen, wie es mir als Frau vergönnt ist.« Ihre Gedanken sind stets auf ein »Leben im höheren Sinne« und eine Vervollkommnung des Geistes gerichtet, niemals unmittelbar, niemals, selbst dem Sohne gegenüber, von rückhaltlosem Mitempfinden erfüllt. Die Frohnatur und die Lust zu fabulieren, die Goethe der Frau Rat verdankte, hat Bismarck von der Mutter sicherlich nicht geerbt. Ferdinand von Bismarck »Mein Vater war von aristokratischem Vorurteil frei, und sein inneres Gleichheitsgefühl war, wenn überhaupt, nur durch die Offizierseindrücke seiner Jugend, keineswegs aber durch Überschätzung des Geburtsstandes modifiziert«, so urteilt der achtzigjährige Staatsmann über den Vater. Er war der Landjunker der guten alten Zeit, ein eifriger Reiter und Jäger, der Freund eines guten Trunkes. Über seinem ganzen Wesen liegt ein gewisses robustes Behagen, ein behäbiger harmloser Humor. Er ist ganz unliterarisch, aber er umfaßt seine Jungen mit warmer Güte und väterlicher Treue. Und als sie zu tüchtigen Knaben heranwachsen, da blickt er mit naivem Stolze auf sie. »Mit Eure Zeugnisse«, schreibt er 1828, »brüste ich mich noch immer, gestern waren Bülows, Bekedorff und Blankenburgs hier, wo ich sie zeigte und meine recht innige Freude hatte, wie sie Euch rühmten; schon im voraus freue ich mich auf die, so Ihr auf Johanny schicken, und bin ich von Eurer Liebe überzeugt, daß Ihr unsere Hoffnungen gewiß erfüllen werdet. Ich bin also berechtigt, Nr. 1 entgegenzusehen.« Wirtschaftsnöte und manche Sorge blieben ihm nicht erspart, und als er starb, da ließ der Zustand der Güter vieles zu wünschen übrig. Aber mit einer gottvertrauenden Sorglosigkeit ließ er die Dinge an sich kommen. Daß der Sohn über ihn hinauswuchs, hat er wohl kaum gespürt. Aber das Verhältnis der beiden blieb herzlich und vertraut bis ans Ende. Am 15. Mai fand die Taufe statt. Nur das erste Jahr seiner Kindheit verlebte Bismarck in Schönhausen. Denn schon im Jahr 1816 siedelten die Eltern nach Kniephof in Pommern über. Sie waren durch Erbschaft und Vergleich in den Besitz dieses Gutes sowie von Jarchelin und Külz gekommen. Mancherlei landschaftliche Reize bot die Umgebung, und wenn auch das Herrenhaus selbst unansehnlich und einfach war, so waren doch der schöne Garten und der Karpfenteich des Gutes weithin gerühmt. Hier blieb der Knabe bis zum sechsten Lebensjahre. Eine Reihe von niedlichen Zügen ist uns schon aus dieser ersten Periode erhalten. Er baumelt mit den Beenekens Aus seiner frühesten Kindheit erzählt eine zur Familie gehörige Dame: »Otto saß am Nebentisch und wartete mit vorgebundener Serviette auf das Essen — das ihm von Kindheit an vortrefflich schmeckte —, den Rücken gegen die Tafel gekehrt, an welcher die Eltern mit den Gästen Platz genommen hatten. Der glückliche Vater betrachtete den Sohn mit den zärtlichsten Blicken und rief dann der Gemahlin entzückt zu: ›Minchen, sieh doch den Jungen, wie er dasitzt und mit den Beenekens baumelt!‹ Und so baumelte denn der kleine Otto ganz vergnügt mit den ›Beenekens‹ weiter zur Freude seines Vaters.« Weil sie zu sehr stankte Nach Kinderart hatte Otto die Leidenschaft, alles, was ihm eßbar dünkte, zu kosten. Die Mutter nahm ihn dann scharf ins Verhör. »Otto, was hast du gegessen? Du riechst nach Medizin!« rief die Mutter einst. Das Kind besann sich eine Weile, dann sagte es ruhig: »In des Vaters Stube stand am Fenster eine Flasche, die nahm ich an den Mund; ich habe aber nicht davon getrunken, weil sie zu sehr stankte.« Die Kanonenkugel Der Major von Schmeling, Kommandeur des Landwehrbataillons in Naugard, der in den Freiheitskriegen verwundet wurde und infolgedessen den linken Arm in der Binde tragen mußte, war eines Tages bei Bismarcks Eltern zu Tisch geladen. Der immer noch stattliche Krieger erregte in seiner blanken Uniform des Knaben ganze Aufmerksamkeit. Mit fragenden Augen schaute dieser über seinen Suppenteller hin, bald nach dem Eisernen Kreuze auf der Brust des Majors, bald auf dessen unbeweglichen Arm in der Binde. Das kindliche Fassungsvermögen vermochte sich wohl an der Erscheinung des tapferen Offiziers die Konsequenzen von »Blut und Eisen« noch nicht zu erklären; es mochte aber doch eine Ahnung in ihm aufsteigen, denn mit plötzlichem Entschlusse sprang er vom Stuhle, stellte sich in etwas breitbeiniger, doch gerader Haltung, mit den Händen in die Seiten gestemmt, vor den Major hin und frug ihn in echt friderizianischer Art zur größten Heiterkeit der Tischgesellschaft: »Ist Er von einer Kanonenkugel geschossen?« [Illustration: Jugendbild I] In Versailles erzählte Bismarck einmal von seiner Jugendzeit und seinen frühesten Erinnerungen. Die erste knüpfte sich an den Brand des Berliner Schauspielhauses: Die erste Erinnerung »Ich bin damals«, so erzählte er, »ungefähr drei Jahre alt gewesen, und es war am Gendarmenmarkt auf der Mohrenstraße, gegenüber dem Hotel de Brandebourg, an der Ecke, eine Treppe hoch, da wohnten damals meine Eltern. Von dem Brande selbst weiß ich nicht, daß ich ihn gesehen hätte. Aber als Egoist weiß ich — vielleicht auch nur, weil man mir’s hernach oft erzählt hat, wir hatten da vor den Fenstern noch so eine Stufe, auf der Stühle und der Nähtisch meiner Mutter standen. Und wie es brannte, da stieg ich hinauf und hielt an der einen Seite meine Hände an die Scheiben und zog sie gleich zurück, weil es heiß war. Hernach ging ich an das rechte Fenster und machte es ebenso.« — »Dann erinnere ich mich noch, daß ich einmal fortlief, weil mein älterer Bruder mich schlecht behandelt hatte. Ich kam bis auf die Linden, da fingen sie mich wieder ein. Ich hätte eigentlich Strafe bekommen sollen, es wurde aber Fürsprache für mich eingelegt.« Eine andere niedliche Erinnerung aus jener frühen Zeit, die Bismarck einmal vor Paris bei Tische erzählte: Seltsame Bälle »Ich besinne mich, obwohl ich damals noch sehr klein war, es muß im Jahre 1821 oder 1822 gewesen sein — da waren die Minister noch sehr große Tiere, angestaunt, geheimnisvoll. Da war einmal bei Schuckmann große Gesellschaft, was man damals Assemblée nannte. Was war der als Minister für ein schrecklich großes Tier! Da gingen meine Eltern auch hin. Ich weiß noch wie heute. Meine Mutter hatte lange Handschuhe an, bis hierher (er zeigte es am Oberarm), ein Kleid mit kurzer Taille, aufgebauschte Locken zu beiden Seiten und auf dem Kopfe eine große Straußenfeder. — Später war da ein Gesandter in Berlin, der gab auch solche Bälle, wo bis um drei Uhr getanzt wurde, und wo es nichts zu essen setzte. Da weiß ich, daß ich und ein paar gute Freunde oft hingingen, zuletzt lehnten wir jungen Leute uns auf. Als es spät wurde, zogen wir Butterbrote aus der Tasche und verzehrten sie. Hernach, das nächstemal, gab es zu essen, aber wir waren nicht wieder eingeladen.« [Illustration: Aus einem Schönschreibheft des Knaben (Aus einer humorist. Biographie des »Kladderadatsch« zum 80. Geburtstag Bismarcks)] Reicher quellen schon die Erinnerungen aus der Zeit, die Otto von Bismarck in dem Plamannschen Institut zu Berlin verlebte, wohin man ihn in seinem sechsten Jahre brachte. Dieses Institut war nach den Grundsätzen Pestalozzis begründet; in dem Hause Wilhelmstraße 139 lebten etwa dreißig Schüler in der strengen Zucht ihrer Lehrer, nach den Erziehungsgrundsätzen der eben vergangenen eisernen Zeit. Hier sollte der Körper gestählt, die Persönlichkeit nach allen Seiten ausgebildet und zur Selbständigkeit erzogen werden. Hier hat der Knabe, vielfach vom Heimweh nach den Pferden und Kühen und der freien Luft der Heimat gefoltert, die erste Lehrzeit des Lebens verbracht. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend war jede Stunde des Tages geregelt. Unterricht, Gymnastik, einfache Mahlzeiten, Arbeitsstunden wechselten miteinander, und am Sonntag zog man wohl mit den Lehrern auf die Wanderfahrt. Aber ganz froh ist der Knabe hier nie geworden. Das Gärtchen mit Kresse und türkischem Weizen und dem einen Baum, der breitgeästet im Winkel stand, konnte ihm nicht die Freiheit des heimatlichen Lebens ersetzen. Noch in späten Jahren hat Bismarck oft bitter von dieser Zeit seiner Kindheit gesprochen und in einer vielleicht allzusehr gesteigerten Bitterkeit die Anstalt als ein Zuchthaus geschildert. So hat er noch im Jahre 1872 geklagt: Philosophie des Prügelns »Meine Geschlechtsfolge besteht aus der Abwechslung einer geprügelten mit einer prügelnden Generation. Die Geprügelten, zu denen gehöre ich — es waren die Gelehrten, die Büchersammler; — sie vermehrten die Hausbibliothek. Da sie hart erzogen wurden, machten sie es an ihren Kindern durch Liberalität wieder gut. Unsere Kinder natürlich sehen aber wieder ein, daß man sie hätte straffer zügeln müssen, und prügeln unsere Enkel!« Mit Schrecken erinnerte sich der Kanzler auch an die Kost in der Anstalt. Elastisches Fleisch Es habe dort, so erzählte er in Versailles, ein künstliches Spartanertum geherrscht. Niemals habe er sich satt gegessen, ausgenommen, wenn er einmal ausgebeten gewesen sei. Immer habe es im Institut elastisches Fleisch gegeben, nicht gerade hart, aber der Zahn konnte damit nicht fertig werden. Und Mohrrüben — roh aß ich sie recht gern, aber gekocht und harte Kartoffeln darin, viereckige Stücke. Um Ostern 1822 traf der Knabe in der Anstalt ein. Einer seiner Mitschüler, der sich damals in der Knabenschar befand, die den neuen Zögling begrüßte, hat später über diese Szene erzählt. Wie kommt es nur? »Wir befanden uns auf dem Mittelflur, als die nach der Straße führende Haustüre sich auftat und der Kutscher des Herrn von Bismarck in dem damals üblichen weiten Mantel mit lang herabhängendem Rundkragen eintrat, Otto, gleichfalls in einen solchen Mantel gehüllt, auf dem Arme tragend. Er war schon damals ein hochaufgeschossener Knabe und ragte weit über das Haupt des Kutschers hinaus. Wir eilten auf Otto zu, aber er verzog keine Miene und sah nur mit imponierendem Ernst von oben herab auf uns nieder. — ›Wie kommt es nur‹ — diese Frage knüpft der Erzähler an jene Mitteilung —, ›daß dieses Bild mir nach mehr als fünfzig Jahren klar im Gedächtnis geblieben ist, dieses Bild eines Knaben, von dem ich sonst aus jener Zeit nichts, durchaus gar nichts weiß? — War das eine Ahnung davon, daß er einst so hoch über uns gestellt sein werde?‹« [Illustration: Der kleine Bismarck als Pflanzensammler (Aus einer humorist. Biographie des »Kladderadatsch« zum 80. Geburtstag Bismarcks)] Noch eine andere Schilderung aus jenen Tagen ist uns erhalten. Ernst Krigar ein Mitschüler Ottos, hat sie uns in einem kleinen Schriftchen gegeben. Der Telamonier Ajax »Zu Weihnachten hatte einer unserer Mitschüler von seinen Eltern ›Beckers Erzählungen aus der alten Welt‹ zum Geschenk erhalten; das Buch wurde von uns fleißig gelesen, so daß das eine Exemplar lange nicht ausreichte, unsere Wißbegierde zu stillen. Jetzt wurde der Trojanische Krieg vorgenommen. Der erste, welcher diesen ganzen Teil des Buches auswendig konnte, war Otto von Bismarck. Am Ende des Gartens der Anstalt, jetzt nach der Königgrätzer Straße zu, stand ein schöngewachsener Lindenbaum, zu dem hinaufzuklettern wir die Erlaubnis hatten. Dies war in den Freistunden unser liebster Aufenthalt. ›Nach der Linde!‹ hieß es, wenn irgend etwas Wichtiges mitzuteilen oder zu beraten war. Sie bildete den Mittelpunkt des Gartens für uns. Otto von Bismarck übernahm in der Regel das Vorlesen des Trojanischen Krieges und wählte sich dazu häufig seinen Lieblingssitz auf der Linde. Wir Zuhörer, soweit wir Platz hatten, bestiegen ebenfalls den Baum, die übrigen lagerten sich unter demselben. Mit welcher Aufmerksamkeit folgten wir dem Vorleser, mit welcher Begeisterung wurden die Heldentaten der Griechen vor Troja aufgenommen! Es dauerte nicht lange, so hatte jeder von uns den Namen eines dieser Helden. Bismarck konnte kein anderer als der Telamonier Ajax sein.« [Illustration: Bismarck in Göttingen als Student (»Jugend«)] In der Tat war Otto ein frischer, lieber Junge und ein rechter Sohn der märkischen Erde. Leicht empfänglich für alle Eindrücke, tapfer und ein wenig hitzig, stellte er sich gern auf die Seite der Schwachen und kämpfte manche heiße Fehde. Sechs Jahre ist er in der Anstalt von Plamann geblieben. Jetzt ist das Haus verschwunden, in dem sie einst untergebracht war. Ein Prachtbau erhebt sich in der östlichen Häuserflucht der Königgrätzer Straße. Aber eine Tafel verkündet: »Hier stand die Bismarcklinde im Garten der Plamannschen Erziehungsanstalt, deren Zögling der Fürst Bismarck 1822 bis 1827 war.« Schon im ersten Zeugnis bescheinigten ihm die Lehrer: »Seine gemütliche Freundlichkeit und sein kindlicher Frohsinn machen, daß ihn alle gern haben, so wie er auch seinerseits sich zutraulich anschließt.« Erhalten ist auch Sein erster Brief Liebe Mutter! Ich bin hier glücklich angekommen; es sind die Zensuren ausgefüllt, und ich hoffe, daß Du Dich freuen wirst. Es sind kürzlich neue Springer angekommen, die sehr schöne Kunststücke zu Pferde und zu Fuß machen können. Grüße alles vielmals und bleibe so gesund wie wir Dich verlassen hatten. Ich bin Dein Dich liebender Sohn Otto. War aber Otto immer ein Musterknabe? Erhalten blieb die Tatsache, daß er, als ihn der altdeutsch gescheitelte, langlockige Zeichenlehrer eine Zierpuppe schalt, ihm blitzschnell die Antwort gab: »Selbst eine!« Und auch in den Zeugnissen ist zu lesen, daß er im Arbeiten und Denken zu Übereilung, in allen Handtätigkeiten zur Flüchtigkeit neigte, und daß er allzu lebhaft und lange beinahe zerstreut war. »Er hat wohl über sich zu wachen, daß sein natürlicher Frohsinn nicht ausarte und daß jedes seine rechte Stelle habe, der Ernst bei der Arbeit und die Fröhlichkeit im geselligen Leben.« Im September 1827 ging der junge Bismarck in das Gymnasium über. Gleichzeitig zogen die Eltern für einen großen Teil des Jahres nach Berlin und nahmen ihn auch in ihre in der Behrenstraße gelegene Wohnung mit. Während des Winters lebten Otto und sein Bruder Bernhard mit den Eltern zusammen, im Sommer zogen Vater und Mutter nach Kniephof, während die beiden Jungen, von einem Hauslehrer überwacht und von der getreuen Trine Neumann verpflegt, allein in der Hauptstadt wirtschaften durften. Trine Neumann und der Eierkuchen »Trine Neumann«, so erzählte später der Kanzler, »stammte von meinem väterlichen Gute Schönhausen in der Altmark. Sie hatte uns Jungen herzlich lieb und tat alles, was sie uns an den Augen absehen konnte. So machte sie uns zu Abend fast immer unser Leibgericht: Eierkuchen. Wenn wir gegen Abend ausgingen, ermahnte Trine Neumann uns regelmäßig: ›Bliewt hüt nich so lang ut, dat min Kauken nich afbacken!‹, und regelmäßig, wenn wir endlich nach Hause kamen, hörten wir die gute Trine schon von weitem wie einen Rohrsperling schimpfen: ›Na wart, Jungens, ut euch wart in’n Leben nix Vernünftiges — die Kauken sind all wedder afbackt!‹ Aber der Zorn der guten Trine war immer bald verraucht, wenn sie sah, wie vortrefflich ihre ›afbackten Kauken‹ uns Jungens schmeckten.« — Trompeterlungen-Posaunenstimmen rühmte in jener Zeit der Templiner Onkel seinen »beiden anderen Neffen nach«. Auf der neuen Schule, dem Friedrich-Wilhelms-Gymnasium, in deren Untertertia der Knabe eintrat, gewann besonders der spätere Direktor des Grauen Klosters, Professor =Dr.= Bonnell, Einfluß auf ihn. Dieser ausgezeichnete Pädagoge, dem Bismarck bis in die spätesten Jahre ein treues Gedenken bewahrte, gewann schon in den ersten Tagen die Haltung und das Wesen des Knaben lieb. Er erzählt: Ein nettes Jungchen »Die Neuaufgenommenen saßen im Schulsaale auf mehreren Bänken hintereinander, so daß die Lehrer während der Einleitungsfeier Gelegenheit hatten, die kleine Schar gehörig durchzunehmen. Otto von Bismarck saß mit sichtlicher Spannung, mit freundlichem Knabengesicht und helleuchtenden Augen frisch und munter unter seinen Kameraden, so daß ich bei mir dachte: Das ist ja ein nettes Jungchen, den will ich besonders ins Auge fassen.« Der dankbare Schüler Wie groß die Anhänglichkeit war, die Bismarck noch in späten Jahren für seinen alten treuen Lehrer bewahrte, beweist folgende Episode, die wiederum Bonnell erzählt: »Der 17. April 1871 war der Tag, an welchem die Stadt Berlin die zum erstenmal versammelten Abgeordneten des Deutschen Reichstages in dem großen Festsaale des neuen Rathauses begrüßte. Ich war auch dazu eingeladen. In dem großen Gedränge der Abgeordneten und Notabilitäten jeder Art zog natürlich Bismarck die Aufmerksamkeit am meisten auf sich. Plötzlich steht der große Mann vor mir und reicht mir in gewohnter Freundlichkeit die Hände. Die Hitze des Saales hatte mein Gesicht gerötet; deshalb drückte er seine Freude darüber aus, mich so wohl zu finden. ›Ich kann dies Ew. Durchlaucht zurückgeben,‹ sagte ich, ›und doch haben Sie einen bedeutenden Teil der Weltgeschichte nicht bloß durchgemacht, sondern gemacht.‹ — ›Nun,‹ erwiderte er, ›ich habe so etwas an ihren Fäden gesponnen!‹ Darauf folgten noch andere freundliche Worte, Erkundigungen nach meiner Frau.« Die Zeitungen schilderten dann in den nächsten Tagen den Eindruck, den dieser Vorgang auf die im Rathaussaale Versammelten gemacht hatte. In dem Bericht des einen Blattes hieß es: »Wer ist der kleine alte Herr, mit dem Bismarck so lange spricht, zu dem er sich fast herabzubeugen scheint? Es ist der Direktor Bonnell, der einst des Fürsten Lehrer war. Es tut einem wohl, zu sehen, wie respektvoll der große Schüler noch heute vor seinem alten Lehrer steht.« — Bonnell ist auch der Lehrer der beiden Söhne Bismarcks später geworden. Als sie im März 1869 die Reifeprüfung bestanden hatten, lud der Vater die Prüfungskommission zu Tische. Die Unterhaltung bewegte sich so ungezwungen wie immer in diesem Hause. Da erhob sich der Kanzler mit dem Glase und sprach etwa folgendes: »Vor achtunddreißig Jahren um dieselbe Zeit habe ich das Abiturientenexamen bestanden, und zwar vor demselben Mann und unter Leitung desselben Mannes, der jetzt meine beiden Söhne zu demselben Ziele geleitet hat. Ich weiß, was ich ihm verdanke. Mögen auch meine Söhne ihm stets ein dankbares Andenken bewahren. Indem ich Sie, verehrte Anwesende, auffordere, auf das Wohl meines alten lieben Lehrers, des Direktors Bonnell, anzustoßen, verbinde ich zugleich den Dank an die übrigen Lehrer meiner beiden Söhne.« Sein Konfirmandenspruch Am 31. März 1831, einen Tag vor seinem sechzehnten Geburtstag, wurde der junge Otto von dem berühmten Schleiermacher in der Dreifaltigkeitskirche eingesegnet. Noch als greiser Mann erzählte Bismarck: »Noch weiß ich genau das Plätzchen in der Kirche, wo ich unter den Konfirmanden gesessen habe; und als ich dann aufgerufen wurde und vor den Altar treten sollte, pochte mir gewaltig das Herz. Den Spruch, welchen Schleiermacher mir mitgegeben hat, glaube ich ziemlich richtig sagen zu können: ›Was ihr tut, das tut dem Herrn und nicht den Menschen‹; aber die Stelle, wo er steht, habe ich vergessen. Nicht wahr, ein besseres Wort konnte mir nicht mitgegeben werden! Der Spruch soll mein Leitstern bleiben.« Es ist die Stelle Kolosser 3, 23: »Alles was ihr tut, das tut von Herzen, als dem Herrn und nicht den Menschen.« Superintendent Pank, der an der gleichen Kirche tätig war, sprach im Jahre 1880 mit dem Reichskanzler von dieser Zeit und berichtet dann: »Zu Hause erzählte ich es meinem Küster; dieser durchblätterte die alten Konfirmandenregister, fand dort richtig den Namen ›Otto von Bismarck‹ und sagte: ›Am kommenden 31. März sind seitdem gerade fünfzig Jahre verflossen; da müßten wir eigentlich dem Reichskanzler einen Jubiläumskonfirmationsschein schreiben; wer weiß, ob er den früheren noch hat.‹ Gesagt, getan. Der Konfirmationsschein wurde angefertigt, mit einfachen Randzeichnungen um den Text, oben das Bild Schleiermachers, unten den obenerwähnten Denkspruch. Am Morgen des 31. März 1880 legte ihn die Fürstin auf den Frühstückstisch des Reichskanzlers. Sie sagte mir nachher, daß er sich kaum über etwas so gefreut habe wie über diese überraschende ernste Erinnerung an einen Gedenktag seines Lebens, an dessen fünfzigste Wiederkehr er nicht im entferntesten gedacht hatte. Als ich einige Zeit darauf dem Fürsten das heilige Abendmahl reichte, führte er mich nach der Feier zu seinem Schreibtisch, auf dessen Mitte der Konfirmationsschein aufgestellt war, und sagte: ›Es hat doch etwas auf sich, wenn man sich sagen muß: Fünfzig Jahre sind dahingegangen, seitdem du vor dem Konfirmationsaltar gestanden! Aber der Spruch soll mein Leitstern bleiben!‹« In Pension Bald darauf wurde der Knabe der Pensionär seines Direktors, der am Königsgraben Nr. 4 wohnte. Auch aus dieser Zeit besitzen wir ein Urteil des trefflichen Pädagogen über seinen Zögling: »Er bewegte sich freundlich, anspruchslos und durchaus zutraulich in meiner einfachen Häuslichkeit, die sich damals auf meine Frau und meinen einjährigen Sohn beschränkte. Er zeigte sich in jeder Beziehung liebenswürdig. Er ging des Abends fast niemals aus; wenn ich zu dieser Zeit zuweilen nicht zu Hause war, so unterhielt er sich freundlich und harmlos plaudernd mit meiner Frau und verriet eine starke Neigung zu gemütlicher Häuslichkeit. Er hatte unser ganzes Herz gewonnen, und wir brachten ihm alle Liebe und Sorgfalt entgegen, so daß sein Vater später, nach seinem Scheiden von uns, äußerte, daß der Sohn sich in keinem Hause so wohl wie bei uns gefühlt habe.« [Illustration: Jugendbild =II=] Am 14. April 1832 bestand der Jüngling, kaum siebzehn Jahre alt, das Examen der Reife mit dem Zeugnis Nr. 2. Seine Mitschüler in der Prima haben ihm später im Festsaal der Anstalt ein Denkmal gesetzt, eine Büste des Kanzlers auf einem Sockel aus schwarzem Marmor. Der Schüler hatte vorher seinen Lieblingslehrer, der zum Direktor des Grauen Klosters ernannt worden war, an die neue Anstalt begleitet. Wie hat Bismarck das Gymnasium verlassen? Er schildert es selbst zu Beginn seines letzten Gedenkbuchs: »Als normales Produkt unseres staatlichen Unterrichts verließ ich Ostern 1832 die Schule als Pantheist, und wenn nicht als Republikaner, doch mit der Überzeugung, daß die Republik die vernünftigste Staatsform sei, und mit Nachdenken über die Ursachen, welche Millionen von Menschen bestimmen könnten, ~einem~ dauernd zu gehorchen, während ich von Erwachsenen manche bittere oder geringschätzige Kritik über die Herrscher hören konnte. Dazu hatte ich von der turnerischen Vorschule mit Jahnschen Traditionen (Plamann) deutsch-nationale Eindrücke mitgebracht. Diese blieben im Stadium theoretischer Betrachtungen und waren nicht stark genug, um angeborene preußisch-monarchische Gefühle auszutilgen. Meine geschichtlichen Sympathien blieben auf seiten der Autorität. Harmodios und Aristogeiton sowohl wie Brutus waren für mein kindliches Rechtsgefühl Verbrecher und Tell ein Rebell und Mörder. Jeder deutsche Fürst, der vor dem Dreißigjährigen Kriege dem Kaiser widerstrebte, ärgerte mich, vom Großen Kurfürsten an aber war ich parteiisch genug, antikaiserlich zu urteilen und natürlich zu finden, daß der Siebenjährige Krieg sich vorbereitete. Doch blieb mein deutsches Nationalgefühl so stark, daß ich im Anfang der Universitätszeit zunächst zur Burschenschaft in Beziehung geriet, welche die Pflege des nationalen Gefühls als ihren Zweck bezeichnete. Aber bei persönlicher Bekanntschaft mit ihren Mitgliedern mißfiel mir ihre Weigerung, Satisfaktion zu geben, und ihr Mangel an äußerlicher Erziehung und an Formen der guten Gesellschaft, bei näherer Bekanntschaft auch die Extravaganz ihrer politischen Auffassungen, die auf einem Mangel an Bildung und an Kenntnis der vorhandenen, historisch gewordenen Lebensverhältnisse beruhte, von denen ich bei meinen siebzehn Jahren mehr zu beobachten Gelegenheit gehabt hatte als die meisten jener durchschnittlich älteren Studenten. Gleichwohl bewahrte ich innerlich meine nationalen Empfindungen und den Glauben, daß die Entwicklung der nächsten Zukunft zur deutschen Einheit führen werde.« Wie er sich sonst entwickelt hat? Mannigfache Reisen, vor allem aber der Ferienaufenthalt auf dem Lande mußten ihre Wirkung üben. Dort draußen treibt er dann mit der Schwester und Cousine »viel tolles Zeug«, dort lebt er, »wie Gott in Frankreich«. Er erzählt in seinen Briefen nur von Jagen und Tanz, übermütig, in keckem Stil, die Brust erfüllt von Lebensfreude. Und schon spürt man an seinen Briefen aus der keimenden Jünglingszeit den starken Stilisten mit seiner kraftvollen Art der Darstellung, mit den drastischen Bildern, mit dem köstlichen Humor. Hier ein Zitat: Die Kniephofer Reichsexekutionsarmee »Am Freitag«, schreibt er in einem Schülerbriefe, »sind drei hoffnungsvolle junge Leute, ein Brandstifter, ein Straßenräuber und ein Dieb, kurze Zeit vorher zwei gleichen Gelichters aus der Anstalt echappiert. Die ganze Gegend wimmelte von Patrouillen, Gendarmen und Landsturm; man war seines Lebens nicht sicher. Am Abend rückte gegen die drei Ungeheuer die Kniephofer Reichsexekutionsarmee aus, bestehend aus fünfundzwanzig Mann Landsturm, soviel es anging mit Schießgewehren, Flinten, Büchsen, Musketen, Pistolen, übrigens aber mit Forken und Sensen bewaffnet. Alle Übergangspunkte über die Zampel wurden besetzt. Unser Militär war aber erschrecklich in Furcht. Wenn zwei Abteilungen sich begegneten, riefen sie einander an; aber vor Angst wagte niemand zu antworten, die einen liefen was sie konnten, die anderen verkrochen sich hinter die Büsche.« — Es ist zu hoffen, daß die drei »hoffnungsvollen jungen Leute« doch noch von ihrem Schicksal ereilt worden sind. Als ein befähigter und wohlvorbereiteter Jüngling, geleitet von den besten Segenswünschen seiner Lehrer und der Hoffnung, »daß er mit erneutem Eifer an seiner ferneren wissenschaftlichen Ausbildung arbeiten werde«, zog der junge Fuchs zur Universität. Als Jurist und Landwirt Eine flotte und fröhliche Zeit brach für den jungen Studiosus in Göttingen an. Auch Otto von Bismarck erfaßte das akademische Leben mit allen seinen Lockungen und Reizen, und von den Kollegien, die er namentlich im ersten Semester belegte, hat er nur wenige besucht. Noch sechzig Jahre später hat er, das Haupt mit der roten Mütze des Korps Hannovera bedeckt, in wehmütig froher Erinnerung versichert, daß hier in Göttingen seine Gedanken am liebsten weilen. Er trat nicht sofort in das Korps ein; er verkehrte vielmehr zuerst in einem Kreise von Mecklenburgern, die keine eigentliche Verbindung bildeten und mit denen er alsbald eine fröhliche Fahrt in den Harz antrat. Auch seinen Freund Lothrop Motley lernte er hier kennen, der ihm in seinem Buche »Otto von Rabenmarck« ein eigenartiges Denkmal der Bewunderung setzte. Sein Eintritt in das Korps erfolgte seltsam genug. Vor das Universitätsgericht geladen, trat er den Weg in hellem, schlafrockartigem Gewande an, das bis zu den Füßen reichte, »mit seltsam konstruierter Mütze, ein gedrehtes Eisenstöckchen in der Hand, von einem mächtigen weißgelben Hunde gefolgt«. Von Mitgliedern des Korps Hannovera, die ihm begegneten, ob seines Aufzuges verlacht, antwortete er mit einer Herausforderung. Aber der Konflikt wurde beigelegt, und der junge Studiosus trat selbst in das Korps ein. Und hiermit begann das typische Korpsleben: kleine Ordnungsstrafen, Kneipereien, die Weinkommerse in Weede und in Minden, Mensuren und Studentenfahrten nach der Rudelsburg, nach Eisenach und Jena. Von seinen Mensuren sprach Bismarck noch in späten Zeiten gern und oft. Mensuren In Versailles erzählte er bei Tische, daß er bei all seinen achtundzwanzig Mensuren in Göttingen stets unverletzt davongekommen sei. Jemand erwiderte: »Aber einmal haben Exzellenz doch etwas abgekriegt; wie hieß doch der kleine Hannoveraner? — nicht wahr: Biedenfeld?« — »Biedenweg,« berichtigte Bismarck, »er war auch nicht klein, sondern beinahe so groß wie ich. Das kam aber nur davon, weil seine Klinge absprang; sie war wahrscheinlich schlecht eingeschraubt. Das abspringende Stück fuhr mir ins Gesicht und schrammte mich« — er faßte nach der linken Wange, wo noch eine kleine Narbe zu erkennen war — »der Blutige war also nicht kommentmäßig und wurde auch für ungültig erklärt.« — Ein wenig anders als in der späten Erinnerung stellt sich das Bild dieses »Blutigen« in einem Briefe dar, der aus der Studentenzeit selbst stammt (Januar 1833); da heißt es: »Man hat mir einen ganz kleinen angemogelt, just die Nasenspitze gespalten; ich bin aber auch seit Michaeli vierzehnmal auf der Mensur gewesen und habe fast immer meinen Gegner glänzend abgeführt. Wenigstens bin ich nur das eine Mal blutig getroffen. Eben deswegen klemmen sich die Leute mit unbezähmbarer Malice auf mich armen Fuchs.« Bald darauf schrieb der Vater an den älteren Bruder: »Otto hat geschrieben und ist ganz wohl, hat aber sechs auf einmal fordern müssen, indem sie so auf unseren König geschimpft haben und die Preußen wären nie honorige Studenten. Den anderen Morgen haben sie aber ihr Wort zurückgenommen und gesagt, sie wären sämtlich betrunken gewesen. Einen Herrn von Roeder den hat er aber festgehalten, welcher das von die Studenten gesagt hat.« — Das Paukregister des Korps Hannovera zählt folgende Mensuren auf: ~Sommersemester~ 1832. 9. August: Cramer (Braunschweig, Jungbursch) c./a. v. Bismarck. Forderung: 12 Gänge. Cramer 1 Blutigen. 23. August: Silberschlag (Jenenser Teutone) c./a. v. Bismarck. Forderung: 24 Gänge; im 21. Gange Silberschlag abgeführt. 31. August: Mensching (Hildese) c./a. v. Bismarck. Forderung: 24 Gänge. Mensching 2 Blutige. — ~Wintersemester~ 1832/33. 10. November: Liebe (Braunschweiger Brander) c./a. v. Bismarck. Forderung: 12 Gänge. 9 Gänge gemacht ohne Erfolg. Liebe 1 Blutigen. 13 November: Erlenbach (Hildese) c./a. v. Bismarck. Ersterer verwundet, 2 Blutige. 15. November: Liebe (Braunschweiger) c./a. v. Bismarck. (Rest der suspendierten Partie vom 10. November.) 3 Gänge, kein Anriß, ohne Erfolg. 11. Dezember: Schlosser (Guestphale) c./a. v. Bismarck. Schlosser 1 Blutigen. 15. Dezember: Mensching (Hildese) c./a. v. Bismarck. Jeder 1 Blutigen. 22. Dezember: Cramer (Braunschweiger) c./a. v. Bismarck. 6 Gänge ohne Erfolg, ohne Anriß. 7. Januar: Erlenbach (Hildese) c./a. v. Bismarck. Ersterer verwundet, 2 Blutige. 9. Januar: Rudloff (Braunschweiger) c./a. v. Bismarck. Forderung: 12 Gänge. Ohne Erfolg. 16. Januar: Bode (Braunschweiger) c./a. v. Bismarck. 12 Gänge, kein Anriß, ohne Erfolg. 1 Blutiger bei Bode. 2. Februar: Biedenweg (Bremenser) c./a. v. Bismarck. »=Pro Patria.=« Forderung: 24 Gänge, kleine Mützen. v. Bismarck im ersten Gange abgeführt. 3. März: Schotte (Braunschweiger) c./a. v. Bismarck. Kleine Mützen. Schotte 2 Blutige, v. Bismarck 1 Blutigen. 6. März: Schütze (Braunschweiger) c./a. v. Bismarck. 12 Gänge, kein Anriß. v. Bismarck 1 Blutigen, Schütze 3 Blutige. 16. März: Biedenweg (Bremenser) c./a. v. Bismarck. (Rest der suspendierten Partie vom 2. Februar.) 23 Gänge. Biedenweg 1 Blutigen, v. Bismarck 2 Blutige. — ~Sommersemester~ 1833. 24. April: Bode (Braunschweiger) c./a. v. Bismarck. 1 Gang mit kleinen Mützen. Bode 2 Blutige ins Gesicht. 6. Mai: Grosse (Hildese) c./a. v. Bismarck. 24 Gänge, kleine Mützen. v. Bismarck 3 Blutige, Grosse 1 Blutigen und abgeführt. 7. Mai: Petri (Braunschweiger) c./a. v. Bismarck. 12 Gänge, kein Anriß. v. Bismarck 1 Blutigen. 10. Mai: Domeier (Hildese) c./a. v. Bismarck. 24 Gänge, kleine Mützen. Domeier im fünften Gange abgeführt. 12. Mai: Fischer (Hildese) c./a. v. Bismarck. 24 Gänge, kleine Mützen. Fischer im siebenten Gange abgeführt. 7. Juni: Römcke (Braunschweiger) c./a. v. Bismarck. 12 Gänge, kein Anriß. Ohne Erfolg. [Illustration: ~Bismarck als Zeichner~ von Strichen und Linien in den Gesichtern seiner Kommilitonen (Aus einer humoristischen Biographie des »Kladderadatsch« zum 80. Geburtstag Bismarcks)] Aus den Universitätsakten ergibt sich ferner, daß Bismarck im Jahre 1833 als Unparteiischer ein Pistolenduell leitete, daß ihm bald darauf unter Androhung der Relegation eine Mensur mit drei anderen verboten wurde, und daß er darauf im Mai, wieder aus ähnlichen Gründen, zweimal Karzer erhielt und das =Consilium abeundi= unterschreiben mußte. Als er einmal mit mehreren Kommilitonen einen Ausflug nach Jena machte, wurde er von dem dortigen Universitätsrichter ausgewiesen. Noch nach seinem Übergange zur Berliner Universität mußte er eine in Göttingen verwirkte Karzerstrafe absitzen. Die Wette Berühmt ist die Wette, und viel zitiert, die Bismarck in Göttingen im Sommer 1832 mit dem Amerikaner Coffin abschloß. Er hat davon gern erzählt: »In Göttingen, da wettete ich einmal mit einem Amerikaner, ob Deutschland in zwanzig Jahren einig sein würde. Wir wetteten um fünfundzwanzig Flaschen Champagner, die der geben sollte, der gewinne. Wer verlor, sollte übers Meer kommen. Er hatte für nicht einig gewettet, ich für einig. Darauf besann ich mich 1853 und wollte hinüber, um meine verlorene Wette zu bezahlen. Wie ich mich aber erkundigte, war er tot. Er hatte gleich so einen Namen, der kein langes Leben versprach — Coffin, Sarg. Das merkwürdigste dabei ist, daß ich damals — 1833 — schon den Gedanken und die Hoffnung gehabt haben muß, die jetzt mit Gottes Hilfe wahr geworden ist, obwohl ich damals mit den Verbindungen, die das wollten (den Burschenschaften), nur im Gefechtszustande verkehrte.« Göttinger Reminiszenzen Ihering, der berühmte Staatsrechtslehrer, erzählt in späten Zeiten: »Ich wurde am 27. März 1885 vom Fürsten Bismarck in Berlin empfangen; ich war als Dekan der Juristen-Fakultät von Göttingen beauftragt, ihm anläßlich seines siebzigsten Geburtstages unser Doktor-Diplom zu überreichen. Der Fürst lud mich zum Diner ein. Ich erlaubte mir, Bismarck bei dieser Gelegenheit auf seine Studienzeit in Göttingen zu bringen und ihn nach seinen Lehrern zu fragen. Von letzteren, sagte er, habe er wenig gehabt; sie hätten ihm kein Interesse für die Jurisprudenz abzugewinnen vermocht; nur der Historiker Heeren hätte ihn angeregt. Mit der Arbeit sei es in Göttingen nicht viel geworden, insbesondere seien die Ferien, die der Student damals noch auf der Universität zuzubringen pflegte, von ihm und seinen Bekannten fast nur dem Kartenspiel und Trinken gewidmet gewesen. Es sei ein arges Leben gewesen, das er dort geführt habe. Mit den Pedellen scheint er in nähere Berührung gekommen zu sein als mit seinen Lehrern. Eines derselben erinnerte er sich noch sehr genau und nannte ihn mit Namen. Von seinen Lehrern nannte er nur Hugo und den Privatdozenten Valett, bei dem er Pandekten gehört hatte; die übrigen schienen ihm entfallen zu sein. Mit Humor gedachte er noch des kalten Bades, das er nicht selten, wenn er des Nachts von der Kneipe in sein am Wall, neben der dort kanalisierten Leine gelegenes Haus zurückgekehrt sei, in der Leine, um sich abzukühlen, genommen hat. Dieses Haus steht noch jetzt und ist zur Erinnerung an Bismarck mit einer Marmortafel versehen. Es ist ein Gartenhaus, aus einem einzigen Zimmer bestehend; Bismarck war also der einzige Bewohner desselben und mußte den Haustorschlüssel stets mit sich führen; kein Hauswirt beaufsichtigte sein Kommen und Gehen; er war völlig unabhängig. Bei seiner Entfernung von Göttingen war ihm eine Karzerstrafe zudiktiert, die er in Berlin, wohin er von dort ging, abzubüßen hatte. Bei dem großen Studentenkommers, der am Vorabend der Bismarckfeier stattfand und an dem sich Deputationen von Studierenden aller deutschen Universitäten beteiligten, benutzte der Rektor der Universität Berlin, Professor Dernburg, diesen Umstand in launiger Weise, um das Verhalten von Göttingen von einst und jetzt in ein grelles Licht zu setzen. »Damals« — sagte er — »hat man Bismarck einen Haftbefehl nachgeschickt, und jetzt sendet man ihm den =Doctor juris=.« Zu den Freunden, die Otto von Bismarck im Korps gewann, gehörte vor allem Gustav Scharlach, mit dem er eine Anzahl von Briefen gewechselt hat, die uns das ganze Wesen des kecken und übermütigen Jünglings enthüllen, zugleich aber auch die Umrisse dieser starken Persönlichkeit bereits leise erkennen lassen. Hier sei der erste Brief zitiert, den der Achtzehnjährige an seinen Freund, der den Spitznamen Giesecke führte, von Berlin aus gerichtet hat: Sturm und Drang Lieber Giesecke! Willst Du diesen Brief in derselben Stimmung lesen, in welcher er geschrieben ist, so trinke erst eine Flasche Madeira. Ich würde mich wegen meines langen Stillschweigens entschuldigen, wenn Dir nicht meine angeborene Tintenscheu bekannt wäre, und wenn Du nicht wüßtest, daß ich in Göttingen lieber zwei Flaschen Rheinwein trank als einen Brief schrieb, und daß ich beim Anblick einer Feder Konvulsionen bekam. Wie schlecht es mir in der letzten Zeit gegangen ist, hast Du wohl gehört; ich habe auf der Reise noch in Braunschweig, Magdeburg, Schönhausen und Brandenburg drei bis vier Wochen am Fieber gelegen. Später fanden sehr unangenehme Szenen zwischen mir und meinem Alten statt, der sich weigert, meine Schulden zu bezahlen; dieses versetzt mich in eine etwas menschenfeindliche Stimmung, etwa wie Charles Moor, als er Räuber wird; doch tröste ich mich wie jener Straßenjunge: »Et is minem Vater schonst recht, det ick friere, worum koft er mir keene Hanschen.« Der Mangel ist so arg noch nicht, weil ich ungeheueren Kredit habe, welches mir Gelegenheit gibt, liederlich zu leben; die Folge davon ist, daß ich blaß und krank aussehe, welches mein Alter, wenn ich Weihnachten nach Haus komme, natürlich meinem Mangel an Subsistenzmitteln zuschreiben wird; dann werde ich kräftig auftreten, ihm sagen, daß ich lieber Mohammedaner werden als länger Hunger leiden wolle, und so wird sich die Sache schon machen. =En attendant= lebe ich hier wie ein Gentleman, gewöhne mir ein geziertes Wesen an, spreche viel Französisch, bringe den größten Teil meiner Zeit mit Anziehen, den übrigen mit Visitenmachen und bei meiner alten Freundin, der Flasche, zu; des Abends betrage ich mich im ersten Range der Oper so flegelhaft als möglich. Du würdest erstaunen, wenn Du jetzt einmal Gelegenheit hättest, meine Garderobe zu sehen — ein Haufen von Manschetten, Halsbinden, Unterhosen und anderen Luxusartikeln. Dabei langweile ich mich mit leidlichem Anstande. Doch ein Übel quält mich; der Knabe Peter fängt an mir fürchterlich zu werden; stehe ich auf, so ist er da; komme ich von Tisch, so ist er wieder da; er folgt mir wie ein Schatten an Orte, wo er nichts zu tun hat, zu Leuten, die er gar nicht kennt, mit seinem versteinerten Frühlingslächeln, mit seiner gigantischen Mantellippe, an der einst die Blicke von tausend Wißbegierigen hängen werden, wenn die Weisheit in sieben verschollenen Sprachen davon fließt, wie jetzt der Speichel in sieben Kanälen. Schiller hat unrecht, wenn er die Schuld das größte Übel nennt; Peter ist viel fürchterlicher; lieber von allen Furien verfolgt, als von diesem ewigen Gesicht. Von diesem Peter, zu dem der Apostel Paulus sprach: Sei dumm wie die Ochsen und ohne Falsch wie die Tauben. Motley lebt wieder in offener Feindschaft mit King; mit jedem Paketboot kreuzen sich Forderungen auf Doppelbüchsen. Aus Göttingen ist noch hier: Bierbaum, Löhning und Genossen, das Faultier Sch. und der schlanke Freiheitsbaum der Aristokratie, dem zum Menschen alles, zum Kammerherrn nichts fehlt als ein Schloß vors Maul. Er lebt hier in seliger Gemeinschaft mit dreißig Vettern, denen er allen nichts vorzuwerfen hat und von deren Beisammensein eine polizeiwidrige Anhäufung von Dummheit die einzige Folge ist; ›sie essen nicht, sie trinken nicht‹, was tun sie denn? Sie zählen ihre Ahnen. Bei dem Artikel von Dummheit fällt mir ein, daß meine Alte ganz ernstlich darauf dringt, ich solle noch einmal zum Prediger gehen, weil ich sagte, manches in der Bibel sei bildlich gemeint. Meine Adresse ist bis zum 15. Dezember Kanonenstraße 44, von da bis zum 10. Januar Kniephof bei Naugard in Pommern, später beim Pedell zu erfragen. Ich hoffe, Du kannst Dir von Deinem Staatsdienste nächstens Zeit zu einer Antwort abmüßigen; nimm kein Beispiel an meiner Faulheit. Übrigens lebe fidel, grüße alles, was Du siehst, und schreibe bald an Deinen treuen Freund und Bruder Berlin, den 14. November 1833. O. v. Bismarck. Die Ferien verbrachte der junge Student wieder in Kniephof. Auch von hier schreibt er Briefe von köstlicher Anschaulichkeit, oft voll karikaturistischer Satire. So wenn er die Kommission zur Abnahme der Berieselungsanlage schildert, die sich mehr für Rheinwein und Schnepfenpastete als für Landwirtschaft erwärmt: »Sie schliefen hier einige Tage recht gut und lange, schlemmten sich über Gebühr voll und zählten von weitem die gemachten Brücken und Schleusen.« Und doch leuchtet aus allem Übermut des jungen Akademikers die Tatsache hervor, daß er innerlich immer mehr zu reifen beginnt, daß eine starke Lebenserkenntnis in ihm erwacht und daß er trotz des mangelnden Besuches der Kollegien an positivem Wissen gewinnt. Auch in Berlin freilich, wohin er mit Albrecht von Roon und Moritz von Blankenburg reiste, war er nicht sonderlich fleißig. Und besonders die Juristerei fand in ihm keinen eifrigen Adepten. Erst der Unterricht bei einem Repetitor verschaffte ihm das zum Examen nötige Wissen. Neben dem ungebundenen Verkehr mit anderen Studenten, unter denen Graf Alexander Keyserling ihm dauernd in Freundschaft verbunden blieb, begann jetzt der Verkehr in vornehmen Häusern. »Des Abends nehme ich den Tee in irgendeinem achtungswerten Familienzirkel, höre und führe Wettergespräche mit einem Gesicht, als sagte ich lange nicht alles, was ich wüßte«, heißt es im Sommer 1835. Schon in dieser Studentenzeit packt den jugendlichen Stürmer und Dränger immer wieder die Unzufriedenheit mit dem erwählten Beruf. »Ich glaube schwerlich, daß mich die vollkommenste Erreichung des erstrebten Zieles, der längste Titel und der breiteste Orden in Deutschland, die staunenswerteste Vornehmheit entschädigen wird für die körperlich und geistig eingeschrumpfte Brust, welche das Resultat dieses Lebens sein wird.« Immer wieder regt sich der Wunsch, die Feder mit dem Pfluge, die Mappe mit der Jagdtasche zu vertauschen. Es gärt eben in dem jugendlich starken Menschen, dem der Gedanke an die übliche Beamtenlaufbahn Grauen erweckt. Noch bedrängt ihn die Mutter, Offizier zu werden: Er scheine ihr gar keine Neigung zum Studieren zu haben. Soll er diesen Weg gehen? Eine Zeitlang spielt er mit dem Gedanken: »Ich werde wohl das Portefeuille des Auswärtigen ausschlagen, mich einige Jahre mit der rekrutendressierenden Fuchtelklinge amüsieren, dann ein Weib nehmen und Kinder zeugen, das Land bauen und die Sitten meiner Bauern durch unmäßige Branntweinfabrikation untergraben.« Der Bruder werde dann, so schreibt er ihm, »einen fettgemästeten Landwehroffizier finden, einen Schnurrbart, der schwört und flucht, daß die Erde zittert, und der einen gerechten Abscheu vor Juden und Franzosen hegt«. Und weiter malt er das Bild aus: »Ich werde lederne Hosen tragen, mich zum Wollmarkt in Stettin aufmachen, und wenn man mich Herr Baron nennt, werde ich mir gutmütig den Schnurrbart streichen und um zwei Taler wohlfeiler verkaufen. Kurz, ich werde glücklich sein im ländlichen Kreise meiner Familie.« Es ist anders gekommen. [Illustration: Jugendbild =III=] Auch das Examen als Auskultator hat der Zwanzigjährige glücklich bestanden. Ein übermütiger Scherz aus Bismarcks Berliner Studentenzeit wurde erst später bekannt: Die Dame aus Schweden In der schwedischen Zeitung »Göteborgpost« veröffentlichte eine schwedische Dame folgende Erinnerung: »Als ich noch ein blutjunges Mädchen war, sollte ich einige Monate in Rom verbringen. Von einer älteren Gesellschafterin und zwei Kammerjungfern begleitet reiste ich ab. Es war bestimmt, daß ich in Berlin einen kürzeren Aufenthalt nehmen sollte. Eine Schwester meines Vaters hatte einen Deutschen geheiratet, und der Sohn aus dieser Ehe, ›der deutsche Vetter‹, wie wir ihn bei uns nannten, studierte damals in Berlin; ich hatte ihn nie gesehen. Mein Vater schickte ihm einige Tage vor meiner Abreise einen Brief, in welchem er ihn ersuchte, sich meiner freundlichst anzunehmen. Ich kam glücklich in Berlin an und wurde bei meiner Ankunft vom deutschen Vetter herzlichst empfangen. Er war ein hochgewachsener Jüngling mit großem Schnurrbart und eigentümlich blitzenden Augen. Drei Tage hindurch war er mein treuer Begleiter. Freilich konnte er kein Wort Schwedisch sprechen, wohl aber ein elegantes Französisch. Nie habe ich einen so angenehmen Kavalier gehabt; ich war auf meinen deutschen Vetter ganz stolz. Gar zu schnell kam die Stunde, wo ich weiterreisen mußte. ›Cousine,‹ sagte er, als ich eben wegfahren sollte, ›ich habe Ihnen ein Wort zu sagen. Sehen Sie, Cousine, ich — ich möchte Ihnen nur mitteilen, daß ich — nicht Ihr Vetter bin. Mein Freund, Ihr ›deutscher Vetter‹, der richtige, ist nämlich von den Vorbereitungen zu seinem Examen so stark in Anspruch genommen, daß er mich bat, an seiner Stelle den von ihrem Herrn Vater ausgesprochenen Wunsch zu erfüllen. Mein Name ist Otto von Bismarck.‹ Ich sah ihn erstaunt an, der Wagen setzte sich in Bewegung, und das Abenteuer war aus. Jahrzehnte vergingen. Der unbekannte Bismarck war Reichskanzler und Fürst geworden. Da kam ich, eine alte, seit 40 Jahren verheiratete Frau, wieder einmal nach Berlin. Ich schrieb einige Worte auf meine Karte und schickte sie an den Fürsten. Eine Stunde später erhielt ich eine Einladung, begab mich ins Reichskanzlerpalais, und bald waren wir im lebhaftesten Gespräch. Bismarck war bei bester Laune. ›Ihnen habe ich es zu danken‹, sagte er u. a., ›daß ich dazu gekommen bin, die Berliner Museen zu besuchen; seitdem ist es mir nicht wieder gelungen.‹« [Illustration: ~Bismarck im Kolleg: Man sieht ihn nicht~ (Aus einer humoristischen Biographie des »Kladderadatsch« zum 80. Geburtstag Bismarcks)] Bismarcks Leben in dieser Zeit war das eines jungen Kavaliers. Aber dieses Leben war nicht gedankenlos; politische Fragen haben ihn in gleichem Maße wie religions-philosophische Kämpfe beschäftigt. Und vor allem quälte ihn die Ungewißheit der Zukunft. Nur das ~eine~ weiß er bestimmt, daß er den üblichen Pfad des Juristen nicht wandern kann. Schon taucht der diplomatische Dienst ihm als Ziel auf, schon bekennt er dem Freunde den Plan, »hier noch ein Jahr zu verweilen, dann zur Regierung nach Aachen zu gehen, nach Verlauf eines zweiten Jahres das diplomatische Examen zu machen und mich hier der Huld des Schicksals zu empfehlen, wo es mir dann vorderhand gleichgültig sein wird, ob man mir Petersburg oder Rio Janeiro zum Aufenthalte anweist«. Aber zum Übergang in den Regierungsdienst bedurfte es eines neuen Examens. In Schönhausen hat er die schriftlichen Arbeiten vollendet. Das Thema war: »Über Sparsamkeit im Staatshaushalte, ihr Wesen und ihre Erfolge, auch durch geschichtliche Beispiele erläutert« und »Über die Natur und die Zulässigkeit des Eides im allgemeinen und nach seinen verschiedenen Arten aus dem Gesichtspunkte der philosophischen Rechts- und Tugendlehre, mit Berücksichtigung der Lehre des Christentums«. Am 30. Juni wurde Bismarck geprüft, sein Zeugnis erklärte, daß er »eine vorzügliche Urteilskraft, Schnelligkeit im Auffassen der ihm vorgelegten Fragen und Gewandtheit im mündlichen Ausdruck zeigte« und »sehr gut befähigt« zum neuen Amte sei. Von seinen Sorgen und Nöten um das Examen erzählt der schöne Brief an Scharlach vom 4. Mai 1836, der, aus Schönhausen datiert, uns zugleich einen Blick in sein innerstes Wesen gewährt: Der Teufel reitet die alte Tante »Lieber Scharlach! Ich hoffe, Du wirst ernstlich böse werden, wenn ich mein langes Schweigen nur breche, um ein Versprechen zu revozieren, durch dessen Erfüllung ich meine Nachlässigkeit einzig wieder gutzumachen hoffte. Ich gehe im nächsten Monat nach Aachen, aber nicht über Hannover, und unser Wiedersehen wird auf einen entfernteren Zeitpunkt hinausgeschoben, wenn Du mich nicht etwa auf einer Poststation zwischen Dresden oder Karlsbad und Frankfurt a. M. auffängst. Der Teufel reitet eine alte Tante von hoher Rasse, daß sie wünscht, ich soll sie als Reisemarschall nach Böhmen begleiten und dort bei einem Verwandten abliefern. Der Umweg ist weit, aber eine alte Tante ist dasjenige Tier auf der Welt, vor welchem ich, nächst einer hübschen Cousine, die größte Ehrfurcht habe. Ich wage ihrer Ungnade nicht zu trotzen, und wenn ich anführe, ich hätte einen Freund in Hannover zu besuchen versprochen, so heißt es: ›Lieber Otto, Du mußt Dich ja schämen, wenn Du nach Aachen kommst und hast Dresden nicht einmal gesehen, und Freunde, die findest Du überall.‹ ›Schändliches altes Weib, das so leichtsinnig spricht!‹ wirst Du hier ausrufen. Sie denkt, wie’s ihr in der Jugend, so geht es uns auch. — Du würdest über mich lachen, wenn Du jetzt bei mir wärest. Seit vollen vier Wochen sitze ich hier in einem alten verwünschten Schlosse, mit Spitzbogen und vier Fuß dicken Mauern, einigen dreißig Zimmern, wovon zwei möbliert, prächtigen Damasttapeten, deren Farbe an wenigen Fetzen noch zu erkennen ist, Ratten in Masse, Kamine, in denen der Wind heult, kurz, in ›meiner Väter altem Schlosse‹, wo sich alles vereint, was geeignet ist, einen tüchtigen Spleen zu unterhalten. Daneben eine prächtige alte Kirche, mein Schlafzimmer mit der Aussicht nach dem Kirchhof, auf der anderen Seite einer jener alten Gärten mit geschnittenen Hecken von Taxus und prächtigen alten Linden. Die einzige lebende Seele in dieser verfallenen Umgebung ist Dein Freund, der hier von einer vertrockneten Haushälterin, der Spielgefährtin und Wärterin meines fünfundsechzigjährigen Vaters, gefüttert und gepflegt wird. Ich bereite mich zum Examen vor, höre die Nachtigallen, schieße nach der Scheibe, lese Voltaire und Spinozas Ethicum, die ich in der hiesigen, an Schweinsledern ziemlich reichen Bibliothek gefunden. Die Berliner meinen, ich wäre verrückt, und die Bauern sagen: ›Use arm junge Hehr, wat maak em wull sin?‹, wie mir meine alte Mamsell mitgeteilt hat. Dabei bin ich nie so zufrieden gewesen wie hier; ich schlafe nur sechs Stunden und finde große Freude am Studieren, zwei Dinge, die ich lange Zeit für unmöglich hielt. Ich glaube, der Grund oder besser die Ursache von allem dem ist der Umstand, daß ich den Winter über heftig verliebt war; ein recht befremdliches Faktum, eine Torheit, der ich mich nicht in so hohem Grade für fähig gehalten hätte (verzeih’, eben fällt mir ein, daß Du versprochen bist), aber es ist mir doch fatal, wie ich mich so aus meiner philosophischen Ruhe und Ironie habe bringen lassen; das beste dabei ist aber, daß ich bei meinen Bekannten beiderlei Geschlechts immer für den kaltblütigsten Weiberverächter gelte; so täuschen sich die Leute! ... Eben ›heult die Turmuhr Mitternacht‹; also schlaf wohl!« Was dem jungen Bismarck die Freude an der Justiz verdarb, das hat er deutlich noch in seinem letzten Gedenkbuch erzählt: »Die Personen und die Einrichtungen unserer Justiz«, so schreibt der Achtzigjährige, »gaben meiner jugendlichen Auffassung mehr Stoff zur Kritik als zur Anerkennung. Die praktische Ausbildung des Auskultators begann damit, daß man auf dem Kriminalgericht das Protokoll zu führen hatte, wozu ich von dem Rate, dem ich zugewiesen war, einem Herrn von Brauchitsch, über die Gebühr herangezogen wurde, weil ich damals über den Durchschnitt schnell und lesbar schrieb. Von den ›Untersuchungen‹, wie die Kriminalprozesse bei dem damals geltenden Inquisitionsverfahren genannt wurden, hat mir eine den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen, welche eine in Berlin weitverzweigte Verbindung zum Zweck der unnatürlichen Laster betraf. Die Klubeinrichtungen der Beteiligten, die Stammbücher, die gleichmachende Wirkung des gemeinschaftlichen Betreibens des Verbotenen durch alle Stände hindurch — alles das bewies schon 1835 eine Demoralisation, welche hinter den Ergebnissen des Prozesses gegen die Heinzeschen Eheleute (Oktober 1891) nicht zurückstand. Die Verzweigungen dieser Gesellschaft reichten bis in hohe Kreise hinein.« Rat Prätorius »Nachdem ich«, so erzählt Bismarck weiter, »vier Monate protokolliert hatte, wurde ich zu dem Stadtgerichte, vor das die Zivilsachen gehörten, versetzt und aus der mechanischen Beschäftigung des Schreibens unter Diktat plötzlich zu einer selbständigen erhoben, der gegenüber meine Unerfahrenheit und mein Gefühl mir die Stellung erschwerten. Das erste Stadium, in welchem der juristische Neuling damals zu einer selbständigen Tätigkeit berufen wurde, waren nämlich die Ehescheidungen. Offenbar als das Unwichtigste betrachtet, waren sie dem unfähigsten Rate, namens Prätorius, übertragen und unter ihm der Bearbeitung der ganz grünen Auskultatoren überlassen worden, die damit =in corpore vili= ihre ersten Experimente in der Richterrolle zu machen hatten, allerdings unter nomineller Verantwortlichkeit des Herrn Prätorius, der jedoch ihren Verhandlungen nicht beiwohnte. Zur Charakterisierung dieses Herrn wurde uns jungen Leuten erzählt, daß er in den Sitzungen, wenn behufs der Abstimmung aus einem leichten Schlummer geweckt, zu sagen pflegte: ›Ich stimme wie der Kollege Tempelhof‹, und gelegentlich darauf aufmerksam gemacht werden mußte, daß Herr Tempelhof nicht anwesend sei.« Von demselben Rate erzählte Bismarck weiter: Merken Sie sich, wie man das macht »Ich trug ihm einmal meine Verlegenheit vor, daß ich, wenige Monate über 20 Jahre alt, mit einem aufgeregten Ehepaar den Sühneversuch vornehmen sollte, der für meine Auffassung einen gewissen kirchlichen und sittlichen Nimbus hatte, dem ich mich in meiner Seelenstimmung nicht adäquat fühlte. Ich fand Prätorius in der verdrießlichen Stimmung eines zur Unzeit geweckten älteren Herrn, der außerdem die Abneigung mancher alten Bureaukraten gegen einen jungen Edelmann hegte. Er sagte mit geringschätzigem Lächeln: ›Es ist verdrießlich, Herr Referendarius, wenn man sich auch nicht ein bißchen zu helfen weiß; ich werde Ihnen zeigen, wie man das macht.‹ Ich kehrte mit ihm in das Terminzimmer zurück. Der Fall lag so, daß der Mann geschieden sein wollte, die Frau nicht, der Mann sie des Ehebruchs beschuldigte, die Frau mit tränenreichen Deklamationen ihre Unschuld beteuerte und trotz aller Mißhandlung von seiten des Mannes bei ihm bleiben wollte. Mit seinem lispelnden Zungenanschlage sprach Prätorius die Frau also an: ›Aber Frau, sei Sie doch nicht so dumm; was hat Sie denn davon? Wenn Sie nach Hause kommt, schlägt Ihr der Mann die Jacke voll, bis Sie es nicht mehr aushalten kann. Sage Sie doch einfach ›ja‹, dann ist Sie mit dem Säufer kurzerhand auseinander.‹ Darauf die Frau weinend und schreiend: ›Ich bin eine ehrliche Frau, kann die Schande nicht auf mich nehmen, will nicht geschieden sein.‹ Nach mehrfacher Replik und Duplik in dieser Tonart wandte sich Prätorius zu mir mit den Worten: ›Da sie nicht Vernunft annehmen will, so schreiben Sie, Herr Referendarius‹, und diktierte mir die Worte, die ich wegen des tiefen Eindrucks, welchen sie mir machten, noch heute auswendig weiß: ›Nachdem der Sühneversuch angestellt und die dafür dem Gebiete der Moral und Religion entnommenen Gründe erfolglos geblieben waren, wurde wie folgt weiterverhandelt.‹ Mein Vorgesetzter erhob sich und sagte: ›Nun merken Sie sich, wie man das macht, und lassen Sie mich künftig mit dergleichen in Ruhe.‹ Ich begleitete ihn zur Tür und setzte die Verhandlung fort. Die Station der Ehescheidungen dauerte, soviel ich mich erinnere, vier bis sechs Wochen; ein Sühneversuch kam mir nicht wieder vor. Es war ein gewisses Bedürfnis vorhanden für die Verordnung über das Verfahren in Ehescheidungen, auf welche Friedrich Wilhelm =IV.= sich beschränken mußte, nachdem sein Versuch, ein Gesetz über Änderung des materiellen Eherechts zustande zu bringen, an dem Widerstande des Staatsrates gescheitert war. Dabei mag erwähnt werden, daß durch jene Verordnung zuerst in den Provinzen des Allgemeinen Landrechts der Staatsanwalt eingeführt worden ist als =defensor matrimonii= und zur Verhütung von Kollusionen der Parteien.« Am bekanntesten aber aus jener Zeit ist folgende Anekdote: Das Hinauswerfen ist meine Sache Der Auskultator Otto v. Bismarck vernimmt eines Tages einen echten Berliner zu Protokoll, der durch seine Unverschämtheit endlich die Fassung des Protokollführers so erschüttert, daß dieser aufspringt und ihm zuruft: »Herr, menagieren Sie sich, oder ich werfe Sie hinaus!« Der anwesende Stadtgerichtsrat klopft dem erhitzten Auskultator freundschaftlich auf die Schulter und flüstert beruhigend: »Herr Auskultator, das Hinauswerfen ist meine Sache!« Die Vernehmung wird fortgesetzt; es dauert aber gar nicht lange, so springt Bismarck wieder auf und donnert: »Herr, menagieren Sie sich, oder ich lasse Sie durch den Herrn Stadtgerichtsrat hinauswerfen!« Von seinem ersten Auftreten bei Hofe und seiner ersten Begegnung mit dem Prinzen Wilhelm von Preußen, seinem späteren Kaiserlichen Herrn, hat dann Bismarck noch erzählt: Das Gardemaß »Meine erste Begegnung mit ihm war im Winter 1834/35 auf einem Hofballe gewesen. Ich stand neben einem Herrn von Schack aus Mecklenburg, der, wie ich, lang gewachsen und auch in Justizreferendarien-Uniform war, was den Prinzen zu dem Scherz veranlaßte, die Justiz suche sich jetzt die Leute wohl nach dem Gardemaß aus. Dann, zu mir gewandt, fragte er mich, weshalb ich nicht Soldat geworden sei. ›Ich hatte den Wunsch,‹ erwiderte ich, ›aber die Eltern waren dagegen, weil die Aussichten zu ungünstig seien.‹ Worauf der Prinz sagte: ›Brillant ist die Karriere allerdings nicht, aber bei der Justiz auch nicht.‹ Während des ersten Vereinigten Landtages, dem er als Mitglied der Herrenkurie angehörte, redete er mich in den vereinigten Sitzungen wiederholt in einer Weise an, die sein Wohlgefallen an der damals von mir angenommenen politischen Haltung bezeugte.« In Aachen blieb Otto von Bismarck ein Jahr; hier lernte er zuerst die preußische Verwaltung kennen; hier traf er aber auch einen ihm fremden, lebhaften und beweglichen Menschenschlag; hier warf er den ersten Blick in die Organisation von Industrie und Handel; hier traf der Sohn des märkischen Adels auf ein selbstbewußtes freies Bürgertum, und zugleich mußte die Heiterkeit des rheinischen Lebens einen starken Einfluß üben. Den engsten Anschluß aber suchte er bei der englischen Gesellschaft, und bald erfaßte ihn eine heiße Leidenschaft zu einer der schönen Töchter dieses Volkes. Nur in schwerem Kampf überwand er diese erste große Liebe: »Wer weiß, ob ich nicht künftig das bereue, was ich jetzt für vernünftig halte!« Noch einmal packte ihn die Liebe. Ihr Ziel ist die Tochter eines englischen Geistlichen. Sein »armes, entzündliches Blut brannte wie Dampf«. Die Geliebte aber reiste ab. Auch Bismarck nahm einen Urlaub nach Frankfurt und Wiesbaden. Dort traf er beide Mädchen wieder. Der Erinnerung an sie ist der schönste Brief des jungen Ehegatten Bismarck vom 3. Juli 1851 geweiht: »Vorgestern«, so schreibt er der Gattin, »war ich zu Mittag in Wiesbaden bei Dewitz und habe mir mit einem Gemisch von Wehmut und altkluger Weisheit die Stätten früherer Torheit angesehen. Möchte es Gott gefallen, mit seinem klaren und starken Weine dies Gefäß zu füllen, in dem damals der Champagner zweiundzwanzigjähriger Jugend nutzlos verbrauste und schale Neigen zurückließ. Wo und wie mögen Isabella Loraine und Miß Russel jetzt leben? Wie viele sind begraben, mit denen ich damals liebelte, becherte und würfelte! Wie hat meine Weltanschauung doch in den vierzehn Jahren seitdem so viele Verwandlungen durchgemacht, von denen ich immer gleich die gerade gegenwärtige für die rechte Gestaltung hielt, und wie vieles ist mir jetzt klar, was damals groß erschien, wie vieles jetzt ehrwürdig, was ich damals verspottete! Wie manches Laub mag noch an unserem inneren Menschen ausgrünen, schatten, rauschen und wertlos welken, bis wieder vierzehn Jahre vorüber sind! Ich begreife nicht, wie ein Mensch, der über sich nachdenkt und doch von Gott nichts weiß oder wissen will, sein Leben vor Verachtung und Langeweile tragen kann, ein Leben, das dahinfährt wie ein Strom, wie ein Schlaf, gleich wie ein Gras, das bald welk wird; wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz. Ich weiß nicht, wie ich das früher ausgehalten habe; sollte ich jetzt leben wie damals, ohne Gott, ohne Dich, ohne Kinder — ich wüßte doch in der Tat nicht, warum ich dies Leben nicht ablegen sollte wie ein schmutziges Hemd.« Bismarck folgte seiner Leidenschaft nach Straßburg. Von dort meldet er sich seinem Freunde Scharlach als den Verlobten »einer jungen Britin von blondem Haar und seltener Schönheit«. Von dort berichtet er, daß er die Braut und ihre Familie nach Mailand begleiten und im nächsten Jahr in England heiraten wolle. Aber die Verlobung wurde gelöst, die Reisepläne zerfielen; von Bern fuhr der junge Verliebte direkt nach Hause. »Ich nötigte sie endlich zum Beilegen«, so schreibt er später dem Freunde. »Sie strich die Flagge, doch nach zweimonatigem Besitz ward mir die Prise von einem einarmigen Obristen mit fünfzig Jahren, vier Pferden und 15000 rl. Revenuen wieder abgejagt. Arm im Beutel, krank am Herzen kehrte ich nach Pommern heim.« Die selbstherrliche Überschreitung aber seines Urlaubs bot den Anlaß zum Abschied von Aachen. Der junge Referendar kehrte an die alte Stelle zurück, mit Schulden reich beladen, und als Referendar in Potsdam setzte er nun seine Tätigkeit fort. Nur dreieinhalb Monate lang blieb er jedoch in den Sielen. Er ist von »Ekel« für die ganze Beschäftigung bei der Regierung erfüllt; er will sich nicht sein ganzes Leben lang abquälen, um vielleicht zuletzt als Präsident mit zweitausend Taler Einkommen zu enden. Die Freude an der Landwirtschaft packt ihn von neuem; Zopf und Perücke schrecken ihn ab; die Vielgeschäftigkeit und die unpraktischen Pedanterien, die überflüssige Schreiberei und die vielen »kleinlichen und langweiligen Geschäfte« erwecken ihm Grauen: »Meine Arbeiten auf dem Gebiete der Wahlsteuerprozesse und der Beitragspflicht zum Bau des Dammes in Rotzis bei Wusterhausen haben mir kein Heimweh nach meiner damaligen Tätigkeit hinterlassen.« Schon erwacht in ihm der Haß gegen die Bureaukratie, der ihn durch sein ganzes Leben geleitet. Andere Gründe kamen hinzu: Geldsorgen vor allem, die ihn jetzt bedrücken und die durch lange Jahrzehnte seines Lebens seine treuen Begleiter sind. Die Lasten, die auf den elterlichen Gütern aus den Zeiten der Freiheitskriege stammten, die Erziehung der Kinder, langwierige und schwere Krankheiten der Gattin hatten die Verhältnisse des alten Herrn von Bismarck so tief zerrüttet, daß die Gefahr, den Familienbesitz zu verlieren, ernstlich heraufzog. Schon war von einer Verteilung der Güter an die beiden Söhne die Rede. Aber noch ehe die neuen Pläne zur Reife gediehen, mußte Otto von Bismarck seiner Militärpflicht genügen. Er trat bei den Gardejägern in Potsdam ein, diente jedoch die zweite Hälfte seiner Militärzeit bei dem zweiten pommerschen Jägerbataillon in Greifswald ab. Aus dieser Zeit berichtet ein Studien- und Waffengenosse: »Herr von Bismarck schien seine Gründe zu haben, eine etwas reservierte Haltung zu bewahren, die nur hin und wieder durch den Verkehr mit älteren Korpsstudenten, seltener durch gesellschaftliche Berührung mit einer oder der anderen der geachtetsten Familien in Greifswald unterbrochen wurde. Die vom Scheitel bis zur Sohle vornehme Erscheinung war gleichsam von einem unsichtbaren Kreise, einer schwer zu beschreibenden geistigen Atmosphäre umgeben, welche alle Elemente, die Herr von Bismarck nicht selbst heranzog oder denen er sich nicht selbst freiwillig hingab, ohne einen erkennbaren Zwang von sich fern hielt und alles, was mit niedriger Denkart oder hohler Selbstüberschätzung auch nur einen entfernten Grad von Verwandtschaft verriet, mit unverhohlenem Widerwillen und mit Verachtung von sich wies.« Hier in Greifswald hatte Bismarck seinen letzten Zweikampf. Wie wenig blutgierig er aber dabei war, zeigte die Art seines Angriffes. Das letzte Duell »Mein Gegner«, erzählte er, »hatte eine sonderbare Mütze auf dem Kopf, obendrauf ein loser, baumelnder Tüpfel. Das Ding reizte mich; eine lange Zeit kaprizierte ich mich darauf, ihm diesen Tüpfel von der Mütze zu schlagen. Ich kam aber nicht dazu; es wollte nicht glücken. Zuletzt sah ich ein, daß ich bei diesem Unternehmen selber tüchtig in Gefahr kam — und ich machte der Sache auf andere Weise ein Ende.« Auf die Zeit des Aufenthaltes zu Greifswald warf die Nachricht von dem Tode der Mutter einen tiefen Schatten. Sie hatte schon lange vorher gekränkelt, bis endlich ihre Kräfte erloschen. Am 1. Januar 1839 ist sie, noch nicht fünfzigjährig, in Berlin gestorben. Und die erste große Trauer des Lebens zog in das Herz der Söhne. Noch war Bismarck im Staatsdienst. Nur ein Urlaub war ihm bewilligt worden. So reichte er am 22. Oktober 1839 endgültig den Antrag auf Entlassung ein. Das Assessorexamen hat Otto von Bismarck niemals bestanden; er blieb auch als Staatsmann Autodidakt. Jetzt aber hat er die Arme frei, jetzt kann er kämpfen, mitspielen bei energischen politischen Bewegungen, sich selbst durchsetzen, jetzt kann er das Recht der Individualität, der Meinung und Handlung bewahren, das Recht, nicht zu gehorchen, sondern zu befehlen. Wird das Land ihm Genüge geben? Wird der wilde Student in der Einsamkeit des pommerschen Gutes ausharren können? Die Geschichte hat die Antwort gegeben. Aber noch sollten Jahre vergehen, ehe er auch nur am bescheidensten Platze auf der Bühne der Welt erscheint. Es sind die Jahre des »wilden Junkers« von Kniephof, die umrankt sind von der ganzen Romantik der genialen Kraftzeit, und die doch für die innere Entwicklung und für das geistige Ausreifen dieser starken Persönlichkeit von so unendlicher Bedeutung sind. Aber sind die Taten des wilden Junkers nicht in Wahrheit nur Explosionen eines zurückgedrängten Temperamentes? Steht nicht neben den tollen Streichen das Bild des ernsthaften Grüblers, der sich in Strauß und Feuerbach versenkt und immer tiefer »in die Sackgasse des Zweifels« gerät, der sich in Macchiavelli und Spinoza vertieft und in »trostloser Niedergeschlagenheit« zu der melancholischen Erkenntnis gelangt, daß sein und anderer Menschen Dasein zwecklos und unersprießlich sei? Hier schwärmt Bismarck für Byron, Lenau, Anastasius Grün. Er schreibt sich ihre Gedichte ab; er wird Pantheist und denkt sich Gott als einen, »der sich um ein solches Stäubchen nicht bekümmern kann«. Und bei allem bleibt er der Landedelmann, der auf Entenjagd geht, im Boote liegt, die Büchse zur Rechten, die Flasche Champagner zur Linken. Auch in die Fremde treibt es ihn, nach London, nach Norderney, auf die Seehundsjagd. Sein Augenmaß weitet sich immer mehr; sein Wissen vertieft sich. Und dennoch bleibt er ein sorgsamer Landwirt. Noch ist ein Teil der von ihm geführten Rechnungsbücher erhalten; Spiritus, Korn, Wolle, Maschinen und Löhne, Steuern und Kreiskosten lösen einander ab. Aber das Glücksgefühl, im engen Kreise zu schaffen, sein eigener Herr zu sein, zu befehlen, wird doch seiner Stimmung nicht Herr. Das Gefühl, seine schäumende Kraft nicht am rechten Orte zu großen Aufgaben verwenden zu können, stimmt ihn immer wieder bitter. Und oft genug mochte es nur ein Versuch sein, sich gegen diese Schwermut, gegen die aus der Langeweile erwachsende Melancholie zu schützen, wenn er so recht zum tollen Junker wird, wenn er auf seinem treuen Kaleb weithin durch das pommersche Land jagt »über manche Meile weg, froh und traurig, wild und träge, an Heiden und Feldern, Seen und Häusern und Menschen vorbei«. Das Bedürfnis, sich zu bewegen, sich in tollen Ritten, in starken Exzessen auszuleben, wo das eigentliche Ziel seiner Kraft ihm versagt schien, mochte ihn dazu treiben, die Einsamkeit, die ihn umwob, möglichst oft in Gesellschaft derber Gesellen zu durchbrechen, zu trinken, zu rauchen und zuweilen auch zu spielen oder durch Pistolenschüsse die Stille zu zerreißen. Herr von Marwitz, ein Gutsnachbar, hat eine anschauliche Schilderung gegeben: Vom Leben auf Kniephof »Wenn ich nach langer Fahrt auf schlechten Wegen bei ihm in Kniephof ankam, wurde ein einfacher Imbiß aufgetragen; er nahm Porter und Sekt aus dem Wandschrank, setzte die Flaschen vor mich hin und sagte: ›=Help yourself=‹. Während ich mich stärkte, sprach er viel und anregend. Er hatte Reisen in Deutschland, Frankreich und England gemacht und las gewaltig viel, meistens Geschichtswerke. Er vertiefte sich auch gern in Spezialkarten, namentlich von Deutschland und die alte zwanzigbändige ›Erdbeschreibung‹ von Büsching, welche ausführliche Angaben über die meisten deutschen Landschaften enthält. Von sehr vielen Gütern in Pommern, in der Mark und im Magdeburgischen kannte er die Bodenverhältnisse, die Größen und sogar die zu verschiedenen Zeiten dafür gezahlten Kaufwerte. Auch über Politik sprach er gern, und was er sagte, klang manchmal ziemlich oppositionell, weil ihm die schleppende Geschäftsbehandlung bei den Regierungskollegien in Aachen und Potsdam mißfallen hatte. Er freute sich immer sehr, wenn man ihn besuchte; und wenn man fortfuhr, pflegte er die Gäste zu Pferde bis über seine Gutsgrenzen zu begleiten. Er war der verwegenste Reiter und stürzte öfters, einmal so gefährlich, daß ein anderer wohl nicht lebendig davongekommen wäre. Aber seine Riesennatur trotzte jeder Störung. Die meisten Besuche, auch auf weite Entfernungen, machte er zu Pferde und brachte lebendigen Verkehr in die ganze Gegend. Er war ein vorzüglicher Jäger und oft König der Jagd. In Kniephof war das Jagddiner immer einfach, doch saßen wir trinkend und rauchend gewöhnlich bis in die tiefe Nacht. Bismarck war ein starker Zecher, aber niemals hat ihn jemand berauscht gesehen. Eines Abends wollte ich mit einem Freunde von Regenwalde nach Naugard fahren. Es war schon spät, als wir durch Kniephof kamen, und wir beschlossen, dort die Nacht zu bleiben. Bismarck empfing uns sehr freundlich, sagte aber sogleich, er könne uns am anderen Morgen keine Gesellschaft leisten, da er schon um sieben Uhr nach Naugard fahren müßte. Das wollten auch wir. Er empfahl uns wiederholt, nicht so früh aufzubrechen, sagte aber endlich: ›Wenn ihr es denn nicht anders wollt, so werde ich euch um halb sieben wecken.‹ Es war ziemlich spät, als er uns die Treppe hinauf zum Schlafzimmer geleitete. Vor dem Einschlafen sagte mein Gefährte: ›Ich habe mehr getrunken, als ich gewohnt bin, und möchte morgen ausschlafen.‹ ›Das wird nicht gehen,‹ sagte ich, ›denn nach dem, was wir abgemacht haben, wird Bismarck uns um halb sieben mobil machen.‹ ›Abwarten‹, sagte der andere, verschloß die Tür und schob mit äußerster Kraftanstrengung einen schweren Schrank davor. Um halb sieben, es war schon hell, ruft Bismarck vor der Tür: ›Seid ihr fertig?‹ Keine Antwort. Er drückt vergebens auf die Klinke und stößt mit dem Fuße die alte Tür ein, kann aber des Schrankes wegen nicht weiter. Bald darauf ruft er im Hofe: ›Seid ihr fertig?‹ Kein Laut. Sogleich krachen zwei Pistolenschüsse, die Fenster klirren und Kalk von der angeschossenen Decke fällt auf das Bett meines Gefährten. Da gibt dieser das Spiel verloren, bindet ein Handtuch an seinen Stock und steckt es als Friedensfahne zum Fenster hinaus. Bald darauf waren wir unten. Bismarck empfing uns beim Frühstück mit gewohnter Liebenswürdigkeit, ohne seines kleinen Sieges zu erwähnen. — Später war ich einmal mit mehreren Bekannten zur Jagd in Kniephof. Die nach der Jagd erforderliche Reinigung dauerte bei uns ziemlich lange. Da fielen in kurzen Pausen fünf Pistolenschüsse; wir hörten, wie die Kugeln in die Fensterkreuze einschlugen. Otto amüsierte sich, uns zu necken. Niemanden fiel es ein, daß er hätte vorbeischießen und einen von uns treffen können, denn wir kannten seine Pistole als unfehlbar sicher; aber der Effekt der Schüsse war doch eine merkliche Beschleunigung unserer Vorbereitungen zum Diner. Dann gab es eine scharfe Sitzung. Am anderen Morgen fanden wir unseren Wirt nicht beim Frühstück, vermuteten ihn noch schlafend und fuhren ziemlich geräuschlos fort, um uns zur Jagd bei einem ziemlich entfernt wohnenden Nachbarn nicht zu verspäten. Dort kam Otto uns lachend entgegen; er war auf seinem Lieblingspferde Kaleb, einem großen schnellen Braunen, vorangeritten, um uns zu überraschen. Wegen solcher lustiger Streiche nannte man ihn damals den ›tollen Bismarck‹; wir wußten aber genau, daß er viel klüger war als wir alle zusammen. — Vor längerer Zeit ritt er eines Tages auf Kaleb neun Meilen (63 =km=), um in dem Badeorte Polzin den Abend zu tanzen und dabei eine vielumworbene junge Dame kennen zu lernen. Er machte ihr den Hof, schien ihr zu gefallen und dachte an Verlobung. Am folgenden Tage aber gab er diesen Gedanken auf, weil er erkannte, daß ihr Charakter nicht zu dem seinigen paßte. Tief verstimmt ritt er in der Nacht nach Hause. Quer durch einen Wald galoppierend, stürzte Kaleb in einen breiten Graben. Bismarck wurde mit dem Kopf gegen einen Hügel geschleudert und blieb einige Zeit bewußtlos liegen. Als er erwachte, sah er beim Mondschein den treuen Kaleb neben sich stehen, stieg auf und ritt ganz langsam nach Hause. Nach dieser Begebenheit, die ihn, wie er erzählte, einigermaßen erschüttert hatte, war eine Zeitlang wenig von ihm zu hören.« [Illustration: ~Bismarck und die Jakobinermütze~ »=C’est un peu haut!=« (Flugblatt 1870)] Noch einmal erfaßte den jungen Bismarck, ehe er in den ruhigen Hafen der Ehe einlaufen konnte, eine heftige Neigung. Ottilie von Puttkamer, die Tochter der Gutsherrin von Pansin, war ihr Ziel. Auch hier hat er viel gelitten, aber auch hier hat er die Stimmung besiegt. Lakonisch schreibt er nach Jahr und Tag an seinen Freund Scharlach: »Ich verliebte und verlobte mich abermals, erzürnte mich vierzehn Tage nachher mit der Mutter meiner Braut, einer Frau, die, um ihr Gerechtigkeit zu tun, eine der bösesten ist, die ich kenne, und die das Bedürfnis hat, noch selbst der Gegenstand zärtlicher Blicke zu sein. Nach fast jahrelangen Intrigen gelang es ihr, meiner Braut einen höchst lakonischen Absagebrief an mich in die Feder zu geben. Ich hielt es meiner Würde nicht für angemessen, die beleidigte Aufgeregtheit eines Gemüts zu zeigen und ihr mit einigen Schüssen auf Brüder u. dgl. der Ungetreuen Luft zu machen; ich trat in meiner Eigenschaft als Landwehroffizier auf einige Monate zur Dienstleistung in ein Ulanenregiment, focht tapfer gegen Staub und markierte Feinde, und da ich auch im Drange dieser Taten meine Ruhe nicht fand, so brauchte ich das Universalmittel für Verliebte, ich ging auf Reisen und wurde wieder liederlich. Von Edinburg durch England und Frankreich trug ich meinen Kummer über die Alpen, und war im Begriff über Triest nach dem Orient zu gehen, eventualiter die Afghanen durch die Lupe zu besehen, wozu ich mit Empfehlungen ausgerüstet war, als mir mein Vater in einem tränenfeuchten Brief, der von einsamem Alter (dreiundsiebzig Jahre, Witwer, taub), Sterben und Wiedersehen sprach, die Heimkehr anbefahl. Ich kam zurück — er starb nicht — und ich suchte in diesem Sommer einem Leiden durch Dieffenbach und Norderney abzuhelfen. Vorher, im Frühjahr, machte ich einen sechswöchigen Versuch, eine andere Krankheit, eine an Lebensüberdruß grenzende Gelangweiltheit durch alles, was mich umgibt, zu heilen, indem ich mich durch besondere Vergünstigung eines unserer Minister wieder im Staatsdienst beschäftigen ließ und die angestrengte Arbeit in der insipiden und leeres Stroh dreschenden Schreiberei unserer Verwaltung als eine Art von geistigem Holzhauen betrachtete, um meinem teilnahmlos erschlafften Geist wieder etwas von dem gesunden Zustande zu geben, den einförmige und regelmäßige Tätigkeit für den Körper herbeizuführen pflegt. Aber teils war mir die krähwinklige Anmaßung oder lächerliche Herablassung der Vorgesetzten nach langer Entwöhnung noch fataler als sonst, teils nötigten mich häusliche Vorfälle, Unordnungen in meiner Verwaltung usw., die Verwaltung meiner Güter wieder selbst zu übernehmen. Seitdem sitze ich hier, unverheiratet, sehr einsam, neunundzwanzig Jahre alt, körperlich wieder gesund, aber geistig ziemlich unempfänglich, treibe meine Geschäfte mit Pünktlichkeit, aber ohne besondere Teilnahme, suche meinen Untergebenen das Leben in ihrer Art behaglich zu machen und sehe ohne Ärger an, wie sie mich dafür betrügen. Des Vormittags bin ich verdrießlich, nach Tische allen milden Gefühlen zugänglich. Mein Umgang besteht in Hunden, Pferden und Landjunkern, und bei letzteren erfreue ich mich einigen Ansehens, weil ich Geschriebenes mit Leichtigkeit lesen kann, mich zu jeder Zeit wie ein Mensch kleide und dabei ein Stück Wild mit der Akkuratesse eines Metzgers zerwirke, ruhig und dreist reite, ganz schwere Zigarren rauche und meine Gäste mit freundlicher Kaltblütigkeit unter den Tisch trinke. So vegetiere ich fast wie ein Uhrwerk, ohne besondere Wünsche oder Befürchtungen zu haben; ein sehr harmonischer und sehr langweiliger Zustand.« Die Enttäuschung in seiner Liebe war zweifellos der stärkste Antrieb zu Bismarcks großer Reise vom Jahre 1842. Von ihr erzählen uns seine Briefe aus London, Edinburg, York, Bern und Luzern. Mit seinem späteren Schwager Oskar von Arnim, den er unterwegs traf, gedachte er sogar nach Indien zu gehen, »einige Jahre Asiat zu spielen, um etwas Veränderung in die Dekoration der Komödie zu bringen« und seine Zigarren »am Ganges statt an der Rega zu rauchen«. Er wollte sogar in Indien unter englischer Fahne Dienst nehmen. »Indessen,« so schrieb er damals, »was haben mir die Indier zuleide getan? dachte ich mir.« In Norderney umgab ihn die große Welt; hier lernte er die Reize der Nordsee kennen; hier schrieb er die wundervollen Briefe an seine Schwester, in denen eine rein künstlerische Naturbetrachtung mit lachender Ironie und Selbstverspottung wechselt. Köstlich ist auch ein Brief, in dem er eine phantastische Fuchsjagd mit seinem Vater schildert. Die Fuchsjagd »Nächstdem«, so schreibt er im Dezember 1844 aus Schönhausen an die Schwester, »lebe ich hier mit dem Vater lesend, rauchend, spazierengehend, helfe ihm Neunaugen essen und spiele zuweilen eine Komödie mit ihm, die es ihm gefällt, Fuchsjagd zu nennen; wir gehen nämlich bei starkem Regen, oder jetzt sechs Grad Frost, mit Ihle, Bellin und Karl hinaus, umstellen mit aller jägermäßigen Vorsicht, lautlos unter sorgfältiger Beachtung des Windes einen Kieferbusch, von dem wir alle, und vielleicht auch der Vater, unumstößlich überzeugt sind, daß, außer einigen Holz suchenden Weibern, kein lebendes Geschöpf darin ist. Darauf gehen Ihle, Karl und zwei Hunde unter Ausstoßung der seltsamsten und schrecklichsten Töne, besonders von seiten Ihles, durch den Busch; der Vater steht regungslos und aufmerksam mit schußfertigem Gewehr, genau als wenn er wirklich ein Tier erwarte, bis Ihle dicht vor ihm schreit: ›hu, la, la, he, he, faßt, häh, häh!‹ in den sonderbarsten Kehllauten. Dann fragt mich der Vater ganz unbefangen, ob ich nichts gesehen habe, und ich sage mit einem möglichst natürlich gegebenen Anflug von Verwunderung im Tone: nein, nicht das mindeste. Dann gehen wir, auf das Wetter schimpfend, zu einem anderen Busch, dessen vermutliche Ergiebigkeit an Wild Ihle mit einer recht natürlich gespielten Zuversicht zu rühmen pflegt, und spielen =dal segno=. So geht es drei bis vier Stunden lang, ohne daß in Vater, Ihle und Fingal die Passion einen Augenblick zu erkalten scheint. Außerdem besehen wir täglich zweimal das Orangeriehaus und einmal die Schäferei, vergleichen stündlich die vier Thermometer in der Stube, rücken die Zeiger des Wetterglases und haben, seit das Wetter klar ist, die Uhren nach der Sonne in solche Übereinstimmung gebracht, daß nur die an der Bibliothek noch einen einzigen Schlag nachtut, wenn die anderen =a tempo= ausgeschlagen haben. Karl =V.= war ein dummer Kerl!« Noch nicht ein Jahr später eilte Bismarck an das Sterbelager seines Vaters, und wenige Stunden nach seiner Ankunft, am 22. August 1845, drückte er ihm die Augen zu. Aber auf den schweren Verlust ist mit der Verlobung bald das glücklichste Ereignis in Bismarcks Leben gefolgt. Er war nach dem Tode des Vaters nach Schönhausen übergesiedelt, das er fortan neben Kniephof übernahm. Vorher war er vom Kreise Jericho zum Deichhauptmann ernannt. Schon vorher hatte er jene Tat vollbracht, deren Lohn sein erster Orden wurde, die Rettungsmedaille. In der Stadtchronik von Lippehne befindet sich, von dem Ortspfarrer Stöhr niedergeschrieben, folgende Stelle: Der erste Orden 1842. Freitag, den 24. Juni (Johannistag), gegen fünf bis sechs Uhr nachmittags, ließ der zur Übung hier anwesende Leutnant von Bismarck, zweiter Sohn des Rittmeisters a. D. von Bismarck, Gutsbesitzer auf Kniephof bei Naugard, in Begleitung des Herrn Leutnants von Klitzing, von Schneuden usw., seine Pferde im hiesigen Wendelsee, zwischen der Brücke und der rechts derselben von der Stadt aus gelegenen Gotthardtschen Gerberbank durch seinen Bedienten Johann August Ferdinand Hildebrandt und den Ulanen Wilhelm Kühl, beide aus Jarchelin bei Naugard, schwemmen. Die Herren Leutnants standen auf der Brücke. Hildebrandt ritt mit seinem Pferde zuerst in den See. Unstreitig dadurch, daß der Reiter die Zügel ungleich gefaßt, fing das Pferd an, im Kreise zu gehen. Indem der Reiter es herumreißen wollte, bäumte es auf und warf ihn in die Tiefe. Der Ulan Kühl sah dies und ritt schnell hinzu. Da aber das Vorland unter dem Wasser hier steil endet, so stürzte er über den Kopf des schnell heruntersinkenden Pferdes. Nun zog der Herr Leutnant von Bismarck schnell seinen Uniformrock aus, sprang von dem mindestens fünfzehn Fuß über dem Wasserspiegel hohen Brückengeländer in den See, riß zuerst den Kühl auf das Vorland zurück und brachte, im übrigen vollständig bekleidet und mit Glacéhandschuhen versehen, den Hildebrandt, der schon Wasser geschöpft hatte, aus der Tiefe wassertretend glücklich auf das Vorland, stellte, von ihm umfaßt, diesen, sobald er auf dem Vorland Grund erhalten hatte, auf, brachte ihn, nachdem er stehend zum Bewußtsein gekommen war, glücklich an das Ufer und bemühte sich, das eine noch im See schwimmende Pferd um die Gerberbank nach dem Gotthardtschen Garten zu treiben, was glücklich gelang. An derselben Stelle des Sees, wo schon mancher beim Schwemmen der Pferde seinen Tod fand, rettete der edle Otto von Bismarck mit völliger Verleugnung aller Gefahr des eigenen Lebens, mit seltenem Mut und ausgezeichneter Kraftanstrengung das Leben zweier Menschen. — Tatsächlich befinden sich in diesem Bericht einige Irrtümer, insofern, als Bismarck nicht zwei Menschen, sondern nur einen, seinen späteren langjährigen Reitknecht Hildebrandt, rettete, ohne auch vorher seinen Rock abzulegen. — Im Jahre 1866 schrieb der Pfarrer Stöhr auf das vergilbte Blatt der Chronik noch folgende Randbemerkung: Was hätte man geurteilt, als ich vor dem Herrn Leutnant von Bismarck im Hause Nr. 206 in der Stube links der Eingangstüre saß und ihn nach seinem werten Stand und Namen fragte, um die nachstehende Tat hier niederschreiben zu können, wenn ich ihm hätte sagen können: »Wie Sie heute Ihren Reitknecht aus dem hiesigen Wendelsee gezogen haben, so werden Sie einst Deutschland aus den trüben Wassern des alle geistige Entwicklung niederhaltenden Katholizismus und der österreichisch-habsburgischen Hauspolitik reißen und retten?« Am Ufer des Wendelsees ist ein Denkmal errichtet, das Otto von Bismarcks kühne Tat verherrlicht. Ihm selbst wurde nach dieser Tat die Rettungsmedaille am Bande verliehen, die später Anlaß zu jener bekannten Szene in Frankfurt gab. Dort fragte ihn ein mit vielen Ordenssternen geschmückter österreichischer Staatsmann in spöttischem Tone, was die seltsame Gestalt der Denkmünze eigentlich bedeute, worauf Bismarck ihn mit den Worten abfertigte: »Je nun, ich habe die Gewohnheit, mitunter einem Menschen das Leben zu retten.« Am 16. April 1847 konnte Bismarck der Schwester die Verlobung anzeigen. Er tat dies in der gewohnten humoristischen Form: Die Verlobungsanzeige »Malinka! Ich zeige Dir nunmehr alles Ernstes meine Verlobung an, die kein Geheimnis mehr ist. Ich erhielt in der vorigen Woche einen Brief von hier, der mir freistellte, herzukommen und die Antwort zu hören. Am Montag kam ich früh durch Angermünde, fuhr spurlos durch Naugard, und Dienstag, den 12., um Mittag war ich verlobt. Alles nähere, das maßlose Erstaunen der Kassuben, von denen die, welche nicht gleich rundum überschlugen, noch immer haufenweise auf dem Rücken liegen, den Verdruß der alten Damen, daß auch keine sagen kann: ich habe eine Silbe davon geahnt usw., will ich Dir mündlich erzählen. Einstweilen bitte ich nur Dich und Oskar, Euch in wohlwollende Verfassung für meine zukünftige Frau zu setzen, die Dir selbst noch schreiben wird. Reinfeld liegt hier dicht bei Polen, Bütow ist die nächste Stadt, man hört die Wölfe und die Kassuben allnächtlich heulen, und in diesem und den sechs nächsten Kreisen wohnen achthundert Menschen auf der Quadratmeile; =polish spoken here=. Ein sehr freundliches Ländchen. Herzliche Grüße an O. Dein treuer Bruder.« Bismarck hatte die Frau, die ihn durch ein langes großes Leben geleiten sollte, bei der Hochzeit des ihm befreundeten jungen Ehepaares von Blankenburg kennen und auf einer gemeinsamen Reise in den Harz lieben gelernt. Von hier waren sie bereits als stillverlobtes Paar in die Heimat zurückgekehrt. Aber es hatte noch eine Zeitlang gedauert, ehe sie an das Ziel ihrer Wünsche gelangten. Denn der Ruf, den der tolle Junker genoß, machte die Zustimmung der frommen christlichen Eltern höchst unwahrscheinlich. Als Bismarck brieflich frank und frei um die Hand der Tochter anhielt, äußerte sich der Vater so wenig erfreulich, daß er später den Eindruck dieser Stunde in den Ausruf zusammenfaßte: »Ich war wie mit der Axt vor den Kopf geschlagen.« Die Mutter aber jammerte, daß der Wolf immer die frömmsten Schafe fresse; sie protestierte und weinte, bis schließlich Bismarck selbst auf dem Plan erschien. Mit den Worten »=all right=« zeigte er dann der Schwester den Sieg an. Johanna »Sie ist«, so schildern sie in jener Zeit die Freunde, »ein einzigfrommes, reines, tiefes Mädchen; in ihren Augen ist ein balsamischer Friedensglanz. Sie ist ein frischer sprudelnder Gesundbrunnen, eine schöne pikante Blume, über die noch nie ein Gifthauch gegangen ist, obwohl sie zwanzig Jahre alt ist. Sie hat nichts Schönes im Äußeren, als Augen und lange schwarze Locken, sieht sonst alt aus, spricht viel, witzig und munter mit jedem Menschen, Mann oder Weib.« »Sie ist äußerst gescheit«, so schreibt ein anderer Freund, »durch und durch musikalisch, die Züge haben nichts hervorstechend Antikes, sind aber äußerst lieblich; sie ist durch und durch ein geistreicher Student, höchst originell mit einem tiefen frommen Herzen, dem alle Pietisterei fremd ist, das mit der allerholdesten Kindereinfalt Walzer spielt, wie ich es noch nie gehört habe.« Und ein Dritter schildert sie: »Ein einzig tiefes Gemüt zum Glücklichmachen hat das schwarze Mädchen, eine warme, tiefe, starke, unentweihte Kraft der Liebe.« Die Harzreise mit der Geliebten und den Freunden, die zwanglos fröhlichen Wandertage durch die Täler und über die Berge, die gemeinsame »grenzenlose Mondscheinhuldigung und Schwärmerei«, die entzückten Gespräche — niemals vielleicht hat das junge Paar solche reizvollen Tage voll Poesie erlebt, wie hier. Mit der Verlobung steigerte sich Bismarcks Willen zu einem Leben der Tat, wuchs die Sehnsucht nach der Rückkehr in die Welt. In denselben Wochen, die jetzt mit den wundervollen Briefen des jungen Bräutigams an die Braut erfüllt sind, mit Briefen, die uns die ganze poetische Kraft, das ganze feine und tiefe Künstlerempfinden des großen Mannes enthüllen, leistet er unermüdliche Arbeit nicht nur als Deichhauptmann, sondern auch auf dem Kreistage, im Patrimonium, auf allen Gebieten der Selbstverwaltung, die sich ihm erschließen. Hier atmet er auf, wenn die Elbe zu tosen beginnt: »Wenn sie alle Jahre so langweilig sanftmütig sein will, so würde ich das Kommando über ihre Fluten niederlegen. Ehe ich träge Pferde reite, gehe ich lieber zu Fuß. ... In ergebenem Gottvertrauen setz’ die Sporen ein und laß das wilde Roß des Lebens mit Dir fliegen über Stock und Block, gefaßt darauf, den Hals zu brechen, aber furchtlos, da Du doch einmal scheiden mußt von allem, was Dir auf Erden teuer ist, und doch nicht auf ewig.« Bald aber naht die Stunde, da er aus der Enge des Kreises heraustritt in das große politische Leben: Friedrich Wilhelm hatte den Vereinigten Landtag nach Berlin berufen; an Stelle des erkrankten Herrn von Brauchitsch zog Bismarck dorthin. Am 11. April hatte sich der Landtag versammelt, am 17. Mai ergriff dort bereits der junge Deichhauptmann von Bismarck das Wort. Seine Rede war kurz, aber sie war ein Glaubensbekenntnis für alle Zeiten. Sie war der mutige Ausdruck einer starken Persönlichkeit, die sich bewußt und rücksichtslos gegen die allgemein gültige Auffassung stemmte. Die erste Rede Der Abgeordnete von Saucken hatte behauptet, daß die preußische Volkserhebung nicht nur aus dem Hasse gegen die napoleonische Fremdherrschaft hervorgegangen, sondern zum gleichen Teile auf die Hoffnung zurückzuführen sei, eine Verfassung zu erlangen. Da betrat der zweiunddreißigjährige Bismarck die Tribüne und rief aus: »Ich fühle mich gedrungen, dem zu widersprechen, was auf der Tribüne sowohl als außerhalb dieses Saales so oft laut geworden ist, als von Ansprüchen auf Verfassung die Rede war: als ob die Bewegung des Volkes von 1813 anderen Gründen zugeschrieben werden müßte, und es eines anderen Motivs bedurft hätte, als der Schmach, daß Fremde in unserem Lande geboten. (Lautes Murren.) Es heißt meines Erachtens der Nationalehre einen schlechten Dienst erweisen (wiederholtes Murren), wenn man annimmt, daß die Mißhandlung und Erniedrigung, die die Preußen durch einen fremden Gewalthaber erlitten, nicht hinreichend gewesen seien, ihr Blut in Wallung zu bringen und durch den Haß gegen die Fremdlinge alle anderen Gefühle übertäubt werden zu lassen.« (Großer Lärm.) — Als die Abgeordneten Krause und Gier dagegen Verwahrung einlegten, daß jemand, der die Zeit von 1813 nicht mit durchgekämpft habe, ein derartiges Urteil fälle, bestieg Abgeordneter von Bismarck unter großem Lärm nochmals die Tribüne. Als der Lärm aber nicht nachließ, zog er eine Zeitung aus der Tasche, wandte der Versammlung den Rücken und las dann. Erst als der Lärm sich legte, nahm er wieder das Wort: »Ich kann allerdings nicht in Abrede stellen, daß ich zu jener Zeit nicht gelebt habe, und es tat mir stets aufrichtig leid, daß es mir nicht vergönnt gewesen, an dieser Bewegung teilzunehmen; ein Bedauern, das vermindert wird durch die Aufklärung, die ich soeben über die damalige Bewegung empfangen habe. Ich habe immer geglaubt, daß die Knechtschaft, gegen die damals gekämpft wurde, im Auslande gelegen habe; soeben bin ich aber belehrt, daß sie im Inlande gelegen hat, und ich bin nicht sehr dankbar für diese Aufklärung!« (Einige Stimmen: Bravo!) [Illustration: ~Parlamentarisches Debüt~ Am 17. Mai 1847 als jugendlicher Liebhaber in der Rolle des Percy Heißsporn: »Ich kann nicht schmeicheln, glatte Zungen verschmäh’ ich!« (Aus einer humorist. Biographie des »Kladderadatsch« zum 80. Geburtstag Bismarcks)] Bismarck selbst schrieb über diesen Vorgang nach Reinfeld: »Ich erregte gestern einen unerhörten Sturm des Mißfallens, indem ich durch eine nicht deutlich genug gefaßte Äußerung über die Natur der Volksbewegung von 1813 die mißverstandene Eitelkeit vieler von der eigenen Partei verletzte und natürlich das ganze Hallo der Opposition gegen mich hatte. Die Erbitterung war groß, vielleicht gerade, weil ich die Wahrheit sagte. ... Man warf mir meine Jugend und was sonst noch alles vor.« Und weiter: »Der Vater wird Dir erzählen, wie ich neulich hier in das Wespennest der Freiwilligen stach und die entrüsteten Hornissen auf mich her summten.« Ihn ergriff die Aufgabe, die ihm gestellt war. Aber rasch genug erkannte er doch auch die Schwächen all der Leute, die ihn umgaben, ihre Eitelkeit, ihre Wichtigtuerei. So schreibt er kurz vor seinem Debüt: »Die heutige Sitzung war recht langweilig, unendliches Schwatzen, Wiederholen, Breittreten, Zeittotschlagen. Es ist merkwürdig, wieviel Dreistigkeit im Auftreten die Redner im Verhältnis zu ihren Fähigkeiten zeigen, und mit welcher schamlosen Selbstgefälligkeit sie ihre nichtssagenden Redensarten einer so großen Versammlung aufzudrängen wagen.« Es ist der Protest des Tatenmenschen gegen die Männer des Wortes; es ist der Protest eines Mannes, der die Urgebote des politischen Daseins, die Gebote der Macht, des Staates, der Volksgesamtheit erkennt und mit selbstverständlicher Naturgewalt lehrt. Schon hier entdeckt Erich Marcks mit Recht, hier in dieser harten Ausschließlichkeit und unvermischten, unverbildeten leidenschaftlichen Kraft den Granit zu Bismarcks historischer Größe. Noch dreimal ergriff Otto von Bismarck in dieser ersten Tagung das Wort, immer im scharfen Gegensatz sich abhebend von der »importierten Phrasenschablone« des damaligen Liberalismus. Und jene wenigen Reden genügten, um ihn zur Hoffnung seiner Freunde, zum Grauen seiner Gegner zu machen. Man sieht in ihm den begabtesten Wortführer der Ultras, den schamlosen Junker. In Wahrheit aber war er in dieser kurzen Zeit zu einem Politiker geworden, mit dem die Zukunft rechnen mußte und auch bald genug gerechnet hat. [Illustration: ~Der Junker~ Die erste Karikatur des gewalttätigen, nach Blut riechenden Junkers. (Pausebild aus einer Zeitung 1848)] Der Eindruck bei Hofe »Bei den Hoffestlichkeiten,« erzählte nach langen Jahren Fürst Bismarck, »die während des Vereinigten Landtages stattfanden, wurde ich von dem König und der Prinzessin von Preußen in augenfälliger Weise gemieden, jedoch aus verschiedenen Gründen, von der letzteren, weil ich weder liberal noch populär war, von dem ersteren aus einem Grunde, der mir erst später klar wurde. Wenn er bei Empfang der Mitglieder vermied, mit mir zu sprechen, wenn er im Cercle, nachdem er der Reihe nach jeden angeredet hatte, abbrach, sobald er an mich kam, umkehrte oder quer durch den Saal abschwenkte: so glaubte ich annehmen zu müssen, daß meine Haltung als royalistischer Heißsporn die Grenzen überschritt, die er sich gesteckt hatte. Daß diese Auslegung unrichtig, erkannte ich erst einige Monate später, als ich auf meiner Hochzeitsreise Venedig berührte. Der König, der mich im Theater erkannt hatte, befahl mich folgenden Tags zur Audienz und zur Tafel, mir so unerwartet, daß mein leichtes Reisegepäck und die Unfähigkeit der Schneider des Ortes mir nicht die Möglichkeit gewährten, in korrektem Anzuge zu erscheinen. Mein Empfang war ein so wohlwollender und die Unterhaltung auch auf politischem Gebiete derart, daß ich eine aufmunternde Billigung meiner Haltung im Landtage daraus entnehmen konnte. Der König befahl mir, mich im Laufe des Winters bei ihm zu melden, was geschah. Bei dieser Gelegenheit und bei kleineren Diners im Schloß überzeugte ich mich, daß ich bei beiden allerhöchsten Herrschaften in voller Gnade stand, und daß der König, wenn er zur Zeit der Landtagssitzungen vermieden hatte, öffentlich mit mir zu reden, damit nicht eine Kritik meines politischen Verhaltens geben, sondern nur seine Billigung den anderen zurzeit nicht zeigen wollte.« Am 28. Juli hat Bismarck die Braut heimgeführt. Die Hochzeitsreise führte die Neuvermählten über Dresden, Prag, Wien und Salzburg nach Italien und auf der Heimreise durch die Schweiz und das Rheinland. Friedlich im jungen Eheglück floß dem Paare die nächste Zeit dahin. Dann aber schäumten die Wellen der Revolution auch hinüber bis in ihr Heim, und aus dem idyllischen Leben von Schönhausen wurde Bismarck zum zweitenmal hinausgerissen in die Stürme, die damals die Welt durchtobten. [Illustration: Karikatur aus dem Jahre 1848 (Flugblatt)] Im Strome der Politik Die Zeit der deutschen Revolution mußte Otto von Bismarck nach seiner ganzen Entwicklung in schroffem Gegensatz nicht nur zu den Barrikadenkämpfern, sondern auch zu den Schwärmern finden, die später in der Paulskirche die Kaiserkrone schmieden wollten. Für ihn waren wie für Roon die Männer der Revolution nur eine »schwankende, ordnungslose, offenbar von fremden Meuterern aufgestachelte Menge«, eine niederträchtige Partei, die gar keine Wurzeln im eigentlichen Volke hatte. »Zwei- oder dreihundert Böswillige hetzen, tausend Hungrige und Trunkene lassen sich hetzen, fünf- bis sechstausend sehen dem Spektakel zu und bezahlen leider nicht selten mit ihrer Haut, was jene verschuldet.« Für Bismarck wie für Roon ist in jenen Tagen jede Konzession des Königs ein Zeichen der Schwäche; nur freiwillig dürfen Preußens Herrscher geben, nicht gezwungen. Bismarck erhielt die erste Kunde von den Ereignissen des 18. und 19. März 1848 im Haus eines Gutsnachbarn, zu dem sich Berliner Damen geflüchtet hatten. Es ist charakteristisch für ihn, daß ihn nicht so die politische Tragweite der Vorgänge, wie die Erbitterung über die Ermordung der Soldaten in den Straßen in tiefster Seele packte. Bald aber schlugen die Wellen der Revolution auch bis nach Schönhausen hinüber. Er erzählt darüber: Er unternimmt eine Gegenrevolution »Am 20. meldeten mir die Bauern in Schönhausen, es seien Deputierte aus dem dreiviertel Meilen entfernten Tangermünde angekommen, mit der Aufforderung, wie in der genannten Stadt geschehen war, auf dem Turme die schwarzrotgoldene Fahne aufzuziehen, und mit der Drohung, im Weigerungsfalle mit Verstärkung wiederzukommen. Ich fragte die Bauern, ob sie sich wehren wollten; sie antworteten mit einem einstimmigen und lebhaften ›Ja‹, und ich empfahl ihnen, die Städter aus dem Dorfe zu treiben, was unter eifriger Beteiligung der Weiber besorgt wurde. Ich ließ dann eine in der Kirche vorhandene weiße Fahne mit schwarzem Kreuz, in Form des eisernen, auf dem Turm aufziehen und ermittelte, was an Gewehren und Schießbedarf im Dorfe vorhanden war, wobei etwa fünfzig bäuerliche Jagdgewehre zum Vorschein kamen. Ich selbst besaß mit Einrechnung der altertümlichen einige zwanzig und ließ Pulver durch Boten von Jerichow nach Rathenow holen. Dann fuhr ich mit meiner Frau auf umliegende Dörfer und fand die Bauern eifrig bereit, dem Könige nach Berlin zu Hilfe zu ziehen, besonders begeistert einen alten Deichschulzen Krause in Neuermark, der in meines Vaters Regiment ›Karabiniers‹ Wachtmeister gewesen war. Nur mein nächster Nachbar sympathisierte mit der Berliner Bewegung, warf mir vor, eine Brandfackel in das Land zu schleudern, und erklärte, wenn die Bauern sich wirklich zum Abmarsch anschicken sollten, so werde er auftreten und abwiegeln. Ich erwiderte: ›Sie kennen mich als einen ruhigen Mann, aber wenn Sie das tun, so schieße ich Sie nieder.‹ — ›Das werden Sie nicht‹, meinte er. — ›Ich gebe mein Ehrenwort darauf,‹ versetzte ich, ›und Sie wissen, daß ich das halte, also lassen Sie das.‹« Der Berliner Schwindel Als die groteske Heldenschar, die Bismarck vereinigt hatte und die unter seiner Leitung eifrig auf den Sandbergen übte, der Meinung war, genügend kriegstüchtig ausgebildet zu sein, trat eines schönen Tages der Ackerbürger Schilling gelegentlich einer Pause aus der Front, und vor dem Kommandanten salutierend, redete er diesen wie folgt an: »Herr Deichhauptmann (von Bismarck), nun führen Sie uns man druf, wir wollen mal ein Ende machen mit dem Berliner Schwindel!« Die Nelke Ein gewisser zorniger Humor verließ Bismarck nicht. Dafür spricht eine Anekdote von seiner Fahrt nach Potsdam, wohin er eilte, entschlossen, sich vor der Brust seines Königs niedermetzeln zu lassen. Er fuhr in einem Coupé zweiter Klasse, in dem sich auch ein Handlungsreisender, ein frecher und lästiger Mensch, befand, der fortwährend räsonierte und auf die Regierung und alles mögliche schimpfte. Als sie angekommen und ausgestiegen waren, behielt Bismarck den Sohn Merkurs im Auge und trat diesem auf dem Perron mit vernichtenden Blicken unerwartet nahe, so daß derselbe erschrocken zurückwich, doch Bismarck folgte ihm mit unheimlichem Blick, und der geängstigte Kommis fand sich im Zurücktreten plötzlich mit dem Rücken an einer Wand, seinen Verfolger mit entsetzten Blicken anstarrend. »Wie heißen Sie?« wetterte Bismarck ihn an. »Nelke heiße ich.« »Nehmen Sie sich in acht, Sie Nelke Sie! oder ich werde Sie pflücken, daß es nur so knacken soll.« Sprach’s und wendete dem Gestraften verächtlich den Rücken. Es war Bismarck nicht beschieden, sich für den König zu opfern. Vergebens bemühte er sich auch, dem König und seinen nächsten Verwandten etwas von dem Mute zu übertragen, der ihn selbst entflammte. Er fand keine Stätte für seine Wirksamkeit, keine Neigung zu energischem Verhalten. Und so kehrte er resultatlos nach seinem Gute zurück, sein preußisches Herz von Zorn und Empörung erfüllt, aber doch nicht an der Zukunft verzweifelnd. Der Schmerz, der ihn erschütterte, brach aus, als er am 2. April im Landtag das Wort ergriff, um mit wenigen Freunden gegen die Adresse zu stimmen, in der die Abgeordneten dem König den Dank des Landes für die Märzerrungenschaften aussprechen wollten. Er konnte seine Erklärung nicht zu Ende bringen; ein Weinkrampf überfiel ihn und zwang ihn, von der Tribüne herabzusteigen. Bei dem Satze: »Wenn es wirklich gelingt, auf diesem neuen Weg ein einiges deutsches Vaterland, einen glücklichen oder auch nur gesetzmäßigen Zustand zu erlangen, dann wird der Augenblick gekommen sein, wo ich dem Urheber der neuen Ordnung meinen Dank aussprechen kann; jetzt aber ist es mir nicht möglich«, brach ihm die Stimme. Die Adresse wurde fast einstimmig angenommen. Und die Vorgänge verwundeten das Gefühl des jungen Politikers so stark, daß er sich weder in den verfassunggebenden preußischen Landtag noch in das Frankfurter Parlament wählen ließ. Denn er erwartete weder hier noch dort die Lösung der großen Fragen, die in der Tat erst durch ihn ihre Antwort finden sollten. Seine politische Tätigkeit beschränkte sich in der nächsten Zeit auf eine Reihe von Versammlungen und Zeitungsartikeln, in denen er im monarchischen Sinn Einfluß zu gewinnen suchte. Aber auch am Königshofe trug sein entschlossenes Auftreten seine Früchte. Er wurde wiederholt nach Sanssouci berufen, und er durfte als einer der ersten den aus England heimkehrenden Prinzen von Preußen auf der Wildparkstation bei Potsdam begrüßen. Und schon jetzt wird er der Ratgeber der Mächtigen, holt ihn der König herbei, ihn um seine Meinung zu fragen. Daß er aber kein Schmeichler war, sondern auch dem König offen und ehrlich seine Meinung sagte, auch wenn sie wenig erfreulich klang, das bezeugt sein Bericht von einer Audienz im Juni. Er sagt dem König die Wahrheit »Nach der Tafel führte mich der König auf die Terrasse und fragte freundlich: ›Wie geht es bei Ihnen?‹ In der Gereiztheit, die ich seit den Märztagen in mir trug, antwortete ich: ›Schlecht.‹ Darauf der König: ›Ich denke, die Stimmung ist gut bei Ihnen.‹ Darauf ich, unter dem Eindrucke von Anordnungen, deren Inhalt mir nicht erinnerlich ist: ›Die Stimmung war sehr gut, aber seit die Revolution uns von den königlichen Behörden unter königlichem Stempel eingeimpft worden, ist sie schlecht geworden. Das Vertrauen zu dem Beistande des Königs fehlt.‹ In dem Augenblicke trat die Königin hinter einem Gebüsche hervor und sagte: ›Wie können Sie so zu dem Könige sprechen?‹ — ›Laß mich nur, Elise,‹ versetzte der König, ›ich werde schon mit ihm fertig werden‹; und dann zu mir gewandt: ›Was werfen Sie mir denn eigentlich vor?‹ — ›Die Räumung Berlins.‹ — ›Die habe ich nicht gewollt‹, erwiderte der König. Und die Königin, die noch in Gehörweite geblieben war, setzte hinzu: ›Daran ist der König ganz unschuldig; er hatte seit drei Tagen nicht geschlafen.‹ — ›Ein König muß schlafen können‹, versetzte ich. Unbeirrt durch diese schroffe Äußerung sagte der König: ›Man ist immer klüger, wenn man von dem Rathause kommt, was wäre denn damit gewonnen, daß ich zugäbe, ›wie ein Esel‹ gehandelt zu haben? Vorwürfe sind nicht das Mittel, einen umgestürzten Thron wieder aufzurichten, dazu bedarf ich des Beistandes und tätiger Hingebung, nicht der Kritik.‹ Die Güte, mit der er dies und Ähnliches sagte, überwältigte mich. Ich war gekommen in der Stimmung eines Frondeurs, dem es ganz recht sein würde, ungnädig weggeschickt zu werden, und ging vollständig entwaffnet und gewonnen.« Auf Bismarcks Rat ist dann der tüchtige Graf Brandenburg an die Spitze der Regierung berufen worden; seinem Einfluß war auch wohl in erster Linie der Entschluß des Königs zu verdanken, die Truppen unter Wrangel in Berlin einrücken zu lassen und so der Revolution ein wenig rühmliches Ende zu bereiten. Von der Stimmung Bismarcks aber in jener Zeit zeugt ein Wort, das er damals zu seinem späteren Gegner Beust gesprochen hat und das dieser uns in seinen Erinnerungen bewahrte: Ich muß ihn vernichten »Es war meine erste Begegnung mit Fürst Bismarck. Ich war befreundet mit dem späteren Gesandten in Dresden, Herrn von Savigny, dessen Wohnung sich dicht neben dem von mir bewohnten Haus in der Wilhelmstraße befand. Eines Morgens, als ich ihn besuchte, empfing er mich mit den Worten: ›Ich habe einen Besuch im Hause, Herrn von Bismarck, von dessen Auftreten auf dem Vereinigten Landtage Sie gehört haben müssen.‹ Gleich darauf trat Herr von Bismarck ein, im Schlafrock, mit der langen Pfeife. Das Gespräch wandte sich sofort der eben eingegangenen Nachricht von der Erschießung Robert Blums zu, wobei ich die Ansicht äußerte, es sei dies vom österreichischen Standpunkt ein politischer Fehler. Als ich diese Äußerung tat, fiel Bismarck sofort mit den Worten ein: ›Ganz falsch, wenn ich einen Feind in der Gewalt habe, muß ich ihn vernichten.‹ Dieses Ausspruchs habe ich mich mehr als einmal erinnert.« So trat Bismarck ein Jahr später, als der Antrag auch in Amnestierung der Rebellen im Landtag eingebracht war, durchaus folgerichtig gegen diesen Antrag auf, der ihm ein erneutes Zeichen der Schwächlichkeit schien. »Die weinerliche Sentimentalität des Jahrhunderts,« so rief er aus, »die in jedem fanatischen Rebellen, in jedem gedungenen Barrikadenkämpfer einen Märtyrer findet, werde mehr Blutvergießen herbeiführen, als eine starre und entschlossene Gerechtigkeit.« Charakteristisch für die Anschauungen, die der junge Abgeordnete in jenen Tagen hegte, sind einige Anekdoten, die Temme und von Unruh in ihren Erinnerungen erzählen: Gehängt wird er doch Die Mitglieder der verschiedenen »Abteilungen« des Landtags wurden durch das Los bestimmt und saßen nicht nach den Parteien geschieden beieinander, da dort keine politischen Fragen, sondern rein geschäftliche des Hauses erledigt wurden. In eine dieser Sitzungen kam der kleine demokratische Abgeordnete d’Ester, der sich durch Bismarcks Ausfall gegen die »Tyrannenblut«-Sänger besonders getroffen fühlen mochte, »biergefrühstückt« an und wandte sich an den Abgeordneten für Westhavelland mit den Worten: »Herr von Bismarck, Sie sind gegen uns unter allen Leuten Ihrer Partei immer artig und höflich gewesen. Wir wollen Ihnen darum ein Kartell vorschlagen: wenn wir die Oberhand behalten, so schonen wir Sie, ist’s umgekehrt, so tun Sie das mit uns.« Bismarck aber lehnte freundlich ab, indem er bemerkte: »Wenn Ihre Partei siegt, d’Esterchen, so ist es nicht mehr der Mühe wert, zu leben; kriegen wir dagegen die Oberhand, so wird gehenkt, aber Höflichkeit bis zur letzten Galgensprosse.« In der Erinnerung an diesen Vorfall sagte von Unruh zu Bismarck: »Nun, wissen Sie was, wenn Ihre Partei siegt, so nehmen Sie mich in Schutz, und kommt meine Partei oben, so werde ich Ihnen denselben Dienst leisten. Schlagen Sie ein.« »Sehr gern«, erwiderte Bismarck, dessen Achtung für Herrn von Unruh bedeutend höher stand als für Herrn d’Ester, obwohl er auch den Sieg der Partei Unruh nicht fürchtete. Acht Jahre später sah sich Unruh veranlaßt, Bismarck an diese scherzhafte Abrede zu erinnern und seine Vermittlung in Anspruch zu nehmen, und Bismarck hielt Wort. An den Verhandlungen der Idealisten in der Paulskirche hat Bismarck, wie gesagt, nicht teilgenommen. Er taugte nicht in die Mitte dieser schwärmerischen, in ihren Hoffnungen zerfließenden Versammlung. Aber er hat dennoch Stellung genommen zu dem vornehmsten Thema, das dort beraten wurde, zur deutschen Verfassungsfrage. Und auch hier mußte ihn die Logik der inneren Entwicklung in die Reihe der Gegner treiben. [Illustration: ~Der neue Peter von Amiens und die Kreuzfahrer~ Das Bild, das eine der ersten Karikaturen auf Bismarck bildet, zeigt ihn als Nebenfigur in der Gruppe der Kreuzzeitungspartei, deren Mittelpunkt die Herren von Gerlach und Stahl bilden, während im Hintergrunde Wagener und Gödsche als Don Quichotte und Sancho Pansa figurieren. Auf der rechten Seite Stahls schreitet der Abgeordnete von Bismarck, dessen Panzer die Form eines Krebses hat, in der Linken seinen Stammbaum, in der Rechten eine Geißel tragend. Die Verse, die unterschrieben sind, lauten: »Es hält Sankt Stahl des Esels Zaum, Sankt Gerlach führt die Truppen, zur Seite steht Herr Bismarck treu, der Erzschelm in Panzer und Schuppen. Und die sich als Landsknechte mit ihren Mähren quetschen, das ist Herr Wagener-Don Quichotte mit Sancho Pansa-Gödschen.« (»Kladderadatsch«, 4. Nov. 1849)] So geschah es, daß ihm auf jene Rede, in der er das Recht des Preußentums mit heißer Leidenschaft vertrat, in der er das wundervolle Bekenntnis ablegte: »Preußen sind wir und Preußen wollen wir bleiben, und ich hoffe zu Gott, daß wir auch noch lange Preußen bleiben werden, wenn dieses Stück Papier vergessen sein wird, wie ein dürres Herbstblatt,« ein Führer der Liberalen, Herr von Beckerath, zurufen konnte: »Wo viel Licht ist, da muß auch viel Schatten sein; das große deutsche Vaterhaus muß auch ~einen verlorenen Sohn~ haben.« Bismarck ist auch Mitglied des Parlaments zu Erfurt gewesen, in das er als das zweitjüngste Mitglied einzog; hier sollte das »Statut« zwischen Preußen, Hannover und Sachsen beraten werden. Herr von Bismarck ist hier Schriftführer geworden. Aus späten Zeiten erzählte August Reichensperger von dieser Tätigkeit des märkischen Junkers einen niedlichen Scherz. Der Schreiber des jüdischen Gelehrten Als der eben zum Präsidenten des Erfurter Volkshauses gewählte Simson die Liste der unter den Fraktionen vereinbarten Sekretäre verlas und »Herr von Bismarck« zuletzt verlesen ward, stand Bismarck am Fuße der Tribüne neben mir und richtete an mich die Worte: »Mein seliger Vater würde sich dreimal im Grabe herumdrehen, wenn er hörte, daß ich Schreiber eines jüdischen Gelehrten geworden sei.« Der Fürst bemerkte lachend, dessen entsinne er sich nicht mehr, worauf ich sagte: »Diesen jüdischen Gelehrten haben Sie nun zum Präsidenten des Reichsgerichts gemacht.« Darauf erwiderte er, mit einer Handbewegung auf seine Person: »Ja, was nicht alles aus einem werden kann.« Noch etwas boshafter stellte sich Herr von Bismarck einem der anderen Würdenträger der Versammlung, Herrn von Gagern, gegenüber. Er selbst erzählte einmal, wie Herr von Manteuffel eine Verständigung zwischen den Konservativen und Gagerns Freunden, den sogenannten Gothaern, suchte: Die Phrasengießkanne »Er nahm mich und Herrn von Gagern dazu, und so wurden wir eines Tages zu einem =souper à trois= bei ihm eingeladen. Zuerst wurde wenig oder gar nichts von Politik gesprochen. Dann aber ergriff Manteuffel einen Vorwand, uns allein zu lassen. Als er hinaus war, sprach ich sogleich von Politik und setzte Gagern meinen Standpunkt auseinander, und zwar in ganz nüchterner, sachlicher Weise. Da hätten Sie aber Freund Gagern hören sollen. Er machte ein Jupitergesicht, hob die Augenbrauen, sträubte die Haare, rollte mit den Augen, und schlug sie gen Himmel, daß es ordentlich knackte, dann sprach er zu mir mit seinen großen Phrasen, wie wenn ich eine Volksversammlung wäre. Natürlich half ihm das bei mir nichts. Ich erwiderte kühl, und wir blieben auseinander wie bisher. Als Manteuffel dann wieder hereingekommen war und der Jupiter sich entfernt hatte, fragte mich jener: ›Nun, was haben Sie zustande gebracht miteinander?‹ ›Ach,‹ sagte ich, ›nichts ist zustande gekommen. Das ist ja ein ganz dummer Kerl. Hält mich für eine Volksversammlung — die reine Phrasengießkanne! Mit dem ist nicht zu reden.‹« [Illustration: ~Bismarck als Städtezerstörer~ Er hatte eine Rede im Landtag mit den Worten geschlossen: »Wenn der Herr Abgeordnete (Harkort) die Äußerung wiederholt hat, daß die Regierung dem Volke mißtraue, so kann ich ihm sagen, daß auch ich allerdings der Bevölkerung der großen Städte mißtraue, solange sie sich von ehrgeizigen und lügenhaften Demagogen leiten läßt, daß ich aber dort das wahre preußische Volk nicht finde. Letzteres wird vielmehr, wenn die großen Städte sich wieder einmal erheben sollten, sie zum Gehorsam zu bringen suchen, und sollte es sie vom Erdboden vertilgen.« (»Kladderadatsch«, 28. März 1852)] Auch ein heftiges Renkontre mit seinem Präsidenten hatte hier Bismarck: Der renitente Schriftführer Auf der Journalistentribüne des Erfurter Volkshauses saßen u. a. zwei Journalisten, deren österreich-feindliche Berichte Bismarcks besonderes Mißfallen erregt hatten. Der eine dieser Herren war der Braunschweiger Ludwig v. Rochau, der begeisterte nationale Kämpfer und spätere Historiker, der wegen seiner Beteiligung an den burschenschaftlichen »Umtrieben« und namentlich an dem Frankfurter Attentat zu zwanzigjähriger Zuchthausstrafe verurteilt, aber nach Paris entflohen und erst im Jahre 1848 nach Deutschland zurückgekehrt war, wo er bis 1851 für Zeitungen schrieb. Er war damals in Erfurt ein ebenso untadeliger deutscher Patriot wie später, da er als Historiker und Abgeordneter des norddeutschen Reichstags für Bismarcks Politik in trefflichen Schriften und Reden eintrat. Der Name des anderen Urhebers von Bismarcks Mißvergnügen ist von keiner Bedeutung. An diese beiden Herren richtete nun Bismarck ein amtliches Schreiben, welches unterzeichnet war: »Das Schriftführeramt des Volkshauses zu Erfurt, von Bismarck.« In diesem Schreiben zeigte er den Herren an, daß ihnen die Plätze auf der Journalistentribüne entzogen würden, wenn sie fortführen, ihre Berichte in einem Österreich feindlichen Sinne zu schreiben. Der eine Betroffene mit dem minder bekannten Namen wandte sich einfach an =Dr.= Simson mit der Anfrage, ob denn dieser erstaunliche Erlaß mit Wissen des Präsidenten des Volkshauses ergangen sei. Rochau dagegen hielt diese Frage für überflüssig, da er in dem Ukas des »Schriftführeramtes« nur eine unzweifelhaft ganz ungehörige Eigenmächtigkeit des ihm damals wenig sympathischen Abgeordneten von Bismarck-Schönhausen erblickte. Er schrieb daher dem Herrn von Bismarck einen recht scharfen und beleidigenden Brief. Fast zu gleicher Zeit empfing Präsident Simson die Nachricht von dem ungewöhnlichen Vorfall, nämlich durch das Schreiben des minder Berühmten und durch das persönliche Verlangen Bismarcks, ihm selbst volle Genugtuung gegen den frechen Rochau zu verschaffen. Simson richtete darauf an Bismarck vorläufig nur die Frage, ob dieser im Namen des »Schriftführeramtes des Volkshauses zu Erfurt« die beiden Schreiben an die beiden Gentlemen gerichtet habe, was Bismarck mit der Zuversicht einer guten und gerechten Tat bejahte. Darauf wurde der »Schriftführer des Volkshauses«, der zugleich anklagte und verklagt war, vom Präsidenten auf eine frühe Abendstunde zu einer Unterredung unter vier Augen eingeladen. Von dem, was dann hier weiter vorgegangen ist, war Präsident Simson noch nach fast zwanzig Jahren, da er dem Verfasser dieses Ereignis erzählte, einigermaßen erregt: »Bis nach Mitternacht rangen wir förmlich gegeneinander in Worten, so daß die Wände erdröhnten«, berichtete er etwa von dieser Szene. »Sie müssen sich eben diesen gewaltigen Mann um fast zwanzig Jahre jünger denken.« Schließlich fügte sich aber Bismarck doch den Vorstellungen Simsons, indem er seinen Ukas zurücknahm. Simson dagegen entzog Herrn v. Rochau den Sitz auf der Berichterstattertribüne, da er sich zu einem Widerruf der an Herrn von Bismarck-Schönhausen gerichteten Beleidigungen nicht verstehen wollte. [Illustration: ~Die Kaiserdeputation.~ Karikatur aus der Revolutionszeit] Noch ein anderer Scherz aus jener Zeit ist für Bismarck bezeichnend: Ein Brausekopf Die Plätze in der Versammlung waren mit schwarzrotgoldenen Bändchen geschmückt, die Herr von Hagen besorgt hatte, um auf den großdeutschen Gedanken anzuspielen. Bismarck kam in den Saal und ersetzte sofort diese Schleifen durch schwarzweiße Bänder. Herr von Hagen selbst war Zeuge der Bismarckschen Tätigkeit. Am anderen Tage schilderte er Herrn von Radowitz den Vorgang mit der Bemerkung, daß er den betreffenden Herrn, der seine Idee so nachdrücklich perhorresziert hatte, nicht kenne. Radowitz ließ sich den Betreffenden schildern und meinte dann: »Ach, das war der Bismarck, der Brausekopf! Na, er wird die Welt auch nicht umreißen!« Herr von Radowitz hat sich, wie die Zukunft bewies, recht stark geirrt. Am Schlusse des Erfurter Tages schrieb Bismarck in Stahls Stammbuch die Worte ein, die dieser selbst in einer Rede gebraucht hatte: »Darum ist unsere Losung nicht: Bundesstaat um jeden Preis, sondern: Unversehrtheit der preußischen Krone um jeden Preis.« Aber auch Erfurt brachte dem jungen preußischen Heißsporn kein Genüge. Er sieht keine Wirkung auf die Zukunft voraus, und er hat auch keine Freude mehr an diesem Staate selbst, der den Gang nach Olmütz antreten mußte. Und es sollte bald die Zeit kommen, wo sich auch manches in seinen innersten Überzeugungen wandeln sollte. Denn als er in die praktischen Geschäfte eintrat, da erkannte er, daß aus dem Zuschauerraum die politische Welt doch anders aussieht, als wenn man hinter die Kulissen tritt, daß man sie anders beurteilt, solange man als Dilettant, ohne das Gefühl schwerer persönlicher Verantwortung, an ihr mitwirkt, als wenn man in jeder Stunde sich der Folgen jedes einzelnen Schrittes bewußt ist. Er hat, wie er selbst es ausspricht, in Frankfurt im Amte erkannt, daß viele der Größen, mit denen er einst gerechnet hatte, nicht existierten, und er hat vor allem die warme Zuneigung für Österreich, die ihn vorher beseelte, verloren, weil eben das Österreich, an das er geglaubt hatte, überhaupt nicht existierte. Bismarck ging nach Frankfurt; als Mann von sechsunddreißig Jahren hatte er endlich den Weg gefunden, auf dem sein Genius sich entfalten konnte. [Illustration: ~Bei der drohenden Nähe eines Bundes-Preßgesetzes erlaubt sich Kladderadatsch, seine gehorsamste Vorstellung bei Herrn von Bismarck-Schönhausen zu machen~ »Ein Federzug von dieser Hand, und neu erschaffen wird die Erde. — Geben Sie Gedankenfreiheit! — !!! —«] [Illustration: ~Der Kaisertraum~ Karikatur aus der Revolutionszeit] Frankfurt Es ist psychologisch merkwürdig, daß gerade der unentschlossenste aller preußischen Könige es war, der den entschlossensten Charakter seiner Zeit entdeckte und zu sich heranzog. Schon bei der ersten Begegnung hat Friedrich Wilhelm =IV.= den tapferen Junker aus der Altmark ausgezeichnet; das treue und mannhafte Verhalten während der schweren Tage der Revolution ließ in ihm die beste Stütze der staatlichen Grundlagen ahnen. Und schon damals hatte man ihm geraten, den jungen Deichhauptmann zum Minister zu machen. Aber der König mochte fürchten, durch die Berufung eines solchen Mannes die herrschende Erregung noch zu schüren. »Roter Reaktionär! Riecht nach Blut! Vielleicht später zu gebrauchen« oder, wie Bismarck versichert: »Nur zu gebrauchen, wenn das Bajonett schadenlos waltet«, so lautete das Urteil des Königs. Bismarck stand damals, so schreibt Sybel, in der vollen Blüte des kräftigsten Mannesalters. Eine hohe Gestalt, welche die Mehrzahl der Menschenkinder um eine Kopfeslänge überragte, ein gesundheitsstrahlendes Antlitz, ein von Intelligenz belebter Blick, in Mund und Kinn der Ausdruck unbeugsamen Willens, in jedem Gespräch erfüllt von originellen Gedanken, farbigen Bildern, frappanten Wendungen, von gewinnender Liebenswürdigkeit im geselligen, von schneidender Überlegenheit im geschäftlichen Verkehr. Sein Bildungsgang war großenteils der eines Autodidakten; die frische Ursprünglichkeit hatte er weder durch mechanische Schulung noch durch äußerlichen Dienstzwang einschnüren oder umschleifen lassen. Eine freigebige Natur hatte ihn mit allen Erfordernissen des Herrscherberufes ausgestattet, mit rascher und durchdringender Auffassung aller Verhältnisse, mit scharfer Erkenntnis der Stärken und Schwächen jeder Position, mit sicherem Blick für die Brauchbarkeit der verschiedensten Menschen zur Förderung seiner Zwecke. Mit einer unerschütterlichen Willenskraft in der Verfolgung seiner Absichten verband er eine niemals versagende Elastizität des Geistes in der wechselnden Anwendung des jedesmal zweckmäßigen Verfahrens; ohne jemals einen systematischen Unterricht durchgemacht zu haben, besaß er die Fähigkeit, die Thucydides von Themistokles rühmt, durch die Macht seiner Natur in kurzem Nachdenken das Erforderliche sofort zu treffen. In der Tat erinnerte Bismarck durch die Frühreife des Talentes und die Beherrschung der Vorgesetzten lebhaft auch an das Auftreten des Generals Bonaparte im Jahre 1796. Aber statt der kolossalen, jedes andere Gefühl erdrückenden Selbstsucht des korsischen Imperators zeigt sich bei Bismarck die patriotische Hingabe an den Staat, die unbedingte Pflichttreue gegen König und Vaterland. Aus dem Bedürfnis heraus, Preußen zu Macht und Blüte zu erheben, wird er, der bisher nur Parteimann war, im prägnantesten Sinne des Wortes der Diener des Staates. Über die entscheidende Unterredung mit dem König berichtet Bismarck: Wir wollen es versuchen »Nachdem ich auf die plötzliche Frage des Ministers Manteuffel, ob ich die Stelle eines Bundesgesandten annehmen wolle, einfach mit ja geantwortet hatte, ließ der König mich zu sich bescheiden und sagte: ›Sie haben viel Mut, daß Sie so ohne weiteres ein Ihnen fremdes Amt übernehmen.‹ Ich erwiderte: ›Der Mut ist ganz auf seiten Eurer Majestät, wenn Sie mir eine solche Stellung anvertrauen, indessen sind Eure Majestät ja nicht gebunden, die Ernennung aufrechtzuerhalten, sobald sie sich nicht bewährt. Ich selbst kann keine Gewißheit darüber haben, ob die Aufgabe meine Fähigkeit übersteigt, ehe ich ihr nähergetreten bin. Wenn ich mich derselben nicht gewachsen finde, so werde ich der erste sein, meine Abberufung zu erbitten. Ich habe den Mut zu gehorchen, wenn Eure Majestät den haben zu befehlen.‹ Worauf der König: ›Dann wollen wir die Sache versuchen.‹« »Er wird schön hausen« Der »Kladderadatsch« begrüßte Herrn von Bismarcks Ernennung mit den Worten Zwickauers: Also Hörr von Büsmarck würd ßum Bundestag nach Frankfurt am Mäun geschückt. Ich glaube, sogleuch er würklich geschückt ist, würd dort Herr von Bismarck schön hausen. Bismarcks letzte Erkenntnis aus den Frankfurter Jahren lag in dem Satze: »Ich sehe in unserem Bundesverhältnis ein Gebrechen Preußens, welches wir früher oder später =ferro et igni= heilen müssen.« Aber er hat schon früh die Erkenntnis gewonnen, daß die Trennung von Österreich die letzte Lösung des Rätsels sei. Und noch früher gewann er die Überzeugung von der ganzen öden Nichtigkeit und Wichtigtuerei dieser Zopfdiplomaten, die in Frankfurt wie einst auf dem seligen Regensburger Reichstag sich über Quisquilien stritten. Schon acht Tage nach seinem Eintreffen in Frankfurt schrieb er an seine Frau die berühmten Worte: Sie kochen alles mit Wasser »Der hiesige Verkehr ist im Grunde nichts als ein gegenseitiges mißtrauisches Ausspionieren, und wenn man noch etwas auszuspionieren und zu verbergen hätte! Es sind lauter Lappalien, mit denen sich die Leute quälen, und diese Diplomaten sind mir schon jetzt mit ihrer wichtigtuenden Kleinigkeitskrämerei viel lächerlicher als der Abgeordnete der Zweiten Kammer im Gefühl seiner Würde. Wenn nicht äußere Ereignisse zutreten, und die können wir superklugen Bundestagsmenschen weder leiten noch vorherbestimmen, so weiß ich jetzt ganz genau, was wir in ein, zwei oder fünf Jahren zustande gebracht haben werden, und will es in vierundzwanzig Stunden zustande bringen, wenn die anderen nur einen Tag lang wahrheitsliebend und vernünftig sein wollen. Ich habe nie daran gezweifelt, daß sie alle mit Wasser kochen; aber eine solche nüchterne, einfältige Wassersuppe, in der auch nicht ein einziges Fettauge zu spüren ist, überrascht mich. Schickt den Schulzen X oder Herrn von ?arsky aus dem Chausseehause her, wenn sie gewaschen und gekämmt sind, so will ich in der Diplomatie Staat mit ihnen machen. In der Kunst, mit vielen Worten gar nichts zu sagen, mache ich reißende Fortschritte, schreibe Berichte von vielen Bogen, die sich nett und rund wie Leitartikel lesen, und wenn Manteuffel, nachdem er sie gelesen hat, sagen kann, was drin steht, so kann er mehr wie ich. Jeder von uns stellt sich, als glaube er vom anderen, daß er voller Gedanken und Entwürfe stecke, wenn er’s nur aussprechen wollte, und dabei wissen wir alle zusammen nicht um ein Haar besser, was aus Deutschland werden wird, als Dutken Sommer. Kein Mensch, selbst der böswilligste Zweifler von Demokrat, glaubt, was für Charlatanerie und Wichtigtuerei in dieser Diplomatie hier steckt.« An Hermann Wagner schreibt Bismarck schon wenige Tage später: »Die Österreicher (am Bundestage) sind intrigant unter der Maske burschikoser Bonhomie ... und suchen uns bei kleineren Formalien zu übertölpeln, worin bis jetzt unsere einzige Beschäftigung besteht. Die von den kleinen Staaten sind meist karikierte Zopfdiplomaten, die sofort die Berichtphysiognomie aufstecken, wenn ich sie nur um Feuer zur Zigarre bitte, und Blick und Wort mit Regensburger Sorgfalt wählen, wenn sie den Schlüssel zum A.... fordern.« [Illustration: ~Auftreten im Bundestagstheater zu Frankfurt am Main~ 1851 ~als Mephistopheles in der Hexenküche~: »Erkennst du deinen Herrn und Meister?« (»Kladderadatsch«, 1895)] Was Bismarck in Frankfurt geleistet hat, das liegt in einer unendlichen Fülle von Dokumenten vor unseren Augen. Und auch sein inneres Leben findet durch die köstlichen Briefe an seine Gattin, seine politische Entwicklung durch seine Briefe an die Brüder von Gerlach und an Herrn von Manteuffel reiche Beleuchtung. Immer wieder aber begegnen wir den schärfsten Sarkasmen über die superklugen Bundestagsmenschen, unter denen er sofort um Haupteslänge hervorragt. Mit Energie nahm er schon zu Anfang die Aufgabe in die Hand, die untergeordnete Stellung, in die Preußen nach Olmütz geraten war, und die in den Tagen seines Vorgängers ihren Ausdruck auch in einer gewissen Gegnerschaft für die Unterordnung des preußischen Vertreters unter den Grafen Thun, Österreichs Gesandten, gefunden hatte, zur Gleichberechtigung zu erheben. Insofern sind jene scheinbar so unbedeutenden Anekdoten, die seinen Eintritt umschließen, doch von einer gewissen Bedeutung. So auch die kleine Geschichte aus der Militärkommission: Die Bundeszigarre »Bei diesen Sitzungen hatte,« so erzählte Bismarck in Versailles, »als mein Vorgänger von Rochow Preußen vertrat, Österreich allein geraucht. Rochow hätte es als leidenschaftlicher Raucher gewiß auch gern getan, getraute sich’s aber nicht. Als ich nun hinkam, gelüstete mich’s ebenfalls nach einer Zigarre, und da ich nicht einsah, warum nicht, ließ ich mir von der Präsidialmacht Feuer geben, was von ihr und den anderen Herren mit Erstaunen und Mißvergnügen bemerkt zu werden schien. Es war offenbar für sie ein Ereignis. Für diesmal rauchten nun bloß Österreich und Preußen. Aber die anderen Herren hielten das augenscheinlich für so wichtig, daß sie darüber nach Hause berichteten. Die Sache erforderte reifliche Überlegung, und es dauerte wohl ein halbes Jahr, daß nur die beiden Großmächte rauchten. Da begann auch Schrenkh, der bayerische Gesandte, die Würde seiner Stellung durch Rauchen zu wahren. Der Sachse Nostitz hatte gewiß auch große Lust dazu, aber wohl keine Erlaubnis von seinem Minister. Als er indes das nächstemal sah, daß der Hannoveraner Bothmer sich eine genehmigte, muß er, der eifrig österreichisch war — er hatte dort Söhne in der Armee — sich mit Rechberg verständigt haben; denn er zog jetzt ebenfalls vom Leder und dampfte. Nun waren nur noch der Württemberger und der Darmstädter übrig, und die rauchten überhaupt nicht. Aber die Ehre und die Bedeutung ihrer Staaten erforderten es gebieterisch, und so langte richtig das folgende Mal der Württemberger eine Zigarre heraus — ich sehe sie noch, es war ein langes, dünnes, hellgelbes Ding — und rauchte sie als Brandopfer für das Vaterland wenigstens halb. Nur Hessen-Darmstadt entzieht sich.« Schon diese unscheinbare Geschichte verlieh dem Namen Bismarck in Preußen eine gewisse Volkstümlichkeit; sie hat später zu einer sehr ernsten parlamentarischen Szene geführt. Noch eine andere Zigarre aber spielte eine gewisse Rolle: Als Bismarck den österreichischen Kollegen besuchte, empfing ihn der hochmütige Herr recht formlos, rauchte seine Zigarre weiter und hielt es nicht für nötig, seinem Besucher einen Stuhl anzubieten. Da zog Bismarck eine Zigarre aus der Tasche und ersuchte den ungastlichen Herrn um Feuer. Überhaupt bietet gerade der Aufenthalt in Frankfurt ein besonders reiches Material an anekdotischen Vorgängen. Sie mögen hier in bunter Reihe folgen: Beim alten Metternich Der greise Staatsmann residierte in jener Zeit auf dem Johannisberg. Bismarck besuchte ihn dort und gewann ihn schnell. Wie er aber die rasche Eroberung des alten argwöhnischen Zuchtmeisters von Europa fertig brachte, das erzählte er später dem Grafen Thun auf dessen erstaunte Frage: »Ich weiß nicht, was haben Sie nur dem alten Fürsten angetan, der hat ja in Sie wie in einen goldenen Kelch hineingesehen?« »Ja,« erwiderte Bismarck, »das will ich Ihnen erklären; ich habe seine Geschichten ruhig angehört und nur manchmal an die Glocke gestoßen, daß sie weiter klang. Das gefällt solchen redseligen Leuten.« Wie Bismarck eine Depesche absandte Der Vertreter Hannovers hatte die Besorgnis, daß seine Briefschaften durch »Konnivenz der Post« zur Kenntnis des Bundestagspräsidiums gelangten, und richtete an seinen preußischen Kollegen die Frage, wie er es anfange, seine Depeschen ungeöffnet passieren zu lassen. Bismarck forderte ihn auf, einen Spaziergang mit ihm zu machen, und führte ihn in eine entlegene Gasse, wo nur kleine Leute und Gewerbetreibende der bescheidensten Art ihre Wohnung hatten. Dort angelangt, zog er zum Erstaunen seines Begleiters Handschuhe an und trat dann mit ihm in einen Krämerladen. Hier fragte er den Heringsbändiger: »Habt Ihr hier auch Seife?« — »Jawohl.« — »Welche Sorten?« — Der Kommis nannte verschiedene und legte Bismarck einige Stücke vor, von denen dieser ein besonders stark riechendes wählte und in seine Tasche gleiten ließ. Dann fragte er nach Briefkuverten, und der Verkäufer legte ihm einige solche der ordinärsten Art vor. Darauf zog Bismarck eine Depesche aus der Brusttasche seines Rockes, steckte sie in das Kuvert, forderte Tinte und Feder und fing an, die Adresse zu schreiben. Aber mit den Handschuhen ging das nicht, er bat daher den Krämerkommis, diese Arbeit für ihn zu besorgen, und der junge Mann tat dies willig genug. Nun steckte Bismarck die Depesche in die Tasche zu der Seife und sagte auf der Straße zu dem Hannoveraner: »So, unter dieser Aufschrift und diesem aus den Düften von Seife, Heringen, Talg und Käse zusammengesetzten Parfüm sollen sie nun einmal meine Depesche herausschnüffeln!« Alle vorm Feinde erworben Bei einer Parade, zu der auch ein österreichischer General in vollem Ordensschmuck erschienen war, war auch Bismarck anwesend und hatte zu Ehren des Gastes seine preußische Landwehruniform mit sämtlichen Orden angelegt, die ihm die Höflichkeit der Bundesstaaten zugedacht hatte. Der General begrüßte auch Bismarck und frug ihn, indem er auf dessen Orden zeigte, mit leiser Ironie und feiner Anspielung auf die damals drohende Kriegsgefahr und die passive Rolle, die Preußen während der Kriegsereignisse im letzten Jahrzehnt gespielt hatte: »Schaun S’, Exzellenz! alle vorm Feinde erworben?« »Jawohl,« entgegnete Bismarck gewandt, »alle vorm Feinde in Frankfurt a. M. erworben!« Der Streit mit Rechberg Mit dem Nachfolger des Grafen Thun, dem Grafen Rechberg, geriet Herr von Bismarck wiederholt in Konflikte. Einmal in Rechbergs Zimmer wurde der Streit so heftig, daß der Graf ausrief: »Ich werde Ihnen meinen Sekundanten schicken.« »Wozu diese Umstände,« erwiderte Bismarck, »Sie haben hier ja wohl Pistolen, dann machen wir die Sache sogleich in Ihrem Garten ab. Während Sie das Schießgerät zurechtmachen, schreibe ich einen Bericht über den Handel, den ich eintretendenfalls nach Berlin zu schicken bitte.« So geschah es. Als der Bericht geschrieben war, ersuchte Bismarck den Grafen, die Richtigkeit zu prüfen. Rechberg las und sagte, jetzt wieder kälteren Blutes, »es ist alles richtig — aber«, rief er dann aus, »uns deshalb die Hälse zu brechen, wäre doch über die Maßen töricht.« — »Ganz einverstanden«, schloß Bismarck. Etwas später kam Rechberg zu Bismarck, um diesem in einer Wiener Depesche den ihm erteilten Auftrag zu zeigen, in der nächsten Sitzung bei einer wichtigen Frage ebenso wie Preußen zu stimmen. Bismarck überflog das Schreiben und gab es mit den Worten zurück: hier ist wohl ein Irrtum vorgefallen. Rechberg sah in das Blatt hinein, erschrak, wurde blaß: es war ein vertraulicher Begleitbrief mit der Weisung, zwar selbst für Preußen zu stimmen, aber alles zu tun, um das gemeinsame Votum durch die übrigen Gesandten verwerfen zu lassen. Er hatte die beiden Schreiben verwechselt. »Beruhigen Sie sich,« sagte Bismarck, »Sie haben mir den Brief nicht geben wollen, also haben Sie ihn mir nicht gegeben, also ist sein Inhalt mir völlig unbekannt.« In der Tat hat er ihn nie nach Berlin berichtet, um so mehr aber Rechbergs Vertrauen für alle Zeit gewonnen. Bismarck als Hehler Herrn von Keudell erzählte Bismarck einmal, wie er einem polizeilich verfolgten jungen Mann zur Flucht verhalf: »Ich erhielt vor kurzem von Berlin den Auftrag, die hiesige Polizei zu veranlassen, einen politisch kompromittierten Jüngling zu verhaften. Nun ist es wirklich nicht wohlgetan, einen fähigen jungen Menschen, der auf einen falschen Weg geraten ist, durch Verfolgung und Bestrafung als Umstürzler abzustempeln. Es ist sehr möglich, daß er von selbst zur Vernunft kommt, wie es manchen Achtundvierzigern ergangen ist. Ich erstieg also frühmorgens die drei Treppen zu der Wohnung des jungen Mannes und sagte ihm: »Reisen Sie so schnell als möglich ins Ausland.« Er sah mich etwas verwundert an. Ich sagte: »Sie scheinen mich nicht zu kennen; vielleicht fehlt es Ihnen auch an Reisegeld? Nehmen Sie hier einige Goldstücke und machen Sie, daß Sie schnell über die Grenze kommen, damit man nicht sagt, daß die Polizei wirksamer operiert als die Diplomatie. Am folgenden Tage hat die Polizei ihn natürlich nicht mehr gefunden.« Wie er seine Glocke bekam In seiner Mietwohnung vermißte Bismarck einen Glockenzug, durch den es ihm möglich gewesen wäre, seinen Diener aus dem oberen Stockwerk in das Arbeitszimmer herabzurufen. Er ließ den Hausherrn ersuchen, eine solche Klingel beizustellen, allein der Patrizier, ohnehin dem »Preußen« nicht sehr grün, gab zur Antwort, daß seine Mietparteien in der Regel derartige besondere Wünsche auf eigene Kosten befriedigen müßten, und er wüßte nicht, warum in diesem Falle eine Ausnahme gemacht werden solle. Einige Tage später knallte ein Pistolenschuß durch das Haus. Erschreckt durcheilte der Eigentümer alle Räume und kam endlich in Bismarcks Arbeitszimmer, wo die noch rauchende Pistole auf dem Tische lag, der ebenfalls rauchende Bismarck aber ruhig hinter seinen Akten saß. »Um Himmels willen, was ist geschehen?« rief der Hausherr. »Gar nichts,« versetzte Bismarck, »seien Sie ganz unbesorgt. Ich habe nur meinem Diener oben ein Zeichen geben wollen, daß er kommen soll. Es ist ein ganz harmloses Signal, an das Sie sich hoffentlich gewöhnen werden.« Man braucht wohl nicht erst hinzuzufügen, daß Bismarck in kürzester Zeit seine Glocke bekam. Amschel Rothschild Vom Ahnherrn der Rothschilds, dem alten Amschel, erzählte Bismarck gern Anekdoten. Er wurde hierzu besonders vor Paris angeregt, wo er im Hause eines Rothschild wohnte. So erzählte er: Rothschild habe einmal in seiner Gegenwart mit einem Getreidehändler über einen Weizenverkauf gesprochen. Dabei sagte der Händler zu ihm, als reicher Mann habe er doch nicht nötig, den Preis des Weizens so hoch zu stellen. — »Was, reicher Mann?« erwiderte der alte Herr. »Ist mein Weizen darum weniger wert, weil ich ein reicher Mann bin?« — Er gab übrigens Diners, die seinem Reichtum alle Ehre machten. Ich erinnere mich: einmal war der jetzige König in Frankfurt, und ich lud ihn zu Tische. Darauf hatte ihn Rothschild auch einladen wollen. Der Prinz aber hatte ihm gesagt, das möchte er mit mir ausmachen, er äße sonst ebenso gern bei ihm als bei mir. Er kam nun und wollte, ich sollte ihm Seine Königliche Hoheit abtreten, ich könnte ja bei ihm mitessen. Ich schlug’s ihm ab. Da hatte er die Naivität, zu meinen, sein Diner könnte ja zu mir ins Haus gebracht werden, er äße doch nicht mit — er genoß nämlich nur Koscheres. Ich lehnte auch diesen Vorschlag zur Güte ab — natürlich, obwohl sein Diner ohne Zweifel besser war als das meinige. — Ferner habe ihm der alte Metternich — der mir beiläufig sehr wohl wollte, schaltete er ein — mitgeteilt, als er einst bei Rothschild gewohnt, habe ihm der bei der Abreise nach dem Johannisberg ein Dejeuner mit auf den Weg gegeben, bei dem sich auch sechs Flaschen Johannisberger Schloß befanden. Auf dem Johannisberg wären sie ungeöffnet ausgepackt worden, und der Fürst hätte seinen Weinverwalter kommen lassen und ihn gefragt, was die Flasche bei ihm koste. — Zwölf Gulden, hätte er geantwortet. — So, nun dann schicken Sie dem Baron Rothschild die sechs bei der nächsten Bestellung wieder zu, berechnen Sie sie ihm aber zu fünfzehn Gulden, weil sie dann älter geworden sind. Wollen wir ein Geschäftchen machen? Als die Nachricht von der Abberufung des russischen Gesandten in Paris eintraf, schrieb Bismarck an Gerlach am 3. Februar 1854: »Gestern erhielt ich die telegraphische Nachricht, daß Kisseleff Paris verlasse. Ich war gerade auf dem Klub und besann mich, wen ich wohl am besten damit erschrecken könnte. Mein Auge fiel auf Rothschild; er wurde kreidebleich, als ich es ihm zu lesen gab. Sein erster Ausruf war: ›Hätte ich das heute früh gewußt‹, sein zweiter: ›Wollen wir morgen ein Geschäftchen zusammen machen? Exzellenz riskieren nichts dabei!‹ Ich lehnte es freundlich dankend ab und überließ ihn seiner erregten Stimmung.« Sie sind a scheener Mann In einem Briefe an seinen »Liebling« Johanna schildert Bismarck in liebenswürdig drastischer Form den alten Amschel: »Er gefällt mir, weil er eben ganz Schacherjude ist und nichts anderes vorstellen will, dabei ein streng orthodoxer Jude, der bei seinen Diners nichts anrührt und nur Gekauschertes ißt. ›Johann, nimm dir epps Brot, vor die Rehcher‹, sagte er zu seinem Diener, als er ging, mir seinen Garten zu zeigen, in dem zahmes Damwild ist. ›Herr Beraun, die Pflanze koscht mich zweitausend Gülden, uff Ehre, zweitausend baare Gülden, laß se Ihne vor tausend. Oder wolle Se habe geschenkt, so soll er se Ihne bringe in Ihr Haus, waiß Kott, ich schätze Se aufrichtig, Herr Beraun, Se sind a scheener Mann, e braver Mann‹; dabei ist er ein kleines, mageres, eisgraues Männchen, der älteste seines Stammes, aber ein armer Mann in seinem Palaste, kinderlos, Witwer, betrogen von seinen Leuten und schlecht behandelt von vornehm französierten und englisierten Neffen und Nichten, die seine Schätze erben, ohne Dank und ohne Liebe.« Die Frankfurter Sehr ergötzlich schildert Bismarck die revolutionäre Gefährlichkeit der Frankfurter: »Die hiesige Bevölkerung wäre ein politischer Vulkan, wenn sich Revolutionen mit dem Munde machen ließen. Wenn ich hier auf einem Feldweg im Trabe reite, so springen erwachsene Männer schon auf dreißig Schritte von mir eine Rute weit ins Korn, um jedenfalls außer Bereich des Pferdes zu sein. — Ich habe hier in zwei Jahren noch nie zwei Leute sich prügeln sehen, wohl aber auf Steinwurfsentfernung sich gründlich schimpfen. — Jeder Schuh, der sie drückt, wird natürlich ›dene Ferschte‹ (den Fürsten) zur Last geschrieben, und wenn man die erst los wäre, so würde Milch und Honig fließen. Nur müßten andere das Fortjagen besorgen und die etwaigen Kopfnüsse dabei aushalten.« — Ihm war auch sonst das Wesen der Frankfurter nicht gerade sympathisch, und der maßlose Geselligkeitstrieb des Völkchens der Bundesphäaken erweckte seinen Spott. Ein Frankfurter Diner schildert er mal mit den drastischen Worten: »Ich habe gestern dem neuen Russen zu Ehren ein offizielles Diner in echt Frankfurter Stile gegeben: über zwanzig Nummern auf dem Menü und ein Dutzend der sonderbarsten Weine. Ich verabscheue eigentlich diese Stoff- und Geldverwüstungen, aber ob Christian oder Itzig, ’s Geschäft bringt’s halt so mit sich.« Bismarcks Tätigkeit war namentlich zu Anfang nicht anstrengend genug, um ihn von Ausflügen in die Umgebung abzuhalten. Er reiste nach Wiesbaden und vielfach an den Rhein, schwelgte in der frischen Bergluft des Taunus, fuhr nach Mainz und an die kleinen Höfe von Darmstadt und Nassau, wurde von Gerlach nach Heidelberg entführt und verlebte mit ihm reizende Stunden in Wolfsbrunn und Neckar-Steinach. Von überallher sendet er stimmungsvolle Briefe an die Lieben daheim, bis es ihm endlich möglich wurde, die Seinen nach Frankfurt zu holen und mit ihnen »unter erschwerten Umständen und mit dem Intermezzo langer Ausschußsitzungen« sich in der Bockenheimer Allee häuslich niederzulassen. »Sie würden«, schreibt er an Gerlach, »mich nachsichtig beurteilen, wenn Sie wüßten, wie jemand zumute ist, der, nachdem er zwölf Jahre lang ein unabhängiger Landjunker, das heißt bodenlos faul gewesen ist, nun plötzlich vom Aufstehen bis zum Niederlegen Galérien des Dienstes ist. Eine Viertelstunde bei meiner Frau zu sitzen und mit väterlichem Wohlgefallen dem Gebrüll der unnützesten beiden Kinder auf der Welt zuzuhören, ist mir ein seltener Genuß, wenn ›aus dem schrecklichen Gewühle ein süßbekannter Ton mich zieht‹.« Er sagt stets das Unerwartete Die gemütvolle Wärme und Innigkeit der Bismarckschen Häuslichkeit hatte von Anfang an eine »gewählte Schar geistig regsamer Freunde angezogen«. Hier fand auch Bismarck selbst »nach Arbeit und geschäftlichem Mißbehagen die liebste Erholung in der Musik, durch welche ihn seine Gemahlin im Verein mit den Töchtern des bekannten Malers Jakob Becker von Worms zu erfreuen pflegte«. »Am Teetisch«, schildert es uns ein Gast des Bismarckschen Hauses in Frankfurt, der abends die Heimgekehrten im lauschigen Gemach zu vereinigen pflegte, »erschien mitunter auch der preußische Gesandte, lächelnd, wenn die Hausfrau statt des chinesischen Trankes ein Glas mit jener vortrefflichen Mischung aus Porterbier und Champagner ihm vorsetzte, die von den Studenten ›Menschenfreund‹ genannt wird. Neckend oder ernst wußte er dann, oft nur mit einem hingeworfenen Wort, das Gespräch in seiner originellen Weise zu färben, und die ihm eigene sprühende Unterhaltungsgabe war in Frankfurt bald sprichwörtlich. ›Er sagt stets das Unerwartete!‹, pflegten die Damen auszurufen, indem ihr Gesicht zugleich Stolz und weibliche Bewunderung für ihn ausdrückte. Auch bedurfte es dort, wo er im kleinen Kreise zugegen war, längst nach Mitternacht noch eines kräftigen Entschlusses, um das Behagen der Stunde durch den Aufbruch zu stören.« Otto tanzt mit Malwine Über den Verlauf der Mittagessen bei dem preußischen Bundestagsgesandten schreibt ein der Gesandtschaft als Attaché beigegebener Kavallerie-Offizier: »Hier gab es besondere Gemütlichkeit, namentlich wenn etwa die Rüljer Geschwister kamen oder gar die Kröchelndorfer Arnims. Wer, der die Frau Malwine von Arnim in ihren jüngeren Jahren gekannt, hat sich je dem Zauber dieser vornehmen und geistvoll anmutigen Weiblichkeit zu entziehen vermocht? Noch steht mir ein Vorgang vor Augen, der sie eben in jenen Eigenschaften unendlich reizvoll hervortreten ließ. Die Mittagstafel war beendet. Während derselben hatten die Geschwister förmlich und für die übrigen Anwesenden sehr ergötzlich sich geneckt und fuhren damit fort, bis sie, der Bruder die Schwester am Arm führend, einen schmalen langen Gang erreicht hatten, der das Speisezimmer mit den übrigen Wohnräumen verband. Hier faßte Bismarck plötzlich das schlanke Frauenbild, und nun flogen die beiden in einer Walzergaloppade vor uns übrigen her den Korridor hinab. Frau von Arnim stieß sich beim Halt ziemlich empfindlich die Hand am Türrahmen, und nun mußte man die ritterliche Art des um seine Schwester bemühten Bruders sehen und die Grazie, mit welcher diese jenem zulieb ihr schmerzhaftes Unbehagen hinwegleugnete. Ein allerliebster Augenblick.« Ein Ball bei Bismarcks Etwa vierhundert Personen waren bei dem Ball im Februar 1855 erschienen, den Bismarcks gaben, darunter die Mitglieder des diplomatischen Korps, die regierenden Bürgermeister, das Offizierkorps sowie die Frankfurter Hautevolee. Auch aus Mainz waren Offiziere der dortigen Garnison sowie mehrere Fremde von Distinktion anwesend. Auf dem Feste waren Karneval und kriegerische Zeit durch ein Menuett vertreten, das von jüngeren Mitgliedern des diplomatischen Korps sowie von preußischen und österreichischen Offizieren in den verschiedenen Militärtrachten des vorigen Jahrhunderts ausgeführt wurde. Die mitwirkenden Damen waren in der entsprechenden Hoftracht der Rokokozeit kostümiert. Es boten sich Kontraste von einst und jetzt der Ost- und Westmächte. Auf raschen Galopp und Polka-Masurka in schnellem Takt folgte in der gemessenen Weise des alten Dessauer ein Menuett, dessen eine Kolonne von einem preußischen Offizier, die andere von einem Attaché der französischen Gesandtschaft geführt wurde. Der angenehme Eindruck, den diese Überraschung auf die Stimmung der Gesellschaft hervorbrachte, gab dem Feste ebensosehr einen erhöhten Reiz, wie der Anblick der reichen und geschmackvollen Kostüme der Vergangenheit, die sich mit den glänzenden Toiletten des Tages zu einem heiteren Ganzen vereinigten. Die Musik zu den Tänzen wurde von dem Musikkorps des 38. Infanterie-Regiments ausgeführt. Um ein Uhr begab sich die Gesellschaft zum Souper, dem ein Kotillon folgte, welcher das Ballfest beschloß. Über Bismarcks Frankfurter Haus schreibt Motley in einem Brief an seine Frau: Seine Häuslichkeit »Es ist eines der Häuser, wo jeder tut, was er will. Die Empfangszimmer liegen in der Vorderseite des Hauses. Die von der Familie benutzten Räume, ein Salon und das Speisezimmer, sind nach hinten hinaus gelegen und haben die Aussicht in den Garten. Hier ist alles versammelt: jung und alt, Großeltern und Kinder und Hunde; da wird gegessen, getrunken, geraucht, Piano gespielt und Pistolen geschossen (im Garten). Alles zu gleicher Zeit. Es ist ein Haushalt, wo einem alles angeboten wird, was auf Erden nur immer gegessen oder getrunken werden kann: Portwein, Sodawasser, Lagerbier, Champagner, Burgunder, Bordeauxwein sind immer vorhanden, und jeder raucht beständig die besten Havannazigarren.« Wenig konnte sich Bismarck mit Herrn von Prokesch, einem der späteren Vertreter Österreichs, verstehen. Als er noch einmal nach Frankfurt zurückkehrte, obwohl man an seine Abberufung geglaubt hatte, begrüßte ihn Bismarck mit sanftem Hohn: Beginnen wir ein neues Leben »Mein erstes Wiedersehen mit Prokesch«, so schreibt der preußische Staatsmann nach Hause, »war beiderseits frei von Verlegenheit. Die sanfte Heiterkeit, deren Maske er trug, fand ihren Ausdruck auch in der Farbe seiner Handschuhe, die von zartestem Himmelblau und ausnahmsweise ganz neu waren. Es schlug gerade zwölf am 2. Juli, und ich bemerkte beiläufig, daß dieser Augenblick genau die Mitte des Jahres sei, worauf er mit durchbrechender Herzlichkeit meine Hand ergriff und sagte: ›Wohlan, so vergessen wir die Leiden und Sorgen des alten Jahres, und beginnen wir ein ganz neues.‹« [Illustration: Frankreich im Januar 1870 — Im November ~Bismarck, Frankreich die Haare strählend.~ (Der »Floh«, November 1870)] Sie sind unverbesserlich In den Plenarversammlungen des Bundestages war das Protokoll so geführt worden, daß Bismarck sich öfter zu Beschwerden veranlaßt sah. Einmal zwang er Herrn von Prokesch sogar zu einer Änderung des Protokolls, auf das sich dieser in einer Versammlung mit den Worten berufen hatte: »Wenn das nicht wahr wäre, so hätte ich ja im Namen der Kaiserlich Königlichen Regierung gelogen.« Dabei sah er Bismarck an, dieser sieht ihn wieder an und sagte gelassen: »Allerdings, Exzellenz.« Prokesch war offenbar erschrocken, und als er sich umblickte und lauter niedergeschlagenen Augen begegnete und einem tiefen Schweigen, das Bismarck recht gab, wendete er sich still ab und ging ins Speisezimmer, wo gedeckt war. »Nach Tisch hatte er sich erholt«, erzählt Bismarck den Vorfall weiter. »Da kam er auf mich zu — mit einem gefüllten Glase — sonst hätte ich gedacht, er wolle mich fordern — und sagte: ›Na, lassen Sie uns Frieden machen.‹ — ›Warum denn nicht?‹ sagte ich. ›Aber das Protokoll muß doch geändert werden!‹ — ›Sie sind unverbesserlich‹, erwiderte er lächelnd, und damit war’s gut. Das Protokoll wurde geändert und damit anerkannt, daß es die Unwahrheit enthalten hatte.« Die Frankfurter Zeit ist vielfach durch große Reisen unterbrochen worden, die Bismarck nicht nur zur Erholung, sondern auch aus dienstlichen Gründen unternahm. Sie führten ihn auch nach Wien und Pest und so zur intimen Kenntnis all der Persönlichkeiten, die in der Doppelmonarchie eine Rolle spielten. Auch diese Reisen mußten den Blick des Staatsmannes, der stets die Psychologie, die Kenntnis der Menschen zur Grundlage seines politischen Handelns machte, nach jeder Richtung erweitern. Seine Briefe, besonders von diesen Reisen in den Kaiserstaat, atmen aber alles andere als politische Sorgen. Sie zeigen vielmehr eine außerordentliche Beobachtung der Dinge, eine kräftige Erfassung des Lebens und eine Plastik der Darstellung, die das Urteil rechtfertigt, daß Bismarck einer der größten Meister der deutschen Sprachkunst war. In Wien hatte Bismarck den Auftrag, statt des Zollvereins einen Handelsvertrag mit Österreich zu vereinbaren. Es gelang ihm, durch Offenheit und Entgegenkommen in der Form, bei unerschütterlicher Festigkeit in der Sache, die Stellung Preußens gegenüber den österreichischen Ansprüchen in sicherer Weise zu wahren und auch hier dem Ziele näher zu kommen, das ihm für die Zukunft überaus klar vor Augen stand: Preußen nicht nur gleichwertig neben den Kaiserstaat zu stellen, sondern diesem Lande selbst durch einen blutigen Konflikt mit Österreich die Führung in Deutschland zu sichern. Schon hier hat er bewirkt, daß der Widerstand, den man in Potsdam nur zögernd zu leisten wagte, gefestigt und die Gefahr einer schwächlichen Nachgiebigkeit beseitigt wurde. Allerdings geriet er hierdurch in Konflikt mit der Kreuzzeitungspartei, mit seinen eigenen alten Freunden, die seine Tätigkeit in einer Weise kritisierten, als ob der Staat durch ihn an den Rand des Verderbens gebracht worden sei. Bald genug sah sich Bismarck genötigt, auch sonst den konservativen Heißspornen, die an Österreich hingen und am liebsten zu einem Bruch mit dem revolutionären Kaisertum Napoleons gedrängt hätten, mit aller Schärfe entgegenzutreten. Er hege zwar keine Sympathien für ein französisches Bündnis, aber er sehe nur dann die Möglichkeit gegeben, sich von dem östlichen Nachbarn unabhängig zu erhalten, wenn man möglichst freundliche Beziehungen nach Westen hin pflege; man dürfe die Möglichkeit, unter Umständen ein Bündnis mit Frankreich als das kleinere von zwei Übeln zu wählen, sich nicht abschneiden, wenn man auch niemals Gebrauch davon machen sollte. Vor allem warnte Bismarck, durch eine Pressepolemik gegen die Heirat Napoleons mit der Gräfin Eugenie von Montijo nicht unnütze Bitterkeit zu erregen. Napoleon möge heiraten, wen oder wie er Lust habe; auch wenn er seinen verliebten Gelüsten den Mantel der Volkstümlichkeit umzuhängen suche, so sei das für Preußen gleichgültig. Es ist schon hier »die Politik der zwei Eisen im Feuer«, die Bismarck später mit so gewaltigem Erfolge zur Grundlage seines Systems erwählte. Mehr und mehr gewann überhaupt der Frankfurter Bundesgesandte Einfluß auf die Grundlinien der Berliner Politik. Immer wieder ließ ihn der König nach Potsdam kommen: »Ich habe auf den Reisen zwischen Frankfurt und Berlin über Guntershausen in einem Jahre zweitausend Meilen gemacht, damals stets die neue Zigarre an der vorhergehenden anzündend oder gut schlafend.« Der König verlangte von ihm nicht nur ein Urteil über Fragen der deutschen und der auswärtigen Politik, sondern beauftragte ihn auch mit der Ausarbeitung von Gegenprojekten gegen die Entwürfe des Auswärtigen Amtes. In der Zeit, als der Konflikt zwischen Frankreich und Rußland drohte, der zum Krimkriege führte, war es Bismarck vor allem, der davor warnte, den langjährigen Frieden mit Rußland für andere als preußische Interessen in Frage zu stellen. Warum nicht nach Leipzig und Roßbach? Über diese Haltung und den Einfluß Bismarcks auf den König war der Vertreter Frankreichs natürlich in hohem Maß erbittert. Marquis Moustier, so hieß er, ließ sich bei einem Besuche, den Bismarck ihm machte, durch die Lebhaftigkeit seines Temperamentes zu der bedrohlichen Äußerung hinreißen: »=La politique que vous faites, va vous conduire à Jena=«, worauf Bismarck erwiderte: »=Pourquoi pas à Leipzig ou à Roßbach?=« Moustier war eine so unabhängige Sprache in Berlin nicht gewohnt und wurde stumm und bleich vor Zorn. Nach einigem Schweigen setzte Bismarck hinzu: »=Enfin toute nation a perdu et gagné des batailles. Je ne suis pas venu pour faire avec vous un cours d’histoire.=« Die Unterhaltung kam nicht wieder in Fluß. Der Gesandte beschwerte sich bei dem Minister von Manteuffel, der die Beschwerde an den König brachte. Aber dieser lobte Bismarck laut wegen der richtigen Antwort, die er dem Franzosen gegeben habe. Auch den Landtagsverhandlungen mußte Bismarck wiederholt beiwohnen. Von einer dieser Reisen berichtet er in einem amüsanten Brief aus Halle. Reisepech ... Von hier habe ich Dir, soviel ich weiß, noch nicht geschrieben, und hoffe, daß es auch künftig nicht wieder vorkommt. Ich habe mich so viel besonnen, ob doch gestern nicht am Ende Freitag war, als ich abreiste; ein =dies nefastus= war es sicherlich; in Gießen kam ich in ein hundekaltes Zimmer mit drei nicht schließenden Fenstern, zu kurzes, zu schmales Bett, schmutzig, Wanzen; infamer Kaffee, noch nie gekannt so schlecht. In Guntershausen kamen Damen in die erste Klasse, und das Rauchen hörte auf, eine höhere Geschäftsdame mit zwei Kammerjungfern, Zobelpelz; sprach abwechselnd mit russischem und englischem Akzent Deutsch, sehr gut Französisch, etwas Englisch, war aber meiner Ansicht nach aus der Reezenjasse in Berlin, und die eine Kammerfrau ihre Mutter oder ältere Geschäftsfreundin. Zwischen Guntershausen und Gerstungen platzte ganz sanft eine Röhre an der Lokomotive; das Wasser lief aus; da saßen wir einundeinhalb Stunden lang im Freien, recht hübsche Gegend und warme Sonne. Ich hatte mich in die zweite Klasse gesetzt, um zu rauchen, da fiel ich einem Berliner Kammer- und Geh.-Rats-Kollegen in die Hände, der jetzt vierzehn Tage Homburg getrunken hatte und mich im Beisein einiger Meßjuden fragte und zur Rede stellte, bis ich verzweifelt wieder zur Prinzessin aus der Reezenjasse heimkehrte; durch den Aufenthalt kamen wir drei Stunden zu spät nach Halle; der Berliner Zug war längst fort; ich muß hier schlafen und morgen früh per Güterzug um halb eins reisen, um zwei ankommen. Hier am Bahnhof sind zwei Gasthöfe, aus Versehen bin ich in den falschen geraten; ein Gendarm ging im Saal auf und ab und musterte bedenklich meinen Bart, während ich ein müffiges Beefsteak aß. Ich bin sehr unglücklich, werde nun aber noch den Rest Spickgans zu mir nehmen, etwas Portwein trinken und dann zu Bette gehen ... An den Landtagsverhandlungen selbst nahm Bismarck nur mit großer Zurückhaltung teil, doch geriet er trotzdem einmal in einen schweren Konflikt. Das Duell mit Vincke Der bekannte Abgeordnete von Vincke hatte die Herabsetzung des Militäretats beantragt, die preußischen Rüstungen scharf verurteilt und ausgerufen, man solle nicht daran denken, die Landwehr etwa dazu zu benutzen, bei einem diplomatischen Rückzug, wie den von Olmütz, Parade zu machen; Ereignisse wie die Schlacht von Bronzell könnten ohne Benachteiligung nicht vorübergehen. In seiner Erbitterung sagte Bismarck: »Es kommt vor, daß militärische Talente angeboren werden, es ist auch möglich, daß einzelne Kammermitglieder in der Eigenschaft als Landwehroffiziere sich hohe kriegswissenschaftliche Kenntnisse erwerben. Ich würde aber, ehe wir darauf Kammerbeschlüsse gründen, doch wohl bitten, eine Probe davon abzuwarten.« Er fügte hinzu: »Es ist möglich, daß trotz der friedlichen Disposition aller Staaten Europas wir vielleicht innerhalb sechs Monaten in Verhältnisse kommen, in welchen die Herren Gelegenheit haben könnten, ihre militärischen Talente auf einem anderen Feld als hier darzutun!« Die Anspielung Bismarcks auf den Charakter Vinckes als Landwehroffizier führte diesen wieder auf die Tribüne. Er ersuchte Herrn von Bismarck, dessen witzige Talente ja hinreichend bekannt seien, nicht immer die alten Kammerwitze vorzutragen, und rief: »Denkt man etwa, die Landwehr dazu zu benutzen, bei einem diplomatischen Rückzuge, wie den von Olmütz, Parade zu machen, oder mutet man ihr Schlachten zu, wie die bei Bronzell?« Bismarck entgegnete, es sei nicht seine Absicht gewesen, Witze zu machen, denn er halte Vinckes Situation, wenn er ihn im Felde sehen sollte, gar nicht für witzig, sondern für sehr ernst; wer übrigens zum neunzehnten Male den müdegerittenen Trompeterschimmel von Bronzell tummelt, der dürfe sich nicht über alte abgetragene Witze beklagen. Zwei Tage darauf erneuerte Herr von Vincke den persönlichen Kampf. Er bekämpfte eine Etatforderung für die Burg Hohenzollern mit der Begründung, daß man dieses Geld für Kriegszwecke in nächster Zeit jedenfalls nötiger brauche, seit ein »namhafter Diplomat« es ausgesprochen habe, daß man vielleicht schon in sechs Monaten Krieg haben werde. Wenn dies von einem Diplomaten, bei dem doch eine diskrete Zurückhaltung notwendig sei, gesagt werde, so müsse die Besorgnis eines europäischen Krieges doch weit näher liegen, als man bisher angenommen habe. Bismarck verwahrte sich gegen die Bosheiten Vinckes und schloß seine Erwiderung mit der Bemerkung, daß er nicht den Krieg angekündigt, sondern nur die Möglichkeit eines Krieges behauptet habe: »Ich glaube, durch diese Äußerung die Diskretion, welche mein Amt mir auferlegt, nicht verletzt zu haben, ebensowenig als dadurch, daß ich hinzufüge, daß es meine feste Überzeugung ist, daß wir in sechs Monaten Krieg haben oder Frieden.« Der Abgeordnete von Vincke bemerkt hierauf ungefähr: Ich kann nur annehmen, daß der persönlich gereizte Ton, wozu der Herr Abgeordnete keine Veranlassung hatte, da ich seine Leistungen dankbar anerkannt habe, nur aus verletzter Bescheidenheit herrührt, weil ich ihn einen namhaften Diplomaten genannt habe. Ich will daher, um ihn zu befriedigen, diese Äußerung hiermit förmlich zurücknehmen, da allerdings alles, was ich von seinen diplomatischen Leistungen weiß, sich nur auf die bekannte brennende Zigarre beschränkt. Die Folge dieses Zwistes war das Duell zwischen Bismarck und Vincke, über das General von Gerlach in seinem Tagebuch verzeichnete: »23. März. Es kommt nun doch zum Duell von Vincke und Bismarck. Gestern abend war Bismarck bei mir, sehr liebenswürdig über sein Duell; vorher Stollberg, der davon sehr bewegt, es dennoch für notwendig erklärte. Büchsel (der Hofprediger) hatte Bismarck das heilige Abendmahl verweigert — er (Bismarck) war mit Hans Kleist bei ihm gewesen; ich kann das nicht richtig finden; er ist im Stande der Notwehr und gerechten Krieges. Kleist hat Büchsel vergebens zugeredet. Heut morgen schrieb ich an Alvensleben, um auf Schulenburg-Wolfsburg (Vinckes Schwiegervater) zu wirken, und an Eberhard Stollberg, Bismarcks Sekundant, um dem, was von dort kommen könnte, eine günstige Aufnahme zu verschaffen. — 28. März. Seitdem ist Bismarcks Duell, ohne daß etwas herausgekommen, vorübergegangen, und zwar am 25. März. Büchsel hat ihm das heilige Abendmahl am Tage vorher gereicht, und er hat vor dem ersten Schuß ein Gebet gesprochen. Auf Vincke soll dies doch Eindruck gemacht haben.« Als Vincke seinen Gegner beten sah, mochten die Vorstellungen seines Schwiegervaters von der Schulenburg, daß dieser Ehrenhandel nicht blutig verlaufen dürfe, in seiner Seele Wurzel fassen, und da er als Geforderter den ersten Schuß hatte, ließ er an der Ziellosigkeit dieses Schusses seine Versöhnung erkennen. Darauf schoß auch Bismarck in die Luft. Bei dem Leibesumfang des Herrn von Vincke und Bismarcks Geübtheit im Schießen würde er den Gegner bei ernstlichem Willen schwerlich gefehlt haben.« Bismarck hielt es zwar für notwendig, bei den nächsten Wahlen auf ein Mandat zu verzichten, doch präsentierte ihn alsbald der alte und befestigte Grundbesitz im Herzogtum Stettin für das Herrenhaus, wo er jedoch bis zu seinem Eintritt in das Ministerium niemals das Wort ergriff. Wieder führte ihn eine Fülle von Reisen in das Ausland, nach Holland, Norderney, den Genfer See und Oberitalien. Und immer findet er Zeit, in überaus plastischen Bildern das, was er sieht und erlebt, den Freunden und den Seinen darzustellen. Als er von Norderney heimgekehrt war, da traf ihn ein seltsames Angebot: er sollte Minister des Königs Georg von Hannover werden. Aber »er konnte sein Preußentum nicht ausziehen wie einen Rock« — welche Wendung hätte wohl die Geschichte genommen, wenn er damals den Antrag angenommen hätte! Beim blinden König Die Verhandlungen mit König Georg führten zu einer langen Unterredung zwischen dem jungen Staatsmann und dem Könige. Die Audienz fand ohne Zeugen statt. »Während derselben«, so erzählte später Bismarck, »nahm ich mit Erstaunen wahr, wie nachlässig der blinde Herr bedient war. Die ganze Beleuchtung des großen Zimmers bestand in einem Doppelleuchter mit zwei Wachskerzen, an denen schwere metallene Lichtschirme angeklemmt waren. Der eine fiel infolge Niederbrennens der Kerze mit einem Geräusch, wie der Schlag auf ein Gong, zu Boden; es erschien aber niemand, befand sich auch niemand im Nebenzimmer, und ich mußte mir von dem hohen Herrn die Stelle der Klingel bezeichnen lassen, die ich zu ziehen hatte. Diese Verlassenheit des Königs war mir um so auffälliger, als der Tisch, an dem wir saßen, mit allen möglichen amtlichen oder privaten Papieren so bedeckt war, daß einzelne bei Bewegungen des Königs herunterfielen und von mir aufgehoben werden mußten. Nicht weniger auffällig war es, daß der blinde Herr mit einem fremden Diplomaten, wie ich, ohne jede ministerielle Kenntnisnahme stundenlang verhandelte.« Im Sommer 1855 kam Bismarck auf Einladung des preußischen Gesandten Grafen Hatzfeldt zum Besuch der Industrieausstellung nach Paris. Dort lernte er den künftigen Gegner von Sedan und Kaiserin Eugenie sowie die Paladine des neuen Kaiserreiches, aber auch die Königin Viktoria und den Prinzgemahl Albert von Koburg kennen. Die Eindrücke jener Reise haben lange in seinem Gedächtnis gehaftet. Sehr anmutig plaudert er noch in späten Jahren von den Eindrücken, die er von den Parisern und vom Hofe gewann: Pariser Leben »Es ist wahr,« so schreibt er aus der französischen Hauptstadt an Gerlach, »wenn ich an meinen letzten Besuch in Paris unter Louis Philipp denke, so finde ich die Pariser wunderbar fortgeschritten in der Disziplin und dem äußeren Anstande. Der einzige Mensch, der mit Selbstbewußtsein über die Straße geht, ist der Soldat, vom General bis zum Trainknecht, und wer gar nichts von der neuesten Geschichte wüßte, würde doch aus einem Vergleich der Physiognomie des Straßenlebens entnehmen können, daß die Herrschaft von der Juli-Bourgeoisie auf die Armee übergegangen ist. Die Beleuchtung ist glänzend, aber doch sieht man noch mehr Polizisten als Laternen; es gibt keinen Winkel in allen Straßen, wo man nicht sicher wäre, in irgendeiner Richtung wenigstens, dem beobachtenden Blick eines uniformierten =agent de police=, =gendarmes=, =municipal=, und wie sie alle heißen, zu begegnen; man kann nicht stillstehen, ohne neben sich zu hören: =circulez, s’il vous plaît=. Ich würde mich gar nicht gewundert haben, beim Aufwachen des Morgens in ein Gesicht mit drei Bärten und schiefem Hut zu blicken, welches mir mit der gelangweilten Höflichkeit eines Gefängnisschließers sagte: =Pissez, s’il vous plaît, changez de chemise, s. v. pl.= Man hört auf, nach eigenem Willen zu niesen oder zu schnauben, wenn man den Fuß in diese Tretmühle gesetzt hat. Der Franzose sagt: =c’est précisément ce qu’il nous faut; le despotisme est la seule forme de gouvernement compatible avec l’esprit français=. Das mag richtig sein, ist aber eine scharfe Selbstkritik. Merkwürdig war die Gleichgültigkeit gegen den Krieg und die Nachrichten aus der Krim. Die Aufnahme der Königin von England im Publikum war unzweifelhaft kalt; man sah das an, wie man eine Menagerie oder eine Parade sieht, machte seine Witze, und der Enthusiasmus war allein auf seiten der Engländer.« In den Tuilerien »Bei dem Souper«, so erzählt Bismarck in seinen Erinnerungen, »war mir im Vergleich mit Berlin die Einrichtung merkwürdig, daß die Gesellschaft in drei Klassen mit Abstufungen in dem Menü speiste und denjenigen Gästen, die überhaupt speisen sollten, die Zusicherung durch Überreichung einer Karte mit der Nummer beim Eintreten gegeben wurde. Die Karten der ersten Klasse enthielten auch den Namen der an dem betreffenden Tische vorsitzenden Dame. Diese Tische waren auf fünfzehn bis zwanzig Personen eingerichtet. Ich erhielt beim Eintreten eine solche Karte zu dem Tische der Gräfin Walewska und später im Saale noch zwei von zwei anderen =Patronesses=-Damen der Diplomatie und des Hofes. Es war also kein genauer Plan für die Placierung der Gäste gemacht worden. Ich wählte den Tisch der Gräfin Walewska, zu deren Departement ich als auswärtiger Diplomat gehörte. Auf dem Wege zu dem betreffenden Saale stieß ich auf einen preußischen Offizier in der Uniform eines Garde-Infanterie-Regiments, der eine französische Dame führte und sich in lebhaftem Streit mit einem der kaiserlichen Haushofmeister befand, der beide, weil sie mit Karten nicht versehen waren, nicht passieren lassen wollte. Nachdem mir der Offizier auf mein Befragen die Sachlage erklärt und mir die Dame als eine Herzogin mit italienischem Titel aus dem ersten =Empire= bezeichnet hatte, sagte ich dem Hofbeamten, ich hätte die Karte des Herrn, und gab ihm eine der meinigen. Der Beamte wollte nun aber die Dame nicht passieren lassen, ich gab daher dem Offizier meine zweite Karte für seine Herzogin. Der Beamte bedeutete mich, »=mais vous ne passerez pas sans carte=«; als ich ihm die dritte vorgezeigt hatte, machte er ein verwundertes Gesicht und ließ uns alle drei durch. Ich empfahl meinen beiden Schützlingen, sich nicht an die Tische zu setzen, die auf den Karten angegeben waren, sondern zu sehen, wo sie sonst unterkämen, habe auch keine Reklamation über meine Kartenverteilung zu hören bekommen. Die Unregelmäßigkeit war so groß, daß unser Tisch nicht voll besetzt wurde, was sich aus dem Mangel einer Verabredung der =dames patronesses= erklärt. Der alte Fürst Pückler hatte entweder keine Karte erhalten oder seinen Tisch nicht finden können; nachdem er sich an mein ihm bekanntes Gesicht gewandt hatte, wurde er von der Gräfin Walewska auf einen der leer gebliebenen Plätze eingeladen. Das Souper war trotz der Dreiteilung weder nach dem Material noch nach der Zubereitung auf der Höhe dessen, was in Berlin bei ähnlichen Massenfesten geleistet wird; nur die Bedienung war ausreichend und prompt. Am auffallendsten war mir der Unterschied in den Anordnungen für die Zirkulation. Das Versailler Schloß bietet dafür eine viel größere Leichtigkeit als das Berliner vermöge der größeren Zahl und, abgesehen von dem Weißen Saale, der größeren Ausdehnung der Räume. Hier war den Soupierenden Nr. 1 für ihren Rückzug derselbe Weg angewiesen wie den Hungrigen Nr. 2, deren stürmischer Anmarsch schon eine weniger höfische gesellschaftliche Gewöhnung verriet. Es kamen körperliche Zusammenstöße der gestickten und bebänderten Herren und reich eleganten Damen vor, die in Handgreiflichkeiten und Verbalinjurien übergingen, wie sie bei uns im Schlosse unmöglich wären. Ich zog mich mit dem befriedigenden Eindruck zurück, daß trotz alles Glanzes des Kaiserlichen Hofes der Hofdienst, die Erziehung und die Manieren der Hofgesellschaft bei uns wie in Petersburg und Wien höher standen als in Paris, und daß die Zeiten hinter uns lagen, da man in Frankreich und am Pariser Hof eine Schule der Höflichkeit und des guten Benehmens durchmachen konnte.« Aber die Reise nach Paris machte Bismarck nicht nur den Altkonservativen doppelt verdächtig, sondern erregte auch das Mißtrauen des Königs. Aber dumm, dumm! »Der König«, so erzählt Bismarck, »fragte mich einmal bei Tafel quer über den Tisch nach meiner Meinung über Louis Napoleon; sein Ton war ironisch. Ich antwortete: ›Ich habe den Eindruck, daß der Kaiser Napoleon ein gescheiter und liebenswürdiger Mann, aber so klug nicht ist, wie die Welt ihn schätzt, die alles, was vorgeht, auf seine Rechnung schreibt, und wenn es in Ostasien zur unrechten Zeit regnet, das aus einer übelwollenden Machination des Kaisers erklären will. Man hat sich besonders bei uns daran gewöhnt, ihn als eine Art =génie du mal= zu betrachten, das immer nur darüber nachdenke, wie es in der Welt Unfug anrichten könne. Ich glaube, daß er froh ist, wenn er etwas Gutes in Ruhe genießen kann; sein Verstand wird auf Kosten seines Herzens überschätzt; er ist im Grunde gutmütig, und es ist ihm ein ungewöhnliches Maß von Dankbarkeit für jeden geleisteten Dienst eigen.‹ Der König lachte dazu in einer Weise, die mich verdroß und zu der Frage veranlaßte, ob ich mir gestatten dürfe, die augenblicklichen Gedanken Sr. Majestät zu erraten. Der König bejahte und ich sagte: ›General von Canitz hielt den jungen Offizieren in der Kriegsakademie Vorträge über Napoleons Feldzüge. Ein strebsamer Zuhörer fragte ihn, warum Napoleon diese oder jene Bewegung unterlassen haben könne. Canitz antwortete: ›Ja, sehen Sie, wie dieser Napoleon eben war, ein seelensguter Kerl, aber dumm, dumm‹ — was natürlich die große Heiterkeit der Kriegsschüler erregte. Ich fürchte, daß Eurer Majestät Gedanken über mich denen des Generals von Canitz über Napoleon ähnlich sind.‹ Der König sagte lachend: ›Sie mögen recht haben; aber ich kenne den jetzigen Napoleon nicht hinreichend, um Ihren Eindruck bestreiten zu können, daß sein Herz besser sei als sein Kopf.‹« Schon in den nächsten Jahren traten an Bismarck sowohl durch den König selbst wie durch Manteuffel wiederholte Anträge heran, in das Ministerium einzutreten. Friedrich Wilhelm gebrauchte sogar einmal die Wendung ihm gegenüber: »Wenn Sie sich an der Erde winden, es hilft Ihnen nichts, Sie müssen Minister werden.« Aber zu einem entscheidenden Schritt ist es unter dem ältesten Sohne der Königin Luise nicht mehr gekommen. Noch stand dem jungen Staatsmann eine ernste Lehrzeit in Petersburg und Paris bevor, noch sollte es ihm vergönnt sein, all die Schauplätze der großen Politik, in der er selbst einst der Meister werden sollte, mit eigenen Augen kennen zu lernen und so über Völker und Menschen ein eigenes Urteil zu gewinnen. Daß er noch einmal nach Paris ging, daß er nicht einseitig sich für Österreich erklären wollte, entfernte ihn immer weiter von den alten Freunden. Er war eben auch damals nicht Doktrinär. Das sprach er in geradezu klassischer Weise in einem der letzten vertraulichen Briefe aus, die er mit seinem alten Freunde Gerlach wechselte: Ich bin preußisch »Berliner Nachrichten«, so schrieb er, »sagen mir, daß man mich am Hof als Bonapartisten bezeichnet. Man tut mir unrecht damit. Im Jahre 50 wurde ich von unseren Gegnern verräterischer Hinneigung zu Österreich angeklagt, und man nannte uns die Wiener in Berlin; später fand man, daß wir nach Juchten rochen, und nannte uns Spree-Kosaken. Ich habe damals auf die Frage, ob ich russisch oder westmächtlich sei, stets geantwortet, ich bin preußisch, und mein Ideal für auswärtige Politiker ist die Vorurteilsfreiheit, die Unabhängigkeit der Entschließungen von den Eindrücken der Abneigung oder der Vorliebe für fremde Staaten und deren Regenten. Ich habe, was das Ausland anbelangt, in meinem Leben nur für England und seine Bewohner Sympathie gehabt und bin stundenweis noch nicht frei davon; aber die Leute wollen sich ja von uns nicht lieben lassen, und ich würde, sobald man mir nachweist, daß es im Interesse einer gesunden und wohldurchdachten preußischen Politik liegt, unsere Truppen mit derselben Genugtuung auf die französischen, russischen, englischen oder österreichischen feuern sehen. In Friedenszeiten halte ich es für mutwillige Selbstschwächung, sich Verstimmungen zuzuziehen oder solche zu unterhalten, ohne daß man einen praktischen politischen Zweck damit verbindet, und die Freiheit seiner künftigen Entschließungen und Verbindungen vagen und unerwiderten Sympathien zu opfern.« Es ist ein wundervolles Bild, das sich schon in diesen wenigen Sätzen vor unseren Augen entrollt. Klar und sicher schöpft Bismarck aus seinem weitsehenden und umfassenden Geiste die Grundsätze einer rücksichtslos nach dem Erfolge strebenden Politik, und unbekümmert um alle Feindseligkeiten selbst der besten Freunde hält er an diesen Grundsätzen fest, und er führt sie zum Siege. Auch nach Kopenhagen und dem skandinavischen Norden führt ihn der Weg. Wieder kommt die Jagdlust über ihn, selbst aus Näsbyholm und Tomsjonäs und später aus Kurland fliegen die Briefe in die Heimat. Ein Ausschnitt: In Sumpf und Busch Aus Tomsjonäs, am 16. August 1857, schreibt Bismarck: »Etwa fünfzehn Meilen bin ich ununterbrochen im wüstesten Walde gefahren, um hierher zu gelangen, und vor mir liegen noch fünfundzwanzig Meilen, ehe man wieder in ackerbauende Provinzen gelangt. Keine Stadt, kein Dorf weit und breit, nur einzelne Ansiedler und bretterne Hütten mit wenig Gerste und Kartoffeln, die unregelmäßig zwischen abgestorbenen Bäumen, Felsstücken und Buschwerk einige Ruten angebautes Land finden. Denke Dir von der wüstesten Gegend bei Viartlum etwa hundert Quadratmeilen aneinander, hohes Heidekraut mit kurzem Gras und Moor wechselnd, und mit Birken, Wacholder, Tannen, Buchen, Eichen, Ellern, bald undurchdringlich dick, bald öde und dünn besetzt, das Ganze mit zahllosen Steinen, bis zur Größe von hausdicken Felsblöcken besät, nach wildem Rosmarin und Harz riechend; dazwischen wunderlich gestaltete Seen, von Heidehügeln und Wald umgeben, so hast Du Småland, wo ich mich dermalen befinde. Eigentlich das Land meiner Träume, unerreichbar für Depeschen, Kollegen und (Manteuffel), leider aber auch für Dich. Ich möchte wohl an einem dieser stillen Seen ein Jagdschlößchen haben und es mit allen Lieben, die ich mir jetzt in Reinfeld versammelt denke, auf einige Monate bevölkern. Der Winter wäre allerdings hier nicht auszudauern, besonders im Regenschmutz. Gestern rückten wir um fünf aus, suchten in brennender Hitze, bergauf, bergab, durch Sumpf und Busch bis elf und fanden gar nichts; das Gehen in Mooren und undurchdringlichen Wacholderdickungen, auf großen Steinen und Lagerholz ist sehr ermüdend. Dann schliefen wir in einem Heuschuppen bis zwei Uhr, tranken viel Milch und jagten bis Sonnenuntergang, wobei wir fünfundzwanzig Birkhühner und zwei Auer erlegten. Dann dinierten wir auf dem Jagdhaus, einem wunderlichen Gebäude von Holz, auf einer Halbinsel im See. Meine Kammer und deren drei Stühle, zwei Tische und Bettstelle bieten keine andere Farbe als die roher Fichtenbretter, wie das ganze Haus, dessen Wände daraus bestehen. Bett sehr hart, aber nach diesen Strapazen schläft man ungewiegt. Aus meinem Fenster sehe ich einen blühenden Heidehügel, darauf Birken, die sich im Winde schaukeln, zwischen ihnen durch den Seespiegel, jenseits Tannenwald. Neben dem Haus ist ein Zeltlager für Jäger, Kutscher, Diener und Bauern aufgeschlagen, dann die Wagenburg und eine kleine Hundestadt, achtzehn oder zwanzig Hütten zu beiden Seiten einer Gasse, die sie bilden, aus jeder schaut ein Gischperl müde von der gestrigen Jagd. In dieser Wüstenei denke ich bis Mittwoch oder Donnerstag zu weilen, dann zu einer anderen Jagd nach dem Strande zu gehen, heute über acht Tage wieder in Kopenhagen zu sein, um der leidigen Politik willen. Was dann wird, weiß ich noch nicht.« Die Zeit aber, die Bismarck in Frankfurt verleben sollte, nahte ihrem Ende. Langsam begannen in König Friedrich Wilhelm =IV.= sich die ersten Spuren der Geisteskrankheit zu zeigen, in der er bald völlig versinken sollte. Ein anderer trat, zuerst als Prinzregent, an seine Stelle: Der Mann, der alsbald Otto von Bismarck als Steuermann des preußischen Staatsschiffes berufen und mit dem er die Fahrt antreten sollte in Glanz und Ewigkeit. Von ihm hat später, rückblickend auf zwei Jahrzehnte gemeinsamer Arbeit, Fürst Bismarck geurteilt: »Er unterscheidet sich ganz und gar von den in so hoher Stellung geborenen Menschen oder doch von den meisten derselben. Sie legen wenig Gewicht auf die Empfindungen und Wünsche anderer; sie meinen, Menschen ihrer Abstammung sei vieles erlaubt, ihre ganze Erziehung scheint dahin zu zielen, in ihnen die menschliche Stimme zu ersticken; mein alter Herr hält sich nicht für einen solchen Olympier, im Gegenteil, er ist in jeder Beziehung Mensch und unterzieht sich jeder menschlichen Pflicht. Er hat nie in seinem Leben jemand unrecht getan, nie das Gefühl eines anderen verletzt, nie sich einer Härte schuldig gemacht. Er ist einer jener Menschen, deren gütiges Naturell die Herzen gewinnt, der sich fort und fort mit dem Wohle seiner Umgebung und seiner Untertanen beschäftigt, geschmückt mit allen hohen Eigenschaften eines Fürsten, mit allen Tugenden eines Menschen. Es ist unmöglich, sich einen schöneren und wohltuenderen Typus eines Edelmannes zu denken.« Schon seine Mutter hatte von dem Knaben geurteilt, er sei »einfach, bieder und verständig«. Frühzeitig war ihm Bismarck nahegetreten, seiner Bemühung und seiner steten Arbeit war es wohl zu verdanken, daß die langen Jahre der Verbannung des Prinzen nach Koblenz ein Ende nahmen, und wenn auch in einzelnen Fragen zwischen den beiden Männern Gegensätze der Meinung bestanden, und wenn auch die leidenschaftliche Art Bismarcks zuweilen die ruhige Art des Prinzen Wilhelm verletzen oder gar abstoßen mochte, so blieb doch die Grundlage ihrer Beziehungen schon aus den Frankfurter Zeiten her ein tiefes Vertrauen. [Illustration: ~Kreuzigung.~ (Französisches Flugblatt 1870)] Petersburg und Paris In Frankfurt hat sich Bismarck aus dem jungen konservativen Heißsporn, als der er dorthin ging, nicht nur zu einem Staatsmann entwickelt, der das ganze Gebiet der diplomatischen Routine beherrschte, sondern er hat auch einen tiefen Einblick in die inneren Zusammenhänge, in die Persönlichkeiten und Notwendigkeiten gewonnen. Immer fester war seine Überzeugung geworden, daß die nationale Entwicklung Preußens und Deutschlands auf eine kriegerische Entscheidung mit Österreich drängte. Noch widerstreiten die Ideen, die in Berlin lebendig wurden, seinen eigenen Auffassungen in schroffer Weise, und doch fällt schon am Schluß seiner Tätigkeit in dem Briefe an Schleinitz das Wort vom »Blut und Eisen«, und die scheinbaren Sympathien, die ihn an Napoleon knüpfen, sind im Grunde nichts anderes als das Ergebnis einer kühlen realpolitischen Auffassung. Aber noch trat Bismarck nicht auf seinen geschichtlichen Posten. Herr von Schleinitz übernahm die Nachfolgerschaft Manteuffels, ein Mann, der frühzeitig von einer grimmigen Eifersucht auf Bismarck erfüllt war und der doch nur, als er ihn in Petersburg »kaltzustellen« suchte, die Bahnen verfolgte, auf denen die Vorsehung ihren Liebling zum höchsten Ziele zu geleiten gedachte. Aber die Schwierigkeiten, die er überall fand, wirkten doch tief auf seine Stimmung, zumal da er erkannte, daß fast alle, die im Rate des Prinzregenten saßen, nur mittelmäßige Köpfe, vielfach auch nur Höflinge waren, daß sich unter ihnen aber keine einzige staatsmännische Kapazität befand. In dieser Stimmung schrieb er wohl melancholisch an die Schwester: Nach neune ist alles vorbei »Will man mich lediglich aus Gefälligkeit für Stellenjäger disponieren, so werde ich mich unter die Kanonen von Schönhausen zurückziehen und zusehen, wie man in Preußen auf linke Majoritäten gestützt regiert, mich auch im Herrenhause bestreben, meine Schuldigkeit zu tun. Abwechslung ist die Seele des Lebens, und hoffentlich werde ich mich um zehn Jahre verjüngt fühlen, wenn ich mich wieder in derselben Gefechtsposition befinde wie 1848/49. Wenn ich die Rollen des Gentleman und des Diplomaten nicht mehr miteinander verträglich finde, so wird mich das Vergnügen oder die Last, ein hohes Gehalt mit Anstand zu depensieren, keine Minute in der Wahl beirren. Zu leben habe ich nach meinen Bedürfnissen, und wenn mir Gott Frau und Kind gesund erhält wie bisher, so sage ich: ›=vogue la galère=‹, in welchem Fahrwasser es auch sein mag. Nach vierzig Jahren wird es mir wohl gleichgültig sein, ob ich jetzt Diplomat oder Landjunker spiele, und bisher hat die Aussicht auf frischen ehrlichen Kampf, ohne durch irgendeine amtliche Fessel geniert zu sein (gewissermaßen in politischen Schwimmhosen), fast ebensoviel Reiz für mich als die Aussicht auf ein fortgesetztes Regime von Trüffeln, Depeschen und Großkreuzen. Nach neune ist alles vorbei, sagt der Schauspieler.« Die Ernennung Bismarcks zum Gesandten am Petersburger Hofe erfolgte erst am 29. Januar 1859. Sein letzter Bericht aus Frankfurt beschäftigt sich mit italienischen Fragen, deren Entwicklung alsbald so außerordentliche Konsequenzen nach sich ziehen sollte. Aber erst im März verließ er die Stadt am Main, um seinen neuen Posten anzutreten. Sehr hoffnungsvoll sah er, namentlich in materieller Beziehung, der neuen Stellung nicht entgegen. So schreibt er an den Bruder: »Eine Wohnung ist in Petersburg überhaupt nicht. Werther gab bisher 4600 Taler Miete, ohne Möbel. Für den Umzug und die neue Einrichtung gibt man mir 3000 Taler; darüber hinaus werde ich meinen baren Schaden auf über 10000 anschlagen können. Ich muß sehen, wie ich später durch Ersparnisse wieder zu meiner Auslage komme.« Auf der Durchreise durch Berlin sprach Bismarck auch den Präsidenten der preußischen Nationalversammlung, Herrn von Unruh. In dieser charakteristischen Unterhaltung enthüllte Bismarck zum Erstaunen des liberalen Politikers offen das Programm, dem er in Zukunft folgen werde. Wir staunen vor der Klarheit und Treffsicherheit seiner Auffassung. Denn hier bekannte Bismarck, daß er nicht mehr der Junker sei, als den ihn Unruh in der Kammer kennen lernte, daß er den Deutschen Bund mit seiner Kleinstaaterei aufs härteste verdamme und daß er in der Zukunft, wenn es gelten werde auch Österreich zu überwinden, nur ~einen~ Aliierten kenne, auf den er außer auf sein altes Preußen rechne: das deutsche Volk. Ehe Bismarck nach Petersburg abreiste, hatte er noch ein merkwürdiges Erlebnis: Levinstein Bismarck erzählt: »Während des Aufenthalts in Berlin hatte ich Gelegenheit, von der Verwendung der österreichischen geheimen Fonds, der ich bis dahin nur in der Presse begegnet war, einen praktischen Eindruck zu gewinnen. Der Bankier Levinstein, welcher seit Jahrzehnten bei meinen Vorgesetzten und in deren vertraulichen Aufträgen in Wien und Paris mit den Leitern der auswärtigen Politik und mit dem Kaiser Napoleon in Person verkehrt hatte, richtete am Morgen des Tages, auf den meine Abreise festgesetzt war, das nachstehende Schreiben an mich: ›Ew. Exzellenz erlaube ich mir noch hiermit ganz ergebenst gutes Glück zu Ihrer Reise und Ihrer Mission zu wünschen, hoffend, daß wir Sie bald wieder hier begrüßen werden, da Sie im Vaterlande wohl nützlicher zu wirken vermögen als in der Ferne. Unsere Zeit bedarf der Männer, bedarf Tatkraft, das wird man hier vielleicht etwas zu spät einsehen. Aber die Ereignisse in unserer Zeit gehen rasch, und ich fürchte, daß für die Dauer doch der Friede kaum zu erhalten sein wird, wie man auch für einige Monate kitten wird. Ich habe heute eine kleine Operation gemacht, die, wie ich hoffe, gute Früchte tragen soll, ich werde später die Ehre haben, sie Ihnen mitzuteilen. — In Wien ist man sehr unbehaglich wegen Ihrer Petersburger Mission, weil man Sie für prinzipiellen Gegner hält. Sehr gut wäre es, dort ausgesöhnt zu sein, weil doch früher oder später jene Mächte sich mit uns gut verstehen werden. Wollen Ew. Exzellenz nur in einigen beliebigen Zeilen an mich sagen, daß Sie persönlich nicht gegen Österreich eingenommen sind, so würde das von unberechenbarem Nutzen sein. Herr von Manteuffel sagt immer, ich sei zähe in der Ausführung einer Idee und ruhe nicht, bis ich zum Ziele gekommen — doch fügte er hinzu, ich wäre weder ehr- noch geldgeizig. Bis jetzt, Gott sei Dank, ist es mein Stolz, daß noch niemand aus einer Verbindung mit mir irgendeinen Nachteil gehabt. Für die Dauer Ihrer Abwesenheit biete ich Ihnen meine Dienste zur Besorgung Ihrer Angelegenheiten, sei es hier oder sonstwo, mit Vergnügen an. Uneigennütziger und redlicher sollen Sie gewiß anderswo nicht bedient werden. Mit aufrichtiger Hochachtung bin ich Ew. Exzellenz ganz ergebenster B., 23. März 1859. Levinstein.‹ Ich ließ den Brief unbeantwortet und erhielt im Laufe des Tages vor meiner Abfahrt zum Hotel Royal, wo ich logierte, den Besuch des Herrn Levinstein. Nachdem er sich durch Vorzeigung eines eigenhändigen Einführungsschreibens des Grafen Buol legitimiert hatte, machte er mir den Vorschlag zur Beteiligung an einem Finanzgeschäft, welches mir ›jährlich 20000 Taler mit Sicherheit‹ abwerfen würde. Auf meine Erwiderung, daß ich keine Kapitalien anzulegen hatte, erfolgte die Antwort, daß Geldeinschüsse zu dem Geschäft nicht erforderlich seien, sondern daß meine Einlage darin bestehen würde, daß ich mit der preußischen auch die österreichische Politik am russischen Hofe befürwortete, weil die fraglichen Geschäfte nur gelingen könnten, wenn die Beziehungen zwischen Rußland und Österreich günstig wären. Mir war daran gelegen, irgendwelches schriftliches Zeugnis über dieses Anerbieten in die Hand zu bekommen, um dadurch dem Regenten den Beweis zu liefern, wie gerechtfertigt mein Mißtrauen gegen die Politik des Grafen Buol war. Ich hielt deshalb dem Levinstein vor, daß ich bei einem so bedenklichen Geschäft doch eine stärkere Sicherheit haben müßte als seine mündliche Äußerung auf Grund der wenigen Zeilen von der Hand des Grafen Buol, die er an sich behalten habe. Er wollte sich nicht dazu verstehen, mir eine schriftliche Zusage zu beschaffen, erhöhte aber sein Anerbieten auf 30000 Taler jährlich. Nachdem ich mich überzeugt hatte, daß ich schriftliches Beweismaterial nicht erlangen würde, ersuchte ich Levinstein, mich zu verlassen, und schickte mich zum Ausgehen an. Er folgte mir auf die Treppe unter beweglichen Redensarten über das Thema: ›Sehen Sie sich vor, es ist nicht angenehm, die Kaiserliche Regierung zum Feinde zu haben.‹ Erst als ich ihn auf die Steilheit der Treppe und auf meine körperliche Überlegenheit aufmerksam machte, stieg er vor mir schnell die Treppe hinab und verließ mich. Dieser Unterhändler war mir persönlich bekannt geworden durch die Vertrauensstellung, welche er seit Jahren im Auswärtigen Ministerium eingenommen, und durch die Aufträge, welche er von dort für mich zur Zeit Manteuffels erhielt. Er pflegte seine Beziehungen in den unteren Stellen durch übermäßige Trinkgelder. Als ich Minister geworden war und das Verhältnis des Auswärtigen Amts zu Levinstein abgebrochen hatte, wurden wiederholt Versuche gemacht, dasselbe wieder in Gang zu bringen, namentlich von dem Konsul Bamberg in Paris, der mehrmals zu mir kam und mir Vorwürfe darüber machte, daß ich einen ›so ausgezeichneten Mann‹, der eine solche Stellung an den europäischen Höfen habe, wie Levinstein, so schlecht behandeln könnte.« [Illustration: ~Bismarck in Petersburg kaltgestellt~ 1858 Auf der Flasche, deren Hals Bismarck darstellt, steht geschrieben: »Geist der Wahrheit«, und auf den Sternen: »Einigkeit, Gerechtigkeit, Treue, Moral«. Der alte deutsche Bund, Österreich und die heilige Allianz tanzen um den Kübel. (Vignette von Daelen aus: »Bismarcks Himmelfahrt«)] Am 23. März trat Bismarck seine beschwerliche Reise nach Petersburg an. Die Verbindungen in jener Zeit waren nicht gerade erfreulich. Denn die Eisenbahn führte nur bis Königsberg, von wo aus die Fahrt im Wagen fortgesetzt werden mußte. Aber an der neuen Stätte seines Wirkens hat sich Bismarck doch schnell zurechtgefunden. Er war bald ein ständiger Gast des Zaren, der mit ihm eine Reihe von vertraulichen Gesprächen führte und ihm vor allen anderen Vertretern der fremden Mächte den Vorzug gab. Auch führte ihn Jagdlust und das Bedürfnis, Land und Leute kennen zu lernen, immer wieder tiefer in das Innere des Landes. »Geschäftlich«, so schrieb er einmal, »ist meine Stellung hier sehr angenehm, habe viel zu tun mit vierzigtausend Preußen, deren Polizei, Advokat, Richter, Aushebungsbehörde und Landrat man ist, täglich zwanzig bis fünfzig Unterschriften, ohne Pässe. Ich bin noch immer wie im Biwak, mit einigen in der Eile gekauften Betten, Handtüchern und Tassen, ohne Koch und Küche, weil alles Geschirr fehlt, und bei der Hitze ohne Sommerzeug.« Aber auch manches artige Erlebnis hatte der Staatsmann zu verzeichnen. So erzählte er später: Das =Enfant terrible= »Ich erinnere mich, daß einmal eine vierjährige Großfürstin sich um den Tisch von vier Personen bewegte und sich weigerte, einem hohen General die gleiche Höflichkeit wie mir zu erweisen. Es war mir sehr schmeichelhaft, daß dieses großfürstliche Kind auf die großmütterliche Vorhaltung in bezug auf mich sagte: =on milü= (er ist lieb), in bezug auf den General hatte sie die Naivität, zu sagen: =on wonajet= (er stinkt), worauf das großfürstliche =enfant terrible= entfernt wurde.« Merkwürdig viel Talg Bekannt ist, daß dem Kaiser einmal das ungewöhnliche Quantum von Talg aufgefallen war, welches jedesmal in den Rechnungen erschien, wenn der Prinz von Preußen zum Besuche dort war, und daß schließlich ermittelt wurde, daß er bei seinem ersten Besuche sich durchgeritten und am Abend das Verlangen nach etwas Talg gestellt hatte. Das verlangte Lot dieses Stoffes hatte sich bei späteren Besuchen in Pud verwandelt. Die Aufklärung erfolgte zwischen den hohen Herrschaften persönlich und hatte eine Heiterkeit zur Folge, welche den beteiligten Sündern zugute kam. Die Schildwache Bismarck war einmal im Sommergarten zu Petersburg und traf dort den Kaiser, mit dem er als immer gern gesehener Gesandter wenig beschränkt verkehren konnte. Sie gingen eine Strecke miteinander und kamen dabei an einen freien Rasenplatz, in dessen Mitte eine Schildwache stand. Bismarck erlaubte sich die Frage, was die da solle. Er wußte es nicht. Der Kaiser wandte sich an den Adjutanten, der es aber auch nicht wußte. So fragen sie die Schildwache. Die Schildwache sagt nur: =priks= — er brauchte hier das russische Wort — es ist befohlen. Damit war uns ebensowenig geholfen, und der Adjutant muß sich weiter erkundigen, auf der Wache beim Offizier und dann weiter hinauf. Aber immer dieselbe Antwort: es ist befohlen. Es wird in den Akten nachgesehen und nichts über die Sache gefunden — es hat immer eine Schildwache dagestanden. Endlich findet sich ein alter Lakai, der sich erinnert, daß sein Vater, auch ein alter Lakai, ihm einmal gesagt habe, die Kaiserin Katharina habe dort einst ein frühzeitiges Schneeglöckchen entdeckt und Befehl gegeben, zu sorgen, daß es nicht abgepflückt werde. Man wußte sich nicht besser zu helfen, als daß man eine Schildwache dazu stellte, und das pflanzte sich fort. Erwerbssinn Labouchère, der namentlich in englischen Hofkreisen gefürchtete Herausgeber des »Truth«, erzählt folgende Bismarck-Anekdote: »Als ich in Petersburg war, befand sich auch dort als preußischer Gesandter Herr von Bismarck. Eines Abends dinierten wir zusammen bei dem spanischen Gesandten, dem Herzog von Ossuna. Als wir eben hinausgehen wollten, wandte sich Herr von Bismarck zu mir und sagte: ›Sie haben schon soviel von preußischer Begehrlichkeit gehört — nun können Sie sehen, was holländischer Erwerbssinn ist.‹ Er zog mich in eine Fensternische und zeigte mir den niederländischen Gesandten, der in die Zigarrenkiste, die zum Gebrauch der Gäste dastand, mit zwei Händen tief hineingriff und sich die Taschen vollstopfte.« Er hält sich Bären Der verstorbene General Astaschew erzählte häufig, wie Bismarck in den frühesten Morgenstunden oft auf Schneeschuhen über die Newa zu ihm gekommen wäre und sie zusammen zur Hasenjagd gefahren seien. Namentlich die Bärenjagd liebte Bismarck leidenschaftlich und fuhr jährlich an zehnmal nach Luban. Auf einer solchen Jagd setzte er selbst die großfürstlichen Förster durch seine Kaltblütigkeit in Erstaunen. Sogar in seinem Hause hielt er junge Bären, die er oft zum Ergötzen seiner Gäste in das Speisezimmer führen ließ, wo sie durch ihre drollige Plumpheit Lachen erregten. Später schenkte er die Tiere den zoologischen Gärten von Köln und Frankfurt a. M. In Petersburg erlitt Bismarcks Gesundheit einen schweren Stoß. Das Venenleiden, das ihn später durch so lange Jahre furchtbar quälte, stammte zweifellos aus jener Zeit und hat eine verhängnisvolle Rolle wohl noch an jenem Tage gespielt, der ihn dem deutschen Volke rauben sollte. Er schreibt an seine Schwester, er sei schon seit Monaten nie wieder gesund geworden. Ärger, Klima und Erkältung hätten ein ursprünglich unscheinbares Gliederreißen auf solche Höhe gebracht, daß ihm der Atem ausbliebe und nur unter den schmerzhaftesten Anstrengungen eingezogen werden könnte. Das Übel sei rheumatisch-gastrisch-nervös, habe sich in der Lebergegend eingenistet und werde »mit massenhaften Schröpfköpfen wie Untertassen und spanischen Fliegen und Senf über den ganzen Leib bekämpft, bis es mir gelang, nachdem ich schon halb für eine bessere Welt gewonnen war, die Ärzte zu überzeugen, daß meine Nerven durch achtjährigen ununterbrochenen Ärger und stete Aufregung geschwächt wären und weiteres Blutabzapfen mich mutmaßlich typhös und blödsinnig machen würde. Gestern vor acht Tagen war es am schlimmsten, meine gute Natur hat sich aber rasch geholfen, seitdem man mir Sekt in mäßigen Quantitäten verordnet hat.« Später hat Bismarck mit tiefer Bitterkeit die Schuld an seinem schmerzhaften Leiden auf einen Charlatan zurückgeführt, einen sogenannten »Professor« Walz, der ihm ein Pflaster in die Kniekehle legte, das ihm furchtbare Schmerzen brachte und das er, da die Qual unerträglich wurde, abriß, ohne daß er seine Bestandteile von der schon wundgerissenen Kniekehle entfernen konnte. Augenscheinlich war eine schwere Blutvergiftung durch die Unwissenheit und die Gewissenlosigkeit des Arztes herbeigeführt worden. Es kam so weit, daß der berühmte Chirurg Pirogoff Bismarck den Rat gab, sich das Bein hoch über dem Knie amputieren zu lassen. Erst zu Anfang März 1860, nach langen Qualen, war Bismarck so weit gesundet, daß er nach Berlin reisen konnte, um an den Sitzungen des Herrenhauses teilzunehmen. Das Bein blieb noch lange schwach, die Nerven rebellierten, und der Schlaf blieb aus. Ein schweres rheumatisches Fieber mit Affektion der Brustmuskeln folgte noch auf dem Wege nach Petersburg, und monatelang mußte er bei seinem Freunde Below in Hohendorf auf Gesundung harren. Es war so weit, daß er nach einem halben Jahre an den Freund schreiben konnte: »Ich glaubte vor sechs Monaten nicht, noch einmal blühenden Rasen von oben ansehen zu können.« Endlich traf er wieder in Petersburg ein, jetzt in Begleitung der Seinen. Sein Befinden besserte sich ungemein schnell, und die Aufnahme in der russischen Gesellschaft war mehr als herzlich. Nur die Intrigen seiner früheren Gesinnungsgenossen gegen den »Abtrünnigen«, die es ihm schwer verargten, daß er mit den Einheitsbestrebungen der Italiener sympathisierte, machten ihm schweren Ärger. Aus jenen Tagen stammt sein Wort: »Wenn ich einem Teufel verschrieben bin, so ist es ein teutonischer und kein gallischer.« Eine Begegnung mit dem leitenden preußischen Minister, Fürsten von Hohenzollern, von der der Fürst berichtet, daß die Kühnheit der Ansichten Bismarcks, sein Feuer und seine Wahrheitsliebe auf ihn einen tiefen und unauslöschlichen Eindruck machten, führte zu erneuter Prüfung des Planes, ihn in das Ministerium zu berufen. Bismarck wurde nach Berlin befohlen, aber nur einer der Minister, Albrecht von Roon, trat außer dem Fürsten von Hohenzollern für ihn ein, nachdem er sein Programm dargelegt, die Führung mit Rußland empfohlen und die unausbleibliche Notwendigkeit einer endgültigen Auseinandersetzung mit Österreich bewiesen hatte. So mußte Bismarck noch einmal nach Petersburg zurückkehren, zumal da auch der Prinzregent befürchten mochte, daß in dem soeben entbrannten Kampfe um die Heeresreform die scharfausgeprägte Persönlichkeit des Diplomaten die Gegnerschaft verstärken und die Leidenschaften noch heißer entfesseln würde. Am 28. Juni 1861 ist dann das erste Telegramm Roons an den Freund gelangt: »Es ist nötig, die beabsichtigte Urlaubsreise unverzüglich anzutreten, =periculum in mora=.« Aber auch da war der Moment noch nicht gekommen für Bismarcks Wirksamkeit. In seiner Antwort an Roon schrieb er mit einer Art von melancholischer Ironie, wie ihn sein Kommando »an die Pferde« mit schrillem Mißklang »in dem Streit wohltuender Gefühle für junge Auerhühner einerseits und Wiedersehen von Frau und Kindern andererseits« getroffen habe; er sei geistesträge, matt und kleinmütig geworden, seitdem ihm das Fundament der Gesundheit abhanden kam. Aber selbst wenn er gesund wäre, würde er eine Politik nicht vertreten können, die liberal in Preußen und konservativ im Auslande sei, die des eigenen Königs Rechte wohlfeil gibt, die Rechte fremder Fürsten aber hochhält. Er müsse eine andere Färbung der auswärtigen Politik fordern. Und nun folgte das vielzitierte Wort: »Ich bin meinem Fürsten ~treu bis in die Vendée~, aber gegen alle anderen fühle ich in keinem Blutstropfen eine Spur von Verbindlichkeit, den Finger für sie aufzuheben.« Auch der Kammer gegenüber verlangte er eine stramme Haltung und, wenn es nötig ist, die Auflösung selbst auf die Gefahr hin, zu schlechte Wahlen zu erlangen. In einer Nachschrift schreibt er dann: Der Entensteiß »Wenn ich den Newaspiegel in der hellen Nacht vor mir sehe, über den Brief hinweg, so wird der Wunsch in mir lebhaft, daß ich nächstes Jahr noch hier sitze. Der Mensch gewöhnt sich an alles, auch an sechzig Grad Breite, und Umziehen, Streiten, Ärgern und die ganze Knechtschaft Tag und Nacht bilden eine Perspektive, bei der ich schon heute Heimweh nach Petersburg oder Reinfeld habe. In besserer Gesellschaft, wie in der Ihrigen, kann ich niemals in den Schwindel hineingeraten; aber auf der Sabower Heide hinter den Rebhühnern war es für uns beide behaglicher. Ich werde mich nicht drücken, denn ich mag mir keiner Feigheit bewußt sein, aber wenn in vierzehn Tagen dieses Gewitter spurlos an mir vorübergegangen und ich ruhig bei Muttern wäre, so würde ich mir einen Entensteiß wünschen, um vor Befriedigung damit wackeln zu können.« In jene Zeiten fällt, als eine Folge der Unterhaltungen mit seinem alten Herrn, Bismarcks Denkschrift über die deutsche Frage, die den maßgebenden Einfluß auf die nächste Gestaltung der Dinge ausüben sollte und die auch heute noch ein Meisterwerk des politischen Fernblicks und der intuitiven Erkenntnis der möglichen Mittel ist. Aber Bismarck blieb auch nach dem Rücktritt des Herrn von Schleinitz von der Leitung des Auswärtigen Amtes auf seinem Petersburger Posten; erst im April war seine Abberufung entschieden. Dennoch blieb seine Zukunft unsicher, und Freund Roon bekam nur die resignierten Zeilen: »In vierzehn Tagen hoffe ich bei Ihnen zu sein und diesem Leiden von Abschiedsaudienz, Visiten, schlechten Verkäufen und packenden Hammerschlägen ein Ende zu machen. Ich weiß nur, daß ich nach Paris oder London gehe, nicht nach welchen von beiden.« Und wieder einen Monat später mußte er der Gattin schreiben: »Unsere Zukunft ist noch ebenso unklar wie in Petersburg; Berlin steht mehr in dem Vordergrund. Ich tue nichts dazu und nichts dagegen, trinke mir aber einen Rausch, wenn ich erst meine Beglaubigung für Paris in der Tasche habe.« Ob Bismarck sich diesen Rausch angetrunken hat, vermeldet die Geschichte nicht; Tatsache aber ist es, daß er zum großen Erstaunen seiner Freunde nach Paris gesandt wurde, und daß König Wilhelm abermals die Entscheidung bis zu schlimmeren Tagen aufschob. Der Aufenthalt in Paris trug also von vornherein den Charakter des Interimistischen; was aber Roon erwartet und mit aller Sorglichkeit vorbereitet hatte, das geschah dennoch. Bismarck verließ Paris, um an die Spitze des Kampfministeriums zu treten. Welchen Ruf er aber schon damals in der europäischen Diplomatie genoß und wie man ihn dennoch verkannte, beweist ein Ausspruch, den Graf Rechberg gegen den französischen Gesandten, Herzog von Grammont, tat: »Wenn Herr von Bismarck eine vollkommene diplomatische Erziehung gehabt hätte, so wäre er einer der ersten Staatsmänner Deutschlands, wenn nicht der erste. Er ist mutig, fest, erregt, voll feurigen Eifers; aber unfähig, eine vorgefaßte Idee, ein Vorurteil, eine Parteimeinung irgendwelcher Erwägung einer höheren Ordnung zu opfern; er hat nicht den praktischen Sinn für Politik; er ist ein Parteimann in des Wortes verwegener Bedeutung, und da er Reiz und Einfluß in den Geschäften hat und außerdem uns feindlich gesinnt ist, so betrachten wir seine Ernennung zum Gesandten in Paris nicht ohne Mißvergnügen und Unruhe. Jedenfalls ist es kein Freund, den wir dort haben werden.« Der Adressat der Worte Rechbergs, Herzog von Grammont, hat es später erproben dürfen, wie dieses Urteil zugleich richtig und doch im letzten Sinne auch völlig falsch gewesen ist. [Illustration: ~Bismarck und Borussia~ Borussia: »Es jeht nicht, jutester Bismarck, aus des Junkerjewand bin ick doch schonst herausjewachsen.« (»Figaro«, 1862)] Napoleon und Eugenie »Napoleon empfing mich freundlich, sieht wohl aus, ist etwas stärker geworden, aber keineswegs dick und gealtert, wie man ihn zu karikieren pflegt. Die Kaiserin ist noch immer eine der schönsten Frauen, die ich kenne trotz Petersburg; sie hat sich eher emballiert. Unseren freundschaftlichen Nachbarn habe ich ruhig, sehr wohlwollend für uns und sehr geneigt gefunden, die Schwierigkeiten der deutschen Frage zu besprechen. Ich kam aber beim Kaiser etwas in die Lage Josephs bei der Frau von Potiphar. Er hatte die unzüchtigsten Bündnisvorschläge auf der Zunge; wenn ich etwas entgegengekommen wäre, so hätte er sich deutlicher ausgesprochen. Er ist ein eifriger Verfechter deutscher Einheitspläne, d. h. kleindeutscher, nur kein Österreich darin; wie schon einmal vor fünf Jahren mir gegenüber, wollte er, daß Preußen eine Seemacht wenigstens zweiten Ranges werden und die dazu nötigen Häfen besitzen müsse. Er ließ sich von mir den Jadebusen auf der Karte zeigen und fand die Einschachtelung in Oldenburg und dann in Hannover eine »Absurdität«. Merkwürdig ist die abweichende Politik der Kaiserin; sie ist katholisch, päpstlich, konservativ für das Ausland: sogar österreichisch. Während der Pariser Zeit, die durch ihren interimistischen Charakter dem Gesandten jede Möglichkeit raubte sich einzurichten und Ruhe zu finden, die ihm die Klage in den Mund gab, daß er sich einsam fühle mitten in dem großen Paris, ist Bismarck auch nach London gereist, wo er sowohl Disraeli wie Palmerston kennen lernte. Der spätere Lord Beaconsfield soll damals die Äußerung getan haben: »Geben Sie wohl acht auf diesen Mann, ~er meint, was er sagt~.« Im übrigen klagt er immer wieder darüber, daß er in Paris gar nichts zu tun habe, er könne dieses »Nichtwohnen« auf die Länge nicht aushalten, dazu sei er nicht Fähnrich genug. Wenn er aber in die Galeere eintreten solle, so müsse er etwas Gesundheitsvorrat sammeln, Paris sei ihm bis jetzt schlecht genug bekommen mit dem Hundebummelleben als Garçon. Immer verzweifelter klingen die Briefe Roons, immer heftiger drängt er den König zur Berufung des Mannes, der allein die Rettung bringen könnte. Aber noch sollten Wochen vergehen. Noch mußte er im September der Gattin klagen: »Gewißheit ist jetzt nötig, oder ich nehme Knall und Fall meinen Abschied«, und dem Freunde verzweifelt schreiben: »Schaffen Sie mir endlich diese oder jede andere Gewißheit, und ich male Engelsflügel an Ihre Photographie.« Da traf ihn in Avignon, wohin ihn die Urlaubsreise führte, Roons weltgeschichtlich berühmte Depesche: »~Die Birne ist reif~«, das Stichwort, das ihn nach Berlin berief. Denn dort hatte die Krisis ihren Höhepunkt erreicht, dort steuerte man der Entscheidung zu. In Babelsberg war es, wo Roon dem Könige den Rat gab: »Berufen Ew. Majestät doch Bismarck!« Auf die zaghafte Antwort des Monarchen: »Er wird nicht wollen, wird es jetzt auch nicht übernehmen; er ist auch nicht da, es kann mit ihm nichts besprochen werden«, konnte Roon erwidern: »Er ist hier, er wird Ew. Majestät Ruf bereitwillig folgen.« Als noch an demselben Tage Bismarck in Babelsberg erschien, hatte der König bereits seine Abdankung unterschrieben: Er bebte vor dem Kampfe mit dem eigenen Volke zurück. Als das letzte Mittel der Verzweiflung sollte Bismarcks Berufung dienen. [Illustration: ~Bismarcks Abschied von Napoleon nach seiner Berufung als Minister~ »=Monsieur le comte Bismarck=, Sie reisen? Nun wenden Sie hübsch an auf Preußen, was Sie dahier bei mir gesehn! Und im Land der deutschen Eiche, da können die Dezemberstreiche auch im Oktober schon geschehn.« (»Frankf. Laterne«, Oktober 1862)] Über die entscheidende Begegnung hat dieser später selbst berichtet: Als er erschienen sei, habe der König bereits die Urkunde der Abdankung vor sich liegen gehabt und beabsichtigt, den Kronprinzen rufen zu lassen, um die Regierung in seine Hände zu legen, falls Bismarck seine Hilfe versagen sollte. Da ist es geschehen, daß Bismarck seinen greisen Herrn »am Portepee und an der preußischen Offiziersehre faßte«. In seinen letzten Erinnerungen stellt Bismarck die erschütternde Szene von Babelsberg in folgender Weise dar: Babelsberg »Am 20. September morgens in Berlin angelangt, wurde ich zu dem Kronprinzen beschieden. Auf seine Frage, wie ich die Situation ansähe, konnte ich nur sehr zurückhaltend antworten, weil ich während der letzten Wochen keine deutschen Zeitungen gelesen und in einer Art von =dépit= mich über heimische Angelegenheiten nicht informiert hatte. Ich war mit der Situation in ihren Einzelheiten nicht so vertraut, daß ich dem Kronprinzen ein programmartiges Urteil hätte abgeben können; außerdem hielt ich mich auch nicht für berechtigt, mich gegen ihn früher zu äußern als gegen den König. Den Eindruck, den die Tatsache meiner Audienz gemacht hatte, ersah ich zunächst aus der Mitteilung Roons, daß der König mit Bezug auf mich zu ihm gesagt habe: ›Mit dem ist es auch nichts; er ist ja schon bei meinem Sohne gewesen.‹ In der Tat war mir jeder Gedanke an Abdikation des Königs fremd, als ich am 22. September in Babelsberg empfangen wurde, und die Situation wurde mir erst klar, als Se. Majestät sie ungefähr mit den Worten präzisierte: ›Ich will nicht regieren, wenn ich es nicht so vermag, wie ich es vor Gott, meinem Gewissen und meinen Untertanen verantworten kann. Das kann ich aber nicht, wenn ich nach dem Willen der heutigen Majorität des Landtages regieren soll, und ich finde keine Minister mehr, die bereit wären, meine Regierung zu führen, ohne sich und mich der parlamentarischen Mehrheit zu unterwerfen. Ich habe mich deshalb entschlossen, die Regierung niederzulegen, und meine Abdikationsurkunde, durch die angeführten Gründe motiviert, bereits entworfen.‹ Der König zeigte mir das auf dem Tische liegende Aktenstück in seiner Handschrift, ob bereits vollzogen oder nicht, weiß ich nicht. Seine Majestät schloß, indem er wiederholte, ohne geeignete Minister könne er nicht regieren. Ich erwiderte, es sei Sr. Majestät schon seit dem Mai bekannt, daß ich bereit sei, in das Ministerium einzutreten, ich sei gewiß, daß Roon mit mir bei ihm bleiben werde, und ich zweifelte nicht, daß die weitere Vervollständigung des Kabinetts gelingen werde, falls andere Mitglieder sich durch meinen Eintritt zum Rücktritt bewogen finden sollten. Der König stellte nach einigem Erwägen und Hin- und Herreden die Frage, ob ich bereit sei, als Minister für die Militär-Reorganisation einzutreten, und nach meiner Bejahung die weitere Frage, ob auch gegen die Majorität des Landtages und deren Beschlüsse. Auf meine Zusage erklärte er schließlich: ›Dann ist es meine Pflicht, mit Ihnen die Weiterführung des Kampfes zu versuchen, und ich abdiziere nicht.‹« [Illustration: ~Bismarck-Schönhausen~: »Es gibt eine Grenze dessen, was ein König von Preußen anhören kann.« — Im Oktober 1862 hatte Bismarck zum ersten Male den Landtag heimgesandt und jedes Entgegenkommen in der Heeresfrage schroff zurückgewiesen. (»Frankf. Laterne«, Okt. 1862)] Ein Bericht über diese entscheidende Szene, der gleichfalls auf den Fürsten Bismarck zurückzuführen ist, stellt sie in folgender, ähnlicher Weise dar: Als Bismarck die Abdankungsurkunde ansah und bemerkte, dahin dürfe es in Preußen nicht kommen, erwiderte der König: »Ich habe alles versucht und sehe nirgends einen Ausweg. Gegen meine Überzeugung kann ich nicht regieren, meine Minister sind gegen mich, mein Sohn hat sich auf ihre Seite gestellt. Auch Sie sind ja bereits bei ihm gewesen. Komme ich mit Ihnen zu keiner Verständigung, so lasse ich dies hier in den Staatsanzeiger setzen und dann mag mein Sohn zusehen, wie er fertig wird. Die Preisgebung der Armeereorganisation ist gegen meine Überzeugung, und gegen diese zu handeln, würde mir als eine Pflichtwidrigkeit erscheinen.« Bismarck entgegnete: Er sei bei dem Kronprinzen nur gewesen, weil Se. Königliche Hoheit ihn sofort nach seiner Ankunft in Berlin zu sich befohlen habe. Auf Befragen des Kronprinzen über seine Absichten habe er erwidert: er müsse zuvor die Wünsche Sr. Majestät kennen lernen. Vor allen Dingen aber bitte er den König, die Abdankungsurkunde und alle auf Abdankung bezüglichen Gedanken aufzugeben. Der König wog das Blatt in der Hand und fragte: »Wollen Sie es versuchen, ohne Majorität zu regieren?« — »Ja.« — »Ohne Budget?« — »Ja.« — »Dann sehen Sie hier mein Programm.« Der König wies dann auf einem Spaziergang durch den Park Herrn von Bismarck nun ein sechs oder mehr Quartseiten umfassendes, mit seiner kleinen Handschrift eng beschriebenes Schriftstück. Bismarck fing an zu lesen. Obenan stand die Frage der Kreisordnung, bei welcher über die Vertretung der Rittergüter und der Städte auf den Kreistagen ein harter Kampf entbrannt war. Bismarck sagte zum König: »Ew. Majestät, es handelt sich jetzt doch nicht um die Frage, ob auf den Kreistagen der Städter oder der Junker das Übergewicht haben soll, sondern ob in Preußen die Krone oder die Majorität des Abgeordnetenhauses regieren soll. Ist diese Frage entschieden, so ordnen sich die anderen von selbst. Wenn Ew. Majestät mir das Vertrauen schenken, so bin ich bereit, die Geschäfte zu übernehmen, aber ohne Programm. In einer so schwierigen Lage ist ein geschriebenes Programm für Ew. Majestät wie für mich bindend und kann unter Umständen erschwerend wirken. Zunächst gilt es doch, die Hauptfrage zu entscheiden.« [Illustration: ~In der Konfliktszeit als Koriolan~ »Wir zeihen dich böslichen Versuchs, Behörden Roms und gültig Recht zu stürzen...« Koriolan: »Verräter ich ... du lügst!« Sicinius: »Hörst du es, Volk?« Die Bürger: »Zum Fels, zum Fels mit ihm!« (»Kladderadatsch«, März 1895)] Bismarck sagt dann weiter: »Es gelang, den König zu überzeugen, daß es sich für ihn nicht um konservativ oder liberal in dieser oder jener Schattierung, sondern um Königliches Regiment oder Parlamentsherrschaft handle, und daß die letztere unbedingt und auch durch eine Periode der Diktatur abzuwenden sei. Ich sagte: ›In dieser Lage werde ich, selbst wenn Ew. Majestät mir Dinge befehlen sollten, die ich nicht für richtig hielte, Ihnen zwar diese Meinung offen entwickeln, aber wenn Sie auf der Ihrigen schließlich beharren, lieber mit dem Könige untergehen, als Ew. Majestät im Kampfe mit dem Parlament im Stiche lassen.‹ Diese Auffassung war damals durchaus lebendig und maßgebend in mir, weil ich die Negation und die Phrase der damaligen Opposition für politisch verderblich hielt im Angesicht der nationalen Aufgaben Preußens, und weil ich für Wilhelm =I.= persönlich so starke Gefühle der Hingebung und Anhänglichkeit hegte, daß mir der Gedanke, in Gemeinschaft mit ihm zugrunde zu gehen, als ein nach Umständen natürlicher und sympathischer Abschluß des Lebens erschien. Nach einigem Nachdenken willigte der König ein. Man befand sich auf einer Brücke über einer kleinen Schlucht im Park; der Monarch begann das Programm zu zerreißen und die Stücke fallen zu lassen. Bismarck nahm sie wieder auf, indem er sagte: ›Wollen Ew. Majestät das Papier nicht lieber dem Kamin anvertrauen? Hier könnte es doch aufgefunden werden, und ein jeder kennt hier Ew. Majestät Handschrift.‹ Der König steckte das Programm in die Brusttasche seines Interimsrockes, besprach mit Bismarck die behufs der Erneuerung zu erledigenden Formalitäten, wobei er u. a. betonte, dem Fürsten Hohenzollern, der damals noch formell Ministerpräsident war, selbst schreiben zu wollen, und wandte sich dann zum Gehen. War seine Haltung vor der Unterredung die eines tiefgebeugten Mannes gewesen, so schritt er jetzt aufrecht, fest und straff von dannen.« Wer hat damals wohl geahnt, daß mit diesem Tage eine neue Ära für Preußen und Deutschland und auch für Europa begann! Wie wenige wußten etwas von Bismarcks Entwicklung! Alle Welt sah in ihm den kecksten Vorkämpfer der feudalen Partei, den frechsten Gegner alles liberalen Strebens, den Redner, der alle großen Städte vom Erdboden vertilgen wollte, der den Liberalen den drohenden Zuruf entgegengeschleudert hatte: »Das stolze Roß Borussia wird bald genug die parlamentarischen Sonntagsreiter in den Sand setzen«, und prophezeit hatte, daß das Narrenschiff der Zeit an dem Felsen der christlichen Kirche scheitern werde. Sein Name steigerte die Aufregung der Gemüter in das grenzenlose. Jetzt sei der letzte Schleier zerrissen; dieser märkische Junker, der einst den ersten Schritten zur Verfassung widersprach, der in Erfurt sich gegen die deutsche Einheit erhob, der die ehrlose Politik von Olmütz verteidigt habe, um dann im Bundestag eine seiner Gesinnung entsprechende nahrhafte Unterkunft zu finden, dieser servile Aristokrat habe sich jetzt von Napoleon in den Künsten des Staatsstreiches unterrichten lassen und hoffe, mit Kartätschensalven die Fetzen der Verfassung in alle Winde zu jagen. Hier heiße es also, fest auf dem Boden des Gesetzes zusammenzustehen, jede unwürdige Schwäche abzuwerfen und an keiner Stelle das geringste Atom des beschworenen Verfassungsrechtes mit feiger Nachgiebigkeit zu opfern. Steil und steinig lag jetzt Bismarcks Weg vor ihm. Aber das Bündnis zwischen dem König und dem Minister, das damals in der Glut heißer Seelennöte und höchster Gefahren geschweißt worden ist, hielt aus. Fortan trug nicht mehr König Wilhelm, sondern Otto von Bismarck die Last des deutschen Schicksals. [Illustration: Wie Bismarck die Opposition einfängt. (»La Lune, 7. April 1863«)] [Illustration: »Bismarck ist der Staatsstreich«, riefen seine Gegner. — Er zeigt, daß er von seinem Lehrmeister Napoleon gelernt hat. ~Fibelvers für Berliner Kinder~: Wenn man mit Leim die Stiefel schmiert, der Affe leicht gefangen wird. (»Figaro«, Januar 1863)] Die Konfliktszeit Als Otto von Bismarck vom Kaiser Napoleon in denselben Gemächern zu St. Cloud Abschied nahm, in denen einst Karl =X.= die verhängnisvollen Juli-Ordonnanzen unterschrieb, war der Abschiedsgruß des französischen Herrschers, das Schicksal Polignacs nicht zu vergessen. Und als er in der preußischen Hauptstadt eintraf, da empfing ihn die Frage: »Wer in Himmels Namen ist dieser Bismarck, daß man ihn auf einen so hohen Posten stellt?« Und die Antwort hieß: Ein »prahlender Junker«, ein »hohler Großsprecher«, der »Napoleonverehrer« und »Städtevertilger«. Und nur wenige Getreue traten vertrauend an seine Seite. Wann hätte er einen Gedanken gehabt! Die »Berliner Allgemeine Zeitung« entwarf von Bismarck folgende Charakteristik: »Als ein Landedelmann von mäßiger politischer Bildung, dessen Einsichten und Kenntnisse sich nicht über das erheben, was das Gemeingut aller Gebildeten ist, begann er seine Laufbahn. Den Höhepunkt seines parlamentarischen Ruhmes erreichte er in der Revisionskammer von 1849 und im Unionsparlamente 1850. Er trat in seinen Reden schroff und rücksichtslos auf, nonchalant bis zur Frivolität, mitunter witzig bis zur Derbheit, aber wann hätte er einen politischen Gedanken geäußert?« Vier lange Jahre hatte der Konflikt bereits gedauert. Nicht den Kampf allein um die Heeresmacht, um die Schlagfertigkeit Preußens galt es zu führen, sondern auch den Kampf um das Königtum und sein Recht. Es galt, Deiche und Dämme zu schaffen, daß nicht die parlamentarische Welle hinüberflute und das Königsrecht verderbe. Und schon glaubten König Wilhelms Getreue, daß alles verloren sei, und doch war gerade jetzt alles gewonnen. Denn eine neue Armee zog heran, und diese Armee hieß — Bismarck. Welcher Geist ihn beseelte, welche Gefahren ihm drohten, das zeigen deutlicher als alles zwei Worte, die er in jenen Tagen sprach: »Der Tod auf dem Schafott ist unter Umständen ebenso ehrenvoll wie der auf dem Schlachtfelde«, und »Ich kann mir schlimmere Todesarten denken als die Hinrichtung«. Und das erste Wort, das er zu den Volksvertretern sprach, war das Wort vom »Eisen und Blut«. Wie der Konflikt entstand? Nur wenige Daten: Im Juli 1858 hatte Roon seine »Bemerkungen und Entwürfe zur vaterländischen Heeresverfassung« an den Prinzregenten nach Baden-Baden gesandt. Sie waren die Antwort auf die Frage, durch welche Mittel Preußen seine welthistorische Aufgabe zu behaupten, seine politische Mission zu erfüllen vermag. Die Antwort forderte die Herstellung und Erhaltung eines schlagfertigen Heeres, die Umwandlung des preußischen Volkes in ein Volk in Waffen. Der Landtag opponierte, die Liberalen und Minister neigten zu schwächlichen Kompromissen. Man war bereit, einen einmaligen Kredit zu bewilligen, wollte jedoch nicht, daß die neuen Truppen einen ständigen unanfechtbaren Posten im Budget einnehmen sollten. Der Konflikt war vor allem heftig entbrannt, als Roon erklärte, daß die Regierung nicht von der dreijährigen Dienstzeit lassen werde, und als er der Kammer das Recht bestritt, die Mittel für die neuen Regimenter stets von neuem zu bewilligen oder nach Willkür abzulehnen. Hier sahen die Volksvertreter ihr vornehmstes Recht, das Budgetrecht, in schwerer Gefahr. So lehnten sie jeden Mann und jeden Groschen, die Kosten der Heeresreform und des neuen Flottengründungsplanes ab, strichen mit 273 gegen 68 Stimmen die gesamten Heeresforderungen aus dem Budget für 1862 und nahmen dieses verstümmelte Budget mit 308 gegen 11 Stimmen an. Ein Kabinett war dem anderen gefolgt, da erschien die königliche Order, die den Prinzen Hohenlohe-Ingelfingen von dem Vorsitz entband und zunächst interimistisch, wenige Tage darauf dauernd Herrn von Bismarck jenes Amt übertrug, das er durch ein Menschenalter zu Deutschlands Segen geführt hat. Scherz und Spiel waren vorbei, der grimme Männerkampf begann. Mit unbeschreiblicher Energie ging Bismarck vor. Er war fest entschlossen, die Armee, wie sie der König organisierte, nicht um einen Mann vermindern zu lassen, und er blieb dem Ziele getreu, auch als man ihn mit Verbannung und Schafott bedrohte. »Was liegt daran,« so sagte er zu dem den Gegnern geneigten Kronprinzen, »wenn man mich auch hängt, wenn nur der Strick Ihren Thron fest an das geeinte Deutschland bindet.« Wer ahnte damals, daß er den Kampf schon führte, um für die Einigung Deutschlands den Grundbau zu schaffen. Bismarck wollte Preußen instandsetzen, den Deutschen das Gesetz aufzuerlegen, nicht aber, es von ihnen zu empfangen. In der Armee lag der Hebel der Macht; ihr verdankte Preußen seine europäische Stellung; sie war das Bollwerk in der Revolutionszeit gewesen; sie durfte nicht dem populären Andrang und dem Parteileben überliefert werden. Hier galt der liberale Einwurf von der unerschwinglichen Höhe der Kosten nichts mehr. Die Zukunft bewies schon nach dem ersten Waffengange, daß auf dieser Seite ein unübersteigliches Hemmnis nicht gegeben war. Und nun begann der Kampf mit allen seinen Wechselfällen, ein Kampf, in dem ein Einzelner gegen Tausende rang. Die Worte, mit denen schon Roon sein Amt angetreten hatte: »Es gilt Großes zu leisten, nur ein Schelm denkt allein an sich; das Reformwerk ist eine Existenzfrage für Preußen, es muß vollbracht werden«, blieben auch der Leitfaden Bismarcks. Schwer hatte sich König Wilhelm zu ihm bekehrt. Seine eigene gerade milde Art, die so fern war von jeder Verwegenheit, seine sittlich empfindliche Natur mußte von Bismarcks dämonischer Kraft zurückgestoßen werden; sie mußte sich selbst erst überwinden, ehe sie sich dem Manne der Leidenschaft, des zwingenden Willens hingab. Am 29. September 1862 begann der Kampf. Da führte sich Bismarck in der Budgetkommission mit den vielzitierten Worten ein: Eisen und Blut Der Konflikt wird zu tragisch aufgefaßt und von der Presse zu tragisch dargestellt; die Regierung sucht keinen Kampf. Kann die Krisis mit Ehren beendigt werden, so bietet die Regierung gern die Hand dazu. Die große Selbständigkeit des einzelnen macht es in Preußen schwierig, mit der Verfassung zu regieren; in Frankreich ist das anders: da fehlt die individuelle Selbständigkeit. Eine Verfassungskrisis ist aber keine Schande, sondern eine Ehre. Wir sind vielleicht zu gebildet, um eine Verfassung zu ertragen — wir sind zu kritisch! Die öffentliche Meinung wechselt; die Presse ist nicht die öffentliche Meinung: man weiß, wie sie entsteht. Es gibt zu viel katilinarische Existenzen, die ein Interesse an Umwälzungen haben; die Abgeordneten aber haben die Aufgabe, die Stimmung zu leiten, über ihr zu stehen. — Wir haben zu heißes Blut, wir haben die Vorliebe, eine zu große Rüstung für unsern schmalen Leib zu tragen, nur sollten wir sie auch nützen. Nicht auf Preußens Liberalismus sieht Deutschland, sondern auf seine Macht. Bayern, Württemberg und Baden mögen deren Liberalismus indulgieren, darum wird ihnen doch niemand Preußens Rolle anweisen. Preußen muß seine Macht zusammenhalten auf den günstigen Augenblick, der schon einige Augenblicke verpaßt ist; Preußens Grenzen sind zu einem gesunden Staatskörper nicht günstig. Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden — das ist der Fehler von 1848 und 1849 gewesen —, sondern ~durch Eisen und Blut~. Diesen Olivenzweig (der Minister zog ihn aus seinem Notizbuche) habe ich in Avignon gepflückt, um ihn der Volkspartei als Friedenszeichen anzubieten; ich sehe jedoch, daß es noch nicht Zeit dazu ist. Man hat den Zweig von Avignon nicht angenommen. Woher dieser Zweig stammte? Man hat es dreißig Jahre später erfahren. Der Ölzweig von Avignon Am 5. September 1862 speiste Herr von Bismarck, damals auf einer Reise durch die Pyrenäen begriffen, mit Herrn Lüning, einem Frankfurter Patrizier, und seiner jungen Frau im Hotel Beau Séjour in Avignon und machte nach der gemeinsamen Table d’hote mit dem Hochzeitspaar einen Ausflug in die Umgebung. Hier empfing Bismarck, als er neben der jungen Dame im Fond der Equipage Platz genommen hatte, eine Depesche aus Berlin. Man fuhr über die prächtige Kettenbrücke am Rhoneufer entlang bis hinaus, wo zwischen reizenden kleinen Besitzungen die Weinberge mit den Olivenhainen wechseln. Hier stieg man aus und promenierte in der balsamischen Luft. Madame Lüning brach einen Doppelzweig von einem jungen Ölbaum, überreichte ihn graziös Herrn von Bismarck und meinte: »Möchte er Ihnen als Friedenskündiger mit Ihren Gegnern nützlich sein.« — »Ich akzeptiere nur die Hälfte«, erwiderte dieser lächelnd, und eine Rose brechend und ihr die andere Hälfte des Zweiges als dunkle Folie gebend, fügte er hinzu: »Die andere Hälfte hinter dieser Rose künde Ihnen, gnädige Frau, den ewigen Frieden in Ihrer glücklichen Ehe!« Herr von Bismarck zog eine kleine Brieftasche hervor und barg darin sorgfältig den Ölzweig. Als man aber in der Kommission nur ein Lächeln für seine Worte hatte, da zerdrückte seine Rechte krampfhaft das Zweiglein mit den welken Blättern und ließ den Staub zur Erde sinken. Nur wenige verstanden Bismarck, nur wenige folgten ihm. Und doch konnte schon damals ein kluges Auge erkennen, daß es seine Absicht war, den »Souveränitätsschwindel des Parlamentes durch eine starke Auswärtige Politik aus dem Sattel zu heben«. Wie er sie durchführen wollte? Vorsichtig bei aller Leidenschaft. »Ich treibe jetzt«, so sagte er einmal, »Auswärtige Politik, wie ich früher auf die Schnepfenjagd ging, und setze nicht eher den Fuß vorwärts, als bis ich den Dülten, auf den ich treten will, als sicher und tragfähig erprobt habe.« Bismarcks Wort von Blut und Eisen traf nur auf Hohn. In der »Kölnischen Zeitung« war über die Sitzung und die »geflügelten Worte« des neuen Ministers zu lesen: »Zunächst tat das eine überraschende Wirkung; wir sind von preußischen Ministern lange nicht mehr an viel Geist gewöhnt. Hier nun sprudelte etwas davon. Aber als man dazu kam, da war’s kein Wein, höchstens Soda.« Und der »Kladderadatsch« brachte folgendes Gedicht: Kavalier-Politik Wohl hab’ ich einst manch ernstes Wort gehört, Und zwar in »sonst gut unterrichteten« Kreisen: Der eine drohte »mit gezogenem Schwert«, Der andere prophezeit von »Blut und Eisen«. Ernst und bedenklich glaubt’ ich anfangs dran; Jetzt weiß ich’s besser und will mich nicht grämen. Hat uns ein Weiser doch geraten: man Muß die Konflikte nicht zu tragisch nehmen! Zwar stehn in nie versöhntem Gegensatz Zum Kampf bereit die Träger zweier Zeiten; Nur einer kann behaupten noch den Platz, Auf Tod und Leben gilt’s, ein hartes Streiten. Zwar immer bittrer wird der alte Groll, Und immer schwieriger der Haß zu zähmen; Er aber spricht, harmlosen Scherzes voll: Man muß die Sachen nicht zu tragisch nehmen! Man muß nur etwa nicht als Staatsphantast Noch träumen groß von idealen Zielen; Das einz’ge, was dem wahren Staatsmann paßt: Die große Kunst ist’s, mit dem Volk zu spielen. Mein Spruch: =Toujours fidèle et sans souci!= Und wenn mir gar zu ernst die Dinge kämen, Dann — nun, dann — nimmt Manteuffel die Partie. Man muß die Sachen nicht zu tragisch nehmen! Er lebe hoch, der weise Staatsmann, der Dies große Wort gelassen ausgesprochen! Als »Zivilisationsstaatssekretär« Hat er dem Frieden neue Bahn gebrochen. Die Sachen freilich müssen leider wir Zu nehmen, wie sie sind, uns schon bequemen. Ihn selber aber, Sohn, das rat’ ich dir — Ihn selber mußt du niemals tragisch nehmen! Selbst König Wilhelm war über Bismarcks Äußerung so erschreckt, daß der Minister sich genötigt sah, seinem Souverän, der in Baden den Geburtstag seiner Gemahlin im engsten Familienkreise feierte, entgegenzufahren. So ist es zu einer der erschütterndsten Szenen unserer neuen Geschichte gekommen, zugleich zu einem jener steilen Gipfelpunkte im Dasein Bismarcks, die noch höher ragen als all die gewaltigen Kuppen, über die ihn sein Weg geführt hat. Hier mag Bismarcks Erinnerung sprechen! [Illustration: ~Bismarck~ (=Marrons sculptes=). (Französisches Flugblatt)] »Können wir anständiger umkommen?« »In den ersten Tagen des Oktobers fuhr ich dem Könige, der sich zum 30. September, dem Geburtstage seiner Gemahlin, nach Baden-Baden begeben hatte, bis Jüterbog entgegen und erwartete ihn in dem noch unfertigen, von Reisenden dritter Klasse und Handwerkern gefüllten Bahnhofe, im Dunkeln auf einer umgestürzten Schiebkarre sitzend. Ich hatte einige Mühe, durch Erkundigungen bei kurz angebundenen Schaffnern des fahrplanmäßigen Zuges den Wagen zu ermitteln, in dem der König allein in einem gewöhnlichen Coupé erster Klasse saß. Er war unter der Nachwirkung des Verkehrs mit seiner Gemahlin sichtlich in gedrückter Stimmung, und als ich um die Erlaubnis bat, die Vorgänge während seiner Abwesenheit darzulegen, unterbrach er mich mit den Worten: ›Ich sehe ganz genau voraus, wie das alles endigen wird. Da vor dem Opernplatz, unter meinen Fenstern, wird man Ihnen den Kopf abschlagen und etwas später mir.‹ Ich erriet, und es ist mir später von Zeugen bestätigt worden, daß er während des achttägigen Aufenthaltes in Baden mit Variationen über das Thema Polignac, Strafford, Ludwig =XVI.= bearbeitet worden war. Als er schwieg, antwortete ich mit der kurzen Phrase ›=Et après, Sire?=‹ — ›Ja, =après=, dann sind wir tot!‹ erwiderte der König. ›Ja,‹ fuhr ich fort, ›dann sind wir tot, aber sterben müssen wir früher oder später doch, und können wir anständiger umkommen? Ich selbst im Kampfe für die Sache meines Königs, und Eure Majestät, indem Sie Ihre königlichen Rechte von Gottes Gnaden mit dem eigenen Blute besiegeln, ob auf dem Schafott oder auf dem Schlachtfelde, ändert nichts an dem rühmlichen Einsetzen von Leib und Leben für die von Gottes Gnaden verliehenen Rechte. Eure Majestät müssen nicht an Ludwig =XVI.= denken; der lebte und starb in einer schwächlichen Gemütsverfassung und macht kein gutes Bild in der Geschichte. Karl =I.= dagegen, wird er nicht immer eine vornehme historische Erscheinung bleiben, wie er, nachdem er für sein Recht das Schwert gezogen, die Schlacht verloren hatte, ungebeugt seine königliche Gesinnung mit seinem Blute bekräftigte? Eure Majestät sind in der Notwendigkeit, zu fechten; Sie können nicht kapitulieren; Sie müssen, und wenn es mit körperlicher Gefahr wäre, der Vergewaltigung entgegentreten.‹ [Illustration: ~Politischer Eiertanz~ Und den politischen Eiertanz hält Bismarck sehr vonnöten; er glaubt, sie blieben alle ganz, und keines ging zertreten, zertreten, nein! wie ihr ja seht, dieweil er jedes — Recht — umgeht. (»Frankfurter Laterne«, September 1863)] Je länger ich in diesem Sinne sprach, desto mehr belebte sich der König und fühlte sich in die Rolle des für Königtum und Vaterland kämpfenden Offiziers hinein. Er war äußeren und persönlichen Gefahren gegenüber von einer seltenen und ihm absolut natürlichen Furchtlosigkeit, auf dem Schlachtfelde, wie Attentaten gegenüber; seine Haltung in jeder äußeren Gefahr hatte etwas Herzerhebendes und Begeisterndes. Der ideale Typus des preußischen Offiziers, der dem sicheren Tode im Dienste mit dem einfachen Worte ›Zu Befehl‹ selbstlos und furchtlos entgegengeht, der aber, wenn er auf eigene Verantwortung handeln soll, die Kritik des Vorgesetzten oder der Welt mehr als den Tod und dergestalt fürchtet, daß die Energie und Richtigkeit seiner Entschließung durch die Furcht vor Verweis und Tadel beeinträchtigt wird, dieser Typus war in ihm im höchsten Grad ausgebildet. Er hatte sich bis dahin auf seiner Fahrt nur gefragt, ob er vor der überlegenen Kritik seiner Frau Gemahlin und vor der öffentlichen Meinung in Preußen mit dem Wege, den er mit mir einschlug, würde bestehen können. Demgegenüber war die Wirkung unserer Unterredung in dem dunkeln Coupé, daß er die ihm nach der Situation zufallende Rolle mehr von dem Standpunkte des Offiziers auffaßte. Er fühlte sich bei dem Portepee gefaßt und in der Lage eines Offiziers, der die Aufgabe hat, einen bestimmten Posten auf Leben und Tod zu behaupten, gleichviel ob er darauf umkommt oder nicht. Damit war er auf einen seinem Gedankengange vertrauten Weg gestellt und fand in wenigen Minuten die Sicherheit wieder, um die er in Baden gebracht worden war, und selbst seine Heiterkeit. Das Leben für König und Vaterland einzusetzen, war die Pflicht des preußischen Offiziers, um so mehr die des Königs, als des ersten Offiziers im Lande. Sobald er seine Stellung unter dem Gesichtspunkte der Offiziersehre betrachtete, hatte sie für ihn ebensowenig Bedenkliches, wie für jeden normalen preußischen Offizier die instruktionsmäßige Verteidigung eines vielleicht verlorenen Postens. Er war der Sorge vor der ›Manöverkritik‹, welche von der öffentlichen Meinung, der Geschichte und der Gemahlin an seinem politischen Manöver geübt werden könnte, überhoben. Er fühlte sich ganz in der Aufgabe des ersten Offiziers der Preußischen Monarchie, für den der Untergang im Dienste ein ehrenvoller Abschluß der ihm gestellten Aufgabe ist. Der Beweis der Richtigkeit meiner Beurteilung ergab sich daraus, daß der König, den ich in Jüterbog matt, niedergeschlagen und entmutigt gefunden hatte, schon vor der Ankunft in Berlin in eine heitere, man kann sagen fröhliche und kampflustige Stimmung geriet, die sich den empfangenden Ministern und Beamten gegenüber auf das unzweideutigste erkennbar machte.« So hatte sich des Königs angeborene Furchtlosigkeit an dem großen Paladin neu aufgerichtet, und auch Bismarck war fortan seines alten Herrn sicher. Und das war um so wichtiger, als mit der Fortschrittspartei sich auch die Gemäßigten verbanden und bald auch der Thronerbe offen in die Reihe seiner Gegner eintrat. Zunächst zog Bismarck das verstümmelte Budget zurück. Die Antwort war der Beschluß der Volksvertreter, die Regierung sei verpflichtet, den Etat für 1863 vor Beginn des Jahres vorzulegen, jede Ausgabe vor seiner Genehmigung sei verfassungswidrig. Damit war der Konflikt auf das Gebiet des Verfassungsrechtes übertragen. Hier ging Bismarcks Standpunkt dahin, daß nach der Verfassung »alle Ausgaben und Einnahmen des Staates für jedes Jahr im voraus veranschlagt und auf den Staatshaushalt gebracht werden müssen, der jährlich durch ein Gesetz festzustellen sei«, daß aber nach derselben Verfassung auch die »gesetzgebende Gewalt gemeinschaftlich durch den König und die beiden Kammern ausgeübt wird«, daß ferner die Übereinstimmung des Königs und beider Kammern zu jedem Gesetz erforderlich sei und daß wohl »jeder Finanzentwurf und auch das Haushaltsgesetz zuerst der Zweiten Kammer vorzulegen, dann aber von der Ersten Kammer anzunehmen oder abzulehnen sei«. Und auf diese Prämissen baute er die Konklusion, daß, wenn ein Widerspruch innerhalb der einzelnen entscheidenden Faktoren vorlag, ein Vakuum gegeben sei und daß in solchem Falle »die bestehenden Steuern und Abgaben fortzuerheben sind, bis sie durch ein Gesetz abgeändert werden«. Die Zustimmung des Herrenhauses, das mit hundertfünfzig gegen siebzehn Stimmen das verstümmelte Budget der Zweiten Kammer verwarf, bot ihm den Rechtsgrund für seine Ansicht. Der Landtag aber gab die Antwort, indem er seinerseits den Beschluß des Herrenhauses für null und nichtig erklärte. Sofort schloß Bismarck die Session mit der Erklärung: »Die Regierung würde sich einer schweren Pflichtverletzung schuldig machen, wenn sie die auf Grund der früheren Bewilligungen der Landesvertretung ausgeführte Umformung der Heeresverfassung unter Preisgebung der dafür gebrachten beträchtlichen Opfer und mit Beeinträchtigung der Machtstellung Preußens dem Beschluß des Hauses gemäß rückgängig machen wollte.« Erst am 27. Januar des nächsten Jahres wurde der Landtag von neuem einberufen. In den Kammerdebatten war Bismarck stolz, selbstbewußt, schneidend, sarkastisch, aber stets vornehm in seiner Politik, gesellschaftlich gewandt. Wenn die Doktrinäre dort unten gegen ihn donnerten, dann blieb er kühl, und wenn sie ihm Sottisen sagten oder auch wohl von Anklage und Schafott lärmten, dann schrieb er amüsante Briefe an seine Frau, dann klagte er ihr auch wohl humoristisch: »Wenn Roon und die Fuchsstute nicht wären, so würde ich mir etwas vereinsamt vorkommen, obwohl ich nie allein bin ...«, oder er rühmt der Schwester die gute Blut- und Leberwurst und schildert ihr in drastischer Weise den Verlauf seines Tages: »Die Arbeitslast wächst hier täglich. Heute von 8 bis 11 Diplomatie, von 11 bis 2½ verschiedene streitsüchtige Ministerkonferenzen, dann bis 4 Vortrag beim König, von ¼5 bis ¾5 Galopp im Regen bis Hippodrom, um 5 zur Tafel, von 7 bis 10 Uhr Arbeit aller Art, aber gesund und guten Schlaf, starken Durst!« Seine Gegner überschätzte er in keiner Weise, oft genug erfaßte er die Gelegenheit, sie in derbhumoristischer Weise zu schildern. So fällte er über Benedikt Waldeck, den Führer und Abgott der Demokratie, einmal folgendes Urteil: Waldeck in Bismarcks Beleuchtung »Ähnliche Anlage wie Jules Favre, immer konsequent, prinzipientreu, fertig mit seiner Ansicht und seinem Entschluß von vornherein; dazu stattliche Gestalt, weißer ehrwürdiger Bart, Phrase im Brustton der Überzeugung auch in Kleinigkeiten — das imponierte. Er hielt mit einer Stimme, die von tiefster Überzeugungsfreude und Zuversichtlichkeit bebte, eine Rede darüber, daß der Löffel hier im Glase stecke (es war beim Tee), und proklamierte, daß jeder ein Schuft sei, der das nicht glauben wolle, und alle glaubten es ihm und priesen in allen Tonarten seine energische Gesinnung.« Am bekanntesten ist die Darstellung, die Bismarck in seinem Briefe an Freund Motley gab. Sie mag schon hier ihren Platz finden. Der Brief ist im Landtag geschrieben, während draußen die Wilden vor den Mauern tobten: [Illustration: Wie der Bey von Tunis den preußischen Konflikt lösen würde. (»Eulenspiegel«, 30. Mai 1863)] Massenweis dumm »=I hate politics=, aber, wie Du sehr richtig sagst, =like the grocer hating figs= (ich hasse die Politik, wie die Krämer die Feigen), aber ich bin nichtsdestoweniger genötigt, meine Gedanken unablässig mit jenen =figs= zu befassen. Auch in diesem Augenblick, während ich Dir schreibe, habe ich die Ohren davon voll. Ich bin genötigt, ungewöhnlich abgeschmackte Reden aus dem Munde ungewöhnlich kindischer und aufgeregter Politiker anzuhören, und habe dadurch einen Augenblick unfreiwilliger Muße, die ich nicht besser benützen kann, als indem ich Dir von meinem Wohlbefinden Nachricht gebe. Ich habe niemals geglaubt, daß ich in meinen reifen Jahren genötigt werden soll, ein so unwürdiges Gewerbe wie das eines parlamentarischen Ministers zu betreiben. Als Gesandter hatte ich, obschon Beamter, doch das Gefühl, ein =gentleman= zu sein. Als Minister ist man Helot. Ich bin heruntergekommen und weiß doch selber nicht wie. April 18. — So weit schrieb ich gestern, dann schloß die Sitzung; fünf Stunden Kammer bis drei Uhr, dann eine Stunde Reiten, eine Stunde Vortrag bei Seiner Majestät, drei Stunden auf einem langweiligen Diner, =old important Whigs=, dann zwei Stunden Arbeit, schließlich ein Souper bei einem Kollegen, der es mir übel genommen hätte, wenn ich seinen Fisch verschmäht hätte. Heut früh kaum gefrühstückt, da saß mir Karolyi schon gegenüber; ihn lösten ohne Unterbrechung Dänemark, England, Portugal, Rußland, Frankreich ab, dessen Botschafter ich darauf aufmerksam machen mußte, daß es für mich Zeit sei, in das Haus der Phrasen zu gehen. In diesem sitze ich nun wieder, höre die Leute Unsinn reden und beendige meinen Brief; die Leute sind alle darüber einig, unsere Verträge with Belgien gutzuheißen, und doch sprechen zwanzig Redner, schelten einander mit der größten Heftigkeit, als ob jeder den anderen umbringen wollte; sie sind über die Motive nicht einig, aus denen sie übereinstimmen, darum der Zank; echt deutsch, leider, Streit um des Kaisers Bart, =querelle d’Allemand=; etwas davon habt Ihr =Anglo-Saxon Yankees= auch. Wißt Ihr eigentlich, aber genau, warum Ihr so wütend Krieg miteinander führt? Alle wissen es gewiß nicht; aber man schlägt sich =con amore= tot, das Geschäft bringt’s halt so mit sich. Euere Gefechte sind blutig, unsere geschwätzig; die Schwätzer können Preußen wirklich nicht regieren, ich muß dem Widerstand leisten, sie haben zu wenig Witz und zu viel Behagen, dumm und dreist. Dumm in seiner Allgemeinheit ist nicht der richtige Ausdruck; die Leute sind, einzeln betrachtet, zum Teil recht gescheit, meist unterrichtet, regelrechte deutsche Universitätsbildung, aber von der Politik, über die Kirchturminteressen hinaus, wissen sie so wenig wie wir als Studenten davon wußten, ja noch weniger, in auswärtiger Politik sind sie auch einzeln genommen Kinder; in allen übrigen Fragen aber werden sie kindisch, sobald sie =in corpore= zusammentreten, massenweis dumm, einzeln verständig.« — Der übrige Teil des Briefes ist englisch geschrieben, in der Nacht, ehe Bismarck im Bett »des müden Leibes süßen Krafterneuerer« aufsucht. Er will den Brief zerreißen, da dieser unter dem lärmenden Getöse des Parlamentes doch nur eine Folge trauriger Gemeinplätze festgelegt habe, aber da er in seinem dornenvollen Schicksale doch keinen ungestörten Augenblick und keine passendere Gemütsstimmung zu finden wagt, so denkt er, wie Pontius Pilatus: »Was ich schrieb, das schrieb ich.« — »Diese Tropfen meiner eigenen Tinte«, fährt er englisch fort, »sollen Dir wenigstens beweisen, daß meine Gedanken, wenn allein gelassen, hurtig zu Dir eilen. Ich gehe nie an unserem alten Logierhause in der Friedrichstraße vorüber, ohne zu den Fenstern aufzuschauen, die einst geschmückt zu sein pflegten mit einem Paar roter Pantoffeln, die auf dem Fensterbrett aufrechtgehalten wurden von den Füßen eines Herrn (gentleman), der in Yankee-Weise dasaß (d. h. während er die Beine hochhielt), mit dem Kopf drunten und außer Sicht. Meine Frau ist sehr verbunden für Dein freundliches Gedenken. Die Meinen sind leidlich wohl.« »Gott sei Dank«, schließt der Brief deutsch. »Nun leb herzlich wohl. Ich kann so spät am Abend eine so unorthographische Sprache wie Englisch nicht länger schreiben. Aber, bitte, versuche Du es bald wieder. Deine Hand sieht aus wie Krähenfüße, ist aber sehr leserlich; meine auch? Dein treuer alter Freund v. Bismarck.« [Illustration: Man verhöhnt Bismarck, der doch durch die berühmte Entsendung eines Feldjägers nach Kassel den Kurfürsten zur Nachgiebigkeit gegen die Stände gezwungen und dem Willkürregiment ein Ende gemacht hatte. (»Frankfurter Laterne«, Januar 1863)] Noch einmal mußte Bismarck auch nach Paris zurückkehren, um sich von dem Kaiser Napoleon zu verabschieden. Kurz vorher hatte er seinen Einzug in das Haus in der Wilhelmstraße gehalten, das ihm länger als ein Vierteljahrhundert ein Heim bieten sollte. In Paris hat er wiederholte Besprechungen mit den leitenden Ministern gehabt. Am 1. November hat er sich dann in Saint-Cloud vom Kaiser nach einer langen Unterredung verabschiedet, auf die man später wohl das Versprechen Napoleons zurückgeführt hat, in einem Kriege Preußens gegen Österreich die Neutralität zu wahren. Als er heimgekehrt war, bot sich ihm dann sofort die Gelegenheit, in einen deutschen Hader mit solcher Schneidigkeit einzugreifen, daß noch heute die Episode, die sich hieran knüpfte, als ein Glanzpunkt seines Wirkens bezeichnet wird. Es handelte sich um die ~Hessische Frage~. Auch hier stritt die Regierung gegen die Stände, und sicherlich rechnete der Kurfürst auf die Wendung der Dinge in Berlin, als er versuchte, den Ständen die verfassungsmäßigen Rechte zu verkürzen. Dreimal war die Kammer aufgelöst, aber immer wieder gewählt worden. Preußen hatte gedroht, hatte zwei Armeekorps mobilisiert, aber der Kurfürst blieb hartnäckig, und erst als mit der Okkupation gedroht wurde, stellte er zwar die Verfassung wieder her, löste aber dennoch die jetzt neugewählte Kammer wieder auf. Da sandte Bismarck am 26. November 1862, da ja der diplomatische Verkehr abgebrochen sei, einen Feldjäger Litt nach Kassel mit einem energischen Schreiben, und der Konflikt war gelöst. Friedrich Ötker, der damals den Rat Bismarcks einzuholen ging, schildert ihn in diesen Tagen: [Illustration: ~Die verfolgte Unschuld~ »Ach! ach! ach! Man will uns unsere Machtstellung in Deutschland verkümmern.« (»Frankfurter Laterne«, September 1863)] Kein feudaler Unhold »Man kann sich vorstellen, mit welchen Gedanken und mit welcher Zurückhaltung ich mich dem Manne näherte, der damals liberalerseits als der wahre aristokratisch-feudale Unhold angesehen wurde. Serviler Landjunker, eingefleischter Aristokrat, Jagdbummler, leichtsinniger Spieler — das waren so etwa die Bezeichnungen, mit denen man den neuen Ersten Minister Preußens bedachte. Und ich selbst, wenn ich auch mein Urteil weit freier gehalten hatte, stand doch unter dem Eindruck der allgemeinen Meinung. Wie war ich daher erstaunt, in wenig Minuten ein ganz anderes Bild in der Seele zu haben, als womit ich das Zimmer des Ministers betreten hatte. Keine Spur von aristokratischem Übermut, borniertem Junkertum, feudaler Einseitigkeit, prinzipieller Verranntheit, diplomatischer Zurückhaltung. Eine hohe, starke, aber geschmeidige Kraftgestalt kam mir freundlichst bis an die Tür entgegen, reichte mir die Hand, rückte mir einen Sessel zurecht und sagte mit dem gewinnendsten Lächeln: ›Na, Sie werden ja auch schon mißliebig bei den Demokraten.‹« Jetzt trat auch die ~Deutsche Frage~ an Bismarck heran. Die Möglichkeiten, die sich boten, mußten entweder in der gemeinsamen Beherrschung Deutschlands durch die beiden Großmächte gipfeln, oder in einer Teilung Deutschlands nach der Mainlinie, oder in der gänzlichen Ausschließung Österreichs. Bismarck wog sie ab, prüfte sie nach Kosten und Gefahren, sprach aber schon in seiner weltberühmten Unterredung mit dem Grafen Karolyi es offen aus, daß er mit einer kriegerischen Entscheidung rechne, daß selbst ein Bündnis Preußens mit einem Gegner Österreichs nicht ausgeschlossen sei. Wie frappierend war jene Offenheit, mit der er hier schon die Entscheidung der großen, zwischen Preußen und Österreich schwebenden Fragen auf das Schlachtfeld verwies! Mit der er die Annexion Hannovers als Bedingung künftigen Gedeihens aufstellte! Schon dem Botschafter Österreichs in Paris, dem jüngeren Metternich, hatte Bismarck erklärt, er sehe keinen Grund, warum Preußen in Österreich etwas anderes sehen solle als eine fremde Macht; gegen die Phrasen vom »Bruderkrieg« sei er stichfest, er kenne keine andere als ungemütliche Interessenpolitik, Zug um Zug und bar. Als aber Graf Karolyi von den traditionellen Einflüssen des Kaiserhauses auf die deutsche Regierung sprach, da rief ihm Bismarck das schneidende Wort entgegen: »Nun, so verlegt euren Schwerpunkt nach Ofen.« Es hatte sich hier um das österreichische Projekt einer Delegiertenversammlung zum Bundestage gehandelt, das die Berliner Regierung entschlossen bekämpfte. Am 22. Januar sollte die Entscheidung in Frankfurt fallen, und Bismarck siegte. Als er allerdings die nationale Forderung eines aus dem Volkswillen hervorgehenden Parlamentes aufnahm, da wurde dieses Versprechen in ganz Deutschland mit Hohn begrüßt, und ein Leipziger Gelehrter nannte Bismarck überzeugt eine »frivole Bestie«. Bismarcks Tendenz war deutlich: Er wollte die Kompetenz des Bundesstaates auf ein möglichst geringes Maß beschränken; wer auf deutschem Boden Besseres verlange, könne es nur durch freie Vereinbarung gleichartiger Staaten zu einer engeren Gemeinschaft innerhalb des Bundes, also durch die Errichtung eines Bundesstaates im Staatenbunde erlangen. Eine bestimmte Entschließung freilich über die Art und Form der für die Zukunft anzustrebenden deutschen Verfassung hatte Bismarck damals schwerlich schon gefaßt. Nur wußte er, daß eine friedliche Umgestaltung unmöglich sei: »Jeder andere Krieg,« sagte er wohl, »den Preußen vor diesem österreichischen führte, wäre die reinste Munitionsverschwendung.« In voller Klarheit eben dieser Notwendigkeit ging er mit einer ungeheueren Folgerichtigkeit vor, immer nur das Gesetz im Auge, daß Preußen vorwärtsschreiten muß, niemals zurückweichen darf. Daß die Spannung zwischen den beiden deutschen Großmächten immer schärfer wurde, berührte ihn nicht, und als Kaiser Franz Joseph noch einmal den Versuch machte, auf dem Fürstentage zu Frankfurt, wohin er alle deutschen Fürsten lud, in die Beratung über eine neue deutsche Bundesverfassung zu treten, die ein Bundesdirektorium von fünf Mitgliedern und ein Bundesparlament aus Delegierten der deutschen Kammern mit beratender Stimme vorsah, da war es Bismarck, der das Gelingen dieses Planes mit eisernem Willen durchkreuzte und auch den widerstrebenden König von Preußen in seine Gefolgschaft zwang. Er war zum Bruch entschlossen. »Ich betrachte«, schrieb er an Herrn von Sydow, »das österreichische Reformprojekt als eine Schaumwelle, mit welcher Schmerling dem Kaiser eine glänzende Geburtstagsfeier mit weißgekleideten Fürsten arrangiert. Von dem Dampf der Phrasen entkleidet, ist des Pudels Kern ein so dürftiger, daß man dem Volke lieber nicht praktisch vordemonstrieren sollte, wie nicht einmal das zustande kommt.« Und in einer Denkschrift an den König stellte Bismarck den deutschen Bund als einen altersschwachen Greis dar: Die deutschen Regierungen könnten nebeneinander nur noch fortleben im Vorgefühl naher Katastrophen. Der Boden der Bundesverträge schwanke unter den Füßen dessen, der sich auf ihn stelle. Der Bau der vertragsmäßigen Ordnung der Dinge zeige überall Risse und Spalten, und der bloße Wunsch, daß die morschen Wände den nächsten Sturm noch aushalten mögen, könne ihm die dazu nötige Festigkeit nimmermehr zurückgeben. Der Fürstentag hat dennoch stattgefunden. Er wurde von Kaiser Franz Joseph am 17. August eröffnet, obwohl Bismarck erklärte, rücksichtslos und schroff, es entspreche der Würde seines Herrn nicht, an einer Versammlung teilzunehmen, deren wichtiger Zweck nicht vorher mit ihm beraten worden wäre. Noch einmal aber suchte man auf König Wilhelm zu wirken. Vor allem erhoben sich die weiblichen Einflüsse, um seinen Entschluß zu durchbrechen. Die bayrische Königin Marie, die Königinwitwe Elisabeth faßten ihn »beim Rüssel der Weltgeschichte«, von Koburg, von London aus wurden Einflüsse auf ihn geltend gemacht, aber zum zweitenmal faßte der kühne Staatsmann seinen König beim preußischen Portepee, indem er ihm erklärte, wenn der König nach Frankfurt gehe, so werde er ihm zwar folgen, aber nicht mehr als Minister nach Berlin zurückkehren. Der ablehnende Brief wurde geschrieben und von Bismarck dem König Johann von Sachsen, der persönlich nach Baden gekommen war, König Wilhelm zu überreden, überreicht. Wie aber in seinem Inneren der Zorn über die lange Spannung kochte, beweist die Tatsache, daß er, als hinter dem Sachsen sich die Türe geschlossen hatte, einen auf dem Tische stehenden Teller mit Gläsern zusammenschlug. »Ich mußte etwas zerstören,« sagte er, »jetzt habe ich wieder Atem.« [Illustration: König Wilhelm und Bismarck als Totengräber des Deutschen Bundes (»Figaro«, August 1866)] Über die Schwierigkeiten, die ihm die Neigung des Königs, nach Frankfurt zu wandern, bereitet hatte, berichtet Bismarck in seinem Gedenkbuch: Ein König als Kabinettskurier »Es wurde mir nicht leicht, den König zum Fernbleiben von Frankfurt zu bestimmen. Ich bemühte mich darum auf der Fahrt von Wildbad nach Baden, wo wir im offenen kleinen Wagen, wegen der Leute vor uns auf dem Bock, die Deutsche Frage französisch verhandelten. Ich glaubte den Herrn überzeugt zu haben, als wir in Baden anlangten. Dort aber fanden wir den König von Sachsen, der im Auftrage aller Fürsten die Einladung nach Frankfurt erneuerte (19. August). Diesem Schachzug zu widerstehen, wurde meinem Herrn nicht leicht. Er wiederholte mehrmals die Erwägung: »Dreißig regierende Herren und ein König als Kurier!« und er liebte und verehrte den König von Sachsen, der unter den Fürsten für diese Mission auch persönlich der berufenste war. Erst um Mitternacht gelang es mir, die Unterschrift des Königs zu erhalten für die Absage an den König von Sachsen. Als ich den Herrn verließ, waren wir beide infolge der nervösen Spannung der Situation krankhaft erschöpft, und meine sofortige mündliche Mitteilung an den sächsischen Minister von Beust trug noch den Stempel dieser Erregung. Die Krisis war aber überwunden, und der König von Sachsen reiste ab, ohne meinen Herrn, wie ich es befürchtet hatte, nochmals aufzusuchen. — Die durch die Ablehnung erzeugte Verstimmung war nach meinen Eindrücken hauptsächlich der Antrieb, der das Wiener Kabinett zu einer Verständigung mit Preußen im Widerspruche mit der bundestägigen Auffassung leitete. Diese neue Richtung entsprach dem österreichischen Interesse, auch wenn sie länger beibehalten worden wäre. Dazu wäre vor allem erforderlich gewesen, daß Rechberg am Ruder blieb. Wäre damit eine dualistische Führung des Deutschen Bundes hergestellt worden, der sich die übrigen Staaten nicht versagt haben würden, sobald sie die Überzeugung gewonnen hätten, daß die Verständigung der beiden Vormächte ehrlich und dauerhaft war, so würden auch die Rheinbundgelüste einzelner süddeutscher Minister, die am schärfsten, was auch Graf Beust in seinen Denkwürdigkeiten sagen mag, in Darmstadt zum Ausdruck kamen, dem österreichisch-preußischen Einfluß gegenüber verstummt sein.« In diesen heißen Tagen schrieb Bismarck der Gattin: »Was auch die Nachwehen des Frankfurter Fürstentages noch zu tun geben, kannst Du wohl denken. Wenn Könige bauen, haben die Kärrner zu tun, und wenn sie niederreißen, denn viel mehr ist ihr gegenwärtiger Bauversuch leider noch nicht, auch. Wenn die Fürsten ein Wettlaufen mit dem Nationalverein anstellen, dann kriegen wir armen Diplomaten und Halbdiplomaten viel Staub zu schlucken.« Ist es ein Wunder, daß er an diesen Tagen den Wunsch ausspricht, irgendeine Intrige möge jetzt ein anderes Ministerium durchsetzen, damit er mit Ehren diesem ununterbrochenen Tintensturm den Rücken drehen und still auf dem Lande leben könne? »Die Ruhelosigkeit der Existenz«, so schreibt er, »ist unerträglich; seit zehn Wochen im Wirtshause Schreiberdienste und in Berlin wieder; das ist kein Leben für einen rechtschaffenen Landedelmann, und ich sehe einen Wohltäter in dem, der mich zu stürzen sucht. Dabei brummen und kitzeln und stechen die Fliegen hier im Zimmer, daß ich dringend Änderung meiner Lage wünsche, die mir allerdings in wenig Minuten mit dem Berliner Zug ein Feldjäger mit fünfzig inhaltlosen Depeschen bringen wird.« An den Frankfurter Fürstentag knüpfte sich Bismarcks großes deutsches Programm vom 15. September. Es war der Gegenschlag gegen die Politik von Wien. Ihr Kernpunkt ist der Zwiespalt zwischen Preußens Stellung als Großmacht und einer Verfassung Deutschlands, der jeder Bundesstaat sich unterwerfen muß. Preußen bedarf voller Selbständigkeit, jetzt soll eine Mehrheitsabstimmung die Bundesglieder dem Bund unterwerfen. Das vernichte die preußische Souveränität und bedrohe Preußens Stellung als Großmacht. Das Element, das berufen sei, die Sonderinteressen der einzelnen Staaten im Interesse der Gesamtheit zu vermitteln, werde wesentlich nur in der Vertretung der deutschen Nation gefunden werden können. Nicht in einer Versammlung von Bundesabgeordneten aus den einzelnen Landtagen, sondern nur »in einer wahren, aus direkter Beteiligung der ganzen Nation hervorgehenden Volksvertretung«. »Jedes Wort in dieser Denkschrift«, sagt Max Lenz, »glich einer Schwertspitze, die auf die Brust des Rivalen gerichtet war.« Und in der Tat war in einer solchen Verfassung für Österreich kein Raum mehr, war ein Keil in den Bund geschoben, der ihn auseinandertreiben mußte und den nur das Eisen wieder zusammenfügen konnte. Aber die Verkündung Bismarcks wurde in Deutschland und vor allem in Preußen, wie gesagt, mit dem lautesten Hohn aufgenommen. War doch im preußischen Parlamente der Konflikt immer heißer entbrannt. Jeder Versuch, eine Versöhnung zu schaffen, scheiterte an dem Doktrinarismus der Gegner. Und auch die Weisheit, daß das ganze Verfassungsleben eine Reihe von Kompromissen sein muß und daß, wenn der Kompromiß dadurch vereitelt wird, daß eine der beteiligten Gewalten ihre eigene Ansicht mit doktrinärem Absolutismus durchführen will, daß dann Konflikte entstehen und solche Konflikte, da das Staatsleben nicht stillzustehen vermag, zu Machtfragen werden, überzeugte die Volksvertreter nicht von der Schwäche ihrer Situation. Schon die Rede, mit der Präsident Grabow das Hoch auf den König ausbrachte, war mit den schwersten Anklagen erfüllt, und die Antwort auf die Thronrede waren zwei Adressen, von denen die des Herrn Virchow in den schärfsten Wendungen von einer Verfassungsverletzung sprach. Schon in der Kommission erklärte darum Bismarck sofort, es gebe eine Grenze für das, was ein König von Preußen anhören könne. Werde die Adresse angenommen, so würde er dem König raten, sie abzulehnen. Leidenschaftlich erregt war auch die Debatte im Plenum. Der preußische Landtag, so rief Bismarck aus, sei kein englisches Parlament. Er sei nicht berechtigt, dem königlichen Hause seine verfassungsmäßigen Regierungsrechte abzufordern, um sie der Majorität des Parlamentes zu übertragen. »Das preußische Königtum hat seine Mission noch nicht erfüllt, es ist noch nicht reif dazu, einen rein ornamentalen Schmuck Ihres Verfassungsgebäudes zu bilden, noch nicht reif, sich als ein toter Maschinenteil dem Mechanismus des parlamentarischen Regimentes eingefügt zu wissen.« Als aber Herr Virchow höhnte: »Ja, meine Herren, es gibt eine Art von preußischer Sprache, das ist diejenige, welche die Herren vom Ministertische gegenwärtig reden; es ist aber die Sprache, welche man in der ganzen Welt nicht versteht«, da verwahrte sich der stolze preußische Junker dagegen, daß man das Wort »preußisch« als eine Art von Schimpfwort benutze, und schneidend rief er in den Saal: »Meine Herren, ich bin stolz darauf, eine preußische Sprache zu reden, und Sie werden dieselbe noch oft von mir hören.« Die Adresse wurde mit zweihundertfünfundfünfzig gegen achtundsechzig Stimmen angenommen. Der König aber ließ durch seinen Minister erklären, daß er sich nicht bewogen fühle, eine Deputation des Hauses zu empfangen. König Wilhelm trat mit Würde und Kraft seinen Ministern bei; er übernahm in gewissem Sinn auch äußerlich die volle Verantwortung für das, was geschah. [Illustration: ~Der deutsche Jordan~ Bismarck, hinabtauchend in die düsteren Fluten der deutschen Bundesreform, die das allgemeine Stimmrecht bringen sollte und durch das berühmte Rundschreiben vom 24. März angekündigt worden war. (»Hum. Listy«, April 1866)] Nun aber trat noch eine neue Verschärfung in das Verhältnis zwischen Regierung und Volksvertretern: Die polnische Rebellion warf neuen Zündstoff in das Feuer. Schon vorher hatte man die Auswärtige Politik auf das schärfste bekämpft, und selbst ein Mann wie Sybel verstieg sich zu der Bemerkung, die Kleinodien unserer Vergangenheit würden unter den Händen Bismarcks verfälscht, und der Blick in die Zukunft sei von Grund auf verdüstert; eine preußische Regierung, die den Aufgaben des Volkes im neunzehnten Jahrhundert gewachsen sein solle, müsse verstehen, große und ideale Ziele aufzustecken und so das Volk um ihr Banner zu versammeln! Und ein anderer Volksvertreter rief aus, daß, was auch dieses Ministerium in der Auswärtigen Politik unternehmen möge, jede seiner Unternehmungen mit Unfruchtbarkeit geplagt sein wird, denn es zählen nur die neugeschaffenen Bataillone und nicht die Herzen des Volkes. Preußen stehe geschwächt durch innere Zerwürfnisse und belastet mit dem Mißtrauen Deutschlands isoliert in der Welt, ~ohne einen schöpferischen Gedanken~; es werde gezwungen sein, unter das kaudinische Joch zu wandern und sich Österreichs Führung unterzuordnen. Erst eine spätere Zeit werde Preußens guten Genius von neuem enthüllen, aber nicht mit Blut und Eisen, und nicht mit Donner und Blitz, sondern mit dem friedlichen Sonnenschein eines verfassungstreuen, auf Freiheit und Recht begründeten Regimentes. Da hat Bismarck seinen Anklägern zugerufen, daß, wenn die Notwendigkeit eintreten sollte, die Ehre und Unabhängigkeit Preußens zu wahren, sie selbst gar nicht in der Lage wären, die Mittel der Abwehr gegen das Ausland zu verweigern, in deren Mangel sie jetzt eine Schwäche der Auswärtigen Politik erblickten. [Illustration: ~Die neue Allianz zwischen Rußland und Preußen oder: Endlich eine Aktion nach außen~ Am 1. Februar 1863 sandte Bismarck den General von Alvensleben nach Petersburg zum Abschluß der »Punktationen« zu gegenseitiger Hilfe gegen die polnische Revolution. (»Figaro«, Februar 1863)] Die Volksvertreter aber wollten Preußen zunächst durch die Förderung Polens zur Größe führen. In der Hoffnung auf Napoleons Unterstützung, verhetzt vom kleinen und großen Adel, waren die Polen in Warschau zur Rebellion geschritten. Mieroslawski war ihr Führer. Bald war der Aufstand bis an die Grenzen verbreitet. Bismarck warnte zuerst die preußischen Polen mit allem Nachdruck vor der Teilnahme, und als die Unruhen dennoch sich herüberzuziehen drohten, da schloß er am 8. Februar eine Konvention mit Rußland ab zum gemeinsamen Handeln gegen die Rebellen. Denn seinem klaren, realpolitischen Blick konnte es nicht entgehen, daß ein Sieg der Polen in Rußland eine Kette von Unruhen auch in den preußischen Ostprovinzen hervorrufen und daß bald auch der Anspruch auf Westpreußen, Posen und ein Teil von Pommern erhoben werden würde. Er wußte ebenso, welche Folgen für die russische Politik eine Begünstigung der Polen durch das Berliner Kabinett hervorrufen werde, und daß in allen kommenden Zeiten und Kämpfen die wohlwollende Neutralität Rußlands durch direkte Feindseligkeit ersetzt werden würde. Was der Dilettant, der als Kanzler sein Nachfolger wurde, leichtsinnig erwirkte, das hat Bismarck drei Jahrzehnte verhindert: die enge Fühlung zwischen Rußland und Frankreich. Gustav von Alvensleben schloß im Auftrage Bismarcks das Abkommen mit Rußland, tat den Schachzug, der die Partie entschied: Der Zar nahm von Anfang an seine Stellung neben Preußen, die Pariser Diplomatie jedoch, die sich von Bismarck abgedrängt sah, war tief entrüstet und drohte sogar, daß nur die Entlassung Bismarcks das Kaiserliche Kabinett zufriedenstellen werde. Auch der Zorn Englands war groß. Europa, so sagte der britische Vertreter am Berliner Hofe, werde es nicht dulden, daß die Konvention, die Preußens Kraft dem Zaren zur Unterdrückung der Rebellen zur Verfügung stellte, ausgeführt würde. Bismarcks Antwort war die kurze Frage: »Wer ist Europa?« Als der Engländer, etwas verlegen, erwiderte: »Verschiedene große Nationen«, replizierte der preußische Staatsmann: »Sind sie bereits darüber einig?« Ein Stoßseufzer Johannas Wie gewaltig Bismarcks Arbeitslast in dieser Kampfzeit war, beweist der Stoßseufzer Johannas in einem Brief an Herrn von Keudell vom 27. Januar 1863: »Diesen Schwirr von früh bis spät jeden und jeden Tag vertrage ich kaum. Ich werde allgemach unausstehlich dabei, und die Sorge um Bismarck seufzt ununterbrochen in den kläglichsten Mollauten durch mein Herz. ... Man sieht ihn nie und nie — morgens beim Frühstück fünf Minuten während Zeitungsdurchfliegens, also ganz stumme Szene. Darauf verschwindet er in sein Kabinett, nachher zum König, Ministerrat, Kammerscheusal, bis gegen fünf Uhr, wo er gewöhnlich bei irgendeinem Diplomaten speist, bis acht Uhr, wo er nur en passant guten Abend sagt, sich wieder in seine gräßlichen Schreibereien vertieft, bis er um halb zehn zu irgendeiner Soiree gerufen wird, nach welcher er wieder arbeitet bis gegen ein Uhr und dann natürlich schlecht schläft. Und so geht’s Tag für Tag. Soll man dabei nicht elend werden vor Angst und Sorge um seine armen Nerven? Wie sich das Demokratenvolk gegen meinen besten Freund benimmt, lesen Sie hinlänglich in allen Zeitungen. Er sagt, es sei ihm ›=nitschewo=‹ (absolut gleichgültig), aber ganz kalt läßt es ihn doch nicht.« — Ein kleiner Trost mochte es sein, daß doch, wie die Gattin ein anderes Mal schreibt, »aus allen Provinzen auch viele freundliche Adressen und Depeschen, Säbel, Kuchen, Lorbeerkränze und Gedichte« als Zeichen der Liebe kamen. Gar mancher erkannte ihn. So sagte Graf Limburg zu dem jungen Keudell: »Es muß schön sein, der Fahne eines Mannes wie Bismarck zu folgen, wenn sie auch in den Tod führen mag.« [Illustration: ~Bismarck, der russisch-preußische Grenzgendarm~ Während des polnischen Aufstandes gilt Bismarck, der jedem Eintreten für die Polen widerstrebt, als ein »Bedienter des Zaren«, als ein Gendarm. (»Frankfurter Laterne«, März 1863)] Die preußische Opposition machte sofort gegen Bismarck mobil. Die Sentimentalität oder, wie Bismarck alsbald sagte, die Neigung, sich für fremde Nationalitäten und Nationalbestrebungen zu begeistern, auch dann, wenn sie nur auf Kosten des eigenen Vaterlandes verwirklicht werden können, diese politische Krankheitsform, deren Verbreitung sich auf Deutschland leider beschränkt, verlangte nach dem Worte. Nicht einen Taler werde man zu einer solchen Politik diesen Ministern bewilligen, erklärte der eine; der Gendarmendienst, den Preußen dem Zaren leiste, müßte jedem Deutschen die Schamröte ins Angesicht treiben, dozierte der zweite; Bismarck stecke ein Dorf an, um einen Brief dabei zu lesen, meinte der dritte. Von dem Ausdruck »kurzsichtig« bis zu dem Worte »verrucht« wurde jedes Epitheton gewählt, das den Übergang vom Dummkopf zum Verbrecher bildet. Bettelbriefe »Auffallend«, schreibt Bismarcks Gehilfe von Keudell, »war mir die Behandlung der zahlreichen Bettelbriefe. Wenn solche den Eindruck wirklicher Not machten, wurde ich beauftragt die Bittsteller aufzusuchen und kleine Unterstützungen zu spenden, nicht etwa aus irgendeinem staatlichen Dispositionsfonds, sondern aus den Privatmitteln des Ministers. Einmal mußte ich einer in der Köpenicker Straße vier Treppen hoch wohnenden Witwe fünfundzwanzig Taler (fünfundsiebzig Mark) überbringen, was mir für die Privatverhältnisse des Gebers sehr hoch gegriffen schien. Ich erlaubte mir abzuraten von dieser dilettantischen Armenpflege, die immer neue unerfüllbare Ansprüche hervorrufen müßte. Die Antwort lautete: »Wer sich in Not bittend an mich wendet, dem helfe ich, soweit ich es mit meinen geringen Mitteln vermag.« So rief Waldeck aus: »Wenn wir leider ein Staat sind, der bei diesem Ministerium auf eine große Politik in Europa so wenig wie auf eine klare und wahre und freie und redliche Politik im Inneren irgendeinen Anspruch machen kann, so lassen Sie uns doch wenigstens zur Menschlichkeit und Humanität halten.« Simson bezeichnete die Politik der Regierung als »Donquichotterie«; Twesten erklärte, die Ehre der Regierung sei nicht mehr die Ehre des Staates und des Landes. Aus der Rede aber, die Bismarck am 6. Februar 1888 gehalten hat, wissen wir es, daß es nur seiner Entschlossenheit zu verdanken war, daß damals an Frankreich und Österreich von russischer Seite aus nicht der Krieg erklärt wurde, in den Preußen unweigerlich hineingerissen werden mußte. Es ist zu mancher heftigen Szene gekommen, vor allem, als der Vizepräsident Behrend auf die Anklage Bismarcks gegen Herrn von Unruh, daß er dem Auslande zurufe: »Kommt her, der Augenblick ist günstig, Preußen zu überfallen«, den Minister zur Ruhe verweisen wollte. Bismarck lehnte es ab, schroff und fast verletzend, sich der Disziplinargewalt des Präsidenten zu fügen: Er ergreife das Wort kraft der von Sr. Majestät ihm verliehenen Autorität; er könne das Wort zu jeder Zeit verlangen und müsse es erhalten und gehört werden. Niemand habe das Recht, ihn zu unterbrechen. Unter stürmischer Empörung des Hauses wiederholte Bismarck seine Anklage. Der Haß gegen ihn schien den Zenit erreicht zu haben. Die Faust aufs Auge Ein Beispiel für die treffsichere Schlagfertigkeit Bismarcks: Bei der Debatte über die polnische Frage meinte der Abg. von Hennig: »Denken Sie sich einmal Herrn von Bismarck und ein englisches Unterhaus! Das würde zusammenpassen wie die Faust aufs Auge; aber ich darf wohl glauben, daß Herr von Bismarck die Rolle des Auges übernehmen würde.« — Bismarck erwiderte sofort: »Ich bin dem Herrn Vorredner für diesen Vergleich sehr dankbar; denn das Auge ist unzweifelhaft der edlere Teil, das Auge leitet die Faust.« Der Seiltänzer Sogar ein Mann wie der sonst so maßvolle Simson erhob gegen Bismarck den Vorwurf der Unfähigkeit: »Ich verlange nicht,« äußerte er, »denn das Verlangen wäre ein übermäßiges, daß eine Regierung allezeit den kühnen Flug des Genies einzuhalten imstande sein soll. Mehr gerechtfertigt wäre schon die mildere Forderung, daß sie den ruhigen, sicheren Gang des Talentes und der Erfahrung zu gehen verstände. Aber in jedem Falle wird die Bewunderung dafür, daß jemand nicht fällt, die Bewunderung, die man jedem Seiltänzer würde zuwenden müssen, eine Bewunderung sein, nach der nicht jedermanns Gaumen und jedermanns Appetit stände.« Bismarck hielt es nicht für seiner Würde entsprechend, hierauf die entsprechende Antwort zu geben. In jenen Zeiten langten auch die ersten »Todesurteile« gegen Bismarck an; das erste am 3. April aus Warschau, angeblich von einem Polenkomitee mit der Anzeige, daß er wegen seines Auftretens gegen die polnische Nation zum Tode verurteilt sei und auf offener Straße ermordet werden solle. Am 21. Mai empfing er dann aus »Ost-Coczya bei Thoren« ein von der »Warschauer Henkerkommission« unterzeichnetes Schreiben in Begleitung eines Holzkastens, in dem ein mit schwarzweißer Schleife gezierter Strang lag. Auch Regreßansprüche wollte man gegen ihn geltend machen: Die Minister seien für die von ihnen ohne Budget verausgabten Summen mit ihrer Person und ihrem Vermögen haftbar. Man riet Bismarck, seinen Grundbesitz im Interesse der Seinen an einen Verwandten abzutreten. Er lehnte das entschieden ab, um den Schein einer Besorgnis für sein Vermögen zu vermeiden. Ein Nachbar aber von Schönhausen, ein Herr von Katte, hatte tatsächlich Vorkehrungen getroffen, um im Fall eines Regresses dem Minister ein ansehnliches Kapital zur Verfügung zu stellen. Seine Stimmung wurde jedoch hierdurch nicht in besonderem Maße verdüstert. Dafür zeugte auch die kleine Episode vom 17. April, die Herr Virchow heraufbeschwor, weil Bismarck sich für kurze Zeit aus dem Sitzungssaale in das von ihm nur durch eine Türe getrennte Ministerzimmer begeben hatte. Herr Virchow beantragte deshalb die Vertagung der Debatte und die Einladung der Minister auf Grund des Artikels 60 der Verfassung. Da ereignete sich folgende Szene: Bismarcks feines Gehör Als Virchow geendet, trat der Minister, der im Nebenraume wohl den schon erwähnten hübschen Brief an Motley schrieb, in dem er von den ungewöhnlich abgeschmackten Reden aus dem Mund ungewöhnlich kindischer und aufgeregter Politiker sprach, in den Saal zurück und erklärte ironisch: »Ich wollte zur Beruhigung der Herren nur bemerken, daß sowohl der Herr Vorredner als der letzte Herr Redner im Nebenzimmer vollkommen verständlich waren.« Der Abgeordnete Parisius rief hierauf in die gewaltige Aufregung hinein: »Es ist bekannt, daß der Deutsche eine ungeheuere Portion Geduld hat, und auch dieses Haus hat es in einem hohen Maße bewiesen. Wenn aber der Herr Ministerpräsident in einer so wegwerfenden und ganz und gar der Würde des Hauses und den Verhandlungen unangemessenen Weise hier auftritt, seinen Sitz verläßt, ins Nebenzimmer geht und hinterher mit der Bemerkung kommt, daß der Redner im Nebenzimmer gehört sei, dann, meine Herren, muß ich bemerken, ist es Sache des Herrn Präsidenten, wenigstens zu konstatieren, wie wir hier behandelt werden. Wir sitzen hier nicht zu unserem Vergnügen; wir führen eine ernste Debatte und suchen das Beste des Vaterlandes zu fördern.« Herr von Bismarck erwiderte: »Ich muß dem Herrn Abgeordneten jedes Urteil über das, was für mich gehörig oder ungehörig ist, absprechen. Wir sitzen hier alle nicht zu unserem Vergnügen. Ich habe noch sehr viel andere Aufgaben außer der, Ihnen zuzuhören. Ich habe mit Leuten zu sprechen, die nicht warten können. Es ist mir nicht möglich, ununterbrochen Ihren Verhandlungen beizuwohnen. Wenn ich den Vorteil habe, bei der sonoren Stimme der Herren Vorredner im dortigen Zimmer, am Tische arbeitend, Ihre Rede hören zu können, so weiß ich nicht, wie Sie darin eine Veranlassung zu diesem Aufwande von sittlicher Entrüstung finden können.« Diese Szene führte zu einem niedlichen Intermezzo im Theater. Von Helmerding parodiert Der Königlich Sächsische Ministerpräsident von Beust war mehrfach zu Tisch bei Bismarck. Beust war nach Berlin gekommen, um über den Beitritt Sachsens zu dem französisch-preußischen Handelsvertrag Unterhandlungen zu pflegen. Natürlich wurde er auf das gastlichste aufgenommen; Bismarck erwies ihm alle Aufmerksamkeit und geleitete ihn eines Abends auch in das »Wallnertheater«. Sie sahen einen kleinen Soloscherz, betitelt: »Eine neue Bluette«, welchen Helmerding ausführte. In dieser Rolle hatte er eine inmitten der Bühne freistehende Theaterflügeltür anzubohren und sich darauf hinter dieselbe zu begeben, um den Auftritt eines Schauspielers anzudeuten. Kurz vorher sang der beliebte Komiker ein Couplet, das die strengen Maßregeln der Regierung wider die Presse geißelte. Der Beifall war frenetisch. Auch die beiden Minister stimmten ein. Als man aber den Komiker immer und immer wieder zu sehen begehrte, weigerte er sich lange, dem Hervorruf Folge zu leisten. Unbeweglich blieb er hinter seiner Theatertür. Endlich trat er hervor und sagte mit gesetzter Miene: »Es ist nicht nötig, mich zu rufen! Ich höre auch hinter der Tür alles, was hier vorgeht!« Der Beifallssturm brach von neuem los. Aller Augen richteten sich auf die Loge, wo Bismarck saß. Und dieser selbst soll am lautesten applaudiert haben. Es kam im Mai zur Auflösung des Landtags. Auch Herr von Roon war in einen scharfen Konflikt mit dem Präsidenten geraten. Als man dem Ministerium Verfassungsbruch und Erregung von Unfrieden im Lande vorwarf, da hatte er dies eine »ganz unberechtigte Anmaßung« genannt und auf die Unterbrechung durch den Präsidenten von Bockum-Dolffs zornig erklärt: »Ich lasse mich nicht unterbrechen, ich kann sprechen nach der Verfassung, wann ich will. Die Befugnis des Präsidenten geht bis an den Ministertisch und nicht weiter!« Unter großem Lärm des Hauses bedeckte der Präsident sein Haupt mit einem ihm übrigens aus Versehen gebrachten fremden und viel zu großen Hut und erklärte die Sitzung für suspendiert. König Wilhelm selbst aber trat in einer Botschaft für seinen Minister ein, und als das Abgeordnetenhaus in einer Adresse erklärte, es habe kein Mittel der Verständigung mehr mit diesem Ministerium und lehne jede Mitwirkung bei seiner Politik ab, da erklärte der tapfere alte Herr: »Meine Minister besitzen mein Vertrauen, ihre amtlichen Handlungen sind mit meiner Billigung geschehen, und ich weiß es ihnen Dank, daß sie es sich angelegen sein lassen, dem verfassungswidrigen Streben des Abgeordnetenhauses nach Machterweiterung entgegenzutreten.« Am 27. Mai 1863 wurde die Session geschlossen, am 2. September das Abgeordnetenhaus aufgelöst. Es folgten das Preßedikt, Preußens »Juliordonnanzen« und das Wahlregulativ. Und es folgte das Auftreten des Kronprinzen gegen den Vater, die »Danziger Episode«. Und so schroff hier Friedrich Wilhelm gegen den Minister seines Vaters Stellung nahm, so ist doch gerade der Angegriffene es gewesen, der den König von jeder harten Maßregel zurückhielt, der ihn mahnte, säuberlich mit dem Knaben Absalom zu verfahren, der ihn daran erinnerte, daß in dem Konflikte zwischen Friedrich Wilhelm =I.= und seinem Sohne dem letzteren die Sympathie der Zeitgenossen und der Nachwelt gehöre und daß es nicht ratsam sei, den Kronprinzen zum Märtyrer zu machen. Auch hier hat Bismarck gesiegt, und er konnte später einmal rufen, wie einer seiner Vertrauten berichtet: »Beim König wurde ich von allen Seiten als verkappter Demokrat verdächtigt. Dieser Kampf kostete mir meine Nerven, meine Lebenskraft. Aber besiegt habe ich alle, alle!« Selbst ein Heinrich von Treitschke konnte damals schreiben, daß die Verfassung verletzt sei in ihren wesentlichen Bestimmungen, und fortfahren: »Wir haben sie ja selber redlich mitgekostet, die brennende Empfindung der Scham, wir von der preußischen Partei außerhalb Preußens, die wir unsere stolzesten deutschen Hoffnungen auf diesen Staat auch dann noch stützen werden, wenn ein Bismarck der Zehnte in Preußen regierte, die wir ihn heute umhergehen sehen gleich dem Schlafwandler, dem die gesunden Leute schwindelnd nachschauen auf seiner halsbrechenden Bahn.« Und auch gegen den König war ein solcher Haß erwacht, daß der Berliner Witz, als er nach Karlsbad reiste, das Schmähwort fand, Lehmann — das war der Spitzname des Monarchen — sei leberleidend abgereist und leider lebend wiedergekommen. Bismarck folgte dem König nach Karlsbad; er traf ihn später in Regensburg und begab sich dann über Dresden, wo er mit Beust verhandelte, um Sachsen für seine Politik zu gewinnen, über Salzburg nach Gastein. Hier folgte alsbald die Entscheidung über den Fürstentag. »Nun geht der Wahlschwindel los«, schrieb im September Bismarck an Johanna. Die Wahlen haben die Opposition von neuem verstärkt. Gerade in der Geburtsstunde der neuen Zeit, in der das Schleswig-Holsteinsche Problem sich mit Macht in den Vordergrund drängen sollte, hat eine Volksvertretung gestanden, die nichts von dem Flügelschlag dieser Zeit verspürte und im öden Doktrinarismus so weit vorwärtsschreiten sollte, daß sie die Mittel zum Kriege gegen Dänemark versagte. [Illustration: (»Figaro«, Oktober 1863)] Am 15. November 1863 starb König Friedrich =VII.= von Dänemark als der Letzte seines Hauses; drei Tage später wurde sein Nachfolger, der Glücksburger Christian =IX.=, durch Ministerium und Volk gezwungen, die Verfassung zu unterzeichnen, die Schleswig von Holstein losreißen und dauernd dem Dänenjoch unterwerfen sollte. — Konnte Deutschland diese Herausforderung, diesen Bruch der Londoner Verträge ruhig ertragen? Noch hatte man, als ein Patent des Königs Friedrich im März für Holstein eine neue Verfassung oktroyierte, aus allgemeinen Gründen der europäischen Lage einzugreifen vermieden, aber schon damals hatte Bismarck den Volksvertretern erklärt: »Ich kann Ihnen versichern und dem Ausland versichern, wenn wir es für nötig halten, Krieg zu führen, so werden wir ihn führen mit oder ohne Ihr Gutheißen!« Aber es stand für Bismarck von Anbeginn fest, daß er einen Krieg nicht führen werde, um »im günstigsten Fall in Schleswig-Holstein einen neuen Großherzog einzusetzen, der aus Furcht vor preußischen Annexionsgelüsten im Bunde gegen uns steht und dessen Regierung ein bereitwilliges Objekt österreichischer Umtriebe sein würde, ungeachtet aller Dankbarkeit, die er Preußen für seine Erhebung schulden müßte.« Jetzt war der psychologische Moment gekommen. In Holstein entstand eine gewaltige Erregung, bewaffnete Freischaren standen auf, Adel und Bürgertum, Demokraten und Legitimisten standen zusammen. Bismarck aber blieb mitten in der Erregung kaltblütig und ruhig. Während die öffentliche Meinung sich von Schlagworten leiten ließ, hielt er daran fest, daß nur im Einvernehmen mit Österreich und den europäischen Mächten die Gefahr eines allgemeinen Krieges vermieden werden könnte, bei dem Deutschland seine Existenz einsetzen würde. Griff er aber zum Schwerte, so galt es auch, die Länder für Preußen zu erwerben. Es war ein Meisterstück Bismarcks, daß er Österreich mit sich verknüpfte, daß er es dazu brachte, beim Bundestage die möglichst schnelle Exekution zu fordern. Allerdings blieb Preußen das Land der Initiative, während Österreich sich nur widerwillig forttreiben ließ. [Illustration: Eisenblut: »Wer wird denn noch viel Umstände machen? Marsch, in die Butte mit euch, ihr Fratzen, das ist die beste und nationalste Lösung!« (»Figaro«, Juni 1863)] Und der preußische Landtag? Bismarck forderte eine Staatsanleihe von zwölf Millionen Talern. Eine Adresse war die Antwort, in der man »ehrfurchtsvoll und dringend« bat, den Erbprinzen von Augustenburg als Herzog von Schleswig-Holstein anzuerkennen und dahin zu wirken, daß der deutsche Bund ihm in der Besitzergreifung und Befreiung seiner Erblande wirksamen Beistand leiste. Am 22. Januar wurde die Anleihe mit 275 gegen 51 Stimmen verworfen. Es war einer der heißesten Kämpfe, die Bismarck hier führte, reich an scharfen Konflikten mit den Volksvertretern. [Illustration: ~Bismarck am Pfahl mit Napoleon und Kaiser Wilhelm.~ 1870. Nach einem Gemälde von A. Marie] Die Dinge verstehe ich besser Hier war es auch, wo er mit Virchow von neuem zusammentraf und ihn auf die Beschäftigung mit der Anatomie verwies; hier war es, wo er ihm auf die Bemerkung: »Ich will nur wünschen, daß es dem Herrn Ministerpräsidenten gelingen möge, unter den Diplomaten Europas eine ähnlich anerkannte Stellung zu finden, wie ich wenigstens sagen kann, daß ich sie unter meinen Spezialkollegen gefunden habe«, die Antwort gab: »Der Herr Vorredner hat gesagt, er wünsche, daß ich dereinst in meinem Fache mich derselben Anerkennung erfreuen möge wie er in dem seinigen. Ich unterschreibe diesen Wunsch mit voller Aufrichtigkeit. Ich erkenne die hohe Bedeutung des Herrn Vorredners in seinem Fache vollkommen an und gebe zu, daß er in dieser Beziehung einen Vorsprung vor mir hat. Wenn aber der Herr Vorredner sich aus seinem Gebiet entfernt und auf mein Feld unzünftig übergeht, so muß ich ihm sagen, daß über Politik sein Urteil ziemlich leicht für mich wiegt. Ich glaube wirklich, meine Herren, ohne Überhebung, die Dinge verstehe ich besser. (Große Heiterkeit.) Der Herr Vorredner hat gesagt, mir fehle das Verständnis für die nationale Politik; ich kann ihm den Vorwurf nur mit der Unterdrückung des Epithetons zurückgeben. Ich finde bei dem Herrn Vorredner Verständnis für Politik überhaupt nicht. Dieses Verständnis ist gewiß auch in anderen Ländern nicht weiter verbreitet als bei uns (Unruhe), aber es findet sich in anderen Parlamenten doch selten dieser Grad von Entschlossenheit im Bilden und Aussprechen von Ansichten gepaart mit demselben Maße von Unkenntnis der Dinge wie bei uns.« Überhaupt ging Bismarck gerade in dieser Zeit mit aller Schroffheit gegen die politischen Dilettanten vor, die ihm aus dem Wust ihrer Theorien heraus und ohne irgendwelche Kenntnis der praktischen Möglichkeiten täglich Steine in den Weg rollten. Hier prägte er den klassischen Satz. »Es ist ein gefährlicher Irrtum, aber heute weit verbreitet, daß in der Politik dasjenige, was kein Verstand der Verständigen sieht, dem politischen Dilettanten durch naive Intuition offenbar wird.« Mit den Worten: »Sagen wir uns von jeder Gemeinschaft mit der Politik dieses Ministeriums los! Verwahren wir uns vor jedem seiner Schritte, und geben wir dieser Verwahrung und Lossagung die erste praktische Folge durch die Verwerfung der Anleihevorlage!«, empfahl dennoch die Kommission des Landtags dem Plenum die Verwerfung der Mittel für den Kampf um Schleswig-Holstein. Daß Bismarck »jetzt dem Bösen verfallen ist und von ihm nicht wieder loskommen wird«, dieser Satz des Herrn Virchow zeugte von der gleichen prophetischen Erkenntnis wie die Behauptung des Grafen Schwerin, daß das eigentliche Motiv für die Haltung Bismarcks die Furcht vor der Demokratie und die Besorgnis vor dem Auslande sei. Schwerer noch war der Kampf, den Bismarck mit seinem alten Herrn führen mußte. »Ich weiß eigentlich nicht,« schrieb er an Roon, bevor er zur entscheidenden Sitzung des Landtags ging, »was ich Ihnen sagen soll, nachdem so gut wie klar ist, daß Se. Majestät auf die Gefahr hin, mit Europa zu brechen und ein schlimmeres Olmütz zu erleben, sich schließlich der Demokratie und den Würzburgern fügen will, um Augustenburg einzusetzen und einen neuen Mittelstaat zu schaffen. Was soll man da noch reden und schimpfen? Ohne Gottes Wunder ist das Spiel verloren, und auf uns wird die Schuld von Mit- und Nachwelt geworfen. Wie Gott will. Er wird wissen, wie lange Preußen bestehen soll. Aber leid ist mir’s sehr, wenn’s aufhört, das weiß Gott!« [Illustration: »~Störe ich?~« Bismarck und Pauline Lucca. (»Kladderadatsch«, Okt. 1865)] Der Krieg wurde siegreich geführt; uralte deutsche Träume fanden Erfüllung, aber der Konflikt währte weiter. Nur leise begann sich neue Erkenntnis zu regen, nur langsam wuchs der Glaube an Bismarck. Erst ein neuer siegreicher Krieg sollte den völligen Umschwung bringen. Unbelehrbar aber blieben die um Virchow, und gerade mit diesem Manne kam es zu einem der schärfsten Renkontres, die Bismarck auf dem parlamentarischen Feld erlebte. Das Duell mit Virchow In einer Debatte über die Schleswigsche Politik bemerkte Virchow, daß er, wenn der Minister die Berichte wirklich gelesen hätte, nicht mehr wisse, was er von seiner Wahrheitsliebe halten solle. Hierauf erwiderte Bismarck: »Der Herr Abgeordnete hat lange genug in der Welt gelebt, um zu wissen, daß er sich damit der technischen und spezialen Wendung gegen mich bedient hat, vermöge deren man einen Streit auf das rein persönliche Gebiet zu werfen pflegt, um denjenigen, gegen den man den Zweifel an seiner Wahrheitsliebe gerichtet hat, zu zwingen, daß er sich persönliche Genugtuung fordert. Ich frage Sie, meine Herren, wohin soll man mit diesem Tone kommen? Wollen Sie den politischen Streit zwischen uns auf dem Wege der Horatier und Curiatier erledigen? Es ließe sich davon reden, wenn es Ihnen erwünscht ist!« Als Virchow es ablehnte, seine Worte zurückzunehmen, sandte ihm Bismarck durch den Hauptmann von Puttkamer eine Pistolenforderung, deren Annahme das Abgeordnetenhaus, an das Herr Virchow appellierte, verbot. Über diese Angelegenheit schrieb Bismarck an den ihm befreundeten Roman-Andrae: »Was die Virchowsche Sache anbelangt, so bin ich über die Jahre hinaus, wo man in dergleichen von Fleisch und Blut Rat annimmt. Wenn ich mein Leben an eine Sache setze, so tue ich es in demjenigen Glauben, den ich mir in langem, schwerem Kampfe, aber in ehrlichem und demütigem Gebete vor Gott gestärkt habe, und den mir Menschenwort, auch das eines Freundes im Herrn und eines Dieners seiner Kirche, nicht umstößt.« In diesem Briefe geht Bismarck auch auf eine Affäre ein, die, an sich völlig harmlos, ihm doch manchen Ärger bereitet hat. Pauline Lucca In Ischl war es passiert, daß Pauline Lucca, die berühmte Sängerin, ihre Ferien gleichzeitig mit dem König Wilhelm und Bismarck verlebte. Eines Tages blieb die Sängerin einen Augenblick vor dem Hotel Elisabeth stehen, in dem der König und Bismarck abzusteigen pflegten. Da trat letzterer aus dem Hause, eilte auf »Paulinchen« zu und begrüßte sie herzlich. »Exzellenz, kommen Sie mit,« bat die Lucca, »ich will mich eben photographieren lassen.« — »Ich kann nicht,« antwortete der Minister, »ich erwarte meine Chiffreure, die scheinen spazieren gegangen zu sein.« — »Gengen S’, Exzellenz, Sie können die Depeschen später lesen«, sagte die Lucca in ihrem Wiener Dialekt, und Bismarck, galant wie immer, ging mit zum Photographen. Dort ließ sich erst die Sängerin, dann der Minister allein photographieren, als mit einmal die kleine Teufelin aufsprang und rief: »Exzellenz, ich habe eine süperbe Idee! Wie wär’s, wenn wir uns zusammen photographieren ließen?« Bismarck stimmte wieder zu, und der Photograph ging ans Werk. Auf dem sehr selten gewordenen Bilde sitzt die Sängerin, den Kopf in die linke Hand gestützt, den Beschauer voll ansehend, an der einen Ecke des Tisches, ihr gegenüber an der anderen Ecke Bismarck, die Lucca anblickend, den rechten Arm auf dem Tische, die linke Hand auf dem Knie ruhend. Nach einigen Tagen war das Bild in hundert Händen, und ganz Ischl sprach von nichts anderem. Doch einige Zeit später fanden beide Abkonterfeite, daß es besser sei, das Bild aus dem Kunsthandel zu ziehen, und so mußte sich der Photograph verpflichten, keine neuen Abzüge zu machen, sowie die Platten zu vernichten. — In dem Briefe an Andrae schreibt nun Bismarck: »Über die Lucca-Photographie würden auch Sie vermutlich weniger streng urteilen, wenn Sie wüßten, welchen Zufälligkeiten sie ihre Entstehung verdankt hat. Außerdem ist die jetzige Frau von Rahden, wenn auch Sängerin, doch eine Dame, der man ebensowenig wie mir selbst ~jemals~ unerlaubte Beziehungen geschlechtlicher Art nachgesagt hat. Demungeachtet würde ich, wenn ich in dem richtigen Augenblick das Ärgernis erwogen hätte, welches viele und treue Freunde an diesem Scherze genommen haben, aus dem Bereiche des auf uns gerichteten Glases zurückgetreten sein.« Es mag hier ein Urteil angefügt werden, das ein Freund Bismarcks über ihn und seine Beziehungen zu der Frauenwelt gefällt hat: Bismarck und die Frauen »Es gibt in der Geschichte soviel große Männer, deren überquellende Naturkraft sich nicht nur im Genialen und Hohen, sondern auch im allzumenschlich Ewig-Weiblichen dokumentiert hat. Ich erinnere nur an Napoleon =I.=, Cäsar und Alexander. Mit um so größerem Stolze können wir Bismarck als absolut sittenreinen Mann auch in dieser Beziehung als Vorbild seines Volkes darstellen. Ihm, dem so viele Möglichkeiten von Frauenliebe und Anbetung geboten wurden, lag das Gefühl des tiefen Ernstes der Liebe zu sehr im Herzen, als daß er je flüchtig daran gestreift hätte. Er war eben durchaus ein Teutone, ein keuscher Mann, der sich selbst für zu würdig hielt, um sich nur auszuleihen. Ohne prüde zu sein oder der Natur ihr Recht verwehren zu wollen, war er jeder Frivolität feind und duldete in der behaglichen Atmosphäre seines Hauses auch keinen Anflug von Zynismus.« [Illustration: ~Preußisch-Patriarchalisches~ »Gnädigster Herr, ick melde jehorsamst, daß ick soeben aus der Kammer komme, und daß allens glücklich verrungeniert ist.« — Am 22. Februar 1866 schloß Bismarck plötzlich den preußischen Landtag, dem er dreifache Überschreitung seiner Befugnisse vorwarf. »Angesichts der Übergriffe und Überhebungen dieses Hauses«, so hieß es im Abschied. Es folgten die Siege in Böhmen. (»Figaro«, März 1866)] Nur noch einmal flammte der Konflikt empor: Noch zu Beginn des Jahres 1863 stellte Herr Virchow den Antrag, die Vereinigung Lauenburgs mit Preußen für rechtsungültig zu erklären, weil der König ohne Zustimmung des Landtags nicht Herrscher fremder Reiche sein dürfe. Hier stimmten bereits zweihunderteinundfünfzig gegen vierundvierzig Stimmen für Bismarcks Politik. Längst hatte ja auch der König Besitz von Lauenburg ergriffen, die für den Erwerb von Österreich geforderte Summe von zweieinhalb Millionen Talern hatte er aus eigenem Vermögen bezahlt, und am 26. September schon hatte im Auftrage des Königs Bismarck die Erbhuldigung der dortigen Stände in Ratzeburg entgegengenommen. Diese Handlung aber hatte ein charakteristisches Vorspiel: Der Oldenburger Rezeß In dem Ländchen besaß der Adel einen verbrieften »Rezeß«; er hatte den Wunsch, daß dieses vergilbte Vorrecht, das ihm die Alleinherrschaft und die Ausbeutung gewährleistete, auch in Zukunft bestehen bleibe. Von einem Junker wie Bismarck glaubten sie sicher, die Erfüllung ihres Wunsches erwarten zu können. Aber es kam anders. Während einer Kahnfahrt auf dem schönen Landsee bei Ratzeburg am Nachmittage des 25. Septembers meinte ein hervorragendes Mitglied der Lauenburger Ständeversammlung an Bismarcks Seite, diese noch schwebende Herzensfrage der Ritterschaft bereinigen zu müssen, und fragte leicht: »Apropos, Exzellenz, wie steht es mit unserem Rezeß? Ich hoffe, daß Se. Majestät ihn bewilligen werden, ehe Sie unsere Huldigung verlangen.« — »Ich vermute, daß der König dies nicht tun wird«, versetzte Bismarck. — »Dann werden wir uns morgen mitten in der Kirche weigern, zu schwören«, entgegnete sein Kahnnachbar. — »Je nun,« erwiderte Bismarck kühl, »da werden die Herren morgen mitten in der Kirche zu hören bekommen, daß sie der nächsten preußischen Provinz einverleibt sind.« Fortan war im Kahn nur von den Reizen der Landschaft noch die Rede. Nach Ratzeburg zurückgekehrt, entwarf Bismarck aber sofort ein Dekret, welches die Einverleibung Lauenburgs in die Provinz Brandenburg verkündigte und das verlesen werden sollte, falls die Stände die »rechte Erbhuldigung« weigern würden. Diesem Dekrete gab der König seine Zustimmung, und Bismarck steckte es in die Tasche, ehe er am nächsten Morgen die Kirche betrat. Nach der Predigt forderte er die Ritter- und Landschaft zum Schwur auf, und siehe da, sie schwuren alle ohne Anstand. Vom »Rezeß« und den Vorrechten der Junker war in Lauenburg fortan keine Rede mehr. Jetzt aber brausten die Stürme der Weltgeschichte immer gewaltiger daher; sie fuhren auch über die Häupter der Gegner Bismarcks dahin und beugten sie tief zu Boden. In dem Antrag auf Indemnität hat dann Bismarck mit der Geste des Kavaliers der bösen Zeit den Schlußstein gesetzt. [Illustration: »Na, nu kann’s anjeh’n!« (Aus »Horning, Deutsches Militär«)] Düppel und Königgrätz Der Krieg gegen Dänemark begann. Auch Österreich ging vor, nachdem Bismarck der eigentlich leitende Minister seiner Politik geworden war. Die kleineren deutschen Staaten freilich zogen sich in den Schmollwinkel zurück; dem Starken allein blieb der Weg frei. Hier aber waren zum erstenmal die drei Männer vereint, die für die Zukunft Deutschlands so ungeheuere Bedeutung erlangen sollten, Bismarck, Roon und Moltke. Mit Roon hat den großen Staatsmann durch alle Zeiten ein inniges Verhältnis verknüpft, Moltke dagegen war eine kühle Natur, die sich auch ihm gegenüber niemals unbefangen erschloß. Er hat vor allem es nie ertragen, daß Bismarck auch in militärischen Fragen den Blick des Genies besaß. Welcher Gegensatz auch der Charaktere! Kalt, stahlhart und stets ein Mann der Berechnung, hatte Moltke frühe gelernt, jedes warme Gefühl zu unterdrücken und sich ganz in den Dienst seines Berufes zu stellen; Bismarck aber war leidenschaftlich, temperamentvoll; er hatte ein glühend empfindendes Herz; sein Gemütsleben war reich und tief. Im Dänischen Kriege hat Bismarck, wie auch später immer, den Schauplatz der Entscheidungen betreten. In den Kugelregen allerdings ist er nicht mehr gekommen; er ist erst mit dem Könige zusammen nach Schleswig geeilt, um an dem Vorbeimarsch der Düppelstürmer vor dem obersten Kriegsherrn teilzunehmen. Schon damals durfte er sagen: »Sie werden sehen, in ganz kurzer Zeit bin ich der populärste Mann in ganz Deutschland.« Die Streitigkeiten, die unter den im Felde stehenden Generalen ausbrachen, führten auch einmal zu einem Eingreifen Bismarcks: Der Abjott Deitschlands Wrangel hatte die Grenze von Jütland überschreiten wollen, war jedoch dabei auf den Widerstand des österreichischen Zivilkommissars gestoßen, der aus diplomatischen Bedenken gegen diesen Schritt protestierte. Die Angelegenheit wurde Bismarck telegraphisch mitgeteilt, und er entschied sich gegen die Auffassung Wrangels, weil er das Einverständnis Österreichs hierzu zu bedürfen glaubte. Wrangel sandte hierauf an den König ein entrüstetes Telegramm, in dem er von Diplomaten sprach, die die schönsten Situationen verdürben und den Galgen verdienten. Bismarck war darüber natürlich nicht erbaut, und er hat lange Zeit hindurch den alten Haudegen übersehen und als eitel Luft behandelt. Es kursiert eine Anekdote über die Art, wie beide Männer sich wieder versöhnten. Sie saßen einmal bei der Hoftafel nebeneinander, als Wrangel fragte: »Mein Sohn, kannst du nicht vergessen?« — »Nein.« Nach einer Pause fragte der alte General: »Mein Sohn, kannst du nicht vergeben?« — »Von ganzem Herzen«, rief Bismarck. So sind sie wieder gute Freunde geworden. In einem Brief an Roon vom 26. Januar nannte Bismarck den alten General »den Abjott Deitschlands«, vor dessen bedenklichen Sprüngen man sich hüten solle. Während aber die deutschen Truppen siegreich vorwärts stürmten, suchte die europäische Diplomatie, vor allem England, ihnen in den Arm zu fallen. Indem er hier den Widerstand besiegte und die Bahn für seine Pläne befreite, hat Bismarck, wie er später gern erklärte, sein schwierigstes diplomatisches Meisterstück vollbracht. Als die von England nach London berufene Konferenz zusammentrat, da war Düppel bereits erstürmt, da hatte Bismarck aber auch in schwierigen Geheimverhandlungen sich Frankreichs Beistand gesichert. Da hatte man den Gedanken, um Dänemarks willen mit Deutschland Krieg zu beginnen, überall in seiner vollen Absurdität erkannt. Bismarck hat damals, wie er an Motley schrieb, »wie ein Nigger« gearbeitet: »Es kommt bei mir vor, daß ich in fünf Tagen keine Viertelstunde zu einem Spaziergang finden kann!« Unter den Gegnern seiner Politik fand er auch jetzt wie so oft Herrn von Beust, der noch zuletzt die Anerkennung des Augustenburgers verlangte. Bismarck rächte sich, indem er später folgendes Urteil fällte: Beust »Wenn ich mir ein Urteil über die Gefährlichkeit eines Gegners bilden will, so subtrahiere ich zunächst von dessen Fähigkeiten seine Eitelkeit. Wende ich dieses Verfahren auf Beust an, so bleibt als Rest wenig oder nichts.« Das Ende des Krieges hatte nach unendlichem Wirrwarr und einer Fülle der kompliziertesten diplomatischen Verhandlungen zur Übertragung der Souveränität über Schleswig und Holstein an die beiden deutschen Großmächte geführt. Die Verhandlungen mit Österreich lenkten damals die Schritte des leitenden Ministers auch wieder nach Wien, nach Schönbrunn und Baden. Wie anders aber das Bild, als in jenen Tagen, da er von Frankfurt her zum Wiener Hofe kam! Wie anders auch seit damals, da er mit Johanna hier auf der Hochzeitsreise weilte! Wie einst im Mai Welche köstliche Reminiszenz an die erste Zeit der jungen Liebe erweckt ein Brief aus diesen reich belasteten Tagen, der am 20. August 1864 aus Schönbrunn zur Gattin flog! »Es ist zu verwunderlich, daß ich gerade in den Zimmern zu ebener Erde wohne, die auf den heimlichen, reservierten Garten stoßen, in den wir vor ziemlich genau siebzehn Jahren beim Mondschein hier eindrangen! Wenn ich über die rechte Schulter blicke, so sehe ich durch eine Glastüre gerade den dunkeln Buchenheckengang entlang, in welchem wir mit dem heimlichen Behagen am Verbotenen bis an die Glasfenster wanderten, unter denen ich jetzt wohne. Es war damals eine Wohnung der Kaiserin, und jetzt wiederhole ich im Mondschein unsere damalige Wanderung mit mehr Bequemlichkeit. ...« Ob auch mit mehr Behagen? »Feldjäger, Tintenfaß, Audienzen und Besuche umschwirren mich ohne Unterlaß«, so schreibt er; »auf der Promenade mag ich mich gar nicht zeigen; kein Mensch läßt mich in Ruhe.« Und doch war das Ziel noch längst nicht erreicht. Denn das, was er als notwendig für Deutschlands Heilung erkannte, die entscheidende Auseinandersetzung mit Österreich, war auch jetzt noch nicht erfüllt. Ja, in der Lösung der Nordischen Frage selbst lag schon der Keim für künftige Konflikte. Nur durch die Gewalt der Umstände war ja schließlich Österreich dazu gelangt, den eigenen Standpunkt preiszugeben. Fast in jeder Einzelheit in den weiteren Verhandlungen zeigten sich Differenzen zwischen Bismarck und der kaiserlichen Regierung, mochte es sich nun um die Frage handeln, ob der Bund von den Beratungen unterrichtet werden solle, mochte Österreich verlangen, daß die Verwaltung der Herzogtümer einem dreiköpfigen Kollegium übergeben werden solle, oder mochte man hier die Forderung stellen, zuerst das Recht der Thronfolge zu ordnen. Aus jener Zeit stammt Bismarcks Klage: Bismarck als Faust »Faust«, so sagte er, »klagt über die zwei Seelen in seiner Brust; ich beherberge aber eine ganze Menge, die sich zanken. Es geht da zu wie in einer Republik. Das meiste, was sie sagen, teile ich mit. Es sind da aber auch ganze Provinzen, in die ich nie einen anderen Menschen werde hineinsehen lassen.« Ein Traum Seinem alten Lehrer =Dr.= Bonnell erzählte in jenen Tagen Bismarck einen Traum. Er sei auf einem Gebirgspfad in die Höhe gestiegen, der immer enger geworden sei, bis er endlich vor einer hohen Wand gestanden und neben sich in einen tiefen Abgrund geblickt habe. Einen Augenblick habe er überlegt, ob er umkehren solle, dann habe er sich entschlossen und mit seiner Gerte einen Schlag gegen die Wand geführt; augenblicklich sei diese verschwunden und der Weg frei gewesen. Das Bedürfnis nach Erholung faßte jetzt auch einmal diesen starken Mann. Es treibt ihn von neuem nach dem Süden Frankreichs, nach Biarritz und den Pyrenäen. Dort in dem schönen Badeorte sitzt er am offenen Fenster, den Blick auf die blaue, sonnige See gerichtet, deren Rauschen von dem Schellengeklingel der Wagen auf der Bayonner Straße begleitet ist. »In so behaglichen Zuständen habe ich mich klimatisch und geschäftlich lange nicht befunden, und doch hat die üble Gewohnheit des Arbeitens schon so tiefe Wurzeln bei mir geschlagen, daß ich einige Gewissensunruhe über mein Nichtstun fühle, fast Heimweh nach der Wilhelmstraße, wenigstens wenn die Meinen dort wären.« [Illustration: Was aber nanu? — Nach den Siegen über die Dänen beherrschte die Frage jedes Interesse: welches wird das Schicksal der befreiten Lande sein? Graf Rechberg und Herr von Bismarck sinnen darüber. (»Figaro«, Mai 1864)] In Lebensgefahr Hier unten ist Bismarck auch einmal in ernster Lebensgefahr gewesen. »Da erinnere ich mich,« so hat er später in Versailles erzählt, »ich war einmal mit einer Gesellschaft, unter der sich auch die Orloffs befanden, im südlichen Frankreich beim Point du Gard. Es ist das eine alte Wasserleitung aus römischer Zeit, die in mehreren Etagen über ein Tal weggeht. Da sagte die Fürstin Orloff, eine lebhafte Frau, wir wollen oben darüber gehen. Das war ein sehr schmaler Gang neben der Rinne, nur etwa anderthalb Fuß breit, dann die tief eingeschnittene Rinne und auf der anderen Seite wieder eine Mauer mit Platten darauf. — Die Sache war nicht unbedenklich, aber ich konnte mich doch von einem Frauenzimmer nicht an Mut übertreffen lassen. So unternahmen wir beide denn das Kunststück. Er aber ging mit den anderen unten im Tale hin. Eine Weile schritten wir auf den Platten fort, und da ging es gut auf der schmalen Kante, von der man in eine Tiefe von mehreren hundert Fuß hinabsah. Dann aber waren die Platten weggefallen, und man ging über eine bloße schmale Mauer. Eine Strecke weiterhin kamen wir zwar wieder auf ein Stück mit Platten, und dann gab’s wieder nur die unsichere Mauer mit ihren schmalen Steinen. Da faßte ich mir ein Herz, schritt rasch auf sie zu, faßte sie mit dem einen Arm und sprang mit ihr in die vier bis fünf Fuß tiefe Rinne hinunter. Aber die unten, die uns nun plötzlich nicht mehr sahen, hatten die größte Angst, bis wir endlich drüben wieder erschienen.« »Auch sonst«, erzählte er weiter, »bin ich noch ein paarmal in Lebensgefahr gewesen. Zum Beispiel, als die Semmeringbahn noch nicht fertig war — ich glaube, es war 1852 —, da ging ich mit einer Gesellschaft durch einen von den Tunneln oben. Ich erinnere mich, Graf Octavio Kinsky war dabei, etwas älter als ich, mit gelockten Haaren. Es war ganz finster drin. Ich ging den anderen mit einer Laterne voran. Nun zog sich da quer über den Boden eine Schlucht oder Spalte hin, die war wohl fünfzig Fuß tief und etwa anderthalbmal so breit wie der Tisch hier. Darüber hatten sie ein Brett gelegt, welches zu beiden Seiten Leisten hatte, damit die Karren nicht abrutschten. Dieses Brett mußte morsch sein; denn wie ich in der Mitte bin, bricht es ein, und ich fahre hinunter, bleibe aber, da ich unwillkürlich die Arme ausgebreitet hatte, an den Leisten hängen. Die hinter mir kamen, dachten nun — die Laterne war mir nämlich entfallen und erloschen — ich wäre hinabgestürzt, und waren nicht wenig erstaunt, als sie fragten: ›Leben Sie noch?‹ statt von tief unten her ganz oben vor sich — als sie da die Antwort erhielten: ›Ja, hier bin ich.‹ — Ich hatte mich inzwischen auch mit den Beinen angeklammert und fragte, ob ich zurück oder hinüber sollte. Der Führer meinte, es wäre besser, hinüber, und so arbeitete ich mich denn dahin. Der Arbeiter, der uns führte, zündete nun ein Licht an, suchte ein anderes Brett und brachte so die Gesellschaft nach. — Man sah mit dem Brette recht, wie liederlich und leichtsinnig solche Dinge zu der Zeit genommen wurden. — Hernach, als wir aus dem Tunnel heraus waren, fuhren wir in einem niedrigen Karren sausend die Bahn hinab. Wir hatten dicke Stöcke, um zu hemmen, und taten es auch, wenn es um die Kurven ging. Bei der stärksten brachten wir’s aber nur mit großer Mühe fertig, daß der Karren nicht aus dem Geleise geriet und in einen der beiden Abgründe fiel, die da waren. In den ganz tiefen konnten wir freilich nicht hinunterfahren, aber in den anderen ging’s auch gegen sechzig Fuß hinab.« [Illustration: ~Ein neuer Diogenes zu Kiel~ »Annexander«-Bismarck mit König Wilhelm vor dem Augustenburger Diogenes, der leer ausgeht. Oldenburg hatte seine Ansprüche auf Schleswig-Holstein für eine Million Taler aufgegeben. (»Figaro«, Februar 1865)] Ein andermal hatte Bismarck mit einigen Begleitern bei einer Tour in der Schweiz — wohl bei einem Ausfluge nach dem Rosenlauigletscher — einen schmalen Grat passieren müssen. Eine Dame und der eine ihrer beiden Führer waren schon drüben gewesen. Nach ihnen kam ein Franzose, dann Bismarck und hierauf der andere Führer. In der Mitte der Kante sagte der Franzose: »=Je ne peux plus=«, und wollte durchaus nicht weiter. Ich war gleich hinter ihm und fragte den Führer: »Was machen wir nun?« — »Steigen Sie über ihn weg, dann schieben wir ihm die Alpenstöcke unter die Arme und tragen ihn hinüber.« — »Sehr schön,« sagte ich, »aber ich steige nicht über ihn hinweg; denn der Mann ist krank und packt mich in seiner Verzweiflung, und wir fallen beide hinunter.« — »Nun, so drehen Sie um.« — Das war schwer genug, aber ich versuchte es, und es ging, und nun machte er das Manöver mit den Alpenstöcken mit Hilfe des anderen Führers. [Illustration: ~Die Entscheidung naht!~ Der neue Zusammenstoß zwischen dem Landtag, dessen Präsident Grabow ist, und dem Ministerium steht bevor. Bismarck bereitet seinen Gegnern das »innere Düppel«. (»Kladderadatsch«, März 1865)] Allmählich wuchsen die Differenzen mit Österreich. Es kam sogar von Wien aus zu einer Drohung mit dem Bruch der Allianz, wenn Preußen nicht auf Österreichs Programm eingehe. Bismarck faßte allerdings, wie er dem Grafen Karolyi offen sagte, die Frage sehr einfach auf. »Sehen Sie, wir stehen da vor der Frage der Herzogtümer wie zwei Gäste, die ein treffliches Gericht vor sich haben; der eine aber, welcher keinen Appetit hat und es nicht verzehren will, verbietet energisch dem anderen, den der Leckerbissen reizt, zuzulangen und zu schmausen.« Auch der Bund trat gegen Bismarcks Forderungen auf. Er »erwarte nunmehr vertrauensvoll die Einsetzung des Augustenburgers«, worauf Bismarck erklärte, daß Preußen in keiner Weise dieses Vertrauen rechtfertigen werde. Zugleich ging an den preußischen Landtag eine Vorlage über Flottenbedürfnisse, in der auch die Kosten für eine Station in Kiel verlangt wurden. Bei der Verteidigung erklärte Roon, Preußen werde nie den Besitz des Kieler Hafens aufgeben. Trotz des lauten Protestes von Wien führte in der Tat auch Preußen seine Arbeiten in der Kieler Bucht ungestört fort. Aber noch suchte Bismarck den Bruch zu vermeiden. Noch einmal faßte er alle Beschwerden gegen Österreich zusammen und ließ durch den Gesandten in Wien erklären, daß ein bewaffneter Konflikt bei einer Fortsetzung des bisherigen Verfahrens unvermeidlich sei. Auch die Abneigung des Königs gegen den Bruch mit Österreich war noch nicht überwunden. Am 29. Mai berief er das gesamte Staatsministerium unter Teilnahme des Kronprinzen und Moltkes zu einer Beratung unter seinem eigenen Vorsitz. Hier stellte Bismarck die Annexion der Herzogtümer als notwendig dar, indem er zugleich erklärte, daß sie nur, früher oder später, durch einen Krieg zu erreichen sei: »Den Rat dazu können wir jedoch Ew. Majestät nicht erteilen; der Entschluß dazu kann nur aus der freien königlichen Überzeugung hervorgehen. Würde ein solcher gefaßt, so würde das gesamte preußische Volk ihm freudig folgen.« Die meisten Minister erklärten sich mit Bismarck einverstanden, in entschiedenen Gegensatz aber stellte sich der Kronprinz, der die Sorge aussprach, daß der Krieg mit Österreich Deutschland zerfleischen und die Einmischung der Fremden herbeiführen werde, und der zugleich versicherte, der Erbprinz von Augustenburg sei »durchaus preußisch« gesinnt. Ehe der König die denkwürdige Sitzung schloß, fragte er noch Moltke: »Was ist die Meinung der Armee?« »Nach meiner persönlichen Ansicht«, war die Antwort, »ist die Annexion die einzige heilsame Lösung für Preußen und Schleswig-Holstein. Der Gewinn ist so groß, daß er einen Krieg verlohnt. Auch die Meinung des Heeres geht auf Annexion. Ich halte eine siegreiche Durchführung des Krieges für möglich, auch die numerische Übermacht am entscheidenden Punkte kann erreicht werden.« Der König aber behielt sich die Entschließung vor; die Verhandlungen gingen weiter. Österreich mochte hierbei in seinem Widerstand auch durch die Haltung des preußischen Abgeordnetenhauses bestärkt werden, das auch jetzt der Regierung alle Forderungen versagte. Trotzdem war Bismarck »politisch zufrieden, in stiller Kammerverachtung«: »Ich kann nicht leugnen,« so rief er aus, »daß es mir einen peinlichen Eindruck macht, wenn ich sehe, daß angesichts einer großen nationalen Frage, die seit zwanzig Jahren die öffentliche Meinung beschäftigt hat, diejenige Versammlung, die in Europa für die Konzentration der Intelligenz und des Patriotismus in Preußen gilt, zu keiner anderen Haltung als zu einer impotenten Negative sich erheben kann.« Im Hinblick auf diese Haltung hat noch nach langen Jahren Fürst Bismarck die Unehrlichkeit und Vaterlandslosigkeit der politischen Parteien in Deutschland auf das härteste angeklagt. Und doch war schon der Weg nach Damaskus auch für den Landtag abgesteckt, und schon kam aus altliberalem Lager der Antrag, die unlösliche Verbindung der Herzogtümer mit Preußen auszusprechen. Aber noch mußte die Zeit reifen. In späteren Jahren schrieb Moltke einmal: »Der Krieg von 1866 ist nicht aus Notwehr entsprungen gegen die Bedrohung der eigenen Existenz; es war ein im Kabinett als notwendig erkannter, längst beabsichtigter und ruhig vorbereiteter Kampf nicht für Ländererwerb, Gebietserweiterung und materiellen Gewinn, sondern für ein ideales Gut, für Machtstellung. In der Tat hat es sich um Preußens völliges Reifen zur Großmacht gehandelt. Symbolisch hat dies in jenen Tagen auch Bismarck ausgedrückt, als er das Geschenk eines kräftigen Handstocks, das ihm der König machte, mit folgendem Briefe quittierte: Der Stab Arons »Ew. Majestät sage ich meinen ehrfurchtsvollen und wärmsten Dank dafür, daß Allerhöchstdieselben meiner heute in Gnaden gedacht haben. Möge Gott mir so viel Kraft geben, als ich guten Willen habe, den Stab, dessen Symbol Ew. Majestät mir als ein lebenslänglich teures Andenken heute schenken, nach Allerhöchst Ihrem Willen zum Heile unseres Vaterlandes zu führen. Ich habe das gläubige Vertrauen zu Gott, daß Ew. Majestät Stab im deutschen Lande blühen werde wie der Stecken Arons laut dem vierten Buch Mosis im siebzehnten Kapitel, und daß er sich zur Not auch in die Schlange verwandeln werde, welche die übrigen Stäbe verschlingt, wie im siebten Kapitel des zweiten Buches erzählt ist. Verzeihen Ew. Majestät meinem dankbaren Gefühl diese Bezugnahme. Angesichts des Weihnachtsfestes habe ich das Bedürfnis, Ew. Majestät zu versichern, daß meine Treue und mein Gehorsam gegen den Herrn, den Gott mir auf Erden gesetzt hat, auf derselben festen Grundlage beruhen wie mein Glaube.« Aber König Wilhelm hatte sich noch nicht vertraut gemacht mit der Entscheidung auf blutiger Heide; er wollte den Frieden wahren, solange es in Ehren möglich war. So trat an die Stelle des Schwertes wieder die Feder. Doch wurde in dem Ministerrat, den der König auf der Reise von Karlsbad nach Gastein nach Regensburg berief, einstimmig beschlossen, ein Ultimatum an Österreich zu senden, in dem jede Verhandlung über die Zukunft der Herzogtümer abgelehnt wurde, bis dort die Autorität wieder hergestellt und die Agitation beseitigt sein würde. »Mit dem Frieden sieht es faul aus, in Gastein muß es sich entscheiden«, schrieb der Minister an seine Schwester. »Die Firma Halbhuber-Augustenburg«, schreibt er in einem anderen Briefe, »treibt es so arg, daß wir werden nächstens einseitig Gewalt anwenden müssen. Das wird in Wien böses Blut machen, und dann hängt sich Gewicht an Gewicht bis zum vollen Bruch. Österreich läßt uns nur die Wahl, in Holstein zum Kinderspott zu werden. Dann schon lieber Krieg, der doch nur eine Zeitfrage bleibt.« Österreich aber zeigte sich jetzt entgegenkommend. Gerade damals hatte Graf Blome dem Gesandten in München den Vorschlag gemacht, Österreich solle Holstein, Preußen Schleswig annektieren. Dieser Plan wurde in Wien dahin geändert, daß Preußen beide Herzogtümer übernehmen solle, wenn eine angemessene Gegenleistung für Österreich gefunden wird. Blome erhielt den Auftrag, zunächst für den Augustenburger zu wirken und nur bei dauerndem Widerstande den Teilungsplan vorzunehmen. Bismarck wies diesen Gedanken zurück, war aber zu weiterem Verhandeln bereit. Blome reiste daher nach Ischl, um dem Kaiser Bericht zu erstatten. Bismarck aber schrieb an seinen Freund Blankenburg: »Politisch dauert die Schwebe zwischen Krieg und Frieden fort, Neigung für letzteren tritt aber in Wien doch mehr in den Vordergrund. Auf der Rückreise des Königs wahrscheinlich Begegnung mit dem Kaiser in Salzburg. Bis dahin muß ich lavieren; denn von hier aus können wir nicht grob werden.« Quinze »Es war, wie ich den Vertrag mit Blome schloß. Damals«, so plaudert Bismarck, »habe ich zum letztenmal in meinem Leben Quinze gespielt. Obwohl ich sonst gar nicht mehr spiele — schon lange nicht mehr —, spielte ich da so leichtsinnig darauf los, daß sich die anderen nicht genug verwundern konnten. Ich wußte aber, was ich wollte. Blome hatte gehört, daß man beim Quinze die beste Gelegenheit hätte, die Menschen kennen zu lernen, und wollte das jetzt versuchen. Ich dachte, sollst ihn schon kennen lernen. Ich verlor damals ein paar hundert Taler, die ich eigentlich, als im Dienste Sr. Majestät verwendet, hätte liquidieren können. Aber ich machte ihn damit irre; er hielt mich für waghalsig und gab nach.« [Illustration: »Einer auf dem Eroberungszuge durch den Norden Deutschlands.« Frei nach der Viktoria auf dem Brandenburger Tor. (»Kladderadatsch«, September 1865)] Kaiser Franz Joseph sandte von Ischl tatsächlich ein entgegenkommendes Schreiben an den König. Österreich gestand jetzt die Teilung im Sinne Blomes zu und machte bedeutende Konzessionen hinsichtlich der preußischen Wünsche auf den Durchzug durch Holstein; Rendsburg sollte gemeinsam besetzt, Lauenburg gegen eine Geldsumme an Preußen abgetreten werden. Die Risse im Bau waren verklebt. Die beiden Monarchen trafen sich in Salzburg und setzten ihre Unterschriften unter den Vertrag. König Wilhelm aber gab seiner Freude dadurch Ausdruck, daß er am 15. September Bismarck in den Grafenstand erhob. Folgender Brief begleitete die Ernennung. Graf »Mit dem heutigen Tage vollzieht sich ein Akt, die Besitzergreifung des Herzogtums Lauenburg, als eine Folge meiner, von Ihnen mit so großer und ausgezeichneter Umsicht und Einsicht befolgten Regierung. Preußen hat in den vier Jahren, seit welchen ich Sie an die Spitze der Staatsregierung berief, eine Stellung eingenommen, die seiner Geschichte würdig ist und demselben auch eine fernere glückliche und glorreiche Zukunft verheißt. Um Ihrem hohen Verdienste, dem ich so oft Gelegenheit hatte, meinen Dank auszusprechen, auch einen öffentlichen Beweis desselben zu geben, erhebe ich Sie hiermit mit Ihrer Deszendenz in den Grafenstand, eine Auszeichnung, welche auch immerhin beweisen wird, wie hoch ich Ihre Leistungen um das Vaterland zu würdigen wußte. Ihr wohlgeneigter König Wilhelm.« [Illustration: Das sind die zwei Planeten, die abwechselnd auf- und untergehen. (»Kikeriki«)] Bismarck selbst glaubte nicht an die Dauer des Ausgleichs. Schon die Tatsache, daß er alsbald nach Frankreich ging und mit Napoleon lange Besprechungen hatte, erweckte in Wien neuen Verdruß. In dieser Gereiztheit schritt man dazu, die Agitation des Augustenburgers, die schon vorher jedes Maß überstieg, heimlich noch zu verstärken. Man billigte es sogar, daß die Gattin des Erbprinzen auf einer Reise von Altona nach Kiel überall mit amtlichem Gepränge empfangen und als Landesherrin gefeiert wurde. Es kam so weit, daß Manteuffel als Gouverneur von Schleswig Bismarck riet, in Wien die Wahl zu stellen, entweder mit Preußen oder mit dem Augustenburger zu brechen. Bismarck erkannte die Richtigkeit dieses Standpunktes sofort. Er sandte zwar noch kein Ultimatum nach Wien, aber die Notwendigkeit des Krieges erhob sich für ihn immer drängender: Die preußische Machtstellung stand auf dem Spiele und zugleich die Krongewalt. Denn der Konflikt ging ununterbrochen weiter, und ein ruhmloser Rückzug im Äußeren bedeutete auch die moralische Niederlage im Inneren. Der Kampf im Herzen des Königs aber war um so schwerer, als der eigene Sohn die Partei des Augustenburgers hielt und mit seinen Angehörigen in scharfe Gegnerschaft gegen Bismarcks Pläne trat. Auch die Königin Augusta war die Gegnerin des Staatsmannes, und von den Konservativen wandten sich Gerlach und seine Freunde erschreckt von der revolutionären Tatkraft Bismarcks ab, als sie sich offen gegen Österreich und den Bund kehrte. Und auch das ganze Wesen des greisen Königs, der fast ein Siebziger war, sträubte sich gegen den Krieg. Er empfand die volle Verantwortung für das Blut, das vergossen werden sollte, für den Staat der Hohenzollern, den er aufs Spiel setzte. Die alten preußischen Kräfte, die er in sich trug, wurden durch seinen Staatsmann, der freilich selber ganz Preuße war, auf ein neues Feld hinausgeführt, das sich noch ganz fremd und unabsehbar dehnte. Sollte König Wilhelm die Kraft haben, sich diesem ungeheueren Zuge der Bismarckschen Politik hinzugeben? Er entschied nach Bismarcks Rat. Schon im September hatte er in Merseburg bei der Feier der fünfzigjährigen Vereinigung der Provinz Sachsen mit Preußen gesagt, als er den Besitzer von Schönhausen unter den Provinzialständen sah: »Diesem Manne verdanke ich und das Vaterland sehr viel.« Als Prophet Bei einem Mittagessen bei dem sächsischen Gesandten Grafen Hohenthal fragte im Laufe der Unterhaltung die Hausfrau den neben ihr sitzenden preußischen Ministerpräsidenten: »Sagen Sie mir doch, Exzellenz, ist es wirklich wahr, daß Sie Österreich bekriegen und Sachsen erobern wollen?« Bismarck erwiderte mit größter Freundlichkeit: »Ganz gewiß ist das wahr, teuerste Gräfin; vom ersten Tage meines Ministeriums an habe ich keinen anderen Gedanken gehabt; unsere Kanonen sind heute gegossen, und Sie sollen bald sehen, wie sie der österreichischen Artillerie überlegen sind.« — »Entsetzlich!« rief die Dame; »aber« — fuhr sie fort — »dann geben Sie mir einen Freundesrat, da Sie einmal in offenherziger Laune sind: ich habe zwei Besitzungen, auf welche soll ich mich flüchten, auf mein Gut in Böhmen oder auf mein Schloß bei Leipzig?« — »Wenn Sie mir glauben wollen« — antwortete Bismarck — »reisen Sie nicht nach Böhmen; eben dort, und wenn ich nicht irre, gerade in der Nähe ihres Gutes, werden wir die Österreicher schlagen; Sie könnten dort also schreckliche Abenteuer erleben. Gehen Sie ruhig nach Sachsen; bei Leipzig wird nichts vorfallen, und Sie werden nicht einmal durch Einquartierung belästigt werden, denn Ihr Schloß Knauthayn liegt an keiner Etappenstraße.« Als bald nachher Bismarck von anderen Diplomaten über diese Äußerung besorglich interpelliert wurde, lachte er, daß man von der Verspottung einer unpassenden Frage Notiz nähme. Herr von Beust aber nahm, in Erinnerung an seine langjährige Feindseligkeit gegen Preußens Politik, die Sache äußerst ernsthaft, sandte die wichtige Enthüllung nach Wien, rief Österreichs mächtigen Schutz an und erklärte, daß, wenn Österreich jetzt rüste, sämtliche Mittelstaaten fest zu ihm stehen, anderenfalls aber der Freundschaft Österreichs für immer den Rücken kehren würden. Es war, wie Sybel sagt, die entscheidende Epoche in Bismarcks mächtigem Lebensgang. Ein neues Preußen war nicht denkbar ohne ein neues Deutschland, die Kräftigung Preußens hing eng zusammen mit der Lösung der deutschen Frage. Jetzt gab es von allen Alternativen nur noch die eine: Ein Hinausdrängen Österreichs aus dem Bunde und Vereinigung des übrigen Deutschland unter preußischer Leitung. Bei Bismarck fielen Vorsicht und Kühnheit, Vorwärtsdrängen und Mäßigung untrennbar zusammen. Jetzt aber, wo nur auf dem Wege über Olmütz ein Ausweichen möglich war, blieb nur, wenn Preußens Ehre nicht verletzt werden sollte, der steile Pfad der kriegerischen Entscheidung. [Illustration: »Dieses alles will ich dir geben, wenn du mir hilfst, Belgien und Luxemburg zu gewinnen.« (Spottblatt)] Schriften und Gegenschriften flogen herüber und hinüber, das Bündnis mit Italien wurde geschlossen, Napoleon, der Kompensationen forderte, durch ein dilatorisches Verhalten beruhigt. Die Volksstimmung suchte Bismarck durch die Ankündigung eines allgemeinen deutschen Parlaments und des allgemeinen Stimmrechts zu gewinnen, überzeugt, daß die Massen ehrlicher an der Erhaltung der staatlichen Ordnung interessiert seien als die Führer jener Klassen, die man durch die Einführung eines Zensus privilegiert hatte. Er glaubte, wie er dem Grafen Bernstorff schrieb, daß in einem Lande mit monarchischen Traditionen und loyaler Gesinnung das allgemeine Stimmrecht, indem es die Einflüsse der liberalen Bourgeoisie beseitigt, auch zu monarchischen Wahlen führen werde. In Preußen seien neun Zehntel des Volkes dem Könige treu und nur durch den künstlichen Mechanismus der Wahl um den Ausdruck ihrer Meinung gebracht. Später sah Bismarck seinen Irrtum ein. Aber »er konnte nicht ganze Bibliotheken studieren, um ein besseres Wahlrecht auszuklügeln«. Überdies war dieses Wahlrecht eine Hinterlassenschaft der Paulskirche; es wurde von Bismarck nicht erschaffen, sondern als Erbe übernommen. »Die Karte war ausgespielt, und wir haben sie als auf dem Tische liegende Hinterlassenschaft vorgefunden.« Die Anträge auf die Einberufung einer deutschen Nationalversammlung wurden in Frankfurt eingebracht. Die Abstimmung wurde ausgesetzt — sie ist nie vollzogen worden. Die Ereignisse gingen einen zu raschen Weg. Aber blieb auch das Reformwerk ein Torso, so wurde es doch gegenüber dem tobenden Unglauben der Parteien das feste Wahrzeichen, daß Deutschlands Einheit unter Preußens Führung auf dem Boden politischer Freiheit gegründet werden sollte. Es war der Tropfen demokratischen Öles, mit dem einst Uhland die Stirn des künftigen Deutschen Kaisers gesalbt wissen wollte. Während Preußen und Österreich mit aller Macht rüsteten, betonten sie noch immer ihre Friedensliebe in höflichen Worten. Bayern und Württemberg, Nassau und Hessen mobilisierten; am 20. Mai verlangte Preußen von Hannover und Kurhessen die Zusage unbewaffneter Neutralität. Als beide ablehnten, ließ Bismarck erklären, Preußen werde fortan die beiden Länder als seine Gegner ansehen. Auch nach Sachsen erfolgte eine gleiche Erklärung. Überhaupt sorgte Bismarck mit Energie und Umsicht an den norddeutschen Höfen für unbedingte Klarheit. Blinds Attentat In jener Zeit der mühevollsten Arbeit richtete sich gegen Bismarck die Mordwaffe eines Fanatikers. Am 7. Mai hatte er Vortrag beim Könige gehalten; er schritt die Linden entlang, als er plötzlich in der Nähe der Schadowstraße zweimal hinter sich schießen hörte. Er blickte sich um und sah, wie ein kleiner Mensch von jüdischem Aussehen einen Revolver auf ihn anlegte. Bismarck sprang hinzu und packte ihn mit ehernem Griff am Faustgelenk, so daß auch der dritte Schuß fehlging. Der Attentäter wurde ergriffen, während Bismarck, der nur leichte Kontusionen erlitten hatte, ruhig nach Hause ging. Der Täter hieß Karl Cohen, er war der Stiefsohn des bekannten badischen Flüchtlings Karl Blind. Später erzählte Bismarck von jenem Vorgange: »Ich hatte Mühe, den kräftigen jungen Mann von mir abzuwehren, und lange hätte das Ringen mit ihm nicht dauern dürfen, denn ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe. In diesem entscheidenden Augenblick erhob sich ein Gewehrkolben über meinem Haupte, der Soldat, welcher in der Nähe Posten stand, wollte nämlich intervenieren. Da wurde eine lederbehandschuhte Hand sichtbar, welche den Gewehrkolben faßte, und eine Stentorstimme, die einem Offizier gehörte, schrie: ›Rindvieh‹. Die Erregung in Berlin war groß.« — An jenem Tage fand im Hause des Ministers ein Familiendiner statt. Als Bismarck nicht rechtzeitig erschien, war man kaum verwundert. Denn es war in der Zeit vor dem Kriege gegen Österreich nichts Ungewöhnliches, daß der Ministerpräsident länger als sonst bei dem König blieb, so daß häufig das für fünf Uhr bestimmte Diner um eine halbe Stunde und länger hinausgeschoben werden mußte. Niemand im Hause hatte auch nur eine Ahnung von dem meuchlerischen Mordanfall Unter den Linden und von der wunderbaren Rettung des Hausherrn. Es war eine kleine Gesellschaft im Salon der Frau von Bismarck versammelt, die den Ministerpräsidenten erwartete; dieser trat endlich ein, niemand merkte ihm irgendwelche Unruhe oder Aufregung an, nur schien es einigen, als ob er freundlicher noch als sonst grüßte. Mit den Worten: »Ei! wie eine liebe Gesellschaft!« nahm er seinen Weg nach seinem Arbeitszimmer, wo er in der Regel noch einige Minuten verweilte, bevor er zu Tische ging. Heute berichtete er kurz den Vorfall dem Könige. Darauf kam er zurück zu der Tischgesellschaft und sagte, wie er das häufig zu tun pflegte, wenn er sehr spät kam, in spaßhaft vorwurfsvollem Tone zu seiner Gemahlin: »Warum essen wir denn heute gar nicht?« Er näherte sich einer Dame, um dieselbe zu Tisch zu führen; da erst, beim Ausgang aus dem Salon, trat er auf seine Gemahlin zu, küßte sie auf die Stirn und sprach: »Mein Kind! sie haben auf mich geschossen, aber es ist nichts!« So zart und vorsichtig nun auch diese Mitteilung gemacht wurde, so malte sich doch begreiflicherweise das Erschrecken auf allen Gesichtern, dann drängte sich alles um Bismarck in Freude um die wunderbare Errettung. Dieser aber ließ sich nicht aufhalten, ging zum Speisesaal und saß nach dem kurzen Tischgebet vor seiner Suppe, die ihm um so trefflicher munden mochte, je weniger er, nach Menschengedanken, noch eine halbe Stunde zuvor ein Anrecht auf sie zu haben schien. Der hinzugekommene Arzt sagte nachher, als man allerlei Theorien darüber aufstellte, wie das Attentat so unschädlich habe verlaufen können, mit Recht: »Meine Herren, es ist hier nur eine Erklärung: Gott hat seine Hand dazwischen gehabt!« Auch der letzte Versuch einer Verständigung, den Anton von Gabelenz machte, ist gescheitert, ebenso alle Versuche, die Höfe von Hannover und Kassel zur Vernunft zu mahnen. Vergebens suchte auch Napoleon den Vorschlag einer Konferenz, die Frage vor einem europäischen Areopag. Am 1. Juni fiel im Bunde die erste wichtige Entscheidung. Österreich hatte gefordert, daß die Schleswig-Holsteinische Frage nach Recht und Gesetz des Deutschen Bundes, nicht von den beiden Großmächten entschieden werde; es hatte also offen und deutlich den Vertrag von Gastein gebrochen. In der schärfsten Weise wies Bismarck dieses Vorgehen zurück, indem er zugleich erklärte, daß jetzt der König von Preußen den General von Manteuffel mit der Wahrung seiner Souveränitätsrechte in Holstein beauftragen werde. Zugleich sandte er an alle deutschen Regierungen seinen Entwurf einer künftigen deutschen Bundesverfassung. Manteuffel aber erließ eine Bekanntmachung, daß er Holstein besetzt habe und genötigt sei, die Regierung in die Hand zu nehmen; die Truppen Österreichs zogen sich alsbald nach Altona und von dort über Hannover, Hessen und Bayern nach Böhmen zurück. Da stellte Österreich beim Bunde den Antrag auf Mobilmachung des ganzen Bundesheeres und die Ernennung eines Bundesfeldherrn. Bismarck erklärte, als mit neun gegen sechs Stimmen der Antrag angenommen war, den Bundesvertrag für gebrochen, den Bund für aufgelöst und lud die Freunde der nationalen Sache ein, die preußische Bundesreform anzunehmen. Damit endete die letzte Sitzung des Bundestages; er starb ruhmlos, wie er ruhmlos gelebt hatte. Für König Wilhelm aber war jetzt die Stunde des letzten Entschlusses gekommen. Als Bismarck sie forderte, weil die letzte Friedenshoffnung erloschen sei, da erklärte er dem Minister den Wunsch, sich auf kurze Zeit in sein Zimmer zurückziehen zu dürfen. Bismarck erzählt über diese Szene: Ein herzbewegendes Bild Als Bismarck allein war, warf er von ungefähr einen Blick in den Spiegel, in welchem ein Teil des Nebengemaches sich abzeichnete, da der König beim Eintritt in dieses Zimmer die Verbindungstüre nicht völlig geschlossen hatte. Da erblickte Bismarck ein herzbewegendes Bild! Sein König lag auf den Knien und flehte in heißem Gebet zu dem Herrn aller Heerscharen, zum König aller Könige. Bismarck wandte das Haupt ab, und Tränen rollten über dieses eherne Antlitz. Inzwischen trat der König wieder lautlos ein, und dessen milde Stimme sprach jetzt zu Bismarck: »Ich habe die Entscheidung getroffen. Ich genehmige Ihre Vorschläge.« Moltkes einziger Witz Am Abend des Tages, an dem die entscheidende Nachricht über die Abstimmung im Bunde eintraf, bat Bismarck den General Moltke zu sich. Beide Herren zogen sich alsbald zurück, um die militärischen Maßnahmen zu besprechen, die durch die politische Lage bedingt waren. Nach Verlauf einer Stunde traten beide bereits wieder aus dem Arbeitszimmer Bismarcks heraus. Nunmehr gab Bismarck den Auftrag, daß die chiffrierten Depeschen, betreffend die Sommationen, an Sachsen, Hannover und Kurhessen abgehen sollten. Gegen zwei Uhr nachts zog Bismarck die Uhr heraus und sagte: »In zweiundzwanzig Stunden werden unsere Truppen in Sachsen, Hannover und Kurhessen einrücken!« Moltke war in heiterster Laune und bemerkte: »Heute ist die Brücke bei Dresden gesprengt worden.« Als er das allgemeine Erstaunen der Tischgesellschaft wahrnahm — Bismarck nicht ausgenommen, welcher meinte, das sei doch nicht möglich —, lachte er verschmitzt und sagte: »Ich meine, es war ein heißer und staubiger Tag, an dem wohl der Sprengwagen auf der Dresdener Brücke in Funktion war.« Der anwesende Graf Lehndorff meinte: wenn Moltke Witze macht, dann müssen die Chancen des Krieges gut stehen. — Der Erfolg gab ihm bald recht. Eine drollige Charakteristik hat übrigens einmal Fürst Bismarck von dem alten Feldherrn zum besten gegeben. Wenn eine Kriegserklärung in der Luft schwebe — sagte der Kanzler —, werde selbst Moltke gesprächig, und als es im Jahre 1870 losging, sei derselbe mit einem Schlage um zehn Jahre jünger geworden. Vorher sauertöpfisch und mürrisch, hätte er nun aufgeräumt geplaudert, sogar wieder Appetit auf Champagner und schwere Zigarren bekommen und den letzten Rest von Zipperlein verloren, das er sich beim Ausruhen auf kalt gewordenen Lorbeeren geholt. [Illustration: Stolz — Stolzer — Am stolzesten (»Figaro«, September 1866)] Anders allerdings und ernster hat Bismarck sonst über seinen Gefährten in Walhall geurteilt: »Das war ein ganz seltener Mensch, ein Mann der systematischen Pflichterfüllung,« läßt Bismarck im Tone wärmster Anerkennung sich vernehmen, »eine eigenartige Natur, immer fertig und unbedingt zuverlässig, dabei kühl bis ans Herz hinan. Er würde sich schon im Anzuge die kleinste Ordnungswidrigkeit nicht verziehen haben,« sei immer »=á quatre épingles=« gewesen, und es habe von ihm das Wort von des Dienstes ewig gleichgestellter Uhr gegolten, bei Tage wie des Nachts. Er, Bismarck, habe, was das Äußere anlange, ihm weit nachgestanden. »Es kam öfters vor, daß ich Moltke wecken und mit ihm zum König gehen mußte, wenn besonders wichtige Nachrichten angekommen waren. In solchem Falle hatte ich das Recht, den alten Herrn zu jeder Nachtstunde zu sprechen. Wenn ich dann durch alle Wachen und sonstige Hindernisse bis zu Moltke vorgedrungen war, so brauchte ich nur fünf bis höchstens zehn Minuten zu warten; dann war er fertig: gewaschen, tadellos vorschriftsmäßig angezogen und sogar in frischgewichsten Stiefeln.« [Illustration: ~Der müde Kanzler~ Bismarck: »Meine Herren, ich sage Ihnen, ich bin todesmüde — — —« Kikeriki: »So? Na, da möcht’ ich den Herrn erst seg’n, wann er ausg’rast’t is!« (»Kikeriki«, Mai 1880)] Der Krieg brach aus. Das Schicksal ging seinen Weg. Der König aber durfte seinen Preußen zurufen: »Nicht mein ist die Schuld, wenn mein Volk schweren Kampf kämpfen und vielleicht harte Bedrängnis wird erdulden müssen: Aber es ist uns keine Wahl mehr geblieben! Wir müssen fechten um unsere Existenz! ... Flehen wir den Allmächtigen, den Lenker der Geschicke der Völker, den Lenker der Schlachten an, daß er unsere Waffen segne!« * * * * * Schon im April hatte Roon an seinen Freund Perthes geschrieben: »Ich zweifle nicht, daß unsere Wege zu erwünschten Zielen führen unter der Voraussetzung, daß Graf Bismarcks Gesundheit ihn nicht lahmlegt. Das freilich heißt nach meiner Überzeugung die Schlacht von Kollin zum zweitenmal verlieren.« Aber Bismarck blieb gesund, sein Körper versagte nur dann, wenn seiner rastlosen Energie und seiner dämonischen Leidenschaftlichkeit sich die Zaghaftigkeit als Hindernis entgegenstellte. Der Schlaflose konnte jetzt »zwei Nächte hindurch gut und viel schlafen«. [Illustration: ~Die Legende vom Menschenfresser und vom Däumling~ Eine französische Verdächtigung Bismarcks, der angeblich die Aufsaugung der kleineren deutschen Staaten im Auge hat. (»=Le philosophe=«, September 1865)] Bismarck war von vornherein entschlossen, seinen König ins Hauptquartier zu begleiten. Am Abend noch, ehe er abreiste, wurde ihm von den einst so feindlich gesinnten Berlinern eine begeisterte Ovation gebracht. Die ersten Siegesnachrichten waren bereits eingetroffen, der preußische Elan war erwacht, und in den Gehirnen begann es zu dämmern, daß tatsächlich jetzt durch Blut und Eisen das ersehnte Ziel erreicht werden könne. Und so wandelte sich auch sonst im ganzen preußischen Volke die Stimmung. Am 30. Juni reiste Bismarck mit dem König ab. Spät abends traf er mit dem Hauptquartier in Reichenberg ein. Schon hier war das Hauptquartier und mit ihm der König von ernster Gefahr bedroht. Noch nach Jahrzehnten erzählte der Staatsmann: Beinahe gefangen »Am 30. Juni 1866 abends traf Se. Majestät mit dem Hauptquartier in Reichenberg ein. Die Stadt von 28000 Einwohnern beherbergte 1800 österreichische Gefangene und war nur von 500 preußischen Trainsoldaten mit alten Karabinern besetzt; nur einige Meilen davon lag die sächsische Reiterei. Diese konnte in einer Nacht Reichenberg erreichen und das ganze Hauptquartier mit Sr. Majestät aufheben. Daß wir in Reichenberg Quartier hatten, war telegraphisch publiziert worden. Ich erlaubte mir, den König hierauf aufmerksam zu machen, und infolge dieser Anregung wurde befohlen, daß die Trainsoldaten sich einzeln und unauffällig nach dem Schlosse begeben sollten, wo der König Quartier genommen hatte. Die Militärs waren über diese meine Einmischung empfindlich, und um ihnen zu beweisen, daß ich um meine Sicherheit nicht besorgt sei, verließ ich das Schloß, wohin Se. Majestät mich befohlen hatte, und behielt mein Quartier in der Stadt.« Von Hohenmauth, wohin er über Siechrow und Jitschin gelangte, schrieb Bismarck seinen prächtigen Brief über den Geist der Armee: Der preußische Soldat »Unsere Leute sind inzwischen, jeder, so todesmutig, ruhig, folgsam, gesittet, mit leerem Magen, nassen Kleidern, nassem Lager, wenig Schlaf, abfallenden Stiefelsohlen, freundlich gegen alle, kein Plündern und Sengen, bezahlen was sie können und essen verschimmeltes Brot. Es muß doch ein tiefer Fonds von Gottesfurcht im gemeinen Manne bei uns sitzen, sonst könnte dies alles nicht sein.« Am 3. Juli fiel bei Königgrätz die Entscheidung, und am Abend, auf dem Schlachtfelde, konnte Roon dem langjährigen Kampfgenossen zurufen: »Bismarck, diesmal hat uns der brave Musketier noch einmal herausgerissen.« Roon hatte recht. Bismarck wußte, daß auch für ihn der geschichtliche Name von dem Ausfall des Kampfes abhängen würde. Den Besen um die Ohren geschlagen Als Bismarck in den Krieg von 1866 auszog, befand sich unter den Diplomaten, die sich von ihm verabschiedeten, auch der belgische Gesandte. »Auf glückliches Wiedersehen«, rief ihm dieser zu, die entgegengestreckte Hand ergreifend. »Auf Wiedersehen,« entgegnete Bismarck, »wenn alles gut geht; sonst lasse ich mich in der letzten Attacke niederreiten.« Im Anschluß hieran erzählte Bismarck einmal dem Präsidenten Simson über den Tag der entscheidenden Schlacht: Sie sei bereits entschieden gewesen, und der Kreis der Männer um den König hätte sich bereits gelöst. Bismarck sei allein davongeritten. Da sei ihm ein General nachgekommen und habe ihm gesagt: »Sie können heute lachen. Wenn es schief gegangen wäre, hätten Ihnen die Kehrweiber ihre Besen um die Ohren geschlagen.« Im Kugelregen In der Schlacht von Königgrätz hatte König Wilhelm sich gewaltig exponiert. »Es war sehr gut,« schreibt Bismarck darüber an die Gattin, »daß ich mit war. Denn alle Mahnungen anderer fruchteten nicht, und niemand hätte gewagt, so zu reden, wie ich es mir beim letztenmal, welches half, erlaubte, nachdem ein Knäuel von zehn Kürassieren und fünfzehn Pferden vom sechsten Kürassierregiment neben uns sich blutend wälzte, und die Granaten den Herrn in unangenehmster Nähe umschwirrten. Die schlimmste sprang zum Glücke nicht. Es ist mir aber doch lieber so, als wenn er die Vorsicht übertriebe. Er war enthusiasmiert über seine Truppen und mit Recht, so daß er das Sausen und Einschlagen neben sich gar nicht zu merken schien, ruhig und behaglich wie am Kreuzberg, und fand immer wieder Bataillone, denen er danken und guten Abend sagen mußte, bis wir denn richtig wieder ins Feuer hineingeraten waren. Er hat aber so viel darüber hören müssen, daß er es künftig lassen wird, und Du kannst beruhigt sein: ich glaube auch kaum noch an eine wirkliche Schlacht.« Moltkes Feldherrnblick Als Bismarck während der Schlacht in der bösesten Stunde mit Moltke zusammentraf, hielt er dem Schlachtendenker seine Zigarrentasche hin, in der sich nur noch zwei Exemplare vorfanden. Moltke griff zu und wählte mit Feldherrnblick ~die bessere~. »Ich schloß hieraus,« erzählte Bismarck, »daß unsere Aussichten keineswegs schlecht sein konnten.« Noch eine Zigarre »Bei Königgrätz,« so erzählte Bismarck, »hatte ich nur noch eine einzige Zigarre in der Tasche, und die hütete ich während der ganzen Schlacht wie ein Geizhals seinen Schatz. Ich gönnte sie mir augenblicklich selbst noch nicht. Mit glühenden Farben malte ich mir die wonnige Stunde aus, in der ich sie nach der Schlacht in Siegesruhe rauchen wollte. Aber ich hatte mich verrechnet. Ich sah einen armen verwundeten Dragoner. Hilflos lag er da, beide Arme waren ihm zerschmettert, und er wimmerte nach einer Erquickung; ich suchte in allen Taschen nach, und das nützte ihm nichts. Doch halt, ich hatte ja noch eine kostbare Zigarre! Die rauchte ich ihm an und steckte sie ihm zwischen die Zähne. Das dankbare Lächeln des Unglücklichen hätte man sehen sollen. ~So köstlich hat mir keine Zigarre geschmeckt, als diese, die ich — nicht rauchte!~« Die Geschwulst »Da erinnere ich mich,« erzählte Graf Bismarck in Versailles, »nach der Schlacht bei Königgrätz — ich war den ganzen Tag im Sattel gewesen auf dem großen Pferde. Ich wollte es eigentlich dort nicht reiten, da es zu hoch war und das Aufsteigen soviel Mühe machte. Zuletzt tat ich’s doch, und ich bereute es nicht. Aber das lange Halten oben über dem Tale hatte mich doch sehr müde gemacht, und das Sitzfleisch und die Beine taten sehr weh. Durchgeritten hatte ich mich nicht; ich habe mich in meinem ganzen Leben nicht durchgeritten; aber als ich dann später auf einer Holzbank saß und schrieb, da hatte ich das Gefühl, als ob ich auf etwas anderem säße, auf einem fremden Gegenstande zwischen mir und der Bank. Es war aber nur die Geschwulst, die von dem langen Reiten entstanden war.« Ohne Quartier »Wir kamen«, so erzählt Bismarck weiter, »spät abends nach Horsitz auf den Marktplatz. Da hieß es, die Herren werden ersucht, sich selbst einzuquartieren. Das war aber leichter gesagt als getan. Die Häuser waren verschlossen, und man hätte Pioniere zur Hand haben müssen, um die Türen einzuschlagen. Aber die wären wohl erst früh um fünf angekommen. Ich ging denn an mehrere Häuser, drei, vier, und zuletzt fand ich eine offene Tür. Wie ich aber ein paar Schritt auf der dunkeln Hausflur gegangen war, fiel ich in eine Art Wolfsgrube. Zum Glück war es nicht tief, und wie ich mich überzeugte, war Pferdedünger darin. Ich dachte zuerst: wie wär’s, wenn man hier bliebe, — wurde aber doch gewahr, durch den Geruch, daß noch anderes dabei war. Wie das sich doch mitunter seltsam trifft. Wenn die Grube zwanzig Fuß tief war und voll, da hätten sie am anderen Morgen ihren Minister lange suchen sollen. — Ich ging nun wieder hinaus und fand einen Platz unter den Arkaden am Marktplatze. Da legte ich mir ein paar Kutschkissen hin und machte mir ein Kopfkissen von einem dritten und streckte mich zum Schlafen hin. Als ich mich hingelegt hatte, kam ich mit der Hand neben mir in etwas Nasses, und als ich es untersuchte, war es etwas Ländliches — von einer Kuh. Später weckte mich einer. Es war Perponcher, der sagte mir, der Großherzog von Mecklenburg hätte noch ein Unterkommen für mich und ein Bett übrig. Das war richtig. Nur war das Bett ein Kinderbett. Ich machte mir’s zurecht, indem ich mir zu Füßen eine Stuhllehne hinstellte, klappte mich wie ein Taschenmesser zusammen und schlief ein. Aber früh konnte ich kaum aufstehen, da ich mit den Knien auf der Lehne gelegen hatte. — Wenn man nur einen Strohsack hat, kann man sich’s recht bequem machen, auch wenn er sehr schmal ist, wie das oft vorkommt. Man schneidet ihn nämlich in der Mitte auf, schiebt das Stroh zurück und legt sich dann in die auf diese Weise entstandene Mulde. Ich habe das mitunter in Rußland so gemacht, auf der Jagd.« Als Moltke am Abend der Schlacht von Königgrätz über das Leichenfeld ritt, hatte er zum König gesagt: »Ew. Majestät haben nicht bloß die Schlacht, sondern den Feldzug gewonnen.« Bismarck aber hatte hinzugefügt: »Die Streitfrage ist also entschieden; jetzt gilt es, die alte Freundschaft mit Österreich wieder zu gewinnen!« Welche Fernsicht! Welche weitgehende Berechnung! Welche tiefe Erkenntnis, daß das Bündnis mit Österreich der letzte Zweck des Krieges war! Schon als noch die Waffen ihre ernste Weise sangen, mußte für den Staatsmann die Zukunft die Weise bestimmen, durfte er den klaren Sinn sich nicht durch Siegesjubel verdunkeln lassen. So hat er es verhindert, daß die preußischen Truppen gegen Wien vordrangen und in der alten Kaiserstadt ihren Einmarsch hielten. Nicht nur, weil er Österreichs Eigenliebe aus Gründen der Zukunft verschonen wollte, sondern auch, weil der letzte Widerstand an den Floridsdorfer Befestigungen eine Zeit von Wochen in Anspruch nehmen konnte, die Napoleons Intervention auf das Feld rufen mußte. Hier lag ja die schwerste Gefahr, zumal seit dem Tage, da Kaiser Franz Joseph an Napoleon Venetien abgetreten und seine Vermittlung angerufen hatte. Unter dem gleichen Gesichtspunkt hat Graf Bismarck später auch, bei den Friedensverhandlungen von Nikolsburg, nach Kräften vorwärtsgedrängt und trotz des Unwillens des Königs und seiner Generale das Gebiet des Kaiserstaates geschont. In Nikolsburg »Der Widerstand,« so erzählt Bismarck in seinem Gedenkbuch, »den ich in den Absichten Sr. Majestät in betreff der Ausnutzung der militärischen Erfolge und seiner Neigung, den Siegeslauf fortzusetzen, meiner Überzeugung gemäß leisten mußte, führte eine so lebhafte Erregung des Königs herbei, daß eine Verlängerung der Erörterung unmöglich war und ich mit dem Eindruck, meine Auffassung sei abgelehnt, das Zimmer verließ mit dem Gedanken, den König zu bitten, daß er mir erlauben möge, in meiner Eigenschaft als Offizier in mein Regiment einzutreten. In mein Zimmer zurückgekehrt, war ich in der Stimmung, daß mir der Gedanke nahetrat, ob es nicht besser sei, aus dem offenstehenden, vier Stock hohen Fenster zu fallen, und ich sah mich nicht um, als ich die Tür öffnen hörte, obwohl ich vermutete, daß der Eintretende der Kronprinz sei, an dessen Zimmer ich auf dem Korridor vorübergegangen war. Ich fühlte seine Hand auf meiner Schulter, während er sagte: ›Sie wissen, daß ich gegen den Krieg gewesen bin; Sie haben ihn für notwendig gehalten und tragen die Verantwortlichkeit dafür. Wenn Sie nun überzeugt sind, daß der Zweck erreicht ist und jetzt Friede geschlossen werden muß, so bin ich bereit, Ihnen beizustehen und Ihre Meinung bei meinem Vater zu vertreten.‹ Er begab sich dann zum Könige, kam nach einer kleinen halben Stunde zurück in derselben ruhigen und freundlichen Stimmung, aber mit den Worten: ›Es hat sehr schwer gehalten, aber mein Vater hat zugestimmt.‹ Diese Zustimmung hatte ihren Ausdruck gefunden in einem mit Bleistift an den Rand einer meiner letzten Eingaben geschriebenen Marginale ungefähr des Inhaltes: ›Nachdem mein Ministerpräsident mich vor dem Feind im Stiche läßt und ich hier außerstande bin, ihn zu ersetzen, habe ich die Frage mit meinem Sohn erörtert, und da sich derselbe der Auffassung des Ministerpräsidenten angeschlossen hat, sehe ich mich zu meinem Schmerze gezwungen, nach so glänzenden Siegen der Armee in diesen sauren Apfel zu beißen und einen so schmachvollen Frieden anzunehmen.‹ — Ich glaube mich nicht im Wortlaut zu irren, obschon mir das Aktenstück gegenwärtig nicht zugänglich ist; der Sinn war jedenfalls der angegebene und mir damals trotz der Schärfe der Ausdrücke eine erfreuliche Lösung der für mich unerträglichen Spannung. Ich nahm die königliche Zustimmung zu dem von mir als politisch notwendig Erkannten gern entgegen, ohne mich an ihrer unverbindlichen Form zu stoßen. Im Geiste des Königs waren eben die militärischen Eindrücke damals die vorherrschenden, und das Bedürfnis, die bis dahin so glänzende Siegeslaufbahn fortzusetzen, war vielleicht stärker als die politischen und diplomatischen Erwägungen. Von dem erwähnten Marginale des Königs, das mir der Kronprinz überbrachte, blieb mir als einziges Residuum die Erinnerung an die heftige Gemütsbewegung, in die ich meinen alten Herrn hatte versetzen müssen, um zu erlangen, was ich im Interesse des Vaterlandes für geboten hielt, wenn ich verantwortlich bleiben sollte. Noch heute haben diese und analoge Vorgänge bei mir keinen anderen Eindruck hinterlassen als die schmerzliche Erinnerung, daß ich einen Herrn, den ich persönlich liebte wie diesen, so habe verstimmen müssen.« Wie oft hat Bismarck später dieser Kämpfe gedacht! Des Kriegsrates in seiner Krankenstube, und wie er, zurückgewiesen, in die Kammer nebenan gegangen sei, sich aufs Bett geworfen und laut geweint habe vor nervöser Aufregung, wie er am Fenster des Schlosses gestanden und ihm der Gedanke gekommen sei: besser, er läge da unten, wie der König ihm grollte und das Wort von einem »schmachvollen Frieden« an den Rand seiner Eingabe schrieb. Auch hier das Bild, das auch später noch wiederkehrt: Bismarcks Körper erliegt der geistigen Qual, dem Schmerze um das Vaterland. Auch König Wilhelm gelangte zu anderer Meinung; in seinem nachdenklichen Geiste wirkten Bismarcks Gründe nach, und als der Frieden unterzeichnet war, da sprang er auf, umarmte, wie Roon nach Hause schreibt, und küßte dankend und weinend mit viel beweglichen Worten zuerst Bismarck, dann Roon und Moltke. Napoleons Gesandter kam zu spät. Als Bismarck eben unterzeichnen wollte, ließ sich Benedetti melden, um für Frankreich erneut eine Entschädigung zu fordern. Der preußische Staatsmann erwiderte freundlich, er sei bereit, diese Vorschläge zu erwägen. Als aber der Gesandte vom linken Rheinufer zu sprechen anfing, fiel ihm Bismarck ins Wort: »Machen Sie mir heute keine amtlichen Mitteilungen dieser Art«, darauf wandte er sich zur Unterzeichnung des Friedensvertrages. Er hatte »die Stirnlocke Fortunas« mit fester Hand ergriffen. In Frankreich aber erhob sich fortan der Schrei nach Revanche für Sadowa. [Illustration: Es ist ein fröhlich Wandern, wenn einer führt den andern! (»Figaro«, November 1867)] Noch stand eine dreifache Arbeit für Bismarck bevor. Zuerst galt es, mit den feindlichen deutschen Staaten nicht nur Frieden zu schließen, sondern sie auch für die Zukunft zu gewinnen. Dann galt es, Frankreich, das jetzt Belgien forderte, in Schranken zu halten — damals vollzog Bismarck in der Verhandlung mit Benedetti jenes Meisterstück, das ihm vier Jahre später so große Dienste leisten sollte: Er behielt das von des Franzosen Hand geschriebene Entwurfskonzept im Besitz, um es im Juli des Kriegsjahres in die Welt zu schleudern und die heuchlerische Politik Napoleons der allgemeinen Entrüstung preiszugeben. Und die dritte Aufgabe war, das Volk und die Volksvertretung zu versöhnen, dem Könige Frieden mit der Nation zu schaffen, die nationale Flut schon aus Rücksicht auf das Ausland mit fester Hand in das rechte Bett zu leiten. Am 9. Mai war der Landtag aufgelöst worden, noch vor dem Ausbruch des Krieges waren die Neuwahlen ausgeschrieben, und am Tage der Schlacht von Königgrätz maßen sich im Wahlkampf die Parteien. Die Rechte ging um das Vierfache verstärkt aus diesem Kampfe hervor, noch behielten die Liberalen die Mehrheit. Aber die Stimmung war verändert, auch die Liberalen waren bereit, in die Wege Bismarcks zu lenken. Sollte nun der Sieger die Besiegten strafen oder Schonung üben? Sollte er, wie die Konservativen es wollten, starr auf seinem Rechtspunkt stehen oder ein Kompromiß schließen? Wieder nur unter schweren Kämpfen bewog Bismarck seinen König dazu, durch Nachsuchen der Indemnität den alten Streit zu begraben. Er sah eben weiter als alle. »Die Leutchen haben alle nicht genug zu tun, sehen nichts als ihre eigene Nase und üben ihre Schwimmkunst auf der stürmischen Welle der Phrasen. Mit den Feinden wird man fertig, aber die Freunde! Sie tragen fast alle Scheuklappen und sehen nur einen Fleck von der Welt!« Als am 5. August König Wilhelm an der Spitze der Prinzen seines Hauses den Landtag eröffnet hatte, begrüßt von begeistertem Jubel, und als dann Bismarck im Parlament mit der Mahnung, daß die Feder nicht verderben solle, was das Schwert gewonnen hat, die Versöhnung empfahl, da betraten bereits 230 Volksvertreter die goldene Brücke, und alsbald vollzog sich innerhalb der Opposition die Trennung der Nationalliberalen vom Fortschritt. So war alles erreicht, was einst der Frühling an Hoffen brachte. Und es war erreicht ohne jede Konzession, ohne den Verlust einer Handbreit Erde an Frankreich. Das letzte, was Benedetti vor seiner Heimkehr aus Bismarcks Munde auf Napoleons Drohen vernahm, war das Wort: »Machen Sie den Kaiser darauf aufmerksam, daß ein Krieg mit uns unter gewissen Umständen ein Krieg mit revolutionären Donnerschlägen werden könnte, und daß angesichts revolutionärer Gefahren die deutschen Dynastien doch wohl eine größere Festigkeit bewähren würden als die des Kaisers Napoleon.« * * * * * Die heißen Kämpfe der Konfliktszeit sind vorüber; der Entscheidungskampf um die deutsche Zukunft ist geschlagen. Aber die furchtbare Spannung dieser Zeiten und die rastlose Arbeit führte zu Bismarcks körperlichem Zusammenbruch. An dem Siegeseinzug nahm er noch teil, zwischen Moltke und Roon ritt er seinem König voran. Dann aber versagte die Kraft. In Putbus, wo er sich erholen wollte, befiel ihn eine schwere Krankheit. Seine Nerven, die auch die Kämpfe der nächsten Zeiten immer wieder aufwühlten, wie seit Jahren, in denen das Einigungswerk erst wachsen sollte, in denen aber mangelnde Einsicht, Mißgunst, Intrige, partikularistische Neigung ihr Unkraut säten, und auch das Ausland sich mühte, störend in das neue werdende Leben zu greifen, gewannen erst ihre Vollkraft wieder, als es zur letzten Entscheidung, zum Kampfe mit Frankreich ging. Gewiß, das Zündnadelgewehr hatte die Doktrinäre widerlegt, aber es hatte den Hader und den Haß der Parteien nicht vernichtet und auch dem erfolggekrönten Mann den Weg zu neuen Erfolgen nicht befreit. Zwar haben ihn Männer wie Treitschke, Sybel, Fritz Reuter mit jubelnder Zustimmung geleitet, aber er mußte dennoch in zerreibender Arbeit Schritt für Schritt sich das Terrain erkämpfen, dessen er bedurfte. Es galt vor allem, Zeit zu gewinnen für die innere Konsolidierung, damit in dem sicher vorausgesehenen Kampfe gegen Napoleon sich die deutsche Kraft nicht wieder zersplittere; es mußte die Überlegenheit auf militärischem Gebiete gesichert werden, es galt die Verfassung des Norddeutschen Bundes zu schaffen, mit den süddeutschen Staaten zu verhandeln, im Zollparlament einen neuen Reifen um die Einheit zu schmieden und die Nation gegen die Übergriffe Frankreichs zu sichern. Was Bismarck später einmal sagte: »Meine politische Laufbahn war ein Hetzen und Jagen, bei dem man zum Genuß nie gekommen ist; viel glücklicher als der Staatsmann ist der Landmann, wenn er seine Felder und Rieselwiesen gedeihen sieht«, das galt auch damals. Das Deutsche Reich wurde als Torso gegründet. Die neuen Provinzen mußten geordnet, die Bewohner an die neue Lage gewöhnt werden. Die Hauptarbeit galt darum zuerst der Verfassung. Sie war das eigenste Werk des großen Staatsmannes, der am Nachmittag des 13. Dezembers sie aus dem Kopfe seinem vertrauten Rate Lothar Bucher diktierte und im Gegensatz zu aller Schulmeinung die Bedingungen schuf, die auch heute noch den Kern und Inhalt unseres Verfassungslebens bilden. Noch in der Nacht arbeitete Lothar Bucher die Skizze aus, am nächsten Tage kam sie an den Kronrat, und am 15. abends wurde sie den Bevollmächtigten der Verbündeten vorgelegt. »So frisch kamen die Abzüge aus der Druckerei, daß während der Sitzung immer noch Exemplare hereingebracht wurden.« Zu einem konstituierenden Reichstage wurden die Wahlen ausgeschrieben. Am 24. Februar trat er zusammen. Im Norddeutschen Reichstag »Es war«, so schreibt ein Mitglied dieses Parlamentes, »ein Sonnentag in der Geschichte der Hohenzollern, wie er noch nie dagewesen war. Vor dem Throne stand der greise Vater, der nach schwerer Mühe das Werk vollbracht sah; ihm zur Rechten, eine Stufe höher als die übrigen Prinzen, stand in vollster männlicher Kraft der Sohn und nächste Erbe der jetzt so reich begnadeten Krone, und von der Tribüne oben schaute als zartes Kind der Enkel dem Werke zu, dessen Grundstein zu legen Vater und Sohn da unten im Begriffe standen. Es stand noch ein Mann bei der Eröffnung des Reichstags dem Könige näher als alle anderen. Er stand nicht auf einer Stufe des Thrones wie der Kronprinz und auch nicht zur Rechten wie die übrigen Prinzen, denn er war kein Prinz. Er stand links im Saal, dem Throne zunächst, in weißer Kürassieruniform und mit einem Gesicht so bleich, daß man zweifelhaft sein konnte, was weißer sei, ob das Tuch des Rockes oder das Gesicht des Mannes. Man sah es wohl, der Mann war körperlich schwer leidend, aber die Muskeln waren doch noch stark genug, um die hohe kräftige Gestalt in voller militärischer Straffheit aufrecht zu halten. Das war Graf Otto von Bismarck-Schönhausen, des Königs Wilhelm Ministerpräsident. Er hatte den größten Anteil an dem Gelingen des Werkes, und darum stand er ja wohl mit vollem Recht dem Thron ein paar Schritte näher als alle anderen.« [Illustration: ~Napoleon wirft auf Italien ein Auge~ Bismarck: »Was? Eine Frau schlagen?« Louis: »Sie kann ja nicht widerschlagen. Warum hilfst du ihr denn nicht?« (»Punch«, November 1867)] Mit den Worten: »Arbeiten wir rasch! Setzen wir Deutschland sozusagen in den Sattel! Reiten wird es schon können!« suchte Bismarck die Volksvertreter zu raschem Werke zu treiben, sie über kleine Bedenken hinauszuführen. — Endlich war das Werk der neuen Bundesverfassung beendet; mit 227 gegen 93 Stimmen wurde sie vom preußischen Landtag beschlossen, während im Norddeutschen Reichstag sich nur 53 Stimmen dagegen erhoben. Am 14. Juli wurde Graf Bismarck zum Bundeskanzler ernannt. Nicht weniger als siebenundzwanzigmal hatte er in den Parlamenten das Wort ergriffen. Zugleich hat der Streit um Luxemburg alle Kraft und Geschicklichkeit des Staatsmanns gefordert. Hier war der erste Prüfstein gegeben, ob das Gefühl für die Ehre der Nation ganz Deutschland erfüllte, denn als hier die Wellen zu Berge stiegen, da schien auch die Stunde eines neuen furchtbaren Krieges gekommen. Es sind die Schatten, die schon über Nikolsburg lagen, die auch jetzt auf die neue Zeit sich senkten. [Illustration: ~Deutsche Weide~ Napoleon versucht vergebens Luxemburg zu gewinnen und wirft sein Auge auf deutsches Gebiet. »Ein guter Schäfer läßt kein Schaf verloren gehen« (»Kladderadatsch«, März 1867)] Napoleon war bitter enttäuscht. Er hatte gehofft, das sinkende Ansehen seiner Dynastie durch Gewinn an deutschem Boden zu steigern; er hatte geglaubt, daß ihm, wenn die beiden kriegführenden Mächte aus dem Ringen geschwächt hervorgehen würden, das linke Rheinufer als Lohn anheimfallen würde. Dann war sein Blick nach Belgien geschweift und dann nach Luxemburg, das, in Personalunion mit den Niederlanden vereint, aus der Verbindung mit Deutschland gelöst war. Er bot dem König von Holland ein Kaufgeschäft an, obwohl Bismarck schon vorher keinen Zweifel ließ, daß die Abtretung des Landes niemals im Einverständnis mit Preußen erfolgen werde. Im Zusammenhang hiermit, als ein =avis au lecteur= hat Bismarck die Schutzverträge mit den süddeutschen Staaten veröffentlicht. Aber ihm schien die Stunde noch nicht reif, ihm schien auch der Rechtsgrund für ein kriegerisches Einschreiten nicht genügend gesichert; der König wollte den Frieden. Den Zwang zum Krieg erkannte auch Bismarck noch nicht an. Hier fiel das Wort: »Man darf nicht Krieg führen, wenn es mit Ehren zu vermeiden ist; die Chance günstigen Erfolges ist keine gerechte Ursache, einen großen Krieg anzufangen.« Und es gelang ihm, indem er diplomatische Vorsicht und souveränes Machtbewußtsein verband, indem er zugleich die nationale Leidenschaft im deutschen Volke erweckte und doch mäßigend lenkte, zu einem Ausgleich zu kommen, der die Ehre Deutschlands in vollem Maße wahrte. Luxemburg wurde neutralisiert, der Abzug der preußischen Besatzung und die Schleifung der Festung bestimmt. Vergebens hatte man in Frankreich gerüstet, vergebens hatte auch König Georg von Hannover die Sendung einer Legion von 20 000 Mann angeboten. Im Juni darauf ist Bismarck bereits mit König Wilhelm nach Paris zur Weltausstellung gereist. Sein Empfang durch den Pöbel war so wenig erfreulich, daß die besonnene Presse an den ritterlichen Sinn der Nation appellieren mußte. Um so freundlicher war der Empfang durch Napoleon am Hofe. Prachtvolle Feste wechselten miteinander, und eine fromme Sage erzählt, daß Bismarck damals seinen letzten Walzer tanzte. Ein liebenswürdiger Spitzbube In Paris fand Bismarck besonderes Wohlgefallen an dem alten Marschall Vaillant. »Wissen Sie, Graf,« sagte dieser nach einigen Tagen zu ihm, »daß Sie auf uns alle einen süperben Eindruck machen? Jedermann sagt, das ist doch ein liebenswürdiger Spitzbube.« Wohlan, kreuzen wir den Degen Als Bismarck nach einer Parade bei Longchamps die schönen Truppen bewunderte, meinte der liebenswürdige Marschall: »Besten Dank, Herr Graf. Das ist alles sehr schön. Aber Sie Deutschen sind uns gegenüber zu groß geworden. Wir werden eines Tages den Degen miteinander kreuzen müssen.« — »Nun gut,« sagte Bismarck, »kreuzen wir!« [Illustration: ~Der zugrunde gegangene Tanzmeister~ »Seitdem der dort oben seine Tanzschule aufgemacht hat, bin ich mit meiner Tanzschule — =perdu!=« (»Brumm-Brumm«, Januar 1868)] Dem Zollparlament galt Bismarcks nächstes großes Schaffen. Hier fiel, laut in Frankreich vernehmbar, schon das Wort, daß ein Appell an die Furcht im deutschen Herzen niemals ein Echo findet. Hier hatte er vor allem gegen partikularistische Verbissenheit zu kämpfen, gegen das Bemühen, daß die preußische deutsche Lokomotive am Main ihren Stillstand finde. Aber auch hier siegte nach einer »langen, schweren Woche« der Wille des großen Staatsmannes. Ein schwerer Unfall In Gesellschaft Keudells und Blanckenburgs machte Bismarck am 22. August von Varzin aus einen Spazierritt. Die drei Reiter bewegten sich im Trab längs einer großen Rieselei im Walde auf einem aufgeschütteten, anscheinend ganz ebenen und festen Rasenwege — Bismarck voran, unmittelbar hinter ihm Blanckenburg, dann Keudell. »Denke Dir mein Erstarren,« schreibt Blanckenburg am 24. August an Roon, »als ich ganz plötzlich folgendes Bild vor mir abspinnen sehe: der kleine breite Fuchs, den er (Bismarck) ritt, tritt mit dem rechten Vorderfuß durch die Rasendecke, und zwar so tief und energisch, daß er gleich, mit dem linken sich vergebens stützend, nach einigem Stolpern mit der Nase die Erde wühlte. Natürlich flog Otto über den Hals fort und war meines Erachtens erst mit der rechten Hand und dem Gesicht an der Erde, als der zweite Akt erfolgte — nämlich daß der Fuchs vollständig ›heesterkopp‹ schlug und mit dem dicken Pferderücken (zehn Zentner Gewicht!) auf die bundeskanzlerischen Schultern prallte. Der dritte Akt folgte ebenso schnell — nämlich daß der Fuchs rechts abfiel und Otto schnell aufsprang und leichenblaß, ohne Atem, ein dumpfes Gestöhn ausstoßend, halb Gewimmer, sich den Magen krampfhaft haltend umherging. Ich war in dem Augenblicke vom Pferde, als er aufsprang, und überzeugte mich bald, daß Knochen nicht zertrümmert waren« — indessen waren drei Rippen gebrochen —, »auch erfolgte kein Blutsturz, auch nicht das leiseste Blutspucken, so daß wir bis jetzt hoffen, alles sei ohne weitere Folgen abgegangen. Er ritt noch Schritt eine Viertelstunde und hatte die ersten heftigen Schmerzen, als er einen Wagen nahm. Der Arzt kann nichts finden. — Natürlich wird dies seine Nerven nicht gerade sehr stärken. Vorher machte er mir eigentlich einen guten Eindruck, wenngleich er über Schlaflosigkeit klagte. Er trank, wie er sagt, am Tage vor dem Sturz zum erstenmal mit Appetit Sekt und rauchte drei Zigarren.« Der Unfall hat Bismarck nicht geschadet. Nach einigen Tagen konnte vielmehr Frau von Bismarck an Blanckenburg schreiben, daß »Otto nach dem Sturze besser schlafe als vorher; er sei und bleibe der Meinung, daß Gott ihm diesen Sturz geschickt habe, damit seine Nerven besser werden«. [Illustration: ~Das schwarze Gespenst~ ~hüben — und — drüben~ als ein Mittel, die Völker militärfromm zu erhalten und in ihnen die Steuerzahl-Lust zu erwecken (»Kladderadatsch«, Juni 1869)] Auch sonst Glück im Unglück Noch von zwei anderen gefährlichen Stürzen mit dem Pferde erzählte Bismarck in Versailles. »Ich glaube,« so bemerkte er, »daß es nicht reicht, wenn ich sage, daß ich wohl fünfzigmal vom Pferde gestürzt bin. Vom Pferde fallen ist nichts, aber mit dem Pferde, so daß es auf einem liegt, das ist schlimm. Zuletzt noch in Varzin, wo ich drei Rippen brach. Da dachte ich: jetzt ist’s aus. Es war nicht so viel Gefahr, wie es schien, aber es tat doch ganz erschrecklich weh. — Früher aber, da hatte ich einen merkwürdigen Zufall, der zeigt, wie das Denken des Menschen doch von seinem körperlichen Gehirn abhängt. Ich war mit meinem Bruder eines Abends auf dem Heimwege, und wir ritten, was die Pferde laufen wollten. Da hört mein Bruder, der etwas voraus ist, auf einmal einen fürchterlichen Knall. Es war mein Kopf, der auf die Chaussee aufschlug. Mein Pferd hatte vor der Laterne eines uns entgegenkommenden Wagens gescheut und war mit mir rückwärts überschlagen und auch auf den Kopf gefallen. Ich verlor die Besinnung, und als ich wieder zu mir kam, da hatt’ ich sie nur halb wieder. Das heißt, ein Teil meines Denkvermögens war ganz gut und klar, die andere Hälfte war weg. Ich untersuchte mein Pferd und fand, daß der Sattel gebrochen war. Da rief ich den Reitknecht und ließ mir sein Pferd geben und ritt nach Hause. Als mich da die Hunde anbellten — zur Begrüßung —, hielt ich sie für fremde Hunde, ärgerte mich und schalt auf sie. Dann sagte ich, der Reitknecht sei mit dem Pferde gestürzt, man solle ihn doch mit einer Bahre holen, und war sehr böse, als sie das auf einen Wink meines Bruders nicht tun wollten. Ob sie denn den armen Menschen auf der Straße liegen lassen wollten? Ich wußte nicht, daß ich ich war, und daß ich mich zu Hause befand, oder vielmehr, ich war ich selber und auch der Reitknecht. Ich verlangte nun zu essen, und dann ging ich zu Bette, und als ich ausgeschlafen hatte am Morgen, war alles gut. — Es war ein seltsamer Fall: den Sattel hatte ich untersucht, mir ein anderes Pferd geben lassen und dergleichen mehr — alles praktisch Notwendige tat ich also. Hierin war durch den Sturz keine Verwirrung der Begriffe herbeigeführt. Ein eigentümliches Beispiel, wie das Gehirn verschiedene Geisteskräfte beherbergt; nur eine davon war durch den Fall länger betäubt worden. — Ich erinnere mich noch eines anderen Sturzes. Da ritt ich rasch durch junges Holz in einem großen Walde, weit weg von zu Hause. Wie ich über einen Hohlweg weg wollte, stürze ich mit dem Pferde und verliere das Bewußtsein. Ich muß wohl drei Stunden ohne Bewußtsein dagelegen haben; denn es war schon dämmerig, als ich aufwachte. Das Pferd stand neben mir. Die Gegend war, wie gesagt, weit weg von unserem Gut und mir ganz unbekannt. Ich hatte meine Geisteskräfte noch nicht außerordentlich wieder. Aber das Notwendige tat ich auch hier. Ich machte die Martingale ab, die entzwei war, steckte sie ein und ritt auf einem Wege, der, wie ich dann erfuhr, der nächste war — es ging da auf einer ziemlich langen Brücke über einen Fluß — nach einem nahe gelegenen Gute, wo die Pachtersfrau, als sie den großen Mann mit dem Gesicht voll Blut vor sich stehen sah, davonlief. Der Mann kam dann herbei und wusch mir das Blut ab, und ich sagte ihm, wer ich wäre, und daß ich die zwei oder drei Meilen nach Hause wohl nicht würde reiten können; er möchte mich fahren, was er denn auch tat. Ich muß wohl fünfundzwanzig Schritte fortgeflogen sein bei der Lerche, die ich schoß, und war an eine Baumwurzel gefallen, und als der Doktor den Schaden besah, sagte er, es wäre gegen alle Regeln der Kunst, daß ich nicht den Hals gebrochen hätte.« [Illustration: ~Die bösen Buben und der böse Drache~ »Endlich ist die Zeit gekommen, in der sie ihn steigen lassen können« (»Brumm-Brumm«, November 1869)] Bismarck wurde am 18. Oktober 1868 zum Chef des ersten Magdeburger Landwehrregimentes ernannt und =à la suite= des Magdeburger Kürassierregimentes Nummer sieben gestellt. Seit jener Zeit sind wir gewohnt gewesen, ihn in der historischen Uniform mit Helm und Küraß zu erblicken. Das Jahr 1869 ging zu Ende, das Schicksalsjahr zog herauf. Schon in die Zeiten des Norddeutschen Bundes ragten tief die Ahnungen der künftigen Entscheidungen hinein. Vielleicht — wer kann die Möglichkeiten ermessen! — hätte schon damals, als die Luxemburger Frage den Krieg auf des Messers Schneide führte, die Entscheidung gefällt werden können. Sicher aber ist es, daß jetzt, wo die Arbeit von vier Jahren ihre Wirkung ausgeübt hatte, das Fundament des Sieges ungleich fester gefügt war. Denn als der Frühling des Schicksalsjahres heraufzog, stand Deutschland gerüstet da, nicht nur mit seinen militärischen Waffen, sondern auch mit jenem neuen Geiste, der aus Bismarcks Heldenseele hinübergeflutet war über die Nation bis hinauf an die Gestade der Ostsee und fernhin zu den ragenden Firnen der Alpen. [Illustration: ~Das verschleierte Bild zu Saïs~ Der Alt-Reichskanzler (indem er die verhüllende Emser Depesche fortzieht): »Seht, so habe ich im Jahre 1870 Fanfare geblasen!« (»Lustige Blätter«, 1892)] Das Vorspiel zum großen Kriege Im Frühling des Jahres 1870 hatte Bismarck schon zu dem Staatsrechtslehrer Bluntschli gesagt, daß die Scheu vor Frankreich ihn keinen Augenblick von dem Vorgehen in der deutschen Sache abhalten werde. Er fürchte Frankreich nicht. Deutschland sei den Franzosen weit überlegen. Zugeständnisse werde er nicht machen: »Wenn nicht Gott uns ungünstig und den Franzosen günstig ist, so werden wir einen französischen Angriff abschlagen und nach dem Siege nach Paris marschieren.« Österreich, so war er überzeugt, werde unter allen Umständen neutral bleiben; im Notfall werden wir mit Rußland dieses Land gänzlich im Schach halten. Sie werden nicht wagen, das Schwert aus der Scheide zu ziehen. Seine Hauptarbeit war, schon aus dieser Erkenntnis heraus, die Brücke über den Main auch für die kommende schwere Belastung tragfähig zu erhalten. Aber das Antlitz des Jahres schien freundlich. Noch am 30. Juni hat ja Frankreichs Minister Ollivier im gesetzgebenden Körper erklärt: »Zu keiner Zeit war die Aufrechterhaltung des Friedens mehr gesichert als jetzt. Wohin man auch blickt, kann man nirgends eine Frage entdecken, die Gefahr bringen könnte.« Da wurde die Hohenzollernsche Kronkandidatur von Spanien noch einmal angeregt. Unter Zuziehung Roons und Moltkes in einer Konferenz, die schon am 15. März im Königlichen Schlosse stattfand und an der auch der Kronprinz und die Träger der wichtigsten Staatsämter teilnahmen, war einstimmig die Annahme der Krone durch den Erbprinzen Leopold beschlossen worden. Aber Bismarck riet den Spaniern, um zunächst nicht Preußen zu engagieren, mit dem Fürstenhause von Hohenzollern direkt zu verhandeln. Am 14. Juni ging ein neuer Unterhändler zum Fürsten Anton nach Sigmaringen; dort wurde das Anerbieten angenommen, ohne daß offiziell die Zustimmung des Familienhauptes, des Königs von Preußen, eingeholt wurde. In Paris aber entstand sofort eine heftige Erregung. Am 5. Juli folgte in der Kammer eine Interpellation, und Herr von Grammont gab unter stürmischem Beifall die Antwort: »Wir glauben nicht, daß die Achtung vor den Rechten eines Nachbarvolkes (Spanien) uns verpflichtet, zu dulden, daß eine fremde Macht (Preußen), indem sie einen ihrer Prinzen auf den Thron Karls =V.= setzt, dadurch zu ihrem Vorteil das gegenwärtige Gleichgewicht der Mächte derangieren und so die Interessen und die Ehre Frankreichs gefährden könnte. Wir hoffen, daß diese Eventualität sich nicht verwirklichen wird. Sollte es aber anders kommen, so würden wir unsere Pflicht ohne Zaudern und ohne Schwäche zu erfüllen haben.« Und Ollivier fügte hinzu: »Wenn Sie über diese Erklärung nachgedacht haben, so werden Sie sich überzeugen, daß sie keine Ungewißheit über den Gedanken der Regierung läßt, insofern es sich darum handelt, ob sie den Frieden will oder den Krieg herbeiführt.« Ganz Paris tönte von Kriegsgeschrei wider. Bismarcks erster Gedanke aber, als er die Pariser Telegramme las, war der, das sei der Krieg; sein zweiter, jetzt müsse man die ganze Armee mobil machen und über Frankreich herfallen; das wäre der Sieg. »Leider«, fügte er hinzu, »geht das nicht — aus verschiedenen Gründen.« [Illustration: =~Le roi s’amuse~= Bismarck und der König, der sich an Soldatenspielerei ergötzt und einen Humpen Emser Wasser dabei leert. (»L’Eclipse«, 24. Juni 1870)] Am 8. Juli abends traf Benedetti aus Wildbad in Ems ein. Er hatte die Order, den König aufzufordern, wenn nicht durch einen Befehl, so doch durch einen ernsten Ratschlag den Prinzen Leopold zum Rücktritt zu bewegen. Ein Geheimschreiben Grammonts erklärte jedoch schon jetzt, die einzige Antwort, die den Krieg verhindern könnte, wäre diese: Die Königliche Regierung billigt die Annahme durch den Prinzen nicht und befiehlt ihm, diesen Entschluß zurückzunehmen. — König Wilhelm erklärte zunächst mit würdevoller Bestimmtheit, er habe als Familienhaupt nur eine negative Rolle gespielt, indem er die Annahme nicht untersagte, er könne jetzt seine Stellung nicht dahin geltend machen, den Prinzen zum Rücktritt zu zwingen. Unter der Hand erklärte er sich jedoch bereit, sich mit dem Vater des Prinzen in Verbindung zu setzen. In Paris jedoch genügte dies nicht; die Hitze, die in den Köpfen der Pariser herrschte, schlug auch in die Ministerien hinüber. Benedetti verstärkte seine Sprache, König Wilhelm sah sich indessen genötigt, den preußischen Gesandten aus dem Urlaub sofort auf seinen Posten zurückzusenden und Bismarck sobald als möglich von Varzin nach Ems zu entbieten. Bismarck reiste sofort ab. In Berlin besprach er sich mit Roon und dem Grafen Eulenburg, den er sofort nach Ems absandte. Schon am Abend jedoch traf eine Botschaft des Herrn von Werther ein, daß der spanische Gesandte amtlich den Verzicht Leopolds der französischen Regierung angezeigt habe. Da gab Bismarck die Reise nach Ems auf und schrieb der Gattin, sie möge nicht nachkommen, vermutlich werde er in einigen Tagen nach Varzin zurückkehren, ob noch als Minister, sei eine andere Frage. Bismarck hatte eine schlaflose Nacht. Am folgenden Tage aber ging ein Bericht des Herrn von Werther ein, wonach die französische Regierung wünsche, der König möge an den Kaiser Napoleon einen für die Öffentlichkeit geeigneten Entschuldigungsbrief richten. Dieser Bericht führte zur sofortigen Abberufung des preußischen Gesandten, der eine so beleidigende Zumutung zu überbringen bereit gewesen war. An demselben Tage aber stellte Graf Benedetti auf der Brunnenpromenade in Ems, wo keiner der Minister gegenwärtig war, an den König das Ansinnen eines Versprechens, niemals in Zukunft der Erhebung eines hohenzollerischen Prinzen auf den spanischen Thron zuzustimmen. Vorher schon hatte Bismarck seine Entlassung als Ministerpräsident und Bundeskanzler eingereicht. Am Abend des 14. Juli hatte er dann Moltke und Roon zu Tische geladen. Da traf Abekens Depesche ein: Die Schamade Sie hatte folgenden Wortlaut: »Seine Majestät der König schreibt mir: Graf Benedetti fing mich auf der Promenade ab, um auf zuletzt sehr zudringliche Art von mir zu verlangen, ich sollte ihn autorisieren, sofort zu telegraphieren, daß ich mich für alle Zukunft verpflichtete, niemals wieder meine Zustimmung zu geben, wenn die Hohenzollern auf ihre Kandidatur zurückkämen. Ich wies ihn zuletzt etwas ernst zurück, da man =à tout jamais= dergleichen Engagements nicht nehmen dürfe noch könne. Natürlich sagte ich ihm, daß ich noch nichts erhalten hätte, und, da er über Paris und Madrid früher benachrichtigt sei, er wohl einsähe, daß mein Gouvernement wiederum außer Spiel sei. — Seine Majestät hat seitdem ein Schreiben des Fürsten Karl Anton bekommen. Da Seine Majestät dem Grafen Benedetti gesagt, daß er Nachricht vom Fürsten erwarte, hat Allerhöchstderselbe mit Rücksicht auf die obige Zumutung auf des Grafen Eulenburg und meinen Vortrag beschlossen, den Grafen Benedetti nicht mehr zu empfangen, sondern ihm nur durch seinen Adjutanten sagen zu lassen, daß Seine Majestät jetzt vom Fürsten die Bestätigung der Nachricht erhalten, die Benedetti aus Paris schon gehabt, und dem Botschafter nichts weiter zu sagen habe. — Seine Majestät stellt Eurer Exzellenz anheim, ob nicht die neue Forderung Benedettis und ihre Zurückweisung sogleich sowohl unserem Gesandten als der Presse mitgeteilt werden sollte.« Sie erhielt durch Bismarck in der nachstehend geschilderten Szene folgende Fassung: Fanfare Nachdem die Nachrichten von der Entsagung des Erbprinzen von Hohenzollern der Kaiserlich Französischen Regierung von der Königlich Spanischen amtlich mitgeteilt worden sind, hat der französische Botschafter in Ems an Seine Majestät den König noch die Forderung gestellt, ihn zu autorisieren, daß er nach Paris telegraphiere, daß Seine Majestät der König sich für alle Zukunft verpflichte, niemals wieder seine Zustimmung zu geben, wenn die Hohenzollern auf ihre Kandidatur zurückkommen sollten. Seine Majestät der König hat es darauf abgelehnt, den französischen Botschafter nochmals zu empfangen und demselben durch den Adjutanten vom Dienst sagen lassen, daß Seine Majestät dem Botschafter nichts weiter mitzuteilen habe. [Illustration: Bismarck als Fälscher an die Tür genagelt: »Das ist sein Platz.« (»Don Quichotte«, 4. September 1892) (Das Bild bezieht sich auf die Debatten, die damals über die Emser Depesche stattfanden.)] [Illustration: Bismarck als Esel schreitet durch einen Engpaß; auf ihm sitzt General Prim und rückwärts König Wilhelm. Napoleon und die Mächte stellen sich ihnen drohend entgegen. König Wilhelm, der den Eselschwanz in der Hand hält, sagt: »Wenn ihr uns rüberbringt nach Spanien, so ist’s mir recht, aber ich weiß von nichts, weil alles hinter meinem Rücken geschieht.« (»Figaro«, 14. Juli 1870)] Die alte Karkasse »Bei dem gemeinsamen Abendessen an jenem historischen Tage«, so erzählt Bismarck, »waren beide sehr niedergeschlagen und machten mir indirekt Vorwürfe, daß ich die im Vergleiche mit ihnen größere Leichtigkeit des Rückzuges aus dem Dienste egoistisch benutzte. Ich vertrat die Meinung, daß ich mein Ehrgefühl nicht der Politik opfern könne, daß sie beide als Berufssoldaten wegen der Unfreiheit ihrer Entschließung nicht dieselben Gesichtspunkte zu nehmen brauchten als ein verantwortlicher Auswärtiger Minister. Während der Unterhaltung wurde mir gemeldet, daß ein Ziffertelegramm, wenn ich mich recht erinnere, von ungefähr zweihundert Gruppen, aus Ems, von dem Geheimrat Abeken unterzeichnet, in der Übersetzung begriffen sei. Nachdem mir die Entzifferung überbracht war, welche ergab, daß Abeken das Telegramm auf Befehl Seiner Majestät redigiert und unterzeichnet hatte, las ich dasselbe meinen Gästen vor, deren Niedergeschlagenheit so tief wurde, daß sie Speise und Trank verschmähten. Bei wiederholter Prüfung des Aktenstückes verweilte ich bei der einen Auftrag involvierenden Ermächtigung Seiner Majestät, die neue Forderung Benedettis und ihre Zurückweisung sogleich sowohl unseren Gesandten als in der Presse mitzuteilen. Ich stellte an Moltke einige Fragen in bezug auf das Maß seines Vertrauens auf den Stand unserer Rüstungen, respektive auf die Zeit, deren dieselben bei der überraschend aufgetauchten Kriegsgefahr noch bedürfen würden. Er antwortete, daß er, wenn Krieg werden sollte, von einem Aufschub des Ausbruches keinen Vorteil für uns erwarte; selbst wenn wir zunächst nicht stark genug sein sollten, sofort alle linksrheinischen Landesteile gegen französische Invasion zu decken, so würde unsere Kriegsbereitschaft die französische sehr bald überholen, während in einer späteren Periode dieser Vorteil sich abschwächen würde; er halte den schnellen Ausbruch im ganzen für uns vorteilhafter als eine Verschleppung ... Nachdem ich die Depesche redigiert hatte, bemerkte Moltke: ›So hat das einen anderen Klang, vorher klang es wie Schamade, jetzt wie eine Fanfare in Antwort auf eine Herausforderung.‹ Ich erläuterte: ›Wenn ich diesen Text, welcher keine Änderungen und keinen Zusatz des Telegramms enthält, in Ausführung des Allerhöchsten Auftrages sofort nicht nur an die Zeitungen, sondern auch telegraphisch an alle unsere Gesandtschaften mitteile, so wird er vor Mitternacht in Paris bekannt sein und dort nicht nur wegen des Inhaltes, sondern auch wegen der Art der Verbreitung den Eindruck des roten Tuches auf den gallischen Stier machen. Schlagen müssen wir, wenn wir nicht die Rolle des Geschlagenen ohne Kampf auf uns nehmen wollen. Der Erfolg hängt aber doch wesentlich von den Eindrücken bei uns und anderen ab, die der Ursprung des Krieges hervorruft; es ist wichtig, daß wir die Angegriffenen seien, und die gallische Überhebung und Reizbarkeit wird uns dazu machen, wenn wir mit europäischer Öffentlichkeit, soweit es uns ohne das Sprachrohr des Reichstags möglich ist, verkünden, daß wir den öffentlichen Drohungen Frankreichs furchtlos entgegentreten ...‹ Diese meine Auseinandersetzung erzeugte bei den beiden Generalen einen Umschlag zu freudiger Stimmung, dessen Lebhaftigkeit mich überraschte. Sie hatten plötzlich die Lust zu essen und zu trinken wiedergefunden und sprachen in heiterer Laune. Roon sagte: ›Der alte Gott lebt noch und wird uns nicht in Schande verkommen lassen.‹ Moltke trat so weit aus seiner gleichmütigen Passivität heraus, daß er sich, mit freudigem Blick gegen die Zimmerdecke und mit Verzicht auf seine sonstige Gemessenheit in Worten, mit der Hand vor die Brust schlug und sagte: ›Wenn ich das noch erlebe, in solchem Krieg unsere Heere zu führen, so mag gleich nachher ›die alte Karkasse‹ der Teufel holen.‹ Er war damals hinfälliger als später und hatte Zweifel, ob er die Strapazen des Feldzugs überleben werde.« [Illustration: ~Bismarck im Parlament~ Bismarcks »letzte Faser«. (»Figaro«, September 1881)] Am 14. Mai 1891 veröffentlichte Roons Sohn eine Erklärung aus den Aktenstücken des Vaters, in der er feststellt, daß der König selbst Bismarck ermächtigt habe, den Text nach Ermessen ganz oder teilweise zu veröffentlichen. Nicht Bismarck, sondern Grammont hatte, wie sich der preußische Staatsmann einmal ausdrückte, »die Laus zum Skorpion aufgeblasen«. Aber auch diese Erklärung mindert nicht die gewaltige Größe jener Stunde, in der Otto von Bismarck die Last der Verantwortung für Deutschlands Zukunft entschlossen auf seine Schultern nahm, erfüllt von derselben rücksichtslosen Kraft der Aufopferung, wie sie einst York in der Mühle von Tauroggen bewährte. Hier ist nach Babelsberg der zweite hohe Gipfel auf Bismarcks Tatenwege gegeben. Was König Wilhelm versäumte, holte Bismarck im rechten Augenblick nach. Dort die Hoheit und die Würde, schwerbeleidigt und herausgefordert, hier der treue deutsche Diener, der die Last der Verantwortung auf sich lädt, der Träger deutscher Notwehr gegen einen in das Tiefste unseres Lebens frevelhaft hineingreifenden Feind. Eines der erschütterndsten Dramen unserer deutschen Geschichte. [Illustration: ~Wettrennen von 1870, Großer Preis von Berlin~ Bismarck als Oberst und König Wilhelm als Korporal jagen in wilder Hast vor den Franzosen her. »Sie können nur im Rennen siegen.« (»Actualités«, Juli 1870)] [Illustration: ~Bismarck beim Essen~ Auf der Platte neben dem Glase Sodawasser steht zu seinem Entsetzen ein voll ausgerüsteter Piou-Piou. »Diesmal, mein Lieber, find’st du aber eine Gräte im Essen.« (»Charivari«, Juli 1870)] Über Sedan nach Versailles Die Wirkung der Emser Depesche ist bekannt; der nationale Strom erbrauste und ergriff die ganze Nation. Am 15. Juli 1870 kehrte König Wilhelm von Ems nach Berlin zurück; die ganze Reise war ein beispielloser Triumphzug. Der Kronprinz, Bismarck, Roon und Moltke reisten ihm bis Brandenburg entgegen; am Potsdamer Bahnhof harrte an der Spitze der Generale der greise Wrangel, unten drängte sich die begeisterte Volksmasse Kopf an Kopf. Nach der Ankunft trat der König in den unscheinbaren Wartesaal; um ihn waren Bismarck, Moltke und Roon gruppiert, der Kronprinz, halb seitwärts neben dem König, stand da wie ein flammender Kriegsgott, das Urbild des teutonischen Zornes. Nur wenige Minuten, dann eilte er hinaus zu der brausenden Menge, die seinen Zuruf: »Die Mobilmachung der Armee ist befohlen!« mit Tausenden von Stimmen weiter fortgab. Der Reichstag wurde einberufen und mit einem Gottesdienst eröffnet. Der Text der Predigt hat gelautet: »Mit Gott wollen wir Taten tun.« Die Thronrede aber schloß mit den Worten: »Wir werden nach dem Beispiel unserer Väter für unsere Freiheit und für unser Recht gegen die Gewalttat fremder Eroberer kämpfen, und in diesem Kampfe, in dem wir kein anderes Ziel verfolgen, als den Frieden Europas dauernd zu sichern, wird Gott mit uns sein, wie er mit unseren Vätern war!« Am nächsten Tage nahm der Reichstag ohne Diskussion die von Miquel verfaßte Adresse an. In flammender Rede hatte Bismarck noch einmal alle Schuld und alle Lüge der französischen Vergangenheit und Gegenwart zusammengefaßt. Wieder zog er mit seinem Könige in den Krieg. Am 11. August überschritt er mit dem Großen Hauptquartier die französische Grenze. Nach wenigen Tagen schon kam er bis an die Nähe von Metz, und als der Kanonendonner von Vionville und Mars-la-Tour verhallte, da drang die Kunde zu ihm, daß seine Söhne gefallen seien. Die Vorsehung hatte es anders bestimmt: Der ältere Sohn hatte im Kampfe wohl drei Schüsse erhalten, aber er war lebend davongekommen; der zweite Sohn war bei dem Todesritt mit seinem Pferde gestürzt, ohne ernsteren Schaden zu nehmen. Und auch Bismarck ist gleich dem König in jenen fürchterlichen Tagen in schwere Lebensgefahr geraten. Feldzugsbriefe Köstlich in ihrer Plastik, in ihrer darstellerischen Kraft, zugleich charakteristisch für das Eindringen des großen Staatsmannes in alle Details, für seine Sorge um jede Einzelheit sind seine Feldzugsbriefe, vor allem an die Gattin. Hier einige Proben daraus: Aus Herny schreibt er am 14. August: »Mein Liebling! Einige Stunden östlich von Metz in der Richtung nach Falkenberg zu findest Du vielleicht auf der Karte das Dorf, wo wir heute sind, aber nicht die vielen Fliegen, die mich zwingen, kopfschüttelnd zu schreiben. Ich liege in einem von den Einwohnern verlassenen Bauernhause; die Nachbarin ist geblieben und hat mich gestern mit einem Huhne regaliert, welches zwei Stunden vor Tisch noch lebend meine Bekanntschaft machte; seiner Leiche vermochten meine guten Zähne nichts anzuhaben. Dagegen erfuhr ich, daß ein =civet= von einem zahmen Kaninchen für hungrige Leute sehr eßbar ist, selbst dann, wenn die Bestandteile uns noch eine Stunde zuvor durch ihre munteren Sprünge ergötzt haben. Daneben esse ich wie ein gesunder Mensch gebratenen und rohen Speck mit so viel Knoblauch, daß mir mein Atem schon wie ein Salpeterkeller zu riechen scheint. Das alles bekommt mir sehr gut, und ich wäre recht zufrieden, wenn ich nur einmal ein Wort von Bill und Herbert hören könnte. Gott schütze die geliebten Jungen vor Krankheit und Wunden ... Eiserne Kreuze noch keine ausgegeben, wahrscheinlich nicht fertig. Es ist vielleicht recht gut, denn wenn erst einige damit gehen, so sind die anderen gar nicht mehr zu halten und stecken die Köpfe in die Mündung der französischen Kanonen: sie sind so schon wie die Berserker. Der Franzose meint, die Unseren wären so an das Manöverschießen gewöhnt, daß sie ganz vergäßen, daß hier mit Kugeln geschossen würde! Ein schönes Lob der Tapferkeit. Nun lebwohl, mein Herz, umarme unsere Tochter für mich und bete für unsere Söhne mit mir.« In einem Briefe aus Pont-à-Mousson, zwei Tage später: »Die Leute müssen mich hier für einen Bluthund halten; die alten Weiber, wenn sie meinen Namen hören, fallen auf die Knie und bitten mich um ihr Leben. Attila war ein Lamm gegen mich.« Am 17. August: Bismarcks Söhne in der Schlacht. Am 17. August schreibt der Kanzler an Johanna: »Ich fand Herbert mit zweihundertfünfzig Verwundeten in einem Pachthof, Bill zum Besuch bei ihm unter dem Vorwande, sich ein anderes Pferd zu requirieren; er fand wirklich eine magere Mähre. Herbert sah aus wie sonst, nur zwei Löcher in der linken Lende, Aus- und Einschuß gut verbunden. Ich bestellte meinen Wagen hin, blieb vier Stunden, um ihn zu erwarten, und als er kam, fand sich, daß ihn das Sitzen schmerzte, und die Hitze zu groß. Ich requirierte einen Liegewagen, in dem er heute bei kühler Nacht ankommen wird. Er hatte noch zwei Kleiderstreifschüsse, deren einer an meiner schwarzen Holzuhr unter Zertrümmerung derselben abgeglitten. Ich nahm sie mit und ließ ihm meine in St. Avold gekaufte Zehn-Franken-Uhr dafür. Die schwarze bringe ich Dir mit und kaufe mir hier wieder eine neue. Bills Pferd wurde bei der Attacke erschossen, so daß er kopfüber ging und erst totgesagt wurde. Er ist aber dick und lustig, sah sehr schmierig aus. Für Herbert ist nun der Feldzug hiermit vorbei und er, wenn Gott kein Unglück schickt, in Deckung gegen Weiteres, denn einige Wochen wird er doch daran heilen. Ich will ihn gleich mit Eisenbahn nach Deutschland schicken. Wenn er nicht das Kreuz bekommt, so will ich nie wieder Orden tragen ...« [Illustration: Die Kapitulation von Metz. (»Zündnadeln«, Oktober 1870)] Aus einem späteren Briefe: »Bills Erlebnis am 16. ist nicht, wie ich früher schrieb; sein Pferd wurde nicht unter ihm erschossen, sondern stürzte fünfzig Schritt vor dem feindlichen Karree über ein vor ihm erschossenes. Wieder aufgestanden, hat er es im vollen Kugelregen unter Gottes Schutz am Zaume zu Fuß fortgeführt, nachdem er vorher einen verwundet daneben liegenden Dragoner in den Sattel gesetzt, statt selbst aufzusitzen. Er zu Fuß und sein Kamerad zu Pferde haben von allen nachgesandten Kugeln keine weiter bekommen, das Pferd aber viele, so daß es totgestürzt, nachdem Bill es mit dem geretteten Kameraden aus dem Feuer geführt. Er hat sich sehr unverzagt und kameradschaftlich benommen. Ich danke Gott, daß er mich diese Freude an beiden Jungen erleben läßt und sie uns dennoch erhalten hat. Seine Gnade wird ja auch ferner mit ihnen und uns bleiben ...« Aus Clermont: »... sehr nett ist es hier nicht, mit dem einzigen Binsenstuhl, Generalstab mit Nachtdienst unter mir, Bureau mit =ditto= über mir, zwanzig Leute, die in dem dünnen schallenden Hause wohnen; fünf schreiende Kinder neben mir, und nicht einmal ein — —; man muß sich daran gewöhnen, angesichts des Publikums schamlos zu verfahren, wie es eben geht, und die Schildwachen zu bewegen, daß sie wenigstens nicht mit präsentiertem Gewehr dabeistehen. Verzeih’ dieses Detail, aber es ist mir die unangenehmste der kriegerischen Entbehrungen.« Aus Versailles am 8. Oktober: »... Bill überfiel mich am 2. Oktober im Bette, mit Blumenthals Uniform und fremden Hosen an, dazu hängte er Karls Landwehrkartusche um, setzte meinen, nur in der Spitze nicht richtigen Generalshelm auf, und so nahm ich ihn mit zur Kirche, wo er sich vor Sr. Majestät meldete, der über den Anzug nichts sagte. Zu Tisch tranken wir Sekt, aus Rothschilds Keller gekauft, bis Dein Sohn einen roten Sattel auf der Nase hatte, und dann ritt er mit Philipp wieder in sein drei Meilen entferntes Quartier, nicht ohne mir mein Gold aus der Westentasche und zwei Paar Handschuhe abgenommen zu haben, auch mit Kognak und Zigarren versehen ... ich entfloh heute der Plage, um in der weichen stillen Herbstluft durch Louis =XIV.= lange gerade Parkgänge, durch rauschendes Laub und geschnittene Hecken, an stillen Teichflächen und Marmorgöttinnen vorbei Röschen eine Stunde zu galoppieren und nichts Menschliches als Josephs klappernden Trainsäbel hinter mir zu hören und dem Heimweh nachzuhängen, wie es der Blätterfall und die Einsamkeit in der Fremde mit sich bringen, mit Kindererinnerungen an geschorene Hecken, die nicht mehr sind ...« [Illustration: »Napoleon, Napoleon! Siehst du wohl, das kommt davon!« (»Zündnadeln«, August 1870)] Er reitet in die Nacht hinaus Die schwerste Stunde in Bismarcks Leben ist wohl jene späte Abendstunde gewesen, am 16. August, in der ihm irrtümlich der Tod seiner beiden Söhne gemeldet wurde. Herr von Keudell berichtet darüber: »Der Kanzler befand sich zusammen mit Moltke noch beim König. Da tritt ein Ordonnanzoffizier ein und macht in leisem Tone dem General eine Meldung, die ihn zu erschrecken scheint. Bismarck versteht seinen Blick und fragt: ›Geht es mich an?‹ Darauf meldet der Offizier laut: ›Bei der letzten Attacke des 1. Garde-Dragoner-Regimentes ist Graf Herbert Bismarck gefallen, Graf Bill tödlich verwundet worden.‹ Und auf Befragen gibt er an, die Nachricht komme von dem Kommandierenden General des =X.= Armeekorps von Voigts-Rhetz, dessen augenblicklicher Aufenthalt nicht bekannt sei, da der General umherreite, um alle Lazarette zu besichtigen. Bismarck läßt sofort satteln, und ~ohne ein Wort zu sagen, reitet er in die Nacht hinaus. Kein Reitknecht darf ihm folgen~. Beim ersten Morgengrauen kommt er in das Dorf Troville. Im Johanniter-Hospital am Ende des Dorfes findet der Kanzler den General und erhält Geleit nach dem Gehöft in Mariaville, wo mehrere Verwundete liegen. Beim Eintreten in das Haus kommt ihm sein jüngster Sohn unverletzt entgegen; Herbert aber liegt verwundet auf einem Strohlager. Er war von einer Kugel an der Brust gestreift worden, eine zweite hatte seine Uhr zerschmettert, die dritte aber war in das Fleisch des Oberschenkels eingedrungen.« Bill als Schweinetreiber Über eine spätere Begegnung mit seinem jüngeren Sohne, dessen stets fröhliches Temperament ihn übrigens zum allgemeinen Liebling machte, erzählte später der Vater: »Ich entdeckte an ihm eine neue rühmliche Eigenschaft: er besitzt ausnehmende Geschicklichkeit im Schweinetreiben. Er hatte sich das fetteste ausgesucht, da die am langsamsten gehen und nicht leicht entwischen. Zuletzt trug er’s fort auf dem Arme wie ein Kind ... Es wird den gefangenen französischen Offizieren komisch vorgekommen sein, einen preußischen General einen gemeinen Dragoner umarmen zu sehen.« Im Granatenfeuer Am 18. August gerieten auch König Wilhelm und sein Kanzler in schwere Lebensgefahr. »Sie hatten eben«, erzählt Graf Bismarck, »die Pferde zu Wasser geschickt, und wir standen in der Dämmerung bei einer Batterie, die feuerte. Die Franzosen schwiegen, aber während wir dachten, ihre Geschütze wären demontiert, konzentrierten sie nur ihre Kanonen und Mitrailleusen seit einer Stunde zu einem letzten großen Vorstoße. Plötzlich fingen sie ein ganz fürchterliches Feuern an mit Granaten und ähnlichen Geschossen, ein unaufhörliches Krachen und Rollen, Sausen und Heulen in der Luft. Wir wurden vom Könige, den Roon zurückschickte, abgeklemmt. Ich blieb bei der Batterie und dachte, wenn wir zurückgehen müssen, setzest du dich auf den nächsten Protzkasten. Wir erwarteten nun, daß französische Infanterie den Vorstoß unterstützen würde, und da hätten sie mich gefangennehmen können, wenn ich auch ein rollendes Revolverfeuer auf sie unterhalten hätte — ich hatte sechs Schuß für sie und noch sechs Reservepatronen. Endlich kamen die Pferde wieder, und nun machte ich mich fort, wieder zum König. Aber wir waren aus dem Regen in die Traufe geraten. An der Stelle, wo wir hinritten, schlugen gerade die Granaten ein, die vorher über uns weggeflogen waren. Am anderen Morgen sahen wir die Schweinskulen, die sie gewühlt hatten. — So mußte denn der König noch weiter zurück, was ich ihm sagte, nachdem die Offiziere mir das vorgestellt hatten.« Auf der Suche nach Quartier Am Abend fand dann das berühmte »Rendezvous« statt. König Wilhelm saß auf einer Leiter, deren eines Ende auf einem toten Pferde lag, und diktierte Bismarck das Telegramm an die Königin, das der Welt Kunde von dem Siege gab. Dann aber gestand der König, daß er Hunger leide und gern etwas essen möchte. Doch nur Wein und schlechter Rum von einem Marketender nebst trockenem Brot war zur Stelle. Endlich trieb man im Dorfe Rézonville ein paar Kotelette für ihn auf, aber nichts für seine Umgebung. Bismarck hatte den ganzen Tag nur etwas Soldatenbrot und Speck gehabt. Als endlich ein paar Eier kamen, zerschlug er sie an seinem Degenknopf und schlürfte sie roh. Und nun: Majestät wollte im Wagen schlafen, zwischen toten Pferden und Schwerverwundeten. Er fand später ein Unterkommen in einer Kabache. Der Bundeskanzler mußte sich wo anders unter Dach zu bringen suchen. Wir ließen den Erben eines der mächtigsten deutschen Potentaten (der junge Erbgroßherzog von Mecklenburg war gemeint) bei dem Wagen Wache stehen, daß nichts gestohlen würde, und ich machte mich mit Sheridan auf, um nach einer Schlafstelle zu rekognoszieren. Wir kamen an ein Haus, das noch brannte, und da war es zu heiß. Ich fragte in einem anderen nach — voll von Verwundeten. In einem dritten — auch voll von Verwundeten. Ebenso hieß es in einem vierten; ich ließ mich aber hier nicht abweisen. Ich sah oben ein Fenster, wo es dunkel war. ›Was ist denn da oben?‹ erkundigte ich mich. ›Lauter Verwundete.‹ ›Das wollen wir doch untersuchen!‹ Und ich ging hinauf, und siehe da, drei leere Bettstellen mit guten und, wie es schien, ziemlich reinen Strohmatratzen. Wir machten also hier Nachtquartier, und ich schlief ganz gut.« — »Ja,« hatte sein Vetter Graf Bismarck-Bohlen gesagt, als der Kanzler uns die Historie in Pont-à-Mousson das erstemal und kürzer erzählte, »du schliefst gleich ein und ebenso Sheridan, der sich — ich weiß nicht, wo er’s hergekriegt — ganz in weiße Leinwand eingewickelt hatte und der in der Nacht von dir geträumt haben muß, denn ich hörte verschiedenemal, wie er murmelte: ›=O dear count!=‹« — »Hm, hm, der Erbgroßherzog, der sich mit guter Manier in die Sache fand und überhaupt ein angenehmer und liebenswürdiger junger Herr ist«, bemerkte der Minister. — »Das beste war übrigens bei der Geschichte,« sagte Bohlen, »daß eigentlich gar keine solche Not um Unterkommen gewesen wäre. Denn unterdessen hatten sie entdeckt, daß nahe dabei ein elegantes Landhaus für Bazaine instand gesetzt worden war, mit guten Betten, Sekt im Keller und was weiß ich alles —, höchst fein, und da hatte der Kriegsminister sich einlogiert und hatte ein opulentes Abendmahl mit seiner Gesellschaft gefunden.« Das zähe Huhn Von der Fahrt nach Busaney erzählt der Kanzler eine ähnliche Szene: »Ich hatte den ganzen Tag nichts als Kommißbrot und Speck gehabt. Jetzt kriegten wir ein paar Eier — fünf oder sechs. Die anderen wollten sie gekocht; ich aber esse sie gern roh, und so unterschlug ich ein paar und zerschlug sie an meinem Degenknopf, was mich sehr erfrischte. Als es dann wieder Tag geworden war, genoß ich das erste Warme seit sechsunddreißig Stunden — es war nur eine Erbswurstsuppe, die mir General Göben gab; sie schmeckte aber ganz vortrefflich. Später hatte es noch ein gebratenes Huhn gegeben, an dessen Zähigkeit aber der beste Zahn verzweifelte.« Es war dem Minister von einem Marketender angeboten worden, nachdem er von einem Soldaten ein ungekochtes gekauft hatte. Bismarck hatte jenes angenommen, dafür bezahlt und dem Manne noch obendrein das von dem Soldaten erworbene gereicht. »Wenn wir uns im Kriege wieder treffen,« sagte er, »so geben Sie mir’s gebraten wieder. Wo nicht, so hoffe ich, daß Sie mir’s in Berlin zurückerstatten.« [Illustration: ~Preußische Fanfaronaden~ Wilhelm: »Ich weiß nicht recht — wann denkst du, werde ich mit Frankreich fertig sein?« Bismarck: »Nur zu bald, gnädiger Herr, wie ich mit dieser Flasche.« (»Actualités«, November 1870)] Allmählich drängten die Dinge dem Gipfelpunkte von Sedan entgegen. Mit dem Morgengrauen des 1. September begann die Schlacht, und zur selben Stunde brach auch der König mit Bismarck auf, um Zeuge der Entscheidung zu sein. Mit ihnen zusammen standen auf der Höhe von Fresnois Moltke, Roon und zahlreiche Prinzen und Generale. Als aber das gewaltige Ringen zu Ende war, da erschien der General Reille als Parlamentär mit dem bekannten Briefe Napoleons bei König Wilhelm: »Mein Herr Bruder! Nachdem mir nicht vergönnt war, in der Mitte meiner Truppen zu sterben, bleibt mir nur noch übrig, meinen Degen in die Hände Ew. Majestät niederzulegen. Ich bin Ew. Majestät Vetter Napoleon.« Der König reichte das Schreiben zunächst Bismarck und ersuchte ihn, die Antwort zu entwerfen. Dieser las den Brief dem Kronprinzen, Roon und Moltke vor und diktierte dann dem Grafen Hatzfeld die Antwort: »Mein Herr Bruder! Mit Bedauern über die Umstände, unter denen wir zusammentreffen, nehme ich den Degen Ew. Majestät an und bitte Sie, einen Ihrer Offiziere ernennen zu wollen, der bevollmächtigt wird, über die Ergebung der Armee zu unterhandeln, die sich unter Ihren Befehlen so tapfer geschlagen hat. Meinerseits habe ich den General von Moltke dazu bestimmt. Ew. Majestät Bruder Wilhelm.« Als Reille mit dieser Antwort fort war, umarmte der König den Kronprinzen und reichte dann Bismarck die Hand mit den Worten: »Dieses weltgeschichtliche Ereignis, fürchte ich, bringt uns den Frieden noch nicht.« Bismarck fuhr mit Moltke nach Donchéry, um hier die französischen Unterhändler zu erwarten. Die Tragödie von Sedan war ausgespielt; es konnte nur noch ein Nachspiel geben. In Donchéry hat Bismarck übernachtet. Am Morgen um sechs Uhr erschien bereits ein französischer General; Bismarck zog sich hastig an, setzte sich, ohne zu frühstücken, eiligst zu Pferde und ritt davon. In der Stube aber fand Moritz Busch alles in Unordnung umhergeworfen: Am Boden lagen die »Täglichen Losungen und Lehrtexte der Brüdergemeinde für 1870«, auf dem Nachttischchen befand sich ein anderes Andachtsbuch: »Die tägliche Erquickung für gläubige Christen«, Schriften, in denen der Kanzler des Nachts zu lesen pflegte. Über die Einzelheiten der weltgeschichtlichen Vorgänge der nächsten Stunden hat Bismarck an die Gattin berichtet. Dieser Brief ist von den Franzosen aufgefangen und später vom »Figaro« veröffentlicht worden. Selbst das französische Blatt aber sprach mit Staunen und Ergriffenheit von diesen schlichten Worten, in denen der Sieger des großen Krieges von einem Ereignis spricht, dessen weltgeschichtliche Bedeutung jeder erfaßte, von der liebenswürdigen Art, wie er mitten in den Schauern und dem Brausen der Weltgeschichte Zeit findet, von Marie und Karl, von Hans, Fritz, Herbert und Bill zu sprechen. Wie hätte wohl der französische Sieger geschrieben! Der Brief ist in der Tat eines der rührendsten Dokumente menschlicher Demut und schlichter Größe. [Illustration: Wenn sich das Laster erbricht, setzt sich die Tugend zu Tisch. (»Der Floh«, September 1870)] Der Brief von Sedan Mein liebes Herz! Vorgestern vor Tagesgrauen verließ ich mein hiesiges Quartier, kehre heut zurück und habe in der Zwischenzeit die große Schlacht von Sedan am 1. erlebt, in der wir gegen 30 000 Gefangene machten und den Rest der französischen Armee, der wir seit Bar-le-Duc nachjagten, in die Festung warfen, wo sie sich mit dem Kaiser kriegsgefangen ergeben mußte. Gestern früh fünf Uhr, nachdem ich bis ein Uhr früh mit Moltke und den französischen Generalen über die abzuschließende Kapitulation verhandelt hatte, weckte mich der General Reille, den ich kenne, um mir zu sagen, daß Napoleon mich zu sprechen wünschte. Ich ritt ungewaschen und ungefrühstückt gegen Sedan, fand den Kaiser im offenen Wagen mit drei Adjutanten und drei zu Pferde daneben auf der Landstraße vor Sedan haltend. Ich saß ab, grüßte ihn ebenso höflich wie in den Tuilerien und fragte nach seinen Befehlen. Er wünschte den König zu sehen; ich sagte ihm der Wahrheit gemäß, daß Seine Majestät drei Meilen davon, an dem Orte, wo ich jetzt schreibe, sein Quartier habe. Auf Napoleons Frage, wohin er sich begeben solle, bot ich ihm, da ich der Gegend unkundig, mein Quartier in Donchéry an, einem kleinen Ort an der Maas dicht bei Sedan; er nahm es an und fuhr, von seinen sechs Franzosen, von mir und von Karl (Bismarck-Bohlen), der mir inzwischen nachgeritten war, geleitet, durch den einsamen Morgen nach unserer Seite zu. Vor dem Ort wurde es ihm leid, wegen der möglichen Menschenmenge, und er fragte mich, ob er in einem einsamen Arbeiterhause am Wege absteigen könne; ich ließ es besehen durch Karl, der meldete, es sei ärmlich und unrein. »=N’importe=«, meinte Napoleon, und ich stieg mit ihm eine gebrechliche enge Stiege hinauf. In einer Kammer von zehn Fuß Gevierte, mit einem fichtnen Tische und zwei Binsenstühlen, saßen wir eine Stunde; die anderen waren unten. Ein gewaltiger Kontrast mit unserem letzten Beisammensein, 1867 in den Tuilerien. Unsere Unterhaltung war schwierig, wenn ich nicht Dinge berühren wollte, die den von Gottes gewaltiger Hand Niedergeworfenen schmerzlich berühren mußten. Ich hatte durch Karl Offiziere aus der Stadt holen und Moltke bitten lassen zu kommen. Wir schickten dann einen der ersten auf Rekognoszierung und entdeckten eine halbe Meile davon in Fresnois ein kleines Schloß mit Park. Dorthin geleitete ich ihn mit einer inzwischen herangeholten Eskorte vom Leib-Kürassierregiment, und dort schlossen wir mit dem französischen Obergeneral Wimpffen die Kapitulation, vermöge derer 40 000 bis 60 000 Franzosen, genauer weiß ich es noch nicht, mit allem, was sie haben, unsere Gefangenen wurden. Der vor- und gestrige Tag kosten Frankreich 100 000 Mann und einen Kaiser. Heute früh ging letzterer mit allen seinen Hofleuten, Pferden und Wagen nach Wilhelmshöhe bei Kassel ab. Es ist ein weltgeschichtliches Ereignis, ein Sieg, für den wir Gott dem Herrn in Demut danken wollen, und der den Krieg entscheidet, wenn wir auch letzteren gegen das kaiserlose Frankreich noch fortführen müssen. Ich muß schließen. Mit herzlicher Freude ersah ich heut aus Deinen und Maries Briefen Herberts Eintreffen bei Euch. Bill sprach ich gestern, wie schon telegraphiert, und umarmte ihn angesichts Sr. Majestät vom Pferde herunter, während er stramm im Gliede stand. Er ist sehr gesund und vergnügt. Hans und Fritz Karl sah ich, beide Bülow b. 2. G. Dr. wohl und munter. Leb wohl, mein Herz. Grüße die Kinder. Dein v. B. König Wilhelms Toast Am nächsten Tage, beim Mittagsmahle des Großen Hauptquartiers, brachte der König folgenden Trinkspruch aus: »Wir müssen heut aus Dankbarkeit auf das Wohl Meiner braven Armee trinken. Sie, Kriegsminister von Roon, haben unser Schwert geschärft; Sie, General von Moltke, haben es geleitet, und Sie, Graf von Bismarck, haben seit Jahren durch die Leitung der Politik Preußen auf seinen jetzigen Höhepunkt gebracht. Lassen Sie Uns also auf das Wohl der Armee, der drei von Mir Genannten und jedes einzelnen unter den Anwesenden trinken, der nach seinen Kräften zu den bisherigen Erfolgen beigetragen hat.« [Illustration: Eine Satire auf die französischen Unterhändler. »Umarmen Sie mich, und alles ist erledigt.« (Franz. Flugblatt 1870)] Wie beim Kotillon An einem parlamentarischen Abend erzählte Bismarck: »Als ich dem Kaiser Napoleon in dem Stübchen des Weberhauses bei Donchéry beinahe eine Stunde gegenüber saß, war es mir gerade so zumute wie als jungem Menschen auf dem Balle, wenn ich ein Mädchen zum Kotillon engagiert hatte, mit der ich kein Wort zu sprechen wußte, und die niemand abholen wollte.« Der Krieg ging weiter; das Ende war noch nicht da. Zwar wurde die Dynastie Napoleons entthront, und die Kaiserin mußte mit ihrem Sohne nach England ziehen, aber die neue Republik führte den Krieg fort, und ihr Wahlspruch lautete: Wir überlassen keinen Finger breit Erde und keinen Stein unserer Festungen den Deutschen. [Illustration: ~Vor Paris~ Wilhelm zu Bismarck, der nach dem Monde (Paris) greift: »Du fehlst ihn wieder! Ich habe es dir schon so oft gesagt, mein Gott, mein Gott, in welche Klemme du mich bringst!« (»Actualités«, 1870)] Die Haltung Frankreichs war beeinflußt auch durch die Hoffnung auf die Einwirkung der neutralen Mächte. Vor allem war es Beust, der die Hoffnung hegte, mit Hilfe eines Kongresses den Deutschen den Siegespreis zu kürzen. Auch England, das schon zu Anfang die Ausfuhr von Kohlen und Waffen nach Frankreich mit den Pflichten einer neutralen Macht für vereinbar hielt, zeigte sich den Siegern wenig freundlich gesinnt. Beust regte sogar ein gemeinsames Vorgehen der Mächte an, um, wie er sagte, die Forderungen der Sieger zu mäßigen und die Gefühle des Besiegten zu schonen. Aber das Schwert war rascher als die Feder; erst in Versailles kam es zu ernsthafter Verhandlung, und in der Tat hatte hier Bismarck schwer um die Ernte aller Kämpfe zu ringen. »Aber schon jetzt«, so schreibt er einmal nach Hause, »haben sich die diplomatischen Korrespondenzen wieder gemehrt. Der aufgestaute Tintenbach hat sich über mich ergossen, falsche Friedenstauben schwirren umher und girren mich heuchlerisch an.« Auch die Organisation der Verwaltung machte ihm viel Plage: »Wenn ich mit solcher Ressortverwirrung im Zivil haushalten sollte, so wäre ich längst gesprungen wie eine Granate. Hier aber denkt keiner daran, ob das Ganze leidet, jeder tut, was ihm befohlen wird, und was nicht befohlen wird, darüber tröstet er sich wie der Junge, dem sein Vater keine Handschuhe kaufte. Vor dem Feinde lauter Helden, aber an ihren Schreibtischen wie ein Rattenkönig mit den Zöpfen zusammengewachsen.« Die Arbeitslast Die fast übermenschliche Befähigung des Kanzlers zu arbeiten, schöpferisch aufnehmend, kritisch zu arbeiten, die schwierigsten Aufgaben zu lösen, überall ohne Verzug das Rechte zu finden und das allein Geeignete anzuordnen, war vielleicht nie so bewundernswert wie während dieser Zeit, und sie war in ihrer Unerschöpflichkeit um so erstaunlicher, als nur wenig Schlaf die bei solcher Tätigkeit aufgewandten Kräfte ersetzte. Wie daheim stand der Minister auch im Felde, wenn ihn nicht eine zu erwartende Schlacht schon vor Tagesanbruch an die Seite des Königs und zum Heere rief, meist spät, in der Regel gegen zehn Uhr auf. Aber er hatte dann die Nacht durchwacht und war erst mit dem durchs Fenster scheinenden Morgenlichte eingeschlafen. Oft kaum aus dem Bette und noch nicht in den Kleidern, begann er schon wieder zu denken und zu schaffen, zu studieren, den Räten und anderen Mitarbeitern Instruktionen zu erteilen, Fragen vorzulegen und Aufgaben der verschiedensten Art zu stellen, selbst zu schreiben oder zu diktieren. Später waren Besuche zu empfangen oder Audienzen zu geben, oder es war dem König Vortrag zu halten. Dann wieder Studium von Depeschen und Landkarten, Korrektur von befohlenen Aufsätzen, Niederschrift von Konzepten mit den bekannten großen Bleistiften, Abfassung von Briefen, Information zu Telegrammen oder Äußerungen in der Presse, und dazwischen mitunter abermals Empfang unabweislicher Besuche, die zuweilen nicht willkommen sein konnten. Erst nach zwei, manchmal erst nach drei Uhr gönnte sich der Kanzler an Orten, wo für längere Zeit haltgemacht worden war, einige Erholung, indem er einen Spazierritt in die Nachbarschaft unternahm. Darauf wurde nochmals gearbeitet, bis man zwischen fünf und sechs Uhr zum Mittagsmahl ging. Spätestens anderthalb Stunden nachher war er wieder in seinem Zimmer am Schreibtisch, und häufig sah ihn noch die Mitternacht lesen oder Gedanken zu Papier bringen. Wie der Graf es mit dem Schlafen hielt, anders als unter gewöhnlichen Menschen üblich, so lebte er auch hinsichtlich seiner Mahlzeiten in eigner Weise. Früh genoß er eine Tasse Tee und wohl auch ein oder zwei Eier, dann aber in der Regel nichts bis zu dem in die Abendstunden verlegten Mittagsmahl. Sehr selten nahm er am zweiten Frühstück und nur dann und wann am Tee teil, der zwischen neun und zehn Uhr serviert wurde. Er aß somit, gelegentliche Ausnahmen abgerechnet, innerhalb der vierundzwanzig Stunden des Tages eigentlich nur einmal, dann aber — beiläufig wie Friedrich der Große — reichlich. Am 13. September erließ Bismarck das berühmte Rundschreiben an die deutschen Vertreter im Ausland, in dem er erklärte, man dürfe sich nicht darüber täuschen, daß Deutschland, auch wenn die siegreichen Heere ohne jede Gebietsabtretung aus Frankreich fortzögen, doch keinen dauernden Frieden genießen werde; Deutschland müßte sichere Bürgschaften für die Verteidigung der westlichen Grenzen haben. In Meaux erfuhr er dann von der Rundreise des Herrn Thiers, der eine diplomatische Einmischung herbeiführen wollte, aber, wie er selbst sich ausgedrückt hat, »Europa nicht finden konnte«. Zu gleicher Zeit erschien bereits Jules Favre zur Unterhandlung bei Bismarck. Aber die Besprechung verlief resultatlos. Und auch weitere Versuche, einen Waffenstillstand oder den Frieden herbeizuführen, mißlangen. Ins Geschäft nie In dem vertrauten Kreise seiner Tafelrunde erzählte Bismarck belustigt, daß Favre sich bei der Erwähnung von Landverlust höchst erregt gebärdet, Seufzer ausgestoßen, die Augen gen Himmel gewendet und patriotische Tränen zu vergießen versucht und anscheinend weggewischt habe. Da Favre dieser Tränen sich in seinem amtlichen Berichte vom 21. September besonders rühmte, so sagte Bismarck am 27. vor seinen Tafelgästen weiter: »Es ist wahr, er sah so aus, und ich versuchte ihn einigermaßen zu trösten. Wie ich mir ihn aber genauer betrachtete — ich glaube ganz bestimmt, daß er nicht eine Träne herausgebracht hatte. Er dachte vermutlich, mit Schauspielerei auf mich zu wirken wie die Pariser Advokaten auf ihr Publikum. Ich bin fest überzeugt, daß er in Ferrières auch weiß geschminkt war — besonders das zweitemal. An diesem Morgen sah er viel grauer aus, um den Angegriffenen und Tiefleidenden vorzustellen. Es ist auch möglich, daß es ihm wirklich nahegeht, aber er ist kein Politiker, er sollte wissen, daß Gefühlsausbrüche nicht in die Politik gehören. Als ich was von Straßburg und Metz fallen ließ, machte er ein Gesicht, als ob das Scherz von mir wäre. Ich hätte ihm da erzählen können, wie ich einmal mit meiner Frau zu dem großen Kürschner in Berlin ging — wie heißt er gleich? —, um nach einem Pelz zu fragen, und da nannte er mir für den, der mir gefiel, einen hohen Preis. ›Sie scherzen wohl‹, versetzte ich. ›Nein,‹ erwiderte er, ›ins Geschäft nie.‹« =Parjure= und =infâme= Es wurde einmal erwähnt, daß der bei Sedan in Gefangenschaft geratene General Ducrot zum Danke dafür, daß man ihm gegen sein Ehrenwort mehr Freiheit als anderen gestattet, auf dem Wege nach Deutschland schmählicherweise durchgebrannt sei. Bismarck bemerkte dazu: »Wenn man solche Schurken, die ihr Wort gegeben haben — andere, die ausreißen, sind nicht zu tadeln —, wiederkriegt, so sollte man sie hängen in ihren roten Hosen und auf das eine Bein =parjure= und auf das andere =infâme= schreiben.« Am 5. Oktober wurde das Hauptquartier nach Versailles verlegt. Ein weiter Ring um Paris war von den deutschen Truppen geschlossen worden. Hier aber begann frühzeitig der große historische Streit um die Frage, ob die französische Hauptstadt, wie Moltke und der Kronprinz und die Generale wollten, durch Hunger zerniert oder, wie Bismarck und Roon es verlangten, mit schweren Geschützen beschossen werden sollte. Dieser Streit, in dem Bismarck erst nach langen Mühen den Sieg davontragen sollte, hat ihm zahllose bittere Stunden bereitet. Denn für ihn, der den politischen Gesichtspunkt niemals vergessen durfte, der vor allem einen Eingriff der Neutralen verhindern wollte, war die Schnelligkeit der Erfolge von entscheidender Bedeutung. Er wußte, wie gefährlich jede Verzögerung war. Nie haben auch die Klagen Bismarcks über die Eifersucht der Generale herber geklungen, als in jenen Wochen, da »die Halbgötter« sich sogar bemühten, ihm jeden Einblick in den Gang der Operationen zu verwehren. Oft genug hat Bismarck das Erschwernis gespürt, das ihm hieraus erwuchs. War er doch verantwortlich für die richtige politische Ausnutzung der militärischen wie der auswärtigen Situation, verantwortlich dafür, ob die militärische Lage irgendwelche politischen Schritte oder die Ablehnung irgendeiner Zumutung anderer Mächte ratsam machte. Hatte Bismarck nicht recht? Wenn es die Aufgabe der Heeresleitung war, die feindlichen Streitkräfte zu vernichten, so war doch der Zweck des Krieges die Erkämpfung des Friedens und der Bedingungen, die der vom Staate befolgten Politik entsprechen. So hat vor allem die Frage, ob Paris bombardiert werden solle oder nicht, einen tiefen Einfluß auch auf die politischen Verhältnisse geübt. Denn stärker als je regten sich jetzt die Neutralen, um den Krieg so zu begrenzen, daß Preußen seine Forderungen möglichst einschränken mußte. Bismarck wußte aber auch, daß dieser gewaltige Krieg mit seinen Siegen und seiner Begeisterung nicht ohne Wirkung für die nationale Einigung bleiben durfte: »Es war mir niemals zweifelhaft, daß der Herstellung des Deutschen Reiches der Sieg über Frankreich vorhergehen mußte, und wenn es uns nicht gelang, ihn diesmal zum vollen Abschluß zu bringen, so waren weitere Kriege ohne vorherige Sicherstellung unserer völligen Einigung in Sicht.« [Illustration: ~Bismarck als Kugelläufer~ »Deibel noch mal, ich weeß nich, was das bedeitet! Ich gloobe sogar, ich habe die Palance verloren, mel eenes Been glitscht schon!« (Franz. Flugblatt 1870) (Das französische Flugblatt läßt Bismarck sächsisch sprechen, wohl in der Vorstellung, daß er als Niedersachse den Dresdener Dialekt redet. Dies wiederholt sich oft.)] Eine Stunde der Bitterkeit In den Tagen, da Bismarck und Roon vergebens um das Bombardement von Paris rangen, schrieb Bismarck einmal mit tiefer Bitterkeit an die Gattin: »Der gute Roon ist vor Ärger über unsere Passivität und seine vergeblichen Versuche, uns zum Angriff zu bringen, recht krank gewesen, jetzt besser, resigniert, nur darf man nicht von der Sache reden; er wird gleich unwohl vor Bitterkeit. Er bleibt eigentlich nur mir zu Gefallen hier, weil ich sonst politisch und gemütlich ganz vereinsame. Ich meine nicht, daß ich Widerstand aller auf ~politischem~ Gebiete zu bekämpfen hätte, im Gegenteil, aber ich habe keine menschliche Seele hier zum Reden über Vergangenheit oder Zukunft. Wenn man zu lange Minister ist, und dabei nach Gottes Fügung Erfolge hat, so fühlt man deutlich, wie der kalte Sumpf von Mißgunst und Haß einem allmählich höher und höher bis ans Herz steigt. Man gewinnt keine neuen Freunde, die alten sterben oder treten in verstimmter Bescheidenheit zurück, und die Kälte von oben wächst, wie das die Naturgeschichte der Fürsten, auch der besten, so mit sich bringt; alle Zuneigungen aber bedürfen der Gegenseitigkeit, wenn sie dauern sollen. Kurz, mich friert, geistig, und ich sehne mich, bei Dir zu sein und mit Dir in Einsamkeit auf dem Lande. Dieses Leben erträgt kein gesundes Herz auf die Dauer. Gesund an Körper aber bin ich, mehr als seit Jahr und Tag, und grüße Dich und die Kinder in herzlicher Liebe mit etwas Heimweh.« [Illustration: Bismarck als Jesuit, der immer doppelzüngig ist, aber von den Franzosen wünscht er nur Gutes: Elsaß, Lothringen und fünf Milliarden. (»Actualités«, 1871)] Achill Von ähnlicher Stimmung berichtet Busch: Eines Abends klagte der Fürst, daß er von seiner politischen Tätigkeit wenig Freude und Befriedigung gehabt. Er habe damit niemand glücklich gemacht, sich selbst nicht, seine Familie nicht, auch andere nicht, wohl aber viele unglücklich. »Ohne mich hätte es drei große Kriege nicht gegeben, wären achtzigtausend Menschen nicht umgekommen, und Eltern, Brüder, Schwestern, Witwen trauerten nicht. Das habe ich indes mit Gott abgemacht. Aber Freude habe ich wenig oder gar keine gehabt von allem, was ich getan habe, dagegen viel Verdruß, Sorge und Mühe.« — Man konnte an Achill denken, wenn er im Zelte des Lagers vor Ilion zu König Priamus sagt: »Wir schaffen ja nichts mit unserer starrenden Schwermut; Also bestimmten der Sterblichen Los, der armen, die Götter, Trübe in Gram zu leben, allein sie selber sind sorglos.« Aber trotz aller Bitternis trieb gerade in jenen Zeiten der Humor Bismarcks die köstlichsten Blüten. In den Tischgesprächen, deren wir dem fleißigen Moritz Busch eine Fülle verdanken, offenbarte er zuweilen sogar eine übermütige Stimmung, stets aber erscheinen vor unseren Augen wie in einem Panorama, oft nur in kurzen Strichen gezeichnet, lebensvolle Gestalten, packende Bilder, Episoden von Reiz und Stimmung. Die Vergangenheit steigt wieder empor, helle Lichter fallen auf die Gegenwart, und mit prophetischem Geiste wird die Zukunft erfaßt. Am tiefsten aber scheint ein Wort, das er einmal ganz flüchtig prägte, als er über seine Schlaflosigkeit klagte: Es denkt, es spekuliert in mir »Schon als Kind,« so erzählte er da, »und seitdem immer bin ich spät zu Bett gegangen, niemals vor Mitternacht. Ich schlafe dann gewöhnlich schnell ein, wache aber bald wieder auf und finde, daß es höchstens um eins oder halb zwei ist, und dann fällt mir allerhand ein, besonders wo mir unrecht geschehen ist, was dann überlegt werden muß. Darauf schreibe ich Briefe, auch Depeschen, natürlich ohne aufzustehen, bloß im Kopfe. Früher, als ich noch nicht lange Minister war, stand ich auf und schrieb es wirklich nieder. Wenn ich’s aber am Morgen überlas, war es nichts wert, lauter Platitüden, konfuses, triviales Zeug, wie es etwa in der ›Vossischen‹ gestanden haben könnte.« — — »Ich will nicht, ich möchte lieber schlafen. Aber es denkt, ~es spekuliert in mir~. Kommt dann der erste Morgenschimmer auf meine Bettdecke, so schlummere ich wieder ein, und dann wird bis zehn Uhr oder noch länger fortgeschlafen.« »Es spekuliert in mir« — es ist das Daimonion, das Dämonische in ihm, das hier seine eigene Sprache führt, das über ihn kommt und ihn zwingt, das ihn heraushebt über die Enge des Menschentums und seinen Blick hinüberlenkt in die unendlichen Weiten, die nur des Künstlers Seele ergreift. Aus der überaus reichen Fülle von Anekdoten, von Erlebtem und Erzähltem, die jene Tage von Versailles umfassen, mögen hier in bunter Wahl einige Proben ihren Platz finden. Wilhelm Tell Bei Tisch kam man einmal auf Wilhelm Tell zu sprechen, und der Minister bekannte, daß er den schon als Knabe nicht habe leiden können, und zwar erstens, weil er auf seinen Sohn geschossen, dann weil er Geßler auf meuchlerische Weise getötet habe. »Natürlicher und nobler wäre es nach meinen Begriffen gewesen,« setzte er hinzu, »wenn er, statt auf den Jungen abzudrücken — den doch der beste Schütze statt des Apfels treffen konnte —, wenn er da lieber gleich den Landvogt erschossen hätte. Das wäre gerechter Zorn über eine grausame Zumutung gewesen. Das Verstecken und Auflauern gefällt mir nicht, das paßt sich nicht für Helden — nicht einmal für Franktireure.« [Illustration: Bismarcks geschwollene Backe. Ein Vexierbild, dessen Sinn beim Umdrehen deutlich wird. (Franz. Flugblatt 1870)] Wie er Burgunder bezog Es erwähnte jemand bei Tisch den guten Weinkeller Bismarcks in Berlin. »Ein ausgezeichneter Keller« — sagte er darauf —, »denn ich habe einen außerordentlichen Lieferanten, den Marquis de T....., welchen Sie in Paris kennen gelernt haben müssen. Das ist ein Diplomat, welcher Talleyrand einmal in seinem Leben ausgestochen hat, indem er den Minister der Auswärtigen Angelegenheiten des Kaisers zwang, ihn zum Marquis zu machen, ohne dies zu wissen. Er ist der Sohn eines reichen Landwirts und hieß einfach Lemarquis. Nachdem er erreicht hatte, daß er als Attaché der französischen Gesandtschaft nach Frankfurt geschickt worden war, fügte er seinem Namen den Namen eines seinem Vater gehörenden Landgutes hinzu, das machte Lemarquis de T.....; dann gewöhnte er sich allmählich daran, daß man seinen Namen in zwei Worten schrieb; endlich schrieb er ihn selbst so. Er kam nach Berlin; ich kannte die Geschichte; als ich das Vergnügen bemerkte, mit welchem er sich Marquis anreden ließ, schmeichelte ich dieser Manier und ließ bei einem diplomatischen Diner unter sein Gedeck eine Speisekarte legen, auf welcher sein Titel auf die aristokratischste Weise schön rund geschrieben stand. Er war hierüber gerührt und schickte mir am nächsten Tage einen Korb ausgezeichneter Burgunderweine, welche er von seinen Gütern in Frankreich bezog. Seitdem ist er mein Lieferant geblieben, und ich befinde mich wohl dabei.« Elefantenbraten Bei Tisch war Lauer Gast des Chefs. Es wurde davon gesprochen, daß man in Paris bereits alle eßbaren Tiere des =Jardin des Plantes= verspeist haben soll, und Hatzfeld erzählte, daß man die Kamele für viertausend Franken verkauft habe, und daß der Rüssel des Elefanten von einer Gesellschaft von Feinschmeckern gegessen worden sei; derselbe soll ein vortreffliches Gericht abgeben. »Ach,« versetzte Lauer, »das ist wohl möglich. Es ist eine Masse von zusammengefilzten Muskeln, woher die Gewandtheit und Kraft kommt, mit der er ihn gebraucht. Etwas wie die Zunge; er muß wie Zunge schmecken.« — Jemand bemerkte, auch die Kamele sollten nicht übel sein, und namentlich behaupte man, daß die Höcker eine große Delikatesse wären. Der Chef hörte dem eine Weile zu, dann sagte er wie nachdenklich, erst etwas vorgebeugt, dann aufatmend und sich aufrichtend, wie das bei Scherzen seine Gewohnheit: »Hm, die buckligen Menschen — man sollte denken, die Buckel!« — laute allgemeine Heiterkeit unterbrach ihn. Lauer bemerkte trocken und wissenschaftlich, die Buckel wären eine Verbildung der Rippen oder Knochen oder auch eine Verkrümmung des Rückgrates, und so würden sie sich nicht zum Essen eignen, wohingegen die Kamelhöcker bewegliche Knorpelansätze wären, die möglicherweise nicht schlecht schmeckten. Dieser Faden spann sich dann weiter, es war die Rede von Bärenfleisch, dann von Bärentatzen, zuletzt von den Feinschmeckern unter den Kannibalen, wobei der Minister eine anmutige Geschichte zu erzählen wußte. Er begann: »Ein Kind, ein junges frisches Mädchen, nun ja, aber so ein alter, ausgewachsner harter Kerl — der muß doch nicht zu essen sein.« Dann fuhr er fort: »Ich erinnere mich, eine alte Kaffern- oder Hottentottenfrau, die lange schon Christin geworden war, als der Missionar sie auf den Tod vorbereitete und sie ganz für die Seligkeit bereit fand, — da fragte er sie, ob sie wohl noch einen Wunsch hätte. Nein, sagte sie, es wäre alles ganz gut, aber wenn sie noch einmal ein paar Hände von einem kleinen Kinde zu essen bekäme, das wäre doch was sehr Delikates.« Von Erschaffung der Welt an Bei den Verhandlungen über die Kriegsentschädigung zwischen Jules Favre und Bismarck war auch der Bankier Gerson von Bleichröder als Sachverständiger zugegen. Favre war außer sich über die Forderung von fünf Milliarden und meinte, um seinem Gegner das Übertriebene derselben einleuchtend zu machen, selbst wenn man von Christi Zeiten bis auf diese Stunde zählen wollte, so würde man mit einer solch ungeheuren Summe nicht zustande kommen. »O,« erwiderte Graf Bismarck, »seien Sie außer Sorgen. Dafür habe ich diesen Herrn mitgebracht« — er deutete dabei auf Bleichröder — »der zählt von Erschaffung der Welt an.« Der Jude mit den zerrissenen Stiefeln »In Petersburg«, so erzählte Bismarck einmal bei Tisch, »kam in unsere Kanzlei ein Jude, der nach Preußen zurückbefördert sein wollte. Er war aber sehr abgerissen und hatte besonders schlechte Stiefel an. Man sagte ihm, ja, er sollte befördert werden; aber er wollte vorher andere Stiefel haben, und beanspruchte das als ein Recht und trat so dreist und unverschämt auf, schrie und schimpfte, daß die Herren sich vor ihm nicht zu helfen wußten. Auch die Diener getrauten sich nicht an den wütenden Menschen. Da wurde endlich, als der Spektakel zu arg geworden war, ich zu körperlicher Hilfe herbeigerufen. Ich sagte ihm, er sollte ruhig sein, sonst würde ich ihn einsperren lassen. Er erwiderte trotzig: ›Das können Sie nicht, dazu haben Sie in Rußland gar kein Recht!‹ — ›Das wollen wir sehen‹, sagte ich. ›Ich muß Sie allerdings nach Hause schaffen, aber Stiefel brauche ich Ihnen nicht zu geben, wenn ich’s auch vielleicht getan hätte, wenn Sie sich nicht so ungebührlich aufgeführt hätten.‹ Darauf machte ich das Fenster auf und winkte einem Gorodowoy, einem russischen Polizeimanne, der ein Stück davon seine Station hatte. Mein Jude fuhr fort, zu schreien und zu schelten, bis der Polizeimann, ein großer starker Mensch, hereinkam. Zu dem sagte ich: [russische Worte, die unübersetzt bleiben]. Und der große Schutzmann nahm den kleinen Juden mit und steckte ihn ein. Den anderen Vormittag aber kam der wieder an, ganz umgewandelt, und erklärte sich zur Abreise ohne neue Stiefel bereit. Ich fragte, wie es ihm ergangen wäre inzwischen. — Schlecht wäre es ihm gegangen, sehr schlecht. — Nun, was sie ihm denn getan hätten? — Ja, sie hätten ihn — nun, sie hätten ihn — körperlich mißhandelt. Ich sprach ihm mein Bedauern aus und fragte, ob er sich beschweren wolle. Er zog vor, schnell abzureisen, und ich habe nichts wieder von ihm gehört.« [Illustration: ~Der beschränkte Untertanenverstand~ Bismarck: »Undankbares Volk! Beschränkter Untertanenverstand! Für jede Steuer und jedes Monopol, das sie mir bewilligen, und für jeden Belagerungszustand, den sie mir verlängern, gebe ich ihnen einen Bischof, und noch sind die Leute nicht zufrieden.« (»Figaro«, Oktober 1881)] Er redet deutsch Von seiner zweiten Zusammenkunft mit Thiers erzählte der Kanzler: »Als ich eine vielleicht ihm hart erscheinende Forderung an ihn stellte, fuhr er, der sich sonst sehr wohl zu beherrschen weiß, in die Höhe und sagte: ›=Mais, c’est une indignité!=‹ Ich ließ mich dadurch nicht irremachen, sprach aber von jetzt an deutsch zu ihm. Er hörte eine Weile zu und wußte augenscheinlich nicht, was er davon halten sollte. Dann fing er an in kläglichem Tone: ›=Mais, Monsieur le comte, vous savez bien, que je ne sais point l’allemand.=‹ Ich erwiderte ihm — jetzt wieder französisch: ›Als Sie vorhin von =indignité= redeten, fand ich, daß ich nicht genug Französisch verstehe, und so zog ich vor, deutsch zu sprechen, wo ich weiß, was ich sage und höre.‹ Sogleich begriff er, was ich wollte, und schrieb als Zugeständnis hin, was ich gefordert hatte, und was er vorher als eine Unwürdigkeit hingestellt hatte.« Obendrein Propfengeld In Ferrières war Bismarck in dem Schlosse des Herrn von Rothschild einquartiert. Sehr gastlich wurde er hier nicht aufgenommen, wenigstens erzählt Moritz Busch: »Während des Essens hatten wir auch eine Probe von der Gastlichkeit und dem Anstandsgefühl des Herrn Baron zu bewundern, dessen Haus der König mit seiner Gegenwart beehrte, und dessen Besitz infolgedessen in jeder Weise geschont wurde. Herr von Rothschild, der hundertfache Millionär und überdies bis vor kurzem Generalkonsul Preußens in Paris gewesen, ließ uns durch seinen ›Regisseur‹ oder Haushofmeister patzig den Wein verweigern, dessen wir bedurften, wozu ich bemerkte, daß derselbe wie jede andere Lieferung bezahlt werden sollte. Vor den Chef zitiert, setzte der dreiste Mensch seine Renitenz fort, leugnete erst ganz und gar, überhaupt Wein im Hause zu haben, und gab dann zwar zu, daß er ›ein paar hundert Flaschen Petit Bordeaux im Keller habe‹ — in Wahrheit lagen 17000 darin —, erklärte aber, uns davon nichts abtreten zu wollen. Der Minister machte ihm jedoch den Standpunkt in sehr kräftiger Rede klar, hob hervor, was das für eine unartige und filzige Art sei, mit der sein Herr die Ehre erwidere, die ihm der König dadurch erwiesen, daß er bei ihm abgestiegen sei, und fragte, als der vierschrötige Patron Miene machte, sich wieder aufzubäumen, kurz und bündig, ob er wisse, was ein Strohbund sei. Jener schien das zu ahnen; denn er wurde blaß, sagte aber nichts. Es wurde ihm dann bemerkt, daß ein Strohbund ein Ding sei, auf welches halsstarrige und freche Regisseure so gelegt würden, daß ihre Rückseite oben sei, und das weitere könne er sich vielleicht vorstellen. — Andern Tags hatten wir, was wir verlangt, und auch später kam meines Wissens keine Klage vor. Der Herr Baron aber erhielt für seinen Wein nicht nur den geforderten Preis, sondern, wie man hörte, obendrein Propfengeld, so daß er an uns noch etwas Anständiges verdiente. — Herr von Rothschild hat später behauptet, sein Koch sei von Preußen geprügelt worden, weil die Fasanen, die er ihnen vorsetzte, nicht getrüffelt gewesen seien.« Garibaldi Als Garibaldi geschlagen war und zahlreiche Italiener in deutsche Gefangenschaft geraten waren, sagte Bismarcks Vetter Bohlen: man solle sie in Käfige setzen und öffentlich zeigen. »Nein,« erwiderte der Kanzler, »ich hätte einen anderen Plan. Man sollte die Gefangenen nach Berlin bringen, dort müßte ihnen ein Plakat von Pappe angehängt werden, auf dem stünde: ›Dankbarkeit‹ — oder: ›Venedig — Spandau‹ — und so würden sie durch die Stadt geführt und dann nach Spandau geschafft.« Alexander von Humboldt »Bei unserem hochseligen Herrn«, so erzählte Bismarck, »war ich das einzige Schlachtopfer, wenn Humboldt des Abends die Gesellschaft in seiner Weise unterhielt. Er las dann gewöhnlich vor, oft stundenlang, eine Lebensbeschreibung von einem französischen Gelehrten oder einem Baumeister, die keinen Menschen interessierte. Dabei stand er und hielt das Blatt dicht vor die Lampe. Mitunter ließ er es fallen, um sich mit einer gelehrten Bemerkung darüber zu verbreiten. Niemand hörte ihm zu, aber er hatte doch das Wort. Die Königin nähte in einem fort an einer Tapisserie und hörte gewiß nichts von seinem Vortrag. Der König besah sich Bilder — Kupferstiche und Holzschnitte — und blätterte geräuschvoll darin, in der schönen Absicht, nichts davon hören zu wollen. Die jungen Leute seitwärts und im Hintergrunde unterhielten sich ganz ungeniert, kicherten und übertäubten damit förmlich seine Vorlesung. Der aber murmelte, ohne abzureißen, fort wie ein Bach. Gerlach, der gewöhnlich auch dabei war, saß auf einem kleinen runden Stuhle, über dessen Rand sein fetter Hinterer auf allen Seiten herabhing, und schlief, daß er schnarchte, so daß ihn der König einmal weckte und zu ihm sagte: ›Gerlach, so schnarchen Sie doch nicht.‹ — Ich war sein einziger geduldiger Zuhörer, das heißt, ich schwieg, tat, als ob ich seinem Vortrage lauschte, und hatte dabei meine eigenen Gedanken, bis es endlich kalte Küche und weißen Wein gab. — Es war dem alten Herrn sehr verdrießlich, wenn er nicht das Wort führen durfte. Ich erinnere mich, einmal war einer da, der die Rede an sich riß, und zwar auf ganz natürliche Weise, indem er Dinge, die alle interessierten, hübsch zu erzählen wußte. Humboldt war außer sich. Mürrisch füllte er sich den Teller mit einem Haufen — so hoch — (der Kanzler zeigt es mit der Hand) von Gänseleberpastete, fettem Aal, Hummerschwanz oder anderen Unverdaulichkeiten — ein wahrer Berg! — es war erstaunlich, was der alte Mann essen konnte. — Als er nicht mehr konnte, ließ es ihm keine Ruhe mehr, und er machte einen Versuch, sich das Wort zu erobern. ›Auf dem Gipfel des Popokatepetl‹, fing er an. Aber es war nichts, der Erzähler ließ sich seinem Thema nicht abwendig machen und fuhr gelassen mit dem zweiten Kapitel der Geschichte, die er zum besten gab, fort. Humboldt sah sich mißmutig nach ihm um, hustete kurz und trocken und setzte noch einmal an. ›Auf dem Gipfel des Popokatepetl, siebentausend Toisen über‹ — wieder drang er nicht durch, der Erzähler sprach ruhig weiter. ›Auf dem Gipfel des Popokatepetl, siebentausend Toisen über dem Niveau des Stillen Meeres‹ — er stieß es mit lauter, erregter Stimme hervor, halb wehmütig, halb zornig, die ersten Worte feierlich, die letzten hastig; jedoch gelang es ihm auch damit nicht; der Erzähler redete fort, wie vorher, und die Gesellschaft hörte nur auf ihn. — Das war unerhört — Frevel! Wütend setzte Humboldt sich nieder und versank in Betrachtungen über die Undankbarkeit der Menschheit, auch am Hofe. — Die Liberalen haben viel aus ihm gemacht, ihn zu ihren Leuten gezählt. Aber er war ein Mensch, dem Fürstengunst unentbehrlich war, und der sich nur wohl fühlte, wenn ihn die Sonne des Hofes beschien.« Cerf Einmal erzählte der Fürst auch von einer früher in Berlin sehr bekannten Persönlichkeit, dem alten Theaterdirektor Cerf; derselbe sei ein höchst merkwürdiger Herr gewesen, Geschriebenes habe er überhaupt nicht lesen können. Einmal sei ihm bei Tisch ein eiliger Brief übergeben worden, der sofort Antwort erheischt habe. Cerf habe sich die Aufschrift eine Weile besehen, daran wohl den Absender erkannt und dann den Brief seinem Nachbar mit der Bemerkung übergeben: »Aha, der ist ja von dem komischen Kerl, dem X.; ich kann seine Handschrift nicht lesen, sehen Sie doch mal nach, was er eigentlich von mir will.« Im Anschlusse hieran erzählte der Fürst folgende Anekdote von Cerf: Ein Tischgast habe im Hause von Cerf folgendes Rätsel aufgegeben: »Das erste ist unser Wirt, das zweite ist der Name unserer Wirtin und das Ganze steht auf dem Tisch.« Da sei Cerf doch indigniert gewesen, daß man an seiner eigenen Tafel derartige Rätsel aufgebe. Die Lösung sei ja ganz klar: »Assiette«. Seine Frau hieß nämlich Jette, und was da für ihn übrig bleibe (Aas), dafür müsse er sich doch bedanken. Infolge seiner mangelhaften orthographischen Kenntnisse war ihm das Fehlen des einen A ganz entgangen, worauf der Rätselaufgeber, der ungefähr ebenso stark in der Orthographie war, ganz entrüstet erklärte, er habe nicht Assiette, sondern ~Cerfiette~ (Serviette) gemeint. Der dicke Daumer Das war ein biederer Nassauer, der wegen seiner lächerlichen Todesfurcht bekannt war und von dem Bismarck ein niedliches Abenteuer aus der Frankfurter Zeit erzählte: »Mit diesem ›dicken Daumer‹ war ich eines schönen Herbstmorgens in der Nähe von Frankfurt auf der Jagd gewesen. Als wir uns am Rande des Waldes hoch im Gebirge zur Rast niedersetzten, entdeckte ich zu meinem Schrecken, daß ich kein Frühstück mit hatte. Der ›dicke Daumer‹ dagegen zog eine mächtige ›Wurscht‹ hervor, die für mich allein gerade ausgereicht hätte, und von der er mir edelmütig die Hälfte offerierte. Das Mahl begann; ich sah das Ende meines Wurstteils herannahen. Ich hätte vor Wehmut frankfurterisch reden mögen. Da frage ich den ›dicken Daumer‹ von ungefähr: ›Ach, sage Sie mir, Herr Daumer, was is doch das Weiße da unne, was aus de Zwetschebaum herausschaut?‹ — ›Gott, Exzellenz, da möchte eim ja der Appetit vergehe — das is der Kirchhof.‹ — ›Aber, lieber Herr Daumer, da wollen wir uns doch beizeiten ein Plätzchen suchen, da muß sich’s wunderbar friedlich ruhen.‹ — ›Nu, Exzellenz, nu leg i awer die Wurscht weg!‹ Der ›dicke Daumer‹ blieb bei diesem Entschlusse, und ich hatte mein ordentliches Frühstück.« Marsyas Er habe, so äußerte Bismarck, niemals Apollo leiden können. Der hätte einen aus Einbildung und Neid geschunden, den Marsyas, und aus ähnlichen Gründen die Kinder der Niobe totgeschossen. »Er ist der echte Typus eines Franzosen; ’s ist einer, der es nicht ertragen kann, daß jemand besser oder ebenso gut die Flöte spielt wie er.« Auch daß er es mit den Trojanern gehalten habe, hätte ihm nie zugesagt. Sein Mann wäre der ehrliche Vulkan gewesen, und noch besser hätte ihm wegen des =Quos ego= Neptun gefallen. [Illustration: Der eiserne Junggesell, als Seitenstück zur berühmten »eisernen Jungfrau«. (»Kikeriki«, November 1870)] Die Geschichte vom Schieferdecker Bismarck war beim König zu Gaste. Graf Beust, der Adjutant des Großherzogs von Weimar, gratulierte Bismarck zu seinem guten Verhältnis zu seinem Namensvetter, dem österreichischen Minister Grafen Beust. »Ja,« sagte Bismarck, »das ist ganz gut, aber mir fällt dabei immer die Geschichte vom Schieferdecker, der vom Turm fällt, ein. An jedem Stockwerk, an dem er vorüberfällt, sagt er: ›Na, bis daher ist es gut gegangen!‹« Die Türklinke Im Anschluß an die kleine Anekdote von Beust sei hier an Äußerungen erinnert, die dieser Staatsmann nach einem längeren Beisammensein mit Bismarck im Hotel Straubinger zu München erzählt und auf die auch Bismarck in Versailles wiederholt zurückkam: »Wenn man«, so erzählte Graf Beust, »mit Bismarck in guten Beziehungen steht, gibt es auf der Welt keinen besseren Gesellschafter. Die Originalität der Gedanken wird nur von der Originalität des Ausdrucks übertroffen. Dabei eine ungesuchte, daher ansprechende Bonhomie, welche das oft scharfe Urteil über andere mildert. Ein Lieblingswort war: ›Der ist ein ganz dummer Kerl‹, ohne ihn damit kränken zu wollen. Verschiedene seiner Äußerungen waren zu charakteristisch und teilweise zu interessant, um sie hier nicht zu erwähnen. ›Was tun Sie,‹ fragte er einmal, ›wenn Sie sich ärgern? Ich glaube, Sie ärgern sich nicht soviel wie ich.‹ — ›Nun,‹ erwiderte ich, ›bloß über die Dummheit der Menschen, über deren Bosheit nie.‹ — ›Nein,‹ fuhr er fort, ›finden Sie nicht, daß es dann eine große Erleichterung ist, einen Gegenstand zu zerstören?‹ — ›Wie gut,‹ entgegnete ich, ›daß Sie nicht an meinem Platz sind; dann bliebe im Hause kein Möbel ganz!‹ — ›Sehen Sie,‹ dies war der Schluß, ›ich war einmal drüben‹ — dabei wies er auf die mir gegenüber im Badschloß befindlichen Zimmer des Kaisers Wilhelm — ›und habe mich schwarz geärgert; ich schließe die Türe heftig, der Schlüssel bleibt mir in der Hand, ich trete bei Lehndorff ein und werfe ihn in das Waschbecken, das in tausend Stücke geht.‹ ›Mein Gott,‹ sagt dieser, ›sind Sie krank?‹ — ›Gewesen, jetzt bin ich wieder ganz wohl.‹« Pferdefleisch Als Paris umschlossen war und von dort die Nachrichten kamen, daß man dort bereits zum Pferde- und anderem Fleisch greifen müsse, fragte Bismarck bei Tisch, als der Braten kam: »Ist das =du cheval=?« Einer der Anwesenden antwortete, nein, es wäre Rind. Er sagte: »Es ist doch eigen, daß man kein Pferdefleisch ißt, wenn man nicht muß, wie die in Paris drinnen, die nun bald nichts anderes mehr haben werden. Es kommt wohl davon, daß uns das Pferd nähersteht als andere Tiere. Man ist als Reiter gleichsam eins mit ihm. Es ist uns auch an Verstand am nächsten. Mit dem Hunde ist’s ebenso. =Du chien= soll ganz gut schmecken, und doch essen wir es nicht. Je ähnlicher uns etwas ist, desto weniger mögen wir es. Es muß sehr ekelhaft sein, Affen zu essen, wo die Hände wie menschliche aussehen. Sonst ißt man von Tieren nicht gern Fleischfresser — Raubzeug, Wölfe, Löwen — nun ja, Bären, aber die leben doch weniger von Fleisch als von Pflanzen. Ich mag nicht einmal von einem Huhn essen, das mit Fleisch gefüttert ist — nicht einmal die Eier.« [Illustration: »Möge euer unreines Blut unsere Fluren tränken.« (Franz. Spottblatt aus dem Jahre 1870)] Es ist selbstverständlich, daß gerade in einer Zeit, in der die französische Volksseele nicht nur durch die endlose Kette von Niederlagen ins Kochen geraten war, sondern auch im jungen republikanischen Selbstbewußtsein wild emporflammte, gegen ihn eine Fülle von Drohungen ausgestoßen, ihm fast täglich ein naher gewaltsamer Tod angekündigt wurde, daß andererseits sich der wild entflammte Haß in den bösartigsten Karikaturen zu entladen suchte. Zahlreiche Blätter sind längst vernichtet. Die französische Beschämung mochte selbst keinen Wert darauf legen, der Nachwelt diese Zeugen eines kleinlichen Fanatismus zu erhalten. Aber was wir aus diesen Bildern erkennen, das zeugt doch noch genügend von der damals Frankreich beherrschenden Stimmung, ob nun Bismarck als doppelzüngiger Jesuit dargestellt oder auf der Guillotine geköpft oder ob sein blutiges Haupt in einen Sumpf von Unrat gestoßen wird, ob man ihn kreuzigt oder an den Marterpfahl bindet. Bismarck hatte dafür selbst nur ein Lächeln. So hat er einmal sogar scherzend eines der Bilder nach Hause gesandt. Nachdem er von einer Spickgans berichtet, die er seinem jüngeren, mit Appetit begabten Sohne Bill mitgegeben, schreibt er der Gattin: »So sehe ich jetzt aus wie Anlage.« Nachstehend (S. 149) das immerhin noch harmlose Konterfei, das Frau Johanna wohl kaum zu sehr erschreckt haben dürfte. Aber wie die gehässige Karikatur, wie die Todesdrohung sich über Bismarck ergoß, so suchte auch die Verleumdung an seiner Ehre zu zehren. Für lange Zeit hatte Bismarck im Hause der wohlhabenden Witwe Jessé Quartier genommen, die mit ihren Söhnen geflüchtet war und zum Schutze ihres Eigentums nur das Gärtnerpaar zurückgelassen hatte. Hier vollzog Bismarck die ungeheuere Arbeit, die sich für ihn aus den Kämpfen um das Bombardement, aus den Verhandlungen mit den deutschen Fürsten und Parlamenten über die Erhebung seines Königs zum Deutschen Kaiser, aus der Gefahr einer Einmischung des Auslandes und den Beratungen über den Frieden ergab. Bismarck hat das Eigentum der Madame Jessé natürlich auf das peinlichste geschont. Trotzdem konnte man im März 1871 in einem französischen Blatte folgende Niedertracht lesen: [Illustration] Die Pendule der Madame Jessé Über die wahrhaft schändliche Räuberei der Preußen vom gemeinen Soldaten an bis hinauf zum Kaiser-König, der aus seiner Wohnung in Versailles die Leuchter mitnahm, kann man unzählige Geschichten erzählen. Eine ziemlich merkwürdige, die wir aus glaubhafter Quelle haben, teilen wir im nachstehenden mit: Herr von Bismarck bewohnte in Versailles ein Haus in der Rue de Provence. Als der Kanzler abreisen wollte, machte er der Frau J., der Eigentümerin seiner Wohnung, einen Besuch und drückte ihr den lebhaften Wunsch aus, die Pendeluhr, welche sein Arbeitszimmer schmückte, mitnehmen zu dürfen. Frau J. schlägt es ihm rund ab, indem sie bemerkt, die Uhr sei ihr sehr wert und teuer, sie habe sie schon seit langer Zeit und wünsche sie ihren Kindern zu hinterlassen. Herr von Bismarck aber besteht darauf. »Es würde mir sehr lieb sein,« sagt er, »wenn ich diese Uhr mitnehmen könnte, welche die Stunde zeigte, in der ich mit Herrn Thiers diesen für mein Land so ruhmreichen Frieden verhandelte und unterzeichnete.« Frau J., die so in ihrem Besitztum und zugleich in ihrer Vaterlandsliebe bedroht ist, erteilt von neuem eine abschlägige Antwort. Herr von Bismarck zieht sich nach wiederholtem vergeblichem Bitten zurück. Bald darauf kommen zwei Beamte, die zu dem Gefolge des Kanzlers gehören, zu Frau J., machen ihr Vorwürfe, daß sie auf die Bitten ihres Herrn und Meisters nicht eingegangen sei, und erklären ihr, daß sie unrecht getan habe, ihn so zu reizen. Die Hausbesitzerin läßt sich dadurch nicht beirren. Nun denn, die Uhr hat sie behalten. Dagegen sind ihr alle ihre Wäsche und ihr Silberzeug von den Beamten im Gefolge des Kanzlers gestohlen worden. Busch stellt diese Schauergeschichte in folgender Weise richtig: Madame Jessé ließ sich erst in den letzten Tagen unserer Wiederabreise sehen und machte, wie bemerkt, keinen vorteilhaften Eindruck. Sie hat dann allerhand Räubergeschichten über uns verbreitet, die von der französischen Presse, und zwar selbst von solchen Blättern, die sonst Kritik üben und Gefühl für Anstand besitzen, mit Wohlgefallen nacherzählt worden sind. Unter anderem sollten wir ihr Silberzeug und ihre Tischwäsche eingepackt und mitgenommen haben. Auch habe ihr Graf Bismarck eine wertvolle Pendule abdrücken wollen. Die erste Behauptung war eine einfache Abgeschmacktheit, da das Haus kein Silberzeug enthielt, es müßte sich denn in einer vermauerten Ecke des Kellers befunden haben, die auf ausdrücklichen Befehl des Chefs ungeöffnet blieb. Die Geschichte von der Pendule aber verlief in ganz anderer Weise, als Madame sie unter die Leute gebracht hat. Die Uhr war die mit dem kleinen bronzenen Dämon im Salon. Die Jessé bot dieses an sich ziemlich wertlose Möbel dem Kanzler in der Voraussetzung, es werde ihm als Zeuge und Zeitmesser bei wichtigen Verhandlungen von Wert sein, zu einem exorbitanten Preise an. Ich glaube, sie verlangte fünftausend Franken dafür. Sie erreichte aber ihre Absicht, damit ein gutes Geschäft zu machen, nicht, da das Anerbieten der habgierigen und für die rücksichtsvolle Behandlung ihres Hauses durchaus nicht dankbaren Frau abgelehnt wurde. »Ich erinnere mich,« so erzählte der Minister später in Berlin, »daß ich dabei die Bemerkung machte, das koboldartige Bildchen an der Uhr, welches eine Grimasse schnitt, könnte ihr als Familienporträt ein liebes Besitztum sein, und eines solchen wollte ich sie nicht berauben.« Die Schwierigkeiten, die dem Gedanken des Bombardements entgegentraten, hat Bismarck ebenso wie Roon mit tiefem Groll hauptsächlich auf die Haltung der Damen zurückgeführt. Nach seiner Überzeugung waren es eben nicht rein militärische Gesichtspunkte, aus denen die Generale außer Roon sich gegen das Bombardement erklärten. Denn die preußische Stellung zwischen der in Paris eingeschlossenen Armee und den französischen Streitkräften in der Provinz war stark bedroht, und das Bedürfnis, der Lage ein Ende zu machen, mußte auch in den Kreisen der Militärs vorhanden sein. Nach Bismarcks Meinung ist die Vorstellung, daß Paris, obwohl es befestigt und das stärkste Bollwerk der Gegner war, nicht wie jede andere Festung angegriffen werden dürfe, aus England auf dem Umwege über Berlin, zugleich mit der Phrase von dem »Mekka der Zivilisation« in das Lager gekommen. Der Königin Augusta, der Kronprinzessin und ihrer Mutter schob Bismarck einen großen Teil der Schuld zu, aber er wies auch darauf hin, daß die verstorbene Frau Moltkes, die Frau des Generalstabschefs von Blumenthal und des nächst ihm maßgebenden Generals von Gottberg sämtlich Engländerinnen waren. Das Bombardement Schon gegen Ende November äußerte Bismarck: »Gebe man mir den Oberbefehl auf vierundzwanzig Stunden, und ich nehme die Verantwortung auf mich. Ich würde dann bloß einen einzigen Befehl geben: Es wird gefeuert! Die Villa Coublay ist ein Ort, nicht weit von hier, wo der herbeigeschaffte Belagerungspark noch immer steht, statt in die Schanzen und Batterien gebracht zu sein. Auch habe ich bereits in einer Immediatvorstellung um Beschleunigung des Bombardements gebeten. ... Ich habe mit Artilleristen gesprochen, die sagen, bei Straßburg hätten sie nicht die Hälfte gebraucht von dem, was hier schon aufgehäuft ist, und Straßburg war gegen Paris ein Gibraltar. ... Sie haben dreihundert Kanonen beisammen,« so fuhr er fort, »und fünfzig oder sechzig Mörser und für jedes Geschütz fünfhundert Schuß. Das ist gewiß genug. ... Eine Kaserne auf dem Mont Valerien wäre vielleicht in Brand zu schießen, und wenn man die Forts Issy und Banvres gehörig mit Granaten überschüttete, daß sie herauslaufen müßten — die Enceinte ist von geringer Stärke, ihr Graben war sonst nicht breiter als dieses Zimmer lang ist —, ich bin überzeugt, wenn wir ihnen hier vier oder fünf Tage lang Granaten hineinwerfen in die Stadt selber und sie gewahr werden, daß wir weiter schießen als sie — neuntausend Schritt nämlich —, so werden sie in Paris klein beigeben. Freilich liegen auf dieser Seite die vornehmeren Quartiere, und da ist es denen in Belleville ganz einerlei, ob die zusammengeschossen werden, ja, sie freuen sich darüber, wenn wir die Häuser der reichen Leute zerstören. ... Wir hätten überhaupt wohl Paris liegen lassen und weitergehen können; nun wir’s aber einmal angefangen haben, sollte auch Ernst gemacht werden. Mit dem Aushungern kann es noch lange dauern, vielleicht bis zum Frühjahr, jedenfalls haben sie Mehl bis zum Januar. ... Hätten wir vor vier Wochen angefangen zu bombardieren, so wären wir jetzt aller Wahrscheinlichkeit nach in Paris, und das ist die Hauptsache. So aber bilden die Pariser sich ein, es ist uns von London, Petersburg und Wien verboten zu schießen, und die Neutralen wieder glauben, daß wir’s nicht können. Die wahren Ursachen aber werden wohl einmal bekannt werden.« Ob nicht in jenen Tagen der Stoßseufzer, den er einst in Frankfurt ausstieß, ihm oft über die Lippen kam: »Ja, wenn man so über das Ganze disponieren könnte! Ja, wenn man selbst beschließen und befehlen könnte!« Auch in Versailles klagte er wohl: »Ach, ich dachte eben wieder einmal, was ich oft schon gedacht habe: wenn ich doch nur einmal die Gewalt hätte, zu sagen: So wird es, und so wird es nicht! Daß man nicht zu beweisen und zu betteln hätte bei den einfachsten Dingen! Das ging doch viel rascher bei Leuten wie Friedrich dem Großen, die selber Militärs waren und zugleich was vom Gange der Verwaltung verstanden und ihre eigenen Minister waren. Auch mit Napoleon. Aber hier! Dieses ewige Reden- und Bettelnmüssen. Ja, wenn man Landgraf wäre! Das Hartsein traue ich mir zu. Aber Landgraf ist man nicht!« Hier ist in der Tat die Tragik eines Mannes gegeben, der zum Herrscher berufen war und doch nicht Herrscher sein durfte, der abhängig blieb vom Willen eines anderen und nie die Macht empfing, in letzter Instanz zu entscheiden. Und diese Tragik stieg zur letzten und steilsten Höhe am Tage der Entlassung empor. [Illustration: Merkwürdige Friedensflöte des Deutschen Kaisers. (»Kikeriki«, November 1874)] Selbst dann, als Bismarck die Sehnsucht der Nation erfüllen wollte, als er mit eisernem Hammer an das Tor des Kyffhäuser schlug, damit es sich öffne und die alte Kaiserherrlichkeit wieder erstehe, hat er nicht nur in mühsamen Verhandlungen mit den Fürsten der Macht des künftigen Kaisers Ausdehnung und Grenze bestimmen müssen, sondern er hatte den schwersten Kampf mit König Wilhelm selbst zu führen, der den Untergang oder doch das Versinken Preußens von dem Erstehen des Reiches besorgte. Am schwersten von den deutschen Fürsten entschloß sich König Ludwig von Bayern dazu, einem »gleichgestellten« Monarchen einen Teil der ererbten Rechte preiszugeben. Als es hier dem Kanzler gelang, mit der Sendung des Grafen Holnstein den Widerstand des Königs zu brechen, da wußte er, daß die Form des künftigen Reiches wohl noch manche Gebrechen zeigen, aber dennoch fest genug gefugt sein werde, um allen Stürmen zu trotzen. Aber fast härter noch war der Kampf, den der Staatsmann mit dem Altpreußentum zu führen hatte, wie es auch in König Wilhelm verkörpert war, im Gegensatz allerdings zum Kronprinzen Friedrich Wilhelm, der weit über Bismarcks Wünsche hinausging und mit der Kaiserwürde zugleich die höhere Gewalt gegenüber dem Fürsten ersehnte, wie sie einst von den Unitariern der Paulskirche erträumt sein mochte. Bismarck sah in der Annahme des Kaisertitels durch seinen König ein politisches Bedürfnis, ein werbendes Element für die Zentralisation; er wußte aber auch, daß ihr Träger das gefährliche Bestreben vermeiden mußte, den anderen Dynastien die Überlegenheit der eigenen Dynastie unter die Augen zu rücken. Von solcher Neigung war König Wilhelm nicht frei, und sein Widerstreben gegen den Titel war nicht ohne Zusammenhang mit dem Bedürfnis, gerade das angestammte Ansehen des preußischen Königtums mehr als das des Kaisertitels zur Anerkennung zu bringen. Die Kaiserkrone erschien ihm im Lichte eines übertragenen modernen Amtes, dessen Autorität von Friedrich dem Großen bekämpft war und den Großen Kurfürsten bedrückt hatte. Bei den ersten Erörterungen sagte er: »Was soll mir der Charakter-Major?«, worauf der Kanzler erwiderte: »Euere Majestät wollen doch nicht ewig ein Neutrum bleiben, das Präsidium? In dem Ausdruck Präsidium liegt eine Abstraktion, in dem Worte Kaiser eine große Schwungkraft.« Dem Könige schien es eben, als ob ein mit der Führung eines Regimentes beauftragter Offizier definitiv zum Kommandeur ernannt würde; für sein dynastisches Gefühl war es schmeichelhafter, gerade als geborener König von Preußen und nicht als erwählter und »durch ein Verfassungsgesetz hergestellter Kaiser« die betreffende Macht auszuüben, analog wie ein prinzlicher Regimentskommandeur es vorzieht, nicht Herr Oberst, sondern Königliche Hoheit genannt zu werden, und der gräfliche Leutnant nicht Herr Leutnant, sondern Herr Graf. Die letzte und größte Schwierigkeit in der Haltung des Königs Wilhelm bot noch im letzten Moment die Formulierung des Titels. Denn König Wilhelm wollte, wenn er schon Kaiser hieß, Kaiser von Deutschland heißen. Noch in der Schlußberatung am 17. Januar 1871 lehnte er die Bezeichnung Deutscher Kaiser ab und erklärte, er wolle Kaiser von Deutschland oder gar nicht Kaiser sein. Die Erörterung der Titelfrage kam zu keinem klaren Abschluß. Trotzdem hielt sich Bismarck doch für berechtigt, die Zeremonie der Kaiserproklamation anzuberaumen, obwohl der König befahl, daß nicht von dem Deutschen Kaiser, sondern von dem Kaiser von Deutschland die Rede sei. Als der Großherzog von Baden später im Krönungssaale das Wort ergriff, da wich er dadurch aus, daß er ein Hoch weder auf den Deutschen Kaiser, noch auf den Kaiser von Deutschland, sondern auf »Kaiser Wilhelm« ausbrachte. In Ungnade Bismarck schließt die Darstellung seiner Kämpfe um die Krone mit den Worten: »Seine Majestät hatte mir diesen Verlauf so übel genommen, daß er beim Herabtreten von dem erhöhten Stande der Fürsten mich, der ich allein auf dem freien Platze davor stand, ignorierte, an mir vorüberging, um den hinter mir stehenden Generalen die Hand zu bieten, und in dieser Haltung mehrere Tage verharrte, bis allmählich die gegenseitigen Beziehungen wieder in das alte Geleise kamen.« — Nüchtern und ruhig erzählt Busch am Abend dieses glorreichen Tages: »Zwischen zwölf und halb zwei Uhr im großen Saale des Schlosses Ordensfest und Proklamierung des Deutschen Reichs und Kaisers unter militärischem Gepränge. Soll ein sehr stattliches und feierliches Schauspiel gewesen sein. Bei Tische fehlte der Chef, der beim Kaiser zum Diner war. Abends wurde ich zweimal zu ihm gerufen, um Aufträge zu erhalten. Er sprach dabei mit ungewöhnlich schwacher Stimme und sah ermüdet und abgespannt aus.« Am Mittag desselben Tages war Otto von Bismarck zum Reichskanzler ernannt worden. Der Kaiser hatte diese Ernennung in eigentümlicher Weise vollzogen. Er pflegte nämlich die Briefumschläge, in denen die Minister ihm dienstliche Mitteilungen sandten, in seiner sparsamen Art zu benutzen, indem er die Aufschrift nur durch Umstellung der Worte »an« und »von« änderte. Bismarck hatte ihm die auf die Ereignisse des Tages bezüglichen Papiere in einem Umschlag gesandt, der die Aufschrift trug: »An des Kaisers Majestät vom Bundeskanzler.« Der Kaiser sandte sie ihm zurück, indem er die Aufschrift dahin abänderte: »Von des Kaisers Majestät an den Reichskanzler.« Dieser Titel war Bismarck schon tags zuvor in den Beratungen über die neuen Titulaturen zugeteilt worden, und da hatte er mit seiner gewohnten Offenheit geäußert: »Eine mit dem Grafen Beust gleichnamige Bezeichnung sei ihm höchst widerwärtig; er käme dadurch in eine zu schlechte Gesellschaft.« Es liegt ein tragisches Moment in der Darstellung, die Bismarck gibt: In dem Augenblick, da durch ihn das Ziel erreicht war, das von dem deutschen Volke durch lange Jahrhunderte ersehnt und erträumt war, als seine Kraft und Weisheit, als die Treue des Lehnsmannes dem Lehnsherrn eine Krone zum Geschenk gab, als sein Herz von dem Frohgefühl eines Mannes erfüllt war, der nach mühsamer Arbeit die Ernte heimbringt, in diesem Augenblick, da alle froh waren und dennoch sein König ihn »ignorierte«, fühlte er nur das, was seine Grabschrift sagt: Er blieb ein treuer deutscher Diener seines alten Königs. Am 23. Januar erschien Jules Favre bei Bismarck, um mit ihm über die Kapitulation von Paris und den Friedensschluß in Unterhandlung zu treten. Bismarck war hierzu bereit. Noch um elf Uhr abends begab er sich zum König, die nötigen Vollmachten zu erhalten. [Illustration: Am 25. Gründungstage des Reiches. (»Jugend«, 18. Januar 1896)] Halali Als Bismarck vom König zurückkehrte, sah er ungemein vergnügt aus, ließ sich eine Tasse Tee einschenken und aß ein paar Bissen trockenes Brot dazu. Nach einer Weile fragte er seinen Vetter Bismarck-Bohlen, der anwesend war, indem er eine kurze Melodie pfiff: »Kennst du das?« Bohlen antwortete: »Ja, gute Jagd.« Hierauf der Kanzler: »Nein, das geht so«, worauf er eine andere Weise pfeift. »Es war das Halali«, sagte er dann. »Ich denke, die Sache ist gemacht.« Bohlen meinte dann, Favre habe »recht ruppig« ausgesehen. Der Kanzler erwiderte: »Ich finde, daß er viel grauer geworden ist als in Ferrières — auch dicker, vermutlich vom Pferdefleisch. Sonst aber sieht er aus wie einer, der in der letzten Zeit viel Verdruß und Aufregung erlebt hat, und dem jetzt alles wurscht ist. Übrigens war er sehr aufrichtig und gestand zu, daß es schlecht gehe drinnen.« Am nächsten Tage wurden die Verhandlungen fortgesetzt. Hierbei ereignete sich folgende Episode: Und noch eine Zigarre Nach dem Mittagessen bot Bismarck auf einer Untertasse Havannazigarren an. Favre erklärte, er rauche nie. Bismarck entgegnete: »Sie haben unrecht. Die Zigarre ist eine Ablenkung; der blaue Rauch, der in Ringeln aufsteigt, erfreut uns, stimmt uns versöhnlicher, man ist glücklich, das Auge ist gefesselt, die Hand ist beschäftigt, der Geruchssinn befriedigt. Man ist geneigt, sich Zugeständnisse zu machen. Und unser, der Diplomaten, ganzes Geschäft besteht ja darin, sich fortwährend gegenseitig Zugeständnisse zu machen. Wenn Sie nicht rauchen, haben Sie vor mir einen Vorteil: Sie sind geweckter; Sie haben aber auch einen Nachteil vor mir: Sie sind geneigter aufzubrausen und der ersten Bewegung nachzugeben.« Nach diesen Worten kam die Rede auf Garibaldi und dessen bei Dijon stehende Armee. Mit blitzenden, zornfunkelnden Augen verlangte Bismarck, ihm »den da und seine Armee zu überlassen. Er ist keiner der Ihrigen. Möge er sich gegen unsere Truppen allein herauswickeln.« Favre rief, das sei unmöglich. Man habe Garibaldis freiwillig angebotene Dienste anfangs abgelehnt, aber nachdem er nun einmal zum französischen General ernannt und in die Falten der dreifarbigen Fahne aufgenommen sei, könne man ihn nicht im Stiche lassen. Bismarck wurde erregter. Er legte die Zigarre weg, schlug mit dem Zeigefinger auf den Tisch und rief: »Und ich muß ihn doch haben, denn ich will ihn in Berlin umherführen lassen mit der Inschrift auf dem Rücken: Das ist die Dankbarkeit Italiens. Wie! Nach allem, was wir für diese Leute getan haben. Es ist unanständig!« Da reichte Graf d’Hérisson, Favres Begleiter, dem Zürnenden, mit halb lächelndem, halb bittendem Ausdruck, die Untertasse mit den zwei übrigen Zigarren hin. Einige Augenblicke sah Bismarck erstaunt auf diese Bewegung. Dann verstand er, was der Graf meinte. Die Zornesflamme erlosch in seinem Auge. »Sie haben recht, Herr Hauptmann,« sagte er, »es ist überflüssig, sich zu ärgern. Das führt zu nichts — im Gegenteil!« Bekanntlich wurde dann der südöstliche Kriegsschauplatz, also die Armee Garibaldis und Bourbakis, in der Tat vom Waffenstillstand ausgenommen, wenigstens bis zum 1. Februar, wo sich ihr Schicksal bereits entschieden hatte. [Illustration: Jules Favre: »Da soll man Friedensverhandlungen pflegen! Wo soll ich den Mann nur anfassen!« (»Figaro«, Sept. 1870)] Wurscht In diesen Tagen kam die Unterhaltung einmal auf eine Erörterung über die Titulaturen »Deutscher Kaiser« und »Kaiser von Deutschland«, und auch die Möglichkeit eines »Kaisers der Deutschen« wurde erwähnt. Als ein Weilchen darüber verhandelt worden war, fragte der Minister, der bisher zu der Debatte geschwiegen: »Weiß einer von den Herren, was auf Lateinisch Wurscht heißt?« — »=Farcimentum=,« erwiderte Abeken. — »=Farcimen=,« sagte ein Anwesender, worauf Bismarck lächelnd bemerkte: »=Farcimentum= oder =farcimen=, einerlei. =Nescio quid mihi magis farcimentum esset.=« Am 26. Januar gelangten die Verhandlungen zu dem vorläufigen Ergebnis, daß die Beschießung von Paris auf sechs Stunden eingestellt wurde. Zwei Tage darauf wurden die Bedingungen des Waffenstillstandes festgestellt und unterschrieben. Die Proteste Gambettas blieben ohne Wirkung: Thiers, der in sechsundzwanzig Departements gewählt worden war, wurde zum Haupte der vollziehenden Gewalt der französischen Republik ernannt. Am 21. Februar kam er nach Versailles, wo er als endgültige Friedensbedingungen die Abtretung des Elsaß, der Stadt und Festung Metz und eines beträchtlichen Teils von Lothringen und die Bezahlung von fünf Milliarden erfuhr. Einer der Teilnehmer an diesen Verhandlungen, der badische Staatsminister Jolly, hat darüber berichtet. Kürzer aber und doch mit packenden Farben schildert der Kanzler selbst das große Ereignis in einigen nach Hause gerichteten Zeilen: [Illustration: ~Selbsterhaltung~ »Man muß der Bestie die Krallen abschneiden, damit man künftig Ruhe vor ihr hat.« (»Kladderadatsch«, September 1870)] Thiers »Mein kleiner Freund Thiers ist sehr geistreich und liebenswürdig, aber kein Geschäftsmann für mündliche Unterhandlungen. Der Gedankenschaum quillt aus ihm unaufhaltsam wie aus einer geöffneten Flasche und ermüdet die Geduld, weil er hindert, zu dem trinkbaren Stoffe zu gelangen, auf den es ankommt. Dabei ist er ein braver kleiner Kerl, weißhaarig, achtbar und liebenswürdig, gute altfranzösische Formen, und es wurde mir sehr schwer, so hart gegen ihn zu sein, wie ich mußte. Das wußten die Bösewichter, und deshalb hatten sie ihn vorgeschoben. Gestern haben wir endlich unterzeichnet, mehr erreicht, als ich für meine persönliche politische Berechnung nützlich halte. Aber ich muß nach oben und nach unten Stimmungen berücksichtigen, die eben nicht rechnen. Wir nehmen Elsaß und Deutsch-Lothringen, dazu auch Metz mit sehr unverdaulichen Elementen, und über 1300 Millionen Taler. Die letzte Schwierigkeit wird nun sein, diese Bedingungen in Bordeaux durch die 700 Köpfe starke Versammlung zu bringen. Aber Gott hat uns mit seiner starken Hand soweit geführt; er wird uns ja auch den Frieden fest machen, für den neben vielem Gesindel in Frankreich so viele ehrliche Leute bei uns und auch bei den Gegnern gefallen, verkrüppelt und in Trauer sind. Mein Herz ist voll demütigen Dankes, und ich hoffe, mit Deinen beiden blauen Jungen bald bei Dir zu sein, in etwa vierzehn Tagen. Gott behüte Dich und gebe uns schnelles Wiedersehen. Wegen Einzug nicht mehr Gefahr als überall im Leben unter Gottes Obhut. Herzliche Grüße vor allem an Marie und an Deine treue Trösterin Frau von Eisendecher. Dein v. B.« Aus Jollys Bericht noch einzelne Züge: Er ist doch ein eminenter Mensch »Bismarck«, so erzählt der badische Staatsmann, »war geradezu bezaubernd, von großartiger Liebenswürdigkeit und liebenswürdiger Größe. Wenn Thiers sich zu sehr in langen Klageliedern erging, ohne bestimmte Gegenvorschläge zu machen, kam zu rechter Zeit ein seufzendes Stöhnen über die unerträglichen nervösen Schmerzen, die ihn fürchten ließen, die Verhandlungen nicht fortführen zu können; oder auch einmal in verbindlichster Form ein scharfer Sarkasmus, z. B.: Ich würde mich im Vertrauen auf Herrn Thiers gerne mit geringeren Garantien begnügen, wenn er erblicher König von Frankreich wäre; oder: Herr Thiers ist durch seine Beredsamkeit verwöhnt, durch welche er stundenlang große Versammlungen fesseln kann; wir werden aber, wenn wir uns nicht einigen, in dreißig Stunden wieder schießen, und dergleichen mehr. Wirklich imponierend war aber der Hüne zwei-, dreimal, wenn er vollkommen chevaleresk und ohne jegliche persönliche Härte, um zum Abschluß zu kommen, erklärte, nicht der Sieger, sondern der Besiegte hat nachzugeben. Er ist doch ein ganz eminenter Mensch, der trotz manchem wunderlich Bizarren doch als echtes Genie bei aller Kraft innerlich maßvoll ist.« Exzellenz, ich bin geneigt Zu den Beratungen war auch Baron Rothschild hinzugezogen. Die Szene im Versammlungssaal, so schreibt weiter Jolly, ist das Grandioseste, was die Phantasie eines Dichters ersinnen, der Pinsel des genialsten Meisters darstellen könnte. Letzterer müßte sich als Mittelpunkt den Augenblick wählen, wie Rothschild, ein kleines, schmächtiges Männchen, mit schlotternden Knien vor dem etwas geneigten Bismarck steht, der, ärgerlich, daß die Sache nicht fertig wird, mit lauter Stimme und trotz Hexenschuß hoch aufgerichtet erklärt: »Wenn der Herr Baron keine Neigung hat, die gewünschten Vorschläge zu machen, müssen wir sehen, wie wir sonst fertig werden.« Stammelnde Antwort: »Exzellenz, ich bin geneigt.« Mein bayrischer Kollege war sehr ängstlich, die Sache konnte scheitern; die wildesten Borussen fingen an zu hoffen, sie werde scheitern. Das deutsche Lager fühlte sich sicher, das herrliche Ziel werde morgen erreicht sein, trotz der letzten schmerzlichen Zuckungen des machtlosen Gegners; die Franzosen wahrten mühsam die Fassung. Gebe Gott, daß nie ein deutscher Staatsmann ähnliches zu erleben habe. [Illustration: ~Der Schlaf des Gerechten~ »Träume was Süßes von Kissen umhüllt, von seidenen Kissen mit Urlaub gefüllt!« (»Frankf. Laterne«, Juni 1875)] =Peut être= Als Thiers noch am Schluß eine abweichende Fassung des Vertrages vorschlug, kam es zu einem eigenartigen Dialog. Bismarck: »Sie zerpflücken mir ja wieder die deutsche Einheit.« Thiers: »=Ah, c’est nous qui l’avons faite!=« (»Wir haben sie ja gerade gemacht!«) Bismarck achselzuckend: »=Peut être.=« So wurde der glorreichste Vertrag, den Deutschland geschlossen, unterzeichnet. Die Franzosen eilten sofort weg, Thiers, den Bismarck beim Weggehen wegen aller ungern ihm bereiteten Qualen verbindlichst um Entschuldigung bat, in erbittertem Ungestüm, Favre in stillem Schmerz. Am 1. März fand der Einzug der deutschen Truppen in Paris statt. Bismarcks Einzug in Paris Über die etwas bestrittene Frage berichtet Graf Fred Frankenberg: »Mit dem sechsten (schlesischen) Armeekorps hielt ich meinen Einzug in Paris durch die =Grande Avenue de Neuilly= oder =de la grande armée=. Plötzlich kam Graf Bismarck in gelber Kürassieruniform angetrabt. Als er mich freundlich grüßte, konnte ich es mir nicht versagen, dem Manne, den ich über alles verehre, zu sagen: ›Exzellenz, am Abend von Königgrätz haben Sie mir die Rechte geschüttelt, lassen Sie mich in dem Tore von Paris auch wieder Ihre Hand drücken!‹ Der Kanzler antwortete kein Wort, aber er preßte meine Hand so kräftig zwischen seine mächtigen Finger, daß ich seine innere Erregung sehr deutlich und fast schmerzlich verspürte. Am Rande des Weges stand gedrängt französisches Gesindel. Bismarck ritt dicht an dieser Bande entlang, und ich bemerkte, daß er sehr wohl erkannt wurde. ›=Voilà Bismarck, c’est lui!=‹ schrie manche Stimme, und ich sah viele Blusenmänner, die, so rasch es anging, voranliefen, um den gehaßten Gegner nochmals vorbeireiten zu sehen. Mir wurde bange um ihn. Ich drängte mein Pferd möglichst zwischen ihn und die Menge und paßte genau auf, ob nicht ein Revolver oder Dolch blitzen werde. Am =Arc de Triomphe= wurde das Gedränge immer ärger, so daß wir zum Stillhalten kamen. Da wendete Bismarck in eine Nebenstraße ein, seine Herren begleiteten ihn, und als ich ihn in der Richtung nach Versailles zu unbehelligt forttraben sah, wandte ich mich zurück und durchritt den ganzen Raum der Elysäischen Felder, welcher allein den deutschen Heeren eingeräumt worden war.« An demselben Tage wurde von der französischen Nationalversammlung der Vorfrieden mit 546 gegen 107 Stimmen angenommen. Der Kaiser meldete der Gemahlin das Ereignis und fügte hinzu: »Der Herr der Heerscharen hat überall unsere Unternehmungen sichtlich gesegnet und daher diesen ehrenvollen Frieden in seiner Gnade gelingen lassen. Ihm sei die Ehre! Der Armee und dem Vaterlande mit tief erregtem Herzen meinen Dank.« [Illustration: »Ein Wanderbursch’, mit dem Stab in der Hand, kehrt wieder heim aus fremdem Land!« (»Humoristische Blätter«, November 1873)] So konnte Bismarck sich zur Heimreise rüsten. Am 6. März verließ er Versailles, um sich mit den Seinigen zu vereinen. An jedem Haltepunkte wurden ihm stürmische Ovationen dargebracht, und am 9. März frühmorgens durfte er mit den Worten: »Da habt Ihr Euren Ollen wieder« Frau und Tochter auf dem Berliner Bahnhof begrüßen. Am 17. März traf Kaiser Wilhelm in Berlin ein, und Bismarck konnte mit ihm, mit Roon und Moltke an dem Jubel teilnehmen, mit dem die Hauptstadt des neuen Reiches den ersten Kaiser begrüßte. Am 21. März, am Tage der Reichstagseröffnung, wurde Bismarck zum Fürsten ernannt. Aber er war der neuen Gnade nicht recht froh: Fürst »Als mir ein eigenhändiges Schreiben des Kaisers«, so erzählt er, »die Erhebung in den Fürstenstand anzeigte, war ich entschlossen, Seine Majestät um Verzicht auf seine Absicht zu bitten, weil diese Standeserhöhung in die Basis meines Vermögens und in meine ganzen Lebensverhältnisse eine mir unsympathische Änderung bringe. So gern ich mir meine Söhne als bequem situierte Landedelleute dachte, so unwillkommen war mir der Gedanke an Fürsten mit unzulänglichem Einkommen nach dem Beispiel von Hardenberg und Blücher, deren Söhne die Erbschaft des Titels nicht antraten — der Blüchersche wurde Jahrzehnte später (1861) erst infolge einer reichen und katholischen Heirat erneuert. In Erwägung aller Gründe gegen eine Standeserhöhung, die ganz außerhalb des Bereichs meines Ehrgeizes lag, langte ich auf den oberen Stufen der Schloßtreppe an und fand dort zu meiner Überraschung den Kaiser an der Spitze der königlichen Familie, der mich herzlich und mit Tränen in seine Arme schloß, indem er mich als Fürsten begrüßte und seine Freude, mir diese Auszeichnung gewähren zu können, laut äußerte. Demgegenüber und unter den lebhaften Glückwünschen der königlichen Familie blieb mir keine Möglichkeit, meine Bedenken anzubringen. Das Gefühl, daß man als Graf wohlhabend sein kann, ohne unangenehm aufzufallen, als Fürst aber, wenn man letzteres vermeiden will, reich sein muß, hat mich seitdem nie wieder verlassen.« Der Sachsenwald Kaiser Wilhelm hatte die Sorgen und Bedenken seines treuen Dieners verstanden. Nur wenige Wochen vergingen, und der Kanzler empfing folgenden Erlaß seines alten Herrn: »Ich habe Mich veranlaßt gefunden, den zu dem Domänium des Herzogtums Lauenburg gehörigen Grundbesitz im Amte Schwarzenbeck, welcher Mir zum freien und unbeschränkten Eigentum durch den mit der Ritter- und Landschaft des Herzogtums unterm 19. d. M., von Mir am 21. d. M. genehmigten Rezeß überlassen worden ist, mit allen daraus sich ergebenden Privatrechten und Verbindlichkeiten dem Kanzler des Deutschen Reiches, Fürsten von Bismarck, in Anerkennung seiner Verdienste als eine Dotation zum Eigentum zu übereignen.« So hat Bismarck ein neues Heim gefunden, die Stätte, die jetzt schon von tiefer Poesie umwoben ist, die durch alle Zeiten der Wallfahrtsort treuer Männer bleiben wird, die Stätte, wo ihm die Abendsonne des Lebens geleuchtet hat und wo sein Sterbliches im Schatten der Buchen und Eichen seinen Ruheplatz fand. [Illustration: »Fest wie der Erde Grund Gegen des Unglücks Macht Steht mir des Hauses Pracht!« (»Der Floh«, November 1888)] Der Ausbau des Reiches [Illustration: ~Bismarck in der Debatte~ Und der Leu mit Gebrüll richtet sich auf, da wird’s still. (»Kladderadatsch«, 10. Februar 1872)] Eine kurze Pause des Atemholens — dann begann die neue gewaltige Arbeit, das Reich, dessen Mauern nun standen, aufzubauen und wohnlich zu gestalten. Tausend Widerstände regten sich; die gewaltigen Taten, deren Zeuge der Boden Böhmens wie der französische Boden waren, haben die Gegner, haben Haß und Intrige nicht entwaffnet. Auch die neue Gestaltung der Dinge hat den alten Stammessinn der Deutschen, die partikularistischen Tendenzen, nicht ausgelöscht. Noch bestand der Gegensatz zwischen dem Norden und dem Süden, noch bestand auch und erwachte gerade jetzt in neuer Stärke der Gegensatz der Konfessionen. Und noch war der radikale Liberalismus innerlich unversöhnt, daß nicht nach dem eigenen Rezepte, nicht auf Schützenfahrten und Turnerfesten das Kaisertum geschaffen war, sondern unter den ehernen Klängen der Kriegstrompete. Der Kulturkampf entbrannte, und mit ihm erhob sich der Zwang, in der Ostmark, wo die Polen das Haupt erhoben, dem Reiche neue Sicherheit zu schaffen, die eroberte Westmark galt es zu gewinnen, der gesamten Nation gemeinsame Institutionen zu geben. »Wir haben erreicht,« so hieß es in der Thronrede, mit der Kaiser Wilhelm den Reichstag begrüßte, »was seit der Zeit unserer Väter für Deutschland erstrebt wurde, die Einheit und deren organische Gestaltung, die Sicherung unserer Grenzen, die Unabhängigkeit unserer nationalen Rechtsentwicklung. Der Geist, welcher in dem deutschen Volke lebt und seine Bildung und Gesittung durchdringt, nicht minder die Verfassung des Reiches und seine Heereseinrichtungen bewahren Deutschland inmitten seiner Erfolge vor jeder Versuchung zum Mißbrauch seiner durch seine Einigung gewonnenen Kraft. Die Achtung, welche Deutschland für seine eigene Selbständigkeit in Anspruch nimmt, zollt es bereitwillig der Unabhängigkeit aller anderen Staaten und Völker, der schwachen wie der starken. Das neue Deutschland, wie es aus der Feuerprobe des gegenwärtigen Krieges hervorgegangen ist, wird ein zuverlässiger Bürge des europäischen Friedens sein, weil es stark und selbstbewußt genug ist, um sich die Ordnung seiner Angelegenheiten als ein ausschließliches, aber auch ausreichendes und zufriedenstellendes Erbteil zu bewahren ... Möge dem deutschen Reichskriege, den wir so ruhmreich geführt, ein nicht minder glorreicher Reichsfrieden folgen, und möge die Aufgabe des deutschen Volkes fortan darin beschlossen sein, sich in dem Wettkampf um die Güter des Friedens als Sieger zu erweisen. Das walte Gott!« Länger als vierzig Jahre hat der Reichsfrieden gewährt, aber es war dennoch nicht Frieden im Reiche, und in Bismarcks Leben ist kein Tag ohne Kampf geblieben! [Illustration: ~Biblisches~ Bismarck als Moses, gestützt von Lasker und Falck. Das Bild deutet auf 2. Moses 17 Vers 11 und 12: »Und dieweil Moses seine Hände emporhielt, siegte Israel; wenn er aber seine Hände niederließ, siegte Amalek. Aber die Hände Mose waren schwer, darum nahmen sie einen Stein und legten ihn unter ihn, daß er sich darauf setzte. Aron (Lasker) aber und Chur (Falck) stützten seine Hände, auf jeglicher Seite einer. Also wurden seine Hände nicht müde, bis die Sonne unterging.« (Der »Floh«, Februar 1875)] Gerade der Partikularismus in seiner Unzufriedenheit und in seinen zentrifugalen Neigungen fand eine starke Stütze an dem neu erstarkenden Klerikalismus, dessen Wortführer in Bayern bereits gegen den Krieg mit Frankreich opponierten und dessen Wortführer selbst ein Welfe wurde, der Vertrauensmann des Königs Georg, Ludwig Windthorst. Um ihn kristallisierten sich die Reichsverdrossenen aller Farben, die Protestler der Reichslande, die Polen und Dänen. Der Kampf, der jetzt begann, unmittelbar nachdem die Sieger heimgekehrt waren, lebt unter dem Namen »~Kulturkampf~« in dem Gedächtnis der Geschichte. Dieser Kampf hat fortgedauert bis tief hinein in die folgenden Jahrzehnte, er hat zu jenen Faktoren gehört, die an der Freude am neuen Deutschen Reiche am schärfsten nagten. Ihn zu führen hat Bismarck sich nur entschlossen unter dem Gesichtspunkt der polnischen Politik, nicht aber aus Haß gegen den katholischen Glauben. Schon während des Krieges hatte Bismarck eine Reihe von Verhandlungen mit dem Erzbischof von Posen, Grafen Ledochowski, gehabt, aber wenn er auch überzeugt war, daß von Rom aus heftige Treibereien gegen Deutschland versucht würden, daß überhaupt der Krieg im Einverständnis mit der römischen Politik begonnen worden sei, daß jesuitische Einflüsse für den Entschluß des Kaisers Napoleon, trotz alles Widerstrebens in den Kampf einzutreten, maßgebend waren, hat er doch den Papst mit äußerster Schonung behandelt. Es widerstrebte ihm auch später, von den Gesetzen gegen den politischen Katholizismus Gebrauch zu machen, und noch stärker war seine Abneigung, den alten Gegensatz, der seit Luthers Zeiten auf religiösem Gebiete im deutschen Volke bestand, noch zu vertiefen. Als nach der Eroberung Roms durch Italien und die Vernichtung des Kirchenstaates die Frage drängend wurde, ob der Papst die alte Hauptstadt verlassen solle und ob er auf die Unterstützung des Königs von Preußen rechnen könne, daß man ihn ungehindert und in schicklicher Weise abreisen lasse, da hat er nicht nur bejahend geantwortet, sondern ihm auch willig ein Asyl in Deutschland geboten. [Illustration: ~=Les coiffures.=~ (»Le Grelot«, 8. Juli 1883)] Man muß toleranter denken Bismarck erzählte an seiner Tafelrunde: »Der Papst wird vielleicht doch aus Rom gehen müssen. Wohin aber? Nach Frankreich kann er nicht, da ist Garibaldi. Nach Österreich mag er nicht. Nach Spanien? Ich habe ihm — Bayern vorgeschlagen.« Nach einem Augenblick des Nachsinnens fuhr er fort: »Es bleibt ihm nichts als Belgien — oder Norddeutschland. Es ist in der Tat schon angefragt, ob wir ihm ein Asyl gewähren könnten. Ich habe nichts dagegen einzuwenden — Köln oder Fulda. Es wäre eine unerhörte Wendung, aber doch nicht so unerklärlich, und für uns wäre es recht nützlich, wenn wir den Katholiken als das erschienen, was wir in Wirklichkeit sind, als die einzige Macht gegenwärtig, die dem obersten Fürsten ihrer Kirche Schutz gewähren könnte und wollte. Für die Opposition der Ultramontanen hörte jeder Vorwand auf — in Belgien, in Bayern. Mallinckrodt träte auf die Seite der Regierung. In Deutschland, wo man den Papst vor Augen hätte als hilfesuchenden Greis, als guten alten Herrn, als einen der Bischöfe, der wie die anderen ißt und trinkt, eine Prise nimmt, wohl gar auch seine Zigarre raucht — da hat’s keine große Gefahr. Na, und schließlich, wenn nun auch etliche Leute in Deutschland wieder katholisch würden — ich werd’s nicht — so hätte das nicht viel zu bedeuten, wenn sie nur gläubige Christen wären. Die Konfessionen machen’s nicht, sondern der Glaube. Man muß toleranter denken.« [Illustration: Wie Bismarck den Jesuiten den Kopf wäscht und Herr von Stremayr, der österreichische Minister, ihnen die Stiefel putzt. (»Figaro«, März 1872)] Im neuen Reichstag erschien das Zentrum bereits als ein Heerhaufen von 57 Abgeordneten; an ihrer Spitze standen die beiden Reichensperger, Mallinckrodt, Karl von Savigny und der Minister des Königs Georg; in ihre Reihen mischten sich Polen und Welfen, Demokraten und Feudale, Westfalen und Rheinländer, Bayern und Schlesier. Wenn aber auch ihre Führer erklärten, nicht konfessionell zu sein, und wenn hier und da sogar ein Protestant, wie der Welfe Brüel und der alte verbitterte Gerlach, einen Platz fand, so blieb doch das Zentrum nichts anderes als die Repräsentation der streitenden Kirche. Und schon vorher hatte die Kirche sich selbst und alle ihre Kraft organisiert, indem sie durch das Dogma von der Unfehlbarkeit dem theokratischen Absolutismus die letzte Weihe gab. Aber die Ansprüche Roms gingen weit und weiter, sie gipfelten zuletzt in dem Anspruch, der Kirche die Verfügung über den weltlichen Arm zu gewähren, und im geheimen auch in der Hoffnung, daß die Romfahrten der alten Kaiser über die Alpen wieder erwachen und der deutsche Arm dem Papste die Hauptstadt und die Herrschaft zurückgeben werde. Hier konnte Bismarck sich so wenig fügen wie dem Wunsche des Zentrums, den staatlichen Willen der Kirche unterzuordnen, natürliche Rechte des Königs preiszugeben. Indem aber hier die alten Freunde von der rechten Seite versagten, indem sie ihm die Heeresfolge verweigerten und den großen Staatsmann auf die Seite des Liberalismus drängten, läuteten sie eine neue Ära ein, in der sie, die einst mit ihm zu den stolzesten Höhen gezogen waren, sich selbst ihrer Macht beraubten und zu mißvergnügten Zuschauern wurden. [Illustration: Einige Blitze zucken von Rom nach Berlin, ohne zu zünden. (»Figaro«, Januar 1875)] Aber ehe der Staatsmann sich noch mit voller Kraft in all die neuen Kämpfe stürzen konnte, die ihm jetzt drohten, hatte er doch dem großen Werke, das er dort draußen in Versailles schon zur Vollendung gebracht, den letzten Stempel zu geben. Es galt noch, den Frieden mit Frankreich endgültig abzuschließen. Im Hotel zum Schwan in Frankfurt am Main wurde das Werk der Einigung Deutschlands zum letzten Abschluß gebracht. Fünfzehn Stunden mußte Bismarck auch hier noch mit den Franzosen verhandeln. Am 12. Mai des Jahres erschien er dann wieder im Reichstag, von der Versammlung mit stürmischem Jubel begrüßt. Hier legte er dar, was wir erreichten: Nicht jeder werde zufrieden sein, nicht jeder persönliche Wunsch sei erfüllt worden; die Trennung alter Verbindungen, der Abschluß neuer Beziehungen seien ohne Verlust und Nachteil niemals durchzuführen. Aber wir dürften hoffen, so schloß er, daß dieser Frieden dauerhaft und segensreich sein wird und daß wir der Bürgschaften, deren wir uns versichert haben, um gegen einen etwa wiederholten Angriff beschützt zu sein, auf lange Zeit nicht bedürfen werden. Und da sang dann der treue Diener das hohe Lied seines alten Herrn und seines Verdienstes: »Stellen Sie sich nur indirekt die Frage, wie alles hätte verlaufen können, wenn auf dem Throne Preußens ein anderer Monarch saß! War es nicht möglich, daß dieser große Krieg, der größte unseres Zeitalters, der ein Menschenalter, ein halbes Jahrhundert hindurch wie eine drohende Wolke am Horizonte Deutschlands schwebte, bei dem Monarchen, der auf dem mächtigsten Throne Deutschlands saß, nicht die gleiche Entschlossenheit, den gleichen Mut, diesen hohen Mut, der Krone, Reich und Leben einsetzt, vereinigt fand? War es nicht möglich, daß dann der Krieg im Augenblick vermieden wurde unter Umständen, die das deutsche Nationalgefühl tief geschädigt und gekränkt hätten? War es nicht möglich, daß er aufgeschoben worden wäre, bis der Feind Bundesgenossen fand? War es nicht möglich, daß dieser Krieg mit weniger Geschick, mit weniger Entschlossenheit, vor allen Dingen mit weniger sorgfältig gewählten Mitteln geführt wurde? Daß er so geführt wurde, wie geschehen, verdanken wir in erster Linie unserm kaiserlichen Feldherrn, dem Könige von Preußen, in zweiter Linie der echtdeutschen entschlossenen Hingebung seiner erhabenen Bundesgenossen für die nationale Sache.« Bismarck fuhr fort: Der Dank »Wenn ein Monarch, an Jahren und an Ehren reich, mit dieser Entschlossenheit seine nach irdischem Maßstab bemessen glückliche, befriedigte, ruhmvolle Existenz einsetzt für sein Volk, wenn er in seinem hohen Alter einen Kampf durchkämpft, der ganz anders verlaufen konnte, wenn er dann zurückkehrt und sich fragt: wem verdanke ich, daß ich siegreich zurückkehre, daß unser Volk geschützt worden ist vor den Leiden und Drangsalen des Krieges im Lande, vor dem Druck des Eroberers, ja daß darüber hinaus Gott seinen Segen gegeben hat, das deutsche Volk in diesem Kriege, wo man es böse mit uns vorhatte, und es gut wurde durch Gottes Hilfe, zu einigen und ihm Kaiser und Reich wiederzugeben? Ich sage, wenn dieser erste Deutsche Kaiser zurückkehrt, nach einem langen Interregnum im Besitze der größten Vollgewalt, der größten Macht, die augenblicklich in der Welt dasteht, und sich fragt: wie, durch welche Werkzeuge hat Gott dies alles verwirklicht? wie habe ich dies gewonnen? wem bin ich Dank schuldig?, so trifft sein Dank natürlich zuerst sein Heer, die Tapferkeit der Truppen, die Intelligenz der Führer, und es muß ihm ein Herzensbedürfnis sein, hier zu lohnen, hier zu danken. Tapferkeit, meine Herren, läßt sich im einzelnen nicht belohnen; sie ist Gott sei Dank ein Gemeingut der deutschen Soldaten, daß man sie alle und jeden einzelnen dafür zu belohnen hätte, wenn man sie belohnen wollte. (Beifall.) Aber die Tapferkeit, meine Herren, allein reicht nicht hin zu diesem Erfolge. Mut haben auch die Franzosen bewiesen, tapfer haben auch die französischen Soldaten sich geschlagen; was ihnen fehlte, war die Führung, war die Pflichttreue und die Einsicht der Führer, war die entschlossene Leitung eines kaiserlichen, eines monarchischen Feldherrn, der in voller Verantwortung und sich bewußt, daß er um Krone und Reich schlug, an ihrer Spitze stand. Jene Führer zu belohnen, muß ein Herzensbedürfnis des Kaisers sein. In diesem Sinne möchte ich bitten, meine Herren, denken Sie daran, dieses Herzensbedürfnis Seiner Majestät des Kaisers zu befriedigen, geben Sie ihm die Zufriedenheit, die er durch seine Hingabe, durch seinen Mut um Deutschland wohl verdient hat.« [Illustration: Bismarck weist dänische Ansprüche zurück. (»Figaro«, Oktober 1874)] Die Wacht am Rhein Noch einen anderen Dank hat Bismarck in jenen Zeiten ausgesprochen, den Dank an den Komponisten der »Wacht am Rhein«, Karl Wilhelm in Schmalkalden: »Sie haben durch die Komposition von Max Schneckenburgers Gedicht ›Die Wacht am Rhein‹ dem deutschen Volk ein Lied gegeben, welches mit der Geschichte des eben beendeten Krieges untrennbar verwachsen ist. Entstanden zu einer Zeit, wo die deutschen Rheinlande in ähnlicher Weise wie vor einem Jahre von Frankreich bedroht erschienen, hat ›Die Wacht am Rhein‹ ein Menschenalter später, als die Drohung sich verwirklichte, in der begeisterten Entschlossenheit, mit der unser Volk den ihm aufgedrungenen Kampf aufgenommen und bestanden hat, ihren vollen Anklang gefunden. Ihr Verdienst, Herr Musikdirektor, ist es, unserer letzten großen Erhebung die Volksweise geboten zu haben, welche daheim wie im Felde dem nationalen Gemeingefühle zum Ausdruck gedient hat. Ich folge mit Vergnügen einer mir von dem geschäftsführenden Ausschuß des Deutschen Sängerbundes gewordenen Anregung, indem ich der Anerkennung, welche Ihnen von allen Seiten zuteil geworden ist, auch dadurch Ausdruck gebe, daß ich Sie bitte, die Summe von eintausend Talern aus dem Dispositionsfonds des Reichskanzleramts anzunehmen. Ich hoffe, daß es mir möglich sein wird, Ihnen alljährlich den gleichen Betrag anbieten zu können. Die Reichshauptkasse ist angewiesen, Ihnen die für das laufende Jahr bestimmte Summe alsbald gegen Quittung auszuzahlen. v. Bismarck.« Die Franktireure von Osterburg Zwei Tage später war bei einem Festzuge in Osterburg der Schuhmachermeister Otto Bismarck Schützenkönig geworden. Die Übereinstimmung seines Namens mit dem des Reichskanzlers gab Veranlassung zur Absendung folgenden Telegramms: »Sr. Durchl. Fürst Bismarck, Berlin, sendet Schützenkönig Otto Bismarck, Osterburg, am heutigen Schützenfest als Landsmann, Namensvetter, seinen schützenköniglichen Gruß.« Der Fürst antwortete telegraphisch: »Herrn Otto Bismarck, Osterburg, meinem hohen Namensvetter, danke ich freundlichst für den landsmannschaftlichen Gruß.« Die kleine Geschichte kam selbst in französische Blätter, und die Pariser Zeitung »=Le Siècle=« machte aus den Schützen die »=Franc-tireurs=« von Osterburg. In jener Zeit haben auch die ersten Verhandlungen des deutschen Kanzlers mit seinem Rivalen, dem Grafen Beust, stattgefunden, dem Leiter der Politik Österreichs, die das künftige Verhältnis Deutschlands zum Kaiserstaate und die Möglichkeit eines Bündnisses betrafen. In Salzburg kamen die beiden Monarchen, einst die Gegner von Königgrätz, zusammen. Hier wurde zuerst ernsthaft der Gedanke verhandelt, auf neuem Boden die neue Freundschaft zu schaffen. In Gastein wurde dann weiter beraten. Tableau Unter den damaligen Gasteiner Badegästen befand sich auch ein Herr Christ, verheiratet mit einer Nichte der Gräfin Meran, Witwe des Erzherzogs Johann. Dieser Herr Christ war ein wohlhabender und wohllebender Frankfurter und hatte in der Zeit, als Bismarck Bundestagsgesandter war, viel mit ihm verkehrt. Herr Christ gab ihm nun in der Restauration von Hofgastein ein Diner, zu dem noch einige andere Österreicher geladen waren. Gegen den Schluß des Diners richtete der Gastfreund an Bismarck im besten Frankfurter Dialekt die Frage: »Aber, sage Sie, warum sind Sie 1866 nicht nach Wien neingange?« — Eine etwas mürrische Antwort hielt ihn nicht ab, fortzufahren: »Ja, Sie hawwe es ja uns in Frankfurt immer gsagt, es würd der schönste Tag Ihres Lebens, wenn Sie in Wien einreite würde!« — Tableau ist leicht auszumalen. [Illustration: ~Bismarck und Beust~ Beust hatte in einem Schreiben an Bismarck seine besten Wünsche zu dem Werke in Versailles ausgesprochen und eine freundschaftliche Annäherung beider Reiche in Aussicht gestellt. (»Kikeriki«, 6. Februar 1871)] Er trat mir einen Sporen ab Die »Volkszeitung« brachte in diesen Tagen folgendes Schreiben: »Um bei Seiner Durchlaucht dem Fürsten Bismarck eine Audienz zu erlangen, wollte ich mir die Erlaubnis bei demselben einholen, als er gerade vorüberging. Kaum hatte ich aber den Fürsten angesprochen, als zwei geheime Polizeiagenten mich bei den Armen anfaßten und arretieren wollten. Auf meinen Protest und entschiedene Erklärung, daß ich mit Zivilpersonen nicht zu gehen brauche und auch nichts verbrochen habe, wurde ich doch durch die Straßen geschleppt auf das Polizeibureau der Taubenstraße; von da ging ich mit einem Schutzmann nach dem Molkenmarkte, wo ich die ganze Nacht in Polizeigewahrsam gehalten und anderen Tages um elf Uhr mit der Erklärung entlassen wurde, daß die Verhaftung wohl aus Mißverständnis geschehen sein muß. Ich überlasse jedoch das ganze Verfahren dem Urteil des Publikums. H. L. Back.« Hierzu gab Fürst Bismarck seinem getreuen Busch folgenden Kommentar: »Ein ungewöhnlich schmieriger Mensch, offenbar ein Jude, kam, als ich aus dem Reichstag nach Hause ging, auf mich zu und sagte, er wollte Audienz bei mir. Ich wies ihn ab. Er blieb aber neben mir und redete weiter auf mich hinein, ich würde doch einem deutschen Schriftsteller so was nicht abschlagen; er hätte mir Wichtiges mitzuteilen. Doch,« sagte ich, »ich gebe deutschen Schriftstellern niemals Audienzen. Er folgte mir aber mit der fliegenhaften beharrlichen Zudringlichkeit und Dummdreistigkeit des Judenjungen immer noch und rückte mir, indem er weiter sprach, so dicht auf den Leib, daß er mir einen Sporen abtrat. Ich drehte mich um und wollte tätlich werden; dann nahmen ihn die Schutzleute in Empfang. Er war wirklich ungewöhnlich schmierig, so voll Kneipenfett, wenn das einer mit sich abgeschabt hat.« [Illustration: ~Der Helfer in der Not~ Eine Satire auf Laskers Wichtigtuerei. (»Ulk«, Dez. 1874)] Nach der Rückkehr zur Heimat harrten des Kanzlers zahllose neue Arbeiten. Zuerst griff er im Reichstag in die Debatte über den Reichskriegschatz ein; eingehend begründete er seine Auffassung über die Stellung der Botschafter und Gesandten; die Münzfrage fand in ihm einen beredten Anwalt. Aber was war alles dies gegen die Kämpfe, die seiner im preußischen Landtag harrten! Die Bischöfe hatten in Fulda mobil gemacht, sie hatten die katholische Kirche in Preußen als recht- und schutzlos bezeichnet und vom Könige Abhilfe gefordert gegen allen und jeden Eingriff in das innere Glaubensgebiet der katholischen Kirche. Zugleich hatten sie den Kampf gegen alle Katholiken begonnen, die sich dem Dogma von der Unfehlbarkeit nicht fügten. In diesem Kampfe trat =Dr.= Falck als Kultusminister an Bismarcks Seite. Dieser Mann hat tatsächlich die Detailarbeit der Maigesetze geleistet. Er hat durch Jahre entschlossen den Kampf geführt, bis er schließlich der Fülle der Einflüsse erlag, die durch die katholische Umgebung der Kaiserin Augusta genährt und von seinen Gegnern skrupellos ausgenutzt wurden. Hier hat Bismarck nur die oberste Leitung geführt; hier hat er aber auch mit einer Fülle von großen Bildern und Gedanken den scheinbar kleinlichen Kampf zu weltgeschichtlicher Höhe erhoben. Am 8. Februar bereits, bei der Debatte über die Schulaufsicht, stürzte er sich in das Getümmel. Und schon damals kreuzte er mit dem verbissensten seiner Gegner, mit Windthorst, die Klinge: »Der Herr Abgeordnete beteiligt sich viel an den Debatten, aber das Öl seiner Worte ist nicht von der Sorte, die Wunden heilt, sondern von der, die Flammen nährt, Flammen des Zornes. Ich habe selten gehört, daß er zu überreden oder zu versöhnen bemüht war; seine Reden waren von der Beschaffenheit, daß sie einen beunruhigenden und befremdlichen Eindruck auf die Gemüter weniger urteilsfähiger Leute machen können, den Eindruck, als ob hier auch von der Regierung des Königs aus dem Hause Hohenzollern Dinge bestritten und bekämpft würden, die ganz selbstverständlich sind. Denjenigen, welche die Reden lesen, könnte es sehr wohl den Eindruck machen, als sei dieses Gesetz nun wirklich bestimmt, das Heidentum bei uns einzuführen, als seien der Herr Abgeordnete und die Seinigen hier noch die alleinigen Verteidiger Gottes. Der Gott, an den ich glaube, möge mich davor bewahren, daß der Herr Abgeordnete für Meppen je die Disposition über die Spendung seiner Gnaden für mich haben sollte. Ich würde dabei nicht gut wegkommen.« Die schwarze Perle von Meppen Am folgenden Tage sprach Herr von Mallinckrodt mit äußerster Schärfe gegen Bismarck und erwähnte hierbei in der Verteidigung seines Freundes Windthorst, man habe eine Perle annektiert, und das Zentrum habe sie in die richtige Fassung gebracht. Darauf erwiderte Bismarck: »Der Herr Vorredner nannte den Herrn Abgeordneten für Meppen eine Perle. Ich teile dies in seinem Sinne vollständig; für mich aber hängt der Wert einer Perle sehr von ihrer Farbe ab, ich bin darin etwas wählerisch.« In dem Kampfe, der nun immer heftiger tobte, haben nun, wie gesagt, die Konservativen Bismarck verlassen. In Wirklichkeit ging dieser Bruch in seinen ersten Anfängen schon bis auf die Tage zurück, als die Konservativen schroffen Widerstand gegen die Indemnitätsvorlage nach dem Kriege gegen Österreich erhoben. Jahrelang hat dieser Konflikt zwischen Bismarck und seinen alten Freunden gedauert, und in diesem Konflikt haben sich selbst die ältesten Kampfgefährten, wie Hans von Kleist-Retzow und Moritz von Blankenburg, von ihm getrennt. Bismarck als Dichter Kleist-Retzow ist bei beiden Söhnen Bismarcks Pate gewesen. Von der Innigkeit der Beziehungen dieser beiden Männer, die in Bismarcks Jugendzeit auch die Wohnung miteinander teilten, zeugt ein scherzhaftes Gedicht aus der Feder des jungen Bismarck, mit dem er einst das Geschenk einer großen braunen Kaffeetasse an den Freund begleitet hat. Das Gedicht lautet: »Nicht ganz so schwarz wie Ebenholz, doch braun wie Mahagoni Wünsch’ ich Dir, aller Pommern Stolz, ein Leben süß wie Honig. Wenn Wenzel Dich gelangweilt hat, Schwerin den Zorn erregt in Dir, Wenn übel Dir vom Doktorat, dann, Hans, erhole Dich bei mir. Wenn dann der Kaffee Dir behagt und Du, um streng Dich zu kastein, Die zweite Tasse Dir versagt, dann, Hans, laß mich die erste sein. Und schein’ ich Dir zu groß und weit für ein so kleines Landrätlein, So denk’, es ist die höchste Zeit, Dir eine Gattin anzufrei’n. Ihr trinkt dann aus mir alle beide Kaffee, Schokolade oder Tee, Zu Tante Adelgundens Freude, in Kieckon auf dem Kanapee. Geliebter Onkel Schievelbein, schaff bald uns eine Tante, Dann wirst Du alles hoch erfreun, was jemals Hans Dich nannte. Ingleichen Belgard und Polzin, Schievelbein und Tempelburg, Ratzebur und Neu-Stettin, Kallies nebst Dramburg, Falkenburg. Sie und die Leute all nicht minder aus Kieckon, Tychow und Krössin, Sowie die beiden Typhuskinder woll’n all zu Landrats Hochzeit ziehn. Aber Hochzeit, hohe Zeit! Hans, schon ist Dein Härchen grau, Wart’ nicht länger, es wird Dir leid, Du kriegst wahrhaftig keine Frau. Und uns wär’ es großer Jammer, wenn die Art aus sollt sterben! Wem willst dann in Stadt und Kreis Deine Stelle Du vererben?« =Va banque= Unter den Konservativen hatte Bismarck schon in den älteren Zeiten heftige Gegner. Zu ihnen gehörte vor allem Herr von Bethmann Hollweg, der noch kurz vor dem Kriege gegen Österreich an den König ein Schreiben richtete, in dem er ihn auf das dringendste bat, sich von Bismarck zu trennen. »Gegen den Urheber unserer Politik«, schreibt Herr von Bethmann, »hege ich keine feindliche Gesinnung. Im März 1862 riet ich selbst Ew. Majestät, einen Steuermann von konservativen Antezedenzien zu wählen, der Ehrgeiz, Kühnheit und Geschick genug besitze, um das Staatsschiff aus den Klippen, in die es geraten, herauszuführen, und ich würde Herrn von Bismarck genannt haben, hätte ich geglaubt, daß er mit jenen Eigenschaften die Besonnenheit und Folgerichtigkeit des Denkens und Handelns verbände, deren Mangel der Jugend kaum verziehen wird, bei einem Manne aber für den Staat, den er führt, lebensgefährlich ist. In der Tat war des Grafen Bismarck Tun von Anfang an voller Widersprüche. ... Viele betrachten diese und ähnliche Maßregeln, die stets, weil in sich widersprechend, in das Gegenteil des Bezweckten umschlugen, als Fehler der Unbesonnenheit. Anderen erscheinen sie als Schritte eines Mannes, der auf Abenteuer ausgeht, alles durcheinanderwirft und es darauf ankommen läßt, was ihm zur Beute wird, oder eines Spielers, der nach jedem Verlust höher pointiert und endlich va banque sagt. Dies alles ist schlimm, aber noch viel schlimmer in meinen Augen, daß Graf Bismarck sich in dieser Handlungsweise mit der Gesinnung und den Zielen seines Königs in Widerspruch setzte und sein größtes Geschick darin bewies, daß er ihn Schritt für Schritt dem entgegengesetzten Ziel näher führte, bis die Umkehr unmöglich schien, während es nach meinem Dafürhalten die erste Pflicht eines Ministers ist, seinen Fürsten treu zu beraten, ihm die Mittel zur Ausführung seiner Absichten darzureichen und vor allem dessen Bild vor der Welt rein zu erhalten. ... Graf Bismarck hat es dahin gebracht, daß Ew. Majestät edelste Worte dem eigenen Lande gegenüber, weil nicht geglaubt, wirkungslos verhallen und weil das Vertrauen durch eine ränkevolle Politik zerstört worden ist. ... Aber jede Verständigung ist unmöglich, so lange der Mann an Ew. Majestät Seite steht, Ihr entschiedenes Vertrauen besitzt, der dieses Ew. Majestät bei allen anderen Mächten geraubt hat.« König Wilhelm eröffnete den Brief erst in Nikolsburg im Juli 1866. Seine Antwort begann: »In Nikolsburg eröffnete ich erst Ihren Brief, und Ort und Datum der Antwort wären Antwort genug.« [Illustration: ~Gegen welfisches Gelüst~ »Zurück! Für euch wird hier nichts verschenkt!« (»Ulk«, April 1873)] Die schwerste Anklage aber muß heute noch gegen jenen Teil der Rechten erhoben werden, der in den Kampf eine ungeheure persönliche Verbitterung trug, der seine Führer in Perrot, Diest-Daber und seinen publizistischen Vertreter in Joachim Gehlsen fand. Jetzt hatte Bismarck den Kampf gegen zwei Fronten zu führen, jetzt mußte er ebenso gegen die Konservativen wie gegen das Zentrum auf dem Wachtposten stehen. Und waren die Gehilfen, die ihm zur Seite traten, durchweg verläßlich? Zu ihnen gehörten ja auch die Fortschrittler unter Virchows Führung. Sie jubelten ihm wohl zu, als er den Sturmlauf gegen den Klerikalismus begann und wenn er das Wort für liberale Gesetze ergriff. Aber im schwierigsten Augenblick haben sie ihn dennoch verlassen. Doch Bismarck ließ sich nicht entmutigen; er ging seinen Weg gerade und fest. Und so hielt er am 14. Mai 1872 jene gewaltige Rede, die in dem Rufe ausklang: »Seien Sie außer Sorge — nach Kanossa gehen wir nicht, weder körperlich noch geistig!« Bald darauf begab sich Bismarck zur Erholung nach Varzin, so daß er an der Beratung des Jesuitengesetzes nicht mehr teilnahm. Hier fand er auch seinen alten Humor wieder, und hier durfte er, als er am 28. Juli die Silberne Hochzeit feierte, seinen Jugendfreund Motley mit Frau und Tochter begrüßen. [Illustration: ~Durchaus glaubwürdig~ Fürst Bismarck: »Das Ideal des Herrn Richter, ein schwächlicher, schüchterner Kanzler, werde ich wohl nie werden.« (»Ulk«, März 1881)] Er sieht aus wie ein Koloß Aus der Feder des Gastes haben wir eine überaus reizvolle Schilderung des Bismarck von damals in einem nach der Heimat gerichteten Briefe: »Liebe Mary! Wir verließen Berlin gestern morgen ¾9 Uhr und kamen auf Station Schlawe um ½5 Uhr an. Wir hatten bis Varzin anderthalb Stunden zu fahren. Als der Postillon sein Horn blies und an der Tür vorfuhr, kamen Bismarck, seine Frau, Marie und Herbert alle heraus und bewillkommneten uns schon am Wagen in der herzlichsten Weise. Ich fand seine Erscheinung wenig verändert seit 1864, was mich überrascht hat. Er ist etwas stärker geworden und sein Gesicht verwitterter, aber ebenso ausdrucksvoll und gewaltig wie immer. Frau v. Bismarck hat sich noch weniger verändert in den vierzehn Jahren, seit ich sie gesehen. Sie sind beide so gütig und liebenswürdig gegen Lilli, daß es ihr vorkommt, als hätte sie sie zeit ihres Lebens gekannt. Marie ist ein niedliches Mädchen mit schönem dunklem Haar und grauen Augen — einfach, ungeziert und gleich Vater und Mutter voll Übermut. Die Lebensweise ist höchst ungeniert, wie Du Dir denken wirst, wenn ich Dir sage, daß wir direkt vom Wagen in den Speisesaal geführt wurden (nach einer staubigen, heißen Reise, in Eisenbahn und Wagen zehn Stunden unterwegs) und uns niedersetzen und das Essen nachholen mußten, welches schon halb vorüber war, da wir durch irgendein contretemps eine Stunde später anlangten als wir erwartet wurden. Nach Tisch machte Bismarck mit mir einen Spaziergang in den Wald, wobei er die ganze Zeit in der einfachsten, lustigsten und interessantesten Weise über alles sprach, was sich in diesen furchtbaren Jahren ereignet hat; aber er sprach davon, wie alltägliche Leute von den alltäglichsten Dingen reden, ohne jede Affektation. Und gerade weil er so einfach ist, sich so gehen läßt, muß man innerlich zu sich selbst sagen: Das ist der große Bismarck, der größte der jetzt lebenden Menschen und einer der größten Charaktere, die es je gegeben hat. Wenn man im vertrauten Umgange mit Brobdingnags (Riesen aus Gullivers Reisen von Swift) lebt, so scheint es augenblicklich, als wären wir alle auch Brobdingnags, und das wäre überhaupt so die Regel, man vergißt den Vergleich mit der eigenen Kleinheit. Es gibt dagegen viele Leute in gewissen Dörfern, die uns bekannt sind, welche über ihre Umgebung einen viel erkältenderen Hauch wegblasen, als wenn sie Bismarck wären. — Am Abend saßen wir wieder als gemischte Gesellschaft beisammen, indem die einen Tee tranken, die anderen Bier und einige Selterwasser, während Bismarck eine Pfeife rauchte. Er raucht jetzt aber wenig und nur ganz leichten Tabak in der Pfeife. Früher, als ich ihn kannte, rauchte er unaufhörlich die stärksten Zigarren, und jetzt, sagte er, könne er nicht mehr, um sein Leben zu retten, Zigarren rauchen, solchen Widerwillen erregen sie ihm. Ein Gutsnachbar, Herr v. Thadden und Frau, waren die einzigen Gäste, und sie gehen heute nachmittag wieder fort. Dieser Freund hatte die Schlacht von Königgrätz mitgemacht, und Bismarck erzählte eine Menge Anekdoten von jener Schlacht. ... Ich wünschte, Du hättest ihm zuhören können. Du kennst seine Art und Weise. Von allen Männern, die ich je gesehen, klein oder groß, ist er am wenigsten =poseur=. Alles kommt so nebenbei und nachlässig heraus. Ich fragte ihn, ob er nun mit dem Kaiser von Österreich gut Freund wäre. Er sagte ja, und der Kaiser wäre im vorigen Jahre in Salzburg ausnehmend höflich gegen ihn gewesen und durch den ganzen Saal sogleich auf ihn zugekommen, als er sich in der Türe gezeigt. Er sagte, als er noch jünger war, habe er sich für einen ganz klugen Burschen gehalten, aber sich allmählich überzeugt, daß niemand wirklich mächtig oder groß sei, und er müsse darüber lachen, wenn er sich preisen höre als weise, vorherrschend und als übe er große Macht aus in der Welt. Ein Mann in seiner Stellung sei genötigt, während Unbeteiligte erwägen, ob es morgen Regen oder Sonnenschein geben würde, prompt zu entscheiden: es wird regnen oder es wird schön Wetter sein, und demgemäß zu handeln mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln. Hatte er recht geraten, so rief alle Welt: welche Weisheit, welche Prophetengabe! Hatte er unrecht, so möchten alle alten Weiber mit Besenstielen nach ihm schlagen. — Wenn er weiter nichts gelernt hätte, so hätte er Bescheidenheit gelernt. Ganz gewiß lebte nie ein Sterblicher, der so unaffektiert war, und auch kein genialerer. Er sieht aus wie ein Koloß, aber seine Gesundheit ist schon erschüttert. Er kann nie vor vier oder fünf Uhr morgens einschlafen. Natürlich folgt ihm seine Arbeit hierher nach, doch schien sie ihn wenig zu belästigen. Er sieht aus wie ein Landedelmann, der vollkommen Muße hat. ...« [Illustration: ~Das Berliner Friedenskonzert~ »Lieber Gortschakow, mir scheint, der Bismarck bläst falsch.« Gortschakow und Andrassy weilten im September 1872 mit ihren Souveränen in Berlin. Hier wurde auch die Versöhnung zwischen Rußland und Österreich besiegelt. (»Kikeriki«, Oktober 1872)] Die dankbare Borussia Von seinem alten Herrn erhielt Bismarck zum Silberfeste eine kostbare Vase in Begleitung des folgenden Handschreibens aus Koblenz vom 26. Juli: »Sie werden am 28. ein schönes Familienfest begehen, das Ihnen der Allmächtige in seiner Gnade beschert. Daher darf und kann Ich mit Meiner Teilnahme an diesem Feste nicht zurückbleiben, und so wollen Sie und die Fürstin, Ihre Gemahlin, hier Meinen innigsten und herzlichsten Glückwunsch zu diesem erhebenden Feste entgegennehmen! Daß Ihnen beiden, unter so vielen Glücksgütern, die Ihnen die Vorsehung für Sie erkoren hat, doch immer das häusliche Glück obenan stand, das ist es, wofür unsere Dankgebete zum Himmel steigen! Unsere und Meine Dankbarkeit gehen aber weiter, indem sie den Dank in sich schließen, daß Gott Sie Mir in entscheidender Stunde zur Seite stellte und damit eine Laufbahn Meiner Regierung eröffnete, die weit über Denken und Verstehen geht. Aber auch hierfür werden Sie Ihre Dankgebete nach oben senden, daß Gott Sie begnadigte, so Hohes zu leisten! Und in und nach allen Ihren Mühen fanden Sie stets in der Häuslichkeit Erholung und Frieden, — das erhielt Sie Ihrem schweren Berufe! Für diesen sich zu erhalten und zu kräftigen, ist Mein stetes Anliegen an Sie, und freue Ich mich, aus Ihrem Briefe durch Oberst Graf Lehndorff und von diesem selbst zu hören, daß Sie jetzt mehr an sich als an die Papiere denken werden. — Zur Erinnerung an Ihre Silberne Hochzeit wird Ihnen eine Vase übergeben werden, die eine dankbare Borussia darstellt, und die, so zerbrechlich ihr Material auch sein mag, doch selbst in jeder Scherbe dereinst aussprechen soll, was Preußen Ihnen durch die Erhebung auf die Höhe, auf welcher es jetzt steht, verdankt. Ihr treuergebener, dankbarer König Wilhelm.« Im Spätsommer kehrte Bismarck nach Berlin zurück und stürzte sich mitten in den Trubel, den der Besuch der Kaiser von Österreich und Rußland und ihrer Minister in Berlin heraufbeschwor. In täglichen Beratungen erreichte er ein außerordentlich herzliches Verhältnis zu diesen beiden Monarchen, das Einverständnis der drei Kaiser und ihrer Staatsmänner umfaßte den gesamten Inhalt der Politik. Bismarck hatte in der Tat die Achtung und das Vertrauen aller Völker für Deutschland gewonnen. In der Fülle der Erfolge aber traf den großen Staatsmann ein besonderer Kummer: Sein alter Kampfgenosse Roon reichte dem Kaiser die Bitte um Entlassung aus all seinen Staatsämtern ein. [Illustration: ~Der beurlaubte Bismarck~ »Welch ein Verlust für die Witzblätter, wenn sich der gekränkte Mann am Ende gar die berühmten drei Haare ausreißt.« Es ist die Zeit, in der verbissene Konservative auf Bismarcks »erzwungenen Rücktritt« hinarbeiten, voran Graf Harry von Arnim. Der Urlaub, den der Kanzler genommen hatte, wurde ohnehin durch eine Erkrankung gestört. (»Kikeriki«, April 1874)] Dieser Schlag traf Bismarck ungeheuer hart, wenn er auch die von dem alten Gefährten angegebene Begründung, die in seinem zerrütteten Gesundheitszustand lag, durchaus anerkennen mußte. In diesen Tagen ist in ihm stärker als je zuvor der Wunsch lebendig geworden, einen Teil der Bürde, die auf ihm lag, von den Schultern zu werfen und nur noch Minister des Auswärtigen zu bleiben. Dieser Dienst, so schreibt er in dem Briefe an Roon, nehme eine volle Manneskraft in Anspruch, er könne nicht auch noch die volle Verantwortung für die innere Politik tragen. Auch habe er im Innern den Boden, der ihm annehmbar sei, durch die Desertion der Konservativen Partei in der katholischen Frage verloren: »Meine Federn sind durch Überspannung erlahmt, der König als Reiter im Sattel weiß wohl kaum, daß und wie er in mir ein braves Pferd zuschanden geritten hat; die Faulen halten länger aus, aber =ultra posse nemo obligatur=.« Der Roon-Krisis folgte eine Bismarck-Krisis. Aber Roon nahm schließlich sein Entlassungsgesuch zurück, und da er unter den Ministern allein das volle Vertrauen des Königs besaß, so übernahm er sogar an Bismarcks Stelle den Vorsitz im Ministerrat und die Leitung der preußischen Geschäfte. Jetzt wäre sicher die günstigste Gelegenheit für die Konservativen gewesen, die Versöhnung mit dem großen Kanzler zu suchen. Solche Schritte sind leider unterblieben; die Aktion wurde sogar mit verstärkter Heftigkeit fortgeführt, und tausend Versuche wurden gemacht, dem Staatsmann das Vertrauen des Königs zu rauben. Aber König Wilhelm hielt fest in Treuen, und niemals sind die Beweise seiner Freundschaft und Huld so zahlreich gewesen wie eben in diesen Tagen. So durfte der Minister am Weihnacht-Heiligabend von seinem königlichen Freunde die Nachbildung des Standbildes Friedrichs des Großen entgegennehmen, für die er in einem wundervollen Briefe seinen Dank aussprach: [Illustration: ~Der Vogelfänger bin ich ja, stets lustig — heisa hopsasa!~ General Lamarmora hatte Fälschungen in Gestalt von diplomatischen Aktenstücken veröffentlicht, die sich gegen Bismarck richteten. Der Kanzler trägt hier als Papageno die drei von ihm eingefangenen Vögel Napoleon, Beust und Lamarmora auf seiner Stange. (»Kladderadatsch«, September 1873)] Vielleicht ein unbrauchbarer General »Ich habe jederzeit bedauert, daß es mir nach dem Willen meiner Eltern nicht erlaubt war, lieber vor der Front als hinter dem Schreibtisch meine Anhänglichkeit an das angestammte Königshaus und meine Begeisterung für die Größe und den Ruhm des Vaterlandes zu betätigen. Auch heute, nachdem Eure Majestät mich zu den höchsten staatsmännischen Ehren erhoben hat, vermag ich das Bedauern, ähnliche Stufen nicht als Soldat mir erstritten zu haben, nicht ganz zu unterdrücken. Verzeihen Eure Majestät am heiligen Abend einem Manne, der gewohnt ist, an christlichen Gedenktagen auf seine Vergangenheit zu blicken, diese Aussprache persönlicher Empfindungen. Ich wäre vielleicht ein unbrauchbarer General geworden, aber nach meiner eigenen Neigung hätte ich lieber Schlachten für Eure Majestät gewonnen, wie die Generale, die das Denkmal zieren, als diplomatische Kampagnen. Nach Gottes Willen und nach Eurer Majestät Gnade habe ich die Aussicht, in Schrift und Erz genannt zu werden, wenn die Nachwelt die Erinnerung an Eurer Majestät glorreiche Regierung verewigt. Aber die herzliche Anhänglichkeit, die ich, unabhängig von der Treue jedes ehrlichen Edelmannes für seinen Landesherrn, für Eurer Majestät Person fühle, der Schmerz und die Sorge, die ich darüber empfinde, daß ich Eurer Majestät nicht immer nach Wunsch dienen kann, werden in keinem Denkmal Ausdruck finden können; und doch ist es nur dieses persönliche Gefühl in letzter Instanz, welches die Diener ihrem Monarchen, die Soldaten ihrem Führer, auf Wegen, wie Friedrich =II.= und Eure Majestät nach Gottes Ratschluß gegangen sind, in rücksichtsloser Hingebung nachzieht. Meine Arbeitskraft entspricht nicht mehr meinem Willen, aber der Wille wird bis zum letzten Atem Eurer Majestät gehören. v. Bismarck.« Schon jetzt trat ein Mann in den Vordergrund mit einem Namen, der bald recht oft und recht wenig rühmlich hervortreten sollte: Graf Harry von Arnim. Er stand mit allen dem Kanzler feindlichen Elementen in Verbindung, und gerade jetzt drängte er sich an ihre Spitze in der Hoffnung, sein Nachfolger zu werden. [Illustration: ~Fürstbischof Förster, der Gepfändete, und die Hydra~ Fürstbischof Förster von Breslau war wegen Vergehens gegen die Maigesetze mehrfach gepfändet, zu Geldstrafen verurteilt und der Temporalien beraubt worden. (»Kikeriki« Januar, 1874)] Graf Harry Arnim Von ihm erzählt Bismarck in seinem Gedenkbuch: Graf Harry Arnim vertrug wenig Wein und sagte mir einmal nach einem Frühstücksglase: »In jedem Vordermanne in der Karriere sehe ich einen persönlichen Feind und behandle ihn dementsprechend. Nur darf er es nicht merken, solange er mein Vorgesetzter ist.« Es war dies in der Zeit, als er, nach dem Tode seiner ersten Frau aus Rom zurückgekommen, durch eine italienische Amme seines Sohnes in rot und gold Aufsehen auf den Promenaden erregte und in politischen Gesprächen gern Macchiavell und die Werke italienischer Jesuiten und Biographen zitierte. Er posierte damals in der Rolle eines Ehrgeizigen, der keine Skrupel kannte, spielte hinreißend Klavier und war vermöge seiner Schönheit und Gewandtheit gefährlich für die Damen, denen er den Hof machte. Diese Gewandtheit auszubilden, hatte er frühzeitig begonnen, indem er als Schüler des Neustettiner Gymnasiums von den Damen einer wandernden Schauspielertruppe sich in die Lehre nehmen ließ und das mangelnde Orchester am Klavier ersetzte. Unter den Persönlichkeiten, die neben ausländischen Einflüssen, neben der »Reichsglocke« und ihren Mitarbeitern in aristokratischen und Hofkreisen und in den Ministerien meiner Kollegen, neben dem verstimmten Junkertum und dessen Ära-Artikeln in der »Kreuzzeitung« daran arbeiteten, mir das Vertrauen des Kaisers zu entziehen, spielte Graf Harry Arnim eine hervorragende Rolle. Am 23. August 1871 wurde er auf meinen Antrag zum Gesandten, demnächst zum Botschafter in Paris ernannt, wo ich seine hohe Begabung trotz seiner Fehler im Interesse des Dienstes nützlich zu verwerten hoffte; er sah in seiner Stellung dort aber nur eine Stufe, von der aus er mit mehr Erfolg daran arbeiten konnte, mich zu beseitigen und mein Nachfolger zu werden. Nachdem Arnim sich 1873 in Berlin überzeugt hatte, daß seine Aussichten, an meine Stelle zu treten, noch nicht so reif waren, wie er angenommen hatte, versuchte er einstweilen das frühere gute Verhältnis herzustellen, suchte mich auf, bedauerte, daß wir durch Mißverständnisse und Intrigen anderer auseinandergekommen wären, und erinnerte an Beziehungen, die er einst mit mir gehabt und gesucht hatte. Zu gut von seinem Treiben und von dem Ernst seines Angriffes auf mich unterrichtet, um mich täuschen zu lassen, sprach ich ganz offen mit ihm, hielt ihm vor, daß er mit allen mir feindlichen Elementen in Verbindung getreten sei, um meine politische Stellung zu erschüttern, in der irrigen Annahme, er werde mein Nachfolger werden, und daß ich an seine versöhnliche Gesinnung nicht glaube. Er verließ mich, indem er mit der ihm eigenen Leichtigkeit des Weinens eine Träne im Auge zerdrückte. Ich kannte ihn von seiner Kindheit an. [Illustration: ~Bismarck als Figaro singt das »Largo an das Faktotum«~ »=Bizzimarck here, Bizzimarck there, Bizzimarck, Bizzimarck everywhere!!=« (»Punch«, 31. Oktober 1874)] Inzwischen tobte der Kulturkampf weiter. Auch der Papst hatte öffentlich Stellung genommen und die herrschende Erregung noch aufgestachelt. Ja, er hatte sogar in einer Ansprache an deutsche Pilger die Wendung gebraucht, im Reiche herrsche eine Verfolgung gegen die Kirche, an deren Spitze der erste Minister stehe, und er hatte mit den Worten geschlossen: »Wer weiß, ob nicht bald das Steinchen sich von der Höhe löst, daß es den Fuß des Kolosses zertrümmert.« Und im Parlament war einer der Führer des Zentrums, Herr von Schorlemer-Alst, so weit gegangen, Anklagen gegen den Kanzler zu erheben, daß er nicht nur den Umsturz der Bundesverfassung vorbereitet und durchgeführt habe, sondern daß er auch im Jahre 1866, verbündet mit Garibaldi und Klapka, die ungarischen und kroatischen Regimenter zum Bruch ihres Fahneneides zu verführen versuchte. Herr von Mallinckrodt fügte hinzu, daß Bismarck bereit war, einen Teil des linken Rheinlandes, den die bayrische Pfalz und Koblenz und Trier bilden, an Frankreich abzutreten. Er habe dies »in amtlichen Aktenstücken gelesen und sich bisher vergeblich nach einem Widerspruch umgesehen«. Es waren die Fälschungen des Generals Lamarmora, die den Zentrumsführern den Stoff zu ihren wilden Angriffen boten. Sie mußten aber aus Bismarcks Munde die grimmige Antwort vernehmen, daß sie sich auf dreiste, lügenhafte Erfindungen stützen, gemacht in gehässiger Absicht gegen ihn, der sich rühmen dürfe, in Europa der bestgehaßte Mann zu sein. »Ich habe niemals irgend jemandem«, so rief Bismarck, »die Abtretung auch nur eines Dorfes oder eines Kleefeldes zugesichert oder in Aussicht gestellt.« Auch hier sollte die persönliche Verdächtigung den Mann fällen, der auch in diesem schweren Kampfe immer und immer wieder versuchte, aus der Niederung der persönlichen Gehässigkeit den Streit auf die Höhen des Prinzips zu tragen. Niemals in so gewaltiger Weise wie in jener Rede, in der er den Streit des Tages hinstellte als eine Episode in dem uralten Machtstreit zwischen Königtum und Priestertum, der viel älter sei als die Erscheinung unseres Erlösers in der Welt, in dem Agamemnon bereits in Aulis mit seinen Sehern lag, der die deutsche Geschichte des Mittelalters unter dem Namen der Kämpfe der Päpste mit den Kaisern erfüllte und seinen Abschluß damit fand, daß der letzte Vertreter des erlauchten schwäbischen Kaiserstammes unter dem Beile eines französischen Eroberers auf dem Schafott starb. Das Papsttum, so rief er aus, sei eine politische Macht zu jeder Zeit gewesen, die mit der größten Entschiedenheit und dem größten Erfolge in die Verhältnisse dieser Zeit eingriff. Das Ziel sei die Unterwerfung der weltlichen unter die geistliche Gewalt. Der Kampf aber des Priestertums mit dem Königtum sei zu beurteilen wie jeder andere Kampf: er hat seine Bündnisse, seine Friedensschlüsse, seine Haltepunkte und Waffenstillstände. »Es handelt sich um die Verteidigung des Staates, es handelt sich um die Abgrenzung, wie weit die Priesterherrschaft und wie weit die Königsherrschaft gehen soll; aber diese Abgrenzung muß so gefunden werden, daß der Staat seinerseits dabei bestehen kann. Denn in dem Reiche dieser Welt hat er das Regiment und den Vortritt. ... Die Zentrumspartei in ihren Wirkungen ist eine Breschbatterie, aufgeführt gegen den Staat; die Artilleristen, die sie leiten, die Ingenieure, die sie erbauten, wissen genau, was sie beabsichtigten.« Bibelfest Die Konservativen haben damals sogar durch die Waffen des Gebetes auf Bismarck einzuwirken gesucht. So schrieb noch vor der Annahme der Maigesetze der alte Oberpräsident Senfft von Pilsach an ihn, er solle sich ermannen, denn wenn er Gottes Mahnungen zur Buße beharrlich widerstrebe, so werde er ohne Zweifel seinem Gerichte verfallen. Bismarck antwortete mit der Versicherung, daß das Interesse, welches der alte Herr an seinem geistigen und geistlichen Leben nehme, durchaus auf Gegenseitigkeit beruhe: Aber ich hätte gern die Gewißheit darüber, daß Ihre mahnende Stimme auch den Ihnen nahestehenden Gegnern Seiner Majestät des Königs nicht vorenthalten werde, welchen die Demut unseres Erlösers so fremd geworden ist, daß sie im zornigen Dünkel eigener Weisheit und in heidnischer Priesterherrschaft es als ihre Aufgabe ansehen, das Land und die Kirche zu meistern und die Grundlagen beider zum Vorteil ausländischer und dem Evangelium feindlicher Gewalten tatsächlich zu erschüttern. Ich bitte Ew. Exzellenz, sich Ihrerseits vorzusehen, daß Sie dem Gericht Gottes nicht eben durch die Überhebung Ihrer an mich gerichteten Warnung verfallen. Ich empfehle Ihnen, den 4. und 5. Vers des 12. Psalms zu lesen — »Der Herr wolle ausrotten alle Heuchelei und die Zunge, die da stolz redet, die da sagen: Unsere Zunge soll überhand nehmen, uns gebühret zu reden; wer ist unser Herr?« — und will mich im Vertrauen auf den Schluß des 3. Psalms an diesen halten — »Ich fürchte mich nicht vor viel hundert Tausenden, die sich umher wider mich legen. Auf, Herr, und hilf mir, mein Gott; denn du schlägst alle meine Feinde auf den Backen und zerschmetterst der Gottlosen Zähne. Bei dem Herrn findet man Hilfe.« Es ist vielleicht das dunkelste Blatt in der Geschichte des politischen Konservativismus, daß aus seinen Reihen Männer erstanden, die selbst vor dem Versuche nicht zurückschreckten, den Namen des Fürsten Bismarck mit jenen wüsten Spekulationen und Börsenmanövern in Verbindung zu bringen, die der Segen der fünf Milliarden nach Deutschland verpflanzte. Die Reichstagswahlen vom Januar 1874 haben dann die konservativen Gegner Bismarcks fast vollständig hinweggefegt. In jene Zeit fallen auch die ersten Zeichen jener inneren Verständigung mit Italien, die später zu dem engen Zusammenschluß der beiden mitteleuropäischen Kaiserreiche mit diesem Staate führen sollten. Viktor Emanuel ist damals persönlich nach Berlin gekommen, und in langen vertraulichen Gesprächen mit dem Fürsten Bismarck hatte er den Anschluß seines Landes an die nordischen Mächte vorzubereiten gesucht. Die kostbare Dose Bei diesem Besuche hat sich eine Episode ereignet, von der die Welt erst durch Bismarcks letztes Gedenkbuch erfuhr: »Ich hatte«, so erzählt der Kanzler, »durch Herrn v. Keudell erfahren, daß der König eine Dose mit Brillanten, deren Wert auf 50000–60000 Franken, ungefähr auf das Sechs- bis Achtfache des bei solchen Gelegenheiten Üblichen, angegeben wurde, hatte anfertigen und dem Grafen Launay zur Überreichung an mich zustellen lassen. Gleichzeitig kam es zu meiner Kenntnis, daß Launay die Dose mit Angabe des Wertes seinem Hausnachbarn, dem bayrischen Gesandten Baron Pergler von Perglas, gezeigt hatte, der unseren Gegnern in dem Kulturkampfe persönlich nahestand. Der hohe Wert des mir zugedachten Geschenkes konnte also Anlaß geben, es in Verbindung zu bringen mit der Anlehnung, die der König von Italien bei dem Deutschen Reiche damals erstrebte und erlangte. Als ich dem Kaiser meine Bedenken gegen die Annahme des Geschenkes vortrug, hatte er zunächst den Eindruck, als ob ich es überhaupt unter meiner Würde fände, eine Porträtdose anzunehmen, und sah darin eine Verschiebung der Traditionen, an die er gewöhnt war. Ich sagte: ›Gegenüber einem solchen Geschenke von durchschnittlichem Werte würde ich auf den Gedanken der Ablehnung nicht gekommen sein. In diesem Falle aber hätte nicht das fürstliche Bildnis, sondern hätten die verkäuflichen Diamanten das für die Beurteilung des Vorgangs entscheidende Gewicht; mit Rücksicht auf die Lage des Kulturkampfes müßte ich Anknüpfungspunkte für Verdächtigungen vermeiden, nachdem der den Umständen nach übertriebene Wert der Dose durch die nachbarlichen Beziehungen von Perglas konstatiert und in der Gesellschaft hervorgehoben worden sei.‹ Der Kaiser wurde schließlich meiner Auseinandersetzung zugänglich und schloß den Vortrag mit den Worten: ›Sie haben recht, nehmen Sie die Dose nicht an.‹ Nachdem ich meine Auffassung durch Herrn v. Keudell zur Kenntnis des Grafen Launay gebracht hatte, wurde der Dose ein sehr hübsches und ähnliches Porträt des Königs substituiert mit seiner eigenhändigen Unterschrift. Der König behielt jedoch das Bedürfnis, mir einen verstärkten Ausdruck seines Wohlwollens zu geben durch ein dem ursprünglich beabsichtigten im Werte analoges, aber nicht verkäufliches Geschenk, und ich erhielt als Zugabe zu der schmeichelhaften Unterschrift des Porträts eine Alabastervase von ungewöhnlicher Größe und Schönheit, deren sichere Verpackung und Beförderung bei der überstürzten Räumung meiner Amtswohnung, zu der mein Nachfolger mich nötigte, nicht ohne Schwierigkeit war. Anderer Ansicht über die Annahme einer mit Brillanten gefüllten Dose war übrigens Gortschakow. Bei unserem Besuch in Petersburg fragte mich Seine Majestät: ›Was kann ich nur dem Fürsten Gortschakow geben? Er hat schon alles, auch Porträt; vielleicht eine Büste oder Dose mit Brillanten?‹ Ich erhob gegen eine teuere Dose Einwendungen, die ich aus der Stellung und dem Reichtum des Fürsten Gortschakow herleitete, und der Kaiser gab mir recht. Ich sondierte darauf den Fürsten vertraulich und erhielt sofort die Antwort: ›Laß Er mir (Russizismus) eine tüchtige Dose geben mit guten Steinen (=avec de grosses bonnes pierres=).‹ Ich meldete dies Seiner Majestät etwas beschämt über meine Menschenkenntnis; wir lachten beide, und Gortschakow bekam seine Dose.« [Illustration: ~Kullmanns Attentat~ Darauf haben die Attentatsfreunde nicht gedacht, daß bei dem Schusse auf Bismarck — eigentlich doch wieder nur die stolze Kirche getroffen ward. (»Kikeriki«, 27. Juli 1874)] Am schwersten traf den Fürsten Bismarck der Verlust seines alten Kampfgenossen Roon, der jetzt endgültig vom Schauplatz seiner Taten Abschied nahm. Die Briefe, die in diesen Tagen die beiden heldenmütigen Männer tauschten, bilden vielleicht eines der ergreifendsten Dokumente eines wahrhaft großen und darum innerlich stets bescheidenen Menschentums. =Adelantador= In seinem Abschiedsbriefe an Bismarck schrieb Roon: »Zum Schlusse dieser Zeilen erlauben Sie mir, Ihnen aus vollem Herzen nochmals mein ›=Adelante, adelantador atrevido!=‹ (Vorwärts, immer vorwärts, kühner Held) zuzurufen und Gottes Segen für Ihr ferneres gedeihliches und großartiges Wirken zu erflehen; und das werde ich immer tun, bis an mein vielleicht nicht mehr fernes Lebensende, gleichviel ob ich auf der Bühne oder im Zuschauerraum meinen Platz habe!« Ich hatt’ einen Kameraden In seiner Antwort schrieb Bismarck: »... Gott hat die Fahnenflucht unserer Junker von Thron und Evangelium zugelassen und dadurch unser Rüstzeug schwer geschädigt; aber ich schöpfe auch hier wie 63, 66, 70 in allen den Kämpfen, die wir, lieber alter Freund, Schulter an Schulter siegreich bestanden haben, Mut aus dem mich innerlich tief berührenden Worte: ›Gott widersteht den Hoffärtigen.‹ Und auch im Kampfe mit Kleist, Waldow und Gerlach, wie mit den ehrgeizigen Priestern des römischen Götzendienstes sehe ich die Hoffart zu meinem Trost im feindlichen Lager. Gefochten soll sein, das ist mir so klar, als ob Gott mir es auf deutsch befohlen hätte. Ich stehe dienstlich auf der Bresche, und mein irdischer Herr hat keine Rückzugslinie, also: =vexilla regis prodeunt=, und ich will, krank oder gesund, die Fahne meines Lehnsherrn halten, gegen meine faktiösen Vettern so fest wie gegen Papst, Türken und Franzosen. Vermüde ich, so bin ich anschlagmäßig verwendet, und der Verbrauch meiner Person ist vor jedem Rechnungshofe justifiziert. Durch Ihren Rücktritt bin ich vereinsamt, unter Philistern die einzig fühlende Brust. Der alte Rest vom alten Stamm, der bleibt, ist faul. Ich will nicht zu ihm sagen: ›Heinrich, mir graut vor dir‹, aber ich habe mitunter Lust, falls ich noch körperlich stärker bin, es ihn empfinden zu lassen. Ich wollte Ihnen nur ein herzliches Lebewohl schreiben, und nun komme ich auf sechs Seiten solcher Abirrungen. Sehen werden wir uns ja doch im Winter, und persönlich also nehme ich nicht Abschied. Wir werden mündlich doch noch manchen Rückblick auf die elf Geschichtsjahre tun können, die Gott uns zusammen hat durchkämpfen lassen, und in denen wir mehr von seiner Gnade erlebt haben, als wenigstens mein Verstehen und Erwarten faßte. Im Amte aber wird es einsam um mich sein, je länger je mehr; die alten Freunde sterben oder werden Feinde, und neue erwirbt man nicht mehr. Wie Gott will: Im gelben Sitzungszimmer werde ich die Lücke auf Ihrem Sofaplatze nicht ausgefüllt finden und dabei denken: ›Ich hatt’ einen Kameraden.‹ — Man wird alt, das hat sein Gutes; man ist zufrieden mit Knochen und Leder, an sich und anderen. Der Postbote mahnt. Herzlichen Gruß und auf baldiges Wiedersehen. Ihr getreuer Freund von Bismarck.« [Illustration: ~Der Sturz der Titanen~ Skizze zu einem Deckengemälde für das Zentrum. Zum Andenken an die Sitzung des Reichstags am 4. Dezember 1874 Es handelt sich um die Sitzung, in der Bismarck den Attentäter Kullmann an die Rockschöße des Zentrums gehängt hat. Windthorst, Jörg, Majunke, Kullmann stürmen gegen ihn an. (»Berliner Wespen«, Dezember 1874)] [Illustration: ~In Friedrichsruhe~ Bismarck: »Ick soll Ihnen wegen der Reformen in Rußland raten? Det is wohl ganz einfach: Jeben Sie die Freiheit wie in Preußen! He? Wat sagen Sie?« Der Zar: »Geniale Idee!« (»Humoristische Blätter«, 2. März 1884)] In Kissingen, wo der Kanzler, dessen Gesundheit unter all den Kämpfen wiederholt zusammenbrach, auch im Sommer 1874 Genesung suchte, entlud sich nun der gegen ihn gesammelte Haß in dem Mordversuch des Böttchergesellen Kullmann. Er war ein roher und gewalttätiger Bursche, Mitglied in einem katholischen Gesellenverein, aufgereizt durch Flugblätter und Reden, aber sicherlich nicht in das Verständnis der großen Gegensätze gedrungen, die nach der großen Kriegszeit das deutsche Volk erschütterten. Bei ihm wie bei all den anderen, die zur Mordwaffe griffen, mündet der weite Strom der Ideen in den engen Kanal der geistigen Beschränktheit, und während große Männer in wundervollem erregendem Kampfe ihre Kräfte messen, sitzt irgendwo in der engen Kammer einer von den ganz Dumpfen und ganz Engen, nur eines einzigen Gedankens fähig, und zähe an diesem Gedanken haftend, bis er zur Tat wird. Er begreift es nicht, worin die Größe des Daseins besteht, und er greift mit plumper Hand in das feine Gewebe der Gottheit. [Illustration: ~Jahresregent Jupiter~ Jupiter (Bismarck) als Stier, der Europa trägt. An den Schwanz des Tieres klammern sich Russen, Franzosen und andere Völker. (Der »Floh«, Januar 1875)] Kullmanns Attentat Der 13. Juli war gekommen. Bismarck fuhr gegen Mittag aus. Aber der Wagen hatte von der Ausfahrt des Wohnhauses an nur erst etwa fünfzehn Schritte langsam zurückgelegt — da ein katholischer Landgeistlicher in der Fahrbahn stand und nicht ausweichen wollte —, als plötzlich aus nächster Nähe eine Pistole auf den Fürsten Bismarck abgefeuert wurde. Er hatte zufällig gerade die Hand zu militärischer Begrüßung der ihn umjubelnden Menge an seine Schläfe erhoben, als der Schuß krachte. Diese Bewegung rettete sein Leben. Der Mörder gestand es später selbst ein mit den ihn bezeichnenden Worten: »Ich habe mich einexerziert, schon öfter, ja hundertmal aus der Pistole geschossen, aber der Kerl hat eine Bewegung gemacht, und so habe ich ihn gefehlt.« Die zum Gruß erhobene Hand entzog dem Mörder das edle Ziel, das Haupt des Fürsten. Die Kugel streifte nur den Knöchel seiner Rechten. Der Kutscher, fast starr vor Schrecken, hatte doch die Geistesgegenwart, sich umzudrehen. Er sieht den Fürsten anscheinend unversehrt, will also weiterfahren und wendet sein Auge wieder den Pferden zu. Da bemerkt er den Mörder, der die Pistole fortwirft und in der dichten Menschenmenge verschwinden will. Durch einen wuchtigen Peitschenhieb über das Gesicht des Mörders bringt der Kutscher diesen zum Stehen. Gleichzeitig wirft sich der als Badegast in Kissingen anwesende Hofschauspieler Lederer aus Darmstadt auf den Mörder und packt ihn an der Kehle, hält ihn auch — obwohl der Mensch um sich beißt — fest, bis hundert Arme ihn dingfest machen, zu zerreißen drohen. Da springt Fürst Bismarck aus dem Wagen, und rettet den Mörder vor der Volksvergeltung mit dem Worte: man solle den Menschen dem Gesetze überlassen. Nun wird der Täter nach dem Stadtgefängnis geschleift. Nachdem er verbunden war, suchte Bismarck den Attentäter selbst auf und hatte mit ihm im Gefängnis eine Unterredung. Die Frage des Fürsten: »Kennt Ihr mich?« beantwortete Kullmann mit lautem »Ja«, dagegen mit »Nein« die Frage, ob er Bismarck schon früher gekannt habe. Auf die Frage, weshalb er die Tat begangen, antwortete er ziemlich rasch: »Wegen der Maigesetze!« — Auch nannte er, wie Bismarck später im Reichstag erzählte, das Zentrum »seine Fraktion«. — Alle an ihn gestellten Fragen beantwortete Kullmann mit großer Frechheit und ohne jeden Versuch irgendeiner Beschönigung seiner Tat. Doch war interessant, zu sehen, daß der freche Mensch den festen Blick des Fürsten nicht ertragen konnte, sondern immer sofort die Augen niederschlug. Der Fürst schloß mit den Worten: »Das ist nicht schön, wenn Landsleute aufeinander schießen.« Das Geschäft bringt es so mit sich Nach dem mißlungenen Attentat Kullmanns bemerkte der Fürst bei der Abendtafel mit köstlichem Humor: »Die Sache ist zwar nicht kurgemäß, aber das Geschäft bringt es so mit sich.« Bellachini Nach dem Attentat befand sich in der Deputation gratulierender Kurgäste auch Bellachini, der Magieprofessor. Fürst Bismarck drückte ihm huldvollst die Hand und bemerkte dabei: »Hätten Sie denn, da Sie in der Nähe standen, die Kugel nicht auffangen können?« Zahllose Ovationen wurden dem Geretteten dargebracht. Über zweitausend Glückwunschdepeschen und -schreiben trafen ein. Fürst Bismarck hat Schädigungen von der Wunde nicht davongetragen, nur eine gewisse Schwäche im Handgelenk blieb zurück. Aber dieses Attentat hat in den folgenden Kämpfen eine ernste Rolle gespielt. Im Dezember rief Fürst Bismarck dem Klerikalen Jörg, der erklärt hatte, daß »wegen des verwegenen Verbrechens eines halbverrückten Menschen ein guter Teil der Deutschen geradezu ins Delirieren geraten sei«, die heftigen Worte entgegen: »Mögen Sie sich lossagen von diesem Mörder, wie Sie wollen, er hängt sich an Ihre Rockschöße fest, er nennt Sie seine Fraktion!« [Illustration: ~=Pater peccavi=~ Gern säh’ den Bismarck mal als =Pater peccavi= jetzt der Heilige Vater. (»Berliner Wespen«, Februar 1874)] Pfui! Auf Bismarcks Rede erklang von links und rechts ein stürmisches Bravo, aus dem Zentrum aber rief eine schrille Stimme »Pfui!«. Dem Rufer, Graf Ballestrem, diente Bismarck mit folgenden Worten: »Meine Herren! Der Herr Präsident hat schon gerügt, was ich von dem Herrn Abgeordneten, der dort auf der zweiten Bank sitzt, rügen wollte — oder vielmehr, rügen ist nicht mein Beruf, aber ich wollte meine Meinung darüber äußern. ›Pfui!‹ ist ein Ausdruck des Ekels und der Verachtung. Meine Herren, glauben Sie nicht, daß mir diese Gefühle fernliegen; ich bin nur zu höflich, um sie auszusprechen.« — Noch einmal wurde später dem Fürsten Bismarck im Reichstag ein »Pfui!« entgegengeschrien: Als er im Mai 1889 seine letzte Rede über die Altersversicherung hielt und die Freisinnigen anklagte, daß sie ihm stets ihre Zustimmung versagten, ob aus Abneigung gegen seine Person oder aus fraktionellen Gründen, da erklang aus dem Munde des Herrn Struwe dieses Schmähwort. Bismarck aber schritt in seiner ganzen Größe bis an den Rand der Tribüne: »Erlauben Sie, daß ich da ganz offen rede; wer mir ›Pfui!‹ sagt, denn nenne ich unverschämt. Ich will den Herrn gar nicht fragen — Sie mögen die Wahrheit nicht hören; ich bin aber hier, um Ihnen die Wahrheit zu sagen. Insultieren lasse ich mich nicht, dann insultiere ich wieder. ›Pfui!‹ — ich weiß nicht, worauf sich das bezog, ich kann deshalb darauf nicht erwidern. Ich betrachte es als einen allgemeinen Ausdruck des Hasses, dessen Gegenstand ich seit Jahren hier an dieser Stelle für die Herren, die dort sitzen, gewesen bin. Als Christ kann ich das hinnehmen, aber als Kanzler, solange ich hier stehe, kämpfe ich dagegen und lasse mir dergleichen nicht sagen, ohne darauf zu reagieren.« Später hat auf einem parlamentarischen Abend Fürst Bismarck diese Szene kommentiert: »Ja, was soll man machen, wenn einem jemand sozusagen vor versammeltem Kriegsvolk ›Pfui!‹ zuruft? Es ist doch gerade, als ob mich jemand anspuckt. Das erstemal war es ein Herr vom Zentrum, der mir das Wort zurief. Es war noch die Zeit, wo ich immer einen Revolver in der Tasche trug. Als der Zwischenruf erscholl, dachte ich zunächst: ›Du gehst hin und schießt ihn nieder!‹ Nach einer halben Minute Überlegung aber habe ich mir gesagt: ›Nein, das ist denn doch nicht dein Metier!‹« [Illustration: ~Herrn Ludwig Bamberger gewidmet~ »Wir Liberalen werden nicht den Ast absägen, auf dem wir sitzen.« (»Frankfurter Laterne«, März 1873)] Immer noch höher stiegen die Wellen des Kulturkampfes. Die Maigesetze, das Brotkorbgesetz, die Aufhebung der Artikel 15, 16 und 18 der Verfassung, die Unterordnung der Religionsgesellschaften unter die staatlichen Gesetze, der Kampf gegen die Jesuiten — immer wieder trat Fürst Bismarck in die Bresche, um die Rechte des Staates zu schützen. Bis dann die Zeit kam, wo der Staatsmann der Steuergesetzgebung im Reiche und bald auch der neuen Wirtschaftspolitik den Weg zu öffnen suchte, und wo er, da der Liberalismus sich sträubte, gezwungen war, Wege des Friedens mit dem Zentrum zu betreten. Ihm galt ja auch der Kulturkampf nicht als Selbstzweck; er fühlte es, daß doch vielleicht die Gesetzgebung der Ära Falck zu weit gegangen war, und indem er dann an die Revision der Maigesetze ging, suchte er einen =modus vivendi= mit Rom und der römischen Kirche zu schaffen. Allerdings innerlich auch jetzt überzeugt, daß ein ewiger Friede mit der römischen Kurie niemals eintreten wird. Denn in der Kurie erkannte er eine unabhängige politische Macht, zu deren unabänderlichen Eigenschaften der Trieb zum Umsichgreifen gehöre. Während aber die Wogen des Kulturkampfes allmählich sich zu glätten begannen, erhoben sich neue Hindernisse und Schwierigkeiten nach anderer Richtung: In der Auswärtigen Politik ballte sich plötzlich eine dunkle Wolke zusammen, und die Abneigung der extremen Konservativen stieg bis zu einer unerhörten Maßlosigkeit empor. Der Gedanke, daß ein neuer Krieg mit Frankreich notwendig werde, dessen Kraft schnell erstarkt war, beherrschte den größten Teil der siebziger Jahre. Besonders der Generalstab ging von der Anschauung aus, daß ein Krieg auch aus prophylaktischen Gründen geführt werden könne, und daß es geraten sei, den Kampf gegen Frankreich aufzunehmen, solange man noch die Gewißheit habe, dem Gegner überlegen zu sein. Auch Moltke war dieser Meinung. Aber Fürst Bismarck trat ihm mit voller Entschlossenheit entgegen. Denn er hielt jeden Krieg für eine Ruchlosigkeit, der uns nicht aufgezwungen und aufgedrungen würde. Aber gerade gegen Bismarcks Friedensliebe richtete sich das Komplott, das von dem französischen Botschafter in Berlin, Herrn von Gontaut-Biron, und dem russischen Kanzler Gortschakow gesponnen wurde und das seine Fäden bis an den Hof der Kaiserin Augusta zog. Dieses Komplott trat zutage, als Kaiser Alexander nach Berlin kam und während eines dreitägigen Aufenthaltes die Wahrheit erkannte. Das Entlassungsgesuch, das Fürst Bismarck abermals eingereicht hatte, wurde von seinem »tieferschütterten Freunde Wilhelm« abgelehnt und ihm ein längerer Urlaub zur Herstellung seiner Gesundheit bewilligt. [Illustration: »~=O lovely peace!=~« Bismarck als Bärenführer, läßt den russischen Bären tanzen. Er zitiert das Wort von Goldsmith: »Mein Bär tanzt immer nach artigen Tönen.« (»Punch«, Mai 1875)] Aber auch über diese Zeit brachen die Sorgen herein: Im Juli erhob sich der Aufstand in der Herzegowina. Die Gefahr, daß der ganze Balkan zu einem Brandherd werden und die dort entfesselten Flammen auf Europa niederschlagen würden, erhob sich in fürchterlicher Nähe. Im nächsten Frühjahr schon ergriff bereits das Feuer Serbien und Bulgarien, und wieder nach einem Jahre führte der Zar selbst seine Armeen über die Donau. Mußte hier nicht die Sorge erwachen, daß Rußland und Österreich im blutigen Zwiste aneinander geraten? Nahm Fürst Bismarck für den einen Staat Partei, dann würde sich Frankreich sofort auf die Seite des anderen schlagen, und ein europäischer Krieg stände vor der Tür. »Ich habe«, so sagte er damals im Gespräch, »zwei mächtige Wappentiere an ihren Halsbändern. Ich halte sie auseinander; erstens damit sie sich nicht zerfleischen, zweitens damit sie sich nicht auf unsere Kosten verständigen können. Ich glaube damit nicht nur jedem derselben, sondern auch Deutschland und Europa einen Dienst zu erweisen. ... Dem, der zum Hieb ausholt, in die Klinge zu fahren, ist ein schlechtes Geschäft. Man erwirbt sich damit keine Freunde, und der Behinderte wird einen dieses Dazwischentreten bei anderer Gelegenheit entgelten lassen.« Auch in den folgenden Zeiten, als die orientalische Frage immer brennender wurde, hielt Fürst Bismarck Deutschland nicht für verpflichtet, aktiv in den Zwist einzutreten. »Ich werde«, so rief er im Reichstag aus, »zu irgendwelcher aktiven Beteiligung an diesen Dingen nicht raten, solange ich in dem Ganzen für Deutschland kein Interesse sehe, welches auch nur die gesunden Knochen eines einzigen pommerschen Musketiers wert wäre.« Unter Leitung des ehrlichen Maklers Bismarck kam es denn auch auf der Berliner Konferenz zunächst zu einem Verständnis der europäischen Mächte, zu einer Einigung aller christlichen Völker gegenüber den Osmanen. Erleichtert allerdings wurde dem Staatsmann die Aufgabe dadurch, daß am 6. Mai 1876 in Saloniki der deutsche und der französische Konsul von fanatisierten mohammedanischen Pöbelhaufen unter Mitwirkung der Behörden ermordet wurden. Im nächsten Frühjahr hat dann, da auch die Konferenz der Mächte in Konstantinopel resultatlos verlief, Rußland der Pforte den Krieg erklärt, und bei Plewna und am Schipkapaß wurden blutige Schlachten geschlagen. Dem Frieden von San Stefano ist dann der Berliner Kongreß gefolgt, und seit diesem Kongreß, der den Russen nicht alle erwünschten Früchte trug, erhob sich lärmend und rachedurstig gegen Deutschland der Panslawismus. Als aber auch das amtliche Rußland, vor allem Gortschakow, sich gegen Deutschland feindselig zeigte, da schloß sich Bismarck mit Österreich zusammen. [Illustration: ~Die Konferenzarbeit~ »Blut ist genug geflossen, jetzt kommt die Tinte ’ran.« (»Kikeriki«, Mai 1875)] Während nun draußen harte Konflikte den Frieden der Welt bedrohten, war Bismarck gezwungen, auch im Inneren seinen Gegnern die gepanzerte Faust zu weisen. Der erste, den sie traf und den sie zu Boden schlug, war Graf Harry von Arnim, der in seiner Brandschrift »=Pro nihilo=« die schwersten Anklagen gegen den großen Staatsmann erhob: Er habe in ihm, dem Grafen Arnim, nur den Rivalen gesehen und es deshalb veranlaßt, daß er in seinem ersten Prozeß, der ihm neun Monate Gefängnis eintrug, rechtswidrig verurteilt wurde. Es fehlte auch der Vorwurf nicht, Fürst Bismarck habe seine amtliche Stellung zu Geldgeschäften mit Bleichröder gemißbraucht; er habe dem Kaiser nur eine Scheinherrschaft übrig gelassen, und er sei so der allmächtigste Minister seit Stilichos und Pipins Zeiten geworden. Auf diese Schrift erfolgte gegen den einstigen Botschafter in Rom und Paris eine neue Anklage wegen Landesverrates, Majestätsbeleidigung und Verleumdung des Reichskanzlers. Das Ergebnis war das Urteil des Staatsgerichtshofes, das den Grafen in allen Punkten für schuldig erklärte und unter Aberkennung der Ehrenrechte zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilte. Arnim hatte sich dem Richter nicht gestellt; er ist, ein Verschollener, im Mai 1881 zu Nizza gestorben. Aber seine Gesinnungsgenossen und Freunde setzten mit erneutem Eifer ihren Feldzug gegen Bismarck fort. Hier traf die »Kreuzzeitung« sich mit der »Reichsglocke« Joachim Gehlsens auf dem gleichen Pfade. Und hier sah Bismarck, wie er in seinem Gedenkbuch berichtet, unter seinen schroffsten, aber keineswegs ehrlichsten Gegnern den Obersten von Caprivi, der später sein Nachfolger wurde. Schon ein Jahr vorher hatte mit den sogenannten Ära-Artikeln Perrots der Verleumdungsfeldzug gegen Bismarck begonnen. Lügen aller Art wurden verbreitet. Keine Roheit und Gemeinheit der Sprache wurde vermieden. Und als Fürst Bismarck im Reichstag Protest erhob, als er vor allem die »Kreuzzeitung« anklagte, daß sie ehrenrührige, unbewiesene, anonyme Verleumdungen verbreite, als er die Konservativen aufrief, von diesem Blatte sich loszusagen, das die christliche Gesinnung nur als Aushängeschild für politische Zwecke benutze, da hat ein Teil der konservativen Partei den Mut gefunden, sich in einer öffentlichen Erklärung auf die Seite des Blattes zu stellen. Es waren die »Deklaranten«. Schon vor den Ära-Artikeln hatte einer dieser Herren auf einem pommerschen Woll- und Pferdemarkt sich damit gebrüstet, er werde Bismarck so klein machen, daß er »jedem ehrlichen pommerschen Krautjunker aus der Hand fressen müsse«. Fürst Bismarck hat die Namen der Deklaranten im »Reichsanzeiger« zum Gedächtnis der Mit- und Nachwelt abdrucken lassen. Es waren die Namen alter Freunde darunter, aber auch die Namen vieler Diener der Kirche, und noch in späten Jahren hat er nur mit Zorn an jene Episode und ihre Helden denken können. Den edlen Herren der Kirche vor allem hat er in seinem Gedenkbuch ein Denkmal gesetzt: »Ich habe gegen Politiker in langen Kleidern, weiblichen und priesterlichen, immer Mißtrauen gehegt, und dieses Pronunziamento einiger hundert evangelischer Pfarrer zugunsten einer der frivolsten, gegen den ersten Beamten des Landes gerichteten Verleumdung war nicht geeignet, mein Vertrauen zu Politikern, die im Priesterrock, auch in einem evangelischen, stecken, zu stärken.« Die Nerven Bismarcks drohten unter dieser harten Probe zusammenzubrechen. War er doch gezwungen, plötzlich mit allen oder fast allen Freunden und Bekannten den bisherigen Umgang einzustellen. — Ein Teil der Konservativen und Klerikalen ging noch weiter. Sie hatten die »Reichsglocke« begründet, um Bismarck zu vernichten. Hinter ihr standen nicht nur Politiker, sondern auch Hofbeamte, namentlich aus der Umgebung der Kaiserin Augusta. Ihnen gelang es, das Verleumderblatt täglich in die Hände des Monarchen zu spielen, wie es ja auch in dreizehn Exemplaren an die verschiedenen Höfe kolportiert wurde. [Illustration: ~Die pommerschen Knochen~ Wilhelm: »Ich weeß, wo du mit deiner knochigen Rede hinjezielt hast; na, da mache ich dir =anticipando= zum Herzog.« Bismarck: »Majestät verkennen meine friedlichen Absichten.« Wilhelm: »Männeken, keene Verstellung, wir sind unter uns.« Am 5. Dezember hatte Bismarck im Reichstag es abgelehnt, in Sachen des Orients auch nur »die gesunden Knochen eines einzigen pommerschen Musketiers« einzusetzen. (»Hum. Blätter«, Dezember 1876)] Der Gipfel der Gemeinheit Die Kaiserin Augusta ließ in jener Zeit den Kanzler ihre Ungnade andauernd fühlen, und ihre unmittelbaren Untergebenen, die höchsten Beamten des Hofes, gingen in ihrem Mangel an Formen so weit, daß Fürst Bismarck sich zu schriftlichen Beschwerden beim Kaiser selbst veranlaßt sah. Man war perfide genug, durch diese Angriffe die Gesundheit des verhaßten großen Staatsmannes untergraben zu wollen; während des Prozesses gegen die »Reichsglocke« wurde ein an Gehlsen gerichteter Brief des Herrn von Loë verlesen, in dem es hieß: »Ich schlage vor, die nächste Nummer der ›Reichsglocke‹ zu einer Benefizvorstellung zugunsten des Reichskanzlers zu erheben. Vom psychologisch-medizinischen Standpunkt scheint es mir wichtig, bezüglich der Reihenfolge der Artikel zuerst das Pathetische und dann das Komische zu bringen. Die Hauptsache ist, daß von vornherein gleich die Verdauung auf einige Tage gestört wird, und das geschieht nur durch leidenschaftliche Erregung.« Unser allergnädigster Kanzler »Als ich einmal«, schreibt Bismarck, »den geärgerten und darüber erkrankten Kaiser des Morgens aufsuchen mußte, um über eine höfische Demonstration zugunsten des Zentrums eine unter den obwaltenden Umständen dringliche Beschwerde zu führen, fand ich ihn im Bette und neben ihm die Kaiserin in einer Toilette, die darauf schließen ließ, daß sie erst auf meine Anmeldung herunter gekommen war. Auf meine Bitte, mit dem Kaiser allein sprechen zu dürfen, entfernte sie sich, aber nur bis zu einem dicht außerhalb der von ihr nicht ganz geschlossenen Türe stehenden Stuhle, und trug Sorge, durch Bewegungen mich erkennen zu lassen, daß sie alles hörte. Ich ließ mich durch diesen, nicht den ersten, Einschüchterungsversuch nicht abhalten, meinen Vortrag zu erstatten. An dem Abende desselben Tages war ich in einer Gesellschaft im Palais. Ihre Majestät redete mich in einer Weise an, die mich vermuten ließ, daß der Kaiser meine Beschwerde ihr gegenüber vertreten hatte. Die Unterhaltung nahm die Wendung, daß ich die Kaiserin bat, die schon bedenkliche Gesundheit ihres Gemahls zu schonen und ihn nicht zwiespältigen politischen Einwirkungen auszusetzen. Diese nach höfischen Traditionen unerwartete Andeutung hatte einen merkwürdigen Effekt. Ich habe die Kaiserin Augusta in dem letzten Jahrzehnt ihres Lebens nie so schön gesehen wie in diesem Augenblicke; ihre Haltung richtete sich auf, ihr Auge belebte sich zu einem Feuer, wie ich es weder vorher noch nachher erlebt habe. Sie brach ab, ließ mich stehen und hat, wie ich von einem befreundeten Hofmanne erfuhr, gesagt: ›Unser allergnädigster Reichskanzler ist heute sehr ungnädig.‹ — Alle Gegner,« fügt Bismarck hinzu, »die ich mir in den verschiedensten Regionen im Laufe meiner politischen Kämpfe notwendigerweise und im Interesse des Dienstes zugezogen hatte, fanden in ihrem gemeinsamen Hasse gegen mich ein Band, das einstweilen stärker war als ihre gegenseitigen Abneigungen gegeneinander. Sie vertagten ihre Feindschaft, um einstweilen der stärkeren gegen mich zu dienen. Den Kristallisationspunkt für diese Übereinstimmung bildete die Kaiserin Augusta, deren Temperament, wenn es galt, ihren Willen durchzusetzen, auch in der Rücksicht auf Alter und Gesundheit des Gemahls nicht immer Grenze fand.« [Illustration: ~Landtagsabschied~ »Ihr habt jetzt leeres Stroh genug gedroschen und könnt nach Haus gehn.« (»Frankf. Laterne«, Juni 1875)] In alter Treue aber standen zwei Männer auch in diesen schweren Tagen auf Bismarcks Seite: König Wilhelm und Albrecht von Roon. In seinem letzten Briefe hat der alte Kampfgefährte, der jetzt dem Tode entgegenging, an Bismarck noch geschrieben, er möge nicht erlahmen, er möge über alle Bitternisse der Gegenwart sich das Bewußtsein erhalten, daß er dem Vaterlande noch vieles und Großes schulde, aber er hatte dem »verwegenen Steuermann« auch zugerufen, daß »die Triumphe und Erfolge menschlicher Größe, daß alle Freude, aller Glanz und Schimmer dieses unseres dunstigen, frönerischen Erdendaseins nichts ist im Vergleich mit der uns in Jesu Christo verheißenen dereinstigen Herrlichkeit«. Auch König Wilhelm hat nicht an seinem getreuen Diener gezweifelt. Und auch das deutsche Volk und auch das Ausland hat gerade in jener Zeit ihm am eifrigsten gehuldigt. Eine Fülle von Ehrenbürgerbriefen kam in sein Haus, zahllose vornehme Körperschaften machten ihn zum Ehrenmitglied; von England, aus Amerika kamen tausend Zeichen der Verehrung. Und zuletzt haben sie alle, die als Deklaranten gegen Bismarck aufgestanden waren, den Weg nach Kanossa betreten und des Schwergekränkten Verzeihung erfleht. In einer neuen »deutschkonservativen« Partei gewann Fürst Bismarck alsbald für seine neuen großen Pläne eine feste Stütze, die er zugleich gegen den wachsenden Übermut und die zunehmende Nörgelei der »Fraktion Lasker« ins Feld führen konnte. Es war zuerst das gewaltige Projekt der Reichseisenbahn, an dessen Verwirklichung Fürst Bismarck herantrat. Hier hatte er nicht nur gegen die Parlamente, sondern auch gegen das Mißtrauen der Bundesstaaten zu kämpfen. Der erste aber, der sich gegen ihn erhob, war Herr Eugen Richter, der die Prophezeiung aussprach, dieses Projekt werde das Reich wie Preußen zerstören. Unter der Heiterkeit des Hauses hat hierauf der Kanzler erwidert: »Daß uns die deutsche Einheit und Freiheit auf der ersten Reichslokomotive davonfahren werde, das glaube ich nicht.« Es war dieses Projekt in der Tat gleich den Justizgesetzen ein neuer starker Nagel, der das eiserne Band der Einheit zusammenhielt. Nur 215 gegen 160 Stimmen traten auf die Seite Bismarcks — wer möchte sich heute wohl noch zu denen bekennen, die damals für die Ablehnung sprachen? [Illustration: »Mit dem Engländer werde ich es wohl ein bißchen schwer haben, aber ich hoffe, ihn endlich doch noch kaltzustellen.« Bismarck hat durch den Dreibund England kaltgestellt. (»Figaro«, November 1880)] Wenn aber jetzt Fürst Bismarck zurückschaute auf das Werk seiner Hände, auf die ersten sechs Jahre im neuen Deutschen Reiche, dann konnte er allen Bitternissen der ihm aufgezwungenen Kämpfe zum Trotz doch befriedigt erkennen, daß das deutsche Gemeingefühl durch eine Fülle neuer Reichsgesetze gefördert war, daß das junge Deutsche Reich in seinen auswärtigen Beziehungen eine Reihe von Freunden gewonnen hatte, daß gewaltige Aufgaben gelöst worden waren. Wohl dachte Bismarck zuweilen daran, sich auf das Altenteil zu setzen, aber er fühlte es doch, daß seine Kraft und seine Erfahrung noch notwendig seien, um das Schiff, das er erbaut und ausgerüstet, noch durch manche wilde Brandung zu leiten. Und so hielt er aus in den Sielen, noch weit hinaus bis über den Tag, der ihm in König Wilhelm den treuesten Freund, den tapferen Lehnsherrn und Kriegsfürsten raubte. [Illustration: ~Bismarck-Cäsar und Arnim-Brutus~ »Nur ein Cäsar mochte Rom verderben, Nur nicht Brutus mochte Cäsar stehn, Wo ein Brutus lebt, muß Cäsar sterben, Geh du linkwärts, laß mich rechtwärts gehn.« (Schiller) (»Ulk«, April 1874)] [Illustration: ~Was der Bismarck alles imstand ist~ Eine Anspielung auf den Prozeß des Grafen Arnim, der zu schwerer Strafe verurteilt worden war. Der Scherz geht dahin, daß Bismarck bei seiner großen Macht selbst Kaiser Wilhelm in die Stadtvogtei abführen lassen könnte. Dort harren seiner bereits Generale und Minister. (»Kikeriki«, Oktober 1874)] Neue Kämpfe und Bekenntnisse Es war in den folgenden Jahren Bismarcks vornehmstes Werk, durch ein System von Bündnissen dafür zu sorgen, daß das Deutsche Reich, wenn neue Konflikte nahten, nicht nur auf die Macht seiner Bajonette, sondern auch auf die Freundschaft anderer Völker bauen durfte. Vielleicht ist es die größte politische Tat, jedenfalls aber der Beweis einer in alle Fernen blickenden Weisheit gewesen, daß der große Staatsmann einst in Nikolsburg selbst dem tiefen Groll seines geliebten Herrn widerstand und die Schonung des Habsburger Kaiserstaates durchsetzte. Schon damals, das ist längst bezeugt, erkannte er die Notwendigkeit eines engen Zusammenschlusses der beiden zentralen Kaisermächte, sah er voraus, daß das russische Expansionsbedürfnis gegen Österreich-Ungarn vordringen, nach der Adria verlangen und so Deutschland in der Flanke bedrohen würde, und klar stand ihm die Gefahr einer Verbindung dieses Riesenreiches mit dem westlichen Nachbar vor Augen. Zwischen diesen beiden Staaten jeden Brückenbau zu verhindern, ihrer Macht für alle Fälle, wenn einmal das traditionelle Band zwischen Berlin und Petersburg zerriß, ein Gegengewicht zu schaffen, hielt er für eine Lebensbedingung des Deutschen Reiches, wie er in diesem Bündnis die machtvollste Bürgschaft für den Frieden des Weltteils erkannte. Erwog er doch sogar den Plan, einen organischen Verband zwischen dem Deutschen Reiche und Österreich-Ungarn zu schaffen, der nicht kündbar, sondern der Gesetzgebung beider Reiche einverleibt werden sollte. Hier hat später das in Polen gemeinsam vergossene Blut einen stärkeren Kitt als alle Verträge geschaffen. [Illustration: ~Bismarck als Reichslokomotive~ Zurufe: »Fahr zu, Kutscher, wenn du Herz hast!« (Wird er bremsen?) Die ersten Entwürfe des Reichseisenbahnprojektes waren eben im Kopfe Bismarcks entstanden. (»Berliner Wespen«, März 1876)] Es ist bereits darauf hingewiesen worden, wie die Fragen des Orients sich drohend in das europäische Leben drängten, wie dort unten am Balkan unterdrückte Völker um ihre Freiheit rangen, wie die Herrschaft der Türken durch Serben, Bulgaren und Rumänen eingeengt wurde, wie Rußland auf dem Plan erschien, nicht nur um als Schutzmacht slawischer Brüder den Kampf zu führen, sondern auch um sich den heiß ersehnten Weg zum Goldenen Horne und zum Meere zu erobern. Hier hat Fürst Bismarck allem Drängen der Liberalen zum Trotz die Ruhe des Maklers bewahrt. Denn wieder erhob sich, wie in der Konfliktszeit im Sinne der Polen, so jetzt im Interesse der Türken die Fortschrittspartei, um dem großen Staatsmann von ihrem winzigen Standpunkte aus Lehren zu geben, wie er das Schiff zu lenken und zum Hafen zu führen hat. Nach Virchow — Eugen Richter. Es war dieselbe Weisheit, jetzt wie damals. Und sie wird wiederkehren und unsere Ohren betäuben, wenn abermals der Name Bulgarien uns an die Ohren klingt und Alexander von Battenberg den rührenden Roman mit der deutschen Kaisertochter beginnt. Wäre es nach dem Willen der Fortschrittspartei geschehen, so wäre damals, in der Mitte der siebziger Jahre, der Weltkrieg entbrannt. Nur der unvergleichlichen Staatskunst des großen Kanzlers verdankte es Deutschland, daß das Gewitter sich immer tiefer gegen Südosten verzog. Hatte aber Rußland auf einen aktiven Anteil Deutschlands an den orientalischen Händeln gehofft, und war es verstimmt, weil dieser Wunsch unerfüllt blieb, so wußte Bismarck doch, daß, wenn das eine Eisen im Feuer versagte, sich ihm noch ein anderes bot. Österreich blieb neutral, Bosnien und die Herzegowina waren sein Lohn. Den Russen blieb freilich der Weg zum Goldenen Horne versagt, aber am Balkan wie in Asien wuchs seine Macht gewaltig, und wenn es auch dem ehrlichen Makler Dank und Lohn vorenthielt, so hat doch Bismarcks Politik es erreicht, daß noch durch lange Jahrzehnte der Weltenbrand vermieden wurde. [Illustration: Der Reichskanzler teilte dem Ministerpräsidenten nichts mit und umgekehrt. Nun kam der Erboberjägermeister hinzu. Der Arme! Mit dem reden beide nichts. Kaiser Wilhelm hatte an seinem 80. Geburtstag seinen Kanzler zum Erboberlandjägermeister des Herzogtums Pommern ernannt. (»Berliner Wespen«, März 1877)] Wirkung des Namens Bismarck In dieser Zeit machte ein Gelehrter, der, Mecklenburger von Geburt, eine Professur an einer englischen Universität bekleidete, eine Reise nach Griechenland, und auf dem klassischen Boden war es, wo Preußens König und Fürst Bismarck ihm das Leben retteten. Der Professor kam nach Mykenä auf Morea, wo er die alten zyklopischen Mauern besuchte. Ganz versunken in die Betrachtung dieses gewaltigen Denkmals grauer Vorzeit, merkte der Gelehrte nicht, daß die Sonne sich dem Untergange näherte. Plötzlich war sie hinter den Bergen verschwunden. Die Heimkehr in Dunkelheit ist auf griechischem Boden etwas mißlich, ein räuberischer Überfall nicht ausgeschlossen. Im Sturmschritt eilte unser Professor Mykenä zu, als ihm auf einmal zwei robuste Ziegenhirten den Weg versperrten. Diese Begegnung erzählt unser Professor nun folgendermaßen: »Wer bist du?« fragt der eine, indem er drohend seinen Stock erhebt. — »Ich bin ein Deutscher«, gab ich ihm zur Antwort. — »Unter welchem Könige?« fragte der Hirte weiter. — »Unter Preußens König«, erwiderte ich in der Voraussetzung, daß dieser dem Griechen besser bekannt sein werde als mein eigentlicher Landesherr, der Großherzog von Mecklenburg. »Vater Bismarck!« rufen darauf beide Hirten wie aus einem Munde, staunend ziehen sie ihre Hüte und verschwinden. So rettete mir Bismarck nicht nur meine Börse, sondern vielleicht auch das Leben. [Illustration: Bismarck als Äolus. Der Gott der Stürme bläst gen Osten, und Rußland lenkt ein. (»Punch«, 5. April 1878)] [Illustration: »Bange machen gilt nicht!« Die orientalische Frage war akut geworden, die Verständigung der drei Kaiser war jedoch nicht nach dem Wunsche des Panslawismus. Er rückt als Wetterfrosch gegen Bismarck an. (»Figaro«, Juli 1876)] Die Alpenblume In einer Rede, die im Februar 1878 Bismarck zur Verteidigung seiner Politik hielt, hatte er die etwas drastische Wendung gebraucht: »In früheren Zeiten habe ich österreichische Kollegen im Bunde mir gegenüber gehabt, vor allem den Herrn von Prokesch, denen habe ich gesagt: ›Es ist mir gleichgültig, ob Sie reden oder ob der Wind durch den Schornstein geht, ich glaube kein Wort von dem, was Sie sagen.‹« Graf Beust, damals Botschafter in London, glaubte in diesen Worten eine Anspielung auf sich zu finden und richtete daher am 26. Februar folgende Zeilen aus London an den deutschen Reichskanzler: »Ew. Durchlaucht erlaube ich mir in Erinnerung an unseren letzten Gasteiner Aufenthalt im Anschluß eine Alpenblume zu überreichen. In gewohnter Verehrung Beust.« Die »angeschlossene Alpenblume« bestand aus folgendem, vom 24. Februar datierten Gedicht: Soll ich das Kompliment auf mich beziehn? Wenn früher sprachen Österreichs Minister, So glaubte Deutschlands Kanzler im Kamin Zu hören nur ein windiges Geflüster. Ich bin ein Freund des Scherzes, der verträgt Den Scherz auch dann, wenn um ihn selbst sich’s handelt, Denn seht, der Wind, der durch den Schornstein fegt, Hat manches Feuer schon in Rauch verwandelt. Und ward der Rauch zum Weihrauch dann für ihn, Den Sieger, ich von Herzen ihm mich beuge, Und wünsch’ ich nur, daß künftig im Kamin Kein Wind je einen schlimmern Qualm erzeuge. Fürst Bismarck antwortete aus Berlin am 2. März: »Ich bin dem Mißverständnis dankbar, welches mir ein so freundliches und witziges Autograph wie das vom 26. verschafft hat. Im Interesse der Wahrheit und des Wertes, den ich auf unsere persönlichen Beziehungen lege, muß ich aber feststellen, daß meine unüberlegte Einschaltung sich auf Prokesch bezog, mit dem ich, und er so gut wie ich, einigemal zu bundesfreundlichen Expektorationen außerhalb der Grenzlinie des diplomatischen Sprachgebrauchs gelangt bin. Der stenographische Bericht meiner Rede hat die Wendung: »Kollegen im Bunde«. Jedenfalls ist es eine angenehme Erfahrung für mich, daß der Verdacht einer unüberlegten Äußerung mir nur eine liebenswürdige Erinnerung an Gastein und einen eleganten Versbau als Strafe ins Haus bringt. In Hoffnung auf Wiedersehen in Gastein der Ihrige v. Bismarck.« [Illustration: ~Der neue Paris.~ Frei nach Carlyle Fürst Bismarck sollte nach dem Vorschlag Carlyles den orientalischen Streit durch einen Schiedsrichterspruch schlichten. (»Kladderadatsch«, 24. Dezember 1876)] Am 13. Juni 1878 trat der Berliner Kongreß unter Bismarcks Vorsitz zusammen. Gortschakow, Disraeli, Andrassy, Crispi nahmen an der Tafel im Kongreßsaal Platz, Träger der stolzesten Namen der europäischen Diplomatie. Und als nach einem Monat die Arbeit vollendet war, da konnte im Namen der Teilnehmer Graf Andrassy der hohen Weisheit und der unermüdlichen Tatkraft des Fürsten Bismarck den Dank aussprechen. Ein bißchen Mazedonien Bei einem gemeinsamen Diner der Mitglieder des Berliner Kongresses lautete die Parole: »Kein Wort von Politik!« Trotzdem gelang es dem griechischen Gesandten Rhangabé, eine Gelegenheit zu erhaschen, das, was ihm und seinem Vaterlande am Herzen lag, zum Ausdruck zu bringen. Die Speisekarte spiegelte gleich der Tafelmusik den internationalen Charakter der Veranstaltung wider. So gab es denn auch einen Gang, der auf den Namen »Mazedonien« getauft war; als dies Gericht, eine Gemüseart, Rhangabé gereicht wurde, wies er die Schüssel zurück. »Aber Exzellenz,« rief Bismarck, der ihm gegenüber saß, »weshalb nehmen Sie nicht ein bißchen Mazedonien?« Darauf die Exzellenz zu allgemeinem Ergötzen: »Nur ein bißchen, Durchlaucht? Das Ganze möchte ich.« [Illustration: ~Eine Liebeserklärung~ Fürst Bismarck: »O teure Austria, Sie ahnen nicht, wie ich Sie liebe!« Die Austria: »Möchten S’ schon wieder wem anschmieren?« Bismarck, der in den Augen des Wiener Witzblattes um Österreichs Liebe wirbt. (»Kikeriki«, Dezember 1876)] Unter dem Eindruck des russischen Verhaltens, das mehr und mehr dem panslawistischen Drängen nachgab, hielt Bismarck es für erwünscht, die Brücke nach Österreich hin noch zu befestigen, um die Möglichkeit einer antideutschen Koalition durch vertragsmäßige Sicherstellung der Beziehungen wenigstens zu einer der Großmächte einzuschränken. Ursprünglich war er durchaus für ein Bündnis mit Rußland gewesen; zahlreiche und große Bedenken stellten sich ihm für eine Verbindung mit Österreich entgegen. Vor allem machte ihm die eigentümliche nationale Zusammensetzung dieses Staates Sorgen. Aber er bekämpfte alle Bedenken, und in Gastein traf er zur Beratung mit dem Grafen Andrassy zusammen. Die Verständigung war leicht, soweit es sich um ein rein defensives Bündnis gegen einen russischen Angriff auf einen von beiden Teilen handelte; dagegen fand Bismarcks Vorschlag, das Bündnis auch auf andere als russische Angriffe auszudehnen, keinen Anklang. Nach erneuten Verhandlungen, die Fürst Bismarck in Wien mit Andrassy und Tisza pflog, entstand der Bund zwischen dem Sieger und dem Besiegten von Königgrätz, der auch heute noch seine Tragkraft behauptet. Aber das Werk gelang nicht, ohne daß bis zu dem letzten Schritt der Unterzeichnung sich noch neue Hemmnisse türmten. Es bedurfte noch harter Arbeit, ehe es dem Staatsmann gelang, seinen alten Kaiser für den neuen Plan zu gewinnen. In einer ausführlichen Denkschrift hat er erst den Beweis für die Richtigkeit seiner Ansicht erbracht und die Zustimmung des Monarchen geerntet. Der letzte Kampf mit Kaiser Wilhelm Um mich der Zustimmung meines allergnädigsten Herrn zu versichern, hatte ich schon in Gastein täglich einen Teil der für die Kur bestimmten Zeit am Schreibtische zugebracht und auseinandergesetzt, daß es notwendig sei, den Kreis der möglichen gegen uns gerichteten Koalitionen einzuschränken, und daß der zweckmäßigste Weg dazu ein Bündnis mit Österreich sei. Ich hatte freilich wenig Hoffnung, daß der tote Buchstabe meiner Abhandlungen die mehr auf Gemütsregungen als auf politischer Erwägung beruhende Auffassung Seiner Majestät ändern werde. Der Abschluß eines Vertrages, dessen wenn auch defensives doch kriegerisches Ziel ein Ausdruck des Mißtrauens gegen den Freund und Neffen war, mit dem er eben in Alexandrowo von neuem unter Tränen und in der vollsten Aufrichtigkeit des Herzens die Versicherungen der althergebrachten Freundschaft ausgetauscht hatte, lief zu sehr gegen die ritterlichen Gefühle, mit denen der Kaiser sein Verhältnis zu einem ebenbürtigen Freunde auffaßte. ... Alle Erwägungen und Argumente, die ich dem in Baden befindlichen Kaiser schriftlich aus Gastein, aus Wien und demnächst aus Berlin unterbreitete, waren ohne die gewünschte Wirkung. Um die Zustimmung des Kaisers zu dem von mir mit Andrassy vereinbarten und von dem Kaiser Franz Joseph unter der Voraussetzung, daß Kaiser Wilhelm dasselbe tun würde, genehmigten Vertragsentwurfe herbeizuführen, war ich genötigt, zu dem für mich sehr peinlichen Mittel der Kabinettsfrage zu greifen, und es gelang mir, meine Kollegen für mein Vorhaben zu gewinnen. Da ich selbst von den Anstrengungen der letzten Wochen und von der Unterbrechung der Gasteiner Kur zu angegriffen war, um die Reise nach Baden-Baden zu machen, so übernahm sie Graf Stolberg; er führte die Verhandlungen, wenn auch unter starkem Widerstreben Seiner Majestät, glücklich zu Ende. Der Kaiser war von den politischen Argumenten nicht überzeugt worden, sondern erteilte das Versprechen, den Vertrag zu ratifizieren, nur aus Abneigung gegen einen Personenwechsel in dem Ministerium. Der Kronprinz war von Hause aus für das österreichische Bündnis lebhaft eingenommen, aber ohne Einfluß auf seinen Vater. [Illustration: Bismarck am Strumpf des Friedens strickend, das Schwert im Munde, auf der Kanone sitzend. (»Hum. Listy«, 10. November 1877)] Graf Andrassy wurde unmittelbar nach dem Abschluß des Vertrages durch die Torheit des deutschen Liberalismus in Österreich, der »Herbstzeitlosen«, gestürzt. Sein letzter Abschiedsgruß galt dem Fürsten Bismarck und der Hoffnung, daß dieser von ihm so hoch verehrte Freund mit Kraft und Ausdauer seine dornenvolle Bahn zum Heile seines Landes und zu seinem stets wachsenden Ruhme weiter verfolgen werde. Vier Jahre später hat sich durch Italiens Beitritt das Bündnis zu einem Dreibund gewandelt. Kaiser Franz Joseph aber hat durch einen persönlichen Besuch dem Staatsmann gehuldigt, der ihm die Hegemonie entrissen hatte. [Illustration: ~Das Meerungeheuer.~ (Franz. Flugblatt 1887)] Jetzt sollte auch in Deutschland, wo inzwischen jede Wahl zum Reichstag eine neue Verstärkung der sozialistischen Mandate gebracht hatte, mit aller Kraft der Kampf gegen die Partei der Revolution begonnen werden. Hier war es Bismarcks Überzeugung, daß mit dem auf dem Boden der Staatsmacht zu führenden Kampfe eine Reihe von Arbeiten parallel gehen müsse, in denen der rechtmäßige Kern der Bewegung herausgeschält würde und berechtigte Forderungen Befriedigung fänden. Mit der Abneigung gegen die Agitatoren verband Fürst Bismarck ein ehrliches Mitleid mit dem Schicksal der Enterbten, den Invaliden des Alters und der Arbeit, und schon im Jahre 1877 trat er für eine umfassende soziale Reform ein. Aber in diesem friedlichen Streben wurde er gestört durch die Tat des Maurergesellen Max Hödel aus Leipzig, der Unter den Linden eine Kugel gegen das ehrwürdige Haupt des Kaisers sandte. Während jedoch durch ganz Europa nur ein Schrei der Entrüstung hallte, war Bismarck sofort der Mann der Tat. Schon neun Tage nach dem Attentat wurde dem Reichstag ein Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie vorgelegt. Aber Bismarck war in den Tagen, in denen es zur Beratung kam, an der Gürtelrose erkrankt; er konnte an den Verhandlungen nicht teilnehmen, und weil die Fassung einzelner Bestimmungen den Volksvertretern zu kautschukartig erschien, wurde das Gesetz mit großer Mehrheit abgelehnt. Unmittelbar darauf wurde der Reichstag geschlossen. Da erfolgte wenige Tage später, am 2. Juli, nachmittags drei Uhr, ein zweites Attentat auf das Leben des ehrwürdigen Kaisers. Der Ausgang war entsetzlich; die Schrotschüsse, die Nobiling gegen den greisen Monarchen abgefeuert hatte, verwundeten ihn schwer am Kopf, an beiden Armen und im Rücken. Bismarck erhielt die erschütternde Nachricht in Friedrichsruh bei der Rückkehr von einer Spazierfahrt; er blieb einen Augenblick wie erstarrt stehen, stieß den Spazierstock in die Erde und bemerkte dann plötzlich: »Jetzt wird der Reichstag aufgelöst.« Sofort reiste er nach Berlin, um einem Ministerrat zu präsidieren, in dem die Berufung des Kronprinzen zur Stellvertretung des schwerverwundeten Kaisers beschlossen wurde, dann eilte der Kanzler zu seinem greisen Herrn, um ihm sein schmerzlichstes Beileid auszusprechen. Vom Kronprinzen erhielt er sofort die Genehmigung zur Auflösung des Parlamentes. [Illustration: ~Don Juan-Bismarck~ Bismarck um Italien werbend. (»Der Floh«, Oktober 1877)] Die Wahlen ergaben eine klerikal-konservative Mehrheit, eine starke Verminderung aller Liberalen und geringe Verluste der Sozialisten. Damit war die Machtstellung, deren sich die Nationalliberalen seit der Begründung des Reiches erfreut hatten, für lange Zeit durchbrochen. Ihr Rückgang ist zum großen Teil auf eine Art von parteipolitischem Doktrinarismus zurückzuführen, wie er namentlich während der Verhandlung des Kanzlers mit Herrn von Bennigsen hervorgetreten war. Man hatte es überdies versäumt, dem Fürsten Bismarck in dem Kampfe mit den Konservativen einen starken Rückhalt zu schaffen. Allzu stark war eben der Einfluß Laskers in der Partei gewesen. Weil aber Bennigsen Freunde dieses Mannes, Vertreter des linken Flügels, die später durch die Sezession selbst die Brücke zum Fortschritt schlugen, als Minister empfahl und seinen eigenen Entschluß von ihrem Eintritt abhängig machte, weil er also dem gesamten Ministerium eine liberale Färbung geben wollte, deshalb mißlang der Versuch, und der Niedergang des Liberalismus begann. Allerdings hat die letzte Entscheidung die unüberwindliche Abneigung des Kaisers gegen die Liberalen gebracht. Die Haltung der Nationalliberalen mochte vielleicht halb bewußt, halb unbewußt beeinflußt worden sein durch den Glauben, daß Bismarcks Stellung schwankend sei. War es doch in jener Zeit zu einer schweren Krisis gekommen, die sich an den Namen des Generals von Stosch anknüpfte und die, als der Kaiser Bismarcks Verlangen, diesen Mann, der an der Spitze der Marine stand, zu entlassen, abgelehnt hatte, den Kanzler zur Ankündigung seines Rücktritts trieb. Auch hier führte er den letzten Anstoß auf die Politiker im Unterrock, auf französische Verbindungen, auf den Einfluß der Kaplanokratie zurück. In überaus scharfen Artikeln, die in den »Grenzboten« unter dem Zeichen eines Kometen erschienen, hat sich Bismarck gegen diese Strömung gewandt. [Illustration: ~Bismarck als Frosch~ »Jetzt raucht er wieder, Gott sei Dank.« (»Berliner Wespen«, April 1874)] Eine Kette von Exzellenzen Es hieß in einem dieser Artikel: »Der Fürst hat mit Ministern zu rechnen, deren Chef er nicht in dem Sinne ist, in dem er es sein sollte, und deren Selbständigkeit, deren Widerstreben ihn oft sehr gehemmt hat. Es konnte ferner vorkommen, daß hohe Beamte seines speziellen Ressorts eine völlig andere Meinung als er hatten, ihm offen und versteckt Opposition machten, ja seine Stellung zu untergraben versuchten. Eine ganze Kette von Exzellenzen und Nicht-Exzellenzen, wegen Unfähigkeit oder anderer Mängel, ultramontaner oder reaktionärer Velleitäten a. D. kaltgestellt, frondierte, konspirierte, intrigierte, immer mit Eifer, oft mit den unlautersten Mitteln, bisweilen im Verein mit recht ordinären Elementen, gegen die Größe, die sie überragte und in ihrer bequemen Herkömmlichkeit störte, versuchte dem Kanzler seine Pläne zu kreuzen, seinen Charakter zu verdunkeln oder ihn wenigstens zu ärgern und so seiner Gesundheit zu schaden. Die Hauptschranke desselben aber ist und bleibt das Unwesen am Hofe, wo um eine gewisse hochgelegene Stelle der Bodensatz der Kreuzzeitungsgesellschaft und der inveterierten Herrenhausopposition mit dem ultramontanen Gifte aus den Kanälen Roms zusammengeflossen ist, und von wo aus der Politik des Kanzlers unaufhörlich Steine in den Weg gewälzt werden ...« [Illustration: ~Das norddeutsche Osterei~ »Auf dieses heurige Backhändl (das Sozialisten- und ›Maulkorb‹ gesetz) waren die Sieger von Sedan nicht vorbereitet.« (»Kikeriki«, April 1879)] [Illustration: ~Reichstagsprognostikon~ »Friß, Vogel, oder stirb!« Der Reichstag nahm das Sozialistengesetz an. (»Kladderadatsch«, August 1878)] Der Fürst verglich sich damals mit einem müden Jäger, der von tagelanger ergebnisloser Pirsch abgemattet und fast verschmachtend im Begriff ist, zu Boden zu sinken und die Jagd ganz aufzugeben. Und doch trug er auch jetzt den Sieg davon. Am 1. April, an seinem Geburtstag, erschienen der Kaiser, der Kronprinz und der Großherzog von Baden zum Glückwunsch bei ihm, und am 7. April erfolgte die Ablehnung des Entlassungsgesuches. An den Rand der Eingabe hatte Kaiser Wilhelm in den Worten »~Niemals, niemals~« das neue Bekenntnis seiner Treue abgelegt. Der Feuerkopf Vielleicht mochte gerade im Gedenken an diese Zeit Fürst Bismarck über die Kaiserin Augusta das Urteil fällen, das er in seinem Gedenkbuch niedergelegt hat: »Der Kaiser machte in den letzten Jahren seines Lebens mir gegenüber kein Geheimnis aus seinen häuslichen Beziehungen, beriet mit mir, welche Wege und Formen zu wählen seien, um seinen häuslichen Frieden ohne Schädigung der Staatsinteressen zu schonen; »den Feuerkopf« pflegte der hohe Herr in vertraulichen, aus Verdruß, Respekt und Wohlwollen gemischten Stimmungen die Gemahlin zu bezeichnen und diesen Ausdruck mit einer Handbewegung zu begleiten, die etwa sagen wollte: ›Ich kann nichts ändern.‹ Ich fand diese Bezeichnung außerordentlich treffend; die Königin war, solange nicht physische Gefahren drohten, eine mutige Frau, getragen von einem hohen Pflichtgefühl, aber auf Grund ihres königlichen Empfindens abgeneigt, andere Autoritäten als die ihrige gewähren zu lassen.« Das neue Gesetz fand im Reichstag eine völlig veränderte Aufnahme. Der Eindruck des zweiten Attentates, der Gedanke an die Leiden des greisen Monarchen führten zur Annahme des Entwurfs, 221 Stimmen hatten dafür, mit der Fortschrittspartei aber auch das Zentrum dagegen gestimmt. In diesem Kampfe war aus dem Munde des Kanzlers das Wort gefallen, daß der Fortschritt eine sehr gute Vorfrucht für den Sozialismus als Bodenbereiter sei. Und es fiel das andere Wort: »Ich konnte nicht glauben, daß ein Monarch, der mehr als irgendein Lebender, und ich möchte wohl sagen, auch als ein der Vergangenheit Angehöriger, mit Einsetzung seines Lebens, seiner Krone, seiner monarchischen Existenz getan hat, um die Wünsche und Bestrebungen seiner Nation zu verwirklichen, der dies mit einem gewaltigen Erfolge und dabei doch ohne jede Überhebung getan hat, der ein milder, vollkommener, volkstümlicher Regent geblieben ist, eine populäre Figur — wenn der von hinten mit Hasenschrot zusammengeschossen wird, ja, meine Herren, an dieses Verbrechen reicht kein anderes heran.« [Illustration: ~Unsere Parlamentsnubier~ Der Kampf um das Sozialistengesetz ist beendet, Bismarck hat gesiegt. Die Opposition der Nationalliberalen war angeblich nur ein Scherz, der Kampf ein Kampfspiel. (»Ulk«, Oktober 1878)] Als Staatsmann, der stets realpolitische Ziele im Auge behielt, zugleich erfüllt von wogenden Gedanken über die Notwendigkeit einer neuen Steuer- und Wirtschaftspolitik, suchte Fürst Bismarck innere Fühlung mit der neuen Mehrheit, auf die allein er sich mit seinen Plänen stützen wollte. Erleichtert wurde ihm der Versuch, sich mit dem Zentrum zu stellen, durch den Tod des Papstes Pio Nono, der am 7. Februar 1878 die Augen geschlossen hatte. Sein Nachfolger Leo =XIII.= galt als friedliebend; er hatte auch dem Deutschen Kaiser seine Erhebung auf den päpstlichen Stuhl in den freundlichsten Worten angezeigt und es bedauert, »nicht die guten Beziehungen vorzufinden, die einst zwischen Preußen und dem päpstlichen Stuhle bestanden«. Darauf hatte der Kaiser in seiner Antwort die Hoffnung ausgesprochen, daß der Papst mit dem mächtigen Einfluß, den die Verfassung der Kirche ihm auf alle ihre Diener gewähre, dahin wirken werde, daß auch die Priester, die es bisher unterließen, nunmehr dem Beispiel der ihrer geistlichen Pflege befohlenen Bevölkerung folgen und den Gesetzen des Landes, in dem sie wohnen, sich fügen würden. In der Antwort nannte der Papst die Mittel, durch die nach seiner Ansicht der alte Friede erreicht werden könnte. Schlimm genug hatte in der Tat der Kulturkampf gewütet: Von zwölf preußischen Bistümern waren acht ohne Bischöfe, 1400 Pfarreien waren ohne Pfarrer, sämtliche katholische Lehrerseminare waren geschlossen. [Illustration: ~Herkules am Scheidewege~ Nach den Wahlen, die eine Schwächung des Liberalismus brachten, treten die ersten Absichten einer Beseitigung des Kulturkampfes hervor. (»Der Floh«, April 1877)] Allerdings konnte der Staat den Wünschen des Papstes im vollen Umfang niemals entsprechen. Gipfelten sie doch in dem Verlangen, die Verfassung und die Gesetze Preußens nach den Satzungen der römisch-katholischen Kirche abzuändern. Aber die Brücke zur Verhandlung war doch geschlagen, und alsbald erschien als Unterhändler des Papstes der Kardinal Masella bei Bismarck in Kissingen. Aber nach Kanossa ging Bismarck auch jetzt nicht. Er folgte allerdings dem Gedanken, der ihn stets geleitet hat, daß Konflikte nur auf dem Wege des Kompromisses, durch Zugeständnisse gelöst werden können, und er war der Meinung, die Wiederherstellung des diplomatischen Verkehrs durch einen Gesandten getrost einräumen zu können, wenn man von Rom aus die Anzeigepflicht bei der Anstellung von Geistlichen anerkannte. Aber zunächst brachte der Tod des versöhnlichen Kardinals Franchi die Verhandlungen erneut zum Stocken, zumal da die klerikale Presse in scharfem Widerspruch zum Papste alle friedlichen Absichten zu durchkreuzen suchte. Diese seltsame Erscheinung führte Fürst Bismarck in einem grimmigen Artikel auf den Charakter, die Zusammensetzung und die Leitung der Zentrumspartei unter welfischer Führung zurück, »deren leidenschaftliche Geltendmachung rein politischer Gesichtspunkte von vornherein den kirchlichen Kampf vergiftet und damit der katholischen Bevölkerung unsäglichen Schaden bereitet hat«. Der Artikel schloß mit der Mahnung, daß durch die berufenen kirchlichen Autoritäten und aus der katholischen Bevölkerung heraus dem verwirrenden und vergiftenden Treiben der Partei ein Ziel gesetzt werden möge, deren einflußreichsten Führern das Interesse der Kirche nur der Deckmantel für politisch unterwühlende Zwecke sei und die der Erwartung des Papstes in bezug auf die Treue der katholischen Untertanen des Deutschen Reiches durch ihr ganzes Verhalten offen Hohn sprächen. [Illustration: ~=Modus vivendi=~ Pontifex: »Nun, bitte, genieren Sie sich nicht!« Kanzler: »Bitte, gleichfalls!« Der Papst reicht Bismarck den Pantoffel, dieser ihm den Kürassierstiefel zum Kuß. Hinter dem Vorhang lugt Windthorst. (»Kladderadatsch«, März 1878)] In der Tat erreichte das Zentrum durch seinen Einfluß in Rom, daß die Kurie ihre Forderungen immer mehr verschärfte, so daß Bismarck die persönlichen Verhandlungen abbrach und dem Wiener Botschafter, Prinzen Reuß, übertrug. Aber auch hier ist nichts zum Abschluß gekommen. Erst nach einer Reihe heftiger Kämpfe mit dem Zentrum, das allmählich zum Kristallisationspunkt der Opposition geworden war, wurde die Brücke zu einem neuen Kompromiß gezogen, als zu Beginn des Jahres 1880 der Papst in einem Breve seinen guten Willen betonte und die Absicht aussprach, die Anzeigepflicht zu akzeptieren. Falk war inzwischen aus seinem Amte geschieden, Puttkamer an seine Stelle getreten, die Stimmung in Berlin versöhnlich geworden. Aber auch hier ließ der Kanzler sich weder durch Versprechungen noch durch Drohungen bestimmen, auch nur einen Zollbreit der staatlichen Rechte aufzugeben. So stimmte das Zentrum noch geschlossen gegen das erste kirchliche Friedensgesetz, dessen Zweck es doch war, in den verwaisten Pfarreien und Bistümern die Seelsorge wiederherzustellen, den Orden, die sich der Krankenpflege widmen, neue Niederlassungen zu gestatten. Immerhin erreichte es die Regierung, daß gerade jene Paragraphen Gesetzeskraft erhielten, die den katholischen Gemeinden neue Seelsorger brachten. Die endgültige Errichtung der Gesandtschaft am Vatikan schuf nicht nur neue Neigung zum Friedensschluß, sondern brachte dem Kanzler in Herrn von Schloezer auch einen Gehilfen, dem er die Hauptarbeit in den weiteren Verhandlungen mit Rom getrost überlassen durfte. Ein zweites Friedensgesetz fand jetzt auch die Zustimmung des Zentrums: Das sogenannte »Kulturexamen« wurde beseitigt, die »Staatspfarrer« verschwanden, und in seiner Thronrede vom November 1882 konnte Kaiser Wilhelm seine Freude über die Befestigung freundlicher Beziehungen zu dem Oberhaupte der katholischen Kirche und die Hoffnung aussprechen, daß die versöhnliche Gesinnung seiner Regierung auch ferner einen günstigen Einfluß auf die Gestaltung der kirchenpolitischen Verhältnisse ausüben werde. Noch ein drittes Friedensgesetz ist gefolgt. Es beseitigte die Staatsprüfung, die bisher zur Bekleidung eines geistlichen Amtes notwendig war, gab die kirchlichen Seminare und Konvikte frei, hob den Gerichtshof für die kirchlichen Angelegenheiten auf, schaffte die Berufung gegen den Mißbrauch geistlicher Amtsgewalt ab, befreite die Verweigerung der Absolution von Strafe und gab das Lesen stiller Messen und das Spenden der Sterbesakramente frei. Der Frieden war geschlossen, und die politische Ernte stand dem Staatsmann bereit. Wenn Bismarck sprach Von seinem Auftreten im Reichstag entwarf der »Schwäb. Merkur« in jener Zeit folgendes Bild: »Der große stattliche Mann in der kleidsamen blauen Generalsuniform mit den gelben Aufschlägen hat das beste, gesundeste Aussehen von der Sommerfrische mitgebracht. Er überschaut zuerst mit der Lorgnette die Situation, die er im Reichstage vorfindet, öffnet sodann sein Portefeuille und liest verschiedene Akten, wobei er seinen großen Bleistift anmerkend oder durchstreichend mit Energie handhabt. Doch jetzt ist Hänel zu Ende, und Fürst Bismarck erhebt sich, indem er sich gegen den Präsidenten des Hauses verneigt. Der letztere ruft: ›Fürst Bismarck hat das Wort!‹, und plötzlich kehrt eine lautlose Stille im Saale ein. Die Abgeordneten drängen sich mit Macht in die Nähe des Reichskanzlers. Selbst Bebel macht sich auf den Weg und setzt sich zur Notierung alles Wichtigen in Bereitschaft. Doch wie erstaunen gemeiniglich diejenigen, die den Fürsten zum erstenmal sprechen hören! Statt einer kräftigen, sonoren Stimme, statt des vermuteten Pathos, statt einer vom Feuer klassischer Beredsamkeit durchglühten Philippika fließt das so leise und sacht, fast im Konversationstone hervor über die Lippen des großen Mannes, und stockt zuweilen und windet sich, bis der rechte Ausdruck gefunden ist. Ja, fast eine Art Verlegenheit ist anfänglich dem Redner anzuspüren. Sein Oberkörper ist in wiegender Bewegung, und alle Augenblicke holt der Kanzler sein Taschentuch aus der hinteren Rocktasche, wischt sich das Gesicht, steckt das Tuch in die Tasche und holt es wieder hervor. Doch ohne jegliche Beklemmung folgt der Hörer den zögernden Ausführungen des Redners. Denn dieser fällt nie aus der Konstruktion, und ein hoher, geistvoller Gedanke um den anderen wirft Licht auf den Weg. So fließt das murmelnde Bächlein dahin bis zum gewaltigen Fluß, oft unterbrochen vom homerischen Gelächter der Hörer über den eingestreuten attischen Witz, aber ohne jegliches Pathos, selbst bei seinen letzten hochernsten Worten von ›den Opfern, die der Kampf noch fordern könnte‹. Doch gerade dieser Verzicht auf jeden Effekt, diese sachliche Ruhe verleiht den leise gesprochenen Worten eine durchschlagende Wirkung, und das beruhigende Gefühl, das Steuerruder des Staatsschiffes in diesen nervigen Händen zu wissen, kehrt nach Bismarcks Rede in neuer Stärke ein in jeder deutschen Brust.« [Illustration: Bismarck verhandelt mit Rom über die Beilegung des Kulturkampfes. (»Le Grelot«, 15. September 1878)] Er will kein Telephon Während der Kanzler einmal im Urlaub verweilte, erschienen in Varzin drei Beamte der Telegraphenverwaltung, um dem Reichskanzler die damals neue Einrichtung zu erläutern und die Anlage einer Telephonverbindung zwischen Varzin und Berlin auszuführen. Bismarck aber hatte keine Neigung, sich während seiner friedlichen Varziner Abgeschiedenheit in die »Rufweite« der Reichshauptstadt bringen zu lassen. Ergötzlich schilderte der »Kladderadatsch« die Szene, bei welcher der Dichter den Kanzler in Varzin durch das Telephon eine Sitzung im Abgeordnetenhause anhören läßt, in der Windthorst, Schorlemer, Bennigsen, Lasker reden: — — — »Ich danke, Ihr Herrn, für diese Erfindung, Welche die friedlichen Tage mir stört des erquicklichen Urlaubs!« — Sprach’s und warf auf den Boden mit Macht die gedrechselte Röhre, Daß sie zerbarst und in Wimmern erstarb die gediegene Rede. »Packen Sie ein, meine Herren, und sagen Sie Stephan, ich danke, Danke recht sehr für das Ding! Adieu und glückliche Reise!« [Illustration: ~Zur Beendigung des deutschen Kulturkampfes~ Der olle Wilhelm sitzt im Bad gemütlich drin Und schreibt an seinen lieben braven Bismarck hin: Jeh’ Du zum Papste nach Kanossa nur jeschwind Und tue dort für mir der König Heinrich sind. (»Humoristische Blätter«, August 1881)] Es kam jetzt die Zeit, in der Bismarck weit hinübergreifen sollte in das Feld der wirtschaftlichen und sozialen, der rechtlichen und steuerpolitischen Fragen, in der er unserem ganzen wirtschaftlichen Leben eine neue Grundlage schuf. Auch hier ist er nirgends ein Nachbeter gewesen; stets entsprangen seinem Geiste, der überall den Kern erfaßte, neue Anregungen und Gedanken, und wenn er auch lange, der Autorität Camphausens und Delbrücks vertrauend, die gewohnten Wege des Freihandels nicht verließ, so wagte er doch auch den mutigen Schritt zur Umkehr, ohne Rücksicht darauf, daß ihn nun abermals alte Freunde verließen. [Illustration: »Justament bleibe ich! Ihr werdet mich nicht vom Platze kitzeln!« Bismarcks Antwort auf Eugen Richters Sturmlauf gegen seine Finanzpolitik. (»Figaro«, Februar 1881)] Hier trat zu dem rein wirtschaftlichen Bedürfnis entscheidend der politische Gesichtspunkt hinzu: Deutschland sollte fähig bleiben, unabhängig von der Zufuhr des Auslandes sich durch seine eigene Kraft zu erhalten, sich die Notdurft und Nahrung des täglichen Lebens zu sichern. Denn Deutschlands geographische Lage konnte, wenn die »=Coalition à la Kaunitz=« sich wiederholte, oder wenn gar, wie wir es heute erleben, England sich unseren Feinden anschloß, zu völliger wirtschaftlicher Isolierung, zur Trennung von allen Zufuhren und so zur Aushungerung führen. Ein anderer, entscheidender Gesichtspunkt entsprang dem Verlangen, das Reich finanzpolitisch möglichst unabhängig zu machen von den Zuschüssen der Einzelstaaten, es sozusagen auf die eigenen Füße zu stellen. Denn die Bedürfnisse des Reiches wuchsen, und nur der Partikularismus konnte seine Freude daran haben, daß die vom Reiche geforderten Lasten dem Steuerzahler und der einzelstaatlichen Finanzwirtschaft direkt die Schultern drückten. Auch hier haben die harten Ereignisse der späteren Zeiten den Fernblick des Sehers erwiesen. [Illustration: Botho Eulenburg und Hobrecht sind preußische Minister geworden; sie tanzen angeblich nach Bismarcks Pfeife. (»Hum. Blätter«, April 1878)] [Illustration: ~Das Mädchen aus der Fremde~ Sie teilte jedem eine Gabe, Dem Hiebe, jenem Stöße aus, Der Jüngling und der Greis am Stabe, Ein jeder ging gepufft nach Haus. Bismarck hat soeben in seiner großen Rede vom 8. Mai sich scharf sowohl gegen die Liberalen wie gegen das Zentrum gewandt. Eugen Richter, Miguel, Windthorst und die Freihändler empfingen jeder »eine Gabe«. (»Ulk«, Mai 1880)] Den ersten Anstoß zum Wechsel der wirtschaftlichen Überzeugungen bot dem Kanzler die Katastrophe, die durch die Aufhebung der Eisenzölle über die deutsche Schwerindustrie hereinbrach. Die Maßregeln waren ohne die Teilnahme des Kanzlers getroffen worden, und eben deshalb hatte er das Vertrauen zu seinen bisherigen Gehilfen, Camphausen und Delbrück, verloren. Als er aber den neuen Weg einschlug, da scharten sich doch bereits im Reichstag zahlreiche Männer um ihn, die gleich ihm bereit waren, die deutsche Arbeit durch erhöhte Zollschranken zu schützen, den geltenden Tarif gründlich zu revidieren. Mitglieder des Zentrums, der konservativen und auch der nationalliberalen Partei traten ihm zur Seite in dem Bestreben, den deutschen Markt der nationalen Produktion zu erhalten. Diese Tat ward uns zum Heile: sie hat uns die wirtschaftliche Rüstung für den Weltkrieg geschaffen! Meyer, wie denke ich über schwedisches Eisen? Freimütig bemerkte Bismarck an einem seiner parlamentarischen Abende: Die Zollpolitik sei mit der Medizin zu vergleichen; es gebe darin keine absolute Wissenschaft. Zur Zeit, als er sich Delbrücks Führung überlassen, habe er sich allerdings um volkswirtschaftliche Fragen nicht gekümmert und nichts zu antworten gewußt. Das erinnere ihn an einen Vorfall. Zu Rothschild sei ein Geschäftsfreund gekommen mit der Frage: »Wie ist Ihre Ansicht über schwedisches Eisen?« Rothschild wandte sich verwundert an seinen Kommis und fragte: »Meyer, wie denke ich über schwedisches Eisen?« [Illustration: ~Die Steuerfrage oder das kaudinische Joch~ Bismarck hatte soeben die neue Steuerpolitik eingeleitet, die u. a. das Tabakmonopol vorschlug. Sie führte zu Camphausens Rücktritt, wurde jedoch im Reichstag mit einer winzigen Ausnahme abgelehnt. Die »Frankf. Laterne« (Januar 1878) irrte also, wenn sie schrieb: »Wenn der Ast nicht brechen soll, Gehet durch das Joch! Ludwig, blase du in Moll: Hunde sind wir doch!« ] Weitere Kämpfe Es ist das Eigentümliche in dem Wesen des Genius, daß er nie und nirgends Ruhe finden kann. Fürst Bismarck hat so Gewaltiges vollbracht, daß er längst ein =Otium cum dignitate= verdiente. Aber wie seine Sorge um das Wohl des Reiches, das er geschaffen, keine Grenzen kennt, so auch sein Drang zur Tätigkeit. Und noch viel später, als die Abendsonne über sein Leben gesunken war, hat er es immer und immer wieder in tiefer Bitterkeit beklagt, daß ihm, seit er von seinem Werk entfernt war, auch der Inhalt und der Wert seines Lebens genommen sei. [Illustration: ~Bismarck als Lemberger Jude.~ Eine Bombe fliegt aus dem Reichstag gegen ihn, trifft aber die Reichsbank. (Reichstagssitzung vom 19. Juni 1879.) (»Ulk«, Juni 1879)] Jetzt griff er tief hinein in die sich drängenden wirtschaftlichen und sozialen Probleme, und während er der Meister der auswärtigen Politik blieb und das Schiff des Reiches durch die heranbrausenden Stürme sicher führte, hat er die gewaltige Reform unseres wirtschaftlichen und sozialen Lebens begonnen, die einen tiefen Einschnitt nicht nur in das deutsche Leben, sondern auch in die gesamte Auffassung der Welt gemacht hat. Er ist, als er die soziale Frage berührte, nicht der Angst vor der revolutionären Partei gefolgt, er hat auch nicht, als er der wirtschaftlichen Politik eine neue Wendung gab, sich mit seiner Arbeit irgendeiner mächtigen Kaste verschrieben, er erkannte nur, daß die Zeit des freien Wettbewerbs der Kräfte endgültig vorüber sei, er spürte es, daß eine neue Zeit heraufgezogen war, in der andere stark nach Leben, nach Luft und Licht verlangende Faktoren sich mit gerechtem Anspruch herandrängten. Die Welt der Maschinen und der Maschinenarbeit, die Zeit einer neuen erblühenden deutschen Industrie war gekommen; die alten Bestimmungen des Daseins reichten nicht mehr aus, sie mußten dazu führen, daß, wenn der Staat nicht eingriff, die große Masse der Nation in den Fluten des Proletariats versank. Er kannte die Wahrheit des Satzes, den einst Viktor Cousin gesprochen, daß der Staat ein fühlendes Herz haben muß, und er erkannte in diesem Satz zugleich eine rettende Staatsweisheit. Bismarck ist hier auf wirtschaftlichem wie auf sozialem Gebiete kein Nachbeter gewesen. Er darf den Anspruch der Originalität wohl überall erheben, wo er, tastend zuerst, dann mit wachsender Sicherheit, seines Weges dahinzog. Manches der Gebiete war ihm fremd, lag dem Arbeitsfeld der Vergangenheit vollständig fern, und doch hat er stets das Rechte ergriffen, und während er die auswärtige Politik auch ferner meisterhaft führte, zeigte er doch die Kraft, auch das innerpolitische Leben Deutschlands völlig neu zu gestalten. — Wohin wir noch heute blicken, stets zeigt die Entwicklung des Reiches die Spuren von Bismarcks genialer Hand. Das Ende der siebziger Jahre hat die Grenze gebildet, und als er sie überschritt, da löste er sich zugleich von alten, da gewann er nur mühsam neue Freunde. Denn schon als er das wirtschaftliche Leben auf ein neues Feld zu stellen versuchte, mußte er die entschlossene Gegnerschaft jener liberalen Kreise finden, die allerdings zuletzt bereits voller Argwohn neben ihm schritten, die aber doch in dem harten Kampfe gegen die Konservativen ihm die Stütze geboten hatten. Und auch die Rechte folgte ihm nicht sofort mit klingender Musik und flatternden Fahnen: Der Rest der Deklarantenzeit haftete noch in manchen Herzen, und der Kreis um Diest-Daber hat sich innerlich wohl niemals mit ihm versöhnt. Am heftigsten aber schäumte unter Eugen Richters und Bambergers Führung das Manchestertum gegen ihn auf, das wir bald in geschlossenen Reihen gegen ihn gewaffnet sehen, als er die ersten Versuche auf kolonialem Gebiete wagte und für Deutschlands überschäumende Kraft jenseits des Ozeans eine neue Stätte suchte. [Illustration: ~Eine Verstoßene~ Kordelia: »Ich lieb’ Eu’r Hoheit, Wie’s meiner Pflicht geziemt, nicht mehr, nicht minder.« (König Lear 1, 1) Goneril, das Zentrum, und Regan, die konservative Partei, umschmeicheln Lear-Bismarck, während die nationalliberale Kordelia zur Seite steht. Es ist die Zeit des wirtschaftspolitischen Umschwungs. Alsbald treten die Minister Falk und Hobrecht zurück. (»Ulk«, Juni 1879)] Und so sehen wir Bismarck, vielbewundert und vielgescholten, tätig auf zahllosen Gebieten des öffentlichen Lebens, wir sehen ihn in seinem Ringen mit der Sozialdemokratie, wir hören seine Reden über die Handelsverträge, er fällt sachverständige Urteile über Getreide- und Holzzölle, über Währungsfragen und Auswanderungswesen, über Steuer und Elbschiffahrtsakte, über Fabrikgesetze und Hamburgs Schicksal. Nicht immer ist ihm ein rascher Sieg beschieden, weil die Alltäglichkeit dem Fluge des Genies nur ungern folgt, weil sie tausend Hindernisse sah, die der große Geist verachten durfte. [Illustration: ~Nach den deutschen Reichstagswahlen~ »Na, nu hab’ ick, dem Wahlresultat zu Ehren, ooch Toilette jemacht!« Bei den Reichstagswahlen waren nur 157 Anhänger der Regierung gegen 240 Oppositionelle gewählt worden. Es begann die Ära Richter-Windthorst-Grillenberger. (»Hum. Blätter«, 9. November 1884)] Auf diesem Wege zu einer vollen Umgestaltung des wirtschaftlichen Lebens brauchte Fürst Bismarck neue Gehilfen, mußte er die Trennung von Männern vollziehen, die einst in bedeutender Zeit seine Gefährten waren. Delbrück und Camphausen hatten ihren Namen mit den wichtigsten Stationen der Entwicklung vereint, Delbrück war es sogar gewesen, der einst im Parlament als Herold des neuen Kaisertums erschienen war. Keiner von beiden wollte die wirtschaftlichen Überzeugungen, mit denen sie durch das Leben gegangen waren, verleugnen, und so traten an ihre Stelle der Nationalliberale Hobrecht und Graf Botho Eulenburg, und auf dem Gebiete des Verkehrs erschien in Maybach wohl der bedeutendste Organisator, den bisher das Eisenbahnwesen in Deutschland gehabt hat. Die Enttäuschung packte jetzt vor allem die liberale Mittelpartei, die unter Führung Bennigsens ihm bei der Reichsgründung so treu zur Seite gestanden und ihm auch in den Kämpfen mit den Deklaranten den Schild getragen hatte. Besonders heftig erhob sich fortan gegen den Staatsmann Eduard Lasker, der in seinem Groll immer radikalere Töne anschlug und alsbald auch die Spaltung der Partei organisierte. Bald hallte die ganze liberale Presse von dem Rufe »Fort mit Bismarck!« wider. Hatte er doch durch den Satz, daß niedrige Getreidepreise keineswegs immer als ein wirtschaftliches Glück anzusehen seien, durch den Hinweis auf eine Zeit, in der die Landwirtschaft nicht mehr produzieren kann und deshalb das Reich dem Abgrunde zutreiben muß, alles umgestoßen, was bisher als Evangelium galt. Und er setzte sich durch. Wohl noch nie ist es einem Staatsmann gelungen, in so rascher Fahrt jedes Hemmnis zu besiegen und jedes Vorurteil zu bezwingen. Er war auch hier niemals Parteimann. Er rühmte es ausdrücklich, daß er nie einer Fraktion angehörte, daß er, »sukzessive von allen gehaßt, von einigen geliebt« worden sei. Er habe sich dadurch nie beirren lassen und auch nie versucht, sich dafür zu rächen. [Illustration: ~Der Sturz der Titanen~ Wie aus der »Norddeutschen Allgemeinen Mythologie« hervorgeht, hat Jupiter keinen einzigen »gestürzt«, sie sind einfach zurückgetreten. Anspielung auf den Sturz von Kameke, Falk, Bitter, Achenbach und Friedrich Eulenburg. (»Berliner Wespen«, März 1883)] Daß er jetzt freilich oft die Stimmung der Resignation empfand, daß der stete Kampf an seinen Nerven riß, ist natürlich. Aber jetzt, wie immer, zielte sein Gewissen wie mit einer Pistole auf ihn. Und so wich er jeder Lockung, als Landedelmann sein Leben zu beschließen, beharrlich aus. Nur brach es zuweilen mit elementarer Gewalt aus ihm, wenn er die Fülle des Hasses sah, die sich gegen ihn häufte. »Ich habe nunmehr den Kampf für die deutsche Einheit seit dreißig Jahren geführt,« rief er am 8. Mai 1879. »Es sind nahezu dreißig Jahre, daß ich im Bundestag zuerst dafür eingetreten bin, und es sind achtzehn Jahre, daß ich in meiner Stellung bin, in der ich mit einem französischen Historiker, den ich vor einiger Zeit in einer schlaflosen Nacht las, wohl sagen kann: ›Er muß der Gewalt des ungesättigten Hasses erliegen, der sich auf das Haupt jedes Ministers häuft, wenn er zu lange am Ruder bleibt.‹ Ich fürchte, daß ich nach achtzehn Jahren längst in dieser Lage war. Ich hatte alle Parteien wechselnd zu bekämpfen, gegen jede hatte ich einen heftigen Strauß zu führen. Nein, ich bin nicht mehr jung, ich habe gelebt und geliebt, gefochten auch, und ich habe keine Abneigung mehr gegen ein ruhiges Leben. Das einzige, was mich in meiner Stellung hält, ist der Wille des Kaisers, den ich in seinem hohen Alter gegen seinen Willen nicht verlassen kann. Versucht habe ich es mehrmals. Aber ich kann Ihnen sagen: ›Ich bin müde, todmüde, und namentlich, wenn ich erwäge, gegen was für Hindernisse ich kämpfen mußte, wenn ich für das Deutsche Reich, für die deutsche Nation, für ihre Einheit eintreten soll ... In meinem Alter wird man ruhiger und stiller; ich habe ein Bedürfnis nach beschaulicher Einsamkeit. Dann richten Sie das Reich sich ein, wie Sie wollen, aber verlangen Sie meine Mitwirkung nicht, wenn jeder sich für berechtigt und berufen hält, die Grundlagen des Reiches in Frage zu stellen.‹« [Illustration: Bismarck als Schachspieler: Die Könige sind seine Schachfiguren] Bismarck setzte seine Reform durch, fast zwei Drittel des deutschen Reichstages hatte er für seinen Kampf gegen das herrschende Wirtschaftssystem gewonnen. Allerdings hat er wiederholt sich gezwungen gesehen, selbst mit der äußersten Maßregel seines Rücktrittes zu drohen, innerlich allerdings wohl immer gewiß, daß so, wie er selbst in Treuen zu seinem Kaiser stand, so auch sein alter Herr dem Gefolgsmann die Treue bewahren werde. Zu den politischen Schwierigkeiten aber, die ihm wie Disteln auf einem Felde erwuchsen, gesellten sich dauernd höfische Friktionen, die ihm die Freude am Amt vergällten. Es war auch hier die Kaiserin Augusta, »der Feuerkopf«, die es nicht ertragen konnte, andere Autoritäten gewähren zu lassen, und die, wie Bismarck in seinen »Erinnerungen« klagt, ohne Rücksicht auf das Alter und die Gesundheit des Gemahls und im Vertrauen auf die ritterlichen Empfindungen, die ihn der Kaiserin gegenüber beseelten, sich an die Spitze der frondierenden Elemente stellte. Gerade diese Kämpfe persönlicher Natur wirkten schädigend auf des Kanzlers Gesundheit, so daß er in eine Art von »Gesundheitsbankrott« fiel, aus dem ihn dann Schweninger gerettet hat, der Mann, der bis in die letzten Jahre seines Lebens sein treuester und ehrlichster Freund geblieben ist. Wie Schweninger Bismarcks Arzt wurde In ärztlichen Kreisen war eine Angabe bekannt, der nie widersprochen wurde und der man, im Hinblick auf die originelle Art der beiden beteiligten Persönlichkeiten, eine gewisse innere Glaubwürdigkeit nicht wird absprechen können. Danach hätte Schweninger die Sympathie seines großen Patienten durch das diesem selbst sehr geläufige Mittel besonderer Derbheit erweckt. Der Kanzler liebte es, als mit dem zunehmenden Alter auch sein leidender Zustand wuchs, durchaus nicht, von dem ihn behandelnden Arzt mit Fragen belästigt zu werden. So riß ihm auch gegenüber Schweninger, als sich dieser auf Empfehlung befreundeter Persönlichkeiten zum erstenmal bei ihm einstellte, die Geduld, und er gab auf die innerhalb weniger Minuten wiederholt gestellte Frage nach seinem Befinden eine kurze abweisende Antwort. Aber Schweninger ließ sich nicht abschrecken und antwortete nicht weniger kurz angebunden: »Ich stehe zu Ihren Diensten, Durchlaucht, wünschen Sie jedoch behandelt zu werden, ohne daß man an Sie Fragen stellt, so täten Sie besser, nach dem Tierarzt zu schicken, der an diese Methode gewöhnt ist.« Seit dieser Zeit war Bismarck von seiner Abneigung gegen Fragen des Arztes völlig kuriert. [Illustration: Schön Wetter — Veränderlich — Sturm Sollte bei keinem Minister, Reichs- oder Landboten fehlen. (»Kladderadatsch«, 1881)] Das ist der =Dr.= Schweninger Ein Dienstmann führt einen Landsmann in München herum und zeigt ihm unter anderem die Universität daselbst. Der Landsmann will wissen, was die Figuren an der Fassade bedeuten. Der Dienstmann nennt ihm, um seine Unwissenheit nicht merken zu lassen, verschiedene volkstümliche Münchner Gelehrte der neuesten Zeit als Originale; bei einem halbnackten griechischen Denker am linken Flügel angelangt, sagt er keck: »Das ist der =Dr.= Schweninger!« — Bauer: »Aha, ’m Bismarck sei Leibarzt! Aber warum hat denn der kan Rock an?« — Dienstmann: »Ja woaßt, Seppel, seit er den Reichskanzler kuriert hat, tun sich die Leut’ so um ihn reißen, daß der beste Rock dabei z’grund gehn müßt!« Sicherlich ist es allein der Kunst =Dr.= Schweningers zu danken, daß Fürst Bismarck die schweren Anfälle von Krankheit, die ihn vor allem dann plagten, wenn seine Seele durch harte Kämpfe erregt war, durch lange Jahre siegreich überwand. Kaiser Wilhelm hat ihm wiederholt den Dank dafür ausgesprochen, daß er ihm und dem Vaterlande den unentbehrlichsten Diener erhalten habe. Was aber die Kunst des Arztes allein noch nicht erreichte, das ergänzte die Luft von Varzin und Friedrichsruh und die Kissinger Kur. [Illustration: ~Die offiziöse Presse.~ (»Le Grelot«, Nr. 141 vom 6. Februar 1887)] Die Brut muß ausgerottet werden In Kissingen erhielt Fürst Bismarck einen mehr amüsanten als fürchterlichen Drohbrief: »O großer eiserner, resp. einfältiger Reichskanzler, was hört und liest man bloß von Dir! Nichts als Lächerliches. Glaubst Du etwa, daß Du Deiner gefällten Strafe entgehen kannst? Nein! Nein! Was wir Dir einst zugeschworen haben, wird für Dich sicher in Erfüllung gehen, und wenn Du den Polizeiring um das Zehnfache vermehrst, der Dich etwa schützen soll vor dem Bestrafer Deiner verübten Tyrannei. Wie es bei Dir in Kissingen aussieht, wissen wir ganz gut. Traurig genug, daß Du es so weit gebracht hast mit Deiner elenden Tyrannenpolitik, daß Du jetzt nicht einmal Deines Lebens sicher bist. Weise nur immer Mitmenschen aus Deutschland« (d. h. in Anwendung des Sozialistengesetzes). »Desto eher kannst Du Dich mit dem Totengräber bekannt machen ... Deinem Sohn Wilhelm mit seinen bisherigen maskierten und lächerlichen Redensarten werden wir auch bald was zuschwören, wenn er nicht aufhört, zu wühlen. Die Bismarcksbrut muß ausgerottet werden. D. E. C.« (soll wohl heißen: das Exekutivkomitee). — Eine ähnliche Büberei traf wenige Tage später aus Frankfurt ein. Auch von manchen seiner Gehilfen mußte sich Bismarck wieder trennen. So von den Eulenburgs, die vielfach das Bestreben zeigten, den überlegenen Mann, der ihnen unbequem war, aus seiner Stellung zu drängen. Die Szene, die zu dem Sturze des begabten Grafen Botho Eulenburg führte, ist als der »Fall Rommel« in der Geschichte verzeichnet: Als das Gesetz über die Zuständigkeit der Verwaltungsbehörden vor dem preußischen Landtag stand und sich Graf Eulenburg mit gewissen Änderungen einverstanden erklärte, die des Kanzlers Mißbilligung fanden, ließ er durch den Geheimrat Rommel, ohne den Minister zu verständigen, von der Tribüne herab seinen Widerspruch erklären. Graf Eulenburg nahm unverzüglich seinen Abschied. An seinen Namen aber hat sich gerade zu jener Zeit ein Briefwechsel zwischen Kaiser Wilhelm und Bismarck geknüpft, der zugleich das vertrauliche Verhältnis bekundet, das zwischen den beiden Männern bestand. [Illustration: »So! Jetzt kann ich wieder ein bißchen ausruhen.« (»Hum. Blätter«, Februar 1888)] Die Geschichte eines Traumes Am 18. Dezember 1881 schrieb Kaiser Wilhelm an den Kanzler folgenden Brief: »Einen eigentümlichen Traum muß ich Ihnen erzählen, den ich diese Nacht träumte, so klar, wie ich ihn hier mitteile. — Der Reichstag trat nach den jetzigen Ferien zum erstenmal zusammen. Während der Diskussion trat der Graf Eulenburg ein; sogleich schwieg die Diskussion; nach einer langen Pause erteilte der Präsident dem letzten Redner von neuem das Wort. Schweigen! Der Präsident hebt die Sitzung auf. Nun entsteht ein Tumult und Geschrei. Keinem Mitgliede darf ein Orden während der Session des Reichstages erteilt werden; der Monarch darf nicht in der Session genannt werden. Andern Tages Sitzung. Eulenburg erscheint und wird mit solchem Zischen und Lärm empfangen — darüber erwache in einer nervösen Agitation, daß ich lange mich nicht erholen konnte und zwei Stunden von ½5 bis ½7 Uhr nicht schlafen konnte. — Das alles geschah in meiner Gegenwart im Hause so klar, wie ich es hier niederschreibe. — Ich will nicht hoffen, daß der Traum sich realisiere, aber eigentümlich bleibt die Sache. Da dieser Traum erst nach dem sechsstündigen ruhigen Schlafe eintrat, so könnte er doch keine unmittelbare Folge unserer Unterredung sein. =Enfin= ich mußte Ihnen diese Kuriosität doch erzählen. Ihr Wilhelm.« In seiner Antwort sagte Fürst Bismarck: »Die Bilder des Wachens tauchen im Spiegel des Traumes nicht sofort, sondern erst dann wieder auf, wenn der Geist durch Schlaf und Ruhe still geworden ist. Eurer Majestät Mitteilung ermutigt mich zur Erzählung eines Traumes, den ich Frühjahr 1863 in den schwersten Konfliktstagen hatte, aus denen ein menschliches Auge keinen gangbaren Ausweg sah. Mir träumte, und ich erzählte es sofort am Morgen meiner Frau und anderen Zeugen, daß ich auf einem schmalen Alpenpfade ritt, rechts Abgrund, links Felsen; der Pfad wurde schmaler, so daß das Pferd sich weigerte, und Umkehr und Absitzen wegen Mangel an Platz unmöglich; da schlug ich mit meiner Gerte in der linken Hand gegen die glatte Felswand und rief Gott an; die Gerte wurde unendlich lang, die Felswand stürzte wie eine Kulisse und eröffnete einen breiten Weg mit dem Blick auf Hügel und Waldland wie in Böhmen, preußische Truppen mit Fahnen und in mir noch im Traume der Gedanke, wie ich das schleunig Ew. Majestät melden könnte. Dieser Traum erfüllte sich, und ich erwachte froh und gestärkt aus ihm. — Der böse Traum, aus dem Eure Majestät nervös und agitiert erwachten, kann doch nur so weit in Erfüllung gehen, daß wir noch manche stürmische und lärmende Parlamentssitzung haben werden, durch welche die Parlamente ihr Ansehen leider untergraben und die Staatsgeschäfte hemmen; aber Ew. Majestät Gegenwart dabei ist nicht möglich, und ich halte dergleichen Erscheinungen wie die letzten Reichstagssitzungen zwar für bedauerlich als Maßstab unserer Sitten und unserer politischen Bildung, vielleicht unserer politischen Befähigung, aber für kein Unglück an sich: =l’excès du mal en devient le remède=. [Illustration: ~Der Reichstag als Karnickel~ »Was? Du Bestie willst beißen?« Der Reichstag hatte in Sachen der Abänderung der Reichsverfassung opponiert. (»Figaro«, Mai 1881)] Zu der unendlichen Fülle von Fragen, die sich dem großen Kanzler zur Beantwortung stellten, hat sich in jenen Tagen auch eine Frage gesellt, die in viel späteren Jahren eine ernste Wirkung auf Deutschlands Geschicke ausüben sollte, die aber Fürst Bismarck schon von der Schwelle zurückwies: Die Abrüstung Auf ein Schreiben des demokratischen süddeutschen Abgeordneten von Bühler, das ihn ermahnte, zum Wohle der Menschheit hochherzig mit der Abrüstung zu beginnen, gab Fürst Bismarck mit feiner Ironie folgende Antwort: »Ew. Hochwohlgeboren danke ich ergebenst für die Mitteilung Ihres Abrüstungsantrages. Ich bin leider durch die praktischen und dringlichen Geschäfte der Gegenwart so in Anspruch genommen, daß ich mich mit der Möglichkeit einer Zukunft nicht befassen kann, die, wie ich fürchte, wir beide nicht erleben werden. Erst nachdem es Ew. Hochwohlgeboren gelungen sein wird, unsere Nachbarn für Ihre Pläne zu gewinnen, könnte ich oder ein anderer deutscher Kanzler für unser stets defensives Vaterland die Verantwortlichkeit für analoge Anregungen übernehmen. Aber auch dann fürchte ich, daß die gegenseitige Kontrolle der Völker über den Rüstungszustand der Nachbarn schwierig und unsicher bleiben, und daß ein Forum, welches sie wirksam handhaben könnte, schwer zu beschaffen sein wird.« Und trotz dieser Fülle der verschiedensten, auf ihn eindrängenden Probleme fand Fürst Bismarck den Mut und die Kraft, die soziale Politik in völlig neue Bahnen zu lenken. Er hatte die Verlängerung des Sozialistengesetzes gegen eine Opposition, zu der wieder das Zentrum einen großen Teil der Mannschaft stellte, mühsam erkämpfen müssen. Er mußte es sehen, wie ein großer Teil der Nationalliberalen, unter ihnen Lasker, Forckenbeck, Bamberger und Rickert, sich von der alten Partei trennten, um unter dem Namen der Sezession sich in die Schlachtreihen der Feinde zu stellen, und dauernd blieb ihm auch trotz der friedlichen Äußerungen des Papstes das Zentrum abgeneigt. [Illustration: ~Operette in der Politik~ »Da jammern sie. Die von der Infanterie Und von der Kavallerie Geniert das nie.« Soeben war der Erlaß des Kaisers erschienen über sein »verfassungsmäßiges Recht zur persönlichen Leitung der Politik«, der gegen die fortschrittlichen Theorien vom »wahren Konstitutionalismus« gerichtet war. (»Kikeriki«, Januar 1882)] Die Gedanken aber, die Fürst Bismarck in seinem Kopfe wälzte, um dem sozialen Geiste der Zeit gerecht zu werden, hat er in klassischer Form in der »großen Botschaft« niedergelegt, mit der er am 17. November 1881 im kaiserlichen Auftrag den Reichstag begrüßte. Hier erklärte er im Namen des ehrwürdigen Oberhauptes der deutschen Nation, daß der Kaiser nur dann mit Befriedigung auf alle Erfolge, mit der Gott seine Regierung gesegnet, zurückblicken werde, wenn er dem Vaterlande neue Bürgschaften des inneren Friedens und den Hilfsbedürftigen größere Sicherheit und Ergiebigkeit des Beistandes hinterlassen könne. Die einzelnen Phasen, die später durchlaufen wurden, waren hier vorgezeichnet. Zugleich war aber darauf hingewiesen, daß die Mittel für die Durchführung des Planes am sichersten durch das Tabakmonopol zu gewinnen seien. Das Ziel, das Bismarck sich gestellt hat, ist aber nur zum Teil erreicht worden; die Kathederweisheit hat auch hier wieder verdorben, was der praktische Blick und die weitschauende Weisheit des Staatsmanns als richtig erkannte. Daß die Masse zuerst vor dem neuen Gedanken zurückgeschreckt ist, daß sie sich nicht in eine Reform hineinfinden mochte, für die bis dahin noch jede Erfahrung fehlte, daß sie den Sprung ins Dunkle und die Größe der Opfer scheute, ist gewiß verständlich. Heute ist dennoch der soziale Gedanke tief in die Nation gedrungen. Er hat viele Helfer gefunden, viele überzeugte Vertreter, und doch waren die anderen nur Handlanger, die mühsam die Steine herbeischafften. Der Grundriß und der künstlerische Plan wurden von Bismarck geschaffen. Fürst Bismarck glaubte nicht, daß selbst die Söhne und Enkel die soziale Frage lösen würden; aber diese Gewißheit schreckte ihn nicht zurück; er wollte die Gefahr abwenden, die von der gärenden Masse des vierten Standes aus drohte, und er wollte zugleich durch praktisches Christentum in gesetzlicher Betätigung den Arbeitern das Gefühl menschlicher Würde sichern. [Illustration: Bei den Wahlen in Metz hatte der Französling Antoine mit Hilfe der Geistlichkeit gesiegt. (»Le Grelot«, 26. Oktober 1884)] Auf den parlamentarischen Abenden, die Fürst Bismarck damals noch veranstaltet hat, fanden sich auch einfache Handwerksmeister und Arbeiter ein, Mitglieder des Volkswirtschaftsrates, den der Kanzler berufen hatte. Dieses Bild ist bezeichnend für die Welt, die er erschließen wollte. Aber gerade in dieser Zeit wurde die Gegnerschaft gegen Bismarck, namentlich auch von seiten des Zentrums, so heftig, daß er der Gepflogenheit der parlamentarischen Abende, die ihm nicht nur die Anregung zu mancher geistreichen Bemerkung, sondern auch die Möglichkeit boten, in nicht offizieller Form Widersprüche zu beseitigen, Bedenken zu heben, für immer entsagte. Jene Abende, die jedem Teilnehmer bis zum Abend seines Lebens tief im Gedächtnis blieben, weil sie den großen Mann gewissermaßen im Hausrock zeigten, frei von aller majestätischen Würde, sind der Schauplatz mancher köstlichen Szene, die Geburtsstunde vieler prächtigen Einfälle und reizender Anekdoten gewesen. Hier ein paar Beispiele: Das fehlende Hirn Einmal erzählte der Fürst: »Meine Frau wurde einst in Varzin plötzlich nicht unbedenklich unwohl, und da gerade der Hausarzt nicht anwesend war, wurde von Schlawe ein =Dr.= B. zur Konsultation berufen. Dieser fand den Zustand der Patientin nicht gefährlich, blieb aber auf Wunsch des Fürsten den Tag über in Varzin und wurde selbstverständlich auch zur Tafel geladen. Der starke Wein mag den guten Doktor etwas aufgemuntert haben, denn er wurde immer gesprächiger und erzählte auch folgendes Geschichtchen: ›Bei einer großen Schlägerei in einem benachbarten Dorfe wurde ein Bauernbursche derart verletzt, daß die Schädeldecke ganz zertrümmert und das Hirn vollständig bloßgelegt war. Ich war alsbald an Ort und Stelle und brauchte nicht weniger als 25 Nadeln, um den Kopf nur einigermaßen wieder zusammenzuflicken; aber dank meiner Kunst konnte der Bursche schon nach drei Tagen wieder seiner Arbeit nachgehen.‹« Der Fürst, der dies ungefähr so erzählte, machte jetzt eine kleine Pause und sagte dann zu seinen Gästen: »Meine Herren, bevor ich weiter erzähle, muß ich Sie fragen, ob vielleicht einer der Herren ›Stadtrat‹ ist, denn sonst kann ich meine Geschichte nicht beenden.« Nachdem dies verneint wurde, fuhr der Fürst fort, weiter zu erzählen: »Natürlich stellte ich mich, als wenn ich an der Geschicklichkeit des =Dr.= B. gar keinen Zweifel hegte, und sagte nur: ›Nun, lieber Herr Doktor, lassen Sie sich von mir auch eine kleine Geschichte erzählen, die ebenso wahr ist als die Ihrige.‹ Zu einem bekannten Doktor in Berlin kam einst ein Mann, der über fürchterliche Kopfschmerzen klagte, die er gar nicht los werden könne. ›O, da können wir leicht helfen,‹ sagte der berühmte Operateur, ›das kommt vom Hirn, an dem etwas zu fehlen scheint.‹ Er löste hierauf die Schädeldecke, nahm das Hirn des Mannes heraus und sagte zu ihm: ›So, jetzt werden Sie keine Schmerzen mehr haben, kommen Sie in einigen Tagen wieder, dann können Sie Ihr Hirn frisch hergerichtet wieder eingesetzt bekommen.‹ Ganz erleichtert und vergnügt ging der gute Mann nach Hause. Es währte einige Tage, der Mann kam nicht mehr. Da schickte der Arzt zu ihm und ließ ihm sagen, er möge doch sein Hirn holen, es fange schon an zu riechen. Der Mann aber ließ dem Arzte zurückmelden: ›Ich bin jetzt Stadtrat geworden; ich brauche kein Hirn mehr.‹ Unser =Dr.= B. lachte zwar auch mit, aber er beeilte sich doch, sobald als möglich nach dem Diner heimzukommen, und hat in Zukunft kein Jägerlatein mehr an der Tafel gesprochen.« [Illustration: Bismarck als Vogelfänger ist begierig, ob ihm »so’n liberaler Gimpel uff’n Leim geht«. Durch die »Heidelberger Erklärung« hatte die Nationalliberale Partei zur Erbitterung des durch die Sezession verstärkten Freisinns sich auf Bismarcks Seite gestellt. (»Humor. Blätter«, 20. April 1884)] Vom durstigen Völk Der bekannte liebenswürdige Abgeordnete aus Bayern erzählte gern beide folgenden Scherze von Bismarcks parlamentarischen Abenden: »Die dem Reichskanzler Gegenübersitzenden unterhielten sich über den ›Reichshund‹, der neben seinem Gebieter ausgestreckt dalag. Man sprach über die Schönheit des Tieres und seine sonstigen trefflichen Eigenschaften, endlich auch über seine Vorgänger. Einer der an der Unterhaltung Beteiligten behauptete, daß Bismarck schon mehrere Hunde dieser Rasse gehabt habe, und um darüber genauen Bescheid zu erhalten, wendete er sich mit seiner Frage unmittelbar an den Reichskanzler. Da er glaubte, daß Bismarck den vorhergehenden Teil des Gesprächs mitangehört habe, wies er mit einer Handbewegung auf dessen Hund hin und sagte: ›Durchlaucht gestatten die Frage, der wievielte von dieser Sorte ist dies schon?‹ Durchlaucht aber hatte von dem vorausgehenden Gespräch nichts gehört, verstand Handbewegung und Frage falsch und erwiderte, indem er nach dem Bierglase griff und dessen Inhalt mit wohlgefälligem Schmunzeln prüfte: ›Dies ist heute mein achter, aber gestern habe ich zwölf Schoppen getrunken und es hat mir auch nicht geschadet.‹ Ein andermal wollte das Champagnertrinken gar nicht aufhören, oder, richtiger ausgedrückt, das Bier wollte ewig nicht kommen, während es sonst immer ziemlich bald aufgetragen wurde. Meine Nachbarn und ich hatten einen Heidendurst nach Bier, und endlich wurde ich auserkoren, unser Verlangen beim Reichskanzler anzubringen. Ich begab mich auch sogleich zu ihm, und sobald ich, ohne zu stören, mich mit einer Frage an ihn wenden konnte, fragte ich, ob ich ihm ein Rätsel aufgeben dürfe. Lachend bejahte er und fügte hinzu: ›Es wird wahrscheinlich wieder eins sein, das nicht herauszubringen ist.‹ Ich fragte ihn nun, was das Beste am Champagner sei? ›Na, sehen Sie, lieber Doktor, da steckt wieder was dahinter. Ich weiß zwar viele gute Eigenschaften des Champagners, aber das weiß ich auch, daß ich die nicht errate, die Sie im Auge haben. Also geben Sie gleich selbst die Lösung.‹ So sagte ich denn: ›Das Beste am Champagner, Durchlaucht, ist, daß das Bier so gut darauf schmeckt!‹ Und es dauerte keine fünf Minuten, da saßen wir alle beim trefflichen Münchener ›Stoff‹, den Bismarck hatte unverweilt anzapfen lassen.« Vom Haarschneiden An einem der Abende erinnerte man sich auch an eine Äußerung des Kanzlers über den Einfluß des Mondes auf das Wachstum von Haaren und Pflanzen. Man müsse sich, meinte der Kanzler, bei zunehmendem Monde die Haare schneiden lassen: »Es ist wie mit den Bäumen, wenn die wieder wachsen sollen, fällt man sie auch im ersten Viertel, wenn man sie aber roden will, schlägt man sie bei abnehmendem Monde, da vermodert der Stumpf eher. Es gibt Leute, die nicht daran glauben, Gelehrte, aber selbst der Staat verfährt danach, obwohl er’s nicht eingestehen will. Es wird keinem Förster einfallen, eine Birke, die wieder Schößlinge treiben soll, bei abnehmendem Monde zu fällen.« [Illustration: ~Zum Spiritusmonopol~ Bismarck: »Nanu, Michel, wat ist’s! Komm herein, mein Junge, und begeistere dir für mein neuestes Monopolprojekt.« (»Humor. Blätter«, Februar 1886)] [Illustration: Bismarck als Stierkämpfer bezwingt den Reichstag. (»Le Pilori«, 23. Januar 1887)] Hammelbraten »Ich will eines Tages«, erzählte der Fürst, »gegen den Grunewald zu in die Umgebung Berlins und sah mich plötzlich gegenüber einer Herde Schafe, deren gutes Aussehen mich bestimmte, haltzumachen und mich nach dem Züchter zu erkundigen. Ich erfuhr, daß die Herde einem Berliner Stadtrat gehörte, fragte dann, ob ich einen Hammel kaufen könne, und schloß, da der Schäfer die Frage bejahte, das Geschäft alsbald ab. Wenige Tage später stand der Hammel bei Gelegenheit eines diplomatischen Diners auf meiner Tafel. Ich hatte meiner Frau erzählt, wie ich in den Besitz des Tieres gekommen war, und von ihr muß die Kunde in die Küche gedrungen sein. Genug, der Gang war auf der Speisenkarte verzeichnet als ›=Southown Battard à la Municipal=‹. Es dauerte nicht lange und ich besuchte ein Diner bei dem russischen Botschafter und fand auf dem Menü zu meiner großen Überraschung als Braten ›=Southown Battard à la Municipal=‹. Ich konnte mich eines Lächelns nicht enthalten und erfuhr später, der Koch des russischen Botschafters habe sich das Menü meines Diners zu verschaffen gewußt und schlankweg, ohne den Zusammenhang zu ahnen, die auf meiner Karte stehende Bezeichnung auch für sein Hammelbraten-Gericht gewählt.« Die naseweisen Damen An diesen Abenden tauchte auch ein scherzhaftes Vorkommnis aus der Vergangenheit auf, das Herr von Bismarck erlebte, als er noch Gesandter beim Deutschen Bundestage war: Er hatte seinerzeit von seinem Universitätsgenossen, dem Grafen Keyserlingk, und bei gelegentlichen Reisen durch Kurland auch ein paar lettische Redensarten gelernt und jagte damit einmal zwei kurländischen Damen einen nicht geringen Schrecken ein. Er saß nämlich eines Tages in Frankfurt a. M. an der Table d’hote zwei jungen Damen gegenüber, welche sehr lebhaft und ungeniert miteinander konversierten. Sie lachten sehr häufig; die Tischgesellschaft mochte wohl nicht in eben schmeichelhafter Weise von ihnen durchgenommen werden, und aus manchen Anzeichen entnahm Bismarck, daß er der ganz besondere Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit war. Er verstand so viel, daß die Sprache die lettische war. Die Damen hielten sich natürlich für ganz sicher, in einem so barbarischen Idiom von niemand verstanden zu werden, und ließen daher ihrem Humor immer mehr die Zügel schießen. Inzwischen hatte Bismarck zu einem neben ihm sitzenden Freunde leise gesagt: »Wenn Sie einige fremde Worte von mir hören, reichen Sie mir einen Schlüssel.« Als nun beim Dessert die Ausgelassenheit der beiden jungen Damen immer ärger wurde, hörten sie zu ihrem größten Schrecken, wie ihr Visavis ruhig zu seinem Nachbar sagte: »=Dohd man to Azlek=« (gib mir den Schlüssel). Er erhielt seinen Schlüssel, aber die Damen sprangen flammenrot von ihren Sitzen auf und stürmten zum Saal hinaus! [Illustration: »In Deutschland suchen sie noch immer vergebens die Stelle, wo der dreihaarige Achilles sterblich ist.« (»Figaro«, Mai 1882)] Hundegeschichten Vielfach war da der »Reichshund«, der natürlich seine Persönlichkeit mehrfach gewechselt hat, der Gegenstand anekdotischer Erzählungen. So erzählte Bismarck, als das Gespräch auf die Intelligenz der Hunde kam, wie einmal, als er durch seinen Garten ging, um ihn durch das nach der Königgrätzer Straße führende Tor zu verlassen, unvermutet mitten im Garten der Reichshund auf ihn zugesprungen sei, in der Absicht, ihn zu begleiten. Bei dem Gartentor habe sich der Hund dicht an die Öffnung gedrängt, um womöglich noch vor seinem Herrn das Freie zu gewinnen. Zurücktreiben habe er sich nicht lassen. Da habe er, Bismarck, nur die Worte gesagt: »In den Reichstag«, worauf der Hund den Schweif eingezogen und schleunigst nach Hause gerannt sei. Bismarck erzählte die Geschichte, umgeben von einer Korona von Mitgliedern des Bundesrats und des Reichstags, von welch letzteren der fortschrittliche Vizepräsident Professor Hänel aus Kiel unmittelbar in der Nähe des Kanzlers stand. Man kann sich sein Gesicht denken und das Gelächter der übrigen Anwesenden, in das Bismarck herzlich einstimmte. Vor Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges 1870 befand sich Kaiser Alexander =II.= von Rußland bei unserem König in Ems. Die beiden Monarchen mit großem Gefolge waren eines Abends beisammen. Am entgegengesetzten Ende des Saales stand Graf Bismarck und beobachtete den Zaren in sorgenvoller Erwägung, wie schwer es ins Gewicht falle, welche mehr oder minder freundliche Haltung Rußland gegenüber unserer Politik einnähme. Da erhob sich der große Hund des Kaisers, der unter seinem Stuhl gelegen, und durchwanderte den Saal; von einem Souverän würde man gesagt haben: »er macht Cercle«. Der Hund blieb vor Bismarck stehen, schaute zu ihm empor, wedelte zutunlich und leckte die vorgestreckte Hand des Grafen. In diesem Augenblick ertönte durch den ganzen Saal die Stimme des russischen Kaisers, der den Bewegungen seines Hundes offenbar gefolgt war, zu Bismarck herüber: »Da sehen Sie, daß der Hund die Freunde seines Herrn kennt.« Bismarck schloß seine denkwürdige Mitteilung mit den Worten: »Ich fühlte mich erleichtert. Das war ein geschichtlicher Moment für unsere Politik.« [Illustration: Gast (Bismarck): »Zahlen!« Kellner (Minister Heemskerk): »Eure Hoheit zahlen wohl am besten mit einem Traktat!« Bezieht sich auf die Beschwerden Hollands über den deutschen Lachsfang im Rhein. (»Holländ. Witzblatt«, März 1886)] »Sultan« war nach einem Worte der Fürstin Bismarck der rührendste Hund, den ihr Gemahl besessen. »Wenn ich verreiste,« erzählte der Kanzler, »so suchte er mich überall mit großer Traurigkeit. Endlich ergriff er dann zu seinem Troste meine weiße Militärmütze und meine hirschledernen Handschuhe, trug diese in den Zähnen nach meinem Arbeitszimmer und blieb dort, mit der Nase an meinen Sachen, liegen, bis ich wiederkam. — Auch der alte Tyras war sehr intelligent und treu. Einst hatte ich meinen Stock, den ich auf die Straße nicht mitnehmen konnte, da ich in Uniform ging, an die Innenmauer des Gartens gestellt, ehe ich durch die Pforte schritt. Nach vier Stunden kam ich aus dem Reichstag zurück. Tyras begrüßte mich nicht beim Eintritt ins Haus, wie sonst stets, und ich fragte daher den Schutzmann, wo der Hund sei: ›Der steht seit vier Stunden hinten an der Gartenmauer und läßt niemand zu Eurer Durchlaucht Stock‹, erwiderte der Wachtposten. Ein andermal ging ich hier in Varzin in Begleitung von Tyras spazieren und sehe auf einer Karre eine Fuhre Holz liegen, das ich für gestohlen hielt, weil es aus grünem Holze gehauen war. Ich gebot dem Hund, bei der Fuhre zu bleiben, und entfernte mich, um einen Mann zu holen, der die Sache aufklären könne. Als ich zurücksah, gewahrte ich aber, daß Tyras mir leise und geduckt nachschlich. Ich kehrte zurück und legte einen Handschuh auf die Karre. Da blieb mein Tyras dort stehen wie angewurzelt.« Über das Ende des tüchtigen Tieres erzählte der Fürst später: »Er war nicht krank; er ist an Altersschwäche eingegangen. Einen Tag vor seinem Tode war er schon so steif, daß ich ihn wie einen Hammel von oben in mein Arbeitszimmer tragen lassen mußte. Dann, als ich nach Hause kam, wedelte er noch. Das nächstemal, an seinem Todestage, konnte er auch nicht mehr wedeln und gab nur durch seinen Ausdruck zu verstehen, daß er mich erkannt habe. Während ich dann am Tische schrieb, sah ich ihn plötzlich sich lautlos in mein Schlafzimmer schleppen, und gleich darauf sagte mir der Diener, der ins Schlafzimmer getreten war: ›Der Tyras liegt ausgestreckt im Schlafzimmer.‹ Von meinen jetzigen Hunden kann ich dagegen rühmen, daß sie wie wild aus ihren verschiedenen Winkeln auffahren und gegen die Tür stürmen, sobald der Diener meldet: ›Das Essen ist aufgetragen.‹« Von der Heftigkeit des Kampfes, der namentlich von fortschrittlicher Seite aus gegen den Kanzler geführt wurde, von der Gehässigkeit, mit der man ihm zu begegnen wagte, bildet das beredteste Zeugnis jene Szene im Reichstag, in der ihm das beschimpfende Wort »schamlos« entgegenhallte. Sie erinnert lebhaft an die erregte Zeit, in der Graf Ballestrem ihn durch den Zuruf »Pfui« in die Schranken rief. Schamlos Bei der Beratung über die Mietsteuer war jenes Wort gefallen. Sofort erwiderte Fürst Bismarck unter großer Unruhe: »Meine Herren, das Wort ›schamlos‹ ist ein ganz unverschämter Ausdruck, den ich hiermit zurückweise.« Präsident von Goßler, der eben von einem Schriftführer um etwas gefragt wurde, hatte den Ausdruck »schamlos« überhört. Er fragte nun amtlich, ob dieser Ausdruck gefallen sei. Bejahende Rufe antworteten. Der Täter fand sich aber nicht bemüßigt, sich zu melden. Da rief Bismarck: »Er (der Ausdruck) ist gefallen, ich habe ihn gehört, dort (links) ein Herr, der selbst keine Scham kennt, hat ihn gebraucht (Unruhe).« Präsident von Goßler erklärte: »Ich bedauere aufs tiefste, daß ich den Ausdruck nicht gehört habe, ich würde unter allen Umständen mit der allergrößten Schärfe eingeschritten sein.« Noch immer hielt es der unbekannte Schreier für angemessen, sich nicht zu nennen. Da rief Bismarck: »Der Herr wird sich gewiß melden — die Herren, die neben ihm sitzen, werden es ja wissen. Der Herr wird doch den Mut haben, sich zu nennen?« Nun erhob sich endlich der Abgeordnete Struve mit den Worten: »Jawohl! Ich bin es gewesen, Struve!« Unverzüglich erteilte ihm Präsident von Goßler, unter lebhaftem Beifall, den Ordnungsruf. Bismarck aber erklärte: »Nun, ich bin nicht überrascht, von Herrn Struve da wundert es mich nicht.« Zur Sache bemerkte er dann nur noch: »Ich und mit mir wahrscheinlich die meisten Reichsbeamten gehören zu der Klasse von Leuten, die weniger auf hohes Gehalt als auf gute Behandlung sehen, und wenn wir dafür eine Garantie bekommen könnten, wenn wir gegen eine ungleiche Behandlung eine Deckung durch die Reichsgesetzgebung bekommen könnten, würden wir sehr dankbar sein.« Nach dem Schluß dieser Rede aber erhob sich der Abg. Struve zu folgender Bemerkung »zur Geschäftsordnung«: Nachdem der Präsident gegen ihn wegen des Rufes »schamlos« den Ordnungsruf verhängt habe, frage er an, »welchen Schritt er gegenüber dem Reichskanzler tun wird, der hier gesagt hat, der Ausdruck ist von einem Abgeordneten gefallen, welcher selbst keine Scham hat«? Noch ehe Präsident von Goßler antworten konnte, erklärte Fürst Bismarck: »Ich habe zu meiner Rechtfertigung zu bemerken, daß ich diese Äußerung getan habe, bevor der Herr Abgeordnete die Güte gehabt, sich zu nennen (Heiterkeit rechts). Nachdem er sich genannt hat, nehme ich den Ausdruck zurück. — Der Herr Abgeordnete kennt gewiß Scham (Heiterkeit).« [Illustration: ~Die afrikanische Venus~ Bismarck beginnt die deutsche Kolonialpolitik. (»Punch«, 20. Dez. 1884)] [Illustration: ~Die Zeit der erwachenden Kolonialbewegung~ Bismarck stellt die Frage: »Wohin werden wir jetzt gehen?« (»Punch«, 29. August 1885)] So wie Fürst Bismarck den ersten Schritt auf das weite Gebiet der sozialen Fürsorge wagte, so war er es auch, der den alten Gedanken des Großen Kurfürsten wieder aufnahm und in den Wettbewerb um das reiche Erbe der Welt eintrat. Er war es, der eine deutsche Kolonialmacht zu begründen versuchte und trotz aller Schwierigkeiten, die sich ihm vom Auslande her wie aus der Verständnislosigkeit der Fraktionen entgegenstellten, siegreich überwand. Er war es, dem wir es verdanken, daß die deutsche Flagge in fernen Weltteilen weht, daß der deutsche Name geachtet ist, wo immer es Menschen gibt, daß dem deutschen Handel und Gewerbefleiß sich neue weite Gefilde eröffneten, daß dem Überschuß an Volkskraft sich die Möglichkeit erschloß, unter dem Schutze des Reiches auch in die Ferne zu schweifen und nicht mehr wie bisher den Kulturdünger für fremde Nationen zu liefern. Das Parlament unter Bambergers Führung widerstrebte zwar den ersten Versuchen, aber im Volke hat der Gedanke schnell Wurzel geschlagen, und als der Kaufmann Lüderitz für seine Besitzung in Afrika den Schutz des Reiches erbat, da setzte der Kanzler, unbekümmert um den englischen Einspruch, die Anerkennung der deutschen Schutzherrschaft über Angra Pequena und Lüderitzland durch: Deutsche Schiffe wurden beauftragt, dem Entschluß Nachdruck zu verleihen, und nach London gingen so scharfe Noten, daß die englischen Minister es für richtig hielten, ihre drohende Sprache aufzugeben und die deutschen Rechte anzuerkennen. Aber im eigenen Lande fand schon die Dampfervorlage, die uns die Verbindung der fernen Erdteile mit dem Mutterlande sichern sollte, scharfe Opposition, obwohl Fürst Bismarck alsbald erklärte, daß es nicht seine Absicht sei, Provinzen zu gründen, sondern nur kaufmännische Unternehmungen in ihrer freien Entwicklung gegen Angriffe aus der unmittelbaren Nachbarschaft, gegen die Bedrückung und Schädigung durch andere europäische Mächte zu schützen. Man warf ihm frivole Abenteuerlust vor, man stellte sich etwa auf den Standpunkt, den einst der preußische Verkehrsminister gegen die Begründung der ersten Eisenbahnen einnahm, und stemmte sich jedem einzelnen Schritt, den der Kanzler versuchte, hartnäckig entgegen. So der Ausdehnung deutscher Gewalt auf einige Küstenpunkte von Guinea und auf Kamerun. Auch Windthorst, der Führer des Zentrums, wies immer wieder darauf hin, daß Deutschland, rings von Feinden umgeben, nicht auch die Kosten einer schweren maritimen Rüstung ertragen könne. Gewiß ahnte Bismarck, daß Albion jedem Versuche Deutschlands, sein Erbrecht an der Welt zu fordern, widerstehen werde; er wußte es auch, daß ein künftiger Waffengang mit dieser Nation, die für sich allein die Herrschaft über die Meere beansprucht, nicht zu vermeiden sei. Aber dieser Gedanke schreckte ihn nicht; er vertraute dem Sterne seines Volkes und der Kraft des von ihm geschaffenen Staates. Und wahrlich, dreißig Jahre später hat sich seine Hoffnung und sein Glaube bestätigt. [Illustration: Papst: »Hier hast du deine Karoline! Herr Kanzler, ich empfehl’ mich Ihne.« Der Papst, als Schiedsrichter angerufen, überweist die Karolinen an die Spanier. (»Frankfurter Laterne«, November 1885)] Hier in diesem Kampfe um das neue Deutschland hat Bismarck jenes wundervolle Gleichnis vom Völkerfrühling gebraucht, das noch immer in allen Herzen lebt. In seiner Rede vom 2. März 1885 hat er es angewandt: »Bei den fremden Nationen machen die Vorgänge in Deutschland ja sehr leicht den Eindruck, daß bei uns zwar unter Umständen, wie 1870, wie 1813, die geharnischten Männer aus der Erde wachsen wie aus der Saat der Drachenzähne in der griechischen Mythe in Kolchis, aber daß sich dann auch stets irgendein Zaubersteinchen der Medea findet, welches man zwischen sie werfen kann, worauf sie übereinander herfallen und sich so raufen, daß der fremde Jason ganz ruhig dabeistehen kann und zusehen, wie die deutschen gewaffneten Recken sich untereinander bekämpfen. Es liegt eine eigentümliche prophetische Voraussicht in unserem alten nationalen Mythus, daß sich, sooft es den Deutschen gut geht, wenn ein deutscher Völkerfrühling wieder, wie der verstorbene Kollege Völk sich ausdrückte, anbricht, daß dann auch stets der Loki nicht fehlt, der seinen Hödur findet, einen blöden dämlichen Menschen, den er mit Geschick veranlaßt, den deutschen Völkerfrühling zu erschlagen, respektive niederzustimmen.« Und dann zehn Tage später: »Ich habe mir neulich gestattet, eine Analogie aus der altgermanischen Mythologie zu zitieren, bei der ich das Wort ›Völkerfrühling‹ gebrauchte. Ich fürchte, daß ich dabei dunkler geblieben bin, als ich zu sein wünschte, und daß ich nicht deutlich ausgedrückt habe, was ich meinte; aber es liegt nicht in meiner Gewohnheit, mythologische Anspielungen weit auszuspinnen. Es war nur etwas, was — ich kann es nicht leugnen — mich in den letzten zwanzig Jahren ununterbrochen gequält und beunruhigt hat, diese Analogie unserer deutschen Geschichte mit unserer deutschen Göttersage. Ich habe unter dem Begriff ›Völkerfrühling‹ mehr verstanden als die Kolonialpolitik, ich habe meine Auffassung — ich will nicht sagen, so niedrig — aber so kurz in Zeit und Raum nicht gegriffen. Ich habe unter dem Frühling, der uns Deutschen geblüht hat, die ganze Zeit verstanden, in der sich — ich kann wohl sagen: — Gottes Segen über Deutschlands Politik seit 1866 ausgeschüttet hat, eine Periode, die begann mit einem bedauerlichen Bürgerkriege, der zur Lösung eines verschürzten gordischen Knotens unabweisbar und unentbehrlich war, der überstanden wurde, und zwar ohne die Nachwehen, die man davon zu befürchten hatte. Die Begeisterung für den nationalen Gedanken war im Süden wie im Norden so groß, daß die Überzeugung, daß diese — ich möchte sagen — ›chirurgische Operation‹ zur Heilung der alten deutschen Erbkrankheiten notwendig war: sobald sie sich Bahn brach, war auch aller Groll vergessen, und wir konnten schon im Jahre 1870 uns überzeugen, daß das Gefühl der nationalen Einheit durch das Andenken dieses Bürgerkrieges nicht gestört war, und daß wir alle als ›ein einig Volk von Brüdern‹ den Angriffen des Auslandes entgegentreten konnten. Das schwebte mir als ›Völkerfrühling‹ vor; daß wir darauf die deutschen Grenzländer wiedergewannen, die nationale Einheit des Reichs begründeten, einen deutschen Reichstag um uns versammelt, den Deutschen Kaiser wieder erstehen sahen, das alles schwebte mir als ›Völkerfrühling‹ vor. Dieser Völkerfrühling hielt nur wenige Jahre nach dem großen Siege vor. Aber dann kam, was ich unter dem Begriff ›Loki‹ verstand: der alte deutsche Erbfeind, der Parteihader, der in dynastischen und in konfessionellen, in Stammesverschiedenheiten und in den Fraktionskämpfen seine Nahrung findet, — der übertrug sich auf unser öffentliches Leben, auf unsere Parlamente, und wir sind angekommen in einem Zustand unseres öffentlichen Lebens, wo die Regierungen zwar treu zusammenhalten, im deutschen Reichstag aber der Hort der Einheit, den ich darin gesucht und gehofft hatte, nicht zu finden ist, sondern der Parteigeist überwuchert uns; und der Parteigeist, wenn er mit seiner Lokistimme den Urwähler Hödur, der die Tragweite der Dinge nicht beurteilen kann, verleitet, daß er das eigene Vaterland erschlage, der ist es, den ich anklage vor Gott und der Geschichte, wenn das ganze herrliche Werk unserer Nation von 1866 und 1870 wieder in Verfall gerät und durch die Feder hier verdorben wird, nachdem es durch das Schwert geschaffen wurde.« [Illustration: Bismarck hatte in der »Norddeutschen Allgemeinen Zeitung« einen »kalten Wasserstrahl« nach Frankreich gesandt. (»Le Grelot«, 2. Dezember 1883)] Wenn nun auch die Politik des Fürsten Bismarck oft und stark gegen Interessen verstieß, die andere Nationen vertraten, und wenn andererseits das »heilige Feuer der Revanche« in Frankreich immer noch hell zum Himmel lohte, so ist es ihm dennoch gelungen, mit Würde und Größe das Schiff, das die Germania trug, durch alle Fährnisse zu lenken. Seine große Schöpfung des Dreibundes hat sich durch lange Jahrzehnte bewährt; zu Rußland fand Fürst Bismarck trotz aller panslawistischen Umtriebe doch ein glückliches, fast freundschaftliches Verhältnis, nachdem Skobelew und Ignatiew beseitigt waren. Niemals waren vielleicht die Dreikaisermächte einander so nahe gekommen, wie im Anfang der achtziger Jahre. Niemals aber hat auf der anderen Seite England eine so scharfe Sprache vernommen, wie aus Bismarcks Munde, zumal als die britische Gewaltpolitik sich in Ägypten eine neue Beute suchte. [Illustration: ~Bismarcks Schützling~ Im Rüssel des Elefanten sitzt König Alfonso von Spanien. Er war als Gast des ersten Kaisers in Berlin gewesen, wurde Chef eines Straßburger Ulanenregiments und als Roi-Ulan auf der Rückreise in Paris auf das schwerste beschimpft. (»Puck«, November 1883)] [Illustration: Bismarck führt Österreich und Italien trotz der Erregung, die durch die irredentistischen Umtriebe entstand, wieder zusammen. (»Figaro«, Februar 1881)] Das Verhältnis zu Frankreich erhielt seine äußerste Schärfe in den Tagen, da General Boulanger davon träumte, gleich dem großen Korsen durch einen glücklichen Krieg zur Macht und vielleicht zum Kaiserthron zu gelangen. Hatte sich schon vorher die Stimmung in Frankreich unter dem Einfluß der hinterhaltigen Politik Gortschakows und der orleanistischen Fälschungen so verschärft, daß man gegen den König Alfonso von Spanien, als er als Gast in Frankreich weilte, die Pflichten der Gastlichkeit schnöde verletzte, nur weil er zum Chef eines preußischen Ulanenregimentes ernannt worden war, so spitzten sich die Beziehungen in gefährlichster Weise zu, als Boulanger in Frankreich Kriegsminister wurde. Drohungen klangen fast täglich über den Rhein, der Stil der Presse erhob sich zu wilder Leidenschaft, der Krieg stand auf des Messers Schneide. Vergessen war es, daß in den Jahren vorher das Verhältnis der beiden Nationen sich so günstig gestaltet hatte, daß man in einer Reihe von Fragen freundschaftlich zusammenging. Vergessen waren die Mahnungen Jules Ferrys, von einer Politik des Schmollens und Grollens abzulassen — der Revanchegedanke ergriff das ganze französische Volk und zwang den Fürsten Bismarck zur schärfsten Abwehr. Eine neue große Wehrvorlage war die erste Antwort auf das Gesetz Boulangers, das die allgemeine dreijährige Dienstzeit und zugleich eine ungeheure Summe für Heereszwecke verlangte. Als aber der Reichstag das, was der Kanzler verlangte, verwarf, als er das Septennat ablehnte und nur einen begrenzten Teil der Forderungen an Geld und Mannschaft bewilligen wollte, da löste Bismarck das widerspenstige Parlament auf, und noch einmal stürzte er sich in einen Wahlkampf, wie er ihn einst in der Konfliktszeit durchgefochten hatte. Der Kartellreichstag war der Lohn. Einer gesicherten Mehrheit von 222 standen nur 174 Stimmen der Opposition entgegen. In Sachsen war kein einziger Sozialist gewählt worden. Der Freisinn sank von 67 auf 32 Mandate. Hatte die unnationale Haltung des Reichstags vorher die Hoffnung Boulangers auf das äußerste belebt, so war die indirekte Folge dieses Wahlausganges das ruhmlose Ende des abenteuernden Generals, der zuletzt durch die eigene Hand auf dem Grabe seiner Mätresse in Brüssel sich das Leben nehmen sollte. [Illustration: ~Boulanger vor dem Spiegel~ Boulanger: »=Sacré Dieu!= Frappante Ähnlichkeit! Bald wird es heißen ›Boulanger =I.=, Kaiser von Frankreich‹.« Bismarck: »Jejen die Generalprobe hätte ich nu jar nischt einzuwenden. Die Aufführung von det Spektakelstück dürfte jedoch wejen unvorherjesehener Hindernisse abgesagt werden.« (»Der Floh«, 27. Juni 1886)] Aber noch ehe sein Schicksal besiegelt wurde, drohten seine kriegerischen Absichten dennoch der Erfüllung entgegenzureifen. Ein französischer Spion mit Namen Schnäbele hatte deutschen Boden in der Nähe der Grenze betreten und war von Gendarmen festgenommen worden. Gegen ihn lagen die überzeugendsten Beweise vor. Aber in Frankreich, wo man der Lüge Boulangers glaubte, daß Schnäbele völkerrechtswidrig herübergelockt oder gar auf französischem Boden gefangen genommen worden sei, erhob sich alsbald eine ungeheure Erregung. Fürst Bismarck aber lehnte es ab, um einer Lappalie willen einen Weltkrieg zu entflammen. In jenen Zeiten der nahen Gefahr hat Bismarck eine Reihe von Reden gehalten, so gewaltig, so staatsmännisch tief und so wuchtig, daß sie auch heute noch als Meisterstücke deutscher Redekunst gelten. Und doppelt stark wirkt ihr Gewicht gerade in einer Zeit, in der all die Gefahren, die einstmals drohten, heraufgezogen sind und sich zu einem schweren und schwarzen Gewitter ballten, das sich heute auf Europas Fluren entladet. Niemals aber hat eine Rede eine solche Wirkung erzielt wie jener Aufruf an die deutsche Nation vom 6. Februar 1888, deren Leitwort: »Wir Deutschen fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt!« das Leitwort des Volkes geworden ist. In einem grandiosen Überblick über die Geschichte der letzten Jahrzehnte stellte Fürst Bismarck hier fest, daß Deutschland wiederholt dem Ausbruch des Krieges viel näher war, als die parlamentarische Schulweisheit es träumen mochte, daß durch lange Jahrzehnte eine ununterbrochene Kriegsgefahr bestand, die nur mit aller Anstrengung vermieden werden konnte. Das Verhältnis zu Rußland sei allerdings immer günstig gewesen, aber schon nach dem Berliner Kongreß hätten die Intrigen Gortschakows ihm den Zwang auferlegt, sich nach einem Verbündeten umzusehen, da sogar »Kriegsdrohungen von der kompetentesten Seite« erfolgten. So sei das Bündnis mit Österreich entstanden, dessen Publikation vor wenigen Tagen erfolgt war. Dann fuhr Bismarck fort: [Illustration: Bismarck als Bulldogge auf Jules Ferry reitend. Unter dem Ministerium dieses Mannes gelang es Bismarck, mit Frankreich in einer Reihe von Fragen (Bulgarien, Ägypten, Kolonialpolitik) friedlich zusammenzugehen. (»Le Grelot«, 19. Oktober 1884)] [Illustration: ~Die belgische Neutralität~ »Mit welcher Sauce möchtest du gegessen werden?« — »Aber ich will ja gar nicht gegessen werden.« — »Du hast gar nichts zu sagen.« Die Zeit der Größe Boulangers. Im Mittelpunkt der Erörterung für den Fall eines Krieges steht die Frage der belgischen Neutralität. (»Le Grelot«, 20. Februar 1887)] Der =Furor teutonicus= »Auch eine bessere Bewaffnung müssen wir anschaffen, denn wenn wir eine Armee von Triariern bilden, von dem besten Menschenmaterial, das wir überhaupt in unserem Volke haben, von den Familienvätern über dreißig Jahre, dann müssen wir auch für sie die besten Waffen haben, die es überhaupt gibt (Bravo!); wir müssen sie nicht mit dem in den Kampf schicken, was wir für unsere jungen Linientruppen nicht für gut genug halten (sehr gut!), sondern der feste Mann, der Familienvater, diese Hünengestalten, deren wir uns noch erinnern können aus der alten Zeit, wo sie die Brücke von Versailles besetzt hatten, müssen auch das beste Gewehr an der Schulter haben, die vollste Bewaffnung und die ausgiebigste Kleidung zum Schutz gegen Witterung und alle äußeren Vorkommnisse. (Lebhaftes Bravo.) Da dürfen wir nicht sparen. Aber ich hoffe, es wird unsere Mitbürger beruhigen, wenn sie sich nun wirklich den Fall denken, an den ich nicht glaube, daß wir von zwei Seiten gleichzeitig überfallen würden — die Möglichkeit ist ja, wie ich Ihnen vorhin an dem vierzigjährigen Zeitraum entwickelt habe, für alle möglichen Koalitionen doch immer vorhanden —, wenn das eintritt, so können wir an jeder unserer Grenzen eine Million guter Soldaten in Defensive haben. Wir können dabei Reserven von einer halben Million und höher, auch von einer ganzen Million, im Hinterlande behalten und nach Bedürfnis vorschieben. Man hat mir gesagt: das wird nur die Folge haben, daß die anderen auch noch höher steigen. Das können sie nicht. (Bravo! — Heiterkeit.) Die Ziffer haben sie längst erreicht ... Die Tapferkeit ist ja bei allen zivilisierten Nationen gleich; der Russe, der Franzose schlagen sich so tapfer wie der Deutsche; aber unsere Leute, unsere 700000 Mann sind kriegsgedient, =rompus au métier=, ausgediente Soldaten, und die noch nichts verlernt haben. Und was uns kein Volk in der Welt nachmachen kann: wir haben das Material an Offizieren und Unteroffizieren, um diese ungeheure Armee zu kommandieren. (Bravo!) Das ist, was man nicht nachmachen kann. Dazu gehört das ganz eigentümliche Maß der Verbreitung der Volksbildung in Deutschland, wie es in keinem anderen Lande wieder vorkommt. Das Maß von Bildung, welches erforderlich ist, um einen Offizier und Unteroffizier zum Kommando zu befähigen nach den Ansprüchen, die der Soldat an ihn macht, existiert bei uns in sehr viel breiteren Schichten als in irgendeinem anderen Lande. Wir haben mehr Offiziermaterial und Unteroffiziermaterial als irgendein anderes Land, und wir haben ein Offizierkorps, welches uns kein anderes Land der Welt nachmachen kann. (Bravo!) Wenn wir in Deutschland einen Krieg mit der vollen Wirkung unserer Nationalkraft führen wollen, so muß es ein Krieg sein, mit dem alle, die ihn mitmachen, alle, die ihm Opfer bringen, kurz und gut, mit dem die ganze Nation einverstanden ist; es muß ein Volkskrieg sein; es muß ein Krieg sein, der mit dem Enthusiasmus geführt wird, wie der von 1870, wo wir ruchlos angegriffen wurden. Es ist mir noch erinnerlich der ohrengellende freudige Zuruf am Kölner Bahnhofe, und so war es von Berlin bis Köln, so war es hier in Berlin. Die Wogen der Volkszustimmung trugen uns in den Krieg hinein, wir hätten wollen mögen oder nicht. So muß es auch sein, wenn eine Volkskraft wie die unsere zur vollen Geltung kommen soll. Es wird aber sehr schwer sein, den Provinzen, den Bundesstaaten und ihren Bevölkerungen das klarzumachen: Der Krieg ist unvermeidlich; er muß sein. Man wird fragen: Ja, seid ihr denn dessen so sicher? Wer weiß? Kurz, wenn wir schließlich zum Angriff kommen, so wird das ganze Gewicht der Imponderabilien, die viel schwerer wiegen als die materiellen Gewichte, auf der Seite unserer Gegner sein, die wir angegriffen haben. Das ›heilige Rußland‹ wird entrüstet sein über den Angriff. Frankreich wird bis an die Pyrenäen hin in Waffen starren. Ganz dasselbe wird überall geschehen. Ein Krieg, zu dem wir nicht vom Volkswillen getragen werden, der wird geführt werden, wenn schließlich die verordneten Obrigkeiten ihn für nötig halten und erklärt haben; er wird auch mit vollem Schneid und vielleicht siegreich geführt werden, wenn man erst einmal Feuer bekommen und Blut gesehen hat. Aber es wird nicht von Hause aus der Elan und das Feuer dahinter sein wie in einem Kriege, wenn wir angegriffen werden. Dann wird das ganze Deutschland von der Memel bis zum Bodensee wie eine Pulvermine aufbrennen und von Gewehren starren, und es wird kein Feind wagen, mit diesem =Furor teutonicus=, der sich bei dem Angriff entwickelt, es aufzunehmen. (Bravo!) Es ist nicht die Furcht, die uns friedfertig stimmt, sondern gerade das Bewußtsein unserer Stärke, das Bewußtsein, auch dann, wenn wir in einem minder günstigen Augenblicke angegriffen werden, stark genug zu sein zur Abwehr und doch die Möglichkeit zu haben, der göttlichen Vorsehung es zu überlassen, ob sie nicht in der Zwischenzeit doch noch die Notwendigkeit eines Krieges aus dem Wege räumen wird ... Wir können durch Liebe und Wohlwollen leicht bestochen werden — vielleicht zu leicht —, aber durch Drohungen ganz gewiß nicht! (Bravo!) Wir Deutschen fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt (lebhaftes Bravo), und die Gottesfurcht ist es schon, die uns den Frieden lieben und pflegen läßt. Wer ihn aber trotzdem bricht, der wird sich überzeugen, daß die kampfesfreudige Vaterlandsliebe, welche 1813 die gesamte Bevölkerung des damals schwachen, kleinen und ausgesogenen Preußens unter die Fahnen rief, heutzutage ein Gemeingut der ganzen deutschen Nation ist, und daß derjenige, welcher die deutsche Nation irgendwie angreift, sie einheitlich gewaffnet finden wird und jeden Wehrmann mit dem festen Glauben im Herzen: ›Gott wird mit uns sein!‹« [Illustration: ~Der Dreibund im Hypodrom~ (»Le Grelot«, 30. Juni 1889)] Und die Vorlage wurde unter dem Eindruck dieser gewaltigen Rede einstimmig angenommen. Und doch war der Kanzler schwerleidend gewesen, als er sie hielt, mehrmals mußte er sich, um sich zu erholen, auf seinen Platz niederlassen. Aber je weiter er sprach, desto höher wuchs er selbst empor, und mit ihm die Hörer, desto durchgeistigter wurden seine Züge, desto tiefer der Eindruck, daß er in Wahrheit des Gottes voll sei. Ohne Beratung in der Kommission ging das Gesetz durch. Wie eine Flamme aber war die Rede durch die Welt geflogen. Als Fürst Bismarck hinausschritt unter die harrende Menge, um eines Hauptes Länge sie überragend, den Prophetenblick in unendliche Fernen gerichtet, da entblößten alle schweigend den Kopf, und er schritt dahin, gleich einem Seher altvergangener Zeit, bis er im Tore seines Hauses verschwand. Und auch durch die Welt zuckte der Strahl — diese Rede war in Wahrheit eine Tat geworden. Und sie wirkte weit hin und vertrieb das Gewölk, das am Horizonte sich ballte, und friedlich konnte Kaiser Wilhelm den Abend seines Lebens beschließen. Es war die letzte große Freude, die Kaiser Wilhelm noch erlebte. Wenig mehr als ein Monat verging, und das deutsche Volk trauerte um seinen geliebten und gütigen Herrn. Am 1. März war Kaiser Wilhelm noch bei voller Gesundheit gewesen, zwei Tage darauf aber erkrankte er an einer leichten Erkältung, und bald trat ein ernstes Nierenleiden hinzu. Am 7. März nahm die Krankheit eine ernste Wendung. Es mochte den greisen Herrn auch die Trauernachricht tief bedrücken, die von seinem Sohne aus dem Süden und von seinem unheilbaren Leiden kam. An diesem Tage eilte Fürst Bismarck in das Palais seines alten Herrn und verweilte dort länger als drei Stunden. In dieser Audienz genehmigte der Kaiser den Erlaß, dem Prinzen Wilhelm, der später Deutschlands dritter Kaiser wurde, seine Stellvertretung zu übertragen; hier gab er auch die letzte Unterschrift seines Lebens, durch die der Reichstag geschlossen werden sollte. Auch am Mittag des nächsten Tages äußerte der Kaiser den Wunsch, den Gefährten seiner Kämpfe zu sehen. Sofort eilte Bismarck herbei zu der letzten Unterredung mit seinem teuren Herrn. Noch einmal erörterte mit ihm der Kaiser klar und sicher die politische Lage und richtete Worte heißen Dankes an den Mann, der sein Ratgeber zu Glück und Größe gewesen war. Als dann der Kanzler noch einmal an das schlichte Eisenbett herantrat, erkannte der Kaiser den Freund nicht mehr; die letzten Worte, die von seinen Lippen drangen, haben gelautet: »Ich habe jetzt keine Zeit, müde zu sein!« [Illustration: »~Der Zerschmetterer~« Österreich und Italien lecken Bismarck die Stiefel. Er selbst ruft aus: »Fürchtet Gott und — den Humpen.« (»Le Grelot«, 19. März 1888)] Am 9. März morgens ½9 Uhr ist Kaiser Wilhelm entschlafen. Mittags trat der Reichstag zusammen; der Kanzler erbat sich das Wort, und während er mit zitternder Stimme und mit tiefer Bewegung zu reden begann, erhob sich das ganze Haus von seinen Sitzen. Und Bismarck sprach: [Illustration: Bismarck am Marterpfahl, der die Inschrift trägt: »Die Eroberung von Elsaß-Lothringen ist ein Raub, nichts anderes. Gewiß, sie ist eine Tatsache, aber Tatsachen schaffen noch kein Recht. Victor Hugo.« (»Le Pilori«, 1887)] [Illustration: Bismarcks Alp. (»Le Forum«, Mai 1887)] Die Grabrede auf den alten Kaiser »Es steht mir nicht zu, meine Herren, von dieser amtlichen Stelle aus den persönlichen Gefühlen Ausdruck zu geben, mit welchen mich das Hinscheiden meines Herrn erfüllt, das Ausscheiden des ersten Deutschen Kaisers aus unserer Mitte. Es ist dafür auch kein Bedürfnis, denn die Gefühle, die mich bewegen, die leben in den Herzen eines jeden Deutschen; es hat deshalb keinen Zweck, sie auszusprechen. Aber das eine glaube ich Ihnen doch nicht vorenthalten zu dürfen, nicht von meinen Empfindungen, sondern von meinen Erlebnissen: daß inmitten der schweren Schickungen, welche der von uns geschiedene Herr in seinem Hause noch erlebt hat, es zwei Tatsachen waren, welche ihn mit Befriedigung und Trost erfüllten. Die eine war die, daß die Leiden seines einzigen Sohnes und Nachfolgers, unseres jetzigen regierenden Herrn, die ganze Welt — nicht nur Deutschland, sondern alle Weltteile, kann man sagen; ich habe noch heute ein Telegramm aus Neuyork in dieser Beziehung erhalten — mit einer Teilnahme erfüllt haben, die beweist, welches Vertrauen sich die Dynastie des deutschen Kaiserhauses bei allen Nationen erworben hat. Es ist dies ein Erbteil, kann ich wohl sagen, welches des Kaisers lange Regierung dem deutschen Volke hinterläßt. Das Vertrauen, das die Dynastie erworben hat, wird sich auf die Nation übertragen, trotz allem, was dagegen versucht wird. Die zweite Tatsache, in der Seine Majestät einen Trost in manchen schweren Schickungen empfand, war die, daß der Kaiser auf die Entwicklung seiner Hauptlebensaufgabe, der Herstellung und Befestigung der Nationalität des Volkes, dem er als deutscher Fürst angehört hatte, — daß der Kaiser auf die Entwicklung, welche die Lösung dieser Aufgabe inzwischen genommen hatte, mit einer Befriedigung zurückblickte, welche den Abend seines Lebens verschönt und beleuchtet hat. Es trug dazu namentlich in den letzten Wochen die Tatsache bei, daß mit einer seltenen Einstimmigkeit aller Dynastien, aller verbündeten Regierungen, aller Stämme in Deutschland, aller Abteilungen des Reichstags dasjenige beschlossen wurde, was für die Sicherstellung der Zukunft des Deutschen Reiches auf jede Gefahr hin, die uns bedrohen könnte, als Bedürfnis von den verbündeten Regierungen empfunden wurde. Diese Wahrnehmung hat Seine Majestät mit großem Troste erfüllt, und noch in der letzten Beziehung, die ich zu meinem dahingeschiedenen Herrn gehabt habe — es war gestern — hat er darauf Bezug genommen, wie ihn dieser Beweis der Einheit der gesamten deutschen Nation, wie er durch die Volksvertretung hier verkündet worden ist, gestärkt und erfreut hat. Ich glaube, meine Herren, es wird für Sie alle erwünscht sein, dieses Zeugnis, das ich aus eigener Wahrnehmung für die letzten Stimmungen unseres dahingeschiedenen Herrn ablegen kann, mit in Ihre Heimat zu nehmen, weil jeder einzelne von Ihnen einen Anteil an dem Verdienste hat, welches dem zugrunde liegt. Meine Herren, die heldenmütige Tapferkeit, das nationale hochgespannte Ehrgefühl und vor allen Dingen die treue, arbeitsame Pflichterfüllung im Dienste des Vaterlandes und die Liebe zum Vaterlande, die in unserem dahingeschiedenen Herrn verkörpert waren, mögen sie ein unzerstörbares Erbteil unserer Nation sein, welches der aus unserer Mitte geschiedene Kaiser uns hinterlassen hat! Das hoffe ich zu Gott, daß dieses Erbteil von allen, die wir an den Geschäften unseres Vaterlandes mitzuwirken haben, in Krieg und in Frieden, in Heldenmut, in Hingebung, in Arbeitsamkeit, in Pflichttreue treu bewahrt bleibe.« [Illustration: Bismarck im Reichstag. Der Friedensengel und der Kriegsgott sind gleicherweise erstaunt, als sie seine Rede vernehmen: »Wir Deutschen fürchten Gott ...« (»Figaro«, 7. April 1888)] Mit den Worten: »Keines Menschen Mund kann dem Schmerze Ausdruck geben, der ganz Deutschland erfüllt«, schloß der Präsident die Sitzung. Das tiefe und warme Urteil aber, das Bismarck in seinem letzten Nachruf seinem alten Herrn gewidmet hat, hielt er fest in all den Bitternissen der späteren Zeit, und noch die Grabschrift, die er sich gewählt, ist ein rührendes Zeugnis der Treue und ein ergreifendes Bekenntnis zu Kaiser Wilhelm dem Ersten. * * * * * [Illustration: ~Die deutsche Küche~ Bismarck zu seinem Gretchen: »Man muß die Eier zerschlagen, wenn man eine Omelette backen will.« Bismarck als Koch, Kaiser Wilhelm als Gretchen, daneben auf dem Küchenstuhle Moltke als Kater. (»Triboulet«, 1888)] Die Sonne Bismarcks war hinabgesunken; ein langes Leben gemeinsamer großer Arbeit war vorüber. Aber sternenklar blieb auch der Abend. Und auch der Inhalt dieses letzten Teiles eines heroischen Daseins ist bedeutend gewesen, ja, es konnte geschehen, daß zuletzt Fürst Bismarck, als er des Amtes entlassen war, noch über die eigene Größe hinauswuchs. Nur ein kurzer Abschnitt noch — zwei Jahre, dann hat das »Niemals« des alten Kaisers seine Geltung verloren, und nur aus der Ferne des Sachsenwaldes vernahm die Nation noch die Stimme des getreuen Eckart. * * * * * Den ganzen Reichtum zu erschöpfen, den das Leben des Fürsten Bismarck in der Zeit all der vergangenen Kämpfe bot, ist unmöglich. Nur hier und da mag aus der Fülle seines Erlebens noch ein einzelner Zug herausgehoben und anekdotenartig verzeichnet werden. [Illustration: Faust: »Ich grüße dich, du einzige Phiole, Die ich mit Andacht nun herunterhole! — — — — — — — — — — — — — Erweise deinem Meister deine Gunst.« Bismarck als Faust vor der Wahlurne, aus der der Kartellreichstag hervorgehen soll. (»Kladderadatsch«, Februar 1887)] Der Tod des Reitknechtes Als des Kanzlers einstiger Reitknecht Hildebrandt gestorben war, den er einst vom Tode des Ertrinkens gerettet, empfing er die Nachricht durch den Bruder, der gleichfalls lange in seinen Diensten gestanden hatte und dann nach Chikago ausgewandert war. Ihm schrieb Fürst Bismarck folgenden eigenhändigen Brief: »Lieber Hildebrandt! Ihren Brief vom 9. habe ich erhalten und mich gefreut, daß es Ihnen gut geht, wenn Sie auch im Laufe der Zeit von Trauerfällen nicht verschont geblieben sind. Ihr Bruder war danach älter, wie ich glaubte. Ihre erste Frau war 1851 ein ganz junges Mädchen, ist also nicht alt geworden. Ich freue mich, daß Sie auch mit der jetzigen glücklich leben und daß sie noch an Deutschland denkt. August wird wohl ein feiner Yankee geworden sein. Mir geht es insoweit gut, als die Meinigen nach Gottes Gnade leben und gesund sind und meine Tochter mir zwei Enkel geschenkt hat; meine Söhne sind leider noch nicht verheiratet; Herbert ist bei der Botschaft in London; der Jüngste arbeitet hier unter mir; beide sind Gott sei Dank gesund, was ich von meiner Frau leider nicht immer sagen kann, und von mir gar nicht; ich jage nicht mehr und reite selten, weil ich zu matt bin, und wenn ich nicht bald mich zur Ruhe setze, so wird meine Lebenskraft verbraucht sein. Wie alt sind Sie jetzt? und was für ein Geschäft treiben Sie, oder haben Sie sich schon zur Ruhe gesetzt? Ihrer Frau können Sie sagen, daß Lauenburg sich sehr aufnimmt; ich bin im Herbst seit dreißig Jahren wieder dort gewesen, bin auch Ehrenbürger der Stadt und grüße als solcher Ihre Frau besonders.« Ein Stammbuchvers Das Album einer fürstlichen Frau fand, nachdem Moltke sich darin eingetragen, mit den Worten »Schein vergeht, Wahrheit besteht« auch Zugang zu Bismarck, der unter Moltkes Worte den Vers schrieb: »Ich glaube, daß in jener Welt Die Wahrheit stets den Sieg behält, Doch mit der Lüge dieses Lebens Kämpft unser Marschall selbst vergebens.« Fraktur Sehr kräftig hat der Kanzler seine Abneigung gegen deutsche in lateinischer Schrift gedruckte Bücher und auch gegen die neue, von dem Minister von Puttkamer eingeführte Orthographie ausgesprochen. Es geschah dies in einem Dankschreiben aus Varzin an die Naturforscher Karl und Adolf Müller in Kassel, die ihm ein Werk über die Tiere der Heimat zugesandt hatten. »Die fesselnde Schilderung und die naturgetreuen Abbildungen haben die Abneigung überwunden,« schrieb er ihnen, »welche mich sonst abhält, deutsche Bücher mit lateinischen Lettern zu lesen, weil ich mit der Zeit, welche Geschäfte und Gesundheit zu meiner Verfügung lassen, haushälterisch umgehen muß. Ich brauche erfahrungsmäßig 80 Minuten, um die Seitenzahl in lateinischer Schrift zu lesen, die =more vernaculo= (nach allgemeiner Sitte) gedruckt, eine Stunde erfordert. Französisch oder Englisch mit deutschen Lettern gedruckt, oder Deutsch mit griechischen, wird jedem Leser, auch dem mit allen Alphabeten gleichmäßig vertrauten, die gleichen Schwierigkeiten machen. Der gebildete Leser liest nicht Buchstabenzeichen, sondern Wortzeichen. Ein deutsches Wort in lateinischen Buchstaben ist ihm eine ebenso fremde Erscheinung, als Ihnen ein griechisches Wort in deutschen Buchstaben sein würde, und nötigt zu langsamerem Lesen, geradeso wie die neuerdings eingeführte willkürliche Entstellung unserer hergebrachten Orthographie. Verzeihen Sie diesen Ausbruch verhaltenen Unbehagens eines einsamen Lesers und sehen Sie in demselben kein Symptom von Undankbarkeit für Ihre freundliche Gabe, bei deren ansprechender Lektüre ich die Nationalität der Typen gern vergesse.« [Illustration: Ein Neujahrsgeschenk. (»Don Quichotte«, 31. Dezember 1887)] Die Getreuen von Jever Bekanntlich schickten die Getreuen von Jever dem Kanzler jährlich zu seinem Geburtstage 101 Kiebitzeier. Dies geschah am 68. Geburtstage mit folgenden Vers: Fast as de Diek üm Jeverland Schlungst Du üm’t dütsche Land dat Band. As üm dat Jeverland den Diek — Schütz Gott den Diekhauptmann von’t Riek! Die Getreuen in Jever. Fürst Bismarck ließ den freundlichen Spendern diesmal durch den preußischen Gesandten in Oldenburg eine Gegengabe übermitteln. Es war ein silberner Becher in Gestalt eines Kiebitzeies. Außen hatte er die Farbe des Kiebitzeies, innen war er vergoldet. Den Deckel bildete ein Kiebitzkopf; die innere Fläche war mit dem Wappen des Reichskanzlers geziert. Das Ganze ruhte auf einem Kiebitzfuß. Diese Gegengabe begleitete Bismarck mit folgendem Schreiben vom 22. April: »Den ›Getreuen in Jever‹ danke ich herzlichst für die Kiebitzeier und die guten Wünsche, mit denen Sie mich auch in diesem Jahre zu meinem Geburtstage erfreut haben. Gestatten Sie mir, meinem Dank wenigstens durch ~ein~ Ei Ausdruck zu geben, von einem Berliner Kiebitz gelegt. Ich bitte Sie, dasselbe als Andenken zur Benutzung bei gelegentlichem Umtrunk der ›Getreuen‹ freundlich entgegenzunehmen, und ich würde mich freuen, wenn ich einem Mitgliede Ihres liebenswürdigen Kreises für das Wohlwollen, welches Sie mir zehn Jahre hindurch bewiesen haben, meinen Dank bei gelegentlicher Anwesenheit in Berlin auch mündlich aussprechen könnte.« Mondschein Zu einem seiner Geburtstage hatte der berühmte humoristische Charakterdarsteller Karl Helmerding dem Fürsten folgendes Glückwunschtelegramm gesandt: »Goethe soll im Sterben ausgerufen haben: ›Mehr Licht!‹ Möge die ~Sonne~, welche seinem Wunsche Erfüllung gab, uns noch recht lange leuchten!« — Bismarck erwiderte, gleichfalls telegraphisch: »An den Schauspieler Helmerding! 1. April 1875. Herzlichen Dank! Aber die lieblose Anspielung mit ~Mondschein~ gerade heut’, bei sechzig voll? von Bismarck.« Wie er Modell saß Professor Fritz Schaper sollte das Kanzlerdenkmal für Köln ausführen, mußte sich aber damit begnügen, ihn einigemal in der Nähe zu sehen, ohne daß ihm der Fürst als Modell saß. Dafür aber erhielt der Künstler den vollständigen Anzug des Kanzlers, und in diesen wurde ein Berliner Schutzmann gesteckt, der die gleiche Körperbildung wie Bismarck besaß. Fünf Jahre später hatte der Bildhauer eine Büste für den 70. Geburtstag des Reichskanzlers herzustellen. Damals traf er es besser. Er war von Bismarck zu Tisch geladen, aber der Kanzler mochte wohl geglaubt haben, daß die Betrachtung bei der Tafel genüge. Doch als nach Ende des Mahls der Fürst seine Pfeife angezündet hatte, zog plötzlich Schaper sein Handwerkszeug hervor, sagte nur: »Erlauben Sie, Durchlaucht«, und begann den Kopf abzumessen. Dabei hatte er freilich einen Umstand nicht berücksichtigt, nämlich — Tyras, der wütend auf den Künstler lossprang, jedoch schnell zur Ruhe verwiesen wurde. So konnte Schaper, maßgeblich für alle Kollegen, die Größenverhältnisse des gewaltigen Kopfes feststellen. Damit der Fürst bei dieser für ihn langweiligen Messung nicht ungeduldig würde, suchte ihn Schaper nach Kräften zu unterhalten und erzählte dabei ein Histörchen, zu dessen Verständnis daran erinnert sei, daß Bismarck sich einmal den weißen Vollbart hatte wachsen lassen. Ein Schalk — so erzählte nun Schaper — sei während des Karnevals auf das Standbild geklettert und habe dem Kopfe mit — Schlagsahne den Vollbart verliehen; das sei dem Übermütigen freilich schlecht bekommen, denn man habe ihn eingesperrt. Bismarck bemerkte: »Das hätte man mir telegraphieren sollen, ich hätte sofort seine Freilassung verfügt!« Die Ägyptische Frage Fürst Bismarck wurde einst von einem gern das große Wort führenden Industriellen, der sich sehr vertraulich zu dem Reichskanzler zu gebärden pflegte, gefragt: »Nun, Durchlaucht, wie wird es jetzt mit der Ägyptischen Frage?« Sehr ruhig antwortete ihm der Fürst mit seiner »wurstigen« Miene: »Daß weiß ich nicht, Herr Kommerzienrat, ich habe heute die Zeitungen noch nicht gelesen.« Noch ein Vers Bismarcks Einmal erhielt der Fürst zum Geburtstage von den Stammgästen im »Halben Monde« zu Weißenfels folgenden Glückwunsch: »Durchlaucht, wir gratulieren. Sie sind das zwar gewohnt, Doch selten mag’s passieren Von Gästen aus dem Mond.« Umgehend erfolgte Bismarcks Antwort: »Daß mir Gratulationen Vom Monde zugedacht, Wo selten Gäste wohnen, Das hätt’ ich nie gedacht.« [Illustration: ~Zeus und die polnische Danaë~ Nicht um sie zu besitzen, sondern um sie mit guter Manier loszuwerden, versetzt er der (Polenvorlage) Danaë eins mit dem gütererwerbenden Dreihundert-Millionen-Goldregen. (»Ulk«, Februar 1886)] Wie man lästige Besuche entfernt Lord Odo Russell, der englische Gesandte am deutschen Hofe, besuchte eines Tages den Fürsten Bismarck in dessen Palais in der Wilhelmstraße in Berlin. Im Laufe der Unterredung meinte der Lord, daß ein Mann wie der Reichskanzler wohl recht oft von lästigen Menschen heimgesucht werde. »Das sei Gott geklagt«, versetzte seufzend der Fürst. »Sie haben aber doch jedenfalls das eine oder andere Mittel, sich solche Leute schnell vom Halse zu schaffen?« »Ei freilich«, schmunzelte Bismarck. »Eines meiner besten ist, daß ich mich durch meine Frau unter diesem oder jenem Vorwande abrufen lasse. Natürlich darf dann der Besucher auch nicht länger bleiben.« Diese Worte waren kaum gesprochen, als die Fürstin hereintrat und mit harmloser Miene bemerkte: »Otto, es ist an der Zeit, deine Medizin zu nehmen, vergiß es nicht.« Der Lord faßte die Sache von der heiteren Seite auf; er brach in ein schallendes Gelächter aus und empfahl sich. Ein löblicher Kanzler Einen bemerkenswerten Glückwunsch erhielt Fürst Bismarck zu seinem 70. Geburtstage von den Lehrern der Kreisschulinspektion zu Lüdenscheid. Es war wohl das originellste Telegramm, welches der Fürst unter den Tausenden von Depeschen am 1. April empfing. Dasselbe lautete: Fürst Bismarck, Berlin. Sirach 10, Vers 5. Die Schulinspektion zu Lüdenscheid. Die zitierte Bibelstelle enthält die Worte: »Es stehet in Gottes Händen, daß es einem Regenten gerate; derselbige gibt ihm einen löblichen Kanzler.« Von der öffentlichen Meinung »Sie kennen,« so sagte der Kanzler einmal zu Wagener, »unzweifelhaft den Ausspruch des alten Napoleons, daß drei schreiende Weiber mehr Lärm machen als tausend schweigende Männer. Man tut deshalb auch sehr unrecht, den schreienden Weibern der öffentlichen Meinung irgendeine größere Bedeutung beizulegen. Die wahre öffentliche Meinung ist die, welche sich aus gewissen politischen, religiösen und sozialen Vordersätzen in einfachster Fassung in der Tiefe des Volkslebens erzeugt und regt, und diese zu erkennen und zum Durchbruch zu bringen, das ist die eigentliche Begabung und Aufgabe des starken Mannes. Ich möchte sie die Unterströmung der öffentlichen Meinung nennen. Ich habe deshalb auch nie mit den eigentlichen Parlamentsschreiern gerechnet und habe gerade deshalb die Genugtuung gehabt, die öffentliche Meinung, auf die ich Wert lege, in nachhaltiger Weise für mich zu gewinnen. Die Paulskirche in Frankfurt und das Unionsparlament in Erfurt waren in der Tat eine Versammlung ausgezeichneter Redner, und doch, was ist von denselben übrig geblieben? Versunken und vergessen, das ist des Sängers Fluch.« [Illustration: Deutschland hat auf der Pariser Ausstellung einen Riesenglobus ausgestellt. Der Globus gefiele den Franzosen schon, aber das, was oben sitzt, nicht. (»Hum. Blätter«, Febr. 1888)] Vom Werte des Ruhmes »Es ist nicht gerade sehr angenehm,« sagte Bismarck einmal zum Geheimrat Wagener, »weder auf vierzehn Schritt belorgnettiert, noch auf vier Schritt beschossen zu werden, und das bißchen Eitelkeit, das in dem Angestauntwerden seine Befriedigung findet, hält nicht lange vor. Alle die kleinen Eitelkeiten des Lebens haben nur so lange Reiz, wie man sie nicht besitzt. Sobald man sie erreicht hat, gilt von allen der Ausspruch des Königs Salomo, daß es eitel ist und keine wahre Befriedigung gewährt. Ich begreife deshalb auch nicht, wie ein Mensch dieses Leben ertragen kann, der nicht an ein anderes und besseres glaubt.« Der Sicherheitsknüppel Nach dem Kullmannschen Attentat trug Herr von Rottenburg, wenn er den Kanzler in Kissingen begleitete, stets einen Revolver bei sich, Bismarck gleichfalls. Eines Tages traf dort aus London ein mächtiger Knüppel ein, wie ihn die Londoner Policemen tragen, mit der Zuschrift: »Haben Sie acht.« Als Rottenburg den Fürsten hierauf aufmerksam machte, lehnte dieser seine Begleitung mit den Worten ab: »Ich bin in Gottes Hand!« [Illustration: Bismarck als Drachen zwischen dem als kriegerisch gedachten Kronprinzen Wilhelm und dem Frieden. (»Don Quichotte«, 23. Juni 1888)] Die Ahnherren Keiner seiner Vorväter, so erzählte einmal Fürst Bismarck, habe seit den Hugenottenkriegen gelebt, der nicht den Degen gegen Frankreich gezogen hätte: »Mein Vater und drei seiner Brüder. Dann war mein Großvater mit bei Roßbach, mein Eltervater gegen Ludwig =XIV.=, und dessen Vater ebenfalls gegen Ludwig =XIV.= in den kleinen Kriegen am Rhein 1672 oder 1673. Dann fochten mehrere von uns im Dreißigjährigen Kriege auf kaiserlicher Seite, andere freilich bei den Schweden. Zuletzt noch einer, der unter den Deutschen war, die als Mietvölker auf der Seite der Hugenotten standen. — Einer — ’s ist der auf dem Bilde in Schönhausen — das war ein origineller Mensch. Ich habe da noch einen Brief von ihm an seinen Schwager, da heißt es: ›Das Faß Rheinwein hat mir selber achtzig Reichstaler gekostet; wenn der Herr Schwager das zu teuer findet, so will ich, so Gott mir das Leben läßt, es selbsten austrinken.‹ Dann: ›Wenn der Herr Schwager das und das behauptet, so hoffe ich, daß ich ihm, so Gott mir das Leben läßt, einmal noch näher an den Leib kommen werde, als ihm lieb ist.‹ Und an einer anderen Stelle: ›Ich habe zwölftausend Reichstaler auf das Regiment verwendet, und die verhoffe ich, so Gott mir das Leben läßt, mit der Zeit wieder herauszuwirtschaften.‹ — Das Herauswirtschaften, damit meinte er vermutlich, daß man sich damals auch für die Beurlaubten und für die sonst nicht vorhandenen Mannschaften den Sold bezahlen ließ. Ja, ein Regimentskommandeur stand sich zu jenen Zeiten anders wie heute.« Roß und Reiter Der Fürst hatte infolge seiner Nervosität seit einigen Wochen auf das Rauchen und Weintrinken vollständig verzichtet. Als er dies einmal dem Kaiser Wilhelm mitteilte, sagte dieser: »Sehen Sie, da bin ich doch anders. Ich bin um so vieles älter als Sie, rauche aber dennoch meine Zigarre, trinke mein Glas Wein und befinde mich recht wohl dabei.« »Ja freilich, Majestät,« entgegnete der Kanzler, »das ist eine alte Geschichte, der Reiter hält’s immer leichter aus als das Roß.« Einer, von dem er sich einschüchtern ließ Als die Bahn durch den Sachsenwald geführt wurde, besah sich der Fürst fast täglich auf seinem Morgenspaziergange die Bahnarbeiten. Es war ihm wohl nicht lieb, daß der altehrwürdige Wald auf eine weite Strecke hin durchbrochen und die Axt an die Eichen gelegt wurde; aber der Fürst fügte sich den gebieterischen Forderungen der Zeit und hieß sein Herz, das Herz des naturliebenden Landwirts, schweigen. Da kam er einst dazu, als die Arbeiter gerade eine mächtige Eiche gefällt hatten. Sie war der schönsten eine, eine Riesin des Waldes, voll Kraft im tausendjährigen Alter. Da übermannte den Fürsten sein heftiges Temperament, und er befahl den Übeltäter, der des Baumes Todesurteil gesprochen hatte und vollziehen ließ, einen Ingenieur der Bahnbaubehörde, zu sich aufs Schloß. Wütend ging er in seinem Zimmer mit wuchtigen Schritten auf und ab, hastig trat er, als der Diener den Missetäter meldete, dem Eintretenden entgegen. Und als er ihm gegenüberstand, da erstarb ihm der zornigen Worte Schwall auf den Lippen, die finster zusammengezogenen Brauen glätteten sich, und verlegen, ja verlegen bot er dem baumlangen Ingenieur, einem gemessen neun Schuh hohen, breitschulterigen Sohne Mecklenburgs, eine Zigarre und entließ ihn nach einem Gespräche über die gleichgültigsten Dinge der Welt. Im Kreise seiner Familie aber erzählte der Fürst am gleichen Tage noch den Vorgang: »Ich konnte tatsächlich nach ›oben‹ den Ton nicht finden,« meinte er, »der Mensch war ja größer als ich!« Er bringt ein Hoch auf sich selbst aus »Es war 1866,« so erzählte der Kanzler einmal, »nach dem Einzug der Truppen, abends. Ich war gerade krank, und meine Frau wollte mich nicht ausgehen lassen. Ich ging aber doch — heimlich —, und wie ich beim Palais des Prinzen Karl wieder über die Straße will, ist da ein großer Haufen Menschen beisammen, der mir eine Ovation bringen will. Ich war in Zivil und muß ihnen mit meinem breiten Hute, den ich in die Stirn gedrückt hatte, ich weiß nicht wessen, verdächtig vorgekommen sein, und einige machten eine feindliche Miene, so daß ich’s für das beste hielt, in ihr Hurra einzustimmen.« [Illustration: Bismarck als Leuchter dargestellt. Er lauert heimtückisch, welches Insekt nun wieder sich an der Flamme verbrennen wird. (»Le Triboulet«, 1888)] [Illustration: Bismarck als Hamlet am Sarge Kaiser Wilhelms I. »Sein oder Nichtsein ...« (»Don Quichotte«, 17. März 1888)] Abendsonne Als Kaiser Wilhelm geschieden war, hat die ganze Schar der Gegner des Kanzlers, haben vor allem die Vertreter des Liberalismus, die in dem neuen Herrn einen Freund ihrer Weltanschauung und in der Kaiserin Friedrich eine erbitterte Feindin seiner Politik zu erkennen vermeinten, mit Sicherheit auf seinen Sturz gerechnet. Und obwohl der todestraurige Anblick des sterbenden Mannes, der jetzt die Kaiserkrone trug, den Gottesfrieden gebieten sollte, ist doch gerade die Zeit der neunundneunzig Tage überaus reich an Intrigen aller Art, an Feindseligkeiten gegen den großen Staatsmann gewesen. [Illustration: Friedrich: »Na, sagen Sie mal, Otto, warum wollen Sie denn eigentlich das Geschäft verlassen?« Otto: »Es kommt mich da mit eenmal zu viel Weiblichkeit in die Firma.« Es handelt sich um die Zeit der Battenbergschen Hochzeit. Prinzeß Viktoria sollte Herrin von Bulgarien werden. Bismarck widerstrebte energisch dem Plane in hartem Kampfe gegen die herbeigeeilte Königin Viktoria von England und die Kaiserin Viktoria, ihre Tochter. (»Figaro«, April 1888)] Sie haben sich geirrt. Kaiser Friedrich hat festgehalten an dem treuen Diener seines Vaters, so eifrige Einflüsse auch sich auf ihn geltend machten, und so zweifelhafte Elemente ihn umdrängten. Schon aus San Remo hat der neue Herrscher an den ersten Beamten des Reiches telegraphiert: »Ich rechne auf Ihren Beistand bei der schweren Aufgabe, die mir wird.« Fürst Bismarck fuhr dem Kaiser in Begleitung seines Sohnes bis nach Leipzig entgegen. Dort begrüßte er ihn, wurde vom Kaiser umarmt und wiederholt geküßt, und in seinem Salonwagen fuhr er mit ihm nach Berlin. In einem Erlaß vom nächsten Tage an den Kanzler stellte dann der Kaiser die Gesichtspunkte auf, nach denen er seine Regierung zu führen gedachte. Dieser Erlaß begann mit den Worten: »Mein lieber Fürst! Bei dem Antritt Meiner Regierung ist es Mir ein Bedürfnis, Mich an Sie, den langjährigen vielbewährten ersten Diener Meines in Gott ruhenden Vaters, zu wenden. Sie sind der treue und mutvolle Ratgeber gewesen, der den Zielen seiner Politik die Form gegeben und deren erfolgreiche Durchführung gesichert hat. Ihnen bin Ich und bleibt Mein Haus zu warmem Danke verpflichtet. Sie haben daher ein Recht, vor allem zu wissen, welches die Gesichtspunkte sind, die für die Haltung Meiner Regierung maßgebend sein sollen.« Wort für Wort konnte Fürst Bismarck das Programm des neuen Herrschers unterschreiben. So blieb er zur bitteren Enttäuschung seiner Gegner im Amte, noch weit hinaus über den Tag, der dem zweiten Kaiser des neuen Reiches das Auge brach. Und noch bitterer war die Enttäuschung, als auch der künftige Erbe der Krone, Kronprinz Wilhelm, in seiner berühmten Rede zum 73. Geburtstage des Kanzlers sich begeistert zu ihm als dem Fahnenträger der Nation bekannte: Der Fahnenträger der Nation »Eure Durchlaucht! Unter den vierzig Jahren, welche Sie soeben erwähnten, ist wohl keins so ernst und schwerwiegend gewesen als das jetzige. Der Kaiser Wilhelm ist heimgegangen, dem Sie 27 Jahre lang treu gedient! Mit Begeisterung jubelt das Volk unserem jetzigen Hohen Herrn zu, der Mitbegründer der Größe des jetzigen Vaterlandes ist. Eure Durchlaucht werden ihm, wie wir alle, mit derselben altdeutschen Mannestreue dienen wie dem Dahingeschiedenen. Um mich eines militärischen Bildes zu bedienen, so sehe ich unsere jetzige Lage an wie ein Regiment, das zum Sturm schreitet. Der Regimentskommandeur ist gefallen, der Nächste im Kommando reitet, obwohl schwer getroffen, noch kühn voran. Da richten sich die Blicke auf die Fahne, die der Träger hoch emporschwenkt. So halten Eure Durchlaucht das Reichspanier empor. Möge es, das ist unser innigster Herzenswunsch, Ihnen noch lange vergönnt sein, in Gemeinschaft mit unserem geliebten und verehrten Kaiser das Reichsbanner hochzuhalten. Gott segne und schütze denselben und Eure Durchlaucht!« [Illustration: Bismarck: »Habe schon so viele Ministerportefeuilles mit Wonne begraben, aber bei dieser Leich’ habe ick mir gar nicht unterhalten.« Zum Sturze Puttkamers, der unter Kaiser Friedrich fiel. (»Hum. Blätter«, 17. Juni 1888)] Einer der giftigsten Pfeile, die man gegen den Kanzler geschleudert hat, war die Verleumdung, daß er die Einsetzung einer Regentschaft plane und beabsichtigt habe, den kranken Fürsten als regierungsunfähig bezeichnen zu lassen. Es ist längst festgestellt, daß Fürst Bismarck einen solchen Gedanken niemals gehegt hat. In seinem letzten Vermächtnis hat er dies noch einmal festgestellt. Er hat es hier auch als eine Fabel bezeichnet, daß ein Thronerbe, der an einer unheilbaren Krankheit leide, nach preußischem Hausgesetz nicht sukzessionsfähig sei. Gerade eine Frage staatsrechtlicher Art hat ihn, den Kanzler, vielmehr genötigt, in das Geschick des Dulders einzugreifen: Die behandelnden Ärzte waren Ende Mai 1887 entschlossen gewesen, den Kronprinzen bewußtlos zu machen und die Exstirpation des Kehlkopfes auszuführen, ohne ihm ihre Absicht angekündigt zu haben. Da erhob Fürst Bismarck Einspruch, da verlangte er, daß nicht ohne die Einwilligung des Patienten vorgegangen und, da es sich um den Thronfolger handelt, auch die Zustimmung des Familienhauptes eingeholt werde. Der Kaiser hat dann, durch ihn unterrichtet, den Ärzten verboten, die Operation ohne Einwilligung seines Sohnes vorzunehmen. [Illustration: Kaiser Friedrich ist gestorben, sein Tagebuch erschienen. Den Franzosen erscheint Bismarck winzig, an dem Schatten des Toten gemessen. (»Don Quichotte«, 6. Oktober 1888)] Der härteste Kampf zog herauf, als ganz Deutschland in helle Erregung durch die Nachricht geriet, daß die Prinzessin Viktoria, Kaiser Friedrichs Tochter, sich mit dem Prinzen Alexander von Battenberg verloben würde, dem zugleich das Kommando über ein preußisches Armeekorps verliehen werden solle. Das Projekt ging zurück auf die Königin Viktoria von England, bei der das allen Frauen eigentümliche Gelüst, Ehen zu stiften, sich mit der politischen Absicht vereinigen mochte, Rußland und Deutschland voneinander zu trennen. War doch der einstige Fürst von Bulgarien gerade durch die Abneigung des Zaren vom Throne gestürzt worden. Aber dieser Plan entsprach zugleich einem Lieblingswunsch der Kaiserin Friedrich, so daß, als Bismarck sich zu scharfem Widerspruch genötigt sah, sein Protest zugleich die einflußreiche hohe Frau auf die Schanzen rief. Am Ostertage sollte Prinz Alexander in Berlin erscheinen. Da überreichte Fürst Bismarck dem Kaiser eine Denkschrift von dreißig Seiten, die später durch eine Indiskretion, wenn auch in apokrypher Form, in französischen Blättern veröffentlicht wurde. Königin Viktoria kam selbst in Charlottenburg an; die Erregung im Volke war jedoch schon so hoch gestiegen, daß bei ihrer Ankunft auf dem Bahnhofe Vorsichtsmaßregeln getroffen werden mußten. Trotz alles heißen Bemühens der Königin lehnte Kaiser Friedrich den Heiratsplan ab. Unerhört aber war der Sturm in der Presse, der sich damals gegen den Eisernen Kanzler erhob. Fürst Bismarck werfe sich, so lärmte man, zum Vormund des Kaiserhauses auf! Wie könne er sich berufen fühlen, in einer solchen inneren Angelegenheit der kaiserlichen Familie sein Veto zu sprechen? Er nehme nur Rücksicht auf den Zaren, er krieche vor Rußland und schiebe deshalb sogar das Selbstbestimmungsrecht seines Kaisers zur Seite. Jetzt sei die Frage zu entscheiden, ob in Preußen und im Reich der Kaiser oder sein Majordomus regiere. Gewaltig war aber auch die Erregung der anderen Teile des Volkes, die mit Schrecken die Stellung des unersetzlichen Staatsmannes gefährdet sahen und treffend die Frage stellten, ob die Verbindung einer Kaisertochter mit dem Sprößling der Nebenlinie eines deutschen Fürstenhauses wichtiger sei, als die Erhaltung des Fürsten Bismarck in der Leitung des Deutschen Reiches. Die Kanzlerkrisis ging zu Ende. Fürst Bismarck blieb auf seinem Posten. Der Kaiser dankte ihm für seinen Dienst sogar durch eine Reihe von Gnadenbeweisen, vor allem durch die Ernennung seines ältesten Sohnes Herbert zum Mitglied des Staatsministeriums. Er hatte erkannt, daß nie und nimmermehr die deutsche Politik von England bestimmt und abhängig werden darf. Er lehnte es ab, wie Fürst Bismarck es nannte, für England die bulgarischen Alarmquartiere zu beziehen und von dort auf Englands Signal gegen Rußland zu marschieren, wobei dann England im weiteren Verlaufe des gewaltigen Ringens mit dem wohlwollenden Gedanken zugeschaut hätte: »Schade für jeden Hieb, der auf beiden Seiten vorbeigeht!« Über sein Verhältnis zu Kaiser Friedrich und seine Gemahlin hat Fürst Bismarck sich in seinem letzten Vermächtnis noch ausgesprochen: Kein Gedanke daran »Als der Gesundheitszustand Wilhelms =I.= im Jahre 1885 Anlaß zu ernsten Besorgnissen gab, berief der Kronprinz mich nach Potsdam und fragte, ob ich im Falle eines Thronwechsels im Dienst bleiben würde. Ich erklärte mich dazu unter zwei Bedingungen bereit: keine Parlamentsregierung und keine auswärtigen Einflüsse in der Politik. Der Kronprinz erwiderte mit einer entsprechenden Handbewegung: ›Kein Gedanke daran!‹ Bei seiner Frau Gemahlin konnte ich nicht dasselbe Wohlwollen für mich voraussetzen; ihre natürliche und angeborene Sympathie für ihre Heimat hatte sich von Hause aus gekennzeichnet in dem Bestreben, das Gewicht des preußisch-deutschen Einflusses in europäischen Gruppierungen in die Wagschale ihres Vaterlandes, als welches sie England zu betrachten niemals aufgehört hat, hinüberzuschieben und im Bewußtsein der Interessenverschiedenheit der beiden asiatischen Hauptmächte, England und Rußland, bei eintretendem Bruche die deutsche Macht im Sinne Englands verwendet zu sehen. Dieser auf der Verschiedenheit der Nationalität beruhende Dissens hat in der orientalischen Frage, mit Einschluß der Battenbergischen, manche Erörterung zwischen Ihrer Kaiserlichen Hoheit und mir veranlaßt. Ihr Einfluß auf ihren Gemahl war zu allen Zeiten groß und wurde stärker mit den Jahren, um zu kulminieren in der Zeit, wo er Kaiser war. Aber auch bei ihr bestand die Überzeugung, daß meine Beibehaltung bei dem Thronwechsel im Interesse der Dynastie liege.« Zu dem Verfasser hat Fürst Bismarck sich über das Kaiserpaar mehrfach geäußert: [Illustration: Geffckens Veröffentlichungen aus dem Tagebuch Kaiser Friedrichs als Steinwurf gegen Bismarcks Haupt. (»La Charge«, 7. Oktober 1888)] Das Kaiserpaar »Man hat die Willenskraft des Kaisers Friedrich vielfach unterschätzt. Man glaubte ihn abhängig von Schürzen und Weiberröcken. Das ist ganz falsch. Er hatte ein hohes Bewußtsein von seiner Souveränität, und die guten Leute, die von ihm eine starke Wendung nach links erwarteten und in ihm eine besondere Schwäche für den Konstitutionalismus witterten, hätten sich arg getäuscht, wenn er länger regiert hätte. Er war äußerlich verbindlich, aber durchaus selbstherrlich. Ich hätte selbst gegen Weiberintrigen leicht mit ihm regiert. — Na, Kronprinzen schillern ja immer ein bißchen liberal, das ist nun mal so, sie stehen auch immer ein bißchen in Opposition, weil sie zu wenig zu tun haben, wenn sie nicht ganz in den Gamaschen aufgehen, aber das schleift sich ab. Kaiser Friedrich wäre eher ein Autokrat geworden als ein Richterscher. — Die Kaiserin Friedrich ist eine kluge Frau, aber sie ist im Grunde stets Engländerin geblieben. Wenn sie von ›unseren‹ Truppen, von ›unserem‹ Botschafter spricht, so meinte sie stets die englischen Truppen und Lord Loftus oder wer gerade da ist. Ich wünschte, deutsche Prinzessinnen, die sich wegverheiraten, hätten auch was davon. Daß ich bei meiner Verabschiedung sie um ihre Vermittlung bat — gar mit Tränen — ist natürlich Schwindel. Aber sonst standen wir recht gut miteinander, besonders in den letzten Jahren, wenn ich sie auch oft ärgern mußte, wie beim Battenberger. Unser Verhältnis beruhte ja nicht auf Liebe, aber auf gegenseitiger Hochachtung. Einmal, als ich zum Vortrag in Charlottenburg war, rückte sie mir sogar einen Sessel heran. Kaiser Friedrich hielt überhaupt immer darauf, auf meine Bequemlichkeit Rücksicht zu nehmen. Das wurde freilich später anders.« [Illustration: Aus Geffckens Tagen. (»Punch«, 16. Februar 1889)] Ein harter Konflikt erhob sich alsbald auch auf dem Boden der inneren Politik Preußens. In seinem Mittelpunkte stand der Minister des Inneren, der hochkonservative Herr von Puttkamer, dem die öffentliche Meinung allzu starke Wahlbeeinflussungen vorwarf. Auch der Kaiser nahm gegen ihn Stellung und ersuchte ihn, »in Zukunft die Wahlfreiheit durch amtliche Beeinflussung nicht einzuschränken«. Alle Versuche des Fürsten Bismarck, den Konflikt auszugleichen, sind jedoch gescheitert, zumal da der Minister durch das Verbot eines Lutherfestspieles, in dessen Aufführung er eine Störung des konfessionellen Friedens erkannte, die Verstimmung des Kaisers noch zu steigern verstand. Am 8. Juni erhielt er die Entlassung. Am 15. Juni 1888 ist dann Kaiser Friedrich gestorben. Die kurze Zeit seiner Regierung ist eine Zeit der tiefsten Tragik gewesen. Entsetzlich war das Erlöschen der Lebenskräfte dieses hochgesinnten Mannes, war die Geschichte der furchtbaren Krankheit, vor der es kein Entrinnen gab. Entsetzlich war auch der Streit der Ärzte am Krankenlager des bedauernswerten Mannes. Und der Fluch, der dem britischen Arzte Sir Morell Mackenzie nach seinem fluchtartigen Scheiden über das Meer folgte, war sicherlich wohlverdient. Für Bismarck vor allem waren diese neunundneunzig Tage nur Tage der Qual. Denn er, der täglich dem Kranken Vortrag halten mußte, war einer der nächsten Zeugen der Qualen, unter denen das Leben des Kaisers versiegte. Als dann ohne eigentlichen Todeskampf Kaiser Friedrich dahingeschieden war, da hat der Kanzler auch ihm den Nachruf gehalten: »Der Königliche Dulder hat vollendet. Nach Gottes Ratschluß ist Seine Majestät der Kaiser und König Friedrich, unser allergnädigster Herr, nach langem, schwerem, mit bewunderungswürdiger Standhaftigkeit und Ergebung in den göttlichen Willen getragenem Leiden heute kurz nach 11 Uhr zur ewigen Ruhe eingegangen. Tief betrauert das Königliche Haus und unser in so kurzer Zeit zum zweitenmal verwaistes Volk den allzufrühen Hintritt des geliebten Herrschers.« Der dritte Kaiser, Wilhelm =II.=, Friedrichs des Dulders Sohn, bestieg den Thron. Eine neue Zeit brach für den großen Staatsmann an. Eine starke, auf sich selbst ruhende, eigenwillige Persönlichkeit ergriff die Zügel der Regierung. Und kaum zwei Jahre hindurch sollte das Band dauern, das die beiden Männer miteinander verknüpfte. Zunächst freilich schien es, als ob das Vertrauen, das der Kronprinz eben dem Fahnenträger der Nation ausgesprochen hatte, auch die Grundlage für alle Zukunft bilden werde. Schon die Thronrede, die sich durchaus zu der Politik des Fürsten Bismarck bekannte, die das Versprechen gab, daß auch künftig die soziale Politik »im Anschluß an die Grundsätze der christlichen Sittenlehre« geführt werden soll, um den Schwachen und Bedrängten im Kampfe um das Dasein Schutz zu gewähren, die weiter den Grundsatz aussprach, dem Lande niemals die Wohltaten des Friedens verkümmern zu wollen, wenn der Krieg nicht eine durch den Angriff auf das Reich oder auf seine Verbündeten uns aufgedrungene Notwendigkeit sei, bewies das Bedürfnis des Monarchen, den Boden des Vorgängers nicht zu verlassen. Ostentativ reichte der Kaiser nach Verlesung der Rede gleich vom Throne herab dem Kanzler die Hand, um das herzliche Einvernehmen mit dem ersten Beamten des Reiches offen zu bekunden. Hoffnungsvoll und freudig sah das deutsche Volk der Zukunft entgegen, zumal da auch der Monarch sich nachdrücklich für die Kartellpolitik, für den Zusammenschluß aller nationalen Elemente erklärte und alle Versuche, namentlich von kirchlicher Seite, die Stellung des Fürsten Bismarck zu erschüttern, kraftvoll zurückwies. [Illustration: ~Duldsamkeit~ Bismarck war an Luthers Geburtstag, am 10. November 1888, wegen seines Eintretens für Harnack, von der Universität Gießen zum Ehrendoktor ernannt worden. In seiner Antwort hatte er gesagt: »Meinem Eintreten für duldsames und praktisches Christentum verdanke ich diese Auszeichnung.« (»Ulk«, Dezember 1888)] Einen Schatten eigener Art warf nun über diese ersten Sonnentage der unerquickliche Streich, den Professor Geffcken mit der Veröffentlichung des Tagebuches spielte, das Kaiser Friedrich während des Krieges gegen Frankreich geführt hatte, und das eine Reihe von Tatsachen enthüllte, die wahrlich nicht dem eigentlichen Zwecke, die Gestalt des verblichenen Kaisers mit einer strahlenden Krone zu umgeben, gedient, sondern in Wahrheit den toten Kaiser und vor allem sein politisches Verhalten im Kriegsjahr in ein unerfreuliches Licht gestellt hat: Seine überschwengliche Vorstellung von der deutschen Kaiserwürde, die das Recht und die Würde der deutschen Bundesfürsten tief herabdrücken mußte, der seltsame Gedanke, den süddeutschen Fürsten die Verkümmerung ihrer Kronrechte, wenn es not tat, mit Gewalt abzutrotzen, die Darstellung der Differenzen mit dem Fürsten Bismarck — alles das erweckte einen überaus peinlichen Eindruck, zumal auch geheime Verhandlungen mit der Kurie und den süddeutschen Staaten preisgegeben wurden. Fürst Bismarck hielt dieses Tagebuch für gefälscht; er sprach es in einem Bericht, den der Kaiser von ihm verlangte, ausdrücklich aus und betrieb das strafrechtliche Einschreiten gegen den Professor Geffcken. Es ist zu einem Prozeß dann nicht gekommen, weil das Reichsgericht das Strafverfahren eingestellt hat. [Illustration: ~Der Teufel macht sich zum Einsiedler.~ (»Le Don Quichotte«, 29. März 1890)] Ob dieser Vorgang einen Einfluß auf das innere Verhältnis des Monarchen zu seinem Kanzler übte? Wer kann es wissen! Zunächst hat jedenfalls der Kaiser sich weiter bemüht, in zahlreichen Kundgebungen dem Fürsten Bismarck sein Vertrauen und seine herzliche Freundschaft auszusprechen, so starke Einflüsse sich auch dauernd gegen den Staatsmann geltend machten. Vor allem die kirchliche Orthodoxie stand auf dem Kampfplatz, zumal seit der Zeit, da Bismarck für den Professor Harnack, einen Schüler Ritschls, und für seine Berufung in die Theologische Fakultät der Berliner Hochschule eintrat. Ein Verhalten, das ihm aus Gießen den Titel eines Ehrendoktors der Theologie eintrug. [Illustration: Der Kanzler in Friedrichsruh. Er klebt ein Plakat an, daß der Eintritt für Kolporteure, Musikanten und Anwärter auf Ministerstellen verboten sei. Im Hintergrunde Bennigsen. (»Lustige Blätter«, 30. August 1888)] Ehrendoktor der Theologie In dem Diplom, das von Gießen aus dem Kanzler zugesandt wurde, war gesagt worden: »Dem reichbewährten, vornehmsten Ratgeber der evangelischen Könige von Preußen, der erlauchten Stütze der evangelischen Sache in aller Welt, welcher darüber wacht, daß die evangelische Kirche gemäß ihrer Eigenart und nicht nach fremdartigem, für sie verderblichem Vorbilde regiert werde; dem tiefblickenden Staatsmanne, der erkannt hat, daß die christliche Religion allein Heil bringen kann der sozialen Not, die christliche Religion, die ihm die Religion der tatkräftigen Liebe, nicht der Worte, des Herzens und Willens, nicht der bloßen Spekulation ist; dem einsichtigen Freunde aller deutschen Universitäten, der zumal den evangelischen Fakultäten teuer geworden ist durch die Entschlossenheit, mit welcher er für die Freiheit derselben eingetreten ist, ohne welche sie dem Evangelium und der Kirche nicht dienen können.« Bismarck erwiderte am 22. November dankend: »Meinem Eintreten für duldsames und praktisches Christentum verdanke ich diese Auszeichnung. Wer sich der eigenen Unzulänglichkeit bewußt ist, wird in dem Maße, in welchem Alter und Erfahrung seine Kenntnis der Menschen und Dinge erweitern, duldsam für die Meinung anderer.« [Illustration: Bismarck im »Arabic Punch«] Für das Verhältnis zwischen dem Kaiser und seinem ersten Diener war vor allem der Neujahrswunsch bezeichnend, den der Monarch, der im Sommer den Staatsmann in seinem Heim zu Friedrichsruh aufgesucht hatte, am Ende des Jahres 1889 an ihn gerichtet hat: »Lieber Fürst! Das Jahr, welches uns so schwere Heimsuchungen und unersetzliche Verluste gebracht hat, geht zu Ende. Mit Freude und Trost zugleich erfüllt Mich der Gedanke, daß Sie Mir treu zur Seite stehen und mit frischer Kraft in das neue Jahr eintreten. Von ganzem Herzen erflehe Ich für Sie Glück, Segen und vor allem andauernde Gesundheit, und hoffe zu Gott, daß es Mir noch recht lange vergönnt sein möge, mit Ihnen zusammen für die Wohlfahrt und Größe unseres Vaterlandes zu wirken.« Eine sachliche Differenz trat erst ein, als während des großen Bergarbeiterstreiks des Jahres 1889 der Kaiser sich entschloß, die drei Führer der Ausständigen im Schlosse zu Berlin zu empfangen. Fürst Bismarck sah hier den Grundsatz durchbrochen, daß ein Monarch sich niemals ohne ministerielle Bekleidungsstücke in das öffentliche Leben hinauswagen soll; er wußte auch, daß die Delegierten Sozialdemokraten seien und daß ihre Berufung zum Kaiser nicht nur keine Frucht tragen, sondern die Stimmung nur verschärfen und neue Begierden wachrufen werde. [Illustration: ~Bismarck und der Tod~ »Scher dich zum Teufel!« »Laß mich noch hier, du Lieber, bis ich Englands Herze wiedergewonnen habe!« (»Djabel«, Krakau, März 1889)] Durchaus in Übereinstimmung mit dem Kaiser befand sich Fürst Bismarck zunächst in der äußeren Politik, vor allem in dem Bemühen, den in dem ganzen Weltteil herrschenden Argwohn zu zerstören, daß der junge Herrscher nach kriegerischer Betätigung verlange. Hier hatte Fürst Bismarck freilich schon früh gewisse Widerstände zu besiegen, die sich aus der Neigung des Kaisers ergaben, das kühle Verhältnis zu England möglichst freundschaftlich zu gestalten. Gewiß hat der Kanzler es gebilligt, daß Kaiser Wilhelm eine weite Rundreise an die europäischen Höfe unternahm, aber gerade aus der Überschätzung, die der neue Herr solchen Besuchen und der persönlichen Wirkung seiner Persönlichkeit entgegenbrachte, sollte später einer der entscheidenden Gründe für die Trennung der beiden Männer erwachsen. Nach Wien und Rom ging der Kaiser unter voller Zustimmung des Kanzlers, aber Bedenken erhoben sich schon, als der Monarch auch Athen und Konstantinopel besuchte, und als er auf der Rückreise von Petersburg seine Flotte auch in Stockholm und Kopenhagen anlaufen ließ. Es entsprang dem Bedürfnis des neuen Herrn, sein Verhältnis zum Fürsten Bismarck deutlich zu erweisen, daß er auf allen diesen Reisen sich den Grafen Herbert Bismarck zum Begleiter erkor. Aber die neue Zeit zeigte doch hier und da schon Spuren eines neu in das Leben der Nation eingreifenden Willens: der Wunsch des Kaisers, als der selbständige Leiter der deutschen Politik zu erscheinen, trat immer schärfer hervor, und um diesem Wunsche zu genügen, zog Fürst Bismarck sich mehr und mehr in sein Heim im Sachsenwalde zurück. Man hat es ihm später vielfach zum Vorwurf gemacht, daß er durch lange Monate der Reichshauptstadt fern blieb. Aber er folgte hier nur der Rücksicht auf die Wünsche seines kaiserlichen Herrn, unbekümmert darum, daß er den Intriganten so den Weg frei gab, die jetzt in der Tat mit allem Nachdruck den Sturmlauf gegen den verhaßten Kanzler begannen. Nur sollte die Absicht nicht so schnell, wie die Ungeduld hoffte, zur Erfüllung reifen. Wiederholt besuchte der Kaiser den Fürsten im Sachsenwalde, und er nahm auch mit Vorliebe an den parlamentarischen Abenden teil, die wieder im Kanzlerhause veranstaltet wurden. [Illustration: ~Naturgetreue Darstellung der letzten partiellen Mondfinsternis~ Gerüchte tauchen auf, daß Graf Waldersee der Nachfolger Bismarcks werden soll. (»Ulk«, Juli 1889)] Noch schwebten keine Differenzen zwischen dem Kaiser und seinem Kanzler in den Fragen, die schon nach wenigen Monaten sie voneinander trennen sollten. Auch in dem Urteil über das Verhältnis zu Rußland, das doch so bald zu scharfer Meinungsverschiedenheit führte, stimmten sie noch zusammen. Noch im Oktober des Jahres 1889 zeigte Zar Alexander in mannigfacher Weise, wie hoch er den großen Staatsmann schätze: Bei seinem Besuche in Berlin zeichnete er ihn in jeder Weise aus und gab auch äußerlich seiner Freundschaft für den Kanzler durch die Überreichung seines Miniaturbildes in Form einer geschmackvoll gearbeiteten, überaus wertvollen Dose Ausdruck. Und in seinem Neujahrsglückwunsch hat Kaiser Wilhelm noch besonders betont, daß es vor allem der Tatkraft und Weisheit des Fürsten Bismarck zu danken sei, wenn der äußere Frieden erhalten blieb und die Bürgschaften für seine Wahrung noch verstärkt worden seien. — Hier mochte er zunächst an die Vorgänge denken, die sich an die widerrechtliche Verhaftung des deutschen Polizeikommissars Wohlgemuth aus Mülhausen im Elsaß knüpften. Diesen Vorgang hatte Fürst Bismarck sehr ernst aufgefaßt; er hatte deshalb den Niederlassungsvertrag mit der Schweiz gekündigt und darauf hingewirkt, daß dieses Land endlich durch einen Bundesanwalt und die Zentralisation der politischen Polizei in der Hand des Bundesrates dem beunruhigenden Treiben revolutionärer Elemente und dem Mißbrauch des Schweizer Asylrechtes die nötigen Schranken zog. Der Konflikt ist beigelegt worden. Die Bürgschaften der Schweiz wurden in erwünschter Weise verstärkt. — Ein anderes Faktum, das dem Kaiser jenen Dank für die Sicherung des Friedens in den Mund gelegt haben mochte, hatte sich an den Versuch der Panslawisten geknüpft, den deutschen Kanzler dem Zaren als den Urheber des plötzlichen Todes seiner »Hauptgegner«, des Kronprinzen Rudolf von Österreich, des Generals Chancy, Gambettas, Skobelews und des Königs Ludwig von Bayern zu denunzieren. In einer persönlichen Unterredung mit dem Zaren gelang es dem Staatsmann, nicht nur diese Verleumdungen zu entkräften, sondern auch das letzte Mißtrauen gegen seine Friedensliebe zu zerstören. Aber schon in jener Unterredung, so hat man später erfahren, hat der Zar zu Bismarck die Worte gesprochen: »Ja, Ihnen glaube ich, und in Sie setze ich Vertrauen, aber sind Sie auch sicher, daß Sie im Amte bleiben?« Fürst Bismarck sah, so erzählte er später, den Zaren erstaunt an und sagte: »Gewiß, Majestät, ich bin dessen ganz sicher, ich werde mein Leben lang Minister bleiben. Ich hatte«, so fügte er später hinzu, »keine Ahnung davon, daß eine Änderung bevorstand, während der Zar selbst, wie die Frage zeigt, von der Wandlung, die sich vollziehen würde, bereits unterrichtet sein mußte.« [Illustration: ~Stille Betrachtung~ »Da haben sie mir die Spitzel rausgeschmissen, und dort bei dem hohen Turm spitzeln sie über die Schmisse, die sie von mir erhalten haben. Soll man da nicht ärgerlich sein?« Es handelt sich um die Affäre Wohlgemut. Ein deutscher Polizeibeamter dieses Namens war aus der Schweiz ausgewiesen worden. (»Nebelspalter«, 15. Juni 1889)] [Illustration: »Halt, mein Alter, hier hast du etwas zur Beruhigung. Und wenn du weiter drängst, dann werden dir meine Freunde da im Westen etwas auf die Hand geben.« (»La Chanson«, Mai 1889)] [Illustration: ~Der Dreibund~ Orpheus lullt Cerberus in den Schlaf. (»Punch«, 19. Okt. 1889)] Daß aber die ersten ernsthaften Differenzen zwischen dem Kaiser und seinem Kanzler gerade auf diesem Gebiete und auch sonst bis in den Sommer des Jahres 1889 zurückgehen, ist historisch festgestellt. Wenn später ein Pester Blatt erzählte: »Der Gegenbesuch des Zaren in Berlin schloß mit der Aussicht, daß Kaiser Wilhelm im Sommer 1890 wieder Gast in St. Petersburg sein und den russischen Manövern beiwohnen werde; Fürst Bismarck aber war von dieser Aussicht nicht so erfreut, wie es der Kaiser wünschte«, so ist diese Auffassung leider wohlbegründet gewesen. Und zutreffend war auch die Versicherung: »Daß der frühere Kanzler bestrebt war, mit Rußland, wenn nicht Freundschaft, aber so doch ein erträgliches Auskommen zu unterhalten, hat man aus seinem Munde oft genug gehört, ebenso aber auch, daß die Bundestreue jener traditionellen Freundschaft voranstehen muß.« Denn es ist kein Zufall, daß die letzten Jahre seines Lebens erfüllt waren von sorgenvollen Betrachtungen über die Ausgestaltung unserer Beziehungen zu dem östlichen Nachbarn, und kein Zufall ist es, sondern eine wundersame Schickung, daß ebenso wie der verewigte Kaiser, so auch sein treuer deutscher Diener noch am letzten Tage des Lebens die Notwendigkeit eines Einvernehmens mit Rußland hervorhob. Gerade deshalb sah er es als ein Glück für Deutschland an, daß die orientalische Frage nicht in den Kreis unserer Interessen fiel: »Die ist für uns mehr als für die anderen Mächte mit dem Gravitieren der russischen Macht nach Süden verträglich; wir können die Lösung eines von Rußland geschürzten Knotens länger als andere abwarten.« Darum hat er auch später unsere Initiative in der griechischen Frage mit Sorge verfolgt. Immerhin blieb das Verhältnis zwischen Kaiser und Kanzler nach außen hin noch durchaus herzlich. Von seiner Orientreise aus sandte der Monarch nach Friedrichsruh begeisterte Telegramme, und stets zeigte er ihm eine fast ängstliche Sorge um seine Gesundheit, bis dann die verschiedenartige Auffassung der sozialen Frage und der Zusammenbruch des Kartells zu immer schärferer Spannung führten. Am 30. September nämlich war das Sozialistengesetz abgelaufen, und es wurde nicht nur seine Verschärfung, sondern auch seine Verlängerung für ewige Zeiten gefordert. Nach dem neuen Vorschlag sollten sozialistische Agitatoren der Ausweisung unterliegen und ihre Organe nach zweimaliger Verwarnung verboten werden können. Der alte Kämpfer war eben der Ansicht, daß die sozialistische Bewegung in ihrer letzten Wirkung keine Rechts-, sondern eine Kriegsfrage sei. Er hielt den Kampf mit dieser Richtung für unvermeidlich und wollte ihn je eher je lieber führen und eben deshalb die Staatsgewalt in den Besitz aller Mittel setzen, um sich als Herrin im Lande zu erhalten. Im Reichstag jedoch widerstrebte man. Hier war man nur bereit, das alte Gesetz zu verlängern, und erst später, in der zweiten Lesung, entschloß man sich, es wohl als dauernd anzunehmen, strich jedoch die geplante Verschärfung. [Illustration: ~Die besorgte Erzieherin~ Direktrice: »Gefälligst für sich schauen, meine Damen. Nur keine Zerstreuungen und Seitenblicke, wenn ich bitten darf!« (»Nebelspalter«, 20. Oktober 1889)] Am Tage vor der dritten Lesung traf nun Fürst Bismarck in Berlin ein, um den Vorsitz in einer Sitzung des Staatsministeriums zu übernehmen, in der man sich über die Haltung der Regierung schlüssig machen sollte. Sein Eintreffen war herbeigeführt worden durch eine Depesche des Sohnes, die ihn gleichzeitig über die Schwierigkeiten der Lage aufgeklärt hat. Schon damals stieß Fürst Bismarck bei den Ministern auf Stimmungen, die es ihm deutlich machten, daß der Wind an höchster Stelle umgeschlagen sei. Von der Sitzung ging dann der Kanzler zum Kaiser und trug ihm den Wunsch vor, von der Leitung des Handelsministeriums entbunden zu werden. Unmittelbar darauf fand ein lang andauernder Kronrat unter dem Vorsitz des Kaisers statt. Hier wurden zur Überraschung des leitenden Staatsmannes von dem Minister von Bötticher die bekannten Erlasse über den Arbeiterschutz vorgetragen, die durchaus nicht mit den Anschauungen des Kanzlers in Einklang standen. Fürst Bismarck erklärte sich entschieden gegen ihre Veröffentlichung. Er fürchtete, daß sie nur die Begehrlichkeit steigern, keineswegs aber der Agitation ein Ziel setzen würden; er war auch der Meinung, daß sie einen zu tiefen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht des einzelnen machen und daß sie vor allem von der deutschen Industrie nicht getragen werden könnten. Aber diese Erlasse beruhten auf einer Lieblingsidee des Kaisers, und so war Bismarck genötigt, ihnen nach Kräften eine Form zu geben, die seinen Bedenken Rechnung trug. Vergebens hat er sich immer wieder bemüht, den Kaiser umzustimmen, ihn gebeten, sie ins Feuer zu werfen. Hatte aber der Monarch gemeint, durch sie einen wohltätigen Einfluß auf den Ausfall der nahen Wahlen zu üben, so sah er sich rasch genug bitter getäuscht. Denn diese Wahlen brachten den vollen Zusammenbruch der staatstreuen Mehrheit. Am 4. Februar 1890 sind dann die Erlasse ohne die Gegenzeichnung des Kanzlers erschienen. [Illustration: »Potz Spandau, die roten Blumen sind mir gar zu sehr in die Höhe geschossen! Da können Sie, lieber Herr Obergärtner, noch nicht gehen, Ihr Tagewerk ist noch nicht vollbracht.« (»Figaro«, Anfang März 1890)] Hier aber setzten vor allem die Intrigen ein, die auf seinen Sturz zielten. Fürst Bismarck sprach sich ein Jahr später darüber aus: Ihm sei das Aushalten wesentlich erschwert worden durch die Bestrebungen anderer, sich zwischen ihn und den Kaiser zu schieben und dem Kaiser näherzutreten als ihm der Kanzler stand, der nach der Verfassung der alleinige Ratgeber des Kaisers und der dem preußischen Staat für die Gesamtpolitik vorzugsweise verantwortliche Ministerpräsident war. Diese Gegenströmungen waren es zunächst, die die Haltbarkeit der verfassungsmäßigen Stellung des Reichskanzlers beeinträchtigten. »Sie fanden von mannigfachen Seiten her statt: von militärischer Seite, von Privatleuten, die das Ohr des Kaisers suchten, von Kollegen des Kanzlers, von konservativen Fraktionsführern und auch von höheren Stellen aus. Am wirksamsten waren die Beziehungen, welche Kollegen des Kanzlers und der Umgebung des letzteren, unter Bekämpfung seiner Politik und unter Benutzung ihres amtlichen Zutritts zur höchsten Stelle, erlangten.« Hier hat der Kanzler wohl auf die Minister von Heyden und von Bötticher, auf den Erzieher des Kaisers, =Dr.= Hintzpeter, auf die Herren von Helldorff und Stöcker, auf den Grafen Waldersee, den General von Caprivi und Herrn von Hammerstein gewiesen. Von welcher Seite aber die üble Verleumdung dem Kaiser zugetragen wurde, daß Fürst Bismarck dem Morphinismus und der Trunksucht in solchem Maße verfallen sei, daß er bereits den Zusammenhang seiner Gedanken verloren habe, ist nie erwiesen worden. Daß man sie erhoben hat, steht aber schon deshalb fest, weil der Kaiser es für notwendig hielt, den Hausarzt des Fürsten zu berufen, um sich vom Tatbestand zu überzeugen. Die Antwort des derben bayrischen Arztes ließ allerdings an Klarheit nichts zu wünschen übrig: »Majestät, das ist eine elende Verleumdung, und ich kenne die, von denen sie ausgeht.« [Illustration: Bei den Reichstagswahlen war das Kartell zersprengt worden, und die Sozialdemokraten gewannen 35 Mandate. (»Hum. Blätter«, 1890)] Die Geschichte der Entlassung des Fürsten Bismarck in jeder Einzelheit zu verfolgen, all den Fäden nachzugehen, mit denen die Zwerge den Riesen zu umschlingen versuchten, ist hier nicht der Ort. Es genügt der Hinweis, daß die Differenzen über die soziale Frage, das Verhältnis zu Rußland und die Kabinettsorder vom Jahre 1852, die den Verkehr der Minister beim Landesherrn regelte, den Anlaß boten, und daß die Krise ihre letzte Spitze durch den Empfang erhielt, den Fürst Bismarck dem Führer des Zentrums, Herrn Windthorst, gewährte. Am Abend des 19. März hat Fürst Bismarck auf das wiederholte Ersuchen des Kaisers das Schriftstück eingesandt, das als sein Entlassungsgesuch bezeichnet wird. In dem Handschreiben aber, mit dem der Monarch sich von dem Berater der Nation trennte, war es noch einmal ausgesprochen, was Deutschland, was das Haus der Hohenzollern diesem unvergleichlichen Manne verdankte. »Gott segne Sie, mein lieber Fürst, und schenke Ihnen noch viele Jahre eines ungetrübten und durch das Bewußtsein treu erfüllter Pflicht verklärten Alters«, so schloß das Schriftstück. Zugleich wurde dem großen Staatsmann der Titel eines Herzogs von Lauenburg verliehen. Zwei Tage später telegraphierte der Kaiser an einen Freund: »Mir ist so weh ums Herz, als hätte ich meinen Großvater noch einmal verloren! Es ist mir aber von Gott einmal bestimmt, also habe ich es zu tragen, wenn ich auch darüber zugrunde gehen sollte. Das Amt des wachhabenden Offiziers auf dem Staatsschiff ist mir zugefallen. Der Kurs bleibt der alte, und nun Volldampf voraus!« Der Kurs ist leider nicht der alte geblieben. Gerade hieraus hat sich dann die ungeheure Tragödie entwickelt, die mit ihren Schatten und ihrer Qual die letzten acht Lebensjahre des Fürsten Bismarck bedeckte und die einen Vergleich nur in dem Schicksal des Themistokles findet. Die Entlassung Bismarcks war die schicksalsschwerste Tat Kaiser Wilhelms =II.= Er selbst hat es später empfunden, als er wiederholt dem treuesten Diener des deutschen Volkes die Hand zur Versöhnung bot. Aber mit diesem Tage, der das deutsche Volk seines weisesten Beraters beraubte, begann zugleich eine Zeit schwerer innerer Konflikte für viele, die mit der tiefen Dankbarkeit für den Schöpfer des Reiches auch die Ehrerbietung für den Träger der Krone vereinen wollten und durch die wachsende Schärfe der Gegensätze immer tiefer sich verwundet fühlten. So wurde der 20. März 1890 ein Trauertag für ganz Deutschland, ein Tag des Jubels für alle Feinde. Er wurde von den Volksgenossen um so schmerzlicher empfunden, als die Umstände, die ihn begleiteten, den Eindruck erweckten, daß neben dem Unrecht auch die Kränkung nicht fehlte. Fürst Bismarck hat später von jenen Tagen gesagt, daß er sich mit den Seinen »etwa wie eine deutsche Familie erschien, die im Jahre 1870 aus Paris ausgewiesen wurde«. Ehe er fortging, empfing ihn der Kaiser. Was zwischen den beiden Männern gesprochen wurde, ist nicht bekannt. Überaus herzlich zeigte sich die Kaiserin, die ihre Knaben zum Abschiednehmen herbeirief. Am Vormittag des 28. März fuhr dann Bismarck hinaus zum Mausoleum und legte auf den Sarg seines alten Herrn als letzten Gruß drei blühende Rosen. Welche Gedanken mögen damals durch sein Haupt gegangen sein! Noch niemals hat die Künstlerin Geschichte ein so ergreifendes Bild gezeichnet wie an diesem Tage, da der treueste Diener sich dem treuesten Herrn zum letztenmal huldigend neigte. [Illustration: Die tschechische Umschrift zu dem Bilde lautet: »Der böse Geist des Berliner ›Freischützen‹ soll im Hintergrunde warten, bis der Kaspar in der ›Marterhöhle‹ rufen wird: ›Samiel, hilf — Geschütze zu beschaffen.‹« Die Inschrift auf dem Kessel lautet: »Deutschlands Hegemonie.« Der Kessel ist von Totenköpfen umgeben. Im Hintergrunde drohen Frankreich und Rußland als Fledermaus und Drache. (»Hum. Listy«, März 1890)] Am Tage darauf verließ Fürst Bismarck Berlin. [Illustration: »Adieu, Kinder, gehabt euch wohl.« (»Strekosa«, März 1890)] [Illustration: Der neue Barbarossa, Der grollend seitwärts schlich, Im Friedrichsruher Schlosse Hält er verborgen sich. Er hat hinabgenommen Die Kanzlerherrlichkeit Und möchte wiederkommen Zu ihm geleg’ner Zeit. Der Stuhl ist elfenbeinern, Darauf Fürst Bismarck sitzt, Der Tisch ist marmelsteinern, Worauf sein Haupt er stützt. Aus seiner Tabakspfeife Saugt er die Wolken ein, Es wuchs sein Haar, das steife, Dreiteilig durchs Gestein. Er spricht zum Arzt: Nun blicke Durchs Fenster in die Welt Und melde mir zurücke, Was dir ins Auge fällt. Und wenn das Volk der Raben Noch diesen Berg umschwirrt, Dann muß Geduld ich haben, Bis daß es anders wird. (»Lustige Blätter«, 1890)] Abschied von Berlin Heller, warmer Sonnenschein durchflutete die Straßen, ein maienhaft schöner Frühlingstag begünstigte die Ansammlung der vielen Tausende, welche dem scheidenden großen Staatsmann ein Lebewohl zurufen wollten. Die Menge konzentrierte sich von vier Uhr ab in den Straßen, durch welche der Weg nach dem Bahnhof führt, in der Wilhelmstraße, Unter den Linden, am Brandenburger Tor, auf dem Königsplatz bis zum Lehrter Bahnhof. Unter den Linden waren der südliche Bürgersteig, die Fahrdämme und die Mittelpromenade von dichtgedrängten Menschenreihen besetzt; Fenster und Balkone waren dicht gefüllt; ein größeres Aufgebot von Schutzleuten hatte alle Mühe, die Fahrwege freizuhalten und den Verkehr zu regeln. Auf dem Pariser Platz waren zu beiden Seiten mehrfache Reihen von Equipagen und Droschken aufgefahren, deren Insassen sämtlich darauf harrten, dem Fürsten Bismarck ihren Scheidegruß zuzurufen. Ein dunkles, dichtes Menschengewühl erfüllte die Wilhelmstraße von den Linden bis zum Wilhelmsplatz. Hier bemerkte man viele Damen in schwarzer Kleidung, mit Blumenbuketts und Kränzen in den Händen. Zahlreiche Schutzleute zu Fuß und zu Pferde hatten den Bürgersteig und die Straße vor dem Reichskanzlerpalais freigehalten; gleichwohl gelang es mit Blumenspenden beladenen Damen und Herren, die Schutzmannskette zu durchbrechen und vor dem Gittertor des Palais Aufstellung zu nehmen. Schweigend und in tiefer Bewegung harrten die Tausende des Moments der Abfahrt. — Fünf Minuten nach fünf Uhr kam Bewegung in die Menschenmenge. Der erste der auf dem Hofe des Palais haltenden Wagen war vor dem Portal vorgefahren, und Fürst Bismarck in seiner Kürassieruniform mit den Abzeichen seiner neuen Würde trat heraus, hinter ihm Graf Herbert Bismarck in Zivilkleidung. Der Fürst hatte noch einen letzten Abschied von seinen nächsten Gehilfen genommen. Er warf auf die ihm so vertrauten Räume vor dem Einsteigen noch einen langen Blick. Schon aber hatten die brausenden Hurras und Hochrufe eingesetzt, Tücher wurden geschwenkt, und ein wahrer Regen von Blumen und Kränzen flog in den offenen Wagen hinein, als der einfache Wagen zum Ehrenhof hinausfuhr. Eine unbeschreibliche Begeisterung war in die Menschenmassen beim Anblick des scheidenden Kanzlers gekommen; die Menge warf sich dem Wagen entgegen, stürzte zu beiden Seiten vor und brachte die Pferde zum Stehen. Einen Augenblick schien es, als ob man die Pferde ausschirren wollte. Fürst Bismarck dankte nach allen Seiten grüßend; ein freundliches Lächeln war über seine ernsten Züge geflogen. Langsam nur konnte der Wagen vorwärts kommen; wie widerwillig nur machten die Menschenmassen vor dem Wagen Platz. Die begeisterten Hochrufe, das Tücherschwenken, die Abschiedsrufe, die Blumenspenden wiederholten sich Unter den Linden bis zum Brandenburger Tor hinaus. Ein nachdrängender unendlicher Menschenstrom wälzte sich, immer anschwellend und alles mit sich ziehend, dicht hinter dem Wagen des Fürsten einher, so daß die anderen Wagen bald weit von dem Wagen des Fürsten getrennt waren. In dem zweiten Wagen saßen die Fürstin Bismarck mit dem Grafen und der Gräfin Wilhelm Bismarck, im dritten Professor Schweninger, im vierten Wagen — was viel bemerkt wurde — Reichskanzler von Caprivi. Die Fahrt gestaltete sich zu einem Triumphzuge, wie ihn Berlin lange nicht gesehen hat. Auf den Bürgersteigen der Straßen standen Kopf an Kopf Männer aus dem Volke, elegant gekleidete Damen und Herren aus den besten Gesellschaftsschichten, darunter sehr viele Offiziere; es schien, als ob sie alle in der Herzlichkeit der Huldigungen wetteiferten, welche sie dem Fürsten Bismarck darzubringen bemüht waren. Die Großartigkeit dieser unvorbereiteten Huldigung verfehlte auf den Fürsten ihre Wirkung nicht. Der Schmelz aufrichtiger Rührung verklärte die Züge des eisernen Mannes, und die zuckenden Winkel seines lächelnden Mundes verrieten tiefe Bewegung. — Auf dem vom hellen Sonnenlicht übergossenen Lehrter Bahnhof, von dem aus die Abreise nach Friedrichsruh mit dem Expreßzuge um fünf Uhr vierzig Minuten erfolgte, herrschte bereits in den ersten Nachmittagsstunden ein außergewöhnliches Leben. Die Wartesäle waren bereits um drei Uhr überfüllt; alle Schichten der Bevölkerung waren vertreten; neben den Damen der Aristokratie, die meistens in tiefste Trauer gehüllt waren, hatten sich zahlreiche Frauen aus dem Handwerkerstand und aus den arbeitenden Klassen eingefunden. Noch bunter zusammengesetzt war womöglich das Männerpublikum: Generale in goldstrotzender Uniform, Offiziere der Gardetruppen und der Linie. Zu ihnen gesellten sich Parlamentarier, bekannte Rechtsanwälte, Ärzte, Studenten, Kaufleute, Handwerker, Arbeiter; jeder Stand schien vertreten. Vor dem Bahnhofe hatten zahlreiche Blumenverkäufer Posto gefaßt; so voll ihre Körbe auch von Blumen waren, ein Augenblick genügte, und sie waren entleert. Alle Frauen trugen Blumensträuße; der Wartesaal schien in einen einzigen Blumenhain verwandelt; die Vorsitzenden und Leiter zahlreicher Vereine hatten gleichfalls Blumenstücke von seltener Pracht und Größe mitgebracht. Bemerkenswert war besonders eine von englischen Damen dem Fürsten bei seiner Abfahrt überreichte Gabe: aus florüberzogenem Veilchenkissen hob sich der Erdball, ebenfalls mit schwarzer Gaze umzogen, hervor. — Die vierte Stunde war herangekommen; in den Wandelgängen des Bahnhofes schob sich die Menge; alles drängte nach den Ausgangstüren, aber dieselben waren verschlossen, und an der Billetthalle prangte ein Plakat, laut welchem nur denjenigen Personen, die Fahrkarten gelöst hätten, der Eintritt zum Perron gestattet sei. Nun galt es, sich mit Billetten zu versehen, und die Schalter wurden gestürmt: »Ich bin ein Preuße«, so schmetterte mit einemmal die Musik; eine Ehreneskadron der Gardekürassiere mit Fahnen rückte heran; das gesamte Offizierkorps des stolzen Regiments befand sich bei der Eskadron. In zwei Gliedern nahmen die Mannschaften mit gezogenem Pallasch auf dem Bahnhof Aufstellung. Vor dem Fürstenzimmer stellten sich zwei Gardekürassiere als Ehrenwache auf. — Als der Fürst auf dem Lehrter Bahnhofe anlangte, stürzte sich von allen Seiten die Menge unter Hochrufen auf den Wagen. Die Schutzleute, welche zur Absperrung des Bahnhofes aufgeboten waren, konnten oder wollten diesen Sturmlauf nicht hemmen; halb stieg der Fürst aus dem Wagen, halb wurde er hinausgehoben, und hinter ihm her stürzte die Menge auf den Bahnsteig. Mit so überwältigender Kraft vollzog sich die Kundgebung, daß gar nicht an einen Versuch gedacht werden konnte, ihr Einhalt zu gebieten. Der Kanzler empfing sodann aus den Händen des Offiziers, der die Ehrenwache befehligte, unter den Klängen des Präsentiermarsches den Rapport und schritt die Front ab. — Es war zwanzig Minuten nach fünf Uhr; Fürst Bismarck betrat den Perron; alle Häupter entblößten sich; tief gerührt und freundlich lächelnd reichte der Fürst allen die Hand und schritt dann langsam die Ehreneskadron ab. Vor dem Coupé seines Salonwagens nahm der Fürst Aufstellung; nun spielten sich Szenen ab, geradezu überwältigend, unbeschreiblich. Von einer Begeisterung, Glut, von einer Wärme, von einem Feuer, von einer Nachhaltigkeit, die wie mit elementarer Wucht hervorbrachen. Hinter den Gardekürassieren, in den Fenstern der Wartesalons stand in dichter, undurchbrechbarer Kette die Menge; ein Hurrarufen ohne Ende brach los; wenn die Hochs auf der einen Stelle zu ersterben drohten, dann setzten sie an der anderen gewaltiger wieder ein. Da erhob sich mit einemmal eine laute, schrille Stimme mit dem Ruf: »Auf Wiedersehen!«, und »Auf Wiedersehen!« fielen Hunderte und Tausende in diesen Ruf ein. »Auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen!« so hallte es durch den weiten Raum. »Der Begründer des Deutschen Reiches, Fürst Bismarck, lebe!« ließ sich eine Stimme vernehmen, »er lebe hoch«; alle, alle ohne Ausnahme fielen ein. Es stand der Fürst noch über fünf Minuten auf dem Perron, umbraust, umstürmt von den Hoch- und Hurrarufen; der ganze Salonwagen glich einem duftenden Hain; da fingen die Rufe: »Auf Wiedersehen!« von neuem an; sie wurden stärker, mächtiger. Die Glocke erklang; die Truppen präsentierten; die Musik spielte; ihre Klänge erstarben in den Hoch- und Hurrarufen. Die »Wacht am Rhein« wurde nochmals gesungen, und langsam fuhr der Zug aus der Halle. Fortwährend winkte der Fürst Abschiedsgrüße zu; die Damen wehten mit den Tüchern. Es war ein überwältigender Moment; man sah rings tränende Gesichter, hörte lautes Schluchzen: »Auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen!« donnerten die Rufe hinter dem nun schnell fortdampfenden Zuge. [Illustration: Bismarck vor dem Bilde Kaiser Karls =V.= (»Der Floh«, 23. März 1890)] [Illustration: Bismarck als Napoleon auf St. Helena. (»Figaro«, 1. April 1890)] [Illustration: ~Die Gedanken eines Eremiten~ »Der Kaiser wurde Sozialist — da werde ich Nihilist!« (Eine ungedruckte Karikatur von 1890)] Ein Abschiedsgedicht Am 1. April des Trauerjahres hat der »Kladderadatsch« an den Fürsten Bismarck folgendes Abschiedsgedicht gerichtet: Wenn einsam heut im Sachsenwald du dich ergehst, So lässest die Gedanken rückwärts wandern du In alte Zeit. Der Jugend stürmische Tage ziehn Vorüber dir, da kühne Pläne schon du trugst Im hohen Sinn, erwägend, wie das Vaterland Zu retten sei aus schimpflicher Ohnmacht schwerem Bann. Und weiter denkst du, wie begonnen du das Werk, Und wie gefügt mit starker Hand du Stein zu Stein, Bis endlich stand vollendet da der Riesenbau, Die Welt mit Staunen füllend und Bewunderung. Wenn also rückwärts schauend heute du erwägst, Was du vollbracht, dich weihend ganz dem Vaterland, Darfst sagen du: »Noch größer ist’s und herrlicher, Als ich in kühnem Jugendmut dereinst geträumt!« Heil dir, o Fürst! So lange auf dem Erdenrund Noch Deutsche wohnen, wird die stolze Kunde nicht Von dem ersterben, was du für dein Volk getan. Von langer Arbeit ruhe nun in Frieden aus! Was in vergangenen Tagen oftmals du ersehnt, Beschieden ist es jetzo dir: auf eignem Grund Als schlichter Gutsherr sitzest du. Du siehst, wie sich Dein Wald mit frischem Laube schmückt im jungen Lenz; Durch deine Felder schreitest täglich du und siehst Die reichen Saaten fröhlich wachsen und gedeihen; Und wenn im Herbst die Schnitter sich beim Erntefest Im Tanze mit den drallen Mägden drehn, so trittst Du unter sie, von lautem Jubelruf begrüßt, Und fühlst als Herr in deinem kleinen Reiche dich Beglückter, als gewesen du zur Zeit, da noch Gespannt Europas Völker deinem Wort gelauscht. Doch ob du auch geflüchtet vor der Hauptstadt Lärm Dich in die Stille deiner Wälder, nimmermehr Magst du entfliehn der Liebe und der Dankbarkeit. In alter Treue denken dein unzählige, Und heut erbraust durchs ganze Reich der laute Ruf: Heil dir, o Fürst! Beschieden sei dir’s lange noch, Mit rüst’gem Schritt im Sachsenwald dich zu ergehn. Und oftmals magst du feiern noch den frohen Tag, Der uns den besten Deutschen hat dereinst geschenkt! [Illustration: ~Abschied~ Der Reichskanzler legt alle seine Ämter nieder, gibt alle seine Insignien zurück und begibt sich in die wohlverdiente »Friedrichsruh«. (»Kladderadatsch«, März 1890)] Nach der Entlassung Der Tag der Entlassung, Deutschlands Trauertag, war vorübergegangen. Da aber hat sich das Wundersame ereignet: der Stein, der von dem Baumeister verworfen wurde, ist zum Eckstein geworden; der Mann, dem ein kaiserlicher Machtspruch das Amt genommen, wurde Deutschlands heimlicher Kanzler, sein Berater in Freud und in Leid. Man hat versucht, ihn aus dem Gedächtnis zu löschen, in Vergessenheit zu bringen, was er geleistet, und selbst das Wort vom Handlanger fiel kränkend in sein Herz. Er blieb dennoch, der er war. [Illustration: Die Verstoßenen (Bismarck und Gladstone). (»Moonshine«, 5. April 1890)] Wer in der Ordnung der Welt nicht ein loses Gefüge des Zufalls erblickt, sondern dem großen Gedanken des Ewig-Zweckmäßigen nachsinnt, der wird auch erkennen, daß die weltgeschichtliche Aufgabe Otto von Bismarcks noch nicht an jenem Tage gelöst und beendet war, da ihm das Steuer aus den arbeitsgewohnten treuen Händen entrissen wurde. Es hieße den Weltgeist meistern, ihn, der auch die Könige nach ihrem Pfunde fragt, wenn man verlangte, daß jene ungemeine Kraft, die sich in dem greisen Staatsmann verkörperte, auf ein irdisches Machtwort hin zerstört sei. Die Kleinen der Menschheit mögen so handeln, wie es der zweite Kanzler später tat; der Genius aber kennt nur selbstgeschaffene Gesetze, denen er folgt, auch wenn des Philisters befangener Sinn ihm das eigene Wesen als Muster und Richtschnur empfiehlt. Ein Bismarck, der ruhig den Geschicken sich beugte, der, des Amtes beraubt, sich auch der Verantwortung für ledig erkannte, der die Tage der sinkenden Sonne des Lebens still und ruhig auf seinem Gute verträumte, ein Bismarck, der nicht mehr schaffend tätig war, der wäre ein Widerspruch gewesen gegen sich selbst, gegen seine Vergangenheit und seine Taten; er wäre in Wahrheit nur jener brave Handlanger geworden, als den ihn eine irrende Legende darstellen wollte. Indem er fortan das bürgerliche Recht der Kritik ausübte, indem er zum Türmer wurde, der auf nahende Gefahren weist, erhob er dieses Recht zu einer Bedeutung, die das Volk freudig anerkannt hat, als es ihm die glänzende Fahrt nach Wien, Kissingen und Jena schuf, die ein paar Erlasse des Nachfolgers vergebens zu beschränken sich mühten. Nur ein Mann, der anders war als die Wanderer auf der Heerstraße des Gewöhnlichen, konnte schaffen, was ihm die deutsche Welt verdankt: So mußte er auch anders sein, als all die Kleinen, auch in den Jahren des Alters, in denen dennoch das Blut seine Adern jünglingsheiß durchwallte. So ist die Geschichte Bismarcks in acht Jahren nichts anderes gewesen als der Kampf des Genies gegen den Durchschnitt. Und eine gewaltige Tragik lag in dem allen. In dem »Zauberlehrling« ist die Allegorie gegeben: Die Wasser drängen und brausen; der Meister weilt abseits. Nur daß die Wirklichkeit schärfer zeichnet: In Fingerhüten suchten die Schüler die Wogen zu schöpfen, um die Gefahr zu vermindern, und die Stimme des Meisters verhallte. Aber der Meister war von Fleisch und Blut, und es zehrte an ihm, daß er die Hand nicht mehr rühren sollte. Nicht für sich wollte er schaffen; er brauchte nicht mehr des Ruhmes und des Erfolges; aber für sein deutsches Volk und für das Deutsche Reich wollte er noch Hammer und Meißel gebrauchen. [Illustration: Dem Fürsten Bismarck wird nächstens von amtlicher Seite Stillschweigen auferlegt werden. (»Kladderadatsch«, Sept. 1890)] Es war das Martyrium des Genies, das Bismarck durch acht Jahre trug. Daß er es in Größe ertrug, ja, daß er über sich selbst noch hinauswuchs, daß er, auf sich allein gestellt, doch nicht wankte und nicht wich, daß er den Mut der Einsamkeit besaß, hob ihn hinaus weit in die Sphären, in denen das Kleinlich-Menschliche verschwindet. Zagend stand die Welt, als er aus dem Amte schied; die Instinkte der Masse sahen beklommen einen Gegensatz zwischen der Kaisertreue und der Treue zu Bismarck, und der stürmenden Jugend wandte sich die Neigung zu. Aber die Zeiten zogen dahin, und ein Wandel trat ein: Die Bismarckfahrten sind das Merkmal der Stimmung geworden; sie wurden Ehrenmale des deutschen Volkes. [Illustration: ~Bismarck als Wotan.~ (»Figaro«, März 1890)] Auch wer die Ereignisse nicht nur mit dem Maßstab der Nützlichkeit mißt, wer nur dort von Erfolgen spricht, wo die Bilanz mit einem greifbaren Plus abschließt, wer die augenblickliche Wirkung berechnet und nicht die Früchte, die langsam aus der Saat emporreifen, wird den Gewinn der Bismarckfahrten hoch einschätzen müssen. Die Jahre der Ära Caprivi hatten den nationalen Gedanken verdunkelt; sie hatten die Fortentwicklung gelähmt; sie hatten dort, wo die berufensten Träger dieses Gedankens waren, Mißverstehen und Entmutigung geschaffen. Auch die Träger der späteren Politik vermochten selbst da, wo ihre Maßregeln gebilligt werden durften, das Defizit nicht zu decken, das diese Jahre erzeugten. Die Freudigkeit der Arbeit war geschwunden, der Pessimismus war geblieben. Da zogen denn Tausende und wieder Tausende zum Sachsenwalde. Und während der Fahrt steigen die Erinnerungen auf an die Tage von einst, und die Herzen wurden warm, und man sprach vom Kaiser Weißbart und vom Versailler Schloß und von Sedan und von den Schlachtfeldern allen, und die Augen begannen zu leuchten, wenn einer, der dabei war, erzählte, wie er den Eisernen Kanzler damals gesehen, als er gen Donchery ritt, und wenn ein anderer sich entsann, wie er vor dem Reichstage stand, als Bismarck eben für die deutsche Furchtlosigkeit gezeugt hatte, und daß er ihn heraustreten sah, ernst und bleich, und wie das Volk schwieg, weil kein Ton das auszudrücken vermochte, was alle beherrschte. Und war man am Ziele, blickten die Mauern von Friedrichsruh durch das Grün, harrten die Scharen schweigend des Augenblicks, um dessetwillen sie kamen, und schritt dann langsam, ernst, den Blick nach innen gekehrt, der greise Kanzler heran, um sich schweigend zu neigen und zu horchen, was die Westpreußen und Schlesier, Schleswiger und Sachsen zu sagen haben, dann war die drängende Masse nicht nur ergriffen, sie war erschüttert: Hier steht die große Vergangenheit lebendig vor uns, hier blickt sie auf uns nieder mit der ernsten Frage: Werdet ihr euch wert erzeigen dessen, was wir für euch schufen? In dem brausenden Hoch, das dann ertönte, lag mehr als die Liebe zu dem einen Mann, da lag auch das Gelöbnis: Wir werden uns würdig erzeigen, wenn es gefordert wird, gleich unseren Vätern und Brüdern freudig unser Blut auf dem Schlachtfelde zu verspritzen. Und sie haben es später gezeigt, bei Lüttich und vor Antwerpen, an der Aisne wie an den Masurischen Seen und vor Warschau, daß der Geist Bismarcks lebendig blieb und daß diese Jahre, in denen die Deutschen gen Friedrichsruh wallten, reiche Früchte in ihrem Schoße trugen. [Illustration: Die Märchenerzählerin in Friedrichsruhe. (»Frankfurter Laterne«, Juli 1890)] So hat Bismarck auch nach der Entlassung das große Werk seines Lebens weitergeführt. Er hat keine Ruhe gekannt, er hat gekämpft, auch als man ihn vom Kampfplatz trieb, und er ist, wie stets, der Sieger geblieben. Und wenn auch die Jüngeren versuchten, die Bahnen zu verlassen, auf denen er glorreich dahingeschritten war, wenn sie sich klüger dünkten als der Vielerfahrene, so hat doch die Geschichte ihnen unrecht gegeben, und beschämt mußten sie zurückkehren zu seinen Bahnen. Aber jeder Kampf hat seine Bitterkeit, vor allem der Kampf des Genies gegen das Vorurteil und die Selbstgefälligkeit der Masse. Unter dem Eindruck des Ungeheuren, das am 20. März 1890 geschah, haben selbst Männer in ihrem redlichen Empfinden geschwankt, die sonst in treuer Gesinnung zu dem nationalen Werke Bismarcks gestanden haben. Er war verlassen fast von allen, und als er es wagte, noch das Recht der freien Meinung zu fordern, zu warnen, wo es ihm Pflicht schien, da hat man ihn geschmäht, ihn mit Gefängnis und Zuchthaus bedroht. [Illustration: ~Der Traum Bismarcks~ Dem Schloßherrn von Friedrichsruh spiegelt die Phantasie die triumphierende Rückkehr vor. (»Strekoza«, 1891)] Der Maulkorb Schon im Juli 1890 konnte Fürst Bismarck sagen: »Ja, mir gibt man beim Leben die Ehren des Todes. Mich begräbt man wie Marlborough. Man wünscht nicht bloß, daß Marlborough nicht wiederkehre, sondern man wünscht, daß er wirklich sterben möge oder wenigstens auf den Rest seiner Tage schweige. Mit meiner Lage söhne ich mich aus. Alles hat sich in so legalen Formen vollzogen, daß ich auch gar nicht daran denken kann, zu protestieren. Wenn ich frühmorgens inmitten dieser Natur aufwache, so fühle ich sogar eine große Freude darin, daß keine Verantwortlichkeit auf mir liegt; man fühlt sich frei, unabhängig, so wie ein rechtschaffener Landedelmann sein soll. Aber zugleich damit kann ich nicht vergessen, daß ich mich 40 Jahre mit der Politik beschäftigt habe — und auf einmal darauf verzichten, ist unmöglich. In der Tat hilft man mir darin eifrig — und niemand von meinen Gefährten in der Politik, niemand von meinen zahlreichen Bekannten führt mich durch seine Besuche in Versuchung. Man ruft mir ›Halt!‹ zu, mich meidet man wie einen Pestkranken, indem man sich fürchtet, sich durch einen Besuch bei mir zu kompromittieren, und nur meine Frau besuchen noch von Zeit zu Zeit ihre Bekanntinnen. Deshalb bin ich immer erfreut über die Repräsentanten der Presse, welche sich für Fragen der Politik interessieren, und mit welchen ich über Dinge sprechen kann, die fortfahren, mich zu beschäftigen. Aber auch das ruft Unzufriedenheit hervor. Man kann mir nicht verbieten, zu denken, aber man möchte mich gerne hindern, meinen Gedanken Worte zu geben, und wenn es möglich wäre, hätte man mir längst ein =silence cap=, einen Maulkorb, angelegt.« Das Leben in Friedrichsruh Der Verfasser hat nach einer Reihe von Besuchen in nachstehender Weise einen Ausschnitt aus dem Leben in Friedrichsruh zu zeichnen versucht: Es ist natürlich, daß auch heute noch die Politik den Fürsten Bismarck fast ausschließlich beschäftigt, daß er mit intensivem Interesse den Wandlungen der Gegenwart folgt. Er selbst sagte einmal, daß so manche Nebenbeschäftigung, wie die Jagd und die Fischzucht, an denen er sonst Freude hatte, ihr Interesse verloren, seitdem ihm die Hauptbeschäftigung genommen ist. Wer an große Erregungen gewöhnt ist, wer über Völkerschicksale entschied, der empfindet die Idylle als Fessel, der sträubt sich dagegen, daß die Ruhe zum Selbstzweck werde. Ein Mann von 81 Jahren — und welche gewaltige Kraft! Wie harmoniert selbst das Physische an ihm mit dem Geistigen! Gewaltig von Statur, aufrecht, festen Schrittes, so wandert er durch den Park von Varzin oder unter den Bäumen von Friedrichsruh, so tritt er dem Besuchenden im Innern des Hauses entgegen. Das Auge, das wunderbare, ist noch immer so durchdringend und klar, daß es scheint, als ginge der Blick bis in die tiefsten Falten des Herzens. Keine Spur von Ermüdung auf dem Spaziergang oder des Abends, wenn nach der Mahlzeit durch Stunden der Fürst das Gespräch führt. Es ist etwas Eigenes mit diesen Gesprächen. Die meisten, die namentlich als Mitglieder von Deputationen bei Bismarck weilten, glauben dem Hofton folgen und stets die Anrede abwarten zu sollen — das ist falsch. Fürst Bismarck will angeregt sein, er will das Thema erfahren, das den anderen interessiert, und man darf sicher sein, man wird ihn nicht in Verlegenheit setzen. Formell besitzt er die leichte Art des Franzosen, die Kunst des Plauderns; inhaltlich aber hat selbst das anscheinend leichte Gespräch eine solche Fülle von Beobachtung und Urteil, daß man immer von neuem über die Reichhaltigkeit dieses Geistes erstaunt. Ich habe nie ein so prägnantes Urteil über Zolas »=Débâcle=« gehört, wie einst von ihm. Ihm fehlt »der Pulverrauch in dem Buche, den eben nur der schildern kann, der ihn selbst gerochen hat«; er nennt es phantastisch und unwahr und führt zum Belege die Einzelheiten der Schlacht von Sedan an, obwohl er das Buch vor langer Zeit schon gelesen. So zitiert er im Plaudern englische und französische Dichter und Forscher; auch dem italienischen Sprachschatz entlehnt er Vergleiche, und stets wendet er die Ursprache an. In Erinnerung ist mir geblieben, wie er einmal nach einem Exkurse über die oft recht geringe Verwendbarkeit seiner Beamten scherzend das Wort Talbots anwandte, indem er es durch die Betonung variierte: »Mit der Dummheit« — im Bunde mit ihr — »kämpfen Götter selbst vergebens.« [Illustration: ~Luzifer~ »Das sind die Tage, von denen Wir sagen, sie gefallen Uns nicht.« (»Wahrer Jakob«, Juli 1892)] [Illustration: Bismarck schickt sich an, seine Memoiren zu schreiben. (Silhouette von B. Moloch)] [Illustration: Interviewer: »Bitte, Durchlaucht, sagen Sie mir nur dies eine: Was bezwecken Sie mit Ihrem jetzigen Journalkampf?« Fürst Bismarck: »Einjesperrt will ick werden, einjesperrt!« (»Der Floh«, Juli 1892)] Es ist ein großer Irrtum, sich den Fürsten Bismarck als erbittert vorzustellen. Zwar von einzelnen Persönlichkeiten, die nach seiner Überzeugung einst gegen ihn erfolgreiche Intrigen spannen, spricht er nur mit Erbitterung oder mit scharfem Spott, aber die Grundstimmung ist doch die Resignation, die zuweilen nicht ohne einen melancholischen Zug ist. Diese leise Melancholie ist erst bemerkbar geworden, seitdem ihm die treue Lebensgefährtin starb. Seine Umgebung ist jedoch eifrig bemüht, solche Wolken von seiner Stirn zu bannen. Überhaupt hat die Sorgfalt, mit der ihn die Seinen umgeben, etwas innerlich Ergreifendes. Vor allem ist es die Tochter, Gräfin Rantzau, die mit außerordentlicher Zartheit um den Vater bemüht ist. Aber besonderen Dank schuldet wohl die Mitwelt ihrem Gatten, der seine Karriere mitten in ihrer Entwicklung unterbrach und jede Wallung eines natürlichen Ehrgeizes niederkämpfte, um das Bedürfnis des greisen Helden nach einem freundlichen Familienleben zu erfüllen. Graf Rantzau hat da ein Opfer gebracht, das sich in dem steten Verkehr mit dem Fürsten selbst belohnen mag, das aber nicht hoch genug geschätzt werden kann, zumal ihm doch auch das Gefühl nicht fremd bleiben mag, im Hause eines Bismarck mit dem eigenen Werte stets zurückstehen zu müssen. Von den Rantzauschen Kindern weilen zwei in Friedrichsruh, der älteste Sohn befindet sich auf der Ritterakademie in Brandenburg. Es sind bildhübsche, schlanke, hochgewachsene Jungen, von denen namentlich der jüngste am meisten Bismarcksche Schädel- und Gesichtsbildung zeigt. Entzückend ist es, das Verhältnis des Großvaters zu den Enkeln zu beobachten. Welch tiefe Zärtlichkeit liegt in seinem Blick, wenn die frischen Jungen zu den Mahlzeiten ins Zimmer treten, wenn sie dem Großvater die Hand küssen, die dann liebevoll über ihre frischen jungen Wangen streicht! Sie haben es nicht nötig, mäuschenstill auf ihren Plätzen zu sitzen, gar manchesmal hört man ihr munteres Lachen vom anderen Ende der Tafel. Die Jungen werden nicht verzärtelt, sie werden zu tüchtigen Landjunkern herangebildet. In Varzin bestand ihr Hauptgenuß darin, in der »Schafwäsche« mit den Dorfjungen zu baden und nachher sich an weißen Rüben, frisch aus dem Felde, zu delektieren. Der Fürst ist in seinen Bedürfnissen mäßig; das stets wiederkehrende Gesichtsreißen mit seinen quälenden Schmerzen mag ihm wohl auch die Freude des Genießens stören. Indessen nimmt er immerhin noch die Speisen und Getränke zu sich, die etwa ein rüstiger Sechziger zu seines Leibes Nahrung und Notdurft gebraucht. Spaßhaft war es, wie er einmal sich entschuldigen wollte, daß er ein paar kleine Glas Bier als Ganze hinunterstürzte, und wie ihn Professor Schweninger auf seine Bemerkung, daß der Kaviar heute früh doch gar zu salzig gewesen sei, darauf aufmerksam machte, daß es »den schon gestern früh gegeben habe«. Bei der Mahlzeit ist der Fürst äußerst lebendig, doch mag ihn die Rücksicht auf die Dienerschaft veranlassen, hier die Politik möglichst zu vermeiden und sich hauptsächlich in Reminiszenzen zu ergehen. Bei solchen Gelegenheiten bewunderte ich stets die Sicherheit, mit der er die entlegensten Namen zur Hand hatte, zugleich aber auch die Prägnanz, mit der er durch irgendein Beiwort, durch die Erwähnung irgendeines charakteristischen Merkmals die Persönlichkeiten, von denen er spricht, uns lebendig vor das Auge zaubert. Den Hauptgenuß bilden die Stunden nach dem um sieben Uhr stattfindenden Diner, in denen der Fürst, die lange Pfeife rauchend, sich ohne Zwang in politischen Gesprächen ergeht. Er verfolgt die Ereignisse des Tages mit gespannter Aufmerksamkeit, ist über alles orientiert und fällt sein Urteil mit erstaunlicher Treffsicherheit. Vor allem betont er auch immer mit Nachdruck die Notwendigkeit eines guten Einvernehmens mit Rußland. Einmal erwähnte ich die mir bekannte Absicht des chinesischen Gesandten, den Fürsten um seinen Rat zu fragen: »O nein, ich danke, ich gebe einen Rat nur dann, wenn ich ihn auch verantworten muß. Ratgeber ohne Verantwortung — von der Sorte gibt es schon Leute genug.« Auch auf den Plan, den Grafen Herbert zum Führer einer neuen, großen nationalen Partei zu machen, kam das Gespräch: »Ich würde meine Zustimmung dazu nie geben; zum Parteiführer ist mein Sohn nicht Intrigant genug.« Im lebhaften Gespräch geht wohl einmal die Pfeife aus; da will aber der Fürst keine Hilfe haben: »Das Nachstopfen ist auch ein Teil des Genusses beim Rauchen.« Nur das lange Streichholz — sechs Zoll lang — darf man gerade noch anzünden. Der Fürst steht verhältnismäßig spät auf; das ist eine alte Gewohnheit, die noch aus seiner Amtszeit stammt und in der weiteren Gewohnheit begründet ist, bis tief in die Nacht hinein zu arbeiten. Das erste Frühstück, nach englischer Art, wird im Sommer auf einer Veranda eingenommen, und hierbei werden die eingegangenen Zeitungen durchflogen. Von den Briefen und Zusendungen, die selbst an gewöhnlichen Tagen eintreffen, läßt sich schwer eine Vorstellung machen. Da sendet ein Fabrikant eine Tuchprobe mit der Bitte, den Stoff als Bismarcktuch in den Handel bringen zu dürfen, da schickt eine glückliche Pastorenfrau die Photographie — ihrer fünf Sprößlinge; es sind die heterogensten Themen, die in den Briefen angeschlagen werden, und es ist selbstredend, daß auch zahllose Gesuche um Unterstützung nicht fehlen. Dem ersten Frühstück folgt bei erträglichem Wetter ein Spaziergang, sonst wohl beschäftigt sich der Fürst mit Angelegenheiten der Verwaltung, die ihn oft recht stark in Anspruch nehmen. Das zweite Frühstück vereinigt zum erstenmal die ganze Familie: einige leichte, warme Speisen, Bier, Wein, ein leichter Schaumwein. Wenn Gäste anwesend sind, wird wohl ein besonderer Gang eingeschoben. Bei schönem Wetter erfolgt eine Ausfahrt und nach der Rückkehr erneute Arbeit. An Zeitungen sind anscheinend etwa sechs bis sieben dauernd abonniert; am sorgfältigsten liest der Fürst die »Hamburger Nachrichten«, in deren lokalen Teil er sogar hineinblickt. Den speziellen Dienst beim Fürsten hat noch immer der treue Kammerdiener Pinnow, der mit außerordentlicher Sorgfalt um seinen greisen Herrn bemüht ist, dem aber, nach der freundlichen Rundung seines äußeren Menschen zu urteilen, sein Dienst recht gut bekommt. So gestaltet sich das Leben des greisen Staatsmannes ganz in der Art des vornehmen Landedelmannes. Es ist ein =otium cum dignitate=, was er genießt. [Illustration: ~Koriolan~ »Ich wollt’, er hätte für sein Vaterland gehandelt, Wie er begann. Und nicht das aufgetrennt, Was er mit eigner Hand geknüpft.« (»Punch«, 16. Juli 1892) ] Es war das schlichte, aber trotz seiner Schlichtheit zugleich vornehme und behagliche Heim eines Landedelmannes, in dem Fürst Bismarck den Abend seines Lebens verbrachte. Aber es war kein schlichter Landedelmann, der dort der Hausherr war; wer immer zu ihm in Beziehungen trat, der schied voll ehrfürchtiger Bewunderung; wem es beschieden war, ihm näherzutreten und sein Vertrauen zu gewinnen, der schied von ihm voll leidenschaftlicher Liebe. Wie hingen sie alle an ihm, Lothar Bucher, Schweninger, Lenbach und die anderen — selbst der Nüchternste empfand es, daß hier die Natur ein Meisterwerk geschaffen, und mit einer Art heiliger Scheu blickte er auf das Antlitz des Großen. »Es ist ein unbegreifliches, geheimnisvolles Leben in diesem mächtig aufgebauten Kopfe, das auf den Beschauer geradezu überwältigend in den Augenblicken wirkt, da er den Blick über die Personen und Gegenstände seiner näheren Umgebung hinweg und in die Ferne schweifen läßt«, so schildert die Malerin Vilma Parlaghy den Eindruck, den sie empfing. Und der Dichter Adolf Wilbrandt erzählt aus dem Dezember des Jahres 1890, wie ihm der Fürst zuerst, als er ihn in der Tiefe des Saales auf einem Sofa ruhen sah, als ein alter Mann erschien: »Doch nun erhob sich der ›Alte‹, und lässig aufgereckt, in ruhiger, behaglicher Würde stand die volle, hohe Gestalt vor mir, ins Leben zurückgekehrt. Wenige Augenblicke hatten ihn verjüngt; mit freundlichem Hausherrnblick begann er das Gespräch, mit dem ruhigen wartenden Blick der vordringenden Augen, der zwischen seinem durchbohrenden Naheblick und seinem Denkerfernblick gleichsam in der Mitte schwebt. Nie habe ich an einem Menschen einen so erstaunlichen und leichten Wechsel vom zugreifenden Naheblick des Tatmenschen und vom tiefen, geisterhaften Fernblick des vorausschauenden Weisen gesehen. Wie sich in ihm so viele und verschiedene Kräfte der deutschen Volksart zu einem mächtigen Akkord vereinigt haben: wilde, dreinschlagende Tatkraft, bedächtige Zähigkeit, strahlender Humor, plattdeutsche Gemütlichkeit, selbstwilliger Herrschersinn, hingebende Mannestreue, tiefgrabende Klugheit — so gehen von seinem Auge in oft unmerklichem Übergang brüderliche Strahlen der widersprechendsten Menschenformen aus: des Kämpfers, der sich mit allen Kräften durchzusetzen sucht, der in dich hineinbohrt, vor dessen Scharfblick du dich vielleicht gern verstecken möchtest, und des Denkers, der dich gar nicht sieht, der durch dich hindurch in irgendeine Ferne schaut, eine vergangene oder zukünftige, der auf der Welt nichts zu wollen scheint, als aus der Nichtigkeit des Augenblicks in das Wesen der Dinge zu tauchen.« [Illustration: ~Der Kanzlerstreit~ Bauer (dem die Finger in der Coupétür gequetscht worden sind): »Aber dös tuet weh!« Schaffner: »Dös glaab’ i. Wann’s guet tät, dann tätet ihr die Pratzen den ganzen Tag net aus de Tür außi.« Graf Caprivi fühlt sich durch den Ton der Preßpolemik beschwert, die Fürst Bismarck in seinen Blättern anschlagen läßt. (»Kladderadatsch«, August 1892)] Als im Frühjahre des Jahres 1896 eine Wiesbadener Deputation erschien, schrieb eines ihrer Mitglieder: »Wir alle hatten das Gefühl, daß man diesem Manne immerfort zuhören könnte, ohne auch nur im geringsten zu ermüden. Wer je des Glückes und der Ehre der Gastfreundschaft in seinem Hause teilhaftig geworden ist, wird rückhaltlos zugeben, daß es seit Luther einen fesselnderen Erzähler in Deutschland nicht gegeben hat. Jeder, der mit diesem Manne in einer ähnlichen Lage zusammen ist, der in seine großen, hervortretenden, wunderbaren blauen Augen mit dem unbeschreiblich ruhigen und durchbohrenden Blick geschaut und ihn sprechen und erzählen gehört hat, wird mir recht geben, daß man bald in dem Banne seiner Genialität gefangen ist und einem Wesen aus einer anderen Welt gegenüberzustehen glaubt. So überragt er alle seine Zeitgenossen.« Unvergleichlich ist auch in diesen letzten ernsten Jahren die Plauderkunst des Fürsten Bismarck gewesen. Nur daß über ihr dauernd ein Schatten der Melancholie ruhte, der selbst dem goldenen Humor einen tiefen schwarzen Rand verlieh. Reich wie vorher war sein Arsenal plastischer Bilder, durchdringend blieb seine Menschenkenntnis, wunderbar sein Gedächtnis. Und trotz allem blieb die Persönlichkeit einfach, man spürte nichts von dem Übermenschen, man vergaß das Riesenhafte dieser Gestalt. Das Haar wurde allmählich weiß, aber die Gesichtsfarbe blieb hell, gesund und fast von jugendlicher Frische bis zuletzt. Zuweilen zuckten Blitze des Grolls und auch des leidenschaftlichen Hasses über sein Antlitz, die Grundstimmung aber blieb dennoch eine von Humor verklärte Resignation. Aber auch hier war dennoch etwas Eigenes zu spüren: der Mann, der die Geschicke der Menschheit bestimmt hatte, konnte sich nicht plötzlich mit dem Lose des Landmannes begnügen, der seinen Kohl baut, seine Wälder pflegt, seine Steuern zahlt; er konnte sich nicht plötzlich und unvermittelt losreißen von dem Boden, auf dem er so lange gestanden, und wenn er auch das Scherzwort brauchte: »Ich bin schön ’raus«, so zeigten doch die Kämpfe all dieser Jahre, daß er in den Sielen blieb und sich in Wahrheit bis zum letzten Atemzuge als Kämpfer fühlte. — Und er hatte Anlaß dazu. Denn wenn auch der Kurs der alte bleiben sollte, so suchten doch die neuen Männer und auch der junge Kaiser das Heil auf anderen, neuen Wegen, auf denen Fürst Bismarck, wenn er sein Werk erhalten wollte, ihnen nicht nachfolgen konnte, vor denen zu warnen die Pflicht »wie mit einer Pistole auf ihn zielte«. Er konnte kein »stummer Hund« sein. Auch als man ihm den Maulkorb umlegen, den Mund versiegeln wollte, auch als sein Nachfolger in dem ersten Uriasbriefe erklärte, daß »den Anschauungen des Fürsten Bismarck ein aktueller Wert nicht beigelegt werden könne«. Gerade weil die Kleineren, die ihm folgten, seine Bahnen verließen und sich gegen ihn wandten, deshalb fühlte er sich auf den Kampfplatz gerufen, deshalb hat der alte Recke noch einmal das Schwert umgürtet und den Schild ergriffen und sich hinausgestellt, um für sein Volk zu ringen. Und vielleicht wuchs er gerade damals und gerade deshalb, weil er nicht verzichten, sich der höfischen Lehre nicht fügen wollte, noch über sich selbst hinaus. [Illustration: Der neue Phaeton oder das Aufbäumen des Partikularismus. (Oben Bismarck, unten Caprivi.) Vorschlag zu einem Wandgemälde für den Reichstag. (»Kladderadatsch«, Mai 1893)] Und es geschah, was geschehen mußte: die ewig Zagenden, die Leisetreter und Ängstlichen wandten sich von ihm ab, sandten nach Friedrichsruh guten Rat, abzulassen und als geduldiger Zuschauer den Ereignissen zu folgen. Sie kannten nicht den kategorischen Imperativ der Pflicht, der das ganze Leben des großen Kanzlers und auch den Abend beherrschte; sie ahnten nicht, daß er das Amt, daß aber nicht das Amt ihn groß gemacht, und sie mußten es vernehmen, daß aus dem heiligen Walde von Friedrichsruh ihnen das Scheltwort »Angstprodukte« entgegenklang. [Illustration: ~Banquos Geist~ »Wer auch Reichskanzler werden mag, immer wird er auf seinem Sessel den Schatten Bismarcks sitzen sehen. (»Ulk«, November 1894)] Einmal hat auch Fürst Bismarck geglaubt, sich die Reichstagstribüne als Plattform verschaffen zu müssen, damit sein Wort noch weiter vernommen werde, sein Rat auch durch die äußerliche Verantwortung des Mandates gedeckt sei. In Geestemünde hat er kandidiert, bis er in der Stichwahl mit einem sozialistischen Handwerksgesellen Sieger geworden. Aber er hat dennoch das Mandat niemals benutzt, nur der äußerste Zwang hätte ihn getrieben, sowohl seine tiefe Abneigung gegen das im Reichstage herrschende Fraktionswesen zu überwinden, wie die Abneigung gegen die Rolle eines Frondeurs, der gegen seinen eigenen Nachfolger Oppositionen macht. »Ich bin«, so erklärte er einer Deputation seiner Wähler, »im siebenundsiebzigsten Jahr nun nicht mehr rüstig genug, um der Aufgabe so zu entsprechen, wie ich glaube, daß sie erfüllt werden sollte. Nicht bloß die Unbequemlichkeit, außerhalb der eigenen Häuslichkeit zu wohnen und zu schlafen, hält mich zurück, sondern auch die Aussicht auf peinliche Begegnungen mit früheren Freunden, die solche zu sein seit meinem Abgang aufgehört haben. Ich hoffe von Ihnen, daß niemand die schlimme Erfahrung selbst gemacht hat, mit seiner geschiedenen Frau unversöhnt unter einem Dache zu wohnen. Ähnlich ist das Wiedersehen mit geschiedenen Freunden. Natürlich kann ich nach meiner Vergangenheit nicht einer Partei angehören; wenn ich im gewissen Sinne auch Parteimann bin, so bin ich jetzt für das alte Kartell, dafür, daß die staatserhaltenden Parteien sich so weit verständigen, wie es ihnen möglich ist, und die Dornen ihrer Programme nicht gegeneinander kehren. Der Gedanke einer prinzipiellen Opposition gegen meinen Amtsnachfolger und die Regierung liegt mir außerordentlich fern; ebenso fern aber liegt es mir, still zu sein gegen Vorlagen, die ich für schädlich halte. Wenn ich glaube, daß das Vaterland mit seiner Politik vor einem Sumpfe steht, der besser vermieden wird, und ich kenne den Sumpf, und die anderen irren sich über die Beschaffenheit des Terrains, so ist es fast Verrat, wenn ich schweige. Was sollte ich für andere Zwecke haben, als dem Lande zu dienen? Ehrgeiz etwa? Das wäre doch töricht anzunehmen. Was sollte ich denn werden? Mein Avancement ist abgeschlossen.« [Illustration: ~Der Steuermann verläßt das Schiff.~ (»Punch«, 29. März 1890)] [Illustration: ~Proteus in Friedrichsruh~ Gegenüber dem deputierten Bürger und Bauersmann Vor den Handelskammersekretären Bei der Studentenpauke Zur Künstlerdeputation Speech an die Schuljugend Gegen den »Neuen Kurs« (»Ulk«, August 1893)] [Illustration: ~Bismarcks Zuflucht~ »Ich fasse dich mit beiden Armen an! So klammert sich der Schiffer endlich noch Am Felsen fest, an dem er scheitern sollte!« Bezieht sich auf die Stichwahl in Geestemünde, in der Bismarck mit dem Sozialdemokraten Schmalfeld um das Mandat rang. (»Lustige Blätter«, 30. April 1891)] [Illustration: ~Hamlet, =III.= Akt, 4. Szene~ Polonius-Caprivi (hinter der Szene): Hilfe! he! herbei! Hamlet: Wie? was? eine Ratte? (Er zieht.) Tot! für ’nen Dukaten, tot! (Tut einen Stoß durch die Tapete.) Polonius (hinter der Tapete): Oh, ich bin umgebracht! usw. usw. usw. (»Kladderadatsch«, Juni 1892)] Aber wenn Fürst Bismarck auch den parlamentarischen Verhandlungen fernblieb, so suchte und fand er doch einen Kampfplatz, auf dem er mit voller Verantwortung seinem Volke sagen konnte, was er zu sagen hatte. Je maßloser die Angriffe seiner Gegner wurden, je schamloser sie sein ehrwürdiges Haupt beschimpften, je lauter sie nach dem Staatsanwalt riefen, um so schneller besann sich das deutsche Volk auf seine Pflicht zur Dankbarkeit. Es sind Jahre des Sturmes gekommen, und es kamen Zeiten, in denen der Nibelungenzorn schrankenlos emporgebraust ist. Vor allem damals, als die Reise zur Hochzeit seines älteren Sohnes nach Wien in dem zweiten Uriasbrief ein Dokument der Verirrung schuf, wie es sonst die Geschichte wohl kaum noch kennt. Der zweite Uriasbrief Dieses zweite Schriftstück war an den deutschen Botschafter in Wien, den Prinzen Reuß, gerichtet und hatte folgenden Wortlaut: »Im Hinblick auf die bevorstehende Vermählung des Grafen Herbert Bismarck in Wien teile ich Eurer Durchlaucht nach Vortrag bei Seiner Majestät folgendes ergebenst mit: Falls der Fürst oder seine Familie sich Eurer Durchlaucht Hause nähern sollten, ersuche ich Sie, sich auf die Erwiderung der konventionellen Formen zu beschränken, einer etwaigen Einladung zur Hochzeit jedoch auszuweichen. Diese Verhaltungsmaßregeln gelten zugleich für das Botschaftspersonal. Ich füge hinzu, daß Seine Majestät von der Hochzeit keine Notiz nehmen werden. Eure Durchlaucht sind beauftragt, in der Ihnen geeignet erscheinenden Weise sofort hiervon dem Grafen Kalnoky Mitteilung zu machen.« — Neben der deutschfreisinnigen und ultramontanen Presse fühlte sich auch die edle »Kreuzzeitung« gedrungen, dem Grafen Caprivi für diese »Tat« den Dank des Vaterlandes auszusprechen. »Uriasbriefe« nannte dagegen Bismarck verächtlich diese Erlasse. In den »Hamburger Nachrichten« vom 5. Juli wurden sie mit den Worten vernichtet: »Wir sind der Ansicht, daß die Kontrolle privater Geselligkeit im Auslande und die Einwirkung auf private Dinereinladungen nicht zu den Aufgaben gehören, zu deren Lösung hochgestellte Staatsmänner berufen und Botschaftsgehalte bewilligt werden. Wir glauben nicht, daß die auswärtigen Akten einer anderen Großmacht, wenn sie veröffentlicht würden, ein Gegenstück dieses deutschen Vorgangs aufzuweisen hätten.« [Illustration: Im besten Falle wird er ein äußerst unbequemer Fraktionsgenosse sein. (»Ulk«, Mai 1891)] Götz von Berlichingen Auf dem Marktplatz von Jena gab Fürst Bismarck die Antwort, umjubelt von den Besten seines Volkes: »Ich habe als Reichskanzler nach meinem Gewissen gehandelt, bin auch fest entschlossen, als Privatmann nach meinem Gewissen und meinem politischen Pflichtgefühl zu handeln, was auch immer die Folgen für mich sein könnten. Die sind mir völlig gleichgültig. Ich bin eingeschworen auf eine weltliche Leitung eines evangelischen Kaisertums, und dem hänge ich treu an, und wenn man mir in jedem Falle, wo ich nach meiner fünfzigjährigen Erfahrung in der Politik glaube, daß die Ratgeber meines Monarchen besser andere Wege einschlagen würden, den Vorwurf macht, ich treibe antimonarchische Politik, so möchte ich doch einmal auf unsere bestehende Verfassung aufmerksam machen, nach welcher die Verantwortlichkeit für alle Regierungsmaßregeln nicht bei dem Monarchen, sondern bei dem Reichskanzler und den Ministern ruht. Ich möchte außerdem darauf aufmerksam machen, daß diese Auffassung — ich will nicht sagen eine altgermanische, aber — eine uns in Fleisch und Blut liegende, lange, ehe wir Verfassungen hatten, gewesen ist. Ich will Sie nur an ein Beispiel aus den Werken des großen Geistes, dessen Manen hier auf dieser Stätte uns umschweben, erinnern. Goethe stellt uns in seinem Götz von Berlichingen einen kaisertreuen Ritter dar, der für seinen Kaiser eine solche Verehrung und Anhänglichkeit hat, daß er einen kaiserlichen Rat mit den Worten bedrohte: ›Trügest du nicht das Ebenbild des Kaisers, das ich in dem gesudeltsten Konterfei verehre!‹ Dieser Ritter trug kein Bedenken, als ihn der Hauptmann zur Übergabe auffordern ließ, diesem eine scharfe Kritik aus dem Fenster entgegenzurufen. Es zeigt das klar, daß Götz von Berlichingen und Goethe beide Sachen nicht zusammengeworfen und identifiziert haben. Man kann ein treuer Anhänger seiner Dynastie, des Königs und des Kaisers sein, ohne von der Weisheit der Maßregeln seiner Kommissare — wie es im Götz heißt — überzeugt zu sein. Ich bin letzteres nicht und werde diese meine Überzeugung auch nicht zurückhalten.« Volle Befriedigung konnte natürlich dieser Kampf dem Fürsten Bismarck nicht gewähren. Ihm fehlte die Arbeit, die schaffende, nützende Arbeit, ihm fehlte das Leben, er fühlte sich einsam. »Das Interesse, welches ich früher an der Politik nahm, ist im Schwinden begriffen; es geht mir wie einem Wanderer im Schnee, er fängt allmählich an zu erstarren, er sinkt nieder und die Schneeflocken bedecken ihn, es ist ein angenehmes Lustgefühl. So erstarre auch ich allmählich, mein Interesse an der Politik nimmt ab, aber ich fühle mich wohl dabei«, so sagte er wohl. Überdies begannen die Spuren des Alters sich auch dieser gewaltigen Gestalt zu nahen; die Erregungen und Bitterkeiten, die ihm geworden, beugten die Eiche zu Boden. Im August 1893 erkrankte er schwer in Kissingen. Da zog in das Herz des Kaisers plötzlich der Gedanke, daß er nicht unversöhnt scheiden, daß er, wenn der Kanzler zur Ewigkeit zog, nicht ausgeschlossen bleiben dürfe von denen, die ihn in der letzten Stunde umgeben. Dem herzlichen Beileidstelegramm und der Sendung einer Flasche Steinberger Kabinetts ist ein Besuch des Kaisers in Friedrichsruh gefolgt. Aber Kaiser Wilhelm hat damals und auch später nicht den Gedanken gehegt, von neuem den Rat des großen Staatsmannes einzuholen, auch die Kundgebung von Kissingen war nur eine rein menschliche Tat, nicht aber ein politisch wichtiges Ereignis. [Illustration: ~Draußen in der Kälte~ »Ich bin gleich einem Wanderer, der sich im Schnee verlief und der nun erstarrt, während ihn die Schneeflocken bedecken.« (»Punch«, 6. Februar 1892)] Später hat dann Fürst Bismarck selbst seinen Einzug in die Stadt gehalten, aus der er vier Jahre vorher geschieden war und in der auch jetzt noch der Mann als Kanzler weilte, der ihn gesellschaftlich zu ächten versuchte, in der dieselben Männer noch Minister waren, die er bekämpfte. Sie alle verstanden die Zeit und gaben bei dem Gaste des Kaisers mit höflichen Lächeln ihre Karte ab. Und dennoch lag in jenem Festtage und in dem Gruß, den der Kaiser mit seinem alten Ratgeber tauschte, ein tief bedeutsamer und für die Zukunft wichtiger Kern: Auch die Bosheit konnte fortan nicht mehr behaupten, daß die Kritik des Fürsten Bismarck sich gegen die Person des Monarchen richte. Zeigte doch Kaiser Wilhelm der Welt, daß er auch in dem rückhaltlosen Bekämpfer der von seinen Ministern vertretenen Politik den treuen Royalisten zu ehren verstand. Die Tat des Kaisers hat in der Nation einen erhebenden Eindruck erweckt, und ihre Wirkung blieb auch dann noch bestehen, als neue Wolken den Horizont verdunkelten und neue Konflikte zwischen dem Sachsenwalde in dem Kaiserschloß entstanden. Aber es war eine tröstliche Wirkung jener Tage, daß Kaiser Wilhelm auch äußerlich Anteil an dem großen Ehrentage des Fürsten Bismarck und des deutschen Volkes nehmen konnte, der mit dem achtzigsten Geburtstage des großen Mannes heraufzog, und daß er, indem er sich in scharfen Gegensatz zu dem Beschlusse des Reichstages stellte, der dem Gründer des Reiches den Glückwunsch versagte, der Wortführer der nationalen Mehrheit werden durfte. In der Tat ist dieser Ehrentag ein Tag der Schande für die Erwählten des Volkes geworden, und als der Kaiser nach dem Sachsenwalde die Depesche sandte: »Eurer Durchlaucht spreche ich den Ausdruck tiefster Entrüstung über den eben gefaßten Beschluß des Reichstages aus. Derselbe steht im vollsten Gegensatz zu den Gefühlen aller deutschen Fürsten und Völker«, da fühlte man es voll Genugtuung und Freude, daß hier eine Brücke geschlagen war, die auch künftige Kämpfe nicht mehr völlig zerstören konnten. Es hat ja noch Kämpfe gegeben, bald stiegen die Wellen zu Berge und bald zum Tal. Denn für Bismarck gab es kein Leben ohne Kampf; ihm war der Kampf das Leben selbst. Aber mit Recht konnte er sich dagegen wehren, daß er »ein grollender Brummbär« sei, der »von dem Ast des Baumes, auf dem er saß und den man ihm meuchlings abgesägt hat, herunterpurzelte und von den Bienen arg zerstochen wurde«. Ihn stachen bloß die Drohnen, und ihre Stiche »gingen durch sein Fell nicht mehr durch«. [Illustration: ~Bismarck und der Tod~ »Trotz der Kälte bleibe ich der Hirte dieser Herde! Tod, mach’ dich davon.« (Ein Bild von Wilette, das doch die Ehrfurcht der Franzosen vor dem greisen Staatsmann ausspricht.)] In jenen ersten Jahren konnte der Fürst sein Leben noch wechselnd in Friedrichsruh und Varzin verbringen; er konnte dem Rate des getreuen Arztes folgen und das stärkende Bad aufsuchen; er konnte reisen, und er fand so manche äußere Anregung, die ihm das Einerlei und die Einsamkeit der ersten Verbannungszeit in Vergessenheit brachte. Er konnte das Leben eines vornehmen Landedelmannes führen. Hier zeigte er wieder den ganzen Reiz eines Plauderers, der alle Saiten des Instrumentes als Virtuose beherrscht. Bei jeder Wendung auf noch so abliegende Gebiete oder Gegenstände setzte er seine Zuhörer durch seine Sachkenntnis, die Schärfe seines Urteils, seine epigrammatischen Aussprüche, seine charakteristischen Vergleiche und sein wunderbares Gedächtnis in Erstaunen. Und bis zuletzt hatte man von ihm den Eindruck, als ob selbst die Zeit, die alles überwindet, seiner niemals Herr werden könne. Eine dicke alte Forelle Während der Mahlzeit in Friedrichsruh kam das Gespräch einmal auf die Jagd. Einer der Gäste fragte den Fürsten, warum er dieser Leidenschaft so gänzlich entsagt habe. »Mit den Leidenschaften«, antwortete Fürst Bismarck, »verhält es sich wie mit den Forellen in meinem Teich: eine frißt die andere auf, bis nur mehr eine dicke alte Forelle übrig bleibt. Bei mir hat im Laufe der Zeit die Leidenschaft zur Politik alle anderen Leidenschaften aufgefressen.« Graf Kayserling bemerkte nach einer Pause: »Du wirst doch wieder die Jagd aufnehmen.« Worauf Bismarck erwiderte: »Ich glaube nicht; es täte mir heute leid, auf Wild zu schießen.« [Illustration: ~Am Bahnhof in Tetschen~ Bismarck-Mignon: »Heißt mich nicht reden, heißt mich schweigen, Denn mein Geheimnis ist mir Pflicht. Ich möcht’ euch meinen Zorn und meine Galle zeigen, Allein — das Schicksal will es nicht.« (»Der Floh«, Juni 1892)] Stunden des Glücks Als ein Gast den Fürsten als einen glücklichen Mann gefeiert hatte, antwortete der Hausherr: »Meine Herren, was nennen Sie glücklich? Ein glücklicher Mensch bin ich in meinem Leben nur selten gewesen. Wenn ich die spärlichen Minuten wahren Glückes zusammenzähle, so kommen wohl nicht mehr als vierundzwanzig Stunden im ganzen heraus.« Es war charakteristisch, zu vernehmen, was er als Augenblicke ungetrübten Glückes bezeichnet hat: Zum erstenmal habe er sich glücklich gefühlt, als er als Knabe den ersten Hasen geschossen habe, das seien aber nur wenige Sekunden gewesen; dann, als er seine Liebeserklärung gemacht habe. Die innige Liebe, die ihn mit seiner heimgegangenen Gattin verbunden, kam hier zu ergreifendem Ausdruck. In der Politik gibt es kein Glück Von besonderem Interesse waren die Äußerungen über seine politische Tätigkeit: »In der Politik gibt es für den, der sie treibt, wie ich sie habe treiben müssen, kein Glück. Der Staatsmann ist wie ein Börsenspieler. Wenn der heute eine Million gewonnen hat, und er denkt, sich darüber zu freuen, so kommt auch schon die Sorge, wie er die gewonnenen Millionen zu weiteren Spekulationen anlegen könne. So auch mit meinen Unternehmungen! Wenn mir die eine gelungen, so mußte ich sogleich wieder darauf sinnen, wie der Erfolg festzuhalten und auszunützen sei. Der Staatsmann wirtschaftet mit fremdem Vermögen; das fällt um so schwerer ins Gewicht, je mehr man Ehrgefühl im Leibe hat. — Meine politische Laufbahn war ein Hetzen und Jagen, bei dem man zum Genuß nie gekommen ist. Viel glücklicher als der Staatsmann ist beispielsweise der Landmann, der Forstmann, jener, wenn er seine Felder und Rieselwiesen, dieser, wenn er seine Forstkulturen und den Wildstand gedeihen sieht.« Trinkfest Bis in die letzten Jahre ist Fürst Bismarck ein recht trinkfester Herr gewesen. Daß er schon in der Jugend einen vollen Pokal liebte, davon hat er oft und gerne geplaudert. So redete man einmal von Ärzten und der Art, wie die Natur sich zuweilen helfe. Er hatte einmal bei einem hohen Herrn gejagt, und da »sei ihm um seinen inneren Menschen recht schlecht gewesen. — Auch die zwei Tage Jagd und die freie Luft halfen nicht. Da kam ich den Tag darauf zu den Kürassieren in Brandenburg, die einen neuen Becher bekommen hatten. Ich sollte daraus trinken und ihn einweihen, dann sollte er herumgehen. Es war etwa eine Flasche drin. Ich aber hielt eine Rede und trank und setzte ihn leer wieder hin, was sie sehr verwunderte, da man den Leuten von der Feder nicht viel zutraut. Es war aber noch Göttinger Übung. — Merkwürdiger- oder vielleicht nicht merkwürdigerweise war mir darauf vier Wochen lang so wohl um den Magen wie nie. Ich versuchte es später, mich ebenso zu kurieren, aber niemals mit so erfreulichem Erfolge. — Da erinnere ich mich auch einmal, bei der Letzlinger Jagd unter Friedrich Wilhelm =IV.=, da sollte ein Vexierbecher aus der Zeit Friedrich Wilhelms =I.= getrunken werden. Es war ein Hirschgeweih, welches so gemacht war, daß man die Höhlung, in die etwa drei Viertel einer Flasche gingen, nicht an die Lippen setzen konnte, während man doch nichts verschütten sollte. Ich nahm es und trank es aus, obwohl es sehr kalter Champagner war, und meine weiße Weste zeigte nicht einen verschütteten Tropfen. Die Gesellschaft machte große Augen, ich aber sagte: ›Noch einen!‹ — Der König aber, den es offenbar ärgerte, daß ich’s so gut gemacht hatte, rief: ›Nein, das geschieht nicht!‹, und so mußte es unterbleiben. — Früher waren solche Kunststücke notwendiges Erfordernis zum diplomatischen Gewerbe. Da tranken sie die Schwachen unter den Tisch, fragten sie aus nach allerlei Dingen, die sie wissen wollten, und ließen sie in Sachen willigen, zu welchen sie keine Vollmacht hatten. Sie mußten auch gleich unterschreiben, und wenn sie dann nüchtern wurden, wußten sie nicht, wie sie dazu gekommen waren.« Ein kräftiger Kognak »Ich liebe die Liköre und das süße Zeug nicht,« meinte einmal der Fürst, »aber bei der hochseligen Kaiserin Augusta gab’s nur solches. Ein kräftiger Kognak, das ist eher etwas für mich. Glücklicherweise waren aber unter den bedienenden Lakaien ein paar gerissene Jungen, vor allem ein langer ehemaliger Artillerist — ich sehe ihn noch vor mir. Wenn er dann vor mich hintrat und ich zwinkerte mit dem rechten Auge — und dabei veranschaulichte der Fürst das drastische Mienenspiel in größter Lebhaftigkeit — dann kniff er das linke zu, und ich wußte nun ganz genau, auf der Seite steht ein fester Kognak für mich!« Und dabei ergötzte sich der Fürst an dem wohlgelungenen Anschlage und lachte, daß ihm die Träne im Auge stand. [Illustration: ~Der stille Zecher daheim~ »Een Glas hebe ick uff ihn, eens uff mir ..., nu noch eens uff uns beede.« Der Kaiser hatte dem Fürsten Bismarck nach seiner Erkrankung eine Flasche Steinberger Kabinett gesandt. (»Der Floh«, 4. Februar 1894)] Kräheneier »Die Zeit zwischen meinem Geburtstag und dem meiner Frau«, sagte der Fürst einmal lächelnd, »ist meine Feistzeit, da gibt es Muscheln — meine Tochter ist in dem Punkte das Kind ihres Vaters —, Kiebitzeier, Saatkräheneier und andere gute Dinge. Diese Saatkräheneier erinnern mich an meine Knabenzeit. Damals machte es mir Scherz, Krähennester auszunehmen und die Eier brütenden Tauben unterzulegen, um zu sehen, was wohl aus der Geschichte würde.« — »Und das haben Eure Durchlaucht später in der Politik fortgesetzt«, meinte einer der Gäste scherzend, und der Fürst lächelte gutmütig dazu, um dann die Pfeife anzuschmauchen. Man kann es aushalten Als einst eine neue Weinsorte am Frühstückstisch in Friedrichsruh probiert wurde, fragte der Fürst einen gerade zu Besuch weilenden Hamburger Herrn, wie ihm der Wein gefalle. Als der Gefragte meinte: »Man kann es dabei einige Stunden aushalten, ohne andere Gelüste zu bekommen«, sagte Fürst Bismarck: »Sie erinnern mich mit Ihrer Antwort an jene beiden katholischen Geistlichen, die einen guten Tropfen zu schätzen wußten, ohne beim Trinken redselig zu werden. Sie saßen eines Vormittags in einer kühlen Laube bei einer guten Sorte Rheinweins beisammen. Da bemerkte der eine: ›Der Win is guat‹, und dann kneipten sie gemächlich weiter, bis die Sonne sich zum Horizont hinabsenkte; da erst erwiderte der andere: ›Und ooch chesund!‹ Beide waren während der ganzen Zeit durchaus bei der Sache gewesen und empfanden beim seligen Zechen nicht das Bedürfnis, an etwas anderes zu denken als an die gute Sorte, die sie tranken.« [Illustration: ~Die Aussöhnung des Kaisers mit dem Fürsten Bismarck~ Und Achilles sprach zu König Agamemnon: Sohn des Atreus, laß uns versöhnt sein, denn das war ja längst unser aller Wunsch! Laß das Vergangene vergessen sein, wie bitter kränkend es auch war. Meinen Zorn habe ich besänftigt, denn Unversöhnlichkeit ziemt dem edlen Manne nicht. (»Lustige Blätter«, 1. Februar 1894)] Der konnte es doch noch besser Als ein Gast seine Bewunderung über die große Anzahl von Pfeifen aussprach, die der Fürst mit Behagen rauche, erzählte dieser in überaus komischer Weise von einem alten hannoverschen Offizier, der an der damaligen Zollgrenze an einem ziemlich einsamen Posten funktioniert hätte. Den habe er einmal getroffen und im Gespräch mit ihm gefragt: er besuche wohl, um sich Zerstreuung zu verschaffen, häufig die Gutsbesitzer in der Umgegend. »Nein,« habe er geantwortet, »die besuchen wir nicht.« »Na,« habe er (der Fürst) weiter gefragt, »dann spielen Sie wohl hier viel Karten?« Antwort: »Nein, Karten spielen wir hier nicht.« »Dann trinken Sie wohl?« »Nee, trinken tun wir auch nicht.« »Ja, was fangen Sie da denn mit Ihrer dienstfreien Zeit eigentlich an?«, worauf die in klassischer Ruhe erteilte Antwort: »Immer roochen (rauchen)!« gelautet habe. »Der konnte es doch noch besser als ich.« [Illustration: ~Der Bismarck kommt!~ (»Der Floh«, Mai 1891)] Nur auf dem Kamel Irgend jemand hatte die Mär erfunden, Fürst Bismarck beabsichtige an die Südwestküste von Afrika zu reisen, um die neuen deutschen Erwerbungen in Augenschein zu nehmen. Auf die Frage einer ihm nahestehenden Persönlichkeit, ob es wahr sei, daß er nach Angra Pequena reisen wollte, antwortete Bismarck schlagfertig wie immer: »Ja, aber nur auf dem Kamel, das diese Nachricht überbracht hat.« Die Kreter sind faule Bäuche Als wieder einmal das Schicksal der Insel Kreta auf der Tagesordnung stand, meinte der Fürst: »Was Kreta anbetrifft, so kann ich Ihnen versichern, daß ich an dieser Insel weniger Interesse nehme als an irgendeinem kleinen Erdhaufen in meinem Garten. Die Kretenser sind, wie ich glaube, leicht abgeschätzt, und unter normalen Bedingungen sollten sie sich weit besser unter türkischer als eventuell unter griechischer Herrschaft befinden.« Diese Äußerung veranlaßte einen Herrn Ogilvy zu Dundee in Schottland, an den Fürsten einen Brief zu schreiben, in welchem er diesen unter Berufung auf sein Christentum und seine Humanität beschwor, ihm die Gründe mitzuteilen, weshalb er die unglücklichen Kreter so hart und unglimpflich behandelt habe. Hierzu schrieben die »Hamburger Nachrichten«: Wir können diese Angaben bestätigen und auch den Wortlaut der Erwiderung mitteilen, die Herrn Ogilvy zugegangen ist: Friedrichsruh, den 25. Juli 1896. Geehrter Herr! Ich danke Ihnen für Ihren freundlichen Brief und für die gute Meinung, welche Sie von mir haben. Zu meiner Entschuldigung gegenüber den Kretern bitte ich aber, zu berücksichtigen, was der Apostel Paulus im Briefe an Titus Kap. 1 Vers 12 und 13 sagt. v. Bismarck. In den biblischen Stellen, die dieser Kreterbrief des Fürsten anzieht, heißt es Vers 12: »Es hat einer aus ihnen gesagt, ihr eigener Prophet: die Kreter sind immer Lügner, böse Tiere und faule Bäuche;« und Vers 13: »Dies Zeugnis ist wahr. Um der Sache willen strafe sie scharf, auf daß sie gesund seien im Glauben.« [Illustration: ~Gemütlich wieder beisammen~ »Nanu, lieber Bismarck, immer nur ringehauen in det Pichelsteiner Fleisch und die zwanzig Pfund wieder hereingebracht, die verloren gegangen sind.« — »Ach nee, mich jehen die zwanzig Pfund nich ab, aberit Caprivin möchte ich sie jönnen — dem däten zwanzig Pfund ›Bismarck‹ jetzt jut bekommen.« (»Der Floh«, 1. Oktober 1893)] Philosophie »Hegel«, meinte einmal der Fürst, »wurde ja zu meiner Zeit überall doziert, ich habe mir aber von ihm nur angeeignet, was ich für das Examen brauchte. Eines inneren Eindrucks bin ich mir nicht bewußt geworden. Wie ich allmählich Jurist bei Bier und auf dem Paukboden wurde, so hat auch das betrachtende Leben in der Natur mehr Einfluß auf mich gehabt als die Philosophen. In dieser natürlichen Neigung fühlte ich mich mehr zu Spinoza als zu Hegel hingezogen. Hegel dachte ja eigentlich in erster Linie für sein Auditorium, um etwas vortragen zu können. Im Vergleich zu Spinoza arbeitete er auf kultiviertem Boden, während Spinozas Gedanken unmittelbar aus der Natur herauswuchsen. Spinoza habe ich an der Hand deutscher Hilfsbücher im lateinischen Text studiert. Er war ein aristokratischer Jude, wie sich ja überhaupt die holländischen Juden vorwiegend aus dem portugiesischen Judenadel rekrutiert haben.« Auf die Frage, ob Spinozas pantheistische Philosophie Einfluß auf ihn gewonnen habe, erwiderte der Fürst: »Das Christentum einen viel, viel höheren, den höchsten! Durch Kant«, fuhr dann der Fürst fort, »habe ich mich nicht völlig durchbringen können; was er über das Moralische sagt, zumal das vom kategorischen Imperativ, ist sehr schön; aber ich lebe am liebsten ohne das Gefühl des Imperativs; ich habe überhaupt nie nach Grundsätzen gelebt; wenn ich zu handeln hatte, habe ich mich niemals gefragt: nach welchen Grundsätzen handelst du nun?, sondern ich habe zugriffen und getan, was ich für gut hielt. Man hat mir ja oft vorgehalten, daß ich keine Grundsätze habe. In meiner Jugend pflog ich mit einer philosophisch angehauchten Cousine, die mich gerne betanten wollte, oftmals Gespräche darüber, ob ich Grundsätze annehmen müsse oder nicht. Schließlich sagte ich ihr, und damit waren alle unsere Streitigkeiten zu Ende: ›Wenn ich mit Grundsätzen durchs Leben gehen soll, so komme ich mir vor, als wenn ich durch einen engen Waldweg gehen sollte und müßte eine lange Stange im Munde halten!‹« Herr Baurat »Als ich noch keine andere Auszeichnung besaß«, plauderte der Fürst, »als die Lebensrettungsmedaille, deren Band genau so aussieht wie das Band des Roten Adlerordens vierter Klasse, und in Berlin rasch in der Richtung eines Bahnhofs dahinschritt, rief mir ein Junge zu: ›Kann ick Ihnen nich eene Droschke besorjen, Herr Baurat!‹ — Als ich dann den Majorsrang erworben hatte und einmal in Uniform ausging, hielt mich ein Schutzmann für einen ernsthaften Major und ersuchte mich, dienstlich gegen eine Menschenansammlung einzuschreiten, die den Verkehr sperrte und mit der er allein nicht fertig wurde. Ich tat das bereitwillig, erklärte ihm dann aber, als er noch andere derartige Wünsche zu haben schien, doch, daß es mir leid tue, nebenher noch preußischer Ministerpräsident zu sein und als solcher nicht weiter zur Verfügung des Herrn Schutzmannes stehen zu können. — Später habe ich es dann allerdings auch zum General gebracht und komme in Berlin an einem Schutzmann vorbei, der mich nicht grüßt. ›Grüßen Sie denn nicht Offiziere?‹ fragte ich ihn. ›O ja, Herr,‹ versetzte er treuherzig, ›aber nur die höheren.‹ ›Na, rechnen Sie einen General nicht zu den höheren Offizieren, guter Mann?‹ ›Das wohl, aber Sie sind doch —‹ ›Sie wissen wohl nicht, daß ich der Reichskanzler bin?‹ ›Nein, woher sollte ich das wissen?‹ rief er betroffen, ›ich bin eben erst vom äußersten Osten nach Berlin versetzt worden.‹ Ich war so erfreut, daß mich einmal jemand in Berlin nicht erkannte, daß ich gegen den Mann durchaus keine Anzeige erstattete.« [Illustration: ~Beim Frühschoppen des 80. Geburtstages~ »So ’ne Reichstagsgratulationsablehnung ist denn doch zu wat gut.« Der Reichstag hatte zum 80. Geburtstag den Glückwunsch abgelehnt. (»Humoristische Blätter«, 31. März 1895)] Gewissermaßen fossil »Was Statuen anlangt,« meinte einmal der Fürst, »so muß ich doch sagen, daß ich für diese Art von Dank gar nicht empfänglich bin. Ich wäre in der größten Verlegenheit, wenn ich beispielsweise in Köln wäre, mit welchem Gesicht ich an meiner Statue vorbeigehen sollte. Ich erlebe das in Kissingen; es stört mich in Promenadeverhältnissen, wenn ich gewissermaßen fossil neben mir dastehe.« [Illustration: Nach Bismarcks Rede gegen die Streber und Drohnen. (»Hum. Listy«, August 1895)] Seine Tränen Als einer der Gäste hervorhob, daß Lenbach wie kein zweiter es verstanden habe, den Glanz von Bismarcks Augen wiederzugeben, bemerkte der Fürst: »Ja — nur meint man häufig, ich sei gerührt zu Tränen, aber diese Tränen, das ist wohl ein Erbstück meiner Vorfahren, die zu tief in den Becher geschaut haben, und nun muß ich das Wasser aus den Augen wiedergeben!« Als einer der Tischgäste meinte, Graf Herbert habe das auch, und die Fürstin Bismarck dies nicht gelten lassen wollte, bemerkte der Altreichskanzler: »Doch, der muß die Tränen über meine Sünden weinen.« Hausmusik habe ich immer geliebt Jemand fragte den Fürsten, ob er Musik liebe. »Über alles,« antwortete er, »besonders Beethoven. Mir ein Billett zu nehmen und auf engem Sitz Musik anzuhören, dafür bin ich aber nicht gemacht. Aber Hausmusik habe ich immer geliebt. Bis zu meinen ersten dreißiger Jahren, wo ich meine Frau kennen lernte, die sehr musikalisch ist, habe ich immer bedauert, daß ich die auf meinem Lehrplan angesetzte Musikstunde nicht einhalten konnte. Ich hatte, da man doch jetzt viel von Überbürdung der Jugend spricht, täglich dreizehn Stunden zu arbeiten, neben dem gewöhnlichen Unterricht noch eine Stunde Französisch und Englisch. Da mußte ich die Musik leider aufgeben. Ich habe das immer beklagt, denn der Deutsche ist nun einmal von Natur auf Musik gestimmt.« Der »Faust« ist meine Bibel »Für Goethes Gedichte«, sagte Fürst Bismarck, »habe ich von Jugend an viel Schwärmerei gehabt; noch jetzt lese ich abends im Bette, wenn ich nicht einschlafen kann, Gedichte von ihm, auch Schiller, Uhland, Chamisso ist mein Geschmack treu geblieben. Der ›Faust‹ ist jedoch von der ganzen profanen Literatur meine Bibel. ›Clavigo‹, ›Stella‹, die ›Wahlverwandtschaften‹ sind mir ihres schlaffen Helden wegen unsympathisch, aber sonst ist Goethe ganz mein Geschmack.« [Illustration: ~Der Kanzler in dreierlei Format~ Nicht länger läßt es sich verbergen, Was durch den Tatbestand erwiesen: Erst war’s ein Riese unter Zwergen, Heut ist’s ein Zwerg nur unter Riesen! (»Lustige Blätter«)] Das deutsche Lied Über das Thema der Musik schrieb ein Mitarbeiter der »Neuen Musikzeitung« im Jahre 1895: »Bismarck hat einmal geäußert: ›Die bezahlte Musik zieht mich wenig an, aber nichts lieber weiß ich mir als die Musik im Hause.‹ Er konnte nicht müde werden, sich von seiner Frau, einer ausgezeichneten Klavierspielerin, Beethoven vorspielen zu lassen und aus dieser erhabenen Tonsprache Erquickung und Erhebung zu schöpfen. Besonders in den letzten Jahren, seitdem Bismarck in Friedrichsruh lebt, hat er in Ansprachen an diejenigen, die sich huldigend ihm genaht, mehrfach sehr bemerkenswerte Äußerungen über sein persönliches Verhältnis zur Tonkunst getan. So bemerkte er einer Abordnung gegenüber: ›Bei der Überbürdung mit Unterricht in meiner Jugend ist die Musik zu kurz gekommen. Trotzdem fühle ich nicht weniger Liebe zu ihr. Dankbar bin ich der Musik, daß sie mich in meinen politischen Bestrebungen wirkungsvoll unterstützt hat. Des deutschen Liedes Klang hat die Herzen gewonnen. Ich zähle es zu den Imponderabilien, die den Erfolg unserer Einheitsbestrebungen vorbereitet und erleichtert haben. Wenige von Ihnen dürften alt genug sein, um sich der Wirkung zu erinnern, die 1841 das Beckersche Rheinlied erzielte. Damals war dies Lied mächtig, und bei der Schnelligkeit, mit der es von der Bevölkerung aufgegriffen wurde, hatte es die Wirkung, als ob wir ein paar Armeekorps mehr am Rhein stehen hätten. Näher liegt uns der Erfolg der ›~Wacht am Rhein~‹. Wie manchem Soldaten hat das Anstimmen des Liedes auf dem winterlichen Kriegsfelde und bei materiellem Mangel eine wahre Herzstärkung gewährt, und das Herz und dessen Stimmung ist ja alles beim Gefecht. Die Kopfzahl machte es nicht, wohl aber die Begeisterung machte es, daß wir die Schlachten gewonnen haben. Und so möchte ich das Lied als Kriegsverbündeten auch für die Zukunft nicht unterschätzt wissen. Unsere Beziehungen zum verbündeten Österreich beruhen doch wesentlich auf Unterlagen im kulturellen Gebiet und nicht am wenigsten auf den musikalischen Beziehungen. Wir wären kaum in gleich enger Verbindung mit Wien geblieben, wenn nicht Haydn, Mozart, Beethoven dort gelebt und ein gemeinsames Band der Kunst zwischen uns geschaffen hätten. Ja, selbst die Verbindungen zu unserem dritten Bundesgenossen, Italien, waren früher mehr musikalischer Natur als politischer. Die ersten Eroberungen, die Italien bei uns gemacht hat, sind musikalische gewesen. Ich bin kein Gegner der italienischen Musik, trotz meiner Vorliebe für die deutsche: im Gegenteil, ich bin ein großer Freund derselben.‹ Zu Hamburger Gymnasiasten, die ihn mit einem Liede begrüßt hatten, sagte Bismarck: ›Sie haben eben ein sehr schönes Stück gesungen; ich habe früher auch Musik getrieben, doch bin ich nur ein mittelmäßiger Klavierspieler gewesen und war froh, als ich den lästigen Zwang abschütteln konnte. Das hat mir später außerordentlich leid getan, denn die Musik ist eine treue Gefährtin im Leben. Sie hat mir oft gefehlt, und wer von Ihnen Talent dazu hat, dem empfehle ich ganz besonders, die Musik zu pflegen, und ich erinnere Sie an mein Beispiel, um Sie abzuschrecken von dem Fehler, den ich mir vorzuwerfen habe.‹ Bismarck verhimmelt nicht die Triller einer Primadonna, er stürzt sich nicht in den Kampf der Wagnerianer mit ihren Gegnern — er betrachtet die Kunst, die Musik insbesondere, in ihrer Gesamtheit als ein großes, von zeitlichen Strömungen nicht abhängiges Gemeingut des Volkes in allen seinen Schichten. Die Musik ist ihm nicht nur ein Gemüts- und Herzensbedürfnis, ein edler Schmuck des Familienlebens von erhebender und bildender Kraft, sie ist ihm auch ein wichtiger politischer Faktor, ein wertvoller Verbündeter, ein Band zwischen den Nationen, eine moralische Stütze und Kräftigung für den Krieger; ein Lied ist ihm unter Umständen einige Armeekorps wert. Dringend empfiehlt er der Jugend die Pflege der Musik als einer treuen Gefährtin im Leben und bereut selbst, sie vernachlässigt zu haben.« [Illustration: ~Warum der Gründer des Deutschen Reiches der Jubelfeier fernblieb~ Bismarck: »Nanu, die Spur war nicht wegzubringen, und mit so ’nem Mantel konnte ich doch nicht in die Festlichkeiten nach Berlin kommen!« (»Hum. Blätter«, 26. Januar 1896)] [Illustration: Fürst Bismarck war von der Universität Jena zum =Dr. med.= ernannt worden, findet aber heimkehrend keinen Patienten. (»Punch«, August 1896)] [Illustration: Der alte Steuermann, der Schiffbruch leidet. (Nach den Hamburger Enthüllungen.) (»Punch«, 7. November 1896)] Wo er ruhen wollte Sidney Whitman erzählt: »Nach dem ›Lunch‹ fuhr der Fürst allein mit seinem Gast durch den Sachsenwald, und zwar tief in denselben auf einsamen Wegen hinein, um ihm soviel Wild wie möglich zeigen zu können. Als der Kutscher sich dabei verirrt hatte und absteigen mußte, um den Hauptweg wieder aufzusuchen, wandte Bismarck sich plötzlich an Whitman, indem er auf zwei stattliche Fichten zeigte, mit den Worten: ›Dort in der Luft zwischen jenen Bäumen möchte ich meine letzte Ruhestätte finden, wo die frische Luft und das Sonnenlicht noch zu mir dringen können. Der Gedanke, dort unten in einem Kasten erstickt zu liegen, hat doch seine Schrecken.‹« Von ähnlicher Stimmung erzählt ein anderer Gast: »Auf dem Heimweg wurde er still und ließ dicht vor dem Herrenhaus halten. Er wies mit der Krücke des Stockes auf einen Hügel gegenüber dem Hause, das man töricht ein Schloß genannt hat, und sagte: ›Da, denke ich, werde ich mich einmal mit meiner Frau begraben lassen. Ich hatte auch an Schönhausen gedacht; aber hier ist’s wohl paßlicher, denn in Schönhausen bin ich doch eigentlich schon lange ein Fremder.‹ Der Gast hatte zu schweigen. Abends, als die altfränkische Öllampe freundlich brannte und die kränkelnde Fürstin auf ihrem Sofa, neben Lenbachs Meisterbild des alten Kaisers, eingenickt war, schlug der Sinnende wieder das Thema an, verarbeitete es nach seiner Weise und schien sich in humoristischer Ausmalung des feierlichen Lärmes, der nach seinem Tod losbrechen würde, nicht genug tun zu können. Frau Johanna schrak auf und rief ganz ärgerlich: ›Aber, Ottochen, wie kannst du nur so traurige Sachen reden!‹ ›Liebes Kind,‹ war die Antwort, ›gestorben muß einmal sein, trotz Schweninger, und ich will wenigstens rechtzeitig dafür sorgen, daß mit meinem Leichnam kein Unfug getrieben wird. Ich möchte nicht, wie die Berliner sagen, eine schöne Leiche sein, und eine von der bekannten Aufrichtigkeit, die heimlich ›Uff!‹ macht, inszenierte Trauerkomödie, so zwischen Vogelwiese und Prozession, wäre so ziemlich das einzige, was mich noch schrecken könnte.‹« Ich spielte meine Karten blank aus »Viele haben schon«, so plauderte der Fürst, »von meinen politischen Grundsätzen gesprochen. Den Professoren und ihren Nachbetern in den Zeitungen tut es unendlich leid, daß ich ihnen nicht ein Symbolum von Prinzipien geoffenbart habe, nach denen ich meine Politik eingerichtet habe. Die Deutschen können sich, weil sie eben noch kaum der politischen Kinderstube entwachsen sind, nicht daran gewöhnen, die Politik als eine Wissenschaft des Möglichen zu betrachten, wie mein intimer Gegner Papst Pius =IX.= mit Recht gesagt hat. Die Politik ist keine Mathematik oder Arithmetik. Man hat wohl auch in der Politik mit gegebenen und unbekannten Größen zugleich zu rechnen, aber es gibt keine Formeln und Regeln, um im voraus das Fazit ziehen zu können. Darum habe ich mich nicht an die Meinungen und Mittel anderer Staatsmänner gehalten, sondern mir ihre Rechnungsfehler zur Warnung dienen lassen. Napoleon =I.= verdarb, weil er pochend auf seine kriegerischen Erfolge mit allen Staaten Händel anfing, statt den Frieden zu erhalten. Das Kriegsglück machte ihn rauflustig und übermütig. Er begab sich in seinem Allerwelts-Herrscherdünkel in Gefahren ohne Ende und kam darin um. Seine große Schöpfung ging nach kurzem Bestand in die Brüche, weil er die erste Tugend des Staatsmannes — die weise Mäßigung nach den größten Erfolgen — gegenüber den anderen Völkern nicht übte und Europa in einen Krieg nach dem anderen verwickelte, während ich nach 1871 den Frieden zu erhalten mich bemühte. Aber nicht bloß zu Napoleon =I.= stellte ich mich in einen bewußten Gegensatz, auch zu Napoleon =III.= Dieser bemühte sich allerdings, nur die günstigeren Seiten seines Onkels nachzuahmen; doch indem er in der Rolle des ›ehrlichen Maklers‹ immer ein Stück für sich abzubekommen versuchte, verfiel er in die Gewohnheit jener italienischen Diplomaten des vergangenen Jahrhunderts, welche Schlauheit mit Falschheit verwechselten. Ich spielte meine Karten blank aus. Ich setzte der vermeintlichen Schlauheit die frappierende Wahrheit gegenüber. Daß man mir öfter nicht glaubte und sich dann hintennach schwer betroffen und enttäuscht fühlte, das ist nicht meine Schuld.« [Illustration: Bismarck vor Gericht. (Politischer Bilderbogen Nr. 221)] Sein Heim Das Heim, in dem Fürst Bismarck größtenteils den Abend seines Lebens verbrachte, war überaus einfach und schlicht. Ein Schloß? Eine Fürstenwohnung? Nein; das einfache Haus eines großen Menschen, den die Eitelkeit der Welt nie besessen hat, der nur für seinen gewaltigen Körper eine gute Küche, einen guten Keller und für sein rastloses Gehirn einen geräumigen Arbeitstisch braucht. »Es war mir«, erzählt Adolf Wilbrandt, »wunderbar ›preußisch‹ zumute, als ich durch das Haus ging, zuerst zu Lenbachs Zimmer hinauf, dann nach unten zurück. Nichts von Prunk und Pracht, nichts von ›Eleganz‹. An den Türen im ersten Stock sah ich noch die Nummern, offenbar aus der Zeit, als dieses Haus ein Gasthof am Sachsenwald war. Alles hell, die Türen, die Fenster, die Wände; große, lichte Räume, von ruhigster Einfachheit, gutes, warmes Obdach bei der ›Hundekälte‹, behaglich und weiter nichts. So vornehm und schlicht stand dann auch die Hausfrau vor mir; die ruhige, scheinlos-würdevolle Gestalt mit den klugen, milden, menschenfreundlichen Augen; ein großer, unvergeßlicher Kopf, wie vom Schicksal dazu bestellt, den Mann, der so hohe Wege ging, frei von aller Eitelkeit und mit dem reinen, sachlichen Verstand eines hingebenden Herzens zu begleiten.« [Illustration: ~Stille Arbeit in Friedrichsruh~ Simson-Bismarck: »Et jeht nich! Entweder ist der Bau zu stark, oder ich bin schon zu schwach. Na, wartet nur, bis mir die Haare wieder nachgewachsen sind.« (»Der Floh«, Jan. 1897)] Einsam Vom 19. Dezember 1894, als die Fürstin Johanna von seiner Seite gerissen war, stammt der folgende Brief des Fürsten Bismarck an seine bejahrte Schwester, die einst in der Jugend sein Liebling gewesen ist: Meine geliebte Malle! Wenn ich in meiner Einsamkeit darüber nachdenke, was mir an Herzensbeziehungen in dieser Welt bleibt, so stehst Du in erster Linie, und ich beklage die räumliche Trennung, die unser Lebenslauf über uns verhängt hat. Das gleiche ist der Fall mit meinen Söhnen, die, seit sie erwachsen sind, außerhalb des Schattens des väterlichen Hauses ihre Selbständigkeit gesucht haben. Marie ist bei mir als liebende Tochter, aber doch auch nur als Anleihe, außer ihr Helene Külz eine freundliche und leicht zu liebende Nichte; sie reist morgen zum Fest nach Haus und ich mit Marie und zwei Kindern übermorgen nach Friedrichsruh. Die Reise liegt wie ein Alp auf mir. Einmal bringt sie die Trennung von Johanna und von den Stätten unseres letzten Zusammenlebens zum definitiven Abschluß, dann auch bin ich noch nicht in der Fassung, mit Fremden zu verkehren, und das kann ich unterwegs und in Friedrichsruh nicht vermeiden. Ich würde am liebsten hier einwintern, aber meine Leute sind meist verheiratet, ihre Frauen und Kinder dort, und Weihnachten vor der Tür; auch bestehen Schweninger und meine Söhne auf dem Wechsel, da ich dort für sie leichter erreichbar bin als hier im Hinterwalde, ohne Schnell- und Nachtzüge. Ich reise also und werde mich unter Menschen noch einsamer fühlen wie hier ... Was mir blieb, war Johanna, der Verkehr mit ihr, die tägliche Frage ihres Behagens, die Betätigung der Dankbarkeit, mit der ich auf achtundvierzig Jahre zurückblicke. Und heut alles öde und leer; das Gefühl ist ungerecht, aber =I can not help it=. Ich schelte mich undankbar gegen so viel Liebe und Anerkennung, wie mir im Volke über Verdienst geworden ist; ich habe mich vier Jahre hindurch darüber gefreut, weil sie sich auch freute, wenn auch mit Zorn gegen meine Gegner, hoch und niedrig. Heut aber ist auch diese Kohle in mir verglimmt, hoffentlich nicht für immer, falls mir Gott noch Leben beschert; aber die drei Wochen, die gestern verlaufen waren, haben über das Gefühl der Verödung noch kein Gras wachsen lassen. Verzeih, mein Schwesterherz, daß ich mich ausklage; aus noch lange nicht. Ich bin noch müder geworden, seit der Katastrophe, =tic douloureux= hat zugenommen, hindert mich am Schlafen und am Aufenthalt im Freien. Verbrauchte Nerven ... Dein treuer Bruder v. B. Frau v. Arnim geb. v. Bismarck Berlin, Matthäi-Kirchstraße 12. [Illustration: ~Die beiden Großen~ Preußischer Hofhistoriograph: »Es ist doch eigentümlich, je länger man hinblickt, desto mächtiger scheint dieser Schatten zu werden!« (»Jugend«, 1906)] Wir sind alt geworden Eine ähnliche trübe Resignation spricht aus folgendem Briefe des Achtzigjährigen an seinen Schwager: Friedrichsruh, 18. Mai 1895. Lieber Oskar! Wir sind beide so alt geworden, daß wir lange wohl nicht mehr leben werden. Können wir uns nicht noch einmal sehn und sprechen, ehe wir abgehen? Es ist sechsundsechzig oder siebenundsechzig Jahre her, daß wir auf dem Gymnasium den ersten Tropfen Bier zusammen aus der Flasche tranken; es war auf der Treppe neben der Obertertia. Wollen wir nicht den letzten trinken, ehe es zu spät wird? Wir sind beide alt, matt und verdrießlich, aber ich habe doch das Verlangen, Deine Stimme noch einmal zu hören, ehe ich —. Du steigst doch in die Bahn, wenn Du Berlin verläßt, warum nicht in die Hamburger statt der Stettiner? Dein v. Bismarck. [Illustration: ~Nächtlicher Spuk.~ (Nach den Hamburger Enthüllungen) Es regt sich was im Sachsenwald, rum, plum, plum, Und durch die Wipfel hallt’s und schallt’s, rum, plum, plum, Rum, plum, plumvididum, rum, plum, plum. Der alte Herr vom Sachsenwald zieht um, zieht um. (Nach den Rodensteinliedern)] [Illustration: ~Bismarck, gemessen am Eiffelturm~ Wenn die Franzosen den Bismarck hätten, Wenn er ein Franzmann, kein Deutscher wär’, Gott, was täten sie dem für Ehr’, Könnt’ sich vor all der Liebe kaum retten, Die ihn bedrängte, den großen Mann! Gesetzt den Fall, der Bismarck wäre Franzos’, und es hätten Frankreichs Heere Damals vor fünfundzwanzig Jahren Die deutsche Armee getrieben zu Paaren, Und Bismarck hätte dann kühnen Mutes Die Ufer des Rheins oder sonst was Gutes Den Seinen gewonnen: dann glaub’ ich dies: Es stünd’ auf dem schönsten Platz in Paris Ein Monument aus Erz und Stein, Würd’ nirgends auf Erden ein schön’res sein. Den Eiffelturm müßt’ es übersteigen, Mannshohe Lettern die Inschrift zeigen: »Blickt auf, Franzosen, und bewundert Den Riesen da — in dem Jahrhundert Ist wohl kein größerer zu finden!« (Bei uns ist’s anders, wie sie künden.) (»Jugend«, 6. Februar 1897)] So wie die Fahrt des Fürsten Bismarck nach Wien, wie die Feier seines achtzigsten Geburtstages, so haben die sogenannten »Hamburger Enthüllungen« einen gewaltigen Sturm in ganz Deutschland erregt. Am 24. Oktober 1896, zu einer Zeit, in der in Frankreich der Russentaumel die giftigsten Blüten trieb, erschien in dem Organ des greisen Staatsmannes, in den »Hamburger Nachrichten«, ein Artikel über seine Beziehungen zu Rußland. Hier wies er in einer Polemik gegen die freisinnigen Blätter den Vorwurf zurück, daß schon zu seiner Zeit der Draht zwischen Berlin und Petersburg zerrissen worden sei. Bis zu seiner Entlassung, so hieß es dort, waren beide Reiche im vollsten Einverständnis darüber, daß, wenn eines von ihnen angegriffen würde, das andere wohlwollend neutral bleiben solle. »Dieses Einverständnis ist nach dem Ausscheiden Bismarcks nicht erneuert worden, und wenn wir über die Vorgänge in Berlin richtig unterrichtet sind, so war es nicht etwa Rußland, in Verstimmung über den Kanzlerwechsel, sondern Graf Caprivi war es, der die Fortsetzung jener gegenseitigen Assekuranz ablehnte, während Rußland dazu bereit war.« Diesen Ausführungen war die Bemerkung hinzugefügt: »So entstand Kronstadt mit der Marseillaise, und die erste Annäherung zwischen dem absoluten Zarentum und der französischen Republik wurde unserer Ansicht nach ausschließlich durch die Mißgriffe der Caprivischen Politik herbeigeführt. Dieselbe hat Rußland genötigt, die Assekuranz, die ein vorsichtiger Politiker in den großmächtlichen Beziehungen Europas gern nimmt, in Frankreich zu suchen.« Diese kurzen Bemerkungen erweckten, wie gesagt, einen furchtbaren Sturm, und auch in dem Kaiser erwachte eine so tiefe Verstimmung gegen den Einsiedler von Friedrichsruh, daß er in einem amtlichen Erlaß als ein Mann hingestellt wurde, der die strengsten Staatsgeheimnisse preisgegeben und die wichtigsten Amtspflichten verletzt habe. Diese Kundgebung rief sofort die sämtlichen Gegner des greisen Fürsten auf den Plan, um ihn als einen Landesverräter, als einen Verbrecher am Vaterlande zu beschimpfen, der hinter Schloß und Riegel, in das Zuchthaus gehört. Sie standen hierin in voller Harmonie mit den Franzosen, die sich nicht genugtun konnten in den infamsten Angriffen gegen ihren alten Bezwinger. »Gewissenlos, zynisch noch in seinem Greisenalter,« so schrieb ein Pariser Blatt, »will dieser Mensch, daß die Weltgeschichte seine Übeltaten in ihrem vollen Umfange kennen lerne: die Geheimnisse seines doppelten Spieles, den Schlüssel zu seinen verbrecherischen Kombinationen. Welches Schauspiel, daß er seine waghalsige Herausforderung an der Schwelle seines Grabes an die menschliche Gerechtigkeit in Erwartung der göttlichen gerichtet hat! Aber der Coup ist mißglückt, das alte Ungeheuer stolpert mehr und mehr seinem endlichen Untergang zu, den es so reichlich verdient hat.« Der Ingrimm des Gegners bedeutet stets die Anerkennung der eigenen Verdienste. — Aber es schien, als wenn in den Kreisen der Regierung wiederum der Argwohn bestand, daß Fürst Bismarck die Absicht habe, in einer weitangelegten Intrige die Stellung seiner Nachfolger zu gefährden, ihre Unfähigkeit zu erweisen und sich selbst der Krone wieder als Ratgeber aufzudrängen. Die Folgezeit hat leider bewiesen, daß es gelang, auch den Blick des Kaisers zu trüben. Eben erst hatte er, am Erinnerungstage des Friedensschlusses mit Frankreich, dem Fürsten Bismarck ein außerordentlich herzliches Telegramm gesandt, das mit den Worten schloß: »Welche unvergeßliche Verdienste Sie, mein lieber Fürst, sich in der gewaltigen Zeit erwarben, in welcher Deutschland seine Einigkeit und Größe wieder errang, Ihnen heute von neuem in Dankbarkeit und Verehrung auszusprechen, ist mir Bedürfnis. Neben dem Namen des großen Kaisers Wilhelm wird der Name seines großen Kanzlers in der Geschichte aller Zeiten glänzen, und in Meinem Herzen wird das Gefühl unauslöschlicher Dankbarkeit gegen Sie nie erstarren.« Und doch konnte es geschehen, daß am hundertsten Geburtstage unseres ersten Kaisers der Blick vergebens unter all den zahlreichen Gästen die Gestalt des großen Kanzlers suchte, daß das Ohr vergebens lauschte, ob von den Lippen des Kaisers sein Name erklinge. Wieder blieb beim Wechsel des Jahres in Friedrichsruh der kaiserliche Glückwunsch aus. Und selbst die Erinnerung an die Vorgänge in Wien wurde von neuem erweckt, als Kaiser Wilhelm als Hochzeitsgast des Ministers Graf Wedel darauf drang, daß eine Einladung, die Graf Herbert Bismarck schon angenommen, von seinen Verwandten widerrufen wurde. Die harte Abweisung mochte in der Form gegen den Sohn gerichtet sein, sie hat in Wahrheit das Haus des großen Kanzlers und ihn selbst getroffen. [Illustration: ~In Ungnade~ Der Alte vom Sachsenwalde (vor dem Nationaldenkmal): »Komm, Tyras!« (»Lustige Blätter«, Mai 1897)] Bald aber zeigten die politischen Prozesse, in deren Mittelpunkt ein Berliner Kriminalkommissar gestanden hat, auch dem Kaiser, daß nur die Verleumdung den alten Waldsitz im Sachsenwalde in einen Herd gewissenloser Intrigen umwandeln konnte. So schlug auch die Stimmung des Kaisers völlig um: ein Panzerkreuzer wurde auf den Namen des ersten Kanzlers getauft, Telegramme wurden gewechselt, und ein Modell des Schiffes fand als Gabe des Kaisers in Friedrichsruh seinen Platz. Auf der Ausfahrt nach China hat Prinz Heinrich, der Bruder des Deutschen Kaisers, Abschied von dem greisen Staatsmann genommen, und zwei Tage darauf zog mit dem Prinzen Adalbert, der gleichfalls einst der Führer der deutschen Flotte werden soll, der Kaiser selbst zum Sachsenwalde. Und so setzten er und seine Ratgeber sich von neuem mit jenen wertvollen Elementen in harmonischen Einklang, die mit Begeisterung und Tatkraft durch Jahrzehnte die Politik des ersten Kanzlers unterstützten. Dann hat Kaiser Wilhelm das Antlitz des Fürsten nicht wieder und auch im Tode nicht erblickt. Fürst Bismarck aber hat unbekümmert um den Groll der Mächtigen und die Stimmungen der Menge seinen Kampf gegen alles, was ihm die Wohlfahrt des Reiches zu gefährden schien, bis zur letzten Stunde geführt. Er kannte keine »Phäaken-Behaglichkeit«, und noch aus seinen letzten Tagen konnte der vertraute Arzt berichten: »Noch nicht lange ist es her« — bei einem Gespräch über Politik —, »da griff er mit beiden Händen nach dem Kopf und brauste auf: ›Könnte ich doch in die Schweinerei einmal hineinfahren und ihnen sagen, wohin das führt. Aber Sie wissen, Schweninger, meine Trompete gibt keinen Ton mehr; sie ist durchlöchert.‹« [Illustration: Roland in Nöten. (»Jugend«, 1896)] Von den Getreuen, die den alten Helden in seinen letzten Jahren umgaben, ist Fürstin Johanna zuerst geschieden. Sie ist ihrem Gatten nicht nur das schmückende und gemütvolle Element seines Hauses, sondern eine starke, fürsorgende Gefährtin des Lebens gewesen. »Ihr Geist«, so schildert sie Max Bewer, »erscheint, ob sie nun über häusliche oder schöngeistige Dinge sprach, von einer festen, bestimmten Klarheit; es ist ein Geist in ihr, der Wärme ausstrahlt, aber selbst keiner Liebkosung bedarf, wie das Gemüt so vieler anderer Frauen. Sie schien mir in allem, was sie sagte und tat, Gutes und Freundliches zu geben, ohne zu erwarten, daß ihr auch selbst gegeben werden müsse. Sie ist eine selbständige Natur, eine Frau, die trotz Gräfin, trotz Fürstin und Herzogin immer nur in erster Linie Frau und Hausfrau blieb, häuslich denkend, häuslich schaffend, von der Weichheit und Güte, aber ohne die Schwäche und Prätension des Weibes. Von kräftiger, stark mittelgroßer Figur, hat sie sich in den stürmischen geschichtlichen Ereignissen, die ihre Wellen aus der Politik nur zu häufig bis in ihre Häuslichkeit geschlagen haben mögen, gesund, frisch, klar und heiter erhalten. Für ihre Gäste hatte sie eine lautlose und doch stets überaus wachsame Sorge. Man hat nie einen Wunsch, man bekommt alles von selbst. Es ist die stillste und doch die wärmste und beredteste Gastfreundschaft, die man in der Fürstin Hause genießen kann.« Der Fürst erfuhr den Heimgang seiner Gemahlin, als er nach dem Erwachen ihr Schlafzimmer betrat und die weinenden Enkel am Sterbebette der Großmutter fand. Sie war am Abend vorher reger gewesen als während der letzten Tage und hatte auch auf freundlichen Zuspruch des Arztes wiederholt Nahrung genommen. Die Erschütterung, verdoppelt durch das Unvermittelte des Eindrucks, war gewaltig, obwohl der Fürst durch seinen Arzt durchaus vorbereitet worden war, daß der schwerste Schlag, der ihn treffen konnte, unvermeidlich in naher Zeit bevorstand. Die Beerdigung hat in den schlichtesten Formen stattgefunden. So siehst du nicht aus Ein kleiner Zug mag die rührende Zartheit bezeichnen, die in dem Verhältnis des fürstlichen Paares bestand: Die letzte photographische Aufnahme der Fürstin, der unverkennbar der Stempel stark fortgeschrittenen Leidens aufgedrückt war, wurde bei Tische besichtigt. »Lieber Otto, sehe ich wirklich so aus?« fragte die Fürstin. Mit einem zärtlich besorgten Blick in die ängstlich fragenden Augen seiner Gemahlin antwortete der Fürst ruhig und bestimmt: »Nein, liebes Kind, so siehst du nicht aus.« Kurz darauf siedelte die fürstliche Familie nach Varzin über, und einige Wochen nachher erlag die Fürstin ihrem schweren Leiden. [Illustration: ~Der verlorene Sohn~ Neutestamentarisches in neuer Beleuchtung. (»Wahrer Jakob«, September 1896)] Mit unermüdlicher Treue und voll Hingebung, die auch vor schweren Opfern nicht erschrak, hat die Tochter des Fürsten, Gräfin Marie Rantzau, die Sorge für das Wohlbefinden des Vaters und für die Leitung des Hauses übernommen. Sie hat gleich ihrem Gatten auf das Leben in der großen Gesellschaft Verzicht geleistet, um dem Hause des Vaters behagliche Gemütlichkeit zu verleihen. Durch und durch Dame, außerordentlich belesen und voll Verständnis für die politischen Fragen, war sie doch zugleich die zärtlichste Mutter für ihre drei blühenden Knaben und die rücksichtsvollste Tochter gegen ihren vergötterten Vater. Graf Rantzau selbst mußte es sich gefallen lassen, der »Vizewirt von Friedrichsruh« genannt zu werden. Man darf überzeugt sein, daß das letzte Wort, das Fürst Bismarck gesprochen hat, und das, an die Tochter gerichtet, den schlichten Wortlaut hatte: »Ich danke dir, mein Kind«, auch ihrem Gatten galt. Und es ist ein freundlicher Gedanke, daß durch die Bereitwilligkeit des gräflichen Paares, auf die große Welt dort draußen zu verzichten, die Möglichkeit geschaffen wurde, den Lebensabend des greisen Helden mit dem Jugendglanz, mit der Freude an dem frohen Treiben der Enkelkinder zu umrahmen. Es waren drei schlanke, hochgewachsene Jungen, und entzückend war das Verhältnis des Großvaters zu den Enkeln. Welch tiefe Zärtlichkeit lag in seinem Blick, wenn die frischen Jungen zu den Mahlzeiten in das Zimmer traten, wenn sie dem Großvater die Hand küßten, die dann liebevoll über ihre frischen Wangen strich. Sie waren nicht dazu verurteilt, wie es der Jugend zu oft geschieht, bei Tische mäuschenstill auf ihren Plätzen zu sitzen, und gar manchmal hörte man ihr munteres Lachen vom anderen Ende der Tafel. Zuweilen erschienen auch die anderen Enkelkinder, die Töchter des früh verstorbenen Sohnes Wilhelm, denen der Großpapa bei Tisch gern in scherzhafter Weise wie der Kavalier den erwachsenen jungen Damen entgegenkam, während er sich mit feinem Lächeln an der Wirkung seiner Aufmerksamkeiten auf die harmlosen jungen Gemüter erfreute. Charakteristisch ist die Antwort, die der Fürst einmal auf die Frage nach den Kindern seines jüngeren Sohnes gab: »Ja, er hat zwei ganz nette Gören; wenn ich nur jetzt schon wüßte, was für ein Lump die einmal heiratet und mein Geld durchbringt.« Das Erscheinen des ersten männlichen Enkels, der den Namen Bismarck fortsetzte, ist eine der größten Freuden seines sinkenden Lebens gewesen. [Illustration: ~Das Lied der Parzen~ — — — — — — — — Sie aber, Sie bleiben In ewigen Festen An goldenen Tischen. — — — — — — — — Es horcht der Verbannte In nächtlichen Höhlen, Der Alte, die Lieder, Denkt Kinder und Enkel, Und schüttelt das Haupt. Die Kapitäle der Säulen tragen die Namen des Fürsten Hohenlohe und der süddeutschen Minister Mittnacht, Crailsheim, Nokk. (»Kladderadatsch«, März 1897)] Von tiefer Innigkeit war auch das Verhältnis des Helden von Friedrichsruh zu seinen beiden Söhnen Herbert und Wilhelm. Sie standen dauernd in dem lebhaftesten Briefwechsel mit ihren Eltern. Unvergessen wird die Treue bleiben, mit der damals, als der Vater aus dem Amte schied, der ältere Sohn, um ihm Gefolgschaft zu leisten, seine glänzende Laufbahn preisgab. Auch Herbert Bismarck hat das Exil seines Vaters geteilt. Er war ein ruhiger, ernster, arbeitsamer, kenntnisreicher Mann, der auch dann die vollen Fähigkeiten für einen preußischen Minister besessen hätte, wenn er nicht als der Sohn seines großen Vaters tief in das Räderwerk der politischen und diplomatischen Maschine hineingeblickt hätte. Graf Wilhelm Bismarck, der in gewissen Äußerlichkeiten noch mehr als sein Bruder dem Vater glich, war vielleicht geistig beweglicher als der ältere und besaß wohl auch eine größere Fähigkeit, sich volkstümlich zu machen, aber es fehlte ihm die ernste Lebensauffassung und die Arbeitskraft des Bruders. Er war ein wohlwollender Mann, schlicht, gerechtigkeitsliebend und mit einem offenen Sinn für die Freuden des Daseins. [Illustration: ~Bei der Sonne Gluten~ Die französische Presse beschimpft den toten Bismarck. »Rache ist süß!« (»Der Nebelspalter«, August 1898)] Die Männer aber, die neben der Familie dem greisen Staatsmann persönlich besonders nahestanden, waren Bucher, Schweninger und Lenbach. Lothar Bucher war aus dem Steuerverweigerer des Revolutionsjahres, aus dem politischen Flüchtling einer der hervorragendsten Mitarbeiter an dem Werke geworden, das Bismarck schuf. Nach seinem Sturze wurde er in Friedrichsruh wie ein Hausgenosse, fast wie ein Mitglied der Familie betrachtet, auf dessen Eigenheiten und Wünsche man jede Rücksicht nahm. Wiederholt hat sich der Fürst über die Bedeutung seines Mitarbeiters ausgesprochen: »Ja, ich habe viel an ihm verloren«, so äußerte er einmal nach Buchers Tode. »Lothar Bucher war eine stille, bescheidene, tiefe Natur, mein treuer Freund, manchmal mein Zensor, mein Mitarbeiter an allem, was Herzblut, gesunden Menschenverstand, klares, scharfes Denken erfordert. Er war viel zu gut für die gewöhnliche Depeschenarbeit. Dafür hatten wir die diplomatische Häckselmaschine Abeken. Für alles, was Phrasen erforderte, wie Thronreden und dergleichen, war Bucher absolut nicht zu haben. Er verstand sich nicht nur nicht auf Phrasen, er haßte sie geradezu. Auch war er ganz unglücklich darüber, daß das Publikum sich mit ihm beschäftigte. Ja, ich fühle mich sehr vereinsamt durch Lothar Buchers Tod. Meine Freunde, die es wirklich waren, gehen, einer nach dem anderen, mir voraus in den Tod, und diejenigen, die meine Freunde zu sein behaupteten, wendeten sich ab von mir.« [Illustration: ~Neuer Totentanz~ »Es ist ein Trost, daß es von dem Ort, wo er weilt, kein Retourbillett gibt.« (Aus »Le petit Provençal«.) (»Süddeutscher Postillon«, Oktober 1898)] Man brauchte bloß die Register zu ziehen »Was war mir Bucher!« so rief der Fürst einmal. »Solche Männer wachsen nicht aus dem Holz der Geheimräte; er war wie eine Orgel, man brauchte bloß die Register zu ziehen, und sie spielte von selbst alle Akkorde und Stücke, die man wünschen mochte. Ihm hätte noch eine ganz andere Stellung gebührt, doch war er nicht entbehrlich, und so beschied er sich als ein getreuer Knecht vor dem Herrn.« Noch anders geartet war das Verhältnis, das zwischen dem Fürsten Bismarck und seinem getreuen Hausarzte Professor Schweninger bestand. Der Schloßherr von Friedrichsruh hatte diesen frischen, natürlichen und klugen Mann wirklich lieb, und stets erhellten sich seine Züge, wenn der schwarzbärtige Doktor in das Zimmer trat. Dafür brachte der Arzt seinem erlauchten Patienten eine Verehrung entgegen, eine Hingebung und Liebe wie kaum ein anderer. Er dachte nichts anderes, er fühlte nichts als nur die Sorge um seinen alten Fürsten. Es war ihm nicht leicht geworden, alle Widerstände zu überwinden, die im Bismarckschen Hause seine derbe, nicht immer auf höfische Formen bedachte, aber aufrechte und ehrliche Natur hervorrief. Aber bald genug trug er einen glänzenden Sieg davon. Überaus charakteristisch für diese Entwicklung ist ein Gespräch, das im Jahre 1893 der ebenfalls recht derbe bayerische Redakteur Memminger mit der Fürstin Bismarck hatte: [Illustration: ~Auf den Haufen~ Die »Menschlichkeit« wirft Bismarcks Totenschädel auf einen Haufen, in dem sich die Schädel von Loyola, Alexander, Napoleon, Ludwig =XIV.=, Cesare Borgia, Cartouche, Karl =IX.=, Cäsar und anderer »Blutmenschen« befinden. (»Le Grelot«, August 1898)] [Illustration: ~Schmücken wir uns!~ Er beleidigte unsere Toten durch sein Siegerlächeln ... Franzosen, über seinen Tod können wir uns nur freuen. (»La Silhouette«, August 1898)] Der Leibmedikus »Die Fürstin frug mich in Kissingen,« so erzählt Memminger, »wie ich zu der Bekanntschaft des Arztes gekommen sei. Ich erwiderte: ›Er ist ein Altbayer wie ich, er war viel im Auslande wie ich auch, er spricht und denkt altbayerisch wie ich selber — also hat sich die Bekanntschaft leicht angebandelt, als mich vor drei Jahren Seine Durchlaucht, Ihr Herr Gemahl, zu sich rufen ließ; wir Altbayern wissen uns schon untereinander zu verstehen.‹ Die Fürstin lächelte und meinte: ›Ich habe mich auf diesen Altbayern nicht so leicht verstanden. Schweninger war so ganz anders als die anderen Ärzte, die auf die Lebensgewohnheiten meines Mannes mehr Rücksicht genommen hatten. Er erklärte, daß der Fürst, wenn er wieder gesund werden wolle, ganz nach seinen Vorschriften die Diät halten und bis auf weiteres gar nichts von Alkohol genießen dürfe. Das war für meinen Mann kaum zum aushalten; er hatte zudem Schmerzen, und es quälte ihn die Schlaflosigkeit; dabei war er immer ein ruheloser Geist, der arbeiten wollte und mußte, also zeigte er bald wieder Verlangen nach einem Erfrischungs- und Beruhigungsmittel; ich gab ihm, weil er mich dauerte, einen Trunk. Aber da kam ich schlecht weg. Als ihn Schweninger wieder besuchte, merkte er sofort, daß etwas gegen seine strengen Vorschriften geschehen war, und er stürmte sozusagen mit fliegender Mähne und den wilden Augen eines Berbers zu mir und erklärte mir ungefähr: ›Wenn Sie Ihren Mann umbringen wollen, dann geben Sie dem Fürsten den Schnaps weiter!‹ Ich mußte lachen, die Fürstin aber fuhr lebhaft fort: ›Ja, das war mir gar nicht zum lachen, denn das war echter, unverfälschter altbayerischer Dialekt, und ich muß schon sagen, daß ich von dieser ungewohnten und unerhörten Anrede ebenso betroffen wie beleidigt war. Aber was konnte ich machen? Mein Mann war recht krank, die Professoren und Kurpfuscher hatten sich vergeblich an ihm versucht, der Zustand war äußerst bedenklich, das nachdrückliche Auftreten Schweningers und seine unaufhörliche Fürsorge für den Patienten bei Tag und Nacht sagten mir alles übrige. Gleichwohl deutete ich es meinem Mann an, was mir widerfahren war: der winkte jedoch ab und meinte: ›Ich probiere es nun einmal mit diesem Doktor; er imponiert mir mehr als die übrigen; er kennt offenbar meine Natur besser und darum auch die Heilmittel.‹ Also ließ ich den neuen Arzt fortmachen, wenn er auch noch einigemal meinen ernsten Groll reizte; einmal hat Schweninger gar ein Glas, das ich meinem Mann wieder so zwischenhinein zugesteckt hatte, und das er erwischte, einfach zum Fenster hinausgegossen. Indessen hat Schweninger Wort gehalten; mein Mann ist wider Erwarten gesund und arbeitsfähig geworden, und er erhält ihn heute noch, so gut es eben in diesen Jahren und nach solchen Plagen und Affären geht.‹ — Die Fürstin, die asthmatisch war, hielt ein wenig an und fuhr dann mit gedämpfter Stimme fort: ›Auch meine Mißstimmung gegen Schweninger ist verraucht, und ich bin recht froh, daß wir den Arzt im Hause haben. Er bringt immer muntere Laune mit, kann äußerst angenehm, erheiternd und anregend plaudern; er ist überall zu Hause und kein so steifleinener, affektierter Manschettenprofessor und geheimnisvoller ›Zauberer‹. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb weiß er mich über meine Leiden und Bedenken hinwegzuleiten oder hinwegzufoppen, wie die Altbayern sagen. Mein Mann schätzt Ihren Landsmann ungemein hoch, und zwar auch deswegen, weil er keinen Doktor Wichtig spielt und seine Vertrauensstellung nicht in der Weise gebraucht oder mißbraucht, wie es zum Beispiel der Engländer Mackenzie getan hat. Schweninger ist in erster und letzter Linie Arzt und verfolgt beim Patienten auch in und mit der Unterhaltung nur den ärztlichen Zweck. Von Politik fängt er gar nicht an und spricht nur mit meinem Mann beiläufig darüber, wenn dieser einen Anstoß dazu gibt.‹ — ›Freilich, Durchlaucht,‹ bemerkte ich dazwischen, ›wollen das die Leute nicht glauben; sie meinen, der Doktor sei in die geheimsten Falten des Diplomatenrockes und in die geheimsten Fächer des Fürstlichen Archivs eingeweiht.‹ — Die Fürstin wiederholte darauf: ›Ich versichere jedem, der es hören will, der Vorzug dieses Arztes ist, daß er bloß Arzt sein will und all sein Können darein verlegt. Das mag ebenso Bescheidenheit oder Berechnung sein, ich achte beides und verstehe ihn ganz. Ärgern kann ich mich nur über die unverschämten Zeitungen, welche dem Schweninger jetzt nachrechnen, was er durch seinen ›Fürstlichen Hausarzt‹ verdient. Gar nichts, sage ich Ihnen, gar nichts verdient er, denn er nimmt nichts an. Uns ist das gar nicht angenehm, weil wir ihm so sehr verpflichtet sind, aber ich fürchte, er würde bei wiederholtem Drängen wieder rückfällig ins Altbayerische, das er mit mir einmal gesprochen hat. Ja, ja, die Altbayern sind sonderbare Käuze! Mein Mann hat sie recht gerne; auch die bayerischen Beamten, die er in seinem Dienste hatte, lobte er immer, sie seien keine Gecken und Einfaltspinsel und hätten noch eine Freude an der Arbeit; sie fragten nicht so nach der Uhr wie die Maurergesellen und preußischen Bureaukraten, denen er nie recht grün war. Schon als der Fürst Bundesgesandter in Frankfurt war, hatte er Zuneigung zu den Altbayern und hielt beispielsweise den bayerischen Gesandten Baron Schrenk für einen der ehrlichsten, fähigsten und arbeitsamsten Köpfe in der ganzen bunten Gesandtengesellschaft.‹« [Illustration: Der Handlanger. (Politischer Bilderbogen 1897)] [Illustration: ~Resultat der Memoiren~ Der große wog, der kleine wog — Hoch lebe der große »Großherzog«! Der Kaiser hatte in einer scherzhaften Rede von dem großen und kleinen »Woog« in Hessen-Darmstadt gesprochen. (»Jugend«, November 1906)] Zu den Hausgenossen des Fürsten Bismarck in den letzten Jahren gehörte auch der junge Doktor Chrysander, der gleich allen, die dem großen Staatsmann nähertraten, in abgöttischer Verehrung an ihm hing. Sein stilles bescheidenes Wesen und seine erprobte Diskretion bewirkten es, daß er in dem lebhaften Kreise von Friedrichsruh äußerlich wenig hervortrat. Ungleich schärfer hob sich dagegen die Silhouette des großen Malers Franz von Lenbach ab, dessen ehrliches und kräftiges, altbayerisches Wesen jeder Schmeichelei und Kriecherei abhold war. Vielleicht bestand zwischen den beiden Männern auch eine gewisse Seelenverwandtschaft. So wie Fürst Bismarck jeden, mit dem ihn das Geschick zusammenführte, alsbald bis auf den Grund der Seele durchschaute, wie ihm weder Rang, noch Geburt oder Reichtum zu imponieren vermochten, so enkleidet auch Lenbach in seinem künstlerischen Schaffen jeden Gegenstand seiner äußeren Hülle, um tief in das eigentliche Wesen einzudringen; nicht auf die Schale, sondern auf den Kern kommt es ihm an. Zahllos sind die Bilder, die er von Bismarck schuf, und kein anderer hat ihn, den deutschen Rembrandt, in dieser Kunst erreicht. Und fast jedes dieser Bilder zeigt wieder einen neuen, feinen Zug, immer tiefer dringt der Künstler in die Psyche des gewaltigen Mannes, und die Schätze, die er aus dem Goldschacht herausholt, breitet er mit freigebiger Hand vor uns aus. Sonst tät’ ich’s umsonst Bezeichnend für Lenbach ist seine Antwort auf die Frage, ob er geneigt wäre, einen bekannten Politiker zu malen, und für welches Honorar. »Malen will ich ihn, und es soll ihn nicht viel kosten, wär’ er aber nicht immer ein so verbissener Gegner Bismarcks gewesen, so tät’ ich’s umsonst.« [Illustration: ~Der Nachfolger~ »Wenn ick so in Bismarcks Spuren wandle, dann merke ick erst richtig, wat ick jejen ~den~ für ’n distinguierter Mensch bin!« (»Jugend«, Januar 1907)] [Illustration: ~Andere Zeiten~ »Hier haben Sie so viel pommersche Grenadierknochen, als Sie wollen.« Es ist die Zeit der bosnischen Krisis, in der Bülow Österreich die Nibelungentreue versprach. (»Simplicissimus«, 1909)] Er hält nicht stille Von seinen Bismarckporträts hat Lenbach geäußert: »Vielleicht hätte ich ihm gerecht werden können, aber Sie wissen, wie es in der Kunst geht, um was Ordentliches zu leisten, bedarf es der Gegenliebe. Was liegt aber einem Bismarck an seinen Porträts? Aus Höflichkeit tut er zwar so, aber ich weiß, daß beim Sitzen seine Gedanken in die Weite schweifen, und doch könnte ich etwas zuwege bringen, wenn er nur fünf Minuten stillhalten wollte. Das genaue Gegenteil von Moltke hierin wie auch sonst: Moltke war Kunstschwärmer und hätte, wenn es nötig gewesen wäre, einen halben Tag ausgehalten.« Manchen hat der greise Fürst scheiden sehen von denen, die ihm einst teuer gewesen. Und dennoch hat seinem Lebensabend jener köstliche Glanz nicht gefehlt, den die Liebe verbreitet. Jeden seiner Schritte hat die Sorge der Kinder, die Hingebung der Freunde überwacht, und er starb nicht, wie die Feinde hofften, einsam und von Gewissensqualen gefoltert, sondern die zärtliche Hand der Liebe hat den Todesschweiß von seiner Stirn getrocknet, und der Freund hat ihm die Augen geschlossen. Durch seine Seele aber zitterte kein Schrecken der selbstanklagenden Reue. — In der Nacht des 30. Juli ist Fürst Otto von Bismarck nach kurzem Todeskampf entschlafen. Die Flammen sind erloschen, und dem Riesen, dem die Welt zu eng war, blieb nur noch ein Grab. Aber wie zu dem Lebenden, so pilgern auch zu dem Toten die Söhne Deutschlands, und heilig ist die Stätte, geheiligt durch des Volkes Dank und Liebe, an der Otto von Bismarck ruht. Man hat ihn begraben unter den Bäumen, die ihm Schatten gaben, in dem Boden, der ihn gastlich trug, denen nahe, die ihm nahestanden; er schied, wie er gelebt, und er ruht, wie er geschieden. Und gerade in dieser Schlichtheit liegt etwas Gewaltiges: er, der einst mitten in dem brausenden Treiben der Welt gestanden, wählte sich einen Abschluß seiner Taten, wie ihn der Landmann findet, der das Feld bestellte, und der Reitersmann, der nach beendetem Kriege den Abend unter den Seinen verbrachte. Und kein wortreiches Epitaph verkündet rühmend seine Taten. Seines Wesens Art und seine Treue, sein Streben und sein Leid sind ausgesprochen in den selbstgewählten Worten: »Ein treuer deutscher Diener Kaiser Wilhelms =I.=« Diese Worte, die seine Grabstätte zieren, sind einfach und gerade; die Grabschrift ist ein Lebensinhalt zugleich und ein Buch, aus dessen Tiefe die Enkel schöpfen werden; es ist in aller Schlichtheit ein die Jahrhunderte überragendes Stück Weltgeschichte. Es klingt zugleich aus diesen Worten die Musik des heiligen Trotzes, die Stimme des Prometheus, der den Menschen das Licht gab und an den Felsen geschmiedet wurde. Es ist das Vermächtnis seines Lebens an den bei den Vätern ruhenden vielgeliebten alten Herrn. — Und schlicht und ergreifend hat der Dichter des preußischen Lebens, Theodor Fontane, das Wesen Bismarcks geschildert: [Illustration: ~Reichstag und Kanzler~ »Dieser Mann hat eine zu eiserne Faust! Zum Teufel mit ihm!« »Dieser Kerl redet zu viel! Raus mit dem Schwätzer!« »Dieser Mensch redet nichts, rein gar nichts! Raus aus der Bude!« (»Jugend«, 1910)] Nach dreitausend Jahren Theodor Fontane, der empfindungsreiche Dichter der Mark, besingt Bismarck in folgenden Versen: ~Wo Bismarck liegen soll.~ Nicht in Dom oder Fürstengruft, Er ruh’ in Gottes freier Luft Draußen auf Berg und Halde, Noch besser tief, tief im Walde. Widukind lädt ihn zu sich ein: »Ein Sachse war er, drum ist er mein; Im ~Sachsenwald~ soll er begraben sein.« Der Leib zerfällt, der ~Stein~ zerfällt, Aber der Sachsenwald, der hält, Und kommen nach dreitausend Jahren Fremde hier des Weges gefahren Und sehen, geborgen vorm Licht der Sonnen, Den Waldgrund in Efeu tief eingesponnen, Und staunen der Schönheit und jauchzen froh, So gebietet einer: »Lärmt nicht so; — ~Hier unten liegt Bismarck irgendwo~.« Und noch einmal hat der Tote zu uns gesprochen; aus den Fernen der Ewigkeit drang seine Stimme zu uns herüber. Mit scheuer Ehrfurcht nahm das deutsche Volk das letzte Vermächtnis entgegen, das Fürst Bismarck in seinen »Gedanken und Erinnerungen« uns bot. Zum letztenmal vernahmen wir hier seine Lehren, zum letztenmal seine Weisheit, die so oft, so lange er unter uns weilte, in Treuen uns mahnte und schützte. Und nach Jahrhunderten noch, und wenn unsere Zeit in weltfernes Vergessen gehüllt sein wird, dann werden die Enkel ehrfürchtig und scheu in den Büchern nachschlagen und werden forschend und flüsternd sagen: So hat Bismarck gesprochen! Er hat nicht Geschichte geschrieben nach der Art der Gelehrten; er hat nicht eine Darstellung gegeben, die objektiv die Dinge ergründen soll. Sein Buch ist auch keine Verteidigungsschrift, denn seine ~Taten~ verteidigen ihn. Wohl aber treten in seinem letzten Werke die Leidenschaften zurück, die der Kampf erweckte; wie von der Höhe herab, die einst der Prophet erstieg, schaut er hinter sich die kampfdurchwühlten Gefilde, über denen milde die Abendsonne herabsinkt. Vor ihm aber breitet sich ein anderes, weites Gefilde, und auch hier drohen Gefahren und Kämpfe. Da hebt er warnend den Arm und zeigt uns die Wege, die zu künftigem Heile führen. Es sind Worte eines Toten, die zu uns dringen, und doch Worte eines ewig unter uns Lebenden, Worte der Weisheit und Trauer, Worte der sorgenden Liebe. Sie sind ein Evangelium für das deutsche Volk und für die Führer geworden, die das Schicksal ihm aufruft. Und in der gewaltigen Krisis, die jetzt heraufzog, die eine Welt von Feinden gegen das Deutschland bewaffnet, gleichen sie einem leuchtenden Stern, der uns durch alle Fährnisse führt. [Illustration: Es spukt! (»Jugend«, Oktober 1906)] Schluß Ein Vierteljahrhundert war vergangen, seitdem das Steuer der stolzen Fregatte Germania den Händen Bismarcks entglitt. Andere hatten es ergriffen; neue Gedanken, neue Ziele zogen herauf. Und bald ging die Saat auf, die Otto von ~Bismarck~ einst in die Furchen deutschen Lebens streute. Deutsches Wirtschaftsleben erblühte, Technik und Wissenschaft feierten reiche Triumphe, der deutsche Handel sandte seine Schiffe in alle Meere, deutscher Gewerbefleiß gewann die Märkte der Welt. Und ehrfurchtgebietend stand in eiserner Rüstung Germania, und noch lauschte die Welt auf ihr Wort. Bismarcks Erbe! Aber er, der einst dem deutschen Elend ein Ende schuf, der die Kyffhäusertore sprengte und die Kaiserkrone aus den Flammen hob, hat uns gemahnt, stets auf der Wacht zu sein, das Geschaffene gegen eine Welt von Neid und Feindschaft zu schützen. Er wußte, die Stunde würde kommen, da wir noch einmal in Kampf und Not erwerben müßten, was wir von den Vätern ererbten. Denn gar zu feurig und gar zu kühn hatte sich der Deutsche aus der Verschlafenheit vergangener Zeiten erhoben und seine natürlichen Rechte gefordert. Sein Land sollte nicht mehr als Schauplatz aller europäischen Kriege von den Feinden zerstampft werden! Seine Söhne nicht mehr die willfährigen Diener fremder Interessen sein! Seine Arme sollten sich ausstrecken nach fernem Kolonialland! Seine Arbeitsfreude fremden Rivalen Lohn und Ruhe kürzen! Deutschland wollte sein eigenes Dasein leben! In der Tat: Was Bismarck schuf, das hat einen Umsturz aller altgewohnten politischen Regeln, eine Umwälzung aller hergebrachten Begriffe bedeutet. Der Kaisertraum der Sachsen und Hohenstaufen sollte ausgeträumt sein, längst schon, ehe Napoleon den Händen des letzten Kaisers aus Habsburgs Hause das Zepter entriß — und nun sollte dieser Traum von neuem lebendig werden! Nun sorgte ein starkes Geschlecht, daß er nie wieder zerfließe! Nur ~eine~ Macht in Europa sah neidlos das Werden des Neuen. Nur Österreich-Ungarn, der Besiegte von Königgrätz. Es ist vielleicht das erstaunlichste Werk aus Bismarcks Meisterhand, daß er, unter Kampfeslärm und Schlachtendonner, schon die Grundlage für dieses Bündnis schuf, das jetzt auf hundert Schlachtfeldern seine Kraft und seinen tiefen Sinn erhärtet. Hier schuf er für beide Völker die Basis der Sicherheit, einen Grund, der jedem Stoß und jedem Angriff standhalten sollte, selbst dann, als ganz Europa sich gegen uns wandte und im fernen Indien, in Australien, in Kanada, in Japan, am Kongo sich Helfer suchte. »Gestützt auf unsere Einheit und in Freundschaft mit Österreich-Ungarn«, so rief er einmal, »können wir der weiteren Entwicklung mit aller Gemütsruhe entgegensehen und mit ihm der Überzeugung sein, daß unser Gott keinen Deutschen zugrunde gehen läßt, am wenigsten Deutschland selbst.« Es war des Fürsten Bismarck stete Sorge, daß in Österreich und Ungarn der slawische Keil sich zwischen das Bündnis drängen und andere, vor allem polnische Tendenzen den Frieden stören könnten. Gerade deshalb trieb er die Politik der »zwei Eisen im Feuer«, schloß er mit Rußland den Rückversicherungsvertrag. Aber er sah auch die Gefahr einer Vereinigung von Rußland und Frankreich schon lange voraus, ehe sie in Kronstadt besiegelt wurde; er kannte den Ehrgeiz der Militärs; er sah das Wachstum des Panslawismus; er wußte, daß die Politik ein flüssiges Element ist und daß auch die stärksten historischen Beziehungen sich lösen. Und so klingt uns noch aus seinem Testamente die Warnung entgegen: =Toujours en vedette!= Darum hat er Deutschland auch wirtschaftlich auf sich selbst und seine Kraft gestellt — wenn heute unser Volk vor dem Hunger geschützt ist, so ist es Bismarcks Verdienst. Und wenn seine Waffen gut und stark sind, so ist es der Lohn seiner Mühen und Sorgen um Deutschlands Zukunft. * * * * * ~Götterdämmerung~ und ~Völkerfrühling~! Nach mehr als vierzig Jahren eines ungestörten Friedens, der dem deutschen Volke eine reiche Entwicklung aller seiner Kräfte, einen reichen Lohn aller seiner redlichen Arbeit brachte, bricht plötzlich mit Wolkenbruch und Hagelschlag ein schweres Gewitter herein, und erschauernd blickt die Menschheit auf das furchtbare Ringen und Werden. Von wissenschaftlichem Streben, vom Werk des Poeten, vom Fortschritt der Technik, von blühendem Handel, von ertragreichen Fluren, von den gewaltigen Schiffen, die unter der Flagge des Friedens die weiten Meere durchkreuzen, erzählt seit mehr als vierzig Jahren die Chronik. Und jetzt? Jetzt schlägt Klio im Buche der Wahrheit und des Lebens die Blätter um und verzeichnet mit ehernem, in Tausender Herzblut getauchtem Griffel neues, fremdes Geschehen. Ein Zar hatte den ewigen Frieden diktiert, derselbe, der jetzt vom fahlen Antlitz die Maske riß; Abrüstungsvorschläge wurden in England gemacht, von demselben Volke, das jetzt aus jämmerlicher Profitwut die Welt in Flammen setzte; ein stolzer Palast erhob sich im Haag, in dem Schiedsrichter in hohen Perücken der Völker Schicksal berieten — und jetzt stürmt die Geschichte über sie alle, die Toren, hinweg, die den Krieg aus dem Völkerleben auslöschen und Blut und Eisen entwerten wollten. Das aber darf die Chronik dieser Zeit und dieses Krieges bekunden: Deutschland ist schuldlos an dem Blute, das jetzt in Gewitterbächen über die Erde dahinströmt. Tausendmal beleidigt, tausendmal vom Hochmut der Fremden herausgefordert, hat Deutschland im Bewußtsein seiner Kraft stolz geschwiegen. Ein Weltreich des Friedens sollte unter Kaiser Wilhelms des Zweiten Zepter das Deutsche Reich werden, nur in Werken des Friedens sollte sein Volk um den Lorbeer ringen. Und auch jetzt, als das Grauen von Serajewo über die Welt zog, als das Blut der gemordeten Fürstenkinder von Österreich nach Rache schrie und als sich Rußland, auf Frankreich und England gestützt, dem Werke der Gerechtigkeit widersetzte, hat Kaiser Wilhelm in Selbstverleugnung dem Frieden zu dienen gesucht. Er ist nicht zum Ziele gelangt. Wir wissen es jetzt — die Akten beweisen es klar —, daß seit Jahr und Tag, schon in König Eduards Zeiten, zwischen den Männern, die uns heute bekriegen, eine Verschwörung zu unserer Vernichtung bestand. In der letzten Stunde erst haben wir, damit wir nicht Luft und Atem verlieren, hat die deutsche Faust das listig gesponnene Gewebe mit dem Schwerte zerhauen. Und es kam, als es herniedersauste, ein großes Gefühl der Befreiung über das ganze deutsche Volk, ein Gefühl der Freude, endlich einmal aufräumen zu dürfen mit diesen in der Finsternis schleichenden Mächten, es kam die alte ~Germanenfreude~ am blutigen Ringen auf grüner Heide. [Illustration: Bismarck als Wotan. (»Jugend«, 1908)] Und das Volk stand auf. Vergessen war aller Hader, aller Streit der Parteien. Blitzenden Auges konnte der Kaiser verkünden: »Es gibt keine Parteien mehr«, und bald dröhnte der Boden vom Schritt der deutschen Heere. Schulter an Schulter zogen sie, getreue Kameraden, der Grafensohn und der Bauernknecht, der weltberühmte Gelehrte und der schlichte Volksschüler ins Feld, der Student und sein Professor — der Kaiser rief, und alle, alle kamen. Denn sie alle wußten es, was es gilt: Daß heute die eisernen Würfel rollen um Deutschlands Zukunft, Ehre und Recht, um Haus und Heimat, um Freiheit und Glück! Wahrlich, Zeiten zogen herauf, erfüllt von Ungeheurem, wie sie uralter nordischer Heldensang schildert: »Steinberge stürzen, Riesenleiber straucheln, zu Hel fahren Helden, der Himmel klafft!« Wo kennt die Geschichte in tausendjährigem Lauf ein Schicksal, wie es heute den Deutschen bestimmt ist? Baschkiren und Tungusen, die wilden Söhne der sibirischen Steppe, die Reiter der glutstarrenden afrikanischen Wüste, schlitzäugige Söhne Ostasiens, kanadische Jäger, indische Sepoys, Bengalen und dunkelhäutige Gurkhas, Turkos und Zuaven und Senegalschützen, belgische Mörder, schmutzige Kosaken — sie alle wagen im Namen der Kultur, der Menschlichkeit, unser altes, heiliges, großes, gesegnetes Deutschland zu verderben. Vor ihnen, über ihren Köpfen weht das in das Blut der Opfer von Serajewo getauchte düsterrote Banner des Mordes. Sie strömen hervor aus allen Winkeln der Erde, beutelüstern, raffgierig. Aber sieghaft erhebt sich, weithin durch die Ewigkeit leuchtend, deutsche Treue und deutsche Todesverachtung. Hei, wie die Mauern barsten von Lüttich, Namur und Maubeuge! Wie der alte Hindenburg das Russenpack in die Masurischen Seen trieb! Wie die deutschen Armeen über Frankreichs Boden brausten! Hie Schwert des Herrn und Gideon! Mögen sie kommen, mag der schrille Schlachtruf des Asiaten mit dem Gebrüll des Basutos, Zuaven-Wildheit sich mit dem Zischen der Dum-Dum-Kugeln vereinen — vergebenes Mühen! Denn fest und unerschütterlich stehen Deutschlands Söhne. Sie ketten den Sieg an ihre Fahnen, mit ihnen reitet das Recht, reitet Gott ins Feld. Der Völkerfrühling, der Frühling Deutschlands naht, schon leuchtet fernher über den Wäldern das Morgenrot einer neuen, glücklichen, von unseren Brüdern erkämpften Zukunft. Die Nebel weichen dem Schwerterglanz, der Lorbeer senkt sich auf Heldenstirnen — unsterbliches, deutsches Volk! Und so berichtet das Buch der Zeit, wie einst das Lied der Nibelungen, von deutschen Heldentaten ohne Zahl, von frohem Kampf und jauchzendem Sterben. Und von ewigem Ruhm und ewig grünendem Lorbeer. Ja, der deutsche Völkerfrühling bricht an! Und hell leuchtet in ihm und über ihm, schützend und segnend und Früchte treibend, die Sonne des Mannes, um dessen Lebenswerk wir ringen: +des eisernen Kanzlers Otto von Bismarck!+ *** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 79000 ***