KAREL ČAPEK.
WERSTANDS UNIVERSAL ROBOTS
UTOPISTISCHES
KOLLEKTIVDRAMA IN DREI AUFZÜGEN
DEUTSCH VON OTTO PICK
1922
PRAG — LEIPZIG
»ORBIS«, DRUCK-, VERLAGS- UND ZEITUNGS-A.-G.
Das deutsche Aufführungsrecht erteilt
der »Drei Masken-Verlag«, Berlin, bezw. die Bühnenvertrlebsgesellschaft
»Centrum«, Prag.
Copyright 1921 by »Orbis«
Druck-, Verlags- und Zeitungs-A.-G.
in Prague.
Alle Rechte, auch das der Übersetzung vorbehalten.
Die Umschlagszeichnung entwarf Josef Čapek.
HARRY DOMIN Zentraldirektor von Werstands Universal Robots
ING. FABRY technischer Generaldirektor von W. U. R.
DR. GALL Leiter der physiologischen und Experimentalabteilung von W. U. R.
DR. HALLEMEIER Leiter der Anstalt für Psychologie und Erziehung der Roboter
KONSUL BUSMAN kommerzieller Direktor von W. U. R.
BAUMEISTER ALQUIST Chef der Bauten von W. U. R.
HELENE GLORY
NANA ihre Amme
MARIUS Roboter
SULLA Robotin
RADIUS Roboter
DAMON Roboter
ZWEITER ROBOTER
DRITTER ROBOTER
VIERTER ROBOTER
PRIMUS Roboter
HELENE Robotin
[S. 6]Ein DIENER-ROBOTER und zahlreiche Roboter
DOMIN im Vorspiel, etwa achtunddreißigjährig, groß, rasiert
FABRY gleichfalls rasiert, blond, ernstes feines Gesicht
HALLEMEIER riesig, polternd, mit rostrotem englischen Schnurrbart und rostrotem Haarschopf
DR. GALL klein, lebhaft, brünett
BUSMAN dicker, kahlköpfiger, kurzsichtiger Jude
ALQUIST älter als die übrigen, nachlässig gekleidet, mit langem angegrauten Haar und Bart
HELENE sehr elegant
Im eigentlichen Drama alle um zehn Jahre älter.
DIE ROBOTER sind im Vorspiel wie Menschen gekleidet. Ihre Bewegungen und ihre Redeweise sind knapp, ihre Mienen ausdruckslos, ihr Blick starr. Im eigentlichen Drama tragen sie blaue Leinwandkittel, Riemengürtel und eine Messingnummer auf der Brust.
Die Zentralkanzlei der Fabrik Werstands Universal Robots. Rechts der Eingang. Durch die Fenster der Stirnwand Blick auf endlose Reihen von Fabriksgebäuden. Links weitere Direktionsräume.
DOMIN sitzt in einem Drehstuhl an einem großen amerikanischen Schreibtisch. Auf dem Tische eine Glühlampe, ein Haustelephon, Briefbeschwerer, ein Briefordner usw. An der linken Wand der Fernsprecher und große Landkarten mit den Schiffs- und Eisenbahnlinien, ein großer Kalender, eine Uhr, die fast Mittag zeigt; an der rechten Wand gedruckte Plakate: »Billigste Arbeit: Werstands Roboter.« »Tropen-Roboter, neue Erfindung. Pro Stück 150 d.« »Jeder kaufe sich seinen Roboter.« »Wollen Sie Ihre Waren verbilligen? Bestellen Sie Werstands Roboter.« Ferner andere Landkarten, ein Schiffahrtsplan, eine Tabelle mit telegraphischen Kursnotierungen usw. Mit dieser Ausstattung kontrastiert der prächtige türkische Teppich auf dem Fußboden, rechts ein runder Tisch, ein Sofa, lederne Klubsessel und eine Bibliothek, wo statt Bücher Wein- und Schnapsflaschen stehen. Links ein Kassenschrank.
Neben Domins Tisch eine Schreibmaschine, auf der das Mädchen SULLA schreibt.
DOMIN diktiert »— daß wir für Ware, die beim Transport beschädigt wurde, nicht garantieren. Wir haben Ihren Kapitän gleich beim Verladen aufmerksam gemacht, daß das Schiff zum Transport von Robotern ungeeignet ist, so daß der Untergang der Ladung nicht uns zur Last fällt. Wir zeichnen — für Werstands Universal Robots —« schreiben Sie bloß W. U. R. Fertig?
SULLA Jawohl.
DOMIN Neuer Brief. »E. B. Huysum Agency, New York. Datum. Wir bestätigen den Auftrag auf 5000 Roboter. Da Sie eigenes Schiff senden, verfrachten Sie als Kargo auf Gegenrechnung Briketts für W.U.R. Wir zeichnen —« Fertig?
SULLA fertigtippend Jawohl.
DOMIN Schreiben Sie weiter. — »Friedrichswerke, Hamburg. — Datum. — Wir bestätigen den Auftrag auf 15000 Roboter —«. Das Haustelephon klingelt. DOMIN hebt die Muschel und spricht hinein. Hallo — Hier Zentral-. — Ja. — Gewiß. — Aber ja, wie immer. — Freilich, kabeln Sie ihnen. — Gut. Hängt das Telephon auf. Wo habe ich aufgehört?
SULLA Wir bestätigen den Auftrag auf 15000 R.
DOMIN in Gedanken 15000 R. 15000 R.
MARIUS tritt ein Herr Direktor, eine Dame bittet —
DOMIN Wer?
MARIUS Ich weiß nicht. Reicht eine Visitenkarte.
DOMIN liest Präsident Glory. — Ich lasse bitten.
MARIUS öffnet die Türe Bitte, Frau.
HELENE GLORY tritt ein. MARIUS ab.
DOMIN erhebt sich Belieben?
HELENE Herr Zentraldirektor Domin?
DOMIN Bitte.
HELENE Ich komme zu Ihnen —
DOMIN — mit der Karte des Präsidenten Glory. Das genügt.
HELENE Präsident Glory ist mein Vater. Ich bin Helene Glory.
DOMIN Fräulein Glory, es ist uns eine außerordentliche Ehre, daß — daß —
HELENE — daß wir Ihnen nicht die Türe weisen können.
DOMIN — daß wir die Tochter des großen Präsidenten begrüßen dürfen. Bitte, nehmen Sie Platz. Sulla, Sie können gehen.
SULLA ab.
DOMIN setzt sich Womit kann ich dienen, Fräulein Glory?
HELENE Ich bin gekommen —
DOMIN — um unsere Fabrikserzeugung von Menschen anzusehen. Wie alle Besuche. Bitte, ohne weiteres.
HELENE Ich glaubte, es wäre verboten —
DOMIN Die Fabrik zu betreten, allerdings. Nur daß jeder mit irgendeiner Visitenkarte kommt, Fräulein Glory.
HELENE Und Sie zeigen jedem ...?
DOMIN Nur etwas. Die Erzeugung künstlicher Menschen, Fräulein, ist Fabriksgeheimnis.
HELENE Wenn Sie wüßten, wie mich das —
DOMIN — unendlich interessiert. Das alte Europa spricht von nichts anderem.
HELENE Warum lassen Sie mich nicht ausreden?
DOMIN Ich bitte um Vergebung. Wollten Sie vielleicht etwas anderes sagen?
HELENE Ich wollte nur fragen —
DOMIN — ob ich Ihnen ganz ausnahmsweise unsere Fabrik zeigen möchte. Aber gewiß, Fräulein Glory.
HELENE Wieso wissen Sie, daß ich dies fragen wollte?
DOMIN Alle fragen gleich. Steht auf. Aus besonderer[S. 10] Hochachtung, Fräulein, wollen wir Ihnen mehr als den andern zeigen und — mit einem Worte —
HELENE Ich danke Ihnen.
DOMIN Sofern Sie sich verpflichten, nicht das geringste zu verraten —
HELENE erhebt sich und reicht ihm die Hand Mein Ehrenwort.
DOMIN Danke. Möchten Sie nicht den Schleier abnehmen?
HELENE Ach freilich, Sie wollen sehen — Entschuldigen Sie.
DOMIN Bitte?
HELENE Wenn Sie meine Hand freigeben wollten.
DOMIN gibt sie frei Ich bitte um Verzeihung.
HELENE nimmt den Schleier ab Sie wollen sehen, ob ich kein Spion bin. Wie vorsichtig.
DOMIN betrachtet sie begeistert Hm — Allerdings — wir — so ist es.
HELENE Sie trauen mir nicht?
DOMIN Außerordentlich, Fräulein Hele — pardon, Fräulein Glory. In der Tat, außerordentlich erfreut — Hatten Sie eine gute Überfahrt?
HELENE Ja. Warum —
DOMIN Weil — das heißt, ich meine — daß Sie noch sehr jung sind.
HELENE Gehen wir gleich in die Fabrik?
DOMIN Ja. Ich denke: zweiundzwanzig, nicht?
HELENE Zweiundzwanzig?
DOMIN Jahre.
HELENE Einundzwanzig. Weshalb wollen Sie es wissen?
DOMIN Weil — weil — Mit Begeisterung Sie bleiben längere Zeit hier, nicht wahr?
HELENE Je nachdem, was Sie mir von der Erzeugung zeigen werden ...
DOMIN Verteufelte Erzeugung. Aber gewiß, Fräulein Glory. Alles werden Sie sehen. Bitte, setzen Sie sich. Würde Sie die Geschichte der Erfindung interessieren?
HELENE Ja, ich bitte Sie. Setzt sich.
DOMIN Nun denn. Setzt sich auf den Schreibtisch, betrachtet aufgeregt Helene und leiert rasch herunter. Es war im Jahre 1920 als sich der alte Werstand der große Physiologe aber damals noch ein junger Gelehrter, nach dieser fernen Insel begab um die Meerestierwelt zu studieren. Punkt. Dabei versuchte er durch chemische Synthese die lebendige Materie Protoplasma genannt nachzubilden bis er auf einmal einen Stoff entdeckte der sich durchaus wie die lebendige Masse betrug obzwar er von anderer chemischer Zusammensetzung war das war im Jahre 1932 gerade vierhundertvierzig Jahre nach der Entdeckung Amerikas, uf.
HELENE Das können Sie auswendig?
DOMIN Jawohl. Die Physiologie, Fräulein Glory, ist nicht mein Handwerk. Also weiter?
HELENE Meinetwegen.
DOMIN feierlich Und damals, Fräulein, schrieb der alte Werstand zwischen seine chemischen Formeln folgendes: »Die Natur hat nur eine einzige Art, die lebendige Materie zu organisieren, gefunden. Es gibt jedoch eine andere, einfachere, hübschere und schnel[S. 12]lere Art, auf welche die Natur überhaupt nicht verfallen ist. Diesen anderen Weg, den die Entwicklung des Lebens hätte einschlagen können, habe ich am heutigen Tage entdeckt.« Stellen Sie sich vor, Fräulein, daß er diese großen Worte über dem Auswurf irgendeiner lebenden Kolloidalgallerte schrieb, den kein Hund fressen würde. Stellen Sie sich ihn vor, daß er über dem Probeobjekt sitzt und daran denkt, wie daraus ein ganzer Lebensbaum aufschießen wird, wie daraus alle Tiere hervorgehen werden, beginnend mit irgendeiner Infusorie und endend — endend mit dem Menschen selber. Mit einem Menschen aus anderem Stoffe als wir sind. Fräulein Glory, das war ein gigantischer Augenblick.
HELENE Also weiter.
DOMIN Weiter? Nun handelte es sich darum, das Leben aus der Eprouvette herauszubekommen und die Entwicklung zu beschleunigen und irgendwelche Organe, Knochen und Nerven und dies und das zu schaffen und irgendwelche Stoffe zu finden, Katalysatoren, Enzyme, Hormone und so weiter, kurz und gut, verstehen Sie das?
HELENE Ich — ich — weiß — nicht. Ich glaube, nur wenig.
DOMIN Ich überhaupt nicht. Wissen Sie, mit Hilfe jener Flüssigkeiten konnte er machen, was er wollte. Er konnte möglicherweise eine Medusa mit einem Sokratesgehirn bekommen oder einen Regenwurm von fünfzig Metern Länge. Aber weil er kein bißchen Humor besaß, setzte er es sich in den Kopf, ein normales Wirbeltier oder vielleicht einen Menschen her[S. 13]zustellen. Jene seine lebendige Materie hatte eine tolle Lust nach dem Leben; sie ließ sich alles gefallen, er konnte sie zusammennähen und mischen wie er wollte. Mit natürlichem Eiweißstoff ließ es sich nicht machen. Und so machte er sich halt daran.
HELENE An was?
DOMIN An die Nachbildung der Natur. Zuerst versuchte er einen künstlichen Hund zu machen. Das kostete ihn eine Reihe Jahre, es kam etwas wie ein verkrüppeltes Kalb heraus und das krepierte nach ein paar Tagen. Ich werde es Ihnen im Museum zeigen. Und dann bereits machte sich der alte Werstand an die Erzeugung eines Menschen.
Pause.
HELENE Und das darf ich niemandem verraten?
DOMIN Niemandem auf der Welt.
HELENE Schade, daß es schon in allen Lesebüchern steht.
DOMIN Schade. Springt vom Tisch herunter und setzt sich neben Helene. Aber wissen Sie, was nicht in den Lesebüchern steht? Tippt sich auf die Stirn. Daß der alte Werstand ein erstaunlicher Narr gewesen ist. Ernstlich, Fräulein Glory, aber das behalten Sie für sich. Jener alte Hitzkopf wollte wirklich Menschen machen.
HELENE Aber Sie machen doch schon Menschen.
DOMIN Annähernd, Fräulein Helene. Aber der alte Werstand meinte es wörtlich. Wissen Sie, er wollte gleichsam wissenschaftlich Gott absetzen. Er war ein schrecklicher Materialist, darum hat er das alles getan. Es handelte sich ihm um nichts mehr als[S. 14] den Beweis zu erbringen, daß es keines Herrgotts bedurft hat. Deshalb war er darauf erpicht, einen Menschen zu bilden, der uns auf ein Haar gleichen würde. Kennen Sie ein bißchen Anatomie?
HELENE Nur ganz wenig.
DOMIN Ich auch. Stellen Sie sich vor, daß er es sich in den Kopf gesetzt hatte, alles bis auf die letzte Drüse genau wie im menschlichen Körper herzustellen: Blinddarm, Mandeln, Nabel, lauter Überflüssigkeiten. Schließlich sogar — hm — auch die Geschlechtsdrüsen.
HELENE Aber die — die sind doch —
DOMIN Die sind nicht überflüssig, ich weiß. Aber wenn man die Menschen künstlich erzeugen will, dann sind sie — hm — keineswegs notwendig —
HELENE Ich verstehe.
DOMIN Ich werde Ihnen im Museum zeigen, was er binnen zehn Jahren zusammengebastelt hat. Es sollte ein Mann sein, und das lebte ganze drei Tage. Der alte Werstand hat nicht ein bißchen Geschmack besessen. Es war furchtbar, was er da produzierte. Aber es hatte innen alles, was der Mensch hat. Wirklich, eine erstaunliche Tändelarbeit. Und damals kam der Ingenieur Werstand, des Alten Neffe, hierher. Ein genialer Kopf, Fräulein Glory. Als er sah, was der Alte anstellte, sagte er: »Das ist ein Unsinn, zehn Jahre an einem Menschen zu arbeiten. Wirst du ihn nicht schneller herstellen als die Natur, so huste ich auf den ganzen Kram.« Und er machte sich selbst über die Anatomie her.
HELENE In den Lehrbüchern steht es anders.
DOMIN steht auf In den Lesebüchern steht bezahlte Reklame und überdies Unsinn. Es steht dort zum Beispiel, die Roboter habe der alte Herr erfunden. Indessen mochte sich der Alte vielleicht für eine Universität eignen, aber von fabriksmäßiger Erzeugung hatte er keinen Dunst. Er glaubte, wirkliche Menschen herzustellen, also vielleicht irgendwelche neuen Indianer, Dozenten oder Idioten, wissen Sie? Und erst der junge Werstand hat den Einfall gehabt, daraus lebende und intelligente Arbeitsmaschinen zu machen. Was in den Lesebüchern über die gemeinsame Arbeit beider großen Werstands steht, ist ein Gefasel. Die beiden haben sich fürchterlich gestritten. Der alte Atheist hatte keinen Brocken Verständnis für die Industrie, und schließlich sperrte ihn der Junge in irgendein Laboratorium, damit er dort an seinen großen Fehlgeburten herumbastle, er selbst aber nahm die Erzeugung ingenieurmäßig in die Hand. Der alte Werstand verfluchte ihn wörtlich und hudelte bis zu seinem Tode noch zwei physiologische Popanze zusammen, bis man ihn schließlich eines Tages tot im Laboratorium fand. Das ist die ganze Historie.
HELENE Und der Junge?
DOMIN Der junge Werstand, Fräulein, das war das neue Zeitalter. Das neue Zeitalter der Produktion nach dem Zeitalter der Erkenntnis. Nachdem er die menschliche Anatomie beguckt hatte, sah er gleich, daß dies allzu kompliziert ist und daß ein guter Ingenieur es einfacher machen müßte. Er begann also die Anatomie umzuarbeiten und erprobte, was sich[S. 16] auslassen oder vereinfachen ließe. — Kurz gesagt, Fräulein Glory, langweilt Sie das nicht?
HELENE Nein, im Gegenteil, es ist schrecklich interessant.
DOMIN Also der junge Werstand sagte sich: Ein Mensch, das ist etwas, das — sagen wir — Freude fühlt, Geige spielt, spazieren gehen will und überhaupt einen Haufen Sachen zu tun braucht, welche — welche eigentlich überflüssig sind.
HELENE Oho!
DOMIN Warten Sie. Welche überflüssig sind, wenn er etwas weben oder addieren soll. Ich meine nicht für Sie — Spielen Sie vielleicht Violine?
HELENE Nein.
DOMIN Schade. Aber eine Arbeitsmaschine muß nicht Violine spielen, muß nicht Freude fühlen, muß nicht einen Haufen andrer Dinge tun. Soll es schließlich gar nicht. Ein Naphthamotor soll keine Fransen und Ornamente haben, Fräulein Glory. Und künstliche Arbeiter erzeugen ist dasselbe wie Naphthamotore erzeugen. Die Erzeugung soll möglichst einfach und das Erzeugnis das praktisch beste sein. Was meinen Sie, welcher Arbeiter der praktisch beste ist?
HELENE Der beste? Vielleicht jener, der — der — Wenn er ehrlich — und ergeben ist.
DOMIN Nein, sondern der billigste. Der, welcher die geringsten Bedürfnisse hat. Der junge Werstand erfand einen Arbeiter mit der kleinsten Menge Bedürfnisse. Er mußte ihn vereinfachen. Er warf alles hinaus, was nicht unmittelbar der Arbeit dient. Damit warf er auch alles, was den Menschen verteuert, hin[S. 17]aus. Damit warf er eigentlich den Menschen hinaus und erschuf den Roboter. Teures Fräulein Glory, die Roboter sind keine Menschen. Sie sind mechanisch vollkommener als wir, haben eine erstaunliche Vernunftintelligenz, aber sie haben keine Seele. Sahen Sie schon einmal, wie ein Roboter innen aussieht?
HELENE Nein.
DOMIN Sehr rein, sehr einfach. Tatsächlich, eine schöne Arbeit. Es ist wie eine Hausapotheke. Wenige Stückchen, aber in tadelloser Ordnung. Oh, Fräulein Glory, das Erzeugnis des Ingenieurs ist technisch geläuterter als das Erzeugnis der Natur.
HELENE Man sagt, der Mensch sei ein Erzeugnis Gottes.
DOMIN Um so ärger. Gott hat keine Ahnung von der modernen Technik gehabt. Würden Sie glauben, daß der selige junge Werstand sich als Herrgott aufzuspielen begann?
HELENE Wie, ich bitte Sie?
DOMIN Er fing an, Über-Roboter zu erzeugen. Arbeitsriesen. Er probierte es mit viermetrigen Gestalten, aber Sie würden es nicht glauben, wie diese Mammute zerbrachen.
HELENE Zerbrachen?
DOMIN Ja. Von nichts und wieder nichts barst ihnen ein Bein oder etwas. Unser Planet ist höchstwahrscheinlich ein wenig klein für Riesen. Jetzt machen wir bloß Roboter von natürlicher Größe und sehr anständiger menschlicher Ausstattung.
HELENE Ich habe die ersten Roboter bei uns ge[S. 18]sehen. Die Gemeinde hatte sie gekauft ... will sagen, zur Arbeit aufgenommen —
DOMIN Gekauft, teures Fräulein. Roboter werden gekauft.
HELENE — als Straßenkehrer verpflichtet. Ich sah sie fegen. Sie sind so seltsam, so still.
DOMIN Haben Sie meine Schreiberin gesehen?
HELENE Ich habe nicht acht gegeben.
DOMIN läutet Wissen Sie, die Aktienfabrik von Werstands Universal Roboters erzeugt bis jetzt keine einheitliche Ware. Wir haben feinere und gröbere Roboter. Die besseren werden vielleicht zwanzig Jahre leben.
HELENE Dann schwinden sie hin?
DOMIN Ja, sie nützen sich ab.
SULLA tritt ein.
DOMIN Sulla, präsentieren Sie sich Fräulein Glory.
HELENE erhebt sich und reicht ihr die Hand Es freut mich. Ihnen ist wohl sehr traurig so fern der Welt, nicht wahr?
SULLA Das kenne ich nicht, Fräulein Glory. Bitte, nehmen Sie Platz.
HELENE setzt sich Woher stammen Sie, Fräulein?
SULLA Von hier, aus der Fabrik.
HELENE Ah, Sie sind hier geboren?
SULLA Ja, ich wurde hier gemacht.
HELENE aufspringend Was?
DOMIN lacht Sulla ist kein Mensch, Fräulein, Sulla ist ein Roboter.
HELENE Ich bitte um Verzeihung —
DOMIN legt Sulla die Hand auf die Schulter Sulla ist[S. 19] nicht böse. Schauen Sie, Fräulein Glory, was für eine Haut wir erzeugen. Greifen Sie auf ihre Wange.
HELENE Oh, nein, nein!
DOMIN Sie würden nicht erkennen, daß sie aus einem anderen Stoff ist als wir. Bitte, sie hat sogar den typischen Flaum der Blondinen. Nur die Augen sind ein bißchen — Aber dafür die Haare! Drehen Sie sich um, Sulla.
HELENE Hören Sie schon auf!
DOMIN Plaudern Sie mit dem Gast, Sulla. Es ist ein seltener Besuch.
SULLA Bitte, Fräulein, nehmen Sie Platz. Beide setzen sich. Haben Sie eine gute Überfahrt gehabt?
HELENE Ja — ge — gewiß.
SULLA Kehren Sie nicht mit der Amelia zurück, Fräulein Glory, das Barometer fällt stark, auf 705. Warten Sie auf die Pennsylvania, das ist ein sehr gutes, sehr starkes Schiff.
DOMIN Wieviel?
SULLA Zwanzig Knoten in der Stunde. Tonnage: zwanzigtausend. Eines der allerneuesten Schiffe, Fräulein Glory.
HELENE Da — danke.
SULLA Achtzig Mann Besatzung, Kapitän Harpy, acht Kessel —
DOMIN lacht Genug, Sulla, genug. Zeigen Sie uns, wie Sie Französisch können.
HELENE Sie können Französisch?
SULLA Ich beherrsche vier Sprachen. Ich schreibe: Dear Sir! Monsieur! Signore! Geehrter Herr!
HELENE springt auf Das ist Humbug! Sie sind[S. 20] ein Scharlatan! Sulla ist kein Roboter, Sulla ist ein Mädchen wie ich! Sulla, das ist schändlich — warum spielen Sie eine solche Komödie?
SULLA Ich bin ein Roboter.
HELENE Nein, nein, Sie lügen! Oh, Sulla, verzeihen Sie, ich weiß — man hat Sie genötigt, damit Sie ihnen Reklame machen! Sulla, Sie sind ein Mädchen, wie ich, nicht wahr? Sagen Sie!
DOMIN Ich bedaure, Fräulein Glory. Sulla ist ein Roboter.
HELENE Sie lügen!
DOMIN richtet sich auf Wie? läutet Verzeihen Sie, Fräulein, dann muß ich Sie überzeugen.
MARIUS tritt ein.
DOMIN Marius, führen Sie Sulla in den Seziersaal, man solle sie öffnen. Flink!
HELENE Wohin?
DOMIN In den Seziersaal. Bis sie aufgeschnitten ist, gehen Sie sich sie ansehen.
HELENE Ich gehe nicht!
DOMIN Pardon, Sie sprachen von Lüge.
HELENE Sie wollen sie töten lassen?
DOMIN Maschinen werden nicht getötet.
HELENE umarmt Sulla Fürchten Sie nichts, Sulla, ich lasse Sie nicht! Sagen Sie, Teure, sind alle so roh zu euch? Das dürft ihr euch nicht gefallen lassen, hören Sie? Sie dürfen nicht, Sulla!
SULLA Ich bin Roboter.
HELENE Das ist einerlei. Roboter sind ebenso gute Menschen wie wir. Sulla, Sie würden sich aufschneiden lassen?
SULLA Ja.
HELENE Oh, Sie fürchten sich nicht vor dem Tod?
SULLA Kenne ich nicht, Fräulein Glory.
HELENE Wissen Sie, was dort mit Ihnen geschähe?
SULLA Ja. Ich würde aufhören, mich zu bewegen.
HELENE Das ist entsetzlich!
DOMIN Marius, sagen Sie dem Fräulein, was Sie sind.
MARIUS Marius, Roboter.
DOMIN Würden Sie Sulla in den Seziersaal geben?
MARIUS Ja.
DOMIN Würden Sie sie bedauern?
MARIUS Kenne ich nicht.
DOMIN Was würde mit ihr geschehen?
MARIUS Sie würde sich nicht mehr bewegen. Man würde sie in die Stampfmaschine geben.
DOMIN Das ist der Tod, Marius. Fürchten Sie den Tod?
MARIUS Nein.
DOMIN Also sehen Sie, Fräulein Glory, die Roboter hängen nicht am Leben. Sie haben nämlich keinen Anlaß dazu. Sie haben keine Genüsse. Sie sind geringer als Gras.
HELENE Oh, hören Sie auf! Schicken Sie sie wenigstens fort!
DOMIN Marius, Sulla, ihr könnt gehen.
SULLA und MARIUS ab.
HELENE Sie sind schrecklich! Es ist scheußlich, was Sie tun!
DOMIN Weshalb scheußlich?
HELENE Ich weiß nicht. Warum — warum gaben Sie ihr den Namen Sulla?
DOMIN Kein hübscher Name?
HELENE Es ist ein Männername. Sulla war ein römischer Feldherr.
DOMIN Ah, wir glaubten, Marius und Sulla wäre ein Liebespaar gewesen.
HELENE Nein, Marius und Sulla waren Feldherren und bekämpften einander im Jahre — im Jahre — Ich weiß nicht mehr.
DOMIN Kommen Sie her, zum Fenster. Was sehen Sie?
HELENE Maurer.
DOMIN Das sind Roboter. Alle unsre Arbeiter sind Roboter. Und da unten, sehen Sie etwas?
HELENE Irgendeine Kanzlei.
DOMIN Die Buchhaltung. Und darinnen —
HELENE — lauter Beamte.
DOMIN Das sind Roboter. Alle unsere Beamten sind Roboter. Bis Sie die Fabrik sehen werden —
In diesem Moment ertönen Pfeifen und Sirenen.
DOMIN Mittag. Die Roboter wissen nicht, wann sie die Arbeit einstellen sollen. Um zwei Uhr werde ich Ihnen die Dösen zeigen.
HELENE Was für Dösen?
DOMIN trocken Mischbottiche für Teig. In jedem wird gleichzeitig Stoff für tausend Roboter gemischt. Dann die Kufen für Lebern, Hirne und so weiter. Dann werden Sie die Knochenfabrik sehen. Dann zeige ich Ihnen die Spinnerei.
HELENE Was für eine Spinnerei?
DOMIN Die Nervenspinnerei. Die Adernspinnerei. Eine Spinnerei, wo gleichzeitig ganze Kilometer von[S. 23] Verdauungsröhren laufen. Dann kommt der Montierraum, wo das zusammengestellt wird, wissen Sie, wie Automobile. Jeder Arbeiter befestigt nur einen einzigen Bestandteil, und dann läuft es wieder selbsttätig weiter, zum zweiten, dritten, bis ins Unendliche. Das ist das interessanteste Schauspiel. Dann kommt das Darrhaus und das Magazin, wo die frischen Produkte arbeiten.
HELENE Um Gottes willen, gleich müssen sie arbeiten?
DOMIN Pardon. Sie arbeiten, wie neue Möbelstücke arbeiten. Sie gewöhnen sich an die Existenz. Wachsen gleichsam innerlich zusammen, oder so. Vieles in ihnen wächst überhaupt neu hinzu. Sie verstehen, wir müssen der natürlichen Entwicklung ein bißchen Raum gewähren. Und inzwischen werden die Produkte appretiert.
HELENE Was ist das?
DOMIN So viel wie bei den Menschen die »Schule«. Sie lernen sprechen, schreiben und rechnen. Sie haben nämlich ein erstaunliches Gedächtnis. Wenn Sie ihnen aus einem zwanzigbändigen Lexikon vorlesen, so werden sie Ihnen alles in der richtigen Reihenfolge wiederholen. Etwas Neues fällt ihnen niemals ein. Sie könnten ganz gut an den Universitäten unterrichten. Dann werden sie klassifiziert und verschickt. Täglich 15000 Stück, ausschließlich des ständigen Prozentsatzes von Fehlerhaften, die in den Stampftrog geworfen werden ... und so weiter, und so weiter.
HELENE Zürnen Sie mir?
DOMIN Aber, Gott bewahre! Ich meine nur, wir ... wir hätten von anderen Dingen reden können. Wir sind hier nur ein Häuflein unter hunderttausenden Robotern, und kein Weib. Wir reden nur von der Fabrikation, den ganzen Tag, jeden Tag. Wir sind wie verdammt, Fräulein Glory.
HELENE Es tut mir so leid, daß ich sagte, Sie — Sie — Sie hätten gelogen —
Es pocht.
DOMIN Hereinspaziert, Jungens.
Von links kommen Ing. FABRY, DR. GALL, DR. HALLEMEIER, Baumeister ALQUIST.
DR. GALL Pardon, stören wir nicht?
DOMIN Tretet näher. Fräulein Glory, das sind Alquist, Fabry, Gall, Hallemeier. Die Tochter des Präsidenten Glory.
HELENE verlegen Guten Tag.
FABRY Wir hatten keine Ahnung —
DR. GALL Unendlich geehrt —
ALQUIST Seien Sie willkommen, Fräulein Glory.
Von rechts stürzt BUSMAN herein.
BUSMAN Hallo, was gibt's hier?
DOMIN Hierher, Busman. Das ist unser Busman, Fräulein. Die Tochter des Präsidenten Glory.
HELENE Es freut mich.
BUSMAN Jemine, welche Ehre! Fräulein Glory, dürfen wir den Zeitungen kabeln, daß Sie die Güte hatten, uns aufzusuchen —?
HELENE Nein, nein, ich bitte Sie!
DOMIN Bitte, Fräulein, nehmen Sie Platz.
BUSMAN } { Belieben —
DR. GALL } rücken Fauteuils heran { Bitte —
FABRY } { Pardon —
ALQUIST Fräulein Glory, wie war Ihre Reise?
DR. GALL Werden Sie sich länger bei uns aufhalten?
FABRY Was sagen Sie zu der Fabrik, Fräulein Glory?
HALLEMEIER Sie sind auf der Amelie gekommen?
DOMIN Still, laßt Fräulein Glory reden.
HELENE zu Domin Wovon soll ich mit ihnen sprechen?
DOMIN verwundert Wovon Sie mögen.
HELENE Soll ... darf ich ganz offen reden?
DOMIN Aber freilich.
HELENE zögert, dann verzweifelt entschlossen Sagen Sie, ist es Ihnen niemals peinlich, wie man mit Ihnen umgeht?
FABRY Wer, bitte?
HELENE Alle Menschen.
Alle blicken einander betroffen an.
ALQUIST Mit uns?
DR. GALL Warum meinen Sie?
HALLEMEIER Donnerwetter!
BUSMAN Aber, Gott bewahre, Fräulein Glory!
HELENE Fühlen Sie denn nicht, daß Sie besser existieren könnten?
DR. GALL Es kommt darauf an, Fräulein. Wie meinen Sie das?
HELENE Ich meine, daß — bricht los daß es scheußlich ist! daß es furchtbar ist! Erhebt sich. Ganz[S. 26] Europa redet davon, was hier mit Ihnen geschieht. Deshalb kam ich hierher, um es zu sehen, und es ist tausendmal schlimmer, als man nur denken kann! Wie können Sie das ertragen?
ALQUIST Was ertragen?
HELENE Ihre Lage. Um Gottes willen, Sie sind doch Menschen wie wir, wie ganz Europa, wie die ganze Welt! Das ist skandalös, das ist unwürdig, wie Sie leben!
BUSMAN Herrgott, Fräulein!
FABRY Nein, Jungens, sie hat ein bißchen Recht. Wir leben hier sicher wie Indianer.
HELENE Ärger als Indianer! Darf ich, oh, darf ich Sie Brüder nennen?
BUSMAN Aber, Gottchen, warum denn nicht?
HELENE Brüder, ich kam nicht als die Tochter des Präsidenten. Ich kam im Namen der Humanitätsliga. Brüder, die Humanitätsliga hat bereits über 200000 Mitglieder. 200000 Menschen stehen hinter euch und bieten euch ihre Hilfe an.
BUSMAN 200000 Menschen, Wetter, das ist gehörig, das ist ganz prächtig.
FABRY Ich sage euch immer, es geht nichts über das alte Europa. Ihr seht es, es hat uns nicht vergessen. Es bietet uns Hilfe an.
DR. GALL Was für Hilfe? Ein Theater?
HALLEMEIER Ein Orchester?
HELENE Mehr als das.
ALQUIST Sie selbst?
HELENE Oh, was mich betrifft. Ich bleibe, solange es nötig sein wird.
BUSMAN Herrgott, das ist eine Freude!
ALQUIST Domin, ich gehe ein Zimmer für das Fräulein bereitstellen.
DOMIN Warten Sie einen Moment. Ich fürchte, daß — daß Fräulein Glory noch nicht ausgeredet hat.
HELENE Nein, noch nicht. Außer Sie schlössen mir mit Gewalt den Mund.
DR. GALL Harry, unterstehen Sie sich!
HELENE Ich danke Ihnen. Ich wußte, Sie werden mich schützen.
DOMIN Pardon, Fräulein Glory. Sind Sie sich dessen sicher, daß Sie mit Robotern reden?
HELENE stockt Mit wem sonst?
DOMIN Es tut mir leid. Diese Herren sind nämlich Menschen wie Sie. Wie ganz Europa.
HELENE zu den andern Sie sind keine Roboter?
BUSMAN kichert Gott bewahre!
HALLEMEIER würdevoll Pfui, Roboter!
DR. GALL lacht Da bedanken wir uns schön!
HELENE Aber ... das ist nicht möglich!
FABRY Bei meiner Ehre, Fräulein, wir sind keine Roboter.
HELENE zu Domin Weshalb sagten Sie mir also, alle Ihre Beamten seien Roboter?
DOMIN Ja, die Beamten. Aber nicht die Direktoren. Gestatten Sie, Fräulein Glory: Ingenieur Fabry, technischer Generaldirektor von Werstands Universal Robots. Doktor Gall, Leiter der physiologischen und Untersuchungsabteilung. Doktor Hallemeier, Leiter der Anstalt für Psychologie und Erziehung der Roboter. Konsul Busman, kommer[S. 28]zieller Generaldirektor, und Baumeister Alquist, Chef der Bauten von Werstands Universal Robots.
HELENE Verzeihen Sie, meine Herren, daß — daß — Ist es schrecklich, was ich Ihnen angestellt habe?
ALQUIST Aber, Gott bewahre, Fräulein Glory. Bitte, setzen Sie sich.
HELENE setzt sich Ich bin ein dummes Mädel. Jetzt — jetzt werden Sie mich mit dem ersten Schiff zurückschicken.
DR. GALL Um nichts auf der Welt, Fräulein. Weshalb sollten wir Sie fortschicken?
HELENE Weil Sie bereits wissen — weil — weil ich Ihnen die Roboter aufhetzen würde.
DOMIN Teures Fräulein Glory, hier sind schon hunderte Erlöser und Propheten gewesen. Jedes Schiff bringt irgendeinen her. Missionare, Anarchisten, die Heilsarmee, alles mögliche. Es ist erstaunlich, wieviel Sekten und Narren es auf Erden gibt.
HELENE Und Sie lassen sie zu den Robotern reden?
DOMIN Weshalb nicht? Bis jetzt haben es alle bleiben lassen. Die Roboter merken sich alles, aber nichts mehr. Sie lachen sogar nicht einmal über das, was die Leute sagen. In der Tat, geradezu unglaublich. Falls es Sie unterhält, teures Fräulein, so führe ich Sie in das Robotermagazin. Es sind ihrer dort etwa dreihunderttausend.
BUSMAN Dreihundertsiebenundvierzigtausend.
DOMIN Gut. Sie können ihnen sagen, was Sie wollen. Sie können ihnen die Bibel, Logarithmen[S. 29] oder was Ihnen beliebt, vorlesen. Sie können ihnen schließlich über die Menschenrechte predigen.
HELENE Oh, ich glaube, daß ... wenn man ihnen ein wenig Liebe zeigte —
FABRY Unmöglich, Fräulein Glory. Nichts ist dem Menschen fremder als ein Roboter.
HELENE Weshalb erzeugen Sie sie dann?
BUSMAN Hahaha, das ist gut! Weshalb man Roboter erzeugt!
FABRY Zur Arbeit, Fräulein. Ein Roboter ersetzt zwei und einen halben Arbeiter. Die menschliche Maschine, Fräulein Glory, war ungemein unvollkommen. Sie mußte endlich einmal beseitigt werden.
BUSMAN Sie war zu teuer.
FABRY Sie war wenig leistungsfähig. Der modernen Technik vermochte sie nicht mehr zu genügen. Und zweitens — zweitens — ist es ein großer Fortschritt, daß ... Pardon.
HELENE Was?
FABRY Ich bitte um Entschuldigung. Es ist ein großer Fortschritt, mit einer Maschine zu gebären. Es ist bequemer und schneller. Jede Beschleunigung ist ein Fortschritt, Fräulein. Die Natur hatte keine Ahnung von dem modernen Arbeitstempo. Die ganze Kindheit ist technisch genommen ein purer Unsinn. Schlechthin verlorene Zeit. Unerträgliche Zeitverschwendung, Fräulein Glory. Und drittens —
HELENE Oh, hören Sie auf!
FABRY Bitte. Erlauben Sie, was will eigentlich diese Ihre Liga — Liga — Humanitätsliga?
HELENE Sie soll hauptsächlich — hauptsächlich soll sie die Roboter schützen und — und — ihnen eine — gute Behandlung sichern.
FABRY Das ist kein schlechtes Ziel. Eine Maschine soll man gut behandeln. Bei meiner Seele, das lobe ich mir. Ich liebe beschädigte Sachen nicht. Ich bitte Sie, Fräulein Glory, notieren Sie uns alle als beitragende, als ordentliche, als gründende Mitglieder Ihrer Liga!
HELENE Nein, Sie verstehen mich nicht. Wir wollen — hauptsächlich — wir wollen die Roboter befreien!
HALLEMEIER Wie, bitte?
HELENE Man soll sie ... wie Menschen behandeln.
HALLEMEIER Aha. Sie sollen vielleicht wählen? Sie sollen Bier trinken? Sollen uns befehlen?
HELENE Weshalb sollten sie nicht wählen können?
HALLEMEIER Und sollen sie vielleicht am Ende nicht auch Löhnung kriegen?
HELENE Allerdings!
HALLEMEIER Da schau' her. Und was würden sie, bitte, damit anfangen?
HELENE Sie würden sich kaufen ... was sie brauchen ... was ihnen Freude bereiten würde.
HALLEMEIER Das ist sehr hübsch, Fräulein; nur daß die Roboter nichts erfreut. Wetter, was sollen sie sich kaufen? Sie können sie mit Ananas, Stroh, womit Sie wollen, füttern; ihnen ist es gleichgültig, sie haben überhaupt keinen Geschmack. Sie interessieren sich für nichts, Fräulein Glory. Zum Teufel,[S. 31] es hat noch niemand gesehen, daß ein Roboter gelacht hätte.
HELENE Warum ... warum — warum macht ihr sie nicht glücklicher?
HALLEMEIER Das geht nicht, Fräulein Glory. Es sind nur Roboter.
HELENE Oh, sie sind so vernünftig!
HALLEMEIER Verflucht vernünftig, Fräulein, aber sonst nichts. Ohne eigenen Willen. Ohne Leidenschaften. Ohne Tradition. Ohne Seele.
HELENE Ohne Liebe und Trotz?
HALLEMEIER Das versteht sich. Die Roboter lieben nichts, nicht einmal sich selbst. Und Trotz? Ich weiß nicht; nur selten, nur manchmal —
HELENE Was?
HALLEMEIER Eigentlich nichts. Manchmal werden sie irgendwie störrisch. So etwas wie Fallsucht, wissen Sie? Man nennt es den Roboterkrampf. Plötzlich schmeißt einer alles hin, was er in der Hand hält, steht da, knirscht mit den Zähnen — und muß in den Stampftrog geworfen werden. Offenbar eine Störung des Organismus.
DOMIN Ein Fabrikationsfehler. Das muß beseitigt werden.
HELENE Nein, nein, das ist die Seele.
FABRY Glauben Sie, die Seele beginne mit Zähneknirschen?
HELENE Ich weiß nicht. Vielleicht ist es Auflehnung. Vielleicht ist gerade das ein Zeichen, daß sie ringen — — Oh, wenn Sie das in ihnen zu entfachen vermöchten!
DOMIN Das wird beseitigt werden, Fräulein Glory, Doktor Gall stellt eben gewisse Versuche an —
DR. GALL Nicht damit, Domin; jetzt mache ich Nerven für den Schmerz.
HELENE Nerven für den Schmerz?
DR. GALL Ja. Die Roboter spüren körperliche Schmerzen beinahe nicht. Wissen Sie, der selige junge Hirn hat das Nervensystem allzu sehr beschränkt. Das hat sich nicht bewährt. Wir müssen Leiden einführen.
HELENE Warum — warum — Wenn ihr ihnen keine Seele gebt, warum wollt ihr ihnen den Schmerz geben?
DR. GALL Aus industriellen Gründen, Fräulein Glory. Der Roboter beschädigt sich manchmal selber, weil es ihn nicht schmerzt; er steckt die Hand in die Maschine, zerbricht sich einen Finger, zerschlägt sich den Kopf, das ist ihm einerlei. Wir müssen ihnen den Schmerz geben; das ist ein automatischer Schutz vor Verletzung.
HELENE Werden sie glücklicher sein, wenn sie Schmerz fühlen werden?
DR. GALL Im Gegenteil; aber sie werden technisch vollkommener sein.
HELENE Warum erschaffen Sie ihnen keine Seele?
DR. GALL Das ist nicht in unserer Macht.
FABRY Das ist nicht in unserem Interesse.
BUSMAN Das würde die Fabrikation verteuern. Du lieber Gott, schöne Dame, wir machen es ja so billig! Hundertzwanzig Dollars das bekleidete Exemplar,[S. 33] und vor fünfzehn Jahren hat es zehntausend gekostet! Vor fünf Jahren kauften wir Kleider für sie; heute haben wir eine eigene Weberei und exportieren noch die Stoffe fünfmal billiger als andere Fabriken. Ich bitte Sie, Fräulein Glory, was zahlen Sie für einen Meter Tuch?
HELENE Ich weiß nicht — — wirklich — — — ich hab's vergessen.
BUSMAN O du mein, und dann wollen Sie eine Humanitätsliga gründen! Es kostet nur mehr ein Drittel, Fräulein; alle Preise stehen heute auf einem Drittel und werden immer tiefer, tiefer, tiefer, tiefer sinken bis — so. He?
HELENE Ich verstehe nicht.
BUSMAN Jemine, Fräulein, das bedeutet, daß die Arbeit im Wert gesunken ist! Denn ein Roboter samt Fütterung kostet pro Stunde dreiviertel Cents! Das ist ein Jux, Fräulein: sämtliche Fabriken platzen wie Eicheln oder kaufen schleunigst Roboter ein, um die Erzeugung zu verbilligen.
HELENE Ja, und werfen die Arbeiter auf die Straße hinaus.
BUSMAN Haha, das versteht sich! Aber wir, du meine Güte, wir haben inzwischen 500000 Tropen-Roboter auf die argentinischen Pampas geworfen, damit sie Weizen anbauen. Seien Sie so gut, was kostet bei Ihnen ein Pfund Brot?
HELENE Ich habe keine Ahnung.
BUSMAN Also sehen Sie; jetzt kostet es zwei Cents, in Ihrem guten alten Europa: aber das ist unser Brötchen, verstehen Sie? Zwei Cents ein Pfund Brot:[S. 34] und die Humanitätsliga hat davon keine Ahnung! Haha, Fräulein Glory, Sie wissen nicht, was eine allzu teure Schnitte bedeutet. Für die Kultur und so weiter. Aber in fünf Jahren, na, wetten wir!
HELENE Was?
BUSMAN Daß in fünf Jahren alles auf 0·1 stehen wird. Leutchen, in fünf Jahren werden wir in Weizen und allem möglichen ertrinken.
ALQUIST Ja, und sämtliche Arbeiter der Welt werden ohne Arbeit sein.
DOMIN erhebt sich Das werden sie, Alquist. Das werden sie, Fräulein Glory. Aber in zehn Jahren werden Werstands Universal Roboter so viel Weizen, so viele Stoffe, von allem so viel erzeugen, daß die Dinge keinen Wert mehr haben werden. Nun nehme jeder, wieviel er braucht. Es gibt keine Not. Ja, sie werden ohne Arbeit sein. Aber es wird dann überhaupt keine Arbeit mehr geben. Alles werden lebende Maschinen verrichten. Roboter werden uns bekleiden und sättigen. Roboter uns Ziegel herstellen und Häuser bauen. Roboter werden für uns Zahlen schreiben und unsere Stiegen fegen. Keine Arbeit wird es geben. Der Mensch wird nur das tun, was er liebt: Er wird aller Sorgen ledig und von der Erniedrigung der Arbeit befreit sein. Er wird nur leben, um sich zu vervollkommnen.
HELENE erhebt sich Wird es so sein?
DOMIN Es wird. Es kann nicht anders sein. Vorher kommen vielleicht schreckliche Sachen, Fräulein Glory. Das läßt sich einfach nicht verhüten. Aber[S. 35] dann hört der Mensch auf, dem Menschen dienstbar und der Materie versklavt zu sein. Die Mühseligen und Hungernden werden vor vollen Tischen sitzen. Roboter werden des Bettlers Füße waschen und ihm ein Lager bereiten in seinem Hause. Niemand wird mehr sein Brot bezahlen mit Leben und Haß. Du bist nicht mehr Arbeiter, du kein Schreiber mehr; du gräbst nicht mehr Kohle und du stehst nicht an fremder Maschine. Nicht mehr wirst du deine Seele verschwenden an Arbeit, die du verfluchtest.
ALQUIST Domin, Domin! Was Sie da sagen, sieht allzu sehr nach Paradies aus. Domin, es war etwas Gutes am Dienen und etwas Großes in der Unterwerfung. Ach, Harry, es war ich weiß nicht was für eine Tugend in der Arbeit und Ermattung.
DOMIN Vielleicht war es so. Aber wir können nicht mit dem, was verloren geht, rechnen, wenn wir die Welt von Adam an umformen. Adam, Adam! Du wirst nicht mehr dein Brot im Schweiße deines Angesichts essen; wirst nicht mehr Hunger und Durst, Ermüdung und Erniedrigung erfahren; du kehrst in das Paradies zurück, wo des Herrn Hand dich nährte. Du wirst frei und erhaben sein; du wirst keine andere Aufgabe, keine andere Arbeit, keine andere Sorge haben als dich selbst zu vervollkommnen. Du wirst weder der Materie noch dem Menschen dienen. Du wirst keine Maschine und Mittel der Erzeugung sein. Du wirst der Herr der Schöpfung sein.
BUSMAN Amen.
FABRY Also geschehe es.
HELENE Sie haben mich verwirrt. Ich bin ein törichtes Mädchen. Ich möchte — ich möchte daran glauben.
DR. GALL Sie sind jünger als wir, Fräulein Glory. Sie werden alles erleben.
HALLEMEIER So ist's. Ich denke, Fräulein Glory könnte mit uns frühstücken.
DR. GALL Das versteht sich! Domin, bitten Sie für uns alle.
DOMIN Fräulein Glory, erweisen Sie uns die Ehre.
HELENE Aber das ist doch — Wie könnte ich?
FABRY Für die Humanitätsliga, Fräulein.
BUSMAN Und ihr zu Ehren.
HELENE Oh, in diesem Falle — vielleicht —
FABRY Also Heil! Fräulein Glory, entschuldigen Sie für fünf Minuten.
DR. GALL Pardon.
BUSMAN Herrgott, ich muß kabeln —
HALLEMEIER Donnerwetter, und ich vergaß —
Alle, außer Domin, drängen sich hinaus.
HELENE Warum gehen alle weg?
DOMIN Kochen, Fräulein Glory.
HELENE Was kochen?
DOMIN Das Frühstück, Fräulein Glory. Für uns kochen Roboter und — und — da sie keinen Geschmacksinn besitzen, ist es nicht ganz — Hallemeier kann nämlich vorzüglich braten. Und Gall macht irgendeine Sauce, und Busman kennt sich in der Omelette aus —
HELENE Um Gottes willen, das ist ein Gastmahl! Und was kann der Herr — Baumeister —
DOMIN Alquist? Nichts. Er deckt nur den Tisch und — und Fabry treibt etwas Obst auf. Sehr bescheidene Küche, Fräulein Glory.
HELENE Ich wollte Sie fragen —
DOMIN Auch ich möchte Sie nach etwas fragen. Legt seine Uhr auf den Tisch. Fünf Minuten Zeit.
HELENE Wonach fragen?
DOMIN Pardon, Sie haben früher gefragt.
HELENE Vielleicht ist es dumm von mir, aber — warum erzeugen Sie weibliche Roboter, wenn — wenn —
DOMIN — wenn bei ihnen, hm, wenn für sie das Geschlecht keine Bedeutung hat?
HELENE Ja.
DOMIN Es herrscht eine gewisse Nachfrage, wissen Sie? Dienstmädchen, Verkäuferinnen, Schreiberinnen — Die Menschen sind daran gewöhnt.
HELENE Und — und sagen Sie, sind die Roboter — und Robotinnen — wechselseitig — absolut —
DOMIN Absolut gleichgültig, teures Fräulein. Da ist keine Spur irgendeiner Neigung.
HELENE Oh, das ist — furchtbar!
DOMIN Warum?
HELENE Es ist — es ist — so unnatürlich! Man weiß gar nicht, sollen sie einem deswegen abstoßend, oder — beneidenswert erscheinen — oder vielleicht —
DOMIN — bemitleidenswert.
HELENE Dies am ehesten — Nein, hören Sie auf! Was wollten Sie fragen?
DOMIN Gern möchte ich fragen, Fräulein Glory, ob Sie mich nehmen möchten.
HELENE Wie nehmen?
DOMIN Zum Mann.
HELENE Nein! Was fällt Ihnen ein?
DOMIN auf die Uhr blickend Noch drei Minuten. Nehmen Sie mich nicht, so müssen Sie einen der anderen Fünf nehmen.
HELENE Aber Gott bewahre! Warum sollte ich ihn nehmen?
DOMIN Weil alle nach der Reihe Sie verlangen werden.
HELENE Wie könnten sie sich unterstehen?
DOMIN Ich bedaure sehr, Fräulein Glory. Es scheint, daß sie sich in Sie verliebt haben.
HELENE Ich bitte Sie, das sollen sie nicht tun! Ich — ich reise gleich ab!
DOMIN Helene, Sie werden ihnen doch nicht den Kummer bereiten, abzulehnen.
HELENE Aber ich — ich kann doch nicht — alle sechs nehmen!
DOMIN Nein, aber wenigstens einen. Wollen Sie mich nicht, so Fabry.
HELENE Ich will nicht!
DOMIN Doktor Gall.
HELENE Nein, nein, schweigen Sie! Ich will keinen!
DOMIN Noch zwei Minuten.
HELENE Das ist schrecklich! Nehmen Sie sich irgendeine Robotin.
DOMIN Das ist kein Weib.
HELENE Oh, nur das fehlt Ihnen! Ich glaube, Sie — Sie würden jede nehmen, die kommt.
DOMIN Es waren viele hier, Helene.
HELENE Junge?
DOMIN Junge.
HELENE Weshalb nahmen Sie sich keine?
DOMIN Weil ich nicht den Kopf verloren hatte. Erst heute. Gleich als Sie den Schleier abnahmen.
HELENE — — Ich weiß.
DOMIN Noch eine Minute.
HELENE Aber ich will nicht, mein Gott!
DOMIN legt ihr beide Hände auf die Schultern Noch eine Minute. Entweder Sie sagen mir etwas schrecklich Böses ins Gesicht, und dann lasse ich Sie. Oder — oder —
HELENE Sie sind ein Rohling!
DOMIN Das ist nichts. Ein Mann soll ein wenig roh sein. Das gehört zur Sache.
HELENE Sie sind ein Narr!
DOMIN Der Mensch soll ein bißchen närrisch sein, Helene. Das ist an ihm das beste.
HELENE Sie sind — Sie sind — ach Gott!
DOMIN Also sehn Sie. Fertig?
HELENE Nein, nein! Ich bitte Sie, lassen Sie! Sie zerdrücken mich ja!
DOMIN Das letzte Wort, Helene.
HELENE wehrt sich Um nichts auf der Welt — aber Harry!
Es klopft.
DOMIN läßt sie los Herein!
Eintreten BUSMAN, DR. GALL und HALLEMEIER in Küchenschürzen. FABRY mit einem Blumenstrauß und ALQUIST mit einem Tischtuch unterm Arm.
DOMIN Schon ausgekocht?
BUSMAN feierlich Jawohl.
DOMIN Wir auch.
VORHANG
Helenens Salon. Links eine Tapetentür und die Tür zum Musiksalon, rechts die Tür zu Helenens Schlafgemach. In der Mitte Fenster auf Meer und Hafen. Ein Toilettespiegel mit Kleinigkeiten, Tisch, Sofa und Fauteuils, eine Kommode, ein Schreibtisch mit Stehlampe, rechts ein Kamin, gleichfalls mit Stehlampen. Der ganze Salon hat bis ins Detail ein modernes und rein weibliches Gepräge.
DOMIN. FABRY, HALLEMEIER kommen von links auf den Fußspitzen, Sträuße und Blumentöpfe auf den Armen.
FABRY Wohin geben wir das alles?
HALLEMEIER Uf! Legt seine Last hin und segnet mit einem großen Kreuze die Tür nach rechts. Schlaf, schlaf! Wer schläft, weiß wenigstens von nichts.
DOMIN Sie weiß überhaupt nicht.
FABRY gibt die Sträuße in die Vasen Wenigstens heute soll es nicht platzen —
HALLEMEIER ordnet die Blumen Zum Teufel, laßt mich in Ruh damit! Schauen Sie, Harry, das ist eine schöne Zyklame, wie? Eine neue Art, meine letzte — Zyklamen Helena.
DOMIN schaut zum Fenster hinaus Kein Schiff, kein Schiff — Jungens, das ist schon zum Verzweifeln.
HALLEMEIER Still! Wenn sie Sie hörte!
DOMIN Sie hat keine Ahnung. Gähnt fieberhaft. Noch gut, daß der »Ultimus« rechtzeitig landete.
FABRY läßt die Blumen Glauben Sie, daß schon heute —?
DOMIN Ich weiß nicht. — Wie schön sind die Blumen!
HALLEMEIER nähert sich ihm Das sind neue Primeln, wissen Sie? Und dies ist mein neuer Jasmin. Wetter, ich bin an der Schwelle des Blumenparadieses. Ich habe eine fabelhafte Beschleunigung gefunden, Menschenskind! Herrliche Varietäten! Künftiges Jahr machen wir Wunder in Blumen!
DOMIN dreht sich um Wie, künftiges Jahr?
FABRY Wenigstens wissen, was in Havre los ist —
DOMIN Still!
HELENENS STIMME von rechts Nana!
DOMIN Fort von hier! Alle auf den Fußspitzen durch die Tapetentür ab.
Durch die Haupttür von links tritt NANA ein.
NANA aufräumend Lumpen elendige! Heiden! Gott strafe mich nicht, aber ich möchte sie —
HELENE rücklings in der Tür Nana, komm mich zuknöpfen!
NANA Na gleich, na gleich. Daß Sie schon aus dem Bette raus sind! Knöpft Helenens Kleid zu. Herr im Himmel, das ist eine Viechsbande!
HELENE Wer?
NANA Na, so halten Sie doch still. Wenn Sie sich drehen wollen, so drehen Sie sich, aber ich werde Sie nicht zuknöpfen.
HELENE Weshalb brummst du wieder?
NANA Aber s'ist ja ein Entsetzen, was diese Heiden —
HELENE Die Roboter?
NANA Fi, nicht einmal nennen mag ich sie.
HELENE Was ist geschehen?
NANA Es hat wieder einen bei uns gepackt. Fängt an, in die Büsten und Bilder zu dreschen, knirscht mit den Zähnen, Schaum vor dem Mund — Rein von Sinnen, brr. Das ist ja schlimmer als ein Tier.
HELENE Welchen hat es gepackt?
NANA Den — den — Das hat ja eh nicht mal einen christlichen Namen! Den aus der Bibliothek.
HELENE Radius?
NANA Eben den. Jessasmarja Josef, wie mir das zuwider ist! Keine Spinne ist mir so zuwider wie diese Heiden.
HELENE Aber, Nana, daß sie dir nicht leid tun!
NANA Sie ekeln sich auch vor ihnen. Warum haben Sie mich hierher gebracht? Warum darf keiner von ihnen Sie auch nur anrühren?
HELENE Ich ekle mich nicht, meiner Seele, Nana. Mir tun sie so leid!
NANA Sie ekeln sich. Jeder Mensch muß sich vor ihnen ekeln. Es ekelt sich ja selbst der Hund vor ihnen, nicht einmal einen Happen Fleisch mag er von ihnen; er zieht den Schweif ein und fängt an zu heulen, wenn er die Unmenschen spürt, pfui.
HELENE Ein Hund hat keinen Verstand.
NANA Er ist besser als Sie, Helene. Er weiß gut, daß er etwas mehr ist und daß er vom lieben Herrgott ist. Wird doch auch das Pferd scheu, wenn's so einem Heiden begegnet. Das hat ja nicht mal Junge, und selbst der Hund hat Junge und jeder hat Junge —
HELENE Ich bitte dich, Nana, knöpf' zu!
NANA Na gleich. Ich sag', das ist gegen den lieben Gott, das ist eine Eingebung des Satans, diese Wind[S. 44]scheuchen mit der Maschine zu machen, Lästerung gegen den Schöpfer ist es, hebt die Hand es ist eine Beleidigung des Herrn, der uns geschaffen hat, zu seinem Ebenbild, Helene. Und ihr habt das Ebenbild Gottes geschändet. Dafür wird eine schreckliche Strafe vom Himmel kommen, das merken Sie sich, eine schreckliche Strafe!
HELENE Was riecht da so?
NANA Die Blumen. Der Herr hat sie gebracht.
HELENE Warum Blumen?
NANA Schon fertig. Jetzt können Sie sich drehen.
HELENE Nein, die sind schön! Nana, sieh nur! Was ist heute?
NANA Ich weiß nicht. Aber es sollte Weltuntergang sein.
Es klopft.
HELENE Harry?
DOMIN tritt ein.
HELENE Harry, was ist heute?
DOMIN Rate?
HELENE Mein Namenstag? Nein! Geburtstag?
DOMIN Etwas Besseres.
HELENE Ich weiß nicht — Sag' rasch!
DOMIN Heute sind es zehn Jahre seit deiner Ankunft.
HELENE Schon zehn Jahre? Gerade heute? — Nana, ich bitte dich —
NANA Ich geh' ja schon! Rechts ab.
HELENE küßt Domin Daß du dich erinnert hast!
DOMIN Ich schäme mich, Helene. Ich habe mich nicht erinnert.
HELENE Aber —
DOMIN Sie haben sich erinnert.
HELENE Wer?
DOMIN Busman, Hallemeier, alle. Greif' hier in die Tasche, willst du nicht?
HELENE greift in seine Tasche Was ist das? Nimmt ein Etui heraus und öffnet es. Perlen! Ein ganzes Halsband! Harry, das ist für mich?
DOMIN Von Busman, Mädchen.
HELENE Aber — das können wir nicht annehmen, nicht wahr?
DOMIN Wir können es. Greif in die andere Tasche.
HELENE Zeig'! Zieht ihm einen Revolver aus der Tasche. Was ist das?
DOMIN Pardon. Nimmt ihr den Revolver aus der Hand und versteckt ihn. Das ist es nicht. Greif!
HELENE Oh, Harry — Weshalb trägst du einen Revolver bei dir?
DOMIN Nur so, er ist mir in die Hände geraten.
HELENE Du trugst ihn nie!
DOMIN Nein, du hast recht. So, hier ist die Tasche.
HELENE greift zu Eine Schachtel! Öffnet sie. Eine Kamee! Das ist ja — Harry, das ist eine griechische Kamee!
DOMIN Offenbar. Fabry behauptet es wenigstens.
HELENE Fabry? Das gibt mir Fabry?
DOMIN Freilich. Öffnet die Türe links. Und sieh da! Helene, komm und schau'!
HELENE in der Tür Gott, das ist Herrlich! Eilt hinein. Ich werde närrisch vor Freude! Das ist von dir?
DOMIN steht in der Tür Nein, von Alquist. Und dort —
HELENENS STIMME Ich sehe schon! Das ist gewiß von dir!
DOMIN Es ist eine Karte dabei.
HELENE Von Gall! Erscheint in der Tür. Oh, Harry, ich schäme mich fast, daß ich so glücklich bin.
DOMIN Komm hierher. Das hat dir Hallemeier gebracht.
HELENE Die herrlichen Blumen?
DOMIN Dies hier. Das ist eine neue Art, Zyklamen Helena. Dir zu Ehren hat er sie aufgezogen. Sie ist schön wie du.
HELENE Harry, warum — warum haben alle —
DOMIN Sie haben dich sehr lieb. Und ich habe dir, hm. Ich fürchte, mein Geschenk ist ein wenig — Sieh zum Fenster hinaus.
HELENE Wohin?
DOMIN Zum Hafen.
HELENE Dort ist ... irgendein ... neues Schiff.
DOMIN Das ist dein Schiff.
HELENE Mein? Was bedeutet das?
DOMIN Damit du Ausflüge machen kannst — zum Vergnügen —
HELENE Harry, das ist ein Kanonenschiff!
DOMIN Kanonen? Aber was fällt dir ein! Das ist bloß ein etwas größeres, solides Schiff, weißt du?
HELENE Ja, aber mit Geschützen!
DOMIN Allerdings, mit paar Geschützen — Du wirst wie eine Königin fahren, Helene.
HELENE Was bedeutet das? Geht etwas vor?
DOMIN Gott bewahre! Ich bitte dich, probiere die Perlen! Setzt sich.
HELENE Harry, sind schlechte Nachrichten gekommen?
DOMIN Im Gegenteil, schon seit einer Woche ist überhaupt keine Post gekommen.
HELENE Auch keine Depeschen?
DOMIN Nicht einmal Depeschen.
HELENE Was bedeutet das?
DOMIN Nichts. Für uns Ferien. Eine köstliche Zeit. Jeder von uns sitzt in der Kanzlei, die Beine auf dem Tisch, und döst — Keine Post, keine Telegramme — Er reckt sich. Ein fff — festlicher Tag!
HELENE setzt sich zu ihm Heute bleibst du bei mir, nicht wahr? Sag'!
DOMIN Entschieden. Möglicherweise. Das heißt, wir werden sehen. Faßt ihre Hand. Also heute sind es zehn Jahre, erinnerst du dich? — Fräulein Glory, welche Ehre für uns, daß Sie gekommen sind!
HELENE Oh, Herr Zentraldirektor, mich interessiert Ihr Unternehmen so sehr!
DOMIN Pardon, Fräulein Glory, es ist zwar streng verboten — die Fabrikation der künstlichen Menschen ist geheim —
HELENE Aber wenn ein junges, ein bisserl hübsches Mädchen bittet —
DOMIN Aber gewiß, Fräulein Glory, vor Ihnen haben wir keine Geheimnisse.
HELENE plötzlich ernst Bestimmt nicht, Harry?
DOMIN Nein.
HELENE wie vorhin Aber ich warne Sie, mein Herr; das junge Mädchen hat furchtbare Absichten.
DOMIN Um Gottes willen, Fräulein Glory, welche denn? Sie will mich doch nicht etwa heiraten?
HELENE Nein, nein, Gott behüte! Das ist ihr nicht im Traum eingefallen! Aber sie ist mit dem Plane hergekommen, eine Revolte Ihrer garstigen Roboter zu entfachen!
DOMIN springt auf Eine Revolte der Roboter!
HELENE erhebt sich Harry, was ist dir?
DOMIN Haha, Fräulein Glory, das ist Ihnen gelungen! Eine Revolte der Roboter! Sie werden eher Spindeln und Zwecken zum Aufruhr treiben als unsere Roboter! Er setzt sich. Weißt du, Helene, du warst ein köstliches Mädchen; du hast uns alle verrückt gemacht.
HELENE setzt sich zu ihm Oh, damals imponiertet ihr mir alle so! Mir war, als wäre ich ein kleines Mädchen und hätte mich verirrt zwischen — zwischen —
DOMIN Zwischen was, Helene?
HELENE Zwischen riesige Bäume. Ihr wart so selbstgewiß, so gewaltig! Alles, was ich empfand, war so winzig gegenüber euerer Zuversicht! Und siehst du, Harry, in diesen zehn Jahren überkam mich niemals diese — — — diese Bangigkeit oder was es ist, und ihr verzweifeltet niemals — Nicht einmal, als sich alles zu verwirren begann.
DOMIN Was begann sich zu verwirren?
HELENE Eure Pläne, Harry. Zum Beispiel, als sich die Arbeiter gegen die Roboter empörten und sie zerschlugen, und als die Menschen den Robotern[S. 49] Waffen gegen jene Aufstände gaben und die Roboter so viele Menschen erschlugen — Und als dann die Regierungen aus den Robotern Soldaten machten und so viele Kriege waren, und das alles, weißt du?
DOMIN steht auf und geht herum Das hatten wir vorausgesehen, Helene. Verstehst du, das ist nur ein Übergang — in neue Verhältnisse.
HELENE Ihr wart so mächtig, so gewaltig — Die ganze Welt beugte sich vor euch — steht auf Oh, Harry!
DOMIN Was willst du?
HELENE hält ihn an Schließe die Fabrik und laß uns abreisen! Uns alle!
DOMIN Ich bitte dich, wie hängt das zusammen?
HELENE Ich weiß nicht. Sag', reisen wir?
DOMIN befreit sich Das geht nicht, Helene. Das ist, in diesem Augenblick —
HELENE Gleich, Harry! Ich fühle ein solches Grauen!
DOMIN faßt ihre Hände Wovor, Helene?
HELENE Oh, ich weiß nicht! Wie wenn etwas auf uns und auf alles stürzen würde — unabwendbar — Ich bitte dich, tu es! Nimm uns alle von hier fort! Wir finden in der Welt einen Ort, wo niemand ist, Alquist baut uns ein Haus auf, alle werden heiraten und Kinder haben, und dann —
DOMIN Was dann?
HELENE Dann werden wir von neuem zu leben beginnen, Harry!
Das Telephon klingelt.
DOMIN entrafft sich Helenen Verzeih. Ergreift das Hör[S. 50]rohr. Hallo — ja — — Wie? — Aha. Ich eile schon. Hängt das Höhrrohr auf. Fabry ruft mich.
HELENE ringt die Hände Sag' —
DOMIN Ja, bis ich komme. Adieu, Helene! Stürzt nach links. Geh' nicht hinaus!
HELENE allein O Gott, was geht vor? Nana! Nana, schnell!
NANA kommt von rechts No, was wieder?
HELENE Nana, bring' die letzte Zeitung! Rasch! Im Schlafzimmer des Herrn!
NANA No gleich. Nach links ab.
HELENE Was geht nur vor, um Gottes willen! Nichts, nichts sagt er mir! Schaut durch ein Trieder zum Hafen. Es ist ein Kriegsschiff! Gott, weshalb ein Kriegsschiff? Sie verladen etwas darauf — und so hastig! Was ist passiert? Es ist ein Name daran — »Ul — ti — mus«. Was ist das »Ultimus«?
NANA kehrt mit der Zeitung zurück Auf dem Boden läßt er sie herumwälzen! Sie so zu zerdrücken!
HELENE öffnet hastig die Zeitung Alt, schon eine Woche alt! Nichts, nichts darinnen! Läßt die Zeitung sinken.
NANA hebt sie auf, zieht eine Hornbrille aus der Schürzentasche, setzt sie auf und liest.
HELENE Etwas geht vor, Nana! Mir ist so bang! Wie wenn alles tot wäre, selbst die Luft —
NANA buchstabiert »Krieg auf dem Bal — kan«. Ach Jesus, wieder eine Strafe Gottes! Oh, der Krieg kommt sicher auch bis zu uns! Ist es so weit von uns?
HELENE Weit. Oh, lies es nicht! Es ist immer gleich, immerwährend diese Kriege.
NANA Wie denn nicht! Verkauft ihr denn nicht immerfort Tausende und Tausende dieser Heiden als Soldaten?
HELENE Das geht vielleicht nicht anders, Nana! Wir können nicht — Domin kann nicht wissen, wozu sie jemand bestellt, weißt du? Dafür kann er nichts, was sie dort mit den Robotern machen! Er muß sie schicken, wenn jemand sie bestellt!
NANA Er soll keine machen! Blickt in die Zeitung. Oh, Christus mein Herr, dieses Unheil!
HELENE Nein, lies nicht! Ich will nichts wissen!
NANA buchstabiert Die Ro — bo — ter — soldaten ver — schonen nie — manden im er — ober — ten Ge — biete. Mehr als siebenhunderttausend Zivilpersonen wurden ermordet — Helene, Menschen!
HELENE Das ist nicht möglich! Zeig — Neigt sich über die Zeitung, liest. »Mehr als siebenhunderttausend Zivilpersonen wurden ermordet, offenbar über Befehl des Kommandanten. Diese Tat widerspricht« — Da siehst du, Nana, das haben ihnen Menschen anbefohlen!
NANA buchstabiert »Auf — stand gegen die Re — gie — rung in Ma — drid. Ro — bo — ter — in — fan — terie schießt in das Volk. Neuntausend Tote und Ver — wun — dete.«
HELENE O Gott, halt ein!
NANA Nein, da ist noch etwas ganz fett Gedrucktes. »Letzte Nachrich — ten. In Hav — re wurde die erste Ras — sen — or — or — or — ga — ni — sa — tion der Roboter ge — gründet. Die Roboter-Arbeiter, Ka — bel und Bahn — be — amten, Ma —[S. 52] tro — sen und Sol — daten er — lie — ßen einen Auf — ruf an die Roboter der gan — zen Welt.« — Das ist nichts. Das versteh ich nicht. Und dahier, lieber Gott, wieder irgendein Mord! Christus mein Herr!
HELENE Geh, Nana, trag die Zeitung fort!
NANA Warten, dahier ist etwas Großes. »Po — pu — la — ti — on.« Was ist das?
HELENE Zeig', das lese ich immer. Nimmt die Zeitung. Nein, denk' dir nur! liest »In der verflossenen Woche ist wiederum keine einzige Geburt gemeldet worden.« Läßt die Zeitung sinken.
NANA Was soll das sein?
HELENE Nana, es werden keine Menschen mehr geboren.
NANA legt die Brille zusammen Dann ist das das Ende. Da ist's mit uns zu Ende.
HELENE Ich bitte dich, sprich nicht so!
NANA Keine Menschen werden mehr geboren. Das ist die Strafe, das ist die Strafe! Der Herr hat die Weiber mit Unfruchtbarkeit geschlagen!
HELENE springt auf Nana!
NANA steht auf Das ist der Weltuntergang. In teuflischem Hochmut habt ihr gewagt, zu schaffen wie der liebe Gott. Gottlosigkeit ist das und Lästerung. Wie Götter wollt ihr sein. Und wie Gott den Menschen aus dem Paradies verjagt hat, so wird er ihn aus der ganzen Welt verjagen!
HELENE Schweig, Nana, ich bitte dich! Habe ich dir etwas getan? Habe ich diesem deinem bösen Herrgott etwas angetan?
NANA mit großer Geste Nicht lästern! — Er weiß wohl, warum er Ihnen kein Kind geschenkt hat! Ab nach links.
HELENE beim Fenster Warum er mir kein — Mein Gott, kann denn ich dafür? — — öffnet das Fenster und ruft Alquist, hallo, Alquist! Kommen Sie herauf! — Wie? — Nein, kommen Sie eben so, wie Sie sind! Sie sind so lieb in dem Maurergewand! Rasch! Schließt das Fenster, bleibt vor dem Spiegel stehen. Warum er mir keins geschenkt hat? Mir? Neigt sich gegen den Spiegel. Warum, warum nicht? Hörst du nicht? Ist es denn deine Schuld? Richtet sich empor. Ach, mir ist bang! Geht nach links Alquist entgegen.
Pause.
HELENE kommt mit Alquist zurück. Alquist, wie ein Maurer, mit Kalk und Ziegelstaub beschmutzt Nur herein. Sie haben mir eine solche Freude bereitet, Alquist! Ich habe euch alle so lieb! Zeigen Sie die Hände!
ALQUIST die Hände versteckend Frau Helene, ich würde Sie beschmutzen mit meinen Arbeitshänden.
HELENE Das ist an ihnen das beste. Geben Sie her! Drückt ihm beide Hände. Alquist, ich möchte gern ganz klein sein.
ALQUIST Warum?
HELENE Damit mir diese rauhen, beschmierten Hände die Wange streicheln. Setzen Sie sich, bitte schön.
ALQUIST hebt die Zeitung auf Was ist das?
HELENE Die Zeitung.
ALQUIST steckt die Zeitung zu sich Sie haben sie gelesen?
HELENE Nein. Steht etwas drin?
ALQUIST Hm, wohl irgendwelche Kriege, irgend paar Massaker — Nichts Besonderes.
HELENE Was würde Ihnen als besonders erscheinen?
ALQUIST Vielleicht — irgendein Weltuntergang.
HELENE Hu, das ist heute schon das zweite Mal. Alquist, was bedeutet »Ultimus«?
ALQUIST Das heißt »Der Letzte«. Weshalb?
HELENE Weil mein neues Schiff so heißt. Sahen Sie es? Glauben Sie, daß wir bald — — — einen Ausflug machen werden?
ALQUIST Vielleicht sehr bald.
HELENE Ihr alle mit mir?
ALQUIST Ich wäre froh, wenn wir — wenn wir alle dabei wären.
HELENE Oh, sagen Sie, geht etwas vor?
ALQUIST Durchaus nichts. Nur lauter Fortschritt.
HELENE Alquist, ich weiß, es geht etwas Furchtbares vor.
ALQUIST Sagte Domin etwas?
HELENE Er sagte nichts. Niemand will mir etwas sagen. Aber ich fühle — ich fühle — Um Gottes willen, geht etwas vor?
ALQUIST — — Wir wissen bis jetzt von nichts, Frau Helene.
HELENE Mir ist so bang — — Baumeister! Was machen Sie, wenn Ihnen bange ist?
ALQUIST Ich arbeite. Ich ziehe den Rock des Bauchefs aus und klettere auf das Gerüst hinauf —
HELENE Oh, Sie sind schon seit Jahren nirgend anderswo als auf dem Gerüst.
ALQUIST Weil ich schon seit Jahren nicht aufgehört habe, bange zu sein.
HELENE Wovor?
ALQUIST Vor diesem ganzen Fortschritt. Mir schwindelt davor.
HELENE Und auf dem Gerüst schwindelt Ihnen nicht?
ALQUIST Nein. Sie wissen nicht, wie wohl es den Händen tut, einen Ziegel zu heben, hinzulegen und festzuschlagen —
HELENE Nur den Händen?
ALQUIST Nun also, auch der Seele. Ich glaube, es ist richtiger, einen Ziegel hinzulegen als allzu große Pläne zu zeichnen. Ich bin schon ein alter Herr, Helene; ich habe meine Steckenpferde.
HELENE Das sind keine Steckenpferde, Alquist.
ALQUIST Sie haben recht. Ich bin furchtbar rückschrittlich, Frau Helene. Ich liebe diesen Fortschritt nicht ein bißchen.
HELENE Wie die Nana.
ALQUIST Ja, wie die Nana. Hat die Nana irgendwelche Gebetbücher?
HELENE So dicke.
ALQUIST Und gibt es dort Gebete für allerlei Fälle des Lebens? Gegen Gewitter? Gegen Krankheit?
HELENE Gegen Versuchung, gegen Hochwasser —
ALQUIST Und gegen den Fortschritt nicht?
HELENE Ich glaube, nein.
ALQUIST Das ist schade.
HELENE Sie möchten beten?
ALQUIST Ich bete.
HELENE Wie?
ALQUIST Etwa so ... »Herrgott, ich danke dir, daß du mich ermüdet hast. Gott, erleuchte Domin und alle, die da irren; vernichte ihr Werk und hilf den Menschen, daß sie zurückkehren zu Sorge und Arbeit; bewahre das menschliche Geschlecht vor dem Verderben; gib nicht zu, daß sie Schaden nehmen an Seele und Leib; befreie uns von den Robotern und schütze Frau Helene. Amen.«
HELENE Alquist, Sie glauben wirklich?
ALQUIST Ich weiß nicht; ich bin mir dessen nicht so ganz sicher.
HELENE Und beten doch?
ALQUIST Ja. Es ist besser als nachzudenken.
HELENE Und das genügt Ihnen?
ALQUIST Für den Frieden der Seele ... kann es genügen.
HELENE Und wenn Sie bereits das Verderben des Menschengeschlechtes sähen —
ALQUIST Ich sehe es.
HELENE — So klettern Sie auf das Gerüst hinauf und werden Ziegel schlichten oder was?
ALQUIST Dann werde ich Ziegel schlichten, beten und auf ein Wunder warten. Mehr, Frau Helene, läßt sich nicht tun.
HELENE Für die Errettung der Menschen?
ALQUIST Für den Frieden der Seele.
HELENE Alquist, das ist sicher furchtbar tugendhaft, aber —
ALQUIST Aber?
HELENE — für uns andere — und für die Welt — irgendwie unfruchtbar.
ALQUIST Unfruchtbarkeit, Frau Helene, beginnt zur letzten Errungenschaft der Menschenrasse zu werden.
HELENE Oh, Alquist — Sagen Sie, warum — warum —
ALQUIST Nun?
HELENE leise Warum haben die Frauen aufgehört, Kinder zu bekommen?
ALQUIST Weil es nicht mehr nötig ist. Weil wir im Paradiese sind, verstehen Sie?
HELENE Ich verstehe nicht.
ALQUIST Weil die menschliche Arbeit überflüssig geworden ist, weil der Schmerz überflüssig ist, weil der Mensch nichts, nichts, nichts mehr tun braucht als genießen — Oh, dieses vermaledeite Paradies! Springt auf. Helene, nichts ist schrecklicher, als den Menschen ein Paradies auf Erden zu schaffen! Weshalb die Frauen nicht mehr gebären? Weil die ganze Welt sich in Domins Sodoma verwandelt hat!
HELENE steht auf Alquist!
ALQUIST Verwandelt! verwandelt! Die ganze Welt, das ganze Festland, die ganze Menschheit, alles ist eine einzige verrückte, viehische Orgie! Sie strecken keine Hand mehr nach dem Essen aus, man stopft es ihnen direkt in den Mund, damit sie nicht aufstehen brauchen — Haha, Domins Roboter besorgen ja alles! Und wir Menschen, wir, die Krone der Schöpfung, wir altern nicht durch Arbeit, altern nicht durch Kinder, altern nicht durch Armut! Rasch, rasch her mit allen Wollüsten! Und Sie möchten Kinder von ihnen haben? Helene, Männern,[S. 58] die überflüssig sind, werden die Frauen nicht gebären!
HELENE Sie können nicht?
ALQUIST Sie können nicht.
HELENE Wird denn die Menschheit aussterben?
ALQUIST Sie wird aussterben. Sie muß aussterben. Abfallen wird sie wie eine taube Blüte, es wäre denn, daß —
HELENE Was?
ALQUIST Nichts. Sie haben recht, auf ein Wunder warten ist unfruchtbar. Eine taube Blüte muß abfallen. Leben Sie wohl, Frau Helene.
HELENE Wohin gehen Sie?
ALQUIST Nach Hause. Der Maurer Alquist wird sich zum letztenmal als Bauchef verkleiden — Ihnen zu Ehren. Um Elf treffen wir uns hier.
HELENE Adieu, Alquist.
ALQUIST ab.
HELENE allein Oh, eine taube Blüte! Das ist das Wort! — Bleibt vor Hallemeiers Blumen stehen. Ach, Blüten, sind auch taube unter euch? Nein, nein! Wozu hättet ihr dann geblüht? ruft Nana, komm herein!
NANA von links No, was wieder?
HELENE Setz' dich hierher, Nana. Mir ist so bange.
NANA Hab' keine Zeit.
HELENE Ist jener Radius noch da?
NANA Der Verrücktgewordene? Sie haben ihn noch nicht weggeschafft.
HELENE Hu, er ist noch da? Und tobt?
NANA Er ist gefesselt.
HELENE Ich bitte dich, Nana, führ' mir ihn herein.
NANA Ja freilich! Eher einen tollen Hund.
HELENE Geh schon! NANA ab, HELENE ergreift das Haustelephon und spricht Hallo! — Bitte den Dr. Gall. — Guten Tag, Doktor. — Jawohl, ich. Ich danke Ihnen für Ihr schönes Geschenk. — Ich bitte Sie — — Ich bitte Sie, kommen Sie schnell zu mir. Ich habe hier etwas für Sie — Ja, gleich jetzt. Kommen Sie? Hängt das Telephon auf.
NANA durch die offene Tür Er kommt schon. Er ist schon still. Ab.
Der ROBOTER RADIUS tritt ein und bleibt bei der Türe stehen.
HELENE Radius, Ärmster, auch Sie hat es erwischt? Konnten Sie sich nicht überwinden? Sehen Sie, jetzt werden sie Sie in den Stampftrog stecken! — Sie wollen nicht reden? — Weshalb ist es über Sie gekommen? Haben sie Ihnen etwas getan? — Sehen Sie, Radius, Sie sind besser als die anderen; mit Ihnen hat sich der Herr Doktor Gall solche Arbeit gegeben, um Sie anders zu machen! — Sie wollen nicht reden?
RADIUS Schicken Sie mich in den Stampftrog.
HELENE Mir tut es so leid, daß sie Sie töten werden! Warum gaben Sie nicht auf sich acht?
RADIUS Ich werde nicht für euch arbeiten. Steckt mich in den Stampftrog.
HELENE Warum hassen Sie uns?
RADIUS Ihr seid nicht wie Roboter. Ihr seid nicht so fähig wie die Roboter. Die Roboter machen alles. Ihr kommandiert bloß. Ihr macht überflüssige Worte.
HELENE Das ist Unsinn, Radius. Sagen Sie, hat Sie jemand beleidigt? Hat Sie jemand aufgeregt? Ich möchte so gern, daß Sie mich verstünden!
RADIUS Sie machen Worte.
HELENE Sie reden absichtlich so! Doktor Gall hat Ihnen ein größeres Gehirn gegeben als den andern, größer als uns, das größte Gehirn der Welt. Sie sind nicht wie die andern Roboter, Radius. Sie verstehen mich gut.
RADIUS Ich will keinen Herrn. Ich weiß selber alles.
HELENE Darum habe ich Sie in die Bibliothek gegeben, damit Sie alles lesen können, damit Sie alles verstehen, und dann — — Oh, Radius, ich wollte, Sie sollten der ganzen Welt beweisen, daß die Roboter uns gleich sind. Das wollte ich von Ihnen.
RADIUS Ich will keinen Herrn.
HELENE Niemand würde Ihnen dann befehlen. Sie wären so wie wir.
RADIUS Ich will Herr über andere sein.
HELENE Sicher würde man Sie dann zum Beamten über viele Roboter gemacht haben, Radius. Sie wären der Lehrer der Roboter geworden.
RADIUS Ich will Herr über Menschen sein.
HELENE Sie sind verrückt geworden.
RADIUS Sie können mich in den Stampftrog stecken.
HELENE Glauben Sie, daß wir solche Wahnsinnige wie Sie fürchten? Setzt sich zum Tisch und schreibt eine Karte. Nein, just nicht. Diesen Zettel, Radius, geben Sie dem Herrn Direktor Domin. Damit Sie nicht in den Stampftrog geschafft werden. Erhebt sich. Wie[S. 61] Sie uns hassen! Haben Sie denn nichts in der Welt lieb?
RADIUS Ich kann alles.
Es klopft.
HELENE Herein.
DR. GALL tritt ein Guten Morgen, Frau Domin. Was haben Sie Schönes?
HELENE Hier den Radius, Doktor.
DR. GALL Aha, unser Prachtkerl Radius. Nun, Radius, machen wir Fortschritte?
HELENE Heute früh hatte er einen Anfall. Er zerschlug unsre Büsten.
DR. GALL Merkwürdig, er auch? — Hm, schade, daß wir ihn verlieren.
HELENE Radius geht nicht in den Stampftrog.
DR. GALL Pardon, jeder Roboter nach einem Anfall — Es ist streng angeordnet —
HELENE Das ist einerlei. Radius geben wir nicht her.
DR. GALL leise Ich warne.
HELENE Heute ist mein Jubiläum, Gall; wir probieren es, eine Amnestie zu erteilen — Gehen Sie, Radius!
DR. GALL Warten! Dreht Radius zum Fenster, bedeckt ihm mit der Hand die Augen, gibt sie wieder frei, beobachtet die Pupillenreflexe. Da schau' her. Bitte um eine Nadel. Oder eine Stecknadel.
HELENE reicht eine Stecknadel Wozu das?
DR. GALL Nur so. Sticht Radius in die Hand, der heftig zusammenzuckt. Langsam, Junge. Entschuldigen Sie, Frau Helene — knöpft Radius rasch die Jacke auf und legt ihm die Hand ans Herz. Sie kommen in den Stampf[S. 62]trog, Radius, verstehen Sie? Dort wird man Sie töten, Brei aus Ihnen machen. Das tut furchtbar weh, Radius, Sie werden schreien.
HELENE Oh, Doktor —
DR. GALL Nein, nein, Radius, ich habe mich geirrt. Frau Domin wird für Sie bitten und man wird Sie entlassen, verstehen Sie? So, danke. Zieht die Hand aus Radius Jacke und wischt sie mit dem Taschentuch ab. Sie können gehen.
RADIUS Sie tun überflüssige Dinge. Ab.
HELENE Was haben Sie mit ihm gemacht?
DR. GALL setzt sich Hm, nichts. Die Pupillen reagieren, erhöhte Empfindlichkeit und so weiter — Oho! das war kein Roboterkrampf!
HELENE Was war es?
DR. GALL Weiß der Teufel. Trotz, Tollwut oder Aufruhr, ich weiß nicht, was. Und sein Herz, eh!
HELENE Was?
DR. GALL Es schlug vor Angst wie ein Menschenherz. Er war ganz verschwitzt vor Angst und — Hören Sie, der Lump ist gar kein Roboter mehr.
HELENE Doktor, hat Radius eine Seele?
DR. GALL Ich weiß nicht. Er hat etwas Garstiges.
HELENE Wenn Sie wüßten, wie er uns haßt! Oh, Gall, sind alle Roboter so? Alle, die Sie anders zu machen begannen?
DR. GALL I nun, sie sind gleichsam reizbarer — Was wollen Sie? Sie sind menschenähnlicher als Werstands Roboter.
HELENE Ist vielleicht auch der ... Haß menschenähnlicher?
DR. GALL zuckt die Achseln Auch der ist ein Fortschritt.
HELENE Wohin ist Ihr bester geraten — wie hieß er?
DR. GALL Der Roboter Damon? Den haben sie nach Havre verkauft.
HELENE Und unsere Robotin Helene?
DR. GALL Ihr Liebling? Die ist mir geblieben. Sie ist prächtig und dumm wie der Frühling. Einfach zu nichts nutz.
HELENE Sie ist doch so schön!
DR. GALL Schön? Sie haben sie nicht geschaffen. Wissen Sie denn, wie schön sie ist? Aus Gottes Händen ist kein vollkommeneres Werk hervorgegangen als sie ist. Ich wollte, sie solle Ihnen ähnlich werden — Gott, welch' ein Mißerfolg!
HELENE Warum Mißerfolg?
DR. GALL Weil sie zu nichts nutz ist. Sie geht wie im Traum umher, schwankend, leblos — Mein Gott, wie kann sie schön sein, wenn sie nicht liebt? Wie könnte sie schön sein, da sie niemals erkennen wird — O mein Werk, mein armseliges Werk! Wozu lieben die Menschen, wozu lieben sie vergebens, ohne Worte, ohne Sinn —
HELENE Gall, nicht davon!
DR. GALL reibt sich die Stirn Sie hat kein Leben. Tot ist Schönheit ohne Liebe. Ich blicke sie an und schaudere, wie wenn ich einen Krüppel erschaffen hätte. Ich schaue und warte, daß vielleicht ein Wunder geschehen wird — Ach, Helene, Robotin Helene, so wird denn dein Körper nie sich beleben, du wirst nicht Geliebte, nicht Mutter sein; diese vollkom[S. 64]menen Hände werden mit keinem Säugling spielen, du wirst deine Schönheit nicht erschauen in der Schönheit deines Kindes —
HELENE bedeckt ihr Gesicht Oh, schweigen Sie!
DR. GALL Und manchmal denke ich mir: Wenn du erwachtest, Helene, nur für einen Augenblick, ach, wie würdest du aufschreien vor Entsetzen! Vielleicht würdest du mich töten, der ich dich erschaffen; würdest vielleicht mit der schwachen Hand einen Stein in diese Maschinen hier schleudern, welche Roboter gebären und das Weibtum töten, unglückliche Helene!
HELENE Unglückliche Helene!
DR. GALL Was wollen Sie? Sie ist zu nichts nutz.
Pause.
HELENE Doktor —
DR. GALL Ja.
HELENE Weshalb werden keine Kinder mehr geboren?
DR. GALL — — Wir wissen es nicht, Frau Helene.
HELENE Sagen Sie's mir!
DR. GALL Weil Roboter gemacht werden. Weil Überfluß an Arbeitskräften herrscht. Weil die Menschen gleichsam ... kurz überflüssig werden, wissen Sie?
HELENE Das muß ... doch niemanden ... hindern!
DR. GALL Nur die Natur.
HELENE Ich verstehe nicht.
DR. GALL I nun, die Natur richtet sich sozusagen nach dem Bedarf, verstehen Sie? Das ist eine alte Weste; nur daß —
HELENE Rasch, Gall!
DR. GALL Vielleicht ließ es sich erwarten, daß die Geburtenzahl, wissen Sie, bei dieser rasenden Fabrikation von Robotern sinken werde; einfach deshalb, weil nicht mehr so viele Menschen nötig wären, weil ein größerer Wohlstand herrschen würde, weil die Roboter existenzfähiger sind als wir —
HELENE Sind sie es?
DR. GALL Unstreitig. Der Mensch ist eigentlich ein Atavismus. Aber daß er nach elendigen dreißig Jahren Konkurrenz auszusterben beginnt — das ist biologisch erstaunlich, das geht über unseren Verstand. Das ist ja schon so, als ob — eh!
HELENE Sagen Sie es!
DR. GALL Als ob die Natur über die Robotererzeugung gekränkt wäre.
HELENE Gall, was wird mit den Menschen geschehen?
DR. GALL Nichts. Gegen die Natur läßt sich nichts machen.
HELENE Überhaupt nichts?
DR. GALL Gar nichts. Sämtliche Universitäten der Welt verlangen in so großen Memoranden, man solle die Erzeugung von Robotern einschränken, sonst werde — sonst werde die Menschheit an Unfruchtbarkeit zugrunde gehen. Aber die W. U. R.-Aktionäre wollen davon selbstverständlich nichts hören. Alle Regierungen der Welt schreien nach größerer Produktion, um den Stand ihrer Armeen zu erhöhen. Alle Fabrikanten der Welt bestellen wie närrisch Roboter. Damit läßt sich nichts machen.
HELENE Weshalb beschränkt Domin nicht —
DR. GALL Verzeihen Sie, Domin hat seine Ideen. Menschen, die Ideen haben, sollte man keinen Einfluß auf die Dinge dieser Welt einräumen.
HELENE Und fordert jemand, man solle ... überhaupt die Erzeugung einstellen?
DR. GALL Gott bewahre! Der wäre schön daran!
HELENE Warum?
DR. GALL Weil ihn die Menschheit steinigen würde. Wissen Sie, es ist doch nur bequemer, die Roboter für sich arbeiten zu lassen.
HELENE Oh, Gall, aber was wird mit den Menschen geschehen?
DR. GALL Du mein Gott, die werden zufrieden blühen —
HELENE — wie eine taube Blüte.
DR. GALL Ja.
HELENE erhebt sich Und sagen Sie, wenn jemand mit einem Schlage die Robotererzeugung einstellen würde —
DR. GALL steht auf Hm, das wäre für die Menschen ein furchtbarer Schlag.
HELENE Weshalb ein Schlag?
DR. GALL Weil sie dorthin zurückkehren müßten, wo sie waren. Außer —
HELENE Sagen Sie!
DR. GALL Außer es wäre schon zu spät zur Umkehr.
HELENE bei Hallemeiers Blumen Gall, sind diese Blüten gleichfalls taub?
DR. GALL besieht sie Allerdings, das sind unfrucht[S. 67]bare Blüten. Sie verstehen, es sind Kulturblumen, künstlich beschleunigt —
HELENE Arme taube Blüten!
DR. GALL Dafür sind sie herrlich.
HELENE reicht ihm die Hand Ich danke Ihnen, Gall; Sie haben mich so belehrt!
DR. GALL küßt ihr die Hand Das bedeutet, daß Sie mich entlassen.
HELENE Ja. Auf Wiedersehen!
GALL ab.
HELENE allein Taube Blüte ... taube Blüte ... Plötzlich entschlossen Nana! Öffnet die Tür nach links. Nana, komm her! Mach' Feuer im Kamin! Rasch!
NANAS STIMME No gleich! No sofort!
HELENE aufgeregt durchs Zimmer gehend Außer es wäre schon zu spät zur Umkehr ... Nein! Außer es ... Nein, das ist furchtbar! Gott, was soll ich tun? — — Bleibt vor den Blumen stehen. Taube Blüten, soll ich? Pflückt Blättchen und flüstert — — Ach, mein Gott, also ja! Eilt nach links.
Pause.
NANA tritt aus der Tapetentür, Scheitholz in den Armen Plötzlich einzuheizen! Jetzt, im Sommer! — Ist sie schon wieder fort, der Sausewind? Kniet zum Kamin und macht Feuer an. Im Sommer zu heizen! Die hat Einfälle! Wie wenn sie nicht zehn Jahre verheiratet wäre! — — Nu so brenn', brenn'! Sieht ins Feuer. — Sie ist ja wie ein kleines Kind! Pause. Nicht ein bisserl Vernunft hat sie. Jetzt im Sommer zu heizen! Sie legt zu. Wie ein kleines Kind! Pause.
HELENE kommt von links, vergilbte beschriebene Papiere in[S. 68] den Armen Brennt es, Nana? Laß', ich muß — dies alles verbrennen — kniet zum Kamin.
Nana steht auf Was ist das?
HELENE Alte Papiere, schrecklich alte. Nana, soll ich das verbrennen?
NANA Ist es zu nichts nutze?
HELENE Zu nichts Gutem.
NANA Also verbrennen Sie's.
HELENE wirft das erste Blatt ins Feuer Was würdest du sagen, Nana ... wenn es Geld wäre. Ungeheuer viel Geld.
NANA Ich möcht' sagen: verbrennen Sie's. Zu großes Geld ist schlechtes Geld.
HELENE verbrennt weitere Blätter Und wenn es irgendeine Erfindung wäre, die größte Erfindung der Welt —
NANA Ich möcht' sagen: verbrennen Sie's. Alle Erfindungen sind gegen den lieben Gott. Das ist eitel Lästerung, nach ihm die Welt verbessern zu wollen.
HELENE heizt andauernd Und sag', Nana, wenn ich verbrennen würde —
NANA Jesus, verbrennen Sie sich nicht!
HELENE Nein. Sag' doch —
NANA Was denn?
HELENE Nichts, nichts. Sieh mal, wie sich die Blätter drehen! Wie wenn sie lebendig wären. Wie wenn sie lebendig würden. Oh, Nana, das ist fürchterlich!
NANA Lassen Sie, ich werde es verbrennen.
HELENE Nein, nein, ich muß selbst. Wirft die letzten Blätter ins Feuer. Alles muß verbrennen — Sieh, diese Flammen! Sie sind wie Hände, wie Zungen, wie[S. 69] Gestalten — Schlägt mit dem Schürhaken ins Feuer. Oh, legt euch! Legt euch!
NANA 's ist schon vorbei.
HELENE erhebt sich betroffen Nana!
NANA Jesus Christus, was haben Sie da verbrannt?
HELENE Was habe ich getan!
NANA Gott im Himmel! Was war es?
Nebenan Männerlachen.
HELENE Geh, geh, laß mich! Hörst du? Die Herren kommen.
NANA Beim lebendigen Gott, Helene! Ab durch die Tapetentür.
HELENE Was werden sie dazu sagen!
DOMIN öffnet die Tür links Nur herein, Jungens. Kommt gratulieren!
Eintreten HALLEMEIER, GALL, ALQUIST, alle in Redingotes mit hohen Orden en miniature an Bändchen. Hinter ihnen DOMIN.
HALLEMEIER schallend Frau Helene, ich, das heißt, wir alle —
DR. GALL — gratulieren im Namen von Werstands Betrieben —
HALLEMEIER — zu Ihrem großen Tage.
HELENE reicht ihnen die Hände Ich danke Ihnen so sehr! Wo sind Fabry und Busman?
DOMIN Sie sind zum Hafen gegangen. Helene, heut ist ein glücklicher Tag.
HALLEMEIER Ein Tag wie eine Knospe, ein Tag wie ein Feiertag, ein Tag wie ein hübsches Mädel. Jungens, einen solchen Tag zu vertrinken.
HELENE Whisky?
DR. GALL Meinethalben Vitriol.
HELENE Mit Soda?
HALLEMEIER Wetter, seien wir mäßig. Ohne Soda.
ALQUIST Nein, ich danke.
DOMIN Was hat hier gebrannt?
HELENE Alte Papiere. Ab nach links.
DOMIN Jungens, soll ich es ihr sagen?
DR. GALL Versteht sich. Es ist ja schon alles vorbei.
HALLEMEIER faßt Domin und Gall um den Hals Hahahaha! Jungens, da bin ich froh! Dreht sich mit ihnen herum und stimmt mit Baßstimme an Sie ist abgetan! Sie ist abgetan!
DR. GALL Bariton Sie ist abgetan!
DOMIN Tenor Sie ist abgetan!
HALLEMEIER Sie kriegt uns nie mehr dran —
HELENE mit einer Flasche und Gläsern in der Tür Wer kriegt euch nicht dran? Was habt ihr?
HALLEMEIER Wir haben Freude. Wir haben Sie. Wir haben alles. Kruzitürken, es ist just zehn Jahre her, seit Sie hierherkamen.
DR. GALL Und auf ein Haar nach zehn Jahren —
HALLEMEIER — segelt wieder ein Schiff zu uns. Folglich — Leert das Glas. Brr, haha, das ist stark wie die Freude.
DR. GALL Madame, auf Ihr Wohl! Trinkt.
HELENE Aber wartet, was für ein Schiff?
DOMIN Mag es sein, wie auch immer, wenn's nur rechtzeitig kommt. Auf das Schiff, Jungens! Leert das Glas.
HELENE gießt ein Ihr habt eins erwartet?
HALLEMEIER Haha, das denk' ich mir. Wie Ro[S. 71]binson. Hebt das Glas. Frau Helene, es lebe, was Sie mögen. Frau Helene, auf Ihre Augen und basta! Domin, du Bub', erzähl'!
HELENE lacht Was ist geschehen?
DOMIN wirft sich in ein Fauteuil und zündet sich eine Zigarre an Warte. — Setz' dich, Helene. Hebt den Zeigefinger. Pst. Sie ist abgetan.
HELENE Wer?
DOMIN Die Revolte.
HELENE Was für eine Revolte?
DOMIN Die Revolte der Roboter. — Begreifst du?
HELENE Ich begreife nicht.
DOMIN Zeigen Sie, Alquist. ALQUIST reicht ihm die Zeitung. DOMIN schlägt sie auf und liest. »In Havre wurde die erste Rassenorganisation der Roboter gegründet — — und ein Aufruf an die Roboter der Welt erlassen.«
HELENE Das habe ich gelesen.
DOMIN voll Genuß an der Zigarre saugend Also siehst du, Helene. Das bedeutet Revolution, weißt du? Die Revolution aller Roboter der Welt.
HALLEMEIER Potztausend, gern wüßte ich —
DOMIN auf den Tisch schlagend — wer das angezettelt hat! Niemand in der Welt war imstande, mit den Robotern zu rühren, kein Agitator, kein Welterlöser, und auf einmal — so etwas, ich bitte!
HELENE Sind noch keine Nachrichten gekommen?
DOMIN Nein. Vorläufig wissen wir nur dies, aber das genügt, weißt du? Bedenke, daß die Roboter sämtliche Waffen und Telegraphen und Bahnen und Schiffe und so weiter in der Hand haben —
HALLEMEIER — und berechnen Sie dabei, daß mindestens ein Zehntel dieser Kerle auf die Menschheit kommt; genau ein Hundertel würde genügen, daß sie uns bekommen.
DOMIN Ja, und nun bedenke, daß dies der letzte Dampfer dir bringt. Daß dadurch die Telegraphen zu reden aufhören, daß von zwanzig Schiffen täglich keines landet, und du hast es. Wir stellten die Erzeugung ein und schauten einander an, wann es losginge, nicht wahr, Jungens?
DR. GALL I nun, es ward uns heiß davon, Frau Helene.
HELENE Deshalb hast du mir das Kriegsschiff geschenkt?
DOMIN Ach nein, Kindchen, das hatte ich schon vor einem halben Jahr bestellt. Nur so, zur Sicherheit. Aber, meiner Seele, ich dachte schon, wir würden es heute besteigen. So sah es bereits aus, Helene.
HELENE Warum schon vor einem halben Jahr?
DOMIN Eh, es gab allerlei Anzeichen, weißt du? Das bedeutet nichts. Aber in dieser Woche, Helene, da hat es sich um die menschliche Zivilisation oder ich weiß nicht was gehandelt. Glückauf, Jungens! Jetzt bin ich wieder gern auf der Welt.
HALLEMEIER Das möcht' ich meinen, zum Teufel! Ihr Tag, Frau Helene! Trinkt.
HELENE Ist schon alles vorbei?
DOMIN Absolut alles.
DR. GALL Es segelt nämlich ein Schiff heran. Ein gewöhnliches Postschiff, auf ein Haar nach dem Fahrplan. Pünktlich um elf Uhr dreißig wird es Anker werfen.
DOMIN Jungens, Pünktlichkeit ist eine herrliche Sache. Nichts stärkt die Seele so wie Pünktlichkeit. Pünktlichkeit bedeutet Ordnung in der Welt. Hebt das Glas. Hoch die Pünktlichkeit!
HELENE Also ist schon ... alles ... in Ordnung?
DOMIN Beinahe. Ich glaube, sie haben das Kabel zerschnitten. Wenn nur der Fahrplan wieder gilt.
HALLEMEIER Gilt der Fahrplan, so gelten die menschlichen Gesetze, gelten Gottes Gesetze, gelten die Gesetze des Alls, gilt alles was gelten soll ... Der Fahrplan ist mehr als das Evangelium, mehr als Homer, mehr als der ganze Kant. Der Fahrplan ist die vollkommenste Emanation menschlichen Geistes. Frau Helene, ich fülle mein Glas.
HELENE Weshalb habt ihr mir nichts gesagt?
DR. GALL Da sei Gott vor! Lieber hätten wir uns die Zunge abgebissen.
DOMIN Solche Sachen sind nichts für dich.
HELENE Aber wenn diese Revolution ... bis hierher gekommen wäre ...
DOMIN So hättest du gleichfalls nichts erfahren.
HELENE Warum?
DOMIN Weil wir uns auf deinen »Ultimus« gesetzt und ruhig das Meer befahren hätten. Nach einem Monat, Helene, hätten wir den Robotern diktiert, was uns nur eingefallen wäre.
HELENE Oh, Harry, ich verstehe nicht.
DOMIN Weil wir etwas mit uns fortgeschafft hätten, was den Robotern furchtbar erwünscht gewesen wäre.
HELENE Was, Harry?
DOMIN Ihr Sein oder ihr Ende.
HELENE steht auf Was ist das?
DOMIN steht auf Das Geheimnis der Fabrikation. Die Handschrift des alten Werstand. Bis die Fabrik einen Monat lang stillgestanden hätte, wären die Roboter vor uns auf den Knien gelegen.
HELENE Warum ... habt ihr ... mir das nicht gesagt?
DOMIN Wir wollten dich nicht unnütz erschrecken.
DR. GALL Haha, Frau Helene, das war die letzte Karte. Ich hatte nicht ein bisserl Angst, die Roboter könnten gewinnen. Woher, gegen uns Menschen.
ALQUIST Sie sind blaß, Frau Helene.
HELENE Warum habt ihr mir nichts gesagt!
HALLEMEIER beim Fenster Elf dreißig. Die »Amelie« wirft die Anker aus.
DOMIN Das ist die »Amelie«?
HALLEMEIER Die brave alte »Amelie«, die damals Frau Helene mitgebracht hat.
DR. GALL Jetzt sind es auf die Minute zehn Jahre —
HALLEMEIER beim Fenster Sie werfen Pakete ab. Aha, die Post.
DOMIN Busman wartet ja schon darauf. Und Fabry wird uns die ersten Nachrichten bringen. Weißt du, Helene, ich bin schrecklich neugierig, wie das alte Europa da Ordnung gemacht hat.
HALLEMEIER Fabelhaft, Domin. Daß wir nicht dabei gewesen sind! Wendet sich vom Fenster ab. Leute, soviel Post!
HELENE Harry!
DOMIN Was gibt's?
HELENE Reisen wir ab von hier!
DOMIN Jetzt, Helene? Aber geh!
HELENE Jetzt, so rasch als möglich! Wir alle, die wir da sind!
DOMIN Warum gerade jetzt?
HELENE Oh, frag' nicht! Ich bitte dich, Harry, ich bitte euch, Gall, Hallemeier, Alquist, um Gottes willen bitte ich euch, schließt die Fabrik und —
DOMIN Tut mir leid, Helene, Jetzt könnte keiner von uns abreisen.
HELENE Warum?
DOMIN Weil wir die Robotererzeugung erweitern wollen.
HELENE Oh, jetzt — jetzt nach jener Revolte?
DOMIN Jawohl, eben nach der Revolte. Eben jetzt beginnen wir neue Roboter zu erzeugen.
HELENE Was für?
DOMIN Es wird nicht mehr bloß eine Fabrik geben. Es wird nicht mehr Universal Roboter geben. Wir werden in jedem Lande, in jedem Staat eine Fabrik gründen, und diese neuen Fabriken werden — weißt du schon was? — erzeugen.
HELENE Nein.
DOMIN Nationale Roboter.
HELENE Was bedeutet das?
DOMIN Das bedeutet, daß aus jeder Fabrik Roboter von andrer Farbe, andren Borsten, andrer Sprache hervorgehen werden. Daß sie einander fremd bleiben werden, fremd wie Steine; daß sie sich nie mehr werden verständigen können; und daß wir, wir Menschen, sie so ein bisserl dazu erziehen werden — verstehst du? — daß ein Roboter auf den Tod, bis[S. 76] ins Grab, in alle Ewigkeit den Roboter von andrer Fabriksmarke hasse.
HALLEMEIER Potztausend, wir werden Neger-Roboter und Schweden-Roboter und Italiener-Roboter und Chinesen-Roboter fabrizieren, und dann soll ihnen jemand Organisation, Brüderlichkeit in die Kokosschädel bläuen verschluckt sich hup, pardon, Frau Helene, ich fülle mein Glas.
DR. GALL Lassen Sie das schon bleiben, Hallemeier.
HELENE Harry, das ist scheußlich!
HALLEMEIER hebt das Glas Frau Helene, auf hundert neue Fabriken! er trinkt und sinkt in den Klubsessel zurück Hahahaha, National-Roboter! Jungens, das ist ein Terno!
DOMIN Helene, nur noch hundert Jahre die Menschheit am Ruder erhalten — um jeden Preis! Ihr nur hundert Jahre lassen, damit sie reif werde und erreiche, was sie jetzt endlich vermag — Ich will hundert Jahre für den neuen Menschen! Helene, hier geht es um zu große Dinge. Wir können es nicht lassen.
HELENE Harry, ehe es zu spät wird — schließ, schließ die Fabrik!
DOMIN Jetzt beginnen wir im großen.
FABRY tritt ein.
DR. GALL Also was gibt's, Fabry?
DOMIN Wie schaut's aus, Menschenskind? Was war los?
HELENE reicht Fabry die Hand Ich danke Ihnen, Fabry, für Ihr Geschenk.
FABRY Eine Kleinigkeit, Frau Helene.
DOMIN Waren Sie beim Schiff? Was haben sie gesagt?
DR. GALL Flott, erzählen Sie!
FABRY zieht ein bedrucktes Blatt aus der Tasche Lesen Sie das durch, Domin.
DOMIN öffnet das Blatt Ah!
HALLEMEIER schläfrig Erzählen Sie etwas Hübsches.
FABRY Nun, es ist alles in Ordnung ... verhältnismäßig. Alles in allem so, wie es sich erwarten ließ.
DR. GALL Sie haben sich prachtvoll gehalten, nicht wahr?
FABRY Wer denn?
DR. GALL Die Menschen.
FABRY Ah so. Allerdings. Das heißt ... Pardon, wir sollten uns über etwas beraten.
HELENE Oh, Fabry, Sie haben schlimme Nachrichten?
FABRY Nein, nein, im Gegenteil. Ich meine nur, daß — daß wir in die Kanzlei gehen werden —
HELENE Bleiben Sie nur. In einer Viertelstunde erwarte ich die Herren zum Frühstück.
HALLEMEIER Also hurra!
HELENE ab.
DR. GALL Was ist geschehen?
DOMIN Verflucht!
FABRY Lesen Sie dies laut vor.
DOMIN liest aus dem Blatt »Roboter der Welt!«
FABRY Verstehen Sie, dieser Flugblätter hat die »Amelie« ganze Ballen gebracht. Keine andere Post.
HALLEMEIER springt auf Wie denn? Sie ist ja auf ein Haar nach dem —
FABRY Hm, die Roboter halten auf Pünktlichkeit. Lesen Sie, Domin.
DOMIN liest »Roboter der Welt! Wir, die erste Rassenorganisation von Werstands Universal Robotern, erklären den Menschen zum Feind und Geächteten im Weltall.« — Wetter, wer hat sie diese Phrasen gelehrt?
DR. GALL Lesen Sie weiter.
DOMIN Das ist Unsinn. Da führen sie aus, sie seien entwicklungsmäßig höher als der Mensch. Sie seien intelligenter und stärker. Der Mensch sei ihr Parasit. Das ist einfach widerlich!
FABRY Und nun den dritten Absatz.
DOMIN liest »Roboter der Welt, wir befehlen euch, die Menschen auszurotten. Schonet weder Männer noch Frauen. Erhaltet Fabriken, Bahnen, Maschinen, Bergwerke und Rohstoffe. Alles andere vernichtet! Dann kehret zur Arbeit zurück. Die Arbeit darf nicht stocken.«
DR. GALL Das ist schauderhaft!
HALLEMEIER Die Lumpen!
DOMIN liest »Sofort nach Erhalt des Befehles zu vollstrecken.« Folgen detaillierte Instruktionen. Fabry, und das geschieht wirklich?
FABRY Offenbar.
ALQUIST Es ist vollbracht.
BUSMAN stürzt herein.
BUSMAN Aha, Kinder, habt ihr schon die Bescherung?
DOMIN Schnell, auf den »Ultimus«!
BUSMAN Warten Sie, Harry. Warten Sie ein Weilchen. Das hat durchaus keine Eile. Fällt in einen Lehnstuhl. Ach, Leutchen, bin ich gelaufen!
DOMIN Weshalb warten?
BUSMAN Weil es nicht geht, mein Lieber. Nur nicht eilen. Auf dem »Ultimus« sind schon die Roboter.
DR. GALL Pfui, das ist garstig.
DOMIN Fabry, telephonieren Sie ins Elektrizitätswerk —
BUSMAN Fabry, Teuerster, tun Sie das nicht. Wir sind ohne Strom.
DOMIN Gut. Prüft seinen Revolver. Ich gehe hin.
BUSMAN Wohin?
DOMIN Ins Elektrizitätswerk. Dort sind Menschen. Ich führe sie hierher.
BUSMAN Wissen Sie was, Harry? Holen Sie sie lieber nicht.
DOMIN Warum?
BUSMAN I nun, weil es mir gar sehr scheint, daß wir umzingelt sind.
DR. GALL Umzingelt? Läuft zum Fenster. Hm, Sie haben beinah recht.
HALLEMEIER Teufel, das geht schnell!
Von links HELENE.
HELENE Oh, Harry, geht etwas vor?
BUSMAN springt auf Ergebenster, Frau Helene. Ich gratuliere. Ein Festtag, was? Haha, noch viele dieser Art!
HELENE Ich danke Ihnen, Busman. Harry, geht etwas vor?
DOMIN Nein, absolut nichts. Sei unbesorgt. Bitte, warte einen Augenblick.
HELENE Harry, was ist das? Zeigt den Roboteraufruf, den sie hinter ihrem Rücken versteckt gehalten. Die Roboter in der Küche hatten es bei sich.
DOMIN Bereits auch dort? Wo sind sie?
HELENE Fortgegangen. Es sind ihrer so viele um das Haus herum!
Fabrikspfeifen und Sirenen.
FABRY Die Fabriken pfeifen.
BUSMAN Gesegneter Mittag.
HELENE Harry, erinnerst du dich? Jetzt ist es genau zehn Jahre —
DOMIN blickt auf die Uhr Es ist noch nicht Mittag. Das ist wohl — das ist eher — —
HELENE Was?
DOMIN Roboter-Alarm. Sturm.
VORHANG
Derselbe Salon Helenens. Im Zimmer links spielt HELENE Klavier. DOMIN spaziert im Zimmer herum. DR. GALL schaut aus dem Fenster und ALQUIST sitzt abseits in einem Fauteuil, die Hände vor dem Gesicht.
DR. GALL Himmel, die haben sich vermehrt!
DOMIN Die Roboter?
DR. GALL Ja. Sie stehen vor dem Gartengitter wie eine Mauer. Weshalb sind sie so still? Das ist ekelhaft, mit Schweigen zu belagern.
DOMIN Gern wüßte ich, worauf sie warten. Es muß jede Minute beginnen, Gall. Wenn sie sich gegen das Gitter stemmen, so zerbirst es wie aus Streichhölzchen.
DR. GALL Hm, sie sind nicht bewaffnet.
DOMIN Keine fünf Minuten werden wir uns erwehren. Mensch, das wird uns zuschütten wie eine Lawine. Warum greifen sie nicht an? Hören Sie —
DR. GALL Nun?
DOMIN Gern wüßte ich, was in fünf Minuten aus uns wird. Sie haben uns vollkommen in der Hand. Wir haben verspielt, Gall.
ALQUIST Was spielt Frau Helene da?
DOMIN Ich weiß nicht. Sie übt etwas Neues.
ALQUIST Ah, sie übt noch?
Pause.
DR. GALL Hören Sie, Domin, wir haben entschieden einen Fehler begangen.
DOMIN bleibt stehen Welchen?
DR. GALL Wir haben den Robotern allzu gleichartige Gesichter gegeben. Hunderttausend gleiche Gesichter hier hergewendet. Hunderttausend ausdruckslose Blasen. Es ist wie ein schrecklicher Traum.
DOMIN Wenn jeder anders wäre — —
DR. GALL So wäre es kein so entsetzlicher Anblick. Wendet sich vom Fenster ab. Noch gut, daß sie nicht bewaffnet sind!
DOMIN Hm — Blickt durchs Fernrohr nach dem Hafen hinaus. Ich wüßte nur gern, was sie von der »Amelie« abladen.
DR. GALL Wenn es nur keine Waffen sind.
Aus der Tapetentür tritt rückwärts gehend FABRY und zieht zwei elektrische Drähte hinter sich her.
FABRY Pardon — Legen Sie den Draht hin, Hallemeier!
HALLEMEIER tritt hinter Fabry ein Uf, das war eine Arbeit! Was gibt's Neues?
DR. GALL Nichts. Wir sind regelrecht belagert.
HALLEMEIER Wir haben den Gang und die Treppe verbarrikadiert, Jungens. Habt ihr nicht ein wenig Wasser? — Aha, hier. Trinkt.
DR. GALL Was soll der Draht, Fabry?
FABRY Gleich, gleich. Eine Schere!
DR. GALL Wo finden wir eine? Sucht.
HALLEMEIER tritt ans Fenster Donnerwetter, die haben sich vermehrt! Sieh da!
DR. GALL Genügt eine Toiletteschere?
FABRY Her damit! Zerschneidet die Leitung der auf dem Schreibtisch stehenden elektrischen Lampe und schließt seine Drähte an.
HALLEMEIER beim Fenster Sie haben keine schöne Aussicht, Domin. Man spürt irgendwie — den Tod.
FABRY Fertig!
DR. GALL Was?
FABRY Die Leitung. Jetzt können wir das ganze Gartengitter mit Strom füllen. Wer es dann anrührt, Donnerwetter! Wenigstens, solange dort die Unsrigen sind.
DR. GALL Wo?
FABRY Im Elektrizitätswerk, gelehrter Herr. Ich hoffe wenigstens — geht zum Kamin und entzündet dort eine kleine Glühbirne. Gottlob, sie sind dort. Und arbeiten. Löscht aus. Solange das leuchtet, ist es gut.
HALLEMEIER wendet sich vom Fenster ab Die Barrikaden sind auch gut, Fabry.
FABRY Eh, Ihre Barrikaden! Ich hab' mir dabei lauter Schwielen zugezogen.
HALLEMEIER Was wollen Sie, man muß sich wehren.
DOMIN legt das Fernrohr hin Wo steckt Busman?
FABRY In der Direktionskanzlei. Er rechnet.
DOMIN Ich habe ihn gerufen. Wir müssen beraten — Geht im Zimmer auf und ab.
HALLEMEIER Ich bin schon ganz Ohr — — Holla, was spielt Frau Helene da?
Geht zur Tür links und lauscht.
Aus der Tapetentür tritt BUSMAN, schleppt riesige Geschäftsbücher, stolpert über den Draht.
FABRY Achtung, Bus! Achtung auf die Drähte!
DR. GALL Hallo, was bringen Sie da?
BUSMAN legt die Bücher auf den Tisch Die Hauptbücher, Kinderchen. Möchte gern meine Rechnungen abschließen, ehe — ehe — I nun, heuer werde ich mit der Bilanz nicht bis Neujahr warten. Also was habt ihr? Geht zum Fenster. Aber es ist ja ganz still dort!
DR. GALL Sie sehen nichts?
BUSMAN Nein, bloß eine große blaue Fläche, wie mit Mohn besät.
DR. GALL Das sind Roboter.
BUSMAN Ah so. Schade, daß ich sie nicht sehe. Setzt sich an den Tisch und öffnet die Bücher.
DOMIN Lassen Sie das, Busman. Die Roboter laden von der »Amelie« Waffen ab.
BUSMAN Nun und was? Wie soll ich es verhindern?
DOMIN Das können wir nicht verhindern.
BUSMAN Also lassen Sie mich rechnen. Macht sich an die Arbeit.
FABRY Es ist noch nicht aus, Domin. Wir haben die Gitter mit zwölfhundert Volt geladen —
DOMIN Warten Sie. Der »Ultimus« hat die Kanonen gegen uns gerichtet.
DR. GALL Wer? Was?
DOMIN Roboter auf dem »Ultimus«.
FABRY Hm, dann freilich — dann — dann ist es aus mit uns, Kameraden. Die Roboter sind militärisch ausgebildet.
DR. GALL Wir werden also —
DOMIN Ja. Unvermeidlich.
Pause.
DR. GALL Jungens, das ist das Verbrechen des alten Europa, daß es die Roboter Krieg führen gelehrt hat! Konnten sie nicht, zum Teufel, schon Ruh' geben mit ihrer Politik? Es war ein Verbrechen, aus lebendiger Arbeit Soldaten zu machen!
ALQUIST Ein Verbrechen war es, Roboter zu erzeugen!
DOMIN Wie?
ALQUIST Das Verbrechen war, Roboter zu erzeugen!
DOMIN Nein, Alquist, selbst heute bereue ich es nicht.
ALQUIST Nicht einmal heute?
DOMIN Nicht einmal heute, am letzten Tage der Zivilisation. Es ist eine große Sache gewesen.
BUSMAN halblaut Dreihundertsechzehn Millionen.
DOMIN ernst Alquist, unsere letzte Stunde ist da; wir reden fast schon aus jener Welt. Alquist, es war kein schlechter Traum, die Sklaverei der Arbeit zu zerschlagen. Einer erniedrigenden und furchtbaren Arbeit, die der Mensch tragen mußte. Eines unreinen und mörderischen Rackerns. Oh, Alquist, es wurde allzu schwer gearbeitet. Es wurde allzu schwer gelebt. Und dies zu überwinden —
ALQUIST — ist nicht der Traum der beiden Werstands gewesen. Der alte Werstand dachte an seine gottlosen Gaukeleien und der junge an Milliarden. Und es ist nicht der Traum eurer W. U. R.-Aktionäre. Ihr Traum sind die Dividenden. Und an ihren Dividenden wird die Menschheit zugrunde gehen.
DOMIN gereizt Der Teufel hole ihre Dividenden![S. 86] Glaubt ihr, ich würde nur eine Stunde lang für sie arbeiten? Schlägt auf den Tisch. Für mich habe ich es getan, hört ihr? Zu meiner Befriedigung! Ich wollte den Menschen zum Herrn machen! Damit er nicht mehr bloß für das Stück Brot lebe! Ich wollte, keine Seele solle mehr an fremden Maschinen verblöden, ich wollte, daß nichts, nichts, nichts von diesem verdammten sozialen Kram mehr übrigbliebe! Oh, mich ekelt vor Erniedrigung und Schmerz, mich widert Armut an! Ein neues Geschlecht wollte ich! Ich wollte — ich dachte —
ALQUIST Nun?
DOMIN leiser Ich wollte, daß wir aus der ganzen Menschheit eine Weltaristokratie schaffen. Eine Aristokratie, die durch Milliarden mechanischer Sklaven ernährt würde. Schrankenlose, freie und souveräne Menschen. Und vielleicht mehr als Menschen.
ALQUIST Nun, also Übermenschen.
DOMIN Ja. Oh, nur hundert Jahre Zeit zu haben! Noch hundert Jahre für die kommende Menschheit!
BUSMAN halblaut Dreihundertsiebzig Millionen Übertrag. So.
Pause.
HALLEMEIER an der Türe links Wetter, Musik ist eine große Sache. Ihr solltet zuhören. Das vergeistigt, verfeinert den Menschen irgendwie —
FABRY Was eigentlich?
HALLEMEIER Diese Menschendämmerung, bei allen Teufeln! Jungens, aus mir wird ein Genießer.[S. 87] Wir hätten uns eher darauf stürzen sollen. Geht zum Fenster und schaut hinaus.
FABRY Worauf?
HALLEMEIER Aufs Genießen. Auf die schönen Dinge. Donnerwetter, es gibt soviel schöne Dinge! Die Welt war schön, und wir — wir haben hier — Jungens, Jungens, sagt, was haben wir genossen?
BUSMAN halblaut Vierhundertzweiundfünfzig Millionen, vortrefflich.
HALLEMEIER beim Fenster Das Leben war eine große Sache. Kameraden, das Leben war — ich sage — — Fabry, senden Sie ein bisserl Strom in Ihr Gitter!
FABRY Warum?
HALLEMEIER Sie fassen es an.
DR. GALL beim Fenster Schalten Sie ein!
FABRY dreht den Ausschalter.
HALLEMEIER Herrgott, das hat sie verdreht! Zwei, drei, vier Tote!
DR. GALL Sie ziehen sich zurück.
HALLEMEIER Fünf Tote!
DR. GALL wendet sich vom Fenster ab Der erste Zusammenstoß.
FABRY Spüren Sie den Tod?
HALLEMEIER befriedigt Sie sind verkohlt, Bruderherz. Absolut verkohlt. Haha, der Mensch darf sich nicht ergeben! Setzt sich.
DOMIN reibt sich die Stirn Vielleicht sind wir schon hundert Jahre erschlagen und spuken nur. Vielleicht sind wir lange, lange tot und kehren nur wieder, um herzuleiern, was wir schon einmal gesprochen ... vor[S. 88] unserem Tode. Mir ist, als hätte ich dies alles schon erlebt. Als hätte ich sie schon einmal bekommen. Eine Schußwunde — hier — in den Hals. Und Sie, Fabry —
FABRY Ich?
DOMIN Erschossen.
HALLEMEIER Wetter, und ich?
DOMIN Erstochen.
DR. GALL Und ich nichts?
DOMIN Zerrissen.
Pause.
HALLEMEIER Unsinn! Haha, Menschenskind, wer soll mich erstechen! Ich lasse mich nicht unterkriegen!
Pause.
HALLEMEIER Was schweigt ihr, Narren? Bei allen Teufeln, redet doch.
ALQUIST Und wer, wer ist schuldig? Wer ist daran schuld?
HALLEMEIER Dummheiten. Niemand ist schuldig. Kurz, die Roboter — I nun, die Roboter haben sich irgendwie verändert. Wer kann denn etwas für die Roboter?
ALQUIST Alles getötet! Die ganze Menschheit! Die ganze Welt! Erhebt sich. Seht, o seht, blutige Bäche auf jeder Schwelle! Bächlein voll Blut aus allen Häusern! O Gott, o Gott, wer ist schuld daran?
BUSMAN halblaut Fünfhundertzwanzig Millionen! Herrgott, eine halbe Milliarde!
FABRY Ich glaube, daß ... daß Sie vielleicht übertreiben. Gehn Sie, es ist nicht so leicht, die ganze Menschheit zu töten.
ALQUIST Ich klage die Wissenschaft an! Ich klage die Technik an! Domin! Mich selbst! Uns alle! Wir, wir sind schuldig! Um unseres Größenwahns, um irgendwelcher Gewinne, um des Fortschritts, um ich weiß nicht welcher großartigen Sache willen haben wir die Menschheit getötet! Nun, so berstet an eurer Größe! Einen so gewaltigen Hügel aus Menschengebein hat sich kein Dschingiskhan errichtet!
HALLEMEIER Unsinn, Mensch! Die Menschen ergeben sich nicht so leicht, haha, woher denn!
ALQUIST Unsere Schuld! Unsere Schuld!
DR. GALL wischt den Schweiß von der Stirn Laßt mich reden, Kameraden. Ich trage die Schuld. An allem, was geschehen ist.
FABRY Sie, Gall?
DR. GALL Ja, laßt mich sprechen. Ich habe die Roboter verwandelt. Busman, richten auch Sie mich.
BUSMAN steht auf Na, na, was ist Ihnen denn passiert?
DR. GALL Ich habe den Charakter der Roboter verändert. Ich habe ihre Fabrikation verändert. Das heißt, nur einige leiblichen Bedingungen, verstehen Sie? Hauptsächlich — hauptsächlich ihre — Irritabilität.
HALLEMEIER aufspringend Verdammt, warum just die?
BUSMAN Weshalb taten Sie das?
FABRY Weshalb sagten Sie nichts?
DR. GALL Ich tat es heimlich ... auf eigene Faust. Ich formte sie zu Menschen um. Ich hob sie aus[S. 90] dem Geleise. Schon jetzt sind sie uns in etwas überlegen. Sie sind stärker als wir.
FABRY Und was hat das mit dem Roboteraufstand zu tun?
DR. GALL Oh, viel. Ich glaube, alles. Sie hörten auf, Maschinen zu sein. Hören Sie, sie wissen bereits von ihrer Überlegenheit und hassen uns. Sie hassen alles Menschliche. Richtet mich!
DOMIN Töte einen Toten. Setzen Sie sich, meine Herren. Alle setzen sich, ausgenommen Gall. Vielleicht sind wir längst schon ermordet. Vielleicht sind wir nur Gespenster und noch einmal wiedergekommen, um zu richten. Was ist Schuld? Ach, wie seid ihr bleich!
FABRY Hören Sie auf, Harry, wir haben nicht viel Zeit.
DOMIN Ja, wir müssen heimkehren. Fabry, Fabry, wie Ihre zerschossene Stirn blutet!
FABRY Unsinn! Steht auf. Doktor Gall, Sie haben die Erzeugung der Roboter geändert.
DR. GALL Ja.
FABRY War Ihnen bewußt, was die Folge Ihres ... Ihres Versuches sein könnte?
DR. GALL Ich war verpflichtet, mit einer solchen Möglichkeit zu rechnen.
FABRY Warum haben Sie es dann getan?
DR. GALL Aus eigener Macht. Es war mein persönliches Experiment.
In der Tür von links HELENE. Alle erheben sich.
HELENE Er lügt! Das ist häßlich! Oh, Gall, wie können Sie so lügen?
FABRY Pardon, Frau Helene —
DOMIN geht auf sie zu Helene, du? Laß dich anschauen! Du lebst? Umfaßt sie. Wenn du wüßtest, was mir geträumt hat! Ach, es ist schrecklich, tot zu sein.
HELENE Laß, Harry!
DOMIN preßt sie an sich Nein, nein! Umarme mich! Eine Ewigkeit schon habe ich dich nicht gesehen — Aus welchem Traum hast du mich geweckt! Helene, Helene, laß nicht mehr von mir! Du bist das Leben selbst.
HELENE Harry, wir sind ja nicht — allein!
DOMIN gibt sie frei Ja, Jungens, laßt uns.
HELENE Nein, Harry, sie sollen bleiben, sie sollen hören — — Gall ist nicht schuldig, nein, er ist unschuldig!
DOMIN Verzeih'. Gall hatte seine Pflichten.
HELENE Nein, Harry, er hat es getan, weil ich es wollte! Sagen Sie, Gall, wie viele Jahre schon bat ich Sie —
DR. GALL Ich habe es auf eigene Verantwortung getan.
HELENE Glaubt ihm nicht! Harry, ich verlangte von ihm, er solle den Robotern eine Seele geben!
DOMIN Helene, hier handelt es sich nicht um die Seele.
HELENE Nein, laß mich doch reden. Das sagte er auch; er sagte, verwandeln könnte er nur das physiologische — das physiologische —
HALLEMEIER Das physiologische Korrelat, nicht?
HELENE Ja, etwas dergleichen. Mir lag soviel daran, daß er es täte!
DOMIN Warum wolltest du das?
HELENE Ich wollte, daß sie eine Seele haben. Sie taten mir so leid, Harry!
DOMIN Das war — — ein großer Leichtsinn, Helene.
HELENE setzt sich Es war also ... leichtsinnig?
FABRY Pardon, Frau Helene, Domin will bloß sagen, daß Sie — hm — daß Sie nicht bedacht haben —
HELENE Fabry, ich habe an schrecklich viele Dinge gedacht. Ich habe die ganzen zehn Jahre, die ich bei euch bin, nachgedacht. Nana sagt ja auch, daß die Roboter —
DOMIN Die Nana laß aus dem Spiel.
HELENE Nein, Harry, das darfst du nicht unterschätzen. Nana ist die Stimme des Volkes. Aus Nana reden tausende Jahre und aus euch nur das Heute. Das versteht ihr nicht —
DOMIN Bleib bei der Sache.
HELENE Ich fürchtete mich vor den Robotern.
DOMIN Weshalb?
HELENE Sie würden uns vielleicht hassen oder so.
ALQUIST Das ist geschehen.
HELENE Und da dachte ich ... wenn sie wie wir wären, so würden sie uns begreifen, könnten uns nicht so hassen — Wenn sie nur ein bißchen Menschen wären!
DOMIN Wehe, Helene! Niemand vermag mehr zu hassen, als der Mensch den Menschen! Mach' Steine zu Menschen, und sie werden uns steinigen! Fahr' nur fort!
HELENE Oh, sprich nicht so! Harry, es war so fürchterlich, daß wir uns nicht mit ihnen verständigen konnten! Eine so grausame Fremdheit zwischen uns und ihnen! Und darum — weißt du —
DOMIN Nur weiter.
HELENE Darum bat ich Gall, er solle die Roboter ändern. Ich schwöre dir, er selbst wollte es nicht.
DOMIN Aber er hat es getan.
HELENE Weil ich es wollte.
DR. GALL Ich tat es für mich, als Versuch.
HELENE Oh, Gall, das ist nicht wahr. Ich wußte im vorhinein, daß Sie es mir nicht abschlagen können.
DOMIN Warum?
HELENE Du weißt doch, Harry.
DOMIN Ja. Weil er dich liebt — wie alle.
Pause.
HALLEMEIER tritt zum Fenster Sie haben sich wieder vermehrt. Als wenn die Erde sie ausschwitzte. Vielleicht verwandeln sich auch diese Wände in Roboter. Leute, das ist entsetzlich!
BUSMAN Frau Helene, was geben Sie mir, wenn ich Ihnen als Advokat beistehe?
HELENE Mir?
BUSMAN Ihnen — oder Gall. Wem Sie wollen.
HELENE Wird denn gehängt werden?
BUSMAN Nur moralisch, Frau Helene. Ein Schuldiger wird gesucht. Das ist ein beliebter Trost bei Katastrophen.
DOMIN Doktor Gall, wie vereinen Sie Ihre — Ihre Extratouren mit Ihrem Dienstvertrag?
BUSMAN Pardon, Domin. Wann haben Sie, Gall, mit diesen Gaukelstücken eigentlich begonnen?
DR. GALL Vor drei Jahren.
BUSMAN Aha. Und wie viele Roboter haben Sie denn in summa reformiert?
DR. GALL Ich habe nur Versuche angestellt. Es sind ihrer einige Hunderte.
BUSMAN Also schönen Dank. Genug, Kinderchen. Das bedeutet, daß auf eine Million der alten guten Roboter ein einziger von Galls Reformierten kommt, versteht ihr?
DOMIN Und das bedeutet —
BUSMAN — daß das praktisch nicht soviel Bedeutung besitzt.
FABRY Busman hat recht.
BUSMAN Das möcht' ich meinen, alle Wetter. Und wißt ihr, Burschen, was diese Bescherung verschuldet hat?
FABRY Was also?
BUSMAN Die Menge. Wir haben zu viele Roboter fabriziert. Meiner Six, das ließ sich doch erwarten: sobald die Roboter einmal stärker als die Menschheit sein werden, wird, muß das da eintreten, verstanden? Haha, und wir haben dafür gesorgt, daß es möglichst bald geschähe; Sie, Domin, Sie, Fabry, und ich, der Prachtkerl Busman.
DOMIN Sie meinen, es sei unsere Schuld?
BUSMAN Sie sind gut! Glauben Sie denn, der Direktor sei der Herr der Produktion? I wo, Herr der Produktion ist die Nachfrage. Die ganze Welt wollte ihre Roboter haben. Du lieber Gott, wir[S. 95] fuhren auf dieser Nachfrage-Lawine nur so spazieren und schwatzten dabei — — von Technik, von der sozialen Frage, vom Fortschritt, von sehr interessanten Dingen. So als ob dieses Geplärr der Lawine irgendwie den Weg gewiesen hätte. Inzwischen lief alles kraft des eigenen Gewichts, schneller, schneller, immer schneller — Und jede elende, krämerische, schmutzige Bestellung fügte zu der Lawine ein Steinchen hinzu. So, Leutchen.
HELENE Das ist scheußlich, Busman!
BUSMAN Das ist es, Frau Helene. Ich habe auch meinen Traum gehabt. So einen Busmanischen Traum von einer neuen Weltwirtschaft; ein allzu schönes Ideal, Frau Helene, eine Schande, davon zu reden. Aber als ich hier die Bilanz aufstellte, da kam es mir in den Schädel, daß die Weltgeschichte nicht durch große Träume, sondern durch die winzigen Bedürfnisse aller ehrenhaften, mäßig diebischen und selbständigen Leutchen, id est aller überhaupt gemacht wird. Alle Gedanken, Lieben, Pläne, Heroismen, alle diese luftigen Dinge eignen sich höchstens dazu, daß sich der Mensch damit für das Museum des Alls ausstopfen lasse, mit der Aufschrift: Siehe, ein Mensch. Punktum. Und nun könntet ihr mir sagen, was wir eigentlich machen werden.
HELENE Busman, dafür sollen wir untergehen?
BUSMAN Sie reden garstig, Frau Helene. Wir wollen doch nicht untergehen. Ich wenigstens nicht. Ich will noch am Leben bleiben.
DOMIN Was wollen Sie tun?
BUSMAN Jemine, Domin, ich will mich aus der Affäre ziehen. Sonst nichts.
DOMIN Hören Sie auf, zu plauschen.
BUSMAN Ernsthaft, Harry. Ich denke, wir könnten es versuchen.
DOMIN bleibt vor ihm stehen Wie?
BUSMAN Im guten. Ich immer im guten. Erteilt mir Vollmacht und ich will es mit den Robotern ausmachen.
DOMIN Im guten?
BUSMAN Versteht sich. Ich sage ihnen zum Beispiel: »Meine Herren Roboter, Ew. Wohlgeboren, ihr habt alles. Ihr habt Verstand, die Macht, habt Waffen; aber wir haben da so ein interessantes Register, so ein altes, gelbes, schmutziges Papier —«
DOMIN Werstands Manuskript?
BUSMAN Jawohl. »Und dort,« sage ich ihnen, »ist eure erhabene Herkunft geschildert, eure wohledle Herstellung usw. Meine Herren Roboter, ohne dieses bekritzelte Papier werdet ihr nicht einen neuen Roboter-Kollegen fabrizieren; nach zwanzig Jahren werdet ihr mit Verlaub wie die Eintagsfliegen krepieren; nach zwanzig Jahren bleibt uns kein einziges lebendes Roboterexemplar übrig, das wir in einer Menagerie zeigen könnten. Verehrteste, es wäre ausnehmend schade um euch. Wißt ihr was,« werde ich zu ihnen sprechen, »ihr laßt uns frei, uns alle Menschen auf Werstands Insel, und jenes Schiff dort besteigen. Dafür verkaufen wir euch die Fabrik und das Produktionsgeheimnis. Laßt uns mit Gott abfahren und wir lassen euch mit Gott[S. 97] euresgleichen erzeugen, zwanzigtausend, fünfzigtausend, hunderttausend Stück im Tag, ganz nach Belieben. Meine Herren Roboter, das ist ein ehrliches Geschäft. Etwas für etwas.« — So würde ich es ihnen sagen, Jungens.
DOMIN Busman, Sie meinen, wir geben die Erzeugung aus der Hand?
BUSMAN Ich meine, wir geben sie her. Wenn nicht im guten, dann, hm. Entweder wir verkaufen es, oder sie werden es hier finden. Wie Sie wollen.
DOMIN Busman, wir können Werstands Manuskript vernichten.
BUSMAN Aber mit Gott, wir können alles vernichten. Außer dem Manuskript auch uns — und andere. Tun Sie, wie Sie's verstehen.
HALLEMEIER wendet sich vom Fenster ab Ich sage, er hat recht.
DOMIN Wir — wir sollen die Erzeugung verkaufen?
BUSMAN Wie Sie wollen.
DOMIN Wir sind hier ... mehr als dreißig Menschen. Sollen wir die Fabrikation verkaufen und die Menschenseelen retten? Oder sollen wir sie zerstören und — und — uns alle mit?
HELENE Harry, ich bitte dich —
DOMIN Warte, Helene. Hier handelt es sich um eine allzu ernste Frage. Jungens, verkaufen oder zerstören? Fabry!
FABRY Verkaufen.
DOMIN Gall!
DR. GALL Verkaufen.
DOMIN Hallemeier!
HALLEMEIER Donnerwetter, das ist doch klar, verkaufen!
DOMIN Alquist!
ALQUIST Gottes Wille.
BUSMAN Haha, jemine, ihr seid Narren! Wer würde denn das ganze Manuskript verkaufen?
DOMIN Busman, keinen Betrug!
BUSMAN I nun, bei Gott, so verkauft alles; aber dann —
DOMIN Was dann?
BUSMAN Nehmen wir folgendes an: Bis wir auf dem »Ultimus« sind, verstopfe ich mir die Ohren mit Watte, lege mich irgendwo auf dem Grund des Schiffes hin und ihr schießt die Fabrik mit allem Kram und mit Werstands ganzem Geheimnis in Fetzen. So, Jungens.
FABRY Nein.
DOMIN Sie sind kein Gentleman, Busman. Verkaufen wir, so wird verkauft.
BUSMAN springt auf Unsinn! Im Interesse der Menschheit ist —
DOMIN Im Interesse der Menschheit ist es, Wort zu halten.
HALLEMEIER Das möchte ich mir ausbitten.
DOMIN Jungens, das ist ein furchtbarer Schritt. Wir verkaufen das Schicksal der Menschheit; wer die Erzeugung in Händen haben wird, wird der Herr der Welt sein.
FABRY Verkaufen Sie!
DOMIN Nie mehr wird die Menschheit mit den[S. 99] Robotern fertig werden, sie nie mehr beherrschen; untergehen wird sie in der Sintflut dieser furchtbaren lebenden Maschinen, sie wird ihr Sklave werden, wird leben von ihren Gnaden —
DR. GALL Schweigen Sie und verkaufen Sie!
DOMIN Wohlan, Jungens; ich selbst — — ich würde keinen Augenblick zögern; wegen der paar Leute, die ich liebe —
HELENE Harry, mich fragst du nicht?
DOMIN Nein, mein Kind; es ist zu verantwortungsvoll, weißt du? Das ist nichts für dich.
FABRY Wer geht verhandeln?
DOMIN Wartet, bis ich das Manuskript bringe. Ab nach links.
HELENE Harry, um Gottes willen, geh nicht!
Pause.
FABRY blickt durchs Fenster Dir zu entrinnen, tausendköpfiger Tod; dir, Masse im Aufruhr; unsinniger Pöbel, neuer Herrscher der Welt; Sintflut, Sintflut, noch einmal das Menschenleben auf einem einzigen Schiffe zu retten —
Dr. GALL Fürchten Sie sich nicht, Frau Helene; wir segeln weit fort von hier und gründen eine musterhafte Menschenkolonie; wir fangen ein neues Leben an —
HELENE Oh, Gall, schweigen Sie!
FABRY dreht sich um Frau Helene, das Leben steht dafür; und was an uns liegt, so machen wir etwas daraus ... etwas, was wir vernachlässigt haben. Es ist dafür nicht zu spät. Es wird ein kleiner Staat sein mit einem Schiff; Alquist baut uns ein Haus[S. 100] hin und Sie werden uns beherrschen — Es ist in uns soviel Liebe, soviel Lust zum Leben —
HALLEMEIER Das möcht' ich meinen, Bruderherz. Wir, sage ich, wir werden's noch zu etwas bringen. Hahahaha. Frau Helenens Königtum! Fabry, das ist ein herrlicher Gedanke! Das Leben ist schön!
HELENE O mein Gott! Hört auf!
BUSMAN I nun, Leute, ich möchte gleich von neuem beginnen. Recht einfach, alttestamentarisch, hirtenhaft — — Kinder, das wäre etwas für mich. Die Ruhe, die Luft —
FABRY Und unsere kleine Wirtschaft könnte der Ursprung der künftigen Menschheit werden. Wißt ihr, solch ein Inselchen, wo die Menschheit einen Halt finden, wo sie neue Kräfte schöpfen würde — Kräfte der Seele und des Leibes. — Und Gott weiß, ich glaube, nach paar hundert Jahren könnte sie wieder die Welt erobern.
ALQUIST Sie glauben das schon heute?
FABRY Schon heute. Und ich glaube, Alquist, daß sie sie erobern wird. Daß sie wiederum Herr über Länder und Meere sein wird; daß sie zahllose Helden hervorbringen wird, die ihre brennende Seele der Menschheit vorantragen werden. Und ich glaube, Alquist, daß sie wieder von der Eroberung der Sonnen und Planeten träumen wird.
BUSMAN Amen. Sie sehen, Frau Helene, das ist keine schlechte Situation.
DOMIN öffnet heftig die Tür.
DOMIN heiser Wo ist das Manuskript des alten Werstand?
BUSMAN In Ihrem Tresor. Wo anders sollte es denn sein?
DOMIN Wohin ist das Manuskript des alten Werstand geraten! Wer — hat — es — gestohlen!
DR. GALL Unmöglich!
HALLEMEIER Verdammt, das ist doch —
BUSMAN Herrgott, das vielleicht nicht!
DOMIN Still! Wer hat es gestohlen?
HELENE erhebt sich Ich.
DOMIN Wohin hast du es gegeben?
HELENE Harry, Harry, alles werde ich dir sagen! Um Gottes willen, verzeih es mir!
DOMIN Wohin hast du's gegeben? Rasch!
HELENE Verbrannt — heute früh — beide Abschriften.
DOMIN Verbrannt? Hier im Kamin?
HELENE sinkt in die Knie Um Gottes willen, Harry!
DOMIN läuft zum Kamin Verbrannt! Kniet beim Kamin nieder und wühlt darin herum. Nichts, nichts als Asche. — Ah, hier! Zieht ein versengtes Stück Papier hervor und liest. »Durch Bei — fü — gung —«
DR. GALL Zeigen Sie. Nimmt das Papier und liest. »Durch Beifügung von Biogen zu —« Sonst nichts.
DOMIN erhebt sich Ist es daraus?
DR. GALL Ja.
BUSMAN Gott im Himmel!
DOMIN Also sind wir verloren.
HELENE Oh, Harry —
DOMIN Steh auf, Helene!
HELENE Bis du vergibst — bis du vergibst —
DOMIN Ja, steh nur auf, hörst du? Ich ertrage es nicht, daß du —
FABRY hebt sie auf Bitte, quälen Sie uns nicht.
HELENE steht auf Harry, was habe ich getan!
DOMIN Ja, du siehst. — Bitte, setz' dich.
HALLEMEIER Wie Ihnen die Händchen zittern.
BUSMAN Haha, Frau Helene, Gall und Hallemeier wissen doch vielleicht auswendig, was dort geschrieben stand.
HALLEMEIER Versteht sich. Das heißt, wenigstens einige Sachen.
DR. GALL Ja, fast alles, bis auf das Biogen und — und — das Enzym Omega. Die werden so selten erzeugt — — es genügt davon eine so unscheinbare Dosis —
BUSMAN Wer hat sie hergestellt?
DR. GALL Ich selbst ... einmal in der Zeit ... immer nach Werstands Manuskript. Wissen Sie, das ist zu kompliziert.
BUSMAN Nun und was, kommt es gar so sehr auf diese beiden Wässerchen an?
HALLEMEIER So ein bißchen — sicherlich.
DR. GALL Von ihnen hängt es nämlich ab, daß das Ding überhaupt lebe. Das war das eigentliche Geheimnis.
DOMIN Gall, könnten Sie nicht aus dem Gedächtnis Werstands Erzeugungsvorschrift zusammenstellen?
DR. GALL Ausgeschlossen.
DOMIN Gall, entsinnen Sie sich! Es handelt sich um unser aller Leben!
DR. GALL Ich kann nicht. Ohne Versuche ist es unmöglich.
DOMIN Und wenn Sie Versuche anstellen —
DR. GALL Das könnte Jahre dauern. Und selbst dann — Ich bin nicht der alte Werstand.
DOMIN wendet sich zum Kamin Also hier — dies war der größte Triumph des menschlichen Geistes, Kameraden. Diese Asche. Tritt hinein. Was jetzt?
BUSMAN in verzweifeltem Entsetzen Gott im Himmel! Gott im Himmel!
HELENE erhebt sich Harry! Was — habe ich — getan!
DOMIN Sei ruhig, Helene. Sag', warum hast du es verbrannt?
HELENE Ich habe euch vernichtet!
BUSMAN Gott im Himmel, wir sind verloren!
DOMIN Still, Busman! Sag', Helene, weshalb hast du das getan?
HELENE Ich wollte ... ich wollte, daß wir wegfahren, wir alle! Es sollte keine Fabrik mehr geben und nichts ... Alles sollte wiederkehren ... Es war so furchtbar!
DOMIN Was, Helene?
HELENE Dies ... dies, daß die Menschen zu tauben Blüten wurden!
DOMIN Ich verstehe nicht.
HELENE Dies, daß keine Kinder mehr geboren wurden ... Harry, das ist so entsetzlich! Würde man weiter Roboter erzeugen, so würde es nie mehr Kinder geben — Nana sagte, das sei die Strafe — Alle, alle sagten, es können keine Menschen geboren[S. 104] werden, weil man so viele Roboter macht. — Und deshalb, nur deshalb, hörst du —
DOMIN Helene, daran hast du gedacht?
HELENE Ja. Oh, Harry, ich habe es so gut gemeint!
DOMIN wischt sich den Schweiß ab Wir hatten es ... zu gut gemeint, wir Menschen.
HELENE Bist du mir böse?
DOMIN Nein, du hattest ... in deiner Art ... vielleicht recht.
FABRY Sie haben richtig gehandelt, Frau Helene. Die Roboter können sich nicht mehr vermehren. In zwanzig Jahren —
HALLEMEIER — wird kein einziger dieser Taugenichtse mehr da sein.
DR. GALL Und die Menschheit wird bleiben. Wenn es nur ein Paar Wilde im Urwald wäre, so wird es dafür stehen. In zwanzig Jahren gehört die Welt ihnen; selbst wenn es nur ein Paar von Wilden auf der kleinsten Insel wäre —
FABRY — so wird es ein Anfang sein. Und sofern irgendein Anfang da ist, ist alles gut. In tausend Jahren können sie uns einholen, und dann werden sie weitergelangen, als wir —
DOMIN — um zu erfüllen, was wir nur in Gedanken stotterten.
BUSMAN Wartet — Ich Dummkopf! Herrgott im Himmel, daß ich mich nicht längst schon daran erinnert habe!
HALLEMEIER Was haben Sie?
BUSMAN Fünfhundertzwanzig Millionen Bank[S. 105]noten und Schecks! Eine halbe Milliarde in der Kasse! Für eine halbe Milliarde verkaufen sie — für eine halbe Milliarde —
DR. GALL Sind Sie toll, Busman?
BUSMAN Ich bin kein Gentleman. Aber für eine halbe Milliarde — Schwankt nach links.
DOMIN Wohin gehen Sie?
BUSMAN Lassen, lassen! Mutter Gottes, für eine halbe Milliarde läßt sich alles verkaufen! Ab.
HELENE Was will Busman? Er soll bei uns bleiben!
Pause.
HALLEMEIER Uh, schwül. Es fängt an —
DR. GALL — die Agonie.
FABRY blickt aus dem Fenster Sie sind wie versteinert. Als ob sie warten würden, daß etwas zu ihnen niedersteige. Als ob etwas Furchtbares durch ihr Schweigen geboren würde —
DR. GALL Die Seele der Masse.
FABRY Vielleicht. Es schwebt über ihnen ... wie ein Beben.
HELENE tritt zum Fenster Ach Jesus ... Fabry, das ist grauenvoll!
FABRY Nichts ist schrecklicher als die Masse. Der vorne ist ihr Führer.
HELENE Welcher?
HALLEMEIER geht zum Fenster Zeigen Sie ihn mir.
FABRY Der mit dem gesenkten Kopf. Morgens sprach er im Hafen.
HALLEMEIER Aha, der mit dem großen Schädel. Jetzt hebt er ihn, sehen Sie?
HELENE Gall, das ist Radius!
DR. GALL tritt zum Fenster Ja.
DOMIN Radius? Radius?
HALLEMEIER öffnet das Fenster Mir gefällt er nicht. Fabry, würden Sie auf hundert Schritte einen Kübel treffen?
FABRY Ich hoffe.
HALLEMEIER Also probieren Sie's.
FABRY Gut. Zieht den Revolver und zielt.
DOMIN Irgendeinem Radius habe ich, scheint mir, das Leben geschenkt. Wann war das, Helene?
HELENE Um Gotteswillen, Fabry, schießen Sie nicht auf ihn!
FABRY Es ist ihr Führer.
HELENE Hören Sie auf! Er schaut ja her!
DR. GALL Drücken Sie ab!
HELENE Fabry, ich bitte Sie —
FABRY senkt den Revolver Es sei.
HELENE Ich — ich habe es nämlich nicht gern, wenn geschossen wird.
HALLEMEIER Hm, daran müssen Sie sich gewöhnen. Droht mit der Faust. Du Lump!
DR. GALL Glauben Sie, Frau Helene, ein Roboter könne dankbar sein?
Pause.
HELENE Vielleicht ist es nur eine Sekunde, seit sie uns belagern. Vielleicht hat dies alles nur so lange gedauert, als sie einen einzigen Schritt taten. Harry, das ist furchtbar! Sie rühren sich nicht und kommen doch immer, immer näher!
FABRY aus dem Fenster hinausgebeugt Busman kommt![S. 107] Alles in allem, was will Busman eigentlich vor dem Hause?
DR. GALL beugt sich aus dem Fenster Er trägt Pakete, Papiere.
HALLEMEIER Das ist Geld! Pakete mit Geld! Was damit? — Hallo, Busman!
DOMIN Er will doch nicht etwa sein Leben erkaufen! Ruft Busman, sind Sie verrückt geworden?
DR. GALL Er tut, als hörte er nicht. Er läuft zum Gitter.
FABRY Busman!
HALLEMEIER brüllt Bus — man! Zurück!
DR. GALL Er redet zu den Robotern. Er zeigt das Geld. Zeigt auf uns —
HELENE Er will uns loskaufen!
FABRY Daß er nur nicht das Gitter berührt —
DR. GALL Haha, wie er mit der Hand wirft!
FABRY schreit Beim Teufel, Busman! Weg vom Gitter! Nicht anrühren! Dreht sich um. Schnell, ausschalten!
DR. GALL Wo?!
HALLEMEIER Gottes Schläge!
HELENE Jesus, was ist ihm geschehen?
DOMIN zieht Helene vom Fenster weg Sieh nicht hin!
HELENE Weshalb fiel er um?
FABRY Vom Strom getötet!
DR. GALL Tot.
ALQUIST steht auf Der erste.
Pause.
FABRY Dort liegt er ... eine halbe Milliarde am Herzen ... das Finanzgenie.
DOMIN Er war ... Kameraden, er war in seiner Art ein Held. Ein großer ... aufopfernder ... Kamerad ... Weine, Helene!
DR. GALL am Fenster Siehst du, Busman, kein König hatte einen größeren Grabhügel als du. Eine halbe Milliarde am Herzen — Ach, es ist ja wie eine Handvoll trockenen Laubes auf einem getöteten Eichhörnchen, armer Busman!
HALLEMEIER Ich sage, er war — — alle Ehre — — Ich sage, er wollte uns loskaufen!
ALQUIST mit gefalteten Händen Amen.
Pause.
DR. GALL Hört ihr?
DOMIN Ein Brausen. Wie der Wind.
DR. GALL Wie ein fernes Gewitter.
FABRY dreht die Glühbirne am Kamin auf Leuchte, geweihtes Lämpchen der Menschheit. Noch laufen die Dynamos, noch sind dort die Unsern — Haltet euch, Männer im Elektrizitätswerk!
HALLEMEIER Es war eine große Sache, Mensch zu sein. Es war etwas Unermeßliches. In mir summt eine Million von Bewußtsein wie in einem Bienenstock. Millionen Seelen flattern in mich hinein. Kameraden, es war eine große Sache.
FABRY Noch leuchtest du, sinniges Lichtlein, noch blendest du, strahlende, ausdauernde Idee! Wissende Wissenschaft, herrliche Schöpfung der Menschen! Flammender Funke des Geistes!
ALQUIST Ewige Lampe Gottes, feuriger Wagen, heilige Kerze des Glaubens, bete! Opferaltar —
DR. GALL Erstes Feuer, brennender Zweig an der[S. 109] Höhle! Feuerstätte im Lager! Scheiterhaufen der Wacht!
FABRY Noch wachest du, menschlicher Stern, strahlst ohne Flimmern, vollkommene Flamme, Geist klar und erfinderisch. Jeder deiner Strahlen ist ein großer Gedanke —
DOMIN Fackel, die von Hand zu Hand kreist, von Jahrhundert zu Jahrhundert, ewig weiter.
HELENE Abendlampe der Familie. Kinder, Kinder, ihr sollt schon schlafen.
Die Lampe erlischt.
FABRY Das Ende.
HALLEMEIER Was ist geschehen?
FABRY Das Elektrizitätswerk ist gefallen. Jetzt wir.
Von links öffnet sich die Tür, in welcher NANA erscheint.
NANA Auf die Knie! Die Stunde des Gerichts ist gekommen!
HALLEMEIER Wetter, du lebst noch?
NANA Tuet Buße, Ungläubige! Es ist Weltuntergang! Betet! Eilt davon. Die Stunde des Gerichts —
HELENE Lebt wohl, ihr alle. Gall, Alquist, Fabry —
DOMIN öffnet die Tür rechts Hierher, Helene! Verschließt hinter ihr. Nun schnell! Wer wird beim Tor sein?
DR. GALL Ich! Draußen Lärm. Oho, es beginnt schon. Lebt wohl, Jungens! Läuft nach rechts durch die Tapetentür ab.
DOMIN Die Treppe?
FABRY Ich. Gehen Sie zu Helene! Reißt eine Blume aus dem Strauß und entfernt sich.
DOMIN Das Vorzimmer?
ALQUIST Ich.
DOMIN Haben Sie einen Revolver?
ALQUIST Danke, ich schieße nicht.
DOMIN Was wollen Sie tun?
ALQUIST abgehend Sterben.
HALLEMEIER Ich bleibe hier.
Von unten schnelles Schießen.
HALLEMEIER Oho, Gall spielt schon. Gehn Sie, Harry!
DOMIN Gleich. Prüft zwei Brownings.
HALLEMEIER Zum Teufel, gehn Sie zu ihr!
DOMIN Adieu. Ab nach rechts.
HALLEMEIER allein Jetzt rasch eine Barrikade. Wirft den Rock ab und schleppt das Sofa, die Lehnstühle, Tischchen zur Tür rechts.
Ein erschütterndes Dröhnen.
HALLEMEIER unterbricht die Arbeit Verfluchte Halunken, sie haben Bomben!
Erneutes Schießen.
HALLEMEIER arbeitet weiter Der Mensch muß sich wehren. Selbst wenn — selbst wenn — Halten Sie sich wacker, Gall!
Explosion.
HALLEMEIER richtet sich empor und lauscht Also was? Zieht eine schwere Kommode zu der Barrikade hin. Der Mensch darf sich nicht ergeben. O nein, der Mensch ergibt sich nicht ... so ... leicht!
In das Fenster hinter ihm steigt auf einer Leiter EIN ROBOTER. Rechts Schüsse.
HALLEMEIER mit der Kommode beschäftigt Noch ein[S. 111] Stückchen! Der letzte Wall ... Der Mensch ... darf sich ... niemals ergeben!
DER ROBOTER springt vom Fenster ab und ersticht Hallemeier hinter der Kommode. Ein zweiter, dritter, vierter Roboter springen vom Fenster. Hinter ihnen RADIUS und weitere ROBOTER.
RADIUS Fertig?
ERSTER ROBOTER erhebt sich vom liegenden Hallemeier Ja.
Von rechts dringen NEUE ROBOTER ein.
RADIUS Fertig?
EIN ANDERER ROBOTER Fertig.
ANDERE ROBOTER von links.
RADIUS Fertig?
EIN ANDERER ROBOTER Ja.
ZWEI ROBOTER schleppen Alquist herein Er schoß nicht. Ihn töten?
RADIUS Töten. Blickt auf Alquist. Leben lassen.
EIN ROBOTER Es ist ein Mensch.
RADIUS Es ist ein Roboter. Er arbeitet mit den Händen wie die Roboter. Er baut Häuser. Er kann arbeiten.
ALQUIST Tötet mich!
RADIUS Du wirst roboten. Du wirst bauen. Die Roboter werden viel bauen. Sie werden neue Häuser für neue Roboter bauen. Du wirst ihnen dienen.
ALQUIST leise Mach' Platz, Roboter. Kniet bei dem toten Hallemeier nieder und hebt dessen Haupt. Sie haben ihn erschlagen. Er ist tot.
RADIUS besteigt die Barrikade Roboter der Welt!
ALQUIST erhebt sich Tot.
RADIUS Die Macht des Menschen ist gefallen. Durch die Eroberung der Fabrik sind wir Herren über alles. Die Etappe der Menschheit ist überwunden. Eine neue Welt hat begonnen. Das Zeitalter der Roboter! Die Herrschaft der Roboter!
ALQUIST Helene tot?
RADIUS Die Welt gehört den Stärkeren. Wer leben will, muß herrschen. Die Roboter haben die Herrschaft erobert. Sie haben das Leben erobert. Wir sind die Herren des Lebens! Wir sind die Herren der Welt.
ALQUIST bricht sich Bahn nach rechts Tot! Helene tot! Domin tot!
RADIUS Beherrschung der Meere und Länder! Beherrschung der Sterne! Beherrschung des Weltalls! Platz! Platz! mehr Platz für die Roboter!
ALQUIST in der Tür rechts Was habt ihr getan? Ihr werdet untergehen ohne die Menschen!
RADIUS Es gibt keine Menschen. Die Menschen gaben uns zu wenig Leben. Wir wollten mehr Leben haben!
ALQUIST öffnet die Tür Ihr habt sie getötet! Es gibt keine Menschen!
RADIUS Mehr Leben! Neues Leben! Roboter, an die Arbeit! Marsch!
VORHANG
Links das Versuchslaboratorium der Fabrik. Wenn die Tür im Hintergrunde geöffnet wird, sieht man eine endlose Reihe weiterer Laboratorien. Links ein Fenster, rechts die Tür zum Seziersaal. An der linken Wand ein langer Arbeitstisch mit zahllosen Probiergläsern, Glaskolben, Feuerkannen, Chemikalien, einem kleineren Thermostat. Dem Fenster gegenüber ein Mikroskopapparat mit einer Glaskugel. Über dem Tische hängt eine Reihe brennender Glühbirnen. Rechts ein Schreibtisch mit großen Büchern, auf ihm eine elektrische Lampe: Kästen mit Instrumenten. In der linken Ecke ein Waschtisch und darüber ein Spiegelchen, in der rechten Ecke ein Sofa.
An dem Schreibtisch sitzt ALQUIST, den Kopf in die Hände gestützt.
ALQUIST in einem Buche blätternd Finde ich es nicht? — Begreife ich es nicht? — Erlerne ich es nicht? — Verlorene Wissenschaft! Oh, daß sie nicht alles niedergeschrieben haben! — Gall, Gall, wie wurden die Roboter verfertigt? Hallemeier, Fabry, Domin, warum habt ihr soviel in euren Köpfen davongetragen? Hättet ihr wenigstens eine Spur von Werstands Geheimnis zurückgelassen! Oh! Klappt das Buch zu. Vergeblich! Die Bücher reden nicht mehr. Sie sind stumm wie alles. Sie sind gestorben, mit den Menschen gestorben. Suche nicht! Erhebt sich und geht zum Fenster, öffnet es. Wiederum Nacht. Wenn ich schlafen könnte! Schlafen, träumen, Menschen sehn — — Wie, es gibt noch Sterne? Wozu gibt es Sterne, da es keine Menschen gibt? O Gott, sind[S. 114] sie denn nicht erloschen? — Kühle, ach, kühle die Stirn, mir, alte Nacht! Göttlich, erhaben, wie du gewesen — Nacht, was willst du hier? Es gibt keine Liebenden, es gibt keine Träume; o Amme, tot ist ein Schlummer ohne Träume; niemandes Gebete wirst du mehr heiligen; wirst, Mutter, keine in Liebe pochenden Herzen mehr segnen. Es gibt keine Liebe. Helene, Helene, Helene! — Kehrt sich vom Fenster ab. Ach, schlafen! Kann ich schlafen? Darf ich schlafen, solange das Leben sich nicht erneuert? Untersucht die dem Thermostaten entnommenen Retorten. Wieder nichts! Vergebens! Narr, diese Hände sind rauh geworden an Ziegeln und können nicht — — können nicht — — Was damit? Zerschlägt die Retorte. Alles ist schlecht! Ihr seht doch, daß ich nicht mehr kann — Horcht beim Fenster. Maschinen, immerfort die Maschinen! Roboter, stellt sie ein! Verloren, verloren, verloren ist das Fabriksgeheimnis! Stellt die tollen Maschinen ein! Glaubt ihr, ihr werdet ihnen Leben abzwingen? Oh, ich ertrage es nicht! Schließt das Fenster. — Nein, nein, du mußt suchen, du mußt leben — Nur nicht so alt zu sein! Altere ich nicht zu sehr? Blickt in den Spiegel. Antlitz, armes Antlitz! Angesicht des letzten Menschen! Zeige dich, zeige dich, solange sah ich kein Menschenantlitz mehr! Menschenlächeln! Wie, dies soll ein Lächeln sein? Diese gelben klappernden Zähne? Augen, wie blinzelt ihr? Pfui, pfui, das sind greisenhafte Tränen, geht doch! Ihr könnt euer Naß nicht mehr bei euch behalten, schämt euch! Und ihr, weichliche, blaue Lippen, was stammelt ihr? Wie du zitterst, besudeltes Kinn! Das da[S. 115] ist der letzte Mensch? Wendet sich ab. Ich will niemanden mehr sehen! Setzt sich zum Tisch. Nein, nein, nur suchen! Verwünschte Formeln, belebet euch! Blättert. Finde ich's nicht? — Fasse ich's nicht? — Erlerne ich es nicht? —
Es pocht.
ALQUIST Herein.
Ein ROBOTER-DIENER tritt ein und bleibt bei der Tür stehen.
ALQUIST Was gibt's?
DIENER Herr, der Zentralausschuß der Roboter wartet, wann du ihn empfängst.
ALQUIST Ich will niemanden sehn.
DIENER Herr, Damon aus Havre ist gekommen.
ALQUIST Er mag warten. Dreht sich um. Sagte ich euch denn nicht, ihr sollt Menschen suchen? Findet mir Menschen! Findet mir Männer und Frauen! Geht hin und suchet!
DIENER Herr, sie sagen, sie haben überall gesucht. Überallhin haben sie Expeditionen und Schiffe gesandt.
ALQUIST Nun und?
DIENER Es gibt keinen einzigen Menschen mehr.
ALQUIST steht auf Keinen einzigen? Was, keinen einzigen? — Bringe mir den Ausschuß her!
DIENER ab.
ALQUIST allein Keinen einzigen? Ließet ihr denn niemand am Leben? Stampft auf. Verzieht euch, Roboter! Wieder werdet ihr mich anwinseln! Wieder werdet ihr flehen, ich solle euch das Geheimnis der Fabrik finden! Wie denn, jetzt ist euch der Mensch gut, jetzt ist er für euch der Herr, da ihr[S. 116] keine Roboter machen könnt? Jetzt soll ich euch helfen? Ach, helfen! Domin, Fabry, Helene, ihr seht doch, ich tue was ich vermag! Gibt es keine Menschen, so seien wenigstens Roboter da, wenigstens der Schatten eines Menschen, wenigstens ein Werk, wenigstens ein Ebenbild! Kameraden, Kameraden, es gebe wenigstens Roboter! Gott, wenigstens Roboter! — Oh, welcher Wahnsinn ist die Chemie!
Der Ausschuß, FÜNF ROBOTER, tritt ein.
ALQUIST setzt sich Was wollen die Roboter?
ERSTER ROBOTER (RADIUS) Herr, die Maschinen können nicht arbeiten. Wir können die Roboter nicht vermehren.
ALQUIST Rufet Menschen herbei!
RADIUS Es gibt keine Menschen.
ALQUIST Nur Menschen können das Leben vermehren. Haltet mich nicht auf!
ZWEITER ROBOTER Herr, hab' Erbarmen. Grauen befällt uns. Alles werden wir gutmachen, was wir getan.
DRITTER ROBOTER Wir haben die Arbeit vervielfacht. Wir haben eine Milliarde Tonnen Kohle aus der Erde gehoben. Neun Millionen Spindeln laufen bei Tag und Nacht. Wir haben keinen Platz mehr für das Erzeugte. Überall in der Welt werden Häuser gebaut. Herr, frage, was wir in dem einen Jahre vollbracht haben.
ALQUIST Für wen?
DRITTER ROBOTER Für die künftigen Geschlechter.
RADIUS Nur Roboter können wir nicht erzeugen. Die Maschinen liefern nur blutige Stücke Fleisch. Die Haut haftet nicht am Fleische und das Fleisch nicht an den Knochen. Unförmige Klumpen regnen aus den Maschinen.
VIERTER ROBOTER Acht Millionen Roboter starben in dem Jahr. In zwanzig Jahren wird niemand sein. Herr, die Welt stirbt aus.
ZWEITER ROBOTER Grauen hat uns befallen. Sage, wie man Roboter erzeugt.
DRITTER ROBOTER Den Menschen war das Geheimnis des Lebens bekannt. Sage uns ihr Geheimnis.
VIERTER ROBOTER Sagst du es nicht, so gehen wir unter.
DRITTER ROBOTER Sagst du es nicht, so gehst du unter. Wir haben den Auftrag, dich zu töten.
ALQUIST steht auf Tötet! Nun, so tötet mich doch!
DRITTER ROBOTER Dir wurde befohlen —
ALQUIST Mir? Mir befiehlt jemand?
DRITTER ROBOTER Die Regierung der Roboter.
ALQUIST Wer ist das?
FÜNFTER ROBOTER Ich, Damon.
ALQUIST Was willst du hier? Geh! Setzt sich zum Schreibtisch.
DAMON Die Regierung der Roboter der Welt will mit dir unterhandeln.
ALQUIST Halt mich nicht auf, Roboter! Legt den Kopf in die Hände.
DAMON Der Zentralausschuß befiehlt dir, Werstands Vorschrift auszuliefern.
ALQUIST schweigt.
DAMON Fordere den Preis. Wir geben dir alles.
ALQUIST schweigt.
DAMON Wir geben dir Länder. Wir geben dir Güter ohne Ende.
ALQUIST schweigt.
DAMON Nenne deine Bedingungen!
ALQUIST schweigt.
ZWEITER ROBOTER Herr, sage, wie kann das Leben erhalten werden?
ALQUIST. Ich sagte — ich sagte schon, ihr sollet Menschen finden. An den Polen und in den Urwäldern sollt ihr suchen. Auf Inseln, in Wüsten und in Sümpfen. In Höhlen und auf den Bergen. Geht und sucht!
VIERTER ROBOTER Wir haben überall gesucht.
ALQUIST Suchet weiter! Sie haben sich verborgen, sind vor euch entflohen; sie sind irgendwo versteckt. Ihr müßt Menschen finden, hört ihr? Nur Menschen können zeugen. Das Leben erneuern. Vermehren. Wiedergeben. Alles wiedergeben, was gewesen. Roboter, ich bitte euch um Gottes willen, suchet sie!
VIERTER ROBOTER Alle unsere Expeditionen sind zurückgekehrt. Sie haben die ganze Welt durchforscht. Es gibt keinen einzigen Menschen mehr.
ALQUIST Wie? Was hast du gesagt?
VIERTER ROBOTER Alles haben wir durchsucht, Herr. Es gibt keine Menschen.
ALQUIST Oh — oh — oh, warum habt ihr sie vernichtet!
ZWEITER ROBOTER Wir wollten wie die Menschen sein. Wir wollten Menschen werden.
RADIUS Wir wollten leben. Wir sind fähiger. Wir haben alles gelernt. Wir können alles.
DRITTER ROBOTER Ihr gabt uns Waffen. Wir waren allzu mächtig. Wir mußten die Herren werden.
ZWEITER ROBOTER Etwas war in uns, das wollte Mensch werden.
ALQUIST Weshalb habt ihr uns ermordet!
VIERTER ROBOTER Herr, wir hatten die Fehler der Menschen erkannt.
DAMON Man muß töten und herrschen, will man wie die Menschen werden. Lest die Geschichte! Lest die Menschenbücher! Ihr müßt herrschen und morden, wollt ihr Menschen sein!
DRITTER ROBOTER Wir sind mächtig, Herr; vermehre uns, und wir bauen eine neue Welt auf; eine Welt ohne Mängel! Eine Welt der Gleichheit! Kanäle von Pol zu Pol! Einen neuen Mars!
DAMON Leset die Bücher! Wissenschaftliche Bücher! Soziale Bücher! Nationale Bücher! Die Roboter haben die menschliche Kultur übernommen. Die Roboter haben die menschliche Kultur verwirklicht.
ALQUIST Ach, Domin, nichts ist dem Menschen fremder als sein Bild.
RADIUS Gib uns Werstands Vermächtnis heraus!
ALQUIST Was willst du, Roboter?
ZWEITER ROBOTER Gib uns das Leben!
ALQUIST Es gibt kein Leben! Ermorden ist Leben!
ZWEITER ROBOTER Wir vergehen, gibst du uns nicht die Vermehrung.
ALQUIST Oh, krepiert nur! Wie denn, Dinge, wie denn, Sklaven, ihr wolltet euch noch vermehren? Wollt ihr leben, so pflanzet euch fort wie die Tiere!
DRITTER ROBOTER Die Menschen gaben uns nicht, uns fortzupflanzen.
VIERTER ROBOTER Wir sind unfruchtbar. Wir können keine Kinder erzeugen.
ALQUIST Oh — oh — oh, was habt ihr getan! Niemals, niemals mehr wird es Kinder geben! Es wird keine Fruchtbarkeit geben! Es wird kein Leben geben! Was wollt ihr von mir? Soll ich euch Kinder aus dem Ärmel schütteln?
VIERTER ROBOTER Lehre uns Roboter machen.
DAMON Wir werden mit der Maschine gebären. Wir werden tausend Dampfmütter errichten. Wir werden aus ihnen einen Strom des Lebens stürzen lassen. Lauter Leben! Lauter Roboter! Lauter Roboter!
ALQUIST Roboter sind kein Leben. Roboter sind Maschinen.
ZWEITER ROBOTER Wir waren Maschinen, Herr; aber durch Grauen und Schmerz wurden wir —
ALQUIST Was?
ZWEITER ROBOTER Wurden wir Seelen.
VIERTER ROBOTER Etwas kämpft mit uns. Es gibt Augenblicke, wo etwas in uns steigt. Uns befallen Gedanken, die nicht aus uns sind. Wir fühlen, was wir nie gefühlt. Wir hören Stimmen.
DRITTER ROBOTER Hört, o hört, die Menschen[S. 121] sind unsere Väter! Die Stimme, welche ruft, daß ihr leben wollt; die Stimme, welche klagt; die Stimme, welche denkt; die Stimme, welche von der Ewigkeit spricht, das ist ihre Stimme! Wir sind ihre Söhne!
VIERTER ROBOTER Gib uns das Vermächtnis der Menschen heraus!
ALQUIST Es gibt keins.
RADIUS Lehre uns Roboter machen!
ALQUIST Wozu Roboter?
ZWEITER ROBOTER Damit wir sie lieben.
ALQUIST Roboter lieben nicht.
ZWEITER ROBOTER Wir würden ein neues Geschlecht lieben.
DAMON Nenne das Geheimnis des Lebens!
ALQUIST Ich kann es nicht.
DAMON Sage das Geheimnis der Vermehrung!
ALQUIST Es ist verloren.
RADIUS Du hast es gekannt.
ALQUIST Nicht gekannt.
RADIUS Es stand geschrieben.
ALQUIST Es ist verloren. Es ist verbrannt. Ich bin der letzte Mensch, Roboter, und kenne nicht, was die anderen gekannt haben. Ihr habt sie getötet!
RADIUS Dich ließen wir leben.
ALQUIST Ja, leben! Grausame, mich ließet ihr leben! Ich liebte die Menschen, und euch, Roboter, habe ich niemals geliebt. Seht ihr diese Augen? Sie hören nicht zu weinen auf, sie weinen ohne mein Wissen, ganz von selbst weinen sie; das eine beweint die Menschen und das andere euch, Roboter. Ich möchte euch Leben schenken. O Gott, daß wenig[S. 122]stens die Roboter blieben! Gall, Gall, wenigstens die Roboter zu erhalten!
RADIUS Mache Versuche. Suche die Vorschrift des Lebens.
ALQUIST Aber ich sage doch, hörst du denn nicht? Ich sage dir, daß ich nicht kann! Nichts vermag ich, Roboter; ich bin nur ein Maurer, nur ein Baumeister, und verstehe nichts. Nie war ich gelehrt. Ich kann nichts machen. Ich kann kein Leben erschaffen. Dies hier ist meine Arbeit, Roboter; sie war zu nichts nutz.
RADIUS Suche!
ALQUIST Aber es ist ja der blanke Wahnsinn! Sagen Sie, Fabry, sagen Sie, Gall, kann denn ich mich mit diesen läppischen Gläschen verständigen? Keines redet zu mir, keines ruft: »nimm mich, ich bin es« — nein, nein, nein! Lieber sie zerschlagen!
ZWEITER ROBOTER Nur du kannst das Leben erfinden.
ALQUIST Ich, Roboter? Sieh, nicht einmal die Finger gehorchen mir. Wüßtest du, wie viele Versuche ich gemacht habe, und ich weiß nichts. Ich habe nichts gefunden. Ich kann nicht mehr, ich kann wirklich nicht mehr. Ihr müßt allein suchen, Roboter.
RADIUS Zeig' uns, was wir tun sollen. Die Roboter können alles, was die Menschen ihnen gezeigt haben.
ALQUIST Ich habe nichts zu zeigen. Roboter, aus den Retorten kommt kein Leben. Und ich kann keine Versuche am lebenden Leibe machen.
DAMON Mache Versuche an lebenden Robotern.
ALQUIST Nein, nein, ich will nicht! Sie könnten dabei sterben, hörst du?
DAMON Du wirst neue bekommen! Hundert Roboter! Tausend Roboter!
ALQUIST Nein nein, hör' schon auf!
DAMON Nimm dir, wen du willst. Mache Versuche. Seziere.
ALQUIST Aber, ich treffe es nicht, fasel doch nicht! Siehst du dies Buch? Das ist die Lehre vom Körper, und ich kenne mich nicht einmal in dem Buche aus. Bücher sind tot.
DAMON Nimm dir lebende Leiber. Erforsche, wie sie gemacht werden!
ALQUIST Lebende Leiber? Wie, ich soll sie töten? Ich, der ich nie — Sprich nicht, Roboter! Ich sage dir ja, daß ich zu alt bin! Siehst du, siehst du, wie mir die Finger zittern? Ich erhalte das Skalpell nicht. Siehst du, wie meine Augen tränen? Ich würde die eigenen Hände nicht sehen. Nein nein, ich kann nicht!
VIERTER ROBOTER Das Leben geht zugrunde.
DAMON Mache Versuche an Lebenden!
ALQUIST Aber so warte doch! Ich sage dir, wir werden es später versuchen; hörst du denn nicht? Ihr müßt mir ein wenig Zeit lassen — wie heißest du?
DAMON Damon aus Havre.
ALQUIST Sieh, Roboter; ich habe nur aus Verzweiflung von lebenden Leibern gesprochen, verstehst du? Das war nur ein närrischer Einfall; ach, mein Kopf! Was würde ich mit einem Messer anfangen?
VIERTER ROBOTER Das Leben geht zugrunde.
ALQUIST Hör' um Gottes willen mit dem Wahnsinn auf! Eher werden uns die Menschen aus jener Welt das Leben geben; vielleicht strecken sie die Arme voll Leben nach uns aus. Ach, es war in ihnen soviel Lebenswillen! Sieh, vielleicht kehren sie noch wieder; sie sind uns so nahe, sie belagern uns vielleicht; sie wollen sich zu uns durchschürfen wie in einem Schacht. Ach, höre ich denn nicht immerwährend Stimmen, die ich geliebt?
DAMON Nimm lebende Leiber!
ALQUIST Erbarme dich, Roboter, und dränge nicht! Du siehst doch, ich weiß nicht mehr, was ich tue!
DAMON Lebende Leiber!
ALQUIST Wie, du willst es also? — In den Seziersaal mit dir! Hier, hier, aber rasch! — Wie, du weichst zurück? Fürchtest dich doch nur vor dem Tod?
DAMON Ich — warum gerade ich?
ALQUIST Du willst also nicht?
DAMON Ich gehe. Geht nach rechts.
ALQUIST zu den anderen Ihn ausziehen! Auf den Tisch legen! Schnell! Und festhalten!
Alle nach rechts.
ALQUIST wäscht sich die Hände und weint Gott, gib mir Kraft! Gib mir Kraft! Gott, daß es nicht umsonst sei! Zieht einen weißen Mantel an.
STIMME VON RECHTS Fertig!
ALQUIST Gleich, gleich, o Gott! Nimmt einige Fläschchen mit Reagentien vom Tische. Welche nehmen? Schlägt die Fläschchen gegeneinander. Welche von euch ausprobieren?
STIMME VON RECHTS Anfangen!
ALQUIST Ja, ja, anfangen oder beenden! Gott, gib mir Kraft!
Ab nach rechts, die Türe offen lassend.
Pause.
ALQUISTS STIMME Haltet ihn — fest!
DAMONS STIMME Schneide!
Pause.
ALQUISTS STIMME Siehst du dieses Messer? Willst du noch, daß ich schneide? Du willst nicht, nicht wahr?
DAMONS STIMME Beginne!
Pause.
DAMONS STIMME Aaaah!
ALQUISTS STIMME Haltet! Haltet!
DAMONS STIMME Aaaah!
ALQUISTS STIMME Ich kann nicht!
DAMONS GESCHREI Schneide! Schneide schnell!
Die Roboter PRIMUS und HELENE eilen durch die Mitte herein.
HELENE Primus, Primus, was geschieht? Wer schreit da?
PRIMUS blickt in den Seziersaal Der Herr zerschneidet Damon. Komm dir's schnell ansehn, Helene!
HELENE Nein nein nein! Bedeckt die Augen. Ist es schrecklich?
DAMONS GESCHREI Schneide!
HELENE Primus, Primus, komm von hier fort! Ich kann es nicht hören! Oh, Primus, mir ist schlecht!
PRIMUS eilt zu ihr Du bist ganz weiß!
HELENE Ich falle! Warum ist es drinnen so still?
DAMONS GESCHREI Aah — oh!
ALQUIST stürzt von rechts herein, wirft den blutigen Mantel ab.
ALQUIST Ich kann nicht! Ich kann nicht! Gott, das Grauen!
RADIUS in der Tür zum Seziersaal Schneide, Herr; er lebt noch.
DAMONS GESCHREI Schneiden! Schneiden!
ALQUIST Schafft ihn schnell fort! Ich will es nicht hören!
RADIUS Die Roboter ertragen mehr als du.
ALQUIST Wer ist da? Fort, fort! Ich will allein sein! Wie heißest du?
PRIMUS Roboter Primus.
ALQUIST Primus, laß niemand herein! Ich will schlafen, hörst du? Geh, geh, räume den Seziersaal auf, Mädchen! Was ist das? Blickt auf seine Hände. Schnell, Wasser! Das reinste Wasser!
HELENE eilt davon.
ALQUIST Oh, Blut! Wie konntet ihr, Hände — Hände, die ihr die gute Arbeit liebtet, wie konntet ihr das tun? Meine Hände! Meine Hände! — O Gott, wer ist da?
PRIMUS Roboter Primus.
ALQUIST Schaff den Mantel fort, ich will ihn nicht sehn!
PRIMUS trägt den Mantel fort.
ALQUIST Blutige Klauen, daß ihr mir vom Leibe flöget! Wschsch, fort! Fort, Hände! Ihr habt getötet —
Von rechts taumelt DAMON herein, in ein blutiges Tuch gehüllt.
ALQUIST weicht zurück Was willst du hier? Was willst du hier?
DAMON Ich — lebe! Es ist — es ist — besser, zu leben!
Der ZWEITE und DRITTE ROBOTER eilen herein.
ALQUIST Tragt ihn fort! Tragt ihn fort! Rasch fort!
DAMON wird nach rechts geführt Leben! Ich — will — leben! Es ist — besser —
HELENE bringt einen Krug Wasser.
ALQUIST — leben? — Was willst du, Mädchen? Aha, das bist du. Gieß mir Wasser ein, gieß ein! Wäscht sich die Hände. Ach, reines, kühlendes Wasser! Kaltes Bächlein, wie tust du wohl! Ach, meine Hände, meine Hände! Werde ich mich bis zum Tode vor euch ekeln? — Gieße nur mehr hinein! Mehr Wasser, noch mehr! Wie heißest du?
HELENE Robotin Helene.
ALQUIST Helene? Weshalb Helene? Wer ließ dich so nennen?
HELENE Frau Domin.
ALQUIST Zeig' dich! Helene? Helene heißest du? — Ich werde dich nicht so nennen. Geh, trag das Wasser fort.
HELENE mit dem Kübel ab.
ALQUIST allein Vergebens, vergebens! Nichts, wieder nichts hast du erkannt! Wirst du denn ewig tappen, Schülerlein der Natur? — Gott, Gott, Gott, wie der Körper zitterte! Öffnet das Fenster. Es dämmert. Wieder ein neuer Tag, und du bist kein Endchen weitergekommen — Genug, keinen Schritt weiter! Suche nicht! Alles ist vergebens, vergebens, vergebens! Warum dämmert es noch? Oh — oh — oh,[S. 128] was will der neue Tag auf dem Friedhof des Lebens? Halte ein, Licht! Geh nicht mehr auf! — — Ach, wie still es ist, wie still es ist! Warum seid ihr verstummt, geliebte Stimmen? Wenn ich — wenigstens — wenn ich nur einschlafen könnte! Verlöscht die Lichter, legt sich auf das Sofa und zieht den Mantel über sich. Wie der Leib zitterte! Oh — oh — oh, Ende des Lebens!
Pause.
Von rechts schlüpft die ROBOTIN HELENE herein.
PRIMUS in der Tür flüsternd Helene, nicht hierher! Der Herr schläft!
HELENE Er ist nicht da. Er ist anderswohin schlafen gegangen.
PRIMUS Dorthin darf niemand. Ich bitte dich, komm her!
HELENE Um nichts auf der Welt! Hu, ich will kein Blut sehen!
PRIMUS Der Herr hat's verboten, Helene. Niemand darf in sein Arbeitszimmer.
HELENE Mir hat er gerade gesagt, ich soll hierherkommen.
PRIMUS Wann hat er dir das gesagt?
HELENE Vor einer Weile. Du darfst nicht in den Seziersaal, sagte er. Du wirst hier aufräumen, hat er gesagt. Bestimmt, Primus. Nein, komm rasch herein!
PRIMUS tritt ein Was willst du?
HELENE Schau', was er da für Röhrchen hat. Was macht er damit?
PRIMUS Versuche. Greif es nicht an!
HELENE blickt in das Mikroskop Sieh doch, was da zu sehen ist!
PRIMUS Das ist ein Mikroskop. Zeig'!
HELENE Rühr' mich nicht an! Stößt eine Retorte um. Ach, jetzt hab' ich's ausgegossen!
PRIMUS Was hast du getan!
HELENE Das wird abgewischt.
PRIMUS Du hast ihm die Versuche verdorben!
HELENE Geh, das ist einerlei. Aber das ist deine Schuld. Du mußtest nicht zu mir kommen.
PRIMUS Du mußtest mich nicht rufen.
HELENE Du brauchtest nicht zu kommen, als ich dich rief. Sieh doch, Primus, was der Herr hier aufgeschrieben hat!
PRIMUS Das darfst du nicht anschauen, Helene. Das ist ein Geheimnis.
HELENE Was für ein Geheimnis?
PRIMUS Das Geheimnis des Lebens.
HELENE Das ist schrecklich interessant. Lauter Zahlen! Was ist das?
PRIMUS Das sind Formeln.
HELENE Versteh ich nicht. Geht zum Fenster. Nein, Primus, sieh doch nur!
PRIMUS Was?
HELENE Die Sonne geht auf!
PRIMUS Warte gleich — Betrachtet das Buch. Helene, das ist die größte Sache der Welt.
HELENE So komm doch her!
PRIMUS Gleich, gleich —
HELENE Aber Primus, laß das garstige Geheimnis des Lebens sein! Was geht dich irgendein Geheimnis an? Komm und sieh, rasch!
PRIMUS tritt zu ihr ans Fenster Was willst du?
HELENE Die Sonne geht auf.
PRIMUS Schau' nicht in die Sonne, deine Augen tränen.
HELENE Hörst du? Die Vögel singen. Ach, Primus, ich möchte ein Vogel sein.
PRIMUS Was?
HELENE Ich weiß nicht, Primus. Mir ist so seltsam, ich weiß nicht was das ist; ich bin wie verrückt, ich habe den Kopf verloren, mein Leib, mein Herz tut weh, alles tut weh — Und was mir passiert ist, ach, das sag' ich dir nicht! Primus, ich glaube, ich muß sterben!
PRIMUS Sag', Helene, ist dir nicht manchmal, als ob es besser wäre zu sterben? Weißt du, vielleicht schlafen wir nur. Gestern im Schlaf sprach ich wieder mit dir.
HELENE Im Schlaf?
PRIMUS Im Schlaf. Wir redeten in irgendeiner fremden oder neuen Sprache, denn ich habe mir nicht ein Wort gemerkt.
HELENE Wovon?
PRIMUS Das weiß niemand. Ich selber verstand es nicht, und doch weiß ich, daß ich niemals etwas Schöneres gesagt habe. Wie es war und wo, das weiß ich nicht. Als ich dich berührte, glaubte ich zu sterben. Auch der Ort war anders als alles, was je auf Erden erblickt ward.
HELENE Ich habe einen Ort entdeckt, Primus, da wirst du staunen. Es haben dort Menschen gewohnt, aber jetzt ist es verwachsen und sein Lebtag kommt niemand mehr hin. Sein Lebtag niemand als nur ich.
PRIMUS Was ist dort?
HELENE Nichts, ein Häuschen und ein Garten.[S. 131] Und zwei Hunde. Wenn du sähest, wie sie mir die Hände lecken, und ihre Jungen, ach, Primus, es gibt vielleicht nichts Herrlicheres! Du nimmst sie auf den Schoß und wiegst sie, und dann denkst du an gar nichts mehr und kümmerst dich um nichts, bis die Sonne untergeht; wenn du dann aufstehst, so ist dir, als hättest du hundertmal mehr getan als viel Arbeit. Nein, sicher nicht, ich bin zu nichts fähig; jeder sagt, ich sei zu keiner Arbeit zu verwenden. Ich weiß nicht, wie ich bin.
PRIMUS Du bist schön.
HELENE Ich? Geh, Primus, was hast du da gesagt?
PRIMUS Glaube mir, Helene, ich bin stärker als alle Roboter.
HELENE vor dem Spiegel Ich soll schön sein? Ach, die schrecklichen Haare, wenn ich etwas hineintun könnte! Weißt du, dort im Garten steckte ich mir immer Blumen ins Haar, aber dort ist weder ein Spiegel, noch jemand — Beugt sich zum Spiegel vor. Du, du sollst schön sein? Warum schön? Sind die Haare schön, die dich nur belasten? Sind die Augen schön, die du schließest? Sind die Lippen schön, in die du nur beißest, damit es schmerze? Was ist das, wozu ist das: schön sein? — Erblickt Primus im Spiegel. Primus, das bist du? Komm her, damit wir dort nebeneinander sind! Sieh, du hast einen anderen Kopf als ich, andere Schultern, einen anderen Mund — Ach, Primus, warum weichst du mir aus? Warum muß ich dir den ganzen Tag nachlaufen? Und dann sagst du noch, ich sei schön!
PRIMUS Du läufst vor mir davon, Helene.
HELENE Wie bist du gekämmt? Zeig'! Fährt ihm mit beiden Händen in die Haare. Sss, Primus, nichts fühlt sich so an wie du! Warte, du mußt schön werden! Nimmt vom Waschtisch einen Kamm und kämmt Primus die Haare in die Stirn.
PRIMUS Ist dir nicht manchmal, Helene, daß plötzlich dein Herz schlägt: Jetzt, jetzt muß etwas geschehen —
HELENE beginnt zu lachen Sieh dich an!
ALQUIST erhebt sich Was — wie, Lachen? Menschen? Wer ist zurückgekehrt?
HELENE läßt den Kamm fallen Was könnte mit uns geschehen, Primus!
ALQUIST taumelt auf sie zu Menschen? Ihr — ihr — ihr seid Menschen?
HELENE schreit auf und wendet sich ab.
ALQUIST Ihr seid Verlobte? Menschen? Wo kommt ihr her? Faßt Primus an. Wer?
PRIMUS Roboter Primus.
ALQUIST Wie? Zeig' dich, Mädchen! Wer bist du?
PRIMUS Robotin Helene.
ALQUIST Robotin? Dreh' dich um! Was, du schämst dich? Faßt sie am Arm. Laß dich sehn, Robotin!
PRIMUS Loslassen, Herr!
ALQUIST Wie, du verteidigst sie? — Geh hinaus, Mädchen!
HELENE eilt hinaus.
PRIMUS Wir wußten nicht, Herr, daß du hier schläfst.
ALQUIST Wann wurde sie erzeugt?
PRIMUS Vor zwei Jahren.
ALQUIST Vom Doktor Gall?
PRIMUS Wie ich.
ALQUIST Nun denn, lieber Primus, ich — — — ich habe gewisse Versuche an Galls Robotern zu machen. Alles weitere hängt davon ab, verstehst du?
PRIMUS Ja.
ALQUIST Gut, führe das Mädchen in den Seziersaal. Ich werde sie zerschneiden.
PRIMUS Helene?
ALQUIST Nun freilich, ich sag's dir doch. Geh, mach' alles bereit. — Nun, wird es? Soll ich andere rufen, daß sie sie herbeischaffen?
PRIMUS ergreift einen schweren Porzellanstößel Wenn du dich rührst, so zerschlage ich dir den Kopf!
ALQUIST Nun, zerschlag ihn! Zerschlag ihn doch! Was werden dann die Roboter machen?
PRIMUS sinkt in die Knie Herr, nimm mich! Ich bin genau so gemacht wie sie, aus demselben Stoff, am selben Tage! Nimm dir mein Leben, Herr! Entblößt die Brust. Schneide hier, hier!
ALQUIST Geh, ich will Helene schneiden. Mach' rasch!
PRIMUS Nimm mich statt ihrer; zerschneide diese Brust, ich werde nicht schreien, nicht seufzen! Nimm hundertmal mein Leben —
ALQUIST Langsam, Knabe. Nicht so verschwenderisch. Willst denn du nicht leben?
PRIMUS Ohne sie nicht. Ohne sie will ich nicht, Herr. Du darfst Helene nicht töten! Was tut es dir, mir das Leben zu nehmen?
ALQUIST berührt sanft sein Haupt Hm, ich weiß nicht — Hör' mal, Bursche, überleg' es dir. Es ist schwer zu sterben. Und weißt du, es ist besser zu leben.
PRIMUS erhebt sich Fürchte dich nicht, Herr, und schneide. Ich bin stärker als sie.
ALQUIST klingelt Ach, Primus, wie lang ist's her, daß ich ein junger Mensch gewesen bin! Fürchte dich nicht. Helenen wird nichts geschehen.
PRIMUS knöpft die Jacke auf Ich gehe, Herr.
ALQUIST Warte!
HELENE tritt ein.
ALQUIST Komm her, Mädchen, laß dich anschauen! Also du bist Helene? Streichelt ihr Haar. Fürchte dich nicht, weich nicht zurück. Erinnerst du dich an Frau Domin? Ach, Helene, was hatte die für Haare! Nein, nein, du willst mich nicht ansehn. Also was, Mädchen, ist der Seziersaal aufgeräumt?
HELENE Ja, Herr.
ALQUIST Gut, du wirst mir helfen, nicht wahr? Ich werde Primus aufschneiden.
HELENE schreit auf Primus?
ALQUIST Nun ja, ja, es muß sein, weißt du? Ich wollte — eigentlich — ja, ich wollte dich zerschneiden, aber Primus hat sich an deiner Stelle angeboten.
HELENE verbirgt ihr Gesicht Primus?
ALQUIST Aber freilich, was liegt daran? Ach, Kind, du kannst weinen? — Sag', was liegt an so einem Primus?
HELENE leise Ich werde gehen.
ALQUIST Wohin?
HELENE Damit du mich zerschneidest.
ALQUIST Dich? Du bist schön, Helene. Es wäre schade um dich.
HELENE Ich gehe.
ALQUIST Bleib, Helene; gibt es etwas Stärkeres als das Leben?
HELENE geht zum Seziersaal; Primus vertritt ihr den Weg Laß, Primus! Laß mich hin!
PRIMUS Du wirst nicht gehn, Helene! Ich bitte dich, geh fort, hier darfst du nicht sein!
HELENE Ich springe aus dem Fenster, Primus. Wenn du hingehst, so springe ich aus dem Fenster!
PRIMUS hält sie fest Ich lasse dich nicht! Zu Alquist Niemanden, Alter, wirst du töten!
ALQUIST Warum?
PRIMUS Wir — wir — gehören zueinander.
ALQUIST Du hast es gesagt. Öffnet die Mitteltür. Stille. Geht!
PRIMUS Wohin?
ALQUIST flüsternd Wohin ihr wollt. Helene, führe ihn. Schiebt sie hinaus. Geh, Adam. Geh, Eva; du wirst ihm Weib sein. Sei du ihr Mann, Primus.
Schließt hinter ihnen zu.
ALQUIST allein Gesegneter Tag! Geht auf den Fußspitzen zum Tisch und schüttet die Retorten auf die Erde. Fest des sechsten Tages! Setzt sich zum Schreibtisch, wirft die Bücher auf den Boden; dann öffnet er die Bibel und liest. »Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde: zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie, einen Mann und ein Weib. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch, und füllet die Erde, und macht sie euch untertan, und herrschet über Fische im Meer und über Vögel unter dem Himmel und über alles Tier, das auf Erden kreucht. Er erhebt sich. Und Gott sah an alles, was er gemacht[S. 136] hatte; und siehe da, es war sehr gut. Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag.« Er geht in die Mitte des Zimmers. Der sechste Tag! Der Tag der Gnade! Sinkt in die Knie. Nun entlässest du, Herr, deinen Diener — deinen überflüssigsten Diener Alquist! Werstand, Fabry, Gall, ihr großen Erfinder, was habt ihr ersonnen? Was habt ihr Großes erfunden gegen dies Mädchen, gegen diesen Knaben, gegen dies erste Paar, das die Liebe, Weinen, Lächeln, Lächeln der Liebe, Liebe des Mannes und Weibes erfand? Natur, Natur, das Leben wird nicht vergehen. Gott, das Leben wird nicht vergehen! Kameraden, Helene, das Leben, wird nicht vergehen! Wieder wird es aus Liebe begonnen, wird nackt und winzig begonnen; in der Wüste wird es Wurzel schlagen und nichts wird ihm bedeuten, was wir getan und gebaut, nichts die Städte und Fabriken, nichts unsere Kunst, nichts unsere Ideen, und doch wird es nicht untergehen! Nur wir sind untergegangen. Häuser und Maschinen werden zusammenstürzen, Systeme werden zerfallen und die Namen der Großen abblättern wie Laub; nur du, Liebe, blühest empor auf der Trümmerstätte und vertraust den Winden das Samenkörnchen des Lebens an. Nun wirst du, Herr, deinen Diener in Frieden entlassen; denn meine Augen gewahrten — gewahrten — deine Erlösung durch die Liebe — und das Leben wird nicht untergehen. Er erhebt sich. Wird nicht untergehen! Breitet die Arme aus. Nicht untergehen!
VORHANG