*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78594 ***

Anmerkungen zur Transkription.

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Die Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.

Das Inhaltsverzeichnis ist zur besseren Übersicht an den Anfang des Textes verschoben worden.

Worte in Antiqua sind "kursiv" dargestellt

.
cover
deckblatt

Eberhard König

Von Hollas Rocken

Märchen

signet

E. Matthes, Verlagsbuchhandlung Leipzig und Hartenstein-Sachsen


Inhalt

1
12
16
30
34
58
79
95
132

[S. 1]

schneiderlein

Vom Schneiderlein mit den drei Hunden

Ein armes Schneiderlein hatte zu Hause nichts zu verlieren und ging auf Reisen. Da lief ihm mitten im Walde ein großer Hund in den Weg, bot ihm die Zeit und fragte es, ob's ihn nicht mitnehmen wolle. »Ei, warum nicht, so du mir dienstbar und zu Willen sein willst; lauf du nur in Gottes Namen hinter mir drein!« Über eine kurze Wegstrecke kam ein zweiter Hund, trug ihm seine Dienste an und ward des ersten Kamerad, und — es mochte halt ein närrischer Tag sein, — eh' noch der Abend sank, waren's ihrer drei; ob sich gleich unser Schneiderlein den Kopf kraute und die alte Mütze von einem Ohr aufs andere schob, wenn er's bedachte, wie er wohl drei Hunde ernähren möchte, da er sich selber nur mit Ach und Krach durch die leidige Welt schlug. Aber der Hund sah ihn mit so guten[S. 2] Augen wie ein bittend Mägdlein an, und das Schneiderlein hatt' ein zu gutes Herz und, das Beste, was ein armer Teufel haben mag, auch ein leichtes, sorgloses Herz, und dachte sich: »Gott wird uns vieren schon weiterhelfen; wer weiß, wofür es gut ist.« Nun, des sollt' er gleich gewahr werden. Es war dunkel worden, Beine und Magen des Schneiderleins waren einer Meinung: es sei Feierabendzeit und recht die Stunde, einen guten Imbiß zu tun. Da war auch schon der Wald zu Ende, ein fettes Dorf lag einladend vor ihnen, und gleich an der Wegecke hinter der Brücke winkte ein stattlich Wirtshaus. Da ward dem Schneider weh ums Herz; denn es gedachte seines mehr als mageren Beutelchens und der gedeihlichen Sachen, die man da drin für gute Batzen haben könnte. Kaum hatt' er's gedacht, sprach der erste Hund: »Kopf hoch, Herrlein, wenn's weiter nichts ist! Geh du nur forsch hinein, bestelle Abendbrot für vier Mann, das Bezahlen laß unsere Sorge sein.« Des Schneiderleins leichtsinnig Herz war ein gläubig Herz; so schwang er die Elle wie ein Streiter des Herrn ums Haupt, trat wie ein großmögender, dickbäuchiger Holländer und Kaufherr mit großen Prächten ein, schlug auf den Tisch: »Heda, Wirtschaft!« Der Wirt kam mit untertänigem Krummbuckel herbeigeeilt, denn so herrisches Gebaren roch nach Dukaten, zog aber den ganz ergebenen Rücken[S. 3] wieder grade, da er Felleisen, Schere und Elle gewahrte; doch der Gast trug eine so ohnegleichen zahlungsfähige Miene zur Schau, tat so verwöhnt: »Hat er was Gescheites, Herr Wirt? Nun, wir wollen's versuchen. Man lernt fürlieb nehmen unterwegs; aber beeil er sich; und einen guten Trunk, vom Besten, verstanden?« So spricht nur ein gespickter Geldsack, dachte der Wirt, und indes der Gast sich's im weichsten Lehnstuhl behaglich machte und die Beine erschreckend lang unter den Tisch streckte, trug der Wirt geschäftig auf, was das Haus vermochte: Gesottenes und Gebratenes, Wein und schäumendes Bier. — »Für vier Personen befehlen der gnädige Herr?« fragte lächelnd der Gastwirt. »Ich sehe aber Euer Gnaden allein ...« — »Schwatz er kein Langes und Breites, und tu er, wie ich befohlen!« herrschte ihn der Schneider an; denn schlimm läuft's doch ab, dacht' er, da will ich mir vorher doch eine Güte tun und den großen Herrn spielen. Große Herren aber, so viel wußte er doch schon von der Welt, sind grob. Der Wirt gehorchte erschrocken, die Wirtin aber stund dick und breit hinterm Schenktisch und wartete mit großen, runden Augen, wie das Ding wohl laufen würde; denn der Schneider sah nicht aus wie einer, der für viere aß. Kaum aber, daß aufgetragen war, brachen die drei Hunde herein, sprangen jeder auf einen Stuhl und aßen und tranken mit vielem[S. 4] Anstand, daß die Wirtin ob solchem verständigen Getier mit »Jemine!« und »Was man doch alles erlebt!« kein Ende fand, der Wirt aber sich scheu an dem Gaste vorbeidrückte, den er für einen Hexenmeister hielt. Denn er war, muß man wissen, ein arger Schelm und Betrüger, und darum lebte er in beständiger Angst, einen zu treffen, der noch schlauer und durchtriebener wäre denn er und sein dickes Weib. Die klugen Hunde kannten ihn wohl, und nach dem Essen sprach der erste zu seinem Herrn: »Nimm du jetzt den Weg zwischen die Beine, laß all dein Gepäck hier liegen, ich steh dafür ein; die Zeche bringen wir indes in Ordnung«. — »Ich bin euch verbunden, meine Freunde,« sprach das Schneiderlein, »mir soll's recht sein« — stund auf und reckte sich, fing ein freundlich Geplauder mit der Wirtin an, immer mit der Miene eines Gönners und Weltmanns: »Ein ansehnlich Dörflein, Frau Wirtin«. — »Ei ja, es muß angehn, gnädiger Herr.« — Dann fragte er nach den Erträgnissen des Bodens, ob kein Haus hier zu verkaufen; die Gegend dünke ihn lieblich und die Luft gesund. So, so? Am andern Ende, wo der Wald angrenze? Der Wald? Vortrefflich, das sei ganz so sein Gusto! Schöne Buchen, gelt? — Ja, aber das Grundstück werde kaum groß genug sein, fürchte er; er wolle Pfirsiche ziehen und eine ganz edle Kartoffel. — »Ei der tausend!« staunte die Wirtin. — »Ja, eine[S. 5] Kartoffel, die hier im Lande ganz unbekannt, als Spalierobst, muß sie verstehn.« — »Nicht möglich!« — Indes er könne ja zur Verdauung mal das Dorf hinaufgehen und sich Haus und Hof beschauen, auch die Nachbarschaft, denn er sei gar heikel. Daß sie ihm nur gut auf sein Gepäck acht habe! »Versteht sich, gnädigster Herr!« — »Also bis nachher, Frau Wirtin!« — »Wünsche, wohl gespeist zu haben, gnädiger Herr.« Damit ging er. So wie die Stube einen Augenblick leer war, faßte jeder der drei Hunde ein Stück von dem Gepäck, und weg waren sie. Der Wirt und seine dicke Frau warten heute noch, daß der gnädige Herr von seinem Verdauungsspaziergang zurückkehre, sind aber beide nicht in sich gegangen, darum, daß ein anderer mal der Schlauere gewesen.

Die Hunde aber führten ihren Herrn noch am selben Abend zu einem Schloß im Walde. Da schaute ihn der erste groß an und wedelte freundlich: »Hast du Wagelust, Herrlein?« — »Mehr denn Geld.« — »So binde uns an einen Strick und führ uns in das Schloß und verkauf uns den Riesen da drinnen!« — »Hm, Riesen, sagst du?« meinte das Schneiderlein und kraute sich hinter den Ohren. »Mit derlei großen Herren soll unbequem verkehren sein.« — »Sei keine Bangbüchs, Herrlein; dies eine Mal halt die Ohren steif, dann bist du ein gemachter Mann. Guck, hier hast du was, was[S. 6] du bei keinem Krämer erhökern kannst. Hiemit getrau ich mich, mitten durch die Hölle zu marschieren.« Damit gab ihm der eine Hund ein Salbentöpfchen: »Bestreichst du damit einen Stuhl, so bleibt jeder kleben, der sich darauf setzt.« Der zweite gab ihm ein Haselstöcklein: »Wen du damit vor den Kopf triffst, der tut keinen Pieps mehr!« Der dritte gab ihm ein Hörnlein: »Bist du in Not, so blase uns herbei!« Die drei wunderlichen Kleinode hatten sie unter einem großen Wachholderbusch aus dem Boden gescharrt. Es waren eben aus der Maßen kluge Hunde. »Ja, wenn dem so ist, meine Herren,« sagte der Schneider zu den Hunden, »so will ich's in Gottes Namen wagen.« Zur Probe setzte er das Hörnlein an den Mund. Ach, sein bißchen Atem war so dünn wie ein Zwirnsfaden, aber das klang, als bliese ein stämmiger Erzengel die himmlische Posaune, daß der Schneider darob vor sich selber Hochachtung bekam.

Mutig trat er, die Hunde am Seil, ins Riesenschloß, stieg eine breite Marmortreppe hinan — das heißt: er stieg nicht, er klomm und turnte mit Händen und Füßen die gewaltigen Stufen, die für ganz andere Beine berechnet waren, mühsam hinauf, kam keuchend und schwitzend vor eine Saaltür, an der die Klinke so hoch saß, daß er sich wie ein kleines Kind mit seinem ganzen Leibesgewicht daran hängen mußte; womit nun[S. 7] freilich nicht viel gesagt ist, denn wenn er sich gleich heut Abend plumpsatt gegessen hatte, es reichte doch nicht! Da hörte er von drinnen eine Stimme, vor deren Dröhnen ihm das Haar zu Berge stund: »Krabbelt da eine Ratte an der Saaltür?« Gleichzeitig flog die Tür nach innen auf, und unser Freund, noch mit einem Arm an der Klinke hangend, wurde in schönem Bogen in den Saal hineingeschwenkt. Brüllendes Gelächter der Riesen, die an einer langen Tafel zechten, begrüßte seinen seltsamen Eingang: »Ein lebendiger Hampelmann, Bravo!« und sie klatschten, daß von der Lufterschütterung der Schneider Leibweh bekam. Mit ihm waren die Hunde hineingeschlüpft. »Mut,« flüsterte der eine, »es steht gut, sie sind betrunken und lachen«. Da zog der Schneider, der seine Füße wieder gefunden hatte, gar zierlich den Hut, machte einen possierlichen Kratzfuß, und ob die Herren Riesen nicht drei schöne Hunde kaufen täten. Sie beschauten sie rechts und links. »Gut, Freund,« sprach der Längste, der ein rechtes fuchsbartiges Galgenvogelgesicht hatte, »wir wollen sie behalten. Wir sperren sie gleich in den Zwinger unten. Warte du derweil hier, bis wir wieder kommen und dir dein Geld bezahlen.« Dabei kniff er das linke Auge ein und puffte seinen Nachbar in die Seite; der kniff auch das Auge ein und gab den Puff an den dritten und so fort. Daß die wüsten Kerle nichts Gutes[S. 8] mit ihrem Gaste im Sinne hatten, das zu merken, brauchte es nicht der schweren Menge Witzes, die unser Schneider besaß. Wiehernd polterten sie hinaus. »Pfeift der Wind aus dem Loche?« dachte der Kleine. »Hoho, wir sind auch noch da!« kletterte mühsam auf alle Stühle und schmierte sie säuberlich mit seiner Salbe ein. Alsbald tobten die ungeschlachten Kumpane wieder herein und schnoben ihn an: »Du hast uns betrogen, du spinnbeiniger Gauner! Dafür sollst du, so mager du bist, gefressen werden!« »Wenn die Herren meinen,« sprach der Schneider, und dabei bebte ihm nicht einmal die Stimme. »Warum nicht? Was liegt an mir? Aber, meine Herren, Ordnung ist's halbe Leben: hübsch nach Urteil und Recht, so gehört sich das. Wenn die werten Herren Platz nehmen wollen. Ich stelle mich dort drüben auf und will versuchen, mich kunstgerecht zu verteidigen.« Die Riesen lachten: »Macht ihr Menschengeziefer das so? Gut, lassen wir uns den Spaß mal gefallen.« Und sie nahmen erwartungsvoll und aufgeräumt Platz an der Tafel. Der Schneider nahm einen Schemel, setzte sich ihnen gegenüber, stopfte sich einen Pfeifenstummel und qualmte sie an. »So wird's gemacht, damit ihr's lernt!« und er paffte und paffte. »Nun, wird's bald?« knurrten die Riesen. »Ei, ich bin schon fertig, ihr Herren, und somit verurteile ich euch allzumal zum Tode.« Da lachten die Unholde über den[S. 9] spaßhaften kleinen Kerl, daß der Kalk von den Wänden fiel. Schließlich dauerte ihnen die Sache zu lange, sie wollten aufstehen und das Schneiderlein fassen. Ja, prost die Mahlzeit, da kleben sie alle fest und verstrickten sich, wie sie dagegen ankämpften, wie in unsichtbaren Netzen immer fester, bis keiner ein Glied mehr rühren konnte. Da schlug der Schneider in guter Ruh, während er qualmend und schmauchend die lange Reihe abwandelte, mit seiner Haselgerte einen nach dem andern vor den Kopf. Da waren sie alle maustot. »So, nun wollen wir uns ein wenig verschnaufen,« sagte Schneiderlein — sollt ihm aber nicht vergunnt sein: schwere Tritte tappten draußen, und herein trat ein Riese, gegen den die anderen — Schneiderleins waren. Das war der Riesenkönig, der heimkam von der Jagd. Er riß die Augen auf und sperrte das Maul auf wie ein Scheunentor, da er die Toten sah. »Wer tat das?« donnerte er. »Ich, halten zu Gnaden,« piepte das Schneiderlein. Der Riese schaute ihn lange sprachlos an. Endlich packte er ihn bei den Beinen: »Zum Fressen bist du zu kümmerlich, will dich als Spatzenschreck im Garten aufhängen.« Schon hatte er das Männlein, das sich in seinen Eisenfingern wand, auf einen himmelhohen Ast gesetzt und drehte gerade die Schlinge, da erwischte dies in Todesnöten das Hörnlein und blies, blies, blies, als sollte es platzen. Da[S. 10] fielen die drei Hunde, ihrer Ketten ledig, nunmehr zu riesenhaften Ungeheuern gereckt, über den Riesenkönig her und zerrissen ihn. Vor freudigem Schreck plumpte der Schneider vom Baume, fiel aber weich, da er ein windliches Figürchen war; rappelte sich auf und fiel den Hunden einem nach dem andern um den Hals. »Jetzt ist das Schloß,« sprach der erste, »von den tückischen, zaubermächtigen Riesen befreit. Nun brauchst du uns dreien nur noch die Köpfe abzuschlagen!« — »Lieber sterbe ich!« schrie der Schneider. »So zerreißen wir dich wie den Riesen, wenn du uns jetzt zu gutem Ende nicht gehorsamen willst. Da liegt des Riesen Jagdmesser — eins — zwei« — »Drei!« stöhnte der Schneider, mit abgewandtem Gesicht das lange, schwere Messer mit beiden Ärmchen hebend, und schlug zu — und noch einmal — und noch einmal. Dann war alles still.

Totenblaß, bebenden Herzens drehte er sich langsam wieder um und sah — nichts. Da hört' er mit herzinnigem Lachen seinen Namen hinter sich rufen: potzblitz, stund da ein stattlicher König nebst zwo bildhübschen Prinzessinnen! »Hab die Ehre,« stotterte unser Held und verneigte sich. »Hab Dank, wackrer Gesell,« lachte der König und streckte ihm die Hand hin — »du hast uns erlöst, wir waren —« — »Doch nicht die drei Hunde? halten zu Gnaden: die Herren Hunde!« —[S. 11] »So ist's, mein Freund, und des zum Dank gebührt dir eine meiner Töchter als Gattin.« — »Wenn's denn nicht anders sein soll, so bin ich so frei,« sagte der Schneider und ergriff die Hand der Älteren, und sie gingen zum Schlosse. Drinnen aber, da der Riesenzauber gelöst war, wimmelte es von edlen Herren und Damen, die alle den Schneider als Erlöser begrüßten. Der Wald rings umher war eine prächtige Stadt geworden mit vielen Giebeln, Zinnen, Türmen und Kirchen, alle Vögel und alles Waldgetier fleißige, fröhliche Menschen. Am folgenden Tage gab's eine Hochzeit — eine Hochzeit! Ja, wer da hätt' mittun dürfen!


[S. 12]

bild

Das Pferdeei

Es war einmal ein Bauer, der hieß Bartel; der ging zu Markte in die Stadt. Wie er so in der Stadt herumschlendert, sieht er da einen Händler sitzen, der hatte ein pfiffiges Gesicht und guckte so schief und schabernäckisch und hatte dazu seinen alten Filzdeckel so schief auf dem rechten Ohr, daß Bartel wie gebannt stehen blieb und den braunen Wetterkerl anstarrte. »Grüß dich Gott, Nachbar,« schnarrte der Gesell und zeigte lachend die weißen Zähne unter dem pechschwarzen Bärtchen: »eine Prise gefällig?« und streckte ihm mit der braunen Hand eine Horndose hin. Bartel, der am liebsten weitergegangen wäre — er wußte nicht, warum —, langte zu — er wußte wieder nicht, warum —, nieste und schneuzte sich umständlich und[S. 13] grinste dann, um was zu sagen: »Was hast du feil, guter Freund?« — »Hier, sieh selbst,« sprach der Händler und schlug von einem Korbe eine Decke zurück. Drin lagen zwei goldgelbe Kürbisse. »Bruder, was sind das für Dinger?« — »Was wird's sein? Das siehst du ja, Pferdeeier halt!« — »Pferde ... was?« — »Ei, nun ja, ich glaub, du hast noch keine Pferdeeier gesehn.« — »Ei, nicht doch, Bruder, freilich doch, gewiß, natürlich! Pferdeeier, was sonst?« Sie schwiegen. Der Braune guckte wie gelangweilt gen Himmel. Der Bauer druckste: »Sag mal — hm, Bruder, die sind wohl sehr teuer, he, die Pferdeeier?« — »Je nun,« sagte der Fremde gleichgültig, »das Landesübliche. Freilich das größte da mit den grünen Streifen, das kann ich bei den teuren Zeiten nicht unter zehn Talern lassen; gibt aber einen prächtigen Fuchs.« — »Hm, so, so, zehn Taler,« sagte Hans. Denn ob's ihn gleich wenig bedeuchte für einen Fuchs, wollte er doch den Gewitzten spielen und wog den Kopf leise hin und her. »Zehn Taler unter Brüdern, keinen Heller darunter!« rief der andere. »Topp!« rief Bartel, lieh sich das Geld und erstund das Pferdeei. Nun — er kraute sich hinter den Ohren — wollte er freilich auch genau wissen, wie so ein Ding ausgebrütet würde. Sagte ihm der andere, das müsse er fein selber tun, und vier Wochen dauere es um und um; während der Zeit dürfte er aber beileibe[S. 14] niemalen davon aufstehen, oder müsse er es ja ab und an, so möge er's doch ja nur recht warm zudecken, daß es sich nimmer abkühle. »Laß dich, guter Freund, die ganze Zeit von deiner Frau füttern, hörst du, und gut und reichlich, damit du eine recht hitzige Brut habest.«

Bartel, der sich sorglich jedes Wort eingeprägt hatte, kam in heller Freude heim zu seiner Frau: »Denk dir, Alte, was ein Glück! und nur um zehn lumpige Taler! Ich habe aber auch nicht schlecht gehandelt, glaub du mir das; den Kerl hab ich tüchtig geprellt!« Und nun konnt er's gar nicht erwarten, bis sein Nest hergerichtet war. Das Weib legte ihm ein paar Bund Stroh in dem Stall zurecht; in die Mitte in eine Vertiefung ward behutsam das kostbare Ei gesenkt; dann setzte sich Bartel drauf und nistelte sich ein, und dann packte die Frau ihm noch eine Last Stroh um den Leib, daß er kaum mit den Achseln heraussah, auf daß er eine recht hitzige Brut hätte. Dann ward er von der Frau brav gefüttert und gefreckst. Ob's ihm alleweil behaglich war, weiß ich nicht, doch die Zeit ward tapfer ausgehalten; die vierte Woche ging zu Ende, da sprang er auf, lahm im Kreuz und rostig in allen Gelenken, horchte an dem Ei, klopfte dran, doch der Fuchs wollte sich nicht rühren. »Hü!« sagte Bartel. Das Kutschpferd rührte sich nicht. Da konnte er seine Ungeduld nicht länger zügeln,[S. 15] nahm das Ei, ging hinters Haus damit, wo ein großer Stein lag, gegen den warf er's. Da der Kürbis innen schon ganz verfault war, so flogen die Stücke weit umher, und eins fiel in ein dichtes Brombeergesträuch, dahinter just ein Fuchs lag und schlief. Hui! sprang Meister Reineke auf und fegte davon. Da glaubte Bartel, es sei sein rotes Fohlen, und rief immer: »Hiß! hiß!« und meinte: »Wenn's müde wird, wird's wohl zurückkommen.« Es kam aber nicht. O, wie hat die Frau ihren Bartel ausgescholten, daß er so ein ungeduldiger, kindischer Fant, und er werde halt nie gescheit, und wenn er hundert Jahre alt würde. Da nahm sich Bartel vor, wenn er wieder ein Pferdeei bebrüte, solle ihm das gewiß nicht widerfahren. Ob er's nochmal versucht, und ob er mehr Glück dabei gehabt, weiß ich nicht zu sagen.

[S. 16]

bild

Die Ausreißer

Achtzehn Soldaten, ein Feldwebel, ein Sergeant, ein Korporal, ein Tambur und vierzehn Gemeine, waren mitsammen auf einer einsamen Wacht. Es war eine mondhelle Nacht im Lenz, und die Welt lag so weit, so weit; und alle Straßen, die sich im silbernen Dufte verloren, sahen aus wie Straßen nach dem Glück; und da gab unter den Braven, die auf einer Bank vor dem Wachthäuschen saßen und ihre Pfeifen in die laue Nacht rauchten, ein Wort das andere, wie doch der Dienst so hart sei, das Traktement so schlecht, der Obrist so grob, der General so stolz, die Welt so schön, das Leben so kurz und die Nacht so lau, und auf einmal beschloß die ganze Wachmannschaft: wir reißen aus! Nur der Feldwebel, der ein alter Soldat war, zwei Feldzüge mitgemacht hatte und außerdem auch den dicksten Knebelbart in der Kompanie besaß, der mocht'[S. 17] nicht mittun, wollt' aber den anderen nicht im Wege sein. Auf seinen Wunsch banden sie ihm Hände und Füße, auf daß er nicht in Verantwortung und Strafe käme, legten ihn unter die Pritsche, und dann zogen alle, singend: »Wer weiß, wo in der Ferne das Glück mir noch blüht!« mit Sack und Pack in die liebliche Nacht hinaus. Sie waren kaum hundert Schritt von hinnen, kam der Korporal, der seine schöne dicke Ulmer Pfeife auf dem Tisch liegen lassen, spornstreichs zurückgetrabt; unterdessen hatte sich aber unser Feldwebel unter der Pritsche das Ding noch einmal in Ruhe überlegt; wie der Dienst so hart, das Traktement so schlecht, der Obrist so grob, der General so stolz, die Welt so schön, das Leben so kurz, die Nacht so warm, und wie er doch schließlich trotz seinem dicken Knebelbart immer noch in den besten Jahren und jung genug, sein Glück wie die andern Kumpane noch einmal in der Welt zu versuchen; und wie der Korporal wieder hereintrat, sprach er: »Weißt du was, Kamerad, bind mich los; unter der Pritsche ist's nicht kurzweilig zu liegen; ich gehe mit,« schloß die Wachtstube ab, steckte den Schlüssel ein und desertierte mit.

Eine Weile war's ganz vergnüglich, so frank und frei in den Lenz hinaus zu wandern; aber es kam die Zeit, da tauchten vor ihren inneren Augen die duftenden Fleischkessel der Kaserne auf; denn das bißchen Geld[S. 18] war bald hin, zumal da sie die erste Zeit täglich ein paarmal ihre Freiheit feiern mußten, und zu dergleichen gehört ein Schoppen vom Besten, das versteht sich, denn die Freiheit ist ein hohes Gut. Nun aber war Schmalhans Küchenmeister. So kamen sie mit enggeschnallten Leibriemen vor eine einsame Waldschenke. Dreist und gottesfürchtig marschierten sie hinein, der Feldwebel klapperte mit dem Schlüssel und ein paar Gamaschenknöpfen im Hosensack, zupfte seinen Knebelbart, rollte die Augen und sakramenterte wie einer, der's bezahlen kann. Da fuhren dann willig Teller, Schüsseln und Kannen hurtiglich auf. Wie's hernach ans Bezahlen ging, griff der Feldwebel mit großartiger Geberde in den Hosensack als wie: Was kommt mir's auf etliche Kronentaler an! Rief der Sergeant: »Herr Feldwebel, ich bitte gehorsamst! an mir ist das Bezahlen!« und fuhr seinerseits in die Tasche. Stund der Feldwebel mit höflicher Verbeugung auf und ging hinaus. »Herr Sergeant!« rief da der Korporal, »das geht nicht an, auf Ehre, es geht nicht an! Wollt ihr denn immer die Zeche bezahlen?« »Gut, wenn ihr meint, Korporal,« sprach Sergeant und ging hinaus. »Nein, wo denkt ihr hin, Korporal,« rief der Tambur laut, »soll ich mich immer füttern lassen?« Da schritt der Korporal würdig hinaus. »An mir ist die Reihe!« schrie der erste Gemeine dem Tambur zu, also daß[S. 20] der aufstund und ging; dann wollt' sich aber der zweite vom ersten nicht lumpen lassen, der dritte vom zweiten nicht, und so bis zum Letzten und Jüngsten, der ein krummer Rekrut war. Der sprang hinaus, er müsse erst die andern noch mal hereinrufen, damit man genau nachrechnen könne, was nun eigentlich verzehrt sei — fort war er und lief den Siebenzehn nach.

bild

Der Wirt wollt' bersten vor Ärger, sich so geprellt zu sehn, riß aber schleunigst das Fenster auf und schrie hinterdrein: »Was lauft ihr so? Hahaha! Ihr seid allerliebste Spaßvögel! Was hab' ich doch gelacht! Kommt zurück, ihr Prachtkerlchen, darauf trinken wir noch eins, hahaha! Ihr sollt auch jeder eine Zehrung mit auf den Weg haben!«

Als sie treuherzig wiederkamen, reichte er wirklich jedem einen halben Gulden und wies sie gar menschenfreundlich ihres Weges: sie sollten nur die Straße zur Rechten einschlagen, dann links das zweite Pfädchen, wieder links den ersten schmalen Steig, so kämen sie an einen Berg mit einer offenen Tür, da sollten sie nur ihren Einzug halten, und ihr Glück wäre gemacht. Ob das den Soldaten einleuchtete! Mit tausend Danksagungen zogen sie ab; der Wirt rieb sich die Hände: »Hehe! Euer seh ich keinen wieder!«

Im Berge drinnen war's so taghell wie draußen, und eine ebene, glatte Heerstraße führte behaglich weiter[S. 21] hinein bis vor eine aufgezogene Zugbrücke, die klapp! herunterfiel, daß sie mit Sang und Klang darüberschritten; ebenso eine zweite und eine dritte; da stunden sie vor einem wunderherrlichen Schlosse. »Nun sollen die Herrschaften hier aber sehen, mit wem sie's zu tun haben,« dachte der Feldwebel und zwirbelte seinen Schnauzbart und Knebelbart auf. — »Rangiert euch!« kommandierte er, daß es von den Schloßmauern widerhallte. Da traten sie alle in Reih und Glied, die Unteroffiziere auf die Flügel. »Geschwindschritt — marsch, marsch!« Der Tambur schlug, und trapp, trapp stürmten sie zum Schloßtor hinein und hatten solchermaßen gar tapfer und unerschrocken das Schloß erobert.

War freilich kein hart Stück Arbeit gewesen, denn ringsum war nichts Lebendiges zu sehen und zu hören. Dafür fanden sie aber einen großen Pfeilersaal, darin war für achtzehn Mann gedeckt und aufgetragen. Neben dem Saal waren achtzehn der lieblichsten Schlafkämmerlein, ein seiden Bett in jedem; all dies behagte ihnen nicht übel, und sie setzten sich stracks zu Tische, auf daß nichts kalt werde, speisten und zechten wie die Fürsten bis in die tiefe Nacht, krochen dann mit schweren Köpfen in ihr seidenen Betten und schliefen wie die Grafen; war ihrer keiner, den das seidene Bettzeug nur ein Viertelstündchen gestört hätte; ein Soldat[S. 22] gewöhnt sich eben rasch an alles. Des anderen Morgens wachte der Feldwebel zuerst auf und wollt' sich anziehn, den Tambur zu wecken, daß er Reveille schlage; denn Ordnung muß sein. Doch wo hatte der Teufel seine Montur? Die gleiche Schreckensfrage taten zur Stunde auch die siebzehn anderen, und so trafen sie alle zusammen mit verdutzten Gesichtern, barbeinig und jeglicher in sein Bett-Tuch gehüllt. Wie groß war aber ihr freudiges Staunen, da sie im Saal zwei mächtige Kisten fanden, in der einen achtzehn neue, blitzfeine Monturen in allen Chargen, als kämen sie eben vom Schneider, und fehlte kein Knopf und keine Tresse. Die andere Kiste barg Säbel, Gewehre, Patronentaschen und eine funkelnagelneue Trommel. Das war ein Spaß für die achtzehn Ausreißer! Aber nun, oho! da sie wieder das Ansehen von ordentlichen Soldaten hatten, geziemte es sich auch, daß sie in Ordnung ihren Dienst taten! Der Feldwebel setzte ein strenges Dienstgesicht auf, strich seinen Bart grimmig und begann zu wettern und zu sakramentern wie in der Garnison daheim, führte einen Teil der Mannschaft in die Wachtstube am Schloßtor, teilte sie in Nummern ab, und nun gab's kein Federlesen; sie mußten vorschriftsmäßig Schildwache stehen, sich ablösen, melden, die Beine strecken, ganz, wie sichs unter braven Soldaten[S. 23] gehört. Ja, für nichts und wieder nichts trägt man keine feine Montur!

So vergingen die Wochen in geregeltem Dienste. Da hielt mit prasselnden Hufen und Hallo eines schönen Tages eine sechsspännige Kutsche vorm Schloßtor, daß der Posten vor Schreck und Ehrfurcht: Raus! rief, und während die Wachtmannschaft präsentierte, der Tambur den Wirbel schlug, öffnete ein Diener in goldbeschlagenem Rock den Wagenschlag und half einer wunderschlanken, feinen Dame heraus. Sie ließ sich den Feldwebel rufen, der just die Posten besichtigte, und nahm seinen Arm. »Ich bin, lieber Freund,« sprach sie mit einer Stimme wie ein Meislein, »eine verwunschene Prinzessin ...« — »Hab ich mir gleich gedacht, Hoheit,« schnarrte der Feldwebel und zog den Schnauzbart lang und spitz. »Du aber sollst mich erlösen und mein Bräutigam sein.« — »Wie Hoheit befehlen.« — »Merk auf, Feldwebel! Von morgen an wird jeden Tag eine andere Prinzessin kommen, die erste zum Sergeanten, die zweite zum Korporal und so fort, bis jeder von euch die Seine gesehen und gesprochen hat.« Und so geschah's auch. Die zweite Prinzeß kam andern Tages, der Sergeant führte sie am Arme, täglich schrie der Posten: Raus! präsentierte die Wache, und eine war immer hübscher als die andere.[S. 24] Abends auf dem Saale gab's dann beim Trunk Zank und Streit, wessen Prinzessin die schönste sei.

Der jüngste Rekrut aber, der überhaupt nicht gut tat und schon einmal drei Tage Arrest bekommen hatte, weil er frecherweise gemeint hatte, es sei doch närrisch, daß sie sich hier noch mit dem Dienst herumplagten, und es danke ihnen kein Hund, spielte ihnen einen bösen Streich. Er mocht' wohl übel zum Soldaten passen, denn — er fürchtete sich vor den Frauenzimmern. »Wenn mich nun auch eine beim Arme nimmt und mit mir so umeinander schwänzelt und mich so anäugelt und mich gar zum Bräutigam haben will! Kinder, was red ich dann? Was tu ich dann? Ich häng mich auf, ich lauf davon!« Und am Tage, da die Reihe an ihm war, war er wieder desertiert.

Bekam ihm diesmal übel genug: an der ersten Zugbrücke stund der Teufel und fragte: »Wo hinaus?« — »Aus dem Berg hinaus!« Da faßte ihn der Teufel und drehte ihm das Genick ab. So fand ihn eine Patrouille, die der Feldwebel hinter dem Vermißten hergesandt hatte, und siehe, er hatte seine alte Montur wieder an.

Das stimmte gar manchen der frohen Kumpane recht nachdenklich. Was aber das Ärgerlichste war: noch am selben Tage fuhr die Prinzessin des Feldwebels vor, stöhnte und jammerte, nun sei alles verdorben, sie seien[S. 25] ihrer achtzehn, die Soldaten nunmehr nur noch siebenzehn! Damit sei's mit ihrer, der Prinzessinnen Erlösung vorbei, und jene, die siebenzehn, seien allzumal des Todes. Sprach's und fuhr ab. Dem Tambur blieb vor Schreck der Wirbel im Handgelenk stecken, der Feldwebel starrte mit zwei ungleichen Bartspitzen hinter dem davonrollenden Wagen her, er hatte vor Gram vergessen, die eine Seite aufzudrehn. Sie stunden alle wie die betrübten Lohgerber da. Endlich sprach der Korporal: »Kopf hoch, Kameraden! zum Sterben ist noch immer Zeit! Ich zieh mit zwei Mann auf Werbung und schaff uns den fehlenden Achtzehnten zur Stelle, oder ich will kein verfluchter Kerl sein.«

So geschah's. An der Brücke stund wieder der Teufel: »Wo hinaus?« — »Auf Werbung!« — »Passiert!« rief der Teufel. Ungehindert fanden sie den Weg zurück bis zu jener Waldschenke, wo sie dereinst den Wirt geprellt hatten. Sie saßen mit ihm zu Tisch, der in den sauberen, blitzblanken Soldaten die zerlumpten Kerle, die er damals in Tod und Verderben geschickt hatte, nicht wiedererkannte. Sie aber taten gar nicht dergleichen, als seien sie alte Bekannte. Schob sich ein Handwerksbursch bescheiden zur Tür herein, setzte sich still abseits, ließ sich ein Stück trockenen Brots geben und einen Trunk Wassers dazu. Die drei stießen sich an und riefen freundlich dem armen Schlucker zu, ob[S. 26] er ihnen nicht die Ehre geben wolle und mithalten, was dem hungrigen Kerlchen ein gefunden Fressen war. Er hielt sich wacker an Braten und Wein, ward guter Dinge und packte allerhand Schnurren aus; wie denn Schwänke und kurzweilige Gedanken nur auf sattem Boden wachsten. Da schlug ihm der Korporal auf die Schulter: »Bursch, du solltest fein unser Kamerad sein, hast Herz und Maul am rechten Fleck! Schlag ein!« Das gefiel dem Burschen übel, und ihrer ledig zu werden, sprach er im Spott: »Ja, warum nicht, so sie ihm hundert Gulden Handgeld böten!« Das hatte er freilich nicht erwartet, daß der Korporal, der sich aus der Schatzkammer des verwunschenen Schlosses den ganzen Tornister mit Geld gefüllt hatte, ihm auf der Stelle zweihundert Dukaten aufzählen würde! Da gab's kein Widerstehen, und Nummer achtzehn war gewonnen! Der Teufel ließ die vier passieren, und im Schloß gab's ein fröhlich Bechern bis in die späte Nacht.

Zum Wirt aber sprach die Wirtin: »Mann, du bleibst doch ein Esel bis an dein selig End! Hast du den Korporal und die zwei Kerle nicht wiedererkannt? Sie haben dich geprellt, daß du dich schämen mußt, in die Sonne zu gucken, und zum Lohn hast du sie glücklich und reich gemacht. — Hast du das viele Geld nicht gesehen, mit dem sie um sich warfen wie mit Kienäpfeln[S. 27] und Bucheneckern? Wo haben sie's denn her, he? Daher, wo du sie hingeschickt hast, aus dem Teufelsberg! Jetzt habe ich's aber satt, jetzt will ich auch mal eine Dame sein und seidne Haubenbänder tragen und nicht mehr Gläser spülen und Kupferpfennige zusammenkratzen! Hätte ich nur einen gescheiteren Mann, was könnte ich alles vorstellen in der Welt! Aber das sag ich dir, auf der Stelle packst du den Sack da auf und kommst mir nicht mehr heim, er sei denn voll Dukaten und Silbertalern!«

Da gab's keine Widerrede, der Wirt trabte mit seinem Sacke ab und stieß bald an der Brücke auf unsern alten Bekannten: »Wo hinaus mit deinem Sack?« — »Geld holen für mein Weib!« Schnapp hatte der ihn am Kittel und drehte ihm das Genick ab. Er hatte lange auf ihn gelauert. Die Wirtin aber, die schon ihr Sonntags- und Kirchenkleid angelegt hatte, konnt's nicht aushalten vor Erwartung: »Er kann's wohl allein nicht erschleppen; ich will ihm lieber entgegenlaufen und ihm helfen.« — »Wo hinaus, liebe Frau?« sprach der Wächter an der Brücke. »Zu meinem Manne, wenn's ihn was angeht!« — »Da kann sie hinkommen!« sprach der Böse, griff sie bei den Haaren, drehte ihr den Kragen um und warf sie hinab zu ihrem Manne.

Unsern Achtzehn aber ging's besser. Da die Zahl nun[S. 28] voll war, begannen die Besuche der Prinzessinnen wieder, und da der neue Rekrut nicht so blöde war, kamen sie glücklich die Reihe durch. Jetzt erschienen alle achtzehn Damen auf einmal, und die Älteste sprach: »Heute nacht müßt ihr das Werk der Erlösung zu Ende führen. Bis es Reveille schlägt, sitzt jeder mit der Seinen in seinem Kämmerlein und hält ihr Garn zum Aufwickeln. Keiner darf sprechen, keiner zärtlich sein, kein Faden sich verfitzen, kein Knäul herunterfallen, und vor allem darf keiner einschlafen, bis es Reveille schlägt.« Gesagt, getan. Steif saßen die achtzehn Soldaten und hielten Garnsträhne, bis sie ihre Arme nicht mehr fühlten; sie gähnten, Soldaten wie Prinzessinnen, zwar wie die Hofhunde, daß es zum Erbarmen war; doch immer wieder ermunterte sie ein Blick aus schönen Augen. Die Prinzessinnen wickelten tapfer, und die Knäule wurden dick wie Kürbisse, und jedesmal, wenn eine Schöne um den Bart ihres Schatzes ein Zucken sah, als wollt ihm ein: Himmeldonnerwetter! entwischen, dann machte sie leise: Pscht! So kam der Morgen heran. Da hätt' zuguterletzt der Tambur beinahe alles verdorben mit einem unwillkürlichen Angstfluch; denn brühheiß fiel's ihm ein: »Wer soll denn in drei Teufels Namen Reveille schlagen, wenn ich hier Garn halten muß!« Doch als er eben losbrechen wollte: Himmelherrgottsakerment! da begann's[S. 29] auf einmal draußen ohne ihn Reveille zu schlagen! Aber was für eine Reveille! Als wenn hunderttausend Tamburs im Schloßhof stünden und schlügen! Die Fensterscheiben platzten und der frische Morgenwind wehte herein. Da war die Erlösung vollbracht. Der Feldwebel mit der Seinen bezog das Schloß, die anderen fuhren jede mit ihrem Schatz in ihr Königreich. Die Brücke hatte der Teufel jetzt freigegeben. Der hatte jetzt anderwärts alle Hände voll zu tun und keine Zeit und Lust mehr, dort Schildwacht zu stehen.

[S. 30]

bild

Das Unglaubliche

Es war ein Edelmann, der behauptete bei jeder Gelegenheit, in grader Linie von keiner geringeren Ältermutter denn der Jungfrau Maria abzustammen: hatt' sich auch derowegen eine Schilderei malen lassen und in seiner Ahnenhalle aufgehängt: drauf war seiner Vorfahren einer abgemalt vor der heiligen Jungfrau kniend; der aber gingen auf einem fein geschwungenen Spruchbändlein die Worte vom Munde: »Stehen Sie auf, Herr Vetter!« Antwortet der Ritter, wie zu lesen stund: »Ich tue meine Schuldigkeit, Frau Muhme.« Er war wohl ein ganzer Narr und wunderte sich täglich, daß er noch vom Regen naß ward wie andere Menschen, und daß jemalen der Wind es wagen durft', ihm sein Hütlein vom Haupt zu entführen, als wär er nicht mehr denn Hinz und Kunz. Er fuhr mit vier Gäulen, anders tat er's nicht, und saß dann bocksteif im Wagen, sah über Dorf und Gärten[S. 31] und die Menschen hin, die ihn bescheidentlich grüßten, als wär's seinen Augen Schaden oder Schande, so sie wen streiften, der ehrlich von seiner Hände Arbeit lebte.

Das ärgerte einen Bauern, der seinen Hof neben dem Edelhof hatte. Es war ein reicher Hof, und der Bauer trug einen dicken Bauch stattlich vor sich her und um den Bauch eine wohlgespickte Geldkatze und wußte die Unterlippe vorzuschieben wie Carolus Quintus. Im Stall hatte er sechs glatte, rundleibige Rösser stehen. Und als es ihm zu dumm war mit des Edelmanns Hoffart, spannte er seine Sechse an seinen größten Heuwagen und fuhr prasselnd und ratternd hinter der Edelmannskarosse drein, zwei Knechte vorn, vier hinten, er stattlich in der Mitte. Das erstemal tat der Edelmann, als bemerke er den Unfug nicht; das zweitemal ward er blaß vor Wut und schoß einen Blick wie einen Wetterstrahl auf den übermütigen Nachbarn; das drittemal hielt er sich nicht, sprang auf und schrie dem dickköpfigen Bauern eine Drohung zu, die — keiner verstund, denn sowie der edle Herr den Mund auftat, knallten die sechs Knechte mit den langen Peitschen und brüllen und jauchzten, daß die sechs Gäule wild wurden; der Heuwagen ratterte und krachte; es war ein Höllenlärm, als käme die wilde Jagd. Der Edelmann mußte sich daheim gleich zu Bett legen und[S. 32] den Arzt rufen, der ihm zur Ader ließ. Am Tage drauf fuhr er zur Stadt vor den Richter, der Bauer mit seinen sechs Gäulen lustig hinterdrein. Der Richter setzte seine Brille auf, schlug siebenzehn Bücher der Rechtsgelehrtheit auf: der Fall war außermaßen schwierig, seinesgleichen nirgend zu finden. Der edle Herr tobte was von »dummer Bauernschädel« und gebarte sich auch vor Gericht, als gehöre ihm die Welt und etliche Dörfer darüber. Da kniff der Richter, der ein Spaßvogel war und wenig Freude fand an dem hochadligen Narren, ein Auge ein und sprach: »Meine Herren, hier hilft nur Salomo« — und klappte alle seine Gelehrsamkeit zu: »Wer von euch zweien eine Lüge erfindet, so groß, daß der andere sie nicht glauben kann, der darf mit seinen Pferden ausfahren; der andere muß zu Hause bleiben.«

Da rieb der Edle sich die weißen Hände: Wo kann wohl ein Bauernschädel so pfiffig sein wie er? Seine Ahnen waren zumal feine Köpfe. Er zog aus seiner Jagdtasche einen Rest Brotes und log solchergestalt: »Gestern haben meine Tagelöhner bis neun Uhr abends gedroschen, das habe ich säen lassen, um elf war's reif, um zwei gemahlen und hier ist das Brot davon.« — »Das glaube ich gern, edler Herr,« sprach der Bauer, »denn seht, ich habe gestern abend Eicheln gesät, die hatten heute früh schon gekeimt; da hab ich mir aus[S. 33] dem Eichenholz eine Leiter bauen lassen, die legte ich an den Himmel und stieg fein hinauf. Der Erste, dem ich da begegnete, denkt, gnädiger Herr, das waren Seine Gnaden, euer Herr Großvater, der saß als Sauhirt hinter der Türe.« — »Das lügt er in seinen Hals!« schrie der Edelmann zornig. Der Richter aber sprach: »Der Bauer darf mit seinen Sechsen fahren, wie er mag. Ihr aber bleibt zu Haus.«

[S. 34]

bild

Wie der starke Hans sein Glück fand

Jetzt erzähle ich euch eine Geschichte vom Hans — ihr wißt: dem furchtbar starken Hans mit der Mühlstein-Halskrause, der damals seine starken Fäuste dem Meister Müller verdungen hat um drei Ohrfeigen, von denen der Müller die dritte nie überlebt hätte; nun, seine wunderlichen Abenteuer kennt ihr ja alle. Er tat also beim Müller nicht gut, tat später beim Schäfer nicht gut, tat schließlich bei keiner Hantierung gut; war wohl, der ungeschlachte Gesell, zu was ganz Absonderlichem auf die Welt gekommen. »Gott sei gepriesen!« seufzte jeder seiner Herren hinter ihm drein, wenn er an der letzten Weghecke noch einmal zum Abschied über die Schulter schaute, sein Bündel schwenkte und mit hellem Juhu! seinen alten Hut in die Lüfte warf: »Adjes auch, Meisterchen! und — auf Wiedersehn, Meisterchen!« — »Gott bewahr uns in Gnaden[S. 35] vorm Wiedersehn!« murmelte der und schlug ein Kreuz. Keiner mochte ihn mehr haben, den Hans, er war gar zu sehr außer aller Art, und daß er für zwanzig starke Kerle schaffte, mocht' noch angehn, wenn er nur nicht für vierzig gegessen hätt'! — »Nun, ist auch recht,« lachte der Hans, »bin eh des Fronens müd! Heidi, ich fahr in die Welt!« Er hatte was vom Glasberge läuten hören und dem Königreich hinter dem Glasberge. Da wollt er hin, Abenteuer zu suchen und ein rechter Kerl zu sein.

Da gab's nun für unsern starken Hans manche Meile zu traben, manchen Berg zu erklimmen; und vom allerhöchsten, den er erstiegen, warf er seine großen Stiefel, die er auf harten Wegen fein durchgewetzt hatte, also daß er von unten auf den blanken Sohlen lief, durchs Oberleder aber Sonne, Mond und Sterne schienen, in einem gewaltigen Bogen mit freudigem Juchzer weit über die Spitzen der Tannen hinweg in das brausende Gebirgswasser hinein, von dem ihm gesagt war: »Dem folg nur nach, das rennt bis ins Land der Abenteuer.« So stieg er barfuß fürbaß. Seine Füße waren stark und hart, und brannten ihm die Sohlen, so watete er mal ins kalte Rauschewasser hinein, freute sich der herzhaften Erfrischung am heißen Wandertage, lachte eins über die närrischen Forellen, und rüstig ging's weiter.

[S. 36]

Aber es wollt' kein Abenteuer verquer kommen, und der Glasberg? o weh, wo mocht der gelegen sein? Düsterer wurden die Wälder um ihn und totenstill, als hätt' sie noch nie eines Menschen Fuß betreten, nur aus weiter, weiter Ferne hörte man den Specht hämmern. Wilder und tobender ward neben ihm das Wasser und sank immer tiefer unter seinen Blick, indes die Felsufer immer höher und schroffer wuchsen und enger zusammenrückten. Da auf einmal jauchzte er auf: »Gib acht, Hans, jetzt kommt's! Jetzo erleben wir was!« An der Stelle, wo sich jetzt die Wildwasser in einem runden, tiefen Felskessel stauten, wo sie unheimlich aus grausiger Tiefe heraufmurrten, kochten, wirbelten und brodelten, da schwang sich ein keckes steinernes Brücklein von Ufer zu Ufer. Munter schritt unser Wandersmann darüber, stund natürlich erst droben ein Weilchen und schaute mit Behagen in den Abgrund unter sich, das üppige Buschwerk, das aus dem zerrissenen Felsgewänd sproßte, und ganz drunten in den brodelnden Kessel; dann pfiff er sich eins und ging hurtig einen schmalen Fußsteig hinan, immer höher hinauf ins Gebirge.

Ein Segen, daß er vom letzten Brotherrn noch einen ganzen Schinken und etliche Würste und Laibe Brots mit sich führte — denn der schmale Steig wollt' kein Ende nehmen, und arg schmorte die Mittagshitze den[S. 37] Duft aus den Tannen. — »Irgendwohin muß ich hier kommen,« tröstete sich Hans und wischte sich die heiße Stirne, »denn wozu wär sonst der Weg da?« Und da hatte er nicht so unrecht: plötzlich lichtete sich das Tannicht, dicht vor ihm lag ein hochgetürmtes, altersgraues Schloß.

Hans schaute sich um — keine Menschenseele weit und breit. Ein steinerner Wappenlöwe war vom Portal heruntergestürzt und lag, blühende Ginstersträucher zwischen den Pranken, im üppigen Grase. Auf ihm saß regunglos ein zierlich Eidechslein und sonnte sich. Hans legte die Hände an den Mund: »Juhu!« Meint ihr, auch nur ein Hund hätt' angeschlagen?

Er stieg die morschen, verwitterten Stufen hinan, aus deren Rissen und Fugen Gras und blaue Glockenblumen wuchsen, schlug mit dem schweren Klopfer ans Tor — das schollerte, dröhnte dumpf und leer durch das schlafende Schloß, verhallte wieder, und wieder war's still. Nur im Vogelbeerstrauch am grauen Gemäuer wippte ein Blaumeislein und pfiff sein feines, kurzes Verschen, als lache es den großen gefoppten Buben aus. »Nun wird mir's zu dumm!« sprach Hans. Krach-bums, die Splitter flogen! Da hatte er mit leisem Druck das Tor eingetreten und stund nun staunend in einer langen, langen, kühlen, schattigen Halle. Da roch's so modrig wie in Kellergewölben oft,[S. 38] und von seinen nackten Füßen her, denen die brüchigen Steinfliesen nicht so wohl taten wie die Kühle des Bergwassers, stieg's ihm frostig ans Herz.

Er wanderte ratlos durch die hochgewölbten Gänge, denen hie und da ein hohes Fenster nur spärliches, gedämpftes Licht durch bunte Scheiben, alte, seltsame, farbige Schildereien, verlieh. Siebenmal ging's um die Ecke und immer dasselbe Bild: endlose gewölbte Gänge, zahllose geschlossene Türen zur Rechten und zur Linken, die in Gott weiß welche Gemächer führen mochten; er eilte an allen vorüber, als zög's ihn vorwärts, einem unbekannten Ziele zu, denn er wußte es gewiß: Jetzt kommt's! Schließlich packte ihn doch die Ungeduld: »Jetzt bin ich's satt, die langweiligen, dunklen Gänge abzutraben!« Er rüttelte am Schloß der nächsten Tür — da stutzte er: »Hans!« rief es ganz deutlich aus weiter Ferne! »Hallo! Ich bin hier erwartet! Wer da?« und er eilte dem Rufe nach, einer großen Pforte zu, die den Hallengang, in dem er sich just befand, abschloß.

Leicht flog sie auf; er stund auf einem lauschigen, schönen Schloßhof. Rings stiegen in feierlicher Pracht die alten Mauern auf, halb mit wildwucherndem Efeu zugedeckt, steinerne Ritter trugen zierliche Erker und Balkone, wappentragende Löwen und Greife hüteten die Türen, zahllose Fenster starrten wie mit leeren,[S. 39] toten Augenhöhlen auf den gepflasterten Hof hernieder, in dessen Stille und Weltabgeschiedenheit auch der heiße Mittagssonnenschein eingeschlafen zu sein schien. Und inmitten plätscherte schläfrig ein Brünnlein. Hansen tat die warme Sonne gar wohl nach den kühlen, dämmrigen Hallen; es schauerte ihn leicht, da ihr Strahl sein Wams durchdrang; dann mußte er gähnen, einmal, zweimal, dreimal, o, so tief, die Beine wurden ihm müde und schlaff; es zog ihn zum Brunnen, dort von dem rieselnden Strahl zu trinken und sich dann an dem grünbemoosten Steinrand niederzulassen, dem verschlafenen Geriesel zu lauschen, bis ihm die Augen zufielen.

Wer weiß, wie ihm das bekommen wäre! Am Ende wäre er nie wieder aufgewacht und wäre ein stummes, lebloses Stück dieser stummen, leblosen Einsamkeit geworden. Ich weiß es nicht und will nichts behaupten, was ich nicht weiß; aber mich dünkt, ein Glück war's für ihn, daß es nicht dazu kam, denn es rief schon wieder: »Hans!« Deutlich hatte er jetzt vernommen, wo der Ruf herkam. Er eilte durch einen runden Torbogen, der von dichtem Efeugerank halb verhängt war. Da sah er drüben ein langgestrecktes Gebäude, offenbar den Marstall des Schlosses. Deutlich klang's herüber wie das Stampfen von Rossen und das Klirren von Pferdeketten. »Gottlob! endlich lebendige Gottesgeschöpfe!«[S. 40] dachte Hans — »Hans!« klang's da deutlich aus dem Stalle her! Er stieß die Tür auf. Zwitschernd schoß ihm eine Schwalbe dicht übers Haar hin ins Freie.

In der Dämmerung des Stalles unterschied er stattliche Reihen wohlgepflegter Rosse, wie er sie schöner noch nie geschaut. Kettenrasselnd drehten sich die feinen Köpfe dem Gaste zu, und die klugen, schönen Augen der edlen Tiere schauten ihn groß und freundlich an. Hansen ward ganz wunderlich weich und warm; das Herz ging ihm auf von einer Liebe und Zärtlichkeit, wie er sie noch nie gefühlt. Er trat in den nächsten Stand, schlang seinen Arm um den feinen, glatten Hals eines Zelters und lehnte seine Wange an die weichen Nüstern. Da ward ihm gar weh und wunderlich, dem großen, starken Bengel, als sehnt' er sich — weiß Gott wonach, und trüg' eine Schmerzenslast von Liebe im Herzen und müßt' daran sterben, könnt' er keinem davon abgeben. Was war das nur?

Da rief's wieder und ganz nah diesmal! »Hans!« Drüben von jenem Schimmel kam's her, dem mit den rosigen Nüstern. Er trat hinzu: »Schimmel, sprachst du das? Seit wann ist mir das Mode?« Doch das Scherzen wollt ihm nicht gelingen, so wundersam war ihm zu Sinn. — »Was hättest du gern, lieb Rößlein?«

[S. 41]

»Hans, nun mußt du mich satteln und schirren,
Laß dich nicht Liebes noch Leides beirren,
Laß nicht Liebes noch Leides dich halten,
Dein' Stunde schlug, dein Schicksal will walten.«

»Hm,« meinte Hans, »wenn ich nur nicht zu dumm bin für dergleichen! Halten? Hoho! Halten soll mich keiner, und beirren am Ende auch nicht. Nun, es kommt auf den Versuch an. Aber merkst du was, liebe Seele? Jetzt kommt's! Wir erleben was, wie man's beim Meister Müller und beim Schäfer nicht alle Tage erlebt! Hurra! —« Da hing ein Sattel, da hing ein Zaumzeug, und hast du nicht gesehen! saß Hans, barfuß wie er war, auf dem beredsamen Schimmel, und heidi, auf flog die Stalltür, fort ging's! »Schimmel, wohin? Zwar mir ist alles recht: Woandershin, gelt Schimmelchen?« Hui, da flog ihm der alte Hut vom Kopfe. »Halt Schimmel, mein Hut! —« »Dummrian!« schnob der Schimmel.

»Hast recht, laß fliegen! Doch sag nun: wohin?« —
»Sei standhaft! Gewinnst dir 'ne Königin!« —
»Potztausend, das wär! doch ich reite
Ohn Hut und Stiefel zur Freite!« —
»Will Junker Hans auf dem Glasberg turnieren,
Darf ihn nicht Liebes noch Leides beirren!«

[S. 42]

bild

[S. 43]

So so, auf dem Glasberg! Nun wußte ja Hans, wohin es ging. Das war ja sein Herzenswunsch gewesen, nach dem Glasberg zu kommen! Hei, wie lachte da sein Herz! Er nahm sich auch ernstiglich vor: nichts, aber auch gar nichts sollt' ihn beirren, nicht Liebes noch Leides! Jetzt fiel der Schimmel in langsamen Trab, und nun, da dem Reiter nicht mehr die ganze Welt im Fluge vorbeisauste, ward er auch gewahr, wes Art der Gaul sei, der ihn trug.

Ach, du lieber Herrgott, erbarm dich! Wo hatte er nur im Stall vorhin seine Augen gehabt? Das war ja eine Schindmähre, ramsnasig, mit schwerem, hangendem Kopfe, schnappenden Lippen, zwischen denen eine halbe Elle lang ein Zipfel Zunge herausbaumelte, als wollte er abfallen; und recht, als wollt' der Gaul ihn ärgern, trottete er jetzt knickbeinig, ganz, ganz langsam durch ein belebtes Dorf.

Die Uhr an der Dorfkirche, die gerade schlug, blieb vor Schreck mit einem Knacks stehen, da die ritterliche Gestalt mit dem zerschlissenen Hemde, dem struppigen Schopf, den nackten Beinen auf der Jammermähre auftauchte. Das gab auch ein Hallo bei jung und alt, Mensch und Vieh! Vom Dorfweiher die Gänse kamen schnatternd und schimpfend auf ihn zugerauscht; der Gänserich zischte ihn wütend an: die Hunde, große und kleine, kläfften hinterdrein; die Dorfkinder rannten[S. 44] schreiend und lachend dem Reitersmann nach, der Schmied trat mit seinen Gesellen vor die Schmiede, den Hammer noch in der Hand, und sie bogen sich vor Lachen, daß die steifen Schurzfelle krachten, und, was unseren Helden am meisten wurmte: die hübschen jungen Dorfmädchen lachten ihn aus. Wütend setzte er die nackten Fersen dem Gaul in die Flanken. Der aber schüttelte gemütlich die Ohren und ließ den Zungenzipfel baumeln und hatte es gar nicht eilig. Blaß und rot ward Hans vor Zorn — da klang's ihm im Herzen: »Laß dich nicht Liebes noch Leides beirren!« und hui! waren Dorf und Weiher, Strohdächer, Gänse, Hunde, Schmiedegesellen und Mädchen verschwunden! Das Roß brauste dahin, daß Hansen die Sinne schwanden.

Auf einmal rief's: »Hans, hab acht!« Vor ihm lag in lichter Sonne ein gleißender, schimmernder Berg, wie ein erstarrter Riesenwasserfall. — »Der Glasberg!« jauchzte Hans. Da schüttelte sich das Rößlein unter ihm und bäumte sich, und da war's wie eines Hünenfürsten edelstes und stärkstes Schlachtroß. Hansen aber klirrte blauer Stahl um die Brust, die sich in wonnigen Atemzügen dehnte, flogen grüne Samtschabracken über die erzgeschienten Schenkel; kühl um die Schläfen schmiegte sich ihm der Stahlrand eines gewaltigen Helmes, auf dem zwei hohe Habichtschwingen rauschten,[S. 45] und ein breites Schwert hüpfte an seiner Hüfte. Und nun führen Roß und Reiter wie in einem blaublitzenden Ungewitter empor — wohin? Tausend Männerstimmen jubelten ihm plötzlich zu, und schnaubend und stampfend stund der gewappnete Schimmel mit ihm oben auf dem Glasberge in den Schranken eines glänzenden Turniers. Ringsum stattliche Reiter auf herrlichen Streitrossen, buntgestickte Wappendecken, wehende Fähnlein, wappenbunte Schilde, blitzende Drommeten und Klarinen. Drüben auf teppichbehängter Rampe unter einem purpurnen Baldachin ein Gedränge fürstlicher Männer und schöner Frauen.

Und alles winkte, grüßte, rief, jauchzte und trompetete ihm zu, der ganz benommen stund von all der Pracht und Herrlichkeit. Er war ja ein schlimmer Hans Taps, der arme Müller- und Schäferknecht, und der feinen höfischen Sitten gar unkund. Das mocht' wohl der kluge Schimmel wissen, denn er beugte zierlich ein Knie vor dem Thronsitz und den hohen Herrschaften droben, und einmal dann nach rechts und einmal nach links, und da mußte der arme dumme Hans halt mittun, er mocht' wollen oder nicht; und siehe da, jubelnder Beifall lohnte dem höflichen Gaste, daß er sogleich stolz den Kopf hochwarf als wie: was bin ich doch für'n Kerl! Ei ja, Hoffart lernt sich gar schnell.

Da klangen Fanfaren, Herolde führten sein Roß am[S. 46] Zügel in die Bahn, eine Lanze ward ihm gereicht, und nun ging's an ein Rennen und Streiten und Stechen. Hans paßte scharf auf, wie's die andern machten, denn er war der Letzte an der Reihe. Da aber trat die ganze Ritterschaft dem fremden Kämpen entgegen, und sie alle, alle sanken vor seiner Kraft in den Staub. Da lachte Hans vor sich hin, und es klang ihm seines Schäfers Wort im Ohr: »Hans, du Schlagetot, du taugst keinem Menschen was! Häng dich auf! Aber es muß ein starker Ast sein, den du dir aussuchst!« Das hätte der Schäfer nur sehen sollen, wie hier gewaltiger Jubel um seinen unnützen Knecht erbrauste, der König sich freudig erhub und alles mit ihm —. Das Roß aber stieg plötzlich hoch. »Schimmel, bist du des Teufels? Die Prinzessin winkt mir! Sie ist so schön! Schimmel, Satansvieh! Nur ein Wort, lieber, süßer Schimmel, nur einen Blick!«

— Durch dunkle Wälder, über rauschende Bäche, durch wogende Kornfelder ging's dahin wie die wilde Jagd, und eh sich's Hans versah, stund er daheim im Stalle, nahm mit zitterndem Herzen und zitternden Händen dem Schimmel, der jetzt die Wundergabe der Sprache verloren zu haben schien und nur ein gewöhnliches Pferd war, Sattel und Zaumzeug ab, warf sich dann, nachdem er ein Weilchen kopfschüttelnd vor sich hingestarrt, mit fiebernden Schläfen auf ein Strohlager[S. 47] nebenan in der Kammer des Roßknechtes, wo ihn bald, ehe sich noch ein buntes Träumen von blitzenden Rittergestalten, Kampf und Sieg und von der holdseligsten der Frauen angesponnen, ein tiefer, tiefer Schlaf einhüllte.

Als er am nächsten Morgen spät erwachte, wußte er lange nicht, wo er sei. Da leuchteten ihm die Augen aller der Rosse so traulich, als sprächen sie: »Guten Morgen, Hans! Glück auf, Hans!« Da er aber an seiner Leibeslänge hinabsah, erschrak er heftig des greulichen Zerganges, so sein eh schon kümmerlich Gewand gestern erlitten: die Hose ganz zerschlissen, zerwetzt und zerfranset, das linke Knie leuchtete gar durch einen breiten Riß, sein Wams kurz und klein und aus allen Nähten, also daß er's wütig vom Leibe riß. Doch eh er des Wunderns ein Ende fand, huben die Seltsamkeiten von gestern wieder an. Nur war's heute eine braune Stute, die ihn beim Namen rief und mit ihm von hinnen brauste. Das Spießrutenlaufen in der Dorfstraße war heute noch quälender denn gestern; die Gänseherde schien sich verdoppelt zu haben, die Zahl der wütenden Köter gleichermaßen, das Lachen, Schreien und Johlen der Männer, Frauen und Kinder auch; und was das Tollste, das Dorf deuchte ihn heute noch eins so lang. Dann gings wie gestern her: die Stute schüttelte sich kräftiglich, ward ein gewaltig[S. 48] Schlachtroß mit noch köstlicherer Deckenzier, des Reiters Harnisch und Wehrgeschmeid aber war eitel gleißend Silber. Wieder war er da oben Sieger, der Jubel groß, die Prinzessin ohnmaßen lieblich. Doch da der König sich erhub und sein minnig Kind mit ihm, tausend Hände ihn grüßten, und alle Fähnlein sich unter hallenden Fanfaren vor ihm neigten — »Stute, bist du des Teufels?« Er mochte wollen oder nicht, wieder ging's davon ohne Valet, und ehe er sich's versah, lag er mit dröhnendem Schädel auf dem Roßknechtlager, wo sich schwerer Schlaf auf ihn warf.

Am dritten Tag war's ein hochbeiniger Rapphengst, der ihn entführte. Ach, heute war's gar ein halbnackter Strolch, der kaum noch dürftig in Hemd und Hose hing und auf einem wahren Grauen- und Spukbild von humpelnder Schindmähre durch das vergnügte Dorf sich schleppte. Hier schien sich wirklich heut die ganze Bauernschaft der Gegend zu seinem Empfang zusammengerottet zu haben; ja, er wurde mit Spannung erwartet. Die Gänseherde war schier unabsehbar, das Schnattern und Zischen, dazu das Heulen und Bellen der unheimlich angewachsenen Dorfkläffer gar zum Verrücktwerden. Die ganze Welt schien ein Gelächter und Hohngeschrei; die Bäume schüttelten sich vor Lachen, die Kühe aus den Ställen brüllten Hohn, Hohn meckerten die Ziegen am Wegrain, und auf einem[S. 49] Scheunendach schlug der Storch mit den Flügeln, nickte wie närrisch und klapperte vor Vergnügen wie ein Toller. Und die Mädchen! Hansen liefen vor Harm und Scham die Tränen über die Backen. — Was war denn das? Da trat ein Dorfmägdlein ganz dicht an ihn heran und patschte dem lahmen Rappen lachend auf das magere Hinterteil: die war so schön! Wär nicht das grobe Bauernhemd um ihre Brust gewesen und ihre Stirn und drallen Arme von der Erntesonne so braun und die Grannen in ihrem gelben Haar — er hätte geschworen, es sei die Prinzessin droben vom Glasberg! Doch nein, so ungezogen lachen konnte die wohl nicht, war's gleich ein köstlich Ding, wie das Dirnlein im Lachen die leuchtenden Zähne zeigte! Und die Dorfstraße nahm gar kein Ende heute, und der Spott ward immer giftiger, schließlich flogen ihm gar Futterrüben und Steine um die Ohren! Da hieß es wohl: festbleiben und sich kein Liebes noch Leides beirren lassen! Aber schließlich überstund er's. Am Fuße des schimmernden Glasberges schüttelte sich der Rapp, und ein Ritter in goldener Rüstung stob in einer blitzenden Gewitterwolke über das blanke Berggewände in die Schranken des Turniers.

Als aber heute die Drommeten seinen Sieg und des Rennens Ende kündeten, da schlug das Eingangstor zum Turnierplatz — so hatte es der König angeordnet[S. 50] — krachend zu. Der König selbst eilte dem Sieger vom Tore her entgegen. Da nahm der Rappe einen Anlauf, und hast du nicht gesehen, setzte er samt seinem goldschimmernden Reiter über das Torgitter hinweg. Der König hatte im Zorn sein Schwert gezogen: »Warte, Trotzkopf! wenigstens zeichnen will ich dich!« und schlug nach dem Entweichenden. Er traf ihn ins Bein. Unser Hans aber hatte so festes Fleisch, daß die Schwertspitze abbrach und haften blieb. »Ho, nun bist du mir sicher!« lachte der König, da er sein stumpfes Schwert betrachtete.

Des Königs Töchterlein aber saß im innersten ihrer Gemächer, mied Speis und Trank, träumte und weinte. Da ließ der König vom gläsernen Berge durch Boten, die er in alle vier Winde sandte, kund tun und zu wissen: Der Ritter, in des Schenkel Seiner Majestät Schwertspitze haftet, empfängt dero königliches Kind zur Hausfrau. Dem König hatte nämlich ein Wahrtraum, von Gott gesandt, Wunder verheißen von dem unwiderstehlichen Sieger, als werde von ihm alles Heil seinem Reiche und seinem königlichen Hause kommen. Nun war aber jeder, der das Herz am rechten Fleck hatte, über die Maßen verliebt in das holdselige Königskind, das ebenso gütig und bescheidenen Gemütes war, wie es nach Geburt, Rang, Reichtum und Schönheit das Haupt hätte hochtragen dürfen, und[S. 51] viele brachen die Spitze von ihren Schwertern und trieben sie sich ins Bein und ließen sich so zum Könige tragen. Doch alle mußten mit Schanden heimfahren, keine der Schwertspitzen paßte an das Königsschwert.

Was war inzwischen aus Hansen geworden? Erst hatt' er seiner Wunde nicht acht, vermeint, es sei wohl ein Mückenstich oder Holzsplitterchen oder Dorn, irgendwo beim Reiten mitgenommen. Doch bald eiterte die Wunde, und Hansens Strohlager ward zum Siechbett. Das waren freilich böse Tage, da durft' er fein stöhnen und sich all seine Sünden bedenken, bis daß er sich seines Lebens gar verziehen und ergeben gedachte: »Nun ist's aus! Schade, es fing so prächtig an! und hundertmal schade um das süße Prinzeßlein! Säh sie mich nur einmal noch vorm Sterben an!« Am traurigsten deucht ihn, daß er grad Hungers sterben mußt. Denn war er gleich Herr im Schlosse, wo keine Menschenseele atmete, und konnt' sich also auch wohl sein lassen an all dem Guten in Küche und Keller, so war ihm doch am wohlsten in seinem Stalle auf dem Strohlager, und er pfiff auf die Prunkgemächer im Schloß und die schwellenden Polster in Seide und Brokat. Da lag er denn, stündlich eines neuen Wunders gewärtig. Doch es geschah keins. Auch keins der Rosse tat mehr den Mund auf und plauderte mit ihm. Er blieb einsam mit seinem Schmerz, seinem bittern Ärger, daß ihm[S. 52] alles Glück vor der Nase verschwunden, seinen sehnsüchtigen Gedanken an das Königskind und — seinem Hunger. Denn wie seine Wunde schlimmer und qualvoller ward, konnt' er nicht mehr auf, konnt' er sich nicht mehr zur Küche schleppen; er kaute Haferkörner vor Verzweiflung, fiel täglich mehr vom Fleische und sah sein Ende nah.

Er wußte nicht, daß eben sein Weh und seine Not ihm der Anfang von allem Erdenglück sein sollte. Er lag mit offenen Augen des Nachts im Fieber und starrte durch das staub- und spinnwebtrübe enge Fensterchen seiner Roßknechtkammer in den Mond und, wie er halb schon mit seiner Seele außer dem Leibe war, erlebte er viel feine und zarte und fromme Gedanken, wie sie dem derben Schlagetot niemals noch in Herz und Sinn den Weg gefunden. Denn der Tod saß an seinem Bett und tat ihm manch edles Wissen kund und erzählte ihm, wie die Welt so schön und des Menschen Herz so arm und so reich, so eng und so weit, und sang ihm eine Schlummerweise von der Liebe Gottes. Da war's, als ginge geheime Zwiesprach durch die Stände der Rosse, von Krippe zu Krippe, die Ketten klirrten, und wenn der arme Todkranke hätte aufstehen und hinausschauen können, so konnt' er den Schimmel wie ein fliegendes Silberwölklein durch die Mondnacht jagen und entschwinden sehen. Dann war's still im warmen[S. 53] Stalle, kaum daß noch eine Kette rasselte und ein Huf dumpf den Boden stampfte; nur die kurzen Atemstöße des Fiebernden waren vernehmbar.

Des Königs Leibarzt hatte schweren Dienst jetzt. Der Prinzessin wurden die Wangen bleich, und alle besten Ritter des Reichs hatten wunde Beine, da gab's viel zu tun. Er hatte in einem gelehrten Buche noch studiert bis gegen Mitternacht. Nun ergriff er die Lampe, um zu Bett zu gehen? Da schlug's draußen gewaltig ans Tor. Er öffnete das Fenster und schaute hinaus und rief: »Wer begehrt so spät noch mein?« — »Des Königs Eidam!« rief's draußen. War aber kein Mensch zu sehen, ein schlanker Schimmel stund drunten, gesattelt und gezäumt, und warf nickend den Kopf auf. Der Arzt setzte sich die Brille auf — es blieb ein Schimmel. »Alle guten Geister loben den Herrn« — »Amen,« sprach der Schimmel. Da erleuchtete Gott des Arztes Sinn, und er erkannte das Roß, auf dem der fremde, stahlgewappnete Ritter zum erstenmal turniert hatte. »Das ist ein wunderlich Ding,« sagte er und trat hinaus. Da beugte das edle Tier ein Knie, und nun erkannte er es für gewiß und verstund seine einladende Geberde. Er eilte zurück, versah sich mit allem Gerät seiner Kunst, Verbandzeug und heilsamen Essenzen, warf einen Mantel um und setzte sich in den Sattel. — »Halt' dich fein fest, hochgelehrter Herr[S. 54] —« und heidi! ging's davon, daß der arme Doktor die Augen schloß und seine Seele Gott befahl.

Da tauchte ein Schloß auf, das der Arzt, der nun schon an fünfzig Jahre dort wohnte, nie gesehen, noch auch nur nennen hören, und eh' er sich's versah, stund er am Schmerzenslager eines zerlumpten, halbnackten jungen Burschen, der fiebernd mit dem Tode rang. »Hier ist's hohe Zeit!« sagte der Doktor, der die Züge des wunderstarken Ritters in dem Antlitz des armen Teufels erkannt hatte. Da stund schon der Schimmel da und trug in den Zähnen einen Eimer klaren, kühlen Wassers, eben am Brunnen draußen geschöpft. »Ei Dank, mein freundlicher Famulus! Schau, du verstehst's!« lachte der Meister, und nun ging's an ein liebevoll Pflegen und Heilen. Au, das tat aber weh, wie der Arzt die Schwertspitze aus dem entzündeten Bein herausholte, und als er sie betrachtete, da war der letzte Zweifel geschwunden: Des Königs Krone war darauf zu sehen!

Hm, dachte der Arzt, so wär der Kerl ohne Strümpfe und Schuhe des Königs Tochtermann? und er ließ sich von Hans seines Lebens Mär erzählen — vom Müller, vom Schäfer, dem verschollenen, menschenleeren Schlosse, den drei hilfreichen, wunderbaren Rossen, und dachte hin und dachte her: Sagst du dem Bruder Habenichts, daß er nach des Königs Wort und Wille[S. 55] sein Tochtermann? Sagst du's dem König, daß du ihn hier aufgefunden? Und sein Sinn neigte sich allgemach dem treulosen Vorsatz zu, dem Jüngling sein Geschick, dem König seine Entdeckung zu verheimlichen, auf daß nicht Königskind und Reich einem unedlen Fremdling anheimfielen. Immer fester ward sein Entschluß, alles für sich zu behalten, und so gedacht' er, da er an dem Kranken seine Pflicht getan, heimzureisen.

Ja, aber wie? Er wußt' nicht, wo er war, ob seine Heimat nach Osten, Westen, Süden oder Norden von hier aus gelegen. Das Schloß war ihm unbekannt, rundum die Wälder so endlos wie stumm, und — der Schimmel wollte nicht, im Guten und im Bösen nicht, er duldete keinen Sattel, schlug um sich und biß! Der Arzt raufte sich die Haare und den Bart, jammerte um seine Kranken daheim und hätt' sich schier verschnappt: hatten doch alle die gleiche Wunde wie Hans; jammerte um die Prinzessin und hätt' sich schier wieder verschnappt: bleichten ihre Wangen doch um den fremden Rittersmann; jammerte über des Königs Zorn. Hans legte beim Schimmel, beim Rappen, bei der braunen Stute ein Wort für seinen Arzt und Retter ein — umsonst.

Schließlich ward der Arzt gar kleinlaut und verzagt, verzweifelte ganz, jemals die Heimat wieder zu sehen. Indes Hans mit dem Jagdgerät, das er im Schlosse[S. 56] entdeckt, lustig zum Weidwerk zog, saß er trübsinnig im Stall auf der Futterkiste, und nun war's an ihm, über seine Sünden nachzudenken. Und das war sein Glück. Denn wie's ihm so recht klar wurde, welche Treulosigkeit er plane, und wie er vermessen den Willen Gottes, der sichtlich den guten Hans seine besonderen Wege führte, hemmen und hindern wolle, und wie er dann aufsprang, mit der Faust auf die Haferkiste schlug und bei sich sprach: »Nein! der Wahrheit die Ehre!« da gab's ein Stampfen und Klirren im Stall, Schimmel, Rapp und Braune eilten aus ihren Ständen, und freudig legte der Doktor, der dankbar die Antwort Gottes auf seine gerechten Gedanken erkannte, dem Schimmel den Sattel auf, und heidi! ging's davon, Rapp und Stute jagten ledig hinterdrein.

Groß war Hansens Staunen, als er den Meister und die drei Rosse vermißte. Er war inzwischen in Einsamkeit, in Leibes- und Herzensnot ein still nachdenksamer, frommer Gesell geworden und dachte nicht mehr: »Nur zu! mir ist schon alles recht!« sondern fein demütig: »Wie Gott will.« Und so geschah's. Als tags darauf die Welt in weißem Morgenlichte lag und Hans mit Bogen und Speer in den Wald trat, wie ein Riese der Vorwelt anzuschauen, im selbstgefertigten Fellwams mit bloßen Armen und nackten Füßen, aber schön und stark von Gliedern, da trabten drei Rosse[S. 57] daher, hellwiehernd ein Schimmel voran, drauf mit fliegenden Locken und glühenden Wangen das königliche Kind, der König auf dem Rappen, der Meister Arzt auf der braunen Stute, und sie staunten alle drei, wie urköniglich, ein Liebling Gottes, schön und prächtig an Haupt und jungen Gliedern, der schlanke Weidmann daherschritt, und der König rief: »Unser Ritter! Glückauf, junger Held! Wer als König geboren ward, den kleidet der Kittel des Müllerknechtes, der Rock des Schäfers und das Lumpengewand der Not königlich wie Hermelin und Purpur!« Der Jüngling erglühte in tiefer Scham und sank demütig in die Knie. Der König aber hub ihn an seine Brust — küßte ihn und sprach: »Du bist der Rechte; ich nehme dich aus Gottes Hand. Du aber, mein Kind, nimm ihn aus meiner Vaterhand.« Und Hans legte bebend seine Hand in des lieblichen Mädchens Rechte, zu küssen wagte er sie nicht. Bald war die Hochzeit. Das Schloß mit all seinen Schätzen blieb des jungen Paares eigen. Die Rosse aber waren spurlos verschwunden. Es hieß, es seien keine rechten Rosse gewesen. Wer will das sagen? Der Arzt wußte was zu fabeln aus einer alten Chronik, die er in einem Turmgemach daheim gefunden, von blutigen Fehden, die einst zwischen dem Schloß der Ahnen seines Königs und jenem entbrannt und alles Leben in dem alten, grauen Schlosse vernichtet, uralter Schuld, die erst zu sühnen wäre, wenn ein reiner Jüngling das alte Schloß wieder aufgefunden und zu eigen genommen und ein reines Mägdlein aus dem Schlosse des Glasbergkönigs gefreit hätte. — Wer weiß, was an der Geschichte wahr ist. Genug, Hans lebte mit seiner Gattin herrlich und in Freuden, und als der alte König die Augen schloß, war er seinem Lande nicht nur ein siegreicher und starker Schirmer, sondern auch ein gerechter und frommer Herr.

[S. 58]

bild

Der Hasenhirt

Der König von Portugal meinte, wenn seine schöne Tochter nicht bald unter die Haube käme, so würde sie sauer und holzig, und möcht' sie keiner mehr. — »Desto besser!« rief stolz das hübsche Kind. »Kann denn unsereins, wenn's nur leidlich grad gewachsen ist und kein garstig Gesicht hat, nie leben, wie's ihm gefällt? Was frag ich nach den Mannsleuten! Will mein eigen sein und bleiben! Wenn sie doch wüßten, wie dumm ich[S. 59] all ihr Getu finde. Hat denn das unnütze Volk auf der Gotteswelt weiter nichts zu tun, als vor unsereinem Männchen zu machen? Ich kann bald kein Wesen mit Hosen an den Beinen und Haaren im Gesicht mehr sehen.«

Das war freilich sehr kräftiglich gesprochen, und der gute König hätt's endlich einsehen müssen: bei der ist nichts zu hoffen! Aber er konnt' und konnte sich nun mal nicht darein finden, daß er nie und nimmer ein Strampelchen von Enkelkind auf seinen Knien sollt' reiten lassen; ach, und wer sollte gar dereinst sein Reich erben? »Das ist meine geringste Sorge,« sprach die Prinzeß und rauschte hinaus. Der König erseufzte und ließ den Kopf auf die Brust hangen, daß ihm schier die Krone heruntergerutscht wär. Da kam sein stolzes Töchterlein, der soeben ihre neunmalschlaue Amme spottweis einen Rat gegeben, wieder herein und sprach lachend: »Ich will dir was sagen, Väterchen! Wer mir einen goldenen Apfel bringt, den nehme ich, sonst keinen; heißt das, er darf nicht beim Goldschmied gewachsen sein, vom Baume brechen muß ihn der Glückliche!« Da seufzte der König noch tiefer auf, daß sie aus einer ernsten Sache einen so schnöden Spaß mache. Der alte Kanzler aber wiegte das Haupt und meinte, bei Gott sei kein Ding unmöglich, und noch sei nicht aller Tage Abend.

[S. 60]

Der Prinzessin mutwillig Wort war kund worden im Lande, und all die lüsternen Freier ließen ebenso wie der König ihre Köpfe hangen. Du lieber Gott, wo sollte in aller Weltweite ein Baum mit goldenen Äpfeln wachsen? Nur ein General war da, ein schnurriger Kauz, von dem hieß es, er sei fest und gefeit und könne mehr denn Brot essen; der hatte neuerlich ein verdächtig Wesen mit einem Manne nicht eben feinen Geschreis, den sie einen Magister der vermaledeiten Künste schalten, und trug jetzt täglich ein immer fröhlicher Gesicht zur Schau, gleichwie einer, der einen Schatz wo liegen weiß, sah auch täglich jünger aus; und wenn er allein war, so rieb er sich die Hände, tanzte auf einem Beine, warf sich in seinem Spiegel Kußhändchen zu und färbte sich das schon grauende Haupt- und Barthaar pechrabenschwarz — und eines schönen Tages war er verschwunden, wußt' keine Seele, wohin.

bild

Wie er's gekonnt, weiß ich auch nicht zu sagen; jener schlimme Magister wird's besser wissen, der die Nächte lang mit ihm bei verschlossenen Türen saß und in alten Scharteken las — genug, er kam nach kaum drei Tagereisen durch Berge und Wälder auf eine weite, weltvergessene Heide, in deren Mitte richtig hoch und herrlich der Wunderbaum stund, mit hundert güldenen Äpfelein im Sonnenlichte funkelnd. Er trat freudig[S. 62] hinzu; plumps, da fiel eine der schweren Früchte ins Gras, ihm just vor die Füße. »Das fängt gut an,« schmunzelte der alte Geck, indem er die Goldfrucht einsackte, und dacht' der Gelegenheit weidlich wahrzunehmen und hub ein Schütteln und Rütteln an, daß alle Äste rauschten und klirrten. Der Baum aber gab nichts mehr her; die Äste saßen auch gar zu hoch, und am glatten Stamme hinaufzuklimmen, dazu waren des Generals Beine schon zu steif. Er warf seinen Stock mit dem Elfenbeingriff wuchtig hinauf ins Geäst. Der Baum behielt den Stock, aber seine Äpfel auch. Da war kein Rat, er mußt' mit dem einen Goldapfel, den der eigensinnige Baum gutwillig hergegeben hatte, fürlieb nehmen und seine Straße heimwärts ziehn.

Er verwand den Ärger und versenkte sich in erbauliche Träume, tat ab und zu einen Hopser, blieb stehn, legte die Hand aufs Herz, machte vor einem Wacholderstrauch, der die Prinzessin vorstellen sollte, die zierlichsten und possierlichsten Kratzfüße und erklärte dem Strauß in wohlgesetzten, blumigen Worten seine Liebe, also daß die Hasen sich kugelten, und die Häher lachend durch die Wipfel krächzten: »Der Geck! Der Geck!«

Da begegnete ihm ein kleines, graues Männlein, das ihm mit der Nase eben ans Knie reichte, schaute ihn pfiffig an und pochte ihm mit dem gekrümmten Fingerlein an eine harte und gebauschte Stelle in seinem[S. 63] Rockbürzel: »Was habt ihr da drin, Freund?« — »Einen Dreck hab' ich,« sprach der General unwirsch, ohne das Wichtlein eines Blickes zu würdigen, und schritt fürbaß. »Ist's ein Dreck, soll's auch ein Dreck bleiben,« lachte der Kleine, und weg war er, und die Häher lachten heiser: »Der Geck! Der Geck!«

In der Hauptstadt gab's denn bald ein groß Geschrei: »Wißt ihr schon? Der General! Er hat einen, er hat einen!« Der König gab ein Bankett, und der General mußte neben seiner Angebeteten sitzen. Sie gönnte ihm nicht Blick noch Wort, schaute nur ab und an verzweifelt gen Himmel, so langweilte und quälte sie sein eitles Geschwätz. »Du wirst mir noch einmal kirre!« dachte der Freier schmunzelnd, ließ sich eine goldene Schüssel reichen, schlug an sein Glas, erhub sich und sprach ein Langes und ein Breites von der Liebe, der kein Preis zu hoch, kein Weg zu steil; und damit griff er, indem er den Trompetern und Zinkenisten oben auf der Galerie zunickte, einen Tusch zu blasen, stolz und strahlend in seine Rocktasche, indes alles gespannt die Hälse reckte und ein Page, neben ihm kniend, die goldene Schale darreichte. —

Da tönte ein Schrei des Entsetzens. Die Prinzessin und alle Damen mit ihr fuhren schnell mit den Spitzentüchlein zur Nase, einige fielen in Ohnmacht, alle Stühle flogen polternd zurück, es gab einen gewaltigen[S. 64] Lärm und Aufstand, Schimpfen und schadenfrohes Gelächter. Die Prinzessin verließ mit ihrem Hofstaat den Bankettsaal. Damit war das Zeichen gegeben, daß alles auseinanderstob. Nun stund unser General ganz mutterseelenallein im weiten Saale, knickbeinig, mit schlotternden Knien und bleich wie der Tod und wußt' immer noch nicht, wohin mit seiner rechten Hand. Da traten Trabanten ein und nahmen ihn gefangen. Nun saß er bei Wasser und Brot und durft' sich überlegen, wie das alles so gekommen. Den gütigen König hatte noch niemand so zornig gesehen. Das ging ihm denn doch über den Spaß!

Nun begab sich's, daß ein gemeiner Soldat, dem das Kommißbrotkauen und Exerzieren für einen fremden Landesherrn zu dumm geworden, desertierte. Im Walde setzte er sich behaglich ins Gras, freute sich, ein freier Mann zu sein, zog Wurst und Brot herfür und ließ sich's schmecken. Trat unser Grauwichtel zu ihm: »Darf ich mithalten?« — »Nur zugelangt, es reicht für zwei!« lachte der Soldat und teilte christlich. Als das Männlein mit Dankesworten Abschied nahm, lachte er: »Bist du ein närrisch Kerlchen, so viel Worte um ein Stückchen Wurst!« — »Noch mehr denn Worte, guter Gesell,« sprach der Kleine. »Hier hast du einen goldenen Apfel; dafür kannst du dir eine lebendige Prinzessin kaufen, und hier dies Pfeifchen ist auch zu[S. 65] was gut. Verwahr' beides wohl, und Glückauf, lustiger Gesell!«

Verschwunden war das Männlein. »Närrisch!« kopfschüttelte der Soldat, steckte aber beides in die Tasche, dachte sich, für den Apfel könnt' er sich wenigstens manche Wurst kaufen, und das Pfeiflein möcht' für Regentage gut zur Kurzweil sein. Wie spitzte er aber die Ohren, da in der Hauptstadt die Spatzen von den Dächern die schnurrige Geschichte vom General und seinem Goldapfel pfiffen! »Jetzt schlägt's Dreizehn, also ist an der Sache doch was dran? und den Goldapfel hätt' also ich? O, wenn das meine Mutter erlebt hätt'! Hurra, jetzt frei' ich die Prinzessin! Was kann da sein!«

Ging frisch und frank ins Schloß, trat vor den König: »Herr König, mit Verlaub, ich hab' den goldenen Apfel, wofür dero Tochter zu haben sein soll.« — »So,« sprach der König, »das hat schon mal einer gesagt! Zeig' erst mal her, mein Sohn; wir haben da unsre Erfahrungen, hm ...« und trat ängstlich einen Schritt zurück. »Weiß schon, Majestät! Und hier ist er.« Der König wollt' ihn in seinem freudigen Staunen mit Händen fassen, aber — »Hand weg, Majestät!« sprach der Soldat und schob ihn in die Tasche zu Wurst und Brot. »Den faßt mir keiner an als meine Braut!« — »Du hast's eilig, guter Freund,« sagte[S. 66] der König, noch ganz benommen von dem Wunder und dem Glanze. Zugleich besah er sich den abgerissenen Burschen mit seinem schmierigen Brotsack und befand, er rieche arg nach Tabak, und dachte: »Wie wird das werden?« — »Freilich hab' ich's eilig, Herr König! Jung gefreit hat nie gereut, und bei dero Jungfer Tochter soll's auch an der Zeit sein. Also laßt ein Mahl richten, ich bin zur Stelle, und das schwör' ich euch, es soll kein stinkend Ende nehmen wie bei euerem sauberen General.«

Damit empfahl er sich und ließ den König in arger Verwirrung zurück. Doch, was sollt' er tun? Ein Wort ist ein Wort; da half kein Mundspitzen, es mußt' gepfiffen sein. Das Bankett ward gerichtet, der Soldat saß neben der Prinzessin, alles rümpfte die Nase über den schäbigen Freier; der aber merkte nichts von alledem und sah nur seine Nachbarin an und dacht', wie schön sie sei. Er hatte ja gar nicht gewußt, daß es dergleichen auf Gottes Erdboden gebe, und sein Herz ward gar demütig und ernst. Dabei griff er aber immer nach seinem Brotsack, den er sorglich umbehalten, ob auch das güldne Unterpfand seines Glückes noch dasei. Dann trank er einmal über das andre Mal seinen Becher aus; denn erstens hatte er so guten Tropfen noch nie geschmeckt, und zweitens fühlte er, daß ihm das Herz in die Hosen sank: eine Prinzessin und ein[S. 67] armer Haderlump wie er! Da sollt' ihm der Mut wohl klein werden! Sie aber saß bleich wie ein Steinbild neben ihm, um ihre feinen Brauen zuckte es wie Qual, wenn er zu ihr sprach; deuchte sie gleich sein schlichtes Wort wahrer und menschlicher, als sie jemals bei Hofe reden gehört — er roch gar zu pöbelhaft nach Tabak! Aus einer Tasche schaute ihm sein Stummelpfeifchen, aus dem Brotsack ein Wurstzipfel! Sie mußt' sich ein übers andre Mal ihr Riechfläschchen unter die Nase halten.

Gegen das Ende des Mahles brachte man die goldene Schüssel herbei. Der Soldat sprang auf, hielt keine lange Rede, sondern rief nur: »Da habt ihr ihn!« und ließ den blinkenden Apfel aufklingend in die goldene Schüssel fallen. Da rief alles, des Bringers und seiner Vagabundenhaftigkeit ganz vergessend: »Wie herrlich, wie köstlich!« Selbst die Prinzessin klatschte in die Hände. Es war, als ginge ein Licht, ein unirdisch Leuchten von dem goldenen Wunder aus, das aller Herzen erhellte und höher stimmte. Da brach der Soldat den Bann des Entzückens, indem er laut in den Saal rief mit dem Mute, den der feurige Wein ihm gegeben: »Wohlan, Herr König, ich tat das Meine! Nun marsch zur Hochzeit, Jungfer Prinzessin!«

Schlug da doch das Prinzeßlein die Hände vors blasse Antlitz und hub ein Schluchzen an, als soll's ihr die[S. 68] zarte Brust zerbrechen. Alles war betroffen und erschüttert; denn weinen hatte das stolze Geschöpf bis heut' noch kein Auge gesehn, und dann schauten aller Blicke unter gerunzelten Zornesbrauen auf den Soldaten, der in den Stuhl gesunken war und dasaß, als sei er der ausbündigste Malefikant und die schwärzeste Seele, die je zur Hölle reif war. Er war blaß, und seine Lippen zitterten, und er lallte: »Nu — nu ...« und seine harten Hände zuckten, der Weinenden über das goldene Seidenhaar zu streichen, ganz weich und lind, wie man's einem Kinde tut; aber er getraute sich nicht.

Der König fand zuerst das Wort wieder und sprach was von der magdlichen Scheu seines edlen Kindes, die man ehren müsse, und — von Zeit lassen, sich drein zu finden, und einigen Tagen Aufschub.

»In Gottes Namen,« stotterte der Soldat, »in Gottes Namen, Herr König! Wenn's nicht anders ist, so kann ich mir inzwischen einen neuen Kittel schneidern lassen.« Da lachten einige Höflinge in ihr Mundtüchlein. »Gott sei gedankt!« seufzte der König für sich. »Kommt Zeit, kommt Rat. O dieses Kind, dieses seltsame Kind, was schafft es mir doch für Not und Grämen!« und er fuhr sich wehmütig mit der Hand über den königlichen Bauch und befand, er sei vom Fleische gefallen.

Das war dem guten König eine ausgemachte Sache:[S. 69] dieses Eidams mußt' er los und ledig werden, es geh' wie's wolle. Aber wie? Da gedacht er des Generals, der noch bei Brot und Wasser saß und sich grämte, daß er so stinkend geworden; der war in tausend Listen und Ränken gewandt und Rates nie verlegen; den befahl er der Haft zu entlassen und fragte ihn, wie er mit gutem Anstande den tabakduftenden Tochtermann sich vom Halse schaffe. »Das laßt mich nur machen,« sprach der General, der einen schweren Zorn hatte auf seinen Nachfolger, und eröffnete dem Soldaten feierlich im Auftrag des Königs und der Prinzessin, die erste Bedingung sei ja nun erfüllt, somit sei er denn berechtigt, die zweite Aufgabe zu versuchen; denn das lasse er sich als billig denkender junger Mann doch nicht in den Sinn kommen, daß man so leichten Kaufs die Hand einer Königstochter gewinne; er habe ja selbst gesehn, wie schön sie sei — »oder nicht?« fuhr er den verdutzten Soldaten an. »Freilich ja, das muß ihr der Neid lassen; nur will mich bedünken, das sei wider die Abrede, das mit der zweiten Aufgabe; jedennoch — erwogen, daß die Prinzessin eben so ausbündig liebreizend und fein ist ...« — »Genug,« fiel ihm der General ins Wort, »Ihro Hoheit wünscht, daß du aus dem Tiergarten hundert Hasen zusammentreibst, sie drei Tage hütest; wo dir nur einer entwischt, kostet's deinen Kopf. Verstanden?« — »Mit Verlaub, gestrenger[S. 70] Herr!« — wollt' der Soldat einwenden; da drehte der sich auf dem Absatz herum und ließ ihn stehen, und der unglückliche Freier gespürte nun, von wannen der Wind wehte. »Das hat man davon, so man zu hoch hinaus will! Aber daß die Welt so schlecht sei und Treu und Glauben so rar, hätt' ich doch nimmer geglaubt!«

Er ging traurig in den Wald, setzte sich an den Boden, stemmte das Kinn auf beide Fäuste und dacht: »Mit dir ist's aus, alter Freund! Schnür' dein Ränzel für die bessere Welt! Das Lied ist zu Ende, da ich's kaum zu blasen begonnen!« — Beim Blasen fiel ihm sein Pfeifel ein, Trübsal ist ja so gut wie Regenwetter, und er dacht: »Du kommst mir zu paß, was hilft das Kopfhängen!« und pfiff sich ein Stückel, wundert sich selber, wie trefflich's ihm vom Schnabel ging.

Aber was war das? Ringsum stieg der Staub auf, trappelte es, rappelte es, rauschte es, braune Rücken, lange Ohren — Himmel und Hasen! »O du herziges Graumännlein im Walde, so war das mit deinem Pfeiflein gemeint? Hallo! nun kommandier ich ein Hasenregiment! Laß schaun, was wir bei den Soldaten gelernt haben! In Kompaniekolonne antreten! Marsch, marsch!« — Heidi, wuselte und sprang das durcheinander, daß die Ohren flogen, und im Handumdrehen stund alles in drei Zügen in Reih und Glied. Da[S. 71] schritt der Soldat die Züge ab und teilte sie hübsch in Sektionen ein; was aber über hundert zählte, stellte er zehn Schritt rechts davon auf und kommandierte den Überzähligen: »Wegtreten!« Husch! stob das davon wie eine braune Wolke. Mit den übrigen hundert exerzierte er brav, daß ihm vor Lachen die Tränen über die Wangen liefen. Dann ließ er mit Sektionen vom rechten Flügel abmarschieren, setzte sich mit seinem Pfeiflein an die Spitze, blies: »Wer will unter die Soldaten ...« und: »Ach, du lieber Augustin ...« und führte seine Kompanie in die Stadt.

Der König und die Prinzessin, die staunend den Aufzug sahen, stunden auf dem Balkon. Da kommandierte er: »Augen rechts!« Der König und die Prinzessin mußten sich gegenseitig festhalten vor Lachen, so pudelnärrisch war die Parade. Doch als der Hasenkommandant vorbeigezogen war und das Pfeiflein verklungen, da trat an Stelle des Gelächters bitterer Ärger: »Was nun, General, was nun? Dieser Teufelskerl ist imstande und hält uns drei Tage lang sein Hasenvolk wohlgezählt beieinander! Wer das eine kann, dem ist auch das andere Kinderspiel!« — »Wir sind auch noch da, Majestät,« beruhigte ihn der General; »da gilt's durch List ihm einzelne Tiere abspenstig machen; und erwischen wir nur eines von den hundert Häslein, so schlägt man ihm den Kopf ab und heißt ihn seines[S. 72] Weges gehn wohin er mag.« Er verkleidete sich als Jäger, fand sich bei dem Hasenmeister ein, und fragte höflich an, ob ihm nicht eines seiner Tiere feil, die Art gefalle ihm in die Maßen, er habe in der Stadt den Aufzug gesehn. »Warum nicht?« sprach der Soldat, der den Schelm von General wohl erkannt hatte, »nur fürchte ich, der Preis wird euch kaum genehm sein.« »Oho,« sagte der General und klimperte mit den Dukaten im Hosensack.

»Um Geld ist mir's nicht zu tun, Herr Jäger, aber um fünfzig Prügel könnt ihr eins meiner Tierchen haben.« — »Verflucht!« knurrte der General, doch er hatte es dem König und der Prinzessin, die er sich noch immer zu gewinnen hoffte, versprochen: »In drei Teufels Namen, so sei's!« und entblößte den Rücken. Der Soldat spuckte in die Hand, faßte seinen Stock und — zeigte, daß er ein handfester Bursche sei. Der verprügelte General hinkte fluchend ab, wenigstens des sauer verdienten Häsleins froh, das in einem Korbe, den er mitgenommen, krabbelte. Kaum aber war er hundert Schritt von der Stätte seines Kaufs und seiner Schande entfernt, ertönte hinter ihm das Pfeiflein; der Deckel des Korbes sprang auf; hupp, war der Hase auf und davon. Der Soldat hatte seine lustigen Hundert wieder beisammen, und der General — ach, wer kann sagen, wie dem zu Mute war! Er kroch sofort ins Bett, wollte[S. 73] aber vom Arzt nichts wissen, weil er sich seines verprügelten Buckels schämte.

Darüber war ein ganzer Tag verloren, und die Prinzessin sandte in ihrer Angst ihre Kammerjungfer, daß sie dem Soldaten einen Hasen abschwatze. Ei, was konnt' die schön tun und schmeicheln! Aber der Soldat ließ sich auf keine Zärtlichkeiten ein und verlangte denselben Preis wie vordem beim Jäger. Er hat wohl nicht so fest zugehauen, aber Schimpf und Schande war's doch für das hübsche Kammerkätzchen. Doch dafür hatte sie ja einen Hasen — jawohl! da pfiff's; plumps lag sie auf dem Rücken, und der sauer verdiente Hase fegte davon, daß ihm die Löffel flogen. Sie hütete sich wohl, zu Hause was zu erzählen, wie's ihr ergangen, genau so wie der General: »Der niederträchtige Kerl wollte nun einmal nicht, ich konnt' ihm die besten Worte geben!«

»Ihr seid alle zu nichts zu gebrauchen!« schalt die Prinzessin, der es jetzt anfing, himmelangst zu werden, und zerrupfte vor Aufregung ihr Spitzentüchlein! »Ich muß mir selber helfen!« rief sie kurz entschlossen, und auf den Rat ihrer schlauen Amme, die ihr ja schon mit ihrem Goldapfeleinfall die ganze Suppe eingebrockt hatte, zog sie sich als Wildprethändlerin an und ging zu dem Soldaten. Zehn Hirsche und zwanzig Rehe bot sie ihm für eines seiner seltnen Häslein. »Ach nein,[S. 74] gute Frau,« sprach der Soldat, »Tauschgeschäfte mach' ich nicht; aber verdienen könnt' ihr euch eins.« — »Wie denn?« fragte arglos die Prinzessin: »Hm, wenn ihr mir ein Viertelstündchen gut sein wollt und mir mindestens sieben Küsse gebt.« — »O weh,« dachte die Prinzessin, »das ist ein schlechtes Geschäft; aber er kennt mich nicht, kein Mensch erfährt's, und so bin ich seiner auf einmal los. Übrigens ist er so ein übler Gesell gar nicht bei Tage besehn.« Und sie verdiente sich ihr Häslein und zog, nachdem sie sich siebenmal das Mäulchen gewischt, ihres Kaufes froh mit ihrem Henkelkörbchen davon: Gottlob! einmal — oder vielmehr siebenmal, und nie wieder! — düdelüt! tat's da hinter ihr und hupp! neben ihr, und sie kam weinend vor Scham und Verzweiflung nach Hause zu ihrem Vater: »Der schlechte Mensch wollt' sich auf nichts einlassen.«

Da tat der gute Vater einen starken Schwur, jetzt wollt' er doch wahrlich selber mal nach dem Rechten sehn! Das müßt' ja doch mit dem Teufel zugehn ... Kam verkleidet auf einem Maulesel beim Soldaten angerückt: »Was kostet ein Hase!« — »Nicht viel mehr denn nichts, alter Freund,« lachte der Soldat, der seinen Kunden wohl erkannte; »wollt' euch nur bequemen, euren Maulesel dreimal unterm Schwanz zu küssen.« — Potztausend, das war freilich ein Ansinnen[S. 75] an einen König! Er ward blaß vor Wut, schimpfte und wetterte; der Soldat zuckte die Achseln: »Ihr braucht ja nicht! was tobt ihr? Doch ich kann für meine Hasen fordern, was ich will.« Der König zog sanfte Saiten auf und versprach goldene Berge. Der Soldat lachte: »Schon meine Mutter sagte immer, ich sei ein schrecklicher Dickkopf, und die hat immer recht gehabt.« Sprang der König mit einem Satze vom Tier: Kreuzmillionendonnerwetter! — eins — zwei — drei! da war das Unglaubliche geschehn. Gottlob, der freche Kerl kannt' ihn nicht, und so wußt' außer Gott und dem König selber niemand, was der König getan. Aber nun den Hasen her! Da hatte er schon einen feisten Burschen an den Löffeln, stopfte den Zappelnden in den Sack, der dem Reittier am Sattel hing, und spornstreichs ohne Gruß und Valet trabte er wütend und fluchend davon. Wie fluchte er aber erst, als der Sack plötzlich rebellisch ward, Meister Lampe mit Gewalt durchbrach und davonstob, dahin, woher die lockenden Pfeifentöne drangen!

Nun war alles aus. Abends rückte der Soldat mit seinem vollzähligen Hundert prahlend vors Schloß, exerzierte und paradierte, schrie »Augen rechts!«, daß die Scheiben klirrten, und warf selber so übermütig die Beine, als wollt' er seine Kommißstiefel zu dem König und seiner Tochter auf den Balkon hinaufschleudern.[S. 76] Es war ein rechter Staat. Nun war guter Rat teuer, und wieder mußte der pfiffige General herbei. Und der wußte wahrhaftig wiederum einen Ausweg.

Am dritten Tage ließ der König den Hasenkommandeur entbieten, wies ihm einen Sack, der war an hundert Ellen lang und breit: »Jetzt, mein Sohn, kommt deine dritte und letzte Aufgabe. Gib acht, kannst du auch die lösen, hast du die Braut gewonnen, wo nicht, ist dein Kopf verwirkt.« — »Herr König, mit Verlaub!« — wollte der Soldat gegen dies offensichtliche Unrecht sich verwahren. »Ruhe!« herrschte ihn der König an, »es bleibt dabei! Diesen Sack hier sollst du mir mit Wahrheiten füllen, das ist deine dritte Aufgabe.« — »Hoho,« dachte der Soldat, »kommt ihr mir so, komme ich euch so. Jetzt wollen wir sehn, wer zuletzt lacht!«

»Mit Vergnügen, Herr König! Gebt acht! Ich sollt' euch hundert Hasen hüten, daß mir nicht einer entspringe. Ist das wahr?« — »Das ist wahr,« sprach der König und der ganze Hof. »Marsch, in den Sack, ihr Hasen!« rief der Soldat, und hupp, hupp, sprang die ganze Gesellschaft in den Sack hinein, daß alles lachte.

»Hundert Wahrheiten wären drin! Nun hört weiter, die hundertunderste: Da ich mit meinen Häslein auf[S. 77] der Weide war, kam ein Jägersmann und wollt' mir eins abkaufen. Mit fünfzig Wohlgezählten auf den Buckel hat er sich's verdient. Ist das wahr, Herr General?« — »Gelogen ist'!« schrie der General. »Knöpft ihm nur das Wams auf! Ihr könnt sie noch alle fünfzig nachzählen, sie hatten alle ihr volles Gewicht.« — »Man tue, wie er gesagt,« sprach der König, da mußte der General wohl oder übel seinen Rücken zeigen, der in allen Farben des Regenbogens schimmerte, und wohl oder übel mußte er zu den Hasen in den Sack hinein.

»Das wär Nummer hundertundeins!« rief der Soldat, dessen Mut jetzt immer kecker wurde, also daß die Prinzessin erstaunt und gar nicht ohne Wohlgefallen die schönen, ernsten Augen auf ihn heftete; stund er doch da unter all den Höflingen wie ein rechter Mann unter lauter Puppen und Laffen. »Nummer hundertundzwei!« schrie er. »Halt, Jungfer, wo will sie hin?« Damit erwischte er die Kammerzofe der Prinzessin, die, über und über rot, soeben aus der Tür schlüpfen wollte. »Nämlich alsbald kam ein Jüngferlein zu mir auf die Hasenweide und wollt' mich mit Schmeicheleien und zärtlichem Getu kirren, daß ich ihr eins von meinen Tierlein verehrte. Sie aber zahlte mir den gleichen Preis wie der Herr General, und wenn mich nicht alles trügt, so glich sie aufs Haar hier der Kammerjungfer[S. 78] der Prinzessin. Ist das wahr?« — »Ja, es ist wahr,« schluchzte es aus dem Sack heraus.

»Hundertunddrei!« schrie der Soldat. »Eine Wildprethändlerin kam dann des Weges« — die Prinzessin war dunkelerglühend aufgestanden. Da hielt der Soldat mit höflich einladender Geberde den Sack schon auf: »Ist's gefällig?« und sie schlüpfte schleunigst hinein. »Ist's wahr?« fragte er, indem er das Ohr tief zum Sack herniederneigte. Leise, ganz leise antwortete es aus dem Sacke: »Ja, es ist wahr.«

»Hundertundvier!« rief der Unerbittliche und hustete ganz niederträchtig hinterdrein. Der König aber rückte auf seinem Thron hin und her, als säße er auf Nadeln. »Zuletzt kam einer,« fuhr der Soldat fort, »saß auf einem Maulesel, der hat sich ein Häslein ganz kurios verdienen müssen. Dem gab ich auf ...«

»'s ist gut, mein Sohn,« rief der König, »der Sack ist ganz voll! Mehr denn hundertunddrei Wahrheiten gehn nicht hinein. Morgen hältst du Hochzeit; das soll die hundertundfünfte sein.«

Da öffnete der Soldat den Sack und ließ alle Wahrheiten heraus, und am folgenden Tage gab's Hochzeit. Die Prinzessin aber hat's nie bereut, das dürft ihr mir glauben, und der König und sein Land auch nicht. Der arme Teufel war doch ein ganzer Kerl, und das ist das Beste, was einer sein kann.

[S. 79]

bild

Das Märchen von der schönen Schwanenjungfer

Es war einmal ein Rittersmann, der war der schönste und stattlichste im Lande und aller feinen Frauen Traum und Sehnen. Er aber fragte ihnen nicht nach und wollt' auch nicht zu Hofe gehn. Stund ihm wohl dort das Leben nicht an, dieweil er ein stiller und gar besonderer Mann war, allein der Einsamkeit, dem Walde und dem mannlichen Waidwerk ergeben. Wann freilich die Lehnspflicht ihn rief, so war er mit seinen Mannen treulich zur Stelle, und wo dann sein Helmbusch wehte, da war der Sieg, wie er denn unmaßen[S. 80] stark von Leib und im Kampf gar kühn und grimmig und zornigen Geblütes war. Doch wenn dann die Lehnsmannen des Königs in der Pfalz beim Geläute der klaren Becher den Sieg feierten und unter allen ehrenkündigen Namen der seine vor allen erklang, dann schritt sein gutes Roß schon längst wieder den einsamen Pfad seinem heimischen Bergwalde zu. Mocht er bei den Lehnsmannen allen ins Gelag kommen mit seiner verwundersamen Art, mochten sie die Köpfe schütteln, ihm war es gleich. Er saß abends allein am Fenster seines hohen Turmgemachs, das weit über die Wälder ins Land schaute, sah über die dunklen Spitzen der Tannen in den verglühenden Abend, bis ihm die Augen tränten, und trank aus goldenem Becher in edelstem Weine einer hohen Frauen Minne — und das war seine liebe Mutter, die er angebetet hatte, und der er immerdar gedachte wie einer Heiligen.

Oft hatt' er um diese Stunde, wenn das enge Turmgemach rosigen Dämmerscheines voll war, an den Knien der hehren Frau gesessen, als Bube, als wilder Jüngling und als Mann, und immer hatte ihm da ihre Hand auf seinem Haar so lind getan, und wenn er dem Laut ihres Mundes gelauscht, so war's ihm, als tränke sich seine Seele an den stillen Klängen Nahrung und Gedeihen. Wenn er jetzt um die gleiche Stunde hier oben saß, die Augen schloß und in sein Herz hineinlauschte,[S. 81] dazu das abendliche Rauschen des Waldes vernahm und den lieblichen Sang der Drossel, die im letzten Lichtschein hoch auf der Spitze einer Tanne der Sonne ein innig »Lebewohl und auf Wiedersehn!« sang, dann ward ihm auch die dunkle Stimme seiner Mutter wieder lebendig, ihr gütiges »Mein liebes Kind« und alles, alles, was sie an Gutem je zu ihm gesprochen. Immer war's feiner und seltener Art gewesen, schwer und voll jedes Wort, gleich als ob's gar nicht wie andre Menschenworte verklingen dürfte und könnte; und aller Menschen Reden, Trachten und Tun wollt' ihm neben jenen Worten nichtig und Scheinwerk bedünken, gar keines Aufmerkens wert. Was Wunder, daß er auch der Frauen und Mägdlein nicht acht hatte; mußt' er doch jedes Weib seiner Mutter vergleichen, auf jedes Mägdleins und jeder Fraue Stirn den Ernst suchen, die Stille und Güte, die ihm von seiner Mutter Stirn geleuchtet. Er fand sie nirgend. Sie schienen ihm all wie die Kinder; was sie sagten, leicht wie ein Flaum, den der nächste Windstoß wieder mitnimmt, jedes Wort ein tändelnd Ungefähr, was auch anders lauten könnte, und wär daran nichts gewonnen, nichts verloren. Gott hatte unserm ernsten Ritter ein treues Herz gegeben, doch kein fröhliches Herz, sonst hätt' er sich an der schlanken Mägdlein lieblicher Art, ihrem Lachen und Singen wohl freuen mögen wie am Spiel[S. 82] der lieben Sonnenstrahlen durch lichtes Buchengezweig, dem Blitzen und Plaudern des Waldbachs und dem Gesang der Waldvögelein. So war er reich in seinem Herzen und arm zugleich, weise und töricht zumal, fromm und demütig und doch hoffärtigen Sinnes.

Einst streifte er spät durch den Tann, dahinter blinkte im Abendschein ein Weiher, er brach durch Schilf und Weidicht. In den Wäldern dröhnte der Schrei eines starken Hirschen: Uoh! ho ho! uooh! daß ihm das Herz vor geheimer Not im Leibe erzitterte, er auf einen moosübersponnenen gestürzten Stamm sich niederließ und in trübes Sinnen versank: »Was tu ich, daß mein Leben ganz sei? Mich dünket, ihm gebricht's am Besten!«

bild

Da rauschte es im Weiher, er griff zur Armbrust und sprang auf, dicht vor ihm fiel ein mächtiger weißer Schwan in das Wasser ein, seinesgleichen hatte der Jäger noch nie gesehn. Er hub die Armbrust, da rief es: »Schieß nicht, sonst kostet's dein Leben!« Zum andernmal legte er an, wieder klang der Warnruf, da hub er trotzig die Waffe zum dritten Male: Ich will doch sehen, wer mir wehren darf! Doch eh' der Bolz von der Sehne flog, tauchte, wo soeben noch der Schwan die gewaltigen Schwingen gebreitet, ein jungfräulich Weib halben Leibes aus dem Wasser und sah ihn in stummem Leiden an. Ihr Leib war weiß wie die Blütenblätter[S. 84] der Wassermummel, und ihr Antlitz kinderhold und traurig schön — und der Ritter mußt' seines Mütterleins denken und wußt' selber nicht, warum. Sie schauten sich an, sie schwiegen sich an, und es war doch, als begegneten sich ihre Seelen in geheimer Zwiesprach, und jede erzählte der andern ihr Leid. Endlich hauchte der Ritter beklommen: »Wer bist du?« — »Willst du mich erlösen, Freund?« sprach ihre weiche, dunkle Stimme, in der ein inniges Beben war wie in der Stimme seiner verklärten Mutter.

»Sprich, was darf ich tun für dich?« rief er hingerissen und breitete die Arme aus. »Bete ein Jahr lang jeden Sonntag ein Vaterunser für mich und sprich nie und nirgend von meiner Schönheit.« Damit war sie verschwunden.

Der Ritter schaute auf die spielenden und ineinanderlaufenden Kreise auf der dunkler werdenden Wasserfläche lange Zeit, dann ging er versonnen heim. Jeden Sonntag aber lag er in der alten Waldkapelle auf seinen Knien und betete für die Schöne, Unselige aus innigsten Herzenstiefen ein Vaterunser.

Schon waren wohl der Monde sechs ins Land gegangen, und großer Dinge war die Welt gewärtig: ein Frühlingssturm des Glaubensmutes wehte schon längst durch die Christenheit wie die selige Gewißheit: das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Und nun geschah[S. 85] des Kaisers Aufgebot an alle deutsche Ritterschaft, im fernen Morgenlande den Ungläubigen das Grab des Heilandes abzukämpfen und sterbend oder siegend um den Himmel zu werben. Auch unser Ritter, der ergriffenen Gemütes längst den Stimmen des frommen Sturmes gelauscht und längst des Rufes gewärtig gewesen, rüstete die Seinen und gelobte sich dabei im stillen, sein Lieben und seine heilige Pflicht sollten ihn treulich in die Ferne, in Kampf und Sturm geleiten.

Am Morgen des Aufbruchs war's, noch stund der Mond erblassend am lichter werdenden Himmel, indes über den Wäldern im Osten der Tag rosig aufblühte und tauduftige Kühle aus dem Tann wehte; unser junger Held ließ sich wappnen, da eilte sein treuster Knappe herein, des Ritters Helm in Händen: »Herr, so fand ich deinen Helm auf der Waffenkammer; sieh, welch seltsames Schleiertuch in seiner Zimiere weht.« Der Ritter griff süß erschreckend nach dem Helme: wie ein silberner Nebel, wie ein zart Gewebe aus Tau und Mondlicht wallte es in lichten, flüssigen Fältlein über den Nackenschirm, lebte und atmete und ruhte nicht wie lebendiges Wasser. Fürwahr, ein seltsames, ein ohnegleichen holdes Wunder war's. Der Saum des Schleiertuchs aber war feucht und strich kühl über des Ritters Hand. Da hub sich des Helden Brust in getroster Wonne, in beseligender Gewißheit, er schloß einen Augenblick[S. 86] die Augen und sprach leise: »Sei mir gegrüßt!« Zu dem staunenden Edelknecht aber sprach er, indem er ihm freundlich lächelnd über die gelben Locken strich: »Schweig, Kind, und frage nicht.« Dann hub er den Helm feierlich langsam über sein Haupt und setzte ihn andächtigen Auges auf, wie ein König wohl vor Gottes Altar die Krone in sein Haar sinken läßt. Wie verjüngt, hohen Hauptes, kühnen Blickes stund er nun, von dem Silbergespinst umwogt, daß alle seiner edlen Mannheit staunten; und freudig wie ein Bräutigam, der sein Lieb einzuholen eilt, stürmte er auf den Burghof, schwang sich in den Sattel seines mächtigen Friesenhengstes und ergriff Schild und Lanze. Seine Mannen jauchzten, da sie ihn so herrlich und streitbar sahen, und erhuben singend die Waffen in den jungen Tag. Und singend zu Gottes Ehr und Preis brachen die Reisigen auf, die Zugbrücke donnerte unter den Hunderten von Hufen, der Turmwart blies seinen Abschiedsgruß, dann nahm sie der taufrische Bergwald auf.

Nun kam eine Zeit bunter Abenteuer zu Land und See, schwerer Kämpfe, Tage der Not und des Darbens, Tage blutigen Werbens um hehre Heldenehre, und mancher deutsche Mann verröchelte im syrischen Wüstensande. Unseres Helden Ruhm aber stund wie ein Stern in täglich wachsendem Glanze über dem Heere der Gottesstreiter.

[S. 87]

Der Stille, Ungesellige war ein freudiger Genoß geworden und aller Männer Lust, aller Verzagten Trost. Geheimnisvoll blieb er darum doch, wie er's vordem gewesen durch sein einsames Treiben, so jetzt durch seine hohe Freudigkeit, die wie eine Gnade des Himmels ihn umstrahlte. Und ein Geheimnis war's um das Schleiertuch, das ihm vom Helme wehte, das im Brande der Wüstensonne seine Wangen kühlte, das im Männerstreit wie eine Silberfahne wehte, unverletzbar für der Ungläubigen Schwerter und Lanzen. War es ein feiendes Gut, ging von ihm die Kraft aus, die ihn so sichtlich hub und verklärte?

An Ehren reich kehrte er heim und mußte stets an der Seite seines Kaisers reiten, der ein herzlich Wohlgefallen an dem schönen und kühnen Manne fand und ihn gar nimmer missen konnte. Bei Festen und höfischen Gelagen sah man ihn still und abseits, und wo er's nur vermochte, seine eigenen Wege gehn; dazu war er frommen Herzens und jedermann ein erbaulich Beispiel, in jeder Kapelle kniete er zur Andacht nieder und an jedem Kreuz.

Sie zogen durch die Ostmark, und der Kaiser hatte ihn zu sich entbieten lassen; sie trabten allein durch einen lichtgrünen Buchenwald. Es war gegen Abend, da hub der Kaiser an: »Viellieber Ritter, seid ihr der Minne so gar abhold?« — »Ich warte meiner Stunde, hoher[S. 88] Herr,« wich lächelnd der Ritter aus. »Und ich sage euch, Ritter, eure Stunde ist kommen!« rief der Kaiser lustig. »Hört ein vertraulich Wort: Mein Schwesterkind duldet herbes Minneleid um euch, lange schon. Laßt mich ihr Freiwerber sein. Stolzere Minne ward noch keinem Ritter zuteil, noch größere Ehre. Doch ich kenne euren Wert ...« — »Genug, mein Kaiser und Herr,« rief der Ritter und war totenblaß, »es darf nicht sein! Fragt nicht, warum!« — »Ritter, was ist das?« und die Zornader schwoll auf der kaiserlichen Stirn. »Ihr wagt es? Ihr sprecht nein, schnurschlecht nein! Ich hab mein Wort verpfändet —.« — »So ist denn euer Wort verloren, Herr, mich darf's nicht grämen! Bin ich ein Ding, das man verschenken mag?« — »Ritter, erwägt, was ihr sprecht, noch meistr' ich den Zorn. Tragt ihr eine andre Minne im Herzen, — nun, sie, für die ich werbe, ist mein eigen Blut, und ihr wisset, sie ist die schönste von allen Frauen am Hofe.« — »Mag sein, hoher Herr, mag sein ...« — »Wißt ihr ein schöner Weib auf dieser Welt?« brauste der Kaiser auf. »Ja!« rief der Ritter laut, und der Schleier wogte hoch um sein glühend Antlitz, daß es ein Grauen war zu schauen. »Ja, und dreimal ja, Kaiser! Es ist die, die ich meine! Sie ist so schön — so schön ..., was wißt ihr Armseligen!«

Da legte sich der Schleier eiskalt über seinen Mund,[S. 89] wie nasser Tang, und sein Helm ward schwer, und mißfarben und düster hing ihm das Gespinst schwer ums Angesicht; und sein Hirn ward irr, und ein Schrei der Not quoll ihm aus der Brust; er wußt' nicht, was er tat, setzte dem Roß die Sporen ein, und ohn' des Kaisers zu achten, sprengte er von seiner Seite fort wie ein Rasender, wie ein Gehetzter, in die Wilde, in die pfadlose Ferne, in den dunkler werdenden Wald.

Da stutzte sein Roß und stund hoch auf; hinter einem Baume löste sich eine dunkle Gestalt los, sie trug ein leidsam Gewand, und ihr Angesicht war schön wie die Mondnacht, war wie eines weinenden Engels und leuchtete fahlen Scheines, und sie sprach in schluchzendem Harme, ihm aber schrie das Herz, als hörte er die klagen, die ihn gebar, klagen über ein Herzeleid, das ihr eigen Kind ihr angetan:

Heut nacht, heut nacht, um Mitternacht
War dein Erlösungswerk vollbracht.
Weh dir, weh mir! Gott sei's geklagt,
Daß meine Schönheit du gesagt!
Mein Heil, dein Heil — vertan, verfehlt!
Nun mußt du mich suchen in der finsteren Welt.

Nun mußt du mich suchen in der finsteren Welt. Da nahm der Wind, der durch die Zweige ging, ihrer Stimme leisen, todtraurigen Klang mit, und ihr Bild erlosch, und der Wald war still und frostig. Das Roß des Ritters zitterte noch wie Espenlaub, ihm aber[S. 90] wollt' das Herz brechen: »Nun mußt du mich suchen in der finsteren Welt« — sprach er und erschauerte, hub dann die Rechte zum Schwur und sprach: »So wahr mir Gott helfe in meiner letzten Not!« hängte dem Roß die Zügel auf den Hals und sprach ihm ins Ohr: »Lauf zu, mein Rößlein, und führ' mich den rechten Weg.« Da wandte sich das kluge Tier zur Linken und schlug den Weg gen Niedergang ein.

bild

Und sie ritten die Nacht hindurch. Und sie ritten Tage und Nächte, Nächte und Tage, und wollt' des Weges kein Ende werden, immer gen Abend zu, und schliefen im Holze bei Regen und Wind oder bei einem frommen Einsiedel, oder einem rußigen Köhler. Und als sie Wochen gereist waren, da brach das treue Roß erschöpft zusammen, der Ritter zog trauernd sein gutes Schwert und senkte es ihm in den Hals, ihm das Sterben zu kürzen, und es schaute ihn mit liebendem Blicke an und verschied.

Er aber zog zu Fuß seines Weges weiter, und immer[S. 91] trauriger ward um ihn die Welt; und da er's bedachte, ward er dessen gewahr, daß schon lang der Wind dahinten geblieben und nicht mehr sein Weggenosse war. Und eines Tages fiel's ihm aufs Herz, wie lang er keine Blume und kein Gras mehr gesehn, keinen Vogellaut mehr gehört, und wie leidig lange er keinen Sonnenstrahl mehr geschaut. Die Welt war grau und wüst und öde worden und alles Leben dahinten geblieben. Nur ein Wasser gurgelte mit dunkler Welle durch moorigen Grund ihm immer noch zur Seite. Er schritt durch hohe Fichtensäulen, doch sie waren ganz mit Moos übersponnen, und ihre Kronen dürr und erstorben und stunden starr und stumm und ohne Leben. Und das riesengroße Schweigen sank immer erstickender auf seine Brust, als neidete es ihm das Kommen und Gehen seines warmen Odems, und wollte auch ihn fesseln und totdrücken, daß er daläge unter all den grauen Steinungetümen, die wüst zwischen den Fichtensäulen ruhten, ein leblos, regungslos Ding wie sie.

Er fühlte wohl, daß er mitten im Tode schreite, und legte die Rechte auf sein Herz, aber siehe, das schlug noch stark und kräftig, rang es gleich schmerzhaft und gewaltsam in der beklommenen Brust. Und er gedachte der Mutter und der Geliebten und wußt' ihrer beiden Stimme und Antlitz schon nimmer zu scheiden und betete brünstig zum Herrn des Lebens und schritt weiter[S. 92] in die Welt des Todes hinein, die immer dunkler und dunkler wurde, immer kälter und schweigender, also, daß er des Lautes seiner Tritte schon erschrak, als könnte der verwegene Klang die ungeheure Stille aufwecken, und dann? Dann könnte etwas geschehn, was seine Sinne nicht ertrügen, davon er wahnsinnig werden müsse.

Da erkannte er im dichter werdenden Dunkel die Umrisse eines Hauses an dem Wasserlauf, dessen gurgelnder Ton auch verstummt war, sowie einen Steg, und als er näher herzutrat, sah er ein Rad, das sich träge und langsam drehte, und vor der Tür saß jemand, den er nicht mehr erkennen mochte. Das Rad aber gab im Drehen keinen Laut, und das bißchen Wasser, das über die Schaufeln in dünnen Rieselfäden glitt, fiel klanglos herunter.

Der Ritter faßte den Kreuzgriff seines Schwertes und fragte, vor dem Laut seiner Stimme erschreckend: »Wer bist du?« Die dunkle Gestalt aber schwieg und rührte sich nicht. Da wußt' er im Herzen die Antwort: »Es ist der Müller von der finsteren Welt, und das Mühlenrad zählt die Minuten der Ewigkeit.« — »Ich danke euch,« sprach der Ritter zu der Schattengestalt, gleich als hätte die ihm Bescheid getan — »und nun sagt mir auch, wie gelang ich hinein in die finstere Welt?«

Der Dunkle schwieg, der Ritter aber vernahm im[S. 93] Herzen die Antwort: »Geh über den Steg und bete zu Gott.« Und da ward seine Seele licht und stark, denn er wußte: Gott ist auch hier, und er sprach wieder: »Ich dank euch, Freund,« und schritt beherzt über den Brückensteg, der unter seinen starken Tritten keinen Laut gab. Und alsobald fiel immer dichteres Dunkel über ihn, und er betete und rang und fühlte, wie Gott ihn erhöre, denn ob er gleich durch rabenschwarze Finsternis schritt, so war's ihm, als mahne ihn eine Stimme: »Schreite nur rastlos zu!« und sein Fuß stieß nirgend an, so wenig er seine Eile hemmte; es war, als ginge er hinein ins schwarze Nichts; das einzige Etwas, dessen er noch gewiß war, das war der Boden, darauf er trat, der aber den Ton seiner Tritte nicht wiedergab. Da wußte er nicht mehr: Schlaf ich oder wach ich noch? Leb ich, oder bin ich längst gestorben? Ist das noch die Welt? bin ich das noch? Und er ward mit Entsetzen irre an sich selbst; er biß sich in die Hand, daß es ihm weh tun sollte, — er fühlte nichts mehr! Da packte ihn das Grauen der Vernichtung, und er stund stille in der ungeheuren Nacht und rief: »Vater unser, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name ...« Da war's, als lockerte sich leis erdämmernd die dichte Finsternis um ihn her; es war ihm, als streiche eine Hand über sein Haar, und eine wohlvertraute, gütige Stimme sprach leise: »Mein liebes Kind!«[S. 94] und die gleiche Stimme: »Mein Treuer, mein Geliebter!« Da stürzten ihm die heißen Tränen aus den Augen, die Sinne schwanden ihm, und er sank, sank — wohin? Es bellte ein Hund, er rieb sich die Augen — so bellte ja sein Bracke daheim! Um ihn war Schilf und Weidicht wie damals — der Himmel erhellte sich. Das Wasser vor ihm rauschte auf, und mit seligem Singen fuhr Sie daraus empor, als fliege sie zum Lichte, und war so schön, so schön wie der silberne Morgen. Er stund, und die Brust wollt' ihm das jubelnde Herz zerhämmern! »Bist du's denn?« — »Ich bin's und dein!« — Da lag sie an seiner Brust, und er schlug seinen Mantel um ihren weißen Leib. Sie schauerte und fror, denn das Wasser war ihr fremd geworden. Da trug er sie jauchzend hinauf, und droben hüllte er ihre feinen Glieder in die köstlichsten Gewande, die sein Mütterlein getragen, und dann trabten reisige Boten zu Tal und luden jeden, der es gut meinte, zur Hochzeit auf die Burg.

Oft saßen sie abends im rosig dämmernden Turmgemach und schauten über die Tannen in den verglühenden Tag. Beider Herzen waren stille und Glückes satt, sie saßen Hand in Hand. Wie die Holdselige aber verzaubert worden und aus der sonnigen Welt verbannt um fremde Schuld, das erzähl ich euch ein andermal.

[S. 95]

bild

Der Geiger und seine drei Gesellen

Ein edler Graf hatte in seinem Schlosse einen jungen gar kunstreichen Geiger; den hielt er hoch und wert, und oft sprach er zu ihm: »Konrad, deine Fiedel ist mir doch wahrlich, was manchem borstigen Gesellen sein sanftes Weib; sie gibt mir gute Gedanken, glättet mir die Stirn, sänftigt mein zornig Blut, zupft mich am Ohr, kurz, ich weiß nicht, wie ich ohn' sie leben sollt'; ich mag gar nicht dran denken. Das soll dir ewig vergolten sein, mein treuer Bursch.« — Das war freilich leichter gesagt denn getan, das mit dem »Ewigvergoltensein«. Der gute Graf hätt' seiner hohen Jahre denken sollen; denn einer schönen Maiennacht, da der Graf auf seinem Bette lag, da zog von draußen ein starker, langgezogener Geigenton zum Fenster herein, also sonderlich und herzbeweglich, daß der Graf lauschend im Bette aufsaß — ein einziger zitternder Ton, erst leise wie Windhauch im Fliederbusch, dann schwellend und schwellend, feierlich und gewaltig, daß die[S. 96] ganze Nacht erbebte, alle Nachtigallen verstummten, draußen die weißen Blüten von den Apfelbäumen herniederschneiten, und dem lauschenden Greise im Kämmerlein das Herz im Leibe erzitterte, es ihm die alten Hände ineinanderzwang, daß es von seinen Lippen rann: »Vater unser, der du bist im Himmel!« — Dann schwoll er ab, der eine, der namenlose Ton, der aus der ewigen Nacht zu klingen schien, ward lind und linder, ward gar lieblich und fein, also, daß des alten Grafen Haupt lächelnd zurücksank ins Kissen, er wohlig und tief atmete, und draußen die Nachtigall in den verwehenden Klang leise einstimmte, bis sein letztes leises Tönen und Nachtönen wonniglich eins ward mit dem Weben der segenvollen Frühlingsnacht.

Der Graf lag mit geschlossenen Augen. Plötzlich fuhr er wie erschrocken auf und rief: »Konrad! warst du das? Konrad!« — Eilte der Geiger, der neben des Grafen Schlafgemach sein Lager hatte, herein: »Rieft ihr, Herr?« — »Konrad, bei allem, was dir heilig ist, warst du das eben?« — »Was denn, Herr? Ich schlief, da weckte mich euer Ruf.« Da erseufzte der Graf und sank ins Kissen zurück. »Nichts, guter Konrad. Geh nur wieder zur Ruh; ich hab wohl geträumt. Doch erst gib mir noch einmal deine Hand und sei bedankt für alle Treue.« — »Herr, Herr, wie sprecht ihr nur?« — »Geh zu Bett, mein Konrad.«

[S. 97]

Der Graf wußte, wer ihm gegeigt, und daß er dieser Fiedel folgen müsse. Am nächsten Morgen fand ihn der treue Geiger friedsam entschlummert.

Des Grafen Erben aber, die dem einsamen Hagestolz bei seinen Lebzeiten wenig nachgefragt und seiner Schrullen oft gelacht, waren wilde Herren, Jäger, Raufer und Zecher, die verwiesen den Geiger des Schlosses. Da war er brotlos und unbehaust und ergeigte sich vor den Türen und auf den Kirchweihn und unter den Dorflinden zum Tanz der jungen Burschen und Bauerndirnen sein bißchen Notdurft, und stund ihm gar oft das Weinen näher denn das Lachen. Doch dieweil er bescheidenen und zufriedenen Herzens war, so sprach er zu sich selber: »Alter Freund, du hast dein gutes Teil vom Leben dahin und hast's reichlicher und vergnüglicher gehabt denn tausend andre. Des sollst du dankbar sein, und nicht murren, wenn jetzt die saure Wegstrecke kommt; ist's schon dumm und ungeschickt, daß die Reihenfolge nicht umgekehrt war.«

Einst war's zur Nacht auf einer Bauernhochzeit. Schwer lagerte der Dunst des Saales, der übervoll war an erhitzten, lustigen, verliebten, von Tanz und Wein trunkenen Burschen und Weibern, unter den hangenden Lampen, die schon ganz trübe blinzelten. Dem armen Geiger war der Kopf schwer und müde von dem wilden Lärm und der eigenen Fiedel Didel dumdei, dem[S. 98] Dröhnen und Krachen der gestampften Dielen, dem Klappern und Klirren der Gläser, dem Jauchzen, Lachen und Schreien der unermüdlich lustigen Menschen. Er hatte es wieder einmal gründlich satt. In einer Pause hockte er im Winkel an einem Tische nieder, stützte den Kopf in die Hand und bedeckte sich die brennenden, überwachten Augen.

Stieß ihn da wer derb wider den Ellbogen. Er sah auf. Saß ein schnurriger alter Kerl mit grallen, wasserklaren Vogelaugen neben ihm und schob ihm ein Glas roten Weines zu: »Trink, Konrad, und sei vernünftig! Ist alles nicht so arg.« Der Alte war ihm fremd, auch hatte er ihn unter den Festgästen noch gar nicht bemerkt, und als ein paar von diesen an ihrem Tische Platz nahmen, nickten sie wohl ihm, dem Geiger, zu und rückten ihm ihr Glas hin, daß er Bescheid tue, des alten, lächerlichen Burschen mit der Pelzmütze auf dem linken Ohre und den wunderlichen, hellen Augen mit den weißen Wimpern schien keiner wahrzunehmen. Da ward ihm bange, und er rückte unwillkürlich ein wenig von dem seltsamen Gaste ab. Der bemerkte das und packte seinen Arm, daß ihm war, als läg er an einen Fels geschmiedet. »Bist ein alter Esel!« raunte der Wicht — »Ich sag dir, nimm deine Fiedel untern Rock und pack dich. 's ist heut eine gar besondere Nacht; da kannst du, wenn du Glück hast und ein Kerl bist,[S. 99] von ungefähr einen Weg unter die Füße bekommen, den du sonst all deine Lebtage nimmer findest. Geh nur frischweg auf gut Glück in den Wald hinein, der vorm Dorfe liegt, mitten hinein, ohne Weg und Steg, da, wo er am dicksten und finstersten ist; wirst schon nicht stolpern und anrennen. Ist heut 'ne besondere Nacht, sag ich dir! Renn du nur stracks drauf zu, bis daß du die Uhr an der Dorfkirche nicht mehr schlagen hörst und keinen Hund mehr bellen. Kommst schon wohin, wo dir's frommen wird. Rühr aber beileibe nichts an, was dir auch in die Augen stechen mag, bis auf einen Korb mit dreien Ferkelchen, den nimm fein mit. Zu was Ende und wie weiter, das geb ich deiner Schläue anheim, Geigerlein; wenn du ein Stoffel bist, ist dir nicht zu helfen.« — »Aber sagt doch um Himmels willen — wer seid ihr, alter Herr?«

»He, Geiger! mit wem schwätzest du denn da? Schläfst wohl schon?« rief ihn ein junger Bauernbursch an, und alles lachte um ihn. »Der Geiger ist närrisch worden, er red't mit der leeren Luft!« In Wirklichkeit, der Stuhl, drauf noch soeben der Alte gehockt, war leer. Ihm war wirr im Kopfe, als sei er trunken. »Verzeiht, Nachbarn, ich bin wahrlich schon halb im Schlaf. Will doch mal vor die Tür gehn und einige Atemzüge reiner Nachtluft tun und mir den kühlen Wind um die Stirn wehen lassen.« Damit stund er auf und nahm die Fiedel[S. 100] mit. »Das tu du ja, Geigerlein. Wir haben noch viel zu tanzen heint, und der Teufel tanzt, wenn der Geiger schläft!«

Da war er schon draußen im Finstern und atmete tief auf; alle Müdigkeit war wie weggeblasen. Ob das der Wein getan, den der seltsame Kauz ihm kredenzt? Mochte das tanzwütige Volk sich eins pfeifen, er kam nicht zurück und freute sich der tiefen, samtenen, sternlosen Finsternis, in die er wohlig hineinlief wie ein sonnenmüder Mensch am heißen Tage ins kühle Wasser. War ihm auch gar nicht bange, wie ihn der feuchte Atem des dichten Waldes umwehte und das Käuzchen lachte und weinte. In die Finsternis hinein zauberte sein kreisendes Blut, das er an den Schläfen hämmern fühlte, purpurne und goldige Wunder von Glück und bunten, beglückenden Abenteuern. Sein Herz war wach und lüstern wie damals, als er zuerst, ein schlanker, kecker Jüngling, in die Weite gezogen, die Fiedel auf dem Rücken, und gejauchzt hatte: »Was kostet die Welt!« An dem Worte des alten Kobolds zu zweifeln, kam ihm nicht ein; ihm war das Abenteuer just so nach seinem Sinn, dergleichen hatte er sich längst einmal gewünscht. Da hörte er, schon ganz gedämpft, leise und fern die Dorfuhr Zwei schlagen. Er sprach: »Noch nicht fern genug,« und drang weiter in die gestaltlose Finsternis vor, bis es ihn etwa eine Stunde deuchte;[S. 101] da war kein Laut mehr um ihn, er hatte weder Halb noch Drei schlagen hören, und das letzte Hundegebell war längst dahinten geblieben.

»Nun wird's aber bald Zeit, daß was kommt,« brummte er ungeduldig, »sonst ist die Nacht hin,« und wunderte sich, daß noch keine Morgendämmerung die Dunkelheit lichte. Da stieß er mit dem Stocke gegen etwas an! Er tastete, es war eine Tür. Er suchte nach Schloß und Klinke, sie war offen. Er trat ein.

Erstaunt hemmte er den Fuß, drinnen war geheimnisvolles Morgengrauen: Ein weiter Schloßhof, ein großer Weiher inmitten, von regungslosem Schilf umkränzt, auf der fahl schimmernden Flut kreisten drei schwarze Schwäne und ließen die Köpfe hangen, als ob sie gar traurig wären. Seine Schritte hallten von den Schloßmauern wider; er erschrak und ging auf den Zehen weiter durch das herrliche, reich verzierte Portal, dessen Tür sich gleichfalls lautlos seinem schüchternen Drucke öffnete.

Drinnen waren Säle an Säle gereiht, Zimmer an Zimmer, da stunden Schätze und Kostbarkeiten, daß ihm wirblig im Kopfe ward; aber alle Wände waren mit schwarzem Samt ausgeschlagen. Er gedachte aber zum Glück der Warnung des Alten mit der Pelzkappe und schritt leise auf den Zehen weiter. Im letzten Zimmer endlich schien etwas Lebendiges sich zu regen. Er[S. 102] spähte vorsichtig und bänglich um die Tür. Stund da doch wahrhaftig am Boden ein Körbchen, darinnen drei allerliebste, rosige Ferkelchen sich drängten und quiekten. Das nahm er auf, stieß die gegenüberliegende Tür mit dem Fuße auf. — »Hm, das hätt' ich bequemer haben können!« rief er erstaunt. Er stund außerhalb des Schlosses im Walde, und der Wald war morgenhell und duftete reine Taufrische, die Buchfinken schmetterten, die Meislein schlüpften durchs Gezweig und lockten und pfiffen, der Meister Specht war schon an seiner Arbeit. Da ging unsern Konrad das Herz auf in solcher Fröhlichkeit, daß er seinen Ferkelkorb ins Moos setzte, seine treue Fiedel hernahm und in den lauten Jubel der Waldvögelein mit einer lustig klaren Weise einstimmte.

Da geschah ein drollig Wunder: die drei Ferkelchen sprangen aus ihrem Korb, stellten sich auf die Hinterbeine und huben ein Tanzen an, quieksten auch artig darein, daß Konrad vor lauter Lachen falsche Töne griff und das Fiedeln aufgeben mußte, um sich erst einmal Bauch und Seiten zu halten. »Euch laß ich für Geld sehn, ihr rosiges Gesindel. Wenn ihr unterm lichten Galgen tanzt, da lachen ja die armen Sünder noch, die droben hangen. Wir bleiben zusammen, wir vier, gelt? Juchhe! jetzt kann mir's nimmer fehlen! Wer der Welt zu lachen gibt, der hat die Wurst!«

[S. 103]

bild

[S. 104]

Und er zog freudigen und getrosten Mutes der Hauptstadt des Königreichs zu. Ein paarmal probierte er's noch in einem Dorfe hier oder da mit seinem Ferkeltanz, überall lachten die Menschen Tränen und sprangen ihm die Batzen in den Hut; aber er dachte: »Nur zur Probe, ob's vorhält; ich muß mich rar machen, bis ich vor die rechte Schmiede komme; so ein König will immer was Apartes haben, da darf das Volk nicht das Beste davon weglachen; und hört er gar von dem vergnüglichen Wunder schon, eh denn er's geschaut, so ist's ganz gefehlt.« Behielt also, je näher er der Hauptstadt kam, seine Kunst fein für sich und machte dafür lange Beine; denn zahlten die Bauern mit Kupfer, so mußte doch von Anstands wegen der König mit Gold zahlen!

Endlich war er durch das Stadttor eingezogen und stellte sich vors Schloß mit seiner Geige und seinem verschlossenen Korbe. Da trat ein dickleibiger Herr mit roten Backen und einer Weinnase zu ihm, der sichtlich aus dem Ratskeller kam, daher, wo er am tiefsten ist, schlug ihm auf die Schulter und lachte, daß ihm der Bauch hotzelte. »Guck, wieder ein Narr! Willst du's auch versuchen, Geigerle? Gib's auf, sag ich dir, du schaffst es auch nicht!« — »Was denn, werter Herr?« sprach unser Freund und lüpfte sittsam das Käppchen. »Stell dich an!« knurrte der Dicke und wollt' weiter schreiten.[S. 105] »Bei Gott, würdiger Herr,« sprach der Geiger, »ich weiß nicht, was ihr meint, bin des Ortes unkund und komm soeben von ungefähr daher« ... — »Von ungefähr, so so? Und da haben dir's vom Stadttor bis zum Schloßtor die Hunderle auf den Gassen noch nicht erzählt? Nun, das nimmt mich Wunder, Freund. Na, so kann ich dir's ja anmelden, vielleicht jückt dich dann der Fürwitz, die Prinzessin zu frein, und ich leg mich dann heut nacht ins Bette mit dem lustigen Gedanken, einen Narren mehr gemacht zu haben. Unsere Prinzeß nämlich, ansonsten eine kreuzbrave Person und hübsch wie der Daus — da ist nix darwider zu reden — die leidet dir an der dümmsten Krankheit, die die Ärzte erfunden haben: Sie kann nicht lachen!« — Und dabei lachte er selbst, des zum Zeichen, daß er dieser Krankheit frei sei, daß ihm der Bauch hupfte. »Zwanzig Jahre ist das saubere Frauenzimmer alt und hat all die Zeit ein Gesicht geschnitten wie'n verregnet Heiligenbild. Wenn das so weiter geht, so verholzt sie bei lebendigem Leibe und wir können sie als hölzerne Dolorosa in ein Tabernakelchen setzen. Da hat denn der König verkünden lassen, dem vor ihrem ernsthaften Geschau wohl sein täglich Gläschen Weins sauer wird: Wer das Mädel zum Lachen bringt, der soll sie haben. Denn die Ärzte haben's ihm vordemonstriert, daß nur ein tüchtiger Lachanfall sie heilen könnt', durch den die[S. 106] üble Materie der Trübsal von ihr ginge, gleichsam durch ein Platzen von irgend einer Wehmutbeule, die sich dem armen Ding am Herzen wo zusammengezogen habe. Nun, die Doktors können einem viel weismachen; soviel ist gewiß: das Wort des Königs gilt, und somit hast du nun alles, was du brauchst, mein Freund, um binnen einer Stunde ein würdig Glied der Narrengilde zu sein, die an diesem Königswort kleben blieben ist; nun gehab dich wohl und — guten Erfolg.«

Damit ging er lachend und schütternd davon. Konrad aber fühlte sich gar nicht als Narr, wenn er die tolle Hoffnung sofort mit beiden Fäusten erpackte: Er könne der sein, der hier not wäre! Jetzt lag's ihm ja taghelle vor Augen, wo der Pelzkappenkobold in der Dorfschenke mit ihm hinauswollte und zu was Ende er ihn geheißen, fein die drei lustigen Schweinchen mitzunehmen! »Hoho! das Ding kriegen wir,« lachte der Fiedler und hub die Geige ans Kinn. »Wirst der Ärmsten zuerst ein recht traurig Stückel spielen, das lockt sie heraus, dann wollen wir schon weiter sehn.«

Und er gedachte der Tage, da ihm selber die Trübsal bis zum Halse gestanden, nach seines lieben Grafen Tode, wie er sich so verraten und verkauft gefühlt in der weiten Welt, und schaute nicht rechts und nicht links und versank ganz in das grenzenlose Weh jener unseligen Tage. Da stund die Prinzessin auf dem[S. 107] Söller und weinte herzbrechend, hinter ihr der König, und sah zornig auf den Geiger herab, der mit seinen langgezogenen Strichen, dem Klagen und Schluchzen und Seufzen seiner Fiedel, alles Weh aus dem Herzen seines Kindes gleichsam heraushaspelte. Rings umher sammelten sich die Menschen und sahen drein, als stünden sie um ein offenes Grab, die Frauen zogen ihre Tüchel und war ein Schluchzen und Naseschneuzen zum Gotterbarmen. Von alledem sah und hörte unser Geiger nichts, er war ganz allein mit sich, vergaß, was ihn hierhergeführt und trank die selbstgeschaffene Trauer, die aus seinem Bogen floß. Da quiekte ganz leise eins der Ferkelchen, und der Spieler erwachte, sah auf und erblickte droben die Prinzessin, die eben wehüberwältigt an ihres Vaters Brust sank. Da blieb ihm der Mund offen stehen, so schön war sie in ihrem Leide. Der König aber rief zornig hinab: »Man nehme den Kerl in Haft!«

Hui, fegte da in die verhallenden Klagetöne ein Hopser drein, daß all die wehmütig herabhangenden Nasen emporschnellten; der Korbdeckel flog auf und die drei Schweinchen traten zum zierlichen Tanze an. Nein, war das närrisch, sie übertrafen sich heut aber auch selber, als wüßten sie, vor wem sie tanzten! Sie waren lächerlich vom Ringelschwänzchen und den feisten Hinterbäckchen bis zum schnuffelnden Schnäuzchen, den[S. 108] zwinkernden Äuglein, den schlappenden Ohren, den rudernden Vorderpfoten. Dazu sah's, weiß der Himmel, aus, als ob sie richtig lachten, dabei quiekten sie wie betrunkene Studenten. Der König verlor die Krone vom Kopfe, so gewaltig mußte er lachen, die Prinzessin lag in seinem Arme, die Hand auf dem Herzen und rang nach Luft. Auf dem Schloßplatz die Menschen wogten und schrieen und brüllten durcheinander, schlugen mit den Köpfen zusammen, purzelten und kugelten übereinander. Der dicke Herr von vordem, der, durch den Tumult angelockt, zurückgekehrt war, stund inmitten der Menge, blau anzusehn, um ihn waren drei Mann bemüht, seinen springenden Bauch zu halten. »Kinder,« keuchte er, »haltet mir bloß den Bauch fest! Ich überleb's nicht, er fliegt mir weg! Habt ihr ihn? Habt ihr ihn? So ein verfluchter Kerl! Tritt denn keiner die Ferkel tot? Pu! zu Hilfe! Ich sterbe!« Über die Saiten aber hüpfte und sprang der Fiedelbogen, und die Schweinchen drehten sich unermüdlich im Tanze und quiekten. »Aufhören!« schrie da der König vom Söller herunter, er sah ganz zerzaust und zerstrobelt aus; die Prinzessin aber war von unten garnicht mehr zu sehn, sie lag auf einem Ruhebett, eine Kammerfrau öffnete ihr das Mieder, da dehnte sich ihre junge Brust in tiefem, tiefem Aufatmen; der Leibarzt aber legte den Finger an die dicke Nase und sprach langsam und[S. 109] würdevoll in tiefstem Baß: »Sie ist geplatzt.« —

»Um Gotteswillen, wer?« schrie der König. »Die Wehmutbeule an Dero Tochter Herzen, Majestät. Majestät wollen sich erinnern, wie ich dermalen sehr richtig voraussagte, daß es solcher lächerlichen Erschütterung bedürfe, will sagen: Zwerchfellerschütterung durch einen starken Lachanfall — sehr richtig ....« Dies »sehr richtig« sprach der Leibarzt selber, er hatte die reizende Angewöhnung, gleichsam als sein eigener Zuhörer, seinen eigenen Worten stets durch bewunderndes »Sehr richtig« — »optime!« — »Vortrefflich!« Beifall zu spenden — »daß es also sotaner Erschütterung bedürfe, damit die üble morose Materie frei und abgeführt werde. Sehr richtig.«

Der König griff in die Seitentasche seines Schlafrocks und reichte dem Doktor einen blitzenden Orden dar, den dieser sich verneigend neben die vielen anderen Sterne an seinen betreßten Rock steckte. Dann fuhr er fort, indem er der Prinzessin schlanke Hand faßte und den Puls zählte: »Nachdem nun anjetzo diese von mir sehr richtig vorausgesagte glückhafte Wendung eingetreten, werden sich Eure Hoheit zu Bette begeben haben, Kamillentee trinken und durch eine kräftige Schwitzkur der Natur zu Hilfe kommen — Natur zu Hilfe kommen, sehr richtig.«

Da geschah etwas Schreckliches: die Prinzessin hatte[S. 110] kaum in das rote Gesicht des Arztes, der sich bedeutsam seine dicke Nase rieb und knetete, einen Blick getan — einen Blick, als säh sie ihn jetzt zum erstenmal, als sie von neuem in ein schallendes Lachen ausbrach, daß der gelehrte Herr die Augenbrauen so hoch zog, daß sie unter der großen Perücke verschwanden. »Doktor! um Gotteswillen,« schluchzte sie, »gehn Sie weg, sie sehen zu lächerlich aus!« Der Doktor wurde nicht eigentlich blaß, denn das vermocht' er mit seinem blühenden Antlitz nicht, aber er verfärbte sich, so gut's eben ging, ins Grünlich-Graulich-Gelbliche und sprach: »Sehr bedenklich!« — »Aber Kind!« tadelte der königliche Vater — »Du auch!« schrie die lachende Prinzessin! »Du auch! Ihr bringt mich um! Nein, Papa, bist du lächerlich, du glaubst es gar nicht!« Unter uns gesagt, sie hatte eigentlich recht, weder der König noch sein hochgelehrter Leibarzt sahen sonderlich geistreich und würdig aus. Der König prallte betroffen zurück, schob seine schiefgelachte Krone grade, knöpfte den Schlafrock zu, stellte das eine Bein mit dem perlengestickten Pantoffel am Fuß mit königlichem Anstand vor und schüttelte sehr ernst verweisend das Haupt: »Kind, weißt du auch, was du da Furchtbares gesprochen?« Da lachte das schöne Mädchen noch toller und stürzte, die Kammerfrau hinter ihr her, in die inneren Gemächer ab mit dem lachenden Schrei: »Ihr bringt mich um!«

[S. 111]

Da stunden König und Leibarzt und schauten sich verdutzt an, und wenn sie Witz gehabt hätten, so hätten sie einer über den anderen gelacht, statt dessen zogen sie beide ihre Dosen und schöpften sich jeder eine Prise, die sie gedankenvoll und gewichtig in ihre dicken Nasen stopften. »Was sagt ihr, Leibarzt?« sprach dann der König. »Majestät, diese Erscheinung dünkt mich freilich nicht unbedenklich. Wir werden zur Ader lassen müssen, auch eine gelinde Purganz reichen. Jedennoch, wohl erwogen, daß Dero Fräulein Tochter zwanzig Jahre um und um jeglichen Lachens sich enthalten, scheint es mir räsonnabel, so Dero Natura anjetzo das Versäumte allsogleich nachzuholen sich beeilet, wo dann freilich weder der Anblick der gekrönten Majestät noch die Würde der Wissenschaft davor sicher sind, zum untauglichen Objekto solcher krampfhaften und annoch krankhaften Lachlust entwürdigt zu werden — Lachlust entwürdigt zu werden. Sehr richtig. Ich bin der wissenschaftlichen Überzeugung, daß wir in den nächsten Tagen, ehbevor Ihre Hoheit wiederum gänzlich normal geworden, das betrübende Spektakul erleben werden, daß Hochderselben jegliche Persona, von Eurer Majestät herab bis zum Hofjuden und Henker, als eine überaus lächerliche Verzerrung von Gottes Ebenbilde erscheinen wird — Ebenbilde erscheinen wird, sehr richtig, optime! Ich darf nur bitten, der Prinzessin als[S. 112] einer Patientin solche Anfälle nicht übel vermerken zu wollen, denn ...«

Der Hofarzt hätte noch weiter gesalbadert, wenn nicht ein Kammerdiener jetzt den Geiger gemeldet hätt'. Und da stund er auch schon, die Geige unterm Arme, das Käppel in der braunen Faust — den Ferkelkorb hatte er wohl beim Pförtner unten eingestellt — verneigte sich nicht allzutief und fragte frischweg: »Nun also, Herr König?« — »Wieso also?« fragte der König. — »Nun begehre ich die Prinzessin zur Frau, da ich sie lachen gemacht habe.« — »Ja so, hm, freilich, selbstverständlich, mein Lieber, ich hab's ja versprochen.« — »Das will ich meinen, Herr König.« — »Junger Freund,« sprach der Arzt gewichtig, »Ihre Hoheit ist infolge des Lachanfalls, den ihr der Patientin, den Vorwurf darf ich euch nicht ersparen, in allzu heftiger Dosis appliziert habt, leider wiederum krank geworden und zur Zeit jedlicher Schonung bedürftig.« — »So ist's,« fiel der König ein, »drum sprecht bei gelegener Zeit wieder vor. Wir bleiben euch in Gnaden gewogen.« Damit griff er in die Schlafrocktasche und reichte dem verdutzten Musikanten den hohen Orden des Königlichen Hauses. Den drehte der verlegen in den Händen und schob ihn dann in die Hosentasche. »Herr König, ich will aber doch hoffen ...« — »Gewiß sollt ihr hoffen, Teuerster, da habt ihr noch einen,« und holte[S. 113] aus dem Schlafrock den Orden für Kunst und Wissenschaft, den der Fiedler vorn auf sein Käppel steckte. Damit war er huldvoll entlassen, und hatte auf der Marmortreppe draußen so seine besonderen Gedanken. Im Schlosse war nun wirklich, die »wissenschaftliche Überzeugung« des Arztes hatte da einmal das Richtige getroffen, eine heillose Wirtschaft eingerissen. Die Prinzessin sah plötzlich ihre Umgebung mit neuen Augen und fand tatsächlich jeden Menschen am Hofe, der sich ihr nahte, in die Maßen närrisch und lächerlich, die würdigsten Hof- und Standespersonen mit den gewichtigsten Perücken, ernstesten Mienen, Verbeugungen und den funkelnden Ordensbrüsten am allerlächerlichsten. Das war eine Not! Da gab's viele tief beleidigte Gesichter, Abschiedsgesuche, Zank und Mißverständnisse und Erklärungen, Schadenfreude und Hohn und Herausforderungen, da half kein Aderlaß und keine Purganz — sie lachte, lachte über alle!

Was das Schrecklichste war: über ihren königlichen Papa am allermeisten! Der Leibarzt war ratlos, war verzweifelt und kam nur selten noch dazu, anerkennend seine Nase zu streicheln und zu husten und sich selbst ein bewunderndes: »Sehr richtig!« und »Vortrefflich« zu gönnen. Da verfiel der Kanzler, über dessen lange Nase und dünne Beine die Patientin auch gar unehrerbietig gelacht hatte, auf den guten Gedanken, der ihm[S. 114] sogleich einen neuen Orden eintrug: Man möge den Geiger, der zuerst Ihre Hoheit so sehr zu Tränen gerührt, zu Hofe laden, daß er der Leidenden eine recht traurige Weise spiele.

So geschah's. Konrad trat ans Bett der Prinzessin, die schon wieder auf eine neue närrische Erscheinung gefaßt war, und — faltete ergriffen die Hände, da er sie in ihrer jungen Schönheit, das goldig schimmernde Seidenhaar auf das Kissen gebreitet, vor sich liegen sah, er war nicht imstand, nur ein »Grüß Gott« zu sagen. Das schöne Mädchen aber sah ihn mit ihren übermütigen Blauaugen an, errötete dann betroffen und — lachte zum ersten Male nicht! »Aha!« sprach der Kanzler leise, der hinter einem Vorhang mit dem König das Ding beobachtete. Die Prinzessin zog die seidene Decke über ihren Busen und fragte beklommen: »Was wollt ihr?« — »Spielen soll ich, allerschönste Prinzessin,« stammelte der Musikant. »So spielt, aber stellt euch dort am Fußende des Bettes hin. Warum ich im Bett liegen soll, weiß ich nicht, ich bin gesund wie der Fisch im Wasser. Aber der Leibarzt ...« Da mußte sie wieder laut auflachen, wie sie des würdeschweren Herrn mit dem Finger an der dicken Nase gedachte. »Spielt zu,« rief sie, »und schaut mich nicht immer so an.«

bild

Und Konrad, der Prinzessin zu Füßen, spielte. Er[S. 115] spielte alles, des sein ehrlich Herz voll war, seiner Liebe und Sehnsucht klagende Not: »Wie darf ich armer heimatloser Gesell, ich zerlumpter Fiedelstreicher mein Auge zu dir erheben, die du so schön, so fein, so edel, so ohnegleichen unter den Frauen!« und er spielte ihr die Liebe ins Herz, daß sie erseufzte, ihre Brust sich hub und linde Tränen ihr Kissen netzten. Und er sah's, und seine Geige ward inniger und süßer, und sang von allen Wundern der schönen Welt, und der Liebe, der Wunder größtem; und seine Sehnsucht ward weich[S. 116] wie die flaumigen Schwingen des Traumes, und vor ihren Augen, die sie geschlossen hatte, leuchteten bei seinem Spiel goldige Abendhimmel über schimmernden Weihern, und die glühenden Abendwolken dehnten und zogen sich breiter und weiter, wurden loser und duftiger, und der Blick ins Licht ward tiefer, ward unendlich, und nahm ihre Seele hindann. Da war sie entschlummert, leise, leise verklang die Geige. Der Musikant sah sie ruhen, engelschön, sah ihr Unschuldgesicht und das Rot der Gesundheit auf ihren Wangen und das friedsame Atmen der jungen Brust; eine Träne rann über seine wetterbraune Wange in den Bart und leise, leise schlich er hinaus.

Draußen stunden der König, der Kanzler und der Leibarzt. Der König heftete ihm einen großen, funkelnden Orden an sein fleckig Wams und sprach: »Brav, brav, mein Sohn!« — »Wie steht's mit der Abrede?« fragte der Geiger barsch, den der Anblick der drei Würdenträger schnell der Erde wiedergegeben hatte, und der sich sagte, hier gilt's dein gutes Recht behaupten! Der König, dem zu Ohren gekommen, daß das Volk murre und schelte, weil er dem schlichten Geiger, der sich durch sein Spiel und sein männlich-würdiges Gebaren aller Herzen gewonnen hatte, sein Recht vorenthalten wolle, schob sich die Krone aufs eine Ohr, nahm eine Prise und sprach: »Wollen sehn, was sich machen läßt.[S. 117] Es kommt auf die Prinzessin an, Verehrtester! Im übrigen bleib ich euch in Gnaden gewogen.« Damit war er entlassen und schlug sich auf dem Schloßplatz drunten verdrossen durch die Menge des Volkes, das ihn umdrängte mit Fragen der Ungeduld: »Nun, wird's enden? Ist die Prinzessin gesund?« Er ging in das Haus des dicken Ratsherrn, der nicht dulden wollte, daß er im Gasthof wohne, und ihn zu sich geladen hatte, damit er ihm täglich die Ferkel tanzen lasse, setzte sich an den Tisch, stemmte beide Fäuste unter das Kinn und weinte herbe Tränen der Sehnsucht und des Zornes.

Derweile lag das Prinzeßlein in süßem Genesungsschlummer und träumte von dem stillen, schimmernden See und von dem rosigen Abendhimmel, in den sie in einem selig gleitenden Schifflein selbander gradhinein fuhr. Der andre war ein adliger Ritter in schimmernder Rüstung, der saß am Steuer, zu Handen eine Harfe, und sang eine Weise, die sie überirdisch schön deuchte, und er trug die ernsten Züge des armen Geigers. Da wachte sie auf, rief nach ihrer Kammerfrau: »Ich steh jetzt auf, es ist mir zu dumm, ich bin gesund wie nie.« Und sie ließ sich ankleiden und ging aus ihrem Gemach herfür schöner und klarer denn je, war freundlich und gütig gegen jedermann, dazwischen oft verträumt, aber jedermanns Freude und Wonne.

[S. 118]

Am folgenden Tage stund Meister Spielmann wieder hoch und schlank und mannlich, mit trotzig gespreizten Beinen vor dem König und seinem ganzen Hofe und forderte seinen wohlverdienten Lohn. Drunten vorm Schlosse stund das Volk geschart und rief: »Gerechtigkeit! Wort halten!« Der König wandte sich verlegen an die Prinzessin und sprach: »Ei nun ja, ist alles ganz recht, doch wie dünket dich der Freier, mein Kind?«

Die Schöne sah hocherglühend den trotzigen Burschen in seinem Wams von Wegstaub grau, hörte das Murren der Menge, die sie zwingen wollte, und warf stolz das Haupt zurück: sie war doch schließlich eines Königs Tochter, und der da —! Je mehr sie fühlte, daß sie sich innerlich sein erwehren mußte, so abscheulicher schien ihr der Fiedelmann: »Was fragst du mich, Vater? Soll ich eines Landstreichers Gemahl sein?« stund auf und ging, ganz Hoffart und Prinzessin, zürnend hinaus. »Da haben wir's,« stöhnte der König. »Gottlob!« seufzte der Leibarzt. »Lächerlich!« nasrümpfte die Oberhofmeisterin. »Gerechtigkeit!« rief draußen das Volk. Doch nichts — sagte der Spielmann. Er hatte nur wieder tief erkannt, wie herrlich sie sei, und seufzte: »Was hab ich denn für sie getan? — Gebt mir ein Werk zu tun, König!« rief er laut — »ein Werk, das keiner wagt, auf daß ich erweise, ob ich ihrer[S. 119] würdig sei. Nicht nur in Rittern und Edelgeborenen lebt hoher Mut, sich ritterlicher Tat zu erkühnen!« — »Tut das, Majestät!« flüsterte der Kanzler, »dann kommt ihr des Narren los! Schickt ihn wohin, woher es keine Wiederkehr gibt.« — »Wohlan, wir wollen's erwägen,« sprach der König, und der Hof zog sich zurück. Die Prinzessin ward zur Beratung gezogen: »Tut, was euch gefällt!« sprach sie. »Ich will dankbar sein, so ihr mir den Schmutzkittel vom Halse schafft.«

Drei Aufgaben wurden dem Freier gestellt. Zum ersten sollte er drei Nächte in dem verwünschten Waldschlosse zubringen. »Ho,« lachte er im Herzen, »da sind wir ja schon zuhause!« verneigte sich und sprach: »Es sei.«

Am folgenden Tage machte er sich auf nach dem Walde, doch wie den Weg wiederfinden? Da hatte er den guten Einfall, sein Körbchen mit den drei Ferkeln mitzunehmen; die sprangen lustig heraus und trabten nun hurtig voran, und ehe er sich's versah, da er noch meinte, am Anfang seiner Wanderung zu sein, stund er schon vor dem Schlosse. Die drei schwarzen Schwäne auf dem Weiher huben die Köpfe und schlugen rauschend mit den Fittichen, gleich als freuten sie sich seiner Wiederkehr. Er schritt durch alle schwarzen Gemächer, hatte — solange hielt zum Glück die Warnung des Pelzkappenkobolds aus der Dorfschenke vor — hatte all der aufgespeicherten Schätze und Kleinodien weniger[S. 120] acht, als wenn's Kienäpfel wären, und fand im letzten Zimmer einen wohlbesetzten Tisch und ein bereitetes Ruhelager. Beides ließ er sich wohl behagen und legte sich, an Speis und Trank gesättigt, früh zu Bett; denn wer weiß, dachte er, was dir die Nacht Närrisches vorkommt; für alle Fälle hast du schon ein paar Stunden gesunden Schlafes weg.

Er ward denn auch um Mitternacht unsanft genug aufgeweckt. Die Tür sprang auf, und er sah im Mondschein, der weiß auf den Dielen lag, eine große Schlange ihre Ringe auf sein Lager zuwälzen; all sogleich lag sie neben ihm, und er fühlte schaudernd ihren kalten Kopf an seiner rechten Wange. Und gleich darauf ringelte sich ein zweites Ungetüm herein und schmiegte sich gleichermaßen von der Linken dicht an ihn. Eine dritte legte sich ihm mit der Last ihrer kalten Ringe über Brust und Hals, daß sie ihn wie ein Mühlstein drückte. Vor Grauen und Todesangst lag er starr und steif, bis nach einer Stunde Verlauf die drei Ungeheuer von ihm ließen und blitzschnell verschwanden. Da ward sein Herz froh, und er dachte: »Nun soll mir nichts mehr bange machen!« drehte sich aufs Ohr und schlief ganz prächtig, bis die Sonne ihn weckte.

Als er am Morgen, von seinem Tischleindeckdich wieder brav gespeist, in den Schloßhof kam, flogen die Schwäne[S. 121] sogleich auf ihn zu und taten gar freundlich mit ihm, und siehe da, sie waren nicht mehr am ganzen Leibe schwarz: Köpfe und Hälse leuchteten silberweiß. Er streichelte ihr weich Gefieder, und sie schauten ihn gar menschlich an, daß ihm ganz eigen ums Herz ward.

In der zweiten Nacht mußt' er nun freilich das gleiche Schrecknis wieder überstehen und tat's, obschon die Schlangen heut' noch atembenehmender auf ihm lasteten, schon mit getrosterem Herzen, wofür ihn dann am folgenden Morgen die Schwäne, die bis auf ein paar schwarze Schwanzfedern nun ganz weiß schimmerten, mit noch freudigerer Zärtlichkeit koseten. In der dritten Nacht vermeinte er zwar, jetzt drücke ihm die Last die Brust ein; doch eben da ein Schrei sich ihm entwinden wollte, tat es einen furchtbaren Ruck, als stürze der ganze Bau in Trümmer. Dann ward's still. Ihn aber übermannte eine tiefe Ohnmacht nach der Todesnot, die er gelitten, und die Sinne schwanden ihm.

Neugestärkt erwachte er, die Sonne lachte goldig auf sein Lager, er hörte mit Staunen draußen den Lärm eilender Füße und stürzte hinaus: da wimmelte es von Männern und Frauen, einem stattlichen Schloßgesinde, alle gar herrlich angetan, die stellten sich ehrerbietig auf und ließen durch ihre Reihen drei fürstliche, überaus[S. 122] schöne Jungfrauen schreiten. Die traten zu ihm, reichten ihm jede ihre Wange zum Kusse dar, die sammetweich und duftigkühl wie ein Rosenblatt war, und sprachen: »Dank dir, mannlicher Held! Du hast uns erlöst; wir waren die Schwäne und die Schlangen. Nun kehren wir heim zum Vater; das Schloß aber mit allen Schätzen drin ist dein.« Dann küßten sie ihn alle drei auf den Mund, setzten sich in einen herrlichen Wagen und fuhren holdseligen Grußes von dannen.

bild

Unser glücklicher Konrad mußte wohl zu einem hohen Herrn geschaffen sein. Er fand sich merkwürdig leicht in die Würde des Schloßherrn und Gebietigers über ein stattlich Gefolge, versah sich mit fürstlichen Gewändern, ließ anspannen und fuhr bei seinem hartnäckigen Schwiegervater in allen Prächten vor. Dem[S. 123] leuchtete jetzt der Freier schon besser ein, und er drängte die Prinzessin: »Er hat sein Leben eingesetzt für dich, recht wie ein ritterlicher Held, kehrt nun wieder wie ein Prinz, hat ein Schloß und unermeßliche Schätze; was verlangst du mehr?«

Sie aber hatte nun ihr Herz in starrem Trotz verhärtet, da sie sah, wie ihm alles zum besten gedieh, und er nun so herrisch einhertrat. »Was Schätze!« rief sie heftig! »Er soll erst vom Kaiser von Marokko das Geld holen, das der uns seit zehn Jahren schuldet. Kann er das, so geb ich mich drein, anders nicht!« Damit eilte sie in ihre Kemenate, verschloß sich drinnen und weinte, weinte, daß ihr die Brust weh tat — warum, wußt' sie wohl selber kaum.

Der Freier aber hub stolz das Haupt, neigte sich und ging schweigend davon. Er fuhr zu seinem Schlosse zurück, versah sich reichlich mit Reisegeld und zog dem Meere zu. Seine Geige aber vergaß er nicht. Er hatte gelernt an sein Glück glauben, und dachte: »Du entgehst mir nicht, du Böse, du Trotzige, du Liebe, du Einzige!« und es war ihm verwunderlich, daß, wie einem von der Sonne Geblendeten die purpurnen Flecken über Gras und Hecken schweben und hüpfen, ihm immerfort das verschmitzte Antlitz des Pelzkappenkobolds aus der Bauernschenke vor den Augen tanzte, ihn mit den wasserhellen Augen anstierte und mit den[S. 124] großen weißen Zähnen recht spitzbübisch angrinste; auch lag ihm des Wichtes Lachen und Raunen unablässig im Ohr, so daß er unwillig den Kopf schüttelte wie ein Ackerpferd, das sich des schwärmenden Geziefers um seine spielenden Ohren nicht mehr erwehren kann.

Es hatte wohl auch allerlei zu bedeuten! Denn in einem Walde, den Konrad durchzog, entsetzte ihn ein Krachen und Rumoren, als wenn Bäume übereinanderstürzten, und alsbald traf er einen Kerl, der, die Tabakpfeife im linken Maulwinkel, gemächlich Bäume ausriß wie unsereins Rüben; die packte er zuhauf, drehte eine junge Eiche und band sie damit zusammen. So was sieht man denn doch nicht alle Tage, und unser Geiger erbat sich höflich Name und Stand dieses Burschen. »Wer werd ich denn sein?« lachte der und spuckte einmal aus. »Der Hans bin ich halt.« »Ach so, der Hans!« lachte der Geiger. »Guter Freund, es gibt der Hänse mehr auf der Welt! Welcher Hans?« — »Nun der,« lachte der Bursch und wuchtete seinen Riesenpacken auf die Schultern, »der sieben Jahre an seiner Mutter Brust gelegen und dann sieben Jahr Löwenmilch getrunken.« — »Aha! Darum auch! Nun sag mal, Hans, kommst du wohl mit mir in die weite Welt? Ich geb dir Kost und guten Lohn. So einen Kerl wie dich such ich grade.« — »Warum nicht!« sprach Hans. »Muß nur schnell meiner Mutter das Reisigbündel heimbringen;[S. 125] sie hat Wäsche! Bin gleich wieder da!« Und er hielt Wort. Da grinste dem Spielmann vor den Augen wieder wie ein hüpfender Nebelfleck das Spitzbubengesicht des Pelzkappenmännleins; doch wenn er genau zusah, war nichts da.

Selbander zog er fürbaß und sah plötzlich von einer luftigen Höhe herab siebenundsiebzig Windmühlen hurtig die Flügel drehn. »Hans, was sagst du zu dem schnurrigen Ding? Spürst du einen Wind, der die Mühlen triebe?« — »Keinen Hauch, Herr, die Mücken tanzen.« Da trafen sie auf der andern Seite der Höhe einen närrischen Kumpan, der hielt sich ein Nasloch zu und blies mit dem andern, was hast du, was kannst du. »Was treibst denn du da?« fragten die beiden. »Die Windmühlen, wie ihr seht.« — »Warum nimmst du denn nicht beide Naslöcher?« fragte Hans. »Da tät nicht viel von den Mühlen übrig bleiben.« »Auch eine Profession,« dachte Konrad; »aber der Blasius könnt' mir frommen!« und ward kurzerhand mit ihm handelseins — und wieder spukte das närrische Nebelbild!

Selbdritt wanderte er fröhlichen Mutes weiter und atmete schon erquickt den Salzhauch der nahen See. Da sprang auf einer Waldwiese ein Rudel Rehe und Hasen übereinander und dazwischen ein langbeiniger Kerl, der sichtlich eins fangen wollte, aber stets über[S. 126] die Tiere hinwegsprang, so rasch, daß man seine Gestalt nur wie einen Schatten huschen sah. »Rackerzeug!« schimpfte er, »kann doch keins erwischen, kriechen ja wie die Schnecken!« — »Du bist mein Mann,« dachte Konrad, »was meinst du, Kobold?« und er sah das Gesicht lachen und nicken. Der Läufer aber ging mit Freuden zur See hinab, wo sie sogleich ein Schiff antrafen, das nach dem Kaiserreich Marokko fuhr. Bald lag ein starker Wind in den Segeln, und unser Freund, der nun dreien ganz ausbündigen Gesellen gebot, rieb sich die Hände und schmunzelte: »Mir kann's nicht fehlen!« und spielte jeden Abend gar fröhliche und minnige Weisen.

Der Kaiser von Marokko saß just bei der Tafel, da der Fiedler ihm sein Gewerbe vortrug, und war wohl etwas betrunken. Er lachte greulich albern, als hätte der Sendling einen riesenhaften Witz gemacht, strich sich dann den rabenschwarzen Bart, kniff das linke Auge ein und zog die schwarze rechte Braue erschrecklich hoch, wodurch das ganze braune Gesicht in die Kreuz und Quer verschoben ward und pudelnärrisch aussah, und grinste: »Sitzt wohl arg in der Klemme, dein dicker König, he? daß er's so nötig hat, der arme Schlucker? Nun, meinetwegen, man muß der Armut auch was gönnen; laß dir vom Schatzmeister meine Kammern aufschließen und sack dir in drei Teufels[S. 127] Namen soviel auf, als ein Mann schleppen kann!« Da lachte der ganze Hofstaat über den witzigen Kaiser. Der Geiger aber dachte: »Wart, du Großmaul, du sollst dich umschaun: Der eine Mann soll nun Hänschen sein!« Ließ eine Kiste zimmern, so groß wie ein Haus, und Hans packte einen ganzen Tag vom Morgen zum Abend daran. Der marokkanische Schatzmeister aber hielt sich den Bauch vor Lachen über den verrückten Kerl, der die endlosen Kasten von Gold, Silber und edlem Gestein aus einem Haus ins andre verlud. Das Lachen verging ihm aber, da Hans das zweite, das hölzerne Haus mit leichtem Wupdich auf die Schultern schwang und damit lostrabte. Der Läufer war mit einem Satze schon zum Hafen vorausgeeilt, das Schiff bemannt und klar die Anker. Da watete Hänschen, der soeben das Stadttor, durch das er mit seinem Hause nicht durchgekommen war, fein säuberlich zusammengetreten hatte, mit seiner Riesenkiste durchs Wasser und stellte sie quer über Deck, daß das ganze Schiff erschreckend tief sank und im Sande festsaß. Gab ihm der Hans einen Tritt, daß es flott ward, und heidi, saß er mit oben, die Anker rasselten hoch, der Wind wehte vom Lande her kräftig in die Segel und das Schiff gewann die hohe See.

Jetzt hatte man sich aber am Hofe des Kaisers von der ersten Verblüffung erholt, und nur kurze Zeit stund's[S. 128] an, da sah der Geiger eine mächtige marokkanische Flotte hinter ihnen dreinjagen. »Jetzt sei Gott uns gnädig,« sprach er, »sonst geht's zuguterletzt doch noch schief und uns allen an den Kragen.« »Lächerlich!« sprach Blasius, kletterte aufs Heck, auf die Riesenkiste, dort setzte er sich gemütlich auf den hinteren Rand, ließ die Beine baumeln und trommelte in heiterer Erwartung mit den Fersen gegen die Holzwand. Da kam die Flotte näher, man hörte das wilde Geschrei, sah die braunen Gesichter unter den weißen Turbanen und sah die krummen Klingen, die Lanzen und Schilde blitzen. »Achtung!« sprach Blasius und, hast du nicht gesehn, schnob er aus beiden Naslöchern zugleich der feindlichen Flotte einen solchen Sturm entgegen, daß alles auseinanderflog, die Schiffe umschlugen und Mann und Maus ersaufen mußten.

Zehn Tage danach war's, da fuhren mit knarrenden Achsen zwanzig Lastwagen vors Schloß des Königs; die Prinzessin stund am Fenster und erschrak. Sie kam sich vor wie's Mäuslein in der Falle und wußt' garnicht, daß sie sich heimlich, ganz heimlich sehnte, von dem Schwerenots-Geiger, der alles durchsetzte, eingefangen zu werden. Der König, der reichen Schätze froh, verstund nun keinen Spaß mehr: »Morgen ist Hochzeit, Punktum! Streusand!« rief er und warf die Tür zu.

Noch eine letzte Ausflucht ersann die Prinzessin: »Ich[S. 129] will zufrieden sein, so er mir zum Hochzeitsbraten drei Rehe schafft, die nicht geschossen, nicht geschlagen, noch von Hunden gebissen sind.« Das hatte der Leibarzt geraten, der dem Geiger gar nicht grün war. Der König wütete: »Eigensinn und kein Ende! Da wird nichts draus!« Doch der Geiger neigte sich dem Königskind und sprach spöttisch: »Ist auch recht!« Im Geheimen dacht er: Das ist ein Stücklein für meinen Springfuß! Der zog mit dem Bläser zu Holze, dieser mußte das Wild zu Tausenden aus dem Walde pusten, der Läufer sprang den Rehen nach und fing sie einzeln, Hans steckte sie dann alle in einen riesigen Sack. Am Abend ließ dann der König auf des Geigers Geheiß die Straßen vorm Schlosse absperren, Hans tat seinen Sack auf, da liefen an achthundert Rehe über den Schloßplatz, und der Geiger rief zur Prinzessin hinauf: »Wählt euch drei zum Hochzeitsbraten.« Da gab sie sich drein.

bild

Am Abend noch ward das Verlöbnis begangen, und als der Geiger von seiner Braut durch die mondhelle Stadt des Nachts nach seinem Losament zog, da hörte er einen Dudelsack. Trieb da ein kurioser alter Kerl, eine Pelzkappe auf dem einen Ohr, drei tanzende und quiekende Schweinchen vor sich her — der Musikant traute seinen Augen nicht. Da schwenkte er die Mütze und warf die Beine hoch: »Fahrwohl, Geigerlein, ich[S. 130] wandre heim! findest wohl jetzt allein deines Weges weiter!« Der wollte ihm nacheilen und ihm von ganzem Herzen danken, da war der Kobold verschwunden, als hätt' ihn samt seinen drei Ferkeln der Mond eingeschluckt. Aus weiter Ferne noch klang's wie ein Dudelsack. Tags darauf war Hochzeit. Wie erschrak aber die Prinzessin, als ihr Bräutigam, der, seit er Schloßherr worden, stets in fürstlichen Gewändern stolzierte, ihr den Arm bot, sie in den Dom zu führen: Er trug sein schäbiges Spielmannswams, die Geige auf dem Rücken,[S. 131] das fleckige, zerdrückte Käppel mit dem Orden für Kunst und Wissenschaft auf dem Kopfe! So hatte der stolze Hochzeiter sich's ausgedacht, ihre Hoffart und ihren Trotz zu beugen. Da er sie aber fest aus seinen Augen anblickte, legte sie getrost ihren Arm in den seinen, der König aber lachte vor sich hin und brummte: »Geschieht ihr schon recht.« Da wurden sie Mann und Frau, und der Geiger ward nach kurzer Frist, da der König bald keinen Orden mehr für ihn hatte, zum Vizekönig ernannt, und alle waren zufrieden, der Hof, und das Volk; am meisten aber die schöne Frau Vizekönigin.

[S. 132]

bild

Mausfallenwenzel

Amtmanns Fritz, wie hatte der's doch gut, viel besser als der kleine Walter, des Schullehrers Bube! Aber rote Backen hatten sie beide, wenn auch Walters schmaler waren und zarter; und blanke Augen hatten sie auch, ob auch die des Schulmeisterkindes verträumt und traurig zugleich ins Leere starrten; und guter Dinge waren sie zumeist, der arme wie der reiche Junge, und hatten einander obenein von Herzen lieb, recht, als ob sie Brüder wären.

Frohe Tage waren das hüben und drüben: hüben im vornehmen Amtmannshause, wo weiche Teppiche dem schmalen Fuße des Lehrerkindes so linde taten, wo schwere goldene Kronen mit einer Fülle weißer Kerzen[S. 133] so feierlich von dem dunklen Deckengebälk herniederschwebten, wo in der schönen Vorhalle mit den bunten Scheiben, unter den leise wiegenden Fächern einer hohen edlen Palme ein grauer Papagei im blitzenden Bauer sich schaukelte, der wie ein Mensch sprechen konnte — sogar was Französisches, meinte Fritz — und furchtbar vornehm und apart tat, wozu er nach Walters ehrfurchtvoller Ansicht auch ein gutes Recht hatte. Aber eben so schön war's drüben im Schulmeisterhäuschen, dem efeuübersponnenen, wo freilich auf blank gescheuerten Dielen nur weißer Sand knisterte, wo's aber so geheimnisvoll dumpfig nach den vielen, vielen alten Büchern roch, deren Bilderpracht den Kindern von allen Wundern der Welt erzählte, fremden, fernen Ländern und ihren schnurrigen Menschen und Tieren; im Schulmeisterhäuschen, wo's so viel zu sehen gab: den ausbündig klugen Laubfrosch, der in seinem Glase ein Leiterlein auf- und niederstieg, die Gläser all mit den buntfleckigen Pflanzen und Molchen in Spiritus, ausgestopftes Getier aller Art und herrliche Muscheln; in den ganz großen hörte man, wenn man sie ans Ohr drückte, das Meer brausen und singen. Freilich, das eine hatte das Amtmannshaus vor dem des Schulmeisters voraus: Eine Mutter gab's nur dort; Walters Mutter war gestorben, als ihr Kind eben zu leben begann, so hatte früher einmal der Vater erzählt und[S. 134] schwer, ach so schwer geseufzt dabei, und Walter hatte sich an ihn schmiegen und bitterlich weinen müssen; er vergaß die Stunde nie. Aber er sagte zu Fritzens Mutter auch »Mama«, die gütige Frau mit den lichten, lachenden Augen wollte es so haben; und so lebten die beiden kleinen Freunde frohe Tage hüben und drüben. Am schönsten aber waren die freien, die reichen Stunden, da sie beide in Wald und Feld streiften. O, sie wagten sich schon weit hinaus, ganz allein, bis zur Försterei, wo die Förstersfrau die köstliche Milch bereit hielt; sie fürchteten sich nicht, auch wenn der Wald dichter und dämmeriger um sie ward, und längst ihr lieber Tyras mit seinem Gebell daheim nicht mehr in ihre schweigende Waldeinsamkeit hinreichte, noch der stolze Hahn vom Amtshofe mit seinem hellen Kikeriki. Walter zumal, so scheu und zart er sonst war, konnte nicht genug haben der heimlichen, bangen Lust, ins blaue Ungewisse, in immer tiefere Waldesgründe zu tauchen; dann glühten seine Wangen in seltsamer Erregung, und seine Augen wurden weit und groß, als sollte hinter jedem Buchenstamm ein Märchenwesen und Abenteuer hervortreten. Das war gruselig-schön; doch so ein rechtes Fürchten kannten sie wohl beide noch nicht, es gab für sie noch nichts Unholdes in der Welt.

Doch halt, daß ich's nicht vergesse: ein Wesen war da, das mochten sie beide nicht leiden, vor dem war ihnen[S. 135] bang, dem hätten sie doch um Himmels willen nimmer im Walde begegnen mögen — das war der Mausfallenwenzel! Was war das für ein Wesen?

Fritzchens Mutter hatte ihre liebe Not, den Kindern klar zu machen, er sei ein Mensch wie sie alle, nur ein armer Tropf, mit dem man von Herzen Mitleid haben müsse, und er tue keiner Fliege ein Leides. Umsonst. Sie wußten's im geheimen besser.

Ein kleines schmutzstarrendes Krüppelchen war der Wenzel, ein bucklig Geschöpf mit schwarzem Haar, das ihm struppig in die niedrige braune Stirn hineinhing, unter stachligen Brauen die schwarzen Augen funkelten bald wie Rattenaugen, bald blickten sie wehleidig in kriechender Demut, wie die Augen eines verprügelten Hundes. Wenn er mit seinem rasselnden Pack von rostigen Mausefallen und schlechtem Küchenplunder auf dem Buckel, den Knotenstock wie einen Tamburstab schwingend, sich schief zum Hoftor hereinschob, dann nahmen unsere zwei Buben schreiend Reißaus. Das war aber auch ein Bild: Die eine Schulter immer voran, schlurfte er daher und plärrte: »Der Wenzel ist da, der Wenzel ist da!« Die Zehen lugten ihm aus den zerschlissenen, breitgetretenen Schuhen, sein speckig Hütel schob er vom rechten Ohr aufs linke, das war sein Gruß, dazu grinste er breit und frech mit den weißen Zähnen, als freue er sich hämisch, daß er frohe[S. 136] Menschen durch seinen Anblick erschrecke und den Kindern ihre gute Laune trübe. Dann aber hättet ihr Tyras, Amtmanns Wachthund, sehen sollen, Fritzchens besonderen Freund und auch hierin mit ihm ganz eines Sinnes! Wie rasend fuhr er gesträubten Nackenhaares aus seiner Hütte, riß und tobte bellend an der Kette. Den Kopf vorangestreckt, seinen Knotenstock quer zwischen die weißen Zähne genommen, schlurfte dann der Wenzel langsam dem wütenden Tiere entgegen und schaute es scharf an. Dann kroch Tyras mit eingeklemmtem Schwanz und krummem Buckel zum Ärger Fritzchens winselnd in seine Hütte zurück. Wenzel aber hockte breitgrinsend auf der Steintreppe des Hauses nieder, nachdem er sein rasselndes Bündel neben sich geschleudert hatte. Oben auf der Schwelle erschien die Frau Amtmann, hinter ihr Trine, die Magd. Dann ging's an ein Atzen des müden Krüppels: Alles, was an Abhub in der Speisekammer nur zusammenzukratzen war, das schlang der Wenzel, der die Kunst verstand, auf Vorrat zu essen, mit häßlichem Schmatzen zum Staunen und Grausen von Frau und Magd hinein. Waren dann die Teller rein abgeputzt, dann hub der Unhold an, für Amtmanns Küche zerbrochenes irdenes Geschirr mit Draht zu flechten, und während die schwarzen, knochigen Hände mit den höckrigen Gelenken den harten Draht flochten, zogen und spannten, erzählte[S. 137] er der gütigen Frau des Hauses, die an dem tollen Wicht ihren Spaß hatte, in einer närrischen Mundart von seinen Reisen von Dorf zu Dorf. Trat dann der gestrenge Herr Amtmann in die Tür, so sprang er auf und wurde ganz nur Buckel vor hündischer Demut und Unterwürfigkeit. »Schon gut, Wenzel,« sagte dann der Amtmann, »nun troll dich wieder,« und Herr und Frau Amtmann hatten dann, wenn das kleine Untier unter tausend Kratzfüßen und »Vergelts Gott« abgeschoben war, noch lange Meinungsverschiedenheiten auszugleichen, wovon die Kinder nichts verstanden. Diese hatten die ganze Zeit in Grauen und doch Neugier fern abseits gestanden; ihnen war's gewesen, als sei mit dem Auftauchen »Mausefallskis«, wie die Dorfkinder hinter dem Kobold herschrieen, die Sonne bleicher, der Tag trüber, die Welt freudloser und häßlicher worden. Sie hatten nur den verschüchterten Tyras wieder aus seinem Häuschen hervorgeschmeichelt, ihm den glatten Kopf gekraut und ihn getröstet: er solle nur nicht bange sein, der kleine Tückebold dürfe ihm nichts tun; und sie möchten ihn ja auch nicht leiden und — »noch den einen Topf da muß er Mutter flicken, dann muß er sich aber packen!« Tyras verstand sie gar wohl und war wieder einmal ganz ihrer Ansicht.

Der Mausfallenwenzel machte den Kindern gar viel[S. 138] zu schaffen in ihrem Sinne. Oft sprachen sie von ihm, zumal wenn sie abends dicht zusammen rückten und die Lust sie ankam, sich selber bang zu machen: Es war doch ein Geheimnis um ihn! Wer war er, von wannen kam er, was wollt er, was konnt er? Sicher mehr denn Brot essen, das stand fest. Ein Zauberer war er zum mindesten, man hatte es ja an Tyras gesehen, den er mit einem Blicke bannte. Es gab ja auch gute Zauberer; der aber war gewiß keiner; nein, alles Unheimliche, Spukhafte, Böse, was sie nur erträumen mochten, trug für sie Wenzels Züge. Er spukte in vielen Märchen, die der Schulmeister und Fritzchens Mutter ihnen erzählt; die ahnten nichts davon, woran die Kinder dabei dachten, doch diese sahen einander nur an und verstanden sich.

Ein erschütterndes, beinahe verhängnisvolles Erlebnis sollten die beiden Kinder dem Popanz ihrer Jugend verdanken. Einst hatten sie sich weiter als je im Walde verloren, Walters abenteuernder Sinn war schuld daran; doch diesmal war's wirklich bedenklich, über den Kronen des Waldes hing ein schweres Gewitter. Mutter wird schön in Sorge sein, dachte Fritz, aber er sagte es nicht; Walter dachte von seinem Vater nicht dergleichen, denn er dachte überhaupt nichts, er schaute und lebte nur das bange Leben des wetterharrenden Waldes mit, das Todesschweigen der wehrlosen Erwartung, die[S. 139] regunglose Stille der Buchenfächer, das Versinken in Grau und Grauen ringsum — das nahm ihn ganz dahin. Es war, als stünde Entsetzliches zu erwarten; und wär's sein eigener Untergang gewesen, er mußte das mit anschauen! Er schrak zusammen, mit schrillem Pfeifen, einem Angstschrei gleich, schoß ein Vogel, den er nicht kannte, über ihn hin, und aus dichtem Laub antwortete erschreckt und kleinlaut der zarte Ruf eines Meisleins. Dann wieder bange Todesstille: »Die Mutter wird schön in Sorge sein,« sagte Fritz jetzt doch laut vor sich hin, und die Kinder faßten sich an den Händen, ihre Füße waren ihnen schwer wie Blei, und ihre kleinen Herzen pochten. Er war so schwül, zudem keuchten sie jetzt berghinan; weit und breit deckte den hügeligen Waldgrund die braungoldene, weiche Decke gefallenen Buchenlaubes. Die müden Füße stolperten immer häufiger, weinen hätten sie mögen. Nur ein rechter Junge weint nicht gleich, dachte Fritz — Walter dachte gar nichts, er träumte und schaute nur, und seine schmalen Wangen glühten. Da rollte fern ein erster langer Donner, ein leises, feines Trommeln begann rings im Buchenwald, ein schwüler Atem wie aus schwer beklommner Brust ging dem beginnenden Regen voran. Den Kindern stand der Schweiß auf der Stirn, Fritz machte den Versuch zu pfeifen.

Da riß ihn Walter mit einem leisen Schrei zurück;[S. 140] vor ihnen am Boden, am braunen Waldboden, da regte sich was, kroch, humpelte, krabbelte, flatterte — ein schnurrig Klümpchen Federn, ein wunderlich Häufchen Lebens. Da starrten zwei große, dunkelblaue Augen schrecklich menschlich zu den Kindern empor. Sie standen von Schrecken gelähmt. Was war's? Ein junger Waldkauz, der, aus dem Nest gefallen, hilflos die halbgespreizten Flügel am Boden schleifte, mit den Augen blinzelte und mit dem krummen Eulenschnabel gnappte.

Die Knaben liebten die Tiere wie Kameraden, besonders Walter war von seinem Vater stets dazu angehalten worden, in ihnen leidende, brüderliche Geschöpfe zu ehren. Dies Ding da zu ihren Füßen war ihnen fremd, unheimlich; diese ängstlichen, großen Augen in dem runden Kopfe, diese zuckenden Krallen, und an dem ganzen Häuflein Federn kein rechtes Oben und Unten. Und das zu dieser Stunde, in dieser Einsamkeit — und aus allen Schattenwinkeln der Bäume ringsum raunten Märchen, unholde Märchen von verwunschenen Menschenwesen, von foppenden Spukgebilden und Zauberblendwerk darein. — Fritz hatte unwillkürlich im ersten Abscheu mit dem Fuße nach dem Dinge gestoßen — es kollerte, purzelte, statterte ein Stückchen weiter, gnappte und schaute noch ängstlicher aus den runden Augen. Fritz, der sich seiner Roheit schämte, haßte das Geschöpf darum; ja es hatte was Hämisches,[S. 142] Feiges, Niederträchtiges; Walter aber sah noch mehr: wie's den dicken Kopf so eingezogen hatte, sah's so bucklig und knüpplig aus, und die menschlichen Augen so demütig, so scheußlich demütig flehend — die Augen kannte er doch — das war ja, das war ja ... er packte Fritz am Ärmel, und — »Mausefallenwenzel« — flüsterten beide Kinder zumal.

bild

Sie haben das Ding totgemacht, mit fiebernden Sinnen, fliegenden Händen, Angst und Entsetzen und tiefem, tiefem, blutigem Erbarmen. Sie haben's getan, sie wußten selbst nicht, wie; alles, was zwischen Haß und Mitleid, Wut und Jammer, Trotz und bebender Angst liegt, haben sie dabei empfunden und dann eine Welt voll Scham und Zerknirschung und Todestrauer, die nichts von Trost weiß, heimgetragen, eine ganze Kainsseele in jeder Kinderbrust; so sind sie in strömendem Gewitterregen heulend und mit klappernden Zähnen daheim angekommen, sie wußten selbst nicht, wie. Der Schulmeister und die Frau Amtmann waren in Angst und Sorge gewesen, die Jungen haben sich jeder schluchzend an sie geklammert — »Rein aus dem Häuschen!« meinte kopfschüttelnd Fritzchens Mutter: »Das bißchen Gewitter, du lieber Gott!« Sie hätte den beiden doch mehr Strammheit zugetraut.

Walter sollte diese Nacht, wie schon manchmal, bei[S. 143] Amtmanns schlafen. Fritz mochte ihn nicht von sich lassen. So waren sie denn hinaufgebracht worden in die Kinder- und Schlafstube, unten aber saßen der Amtmann und seine Frau und der Lehrer noch beim Glase Wein im Gespräch und bedachten, was den Kindern wohl geschehen sei; denn sie fieberten beide und waren, besonders der kleine Walter, in einer fremdartigen, ganz krankhaften Erregung. Sollte man nicht doch nach dem Arzte schicken? Der Amtmann nahm die Sache nicht so ängstlich. Sie haben sich eben verlaufen, Furcht ausgestanden vor dem Gewitter, der Einsamkeit, vielleicht auch vor Strafe; pudelnaß sind sie ja auch geworden; morgen wird bis auf einen tüchtigen Schnupfen alles vergessen sein. Jedenfalls war's ein heilsamer Denkzettel für ähnliche Ausflüge. — Seine Frau und der Lehrer schüttelten den Kopf: Nein, nein! das sitzt tiefer. Da ist etwas Besondres geschehen, womit die jungen Gemüter nicht fertig werden; da hilft nur Vertrauen, Aussprache; eher finden die kleinen Herzen keine Ruhe. —

Sie wurden also in ihren Nachtkitteln heruntergeholt und traten bleich und zitternd in den Lichtkreis der Lampe. Eben soll das Verhör beginnen, da klopft es — »Herein!« Hartmann ist's, der Feldjäger. Er meldet dem Herrn Amtmann: »Droben im Walde ist der[S. 144] Mausefallenwenzel tot aufgefunden worden.« Keiner bemerkt, wie eisiges Entsetzen beide Kinderaugen starren macht. Der Beamte meldet weiter: allem Anscheine nach sei er erschlagen; zwar sei es nicht auszudenken: um der paar Lumpendreier willen, die der Strolch in der Hosentasche geführt! — Der Amtmann ist ernst aufgestanden: »Lieber Hartmann, ich hab meine besondern Gedanken: der Wenzel war selber ein Spitzbube, da hat ihm wohl ein ungetreuer Kumpan einen Raub abjagen wollen. Er war euch nur zu schlau, mein Freund, aber ich hab's meiner Frau immer gesagt ...!« Er bricht ab. — Walter liegt wie leblos auf dem Teppich, Fritz klammert sich schreiend an den Hals der Mutter.

Bange Tage gab's im Schullehrerhause. Das Kind lag lange zwischen Leben und Sterben, und der Lehrer gedachte seines Weibes und sprach: »Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst. Nimm mir auch den vom Herzen ...!« Dann kam der Tag, da der von Nachtwachen erblichene Mann dem Arzt die Hand zusammenpreßte, daß der hätte aufschreien mögen, dem Arzt, der ihm das eine Wort gesprochen: Gerettet.

Dem Knaben aber, der den Wahn seines seltsamen Abenteuers später begreifen lernte, blieb ein tiefer reicher Segen davon. Was viele nie verstehen, und ob's[S. 145] ihnen mit Menschen- und Engelszungen gepredigt werde, das hatte er in tiefster, furchtbarster Erschütterung an sich selbst erlebt: die Einheit und Gleichheit alles Lebendigen; und ihm ward davon die Segensfrucht verstehender Liebe und weltumfassenden Erbarmens mit allen, was da lebt, es sei schön oder häßlich, gut oder böse.

bild

Dritte Auflage. Die Zeichnungen sind von Hans Schroedter, Karlsruhe.
Die Buchaustattung besorgte H. M. Bungter, Leipzig-Mölkau.
Druck Orbis A. G. Prag.
Copyright by Erich Matthes, Leipzig, 1925.

*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78594 ***