The Project Gutenberg EBook of Das Maedchen aus der Feenwelt, by Ferdinand Raimund

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Title: Das Maedchen aus der Feenwelt

Author: Ferdinand Raimund

Release Date: October, 2004  [EBook #6643]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on January 9, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ASCII

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DAS MAEDCHEN AUS DER FEENWELT ***




Thanks are given to Delphine Lettau for finding a huge collection of ancient
German books in London.



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Das Maedchen aus der Feenwelt

oder

Der Bauer als Millionaer

Ferdinand Raimund

Romantisches Original-Zaubermaerchen mit Gesang in drei Aufzuegen


Personen:

Lakrimosa, eine maechtige Fee, verbannt auf ihr Wolkenschloss
Antimonia, die Fee der Widerwaertigkeit
Borax, ihr Sohn
Bustorius, Zauberer aus Warasdin
Ajaxerle, Lakrimosens Vetter und Magier aus Donau-Eschingen
Zenobius, Haushofmeister und Vertrauter der Fee Lakrimosa
Selima und Zulma, Feen aus der Tuerkei
Lira, die Nymphe von Karlsbad
Ein Triton und Zwei Furien, Tonkuenstler
Ein Diener der Fee Lakrimosa
Ein Fiaker
Ein Bedienter des Bustorius
Ein Genius als Laternbube

Der Morgen, der Abend, die Nacht, der Bloedsinn, die Traegheit und
mehrere andere allegorische Personen.  Zauberer.  Feen.  Vier Genien

Die Zufriedenheit
Die Jugend
Das hohe Alter
Illi, Briefbote im Geisterreiche
Ein Satyr
Amor
Hymen
Ein Genius der Nacht
Ein Genius an der Quelle der Zufriedenheit

Geister der Nacht.  Sechs Pagen und sechs Maedchen

Der Neid und Der Hass, Milchbrueder
Tophan, Kammerdiener des Hasses
Nigowitz, ein dienstbarer Geist des Hasses
Eine geistige Wache
Ein Papagei

Neun Geister als Waechter des Zauberringes.  Genien, Geister, Furien
und Diener des Hasses

Fortunatus Wurzel, ehmals Waldbauer, jetzt Millionaer
Lottchen, seine Ziehtochter
Lorenz, ehmals Kuhhirt bei Wurzel, jetzt sein erster Kammerdiener
Habakuk, Bedienter
Karl Schilf, ein armer Fischer
Musensohn, Schmeichelfeld und Afterling, Wurzels Zechbrueder
Ein Schlosser
Ein Tischler

Mehrere Bediente bei Wurzel.  Gesellen.  Volk

Die Handlung beginnt am Morgen des ersten Tages und endigt am
Abende des zweiten.  Spielt teils im Feenreiche, teils auf der
Erde.




Erster Aufzug



Erster Auftritt

Grosser Feensaal, mit magischen Lampen von verschiedenen Farben
hell beleuchtet, welche, auf Kandelabern angebracht, die Kulissen
zieren.  Im Hintergrunde die Oeffnung eines grossen Bogentores,
welches durch einen schalartigen, mit Gold verbraemten Vorhang
verdeckt ist.

In der Mitte des Theaters spielen zwei Furien, ein Triton und der
kleine Borax ein Quartett von zwei Violinen, Viola und Violoncello.
Die Stimmen des Quartetts wechseln mit Solo.  Die Instrumente sind
von Gold, die Pulte ideal.  Im Kreise sitzen: Bustorius, Zenobius,
Antimonia, Selima, Zulma, Lira, der Morgen, die Nacht, der Abend,
der Bloedsinn und mehrere andere allegorische Personen, Zauberer
und Feen, die von Zeit zu Zeit von vier Genien, welche als
gefluegelte Livreebediente gekleidet sind, auf silbernen Tassen
mit Konfekturen bedienet werden.  Das Ganze wird von folgendem
Chor begleitet.


Chor.
Welch ein herrliches Konzert,
Wo sich hoch die Kunst bewaehrt.
Was ist Amphions Geklimper?
Selbst Apollo ist ein Stuemper,
Wenn man solche Kuenstler hoert.
Bravo!  Bravo!  O vortrefflich!
Bravo!  Bravo!  (Verhallend.)  Bravo--Bravo--

(Allgemeiner Applaus.--Alles erhebt sich von den Sitzen, die
Spielenden legen ihre Instrumente weg und verneigen sich).

Zenobius.
Bravissimo, meine Herren!  das haben Sie gut gemacht, (zu dem
Triton) besonders Sie.

Bustorius (tritt vor, einen Csakan in der Hand, im ungarischen
Dialekt).
Isten utzek!  ist das schoenes Quartett, von wem ist das komponiert?

Zenobius.
Das Adagio ist von einem Delphin.

Bustorius.
Und das Furioso?

Zenobius.
Von einer Furie.

Bustorius.
Das ist schoen, Furie kann am besten machen Furioso.

Borax.
Aber Mama, mich loben s' gar nicht.

Antimonia.
Sei nur still!

Bustorius.
Das kleine Buebel greift aber manchmal ein bissel falsch.

Antimonia (die waehrenddem ihrem Sohn immer den Schweiss von der
Stirne gewischt hat).
Mein Herr!  das koennte mich beleidigen.  Er ist der erste
Violinspieler im ganzen Feenreich, er hat einen englischen
Meister, der fuer jede Lektion zweihundert Schillinge bekommt.

Zenobius.
Ganz gut, aber ueberlassen Sie sein Lob andern Leuten.

Antimonia.
Wer kann ihn unparteiischer beurteilen als ich, seine Mutter?
(Eitel.)  Obwohl mirs, meiner Jugend und meiner Reize wegen,
niemand ansieht, dass ich seine Mutter bin.

Bustorius.
Nein, haett ich Ihnen fuer seine Grossmutter gehalten.

Antimonia.
O Sie einfaeltiger Zauberer!  (Borax weint laut.)  Pfui!  mein Boraxi,
musst nicht weinen.  Hoerst!  musst gar nicht aufmerken auf die
abscheuligen Leute da.

Borax.  (weinerlich).
Freilich, was liegt denn mir an den Leuten, die koennen alle weniger
als ich.

Antimonia.
Ja mein Bubi, so ists recht!  Jetzt bist brav!

Zenobius (lachend).
Bravissimo!

Bustorius (lachend).
Das ist gute Erziehung.  Buben tut sie schoen, und Meister gibt sie
Schilling.

Antimonia.
Beleidigen Sie mich nicht laenger, oder ich verlasse die Gesellschaft
--
(Will fort.)

Zenobius.
Bleiben Sie.  Hat Lakrimosa Sie darum zu sich gebeten, um zu
streiten?  Sie wird den Augenblick erscheinen, sie empfaengt nur
ihren Vetter, den sie aus Donau-Eschingen erwartet hat und der
wie Sie alle im Hexengasthof abgestiegen ist, weil im Palast hier
niemand wohnen darf.

Antimonia.
Gut, aus Hoeflichkeit will ich bleiben, aber schweigen kann ich
nicht, durchaus nicht!

Bustorius.
Das ist liebenswuerdige Frau, wenn ich einmal heirate, nimm ich
keine andere, aber sie auch nicht.



Zweiter Auftritt

Ein Feendiener.  Vorige.


Diener.
Die Fee.

Bustorius.
Sie sieht noch gut aus vom weiten.

Zenobius.
Das Schicksal hat sie mit ewiger Jugend beschenkt, darum hat der
Gram ihre Reize geschont.



Dritter Auftritt

Lakrimosa erscheint mit betruebter, aber doch hoeflicher Miene.
Ajaxerle im schwaebischen gestreiften Zauberhabit.  Er ist sehr
geschaeftiger, gutmuetiger Natur.  Trippelt gerne herum und sagt
alles mit dummlachender Miene, als freute ihn alles, was er
spricht.

Vorige.


Alle.
Vivat die Hausfrau!

Lakrimosa.
Es freut mich, meine werten Gaeste, wenn Sie sich gut unterhalten
haben.

Alle.
Vortrefflich!

Lakrimosa.
Hier stell ich Ihnen meinen geliebten Vetter vor, Magier aus
Schwabenland.

Ajaxerle (im schwaebischen Dialekte).
Freut mich, Sie allerseits kennenzulernen.

Alle.
Freut uns!

Bustorius.
Was Teuxel!  das ist ja der Ajaxerle?

Ajaxerle.
Der Tausend, wie kommen denn Sie daher?  ah Herrjegerle, das freut
mich!  (Umarmt ihn.)

Lakrimosa.
Kennen sich die Herren?

Ajaxerle.
Das glaub ich.  Wo haben wir denn nur geschwind Freundschaft
geschlossen?

Bustorius.
Wissen Sie nicht?  Auf dem letzten Geisterdiner in Temeswar.

Ajaxerle.
Richtig!  wo Sie mir die Bouteille Wein an den Kopf geworfe habe,
da hab ich die Ehr gehabt, Sie kennezulerne.

Lakrimosa (tritt zwischen beide).
Genug, meine Herren, diese schoenen Erinnerungen ein andersmal.
An mir ist die Reihe.  (Ueberblickt alle mit Wohlgefallen, dann
spricht sie mit Gefuehl.)  Ja, es ist keines ausgeblieben, alle
sind sie hier, die mein Schmerz zu sich bitten liess.  Tuerkische,
boehmische und ungarische Wolken haben sie zu mir getragen.
(Jedem die Hand reichend.)  Mein Bustorius aus Warasdin, meine
Freundin, die Nymphe von Karlsbad, sogar Selima und Zulma, die
Feen von der tuerkischen Grenze.  Du stille Nacht, an deren Busen
ich so oft mein sinnend Haupt gelegt.  Der Morgen und der Abend.
Bloedsinn und Faulheit et cetera, et cetera, alle, alle sind sie
hier.

Bustorius.
Ist das Freude, sind wir alle da!

Lakrimosa.
Und nun hoeren Sie die Ursache, warum ich Sie auffordern liess,
ihre Wolkenschloesser zu verlassen und mir in meiner bedraengten
Lage Beistand zu leisten.

Alle.
Erzaehlen Sie.  (Alle setzen sich.)

Lakrimosa.
Es sind nun volle achtzehn Jahre, als ich an einem heitern
Juliustage auf einem Sonnenstrahl nach der Erde fuhr und mich in
Blitzesschnelle in einem angenehmen Tal befand.  Vor mir stand ein
junger blonder Mann, sein edler Anstand und sein gemuetliches Auge
buergten fuer die Aufrichtigkeit seines Herzens.  Ihn zu sehen und
zu lieben war das Werk eines Augenblicks.  Es war der Direktor
einer reisenden Seiltaenzergesellschaft, die in diesem einsamen
Orte halt machte und nicht mehr weiterziehen wollte, bis die
fuer zweihundert Gulden rueckstaendige Gage augenblicklich gesichert
waere.  Mein Entschluss war gefasst: er mein Gemahl oder keiner--
ich zauberte ihm schnell einen Beutel Louisdors in die Tasche
und flog, in eine girrende Taube verwandelt, in mein Reich zurueck.
Mein Freund Zenobius sah mich kommen.  Erinnerst du dich noch?

Zenobius.
Ja, es war an einem Mittwoch, und den Tag vorher haben wir Holz
bekommen.

Lakrimosa.
Ihm uebergab ich geschwinde die Schluessel meines Palastes, und um
schneller die Erde zu erreichen, verwandelte ich mich in einen
Pfeil, und Zenobius schoss ihn in das Dach des Wirtshauses, welches
mein Geliebter indessen bezogen hatte.  Ich stieg als reisende
Schauspielerin darin ab, und, um kurz zu sein, er sah mich, liebte
mich, ward mein Gemahl.  Doch nach zwei gluecklichen Jahren--wer
hilft mir die Erinnerung dieses Schmerzes ertragen?--stuerzte er
vom Seil, das er von einem Kirchturm zum andern gespannt hatte,
und verhauchte seinen stolzen Geist.  (Sie weint.)

(Alle weinen mit.)

Ajaxerle.
Ja das Seiltanzen, ich habs auch einmal probiert, aber ich
versichere Sie, ich bin recht auf den Kopf gfalle.

Bustorius.
Das hab ich schon lang bemerkt, hab ich nur nicht gleich sagen
wollen.

Lakrimosa.
Von tiefer Trauer erschuettert, nahm ich mein Kind, ein Maedchen
von zwei Jahren, und kehrte mit ihr ins Feenreich zurueck.  Bezahlte
schnell die Schulden, die mein treuer Zenobius indessen auf
meinen Namen gemacht hatte, und nachdem mein Schmerz vertobt war,
erbaute ich meiner Tochter einen Brillantenpalast, liess sie in
dem hoechsten Reichtum erziehen und schwur, ihre Hand nur dem
Sohne der Feenkoenigin selbst zu geben.  Kaum hatte ich diesen
unseligen Schwur getan, so krachten die Saeulen meines Palastes,
und vor mir stand die Koenigin der Geister.  Buesse deine Frechheit,
sprach sie, uebermuetiges Weib.  Einem Sterblichen hast du dich
vermaehlt, und deines Kindes Herz willst du durch Glanz vergiften?
So hoere meinen Ausspruch: Entrissen sei dir auf Erden deine
Feenmacht, so lange, bis die Bescheidenheit deiner Tochter deinen
Uebermut mit mir versoehnt.  In brillantene Wiegen hast du sie
gelegt, darum sei Armut ihr Los, und des Reichtums Glanz werde
ihr zum Fluch.  Meinem Sohne hast du sie bestimmt, dem Sohn des
aermsten Bauers werde sie angetraut.  Auf die Erde setze du sie
aus, dem Irdischen gehoert sie an, dann kehrst du zurueck in dein
Wolkenhaus, und nur die Tugend deiner Tochter kann dich daraus
erloesen.  Wird sie allen Reichtum hassen und vor ihrem achtzehnten
Jahre mit einem armen Manne, der ihre erste Liebe sein muss, sich
verbinden, so ist dein Bann geloest, du darfst sie wiedersehen und
in maessigen Wohlstand sie versetzen.  Erfuellt sie bis zu ihrem
achtzehnten Fruehling diese Bestimmung nicht, ist sie fuer dich
verloren.  Bescheidenheit heisse ihr Glueck, denn sie ist nur eine
Tochter der Erde.  Sie verschwand.

Bustorius (nach einer Pause).
Erdoek!  ist das schoene Geschichte!

Ajaxerle.
Ja!  So traurig und so lang auch noch, das ist das Schoene.

Lakrimosa.
Ich sank mit meinem Kinde auf die Erde nieder, in einem duestern
Wald, und in der Gestalt eines alten Weibes pochte ich an eine
niedre, aber reinliche Huette.  Ein lustiger treuherziger Bauer,
ihr einziger Bewohner, sprang heraus, er hiess Fortunatus Wurzel.
Ich sank zu seinen Fuessen und beschwor ihn, er moechte sich des
armen Kindes erbarmen, sie gut und fromm erziehen, sie nie aus
dem Walde lassen und mit siebzehn Jahren an einen armen Jungen,
den sie liebgewinnt, verheuraten.  Wird er dies befolgen, soll
er mich am Tag der Heirat wiedersehen, und ich werde ihn reichlich
belohnen.  Wer ich sei, duerfte ich ihm nicht sagen.  Er schwur,
meine Bitte zu erfuellen, und eilte mit dem Kind in die Huette.
Langsam und trauernd schwang ich mich auf, Traenen entstuerzten
meinen Augen, wurden zu kostbaren Perlen und fielen nieder auf
das Strohdach seiner Huette.  (Nach einer Pause seufzend.)  Ob er
sie gefunden, weiss ich nicht.

Bustorius (gleichgueltig).
Weiss ich auch nicht.  (Will aufstehen.)

Lakrimosa.
Jetzt kommt das Wichtigste.

Bustorius.
Also noch nicht aus?  Bravo!  (Setzt sich wieder nieder.)

Lakrimosa.
Vierzehn Jahre hat er sein Wort treu gehalten, doch ueber ein Jahr
lebe ich schon in qualvoller Angst.  Die missguenstigen Gesinnungen
meiner Dienerschaft verschafften dem Neid Eintritt in mein Exil,
und dieser maechtige Fuerst der Galle verliebte sich in mich und
warb um meine Hand, doch da er von jeher aus meinem Herzen
verbannt war, wies ich ihn mit Verachtung ab.  Um sich nun dafuer
zu raechen, schwur er, mich durch meine Tochter zu verderben, und
liess den Bauer einen grossen Schatz finden.  Im Besitze dieses
Reichtums ist dieser nun seit zwei Jahren wie ausgewechselt,
wohnt in der Stadt, lebt auf dem groessten Fuss, ergibt sich dem
Trunke, misshandelt meine Tochter und will sie zwingen, einen
reichen Freier zu waehlen, waehrend ihr Herz an einem armen Fischer
haengt.  Morgen um Mitternacht zaehlt sie achtzehn Fruehlinge, und
wenn sie bis dahin nicht die Braut des Fischers ist, ist sie fuer
ihre Mutter verloren.  Ich muss hier muessig bleiben und darf sie
nicht beschuetzen.  Alle Geister in der Naehe der Feenkoenigin habe
ich seit zwei Jahren vergebens um Huelfe angefleht, darum habe ich
in meiner hoechsten Not nun Sie versammeln lassen, und wenn Sie
nicht alles aufbieten, mein Kind zu retten, so bin ich die
ungluecklichste Fee, die je einen Zauberstab geschwungen hat.

Alle (springen auf).
Pereat der Neid!  Pereat der Bauer!

Zenobius.
Lakrimosa soll leben!

Alle.
Hurra!

Bustorius.
Kommen Sie, Frau, sein Sie nicht traurig.  Waren Sie zwar stolzes
Weibsbild, aber sein Sie bestraft, sein Sie doch gute Person,
haben Sie Ihr Kind gern, das gfallt mir.  Geben Sie mir Bussel.
(Nimmt sie beim Kopf und kuesst sie.)  Nit wahr, meine Freunde,
wollen wir ihr alle helfen?

Alle.
Alle!  Alle!

Bustorius.
Was wollen Sie mehr, sein das nicht rare Geister?  Verlassen Sie
sich auf ungarischen Zauberer.  Was Ungar verspricht, das halt er.
Hat er festes Blut in sich wie Eisenbad in Mehadia.  Wir wollen
schon einheizen den vertrackten Purzel oder Wurzel, wie der Kerl
heisst.

Ajaxerle.
Ja, das wollen wir, und ich will die ganze Sache dirigieren.
Jetzt lauf ich gleich ins Wirtshaus und lass mir was immer fuer
a Vieherle sattle und reit in die Stadt hinunter und werd alles
auskundschafte, und ausser der Stadt draussen steht ein verrufenes
Bergle, das heisst der Geisterscheckel, da kommen wir in zwei
Stunden in dem alten Schloss oben alle zusammen und machen den
ganzen Plan aus, und die Nacht da (auf die Nacht zeigend), die
muss vor uns herfliegen, damit die Sach kein Aufsehen macht, und
heut abend muesse Sie schon Ihr Toechterle habe, und wenn sie auf
den Blocksbergle vermaehlt werde soll.

Alle.
Ja, heute noch, Hurra!

Lakrimosa.
So sind Sie, wie ich Sie haben wollte, jetzt ist mein Mutterherz
getroestet.  Ich verlasse mich ganz auf Sie.  (Im Konversationstone.)
Darf ich Ihnen gschwind noch mit ein Glaserl Punsch aufwarten?

Bustorius.
Was Ponsch?  Nichts Ponsch, ist schon Tag.  Lassen Sie Wagen
vorfahren.  Wo ist mein Fiaker 243?

Zenobius.
Die Waegen herbei.  Die Maentel!  Es ist ja noch stockfinster in
den Wolken, es muss ein Wetter am Himmel sein.

(Alles bricht auf, nimmt die Maentel um.  Der mittlere Vorhang
geht auf, man sieht in eine Wolkenstrasse.  In der Ferne sind die
beleuchteten Fenster einiger Feenschloesser zu sehen.  Die
Wolkenwagen fahren vor und gerade in die Kulisse ab, nicht durch
die Luft.  Zwei Diener mit Fackeln leuchten.)

Ein Feendiener (ruft).
Fiaker 243, vorfahren!

Fiaker (schreit).
Ja!  (Faehrt vor.)

(Bustorius steigt ein, sein)

Diener (springt hinten auf und ruft).
Nach Haus!

(Ein anderer Wagen mit zwei Laternen folgt.  Antimonia steigt ein
und faehrt fort.  Zuletzt erscheint eine Wurst, mehrere Zauberer
und Feen setzen sich auf und fahren fort.)

Lakrimosa (nachrufend).
Kommen S' gut nach Haus!  Vergessen S' nicht auf mich!  Sie Herr
Vetter, ich lass Ihnen einspannen und in den Gasthof fuehren.

Ajaxerle.
Ei bewahr!  ich hab ja mein Laternbueble da.  (Ruft.)  He, rufts
ihn doch!

Feendiener.
He, Laternbub!

Ein kleiner Genius (mit einer Laterne springt herein).
Hier, Euer Gnaden!

Ajaxerle.
Voraus, Spitzbueble!

Genius (ihn nachaeffend).
Voraus, Spitzbueble!

(Unter allgemeinem Laerm und Empfehlungen: Kommen Sie gut nach
Haus!  usw.  faellt der Vorhang vor.)



Vierter Auftritt

Verwandlung

Nobles Gemach in Fortunatus Wurzels Haus, an der Seite ein
bronzierter Kleiderschrank.  Rechts ein Fenster neben dem
Schlafgemach Wurzels.  Auf der entgegengesetzten Seite der
Eingang.

Lorenz mit zwei Bedienten.  Habakuk.

Lorenz laeuft zum Fenster und sieht hinaus.


Stimme von unten.
Herr Lorenz, der Wein ist da.  Gehts einer herunter!

Lorenz (ruft hinab).
Gleich, gleich, nur nicht so schreien, da ist den Herrn sein
Schlafzimmer!  (Zu den Bedienten.)  Gehts hinunter zun Wagen, der
echte Champagner ist kommen.  Tragts die Flaschen in Saal hinauf.
Morgen ist Punschgesellschaft, da muss er austrunken werden,
aller, sonst wird er hin, er halt sich nur ein paar Tage.  (Zwei
Bediente gehen ab.  Zum dritten.)  Und du nimmst ein zehn Flaschen
weg und stellst mir s' auf die Seite, ich brauch s' fuer eine
arme Familie, die gern trinkt.

Habakuk.
Schon recht, Mussi Lorenz.  (Geht ab.)

Lorenz (allein).
Was man alles zu tun hat, wenn man erster Kammerdiener in ein
Haus ist!  Wie ich noch Halter bei ihm war, hab ich lang nicht
so viel zu tun ghabt als jetzt.  Ja, wenn wir auch von Land
sein, deswegen sind wir doch nicht auf den Kopf gfallen.  Wie
ich Bedienter worden bin, hab ich nicht gwusst, warum die
Schneider so grosse Saeck in die Livreen machen, jetzt weiss ichs
schon: weil die Bedienten von ihre Herrschaften so viel
einstecken muessen.  (Sieht durchs Schluesselloch.)  Mir scheint,
er steht schon auf.  Das war wieder ein Spektakel heut nacht,
mit ihm und seine guten Freund.  Bis um drei haben s' trunken
und gsungen, ueber achtzig Glaeser zusammgschlagen, und so gehts
alle Wochen viermal.  Mich wundert nur, dass ers aushalt--Und
seine guten Freund halten ihn fuer ein Narren, sie sagen, er waer
der gscheideste Mensch von ganz Mamelukien oder wie das Land
heisst.  Jetzt will er gar ein heimlicher Gelehrter werden, und
ich hab schon was wispern ghoert, ein Philosoph auch noch.  Ein
Bauer, es ist schrecklich!  und er lasst nicht nach, auf die
Wochen gehts schon los, da lernt er 's Lesen, und aufs Jahr
schreiben, und da hat er recht.  Wenn ein dummer Mensch nur
wenigstens schreibt, so kann er sichs doch selber zuschreiben,
dass er nichts glernt hat.  Da kommt die Lottel, die daerf ich
gar nimmer zu ihm lassen, wenn die den Fischerkarl nicht lasst,
das wird noch eine schoene Metten absetzen.



Fuenfter Auftritt

Lottchen.  Voriger.


Lottchen (einfach gekleidet).
Guten Morgen, lieber Lorenz!  Ist mein Vater schon auf?

Lorenz (sich ein Ansehen gebend).
Guten Morgen, Fraeulein Lottel!

Lottchen.
Wieviel hundertmal hab ich dich schon gebeten, du sollst bloss
Lottchen zu mir sagen.  Ich bin nur ein armes Landmaedchen.

Lorenz.
Was sind Sie?  ein armes Landmaedchen?  das bringt ja einen
Tannenbaum um.  Sie sind ja eine Millionistin.

Lottchen.
Ich will aber keine sein, denn der Schatz, den der Vater
gefunden, hat Unglueck ueber unser ganzes Haus gebracht.  Ach,
wo ist die schoene Zeit, wo der Vater so gut mit mir war, wo
ich taeglich meinen Karl sehen durfte, wo noch Schwalben unter
unserm Dache nisteten, und keine so hungrigen Raben wie jetzt
die falschen Freunde meines Vaters!  Ach, wo bist du, glueckliche
Zeit?

Lorenz.
Ja, es kann halt nicht immer so bleiben, hier unter den
waechsernen Mond!

Lottchen.
Wo seid ihr, ihr Nachtigallen im gruenen Wald, ihr wirbelnden
Lerchen, ihr funkelnden Kaefer?  ach!  das ist alles vorueber,
jetzt kommen keine Schwalben, keine Lerchen, keine Kaefer, und
mein Karl kommt auch nicht mehr.

Lorenz.
Und das waer Ihnen halt der liebste Kaefer.  Den haben wir aber
die Fluegel gestutzt.

Lottchen.
Nein, noch heute will ich meinem Vater zu Fuessen fallen und ihn
bitten, das unglueckliche Gold von sich zu werfen, seit dessen
Besitz sich seines Herzens ein so boeser Geist bemaechtigt hat.
Ich will gleich zu ihm.  (Will gehen.)

Lorenz (tritt vor die Tuer).
Fraeulein Lottel, tun Sie das nicht.  Ich darf Ihnen nicht
hineinlassen.

Lottchen.
Warum nicht?

Lorenz.
Der Herr Vater ist krank.

Lottchen (erschrickt).
Krank?  mein Vater krank?  Himmel, und bedeutend?

Lorenz.
Ja!

Lottchen.
Ist das wahr?

Lorenz.
Wollen Sies nicht glauben?--



Sechster Auftritt

Habakuk mit einer grossen Tasse, worauf eine grosse Gans liegt,
ein Teller voll Backerei und eine grosse Flasche Wein steht,
tritt seitwaerts ein, bleibt an der Tuer stehen, an der andern
Tuer steht Lorenz, in der Mitte, einen Schritt zurueck, Lottchen.


Habakuk.
Den Herrn sein Fruehstueck!

Lorenz.
Nur hinein damit.  (Deutet aufs Schlafzimmer.  Habakuk traegt es
hinein.  Lorenz zu Lottchen.)  Jetzt haben Sies selbst gesehen,
dass er mediziniert.  (Geht verlegen vor.)

Lottchen (beleidigt und erstaunt, stellt sich vor ihn).
Lorenz!  also mein Vater ist krank?

Lorenz.
Nu, schon wie!  Bei ihm heissts: Friss Vogel, oder stirb!

Lottchen.
Also so kannst du mich hintergehen?  Pfui!  das haett ich nicht
von dir geglaubt.  Geh, du bist ein abscheulicher Mensch!  Doch
nein, ich will dich nicht boese machen, ich will dir schmeicheln,
ich will dir sagen: du bist der beste, der schoenste Lorenz auf
der Welt, wenn es auch nicht wahr ist, aber lass mich zu meinem
Vater!

Lorenz.
Und ich darf nicht.  Er hats verboten.  Er sagt, Sie sind nicht
sein Kind, Ihre Mutter war ein Bettelweib.

Lottchen.
Himmel!  was ist das?  So weit ist es mit ihm gekommen, dass er
sein Kind verleugnet?  Hat er mir nicht oft erzaehlt, meine
Mutter waere bald nach meiner Geburt gestorben, und ich waere
sein einziges Kind, von dem er einst Dankbarkeit hofft?  Und
nun verstosst er mich?  Ach du lieber Himmel, ich habe keine
Verwandten, keine Freunde, keinen Vater mehr, wenn du dich
nicht um mich annimmst, so muss ich zugrunde gehen.  (Geht
weinend ab.)

Lorenz (allein).
Was Verwandte, zu was braucht man die?  Unser schwarzaugigtes
Stubenmaedel ist mir lieber als alle Verwandtschaften auf der
Welt.  (Ab.)



Siebenter Auftritt

Wurzel aus dem Kabinett.


Wurzel.
Arie
Ja, ich lob mir die Stadt,
Wo nur Freuden man hat!
Mich sehn s' nimmer aufn Land,
Bei dem Volk ists a Schand.
In aller Frueh treibn s' schon die Ochsen hinaus,
Und da findt man kein einzigen Bauern mehr z' Haus.
Den ganzen Tag sitzt man aufn Pflug,
Trinkt Bier aus ein steinernen Krug,
Und auf d'Nacht kommt man z' Haus, was ist gwest?
Um achte liegt alls schon im Nest!

Drum lob ich mir die Stadt,
Wo man Freuden nur hat.
Mich sehn s' nimmer aufn Land,
Bei dem Volk ists a Schand.

Jetzt hab ich so viel Bediente,
Steh um halber zwoelf Uhr auf,
Trink Kaffee und iss geschwinde
Fuenf bis sechs Polakel drauf.

Kurz, es kann kein schoeners Leben
Als mein jetziges mehr geben,
Denn wer mich ansieht, 's ist ein Spass,
Fallt fast vor Ehrfurcht in die Frass.



Was das fuer ein schoenes Bewusstsein ist, einen guten Magen zu
haben.  Ich bin mit den meinen recht zufrieden, ein fleissiger
Kerl, alle Achtung fuer ihn.  Oh, ein Magen zu sein, ist eine
schoene Charge.  Sultan ueber zwei Reiche, uebers Tierreich und
uebers Pflanzenreich.  Ein wahrer Tyrann!  Hendeln und Kapauner
sind nur seine Sklaven, die druckt er zusammen, als wenn s'
nie da gewesen waeren.  Und doch ein Ehrenmann, der keine
Schmeicheleien mag, mit Suessigkeiten darf man ihm nicht kommen,
da verdirbt man ihn ganz.  Sackerlot, ich bin der fidelste Kerl
auf der Welt!  Eine Freud hab ich manchmal in mir, da wird mir
so wohl ums Herz, so gut, dass ich alles zusammpruegeln moecht,
so seelenfroh bin ich.  Und Geld hab ich, dass mir angst und
bang dabei wird.  Jetzt hab ich das Haus gekauft, und jetzt
kauf ich mir noch einen saubern Weltteil, wo ein kleiner Garten
dabei ist, das wird ein Leben werden.  Lenzl!



Achter Auftritt

Lorenz.  Voriger.


Lorenz.
Was schaffen S'?

Wurzel.
Wo steckst denn, dass dich um mich nicht umschaust?

Lorenz.
Grad bin ich hinausgangen.  Die Fraeulein Lottel war vorher da
und hat mit Ihnen reden wollen.

Wurzel.
Untersteh dich nicht, dass du ein Wort von ihr redst, ich will
nichts wissen von der Wasserprinzessin.  Ist das ein Betragen
fuer ein Haus wie das meinige?  Statt dass ein vampirenes Kleid
anleget und mit ihren Vatern auf d' Promenad ging', bleibt s'
das ganze Jahr zu Haus hocken und geht in einem spinatfarben
Ueberrock herum.

Lorenz.
Sie taugt halt nur aufs Land.  Sie will halt eine niedrige Person
sein.

Wurzel.
Und doch redt s' hochdeutsch, und hat ihrs kein Mensch glernt.
Was ist denn heut fuer ein Tag?

Lorenz.
Freitag.

Wurzel.
Da freu ich mich wieder, da ist Fischmarkt, da kommt der Bursch
wieder vom Land herein.  Und wenn er seine Fisch verkauft hat,
ist er nicht zufrieden, da setzt er sich da drueben auf den
Stein und hat Maulaffen auch noch feil, schaut immer auf ihr
Fenster herueber wie ein Aff--Mit der Wacht lass ich ihn noch
wegfuehren.

Lorenz.
Das Sitzen kann man keinen Menschen verbieten.

Wurzel.
So lasst ihn sitzen, auf d' Letzt sitzt er doch zwischen zwei
Stuehl auf der Erde.  Aber 's Madel wird mir ganz verwirrt.  Ich
lass ihr Zeichnen lernen und Sticken, nutzt nichts.  Statt dass
sie schoene Blumen macht, Vasen und solche Sachen, was zeichnet
s'?  was stickt sie?  lauter Fisch.  Zu meinen Namenstag stickt
sie mir ein Polster--was ist drauf ?  ein grossmaechtiger
Backfisch, aber ohne Kopf,--wie ich meinen drauflegen ist der
ganze fertig.--Sie muss den reichen Juwelier heiraten.

Lorenz.
Warum soll s' denn aber just ein Juwelier heiraten?  Sie sind
ja so ein steinreicher Mann.

Wurzel.
Eben.  Damit ich das bleib, darf sie den Burschen nie nehmen.

Lorenz.
Ich bin ein gscheider Mensch, aber das versteh ich nicht.  So
wenig als ich weiss, wo Sie auf einmal das viele Geld hergnommen
haben damals, wie mir den Tag drauf die Huetten stehn haben
lassen, das Vieh verschenkt, und sein ueber Hals und Kopf in die
Stadt gezogen.

Wurzel.
Das werd ich dir jetzt alles erklaeren, weil ich durch so lange
Zeit gfunden hab, dass du ein treuer Kerl bist, der mich nie
betruegen wird, (gutmuetig) nicht wahr, Lenzl?

Lorenz (heuchlerisch).
Hoeren Euer Gnaden auf, oder mir kommen die Traenen in die Augen.

Wurzel.
Es war so: Vor zwei Jahren, da geh ich so in der Daemmerung
zwischen acht und neun ganz verdruesslich von meinen Krautacker
nach Haus.  Auf einmal machts was: Pst!  Pst!  Ich schau mich um,
so sieh ich quer uebern Acker einen magern Mann auf mich zueilen,
ein gelblicht gruenes Gwand an mit goldenen Borten, so, dass ich
ihn anfangs hab fuer einen Leibhusaren von einer Herrschaft
ghalten, er aber bitt mich, ich moechte niemand etwas davon sagen,
und er waer ein Geist, und durch die Borten wollt er mir andeuten,
wie ausserordentlich er fuer mich bordiert waer, kurz, er waer der
Neid und wollt mich gluecklich machen.

Lorenz.
Das ist eine schoene Bekanntschaft.

Wurzel.
Nur still.  Er sagt, er haette einen alten Schatz, den er gern
los sein moecht, und den wollt er mir schenken, ich muesste aber
in die Stadt ziehen und recht aufhauen damit, was ich nur kann,
und besonders das Maedel soll ich recht herausstaffieren und
solls nur ja nicht zugeben, dass sie den Fischer heirat, soll
mich aber nie unterstehen zu sagen, dass ich mein Glueck
verwuensche, sonst verschwindet alles, und ich muesst betteln
gehn.  Jetzt moecht ich aber gleich nach Haus gehn, der Schatz
wird schon zu Haus sein.  Darauf ist er unter die Krauthappeln
verschwunden, und ich hab ihn nimmer gesehen.

Lorenz.
Nun, und wo war denn der Schatz?

Wurzel.
Ich geh nach Haus, such 's ganze Haus aus--find nichts.
Endlich kommt mir der Gedanke, schau auf den Treitboden hinauf.
Hoerst, ist dir der ganze Boden voll, und mit was?  Mit lauter
Gallaepfel.  Jetzt gschieht mir recht, denk ich mir, was kann
man vom Neid anders erwarten als Gall und Verdruss, komm in
Zorn und beiss einen auf.  Was ist drinn?  Ein Dukaten!  Ich nimm
noch einen--noch einen--lauter Dukaten!  Lenzl, jetzt haettest
du die Beisserei sehen sollen.  Ich kann sagen, ich hab mir
mein Vermoegen bitter erworben.  Vierzehn Tag nichts als Gallaepfel
aufreissen, das wird doch eine hantige Arbeit sein.  Mordsakerlot!

Lorenz.
Ah, das ist ein Unterhaltung.  Nu, jetzt werd ich den Fischer
jagen, wenn sich der noch einmal sehen laesst.

Wurzel.
Schau aufs Maedel, und wie du was siehst, sagst mirs!

(Trinkt aus einem Flaeschgen.)

Lorenz.
Aber muessen Euer Gnaden denn immer naschen?

Wurzel.
Still!  ich nimm ein zum Gscheidwerden.

Lorenz.
Und gibst denn da eine Medizin dafuer?

Wurzel.
Freilich, ich habe den Doktor so lang sekkiert, bis er mir was
geben hat, was mich gscheid macht.  Da krieg ich alle Wochen so
ein Flaschel voll, das kost vierzig Dukaten, das treibt den
Kopf auseinander.  Das soll ich nur ein paar Jahr fortnehmen,
sagt er, und wenn ich einmal ein paar tausend Dukaten drauf
spendiert hab, so wird mir auf einmal ein Licht aufgehen, und
da werd ich erst einsehen, wie dumm als ich war.

Lorenz.
Ich wuensch Ihnens, es waer die hoechste Zeit.  Lassen mich Euer
Gnaden auch trinken, ich moecht auch recht abgwixt werden.

Wurzel.
Das kost zu viel.  Ich werd dich schon so einmal recht abwixen,
dass du auf eine Weil gwitzigt bist, nachher wirst schon wissen,
wieviels gschlagen hat.  Ich geh jetzt aus, ich muss mir Sporn
kaufen.  Und du gehst zum Tandler in die Vorstadt hinaus und
lasst die vielen Buecher hereinfuehren, die ich gestern bei ihm
kauft hab, sperrst dann das Zimmer auf, was ich zur Biberlithek
bestimmt hab, und schuettest die Buecher ordentlich hinein auf
einen Haufen und zahlst ihm s'.

Lorenz.
Schon recht!

Wurzel.
Und dass er mich nicht betruegt, ordentlich messen, ich hab sie
buttenweise gekauft, die Butten um fuenfundzwanzig Gulden--
keinen Kreuzer gibst mehr.  Und wennst unten durchgehst, sagst
den Koch, dass die Tafel gut ausfaellt, heute Mittag im Gartensaal
auf zwanzig Personen, und auf die Letzt soll er ein kleines Fassl
Punsch machen.  Allez!  (Lorenz ab.)  Ich mag halt reden, von was
ich will, ich komm halt immer aufs Essen zurueck.  Selbst wie ich
noch im Wald war, wenns gschneit hat, und ich bin auf dem Feld
gstanden, ist mir die ganze Erden vorkommen, als wenn s' ein
grosser Tisch waer, wo ein weiss Tischtuch drauf ist, und alle
Leut auf der Welt zum Essen eingeladen waeren.

Arie

Die Menschheit sitzt um billgen Preis
Auf Erd an einer Tafel nur,
Das Leben ist die erste Speis,
Und 's Wirtshaus heisst bei der Natur.
Die Kinder klein noch wie die Puppen,
Die essen anfangs nichts als Suppen,
Und bloss nur wegn dem boeuf a la mode
Schaun d' jungen Leut sich um ein Brot.
Da springt das Glueck als Kellner um,
Bringt oefters ganze Flaschen Rum,
Da trinkt man meistens sich ein Rausch
Und jubelt bei der Speisen Tausch.
Auf einmal laesst das Glueck uns stecken,
Da kommen statt der Zuspeis Schnecken.
Von Freunden endlich oft verraten,
Riecht man von weitem schon den Braten,
Und bis erst bringen das Konfekt,
Gschiehts oft, dass uns schon nichts mehr schmeckt.
Der Totengraeber, ach herrje!
Bringt dann die Tasse schwarz Kaffee
Und wirft die ganze Gsellschaft 'naus.
So endigt sich der Lebensschmaus.  (Geht ab.)



Neunter Auftritt

Lottchen koemmt herein.


Lottchen.
Der Vater ist an mir voruebergepoltert, ohne auf meinen guten
Morgen zu hoeren, er will in lauter glueckliche Augen schaun, er
geht aus.  (Geht an das Fenster und erschrickt.)  Ach, dort ist
Karl!  er hat seine Fische schon verkauft.  Wer ist denn der
fremde Mann, der bei ihm ist?  Sie werden doch nicht heraufkommen?
Himmel, wenn ihn der Vater sieht!  Wie unvorsichtig!  Hier sind sie
schon.



Zehnter Auftritt

Karl.  Ajaxerle.  Vorige.


Karl (im Bauernkleide, stuerzt auf Lottchen zu).
Lottchen, liebes, gutes Lottchen!  Sprech ich dich endlich einmal!

Lottchen (ihre Freude zurueckhaltend).
Karl!  ach mein lieber, lieber Karl!

Karl.
Wie?  so lange sind wir getrennt, und du empfaengst mich so kalt,
so herzlos?

Lottchen.
Aber Karl, dieser Herr--

Karl.
Ah, was liegt uns an den Herrn, das scheint gar eine ehrliche
Haut zu sein.  Nicht wahr, lieber Freund, Sie nehmens nicht uebel?

Ajaxerle (als schwaebischer Handelsmann, traegt einen Kaput mit
zinnernen Knoepfen, dreieckigten Hut).
Ah freilich, genieren Sie sich nicht, deswegen sind wir ja da.

Karl.
Ja, wenn ich mein Lottchen sehe, da vergesse ich auf die ganze
Welt.  (Umarmt sie.)  Ach Lottchen, was wird aus uns werden?  Ich
haette mich noch nicht heraufgetraut, wenn du mich nicht durch
diesen Herrn haettest rufen lassen.

Lottchen.
Durch diesen Herrn?

Karl.
Jawohl, dieser Herr kam heute zu mir auf den Markt und sagte,
du haettest ihn geschickt, mich zu dir zu fuehren, wenn dein Vater
ausgeht.

Lottchen.
Aber Karl, was ist denn das, ich kenne ja diesen Herrn gar nicht?

Karl.
Wie?

Ajaxerle.
Ja, wissen Sie, warum Sie mich nicht kennt?  Sie hat mich noch
nie gsehen.

Karl.
Herr, wie koennen Sie sich unterstehn, mit uns Spass zu machen?

Ajaxerle.
Ich will mir aber ein Spass machen, ich will euch gluecklich
machen.  Ihr Tausendsappermenter!  Schlagts ein, verlasst euch
auf mich, ich bin ein ehrlichs Bueble.  Ich darf euch noch nicht
sagen, was ich bin, aber unter uns gesagt ich bin was.  Erstens
bin ich ein Schwabe, und dann bin ich noch was, und wenn binne
zwei Tagen nicht Hochzeit wird, so koennts mir was antun.
Verlassts euch nur auf mich, ich werd den Bauer schon herumkriegen
und sagt er nein so ist bis heute abend doch die ganze Pastete
in Ordnung.  (Zu Karl.)  Gehen Sie nur getrost nach Haus und warte
Sie auf mich in Ihrer Huette.

Lottchen (springt vor Freude).
Ists moeglich?  Ach Karl, wir wollen ihm vertrauen--

Wurzel (von innen).
Aufdecken lassen!

Lottchen.
Himmel!  Der Vater koemmt zurueck!  Ach, wenn er dich sieht, so
ist alles verloren.

Karl.
Leb wohl, ich entspringe.  (Will abgehen.)

Lottchen.
Du laeufst ihm ja entgegen.  Ich will sehen, ob er nach dem
Garten geht, dann schnell hinab, sonst sind wir verloren.
(Eilt schnell ab.)

Ajaxerle (ihr nachrufend).
Fuerchte Sie sich nicht!  Bleibe Sie da!

Karl.
Verdammte Geschichte, der Alte kommt herauf.

Ajaxerle.
Das macht nichts, er wird uns nicht beisse.  Aber weil ich das
Ding gar fein anstelle will, so schlupfe Sie derweile in den
Kasten hinein.

Karl (probiert am Kasten).
Er ist verschlossen!

Ajaxerle.
Warte Sie, er wird gleich offen sein!  Ich hab ja mein Werkzeugle
bei mir.  (Er zieht schnell einen Zauberkreis, ein kleines Buch
und ein kurzes Staebchen aus der Tasche, stellt sich in den Kreis
und schnattert die Worte.)  Pitschill!  Putschill!  Frisill!  sauf!
Kaesterle!  Kasterle!  tu dich doch auf!  (Schlaegt mit dem Stab
auf das Buch.  Der Kasten springt auf und verwandelt sich dadurch
in eine transparente Laube mit einem Rasensitz.  Karl springt
erstaunt hinein, die Fluegel schliessen sich, und der Kasten
steht wieder wie vor da.  Ajaxerle steckt seine Zauberrequisiten
ein.)

Lottchen (stuerzt herein).
Es ist umsonst, er folgt mir auf dem Fuss!  Wo ist Karl?

Ajaxerle (deutet auf den Kasten).
Den hab ich aufghoben, im Kasten da drin.

Lottchen.
Unter der alten Waesche?

Ajaxerle.
Ja wohl, bei die alten Struempf, damit doch ein neuer auch dabei ist.

Lottchen.
Still, der Vater kommt.



Elfter Auftritt

Wurzel.  Vorige.


Wurzel.
Nun, was ist denn fuer ein Gejage ueber die Stiegen?
(Sieht Ajaxerle.)  Was ist das fuer eine Figur?  Wer hat denn das
Gsicht hereingelassen?  Nu, was gibts?  Sind wir was?  Wollen Sie
was?  mit Ihrer dreieckigten Physiognomie?

Ajaxerle.
Koennt ich nicht die Ehre haben, mit Ihnen zu sprechen?

Wurzel.
Nun, die Ehr hat Er ja schon.  Nur heraus mit der Katz aus dem
Sack.

Ajaxerle.
Sie werden mich wahrscheinlich schon kenne?

Wurzel.
Ich?  woher denn?

Ajaxerle.
Ich bin der Martin Haugerle und bin Schneckenhaendler aus dem
Reich.

Wurzel.
Und wegen den soll ich Ihn kennen?  Vielleicht weil Er so
schlampicht ist wie ein Schneck?  Hinaus mit Ihm, oder Er wird
mich kennenlernen.

Ajaxerle.
Oh, ich habs schon ghoert, Sie sind ein Tiger, mir hats mein
Vetter gschrieben, der arme Fischerkarl, dass Sie so unbarmherzig
mit ihm umgehen, und darum bin ich herabgereist.

Wurzel.
Auf der Schneckenpost?

Ajaxerle.
Und will fuer ihn um das Maedle anhalte.  Sie haben ihm vor drei
Jahren Ihr Ehrenwort gegeben, und das muessen Sie halten.

Wurzel.
Was sind das fuer Keckheiten?  Ich werd unsinnig.  Erstlich
untersteht Er sich, dem Taugenichts sein miserablicher Vetter
zu sein, und zweitens wagt Ers und halt um meine Tochter an,
fuer den liederlichen Fischer?

Ajaxerle.
Schimpfe Sie nicht, er ist ein bravs Maennle, und ein Buerschle
wie die gute Stund.

Lottchen.
Ach ja Vater, er truebt kein Wasser.

Wurzel.
Ein Fischer--und truebt kein Wasser?  und pritschelt den ganzen
Tag darin herum.  (Streng zu Lottchen.)  Du schweigst!  und wenn
du dich nicht in meinen Willen fuegst und immer vom Wald
phantasierst, du melancholische Wildanten, und mir noch einmal
dein Bauerngwand heimlich anziehst, was dadrin in einem Puenkel
versteckt hast, und nichts als Fisch und Wasser im Kopf hast,
so gib acht, wie ich dich durchwassern werde, einen Wolkenbruch
lass ich auf deinen Buckel niedergehen, wannst nicht den alten
Millioneur heuratst.

Lottchen.
Ach, was bin ich fuer eine arme Naerrin!

Wurzel.
Just, wenn man eine arme Naerrin ist, muss man suchen, auch
Millioneurin zu werden, so verzeihen einem doch die Leut die
Narrheit leichter.  Ein Fischer heiraten wollen--dieses
unsichere Metier, bis er einen Fisch fangt, kommen ihm hundert
aus.  Da heirat lieber einen von den seinen Schnecken, so kriegst
doch einen Hausherrn.

Lottchen.
Vater, bringen Sie mich nicht auf das aeusserste.  Hoeren Sie meinen
Schwur: Ich verachte alle Reichtuemer Ihrer Stadt und werde nie,
nie von meinem armen Karl lassen.

(Es donnert sehr stark.)

Ajaxerle.
Haben Sie ghoert, den Pumperer?

Wurzel.
War das ein Donner?  desto besser, vielleicht schlagt der Donner
drein, so darf ichs nicht tun.  (Zu Lottchen.)  Du willst also
nicht von den Fischer lassen?

Ajaxerle.
Nein, und recht hat s'!  wissen Sie das?  Und wenn Sie ihr den
Burschen nicht geben, so wirds Ihnen reuen, so viel Haarle Haar
Sie auf Ihren Strobelkopf haben, auf Ihren bockbeinigen.

Wurzel.
Nun gut, so hoeren Sie denn auch meinen Schwur, Sie Vorsteher
der wuerdigen Schneckenzunft.  (In diesem Augenblick kommt hinter
Wurzel ein kleiner Satyr mit Pferdefuessen, auf einer abgebrochenen
Saeule sitzend, aus der Versenkung.  Er hat eine schwarze Tafel
und schreibt Wurzels Schwur darauf.)  Nicht eh darf diese
Verbindung vollzogen werden, bis aus dem Blut, das wie
geschmolznes Eisen glueht, ein Himbeergefrornes wird--bis
diese kraeftgen Zwillingsbrueder, meine Faeust, so kraftlos sind,
dass ich nicht einmal einen Kapauner mehr transchieren kann--
bis dieses kienrussschwarze Haupt sich in einen Gletscher
verwandelt--kurz, bis ich so ausschau, dass ich auf den
Aschenmarkt hinaus ghoer!--Dann fragen Sie sich wieder an,
mein lieber Schneckensensal, dann halt ich Ihren Fischer mein
Wort.

Ajaxerle (rasch).
Schlage Sie ein, es gilt!  (Haelt die Hand hin.)

Wurzel (schlaegt ein).
So wahr ich auf der Welt bin, und jetzt--(stark) Punktum!

Satyr (mit kraeftiger Schadenfreude).
Satis!  (Er hat bei den Worten Wurzels: "So wahr ich auf der
Welt bin" geendet.  Schlaegt bei dem Wort: "Satis" mit der flachen
Hand auf die Tafel, macht dann schnell eine drohende Bewegung
hinter Wurzel und versinkt wieder.)

Ajaxerle.
So, und jetzt lebe Sie wohl, Sie Herr von Wurzle.  Vergesse
Sie nicht auf Ihren Schwur, maltraetiere Sie nur das arme Maedle
da, verachte Sie den ehrlichen Bauernstand, halte Sie sich an
Ihre Saufbruederle.  Aber weh Ihnen, wenn Sie den Schneckenhaendler
aus den Reich wieder einmal zu Gesicht kriege werde.  Verstehe
Sie mich?  Weh Ihne!  das merke Sie sich wohl, Sie Hasenfuss.
(Laeuft ab.)

Wurzel (ergreift im Zorn einen Stuhl und eilt ihm nach).
Wart, du schwaebische Krautstauden!  (Ab.)



Zehnter Auftritt

Karl.  Ajaxerle.  Vorige.


Karl (im Bauernkleide, stuerzt auf Lottchen zu).
Lottchen, liebes, gutes Lottchen!  Sprech ich dich endlich einmal!

Lottchen (ihre Freude zurueckhaltend).
Karl!  ach mein lieber, lieber Karl!

Karl.
Wie?  so lange sind wir getrennt, und du empfaengst mich so kalt,
so herzlos?

Lottchen.
Aber Karl, dieser Herr--

Karl.
Ah, was liegt uns an den Herrn, das scheint gar eine ehrliche
Haut zu sein.  Nicht wahr, lieber Freund, Sie nehmens nicht uebel?

Ajaxerle (als schwaebischer Handelsmann, traegt einen Kaput mit
zinnernen Knoepfen, dreieckigten Hut).
Ah freilich, genieren Sie sich nicht, deswegen sind wir ja da.

Karl.
Ja, wenn ich mein Lottchen sehe, da vergesse ich auf die ganze
Welt.  (Umarmt sie.)  Ach Lottchen, was wird aus uns werden?  Ich
haette mich noch nicht heraufgetraut, wenn du mich nicht durch
diesen Herrn haettest rufen lassen.

Lottchen.
Durch diesen Herrn?

Karl.
Jawohl, dieser Herr kam heute zu mir auf den Markt und sagte,
du haettest ihn geschickt, mich zu dir zu fuehren, wenn dein Vater
ausgeht.

Lottchen.
Aber Karl, was ist denn das, ich kenne ja diesen Herrn gar nicht?

Karl.
Wie?

Ajaxerle.
Ja, wissen Sie, warum Sie mich nicht kennt?  Sie hat mich noch
nie gsehen.

Karl.
Herr, wie koennen Sie sich unterstehn, mit uns Spass zu machen?

Ajaxerle.
Ich will mir aber ein Spass machen, ich will euch gluecklich
machen.  Ihr Tausendsappermenter!  Schlagts ein, verlasst euch
auf mich, ich bin ein ehrlichs Bueble.  Ich darf euch noch nicht
sagen, was ich bin, aber unter uns gesagt ich bin was.  Erstens
bin ich ein Schwabe, und dann bin ich noch was, und wenn binne
zwei Tagen nicht Hochzeit wird, so koennts mir was antun.  Verlassts
euch nur auf mich, ich werd den Bauer schon herumkriegen und sagt
er nein so ist bis heute abend doch die ganze Pastete in Ordnung.
(Zu Karl.)  Gehen Sie nur getrost nach Haus und warte Sie auf mich
in Ihrer Huette.

Lottchen (springt vor Freude).
Ists moeglich?  Ach Karl, wir wollen ihm vertrauen--

Wurzel (von innen).
Aufdecken lassen!

Lottchen.
Himmel!  Der Vater koemmt zurueck!  Ach, wenn er dich sieht, so ist
alles verloren.

Karl.
Leb wohl, ich entspringe.  (Will abgehen.)

Lottchen.
Du laeufst ihm ja entgegen.  Ich will sehen, ob er nach dem Garten
geht, dann schnell hinab, sonst sind wir verloren.
(Eilt schnell ab.)

Ajaxerle (ihr nachrufend).
Fuerchte Sie sich nicht!  Bleibe Sie da!

Karl.
Verdammte Geschichte, der Alte kommt herauf.

Ajaxerle.
Das macht nichts, er wird uns nicht beisse.  Aber weil ich das
Ding gar fein anstelle will, so schlupfe Sie derweile in den
Kasten hinein.

Karl (probiert am Kasten).
Er ist verschlossen!

Ajaxerle.
Warte Sie, er wird gleich offen sein!  Ich hab ja mein Werkzeugle
bei mir.  (Er zieht schnell einen Zauberkreis, ein kleines Buch
und ein kurzes Staebchen aus der Tasche, stellt sich in den Kreis
und schnattert die Worte.)  Pitschill!  Putschill!  Frisill!  sauf!
Kaesterle!  Kasterle!  tu dich doch auf!  (Schlaegt mit dem Stab auf
das Buch.  Der Kasten springt auf und verwandelt sich dadurch in
eine transparente Laube mit einem Rasensitz.  Karl springt
erstaunt hinein, die Fluegel schliessen sich, und der Kasten
steht wieder wie vor da.  Ajaxerle steckt seine Zauberrequisiten
ein.)

Lottchen (stuerzt herein).
Es ist umsonst, er folgt mir auf dem Fuss!  Wo ist Karl?

Ajaxerle (deutet auf den Kasten).
Den hab ich aufghoben, im Kasten da drin.

Lottchen.
Unter der alten Waesche?

Ajaxerle.
Ja wohl, bei die alten Struempf, damit doch ein neuer auch dabei
ist.

Lottchen.
Still, der Vater kommt.



Elfter Auftritt

Wurzel.  Vorige.


Wurzel.
Nun, was ist denn fuer ein Gejage ueber die Stiegen?  (Sieht
Ajaxerle.)  Was ist das fuer eine Figur?  Wer hat denn das Gsicht
hereingelassen?  Nu, was gibts?  Sind wir was?  Wollen Sie was?
mit Ihrer dreieckigten Physiognomie?

Ajaxerle.
Koennt ich nicht die Ehre haben, mit Ihnen zu sprechen?

Wurzel.
Nun, die Ehr hat Er ja schon.  Nur heraus mit der Katz aus dem
Sack.

Ajaxerle.
Sie werden mich wahrscheinlich schon kenne?

Wurzel.
Ich?  woher denn?

Ajaxerle.
Ich bin der Martin Haugerle und bin Schneckenhaendler aus dem
Reich.

Wurzel.
Und wegen den soll ich Ihn kennen?  Vielleicht weil Er so
schlampicht ist wie ein Schneck?  Hinaus mit Ihm, oder Er
wird mich kennenlernen.

Ajaxerle.
Oh, ich habs schon ghoert, Sie sind ein Tiger, mir hats mein
Vetter gschrieben, der arme Fischerkarl, dass Sie so unbarmherzig
mit ihm umgehen, und darum bin ich herabgereist.

Wurzel.
Auf der Schneckenpost?

Ajaxerle.
Und will fuer ihn um das Maedle anhalte.  Sie haben ihm vor drei
Jahren Ihr Ehrenwort gegeben, und das muessen Sie halten.

Wurzel.
Was sind das fuer Keckheiten?  Ich werd unsinnig.  Erstlich
untersteht Er sich, dem Taugenichts sein miserablicher Vetter
zu sein, und zweitens wagt Ers und halt um meine Tochter an,
fuer den liederlichen Fischer?

Ajaxerle.
Schimpfe Sie nicht, er ist ein bravs Maennle, und ein Buerschle
wie die gute Stund.

Lottchen.
Ach ja Vater, er truebt kein Wasser.

Wurzel.
Ein Fischer--und truebt kein Wasser?  und pritschelt den ganzen
Tag darin herum.  (Streng zu Lottchen.)  Du schweigst!  und wenn
du dich nicht in meinen Willen fuegst und immer vom Wald
phantasierst, du melancholische Wildanten, und mir noch einmal
dein Bauerngwand heimlich anziehst, was dadrin in einem Puenkel
versteckt hast, und nichts als Fisch und Wasser im Kopf hast,
so gib acht, wie ich dich durchwassern werde, einen Wolkenbruch
lass ich auf deinen Buckel niedergehen, wannst nicht den alten
Millioneur heuratst.

Lottchen.
Ach, was bin ich fuer eine arme Naerrin!

Wurzel.
Just, wenn man eine arme Naerrin ist, muss man suchen, auch
Millioneurin zu werden, so verzeihen einem doch die Leut
die Narrheit leichter.  Ein Fischer heiraten wollen--dieses
unsichere Metier, bis er einen Fisch fangt, kommen ihm hundert
aus.  Da heirat lieber einen von den seinen Schnecken, so
kriegst doch einen Hausherrn.

Lottchen.
Vater, bringen Sie mich nicht auf das aeusserste.  Hoeren Sie
meinen Schwur: Ich verachte alle Reichtuemer Ihrer Stadt und
werde nie, nie von meinem armen Karl lassen.

(Es donnert sehr stark.)

Ajaxerle.
Haben Sie ghoert, den Pumperer?

Wurzel.
War das ein Donner?  desto besser, vielleicht schlagt der Donner
drein, so darf ichs nicht tun.  (Zu Lottchen.)  Du willst also
nicht von den Fischer lassen?

Ajaxerle.
Nein, und recht hat s'!  wissen Sie das?  Und wenn Sie ihr den
Burschen nicht geben, so wirds Ihnen reuen, so viel Haarle Haar
Sie auf Ihren Strobelkopf haben, auf Ihren bockbeinigen.

Wurzel.
Nun gut, so hoeren Sie denn auch meinen Schwur, Sie Vorsteher
der wuerdigen Schneckenzunft.  (In diesem Augenblick kommt hinter
Wurzel ein kleiner Satyr mit Pferdefuessen, auf einer abgebrochenen
Saeule sitzend, aus der Versenkung.  Er hat eine schwarze Tafel
und schreibt Wurzels Schwur darauf.)  Nicht eh darf diese
Verbindung vollzogen werden, bis aus dem Blut, das wie
geschmolznes Eisen glueht, ein Himbeergefrornes wird--bis
diese kraeftgen Zwillingsbrueder, meine Faeust, so kraftlos sind,
dass ich nicht einmal einen Kapauner mehr transchieren kann--bis
dieses kienrussschwarze Haupt sich in einen Gletscher verwandelt--
kurz, bis ich so ausschau, dass ich auf den Aschenmarkt hinaus
ghoer!--Dann fragen Sie sich wieder an, mein lieber
Schneckensensal, dann halt ich Ihren Fischer mein Wort.

Ajaxerle (rasch).



Zwoelfter Auftritt

Lottchen.  Karl im Kasten.


Lottchen (die Haende ringend).
Ach, was muss ich erleben!

Karl (pocht heftig im Kasten).
Auf, Lottchen!  Auf!

Lottchen.
Bleib ruhig, ich bitte dich, um alles in der Welt!

Karl (sprengt den Kasten).
Nein, ich kann nicht laenger bleiben, es schlaegt in mir wie
der Eisenhammer unseres Gebuergs.  Seinen ehrlichen Namen so
herabgesetzt zu hoeren von diesen Faulenzer und ruhig bleiben!
Leb wohl, Lottchen, du siehst mich nie mehr.  (Will fort.)

Lottchen.
Karl, wenn du mich liebst, so gehst du jetzt nicht durch diese
Tuer.

Karl.
So spring ich durch das Fenster.

Lottchen.
Am hellen Tag?

Karl.
Ich bleib nicht laenger hier, du siehst mich reich oder nie
wieder!  (Er steigt zum Fenster hinaus.)

Lottchen.
Karl, wenn du faellst--halt dich an das Gitter.

(Es geschieht ein ploetzliches Gekrache, ein Schrei und zugleich
ein Fall.  Dann Geschrei von mehrern Stimmen.)

Lottchen (sehr stark aufschreiend).
Himmel!  was ist das?  (Eilt sehr schnell zur Tuer hinaus.)



Dreizehnter Auftritt

Sehr schnelle Verwandlung in einen grossen schoenen Platz der
Stadt.  Links Wurzels praechtiges Haus mit Schalougittern, wovon
eines durch Karls Fall herabgerissen ist und nebst einem Stueck
Gesimse, welches er herabgetreten, an seiner Seite liegt, aber
sogleich von einem Zuschauer aufgehoben wird, der es den noch
dazu Kommenden zeigt.

Karl liegt auf der Erde, und Wurzel haelt ihn an der Brust.
Zuschauer vollenden das Tableau.
Der Laerm, welchen man im Zimmer unter der Verwandlung schon
hoerte, dauert nach derselben einen Augenblick noch fort.


Wurzel.
Um die Wache fort!  der Bursch ist ein Raeuber.  (Zwei Bediente
laufen ab.)  Er ist in mein Haus eingebrochen.  ich massakrier
ihn.  Fallt mir der Kerl auf den Kopf.

Karl (hat sich aufgerafft und packt Wurzel).
Spitzbube!  willst du mir meinen guten Namen wiedergeben?

Lottchen (stuerzt aus dem Hause und ruft).
Himmel!  Karl, was tust du--mein Vater.

Karl (im hoechsten Zorn).
Wart, Schuft!  du sollst den Bauer kennenlernen.  (Eilt ab.)

AlleS (ruft).
Halts ihn auf!  (Einige eilen ihm nach.)

Lottchen (stuerzt in Verzweiflung zu Wurzels Fuessen).
Vater!  was haben Sie getan?

Wurzel (schleudert sie vom Tor weg).
Fort!  Satan!  (Er laeuft schnell ins Haus und schlaegt das Tor
hinter sich zu.)

Lottchen (eilt ihm nach und will hinein).
Er hat das Tor abgeschlossen, wie wird das enden?  Vater!  Vater!
Verzeihung!  Hoeren Sie mich!

Wurzel (erscheint am Fenster mit dem Buenkel, in welchem sich
Lottchens Bauernkleider befinden, aussen ist der Strohhut
aufgebunden).
Du bist nicht mein Kind, du bist eine angenommene Kreatur!
Hinaus mit dir in den Wald, zu deinen Gespielinnen, zu die
Wildgaens, wo ich dich gfunden hab, du Waldschnepf, (wirft ihr
die Kleider hinab) in mein Haus kommst du nimmermehr!
(Schlaegt das Fenster zu.)

Lottchen (weint).
Ich unglueckliches Kind!  (Zu einem Schlosser.)  Ach mein Herr,
nehmen Sie sich doch an um mich.

Schlosser (recht derb).
Ja, da muss man halt gut tun, mein Schatz, wenn man von ander
Leut Gnaden lebt.  Was soll denn unsereiner sagen, der sich vor
Kummer nicht aus weiss?  da heissts fleissig sein!  (Im naemlichen
Ton fort zu einem voruebergehenden Tischlergesellen.)  Franzl,
wo gehst denn hin?

Tischler (schon an der Kulisse).
Ins Wirtshaus!  (Geht hinein.)

Schlosser (ruft ihm nach).
Wart, ich geh auch mit, leih mir zwei Gulden.  (Geht ihm nach.)

(Alle Zuschauer lachen und verlieren sich.)

Lottchen (allein).
Also so weit ist es mit mir gekommen?  Gibt es denn kein Wesen,
das Erbarmen mit mir hat?  O dass die Nacht niedersinken moechte,
um mich und meine Schande zu verhuellen.

(Dumpfer Donner.  Musik.  Graue Wolkenschleier senken sich langsam
ueber die ganze Buehne herab.  Dann sinkt die Nacht personifiziert
nieder.  Eine kolossal gemalte Figur, welche an Breite den groessten
Teil der Mitte des Theaters einnimmt.  Sie ist in graues faltiges
Gewand gehuellt, mit ausgestreckten Armen, einen schwarzen Mantel
ausbreitend.  Bleiches Angesicht und geschlossene Augen.  Auf
dem Haupte eine schwarze Krone, in der rechten Hand einen
eisernen Zepter, dessen Knopf ein Mohnkopf bildet.  Mit der
Linken gebietet sie Schweigen.  Sie schwebt ernst und feierlich
herab und sinkt in das geoeffnete Podium.  Die Nebel vergehen
und lassen die vorige Strasse im Mondenglanz zurueck.  Die Luft
ist rein und mit transparenten Sternen besaeet, auch die
Mondessichel ist transparent auf der Hinterkortine sichtbar.

Waehrend diesem singen die Geister der Nacht folgenden Chor in
der Kulisse.)

Chor.
In dem finstern Reich der Kluefte,
Die dem Glanz zum Hohn erbaut,
Herrscht die Koenigin der Gruefte,
Sie des Lichts verstossne Braut.
Nur wenn durch der Unschuld Rufen
Sich ihr duestrer Busen hebt,
Kommts, dass ueber Tagesstufen
Sie zu ihrer Rettung schwebt.

(Auf dem vordern Fluggang schwebt ein Genius nieder mit einem
glaenzenden Brillantstern auf dem Haupte, er ergreift Lottchens
Hand und fuehrt sie waehrend dieses Chores ab, welcher gleich aus
dem ersten uebergeht.)

Chor.
Darum folge ihren Sternen,
Sie erglaenzen dir allein,
Fuehren dich in weiten Fernen
In das Tal der Ruhe ein.

(Der Genius fuehrt sie fort.--Der Sturm heult, schreckliches
Gewitter tritt ein, die Sterne verloeschen, der Mond wird rot.

Unter folgendem Chor kommen zwoelf Geister der Nacht in grauem
Flor, das Haupt mit Schleier verhuellt, das Antlitz bleich,
jeder einen transparenten Stern auf dem Haupte, sie laufen
auf der Buehne durcheinander und gruppieren sich endlich nach
der Breite des Theaters gegen Wurzels Haus in drohender
Stellung.  Ober ihnen faellt, so breit als die Buehne ist, ein
Chaos von Wolken ein, in welchen grau gemalte Geister den
andern aehnlich schweben und sich so verschlingen, dass die
Sterne auf ihren Haeuptern die transparenten Worte bilden:

Entflieh nur der Pracht,
Dich raechet die Nacht.

Waehrenddessen folgender Chor.)

Chor.
Doch ihn zu verderben,
Der Lust zu enterben,
Verschwoert sich die Nacht,
Ergreifet die Freude,
Stuerzt sie als Beute
In grundlosen Schacht.

(Wenn die transparenten Worte erscheinen, singt der Chor
die folgenden Worte und laesst sie schauerlich verklingen.)

Chor.
Entflieh nur der Pracht,
Dich raechet die Nacht.

(Auf Wurzels Fenster fliegt eine Nachteule mit gluehenden
Augen und schlaegt mit den Fluegeln an die Glasscheibe.  Die
Kortine faellt schnell.)


Schlage Sie ein, es gilt!  (Haelt die Hand hin.)

Wurzel (schlaegt ein).
So wahr ich auf der Welt bin, und jetzt--(stark) Punktum!

Satyr (mit kraeftiger Schadenfreude).
Satis!  (Er hat bei den Worten Wurzels: "So wahr ich auf der
Welt bin" geendet.  Schlaegt bei dem Wort: "Satis" mit der
flachen Hand auf die Tafel, macht dann schnell eine drohende
Bewegung hinter Wurzel und versinkt wieder.)

Ajaxerle.
So, und jetzt lebe Sie wohl, Sie Herr von Wurzle.  Vergesse
Sie nicht auf Ihren Schwur, maltraetiere Sie nur das arme Maedle
da, verachte Sie den ehrlichen Bauernstand, halte Sie sich an
Ihre Saufbruederle.  Aber weh Ihnen, wenn Sie den Schneckenhaendler
aus den Reich wieder einmal zu Gesicht kriege werde.  Verstehe
Sie mich?  Weh Ihne!  das merke Sie sich wohl, Sie Hasenfuss.
(Laeuft ab.)

Wurzel (ergreift im Zorn einen Stuhl und eilt ihm nach).
Wart, du schwaebische Krautstauden!  (Ab.)




Zweiter Aufzug



Erster Auftritt

Die Dekoration stellt nur zwei Kulissen tief ein angenehmes
Tal vor, in welchem sich die Natur einfach und kraeftig
ausspricht.  Links eine praktikable Huette, auf deren Strohdach
Tauben nisten.  Die Huette ist von einem kleinen Gaertchen
umgeben, in welchem sich einige Lilien, aber keine bunten
Blumen befinden.  Die Kortine stellt hohes Gebirge vor.  Die
Haelfte dieser Hinterwand nimmt ein breiter, in den Vordergrund
tretender Blumenberg mit vielen sich verschieden kruemmenden
Wegen ein, auf denen sich dort und da wie in einem Garten
silberne Statuen befinden und Rosenbruecken angebracht sind.
Auf der andern Haelfte dieser Hinterwand sind in weiterer
Entfernung zwei ausgezeichnete Alpen zu sehen.  Die niederere
erglaenzt silberartig und ist mit goldenem Gestraeuch bewachsen.
Auf ihrem Gipfel erblickt man die Statue des Reichtums mit
einem goldenen Fuellhorn.  Die noch hoehere Alpe ist steil,
mit Lorbeerbaeumen bewachsen, auf ihrer Spitze steht der
goldene Tempel des Ruhmes, aus welchem eine Sonne strahlt,
die den ganzen Horizont um das Haupt des Berges roetet.
Zwischen diesen Gebirgen und dem Tal liegt ein dichter Wald,
durch welchen sich ein steiler einsamer Weg in das Tal
abwaerts windet.

Unter passender Musik koemmt Illi, ein Genius, als Klepperpostillon
angezogen, mit dem Klapperbrettlein laermend durch die Luft auf
einem grossen Stieglitz geflogen, welcher ein Paket Briefe im
Schnabel haelt.  Er steigt ab, nimmt einen Brief aus dem Paket
und klappert vor der Huette.


Illi.
He, die Klepperlpost ist da, aufgemacht!  (Das Fenster in der
Huette oeffnet sich.  Illi spricht zum Fenster hinein.)  Ein Brief
aus Wolkenhain vom Geisterscheckel mit Rezepiss.  Gleich
unterschreiben.  (Gibt den Brief hinein.  Nach einer Pause,
waehrend er ein paarmal ungeduldig auf und abtrippelt.)  Ein
bissl gschwind, ich muss wieder weiter!  (Eine Hand gibt das
Rezepiss zurueck.)  So.  Was?  Nichts franco!  Acht gute Kreuzer.
(Die Hand gibt ihm das Geld.)  So.  (Sieht das Geld an.)  Keinen
Pfennig gibt s' mehr als acht Kreuzer und kein neues Jahr auch
nicht.  Wann ich nur da keinen Brief herbringen durft, das ist
schon mein groesster Zorn.  (Indem er sich aufsetzt.)  Gar so eine
Schmutzerei!  (Den Stieglitz schlagend.)  Na weiter, wirst
fliegen oder nicht?  (Der Stieglitz fliegt ohne Musik ab,
und unter dem Fliegen raesoniert Illi noch immerfort.)  Pfui
Teuxel, da wollen s' Geister sein, ja--Bettelleut Umkehr!
(Ab.)



Zweiter Auftritt

Sanfte Musik.

Lottchen tritt auf, ihren Strohhut anhaengend.


Lottchen.
Wo befinde ich mich?  Welch ein angenehmes Tal!  Gehoer ich schon
den Geistern an?  Am Eingange des Waldes nahm mein freundlicher
Fuehrer von mir Abschied und sprach: Weiter darf ich dich nicht
geleiten, doch folge deinem Herzen, und du wirst mich nicht
vermissen.  Ich ging und ging, und unwillkuerlich hat es mich
hieher gezogen.  Dieses schoene Gaertchen, diese Huette, wie
wird mir so sonderbar bei ihrem Anblicke!  Warum wird es auf
einmal so stille, so ruhig in meiner Brust?  Wer bewohnt sie?
(Ueber der Tuer erscheinen schnell die transparenten Worte:
Die Zufriedenheit.  In diesem Augenblicke ertoent ein sehr
schmelzendes Adagio von einigen Takten.)  Die Zufriedenheit?
Der Vater sagte ja, die wohne nur in der Stadt?  wie kommt
sie hieher?  Ich weiss es schon, sie wird in der Stadt erkrankt
sein und gebraucht jetzt die Landluft.  Ich will anklopfen und
sie um Beistand bitten, vielleicht braucht sie ein Dienstmaedchen,
sie wird wohl eine vornehme Frau sein.  (Klopft an.)  Euer Gnaden,
ein armes Maedchen moechte gern die Ehre haben--



Dritter Auftritt

Die Zufriedenheit.  Lottchen.


Zufriedenheit (mit innerer Ruhe und heiterem Gemuete.  Ihr Anzug
ist griechisch, eine einfache graue Toga, unbedecktem Haupt.
Sie tritt aus der Tuer, einen Brief in der Hand).
Was verlangst du von mir, mein Kind?

Lottchen (erstaunt).
Wer ist denn das?

Zufriedenheit.
Nur naeher, ich bin die Dame, die du suchst.

Lottchen.
Wirklich?  Sie sind eine recht liebe Person, aber fuer eine
Dame haett ich Sie nicht gehalten.

Zufriedenheit.
Nicht?  Und doch bin ich noch mehr, ich bin die Koenigin dieses
Tales, und von meiner Stirne strahlt das Diadem der Heiterkeit--

Lottchen (faellt aengstlich auf die Knie).
Ach, so verzeihen mir Euer Hoheit, aber da waer ich in meinem
Leben nicht darauf gekommen.

Zufriedenheit.
Steh auf!  Du bist mir in diesem Brief, den ich vor kurzem
erhielt, von maechtigen Geistern schon angekuendet, und ich will
dich in meine Dienste nehmen.  Du hast wenig Geschaefte.  Das
Aufbetten wirst du ersparen, denn ich schlafe auf einem Stein.
Kueche und Keller werden dir wenig Muehe verursachen, denn mich
naehren die Fruechte des Bewusstseins, mich traenket die Quelle
der Bescheidenheit.

Lottchen.
Ach, ich bin ja mit allem zufrieden!

Zufriedenheit.
Hast du denn meine Huette so leicht gefunden?

Lottchen.
Ach ja, das ist ja nicht schwer.

Zufriedenheit.
Glaubst du?  Viele Tausende wandern nach mir aus und finden
mich nicht, denn der duerre Pfad, der zu mir fuehrt, scheint
ihnen nie der rechte zu sein.  Siehst du dort oben die bunten
Auen, wo des Glueckes Blumen farbig winken?  (Deutet auf den
Blumenberg.)  Dort wollen sie mich finden, und je reizender
der Pfad sie aufwaerts lockt, desto tiefer entschwindet meine
niedre Huette aus ihrem getaeuschten Auge.  Denn wer mich aengstlich
sucht, der hat mich schon verloren.

Lottchen.
Aber auf jenen hohen Bergen muss doch eine schoene Aussicht sein?

Zufriedenheit.
Nicht fuer dich, mein Kind.  Du gehoerst ins Tal.  Siehst du dort
den hohen flimmernden Berg?  Das ist die Alpe des Reichtums,
und ihm gegenueber sein noch glaenzenderer Nebenbuhler, der
Grossglockner des Ruhmes!  Das sind schoene Berge, doch sende
deine Wuensche nie hinauf, stark und erhebend ist die Luft auf
ihren Hoehen, aber auch der Sturmwind des Neides umsaust ihre
Gipfel, und kann er die Flamme deines Glueckes nicht loeschen,
so loescht er doch den schoenen Funken des Vertrauens in deiner
Brust auf immer aus.

Lottchen.
Das versteh ich nicht.

Zufriedenheit.
Darin bestehet ja dein Glueck, weil du mich nicht verstehst,
bist du mit mir verwandt.

Lottchen.
Verwandt?  Und doch haben sich Euer Hoheit nie um mich bekuemmert?

Zufriedenheit.
Glaube das nicht, ich habe dich mir ja erzogen und will nun
deine Freundin sein.  Der Mann, der heute dich verstiess, ist
nicht dein Vater, sonst haett er es nie getan.  Doch eine Mutter
hast du noch, die dich innig liebt und die du bald umarmen wirst.
Bis dahin reiche mir deine Hand und nenne mich Schwester.

Lottchen.
Recht gerne!  Ach, was ist das Schoenes, wenn man eine Schwester
hat.  Aber da muss ich hernach auch du zu Euer Hoheit sagen und
bin so viel als Euer Hoheit selbst?

Zufriedenheit.
Allerdings!  Du sitzest neben mir auf meinem moosbewachsenen
Thron, und ueber uns spannt sich der schoenste Baldachin, der
heitre Himmel aus.

Lottchen.
Ach du liebe Schwester, wie soll ich dir danken?

Zufriedenheit.
Bleibe, wie du bist, und du hast den Lohn schon abgetragen.

Lottchen (freudig).
Ach ja, wie ich bin--doch--nun ja--wie ich bin, nicht wahr?

Zufriedenheit.
Nun ja.

Lottchen.
Da muss ich aber auch ledig bleiben?

Zufriedenheit (laechelnd).
Ja so!  Und du hast den schoenen Wunsch zu heiraten?

Lottchen.
Ja freilich.  Doch sei nicht boese, liebe Schwester, seit ich
bei dir bin, wuensche ich mir fast gar nichts mehr.  Aber wenn
ich an meinen Karl denke, kann ich doch mit dem Wuenschen noch
nicht recht fertig werden.

Zufriedenheit.
Das sollst du auch nicht, liebes Lottchen!  Troeste dich, ich
werde dich mit deinem Karl vereinen.  Er verdienet dich, ich
kenne ihn genau.

Lottchen.
Du kennst ihn?  Ist er vielleicht auch mit dir verwandt?

Zufriedenheit.
Er war es.  Ich war stets um ihn, wie noch der muntere Hirsch
das Sinnbild seiner kraeftgen Freude war, und nur du hast uns
entzweit, du hast ihn mir entrissen.

Lottchen.
Das ist mir unbegreiflich.

Zufriedenheit.
Komm!  Du wirst deinen Karl heute noch erhalten.  Er soll uns
beide wiederfinden, dich und mich durch dich.  Und hab ich euch
vereint, geb ich auch meinem Herzen dann ein Fest, durchziehe
froh die Welt, und wo ich einen Armen finde, der krank liegt
am Verlust der Freude, will ich schnell die Hand ihm reichen
und sie ueberstroemen lassen aus meinem Herzen in das seinige!
Vielleicht gelingt es mir, ein Buendnis mit der Welt zu schliessen,
die ich so innig liebe und die so hart mich von sich stosst.
(Geht mit ihr in die Huette.)



Vierter Auftritt

Verwandlung

Saal mit Lustern und Wandleuchtern.  Punschtableau.  Beim
Aufziehen der Kortine ein rauschender Tusch von allen
Instrumenten.  An der rechten Seite eine hohe Glastuer, gegenueber
die Eingangstuer.


Wurzel.  Afterling.  Musensohn.  Schmeichelfeld.

Alle (uebermuetig schreiend).
Der Hausherr soll leben!  hoch--(Ein paar werfen die Glaeser
an die Wand.)

Wurzel.
Schlagts nicht so viel Glaeser zusamm, ich bin ja kein
Glasfabrikant--

Schmeichelfeld (etwas angestochen).
Ah was da, man hoert so keine Uhr, wenn einmal die Glaeser
fliegen, so weiss man doch, wieviels gschlagen hat.

Musensohn.
Aber jetzt ists aus, meine Herren, es ist fuenf Uhr, und
ich muss heute abend noch geschwind den letzten Akt von
meinem Trauerspiel schreiben.

Schmeichelfeld.
Was Trauerspiel?  Lustig wollen wir von unserm teuern Herrn
von Wurzel scheiden, dem aimabelsten Mann in der ganzen Stadt.
Singen wollen wir, und dazu machen Sie uns Verse, wenn Sie
ein Dichter sein wollen.

Musensohn.
Schoen!  Wir wollen die Freundschaft besingen.

Afterling (der einen starken Rausch hat).
Ja singen, schoen singen wollen wir, und hernach kerzengerade
nach Haus.  (Er taumelt.  Alle lachen.)

Wurzel.
Der hat ihn heute.

Afterling.
Lachen?  Ihr Spitzbuben!--Seid nichts nuetze--alle sind nichts
nutz--Herr von Wurzel, alle, bis auf den (auf den Dichter
zeigend)--und der ist auch nichts nutz.  Aber Sie, Herr von
Wurzel, sind ein grosser Mann.  Aber sind Sie aufrichtig, Herr
von Wurzel!  (Beschwoerend.)  Herr von Wurzel, sind Sie aufrichtig!--
Haben Sie--keinen Punsch mehr?

Wurzel.
Nun so gebt ihm noch ein Glas, so fallt er gar hinunter
untern Tisch.

Afterling.
Herr von Wurzel!  (Faellt ihm um den Hals.)  Sie sind unser
Vater, und wie Sie sich heute auf mich stuetzen koennen, so
koennen Sie sich auf uns alle stuetzen.  Punsch her--Punsch!
Der Herr von Wurzel soll leben!  (Er taumelt gegen die Tuer
und faellt vor Rausch in einen Stuhl.)

Wurzel.
Nu, der hats ueberstanden.  Habakuk!  (Habakuk tritt vor.)
Fuehrts ihn hinueber ins rauschige Zimmer und legts ihn in das
Bett, was ich hab herrichten lassen, wenn einem von meinen guten
Freunden uebel wird.

Habakuk.
Ja es liegen ja so schon drei drinn und einer vor der Tuer,
man kann gar nimmer hinein.

Wurzel.
So legts ihn ins blaue Zimmer hinueber, wo der grosse Spiegel
ist und 's Porzelain.  Aber bindts ihn an, sonst schlagt er uns
alles zsamm.

Habakuk (und zwei Bediente tragen Afterling fort).
Nu, das sind schoene Herrschaften!

Musensohn (hat bei einem Tisch mit Bleistift geschrieben und
springt auf).
Fertig sind die Verse.  Jetzt, meine Herrn, stimmen Sie.

Alle.
Bravo!  Bravo!

Musensohn.
Die Phantasie hat mich begeistert.  Herr von Wurzel!  (schlaegt
ihn auf die Achsel) wollen Sie ihre Stimme hoeren?

Wurzel.
Lassen Sie sie los!

Trinklied
Musensohn (singt vor).
Freunde, hoert die weise Lehre,
Die zu euch Erfahrung spricht.
Schickt die Freude ihre Heere,
Oeffnet alle Tore nicht:
Mann fuer Mann lasst nur herein,
Wollt ihr lang ihr Feldherr sein.
Chor.  Mann fuer Mann lasst nur herein,
Wollt ihr lang ihr Feldherr sein.
Musensohn.  Wenn des Lebens Bajadere
Haelt den goldnen Wagen still
Und fuer ihres Gluecks Schimaere
Euren Frieden tauschen will:
Jagt die feile Dirne fort,
Denn Fortuna haelt nicht Wort.
Chor.  Jagt die feile Dirne fort,
Denn Fortuna haelt nicht Wort.
Musensohn.  Doch wenn voll der Becher blinket,
Bacchus' Geist den Saal durchrauscht,
Euch die Freundschaft zu sich winket
Und Gefuehle mit euch tauscht:
Drueckt sie beide an die Brust,
Sie gewaehren Goetterlust!
Chor.  Drueckt sie beide an die Brust,
Sie gewaehren Goetterlust!


(Alle ab.)



Fuenfter Auftritt

Wurzel.  Lorenz.  Habakuk.

Bediente raeumen die Tische hinaus.


Wurzel.
Das war ein praechtiges Mittagmahl heut.  Ich bin so gut
aufgelegt, heut Nacht leg ich mich wieder nicht schlafen.
Habakuk, bring einen Champagner herauf.  (Habakuk ab.)  Lorenz,
jetzt trinken wir erst recht.

Lorenz.
Allo!  das ist ein Leben!  juhe!

Wurzel.
Stoss an, Lorenz!  Alle Rauschigen sollen leben--

Lorenz.
Hoch!

(Donnerschlag.  Stille.  Die Glocke schlaegt zwoelf.)

Wurzel.
Was ist denn das?  Zwoelf Uhr?  Hat denn die Uhr einen Rausch?
Es ist ja erst sechs Uhr und der schoenste Abend.  Schauts auf
die Uhr.

(Alle sehen auf die Uhren, er selbst auch.)

Lorenz.
Was ist denn das?  Es geht ja keine.

Wurzel.
Bei mir ists zwoelf Uhr.

Alle Bedienten.
Bei mir auch.

Wurzel.
Ich glaube gar, ihr macht euch einen Spass mit mir?  Redet!
(Man hoert an der Tuer stark pochen.)  Was ist denn das?  Schau
hinaus!  (Es pocht staerker.)  Mir scheint, der schickt die
Grobheit voraus, dass sie statt ihm anklopfen soll.  (Lorenz
geht hinaus.)  Jetzt weiss ich nicht, bin ich im Narrenturm
oder zu Haus?

Lorenz (kommt zurueck).
Euer Gnaden!  ein junger Herr ist gfahren kommen in ein goldenen
Wagen, der voller Blumen ist, und zwei Rappen vorn, die er
kaum erhalten kann, und hintern Wagen tanzen lauter Pagen und
rosenfarbe Kammerjungfern her.  Er will mit Ihnen reden.

Wurzel.
Wie heisst er denn?

Lorenz.
Das weiss ich nicht, er sagt, er ist die Jugend.

Wurzel.
Ah, ein Jugendfreund wird er gsagt haben.  Gleich lasst ihn
herein.  Das ist a praechtige Visitt.  Champagner tragts rauf,
ihr verdammten Kerls!  Ich bin doch ein gluecklicher Mann, die
schoensten Leut kommen zu mir.  (Lorenz oeffnet die Tuer.)



Sechster Auftritt

Sechs Pagen und sechs Maedchen weiss gekleidet mit rosenroten
Spensern, welche samt den Hueten mit bluehenden Rosen verziert
sind, tanzen herein und gruppieren sich auf beiden Seiten der
Tuer.  Dann huepft die Jugend herein, eine weiss kasimirne kurze
Hose, weiss atlassne Weste mit silbernen Knoepfchen, am Kragen
mit Rosen garniert.  Rosenrotes Fraeckchen.  Weiss atlassnen runden
Hut mit einem Rosenband.  Das Beinkleid am Knie mit silbernen
Knoepfen und rosenroten Baendern gebunden.  Sie spricht im
hochdeutschen Dialekte mit einem Anklange des preussischen.

Vorige.


Jugend.
Gruess dich der Himmel, Bruederchen!  Du nimmst es doch nicht uebel,
dass ich dir meine persoenliche Aufwartung mache?

Wurzel.
Das ist ein praechtiger Mensch!  hundsjung und geissnarrisch!  Hat
mich noch nie gsehen, und gleich Bruederl.

Jugend.
Ja Bruder, ich komme in einer besonderen Angelegenheit!

Wurzel.
Nun Bruder, mit was kann ich dienen?  (Fuer sich.)  Der braucht
gwiss ein Geld.

Jugend.
Ja--nimm es nicht uebel, Bruederchen, aber mit uns ists aus.
Ich bin hier, um dir meine Freundschaft aufzukuenden.

Wurzel.
Nun, das waer nicht uebel, Bruder, jetzt lernen wir uns erst
kennen, Bruder, und sollen schon wieder boes aufeinander sein,
Bruder, das waer gfehlt.

Jugend.
Haha!  Was faellt dir ein, Bruederchen?  Fehlgeschossen, das endigt
ja eben unsere Freundschaft, weil wir schon gar zu lange
miteinander bekannt sind.  Wir sind ja schon zusammen auf die
Welt gekommen, weisst du denn das nicht mehr?

Wurzel.
Ja, ja, ich erinnere mich schon, nachmittag wars, und gregnet
hats auch.

Jugend.
Wir sind auch miteinander in die Schule gegangen.  Weisst du denn
das auch nicht, wir sind ja auf einer Bank gesessen.

Wurzel.
Ist richtig!  Auf der Schandbank sind wir gesessen.  (Fuer sich.)
Ich kenn ihn gar nicht.

Jugend.
Ja freilich!  Sie haben uns ja dadurch zwingen wollen, dass wir
etwas lernen sollen.

Wurzel.
Nun ja, was das fuer Sachen waren, aber wir haben nichts
dergleichen getan.  Oh, wir waren ein Paar feine Kerls!
(Fuer sich.)  Ich hab ihn mein Leben nicht gsehen noch.

Jugend.
Und wie wir beide zwanzig Jahr alt waren, haben wir die
ganze Gemeinde gepruegelt.  Oh, das war ja praechtig, Bruederchen!

Wurzel.
Oh, das war ein Hauptjux!  (Fuer sich.)  Ich weiss kein Wort davon.

Jugend.
Und getrunken haben wir, Bruder, das war moerderisch.

Wurzel.
Oh, das war schaendlich, Bruder!

Jugend.
Ja, und was wir alles getrunken haben!

Wurzel.
Nu, einmal haben wir, glaub ich, gar einen Wein getrunken, das
Verbrechen!

Jugend.
Ja, und was fuer einen!

Wurzel.
Einen Luttenberger.

Jugend.
Und einen Grinzinger!

Wurzel (fuer sich).
Ist alles nicht wahr.

Jugend.
Du hast mich ja in alle Wirtshaeuser herumgeschleppt, wir waren
ja alle Tage sternhagelvoll besoffen.  Kurz, wir waren ein Paar
wahre Lumpen.

Wurzel (beiseite).
Er muss doch eine Spur von mir haben, er kennt mich doch.  (Laut.)
Bruder, wir wollens noch sein!  schlag ein, Bruderherz!

Jugend.
Bruder, nein!  Jetzt ists gar.  Du musst jetzt solid werden, du
musst dich um sieben Uhr zu Bette legen, darfst dir keinen
Rausch mehr trinken--kurz, was du zu tun hast, das wirst du
von einem anderen hoeren, der dir alles puenktlich auseinandersetzen
wird.

Wurzel.
Bruder, was waer denn das?--Ich keinen Rausch--und das ist
das Edelste an mir.  Ich bin so gsund, dass ich mit einer Armee
raufen koennt.

Jugend.
Ja Bruederchen, jetzt solang ich noch bei dir bin.  (Stark.)  Doch
den ersten Schritt, den ich aus diesem Saal mache, wird dich
die Lust verlassen, auf eine so unedle Weise dein Schicksal
ferner zu versuchen.

Wurzel.
Ich fang mich voellig zum fuerchten an.  Auf die Letzt kann der
Kerl hexen!  Das waer eine hantige Bruderschaft.

Jugend.
Also adieu, lieber Bruder!  Verzeihe mir, was ich dir Leids
getan hab, du lieber guter Kerl du!  Ich bin gewiss ein fideler
Junge, habs lang genug mit dir ausgehalten, du warst mein
intimster Freund, aber du bist gar ein luederliches Tuch, darum
leb wohl, Bruederchen!  sei nicht boese auf mich und sage mir
nichts Schlechtes nach.

Duett
Jugend.  Bruederlein fein, Bruederlein fein,
Musst mir ja nicht boese sein!
Scheint die Sonne noch so schoen,
Einmal muss sie untergehn.
Bruederlein fein, Bruederlein fein,
Musst nicht boese sein.
Wurzel.  Bruederlein fein, Bruederlein fein,
Wirst doch nicht so kindisch sein!
Gib zehntausend Taler dir
Alle Jahr, bleibst du bei mir.
Jugend.  Nein, nein, nein, nein!
Bruederlein fein, Bruederlein fein,
Sag mir nur, was faellt dir ein?
Geld kann vieles in der Welt,
Jugend kauft man nicht ums Geld.
Drum, Bruederlein fein, Bruederlein fein,
's muss geschieden sein.
Jugend.  Bruederlein, bald, Bruederlein, bald
Flieh ich fort von dir.
Wurzel (gleichzeitig).

Bruederlein, halt, Bruederlein, halt,
Geh nur nicht von mir.
(Unter dem Ritornell tanzt die Jugend und ihr Gefolge.)
Jugend.  Bruederlein fein, Bruederlein fein,
Wirst mir wohl recht gram jetzt sein?
Hast fuer mich wohl keinen Sinn,
Wenn ich nicht mehr bei dir bin?
Bruederlein fein, Bruederlein fein,
Musst nicht gram mir sein!
Wurzel.  Bruederlein fein, Bruederlein fein,
Du wirst doch ein Spitzbub sein!
Willst du nicht mit mir bestehn,
Nun, so kannst zum Teuxel gehn!
Jugend.  Nein, nein, nein, nein!
Bruederlein fein, Bruederlein fein,
Zaertlich muss geschieden sein.
Denk manchmal an mich zurueck,
Schimpf nicht auf der Jugend Glueck!
Drum, Bruederlein fein, Bruederlein fein,
Schlag zum Abschied ein!
Beide.  Bruederlein fein, Bruederlein fein,
Schlag zum Abschied ein!


(Umarmen sich.  Die Jugend tanzt ab, ihr Gefolge nach.)



Siebenter Auftritt

Wurzel geht nach einer Flasche Wein, will trinken, stellt sie
aber missmutig zurueck und setzt sich in einen Stuhl.


Lorenz.

Lorenz (naehert sich Wurzel langsam).
Wie ist denn Euer Gnaden?

Wurzel.
Gar nicht gut.  So gewiss dumm ist mir.

Lorenz.
Ja, man sieht Ihnens an, voellig vernagelt schauen Sie aus.

Wurzel.
Und was ists denn so kalt heran, hab ich denn s' Fieber?

Lorenz (sieht zum Fenster hinaus).
Ja ich glaubs, es fang' ja zum schneien an.  Ah, das ist gspassig!
Da schauen S' naus in den Garten, alles ist weiss, und die Baeume,
alle Blaetter werden gelb.

Wurzel.
Was ist denn das fuer eine Hexerei?

(Habakuk bringt Champagner.)

Habakuk.
Der Champagner ist da!

Wurzel.
Marschierst!  Einen Kamillentee lasst mir machen, und einheizen,
man moecht ja erfrieren.  (Es wird im Kamin eingeheizt.  Die Turmuhr
schlaegt Eilf.)  Jetzt hats elf Uhr gschlagen!  Erst wars zwoelf,
jetzt ists wieder elf Uhr.  Hat denn die Zeit einen Krebsen
verschluckt, dass die Stunden rueckwaerts gehen?  Es wird ja
stockfinster, bringts Lichter!  (Es wird Nacht.  Von aussen
Katzengeschrei: Miau!  Miau!)  So!  jetzt singen die vierfuessigen
Nachtigallen, das ist eine falsche Stund!  (Heftiges Pochen
von aussen.)  Ist schon wieder wer da?  Verdammtes Gesindel!  Ist
denn keine Ruh!  Schau hinaus.  (Wird wieder geklopft.)  Und das
Klopfen!  Wollen s' denn aus meinem Haus eine Stampfmuehle machen?

(Bediente bringen Lichter.)

Lorenz (haelt den Kopf zur Glastuer hinaus).
Ui je!  Ui je!  Ein alter Herr mit ein Leiterwagen ist drauss, er
will mit Ihnen reden.

Wurzel.
Wer ist er denn?

Lorenz (ruft hinaus).
Wo sind wir denn her?

Das Alter (von aussen).
Aus Eisgrub.

Wurzel.
Aus Eisgrub?  Nein, was das fuer Visiten sein, da kenn ich kein
Menschen.

Alter (von aussen).
Na, nur aufmachen.  Ich bin das hohe Alter.  Ich will hinein!

Wurzel.
Das Alter?  die Tuer sperrst zu und unterstehst dich nicht, dass
du ihn hereinlaesst.

Alter (von aussen).
Nun, wird die Tuer aufgmacht oder nicht?

Wurzel.
Nein, saperment!

Alter (von aussen).
Ah so?  Nun, so komm ich schon mit Gewalt hinein!

(Die Glastuer wird vom Wind aufgerissen, so dass die Scherben
davonfliegen.  Das Alter fliegt herein auf einem Wolkenleiterwagen.
Zwei Schimmel, alte Bauernpferde, sind vorgespannt.  Der Wagen
ist mit gelbem Gestraeuch ausgefuellt.  Das Alter sitzt in einem
alten Hausrock, der bis an die Knie reicht, darin, den Kopf
mit einer Pelzschlafhaube bedeckt, die Fuesse in Poelster
gewickelt, auf dem Schoss einen schlafenden Mops und auf der
Achsel eine Eule.  Ein kleiner uralter Kutscher ist auf dem
Bock.  Der Wagen ist etwas beschneit.)

Alter (mit kraenklicher Freundlichkeit und persiflierendem
Wohlwollen, steigt aus dem Wagen, mit einem Krueckenstock).
Sie verzeihen, dass ich so frei bin, meine muehselige Aufwartung
zu machen.  Ich weiss nicht, ob Sie mir es ansehen werden oder
nicht, ich bin das hohe kranke Alter, Ihnen miserablicht zu
dienen.  Ich hab da ein Einquartierungszettel bei Ihnen.

Wurzel.
Bei mir?  Glaubt der Herr, bei mir ist ein Spital?

Alter.
Wird schon eins werden, wenn ich eine Weile da bin.  Sein S'
nicht boes, dass ich so unerwartet komm, gewoehnlich korrespondieren
die Leut schon vorher mit mir, aber Sie haben ein braves Kind,
die 's mit Ihnen gut gmeint hat, aus dem Haus gjagt, und da
haben s' mich dafuer gschickt.  Nehmen Sie mich an Kindesstatt an.

Wurzel.
Ja, aber z' Haus bhalt ich Ihn nicht, ich gib Ihn ins
Kadettenstift nach Ybbs.

Alter.
I bewahr!  wir werden uns schon miteinander vertragen, ich
bin ein spassiger Kerl.  Ich mach noch an mancher Tafel, bei
manchen Hausball meine Lazzi, ich hupf noch bei manchen Ecossais
mit, bis mir einen rechten Riss gibt, hernach setz ich mich
gschwind nieder.

Wurzel.
Ja, ja, gscheider ists!

Alter.
Wenn wir eine Weile bekannt sind, werden schon meine Verwandten
auch ihre Aufwartung machen.  Mein liederlicher Vetter, der
verdorbene Magen, das wird der erste sein, der Ihnen die
Honneurs machen wird, und meine Cousine, die Gicht, die hat
mich schon versichert, sie kanns gar nicht erwarten, Sie an
ihr gefuehlvolles Herz zu druecken.  Oh, hoeren S', das ist eine
unterhaltliche Person, ich sieh Ihnen schon ordentlich nach
Pistyan ins Bad mit ihr reisen, und treu ist sie--

Wurzel.
Ich weiss, man bringt s' gar nicht los.  Ein jeder sagt: da hast
du s', ich mag s' nicht.

Alter.
Und was tun Sie denn, mein lieber Herr von Wurzel?  Was gehen S'
mir denn so kuehl herum?  Werden S' gleich ein Schlafrock anziehen?
Sapperment hinein!  so schaute doch auf euren Herrn!  Ist ja ein
alter Herr, muesst ja huebsch acht geben auf ihm.  Wenn er euch
stirbt, seids brotlos.  Gleich bringts ihm ein Schlafrock!

(Bediente wollen fort.)

Wurzel.
Nicht unterstehen--oder ich schlag einen hinters Ohr!

Alter.
Was, schlagen?  Gleich niedersetzen!  (Er nimmt ihn an der Hand
und setzt ihn in einen Stuhl.)

Wurzel.
Himmel!  wie wird mir?

Alter.
Nicht unterstehn und schlagen.  Die Pferd schlagen aus, nicht
die Leut.  Damit Sie aber nimmer ausschlagen (beruehrt sein Haupt,
und Wurzel bekommt ganz weisses Haar)--So, jetzt ist aus dem
Braeunl ein Schimmel worden.  So!  hato!  mein Schimmerl!  Nu, nichts
hato?

Wurzel (weinend).  Lorenz, mein Schlafrock.

(Man zieht ihm denselben an, und zwar so, dass er dadurch
zugleich sein Bauerkleid anzieht, dessen Aermel in den Aermeln
des Schlafrocks stecken.  Er bekommt einen kaschierten Kropf.)

Alter.
So, mein lieber Herr von Wurzel!  Tun S' mich nur gut pflegen,
damit wir lang beisamm bleiben, mit mir muss man gar heiklich
umgehn.

Wurzel.
Aber was soll denn das heissen?

Alter.
Das sind die Wintertag.

Wurzel.
Ah, ich haett glaubt, die Hundstaeg!

Alter.
Wie mans nehmen will.  Aber jetzt leben Sie wohl, ich hab mein
Post ausgerichtet.  Wenn S' mich auch nicht mehr sehen, Sie
werden mich schon spueren.  Fuer einhundertunddreissig Jahr koennen
Sie sich ausgeben, auf mein Wort.  Adieu!  (Umarmt ihn.)  Also
schoen merken: In der Frueh ein Schalerl Suppen und ein Semmerl
drinn, um ein elf ein bisserl in der Sonn spazierengehen, aber
immer ein Hafendeckl auf den Magen legen, dass Sie sich nicht
erkuehlen.  Z' Mittag ein eingmachts Henderl und ein halbs Seiterl
Wein, und auf d' Nacht eine halbete Biskoten.  Und gleich ins
Betterl gehn.  So!  jetzt pa!  pa!  alter Papa, und befolgen Sie
meinen Rat.  Kein Tee muessen S' nicht trinken, den haben S' so
schon.  (Er steigt in den Wagen.)  Hansel!  langsam fahren, dass
wir kein Unglueck haben, mit die Teufeln von Rosser.  (Macht Pa
aus dem Wagen.)  Gute Nacht!  mein lieber Herr von Wurzel!  gute
Nacht!  (Fliegt ab.)



Achter Auftritt

Wurzel.  Lorenz.


Wurzel.
Jawohl gute Nacht.  So weit hab ichs gebracht!  Lorenz, gib mir
einen Spiegel!  (Lorenz gibt ihm den Spiegel, er sieht hinein.)
Ah, die Positur!  jetzt kann ich in der Haesslichkeit Lektion geben.
Nein, ich halts nicht aus, ich geh durch!  (Will fort.)  Es geht
nicht, ich hab 's Podagra!  (Lacht verzweifelnd.)  Haha, nichts
mehr hoto!

Lorenz.
Freilich, lieber tschihi ins Bett.

Wurzel.
Was haengt denn da fuer ein Habersackel?  Hab ich denn ein Kropf?

Lorenz.
Nu, und das was fuer ein, als wenn S' einen Suppentopf gschlueckt
haetten.  Ui je!  jetzt haben S' einen buckeligen Hals!  (Lacht.)

Wurzel.
Ich glaub, der Kerl lacht mich noch aus?

Lorenz.
Nein, einen Neid werd ich haben, wegen den.

Wurzel (auffahrend).
Der Neid?  das ist ein schoener Spitzbub.  Ja, der ist an mein
Unglueck schuld, und jetzt lasst er mich sitzen.  Was hab ich jetzt
von dem verdammten Geld?  Ich kanns ja nicht geniessen.  Ich wirfs
zum Fenster hinaus, vielleicht wird wieder alles wie vorher.

Lorenz.
So sein S' doch gscheid.  Wann S' Ihren Reichtum verwuenschen,
so ist er ja hin.  Sie haben mir es ja selbst erzaehlt.

Wurzel.
Und er soll hin sein, ich will ihn nimmer haben, hab ich meine
Schoenheit verloren, so will ich auch nimmer reich sein, ich will
lieber arm sein und gsund.  Hoer mich, du verdammter Neid, nimms,
dein Geld, ich mags nimmermehr.  Oh, waer ich nur, wo ich hingehoer,
waer ich nur bei die Meinigen!

(Ein Blitzstrahl faehrt herab.  Schnelle Verwandlung in ein
duestres Tal, an der Seite ein Teil der halbverfallnen Huette
Wurzels.  Die vordere Gegend ist finster gehalten und herbstlich
mit gelben Blaettern.  Zwischen zwei sehr dunkel sich
hereinlegenden Bergen erhebt sich in der Mitte ein hoher
Gletscher.  Der Sitz von Samt, auf welchen Wurzel nach seiner
Verwuenschung zurueckgesunken ist, verwandelt sich in einen
Baumstamm.  Er und sein Diener verwandeln sich in arme Bauern.
Neben Wurzel liegen ein Paar grosse Ochsen, worein sich zwei
Seitenkredenzen verwandelten, und mehre andere weiden auf
dem Berg und perspektivisch in den Wald hinein, dass es das
Ansehen einer weidenden Herde hat.  Die Musik drueckt das
Bruellen der Ochsen aus.)

Lorenz.
So, da haben Sies, Sie uebermuetiger Ding!  Jetzt sind S' bei
die Ihrigen.

Wurzel.
Die haben doch eine Freud ueber mich, wenn s' mich sehen.
Gelts, meine Kinder?  (Ochsengebruell.  Ein Geissbock meckert
auf einem Felsen.)  Das ist eine ruehrende Anhaenglichkeit.
Alle Ochsen weinen ueber mich!

Lorenz.
Und ich wein doch nicht.

Wurzel.
Hast denn kein Gefuehl?  Schamst dich denn nicht vor die Ochsen?
die werden sich was Schoenes denken von dir, du undankbarer
Bursch du!

Lorenz.
Was waer das?  Kein Geld mehr haben und grob auch noch sein?
Ah, jetzt muss ich andre Saiten aufziehen.  Was glaubst denn du,
grober Mensch?  Du hast ja nichts mehr, schau s' an, dein
verfallne Huetten.  Da steht s' jetzt, dein Palast, wo die Maeus
Frau Gvatterin leih mir d' Scher spielen.  Z' gut ists ihm
gangen, z' uebermuetig ist er worden, und jetzt ist alles hin,
aber alles, sein Sach und mein Sach.  (Weinerlich.)  Ich bin nur
ein armer Dienstbot, und er bringt mich um das Meinige.  Ist
denn das eine Herrschaft?  Jetzt hab ich ihn drei Jahr lang
betrogen, und jetzt hab ich nicht einmal was davon.

Wurzel.
Weil dich der Himmel bestraft hat dafuer!

Lorenz.
Wenn du dich noch einmal unterstehst, und kommst mir unter
die Augen, so reiss ich einen Felberbaum aus und wichse dich
damit herum, dass d' an mich denken sollst, du verdorbener
millionistischer Waldhansel du!  (Geht ab.)

Wurzel.
Ist jetzt kein Mensch mehr da, der mir eine Grobheit sagt?



Neunter Auftritt

Wolken fallen vor.

Der Neid kommt auf einer gruenen Wolke, die sich an eine rote
schliesst, worauf der Hass steht, aus der Kulisse gerollt.
Diese Erscheinung muss aeusserst schnell vor sich gehen.


Wurzel.
Der Neid ist roemisch gekleidet, doch ganz gelb.  Das Kleid hat
eine Borduere von gestickten Schlangen, einen Turban mit
Nattern umwunden.  Der Hass in roemischer roter Kleidung mit
goldener Stickerei, Brustharnisch und Helm von roter Folio,
auf dem Helm eine Spiritusflamme.

Neid (antwortet schnell auf Wurzels Frage).
Ich!  Was hast du getan?  Schurke!  warum hats du das Maedchen
nicht schon lange vermaehlt, wie ichs befahl?  Fort aus meinen
Augen, Missgestalt, oder ich schleudre dir eine Natter in deinen
hohlen Schaedel, dass dir der Wahnsinn zu allen Knopfloechern
herausspringen soll.

Wurzel (kann sich vor Zorn kaum fassen, ganz erschoepft).
Gelt, jetzt hast leicht reden mit mir, du gelbzipfeter Ding
du.  Jetzt kommst erst daher, du--du Eiernschmalzbruder du!
(Neid und Hass lachen.  Wurzel verzweifelnd.)  Ja lachts nur, ihr
habt es notwendig!  Einer sieht aus wie 's gelbe Fieber und
der andere wie ein Gimpel, der den Rotlauf hat.  Aber dich will
ich rekommandieren, du Gallaepfellieferant.  Die ganze Welt will
ich durchkriechen, ueberall will ich mein Schicksal erzaehlen.
(Weint heftig.)  Drucken lass ich mein Unglueck und lauf selber
damit herum und schrei: Einen Kreuzer die schoene Beschreibung,
die mir erst kriegt haben, von dem armen ungluecklichen Mann,
(schluchzend) der aus einen jungen Esel ein alter worden ist.
(Geht heulend ab.)



Zehnter Auftritt

Neid und Hass.


Neid.
Freund, ich bitte dich, verfolge mir diesen Dummkopf, solang
er lebt.

Hass.
Sorg dich nicht, gegen wen der Neid auftritt, der hat auch den
Hass gegen sich.

Neid.
Was soll ich jetzt tun?  Ich kanns nicht erdulden, dass diese
Lakrimosa, die mir einen Korb gegeben hat, nun triumphieren
soll.  So nahe am Ziel, und nun dies Komplott.

Hass.
Wenn wirs nur frueher erfahren haetten!

Neid.
Und wenn ich auch dagegen etwas unternehmen wollte, so kann
ich nicht.  Es ist nur mehr die heutige Nacht und der morgige
Tag uebrig, und ich muss nach England, dort ist eine grosse
Kunstausstellung, wo wenigstens fuenfhundert Kuenstler um den
Preis kaempfen, und da kann doch der Neid nicht wegbleiben.
Ich habe auch schon eilf Zimmer gemietet, damit man sich doch
ein bisschen ausbreiten kann.

Hass.
Der Neid ist doch ein erbaermlicher Wicht, da ist der Hass ein
anderer Mann.  Ich will hier bleiben, ich will ihnen einen
Strich durch die Rechnung machen.

Neid.
Bruder, wenn du das imstande waerst

Hass.
Warte, hier kommt mein Spuerhund.



Elfter Auftritt

Tophan.  Vorige.


Hass.
Hast du etwas erfahren?

Tophan (geheimnisvoll).
Alles!  Die Geister haben heute mittags auf der Spitze des
Geisterscheckels folgendes beschlossen: Sie werden sich an
dem Bauer durch die Erfuellung seines frechen Schwures raechen.
Er hat das Maedchen aus dem Hause gejagt, doch die Nacht hat
sie in Schutz genommen und sie in die Arme der Zufriedenheit
gefuehrt.  Den Fischer hat der Magier Ajaxerle ueber sich, der
bestellte auf heute abend eine gefluegelte Wurst, damit wird
er den Fischer und die beiden Weiber aus ihrer Wohnung abholen,
und alle vier werden nach dem Scheckel fliegen, wo die Geister
ihrer harren und Hymen sie um Mitternacht verbinden wird.  Dies
alles habe ich durch meine Geliebte erfahren, die Kammerjungfer
bei der Fee Antimonia ist.

Neid.
Das ist ein schaendlicher Plan, so wahr ich Neid heisse und ein
rechtschaffener Mann bin.

Tophan.
Doch der Magier muss dem Fischer noch nichts davon entdeckt
haben.  Der Tag ist bald vorueber, und er sitzt noch vor seiner
Huette und verzweifelt.

Hass.
Ha!  Nun ists gewonnen.  Hurtig, lege dich auf die Lauer und
suche den Magier abzuhalten.

Neid.
Halt!  Du hast reichen Lohn verdient, hier hast du zwei Vipern
fuer deine Nachricht.

Tophan.
Ich kuess die abgezehrte Hand dafuer.  (Kuesst ihm die Hand, dann
im Abgehen fuer sich.)  Vergiften koennt ich ihn damit!  (Geht ab.)

Hass (faehrt aus einem kurzen Nachdenken empor).
Triumph!  fertig ist der Plan.  Seine Liebe ist zu heftig, er
muss durch List in meine Haende fallen, sonst vermag ich nichts
ueber ihn.  (Schwingt seine Fackel.)  Erscheine, Zauberhain!
(Donnerschlag.  Der Hass deutet in die Kulisse.)  Was siehst du
dort?

Neid.
Einen herrlichen Garten mitten im See, mit einem Lusthause und
einer Kegelbahn.

Hass.
Den lass ich oft erscheinen in der Welt, er ist ein Geschenk
des boesen Daemons, dem wir beide dienen.  In dem Lusthause dieses
Gartens wird ein Brillantring, der unermessene Reichtuemer
gewaehrt, von neun boesen Geistern bewacht.  Ihre Buesten aber
sind als Kegel aufgestellt.  Wer diese neun Kegel trifft, stuerzt
dadurch die neun Geister und gewinnt den Ring, den ihm keine
Zaubergewalt entreissen darf.  Doch trifft er weniger als neun,
stuerzt er tot zur Erde nieder.  Wenn er aber diesen Ring neun
Tage besitzt, erfuellen ihn die Geister mit dem hoechsten
Menschenhass, und er ruhet nicht, bis er sich und Tausende
zugrunde richtet.  Nur wenn er ihn vor dieser Zeit freiwillig
von sich wirft, ist er gerettet, doch Macht und Reichtum
ziehen als Nebel fort.  Nun hoere meinen Plan.  Lakrimosens
Tochter muss bis morgen um Mitternacht mit diesem armen Fischer
vermaehlt sein, sonst bleibt ihre Mutter ewig verbannt.  Wir
locken also den Fischer nach der Kegelbahn, fehlt er die Kegel,
ist er verloren, und Lakrimosa mit ihm.  Trifft er sie, ist er
von dem Augenblick, als er meinen Ring am Finger traegt, ein
reicher Mann und kein armer mehr, selbst die Geister haben ihre
Gewalt ueber ihn verloren, und dann werd ich schon Mittel
anwenden, dass er entweder im Besitz seines Reichtums sich mit
ihr vermaehlt, oder die Vermaehlung zu verhindern suchen.  In
beiden Faellen ist Lakrimosa gestuerzt.

Neid (faellt ihm um den Hals).
Bruder, ich beneide dich um diesen Plan, das ist der einzige
Dank, den ich dir dafuer geben kann.

Hass.
So komm, du ohnmaechtiges Ungeheuer, ich will dich mit der
Rache vermaehlen!  Du bist ein seltner Braeutigam, dich fuehrt
der Hass ins Brautgemach.  (Beide Arm in Arm ab.)



Zwoelfter Auftritt

Verwandlung

Der Zaubergarten.

Auf der Kortine ist ein grosses Lusthaus gemalt.  Quer ueber die
Buehne eine ideale Kegelbahn, mit Gold sehr verziert.  Neun kleine
ausgeschnitzte Buesten von Geistern, die auf Hermen stehn, sieht
man statt der Kegel.  Den Kopf der Bueste ziert ein Helm, auf
welchem wie bei den Geistern eine verhaeltnismaessige kleine
Spiritusflamme brennt.  Der mitterste Kegel hat eine kleine
Krone auf dem Helm.  Eine goldne Kugel.  Der Stand fuer die
Scheiber ist auch ideal pompoes und eine Art Rosenlaube.  An
beiden Seiten des Theaters stehen weisse Denksteine mit schwarzer
Schrift: "Anton Prey traf nur drei"--"Gottlieb Pracht, alle
acht"--"Philipp Thier schob nur vier"--"Michael Koch, ein Loch".


Nigowitz.

Nigowitz.
Kein schlechters Brot kanns schon nimmer geben als ein Genius,
der als Buchhalter bei einer Kegelstatt angstellt ist.  Das
Passen, und 's kommt niemand.  Da werden die Leut Narren sein
und werden bei der Lotterie das Leben einsetzen, ist oft um
zehn Gulden schad.  Keiner hats troffen, so viel noch gschoben
haben.  Um den letzten war mir gar leid, das war ein Tischlergsell,
der hat mir noch vorher seine letzten zwei Gulden gschenkt,
hat sich angstellt, scheibt ein Loch, pums!  gar wars.  Da steht
er aufgschrieben: Michael Koch, ein Loch.--Sapperment, dort
kommt einer, und unser Paperl, der die Leut herlockt, voraus.
Wer muss denn das sein?  (Zieht sich zurueck.)



Dreizehnter Auftritt

Voriger.  Karl.  Der Papagei.


Papagei (fliegt vor Karl und schreit).
Bist schon da!  Bist schon da!  (Fliegt ab.)

Karl.
So warte doch, kleiner Spitzbube!  Ist schon fort!  Sonderbares
Tier, koemmt zu meiner Huette geflogen, verspricht mir Lottchens
Hand, lockt mich hieher und fliegt mir jetzt vor der Nase davon.
Wo bin ich denn?  Ist vielleicht hier ein Schatz vergraben?

Nigowitz (tritt vor).
Nun, wenn der Herr was gspannt.  Wer auf der Pudel alle neun
scheibt, wird ein wilder Millioneur.

Karl.
Ein Millioneur?  Himmel, da kann ich mein Lottchen heiraten!
Her mit der Kugel!

Nigowitz.
Nur langsam, nicht so gschwind!  Gib mir der Herr zuerst mein
Neunegulden.

Karl.
Wenn ich gekegelt habe, Freund!

Nigowitz.
Nichts!  da ist der Herr schon lang hin.  Da krieg ich nichts mehr.

Karl.
Was?

Nigowitz.
Freilich.  Da muss man ja nicht so gaeh sein.  Da les der Herr
zuerst.  (Bringt ein grosses Buch.)

Karl (liest).
Wem der grosse Wurf gelungen,
Hier zu treffen alle neun,
Hat den Zauberring errungen,
Tritt zum Saal des Reichtums ein.
Doch der Freche, dems misslungen,
Dass das Glueck er neunfach zwingt,
Wird von einem Reif umschlungen,
Den der Tod ums Leben schlingt.

Nigowitz.
Das heisst: der Herr ist hin.  Also will der Herr oder nicht?

Karl.
Was liegt mir an dem Leben, wenn ich mein Lottchen nicht habe.
Ich habe ja auf jedem Kirchtag die neun getroffen.  Her mit der
Kugel!

Nigowitz.
Schreib sich der Herr ein.

Karl (schreibt schnell sich in das Buch ein).
So!  und nun Brillant, du sollst ihr Brautring sein.

(Er stellt sich zum Scheiben und Nigowitz zu den Kegeln.  Die
Kortine geht auf, man sieht einen Wolkensaal.  Neun rote Geister
stehen auf einer Stiege mit vier breiten Stufen, sie sind mit
Pfeilen bewaffnet, und das Haupt deckt ein Helm mit einer
Spiritusflamme.  Auf einem Postamente steht das Wort: Zauberring
geschrieben, dieses bewachen sie und drohen auf Karl herab.  Auf
jeder Seite stehen vier, der Kegelkoenig auf dem Postamente.)

Chor.
Lass ab!  Lass ab!
Die Kugel rollt ins Grab!
Lass ab!

Karl.
Lottchen heisst die Schnur, mein muss sie sein!

(Er scheibt hinaus, die Kegel fallen alle um.)

Nigowitz (schreit aus vollem Halse).
Alle neune!

(Heftiger Donnerschlag.  Pudel und Kegel verschwinden.  Zwei
Blitze fahren auf die Geister, welche von den Stufen stuerzen,
weh rufen und in dieser Gruppe verbleiben.  Die Denksteine
verwandeln sich in goldne Vasen mit Blumen.  Hinter dem Postament
steigt ein ungeheurer blauer Adler auf mit goldgesaeumtem Gefieder,
welcher den Ring im Schnabel haelt und jetzt auf dem Postament
sitzt.)

Karl (steigt die Stufen hinan, nimmt ihm den Ring aus dem
Schnabel und ruft).
Mein ist der Ring!

(Der Adler breitet die Fluegel aus, welche halb so breit als
das ganze Theater sind, schwingt sich ueber Karl auf und reisst
einen idealen Thron in seinen Krallen mit, dessen Breite sich
nach der Breite der Stiege richtet und Karln, der auf dem
Postament, welches sich jetzt in den Thronstuhl verwandelt,
sitzt und dessen Kleid sich in ein glaenzendes changierte,
ueberschattet.  Die Geister huldigen ihm durch ein Tableau.
Genien machen die Gruppe voll, und so faellt der Vorhang langsam
zu.)




Dritter Aufzug



Erster Auftritt

Das Aeussere eines herrlichen Palastes aus hellrotem Marmor
und mit goldverzierten Saeulen.  Auf der linken Seite eine
Treppe, die zum Portal fuehrt, an jeder Seite ein Sphinx.
Der Hof, welchen die Buehne vorstellt, ist mit Blumen geziert
und scheint von einem Gitter eingeschlossen zu sein, wozu
ein praechtiges Gittertor an der Kulisse den Eingang bildet.
Die Geister des Hasses sind teils in roten Livreen gegenwaertig,
teils sieht man sie als Furien gerade den Bau des Palastes
beenden.
Die Musik drueckt vor dem Aufziehen der Kortine das Haemmern und
Schlagen der Arbeiter aus.  Beim Aufziehen hoert man nur den Schluss
des Chors, welcher vor dem Aufziehen schon hoerbar war.


Chor.
Jubelt hoch, des Hasses Geister!
Freue dich, erhabner Meister!
(Nach dem Aufziehen der Kortine.)
Fertig ist der Bau!

(Der Hass, modern schwarz gekleidet, Federhut, rote Haare und
Backenbart.  Er tritt rasch ein.  Tophan.)

Hass.
Bravo!  das heiss ich Temperament des Hasses!  In einer Nacht
haben meine Geister dieses Werk vollendet, und ehe noch um
den Preis der hoehern Roete der Abendstrahl mit den blutigen
Streifen dieses Marmors ringt, kann er einziehen in dies
glaenzende Haus, der Dieb, der aus dem Reiche des Neptuns die
flossbewachsenen Bewohner stiehlt.  Was ist sonst vorgefallen?
Habt ihr den Magier nicht gesehen?

Tophan.
Nein, keinen der verhassten Brut.

Hass.
Merkt es euch, ich stelle seinen Haushofmeister vor.  Was glaubst
du wohl, Tophan, wird uns der Streich gelingen?

Tophan.
Die Hoelle gibts!  Wie benimmt er sich?

Hass.
Sonderbar.  Als er gestern abends des Ringes Eigentuemer wurde,
befahl er den Furien, schnell diesen Palast zu erbauen, um
seine Braut heute im Triumphe einzufuehren.  Wir andern Geister
aber mussten am fruehesten Morgen mit ihm nach der Stadt, wo er
mittags in einer glaenzenden Karosse, mit sechs Rappen bespannt,
nach dem Hause des stolzen Bauers fuhr und um das Maedchen werben
wollte.  Doch als man ihm berichtete, das Bauernvolk waere samt
dem Hause verschwunden, sah er lange starr auf einen Fleck,
doch wie vom Blitz begeistert fuhr er ploetzlich freudig auf
und befahl uns, schnell zurueckzureisen.  Auf halbem Wege
schickt er mich voraus, um hier doch alles zur Vermaehlung
zu bereiten, und kraft dieses Ringes muss ich seine Befehle
erfuellen.  Er scheint verwirrt zu sein, gleichviel, dass er
den Ring indessen nicht vom Finger zieht, verhueten die neun
Geister als sein Gefolge, und hier will ichs verhueten, bis
die Nacht erscheint und der Streich gelungen ist.  Jetzt an
die Arbeit.  Gehorcht ihm, Antipoden der Liebe, denn auch der
Hass gehorcht zum Schein, um desto sicherer zu verderben.

(Alle gehen ab.)



Zweiter Auftritt

Amor.  Die Zufriedenheit.  Lottchen.

Letztere beide sind in modester Kleidung als Bauernmaedchen
gekleidet.  Amor als Bauernjunge.  Alle drei schleichen herein.


Amor.
Wir sind am Ziele.  Nun seid vorsichtig und verlasst euch auf
Amor und die Geister.

Zufriedenheit.
Ich sehe den Magier auch hier nicht.

Amor.
Er muss hier sein.  Ich will ihn suchen, vielleicht hat ihn
sein Mut hinter eine Hecke getrieben.  (Geht ab.)

Lottchen.
Himmel, wie soll das enden?  Gestern abends versprachst du
mir, dass mein Karl an des schwaebischen Kaufmanns Hand mich
zur Vermaehlung holen wuerde.  Den ganzen Abend und die lange
Nacht warten wir vergebens, erst heute Mittag koemmt der kleine
Knabe geflogen, bringt dir einen Brief, und ohne ein Wort zu
sagen, verkleidest du dich und ziehst an der Hand des Knaben
mit mir bis hieher.  Ich kenne die Gegend, doch stand hier
seine Fischerhuette, und kein Palast.  Was ist aus ihm geworden?
Wo ist er?

Zufriedenheit.
Behutsam!  Sei nur ruhig.  Ich will dir den Brief lesen, den
die Geister mir durch Amor gesendet haben.  (Liest.)
"Hochzuverehrendes Wesen!  Beneidenswerte Zufriedenheit!
In groesster Eile berichten wir Ihnen: der Magier Ajaxerle
hat durch Unvorsichtigkeit unsern Plan vernichtet, indem er
die Zeit versaeumte, Sie und den Fischer abzuholen.  Wir muessen
nun zu einem neuen schreiten.  Der Fischer befindet sich in
der Gewalt des Hasses, der seine Huette in einen Palast
umzauberte.  Reisen Sie daher schnell in Verkleidung an Amors
Hand nach seiner neuen Wohnung.  Vor dem Hause wird der Magier
Sie erwarten und Ihnen alles aufklaeren.  Den Fischer werden
wir sogleich nach Hause expedieren.  Wir Geister duerfen uns
dem Hass nicht naehern, sonst entzweit er uns, und wir kommen
nicht zum Zweck, darum halten wir uns verborgen und verlassen
uns ganz auf Ihre Klugheit, denn nur die Zufriedenheit kanns
mit dem Hass aufnehmen.  Bis Mitternacht muss die Sache beendet
sein.  Mit ausgezeichneter Achtung und namenloser Verwirrung
Dero ergebenster Geisterverein auf dem Scheckel."  Jawohl
Verwirrung!  So viele Geister, und ein so geistloser Plan.
Welche Unsicherheit?  Der Magier ist ja wieder nicht hier.
Arme Lakrimosa, warum besitze ich keine Zauberkraefte?  Was
fuer armseligen Geistern hast du dein Glueck vertraut!  Doch
stille, hier koemmt ein Diener.  Wenn ich nur Karl sprechen
koennt, dann wuerde ich mich schon in die Sache finden.
(Tophan geht ueber die Buehne.)  Pst, Freund, ist der Herr des
Hauses nicht zu sprechen?

Tophan (trotzig).
Nein!  Er koemmt erst heute abend an.

Zufriedenheit.
Wo ist er denn?

Tophan.
Er holt seine kuenftige Frau, es ist schon alles zur Vermaehlung
bereitet.

Lottchen.
Himmel!

Zufriedenheit.
So fuehr uns zu dem Hausinspektor.

Lottchen.
Ach ja, wenn du deinen Herrn liebst, so--

Tophan (wild).
Schweigt!  Ich liebe niemand, ich kann mich selbst nicht leiden,
und mein Handwerk ist der Hass.

Zufriedenheit.
So melde uns aus Hass.

Tophan.
Das will ich tun, aus Missgunst meld ich an, aus Liebe nicht.
(Aergerlich.)  Wenn es nur keine Frauenzimmer auf der Welt gaebe.
(Ab.)

Lottchen.
Er hat mich vergessen und heiratet vielleicht jetzt eine
Koenigstochter.

Zufriedenheit.
Nur ruhig, dass man uns nicht erkennt.

(Der Hass aus dem Palast.  Tophan.  Diener.)

Hass.
Wo sind die Maedchen?

Tophan.
Hier!  Sie scheinen mir verdaechtig.

Hass.
Was wollt ihr?

Lottchen.
Ach!  (Zur Zufriedenheit aengstlich.)  Was wollen wir denn?

Zufriedenheit.
Euer Gnaden verzeihen, wir sind zwei arme Verwandte des Herrn
vom Hause, die zu ihm gereist sind, ohne von seinem Reichtum
noch unterrichtet zu sein.  Unser Bruder ist im naechsten Dorfe
zurueckgeblieben und wird gleich nachkommen.

Hass.
Das ist Betrug!  Ergreift sie schnell!

Lottchen.
O Himmel!  Wer beschuetzet uns jetzt?

Amor (springt aus dem Blumengebuesche und tupft schnell den Hass
mit seinem Pfeile ans Herz, schalkhaft).
Still, still!  Ich hab ihn schon verletzt!  (Laeuft ab.)

Hass (zu den Dienern).
Haltet!  Ich war zu rasch!  Hm!  Ein huebsches Maedchen.  (Kneipt sie
in die Wange.)  Ich vergesse beinahe, dass ich der Hass bin!  Nun,
womit kann ich euch dienen?

Zufriedenheit.
Wenn Sie uns nur ein kleines Plaetzchen goennen wollten, um dort
die Ankunft des Herrn abzuwarten.

Lottchen.
Wir bitten recht schoen!

Hass.
Nein!  zum Fortjagen sind sie zu huebsch und zum Betrug zu
unschuldsvoll.  (Zu den Dienern.)  Zeigt ihnen das Domestikengebaeude,
dort koennen sie ihn erwarten.  Wo kommt ihr her?

Zufriedenheit.
Aus dem Salzburgischen.

Hass.
Wirklich?  glueckliches Salzburg, ein zweites Sachsen, wo die
huebschen Maedchen wachsen.  (Fuer sich.)  Das ist ein Kapitalmaedchen!
Wenn ich nur der Hass nicht waer--das ist doch fatal!  die koennte
mich gluecklich machen.  Denn wenn sie mich alle Tage mit ihren
schoenen Augen nur hundertmal anblickt, so habe ich die Woche
hindurch siebenhundert schoene Augenblicke.  (Nachdenkend.)  Das
ist doch fatal, dass ich der Hass bin, jetzt waer ich viel lieber
ein Salzburger.  Adieu!  schoene Salzburgerin.  (Geht ab und wirft
ihr im Abgehen Kuesse zu.)

Zufriedenheit (macht ihm einen Knicks nach).
Adieu, schoener Salzburger!  Vielleicht gelingt es uns, dir die
Suppe zu versalzen.  (Zu Lottchen.)  Komm!  (Geht mit ihr in das
Nebengebaeude ab.--Die Buehne ist leer.)



Dritter Auftritt

Ajaxerle im Zauberhabit sieht zum Gitter herein, tritt furchtsam
ein und sieht sich vorsichtig ueberall um, schleicht sich dann
auf den Zehen bis zur Stiege des Palastes.  Ploetzlich hoert man:
Halt!  wer da?  rufen.  Er sieht in die Kulisse, erschrickt,
schreit: Gut Freund!  und springt mehre Stufen zusammennehmend
ueber die Stiege in den Palast.  Nachdem er darin ist, springt
gleich eine Furie, mit einer Keule, die ihn bemerkt hat, in
groesster Eile ihm nach und auf die naemliche Weise wie Ajaxerle
ueber die Stiege und ins Tor.
Man hoert in der Kulisse Wurzels Stimme: Ein Aschen!  Ein Aschen!
Wurzel tritt ein als Aschenmann mit einer Butte auf dem Ruecken
und einer Aschenkruecke in der Hand.


Wurzel.
Ein Aschen!  Au weh!  (Stuetzt sich auf die Kruecke.)  Was bin ich
fuer ein miserabler Mensch!  Ein Aschen!  Was war ich, und was bin
ich jetzt?  Ein Aschen!  Hoert denn kein Mensch?  Die Koechin hat
gwiss ein Amanten bei ihr, weil s' nicht hoert.  (Schreit aus
vollem Halse.)  Ein Aschen!



Vierter Auftritt

Die Zufriedenheit.  Wurzel.


Zufriedenheit.
Wer laermt denn so entsetzlich?

Wurzel.
Der Aschenmann ist da, Euer Gnaden Fraeulein Koechin.  Sie werden
noch nicht die Ehre haben, mich zu kennen?  Ich bin ein neuer,
der alte ist gstorben, ich habs erst heute uebernommen.  Ich bitt
um Verzeihung, ich hab noch keine Visitkarten herumgeschickt.
Ich heisse Fortunatus Wurzel.

Zufriedenheit.
Er ist mein einst so froehlicher Bauer?  Ich haette Ihn nicht
erkannt.

Wurzel.
Ich weiss, wenn man einmal so ausschaut, kennen einen die
Weibsbilder nicht mehr.

Zufriedenheit (fuer sich).
Nu, den haben die Geister schoen zugerichtet.  (Laut.)  Du armer
Narr!

Wurzel.
Jawohl, arm bin ich, und ein Narr bin ich auch gewesen!  Ja
meine liebe Koechin, ich hab schoen abgekocht, mit mir ists
vorbei.

Zufriedenheit.
Wie alt bist du denn?

Wurzel.
Ich haette sollen die Vierziger kriegen, aber die Zeit hat
sich vergriffen und hat mir einen Hunderter hinaufgemessen,
und den halt der Zehnte nicht aus.  Die Zeit ist ein wahrer
Korporal, der mit die Jahr zuschlaegt.  Im Anfang hat s' ein
Ruetchen von lauter Maibluemeln, da gibt s' einem alle Jahr so
einen leichten Tupfer, das gfreut einem, da springt man wie
ein Fuellerl.  Hernach kommt s' mit einen Besen von lauter Rosen,
da sind schon Dorn dabei, nach und nach schlagen sich die
Rosen weg, ist der Haslinger da.  Endlich kommt s' mit einem
Wiesbaum daher, lasst ihn nur umfallen, aus ists.  Aber es
gschieht mir recht, warum bin ich kein Bauer geblieben?  Den
Fischer da drinn wirds akkurat so gehen.

Zufriedenheit.
Kennst du den Fischer?

Wurzel.
Freilich.  Er haett ja mein Schwiegersohn werden sollen.  Wenn
ich ihm s' nur geben haette!  Viel tausendmal hats mich schon
gereut.

Zufriedenheit (fuer sich).
Er dauert mich.  (Laut.)  Ist dir diese Aeusserung ernst?

Wurzel.
O meine liebe Jungfer Koechin, wenn Sie mein verwurlte Geschicht
wussten, so taeten S' nicht so dumm fragen.

Zufriedenheit.
Ich weiss deine Geschichte, ich habe sie in dem Buche des
Schicksals gelesen.

Wurzel.
So?  Sind Sie auch eine solchene, die statt dem Kochen liest?

Zufriedenheit.
Bereuest du, was du getan hast?

Wurzel.
Von ganzem Herzen.

Zufriedenheit.
Beneidest du den Fischer um sein Glueck?

Wurzel.
Um kein Schloss nicht!  Den wirds reuen, das ganze Dorf redt
davon.  Ich kenn s' schon, die Geister die einem solche Haeuser
schenken.  Heut nach haben s' ihms aufgebaut von Diamanten und
rote Rueben, glaub ich.  Wie s' ihm erwischt haben, weiss ich
nicht.

Zufriedenheit.
Wuerdest du ihm jetzt deine Ziehtochter geben?

Wurzel.
Um kein Preis.  Erstens weil ich s' nicht habe, zweitens weil
s' mit den Reichtum eine unglueckliche Person wuerde.

Zufriedenheit.
Wenn er aber wieder wuerde, wie er war?

Wurzel.
Nachher soll er s' haben, aber suchen muss er s' zuerst, denn
die ist vielleicht gar in der chinesischen Schweiz.

Zufriedenheit.
Er wird sie finden, und ist er ihrer Liebe wuerdig, so seid ihr
alle gerettet, und auch du wirst wieder gluecklich werden.

Wurzel.
Waer das moeglich!  Ausgstanden haett ich mir schon genug.  Aber
was koennen Sie wissen?  Reden wir von was Gscheiden.  Haben S'
keinen Aschen?

Zufriedenheit.
Ich wollte, ich koennte schon die Asche dieses Schlosses in
deinen Kuebel leeren.

Wurzel.
O meine liebe Mamsell Koechin, das war ein schoene Gegend.  Ein
jedes Stammerl kenn ich davon, der einzige Baum da drauss ist
stehngeblieben.  Sehen S' den Baum?  da dran ist die Fischerhuetten
gstanden, da ist just ein Rosenberg darueber zaubert, der Gipfel
ist grad so hoch, als das Dach von der Huetten war.

Zufriedenheit.
Gut, auf die Spitze dieses Huegels setze dich und erwarte
meinen Wink.  Siehst du die Sonne untersinken, und ich habe
dich noch nicht gerufen, so sehe es als ein Zeichen an, dass
dein und andrer Glueck mit ihr hinuntersinkt, doch wirst du
sie in unserer Mitte schauen, so geht dir eine neue auf, dafuer
buerge ich dir mit meinem Wort.

Wurzel.
O du mein Himmel, was reden Sie fuer eine schoene Sprach, als
wie ein verkleideten Professor.  Gelten S', Sie sein keine Koechin?

Zufriedenheit (laechelnd).
Nein, das bin ich nicht.

Wurzel.
Was sein S' denn?

Zufriedenheit.
Das wirst du erfahren.  Jetzt befolge, was ich dir befahl.

Wurzel.
Ja, ich wills gern tun.  Aber wenn ich etwa ein paar Monat
oben sitzen muss, bis Sie mich rufen, so bringt mich der Hunger
um.  Haben S' denn gar nichts fuer meinen aschgrauen Magen?

Zufriedenheit (Laechelnd).
Nun so warte.  (Sie geht in die Tuer ab.)

Wurzel.
Das ist eine gute Person.  Wenn ein Herr so eine Koechin haette,
waer s' manchen lieber als der gschickteste Koch.

Zufriedenheit (kommt zurueck und bringt ihm eine Linzertorte und
eine Flasche Wein).
So, mein Alter, labe dich.  (Sie haelt ihm die Torte hin.)

Wurzel.
Werfen S' die Torten nur in die Butten hinein.

Zufriedenheit.
Sie ist ja voll Asche.

Wurzel.
Das macht nichts, das ist gut fuer die Brust, den Wein schuetten
wir vorn hinein.  So, ich danke.

Zufriedenheit.
Nun leb wohl.  Troeste dich und hoffe.  (Sie geht in den Palast,
nicht in das Nebengebaeude, ab.)

Wurzel.
Ich hab die Ehre zu sehen.  Wenn s' nur nicht auf mich vergisst,
dass ich etwa aufs Jahr um die Zeit noch oben sitze.  Wegen meiner,
ich bleibe halt oben sitzen, schau hinunter, auf die Leut, und
wenn ich was Dalkets sieh, so schrei ich: Einen Aschen!

Arie
So mancher steigt herum,
Der Hochmut bringt ihn um,
Traegt einen schoenen Rock,
Ist dumm als wie ein Stock,
Von Stolz ganz aufgeblaeht,
O Freundchen, das ist oed!
Wie lang stehts denn noch an,
Bist auch ein Aschenmann!
Ein Aschen!  Ein Aschen!
Ein Maedchen kommt daher,
Von Bruesslerspitzen schwer,
Ich frag gleich, wer sie waer?
Die Koechin vom Traiteur!
Packst mit der Schoenheit ein,
Gehst gleich in d' Kuchel 'nein!
Ist denn die Welt verkehrt?
Die Koechin ghoert zum Herd.
Ein Aschen!  Ein Aschen!

Doch vieles in der Welt,
Ich mein nicht etwa 's Geld,
Ist doch der Muehe wert,
Dass man es hoch verehrt.
Vor alle braven Leut,
Vor Lieb und Dankbarkeit,
Vor treuer Maedchen Glut,
Da zieh ich meinen Hut.
(Nimmt den Hut ab.)
Kein Aschen!  Kein Aschen!  (Ab.)



Fuenfter Auftritt

Verwandlung

Zimmer im Palast mit grellroten Tapeten, ober der Tuer in der
Superporte das Sinnbild des Hasses.  In der Ecke ein weisser
schoener irdener Ofen, oben mit einer Vase.  An der ersten Kulisse
ein Fenster.  Eine Seiten- und eine Mitteltuer mit Vorhang.  Auf
der anderen Seite ein grosser Alkoven mit einem Vorhang.

Die Zufriedenheit tritt zur Seite ein und geht ans Fenster.


Zufriedenheit.
Umsonst, der Abend koemmt und er noch nicht.  Waer ich nicht die
Zufriedenheit selbst, ich wuerde ihr schon nicht mehr angehoeren.
Wo nur der unglueckselge Magier weilt?

Ajaxerle (oeffnet ein Tuerchen im Ofen und sieht mit dem Kopfe
heraus).
Pst!  Verzeihe Sie, sind Sie die Zufriedenheit?

Zufriedenheit.
Ja, mein Herr.

Ajaxerle.
Warte Sie, ich komm gleich.  Friesele, sauf, Oefele, tu dich
gschwind auf!  (Donnerschlag.  Der Ofen teilt sich in der Mitte
auseinander, so zwar, dass das russige Innere des ganzen Ofens
sichtbar wird.  Der gemauerte Herd in der Mitte bleibt aber
stehen, auf welchem Ajaxerle auf einem eisernen Dreifuss sitzt
und das kleine Zauberbuechlein und den Stab in der Hand haelt.)
Nun, dem Himmel sei Dank, dass wir uns einmal sehe!  Ich sitze
schon ueber eine halbe Stunde da im Ofen und tu auf Sie passe.

Zufriedenheit.
Endlich einmal!  Sie sind doch--

Ajaxerle.
Freilich!  ja, ich bin der Magier Ajaxerle und muss Ihnen Nachricht
bringe.

Zufriedenheit.
Sprechen Sie schnell.

Ajaxerle.
Ein schoenes Kompliment von die Geister, und der Fischerkarl hat
von dem Spitzbuben, von dem Hass, einen Ring bekommen, der ihn so
reich macht, und Sie sollen alles aufbiete, dass er ihn wegwerfe
tut.  Und dann sollen Sie die zwei Leutle gleich herunter vermaehle,
sonst ist alles verlore.  Sein Reichtum tut nur so lange dauern,
als er den Ring am Finger hat.  Kurz, wenn Sie die Geister brauchen
sollten, so moechten Sie da die Schnur Perle voneinander reisse,
da sind zwoelf Geister angefaedelt, die werden alles vollbringen.
Die andern stehen auch schon auf der Pass.  (Gibt ihr eine Schnur
Perlen.)

Zufriedenheit.
Aber warum haben Sie uns denn nicht abgeholt?

Ajaxerle.
Weil ich mich verschlafe hab.  Ich hab mich ueber den Bauer so
zuernt, dass mir voellig uebel war, und da bin ich nach dem hohen
Berg, nach dem Geisterscheckel, und hab mit die Geister erst
den Plan abgemacht, bin wieder fortgloffe und hab ein Wuerstle
bestellt, und dann hab ich aus Muedigkeit mich auf ein paar
Minute niedergelegt und bin erst heute in der Frueh munter
worde, und derweile hat der Hass den Fischer abgfangt, und wie
ich daher komme bin, hab ich den Palast gesehen, und er war
mit dem Hass nach der Stadt gfahren.  Da bin ich gleich zu die
Geister hinaufgsprungen und hab ihnen alles erzaehlt, da haben
sie mich brav ausgemacht, haben Ihnen den Amor geschickt, und
mich haben sie mit einem kleinen Scheckle ueber den grossen
heruntergeplescht, dass ich da auf Ihnen warte soll.  Sie haben
zwar anfangs durchaus wem anderen schicken wollen, aber ich
hab mirs nicht nehme lasse, ich muss mein Baesle retten.

Zufriedenheit.
Und wie kommen Sie denn dort hinein?  (Auf den Ofen deutend.)

Ajaxerle.
Wie ich da ueber die Stiege herauf bin, ist mir einer mit einem
Pruegel nachgelaufen und da bin ich geschwinde in den Ofen
hineingschlupft und bin nimmer heraus.  Ich hab mir gedacht,
Sie muessen schon zufaelligerweise heraufkomme.

Zufriedenheit.
Wenn ich nun aber nicht gekommen waere?

Ajaxerle.
Ja, da waer ich drin steckenbliebe, ich werd mich doch wegen
Ihne nicht schlagen lasse.

Zufriedenheit.
Wissen Sie ihn denn nicht zu finden?  Es ist die hoechste Zeit.

Ajaxerle.
Er muss gleich komme.  Der Bustorius ist ihm schon nach in die
Stadt, der wird ihn schon herpruegle.

Laermen (von aussen).
Er kommt!  Vivat der gnaedige Herr!

Zufriedenheit.
Er kommt, machen Sie, dass Sie fortkommen, und die Geister
sollen in der Naehe sein.

Ajaxerle.
Ja, wie komm ich denn hinaus?  Die Kerls passen ja auf mich!

Zufriedenheit.
So machen Sie sich unsichtbar.

Ajaxerle.
Das kann ich ja nicht.  Ich bin ja nur ein Magier, ich bin ja
kein Geist.  Ich muss mich ja in etwas verwandle.

Zufriedenheit.
Nun so verwandeln Sie sich, aber nur geschwind.

Ajaxerle.
Ja, das geht ja nicht so geschwind, ich lern ja die Zauberei
erst drei Jahr, ich bin ja nicht freigesprochen noch.  Ich muss
erst nachschlagen.  Wissen Sie was?  Ich geh wieder hinein
(deutet auf den Ofen) und verwandle mich drinnen in ein Ofenruss.
In einer halben Stunde kommt der Rauchfangkehrer und kehrt mich
hinaus.  So, jetzt lebe Sie wohl.  (Er steigt in den Ofen,
welcher sich wieder schliesst.)

Zufriedenheit.
Endlich ist er fort.

(Man hoert von aussen Boeller loesen und Vivatgeschrei.  Lottchen
stuerzt zur Mitte herein.)

Lottchen.
Er kommt!  Er kommt!  (Sie oeffnen hastig das Fenster.)  Er ists!
Er ist allein!  (Sie streckt die Arme nach ihm aus.)  Ach Karl!

Zufriedenheit (zieht sie schnell vom Fenster zurueck).
Du verdirbst alles.  Folge mir!  (Zieht sie schnell in den
Alkoven und laesst den Vorhang vor.)



Sechster Auftritt

Vorige.  Karl, in sehr schoenen Reisekleidern, der Hass zur Mitte
herein.


Hass.
Es ist alles besorgt!

Karl.
Schweig, sag ich dir!  Wer waren die Maedchen, welche hier am
Fenster standen?  Warum sind sie entflohen?  Sprich!

Hass.
Euer Gnaden verzeihen--sie haben sich fuer hoechstdero Verwandte
ausgegeben.

Karl.
Du luegst!  Ruf sie, ich will sie sehen.  (Fuer sich.)  Mir sagt
mein Herz, sie ists!

Hass (fuer sich).
Sollten mich die Weiber doch betrogen haben?  (Laut.)  Ich werde
die Bedienten rufen.

Karl.
Nein, du selbst, und schnell.

Hass.
Ja, ja.  Nur erlauben mir Ihro Gnaden vorher, Sie noch einmal
zu warnen, diesen Ring ja nicht abzulegen, wenn Sie nicht mit
ihm Ihre Geliebte und Ihren Reichtum auf immer verlieren wollen.

Karl.
Besorge es nicht, er macht mich klug.  Doch, um die Maedchen fort,
und komme nicht ohne sie zurueck, das rate ich dir.

Hass.
Ich bringe sie.  Nun wartet, ihr verdammten Weiber!  (Geht durch
die Seitentuer ab.)

Karl (allein).
Nein, die Erscheinung hat mich nicht getaeuscht.  Als ich
verzweiflungsvoll den leeren Platz betrachtete, wo gestern
Wurzels Haus noch stand, da fuellte sich die Luft mit Dampf,
und aus einer Rauchwolke von echten Knaster trat, meinen Dienern
unsichtbar, ein ungarischer Geist, der mir befahl, ich moechte
schnell nach Hause reisen, wo mein Lottchen mich erwartet, um
heute noch mein Weib zu werden, und er hat wahr gesprochen,
ich habe sie erkannt, es ist mein Lottchen.
(Lottchen, Zufriedenheit treten aus dem Alkoven.)

Zufriedenheit.
Ja, sie ist es.

Karl.
Lottchen!  (Will ihr in die Arme stuerzen.)

Lottchen.
Karl!  (Ebenso.)

Zufriedenheit (tritt zwischen beide).
Haltet!

Karl.
Was soll das?

Zufriedenheit.
Karl, aus meiner Hand nur kannst du dein Lottchen erhalten, der
Bauer hat sie nur erzogen, ich bin die Bevollmaechtigte ihrer
Mutter, doch wenn du deinem Reichtum nicht entsagst, wirst du
sie nicht erhalten.

Karl.
Wie?  Ich sollte wieder ein elender Fischer werden, da ich sie
jetzt gluecklich machen kann?

Zufriedenheit.
Nie wird sie durch diesen Reichtum gluecklich werden, denn ein
boeser Geist hat ihn gepraegt.

Karl.
Du luegst!  Mit Gefahr meines Lebens hab ich ihn errungen.  Du
bist ein boeser Geist, der mir mein Glueck entreissen will!  Fort!
ich erkenne dich nicht.

Lottchen.
Karl, sie meint es gut--

Karl.
Glaub es nicht, Sie hat dich nur betoert.  Lottchen, wenn du
mich liebst, so eilst du zur Vermaehlung.  Alles ist bereit.
Sieh mich zu deinen Fuessen, ich habe jahrelang um dich gelitten.
Kannst du mich verlassen?

Lottchen.
Nein, nein, das kann ich nicht!  Verzeih mir, teure Freundin,
aber mein Karl ist mir das Teuerste auf dieser Welt, ich folge
ihm.

Zufriedenheit.
Du gehst in dein Unglueck.

Lottchen.
Sei es auch, es geschieht fuer ihn.  (Sie will auf Karl zu.)

Zufriedenheit (die noch immer in der Mitte steht).
Nun denn!  Geister, sendet eure Macht.  (Sie zerreisst die
Perlenschnur.  Unter einem Trommelwirbel kommt Bustorius aus
der Versenkung.)

Bustorius (mit einer Windbuechse).
Sukkurs ist da!  Da hab ich kleine Windbuechsen, sein zwoelf
Geister drinnen, wie ich losschiess, fahrt einer nach dem
andern heraus.  Du Paidas, wirst parieren oder nicht?  Was ist
dir lieber, Geld oder Madel?

Karl.
Ich will beide.

Bustorius.
Ich glaub gern!  So Narren gaebs mehr.  Nichts da, kannst nur
eins haben.

Zufriedenheit (sanft).
Karl, gib mir den Ring, den du am Finger traegst, und ich buerge
dir fuer dein Glueck.

Karl.
Ha Betruegerin!  Jetzt hast du dich entlarvt.  Ich will den Ring
und sie.  Du faengst mich nicht.

Bustorius.
Das ist bockbeiniger Kerl!

Karl.
Lasst sie los, oder ich rufe meine Geister!

Zufriedenheit.
Du opferst ihr den Ring nicht?

Karl.
Nein!

Zufriedenheit (fasst ploetzlich einen Gedanken, entreisst Bustorius
seinen Zauberstab und beruehrt damit Lottchens Herz).
So nimm sie hin!

Karl.
Komm, Lottchen!

Lottchen (will freudig auf ihn zu, bleibt ploetzlich stehen und
sieht ihn ernst an).
Ich kann dir nicht folgen.  Fort von mir, ich liebe dich nicht--
ich hasse dich!

Karl.
Wie, sprichst du irre?  mich, deinen Karl!  (Er schlaegt mit der
rechten Hand, an welcher er den Ring hat, an die Brust.  Lottchen
erblickt den Ring, stosst einen Schrei aus und faellt in Ohnmacht.
Die Zufriedenheit faengt sie auf.)  Was ist das?  Huelfe!  Huelfe!
Zauberei!  (Bediente kommen.)  Entreisst ihr das Maedchen und
schuetzt mich vor der Macht dieser Zauberer!

Bustorius.
Wie einer kommt her, schiess ich ihm ein paar Geister vor den
Schaedel.

Karl.
Lottchen, was ist dir geschehen?  (Er naht sich ihr.)

Lottchen.
Fort!  ich kann den Ring nicht sehen!  (Sieht den Ring, schreit
und sinkt in Ohnmacht.)

Bustorius.
Nutzt dir nichts, sie liegt schon wieder da.

Karl.
Weh mir!  (Er will auf sie zu.)  Sie ist bezaubert.

Zufriedenheit.
Ich habe sie bezaubert, ja!  Solange sie lebt, wird sie keinen
lieben, der auch nur einen Edelstein besitzt, und beim Anblick
eines jeden Brillants wird sie ohnmaechtig zu Boden stuerzen.  Wirf
den Ring von dir, wenn du sie erhalten willst, oder ich entziehe
sie auf immer deinen Augen!



Siebenter Auftritt

Der Hass.  Vorige.


Hass.
Was geht hier vor?  Zurueck von ihm, oder ich vernichte dich!
Kennst du den Hass?  (Schlaegt auf seine Brust.)

Zufriedenheit (fest).
Nein!  denn ich bin die Zufriedenheit.

Hass (erschrickt).
Pardon, Mademoiselle!  Je suis desarme.

(Alle ihm Angehoerigen ziehen sich demuetig zurueck.)

Zufriedenheit.
Karl!  du siehst unsere Macht, zum letztenmal ruf ich dir zu:
Wirf den Ring von dir, oder du siehst sie nie wieder--du
zauderst?  Wohlan, lebe wohl!  (Sie steht mit Lottchen auf der
Seitenversenkung.  Aus dieser erhebt sich eine schmale Wolke
und geht mit ihnen ungefaehr vier Schuh hoch in die Hoehe, so
dass Lottchen ohnmaechtig kniet und die Zufriedenheit sie in
den Armen haelt.  Wenn die Wolke zwei Schuh hoch aus der
Versenkung sich erhoben bat, springen zwei Nebenwolken oder
Nebenteile hervor, so dass die Wolke eine breitere Form erhaelt
und das Ganze ein Tableau bildet.)

Karl (heftig).
Halt ein--Und wenn die Welt am Finger glaenzte, ohne sie gilt
mir nichts!  Fort mit ihm!  (Er wirft den Ring weg.  Blitzstrahl.
Die Furien entfliehn.)

Hass.
Verwuenschtes Weibervolk!  (Versinkt.)

(Verwandlung in die Gegend der Fischerhuette.  Karls Kleid faellt
ab, er steht als Fischer da.  Wurzel sitzt auf dem Dach der
Fischerhuette, in welche sich der Rosenhuegel verwandelt.  Wenn
Lottchen und die Zufriedenheit herab sind, verschwindet die
Wolke.)

Lottchen (erwacht).
Karl, ich danke dir!

Karl.
Lottchen, du bist mein!

Wurzel (der eingeschlafen war und durch den Donner erwachte)
Ein Aschen!

Karl und Lottchen (sehen sich um).
Wer ist das?

Zufriedenheit.
Der bestrafte Fortunatus.

Wurzel.
Ich segne euch!

Zufriedenheit.
Und Hymen soll euch verbinden.  (Winkt.)

Hymen (kommt aus der Versenkung mit einem kleinen Opferaltar,
tritt in ihre Mitte und spricht).
Auf ewig!

Wurzel.
Ein Aschen!

Bustorius.
Feuer!

(Er schiesst los.  Donnerschlag.  Alle Geister der Introduktion
kommen auf Seitenwolken und Versenkungen schnell herbei.
Lakrimosa sinkt in einem Wolkenwagen nieder, ueber dem ein
Genius schwebt mit der Schrift: Erloesung!)

Lakrimosa.
Dank euch, meine Lieben, ich bin gluecklich!

Bustorius.
Ist gern geschehen!  Schaffen Sie ein anders Mal wieder.

Zufriedenheit.
Dies ist deine Mutter.

(Lottchen sinkt zu ihren Fuessen.)

Lakrimosa (hebt sie auf).
An mein Herz!

Wurzel.
Ein Aschen!

Lakrimosa (Sieht ihn).
Du hast gebuesst.  Sei, was du stets haettest bleiben sollen.
(Winkt.)

Wurzel (verwandelt sich auf dem Dach in einen Bauer, springt herab).
Alloh!  jetzt bin ich wieder in mein Element!  Mein Schoenheit
war im Versatzamt, jetzt haben s' mir s' ausgloest.

(Ajaxerle, mit ihm der kleine Satyr mit der schwarzen Tafel,
worauf Wurzels Schwur steht.  Ajaxerle nimmt ihm dieselbe aus
der Hand und haelt sie Wurzel vor.)

Ajaxerle.
Der Schneckenhaendler ist da, was du geschworen hast, ist geschehen.
Jetzt sind wir wieder gute Freund.  Punktum!  (Loescht den Schwur von
der Tafel.)

Lakrimosa.
Brillanten darf ich dir nicht zum Brautschatz geben.  Aber das
schoenste Fischergut mit ewig reichem Fang sei dein.  (Winkt.)

(Verwandlung in eine romantische Fischergegend an einem reizenden
See.  In der Ferne blaues Gebirge.

Genien, als Fischer gekleidet, schiffen auf einem Kahn, werfen
Netze aus und formieren ein Tableau.)

Lakrimosa.
Stets bleibt euch die Liebe eurer Mutter.

Zufriedenheit.
Und die Freundschaft der Zufriedenheit.

Wurzel.
Sein Sie die Zufriedenheit?  Da lassen wir Ihnen heut nicht mehr aus.

Zufriedenheit.
Dies sei mein Brautgeschenk.

(Sie winkt, ein kleiner Wasserfall entsteht, worueber sich die Worte
befinden: Quelle der Vergessenheit des Ueblen.  Ein Genius sitzt an
der Quelle und reicht allen Becher.)

Wurzel.
Da trinken wir gleich jetzt auf Ihre Gesundheit den zufriedensten
Rausch.

Schlussgesang

Vergessen ist schoen, und es ist gar nicht schwer,
Denn was man vergisst, von dem weiss man nichts mehr.
Und wer uns ein Geld leiht, den fuehrt man schoen an,
Man lasst ihn nur trinken, er weiss nichts davon.

Chor.
Und wer uns ein Geld leiht, den fuehrt man schoen an,
Man lasst ihn nur trinken, er weiss nichts davon.

Wurzel.
Vergessenheit trinket dem Hass und dem Neid,
Damit uns das Leben bloss liebend erfreut.
Doch bringt man den Goennern der Dankbarkeit Zoll,
Da senkt man den Becher, das Herz ist nur voll.

Chor.
Doch bringt man den Goennern der Dankbarkeit Zoll,
Da senkt man die Becher, das Herz ist nur voll.
(Alle senken ihre Becher.)

Wurzel.
Hier ist der Zufriedenheit herrlichste Perl,
Ich hab s' bei der Falten, ich gluecklicher Kerl.
Doch kommts mir allein nicht zu, gluecklich zu sein,
Wir nehmen s' in d' Mitten und schliessen sie ein.

(Er stellt die Zufriedenheit in die Mitte.  Auf beiden Seiten
schliesst sich alles an sie an, umschlingt sich und bildet einen
Halbzirkel.)

Chor.
Doch koemmts ihm allein nicht zu, gluecklich zu sein,
Wir nehmen s' in d' Mitten und schliessen sie ein.

Wurzel.
Sie duerfen auf keinen Fall mehr von dem Ort,
Man laesst die Zufriedenheit nicht so leicht fort!
Und eine Gnad bitt ich mir heute noch aus:
Begleiten S' voll Achtung das Publikum z' Haus!

Chor.
Und eine Gnad bitt er sich heute noch aus:
Begleiten S' voll Achtung das Publikum z' Haus!

Repetition

Wurzel.
Wir lebn doch wahrhaftig in herrlichen Zeiten,
Jetzt kommt die Zufriedenheit von allen Seiten.
Hier steht noch die unsre, sie ist uns noch treu,
(an das Publikum)
Und Sie schenkn uns Ihre, jetzt habn wir gar zwei.

Chor.
Hier steht noch die unsre, sie ist uns noch treu,
Und Sie schenkn uns Ihre, jetzt habn wir gar zwei.

Wurzel.
Erlaubn S' nur, dass beide jetzt Hand in Hand gehn,
Denn unsre kann ja nur durch Ihre bestehn.
Und dies Kapital ist ein ewiger Kauf,
Denn Sie sind zu guetig, Sie kuendens nie auf.

Chor.
Und dies Kapital ist ein ewiger Kauf,
Denn Sie sind zu guetig, Sie kuendens nie auf.


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Das Maedchen aus der Feenwelt
oder
Der Bauer als Millionaer, von Ferdinand Raimund.





*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DAS MAEDCHEN AUS DER FEENWELT ***

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 2000  1999 December
 2500  2000 December
 3000  2001 November
 4000  2001 October/November
 6000  2002 December*
 9000  2003 November*
10000  2004 January*


The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.

We need your donations more than ever!

As of February, 2002, contributions are being solicited from people
and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
Virginia, Wisconsin, and Wyoming.

We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
that have responded.

As the requirements for other states are met, additions to this list
will be made and fund raising will begin in the additional states.
Please feel free to ask to check the status of your state.

In answer to various questions we have received on this:

We are constantly working on finishing the paperwork to legally
request donations in all 50 states.  If your state is not listed and
you would like to know if we have added it since the list you have,
just ask.

While we cannot solicit donations from people in states where we are
not yet registered, we know of no prohibition against accepting
donations from donors in these states who approach us with an offer to
donate.

International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
ways.

Donations by check or money order may be sent to:

Project Gutenberg Literary Archive Foundation
PMB 113
1739 University Ave.
Oxford, MS 38655-4109

Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment
method other than by check or money order.

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by
the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN
[Employee Identification Number] 64-622154.  Donations are
tax-deductible to the maximum extent permitted by law.  As fund-raising
requirements for other states are met, additions to this list will be
made and fund-raising will begin in the additional states.

We need your donations more than ever!

You can get up to date donation information online at:

http://www.gutenberg.net/donation.html


***

If you can't reach Project Gutenberg,
you can always email directly to:

Michael S. Hart <hart@pobox.com>

Prof. Hart will answer or forward your message.

We would prefer to send you information by email.


**The Legal Small Print**


(Three Pages)

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They tell us you might sue us if there is something wrong with
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fault. So, among other things, this "Small Print!" statement
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