The Project Gutenberg EBook of Der Verschwender, by Ferdinand Raimund

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Title: Der Verschwender

Author: Ferdinand Raimund

Release Date: October, 2004  [EBook #6654]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on January 10, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO-Latin-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DER VERSCHWENDER ***




Thanks are given to Delphine Lettau for finding a huge collection of ancient
German books in London.



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Der Verschwender

Ferdinand Raimund

Original-Zaubermrchen in drei Aufzgen (1834)


Personen:

Erster Aufzug:
Fee Cheristane
Azur, ihr dienstbarer Geist
Julius von Flottwell, ein reicher Edelmann
Wolf, sein Kammerdiener
Valentin, sein Bedienter
Rosa, Kammermdchen, dessen Geliebte
Chevalier Dumont, Flottwells Freund
Herr von Pralling, Flottwells Freund
Herr von Helm, Flottwells Freund
Herr von Walter, Flottwells Freund
Grndling, Baumeister
Sockel, Baumeister
Fritz, Bedienter
Johann, Bedienter
Dienerschaft Jger.  Gste in Flottwells Scho.  Genien

Zweiter Aufzug
(spielt um drei Jahre spter):
Ein Bettler
Julius von Flottwell
Wolf, Kammerdiener
Valentin, Bedienter
Rosa, Kammermdchen
Prsident von Klugheim
Amalie, seine Tochter
Baron Flitterstein
Chevalier Dumont
Herr von Walter
Ein Juwelier
Ein Arzt
Ein altes Weib
Ein Haushofmeister
Ein Kellermeister
Ein Diener
Betti, Kammermdchen
Max, Schiffer
Thomas, Schiffer
Gste.  Bediente.  Tnzer.  Tnzerinnen

Dritter Aufzug
(spielt um zwanzig Jahre spter):
Fee Cheristane
Azur, ihr dienstbarer Geist
Julius von Flottwell
Herr von Wolf
Valentin Holzwurm, ein Tischlermeister
Rosa, sein Weib
Ihre Kinder Liese, Michael, Hansel, Hiesel und Pepi (vier Jahre alt)
Ein Grtner
Ein Bedienter
Bediente.  Nachbarsleute.  Bauern.  Senner und Sennerinnen.  Genien




Erster Aufzug



Erster Auftritt

Vorsaal in Flottwells Schlo.  Mit Mittel- und vier Seitentren,
vorne ein Fenster.  Dienerschaft in reichen Livreen ist im Saale
beschftigt.  Einige tragen auf silbernen Tassen Kaffee, Tee,
Champagner, ausgebrstete Kleider nach den Gemchern der Gste.
Fritz und Johann ordnen an.  Ein paar Jger putzen Gewehre.


Chor.
Hurtig!  Hurtig!  Macht doch weiter!
Holt Champagner!  Kaffee!  Rum!
Bringt den Gsten ihre Kleider,
Tummelt euch ein wenig um.
Alles sei hier vornehm, gro
In des reichen Flottwells Schlo.

(Im Hofe ertnen Jagdhrner.  Alle ab bis auf Fritz und Johann,
welche ans Fenster treten.)

Fritz.  Ja blast nur zu!  Da knnt ihr noch lange blasen.  Die
Herrschaften sind erst aufgestanden.  Heute wird es eine spte
Jagd geben.

Johann.  Das Spiel hat ja bis zwei Uhr gedauert.

Fritz.  Ja wenn sie nach dem Souper zu spielen anfangen!  Da ist
kein Ende.

Johann (lachend).  Aber heute Nacht haben sie den Herrn schn gerupft.

Fritz.  Ich kann mich rgern, da er so viel verspielt.

Johann.  Warum denn?  Er wills ja nicht anders.  Die reichen Leute
sollen die Langeweile bezahlen, die sie andern verursachen.

Fritz.  Ah, ber den gndgen Herrn ist nichts zu sagen.  Das ist
ein wahrhaft nobler Mann.  Er bewirtet nicht nur seine Freunde,
er untersttzt die ganze Welt.  Die Bauern, hr ich, zahlen ja
fast niemals eine Abgabe.

Johann.  Er hat mir nur zu heftige Leidenschaften.  Wart, bis du
ihn einmal in Wut erblickst.  Da schont er weder sein noch eines
andern Glck.  Da kann alles zugrunde gehen.

Fritz.  Aber wenn er sich besinnt, ersetzt ers sicher dreifach
wieder.

Johann (achselzuckend).  Ja!  Wenns nur immer so fortgeht.

Fritz.  Wer ist denn der junge Mann, der gestern angekommen ist?
Ein scharmanter Mensch.

Johann.  Das wei ich nicht.  Das wird sich schon noch zeigen.  Fr
mich gibt es nur zweierlei Menschen.  Menschen, die Trinkgeld
geben, und Menschen, die keines geben.  Das bestimmt meine
Dienstfertigkeit.

Fritz.  Ich finde, da er sehr hflich ist.

Johann.  Da wird er vermutlich sehr wenig geben.  Wer mich mit
Hflichkeit beschenkt, macht mich melancholisch.  Aber wenn mir
einer so einen Dukaten hinwirft und zuruft: Schlingel, heb ihn
auf!  da denk ich mir: Ha!  welch eine Lust ist es, ein Schlingel
zu sein!



Zweiter Auftritt

Vorige.  Pralling.


Pralling (tritt einen Schritt aus seinem Kabinett und ruft).
He!  Bediente!

Beide (sehen sich um).  Ja!  Befehlen?

Pralling.  Ich habe schon zweimal geklingelt.  Wollen Sie so
gefllig sein, mir Rum zu bringen?

Johann (vornehm nickend).  Sogleich, mein Herr!  (Zu Fritz.)
Hast du den gehrt?  Der hat mir in sechs Wochen noch keinen
Pfennig Trinkgeld gegeben, und ein solcher Mann hat bei mir
keinen Anspruch auf Rum zu machen.  Den la ich warten.

Fritz.  Oh, auf den acht ich auch nicht.  Der Herr hlt ja nicht
viel auf ihn.

Johann.  Das ists, auf was man sehen mu.  Auch der Kammerdiener
mag ihn nicht.

Fritz.  Nun, wenn ihn der nicht mag, da kann er sich bald aus
dem Schlosse trollen.  Der wird ihn schon gehrig zu verleumden
suchen.

Johann.  Ja, der reitet auf der Gunst des gndgen Herrn, und
niemand kann ihn aus dem Sattel werfen.

Fritz.  Du kennst ja seinen Wahlspruch: Alles fr den Nutzen
meines gndgen Herrn, und dabei stopft er sich die Taschen voll.

Johann.  Das wird aber auch eine schne Wsche geben, wenn dem
seine Betrgereien einmal ans Tagslicht kommen.  Ich kenne keinen
raffinierteren Schurken.  Da ist unsereiner gerade nichts dagegen.



Dritter Auftritt

Vorige.  Wolf aus dem Kabinette rechts.  Sein Betragen ist gegen
Diener sehr nobel stolz, gegen Hhere sehr demtig.


Wolf (hrt die letzten Worte).  Schon wieder Konferenz?  Von wem
war hier die Rede?

Johann.  Von einem guten Freund.

Wolf.  Nu ihr seid solcher Freundschaft wert!  Ist alles besorgt?
Die Gste bedient?

Johann.  Auf das pnktlichste!

Wolf.  Der gndge Herr lt euch verbieten, von den Gsten
Geschenke anzunehmen.  Ihr habt sie von seiner Freigebigkeit
zu fordern.

Beide.  Dann haben wir dadurch gewonnen.

Wolf.  Seid uneigenntzig.  Das ist eine groe Tugend.

Johann.  Aber eine sehr schwere--nicht wahr, Herr Kammerdiener?

Wolf.  Wo ist der Valentin?  Hat er die Quittung von der Sngerin
gebracht?

Fritz.  Er ist noch nicht zurck, obwohl der gndige Herr befohlen
hat, er mte bei der Jagd erscheinen, damit die Herren auf der
Jagd etwas zu lachen htten.

Wolf (lchelnd).  Ein wahrhaft unschdlicher Bursche.

Johann.  Da sollten doch der Herr Kammerdiener ein Werk der
Barmherzigkeit ausben und den gemeinen Kerl aus dem Hause bringen.

Wolf.  Gott bewahre mich vor solcher Ungerechtigkeit.  Das wre
gegen die Gesinnung meiner gndgen Herrschaft.  Der Bursche ist
zwar plump und roh, doch gutmtig und treu.  Dann steht er in der
Gunst des Herrn, der seine Diener alle liebt wie eigne Kinder.
Ja das ist wohl ein seltner Mann, der in der Welt nicht
seinesgleichen findet.  Und wollte man sein Lob in Bchern
schreiben, man wrde nie damit zu Ende kommen.  Drum dankt dem
Himmel, der euch in dies Haus gefhrt, denn wer ihm treu dient,
der hat sich wahrlich selbst gedient.  Das Frhstck fr den
gndgen Herrn!

Fritz.  Sogleich!  (Geht ab.)

Johann (im Abgehen).  Die Moralitt dieses Menschen wird mich
noch unter die Erde bringen.  (Ab.)

Wolf.  Das sind ein paar feine durchgetriebne Schufte.  Die mu
ich mir vom Halse schaffen.



Vierter Auftritt

Voriger.  Baumeister Grndling.


Grndling.  Guten Morgen, Herr Kammerdiener, kann ich die Ehre
haben, Herrn von Flottwell meine Aufwartung zu machen?

Wolf.  Herr Baumeister, ich mu um Verzeihung bitten, aber Seiner
Gnaden haben mir soeben befohlen, Sie bei jedermann zu
entschuldigen, denn Sie machen heute eine Jagdpartie.

Grndling.  Wissen Sie nicht, Herr Kammerdiener, ob Herr von
Flottwell meinen Plan zu dem Bau des neuen Schlosses fr gut
befunden hat?

Wolf.  Er hat ihm sehr gefallen.  Nur hat sich der Umstand ereignet,
da ihm auch ein anderer Baumeister einen hnlichen Plan vorgelegt
hat und sich erbietet, das Schlo in derselben Gre um zehntausend
Gulden wohlfeiler zu bauen.

Grndling.  Das tut mir leid, aber als ehrlicher Mann kann ich
es nach seinen Anforderungen nicht wohlfeiler bauen.  Ich
bernehme diesen Bau berhaupt mehr aus Ehrgeiz als aus
Gewinnsucht, hat aber Herr von Flottwell einen Knstler
gefunden, von dem er sich Schneres oder Besseres verspricht,
so werde ich mich zu bescheiden wissen.

Wolf.  Das heit, es ist Ihnen nichts daran gelegen.

Grndling.  Im Gegenteil, es ist meiner Ehre sehr viel daran gelegen.

Wolf.  Ja dann mssen Sie Ihrer Ehre auch ein kleines Opfer bringen.

Grndling.  Es wre sehr traurig fr die Kunst, wenn es mit ihr
so weit gekommen wre, da die Knstler Opfer bringen mten,
um Gelegenheit zu finden, ein Kunstwerk hervorzubringen.  Die
Kunst zu untersttzen, ist ja der Stolz der Groen, und eine
konomische uerung wre an dem geldberhmten Herrn von Flottwell
etwas Unerhrtes.

Wolf.  Sie verstehen mich nicht, Herr Baumeister.

Grndling.  Genug!  Morgen will ich mit Herrn von Flottwell
selbst darber sprechen.  Glauben Sie aber nicht, Herr Kammerdiener,
da ich ein Mann bin, der nicht zu leben versteht.  Sollten Sie
sich fr die Sache bei dem gndgen Herrn glcklich verwenden, so
werde ich mich sehr geehrt fhlen, wenn Sie ein Geschenk von
hundert Dukaten nicht verschmhen wollen.

Wolf.  Sie verkennen mich.  Eigennutz ist nicht meine Sache, ich
spreche nur zum Vorteil meines gndgen Herrn!

Grndling.  Den werden Sie durch mich besser bezwecken, als wenn
das Schlo von einem andern wohlfeiler und schlechter gebaut wird.

Wolf.  Nun gut.  Ich will versuchen, was mein geringer Einflu
zugunsten eines so groen Knstlers vermag, und gelingt es mir,
so werde ich Ihr Geschenk nur unter der Bedingung annehmen, da
Sie mir erlauben, es auf eine wohlttige Weise fr andere zu
verwenden.

Grndling.  Ganz nach Ihrem Belieben.  (Beiseite.)  Die Kunst mag
mir diese Herabwrdigung verzeihen.  (Laut.)  Morgen erwarte ich
einen gnstigen Bescheid.  (Will ab.)

Wolf (blickt zum Fenster hinaus).  Teufel!  der andere.  (Schnell.)
Wollen Sie nicht so gefllig sein, sich ber die Nebentreppe zu
bemhen, weil die Bedienten auf der groen Mbel transportieren.
Ich empfehle mich ergebenste (Lt ihn durch eine Seitentr
hinausgehen.  Wolf allein.)  Diese Zitrone gibt wenig Saft, jetzt
wollen wir die andere pressen.



Fnfter Auftritt

Voriger.  Baumeister Sockel.


Sockel.  Guten Morgen, Herr von Wolf!  Sie haben mich rufen
lassen, ich wre schon gestern gekommen, aber ich hab ein Haus
sttzen mssen, was ich vor zwei Jahren erst gebaut hab.
Verstanden?  Ich sag Ihnens, man mcht jetzt lieber Holz hacken
als Huser bauen.  Erstens brennen s' Ziegel, wenn man einen nur
ein unbeschaffenes Wort gibt, so fallt er schon voneinander.
Nachher wollen s' immer ein Million Zins einnehmen, lauter
Zimmer, keine Mauern.  Verstanden?  Drum sind manche moderne
Huser auch so dnn, als wenn s' bloe Futteral ber die alten
wren.  Hernach hat halt ein Baumeister vor Zeiten auf solide
Einwohner rechnen knnen, aber jetzt zieht sich ja manchmal ein
Volk hinein, das nichts als rauft und schlagt, Tisch und Sthl
umwirft und das Unterste zu oberst kehrt.  Ja wo soll denn da ein
Haus die Geduld hernehmen, da wirds halt springgiftig, und
endlich fallts vor Zorn zusamm.  Verstanden?

Wolf.  Das ist alles ganz recht, aber jetzt lassen Sie uns
vernnftig reden.

Sockel.  Erlauben Sie, aber meine Reden sind ein wahrer Triumph
der Vernunft.  Verstanden?

Wolf.  Ich habe Ihnen die unangenehme Nachricht zu sagen, da
Sie den Bau des Schlosses nicht bekommen werden.

Sockel.  Hren Sie auf, oder ich strz zusamm wie eine alte
Gartenmauer.  Das ist ja nach unserer Verabredung nicht mglich!
Verstanden?

Wolf.  Der gndge Herr will den Baumeister Grndling nehmen.

(Ein Bedienter, der Flottwell das Frhstck gebracht hat,
kommt zurck.)

Sockel.  Aber es war ja schon alles richtig.  Ich hab Ihnen ja
tausend G--

Wolf (rasch auf den Bedienten blickend).  Nun ja, Sie haben mir
da tausend Grnde gesagt, die--

Sockel.  Nein, ich habe Ihnen versprochen--

Wolf.  Ja (stampft unwillig mit dem Fu), Sie haben versprochen,
gute Materialien zu nehmen.  Fritz, dort hat jemand gelutet.  (Der
Bediente geht in ein Kabinett ab.)  Aber ich kann nicht dafr,
da ein anderer gekommen ist, der noch grere Versprechungen
gemacht hat und das Schlo um zehntausend Gulden wohlfeiler baut.

Sockel.  Aber das ist ja ein elender Mensch, der gar nicht zu
bauen versteht.  Ein hergelaufener Maurerpolier, ein Pfuscher,
und ich bin ein Mann auf dem Platz.  Verstanden?

Wolf.  Es macht Ihnen sehr viel Ehre, da Sie so ber Ihren
Kollegen schimpfen, aber das kann die Sache nur verschlimmern!

Sockel.  Aber Sie bringen einem ja zur Verzweiflung.  (Beiseite.)
Ich kann den Bau nicht auslassen, er trgt mir zu viel ein.
(Macht gegen das Publikum die Pantomime des Geldzhlens.)
Verstanden?  (Laut.)  Liebster Herr Kammerdiener, ich wei, es
hngt nur von Ihnen ab.  Der gndige Herr bekmmert sich nicht
darum, er ist zu leichtsinnig.  Ich geb Ihnen tausend Gulden
Konventionsmnze.

Wolf.  Herr!--Was unterfangen Sie sich--

Sockel.  Ich unterfange mich, Ihnen noch fnfhundert Gulden zu
bieten.

Wolf.  Sie hufen ja Beleidigung auf Beleidigung--

Sockel.  Freilich, ich bin der brutalste Kerl auf der Welt.
Aber jetzt bin ich schon in meiner Grobheit drin, ich mu Ihnen
noch fnfhundert Gulden antragen.

Wolf.  Halten Sie ein!  Sie empren mich mit solchen unmoralischen
Zumutungen!

Sockel (beiseite).  Ah, da mcht man sich selber kpfen.

Wolf.  Ich sehe ein, da Ihre Ehre--

Sockel.  Ah was Ehre!  Es ist einem gerade keine Schande, wenn
man ein Schlo baut, aber in Feuer lassen s' einem auch nicht
vergolden deswegen.  (Beiseite.)  Nur das Geld ist verloren!

Wolf.  Man wird Sie auslachen!

Sockel.  Freilich, es hats die ganze Stadt erfahren.

Wolf.  Wie war das mglich?

Sockel.  Weil ichs meiner Frau gesagt hab.

Wolf.  Ja sind Sie denn verheiratet?

Sockel.  Leider!  Verstanden?

Wolf (ngstlich).  Haben vielleicht Kinder!

Sockel.  Jawohl.

Wolf.  Ach, das ist ja sehr traurig.  Wie viele?

Sockel.  Mein Gott, soviel Sie wollen, verschaffen Sie mir nur
den Bau.

Wolf.  Ja das mu ich wissen.

Sockel.  Fnf, und zwei noch zu erwarten!  Verstanden?

Wolf.  Entsetzlich!  Das rhrt mich!

Sockel.  Lassen Sie sich erweichen.  Nehmen Sie die zweitausend
Gulden.

Wolf (mit Bedauern).  Sie sind Familienvater!  Sie haben fnf
Kinder!  Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?  Und der andere
Baumeister hat vielleicht keine Kinder.

Sockel.  Kein einziges.

Wolf.  Ah, da mssen Sie ja den Bau erhalten.  Das wre ja die
hchste Ungerechtigkeit.

Sockel.  O Sie edelmtger Mann!

Wolf.  Jetzt kann ich Ihr Geschenk annehmen.  Aber Sie mssen
mir versprechen, ein Meisterstck fr die Ewigkeit hinzustellen--

Sockel.  Zehn Jahre keine Reparatur--

Wolf.  Denn der Vorteil meiner gndgen Herrschaft geht mir
ber alles.

Sockel (weinend).  Groe Seele!

(Beide in Flottwells Kabinett ab.)



Sechster Auftritt

Valentin.


Valentin.
Lied
Heissa lustig ohne Sorgen
Leb ich in den Tag hinein,
Niemand braucht mir was zu borgen,
Schn ists, ein Bedienter z' sein.
Erstens bin ich zart gewachsen
Wie der schnste Mann der Welt,
Alle Sck hab ich voll Maxen,
Was den Mdchen so gefllt.
Zweitens kann ich viel ertragen,
Hab ein lampelfrommen Sinn,
Vom Verstand will ich nichts sagen,
Weil ich zu bescheiden bin.
Drittens kann ich prchtig singen,
Meine Stimme gibt so aus,
Denn kaum la ich sie erklingen,
Laufen s' alle gleich hinaus.

Viertens kann ich schreiben, lesen,
Hab vom Rechnen eine Spur,
Bin ein Tischlergsell gewesen--
Und ein Mann von Politur.
Fnftens, sechstens, siebntens, achtens
Fallt mir wirklich nichts mehr ein,
Darum mu meines Erachtens
Auch das Lied zu Ende sein.



Ah!  heut kann ich einmal mit Recht sagen: Morgenstund tragt
Gold im Mund.  Hat mir die Sngerin, die neulich bei unserm
Konzert eine chinesische Arie gesungen hat, fr das Honorar,
was ich ihr von dem gndigen Herrn berbracht hab, zwei blanke
Dukaten geschenkt.  Der gndige Herr hat ihr aber auch fr
eine einzige Arie fnfzig Dukaten bezahlen mssen.  Das ist
ein schnes Geld.  Aber das ist doch nichts gegen Engeland.
In London, hr ich, da singen s' gar nach dem Gewicht.  Da
kommt eine von den groen Noten auf ein ganzes Pfund, drum
heit man s' auch die Pfundnoten.  Da verdient sich eine an
einen einzigen Abend einige Zenten.  Die mssen immer ein Paar
Pferd halten, da sie ihnen das Honorar nachfhren.  Aber es
war auch etwas Gttliches um diese Sngerin.  Ich versteh doch
auch etwas von der Musik, weil ich in meiner Jugend fter nach
den Noten geprgelt worden bin, aber im Distonieren kommt ihr
keine gleich.  Ich hab die ganze Arie nicht hren knnen, weil
ich im Hof unten war und die Jagdhund besnftigt hab, damit s'
nicht so stark dreingeheult haben, aber einmal hat sie einen
Schrei herausgelassen--Nein, ich hab schon verschiedene
Frauenzimmer schreien ghrt, doch dieser Ton hat mein Innerstes
erschttert.  Aber den schnsten Wohlklang hat sie doch erst
gezeigt, wie sie die zwei Dukaten auf den Tisch geworfen hat,
das macht sie unsterblich.  Und wenn ich ein Theaterdirektor wr:
die engagieret ich unter den schnsten Bedingungen.  (Rosa
schleicht sich herein, tritt langsam vor und steht bei den
letzten Worten mit verscblungenen Armen neben ihm.)  Und
gelchelt hat sie auf mich--gelchelt hat sie--

Rosa.  Nun und wie hat sie denn gelchelt?  (Lchelt boshaft.)
Wie denn?  Hat sie so gelchelt--so?

Valentin.  Ah, hr auf!  Das ist ja nur eine Travestie auf ihr
Lcheln.  Du wirst dir doch nicht einbilden, da du das auch
imstand bist?

Rosa.  Warum?  Warum soll sie besser lachen knnen als ich?

Valentin.  Nun, eine Person, die fr eine Arie fnfzig Dukaten
kriegt, die wird doch kurios lachen knnen?

Rosa.  Ja, aber wer zuletzt lacht, lacht am besten, und die werd
ich sein.  Ich brauch keinen solchen Liebhaber, der in die Stadt
hineinlauft und den Theaterprinzessinnen die Cour macht.

Valentin.  Ich mu tun, was mir mein Herr befiehlt.  Punktum!

Rosa.  Du und dein Herr ist einer wie der andere.

Valentin.  Nu das wr mir schon recht, da wr ich auch ein
Millionr wie er.

Rosa.  Du hast deine Amouren in der Stadt, und er hat s' im Wald
draus.  Und wie schaust denn wieder aus?  Den ganzen Tag hat man
zu korrigiern an ihm!  Ist denn das ein Halstuch gebunden, du
lockerer Mensch?  Geh her!  (Bindet es ihm.)

Valentin.  So hr auf, du erwrgst mich ja, schnr mich nicht so
zusamm!

Rosa.  Das mu sein.

Valentin.  Nein, das Schnren ist sehr ungesund.  Es wird jetzt
ganz aus der Mod kommen.  Du sollst dich auch nicht so zusammradeln.

Rosa.  Das geht keinen Menschen was an!

Valentin.  Aber wohl!  Das Schnren htt sollen gerichtlich
verboten werden, aber die Wirt sind dagegen eingekommen.

Rosa.  Wegen meiner!  Ja apropos, du stehst ja da, als wann ein
Feiertag heut wr?  Wirst gleich gehn und dich anziehn auf die Jagd!

Valentin.  Jetzt mu ich wieder auf die verdammte Jagd.

Rosa.  Ja wer kann dafr, da du so ein guter Jger bist?

Valentin.  Ah, ich jag ja nicht, ich werd ja gejagt.  Sie behandeln
mich ja gar nicht wie einen Jger.  Ich ghr ja unters Wildpret.
Das letztemal hat der gndige Herr eine Wildente geschossen,
und weil kein Jagdhund bei der Hand war, so hab ich sie mssen
aus den Wasser apportieren, und wie ich mitten drin war, haben
sie mich nimmer herauslassen.

Rosa.  Und das lat du dir so alles gfallen?

Valentin.  Ja weil ich halt fr meinen Herrn ins Feuer geh, so geh
ich halt auch fr ihn ins Wasser.

Rosa.  Nu so tummel dich, es wird gleich losgehen.

Valentin.  Die verflixte Jagd!  Wann man nur nicht so hungrig wrd,
aber ich versichere dich: Ein Jger und ein Hund frit alle
Viertelstund.

Rosa.  Schm dich doch!

Valentin.  Du glaubst nicht, was man auszustehen hat.  Was einem
die Gst alles antun.  Meiner Seel, wenn mir nicht wegen dem
gndigen Herrn wr, ich prgelt sie alle zusamm.

Rosa.  So red doch nicht immer vom Prgeln in einem vornehmen
Haus.  Da sieht man gleich, da du unterm Holz aufgewachsen bist.

Valentin.  Wirf mir nicht immer meinen Tischlerstand vor.

Rosa.  Weil du gar so pfostenmig bist.

Valentin.  Schimpf nicht ber mein Metier.

Rosa.  La mich gehn.  Ich nehm mir einen andern.  Ich wei schon,
wem ich heirat.

Duett
Rosa.  Ein Schlosser ist mein schwache Seit,
Das ist der erste Mann,
Der sorgt fr unsre Sicherheit
Und schlagt die Schlsser an.
Valentin.  Mein Kind, da bist du schlecht bericht,
Der Tischler kommt zuvor,
Der Schlosser ist der Erste nicht,
Der Tischler macht das Tor.
Rosa.  Ein Schlosser ist zu schwarz fr mich
Und seine Lieb zu hei.
Valentin.  Verliebt sich ein Friseur in dich
Der macht dir nur was wei.
Rosa.  Nein!  nein!  ein Drechsler!  o wie schn!
Der ist fr mich gemacht.
Valentin.  Der kann dir eine Nasen drehn,
Da nimm du dich in acht.
Rosa.  Ein Bck, der ist mir zu solid,
Ich frcht, da ich mich hrm.
Valentin.  So nimm dir einen Kupferschmied,
Der schlagt ein rechten Lrm.
Rosa.  Mit einem Schneider in der Tat,
Da km ich prchtig draus
Valentin.  Doch wenn er keine Kunden hat,
So geht der Zwirn ihm aus.
Rosa.  Ein Klampfrer ist ein sichrer Mann,
Dem fehlt es nie an Blech.
Valentin.  Ich ratet dir ein Schuster an
Es ist halt wegnem Pech.
Rosa.  Ein Hutrer wr wohl nicht riskiert,
Der hat ein sichres Gut.
Valentin.  Ja wenn die Welt den Kopf verliert,
Da braucht kein Mensch ein Hut.
Rosa.  Ein Spekulant, o welche Pracht--
Doch htt ich kaum den Mut.
Valentin.  Ah, wenn er pfiffig Krida macht,
Da gehts ihm erst recht gut.
Rosa.  Kurzum, ich wend im Kreis herum
Vergebens meinen Blick.
Drum kehr ich zu dem Tischler um,
Er ist mein einzig Glck.
Valentin.  Verla dich auf den Tischlerjung,
Der macht dir keinen Gram.
Und kriegt das Glck einmal ein Sprung,
Der Tischler leimts zusamm.
Beide.  Ein schner Stand ist doch auf Ehr
Ein wackrer Handwerksmann.
Seis Schneider, Schuster, seis Friseur,
Ich biet das Glas ihm an.


(Beide ab.)



Siebenter Auftritt

Helm, im Jagdkleide, tritt aus seinem Kabinett.  Wolf aus
Flottwells Zimmern.


Helm.  Nun wie stehts, Herr Kammerdiener, gehts bald los?

Wolf (sehr geschftig).  Jawohl, der gndge Herr wird gleich
erscheinen.  (Luft zum Fenster.)  Heda, Jger, lat euch hren!
Pagen, fhrt die Pferde vor!  Bchsenspanner, schnell herauf!

(Man hrt Jagdhrner.)

Helm.  Holla, holla, hurtig, meine Herren!  kommt heraus, der
Tanz geht an.

(Mehrere Gste kommen teils zur Mitte, teils aus den Seitentren,
auch Pralling.  Valentin.  Alle sind jagdmig gekleidet.)

Pralling.  Guten Morgen allerseits!

Alles (gegenseitig).  Guten Morgen!  Gut geschlafen?

Helm.  Potz Donnerwetter, war das eine schlechte Nacht!

Pralling.  Mein Schlaf ist wie ein liederlicher Diener, wenn
ich ihn rufe, kommt er nicht.

Helm.  Er ist ein freier Mann und kommt nur, wenn er will.

Walter.  Eine Kokette ist er, die sich ziert, bevor sie uns umarmt.



Achter Auftritt

Vorige.  Chevalier Dumont im eleganten Jagdanzug.


Dumont (blickt durch eine einfache Lorgnette).  Ah bon jour, mes
amis!  (Er spricht gebrochen deutsch.)  Wie aben Sie geschlafen?

Alle.  Ah, unser Naturfreund!

Dumont.  Ja, Messieurs, der Natur sein gro.  Ick aben wieder
geschwelgt in ihren Reizen.  Der ganzen Nacht bin ick am Fenster
gelegen, um der Gegend zu betrachten.  O charmant!



Neunter Auftritt

Vorige.  Flottwell.  Sockel.


Flottwell.  Guten Morgen, edle Freunde!

Alle.  Guten Morgen!

(Einige schtteln ihm die Hand.)

Flottwell.  Wir kommen spt zur Jagd.  Ich hoffe, da die Herren,
die heut zum erstenmal in meinem Schlo geruht, mit der
Bedienung so zufrieden waren, als ichs nur immer eifrig
wnschen kann.  Gern htt ich Ihren Schlaf mit sen Trumen
auch bewirtet, doch leider stehn die nicht in meinem Sold.

Ein Gast.  Mir hat von Lilien getrumt.

Helm.  Und mir von einer wilden Sau, der ich den Fang gegeben hab.

Walter.  Ich hab die Gastfreundschaft an einem goldnen Tisch
gesehen, und deutscher Lorbeer hat ihr Haupt geschmckt.

Pralling.  Ich habe all mein Glck auf die Coeur-Dame gesetzt,
und als ich es verloren hatte, bin ich aufgewacht.

Flottwell.  Und was hat dir getrumt, Freund Valentin?

Valentin.  Mir hat getrumt, Euer Gnaden htten mir vier Dukaten
geschenkt.

Flottwell (lachend).  Das ist ein eigenntzger Traum, doch will
ich ihn erfllen.

Valentin.  Ich k die Hand Euer Gnaden.

Flottwell.  Was mir getrumt hat, kann ich euch noch nicht
entdecken.  Es war ein ser Traum, dienstfertig meinem hchsten
Wunsch, er hat mir meines Lebens Zukunft rosig abgespiegelt.

Helm.  Dir hat gewi von einem Rendezvous getrumt.  Spitzbub!
Was?  Von Augen wie Rubin und solchem dummen Zeuch.

Flottwell (lachend).  Du kannst etwas erraten haben, Herzensbruder.
Es soll ein Rendezvous frs ganze Leben werden.  Doch still
davon, mein Herz ist bermtig heut, es knnte sich verraten.

Pralling.  Wir kennen Ihre Schliche schon, Sie haben andre Jagd
im Sinn als wir.

Flottwell.  So ist es auch.  Jagt euren Freuden nach, um mich
braucht ihr euch nicht zu kmmern.  Wir haben jeder andre
Leidenschaft.

Pralling.  Ich leide an der Gicht.

Helm.  Ich bin ein passionierter Jger.

Walter.  Ich spreche dem Champagner zu.

Dumont.  Und ick bewundre der Natur.

Helm.  Das nimmt mich wunder, Chevalier.  Sie sind ja kurzsichtig.

Dumont.  Das sind der Menschen alle.

Pralling.  Und wenn Sie fahren, schlafen Sie im Wagen.

Dumont.  O, das macken nichts.  Ein wahrer Naturfreund mssen
ihrer Schnheit auch im Schlaf bewundern knnen.

Helm.  Das kann ich nicht.  Mein Liebling ist die Jagd.

Flottwell.  Heda!  bringt uns Bordeaux.  Die Herren sollen sich
begeistern.

Dumont.  Mackt mir der Fenster auf, da ick der Landschaft kann
betrachten.  (Sieht durchs Glas.)

Wolf.  Hier ist Bordeaux!

(Er ordnet die Diener, welche schon bereitet standen und ihn
in gefllten Stengelglsern auf silbernen Tassen prsentieren.)

Walter (ruft).  Herrlicher Wein!

Dumont (am Fenster entzckt rufend).  Himmlischer Wasserfall!

Flottwell (schwingt das Glas).  Auf ewge Freundschaft und auf
langes Leben, meine Herren!

Alle.  Der reiche Flottwell lebe lang!

Dumont (wie vorher, ohne ein Glas genommen zu haben).  Ha!  der
Kirchhof macken sich dort gut.

Flottwell.  Oh, wr ich berreich!  Ich wnscht es nur zu sein,
um meine Schtze mit der Welt zu teilen.  Was ist der Mammon
auch!  das Geld ist viel zu sehr geachtet.  Drum ists so stolz.
Es will nie in des armen Mannes Tasche bleiben und strmt nur
stets dem Reichen wieder zu.

Helm (enthusiasmiert).  Wer ist so gut wie unser edler Flottwell
hier?

Walter.  Ich kenne kein Gemt, das seinem gleicht.

Alle.  Jawohl!

Dumont.  Un enfant gt de la nature.

Flottwell.  Oh, lobt mich nicht zu viel.  Ich habe kein Verdienst
als meines Vaters Gold.  Will mirs die Welt verzeihn, ists wohl
und gut, und tut sies nicht, mag sie sich selbst mit ihrem Neid
abfinden.  Ich kmpfe nicht mit ihm.  Mein Glck ist khn, es
fordert mich heraus, darum will ich mein Dasein groartig
genieen, und wollen Sorgen mich besuchen, la ich mich
verleugnen.  Dstern Philosophen glaub ich nicht.  Nicht wahr,
Freund Helm, man mu das Leben von der schnen Seite fassen?
Der Himmel ist sein herrlichstes Symbol.  Die glhnde Sonne
gleicht dem heien Brand der Liebe, der mildgesinnte Mond
der innigen Freundschaft, die reiche Saat der Sterne ist ein
Bild der Millionen Freuden, die im Leben keimen.  Die ernsten
Wolken sind zwar kummervolle Tage, doch Frohsinn ist ein
flchtger Wind, der sie verjagt.

Sockel.  Ein Gttermann!  Ein wahrer Gttermann!  Verstanden!

Flottwell.  Gebt doch ein Glas auch unserm wackern Baumeister.
Oh, das ist gar ein wichtger Mann hier, meine Herren, der wird
ein neues Schlo uns bauen, und diese Hallen wollen wir der
Zeit nicht lnger vorenthalten.  Flottwells Haus solls heien,
noch ein Glas auf dieses Ehrenmannes Werk!  (Zu Sockel, barsch.)
Trinken Sie!

Sockel (erschrickt, da er das Glas fallen lt).  Verstanden!

Alle (schwingen die Glser).  Flottwells Haus!  Lang solls bestehn!

Flottwell (strzt ein Glas hinein).  Und nun zur Jagd, Ihr Herren!
Werft die Glser hin und nehmt 's Gewehr zur Hand!  Der Wald ist
euer Eigentum und all mein Wild.  Doch hetzt mirs nicht zu sehr,
ich kanns nicht leiden, denn der Hirsch weint wie ein Mensch,
wenn er zu Tod gepeinigt wird.  Und seit ich dieses Schauspiel
sah, hab ich die Jgergrausamkeit verloren.  Nun Glck zur Jagd!
Der Abend fhrt uns wieder hier zusammen, dann wollen wir beim
vollen Glas besprechen, wer eines edlern Sieges sich zu freuen
hat?  Ihr!  oder ich!

Alle.  Holla zur Jagd!  (Alles ab.)

(Hrner tnen.)

Dumont (verweilt noch am Fenster, bis die andern alle zur Tr
hinaus sind, dann ruft er) Himmlische Natur!  (und folgt den
andern nach).



Zehnter Auftritt

Dann unter rauschender Musik Verwandlung in eine goldene Feenhalle,
rckwrts die Aussicht in eine reizende Berggegend.  In der
Mitte der Halle ein groer runder Zauberspiegel, vor ihm ein
goldner Altar mit einer Opferschale auf Stufen.


Cheristane, in ein lichtblaues faltiges Gewand gehllt, welches
mit Zaubercharakteren geziert ist, und das Haupt mit einer goldnen
Krone geschmckt, kommt von der Seite, ein goldnes Buch und
einen Zauberstab tragend.

Cheristane.
Der Kampf ist aus, ich habe mich besiegt.
Beschlossen ists, ich scheide von der Erde.
Wenn auch mein Herz dem Kummer unterliegt,
Ich leide nur, da er gerettet werde.

(Sie nimmt von dem mittleren Zacken ihrer Krone eine blaue Perle.)

Komm, teure Perle, die den Geist umschliet,
Den letzten der sich beugt vor meiner Macht,
Die bald fr ihn in eitles Nichts zerfliet!
Ich opfre dich in diesem goldnen Schacht.

(Sie wirft die Perle in die goldne Schale.  Eine blaue Flamme
entzndet sich in ihr, der Donner rollt.  Kurze passende Musik.
Der Spiegel berzieht sich mit Rauch.)

Nun zeig dein Haupt, umkrnzt von Zauberschein,
Und blick mich an mit holden Demantaugen!
Erschein!  Es soll Azur dein Name sein!
La Hoffnung mich aus deinen Worten saugen!

(Musik.--Frchterlicher Donnerschlag.  Der Rauch hebt sich und
in dem Spiegel erscheint Azur, in Silberdock gyptisch gekleidet,
das Haupt umhllt, die halbentblten Arme und das Antlitz ist
mit blauer Folie berzogen, statt der Augen leuchten zwei
glnzende Steine.  Magische Beleuchtung.)

Azur.
Du!  die du mich durch Zaubermacht geboren,
Gebietest du mir Segen oder Fluch?

Cheristane.
Zu Flottwells Schutzgeist hab ich dich erkoren.

Azur.
Darf ich das sein?  Blick in des Schicksals Buch!

(jetzt folgt eine zitternde Musik darunter.)

"Kein Fatum herrsch auf seinen Lebenswegen,
Er selber bring sich Unheil oder Segen.
Er selbst vermag sich nur allein zu warnen,
Mit Unglck kann er selbst sich nur umgarnen,
Und da er frei von allen Schicksalsketten,
Kann ihn sein Ich auch nur von Schmach erretten."

Cheristane.
Mir ist bekannt des Schicksals strenger Spruch,
Der, mich zu strafen, tief ersonnen ist.
Empfange hier mein goldnes Zauberbuch.
Es wird dich lehren, welche schlaue List
Mein liebgequlter Geist erfunden hat.
Doch ich mu machtberaubt von hinnen fliehn.
Darum vollziehe du statt mir die Tat
Und la mich trostlos nicht nach meiner Heimat ziehn.

Azur (nimmt das Buch).
Zieh ruhig heim, treu will ich fr dich handeln,
Als Retter sollst du wieder mich erblicken.

(Die Wolke schliet sich.  Musik.)

Cheristane.
Oh, htt ichs nie gewagt auf Erd zu wandeln,
Zu bitter straft sich dieser Lust Entzcken!

(Sie sinkt aufs Knie und beugt ihr Haupt kummervoll vor dem Altar.)



Elfter Auftritt

Unter klagender Musik Verwandlung in einen kurzen Wald.
An der Seite ein Hgel mit Gestruche.
Jger ziehen ber die Bhne.


Jagdchor.

Gilts, die Wlder zu durchstreifen,
Hebet freier sich die Brust.
Khn den Eber anzugreifen,
Ist des Jgers hchste Lust.
Holla ho!  Holla ho!
Weidgesellen froh!
Ist die Fhrte aufgefunden,
Wlzt er sich im schwarzen Blut,
Spiegelt sich in seinen Wunden
Noch des Abends letzte Glut.
Holla ho!  Holla ho!
Jgerbursch ist froh!

Zieht man heim nach Jgersitte,
Winkt die Nacht uns traut zur Ruh,
Sucht man seines Liebchens Htte,
Schliet das Pfrtlein leise zu.
Holla ho!  Holla ho!
Jgersbraut ist froh!  (Alle ab.)



(Valentin, der im Gestruch versteckt war, kommt hervor.)

Valentin.  Wegen meiner jagt ihr fort, solang ihr wollt.  Ich
werd mich da so wildschweinmig behandeln lassen.  Ich schieet
alle zusammen, die Sappermenter, wenn ich nur einen Hahn auf
der Flinten htt.  Ich kann gar nicht begreifen, was denn die
vornehmen Leut mit der verdammten Jagd immer haben.

Lied
Wie sich doch die reichen Herrn
Selbst das Leben so erschwern!
Damit s' Vieh und Menschen plagen,
Mssen s' alle Wochen jagen.
Gott verzeih mir meine Snden,
Ich begreif nicht, was dran finden,
Dieses Kriechen in den Schluchten,
Dieses Riechen von den Juchten.
Kurz, in allem Ernst gesagt:
's gibt nichts Dummers als die Jagd.
Schon um drei Uhr ist die Stund
Fr die Leut und fr die Hund.
Jeder kommt mit seinem Stutzen,
Und da fangen s' an zum putzen.
Nachher rennen s' wie besessen,
Ohne einen Bissen z' essen,
Ganze Tage durch die Waldung,
Und das ist a Unterhaltung!
Ah, da wird eim Gott bewahrn,
D' Jger sind ja alle Narrn.

Kurz, das Jagen la ich bleiben.
Was die Jgerburschen treiben,
Wie s' mich habn herumgestoen,
Bald htt ich mich selbst erschossen.
ber hunderttausend Wurzeln
Lassen eim die Kerls purzeln,
Und kaum liegt man auf der Nasen,
Fangen s' alle an zu blasen,
Und das heien s' eine Jagd!
Ach, dem Himmel seis geklagt.

Md als wie ein ghetzter Has
Setzt man sich ins khle Gras,
Glaubt, man ist da ganz allein,
Kommt ein ungeheures Schwein.
Und indem man sich will wehren,
Kommen rckwrts ein paar Bren,
Auf der Seiten ein paar Tiger,
Und wei Gott noch was fr Vieher,
Und da steht man mitten drin!
Dafr hab ich halt kein Sinn.  (Luft ab.)

Repetition
Nein, die Sach mu ich bedenken.
D' Jger kann man nicht so krnken.
Denn, wenn keine Jger wren,
Fren uns am End die Bren.
's Wildpret will man auch genieen,
Folglich mu doch einer schieen.
Bratne Schnepfen, Haselhhner,
Gott, wie schtzen die die Wiener!
Und ich stimm mit ihnen ein:
Jagd und Wildpret mssen sein.  (Ab.)



Zwlfter Auftritt

Verwandlung

Eine reizende Gegend, im Hintergrunde ein klarer See, von
lieblichen Gebirgen eingeschlossen.  Rechts ein Fels, ber
ihm der Eingang in Cheristanens Felsenhhle, vor welcher sie
in ihrem frheren Kostm, doch ohne Krone steht und in die
Ferne blickt.


Cheristane.  Nun hat er bald die steile Hh erklommen und wird
den sen Blick nach Minnas Htte senden, von der er whnt,
da sie sein Liebstes stets umschirme.  So mag er denn zum
letztenmal sich ihres Anblicks freuen.

(Kurze Musik.  Sie verwandelt sich in ein liebliches Bauermdchen,
im italienischen Geschmacke zart gekleidet, und sinkt rasch
in den Fels, welcher zu einer freundlichen Htte wird, die von
Reben und Blumen umrankt ist und aus deren Tr sie schnell
berraschend tritt.  Zugleich verwandeln sich die Kulissen in
orientalische hohe Blumen und goldgesumte Palmen, die noch
praktikabel gegen die Mitte der Bhne reichen.  Nachdenkend
setzt sie sich im Vordergrunde auf eine mit Blumen behangene
Rasenbank.)

Ach!  selber darf er sich nur warnen,
Mit Glck und Unglck selbst umgarnen,
Und da er frei von allen Schicksalsketten,
Kann er nur selbst von Schmach sich retten.


O trber Schicksalsspruch, der einem Kinde Flgel leihet und
sie seinem Engel raubt.



Dreizehnter Auftritt

Vorige.  Flottwell.


Flottwell (froh).  Heitern Tag, mein teures Mdchen, sei nicht
bse, da ich selbst so spt erscheine, denn meine Sehnsucht
ist schon lang bei dir.  Doch--sag!  was ist dir?  Du bist
traurig!  Wer hat dir was zu Leid getan?  Qult dich die
Eifersucht?  Bist du erkrankt?  Betrbt?  Sprich!  Oder willst
du mich betrben?

Cheristane (steht bewegt auf).  Dich?  mein Julius, nein, das
will ich nicht!  (Schlingt ihre Arme um seinen Hals und legt
ihr Haupt an seine Brust.)

Flottwell.  So bist du halb nur die, die mich sonst ganz
beglckt.  Die frohere Hlfte fehlt, und nur die trbe ruht
an meiner Brust.  Komm, la uns Frieden schlieen, trautes
Kind.  Du ahnest nicht, was mich so freudig stimmt.  Du sollst
nicht lnger hier in deiner Htte weilen.  Du mut mir morgen
schon nach meinem Schlosse folgen.  Zu lange schmckt der
Brautkranz deine seidnen Locken, er knnte sonst auf deiner
Stirne welken.  Die Welt mu als mein treues Weib dich gren,
du darfst durchaus nicht lnger widerstreben.

Cheristane.  Oh, mehr' mein Leid nicht!  Zieh mich nicht auf
diese Hhe, sie zeigt ein Paradies mir, das ich nie betreten
darf.  Ich habe dich getuscht!  ich bin nicht das Geschpf,
das du in diesem Augenblick noch in mir suchst.

Flottwell.  Sei, was du willst.  Hr nur nicht auf, die
Liebenswrdigkeit zu sein.  Drei Jahre sind es, als ich auf
der Jagd mich bis hieher verirrt und dich zum erstenmal
erblickte.  Befremdend glnzte deine Schnheit in der niedern
Htte wie ein Edelstein in eines Bettlers Hand.  Du weihtest
mir dein Herz.  Doch durft ich niemals forschen, woher du kamst
und wer du seist.  Und sieh!  ich war so folgsam wie ein Kind,
nie hast du eine andre Frag gehrt, als ob du mich auch immer
lieben wirst.  Du hast die Gegend in ein Eden hier verwandelt
und pflanztest Blumen wie sie nur des Indiers Trume schmcken.
Ich hab dich nie befragt, woher dir solche Macht geworden ist,
mir wars genug, da dus fr mich getan.

Cheristane.  Dir waren sie geweiht, doch blhten sie umsonst.
Sie sollten dein Gemt in ihre duftgen Kreise ziehn und dich
den wahren Wert des Glckes lehren.  Ich hab es nicht erreicht.
Zu wild ist deine Phantasie, zu hochbegehrend.  Du willst, dein
Leben soll ein schimmernd Gastmahl sein, und ziehst die Welt
an deine goldne Tafel.  Ach, mchte sie dirs einst mit Liebe
lohnen!

Flottwell.  Sie wird es tun, zeig nicht so dstern Sinn.  Komm,
folg mir gleich, du bist durch Einsamkeit erkrankt.

Cheristane.  Umsonst.  Zu spt!  Du kannst mich lnger nicht
besitzen, umarmst mich heut zum letztenmal.

Flottwell (wild und heftig).  Es darf nicht sein.  Wer wagt
den Raub an meinem liebsten Gut?--

Cheristane.  Das Schicksal!

Flottwell.  Glaub es nicht!  Mein Glck hat Mut, so schnell lt
es sich nicht besiegen.  (Umschlingt sie.)  Ich la dich nicht
aus meinem Arm, selbst wenn du treulos bist, ich will dich
lieben, bis du zu mir wiederkehrst.

(Musik.--In diesem Augenblick fliegt ein roter Adler mit
einer goldnen Krone auf dem Haupte ber den See.)

Cheristane.  Hinweg von mir, (fr sich) schon fhl ich meiner
Macht Vergehen.  Siehst du den purpurroten Aar, der sein
befiedert Haupt mit einer Kron geschmckt?

Flottwell.  Was sprichst du da?  Kein Vogel regt sich hier!

(Musik.--Eine Gruppe von Nebelgestalten, deren Auge drohend
auf Cheristane gerichtet ist, fliegt ber den See.)

Cheristane.  Auch nicht die drohenden Gestalten, die mich an
meine Heimkehr mahnen?  Zieht nur voraus, ich folge bald.
(Blickt starr nach.)

Flottwell.  Mein teures Kind, wie bist du schwer erkrankt!  Sag
an, was sind das fr Gestalten?  und wer ist der gekrnte Aar?

Cheristane (feierlich).  Illmaha, die Feenknigin.  (Sie sinkt
nieder und beugt ihr Haupt.  Dann fhrt sie fort.)  Wisse denn,
kein menschlich Wesen hast du an dein Herz gedrckt.  Cheristane
ist mein Name, ich bin aus dem Feiengeschlechte, meine Heimat
sind die fernen Wolken, die in ewgen Zauberkreisen ber Persien
und Arabien ziehen.

Flottwell.  Ist in den Wolken Lieb Verbrechen, straft sie dort
des Schicksals Fluch?  dann wr ja die Erd ein Himmel und die
Ewigkeit Exil?

Cheristane.  Oh, hre mich, bevor du lsterst!  Schon dreimal
sind es sieben Jahre, da ich euren Stern betrat.  Um Wohltat
auf der Erd zu ben, sandte mich die Knigin.  Sie drckte
eine Perlenkrone auf mein ewig junges Haupt und sprach: In
jeder dieser Perlen ist ein Zauber eingeschlossen, welchen
du bentzen kannst in jeglicher Gestalt.  Verwende sie mit
Weisheit zu der Menschen Heil.  Wenn du die letzte Perle hast
geopfert, ist auch dein Reich zu Ende, und du kehrst zurck,
um Strafe oder Lohn vor meinem Throne zu empfangen.  Weh dir,
wenn du Unwrdige beglckst und so den edlen Schatz dem
Drftigen entziehst.--(Pause, in der sie Julius wehmtig und
bedeutungsvoll anblickt.)  Ob ichs getan, wird mir die Zukunft
zeigen!--Ich hatte viele Perlen noch, als ich vor deines
Vaters Schlo den siebzehnjhrgen Julius erblickte.  Du warst
so hold wie Frhlingszeit, und ich vermochte nicht, mein
liebgereiztes Aug von dir zu wenden.  Von diesem Augenblick
hatt ich dein Glck in mir beschlossen, und viele Perlen
lste ich von meiner Krone ab und streute sie auf dein und
deines Vaters Haupt.  Daher der unermene Reichtum, den er
sich in kurzer Zeit erwarb.  Oh, htt ichs nie getan!  Er starb.
Vom Undank nicht beweint, von dir allein.  Du wardst der Gter
Herr, und nun erkannt ich erst, da alles, was ich fr dein Wohl
zu tun gedachte, durch deine Leidenschaft dir einst zum Unglck
werden kann.  Ich konnte meinem Herzen lnger nicht gebieten,
ich fhrte dich hieher und hab seit dieser Zeit mein hchstes
Glck in deiner Lieb gefunden.  Nun ist der Traum vorber.
Meine Perlen sind verschwendet, und die letzte mut ich heut
noch deinem Wohle opfern.  Einst hab ich nicht bedacht, da
sie das Sinnbild bittrer Trnen werden knnte.

Flottwell.  O Cheristane!  was hast du getan?  Ich la dich nicht
und werfe alles hin, wenn du mir bleibst.  Und ziehst du fort,
nimm auch mein Leben mit.

Cheristane.  Oh, du bist freigebig gleich einem Knig, du
knntest eine Welt verschenken, um einer Mcke Dasein zu
erhalten.  Doch ich will deine Gromut nicht mibrauchen.
Schenk mir ein Jahr aus deinem Leben nur.  Ein Jahr, das
ich mir whlen darf, auf das du nie mehr Anspruch machst.

Flottwell.  Oh, nimm es hin!  Nimm alles hin!  Nimm dir das
glcklichste, das einzige, das die nichtswrdge Seligkeit
umfngt, die ich noch ohne dich genieen kann.

Cheristane.  Ich danke dir, ich werde dich nicht hart berauben.
Und nun bin ich gefat, fall ab, du irdscher Tand!  Nur dieser
Fels mag ein geheimnisvoller Zeuge sein, da Cheristane einst
auf Erden hat geliebt.  (Wehmtige Musik.  Sie verwandelt sich
in die Gestalt einer reizenden Nymphe.  Zugleich verwandelt
sich die Htte in einen Fels, der mit Blumen umwunden ist,
von Palmen gleich Trauerweiden berschattet wird und in
welchem der Name Cheristane eingegraben ist.  Die praktikablen
Blumen neigen sich, und aus den Gestruchen heben sich zarte
Genien und sinken trauernd zu Cheristanens Fen.)  Die Sonne
sinkt, die Blumen neigen ihre Hupter, und meine Genien weinen
still, weil sie mit mir die schne Erde meiden mssen.  Die
Zeit ist da!  Verbannung winkt!

(Musik.)

Flottwell (strzt bewegt zu ihren Fen).  O Cheristane!  Tte mich!

Cheristane.  Hab Dank fr deine se Treu, mein teurer Erdenfreund!
Was mich betrbt, ich darf es dir nicht sagen, darf dir nicht
unser knftig Los enthllen, doch knntest du des Donners
Sprache und des Sturms Geheul verstehen, du wrdest Cheristane
um dich klagen hren.  Oh, knnt ich meine Lieb zu dir in aller
Menschen Herzen gieen, ich wrde reich getrstet von dir ziehn!
(Sie geht in die Kulisse.  Die Genien folgen ihr.  Musik beginnt.
Cheristane fliegt auf Rosenschleiern, die ein geschwelltes
Segel formen, von Genien, welche zart gemalt sind, umgeben,
so da das Ganze eine schne Gruppe bietet, langsam aus der
Kulisse ber den See, in welchem sich pltzlich die ganze
Gruppe abspiegelt.  In diesem Augenblick blickt sie noch
einmal wehmutsvoll auf Flottwell und ruft.)  Julius, gedenke
mein!  (Dann verhllt sie sich schnell in den dunklen Schleier
ihres Hauptes, das sie trauernd beugt, und pltzlich verwandeln
sich die rosigen Segelschleier in Trauerflre, sowie die
Gruppe der Genien nun in abendlicher Beleuchtung gemalt wie
durch einen Zauberschlag erscheint.  Der rosige Himmel
umwlkt sich dster, und nur aus einem unbewlkten Feld
schimmern ihr noch bleiche Sterne nach.  Indem Cheristane
in die entgegengesetzte Kulisse schwebt und)

Flottwell (auf den Fels sinkt und ausruft) O Gott, la mich
in meinem Schmerz vergehn!  (fllt der Vorhang langsam.)




Zweiter Aufzug

Drei Jahre spter



Erster Auftritt

Morgen.  Im Hintergrunde die Hauptfronte von Flottwells
neuerbautem Schlosse.  An dem Fue der breiten Stufen, welche
zu dem palastartigen Portale fhren, sitzt ein Bettler.
Abgetragne Kleider, doch nicht zerlumpt.  Wanderstab.  Sein
Haar ist grau, und tiefer Gram malt sich in seinen Zgen.
Die Morgensonne beleuchtet ihn.  Seitwrts ist ein Gittertor,
durch welches man in den Schlogarten sieht.  In der Ferne
erblickt man auf einem Hgel das frher bewohnte Schlo
Flottwells.  Die Fenster des neuen Schlosses sind geffnet,
in dem groen Saale brennen noch Lichter.


Flottwell und einige Gste lehnen am Fenster.

Chor (im Tafelsaale).
Lat brausen im Becher den perlenden Wein!
Wer schlafen kann, ist ein erbrmlicher Wicht.
Und guckt auch der Morgen zum Fenster herein,
Ein rstiger Zecher lacht ihm ins Gesicht.
Ha!  ha!  ha!  ha!
(Schallendes Gelchter.)

Der Bettler (zugleich mit dem Chor).
Oh, hrt des armen Mannes Bitte
Und reicht ihm einen Bissen Brot!
Der Reichtum thront in eurer Mitte,
Mich drckt des Mangels bittre Not.
(Das Gelchter beantwortet gleichsam sein Lied.)

Chor.
Die dsteren Sorgen werft all ber Bord!
Ein Tor, der die Freude nicht mchtig erfat.
Das Leben hlt ja nur dem Frhlichen Wort,
Wer niemals geno, hat sich selber gehat.
Ha!  ha!  ha!  ha!

Bettler.
Oh, lat mich nicht vergebens klagen,
Seid nicht zu stolz auf eure Pracht!
Ich sprach wie ihr in goldnen Tagen,
Drum straft mich jetzt des Kummers Nacht.
(Er senkt sein Haupt.)

(Valentin und Rosa kommen aus dem Garten.)

Valentin.  Ich hab dir schon hundertmal gesagt, da du mit
dem Kammerdiener nicht so grob sein sollst.  Du weit, was
er fr ein boshafter Mensch ist, am End verschwrzt er uns
beim Herrn.

Rosa.  Still sei und red nicht, wenn du nichts weit.  Ich mu
grob sein, weil ich eine tugendhafte Person bin.

Valentin.  Ah, das ist ja keine Konsequenz.  Da mten ja die
Sesseltrager die tugendhaftesten Menschen auf der Welt sein.

Rosa.  Bist du denn gar so einfltig?  Merkst du denn noch
nicht, da mir der Kammerdiener berall nachschleicht, da
ich nicht einmal in der Kuchel a Ruh hab.

Valentin.  Ja was will er denn von dir?

Rosa.  Er will mich zu seiner Kammerdienerin machen.

Valentin.  In der Kuchel drau?  Er soll in seiner Kammer
bleiben, wenn er ein ordentlicher Kammerdiener ist.  Du gibst
ihm doch kein Gehr?

Rosa.  Du willst ja nicht, da ich ihm meine Meinung sagen soll.

Valentin.  Aber wohl!  Das hab ich ja nicht gewut.  Wirf ihm
deine Tugend nur an Kopf!  Es schadt ihm nicht.  brigens ist
das sehr schn von dir, da du mir das sagst.

Rosa.  Nun warum soll ichs denn nicht sagen?  Ich mag ihn ja
nicht.  Wenn er mir gfallet, so saget ich nichts.

Valentin.  Bravo!  Das sind tugendhafte Grundstze.  Aber der
duckmauserische Kammerdiener!  Der geht mir gar nicht aus den
Kopf.

Rosa.  Es ist nicht mehr zum Aushalten mit ihm.  Alles will er
dirigieren.  Um die dmmsten Sachen bekmmert er sich.

Valentin.  Jetzt lauft er gar dir nach.

Rosa.  berall mu er dabeisein.

Valentin.  Nu neulich haben s' fr unsern Koch Stockfische
gebracht, da war er auch dabei.  Wenn nur mit unsern gndgen
Herrn etwas zu reden wr, aber der ist seit einiger Zeit
verstimmt als wie ein alts Klavier.

Rosa.  Weil nichts aus seiner Heirat wird.  Der Herr Prsident
von Klugheim gibt ihm seine Tochter nicht.  Er kann ihn gar
nicht leiden.

Valentin.  Wie soll er ihn denn nicht leiden knnen?  Er kommt
ja heut zur Tafel.

Rosa.  Ja wenn sich die Leute alle leiden knnten, die
miteinander an einer Tafel sitzen, da wr die ganze Welt
gut Freund.  Was auer dem Herrn Prsidenten da in unser Haus
hergeht, das heit man Tafelfreunde.  Das sind nur Freunde von
der Tafel, aber nicht von dem, der Tafel gibt.

Valentin.  Und der Herr Prsident?

Rosa.  Bei dem ists ganz ein andrer Fall.  Das ist ein Ehrenmann.
Der halt ein bessere Ordnung in sein Haus als unser Herr.  Ich
bin sehr gut bekannt dort, denn das Stubenmdel ist meine beste
Freundin.

Valentin.  Ich auch.  Der Kutscher schtzt mich ungemein.  Und
der fhrt das ganze Haus.

Rosa.  Ich hr fast jedes Wort.  Der Herr Prsident mag unsern
Herrn nur darum nicht, weil er so groen Aufwand macht, er
frcht sich halt, er geht zugrunde Der Baron Flitterstein ist
ganz ein anderer Mann und fast so reich wie unser Herr.  Den
mu das gndge Frulein heiraten.

Valentin.  Das darf nicht sein.  Da mu ich mit dem Kutscher
drber reden.  Einen bessern kann sie gar nicht kriegen als
unsern Herrn.  Er ist so wohlttig, so gut.

Rosa.  Zu gut ist auch ein Fehler.  Ich bin viel zu gut mit dir.
Und kurz und gut, der Herr Prsident gibts halt nicht zu.

Valentin.  Sie ist ja wahnsinnig in ihm verliebt.  Sie lat ihn
nicht.

Rosa.  Sie mu.  Da hats schon viele Auftritt geben.  Sie kommen
immer heimlich zusammen, der Herr Prsident darfs gar nicht
wissen.  Da du nur niemand etwas sagst.

Valentin.  Ich werd doch nicht meinen Herrn verraten.  Aber warum
ladet er denn den Baron Flitterstein heut ein?  Er steht ja auf
der Liste.

Rosa.  Weil er mu.  Der Herr Prsident wr ja nicht gekommen ohne
ihn.  Drum war schon gestern groe Tafel, weil heut der Frulein
Amalie ihr Geburtstag ist.  Aber gestern sind sie nicht gekommen.
Da war der gndge Herr desperat, hat einen langmchtigen Brief
geschrieben an den Herrn Prsidenten.  Der Kammerdiener ist damit
in die Stadt geritten, ist ganz erhitzt nach Haus gekommen und
hat die Nachricht gebracht, da sie heut erscheinen werden; aber
der Baron kommt mit.

Valentin.  Das ist doch erschrecklich, was sie mit dem Herrn
treiben.  Wann ich nur wt, was da zu tun ist.  Soll sich denn
diese Sach gar nicht ausputzen lassen?

Rosa.  Putz du deine Kleider und deine Stiefel aus und kmmere
dich nicht um Sachen, die sich nicht fr dich schicken.

Valentin.  Ich frcht nur, wenn ihm s' der Baron wegheirat, er
tut sich ein Leid an.  Am End wirds noch das beste sein, da ich
selber mit dem Herrn Prsidenten vernnftig darber red.

Rosa.  Du?  Nu das wrd ein schner Diskurs werden.  Untersteh
dich, das wr ja eine Beleidigung fr einen solchen Herrn.

Valentin.  Ja es ist nur, da man sich hernach keine Vorwrf
zu machen hat.  Wenn heut oder morgen ein solches Unglck passiert.

Rosa.  Nu geh nur, du einfltiger Mensch!

Valentin.  Ja man kann nicht vorsichtig genug sein, weil das
eine groe Verantwortung wr.

(Beide ab.)



Zweiter Auftritt

Flottwell und sein Haushofmeister aus dem Schlo.


Flottwell.  Wie stehts mit uns, mein alter Haushofmeister?  Ist
alles so, wie ichs befohlen habe?  Ich will an Glanz durchaus
nicht bertroffen werden, und fr Amaliens Freude ist kein
Opfer mir zu gro.

Haushofmeister.  Jawohl ein Opfer, gndger Herr.  Da sich das
Gastmahl heute glnzender noch wiederholt, so wird die Rechnung
ziemlich stark ausfallen.

Flottwell.  Drum ists ein Glck, da Er sie nicht zu zahlen
braucht.  Der reiche Flottwell wird doch keinen Heller schulden?
Wie ist es mit dem Schmuck, den ich bestellt, hat ihn der
Juwelier noch nicht gebracht?

Haushofmeister.  Noch wei ich nichts.

Flottwell (auffahrend).  Den Augenblick schickt nach der Stadt.
Es ist die hchste Zeit, er sollte schon die vorge Woche fertig
sein.

Haushofmeister.  Htten Euer Gnaden ihn bei dem braven Mann
bestellt, den ich Euer Gnaden empfohlen habe, so wrden Sie
ihn schon besitzen.  Er wrde schn und billig ausgefallen
sein.  Allein der Kammerdiener hat--

Flottwell.  Mir einen bessern anempfohlen.  Ists nicht so?

Haushofmeister.  Das glaub ich kaum.

Flottwell.  Die Meinung steht Ihm frei.  Doch lieb ichs nicht,
wenn meine Diener mir als Lehrer dienen wollen.  Dies fr die
Zukunft.  Nun den Juwelier.  (Wendet sich von ihm.)

Haushofmeister (fr sich, gekrnkt).  O Treue, was bist du fr
ein armer Hund, da Undank dich mit Fen treten darf.  (Ab.)



Dritter Auftritt

Flottwell.  Der Bettler, welcher immer mit unbedecktem Haupt
erscheint.


Flottwell.  Ein altes Mbel aus des Vaters Nachla.  Der Mann
ist immer unzufrieden mit allem, was ich tue.  Die alten Leute
sind doch gar zu wunderlich.  Ich bin so schlecht gelaunt.  Heut
wird ein heier Tag auf Flottwells Schlo, ein gro
entscheidender.  Ich kann Amalie nicht verlieren, sie nicht in
eines andern Arm erblicken, ich hab es ihr geschworen; und
gelingt es mir nicht, ihren Vater zu gewinnen, lt er nicht
ab, sein Kind dem Starrsinn aufzuopfern, so mte ich zu einem
bsen Mittel greifen.  Schon gestern hab ich einen Brief
erwartet.  Gott!  wenn sie wanken knnte.  (Erblickt den Bettler,
der nachdenkend mit seinem Stabe in den Sand schreibt.)  Was
macht der Bettler dort!  Ich hab ihn heut vom Fenster schon
bemerkt, und sein Gesang hat mich ganz sonderbar ergriffen.
Mir wars, als htt ich ihn schon irgendwo gesehn und als
wollt er meiner Lust ein Grablied singen.  Mich wunderts,
da ihn meine Dienerschaft hier sitzen lt.  Was schreibst
du in den Sand mit deinem Bettelstab?

Bettler.  Die Summen Goldes, die ich einst besa.

Flottwell.  So warst du reich?

Bettler (seufzend).  Ich wars.

Flottwell.  Da du Verlust betrauerst, zeigt die Trn in
deinem Auge.

Bettler.  Was ich betraure, spiegelt sich in meiner Trne!--
Ein Palast.

Flottwell (betroffen).  Oho!--Was warst du, und wie heiest du?

Bettler.  Es ist die letzte Aufgabe meines Lebens, beides zu
vergessen.  Das einzge Mittel, das mich vor Verzweiflung retten
kann.

Flottwell.  Sonderbar.  (Wirft ihm ein Goldstck in den Hut.)
Hier nimm dies Goldstck!  (Will nach dem Garten gehen.)

Bettler (springt auf und strzt zu seinen Fen, ohne ihn je
zu berhren).  O gndger Herr, schenken Sie mir mehr, schenken
Sie mir eine Summe, welche Ihrer weltberhmten Gromut
angemessen ist.

Flottwell.  Bist du beweibt, hast du so viele Kinder?

Bettler.  Ich bin allein, nur Gram begleitet mich.

Flottwell (wirft ihm noch ein Goldstck hin).  So sttge dich
und jag ihn fort.

Bettler.  Er lt sich nicht so leicht verjagen als das Glck.

Flottwell.  Er ist nur Wirkung, heb die Ursach auf.

Bettler.  Vermgen Sie die Ursach Ihrer Lieb zu tilgen?

Flottwell.  Wer sagt dir, da ich liebe?

Bettler.  Wer denket gro und liebet nicht?

Flottwell.  Willst du mir schmeicheln, Bettler?  Schme dich!

Bettler.  Soll Schmeichelei denn nur ein Vorrecht reicher
Menschen sein?  Sie stammt von Bettlern ab, weil sie von
Geistesarmut zeigt.

Flottwell.  Ich frag dich nicht, um deines Mimuts Spott zu
hren.  (Beiseite.)  Mir ist so bang in dieses Mannes Nhe.  Du
kannst mit dem Geschenk zufrieden sein.  (Will gehn.)

Bettler (flehend).  Nein, gndger Herr!  ich bin es nicht, ich
darfs nicht sein.  Erbarmen Sie sich meiner Not.  Nicht Habgier
ists.  Nicht Bettlerlist.  Beschenken Sie mich reich, ich werde
dankbar sein!

Flottwell.  So nenn mir deinen frhern Stand.

Bettler.  Ich nenn ihn nicht.  Der Armut Rost hat meinen Schild
zernagt, wer frgt darnach, was ihn einst fr ein Sinnbild
zierte.  Ich wei es, ich begehre viel, und meine Forderung
kann mich in Verdacht des Wahnsinns bringen.  Doch ist er fern
von meinem Geist, und werd ich noch so reich bedacht, so hab
ich einst viel grere Summen selbst gegeben.

Flottwell.  Oh, schm dich, so um Geld zu jammern, es ist das
Niedrigste, was wir beweinen knnen.  Du hast genug fr heut,
ein andermal komm wieder.

Bettler.  Ich bin ein Bettler und gehorche.  (Verbeugt sich und
geht langsam fort.)

(Ein Diener eilig mit einem Brief.)

Diener.  Gndger Herr!  ein Brief.  (bergibt ihn und geht wieder
fort.)

Flottwell (sieht die Aufschrift).  Von Amalie, von meiner
himmlischen Amalie.  (Liest.)  "Mein teurer Julius!  Verzeih,
da ich Dir gestern nicht geschrieben habe, allein der groe
Kampf in meinem Herzen mute erst entschieden sein.  Doch nun
gelob ich Dir, Dich niemals zu verlassen.  Ich willge nicht in
meines Vaters strenge Forderung, und kann kein Flehen sein sonst
so edles Herz erweichen, so mag geschehen, was wir beschlossen
haben."--Amalie mein!  oh, knnt ich doch die Welt umarmen!  He
du!  (Der Diener kommt.)  Ruf mir den Bettler dort zurck, der
eben sich in jene Laube setzt.  (Zeigt in die Kulisse.)

Diener.  Ich sehe keinen Bettler, gndger Herr!

Flottwell.  Bist du denn blind!  Geh fort!  (Bedienter ab.  Ruft.)
He Alter, komm!

Bettler.  Was befehlen Sie, mein gndiger Herr!

Flottwell.  Ich habe eine frohe Botschaft hier erhalten, und
Flottwell kann sich nicht allein erfreun.  Verzeih, ich habe
dich zu karg behandelt.  Nimm diesen Beutel hier, auch diesen
noch.  (Wirft sie ihm in den Hut.)  Nimm alles, was ich bei mir
habe.  Was ich verschenken kann, hat eines Sandkorns Wert gen
den unendlichen Gewinn, der mir durch diesen Brief geworden
ist.  (Nach dem Garten ab.)

Bettler (allein).  O Mitleid in des Menschen Brust!  Wie bist
du oft so krnkelnder Natur, als htte dich ein weinend Kind
gezeugt.  Begeistrung ists, die alles Edle schnell gebiert, sie
hat mit des Verschwenders Gold des Bettlers Hut gefllt.

(Geht ab.)



Vierter Auftritt

Dumont, elegant gekleidet, kommt aus dem Schlo.


Dumont.  Ach, wie sein ick doch vergngt!  Ein ganzer Jahr hab
ich der Gegend nicht gesehen.  Die Nacht war mir zu lang.  Ich
hatte fnfzig Dukaten auf eine Karte gesetzt, hatt sie gewonnen,
da schlug der Nachtigall, ich lief davon, der Geld blieb stehn
und war perdu.  Doch was sein Dukatenglanz gegen Morgenrot!
Prchtiger Tag!  Die Natur legen heut aller ihrer Reize zur
Schau.  (Blickt durch die Lorgnette in die Szene.)  Da kommt
ein altes Weib!



Fnfter Auftritt

Voriger.  Ein altes zahnloses Mtterchen, zerrissen gekleidet,
auf dem Rcken einen groen Bndel Reisig.


Dumont.  Bon jour, Madame!  Wo tragen du hin das Holzen?

Weib.  Nach Haus.  Gleich ins Gebirg, nach Blunzendorf.

Dumont.  Blonsendorf?  O schner Nam!  Du wohnen wohl sehr gerne
im Gebirge?

Weib.  Ah ja, 's Gebirge wr schon schn.  Wenn nur die Berg
nicht wren!  Man steigt s' so hart.

Dumont.  Das sind der Figuren, die der Landschaft beleben.  O,
mir gefallen das Weib sehr.

Weib (beiseite).  Ich gfall ihm, sagt er.  Ja, einmal htt ich
ihm schon besser gfallen.

Dumont.  Sie sein so malerisch verlumpt.  Ich kann sie nicht
genug betrachten.  (Er sieht durch die einfache Lorgnette und
drckt das linke Auge zu.)

Weib.  Er hat im Ernst ein Aug auf mich; aber 's andre druckt
er zu.

Dumont.  Du seien wohl verheiratet?

Weib.  Schon ber dreiig Jahr.

Dumont.  Und bekmmern sich dein Mann doch noch um dich?

Weib.  Ah ja.  Er schlagt mich fleiig noch.

Dumont.  Er slagen dich?  O!  Das sein nick schn von ihm.

Weib.  Ah, es is schon schn von ihm.  Das ist halt im Gebirg
bei uns der Brauch.  Ein schlechter Haushalt, wo s' nicht
raufen tun.

Dumont.  Unschuldige Freuden der Natur.  Von dieser Seit mu
sich das Bild noch schner machen.  Stell dich dort hin.  Ich
will dich gans von ferne sehen.

Weib.  Hren S' auf!  Was sehen S' denn jetzt an mir?  Htten S'
mich vor vierzig Jahren angschaut.  Jetzt bin ich schon ein
altes Weib.

Dumont.  Das machen deiner Schnheit eben aus.  Du sein
vortrefflich alt.  Au contraire, du sollen noch mehr Falten
haben.

Weib.  Warum nicht gar.  Mein Mann sein die schon zu viel.

Dumont.  Du sein wahrhaft aus der niederlndischen Schule.

Weib.  Ah beleib.  Ich bin ja gar nie in die Schul gegangen.

Dumont.  Ick hab einer ganzer Sammlung solcher alter Weiber zu
Haus.

Weib.  Jetzt ists recht.  Der sammelt sich die alten Weiber, und
die andern wren froh, wenn sie s' losbringeten.

Dumont (nimmt einen runden kleinen schwarzen Spiegel aus der
Tasche, dreht sich um und lt die Gegend abspiegeln).  O quel
contraste!  Das Schlo!  Der Wald!  Der Weib!  Der Ochsen auf der
Flur!  O Natur, Natur!  Du sein gro ohne Ende.

Weib.  Der Mensch mu narrisch sein.  Jetzt schaut er sich in
Spiegel und sieht Ochsen drin.

Dumont.  Hier hast du einen Dukaten.  Jetzt hab ich dich genug
gesehen.  (Gibt ihr ein Goldstck.)

Weib (rasend erfreut).  Ah Spektakel!  Ah Spektakel!  jetzt
schenkt er mir gar ein Dukaten.  Euer Gnaden, das ist ja z'viel,
ich trau mir ihn gar nicht zu nehmen.  Fr was denn?  sagen S'
mirs nur.

Dumont.  Dein Anblick hat mir sehr viel Vergngen verschafft.

Weib.  Nein, das htt ich meinen Leben nicht geglaubt, da ich
mich in meinen alten Tagen sollt noch ums Geld sehn lassen.  Ich
dank vieltausendmal.  (Kt ihm die Hand.)  Euer Gnaden verzeihen
S'--Ich bitt Ihnen--hab ich Ihnen denn wirklich gfallen?

Dumont (mu lachen).  O, du gefallen mir auerordentlich.

Weib (verschmt).  Hren S' auf.  Sie konnten ein altes Weib
vllig verruckt machen.  Nein, wenn das mein Mann erfahrt, der
erschlagt mich heut aus lauter Freud.  Ich sags halt.  Wenn man
einmal recht schn war und man wird noch so alt, es bleibt doch
allweil noch a bissel was brig.  (Trippelt ab.)

Dumont (sieht ihr nach).  Ha!  wie sie schwankt.  Wie ein alter
Schwan!  Ich sein so aufgeregt, da mir jeder Gegenstand gefallen.



Sechster Auftritt

Voriger.  Rosa will mit einem Kaffeegeschirr nach dem Garten.


Dumont.  Ah ma belle Rosa!

Rosa.  Guten Morgen, Herr Chevalier!

Dumont (hlt sie auf).  O, Sie kommen nicht so schnell von mich.
Der Alt sein charmant, aber der jung gefallen mir doch noch
besser.  Das sein Malerei fr der Aug, das sein Malerei fr der
Herz.

Rosa.  Herr Chevalier, ich hab kein Zeit, der gndige Herr
wnscht noch Kaffee zu trinken.

Dumont.  Ah!  Schne Ros'!  (Umfat sie zrtlich.)

Rosa (windet sich los).  Ah was generos.  Was hab ich von Ihrer
Generositt.  Ich mu in Garten hinaus.

Dumont.  O, Sie drfen nicht.  Ich sein zu enchant.  Dieser
Wangen!  Dieser Augen!  Dieser Augenblicken!  O Natur, was haben
du da geschaffen, ich kann mick nicht enthalten.  Ich mussen
Sie embrasser.

Rosa.  Herr Chevalier, lassen Sie mich los, oder ich schrei.

Dumont.  Ich will den Mond versiegeln.  (Will sie kssen, sie
schreit und lt das Kaffeegeschirr fallen.)



Siebenter Auftritt

Vorige.  Flottwell und Wolf aus dem Garten.


Flottwell.  He, he, Herr Chevalier!  Was machen Sie denn da?

Dumont.  Ich bewundre der Natur!

Flottwell.  Bravo!  Sie dehnen Ihre Liebe zur Natur auf die
hchsten und auf die gemeinsten Gegenstnde aus.

Wolf.  Schn oder hlich, das gilt dem Herrn Chevalier ganz
gleich.

Dumont.  Was sagen Sie da von Hlichkeit!  Der Natur sein der
hchster Poesie, und wahre Poesie kann nie gemein noch hlich
sein.  Ich wollen mich fr ihrer Schnheit schlagen, und schlagen
lassen; und fallen ick, so schreib der Welt mir auf mein Grab:

Es schlafen unter diesem Stein
Chevalier Dumont hier ganz allein,
Er haben nur gemacht der Cour
Auf Erd der himmlischen Natur.
Nun seien tot.  Welch glcklick Los!
Er ruhn in der Geliebten Scho
Und wird, kehrt er im Himmel ein,
Naturellement willkommen sein.
(Geht stolz ab ins Schlo.)


Rosa (lest das Geschirr zusammen).  Abscheulich!  Allen
Zudringlichkeiten ist man ausgesetzt in diesem Haus.

Flottwell.  Weich Sie den Gsten aus, wenn sie Champagner
getrunken haben.  Ich bin sehr unzufrieden mit Ihr, Herr Wolf
hat sich auch beklagt, da Sie sehr unartig mit ihm ist und
ohne Achtung von mir spricht.

Rosa.  Der gndige Herr Kammerdiener?  Ah, jetzt mu ich reden--

Wolf (fein).  Das soll Sie nicht, mein Kind, Sie soll nur Ihren
Dienst versehen.

Rosa.  Ich stehe bei dem gndgen Herrn in Diensten und nicht bei
gewissen Leuten.

Wolf.  Schweig Sie nur--

Rosa.  Nein, nichts will ich verschweigen.  Alles mu heraus.

Wolf.  Welche Bosheit!

Flottwell.  Still!  die Sache wird zu ernsthaft.

Rosa.  Wissen Euer Gnaden, was der Kammerdiener gesagt hat?

Flottwell.  Was hat er gesagt?

Rosa.  Er hat gesagt--

(Valentin schnell.)

Valentin.  Der Juwelier ist da.

Flottwell.  Ah bravo!  Nur geschwinde auf mein Zimmer.
(Geht schnell ab.)

(Der Juwelier tritt von der Seite ein, und)

Wolf (fhrt ihn ins Schlo, vorher sagt er zu Rosa).  Wir
sprechen uns, Mamsell.  (Ab.)

Rosa (steht wie versteinert).  Da steh ich jetzt!

Valentin.  Da steht sie jetzt.

Rosa.  An wem soll ich nun meinen Zorn auslassen?

Valentin.  Wart, ich besorg dir wem.  (Will fort.)

Rosa.  Du bleibst!  An dir will ich mich rchen, du
verhngnisvoller Mensch.  (Geht auf ihn los.)

Valentin.  An mir?  Das ging' mir ab.  Ich hab ja gar nichts
gesagt als: Der Juwelier ist da.

Rosa.  Still sei!  oder--(Reibt auf und will ihm eine Ohrfeige
geben, wird aber pltzlich schwach.)  Weh mir!  mich trifft der
Schlag.

Valentin.  Das ist ein Glck, sonst htt er mich getroffen.

Rosa (springt).  Der Juwelier soll hingehn, wo der Pfeffer
wchst.

Valentin.  Das kannst ihm selber sagen.  Ich wei nicht, wo er
wchst.

Rosa.  Schweig!  ich wei mich nicht zu fassen.

Valentin.  Nu schimpf nur zu, der Juwelier wird dich schon fassen.

Rosa.  Gleich geh mir aus den Augen (tut, als wollt sie ihm
die Augen auskratzen), du bist an allem schuld!

Valentin.  Ich hab ja gar nichts gsagt als: Der Juwelier ist da.

Rosa.  Das ist ja dein Verbrechen eben.  Du httest gar nichts
sagen sollen, wenn du siehst, da meine Tugend auf dem Punkt
steht, ihre Rechte zu verteidigen.  (Ab.)

Valentin.  Das ist schrecklich.  Da darf ja eine noch so viele
Untugenden haben, so kann man nicht soviel Verdru haben als
wegen derer ihrer unglckseligen Tugend.  Und ich wei mich gar
nichts schuldig.  Ich mu nur grad das Gesetzbuch aufschlagen
lassen, um zu erfahren, was denn das fr ein Verbrechen ist:
Wenn einer sagt, der Juwelier ist da!  (Ab.)



Achter Auftritt

Verwandlung

Kurzes Kabinett Flottwells.  Durch die Fenster sieht man in
eine Kolonnade und durch diese ins Freie.

Flottwell und der Juwelier treten ein.


Flottwell (sehr frhlich.).  Wo haben Sie den Schmuck?  Geben Sie!
Ich freue mich schon wie ein Kind!  Wie wird sich erst Amalie
freuen!

Juwelier.  Hier ist er!

Flottwell (besieht ihn und wird ernst).  Mein Gott, was haben
Sie denn gemacht?

Juwelier.  Wieso?

Flottwell.  So kann ich ihn nicht brauchen!

Juwelier.  Er ist nach Ihrer Angabe, gndger Herr!

Flottwell (wird immer heftiger).  Nein, nein!  das ist er nicht!

Juwelier.  Ganz nach der Zeichnung, ich versichere Sie!

Flottwell.  Nein, nein, nein, nein.  (Mimutig.)  Er ist zu
altmodisch, auch sind es nicht die Steine, die ich ausgewhlt.

Juwelier.  Herr von Flottwell!  das betrifft ja meine Ehre.

Flottwell.  Die meine auch, ich kann den Schmuck nicht brauchen.

Juwelier.  Ich nehm ihn nicht zurck.

Flottwell.  Das mssen Sie.

Juwelier.  Ich will ihn ndern.

Flottwell.  Zu spt.  Er ist ja ein Geschenk zum heutgen Fest.
Sie haben meine schnste Freude mir gemordet durch Ihre
Ungeschicklichkeit.

Juwelier (etwas beleidigt).  Herr von Flottwell--(Fat sich)
Ich versichere Sie, es ist nur eine Grille.

Flottwell.  Versichern Sie mich nicht, der Schmuck ist schlecht.

Juwelier.  Betrachten Sie ihn nur.

Flottwell.  Nein, er ist mir so zuwider, da ich ihn zum Fenster
hinauswerfen knnte.

Juwelier.  Das werden Sie wohl bleibenlassen, denk ich!

Flottwell.  Das werd ich nicht.  Da liegt er!  (Schleudert ihn zum
Fenster hinaus.)

Juwelier (erschrocken).  Ums Himmels willen!  der Schmuck betrgt
zweitausend Taler!

Flottwell (stolz).  Ist Ihnen bange?  Lumpengeld!  Sie sollen es
erhalten!  Warten Sie!  (Er eilt ins Kabinett.)

Juwelier.  Das ist ein Wahnsinn, der mir noch nicht vorgekommen
ist.  Ich hol den Schmuck herein!  (Luft ab.)

(Man sieht den Bettler vor dem Fenster, welcher den Schmuck
aufgehoben hat, ihn gen Himmel hlt und singt.)

Bettler.
Habt Dank, habt Dank, ihr guten Leute,
Da ihr so reichlich mich beschenkt,
Mein Herz ist ja des Kummers Beute,
Durch eigne Schuld bin ich gekrnkt.

(Er entfernt sich durch die Sulen und wiederholt noch die
letzten Worte in der Ferne.)

Juwelier (kommt bestrzt zurck).  Der Schmuck ist fort, ich
find ihn nicht.

(Flottwell aus dem Kabinett.  Er hat sich Besinnung geholt,
und sein Betragen zeigt, da er seine Heftigkeit bereut und
sich ihrer schmt.  Er trgt zwei Rollen Gold.)

Flottwell (edel freundlich).  Hier haben Sie Ihr Geld, mein Herr!

Juwelier (artig).  Herr von Flottwell, ich bedaure sehr--

Flottwell.  Bedauern Sie nichts--An mir ist das Bedauern meiner
unverzeihlichen Heftigkeit.  Mein Blut spielt mir manch tollen
Streich.  Ich mu zur Ader lassen nchster Tage.

Juwelier.  Ein gtig Wort macht alles wieder gut.

Flottwell (drckt ihm gutmtig die Hand).  Nicht wahr, Sie nehmen
es nicht bel, lieber Freund--und Sie vergessen es--Sie sprechen
auch nie mehr davon?  Ich wnschte nicht, da Sie es irgendwo
erzhlen mchten.

Juwelier.  Ich geb mein Ehrenwort--

Flottwell.  Ja, ja, ich wei, ich kann mich ganz auf Sie verlassen.
Auch werd ich Ihre Kunst gewi sehr bald in Anspruch wieder
nehmen.  Gewi, gewi, ich werde bald etwas bestellen lassen.
Sehr bald.  Und nun Adieu, mein Freund, und keinen Groll.

Juwelier (mit einer tiefen Verbeugung).  Wie knnt ich das, ich
bin so tief gerhrt.  (Im Abgehen.)  Wenn er doch nur bald wieder
etwas machen liee!  (Ab.)

Flottwell (allein).  Ein sturmbewegter Tag!  Wr er doch schon
vorber.  (Wirft sich vor sich hinstarrend in einen Stuhl.)

(In der Ferne klingen die letzten Verse von des Bettlers Gesang.)

Bettler.
Mein Herz ist stets des Kummers Beute,
Durch eigne Schuld bin ich gekrnkt.

Flottwell (springt auf).  Welch Gesang--

(Wolf tritt ein.)

Wolf.  Ach liebster gndger Herr!  Wie hat der Juwelier doch
seine Sache schlecht gemacht, ich hab ihn eben ausgezankt.
Doch stellen Sie sich vor, der Schmuck ist weg, und niemand
will ihn aufgehoben haben.

Flottwell.  Das wre mir sehr unlieb--denn er kostet viel.

Wolf.  Er mu sich finden, ich sah ihn aus dem Fenster fliegen.
Niemanden gewahrt ich in der Nhe als das Kammermdchen Rosa.
Ich eilt sogleich herab, da war sie fort, und als ich sie
befragte, wollt sie nichts gesehen haben.

Flottwell.  Das kann ich doch nicht von ihr glauben.

Wolf.  Man mu die Sache untersuchen lassen.

Flottwell.  Nur heute nicht.  Das macht zu groes Aufsehen; und
dann wer wei, ists wahr.

Wolf.  Gewi, ich hab es ja beinahe gesehen.

Flottwell.  Wenn es wahr ist, mu sie fort, sonst wnsch ich
keine Strafe.

Wolf.  Wie der Himmel doch die Menschen oft verlt!  Es ist schon
alles zu dem Fest bereitet, die Gste sind im Gartensaal
versammelt.  Ich habe die schne Aussicht nach dem Tal mit
Traperien verhngen lassen.  Wir wollen warten, bis die Sonne
untergeht, und wenn sie pltzlich schwinden, wird es einen
imposanten Anblick geben.

Flottwell.  Sind die Tnzer schon bereitet?

Wolf.  Ja.  Der Herr Prsident ist auch schon hier.

Flottwell.  Amalie hier!  Was sagst du das erst jetzt?

Wolf.  Ich habe sie in das blaue Zimmer gefhrt, der Baron ist
aber nach dem Garten gegangen.

Flottwell (auffahrend).  Der Baron?  Schndlich, da ich meinen
Nebenbuhler noch zu Gaste bitten mu.  Was soll ich nun Amalien
verehren, der Schmuck ist fort.

Wolf.  Schenken Sie ihr die kostbare Vase, die Sie erst gekauft
haben, das ist doch ein Geschenk, das eines Millionrs wrdig ist.

Flottwell.  Sie ist von groem Wert, doch eben recht, der
Prsident ist ein Freund der Knste.  Vielleicht gewinnt ihn
das.

Wolf (fr sich).  Da irrst du dich.

Flottwell.  La sie mit Blumen schmcken, kurz, besorge alles.
Ich mu zu ihr, zu ihr.--

(Beide ab.)



Neunter Auftritt

Verwandlung

in ein nobles Gemach.

Der Prsident von Klugheim und Amalie.

Klugheim.  Beruhige dich doch, meine Tochter, und la mich nicht
bereuen, da ich so schwach war, deinen Bitten nachzugeben.


Amalie (ihren Schmerz bekmpfend).  Ja, mein Vater, ich will ruhig
sein.

Klugheim.  Nun seh ich erst, du hast mich durch erzwungne
Frhlichkeit getuscht.  Du solltest ihn nicht wiedersehen.

Amalie.  Im Gegenteil, mein Vater, es wird auf lange Zeit mich
strken, meine Leiden zu ertragen.

Klugheim.  Vergi nicht, da wir in Gesellschaft sind und da
dich der Baron mehr als sein Leben liebt.



Zehnter Auftritt

Vorige.  Flottwell.


Flottwell (mit Herzlichkeit).  Mein verehrungswrdiger Herr
Prsident!  Die hchste Gunst, die ich vom Glck erlangen
konnte, ist die Ehre, Sie auf meinem Schlosse zu begren.
Mein holdes Frulein!  Flottwell wird es nie vergessen, da
Ihr edles Herz es nicht verschmhte, seines kleinen Festes
Knigin zu sein.

Amalie (sich verbeugend).  Herr von Flottwell--

Klugheim.  Genug der Zeremonie.  Es kommt der Freund zum Freunde.

Flottwell.  Ist das wirklich so, Herr Prsident?

Klugheim.  Zweifeln Sie daran?  Dann wr es nur zur Hlfte so.

Flottwell.  Ach, wie sehnlich wnscht ich, da es ganz so wre!
Da ich Sie--

Klugheim (fein).  Herr von Flottwell, jeder Ausfall auf frhere
Verhltnisse ist gegen die Bedingung, unter welcher ich Ihre
heutige Einladung angenommen habe.

Amalie.  Bester Vater, lassen Sie sich doch erweichen!  Wenn
Ihnen das Leben Ihres Kindes etwas gilt.

Klugheim.  Was soll das sein?  Ist ein Komplott gegen mich im
Werke?  hat man mich hieher geladen, um eine Sache zu erneuern,
die ich fr beendet hielt?

Flottwell.  Sie irren sich, Herr Prsident.  Ihr Frulein Tochter--

Klugheim.  Ist eine Schwrmerin.  Ihres Lebens Glck ist mir von
Gott vertraut, und niemand kann es mir verargen, wenn ich sie
nicht in ihres Unglcks Arme fhre.

Flottwell.  Herr Prsident, Sie verkennen mich zu sehr.

Klugheim.  Ich sehe klar, was Ihnen erst die Zukunft einst
enthllen wird.

Flottwell.  Ich bin verleumdet.

Klugheim.  Durch niemand--

(Flitterstein ffnet die Tr.)

Flottwell.  Durch den hinterlistigen Baron Flitterstein--

Baron Flitterstein (mit Erstaunen, ohne den Anstand zu
verletzen).  Ist hier von mir die Rede?

Flottwell (frappiert).  Nein--

Flitterstein (fat sich und lchelt fein).  Ah so.  Also von
einem Verwandten von mir.  Das wollte ich als Edelmann nur
wissen.

Flottwell (verlegen).  Herr Baron!  Ich bin erfreut--

Flitterstein (schnell).  Ich verstehe.  Meine Freundschaft zu
dem Herrn Prsidenten--

Flottwell.  Ist die Ursache, da Sie mir die Ehre Ihres Besuches
schenken.  Ich bin von allem unterrichtet.  (Nach einer Pause,
durch welche sich die Verlegenheit aller ankndigt.)  Ist es
nun gefllig, sich zur Gesellschaft zu begeben?

Flitterstein.  Nach Belieben.

Flottwell (reicht Amalien den Arm).  Mein Frulein!
(Fhrt sie fort.)

(Flitterstein folgt.)

Klugheim.  Ich frchte, wir haben den Frohsinn gerufen und dem
Mimut unsre Tore geffnet.  (Ab.)



Elfter Auftritt

Verwandlung

Herrlich mit Gold und Blumen geschmckter Gartensaal.  Die
Hinterwand geschmackvoll traperiert.

Alle Gste sind versammelt.  Nobel gekleidete Herren und Damen.
Dumont.  Walter.
Whrend des Chores treten der Prsident, Flitterstein, Flottwell
und Amalie ein und setzen sich.  Wolf.


Chor.
Froh entzckte Gste wallen
Durch die reich geschmckten Hallen.
Will sich Lust mit Glanz vermhlen,
Mu sie Flottwells Schlo sich whlen.
Nur in seinen Slen prangt,
Was das trunkne Herz verlangt.

(Tnzer und Tnzerinnen im spanischen Kostm fhren einen
reizenden Tanz aus, und am Ende bildet sich eine imposante
Gruppe, bei welcher Kinder in demselben Kostme die Vase,
mit Blumen geschmckt, auf ein rundes Postament in die Mitte
des Theaters stellen.)

Flottwell (fr sich).  Was hat doch Wolf gemacht, jetzt sollte
sie sie nicht erhalten.

Klugheim.  Sehen Sie doch, Baron, hier die berhmte Vase, welche
ein Franzose dem Minister um zwanzigtausend Frank anbot.

Flitterstein.  Wahrhaftig, ja, sie ist es.

Mehrere Gste (betrachten sie).  Wirklich schn!

Walter.  Sehn Sie doch hier, Chevalier, die Vase aus Paris.

Dumont (in einem Stuhl hingeworfen, ohne hinzusehen).  O charmant!
Sie sein ganz auerordentlick.

Walter.  Sie haben sie ja gar nicht angesehen.

Dumont.  Ick brauchen sie gar nick zu sehen, ick brauchen nur
zu hren de Paris, kann gar nick anders sein als magnific.

Flitterstein.  Frwahr, Sie sind um dieses Kunstwerk zu beneiden,
Herr von Flottwell.

Flottwell (fr sich).  Nun kann ich nicht zurck.  (Laut.)  Es ist
nicht mehr mein Eigentum.  Ein unbedeutendes Geschenk, das ich
der Knigin des Festes weihe.

Amalie (erfreut).  Ach Vater!  wie erfreut mich das.

Klugheim (strenge).  Nicht doch, mein Kind!  Verzeihen Sie, Herr
von Flottwell, das geb ich nicht zu.  Das Geschenk hier ist
durchaus zu kostbar, um es anzunehmen.

Flitterstein.  Ja, ja, es ist zu kostbar.

Flottwell.  Das ist es nicht, mein Herr Baron.  Die Welt erfreut
sich keines Edelsteines, der zu kostbar wre, ihn diesem
Frulein zum Geschenk zu bieten.

Klugheim.  Auch wei ich nicht, wie wir zu solcher Ehre kommen.

Flitterstein (halblaut).  Die mehr beleidigend als--

Flottwell (fngt es auf).  Beleidigend?

Flitterstein.  Ich nehm es nicht zurck!

Flottwell (verbissen).  Wie kmmt es denn, mein Herr Baron,
da Sie das Wort so eifrig fr des Fruleins Ehre fhren?

Klugheim.  Er spricht im Namen seiner knftgen Braut.

Einige Gste.  Da gratulieren wir!

Flottwell (vernichtet).  Dann hab ich nichts mehr zu erwidern!

Klugheim.  Nehmen Sie die Vase hier zurck, so beschenkt ein
Frst, kein Edelmann.

Flottwell (stolz).  Ich beschenke so!  ich bin der Knig meines
Eigentums.  Dieses Kunstwerk hatte seinen hchsten Wert von dem
Gedanken nur geborgt, da diese schne Hand es einst als ein
erfreuend Eigentum berhren werde, es soll nicht sein!  Ich
acht es nicht.  Wolf!  (Wolf tritt vor) nimm sie hin!  Ich
schenke diese Vase meinem Kammerdiener.

(Wolf macht eine halbe verlegene Verbeugung.  Die Vase wird
weggebracht.)

Flitterstein.  Welch ein Tollsinn!

Klugheim.  Unbegreiflich!

Dumont.  Der Mann sein gans verrckt.

Amalie.  Wie kann er sich nur so vergessen!

Die Gste (klatschen).  Bravo!  so rcht sich ein Millionr!

Flottwell.  Dies soll unsere Freude nicht verderben.  Da
Frankreichs Kunst so schlechten Sieg errungen, will ich vor
Ihrem Auge nun ein deutsches Bild entrollen, dessen Schnheit
Sie gewi nicht streitig machen werden.  Sie sollen sehen, was
ich fr eine vortreffliche Aussicht habe.  (Klatscht in die
Hand.)

(Musik.--Der Vorhang schwindet, und ber die ganze Breite des
Theaters zeigt sich eine groe breite ffnung, durch deren
Rahmen man eine herrliche Gegend perspektivisch gemalt erblickt.
Ein liebliches Tal, hie und da mit Drfern beset, von einem
Flu durchstrmt und in der Ferne von blauen Bergen begrenzt,
erstrahlt im Abendrot.  Die Basis des Rahmens bildet eine
niedre Balustrade.  Im Vordergrunde links von dem Zuschauer
sitzt wie eine geheimnisvolle Erscheinung unter dunklem
Gestruch, von der untergehenden Sonne beleuchtet, der Bettler
mit unbedecktem Haupte und gegen Himmel gewandtem Blick in
malerischer Stellung.  So da das Ganze ein ergreifendes Bild
bietet.)

Flottwell (ohne genau hinzusehen).  Gibt es eine schnere
Aussicht?  (Er erschrickt, als er den Bettler sieht.)  Ha!
welch ein Bild.  Ein sonderbarer Zufall!  (Diese Worte spricht
Flottwell schon unter der leise beginnenden Musik.)

Chor von Gsten (fr welche smtlich der Bettler nicht sichtbar
ist).
Oh, seht doch dieses schne Tal,
Wo prangt die Erd durch hhern Reiz?
Dem Kenner bleibt hier keine Wahl,
Der Anblick bertrifft die Schweiz.

Bettler.
Nicht Sternenglanz, nicht Sonnenschein
Kann eines Bettlers Aug erfreun.
Der Reichtum ist ein treulos Gut,
Das Glck flieht vor dem bermut.

Flottwell (welcher immer nach dem Bilde hingestarrt hat, zu
Wolf).  Jagt doch den Bettler fort, warum lat ihr ihn hier so
nah beim Schlo verweilen?

(Der Bettler steht auf und geht an der Seite, wo er sitzt, ber
den Hgel durch das niedere Gestruche in die Szene.)

Wolf.  Welch einen Bettler?  Wir bemerken keinen.

Flottwell.  Da geht er hin!  (Starrt ihm nach.)

Wolf.  Er spricht verwirrt.

(Amalie wird unwohl.)

Klugheim.  Gott im Himmel!  meine Tochter.

Flottwell.  Amalie?  Was ist ihr?

(Alle Gste in Bewegung.)

Klugheim.  Sie erbleicht!

Flottwell (strzt zu ihren Fen).  Amalie, teures Mdchen!
hre deines Julius Stimme.

Flitterstein (schleudert ihn entrstet von ihr).  Zurck,
Verfhrer!  nun entlarvst du dich!

Flottwell (ergreift ergrimmt seine Hand).  Genugtuung, mein
Herr!  Das geht zu weit.

Flitterstein.  Ists gefllig?  (Zeigt nach dem Garten.)

Flottwell.  Folgen Sie!

(Beide links ab.)

Mehrere Gste.  Haltet!  (Eilen nach.)

Klugheim.  Holt den Arzt!

(Bediente fort.)

Wolf.  Ins Kabinett!

Mehrere.  So endet dieses Fest.

(Die andere Hlfte gehen mit Klugheim und Wolf, welche Amalie
nach dem Kabinett rechts fhren, ab.  Nur)

Dumont (welcher sich whrend der Verwirrung an das Fenster
begeben hat und durch das Gewhl der Gste verdeckt war,
bleibt zurck, er hat sich in der Mitte des Fensters in
einen Stuhl geworfen, springt, wenn alles weg ist, auf,
lehnt sich auf die Fensterbrstung, sieht durch die Lorgnette
und ruft begeistert).  Gttliche Natur!



Zwlfter Auftritt

Kurzes Kabinett fllt vor.

Valentin und Rosa.


Valentin.  So la mich aus, ich mu ja sehen, was geschehen
ist.  Alles lauft davon, und die Frulein Amalie, sagen s',
ist umgefallen wie ein Stckel Holz.  Sie hat Konfusionen kriegt.

Rosa.  Da bleibst.  Mein Schicksal ists, um das du dich zu
kmmern hast.  (Weint bitterlich.)  Ich bin die gekrnkteste
Person in diesem Haus.

Valentin.  Was haben sie dir denn schon wieder getan?

Rosa.  Aber nur Geduld!  Morgen geh ich zu Gericht.  Alles wird
arretiert.  Der gndge Herr, der Kammerdiener.  Alle Gst, das
ganze Schlo und du.

Valentin.  Mich lt s' nicht aus.  Was hats denn gegeben?

Rosa.  Ohrfeigen htts bald gegeben.

Valentin.  Ah, da bin ich froh, da ich nicht dabei war.

Rosa.  Der Kammerdiener hat mir Ohrfeigen angetragen.  Hat mich
eine Diebin geheien, hat einen Schmuck von mir verlangt.  Uns
im Namen des gndgen Herrn den Dienst aufgekndigt und hat mich
wollen durch die Bedienten hinauswerfen lassen.

Valentin.  Das ist ja eine ganze Weltgeschichte.  Wann ist denn
das alles geschehen?

Rosa.  Vor einer Viertelstund, wie sie die Vasen im Saal oben
geholt haben.

Valentin.  Das ist schrecklich!

Rosa.  Der Mensch glaubt ja, man hat seine Ehr und Reputation
gestohlen.

Valentin.  Und den Schmuck auch dazu.  Nein!  das kann man nicht
so hingehn lassen.

Rosa.  Du mut dich annehmen.  Ich bin ein Weib.  Ich bin zu
schwach.

Valentin.  Auf alle Fll.  Du bist zu schwach.

Rosa.  Du bist ein Mann, dir ist die Kraft gegeben.

Valentin.  Freilich, mir ist die Kraft gegeben, drum werd ich
mirs auch berlegen.

Rosa.  Ich geh noch heut, und morgen klag ich.

Valentin.  Und ich geh morgen, und klag heut noch!  und wo?  beim
gndgen Herrn, denn das ist eine Beschuldigung, die man nicht
auf sich sitzenlassen darf!

Rosa (weinend).  Nicht wahr, du glaubst es nicht, da ich die
Diamanten genommen hab?

Valentin.  Nein!  Du bist zu tugendhaft.  Du gehst nur auf die
Augen los, nicht auf die Diamanten.  Doch jetzt mach dich auf.

Rosa.  Wir packen zusamm und gehen.

Valentin.  Die Livree bleibt da, die gehrt dem Herrn.  Mir
ghrt mein Tischlerrock, den ich mit hergebracht hab.  Die
andere Bagage brauch ich nicht, ich bin mit dir allein zufrieden.

Rosa.  Wir bringen uns schon fort.

Valentin.  Ich geh zu meiner Tischlerei zurck.  Aber vorher will
ich mein Meisterstck noch machen.

Rosa.  Was wirst denn tun?

Valentin.  Den Kammerdiener werd ich in die Arbeit nehmen.  Ah,
der ist zu ungehobelt.  ber den mu ein Tischler kommen.

Rosa.  Nimm dich zusamm.

Valentin.  Oh, du kennst mich nicht, ich bin der beste Mensch,
aber wenn es sich um Ehr und Reputation handelt, so kann ich in
eine Wut kommen wie der rollende Rasand.  Ich will dem
Kammerdiener zeigen--(Der Kellermeister eilt ber die Bhne.)
He!  Herr Kellermeister, wo gehn Sie hin?

Kellermeister.  Mir ist am groen Fa ein Reif abgesprungen,
ich mu den Wein abziehen.

Valentin.  Ha!  Das ist ein Wink des Schicksals.  Mann!  Ich folge dir.

(Geht tragisch mit dem Kellermeister ab.)

Rosa (allein).  Ah Spektakel!  jetzt mu sich der ein Spitzel
antrinken, wenn er eine Courage kriegen will.  Nein, was das fr
miserable Mannsbilder sein bei der jetzigen Zeit, das ist
nimmermehr zum Aushalten.  (Ab.)



Dreizehnter Auftritt

Verwandlung

Ein anderes Kabinett.


Amalie.  Der Arzt.  Prsident Klugheim.

Arzt.  Fhlen Sie sich leichter, Frulein?

Klugheim.  Wie ist dir, liebes Kind?

Amalie.  Ganz wohl, mein Vater!  es ist schon vorber.

Klugheim.  Ein Unstern hat uns in dies Haus gefhrt.



Vierzehnter Auftritt

Vorige.  Betti.


Betti.  Zu Hlfe!  Ach Herr Doktor, der Baron ist schwer verwundet.
Man suchet Sie!

Klugheim.  Heilger Gott, mein Freund!  Bleib Sie bei meiner
Tochter hier!  Kommen Sie, Herr Doktor!  Ach, ich bin an allem
schuld.

(Eilt mit dem Doktor ab.)

Amalie.  Was ist vorgegangen?

Betti.  Sie haben duelliert!  der gndge Herr und der Baron.

Amalie.  Ist Julius auch verwundet?

(Flottwell tritt aus einer Tapetentr.  Er ist bleich und spricht
halblaut und schnell.)

Flottwell.  Nein, er ist es nicht.  (Zu Betti.)  Geh auf die Lauer!

(Betti geht vor die Tr.)

Amalie.  Gott, wie siehst du aus!

Flottwell.  Wie ein Mann, der seinem Schicksal trotzt.  Doch noch
ist nicht mein Glck von mir gewichen, weil ich dich nur
sprechen kann.  Jede Minute droht.  Du mut mit mir noch diese
Nacht entfliehn.

Amalie.  Unmglich, nein!  ich kann den Vater nicht verlassen.

Flottwell.  Du hasts geschworen.  Denk an deinen Eid.

Amalie.  Doch heute, und so pltzlich--

Flottwell.  Heute oder nie!  Schon lang ist deine Dienerschaft
von mir gewonnen.  Nimm Laura mit und nichts von deinem Eigentum.
Dein Vater ist erschpft, er wird sich bald zur Ruhe legen,
und wenn auch nicht, verbotne Liebe ist erfinderisch.  Ich harr
auf dich, nah an der Stadt, bei der verfallenen Kapelle, wo wir
uns oft getroffen haben.

Amalie.  Wird sich mein Vater je vershnen?

Flottwell.  Er wirds.  Das weite Meer, das seiner Rache trotzt,
wird seinem Stolz gebieten.  Entschliee dich.

Amalie.  Oh, knnt ich leben ohne dich--

Flottwell.  Wenn dus nicht kannst, so sind wir ja schon einig.

Amalie.  Und doch--

Flottwell.  Ja!  oder Nein!  Nein!  ist ein Dolch, den du ins Herz
mir drckst.  Ja!  eine Sonn, die uns nach England leuchtet.

Amalie.  Nur eine Frage noch!

(Betti schnell.)

Betti.  Der Prsident!

Flottwell.  Sprich schnell!

Amalie.  Erwarte mich.



Fnfzehnter Auftritt

Prsident Klugheim.  Vorige.


Klugheim (emprt, strenge).  Was wollen Sie bei meiner Tochter
hier?

Flottwell.  Ich war besorgt.

Klugheim (nimmt Amalie auf die linke Seite.  Kummervoll).  Sie
sind zu gtig gegen mein Haus.  Komm, meine Tochter, der Wagen
wartet, dann geleit ich den Baron.  Mein Herr!  Sie haben uns
zu einem Fest geladen, (mit Wehmut) und wir danken Ihnen mit
gebrochenem Herzen fr die groen Freuden, die Sie uns bereitet
haben.  (Fhrt seine Tochter ab.)

(Betti folgt.)

Flottwell (allein).  O Starrsinn eines alten Mannes!  Was rufst
du doch fr Unglck auf so vieler Menschen Haupt.  (Wolf tritt
ein.)  Ha Wolf!  Gut, da du kommst.  Der Augenblick ist da, wo
du mirs danken kannst, da ich dir mehr ein Freund als Herr
gewesen bin.  Ich will in dieser Nacht noch mit Amalien nach
England fliehen.  Es steht dir frei, ob du uns auf der Flucht
begleiten willst.

Wolf.  O mein gtger Herr!  Mein Wille ist an Ihren Wunsch
gekettet.  Und wo Sie hinziehn, find ich meine Heimat.

Flottwell.  Ich habe groe Summen in der englischen Bank
liegen.  Was ich von Gold und Kostbarkeiten retten kann, will
ich jetzt zu mir nehmen.  Was ich in meinem Pulte zurck noch
lasse, verteilst du unter meine Diener doch ohne etwas zu
verraten.  Ich wnsche, da sie einen Herrn finden mgen, der
es so gut mit ihnen meint als ich.  Die beiden Schiffer an dem
See, die ich auf diesen Fall seit lngerer Zeit gedungen habe,
sollen sich bereit halten.  In einer Stunde lngstens mu alles
geordnet sein.  Dann erwart ich dich bei der alten Kapelle.
Dein Geschenk bring in Sicherheit, sein Wert ist dir bekannt.
Sei vorsichtig.  Ich baue ganz auf deine Treue.  (Ab.)



Sechzehnter Auftritt

Wolf.


Wolf (allein).  Du schiffst nach England.  Gnstgen Wind!  Ich
bleibe hier und will mein Schifflein in den Hafen lenken.  Wie
doch die Sonne auf und nieder geht!  Wer ist nun zu beneiden?
Er?  der stolze, der gepriesene Mzen, der seines Glckes Reste,
mit zerfallenem Gemt, dem ungetreuen Meer vertrauen mu?  oder
ich, der sanfte, der bescheidene Kammerdiener, der sein still
erworbnes Schfchen demtig ins trockne bringen kann.  Und wem
verdank ich diesen Sieg?  (schlgt sich an die Stirn) dir,
Klugheit!  vielseitigste der Gttinnen!  Die Natur hat mir nur
eine starke Gallenblase gegeben, die nicht zerplatzt ist bei
all dem Unsinn, den ich seit fnf Jahren in diesem Haus hab
sehen mssen.  Aber die Klugheit hat mich lcheln gelehrt.  Oh,
es ist eine groe Sache um das Lcheln!  Wie viele Menschen
haben sich ihr Glck erlchelt, und ein Schwachkopf kann eine
Minute lang fr einen vernnftigen Mann gelten, wenn er mit
Anstand zu lcheln wei.  Darum will ich lcheln ber die
Erbrmlichkeit, solang ich noch zu leben habe, und dann eine
laute Lache aufschlagen--auf welche Grabesstille folgt.  (Ab.)

(Als er schon in der Kulisse ist, drngt ihn Valentin zurck.
Er hat seinen Tischlerkaputrock an und einen wachsleinwandenen
Hut auf.  Ein Parapluie und einen Spazierstock zusammengebunden
unter dem Arm und ein kleines Felleisen auf dem Rcken, aus
dem Sack steht ihm das kurze Tabakrohr seiner eingesteckten
Pfeife.  Er ist benebelt, ohne zu wanken oder zu lallen.)

Valentin.  Halt!  Barbar, wo willst du hin?  Du kommst nicht von
der Stell.  Wie kannst du dich unterstehen, meine Geliebte zu
verleumden?  Was hat sie dir getan?  Sie hat deine Liebesantrge
nicht angenommen, weil du ihr zu hlich bist.  Kann es eine
grere Tugend geben?  Sie ist meine Verlobte, und du hast
geglaubt, ich bin der Gfoppte!  Sie soll einen Schmuck gestohlen
haben.  Diese schmucklose Person?  Pfui, schme dich!

Wolf.  Jetzt hast du die hchste Zeit, aus dem Hause zu gehen,
du Trunkenbold!

Valentin.  Oh, ich hab Zeit genug!  Ich hab eigentlich gar nichts
mehr zu tun auf dieser Welt, als Ihnen meine Meinung zu sagen.
Glauben Sie mir, Herr von Kammerdiener--ich will Ihnen nichts
Unangenehmes sagen, ich versichre Sie, Sie sind ein
niedertrchtiger Mensch.  Sie haben zwei arme Dienstboten aus
dem Haus gebracht, die von ihrer Herrschaft treu und redlich
bedient worden sind.  (Schluchzt.)  Aber der Himmel wird Sie
dafr bestrafen.



Siebzehnter Auftritt

Vorige.  Rosa, auch zum Fortwandern gerstet, mit einigen
Bndeln, einem Sonnenschirm.


Rosa.  Was tust denn, Valentin?  So la ihn gehn.  Ich hab ja
ghrt, du bist betrunken?

Valentin.  Wer hat dir das entdeckt?  Ha!  ich bin verraten.

Wolf.  Jetzt packt euch!  Beide.

Valentin.  Sollen wir uns selber packen?  Nein!  wir packen ihn.

Rosa.  Schm dich doch!

Wolf.  He Bediente!  (Bediente kommen.)  Jagt dieses Lumpenpack
hier aus dem Haus.  Ich befehl es euch im Namen unsres gndigen
Herrn.  (Geht ab.)

Valentin (geht auf einen Bedienten los, welcher mit dem
Kammerdiener hnlichkeit in der Kleidung haben mu).  Was?
hinauswerfen willst du uns lassen?  du schndlicher Verrter!

Rosa.  Was treibst denn da?

Valentin.  La mich gehn.  Der Kammerdiener hier mu unter
meinen Hnden sterben.

Rosa.  Es ist ja nicht der Kammerdiener!

Valentin.  Nicht?  das macht nichts.  Es wird schon ein anderer
Spitzbub sein.

(Bediente lachen.)

Rosa (will ihn fortziehn).  So geh doch nur!

Valentin.  Er soll sich nicht fr den Kammerdiener ausgeben.
Dieser Mensch, der in die Kammer gar nicht hinein darf.

Bediente.  Jetzt fort!  wir haben mehr zu tun.

Chor.  Fort, nur fort!  Packt euch hinaus!
Ihr gehrt nicht in dies Haus.
Denn das heit man zu viel wagen,
So gemein sich zu betragen,
So zu trinken
Bis zum Sinken.
Fort hinaus
Aus dem Haus!
Rosa.  Da ein wenig Saft der Trauben,
Einen Menschen, sanft wie Tauben,
Des Verstandes kann berauben,
Um ihn so hinaufzuschrauben,
Da er 'n Hut nicht von der Hauben
Kann mehr auseinanderklauben,
Das ist stark doch, wenn S' erlauben.
Valentin.  Glaubt mir doch, ihr lieben Leutel,
Auf der Welt ist alles eitel,
Denn kaum trinkt man vierzehn Seidel,
Hat man schon kein Geld im Beutel,
Schnappt vom Fu bis zu dem Scheitel
Zsamm als wie ein Taschenfeitel,
Alles eitel.  Noch ein Seidel!
Chor.  Ei, was ntzt denn dieses Gaffen,
Fort mit euch, ihr dummen Laffen!
Rosa.  Geh und leg dich lieber schlafen!
Valentin.  Ich hab einen schnen Affen.
Chor.  Macht uns nicht so viel zu schaffen,
Ihr mt euch zusammenraffen,
Denn das wird uns schon zu kraus,
Fort mit euch zum Schlo hinaus!
(Fhren sie hinaus.)



Achtzehnter Auftritt

Verwandlung

Musik.  Das Innere einer ganz verfallenen gotischen Kapelle.
Es stehen nur die Mauern noch.  Der Mond leuchtet am bewlkten
Himmel, und sein Licht strahlt gerade durch das Eingangstor,
so da der Bettler, wenn er die letzte Rede spricht, von ihm
beleuchtet wird.

Der Bettler sitzt an der Ecke der Hinterwand im Dunklen auf
einem niedern Stein.
Flottwell, in einen Radmantel gehllt, tritt ein.


Flottwell.  Die Nacht ist khl.  Auch zieht in Westen ein
Gewitter auf.  Wenn es nur bald vorbergeht!  Was rauscht?
Bin ich hier nicht allein?  Wer kauert in der Ecke dort?
Hervor!

Der Bettler (steht auf).  Ich bins, mein gndger Herr, und
habe Sie schon lang erwartet.

Flottwell.  Was tritt mir dieser Bettler heut zum drittenmal
entgegen?  (Der Bettler tut einen Schritt vor, nun bescheint
ihn der Mond.)  Ha!  wie der Mond sein Antlitz gra beleuchtet.
Was willst du hier von mir, du grauenhaftes Bild des
selbstgeschaffnen Jammers?

Bettler (kniet).  Ach, das verzweiflungsvolle Los meines
geheimnisvollen Elends und meine Herzensangst, da Sie dies
Land verlassen, zwingen mich, den morschen Leib aufs neue in
den Staub zu werfen.  Sie sind der einzige in dieser
unbarmherzgen Welt, auf dessen Gromut ich noch bauen kann.

Flottwell.  Hinweg von mir!  je lnger ich dich schaue, je
greulicher kommt mir dein Anblick vor.  Dring ihn nicht auf,
ich will dich nie mehr sehen.

Bettler.  Es steht bei Ihnen, gndger Herr, mich gnzlich zu
verscheuchen.  Doch mten Sie dafr ein groes Opfer bringen.
Oh, geben Sie die Hlfte dieses Schatzes nur, den Sie auf
Ihrer Brust verbergen, und niemals hren Sie mich mehr zu
Ihren Fen wimmern.

Flottwell.  Habgieriges Gespenst!  Hat Satan dich verflucht,
da du der Erde Gold sollst nach der Hlle schleppen?  So ein
frech Begehren kann ja Wahnsinn kaum erfinden.  Ein Bettler,
der um Millionen flehet!

Bettler.  Vernnftger ists, sie zu begehren, als sie wie du
vergeuden.

Flottwell.  Wie wagst dus, mich zur Rechenschaft zu ziehen?
Du undankbarer Molch, den ich so reich beschenkt!

Bettler.  Nie wird ein Bettler md, den Reichen zu beneiden.

Flottwell.  Wie Hundgeklaffe bei des Diebs Erscheinen schallt
sein Gebelfer durch die Nacht!

Bettler (gegen den Eingang rufend).  Oh, hr es, Welt!  Oh, hrt
es, Menschen alle!  Der berreiche Mann lt einen Bettler darben.

Flottwell (halblaut).  Dies grliche Geschrei wird mich am End
verraten.  Schweig doch und nimm dies Gold, um deine Gier zu
stillen.  (Er wirft ihm einen Beutel hin.)

(Ferner Donner.)

Bettler (hebt ihn auf.  Laut jammernd) Zu wenig ists fr mich,
mein Elend ist zu gro.  Ich la nicht ab, der Welt mein Leid
zu klagen (zwischen dem Eingang) und ruf die Menschheit zwischen
uns zum Richter auf.

Flottwell.  Verstummst du nicht durch Gold, so mach dich Stahl
verstummen.  Schweig!  oder ich durchbohre dich!  (Er zieht den
Degen und durchsticht ihn.)

Bettler (bleibt stehen).  Mrder!  Dein Wten ist umsonst!  Du hast
mich nicht verwundet.  Was ich begehrt, kann mich vershnen nur.
(Nochmal bittend.)  Oh, mchtest du doch jetzt in meine Bitte
willgen.

Flottwell (hartnckig).  Du willst mich zwingen?  Nie!

Bettler (halblaut rufend).  So flieh, Verschwender, flieh!  Doch
mir entfliehst du nicht, und an der Themse sehen wir uns wieder!
(Ab.)

(Der Mond verbirgt sich hinter den Wolken.  Man hrt den Wind
brausen.  Blitze leuchten.)

Flottwell.  Als ich ihm dort im Mondlicht in das bleiche Antlitz
starrte, ergriff es mich, als sh ich meines Vaters Geist.  Die
Nacht wird strmisch.  Ha!  Ein Schatten fliegt daher!



Neunzehnter Auftritt

Voriger.  Amalie, in einen Mantel gehllt, den Kopf mit einem
Mnnerhut bedeckt, tritt atemlos ein.


Flottwell.  Bist du es, Wolf?

Amalie (strzt erschpft in seine Arme).  Nein, ich bin es,
mein Julius!

Flottwell (entzckt).  Amalie!  Teures Mdchen!  Kommst du so
allein?

Amalie.  Ich konnte keine meiner Dienerinnen bewegen, das
ungewisse Los mit der Gebieterin zu teilen.  Mein Vater wacht
bei dem Baron.  Drum la uns schnell entfliehen, wenn er nach
Hause kommt, so wird er mich zu sprechen wnschen.

Flottwell.  Es tut mir weh, den treuen Wolf zurckzulassen.
Doch drngt uns die Gefahr.  Wenn wir nur das Gewitter nicht
zu frchten htten!

(Donner.  Beide ab.)



Zwanzigster Auftritt

Verwandlung

Das Gestade des Sees.  Auf einem Felsen eine Schifferhtte.

Max und Thomas, zwei Schiffer, ziehen einen Kahn mit einem
Segel ans Ufer.  Die Wellen des Sees gehen hoch.  Es ist nicht
gnzlich finster, sondern falbes Licht.


Thomas (steht auf dem Fels und zieht das Schiff).  Max, zieh
das Segel ein, der Wind zerreit es sonst.

Max (tut es).  Das Hundewetter hat auch kommen mssen, um armer
Leut Verdienst zu schmlern.

Thomas.  Wenn man am Morgen gleich ein altes Weib erblickt, die
brummt, da fhrt der Henker stets ein Wetter her.

Max.  Fluch nur nicht so, sonst geht die See noch immer hher.



Einundzwanzigster Auftritt

Vorige.  Flottwell.  Amalie.


Flottwell.  Ha, seid Ihr da?  Nun lat uns schnell von hinnen!

Thomas.  Was fllt Euch ein, wer wird in solchem Wetter fahren!

Flottwell.  Wir mssen fort.  Ich hab euch ja gedungen!

Max.  Zum berschiffen.  Ja!  Allein was zahlt Ihr uns denn frs
Ertrinken?

Thomas.  Der Sturm schmeit uns den leichten Kahn ja zehnmal um.

Max.  Wir segeln nicht!

Flottwell (verzweiflungsvoll).  Ihr mt.

Thomas, Max.  Wir wollen nicht!

Amalie (fr sieh).  O Gott, du strafst mich schon in dieser
Stunde.

Flottwell.  Ich brenn dir diese Kugel durch den Kopf.  (Hlt ihm
ein Terzerol vor.)

Thomas (schlgt ihm das Pistol mit dem Ruder aus der Hand).
Lat doch das dumme Zeug.  Das Wetter wird schon knallen lassen.

Max.  Da mt Ihr uns auf andre Weise zwingen.

Flottwell.  Wohlan, ich gebe euch zweihundert Louisdor, wenn wir
den See im Rcken haben.

Thomas.  Das ist ein Wort!  (Zu Max.)  Willst du dein Leben wagen?

Max.  Warum nicht?  Wenn ich hin bin, bin ichs nicht allein.
(Schlgt ein.)

Thomas (schlgt in Flottwells Hand).  Potz Sturm und Klippen
denn, es gilt.  Doch hrt, da uns das Frauenzimmer da nicht
etwa schreit.  Die See ist wie mein bses Weib, wenn man sich
frchtet, treibt sies immer rger, doch schlgt man mit dem
Ruder tchtig sie aufs Maul, da gibt sie nach.  Nun kommt!

Flottwell.  Nun auf gut Glck!

(Sie gehen alle vier nach dem Schiff.  Musik beginnt.  Nach
einigem Herumwerfen des Kahns steuern sie fort.  Das Gewitter
wtet.  Es schlgt ein.  Dies drckt die Musik aus.  Seemven
fliegen ber die Bhne.  Doch pltzlich lt der Sturm nach,
die Wogen gehen niedrer.  Der Mond wird zur Hlfte zwischen den
Wolken sichtbar und wirft seinen Schein auf den Bettler,
welcher auf einem kleinen kaum bemerkbaren Kahn mit einem vom
Sturme zerrissenen Segel gebeugt sitzend sachte vorberfhrt.
Die Musik spielt die Melodie seines Bettlerliedes.  Wenn er fort
ist, vermehrt sich der Sturm, und die Kortine fllt.)




Dritter Aufzug

Zwanzig Jahre spter



Erster Auftritt

Flottwells Schlo, wie zu Anfang des zweiten Aktes, nur das
Stammschlo in der Ferne ist zur Ruine verfallen.


Flottwell, ganz aussehend wie der Bettler, sitzt beim Aufgeben
der Kortine an demselben Platz, wo der Bettler sa.  Wenn die
Eingangsmusik, welche bei Erffnung der Bhne noch mehrere
Takte fortdauert, geendet ist, steht er auf.

Flottwell.  So seh ich dich nach zwanzig Jahren wieder, du
stolzer Freudentempel meines sommerlichen Lebens.  Du stehst
so ernst und sinnend da, gleich einem Monument ins Grab
gesunkener Glckseligkeit.  Die alte Frhlichkeit scheint auch
aus dir gewichen.  Einst schallte Jubel aus den Fenstern dieses
Marmorsaales.  Silberne Wrfel kollerten noch auf dem grnen
Tisch.  Berauschte Spieler strzten auf mein Wohl die goldnen
Becher aus, und bermtge Freude schwang die riesgen Flgel.
Nun ist es stumm und still geworden.  Der Morgen hat schon lang
sein frohes Lied gesungen, und jene Pforte ist noch immer fest
verschlossen.  Oder blickst du nur in diesem Augenblick so ernst,
weil dein Begrnder so dich wieder grt?  Seit ich dich nicht
gesehen, hat sich mein Schicksal sehr gendert.  Ich habe Gattin,
Kind und all mein Gut durch eigne Schuld verloren.  Verfolgung
hab ich hier wohl nimmermehr zu frchten, denn Flitterstein,
mein grter Feind, ist in der Schlacht gefallen.  Doch wo soll
ich in dieser Lage nun um Beistand flehen?  Der edle Prsident--
er hat uns ja vor seinem Tode noch verziehn--ist lang hinber.
An einige Freunde hab ich schon geschrieben, doch niemand will
den armen Julius mehr kennen.  Drum will ich noch das letzte
wagen.  Ich will nach Bettlerweise einem Fremden mich vertrauen.
Will dem Besitzer dieses Schlosses sagen, da ich der erste war,
dessen Aug mit Herrenblick in diesem holden Eigentum geschwelgt,
und da ich nun nichts mein zu nennen hab als diesen Bettelstab.
Vielleicht, da ihn die Gre meines Unglcks rhrt.  Hier kommt
der Grtner auf mich zu!  den will ich doch befragen.



Zweiter Auftritt

Voriger.  Grtner mit einer Giekanne, er ist phlegmatisch und
etwas roh.


Flottwell.  Guten Morgen!

Grtner (sieht ihn verdchtig an).  Guten Morgen.  (Fr sich.)
Mu doch den groen Hund von der Kette loslassen, weil gar so
viel Gesindel immer kommt.

Flottwell.  Mein lieber Freund, wollt Ihr so gut sein, mir zu
sagen, wie Euer gndger Herr wohl heit und wie lang er dieses
Schlo besitzt?

Grtner.  Ihr wollt ihn wohl um etwas bitten?

Flottwell.  Ich wnsche ihn zu sprechen.

Grtner (fr sich).  Scheint doch nicht, da er etwas stehlen
will.  (Laut.)  Es mag jetzt ohngefhr zwlf Jahre sein.
(Rechnet nach) Der Flottwell hats gebaut, der wischt nach
England durch.  Da kaufts ein Graf, der starb, und dann nahms
unser Herr, und der wirds wohl auch bis an seinen Tod behalten.

Flottwell.  Seid Ihr schon lang in seinem Dienst?

Grtner.  Ziemlich lang, aber gestern hat er mich persnlich
abgedankt--

Flottwell.  Wie tituliert man ihn?

Grtner (unbedeutend).  Herr von Wolf--

Flottwell.  Von Wolf?  Von der Familie hab ich nie gehrt.

Grtner.  Ja mit der Familie ists auch nicht weit her.  Er war
des Flottwells Kammerdiener.

Flottwell (rasch).  Mein Kammerdiener?  (Fat sich.)  Nicht doch--

Grtner (macht groe Augen).  Was fllt Euch ein?  (Fr sich.)
Der Mann mu nicht in Ordnung sein?  (Deutet aufs Hirn.)  Jetzt
will der Lump gar einen Kammerdiener haben.  (Laut.)  Bei
Flottwell, sagt ich, der in Amerika gestorben ist.

Flottwell.  Da hat Euer Herr vermutlich eine sehr groe Erbschaft
gemacht?

Grtner.  Nichts hat er gemacht!  Den Flottwell hat er tchtig
bers Ohr gehauen.  Da kommt sein Reichtum her.  Der war so dumm
und hat ihn noch dafr beschenkt.  Hat ihn gehtschelt, und
Unserer hat ihn dann brav ausgelacht und sagt ihm noch im Tod
nichts Gutes nach.  So gehts den jungen Herrn, die nur vertun
und nichts verdienen knnen.  Da hngen sie den Schmeichlern
alles an, die andern Leute sind nicht ihresgleichen, und wenn
sie in die Not dann kommen, lacht sie alles aus.  (Gibt ihm
Tabak.)  Wollt Ihr eine Prise nehmen?

Flottwell.  Ich danke!  (Nach einigem Nachdenken.)  Ich will
ihn dennoch sprechen!

Grtner.  Nun wenn Ihr ihn in guter Laune findet, vielleicht
schenkt er Euch etwas.  (Greift in den Sack.)  Ich will Euch
auch auf ein Glas Branntwein geben.

Flottwell (spttisch).  Ihr seid zu gut.  Ich bin Euch sehr
verbunden.

Grtner.  Ei, seht einmal!  Wenn man ein armer Teufel ist, da
mu man jeden Groschen nehmen.  Doch Ihr werdet wohl am besten
wissen, wie Ihr mit Eurer Kassa steht.

Flottwell.  Ich dank Euch sehr fr Euren Unterricht.  Mich wundert
aber, da Ihr das so alles ungescheut von Eurem Herrn erzhlt.

Grtner.  Frher htt ich nichts gesagt.  Jetzt geh ich aber so
in einigen Tagen fort.  Da liegt mir nichts mehr dran!

Flottwell.  Sagt mir nur eins noch: Ist Herr von Wolf im Besitze
dieses ungerechten Gutes glcklich?

(Das Tor ffnet sich.)

Grtner.  Ob der wohl glcklich ist?  Da schaut ihn an und
berzeugt Euch selbst.



Dritter Auftritt

Vorige.  Wolf.  Er ist sehr gealtert, sieht sehr krank aus, ist
in Pelz gekleidet und geht an einem Stock.  Drei Bediente mit ihm.


Flottwell (fhrt zurck).  Himmel!  ich htt ihn nicht erkannt.

Wolf (sein Betragen ist sehr dster und sinnend).  Ich habe eine
ble Nacht gehabt.  Die Sonne kommt mir heut so trbe vor.

Grtner.  Gndger Herr!  Es will ein armer Mann Sie sprechen.

Flottwell.  Du lgst.  Ich bins nicht mehr.  (Fr sich.)  In solcher
Nhe macht mich mein Bewutsein reich.

Wolf.  Er kann nicht rmer sein als ich.  Wo ist er?

Flottwell (tritt vor).  Flottwell nennt er sich.

Wolf (fhrt zusammen).  Flottwell?  (Fhlt in die Seite.)  Das
hat mir einen Stich gegeben.  Die bse Gicht ist doch noch
unbarmherziger, als es die Menschen sind.  (Fr sich.)  Er lebt
noch.  Und kommt so zurck?  So straft der Himmel seine Snder.

Grtner.  Das ist der reiche Flottwell?  Gute Nacht, da will ich
lieber Grtner sein.  (Geht ab.)

Wolf.  Herr von Flottwell, ich fhle mich sehr geehrt, da Sie
sich Ihres alten Dieners noch erinnern, und bedauere nur, da
meine Krankheit, die mich schon seit vielen Jahren qult, mir
nicht erlaubt, meine Freude ber Ihre Ankunft so glanzvoll an
den Tag zu legen, als Sie von mir es fordern knnten.

Flottwell.  Ich habe nichts zu fordern, gar nichts mehr.  Was ich
mit Recht zu fordern hatte, ist mir durch einen Hhern (blickt
gegen Himmel) schon geworden.  Ich wollte nur den Besitzer meines
Schlosses sehen.

Wolf (lchelnd).  Ja, es ist ein ganz besondrer Zufall.  Ich habe
dadurch eine wahre Anhnglichkeit an Ihr Haus bewiesen.  Der
Himmel hat mich mit Gewinn gesegnet, aber ich habe jetzt groe
Verluste erlitten.  Verzeihen Sie, der Arzt erlaubt mir nicht,
so viel zu sprechen; ich wei die Ehre Ihres Besuches sehr zu
schtzen.  (Zu den Bedienten.)  Geleitet mich zu jener Aussicht
hin.  Doch nein!  Ins Schlo zurck.  Auch das nicht.  Nach dem
Garten.  Der Garten ist so schn.  Nur schade, da die Rosen
schon verwelken.  (Wird nachdenkend.)  Wie oft werd ich sie
wohl noch blhen sehen?  (Schauert.)  Heut ist ein kalter Tag.

Flottwell.  Mir scheint die Sonne warm.

Wolf.  Mich friert.  Geht doch hinab ins Dorf und ruft den
frommen Mann, den ich so gern jetzt um mich habe.  Da er mir
ein moralisches Buch vorliest.  Ich hr so gern moralische Bcher
lesen.  Die Welt ist gar so schlecht, und man kann seinen Trost
nur in der Zukunft suchen.  (Schleicht in den Garten.)

(Die Bedienten folgen ihm.)

Flottwell (zu dem letzten der Diener).  Der Herr ist schwer
erkrankt!  Ist er geliebt?  Wnscht man ihm langes Leben?

Diener (schttelt den Kopf und sagt gleichgiltig).  Er ist ein
geiziger Filz, den niemand leiden kann, und in einigen Wochen
wirds wohl mit ihm zu Ende gehn.  Adieu!  (Folgt den andern in
den Garten nach.)

Flottwell (sieht gegen Himmel und schlgt die Hnde zusammen).
O Flottwells Schlo, was beherbergst du fr Menschen jetzt!  Was
soll ich nun beginnen?  Die wenigen Taler, die ich noch besa,
hab ich auf meiner mondenlangen Wanderung verzehrt.  Ich hab
gespart und trocknes Brot gegessen, und doch besitze ich nicht
einen Pfennig mehr.  Dort mein altes Schlo!  (Sieht nach der
Ruine in der Ferne.)  Es ist zum Sinnbild meines jetzgen Glcks
zusammgestrzt.  (Er bleibt mit verschrnkten Armen nachdenkend
stehen.)



Vierter Auftritt

Voriger.  Valentin, in brgerlicher Tracht als Tischlermeister,
einen Hobel im Sack, kommt trillernd.  Er hat schon dunkelgraues
Haar.


Valentin.
Wenn ein Tischler frh aufsteht,
Tralalala--
(Sieht Flottwell.)

Schau, schau, da ist ein armer Mann.  Ich mu ihm doch was
schenken.  (Er nimmt einen Groschen aus dem Sack und will
ihn Flottwell reichen, doch stutzt er, als er ihn erblickt.)
He Alter!  (Flottwell kehrt sich gegen ihn.)  Was ist--Ich
wei nicht, dieses Gsicht--das Gsicht ist mir bekannt--
jetzt trau i ihm fast den Groschen gar nicht zu geben--

Flottwell.  Was wollt Ihr denn?

Valentin (noch gereizter).  Die Stimm--das wird doch nicht?
(Er zittert.)  Sie, hren S'--das wr entsetzlich Bitt um
Verzeihung!  Sie, kennen Sie das Schlo?

Flottwell (gerhrt).  Ob ich es kenne, Freund?  Es war ja einst
mein Eigentum!

Valentin (schreit rasch).  Mein gndger Herr!  (Eine Mischung
von Freude, Wehmut und Erstaunen macht ihn erzittern, er wei
sich nicht zu fassen.  Ruft noch einmal.)  Mein gndger Herr!
(Die Trnen treten ihm in die Augen, er kt ihm stumm die
Hand.)

Flottwell.  Wer bist du, Freund?

Valentin.  Der Valentin.  Kennen mich Euer Gnaden denn nimmermehr?
Der Tischlergsell, der einmal bei Ihnen gearbeitet hat und
den Sie als Bedienten aufgenommen haben, weil er Ihnen so gut
gfallen hat.

Flottwell (gutmtig).  Valentin?  der gute ehrliche Valentin.
Und du erinnerst dich noch meiner?

Valentin.  Ob ich mich erinnere?  O Gott!  Euer Gnaden waren ja
so gut mit mir und haben mir ja so viel geschenkt.  Einen
Dukaten hab ich mir noch aufgehoben, (gutmtig) aber die
andern hab ich alle ausgegeben.

Flottwell.  Und geht es dir gut?

Valentin.  Nu mein!  Wies halt einen armen Tischler gehn kann.
Auf dem Land ist ja nicht viel zu machen.  Ich bin zufrieden.

Flottwell.  Dann bist du glcklich!

Valentin.  Nu, man nimmts halt mit, solang als Gott will.  Aber
Euer Gnaden scheinen mir gar nicht zufrieden zu sein.

Flottwell.  Nicht wahr, ich hab mich sehr gendert?

Valentin (verlegen).  Ah nein!  nein!  Euer Gnaden schauen gut aus--
gut--recht gut.  A bissel strapaziert, aber--(Beiseite.)  Das
kann man ja einen solchen Herrn nicht sagen.

Flottwell.  Mein guter Valentin, nun kann ich dich nicht mehr
beschenken.

Valentin.  Beschenken?  Euer Gnaden werden mich doch jetzt nicht
mehr beschenken wollen.  Da mt ich Euer Gnaden richtig vllige
Grobheiten antun.  (Fat sich.)  Bitt um Verzeihung!  Ich red
manchmal, als wenn ich Hobelschatten im Kopf htt.  Seit ich
wieder Tischler bin, hab ich mein ganze Politur verloren.

Flottwell (fr sich).  Soll ich mich ihm entdecken?

Valentin (fr sich).  Ich trau mir ihn gar nicht zu fragen.
Mir scheint, er ist voll Hunger.

Flottwell.  Gehst du nach Hause?

Valentin.  Nein!  Ich soll im Wirtshaus drben die Tr zusammnageln,
weil s' gestern einen hinausgeworfen haben, und da ist er ihnen
a bissel angekommen an die Tr, und da hat s' einen Sprung
kriegt.  Und dann hab ich der Schulmeisterin eine neue Linier
machen mssen.  Sie hat s' an ihren Mann abgeschlagen, weil sie
ihn manchmal liniert.

Flottwell (kmpft mit sich, seufzt, greift sich an die Stirne
und sagt dann).  Nun so leb wohl!  (Will gehn.)

Valentin (hlt ihn auf).  Wo wollen denn Euer Gnaden hin?  Euer
Gnaden werden mir doch nicht wieder davonlaufen?  Jetzt hab ich
ja erst die Ehr gehabt zu sehen.  (Beiseite.)  Wann ich nur wte,
wie ich das Ding anstellen soll?

Flottwell (seufzt).  Was willst du denn noch?

Valentin.  Euer Gnaden verzeihen--Aber--Sagen mir Euer Gnaden
aufrichtig: Sein Euer Gnaden heut schon eingeladen?

Flottwell (lchelt).  Nein, lieber Mann!

Valentin.  Drft ich wohl so frei sein und drft mir die Ehr
ausbitten, auf eine alte Hausmannskost?

Flottwell (gerhrt).  Ich danke dir.  Rechtschaffener Mensch!
Ich komme.

Valentin.  Nichts kommen.  Ah beleib.  Ich la Euer Gnaden nimmer
aus.  Die sollen sich ihre Tr selbst zusammennageln.  Ich mu
mit meinen gndigen Herrn nach Haus gehn jetzt.

Flottwell.  So komm!

Valentin.  Aber das sag ich gleich, so gehts bei mir nicht zu,
wies einmal bei uns da (aufs Schlo deutend) zugegangen ist--
Ah--(Schlagt sich aufs Maul.)  Schon wieder so ein
Hobelschattendiskurs.

Flottwell.  Ich werde mit allem zufrieden sein.

Valentin.  Nichts!  Nein!  Wird nicht so schlecht ausfallen,
ich koch ja selbst.  Ah, wir werden uns schon zusammnehmen,
ich und meine Alte.  Wird sich schon wo ein bertragens
Geflgelwerg finden.  Solang der Valentin was hat, werden
Euer Gnaden nicht zugrund gehen.  Jetzt werden wir unsern
Einzug halten.  Ah, so kanns nicht ablaufen.  Euer Gnaden
mssen eine Auszeichnung haben.  Ich geh voraus, und Euer
Gnaden kommen nach; und alle meine Kinder mssen Spalier
machen, und wie Euer Gnaden eintreten, mssen s' schreien,
da ihnen die Brust zerspringen mchte: Vivat!  unsern Vatern
sein gndiger Herr soll leben!

Flottwell.  Guter Valentin.

Valentin.  Das ist ein Leben auf der Welt!

(Flottwell geht Arm in Arm mit ihm ab.)



Fnfter Auftritt

Verwandlung

Tischlerstube.  Eine Hobelbank.  Tischlerwerkzeuge hangen an
der Wand.  Tisch und Sthle.  Links ein Fenster.  Rechts eine
Seitentr.

Liese jagt den Michael, der eine Pudelmtze aufhat und Bcher
mit einem Riemen zusammengeschnrt, aus dem Kabinett heraus.
Hiesel sgt bei der Hobelbank.


Liese.  Wart, du Spitzbub, wann die Mutter nach Haus kommt!  Ich
werd dir naschen lernen.  Kaum kommt er nach Haus, so hat man
schon wieder Gall.

Michael (weinend).  Die Mutter hat mirs erlaubt.

Liese (reit dem Hiesel die Sge aus der Hand).  Stehn la, sag
ich.  Wenn du den Vatern was ruinierst.

Hiesel.  Ich arbeit schon so gut als wie der Vater.  (Hmmert.)

(Pepi will aus dem Kabinett herausgehn, fllt aber nieder und
weint.)

Liese.  Den Buben hebts auf!  (Sie hebt ihn auf, er hat noch
das Kinderrckchen an, und stellt ihn auf den Tisch.)  Jetzt
ist er noch nicht angezogen.  (Sie zieht ihm sein Kamisol an.)

Michael (zupft sie am Kleid).  Den Schlssel gib mir, da ich
meine Schulbcher aufheben kann.

Liese.  La mich gehn, ich mu den Buben anziehn.  Wann die Mutter
kommt!  Es ist schon elf Uhr.

Hansel.  Hiesel, komm heraus, wir steigen in Taubenkobel hinauf.

Liese.  Nein, wenn die Buben aus der Schul zu Haus kommen, ists
nicht zum Aushalten.  (Hiesel hmmert.)  Hrst nicht zum hammern
auf?

(Eine Gans lauft herein und frit.)

Michael (der nach dem Ausgang deutet).  Das Fleisch geht ber.

Liese (setzt den kleinen Buben mitten ins Zimmer, der schreit).
Auf den kleinen Buben gebts acht!  (Luft hinaus.)

Hansel (ruft).  Hiesel, aussa geh!



Sechster Auftritt

Vorige.  Valentin.  Flottwell.


Valentin.  Spazieren Euer Gnaden nur herein!  (Hansel geht vom
Fenster weg.)  Fallen Euer Gnaden nicht ber den Buben.  Wer hat
ihn denn da mitten ins Zimmer hergesetzt?  Ich bitt um
Verzeihung, es ist alles in Unordnung.  Einen saubern Sessel
heraus!  (Michael lauft ins Kabinett und bringt einen holzernen
Stuhl.)  Jagts die Gans hinaus!  die Hobelschatten weg!  (Hiesel
tut es.  Valentin zu Michael.)  Einen Polster bring!  (Michael
luft fort und stolpert.)  Jetzt wirft er das Leimpfandel um.
Wie gfallt Euer Gnaden denn die Wirtschaft?  (Michael bringt
einen Bettpolster.)  Was treibst du denn, httest gar eine Tuchet
gebracht.  (jagt ihn fort damit.  Zu Flottwell.)  Ich bitt, Platz
zu nehmen.  Lieserl, wo bist du denn?  Komm doch herein.  Alle
Kinder!  (Liese, alle Kinder bis auf Hans.)  Wo ist denn der
Hansel?

Liese.  Der ist schon wieder drauen.

Valentin (wirft einen Blick durchs Fenster).  Da hab ich die
Ehre, meine Familie aufzufhren.  Eins--zwei--drei--vier,
und der fnfte sitzt auf den Taubenkobel oben.  Mein Weib wird
gleich nach Haus kommen.  Die wird ein Vergngen haben.  Hansel!
komm herein geschwind.

Hansel (innen, ruft).  Ich kann ja nicht so geschwind
heruntersteigen!

Valentin.  So fall herunter.  Jetzt da gehts her, Kinder.  Da
stellt euch im Kreis herum!  (Hansel kommt.)  Da schauts den
Herrn an.  Das ist mein lieber guter gndiger Herr, von dem
ich euch so viel erzhlt hab.  Der hat euren Vatern und viel
hundert Menschen Gutes getan.  Gehts hin und kt ihm alle
die Hnd.

(Die Kinder tun es.  Unterdessen sagt)

Hansel.  Vater, der sieht ja gar nicht aus als wie ein
gndiger Herr.

Valentin.  Bist still.  Du bist kein Kenner.  Was verstehst
denn du von gndigen Herren.

(Hansel tut es auch.)

Pepi.  Euer Gnaden, Pepi auch Hand kssen.

Valentin.  Das jngste Kind meiner Laune, Euer Gnaden.

Liese (verlegen).  Euer Gnaden!  Unser Herr Vater hat uns halt
so viel Gutes, Liebes und Schnes von Euer Gnaden gesagt, da
wir uns recht freuen, Euer Gnaden kennenzulernen.

Flottwell.  Gott!  (Sinkt von Schmerz und Scham berwltigt in
den Stuhl und verhllt mit beiden Hnden das Gesicht.)

Liese (leise).  Vater, der Herr bedauert mich recht.  Dem mu
ja gar schlecht gehn!

Valentin (ebenso).  Tuts nichts dergleichen, wir werden schon
darber reden!  (Liese geht ab.)  Gehts jetzt, Kinder, gehts
ein wenig in den Hof hinaus.  (Zu Hiesel.)  Du schaust dich
drau um die fetteste Enten um.  (Zu Michael.)  Und du suchst
dein Mutter auf.  Sie soll gleich nach Haus kommen.  (Kinder
ab.)  Mein Gott, die Kinder, die wissen noch nichts von der
Welt.  (Seufzt.)  Ja ja!  Sein Euer Gnaden nicht so betrbt.  Ich
hab selbst nicht zuviel.  Aber Euer Gnaden drfen mir nicht
zugrunde gehen.  Aber erzhlen mir Euer Gnaden doch einmal,
wie ist denn das Unglck so gekommen?

Flottwell.  Ich lebte durch acht Jahre mit meiner edlen
Gemahlin, die mir in London einen Sohn geboren hatte, ganz
glcklich.  Jedoch auf einer Reise nach Sdamerika, von welcher
sie mich vergebens abzuhalten suchte, als htte sie mein
Unglck geahnet, entri mir der Tod beide.  Ich ging nach
London zurck, suchte Zerstreuung.  Mein Aufwand stieg.  Ich
lie mich in groartige Spekulationen ein, die mir nur Ruhm,
aber keinen Gewinn bringen konnten, und nach mehreren Jahren
sah ich mein Vermgen bis auf einen kleinen Rest geschmolzen.
Nun ward mir bange, ich beschlo, nach meinem Vaterland
zurckzukehren, mit dem festen Vorsatz, mich in jeder Hinsicht
einzuschrnken.  Ich kam nach Deutschland--ein unglcklicher
Gedanke hie mich Wiesbaden besuchen.  Hier war die Grenze
meines Leichtsinns.  Nach zwanzig Jahren spielte ich wieder
einmal in der Hoffnung, mein Vermgen zu vermehren, ich gewann,
spielte fort und verlor alles.  Alles.  Mute meine Garderobe
zurcklassen und mit zwanzig Talern die weite Reise nach
meiner geliebten Heimat, wohin es mich mit unwiderstehlicher
Gewalt zog, zu Fue machen, und so bin ich zum Bettler nun
verarmt.

Valentin.  Das ist freilich eine traurige Geschichte, aber es
ist halt notwendig, da man s' erfahrt.  Aber verzeihen mir
Euer Gnaden, Euer Gnaden sein doch ein bissel selber schuld.
Es schickt sich nicht, da ich das sag.  Aber ein Herr, der so
dagestanden ist wie Euer Gnaden--Es ist zum Totrgern--Ich
kann mir nicht helfen, ich red halt, wie ichs denke.

Flottwell.  Du hast recht.  Oh, jetzt erst treten alle Warnungen
vor meine Seele, die ich aus Stolz und bermut verschmhte,
Cheristane und das grauenvolle Bild des geheimnisvollen
Bettlers, der mich so lange Zeit verfolgt und dessen Abkunft
ich wohl nie entrtseln werde.

Valentin.  Nun sein Euer Gnaden nur beruhigt.  Wie ich gesagt
hab.  Alles, was in meinen Krften steht.  Haben Euer Gnaden nur
die Gnad und gehen Euer Gnaden derweil allergndigst in das
andere Zimmer hinein, da wir da ein wenig zusammenrumen
knnen.  Es schaut gar so innobel aus.  Schauen sich Euer Gnaden
ein wenig um drinnen.  Da werden Euer Gnaden etwas darin sehen,
was Euer Gnaden gewi erfreuen wird.  (Er geleitet ihn bis an
die Tr.)

Flottwell.  O Dienertreu, du gleichst dem Mond, wir sehen dich
erst, wenn unsere Sonne untergeht.  (Ab.)

Valentin.  Das ist eine schne Rede, aber ich hab sie nicht
verstanden.  Lisi, Kinder, gehts herein!

(Liese.  Hiesel.  Hansel.)

Liese.  Was befiehlt der Vater?

Valentin.  Habt ihr euren Vatern gern?

Alle drei.  Ja!

Valentin.  Wollt ihr ihm eine Freude machen?

Alle drei.  Ja, lieber Vater!

Valentin.  Verdru habt ihr mir schon genug gemacht.  Seid mit
dem Herrn da drin recht gut und hflich.  Er wird bei uns im
Haus bleiben.  Ich la ihn nimmer fort.  Und redet der Mutter
auch zu, sie ist eine gute Frau, aber manchmal ein wenig gh.

Kinder.  Wir wissens am besten, wir haben genug auszustehen mit
ihr.

Valentin.  So?  Ja was die Eltern jetzt den Kindern fr Kummer
und Sorgen verursachen, das ist auerordentlich.  Also geht
hinein zu ihm.  Ich komm gleich wieder, ich mu nur die Tr
in Wirtshaus machen.  Und verget nicht, was ich gesagt hab.
Er ist unglcklich.  Mit unglcklichen Menschen mu man subtil
umgehen.  Die glcklichen knnen schon eher einen Puff aushalten.

(Kinder ab ins Kabinett.)

Valentin (allein).  Nein, wenn man solche Sachen erlebt, da
wird man am Glck vllig irre.  Was nutzt das alles!  Der Mensch
denkt, der Himmel lenkt.

Lied
Da streiten sich die Leut herum
Oft um den Wert des Glcks,
Der eine heit den andern dumm,
Am End wei keiner nix.
Da ist der allerrmste Mann
Dem andern viel zu reich.
Das Schicksal setzt den Hobel an
Und hobelt s' beide gleich.
Die Jugend will halt stets mit Gwalt
In allen glcklich sein,
Doch wird man nur ein bissel alt,
Da find man sich schon drein.
Oft zankt mein Weib mit mir, o Graus!
Das bringt mich nicht in Wut.
Da klopf ich meinen Hobel aus
Und denk, du brummst mir gut.

Zeigt sich der Tod einst mit Verlaub
Und zupft mich: Brderl, kumm!
Da stell ich mich im Anfang taub
Und schau mich gar nicht um.
Doch sagt er: Lieber Valentin!
Mach keine Umstnd!  Geh!
Da leg ich meinen Hobel hin
Und sag der Welt Adje.  (Ab.)

Repetition
Ein Tischler, wenn sein War gefllt,
Hat manche frohe Stund,
Das Glck ist doch nicht in der Welt
Mit Reichtum blo im Bund.
Seh ich soviel zufriednen Sinn,
Da flieht mich alles Weh.
Da leg ich nicht den Hobel hin,
Sag nicht der Kunst Adje!  (Ab.)



Siebenter Auftritt

Flottwell mit einem Bilde in der Hand, sein Bild in jungen
Jahren vorstellend.  Liese.  Hans.  Hiesel.


Flottwell.  Wie freut mich das, mein Bild in eurem Haus zu
finden.  Ich knnt es nicht in bessern Hnden wissen.  Wie ist
es an euren Vater gekommen?

Liese.  Der Vater hat uns erzhlt: Er hats im Schlo gekauft.
Wie alles gerichtlich lizitiert ist worden.

Flottwell (seufzt).  Ja so!

Hansel.  Und es hat nicht viel gekostet.  Es hat kein Mensch was
geben wollen dafr.

Flottwell (fr sich).  Schndlich!

Liese (heimlich).  Bist still!  Weit du nicht, was der Vater
gesagt hat?

Hiesel (deutet an den Rand des Bildes).  Da steht der Datum,
wenn Euer Gnaden geboren sein.

Liese (sieht nach).  Den letzten Julius.  (Freudig.)  Da ist ja
heute Ihr Geburtstag?  Ah!  das ist schn.  Gerade fnfzig Jahr.

Alle drei.  Wir gratulieren!

(Liese luft fort)

Flottwell.  Als die Sonne sank, ward ich geboren.  Wenn sie
wieder sinken wird?  Wo werd ich sein?  (Versinkt in Nachdenken.)

Hiesel (zu Hans).  Du, da bin ich vergngter, wenn mein
Geburtstag ist.

Hansel.  Ja, er ist ja schon fnfzigmal geboren.  Da gwhnt
mans halt.

Liese (fahrt Pepi herein, der jetzt als Knbchen reinlich
gekleidet ist und einen groen Blumenstrau trgt).  Da bring
ich noch einen Gratulanten.

Hansel (sieht zum Fenster hinaus).  Just kommt die Mutter!
(Luft hinaus.)

Liese (herzlich).  Mchten Euer Gnaden noch viele solche
Blumen auf Ihrem Weg erblhen!  Das wnschen wir Ihnen alle
von ganzem Herzen.

Flottwell (nimmt tief ergriffen den Blumenstrau, sagt) Ich
dank euch, liebe Kinder!  (und legt ihn auf den Tisch.)  Ach,
warum kann ich euch nur mit Worten danken!



Achter Auftritt

Vorige.  Rosa, schlicht brgerlich gekleidet, gealtert.  Sie
trgt einen bedeckten Korb.  Hans und Michael mit ihr.


Rosa (erzrnt zu Hans).  Was dableiben?  Erhalten ein fremden
Menschen?  Wenn man so viel Kinder zu ernhren hat!  Ist dein
Vater nrrisch?  Das ging' noch ab!  (Erblickt Flottwell.)  Da
ist er ja.  (Fr sich.)  Nu, der sieht sauber aus!

Flottwell (der am Tische sa und auf Rosas Reden nicht horchte,
steht auf).  Guten Tag, liebe Frau!

Rosa (boshaft grend).  Guten Tag, Herr von Flottwell!  Freut
uns, da Sie Ihre alte Dienerschaft aufgesucht haben.  So knnen
Sie sich doch wenigstens berzeugen, da wir arme, aber
ehrliche Menschen sein.  In unserm Haus hat nie ein Schmuck
existiert, wie Sie sehen.  Wir haben uns auch in Ihrem Dienst
nicht so viel erwirtschaften knnen als wie gewisse Personen,
die sich ein Schlo davon gekauft haben.  Ich glaub, Sie werden
mich verstanden haben.

Flottwell.  Ich verstehe Sie nicht ganz, liebe Frau.  Ich erinnere
mich nicht genau an alle Ereignisse meines Hauses.  Nur das
wei ich gewi, da keinem meiner Diener, mit meinem Willen,
eine Ungerechtigkeit widerfahren ist.

Rosa (fein).  Ah was!  Verhltnisse bestimmen die uerungen der
Menschen.  Ich kann Ihnen gar nichts sagen, Herr von Flottwell,
als: Sehen Sie sich bei uns um!  Knnen Sie von uns fordern,
da wir in unserer eingeschrnkten Lage noch einen Mann erhalten,
dem wir nichts zu danken haben als unsern richtigen Lohn, so
steht es Ihnen frei, bei uns zu bleiben.  Mein Mann ist ein
guter Lappe, der lt sich zu allen berreden.  Der nhmet
die ganze Welt ins Haus, aber ich bin die Hausfrau, ich hab
zu entscheiden, ich kenn unsere Verhltnisse, unsere Ausgaben
und unsere Einnahmen.  Ich mu fr meine Kinder sorgen, wenn sie
nichts zu essen haben, und ich kann meine Einwilligung nicht
geben.  Es wird uns freuen, wenn Sie uns heut auf Mittag beehren
wollen.  Wir werden uns nicht spotten lassen.  Aber fr immer?
Verzeihen S'!  das kann ich nicht zugeben!  Heut in meinem Haus
und nimmer!

Flottwell (mit emprtem Erstaunen).  Nein!  Ich hab es nicht
gehrt!  Es war ein Traum!  So sprach sie nicht zu Julius von
Flottwell, ihrem einstgen Herrn.  Zu jenem Flottwell, der im
goldumstarrten Saale hundert Schmeichler an der Tafel sah!
Zu dem gepriesnen Vater seiner Diener!  Zum edelsten der Freunde!
Zum besten, schnsten, geist- und goldbeglcktesten der Menschen,
und wie die Lgen alle heien, die ihre Sigkeit ans volle
Glas hinschrieb.  So sprach sie nicht zu mir, den dieser
Blumenstrau schon zu so heilger Dankbarkeit entflammen konnte,
als htte ihn ein Engel in des Paradieses Scho gepflckt?
O Weib!  Knnt ich den zehnten Teil meines verlornen Glcks
zurckbeschwren und zehnfach Elend auf dein altes Haupt
hinschmettern, das dich zu meinen Fen fhren mte, dann
sollte meine Gromut dich belehren: wie ungerecht du warst,
da du in meinem Unglck mich so bitter hast gekrnkt.
(Gebt ab.)

Liese (betrbt).  Das htt die Mutter aber doch nicht tun sollen.

Rosa (zornig).  Still sei und marsch in die Kuchel hinaus!
(Liese geht ab.  Zu den Buben.)  Nu habt ihr nichts zu tun?

Hansel (schluchzt).  Das sag ich den Vatern, wann er zu Haus
kommt.  (Geht mit den andern ab.)

Rosa (allein).  Das wr eine schne Wirtschaft!  Und wie der
Mensch schreit in einem fremden Zimmer!  Und er hat ja was von
einem alten Haupt gsagt.  Hab denn ich ein altes Haupt?  Der
Mensch mu gar keine Augen im Kopf haben.  Das nutzt einmal
alles nichts, reden mu man um seine Sach.  Wer 's Maul nicht
aufmacht, mu den Beutel aufmachen.  Ah, da kommt mein Mann
nach Haus, den werd ich meine Meinung sagen.



Neunter Auftritt

Vorige.  Valentin.


Valentin.  So!  Jetzt ist die Tr auch wieder in der Ordnung.
Ah, bist schon zu Haus, liebes Weib?  Das ist gscheid.

Rosa.  Ja zum Glck bin ich noch zur rechten Zeit zu Haus
gekommen, um deine voreiligen Streiche wieder gutzumachen.

Valentin.  Was denn fr Streich?  Wo ist denn der gndige Herr?

Rosa.  Wo wird er sein?  Wo es ihm beliebt.

Valentin.  Was?  Was hast gesagt?  Ist er nicht in der Kammer drin?

Rosa.  Such ihn!

Valentin (schaut hinein).  Wo ist er denn?  (Heftiger.)  Wo ist
er denn?

Rosa.  Was gehts denn mich an?  Was kmmern mich denn fremde Leut?

Valentin.  Fremde Leut?  Hast denn nicht gesprochen mit ihm?

Rosa (unwillig).  Ah was!

Valentin.  Was ist denn da vorgegangen?  Kinder!  Kommt alle her.

(Liese.  Hans.  Hiesel.  Michael, der den Pepi fhrt.)

Valentin.  Wo ist der gndige Herr?

Liese (verlegen).  Ja ich--

Rosa (keck).  Nun, was stockst?  Fort ist er.  Was ists weiter?

Valentin.  Fort ist er?  Wegen was ist er fort?  Wann ist er fort?
Wie ist er fort?  Um wieviel Uhr ist er fort?

Liese.  Ja die Mutter--

Valentin.  Heraus damit!

Rosa.  Nu sags nur!  Was frchtest dich denn?

Liese.  Die Mutter hat zu ihm gsagt: Sie behalt ihn nicht im Haus.

Hansel (weinend).  Und der Vater machet lauter so dumme Sachen.

Valentin.  Das hast du gesagt?

Hiesel.  Drauf ist er fortgelaufen und hat geweint.

Valentin (bricht in ein ironisches Lachen aus).  Ha!  ha!
(Klatscht in die Hnde.)

Rosa.  Nu was sein das fr Sachen?

Valentin.  Still sei!  Kinder, gehts hinaus.

Rosa.  Warum nicht gar--

Valentin.  Still sei--da setz dich nieder!

Rosa.  Du!--

Valentin (drngt sie auf den Stuhl).  Nieder setz dich!  Kinder,
gehts hinaus.

(Die Kinder geben ab.)

Hansel (im Abgehen).  Nein, wies in unserm Haus zugeht, das ist
schrecklich.  (Ab.)

Rosa (springt auf).  Jetzt was solls sein?

Valentin.  Nur Geduld!  Ich hab dich nicht vor den Kindern
beschmen wollen, wie du mich!  Was ist dir jetzt lieber?
Willst du meinen gndigen Herrn im Haus behalten, oder ich
geh auch fort.

Rosa.  Was?  Was willst du fr Geschichten anfangen, wegen
einem fremden Menschen?

Valentin.  Ist er dir fremd?  Mir nicht!  Einen Menschen, den
ich Dank schuldig bin, der kann mir gar nicht fremd werden.

Rosa.  Du bist Vater.  Du mut auf deine Kinder schauen.

Valentin.  Er ist auch mein Kind, ich hab ihn angenommen.

Rosa.  Nu das ist ein junges Kind.

Valentin.  Ja, so jung als du ist er freilich nicht, denn du
betragst dich, als ob du vier Jahr alt wrst.

Rosa.  Kurz und gut: Ich leid ihn einmal nicht im Haus.

Valentin.  Du leidest ihn nicht?  Kinder!  kommts herein.

(Alle Kinder.)

Alle Kinder.  Was befiehlt der Vater?

Valentin.  Ziehts euch an, ihr geht mit mir!

Hiesel.  Wohin denn, Vater?

Valentin.  Das werds schon sehen.  Auf die Schleifen gehn wir
nicht.  Nehmt alles mit.  Eure Studien.  Das Namenbchel.  Die
ganze Bibliothek.  Den Hobel.  Das ganze Arbeitszeug.  Alles!

Rosa.  Ah, das ist mir ja noch gar nicht vorgekommen!

Valentin.  Gelt?  Oh, es gibt Sachen, wovon sich unsere
Philosophie nichts trumen lt.

Hansel.  Aber heut nimmt sich der Vater zusammen, das ist
gscheidt.

Rosa (stemmt die Hnde in die Seite).  Du willst die Kinder aus
dem Haus nehmen?

Valentin.  Ich bin die Ursach, da sie ins Haus gekommen sind,
folglich kann ich s' auch aus dem Haus nehmen.

Liese.  Aber Vater, was soll denn das werden?  Das wr ja ganz
entsetzlich.

Valentin (zu Liese).  Willst du bei deiner Mutter bleiben?

Liese.  Ja, das ist meine Schuldigkeit.

Valentin.  So geh zu ihr!  (Liese geht hin.)  Buben, gehts her
zu mir!  (Die Buben treten auf seine Seite.)  Das sind die
Sttzen meines Reiches.  Die gehren mir zu.  Machts euch fertig!

(Die Buben nehmen alles.)

Hiesel.  Was soll denn ich noch nehmen?

Valentin.  Den Zirkel, runder Kerl.

Rosa.  Er macht wirklich Ernst.  Das htt ich meinen Leben nicht
geglaubt.

Liese.  Liebe Mutter, gib die Mutter nach.

Valentin.  So, jetzt ist der Auszug fertig.  Jetzt gebts acht.
Jetzt werd ich kommandieren: Rechtsum, kehrt euch, marsch!
(Will fort.)

Rosa (ruft ihm reumtig nach).  Du Mann!  Halt!

Valentin.  Was gibts?

Rosa.  Ich mu dir noch was sagen!

Valentin (fr sich).  Aha!  jetzt fangen die Unterhandlungen an.
(Laut.)  Nur kurz!  das sag ich gleich.

Rosa (leise).  La die Kinder hinausgehn.

Valentin.  Kinder, gehts hinaus!

Liese (fr sich).  Nu Gott sei Dank!

Hansel.  Mir scheint, die Mutter gibt doch nach.  Ja, wann wir
Mnner einmal anfangen, da mu es brechen oder gehn.

(Die Kinder ab.)

Valentin.  Also was willst du jetzt?

Rosa (gutmtig).  Schau, berleg dirs doch, du wirst dich
berzeugen, ich hab recht.

Valentin.  Still sei, sag ich.  Oder ich ruf die Kinder herein.

Rosa.  So la doch drau.  Sie zerreien ja zu viel Schuh, wenn
sie immer hin und wieder laufen.

Valentin.  Das nutzt dir alles nichts.  Aut Aut!  Oder, entweder--

Rosa.  Gut, ich will mirs berlegen.

Valentin.  Nichts berlegen.  Heut mu er noch ins Haus, und eine
Mahlzeit mu hergerichtet werden, da die ganze Menschheit die
Hnd ber den Kopf zusammenschlagen soll.

Rosa.  Nu mir ists recht!  Aber er verdients um uns nicht.

Valentin.  Was sagst?  Er verdients nicht?  Wer ist denn schuld,
da wir so friedlich miteinander leben?  Da ich hab Meister
werden knnen und das Husel da gebaut hab, als die zweihundert
Dukaten, die ich so nach und nach von ihm zu schenken gekriegt
hab.  Wem haben wir also unser bissel zu verdanken?

Rosa.  Mich hat er aber nie mgen.

Valentin.  Ist nicht wahr!  Der Kammerdiener hat dich nur
verschwrzt bei ihm.  Sonst wren wir noch in seinem Haus.

Rosa.  Ja wenn er eines htte.

Valentin.  Ja so.  Da hab ich ganz vergessen drauf.

Rosa.  Er hat mich bei jeder Gelegenheit heruntergesetzt.
Einmal hat er sogar vor einer ganzen Gesellschaft gesagt--

Valentin.  Was hat er denn gesagt?

Rosa.  Das sag ich nicht.

Valentin.  Geh, sag mirs, liebe Alte.  Geh!  Wer wei, ists
wahr?

Rosa.  Ja es ist auch nicht wahr.  Er hat gesagt: ich bin
ausgewachsen.

Valentin.  Das hat er gsagt?  Und das hast du dir seit zwanzig
Jahren noch gemerkt.

Rosa.  Oh, so etwas vergit ein Frauenzimmer nie.

Valentin.  Nu das mut ihm halt verzeihen.  Mein Himmel!  Ein
junger Mensch.  Er hat halt damals lauter so schiefe Ansichten
gehabt.  Dann ists ja auch nicht wahr.  Du bist ja gebaut wie
eine gyptische Pyramiden.  Wer knnt denn dir in deiner
Gestalt etwas nachsagen?  Das wr ja wirklich eine Verleumdung
erster Gattung.

Rosa.  Nu, der Meinung bin ich auch.

Valentin.  Gelt, Alte, ja, wir behalten ihn da im Haus.  Du
wirst es sehen, ich werd recht fleiig arbeiten.  Es schadt
uns nichts.  Im Gegenteil, 's geht mir alles besser von der
Hand.

Rosa (nach einem kurzen Kampf).  Nu meinetwegen.  So solls denn
sein.

Valentin (springt vor Freude).  Bravo Rosel!  das hab ich auch
von dir erwartet.  Ich htt dich nicht verlassen, wenn ich
auch heut fortgegangen wr.  Oh!  morgen auf die Nacht wr ich
schon wieder nach Haus gekommen.  Jetzt ist aber alles in der
Ordnung.  Kinder!  kommts herein zum letzten Mal.  (Alle Kinder.)
Kinder, legt alles wieder hin.  Wir ziehen nicht aus.  Ich hab
mit der Hausfrau da einen neuen Kontrakt abgeschlossen.
Vater und Mutter sind vershnt.  Der gndige Herr kommt ins
Haus.

Kinder (alle freudig).  Das ist gscheid!  das ist gscheid!

Valentin.  Drum lauft, was ihr knnt.  Kein Mensch darf zu Haus
bleiben.  Ich nehm den kleinen Buben mit.  (Er nimmt Pepi auf
den Arm.)  Geht zu alle Nachbarn.  Fragt, ob sie ihn nicht
gesehen haben.  Sie sollen euch suchen helfen.  Und wenn ihr
ihn findet, so bringt ihn her.

Rosa.  Der Mann wird nrrisch vor lauter Freuden.

Kinder.  Bravo!  jetzt gehts lustig zu.  (Ab.)

Hansel.  Vater, verla sich der Vater auf mich.  Wenn ich ihn
pack, mir kommt er nimmer aus.  (Geht stolz ab.)

Valentin.  Der Bub kann einmal ein groer Mann werden,
wenn er so fortwachst.  Weib, jetzt komm!  Du hast mir viel
Verdru heut gmacht, aber jetzt ist dir wieder alles
verziehen.  Kein Mensch ist ohne Fehler, wenn einem nur zur
rechten Zeit der Knopf aufgeht.  Wer wei, wers noch vergilt,
und ich denk mir halt, wenn ich einmal recht alt werd, so mcht
ich doch auch andere Erinnerungen aufzuweisen haben, als da
ich einen Stuhlfu geleimt hab und einen Schubladkasten
gemacht.  Jetzt komm!

(Beide ab.)



Zehnter Auftritt

Verwandlung

Die Ruine des alten Schlosses Flottwell.  Zerfallne Gemcher
und Trme, auf Felsen gebaut, zeigen sich rechts.  Links die
Aussicht, gleichsam von der Hhe des Schloberges, auf
entferntere gegenberstehende Berge, hinter welchen die
Sonne untergeht.

Flottwell in Verzweiflung.  Klettert ber einen der Felsen,
als kme er aus dem Tal.


Flottwell.
Ich bin herauf!  Ich habe sie erreicht,
Die letzte Hhe, die in dieser Welt
Fr mich noch zu erklimmen war.
Ich steh auf meiner Ahnen Wieg und Sarg,
Auf Flottwells altem edlen Herrenschlo.
Wir sind zugleich verhngnisvoll gestrzt.
Htt ich dich nicht verlassen, stndest du
Und ich.  Zu spt!
(Wirft den Hut und Bettelstab von sich.)
Verfaule, Bettelstab!
Mein Elend braucht nun keine Sttze mehr.
Ich kehre nie zu eurer Welt zurck,
Denn mein Verbrechen schliet mich aus dem Reich
Des Eigennutzes aus.  Ich habe mich
Versndigt an der Majestt des Goldes.
Ich habe nicht bedacht, da dies Metall
Sich eine Herrschaft angemat, vor der
Ich htt erbeben sollen, weil es auch
Mit Schlauheit, die bewundrungswrdig ist,
Das Edle selbst in seinen Kreis gezogen.
Wer fhlt sich glcklich, der durch Wohltun einst
Ein Arzt der Menschheit war, und dem es nun
Versagt, weil ihm die gldene Arznei
Gebricht, wodurch die kranke Welt genest.
Ich stand auf dieser segensvollen Hh,
Ich konnte mich erfreun an anderer Glck,
Wenn freudenleer mein eigner Busen war.
Ich hab mich selbst von diesem heilgen Thron
Gestrzt.  Dies Einzge ists, was ich mit Recht
Beweinen darf, sonst nichts.  Zum Kinderspott,
Zum Hohngelchter des gemeinen Pbels
Darf nie ein Edler werden, drum fahr hin
Mein Leben, dessen Pulsschlag Ehre war.
Ich knnte mich in jenen Abgrund strzen,
Doch nein!  des letzten Flottwells Haupt, es beug
Sich nicht so tief.  Mein Leben ist ja noch
Das einzge Gut, das mir Verschwendung lie,
Mit dem allein will ich nun sparsam sein,
Der Hunger soll mich langsam tten hier.
Aus Straf, weil ich die undankbare Welt
Zu viel gemstet hab.  O Tod, du bist
Mein einzger Trost.  Ich hab ja keinen Freund--

(Ein Stein weicht zurck, und der Bettler ohne Hut und Stab
steht vor ihm, spricht.)

Bettler.  Als mich!

Flottwell (erschrickt).
Als wen?  Ha!  schreckliche Gestalt,
Die ich seit zwanzig Jahren nicht gesehen
Und die ich nun fr meine erst erkenn,
Weil mich die Zeit auf gleiche Stufe stellt
Und ich wie du in jeder Hinsicht nun
Bejammernswert und elend bin.
Weh mir!  Nun wird mirs klar, du solltest mir
Ein schauervolles Bild der Warnung sein.

Bettler.
Dies war mein Zweck.  Du hast mich nicht erkannt,
Weil Leidenschaft nie ihre Fehler sieht.
Erkenne mich nun ganz, ich bin ein Jahr
Aus deinem viel zu rasch verzehrten Leben,
Und zwar dein fnfzigstes, das heute noch
Beginnen wird, wenn jene Sonne sinkt.
Du hast an Cheristanen einst ein Jahr
Verschenkt, und diese edle Fee, die sich
Fr dich geopfert hat, sah in dem Buch
Der Zukunft, da, wenn du zurck nicht kehrst
Von der Verschwendung Bahn, das fnfzigste
Jahr deines Lebens dir den Bettelstab
Als Lohn fr deinen Leichtsinn reichen wird.
Glaub nicht, da du geendet httest hier.
Wer so wie du gestanden einst und auf
So niedre Stufe steigt, sinkt tiefer noch
Als einer, der im Schlamm geboren ist.
Zu warnen warst du nicht, drum konnte ich
Dich nur von deinem tiefsten Sturz erretten.
Bis jetzt hat niemand noch dir eine Gab
Gereicht: Ich hab fr dich bei dir gebettelt.
Ein Jahr lang hab ich den Tribut durch List
Und schaudervolle Angst von dir erpret.
Die letzte Stunde hab ich aufbewahrt,
Sie schlief in diesem Stein und spricht zu dir:

(Ein Stein teilt sich, und ein Haufen Gold und der Schmuck
zeigt sich in einem silbernen Kstchen.)

Nimm hier dein Eigentum, das du mir gabst,
Zurck.  Du wirst es besser schtzen nun,
Weil du die Welt an deinem Schicksal hast
Erkannt.  Was du dem Armen gabst, du hasts
Im vollen Sinne selber dir gegeben.
Leb wohl!  Ich hab vollendet meine Sendung.  (Versinkt.)

Flottwell (allein).
Ists Traum, ists Wahrheit, was ich sah und hrte?
Woher die berirdische Erscheinung?

(Sanfte Musik.  Die Ruinen verwandeln sich in eine Wolkengruppe
mit vielen Genien.  Cheristane in reizender Feenkleidung in der
Mitte auf einem Blumenthron.)

Cheristane (sanft).
Mein Julius!  Es war Azur, der Geist
Der letzten Perle, die ich einst fr dich
So freudig hingeopfert hab, als ich
Die se Lieb zu dir mit bitterer
Verbannung ben mute.  Ach!  Mir wars ja
Vom Schicksal nicht gegnnt, dich zu erretten,
Er hat fr mich erfllt, was meine Treu
Dir einst gelobt.

Flottwell (kniet).
O Cheristane!  Dich
Erblicke ich auf dieser Erde wieder?
Du Himmelsbild aus meiner Rosenzeit!
Kaum wagt mein welkes Aug den Blick zu heben
Zur Morgenrte deiner ewgen Jugend.
Oh, zieh nicht fort, verweile noch!  Sieh, wie
Die Wehmut um vergangne Zeit mich ttet.

Cheristane.
Verzweifle nicht, mein teurer Julius,
Und dulde noch dein kurzes Erdenlos.
Wir werden uns gewi einst wiedersehen
Dort!  in der Liebe grenzenlosem Reich,
Wo alle Geister sich begegnen drfen.

(Sie fliegt unter klagender Musik ab.  Die Ruinen zeigen sich
wieder.  Flottwell sieht Cheristane nach.)



Elfter Auftritt

Voriger.  Liese.  Dann Valentin, Rosa, Kinder.  Nachbarsleute.
Bauern.


Liese (ist die erste auf der Szene).  Vater!  Vater, nur herauf!
Da ist der gndige Herr, ganz gesund und wohlbehalten noch.

Flottwell.  Wer sucht mich hier?  (Schliet das Kstchen.)

Valentin (kommt).  Wir alle, gndiger Herr.  Das ganze Dorf
ist in der Hh.

Flottwell.  Was willst du, guter Valentin?

Valentin.  Was ich will?  Mein Wort will ich Euer Gnaden halten
und um Verzeihung bitten fr mein ungeschliffnes Weib.  Gehst
her, Verbrecherin, und kniest dich nieder da.

Rosa (herzlich).  Lieber gndiger Herr!  Ich hab mich sehr
vergessen heut.  Doch mach ich meinen Fehler wieder gut.  Sie
drfen nimmermehr aus unseren Haus.  Ich werd Sie gwi wie eine
Tochter pflegen.

Die Kinder.  Verzeihen S' ihr, gndiger Herr!

Pepi (kniet nieder).
Lieber Herr, sei wieder gut,
Die Mutter wei nicht, was sie tut.

Valentin (weint).  Das hab ich gedichtet, Euer Gnaden.

Flottwell.  Steht auf, ihr guten Leute!  Ich habe schon verziehen.
Und freue mich, da ich euch eure Treue nun vergelten kann.
Ich bin kein Bettler mehr.  Unter diesen Mauern hab ich einen
kleinen Schatz gefunden, den mein Vater hier fr mich bewahrte.

Valentin.  Ah, das ist ein Malheur, und ich hab mich schon
gefreut, da Euer Gnaden nichts haben, damit ich Euer Gnaden
untersttzen kann.

Flottwell.  So ist es besser, lieber Valentin.  Du kannst dein
Leben nun in Ruh genieen.  Ich nehme dich und deine Frau nun
in mein Haus und will fr die Erziehung deiner Kinder sorgen!

Rosa, Liese (erfreut).  Wir danken herzlich, gndger Herr!

Hansel (zu den Kindern).  Buben, jetzt werden wir lauter gndige
Herrn!

Valentin.  Ich werd der Haustischler bei Euer Gnaden.  Ich wix und
politier das ganze Haus.  Aber eins mu ich noch sagen.  Ein Menge
meiner alten Nachbarn haben sich auch hier angetragen, Euer
Gnaden zu untersttzen.  Und freuen sich, ihren vorigen
Gutsherrn wiederzusehen.  Euer Gnaden haben ja allen Guts
getan, und einen guten Herrn vergit man nicht so leicht.

Alle.  Vivat, der gndige Herr soll leben!

Schlugesang

Valentin.
Wie sind wir doch glcklich, wir stehn auf dem Berg,
Jetzt zeigt sich der Kummer so klein wie ein Zwerg.
Und kommt er uns wirklich auch noch mal ins Haus,
Der Valentin jagt ihn zum Tempel hinaus.

(Der Chor wiederholt die zwei letzten Verse.)

Chor.
Und kommt er uns wirklich auch noch mal ins Haus,
Der Valentin jagt ihn zum Tempel hinaus.

(Auf den Bergen sieht man, wie in der Ferne die Senner und
Sennerinnen die Khe von den Alpen treiben, und sie singen
wie Echo.)

Senner und Sennerinnen.
Dudeldide dudeldide!  Die Kh treibts von der Alm.

Valentin.
Die Kh treibn die Sennrinnen just von der Alm.
Gengsamkeit bleibt doch die kstlichste Salm,
Der Reiche liegt schlaflos im goldenen Saal,
Doch kummerlos schlummert die Kuh in dem Stall.

Chor.
Der Reiche liegt schlaflos im goldenen Saal,
Doch kummerlos schlummert die Kuh in dem Stall.

Senner und Sennerinnen (in der Ferne).
Dudeldide dudeldide!  Wie freut die Kuh der Stall.

Valentin.
Jetzt gehn wir zur Tafel, die macht erst den Schlu.
Fr heut ist beendet ein jeder Verdru.
Doch heb ich bei Tische den Ehrenplatz auf,
Vielleicht setzt sich Ihre Zufriedenheit drauf.

Chor.
Doch hebn wir bei Tische den Ehrenplatz auf,
Vielleicht setzt sich Ihre Zufriedenheit drauf.

Senner und Sennerinnen (in der Ferne).
Dudeldide dudeldide!  Zufrieden mu man sein.


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der Verschwinder,
von Ferdinand Raimund.





*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DER VERSCHWENDER ***

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