Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1834 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
In manchen Fällen, meist bei fremdsprachlichen Ausdrücken, wird das Plural-s mit einem Apostroph abgetrennt, z.B. ‚Tschako’s‘. Da der Sinn des Texts dadurch nicht verändert wird, wurde diese Schreibweise beibehalten. Ferner werden Apostrophe in Wörtern wie ‚haus’ten‘ oder ‚erlös’t‘ eingesetzt, die offenbar von den alten Wortformen ‚hauseten‘ und ‚erlöset‘ herrühren. Auch diese Formen wurden nicht modernisiert.
Überträge (hier ‚Transport‘ genannt) in mehrseitigen Tabellen wurden entfernt.
Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Passagen in Antiquaschrift werden hier kursiv wiedergegeben. Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original gesperrt gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt erscheinen.
und
die Reise hin und zurück
aus vertraulichen Briefen
mit einem Anhange über die neuesten Ereignisse daselbst
aus officieller Quelle
nebst
mercantilischen und statistischen Notizen
von
C. C. Becher,
damaligem Sub-Director der Rheinisch-Westindischen
Compagnie,
Ritter des rothen Adler-Ordens vierter Classe.
Mit einer Karte und lithographirten Ansicht der Hochebene von Mexico.
Hamburg,
in Commission bei Perthes & Besser.
1834.
[S. iii]
An des Königlich preußischen wirklichen Geheimen Raths und Ober-Präsidenten von Westfalen
Freiherrn von Vincke Excellenz.
Ew. Excellenz
haben mich während der dreizehn Jahre, während welcher ich meinen Wirkungskreis hauptsächlich in Preußen hatte, mit so viel Güte überhäuft, mit so viel Freundschaft geehrt, daß die dankbarste Erinnerung an diese, — meine oft mühsame und vielbewegte Laufbahn erheiternden Verhältnisse, — in meiner Seele nie erlöschen wird.
Von dem Wunsche beseelt, dies Anerkenntniß und den Ausdruck eines unbegränzten Dankgefühls [S. iv]gegen Ew. Excellenz öffentlich aussprechen zu können, durfte ich die gegenwärtige, vielleicht nie wiederkehrende Gelegenheit nicht versäumen, welche mir dafür
“die Zueignung dieses Büchleins”
darbietet, und von der ich mir schmeichle, daß sie Ew. Excellenz mit Ihrem gewohnten Wohlwollen und mit Nachsicht aufnehmen werden.
Wem könnte ich auch wohl diesen “chronologischen Bericht” einer langen, beschwerlichen, in meine Lebens-Verhältnisse nur zu ernst eingreifenden Reise, besser zueignen, als Ew. Excellenz, welcher die Motive, ich darf sagen die reinen Motive derselben, mehr als jedem Andern bekannt sind? — als Ew. Excellenz, welche sie billigten als ich sie unternahm, der ich, während und nach derselben, über alles Bericht erstattete, und die es nun mit mir beklagen, daß der dabei beabsichtigte Zweck — ohne mein Verschulden — nicht erreicht ward.
[S. v]
Wessen Name wäre aber auch wohl in anderer Hinsicht geeigneter, einer Darstellung der jetzigen Lage und Verhältnisse Mexico’s, gleichsam als Aegide, vorgedruckt zu werden, als der Ew. Excellenz, die sich stets so lebhaft für den Verkehr des Vaterlandes mit jenem entfernten aber wichtigen Staatenbunde interessirt, und so wesentlich dazu beigetragen hat, daß die politischen Verhältnisse Preußens zu demselben sich schon früh so gestalteten, daß sie den mercantilischen den Schutz gewähren konnten, welcher sich dort bereits bei mehr als einer Gelegenheit, als höchst nützlich, ja nothwendig, bewährt hat.
Möge Ew. Excellenz denn die Freude werden, des Vaterlandes vortheilhaften Verkehr mit den vereinigten Staaten von Mexico, sich mehr und mehr ausdehnen, mögen Sie überhaupt die unausbleibliche Frucht Ihrer reichen Aussaat im Felde der vaterländischen Industrie, das stete Wachsen des National-Wohlstandes, [S. vi]in vollem Maaße blühen sehen, und möge es mir erlaubt seyn zu hoffen, daß alsdann auch mein zwar unbedeutendes aber redliches Streben nach gleichem Ziele, in Ihrer freundlichen Erinnerung fortlebe.
Mit Gesinnungen der innigsten Verehrung
Ew. Excellenz
ganz gehorsamster Diener und dankbarer Freund
C. C. Becher.
[S. vii]
Es war zwar anfänglich meine Absicht nicht, etwas über eine Reise drucken zu lassen, deren Erfolg den Erwartungen, die ich davon hegte als ich sie unternahm, so wenig entsprochen hat; ich ward aber von so vielen Seiten dazu aufgefordert, daß ich mich am Ende doch entschlossen habe, aus den Briefen, die ich während der Reise an meine Familie und Freunde geschrieben, ein Bild von dem Treiben und Seyn in dem so viel besprochenen heutigen Mexico, während einer ereignißvollen Periode, zu entwerfen, und es nun wage, dieses Bild, nebst einigen wenigen Worten über Hayti und Nordamerika, dem Publicum vorzulegen.
Wenn ich mich damit meinen zahlreichen entfernteren Freunden, mit denen ich nicht in ununterbrochenem Briefwechsel stehe, und die mithin in den letzten Jahren weniger von mir erfahren haben, auf eine freundliche Weise ins Gedächtniß zurückrufe und ihnen eine angenehme Stunde mache, so wird mir ein schöner Lohn für die geringe Arbeit zu Theil.
So oft und viel auch schon über das jetzige Mexico und die Reisen dahin und zurück im Einzelnen geschrieben worden seyn mag, so ist doch, so viel ich weiß, noch nirgends in Deutschland etwas Zusammenhängendes darüber bekannt gemacht worden.
Dies geschieht nun hier im ersten Abschnitt, und wenn auch darin, der Sache nach, für Manchen [S. viii]nichts neues zum Vorschein kommt, so mag es doch in der Art der Darstellung hier und da der Fall seyn, denn jeder hat bekanntlich seine eigenthümliche Auffassung von den Dingen, die er sieht, und giebt sie auf seine Art und Weise wieder. Die Darstellung meiner Ansichten soll übrigens auf kein anderes Verdienst Anspruch machen, als darauf, daß sie hier grade so wieder gegeben sind, wie sie der Eindruck an Ort und Stelle hervorgebracht hat.
Die in dem Anhange geschilderten neuesten Ereignisse in der Republik Mexico, sind mir aus amtlicher Quelle mitgetheilt worden, und liefern den erfreulichen Beweis, daß ich mich nicht irrte, als ich, in meinen Briefen von jenseits, dem Lande, aus der Staatsumwälzung von 1832 u. 33, große Vortheile und Fortschritte auf dem Wege der Civilisation prophezeite.
Der zweite Abschnitt enthält fragmentarische Notizen, sowohl mercantilische wie statistische und administrative, worunter manches noch nicht allgemein Bekannte gefunden werden dürfte.
Das Ganze aber möge dazu beitragen das Interesse der Leser an den vereinigten Staaten von Mexico zu erhöhen, und dadurch Deutschlands Verbindungen und Verkehr mit einem Lande mehr und mehr zu beleben und auszudehnen, dessen Wichtigkeit für ganz Europa eine jährlich wachsende ist, und noch auf lange Zeit seyn wird, weil Mexico unermeßliche Resourcen, vortreffliche Climate und Raum für das Zehnfache seiner jetzigen Bevölkerung besitzt.
Im Juni 1834.
C. C. Becher.
[S. ix]
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Pag.
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1.
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Brief.
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Köln, am 9. October 1831
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2.
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Paris, am 23. October
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3.
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„
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Bordeaux, am 2. November
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4.
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„
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Am Bord des Schiffes, den 10. November
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5.
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„
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do. do. den 17. November
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6.
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„
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do. do. den 24. November
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7.
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„
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do. do. den 2. December, (unter der
tropischen Linie.)
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8.
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„
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do. do. den 10. December
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9.
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„
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do. do. den 14. December, (Angesichts
Haity.)
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Zwei Stunden auf Haity, am 15. December
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10.
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„
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Am Bord, vom 19. bis 29. December
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11.
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„
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do. am 31. December, (im Hafen von Vera-Cruz)
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12.
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„
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Vera-Cruz, am 3. Januar 1832
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13.
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„
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Vera-Cruz, am 9. Januar. Anfang der Revolution
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14.
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„
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Jalapa, am 12. Januar. Reiseart und Ortsbeschreibung
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15.
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„
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Puebla, am 15. Januar. Reise und Beschreibung
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16.
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„
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Mexico, am 21. Januar. Hinreise und Ankunft
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17.
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„
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Mexico, am 23. Januar. Beschreibung; Nationalpallast;
Wohnung
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18.
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„
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Mexico, am 29. Januar. Politik; Alameda; Theater;
Stiergefecht
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19.
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„
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Mexico, am 21. Februar. Sturz mit dem Pferde;
Pferderennen; Politik
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20.
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„
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Mexico, am 21. März. Kriegsvorfälle; General
Moctezuma
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[S. x]
21.
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„
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Mexico, am 11. April. Der Paseo; Fahrt nach
Chapultepec und Tacubaya; Spielwuth; Aquaduct
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22.
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„
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Mexico, am 24. April. Heiße Bäder; Eingeborene
am See Tescuco; Osterfest; Bustamante
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23.
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„
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Mexico, am 31. Mai, nebst P.S. Abdankung der
Minister
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Beilage:
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Ausflucht nach dem Eisenwerke Sitio; Beschreibung
desselben und Rückfahrt; schwimmende Gärten
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24.
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Brief.
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Mexico, am 17. Juni. Pfingstfest in St. Augustin;
Spielsucht; Hahnengefecht; Optische Täuschung; bal
paré
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25.
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„
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Jalapa, am 25. Juni. Reizende Gegend; Waffenstillstand
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26.
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„
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Jalapa, am 9. Juli. Politik; Conferenz in Puente;
Meierei; Spinnen-Staaten-Bund; Kathedrale; Theater
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27.
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„
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Jalapa, am 24. Juli. Wiederanfang des Kriegs;
Mord eines Europäers in Vera-Cruz
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28.
|
„
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Mexico, am 13. August. Indianer; heidnischer Götzendienst
bei katholischen Processionen; Feuerwerke; Diebereien; Geburtstag
des Königs von Preußen
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29.
|
„
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Mexico, am 30. August. Merkwürdiger Vorfall im heißen
Bade; Politik; Einladung Pedrazas; Bustamante übernimmt das Commando;
Musquiz tritt an seine Stelle
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30.
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„
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Mexico, am 17. September. Fest der Unabhängigkeit;
Universitätsgebäude; Antiquitäten; (Karl Uhde)
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Beilage:
|
aus der neuern Geschichte Mexico’s, Bravo,
Vittoria, Señora Rayon
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31.
|
Brief.
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Mexico, am 30. September. Sieg bei Gallinero;
Versuch der Gefangenen, sich zu befreien; Tod des Engländers Short;
Einkleidung einer Nonne; Struensee (Trauerspiel.)
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32.
|
„
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Mexico, am 4. October. Tour auf’s Land; Pulquebereitung;
Olivenbau; Einfluß europäischer Sitten; Butter; Bier; Wein
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33.
|
„
|
Mexico, am 12. October. Kriegsereignisse; Santa
Anna schlägt Facio, nimmt Puebla, unterhandelt mit der Regierung;
Alaman verläßt Mexico
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[S. xi]
34.
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„
|
Mexico, am 5. November. Fernere Kriegsereignisse;
Mexico belagert; Folgen davon; Bustamante rückt heran;.Theurung;
Briefwechsel; P. S. vom 8. November;
Aufhebung der Belagerung
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35.
|
„
|
Mexico, am 9. December. Stillstand in den Operationen;
Rückzug nach Puebla; Extrasteuern; Schlacht bei Puebla; Vereinigung
Santa Anna’s und Bustamante’s, zu Gunsten Pedraza’s; Unterhandlung
mit dem Congresse
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36.
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„
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Mexico, am 28. December. Protest des Congresses;
Garnison entscheidet für Pedraza; Ende der Noth; Pulvermühle in Santa
Fé; Clima; Steinernes Schiff in Gouadeloupe; Sulzers Tod
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37.
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„
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Mexico, am 9. Januar 1833. Einzug der vereinten
mexicanischen Armee; Hoffnungen der Fremden und des Landes; Pedraza;
Zavala; Roccafuerte; Toleranz
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38.
|
„
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Mexico, am 7. Februar. Tour in den deutschen
Minendistrict; Schleidens Lage und Tod in Anganguco;
der Bergbau daselbst, und Rückweg nach Mexico
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39.
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„
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Mexico, am 13. Februar. Pedraza; Mädchenschule;
Vorbereitung zur Abreise
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40.
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„
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Vera-Cruz, am 3. März
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41.
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„
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New-York, am 1. bis 9. April. Reise dahin; Clima;
Hafen; Zunahme des Verkehrs; Einwanderung; Bauart; Lebensweise; Damen;
Theater; Blutaristokratie
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42.
|
„
|
Am Bord the Sully, am
30. April. Golphstrom; Hayfische
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43.
|
„
|
Paris, am 10. Mai. Havre; Auswanderung nach
Amerika etc.
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Anhang:
|
Kurze Darstellung der politischen und administrativen
Maßregeln in Mexico, seit der Präsidentschaft Santa Anna’s, so wie der
gegenwärtigen Lage des Landes
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1.
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Handel mit Mexico, Bordeaux, Havre, Hamburg und
Bremen
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[S. xii]
2.
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Ausfuhr.
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Staat von Oaxaca; Cochenille
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Ausfuhrtabellen von 1758 bis 1832
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Calculation des Werths in Bordeaux
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3.
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„
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aus Mexico im Allgemeinen
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Taback und Kaffee
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Preis des Kaffees bei freier Arbeit
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4.
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Münzsorten
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5.
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Maaß und Gewicht
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6.
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Der mexikanische Tarif
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7.
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Bergbau und Silbergewinnung
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Deutsch-Amerikanischer Bergwerks-Verein
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Ertrag und Ausfuhr im Allgemeinen
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Münze in Mexico
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8.
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Banco de Avio
(Industrie-Belebungs-Bank)
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9.
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Eisenschmelzerei auf dem Sitio
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10.
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Bevölkerung von Mexico
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11.
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Der Staat von Vera-Cruz
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12.
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Finanz-Departement
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[S. 1]
An * * *
Köln, am 9. October 1831.
Du siehst aus der Ueberschrift, daß der Rubicon überschritten ist. Ich bin diesseits des Rheins und kann jetzt nur noch vorwärts. Stufenweise sollst Du stets etwas von mir hören, so wie ich in gleicher Weise Nachrichten von dir erwarte.
So eben tritt Herr de B. zu mir ins Zimmer, um mir einen Besuch zu machen und zu sagen, daß er mit seiner kleinen Frau (der liebenswürdigen Mexikanerin — der ersten die wohl je den Rhein befahren — und die wir, wie Du weißt, vor einigen Monaten zwischen Mainz und hier auf dem Dampfboot trafen) auf der Rückkehr nach Mexico begriffen sei, und sich in Falmouth einschiffen wolle. —
Wie doch in unserer Zeit Alles mit Riesenschritten voranschreitet! Mexico, das noch vor 12 Jahren jeder andern Nation als der spanischen fast gänzlich verschlossene Land, steht jetzt mit der ganzen Welt in Verbindung und schließt davon nur (bis zu dereinstiger Anerkennung seiner Unabhängigkeit) das ehemalige Mutterland, Alt-Spanien selbst, aus. England, Frankreich und die Vereinigten Staaten von Nordamerika haben eine regelmäßige monatliche Packetfahrt (England von Falmouth, Frankreich von Bordeaux und Nordamerika von New-York aus) nach Vera-Cruz in Gang gesetzt, und Deutschland unterhält einen sehr lebhaften Verkehr mit den mexicanischen Häfen, von Hamburg und Bremen aus. —
[S. 2]
Es fehlt also jetzt nicht mehr an passenden Reisegelegenheiten nach Mexico; ich aber habe, wie Du weißt, den Weg über Frankreich gewählt, und reise morgen mit dem Frühesten über Aachen gen Bordeaux. — S..., der gleichzeitig mit mir von E... abgereist ist, geht über England, wir werden nun sehen, wer von uns zuerst das Ziel erreicht.
Paris, 23. October 1831.
Meine Reise vom Rhein hierher war eine ganz angenehme, und die Behandlung an der belgischen und französischen Douane der Art, daß sie mir meine gute Laune nicht verdarb. — Paris selbst fand ich denn noch immer das alte Sodom und Gomorrha; und stets noch dasselbe ungeheure Getriebe in den Straßen und an öffentlichen Orten! Doch ist die Stadt in manchen Theilen und auf den Boulevards, seit ich zuletzt hier war, sehr verschönert worden. — Es giebt übrigens auch fast keine große Stadt in Europa, wo nicht seit dem allgemeinen Frieden theils das Innere, theils die Umgebung erheitert und verschönert worden wäre! Der beste Beweis, daß den Völkern ein friedlicher Zustand der Dinge mehr zusagt und besser bekommt, als selbst der erfolgreichste Krieg, — und dennoch (wer sollte es glauben?) giebt es hier noch eine Menge Unsinniger, die diesen herbei wünschen! — Ich aber sage: der Himmel erhalte uns den Frieden!
Durch die dir bekannte Gefälligkeit unseres Freundes R. war ich im Stande manches schneller abzumachen, als ich ohne ihn gekonnt; dennoch habe ich, da es mir auch hier an Geschäften nicht fehlte, gar vieles ungesehen lassen müssen. Nach der Oper bin ich indessen doch einmal gekommen, und sah dort zufällig ein seltenes Schauspiel, die beiden Ex-Souveräne nämlich, den Dei von Algier und Don Pedro von Brasilien, [S. 3]in anstoßenden Logen! Letzterer ist ein hübscher, stattlicher Mann, mit offener, intelligenter Physiognomie; er erschien in modischer Civil-Kleidung, und sein ganzes Wesen bildete einen schneidenden Contrast mit den maurischen Zügen des alten graubärtigen Deis, dessen mit Brillen bewaffnete Augen mit sultanischem Wohlgefallen auf den Pariser Opern-Tänzerinnen zu ruhen schienen. — Des Deis Bruder, gleich ihm in türkischer Tracht und Turban, aber während der ganzen Vorstellung hinter ihm stehend, ist ein schöner, noch junger Mann. — Der dritte Exsouverain der neuesten Zeit, Carl X., war an diesem Abend nicht in der Oper! —
Von unserm würdigen Gesandten, Herrn v. Werther, bin ich sehr gut aufgenommen worden, und auch in merkantilischer Hinsicht habe ich Ursache, mit meinem Pariser Aufenthalt zufrieden zu seyn; besonders erfreut aber hat mich die Stunde, welche Herr v. Humboldt mir zu widmen die Güte hatte, und in welcher ich, wie bei ihm stets der Fall, sehr viel Interessantes vernommen habe. — Mit unermüdeter, fast beispielloser Geistesthätigkeit hat er in diesem Augenblick, trotz seiner diplomatischen Verrichtungen, wieder Mehreres herausgegeben, sowohl über seine Reise nach Asien, als auch über die merkantilische Statistik von Cuba; von letzterem Werk hat er mir ein Exemplar verehrt, was mich auf der Reise belehrend unterhalten wird. — Auch hat er mich mit Empfehlungs-Schreiben für Mexico versehen, und unter besseren Auspicien, als denen seines Namens, kann ich in jenem Lande nicht auftreten!
Ich reise nun heute Abend noch, in Gesellschaft des General-Lieutenants v. P., nach Bordeaux, und schreibe dir von dort aus wieder. — Lebe wohl!
[S. 4]
Bordeaux, am 2. November 1831.
Auch bis hier war meine Reise eine glückliche und angenehme. Der Weg von Paris hierher ist weit schöner, als jener von Belgiens Gränze nach der Hauptstadt, und man muß sich auf letztern nicht beschränken, wenn man la belle France sehen will. Die Ufer der Loire gewähren, namentlich bei Blois und Tours, einen sehr reizenden Anblick; ersteres erinnerte mich lebhaft an einige Punkte unseres schönen Neckars, in der Nähe von Heidelberg. — Die Stadt Poitiers, auf einer gleichsam einzeln empor ragenden, steilen Anhöhe erbaut, hat eine höchst romantische, jedoch kalte Lage. — Der Anblick von Bordeaux aber, bei der Einfahrt über die Garonne, ist wahrhaft prachtvoll zu nennen. Stadt, Hafen und Quai haben etwas sehr Imposantes, und die erst seit kurzem vollendete, steinerne Brücke über die Garonne, durch ihre Länge und Bauart in den ersten Rang ähnlicher Werke gehörend, ist ein wahres Meisterstück der Wasserbaukunst. In hohem Grade reizend ist die Ansicht, welche man von dem Quai aus nach dem jenseitigen Ufer hat, besonders bei dem noch immer, jedoch auch hier für diese Jahrszeit ausnahmsweise, schönen, heiteren und milden Wetter.
Meine Freunde hier, die mich mit der zuvorkommendsten Güte empfangen haben, bedauerten, daß ich nicht in Zeiten für das zuletzt von hier nach Mexico gesegelte Packetboot gekommen, weil es das schönste und bequemste sei, was in dieser Fahrt ist; ich bin jedoch mit dem, worauf ich mich einschiffen werde und welches ich so eben gesehen habe, vollkommen zufrieden. Es heißt l’Esteva, und wird von Capitain Beck, einem, wie es heißt, sehr geschickten Seemann, befehligt.
Da ich mich in den letzten Tagen nicht ganz wohl befand, so habe ich mir einen gewandten, schon öfter zur See gereisten Bedienten engagirt, und fahre nun morgen [S. 5]den Fluß hinunter, von wo aus wir mit dem ersten guten Winde unter Segel gehen werden.
Mit dem Lootsen, der an der Mündung des Flusses das Schiff verläßt, sage ich Dir dann noch ein letztes Lebewohl von Europa aus! — Bis dahin Adieu!
Am Bord des Esteva, den 10. Novbr. 1831, in der Gironde.
Als ich Dir zuletzt von Bordeaux aus schrieb, glaubte ich nicht Dir heute noch von diesseits des Meeres schreiben zu können! Indessen — der Mensch denkt’s, und Gott lenkt’s! Kaum waren wir nämlich in Paulliac, einem kleinen Fischerort 6 Lieues abwärts von Bordeaux, angelangt, als der gänzlich contrair gewordene Wind uns nöthigte, vor Anker zu gehen, und ich mußte mich nun leider, — nachdem ich meinen Aufenthalt in Paris mehr als mir lieb war verkürzt hatte, um ja nicht zu spät für’s Packet nach Bordeaux zu kommen, und diesen letztern Ort verließ, ehe ich noch wieder ganz hergestellt war, — acht Tage in einem unbedeutenden Fischernest langweilen! Indessen, so wie alles sein Ende erreicht, so gestatteten uns denn auch endlich Wind und Wetter gestern Abend an Bord zu gehen, und machen jetzt so gute Miene, daß wir Hoffnung hegen dürfen, eine schnelle Fahrt aus dem biscayischen Meerbusen zu haben, was in dieser Jahreszeit häufig der beschwerlichste und gefahrvollste Theil der Reise ist. Das, einige Wochen vor uns gesegelte, schöne Packetboot, von dem ich Dir in meinem letzten sagte, hat dies erfahren; es mußte, wie wir noch vor unserer Abreise von Paulliac vernahmen, durch heftige Stürme und bedeutende Beschädigung gezwungen, in den Hafen von Brest einlaufen, um zu repariren, und da dies viel Zeit erfordern wird, so [S. 6]sind die meisten der 72!!! Passagiere, die sich am Bord befanden, nach Bordeaux zurückgekehrt, um andere Reise-Gelegenheit zu suchen! — Welch ein Glück also, daß ich nicht der 73ste Passagier geworden bin; — und doch beklagte ich dies noch vor kurzem und meine Bordeauxer Freunde mit mir! So weiß der kurzsichtige Mensch nie was ihn frommt! — Ich fühle mich nun am Bord unseres Schiffchens in recht behaglicher Stimmung und bin bereits ganz einheimisch geworden. Meine Cajüte ist klein, aber bequem, und geräumig genug, um darin lesen und schreiben zu können.
Die Cajüten auf diesem Schiffe sind nicht, wie in der Regel üblich, im untern Raum, sondern auf dem Verdeck angebracht, was, da hierdurch ein freier Luftzug bewirkt wird, für Reisen nach heißen Zonen sehr passend ist; für jene nach nördlichen Ländern dürften jedoch die Cajüten unter Deck vorzuziehen seyn. Wir sind in Allem neunzehn Passagiere, worunter mehrere Damen; eine Wittwe mit zwei liebenswürdigen schon erwachsenen Töchtern, welche versuchen will, die ihr in Europa untreu gewordene Göttinn Fortuna in Mexico wieder zu erhaschen; sodann eine verheirathete Dame, eine Genferin, die mit ihren beiden, allerliebsten kleinen Mädchen von 11 und 13 Jahren zu ihrem bereits in Mexico etablirten Gatten reist. — Unser Capitain ist ein noch junger, einnehmender und gebildeter Mann; es bedarf mithin zu einer angenehmen Reise nur eines günstigen Windes, und dieser scheint sich, wie schon gesagt, einstellen zu wollen. — Haben wir nun eine schnelle Fahrt nach Westindien, so darfst Du schon in ein paar Monaten Nachrichten von mir erwarten, indem es mir wohl gelingen wird, dort auf einer der Inseln Briefe nach Europa zur Post zu geben; bis dahin mußt Du Dich aber gedulden, und mit mir hoffen, daß wir gegenseitig nicht allzulange ohne Kunde von einander bleiben.
[S. 7]
Diese Zeilen sind denn wirklich die letzten, die ich Dir aus diesem Welttheil schreibe; ich gebe sie dem Lootsen mit, der uns in einer halben Stunde verläßt!
Lebe wohl, recht wohl; ich umarme Dich und die Kinder.
Am Bord des Esteva, den 17. Novbr. 1831.
Wir sind auf der Höhe der Azoren und mithin über die Gränzen Europas hinaus. — Der Unterschied der Temperatur ist auch schon merklich fühlbar, aber höchst angenehm; denn ohne daß wir von Hitze litten, haben wir z. B. grade heute am 17. Novbr. die Luftwärme eines schönen, nicht zu heißen Sommertages am Rhein, und gerne tränken wir daher den Caffee im Garten, wenn nur einer zur Hand wäre! Das könnte nun zwar morgen oder übermorgen der Fall werden, wo wir Madeira zu erreichen hoffen, und ich habe daher auch wohl schon gewünscht, daß wir an etwas Mangel leiden möchten, was uns nöthigte, auf jener paradiesischen Insel zu landen; aber wir sind leider (?) zu gut mit Allem versehen, um deshalb irgendwo einlaufen zu müssen. Wir werden mithin Madeira blos vorbeisegeln, und höchstens die Umrisse der blauen Berge am Horizont bewundern können, mit dem Lande aber warten müssen, bis wir nach Westindien kommen.
Es ist übrigens doch eine ziemlich ennüyante Parthie um eine längere Seereise, besonders für einen, an unausgesetzte Thätigkeit gewöhnten, Geschäftsmann! — Sind auch die Reisen zu Lande häufig ermüdender und beschwerlicher, als die zur See, so kömmt man dagegen auf erstern doch auch hin und wieder an Punkte, wo man sich geistig und körperlich erfrischen und erholen kann; aber auf dem Meer gleicht ein Tag dem andern, man ißt und trinkt und schläft und staunt Himmel und Wasser an. Nur Sturm und schlechtes Wetter [S. 8]bringen eine Abwechselung hervor; doch eine solche wünscht man sich eben nicht.
Am 24. November.
Es gibt doch in der That nichts Unsichereres und Trügerischeres als Wasser, Wind und Wetter! — So glaubten wir z. B. mit Zuversicht, ehegestern, im 31sten Grad der Breite, die für die Fahrt nach Westindien so günstigen Passatwinde zu erhaschen, als uns auf einmal ein Sturm aus Südwesten zu fassen kriegte, das Schiff aus seinem Cours heraus nach der afrikanischen Küste trieb, und uns namentlich gestern Nacht mit vielem Unheil bedrohte; “denn die Elemente hassen das Gebild von Menschenhand.” — Es war ein erhabenes, aber auch zugleich furchtbares Schauspiel, dieser 24stündige Riesenkampf mit den empörten Elementen, gegen welche die Kraft des Menschen nichts, seine Gewandtheit dagegen oft alles vermag! Diese sollte denn auch diesmal siegen, und wir blieben Gottlob unversehrt.
Unbeschreiblich groß und schön war der Anblick der sich auf allen Seiten um uns her aufthürmenden, tobenden Wassermassen; aber so, und von diesem Standpunkt aus, wünsche ich Aehnliches doch nicht wieder zu sehen! Heute hat sich nun alles wieder zum Guten gewendet, das Wetter ist schön und der Wind passabel günstig; nur sind wir leider weit südlicher gekommen, als wir sollten, und müssen jetzt viel verlornen Weg nachholen.
Wenn ich Dir übrigens eben von der afrikanischen Küste sprach, so mußt Du nicht glauben, daß wir dort von übergroßer Hitze gelitten hätten; im Gegentheil, Luft und Winde waren kalt, und man konnte und kann noch Ueberrock und Mantel vertragen.
[S. 9]
Am 2. December.
Gestern passirten wir die tropische Linie des Krebses, und es ist doch nun endlich so heiß geworden, daß ich zu der Sommerkleidung meine Zuflucht nehmen mußte. Unter dem Aequator mag freilich die Hitze noch größer seyn, als hier unter dem Wendekreis. Bei dem Durchgang des einen sowohl wie des andern ist es übrigens, wie Du wissen wirst, allgemeine Sitte der Matrosen, jeden Reisenden, der die Fahrt zum erstenmale macht, einer sogenannten Taufe zu unterwerfen. Diese Ceremonie, welche zur großen Belustigung des jüngeren Theils der Passagiere heute stattfand, will ich Dir nunmehr, wenn auch nur um der Kleinen willen, wenigstens in großen Zügen beschreiben; es wird sie jedenfalls amüsiren.
Als wir nämlich gestern bei Tische saßen, und eben die tropische Linie durch waren, hörten wir aus den obersten Segeln den Himmelsfürsten Tropique mit lauter und rauher Stimme uns begrüßen, und gleich darauf kam ein mit der Peitsche knallender Courier, auf einem recht scheußlichen Seepferd (ein Matrose auf dem Rücken eines andern) in die Cajüte geritten, und brachte von dem besagten Prinzen Tropique ein Schreiben an den Capitain, worin er ihn in seiner Zone willkommen hieß, und guten Wind versprach, wenn er ihm die noch nicht hier gewesenen Passagiere morgen zur Taufe ausliefern wolle. Auf das Versprechen, dies zu thun, kam nun heute der uralte Himmelsfürst mit seiner jungen Frau, in Begleitung von Neptun und mehreren Dämonen der Unter- und Oberwelt, unter lautem Getöse angezogen, um bei der Taufe zu präsidiren.
Das Personal dieser grotesken Maskerade und der Gens-d’armerie, welche bekanntlich bei keinem französischen Spektakelstück fehlen darf, nebst dem Seepferd und Priester und Meßner, wurden natürlich durch theils verkleidete, theils entkleidete [S. 10]Matrosen dargestellt, welche letztere sich mit Theer bestrichen und mit Federn und Werg beklebt hatten, um ihren über- und unterirdischen Rollen gebührend zu entsprechen.
Die Feier der Taufe selbst ward nun in einer aus Flaggen und Segeltuch zierlich errichteten Capelle, durch Priester und Meßner, auf eine bizarre, mitunter ganz belustigende Weise, an allen Passagieren vorgenommen, von denen sich keine besser dabei benahmen, als die schon erwähnten, niedlichen Genfer Mädchen von 11 und 13 Jahren.
Die meiste Belustigung erregte einer der Dämonen, (ein nackter mit Theer beschmierter und in bunte Federn gerollter Matrose) der beständig um die Capelle herum sprang und hineinzudringen suchte, um die Taufe zu stören, dabei aber von dem Wache stehenden Neptun mit dem Dreizack oft sehr derbe und fühlbar zurückgejagt ward.
Nach beendigter Tauf-Ceremonie trat der, bei 28° Hitze über die große Kälte hienieden klagende Fürst Tropique, mit Taufgeschenken gehörig versehen, die Rückreise nach den höheren Regionen an. Die Capelle ward von den Matrosen demolirt, und der Spaß, welcher das Monotone einer Seefahrt, während eines halben Tages ganz angenehm unterbrach, hatte ein Ende.
Am 10. December.
Wir begegnen jetzt täglich schwimmenden Massen von Seegras, die schon dem Columbus eine willkommene Andeutung der Nähe des Landes waren, und hoffen, in wenigen Tagen Hayti zu erspähen. — Herzlich will ich mich des erquickenden Anblicks erfreuen, denn man wird es nachgerade müde, nichts als Himmel und Wasser zu sehen. Wenn mich indessen auch die Langeweile dann und wann etwas plagt, so [S. 11]befinde ich mich doch in jeder andern Hinsicht ganz wohl, und damit Du siehst, daß mir am Bord des Esteva an materiellen Bedürfnissen nichts abgeht, will ich Dir eine Beschreibung unserer Tages-Eintheilung geben, um so mehr als es ohnehin unverzeihlich seyn würde, einer braven Hausfrau gar nichts von Küche und Keller zu erzählen, die doch im Leben (zu Land wie zu Wasser) eine so wesentliche Rolle spielen. So höre denn. Bei der hier stattfindenden Tag-und Nacht-Gleiche, (Abends um 6 wird’s dunkel, Morgens um 6 geht die Sonne auf) bekommt man gegen 7 Uhr Morgens, nach Verlangen: Thee, Caffee oder Chocolade, — versteht sich alles ohne Milch. Um 9 Uhr wird ein Gabelfrühstück aufgetragen, bestehend aus einer Tasse Bouillon, Eierkuchen, Coteletten, Schinken u. dergl., nebst Erdäpfeln und sonst einem Gemüse, wobei denn jeder so viel Wein, oder Wein und Wasser trinkt, als ihm beliebt. Um 1 Uhr wird dem etwa Hungrigen ein Imbiß, nebst einem Glas Bouteillenbier, gereicht; um 4 Uhr speist man zu Mittag und es werden dabei folgende Gerichte aufgetragen: gute Bouillon mit Reis oder Nudeln, Rind- oder Kalbfleisch, auch wohl Hammelbraten; sodann, und zwar täglich, gekochte oder gebratene Hühner, zur Abwechslung auch Enten oder Kalkuten; Gemüse jeder Art, und zweimal in der Woche Torten und kleine Pasteten; schließlich Butter und Käse, etwas Dessert, Caffee und Liqueur; und dabei rother Wein nach Lust und Belieben. — Zum Beschluß des Tages endlich wird jedem, der es wünscht, am Abend ein Glas Wein, Wasser und Zucker, Himbeersaft oder dergl. gereicht, und Du wirst somit gestehen, daß man sich am Bord des Esteva wenigstens über die Kost nicht zu beklagen hat, und daß sie jener auf den englischen Packetbooten, die Du ja aus früherer Erfahrung kennst, vorzuziehen ist; was Dir insbesondere aber noch mehr als Vorzug erscheinen würde, ist der Umstand, daß [S. 12]man aus den französischen Packeten nur Holz und keine Steinkohlen brennt, deren Geruch und Dampf die Neigung zur Seekrankheit so leicht erregt, und Dir oft so unangenehm war.
Am 14. December.
Endlich! und zwar in genauer Uebereinstimmung mit der Berechnung unseres sachkundigen Capitains, sahen wir gestern Mittag Punkt 1 Uhr das Cap Samana auf Hayti. Wir genossen bis spät in die schöne, warme, mondhelle Nacht das herrlichste Schauspiel, indem wir uns den malerisch schönen Ufern dieser prachtvollen Insel immer mehr näherten, deren gebirgiger Umriß sich am reinen Firmament in erhabener und mannichfaltiger Gestaltung erhob.
Heute war ich mit Sonnenaufgang wieder auf dem Verdeck, um mich auf’s Neue an dem schönen, so lang entbehrten Anblick des Landes zu laben; wir sind nunmehr dem Ufer so nahe, daß wir Alles deutlich unterscheiden, und unsere Augen weiden können an den üppig bewachsenen Bergen, den schönen grünen Hügeln und den am Fuß derselben gelegenen, freundlichen Dörfern und Pflanzungen. — Einzelne Berggruppen erinnerten mich lebhaft an unser schönes Siebengebirge bei Bonn, nur mit dem Unterschied, daß die hiesigen Gruppen nun schon 30 deutsche Meilen lang anhalten und noch nicht zu Ende sind.
Diese Augenweide, der balsamische Landgeruch, den uns ein leichter Zephyr von der so nahen Küste herüber weht, und die über alle Beschreibung schönen, nur unter einem tropischen Himmel zu erlebenden, warmen, mondhellen Nächte, haben einen Eindruck auf mich gemacht, der sich wohl nur mit dem Leben verwischen wird. Wahrlich, hier wird es einem nicht schwer, das Entzücken zu begreifen, welches Columbus empfinden mußte, als er sein gefahrvolles und rastloses Streben durch [S. 13]die Entdeckung dieser schönen Insel belohnt sah. Es war aber gerade in derselben Bucht, in welcher ich morgen den Fuß ans Land zu setzen hoffe, wo Columbus zuerst auf Hayti landete. Diese Bucht, die er den Hafen von St. Nicolas nannte, gehört zu den wenigen Orten, welche bis auf diesen Tag den Namen tragen, den er ihnen bei der Entdeckung beilegte. — Wir aber sollen daselbst Frankreichs Correspondenz mit Westindien abliefern, und da mir der Capitain erlaubt hat, mit den Depeschen ans Land zu gehen, so benutze ich diese Gelegenheit, um Dir das bisher für Dich Niedergeschriebene via Nordamerika zuzusenden, und Dir Nachrichten von mir zu geben, welche Du auf diese Weise um einige Monate früher erhältst, als wenn ich damit bis zu unserer Ankunft in Vera-Cruz warten wollte! Wir haben noch einen weiten Weg dahin, und wer weiß, was uns auf demselben noch bevorsteht! Ich falte daher alles Fertige zusammen, und gebe es morgen in St. Nicolas zur Post.
Leb wohl, tausendmal wohl!
Zwei Stunden auf Hayti.
Am 15. December 1831, Morgens 9 Uhr, erreichten wir den Hafen der Insel Hayti, St. Nicholas au mole genannt. Der Lieutenant und ich gingen ans Land, um Briefe und Depeschen für Portauprince dort abzugeben; und so war ich denn endlich auf der Insel, mit welcher ich früher in so enger Verbindung gestanden, und konnte Manches von dem in der Nähe sehen, was mir freilich schon oft von Augenzeugen geschildert worden war. Die Scene war originell in hohem Grade; ich will versuchen ein Bild davon zu entwerfen.
[S. 14]
Als wir mit dem Boot in die Bucht ruderten, gewahrten wir auf beiden Seiten Batterien, welche den Eingang vertheidigen, und bei Ansicht der französischen Flagge, die wir führten, die haytische, blau und roth in parallelen Streifen, aufzogen. Wir wollten in der Nähe des Regierungs-Gebäudes landen, wurden aber von zwei Soldaten und einem Offizier, die man uns entgegen sandte, bedeutet, daß wir tiefer in den Hafen fahren und an der Douane landen müßten. Der Anblick von schwarzen Männern, in europäischer Uniform von Tuch, blau und roth mit weißen ledernen Bandeliers, schlechten Flinten und Säbeln, Tschako’s, Pantalons ad libitum und nackten Füßen, erschien mir, ich gestehe es, eigen und komisch genug. Zur Ehre des haytischen Militairs sei jedoch hier gesagt, daß der Offizier nicht barfuß ging, sondern Schuhe an den Füßen und einen großen dreieckigen Sturmhut mit Cokarde auf dem Kopfe trug.
Der erhaltenen Weisung gemäß, stiegen wir bei der Douane ans Land; auch hier waren die Menschen, welche wir zu Gesicht bekamen, schwarz und mit stark afrikanischen Zügen bezeichnet; sie haben nämlich platte, breite Nasen, hohe Backenknochen und dick aufgeworfene Lippen. Die Zähne der jüngeren Personen sind weiß, ohne blendend weiß zu seyn, und mehr stark als schön.
Der Director an der Douane war ein junger, sowohl von Wuchs wie von Gesichtszügen schöner Mann, und würde gewiß bei unsern Damen, trotz seiner schwarzen Farbe, Glück gemacht haben. Er sprach ein angenehmes und richtiges Französisch und schien unterrichtet; meine Fragen in Betreff der Bevölkerung des Städtchens, das er mit Wohlgefälligkeit eine Stadt nannte, beantwortete er mir ausweichend; wahrscheinlich um nicht in Widerspruch mit seiner Benennung des Orts zu gerathen.
[S. 15]
Der Postsecretair, dem wir unsere Briefe und Depeschen gegen eine Bescheinigung zu übergeben hatten, war ein Mulatte und sprach und schrieb gut französisch; der Obrist, der auf geschehene Meldung uns auf der Hauptwache besuchte, war ein Neger, zwar wie es schien, noch jung, aber ohne körperliche Energie; er klagte über zu große Hitze (es war der 15. Decbr.) und ich konnte ihm nur Recht geben, denn ich litt selbst davon. Dies gab Gelegenheit von der natürlich noch weit größeren Hitze des Sommers und ihren Wirkungen zu sprechen; der Obrist schilderte sie als extrem und versicherte, daß nicht allein an der Küste, sondern auch im Innern des Landes, die Sommerhitze hinraffende Climafieber erzeuge, und daß alsdann die Eingebornen, eben so wenig wie Ausländer, sich ungestraft der Sonne zu sehr aussetzen dürften; jetzt, wo die Sonnenstrahlen die Insel nur in schiefer Richtung berührten, ginge es noch an, aber im Sommer, wo sie senkrecht fielen, sei die Hitze oft unerträglich.
Das Französische des Herrn Obristen war nicht das reinste, und er schien sich besser auf sein Creolisch, (ein corruptes Französisch, welches sich auf den Inseln nach und nach zu einem förmlichen Patois gebildet hat, und von den Einwohnern allgemein gesprochen wird,) zu verstehen. Von den europäischen Angelegenheiten war er nicht ununterrichtet, bedauerte die Polen, qui avaient si bien assisté la France autrefois, und fällte ein richtiges Urtheil über die belgischen Angelegenheiten: ce pays n’ayant maintenant plus la même importance qu’auparavant u. s. w. — Im Ganzen genommen machte jedoch die Unterhaltung mit dem Obristen nicht den angenehmen Eindruck auf mich, wie jene mit dem Director der Douane.
Der General, der Anfangs auch auf die Hauptsache zu uns kommen wollte, ließ der großen Hitze wegen absagen, [S. 16]was ich bedauerte, da ich ihn gern gesprochen hätte; wären wir, des für die Hauptreise günstigen Windes wegen, nicht so sehr eilig gewesen, so würde ich dem General meine Aufwartung gemacht haben. Bei Gelegenheit der Meldung vom General ermangelte der Herr Obrist nicht seine Autorität dadurch kund zu thun, daß er der Ordonnanz in meiner Gegenwart einen derben Verweis, wegen des Tragens eines Kopftuchs unter dem Tschako, ertheilte.
Da wir etwas Erfrischung für das Schiff mitzunehmen beabsichtigten, so frugen wir den Obrist, ob und wo diese wohl in der Stadt zu haben wäre, worauf er uns erwiderte, daß wenn man uns früher heransegeln gesehen hätte, ohne Zweifel und wie üblich, alle Arten von Erfrischungen aus der Nachbarschaft vom Lande herbeigebracht worden wären; so aber sei es zweifelhaft, ob wir fänden, was wir suchten; er wolle jedoch den Capitain mit uns schicken, um uns die Wohnung des Schlächters u. s. w. zu zeigen! Dieß gibt den Maßstab des Verhältnisses zwischen Militair und Bürgern auf Hayti! Der Capitain übernahm den Auftrag sehr gern; wir fanden bei dem Schlächter, dem einzigen des Orts, frisches Rindfleisch, und kauften dessen ein gutes Viertheil.
Die recht hübsche, junge und muntere Frau des Schlächters hatte ein drei Wochen altes Kind im Schooße liegen, welches, mit Ausnahme des Kopfes, mir viel kleiner schien, als Kinder gleichen Alters bei uns; ich hatte nachher Gelegenheit diese Bemerkungen an mehreren neugebornen Kindern, die man den Kommenden und Gehenden in den überall offenen Wohnungen nirgends verbirgt, zu machen; wenn sodann diese Kinder heranwachsen, so haben sie bis zum 14ten oder 15ten Jahre einen sehr dicken, hervorstehenden Leib und sehr dünne Beine, auf welchen sie indessen ganz lustig einherhüpfen, und weder [S. 17]ihren nackten Körper durch Bekleidung oder Kopfbedeckung gegen die Sonne, noch ihre bloßen Füße gegen den brennenden Boden zu schützen versuchen.
Es schien dem oberwähnten Herrn Obristen zu gefallen, daß ich einen solchen kleinen, nackten Homunculus zu mir rief, auf den Schooß nahm, ihn um seinen Namen befragte und liebkos’te; es ging mir aber ganz von Herzen, denn das schwarze Kind lächelte mich so freundlich an mit seinen milchweißen Augen und elfenbeinernen Zähnen, daß ich mich sehr zu ihm hingezogen fühlte.
Ich sah nachher noch viele, recht hübsche Kinder, beiderlei Geschlechts, worunter mir besonders ein Knabe von etwa 13 Jahren, für dieses Alter recht groß und stark, durch sein intelligentes, offenes Gesicht, gefiel. Er war der Sohn eines wohlhabenden Mannes, bereits in einer Erziehungsanstalt in Portauprince gewesen, und sollte zur Vollendung seiner Studien wieder dahin zurück. Wäre ich auf der Rückreise nach Europa gewesen, ich hätte darauf angetragen, ihn mir dahin mitzugeben, und der Vater würde wahrscheinlich darauf eingegangen seyn, denn er legte großen Werth auf die Erziehung seiner Kinder. Daß dieser Jüngling und seine sechs Geschwister, bis auf die jüngsten von wenigen Jahren, die bloß ein schneeweißes Hemd übergeworfen hatten, sehr ordentlich gekleidet gingen, versteht sich von selbst.
Der Vater, der wie alle Einwohner, die es vermögen, eine Boutique hielt, ein noch junger Mann, erzählte mit Wohlgefallen, daß er sieben Kinder habe, die denn auch alle um uns herumstanden, aber seine Frau, die vor uns saß, zeigte auf ihren hochschwangern Leib und fügte hinzu: et voici le huitième. Da Mann und Frau nicht von einer Gesichtsfarbe waren, er schwarz und sie dunkelbraun, so fand ein großer Unterschied [S. 18]unter den Kindern statt; sie waren theils mulatten-, theils negerartig.
Man kann überhaupt keine mannichfaltigere Abstufung der Gesichtsfarben sehen, als auf Hayti. Mulatten, die fast weiß sind, braun und olivenfarb in allen Nüancen, und ganz schwarz. Diese letztere Hautfarbe gefällt mir nach der weißen am besten, und erscheint dem Auge am reinlichsten. Nicht minder als die Hautfarbe, weichen die Gesichtszüge von einander ab, und man erkennt deutlich die große Verschiedenheit der afrikanischen Völkerschaften, welche die frühere Sclaveneinfuhr auf diese Insel verpflanzt hat. Der Schnurrbart, den die Militärs, wie es scheint, gern tragen, steht einigen schwarzen Gesichtern gar nicht übel, andern desto schlechter. Den älteren Leuten ergrauen wie bei uns Haupt- und Barthaare, was gegen die schwarze Hautfarbe unangenehm absticht.
Unter den Weibern sah ich mehrere hübsche Figuren. Alle jüngeren haben einen vollen Busen; bei den älteren ist das Gegentheil der Fall, und diese scheinen überhaupt sehr häßlich zu werden. Die Haltung des Körpers bei den jüngeren Weibern ist sehr gerade, und hat in dieser Hinsicht einige Grazie; desto mehr fehlt ihnen diese im Anzug, den sie trotz ihrer Putzsucht äußerst nachlässig um den Körper hängen haben, so daß die Schultern entblößt sind, ungefähr wie heutigen Tages bei unsern jungen Schönen auf den Bällen, beides wohl Folge der allzu großen Hitze, zu welcher sich, freilich nur auf Hayti, die einfachere Bekleidung unserer Mutter Eva (versteht sich nach der Apfel-Katastrophe) weit besser passen würde, als die robes von englischen, gedruckten Callicos oder weißen Musselinen! Die Kopftücher, die hier à la française getragen werden, kleiden gut und geben den Weibern ein reinliches Ansehen. Ueberhaupt scheint Reinlichkeit, des Körpers sowohl wie der Häuser u. s. w. in hohem Grade bei diesen Leutchen [S. 19]zu herrschen, und ich könnte im lieben Vaterland gar manchen Ort nennen, der sich in dieser Hinsicht mit St. Nicholas auf Hayti nicht vergleichen kann.
Die ärmeren Weiber, die uns Früchte, Fische u. dgl. zum Verkauf brachten, trugen schneeweiße Hemden, und obgleich diese zum Theil sehr zerrissen waren, so stach die schwarze Hautfarbe darunter doch minder unangenehm hervor, als es unter ähnlichen Umständen die, leider nur allzu oft schmutzige, Hautfarbe einer zerlumpten, deutschen Bauerfrau gethan haben würde.
Die Männer sind einfacher, und deshalb fürs Auge angenehmer gekleidet; auf dem Kopf das bekannte mouchoir, leichte baumwollene Jacke und Pantalons, bilden den gewöhnlichen Anzug; einige Wohlhabendere tragen tuchene Jacken und graue Hüte, und kleiden sich überhaupt mehr europäisch, welche Eitelkeit sie denn durch vermehrten Schweiß gehörig abbüßen müssen.
Der Charakter dieses Völkchens scheint sehr gutmüthig, und der Empfang, der uns überall und ohne Ausnahme zu Theil ward, konnte nicht freundlicher seyn; auch waren die Preise, welche man uns für die verschiedenen Früchte, wie Orangen, Ananas, Bananen, Kokosnüsse u. dgl., ferner Fische, Fleisch u. s. w. abforderte, obgleich man sah und wußte, daß wir die Dinge haben mußten, keineswegs übertrieben, und auch hierin dürfte ein Vergleich mit manchem europäischen kleinen Hafen zu Gunsten des haytischen ausfallen. Etwas träge scheint das Volk zu seyn; wie wäre dies aber auch unter einem solchen Himmelsstrich anders zu erwarten? und wer will es Menschen unter der tropischen Zone verargen, wenn sie ungezwungen nur so viel arbeiten, als zu einer bequemen, alle ihre Bedürfnisse befriedigenden Existenz erforderlich ist. Die Bevölkerung der Insel im Allgemeinen kann indessen unmöglich [S. 20]ohne einen ziemlich hohen Grad von landwirthschaftlicher Industrie seyn, da sie jährlich circa 40 Millionen Pfund Kaffee liefert, und diesen gegen Waaren, europäischen und nordamerikanischen Ursprungs, austauscht und ausführt.
Diesen direkten Handel betreiben jedoch nur die größeren Häfen der Insel, wie Portauprince, Cap Français, Jacqmel u. s. w. St. Nicholas hat daran keinen Theil; es verkehrt nur mit Portauprince, bezieht von daher die europäischen Manufacturwaaren, die es an die in seiner Nähe gelegenen Pflanzer gegen Kaffee absetzt, und diesen sodann nach Portauprince als Zahlung sendet.
Bei Gelegenheit dieser Erläuterungen erfuhr ich mit großem Interesse, daß in der Nähe von St. Nicholas noch die Rudera einer deutschen Kolonie, etwa 80 Menschen, existirten, welche sich als fleißige Pflanzer auszeichnen und für die Kaufleute zu St. Nicholas gute Kunden sind. Es waren hier früher viele, welche das französische Gouvernement vor der ersten Revolution dahin gesandt hatte, und die sich, wie mir versichert worden, ganz wohl befanden. Der berüchtigte Christoph hatte sie aber als Nichtneger zu vertilgen gesucht; das jetzt noch vorhandene, kleine Häufchen ist seiner Wuth entgangen, und von der nunmehrigen Republik entschädigt und in ihr Eigenthum wieder eingesetzt worden. Sehr habe ich bedauert, diese kleine Kolonie, trotz ihrer Nähe, aus Mangel an Zeit — nicht besuchen zu können; sie wird von den Einwohnern von St. Nicholas noch immer als eine deutsche Niederlassung bezeichnet, mischt sich jedoch natürlich jedes Jahr mehr mit den Eingebornen des Landes, und wird sich mithin diesen, sowohl in Farbe als in Charakter und Sitten, welche letzteren von den deutschen wo möglich noch mehr abweichen als die erstere, immer mehr nähern.
[S. 21]
Vieles, was theils Convenienz, theils eine höhere Erkenntniß des wahrhaft Schönen und Edlen aus unserer Unterhaltung und unserm Betragen verbannt, ist bei jenen zwanglosen Kindern der Natur nicht im Mindesten anstößig, und eine Unterhaltung, bei welcher unsere Schönen sich die Ohren verstopfen, oder wohl gar in Ohnmacht fallen würden, verletzt dort kein jungfräuliches Ohr; und dennoch soll häusliches Glück und eheliche Treue auf Hayti sehr heimisch seyn.
Der Gebrauch ungebundener Rede und der freiere Umgang zwischen beiden Geschlechtern dürfte mithin auch weit weniger zu beklagen seyn, als der Mangel an Ausbildung durch eine sorgfältigere Erziehung und belehrenden Unterricht. Dieser Mangel erzeugt eine Leerheit, die bei einer übrigens großen Lebendigkeit natürlich zu trivialer Unterhaltung und Geschmack an kindischem, nichts sagendem Wesen führen muß und geführt hat. Daß es übrigens weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht an gehörigem Indicium fehlt, geht daraus hervor, daß fast jedes Haus eine Boutique hat, welche meist von dem weiblichen Theil der Familie besorgt und wahrgenommen wird.
Daß diese Boutiquen fast alle, nach nordamerikanischer Art (Stores genannt) Alles, d. h. von einem Glas Schnaps bis zum feinsten Mußlin, zum Kauf ausbieten, wird niemand überraschen, der von Colonialverhältnissen schon hat reden hören; als besondere Bemerkung gilt jedoch hier, daß der größte Verkehr dieser marchandes in englischen Baumwollenwaaren stattfindet, und es gewährte mir vielen Spaß, in fast jedem Hause meine alten Bekannten, die Ginga’s, Sirsakaß, mouchoirs u. s. w. zum Verkaufe aufgeboten zu sehen. Auf meine Fragen über diesen Manufacturwaarenhandel, gewahrte ich überall eine entschiedene Vorliebe für Waaren englischen Ursprungs; Folge der während des ganzen Continentalkrieges [S. 22]ausschließlichen Zufuhr englischer Waaren. Auch trägt man auf Hayti fast nur baumwollene Stoffe, weniger Leinen und fast gar keine Seide.
Diese kleine Hafenstadt liegt am Fuße eines Gebirges, welches sich der ganzen Küste entlang hinzieht, und dem an der Insel vorüber Segelnden den Anblick des Binnenlandes verbirgt.
Das kleine Thal von St. Nicholas ist sehr eng, und die Hitze würde daher fast unerträglich seyn, wenn die Luft nicht durch das so nah gelegene Meer etwas abgekühlt würde. Die Häuser sind, mit sehr wenigen Ausnahmen, alle von Holz und einstöckig; sie haben einen Vorbau des Daches, der auf Pfeilern ruht und zum Schutz gegen die Sonnenstrahlen dient; sie sind mit hölzernen Schindeln gedeckt, die von Nordamerika nebst vielem Bauholz zugeführt werden. Da in Westindien häufig Stürme (Orkane) wüthen, die diese Häuser umreißen und die Dächer nach allen Richtungen hinwehen, so ist dieser Holzhandel zwischen den vereinigten Staaten von Nordamerika und den Inseln sehr beträchtlich. Die Straßen fand ich breit und in gerader Linie gezogen, aber nicht gepflastert; man scheint ursprünglich auf einen nunmehr ab- und festgetretenen Rasen gebaut zu haben. Die Häuser stehen weit auseinander, und haben fast alle ein kleines Gärtchen hinter dem gleichfalls sehr kleinen Hofe.
Die Abtheilungen oder Zimmer in den Häusern sind geräumig, und da sie bis an das schräglaufende, nur leicht mit Schindeln bedeckte Dach reichen, hoch und luftig. Glasfenster hat man hier deshalb nicht, weil sie die Hitze vermehren würden; so lange es Tag ist, läßt man gern mit dem Lichte auch die Luft herein, und wird es Nacht, so thun hölzerne Jalousieläden bessere Dienste, als Glasfenster, wenn man die Oeffnungen überhaupt schließen will in den schönen, mondhellen [S. 23]Nächten, welche in diesem Himmelsstriche einen so zauberischen Reiz haben, daß ihn ein Nordländer aus Erfahrung kennen lernen muß, um ihn zu begreifen. Nichts gleicht dem Glanz der Gestirne in diesem heitern Aether, und der Mond strahlt ein so sanftes Licht hernieder, als wolle er besänftigen und heilen, was die sengende Sonne am Tage verletzte. In dem Bau sowohl, wie in der Einrichtung und Eintheilung der Häuser herrscht kein übler Geschmack; ich bin in dem Ansprachzimmer eines Boutiquiers gewesen, das an verhältnismäßiger Eleganz nichts zu wünschen übrig ließ; auf der einen Seite war sodann das Magazin und auf der andern die Schlafzimmer, worin ich die schönsten Betten, mit weißem Mußlin geziert, auf eleganten, vierpföstigen Mahagonibettstellen (welche gleichfalls von Nordamerika bezogen werden) aufgeschlagen fand. — Zu verwundern ist, daß die Bewohner eines so heißen Landes die luxuriöse Natur ihres Bodens nicht mehr benutzen, um dem großen Bedürfniß des Schutzes gegen die brennenden Sonnenstrahlen dadurch abzuhelfen, daß sie, nach holländischer Sitte, eine Reihe Schatten gewährender Bäume vor ihre Häuser pflanzen; eine solche, in heißen Ländern so besonders wohlthätige, Sitte würde auf Hayti bei dem ersten Vorbild um so mehr Nachahmer finden müssen, als es mit so wenig Mühe geschehen und ohne alle Sorgfalt erhalten werden kann; denn der üppige Boden bringt alles hervor, was die vegetabilische Natur Schönes in ihrem Schooße zu bilden vermag. So wie man landet, sieht man den schönen Kokosbaum hervorragen mit seinen palmenartigen Zweigen, den in seinen Blättern ihm ähnlichen Bananenbaum, den Feigenbaum, Zitronen, Orangen aller Art, Zuckerrohr, Kaffee, Taback und hundert andere, minder ausgezeichnete Pflanzen und Gewächse. Wer nun aber hofft, diese in einiger Ordnung und mit Geschmack der Anlage in den Gärtchen der Einwohner zu finden, würde sich sehr [S. 24]irren; sie stehen in diesen allen untereinander wie Unkraut, und werden nur geschätzt, sofern sie Nahrung geben, oder einen Gegenstand des Handels bilden. Der Sinn für Gartenanlagen scheint den Bewohnern von St. Nicholas zu mangeln, und doch sind sie nicht ganz unempfindlich gegen die Schönheiten der Pflanzen-Natur, denn man rühmte mir mit Wärme die schöne Blüthe, welche die eine oder die andere Frucht vor der Reife treibe, und freuete sich der vortrefflichen Limonade, welche die verschiedenen Orangen bei der Mischung mit ihrem guten klaren Wasser hervorbringe, welches letztere ich durch mehrere Versuche vollkommen bestätigt fand.
Die schönste Blume, welche ich auf Hayti gesehen, wächst auf einem hohen Baume, dessen Name mir aber entfallen ist; man schnitt mir mit der größten Bereitwilligkeit alles ab, was an Blumen auf dem Baume war, und dankte freundlichst für das Frankenstück, welches ich dem netten, schwarzen Mädchen dafür gab.
Von vierfüßigen Thieren sah ich mittelgroße Kühe, schöne Esel, kleine Pferde und, in den Höfen angebunden, auch Schweine. Hunde und Katzen bemerkte ich nicht; eben so wenig wildes Geflügel, auch keine zahme Tauben; dagegen Hühner die Menge, und hier und da Gänse von etwas schwererer Art, als die unsrigen. Von fliegenden Fischen gab es im Hafen ganze Heerden, und an andern Fischen für die Tafel war kein Mangel; wir kauften deren von verschiedenen Sorten.
Gern hätte ich meine Untersuchungen fortgesetzt, und meine Wißbegierde durch noch tausend Fragen befriedigt, aber wir mußten leider nach zweistündigem Aufenthalt wieder zu Schiff, und somit kann ich eine Fortsetzung nur dann liefern, wenn mich der Zufall wieder einmal nach Hayti führt, und dann hoffentlich auf mehr als zwei Stunden!
[S. 25]
Am Bord des Esteva, den 19. Dec. 1831.
Auf Hayti wäre ich denn nun gewesen! Es war mir sehr interessant und ich habe, wie Du siehst, manches darüber niedergeschrieben. Die etwas lange Erzählung trägt das Gepräge der Muße einer Seereise; wollte ich jeden zweistündigen Abschnitt meiner Landreise so breit beschreiben, so würde ich ganze Folianten damit füllen, wozu mir hoffentlich Lust und Zeit fehlen wird. Von einer Seefahrt dürfte es aber schwer halten, auch nur so viele Zeilen zu füllen, als von einer gleich lang dauernden Landreise Seiten. — Das Leben zur See ist ein gar zu monotones; die Sonne geht jeden Tag auf und unter, der Mond thut es drei Wochen lang auch, und der Mensch — nun, was der Mensch thut, habe ich Dir bereits erzählt, und fahre damit fort. —
Während unseres Aufenthalts von nur wenig Stunden in St. Nicholas, war der Wind so stark geworden, daß es uns nur mit Mühe und nach mehrstündigem, angestrengten Rudern gelang, das Schiff wieder zu erreichen; es lief jedoch alles gut ab. Wir wurden freudig bewillkommt und über das am Lande Gesehene von allen Seiten mit Fragen bestürmt, die wir bei dem heute sehr heitern Mittagsmahl, so gut wir konnten, zu befriedigen trachteten, nachdem wir die mitgebrachten Blumen und Früchte unter die Damen und Kinder vertheilt hatten.
Bei dem so sehr günstigen Winde ließ der Capitain alle Segel beisetzen, um das Versäumte nachzuholen, und es dauerte auch nicht lange, so verloren wir die nördlichen Ufer von Hayti aus dem Gesichte, um sie gegen die südlichen von Cuba zu vertauschen. — Diesen letztern kamen wir aber leider nicht so nahe wie jenen, und mußten uns mit dem Anblick des malerischen Umrisses der schönen blauen Gebirge, die den Horizont begränzten, begnügen; und auch diese hatten wir am andern Morgen aus dem Gesichte verloren, und sahen wieder [S. 26]blos den Himmel über uns und um uns her die See. — Wir befinden uns nun in dem mexicanischen Meerbusen auf der Bank von Campeche, und die vielen Seevögel und fliegenden Fische, die sich sehen lassen, die große Menge von auftauchenden Meerschweinen (eine Delphinart) und mitunter auch kleine Wallfische, welchen wir begegnen, zeugen von der Nähe der Küste von Yuccatan und von unserm Fortschreiten auf der nun hoffentlich bald beendigten Reise.
Am 24. December 1831.
Hätten wir den günstigen Wind, der uns so rasch an den westindischen Inseln vorbeiführte, nur noch zwei Tage länger behalten, so wären wir heute schon in Vera-Cruz angelangt, während wir jetzt durch leider eingetretene, gänzliche Windstille, nach glücklich zurückgelegtem Wege von 1500 deutschen Meilen, nur noch ungefähr 20 Meilen von unserm Ziele wie festgebannt liegen, und ich dergestalt den, dem deutschen Familien-Vater so lieben, Christabend einsam auf der See zubringen muß, statt ihn am Lande, im traulichen Kreise der Meinigen, oder mit Freunden zu feiern. Meine Reisegefährten fühlen diese Täuschung deshalb weniger, weil es meistens Franzosen und Spanier sind, in deren Heimath man die Feier dieses frohen Kinderfestes wenig oder gar nicht kennt.
Wir können übrigens von Glück sagen, daß uns diese Windstille nicht einige Tage früher befallen hat, indem wir sonst wohl schwerlich dem größten aller Uebel, dem, eine Beute der Seeräuber zu werden, entgangen wären. Als wir nämlich am 20sten, des Abends gegen 11 Uhr, uns, der wunderschönen, mondhellen Nacht wegen, noch auf dem Verdeck befanden, wurden wir plötzlich durch das Erscheinen eines fremden Schiffes unangenehm überrascht; es schien von der Küste von [S. 27]Campeche gekommen zu seyn, und ehe wir es uns versahen, kam sein sehr stark bemanntes Boot auf uns zu und fragte, in Antwort auf unsern Anruf, nach Curs, Länge-Berechnung[1] u. s. w. Das Verdächtige eines solchen Verfahrens in später Nacht war augenscheinlich, und ließ keinen Zweifel, daß man darauf gerechnet hatte, wir wären, wie in der Regel um diese Zeit der Fall ist, bereits alle zu Bett gegangen, und man hätte nur die bei Nachtzeit schwache Matrosen-Wache auf dem Verdecke zu überwinden. In diesem Falle wäre es der wohlbewaffneten Mannschaft jenes Bootes ein Leichtes gewesen, sich unseres Schiffes zu bemächtigen. Die Räuber hätten es, wie sie bei solchen Gelegenheiten zu thun pflegen, rasch erstiegen, die Wache niedergemacht, die Luken und Kajüten verrammelt und uns in ihrer Gewalt gehabt. Was aber alsdann unser Schicksal gewesen wäre, läßt sich mit nur allzugroßer Gewißheit schließen, denn nur selten sind den Piraten (diesem Auswurf der Menschheit!) Schiffe in die Hände gefallen, deren Mannschaft und Passagiere sie nicht gemordet hätten; sey es auch nur in der Absicht, die Schlupfwinkel geheim zu halten, wo sie ihren Raub hinführen. — Welch ein reges Leben sich in jenem kritischen Moment an Bord unseres Schiffes, unter der starken Besatzung und den vielen Passagieren, die sich alle zu bewaffnen eilten, äußerte, kannst Du Dir denken. Alle Welt war glücklicher Weise noch auf dem Verdeck, und die 19 Matrosen und fast eben so viele streitbare Passagiere erschienen nun auf der Seite, welcher das Boot sich nahte, und mochte dasselbe wohl abschrecken, denn es ruderte sofort nach dem, nicht weit entfernten, fremden Fahrzeuge zurück, [S. 28]vielleicht um Verstärkung zu holen. Da aber unser Capitain, den wachsenden Wind benutzend, noch mehr Segel aufziehen ließ, so entgingen wir schnell der Gefahr eines förmlichen Angriffs, dessen Folgen schrecklich für uns hätten werden können. —
Vor einigen Jahren wurden in diesen Gewässern viele Seeräubereien und unerhörte Gräuel verübt. — Den vereinten Bemühungen der englischen und nordamerikanischen Marine gelang es aber damals, die Piraten bis in ihre Räuberhöhlen auf der Südseite von Cuba und der Spitze von Campeche zu verfolgen, und sie so vollständig zu vertilgen, daß man sich wieder der größten Sicherheit erfreute. Es wäre sehr zu beklagen, wenn jene Hyder ihr Haupt aufs neue erheben sollte, und man nur an Bord bewaffneter Fahrzeuge hinlängliche Sicherheit finden könnte![2]
Am 25. December.
Gestern ward uns noch spät am Abend das angenehmste und erfreulichste Christ-Geschenk zu Theil, welches wir in unserer Lage wünschen konnten, nämlich ein frischer Wind aus der rechten Ecke, der uns denn auch in der Nacht ungefähr 10 deutsche Meilen vorwärts brachte, nun aber uns wieder untreu werden zu wollen scheint. —
So eben ruft man Land!! und wir erblicken hoch in den Wolken, den Pic des Orizaba! — Du begreifst, daß man eine 16000 Fuß über die Meeresfläche emporragende Bergspitze [S. 29]aus sehr weiter Ferne sehen kann, und wir würden sie daher auch schon früher erspäht haben, wenn der Horizont heute Morgen nicht etwas bewölkt gewesen wäre; jetzt, am hohen Mittage, sehen wir aber diesen majestätischen Berg, dessen Kuppel mit ewigem Schnee bedeckt ist, in vollem Glanze. Diese im Sonnenschein glimmernde Schneemasse, einer in die hohen Lüfte hingezauberten Pyramide nicht unähnlich, ist doch unter einem so brennenden Himmelsstrich in der That ein wunderbar und erhaben schöner Anblick! Leider wird er uns nur allzulange, fürchte ich, entzücken; denn es ist so eben wieder eine totale Windstille eingetreten.
Am 29. December.
Die Stille dauerte nicht lange. — Gegen Abend erhob sich der Wind und brachte uns der Küste so nahe, daß wir sie deutlich erkennen konnten; und schon hofften wir, noch in derselben Nacht im Hafen von Vera-Cruz die Anker werfen zu können, als uns einer der, in dieser Jahrszeit hier so häufigen, Nordstürme überfiel, und uns nöthigte, das Weite zu suchen! Wir wurden über 30 Meilen weit zurück getrieben, und hatten eine schwere Zeit zu bestehen; der Sturm war der stärkste und gefahrvollste, den wir gehabt haben, und legte sich erst den zweiten Tag.
Nun aber änderte sich auch die Scene; wir hatten zwar des verlornen Weges viel nachzuholen, doch das Wetter war ruhig geworden und der Wind günstig, so daß wir schon gestern Abend den majestätischen Orizaba, gleich einem ersehnten Friedensboten, wieder erblickten, und uns an dessen wunderschöner Beleuchtung bei einem prachtvollen Sonnenuntergang ergötzen konnten. Es war das großartigste Naturgemälde, welches ich je gesehen!
[S. 30]
So eben kommt ein mexicanischer Lootse an Bord. So fern vom Hafen hätte ich mir ihn nicht erwartet; doch freue ich mich dessen nicht wenig; denn nun dürfen wir doch zuversichtlich hoffen, morgen Vera-Cruz zu erreichen.
Am Bord des Esteva, den 31. December 1831, im Hafen von Vera-Cruz.
Diesmal ward unsere Erwartung nicht getäuscht, und es gelang uns gestern endlich, den Hafen zu erreichen, wenn anders eine offene Rhede, auf welcher hier die Schiffe liegen müssen und auf welcher sie allen Gefahren der so häufigen Nordstürme ausgesetzt sind, diese Benennung verdient. Wir haben in der Nähe vom Fort St. Ulloa, der Stadt Vera-Cruz grade gegenüber, Anker geworfen, und sind noch außerdem zu mehrerer Sicherheit an die Mauer-Ringe jener uneinnehmbaren Wasserfeste gekettet, die wir — leider! — so bald noch nicht verlassen sollen; denn, — stelle Dir, wenn Du kannst, meine Enttäuschung vor, — wir müssen hier eine Cholera-Quarantäne abhalten!
Du hast doch wohl von jenem Engländer gehört, der, um nicht den ihn überall verfolgenden Gassenhauer “Marlborough s’en va-t-en guerre” in seinen Ohren gellen zu hören, von Paris bis an das äußerste Ende von Europa reis’te, und als auch dies nichts half, sogar nach Indien flüchtete, aber auch dort bei seiner Landung in Pondicheri die verhaßte Melodie leiern hörte, worauf er sich denn aus Verzweiflung eine Kugel durch den Kopf jagte! — So soll es mir, wie es scheint, (versteht sich mit Ausnahme der tragischen Schlußbegebenheit) mit der Cholera ergehen. Aus Hamburg noch zur rechten Zeit dieser Seuche entflohen, hörte ich am Rhein mehr als genügend davon reden; an den belgischen und [S. 31]französischen Gränzen beschäftigte man sich damit, Cholera-Quarantänen einzurichten, die mich jedoch glücklicher Weise noch nicht trafen; in Paris rechnete man mir den Monat vor, wo die Cholera eintreten würde, und in Bordeaux die Zeit, wo sie anlangen könnte. Ueberall war die Rede von der Cholera und fast nur von ihr! — Gut, dachte ich, dies hat bald ein Ende; Du kommst nun nach einem Lande, wo man wenigstens diese verhaßte Krankheit nicht kennt, und höchstens vom gelben Fieber spricht, welches man aber nicht dahin bringt, sondern sich allenfalls dort holt! Urtheile daher von meinem Erstaunen und Verdruß, als das erste Boot, welches uns hier zur Seite kam, das Sanitätsboot war, um uns anzukündigen, daß “da wir aus Europa kämen, allwo die Cholera herrsche,” wir Quarantaine halten müßten! Der Befehl dazu war erst an diesem Tage aus der Hauptstadt in Vera-Cruz angelangt, und unser Schiff das erste, auf welches die Maßregel angewandt ward. — Ein neuer Beweis, daß niemand seinem Verhängniß entgehen kann!
Nach einer Seereise von etlichen und funfzig Tagen ist ein Verbot zu landen, wie Du begreifen wirst, eben kein angenehmes; was ist aber zu machen? man muß sich bon gré mal gré darein finden, und wir können uns noch glücklich preisen, daß man die Zeit der Quarantäne auf nur wenige Tage beschränken will. Mittlerweile darf denn aber auch Niemand zu uns, und unsere Bekannten und Freunde können sich uns nur in einiger Entfernung in Booten nähern, und so mit uns sprechen; auf diese Weise erfahre ich so eben, daß sich Gelegenheit zum Schreiben nach Europa darbietet, die ich denn natürlich dazu benutzen werde, Dir das bisher Geschriebene einzusenden und meine glückliche Ankunft zu melden. Man will mir heute Abend ein Boot senden, um die [S. 32]Briefe abzuholen, und ich werde dafür sorgen, daß sie alsdann fertig sind.
Das Wetter ist sehr schön, und die Temperatur nicht bloß warm, sondern heiß, jedoch nicht drückend; ich befinde mich dabei sehr wohl und lasse mich durch die Hitze nicht abhalten, meine Beobachtungen auf dem Verdecke zu machen und sie dann in meiner Kajüte für dich niederzuschreiben.
Wir liegen der Stadt so nahe, daß wir die Fenster in den Häusern zählen und das Ganze somit bequem übersehen können. Vera-Cruz nimmt sich, in der glanzvollen Beleuchtung einer tropischen Sonne, recht malerisch aus mit seinen Thürmen, Kirchen und öffentlichen Gebäuden! In der Nähe besehen mögen sie wohl weniger pittoresk erscheinen, doch muß ich hierüber mein Urtheil noch zurückhalten. — Was das Treiben auf der hiesigen Rhede betrifft, so ist dies mit der Thätigkeit eines Hafens, welcher Ausfuhr von Colonial-Producten hat, freilich nicht zu vergleichen, aber doch auch nicht gering zu nennen. Das Hin- und Hersegeln der vielen Boote, zwischen den Schiffen auf der Rhede und dem Landungsplatze (Muelle) an der Stadt, gewährt einen recht belebten und freundlichen Anblick. Bei der nahe gelegenen Insel Sacrificio[3] liegen in diesem Augenblick zwei französische Kriegsschiffe, und hier auf der Rhede sechs französische, ein bremer, ein hamburger und ein amerikanisches Kauffahrteischiff, so wie mehrere mexikanische Küstenfahrer; aber, wie es der Zufall gerade will, kein britisches Schiff irgend einer Art. Auch ist das englische Packetboot, auf welchem S... im October sich in Falmouth einschiffte, noch nicht angekommen; wir haben diesem also den Rang abgelaufen.
[S. 33]
Das interessanteste und neueste Schauspiel für mich ist anjetzt das, täglich zweimal zwischen Vera-Cruz und St. Ulloa dicht an uns vorüberfahrende, große Ruderboot, auf welchem der Festungs-Garnison theils ablösendes Militair, theils der tägliche Bedarf an frischen Lebensmitteln zugeführt wird. Dieses Boot ist mit Menschen von allen Racen angefüllt: mit Creolen, Indianern (wie man die Mexicaner hier nennt), Negern, Mestizen, und wie sie, nach ihren verschiedenen Abstammungen und den Nüancen ihrer Hautfarbe, alle heißen mögen. Der am Ruder stehende Steuermann ist ein Indianer von dunkler Kupferfarbe, und hat, außer einer Binde um die Lenden, keine Bekleidung, ja, trotz der sengenden Sonnenstrahlen, und seiner ergrauten Haare, nicht einmal eine Kopfbedeckung. Die Uebrigen bilden ein seltsames Gemisch von zum Theil nackten, zum Theil nur halbbekleideten Menschen beiderlei Geschlechts und aller Farben, und das Ganze macht auf den, an solche Bilder noch nicht gewöhnten, Europäer einen ganz eigenthümlichen Eindruck. Man fühlt zwar bei der hier herrschenden Hitze, wie die Kleider oft etwas Ueberflüssiges und Lästiges seyn können; aber es bedarf, mit unsern Begriffen, doch einiger Zeit, ehe sich das Auge an den Anblick ganzer Gruppen von nackten Menschen gewöhnt!
Doch nun ist es Zeit, daß ich schließe; das Boot könnte mich sonst überraschen, ehe ich fertig wäre, und ich möchte doch so gerne, daß Du diese Mittheilungen recht bald erhieltest. — Mögen sie Euch Alle so wohl treffen, wie ich mich fühle!
Morgen schlägt die Stunde unserer Erlösung, und wir kommen dann endlich wieder ans Land, und auf festen Grund und Boden!
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Stadt Vera-Cruz, am 3. Januar 1832.
Erst gestern, also grade an meinem Geburtstage (dem 55sten) bin ich ans Land gekommen, und in die Mauern dieser viel besprochenen Stadt eingezogen. Ich würde einen ganzen Tag früher erlös’t worden seyn, wenn nicht abermals einer jener Nordwinde, welche in dieser Jahrszeit hier jedesmal zum Sturme werden, sich erhoben, und das noch kurz vorher so stille und ruhige Wasser in eine so heftige Bewegung versetzt hätte, daß kein Boot auslaufen konnte. Die schäumenden Wellen brachen sich mit Wuth an der Festung St. Ulloa, und der gegenüberliegenden Muelle der Stadt, deren Thore geschlossen werden mußten, um den Andrang des Wassers zu hemmen. Mehrere Schiffe wichen von ihren Ankerplätzen, und uns rettete von ähnlichem Unfall nur der doppelte Schutz der eignen Anker und der starken Ringe an den Mauern der Festung. Höchst merkwürdig ist die schnelle Aenderung der Temperatur, welche diese Nordwinde hier hervorbringen; in weniger als einer Viertelstunde geht alsdann die Luft von der größten Hitze zu einer Kälte über, gegen welche der warme tuchene Mantel (Capa) der besseren Classe, oder die, vom Volke allgemein getragene, wollene Decke (Zerapa), deren auch der ärmste Lépero nicht ermangelt, kaum zu schützen vermag. — Auf dem Wasser ist diese Kälte aber noch empfindlicher als am Lande, und ich habe nie mehr gefroren, als in der letzten Nacht, welche wir auf dem Schiffe zubringen mußten. Diese war überhaupt ganz geeignet, den Wunsch, das Schiff zu verlassen, auf’s Höchste zu steigern; wir litten nicht allein, wie gesagt, viel von Kälte, sondern der Sturm wüthete auch dermaßen, daß unser Fahrzeug beständig auf eine gefahrdrohende Weise hin- und hergeworfen ward; das unaufhörliche Rufen der zahlreichen, auf den nahen Mauern der Festung ausgestellten, Schildwachen, die durch ihr Schreien das Heulen [S. 35]des Sturmes zu überbieten trachteten, vermehrte noch das Grausige jener Nacht.
Wenn aber der Uebergang von Hitze zu Kälte hier schnell ist, so ist es der entgegengesetzte Wechsel der Temperatur nicht minder. So wie sich gestern Morgen der Nordwind legte, trat auch die tropische Sonne wieder in ihre Rechte ein; die Atmosphäre ward brennend heiß, und die Wogen ebneten sich zu einem glatten Wasserspiegel; der Hafen füllte sich allmählig auf’s neue mit geschäftigen Booten, und endlich schlug die Stunde unserer Erlösung. Das Sanitätsboot kam heran und mit ihm der Hafen-Capitain, der die Quarantäne aufhob, die Pässe visirte und uns Erlaubniß zum Landen ertheilte. — Du kannst denken, daß ich das Boot, welches mich abzuholen kam, nicht lange auf mich warten ließ. Es waren nunmehr 60 Tage verflossen, seit wir Bordeaux verlassen hatten, und 54 seitdem wir in See gegangen waren, und ich hatte hieran, für meinen Theil wenigstens, ganz genug. Unsere Ueberfahrt gehörte, was Schnelligkeit betrifft, nur zu den mittelmäßigen, da aber Alles glücklich überstanden war, so durften wir uns immerhin Glück wünschen, es so gut getroffen zu haben, weshalb wir denn auch dem Capitain Beck für die Gewandtheit und Energie, womit er alle Schwierigkeiten überwunden, und für die vielen Aufmerksamkeiten, welche er uns während der Reise bezeigt, und wodurch er sie zu einer so angenehmen für uns gemacht hatte, unsern Dank nicht vorenthalten durften, und ihm denselben beim Abschied schriftlich überreichten.
Daß ich nun hier in Vera-Cruz von meinen Freunden, wie geschehen, auf das zuvorkommendste aufgenommen werden würde, hatte ich erwartet, nicht aber, daß ich das Clima so angenehm finden, und hinter meinem Musquito-Netz so vortrefflich schlafen würde, wie ich vergangene Nacht gethan. Der Januar ist denn aber auch der angenehmste Monat an [S. 36]dieser Küste, und in dieser Jahrszeit ist Vera-Cruz durchaus gesund, was wohl zum Theil den alsdann hier so häufigen Nordstürmen zuzuschreiben ist. Diese reinigen nämlich die Luft von den ungesunden Dünsten, welche sich im Sommer, (hier Regenzeit genannt) sammlen, und dann vereint mit einer oft übermäßig großen Hitze,[4] das gelbe Fieber oder schwarze Erbrechen (vomito prieto) erzeugen, weshalb auch Vera-Cruz, in den Monaten Mai bis October, mit Recht so sehr gefürchtet ist. Diese, den Eingebornen des Hochlandes von Mexico in noch höherem Grade, als den Europäern, gefährliche Seuche, beschränkt sich jedoch nicht auf die Stadt Vera-Cruz allein, sondern äußert ihren Einfluß an der ganzen Küste, und eine gute Strecke aufwärts ins Gebirge, namentlich auf dem Wege nach Mexico hin, bis zu dem 2700 Fuß über der Meeresfläche gelegenen Landgut, Encero, so daß der, auch schon sehr hoch liegende, von schöner kräftiger Vegetation umgebene, und von einem nicht unbedeutenden Waldstrom bespülte Flecken, Puente national, (halben Weges zwischen Vera-Cruz und Jalapa), dem Einfluß des Vomitos in den besagten Monaten ebenfalls unterworfen ist. Der Ursprung dieser verheerenden Krankheit dürfte mithin auch wohl in noch andern Gründen, als der Ausdünstung der Sümpfe, welche Vera-Cruz umgeben, zu suchen seyn. Ich überlasse indessen diesen Punkt den Naturforschern, und beschränke mich darauf, einem Jeden zu rathen, in der ungesunden Jahrszeit, d. h. von Mai bis October, sich nicht weiter küstenabwärts als Jalapa zu wagen, und sich nicht sicher zu glauben, wenn etwa, wie jetzt der Fall, während einiger Jahre die Krankheit sich nur in [S. 37]sehr geringem Grade zeigt; sie pflegt alsdann mit erhöhter Kraft wiederzukehren, und Niemand kann voraussagen, wann dies geschehen wird.[5]
Vor der Hand ist aber durchaus nichts zu befürchten, und Du kannst daher meinetwegen ganz ruhig seyn; ich wenigstens bin es eben so sehr, wie ich es in Europa seyn würde, und werde mithin meine Abreise von hier keineswegs übereilen.
Ich finde die Stadt weit hübscher, und bei dem beständig heitern Himmel und hellen Sonnenschein viel freundlicher, als ich sie mir gedacht. Die Straßen sind breit und winkelrecht, viele Häuser groß, ansehnlich und im Innern schön, bequem und den Erfordernissen des Climas angemessen eingerichtet. — Wir wohnen auf dem sogenannten großen Platz (plaza), und haben das ganz ansehnliche, altertümlich gebaute Stadthaus (Palacio) gerade vor uns und die Hauptkirche (Cathedrale) zur Seite, — welche letztere sich aber weder von außen, noch von innen besonders auszeichnet.
Das, an die Stelle des vor einigen Jahren abgebrannten, neu erbaute Zollhaus (Aduana) ist einfach aber geräumig, und für die allerdings großen Geschäfte dieses Hafens sehr zweckmäßig eingerichtet.
Heute Morgen, früh um 6 Uhr, ging ich auf den mit Früchten, Fischen, Fleisch und sonstigen Lebensbedürfnissen [S. 38]wohl versehenen Markt, und ergötzte mich an dem bunten Gemisch dieser Bewohner heißer Zonen, und an den Farben-Mischungen und Abstufungen von schwarz bis zu schmutzweiß; reinweiße Hautfarbe gibt es hier unter der niedern Classe — (in meinen Augen ein häßlicher Menschenschlag!) — nicht. Das Ganze machte jedoch, der Neuheit wegen, einen ganz gefälligen Eindruck auf mich. — Von der unmittelbaren Umgebung der Stadt ist gar nichts zu sagen; es ist eine Wüste, und so weit das Auge reicht, sieht man von den bekanntlich flachen Dächern der Häuser nur Sandhügel und hie und da eine Gruppe von Tannen-Gebüsch auf der einen, das Meer auf der andern Seite.
Hoffentlich habe ich bald Schöneres in dieser Beziehung zu berichten. Für heute nur noch ein Lebewohl.
Vera-Cruz, den 9. Januar 1832.
Ich bin, wie Du siehst, noch immer hier, und trete erst morgen die Reise nach der Hauptstadt an; ob ich aber überhaupt dahin gelangen werde, ist jetzt sehr zweifelhaft, denn dieses noch vor wenigen Tagen scheinbar so friedliche Land ist mit einemmale in einen revolutionären Zustand versetzt worden! Kaum war mein letzter Brief (vom 3. dieses) an Dich geschlossen, als wir erfuhren, daß noch an demselben Tage eine Revolution gegen die Minister (Alaman und Consorten) ausbrechen werde. Dies geschah denn auch und zwar, wie es hier zu Lande, wo all dergleichen von dem Militair ausgeht, üblich seyn soll, durch ein sogenanntes pronunciamento, eine Protestation, der Truppen.
Das Offizier-Corps der Garnison, Obrist Landero an der Spitze, trat nämlich zusammen und erklärte, Namens der [S. 39]Armee, welche sich als Beschützerin (?!) der Freiheiten der Nation betrachtet: “daß die Minister in mehrern Fällen pflicht- und gesetzwidrig gehandelt hätten, und deshalb von dem, dermalen am Ruder stehenden, Vice-Präsidenten Bustamente entlassen werden müßten! Geschähe dies, so wolle man zum Gehorsam gegen das Gouvernement zurückkehren, — wo nicht, das Begehren mit gewaffneter Hand durchsetzen.”[6] — Die Garnison sandte hierauf eine Deputation an den, in der Nähe von Vera-Cruz auf seinem Landgute (hacienda) wohnenden, General Santa Anna, mit der Bitte, sich an die Spitze dieser Bewegung zu stellen. Derselbe ließ sich willig finden, — (man sagt sogar, das ganze Drama sei vorher mit ihm verabredet gewesen) — und ward nun von einer Abtheilung Dragoner abgeholt, und mit klingendem Spiel, Hurrahrufen und Glockengeläute empfangen. Er nahm Besitz von dem Stadthause, wo, mit den Civil-Autoritäten und der Garnison, die weitern Operationen noch in derselben Nacht verabredet wurden. — Der Commandant der Festung St. Ulloa ist den Beschlüssen der Besatzung dieser Stadt beigetreten, und hat sich unter die Befehle von Santa Anna gestellt. Dies ist wichtig, indem die Stadt von jener Festung gänzlich dominirt wird, und von ihr (so wie Antwerpen von seiner Citadelle) jeden Augenblick in den Grund geschossen werden kann.
[S. 40]
Es ging übrigens hierbei Alles weit ruhiger zu, als bei ähnlichen Gelegenheiten in Europa der Fall zu seyn pflegt. Nur wenige Menschen hatten sich bei dem Einzuge von Santa Anna auf der plaza versammelt, und nach einem etwas schwachen Rufe von: viva Santa Anna y mueren los ministros! — ging jedermann ruhig nach Hause und, zur gewohnten Stunde (in der Regel eine frühere als bei uns), zu Bette. Auch die darauf folgenden Tage blieb Alles im herkömmlichen Gleise, und man bemerkt selbst heute noch die stattgehabte Revolution nur an der verdoppelten Militairwache vor dem Stadthause. Indessen geht dies ganz natürlich zu, da das Volk wenig Theil an der Sache zu nehmen scheint, und das Militair keine weitern Schritte thun will, bis die Antwort des Vice-Präsidenten in Mexico, auf ein vom General Santa Anna an ihn gerichtetes vermittelndes Schreiben, eingetroffen ist. — Mittlerweile mustert der Feldherr die hier befindlichen Truppen, etwa 1000 an der Zahl, und trifft Vorkehrungen für einen kräftigen Widerstand und selbst Angriff, falls die Regierung auf seine Vorschläge nicht eingehen sollte. Die etwas verfallenen Mauern der Stadt will man repariren; zwei neue Forts an den Enden derselben sind in gutem Zustande und bestreichen die Zugänge von der Landseite.
Am 6ten war Feiertag und Hochmesse in der Cathedrale, welcher Santa Anna mit seinem ganzen Stabe beiwohnte. Die Militairmusik war vortrefflich, und das Officier-Corps, — (ein weit zahlreicheres als bei gleicher Truppenzahl in Europa) — nahm sich in den reichen Uniformen sehr gut aus. Beides übertraf meine Erwartung.
Der General ist ein schlank gewachsener schöner Mann von etwa 34 Jahren und von freundlichen, angenehmen Gesichtszügen. Ich ward ihm vorgestellt, und unterhielt mich [S. 41]mit ihm ziemlich lange über die neuesten, ihn wie es schien am meisten interessirenden, politischen Vorfälle in Europa, — die belgische und polnische Revolution nämlich, wobei er nicht ermangelte, Preußen über die bei der letztern beobachtete Neutralität zu becomplimentiren. — Santa Anna’s Manieren und ganzes Wesen haben etwas Mildes und Einnehmendes und bilden einen schneidenden Contrast mit denen des aufbrausenden Obristen Landero, der, wie oben erwähnt, an der Spitze der Revolution steht, und bei der Audienz zugegen war. Santa Anna erbot sich, mir eine Escorte von einigen Dragonern bis Puente nacional mitzugeben, was ich in der gegenwärtigen Lage des Landes, wie Du denken kannst, sehr dankbar annahm.
An jenem Feiertage arrangirten meine Freunde für den Nachmittag eine kleine Partie aufs Land; die meisten derselben waren zu Pferd, und nahmen sich in der eigentümlichen, zwar oft reichen, aber doch auch in einigen Stücken sehr grotesken Tracht der mexicanischen Cavalleros (mit ihren ganz kurzen Jacken, Ueberhosen, die von der Wade abwärts aufgeknöpft sind, schweren rasselnden Sporen, und breitrandigem mit Silbertosseln behangenem Hut) für ein, nicht daran gewöhntes, europäisches Auge, komisch genug aus. Ich fuhr in einer Volanta, einem hier üblichen, niedrigen, zweiräderigen, einspännigen Wägelchen, nach Art der holländischen Gigs, und gelangte in einer Stunde über Sand und Moor, nach einem Punkt, auf dem halben Weg nach Medelin, wo zwar etwas mehr Vegetation ist, als ganz nahe bei Vera-Cruz, der aber dennoch aller und jeder Naturschönheit ermangelt. — Es stand hier früher ein Schloß, in dessen sehr verfallenem Gemäuer gegenwärtig ein temporaires Wirthshaus angelegt ist, wo sich an Sonn- und Festtagen eine, übrigens sehr gemischte, Gesellschaft einfindet, um das hier zu Lande allgemein beliebte Hazardspiel, Monte, zu frequentiren, wobei denn Einige Silber, [S. 42]noch Mehrere aber Gold, und zwar oft große Summen, einsetzen. Etliche Paare aus dem Volk tanzen dann wohl aus einer Plattform im Freien, nach einer einfachen, ja elenden Guitarren-Musik, den beliebten Fandango, worin sie jedoch den Spaniern an Grazie sehr nachstehen sollen, — und ich bemerkte auch in der That sehr wenig von dieser Eigenschaft. — Da es bekanntlich in dieser Zone schon um 6 Uhr Abends dunkel wird, so kehrt man von einer solchen Parthie sehr früh nach der Stadt zurück; ich habe daher nur noch zu erwähnen, daß wir den Abend, im freundlichen Kreise mehrerer Europäer, bei einer Tasse Thee recht angenehm zubrachten.
Gestern ist nun auch endlich das englische October-Packet, und mit ihm S... und sein Sohn, so wie de B.. und Frau, angekommen. Ihre Reise war zwar, gleich der meinigen, ohne Unfall; aber, wie Du siehst, von viel längerer Dauer, und nach dem, was sie mir davon erzählen, in mancher Beziehung minder angenehm. Da S. hier keine Geschäfte hat, und nach seinen Bergwerken eilt, so wird er mich morgen schon nach der Hauptstadt Mexico begleiten, was mir sehr lieb ist, da man hier zu Lande kaum stark und caravanenartig genug reisen kann, um sich gegen Räubereien zu schützen. Tout comme chez nous, — könnte hier ein Altspanier oder Italiener ausrufen! Gottlob, daß wir Deutschen dies nicht können!
Lebe wohl. Bald schreibe ich wieder.
Jalapa, den 12. Januar 1832.
Ich wollte, Du hättest uns sehen können auf unserm Zuge von Vera-Cruz hieher! Es würde Dich höchlich amüsirt haben, denn Aehnliches haben wir — in unserm Theile von Europa wenigstens — nicht anzuweisen. Da Du es aber [S. 43]nun einmal nicht sehen konntest, so will ich versuchen, es Dir zu beschreiben. Höre also.
Wir verließen Vera-Cruz am 10ten, des Morgens nach dem Frühstück, in folgender Ordnung: zwei Dragoner in rother Uniform voraus; dann ich, in einer von Maulthieren getragenen, bedeckten Sänfte (litera) liegend, in leichter Sommerkleidung, mit Strohhut und sonstigem Schutzwehr gegen die Hitze versehen; hierauf, in zwei andern Litera’s, einige der Damen, die mit mir von Bordeaux gekommen waren, und sich, der Escorte wegen, auf dieser Reise unter meinen Schutz begeben zu dürfen baten; alsdann wieder ein Dragoner und mein Bedienter, der sich, nach ächt-französischer Weise, bis an die Zähne bewaffnet hatte und so mehr einem berittenen Gensd’armen als dem Diener eines friedlichen Reisenden glich; hinterdrein kamen fünf oder sechs Maulthiere, welche unser Gepäck trugen, und nebenher ritten die Führer des Zuges zu Pferde, die Thiere, unter beständigem Peitschenknallen und “Mula”-Rufen, bald hier bald dort antreibend. In einiger Entfernung bildete Freund S. mit seinem Sohne in einer Volanta (diesmal ein zweirädriger, mit zwei Pferden bespannter, enger Kasten) den Schluß der Carawane, welche sich am Ende doch noch rascher bewegte, als ich erwartet hatte.
Es giebt der Reisearten von der Küste hinauf mehrere. Erstens, zu Pferde, — die unabhängigste und hier zu Lande am meisten übliche Weise; man ist jedoch dabei natürlich der Sonne sehr exponirt, und hat mithin viel Hitze aufzustehen, was für einen, zum ersten Male in dieses Land kommenden, Europäer immer eine gefährliche Sache ist, und daher besser unterbleibt. — Zweitens, mit der Diligence, welche aber, obschon nach Landessitte mit acht Maulthieren bespannt, auf dieser beständig bergan laufenden Route, nur äußerst langsam fährt, und bei Gelegenheit der kleinen Felsblöcke und tiefen [S. 44]Löcher auf den schlecht, oder richtiger gesagt gar nicht, unterhaltenen Wegen, nicht selten sehr unsanfte Stöße austheilt. Es heißt nun, daß eine nordamerikanische Gesellschaft, welche bereits eine sehr rasch fahrende, bequeme Diligence zwischen Mexico und Jalapa in Gang gebracht hat, ihren Cours bis Vera-Cruz fortsetzen wolle; bis dies aber geschehen und der Weg ausgebessert ist, verzichte ich auf das Vergnügen einer Reise per Diligence von Vera-Cruz nach Jalapa. — Drittens kann man denn auch in einer Litera (Tragsänfte) reisen, welchen Modus, wie Du siehst, ich gewählt hatte. Diese Sänften sind in der Form eines, an den Seiten mit Vorhängen versehenen, oben bedeckten, vierpföstigen, einschläferigen Bettes gebaut, und man kann darin ausgestreckt liegen und schlafen, oder auch sitzen und lesen. Sie werden von zwei, hinten und vorn eingespannten, Maulthieren getragen, die Bewegung ist aber, besonders wenn sich die Thiere dann und wann in einen Trott setzen, keineswegs angenehm. Auch hat man, da die Sänften niedrig hangen, in den oft engen und sandigen Wegen viel von Staub zu leiden. Dessenungeachtet ist diese Reiseart die am wenigsten angreifende, und deshalb dem noch nicht acclimatisirten Fremdling vorzugsweise zu empfehlen.
Von Vera-Cruz führt der Weg eine kurze Strecke dem sandigen Gestade des Meeres entlang, und biegt dann landeinwärts, wo sich nach und nach etwas mehr Vegetation zeigt; doch bleibt es noch öde und wüste bis nach Santa-Fé, dem ersten kleinen Dorfe oder Flecken auf diesem Wege nach Mexico.
Daß die Wohnungen hier alle, nach Art des Südens, leicht und hüttenartig gebaut, ja theilweise (wie z. B. die Küche) nur mit Rohr umzäunt sind, wird Dich nicht überraschen, wohl aber vielleicht, daß ich hier so große Reinlichkeit fand, daß ich mit Vergnügen und Appetit sogar an dem [S. 45]sauber gescheuerten, hölzernen Tisch in der Küche gegessen haben würde, wenn man uns nicht in der Stube ein frugales, jedoch für einen so unbedeutenden Ort ganz ordentliches und genügendes, Mahl vorgesetzt hätte. — Die übrigens schwache Bevölkerung von Santa-Fé ist sehr gemischten Ursprungs, und man sieht hier daher Hautfarben von allen Schattirungen, selbst, wie überall in der Nähe der Küste, mitunter Neger, die aber bekanntlich in der mexicanischen Republik frei sind, d. h. ganz gleiche Rechte mit allen übrigen Bewohnern des Staats genießen, und nicht, wie in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, theils durch Gesetz, theils durch Vorurtheil, zu einer verachteten Menschenklasse herabgewürdigt werden.
Von Santa-Fé bis Puente nacional wird das Land immer schöner und reicher an Vegetation; man findet am Wege viele freundliche Indianerhütten, umgeben von kleinen Gärten und Umzäunungen, reich an Federvieh u. s. w., worunter mir das Hühnergeschlecht als besonders stark, groß und schön auffiel. Das fremdartige Gezwitscher der südlichen Singvögel, auf den Bäumen und in den Büschen längs der Landstraße, war mir ein willkommener Ohrenschmaus, und erweckte die angenehmsten Empfindungen, so daß ich am Abend ganz heiter und wohlgemuth in Puente ankam, wo wir übernachteten.
Dies gilt für einen der schönsten Punkte zwischen Vera-Cruz und Mexico. Der Ort ist sehr romantisch gelegen, von felsigen Hügeln und Wäldern umgeben, und von dem Fluß Antigua bespült, der zwar in dieser Jahrszeit klein ist, in der Regenperiode aber sehr anschwillt, sich hier in eine tiefe Bergschlucht stürzt, und dann, unweit Vera-Cruz, sich ins Meer ergießt. Ueber die Schlucht führt hier eine schöne, breite und lange, steinerne Brücke, welche die alleinige militairische Verbindung zwischen Jalapa und Vera-Cruz bildet, und von einer nicht unbedeutenden, auf einem der benachbarten [S. 46]Berge gelegenen, Veste beherrscht wird. Die Brücke und die von beiden Seiten dahin führenden Steindämme sind Riesenwerke der Spanier aus der frühern Zeit, sehr kunstreich ausgeführt, aber leider durch die Revolution in Verfall gerathen. Santa Anna hat Besitz von diesem Bergpaß genommen; weiter ins Land erstreckt sich aber bis jetzt seine Vorhut nicht, weshalb uns denn auch die Escorte nicht weiter begleitete. — In dem Gasthof zu Puente bereitete man uns ein sehr gutes Nachtessen; wir aßen von englischem Steingut, tranken aus böhmischen Gläsern, und hatten schlesisches Leinen zu Tischtuch und Servietten, so daß Freund S... (der auch vor vier Jahren hier war, wo man solchen Luxus noch nicht kannte, und z. B. nur Ein Glas für den Gebrauch der ganzen Familie im Hause hatte, aus irdenem Geschirr und vom bloßen Tische aß u. dgl. m.) sich nicht genug wundern konnte über die schnellen Fortschritte der verfeinerten Lebensart und Eleganz. Wir schliefen übrigens, al modo del pais, auf unsern Matratzen im Freien, d. h. unter dem Corridor des Hauses, mitten unter den Führern, Treibern u. s. w.
Den nächsten Morgen um 4 Uhr machten wir uns wieder auf den Weg, auf welchem wir noch manche schöne Gegend zu bewundern hatten, und bei freundlichen Indianern (eingebornen Mexicanern) uns bald mit einer Tasse Chocolade, bald mit frischer Milch und Eiern, bald mit den hier zu Land so beliebten frijoles, einer Art Bohnen, erfrischten. — Nach zwölfstündiger Reise erreichten wir das freundliche Städtchen Jalapa, mitten in der üppigsten Vegetation, die man sich denken kann, gelegen, und gleichsam eingefaßt mit Rosensträuchen, Orangenbäumen und dem schönen, aromatischen Liquidambar-Baum. — Fiele in Jalapa nicht so viel Regen, (es liegt nämlich in der ersten Wolkenregion, 4300 Fuß über der Meeresfläche, und hat daher dessen etwas zu viel) — so [S. 47]wäre diese Gegend ein wahres Paradies, denn es herrscht hier ein ewiger Frühling! Das Clima ist weder zu heiß noch zu kalt, und durchaus gesund. Man kennt hier das schwarze Erbrechen nicht, weshalb Jalapa denn auch, während der an der Küste ungesunden Jahreszeit, der Aufenthaltsort der Altspanier war, als diese noch das Monopol des Handels und in Vera-Cruz ihre großen Comptoire hatten, und dort Ankunft und Abgang der Schiffahrt nach Gefallen reguliren konnten. Jetzt hat sich dies alles geändert, Schiffe kommen und gehen zu allen Jahreszeiten, und die Vera-Cruzer Kaufleute (Eingeborne und Europäer) bleiben auch während der Fieberzeit an der Küste. —
Jalapa, eine kleine Stadt von 10,000 Einwohnern, gewährt einen freundlichen Anblick, und hat, da sie an einen Berg angebaut ist, hohe und niedere Straßen, von welchen einige die herrlichste Aussicht in die benachbarten, reich bewachsenen Thäler genießen; auch gewähren die Riesenberge Orizaba und Cofre de Perote einen erhabenen Anblick. Es fehlt aber an dem, was unsere bewunderten Gegenden, z. B. das schöne Wupperthal, den herrlichen Rheingau u. s. w. so reizend macht, an Bevölkerung und dem damit verbundenen Leben. — Von den Dächern des an der Südseite der Stadt hochgelegenen, einer festen Burg nicht unähnlichen, Klosters, San-Francisco, bietet sich dem Auge ein überaus schönes Panorama dar, aber das Gemälde ist todt und zeugt nur von dem Reichthum der vegetabilischen Natur. — Erst wenn dereinst ein liberaleres System in der Republik herrscht und Religionsfreiheit die Einwanderung begünstigt, wird dieser Zustand der Dinge sich ändern und menschliche Betriebsamkeit wird dann diesem bezaubernden Eden die Krone aufsetzen.
Die Häuser in Jalapa sind meist einstöckig, aber recht bequem eingerichtet und häufig mit einem hübschen Gärtchen [S. 48]im Innern des Hofes (patio) versehen; die Zimmer hoch und geräumig, und die Bewohner, so weit ich sie kennen lernte, freundlich und zuvorkommend. In ihren politischen Meinungen sind sie natürlich, bei der jetzigen Crisis, getheilt, Einige für, Andere gegen Santa Anna, der, als Koryphäe der Revolution, der ganzen antiministeriellen Partei seinen Namen leihen muß. — Camacho, der Civil-Gouverneur des Staates von Vera-Cruz, bei dem ich gestern einen Empfehlungsbrief abgab, und der mich sehr höflich empfing, mißbilligt Santa Anna’s Opposition gegen die Regierung, hofft aber die Sache noch friedlich vermitteln zu können. Hier sind jedenfalls noch keine militärischen Maaßregeln genommen worden.
Das Gasthaus, in welchem wir hier eingekehrt sind, Fonda Francesa benannt, ist verhältnismäßig sehr gut zu nennen, und ich bin mit Tisch und Wohnung zufrieden. Wir bereiten uns aber dennoch vor, mit der nordamerikanischen Diligence schon morgen weiter zu reisen; denn, so gut es mir auch hier gefällt, so gestatten mir doch meine Geschäfte keine Zögerung am Wege. — Lebewohl!
P. S. Da ich Dir so viel von Jalapa erzählt habe, so darf ich doch auch nicht unerwähnt lassen, daß das schöne Geschlecht hier seiner Benennung entspricht und einen weit schöneren Teint hat, als in anderen Theilen der Republik, was der hier herrschenden feuchteren Atmosphäre zugeschrieben wird. Der, bei jedesmaligem Ausgehen gebräuchliche, große, schwarze Schleier (Mantilla) kleidet die Damen recht anmuthig; ihr sonstiger Anzug weicht wenig von der französischen Tracht ab.
[S. 49]
Puebla, genannt la Puebla de los Angelos,[7] den 15. Januar 1832.
So wären wir denn nun auch so weit ohne Unfall gekommen, und hätten den berüchtigten Räuberpaß, den Pinal, glücklich passirt! Doch ich darf der versprochenen, ordnungsmäßigen Erzählung nicht vorgreifen, und fange deshalb damit an zu berichten, daß wir, unserm Vorsatz getreu, Jalapa am 13ten, früh Morgens um 6 Uhr, in der sogenannten nordamerikanischen Diligence verließen. Dieser, ganz im europäischen Styl zu Neu-York erbaute, in Federn hängende und mit vier Pferden bespannte Wagen, nimmt sich recht gut aus, ist aber für die festgesetzte Passagierzahl von sechs Personen etwas zu enge. Die Kutscher sind Nordamerikaner, und fahren nach der Sitte ihres Landes vom Bock herab, und zwar bergauf bergunter, über Stock und Stein in vollem Gallopp, dergestalt, daß, da die mexicanischen Pferde oft noch gar nicht eingefahren und mithin sehr schwer zu bändigen sind, die Reise in der That nicht ohne Gefahr ist, und, ob des ungeheuren Stoßens und Rüttelns auf den schlechten Wegen, jedenfalls nicht ohne Beschwerde. — Man reiset indessen auf diese Weise weit schneller als auf jede andere, und legt den Weg hierher in zwei bequemen Tagereisen zurück, während man früher oft drei bis vier darauf verwenden mußte.
Von Jalapa bis Perote steigt die Gegend noch um mehr als 3000 Fuß. Der erste Theil des Weges führt über einen gut erhaltenen, großartig angelegten Steindamm aus der spanischen [S. 50]Zeit; links ist derselbe durch dichte Waldungen begränzt, rechts bieten sich dem Auge viele reizende Aussichten dar, theils in nahgelegene, tiefe, reich bewachsene Bergschluchten hinab, theils nach dem, hier und da in großer Ferne sichtbar werdenden, Meere hin. Die angränzenden Felder sind mit verwitterten Lavablöcken, von oft ungeheurer Größe, und Lavaschlacken besäet, und der ganze Boden zeugt von früheren vulkanischen Eruptionen, die aber so sehr der grauen Vorzeit angehören, daß auch nicht einmal mehr eine Sage davon sich im Munde des Volkes erhalten hat.
In einer Entfernung von drei bis vier Meilen von Jalapa, namentlich in der Nähe des noch höher als Perote gelegenen Dorfes Las Vigas, ändert sich die Scene; die üppige Vegetation des Südens ist verschwunden und die Gegend nimmt einen rauhen und nördlichen Charakter an! Die Menschen tragen wärmere Bekleidung und ihre Wohnungen sind nicht mehr die aus Bambus und Bannana-Blättern erbauten Hütten, sondern ähnlich den norwegischen Häusern, aus Balken zusammengefügt und mit Holz gedeckt. Man sagt Las Vigas (Balken) sei der kälteste Punkt auf der ganzen Route, und es zeige sich daselbst oft Reif, Schnee und Eis. Der Eindruck, den die ganze Umgebung auf mich machte, entsprach dieser Aussage vollkommen.
In Las Vigas sah ich mehrere Weiber und Kinder beschäftigt, Baumwolle mit der Hand zu spinnen; in dem benachbarten Gebirge sollen viele Weber wohnen, welche dieses Garn zu Stoffen verarbeiten, die von den Landleuten getragen werden.
Mehrere 100 Fuß tiefer, immer aber noch mehr als 7000 Fuß über der Meeresfläche, liegt Perote, am Fuß des Berges Cofre, — so genannt, weil seine Krone aus einer Felsenmasse besteht, welche dem Auge, nach allen Seiten hin, [S. 51]die Form eines großen Kastens darbietet. Dieser Berg ist einer der bedeutenderen Mexicos und nach Humboldt 4089 Metres hoch.
Nahe bei dem Flecken Perote liegt die Festung gleiches Namens, auf welche sich die Mexicaner etwas zu Gute thun. Da ich das Innere derselben nicht gesehen habe, so konnte ich keinen Vergleich mit dem anstellen, was wir in der Art in Europa haben, und mußte es ihren Versicherungen schon glauben, daß es ein fast uneinnehmbarer Platz sei! — Perote selbst ist ein unbedeutender Ort von nur wenig tausend Einwohnern. Wir nahmen daselbst ein Frühstück ein von Chocolade, Frijoles und Eiern, und fuhren sodann weiter. Hier fängt nun eine, auf viele Meilen hin sich erstreckende, Hochebene an, von der nicht viel Rühmliches zu sagen ist; man nennt sie an Ort und Stelle selbst el mal pais, (das schlechte Land,) und ich will ihr die Ansprüche an diesen Titel nicht streitig machen. Das einzige Merkwürdige, was sich uns auf diesem Wege nach Tepeyaqualco, dem Ziele der Tagereise, darbot, waren jene vielbesprochenen Lufterscheinungen, welche den ganz nahen Feldern so täuschend den Anschein einer Wasserfläche geben, daß Manche darin sogar die Abbildung von Bergen, Wäldern, Städten, Schiffen u. s. w., wovon keine Spur in der Nähe vorhanden war, bemerkt haben wollen. Dies letztere habe ich nun zwar nicht gesehen, wohl aber auf das allerbestimmteste nahe gelegene Seen zu erblicken gewähnt, die bei der Annäherung wieder verschwanden, und sich in das was sie in Wahrheit waren, in dürre Haiden nämlich, verwandelten.
In Tepeyaqualco fanden wir besseres Nachtquartier, als wir erwartet hatten; zwar Zimmer ohne Fenster, und also Luft und Licht nur mittelst der Thüre, aber gute Matratzen und reine Leinentücher. Abends erhielten wir ein Huhn [S. 52]in Reis gekocht, und Morgens vor der sehr frühen Abfahrt eine Tasse Chocolade, die übrigens in Mexico, selbst in dem ärmlichsten meson (Wirthshaus), stets ziemlich gut zu haben ist. Auch hier, wo man z. B. früher, wenn man nicht auf der Erde schlafen wollte, sein eigenes Bett mitbringen mußte, bemerkte Freund S..., daß in den letzten Jahren ungemeine Fortschritte in allen Reisebequemlichkeiten gemacht worden wären, was man denn wohl hauptsächlich den Unternehmern der nordamerikanischen Diligence zu verdanken hat, welche dafür sorgen, daß überall auf ihren Stationen gute Nachtquartiere in Bereitschaft gehalten werden.
Von Tepeyaqualco (wo wir früh Morgens um 4 Uhr ausfuhren) kommt man zuerst nach Ojo de Agua, woselbst — wie der Name schon andeutet — eine starke Quelle ist, die heißes Wasser aussprudelt, was jedoch hier blos zum Waschen von Leinenzeug u. s. w. benutzt wird, während in bevölkerten Ländern wohl gewiß schon längst ein Badeort um diese Quelle herum angelegt worden wäre. —
Bald darauf erreichten wir Nopaluca, das schönste und größte Dorf, das wir bis jetzt angetroffen hatten. Es hat viele gute Häuser und eine schöne Kirche, ist recht lebendig, liegt in einer fruchtbaren Gegend und hat einen südlicheren Zuschnitt, als alles, was wir zuletzt gesehen. Hier begegneten wir der Vorhut der Truppen, welche das Gouvernement gegen Vera-Cruz marschieren läßt, und erfuhren so zuerst auf die unzweideutigste Weise, daß der Präsident Bustamante keinesweges gesonnen sei, die Minister abzudanken, sondern vielmehr entschlossen, die Santa Anna’sehe Revolution mit Gewalt zu unterdrücken.
Diesem Truppenmarsch hatten wir es wohl zum Theil zu danken, daß wir an dem einige Meilen von hier gelegenen, wegen der vielen Straßenräubereien sehr berüchtigten Hohlwege [S. 53]Pinal, glücklich und ohne angehalten zu werden, vorbei gekommen sind. Jedermann, der diese Gegenden bereis’t, ist daselbst auf einen Angriff gefaßt, und freut sich, wenn er ihm entgeht, und in der That, man kann es auch, denn der besagte Punkt bietet den Räubern allen Schutz und sichern Hinterhalt, und ist daher sehr anlockend für die hombres de bien, (Biedermänner, — wie man sie scherzweise nennt) welche dieses ehrenhafte Handwerk treiben. Wenn diese caballeros keinen Widerstand finden, sollen sie sich ganz manierlich bei ihrem Geschäft benehmen, mit dem Eigenthum sich begnügen und den Personen weiter kein Leides zufügen. Den geistlichen Herren lassen sie sogar auch oft ihre Habe, und bitten um Entschuldigung, sie incommodirt zu haben. Kommt es jedoch zu einem Gefecht, und die Räuber behalten die Oberhand, so ist natürlich nicht allein das Eigenthum, sondern auch das Leben in Gefahr, und man hat in solchen Fällen häufig arge Gräuelscenen erlebt. — Während des Marsches regulairer Truppen sind die Wege am sichersten; das Militair ersetzt dann eine Gensd’armerie, die hier zu Lande sehr noth thut.
Der nun folgende Flecken Amazoque ist sehr schön, groß und freundlich, in einer fruchtbaren Ebene gelegen, umgeben von ausgedehnten Maquay-Pflanzungen, von deren interessanter Behandlung bei der Gewinnung des einträglichen Products Pulque ich Dir Näheres sagen will, wenn ich selbst mehr darüber vernommen haben werde; für jetzt nur so viel, daß Maquay die hiesige Provinzialbenennung für die bekannte Garten-Aloë (Agave americana) und Pulque ein geistiges Getränk ist, das aus dieser Pflanze bereitet und von den Einwohnern allgemein genossen wird.
In Amazoque trafen wir das Hauptquartier des Kriegsministers Facio, der mit 1000 Mann gutberittener Cavallerie zu dem General en Chef der Armee, Calderon, stoßen und die [S. 54]Operationen der Belagerung von Vera-Cruz, von Jalapa aus, leiten helfen wird. Man scheint mithin Ernst machen zu wollen.
Der letzte Theil des Weges führte uns nun durch ein offenes, aber freundliches und stellenweise sehr fruchtbares Land, und noch vor Sonnenuntergang sahen wir das schöne Puebla, mit seiner hohen Cathedrale, vielen Kirchen und anderen, großen und kleinen, steinernen Gebäuden vor uns liegen. Es war ein imposanter Anblick; denn diese volkreiche Stadt von 60 bis 70,000 Einwohnern breitet sich über ein bedeutendes Terrain aus, hat ein großartiges Aeußeres und ist reich an freundlichen Spaziergängen, sowohl in der Nähe der Stadt, als nach dem benachbarten Calvario-Berge hin, auf welchem ein dem heiligen Johannes geweihtes Kloster erbaut ist, das sich von der Seite her, von welcher wir kamen, besonders in der Beleuchtung der gerade untergehenden Sonne, sehr schön ausnahm.
Nachdem wir an der, leider in keiner größeren Stadt dieser Republik fehlenden, Garita, Zollstätte, die Untersuchung unserer Effecten überstanden und unsere Pässe vorgezeigt hatten, gelangten wir endlich wohlbehalten an das Büreau der Diligence, und fanden daselbst in der fonda francesa ein recht gutes Quartier. Wir erfrischten uns mit einem, auf europäische Weise, schmackhaft bereiteten Mahl, und besahen uns die Stadt noch ein wenig am Abend. Das Innere derselben entsprach dem Aeußern, und die gut erleuchteten Straßen, so wie die große plaza vor der Cathedrale, machten auf uns den gewöhnlichen, befriedigenden Eindruck einer großen Stadt, den das Wiederbesehen am heutigen Tage keinesweges verwischte oder schwächte. Denn Puebla ist wirklich schön zu nennen; die Straßen sind alle rechtwinkelig nach der Schnur gebaut, breit und reich an schönen Häusern. Die auf einem [S. 55]großen Platze stehende Cathedrale ist ein prachtvolles Gebäude und mit Gold- und Silberverzierungen wahrhaft überladen, — nicht so mit Gemälden, deren ich meistens nur mittelmäßige, darunter einige von Morillo, sah. Die Kirche soll sehr reich seyn und stets einen baaren Schatz von vielen Millionen Piastern besitzen, was natürlich der Geistlichkeit nicht nur viel Ansehen, sondern auch großen Einfluß verleiht, welchen sie denn auch hier, wie man sagt, in höherm Grade als irgend anderswo in der Republik geltend macht.
Auch das Theater besahen wir noch gestern Abend einen Augenblick; es ist höchst mittelmäßig und scheint nicht sehr besucht zu werden. Dagegen desto mehr die geistlichen Darstellungen auf der Bühne, von denen es mir stets ein Räthsel war, daß sie gerade in katholischen Ländern stattfinden, da doch bei denselben die geistlichen Herren keinesweges mit Achtung behandelt, oder auch nur geschont werden. Ob man dadurch die übermäßige Verehrung, welche der gemeine Mann dem Priester zollt, etwas herabstimmen will, oder ob sich der geistliche Stand so hoch gestellt glaubt, daß er das Lächerliche nicht zu fürchten habe, weiß ich nicht, daß er aber in diesen Vorstellungen lächerlich gemacht wird, ist gewiß.
Freund S... und ich hatten in Jalapa Empfehlungsbriefe an Don M. A., Präsidenten des Conseils von Puebla, erhalten, und machten ihm heute nach der Messe (es ist Sonntag) unsern Besuch. Der Herr Präsident, der ein sehr schönes und äußerst elegant möblirtes Haus bewohnt, empfing uns zwar mit spanischer Grandeza, aber doch sehr höflich und lud uns zu Tische, was wir jedoch ablehnten. Aus seiner Unterhaltung und den Aeußerungen seiner Umgebung, die außer der Familie aus mehrern Priestern und Hausfreunden bestand, ging deutlich hervor, daß man in Puebla nicht allein die Vera-Cruzer Revolution, sondern auch die früher [S. 56]vom Congresse selbst decretirte Landesverweisung der Altspanier mißbilligte, und diese letzteren zurückwünschte. Auf Santa Anna waren daher besonders die geistlichen Herren nicht gut zu sprechen, und prophezeiten seinen nahen Untergang. Die Damen nahmen an der Unterhaltung, in diesem Sinne, Theil, waren übrigens sehr artig und präsentirten uns Papiercigarren, deren sie selbst sich gleichfalls bedienten. Das Tabackrauchen von Damen sah ich hier zum erstenmal in guter Gesellschaft, und es frappirte mich in der That nicht wenig, als die elegant gekleidete Frau vom Hause ein goldenes Büchschen aus dem Busen nahm, mir eine Papiercigarre anbot, und als ich sie ausschlug, sich ganz ruhig die ihrige anzündete, und, wie es schien, auch gut schmecken ließ.
Ein anderer, von dem unsrigen abweichender, freilich geringfügiger, Gebrauch ist die Stellung der Stühle in den Empfangs- und Gesellschaftszimmern. Sie stehen alle an der Wand, die Stuhl an Stuhl besetzt ist, und werden nicht wie bei uns herangezogen, um die Unterhaltung vertraulicher zu machen, sondern ein Jeder setzt sich dahin, wo der Stuhl steht, mithin an die Wand, wodurch denn die Sprecher oft sehr weit aus einander kommen, und die Conversation schwerfällig gemacht wird. Vielleicht ist es in der Hauptstadt damit anders; hier aber fand ich es, so wie ich es eben beschrieben.
Fremde, wenn es nicht Altspanier sind, die von den Pueblanern gar nicht als Ausländer betrachtet werden, sind hier nicht beliebt, ja sogar als Ketzer gehaßt, und werden häufig von dem, von oben herab dazu aufgeregten, Pöbel, den lépero’s, deren Puebla eine große Menge besitzt, insultirt, weshalb man denn auch in keiner großen Stadt der Republik so wenige nichtspanische Europäer sieht, als hier. — Man versichert mir, es seyen deren hier nur zwei ansäßig, die [S. 57]zwar gute Geschäfte machen, aber sich keinesweges ruhig und behaglich fühlen sollen.
Vor einer Stunde, am Abend, ward hier unter großem Lärm ein Extra-Zeitungsblatt ausgeschrien, mit der Nachricht, daß der General Santa Anna, von seinen zu ihrer Pflicht zurückgekehrten Truppen ergriffen, vor ein Kriegsgericht gestellt und erschossen worden sei! Wir, die wir Vera-Cruz erst vor wenigen Tagen verlassen haben, wissen, daß kein wahres Wort daran ist. — Dies wissen auch noch viele Andere, aber das thut nichts; der große Haufe glaubt daran, und das genügt der Gegenparthei! — Tout comme chez nous! —
Doch genug von Puebla. Morgen reisen wir weiter und zwar abermals per Diligence, deren zwischen hier und Mexico eine für 9 Personen täglich fährt, und sich täglich füllt. So sehr vermehrt diese bequeme Reise-Gelegenheit das Reisen selbst. Noch vor wenig Jahren brauchte man von hier auf Mexico zwei Tage zu Pferde, jetzt fährt man des Morgens um 6 Uhr von der einen Stadt ab, und kömmt bei guter Zeit am Abend in der andern an. Wem verdankt das Land aber solche Verbesserungen anders, als den Fremden? Und doch haßt man sie in Puebla! Aehnliches hat man indessen auch wohl bei uns erlebt. Adios!
Mexico, den 21. Januar 1832.
Also auch von hier aus soll ich Dir schreiben! Von wie vielen Punkten aus habe ich es nicht schon im Leben gethan? und von wo aus wird es noch ferner geschehen? — Der Himmel allein weiß es! Ich würde Dir übrigens meine endliche, glückliche Ankunft an diesem ersten und Haupt-Ziele meiner großen Reise schon vor mehreren Tagen haben anzeigen können, wenn die Post früher als heute expedirt worden wäre, [S. 58]denn wir legten den Weg von Puebla hieher in einem Tage zurück und kamen somit schon am 16ten des Abends hier an. Bis nach dem freundlichen Flecken San Martin führt die Straße durch eine überaus fruchtbare, schön und reich angebaute Gegend, wahrhaft einladend zum “Hüttenbauen.” — Die reichen Kornfelder, die grünen Wiesen mit ihren zahlreichen Heerden und die ausgedehnten Wirthschafts-Gebäude auf den großen Landgütern, welchen wir vorbeifuhren, geben dem Ganzen ein so europäisches Ansehen, daß wir in heimathlichen Gefilden zu seyn gewähnt haben würden, wenn uns nicht das schöne warme — ja heiße Wetter (in dieser Jahrszeit doch nur hier zu finden) enttäuscht hätte.
Auf ungefähr halbem Wege von Puebla nach San Martin ist ein Punkt, vielleicht der einzige im ganzen Lande, auf welchem man die drei berühmten Vulcane Mexico’s mit ihren ewigen Schneekuppeln, den Orizaba, den Iztaccihuatl und den Popocatepetl, am Horizont zugleich sieht, was, wie Du denken kannst, einen eigenthümlichen, ja erhabenen Anblick gewährt; man verliert sie jedoch bald wieder aus dem Gesichte und behält späterhin, auf der Hochebene von Mexico, nur noch die beiden letztern im Auge.
In San Martin, wo wir in einem äußerst reinlichen Wirthshause die Chocolade einnahmen, begegneten wir dem dritten Regiment Infanterie auf seinem Marsch gegen Vera-Cruz; ich kann nicht sagen, daß ich von dessen militairischer Haltung sehr erbaut gewesen wäre; indessen ich will nicht voreilig urtheilen, und von dem theilweisen Mangel an Schuhen, Jacken u. dgl. m. nicht auf einen Mangel an Courage schließen! — Die Leute schienen bereits viel von der Hitze gelitten zu haben, wie wird dies aber erst werden, wenn sie an die Küste kommen? —
[S. 59]
Der weitere Weg nach Mexico ging nun über ein hohes Gebirge, dessen höchster Punkt Rio frio ist, so genannt von einem klaren, in rasch wogenden Wellen vorbeifließenden Waldstrome; es ist davon jedoch weiter nichts zu sagen, als daß es hier, wie bei einer Höhe von 8000 Fuß über der Meeresfläche zu erwarten steht, sehr kalt ist, daß man daselbst in einem schlechten Wirthshause einkehrt, und nicht weit davon oft von Räubern angefallen werden soll. —
Der Berg ist mit starken Waldungen bedeckt, die auf der Seite nach Mexico hin nach und nach verschwinden und so dem Auge einen schönen Blick in das Thal von Mexico eröffnen, wenn anders einer, zwar von hohen Bergen rings umgebenen, aber nach Länge und Breite so ausgedehnten Ebene, daß sie Städte, Flecken, Dörfer und Seen in sich faßt, die Benennung “Thal” gegeben werden soll. Ich kann nicht sagen, daß ich von der Aussicht in diese Ebene, von oben herab, so entzückt gewesen wäre, wie manche Andere. Die Gegenstände sind dem Auge zu sehr entrückt, um irgend eine andere Naturschönheit bewundern zu können, als die der oft riesigen Berge, die man in den mannigfaltigsten Formen nach allen Seiten hin, theils nahe, theils in großer Ferne, erblickt. Dieses geologische Panorama nimmt sich aber nach meinem Geschmack schöner unten im Thale als oben auf dem Berge aus; — eigenthümlich jedoch von beiden Standpunkten.
In die Ebene selbst kamen wir erst bei Sonnen-Untergang, indem wir einen Aufenthalt in dem Gebirge hatten, der sehr unangenehm für uns hätte werden können. — Als wir nämlich ausstiegen, um einen Theil des steilen Abhanges zu Fuße zu gehen, gewahrten wir, daß der hinten an der Diligence befestigte Bagage-Korb nicht mehr vorhanden war! Du kannst Dir unsern Schrecken denken, — denn man hat auf einer solchen Reise in den Koffern nicht bloß Kleidungsstücke, [S. 60]die sich allenfalls ersetzen ließen, sondern — was wichtiger und nicht zu ersetzen ist — seine Papiere! Die Frage war nun, ist der Korb geraubt, oder durch einen der schon gerügten, sanften Stöße abgesprungen und auf dem Wege liegen geblieben? — Glücklicherweise war letzteres der Fall, und nachdem wir etwa eine Meile zurückgefahren waren, sahen wir die ganze Bagage auf der Landstraße liegen, und einige Indianer eben im Begriff, sich mit dem Inhalt derselben bekannt zu machen. Wir ersparten ihnen diese Mühe, der Korb ward auf’s Neue befestigt, wir fuhren weiter — und erreichten, wie gesagt, die Ebene bei Sonnen-Untergang, — aber dennoch früh genug, um uns an dem Anblick einiger schönen, großen indianischen Dörfer, und an den hohen Cactus-Wänden, womit ihre freundlichen Hütten umgeben und ihre Straßen abgesteckt sind, zu erfreuen! Bei dem hier statthabenden Pferde-Wechsel boten uns die Einwohner von allen Seiten Blumen, Orangen und sonstige Früchte des Südens zum Verkauf an, und schienen froh und guter Dinge. —
Ueber den großen Steindamm, der von hier nach der Stadt Mexico führt, und die beiden Seen, den salzwasserigten zur Rechten, und den süßwasserigten zur Linken, von einander trennt, fuhren wir beim schönsten Mondenschein, wurden unweit der Garita von unserm Friedrich und einigen seiner Freunde zu Pferde eingeholt, und kamen — so — gegen 8 Uhr Abends, gesund und wohlbehalten, in die große Föderativstadt der noch größeren Republik Mexico!
Du weißt mich nun hier, — bei dem eigenen Sohne und in dem gleichsam eigenen Hause, und bist für heute mit dieser Mittheilung ja wohl zufrieden.
[S. 61]
Mexico, den 23. Januar 1832.
Du wirst nun auch wohl etwas Ausführliches über diese große, in Europa so gerühmte Stadt und meinen Aufenthalt in derselben, von mir hören wollen? Wohlan! ich gehorche und berichte wie folgt: Wenn mir die Stadt bei unserer neulichen, nächtlichen Einfahrt durch die langen, mit Laternen erleuchteten Straßen, schon als eine sehr große erschien, so hat sich mir seitdem, am Tage, dieser Eindruck vollkommen bestätigt und man kann, in vieler Hinsicht, Mexico nicht anders als großartig nennen; man würde “schön” hinzufügen müssen, wenn etwas mehr Sorgfalt auf das Aeußere der, mitunter sehr großen, Häuser und Gebäude verwandt würde; — aber man sieht diesen nur allzusehr den Verfall, oder doch die Vernachlässigung an, welche stets die Folgen bürgerlicher Unruhen in einem Lande sind. Nur Friede und der Glaube — die Ueberzeugung — des ruhigen, gesicherten Besitzthums kann die Wohlhabenden veranlassen, auch dem Aeußeren ihrer Wohnungen den Stempel des Reichthums aufzudrücken! — Diese Ueberzeugung mangelt aber leider jetzt in diesem schönen Lande gänzlich, und es geschieht daher in der Art kaum das Nothwendigste; selbst nicht einmal an dem National-Pallast, (dem jetzigen Regierungs-Local) und andern öffentlichen Gebäuden. — Da Mexico 160- bis 180,000 Einwohner zählt und dabei keineswegs übervölkert erscheint, indem in den vorhandenen Gebäuden wohl Raum für mehr als 200,000 zu finden wäre, so begreift man, daß es einen großen Flächenraum einnimmt. Die Straßen sind breit, in graden Linien gezogen und mitunter sehr lang, denn einige derselben durchschneiden die ganze Stadt. Am Ende einer jeden Straße sieht man übrigens hohe Berge, die, wie bereits gesagt, die ganze Ebene ringsum einschließen, und, wegen der hier so sehr dünnen Atmosphäre, dem Auge weit näher erscheinen, als sie wirklich [S. 62]sind. Die Luft ist hier so hell und rein, daß man, in bedeutender Entfernung, auf sehr hohen Bergen die einzelnen Baumstämme mit dem nackten Auge deutlich erkennen kann.
Die meisten Häuser haben nur zwei Stockwerke, d. h. eins auf gleicher Erde und eins darüber, viele jedoch außerdem noch einen Zwischenstock (entresuelo) so daß sie in der Regel keinesweges von niedrigem Ansehen sind; ja es mangelt auch nicht an drei- und selbst vierstöckigen Gebäuden und mitunter findet man sogar große Palläste, die früheren Wohnungen des hohen Adels. Unter diesen verdienen besonders genannt zu werden: erstens das Haus, welches zuletzt der ephemere Kaiser Iturbide bewohnte, sodann die großartig angelegte, noch immer im Bau begriffene Minaria, ferner der National-Pallast (ehemalige Wohnung der Vice-Könige), die Münze, das Museum oder Universitätsgebäude, und — unter den Klöstern und Kirchen, deren es hier in Menge giebt, vor allem die große, ausnehmend schöne Cathedrale!
Diese an der einen Seite, der National-Pallast an der andern,
und zwei Reihen hoher, mit Colonaden versehener Häuser an den
beiden übrigen Seiten, bilden ein Viereck, wie ich kein größeres
in irgend einer Stadt von Europa gesehen habe, und dieser Platz,
wo bei großen Feierlichkeiten die militairischen Revüen, wie auch
geistliche Processionen u. dgl. m. gehalten werden, würde in der
That ungemein groß seyn, wenn ihm nicht an einer Seite, durch
eine Reihe von Kaufmanns-Buden, welche der Parian genannt sind,
und durch die vor einigen Jahren stattgehabte Plünderung derselben
eine traurige Celebrität erlangt haben, ein beträchtliches Stück
abgewonnen wäre. — Die Cathedrale ist zwar im Innern bei weitem
nicht so reich ausgeschmückt, wie jene von Puebla, aber dennoch schön
und viel größer als jene; von Außen ist das Gebäude imponirend,
symetrisch und zum Theil im gothischen [S. 63]Styl ausgeführt, namentlich
die an der linken Seite unter Cortes selbst erbaute Capelle; an der
entgegengesetzten Seite ist der etwa 10 Fuß im
große Stein mit dem
berühmten altmexicanischen, hieroglyphischen, von den Europäern aber
nicht entzifferten, Sonnen-Kreis eingemauert. — Die Cathedrale,
so wie sie ist, muß man schön nennen. Dies kann man aber von dem
erstgenannten National-Pallast nicht sagen! Dieser ist zwar lang —
(er nimmt die ganze eine Seite des Vierecks ein) aber nur zwei Stock
hoch, mit einem entresuelo, oder einer Mansarde. Das
Gebäude imponirt deshalb nicht genug, und ich wundere mich in der
That, daß die vormaligen Vice-Könige Spaniens sich keine prachtvollere
Residenzen erbaut haben, da es ihnen doch an Vorbildern dazu — in
der Stadt Mexico selbst nicht mangelte und noch weniger an dem dazu
erforderlichen Gelde. — Den linken Flügel des Pallastes, dessen Salons
geräumig, und wenn auch einfach, doch ganz geschmackvoll meublirt sind,
bewohnt jetzt der Präsident der Republik.
Der übrige Raum ist durch die verschiedenen Bureaus aller Administrationszweige occupirt, und der Präsident hat es in dieser Hinsicht ganz bequem, denn während der Geschäftsstunden sind ihm die Herren Minister immer zur Hand, was er denn auch, wie man sagt, benutzt, indem er sie häufig zu sich berufen läßt. Auch die Säle für die Deputirten-Kammer und den Senat sind durch einen Anbau in den Höfen des Pallastes so angebracht, daß der Präsident aus seinen Zimmern über die Hof-Gallerie dahin gehen kann. Sie zeichnen sich durch Zweckmäßigkeit und Eleganz aus. — Das Local des Senats ist zwar etwas klein, aber jenes für die Deputirten läßt in der That nichts zu wünschen übrig. Der Saal ist groß, geräumig, hell und so hoch, daß ringsum zwei Reihen Gallerien für die Zuhörer angebracht werden konnten. (Die [S. 64]Sitzungen werden hier öffentlich gehalten, und nur bei geheimen Beratungen geschlossen). Die Bänke sind amphitheatralisch gestellt und haben Raum für mehrere Hunderte. Dem diplomatischen Corps ist eine eigene Loge eingerichtet. Die Sitze der Deputirten gehen in einem Halbzirkel um den Thron herum, unter dessen Baldachin zwei gepolsterte Armstühle stehen, wovon, bei Eröffnung und Schließung des Congresses, der zur Rechten von dem Präsidenten der Kammer, der zur Linken von dem Präsidenten der Republik eingenommen wird. In den gewöhnlichen Sitzungen nimmt der Präsident der Kammer seinen Platz neben den Secretairen, an der, vor dem Throne stehenden, großen Tafel. Die Fußböden sind mit Teppichen belegt und die ganze Decoration ist geschmackvoll. An beiden Seiten des Saales sind Zimmer angebracht, in welchen sich die Deputirten, unter sich oder mit Andern, die sie etwa herausrufen lassen, besprechen können.
Wenn ich nun dieser etwas weitläufigen Beschreibung des Pallastes noch hinzufüge, daß die Parthie gleicher Erde in Hauptwachen, Magazine für Pulver und Kriegsvorräthe und in Gefängnisse vertheilt, und daß über dem Haupt-Eingange in der Mitte ein Thürmchen angebracht ist, auf welchem die National-Flagge (grün, roth und weiß mit dem Adler im weißen Felde) weht; so habe ich in der That alles gesagt, was darüber zu sagen ist und hoffe, Du wirst Dir ein ziemlich richtiges Bild davon machen können. — Die Münze, das Museum und einige andere öffentliche Gebäude habe ich noch nicht besucht und berichte darüber ein andermal.
Die Beschreibung meiner eigenen Wohnung interessirt Dich ja wohl ohnehin mehr, als alle andern und ich gehe daher zu dieser über.
Die Mehrzahl der gewöhnlichen Häuser und namentlich das, welches wir bewohnen, haben einen viereckten Hofraum [S. 65](Patio) in der Mitte, in welchem auch die Stallung für die Pferde angebracht ist. — Der untere Theil des Hauses ist, in der Regel, Geschäfts-Local, Waaren-Magazin u. s. w. Keller hat man hier nicht, da der Boden, auf welchem Mexico steht, einem der früher hier gewesenen Seen abgewonnen ist und da, in der Regenzeit, das Wasser von unten herauf bis an die Fußböden der Magazine steigt. — Die Wohnung ist im zweiten Stock. Die Zimmer sind luftig, freundlich, oft groß und schön; die Fenster reichen bis zum steinernen Fußboden herab und öffnen sich häufig auf einen Balcon nach der Straße hin; über dem Patio, ringsum, läuft eine Gallerie, die nach den Zimmern führt und gewöhnlich mit schönen Cactus-Pflanzen und andern Blumen besetzt ist und statt des Gartens dient. Dieser Gebrauch macht das Innere des Hauses sehr freundlich, denn die Gewächse blühen das ganze Jahr hindurch; unser Gärtchen ist z. B. jetzt mit allem versehen, was Auge und Nase erquicken kann. — Das Ameublement richtet sich ja überall, und somit auch hier, nach den Umständen des Bewohners. Einige Häuser sind sehr elegant meublirt und decorirt; das unsrige ist recht gemüthlich und ich vermisse in demselben nichts, als das wohlthätige “Schalten und Walten der Hausfrau.” Ich arbeite in meinem hübschen Zimmer, vorne heraus, und empfange die formelleren Besuche in einem daran stoßenden Salon, wie z. B. gestern den Minister Alaman, dem ich mein Empfehlungsschreiben von Herrn v. Humboldt eingesandt hatte und der darauf hin zuvorkommend genug war, mir den ersten Besuch zu machen.
Oben auf der Azotea (dem flachen Dache, welches hier alle Häuser haben) hält man sich denn wohl, — wie z. B. ich — zum freundlichen Andenken an deine Liebhaberei — Hühner, Kalkuten und Tauben die Menge, und wir freuen uns beim Frühstück der frischen Eier von der eignen Zucht! — Das [S. 66]werdet Ihr zu Hause wohl recht nett und auch ganz begreiflich finden, gewiß aber minder so, daß hier oben auch der Kettenhund liegt, der “Haus und Hof getreu bewacht,” und doch ist es so. Dies geschieht nämlich um der flachen Dächer willen, welche das Uebersteigen von einem Hause ins andre, und somit das Berauben von oben herab sehr leicht macht, während man von unten her, wo der Eingang wohl verwahrt ist, und der Pförtner neben der Pforte seine Wohnung hat, nichts befürchtet.
Mexico, den 29. Januar 1832.
Durch die vielen Expressen, welche von dem Gouvernement nach der Küste gesandt werden, mehren sich die Schreib-Gelegenheiten nach Europa und ich benutze sie, um mit Dir zu plaudern und Dich von allem was vorfällt unterrichtet zu halten.
Die Regierung will nun sehr strenge Maaßregeln gegen die Vera-Cruzaner Revolution nehmen, wird sie aber, nach meiner Meinung, nicht durchsetzen können; denn während z. B. der Congreß den Hafen von Vera-Cruz für geschlossen, also in Blokadestand erklärt, ermangelt die Regierung aller Marine, um einem solchen Beschlusse Folge zu geben, und Schiffe kommen und gehen somit, nach wie vor. — Man will sodann Vera-Cruz von der Landseite belagern, beschießen, mit Sturm nehmen u. s. w.; aber das ist alles leichter gesagt als gethan, und ich bin überzeugt, das Gouvernement überschätzt seine Kräfte und unterschätzt jedenfalls die des Feindes. Da ich noch kürzlich die Vertheidigungsmittel der Vera-Cruzaner an Ort und Stelle selbst gesehen habe, so kann ich mich oft nicht genug wundern über die Verachtung, mit der man hier [S. 67]davon spricht; man scheint sich vorsätzlich darüber täuschen und selbst Augenzeugen nicht glauben zu wollen. Was nun aber die übrigen Ressourcen Santa Anna’s betrifft, so vergißt man, wie mich dünkt, daß er sich nicht allein im Besitz der bedeutendsten Douanencasse der Republik, sondern auch in dem des wichtigsten Hafens derselben befindet, und von dort aus mit Europa und den vereinigten Staaten von Nordamerika communiciren und von diesen letzten schnell alle seine Bedürfnisse beziehen kann. Beschränkt er sich also auf die Defensive, so wird es schwer halten ihm etwas anzuhaben, besonders da zu seiner Bezwingung nur noch wenige Monate übrig sind; im Monat Mai können die Truppen vom Hochlande das Küsten-Clima schon nicht mehr vertragen. Inzwischen — die Zeit wird es lehren! — Hier aber, in der Hauptstadt, ist mittlerweile Alles ruhig, man geht und fährt spatzieren, und besucht Theater, Stiergefechte und Tertullas (Gesellschaften) als ob von keiner Revolution die Rede wäre. Daß ich das Alles cum grano salis mitmache, kannst Du denken, denn das ist ja nun einmal so der Lauf der Welt, daß man thut wie Andre thun!
Der gewöhnliche Spatziergang hier ist nach der, an dem nördlichen Ende der Stadt gelegenen Alameda, wohin ich des Morgens vor dem Frühstück gehe und einen oder den andern Bekannten treffe (Friedrich reitet dann wohl eine Strecke Weges außerhalb der Stadt) und ich wiederhole die Promenade am Abend, wo es oft sehr voll und belebt ist. Diese Alameda ist ein großer, von einer niedrigen Mauer umzäunter, mit Gitterthoren versehener, aber für jedermann offener, viereckter Platz, der im Innern für Fußgänger park- und gartenartig, im alten Styl, angelegt ist. Der Baumwuchs ist hier schön, mitunter sehr hoch, und das Laub muß im Sommer einen angenehmen Schatten verbreiten; grade jetzt ist alles wieder im frischen Ausschlagen, wie bei uns im Mai. In der Mitte des Gartens ist ein [S. 68]großer, hier und da ein kleinerer Springbrunnen angebracht, welche ihr Wasser von der berühmten, hier vorbeilaufenden Wasserleitung empfangen, von der ich ein andermal sprechen werde. — Die große Fontaine bildet das Centrum, von wo aus sich die hinlänglich breiten Gänge nach allen Richtungen ziehen, und das ganze Viereck umgiebt ein schöner Fahrweg für die Equipagen und Reiter. Hier nun bewegt sich, etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang, die Beaumonde von Mexico und fährt oder geht dann um die Zeit der Oracion[8] zurück, um für den übrigen Theil des Abends, nach eingenommener Tasse Chocolade (oder, wie bei uns der Fall, einer Tasse Thee) Theater, Oper oder Gesellschaft zu besuchen.
Das Schauspiel und die italienische Oper sind hier nicht schlecht; die spanische Declamation gefällt mir sehr wohl und es wird mit vieler Decenz gespielt. Garderobe und Decorationen sind reich und geschmackvoll und das Costüm meist richtig gewählt. Bei der italienischen Oper sind einige Künstler des ersten Ranges angestellt, die man von Europa hat kommen lassen, und die sehr hoch salarirt werden, was deshalb geschehen kann, weil das Gouvernement die Oper jährlich mit 20,000 Pesos unterstützt! Etwas zu viel für eine Republik, die noch so manches Nothwendigere zum Wohl des Landes zu thun und zu unterstützen hat! Das Ballet ist das mindest Vollkommene ans der hiesigen Bühne; inzwischen geht es doch noch, was aber das wenigst Gute von allem ist und weder von außen noch innen den Erwartungen entspricht, die man davon in einer großen Hauptstadt zu hegen berechtigt ist, das ist das Haus [S. 69]selbst! Die Logen haben übrigens nichts desto weniger oft ein ganz brillantes Ansehen, wenn viele Damen gegenwärtig sind, denn diese kleiden sich geschmackvoll und reich; — Eheherren und Papas wollen behaupten zu reich! Hieran sind denn aber die Herren selbst schuld; denn nirgends in der Welt zieht man die Kinder der besseren Gesellschaft wohl systematischer zur Putzsucht heran als hier, wo ich sie im Alter, in welchem sie eben erst gehen und stehen gelernt, nach allen Regeln des Pariser Mode-Journals aufgeputzt gesehen habe!
Ein wahrer Greuel im hiesigen Theater ist aber doch das Rauchen von Cigarren, welches im Parterre und Parket von fast Jedermann geschieht, was für Nichtraucher, wie mich, höchst unangenehm ist. Früher schmauchten die Damen in den Logen ihre Papier-Cigarren nicht minder; jetzt nimmt diese fatale Sitte doch etwas ab und man sieht es nur noch ausnahmsweise — aber man sieht es doch noch!
Beim Stiergefechte, nun ja, da laß ich mir das Rauchen noch gefallen; da sitzt man doch im Freien; hier ist’s sogar vielleicht gut angebracht, denn hier ist, wie Du denken kannst, die Gesellschaft sehr gemischt! Es gewährte mir übrigens eine angenehme Ueberraschung, als ich zum erstenmale eintrat in jenen großen Circus, das rege Gewühl der Tausende von Zuschauern aller Farben zu sehen, wie sie, in ihrer bunten, den Regenbogen an Farbenmischung überbietenden, aber nicht ungefälligen Nationaltracht, in vier bis fünf übereinanderlaufenden Reihen von Logen da saßen, in gespannter Erwartung der Dinge, die da kommen sollten! Diese Spannung theilte denn auch ich sehr bald mit allen Uebrigen und freute mich, als die anwesende Militairmusik, durch das Aufspielen eines Marsches, die Ankunft der Kampfrichter kund that. Es dauerte nun nicht lange, so rief die Trompete, auf Befehl der Richter, zwei Caballeros zu Pferde, mit Lanzen bewaffnet, auf den Kampfplatz! [S. 70]Ein zweiter Trompetenstoß öffnet das Thor, aus welchem der bereits gereizte Stier wüthend hervorstürzt.
Beim Anblick der beiden Reiter stutzt derselbe und wählt sich einen aus, dem er sich muthig entgegenstellt. Der Reiter darf ihn nur von vorne angreifen, und darf ihm keinen Stoß beibringen wenn der Stier ihm den Rücken wendet, oder ausweicht. Dies thut das Thier aber nur selten, öfter faßt es das Pferd von der Seite und streckt es sammt dem Reuter in den Sand, wobei denn nicht selten dem Pferde die ganze Seite durch die Hörner des Stiers aufgerissen wird. Der zweite Kämpe rettet nun den gefallenen Cameraden vor der Wuth des Stiers dadurch, daß er den Kampf aufnimmt. Nachdem sich das Thier auch mit diesem herumgequält und mehrere Lanzenstiche empfangen hat, wird es durch einen Trompetenstoß von diesen Feinden erlös’t, und einer Anzahl Kämpfer zu Fuß überliefert, welche den Stier auf alle Weise, durch Vorhalten rother Tücher u. dgl., necken und reizen und ihm dabei Widerhaken mit bunten Bändern, oder auch mit Feuerwerken, in den dicken, vor Wuth angeschwollenen, Nacken stecken, deren Abbrennen ihn oft so betäubt, daß er zuletzt ganz stille steht und den Ausgang ruhig abwartet! Ein abermaliger Trompetenstoß macht auch dieser Quälerei ein Ende — und bringt den Hauptmann, den Matador (Todtschläger) auf den Kampfplatz. Dieser, in phantastisch-eleganter Kleidung, in seidenen Strümpfen und Schuhen, mit einem rothen Tuch und einem langen, graden Schwerdte versehen, reizt nun mit ersterem den Stier, sucht grade auf ihn einzudringen und versetzt ihm dann den Stich in den Nacken, der ihn fast augenblicklich zusammenstürzen macht. Zeigt das Thier noch einiges Leben, so giebt ihm der beistehende Schlächter den Gnadenstoß mit einem kurzen Messer, und er wird nun von seltsam aufgestutzten, bebänderten Pferden, unter frohlockender Musik und Volksjubel, von dem [S. 71]Platze hinweggezogen! Hanswürste, die bei solchem Specktakel ja nie und nirgends fehlen, eilen herbei, bedecken die blutigen Stellen mit frischer Erde und bereiten die Scene für den nächsten Stier, dem ebenso mitgespielt wird! Dies wiederholt sich an demselben Nachmittage fünf bis sechsmal. Endlich wird zum Schluß ein Stier, mit Kugeln auf den Hörnern, dem Volke preisgegeben, und von einer Masse von Knaben und Burschen, die nun in den Circus springen, zu Tode gehetzt, obwohl nicht ohne Gefahr, daß einige von ihnen, wie oft geschieht, von dem wüthenden Thiere in die Luft geschleudert werden und einige Rippen zerbrechen.
Da ich diesem Schauspiel mehr als einmal beigewohnt habe, so finde ich für nöthig, hinzuzufügen (um nicht in den Verdacht einer blutdürstigen Natur bei dir zu kommen) daß die Beschreibung grausamer klingt, als die Sache selbst erscheint! Das Recht der Selbstverteidigung, welches dem Stier gelassen wird, und dessen er sich in vollem Maaße bedient, nimmt der Scene das Ansehen der Grausamkeit. Stiergefechte sind übrigens hier, wie in Spanien, Volkssitte, und diese heiligt Alles!
Mexico, den 21. Februar 1832.
Ich habe Dir zwar in den letzten drei Wochen nicht geschrieben, aber Deiner darum nicht weniger in Liebe und Sehnsucht gedacht! Wann thäte ich das auch nicht? — Ich hatte diesmal aber noch eine besondere Veranlassung dazu; denn nie sehnt man sich ja mehr nach den entfernten Lieben, als vom Schmerzenslager aus; und auf diesem habe ich leider gelegen, und bin noch immer nicht ganz davon erstanden. Kaum war nämlich mein letzter Brief an Dich gesiegelt und expedirt, so sollte (es war ein schöner heiterer Sonntag) ein Spazierritt aufs Land gemacht werden, die Pferde waren gesattelt und [S. 72]warteten unserer im Hofe, der leider nicht gepflastert, sondern mit steinernen Platten (Fliesen) belegt ist. Ich bestieg mein Pferd zuerst, griff den Zügel etwas kurz, das Thier bäumte sich, glitschte mit beiden Hinterfüßen auf den glatten Steinen aus, und fiel um! Leider kam ich dabei nicht aus dem Sattel, sondern fiel mit dem Pferde, welches mit seiner ganzen Schwere auf mein linkes Bein zu liegen kam, und es nicht wenig quetschte. Als ich nun unter dem Pferde hervorgezogen ward, konnte ich nicht stehen noch gehen, sondern mußte hinauf getragen werden, nach einem Wundarzte schicken, mir Aufschläge und Bandagen anlegen, und mich vorläufig aus der Cavallerie ausstreichen lassen. — Gebrochen scheint nichts zu seyn, aber die Knöchel sind stark gedrückt und das Fußgelenk ist ganz steif und geschwollen. Ich fürchte daher, es wird eine langwierigere Sache werden, als der Arzt anfangs glaubte, der mir nach den ersten acht Tagen erlaubte, ja mich sogar aufmunterte, nach dem Pferderennen zu fahren. Ich hätte wohl besser gethan, das zu unterlassen; indessen, da ich nun einmal dort war, so will ich Dir auch ein paar Worte davon sagen.
Dies Pferderennen ist, nicht ohne große Kosten, durch einen Verein von Ausländern (hauptsächlich Engländern) und Mexicanern in Gang gebracht worden, und wird etwa eine Meile von hier aus einer Haide gehalten. Der Weg dahin führt an der berühmten, auf einem hohen Felsen romantisch gelegenen, Capelle de nuestra Señora de Gouadaloupe, (wovon ich später, wenn ich einmal da gewesen bin, wohl auch etwas zu erzählen haben werde) vorbei. Die Rennbahn ist in gerader Linie abgesteckt, und am Ende derselben sind Buden mit erhöhten Sitzen für die Zuschauer angebracht. Die Bahn ist nicht über 3 bis 400 Schritte lang, denn man behauptet, daß hier oben, (der feinen, dünnen Luft wegen) kein Pferd [S. 73]einen Wettlauf von mehr als 500 Schritt würde aushalten können (?). — Die bei dem hiesigen Rennen concurrirenden Pferde sind alle von mexicanischer Zucht, stark und schnellfüßig, aber ohne Schönheit und Grazie, und mit den edelgeformten englischen Wettrennern (racehorses) eben so wenig zu vergleichen, als das Wettrennen selbst mit denen in England, wo es Nationalsitte ist und Tausende von Zuschauern heranzieht, während sich hier nur eine sehr mäßige Zahl von Menschen zu Pferde und zu Wagen versammelt, um das Schauspiel mit anzusehen. Unter denen, die da waren, ward jedoch auf gut mexicanisch stark gewettet. Leider bildeten sich dabei zwei Partheien, eine englische und eine mexicanische, und da die erstere gewann, so machte dies übles Blut bei den Eingebornen, was gerade jetzt um so mehr zu bedauern ist, als die Politik ohnehin schon von Seiten der theokratisch-altspanisch gesinnten Gouvernements-Parthei, eine Spannung gegen die Fremden hervorbringt.
Da diese nämlich der Meinung sind und sie ohne Rückhalt äußern, daß die Mittel, welche der Regierung zu Gebote stehen, nicht hinreichend seien die Revolution in Vera-Cruz zu unterdrücken, und daß somit Santa Anna siegen werde, so wirft man ihnen vor, daß sie es mit den Insurgenten halten, ohne einzusehen, daß dafür kein vernünftiger Grund vorhanden ist, da den handeltreibenden Fremden (und andere giebt es hier nicht) mit dem Bestehen der einmal eingeführten Ordnung der Dinge weit mehr gedient ist, als mit Revolution und Bürgerkrieg. — Es handelt sich hier aber nicht um das was man wünscht, sondern um das was wahrscheinlich der Fall seyn wird, und da kann man denn doch nicht blind gegen das Factum seyn, daß die Regierung, trotz aller Anstrengung des Kriegsministers Facio, nicht mehr als drei tausend Mann hat zusammen bringen können, um gegen Vera-Cruz anzurücken! [S. 74]— Damit nimmt man aber, nach meiner Meinung, keine Stadt, welche Hafen und Festung zugleich ist, an Nichts Mangel leidet und von 1500 Mann unter einem Chef vertheidigt wird, der den anderen Generalen an Talent überlegen ist, und dessen Truppen gut genährt und unter Obdach einquartirt sind, während die Gegenpartei, wenn sie Vera-Cruz belagern will, in einer Sandwüste bivuakiren muß, und in der bereits so weit vorgerückten Jahreszeit dem Einfluß der climatischen Fieber preisgegeben ist. — Trotz alle dem will man’s versuchen und am 10. März einen Angriff auf Vera-Cruz wagen! — ich glaube aber an keinen Erfolg und bin der Meinung, daß man unverrichteter Sache wird abziehen müssen. Mittlerweile häufen sich die Schwierigkeiten der Communication zwischen hier und Vera-Cruz gar sehr, und Friedrich ist daher eigens dahin gereis’t, um sich mit unsern Freunden an der Küste über die Maaßregeln zu besprechen, die im Interesse des Geschäfts genommen werden müssen, falls sich die Verhältnisse noch mehr verwickeln sollten. Er ist Courier geritten, was hier zu Lande von jüngeren Männern häufig geschieht, hat aber leider einige Stationen vor Jalapa einen Unfall gehabt, der ihm leicht das Leben hätte kosten können; das Pferd rannte nämlich mit ihm durch eine enge und niedrige Hofthür, wodurch er sich an Kopf und Knie sehr stark verletzte. Ich habe jedoch — Gottlob — Nachricht, daß er, nach einigen Tagen Ruhe in Jalapa, die Reise von dort nach Vera-Cruz per Litera fortgesetzt hat, wo ihn denn das, in solchen Fällen sehr heilsame, heiße Clima bald wieder ganz herstellen wird.
Hier hast Du denn einen Brief, der mit Reiter-Unfällen von Vater und Sohn anfängt und schließt. Gebe der Himmel, daß ich Dir deren keine ähnliche mehr zu schreiben haben möge. Lebe wohl.
[S. 75]
P. S. So eben erhalten wir Briefe von der Küste und ich damit, zu meiner großen Freude, auch die Deinigen, wenn gleich nur bis zum 7. November reichend, aus R.. — Gottlob, daß ihr alle wohl und so vergnügt seid, als es die herbe Trennung zuläßt. Du sagst mir, daß die Ankunft meiner Briefe jedesmal ein Fest für Euch sei, schließe denn daraus auf meine Freude beim Empfang der Deinigen! Es findet übrigens jetzt doch eine ganz eigentümliche Correspondenz zwischen uns statt! — Die Briefe vom 7. November, die Du, in Deinem europäischen Norden, gewiß schon unter dem Einfluß bedeutender Kälte geschrieben hast, eröffne ich bei dem schönsten Frühlingswetter, wo mir Veilchen, Reseda und Rosen entgegen duften. Meine heutige Antwort darauf erhältst Du, wenn die Natur bei Euch erst höchstens Aehnliches hervorbringt, und doch werden dann wieder gut zwei Monate verflossen seyn! Aber — die Welt ist groß und die climatischen Verhältnisse sind sonderbar gemischt; die hiesigen sind indessen gut, und so weit ich es bis jetzt beurtheilen kann, würden sie Dir, da Du, obgleich ein Kind des Nordens, doch weit mehr dem Süden angehörst, sehr behagen. Mir ist das Clima überall so ziemlich Nebensache. Dennoch fange ich schon an die Luftwärme, besonders diejenige Temperatur, die sich der Hitze nähert, ohne sie zu seyn, der kalten und frostigen Atmosphäre bei uns weit vorzuziehen.
Mexico, den 21. März 1832.
Noch immer habe ich Hausarrest und kann noch nicht ohne Krücken gehen! Nun haben wir aber gerade jetzt das köstlichste Wetter, das Du Dir denken kannst! Ich möchte daher auch vor Ungeduld aus der Haut fliegen, es nicht auf [S. 76]dem Lande genießen zu können. Zum wahren Trost gereicht mir unter diesen Umständen unser, gerade an mein Arbeitszimmer stoßendes, Gallerie-Gärtchen, dessen Reichthum an wunderschönen Cactus-Blumen, Amarillen und andern, in Europa theils seltenen, theils unbekannten Pflanzen und Blüthen mir großen Genuß gewährt, obwohl ich, wie Du weißt, kein so unterrichteter Botaniker bin, wie Du.
Ich kann jedoch auch in anderer Hinsicht nicht über Langeweile klagen, denn ich bekomme täglich viel Besuch von meinen hiesigen Bekannten, worunter manche mir sehr liebe Freunde, und so erfahre ich Alles, was in der Außenwelt vorgeht. Auch ist Friedrich, dessen Gegenwart mir allein Euren Umgang einigermaßen ersetzen kann, von Vera-Cruz ganz hergestellt zurückgekehrt, und hat mir, unter anderm, auch spätere Briefe von Dir gebracht, aus denen ich mit Freuden Euer allerseitiges Wohlseyn erfahre. — Er hat eine ereignißvolle Zeit unten an der Küste verlebt. Dem General Santa Anna nämlich war, während Fr.’s Aufenthalt in Vera-Cruz, bei einem Ausfall mit nur einer Hand voll Leuten, ein brillanter Coup gegen die Regierungs-Truppen unter Calderon gelungen; er überrumpelte sie in Santa-Fé bei Nachtzeit und nahm ihnen die Kriegscasse mitten aus dem Lager heraus, mit welcher er sodann im Triumph nach der Festung zurückkehrte. Hiedurch noch kühner gemacht, beschloß er einen weit stärkern Ausfall und förmlichen Angriff auf das Belagerungs-Corps zu machen. Dies ist ihm aber schlecht bekommen, denn als er Calderon, der wirklich schon auf Puente zurückfiel, durch einen Seitenmarsch überflügeln und in den Rücken nehmen wollte, stieß er auf dessen ganzes Corps, und mußte sich, bon gré mal gré, am 3ten dieses bei Tolome schlagen, wobei denn seine, den Gegnern weder an Zahl noch Tactik gewachsene, kleine Armee fast gänzlich aufgerieben ward.
[S. 77]
Obrist Landero blieb todt auf dem Schlachtfelde — und Santa Anna verließ es am Abend von nur zwei seiner Reiter begleitet, um schnell die Stadt Vera-Cruz wieder zu erreichen! Dort kam er des Morgens um 4 Uhr an und hielt diesmal keinen Triumph-Einzug! — So groß sind aber sein Einfluß und seine günstigen Resourcen, daß es ihm schnell gelang, ein kleines Corps wieder zu organisiren und seiner Parthei neuen Muth einzuflößen, — während Calderon, der, wenn er mit Energie vom Schlachtfelde aus nur eine einzige Compagnie seiner Dragoner nach Vera-Cruz detaschirt hätte, die von allen Truppen entblößte Stadt genommen haben würde, keinen der errungenen Vortheile benutzte, vielmehr seinen Truppen einen Rasttag gab und, mit der Schnelligkeit einer deutschen Reichsarmee zu Friedrichs des Großen Zeiten, abermals gegen die Mauern von Vera-Cruz anrückte, die er diesmal zu bombardiren gedenkt.
Bei Tolome ward denn auch — denke Dir! — ein Landsmann von uns (der Bruder unserer Freundin H.) gefangen genommen. Er war thörigter Weise mit Santa Anna, mit dem er persönlich befreundet ist, als Volontair ausgezogen, und commandirte eine Brigade Artillerie; er focht tapfer genug und ergab sich erst nach verzweifelter Gegenwehr gegen drei Dragoner, nachdem er am rechten Arm so verwundet war, daß er den Degen nicht mehr halten konnte. — Calderon ließ ihn vorführen und wollte ihn erschießen lassen, weil, nach seiner Meinung, Fremde sich in den häuslichen Bruderzwist der Mexicaner nicht mischen sollten! Er unterließ es jedoch, wahrscheinlich weil ihm einfiel, daß er gleichfalls Fremde in seiner Armee habe! — Es dienen deren nämlich mehrere von allen Nationen (obwohl nicht viele) in der mexicanischen Armee. Der Ausgezeichnetste davon ist wohl unstreitig ein gewisser Arago, ein französischer Artillerie- und [S. 78]Ingenieur-Officier, aber auch er ist mit Santa Anna, und diesem eine große Stütze. — H. ward also, wie gesagt, nicht erschossen, sondern vorläufig in das Depot zu Jalapa abgeführt, wo ihn Friedrich besuchte und nach besten Kräften mit dem für den Augenblick Nothwendigsten unterstützte. — Der Vorfall ist uns Deutschen hier in der Hauptstadt sehr unangenehm; was ist aber zu machen? — Wir bemühen uns nun, gegen das Versprechen ihn aus der Republik zu schaffen, seine Freiheit zu erlangen.
Die Täuschung des Gouvernements, welches bei der ersten Nachricht der Schlacht von Tolome, in dem Glauben einen entscheidenden Sieg errungen und die Revolution unterdrückt zu haben, bereits an alle Staaten des Innern in diesem Sinne geschrieben hatte, war groß, — das kannst Du Dir denken, — aber sie sollte noch größer werden. Tampico, der zweite Hafen von Wichtigkeit an der Ostseite, hatte sich gleichfalls für Santa Anna und gegen das Gouvernement erklärt. Dieses befahl nun sofort dem, in St. Luis Potosi commandirenden, der Regierungspartei gänzlich ergeben geglaubten, General Moctezuma, unverzüglich an die Küste zu marschiren und Tampico zu nehmen, und was geschieht? — Er kommt wirklich mit seinen Truppen vor dem Hafen an, parlamentirt mit der Garnison, empfängt eine von dieser und dem Magistrat an ihn abgesandte Deputation und — geht zu der Gegenparthei über, obgleich ihm der Ausgang der Schlacht bei Tolome bereits bekannt war!
Wenn man solche Dinge sieht und bedenkt, daß die Regierung die beiden wichtigsten Finanz-Resourcen, die Douanen von Vera-Cruz und von Tampico verloren hat, so kann man ja bei dem besten Willen nicht anders als glauben, daß die revolutionaire Parthei endlich die Oberhand behalten muß und wird. — Man scheint indessen im Minister-Conseil noch keinesweges [S. 79]nachgeben zu wollen. Vera-Cruz soll durchaus beschossen werden. Beide Häfen sind in Blockadestand erklärt, und um das Maaß der Chicanen und Hindernisse für den Handel voll zu machen, giebt der Congreß so eben das unsinnige Gesetz, allen Briefwechsel mit Vera-Cruz und Tampico zu verbieten. Ich nenne das Gesetz deshalb ein unsinniges, weil es nicht durchzuführen ist, da auf Umwegen, freilich mit nicht unbedeutenden Extra-Kosten, immer Briefe abgesandt und erhalten werden können. Es erschwert indessen den Handel und schadet ihm, ohne dem Gouvernement auch nur im mindesten zu nutzen.
Durch diese sich täglich häufenden Erschwernisse der Geschäfte sehe ich mich leider an der Ausführung meiner Lieblingsidee, schon in diesem Frühjahr wieder zu Euch zurückzukehren, verhindert, und muß Dich jetzt schon darauf vorbereiten, daß ich vor November an die Rückreise nach Europa nicht werde denken können. — Deine Täuschung hierüber kann nicht größer seyn, als die meinige! Aber — die Pflicht gebeut, und da müssen die Wünsche schweigen; — sie waren sonst heute lebhafter als je! Habe ich nöthig Dir zu sagen warum? Ich feierte Deinen Geburtstag still und einsam — aber in treuer inniger Liebe!
Mexico, den 11. April 1832.
Freue Dich mit mir, ich bin von den Krücken zum Stock avancirt und kann und darf wieder ausgehen; auch habe ich es bereits benutzt und bin auf dem Paseo (Promenade) den man Las Vigas nennt, gewesen. Hier ist in dieser Jahrszeit die modische Zuflucht der beau monde von Mexico, sie wechselt dreimal im Jahre, im sogenannten Winter (einen eigentlichen hat man hier nicht) ist es die Alameda; im Frühjahr [S. 80]ist’s der Paseo Las-Vigas, und im Sommer der eigentliche große Paseo. Die Alameda habe ich Dir bereits beschrieben, und von Las-Vigas habe ich nur zu sagen, daß es eine, etwa eine englische Meile lange, Allee ist, welche längs des Canals von Chalco hinführt. Die angränzende Gegend bietet, wie überhaupt die unmittelbare Umgebung von Mexico, keine Naturschönheiten dar, man hat an beiden Seiten flaches Land, ohne Baum- und Buschwerk. Der, von langen, breiten Böten oft stark befahrene, Canal auf der einen Seite, und die zahlreichen Equipagen, Reiter und Fußgänger auf dem Paseo selbst, geben der Scene aber doch ein heiteres Leben; — die Böte auf dem Canal insbesondere gewähren oft einen recht amüsanten Anblick, wenn sie, gefüllt mit Landleuten, welche Blumen nach der Stadt bringen und nun auch ihre Häupter damit bekränzen, einher fahren, oder wenn von der niedern Classe der Städter Spazierfahrten auf dem Canal veranstaltet werden, bei welchen hier und da, in den Böten, ein junges Paar einen National-Tanz nach der Guitarre abhüpft und der Rest darüber herzlich lacht. — Solche Volksvergnügungen sind aber hier zu Lande weit minder lärmend, als bei uns; das liegt im Charakter der Mexicaner, der, so weit ich ihn habe kennen lernen, ein stiller und milder ist.
Der Baumwuchs auf diesem Paseo ist nicht so schön wie der in der Alameda, aber die Berggruppen im Hintergrunde, mit den über alles emporragenden Schneekuppeln der beiden Vulcane, geben der Aussicht hier etwas eigenthümlich pittoreskes, wovon ich aber keine Beschreibung zu unternehmen wage. — Du mußt Deine Einbildungskraft dabei zu Hülfe nehmen!
Eine andere Spazierfahrt, welche ich seit meiner Erlösung vom Hausarrest gemacht habe, war nach Chapultepec und Tacubaya, ungefähr eine deutsche Meile von der Stadt. —Ersteres [S. 81]ist ein nördlich von Mexico gelegenes Schloß, welches auf einem ziemlich hohen, aber einzeln in der Ebene sich erhebenden, Felsen gebaut ist, und den ehemaligen Vicekönigen zur Sommer-Residenz diente. Obgleich jetzt, wie die meisten Monumente aus jener Zeit, im Verfall, nimmt es sich doch noch immer sehr gut aus. An der einen Seite, am Fuß des Felsens, ist ein soit-disant botanischer Garten angelegt, in halb maurischem, halb altholländischem Style, terrassenförmig, mit engen Treppen und schmalen Wegen, die mit blau und weißen Porcellanplatten belegt sind u. dgl. m. Es ist aber alles in einem so vernachlässigten Zustande, daß es jetzt sehr wenig Interesse mehr darbietet. An der andern Seite ist ein ziemlich großer Raum, innerhalb der das Ganze umgebenden Mauer, als Park ausgelegt, in welchem sich einige der schönsten Bäume und namentlich der stärksten Cypressen befinden, die ich je gesehen habe; eine, welche jetzt noch den Namen der Montezuma-Cypresse führt, und also jetzt wohl 400 Jahre alt seyn muß, besteht aus drei Stämmen, die an der Wurzel über der Erde nur einen bilden, der Stamm hat hier 41 Fuß im Umfang! Der Baum ist sehr hoch und noch in voller Kraft; eine andere ganz einstämmige Cypresse mißt 38 Fuß im Umfang! Durch diese Baumgruppen bildet sich denn manches liebliche, Schatten gewährende Plätzchen, an deren einem wir, im traulichen Cirkel mehrerer Freunde und Freundinnen, ein recht gemüthliches Stündchen zubrachten. — Von hier fuhren wir nach dem kleinen Flecken oder Städtchen Tacubaya, am Fuß des hohen Gebirges, über welches der Weg nach Toluca und dem Norden führt. In dem, abermals Fonda francesa benannten, Wirthshause fanden und genossen wir ein gutes Frühstück und ergingen uns nachher ein wenig mit den Damen in dem anstoßenden, mit Rosen gleichsam überschütteten, Gärtchen, dessen Anlage übrigens wenig Geschmack verrieth. [S. 82]Unter Deiner Anleitung wäre, bei dieser Vegetation, etwas ganz anderes daraus geworden.
An dem einen Ende des Orts steht der erzbischöfliche Pallast, der aber jetzt unbewohnt und mithin, wie bei solchen Gelegenheiten immer, vernachlässigt und im Verfall ist. — Es ist sonst ein recht stattliches Gebäude, liegt auf einer kleinen Anhöhe und hat von dem Altane des Saals aus eine reizend schöne Aussicht auf die Stadt Mexico. Der sehr große Garten dieses Pallastes ist übrigens, trotz dem, daß hier ein Gärtner wohnt, der die Aufsicht darüber hat, eben so sehr vernachlässigt wie das Gebäude. Es ist ein wahrer Jammer, da Unkraut und Verfall zu sehen, wo mit geringer Sorgfalt ein kleines Eden stehen könnte, ehedem vielleicht stand, wenigstens nach den damaligen Begriffen von der Schönheit der Garten-Anlagen.
Hier muß ich Dir doch eine Anekdote erzählen, die als Beleg der schon mehrmals gerügten Spielsucht des mexicanischen Volks dienen kann. Während wir nämlich im erzbischöflichen Garten waren, überfiel uns ein ziemlich starker Regenschauer, wir flüchteten ins Haus und da wir voraussahen, etwa eine Stunde warten zu müssen, ehe das Wetter vorüberzöge, schlug einer aus der Gesellschaft vor, des Spaßes wegen, eine Monte-Bank (das hier zu Lande übliche Hazardspiel) aufzulegen; wir frugen den Gärtner, ob er Karten im Hause habe, und die fehlten auch wirklich nicht. Als wir uns nun so die Zeit vertrieben und mit Realen (dem achten Theil eines Peso oder Dollars) pointirten, kam der Gärtner, der natürlich wußte, daß wir Karten spielten, mit Weib und Kindern, (letztere wie gewöhnlich halb nackt) zu uns heraus und warf, sans façon sich in die Gesellschaft drängend, einen Peso zum Einsatz hin. Um den Mann nicht zu beleidigen hielten wir ihm denselben; als er aber, nachdem er den Dollar verloren [S. 83]hatte, eine Unze (Goldstück von 16 Dollars Gehalt) auf den Tisch warf, gaben wir es ihm zurück und verbaten uns seine Gesellschaft in toto, was er auch weiter nicht übel zu nehmen schien, indem er mit Frau und Kind wieder abtrollte, wahrscheinlich mit herzlicher Verachtung der Fremden (dies waren die meisten von uns), die nicht einmal den Muth hatten mit seiner Unze in die Schranken zu treten!
Das Wetter klärte sich sehr bald wieder auf und wir machten uns, theils zu Pferde theils zu Wagen, auf den Rückweg nach der Stadt, wo wir, zufrieden mit unserer heutigen Landparthie, gegen Abend wohlbehalten anlangten.
Der Weg von Chapultepec nach Mexico führt längs der großen und wichtigen Wasserleitung, welche die Stadt mit dem schönsten, reinsten Trinkwasser versorgt, und auch die vielen Springbrunnen in der Alameda und auf dem großen Paseo mit dem nöthigen Wasser versieht. — Dieser Aquaduct wird von dem Fuß der nahen Gebirge hergeleitet, ist sehr solide gebaut, und hat über 900 stark gemauerte, breite Bogen, von häufig 10 bis 12 Fuß Höhe, über welche das Wasser offen, d. h. ohne Bedeckung, hinfließt und sich dann in der Stadt in Reservoirs ergießt, woselbst es von einer eignen Classe von Indianern, die man Aquadores nennt, in steinernen Krügen geschöpft und nach den Wohnhäusern gebracht wird.
Mexico, den 24. April 1832.
Es geht mir zwar fortwährend besser mit meinem Fuß, aber doch langsamer als ich gedacht und, noch vor Kurzem, gehofft hatte. Ich brauche nun heiße Bäder, die zwar sehr angreifend sind, von denen ich aber doch eine gute Wirkung verspüre. Man hat diese nämlich hier ganz in der Nähe, etwa eine halbe deutsche Meile von der Stadt, und was das [S. 84]Wasser betrifft, in großer Vollkommenheit; es strömt aus heißer Quelle, armdick, mit 42 Grad Reaumur Wärme in’s Bad und ist mithin anfänglich abschreckend heiß, man gewöhnt sich jedoch bald daran und ich habe es bereits so weit gebracht, daß ich die Strömung ¼ Stunde lang auf den leidenden Theil des Fußes aushalten und eine ganze Stunde im Bade verweilen kann. Die Empfindung, welche man gleich darauf beim Ausruhen, auf der hölzernen Ruhebank schlummernd, fühlt, ist unbeschreiblich angenehm und behaglich. Die Einrichtung der Badstuben ist übrigens herzlich schlecht, d. h. verfallen und vernachlässigt; Tisch, Bank und Ruhebett, alles vom gemeinsten Holz zusammengefügt; das Bad selbst in Stein ausgemauert und die Zellen klosterartig und dunkel! Sicherlich haben Mönche den Bau dirigirt. Das Gebäude bildet ein ziemlich großes Viereck und hat in der Mitte des Hofes eine Capelle. Man nennt es Peñon, nach dem daranstoßenden Hügel dieses Namens, und liegt hart an dem bekannten großen See Tescuco, dessen Ufer flach, seicht und nichts weniger als schön sind. Er ist aber reich an kleinen Fischen, von deren Fang und Verkauf in der Stadt sich eine Menge Indianer ernähren, die ihre Wohnung in den Höhlen des besagten Hügels haben. Ich bin in einer derselben gewesen, und werde das Bild, ich darf sagen das gräßliche Bild, welches ich hier sah, gewiß in meinem Leben nicht vergessen. Die Höhle war zwar ziemlich geräumig und der Eingang groß und offen, aber es waren auch nicht weniger als 15 Familien, aus mehr als 50 Individuen, vom Greis bis zum Säugling, bestehend, darin gelagert, alle im Stande der Natur und beschäftigt, den Bedürfnissen derselben in jeder Weise zu genügen. Hier und da brannte ein Feuer, an welchem einige der rohesten Nahrungsmittel bereitet wurden, auf welche die rundum liegenden Erwachsenen und Kinder mit gierigem Heißhunger [S. 85]zu warten schienen. Man konnte deutlich bemerken, daß hier zwar ein Zusammenwohnen vieler Menschen, aber keine Gemeinschaft der Güter stattfand. — Außer den kärglichsten Nahrungsmitteln und einigen Fischernetzen war freilich auch nichts vorhanden, was eine Gütergemeinschaft hätte bilden können, denn fast Alle gingen ganz nackt und hatten auch nicht die mindeste Bekleidung um und an sich, was bei der schmutz-kupferfarbigen Hautfarbe für ein europäisches Auge kein sehr appetitlicher Anblick war. Alle schienen jedoch, obgleich auf der untersten Stufe der menschlichen Bildung, fröhlich und guter Dinge zu seyn. — Meine Erscheinung in der Höhle brachte die ganze Masse in Bewegung; alle drängten auf mich ein, sich etwas zu erbetteln, ich gab was ich bei mir hatte, es reichte aber nicht aus und ich hatte viele Mühe, mir die schmutzigen Gestalten vom Leibe zu halten und meinen Rückzug zu bewerkstelligen!
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So wären wir denn nun schon bis zu den Ostertagen vorgerückt, die ja auch bei Euch in die bessere Jahreszeit fallen und in so vieler Hinsicht ein fröhliches Fest bilden. Hier begeht man dasselbe freilich sehr verschieden. Am Donnerstage schon beginnt die kirchliche Feier und von des Morgens 10 Uhr an darf, während zweimal 24 Stunden, weder Wagen noch Pferd in den Straßen seyn, damit ja nichts die stille Feier des Charfreitags unterbreche. An diesem Tage nun strömt Alles nach den Kirchen, die Menge des Volks in denselben ist ungemein groß, und es macht einen sehr seltsamen Eindruck, die Masse von halbnackten Indianern, Léperos u. s. w., gleichzeitig neben den reich gekleideten Herren und Damen, in dem Tempel auf den Knien liegen zu sehen. Am Abend sind ganze Reihen von Buden und Hütten auf dem großen Platz [S. 86]vor der Cathedrale aufgeschlagen, die, mit vielem Reichthum von Laubwerk und Blumen ausgeschmückt, sich bei der Beleuchtung zahlreicher bunter Lampen, recht schön ausnehmen; sie werden von den mittleren Volksclassen, zu ganzen Familien gemeinschaftlich, besucht, die es sich dort, oft den ganzen Abend über, wohl seyn lassen, obgleich an diesem Tage keine andere als kühlende Getränke, wie z. B. Limonade u. dgl. verabfolgt werden dürfen. — Früher lustwandelten hier auch die Damen in großem Staat; dies war aber diesmal nur sehr spärlich der Fall. Ob das nun Folge der politischen Unruhen des Landes ist, oder ob, wie einige wollen, der Gebrauch aus der Mode kommt, wage ich nicht zu entscheiden! Am Sonnabend Morgen wird dann in der Cathedrale die sogenannte Gloria mit schöner Kirchen-Musik begangen, worauf, mit dem Schlage 10 Uhr, Lärm und Getöse in allen Straßen losbricht; die Equipagen, als ob sie sich für den langen Stillstand entschädigen wollten, stürzen hervor und galloppiren nach allen Richtungen der Stadt, Feuerwerke werden losgebrannt und der arme Judas muß, in unzähligen Formen und Gestalten mitten in den Straßen aufgehängt, den Feuertod erleiden, wobei denn die guten Bürger Mexicos nicht ermangeln, hie und da, statt eines Judas, die unverkennbare Figur irgend eines ihnen verhaßten Mannes im Amte, zu hängen und zu verbrennen. Ein Pariser könnte hier auch ausrufen: tout comme chez nous! was aber nicht comme chez nous, doch komisch genug ist, das ist der Spaß, den sich die Léperos bei dieser Gelegenheit mit den Hunden machen, die sie auf folgende Weise in die Luft schnellen. Je zwei und zwei stellen sich an die Straßen-Ecken und legen ein Seil quer über, welches sie mit solcher Geschicklichkeit anzuziehen verstehen, daß kein Hund, sei er auch noch so schnell und behende, ungeschnellt darüber wegkommt. Die Thiere scheinen dies zu ahnen [S. 87]und flüchten unter allgemeinem Geheul in die Häuser, bis die Zeit ihrer Quälerei vorüber ist.
Von dem Kirchenfeste auf Ostern schweige ich, denn es ist eben so wie in andern katholischen Ländern, nur daß in beiden Ostertagen die Paseos besonders elegant und stark besucht sind, versteht sich von selbst. Am ersten Feiertage ward aber die Auffahrt durch eins jener starken Gewitter auseinander gesprengt, die sich hier, in dieser Jahrszeit, oft sehr schnell und unerwartet, einstellen und von heftigen Regengüssen begleitet sind. Der Donner ist dabei lauter, als ich mich je erinnere ihn in Europa gehört zu haben; ein Schlag insbesondere war am vorigen Sonntag fast betäubend, und blieb auch nicht ohne betrübende Folgen; einer der ersten Zollbeamten ward auf seinem Posten vom Blitz erschlagen!
Nun habe ich Dir wieder so viel und so vielerlei erzählt, daß ich fast befürchte Dich damit zu ermüden; ich kann Dir aber nur von nur und meinem Thun und Lassen sprechen, so lange ich keine Briefe von Dir zu beantworten habe, und dies ist leider noch immer der Fall, denn die Unterbrechung der Communication mit der Küste hält alle Briefe von Europa, die wie die meinigen nach Vera-Cruz addressirt sind, zurück. Wir haben schon mehrere Male das Gouvernement petitionirt, doch bis jetzt ohne Erfolg. Noch gestern sprach ich darüber mit dem Vice-Präsidenten (Bustamante) dem ich vorgestellt ward, und obgleich er mir Hoffnung machte, daß das Gesetz, welches die Correspondenz mit Vera-Cruz verbietet, bald zurückgenommen werden würde, so glaube ich doch nicht daran; es hängt nicht einmal von ihm ab, sondern muß von dem Congreß ausgehen, und dort sitzen gar viele eigensinnige Ultras. Der Herr Präsident empfing mich übrigens sehr höflich und war artig genug, mir zu sagen, “daß man in Mexico die Deutschen allen anderen Nationen vorzöge, daß er sehr bedaure, [S. 88]daß der würdige preußische Generalkonsul (Geh. Rath Koppe) die Republik jetzt verlasse,” und mehreres andere, worauf man bei meinen Erfahrungen keinen zu hohen Werth mehr legt.[9] Bustamante ist ein Mann von 40 Jahren, von kurzer untersetzter Statur und hierin, so wie in Wesen und Manieren, von Santa Anna sehr verschieden, auch glaube ich nicht, daß er die zum Staats-Oberhaupte erforderlichen Eigenschaften besitzt, obwohl er ein guter Soldat seyn soll.
Und nun genug für heute, ich sende Dir dies Schreiben durch einen Freund, der uns morgen verläßt, um nach Europa zurückzukehren. — O daß ich ihn begleiten und Dir das Körbchen, welches ich ihm für Dich mitgebe, selbst überbringen könnte. Ich hoffe, es soll Dir Freude machen, obwohl es keinen anderen Werth hat, als daß es ans einer Cocusnuß verfertigt ist, die ich für Dich mit eigenen hohen Händen auf der Insel Hayti vom Baume brach; den etwas plumpen silbernen Reif und Henkel hat ein mexicanischer Silberschmidt gemacht. Doch ich muß endlich einmal schließen. Lebe wohl.
[S. 89]
Mexico, den 31. Mai 1832.
Ich kann ja wohl mein heutiges Schreiben mit keiner Dir lieberen Nachricht anfangen, als damit, daß ich Dir sage, wie ich gestern von einer Reise zurückgekehrt bin, auf welcher ich 5 bis 6 Tage hintereinander, täglich 8 bis 10 Stunden, zu Pferde gesessen, und daß ich mich trotz dem so wohl befinde, wie man es nur thun kann! Du siehst also, daß mein Beinbruch als geheilt zu betrachten ist, und daß Du Dir darüber weiter keine Sorge zu machen brauchst. Die kleine Reise, von der ich rede, war übrigens sehr interessant, ich bin auf der entgegengesetzten Route von Vera-Cruz abwärts in Tierra caliente (heiße Zone) und Tierra templada (gemäßigte, aber doch wärmer, als das Thal von Mexico) gewesen und habe manches Merkwürdige gesehen und mich gut unterhalten. Wir kamen bis in die schauerliche Nähe des ungeheuren Berges Popocatepetl! Aber auch hier dachte ich an Euch und stellte Vergleiche an mit dem disseits und jenseits, die alle zu Gunsten des Letzteren ausfielen!
Ich lege Dir eine kleine Relation dieser Ausflucht bei und hoffe, daß sie Dich amüsiren wird; was Dir darin allenfalls zu trocken und geschäftlich erscheint, interessirt vielleicht einen oder den andern von den Freunden, denen Du sie zu lesen giebst.
P. S. vom 4. Juni 1832.
Sage Mathilden, daß ich so eben Abends 10 Uhr eine wunderschöne weiße Nacht-Cactusblume in unserm Gallerie-Gärtchen bewundert, und mich an dem köstlichen Gewürzgeruch derselben gelabt habe. — Es ist dieselbe Blume, welche ihre selige Mutter einst in London noch spät in der Nacht abzeichnete, als wir aus der Oper zurückkamen und unser freundlicher Nachbar, der Kunstgärtner, uns wissen ließ, daß der Cactus grandi florus in seinem Treibhause blühe! — Du [S. 90]wirst Dich der Zeichnung gewiß noch erinnern. Die jetzt neben mir stehende Blume hat aber den Vorzug vor jener in London, daß sie weit stärker und wirklich ganz köstlich riecht. Die Blätter bilden, in dreifacher Reihe, einen ganz offenen Stern und nur die über alle Maßen schönen Staubfasern, weiß mit gelben Glöckchen, den Kelch! Die Pracht der Cactus-Blüthen beschränkt sich aber nicht auf diese schöne nächtliche Blume, sondern bietet am Tage eine große Mannigfaltigkeit dar, an welchen die kleinen lieblichen Kolibri’s nicht wenig schwelgen. — Vor einigen Tagen verirrte sich einer derselben in mein Zimmer, ich fing ihn ein, um ihn in einen Käfig aufzubewahren, aber die flinken, bienenartig umherschwärmenden, kleinen Honigsauger ertragen kein Gefängniß, schon am zweiten Tage war das Thierchen todt! und es ergeht allen so, die eingefangen werden.
Nun denke Dir aber, zum Schluß, die höchst unangenehme Lage, in der ich mich hinsichtlich Deiner Briefe befinde! Ich habe bis zu dieser Stunde noch nichts Späteres von Dir erhalten, als Dein Schreiben vom 2. Januar. Hierbei kann mich in der That nur der Gedanke trösten, daß Briefe von Dir an mich in Vera-Cruz liegen müssen, und daß ich diese nunmehr — bei der Wendung, welche der Gang der politischen Ereignisse in diesem Lande genommen hat — bald zu erhalten hoffen darf. Die Belagerung von Vera-Cruz ist nämlich, wie voraus zu sehen war, endlich aufgehoben worden. Die Krankheiten und Todesfälle unter den Belagerern nahmen überhand und Calderon war genöthigt, nachdem er Vera-Cruz wirklich während mehreren Tagen nutzlos beschossen hatte, unverrichteter Sache wieder abzuziehen. — Santa Anna folgt ihm auf dem Fuße, und soll nicht mehr weit von Jalapa stehen! Die Minister haben abgedankt und wir wollen nun sehen was es weiter giebt.
[S. 91]
Hier ist übrigens alles fortwährend in tiefster Ruhe, nur ist es leider der Handel auch! — Lebe wohl.
[1] Die gewöhnliche Erkundigung, welche die sich auf der hohen See begegnenden Schiffe von einander einziehen, indem, von allen Berechnungen zur See, die der Länge die unsicherste ist.
[2] Theilweise hat sich leider diese Befürchtung verwirklicht, und mehrere meiner Freunde, welche Mexico nur wenige Wochen nach mir verließen, sind auf der kurzen Fahrt von Tampico nach New-Orleans im April 1833, wie man allgemein glaubt, von Seeräubern genommen worden. Man hat wenigstens nie wieder etwas von ihnen erfahren.
[3] So genannt — von den Menschenopfern, welche die Mexicaner, vor der spanischen Eroberung, dort ihren Götzen brachten.
[4] Nach Humboldt ist in den Monaten Mai bis October der mittlere Thermometerstand in Vera-Cruz 27½°, in der Hauptstadt Mexico nur 17° Reaumur.
[5] Seitdem dieser Brief geschrieben wurde, ist der erwähnte Fall wirklich eingetreten; — im J. 1833 nämlich erschien das schwarze Erbrechen in Vera-Cruz stärker, als seit vielen Jahren, und ein von Mexico nach Europa zurückkehrender Freund von mir, der es gewagt hatte, im Monat Juni (wenige Monate später als ich) die Küste zu bereisen, mußte den drei- oder viertägigen Aufenthalt in Vera-Cruz mit dem Leben büßen; er nahm das unglückliche Vomito-Miasma in sich auf und starb daran, auf der Reise nach Nordamerika, am Bord des Schiffes, den 8ten Tag nach der Einschiffung.
[6] Die Hauptvorwürfe, welche den Ministern gemacht werden, sind: erstens, daß sie den vorigen Präsidenten Guerrero auf verrätherische Weise hätten gefangen nehmen und erschießen lassen; zweitens, daß sie, ohne dafür von dem Papst die Anerkennung der Republik zu erlangen, Bischöfe von Rom angenommen hätten; drittens, daß sie die Rückkehr der, durch ein Gesetz des Congresses, landesverwiesenen Altspanier begünstigten, und, vereint mit diesen und der Geistlichkeit, zu Gunsten des ehemaligen Mutterlandes intriguirten! — (Audiatur et altera pars!)
[7] Also genannt, weil, mirabile dictu, die Engel die Cathedrale erbauen halfen. Sie stiegen am Abend vom Himmel herab, und fügten in der Nacht bis zum andern Morgen gerade so viele Arbeit dem Bau der Kirche hinzu, als die Indianer den Tag über, unter Aufsicht der spanischen Geistlichen, vollendet hatten.
[8] Die Zeit des Abend-Gebets, welche nach Sonnenuntergang, vom Thurm herab, durch Glocken-Anschlag angekündigt wird, wobei jeder gute Katholik den Hut abnimmt und den Segen spricht.
[9] Daß die Deutschen in Mexico und namentlich vom mexicanischen Gouvernement vorzugsweise wohlgelitten sind, ist übrigens nicht zu leugnen; die Engländer sind ihnen zu anmaßend, die Franzosen zu lärmend, und den Nordamerikanern trauen sie nicht — und das mit Recht, denn diese sind ihnen (in der Nähe von Texas) gefährliche Nachbaren. — Einen Theil der Achtung, die wir Deutsche als Nation in Mexico genießen, verdanken wir aber doch unstreitig unserm berühmten Landsmanne Humboldt, der bei allen gebildeten Mexicanern im höchsten Ansehen steht. Der Minister Alaman hat mir zu wiederholten Malen versichert, daß ihnen die Werke des Hrn. v. Humboldt gleich nach der Revolution von der größten Wichtigkeit und der einzige Leitfaden gewesen wären, nach welchem die am Ruder stehenden Männer etwas Ordnung in das Chaos der Verwaltung hatten bringen können.
Ausflucht nach dem Eisenwerk Sitio, am Fuße des Vulkans Popocatepetl, unweit des Plan de Amilpas gelegen.
So viel Gold und Silber Mexico von jeher auch geliefert haben mag, so mangelte ihm doch stets das wichtigste aller Metalle, das Eisen, und man war und ist bis zu dieser Stunde genöthigt, dasselbe von Europa zu beziehen, und, hier oben in der Hauptstadt, mit 15, 16, ja oft mit 20 Pesos und mehr den Centner zu bezahlen. Einem deutschen Geologen[10] war es vorbehalten die Entdeckung zu machen, daß nur wenige Tagereisen von Mexico, und nicht weiter von Puebla (den beiden wichtigsten Städten der Republik) in der Nähe des Popocatepetl, sehr leicht flüssiger Eisenstein in großer Menge zu finden sei, dessen innerer Gehalt die Güte des hier so hoch geschätzten biscayschen Eisens noch übertrifft. Es gelang ihm nicht allein, einige einflußreiche Mexicaner von der Wichtigkeit seiner Entdeckung zu überzeugen, und ein äußerst vortheilhaftes Terrain in Gemeinschaft mit denselben zu acquiriren, sondern auch den ihm befreundeten Minister Alaman, als Chef der Banco de Avio (einer Staats-Anleihe-Bank zur Beförderung der Industrie) zu vermögen, der Gesellschaft 40,000 Pesos, auf eine Reihe von Jahren, zu dem in Mexico ganz [S. 92]außerordentlich billigen Zinsfuß von 5 pCt. pro Anno, aus dem Fonds dieser Bank vorzuschießen.
Hiermit hat nun die Gesellschaft den Bau eines Hochofens zur Schmelzung jenes Eisensteins begonnen und verspricht sich davon die glänzendsten Resultate. Der Hochofen ist beinahe vollendet und das ganze Werk weit genug vorgerückt, um es mit Fug und Recht zu einem Gegenstande der Beschauung und näheren Beleuchtung zu machen. Wir beschlossen daher, unserer fünf an der Zahl, eine Reise nach dem Sitio zu unternehmen, und verfuhren dabei wie folgt. Wir mietheten eine der amerikanischen Diligencen, um uns früh Morgens nach Chalco zu fahren, wohin wir unsere Pferde Tags zuvor vorausgesandt hatten. Chalco, ein ziemlich großes, freundliches und, durch den Verkehr auf dem bekannten Canal, lebhaftes Städtchen, liegt schon außerhalb dem sogenannten Thale von Mexico, hinter der ersten Bergkette, und mithin eine gute Strecke vorwärts auf unserem Wege; — nachdem wir nun dort ein Frühstück eingenommen hatten, setzten wir uns weiter in Marsch und bildeten einen Zug von nicht weniger als 27 Pferden und Maulthieren! Du staunst wohl über einen solchen Train bei nur 5 Caballeros, aber das ist hier zu Lande keinesweges übertrieben und wird auch Dir nicht so erscheinen, wenn Du bedenkst, daß man hier, wegen der schlechten Bewirthung auf dem Lande, nicht allein seinen Diener bei sich haben, sondern auch Bett und Lebensmittel mit sich führen muß, wenn es einem nur einigermaßen erträglich gehen soll. Auch müssen, bei langen Tagereisen auf diesen beschwerlichen Wegen, gewichtige Personen, wie z. B. nicht ich, wohl aber unser stattlicher Freund S., zwei Reitpferde oder Maulthiere zum Wechseln haben! Da unsere Pferde alle frisch waren, ritten wir desselben Tages noch 12 bis 14 Leguas weiter, nach dem an Zucker-Plantagen (haciendas) so reichen, Plan [S. 93]de Amilpas, 2000 Fuß tiefer gelegen als Mexico. — Der natürlich stets abwärts gehende Weg führte uns zuvörderst durch einen Wald von herrlichem Baumwuchse und nächstdem am Eingang der Ebene, durch einige große, schöne indianische Dörfer.
In Totolapan, dem größten derselben, hätte ich gerne übernachtet, um mehr davon zu sehen. — Es war äußerst freundlich und reinlich, hatte einen großen Marktplatz und eine hübsche, mit schönen Bäumen und andern Gewächsen umpflanzte Kirche. Da es aber noch zu früh am Tage war, so mußten wir weiter. In einem andern Dorfe sahen wir einen guten, alten Indianer, mit einer kleinen Geige, etwa einem Dutzend Kinder, im Freien, Unterricht im Tanzen geben, wobei es sehr monoton herging. Der Tanz bestand aus einem kurzen, trippelnden Hüpfen, und schien bloß auf kirchliche Processionen berechnet zu seyn. Ich habe schon früher bemerkt, daß die lautere Fröhlichkeit des Europäers dem mexicanischen Indier nicht eigen ist. Da wir uns, wegen der vielen Landschluchten (Barancas), die man auf den freien Feldern gar nicht eher bemerkt, bis man davor steht, im Wege etwas geirrt hatten, so kamen wir erst spät am Abend in unser Nachtquartier Ayacapistla, und fanden dort wenig Trost; es war herzlich schlecht, sowohl das Essen und Trinken wie die Schlafstelle, doch fehlte es nicht an Raum für unsere Pferde in dem großen, eingemauerten, des Nachts verschlossenen Hofe.
Am andern Morgen brachen wir früh auf und nachdem wir das Thal durchschnitten hatten, ging unser Weg durch viele, oft sehr tiefe und steile Barancas aufwärts dem Popocatepetl zu, und zeigte nach einigen Stunden unsern forschenden Blicken, in nicht weiter Ferne, eine sich recht malerisch ausnehmende Wasserleitung, auf hohen Pfeilern und Bogen, nebst mehreren stattlichen Gebäuden! Dies war der Sitio, [S. 94]wo wir denn um die Mittagsstunde anlangten, und von dem, die dortigen Werke dirigirenden Herrn M., einem Landsmanne von uns, sehr freundlich aufgenommen und gut bewirthet wurden. — Wir fanden den Hoch-Ofen schon über Zweidrittel fertig, die äußere Mauer ganz, und für den innern Mantel wurden feuerfeste Steine behauen, die sich glücklicherweise ganz in der Nähe des Sitio finden. — Die Wasserleitung führt dem Werke, von einem nahe vorbeiströmenden Felsbache, eine so große Masse Wassers zu, daß das Gebläse von 4 Hochöfen damit versorgt werden könnte; die Urwälder des nur 8 Leguas von hier entfernten Popocatepetl’s liefern die Holzkohlen, in unerschöpflichen Massen, zu sehr billigen Preisen, und um alle diese Vortheile zu krönen, liegen die Eisenstein-Lager so nahe, daß die Erze mit sehr geringen Kosten nach dem Schmelzofen geschafft werden können. — Die Unternehmer schmeicheln sich, auf diese Weise den Centner Eisen, sowohl nach Mexico wie nach Puebla, von welchen Städten der Sitio gleich weit entfernt ist, zu 5 Pesos liefern zu können. Sie mögen daher schon einen bedeutenden Nutzen nehmen, und werden dem Hochlande dennoch weit wohlfeileres Eisen liefern, als es bis jetzt von irgend woher hat beziehen können. Da sich der völlige Ausbau des Hochofens noch einige Zeit verzögern dürfte, so sind kleine Oefen errichtet worden, in welchen der Versuch der Eisen-Schmelzung unverzüglich gemacht werden soll. — Gelingt er[11] und realisiren sich die jetzt von der Sache gehegten [S. 95]Hoffnungen, so ist der Vortheil für das Land unberechenbar, denn der Mangel dieses wichtigsten aller Metalle geht hier so weit, daß man die Kanonenkugeln, statt aus Eisen, der Oeconomie wegen aus Kupfer gießt! — Ob man es aber alsdann auch genügend erkennen wird, daß man diesen National-Gewinn deutschem Geiste und deutscher Betriebsamkeit und Ausdauer verdankt? — Ich möchte es bezweifeln, denn man ist nun einmal hier zu Lande dem Ausländer nicht sehr hold.
Um nun wieder auf den Sitio zurückzukommen, so ist dessen Lage äußerst romantisch. Auf der einen Seite der Vulkan, der fast die ganze Gegend beschattet, auf der andern die sehr fruchtbaren Thäler des Plan de Amilpas; in der Nähe mehrere reiche Haciendas, und das große Dorf Zacualpan, von woher die Eisenwerke, deren Aufseher und Mechaniker Deutsche sind, mit gewöhnlichen Arbeitern versorgt werden. — Ein anstoßender Teich, den der oben erwähnte Felsbach stets gefüllt erhält, vollendet das wirklich schöne Bild dieser in ihrem Ursprung ganz deutschen Anlage. Hoch über derselben in der Nähe der Wasserleitung fand ich auf den Feldern sehr vielen Obsidian, (bekanntlich eine harte, schneidende, aber sehr spröde Lava-Verglasung) dessen sich die Mexicaner vor der Eroberung, in Ermangelung des Eisens, zu ihren Waffen sowohl, wie zu ihren Werkzeugen bedienten, und mit welchen letztern sie Arbeiten in Stein ausführten, die uns jetzt, bei so unvollkommenen Utensilien, unbegreiflich erscheinen. — Da es auf dem Sitio am Tage sehr heiß ist, so gewährt der stark abwärts [S. 96]strömende Felsbach, durch die vielen Badestellen, die er bildet, oft eine große Erquickung, die ich in jenen Tagen denn auch wahrhaft genoß. — Die Nächte sind hier aber kalt, und da wir unsere Schlafstellen, in einem noch unvollendeten Gebäude, fast unter freiem Himmel hatten, so verursachte mir das eine tüchtige Erkältung; sie dauerte aber nur so lange, bis wir in Tierra caliente ankamen, wo sie, noch ehe die Sonne in der Mittagsstunde alle ihre Rechte ausgeübt hatte, völlig weggeschwitzt war. Wir machten uns nämlich am frühen Morgen auf den Weg, um eins der entfernteren, in Tierra caliente gelegenen Eisen-Bergwerke zu besehen; wir kamen dabei durch ein sehr schönes, großes Dorf, von ganz indianischem Zuschnitt. Der dortige Geistliche, der uns gastfreundlich aufnahm, war ein unterrichteter Mann und hatte eine recht hübsche Bibliothek, die er, so aufgeklärt, vor dem Abfall vom Mutterlande wohl nicht hätte besitzen dürfen! Ich fand darin unter andern auch Humboldts Werke, in spanischer Uebersetzung, und als ich ihm meine Freude darüber äußerte, daß er unsern großen Landsmann kenne, versicherte er, daß er Niemanden höher schätze, und daß er es gewesen sei, der in dem ersten constituirenden Congresse darauf angetragen habe, dem Baron Alexander v. Humboldt das mexicanische Bürgerrecht zu decretiren, was dann auch geschehen sei!
Von hier ging es nun weiter durch fruchtbare Felder und freundliche Indianer-Dörfer, deren zahlreiche Bewohner fröhlich und guter Dinge, und gegen uns freundlich und gefällig waren;[12] die Hitze war sehr groß und brachte, wie es [S. 97]schien, alles zur Reife und ins Leben. Der unzähligen, kriechenden und fliegenden Insecten nicht zu gedenken, sahen wir unter andern Tausende von Eidechsen an den Seiten des Weges und Myriaden von Heimchen, deren Zirpen so laut ward, daß es die Conversation übertäubte; auf den Räumen Kolibris aller Art, auch die schönen, ganz weißen, und unter andern eine Gattung Singvögel, deren schrillen Gesang ich nicht allein nie vorher gehört hatte, sondern auch mit keinem andern zu vergleichen wußte. Einer aus unserer Gesellschaft bemerkte scherzend, daß er diese Töne dem Klange des Zerschellens dünner Glasflaschen, die einen Steindamm hinabgerollt würden, ähnlich fände, und so seltsam es auch klingen mag, wir fanden, daß er nicht ganz Unrecht hatte; wir nannten den Sänger nun den Bouteillen-Vogel, und so oft ich ihn nachher wieder gehört habe, erschien mir der Vergleich stets ein sehr passender.
Wir kamen jetzt nach einer Zucker-Hacienda, deren Eigenthümer uns sehr zuvorkommend aufnahm, und uns ein gutes Frühstück bereiten ließ. Das Wohnhaus war geräumig und in seiner inneren Einrichtung den climatischen Verhältnissen angepaßt. Die Capelle (welche gesetzlich auf jeder Hacienda seyn muß) war klein. Wir besahen nunmehr die Zuckerfabrication, wobei für mich das Interessanteste war, daß überall nur freie Arbeiter zu sehen waren, und daß es mithin sich als unwahr ergiebt, wenn die Nordamerikaner der [S. 98]der südlichen Provinzen und die englisch-, spanisch-und französisch-westindischen Pflanzer behaupten, der Anbau der sogenannten Colonial-Producte, und namentlich die Zucker-Fabrication, könne nicht ohne Sclaven betrieben werden! — Mexico liefert den praktischen und faktischen Beweis des Gegentheils. Hier ist z. B. eine Zucker-Plantage, die jährlich ungefähr Eine Million Pfund Zucker in Broden durch freie Arbeiter liefert, und es sind solcher Anlagen in diesen und anderen Gegenden der Republik noch viele; nicht nur hinlänglich, um dem großen Bedarf an Zucker für die eigene Bevölkerung zu genügen, sondern auch von den Häfen San Blas und Acapulco aus, nach Chile große Quantitäten davon auszuführen, ohne daß von Sclaven-Arbeit die Rede seyn dürfte. Denn was auch sonst die Fehler der mexicanischen Constitution seyn mögen, in einem Stücke ist sie der gepriesenen nordamerikanischen weit überlegen, nämlich darin, daß sie die Menschenrechte ehrt — und keine Sclaverei duldet! Es that meinem Herzen wohl, zu sehen, wie die Arbeiter auf jener Hacienda (es war grade Zahltag) nach Hunderten als freie Menschen abgelöhnt wurden, — und ich sagte mir: was in diesem Lande möglich ist, ist es auch in andern, und es muß daher auch in Westindien und in Nordamerika dahin kommen, daß der Sclave zum freien Tagelöhner wird.
Das Zuckerrohr gewährt auf dem Felde, durch seinen blätterreichen, üppigen Wuchs, einen schönen Anblick; wenn hinlänglich reif, wird es abgehauen, auf kleinen Karren nach der Hacienda gefahren und in die Mühle gebracht, woselbst drei aufrecht stehende Cylinder von Kupfer das Rohr fassen und ihm einen Saft auspressen, der von da aus in große Kessel läuft, wo er gekocht, geschäumt und in kegelförmige, irdene Formen gegossen wird, in denen sich der Zucker krystallisirt. [S. 99]So kommt er zum Verkauf und eine weitere Raffinirung findet in Mexico nicht Statt. — Der hiesige Zucker ist übrigens sehr stark von Korn und sehr süß.
Die von der Hacienda nicht weit entfernten Eisen-Bergwerke boten als Merkwürdigkeit nur den auf den ersten Blick in die Augen springenden Beweis dar, daß sie unerschöpflich sind, was das Erstaunen, daß sie so lange unbeachtet geblieben, nur erhöhen kann. — Einer der Aufseher, ein Deutscher, hatte sich am Fuß des Berges, in der Nähe schattiger Bäume und eines rieselnden Baches, eine aus zwei Abtheilungen bestehende Hütte erbaut, deren Wände nur von Rohr waren, in welcher er sich aber sehr behaglich zu fühlen versicherte; seine Flinte brauchte er, trotz der isolirten Lage seiner Wohnung, nicht als Vertheidigungs-Waffe, sondern bloß zur Jagd. Die Temperatur ist hier äußerst angenehm, gemäßigt und gesund. — Der Rückweg führte uns wieder durch einige freundliche Dörfer, wo wir die Bewohner in friedlichen und fröhlichen Gruppen den schönen Abend genießen sahen. Die Weiber saßen dabei vor den Thüren, und beschäftigten sich mit häuslichen Arbeiten, besonders mit Nähen, was die Mexicanerinnen viel und fleißig treiben.
Wir kamen erst spät am Abend auf den Sitio zurück, und traten schon den nächsten Morgen unsere Rückreise nach Mexico an. Um diese etwas zu variiren, hielten wir uns mehr in der Nähe des Gebirges, und sahen auf diesem Wege manche fruchtbare Gegend und manches schöne, volkreiche Dorf, mit stattlicher Kirche, die hier nie und nirgends fehlt. Zu dem größten Flecken gelangten wir am zweiten Tage des Morgens, es war Sonntag und, wie hier zu Lande üblich, deshalb Markttag, der, sehr stark besucht, eine äußerst lebendige Scene darbot. Mais, Früchte und Blumen aller Art, Baumwollen-Gewebe der eigenen Fabrication und Nürnberger [S. 100]Spiegel, — kurz Alles, selbst das heterogenste, ward zum Verkaufe ausgeboten, und die Verkäufer, Landleute aus der Umgegend, meist weiblichen Geschlechts, von allen Farben-Abstufungen und eben nicht schön zu nennen. Der Marktplatz war sehr groß, wie ich ihn denn überhaupt in allen Städten, Dörfern und Flecken, durch die ich in diesem Lande gekommen bin, gefunden habe. — Es mangelt eben hier noch nicht an Platz, und man findet deshalb überall breite Straßen, große Plätze und weitläuftige Anlagen, was der Gesundheit im Allgemeinen gewiß sehr zuträglich ist.
Wir erreichten nun, auf unserer fortgesetzten Rückreise, Chalco, bei guter Zeit am Nachmittage, und mietheten uns dort, um den andern Morgen ganz früh in Mexico seyn zu können, ein Nachtboot aus dem Canale. Die Pferde ließen wir uns nachbringen, fuhren des Abends um 7 Uhr von Chalco ab und kamen, langsam genug, den nächsten Morgen um 8 Uhr in Mexico an! — Der Canal führt durch viel Moor- und Sumpfland, mit hohem Schilf bewachsen und von unzähligen, geschwätzigen Wasservögeln bewohnt, aber er führt auch bei der Annäherung an Mexico an mehreren hübschen Dörfern und den viel besprochenen, schwimmenden Gärten vorbei. Diese letzteren sind übrigens, was sie auch früher gewesen seyn mögen, jetzt nicht schwimmend, sondern große, viereckige, den Sümpfen gleichsam abgewonnene Stücke Landes, von Wasser umgeben und durch kleine Zugbrücken unter einander und mit dem übrigen Lande in Verbindung gesetzt, wie man sie in Holland gleichfalls häufig antrifft. In kleinen darauf angebrachten Hütten wohnen Indianer, welche in dem durch die Feuchtigkeit sehr fruchtbaren Boden, Gemüse und Blumen ziehen, und auf dem Canal nach Mexico zum Verkauf bringen. Die natürliche Beweglichkeit solcher Erdstücke im sumpfigen Boden mag wohl die erste Veranlassung zu der [S. 101]allzu feenartig klingenden Benennung von “schwimmenden Gärten” gegeben haben!
Der Canal geht durch mitunter enge Straßen, wo viele Gärber wohnen und ihr nicht sonderlich wohlriechendes Gewerbe treiben, bis in die Mitte der Stadt, woselbst wir landeten und so unsere Ausflucht nach dem Sitio beendigten.
Mexico, den 17. Juni 1832.
“Pfingsten, das liebliche Fest war gekommen!”
Auch hier ist’s ein fröhliches Fest und wird überall auf dem Lande und im Freien begangen. — Wie es in andern Theilen der Republik gefeiert wird, weiß ich nicht, aber in der Hauptstadt zieht, wer es nur einigermaßen kann, auf Pfingsten hinaus nach St. Augustin, einem hübschen Landstädtchen, etwa 2 Meilen von hier am südwestlichen Gebirge. Die Gegend ist dort weit schöner und fruchtbarer als um Mexico herum, und auch gewiß gesünder, da der Boden höher gelegen und nicht sumpfig ist. Aus diesem Grunde ist es wohl zu beklagen, daß Cortes seinen ursprünglichen Plan nicht ausgeführt hat, das neue Mexico, — statt theils an die Seite, theils an die Stelle der alten Stadt, — da zu erbauen, wo jetzt St. Augustin steht. Begreiflicher ist, daß in neuerer Zeit die Idee, St. Augustin zur Föderativ-Stadt zu machen, und den Sitz des Congresses dahin zu verlegen, nicht durchging, denn Mexico hat jetzt, als Mittelpunkt der Republik, zu viele Resourcen, welche der Regierung unentbehrlich sind. St. Augustin ist somit ein kleines, aber wie gesagt ein freundliches Landstädtchen geblieben, mit vielen hübschen Häusern und Gärten und schöner Umgebung; — und dahin zieht alle Welt auf Pfingsten, um den dortigen Volksfesten beizuwohnen. Hahnen-Gefechte, Buden aller Art, Messe auf dem Marktplatz, [S. 102]Tanz am Tage im Freien und bal paré am Abend, alles ist dort zu sehen und zu finden, und das ganze Fest in der That ein schönes und heiteres zu nennen. — Aber, aber, — ist nicht der alleinige Magnet, der in diesen Tagen die zahlreiche Menge zu Wagen, zu Pferd und zu Fuß von Mexico nach St. Augustin zieht! Es ist die Spielsucht, vielleicht mehr als alles andere, denn dieser wird nirgends und zu keiner Zeit ein größeres Feld gegeben, als gerade hier. — Die Regierung beobachtet nämlich das äußere Decorum hinsichtlich des Spiels, wenigstens in so weit, daß sie die Hazardspiele verbietet, und deren Oeffentlichkeit, namentlich in der Hauptstadt, nicht duldet. Die nichts desto weniger gekannten und stark besuchten Monte-Banken werden in Mexico nur heimlich aufgelegt. Zu Pfingsten aber hat St. Augustin ein Privilegium, (gleich wie unsere in dieser Hinsicht berüchtigten Bade-Orte den ganzen Sommer über) während fünf Tagen öffentlich Bank auflegen zu dürfen, und Du kannst denken, daß dies nicht unbenutzt bleibt. In nicht weniger als 20 verschiedenen Häusern wird zu St. Augustin auf Pfingsten Monte-Bank gehalten, in 15 derselben nur mit Gold pointirt, in den übrigen mit Gold und Silber.
Um Dir einen Begriff von der hiesigen Spielwuth zu geben, darf ich Dir nur bemerken, daß diese Banken, welche ihr eigentliches Etablissement alle in der Hauptstadt haben, bei dieser Gelegenheit, das Silber ungerechnet, nicht weniger als 58000 Stück Doublonen oder Unzen (also einen Werth von beinahe 1½ Millionen preußischer Thaler in Gold allein) hinausgeschleppt und in St. Augustin auf den grünen Teppigen aufgelegt haben! Gold steigt in dieser Zeit zu einem Agio von 5 bis 7½ vom Hundert, denn es wird nicht nur für die Banken, sondern auch von den Mitspielern, an denen es in diesen Tagen natürlich hier weniger als je mangelt, gesucht [S. 103]und aufgekauft. Wie viel die Mitspieler davon hinbrachten, läßt sich nicht berechnen; eher vielleicht, was die meisten derselben wieder mit zurücknahmen; denn das wird nicht viel gewesen seyn! Nur von Wenigen hörte ich, daß sie glücklich gespielt hätten! Eine Bank ist freilich gesprengt worden und hat 3000 Unzen verloren, aber die meisten prosperirten, obgleich Monte anerkanntermaßen dasjenige Hazardspiel ist, welches die Bank am wenigsten begünstigt! — Ich versuche es nicht, Dir ein Bild von der Leidenschaftlichkeit zu entwerfen, mit welcher gespielt ward, oder den Ausdruck zu beschreiben, der sich bei den Wechselfällen des Glücks auf den verschiedenen, männlichen und weiblichen Gesichtern (auch hier spielt, wie bei uns, das schöne Geschlecht mit) kund gab! — Es übersteigt die Kraft meines Pinsels, und Du liest es anderswo besser. Aber eine Merkwürdigkeit ans diesen Scenen muß ich Dir doch noch berichten. An einer der Goldbanken nämlich sah ich, in einiger Entfernung vom Tische, nahe am Eingang des Zimmers, einen Mann stehen, der mit gespannter Aufmerksamkeit zusah und fortwährend etwas anzumerken schien! Auf mein Befragen erfuhr ich, daß es der Comte de *** sei, der stets mitspiele, aber nie pointire, sondern dem Spiel aus der Ferne in Gedanken folge, und nachher an die Casse gehe, um dort abzurechnen, wo man ihn denn eben so oft große Summen habe zahlen als empfangen sehen! Von einem ähnlichen Vertrauen zwischen Banquier und Pointier habe ich in Europa nicht gehört.
Doch genug vom Hazardspiel, und nun zu dem, wie man sonst die Festtage hinbrachte! — Daß diese mit der Messe (Misa) und einer Procession in den Kirchen anfingen, versteht sich von selbst. Hierauf besucht man wohl den Markt, wo das Volk sich den ganzen Tag über aufhält, und am Abend in noch größerer Menge sich mit Trinken und Spielen [S. 104]erlustigt. Die Hahnengefechte, welche bei den Mexicanern im Allgemeinen sehr beliebt sind, gehören hier zu den Vormittags-Vergnügungen, und werden in einem recht hübschen, runden Local gegeben, woselbst Sitze und Logen amphitheatralisch für die Zuschauer angebracht sind, welche aber hier nicht so zahlreich, wenn auch eben so gemischt waren, wie bei den Stiergefechten. Der Vice-Präsident Bustamante kam auf kurze Zeit in eine der Logen, mit einem seiner Adjutanten, ohne daß jedoch irgend eine Notiz von ihm genommen ward. Wie wäre dies aber auch von einem Publicum zu erwarten, welches einem Hahnengefechte zusieht? Nimm des unsterblichen Hogarths Kupferstiche zur Hand und Du wirst es besser sehen und begreifen, als ich es Dir zu schildern vermag, wie dieser scheinbar unbedeutende Kampf die Aufmerksamkeit, ja die Leidenschaften aller Umstehenden erregt und fesselt! — und auch dies ist ja hier tout comme chez nous! — Die mexicanischen Kampfhähne sind übrigens groß, stark und hochbeinig, und der Sieger macht jedesmal, mit Hülfe der scharfen, langen, stählernen Bewaffnung am Sporn, mit seinem Gegner kurzen Proceß.
Die Wetten waren diesmal nicht so hoch und allgemein, wie wohl bei andern Gelegenheiten, was dem Umstande zuzuschreiben seyn mag, daß die größten Spieler bereits an der Monte-Bank saßen.
Nach einem frühen, nicht sehr delicaten, aber desto theurern Mittagessen an Table d’hôte (man zahlt für’s Essen und eine Flasche französischen Weins 4 bis 5 Pesos) ging oder fuhr man nach dem schönen Calvario-Berg, wo sich viel Volks und viel beau monde, mitunter sehr reich in französischem Geschmack gekleidete Damen, auf dem schönen grünen Rasen, über welchen hin und wieder Matten ausgebreitet waren, gelagert hatte, und sich theils an der schönen Natur und [S. 105]einer reizenden Aussicht, bei dem herrlichsten Wetter, ergötzte, theils sich, bei guter militärischer Musik, mit Tanzen erlustigte. Auch hier erschien Bustamante in dunkelgrüner Husaren-Uniform, aber auch hier ging er überall unbemerkt vorüber, und nur selten ward hier und da ein Hut vor ihm gezogen. Er schien mir durchaus nicht die öffentliche Achtung zu genießen, welche nach meinen Begriffen der ersten Magistrats-Person eines Landes gebührt. —
Da, wie schon öfter bemerkt, unter diesem Himmelsstrich die Nacht früh und schnell hereinbricht, so dauerte dies ländliche Vergnügen hier nicht so lange, als es in dieser Jahrszeit wohl bei uns der Fall gewesen seyn würde, und Jedermann zog sich bei Zeiten zurück nach dem Städtchen, die Einen um sich wieder an den Spieltisch zu setzen, die Andern um für den Ball Toilette zu machen. — Mittlerweile will ich Dich noch ein wenig weiter den Berg hinanführen, und Dir dort eine optische Täuschung zeigen, die Dich überraschen wird, — nämlich nichts mehr und nichts weniger als einen bergauf strömenden Bach. Diese Täuschung beruht ja wohl auf demselben Princip wie jene, die uns eine Haide als See erscheinen macht; sie ist aber in der That so groß, daß man Mühe hat, wenn auch noch so nahe stehend und dem Bache folgend, sich vom Gegentheil zu überzeugen!
Für den bal paré am Abend ward das Local des Hahnengefechts recht hübsch und sinnreich eingerichtet; ein schön meublirtes Eintritts-Zimmer für die Damen an der einen, und gute Restauration an der andern Seite; und in der Arena, wo am Morgen die Hähne gekämpft hatten, waren jetzt große schöne Teppige ausgebreitet und so ein recht geräumiger Tanzplatz geschaffen, um welchen herum, außer den schon früher erwähnten Logen, drei Reihen von Stühlen und Bänken angebracht waren, um die schönen Tänzerinnen in der [S. 106]Nähe bewundern zu können. Diese ermangelten denn nicht, am Abend zwischen 9 und 10 Uhr, unter dem Schutz ihrer respectiven Familien (von den ersten Mexicos) sich einzustellen, und ich muß gestehen, daß sich die nunmehr hier versammelte Gesellschaft, bei der guten Beleuchtung durch schöne Lüstres und Lampen, recht brillant ausnahm. Der Anzug der Damen war geschmackvoll und reich, und der Tanz — Quadrillen und Ecossaisen — ward mit sehr viel Decenz, sehr viel Grazie, und nur in einem etwas allzulangsamen Takt, bei guter militärischer Musik, aufgeführt. Der Ball würde einer jeden großen Stadt in Europa Ehre gemacht haben, und nur die Zuschauer waren hier etwas mehr abwärts gemischt, als sie es bei einer ähnlichen Gelegenheit wohl bei uns gewesen seyn würden.
Wir hielten aus bis Mitternacht, ließen die Fröhlichen auch dann noch “on the light fantastic toe,” und fuhren bei schönem Mondschein nach Mexico zurück, wo ich mich heute gesund und wohl befinde, aber ungeduldig im höchsten Grade, wieder einmal von Dir zu hören. Lebe wohl.
Jalapa, den 25. Juni 1832.
Du staunst ja wohl, mich mit einemmale wieder in diesem freundlichen Städtchen zu sehen? Dies hängt aber folgendermaßen zusammen! — Kaum war mein letztes Schreiben vom 17ten ans Mexico abgegangen, als wir die Nachricht erhielten, daß zwischen Santa Anna und den Gouvernements-Truppen in der Nähe dieser Stadt ein Waffenstillstand abgeschlossen sei. Hierdurch eröffnete sich uns die Aussicht, wenigstens von hier aus mit Vera-Cruz communiciren, und Briefe u. s. w. von daher erhalten zu können. Ich zögerte keinen Augenblick mit der Hierherreise, um nichts unversucht [S. 107]zu lassen, diesem peinigenden Zustande der Unterbrechung meiner Correspondenz endlich einmal ein Ende zu machen, und hier bin ich nun seit einigen Tagen; ich habe bereits einen Expressen nach Vera-Cruz gesandt und bin in stündlicher Erwartung seiner Rückkehr — mit vielen, vielen Briefschaften — auch von Dir. Mittlerweile setze ich mich hin, Dir ein paar Worte über die herrlichen Spaziergänge zu sagen, die ich gestern und heute in dieser bezaubernden Gegend gemacht habe. War es schon schön, als ich im vorigen Januar hier durchkam, so ist es jetzt, in dieser Sommer-Jahrszeit, über alle Beschreibung reizend. Nirgends in der Welt habe ich noch den aromatischen Duft der Vegetation so genossen wie hier, wo die Natur im höchsten Grade üppig ist und wo sich die heiße und die gemäßigte Zone auf eine wunderbar eigenthümliche Weise vereinigen! — Ich war heute in einem großen Garten, wo die Zuckerstaude und der Caffeebaum neben dem braunen Kohl blühen, der bei uns nur im Winter, und gleichsam unterm Schnee, zur Vollkommenheit reift; wo deutscher Thymian[13] neben Artischoken, die Melone neben der gemeinen Zwiebel wächst, und der Apfelbaum neben der palmenartigen Bannana steht. Ich könnte diese Gegensätze in der Vegetation, wie Kürbisse neben den saftigsten Melonen, neun Fuß hoher Mais neben üppigem Weizen, die fremdartigsten Cactus-Pflanzen neben der deutschen Nelke, Rosenbäume von ungemeiner Größe, Fülle und Verschiedenheit u. s. w. noch ins Unendliche fortführen, und sollte besonders die schönen Orangenbäume, welche hier wild wachsen, und die wohlduftenden, lilienartigen Liquidambar-Stauden [S. 108]nicht unerwähnt lassen; doch mag es an dem Gesagten genügen und der Rest Deiner Einbildungskraft überlassen bleiben. — Regnete es in Jalapa nicht fast täglich am Nachmittage (es liegt, wie schon gesagt, gleichsam in der Wolken-Region) so wäre es ein Paradies und man dürfte mit Recht Göthe’s Lied: “dahin, dahin will ich mit Dir, o Du Geliebte! ziehn,” darauf anwenden. Die Feuchtigkeit, welche in der Regenzeit allerdings hier so groß ist, daß sowohl die Kleidungsstücke wie die Betten nicht ganz frei davon bleiben, ist jedoch keineswegs der Gesundheit nachtheilig, indem jeder schädliche Einfluß desselben durch eine, die ganze Atmosphäre durchströmende, wohlthätige Wärme neutralisirt wird. Jeder Morgen bringt einen schönen heitern Sonnenschein und am Mittage ist’s heiß; auch fehlt es an schönen Abenden nicht, die man zu Spaziergängen benutzen kann, obgleich die frühe Nacht sie, gegen die unsrigen in Europa, sehr abkürzt. — Die schönen Abende Europa’s, die uns so oft bis 10 Uhr im Freien halten, kennt man hier nicht.
Den 26sten.
Der Expresse ist zurück und bringt mir eine Masse von Briefen, die sich während der Belagerung in Vera-Cruz dort angehäuft hatten; ich habe deren nun von allen Freunden in Europa erhalten und besitze die Deinigen bis zum 16. März. Ich versuche es nicht Dir meine Freude zu schildern! — Gott lob! daß Ihr alle wohl waret! — Könnte ich meinem Gefühle folgen, ich ginge jetzt gleich nach Vera-Cruz, schiffte mich ein und eilte zu Euch, Ihr Lieben, zurück! — aber das kann und darf ich nicht; ich muß leider noch einige Zeit hier aushalten, und das Ende der Revolution abwarten, um so mehr als es nun nicht mehr ferne zu seyn scheint, und hoffentlich durch die Unterhandlungen, welche jetzt unverzüglich in Puente stattfinden sollen, herbeigeführt werden wird. — Santa [S. 109]Anna war nämlich, nachdem die Belagerung von Vera-Cruz aufgehoben und er durch Truppen-Abtheilungen von seinem Verbündeten in Tampico, dem General Moctezuma, verstärkt worden, ausmarschirt und dem General Calderon, der sich hieher zurückgezogen hatte, gefolgt. — Er hatte Puente, wo noch einige Gouvernements-Truppen zur Benützung eines Lazareths lagen, umgangen, und stand mit einem Male diesseits Encero! Die beiden Generäle, Calderon und Facio, welcher letztere, nachdem er als Kriegs-Minister abgedankt, hierher gesandt ward, um das Commando zu übernehmen, rückten nun mit etwa 1600 Mann (mehr waren nicht disponibel, der Rest in den Lazarethen) Santa Anna entgegen, dessen Corps übrigens auch nicht stärker, oder wie wir, mit unsern Begriffen von Armeen in Europa sagen würden, eben so schwach war! Beide Partheien stoßen nicht weit von hier auf einander und machten Anstalt zur Schlacht; man erwartete eine entscheidende, statt dessen aber ward unterhandelt, und, ohne daß ein Schuß fiel, ein Waffenstillstand abgeschlossen. Die Gouvernements-Partei hier war darüber sehr entrüstet und warf Calderon und Facio vor, daß sie sich von Santa Anna, der sich in einer sehr mißlichen Lage befunden, hätten überlisten lassen u. s. w.; wenn man aber bedenkt, daß das, mehrere 100 Kranke enthaltende, Lazareth in Puente durch Santa Anna abgeschnitten und von allen Lebensmitteln so entblößt war, daß schon wenige Stunden nach Abschluß des Waffenstillstandes ein Transport dahin abgefertigt werden mußte, daß ferner der wichtige Paß von Puente an Santa Anna übergeben und die Demarcations-Linie hierher verlegt worden ist, so muß man nothgedrungen glauben, daß nicht sowohl die Lage des Generals Santa Anna, als die der Regierungs-Truppen eine mißliche gewesen seyn müsse! Dem sei aber wie ihm wolle, der Waffenstillstand ist abgeschlossen, und es sollen [S. 110]sofort Unterhandlungen in Puente angeknüpft werden; von Seite Santa Anna’s durch ihn selbst und einige seiner Generäle, und von Seite der Regierung durch den früheren Präsidenten, Vittoria (den Veteranen der Republik) und Camacho, den Gouverneur des Staats. — Man hofft, daß dem Lande Friede daraus entspringen werde, die Wahl der Regierungs-Unterhändler deutet wenigstens darauf hin, und so will ich denn vor der Hand auch an diesem Glauben festhalten und Dir in meinem Nächsten mehr darüber berichten. — Adieu.
Jalapa, den 9. Juli 1832.
Seit ich Dir zuletzt geschrieben, es war am 26. Juni, haben sich die Aussichten zum Frieden wieder sehr getrübt! In Vera-Cruz hat nämlich ein neues “pronunciamento” statt gefunden, welches die Sache mehr als je verwickelt. Die dortige heroische Garnison (heroisch nennen sich, nach spanischer Sitte, hier alle Garnisonen, Armeecorps, ja Festungen und Städte, die etwa einmal eine Belagerung ausgehalten haben, par excellence,) hat sich nämlich jetzt zu Gunsten des Präsidenten Pedraza erklärt; d. h. sie verlangt, daß derselbe, welcher sich dermalen im Exil befindet und zu Philadelphia aufhält, zurückberufen und, bis zum Ablauf der gesetzlichen Frist seiner Präsidentur, mithin bis zum April des nächsten Jahrs, an die Spitze der Regierung gestellt werden soll. — Dies zu fordern ist nunmehr Santa Anna von seinen Truppen instruirt falls er es nicht, wie wahrscheinlich, selbst veranlaßt hat, und kommt nun jedenfalls zur Conferenz nach Puente mit Propositionen, auf welche das Gouvernement nicht eingehen wird, ja nicht eingehen kann, ohne geradezu abzudanken. Was ist also nun leider anders zu erwarten, als fortgesetzte Feindseligkeiten, deren Ende, bei der Langsamkeit, womit in diesem Lande [S. 111]alles geschieht, und die nichts zur Entscheidung kommen läßt, gar nicht abzusehen ist! Nach meiner Meinung ist übrigens in der jetzigen Proposition der Vera-Cruzaner Partei das einzige Mittel zu finden, den gordischen Knoten zu zerhauen; denn ohne die Dazwischenkunft eines Dritten, wie z. B. Pedraza, der ein kluger und gemäßigter Mann seyn soll, sehe ich gar nicht ein, wie der Streit zwischen den, gleich starken oder gleich schwachen Chefs, Bustamante und Santa Anna, geschlichtet werden kann!
General Vittoria ist mittlerweile von seinem Landsitz (im Süden dieses Staats) hier angekommen, und will in einigen Tagen mit Camacho nach Puente zur Conferenz abgehen; er hat gestern Revue über die hiesigen Gouvernements-Truppen gehalten; es waren, von allen Waffengattungen und bei einer unmäßigen Anzahl von Officieren, 1500 an der Zahl! mit Musik für eben so viele Tausende, damit es an kriegerischem Getöse nicht fehle! Und dies ist die ganze Kraft, welche die Regierung auf einem so wichtigen Punkte, und in einem so kritischen Momente conzentriren kann, während die Republik nicht weniger als 11 Divisions-Generale und 18 Brigade-Generale besoldet, und für das Kriegs-Departement überhaupt nicht weniger als 16 Millionen Pesos (24 Millionen preußische Thaler) im jährlichen Budget aufführt!! dies ist denn doch noch ärger als chez nous; doch lassen wir das! Wenn nur die Unterhandlung in Puente den Frieden des Landes herbeiführt, so will ich mich mit allem Uebrigen schon zufrieden geben.
Mittlerweile suche ich mich hier so gut zu amusiren wie ich kann, und gehe viel spazieren. Die besuchteste Promenade und diejenige, wo man die meiste beau monde antrifft, ist jetzt der neue Weg nach Cordova, zu welchem, nahe bei der Stadt, eine hübsche Brücke über einen kleinen Wasserfall führt! [S. 112]Alles mit Geschmack und kunstgerecht angelegt. Es ist erfreulich, zu sehen, daß, selbst in diesen unruhigen Zeiten, hier doch auch einiges dieser Art geschieht; freilich bleibt in der Hinsicht noch unendlich viel zu thun übrig, aber es wird auch gewiß viel geschehen, wenn einmal das Land zur Ruhe gekommen ist. Auf dem eben erwähnten Spaziergang kommt man, etwa eine Meile von der Stadt, an eine Meierei (nach dem spanischen leche, Milch, lecheria genannt), wo man sehr gute Milch von allen Arten, wie bei uns, bekommen kann, was ich mir, bei meiner großen Vorliebe für dieses Getränk, denn sehr zu Nutze mache. Es wird hier viel Rindvieh gehalten, und für den Gebrauch der Stadt viel Milch gewonnen; aber die Euter der Kühe sind hier unverhältnißmäßig kleiner als in Europa, und man scheint sich auf das Melken schlecht zu verstehen, denn die Kühe müssen, wie es scheint, jedesmal erst durch das Kalb angesaugt werden, ehe die Milch in Fluß kommt!
Ein anderer Spaziergang führte mich heute an einer Natur-Scene vorüber, die ich früher noch nirgends gesehen habe, nämlich an einen “Spinnen-Staaten-Bund,” von ungeheurer Größe! Das Gewebe dehnte sich zwischen zwei Bäumen aus, und nahm einen Raum von wenigstens 15 Quadrat-Fuß ein! In demselben haus’ten aber mehr als 12 verschiedene Spinnen-Republiken, die alle abgesondert ihr Wesen für sich zu treiben schienen und ihre Gränzen gegen einander so scharf bewachten, daß es oft zu heftigen Gefechten zwischen ihnen kam! Und doch muß das Ganze ein gemeinschaftliches Werk gewesen seyn, denn die Bäume standen weit auseinander und das Netz war dennoch zusammenhängend! Die Abtheilungen in dem großen Gewebe waren von sehr ungleicher Größe, und die Gattungen der Spinnen eben so sehr von einander verschieden. Ich habe wie gesagt, nie etwas Aehnliches gesehen. Bei den Abend-Promenaden, die mitunter an den vielen [S. 113]Wasserströmungen dieser Stadt vorbeiführen, an welchen eine Menge hübscher und häßlicher Wäscherinnen im Freien, wie hier üblich, ihr munteres Gewerbe treiben, werden wir denn auch oft durch die wirklich gute Militair-Musik der hier liegenden Armee erfreut, und an Sonn- und Festtagen, an welchen letzteren hier zu Lande kein Mangel ist, läßt sie sich auch bei der Hochmesse in der Cathedrale hören. Diese Kirche ist nun zwar weder sehr schön noch reich ausgeschmückt, hat aber die Eigenthümlichkeit, daß sie, wie fast ganz Jalapa, an einem Hügel angebaut ist, und selbst in ihrem Hauptgange zum Chor bergauf geht, so daß der am Ende stehende Hochaltar diese Benennung im wahren Sinne des Worts verdient.
Damit es nun aber an nichts mangele, was Jalapa zur Stadt stempelt, so hat man auch ein Theater hier, was jedoch so unter aller Critik schlecht ist, daß es darin nur von der Erbärmlichkeit der jetzt hier spielenden, herumziehenden Bande übertroffen wird! Ich sah gestern zu meinem Jammer Othello, nach Shakespeare bearbeitet, und ein sogenanntes Ballet, und habe daran mehr als genug für die ganze Zeit meines hiesigen Aufenthalts. Das Vergnügen muß man in Jalapa nicht im Theater, sondern in der reizend schönen Natur seiner Umgebungen suchen! dann und nur dann wird man sich nicht getäuscht finden. Adieu für heute.
Jalapa, den 24. Juli 1832.
Meines Bleibens ist hier nicht länger, und ich reise morgen nach Mexico zurück. Die Friedens-Unterhandlungen in Puente sind leider abgebrochen, und die Feindseligkeiten haben bereits wieder begonnen. Santa Anna aber, anstatt auf hier zu kommen, hat Cordova und Orizaba besetzt, und will [S. 114]von dort aus nach Puebla vordringen, wodurch die Verbindung zwischen hier und Mexico abgeschnitten wäre, was mir natürlich schlecht zusagen würde; ich eile daher nach der Hauptstadt zurück, indem ich nicht zu denen gehöre, die daran glauben, daß Facio, der gen Orizaba aufgebrochen ist, den General Santa Anna schlagen, fangen und hangen werde! Die Herren von der Gouvernements-Partei nehmen den Mund etwas zu voll, und lassen ihrem Gegner kein gutes Haar. Nach ihnen wäre der Held, der noch vor wenig Jahren, durch seine rasche Entschlossenheit und die kühnsten Märsche durch unwegsame Wälder und Gebirge, die Spanier, welche unter Baradas in Tampico gelandet waren, besiegt und vertrieben hatte, und dem dafür unter andern auf dem hiesigen Marktplatze eine Ehren-Säule errichtet ward, die noch steht! dieser nämliche Santa Anna, sage ich, wäre jetzt, nach ihnen, ein Poltron, ein unbedeutender Mensch, ohne alles Genie und ohne Kenntnisse!! Mit solchen Großsprechereien gewinnt man aber keine Schlachten, und der Anfang der Feindseligkeiten ist denn auch bereits gegen die Regierungs-Partei ausgefallen; es war zwar nur ein Vorposten-Gefecht, indessen verlor dabei doch der Obrist Merino, ein geschickter Ingenieur-Officier, mit dem ich noch ehegestern frühstückte, sein Leben. Hieraus kannst Du denn auch abnehmen, wie nahe von hier die Parteien sich gegenüber stehen, und daß es Zeit für mich ist aufzubrechen, wenn ich Mexico noch erreichen will.
Gestern ward meine Vermittlung beim Gouverneur auf eine unerwartete Weise in Anspruch genommen! Man hielt mich nämlich für den preußischen Consul, und brachte daher einen Indianer zu mir, der eine schriftliche Autorisation von allen Fremden in Vera-Cruz bei sich führte, den Mörder eines unserer Landsleute auszuforschen und zur Haft zu bringen, wofür ihm eine angemessene Belohnung versprochen war. Dieser [S. 115]Mann behauptete nun den Delinquenten hier in Jalapa ausgefunden zu haben und bat, ich möchte dessen Verhaftung bewirken! Dies fand denn auch keine Schwierigkeit, Camacho und alle übrige Authoritäten bezeigten im Gegentheil die größte Bereitwilligkeit, den Thäter zur Verantwortung zu ziehen, und auf meine Anerkennung der schriftlichen Beweisstücke, welche der Indianer vorzeigte, ward die Gefangennehmung des bezeichneten Individuums sofort verfügt; leider aber wurde dasselbe nur vorläufig auf die Wache gebracht, um den nächsten Morgen verhört zu werden. In der Nacht entfloh der Mann, und bestärkte dadurch den Verdacht, daß er wirklich der gesuchte Mörder gewesen; es ist daher wohl Schade, daß er seinen verdienten Lohn nicht davon getragen hat. Mit dieser Mordthat verhält es sich aber folgendermaaßen. Ein Herr W., einer unserer geachteten Landsleute in Vera-Cruz, dessen Associé gerade auf Reisen in Nordamerika war, hatte allen übrigen Hausgenossen Erlaubniß gegeben, in den Pfingstfeiertagen aufs Land zu gehen und war dergestalt ganz allein zu Hause, wo er grade eine starke Casse hatte. Seinem Domestiken blieb dies natürlich nicht verborgen, und dieser, von der Begierde nach Geld gereizt, war niederträchtig genug, mit einem andern die Verabredung zum Diebstahl zu treffen. Herr W. kam unglücklicher Weise dazu, ehe die That vollendet war, und ward nun, wahrscheinlich aus Furcht vor Entdeckung, von dem entfliehenden Dieb ermordet! Ein politischer oder fanatischer Grund war dabei durchaus nicht vorhanden. So schrecklich dieser Vorfall auch ist, so läßt sich doch nicht läugnen, daß wir Aehnliches auch bei uns erlebt haben, und schon die allgemeine Entrüstung über diese That liefert den Beweis, daß es auch hier zu Lande eine seltene ist.
Der Staat von Vera-Cruz zeichnet sich namentlich dadurch aus, daß äußerst selten Mordthaten und größere Räubereien [S. 116]in demselben begangen werden; man erinnert sich z. B. nicht, daß so etwas auf dem Wege von hier nach Vera-Cruz vorgefallen wäre, was man von dem zwischen hier und der Hauptstadt, den ich morgen wieder antreten soll, leider nicht sagen kann. Ich hoffe indessen, ihn auch diesmal ohne Unfall zurückzulegen und Dir bald wieder von Mexico aus schreiben zu können. Lebe wohl.
Mexico, den 13. August 1832.
Ich bin nun seit ein paar Wochen wieder hier, und habe die Reise von Jalapa hierher ohne Unfall gemacht, kann Dir von derselben aber auch nichts weiter berichten, als etwa, daß wir uns in Perote, bei dem warmen Wetter, an köstlicher gefrorner Sane labten, die hier in den Straßen zum Verkauf ausgeboten wird, und deshalb so allgemein ist, weil täglich durch die Indianer viel Eis angebracht wird, welches sie von der Schneekuppe des nahen Orizabas auf ihrem Rücken nach der Stadt schleppen. Ich muß bei dieser Gelegenheit doch auch einmal des ganz eigenthümlichen Ganges der Indianer, oder eingebornen Mexicaner, Erwähnung thun; sie gehen nämlich nicht, wie bei uns die Landleute, sondern laufen stets in einem kleinen Trabe, der sie ungemein schnell vorwärts bringt; der Mann zieht alsdann, halb nackt und barfuß wie sie alle sind, mit einem langen Stab oder Sprungstock voran, nun folgt das Weib, mit einem Paar, auf dem Rücken und nach vorne aufgepackten, eben so nackten Kindern, und endlich die schon herangewachsene liebe Jugend, so daß stets eine ganze Familie beisammen ist. Sie tragen dann in Körben auf dem Rücken, was sie zum Verkauf nach der Stadt bringen, betrinken sich dort für einen Theil des gelöseten Geldes, und kehren [S. 117]dann, so gut es in diesem Zustande gehen will, gegen Abend wieder nach Hause zurück. Dies Schauspiel sehen wir denn hier in der Hauptstadt täglich, da der Markt durch die Indianer von allen Seiten her reichlich versorgt wird, wobei ich aber zur Steuer der Wahrheit hinzufügen muß, daß die Landleute nicht grade alle betrunken wieder abziehen! Immerhin bleiben aber doch diese Indianer eine ganz eigene Race von Menschen, die sich nur schwer und langsam, wenn überhaupt je, zu dem Grade von Cultur und Erkenntniß, auf welchem z. B. unsere Landbewohner stehen, werden erheben lassen, und selbst der dreihundertjährigen, spanischen Zwing-Priester-Herrschaft ist es nicht gelungen, den Götzendienst unter ihnen ganz zu vertilgen, ja, man mußte ihnen, wie es scheint, einen Theil ihrer heidnischen Gebräuche lassen, um sie nur in der Hauptsache zu der katholischen Kirche heran zu ziehen. Ich sah davon gestern ein merkwürdiges Beispiel in St. Angel, einem kleinen Städtchen unweit hier, wo ein großes Kirchenfest gefeiert ward, dem ich mit einigen Freunden beiwohnte. Die Procession war die größte, die ich hier im Lande gesehen habe, aber zwischen jedem Heiligen, der, umgeben von katholischen Geistlichen, getragen ward, (und es waren deren, von der heiligen Mutter Gottes an, bis zum ungläubigen Thomas herab, in der That nicht wenige) kam stets eine Gruppe Indianer, die, mit pferdeartigen Götzenbildern auf dem Kopf, einen heidnischen Tanz, mit fast unglaublicher Muskelkraft in den Beinen, aufführten, und, mit nach der Erde gerichtetem Murmeln und dem Durchschneiden der Luft mit langen Messern, dem Vizlipuzli die alten Opfer und Beschwörungen darbrachten. Die Procession hielt jedesmal stille, bis diese heidnischen Priester mit ihren Ceremonien fertig waren, und doch stand der ganze Zug unter der Leitung römisch-katholischer Geistlichen und ging von einem christlichen [S. 118]Tempel aus und kehrte dahin zurück!! Wahrlich, ich konnte kaum meinen Augen trauen, und weit weniger wunderte mich der mir verbürgte Umstand, daß die Indianer noch immer, alljährliche, nächtliche Zusammenkünfte haben, wo sie, in seltsamer Vermummung, an Orten, die noch kein Europäer ausgeforscht hat, ihren alten Götzen opfern sollen; dort thun sie es aber unter sich, allein und verstohlen, und nicht, wie hier, unter der Aufsicht und Anleitung einer christlichen Geistlichkeit.
Das Fest in St. Angel ward übrigens mit großem Pomp gefeiert, und zeichnete sich besonders durch die Menge und Pracht seiner überaus künstlichen Feuerwerke aus, die bei der großen Hitze einer tropischen August-Sonne am hohen Mittag abgebrannt wurden, sich aber, was Dir fast unglaublich erscheinen wird, dennoch sehr gut ausnahmen. Ich hatte es auch nicht für möglich gehalten, daß die Wirkung eines Feuerwerks im Sonnenschein, eine schöne seyn könnte, dennoch habe ich es so gefunden! Sie verstehen sich aber auch hier ganz vortrefflich auf Feuerwerke, und die Indianer bereiten sie mit Kunst und Präcision. Uebung macht eben überall den Meister, und, da kein Kirchenfest ohne Feuerwerk und Raketen gefeiert wird, und, bei der großen Anzahl von Kirchen und Capellen (es sind deren in der Hauptstadt allein über 300) fast kein Tag vergeht, wo nicht so ein Fest zu feiern wäre, so ist es kein Wunder, daß die Indianer darin eingeübt sind. Es scheint mir, daß die Spanier den Mexicanern die Furcht vor dem, ihnen früher so verderblichen, Schießpulver dadurch zu benehmen gesucht haben, daß sie dessen Gebrauch bei ihren religiösen Festen einführten, und so die Indianer damit vertraut machten. Man will behaupten, daß in Mexico weit mehr Pulver bei den Kirchenfesten verbraucht wird, als in allen Militair-Uebungen und Gefechten zusammengenommen. Ein solches Kirchenfest [S. 119]kündigt sich schon des Morgens um 4 Uhr mit dem Abbrennen von Raketen und Feuerwerken in den Straßen an, und dauert bis am Abend, wo es mit Feuerwerken und Illuminationen endet, während im Innern der Kirchen, beim Scheine zahlloser Wachskerzen, Messe gelesen wird. Die Tempel sind alsdann von Menschen aller Classen gefüllt, und daß es dabei auch an Taschendieben nicht fehlt, kann ich Dir leider aus Erfahrung versichern. Ich habe das Glück gehabt, daß mir weder in London noch in Paris, je etwas aus den Taschen entwendet worden ist, aber hier habe ich bereits eine Menge seidner Tücher eingebüßt, die mir theils in den Kirchen, theils auf der Promenade mit unglaublicher Geschicklichkeit von diesen gelehrigen Abkömmlingen Montezumas aus der Tasche practisirt worden sind! Sogar ein Opernglas haben sie mir neulich bei den Augustinern aus der Rocktasche geholt; ich sah es, als ich mich umdrehte, im Halbdunkel des Kirchengangs, von einem zum andern fliegen, damit der mir zunächst stehende Lépero, den ich gleichsam auf der That ergriff, mit destomehr Effronterie behaupten konnte, er habe es nicht gethan, und man solle ihn nur immerhin visitiren, man werde nichts finden! Allerdings wäre dies denn auch eine überflüssige Mühe gewesen; mein Opernglas war fort, und ich sah es nie wieder. Glücklicher in dieser Hinsicht war vor einigen Tagen ein Freund von mir, der, als er von der Promenade zurück kam, seinen Voltaire, in welchem er gelesen, in die Tasche gesteckt, aber kaum die erste Straße der Stadt zurück gelegt hatte, als er gewahrte, daß ihm das Buch gestohlen war; sein Weg führte ihn an der Boutique eines ihm befreundeten Buchhändlers vorbei, bei dem er einsprach und ihm sein Leid klagte. Es dauerte aber nicht lange, so kam einer der mehr erwähnten, kupferfarbigen Naturmenschen und bot ein Buch zum Verkauf an. Mein Freund erkannte sofort seine Henriade, und erstand sie [S. 120]mit Freuden um den billigen Preis von 2 Reales. Er zog dies dem Festhalten und polizeilichen Verfahren gegen den Indianer vor, und hatte recht, denn er würde außer dem Zeitverluste wahrscheinlich ein Bedeutendes mehr als 2 Reales für Gerichtskosten haben zahlen müssen, ja vielleicht gar in Strafe verfallen seyn, daß er den Unschuldigen angehalten habe, denn wahrscheinlich war es der eigentliche Dieb nicht, der das Buch zum Verkauf anbot.
Da ich oben doch von Festen geredet habe, so will ich auch noch eines anderen gedenken, welches wir in diesen Tagen begangen haben. Zwar still und unter uns, weder mit geistlichem noch weltlichem Pomp, aber um desto angenehmer und vergnügter; ich meine nämlich das Fest unseres guten Königs, am 3. August! Wir luden dazu einen kleinen Kreis von deutschen Landsleuten (versteht sich den preußischen Consul oben an), und ließen den in allen Welttheilen verehrten, gerechten und gütigen Monarchen hoch leben, unter dessen weiser Regierung sich 12 Millionen Deutscher, in dieser bewegten Zeit, einer fast beispiellosen, glücklichen Ruhe, Zufriedenheit und bürgerlichen Freiheit erfreuen.
Welch ein Gegensatz zu dem Zustande der Dinge in diesem gelobten Lande, wo sich Religions- und Bürgerkrieg täglich mehr verbreitet! Das braucht Dich jedoch, in Bezug aus mich, weiter nicht zu beunruhigen, denn so etwas läuft hier alles weit ruhiger ab, als bei uns, indem der Charakter des Volks im Allgemeinen ein milder und phlegmatischer ist. Die wichtigsten Ereignisse gehen ganz ruhig an uns vorüber, und die Paseos, torros (Stiergefechte) und Theater werden, nach wie vor, besucht! Auf die Geschäfte aber hat es einen gar üblen Einfluß und ich hätte es, in der Beziehung, mit meiner Reise nicht leicht schlechter treffen können.
[S. 121]
In meinem Nächsten will ich Dir wieder einmal die, leider zur Tagesordnung gehörige, Politik recapituliren; für heute muß ich schließen. Ich umarme Dich.
Mexico, den 30. August 1832.
Ich versprach Dir in meinem Letzten einen Bericht über die jetzige politische Lage dieses Landes, und will Dir heute um so mehr Wort halten, als in der letzten Zeit doch gar manches vorgefallen ist, was uns einer Entscheidung näher bringen muß, und was in den magern Correspondenz-Artikeln, welche die deutschen Zeitungen über Mexico enthalten, doch nur sehr unvollständig seyn dürfte.
Ehe ich aber zur Politik übergehe, muß ich Dir ein paar Worte über einen Gegenstand sagen, der Dich hoffentlich noch mehr interessirt, nämlich über mein Befinden; und da freut es mich denn, Dir wiederholt die Versicherung geben zu können, daß es fortwährend ein gutes und erwünschtes ist. Mein Fuß ist so viel besser, daß ich beinahe die Erinnerung an den Unfall verloren habe, und, statt der heißen Bäder, jetzt nur noch die warmen gebrauche, deren man hier in der Stadt, in zweckmäßigen und reinlichen Anstalten, sehr gute hat. Bei dem letzten heißen Bade, welches ich in Peñon nahm, hatte ich übrigens keinen kleinen Schreck, durch den folgenden Vorfall mit unserm guten, 81 jährigen Freund S. — Dieser, noch immer kräftige und lebendige, Greis bestand darauf, mich in’s Bad zu begleiten, und fand sich in demselben, trotz der 42° Reaumur Hitze, so behaglich, daß er eine Cigarre dabei anzündete und noch in dem Bade sitzen blieb, als ich schon heraus, und auf der hölzernen Ruhe-Bank halb eingeschlummert war. Nach einiger Zeit hörte ich aber ein seltsames Geräusch, ein [S. 122]Sprudeln in dem Wasser mit dem Munde u. s. w.; erschrocken sprang ich auf, und — denke Dir mein Entsetzen — sah den alten Mann, den Kopf unter dem Wasser und nur noch mit der Oberfläche des Rückens sich nach oben drängend. Er mußte im Bade eingeschlafen und umgefallen seyn. Zum Glück war mein Bedienter im Nebenzimmer, mit dessen Hülfe es denn gelang, den alten Herrn aus dem Wasser zu ziehen, auf die Bank zu legen, und ihn in’s Leben zurückzurufen; er schien aber sehr schwach und konnte nicht sprechen; ich ließ ihn nun reiben und auf alle Weise erwärmen, warf mich selbst aber in die Kleider und fuhr pleine carriere nach der Stadt, um den Arzt zu holen. Glücklicherweise fand ich denselben zu Hause, und eilte mit ihm zurück, in großem Zweifel, ob wir den Alten noch am Leben finden würden. Aber wir hatten uns in der Lebenskraft dieses merkwürdigen Greises geirrt; wir fanden ihn, völlig angekleidet, mit einem Glase Madeira in der Hand, uns bewillkommend und versichernd, daß ihm gar nichts fehle, als etwa ein gutes Frühstück! Und er befindet sich auch heute noch vollkommen wohl! Wo ist aber, frage ich nun, der zweite 80jährige Greis, der, gute 10 Minuten in heißem Wasser gesotten, mit dem Leben davon kommt? — Ich möchte wenigstens an mir die Probe nicht machen, trotz dem daß ich noch keine 80 zähle.
Nun aber auch zur Politik! — Wie ich Dir neulich schon sagte, so greift die Revolution immer mehr um sich. Acapulco und der ganze Süden haben sich nun auch gegen die Regierung pronuncirt, und der bekannte Alvarez ist mit 600 Mann in jenem Hafen eingerückt, und hat die Gouvernements-Besatzung daraus vertrieben. Auch Saltilla in Texas hat sich pronuncirt; nach dem St. Louis Potosi, gedrängt durch Moctezuma und den Staat von Zaccatecas, ein Gleiches thun mußte; dergestalt, daß das dermalige Gouvernement sich bald auf die Föderativ-Stadt [S. 123]eingeengt sehen wird. Alle pronunciamentos werden übrigens jetzt zu Gunsten Pedrazas gemacht, den man von allen Seiten zurück wünscht. Santa Anna hat ihm von Vera-Cruz aus eine Einladung und ein Schiff zu seiner Disposition gesandt, da er aber erklärte, auf den Ruf eines einzelnen Generals nicht kommen zu wollen, so hat ihm nunmehr der Staat von Zaccatecas eine zweite Einladung, durch eine Deputation von Tampico aus, zugefertigt. Ich kann nicht umhin, zu wünschen, daß er dem Rufe Folge leisten und kommen möge, indem ich in ihm den einzigen Mann erblicke, der den Vermittler machen kann. Ohne einen solchen wird die Lage der Dinge jeden Tag verwickelter werden, und eine völlige Anarchie die unausbleibliche Folge seyn.
Seit General Teran, der geschickteste und zuverlässigste Feldherr, welchen die Regierung im Norden der Republik hatte, sich (aus Privat-Motiven heißt es) das Leben genommen hat, ist das Gouvernements-Heer bei St. Louis-Potosi, durch Moctezuma geschlagen, und die Stadt besetzt worden. Dieses Vorrücken der Revolutions-Partei auf hier, hat dergestalt auf Bustamante eingewirkt, daß er sich entschloß, das Comando selbst zu übernehmen, und, mit einer für dieses Land bedeutenden Macht von 3 bis 4000 Mann, Moctezuma entgegen zu gehen. Es bedurfte dazu der Erlaubniß des Congresses, sie ward ihm ertheilt, und er steht nun bereits mit mehreren 1000 Mann bei Gueretaro, wo er Verstärkungen an sich ziehen und dann den Insurgenten eine Schlacht liefern will.
Er würde, nach meiner Ansicht, besser gethan haben, das Corps von Facio zu verstärken und Santa Anna anzugreifen, denn so lange dieser nicht besiegt ist, kann die Revolution nicht als beendigt betrachtet werden. Da Bustamante ein guter Soldat ist, so wäre es ihm vielleicht gelungen Santa Anna zu überwinden, was Facio nie zu Wege bringen wird. Dieser [S. 124]steht noch immer, bei Orizaba, dem Revolutions-Chef gegenüber, ohne, wie es scheint, den Muth zu haben ihn anzugreifen.
In Folge des Ausmarsches von Bustamante (der, vor Niederlegung seiner Vice-Präsidentur in Eile, wahrscheinlich um sich Freunde und Anhänger in der Armee zu machen, 12 Obriste zu Generalen ernannte), mußte natürlich ein Interims-Präsident ernannt werden; die Wahl des Congresses fiel auf den General Musquiz, den Gouverneur des Staats von Mexico, und dieser hat bereits den Eid geleistet, und seine Functionen als Präsident der Republik angetreten. Daß es dabei, nach hiesiger Sitte, an militairischen Feierlichkeiten, wie z. B. Parade-Marsch vom Pallast nach der Cathedrale, unter Gewehrfeuer und Kanonendonner, Eröffnung der Kammern u. dgl. m., nicht fehlte, ist selbstverstanden; dergleichen fällt aber hier so häufig vor, daß man alles Interesse daran verliert. Musquiz hat nun neue Minister ernannt, und diese versuchen mit Santa Anna Friedens-Unterhandlungen anzuknüpfen; bis jetzt ist aber noch kein Erfolg sichtbar, und wir werden uns noch längere Zeit in Geduld fassen müssen, die um so mehr Noth thut, als das Gouvernement, in seinen großen Geldverlegenheiten, das auswärtige Commerzium beständig für neue Anleihen in Anspruch nimmt, und auf der andern Seite dennoch die Fremden, durch Chicanen aller Art, gleichsam mit Füßen tritt.
Mögte ich Dir doch bald das Ende dieser Qualen zu berichten haben. Lebe wohl.
Mexico, den 17. September 1832.
Seit meinem Letzten vom 30. August hat sich in der politischen Lage des Landes nichts Bemerkenswertes zugetragen, [S. 125]es ist vielmehr ein peinlicher Stillstand eingetreten, der um so mehr mit der Stille vor dem Sturm verglichen werden kann, als der Sturm gewiß nicht ausbleiben wird. Mittlerweile macht man hier gute Miene zum bösen Spiel, und läßt sich durch die mißliche und precaire Lage des jetzigen Gouvernements nicht abhalten, die Feste zu feiern, welche im Kalender stehen! und dahin gehört denn natürlich der gestrige Tag vor allen andern, als der Jahrestag der Unabhängigkeit von Mexico (el aniversario de la independencia Mexicana!). Schon am Abend vorher ward, bei Fackelschein, auf der Plaza, vor dem National-Pallaste, Musik gemacht, und manches schöne Stück aus dem Freischütz, dem Don Juan und andern deutschen Opern, sehr gut ausgeführt, wie ich Dir denn schon früher bemerkt zu haben glaube, daß einige der hiesigen Regimenter, namentlich die Artilleristen, eine sehr schöne und gut eingespielte Musik-Bande besitzen.[14] Gestern nun, als am 16., wurden wir um 4 Uhr Morgens mit 50 Kanonenschüssen geweckt, und alle Glocken, deren bei den hunderten von Kirchen, welche Mexico zählt, nicht wenige sind, wurden ½ Stunde geläutet. Um 9 Uhr ging der Präsident mit seinen Ministern und den Volks-Repräsentanten durch Militair-Spalire von dem Pallast nach der Cathedrale, um Messe zu hören, und ward auf dem Hin- und Herzuge mit Kanonendonner, Gewehrfeuer und türkischer Musik begrüßt. Hierauf war Lever bei dem Präsidenten im Pallast, und diesem Ceremoniel folgte ein [S. 126]Zug von der Magistratur und den Civil-Behörden aus dem Pallast nach dem Universitäts-Gebäude, woselbst der frühere Justiz-Minister, Don José Dominguez, eine gehaltvolle Rede hielt über den Ursprung und den Gang der Revolution, welcher Mexico seine Unabhängigkeit verdankt.
Der Saal war zwar für die zahlreiche Versammlung der Zuhörer kaum groß genug, für seinen eigentlichen Zweck aber doch sehr gut eingerichtet und passend decorirt. Das Gebäude enthält mehrere Lehr-Säle und auch ein Museum, worin zwar manche Seltenheiten aufbewahrt sind, jedoch nichts, was nicht auch in den zahlreichen Museen in Europa zu finden wäre, weshalb denn jede Beschreibung von mir nur überflüssig seyn würde.
Das Bemerkenswertheste in diesem Universitäts-Gebäude ist die, in dem geräumigen Hofe aufgestellte, in der That colossale Statue von Carl dem Fünften zu Pferde, in Bronze, hier in Mexico (versteht sich von spanischen Künstlern in früherer Zeit) sehr kunstreich und gelungen ausgeführt. Ferner sieht man hier viele große Götzenbilder der Ureinwohner von Mexico, deren mitunter noch ganz gut erhaltene Formen, an Häßlichkeit und Scheußlichkeit, den egyptischen nicht nachstehen! und auch einen der Opfersteine, auf welchen die Priester der Asteken ihren Götzen Menschen opferten.[15] Nun [S. 127]sind wir aber auch mit den Raritäten des Universitäts-Gebäudes fertig, und ich kehre zum Fest der Unabhängigkeit zurück, für dessen fernere Feier große Präparationen zu Feuerwerken und Illuminationen am Abend getroffen waren. Diese wurden leider durch einen jener heftigen Regengüsse, welche hier oft in einer Stunde alle Straßen unter Wasser setzen, unterbrochen und vereitelt; das Gewitter ward zum heftigsten Hagelsturme, den ich hier noch erlebt habe, er war von fortwährend rollendem Donner und Blitz begleitet, und erwischte mich auf der Promenade am Nachmittag, so daß ich, durchnäßt bis auf die Haut, nach Hanse kam! Ich ließ mich aber dadurch nicht abhalten, des Abends, wie ich mir vorgenommen, in das Theater zu gehen, um die auch dort veranstalteten Festlichkeiten zu sehen. Ich kleidete mich um und ließ mich, da kein Wagen zu haben war, wie hier bei solchen Gelegenheiten üblich ist, auf [S. 128]dem Rücken eines Indianers hin- und zurück tragen, hätte aber, was den davon gehabten Genuß betrifft, eben so gut zu Hause bleiben können, indem mich das, aus Schauspiel, Oper und Ballet zusammengestoppelte Gelegenheitsstück in keiner Hinsicht befriedigte.
Da ich Dir diese detaillirte Beschreibung zum Theil mit um des jüngern Theils der Familie willen gegeben habe, so füge ich, pro beneficio desselben, auch noch einige Worte als Beitrag zur neuesten Geschichte Mexico’s bei, und schließe damit meine heutige Depesche.
[10] Jetzigen Verweser des Königl. preußischen General-Consulats in Mexico, Hrn. von Geroldt.
[11] Der Versuch ist gelungen, und ich habe noch vor meiner Abreise von Mexico die Proben von Eisen gesehen, welche in den kleinen Interims-Oefen geschmolzen waren. Die Qualität ist die beste, die man wünschen kann. Es ist sehr schade, daß die Belagerung von Mexico den Ausbau des Hochofens ins Stocken gebracht hat! Da aber Sta. Anna, von der Wichtigkeit des Unternehmens durchdrungen, sogleich eine Sauvegarde nach dem Sitio sandte, um das Werk gegen Streifparthien zu schützen, so ist nicht zu bezweifeln, daß er, als nunmehriger Präsident, es auch ferner protegiren und zur gänzlichen Ausführung selbst Hülfe vom Staat gewähren werde.
[12] Um nicht mißverstanden zu werden, bemerke ich hier, daß wenn ich von indianischen Dörfern spreche, ich damit nicht gesagt haben will, daß sie ausschließlich von Ureinwohnern, d. h. von Asteken u. s. w. bewohnt seyen, sondern nur, daß diese die Mehrzahl bilden. In einem solchen Dorfe, und mehr noch in Flecken und kleinen Städten, wohnen stets auch Creolen (Eingeborne von spanischer Abkunft) entweder rein oder mit indischem Blute gemischt, welche theils Gewerbe treiben, theils Boutiquen (tiendas) halten. Die Magistrats-Personen sind fast immer Creolen. Die Masse der Landbewohner sind aber Indianer, wie man hier die eigentlichen Mexicaner nennt.
[13] Diesen Thymian zieht der Eigentümer des Gartens um der Bienenzucht willen, welche er gleichfalls hier angelegt hat, und die man überhaupt im Lande zu vermehren und zu verbreiten sucht, um Wachs zu gewinnen, welches Mexico jetzt, in so großen Massen, von Außen einführt.
[14] Dadurch, daß die deutsche Musik hier sehr beliebt, die deutsche Sprache aber fast gar nicht gekannt ist, fanden oft große Mißgriffe in der Anwendung einzelner Melodien statt. So spielte man unter anderen kürzlich in einer Kirche, zum Ausgang des Gottesdienstes, mit großem Pathos, den bei uns so bekannten Gassenhauer: “Es ritten drei Schneider zum Thore hinaus” und jedermann schien sich daran zu erbauen.
[15] Von den kleinen Götzenbildern, (nemlich aus Stein verfertigte kleine Köpfe und Figuren, welche die Asteken wahrscheinlich in ihren Hütten und Wohnungen zur Verehrung aufstellten) werden in Mexico noch immer sehr viele ausgegraben, und von den nach der Stadt kommenden Indianern zum Verkauf ausgeboten. Einer unserer Landsleute, Herr Carl Uhde, ein sehr interessanter und wohlunterrichteter Mann, hat eine so große, mit Obsidian-Gegenständen aller Art vervollständigte Sammlung mexicanischer Antiquitäten, daß sich ihr wohl nicht leicht eine andere an die Seite stellen dürfte. Er wird bei seiner nahen Rückkehr in’s Vaterland irgend ein Museum damit bereichern, und, da er seine Nachforschungen wissenschaftlich betrieben hat, solche historische Nachweise über den Gegenstand geben können, wie wir deren noch keine besitzen.
Herr Uhde versichert mich übrigens, daß bei den jetzigen Einkäufen die größte Vorsicht vonnöthen sei, um nicht betrogen zu werden, und neue, jetzt verfertigte Gegenstände statt der wirklichen antiquen zu erhalten. Die Indianer beschäftigen sich nemlich damit, seitdem sie bemerkt haben, daß man solche Dinge sucht und aufkauft, sie nachzumachen und zu vergraben, dann aber aus der Erde wieder hervor zu holen, und sie als eben aufgefundene Alterthümer auszubieten.
Bei dieser Nachahmung mögen die jetzigen Mexicaner, bei den bessern und vollkommnern Werkzeugen der Gegenwart leichtes Spiel im Vergleich zu ihren Vorfahren, den Asteken, haben. Sodann kommt ihnen dabei das, der ganzen Nation innewohnende, Nachbildungs-Talent zu statten; die Mexicaner besitzen dies in hohem Grade, und haben unter anderm auch eine große Geschicklichkeit in der Anfertigung von Wachsfiguren, und Gruppirungen, worin sie alle Classen und Beschäftigungen des Volkes malerisch und höchst correct en miniature darzustellen verstehen.
[S. 129]
Bekanntlich wurde Mexico erst im Anfange des 16. Jahrhunderts von den Spaniern entdeckt und erobert. Der Grad der Civilisation, worin Hernandez Cortez das Land gefunden, wird sehr verschiedentlich dargestellt, meistens aber überschätzt, denn selbst Clavigero, der, obwohl in Mexico geboren, dahin gelangt war, eine hohe geistliche Stelle in Rom zu bekleiden, und dort eine Geschichte seines Landes schrieb, konnte, trotz allen Bemühungen, etwas zu Gunsten der Ureinwohner von Mexico zu sagen, kein Bild von ihnen entwerfen, das sie höher gestellt hätte als halbcivilisirte Horden, die in einigen Dingen zu einem gewissen Grade von Kunstfertigkeit gelangt waren. Was aber spätere Schriftsteller uns darüber berichtet haben, ist eine durchaus unzuverlässige Kunde; denn, da die Ureinwohner selbst keine Schriftsprache hatten, so beruht Alles, was man von ihnen weiß, auf den Ueberlieferungen der ersten Eroberer, die begreiflicherweise ihren eigenen Ruhm zu erhöhen suchten, indem sie die von ihnen überwundenen Nationen in ihren Darstellungen auf eine Stufe der Bildung und Macht erhoben, welche sie in der Wirklichkeit bei weitem nicht erreicht hatten. Es ist daher auch gewiß von eben so wenig practischem Werth für die heutige Welt, der Geschichte Mexico’s vor [S. 130]der Eroberung durch die Spanier nachzuforschen, als es seyn würde, die der vereinigten Staaten von Nordamerika höher hinauf zu führen, als bis zur Colonisirung durch die Engländer und Franzosen.
Nachdem nun aber die Spanier in den Jahren 1500 bis 1525, unter dem berühmten Hernandez Cortez, Mexico erobert, und die vorgefundenen Einwohner, (welche man jetzt mit dem allgemeinen Namen Indianer bezeichnet, die aber damals aus mehreren Nationen, wie z. B. Asteken, Otemiten, Chinchimiken u. s. w. bestanden) mit der Geringschätzung und Grausamkeit behandelt hatten, welche in dem Geist jener Zeit und jenes Volkes lagen, begingen sie den großen politischen Fehler, selbst die Abkömmlinge ihrer eignen Landsleute, wenn sie in dem von ihnen eroberten und unterjochten Lande geboren waren, als nicht ebenbürtig zu betrachten, und sie, gleich den Indianern, von allen Aemtern und Würden der Regierung auszuschließen, für deren Besetzung sie immer wieder neue Einwanderung von Spanien veranlaßten, ohne zu bedenken, daß sie gerade dadurch die Masse der eingebornen Abkömmlinge der Europäer (die man Creolen nannte und nennt) vermehrten.
Jahrhunderte lang gelang es Spanien, dieses verderbliche, die Menschenwürde der transatlantischen Bevölkerung verletzende Colonial-System in Mexico aufrecht zu erhalten; aber die Aufklärung über die unvertilgbaren Rechte des Menschen und Bürgers schritt, trotz Priesterherrschaft und Censurzwang, wenn auch langsam, doch stets vorwärts, und die Unzufriedenheit über die Ausschließung von der Teilnahme an einer Administration, die über ihr eigenes Wohl und Wehe zu entscheiden hatte, stieg bei den Creolen mit jedem Jahre. Als nun aber gar in den Jahren 1809 und 1810, während das Mutterland von den Franzosen besetzt, und der König in Gefangenschaft gerathen war, die in Cadiz niedergesetzte Central-Junta die [S. 131]pecuniäre Mithülfe Mexico’s in Anspruch nahm, und dennoch das verhaßte Ausschließungs-System aufrecht erhalten und die Eingebornen als den Europäern untergeordnete Colonisten behandeln wollte; da brach der Damm durch, und der Retter erschien! Am 16. September 1810 erklärte nämlich ein Prediger, Namens Hidalgo, in dem kleinen Orte Dolores: “daß der mexicanischen Nation (so nannten sich nun zum ersten Male alle Eingeborne ohne Unterschied des Ursprungs) nichts anderes übrig bleibe, als: die Fremden (los estrangeros, mit welchem Namen man von nun an die Alt-Spanier bezeichnete), welche ihr die Theilnahme an den heiligsten Urrechten des Menschen und des Bürgers so hartnäckig verweigerten, mit Gewalt und mit den Waffen in der Hand zu vertreiben!
Es bedurfte nur eines solchen Ausspruchs, an irgend einem Punkte, um das überall unter der Asche glimmende Feuer zur hochauflodernden Flamme anzufachen! Ganz Mexico stand gegen die Spanier auf! Da diese aber sehr zahlreich waren, alle Mittel des Angriffs und der Vertheidigung ausschließlich in ihren Händen hatten, durch dreihundertjährigen Besitz der Verwaltung des ganzen Landes überall einen großen Einfluß ausübten und eine gut disciplinirte Armee befehligten, so läßt es sich begreifen, daß der Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit für die Mexicaner kein leichter ward! In der That kostete er sie Jahre von Anstrengung, Kampf und Entbehrung aller Art, und Ströme von Blut mußten fließen, ehe es gelang die Spanier ganz aus Amerika zu vertreiben. Doch dem festen Willen von 7 Millionen Menschen kann keine irdische Macht widerstehen. Die Mexicaner siegten, und traten aus dem Kampfe als eine freie unabhängige Nation hervor! Am 6. November 1813 ward, zu Chilpantzingo, von dem Congreß von Anahuac, wie er sich damals nannte, die Unabhängigkeits-Acte unterzeichnet; es dauerte jedoch noch sieben Jahre, bis die Spanier [S. 132]ganz aus dem Lande vertrieben waren, und Mexico sich als völlig befreit betrachten konnte.
Es fehlt in diesem großen Ereignisse nicht an Beispielen der aufopferndsten Hingebung und des erhabensten Edelmuths, nicht an Charakterzügen, welche sich den schönsten, die uns die Geschichte aufbewahrt hat, an die Seite stellen können, und welche der Wiedergeburt Mexico’s in späteren Zeiten einen Glanz verleihen werden, den ihr die, noch immer nicht ganz niedergekämpften Leidenschaften jetzt noch versagen! Was kann z. B. erhabener seyn, was von mehr Seelengröße und patriotischer Hingebung zeugen, als das Benehmen eines Bravo oder die Geschichte eines Vittoria? Beide waren Insurgenten-Chefs, wie man sie in der Revolution nannte, oder Generale, wie sie jetzt richtiger heißen. Bravo, ein Mann von guter Familie, dessen Vater und Brüder gleichfalls bewaffnete Corps befehligten, war in seinen Unternehmungen gegen die Spanier sehr glücklich, und hatte ihnen gerade 300 Gefangene abgenommen, als er erfuhr, daß sein Vater, an einem andern Punkte, den Feinden in die Hände gefallen sei, und von diesen als ein sogenannter Rebell hingerichtet werden sollte. Er sandte schleunigst einen Boten an den spanischen General, und ließ ihm die 300 Gefangenen als Lösegeld für seinen Vater bieten, doch mit der Drohung, daß im Weigerungsfall diese dasselbe Schicksal zu erwarten hätten, welches man seinem Vater bereite. Statt aller Antwort ließ der Spanier Bravo’s Vater, in Gegenwart des Boten, erschießen! Als der Sohn dies erfuhr, schloß er sich mehrere Stunden lang ein, um seinem Schmerze durch Thränen Luft zu machen. Nach diesem Tribut kindlicher Liebe aber befahl er: man solle die gefangenen 300 Spanier sofort in Freiheit setzen, damit er der Versuchung, eine blutige Rache zu nehmen, nicht länger ausgesetzt bleibe!! — Der andere Held jener Zeit, Vittoria, war einer der ersten, welche [S. 133]beim Ausbruch der Revolution die Waffen gegen die Spanier ergriffen, und sie hatten keinen bitterern Feind, als ihn; er führte im Staat von Vera-Cruz, seiner eigentümlichen Heimath, einen Guerilla-Krieg gegen sie, der ihnen nirgends Ruhe ließ und überall den größten Schaden zufügte. Als nun, während einiger Zeit, die Spanier in dieser Gegend wieder die Oberhand gewannen, ward Vittoria von aller Amnestie ausgeschlossen, und mit solcher Erbitterung verfolgt, daß er nirgends mehr sicher war, und sich zuletzt in die Urwälder des Orizaba-Gebirges flüchten mußte; wo man denn alle Spur von ihm verlor, und wo er zwei Jahre lang herumirrte, ohne mit einem menschlichen Wesen in Berührung zu kommen!! Er lebte von den Früchten des Waldes, und war, nach seiner eigenen Aussage, oft so entkräftet, daß er nicht hoffen durfte, sein Leben länger fristen zu können. Eines Tages insbesondere glaubte er seinem Ende nahe zu seyn, und legte sich hin, um zu sterben; da ereignete sichs, daß einer jener Vögel (Zapalote), welche sich vom Aas nähren, auf seine Brust flog und nach dem Munde hackte; ein Schauder ergriff ihn, er sammelte die letzten Kräfte, schnappte nach dem Vogel, riß ihm den Kopf mit den Zähnen ab, und sog ihm das Blut aus, wodurch er sich, wunderbar genug, hinlänglich gestärkt fühlte, seine Wanderungen aufs Neue zu beginnen.
Selbst die Indianer, welche Vittoria, der mütterlicher Seits von indianischer Herkunft ist, wie ihren Schutzpatron verehrten, und ihn häufig, mit Gefahr ihres Lebens und Eigenthums, beherbergten (denn die Spanier vertilgten jeden Flecken, wo sie die Spuren ihres Todfeindes fanden), selbst diese, sage ich, hatten jetzt alle Kunde von ihm verloren! Als nun aber, durch den Sieg Iturbide’s über die Reste der spanischen Macht, Mexico wieder freier athmete, erinnerten sich einige Indianer, die bei Vittoria treu bis zuletzt ausgehalten, daß er [S. 134]ihnen beim Abschiede an der Gränze des Urwaldes gesagt habe: sie mögten ihn dort aufsuchen, wenn wieder einmal eine Zeit käme, wo seine Dienste dem Vaterlande nutzen könnten! Lebe er dann noch, so wollte er ihnen wieder zur Seite stehen und mit ihnen gegen den gemeinsamen Feind fechten; wäre er aber gestorben und sie fänden seinen Leichnam, so mögten sie diesen zur Erde bestatten. Bei solchen Erinnerungen, war es kein Wunder, daß nunmehr die ganze Bevölkerung jener Gegend aufbrach, um den geliebten Kriegsgefährten und Führer aufzusuchen; doch alles schien vergebens, keine Spur war zu finden, und schon wollte man die Hoffnung aufgeben, als einer der Eingebornen einen Fußstapfen entdeckte, den er sogleich für den des Generals erkannte. Er kam auf den glücklichen Gedanken, an diese Stelle etwas Brod und andere Lebensmittel an einen Baum zu hängen, “denn,” dachte oder sagte er, “kömmt Vittoria noch einmal hieher und findet diese Zeichen des Friedens, so weiß er, daß ihn seine Freunde suchen, und er wird wiederkehren zu seinen Landsleuten!” Als nun dieser wackere Bursche nach zwei Tagen wieder dahin kam, und die Lebensmittel nicht mehr fand, glaubte er seiner Sache gewiß zu seyn. Vittoria mußte dagewesen seyn und die stumme Sprache der Freunde verstanden haben, er mußte also auch wiederkehren. Der Indianer verließ nun die Stelle nicht mehr, sondern harrte auf den Ersehnten, und siehe da, — es dauerte keinen Tag, so erschien er wirklich; aber, großer Gott! in welcher Gestalt! Einem Menschen nicht mehr ähnlich, und so abschreckend in seinem Aeußern, daß der gute Indianer, aus Furcht vor dieser, ihm unbekannten, gräßlichen Erscheinung, floh, und nur mit Mühe von Vittoria eingeholt, und durch dessen Stimme und Zureden von der Wirklichkeit, daß er es sei, überzeugt werden konnte! Er ward nun im Triumph zurückgeführt zu den Seinen, und ein Jubel verbreitete sich über ganz Mexico, als es hieß: der todt geglaubte [S. 135]Vittoria sei noch am Leben und wiedergefunden! — Iturbide, damals am Ruder, wollte ihn an seinen Hof ziehen, aber er hatte sich in ihm geirrt. Der alte Freiheits-Märtyrer wollte nicht bloß ein Joch mit dem andern vertauscht haben, er wollte nicht allein selbst kein Fürstendiener seyn, sondern auch sein Vaterland frei sehen. Er arbeitete daher mit an dem Falle des ephemeren Kaisers, und als dieser gestürzt, und die Republik proclamirt war, da wählte die Nation Vittoria, mehr aus Dankbarkeit und zum Lohn für seine Leiden, als um seiner Fähigkeiten willen (deren er denn auch wirklich keine ausgezeichnete besitzt), zum Präsidenten der Republik; Bravo aber zum Vice-Präsidenten. Beide sind später in das Privatleben zurückgekehrt, wohin sie die Achtung ihrer Mitbürger begleitete.
Noch ein erhabener Charakterzug aus der Revolution darf um so weniger unerwähnt bleiben, als er dem schönen Geschlecht zur Ehre und zum Ruhme gereicht. Eine Dame, Rayon, hatte drei Söhne, welche sämmtlich bei den Rebellen als Generale dienten und mit großer Tapferkeit gegen die Spanier fochten, besonders der jetzt noch lebende, den ich persönlich kenne. Die Mutter und einer der Söhne geriethen in spanische Gefangenschaft, wo man jener den Vorschlag machte, an die beiden andern Söhne zu schreiben und sie zur Uebergabe einer festen Stellung, die sie gerade hartnäckig verteidigten, zu vermögen; dann und nur dann solle das Leben des gefangenen Sohnes geschont werden! Die würdige Matrone antwortete mit der Seelengröße einer Spartanerin, “sie wolle das Leben eines ihrer Kinder nicht mit der Schande der beiden andern erkaufen,” und sah nun den unglücklichen Sohn mit unnennbarem Schmerz, aber mit heldenmüthiger Fassung, vor ihren Augen hinrichten!
[S. 136]
Mexico, den 30. September 1832.
Der Sturm, von dem ich neulich sagte, daß er der politischen Stille folgen würde, ist nicht ausgeblieben. Bustamante hat bei Gallinero, in der Nähe von Dolores, den General Moctezuma auf’s Haupt geschlagen, wobei nicht weniger als 2000 Mann das Leben verloren haben sollen! Man hat also “das köstliche mexikanische Blut” (la sangre preciosa mejicana) diesmal nicht geschont! Bustamante rückt nun mit Eilmärschen auf St. Luis los und will sich insbesondere des Hafens von Tampico zu bemächtigen suchen. Dieser Sieg hat, wie Du denken kannst, hier große Sensation gemacht. Die Gegner der Regierung ließen es nun an Gerüchten zum Nachtheil derselben nicht fehlen, und machten sogar Versuche, den Pöbel aufzuwiegeln, was ihnen jedoch glücklicherweise nicht gelang. Unterdessen hatte sich die Volksaufregung schon bis in die Gefängnisse verbreitet, und da in dem größten derselben, Accordada genannt, unter den vielen Hundert dort Verhafteten sich eine große Anzahl politischer Verbrecher befand, so war es sehr begreiflich, daß diese einen gewaltsamen Versuch machten, sich zu befreien. Sie wurden jedoch, nachdem sie bereits die inneren Wachen überwältigt hatten, durch die, aus allen Theilen der Stadt herbeieilenden Truppen, mit einem Verlust von 20 Todten und 50 Verwundeten, zurückgedrängt. Hätten die Gefangenen die Oberhand behalten, so wären große Unordnungen, vielleicht Plünderung eines Theils der Stadt, die unausbleibliche Folge gewesen; so aber kamen die guten Bürger Mexico’s diesmal mit dem Schreck davon, welchen ihnen der General-Marsch und das Schießen in den Straßen verursacht hatte.
[S. 137]
Dieser, obgleich unangenehme, Vorfall würde doch wahrscheinlich schneller als es der Fall war in Vergessenheit gerathen seyn, wenn nicht ein Engländer, Namens Short, der unglücklicherweise in der Accordada gefangen saß, aber durchaus keinen Antheil an dem Aufstande genommen hatte, an einer, zufällig bei dem Eindringen des Militairs in den inneren Theil des Gefängnisses empfangenen, Wunde gestorben wäre. Dies war um so mehr zu beklagen, als Herr Short, zwei Tage später, seiner Haft von Gerichts wegen entlassen werden sollte, und, auf die Verwendung des englischen Chargé d’affaires hin, das Gefängniß schon früher hätte verlassen können, wenn er nicht geglaubt hätte, seinem Rechte etwas dadurch zu vergeben. Er saß nämlich wegen eines Civil-Processes ganz eigenthümlicher Art, den sein ihn verläugnender Schwiegervater, einer der reichsten Minen-Besitzer von Sonora, gegen ihn führte, indem er behauptete: Short habe sich seiner Tochter widerrechtlicher Weise bemächtigt, und sich ungesetzlich mit ihr verheirathet! — Ungeachtet nun die Tochter das Gegentheil aussagte und ihrem Mann, der um ihrentwillen zur katholischen Kirche übergegangen war, zu folgen sich bereit erklärte, und überhaupt viel Zuneigung für ihn zu haben schien; so konnte doch der Vater seinen einmal gefaßten Haß und Widerwillen gegen diese Verbindung nicht unterdrücken, und benutzte den Einfluß seines ungeheuren Reichthums dazu, Short verhaften zu lassen und den Proceß gegen ihn Jahre lang hinzuziehen, wiewohl er wußte, daß er ihn am Ende verlieren mußte. Herr Short hatte nun auch wirklich seine Sache gewonnen, wollte aber, wie schon gesagt, um seine Rechte auf Schaden-Ersatz nicht zu schwächen, das Gefängniß nicht eher verlassen, bis ihm dessen Thore durch die Gerichte geöffnet wurden. Diese an sich lobenswerthe Beharrlichkeit hat der arme Mann leider mit dem Leben büßen müssen. — Er ward [S. 138]allgemein bedauert und in der Kirche St. Francisco beigesetzt, und seine, von dem brittischen Consul veranstaltete honras (kirchliche Todtenfeier) ward von Fremden und Einheimischen, zahlreich und mit allen gebührenden Ehren, begangen. — Schwiegervater und Frau fehlten aber bei dieser Feier, letztere wohl nur durch die Gewalt des Vaters gezwungen, der selbst durch diese traurige Katastrophe nicht versöhnt ward, aber, seltsam genug, wenige Tage nachher plötzlich auch gestorben ist und mithin den Triumph seiner Verfolgung nicht lange genossen hat! — Er war übrigens Besitzer der reichsten Minen von ganz Mexico gewesen, die er immer nur, von Zeit zu Zeit, ein paar Wochen lang bearbeiten ließ, um eine Summe von etwa hunderttausend Pesos herausschlagen zu lassen, und dann wieder verschloß, bis zum nächsten Bedürfniß!
Schade, daß unsere Landsleute nicht auf ein solches Bergwerk gestoßen sind! Diese finden sich aber auch nur in dem Staate von Sonora, und nicht in dem Theile der Republik worin wir arbeiten und wo es leider nur arme Erze giebt.
Gestern erlebten wir auch einmal die selbst hier selten gewordene Feier der Einkleidung einer Nonne, — wie ich höre reicher Eltern Kind, — aber so systematisch für ihren jetzigen Beruf erzogen, daß es ihr wohl nicht schwer geworden seyn wird eine Welt zu verlassen, die sie eigentlich nie gekannt, in der sie nie gelebt hatte. Wir armen Layen bekamen indessen von dem Feste weiter nichts zu sehen, als die Illumination des Klosters nach der Straße hin, und das Aufsteigen eines Luftballons von der Alameda aus. — Dieser war ziemlich groß, durch mexicanische Arbeiter sehr kunstgerecht aus Papier verfertigt und mit der, durch untergelegtes Feuer bereiteten warmen Luft gefüllt; er stieg ungemein hoch und ließ, in der schönen, sternhellen Nacht, auf eine ungeheure Entfernung hin sein Licht zu uns hernieder leuchten.
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Da ich lange nicht im Theater gewesen, so beschloß ich den Tag damit zu enden, daß ich dem Schauspiel “El ministro” beiwohnte. Das Stück spielt die bekannte Geschichte von Struensee und Brandt am dänischen Hofe und ward sehr gut gegeben. Die Declamation der Actrice, welche die Königin Mutter spielte (eine Castilianerin) war ganz vortrefflich, und ich habe, seit den Zeiten der berühmten Mrs. Siddons, keinen höheren Genuß der Art gehabt. Es fehlte mir dabei nichts, als daß ich ihn in Deiner Gesellschaft hätte haben können! Doch das wird ja auch wieder einmal der Fall werden. — Adieu.
Mexico, den 4. October 1832.
Wir haben in diesen Tagen, und heute noch, einen solchen Stillstand in den kriegerischen Vorfällen gehabt, daß wir wie im tiefsten Frieden leben, und das Land wieder besuchen können. Dies that ich denn auch wieder einmal, seit ich Dir zuletzt schrieb, bei dem schönsten Wetter, das Du Dir denken kannst, aber diesmal nicht zu Pferde. Wenn man nicht reiten will, und keine eigne Equipage hat, so bedient man sich der Miethkutschen, die hier wie in den großen Städten Europa’s, in mehreren Theilen der Stadt, stets mit 2 Pferden oder Maulthieren bespannt, fertig stehen, von dem Kutscher aber nicht vom Bock, deren diese Fahrzeuge, als die Aussicht hemmend, keine haben, sondern vom Sattel, jockeyartig gefahren werden. Diese Wagen sind noch ganz in dem Geschmack der Zeiten Ludwigs des XIV. gebaut! große schwere, auf breiten, ledernen Riemen befestigte, viersitzige Kasten mit großen Glasfenstern an den Seiten und nach vorne, in denen man übrigens doch nicht unbequem fährt. Die Privat-Equipagen, an denen es hier nicht mangelt, sind genau von derselben Form, [S. 140]nur begreiflichermaßen im Innern reicher verziert, und äußerlich schön lackirt, gemalt und vergoldet. Seit so viele Ausländer hier wohnen, sind aber auch mehrere moderne und elegante Equipagen von England und vornemlich von Nord-Amerika hierhergekommen, die sich jetzt auf dem Paseo auszeichnen, und Nachahmung hervorrufen werden, dergestalt, daß voraus zu sehen ist, daß, besonders da die Unternehmer der nordamerikanischen Diligencen eine Wagenfabrik hier angelegt haben, die Wagenformen einer Revolution unterliegen werden, und man bald die verschiedenartigsten Barouchen, Landaus u. s. w. hier sehen wird, wie bei uns! Bis jetzt bleibt es aber bei der beschriebenen altfränkischen Form, wenigstens der Miethkutschen, und in einer solchen fuhren wir nach einer Gegend, wo viel Maguay (Aloe) für die Pulque-Gewinnung gezogen wird. Ich habe, wie ich glaube, von diesen Pflanzungen schon früher etwas gegen Dich erwähnt, nicht aber, wie dies so beliebte National-Getränk, welches wir in Europa gar nicht kennen, bereitet wird. Es geschieht dies auf so eigenthümliche Art, daß ich Dir doch wenigstens etwas darüber sagen muß.
Die Anpflanzungen nehmen einen großen Flächenraum ein, denn sie enthalten oft 1000 Maguay’s oder Aloe’s, welche wegen ihrer, sich nach allen Seiten ausbreitenden, mitunter acht Fuß langen und mehrere Zoll dicken Blätter, 4 Varas auseinander gepflanzt werden müssen, wobei denn, wie Du denken kannst, der Umstand, daß sie keiner Bewässerung bedürfen, ein sehr glücklicher ist. Bekanntlich wächst die Aloe sehr langsam und schießt erst nach vielen Jahren in die Blüthe; was aber minder bekannt seyn dürfte, ist die große Verschiedenheit dieses Reifwerdens; es wechselt zwischen acht bis sechszehn ja selbst bis zu achtzehn Jahren, doch kann man als Durchschnitt zehn Jahre dafür annehmen, dergestalt, daß, wenn einmal eine [S. 141]solche Anpflanzung im Zuge ist, alljährlich der zehnte Theil Pulque abwirft. Dieser wird nun folgendermaßen gewonnen. In dem, von den Indianern genau beobachteten und eben so genau gekannten Moment des Schießens des, aus der Mitte der Pflanze, riesenmäßig in die Höhe strebenden Stammes, aus dem die Blüthe sich bildet, wird das sogenannte Herz der Aloe (el corazon) herausgeschnitten, und es zeigt sich nun ein solcher Andrang von Saft, daß während zwei bis drei Monaten täglich beinah drei Maaß Honig-Wasser, (Aguamiel) wie es die Indianer nennen, gewonnen wird. Man saugt es durch ein Horn, einem graden Kuhhorn nicht unähnlich, aus der Pflanze heraus, und läßt einen Theil davon, in dazu bestimmten Gefäßen, in Gährung übergehen. Von diesem so gegohrenen Stoff, madre pulque (Mutter-Pulque) genannt, wird dem, sich fortwährend andrängenden Honig-Wasser eine Kleinigkeit beigefügt, wodurch es sofort in trinkbaren, an Farbe dünner Milch oder Molken ähnlichen, Pulque verwandelt wird. So lange das Getränk frisch ist, mithin da, wo es bereitet wird, soll es wohlschmeckend und erfrischend seyn, was um so größeren Werth hat, als die Gegenden der großen Maguay-Pflanzungen gewöhnlich Mangel an gutem Wasser haben. Wenn nun aber der Pulque nach den Städten u. s. w. versandt wird, was in Schläuchen von Thierfellen auf Esel oder Maulthieren geschieht, so verliert er natürlich seine Frische, und nimmt nun den höchst unangenehmen Geruch von faulen Eiern an, weshalb ich mich auch nie dazu entschließen konnte, das Getränk selbst nur zu versuchen, so sehr die Eingebornen und mitunter sogar Ausländer, die guten Eigenschaften desselben auch rühmen! Jener Geruch hält auch die Masse des Volks nicht ab, den Pulque als ihr Favorit-Getränk zu behandeln, und ihm in den zahllosen Pulquerien in den Städten und auf dem Lande eben so zuzusprechen, wie man es bei uns dem Bier und [S. 142]Branntewein thut. Da Pulque weniger berauschend als Branntewein und minder schwer als Bier ist, so halte ich es für gesund, und nur schädlich, wenn im Extrem genossen, was aber freilich oft genug geschieht.
Die Fasern der, wie schon gesagt, sehr starken Blätter der Maguay-Pflanze sind unserm Hanf nicht unähnlich, und werden zu Bindfäden und Stricken verarbeitet, wovon natürlich ein großer Verbrauch im Lande existirt; Du siehst also, daß die Aloe hier eine wichtige und nützliche Rolle spielt! und auch den Pflanzer lohnt sie, denn da, wie aus dem oben Gesagten hervorgeht, eine einzige Maguay-Pflanze oft 200 Maaß Pulque abwirft und, bei einer Pflanzung von 1000 Stück, im Durchschnitt jährlich 100 in Ausbeute sind, die sich stets bis zum zehnten Jahre wieder erneuern, so hat der Eigentümer einer solchen Anlage, wenn einmal im Zuge, eine permanente Einnahme von 5 bis 10,000 Pesos! Es ist überhaupt in Mexico, nach meiner Meinung, mehr in Ackerbau-Unternehmungen, als in den so gepriesenen Bergwerken zu gewinnen. Zu beiden gehört aber freilich Capital und Ausdauer!
Daß übrigens ein Land, welches, wie Mexico, alle Climate und den verschiedenartigsten Boden besitzt, auch alle Naturproducte hervorbringen kann, versteht sich von selbst, und wenn bisher manche Gegenstände, die in den wärmeren Zonen besonders gut gedeihen, wie z. B. Oliven und Wein, hier fast gänzlich fehlten, so hat das allein darin seinen Grund, daß die Colonial-Tyrannei der Spanier den Mexicanern den Anbau dieser und anderer edlen Erzeugnisse untersagten, um das Monopol des Mutterlandes nicht zu beeinträchtigen. Gegenwärtig werden hier schon viele Oliven gezogen, und man schmeichelt sich mit der Hoffnung, in Zukunft den ganzen Bedarf an Oel im Lande selbst zu gewinnen. Ueberhaupt wird europäische Cultur aller Art sich auch über dieses Land in raschem Gange [S. 143]immer mehr verbreiten. Mitunter äußert sich ihr Einfluß auf eine gar drollige Weise, von unten heraus, und man kann sich in der That des Lachens nicht erwehren über die Eitelkeit der Mädchen, die in den Straßen von Mexico, mit ihren langen, nackten, braunen Beinen und bloßen Füßen in weißen seidenen Schuhen umherlaufen, in Ballschuhen, die aus Frankreich zum Verkauf hierher gesandt werden! Doch in anderer Beziehung, und in der Regel, übt die Sitte der Fremden einen zweckmäßigeren Einfluß. Wie sehr das in Betreff der Sicherheit und Bequemlichkeit auf Reisen der Fall ist, habe ich Dir schon in früheren Briefen erzählt. Auch in Bezug auf die Lebensweise, auf den Tisch insbesondre, ist das unverkennbar. Unter den vielen Fremden selbst ist es schon nicht ungewöhnlich mehr, die Speisen ganz auf europäische Weise zurichten zu lassen, wodurch das Gedeihen mancher, von ihnen dahin verpflanzten, Anlagen gar sehr erleichtert wird. So z. B. haben ein Amerikaner und ein Engländer in der Nähe der Hauptstadt Meierhöfe angelegt, welche ganz vortreffliche Butter zum Verkauf dahin senden, während die einheimische Butter durchaus schlecht von Geschmack ist. Auch sind bereits zwei von Engländern angelegte Bierbrauereien in der Stadt selbst im Gange, welche sehr gutes Bier, sowohl in der Art von Porter, wie in der von Ale, liefern. Mit dem Weinbau, dessen ich oben gedachte, und der ohne Zweifel in manchen Gegenden der Republik sehr wohl gedeihen könnte, hat man, meines Wissens bis jetzt nur einen einzigen Versuch gemacht, und zwar weit von hier, in Californien unterm 35. Breitengrade. Ein Rheinländer, Namens Carl v. Geroldt, hat sich dort mit einer Eingeborenen verheiratet, und in dem als ganz vortrefflich gerühmten Clima, mit dem besten Erfolg, eine Weinpflanzung angelegt. Ich habe von dem dort erzeugten und hierhergesandten Wein selbst gekostet, und ihn sehr gut gefunden. Es ist eine wohlschmeckende [S. 144]Sorte Rothwein, dem Catalloner ähnlich, aber zu stark, um unvermischt getrunken zu werden. Leider ist aber Herr v. Geroldt vor Kurzem gestorben, und dieser interessante Versuch wird also, fürchte ich, wieder in’s Stocken gerathen, bis ihn ein anderer unserer Landsleute aufnimmt und fortsetzt. Das möchte jedoch sobald wohl nicht geschehen; wenn das Clima in Californien auch noch so schön ist, in ein so weit entlegenes Land zu ziehen, um Wein zu bauen, das ist nicht jedermanns Sache, am wenigsten die unserer deutschen Weinbauern.
Doch für heute genug davon. Lebe wohl!
Mexico, den 12. October 1832.
Die Kriegsereignisse nähern sich uns nun auf einmal mit solchen Riesenschritten und in so ernster Gestalt, daß ich schier befürchte, Dir von nichts anderm mehr schreiben zu können, und ich würde es mithin vielleicht gar nicht thun, sondern lieber warten, bis alles vorüber ist, wenn ich nicht wüßte, daß die hiesigen Vorfälle im Allgemeinen durch die Zeitungen doch bekannt werden, und es also zu Deiner Beruhigung gereichen muß, die wahre Lage der Dinge von mir selbst zu erfahren. Diese glaube ich Dir nun nicht besser schildern, und Dir kein treueres Bild von dem, was hier vorgeht, geben zu können, als durch die Abschrift der Bulletins, die ich an mehrere Freunde in Europa einzusenden mich veranlaßt finde.
Hier folgt sie:
Am 8. October. Nachdem Santa Anna sich der Rückkehr von Pedraza vergewissert und seine Vorbereitungen getroffen hatte, ging er endlich von der Defensive, die er bisher beobachtet hatte, zum Angriff über, und, nachdem er Facio in einem Gefechte, wobei einer der besten Artillerie-Generale der Regierung das Leben verlor, theils geschlagen, theils durch [S. 145]kühne, für unmöglich gehaltene Märsche über die Gebirge überflügelt hatte, stand er mit einem Male ganz unerwartet vor Puebla. Er forderte den dort commandirenden General Andrade auf, die Stadt zu übergeben, was jedoch dieser tapfere Soldat nicht nur abschlug, sondern sich im Gegentheil, mit seiner, etwa 700 Mann starken Garnison, Santa Anna entgegen warf, um ihm den Eingang zu verwehren. Andrade ward jedoch gänzlich geworfen, sein Corps zersprengt, und er selbst verwundet.
Santa Anna zog hierauf in Puebla mit nicht weniger als 3500 Mann ein, über welche Zahl sich jedermann wundert. Außer der Plünderung des Hauses, worin der Gouverneur Andrade gewohnt hatte, fand jedoch kein Unfug Statt. Santa Anna hat die städtische Ordnung sofort hergestellt, und sich dabei mit so vieler Mäßigung, ja bei einigen Gelegenheiten mit so viel Edelmuth, benommen, daß er selbst diejenigen seiner Gegner, die in ihm so gerne nur den Räuber-Hauptmann sehen, zum Schweigen gebracht hat.
Jetzt gilt es, zu wissen, was zunächst geschehen wird. Die Kammern sind gestern zusammen gewesen, und haben beschlossen, den Congreß zu suspendiren, und dem Präsidenten, zur Beendigung der Revolution, die Dictatur zu übertragen; man zweifelt jedoch, daß Musquiz es annehmen werde. Mittlerweile hat er zwei Unterhändler (persönliche Freunde von Santa Anna, aber von gemäßigten Ansichten) nach Puebla gesandt, um zu versuchen, ob nicht eine Uebereinkunft auf friedlichem Wege zu Stande zu bringen sei; wenige Tage müssen es entscheiden. Hätte Santa Anna in Puebla gar nicht Halt gemacht, wäre er mit einem Male hierher marschirt, so hätte er Mexico ohne Schwerdtstreich genommen; so groß war die Bestürzung über seine Annäherung, und so wenig war man darauf vorbereitet; jetzt aber sammelt man Truppen zwischen [S. 146]hier und Puebla, um, falls die Negotiation scheitern sollte, noch einen Widerstand zu leisten. Die Stadt Mexico selbst soll jedoch nicht verteidigt werden, weil man dies für eben so unmöglich als unnütz hält. Das Ayuntamiento (die Municipalität oder der Stadtrath) betrachtet die Sache gleichfalls so, und hat heute gegen die Verteidigung der Stadt, in der Stadt selbst, feierlichen Protest bei der Regierung eingelegt.
Am 11. Es ist bis heute nichts Wesentliches vorgefallen, wenigstens nichts bekannt geworden. Mittlerweile hat sich alles bestätigt, was man von der Besitznahme von Puebla gesagt hat. Es sind dort durchaus keine Unordnungen von Bedeutung vorgefallen; dem verwundeten General Andrade hat man freien Abzug verstattet, und er ist hier angekommen, um sich von seinen Wunden heilen zu lassen. Santa Anna ist in Puebla durch das Eintreten mehrerer Insurgenten-Chefs um einige Tausend Mann verstärkt worden, daraufhin aufs Neue aufgebrochen, und bereits in San Martin, auf dem Wege nach Mexico, eingetroffen. Die Truppen der Regierung stehen dagegen, 3000 Mann stark, bei Ayotla, 8 Leguas von hier, und sind mit viel Artillerie versehen, woran es den Insurgenten mangeln soll. Gestern Abend kamen nun die von hier nach Puebla gesandten Commissarien zurück, begleitet von vier, von Santa Anna hierher Deputaten, und man ist nun schon den ganzen Tag über in Unterhandlung gewesen, ohne zu einem Resultat gekommen zu seyn. Ich gebe jetzt die Hoffnung einer friedlichen Ausgleichung, auf diesem Wege, auf, und glaube, daß Santa Anna nur als Krieger hier einrücken wird! Trotz dem bin ich aber der Meinung, daß die in der Stadt getroffenen Maaßregeln uns vor Excessen und Unordnungen in derselben schützen werden, Gott gebe, daß ich mich nicht irre; bis jetzt ist hier noch alles ruhig geblieben, indessen haben doch einige der Hauptgegner Santa Anna’s die Stadt verlassen, [S. 147]wie z. B. der ehemalige Minister Alaman, mit welchem freilich eine Versöhnung nicht zu erwarten steht, denn in ihm repräsentirt sich die ganze Gegenpartei. Es ist Schade, denn Alaman ist ein sehr unterrichteter, sehr geschickter Mann, und ein angenehmer Gesellschafter und, nebenbei gesagt, seine Frau ist noch liebenswürdiger als er. Er ist übrigens auch ein sehr reicher Mann, und wird sich somit schon aus der Affaire zu ziehen wissen.
Und nun genug für heute! Ich bin es müde, von der Politik zu reden, und kann es nicht genug beklagen, daß ich überhaupt darüber, von hier aus, etwas zu sagen habe. Wäre das Land in diesem Jahre eben so ruhig gewesen, wie in dem vorigen, so war der Zweck meiner Reise schnell erreicht und ich längst wieder zu Hause, bei Euch, wo allein — doch ich will nicht klagen und verzagen, ich habe nun einmal eine sehr bewegte und unruhige Zeit hier vorgefunden, und es ist meine Pflicht, das Ende derselben abzuwarten! Ein Ende erreicht ja aber in dieser Welt Alles! nur nicht meine Liebe zu Dir und den Kindern! Lebe wohl.
Mexico, den 5. November 1832.
Seit meinem, am 11. October geschlossenen, Bericht über den Gang der Revolution, haben sich die Ereignisse wieder ganz anders gestaltet, als man damals erwartete, und, statt zu einer raschen Entscheidung zu kommen, entbehren wir diese, nach mexicanischer Langsamkeit, selbst heute noch! Die Unterhandlung mit Santa Anna ward, da man sich über die Basis nicht einigen konnte, abgebrochen. Die Nachgiebigkeit, welche das Gouvernement jetzt zeigte, und die vor einigen Monaten der Revolution ein Ende gemacht haben dürfte, genügte Santa Anna nun nicht mehr, und er bestand aus Punkten, die zwar [S. 148]von den Unterhändlern und einigen der Minister angenommen, aber von dem Präsidenten und der Mehrheit des Congresses, welche sich dieser Negotiation halber wieder versammelt hat, verworfen wurden. Man setzte nunmehro die militairischen Operationen von beiden Seiten fort, aber mit einem Mangel an Energie, von dem man sich in Europa nur schwer einen Begriff machen kann. General Santa Anna, der, wie ich neulich schon bemerkte, wenn er von Puebla aus seinen Marsch auf hier rasch fortgesetzt hätte, damals ohne Widerstand in die Hauptstadt eingezogen wäre, machte unerwarteter Weise Halt, und rückte so langsam vor, daß das Gouvernement Zeit gewann, Truppen an sich zu ziehen, und nun wohl 5000 Mann von allen Waffengattungen beisammen haben mochte. Da indessen Santa Anna seine Macht in noch höherem Grade verstärkte, so daß man sie auf 8 bis 10,000 Mann schätzte, so änderte das Gouvernement mit einem Male seinen Vertheidigungsplan, zog alle Truppen in die Stadt selbst, durchschnitt die dahin führenden Wege, und erklärte am 17. October die Föderativstadt in Belagerungs-Zustand! — Santa Anna säumte denn auch nicht, diese Erklärung wahr zu machen, rückte immer näher, und hatte Mexico sehr bald von allen Seiten umzingelt. Die üblichen Maaßregeln einer Belagerung blieben nicht aus. Alles Geläute der Glocken, welches in gewöhnlichen Zeiten, bei der Mehrzahl von Kirchen dieser Stadt, von 4 Uhr Morgens bis spät in die Nacht, einem in den Ohren dröhnt, mußte, trotz allem Protestiren der Geistlichkeit, auf Befehl der Militair-Behörden, nun gänzlich verstummen (eine bedeutende Erleichterung für die Nerven); Theater und Stiergefechte wurden geschlossen; alles Reiten in den Straßen untersagt; Pferde in Requisition gesetzt (ich habe das meinige an die Behörde abgeliefert); gezwungene Anleihen (prestamos forzosos) decretirt, zu welchen auch wir Fremden, trotz [S. 149]dem Proteste unserer respectiven Diplomaten, beitragen mußten, und endlich ein Maximum der Preise für die notwendigsten Lebensmittel anbefohlen! Auch die Magazine und Läden sind geschlossen, die Furchtsamen haben sogar die Häuser barricadirt; Handwerker und Arbeitsleute haben nichts zu thun, und es ist alle Tage Sonntag! übrigens aber bis jetzt noch alles so ruhig in der Stadt, daß, hörte man nicht von Zeit zu Zeit einige Kanonen- und Flintenschüsse vor den Thoren, und sähe man nicht von den Dächern der Häuser die Truppenbewegungen der Belagerer, man wahrlich nicht ahnden könnte, es sei Krieg im Lande, geschweige denn, der Feind stehe so nahe vor den Thoren, daß, wenn mitunter einmal ein kleines Gefecht vorfällt, was selten genug geschieht, man es mit bloßen Augen von den Azoteeen sehen und beobachten kann. Wie lange dieser Zustand der Dinge noch dauern wird, weiß der Himmel, denn man scheint von beiden Seiten nicht angreifen zu wollen, wobei sich indessen Santa Anna, bei freier Communication mit der Küste, und umgeben von allen Resourcen einer fruchtbaren Landschaft, augenscheinlich weit besser steht, als wir, in einer Stadt von 170,000 Einwohnern, denen er Lebensmittel und Wasser abschneiden kann und wahrscheinlich bald wird. Fürchtet sich nun das Gouvernement ferner, wie bisher, einen starken Ausfall zu machen, um den Feind auf diese Weise zurückzutreiben, so kann sich die Stadt unmöglich lange halten, denn schon fangen mehrere Artikel der ersten Nothwendigkeit an zu mangeln, wie z. B. Mais, Kohlen[16] u. dgl. m. Die große Masse der Bevölkerung, die von ihrer Hände Arbeit, und von einem Tage zum andern lebt, ist ohne Beschäftigung, und mithin dem Mangel preisgegeben, während aller Handel und Wandel paralisirt ist; der Verkehr stockt, es kommen und [S. 150]gehen keine Posten, und wir sind heute, am Abend, völlig auf dem Stadtbezirk eingeschlossen.
So weit hatte ich am 22. October geschrieben, als wir am nächsten Morgen durch Kanonen-Donner aufgeweckt wurden. Wahrscheinlich hatte man sich doch endlich geschämt, bei einer Garnison von 5000 Mann und nicht weniger als 30 Generalen! alten und jungen, die wir das Glück haben, in der Stadt zu besitzen, nicht einmal einen Ausfall zu wagen; man marschirte daher mit 2 bis 3000 Mann in die Ebenen von Tacubaya, 2 Leguas von hier, und versuchte dort, unter dem Schutze der Kanonen von Chapultepec, Santa Anna aus seiner Position herauszulocken, was jedoch nicht gelang. Er begnügte sich damit, die Gouvernements-Truppen von seinen Batterien aus zu beschießen, ihnen mehrere Officiere und Soldaten zu tödten und zu verwunden, und sie am Abend, unverrichteter Sache wieder abziehen zu lassen. Wir konnten das ganze Manöver von den Dächern mit ansehen, und wunderten uns, mit unsern europäischen Begriffen von Kriegs-Operationen, nicht wenig darüber, daß die, wirklich gut, und weit besser als Santa Anna’s Reiterei, berittene Cavallerie des Gouvernements keinen Angriff auf das ganz offene Tacubaya, das Hauptquartier des Feindes, zu machen wagte. Es blieb aber, wie gesagt, bei einer bloßen Demonstration, die zu keinem Resultat führte, die man aber dennoch nicht verfehlen wird, auf ächt mexicanische Weise mit dem pompösen Namen des “Treffens bei Tacubaya” zu belegen. Jetzt schmeichelt man sich denn mit einer Entsetzung durch Bustamante, von dem man Nachricht haben will, daß er in Eilmärschen vom Norden zurückkehre, um die Hauptstadt zu befreien. Ganz grundlos scheint dies Gerücht nicht zu seyn, denn es setzt auch Santa Anna in Bewegung, der nunmehr auf alle Weise trachtet, sich in den Besitz von Mexico zu setzen! Eine der Wasserleitungen ist bereits [S. 151]abgeschnitten, und die Zugänge zur Stadt sind so eng besetzt, daß das Maximum-Gesetz für die Lebensmittel aufgehoben werden mußte, um, durch den Reiz hoher Preise, deren überhaupt zu erhalten; die meisten sind denn auch schon auf das Dreifache, Mais und Kohlen aber auf das Sechsfache gestiegen. Auch hat Santa Anna die Stadt vor einigen Tagen aufgefordert, sich binnen 24 Stunden zu übergeben, damit hat er sich aber blamirt, denn so leicht wird man es ihm nicht machen, besonders jetzt, wo man, wie gesagt, auf Bustamante wie auf den Messias hofft, und fest glaubt, daß dieser den gefürchteten Santa Anna vernichten werde. Hieran scheiterte denn auch ein abermaliger Versuch, den Frieden zu unterhandeln, den einige Gutgesinnte in diesen Tagen eingeleitet hatten. Kein Theil will nachgaben. Mittlerweile gefallen sich die jetzigen Militair-Machthaber dieser Stadt darin, die Fremden, welchen bekanntlich die Gouvernements-Partei überhaupt abhold ist, auf alle Weise zu chicaniren und bei jeder Gelegenheit mit Grobheit und Arroganz zu behandeln! Wir Fremden können daher bei einem Wechsel der Dinge nur gewinnen, und ich gestehe gerne, daß ich ihn, so wie die Sachen jetzt stehen, je eher je lieber herbeiwünsche; aber das geht nun einmal nicht so rasch in diesem Lande. Es ist z. B. heute wieder Alles stille und beim Alten! Das herrlichste Wetter von Morgens bis Abends, die größte Stille in den Geschäften von Morgens bis Abends und die langweiligste Politik, denn es fällt auch gar nichts vor! Santa Anna ist vor den Thoren, und wir dahinter! Er ist übrigens höflich genug, auf Ansuchen der englischen und französischen Geschäftsträger, die Couriere der europäischen Paketboote, kommend und gehend, durch seine Linie passiren zu lassen, so daß wir doch von Euch hören, und, wie Du siehst, Euch auch schreiben können.
Ich benutze dazu jede sich darbietende Gelegenheit, und [S. 152]wünsche nur, Dir bald Angenehmeres berichten zu können. Adieu.
P. S. vom 8. November 1832.
Der Abgang des Couriers ist bis heute verschoben worden, weil man Bewegungen bei den Truppen des Feindes bemerkte, deren Ausgang man zuvor abwarten wollte, um ihn nach Europa berichten zu können. Dieser Ausgang liegt denn nun vor, und ist ganz erfreulicher Art; — die Belagerung ist aufgehoben! Santa Anna ist mit seiner ganzen Armee aufgebrochen, um dem, von Norden heranrückenden, General Bustamante entgegen zu marschiren; schlägt er ihn nun, so kommt er natürlich zurück, und nichts kann ihn dann hindern, Mexico zu nehmen und aus diese Weise die Revolution zu beendigen! Gebe denn der Himmel, daß es bald geschehe. Mittlerweile athmen wir hier wieder freier, und die Aufhebung der Belagerung ist, selbst als temporaires Ereigniß, ein erwünschtes, denn die Noth in den niedern Classen war bereits sehr hoch gestiegen. Jetzt sind alle Lebensbedürfnisse schon wieder auf die alten Preise gesunken, die Wasserleitung ist wieder im Gange und die Springbrunnen in der Alameda sprudeln ihre Wasser so kräftig in die Höhe, als ob sie nie unterbrochen worden wären. Wir selbst aber können nun wieder aufs Land, und wollen auch nächstens dahin, um das über alle Maaßen köstliche Wetter (bei Euch wohl um diese Zeit ein ganz anderes) zu genießen. Lebe wohl.
Mexico, den 9. December 1832.
Ich habe Dir seit dem 8. November nicht geschrieben, und thue es deshalb erst heute wieder, weil früher keine Aussicht vorhanden war, etwas Entscheidendes über unsere Lage zu berichten; ob dies jetzt der Fall seyn wird, muß sich binnen wenig [S. 153]Tagen zeigen; ich setze mich mittlerweile hin, Dir in wenigen Worten zu sagen, was bis heute vorgefallen ist. Du lernst auf diese Weise denn auch die hiesige Art Krieg zu führen kennen.
Wie ich zuletzt berichtete, hob Santa Anna die Belagerung Mexico’s auf, um dem, vom Norden der Republik zum Entsatz der Hauptstadt herbeieilenden, Vizepräsidenten, General Bustamante entgegen zu gehen, und ihn, wie man glaubte, mit seiner, zu diesem Ende concentrirten, dem Gegner an Zahl weit überlegenen Macht, ein entscheidendes Treffen zu liefern. Nach gut mexicanischer Weise begnügte er sich aber damit, bei Huehuetocla (10 Leguas von hier) Bustamante den Uebergang über eine der, in diesen Gegenden so häufigen Land-Schluchten (Barancas) streitig zu machen, und sich diesseits derselben zu befestigen. Hierdurch entstand denn abermals eine Pause in den Kriegs-Operationen, und es fiel, außer einigen Angriffen auf Santa Anna’s Verschanzungen von Bustamante’s Cavallerie, die mit Verlust zurückgeschlagen ward, nichts vor. Mittlerweile marschirte General Quintanas, mit 2000 Mann, von hier aus, nicht etwa, wie man erwartete, um Santa Anna im Rücken anzugreifen, sondern nur, um sich wo möglich mit Bustamante zu vereinigen, und auch dies suchte Santa Anna, unbegreiflicher Weise, nicht zu verhindern. Hätten sich dagegen andererseits die beiden Corps des Gouvernements stark genug gefühlt, von jeder Seite einen Angriff auf den Feind zu machen, und ihn so zwischen zwei Feuer zu nehmen, so hätte man hoffen dürfen, auf diese Weise das Ende des Streits herbeigeführt zu sehen. Dies geschah aber eben so wenig, und nur die Vereinigung fand statt, in Folge welcher Santa Anna nun zurück in eine feste Stellung bei Zumpango fiel, woraus ihn aber die beiden vereinigten Corps seiner Gegner nicht vertreiben konnten. Bustamante befand sich mit seinen Truppen [S. 154]in einer, von Lebensmitteln sehr entblößten Gegend, und mußte damit von der Hauptstadt aus versorgt werden. Wochenlang bemühete er sich vergebens, Santa Anna ins offene Feld zu locken, und nur erst, als eine, für diesen bestimmte, Geld-Conducte, aus Puebla kommend, von den Gouvernements-Truppen angegriffen ward, verließ Santa Anna seine Stellung, um jene zu retten (was ihm auch gelang) und marschirte nun eilend mit seinem ganzen Corps nach Puebla zurück, wohin ihm Bustamante auf dem Fuß folgte, so daß er gleichzeitig mit ihm daselbst eintraf. Dort nun, d. h. vor den Thoren und in der Vorstadt von Puebla, soll sich zwischen beiden Parteien ein heftiger Kampf entsponnen haben, und zwar zum Nachtheil Bustamante’s ausgefallen seyn. Bestätigt sich das gestern so in Umlauf gekommene Gerücht über die Schlacht, so muß das Gouvernement unterliegen, weiset es sich aber aus, wie man heute erzählt, daß Santa Anna den Tag verloren habe, so ist die Sache damit noch nicht am Ende; denn so lange er noch am Leben, und nicht so aufgerieben ist, daß er Vera-Cruz nicht wieder erreichen kann, sind und bleiben wir, wo wir vor 6 Monaten waren, und das jetzige Gouvernement muß und wird dann erst an der Finanz-Auszehrung sterben. Es ermangelt jetzt aller Resourcen und ist damit auf die Föderatif-Stadt angewiesen; man hat schon zweimal zu gezwungenen Anleihen Zuflucht genommen, und besteuert nun Häuser, Fenster, Thüren, Kutschen, Pferde[17] u. dgl. m., alles monatlich, weil man noch immer, von einem Tage zum andern — ja bis zu diesem Augenblick, den Sieg über Santa Anna, und damit das Ende der Revolution erwartet. Man täuscht sich [S. 155]aber, davon bin ich überzeugt, und man wird finden, daß die Revolution und die Opposition gegen das jetzige Gouvernement im Allgemeinen zu weit verbreitet ist, um ihrer Herr zu werden, und zöge sich der Krieg auch noch in die Länge, so reichen die oben angedeuteten Mittel und überhaupt die Mittel der Hauptstadt allein nicht hin, ihn fortzuführen. Von dem nach meiner Ansicht einzigen Wege, dem Lande den Frieden zu geben, von der Vermittlung Pedraza’s nemlich, wollen aber das eigensinnige Gouvernement und der noch eigensinnigere Congreß durchaus nichts wissen, und die Parteien stehen sich jetzt einander so schroff gegenüber, wie nur je. Das sogenannte Cabinet ist aber über diesen Punct keinesweges einig, und mehrere Minister rathen zur Unterhandlung mit Pedraza, der nun nicht allein in Vera-Cruz, wo er bei seiner Landung eine gemäßigte aber gediegene Proclamation erließ, sondern seit dem 4. dieses auch in Puebla angekommen, und uns mithin sehr nahe ist; doch die friedlich Gesinnten wurden überstimmt, und man will durchaus die Waffen entscheiden lassen. Wir sind deshalb auch hier in der Stadt fortwährend unter Kriegs-Gesetz, und noch keine der militairisch-polizeilichen Maaßregeln ist zurückgenommen, obgleich sie jetzt minder streng beobachtet werden. Dagegen hat uns der Feind so eingeengt, daß nun schon seit einiger Zeit auch nicht eine einzige Post aus dem Innern weder hier ankommt noch dahin abgeht; nur die europäischen Briefe kommen und gehen durch Extra-Couriere, welche von beiden Parteien ungehindert durchgelassen werden.
Am 13. Nun haben wir endlich officielle Kunde über die Vorfälle bei Puebla, und Gottlob erwünschte! Die Revolution hat ihr Ende erreicht — sie hat nämlich den Sieg davon getragen! Das Gefecht vor den Thoren von Puebla soll wirklich ein blutiges gewesen seyn, und viel Volk blieb auf beiden Seiten; Bustamante zog indessen den Kürzeren, war [S. 156]aber nun so vernünftig, oder, wenn man will, so patriotisch, einen Kampf nicht fortzusetzen, von dem er wohl einsah, daß er ihn am Ende doch verlieren müsse. Er beauftragte daher den General Cortasar, zu unterhandeln, und man kam schnell dahin überein, daß beide Armeecorps fraternisiren und gemeinschaftlich nach Mexico marschiren sollten, um dort den General Pedraza, nöthigenfalls selbst gegen den Willen des Congresses, als legitimen Präsidenten für die noch nicht abgelaufene Zeit seiner Präsidentur, also bis zum 1. April 1833, einzusetzen; übrigens aber allgemeine Amnestie zu proclamiren. Die von beiden Seiten ernannten Commissarien sind hier angekommen, um der Regierung und dem Congresse davon Mittheilung zu machen, welcher Letztere sich übrigens jetzt gewiß nicht ohne Protest auflösen wird. Dies hat aber weiter nichts zu sagen; die Revolution wird darum nicht weniger beendet seyn, und das ist doch die Hauptsache! Da nun Pedraza, was selbst seine Feinde nicht ableugnen können, ein rechtlicher und unparteiischer Mann ist, so werden nunmehr ohne Zweifel auch alle Geld-Transactionen anerkannt werden, auf welche wir Kaufleute, während des Krieges, gezwungen waren, sowohl mit dem Gouvernement wie mit Santa Anna, einzugehen, und daß dies von der größten Wichtigkeit ist, muß jedem einleuchten. Ich sehe nun auch wirklich einer besseren Zeit in diesem Lande entgegen. Du weißt, daß ich stets der Meinung war, es könne nur auf diesem Wege glücklich enden, nämlich auf dem Wege des Dazwischentretens einer dritten Partei, und namentlich der von Pedraza, unstreitig der einzig gesetzlichen. Denn Bustamante verdankte seine Gewalt dem Aufstande von Jalapa im Jahre 1828, und Santa Anna dem von Vera-Cruz, im Anfange dieses Jahrs, während Pedraza allein s. Z. auf gesetzlichem Wege zum Präsidenten gewählt ward. Ich habe mich also, wie es sich nunmehr ausweiset, [S. 157]nicht geirrt! Obgleich nun aber, bei diesem Wechsel der Dinge, der Vortheil für uns Fremden und für den ganzen Handel und Verkehr augenscheinlich ist, so verblendet der Parteigeist doch noch gar viele so sehr, daß sie lieber eine Fortsetzung des Kampfes und aller daraus entspringenden, das Land zu Grunde richtenden, Verhältnisse, als diesen völligen Sieg des, ihnen verhaßten, Santa Anna’s gesehen hätten. Ich habe diese Ansicht nie getheilt, und freue mich des Ausgangs, so wie er ist.
Hier hast Du denn einmal ein bloß politisches Sendschreiben, aber Du wirst begreifen, daß man in dieser bewegten Zeit für nichts anderes Sinn noch Gedanken hat.
Mit dem Ende der Revolution naht sich denn auch das Ende meines Hierseyn’s, und ich darf nun hoffen, Euch bald wieder zu umarmen.
Mexico, den 28. December 1832.
Was ich in meiner letzten politischen Abhandlung vom
9
13 Dieses
voraus zu sagen wagte, ist geschehen. Der Congreß hat die friedliche
Uebereinkunft zwischen Bustamante, Santa Anna und Pedraza verworfen,
und unter starkem Protest sich aufgelöst. Der Interims-Präsident
Musquiz, erklärte sich außer Function, und wir sind seit mehreren
Tagen ohne Regierung, jedoch darum in keiner Anarchie. Die
Sachen gehen ihren leidlichen Gang, und nur gestern verspürte man
einige Bewegung in den Gemüthern des Volks, welche sich darin auflöste,
daß nun auch die hiesige, mehrere 1000 Mann starke, Garnison sich zu
Gunsten von Pedraza erklärt, und somit der Sache ein Ende gemacht
hat. Es ist dabei Alles mit solcher Ruhe hergegangen, daß man in der
Stadt kaum etwas davon gewahr wurde. Eine Deputation des Militairs
ist nun nach Puebla gesandt, um die dortigen Generale einzuladen,
[S. 158]Besitz von der Hauptstadt zu nehmen und Alles nach der getroffenen
Uebereinkunft zu ordnen. Klage nun hierüber wer da will, ich für
meinen Theil freue mich, daß der Streit ein Ende hat, und daß wir des
verhaßten Zwangs einer militairischen Polizei enthoben sind; nicht daß
es mich gerade besonders ergötzte, die Glocken wieder läuten zu hören,
wiewohl ich nicht läugne, daß es ein eigentümlich angenehmes Gefühl in
mir erweckte, als, nach so langer Unterbrechung, die gewohnten Töne
zum erstenmale wieder in meinen Ohren erklangen; aber ganz andere
Entbehrungen haben nun ihr Ende erreicht, denen wir bisher unterworfen
waren; alle Preßfreiheit war unterdrückt, aller Postenlauf gehemmt,
die Communication mit dem Lande erschwert, die Theater gesperrt, die
Fremden von einem brutalen Militair-Commandanten bei jeder Gelegenheit
insultirt u. dgl. m. Dies hat nun alles aufgehört, und wir athmen
wieder freier. Auch habe ich es mir bereits zu Nutze gemacht, und
einer Landpartie beigewohnt, nach der in Santa Fé, etwa 2 Meilen von
hier, gelegenen Pulvermühle, welche unter der Leitung des Obristen
B., Bruders unserer gereisten Freundin, steht, und von dem wir sehr
freundlich ausgenommen und bewirthet worden sind.
Santa Fé liegt in einem ziemlich hoch situirten Bergthal, jenseits Tacubaya, und man genießt von den das Dorf umgebenden Bergen einer sehr schönen Aussicht in das Thal von Mexico.
Diese Pulvermühle ist ein dem Staat gehöriges Etablissement und sehr zweckmäßig eingerichtet; das Wasser wird mit sehr vieler Oeconomie zur Kraft benutzt, durch welche das Räderwerk in Bewegung gesetzt wird, und das Ganze ist nach einem Maaßstabe angelegt, nach welchem, bei voller Arbeit, täglich 4400 ℔ Pulver fabricirt werden können. Durch die Belagerung war die Arbeit unterbrochen, die Mühle selbst aber [S. 159]ist von Santa Anna respectirt und beschützt worden. Er war klug genug, einzusehen, daß er, in vielleicht nicht langer Zeit, das Etablissement selbst beschäftigen werde.
Derselbe Bach, der mit einem Theil seines überaus schönen und kristalreinen Wassers diese Pulvermühle in Bewegung setzt, versorgt die Stadt Mexico durch den früher schon erwähnten Aquaduct mit dem nöthigen Trinkwasser, und ist daher von nicht geringer Bedeutung. Er entspringt in einem Garten von Santa Fé, den wir besuchten und wo wir die Quelle, unter einer schönen Gruppe von frisch ausschlagenden Bäumen, umgeben von einer Masse von üppig prangenden Rosenbüschen, aus der Erde aufsprudeln sahen, und alles dies am heiligen Christfeste!
Die Sonne scheint so rein am Himmel, daß auch kein Wölkchen am entferntesten Horizont zu erblicken ist, und verbreitet eine Hitze, die einem die Schattenseite in den Straßen suchen macht, um aus tierra caliente nach tierra templada zu gelangen. Schönere Tage als die jetzigen habe ich wirklich selbst hier noch nicht gesehen, und doch ist es eine ganz eigene Sache mit dem hiesigen Clima. Der Winter (und es ist jetzt auch in Mexico Winter) hat seine unfreundlichen und nach hiesigem Sprachgebrauch, kalten Tage, die es aber nach unsern nordischen Begriffen so wenig sind, daß man ihnen bei Euch höchstens nur in den Hundstagen einen solchen Namen beilegen würde, denn sie haben weder Eis, noch Schnee, noch Reif, ja selbst nicht einmal Regen im Gefolge. Da indessen der Körper, durch die noch unendlich mildere, oft sehr heiße Luft der 10 bis 11 übrigen Monate des Jahrs an eine ganz andre Temperatur gewöhnt und dadurch verwöhnt ist, so bringt diese herbstliche Kühle eine Empfindung hervor, die man vergleichungsweise mit Recht Frost nennen kann, und dieses Frieren und Frösteln verursacht Rheumatismus, Gesichtsschmerzen und allerlei [S. 160]dergleichen Erfreulichkeiten, tout comme chez nous. Es ist daher auch sehr zweckmäßig in dieser Jahrszeit hier wollene Strümpfe, Flanell und überhaupt wollene Bekleidung zu tragen.
Mittlerweile gakeln meine Hennen jeden Morgen lustig beim Eierlegen, und andere sitzen und brüten. Die hier zu Lande etwas seltenen Singvögel, von denen ich mir einige angeschafft habe, zwitschern fröhlich in freier Luft ihr drolliges Lied; besonders der eine, cien voces (hundert Stimmen) genannt, der alle nachmacht und mitunter sogar den volltönigen harmonischen Schlag der Nachtigall hören läßt. In unserm Gärtchen blühen Rosen, Veilchen und Reseda! bei Euch aber wirft man sich jetzt wohl mit Schneeballen! So hat denn jeder das Seine! Ihr friert und wir schwitzen; das ist der ganze Unterschied! Das Letztere that ich noch gestern zur Genüge auf einem Ritt nach Guadeloupe, der berühmten Kirche und Capelle auf einem hohen Felsen unweit von hier, wovon ich Dir schon früher sprach. Es geht damit aber, wie mit vielen andern Dingen, d. h. es nimmt sich besser in der Ferne aus, als in der Nähe, denn obwohl das Kloster (eine Stiftung für geistliche Frauen) sehr reich ist, weshalb denn auch Santa Anna den frommen Nonnen während seiner Belagerung einen Besuch abgestattet, und sich in aller Höflichkeit einen kleinen Beitrag zu seinen Kriegskosten von ihnen erbeten und erhoben hat, so geräth hier doch alles Aeußere, namentlich die steinerne Treppe, welche nach der höchst gelegenen Capelle führt, sehr in Verfall, und nur das steinerne Schiff hat bis jetzt noch dem Zahn der Zeit getrotzt. Mit diesem Schiff hat es aber folgende Bewandniß:
Ein reicher Kaufmann in Mexico hatte schon lange seinen Sohn von Cadix zurückerwartet, und fing endlich in der stürmischen Jahrszeit an, zu befürchten, daß demselben ein Unglück ans der See zugestoßen sei! Der Vater richtete nun seine Gebete [S. 161]an die hier waltende Heilige nuestra Señora de Gouadeloupe, und gelobte ihr eine Fregatte zum Geschenk, wenn ihm der Sohn erhalten und in die Arme zurückgeführt würde. Es dauerte nicht lange, so kam der verloren geglaubte Sohn in Vera-Cruz glücklich und wohlbehalten an; der Vater aber hielt Wort, und ließ der Schutzpatronin, nahe bei der Capelle, auf hohem Felsen, ein Monument von weißen Steinen hinsetzen, das, vom Thale aus, weit mehr als in der Nähe, einer Fregatte mit vollen Segeln täuschend ähnlich sieht! Die Heilige scheint indeß bis jetzt noch nicht Lust gehabt zu haben, sich damit auf den Ocean zu wagen; das Schiff steht noch immer auf dem alten Fleck, obwohl der Wind seit 100 Jahren ihm die Segel schwellt!
Zum Schluß habe ich Dir aber noch die traurige Nachricht mitzutheilen, daß unser alter Freund Sulzer vor einigen Tagen gestorben ist. Er hat das hohe Alter von 82 Jahren erreicht, und blieb kräftig an Geist und Körper, bis etwa 14 Tage vor seinem Ende, wo er anfing bettlägerig und immer schwächer zu werden, bis er zuletzt, ohne Leiden, sanft entschlief. Er war natürlich der Veteran aller Fremden hier, und einer der Wenigen, die schon vor Humboldt hier gewesen. Vor 10 Jahren besuchte er Mexico zum zweiten Male, und zwar als Agent der rheinisch-westindischen Compagnie. Er versah darauf bis zur Ankunft des ersten preußischen General-Consuls, Geheimen-Raths Koppe, die Functionen des preußischen Consulats, und zuletzt die der deutschen Hansestädte. Er hinterläßt den Ruf eines braven Mannes, und sein, von Einheimischen und Fremden zahlreich begleitetes Leichenbegängniß, beweist, daß er hier in allgemeiner Achtung stand. Friede sei mit seiner Asche!
[S. 162]
Mexico, den 9. Januar 1833.
Pedraza, der nunmehrige Präsident, und sein College, Santa Anna, der sich schon längst den Namen des Befreiers, el liberator beigelegt hatte, haben nicht lange auf sich warten lassen. Gleich nach der Einladung der hiesigen Garnison, von der ich Dir in meinem Letzten sprach, brachen sie von Puebla auf, zögerten aber vorsätzlich bis zum ersten Tage des Jahrs, weil mit dem letzten des vorigen der Congreß gesetzlich zu Ende ging, und sie auf diese Weise einen neuen zusammen berufen können, ohne den alten gewaltsam auflösen zu müssen. Da nun der 2. Januar der Jahrestag der Revolution von Vera-Cruz ist, so beschloß man, den Einmarsch der vereinigten Armee auf diesen Tag zu verlegen, wo er denn auch unter Glocken-Geläute und Kanonen-Donner, jedoch ohne besonders großen Volks-Jubel statt fand. Es mogten ungefähr 10,000 Mann von allen Waffen-Gattungen seyn, welche (abwechselnd ein Corps von Santa Anna, und dann wieder eins von Bustamante) an dem genannten Tage einmarschirten, und keine andere Abzeichen hatten, als ein grün-seidenes Bändchen, das die Santanisten, und ein rothes, das die Bustamantisten an den Mützen und Hüten trugen. Kenntlicher waren die Truppen von Santa Anna durch ihre mehr südlich-braune Gesichtsfarbe und minder pünktliche Uniformirung; man sah es besonders der Reiterei an, daß sie in der Eile formirt war, und aus Landleuten bestand, welche freilich hier zu Lande alle gut zu Pferde sind, während die Gouvernements-Cavallerie, die überhaupt für die beste Waffengattung der Mexicaner gilt, eine schöne militairische Haltung hatte.
Uebrigens hatten alle Truppen gleiche Uniform, gleiche Waffen, gleiche Fahnen, und verdienten die ihnen nunmehr beigelegte Benennung der vereinten mexicanischen Armee um so mehr, da mittlerweile auch einige Corps von Moctezuma [S. 163]dazu gestoßen waren. Am 3. hielten darauf Pedraza und Santa Anna persönlich ihren feierlichen Einzug. Alle Truppen waren auf dem großen Platze vor dem National-Pallaste aufgestellt, eine Abtheilung von jeder Waffengattung marschirte den Helden des Tags entgegen, und holte sie, begleitet von der Magistratur und den Honoratioren der Stadt, gleichsam im Triumph ein. Santa Anna (in reicher Generals-Uniform) und Pedraza (in Civil-Kleidung, schwarz) fuhren in einem mit Vieren bespannten Wagen vorauf; (Bustamante zog es vor, diesem Einzuge nicht beizuwohnen, und ging auf andern Wegen allein nach seiner Wohnung in der Stadt). Das Officier-Corps war zu Pferde, und so ging der Zug nach der Cathedrale, woselbst die hohe Geistlichkeit den Präsidenten und den Befreier am Eingange der Kirche empfing und bewillkommte! Nach gehaltener Messe ging der Zug durch doppelte und dreifache Truppen-Spaliere, nach dem nahen Pallaste, und endete so die erste Abtheilung der Tagesfeier! Daß dabei die ganze Zeit über, an Glockengeläute, Kanonendonner, Gewehrfeuer und Hurrahrufen kein Mangel gewesen, bedarf wohl keiner Erwähnung. Der Einzug war übrigens in der That recht glänzend, und die Truppen hatten eine bessere Haltung, als man nach den vorangegangenen Strapazen und Märschen hätte erwarten sollen; ihre Musik war mitunter vortrefflich. Abends war Illumination, Schauspiel u. s. w., aber wenn auch hier und da ein allegorischer Aufzug durch die Straßen fuhr, und dem Befreier ein Vivat brachte, so konnte man das Ganze doch nur ein militairisches und keineswegs ein Volksfest nennen! Die große Masse blieb eben so kalt bei der Einsetzung der neuen Regierung, wie früher bei dem Abtreten der alten, und sobald der Einzug vorüber war, ging Jedermann, der nicht durch eine amtliche Stellung dabei bleiben mußte, seinen Geschäften wieder nach. Nichts desto weniger läßt es sich [S. 164]nicht läugnen, daß die Revolution kein glücklicheres Ende hätte nehmen können, als durch die Dazwischenkunft und nunmehrige Anerkennung des, (wie ich oben bemerkte) im Grunde doch allein rechtmäßig erwählten, Präsidenten Gomez Pedraza. Nur auf diesem Wege war es möglich, dem Bürgerkriege Einhalt zu thun, der auf nichts weniger als Vertilgung der einen oder andern Partei auszugehen schien. Nun aber, da eine Autorität aufgetreten und anerkannt ist, welche allen Theilen gerecht zu werden verspricht, ist allen den Nachtheilen vorgebeugt, die eine gewaltsame Umwälzung, durch einen vollständigen Sieg einer Partei über die andere, gewöhnlich im Gefolge hat. Die hier Handel treibenden Fremden werden sich bei diesem Wechsel der Dinge auch nicht schlecht stehen, und mehr persönliche Sicherheit genießen, als unter dem nunmehr gestürzten Gouvernement, welches allen, nicht altspanischen, Europäern abhold war, und einer großen Intoleranz fröhnte. Dieser Haß gegen die nicht spanischen Fremden, ward von den vorigen Machthabern, und namentlich, von dem jetzt aufgelösten, aristokratisch und theokratisch gesinnten Congreß, besonders in der allerletzten Zeit, zu einer Höhe getrieben, von der man sich kaum einen Begriff machen kann, und der gewiß Personen und Eigenthum in Gefahr gesetzt haben würde, wenn diese, sich selbstgefällig legitim nennende, Partei, den Sieg davon getragen hätte. Von der jetzigen Regierung läßt sich mit Grund Besseres erwarten; sie hegt liberalere Ansichten, legt mehr Werth auf ein gutes Einverständniß mit allen europäischen Nationen, und ist in religiöser Hinsicht tolerant. Es scheint mir überhaupt, daß dies die erste Revolution in Mexico war, welche nicht als eine bloß persönliche zwischen zwei Partei-Chefs anzusehen ist, sondern einen gänzlichen Wechsel von Principien, zum Grunde und zur Folge gehabt hat. Irre ich hierin nicht, so steht diesem Lande eine schöne und große Zukunft [S. 165]bevor; man wird Religionsfreiheit gestatten, und dadurch Einwanderung veranlassen; eine vermehrte Bevölkerung wird den Werth des Grund-Eigenthums erhöhen, und namentlich der Ackerbau-Industrie einen Aufschwung geben, wie man ihn jetzt noch für unmöglich hält.
Der jetzige Präsident, Pedraza, hat in den letzten Jahren einen großen Theil von Europa (unter andern auch unsere schönen Rheinprovinzen) bereist, und ist von den Vorzügen europäischer Civilisation durchdrungen; die vereinigten Staaten bewundert er nicht minder, und die Wahl seiner Minister zeigt, daß er in einem Geiste zu regieren gedenkt, der es bedauern läßt, daß die noch übrige Frist seiner constitutionellen Regierungs-Periode so kurz ist. Es wäre zu wünschen, daß sie ausnahmsweise durch einen National-Congreß verlängert würde. Alles hat hier bereits eine freundlichere Gestalt angenommen; das Land geht gewiß einer besseren Zukunft entgegen, und, als natürliche Folge davon, dessen Handel mit Europa nicht minder.
Mit der Befreiungs-Armee kam denn auch mancher wieder, der früher die Hauptstadt aus politischen Gründen verlassen und gemieden hatte, und so sahen wir denn auch unsern Landsmann H., der, wie Du aus meinen frühern Briefen weißt, in der Schlacht von Tolome gefangen, nachher aber wieder entkommen war, als wirklichen Obristlieutenant bei der Artillerie von Santa Anna angestellt, mit einem Paar schweren goldenen Epaulets einherziehen! Ein für Mexico weit wichtigerer Mann, der verbannt gewesen und jetzt zurückgekehrt ist, ist aber Don Lorenzo de Zavala, früher Finanz-Minister und Civil-Gouverneur vom Staat von Mexico, welche letztere Stelle er denn auch sofort in Toluca wieder eingenommen hat. Stets ein gescheuter und gewandter Mann, hat er während seiner Verbannung Europa und die vereinigten Staaten mit Nutzen [S. 166]bereist, und soll nun, von liberalen Ideen durchdrungen, entschlossen seyn, Alles aufzubieten, seinem Vaterlande die Segnungen der Toleranz und Civilisation zu Theil werden zu lassen. Er hat in Europa ein Buch über die neuesten Revolutionen dieses Landes geschrieben, welches sehr freisinnig abgefaßt ist; wir erhielten es von Nordamerika aus, kurz vor dem Umsturze der vorigen Regierung, und es erregte damals ungemeines Aufsehen. Sollte Zavala, wie man glaubt, ins Ministerium kommen, so wird er, davon bin ich überzeugt, große Veränderungen im liberalen Geiste hervorbringen, und besonders der Geistlichkeit die Flügel beschneiden, was ihm gar nicht einmal so schwer fallen wird wie manche glauben, denn so weit meine Beobachtungen reichen, herrscht in der gebildeteren Classe, die denn doch am Ende hier wie überall das Schicksal einer Nation leitet und lenkt, durchaus kein solcher religiöser Fanatismus, wie von manchen behauptet wird, und selbst unter den Geistlichen zeigen sich mitunter liberale und zeitgemäße Ideen, die sie zu äußern keinen Anstand nehmen. Hätte Canning zur Zeit der Unabhängigkeits-Anerkennung des spanischen Südamerika’s auf Religionsfreiheit bestanden, er würde sie erlangt, und diesen Ländern eine unberechenbare Wohlthat erzeigt haben! Aber es galt damals weniger den Grundsätzen der Freiheit und der Menschenrechte zu huldigen, als der Politik in Europa zu imponiren, und deshalb ward die Sache so übereilt, daß in dem Tractate mit Mexico nicht einmal das, bei den englischen Gesandschaften fast überall erlangte Privilegium einer eignen Capelle, vorbehalten ward, was doch als erster Schritt in der Religionsfreiheit, einen mächtigen Einfluß hätte ausüben müssen.
Indessen haben Preßfreiheit und der Umgang mit Ausländern bereits vieles bewirkt. Der in Europa, als der erste mexicanische Gesandte in England, bekannt gewordene Roccafuerte, [S. 167]hat in einer geistreichen, hier gedruckten Schrift förmlich auf Einführung von Religionsfreiheit angetragen; und wenn er auch damit nicht durchgedrungen ist, so hat er doch die Sache zur öffentlichen Discussion gebracht, und Ideen geweckt, die gute Früchte tragen werden.
Bei der Beobachtung der äußern religiösen Formen ist man bereits viel toleranter als früher, und das Nichtbegrüßen eines heiligen Bildes, oder das Bedecktbleiben beim Einläuten der Oracion u. dgl., wird nicht mehr beachtet. Man fordert zwar allerdings noch immer, selbst von den Fremden, die Kniebeugung vor dem “Allerheiligsten” wenn dasselbe auf dem Wege nach den Sterbenden, wie üblich, durch die Straßen gefahren wird. Aber man duldet nun doch ohne Rüge, wenn es im Innern des Hauses unterbleibt, oder wenn man dem Zuge in der Straße ausweicht. Dies Letztere kann man denn nun freilich stets zeitig genug thun, da das vorangetragene, helltönende Glöcklein, und der schrille Gesang der dabei nie fehlenden Litanei, das Herankommen der Hostie lange voraus verkünden! Diese Hostie, hier nuestro amo (unser Herr) genannt, wird von einem Priester im Ornat, in einer schönen, mit vier weißen Maulthieren bespannten Glas-Kutsche, getragen, und von einigen Priestern und Messnern, welche nebenher gehen, begleitet. Zu diesen gesellen sich aus dem Volke eine doppelte Reihe von Alt und Jung, welche die Litanei singen, und wenn es Nacht ist, Kerzen und Fackeln tragen, wodurch sich denn der Zug ganz stattlich ausnimmt! Die Wachen treten vor demselben ins Gewehr, und die erste detachirt ein paar Mann, welche die Procession begleiten, zwar bewaffnet, aber mit unbedecktem Haupte, den Chaco in der Hand, und auch der reitende Kutscher hält den Hut in der Hand. Wo dann der Zug hinkommt, stürzt alle Welt auf die Kniee, und bleibt in dieser Stellung, bis der Schall des Glöckleins fast verklungen ist.
[S. 168]
Daß dies in einer so volkreichen Stadt, wo so viele Menschen sterben, und von diesen fast jeder vorher die letzte Oelung erhält, etwas häufig vorkommt, kannst Du Dir denken. Der besagte Staatswagen steht fast immer fertig angespannt bei der Cathedrale, um jeden Augenblick für den “ernsten letzten Gang” parat zu seyn. Friede sei mit jedem, der ihn wandelt! Adieu, Adieu.
Mexico, den 7. Februar 1833.
Heute habe ich denn endlich wirklich gepackt, und meine Koffer durch einen Ariero nach Vera-Cruz vorausgesandt, um ihnen in wenig Tagen selbst zu folgen; mein Herz freut sich dessen, denn es rückt mir den seligen Augenblick des Wiedersehens näher und näher.
Du wirst begreifen, daß ich Mexico nicht gerne verlassen wollte, ohne die Werke gesehen zu haben, welche der deutsch-amerikanische Bergwerks-Verein zu Elberfeld in diesem Lande besitzt. Dieser Verein ist für das ganze Vaterland ein zu wichtiges Unternehmen, als daß es nicht das Interesse eines jeden hier anwesenden Deutschen in Anspruch nehmen sollte, um wie viel mehr also das meinige, der ich der Sache in so vieler Beziehung so nahe stehe. Da nun S. wünschte, mich noch vor meiner Abreise auf den Werken selbst zu sehen, so entschloß ich mich vor ungefähr 14 Tagen, ihn in Anganguco, so heißt das Revier wo er wohnt, zu besuchen. Dies war denn eine kleine Reise von 3 Tagen hin, und eben so viel zurück, die ich Dir beschreiben will, um Dir das Land auch nach dieser Richtung hin zu zeigen.
Mein Weg ging diesmal nördlich, und führte zuerst über ein hohes, mit dichten Waldungen bewachsenes, Gebirge, Las Cruzes genannt, wo man mehreren, von Holz erbaueten und mit guten [S. 169]Brettern beschlagenen Indianer-Wohnungen, mit Erfrischungen für Reisende, begegnet, und unter andern auch eine große, recht hübsche Herberge (fonda) antrifft, welche einen gemauerten Hofraum und Quell-Wasser genug für eine ganze Caravane von Maulthieren besitzt, weshalb denn auch die Arieros, bei ihren Transporten von Mais, Weizen u. dgl., nach der Hauptstadt, hier, als in ihrer letzten Station, übernachten. Am jenseitigen Fuße dieses Gebirges beginnt das, 1200 Fuß höher als Mexico gelegene, mithin viel kältere, aber nichts desto weniger schöne und fruchtbare Thal von Toluca; man hat hier im Winter häufig Schnee und Eis, und von den, das Thal einschließenden Bergen, sahen auch wir die meisten noch mit weißbeschneieten Häuptern in die Wolken ragen; aber dennoch wächst hier vortrefflicher Weizen, aus dessen Mehl für uns in Mexico das schönste Brodt, welches man nur wünschen kann, bereitet wird. Die große Masse des Volks ißt aber überall in der Republik kein Weizenbrodt, sondern eine Art dünner und weicher, aus Mais-Mehl angefertigter Fladen, Tortillas genannt, welche in jeder Hütte von den weiblichen Bewohnern frisch bereitet und gebacken, und meistens warm gegessen werden. Der gemeine Mann kennt keine andere Art Brodt, und ißt es meistens so, daß er Fleisch oder andere Speise in seine Tortilla einwickelt, und so, ohne Hülfe von Messer und Gabel, seine Mahlzeit macht.
Im Thal angelangt, kommt man zuerst nach Lerma, einem kleinen unbedeutenden Flecken, der jedoch durch seine Situation, umgeben von Sümpfen und Gewässern, öfter schon als fester Waffenplatz gedient hat. Von hier führt der Weg durch eine fruchtbare Ebene nach dem nicht sehr entfernten Toluca, bekanntlich jetzt die Hauptstadt des Staates Mexico. Da bis hierher täglich eine der schon früher erwähnten amerikanischen Diligencen fährt, so bedienten wir uns derselben, und sandten [S. 170]unsere Pferde u. s. w. Tags zuvor voraus, um den nächsten Morgen mit frischen Thieren weiter gehen zu können. Wir kamen schon um 4 Uhr Nachmittags an, und hätten also Zeit genug gehabt, die Merkwürdigkeiten Toluca’s zu besehen, wenn deren vorhanden gewesen wären; ich wüßte jedoch von dieser Hauptstadt weiter nichts zu sagen, als daß es ein ganz freundlicher Ort ist, welcher sich zu heben scheint; es wird wenigstens viel daselbst gebaut. Nichts kann jedoch erbärmlicher seyn, als der Gasthof, worin wir übernachteten, und der uns als der beste empfohlen war. Die Zimmer, welche man uns anwies, hatten zwar allerdings eine Thüre und auch ein Fenster ohne Glasscheiben, nur mit hölzernen Läden, ferner 4 weißgewaschene Wände, einen steinernen Fußboden, einen kleinen hölzernen Tisch und Stuhl, endlich einen sogenannten Bock, in der Ecke, um das, von uns selbst mitgebrachte, Bett darauf auszubreiten! Das war aber auch alles! Einen zweiten Stuhl, um am Abend mit meinem Reisegefährten den, versteht sich, auch mitgebrachten und von unserm Bedienten bereiteten Thee in demselben Zimmer zusammen zu trinken, konnten wir nur nach vielem Bitten, als eine Gefälligkeit von der Wirthin, erlangen. Du kannst hieraus auf den “Comfort” dieses Hotels schließen! Zu essen bekamen wir daselbst auch nicht das mindeste, man verwies uns damit an die Garküchen in der Stadt, unter welchen wir denn auch eine erträgliche fanden, und dort ein Mittagsmahl einnahmen, womit wir uns in Europa, in einer Stadt gleichen Ranges, wohl schwerlich begnügt hätten.
Am nächsten Morgen setzten wir unsere Reise zu Pferde fort, und kamen, in einem offenen und fruchtbaren Landstriche, durch mehrere schöne und große Dörfer, und an andern ähnlichen vorbei, deren indianische Namen ich Dir aber nicht nenne, weil es kein Interesse für Dich haben kann, von Ortschaften [S. 171]wie Dejagégé, Amaloya u. dgl. zu hören, die Du doch auf keiner Charte finden würdest. Gegen Abend erreichten wir die Ventilla, ein einzeln stehendes Wirthshaus, worin wir übernachteten, und wo wir früher eingetroffen seyn würden, wenn wir nicht, durch das Wiedereinfangen unserer häufig entlaufenen Handpferde und Maulthiere, so viel Zeit verloren hätten. Dies ist wirklich eine große Unannehmlichkeit bei dem Reisen hier zu Lande, aber eine unausbleibliche, weil man die Mozos (Reitknechte) nicht dahin bringen kann, die Thiere an einander zu binden; sie lassen sie immer einzeln laufen, und suchen sie durch Hin- und Hergalloppiren in einem Trupp zusammen zu halten. Dies gelingt ihnen denn auch so lange man auf gebahnten Wegen bleibt, kommt man aber auf offne Felder, so sprengen natürlich die ungebundenen Thiere nach allen Richtungen hin, und müssen dann von den, ihnen nachjagenden, Mozos mit dem Lazo, (dem bekannten Fangseil, ohne welches kein Mozo zu Pferde steigt) wieder eingefangen werden. Obgleich nun hierdurch viel Zeit verloren geht, und die Thiere mehr als nöthig, ermüdet werden, so hilft doch alles Schelten und Tadeln nichts; die Geschichte wiederholt sich stets von Neuem, und der Herr muß sich zuletzt in die Laune des Dieners, christlich-geduldig! fügen. Kommt man alsdann auf dem Nachtquartier an, (was in der Regel früh geschieht, weil man früh aufbricht, nirgends förmlichen Mittag hält, und ungefähr 10 Stunden lang in einem fortreitet) so kann man die Pferde der Sorgfalt der Mozos ruhig überlassen, indem sie einestheils gehörig von ihnen gepflegt werden, und anderntheils hier zu Lande nicht verwöhnt sind, sondern mit einem Lager und Futter vorlieb nehmen, wie wir es den Pferden in Deutschland nicht bieten würden.
Da die Ventilla sehr hoch, und auf einem Punkt liegt, wo sie von allen Winden gepackt werden kann, an jenem Tage [S. 172]aber kein freundlicher blies, so war es am Abend tüchtig kalt geworden. Wir hatten Besitz von dem einzigen Raum genommen, der für einkehrende Fremde hier vorhanden ist, und suchten uns so bequem einzurichten, als es eben gehen wollte. Der Fußboden dieses brillanten Locals war weder gediehlt noch getäfelt, sondern ziemlich uneben aus Lehm-Erde festgestampft; das Tageslicht erhielten wir, spärlich genug, durch die Thüre und durch das Fenster ohne Glasscheiben. Ein Tisch und eine Bank in einer Ecke, nebst dem Bettgestell in der andern, machten das ganze Ameublement aus. Wir vermehrten dasselbe mit unsern Betten und sonstigem Gepäcke, ließen uns ein Huhn in Reis abkochen, und auf diese Weise eine gute Suppe bereiten, so daß wir, mit Hülfe einiger frischen Eier, und dem, in unserm Proviant-Korbe noch vorhandenen, kalten Braten, ein ganz gutes Mahl einnehmen, und darauf, bei geschlossenen Thüren und Fenstern, bequem zu Bette gehen konnten. Unsere Leute schienen sich aber weniger behaglich zu fühlen, sie zündeten, um sich zu erwärmen, vor unserer Thüre ein tüchtiges Feuer an, in dessen Nähe sie sich lagerten, und so die Nacht im Freien zubrachten. Die recht hübsche, junge Frau eines der Mozos, den sie nach Anganguco, seiner Heimath, begleitete, war von dieser Nachtparthie im Freien nicht ausgeschlossen, und theilte überhaupt alle Strapazen der Reise, wie es mir schien, mit frohem Muthe. Sie verstand das Reiten recht gut, ritt aber, wie das schöne Geschlecht hier zu Lande überhaupt, oder doch meistens, auf einem Quersattel. So wie wir diese Nacht zubrachten, hatten wir, trotz der isolirten Lage unsers Wirthshauses, wenigstens von einem Ueberfall nichts zu befürchten; auf der einen Seite unsers Schlafzimmers war die Küche, und, wie es schien, die allgemeine Schlafstelle der zahlreichen Familie, groß und klein und alt und jung, deren Oberhaupt sich aber, wahrscheinlich, weil ihm des Lärms zu viel [S. 173]ward, oder des Platzes zu wenig, zu uns flüchtete, und in der einen Ecke der Stube, auf Pferdedecke und Sattelzeug, übernachtete; auf der andern Seite bivouakirte, wie schon gesagt, unsere Dienerschaft vor der Thüre nach dem Hofe hin, und wir waren mithin, wie Du siehst, bewacht genug. Am andern Morgen brachen wir, wie gewöhnlich, früh auf, nachdem wir zuvor die landesübliche Chocolade eingenommen, und mit unsern behaglichen Wirthen, welche in ihrer Art sehr wohlhabend zu seyn schienen, die keineswegs billige Rechnung berichtigt hatten. Solche Leute haben hier zu Lande, außer einer Schenkwirthschaft und Herberge für übernachtende Fremde, einen kleinen Laden (tienda), und treiben etwas Ackerbau und Viehzucht (von Schweinen, Federvieh u. dgl.), was sie denn alles reichlich nährt. Unter dem Geflügel befanden sich auch die hier zu Lande nicht häufigen Gänse, deren so lange nicht gehörtes Geschnatter und gellendes Geschrei, mir die vaterländischen Dorfschaften, an die mich die sonstigen Umgebungen eben nicht erinnern konnten, lebhaft ins Gedächtniß zurückrief, ohne mir jedoch, wie dem Schweizer der Kuhreihen, das Heimweh zu geben.
Wir kamen nun sehr bald in andere Gegenden, nämlich in Wälder und Gebirge, und nachdem wir diese stundenlang durchzogen hatten, gelangten wir in ein hübsches, freundliches aber enges Thal, durch welches ein starker Waldbach strömte, und auf dessen Wiesengrund man mit neuen Bauten beschäftigt war, welche wir bald für Schmelzöfen erkannten, und wo wir an den deutschen Begrüßungen, die uns entgegen schallten, gewahrten, daß wir uns dem Ziele unserer Reise näherten. Es war dies nämlich der Anfang der Werke des deutschen Vereins, und der, hier angesiedelte, deutsche Dirigent dieser Schmelz-Anlage hatte es sich in seiner, übrigens nur hüttenartig erbauten, Wohnung recht bequem eingerichtet; er [S. 174]war (gleich mehreren anderen deutschen Bergleuten) mit einer Eingebornen verheiratet, und schien sehr zufrieden. Die Anlage ist in einem, von hohen Bergen umgebenen, Kessel, und weit tiefer gelegen, als der Standpunkt, auf dem wir uns am Morgen befanden, es ist deshalb hier auch schon wieder viel wärmer, aber dennoch gesund. Wir erfrischten uns hier auf eine angenehme Weise, mit guter Milch, Brodt und Butter, nahmen von unserm wackern Landsmann und seiner etwas braunen Gattin Abschied, und ritten weiter nach Anganguco, woselbst wir um 4 Uhr Nachmittags ankamen. Der Weg dahin ist ein sehr beschwerlicher; ehe man den Ort erreicht, von welchem das ganze Revier seinen Namen entlehnt, muß man über hohe Berge und durch tiefe Schluchten, die oft so dicht mit Wald ausgefüllt und überwachsen sind, daß Dir mitunter gewiß schauerlich zu Muthe geworden seyn würde, zumal wenn Du Dich der Raubthiere erinnert hättest, von denen man so manche Geschichtchen hört und liest. Du würdest Dich aber in dieser Hinsicht bald beruhigt haben. Mexico ist überhaupt an wilden Thieren arm. Nur in Californien giebt es viele und große Bären, in den übrigen Theilen der Republik ist aber von Raubthieren kaum die Rede. Hie und da finden sich wohl einzelne Löwen und Tieger, sie sind aber nicht allein sehr selten, sondern auch weit weniger wild und grimmig, als ihre afrikanischen und asiatischen Brüder oder Vettern. In einigen Minendistricten werden die jungen Löwen als eßbares Wild betrachtet, und zu dem Ende förmlich gejagt, ihr Fleisch ist aber zähe und nicht so wohlschmeckend als unser Wildpret.
Man ist hier übrigens nicht mehr im Staat von Mexico, sondern in dem von Michoacan, in welchem die Verwaltung leider minder liberal ist als in jenem, wo der aufgeklärte Zavala an der Spitze steht. Der Flecken Anganguco ist klein und unansehnlich, und besteht, außer dem nirgends fehlenden [S. 175]Marktplatze, aus fast nur einer Straße, in deren Mitte das einstockige Haus steht, welches dem Vereine gehört, und von S. und einigen der Beamten des Vereins bewohnt wird. Ich hatte mir das Local schöner gedacht, aber von aller Schönheit und Annehmlichkeit weit entfernt, ermangelt es sogar mancher notwendigen Bequemlichkeit, und Schleiden hat in der That dem Vereine kein kleines Opfer gebracht, indem er die brillante Wohnung in dem schönen Mexico verließ und hieher zog. Nur ein strenges Pflichtgefühl und die Ueberzeugung, daß der Verein nur durch die größte Oeconomie und unausgesetzte Aufsicht an Ort und Stelle zu retten sei, konnte ihn bewegen, zu thun, was seine Vorgänger längst hätten thun sollen. Tausende, ja viele Tausende wären erspart worden, und der Verein wohl nie in die Verlegenheiten gekommen, in denen er sich jetzt befindet, wenn man die Geschäftsverwaltung schon vor Jahren nach Anganguco verlegt hätte. Ob diese Maaßregel jetzt noch helfen kann, wage ich nicht zu entscheiden; es bleibt darum aber nicht minder ein großer Entschluß, nach einem Orte zu ziehen, wo es so kalt und feucht ist, daß man das ganze Jahr hindurch Feuer im Kamin haben muß, wo keine Resource von Gesellschaft oder Unterhaltung zu finden ist, und wo die Umgebungen der Natur eben so wenig Ersatz für all diese Entbehrungen darbieten, und mithin der ganze Genuß des Lebens aus den sehr zweifelhaften Hoffnungen des Gelingens eines höchst precairen Unternehmens geschöpft werden soll.[18] [S. 176]Ganz nahe hinter dem Wohnhause ist eine Silbergrube des Vereins (Carmen), welche zwar die reichern Erze liefert, aber mit der Gewaltigung des Wassers beständig zu kämpfen hat; etwa eine halbe Legua oberhalb des Orts liegen sodann Valencia, Purissima u. s. w., alles Gruben, welche nur arme Silber-Erze, aber von diesen ein unermeßliches Quantum besitzen, so daß, wenn die jetzt eingeführte deutsche Schmelzmethode sich bewährt, woran ich wenigstens nicht zweifle, die Sache dennoch zu einem guten Endresultate geführt werden kann, was der Himmel geben wolle. Die Bergwerke selbst beschreibe ich Dir nicht, denn sie gleichen den unsrigen in Europa, und zeichnen sich auch nicht, wie einige, den englischen Gesellschaften in diesem Lande angehörige, durch kostbare Bauten, Dampfmaschinen u. dgl. aus.
Die Schmelzöfen, welche nach deutschem Model erbaut sind, und auf welchen die ärmern Erze zu gute gemacht werden, liegen mehrere Leguas in der Runde; man kann diese natürlich nur da errichten, wo man hinlängliche Wasserkraft findet, das Gebläse zu treiben, und auch von den Kohlenbrennereien nicht zu weit entfernt ist.
Die Handarbeit bei der Erz-Gewinnung aus den Gruben, beim Bauen, Schmelzen u. s. w. geschieht durch Indianer, die, bei der geringen Bevölkerung dieses Reviers, oft zum großen Nachtheil des Geschäfts, aus entfernten Gegenden herangezogen [S. 177]werden müssen. Die Aufseher, die Schmelzer und Beamten des Vereins — sind alles Deutsche, von denen sich manche, durch Verheirathung mit Eingebornen, schon ganz einheimisch gemacht haben.
Die Amalgamir-Anstalt ist auf der andern Seite von Anganguco, etwa eine Legua von den Gruben entfernt, dort werden die Erze gestoßen, in Wasser abgeschlemmt, und wenn sie ganz breiartig geworden sind, in Haufen abgetheilt und mit Quecksilber gemischt, durch welches das Silber alsdann abgetrieben wird; da dies jedoch nur mit Verlust eines großen Theils (40 à 50 pCt.) des edlen Metalls geschehen kann, so ist diese Methode des Zugutemachens (wie es genannt wird) nur bei den reichern Erzen anwendbar. Die Mischung des Erzes mit dem Quecksilber geschieht durch das Treten eines Indianers, welcher wochenlang einen solchen abgemessenen Haufen, täglich wohl ganze 10 Stunden hindurch, mit seinen bloßen Füßen auf eine höchst gleichmäßige Weise durchstampft; er setzt dabei die nackten Arme in die nackten Seiten, und macht, mit den eben so nackten Beinen und auswärts gekehrten Füßen, die Runde in dem breiartigen Erze, mit der Formalität eines Tanzmeisters. Die guten schmutzbraunen Leute, welche diese ermüdende Arbeit verrichten, sind sehr kräftig und besonders muskulös, auch schienen sie mir munter und mit ihrer Beschäftigung zufrieden; eine seltsame Erscheinung dabei ist, daß sie nicht die geringste üble Wirkung von der Masse von Quecksilber verspüren, mit welcher ihr bloßer Körper doch stets in Berührung kömmt.
Nachdem wir nun während einigen Tagen alle Merkwürdigkeiten des Bergwerk-Reviers besehen, und der Abfertigung eines Transports von Silberbarren, von circa 10,000 Pesos an Werth, beigewohnt hatten (welche für die Münze bestimmt, auf Maulthieren, unter der sehr mäßigen Bedeckung einiger [S. 178]wohlbewaffneten Mozos, und der Anführung eines deutschen Conducteurs, zweimal im Monat von hier nach Mexico gesandt werden) machten wir uns auf den Rückweg, und erreichten den ersten Tag die Ventilla bei sehr guter Zeit. Wir hatten nämlich einen nähern Weg gewählt, und eine Anhöhe (Cuesta) erstiegen, welche so steil ist, daß das Herunterreiten seine Gefahren hat. Aufwärts ging es aber mit den sehr vorsichtigen Maulthieren ganz nach Wunsch, und ersparte uns einen bedeutenden Umweg. Die Aussicht, welche man stufenweise bei Ersteigung dieses steilen Berges, nach entfernten Thälern hin genießt, ist ausnehmend schön und großartig.
In der Regel hat man hier in dieser Jahrszeit gar keinen Regen, und unternimmt, in voller Zuversicht darauf, eine jede Reise, ohne Schutzmittel gegen Wasser von oben herab. Das alte Sprichwort, “keine Regel ohne Ausnahme,” sollte sich aber diesmal recht practisch an uns bewähren, denn wir hatten die Ventilla kaum erreicht, als ein Gewitter ausbrach, welches die ganze Nacht hindurch dauerte, und so viel Regen im Gefolge hatte, daß er erst am nächsten Abend aufhörte. Da wir nun, wie Du begreifen wirst, nicht Lust hatten, einen so traurigen Tag in der noch traurigern Ventilla zuzubringen, so wagten wir es, uns auf den Weg zu machen, in der Hoffnung, daß sich das Wetter aufklären würde; darin hatten wir uns aber geirrt, und wir mußten 10 Stunden lang in einem beständigen Regen reiten, ehe wir Lerma erreichten, wohin wir unsern Weg, mit Umgehung von Toluca gerichtet hatten! Nie in meinem Leben bin ich noch so durchnäßt gewesen; ich mußte mir die Stiefel von den Füßen schneiden lassen, alle Kleidungsstücke waren triefend naß, und selbst unsere Betten feucht geworden! dennoch lief alles gut ab. Wir fanden in Lerma ein ganz gutes Quartier, ließen Alles trocknen, nahmen vor dem Schlafengehen etwas warme Speise und Trank, und erwachten [S. 179]den nächsten Morgen ohne alle Erkältung. Der Himmel war heiter, und die bald sehr heiß werdende Sonne hatte, lange ehe wir das Thal von Mexico erreichten, die noch übrig gebliebene Feuchtigkeit aus den Kleidern herausgezogen! So kamen wir denn ganz trocken zu Hause, eben als man sich zu Tisch setzen wollte. Wir nahmen Platz an der Tafel, und ließen es uns gut schmecken.
Mexico, den 13. Februar 1833.
Am Schlusse meines Letzten, vom 7. Dieses, überraschte mich der Abgang der Post, und ich mußte mich auf die, einmal angefangene, Reisebeschreibung nach dem Bergwerk-Revier beschränken. Auch habe ich Dir von hier nicht viel mehr zu erzählen. Es geht unter der Regierung Pedraza’s alles seinen ruhigen Gang, und selbst die jetzt stattfindenden Wahlen eines neuen Präsidenten und anderer hohen Magistratspersonen, obgleich sie öffentlich in den Straßen, in elegant decorirten Buden gehalten werden, in denen die Bezirks-Beamten das Votum eines jeden Eingebornen entgegen nehmen, (universal suffrage) erregt weder Enthusiasmus noch Unruhe; so wenig nimmt das eigentliche Volk bis jetzt noch Antheil an der Selbst-Regierung. Ich denke aber, daß dies besser werden wird, wenn einmal das Militair mehr in den Hintergrund gedrängt ist, worauf die jetzt am Ruder stehende Partei hinzuarbeiten sucht. Pedraza ist ein kluger Mann, und sieht ein, daß republikanische Civil-Institutionen nicht durch militairisches Regiment befördert und befestigt werden können. Dies scheint er besonders in den vereinigten Staaten von Nordamerika erkannt zu haben, und nun bemüht zu seyn, einen Theil des dort herrschenden Geistes in sein Vaterland zu übertragen, was er denn auch unverhohlen in seinen officiellen Antworten [S. 180]an die Diplomaten, die ihm zum Regierungs-Antritt Glück wünschten, geäußert hat. Ich habe mich gestern, wo ich das Vergnügen hatte, in seiner Gesellschaft zu Mittag zu essen, und neben ihm zu sitzen, sehr angenehm, über diesen Gegenstand sowohl, wie über seine Reisen in Europa, mit ihm unterhalten, wobei es mich überraschte, zu hören, welch einen lebendigen Eindruck er von unsern schönen Rheingegenden behalten hat, und wie er sich einzelner Orte und Gegenstände, und nicht minder der dort vorherrschenden politischen Einrichtungen, erinnerte! Seine junge, liebenswürdige und geistreiche Frau war leider nicht mit ihm in Europa gewesen, sie war ihm nur in der letzten Zeit nach Nordamerika gefolgt, schien sich aber dort recht gut gefallen zu haben, und hat von daher eine Vorliebe für die englische Sprache mitgebracht, die der Präsident selbst aber nicht mit ihr theilt, er zieht das Französische vor, spricht aber auch dies nur unvollkommen. Von den vielen, in diesen Tagen gemachten und empfangenen, Abschiedsbesuchen sage ich Dir nichts, sondern verspare es auf mündliche Unterhaltung. Einen kann ich aber doch nicht unerwähnt lassen, nämlich den bei den Damen D—’s (der Mutter nebst ihren zwei liebenswürdigen Töchtern, mit welchen ich von Bordeaux nach Vera-Cruz kam, und von da, wie Du Dich erinnern wirst, nach Jalapa reiste). Dieser braven Frau ist es hier im Anfang gar übel ergangen; ihr Plan, in Mexico ein Detail- und Modegeschäft zu errichten, schlug gänzlich fehl; sie verlor Alles, ward krank, und war hier fremd und verlassen! Ihre Lage war in der That eine traurige, und es war schwer, zu sagen, wie zu helfen sei. Als Frau von starkem Geiste aber faßte sie unter diesen Umständen den Entschluß, die Talente ihrer wohlerzogenen Töchter, durch Anlegung einer Tagsschule, geltend zu machen; ich gab mir, in Vereinigung mit mehreren Freunden, Mühe, ihr Schüler zu verschaffen, und es gelang [S. 181]über Erwartung; die Zahl der kleinen Zöglinge wuchs bald auf 12 bis 15, welche für den Unterricht im Französischen, Rechnen, Schreiben, Zeichnen, Malen und Händearbeit monatlich 10 à 12 Pesos zahlen, und ich habe nun die Satisfaction, meine Freundinnen nicht allein sorgenfrei, sondern selbst in ganz guten Umständen zu verlassen, und bedaure nur, dem ersten Examen in ihrer Schule, welches schon in 8 bis 14 Tagen stattfinden soll, und worin sich mehrere der kleinen Schülerinnen vortheilhaft auszeichnen werden, nicht beiwohnen zu können! Das geht aber nicht, denn morgen mit dem Frühesten verlasse ich diese gerühmte Hauptstadt der neuen Welt, in welcher ich vor 13 Monaten ankam, ohne damals zu ahnden, daß ich darin so lange verweilen, so Vieles würde erleben müssen! Wenn mich aber mein Aufenthalt in diesem Lande nicht so befriedigt hat, wie ich es damals hoffte, wenn ich des Unangenehmen hier vieles erlebt und erduldet habe, so muß ich, um gerecht zu seyn, doch auch gestehen, daß mir manches Angenehme zu Theil geworden ist! Ich habe den eignen Sohn im selbstständigen Wirken in der Fremde gesehen, habe viel Merkwürdiges und Neues zu beobachten Gelegenheit gehabt, manche interessante Bekanntschaft theils erneuert, theils gemacht, selbst hier und da Freundschaft geschlossen, und bin außerdem überall so zuvorkommend aufgenommen und mit so viel Höflichkeit und Güte behandelt worden, daß eine dankbare Erinnerung daran nie in mir erlöschen wird. Ich habe daher nicht über das Land und die Menschen zu klagen, sondern nur über Ereignisse, welche dem Schicksal angehören!
Nichts desto weniger freue ich mich der Rückkehr nach Europa; und — wie wäre dies auch anders möglich, da ich dort Alles besitze was dem Leben höhern Werth verleiht, Dich, die Kinder und erprobte Freunde! Allein, es bedarf auch der ganzen Stärke dieses Magnets, um mich in meinem Vorsatze, [S. 182]die Rückreise jetzt anzutreten, verharren zu machen, denn, ich darf es Dir ja nicht verhehlen, ich bin seit ein paar Wochen sehr leidend, und die hiesigen Aerzte fordern mich auf, meine Wiederherstellung hier abzuwarten; da sie diese aber selbst nicht unter 3 Monaten versprechen zu können glauben, und ich mithin dadurch genöthigt seyn würde, der, im May eintretenden, ungesunden Küsten-Jahrszeit wegen, bis October hier zu bleiben, so kann ich mich nicht dazu entschließen, sondern reise ab, in der Hoffnung, mich wenigstens nicht zu verschlimmern, und mich dann einer Radical-Cur in der Heimath zu unterwerfen! Möglich wäre es ja auch, daß mir die Seereise gut thäte, deshalb wiederhole ich nochmals, ich reise morgen ab!
Gegenwärtiges geht mit dem Paket, ich dagegen gehe diesmal über die vereinigten Staaten von Nordamerika, schreib Dir aber noch einmal von Vera-Cruz aus. Lebe wohl.
Vera-Cruz, den 3. März 1833.
Wenn Du den Namen des Ortes liest, von wo aus ich heute datire, so wirst Du nicht mehr zweifeln, daß ich mich Dir mit jedem Tage nähere, daß ich wirklich unterwegs nach Hause bin.
Am 14. v. M. verließ ich Mexico in der Diligence, und kam, auf dem Dir schon mehrmals beschriebenen Wege, am 16., des Abends, ohne Unfall (sin novedad, wie es der Mexicaner nennt) in Jalapa an, wo ich den Sonntag über blieb, und den dort ewig herrschenden Frühling auf einigen paradiesischen Spatziergängen genoß. Am 17. Februar Alles in Duft und Blüthe! und die Orangen-Bäume so voll von Früchten, daß man 50 bis 60 der schönsten, reifen Orangen für den Werth eines Silbergroschens erhält! Doch ich habe Dir ja bereits alles von diesem herrlichen Clima erzählt!
[S. 183]
Auf dem Wege abwärts zur Küste ward es schon sehr heiß, und ich schlief diesmal, in Puente national, unter freiem Himmel in meiner Litera, nachdem ich mich vorher, im nahen Fluß, durch ein Bad abgekühlt hatte. Seit einigen Tagen bin ich nun hier, in diesem bald heißen, bald kalten und windigen Hafen, für den ich übrigens, eben weil es ein Hafen ist, eine Vorliebe habe, und den ich als Geschäftsplatz der Hauptstadt Mexico weit vorziehe; in jeder andern Hinsicht aber freilich nicht, denn das Clima hier ist doch gar zu trügerisch und angreifend. Die drückendste Hitze verwandelt ein Nordwind binnen wenigen Minuten in die schneidendste Kälte, und führt einen Staub und Sand mit sich, der bis in das Innerste der Gemächer dringt! In den wenigen Tagen meines Hierseyns haben wir einen solchen Wechsel schon mehrmals gehabt, und es weht und stürmt in diesem Augenblicke so, daß ich fast zweifle, ob wir morgen werden an Bord gehen können, was ich doch so sehr wünsche, da mich, mehr als ich auszudrücken vermag, verlangt, Euch wieder zu sehen. Diese Eile, nach Europa zurück zu kommen, hält mich ab über New-Orleans zu gehen, was ich, besonders um des guten Cecils willen, so gerne gethan hätte; auch wäre da wohl noch manches Interessante zu sehen und zu beobachten gewesen, aber ich bin noch immer so leidend, daß ich mich vor der Anstrengung der Reise im Innern von Nordamerika fürchte, und deshalb meine Passage am Bord des, direct nach New-York gehenden Pakets, Virginia, genommen habe. In Vera-Cruz habe ich alles beim Alten gefunden, außer daß die Cathedrale, durch einen Kanonenschuß während der Belagerung eine ihrer Dachverzierungen verloren, und daß eine andere Kugel sich in unserm Hause, durch die Azotea, nach einem, glücklicherweise unbewohnten, Zimmer Bahn gebrochen hat. Die Freunde in Vera-Cruz sind aber unverändert geblieben, und gegen mich eben so zuvorkommend und gütig wie [S. 184]früher; ich habe hier zum Abschied aus diesem Lande ein paar vergnügte Tage zugebracht, und verlasse es demzufolge, Dank sei es meinen zahlreichen Freunden, mit einer angenehmen Rückerinnerung.
Am 4. Der Sturm hat aufgehört, und wir gehen in einer Stunde an Bord. Ich gebe nun diese Zeilen meinem lieben Freunde, dem Capitain Beck, vom Schiff Esteva, mit, der, wie es ein günstiger Zufall will, in einigen Tagen nach Bordeaux zurückgeht; ich war in großer Versuchung, die Reise wieder mit ihm zu machen, denn ich fühle mich sehr zu ihm hingezogen, und Du weißt, wie gut es mir am Bord der Esteva, auf der Anherreise, gegangen ist.
New-York, den 1. bis 9. April 1833.
So wäre ich denn, wie Du aus der Ueberschrift siehst, nun auch in der nordischen Republik Amerikas, und sähe die Vielgepriesene mit eigenen Augen, jedoch nur auf so kurze Zeit, daß ich wohl nicht viel werde darüber sagen können. Das Paket, welches mich von hier nach Europa bringen soll, wird schon am 9. Dieses segeln, und wir kamen von Vera-Cruz, nach einer langen und beschwerlichen Fahrt von 28 Tagen, nicht vor dem 1. Dieses hier an.
Von dieser Seereise habe ich Dir jedenfalls nichts Angenehmes zu berichten; wäre nicht ein, mir sehr lieb gewordener, junger Deutscher am Bord gewesen, so hätte ich auch nicht den kleinsten Ideen-Austausch während der ganzen Ueberfahrt haben können. Dadurch, daß wir Anfangs keinen und nachher (besonders in dem engen, gefahrvollen Golphstrom von Bahama) contrairen Wind hatten, ward unsere Reise über die Gebühr verlängert; vielleicht wären wir aber doch einige Tage früher ans Ziel gelangt, wenn der Capitain, der, obgleich ein [S. 185]roher, ungebildeter Mensch, doch ein geschickter Seemann seyn soll, nicht gleich Anfangs so gefährlich krank geworden wäre, daß er vom ersten bis zum letzten Tage der Reise das Bett hüten mußte. Zum Glücke war unter den Passagieren ein junger mexicanischer Arzt, der zur Erweiterung seiner Kenntnisse Paris besuchen wollte, und der nun, durch schnelles Anordnen passender Mittel, warme Bäder u. s. w., der drohenden Entzündung im Unterleibe Einhalt thun konnte, sonst hätten wir unfehlbar den Capitain unterwegs dem Wasser, statt der Erde übergeben müssen; so aber erreichte er New-York noch lebend, mußte jedoch sofort in ein Hospital gebracht werden.
Unweit dieser Küste fanden wir zu meinem großen Leidwesen eine ganz andere Temperatur vor, als die, welche wir erst vor Kurzem verlassen hatten; diese hatte dann kalte, östliche Winde, Hagel, Schneegestöber und Nebel, gleich denen an der Küste von England und Holland, im Gefolge. Ich habe hier in New-York bereits Tage verlebt, die einem trüben, neblichten November-Tage in London nichts nachgeben.
Dahingegen läßt sich aber auch eine andere, mehr erfreuliche Parallele zwischen New-York und London ziehen, nämlich die des geschäftlichen Treibens, welches im Hafen und am Zollhause hier dem von London gleicht, und noch immer im Wachsen ist. Um Dir einen Begriff von der Lebendigkeit des Verkehrs von Nordamerika nur allein mit dem nördlichen Europa zu geben, genügt es wohl, zu sagen, daß jede Woche ein schönes, großes Paketboot nach und von Havre und ein anderes nach und von Liverpool geht und kommt, außer den Schiffen, welche täglich nach andern englischen, französischen und deutschen Häfen abgehen; und alles dieses versteht sich nur von diesem einen Hafen der vereinigten Staaten, der freilich der wichtigste ist, und an raschem Aufstreben wohl seines Gleichen nicht in der Welt hat. Es sind kaum etliche [S. 186]und vierzig Jahre her, daß New-York, dessen Verkehr damals schon ein bedeutender war, nur 20,000 Einwohner zählte, jetzt hat es deren 225000! und Umfang und Handel sind natürlich in demselben Maaße gewachsen. Es ist schwer zu sagen, wann und wo dies enden wird, und die Gränze dürfte sich wohl eher in der Localität als in andern Verhältnissen finden. Die Stadt New-York ist nämlich auf einer Halbinsel, oder spitz zulaufenden Erdzunge, erbaut, so daß die neuen Anbauten immer mehr von dem Geschäfts-Centrum und dem Hafen zurückgedrängt, und weniger passend für den Handelsstand werden. Sehr viele der früheren, im untern Theil der Stadt gelegenen Wohnhäuser sind bereits in Magazine umgewandelt, und dies wird immer mehr der Fall werden, ja zuletzt wird nicht Raum genug mehr vorhanden seyn, die Masse von Waaren zu fassen, welche aus allen Welttheilen hierher geschleppt werden. Von Canton allein werden dieses Jahr nicht weniger als 20 Schiffe in New-York zurückerwartet, wovon der Durchschnittswerth der Ladungen doch nicht unter 350,000 Lstrl. jede angeschlagen werden kann; hier ist also in einem Zweige allein, ein jährlicher Umschlag von 7 Millionen Dollars. Alles andere ist im Verhältniß, und erregt mit Recht das Erstaunen selbst derer, die, wie ich, Vieles der Art in der Welt gesehen haben.
Die Einwanderung von Europa in die vereinigten Staaten, und namentlich in New-York, dauert ununterbrochen fort, und wird auf nicht weniger als 300,000 jährlich, in allen Häfen der Republik angeschlagen, wovon der vierte Theil auf New-York fällt, von welchen wiederum die gute Hälfte aus Deutschen besteht. Du kannst Dir also denken, daß man deren im Hafen und in allen Theilen der Stadt zur Genüge antrifft; indessen bleiben diese Einwanderer selten lange hier, sondern finden bald ihren Weg nach dem Innern des Landes; sehr häufig sind die innern Provinzen schon von vorn herein [S. 187]ihre Bestimmung, und sie halten sich dann in dem theuren New-York nur so kurze Zeit auf, wie nur immer möglich.
Es ließe sich über diese Auswanderung nach Nordamerika und über den Nutzen, der den vereinigten Staaten daraus erwächst, gar Vieles sagen; es ließe sich auch füglich die Frage aufstellen, ob der ungeheure Andrang von Einwanderung es den später Kommenden nicht mit jedem Jahre schwieriger macht, ein ihnen zusagendes Verhältniß zu finden, und ob man mithin nicht besser thäte, dieser Völker-Wanderung eine andere Richtung zu geben, z. B. nach Texas hin, nach dem schönen Staate Vera-Cruz u. s. w.? Aber eine solche Auseinandersetzung würde mich heute zu weit führen; auch ist der Gegenstand in Deutschland schon, wo nicht erschöpft, doch so vielseitig beleuchtet und behandelt, daß er Dir weder fremd noch neu seyn kann, ich sage Dir daher lieber noch ein paar Worte von der Stadt New-York selbst. Bei dem Heransegeln an dieselbe ward ich durch die Gebäude am Quai lebhaft an Rotterdam erinnert; bekanntlich ist die Stadt durch die Holländer begründet, und gar viele der ältern Häuser verrathen noch diesen Ursprung; die später angebauten sind mehr im englischen Geschmack; alle sind übrigens von rothen Backsteinen aufgeführt, haben meist die Küche im Untergeschoß, den Eingang zum Hause einige Stufen über gleicher Erde, und ein schön gegossenes Eisengitter zum Schutz längs der Straße, gerade wie in Holland und England. Bei den neuesten Bauten, (man hört in New-York nie auf zu bauen) wird viel Eleganz an den Tag gelegt, und mit dem eisernen Gitterwerk (alles hier im Lande gegossen) großer Luxus getrieben. Die, früher ganz in der Nähe gelegenen, Garten-Anlagen werden jetzt alle in neue Stadtbezirke verwandelt, und der gute Bürger von New-York muß, gleich allen Einwohnern großer Städte, die über die Gebühr wachsen, einen weiten Weg machen, ehe er Gottes freie Natur [S. 188]bewundern kann. Nur ein grüner Fleck ist ihm in der Stadt geblieben, und scheint ihm für alle Zeiten gesichert, nämlich die schöne Garten-Anlage bei der frühern Schanze oder Batterie, an der äußersten Spitze der Landzunge, auf welcher New-York steht. Dorthin wandert die schöne Welt des untern Theils der Stadt, wenn sie frische Luft schöpfen will, und es ist nicht zu läugnen, daß man hier, wohlverstanden wenn kein Nebel vorhanden ist, eine schöne Aussicht auf den, von kommenden und gehenden Dampfböten wimmelnden, Fluß, den, von Seeschiffen aller Größe strotzenden, Hafen und das gegenüberliegende, dem Staat von New-Jersey angehörige, Ufer hat. Die eigentlichen Garten-Wohnungen der New-Yorker Kaufherren liegen landeinwärts, und sind mitunter äußerst schön an einem Flusse gelegen, dessen jenseitige, reich angebaute Ufer nahe genug sind, um dem Auge einen malerischen Anblick zu gewähren. Man kann diese Landsitze aber nicht so früh wie bei uns beziehen, denn der Winter ist hier strenge, und die rauhe Jahrszeit z. B. jetzt noch nicht vorüber; noch hat weder Busch noch Baum ein Blättchen getrieben, und mich fror nicht wenig bei meiner gestrigen Fahrt nach einem solchen Landhause. In der Stadt selbst lodert überall ein gutes Kohlenfeuer im (englischen) Kamin; kurz es ist noch Winter, und nur in der Mitte des Tages wird es manchmal auf ein paar Stunden sehr heiß! Mein Aufenthalt hier ist ein zu kurzer, um viel über die Sitten des Landes, oder über die gesellschaftlichen Verhältnisse sagen zu können, indessen darf ich doch nicht unerwähnt lassen, daß ich in einigen Familien eine sehr höfliche Aufnahme gefunden, und bei der Gelegenheit mehrere liebenswürdige, gebildete und wohlunterrichtete, amerikanische Damen kennen gelernt habe! Eine derselben, nebenbei gesagt, eine große Verehrerin der deutschen Sprache, die sie geläufig spricht und schreibt, stand im Begriff, mit einem Theil ihrer Familie, eine [S. 189]Vergnügungs-Reise nach Italien, und von da über Wien, durch Deutschland, die Schweiz und Frankreich zu machen; das nenne ich mir doch noch a tour of pleasure! Der Herr Gemahl bleibt unterdessen mit dem ältesten Sohn zurück, und bezieht, ungeachtet er ein sehr reicher Mann ist, während die Haushaltung aufgegeben und das Haus meublirt vermiethet wird, ein sogenanntes Boarding- (Kost und Logis) Haus! Dies ist so Landes-Sitte hier, und Niemand findet etwas daran zu tadeln.
Diese boarding-houses sind zum Theil sehr elegant meublirt, und bieten, besonders durch die große Ordnung und Pünktlichkeit, womit darin alles zugeht, den Bewohnern derselben, wo nicht alle, doch gar manche Comforts der eignen Menage dar. Ich bin hier in einer solchen Anstalt eingekehrt, in Mansion-house, Broadstreet, und kann Dir mithin eine Beschreibung davon geben. Des Morgens um 8 oder 9 Uhr wird gefrühstückt; eine Glocke versammelt die Bewohner des Hauses in einem großen, geräumigen, schön meublirten Saal; Thee, Kaffee, Toast und Butter, Eier, Fisch und Fleisch wird aufgetragen, und die Dame des Hauses, die Wirthin, präsidirt in geschmackvoller Morgenkleidung, wie es nur immer eine elegante Dame in Europa thun könnte, welche die zahlreiche, nicht minder gut gekleidete, Gesellschaft in ihrem Hotel, auf eigene Kosten unterhielte. Um 2 Uhr wird zu Mittag gespeist, und es geht bei der, über 100 Personen starken table d’hôte wieder eben so anständig zu, und auch hier präsidirt die besagte Dame des Hauses, die nun in vollem Staate des Tags-Anzugs erscheint, was diejenigen Damen gleichfalls thun, welche als Gäste mit bei Tische sitzen; auch der männliche Theil der Gesellschaft ist elegant gekleidet, und es herrscht überhaupt großer Kleider-Luxus in Nordamerika. Die Tafel ist gut bedient, alle Speisen sind schmackhaft bereitet, und der [S. 190]Wein wird ad libitum gefordert. Madeira und Champagner sind die Favoritweine der Amerikaner. Nach Tische zieht sich die Wirthin mit den fremden Damen und den Herren, die sie zu begleiten wünschen, nach einem schön meublirten, mit Sopha und Pianoforte versehenen, Salon (parlour) zurück. Abends 7 Uhr wird Thee servirt, und auch diesmal erscheint die Dame des Hauses wieder als die zwar etwas preciöse, jedoch gefällige Wirthin; aber bei dem Finale dieser Tages-Abfütterung, nämlich bei dem kalten Essen, welches spät um 10 oder 11 Uhr auf dem Tische steht, um diejenigen zu laben, die aus dem Theater kommen und dort nichts genossen haben, läßt die Wirthin sich nicht wieder blicken, und Niemand wird ihr das verdenken, denn sie hat sich wahrscheinlich um diese Zeit schon zur Ruhe begeben. Du siehst übrigens, daß man in einem solchen Hause gut aufgehoben ist; man muß jedoch ja nichts außer der Zeit und etwa auf seinem Zimmer begehren, darauf sind sie hier nicht eingerichtet, und in dieser Hinsicht dürfte man sich wohl viel besser in einem europäischen Gasthofe befinden. Wohlfeil sind diese boarding-houses, wie Du denken kannst, auch nicht, und dennoch soll es in den eigentlichen Hotels hier in New-York noch weit theurer seyn.
Ich hatte gestern Gelegenheit, eine große Menge der hiesigen Damen beisammen zu sehen, und zwar bei einer Veranlassung, wo man bei uns in Deutschland das schöne Geschlecht weder in so großer Masse noch in so eleganter Kleidung versammelt zu sehen pflegt, sage, bei einer Auction! Es ist nämlich Sitte hier, wenn das Ameublement eines Hauses verkauft wird, was häufig der Fall seyn soll, alle Zimmer schön aufzuputzen, und die Meubles, Sopha’s und Betten, Lüstres und Gemälde u. s. w. da stehen und hängen zu lassen, wo sie bisher waren, und sie dann Stück für Stück an den Meistbietenden zu verkaufen, ohne daß jedoch etwas weggenommen werden [S. 191]dürfte, bis das Ganze, mithin das letzte Stück, realisirt ist. Wenn nun eine solche, vorher schon angekündigte Auction ihren Anfang nimmt, so wird eine rothe Fahne am Hause befestigt, und alle Welt strömt dahin, theils um zu kaufen, theils um das schöne Ameublement zu sehen, wobei alles so anständig hergeht, daß ungeachtet z. B. das Haus, wo ich gestern diesen Aufzug erlebte, so gedrängt voll war, daß man nur mit Mühe die Stiegen auf und ab gehen konnte, auch nicht die geringste Unordnung vorfiel, und daß man alle Muße und Gelegenheit hatte, die große Menge wirklich schöner Frauenzimmer und ihren geschmackvollen Anzug zu bewundern. Die liebenswürdigen New-Yorkerinnen werden es mir ja wohl verzeihen, wenn sie es etwa je erfahren sollten, daß ich nicht umhin konnte, mich zu freuen, als ich eine Gruppe der, in meinen Augen wenigstens, schönsten Damen auf jener Auction, durch das liebliche Deutsch, welches sie unter einander sprachen, für Landsmänninnen erkannte! Es soll übrigens hier kein Mangel an diesen seyn.
Daß die reiche Stadt New-York der öffentlichen Gebäude, Kirchen, Museen, wohlthätiger und gemeinnütziger Anstalten aller Art gar viele hat, kannst Du Dir denken, Du mußt aber keine Beschreibung derselben von mir erwarten, ich müßte sonst ein Buch schreiben wie der Herzog Bernhard von Weimar, an dessen Reise-Beschreibung ich Dich dieserhalb verweise; dort ist der Gegenstand erschöpft! —
Auch das Theater habe ich einmal besucht; ich konnte, trotz meiner Unpäßlichkeit, der Versuchung nicht widerstehen, Charles Kemble und seine Tochter Fanny, in der Tragödie “the grecian daughter” zu sehen, und bin durch hohen dramatischen Genuß für die Anstrengung belohnt worden. Des Vaters vortreffliches Spiel hatte ich schon in England zu bewundern Gelegenheit gehabt, aber Miß Fanny hatte erst nach [S. 192]meiner Zeit die Bühne betreten, und in ihrem Vaterlande furore gemacht; ich war daher auf ihr Spiel sehr gespannt! Sie bemüht sich augenscheinlich, in die Fußstapfen ihrer berühmten Tante, Mrs. Siddons zu treten, das will aber nicht gelingen, und schadet ihr also bei denen, welchen jenes, freilich fast unerreichbare Ideal noch so lebhaft vorschwebt wie mir! Miß Fanny Kemble ist zu monoton in ihrer Rede, zu einförmig in ihrer Action und die Haltung ihres Körpers ist schief. Nichts desto weniger macht ihr Spiel einen tiefen Eindruck auf die Zuschauer, und ließ auch mich nicht unbefriedigt. Miß Fanny ist noch sehr jung, und soll in Gesellschaft eben so liebenswürdig seyn, als ihr Betragen gegen ihre Aeltern ein wahrhaft edles und musterhaftes ist.[19]
Von dem Schauspielhause wüßte ich Dir nicht viel zu sagen; es ist weder so groß noch so schön, als ich mir es von New-York gedacht, indessen ist’s doch auch nicht schlecht; es war an jenem Abend zum Ersticken voll, und soll bei allen Vorstellungen der Kembles so gewesen seyn.
Eine italienische Oper haben die New-Yorker zwar gehabt, das Etablissement ist aber ins Stocken gerathen; man macht indessen jetzt neue Efforts, um es wieder ins Leben zu rufen, und hat bereits einen Actien-Fond von 90,000 Dollars dafür zusammen geschossen; ein Commissarius der Gesellschaft wird (in demselben Paketboot mit mir) nach Paris gehen, um dort das erforderliche Personal für die Oper zu engagiren, welche alsdann jährlich 6 Monate in New-York, 2 Monate in Philadelphia und 2 Monate in Boston die Gehörsnerven der Amerikaner delectiren soll.
[S. 193]
Auch einen Sonntag habe ich in New-York verlebt, kann aber nicht sagen, daß ich die Feier desselben so übertrieben und für Europäer so abstoßend gefunden hätte, wie sie noch neuerlich, in mehreren Reisebeschreibungen durch Nordamerika, geschildert worden ist; nur das genirte mich, daß keine Miethkutsche an dem Tage in den Straßen zu haben war. Vielleicht bin ich überhaupt toleranter, vielleicht ist es aber auch in andern Städten der Republik ärger damit als hier, wo es mir, bei großer Aehnlichkeit der Sitten und Gebräuche mit denen Englands, überhaupt recht gut gefiel; ob auf die Dauer? — darüber könnte mich nur ein längerer Aufenthalt belehren; das aber weiß ich schon im Voraus, daß mich die hier herrschende Blut-Aristokratie, diese souveraine Verachtung aller derer, welche aus afrikanischem Blute stammen, sehr unangenehm berühren würde; denn obgleich ich selbst alteuropäisches Blut genug in den Adern fließen habe, um persönlich unter jenem Vorurtheil nicht zu leiden, so empört es mich darum nicht minder, es gegen meine Mitmenschen von zufällig anderer Hautfarbe, in solchem Grade ausgedehnt zu sehen, daß selbst weiße und schwarze Dienstboten, und es sind beinahe in allen Familien von beiden Gattungen, in der Küche nicht an einem und demselben Tische essen, weil sich die Weißen zu gut dafür halten, ungeachtet die Schwarzen eben so freie Menschen sind wie sie, da es bekanntlich im Staat von New-York keine Sclaven giebt. Wie mag das also erst in den Staaten der Union hergehen, wo Sclaverei gesetzlich gestattet ist. Man versichert mich, daß wenn ein Schwarzer, und wäre er selbst General in den Diensten einer freien Nation, es wagen wollte, in New-York sich an eine Wirthstafel zu setzen, man es ihm entweder untersagen, oder die ganze Gesellschaft das Zimmer verlassen würde! Und dies in einem Lande, welches sich rühmt, die Menschenrechte zu ehren, Freiheit und Gleichheit zu besitzen [S. 194]und dessen Constitution unter den freien Bürgern des Landes keinen Unterschied des Blutes anerkennt! Dieses, wie es scheint hier nicht zu vertilgende, Vorurtheil setzt den Präsidenten diesen Augenblick in eine nicht geringe Verlegenheit, gegenüber der Republik Haity, mit welcher die Vereinigten Staaten einige Mißverständnisse auszugleichen haben, zu deren Beseitigung der Präsident gerne einen Diplomaten nach Portauprince senden möchte; er weiß aber, daß man ihm von dort sogleich eine Gegensendung machen und dazu vorsätzlich den schwärzesten Neger, der dafür tauglich wäre, wählen würde. Diesen könnte er nun zwar in seinen öffentlichen Audienzen ohne Bedenken empfangen, aber in der bürgerlichen Gesellschaft würde der Mann überall Zurücksetzungen und Kränkungen erfahren, die den Bruch zwischen beiden Republiken nur vermehren müßten, und deshalb unterbleibt die ganze Negotiation!
Dies dürfte jedoch leicht der geringste Nachtheil seyn, welcher den Vereinigten Staaten aus diesem Vorurtheile erwächst. Die zunehmende Sclavenbevölkerung, durchgehends afrikanischen Ursprungs, wird sich einst schrecklich für diese unverdiente Schmach und für eine Unterdrückung rächen, die so weit geht, daß mehrere der südlichen Staaten dieser aufgeklärten Republik die Todesstrafe darauf gesetzt haben, einen Neger lesen und schreiben zu lehren!!! Wehe dann der Generation, welche den Ausbruch des fortwährend unter der Asche glimmenden Rachegefühls der Schwarzen in diesem Lande erlebt. Die jetzt hier mit Eifer betriebene Colonisirung freier Schwarzen — auf Liberia, an der Küste von Afrika, — so edel der Gedanke und so brav die Ausführung auch ist, wird, nach meiner Ueberzeugung, das drohende Uebel nicht abwenden! Was hilft die Erlösung von Hunderten, wo Millionen in Ketten und Banden schmachten, ja jene macht diesen die Fesseln nur noch um so unerträglicher! Aber, wirst du fragen, was sonst soll [S. 195]geschehen? Meine Antwort ist: Das, was hier nicht geschehen wird; die allmählige, stufenweise, aber gänzliche und jetzt schon ausgesprochene Aufhebung aller Sclaverei.[20]
Von dem großen Gewühl in den Straßen von New-York in den geschäftigen Stunden des Tages, von der Menge der an die Börse kommenden und gehenden, zwei- und vierspännigen, öffentlichen Kutschen, dem Treiben im Hafen u. s. w. — sage ich dir nichts. Du hast ja London gesehen, und das ist doch noch weit mehr! Ich schließe nunmehr diese lange Epistel, an welcher ich seit meinem Hiersein täglich ein paar Zeilen geschrieben, heute, am 9. des Morgens, und lasse sie via England an Dich abgehen, während ich in einer Stunde das Packet besteigen werde, welches mich nach Frankreich bringen soll. — Alle Vorbereitungen sind bereits getroffen, und ich habe daher nur noch den Himmel um guten Wind zu bitten. Lebe wohl.
Am Bord des amerikanischen Packetboots the Sully, Capt. Forbes, am 30. April 1833.
Wir sind, nach einer sehr guten und angenehmen Fahrt von 20 Tagen, heute schon im Angesicht von Alderney und der französischen Küste! Der Pilote ist so eben an Bord gekommen und verspricht uns morgen nach Havre zu bringen, so daß wir die Entfernung von 3200 englischen Meilen in drei Wochen zurückgelegt und mithin eine der besseren Ueberfahrten gemacht haben werden.
Wir sind aber auch von Anfang an durch Wind und Wetter begünstigt worden und legten schon in den ersten zwei [S. 196]Tagen über 500 Meilen zurück. Um den, in dieser Jahrszeit, oft bis zum 40sten Grad der Breite (in welchem New-York liegt) sich zeigenden, gefährlichen Eisbergen zu entgehen, durchschnitt der Capitain den ganzen Golphstrom und ging sehr weit südlich, ehe er den Weg nach Europa einschlug; aber seine Berechnungen waren, wie es sich nun zeigt, alle sehr gut und richtig, so wie er sich denn überhaupt als ein tüchtiger Seemann bewährte. — Er machte viele interessante Beobachtungen mit dem Thermometer, um Strömungen in der See zu entdecken und seine Richtung darnach zu nehmen; diese Strömungen haben immer eine wärmere Temperatur, als das gewöhnliche Wasser des großen Oceans, und der Golphstrom, dessen ungeheure Wassermasse aus dem mexikanischen Meerbusen, um die Spitze von Florida herum, der Küste von Amerika entlang, bis zur Höhe von Madeira hin, gleich einem reißenden Flusse im Meere selbst, durch bis jetzt noch nicht hinlänglich erklärte Ursachen, vorwärts geschnellt wird, — dieser große Strom, sage ich, ist 8 bis 10 Grad wärmer, als das Wasser an beiden Seiten desselben. Dem Auge ist diese Strömung aber nicht sichtbar und die Oberfläche des Meeres erscheint überall dieselbe.
Die beste Seefahrt ist stets die, von der man am wenigsten zu berichten hat, und meine diesmalige gehört in diese Kathegorie; wir baten täglich um guten Wind und gutes Wetter, und wurden täglich erhört. Das einzige, was ich Dir von dieser Reise erzählen könnte und nicht von der Hinfahrt schon berichtet hätte, wäre allenfalls der Fang eines Hayfisches, deren es im mexicanischen Meerbusen so viele giebt, daß man sich an der dortigen Küste nicht baden kann, ohne Gefahr zu laufen, von ihnen angefallen zu werden und einen Arm oder ein Bein zu verlieren, was dann natürlich in der Regel das Versinken und mithin Ertrinken nach sich zieht. Diese Meerungeheuer [S. 197]folgen den Schiffen unter der Leitung ihres Piloten, eines kleinen Aal-ähnlichen Fischchens, welches ihnen, seltsam genug, an der Spitze des Kopfes, gleichsam auf der Nase spielend, vorausschwimmt. Man versucht alsdann, sie entweder mit einer Harpune, oder mit der Angel, an welche man ein großes Stück Fleisch bindet, zu fangen. Es ist aber nicht leicht und auf der Hinreise hat es uns nicht gelingen wollen; wir trafen zwar einen Hay so tüchtig mit der Harpune, daß wir ihn schon aus dem Wasser hervorgezogen hatten, aber er riß sich doch wieder los, überließ uns ein Paar Pfund seines Fleisches und schwamm davon, die ganze Nähe des Schiffes mit seinem Blute färbend. Mit der Angel macht er es nicht besser; er verschlingt selbst das größte Stück Fleisch mitsammt der Angel in seinen ungeheuren Rachen, der ihm auf der Bauchseite sitzt, weshalb er sich jedesmal, wenn er etwas erhaschen will, umdrehen muß. Will man ihn nun aber aus dem Wasser auf das Verdeck des Schiffes ziehen, so reißt er sich durch seine ungemeine Stärke neun Mal unter zehn Mal los und schwimmt mit Fleisch und Angel im Magen davon.
Diesmal glückte es uns besser. Die Harpune, mit welcher wir einen tüchtigen Hayfisch getroffen hatten, hielt fest, und es gelang uns, ihn aufs Verdeck zu ziehen, wobei er sich sehr ungestüm gebehrdete und mit seinem Schwanz so heftig an die Planken schlug, daß man glaubte, er würde sie zertrümmern.
Die Matrosen machten jedoch diesem Toben bald ein Ende, indem sie den Fisch tödteten und zerlegten. Das merkwürdigste war der Rachen mit seiner siebenfachen Reihe scharfer, sägenartiger Knorpel-Zähne, und der Magen, in welchem wir, noch ganz unversehrt, ein großes, mehrere Pfund wiegendes, Stück Fleisch fanden, umwunden mit Leinen und dem Seil, woran wahrscheinlich die Angel befestigt war, welche das Ungethüm losgerissen hatte. Wir ließen uns ein Stück von seinem [S. 198]Fleische braten; es schmeckte aber thranig und fand mithin, da keine Eskimos unter uns waren, durchaus keinen Beifall.
Schon am 22. d. sahen wir die Azoren, und in deren Nähe viele Schildkröten, mitunter sehr große, die, wie man mir versicherte, 1600 bis 1800 ℔ wiegen mogten! Sie sollen während ihres Schlafs aus der Oberfläche des Wassers leicht zu nehmen seyn, es wollte uns aber doch nicht damit glücken! Gestern Abend erblickten wir bei dem schönsten Wetter Eddystone Lights an der englischen Küste, und, gleich einem schönen Panorama, eine Menge Schiffe im vollen Segeln! Heute früh kamen wir einem Dreimaster nahe genug, um ihn zu sprechen, und erfuhren, daß er nach Baltimore bestimmt sei und Emigranten am Bord habe. Wir erkannten die auf dem Verdeck befindlichen an ihrer Kleidung, besonders der weiblichen, sehr bald für süddeutsche Landsleute und wünschten ihnen eine glückliche Ueberfahrt.
Eine so angenehme, wie die unsrige, werden sie wohl schwerlich haben, denn bekanntlich gehören die Packete, welche zwischen New-York und Havre fahren, unter die bequemsten und angenehmsten, die es giebt, und es fehlt in der That zu unserer Bequemlichkeit nichts. Wir haben geräumige, gute, ja elegant-gebaute Cajüten, und da keine Damen an Bord sind, so haben wir auch das für diese bestimmte Zimmer, das sogenannte drawing room, in welchem ein Piano-Forte und eine kleine Bibliothek, zu unserer Disposition, befindlich. Unser Capitain ist ein wackerer und unterrichteter Mann, und sorgt für einen guten Tisch, und daß uns Morgens, Mittags und Abends nichts abgehe. Ich habe sodann an einem meiner Reisegefährten einen höchst angenehmen und vielseitig gebildeten Mann gefunden, und bin auf der ganzen Reise durch die Erzählung seiner ganz ungewöhnlichen Schicksale und Erfahrungen angenehm, [S. 199]ja belehrend unterhalten worden, wovon ich Dir einmal mündlich manches mittheilen werde.
Jetzt will ich mich an dem sich immer mehr nähernden, schönen Ufer Frankreichs laben und daher für heute schließen. Ich sende diese Zeilen übrigens eher ans Land, als ich es selbst erreiche, wodurch Du vielleicht um mehrere Tage früher meine glückliche Ankunft in Europa erfährst. Gottlob, daß ich hinzufügen kann, daß ich mich besser befinde; ich war diesmal auf der Reise ab und zu seekrank, und das scheint mein Uebel vermindert zu haben.
Der Himmel erhalte auch Dich gesund bis zu unserem nahen, frohen Wiedersehn.
Paris, am 10. Mai 1833.
Am 1. Mai, Morgens 7 Uhr, erreichten wir, bei noch unfreundlichem und kaltem Wetter, den Hafen von Havre und was Dich zu hören wundern wird, gleichzeitig mit dem, neun Tage früher, als wir, von Newyork abgesegelten, Packet la France! Obgleich es dieselbe Richtung genommen, welche unser Capitain verfolgte, so hatte es doch auf der ganzen Reise mit schlechtem Wetter und widrigen Winden zu kämpfen, während uns beides fortwährend begünstigte; ein solcher Unterschied findet auf der See, selbst bei geringer Entfernung, häufig statt, und läßt sich nur dadurch erklären, daß die Luft eben so entgegengesetzte Strömungen hat, wie das Wasser.
Am Tage unsers Landens in Havre feierte man gerade la fête de Louis Philippe und zwar, wie in Frankreich üblich, mit militairischem Pomp. Die Nationalgarden und Linientruppen mußten Revue passiren und am Abend ward hie und da — sehr spärlich — illuminirt! Da das Paß-Bureau dieses Festes wegen geschlossen war, so verlor ich einen Tag [S. 200]für die Weiterreise, hatte aber dafür die Freude, unsere Freunde B... nach 15jähriger Trennung etwas länger zu genießen und einen frohen Abend bei ihnen zuzubringen, wobei Deiner, wie Du denken kannst, oft und in Liebe gedacht ward. Sie leben hier sehr häuslich, aber sehr glücklich, und vereint in musterhafter Einigkeit und Geschwisterliebe; es ward mir schwer, von ihnen zu scheiden. Havre selbst bietet dem Fremden wenig Annehmlichkeiten dar; der Hafen ist aber, wegen des starken Verkehrs mit Amerika, sehr belebt. Alle Schiffe waren in Beschlag genommen, um deutsche Emigranten, mit denen die Stadt angefüllt war, nach Amerika zu führen. Die Auswanderung ist stärker als je; auch beim Einsegeln in den Canal begegneten wir mehreren, mit Emigranten beladenen, Schiffen; Havre war, wie gesagt, damit überfüllt, und zwischen dort und hier sahen wir — auf vielen, eigens dazu gebauten Wagen — wenigstens Tausend dieser Auswanderer aus Süd-Deutschland, Männer und Weiber, Kinder und Greise, alle ihr bisheriges Vaterland verlassend und sich ein neues, jenseits des Meeres, suchend. Möge sie der Himmel vor Täuschung bewahren! Und welche moralische Umwälzung steht ihren eignen Begriffen von Menschenrechten bevor! Diese Leute, welche zum großen Theil vielleicht deshalb auswandern, weil sie sich von einer Classe ihrer Mitbürger unterdrückt glauben, gehen in einen fremden Welttheil, um dort, auf noch weit gehässigere Weise, dasselbe zu thun gegen ihre afrikanischen Brüder, die wohl nirgends mehr der Menschenwürde beraubt sind, als grade in dem gepriesenen Freistaat von Nordamerika. Ich habe auf dem Wege von Havre hieher noch wieder ein empörendes Beispiel davon gesehen. In dem Gasthofe, wo wir Pferde wechselten, hielt um Mittag eine Diligence an, in welcher sich eine von New-Orleans zurückkehrende europäische Familie befand, die ein kleines schwarzes Kind von etwa [S. 201]vier Jahren bei sich hatte. Man setzte sich zu Tische und da ich, wie du weißt, die kleinen Negerkinder gern leiden mag, so wollte ich den Knaben neben mir auf einen Stuhl setzen. Sein Zwingherr litt es aber nicht, sondern wies ihm seinen Platz auf dem Fußboden des Zimmers an, wo er ihm dann, von Zeit zu Zeit, etwas Fleisch u. a. m. auf einen Teller hinwarf, gerade wie wir es einem jungen Hunde thun würden. Meine Bemerkung, daß ein solches Verfahren in Europa höchst unschicklich sei, wurde — belächelt! In Deutschland hätte ich ihr wohl eine andere Beachtung verschafft. — Der Kleine nahm die Speise mit den Händen und verschlang sie; er fühlte die Erniedrigung noch nicht; in Europa wird er aber Begriffe in sich aufnehmen, die ihn, bei seiner dereinstigen Rückkehr nach Amerika höchst unglücklich machen müssen. Und daß er zurückgeschleppt werden wird, das leidet wohl keinen Zweifel; sein Herr hat ihn nach Frankreich geschickt, um ihn dies und jenes lernen zu lassen, damit er ihn später in New-Orleans für einen desto höheren Preis — verkaufen könne!
Der Weg von Havre nach Paris führt durch schöne Gegenden an der Seine, durch die reizend gelegene, volkreiche, lebendige und gewerbfleißige Stadt Rouen, bis zu deren Quays selbst große Seeschiffe direct von Amerika gelangen und ihr die Baumwolle für ihre zahlreichen Spinnereien zuführen. Die dortige, alterthümliche Cathedrale, mit ihren ausgezeichnet schönen, gemalten Fenstern, hatte ich Gelegenheit, im Fluge zu bewundern, und setzte dann meine Reise, bei dem endlich eingetretenen, vortrefflichen Frühlingswetter, fort. Leider bin ich nicht so wohl hier angekommen, und befinde mich auch jetzt noch nicht so wohl, wie ich es wünsche; die auf der See eingetretene Besserung war nicht von Dauer; ich leide an großen Schmerzen und der Arzt fordert mich auf, zu bleiben, und meine Kur hier abzuwarten. Wie kann ich mich [S. 202]aber, nach einer so langen Trennung von Euch, dazu entschließen? — Giebt mir daher der Doctor in einigen Tagen, wie ich hoffe, die Erlaubniß zu reisen, so sollen mich bloße Schmerzen nicht davon abhalten, das versichere ich Dir.
Am 13. — Ich habe sie — diese ärztliche Erlaubniß, und reise nun morgen ab. Bald, sehr bald also werde ich Euch wieder an mein Herz drücken können!
[16] D. h. Holzkohlen, man brennt in Mexico nur diese.
[17] Dies war ein ganz neuer, bisher noch nicht versuchter Modus in den mexicanischen Finanz-Operationen, den man wohl gethan haben würde, beizubehalten, um sich von den hohen Zoll-Einnahmen in den Häfen unabhängiger zu machen.
[18] Leider! ist meinem Freunde Schleiden die Freude nicht zu Theil geworden, das Gelingen eines Unternehmens zu erleben, an welches er zulegt alles setzte was der Mensch zu wagen hat, Gesundheit und Leben! Noch ehe diese Blätter zum Druck befördert wurden, erfuhr ich die traurige Nachricht, daß derselbe an einem Erkältungsfieber, welches er sich bei dem Löschen eines kleinen Brandes zugezogen, gestorben ist. Ich bin überzeugt, daß er in Mexico gerettet worden wäre; dort würde es ihm an guter ärztlicher Hülfe nicht gemangelt haben; in Anganguco erhielt er diese (von Mexico aus) erst am sechsten Tage, als es zu spät war und ihm selbst die ausgezeichnet liebevolle Pflege unseres braven Landsmannes Dr. Schiede, nicht mehr helfen konnte! Ihm und den Seinigen zum Troste, starb er in den Armen seines ältesten, braven Sohnes; der nun, als anerkannt geschickter Bergmann, dem Unternehmen vorsteht. Möge er glücklicher in der Ausführung seyn als der Vater!
[19] Ihre Verdienste haben in Amerika die gehörige Anerkennung gefunden; sie ist seitdem an einen jungen, reichen Gutsbesitzer in den vereinigten Staaten verheirathet worden.
[20] Seit dies geschrieben ward, hat England eine solche heilsame Maaßregel für seine westindischen Colonien adoptirt. Dies macht die Nothwendigkeit eines ähnlichen Verfahrens in Nordamerika nur um so dringender!
[S. 203]
Kurze Darstellung
der
politischen Ereignisse und administrativen Maßregeln in Mexico
seit der Präsidentschaft Santa Anna’s,
so wie der gegenwärtigen Lage des Landes.
(Aus offizieller Quelle, mitgetheilt im Juni 1834.)
Wie aus den vorstehenden Briefen erhellt, war General Pedraza wieder an die Spitze der Regierung von Mexico gelangt. Die kurze Zeit seiner “Interims”-Präsidentschaft (vom 1. Januar bis 1. April) gestattete ihm nicht, durchgreifende Veränderungen im Staate vorzunehmen; er suchte daher seinen ganzen Stolz darin, die Revolution unterdrückt, momentane Ordnung wieder eingeführt und den innern Frieden des Landes so weit hergestellt zu haben, daß unter seinen Auspicien das Volk, in allen zwanzig Staaten Mexico’s, nicht nur die Repräsentanten, sowohl für den General-Congreß, wie für die einzelnen Staaten, sondern auch und insbesondere die höchsten Magistrats-Personen der Republik, mit gehöriger Freiheit erwählen konnte.
Sobald dies jedoch geschehen und General Santa Anna als Präsident, Don Valentin Gomez Farias als Vice-Präsident installirt und der gesetzgebende Körper der Union neuorganisirt worden war, änderte sich der Gang und die Tendenz der Administration von Grund aus.
[S. 204]
Die überwundene Partei blieb indeß noch immer in einer feindlichen Stellung der neuen Regierung gegenüber, indem Pedraza mehrere, zur militairischen Aristokratie gehörige Chefs, welche die Hauptstütze der gestürzten Administration gewesen waren, in ihrem Commando gelassen hatte, dergestalt, daß unter andern die beiden, Bustamante am meisten ergebenen Generäle, Arista und Duran, die wichtigsten Posten bekleideten; ersterer als General-Commandant von Mexico und letzterer als Befehlshaber eines bedeutenden Cavallerie-Corps in der Nachbarschaft der Hauptstadt. Dies übelangebrachte Vertrauen Pedraza’s in die Versprechungen und Schwüre von Männern, welche vor so kurzer Zeit noch gegen die Sache des Volks gekämpft hatten, war der Grund und die Veranlassung von zwar vorübergehenden, aber beklagenswerthen Ereignissen.
Der erste Schritt, welchen die besiegte, aber nicht vernichtete Partei zu einem neuen Aufstande that, war der Versuch, den nunmehrigen Präsidenten Santa Anna, durch das schmeichelhafte Anerbieten, ihn zum Dictator zu machen, auf ihre Seite zu bekommen. “Er sei es,” so sprachen sie zu ihm, “der triumphirt habe, — in seiner Person liege mithin die Garantie künftiger Stabilität, — ihm wollten sie vertrauen, nicht aber ihr Schicksal in die Hände jener Horden von Anarchisten legen, welche die Kammern und die Staaten-Regierungen füllten! — Die Religion sei bedroht, das Eigenthum gefährdet, und Er, Santa Anna selbst, werde das Opfer dieser Wüthenden werden, wenn er ihren Umtrieben nicht bei Zeiten einen Damm entgegensetze! Auf die Truppen könne er zählen, so wie auf die Reichthümer des Clerus und der Geld-Aristokratie des Landes. ‘Verlassen Sie, General! — so hieß es am Schluß — diese anarchistische Partei, empfangen Sie die Dictatur aus unsern Händen, wer wird es alsdann noch wagen, das Haupt zu erheben?’”
[S. 205]
Dies waren die Lockungen, womit die Generäle, die Canonici und der Bischof von Puebla, nebst mehreren einflußreichen Personen in Mexico, Santa Anna zu verführen suchten. Aber, wenn auch der Präsident solchen Vorschlägen einen Augenblick Gehör gab, so muß doch zur Steuer der Wahrheit gesagt werden, daß er nie daran dachte, darauf einzugehen. Obgleich — aus Mangel an hinlänglicher Aufklärung — schwankend in seiner Politik, will Santa Anna doch aufrichtig das Wohl seines Vaterlandes; er mogte aber in der That befürchten, daß die Volkspartei zu weit gehen und die Gränzen einer gemäßigten Reform überschreiten würde; er hatte überdies religiöse Scrupel und hielt es für Sünde, die Prärogative der Kirche zu schmälern! In diesen beschränkten Ideen ward ihm jedoch kräftig von den übrigen Gliedern des Gouvernements und der Majorität des Congresses opponirt; insbesondere von dem Vice-Präsidenten Gomez Farias. Dieser ist nicht Militair, sondern Civilist, aber ein Mann von Ehre, welcher sich auf der Laufbahn der Reform kein unübersteigbares Ziel gesetzt hat; er ist durchaus kein Doctrinair, aber ein aufgeklärter Mann, der gewiß stets mit der Zeit fortschreiten wird; auch besitzt er viel Energie, ja eine, an Eigensinn gränzende, Charakterstärke. Hätte er eine glücklichere Wahl in seinen Umgebungen getroffen, es würden jetzt schon große Dinge ausgeführt seyn.[21]
[S. 206]
Mittlerweile erklärten sich schon am Ende des zweiten Monats der neuen Regierung, nämlich Ende Mai 1833, mehrere Militair-Chefs offen gegen dieselbe. Obrist Escalada in Morelia, der Hauptstadt des Staats Michoacan, General Duran in Chalco, unweit Mexico, und ein gewisser Unda in Tlalpam, ganz in der Nähe der Hauptstadt, fielen mit ihren Truppen vom Gouvernement ab, protestirten gegen das Föderativ- oder Repräsentativ-System und proclamirten, ohne weiteres, Santa Anna zum Dictator. Dieser, mit Recht hierüber entrüstet, rückte in Person gegen die Rebellen aus und nahm Arista als seinen General-Adjutanten mit sich; letzterer war aber kaum aus Mexico ausmarschirt, als auch er zur Gegenpartei überging, die unter ihm stehenden Truppen, mit Ausnahme einiger Offiziere, zu gleichem Schritte verführte und nun den eignen General, den Präsidenten der Republik, gefangen nahm, um ihm die Dictatur gleichsam aufzudringen. — Aber man hatte sich in ihm verrechnet. Santa Anna weigerte sich standhaft, die Proposition anzunehmen; er wollte lieber mit Ehren sterben, als auf den Trümmern des Vaterlandes sich erheben. Nach einigen Tagen gelang es ihm, sich aus den Händen der Rebellen zu befreien; er flüchtete in die Gebirge und nahm von da aus seinen Weg nach Puebla.
Während dies in der Gegend von Cuautla-Amilpas vorfiel, blieb die Regierung in Mexico keineswegs ruhige Zuschauerin der Ereignisse. Obwohl man anfänglich ziemlich allgemein die Gefangennehmung von Santa Anna für eine mit [S. 207]ihm selbst verabredete Comödie hielt, ließ sich doch der, jetzt am Ruder des Staats stehende, Vice-Präsident Farias dadurch nicht in seinem Glauben an die Redlichkeit der Gesinnungen seines Collegen irre machen; er donnerte in seinen Proclamationen und Decreten gegen die begangene Verrätherei, und schilderte mit grellen Farben den Hochverrath des Attentats auf die geheiligte Person des Oberhaupts der Republik! Die Generäle Vittoria, Anaya, Mejia und Arago (letzterer von Geburt ein Franzose, der in dieser Zeit der Sache des Volks die wichtigsten Dienste geleistet hatte) waren der Regierung treu geblieben, und der Vice-Präsident bediente sich ihrer mit Kraft und Gewandtheit, um den Aufstand der Truppen in der Hauptstadt und Umgegend zu unterdrücken. — Der durch sich selbst befreite Präsident Santa Anna kam mittlerweile zurück und sammelte mit der ihm eignen Gewandtheit und Energie eine neue Armee, mit der es ihm endlich gelang die Rebellen, in Guanajuato, gänzlich zu besiegen! — Die Chefs der Insurgenten und dieser Contrerevolution wurden des Landes verwiesen; auch nicht eine Hinrichtung fand statt! Die neue Ordnung der Dinge stand fest.
Santa Anna aber, krank und von Fatiguen aller Art fast aufgerieben, zog sich nunmehr im December v. J. mit sechsmonatlichem Urlaub des Congresses, nach seinem Landgute Manga de Clavo bei Vera-Cruz, zurück, um sich wo möglich wieder herzustellen und für die Führung der öffentlichen Geschäfte wieder zu befähigen. Die geistliche und militairische Aristokratie wird nicht unterlassen ihn in seiner Zurückgezogenheit aufs neue zu versuchen, aber er wird nicht wanken und der Constitution treu bleiben!
Während nun der Präsident damit beschäftigt war den Feind im offenen Felde zu bekämpfen, gingen vom Congreß wichtige Reform-Decrete aus. Unter andern Männern [S. 208]von Kraft und Kenntnissen saß in demselben der bekannte Don Lorenzo de Zavala, der seine Stelle als Civil-Gouverneur des Staates Mexico niedergelegt hatte und zum Repräsentanten desselben erwählt worden war. — Unter seiner Mitwirkung beschloß der Congreß:
Die rebellischen Militair-Corps wurden aufgelöst und mehr als tausend Offiziere aller Grade aus der Armeeliste gestrichen, wodurch die Finanz der Republik sich einer drückenden, dem Gemeinwesen völlig unnützen, Last entledigte.
Unter Discussion im Congreß, mit Wahrscheinlichkeit der Annahme, sind noch folgende Propositionen Zavala’s:
Die beiden letzteren Vorschläge werden um so eher durchgehen, als sich eine unwiderstehliche Tendenz für die Einführung der Religionsfreiheit bemerklich macht, und man nicht [S. 209]glaubt, daß diese hochwichtige Maßregel nun noch länger als zwei Jahre (zwei Congreß-Sitzungen) hinausgeschoben werden kann!
Im Fache des öffentlichen Unterrichts haben bereits bedeutende Verbesserungen stattgefunden. Die Gouverneure und Congresse der Staaten sind davon durchdrungen, daß es zu nichts führen kann, Proclamationen und Manifeste im republikanischen Sinne und in dem der Freiheit ergehen zu lassen, so lange das Volk nicht in intellectueller und materieller Hinsicht größere Fortschritte gemacht haben wird, und sie sehen ein, daß dies nur auf dem Wege der Volks-Erziehung zu erzielen ist. Man hat daher angefangen an Orten, wo bis jetzt noch keine Schulen waren, deren anzulegen; am meisten zeichnen sich hierbei die Staaten von Zacatecas, Jalisco, Tamaulipas, Coahuila und Texas aus. — Im Staat von Mexico hat Zavala eine Normal-Schule errichtet und viele Schulen des ersten Unterrichts wieder hergestellt, welche die frühere Administration hatte eingehen lassen; so rief er auch das gleichfalls eingegangene literarische Institut wieder ins Leben. In dem besagten Staat von Mexico, der bekanntlich eine Bevölkerung von circa einer Million in sich faßt, bestehen jetzt 1059 Schulen des ersten Unterrichts, worin 49960 Knaben und 9786 Mädchen, zusammen 59746 Kinder lesen und schreiben lernen.
Da der General-Congreß der executiven Gewalt die Befugniß ertheilt hat, die wissenschaftlichen Institute der Föderativstadt neu zu organisiren, so hat der Vice-Präsident Farias eine heilsame Verschmelzung der ältern Collegien von Mexico veranlaßt und daraus ein Institut nach der Lehrmethode des civilisirten Europa’s gebildet. Man lehrt jetzt auf dieser Hochschule: allgemeine Grammatik; Lateinisch, Griechisch und Hebräisch; Theologie (nach heiliger Schrift); Geschichte; Philosophie; [S. 210]Metaphysik; Ideologie; Natur-Geschichte; Mineralogie; Mathematik; Mechanik; Astronomie; Physik und Chemie; Anatomie; Medicin; Natur-, Civil- und Völkerrecht; politische Oeconomie u. s. w.
Diese Maßregel muß binnen wenig Jahren große Resultate hervorbringen![22]
Die schwierigste Reform in der mexicanischen Administration ist die der Finanzen und wird es noch für längere Zeit bleiben, denn es konnte in dieser Hinsicht bis jetzt nur wenig geschehen. Die Regierung Bustamante’s hatte während des Revolutions-Krieges von 1832 nicht allein den Schatz gänzlich erschöpft, sondern auch eine fernere Schuld von fünf Millionen Pesos contrahirt und sie auf die Zölle angewiesen, welche bekanntlich die bei weitem größte Einnahme des Staates bilden. Der neuen Regierung waren somit alle Resourcen abgeschnitten, und sie fand Niemand geneigt, ihr in dieser Crisis Geld vorzuschießen; dennoch bedurfte sie dessen und konnte es nur von Agioteurs erhalten, denen sie für Eine Million Pesos Ein und eine halbe Million aus die Zölle anweisen mußte. Die vorherige Regierung hatte, besonders während sie in den letzten Zügen lag, noch größere Opfer bringen und selbst bei ihren gewöhnlichen Anleihen 3, 4, ja 5 pCt. Zinsen pr. Monat!! bezahlen müssen, und zwar gegen Anweisung auf die Zölle, welche sich stets binnen mäßiger Frist realisirten und somit den Darleihern einen ungeheuren Nutzen abwarfen! — Ein solches Leih-System von Hand zu Mund ist aber für einen Staat von so vielen Hülfsquellen wie Mexico nicht ehrenvoll und jedenfalls verderblicher, als es selbst die [S. 211]Anleihen vom Jahr 1823 in England waren, denn wenn diese auch der Nation 12½ und 9 pCt. jährliche Zinsen von der empfangenen Summe kosten,[23] so sind doch, wie man sieht, jene Platz-Anleihen, bei unendlich größerer Sicherheit für den Darleiher und weit schnellerer Rückzahlung, noch viel nachtheiliger und müssen zum gänzlichen Ruin, ja zum National-Banquerott führen, wenn das System nicht geändert wird! — Darauf arbeitet denn auch die jetzige Administration hin und hat bereits bedeutende Ersparnisse in der Verwaltung eingeführt; auch geht sie damit um das Uebel an der Wurzel zu fassen, nämlich die Armee zu reduciren! denn so lange nicht die bewaffnete Macht, nach dem Vorbild der nordamerikanischen Staaten, auf eine verhältnismäßig kleine Armee zurückgeführt wird, ist kein Heil für die Republik zu erwarten.
Auch in Hinsicht einer zweckmäßigeren Behandlung der Staats-Resourcen und verbesserten Finanz-Verwaltung hat [S. 212]Zavala der Regierung höchst beachtenswerte Vorschläge gemacht, die am Ende gewiß durchdringen werden; belehrt durch das Beispiel der civilisirten Staaten von Europa und Nordamerika, welche er mit Nutzen bereis’t hat,[24] will er, daß man auf alle Weise den National-Credit zu befestigen und dem Ausland Vertrauen einzuflößen suchen solle; die Republik würde alsdann von diesem mit Leichtigkeit und zu mäßigen Bedingungen Vorschüsse auf längere Zeit erhalten und so die Regierung in den Stand gesetzt werden, die Finanzen des Staates zu ordnen, und die unermeßlichen Resourcen des Landes mit den Bedürfnissen desselben in Einklang zu bringen.
Aus dem Gesammtinhalt des Gesagten läßt sich übrigens unstreitig der Schluß ziehen, daß die vereinigten Staaten von Mexico, sowohl in moralischer wie in materieller Hinsicht einer glücklichen Zukunft entgegen gehen. Die practische Schule der öffentlichen Geschäfte, welche die Führer des Staats täglich über diejenige Politik erleuchtet, die sie zum Wohl der Nation zu befolgen haben; die bitteren Erfahrungen früherer Unordnungen und die Beispiele der civilisirten Nationen, mit denen sie nun in steter und lebendiger Berührung stehen; — die Fortschritte, welche die einflußreiche Classe an Kenntnissen jeder Art täglich macht; das brennende Verlangen eines großen Theils der jetzigen Jugend, sich zu unterrichten; der Andrang so vieler Fremden, welche, außer Capital und Verbesserung der Gewerbe, das Beispiel der Liebe zur Arbeit mitbringen; der Geist der Toleranz, der dadurch geweckt und verbreitet wird; die nützliche Reform, welche im [S. 213]Clerus stattgefunden und die dadurch hervorgerufene Neigung, das heilbringende Prinzip der Religionsfreiheit und der gänzlichen Trennung von Kirche und Staat anzuerkennen, — alles dies wird die vereinigten Staaten von Mexico dem Zustande des Glücks und der Wohlfahrt mit raschen Schritten entgegen führen, dessen sie durch ihre Lage, ihr Clima, und die außerordentliche Fruchtbarkeit ihres Bodens, so wie durch die Unabhängigkeit und Freiheit ihrer Institutionen offenbar fähig sind.
[21] Daß Gomez Farias ein Mann von Geistes-Energie und großem Geschäftseifer ist, davon habe ich selbst Gelegenheit gehabt mich zu überzeugen. Denn als er kurz nach Pedraza’s Regierungs-Antritt das Finanz-Ministerium übernahm und der leeren Cassen wegen es für nöthig hielt, seine Zuflucht zu den fremden Kaufleuten zu nehmen, ließ er sich, gegen den Willen der Aerzte, durch eine schwere Krankheit nicht abhalten, uns zu sich zu berufen, und hielt uns vom Krankenlager aus, unter den größten Anstrengungen, eine lange, eindringliche Rede, in der er uns zu beweisen suchte, daß unser eigner Vortheil es erheische, dem Gouvernement in seiner jetzigen Geldnoth die erforderliche Hülfe nicht zu versagen. — Seine Rede blieb nicht ohne Erfolg; es kam wirklich eine Anleihe zu Stande.
[22] Vorausgesetzt, daß die angestellten Lehrer der umfassenden Idee des Stifters dieser Universität entsprechen, was vorerst wohl schwerlich der Fall seyn dürfte.
[23] Erstes mexicanisches Anlehen in England contrahirt zu 5 pCt. per annum 16,000,000 $ zu 50 pCt. negociirt ergaben
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$ 8,000,000
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Provision 5 pCt.
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$ 400,000
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Dividende des ersten Jahrs
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„ 800,000
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Tilgungsfond
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„ 400,000
|
|
|
„ 1,600,000
|
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|
disponible Summe
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$ 6,400,000
|
|
|
hiervon jährlich zu zahlen 800,000 $,
macht 12½ pCt.
|
||
Zweites mexicanisches Anlehen in England, contrahirt zu 6 pCt. per annum 16,000,000 $ zu 82 pCt. negociirt ergaben
|
$ 13,120,000
|
||
|
Provision 5 pCt auf den Nominalwerth
|
$ 800,000
|
|
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Dividende des ersten Jahrs
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„ 960,000
|
|
|
Tilgungsfond
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„ 540,000
|
|
|
„ 2,300,000
|
||
|
disponible Summe
|
$ 10,820,000
|
|
|
hiervon jährlich zu zahlen 960,000 $
macht circa 9 pCt.
|
||
[24] Don Lorenz Zavala, Verfasser des ensayo historico de las revoluciones de Megico. tom. I. Paris 1831 und tom. II. New-York 1832, ist jetzt bevollmächtigter Minister der vereinigten Staaten von Mexico am Hofe von Frankreich und mithin zu Paris!
[S. 215]
[S. 217]
Bordeaux, Havre, Hamburg und Bremen.
Bordeaux hat durch seine geregelte Packetfahrt einen Umfang in dem Handel mit Mexico erlangt, den es ohne dieselbe wohl mit Havre hätte theilen müssen. Die französische General-Post-Direction hat nämlich mit einer Gesellschaft von Schiffs-Rhedern in Bordeaux eine Uebereinkunft getroffen, nach welcher diese, gegen eine Vergütung von 10000 Francs für die Hin- und Herreise, jeden ersten des Monats ein Schiff mit der Correspondez nach und von Mexico abzufertigen und dabei den einen Monat die Briefe nach der Insel Martinique, den andern nach Haity (St. Domingo) mitzunehmen verpflichtet sind.
Diese regelmäßige monatliche Abfahrt von Packetbooten, welche zugleich Kauffahrteischiffe sind, giebt Bordeaux’s Verkehr mit Mexico eine Zuverlässigkeit, welche man anderwärts nicht findet, obgleich Havre in seinen Bemühungen, Theil an dem mexicanischen Handel zu nehmen, nicht ganz zurückbleibt. — Frankreich und die Schweiz senden daher ihre für Mexico bestimmten Fabrikate vorzugsweise über Bordeaux, und selbst die preußischen Seidenfabriken am Rhein thun, bei dem jetzt freigegebenen Transit durch Frankreich, häufig ein Gleiches. Bordeaux hat überdies einen, diesem Hafen bekanntlich eigenthümlich [S. 218]angehörigen, nicht unbedeutenden, und sich stets mehrenden Handel in Wein mit den mexicanischen Häfen, und ist zugleich der Hauptmarkt für die wichtigste Waaren-Retour, welche Mexico zu machen hat, nämlich für Cochenille. Hiervon empfängt Bordeaux jährlich den Werth von circa 3 bis 4 Millionen Francs aus dem Hafen von Vera-Cruz, und findet seinen Hauptabsatz dafür theils nach St. Petersburg, theils nach der Levante.
Seit Spanien seine Colonieen und mithin Cadix sein Monopol des Cochenille-Handels verloren hat, theilen sich hauptsächlich Bordeaux und London in diesen wichtigen Geschäftszweig. — Bordeaux aber, wo bei der mexicanischen Revolution sich viele Spanier und mehrere reiche Mexicaner angesiedelt haben, scheint die, früher in Cadix geheimnißvoll betriebene, Umarbeitung der Cochenille besser zu verstehen, als London und dadurch wo nicht größere, doch jedenfalls gleich große Geschäfte darin zu machen. Auch hierbei zieht Bordeaux Vortheil von seiner Packetfahrt mit Vera-Cruz, indem durch diese regelmäßige Sendungen von Cochenille und andern Waaren gemacht werden können, während den englischen Packeten nicht erlaubt ist, etwas anderes als Comptanten an Bord zu nehmen, und man daher häufig genöthigt ist, aus Mangel an directer Schiffsgelegenheit, Cochenille und sonstige nach England bestimmte Waaren über New-York, oder andere Häfen von Nordamerika zu versenden.
Xalapa und Sasseparila hat Bordeaux gleichfalls viel aus Mexico bezogen, besonders in der letzten Zeit, wo diese Artikel in Folge der Cholera so sehr gestiegen sind. Vanille bildet auch noch einen nicht unbedeutenden Einfuhr-Artikel, er ist jedoch, des leichten Verderbens wegen, ein sehr mißlicher und giebt nur periodisch einen, dann aber freilich oft sehr großen, Gewinn.
[S. 219]
Baarsendungen, sowohl in Piastern als auch insbesondere in Doublonen, rendiren in Bordeaux deshalb besser als irgendwo, weil sie, des benachbarten Spaniens wegen, in ihrem gemünzten Zustande Cours haben und deshalb oft sehr hoch stehen, während sie anderwärts, in der Regel, erst umgeschmolzen werden müssen und mithin nur ihren Metallwerth aufbringen.
Unter Frankreichs verschiedenen Ausfuhr-Artikeln (unter welchen Seiden-Waaren natürlich obenan stehen) verdient Papier noch einer besondern Erwähnung. Die unfern Bordeaux gelegenen Papiermühlen lieferten Ende 1831 das 500 Bogen starke Ries des sogenannten Florete, als der geeignetesten Sorte, zu 6 Fr. 15 Cent., und mithin weit wohlfeiler, als es nach allen gemachten Versuchen Deutschland herzustellen möglich ist. In Genua, wo die für Mexico passendste Qualität verfertigt wird, steht der Preis noch niedriger. Es ist zu beklagen, daß Deutschland dergestalt bei einem Geschäftszweige nicht concurriren kann, welcher eine so große Rolle im Handel nach Mexico spielt. Es werden daselbst jährlich nicht weniger als 500,000 Ries Papier eingeführt, oft mehr, und es wird außerdem noch Papier im Lande selbst fabricirt. Der Verbrauch dieses Artikels ist in Mexico deshalb so groß, weil alle Einwohner (selbst die Damen nicht ausgenommen) Papier-Cigarren rauchen, was natürlich einen täglichen Consum von Millionen solcher Cigarren zur Folge hat.
Der Versuch, in Bordeaux eine Niederlage von deutschen Leinen für die Assortirung der Ladungen nach Mexico und Südamerika zu bilden, schlug fehl und mußte fehlschlagen, weil Deutschlands directer Ausfuhr-Handel nach jenen Landen zu lebhaft und bedeutend ist, um einer Vermittlung dabei zu bedürfen; er übersteigt im Werthe den der französischen Häfen und die Ausfuhr von Hamburg und Brennen nach Mexico [S. 220]allein, beträgt, in Leinen und andern Gegenständen deutscher Industrie, wohl an acht Millionen Mark Banco im Jahr! Rechnet man hinzu, was an deutschen Waaren über Nordamerika, England, ja sogar über Chili und Peru nach Mexico geht, so leidet es keinen Zweifel, daß das Minimum des jährlichen Consums in der Republik Mexico, an deutschen Waaren aller Art, auf zehn Millionen Mark Banco (5 Mill. preußischer Thaler) veranschlagt werden kann, und wobei die unter dem Namen von Platilles reales bekannten schlesischen Leinen mit 120 bis 140,000 Stück figuriren.
Nächst dem Leinen sind die Seiden-Waaren aus den Rhein-Provinzen der wichtigste deutsche Artikel in dem mexicanischen Markt; auch spielt das böhmische Glas bei der Ausfuhr von Hamburg nach Vera-Cruz eine große Rolle. — In den letzten beiden Jahren sind allein von Hamburg jährlich 20 bis 22 Schiffe, mit Manufactur-Waaren beladen, direct nach Vera-Cruz und Tampico abgefertigt worden, und zwar alles deutsche, nämlich Hamburger, Bremer, preußische und Altonaer, welche letztere allerdings unter dänischer Flagge fahren, aber darum nicht minder deutsch sind; denn wenn auch Altona unter dänischer Oberherrschaft steht, so liegt es doch in Holstein und Hamburg so nahe, daß die beiden Häfen gleichsam nur ein und denselben bilden; die Altonaer Börse wird aber wirklich an jener von Hamburg abgehalten.
[S. 221]
Staat von Oaxaca.
Cochenille (Grana).
Obwohl Cochenille (span. Grana) jetzt auch in Honduras und Guatimala in guter Qualität erzeugt und nach Europa ausgeführt wird, so kann man doch noch immer Mexico als die Hauptquelle für diesen wichtigen Farbestoff betrachten. In Mexico selbst aber wird Cochenille ausschließlich in dem Staate von Oaxaca gezogen, und wird daselbst auch nie aufhören gezogen zu werden, wie dieses bei sehr niedrigen Preisen in Honduras und Guatimala wohl der Fall seyn könnte, wo die Zucht derselben bloß speculative Unternehmung von Pflanzern ist, während sich in Oaxaca die indianische Bevölkerung ihren Unterhalt dadurch verschafft und, bei wenig Auslagen und noch wenigeren Bedürfnissen, den Erlös des Products, gleichsam als den Jahres-Verdienst betrachtet, wovon sie leben muß. Die Cochenille-Zucht ist nämlich der Art, daß sie ganze Familien Indianer, jung und alt, auf eine, ihren beschränkten Geistes- und Körperfähigkeiten sehr zusagende, Weise beschäftigt, weshalb sie denn auch, so lange der Artikel nur noch zu irgend einem Preise Käufer findet, gewiß zu keiner andern Arbeit übergehen werden. Die Pflanzer, welche die Cochenille im Tagelohn bearbeiten lassen, und deren es in Oaxaca auch giebt, behaupten, bei Preisen unter 9½ und 10 Realen pr. ℔ nicht bestehen zu können. Die Zucht der Cochenille, bis sie als Handelsartikel in den Markt kommt, erfordert ungefähr ein ganzes Jahr Zeit.
[S. 222]
Das junge Insect wird auf den Pflanzungen in den Gebirgen geboren, da die Temperatur und der frühe Regen im Thale der Brut nicht günstig sind. Erst im Juli wird es von den Gebirgen gebracht, und in den Thal-Pflanzungen auf den Naupal (Cactus) gesetzt, und sowohl gegen Regen als gegen Sonnenhitze durch Mattendächer geschützt, welche nur eine kurze Zeit am Morgen gelüftet werden. Auf diese Weise wird das Insect gehegt, bis es im Monat October und November gebiert, wo alsdann dieser Saame, wie man das junge Insect nennt, über die ganze Pflanzung verbreitet wird.
Das Product der ersten Aussaat schlägt man auf das Fünffache, das der zweiten, von der Jahrszeit mehr begünstigten, auf das Zehn- bis Eilffache an, dergestalt, daß eine funfzigfache Vermehrung des Insects in den beiden Jahres-Abtheilungen angenommen werden kann, wenn nicht Unglücksfälle, z. B. plötzlich eintretender Frost oder Wegschwemmnng durch allzu heftige Regengüsse, was allerdings manchmal geschieht, eine Aenderung darin hervorbringen.
Das Insect wirft lebendige Jungen; manche bis zu 200 an der Zahl! wovon jedoch viele verloren gehen. Nach der zweiten Aussaat, wo das Wetter beständiger und zuverlässiger geworden ist, werden die Pflanzen nur mit Busch und Laubwerk bedeckt, obgleich sie dadurch der Beschädigung durch Regen mehr ausgesetzt sind; eine Mattenbedeckung für die ganze Pflanzung würde aber zu theuer kommen, und eine Auslage von $ 3 für jedes Pfund Saamen erfordern.
Das Insect der zweiten Aussaat läßt man nicht zum Gebären kommen; man sammelt es schon im Januar und Februar und tödtet es entweder in kochendem Wasser oder, nach einer jetzt öfter angewandten, bessern Methode, in heißen Oefen, wobei dem Thiere seine Farbe besser erhalten wird. [S. 223]Wenn die “Grana” alsdann ganz getrocknet ist, wird sie gesiebt und von allen fremdartigen Theilen gereinigt, und in dem Zustande zum Verkauf ausgeboten, wie wir sie auf den europäischen Märkten sehen. Die schwarze Cochenille, oder Zaccatilla, ist die Mutter-Grana, nachdem sie geboren hat und eines natürlichen Todes gestorben ist. Die beste Zeit für den Einkauf in Oaxaca sind die Monate November und December. — Die silbergraue Cochenille ist das Thier, wenn es vor dem Gebären auf oben beschriebene Weise getödtet wird.
Die Qualität hängt viel von der Sorgfalt ab, womit man das Insect behandelt während es lebt, und von der Art und Weise des Tödtens; jedoch haben auch allerhand Verfälschungen, besonders früher als die Preise hoch standen, Statt gehabt, und man versucht sie auch jetzt noch, obgleich, des niedrigen Preises wegen, minder häufig. Die dermalen am meisten übliche Verfälschung besteht aus einer Nachahmung; — theils von dem Staub und Bruch, welcher aus der bessern Qualität ausgesiebt worden ist, theils von dem Bodensatz der schon gebrauchten Cochenille. Mit einiger Aufmerksamkeit sind aber beide Arten der Verfälschung leicht zu entdecken, — und noch leichter zwei geringere Gattungen — todte Cochenille (Grana muerta) und wilde Cochenille (Grana silvestre) genannt, — welche sich manchmal mit einschleichen; — erstere hat eine runde Gestalt und gleicht der nachgemachten, zeigt jedoch Streifen wie die ächte Cochenille; letztere ist derselben aber gar nicht ähnlich und hat durchaus keine gewisse und gleichmäßige Form. Wenn, wie manchmal geschieht, die Zaccatilla (die Mutter-Grana nach dem Gebären) gleichfalls durch heißes Wasser getödtet wird, so bekommt sie ein schlechteres Ansehen, nämlich röthlich-schwarz und fuchsig, und wird deshalb wohlfeiler verkauft; da diese Gattung aber eben so viel [S. 224]Farbestoff enthalten soll, wie die besser aussehende, so verdient sie die Aufmerksamkeit derer, welche für den, die Waare selbst verarbeitenden, Fabrikanten in Europa einkaufen, indem dieser alsdann dasselbe Quantum Farbe billiger erhält.
Granilla nennt man die ganz kleinen Insecten und den Bruch der bessern Cochenille; sie wird für den halben Preis und oft noch billiger verkauft, ist aber auch in Europa nicht beliebt.
Die ächte Zacatilla ist leichter als die silbergraue und nimmt bei gleichem Gewicht mehr Volumen ein, sie wird daher auch schon deshalb für den levantischen Markt, wo Cochenille nicht wie in Europa nach dem Gewichte, sondern nach dem Maaße verkauft wird, vorgezogen. Um auch die silbergraue möglichst leicht zu machen, wird sie vor dem Einpacken sehr gut getrocknet. Staub kann jedoch nicht vermieden werden; denn, wenn auch noch so rein gesiebt und noch so fest verpackt worden ist, erzeugt er sich dennoch auf der Reise, und zwar am meisten bei den feinsten Qualitäten, sowohl bei Zacatilla, wie bei der silbergrauen.
Die Verpackung geschieht zuerst in leinene Säcke, dann in Matten, und über diese wird ein Kalbfell festgenäht und geschnürt. Ein solches Colli nennt man Serron oder (spanisch) Sebernali, und es enthält in der Regel 8 Arroben oder 200 ℔ Cochenille. In Oaxaca wird die Cochenille nach dem Pfund verkauft, in dem Seehafen von Vera-Cruz aber, wo sich gleichfalls ein Markt für den Artikel gebildet hat, kauft und verkauft man sie nach Arroben von 25 ℔ und so wird sie auch ins Ausland facturirt. Vera-Cruz ist übrigens der für die Verschiffung dieses Productes nach Europa am zweckmäßigsten gelegene Hafen. In Tampico kommt es gar nicht vor und nach Acapulco an der Südsee verirren sich nur selten einige [S. 225]Serronen. Das größte Quantum Cochenille, was seit dem Jahre 1758, also seit mehr als 70 Jahren, ausgeführt worden ist, war 1,558,125 ℔, im Jahre 1774! Der Durchschnitt von 1770 bis 1780 kann zu 1,000,000 ℔ jährlich angenommen werden. Der Preis variirte aber in derselben Epoche sehr, und während derselbe im Jahre 1770 bei einer Ausfuhr von 1,000,000 ℔, auf 25 Rl. und im Jahr 1771 sogar auf 32 Rl. pr. ℔ gestiegen war, fiel er 1774 bei 1,500,000 ℔ Ausfuhr, auf 17 Rl., und in 1779, bei nur 800,000 ℔ Ausfuhr auf 15 Rl. pr. ℔. Die Ausfuhr nahm nunmehr bedeutend ab und fiel im Jahr 1793 bis auf 334,250 ℔. Der Durchschnittspreis jenes Jahres war dennoch nur 13½ Realen, und als das Jahr darauf die Ausfuhr wieder auf 655,550 ℔ stieg, sank der Preis auf 10½ Rl. pr. ℔. Auf dieser niedern Stufe sollte aber damals der Artikel nicht lange bleiben, und schon in 1800 stand er wieder auf 19 Rl., in 1803 auf 21 Rl. und in 1809 sogar auf 33 Rl.! Der Preis hielt sich bis zur mexicanischen Revolution (1820/21) ungefähr auf jener Höhe, mit der alleinigen Ausnahme des Jahrs 1813, wo seltsam genug die Ausfuhr nur 178,875 ℔ betrug (der geringsten seit 1758) und der Preis auf 15 Rl. sank; das darauf folgende Jahr war er wieder 25 Rl.
Das seltsamste bei dieser Preis-Fluctuation ist, daß sie während einer Zeit Statt fand, wo die Spanier das Monopol dieses Handels hatten, und diesen, in Europa damals den edlen Metallen an Stabilität fast gleich geachteten, Artikel in Cadiz, dem Stapelplatze desselben, immer auf einer bedeutenden Höhe zu erhalten wußten.
Seit der Befreiung des mexicanischen Verkehrs mit Europa war der Gang des Handels mit Cochenille der folgende:
[S. 226]
|
Ausfuhr aus dem Staat von
Oaxaca fast ausschließlich nach Vera-Cruz |
Durchschnitts-
preis pr. ℔ in Oaxaca |
Werth
|
||||
|
Pfund
|
Seronen
|
Reales
|
Pesos
|
|||
|
in
|
1823
|
408,150
|
oder
|
2041
|
16½
|
841,809. 3
|
|
„
|
1824
|
377,412
|
„
|
1887
|
16¾
|
790,207.—
|
|
„
|
1825
|
394,037
|
„
|
1970
|
19.—
|
935,839.—
|
|
„
|
1826
|
357,612
|
„
|
1788
|
18.—
|
804,628.—
|
|
„
|
1827
|
610,187
|
„
|
3051
|
18.—
|
1,395,470.—
|
|
„
|
1828
|
398,187
|
„
|
1991
|
14. 6
|
741,714.—
|
|
„
|
1829
|
498,862
|
„
|
2494
|
13.—
|
810,651.—
|
|
„
|
1830
|
400,438
|
„
|
2002
|
12. 6
|
625,683.—
|
|
„
|
1831
|
350,000
|
„
|
1750
|
11.—
|
481,250.—
|
|
„
|
1832
|
635,075
|
„
|
3175
|
9. 6
|
754,151.—
|
Da nun der Werth der Waare durch Einkaufs-Provision, Ausgangszoll aus dem Staat von Oaxaca und Fracht nach Vera-Cruz, so wie ferner durch Provision und Spesen in dem Hafen bis am Bord, an 2¼ à 2½ Rl. pr. ℔ gesteigert wird, so kann der Durchschnittswert der Ausfuhr der Cochenille nach Europa, für diese 10 Jahre nach der Eröffnung des mexicanischen Handels, auf circa $ 1,000,000 im Jahr angenommen werden, das Quantum aber zu 443,000 ℔.
|
Der jährliche Durchschnitt
|
von
|
1760 à 69
|
war
|
870,000
|
℔
|
|
„
|
1770 à 79
|
„
|
1,000,000
|
„
|
|
|
„
|
1780 à 89
|
„
|
680,000
|
„
|
|
|
„
|
1790 à 99
|
„
|
468,000
|
„
|
|
|
„
|
1800 à 9
|
„
|
360,000
|
„
|
|
|
„
|
1810 à 19
|
„
|
342,000
|
„
|
|
|
„
|
1821 à 32
|
„
|
443,000
|
„
|
Die Production dieses interessanten Artikels hat also durch die Revolution nicht nur nicht ab-, sondern im Vergleich mit den vorangegangenen zwei Jahrzehnten zugenommen.
[S. 227]
Quantität der Exportation aus dem Staat Oaxaca, Durchschnittspreise pr. Jahr und Total-Werth von 1758 bis 1830.
(Aus der Exposicion des Gouvernements des Staats von Oaxaca von 1831.)
|
Jahr
|
Pfunde
|
Seronen
|
Preis
Rl. |
Total-Werth
$ |
|
1758
|
675,562
|
3378
|
16. 6
|
1,393,346. 5
|
|
1759
|
686,812
|
3434
|
16. 6
|
1,416,549. 6
|
|
1760
|
1,067,625
|
5338
|
16.—
|
2,135,250.—
|
|
1761
|
788,625
|
3943
|
15.—
|
1,478,671. 7
|
|
1762
|
832,500
|
4162
|
14. 9
|
1,534,921. 7
|
|
1763
|
599,625
|
2998
|
15. 6
|
1,161,848. 3
|
|
1764
|
898,875
|
4494
|
19. 6
|
2,191,007. 6
|
|
1765
|
1,082,250
|
5411
|
18. 6
|
2,502,703. 1
|
|
1766
|
932,625
|
4663
|
19. 6
|
2,273,273. 3
|
|
1767
|
849,375
|
4247
|
19. 6
|
2,070,351. 4
|
|
1768
|
621,000
|
3105
|
22. 6
|
1,746,562. 4
|
|
1769
|
1,024,312
|
5122
|
24. 6
|
3,136,957.—
|
|
1770
|
1,043,437
|
5217
|
25.—
|
3,260,742. 2
|
|
1771
|
1,050,187
|
5251
|
32.—
|
4,200,748.—
|
|
1772
|
839,678
|
4198
|
30.—
|
3,148,790. 5
|
|
1773
|
782,438
|
3912
|
25. 6
|
2,494,020.—
|
|
1774
|
1,558,125
|
7791
|
17. 6
|
3,408,398. 2
|
|
1775
|
837,000
|
4185
|
16.—
|
1,674,000.—
|
|
1776
|
808,550
|
4043
|
17.—
|
1,718,168. 6
|
|
1777
|
1,244,812
|
6224
|
15.—
|
2,334,023. 4
|
|
1778
|
1,057,800
|
5289
|
16.—
|
2,115,600.—
|
|
1779
|
842,625
|
4213
|
15.—
|
1,579,921. 7
|
|
1780
|
1,385,437
|
6927
|
17.—
|
2,944,054. 6
|
|
1781
|
464,625
|
2323
|
17.—
|
987,328. 1
|
|
1782
|
1,035,675
|
5178
|
17.—
|
2,200,809. 3
|
|
1783
|
990,000
|
4950
|
18.—
|
2,247,750.—
|
|
[S. 228]
1784
|
535,900
|
2679
|
16.—
|
1,071,800.—
|
|
1785
|
537,750
|
2689
|
17.—
|
1,142,718. 6
|
|
1786
|
610,875
|
3054
|
16. 6
|
1,259,929. 6
|
|
1787
|
451,125
|
2256
|
16.—
|
902,250.—
|
|
1788
|
317,662
|
1588
|
16.—
|
635,324.—
|
|
1789
|
478,125
|
2391
|
15. 6
|
926,367. 2
|
|
1790
|
471,150
|
2356
|
16.—
|
942,300.—
|
|
1791
|
538,650
|
2693
|
16. 6
|
1,109,715. 5
|
|
1792
|
433,125
|
2166
|
15.—
|
812,109. 3
|
|
1793
|
334,250
|
1671
|
13. 6
|
564,046. 7
|
|
1794
|
655,550
|
3278
|
10. 6
|
860,409. 3
|
|
1795
|
584,125
|
2921
|
12.—
|
876,187. 4
|
|
1796
|
207,450
|
1037
|
17. 6
|
453,796. 7
|
|
1797
|
493,425
|
2467
|
15. 6
|
956,010. 7
|
|
1798
|
512,325
|
2562
|
18.—
|
1,152,731. 2
|
|
1799
|
452,675
|
2263
|
19. 6
|
1,103,395. 3
|
|
1800
|
374,400
|
1872
|
19.—
|
889,200.—
|
|
1801
|
406,012
|
2030
|
18.—
|
913,528. 1
|
|
1802
|
433,550
|
2168
|
19.—
|
1,029,681. 2
|
|
1803
|
559,350
|
2797
|
21.—
|
1,468,293. 6
|
|
1804
|
346,500
|
1732
|
28. 6
|
1,234,406. 2
|
|
1805
|
191,250
|
956
|
23.—
|
549,843. 6
|
|
1806
|
251,550
|
1258
|
27.—
|
848,981. 2
|
|
1807
|
341,550
|
1708
|
29.—
|
1,238,118. 6
|
|
1808
|
358,200
|
1791
|
29.—
|
1,298,488. 6
|
|
1809
|
343,350
|
1717
|
33.—
|
1,416,318. 6
|
|
1810
|
545,727
|
2729
|
29.—
|
1,978,262. 2
|
|
1811
|
478,912
|
2395
|
28. 6
|
1,706,125. 6
|
|
1812
|
199,800
|
999
|
20.—
|
499,500.—
|
|
1813
|
178,875
|
894
|
15.—
|
335,390. 5
|
|
1814
|
327,937
|
1640
|
25.—
|
1,024,804. 6
|
|
[S. 229]
1815
|
283,275
|
1416
|
24.—
|
849,825.—
|
|
1816
|
352,687
|
1763
|
32.—
|
1,410,748.—
|
|
1817
|
315,000
|
1575
|
29.—
|
1,141,875.—
|
|
1818
|
250,412
|
1252
|
28. 6
|
892,092. 6
|
|
1819
|
493,200
|
2466
|
27. 6
|
1,695,375. 5
|
|
1820
|
—
|
—
|
—
|
—
|
|
1821
|
311,787
|
1559
|
23.—
|
896,387. 5
|
|
1822
|
433,063
|
2165
|
18. 6
|
1,001,457.—
|
|
1823
|
408,150
|
2041
|
16. 6
|
841,809. 3
|
|
1824
|
377,412
|
1887
|
16. 9
|
790,207. 3
|
|
1825
|
394,037
|
1970
|
19.—
|
935,837. 7
|
|
1826
|
357,612
|
1788
|
18.—
|
804,628. 1
|
|
1827
|
610,187
|
3051
|
18.—
|
1,395,420. 6
|
|
1828
|
398,187
|
1991
|
14. 6
|
721,714. 7
|
|
1829
|
498,862
|
2494
|
13.—
|
810,651. 4
|
|
1830
|
400,438
|
2002
|
12. 6
|
625,683. 5
|
|
1831
|
350,000
|
1750
|
11.—
|
481,250.—
|
|
1832
|
635,075
|
3175
|
9. 6
|
754,151. 4
|
|
Ao. 1820 fehlt aus
Mangel an Daten.
|
||||
|
10 Seronen zu 8 Arroben oder 200 ℔
netto jede, sind 2000 ℔
à 10 Rl.
|
$ 2500.—
|
|
Ausfuhrzoll aus dem Staat von Oaxaca
à $ 3.
|
„ 300.—
|
|
Einschreibe-Gebühren
|
„ 10. 6
|
|
[S. 230]
Wägen und reinigen à
6 Rl.
|
„ 7. 4
|
|
Packen in Säcke und Häute
à $ 4
|
„ 40.—
|
|
Courtage und Lagermiethe 1 pCt
|
„ 25.—
|
|
Einkaufs-Provision 5 pCt.
|
„ 125.—
|
|
$ 3008.—
|
|
|
Fracht von Oaxaca nach Vera-Cruz
à $ 15 pr. Carga (2 Seronen)
|
„ 75.—
|
|
Verschiffungs-Kosten in Vera-Cruz
à 12 Rl
|
„ 15.—
|
|
Provision im Hafen 2½ pCt. auf $ 3200
|
„ 80.—
|
|
$ 3178.—
|
|
|
Diese $ 3178 — 60 Tage Sicht auf Frankreich
gezogen zu 5 Fr. macht
|
Fr. 15891.25
|
|
Fracht von Vera-Cruz nach Bordeaux zu $ 6
mit 10 pCt. pr. Serone
|
„ 330.—
|
|
Assecuranz auf 17000 Fr. zu 2 pCt
|
„ 340.—
|
|
Kosten im Hafen von Bordeaux
|
„ 90.—
|
|
Fr. 16651.25
|
2000 ℔ netto in Oaxaca ergeben 1800 ½ Kilogr. in Bordeaux; diese dividirt in Fr. 16651.25 — macht 9 Fr. 25 Cent. pr. ½ Kilogr.
Das Haupt-Tauschmittel Mexico’s in seinem Verkehr mit Europa, Nord- und Süd-Amerika ist Silber und etwas Gold. — Man kann die jährliche Ausfuhr von beiden edlen Metallen aus allen Häfen der Republik in gemünztem [S. 231]und ungemünztem Zustande zu circa fünfzehn Mill. Dollars annehmen. — Die Ausfuhr in ungemünztem Zustande, d. h. in Barren (wenn erlaubt, was nicht immer der Fall) ist vortheilhafter als in gemünztem, ungeachtet die Ausgangs-Rechte aus Barren 7 pCt. sind, während gemünztes Silber nur 3½ pCt. und gemünztes Gold nur 2 pCt. zahlt.
Die nächstwichtige Ausfuhr von Mexico ist sodann Cochenille, deren Werth, wie die vorangehende Uebersicht ausweis’t, auf Eine Million Dollars im Jahr veranschlagt werden darf.
Die sonstige Waaren-Ausfuhr ist, besonders an der Ostküste, bis jetzt noch sehr geringe. Von den Häfen an der Westküste wird nicht unbedeutend Zucker nach Chili ausgeführt, und Californien liefert ein beträchtliches Quantum von gesalzenen Ochsenhäuten und schönes Pelzwerk, wie Bären-, See-Otter- und andere Felle, aber die Häfen an der Ostküste haben bis jetzt, Cochenille ausgenommen, keine andere Waaren-Ausfuhr als etwas Xalapa, Sassaparilla, Vanille und Tabasco-Pfeffer, deren Gesammt-Werth einige hundert tausend Dollars im Jahr wohl nicht übersteigen dürfte. Dennoch theile ich die Ansicht nicht, daß Mexico zur Ausfuhr tropischer Erzeugnisse (Colonial-Producte) sich deshalb nicht eigne, weil z. B. die Weg-Verbindungs-Mittel im Lande zu schwierig und der Transport nach der Küste mithin zu theuer wäre, sondern bin der Meinung, daß dies nur auf einige, von den Häfen sehr entlegene Theile der Republik anwendbar sei, und daß die nach dem Meere hin gelegenen Staaten, insbesondere jener von Vera-Cruz, bei zunehmender Bevölkerung und dadurch vermehrten Anbau des so überaus fruchtbaren Bodens, dereinst eine große Rolle in der Ausfuhr von Colonial-Waaren spielen werden; namentlich in Taback und Kaffee.
[S. 232]
Taback, welcher hauptsächlich in der Gegend von Orizaba und Cordova gezogen wird, war bisher ein Monopol der Regierung, welche den ausschließlichen Aufkauf und Debit des Artikels in der ganzen Republik an eine Actien-Gesellschaft verpachtete und bedeutende Revenüen davon zog, die freie Entwickelung der Cultur dieser Pflanze aber auch, wie natürlich, dadurch hemmte. Die Gesellschaft lös’t sich aber nun auf und der Anbau des Tabacks soll freigegeben werden. — Geschieht dies, so wird eine bedeutende Concurrenz eintreten und der Preis des Artikels wird hinlänglich fallen, um eine Nutzen gebende Ausfuhr möglich zu machen. Die Qualität dieses Blätter-Tabacks ist mitunter sehr schön und dem besten Havanna völlig gleichkommend. Die Fracht von Orizaba nach dem Hafen von Vera-Cruz ist nur ein Dollar pr. Centner, und Ausgangs-Zoll haftet auf keinem der Ackerbau-Producte des Staats.
Kaffee wächst meistens in der Nähe von Cordova; die Qualität ist gut; die Bohne ist klein, grünlich von Farbe und rein von Geschmack; — auch die kleine runde Mocca-Bohne hat man hierher verpflanzt, doch kommt davon wenig an den Markt. — Obwohl nun an Kaffee nicht mehr producirt als im Lande consumirt wird, so sind doch von Zeit zu Zeit kleine Partheien davon von Vera-Cruz ausgeführt worden, meistens nach New-York, wo man die Qualität liebt. Der Preis war im Jahr 1832 10 à 11 $ der Centner ab Vera-Cruz, wobei der Pflanzer, wenn er eine ergiebige Plantage im Gange hat, wie die nachstehende Aufstellung zeigt, sehr schön verdient.
Ich verdanke diese Berechnung einem unserer Landsleute, der vor 6 Jahren zwischen Jalapa und Cordova, mit anfänglich sehr beschränkten Mitteln eine Kaffee-und Zucker-Plantage angelegt hat, und sich jetzt außerordentlich gut dabei steht. — An der Richtigkeit der Preise und Werth-Angaben dieser Calculation dürfte also wohl nicht zu zweifeln seyn.
[S. 233]
|
Ausgesuchtes Land für 100,000 Kaffee-Bäume, 500
Tareas à 900
Varas jede,
würde ungefähr kosten |
$ 1000.—
|
||||||
|
Kosten der Bearbeitung:
|
|||||||
|
500
|
Tareas
|
Unterholz
|
zu fällen
|
à 3 Rl.
|
$ 187.4
|
||
|
„
|
„
|
Hochwald
|
„
|
à 1 $
|
„ 500.–
|
||
|
„
|
„
|
aufzuräumen
|
„
|
à 6 Rl.
|
„ 375.–
|
||
|
„ 1062. 4
|
|||||||
|
Das erste Jahr braucht
dieses Land sechs Reinigungen, jede Tarea à
3 Rl. sind
|
|||||||
|
500 Tareas à 18 Rl.
|
$ 1125
|
||||||
|
Pflanzen und nachpflanzen
|
„ 100
|
||||||
|
Aufseher à 4 Rl.
pr. Tag
|
„ 200
|
||||||
|
Mais-Saamen
|
„ 50
|
||||||
|
Im ersten Jahr wird producirt
|
$ 1475
|
||||||
|
als Mittelschlag,
300 Cargas Mais à $3
|
$ 900
|
||||||
|
Ab Erndte, Einbringen etc.
|
„ 150
|
||||||
|
|
„ 750
|
||||||
|
|
„ 725.—
|
||||||
|
Im zweiten Jahr sind
abermals sechs Reinigungen erforderlich, wie oben
|
$ 1125
|
||||||
|
Pflanzen und nachpflanzen
|
„ 100
|
||||||
|
Aufseher à 4 Rl.
täglich
|
„ 200
|
||||||
|
Frijolen-Saamen
|
„ 50
|
||||||
|
Producirt dieses Jahr: 125 Cargas
|
$ 1475
|
||||||
|
Frijolen à 8 $
|
$ 1000
|
||||||
|
Ab Erndte, Einbringen etc.
|
„ 150
|
||||||
|
|
„ 850
|
||||||
|
|
„ 625.—
|
||||||
|
[S. 234]
Das dritte Jahr hat
dieselben Ausgaben und Einnahmen wie das zweite, also Ueberschuß der
Kosten
|
„ 625.—
|
||||||
|
Das vierte Jahr producirt
nun schon Kaffee und zwar wenigstens
100,000 ℔, und erfordert folgende Ausgaben:
|
|
||||||
|
Fürs
|
Abpflücken
|
2 Rl.
|
pr. Arroba (25 ℔)
|
|
|
||
|
„
|
Reinigen
|
1 „
|
„
|
|
|
||
|
„
|
Umwenden
|
1 „
|
„
|
|
|
||
|
|
|
4 Rl.
|
pr. Arroba sind für 1000 Ctr.
|
„ 2000.—
|
|||
|
Die sechs Reinigungen bleiben dieselben wie in
den frühern Jahren
|
„ 1125.—
|
||||||
|
Aufseher à 4 Rl.
pr. Tag
|
„ 200.—
|
||||||
|
Eine Kaffee-Reinigungs-Maschine wird nun nothwendig
und kostet, von Nordamerika bezogen
|
„ 400.—
|
||||||
|
Total
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$ 7762. 4
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Hierfür besitzt nun der Pflanzer im vierten Jahr 100,000 ℔ Kaffee, und will er mit diesen seine Anlage ganz frei machen, so muß er dafür in Vera-Cruz, bis wohin ihn der Ctr. 1 $ Fracht und 1 $ Emballage und sonstige Spesen kostet, — 10 $ pr. Ctr. erhalten. |
|||||||
|
Das fünfte Jahr producirt ihm aber seine Plantage wenigstens das Doppelte, sage 2000 Ctr. Kaffee. |
|||||||
|
Diese kosten ihn fürs Einsammeln u. s. w.
nach obigem Ansatz von 4 Rl. pr. Arroba
|
$ 4000.—
|
||||||
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Die mehrerwähnten jährlichen Reinigungen
|
„ 1125.—
|
||||||
|
Fracht, Emballage und Spesen bis Vera-Cruz wie
oben, à $ 2 pr. Ctr. für 200 Ctr.
|
„ 4000.—
|
||||||
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$ 9125.—
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macht den Ctr. 4½ $ ab Vera-Cruz!
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[S. 235]
Die darauf folgenden Jahre versprechen alsdann noch vortheilhafter zu werden. — Die Kosten sind hier aufs höchste und die Production aufs niedrigste veranschlagt!
Die in Mexico gangbaren Münz-Sorten sind:
a. Gold in Unzen, (onzas) vom Gewicht von 17 dwt. und 8 gr. 1000 Stück wiegen mithin 866 Unzen.
Der Silber-Werth einer Unze ist al pari 16 Pesos. Da nun ein Peso einer Unze im Gewicht ganz gleich ist, so constatirt dies das relative Verhältniß von Gold zu Silber in Mexico wie 1 zu 16.
Wenn Gold gesucht wird, was in Mexico wie anderwärts häufig der Fall ist, so steigen die Unzen, und ich habe sie auf 17 $ 2 à 4 Rl. Silber gekannt.
Es werden sodann auch ½, ¼, ⅛ und ¹⁄₁₆ Unzen geprägt; von letzteren sind aber nur wenige im Umlauf.
b. Silber. Pesos (Dollars) gleichfalls 17 dwt. und 8 gr. wiegend, oder 1000 Stück auf 866 Unzen Gewicht.
Die Unterabtheilung eines Peso ist 8 Reales. Halbe Pesos giebt es nicht, dagegen viele viertel Pesosstücke, Pesados genannt, sodann Reales und Medios, oder halbe Reales, so wie Cuardillos oder viertel Reales, von letztern aber nur wenige.
c. Kupfer sollte nur als Scheide-Münze im Lande coursiren, ist aber in der letzten Zeit während den Geld-Verlegenheiten des Gouvernements in so großer Menge geprägt worden, daß es in den Großhandel eingedrungen und darin [S. 236]so lästig geworden ist, daß man es oft mit 2 bis 3 pCt. Verlust los zu werden versucht hat. Kupfer-Geld wird im Großhandel nie gezählt, sondern in Säcken von 100 $ Werth, nur dann und wann gewogen. Auch die Silber-Zahlungen werden in Säcken von der runden Summe von 1000 $ gemacht; diese heißen dann Talegas, doch werden sie in der Regel nachgezählt, und nur allenfalls bei ganz großen Verhandlungen und bei genauer Bekanntschaft der Partheien, bloß nachgewogen.
Papier-Geld existirt bis jetzt noch keins in Mexico; es ist jedoch schon mehrmal die Rede von einer National-Bank gewesen, und es dürfte wohl ein solches Institut in nicht gar langer Zeit ins Leben treten und durch Ausgabe eines gut fundirten Papier-Geldes dazu beitragen, den hier so sehr hohen Zinsfuß zu ermäßigen. Jetzt wird oft von den ersten und solidesten Häusern Geld zu 2 bis 3 pCt. pr. Monat aufgenommen, und das Gouvernement hat, unter Sanction des National-Congresses, Anleihen zu dem enormen Zinsfuß von 5 pCt. pr. Monat abgeschlossen.
Das Gewicht in Mexico ist das Castilianische, den Quintal oder Centner zu 100 ℔ oder 4 Arrobas, jede zu 25 ℔, gerechnet.
An der Douane werden 104 ℔ englisch und 45½ Kilogr. französisch Gewicht für 100 ℔ mexicanisch angenommen, was jedoch nicht ganz richtig ist, indem es heißen müßte, 100 ℔ englisch sind = 96 ℔ mexicanisch u. s. w.
[S. 237]
Carga ist die von einem Esel (burro), Maulthier (Mula), oder Pferd (Caballo) getragene Last, und bezeichnet ein Gewicht, nach dem mehreres ge- und verkauft wird, und nach welchem auch insbesondere die Frachten bestimmt werden, aber es existirt keine feste Norm dafür und wechselt nach Maaßgabe der Thierart, Stärke der Thiere und Beschaffenheit der Wege. Man kann das Minimum des Gewichts einer Carga auf 300 ℔ und das Maximum auf 400 ℔ anschlagen.
**
*
Das allgemein eingeführte Längen-Maas ist die castilianische Vara, welche am Zoll im folgenden Verhältniß zu den fremden Messungen angenommen und verrechnet wird:
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100 englische Yards
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=
|
108
|
Varas
|
|
100 französische Aunes
|
=
|
140
|
„
|
|
100 brabanter Ellen
|
=
|
81
|
„
|
|
100 jetzige aunes des pays
bas oder französische Metres
|
=
|
116
|
„
|
|
100 Bremer Legge oder doppelte Ellen
|
=
|
140
|
„
|
|
100 Wiener Ellen
|
=
|
92
|
„
|
|
100 Berliner Ellen
|
=
|
78½
|
„
|
|
100 Breslauer Ellen
|
=
|
69½
|
„
|
|
100 Hamburger Ellen
|
=
|
67½
|
„
|
|
100 Leipziger Ellen
|
=
|
66⅔
|
„
|
**
*
Das Maas der Flüssigkeiten wird am mexicanischen Zoll nach dem Gewicht berechnet und ist nach diesem besteuert. Der Inhalt von 12 gewöhnlichen Flaschen Wein wird dabei auf ¾ Arrobas veranschlagt; das sogenannte Baril Branntewein auf 5 Arrobas, das Baril Wein oder Essig auf 5½ Arrobas, mit einem Nachlaß von 10 pCt. für Leckage.
[S. 238]
Der Grundsatz nach welchem die Besteuerung der zur Einfuhr in Mexico erlaubten Waaren stattfindet, ist 40 pCt. vom dortigen Werth und es heißt deshalb auch in den Bestimmungen des Tarifs, daß alle darin nicht benannten Waaren im Hafen geschätzt und hierauf 40 pCt. erlegt werden sollen. Der Tarif ist indessen sehr ausführlich, und bezeichnet fast alle Einfuhr-Artikel bei Namen, mit genauer Bestimmung des darauf fallenden Zolls.
Hieraus entsteht nun eine große Ungleichheit in der Besteurung, viele Artikel bezahlen weit weniger als 40 pCt. von ihrem Werthe, andere bedeutend mehr.
Der Tarif ist für alle Theile der Republik derselbe, mit Ausnahme des Staates von Yucatan und der beiden Californien, welche der Eigenthümlichkeit ihrer Lage wegen nur ⅗ der eingehenden Rechte entrichten; wenn jedoch von da aus Waaren nach den andern Theilen der Republik versandt werden, so müssen die fehlenden ⅖ der vollen Rechte schon bei der Verschiffung im Hafen nachbezahlt werden.
Niederlagen für die Wiederausfuhr, oder Rückzölle bei derselben, gestattet das mexikanische Zollsystem keine. — Alle eingeführten Waaren müssen den vollen Zoll erlegen, und man bekommt davon bei der Wiederausfuhr nichts zurück. Die mexicanischen Häfen erhalten mithin auch keine andere Zufuhren, als die für den Consum des Landes berechneten.
Verboten für die Einfuhr sind:
Zucker, Kaffee, Chocolade (Cacao ist erlaubt), Reis, Getreide, Mehl (letzteres ist zur Einfuhr nach Yucatan erlaubt), [S. 239]geräuchertes und gesalzenes Fleisch, Salz, Taback und Cigarren; Brantewein der nicht ans Trauben gewonnen wird, mit Ausnahme von Genever, dessen Einfuhr erlaubt ist; verarbeitetes Wachs, Seife und Talg, Blei und Kupfer, Stiefel und Schuhe und Sattelwerk, so wie alles was aus Leder gearbeitet ist; — fertige Kleidungsstücke, Nähgarn unter No. 20, wollene Decken; ordinaires Tuch, gemeines Theegeschirr, Schnüre und Tressen u. dgl. m.
Diese Verbote rechtfertigt man dadurch, daß die enumerirten Artikel im Lande selbst erzeugt und angefertigt würden.
Frei von allen Abgaben bei der Einfuhr sind:
Gedruckte Bücher, geographische Charten, Maschinen und Instrumente für Künste und Wissenschaften, Ackerbau und Bergbau; gedruckte oder geschriebene Musik und Schieferschreibtafeln mit hölzernen Rahmen für Schulen, Quecksilber, Häuser von Holz, Schiffe und Fahrzeuge zur Nationalisirung und Verkauf, ausländische Pflanzen und deren Sämereien, ausländische Thiere und endlich englisches Wundpflaster.
Ausfuhr-Verbote enthält der mexicanische Tarif, mit Ausnahme des Samens oder der Brut der Cochenille, keine, denn das Verbot der Ausfuhr der edlen Metalle im ungemünzten Zustande, ist schwankend, und wird häufig suspendirt und aufgehoben. Alle Landesproducte gehen ganz frei aus und nur die edlen Metalle bezahlen an ausgehenden Rechten das Folgende:
|
Gold, in gemünztem oder
verarbeitetem Zustande
|
2
|
pCt.
|
|
|
Silber,
|
in demselben Zustande
|
3½
|
„
|
|
„
|
in ungemünztem Zustande, d.h. in Barren
|
7
|
„
|
Außerdem werden aber auch noch 2 pCt. Circulations-Rechte bei der Versendung von Comptanten aus dem Innern nach der Küste erhoben, dergestalt, daß der mexicanische Dollar [S. 240]oder Peso gar viele Abzüge erleidet ehe er in Europa zur Realisation kommt, nemlich:
|
1)
|
1
|
pCt.
|
mehr oder weniger, Spesen der Conducta bis in den
Hafen
|
|
2)
|
2
|
„
|
Circulations-Rechte
|
|
3)
|
¾
|
„
|
Provision und Spesen im Hafen
|
|
4)
|
3½
|
„
|
Ausgangs-Rechte
|
|
5)
|
1¼
|
„
|
Seefracht und Spesen bis in die Bank von England
|
|
6)
|
1⅜
|
„
|
Assecuranz und Stempel
|
|
7)
|
¾
|
„
|
Provision, Courtage und Spesen beim Verkauf
|
|
10⅝
|
pCt.
|
|
Der Brutto-Werth des Dollars in England ist
beim Preis von 57 d. pr. Unze
|
49¼
|
à
|
⅜ d.
|
|
Hiervon ab 10⅝ pCt. Kosten
|
|
|
5¼ d.
|
|
Bringt die Parität des Wechsel-Courses
mit der Baarsendung von Mexico auf London, auf
|
44–
|
à
|
⅛ d.
|
|
und von Vera-Cruz, wo 1, 2, 3 der Spesen
wegfallen, auf
|
45¾
|
à
|
⅞ d.
|
Es ist notorisch, daß der Boden Mexico’s unerschöpfliche Massen der edlen Metalle, namentlich des Silbers, enthält. Minder bekannt dürfte seyn, daß eine große Verschiedenheit in dem Gehalt der Erze, welche man aus der Erde gräbt, obwaltet, und daß, während man z. B. in der Provinz Sonora Gruben hat, in welchen man fast gediegenes Silber findet, [S. 241]es in anderen Gegenden Bergwerke giebt, die zwar an Erzen sehr ergiebig sind, welche in Europa, wo man durch vollendete Schmelzproceduren auch den kleinsten Silber-Gehalt aus dem Erze zu ziehen versteht, für reich gelten würden, die aber in Mexico, der unvollkommenen Zugutemachungs-Anstalten wegen, völlig werthlos sind und mithin unbenutzt bleiben; denn wenn die im Erz enthaltene Mark Silber mehr zu extrahiren kostet, als sie in der Münze werth ist, so setzt man natürlich eine solche Operation auf die Dauer nicht fort, man vernachlässigt mithin alle Werke, deren Erze nicht genug reichhaltig sind, die kostspielige Extrahirung durch die Amalgamation mit Quecksilber zu ertragen, und selbst dann noch einen Ueberschuß zu liefern, wenn durch diese Procedur, wie stets der Fall, 40 bis 50 pCt. Silber verloren gegangen sind.
Bittere Erfahrungen sind in dieser und anderer Beziehung von den europäischen und nordamerikanischen Minen-Spekulanten gemacht worden, man hat theils die Verhältnisse des mexicanischen Bergbaues nicht gehörig erkannt, theils Mißgriffe in der Wahl der Bergwerke und ihrer Dirigenten gemacht, und ist in keinem einzigen Fall mit der nöthigen Oeconomie zu Werke gegangen. Ganz besonders aber hat man es darin versehen, daß man sich durch glänzende Namen, früher freilich ergiebiger, aber nun ins Stocken gerathener und zum Theil ersoffener Gruben, täuschen ließ, und enorme Summen Geldes für die Erlaubniß, sie zu bearbeiten, an die Eigner, welche sie bereits als verloren betrachteten, bezahlte, statt in andern Revieren jungfräuliche Gruben aufzusuchen, die man umsonst hätte haben können. Viele Unternehmungen sind daher auch nach vergeblich verausgabten Millionen gänzlich aufgegeben, andere von ihrem ursprünglich über die Maaßen ausgedehnten Umfange auf einen engen Kreis zurückgeführt worden.
[S. 242]
welcher jetzt nur noch die Gruben im Mineral von Anganguco betreibt, und alle die kostspieligen, gemeinschaftlichen Unternehmungen mit Revilla — worauf Hunderttausende verwandt worden — als Verlust bringend, aufgegeben hat. Aber auch Anganguco würde, da die hauptsächlichsten Gruben, Purissima und Valenciana, nur arme Erze liefern, nicht fortgebaut werden können, wenn nicht, durch einen äußerst geschickten und wissenschaftlich gebildeten, deutschen Schmelzer, einen Herrn Franz Schmitz aus Stift Keppel bei Siegen, eine so vervollkommte Schmelzmethode auf den Werken des D. A. Bergwerks-Vereins zu Anganguco eingeführt worden wäre, daß jetzt aus diesen armen Erzen die Mark Silber zu 3¼ Pesos extrahirt wird, während sich früher die Kosten des Schmelzens auf 10 bis 12 Pesos pr. Mark, also auf mehr als den Werth des Silbers, beliefen, die Erze somit gar nicht benutzt werden konnten. Die Amalgamation kam aber durch den enormen Silber-Verlust von 60 pCt. (bei so armen Erzen) noch höher zu stehen.
Man kann also gewissermaßen dieser vervollkommten Schmelzmethode des besagten Herrn Schmitz die Rettung des Unternehmens zuschreiben, wenn, wie zu hoffen steht, diese durch die zweckmäßigen Einrichtungen des Herrn Bevollmächtigten Schleiden nunmehr überhaupt bewirkt ist. Ohne eine solche, verbesserte und verwohlfeilte Schmelzmethode, würde die große Erz-Ergiebigkeit der Grube Purissima dem Verein von keinem Werth seyn, und auch dieses letzte Werk desselben hätte aufgegeben werden müssen, während nunmehr Aussicht vorhanden ist, daß, bei der stattfindenden Vermehrung der Schmelz-Oefen nach der Schmitzschen Methode, ein hinlängliches Quantum [S. 243]von Silber mit Nutzen gewonnen werden wird, um dem Verein endlich eine nachhaltige Ausbeute zu verschaffen.
Die mehrerwähnte vortreffliche Schmelzmethode, welche Herr Schmitz im April-Heft 1832 im Registro Trimestre in Mexico bekannt gemacht und genau beschrieben hat, zog denn auch bereits die Aufmerksamkeit anderer Bergwerks-Besitzer in Mexico auf sich, und dürfte leicht eine bedeutende Revolution in der Silber-Production von Mexico zur Folge haben, indem eines Theils der große, Niemanden zu Gute kommende Silber-Verlust bei der Amalgamation dadurch vermindert und mithin für die Production im Allgemeinen gewonnen werden würde, und andern Theils die jetzt gänzlich werthlos erachteten und mithin, weder durch Amalgamation, noch auf dem Wege der Schmelzung benutzten Erze mit in die Silber-Production hinein gezogen und diese also sehr vermehrt werden könnte.
Ein vortheilhafteres, gewinngebenderes Unternehmen als ein Schmelz-Etablissement nach der Schmitz’schen Manier, in einem Mineral, wo viele arme Erze zu Tage gefördert werden, welche die Mexicaner nicht zu Gute zu machen verstehen, dürfte es denn auch nicht leicht geben, und es würde den unberechenbaren Vortheil über jede Bergwerks-Unternehmung haben, daß dabei von keiner Ungewißheit unter der Erde, von keinen illusorischen Hoffnungen, von keinem Glückauf! die Rede wäre. Ein solches Schmelz-Geschäft würde ein rein mercantilisches Unternehmen seyn; die Erze würden dabei nicht aus dem Schooß der Erde geholt, sondern erst wenn sie bereits über derselben liegen, gekauft, geschmolzen und mit dem darauf gemachten Gewinn in der Münze realisirt werden, und zwar, wo nicht wöchentlich, doch monatlich.
Angenommen, daß die Schmelz-Vorrichtung in einem der zahlreichen, mit Kohlen und Wasser hinreichend versehenen, [S. 244]Reviere angelegt würde, in welchen von den vielen eingebornen kleinern Bergleuten stets arme Erze, von 7 à 9 Unzen Silber in der Carga von 300 ℔, genug gewonnen werden, welche sie jetzt gerne zu 1 Peso die Carga verkaufen, so wäre folgendes die Berechnung:
Die Schmelz-Oefen und Vorrichtung für einen Betrieb von nur 150 Cargas die Woche veranschlagt, erfordert ein Capital von 10 à 12000 Pesos.
|
Ankauf von 150 Cargas Erze à
$ 1, oder möglicherweise bei vermehrter Nachfrage 1¼
à 1½ $, sind pr. Woche
à 1½ $
|
$ 225
|
|
Das Schmelzen, nach den vorliegenden Erfahrungen,
3¼ $ pr. Carga
|
„ 487½
|
|
$ 712½
|
|
|
Jene 150 Cargas Erze liefern 150 Mark Silber,
à 8¼ $, als Preis in der Münze
|
„ 1237½
|
|
wöchentlicher Ueberschuß
|
$ 525
|
monatlich zu realisiren mit $ 2100, oder jährlich mit $ 25,200.
Da in den Schmelzkosten von 3¼ $ pr. Carga alle Kosten und Löhne mit einbegriffen sind, so wäre von diesem großen Gewinn nur das Gehalt des dirigirenden Schmelzers abzuziehen, der jedoch zugleich Bevollmächtigter und Betheiligter bei der Sache seyn müßte. Einem solchen Unternehmen könnte natürlich eine noch weit größere Ausdehnung gegeben werden, und eine hierauf sich bildende Actien-Gesellschaft dürfte gewiß seyn, bessere Geschäfte zu machen, als die bisherigen Bergwerks-Vereine.
Aehnliches besteht übrigens bereits schon in Mexico, unter der dort sehr bekannten Benennung von Rescate-Geschäft; die Rescadores kaufen in den verschiedenen Revieren den Bergleuten die Erze so wohlfeil ab, wie sie können, und [S. 245]machen sie, theils durch Amalgamation, theils durch Schmelzung zu Gute, und finden dabei zwar ihre Rechnung, jedoch nur spärlich, da sie bei ihrer unvollkommenen Verfahrungsweise nur die reicheren und mithin theureren Erze gebrauchen können, und auch diesen nicht so viel Silber abgewinnen, als die deutsche Methode aus den armen Erzen zieht.
**
*
Trotz aller Unvollkommenheiten des mexicanischen Bergbaus, fördert derselbe dennoch alljährlich mehr als 15 Millionen Pesos in Silber und Gold zu Tage, und Mexico führt diese auch aus! — hauptsächlich durch die Packetfahrt nach England, wohin in der Regel auch Deutschland und Frankreich ihre Retouren in Geld gehen lassen, weil directe Verschiffungen für Comptanten nach deutschen und französischen Häfen selten sind; nächstdem wird viel Geld nach Nordamerika versandt, sowohl von Vera-Cruz nach New-York, wie insbesondere von Tampico nach New-Orleans; endlich wird dann auch noch viel Silber, Gold und Goldstaub (letzteres aus den reichen Minen von Sonora) über die Häfen von St. Blas und Acapulco an der Westküste ausgeführt, dergestalt, daß die genannte Summe der Gesammt-Ausfuhr an edlen Metallen aus der Republik Mexico nicht zu hoch erscheint; auf die englischen Packete allein fallen davon bekanntlich circa 8 à 10 Millionen Pesos im Jahr.
Von allen Häfen der Republik führt anjetzo Tampico das meiste Silber aus. Dorthin dirigiren sich nämlich die reichen Conducten von Guanaxuato, Zaccatecas, St. Luis Potosi u. s. w., und es sammelt sich häufig mehr Geld im Hafen, als das englische Packet, welches gesetzlich auf eine Million Pesos beschränkt ist, auf einmal einnehmen kann.
Vera-Cruz erhält die Comptanten, zur Verschiffung ins Ausland, hauptsächlich durch die Conducten von Mexico, [S. 246]Puebla, Oaxaca u. s. w., zusammengenommen aber weniger als Tampico.
Die Gesetze über die Silber- und Gold-Ausfuhr aus Mexico haben oft darin geschwankt, daß die Ausfuhr in Barren, d. h. im ungemünzten Zustande, bald erlaubt bald verboten war. Geprägte Dollars zahlen 3½ pCt. Ausgangsrechte; Silberbarren dagegen 7 pCt., und man glaubte in diesen additionellen 3½ pCt. eine hinlängliche Entschädigung für die Nichtbenutzung der Münz-Anstalten im Lande zu erhalten. Das Gouvernement fand aber bald, daß die Münz-Etablissements hierunter allzusehr litten, und fast ganz unbeschäftigt blieben; die Ausfuhr von Silber, in anderer als gemünzter Gestalt, ward daher wieder verboten. Jetzt scheint man aber einen Mittelweg einschlagen und ausnahmsweise denen Minen-Districten, welche allzuweit von einem Münz-Etablissement entfernt liegen, die Silber-Ausfuhr in Barren gestatten zu wollen.
**
*
Die Münze in der Hauptstadt Mexico ist ein schönes, großartiges und gut administrirtes, von dem Gouvernement in finanzieller Hinsicht gänzlich unabhängiges Etablissement, und diese Unabhängigkeit ist unter andern, während der Revolution von 1832, von allen Parteien, selbst unter den größten Geld-Verlegenheiten, respectirt worden! Die an der Spitze stehenden Männer sind in ihrem Fache wissenschaftlich gebildete Leute, und es herrscht in allen Zweigen der Münze die größte Ordnung und Pünktlichkeit. Man prägt in derselben nicht allein Gold und Silber, sondern auch viele Kupfer-Münzen, letztere fast alle für Rechnung der Regierung, die ein Gesetz erlassen hat, daß in allen Zahlungen ein Drittheil in Kupfergeld angenommen werden solle, da dies nun in [S. 247]Wechsel-Geschäften nicht wohl ausführbar ist, so verliert das Kupfergeld im Groß-Handel oft 2 bis 3 pCt.
In Guanaxuato hat, mit Genehmigung des Staats, eine englische Gesellschaft ein Münz-Etablissement errichtet, welches gut rendiren soll, und dem Minen-Besitzer den Vortheil und die Annehmlichkeit bietet, daß ihm gleich bei Einlieferung des Silbers der genaue Gegensatz in gemünzten Dollars ausbezahlt wird, während man in der Münze zu Mexico, zwei, drei, ja oft vier Wochen warten muß, ehe man das gemünzte Geld gegen die eingelieferten Silberbarren wieder erhält; sind nun gar die Barren goldhaltig, so dauert es oft Monate, ehe die Münze den Gegensatz dafür wieder giebt, da man für diese Ausscheidungs-Operation stets erst ein gewisses Quantum abwartet.
Diesem Uebelstande in der Münze ist es wohl zuzuschreiben, daß ein Franzose ein Privat-Etablissement für die Gold- und Silber-Scheidung durch chemische Procedur errichtet hat, was guten Fortgang haben soll.
Mag es immer wahr seyn, daß Mexico in seiner Cultur noch weit zurück ist, und in der fortschreitenden Entwickelung seiner Civilisation durch die, leider nur allzuhäufigen, innern Unruhen sehr gehemmt wird, so kann es doch dem Auge des vorurtheilsfreien Beobachters nicht entgehen, daß, seit der Emancipation des Landes vom spanischen Joche, ungeheure Fortschritte in der Aufklärung gemacht worden sind, und daß [S. 248]sich überall ein Streben kund thut, die Nation auf eine höhere Stufe der Ausbildung zu führen. Die mitunter zum Erstaunen ausführlichen Berichte der verschiedenen Ministerien des Innern, der Finanz, Justiz u. s. w., welche gesetzlich jedes Jahr den Kammern vorgelegt und dann durch den Druck veröffentlicht werden, liefern schöne Beweise von dem bereits Geschehenen und von dem guten Willen mehr zu thun! Ich habe jene Berichte vom Jahre 1832 vor mir liegen, und finde darin vieles was kein europäisches Gouvernement zu adoptiren Anstand nehmen würde. Besonders erfreulich sind aber dabei die Unterstützungen, welche, obgleich freilich noch nicht in hinlänglichem Maße, den Civil-Institutionen und Unternehmungen zugewandt werden; denn wenn auch, wie nicht zu läugnen, dabei hier und da Mißgriffe stattfinden, so tragen solche Bestrebungen doch stets dazu bei, Licht zu verbreiten, Ideen zu wecken und zu berichtigen, kurz das Ganze vorwärts zu bringen.
Hierher gehört besonders die vielbesprochene Banco de Avio (Industrie-Belebungs-Bank), eine Schöpfung des Ministers Alaman, welche von seinen zahlreichen Widersachern häufig scharf getadelt worden ist, die ich aber in ihrer Theorie vollkommen billige und mithin auch den gemachten großartigen Versuch in Schutz nehme, ohne darum gerade jede einzelne Verhandlung der Bank gutheißen zu wollen.
Die Idee im Allgemeinen spricht mich aber sehr an! Alaman dachte, und wie mich dünkt mit Recht, da bereits aus mehreren Punkten der Republik ein gewisser Grad von Fabrik-Industrie existire, so würde die Anlage von Normal-Anstalten dazu beitragen, die Zahl z. B. der Spinnereien und Webereien u. s. w. zu vermehren, und Kenntnisse des Auslandes heranziehen, welche die Verarbeitung derjenigen rohen Producte, die Mexico nicht mit Vortheil ausführen kann, wie z. B. Wolle und Baumwolle, im Lande selbst befördern [S. 249]müßten. Er dachte ferner, und wie ich glaube, mit gleichem Rechte, daß in einem Lande wie Mexico, wo der Zinsfuß so hoch ist, daß selbst das Gouvernement oft 3-4 ja 5 pCt. pr. Monat bezahlt, Fabrik-Unternehmungen und neue Ackerbau-Anlagen einer wohlfeileren Capital-Unterstützung bedürften, und setzte es daher bei den Kammern durch, daß von den Zöllen auf Baumwollen-Waaren, ein Theil zurückgelegt würde, um daraus für die besagte Banco de Avio, den Fond von einer Million Dollars zu bilden, der alsdann, unter der Leitung einer besonderen Administration, zu den oben angedeuteten Zwecken verwandt werden sollte. Dieser Fond war nun zwar noch nicht completirt, die Bank aber doch schon seit 14 Monaten in Wirksamkeit getreten, und die Direction, an deren Spitze der Minister Alaman steht, hat in diesem Jahre einen Bericht darüber erstattet, von dem ich hier einiges aushebe:
“Die Aufmerksamkeit des Etablissements richtete sich vor allen Dingen auf die Schaafzucht, auf die Bienenzucht für die Gewinnung des Wachses, und auf die Baumwollenstaude, in der Absicht, diesen wichtigen Zweigen im ganzen Lande nach Maaßgabe der verschiedenen climatischen und andern Verhältnisse, die möglichste Nachhülfe zu leisten. Die aus allen Theilen der Republik eingelaufenen Berichte haben leider ergeben, daß der jetzige Stand der Landes-Industrie keinesweges ein günstiger ist. Bedeutende Strecken Landes, welche Wasser und Wiesengrund genug haben, um große Heerden Schaafe zu unterhalten, liegen brach und bleiben, theils aus Mangel an Capitalien zur Anschaffung der Heerden, theils aus Trägheit des Volkes, unbenutzt. Die wenige Wolle welche man sammelt, wird zu den gröberen Geweben verwandt, weil man die Kunst der Veredlung des rohen Materials nicht kennt, das feste und dauerhafte Färben nicht versteht und noch keine Begriffe von den Mitteln hat, wodurch [S. 250]die fremden Nationen die feinern und bessern Arbeiten dieser Art hervorbringen.”
“Die Zucht der Seidenwürmer ist durchaus nicht allgemein; in den Staaten von Oaxaca und Jalisco beschäftigen sich zwar einige Personen damit zu ihrem Vergnügen, aber nirgends besteht ein förmliches Etablissement, welches versuchte, aus diesem Insekt einen einträglichen Handelszweig zu bilden, und im Allgemeinen kennt man die rechte Methode noch nicht den Wurm zu tödten und die Seide abzuwickeln; an vielen Orten ist ein Ueberfluß an Maulbeerbäumen, welche wild wachsen, aber niemand hat noch daran gedacht, sie methodisch zu ziehen und zu pflegen, und man scheint oft gar nicht zu wissen, daß die Blätter dieses Baums die alleinige Nahrung des Seidenwurms sind.”
“Die Bienenzucht beschränkt sich gleichfalls auf wenige Orte und Personen, welche in ihren Gärten oder Feldern eine kleine Anzahl Bienenschwärme halten, jedoch mehr um des Honigs, als um des Handels mit Wachs willen. An mehreren Orten der Sierra-madre aber und in andern Gebirgsgegenden, in deren Nähe sich Gesträuche und Blumen befinden, giebt es eine solche Menge wilder Bienen, daß sich die dortigen Eingebornen keines andern Lichtes bedienen, als was sie aus dem Wachs anfertigen, welches sie so, ohne Mühe und Sorgfalt um die Bienen, in Felsenklüften und hohlen Bäumen finden. Dies Wachs ist gelb, weil sie es nicht zu bleichen verstehen, und der Honig ist dunkel; aber es geht doch hieraus zur Genüge hervor, daß die Elemente zur Gewinnung des Wachses im eignen Lande vorhanden sind, und daß es mithin zu beklagen ist, daß aus bloßem Mangel an Thätigkeit im Volke, jährlich so viel Geld dafür aus dem Lande geht. Nach genauen Berechnungen der Einfuhr in Vera-Cruz und andern Häfen, und Veranschlagung [S. 251]dessen, was der Wahrscheinlichkeit nach eingeschmuggelt wird, darf man den jährlichen Consum von Wachs in unserer Republik zu 28,000 Arroben annehmen, welches zum Mittel-Preis von 25 Pesos die Arroba geschätzt, die enorme Summe von 700,000 $ macht, welche alljährlich dem Auslande für eine Sache bezahlt wird, die wir in der Heimath gewinnen können.”[25]
“Der Anbau der Baumwolle, dieses köstlichen Productes aller heißen Länder, und so besonders passend für die Südküste der Republik, wo vor dem Jahre 1810 so viel, und selbst im Jahre 1825 noch 50,000 Arroben (1,250,000 ℔) gezogen wurden, ist so in Verfall gerathen, daß das Jahr 1830 nicht mehr als 5000 Arroben producirte. Hieran ist nun theils Mangel an Capital, theils der beklagenswerte Bürgerkrieg in jener Gegend, Schuld.”
“Um nun allen diesen, für das öffentliche Wohl so wichtigen Industrie-Zweigen aufzuhelfen, fordert die Direction dieser Bank die Staaten der Republik auf, Actien-Gesellschaften zu bilden, durch welche die Sachkenntniß mehrerer Personen in Ausübung gebracht werden würde, und welchen alsdann die Banco de Avio mit Capital-Zuschuß, so viel es ihre Kräfte erlaubten, nachhelfen wollte.”
Der Bericht fährt nun fort, zu sagen, wie sich, in Folge dieses Aufrufs, in den verschiedenen Theilen der Republik 14 Gesellschaften für die Belebung der Industrie auf Actien gebildet [S. 252]hätten, die jedoch noch zu sehr in ihrer Kindheit wären, um Resultate vorlegen zu können. Für mehrere derselben wären Maschinen in Nordamerika und Europa bestellt worden, wovon einige bereits angekommen, andere unterweges wären; auch hätte man Werkmeister und Mechanici vom Auslande kommen lassen, um die Kenntnisse der Fabrication von Wollen- und Baumwollen-Waaren im Lande zu verbreiten. In der Seiden-Zucht waren große Fortschritte gemacht, ein Etablissement in Coyoacan (Staat von Mexico) hatte Ende 1831 bereits schöne Resultate geliefert und ein anderes in Celaya berechtigte zu großen Erwartungen und man dachte schon an die Fabrication von seidnen Bändern. Saamen der Seidenwürmer war nach allen Richtungen ausgetheilt worden, besonders in die Gegenden, wo bereits Ueberfluß an Maulbeerbäumen ist. Für die Beförderung der Bienenzucht hatte man auf dem Lande Bienenkörbe vertheilt und junge Schwärme anzuschaffen getrachtet, wovon man zwar noch keine Resultate nachweisen konnte, aber schöne Hoffnungen daran knüpfte. Aus Frankreich hatte man Merino-Schaafe zur Veredlung der Race kommen lassen, so wie auch Tibet-Ziegen. In Peru waren Vigoña-Schaafe und Lamas bestellt, und man hoffte beide Gattungen in der Republik Mexico einheimisch zu machen. Sogar auf die Einfuhr von Kameelen war man bedacht, und versprach sich davon die wohlthätigsten Resultate für den Waaren-Transport im Lande, falls es, wie man hoffte, gelingen sollte, diese nützlichen Thiere in Mexico zu nationalisiren. Nach manchen schwierigen und vergeblichen Unterhandlungen war die Banco de Avio mit einem Hause in Marseille übereingekommen, 20 Kameele, 6 männliche und 14 weibliche, direct von Alexandrien nach Vera-Cruz zu senden, und berechnete die Kosten, einschließlich der Fracht, für ein Schiff von 200 Tonnen, der nöthigen Fourage u. s. w., auf nicht mehr als 7000 $.
[S. 253]
Endlich hatte man denn auch noch eine Anzahl Bücher über Gegenstände der Fabrication und des Ackerbaues angeschafft, und diese in den verschiedenen Staaten, wo sich Anregung für dergleichen Industrie zeigte, gratis vertheilt.
So weit der amtliche Bericht des Ministers Alaman über diese von ihm gegründete Favorit-Anstalt. Seine Feinde werfen ihm vor, daß er darin der Zeit vorgegriffen, und Geld für bis jetzt noch unausführbare Projecte verschwendet habe, welches zu nützlicheren Zwecken hätte verwandt werden können und sollen. Kann seyn, — aber trotz alle dem ist doch nicht zu läugnen, daß der Sache eine großartige und patriotische Idee zum Grunde lag, die gewiß alle Anerkennung verdient. Es ist daher auch zu bedauern, daß die bürgerlichen Unruhen des Landes und der Sturz des Ministeriums, die Entwickelung dieses Instituts unterbrochen, ja gleichsam in der Geburt erstickt haben! Ganz untergehen wird man es übrigens wohl nicht lassen, indem es bereits zu sehr im Lande verzweigt ist und an mehrere Anstalten zu starke Forderungen hat, wie z. B. 40,000 $ an die Eisen-Schmelzerei auf dem Sitio in der Nähe des Popocatepetl, von welcher ich in meinen Briefen geredet habe, und über welche ich hier noch einige Notizen hinzufüge.
[25] In dieser Veranschlagung irrt sich Herr Alaman sehr bedeutend, denn wenn er auch in der Schätzung der Quantität Recht haben sollte, was ich bezweifle, so ist doch der Mittel-Preis viel zu hoch gegriffen, und das was das Ausland für das eingeführte Wachs erhält, dürfte, nach Abzug der hohen Eingangs-Rechte, Frachten und Spesen, den Durchschnitt von 10 $ die Arroba, gewiß nicht übersteigen.
[S. 254]
(Siehe Anhang zum Briefe vom 31. Mai, pag. 91.)
Die Eisenerz-Gruben liefern wöchentlich bei sehr langsamer Bearbeitung 300 Ctr. Erz.
Die Schaffungskosten eines Ctr. Erzes und Fuhrlohn bis aufs Werk kommen 2 Rl.
Ein Ct. Holzkohlen stellt sich auf 6 Rl.
|
26
|
Arroben
|
Eisenerz
|
|
sollen 12 Arroben frisch Eisen in 24 Stunden
liefern.
|
|
5
|
„
|
Zuschlag
|
||
|
44
|
„
|
Kohlen
|
Das Gebläse ist das bekannte Wasser- oder Trommel-Gebläse. Die Erze sind so leicht flüssig und von so verschiedenem Gehalt (von 30 bis 70 pCt. eisenhaltig), daß die Mischung dergestalt bereitet werden kann, daß wenig oder gar kein Zuschlag nöthig ist.
Das ganze Gefälle ist 100 Fuß; das halbe Gefälle reicht aber schon zum vollständigen Betrieb hin.
[S. 255]
Die Bevölkerung der vereinigten Staaten von Mexico wird sehr
verschiedentlich angegeben, dürfte sich aber doch wohl im großen Ganzen
auf acht Millionen Seelen belaufen, was noch immer eine sehr
dünne Population ist, für einen Flächenraum von circa 10000
Leguas
von 20 auf den Grad, die man der Republik in ihrer ganzen Ausdehnung
beimißt. Nach dem Maaßstabe europäischer Bevölkerung könnte sich die
mexicanische auf ihrem jetzigen Raume ganz bequem verzehnfachen.
Die außerordentliche Schwierigkeit einer genauen Volkszählung, in einem so weitläufigen Gebiete wie dem mexicanischen, leuchtet ein, denn nur wenige seiner Staaten sind für einen solchen Zweck so gut organisirt, wie z. B. der von Vera-Cruz; unbegreiflich bleibt es jedoch immer, wie in ein und demselben Jahre zwei so verschiedene Angaben der Volkszahl gemacht werden konnten, wie die, welche der Minister Alaman im Anfange des Jahrs 1832 dem Congreß vorlegte, und jene, welche in dem Almanach von Galvan fürs Jahr 1833 Ende 1832 erschien.
Nach untenstehender Tabelle schätzt der Minister die Population auf 6,382,264; Galvan dagegen auf 7,734,292, welche letztere Angabe aber der Wahrheit gewiß näher kommt als erstere, indem der Minister selbst in seinem amtlichen Bericht eingesteht, daß seine Veranschlagung auf alten Daten beruhe, der Wahrscheinlichkeit nach zu niedrig sei, und die Volkszahl als 7 Millionen übersteigend angenommen werden dürfe. Er drückt sich dabei wörtlich folgendermaßen aus:
[S. 256]
“Wenn man die Schwierigkeiten bedenkt, eine Bevölkerung genau zu zählen, welche über ein so ungeheuer weitläufiges Territorium, begränzt von Regionen, wo Nomaden-Stämme in fruchtbaren Landstrichen und günstigen Climaten umher wandern, zerstreut ist, so wird es nicht übertrieben erscheinen, die Volkszahl der Republik, obgleich die vorliegende Tabelle nur 6,382,264 ausweise, als Sieben Millionen Seelen übersteigend anzunehmen, zumal da die Listen des Census, welche der Tabelle zur Basis gedient haben, mitunter 4, 6 ja 8 Jahre alt sind, und doch anzunehmen ist, daß trotz aller gelegentlichen Verluste, die Bevölkerung binnen einer solchen Zeit gradatim zugenommen hat. Ein ausgedehntes Land mit einem fruchtbaren Boden und einem den Menschen befreundeten Clima, begünstigt natürlich das Fortschreiten des Menschen-Geschlechts, und die Wohlthaten, welche diesem dann zu Theil werden, wenn freie Institutionen ihren heilsamen Einfluß über alle verbreiten, welche die unschätzbaren Vortheile einer volksthümlichen Regierung zu erkennen wissen, sind unberechenbar.”
Im Jahre 1830 hatte die Zunahme der Bevölkerung einen Stoß durch einen heftigen Ausbruch der Blattern-Epidemie (epidemia de viruelas) erlitten; man suchte der Seuche durch Vaccination möglichst entgegen zu arbeiten, aber die Materie (el pus) fing an zu mangeln und unwirksam zu werden; die von England verschriebene, obgleich in kristallenen Gefäßen gesandt, wollte nicht anschlagen; die Hoffnung, daß man in dem Staat von Chihuahua an den Kühen die ächte Materie entdeckt habe, schlug auch fehl, und schon drückte der Minister in seinem Jahres-Bericht von 1831 die Furcht aus, zu der umständlichen und kostspieligen Maßregel übergehen zu müssen, die Materie zur Impfung von den nächsten, aber sehr entlegenen, Puncten in Nordamerika durch Kinder, gleichsam [S. 257]von Arm zu Arm zu übertragen und so heranzuziehen. Aus dem ministeriellen Bericht von 1832 geht indessen hervor, daß man nicht nöthig hatte zu diesem Extrem Zuflucht zu nehmen, und daß die Kuhpocken-Impfungs-Materie nunmehr wieder vorhanden war, es wird jedoch nicht gesagt wie man sie sich verschafft hat. Der Bericht von 1832 lobt sodann den Gesundheits-Zustand der Republik, und drückt nur Furcht und Sorge aus, daß die Cholera das Land heimsuchen und die Bevölkerung decimiren werde, weshalb denn auch Quarantainen und andere Vorsichtsmaßregeln in Anwendung kamen, die aber, wie wir jetzt wissen, das gefürchtete Uebel nicht abzuhalten vermochten. Die Cholera hat im Jahr 1833 große Verwüstungen in Mexico angerichtet; in der Hauptstadt allein sind an 16 bis 17000 Menschen, also der zehnte Theil der Einwohner, das Opfer derselben geworden.
Alle Volkszählungen in Mexico ergeben übrigens eine Mehrzahl des weiblichen Geschlechts über das männliche; in manchen Staaten sogar eine bedeutende, wie z. B. in Jalisco eine von 11 pCt., in Puebla von 7 pCt. u. s. w.
Die in den verschiedenen Theilen der Republik herrschende große Verschiedenheit der Bevölkerung, mit Bezug auf den respectiven Flächenraum, geht aus der anliegenden Tabelle gleichfalls hervor, und es kann daher nicht auffallen, daß während in den ganz dünn bewohnten Regionen an Gewerbe und Kunstfleiß noch nicht zu denken ist, in den mehr bevölkerten Staaten und den oft sehr volkreichen Städten sich dessen in nicht unbedeutendem Maaße findet und auszudehnen verspricht. Im Parian zu Mexico und auf den Märkten anderer Städte, wie z. B. Puebla u. s. w., sieht man denn auch wirklich viele schön und gut gearbeitete Waaren, welche im Lande selbst angefertigt sind; z. B. wollene Decken aller Art (poncho’s [S. 258]Zerapa’s u. s. w.) in allen Farben; sodann die bekannten bei der Bekleidung einer Mexicanerin, gleichviel ob reich oder arm, nie fehlenden langen Umschlagtücher von Baumwolle, oder Baumwolle und Seide; Hüte jeder Art mit breiten Rändern nach mexicanischer Sitte, nebst deren Zierrath, den silbernen oder goldenen Treffen und Tasseln; baumwollene Schnüre und Bänder; die oft sehr reichen mit vielem Gold und Silber besetzten Reiter-Mäntel, deren sich auch Damen bedienen; Leder-Arbeiten aller Art und namentlich mexicanische Pferde-Sättel (unsern Husaren-Sätteln nicht unähnlich), mit kostbaren Pelz-Ueberlagen u. dergl. m. Hierzu kommt in Puebla noch Glas und Seife, womit viel Handel nach andern Städten getrieben wird.
In Mexico selbst haben sich denn in der neusten Zeit auch mehrere Fremde, Deutsche und andere, als Hutmacher, Meubel-Schreiner, Kleidermacher u. s. w. niedergelassen und machen zum Theil sehr gute Geschäfte.
Mit Colonisations- und Einwanderungs-Plänen zur Vermehrung der Bevölkerung hat es den Mexicanern bis jetzt noch nicht glücken wollen, und wird ihnen auch nicht glücken, bis sie durch Annahme der Religionsfreiheit und liberalerer Grundsätze bei der Ansiedlung von Fremden, die Auswanderung aus Europa, die jetzt fast ausschließlich nach Nordamerika gerichtet ist, theilweise nach ihrem schönen Lande zu ziehen verstehen.[26]
Die Colonisirung einiger Hundert Franzosen am Fluß Cuatzacualcos im Staat Vera-Cruz schlug gänzlich fehl, weil die Unternehmer den Einwanderern Versprechungen gemacht [S. 259]hatten, die sie nicht erfüllen konnten, und weil sie in der Wahl der Subjecte nicht vorsichtig genug waren. Sie sind theils nach Frankreich zurückgekehrt, theils haben sie sich in andern Theilen der Republik niedergelassen.
Die Colonisirung von
Texas oder Tejas (sprich Techas)
hat dagegen zwar, was die Zahl der Ansiedler betritt, einen guten Fortgang, aber diese Vermehrung der Population, welche lediglich aus den angränzenden Staaten von Nordamerika herströmt, gereicht Mexico eher zur Last und zum Nachtheil, als zum Vortheil, denn die schwer zu zügelnden Nordamerikaner wollen sich nach den mexicanischen Gesetzen nicht fügen, sondern eigne machen und aufstellen, wie es wirklich bereits an dem Hauptorte der Ansiedlung, Austen Town (so genannt nach dem Namen des ersten Unternehmers), der Fall ist. — Bei der außerordentlichen Entfernung von dem Sitze der mexicanischen Regierung, wird es dieser schwer fallen, wo nicht unmöglich seyn, ihre Autorität geltend zu machen, während andererseits der Andrang der nordamerikanischen Einwanderung [S. 260]so wachsen wird, daß vorauszusehen ist, es werde sich dort ein eigner Staat bilden, der mehr zur nordischen als zur mexicanischen Union gehört.
Beide Theile sehen dies kommen, und man sagt, die vereinigten Staaten von Nordamerika hätten denen von Mexico wirklich bereits zehn Millionen Pesos, für den Abstand der Provinz Texas, geboten. Die mexicanische Regierung scheint es aber nicht zu wagen, eine solche Proposition dem National-Congreß vorzulegen, und in der That würde Mexico mit Texas einen seiner schönsten und wichtigsten Landestheile verlieren! Das Clima daselbst ist vortrefflich und gesund, das Land wird von großen und schönen Flüssen, dem Rio Bravo und Colorado, durchschnitten, ein Vortheil der dem übrigen Mexico ganz abgeht, und der Boden von Texas ist außerordentlich fruchtbar, während es an Ausdehnung nicht fehlt; der Flächenraum wird auf 160 Millionen englische Acker Landes geschätzt! Großbrittannien und Irland haben deren nur 47 Millionen angebaut!
Man urtheile also, welche Anzahl von Ansiedlern dort noch Raum und Auswahl des Terrains finden könnte, denn die jetzige Bevölkerung von Texas ist fast Null!
Dorthin sollten deutsche Auswanderer sich wenden, sie würden besser dabei fahren als am Missouri, und ein besseres Clima und fruchtbareren Boden daselbst finden.
[S. 261]
Census der vereinigten Staaten von Mexico.
|
Staaten und
Territorien |
Hauptstädte
|
Seelen-Zahl
|
||
|
nach Vorlage
des Ministers Alaman in 1832 |
nach dem Almanach
von Galvan fürs Jahr 1833 |
|||
|
Föderal-District
|
Mexico
|
250,000
|
350,000
|
|
|
Staaten:
|
||||
|
Chiapas
|
San Cristobal
|
118,775
|
96,000
|
|
|
Chihuahua
|
Chihuahua
|
112,694
|
166,000
|
|
|
Coahuila u. Tejas
|
Leona Vicario
|
77,795
|
127,000
|
|
|
Durango
|
Durango
|
149,121
|
250,000
|
|
|
Guanajuato
|
Sta. Fé de Guanajuato
|
500,000
|
643,000
|
|
|
Jalisco
|
Guadalaxara
|
656,830
|
680,000
|
|
|
Mexico
|
Toluca
|
1,000,000
|
1,200,000
|
|
|
Michoacan
|
Morelia
|
422,472
|
285,000
|
|
|
Nuevo Leon
|
Monterey
|
83,093
|
113,419
|
|
|
Oajaca
|
Oajaca
|
457,504
|
693,000
|
|
|
Puebla
|
La Puebla
|
584,358
|
954,000
|
|
|
Querétaro
|
Querétaro
|
114,437
|
280,000
|
|
|
S. Luis Potosi
|
San Luis
|
298,230
|
192,000
|
|
|
Sinaloa
|
—
|
100,000
|
|
254,705
|
|
Sonora
|
—
|
100,000
|
||
|
Tabasgo
|
Villa hermosa
|
60,000
|
82,000
|
|
|
Tamaulipas
|
Vittoria
|
80,000
|
166,824
|
|
|
Vera-Cruz
|
Jalapa
|
242,658
|
194,000
|
|
|
Yucatan
|
Merida
|
500,000
|
630,000
|
|
|
Zacatecas
|
Zacatecas
|
276,053
|
296,066
|
|
|
Territorien:
|
||||
|
Alta California
|
S. Carlos de Monterey
|
27,000
|
30,000
|
|
|
Baja California
|
Loreto
|
15,000
|
6,000
|
|
|
Nuevo Mexico
|
Santa Fé
|
50,000
|
52,300
|
|
|
Colima
|
—
|
40,000
|
|
? ?
|
|
Tlascala
|
—
|
66,244
|
||
|
Total der Bevölkerung nach Alaman
|
6,382,264
|
|||
|
Total der Bevölkerung nach Galvans Angabe
|
7,741,314
|
|||
[26] Wie unbedeutend die seitherige Einwanderung von Fremden in Mexico gewesen ist, wird folgende Tabelle der Bewegung des Jahres 1830, in dem Hafen von Vera-Cruz (dem hauptsächlichsten der Republik) zur Genüge darthun:
|
Nation
|
kamen ein
|
gingen aus
|
|
Nordamerikaner
|
66
|
53
|
|
Engländer
|
75
|
30
|
|
Franzosen
|
99
|
65
|
|
Deutsche
|
52
|
20
|
|
Italiener
|
13
|
10
|
|
Schweizer
|
7
|
5
|
|
Mexikaner und Südamerikaner
|
79
|
34
|
|
Spanier
|
—
|
19
|
|
Ohne besondere Angabe der Nation (also
wohl Altspanier)
|
60
|
18
|
|
451
|
254
|
[S. 262]
Dieser Staat ist einer der bestorganisirten in der Republik. Der Jahresbericht, den der Gouverneur dieses Staats, Don Sebastian Camacho, im Jahre 1832 der in Jalapa versammelten Legislatur abgestattet hat, ist eins der ausführlichsten Documente, welche man in der Art sehen kann; es füllt über 300 Quart-Seiten und ist dennoch in den meisten Dingen unvollkommen und ungenügend, da nicht alle Cantone des Staates mit gleicher Pünktlichkeit und Ausführlichkeit berichtet haben. Am detaillirtesten sind die Tabellen über die Population, wovon einige die Zahl der Kinder, Weiber und Männer, verheiratete und unverheiratete, Wittwer und Wittwen, alles klassificirt nach dem Alter von 10 bis 100 Jahren, so genau und speciell angeben, daß ich nicht glaube, daß wir etwas ähnliches in Europa besitzen. Im Auslande kann dies aber nur wenig Interesse haben, dort genügt es, zu wissen, welche Bevölkerung der ganze Staat und etwa die größeren Städte desselben enthalten, und diese ist wie folgt angegeben:
|
Die Stadt Orizaba
|
15,386
|
||
|
Der ganze Canton dieses Namens
|
46,991
|
||
|
Die Stadt Cordova
|
6,098
|
||
|
Der ganze Canton dieses Namens
|
24,521
|
||
|
Die Stadt Vera-Cruz
|
6,828
|
||
|
Der ganze Canton dieses Namens
|
24,556
|
||
|
Die Stadt Jalapa
|
10,628
|
||
|
Der ganze Canton dieses Namens
|
42,704
|
||
|
Die Total-Bevölkerung des Staates Vera-Cruz
|
245,256
|
||
|
Im Jahre 1826 war dieselbe
|
242,658
|
||
|
mithin eine Vermehrung von
|
2,598
|
||
[S. 263]
oder von ungefähr ein vom Hundert, was denn aber auf einen fünfjährigen Zeitabschnitt, so gut wie gar keine Zunahme ist.
Die mitunter allerdings ganz interessanten Bemerkungen des obenerwähnten Berichts von Don Sebastian Camacho, verlieren, wie schon gesagt, ihrer Unvollkommenheit wegen ihr meistes Interesse für das Ausland und ich beschränke daher den weitern Auszug davon auf die Bemerkungen, welche darin über die Erziehung der Jugend gemacht werden. Der Bericht sagt nemlich hierüber, daß man damit umgehe, das Lancaster’sche Unterrichtssystem einzuführen, und dafür 30,000 Pesos bestimme, und daß mittlerweile, obgleich ohne Uebereinstimmung des Systems, Schulen in fast allen Ortschaften des Staates beständen, deren Kosten von den Municipalitäten bestritten würden, so wie, daß außerdem an verschiedenen Punkten höhere Schulen angelegt seien, deren Lehrer den Staat von Vera-Cruz jährlich 5 bis 6000 Pesos kosten! Das General-Budget der Föderation wirft sodann für die Errichtung und Vervollkommnung von Primair-Schulen in der Republik 80,000 Pesos aus!
Dies beweiset denn doch, daß man den hochwichtigen Gegenstand der Volks-Erziehung nicht ganz außer Acht läßt.
[S. 264]
Es wird nicht ohne Interesse seyn, das Budget kennen zu lernen, welches der Finanz-Minister Mangino dem Congreß in Mexico für das Jahr von Juli 1832 bis Juli 1833 vorgelegt hat. Es ist aber nur in den Ausgaben klar, und drückt sich über die Einnahmen so dunkel aus, daß es unmöglich ist, eine Bilanz zu ziehen; die Ausgaben werden auf nicht weniger als 22,392,508 Pesos veranschlagt, wobei zu bemerken ist, daß dies nur Ausgaben der Föderation sind, die mit den Ausgaben der einzelnen Staaten für ihre Congresse und sonstigen Local-Bedürfnisse nichts gemein haben.
Jene Ausgaben der Föderation zerfallen in folgende Haupt-Rubriken:
|
a.
|
Departement
|
des Innern und Auswärtigen
|
$ 1,049,438. 4
|
|
b.
|
do.
|
der Justiz und geistlichen Angelegenheiten
|
„ 434,756.—
|
|
c.
|
do.
|
des Krieges!!
|
„ 16,465,121. 3
|
|
d.
|
do.
|
der Marine
|
„ 322,221. 1
|
|
e.
|
do.
|
der Finanz und Kosten des General-Congresses
|
„ 4,120,971. 3
|
|
$ 22,392,508.—
|
|||
Als Details die am meisten Aufmerksamkeit erregen, mögen hier stehen:
|
ad a.
|
Gehalt des Ministers (so wie aller Minister)
|
$ 6,000
|
|||||||||||||||
|
Fernere Gehalte in diesem Bureau
|
„ 24,000
|
||||||||||||||||
|
Für Papier und Druckkosten
|
„ 29,609
|
||||||||||||||||
| [S. 265] |
Außerordentliche Ausgaben
|
„ 20,000
|
|||||||||||||||
|
Für geheime Ausgaben im
auswärtigen Departement
|
„ 100,000
|
||||||||||||||||
|
Gesandtschaften und Consulate:
|
|||||||||||||||||
|
Zwei Gesandten bei dem großen amerikanischen
Congreß, der bekanntlich erst in Panama, dann in Mexico gehalten werden
sollte, aber nie ins Leben getreten ist
|
„ 13,200
|
||||||||||||||||
|
Chargé d’affaires in
den vereinigten Staaten von Nordamerika, nebst Secretariat
|
„ 10,200
|
||||||||||||||||
|
Außerordentliche Legation nach Central-Amerika
und Columbien, nebst Reisekosten
|
„ 17,800
|
||||||||||||||||
|
Außerordentliche Legation nach den Republiken
des südlichen Amerika’s, nebst Reisekosten
|
„ 28,250
|
||||||||||||||||
|
Gesandtschaft in England:
|
|||||||||||||||||
|
Der Minister $ 12,000, Secretair u. s. w.
$ 8200, Total
|
„ 20,200
|
||||||||||||||||
|
Gesandtschaft in Frankreich:
|
|||||||||||||||||
|
Der Minister $ 10,000, Secretair u. s. w.
$ 5700
|
|
„ 15,700
|
|||||||||||||||
|
Für die Reise dahin und Einrichtung des Hotels
|
„ 12,100
|
||||||||||||||||
|
Chargé d’affaires in
Holland nebst Secretariat
|
„ 8,300
|
||||||||||||||||
|
Chargé d’affaires in
Preußen, nebst Secretariat
|
|
„ 6,700
|
|||||||||||||||
|
Für die Reise dahin und Einrichtung des Hotels
|
„ 5,100
|
||||||||||||||||
|
Consulate in New-Orleans
|
„ 2,600
|
||||||||||||||||
|
„ in Bordeaux
|
„ 2,600
|
||||||||||||||||
| [S. 266] |
Consulate in Hamburg, für die Hanse-Städte
|
„ 3,600
|
|||||||||||||||
|
Endlich noch für eine Gesandtschaft nach
Europa, welche der politischen Constellation
nach wahrscheinlich nothwendig und nützlich werden würde, (hierbei hat
man ja wohl auf Spanien angespielt)
|
„ 29,750
|
||||||||||||||||
|
Sodann, für Errichtung und Vervollkommnung
von Primair-Schulen
|
„ 80,000
|
||||||||||||||||
|
Zur Unterstützung des Theaters
|
„ 20,000
|
||||||||||||||||
|
ad b.
|
“Geistliche Angelegenheiten,” hiebei genüge
die Bemerkung, daß für die Gesandtschaft in Rom
$ 15,100, und für außerordentliche und geheime
Ausgaben bei derselben $ 30,000! zusammen
|
$ 45,100
|
|||||||||||||||
|
ausgeworfen sind.
|
|
||||||||||||||||
|
ad c.
|
“Kriegs-Departement:”
|
||||||||||||||||
|
$ 135,100
|
||||||||||||||||
|
$ 34,000
|
||||||||||||||||
|
12 Bataillone Infanterie der Linie
|
„ 1,791,795
|
||||||||||||||||
|
12 Regimenter Cavallerie der Linie
|
„ 1,848,419
|
||||||||||||||||
|
3 Brigaden Artillerie der Linie
|
„ 509,477
|
||||||||||||||||
| [S. 267] |
12 Compagnien Artillerie der Miliz im activen
Dienst
|
„ 259,896
|
|||||||||||||||
|
1 Brigade Mineurs
|
„ 118,360
|
||||||||||||||||
|
Das Ingenieurcorps
|
„ 80,093
|
||||||||||||||||
|
1 Bataillon Invaliden in Mexico
|
„ 118,634
|
||||||||||||||||
|
Das Sanitätscorps
|
„ 77,929
|
||||||||||||||||
|
Die Hospitäler
|
„ 503,470
|
||||||||||||||||
|
6 Compagnien permanente Cavallerie in
Californien
|
„ 128,440
|
||||||||||||||||
|
38 Compagnien permanente Cavallerie in
verschiedenen Theilen der Republik
|
„ 998,985
|
||||||||||||||||
|
20 Bataillone active Miliz, unter den
Waffen, im Innern der Republik
|
„ 4,239,465
|
||||||||||||||||
|
13 Bataillone Küsten-Wächter, Miliz
|
„ 1,181,482
|
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6 Schwadronen derselben
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„ 499,083
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Und noch mehrere Cavallerie und Infanterie
Miliz-Abtheilungen im Innern
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„ 1,000,000
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Entschädigung an die Miliz, für die Bekleidung,
zu 5 Reales monatlich an die Infanterie und zu 10 Reales monatlich
an die Cavallerie
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„ 460,920
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Für geheime Ausgaben
im Kriegs-Departement
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„ 40,000
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ad c.
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“Finanz-Departement:”
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General-Congreß
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Diäten an 76 Deputirte
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$ 228,000
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Diäten an 40 Senatoren
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„ 120,000
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Reise-Gelder der Deputaten und Senatoren
aus den verschiedenen Staaten, her und zurück
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„ 150,000
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Secretariat und Kosten
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„ 76,994
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Kosten des General-Congresses
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$ 574,994
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| [S. 268] |
Gehalt des Präsidenten der Republik
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$ 36,000
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Civil-Pensionen
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„ 117,925
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Pensionen an Spanier, welche durch das Gesetz
von 1827 von ihren Aemtern entsetzt wurden
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„ 53,295
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Für die Dividenden der auswärtigen Anleihen
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„ 942,000
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als den wahrscheinlichen sechsten Theil der
Einnahme an den Douanen von Vera-Cruz und Tampico. U. s. w.
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Diese ungeheure Gesammt-Ausgabe von $ 22,392,508, schlägt übrigens der Minister vor, um 5,312,914 $ auf den Kriegs-Etat, zu vermindern und dergestalt auf $ 17,079,594 zurückzuführen, was sie in Einklang mit der Einnahme des vorhergegangenen Jahres bringen würde.
Das reine Product aller Zweige der Finanz war nemlich für das Jahr von Juli 1830 bis Juli 1831 $ 17,256,882
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Hierin figuriren die Douanen in
allen Häfen der Republik mit
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$ 8,287,082
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Die Douanen des Distrikts der Föderation und
Landes-Gränzen mit
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„ 1,737,484
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(Hierin sind die Zölle und Abgaben nicht begriffen,
welche die einzelnen Staaten als Consumozoll erheben, und welche
natürlich in die Staaten-Finanz und nicht in die Föderatif-Casse
fließen.)
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Die Briefpost-Administration mit
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„ 230,683
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Die Lotterie mit
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„ 41,260
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Die Salinen mit
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„ 66,505
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Verkauf von National-Gütern
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„ 11,924
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[S. 269]
Die Münze in der Föderatifstadt Mexico
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„ 135,480
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Beiträge der Staaten zur Föderations-Casse
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„ 1,356,563
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(Der Minister beklagt sich, daß diese Summe nicht
größer gewesen, was dem Gesetze nach der Fall hätte seyn müssen.)
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Die 2 pCt. Circulations-Rechte auf Silber und
Gold, vom Innern nach der Küste
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„ 74,913
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u. s. w.
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Man sieht, daß noch vieles unausgeführt geblieben ist, die Summe von $ 17,256,882 auszugleichen, so wie, daß nirgends eine Sicherheit der gleichmäßigen Einnahme für das nächste Jahr existirt! Das Budget des Herrn Finanz-Ministers ist mithin allerdings ein sehr unzuverlässiges und schwankendes, es liefert aber doch dem prüfenden Auge des unpartheiischen Beobachters den Beweis, daß in Mexico für einen geregelten Staatshaushalt, ohne übertriebenen Militair-Etat, Resourcen genug vorhanden sind, nicht allein um das Laufende zu bestreiten, sondern auch um die National-Schuld gradatim zu tilgen.