Anmerkungen zur Transkription.
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Worte in Antiquaschrift sind "kursiv" dargestellt
.
Eine frühchristliche Erzählung
von
Peter Dörfler
1. bis 15. Tausend
Freiburg im Breisgau 1918
Herdersche Verlagshandlung
Berlin, Karlsruhe, Köln, München, Straßburg und Wien
A. G. 14
Alle Rechte vorbehalten
Buchdruck der Herderschen Verlagshandlung in Freiburg i. Br.
Dem Andenken
des Rektors am deutschen Campo Santo zu Rom
Anton de Waal
gewidmet
von seinem getreuen Schüler
[S. 1]
In den großen Lichthof des reichen Mehlhändlers Theon, der aus Ägypten nach Rom gekommen war, strahlte die Frühsonne eines Junitages. Sie strahlte von dem rosenüberwucherten Garten quer durch das Tor des Hinterhauses und schoß einige glückliche Strahlen bis zum Atrium vor, denn auch die Mitteltüre stand offen; nicht der Sonne wegen, denn unter ihrer Übermacht begann man bereits zu leiden, sondern aus Sehnsucht nach Morgenkühle, die nun den ganzen schwülen Palast durchstrich.
Frühsonne und Morgenkühle ergötzten aber mit ihrer vollen Würze nur einen Mann in den vielen Räumen. Er saß hinter den Säulen des Lichthofes, hatte würdevoll einen Krückstock in der Rechten, strich den stattlichen schwarzen Bart, zupfte den Mantel zurecht und hatte ganz das Aussehen eines Thronenden, der bereit ist, seine Beamten und Untertanen zu empfangen. Von Zeit zu Zeit drehte er sein schmales, dunkles Haupt horchend gegen den Vorhang, vor dem er saß und der ein Zimmer nur halb verhüllte und nur schwach die Stimmen eines Knaben und seines Lehrers dämpfte, die hier bisweilen hart und laut gegeneinander stritten.
[S. 2]
Der Mann mit dem würdigen Äußern und dem Krückstock war der »Pädagoge« dieses Knaben, des einzigen Sohnes des Mehlhändlers Theon. Während dem Lehrer und Hofmeister oblag, den Herrensohn, den man mit dem Kosenamen Theonas zu rufen pflegte, zu unterrichten, war der Pädagoge nichts weiter als der Knabenführer. Er hatte den Auftrag, ihn zu bedienen, ihn durch die Straßen zu geleiten und ihm über verkehrreiche Plätze den Weg zu bahnen. Die einzige Unterweisung, die ihm zustand, war, den kecken Knaben bisweilen zu mahnen, daß der Anstand ihm gebiete, gesenkten Hauptes einherzugehen, und daß er nicht versäume, Bekannte seines Vaters und angesehene Männer zu grüßen. Diese Mahnungen waren auch die einzigen Auflagen, die ihm beschwerlich fielen. Denn sie erforderten einen gewissen Mut, einen Entschluß und den Aufwand eigenen Willens, während es ihm durchaus unbeschwerlich schien, Befehle, die andere erdacht hatten, auszuführen und sogar Schimpfworte und Schläge von seinem Schüler hinzunehmen. Er war tief überzeugt, daß der Herr ausschließlich die tätige, der Sklave die leidende Form des Lebens darstelle, und fand es ganz in der Ordnung, daß der kleine Theonas ihn Mulus nannte. Denn sein Beruf war wirklich der eines Maulesels, eines Lasttieres.
Jetzt bewegte sich der schwere, golddurchwirkte Teppich zur Seite. Theonas, ein gertenschlanker[S. 3] Knabe mit einem mädchenhaft zarten, aber von einer scharfen Nase und kraftsprühenden dunklen Augen belebten Gesichte, neigte sich rasch, spitzbübisch lächelnd, aber energisch gegen Mulus und flüsterte ihm zu: »Bring einen Krug Wein, Falerner ..., bring zur Vorsicht zwei Krüge, vom alten!«
Er verschwand, und Mulus erhob sich sofort, um den Befehl auszuführen. Zwar Theon, der Herr, hatte es ihm verboten, für den Knaben Wein aus dem Keller zu holen; der Speisemeister pflegte ihn zu prügeln, wenn er ihn erwischte; Philota, die Lieblingssklavin seines Herrn, fauchte ihn wie eine Katze an; Tyche, die Lieblingszofe seiner Herrin, hieß ihn einen Hund, weil er längst nicht mehr esels-, sondern hundemäßig dienerisch sei. Aber, was ging ihn das an? War er nicht zur Bedienung des Theonas bestellt worden? Und hatte ihm dieser nicht einen Befehl gegeben?
Inzwischen ging der Unterricht hinter dem Vorhang weiter. Der Schüler hatte dem Hofmeister vorgeschlagen, lieber in den Garten zu gehen und Morgenkühle und Rosenduft zu atmen. Apollonios aber, der dicke griechische Hofmeister, fand das wider die Ordnung und wider seine Bequemlichkeit. Weil sich nun der Knabe für unnötig gequält hielt, spielte er den Tollen, um Apollonios die Qual heimzubezahlen.
[S. 4]
»Dieses Zeitwort ist unregelmäßig, Theonas«, lehrte der kluge Grieche und zog unzählige Falten auf die hohe Stirn.
Theonchen machte ein schlaues Gesicht und sagte: »Apollonios, ich stehle einen Krug Wein für dich, wenn du sagst, daß es regelmäßig ist.«
Zu den unzähligen Falten gesellte sich noch eine krauslinige, dann zürnte Apollonios: »Mach doch keine Possen, ernst ist das Leben!« Theonas zwinkerte: »Heiter ist die Kunst und heiter ein Symposion bei Falerner. Ich verschaffe dir zwei Krüge, wenn du mir den Willen tust. Also, wenn ich schreibe: dokeso und edokesa, so rechnest du mir das nicht als Fehler an!«
Der arme Erzieher warf einen verzweifelten Blick gegen die Decke, spürte plötzlich eine schmerzliche Trockenheit im Halse und gab nach: »Schreibe, wie du willst.«
Der Knabe ritzte dokeso mit tiefen Furchen in die Wachstafel und jubelte: »Heil und Sieg, die unregelmäßigen Zeitwörter sind abgeschafft! Dafür werden die kommenden Schülergeschlechter den Apollonios unter die Heroen versetzen und als Soter[1] verehren.«
[1] Erlöser.
Und Theonas warf seinen Eisenstift auf den hellklingenden Marmorestrich, schlug die Beine[S. 5] übereinander, wie einer, der Feierabend machen will, griff in eine Schale, die mit östlichen roten Kirschen gefüllt war, und ließ eine Frucht zwischen seinen zierlichen Zähnen verschwinden. Als aber der Lehrer sich tief auf die Tafel beugte und dabei die große leuchtende Fläche seines kahlen Scheitels gegen den Schüler wendete, da flog der blanke Kern der entfleischten Frucht wie ein Wurfgeschoß mitten auf die runde Scheibe des Kahlkopfs, und Theonas jauchzte: »Applaudiere, Sklave, denn wir beide haben in dieser Stunde für alle Schüler der Hellenen das goldene Zeitalter heraufbeschworen! Applaudiere, daß ich dir zu unsterblichem Ruhm verhalf!« Und er ließ nicht nach, bis der Alte die aufgequollenen Hände zusammenklatschte und grinsend rief: »Ich applaudiere, du hast's gut gemacht, insbesondere mit dem Wein!«
»Bravo«, lachte Theonas, »nun will ich laufen, dir das Trankopfer für Bacchus zu verschaffen.« Und er eilte an die Türe, wo ihm Mulus, glückselig über die hindernislose Erbeutung, die zwei Krüge Falerner überreichte.
Theonas schenkte dem Hofmeister einen Becher ein, ohne den schweren Trank mit Wasser zu mischen, kredenzte ihn und rief: »Der Symposionkönig reicht keinen Froschwein. Trinke ohne Atem aus! Trinke und sei fröhlich! Morgen bekommst[S. 6] du von meinem Vater die Peitsche, weil du träge bist und ich von dir nichts lernen kann!«
»Du willst ja nichts lernen«, seufzte der Hofmeister, als er den Becher geleert hatte, in gespieltem Verdruß.
»Und dafür sollst du deine Prügel haben«, lachte der Knabe. »Du kannst mir bei Zeus nichts zeigen, was eine kleine Mühe lohnt, du Erzschaumschläger! Ich komme hinter all deine feinen Lügen, Griechlein. Gestern hast du mich angelogen, du hättest keinen Schluck Wein getrunken — und warst betrunken wie der Ziegenbock des Bacchus. Gestern hast du geschworen, du wollest nicht mehr zu dem Zauberer Mystarion gehen, um ein Sprüchlein gegen die Wassersucht zu kaufen: Hingegangen bist du. O du Erzschelm! Du sagst mir, es gebe Götter und man müsse sie fürchten. Ich habe dich belauscht, als du mit dem Philosophen Glaukos über die Götter sprachst; da hast du über sie gelacht wie ein Spitzbube. Wenn du mit mir im Homer liest oder im Vergil, dann sagst du: ›Sieh, Theon, was Großes es um die Tugend ist!‹ Warum übst du sie selber nicht? Oder ist lügen, Wein schlemmen, die Morgenstunden verschlafen, bei den Sklavinnen herumlungern, Neuigkeiten klatschen, etwa Tugend? Niemand ist tugendhaft! Ich aber soll es sein, daß ihr eure Ruhe vor mir habt.«
[S. 7]
»Höre auf zu schwatzen«, sagte jetzt der aufgedunsene Lehrmeister, »wir wollen die Fabeln des Äsop lesen.«
Aus den roten Lippen des Knaben flog ein Kirschenstein hervor und traf mitten in Apollonios' Gesicht. Gleich darauf kam ebenso flink die rote Zunge zum Vorschein, darauf eine bübische Grimasse, die das feingeschnittene Gesicht des Knaben häßlich verzerrte; darauf sprudelte sein Mund zornige Worte hervor: »Ich mag keine Fabeln. Lügen kann ich selbst. Ich habe genug an den Fabeln, die du mir vormachst, um mich zu betrügen. Die Mutter fabelt auch, der Vater ist darin ein Meister, und erst die Zofen! Nur die Sklaven an der Mühle fabeln nicht. Da erfahre ich allein die ungebrochene Wahrheit. Darum geh' ich zu ihnen, wenn es mir beifällt. Es nützt dir nichts zu greinen: ›Sie verderben dich!‹ Mögen sie! Vielleicht pass' ich dann besser zu euch! Zur Unterwelt mit euren Fabeln! Ich habe satt davon.«
Darauf sprang Theonas auf und eilte aus dem Lernzimmer. Apollonios atmete noch schwerer als sonst. Die Wassersucht bedrängte bereits sein Herz. Aber ein Schluck aus dem Weinkrug verscheuchte all seine Sorgen. »Morgen wird der Junge wieder lernbegieriger sein, wenn es die Götter wollen«, brummte er. »Und wenn sie's nicht wollen, so wird hoffentlich einmal der Stock nachhelfen! Ach, der Stock,[S. 8] dürfte ich den Stock über dem Teufelchen schwingen! ... Andere Mütter haben zierliche Pantöffelchen für ihre Söhne — Frau Photis gebraucht sie nur für ihre Klienten! Ach und oh!« Und er träumte noch lange, nachdem er sich in einen heimlichen Winkel zurückgezogen hatte, wie herrlich es wäre, wenn er prügeln dürfte, statt Prügel zu empfangen.
Theonas war inzwischen, um seine Erzieher zu ärgern, in das Mühlgewölbe hinabgestiegen, wo die gequältesten und verzweifeltsten Sklaven schwere Steintrichter rundumdrehten. Sie waren entweder ganz Muskel und Kraft geworden und glichen den ans Joch gewöhnten Tieren, oder wenn sie regen Geistes waren, hatte sich ihr Gemüt mehr und mehr vergiftet. Und diese suchten den Rest ihres Verstandes durch die Bosheiten, mit denen sie sich gegenseitig quälten, und die wilden Reden, mit denen sie sich unterhielten, vor völliger Verödung zu bewahren. Es waren da dunkle Mohren und stumpfnasige Skythen, breitschultrige Ägypter und hochgewachsene Liburner vereinigt. Aber die Unterschiede der Herkunft und Rasse waren durch den jahrelangen schweren Druck der Sklaverei fast völlig aufgehoben worden, die nur den schlimmen Eigenschaften Wachstum gewährte.
Der Herrensohn schaute ihnen eine Zeitlang zu, wie man den Tigern im Käfig zuschaut, lächelnd,[S. 9] bewundernd und doch mit einem Gefühl des Abscheus. Dann ging er auf Skopas, einen gewaltigen Afrikaner, zu, tippte ihn auf die Schulter und sagte: »Du, Skopas, fluch einmal!« Der Mann warf seinen eckigen, grobknochigen Kopf herum und schaute den schönen Knaben mit seinen fahlen, tiefliegenden Augen grinsend an. Auch die Mitsklaven zeigten in Mienen und Gesten etwas von tierischem Vergnügen. Skopas setzte sich auf seine Fersen, hob die Hände so vor sich hin, daß die Flächen auswärts gekehrt waren, bog den braunen Stiernacken zurück und verfluchte mit gefletschten Zähnen Gott und die Menschen. Man glaubte Beelzebub selber fluchen zu hören. Der Sklave jauchzte seine Verwünschungen förmlich hinaus.
»Genug«, sagte endlich der Knabe zu dem wilderregten Mann, nachdem er ihm eine Zeitlang mehr zugeschaut als zugehorcht und sich an der naturhaften Gewalt der ausbrechenden Wut geweidet hatte.
Darauf wandte er sich an einen geschmeidigen Armenier mit klugem Fuchsgesicht und befahl: »Kaor, erzähle!«
Und Kaor, lispelnd und lächelnd, seine Rede mit reichem Gebärdenspiel würzend, erzählte Schmutz und Häßlichkeit. Er erzählte von den Schandtaten der Götter, von den Diebstählen Merkurs, den Verirrungen Jupiters und den Zänkereien Junos.[S. 10] Er spottete grausam über ihre Hilflosigkeit gegen ihre Leugner und die Allmacht des Schicksals und spottete über die Skandale der römischen Gesellschaft. Theonas stand dabei, die Arme auf dem Rücken verschränkt, und lauschte mit tiefem Ernst. Wenn die schwarzen Sklaven vor Wonne ihre blühenden Zähne zeigten, dann umwölkte sich seine Stirn. Er hatte offenbar Widerwillen vor dem Unrat, der da trüb und eklig wie Sumpfblasen emporstieg, aber er zwang sich in trotzigem Auflehnen gegen sein Zartgefühl zum Zuhören, wie einer hart an dem Abgrund hinwandelt, dessen schwarze Nacht lockt und schreckt. Theonas wurde zuletzt traurig und wußte nicht warum. Er kämpfte gegen Tränen an, so sehr wurde er von geheimnisvollem Weh gequält. War das wegen der Götter, die gelästert wurden? Kann man lästern, was nicht ist? Und wenn sie sind — verdienen solche Götter nicht Schmach und Lästerung? — War das wegen der Anspielungen auf das Leben seiner Eltern? Warum haderten auch Vater und Mutter? Warum gaben sie sich Abenteuern hin? Hatten sie denn ein Herz für ihn? Wann opferten sie ihm eine Krume Zeit? Sie verdienen Schmähung! Und doch! Diese wenigstens, diese ... Ware, diese Sklaven sollen es nicht wagen, Vater und Mutter, auch nicht Götter anzutasten. Verachtung umspielte seine feinen Lippen; noch kämpfte er gegen den aufsteigenden[S. 11] dunklen Zorn. Er wandte sich von dem »ekelhaften Menschengewürm« ab und schaute mit dem gleichen Interesse, mit dem er vorhin in das Antlitz des Sklaven geschaut hatte, den Mühlsteinen zu. Wie hart und grausam sie waren, wie roh sie die lebenden und wie in Todesangst sich sträubenden Körner zermalmten!
Die Sklaven blinzelten sich zu: »Der wird recht!« Kaor knirschte: »Wär' ich Mundschenk, ich mischte ihm ein feines Giftchen .... Aber er muß sich selber den Becher kredenzen. Er wehrt sich noch, doch schon liebt er das Gift.« All diese Sklaven haßten den schönen Knaben, nur weil er der Sohn ihres Herrn war, weil er zu den Vornehmen zählte, und weil sie ein trostloses Dasein führen mußten, damit diese Kaste wie die Götter leben könnte. Sie dachten wie die Teufel: »Wir sind zur Qual verdammt, also sollen die auch leiden müssen.« Darum war es ihre Lust, den Unbehüteten mit schlimmer Rede zu verderben.
Plötzlich sprang Theonas auf, fiel den häßlichen Skopas an, raufte ihm sein krauses Haar, schlug ihn und stampfte mit den Füßen gegen ihn. Der Sklave, die Peitsche des Aufsehers fürchtend, ließ es sich in stumpfer Wut gefallen. Er wand seinen massigen Riesenleib unter den Füßen des feinen Knaben wie der niedergesunkene Goliath sich unter Davids Füßen krümmte. Theonas ging aus dem[S. 12] Raum wie einer, der in den Schmutz gefallen ist und nun von Kot am ganzen Körper trieft. Er wäre gern irgendwohin geflohen. Aber das verwöhnte Söhnchen eines reichen Hauses hatte in der Tat niemand, zu dem es in seinen Nöten fliehen konnte. Sie liebkosten ihn alle, und alle hatten ein leeres Herz für ihn.
Zuerst sprang er dem Frauengemach zu, um die Mutter zu suchen. Im Vorraum traf er zwei junge Sklavinnen. Es waren die Zofen seiner Mutter, zwei zarte Kätzchen mit rabenschwarzem Haar und leuchtenden Tollkirschenaugen, die immer beisammen waren, aber sich heimlich stets belauerten. Tyche horchte Philota über den Herrn, diese ihre Rivalin über die Geheimnisse der Frau aus. Sie trieben das Ränkespiel mit ausgesuchten, angeborenen und angelernten Künsten, jedoch immer unter der Decke liebenswürdiger Formen und in gewissem Sinne vornehm. Natürlich waren es Griechinnen. Denn diese verstanden es ja, sich in alle feinen Dienste einzuschmeicheln. Tyche, die Ältere, umfaßte den Knaben und küßte ihm die Hände. Philota, die kleine, zierliche, kniete sich zu seinen Füßen nieder und küßte den Saum seines Kleides. Als sie auch seine Hände küssen wollte, schlug er sie auf das zudringliche Mündchen. Aber sie lachte und rief mit begeistertem Augenaufschlag: »Theonas, wie schön bist du!«
[S. 13]
»Du kleiner Göttersohn!« schmeichelte Tyche.
»Seh' ich dich, so muß ich an Eros denken und glaube schon den Pfeil schwirren zu hören«, suchte die andere sie zu übertrumpfen. Da ward er zornig, schleuderte die zwei schönen Katzen von sich, schlug nach ihnen und schrie: »Da — spürst du den Pfeil? Gib acht, ich habe noch mehr im Köcher!«
»Wie geistreich!« staunten sie um die Wette.
»Platz da, ich will zur Mutter!«
Da zog Philota die Augenbrauen hoch, spitzte den Mund und sagte in dem Tone einer Märchenerzählerin: »Du stehst vor einem verschlossenen Heiligtum, vor einem unzugänglichen Garten. Leichter kommst du in den Garten der Hesperiden als jetzt durch diese Pforte. Begehre nichts wider die Götter! Deine Mutter ist beschäftigt.«
Theonas kräuselte die Lippen und rief: »Habt ihr's schon gehört? Ich will zur Mutter!«
»Unmöglich«, hauchten die zwei Türhüterinnen.
»Wenn ich will, ist es nicht unmöglich«, trotzte Theonas, stampfte mit den Füßen und schrie: »Und ich will, bei Styx und dem Hadeshund, ich will!« Da erschraken die zwei Wächterinnen. Wenigstens rissen sie ihre großen Augen wie in tiefem Entsetzen auf und hielten sich die Ohren zu. Die abergläubische Philota klopfte, um die bösen Worte durch Gegenzauber zu lösen, dreimal auf die Erde:[S. 14] »Frevle nicht! Wenn Götter sind, soll man sie nicht reizen. Höre, du kleiner Titan!«
Tyche aber gestand die Wahrheit: »Theonas, kluger, schöner Theonas, bedenke, jener Künstler ist in dem Gemach, der deiner Mutter die Augenbrauen bringt und den Glanz der Haare und die roten Lippen.«
Da zog Theonas ab. Denn wenn der Künstler mit den neuen Augenbrauen, der Haarfarbe und den roten Lippen bei der Mutter war, dann heischte er stets vergeblich. O diese ewigen Schönheitskünstler! Diese verwünschten Menschen jeglicher Art, die der Mutter zu jeder Stunde des Tages zusetzten und die alle wichtigere Angelegenheiten hatten als er und ihn tagelang von ihrem Angesichte verbannten! Wäre man doch endlich wieder auf dem Lande, weg aus dieser menschengedrängten, geschäftereichen und gesellschaftspflichtigen Stadt! Wofür hat der Vater eine Villa in Antium am Meere und eine zu Sublacu im Gebirge? Dort gibt es keine Langeweile! Dort ist er kein Waise wie hier! Er dachte nun darüber nach, was ihm denn Freude machen könnte. Er fand im ganzen Hause alles widerwärtig und öde. Ja, es ekelte ihn sogar der Gedanke an die Mutter; denn er mußte immer an die gefärbten Lippen und Brauen denken. Gelangweilt streifte er im Atrium umher, wo die schönen Statuen standen,[S. 15] marmorne Blüten, lauter große Männer und erhabene Götter: Homer, Sophokles, Mars und Juno, Venus und der »Erlöser« Asklepios. Theonas wandelte unter ihnen, und da er wieder Kirschen zu essen begonnen hatte, schleuderte er auch den Göttern und Halbgöttern wohlgezielte Kerne in die hoheitsvollen, erhabenen Gesichter. Er dachte: »Schöne Götter seid ihr! Was kann man von euch alles hören! Könnten diese Büsten lebendig werden, — ihr würdet auch lügen, heimlich trinken, schmeicheln, die Haare färben und häßliche Reden führen! Ich käme euch schon darauf, daß ihr gemein seid. Mein Lehrmeister Apollonios hat auch zuerst den Großartigen gespielt, bis ich ihm hinter die Larve geguckt habe, da ist er klein geworden.«
Auf einmal hüpfte er vor Freude auf wie ein losgeschnellter Bogen. »Vater hat mir versprochen, er gehe in acht Tagen nach Bajä ins Bad, und er nehme mich mit! Er muß mich mitnehmen. Evoe[2], das Meer, das Meer, das blaue Meer, und dort soll der Weg in die Unterwelt hinabführen, wie die Dichter sagen. Ich will versuchen, ob ich diesen Weg finde! Und finde ich ihn, so steige ich hinab. Wer sagt, daß dieser Odysseus mutiger war als ein echter Römerknabe? Will doch sehen, was Wahres an diesem Homer ist! Evoe, evoe, [S. 16]es lebe der Höllenhund samt allen seinen Rachen und Schwänzen!«
[2] Evoe, griechischer Jubelruf = Juchhe!
Da kam ein Bote auf ihn zu, brachte ein Päckchen und einen Brief und ging sich stumm verneigend auf seinen weichen Sandalen davon. Das Päckchen enthielt eine Auslese feinster Früchte, dazu Korallen und Muscheln. Theonas zog die Augenbrauen zusammen. Wenn der Vater ihm Geschenke schickt, so pflegt er kein gutes Gewissen gegen ihn zu haben. Das Schreiben enthält also kaum eine freudige Post. Der Knabe öffnete und las. Der Brief war kurz und lautete: »Theon an seinen Sohn Theonas! Sei nicht böse, daß ich ohne Dich abgereist bin. Es war unmöglich, Dich nach Bajä mitzunehmen. Ein andermal dann. Bitte, sei vernünftig. Lebe wohl! Dein Vater Theon.«
Die feinen roten Wangen des Knaben waren beim Lesen blaß geworden. Er ließ den Brief auf den Boden fallen und starrte verloren wie ein Trostloser vor sich hin. Also auch der Vater wieder einmal! Warum logen sie denn alle? Warum tat denn heute niemand seinen Willen? Sollte er wirklich nicht mehr herrschen? Apollonios kam schleppenden Schrittes und ein wenig angetrunken auf ihn zu. Sein Anblick reizte die Wut des ungebändigten Knaben. Er geriet außer sich, nahm die Früchte und warf sie auf seinen Hofmeister,[S. 17] daß der Saft gegen die Säulen spritzte. Dann schleuderte er ebenso die Korallen und Muscheln gegen den Hilflosen, dabei schrie er: »Lügner, Mörder!« Er zitterte, halb wahnsinnig vor Erregung. Tyche und Philota kamen angerannt. Er bombardierte auch sie mit Muscheln und Früchten, und als sie auswichen, schlug er Mulus, der alles gelassen mit angesehen hatte und nun die Streiche des Knaben geduldig auf sich niederrasseln ließ. Dann rüttelte er an der Basis einer Statue, und als Tyche das unschätzbare Kunstwerk schützte, da richtete sich sein Grimm ganz auf sie. Er riß ihr das kunstvoll geordnete Haar auseinander und schlug sie in das Gesicht. Andere Sklaven eilten hinzu. Als Theonas seine Kräfte erschöpft hatte, da reckte er seine Zunge gegen die Zeugen seiner Schwäche und spuckte sie an.
In diesem Augenblick erschien die Mutter an der Türe. Sie war offenbar durch den Ruf: »Mörder!« erschreckt worden. Noch hatte sie den Metallspiegel in der Hand, und auch die eine, ungefärbte Augenbraue zeigte, in welch wichtigem Geschäfte sie gestört worden war. Hinter ihr erschien ein ängstlich blickender Grieche mit rauchender Brennschere.
Sie hatte eben Gelegenheit, zu sehen, wie groß und rot die Zunge ihres Sprößlings sei. Das setzte ihrem Gemüte so zu, daß die Sklavinnen[S. 18] sie stützen mußten. Der Kleine ließ sich nicht beirren, er schrie: »Lüge, Lüge, erlogene Götter, erlogener Vater, erlogene ..., ja auch du, Mutter!«
Darüber faßte sich die gepuderte Frau, die erst so entsetzt mit den schönen großen Augen um sich geblickt hatte; sie richtete sich mit Würde auf und hielt dem Söhnchen entgegen: »So magst du auch lügen, wenn du klug genug bist. Was liegt daran! Aber Grimassen schneiden, das ist ungöttlich. Auch die Götter stellen die Worte nach ihrem Nutzen oder nach dem Gesetze der Kunst, aber sie schneiden keine Grimassen, sie sind nie häßlich. Sie sind schön. Und schön sollst auch du alles tun, was du tust, Theon! Das ist Tugend! Du aber bist soeben häßlich gewesen. Pfui, Theonas! Schafft ihn fort, er macht mich verrückt!«
Darauf wandte sie sich an den knienden und händereibenden Hofmeister und sprach zürnend: »Ich lasse dich zu Tode peitschen, wenn du ihn nicht nach meinen Grundsätzen erziehst. Lies ihm Dichter vor und ... für heute, damit er zur Erkenntnis seines Fehlers komme, sperre ihn in ein Gemach und stelle das Bildnis der hold lächelnden Aphrodite in den gleichen Raum; das soll er eine halbe Stunde lang anschauen, dann wird er sich vor der Schönheit schämen und Liebe zur Tugend bekommen.« Einen Augenblick lang warf sie noch vernichtende Blicke auf den erblaßten Hofmeister,[S. 19] dann machte sie gegen Theonas eine Bewegung des Unwillens, winkte endlich mit gnädigem Lächeln dem Mann mit der Brennschere und verfügte sich wieder in ihr Gemach.
Zehn starke Sklavenhände griffen nach Theonas, um ihn in das Zimmer der Schönheitsgöttin zu schleppen. Aber er sprang auf und rief: »Ich geh' selbst, ich lass' mich nicht von euch anrühren!«
Vor die Statue der süß lächelnden Göttin schoben sie ihm einen Schemel. Theonas setzte sich darauf und schaute scheinbar andächtig zu dem feinen Marmorbild empor. Plötzlich aber erschien zwischen seinen Lippen ein roter Blitz. Philota und Tyche, die ihm schmeichelnd zur Seite saßen, riefen in geheucheltem Schreck, aber innerlich belustigt: »Theonas, das ist nicht schön!« Aber der Knabe drehte der Göttin Nasen und trieb die Sklavinnen in neu erwachter Wut davon.
Darauf begab er sich zu seinem Studierzimmer, setzte sich und schrieb zornbebend folgenden Brief an seinen Vater: »Theonas an Theon, seinen Vater, Gruß! Das hast Du schön gemacht, hast mich angeschwindelt. Deine Geschenke habe ich den Sklaven an den Kopf geworfen. Dazu mochten sie taugen. Wenn Du nicht schleunigst nach mir schickst, werde ich das ganze Haus auf den Kopf stellen. Und mit Dir sprech' ich nimmer und wünsch' Dir nimmer ›guten Tag‹. Ich gebe Dir die Hand nimmer,[S. 20] und vieles andere wird noch passieren, was ich Dir gar nicht schreiben mag. Die Mutter sagt: ›Fort mit ihm, er macht mich verrückt!‹ Dem Apollonios mache ich das Leben zu Essig. So gut also kannst Du lügen; wart nur, ich glaube Dir den Atem nicht mehr! Und lüge Dich einmal recht herzlich an. Für Deine Korallen dank' ich nicht, hast mich ja beschwindelt. Also schick nach mir, sonst ess' ich nicht mehr und trinke nicht. Dann hast Du's! Möge es Dir wohlergehen, das wünsche ich, Theonas.«
Am andern Morgen sollte ein Bote dieses Schreiben nach Bajä bringen. Allein er bekam noch einen andern Brief von größerer Wichtigkeit mit. Es geschah nämlich, daß der Hofmeister Apollonios in jener Nacht plötzlich starb. Sein durch die Wassersucht längst geschwächtes Herz erlag den beiden Krügen Falerner und vielleicht auch der Erregung über die Unart seines Schülers und den ungnädigen, Schlimmes verheißenden Blick der Herrin. Das bedeutete nun freilich kein allzu großes Unglück für das Haus. Aber es war doch nötig, für einen Ersatz zu sorgen. Die Mutter legte also einen zweiten Brief bei, in welchem sie ihren Gatten anflehte, dafür zu sorgen, daß Theonas künftig ein tiefer Haß gegen das Grimassenschneiden eingeflößt werde. »Unser Söhnchen«, fügte sie bei, »hat sonst nur glänzende Anlagen. Wir können[S. 21] stolz auf ihn sein. Ich wüßte nichts an ihm zu tadeln; aber die lange Zunge beleidigt mein Feingefühl.«
Theonchen sollte der Anblick des toten Lehrers erspart werden. Es gruselte ihm auch bei dem Gedanken, daß der Mann, dem er noch gestern so viel Possen gespielt hatte, irgendwo als Leiche liegen sollte, und dieser Gedanke war ihm ähnlich widerwärtig wie die Häßlichkeit der fluchenden und grinsenden Sklaven. Aber gerade darum schlich er sich in die Totenkammer ein und deckte das übel riechende Tuch auf, mit dem der Gestorbene notdürftig und verächtlich zugedeckt war. Er hatte den Toten nie geliebt, nicht einmal geachtet. Obwohl der Junge kaum einen Begriff von Gut und Böse hatte, wußte er, daß der Sklave an ihm schwer gesündigt habe. Nichts hatte er ihm tatkräftig verwehrt, und jeder Bestechung war der Säufer zugänglich gewesen. Dennoch war er jetzt von herzlichem Mitleid bewegt; Tränen strömten ihm über die Wangen, und er wünschte lebhaft, dem Ärmsten weniger Verdruß gemacht zu haben. Die Augen des Toten standen so bange suchend offen. Er glich einem weglos Verirrten, der im Sterben noch umsonst nach einem Ziele späht. Als Theonas aus dem Zimmer trat, schluchzte er noch und wischte sich die beharrlich andrängenden Tränen weg. Tyche begegnete ihm und sah es. »Armes[S. 22] Theonchen«, flüsterte sie, »sei nicht traurig. Freue dich, daß du lebst und daß du jung bist. O welch ein Leben steht vor dir! Pflücke es!« Da schämte sich der Knabe seiner weichen Stimmung. Er wollte nicht getröstet sein, und die Worte der Sklavin waren ihm ganz widerwärtig, denn er konnte jetzt nichts von Freude hören. Am liebsten wäre er weit von allen Menschen weggelaufen. Er verscheuchte die Zofe, indem er die Hand drohend gegen ihre Wange erhob. Dann ging er stolzen Schrittes durch den Flur und suchte einen Winkel im Garten. In einer Laube, deren Hinterwand eine Nische mit zierlichem Brunnenwerk schmückte, ließ er sich nieder, schickte Mulus, der ihm gefolgt war, weg und warf sogar gegen seinen eigenen Schatten Steinchen und zerpflückte Rosen. Er begann wieder in sich hineinzutrotzen. Warum ist der Vater heimlich von ihm weggereist? Philota hat ihm vor der Venus mit sehr bösem Kichern gesagt: »In Bajä kann der Vater niemand brauchen, am wenigsten dich und die Mutter. Diese kann er eigentlich nirgends brauchen. Aber sie ihn noch weniger.« Der Vater kauft sich einen neuen Lehrmeister. Wie kann ich diesen klein bekommen? Entweder ist er ein Weinsäufer oder ein Kriecher; auf alle Fälle wird er Hörner haben, an denen ich ihn fassen kann. Schließlich träumte er sich in die Sommerfrische. Im Sabinum gibt es junge Füllen,[S. 23] junge Gänse, junge Esel. Im Sabinum hätte die Mutter ein klein wenig Zeit für ihn.
Der Vater kam und brachte den neuen Erzieher mit. Er sei ein großer Gelehrter und habe ihn viel Geld gekostet, keine Adelsfamilie könne sich kostspieligere Sklaven leisten. Die Mutter hatte schon am zweiten Tag nach der Ankunft des Griechen, der sich Ptolomäus nannte, Zeit, mit ihm über die Erziehung des Sohnes zu sprechen. »Mein Sohn«, sagte sie, »ist ohne Fehl. Nur in den Fragen des Anstandes ist er noch nicht ganz sicher. Er soll aber alles Häßliche verachten. Zeige ihm nur fleißig schöne Gemälde und Bildsäulen. Das wird ihm Liebe zu Tugend und Schönheit entzünden. Durch den Anblick des Schönen wird alles Gute, was in der Seele schlummert, hervorgelockt wie Blüten von der Sonne.« Sie war glücklich, daß sie sich über ihren Lieblingsgedanken, die Erziehung zur Schönheit durch Schönheit, auslassen konnte.
Der Sklave verbeugte sich. Selbst die hochmütige Frau mußte sich Mühe geben, nicht zu vergessen, daß Ptolomäus nur ein Sklave sei. So hoch und majestätisch war seine Erscheinung, so edel und klangvoll war seine Stimme, so bedeutend das von schwarzem Bart und Haar umlockte Haupt, und mit solcher Würde verbeugte er sich vor seiner Herrin.
[S. 24]
Auch Theonas hatte auf den ersten Blick erkannt, daß diesem Manne kaum mit Weinkrügen beizukommen war. Das brachte ihn so in Harnisch, daß er am liebsten die Zunge gegen den Würdevollen herausgestreckt hätte. Aber er dachte: »Warte nur, ich bringe schon heraus, was an dir nicht echt ist.«
Als sie im Studierzimmer zusammensaßen, setzte Theonchen seine hochmütigste Miene auf, ließ sich mit übergeschlagenen Füßen vor seinem Erzieher nieder, stützte das Köpfchen in seine Rechte und musterte den ernsten Mann, wie man eine verdächtige Ware prüft. Ptolomäus wollte eben beginnen: »Und nun, mein lieber Schüler, wolle die Gottheit uns beiden Segen und ...«, da unterbrach ihn Theonas und stellte ein wohlüberlegtes Verhör mit dem Lehrmeister an: »Was hast du gelernt?« war die erste Frage. Ptolomäus erwiderte: »Die Gottheit ehren und den Menschen nützen.« Theonas verdroß diese Antwort, denn er hatte gehofft, daß der Sklave in aufgeblasenem Rühmen all die Sprachen aufzähle, die er gelernt hatte, und all die Bücher, die er gelesen habe. Darum herrschte er ihn an: »Und wenn du alle Sprachen der Welt verstehst und alle Bibliotheken auswendig kennst, so bin ich doch gescheiter als du. Sage mir aber eins: Kannst du lügen?«
[S. 25]
»Nein«, erwiderte Ptolomäus. Theonchen lächelte verschmitzt: »Ich glaube, das ist ein großer Mangel für dich. Denn in diesem Punkte bin ich dir überlegen, und alle im Hause, Mulus vielleicht ausgenommen, sind dir überlegen. Wollen wir aber gleich eine Probe machen! Glaubst du an die Götter?« Ptolomäus sagte: »Ich glaube an die Gottheit.« Theonchen sah mißtrauisch auf, runzelte die Stirn und drohte: »Weich mir nicht aus! Sage mir, ob du an Asklepios Soter und ›die große Mutter‹ glaubst.«
Ptolomäus sprach ruhig: »Nein!« Da sprang Theonas in die Höhe: »Du willst also wirklich nicht lügen?« und er schaute in das ruhige und feste Gesicht seines Lehrers in stummer Verwunderung und tiefem Mißtrauen. Aber er fühlte immer mehr, daß er keinen Apollonios vor sich habe. Endlich sagte er: »Mich betrügst du nicht. Ich bin zehn Jahre alt und weiß mehr, als ihr glaubt. Mir kannst du keine neue Wahrheit sagen, nur neue Märchen.«
»Die Gottheit gebe«, erwiderte Ptolomäus ernst, »daß ich dir auch eine neue Wahrheit aufschließen kann.«
Am andern Tage wehte Scirocco in Rom. Es war schwül, und die Luft lag wie Blei auf allem Leben. Darum wollte Theonas in der Stunde schlafen. Er hatte die Nase des Hofmeisters so genau[S. 26] geprüft, daß er es gar nicht versuchte, ihn mit Wein zu bestechen. Darum zog er eine goldene Münze hervor, zeigte sie dem Sklaven und sagte: »Sieh das Bild unseres Herrn und Kaisers, des göttlichen Mark Aurel. Nimm das Geld und laß mich schlafen!« Ptolomäus sagte: »Behalte dein Gold! Ich verkaufe meine Seele nicht!« Theonchen war wie vor den Kopf geschlagen. Er schaute den Lehrmeister wieder mit dem langen, mißtrauisch forschenden und bewundernden Blick an, dann fragte er:
»Was hat dann in deinen Augen Wert?«
»Die Weisheit«, entgegnete Ptolomäus.
»Was ist die Weisheit?« forschte der Knabe.
»Die Gottheit fürchten und ihren Willen tun.«
»Was ist der Wille der Gottheit?«
»Seine Pflicht zu erfüllen, die Gesetze zu ehren, für das Wohl der Menschen zu sorgen.«
Spöttisch rief der Knabe: »Und hat die Gottheit dir das selbst gesagt?«
»Ihr Sohn«, sagte Ptolomäus.
Theonchen lächelte: »Nun aber fabelst du doch.«
»Ich fable nicht«, erwiderte Ptolomäus mit seiner warmen Stimme. »Denn dieser Sohn hat sein Leben für seine Worte hingegeben, und auch ich bin bereit, es zu tun.«
Noch nie hatte Theonchen mit jemand in so heilig-ernster Weise gesprochen. Er stand auf, lehnte sich[S. 27] über den Tisch, das Gesicht ganz nahe seinem Lehrer, und blickte ihn mit seinen klugen Augen forschend und begierig an. Er sprach: »Erzähle mir von diesem Göttersohn!«
Allein Ptolomäus wehrte ab und sagte: »Noch kann und darf ich nicht. Denn du bist noch nicht würdig, seinen Namen zu hören und seine Geschichte zu erfahren. Das ist das große Geheimnis der Eingeweihten. Wer ihn erkennen will, der muß erst die Wahrheit lieben und Sehnsucht nach der Weisheit haben. Er muß Arbeit und Pflicht lieben und keine Mühe scheuen.«
»Laßt uns also lernen«, rief Theonchen eifervoll. Und siehe da, Homer und Äsop waren nicht mehr langweilig. Ptolomäus spottete weder über die redenden Tiere oder über die Götter der Griechen, noch goß er die Salbe pathetischer Reden über sie. Was wußte der Mann nicht alles über das Gelesene zu sagen! Und manchmal schweifte er ab; jedoch nicht um törichten, müßigen Einfällen nachzujagen, sondern offensichtlich, weil ihm das Herz von einer Sache voll war, weil er spürte, daß der Knabe Feuer gefangen hatte und aus innerstem Hungern und Bedürfen heraus zuhörte. Oft traf er ein lange umsonst umworbenes Rätsel, und immer hatte der Schüler das Gefühl, bereichert worden zu sein. Wie sonnig und fruchtbar waren gerade die Stunden, wo der Schüler aus dem Herzen[S. 28] heraus Fragen stellte und der Lehrer aus dem Herzen heraus lehrte! Zu seiner Mutter sagte Theonas: »Ptolomäus ist wahrhaft gelehrt!« Danach fand er, daß dies nicht das rechte Wort sei. »Er ist weise!« sagte er im Selbstgespräch. »Nein, mehr ... er ist ein echter — Vater. Er hat Zeit .... Man kann ihm einfach keine Possen spielen! Und er treibt keine Possen!« Doch beobachtete er Ptolomäus immer noch mit Mißtrauen, jedoch nicht mehr in der Hoffnung, ihn bei einer schlechten Tat zu ertappen, sondern in großer Furcht, er möchte den einzigen, der wirklich tugendhaft war, auch verachten müssen. Er lernte begierig und empfand zum erstenmal die selige Lust treu erfüllter Pflicht. Dabei war es ihm aber auch wichtig, möglichst bald die Geschichte von dem Göttersohn zu verdienen. Als er wieder danach fragte, erwiderte Ptolomäus: »Ich darf dir nur geheimnisvolle Worte von ihm sagen.« Dann war es, als ginge über sein Gesicht ein Scheinen, und er sprach langsam wie in einem Gebete: »Er ist der Fisch des lebenden Wassers; er das Weizenbrot, das auf den Bergen gesammelt wurde; er das Licht der Sterbenden; er der Hirt und das Lamm; er Tür und Weg, Richter und Bruder, Wahrheit und Wort. In ihm leben und weben und sind wir. Er war und ist und wird sein. Er, das Wort.« Theonchen wurde durch diese Worte verwirrt. Hätte sie Apollonios[S. 29] gesagt, so hätte er ihm den Kopf mit Kirschensteinen gespickt. Aber vor Ptolomäus empfand er eine unbezwingliche Ehrfurcht. Die Worte ließen fast alle einen tiefen Sinn zu. Am wenigsten verstand er, was der Göttersohn mit einem Fisch zu tun habe. Plötzlich sah er an Ptolomäus' Hals ein zierliches elfenbeinernes Fischlein hängen, das er noch nie bemerkt hatte. Er zeigte darauf hin, und Ptolomäus nahm sofort das kleine Zeichen in die Hand und küßte es.
»Lebt dein Göttersohn im Wasser, wie Poseidon oder wie Nereus und seine Töchter?« Ptolomäus lächelte und schüttelte den Kopf: »Er hat nichts mit dem Fisch gemein. Mein Fisch ist kein Fisch.«
Theonas begann über die dunkeln Worte zu grübeln; er fragte Bücher, fragte seine Mutter und Tyche. Die Mutter sagte ihm, daß die Phönizier ihren Gott Dagon mit einem Fischleib darstellten. Und er gab sich zunächst mit dieser Auskunft zufrieden. Ptolomäus wußte ihn beim Unterricht täglich aufs neue zu fesseln, und er brachte es durch Lob und Tadel sogar dahin, daß Theonas mit Hingebung an der Veredlung seiner geradezu trunkenen Buchstaben arbeitete. Schon spottete Tyche: »Ptolomäus ist dein neuer Gott, das dritte Wort jeder Rede; Ptolomäus muß ein eigenes Zaubermittel haben. Zauberern muß man mißtrauen, Theonas; gib acht, der Fisch wandelt dich in einen Fisch!«
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»Hexen muß man mißtrauen!« antwortete der Knabe verächtlich. »Der Zauber des Ptolomäus ist sein Geist — der geht dir ab.«
Einmal aber sah er Ptolomäus in die Mühle eintreten. Siedend heiß stieg es in ihm auf: »Er geht zu den Sklaven, er hat Langeweile, treibt doch Possen und hat auch zwei Seelen. Was hat er bei den Mühlsklaven zu suchen? Sklavenzoten! O er ist eben auch ein Sklave! Was reden, was belachen sie in den Ruhepausen? Ich weiß es! ... Auch mich und meine Dummheit! Possenreißer, Schaumschläger, Grieche!« Feindselig blickte er ihn danach an und war während des Unterrichtes verdrossen und zerstreut. Er beobachtete den schönen und ernsten Mund des Ptolomäus und stellte sich vor, wie dieser sich bei den groben und schmutzigen Reden der Sklaven zu einem widerlichen Lachen verzerrte. Und er konnte es nicht glauben. Die Mutter kam in den Studierraum und ließ sich ermüdet wie eine Lohnarbeiterin auf ein Polster nieder. Sie hatte aber die Locken frisch gebrannt und die Lippen blutrot aufgefrischt. Sie seufzte: »Theonas, lange schon wollte ich kommen, aber ich habe keine Zeit. Ach, ich bin so viel mit Lektüre und Gesellschaft beschäftigt! Wie bist du mit deinem Hofmeister zufrieden? Es wundert mich nicht, daß er entspricht, denn er hat ein gutes Stück Geld gekostet. Das allerdings wundert mich, daß[S. 31] dein Vater so viel Geschmack entwickelte .... Die Beschäftigung mit dem Schönen tut mehr als alle Belehrung. Ich sehe es an dir, denn du bist sichtlich in dieser kurzen Zeit um vieles gesitteter geworden. Ptolomäus, fahre so fort, und ich werde dich freilassen, sobald Theon erwachsen ist. Ach, heute abend werden sich die Epikureer und Platoniker über die Seele streiten. Was hältst du davon, Ptolomäus? ... Bajä wäre für meine Gesundheit notwendig. Hier, wenn man Seele hat, muß sie im Lärm taub werden, zerrissen von ... Kennst du das Märchen von Amor und Psyche? Also, ich bin zufrieden und freue mich, daß wenigstens die Sorge um den Knaben unnötig geworden ist.« Theonas aber schaute immerfort in das Antlitz seines Lehrers, um die geschminkten Wangen der Mutter nicht sehen zu müssen. Und er war froh, daß die weggegangen war, nach der sich doch sein Herz immerfort sehnte.
Aber wieder kam Ptolomäus eines Tages aus der Mühle. Der Knabe war nahe daran, auf ihn zuzustürmen und ihn zu beschimpfen. Ein Zorn faßte ihn, ähnlich jenem, als er die Lüge seines Vaters erfahren hatte. Er hatte Lust, seinem Lehrmeister in den schönen schwarzen Bart zu fahren. Aber Ptolomäus schaute ihn mit solch festen und abgründigen Augen an, daß er die Sicherheit verlor und beschämt seine Augen senkte.
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Lange war er nun nicht mehr zu den Sklaven gekommen. Jetzt wollte er zum Trotz wieder in die Herde tierhafter Menschen eintreten. Ptolomäus hatte ihm gesagt, daß der Verlust der Tugend selbst den Königssohn zum Bettler mache. Wenn aber Ptolomäus ein heimlicher Freund des Bösen war, was war ihm dann die Tugend? Als er eintrat, merkte er wohl, wie ein Schrecken durch die Reihen lief statt des erhofften Jubels. Er ging auf Skopas zu, klopfte ihm auf die Schulter und sagte in der gewohnten Weise: »Skopas, fluche!« Und Skopas zauderte einen Augenblick, dann warf er sich auf die Knie, hob, wie er immer getan hatte, seine Hände und sprach: »Gepriesen sei der Herr, der heimgesucht hat sein Volk, Erlösung ihm verschafft, daß wir furchtlos, aus Feindeshand befreit, ihm dienen in Heiligkeit und in Gerechtigkeit vor ihm all unsere Tage! Preiset den Herrn, alle Werke des Herrn, lobet und erhebet über alles ihn in Ewigkeit! Preiset, ihr Menschenkinder, den Herrn!«
Theonas staunte. Er hatte sich schon auf die gräßlichen Worte gefaßt, so wie man sich auf den Donner gefaßt macht, um nicht zusammenzuzucken, wenn der Strahl niederschmettert. Und nun diese jubelnden Worte! Dieser Ausbruch von Glückseligkeit!
Er ging zu Kaor. »Kaor, erzähle!« Und Kaor erzählte. Güte und Friede strahlte über sein[S. 33] scharfes, hageres Gesicht, und zitternd vor innerem Jubel klang seine Stimme: »Ich bin Schüler des heiligen Hirten, der Schafherden weidet auf Bergen und Fluren. Große, alles sehende Augen hat der gute Hirt. Er lehrte mich verläßliche Weisheit. Er zeigte mir die mit goldenem Gewande und mit goldenen Sandalen bekleidete königliche Frau, auch das Volk mit dem strahlenden Siegel. Und sie reichen mir den Fisch zur Speise, den reinen, welchen die heilige Jungfrau fing. Heiligen Wein trinken wir gemischt mit Brot. O wahres Brot und du, Fisch des lebendigen Wassers, rettet mich zum Leben!«
Ein unbeschreibliches Gefühl überkam Theonas. Er merkte, daß Ptolomäus ihnen diese Worte in den Mund gelegt hatte, und er wurde eifersüchtig auf die Sklaven, denn diesen hatte er offenbar das Geheimnis von dem Fische schon anvertraut.
»Sind dir die Sklaven lieber als ich?« sagte er trotzig zu seinem Lehrer.
Ptolomäus antwortete: »Wer ist unglücklicher, du oder die Sklaven?«
»Die Sklaven«, warf Theonas schnippisch hin.
»Und wer hat mehr zu leiden?«
»Warum sollen denn Sklaven nicht mehr leiden?« trotzte der Knabe ungeduldig.
»Wer am meisten gelitten hat, ist am geschwindesten reif für den Gottessohn«, sagte nun Ptolomäus[S. 34] in großem, feierlichem Ernst, »denn er kennt die große Sehnsucht nach dem Heil. Und in der Sehnsucht eilt er dem Lichte entgegen.«
»Aber ich leide ja, ich habe große Sehnsucht nach ... dem Landgut und nach meiner Mutter und nach der Weisheit, die in dir wohnt. Und ich möchte wissen, was denn ohne Lüge und Schein gut ist. O so vieles ersehne ich!« rief mit Leidenschaft der Knabe. Da legte Ptolomäus seine gute Hand auf des Kindes Scheitel und sagte mit weicher Stimme: »Selig sind, die hungern und dürsten, denn sie werden gesättigt werden! Bald bist du reif für den Fisch, bald siehst du den Hirten, bald trinkst du von den Wassern des Lebens!«
Gerade um diese Zeit wurde Rom durch ein großes Fest der »Mutter Cybele«, deren Heiligtum auf dem Palatin lag und von orientalischen Priestern, Galli genannt, bedient wurde, in Atem gehalten. Die Feier begann am 21. März und erreichte am dritten, dem sogenannten Bluttage ihren Höhepunkt. Theonas war in Begleitung seines Pädagogen auf das Forum gegangen, um von den Stufen des Dioskurentempels herab die berüchtigte Prozession der Orientalen anzusehen. Als von ferne ein verworrenes Getöse wie von dumpf schallenden Musikinstrumenten und klagenden Weibern herdrang, sagte Theonas: »Ich kann das nicht anhören. Laß uns weitergehen!« Natürlich[S. 35] echote Mulus: »Laßt uns weitergehen!« Aber nun erklang aus dem Gewirr schrill hervorspringend eine Trompete und zugleich ein markerschütternder, wie in Todesnot gellender Schrei, und eine Gruppe in eigentümlicher Ermüdung tanzender, wie Puppen ihre schlaffen Arme und Beine um ihren Körper werfender Männer, die Gesichter barbarisch bemalt, erschien an der Straßenbiegung. Da sagte Theonas rasch, aber in übler Laune: »Torheit; wer wird davonlaufen!«
»Gut, so bleiben wir«, nickte Mulus und kaute seelenruhig an einem dürren Halm. Während nun die Leute ringsumher auf den Stufen die Hälse reckten und ihre Gespräche unterbrachen, um ja nichts von dem sich aufrollenden Schauspiel zu versäumen, steckte sich Theonas hinter Mulus, immer noch mit Verlangen und Abscheu ringend. »Ist das nicht Totenklage?« fragte er den Alten, als die phrygische Flöte in dem Lärm der Zimbeln und Klappern immer mehr die Führung bekam und das Weinen der Priester in ein erregendes Heulen ausartete.
»Ja, das ist Totenklage.«
»Um wen?«
»Um Attis.«
»Wer ist Attis?«
»Er ist entweder der Vater oder der Sohn oder der Bräutigam der großen Mutter Cybele, was weiß ich!«
[S. 36]
Ein weiteres Gespräch war zunächst unmöglich. Jegliches der Musikinstrumente schien zum wilden Tier geworden zu sein. Sie schrillten, schmetterten und tobten, die einen wie in Wut, die andern wie in Verzückung. Die Galli schritten nicht mehr in Tanzbewegungen umher, sondern glichen alle von kataleptischen Anfällen ergriffenen Menschen, die nur durch eine unbegreifliche Zufälligkeit aufrechterhalten wurden. Sie hatten ihr langes Haupthaar aufgelöst und schüttelten ihre Köpfe, daß man glauben mußte, sie wollten sich die Augen aus den Höhlen schleudern. Ihre Gesichter waren voll Schweiß und Staub; aber die Augen glühten und die geöffneten Lippen zeigten blühende Zähne.
»Und liebt die große Mutter solchen Orgiasmus?«
»Ich denke, sie wird ihn lieben.«
Theonas und Mulus mußten schreien, um sich verständlich zu machen.
»Ist denn dieser Attis wirklich gestorben?«
»Er ist, glaube ich, nicht gestorben.«
»Dummkopf — sieh doch, wie sie heulen!«
»Sie stellen sich vor, er sei wirklich gestorben.«
»Mulus, nomen et omen! Wegen einer bewußten Einbildung wird man so etwas tun, sieh her!«
Einer der Galli hatte eine scharfe Astragalengeißel aus dem Gürtel gezogen und zerpeitschte damit unter Heulen und Jauchzen den entblößten Oberkörper.
[S. 37]
Mulus betrachtete das alles mit seinen zufriedenen, gleichmütig glänzenden Augen, kaute an seinem Halme und rief dem erregten Knaben mit pfiffigen Mienen in das Ohr: »Und hat Theonas nie gespielt? Ein Würfelknochen war der Schädel. Theonas hat ihm geopfert, ihn als Heros erklärt ... begraben!«
Doch in diesem Augenblicke vergaß Theonas seine Bedenken. Zwei Priester hatten ihre Messer gezogen und verwundeten sich so, daß die zunächststehenden Gaffer vor dem spritzenden Blut unwillig auswichen. Da erwachte der Römer, erwachten Vater und Mutter und Ahnen und alle Vorfahren, deren höchster Genuß die Gladiatorenspiele und Tierkämpfe des Zirkus gewesen waren, in dem Knaben. Er schwang sich auf die Schulter des Pädagogen, ergriff die Marmorsäule, die neben ihnen zum Gebälke aufragte, und sah so, hoch aufgerichtet, auf die Prozession nieder. Für ihn war sie kein religiöser Umzug mehr, nur noch ein Schauspiel, das die grausamen Schauer aus den dämmrigen Tiefen des Herzens hervorrief. Mit dem gleichen wilden Behagen war er vor Wochen an der Seite des fluchenden Skopas und des erzählenden Kaor gestanden.
Trotz aller Gier aber hatte der flinke Geist des Knaben noch Aufmerksamkeit für die Kleidung und die Gebärden der Galli. Er verspottete den[S. 38] Obergallus, der seine Geißel mit einer gewissen Schonung auf den armen Leib niedersausen ließ, und weidete sich an den majestätischen Bewegungen eines schwarzen Zimbelschlägers. Plötzlich aber verlor er das blutige Schauspiel aus den Augen. Er sah einen flinken Knaben durch die gedrängte Schar der Umstehenden gleiten und jedem auf geschickte Weise einen Zettel zustecken. Selbst zu den verzückten und in närrischer Lust ihre Gesichter aufwärts reckenden Galli drängte er sich durch und drückte dem einen oder andern das zusammengerollte Papier in die eingekrampfte Hand. Vielleicht wäre Theonas' Aufmerksamkeit rasch wieder von dem geschäftigen Knaben auf das blutige Schauspiel zurückgeglitten, wenn ihn nicht das merkwürdige Gebaren der Empfänger in Erstaunen gesetzt hätte. Da gab es solche, die das Papier wie ein übelriechendes Tier mit allen Gebärden des Abscheus von sich warfen und sich nach reinigendem Wasser umsahen. Andere lasen, schüttelten den Kopf, zeigten es den Genossen und berieten sich, die Orientalen vergessend, über den Inhalt. Aber was sollte er von denen denken, die glücklich lächelnd das enträtselte Papier wieder zusammenrollten, es küßten und sorgsam in ihrem Gürtel bargen? Kaum hatte Theonas ein paar von diesen beobachtet, als er dem Knaben zuwinkte und durch Gebärden und Worte um einen[S. 39] Zettel bat. Doch dieser winkte ihm schelmisch entgegen, warf ihm eine Kußhand zu, rief: »Das Saattuch ist leer, — wer Perlen will, muß sich das Fischen nicht verdrießen lassen!« und verschwand in der Menge.
Aber Mulus hatte inzwischen mit seinem Krückenstocke einen von den verunreinigten und zertretenen Zetteln hervorgeangelt und seinem Herrn übergeben. Dieser sprang von seinem hohen Standpunkt auf die Fliesen nieder, entfaltete das Papier und las: »Himmlischen Fisches göttlich Geschlecht, heilige dein Herz, indem du unter Sterblichen am unsterblichen Quell göttlicher Wasser dich labst! Erquicke, Lieber, deine Seele an den stets fließenden Wassern bereichernder Weisheit! Nimm des Erlösers honigsüße Speise der Heiligen: iß und nähre dich, den FISCH in Händen haltend! Es sitzen die Brüder beim heiligen Mahl und harren auf euch. Jene sind es, die der Fischer gezogen hat aus dem Meer der Welt. Ihr Blut fließt im Bekenntnisse, weil sie den Unreinen nicht unrein dienen. Aber sie leben in Ewigkeit, wenn sie standhaft im Zeugnis gewesen sind. Denn der FISCH ist das Licht der Sterbenden.«
Vier-, fünfmal las Theonas den Zettel. Ihm war, als wäre in demselben Augenblick, als er las: »Himmlischen Fisches göttlich Geschlecht«, jede Flöte und menschliche Kehle um ihn her in wesenlosen[S. 40] Äther aufgelöst. Er vernahm keinen Laut mehr und sah keine Gestalt. Er hatte wieder eine der geheimnisvollen Adern aufgeschürft, in denen sein Rätsel durch Rom lief. War er heute zu seinem Schlüssel gekommen? ... Sooft er wieder las, verwirrte sich der Text noch mehr. Nein, das Geheimnis ist heute nicht mit klaren Augen zu ihm gekommen. Es ist nur weiter aus seinen Wolken hervorgetreten, aber jedes weitere Wort der Enthüllung ist ein Rätsel mehr.
Als er aufschaute, war der Platz vor dem Tempel menschenleer. Nur fernes Schreien und das Schmettern der Tamburins erinnerten noch an den Umzug.
»Mulus«, sagte der Knabe erwachend, »ich bin jetzt auch ein Mulus geworden; denn ich trage eine große Last.«
Mulus nickte, indem er die traurige Miene seines kleinen Herrn nachahmte, und sagte willfährig: »Mein Herr trägt eine große Last.«
Als Theonas am Abend seinen Lehrer gefunden hatte, sagte er ihm zuerst von dem Zettel nichts, sondern forschte ihn nach den Mysterien der Cybele aus.
»Einer von den Tempeldienern, der sich ärger schlug als die andern und so orgiastisch schrie, daß ihm der Schaum auf die Lippen trat, begann gerade vor mir — ich konnte ihm alle Zähne zählen — zu singen, zu heulen:
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›Gegessen hab' ich aus dem Tymbanon,
Getrunken hab' ich aus dem Zimbalon,
Getragen habe ich die heilige Lade,
Ein Eingeweihter des Attis bin ich geworden.‹
Sage mir, was das bedeutet! Was hat er aus den Schallbecken gegessen und getrunken? Was liegt in der heiligen Lade verborgen? Was wissen die Eingeweihten des Attis?«
Ptolomäus erwiderte: »Die vielen essen beim heiligen Mahl den Wahn, einige die Ahnung, andere die Sehnsucht. Ein Vorbild ist dieses Mahl; ich kenne die Erfüllung. Wir, die wir in das Geheimnis des Fisches eingeweiht sind, essen und werden satt, trinken und werden erquickt, hören Geheimnisse und werden erleuchtet.«
»Ich weiß, wer die Flugzettel geschrieben hat«, rief jetzt der Knabe lebhaft. »Denn hier ist vom gleichen Fisch die Rede« — er zog das Papier hervor —, »den du den Sklaven gezeigt und geschenkt hast. Und ich weiß jetzt auch, was die Eingeweihten des Fisches bei ihrem heiligen Mahl essen: ›Iß und nähre dich, den Fisch in Händen haltend.‹ Siehst du, ich habe den Schlüssel gefunden. Ich bin ein Eingeweihter!«
»Du bist es noch nicht. Wer ist der Fisch?«
»Zeige ihn! Gib mir zu essen!«
»Geschrieben steht: ›Wer unwürdig dieses Mahl genießt, der versündigt sich an der Gottheit, der ißt und trinkt das Gericht in sich hinein.‹«
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»So mache mich würdig, weihe mich ein!«
»Kannst du ein Gesetz auf dich nehmen, das dir Leiden und Tod bringen kann? Denn wer dieses Gesetz kennt, muß es über alles lieben und ihm bis in den Tod nachfolgen. Er lernt die Gottheit kennen. Aber sie verlangt von ihren Eingeweihten das gleiche, was der Feldherr von dem Krieger verlangt: Treue bis in den Tod.«
»Ich bin ein Römer!« rief Theonas mit blitzenden Augen und stolzer Gebärde.
Da neigte sich Ptolomäus, der in einer Laube des Gartens saß, tief nieder und schrieb seiner Gewohnheit gemäß mit einem Stab die Umrisse von Fischen in den Sand. Dabei sprach er leise, aber in großer Bewegung: »Du bist der Pfirsich gleich, wenn sie schon gerötet ist und weich zu werden beginnt. Dann ist die Stunde der Reife nahegekommen. Ich will dir von Ihm erzählen — dann magst du dich prüfen, ob du Sein werden willst. Denn auch Er feiert in wenigen Wochen seinen Bluttag. Wenn du dein Abendmahl eingenommen hast, so komm wieder zu dieser Laube. Ich erwarte dich!«
Als die Sonne über die Vatikanischen Hügel ein Gebirge von Purpurgluten aufschichtete, ehe sie sich gänzlich im Meere barg, begann Ptolomäus zu dem nach Schülerart vor ihm stehenden Theonas: »Im Anfang erschuf Gott den Himmel und die[S. 43] Erde. Aber die Erde war wüst und leer .... Und Gott sprach: ›Es werde Licht!‹ ....« Dann erzählte er in großen Linien vom Paradies und der ersten Sünde, von den Urvätern und vom auserwählten Volk, von David und den Propheten, von der Verheißung des Messias und der großen Sehnsucht der Völker nach dem Erlöser.
Unwillkürlich wandte sich der Knabe allmählich von dem Erzähler ab. Von der Laube aus hatte man einen Blick auf das Kolosseum und die Palatinischen Paläste, auf das Kapitol und seinen gewaltigen Tempel. Rom wurde dem Lauschenden zu Jerusalem. Wie er einst Cäsar und Augustus in die übermenschlich gewaltigen Bauten gedacht hatte, so sah er jetzt die Propheten auf den Mauern sitzen, und als eine Sternschnuppe über den Himmel glitt, barg er sein Antlitz in den Falten seiner Tunika. Denn die Macht der inneren Gesichte erfüllte ihn mit solcher Weihe, daß er nicht einmal das Dreinreden der ewigen Roma ertragen konnte. Sosehr er am Anfang stoffhungrig nach einem raschen Vorübergleiten der Geschehnisse gedrängt hatte, so froh war er, als Ptolomäus endlich bei Prophetenworten verweilte, gedanken- und ahnungsreiche Sinnbilder deutete und zuletzt den Faden der Erzählung ganz abriß. Er war übersättigt, überwältigt und fühlte, daß er eine weitere Spannung nicht mehr ertrug. Kaum hatte der Hofmeister seinen[S. 44] Bericht unterbrochen, als er seine Bälle hervorsuchte und mit kindlicher Hingabe Urania, das Himmelspiel, übte, so, als hätte ihn nie etwas anderes begeistert und als wollte er die Bälle durch die ganze Nacht hintanzen lassen wie der Himmel seine Sterne.
Am folgenden Abend führte Ptolomäus seinen Jünger nach den Stätten der evangelischen Geschichte. Er schuf ihm in leuchtenden Worten das Bild des Wundertäters am See Genesareth, und in klagloser Ruhe, mit heimlich-bewegten Worten zog er den Tiefergriffenen mit sich auf die Höhe der Schädelstätte, wo er ihn das sonnverdunkelnde Leid des Bluttags und das welterhellende Wunder des Ostermorgens erleben ließ.
Theonas weinte diesmal Tränen des Erbarmens und der Begeisterung. Er kam in ein heißes Hassen und Lieben. Plötzlich aber nahm er die Hände von dem in zarter Scham verborgenen Gesicht, lächelte leichtsinnig und pfiffig, wie einer, der ein Rätsel durchschaut hat, und fragte Ptolomäus, genau wie vor zwei Tagen den Mulus:
»Und ist denn dieser ... wirklich gestorben?«
»Er ist wahrhaft gestorben!«
»Wahrhaft? Nein, ihr nehmt an, er sei ...«
»Er ist wahrhaft gestorben!«
»Und wann? Ha, ich weiß es: olim! Es war einmal ...«
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»Du irrst: Als Pontius Pilatus Landpfleger von Judäa war und zu Rom Kaiser Tiberius regierte!«
»Und weißt du auch, wann dieser Gott Attis, den sie auch begraben und auferstehen lassen, seinen unseligen Tod fand?«
»Olim! Ich will sagen: nie. Oder besser sage ich: Jahr um Jahr. Denn Attis ist keine Person, sondern ein Name, ein Sinnbild für die Natur. Sie stirbt im Winter hin und ersteht wieder im Frühling. Sie ist Attis, Mithra, Osiris, und wie die Götter alle heißen, in deren Geheimnisse sich Römer und Barbar einweihen kann. Hinfort aber werden diese Namen wieder verschwinden. Die Natur wird von den Menschen empfangen, was ihr gebührt: die Ehre eines Meisterwerkes. Hingebung jedoch und letzte Ehrfurcht wird wieder aufsteigen zum Meister und seinem Eingebornen. Nicht an einen Mythos hängen wir unsere Lehre, sondern an eine Person. Darin liegt die Gewißheit unseres Sieges. Wir klagen und jauchzen nicht, als ob ..., wir klagen und freuen uns, weil ..., weil das Wort Fleisch geworden, sich für uns hingegeben und uns erlöst hat. Ich habe dir noch vieles verschwiegen, insbesondere die Erzählung von dem heiligen Mahle, bei dem uns der Fisch in die Hände gelegt wird. Das kannst du noch nicht tragen. Doch das eine sollst du sicher haben: Attis ist von Menschen geschaffen, wie spielende Kinder[S. 46] einen Holzstock ihr Pferd heißen. Der Heilige von Nazareth aber ist wahrhaft in die Welt getreten und ist nicht nur ein Name für Schicksale, sondern hat wirklich Leiden, Verfolgungen und Tod gelitten. Morgen führe ich dich in das Staatsarchiv auf dem Kapitol. Ohne Mühe werden wir die Rolle empfangen, in welcher Pontius Pilatus den amtlichen Bericht über den unglücklichen Gerichtstag gibt.«
Nachdem sie den wohlerhaltenen Akt zusammen entziffert hatten, war Theonas voll Fröhlichkeit und drängte seinen Lehrer, ihn zum Eingeweihten Christi zu machen.
Es war das in jenen Tagen, als die Leidenschaft des zynischen Philosophen Kreszenz, die Härte des Stadtpräfekten Rustikus und die Nachgiebigkeit des Kaisers Mark Aurel eine neue Verfolgung der Christen entzündeten. In den Gymnasien und Ringplätzen, in den Frauengemächern und den Räumen, wo unbeschäftigte Sklaven standen, wuchsen die Gerüchte über die Verbrechen der Christen wie unheimliche Schatten im Zwielicht der Dämmerzeit. Theonas hörte aus dem Munde seines Lehrers den Ruhm des Kreuzes, aus dem Munde seiner Mutter und ihrer Sklavinnen seine Schmach. Ptolomäus erzählte ihm, wie Jesus als Wohltäter durch die Gaue wanderte und sich im Wohltun[S. 47] erschöpfte; die Philosophen, die den Spielen der Jugend in den Ringschulen zuschauten, nannten Ihn einen Hasser des menschlichen Geschlechtes. Auf den Straßen und Plätzen schrie das aufgeregte Volk: »Nieder mit den lichtscheuen Naturverkehrern! Sie essen Menschenfleisch, sie schlachten Kinder, sie beten einen Esel an!« In der Laube vernahm der Knabe in geweihten Abendstunden, wie die Christen nach dem Ebenbild ihres Meisters heilig leben und die Bruderliebe im Wohltun beweisen müßten. Aber seine Seele litt unter dem Zwiespalt seiner Umgebung nicht. Denn sein Herz gehörte dem Gottmenschen des Ptolomäus ganz und schlug ihm in jugendlichem Feuer ohne Wanken.
Als nun die ersten blutigen Opfer dieser Verfolgung, zwei eifervolle Sklaven, fielen, schien Ptolomäus heftig zu erschrecken. Er wurde vorsichtig, ja zurückhaltend und kam nicht mehr zur Katechese in die Laube. Aber Theonas nahm ihn bei der Hand, blickte ihn fest an und sagte mit stolzer Stimme: »Ich bin ein Römer!«
Ptolomäus aber hatte nicht aus Furchtsamkeit gezögert, den Knaben weiter in die Heilsgeschichte einzuführen, sondern weil er seinen Schüler jetzt noch nicht fähig hielt, seinen Glauben auch im Sturme festzuhalten. Er sah, wie die Natur des Knaben so beschaffen war, daß er ganz vom Augenblick bestimmt wurde. Er konnte jetzt »den Herrn,[S. 48] der Himmel und Erde und alles, was darin lebt, erschaffen hat«, mit der Inbrunst eines im göttlichen Dienst Ergrauten anbeten und im nächsten Augenblick mit seinem Mulus rücksichtslos wie mit einem Strohmann spielen. Es gab Tage, wo er nur Homer aufsagte, und Tage, wo er auf den Händen ging, sich auf Stelzen tummelte, mit den Sklavinnen Schabernack trieb oder gar mit hartnäckiger Leidenschaft Morra spielte. Nicht selten geriet er in Wut, schlug seinen Pädagogen und ohrfeigte die Mägde. In der Ringschule hatte er einmal folgenden Vexiersyllogismus gehört: »Ein Mann wird gefragt, ob er seinen Vater kenne. ›Das sollte ich denken!‹ antwortet er. Aber der Frager fährt weiter: ›Wenn ich dir nun einen verhüllten Menschen vorführte und dich fragte: Kennst du den? — was wolltest du antworten?‹ — ›Daß ich ihn nicht kenne!‹ — ›Ausgelacht! Der Verhüllte war eben dein Vater; da du ihn nun nicht kanntest, so ist klar, daß du deinen eigenen Vater nicht kennst.‹« Theonas grübelte Tag und Nacht über eine befriedigende Antwort auf die böse Frage nach und vergaß darüber das Geheimnis des Fisches, ja, wie es schien, sogar die Bücher der Frohbotschaft. All das verlief nach dem alten Satz: Sunt pueri, pueri puerilia tractant[3]. Aber war nun wirklich auch Tiefe in dem Knaben?
[3] Kinder sind's, Kinder treiben Kindisches.
[S. 49]
War sein Eifer für die religiösen Geheimnisse nichts anderes als Hunger nach Erlebnissen, Drang nach Abenteuern? Oder waren diese Äußerungen einer geistig regen Jugendkraft wirklich aufsprossende Keime einer religiösen Natur?Ptolomäus rief den Knaben nie zu einem Gespräch über religiöse Fragen. Ja er wich ihm aus, ließ sich nötigen und antwortete auf sein Drängen nach Offenbarung der christlichen Lehren standhaft: »Wenn du sie kennst, so verpflichten sie dich. Denn wer das Wort hört, aber nicht aufnimmt und befolgt, verfällt dem Gericht. Wer einmal eingeweiht ist, empfängt die Gnaden und die Erkenntnisse ganz, aber auch ganz die Pflicht zum Bekenntnis und zur Nachfolge.«
Theonas' Mutter war in das Bad nach Bajä, der Vater nach Alexandrien gegangen. Sosehr der Knabe beide liebte, so freute er sich doch, daß sie weggereist waren. Denn die Eltern standen im Scheidungsprozeß, und wenn das Söhnchen zum Vater kam, so schmähte dieser auf die Mutter, und diese benutzte jede Gelegenheit, um Haß und Verachtung gegen den Vater in des Knaben Herz zu säen. Beide aber waren im übrigen mit ihren Angelegenheiten so beschäftigt, daß sie den Sohn völlig dem Gesinde überließen und ihm nur von Zeit zu Zeit Leckereien und Spielsachen in sinnlosen Mengen zusandten.
[S. 50]
Ptolomäus war ganz von dem Gedanken beseelt, daß das Ende der Welt nahe sei. Die neuausbrechende Verfolgung, die täglichen Hinschlachtungen der Heiligen, das Harren und Bangen der noch Unverklagten, die seltsamen gnostischen weltfeindlichen Lehren, welche im Schoße des Christentums selbst emporwuchsen, brachten ihn in eine Stimmung, daß er den Sohn des Menschen Tag für Tag in den Wolken des Himmels erwartete. Er fragte darum nicht, ob er durch seine Unterweisungen in die Rechte der Eltern eingriff. Es handelte sich für ihn um die Rechte Gottes. Das Himmelreich leidet Gewalt — Gewalt wollte er brauchen. Wenn das Ende nahe war, so mußte das Evangelium in der kostbaren Frist, die der Verkündigung gesteckt war, so weit als möglich getragen werden. Er trat in seinem Kreise offener mit seinem Bekenntnisse hervor und wirkte unter den Sklaven, Freigelassenen und Klienten kühn für die geheimen und verbotenen Lehren. Schließlich überwand er auch seine Bedenken in betreff seines Zöglings und entschloß sich, ihn als Katechumene aufnehmen zu lassen. Denn er bemerkte, daß Theonas auch ohne seine Führung in der heiligen Erkenntnis weiterschritt. Es war also nicht mehr sein Einfluß allein, der diese Seele zu den christlichen Lehren hinzog, sondern diese arbeiteten sich bereits aus eigener Kraft oder durch gelegentliche Hilfe an das Licht. Wenn aber dem[S. 51] Knaben das Christentum nicht mehr Ptolomäus war, sondern ein Gut, das an keine lebendige Persönlichkeit gebunden war, so konnte er seinen Weg auch ohne ihn finden.
Theonas liebte außer Ptolomäus am allermeisten Kaor, den Erzähler. Zu ihm ging er, als der Lehrer unter dem ersten Eindruck der Verfolgung stockte. Er tippte ihn an, lächelte ihm zu und bat: »Erzähle!« Und wie das Wasser der Erde aus dem Munde besonderer Quellen eine eigene Kraft und Frische hat, so quoll das Wasser des Lebens aus Kaors Herz und Mund in ganz wundersamem Geschmacke hervor. Er berichtete wie Ptolomäus. Aber wie formte sich der Bericht in seinem Geist! Er erzählte mit erhobenen Händen und zurückgeworfenem Kopf; das ganze Evangelium wurde in seinem Munde zum Hymnus, und die Kraft gewaltiger Worte verklärte die schlichten Geschehnisse. Von ihm erfuhr der Knabe zum erstenmal und in einer Sprache, die zu erhaben war, um deutlich zu berichten, von jenem wundersamen Mahle: »In jener Stunde lagen die Fischer am Ozean der Liebe, die Tauben waren um den göttlichen Adler herum in glückseliger Stille. Und siehe: Es erhob sich unser Herr wie ein Held, stellte sich auf wie ein Gewaltiger, betete zu seinem Vater, blickte auf zum Himmel und eröffnete die Schätze wie ein Mächtiger. Sein[S. 52] Angesicht leuchtete wie die Sonne, seine Glieder glichen den Lichtstrahlen, seine Gedanken brannten gleich Lampen. Er stand da und trug im heiligsten Geheimnisse sich selbst aus Liebe und hielt seinen eigenen Leib hoch in seinen Händen. Seine Rechte war ein heiliger Altar, seine erhabene Hand ein Tisch des Erbarmens. Er sprach: ›Kommet und empfanget mich, denn ich will es; esset mich, denn ich bitte darum. Dies ist der Leib, welchen die Engel wegen seines Glanzes nicht anzuschauen vermögen. Dies ist das Brot der Gottheit. Kommet, empfanget mich, zerteilt und kostet mich unter den Gestalten verhüllt. Kommet, meine Jünger, ich will mich in eure Hände legen. Ich verbrenne nicht den, welcher mich ißt, aber den, der mir fernbleibt. Kommet, meine Lieben, trinket auch mein Blut. Trinket den Becher der Flamme, das Blut, welches alle, die es trinken, entflammt. Dies ist der Becher, durch welchen das Blut der Opfertiere ersetzt wird, der eine Erquickung ist in aller Mühe. Dies ist das Blut, durch welches Friede und Eintracht zwischen Himmel und Erde hergestellt werden. Dies ist der Becher, in welchem verborgen liegen Barmherzigkeit und Gericht, Leben und Tod.‹«
Gegen Ende erzählte Kaor nicht mehr. Er sang vielmehr den Lobpreis des Geheimnisses. Lautlos verrichteten die Genossen an seiner Seite ihre harte Arbeit, so hurtig und geschäftig, als reichten sie sich[S. 53] Trinkbecher herum. Ihr ödes und freudloses Geschick schien vergessen. Der Knabe lauschte auf die dunklen Worte hin wie auf eine wundersame Musik, die man nicht verstehen kann, die aber die Seele im Innersten bewegt.
Ein andermal goß Kaor eben eine Schütte Weizen in goldener Flut in die Mahltrichter; dabei sang er: »Er ist das Weizenkorn, ist Himmelskraft und Erdenfrucht. Er wird zermalmt und zertreten. Aber er ist Speise — er der Fisch.« Und er zeichnete mit seinen Fingern einen Fisch in die Körner. Darüber schrieb er die Buchstaben Ι·Χ·Θ·Υ·Σ, was auf griechisch »Fisch« heißt. Theonas entging es nicht, daß er nach jedem Buchstaben einen Punkt machte. Und auf einmal blitzte ein Verstehen in ihm auf. »Ich kenne das Geheimnis des Fisches«, rief er und rannte zu Ptolomäus. »Jeder Buchstabe ist der Anfang eines eigenen Wortes«, jubelte er seinem Meister zu. »Ich ergänze die fehlenden Buchstaben und habe nun: Jesus Christus Gottes Sohn Erlöser. Es trifft sich wundersam, daß die Anfangsbuchstaben dieser fünf Wörter zusammen gelesen das Wort Fisch geben.«
Ptolomäus beugte sich liebevoll zu seinem Schüler nieder: »Siehst du jetzt, daß mein Fisch kein Fisch ist?« — »Ja«, rief Theonas entzückt über seine Entdeckung, »und ich weiß auch, warum man ihn das Weizenkorn nennt. Die Juden haben ihn ja[S. 54] zermalmt wie die Mühle das Korn. Alles, alles weiß ich jetzt. Auch daß er der alles sehende Hirt ist und der Eckstein. Ich weiß, wer das Volk mit dem strahlenden Siegel ist: das sind die getauften Christen. Und die königliche Frau mit dem goldenen Gewande, das ist die Gemeinde, der du angehörst.«
Eilig holte er den sorgfältig verborgenen Zettel hervor, der ihm am Blutfest durch jenen Jungen zugekommen war, und las ihn triumphierend durch. Auf einmal aber stockte er: »Genieße reinen Herzens vom himmlischen Fisch .... Iß, trink, der du in Händen hältst den Fisch. Was ist das?« fragte er bedächtig, den Finger am Munde, angestrengt nachdenkend. Ptolomäus sprach: »Das ist das letzte Geheimnis, das erhabenste. Nur Eingeweihten dürfen wir das Mysterium kundtun. Komm nun — und werde auch ein Schüler der Frau mit dem goldenen Gewande.«
An dem darauffolgenden Sonntag nahm Ptolomäus den Knaben zum erstenmal in die gottesdienstliche Versammlung seines Bezirkes mit. Sie fand im Hause eines wohlhabenden Römers am esquilinischen Hügel statt. Der Türhüter öffnete auf ein bestimmtes Zeichen. Ptolomäus schritt darauf mit dem Knaben durch den offenen Hof in den Raum, in welchem in andern vornehmen Häusern die Speisesofas zu stehen pflegten. Auch hier erinnerten Wandgemälde daran, daß dieses Zimmer[S. 55] bis in die letzte Zeit als Speisezimmer gedient hatte. Heute aber stand darin nur ein einziger mit Broten und Kelchen besetzter Tisch. Dieser war nahe an die eine Schmalwand gerückt. Ein Priester in weißem, nach Art eines Philosophenmantels gefaltetem Gewand ordnete ihn, während zwei Diener mit Fächern aus Pfauenfedern bereitstanden, andrängende Mücken abzuwehren.
Die Versammelten knieten alsbald auf ein Zeichen des Priesters nieder, und einer seiner Helfer betete zu Beginn der Feier über die Katechumenen, daß Gott ihre Sehnsucht erfülle, ihnen enthülle das heilige Evangelium seines Christus, sie mit Erkenntnis erleuchte und sie würdige des Bades der Wiedergeburt. Jede Bitte bekräftigte die Gemeinde mit einem lauten: »Herr, erbarme dich!«
Danach mußten die Katechumenen in die Nähe des Priesters treten. Der Diakon rief ihnen zu: »Neiget euch und empfanget den Segen!« Als sie tiefgebeugt am Boden knieten, streckte der schwarzbärtige Priester über sie die Hand und sprach: »Allmächtiger Gott, sieh nun herab auf deine Diener, gib ihnen ein neues Herz und erneuere in ihnen den guten Geist. Würdige sie der Einweihung und mache sie der Geheimnisse teilhaftig, durch Christus, unsere Hoffnung!«
Wie enttäuscht aber war Theonas, der Enthüllungen und staunenerregende Vorgänge, erhabene[S. 56] Gesänge und magische Geschehnisse erwartete, als der Diakon darauf rief: »Katechumenen, ihr seid entlassen!« Ehe er recht zum Bewußtsein kam, stand er wieder im Freien und befand sich mit seinem Lehrer auf dem Heimwege. Wie viel hatte er zu fragen, wie mußte er sich mühen, seine Enttäuschung zu verbergen, ja seinen Unwillen zu verhehlen! Wiederholt rief er aus: »Das hat mir nicht gefallen! ... Ist das euer ganzes Opferfest?« Aber der Lehrer wies auf die drängende Volksschar, legte den Finger auf die Lippen und sprach nur: »Warte!« So drängte der Knabe denn nach Hause, um sein erregtes Gemüt entfesseln zu können. Aber als sie in das Atrium kamen, traten zwei Soldaten hervor und nahmen Ptolomäus im Auftrage des Stadtpräfekten fest. Die Sklaven standen in erregten Gruppen umher, es war ein Rennen und Summen durch das ganze Haus wie in einem aufgestörten Bienenstock; nur die Worte »Christianer« und »Magier« schrillten bisweilen lauter aus dem dumpfen Chor. Theonas schrie laut auf und widersetzte sich zornig der Ergreifung seines verehrten Meisters. Aber als Ptolomäus ihm zusprach: »Du bist ein Römer — vergiß das nicht!« da verstummte er, neigte sich gegen eine Säule und verbarg sein schmerzvolles Antlitz an ihrer kalten Glätte, während der Lehrer im Dunkel des Hausflurs verschwand. Dann ging er in seine Gemächer, ließ[S. 57] sich von Mulus bedienen wie sonst, zeigte den Sklavinnen ein herbes Gesicht, lenkte ihre Aufmerksamkeit von sich ab und benützte die erste Gelegenheit, um in das Mühlgewölbe zu kommen. Aber — auch Kaor und Skopas waren weg. Fremde Gestalten, wild und trotzig, bewegten ihre gewaltigen Leiber in dem dämmerigen Raum. Tyche, die listige, die ihm nachgeschlichen war, zupfte ihn von hinten am Rock und flüsterte: »Die Götter seien gelobt, die Menschenfresser sind entdeckt ... sie werden von den Löwen gefressen. Was sucht mein Herr? Ach es ist so öde im Haus, seitdem die Herrin in Bajä weilt! ... Der Fisch-Hofmeister ist weg ... wollen wir Ball spielen? Nicht? Dann ... Morra! Ach ja, Morra!«
Theonas sah zu ihr auf. Sie hatte wieder ganz jenes leichtsinnige, verschlagene Bubenmädchengesicht, das ihn immer zu Ohrfeigen reizte. Aber er mäßigte sich, ließ sie stehen, schickte sie, als sie ihm wie eine schmeichelnde Katze nachschlich, schroff an ihre Arbeit und schloß sich in sein Gemach ein, um sich so recht satt weinen zu können. Das schien für ihn vorläufig der einzig mögliche Trost.
An den folgenden Tagen war es ihm nicht möglich, ein Zeichen von Ptolomäus zu erhalten. Das Haus war wieder öde und langweilig, wie in den früheren Tagen. Theonas tummelte seine Phantasie in Rettungsgedanken müde. Dann erinnerte[S. 58] er sich, daß Ptolomäus das Ende der Zeiten vorausgesagt hatte, und machte den Versuch, etwas zur Vermehrung des Reiches Gottes zu schaffen und — hielt vor Mulus die Angel seiner Lehre. Mulus schluckte sie willig. Er nickte innig beistimmend, wenn ihm der Herr von dem Gottmenschen von Nazareth, von dem einen wahren Gott und von der Torheit der Götzen sprach. Nie zeigte sich Widerspruch, nie Überraschung, nie Verlegenheit oder Leid. Mit allem, was der Knabe ihm vortrug, so einverstanden, als wäre er von Jugend an ein Bekenner des neuen Glaubens, widersprach er auch nicht dem Ansinnen, sich taufen zu lassen, und schien sich durchaus nicht vor dem Los des Ptolomäus zu fürchten. Anfangs freute sich der Knabe über die Willfährigkeit seines Pädagogen; aber schließlich wurde er unsicher. Er fühlte, daß ihm nie eine eigene Regung des Alten entgegenkam, und begann zu mißtrauen. Er lehrte am folgenden Morgen, um seinen Jünger auf die Probe zu stellen, er habe erkannt, daß der Himmel eitel Luft und Dunst sei. Nie habe es einen Gott gegeben, nie auch eine unsterbliche Seele, und recht hätte die Grabschrift seines Großvaters, die bekenne: Niemand ist unsterblich. Mulus nickte heute in ebenso freudiger Zustimmung und bekannte sich ohne Zaudern zu dem Gesinnungswechsel seines Herrn. Da mußte Theonas in all seiner Traurigkeit lachen: »Mulus, nun sage mir doch, was denkst[S. 59] du selbst, aus deinem eigenen, über diese Dinge?« Mulus sah erstaunt auf: »Ich? Nichts anderes, als was unser Herr denkt. Ich habe nie etwas anderes gedacht! Ich lebe und sterbe in dem Bekenntnis meines Herrn. Er möge mir befehlen, daß es einen Gott oder eine Seele gibt, und sie sind da!«
Von Stund an gab es Theonas auf, diesen Sklaven in die Freiheit zu setzen, die ihm selbst noch mangelte. Er hatte von der aufgewendeten Mühe die eine Frucht geerntet, daß er lehrend über manchen Punkt klarer geworden war als hörend. Als er zwei Tage darauf, von Mulus durch das Gedränge der Straßen geleitet, zu dem Haus an dem esquilinischen Hügel eilte, um dem Gottesdienste beizuwohnen, fand er es geschlossen, mit kaiserlichen Siegeln verwahrt und von einem Soldaten bewacht. So hatte also auch hier der Drache seine Fänge ausgestreckt und das Gottesreich weggeraubt! In tiefer Mutlosigkeit wanderte er zurück. Seine Gedanken suchten nach einem Tröster. Er hatte alles, was er liebte, verloren, und es kam ihm vor, er sitze im Gefängnis, Ptolomäus aber, Kaor und die andern müßten in der Freude über ihre Gemeinschaft die dunklen Mauern vergessen. Saßen sie nicht zusammen wie die Bienen im Stock, und war Ptolomäus nicht wie die Königin in einem solchen Stock, deren Nähe Friede und Harmonie schafft, so daß die vielen wie ein Leib[S. 60] zusammenhängen? Er sehnte sich nach dem Leben des Kerkers und schauderte vor dem Tod, der seine Freiheit umgähnte. Da plötzlich stand jener flinke Knabe vom Dioskurentempel vor ihm, schob ihm einen Zettel in die Hand, verbeugte sich, warf ihm eine Kußhand zu und eilte davon wie einer, der ein Rennen zu gewinnen hat. Theonas öffnete das Papier, an dessen oberem Rand ein Milcheimer mit angelehntem Stab und ein Fisch mit einem Brotkorb auf dem Rücken mit flüchtigen Zügen hingekritzelt war, und las: »An die Heiligen in der Zerstreuung. Das Weizenkorn muß gemahlen werden, daß es Brot werde. Das Blut der Märtyrer muß fließen, daß es Same neuer Heiligen werde. Die zerstreuten Schäflein sammeln sich an der Ardeatinischen Straße im Hypogäum der Domitilla, an der Nomentana beim Quell. Dort warten Milcheimer und Honig auf sie, dort das Mahl des Fisches. Die entschlafenen Heiligen der Tiefe schützen uns. Vergesset nicht der Schwachen und Verschüchterten, nicht der Armen, nicht der Eingekerkerten! Stark ist die Gewalt des Todes, stärker die der Liebe. Weh dem, der allein steht! Alle Katechumenen, die Kraft fühlen, Bekenner zu sein, sind zu den Geheimnissen geladen. Wasser fließt in dem Kerker und unter der Erde. Brot und Fisch und Heiliger Geist in Fülle erleuchten die Räume des Elends. Kommt ohne[S. 61] Säumen, daß keinen der Tod ohne das Leben ereile!«
Theonas hüpfte vor Freude, als er diese Zeilen las. Die Heimat strahlte in seine Fremde hinein. Er lachte und schnippte mit den Fingern, so daß Mulus die Warnungsformel hervorholen mußte: »Den Kopf senken! Nicht an erwachsene Männer anrennen! Bescheiden ausweichen! Dort der Mann in der Toga ist ein Bekannter des Hauses, grüßen!«
Zu Hause lag ein Brief des Vaters: »Den Göttern sei Dank gesagt, daß sie dem Menschenfeind zur rechten Zeit die Verkleidung des Weltweisen weggerissen haben. Ich habe ihnen den fettesten Stier geopfert für die Rettung aus großer Gefahr. Solltest du wissen, welch ein Drache dieser Ptolomäus gewesen ist, dann vergiß sein Andenken und reinige Leib und Seele von seinem Anhauch. Natürlich, deine Mutter hatte mit Schminke und Schönheitsmitteln zu tun, sie konnte den bösen Dämon nicht entlarven. Ich höre, sie hat eben eine neue Ehe eingegangen. O wie bin ich betrogen! Für dich habe ich einen neuen Hofmeister gekauft. Er hat mir geschworen, von der Pest der Christianer nichts zu wissen. Du bist jetzt ohne Leitung, nachdem du so lange mißleitet warst. Aber jetzt wirst du in gute Hände kommen. Das wollen die Götter gewähren, wenn Götter sind. Ich für meine Person[S. 62] habe mich hier der Verehrung der Cybele und des Attis übergeben. Dein neuer Hofmeister ist ein Myste der Isis. Beiliegende Geschenke mögen dich über meine Abwesenheit trösten.«
Der Knabe beachtete an diesem ganzen Brief nur die Stellen, die von der baldigen Ankunft des neuen Hofmeisters sprachen. Diese Nachricht mußte ihn drängen, die wenigen Stunden der Freiheit, die ihm vielleicht noch blieben, zu benutzen. Er rief Mulus herbei, klopfte ihm auf die Schulter und sprach bald herrisch bald kindlich hilflos bettelnd auf ihn ein: »Mulus, höre, ich habe dir einen strengsten Auftrag! Bitte, Mulus, wenn du das zustande bringst, was ich dir jetzt sage, so ändere ich deinen Namen, und du sollst künftig Aquila oder Leo heißen oder wie du willst! Nämlich du hast jetzt auf der Stelle Ptolomäus aufzusuchen. Und — höre! — du mußt zu ihm kommen, ob er gleich hinter zehn Mauern und zwanzig Wachen liegt, das hält einen Leo nicht ab. Mit List, Gewalt, kluger Überredung und goldener Hand — ja wohl, hier hast du zwanzig Goldstücke —, so fallen die Wachen und Mauern nieder wie Dunst und Rauch. Mein lieber Mulus, denke jetzt nicht daran, wie ich dich kränkte und mißhandelte, sondern wie ich mit dir Morra spielte und dich beschenkte! Auch hast du heute ein Christ zu sein, hast Seele und einen strengen Gott! Ich befehle es! Und du[S. 63] grüßest Ptolomäus, überreichst ihm diesen Brief und sagst, du seiest jeglichen Vertrauens würdig! Und ich müsse ihn sprechen. Ich verlange das Geheimnis — nein, sage, ich flehe darum. Und ich sei ein Römer!«
Mulus warf sich, als der Knabe geendet hatte, in die Brust: »Ich bin auch ein Römer«, sagte er dann unter vielen Verbeugungen, »und ich zähle mich zu den Christianern und werde dich zu Ptolomäus bringen. Ich weiß ein Mittelchen, daß es gelinge. Dem Merkurius opfere ich einen Hahn; wenn ich an dem Herkulesbild vorbeigehe, so huste ich siebenmal und sage ein ephesinisches Wort. Kurz und gut — mit oder ohne goldene Hand: Du bekommst Audienz im Kerker.«
Am andern Tag, um die Zeit der römischen Nachmittagsstarre, stand Theonas wirklich im Gefängnis bei Ptolomäus. Er schmiegte sich an ihn, wie Kinder sich an die endlich heimgekehrte Mutter zu schmiegen pflegen, und genoß die Nähe des verehrten Meisters wie einen erquickenden Trank. Kaum vermochte er zu reden. So sehr sich auch sein Römerstolz gegen jede Furcht auflehnte, so vermochte er doch ein eigentümlich drückendes Gefühl nicht zu verscheuchen. Kam diese Pressung von den harten Soldaten am Eingang oder von den scharf beobachtenden Gefängniswärtern im Vorraum? Von dem Schlagen der schweren eisernen[S. 64] Tore und vom Klirren der vielen krausen Schlüssel? Doch all das lag ja hinter ihm. Die Wärter waren an dem Tor geblieben; er war mit Ptolomäus und seinen Mitgefangenen allein. Wer aber waren diese Menschen in Ketten und Fußschellen? Seine großen, glänzenden Augen glitten von einem zum andern und spähten ihre traurige Kleidung und ihre Gesichter ab, soweit das im Dämmern der Zelle, die nur ein in doppelter Manneshöhe über dem Fußboden steil in die breite Mauer eingeschrägte Fensteröffnung erleuchtete, möglich war.
»Fürchte dich nicht«, sagte jetzt Ptolomäus. »Was diese hier auch immer gewesen sein mögen, jetzt sind alle gut: Einige, wie du, Katechumenen, andere aber Brüder seit langem, und mehr, sie sind Bekenner und werden morgen Märtyrer sein. Ihr Urteil ist schon gesprochen!«
»Deo gratias!« klang es freudig aus einer Nische. Als Theonas hinblickte, sah er dort Männer mit erhobenen Händen und mit einem Ausdruck, wie er auf Gesichtern zu liegen pflegt, die eben etwas Übermenschliches erlebt haben. Theonas ward von diesem Überschwang der Züge so betroffen, daß er aufs neue von Scheu und Bangen ergriffen wurde. Der Schweiß perlte ihm von der Stirne. Es war hier so schwül und trübdunstig, daß alle Gesichter in fahlgelben Tönen schwammen. Die Luft beschwerte die Brust, die unter[S. 65] der Last geistigen und körperlichen Druckes schwer arbeitete, während das Herz heftig pochte.
Doch nun faßte Ptolomäus den Knaben bei der Hand, und seine tiefe, beruhigende Stimme zog den Knaben sehr rasch von den düstern äußeren Eindrücken weg in den Bann seines Geistes.
»Der Herr ist nahe und rückt eilig heran. Was wir heute beendigen können, dürfen wir nicht auf morgen schieben. Nahe ist die Nacht, die allem Wirken ein Ziel setzt. Übermorgen ist mein Gerichtstag — wenn Gottes Gerichtstag nicht eiliger anbricht. So will ich denn keine Arbeit zurücklassen. Bist du bereit, morgen die drei Mysterien: Taufe, Mahl und Besiegelung zu empfangen?«
»Ich darf? Du öffnest das Tor? Und ob ich bereit bin?«
»Noch ist dir das Geheimnis des Ichthys nicht ganz offenbar. Du sollst jetzt inne werden, was die Eingeweihten keinem Heiden offenbaren, in keinem Buche beschreiben, ja in keinem Bilde darstellen dürfen. Die draußen stehen, wissen nur so, daß sie nicht wissen, sehen nur Sinnbilder, die aufzeigen und verbergen.«
»Kaor, sing, ehe ich beginne, den Hymnus des Bechers.« Und Kaor, der in einer Nische bei den Märtyrern saß, trat aus den tiefen Schatten vor und sang: »In jener Stunde lagen die Fischer am Ozean der Liebe ....«
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Als er geendet hatte und ohne ein Zeichen des Erkennens, ganz wie ein Ehrfürchtiger, der Angehörigen im Heiligtum, in der Nähe der Gottheit begegnet, in das Dunkel zurückgekehrt war, erzählte Ptolomäus in den schlichten Worten der Evangelien das letzte Ostermahl des Herrn und das Vermächtnis der Stunde, ehe er sein Leiden auf dem Ölberg begann; und er deutete aus, wie die Gemeinden beim Gottesdienste, wenn die Katechumenen und Büßer entlassen sind, das Gedächtnis des Leidens, die Erneuerung des Herrenopfers und schließlich die mystische Gemeinschaft mit ihm durch Genuß des gesegneten Brotes und des gesegneten Kelches feiern. Und er schloß: »So ist immer er unter uns, wenn wir zur Eucharistie zusammenkommen. Nichts geschieht ohne ihn. Er mit uns, er in unserem Leib und Geist! Er in jedem Glied der Gemeinde. Darum sind wir alle eins, Reiche und Arme, weil sein Blut und seine Kraft in uns strömt. Wir trinken in ihm das Leben in uns hinein. Die Arznei gegen Sterblichkeit, die uns die Zauberer betrügerisch — nein, als unbewußte Wahrsager — anbieten, hier wird sie dargereicht. Göttliches essen wir, und darum Unsterblichkeit. Die Liebe wird unser Anteil, und darum jegliche Kraft. Die Verklärung, und darum Erhabenheit über Tod und Schmerz. Das ist das Geheimnis des Ichthys. Und morgen sollst du[S. 67] es erfahren. Denn andere Geheimnisse sind entfaltet, wenn man den Schleier von ihnen hebt. Das Geheimnis des Ichthys aber erfreut nicht so sehr dadurch, daß wir es wissen, als dadurch, daß wir es wirken.«
Theonas weinte vor innerer Erschütterung, als Ptolomäus nach einer Pause ehrfürchtigen Schweigens hinzufügte: »All das geschah nicht Olim, sondern unter Pontius Pilatus. Ich erzähle es dir nicht, als ob es geschehen wäre, wie ein schöner Mythos, sondern weil ich glaube und weiß, daß es geschehen ist. Zeugen sind die Apostel gewesen — im Blut. Mein Bluttag wird morgen oder am folgenden Tage anbrechen. Da baut man nicht mehr auf Träume, als ob ..., da zeugt man für die Lebenswahrheiten, die auch im Untergang der eigenen Welt noch feststehen. Lieber Theonas, das Himmelreich wankt nicht, da die Sterne meines Lebens erbleichen und aus dem Blauen fallen.«
Nachdem er auch dieses Zeugnis langsam und fast verschämt vorgebracht hatte, schien es ihm, er habe dem Knaben zuviel des Erhabenen und Abgründigen zugemutet; er strich ihm darum über den Kopf, fragte nach Tyche und den andern Mägden, wie es ihren Zöpfen gehe, und ob die Siegelfinger in ihren Wangen schon alle erloschen seien. Endlich zeigte er auf Mulus, der Angst, Feierlichkeit, Tränen und Ergriffenheit seines Herrn treulich in seinem[S. 68] Antlitz gespiegelt hatte: Es scheine, Mulus sei auch bereit, den Glauben der Christen zu bekennen.
Mulus nickte eifrig.
Aber Theonas schüttelte den Kopf. »Er ist Sklave geworden an Leib und Seele. Für ihn gibt es keinen Weg zur Freiheit. Er kann nur ja und nein sagen. Aber nicht ja und nein bekennen. Die Christen sind heute eine Todeslegion. Laßt die alle draußen, die nicht aus der hohlen Hand trinken.«
»Du bist in Stunden gereift wie andere in Jahren«, sagte Ptolomäus darauf und unterließ es, den Ernst dieser Lehrstunde weiter durch Scherze aufzuhellen. Ja er gestand dem Knaben: »Morgen nach Sonnenaufgang werden wir alle, diese hier und ich, in der Gerichtshalle am Forum zum letztenmal verhört und darauf — ohne Zweifel verurteilt: Die Starken zum Bergwerk, die Lehrer und Schwachen zum Tode. Beginne du den Tag des dreifachen Mysteriums, indem du Zeuge bist, wie man für den alles hingibt, der alles für uns hingegeben hat. Wenn wir alle ja und nein bekannt haben, dann feiern wir in Jubel und Frohlocken als glückseligen Lohn dein Fest. Wenn wir aber verleugnen, dann geh in dein Haus zurück und sage, die Christen seien so elend ... nein, dann suche die Mysterien, wo du sie findest, denn nicht Christus ist schwach, nur wir armseligen Menschen. Nicht seine Gnade wankt, sondern ihr Werkzeug.[S. 69] Du bist jung — das Himmelreich ist auch jung. Und nie wird es alt werden. Gott ist auch jung und altert nicht, jung und stark; und wer in ihm ist, der ist jung und stark.«
Als Ptolomäus diese Worte sprach, ging seine gesetzte Ruhe in die Bewegung begeisterter Sänger über, die Bekenner und Märtyrer kamen aus den Nischen und Schatten hervor und drängten sich ehrfürchtig herbei, indem sie flüsterten: Der Geist ist über ihn gekommen, er redet in Zungen. Ihm ist das Prophetencharisma geworden.
Und wirklich stieg die Rede des Lehrmeisters in ätherische Höhen. Theonas verstand nur noch erhabene Worte. Sein kindlicher Geist folgte der Rede, wie das Auge gewaltige Berggipfel anblickt, um deren Gestein silberne Nebel, flutende Sonnenstrahlen und blaue Düfte ringen.
Als Theonas wieder im Freien stand, wurde er von Gruppen umdrängt, die dastanden, um eine Botschaft von den Bekennern zu erhaschen oder ihnen Gaben zur Erleichterung ihrer traurigen Lage zukommen zu lassen. Eine Frau küßte Theonas auf die Stirne; in ihrem Gesicht lag eine warme Zärtlichkeit, als sie sagte: »Den Hauch der Märtyrer habe ich auf deiner Stirne geküßt. Glückselig deine Augen, die ihre Leiden sehen durften!« Ein Mädchen aber zupfte einen mürben, graulichen Strohhalm aus seinem Gewande, hielt ihn lächelnd empor[S. 70] und schmeichelte: »Willst du mir das schenken? Ich möchte es bewahren zum Gedächtnis an die Heiligen und zum Pfand ihrer Fürbitte.« Als ihr diese Bitte gewährt worden war, leuchtete ihr Auge auf, als hätte sie eine schöne, goldene Spange erhalten. Die andern drängten sich um sie und waren glücklich, den armen Halm berühren zu dürfen.
Zu Hause lag wieder ein Eilbrief des Vaters: »Tyche hat mir zu meinem großen Kummer geschrieben, daß du eine gefährliche Dosis Gift von diesem Ptolomäus aufgenommen habest, aber zugleich zu meinem großen Trost, daß der Henker diesen Schwefelpfuhl ein für allemal ausbrennen wird. Ich schicke dir den neuen, vortrefflichen Hofmeister auf einem Eilschiffe. Es ist wunderbar, wie er über Mysterien spricht. Ich habe mich nun auch in den Isisdienst — jener war mir Führer und Hierophant — einweihen lassen. O Theonas, ich kann mich jetzt den Freuden dieser Stadt ohne stilles Bangen hingeben. Denn wenn der Becher dieser irdischen Lust von meinen Lippen sinkt, dann reichen mir Isis oder die große Mutter den Becher ihres ewigen Reiches! Ich schicke dir die süßesten Datteln. Von deiner Mutter rede ich nie mehr, und ich will auch nicht, daß du ihren Namen nennest. Sie ist es nicht wert. Ich schwöre dir bei allen Heiligtümern: Sie ist es nicht wert!«
[S. 71]
Am andern Morgen, als das ganze Haus noch schlief, und auch Tyche, die dem Knaben gedroht hatte, sie werde sich ihm den ganzen Tag an die Fersen heften wie Merkur den Schatten, von den Nachwehen eines Bacchusfestes in bleiernem Schlafe festgehalten wurde, begab sich Theonas, von seinem treuen Mulus begleitet, auf das Forum. Eine erregte Menge umstand das Gerichtsgebäude. Der Prokonsul wurde mit Händeklatschen, der Zug der Christen mit Steinwürfen, Zischen und Schmähreden empfangen. Das Verhör war kurz. Die Angeklagten bekannten sich als Christen, stellten in Abrede, Feinde des Staatswesens zu sein, und leugneten insbesondere, irgend etwas von den dunklen Verbrechen zu wissen, deren sie die öffentliche Meinung beschuldigte. Sie wurden zu den Bergwerken verurteilt und beantworteten das Urteil mit: Deo gratias.
Zuletzt trat Ptolomäus vor. Die liebe Stimme des Lehrers, der ihn einst aus dumpfer Hilflosigkeit zu frischem Leben geweckt hatte, berührte den Knaben so, daß sich jedes Wort unverwischbar in seine Seele einschrieb.
Der Stadtpräfekt Urbicus sprach: »Du bist zwar als ein Vorsteher und Priester dieser Sekte erfunden worden und hast mehr verschuldet als diese hier. Aber auch du kannst Nachsicht erhalten, wenn du den Göttern opferst und Vernunft annimmst.«
[S. 72]
»Ich habe niemand Böses getan. Meine Religion lehrt Gutes tun.«
»Laß von diesem Wahnsinn!«
»Von der Weisheit kann ich nicht lassen. Darum muß ich bleiben, was ich bin.«
»Willst du noch eine weitere Frist zur Besinnung?«
»In einer so klaren Sache braucht es keine Besinnung.«
»Wenn du versprichst, reiflich nachzudenken, so sollst du eine Bedenkzeit von dreißig Tagen bekommen.«
»Ich bin unwiderruflich Christ.«
Darauf verurteilte ihn der Präfekt zum Tode. Auch Ptolomäus antwortete: »Ich danke Gott.«
Alle Verurteilten wurden noch einmal in das Gefängnis zurückgeführt. Die zu den Bergwerken Verurteilten sollten nach Sonnenuntergang in Ostia verladen und nach Sardinien geschifft werden. Die zur Hinrichtung Bestimmten waren über den Tag und den Ort ihres Schicksals noch im ungewissen.
Dem Knaben Theonas, der mitten in einer Schar von christlichen Zuschauern stand, hatte sich nach anfänglichem Schrecken das Triumphgefühl der Umgebung mitgeteilt. Denn so oft einer tapfer bekannte und so oft einer das Urteil freudig mit einem »Ich danke Gott« bestätigte, murmelten diese, sich heimlich die Hände drückend und bedeutsam zuwinkend: Deo gratias. Der Ausgang der Verhandlung,[S. 73] der allen die Verurteilung brachte, erschien ihnen als glücklicher Tag. Denn keiner hatte verleugnet. Die Macht des Glaubens und der Gnade war vor ganz Rom sichtbar geworden. Aufs neue waren sie erfüllt von der Zuversicht auf den Sieg ihrer Sache. Denn sie waren sicher, daß fallende Helden die Saat neuer Helden seien. So war denn Theonas stolz auf seinen Lehrer. Immer hatte er ihn als die Wahrheit inmitten der Lüge und Verstellung angesehen. Nun war er ihm die verklärte Wahrheit und erschien ihm wie ein Triumphator, der siegreich aus dem Felde zurückkehrt.
Die goldene Hand seines Mulus und — wie er behauptete — mehr noch sein goldener Mund öffneten dem Knaben ohne jede Schwierigkeit die Pforten des Gefängnisses. Der Wärter sagte zu dem Eintretenden: »Sie sind wahnsinnig geworden; denn sie singen wie Bacchanten!« Und wirklich hörte Theonas schon auf dem finstern Gang zu der Zelle und ganz deutlich vor ihrem Eingang hymnische Lieder. Und jetzt war wohl über Ptolomäus wieder das Charisma der Prophetie gekommen. Er sang allein mit tiefer Stimme:
Wie erstaunte Theonas, als er dann beim Eintritt in den Raum der Gefangenen kein Grab um lebende Menschen wie gestern, sondern eine heilige, von vielen Lampen erhellte Grotte fand. Auch Blumen quollen aus Wasserkrügen und Brotladen. Zwar war das Gewölbe grau und feucht wie gestern, aber die schweren Tropfen, die gestern wie Tränen niedergefallen waren, hingen heute wie Tau in Farben aufleuchtend an der Decke. Das Stroh, das gestern einen moderigen Geruch ausgeatmet hatte, war von feinen Decken überbreitet und nur die Blumen ergossen ihre Düfte in den Raum. Theonas wollte auf Ptolomäus zueilen. Aber dieser stand in dem weißen Philosophenmantel, der die eine Schulter freiließ, ganz wie der Priester in dem[S. 75] Hause des Esquilin. Da hielt ihn ehrfürchtige Scheu zurück. Als er sich nach Kaor und den andern bekannten Gesichtern umsah, erblickte er auf einmal jenen flinken Knaben, der ihm kürzlich den Zettel zugesteckt hatte. Dieser trat auf ihn zu: »Ich darf bei den Mysterien dein Diener sein. Lache, Bruder, denn jetzt beginnt deine erste Himmelfahrt, die im Geiste! Du wirst erhoben über Sonne und Sterne.« Theonas wurde sich erst bei diesen Worten ganz bewußt, was ihm bevorstand. Zwar hatte er sich seit der gestrigen Unterweisung nach der Vorschrift der Apostel durch Fasten und inniges Gebet auf die Heiligtümer vorbereitet, aber er war so sehr in dem, was den Bekennern geschehen war, aufgegangen, daß das Große, das ihm selbst bevorstand, für eine Weile in den Schatten zurückgetreten war. Jetzt glühte es in ihm auf. Und seltsamerweise überkam ihn zuerst eine heiße Sehnsucht nach Vater und Mutter. Nie soll ich an die Mutter denken! Aber ich werde immer an sie denken. Cybele und Attis, Isis und Serapis haben den Vater angezogen, warum nicht Er? Weil er den einen Becher für Gift erklärt? Und warum darf die Feier nicht in meinem Hause statthaben? Wozu bin ich reich, als daß heute alle Sklaven rennen, um Teppiche und reines Gold aus den Truhen zu holen? Warum habe ich ein prachtvolles Haus, als daß es den Herrn der Herren empfange?
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Doch nun sangen die Gefangenen. Der fremde Knabe führte nach einiger Zeit Theonas an ein Wasserbecken. Die Sänger schwiegen; die lautlose Stille ward nur von den Schweißtropfen der Decke, die mit hellem Klang in das Taufwasser fielen, unterbrochen. Jetzt betete Theonas die zwölf Sätze des Bekenntnisses. Und er gelobte, den Weg des Lebens zu gehen, und verschwor sich gegen den Weg des Todes. Dann ward er getauft, und alsbald warf ihm der dienende Knabe ein weißes Gewand über, das ihm bis zu den Sohlen herabfiel und aus dem der schlanke Hals und der zartgebaute, schwarze Kopf so anmutig aufragte, daß die Nahestehenden sich zuwinkten: Das Bild eines Engels! Danach legte Ptolomäus dem Neugetauften die Hände auf und prägte ihm das Siegel Christi ein.
Nun trat Ptolomäus vor den Tisch, auf welchem Brot und Wein in Körben stand. Ptolomäus betete zuerst in feierlich-ekstatischen Worten, dann neigte er sich über den Tisch, fast so wie der Prophet sich über den Jüngling neigte, als er ihn zum Leben auferweckte. Dann erhob er sich und rief: »Das Heilige den Heiligen!« Und mit diesen Worten legte er zuerst Theonas gesegnetes Brot in die Hände und erquickte ihn darauf mit dem heiligen Wein. Als Theonas einen Augenblick lang in Schauer und Ergriffenheit zögerte, das heilige Mahl[S. 77] zu genießen und noch einmal prüfend die Festigkeit seines Mutes wog, da flüsterte Ptolomäus ihm gütig zu: »Nimm des Erlösers honigsüße Speise; iß und nähre dich, denn du hast den Ichthys in den Händen.« Da rief der beseligte Knabe: »Jesus Christus, Gottessohn, Erlöser!« genoß die Geheimnisse und sah und hörte im Danksagen und Lobpreisen nicht, wie all die Bekenner und Märtyrer vor dem Gang nach ihrem Golgatha sich mit dem Mahl des Herrn erquickten, und wie Ptolomäus danach laut die Danksagung der Liturgie verrichtete. Erst als dieser mit der Gewalt, die ihm seine tiefste Überzeugung lieh, betete: »Es komme die Gnade und vergehe diese Welt! Hosanna dem Gott Davids! Ihm eile entgegen, wer heilig ist. Wer es nicht ist, bereite sich auf seine Ankunft durch Buße. Maranatha! Amen!« — richtete sich Theonas auf.
Und jetzt zupfte es von hinten an seinem Gewande. Theonas sah auf, und da beugte sich Mulus zu seinem Ohr: »Warum bekomme ich keinen weißen Mantel? Und warum nicht Brot und Wein? Bin ich denn nicht auch Christianer wie du?«
Mulus war von der Feier ausgeschlossen worden. Aber der goldene Weg hatte ihn doch hereingeführt. So mochte er denn nun bleiben, da die Feier der Geheimnisse zu Ende war. Theonas tröstete ihn kurz, aber wirksam: »Du bekommst[S. 78] heute das schönste Wollengewand und vom besten Wein!«
Schon drängte der Wärter, daß sich die nach Sardinien Bestimmten bereithielten. Da wandte sich Ptolomäus, um ihnen den Scheidegruß zu geben. Aber sein volles Herz strömte in gewaltiger Rede über: »Glückseligste und geliebteste Brüder! Ihr geht nun von uns und wisset nur eines, daß ihr in Elend und Darben wie in ein tiefes Meer hinabsteigt. Aber der den Jonas vernahm, als er ihn rief im Innern des Ungetüms, hört auch euch. Alles verlasset ihr, was euch lieb war, nur nicht den Trost Christi. Ketten und Bande harren auf euch. Schon sind eure Füße in Fesseln gelegt und die glückseligen Glieder und Tempel Gottes in schmähliche Bande geschlagen. Aber mit dem Körper kann man euern Geist nicht binden. Er wird immer frei sein für Christus. Zierden sind eure Fesseln und nicht Schmach. O glückselig gefesselte Füße, die nicht von einem Schmiede, sondern von dem Herrn aufgelöst worden! O glückselig gefesselte Füße, die hurtig eilen auf dem Wege des Heiles und das Paradies erreichen wie früh ans Ziel gelangende Wettläufer! O Füße, in der Welt für den Augenblick gebunden, um immerdar beim Herrn frei zu sein! Nicht wird in den Bergwerken der Körper durch Bett und Polster erquickt, aber durch die Gnade und den Trost[S. 79] Christi wird er aufgerichtet. Auf dem Boden liegt der von der Arbeit erschöpfte Leib; aber bei Christus wird er einst in Herrlichkeit ruhen. Von Schmutz und Unrat werden eure Glieder entstellt sein; aber eure Seelen werden leuchten vor Gottes Augen. An Brot wird es euch fehlen, aber Manna vom Himmel wird euch gegeben, und ihr werdet essen, den Fisch in den Händen haltend.«
Während er sprach, erloschen die Lampen nach und nach und nur hier und dort zog ein goldener Lichtfaden durch die wachsende Finsternis. Die Decken wurden von der grämlichen Frau des Gefängniswärters gierig und mißtrauisch weggeschafft; sie stellten neben andern Werten den Lohn für das Stillschweigen ihres Mannes dar. Das faulende Stroh kam wieder zum Vorschein und mahnte aufdringlich daran, daß hier ein Gefängnis sei. Ptolomäus verabschiedete den Knaben kurz: »Als ich an dir zweifelte, hieltest du mir entgegen: ›ich bin ein Römer!‹ Ein stolzerer Titel ist nun dein: Du bist ein Christ. Sei ein Christ!«
Darauf segnete er ihn und mahnte ihn, das Gefängnis zu verlassen. Die letzte Lampe erlosch. Kaor rief: »Lumen Christi!« Die andern antworteten: »Deo gratias!« Darauf waren sie sehr heiter und sprachen vom Licht.
»Geh nun, geh im Frieden! Halte dich an die Brüder, denn: Wehe dem Alleinstehenden!« drängte[S. 80] Ptolomäus wiederholt. Theonas rief weinend: »Wohin, Vater, soll ich gehen ohne dich?«
»Den Weg des Lebens!« sagte der Meister. Da umarmte ihn Theonas innig und zärtlich, rief immer wieder: »Vater, Vater!« verabschiedete sich auch von Kaor und den Übrigen und verließ endlich, mehr geschoben als freiwillig, das Gefängnis.
Als er auf der breiten Straße dahinschritt, war es ihm, als hätte er einen Ort blendender Helle und goldener Fülle zurückgelassen, und schon jetzt erfaßte ihn das Heimweh. Es war noch schlimmer als in den Oktobertagen, da er früher regelmäßig das Landgut mit seinen jungen Tieren, seinen Wasserfällen und tausend Spielgelegenheiten verlassen hatte. Immerhin hielt er sich tapfer empor. Denn heute hatte er ja den Fahneneid geleistet, war des siegreichsten Feldherrn Streiter, war bei ihm zu Gast gewesen, mit seinem Siegel besiegelt und mit seinem Kusse gesegnet worden!
Am folgenden Tage wartete er auf die Nachricht von dem Zeugentod seines »Vaters«. Er verbrachte die Stunden in einer gewissen Bangigkeit, so wie man in der Heimat an einem Schlachttag auf die Siegesbotschaft harrt, die man sicher erwartet, aber um die man gleichwohl in Sorge lebt. Plötzlich stand der scheue, flinke Knabe, sein Diener vom Einweihungstage her, vor ihm: »Deo gratias!« rief er, lächelte, warf ihm eine Kußhand[S. 81] zu und verschwand. Da sagte auch Theonas Deo gratias, aber Tränen perlten über seine Wangen. Denn er wußte, daß ein Vater verloren, aber ein Märtyrer gewonnen war.
Durch des treuen Mulus Vermittlung konnte er die Überreste des grausam zerfleischten Ptolomäus bergen und in einem schönen Hypogäum beisetzen lassen. Auf die Grabplatte wurde eine Palme und ein Fisch geritzt. Dazwischen fanden die Worte der Flugschrift, die Theonas am Blutfeste zugeflogen war, Raum. Er fügte ihnen nur noch bei: »Sättige uns mit dem Fische, Herr und Retter! Im Frieden ruhe Ptolomäus, so flehe ich dich an, Licht der Sterbenden! Beim Mahle des Fisches gedenke des Knaben Theonas.«
Als er das alles in Eile angeordnet hatte, kam der Vater mit dem neuen Hofmeister zurück. In ruhiger Zuversicht begegnete ihnen der Knabe. »Isis und Attis — Olim«, tröstete er sich, »Christus gestern und heute und in Ewigkeit!«
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Bücher von Peter Dörfler
Im Verlag von Herder in Freiburg:
Als Mutter noch lebte. Aus einer Kindheit. 16. bis 20. Tausend.
M 3.20; geb. M 4.—
(21.-25. Tausend im Druck.)
Dämmerstunden. Erzählungen. Buchschmuck von Rolf Winkler. 11.-16.
Tausend.
M 2.80; geb. M 3.60
Das Geheimnis des Fisches. Eine frühchristliche Erzählung. 1.-15. Tausend.
Im Verlag der Jos. Köselschen Buchhandlung in Kempten:
La Perniziosa. Roman aus der römischen Campagna. 4. Tausend. M 3.—; geb. M 4.—
Der Weltkrieg im schwäbischen Himmelreich. Erzählung. 27. Tausend.
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geb. M 3.50; Feldausg. M 3.—
Judith Finsterwalderin. Roman. 10. Tausend. M 5.—; geb. M 6.—
Der Roßbub. Erzählung. 8. Tausend. M 5.—; geb. M 6.—
Erwachte Steine. Erzählungen. 6. Tausend. M 2.20; geb. M3.—
Im Verlag von Hausens Verlagsgesellschaft m. b. H. in Saarlouis:
Das Sonnwendfest. Charakter- und Volksstudie aus dem süddeutschen
Volksleben.
7.-10. Tausend. Geb. M —.80
Der krause Ulrich und andere Kriegsgeschichtlein. 4. bis 8. Tausend. Geb. M —.80