The Project Gutenberg EBook of Maerchen-Almanach auf das Jahr 1828
by Wilhelm Hauff

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Title: Maerchen-Almanach auf das Jahr 1828

Author: Wilhelm Hauff

Release Date: October, 2004  [EBook #6640]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on January 9, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO-Latin-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, MAERCHEN-ALMANACH AUF DAS JAHR 1828 ***




Thanks are given to Delphine Lettau for finding a huge collection of ancient
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Mrchen-Almanach auf das Jahr 1828

Wilhelm Hauff

Inhalt:

Das Wirtshaus im Spessart (Rahmenerzhlung)
Die Sage vom Hirschgulden
Das kalte Herz I
Saids Schicksale
Die Hhle von Steenfoll--Eine schottlndische Sage
Das kalte Herz II




Das Wirtshaus im Spessart

Wilhelm Hauff


Vor vielen Jahren, als im Spessart die Wege noch schlecht und nicht
so hufig als jetzt befahren waren, zogen zwei junge Burschen durch
diesen Wald.  Der eine mochte achtzehn Jahre alt sein und war ein
Zirkelschmied, der andere, ein Goldarbeiter, konnte nach seinem
Aussehen kaum sechzehn Jahre haben und tat wohl jetzt eben seine
erste Reise in die Welt.  Der Abend war schon heraufgekommen, und die
Schatten der riesengroen Fichten und Buchen verfinsterten den
schmalen Weg, auf dem die beiden wanderten.  Der Zirkelschmied
schritt wacker vorwrts und pfiff ein Lied, schwatzte auch zuweilen
mit Munter, seinem Hund, und schien sich nicht viel darum zu kmmern,
da die Nacht nicht mehr fern, desto ferner aber die nchste Herberge
sei; aber Felix, der Goldarbeiter, sah sich oft ngstlich um.  Wenn
der Wind durch die Bume rauschte, so war es ihm, als hre er Tritte
hinter sich; wenn das Gestruch am Wege hin und her wankte und sich
teilte, glaubte er Gesichter hinter den Bschen lauern zu sehen.

Der junge Goldschmied war sonst nicht aberglubisch oder mutlos.  In
Wrzburg, wo er gelernt hatte, galt er unter seinen Kameraden fr
einen unerschrockenen Burschen, dem das Herz am rechten Fleck sitze;
aber heute war ihm doch sonderbar zumute.  Man hatte ihm vom Spessart
so mancherlei erzhlt; eine groe Ruberbande sollte dort ihr Wesen
treiben, viele Reisende waren in den letzten Wochen geplndert worden,
ja man sprach sogar von einigen greulichen Mordgeschichten, die vor
nicht langer Zeit dort vorgefallen seien.  Da war ihm nun doch etwas
bange fr sein Leben, denn sie waren ja nur zu zweit und konnten
gegen bewaffnete Ruber gar wenig ausrichten.  Oft gereute es ihn,
da er dem Zirkelschmied gefolgt war, noch eine Station zu gehen,
statt am Eingang des Waldes ber Nacht zu bleiben.

"Und wenn ich heute nacht totgeschlagen werde und um Leben und alles
komme, was ich bei mir habe, so ist's nur deine Schuld, Zirkelschmied;
denn du hast mich in den schrecklichen Wald hereingeschwtzt."

"Sei kein Hasenfu", erwiderte der andere, "ein rechter
Handwerksbursche soll sich eigentlich gar nicht frchten.  Und was
meinst du denn?  Meinst du, die Herren Ruber im Spessart werden uns
die Ehre antun, uns zu berfallen und totzuschlagen?  Warum sollten
sie sich diese Mhe geben?  Etwa wegen meines Sonntagsrocks, den ich
im Ranzen habe, oder wegen des Zehrpfennigs von einem Taler?  Da mu
man schon mit Vieren fahren, in Gold und Seide gekleidet sein, wenn
sie es der Mhe wert finden, einen totzuschlagen."

"Halt!  Hrst du nicht etwas pfeifen im Wald?" rief Felix ngstlich.

"Das war der Wind, der um die Bume pfeift, geh nur rasch vorwrts,
lange kann es nicht mehr dauern."

"Ja, du hast gut reden wegen des Totschlagens", fuhr der Goldarbeiter
fort.  "Dich fragen sie, was du hast, durchsuchen dich und nehmen dir
allenfalls den Sonntagsrock und den Gulden und dreiig Kreuzer; aber
mich, mich schlagen sie gleich anfangs tot, nur weil ich Gold und
Geschmeide mit mir fhre. "

"Ei, warum sollten sie dich totschlagen deswegen?  Kmen jetzt vier
oder fnf dort aus dem Busch mit geladenen Bchsen, die sie auf uns
anlegten, und fragten ganz hflich: "Ihr Herren, was habt ihr bei
euch?" und "Machet es euch bequem, wir wollen's euch tragen helfen",
und was dergleichen anmutige Redensarten sind; da wrest du wohl kein
Tor, machtest dein Rnzchen auf und legtest die gelbe Weste, den
blauen Rock, zwei Hemden und alle Halsbnder und Armbnder und Kmme,
und was du sonst noch hast, hflich auf die Erde und bedanktest dich
frs Leben, das sie dir schenkten."

"So, meinst du", entgegnete Felix sehr eifrig, "den Schmuck fr meine
Frau Pate, die vornehme Grfin, soll ich hergeben?  Eher mein Leben;
eher la ich mich in kleine Stcke zerschneiden.  Hat sie nicht
Mutterstelle an mir vertreten und seit meinem zehnten Jahr mich
aufziehen lassen?  Hat sie nicht die Lehre fr mich bezahlt und
Kleider und alles?  Und jetzt, da ich sie besuchen darf und etwas
mitbringe von meiner eigenen Arbeit, das sie beim Meister bestellt
hat, jetzt, da ich ihr an dem schnen Geschmeide zeigen knnte, was
ich gelernt habe, jetzt soll ich das alles hergeben und die gelbe
Weste dazu, die ich auch von ihr habe?  Nein, lieber sterben, als da
ich den schlechten Menschen meiner Frau Pate Geschmeide gebe!"

"Sei kein Narr!" rief der Zirkelschmied.  "Wenn sie dich totschlagen,
bekommt die Frau Grfin den Schmuck dennoch nicht.  Drum ist es
besser, du gibst ihn her und erhltst dein Leben."

Felix antwortete nicht; die Nacht war jetzt ganz heraufgekommen, und
bei dem ungewissen Schein des Neumonds konnte man kaum auf fnf
Schritte vor sich sehen; er wurde immer ngstlicher, hielt sich nher
an seinen Kameraden und war mit sich uneinig, ob er seine Reden und
Beweise billigen sollte oder nicht.  Noch eine Stunde beinahe waren
sie fortgegangen, da erblickten sie in der Ferne ein Licht.  Der
junge Goldschmied meinte aber, man drfe nicht trauen, vielleicht
knnte es ein Ruberhaus sein, aber der Zirkelschmied belehrte ihn,
da die Ruber ihre Huser oder Hhlen unter der Erde haben, und dies
msse das Wirtshaus sein, das ihnen ein Mann am Eingang des Waldes
beschrieben.

Es war ein langes, aber niedriges Haus, ein Karren stand davor, und
nebenan im Stalle hrte man Pferde wiehern.  Der Zirkelschmied winkte
seinen Gesellen an ein Fenster, dessen Laden geffnet waren.  Sie
konnten, wenn sie sich auf die Zehen stellten, die Stube bersehen.
Am Ofen in einem Armstuhl schlief ein Mann, der seiner Kleidung nach
ein Fuhrmann und wohl auch der Herr des Karrens vor der Tre sein
konnte.  An der andern Seite des Ofens saen ein Weib und ein Mdchen
und spannen; hinter dem Tisch an der Wand sa ein Mensch, der ein
Glas Wein vor sich, den Kopf in die Hnde gesttzt hatte, so da sie
sein Gesicht nicht sehen konnten.  Der Zirkelschmied aber wollte aus
seiner Kleidung bemerken, da es ein vornehmer Herr sein msse.

Als sie so noch auf der Lauer standen, schlug ein Hund im Hause an.
Munter, des Zirkelschmieds Hund, antwortete, und eine Magd erschien
in der Tre und schaute nach den Fremden heraus.

Man versprach, ihnen Nachtessen und Betten geben zu knnen; sie
traten ein und legten die schweren Bndel, Stock und Hut in die Ecke
und setzten sich zu dem Herrn am Tische.  Dieser richtete sich bei
ihrem Grue auf, und sie erblickten einen feinen jungen Mann, der
ihnen freundlich fr ihren Gru dankte.

"Ihr seid spt auf der Bahn", sagte er, "habt Ihr Euch nicht
gefrchtet, in so dunkler Nacht durch den Spessart zu reisen?  Ich
fr meinen Teil habe lieber mein Pferd in dieser Schenke eingestellt,
als da ich nur noch eine Stunde geritten wre."

"Da habt Ihr allerdings recht gehabt, Herr!" erwiderte der
Zirkelschmied.  "Der Hufschlag eines schnen Pferdes ist Musik in den
Ohren dieses Gesindels und lockt sie auf eine Stunde weit; aber wenn
ein paar arme Burschen wie wir durch den Wald schleichen, Leute,
welchen die Ruber eher selbst etwas schenken knnten, da heben sie
keinen Fu auf!"

"Das ist wohl wahr", entgegnete der Fuhrmann, der, durch die Ankunft
der Fremden erweckt, auch an den Tisch getreten war, "einem armen
Mann knnen sie nicht viel anhaben seines Geldes willen; aber man hat
Beispiele, da sie arme Leute nur aus Mordlust niederstieen oder sie
zwangen, unter die Bande zu treten und als Ruber zu dienen."

"Nun, wenn es so aussieht mit diesen Leuten im Wald", bemerkte der
junge Goldschmied, "so wird uns wahrhaftig auch dieses Haus wenig
Schutz gewhren.  Wir sind nur zu viert und mit dem Hausknecht fnf;
wenn es ihnen einfllt, zu zehnt uns zu berfallen, was knnen wir
gegen sie?  Und berdies", setzte er leise und flsternd hinzu, "wer
steht uns dafr, da diese Wirtsleute ehrlich sind?"

"Da hat es gute Wege", erwiderte der Fuhrmann.  "Ich kenne diese
Wirtschaft seit mehr als zehn Jahren und habe nie etwas Unrechtes
darin versprt.  Der Mann ist selten zu Hause, man sagt, er treibe
Weinhandel; die Frau aber ist eine stille Frau, die niemand Bses
will; nein, dieser tut Ihr unrecht, Herr!"

"Und doch", nahm der junge vornehme Herr das Wort, "doch mchte ich
nicht so ganz verwerfen, was er gesagt.  Erinnert Euch an die
Gerchte von jenen Leuten, die in diesem Wald auf einmal spurlos
verschwunden sind.  Mehrere davon hatten vorher gesagt, sie wrden in
diesem Wirtshaus bernachten, und als man nach zwei oder drei Wochen
nichts von ihnen vernahm, ihrem Weg nachforschte und auch hier im
Wirtshaus nachfragte, da soll nun keiner gesehen worden sein;
verdchtig ist es doch."

"Wei Gott", rief der Zirkelschmied, "da handelten wir ja
vernnftiger, wenn wir unter dem nchsten Baum unser Nachtlager
nhmen als hier in diesen vier Wnden, wo an kein Entspringen zu
denken ist, wenn sie einmal die Tre besetzt haben; denn die Fenster
sind vergittert."

Sie waren alle durch diese Reden nachdenklich geworden.  Es schien
gar nicht unwahrscheinlich, da die Schenke im Wald, sei es gezwungen
oder freiwillig, im Einverstndnis mit den Rubern war.  Die Nacht
schien ihnen daher gefhrlich; denn wie manche Sage hatten sie gehrt
von Wanderern, die man im Schlaf berfallen und gemordet hatte; und
sollte es auch nicht an ihr Leben gehen, so war doch ein Teil der
Gste in der Waldschenke von so beschrnkten Mitteln, da ihnen ein
Raub an einem Teil ihrer Habe sehr empfindlich gewesen wre.  Sie
schauten verdrielich und dster in ihre Glser.  Der junge Herr
wnschte, auf seinem Ro durch ein sicheres, offenes Tal zu traben,
der Zirkelschmied wnschte sich zwlf seiner handfesten Kameraden,
mit Kntteln bewaffnet, als Leibgarde, Felix, der Goldarbeiter, trug
bange mehr um den Schmuck seiner Wohltterin als um sein Leben; der
Fuhrmann aber, der einigemal den Rauch seiner Pfeife nachdenklich vor
sich hingeblasen, sprach leise: "Ihr Herren, im Schlaf wenigstens
sollen sie uns nicht berfallen.  Ich fr meinen Teil will, wenn nur
noch einer mit mir hlt, die ganze Nacht wach bleiben."

"Das will ich auch"--"ich auch", riefen die drei brigen; "schlafen
knnte ich doch nicht", setzte der junge Herr hinzu.  "Nun, so wollen
wir etwas treiben, da wir wach bleiben", sagte der Fuhrmann, "ich
denke, weil wir doch gerade zu viert sind, knnten wir Karten spielen,
das hlt wach und vertreibt die Zeit."

"Ich spiele niemals Karten", erwiderte der junge Herr, "darum kann
ich wenigstens nicht mithalten."

"Und ich kenne die Karten gar nicht", setzte Felix hinzu.

"Was knnen wir denn aber anfangen, wenn wir nicht spielen", sprach
der Zirkelschmied, "singen?  Das geht nicht und wrde nur das
Gesindel herbeilocken; einander Rtsel und Sprche aufgeben zum
Erraten?  Das dauert auch nicht lange.  Wit ihr was?  Wie wre es,
wenn wir uns etwas erzhlten?  Lustig oder ernsthaft, wahr oder
erdacht, es hlt doch wach und vertreibt die Zeit so gut wie
Kartenspiel."

"Ich bin's zufrieden, wenn Ihr anfangen wolltet", sagte der junge
Herr lchelnd.  "Ihr Herren vom Handwerk kommt in allen Lndern herum
und knnet schon etwas erzhlen; hat doch jede Stadt ihre eigenen
Sagen und Geschichten."

"Ja, ja, man hrt manches", erwiderte der Zirkelschmied, "dafr
studieren Herren wie Ihr fleiig in den Bchern, wo gar wundervolle
Sachen geschrieben stehen; da wtet Ihr noch Klgeres und Schneres
zu erzhlen als ein schlichter Handwerksbursche wie unsereiner.  Mich
mte alles trgen, oder Ihr seid ein Student, ein Gelehrter."

"Ein Gelehrter nicht", lchelte der junge Herr, "wohl aber ein
Student und will in den Ferien nach der Heimat reisen; doch was in
unsern Bchern steht, eignet sich weniger zum Erzhlen, als was Ihr
hier und dort gehret.  Darum hebet immer an, wenn anders diese da
gerne zuhren!"

"Noch hher als Kartenspiel", erwiderte der Fuhrmann, "gilt bei mir,
wenn einer eine schne Geschichte erzhlt.  Oft fahre ich auf der
Landstrae lieber im elendesten Schritt und hre einem zu, der
nebenhergeht und etwas Schnes erzhlt; manchen habe ich schon im
schlechten Wetter auf den Karren genommen, unter der Bedingung, da
er etwas erzhle, und einen Kameraden von mir habe ich, glaube ich,
nur deswegen so lieb, weil er Geschichten wei, die sieben Stunden
lang und lnger dauern."

"So geht es auch mir", setzte der junge Goldarbeiter hinzu, "erzhlen
hre ich fr mein Leben gerne, und mein Meister in Wrzburg mute mir
die Bcher ordentlich verbieten, da ich nicht zuviel Geschichten las
und die Arbeit darber vernachlssigte.  Darum gib nur etwas Schnes
preis, Zirkelschmied, ich wei, du knntest erzhlen von jetzt an,
bis es Tag wird, ehe dein Vorrat ausginge."

Der Zirkelschmied trank, um sich zu seinem Vortrag zu strken, und
hub alsdann also an:




Die Sage vom Hirschgulden

Wilhelm Hauff


"Das ist die Sage von dem Hirschgulden", endete der Zirkelschmied,
"und wahr soll sie sein.  Der Wirt in Drrwangen, das nicht weit von
den drei Schlssern liegt, hat sie meinem guten Freund erzhlt, der
oft als Wegweiser ber die schwbische Alb ging und immer in
Drrwangen einkehrte."

Die Gste gaben dem Zirkelschmied Beifall.  "Was man doch nicht alles
hrt in der Welt", rief der Fuhrmann.  "Wahrhaftig, jetzt erst freut
es mich, da wir die Zeit nicht mit Kartenspielen verderbten, so ist
es wahrlich besser; und gemerkt habe ich mir die Geschichte, da ich
sie morgen meinen Kameraden erzhlen kann, ohne ein Wort zu fehlen."

"Mir fiel da, whrend Ihr so erzhltet, etwas ein", sagte der Student.

"O erzhlet, erzhlet!" baten der Zirkelschmied und Felix.

"Gut", antwortete jener, "ob die Reihe jetzt an mich kommt oder
spter, ist gleichviel; ich mu ja doch heimgehen, was ich gehrt.
Das, was ich erzhlen will, soll sich wirklich einmal begeben haben."

Er setzte sich zurecht und wollte eben anheben zu erzhlen, als die
Wirtin den Spinnrocken beiseitesetzte und zu den Gsten an den Tisch
trat.  "Jetzt, ihr Herren, ist es Zeit, zu Bette zu gehen", sagte sie,
"es hat neun Uhr geschlagen, und morgen ist auch ein Tag."

"Ei, so gehe zu Bette!" rief der Student, "setze noch eine Flasche
Wein fr uns hierher, und dann wollen wir dich nicht lnger abhalten."

"Mitnichten", entgegnete sie grmlich, "solange noch Gste in der
Wirtsstube sitzen, knnen Wirtin und Dienstboten nicht weggehen.  Und
kurz und gut, ihr Herren, machet, da ihr auf eure Kammern kommet;
mir wird die Zeit lange, und lnger als neun Uhr darf in meinem Hause
nicht gezecht werden."

"Was fllt Euch ein, Frau Wirtin?" sprach der Zirkelschmied staunend,
"was schadet es denn Euch, ob wir hier sitzen, wenn Ihr auch schon
lngst schlafet; wir sind rechtliche Leute und werden Euch nichts
hinwegtragen, noch ohne Bezahlung fortgehen.  Aber so lasse ich mir
in keinem Wirtshaus ausbieten."

Die Frau rollte zornig die Augen: "Meint ihr, ich werde wegen jedem
Lumpen von Handwerksburschen, wegen jedem Straenlufer, der mir
zwlf Kreuzer zu verdienen gibt, meine Hausordnung ndern?  Ich sag'
euch jetzt zum letztenmal, da ich den Unfug nicht leide!"

Noch einmal wollte der Zirkelschmied etwas entgegnen; aber der
Student sah ihn bedeutend an und winkte mit den Augen den brigen.
"Gut", sprach er, "wenn es denn die Frau Wirtin nicht haben will, so
lat uns auf unsere Kammern gehen.  Aber Lichter mchten wir gerne
haben, um den Weg zu finden."

"Damit kann ich nicht dienen", entgegnete sie finster, "die andern
werden schon den Weg im Dunkeln finden, und fr Euch ist dies
Stmpfchen hier hinlnglich; mehr habe ich nicht im Hause."

Schweigend nahm der junge Herr das Licht und stand auf.  Die andern
folgten ihm, und die Handwerksburschen nahmen ihre Bndel, um sie in
der Kammer bei sich niederzulegen.  Sie gingen dem Studenten nach,
der ihnen die Treppe hinanleuchtete.

Als sie oben angekommen waren, bat sie der Student, leise aufzutreten,
schlo sein Zimmer auf und winke ihnen herein.  "Jetzt ist kein
Zweifel mehr", sagte er, "sie will uns verraten; habt ihr nicht
bemerkt, wie ngstlich sie uns zu Bett zu bringen suchte, wie sie uns
alle Mittel abschnitt, wach und beisammen zu bleiben?  Sie meint
wahrscheinlich, wir werden uns jetzt niederlegen und dann werde sie
um so leichteres Spiel haben."

"Aber meint Ihr nicht, wir knnten noch entkommen?" fragte Felix.
"Im Wald kann man doch eher auf Rettung denken als hier im Zimmer."

"Die Fenster sind auch hier vergittert", rief der Student, indem er
vergebens versuchte, einen der Eisenstbe des Gitters loszumachen.
"Uns bleibt nur ein Ausweg, wenn wir entweichen wollen, durch die
Haustre; aber ich glaube nicht, da sie uns fortlassen werden."

"Es kme auf den Versuch an", sprach der Fuhrmann, "ich will einmal
probieren, ob ich bis in den Hof kommen kann.  Ist dies mglich, so
kehre ich zurck und hole euch nach." Die brigen billigten diesen
Vorschlag, der Fuhrmann legte die Schuhe ab und schlich sich auf den
Zehen nach der Treppe; ngstlich lauschten seine Genossen oben im
Zimmer; schon war er die eine Hlfte der Treppe glcklich und
unbemerkt hinabgestiegen; aber als er sich dort um einen Pfeiler
wandte, richtete sich pltzlich eine ungeheure Dogge vor ihm in die
Hhe, legte ihre Tatzen auf seine Schultern und wies ihm, gerade
seinem Gesicht gegenber, zwei Reihen langer, scharfer Zhne.  Er
wagte weder vor- noch rckwrts auszuweichen; denn bei der geringsten
Bewegung schnappte der entsetzliche Hund nach seiner Kehle.  Zugleich
fing er an zu heulen und zu bellen, und alsobald erschienen der
Hausknecht und die Frau mit Lichtern.

"Wohin, was wollt Ihr?" rief die Frau.

"Ich habe noch etwas in meinem Karren zu holen", antwortete der
Fuhrmann, am ganzen Leibe zitternd; denn als die Tre aufgegangen war,
hatte er mehrere braune, verdchtige Gesichter, Mnner mit Bchsen
in der Hand, im Zimmer bemerkt.

"Das httet Ihr alles auch vorher abmachen knnen", sagte die Wirtin
mrrisch.  "Fassan, daher!  Schlie die Hoftre zu, Jakob, und
leuchte dem Mann an seinen Karren!" Der Hund zog seine greuliche
Schnauze und seine Tatzen von der Schulter des Fuhrmanns zurck und
lagerte sich wieder quer ber die Treppe; der Hausknecht aber hatte
das Hoftor zugeschlossen und leuchtete dem Fuhrmann.  An ein
Entkommen war nicht zu denken.  Aber als er nachsann, was er denn
eigentlich aus dem Karren holen sollte, fiel ihm ein Pfund
Wachslichter ein, die er in die nchste Stadt berbringen sollte.
"Das Stmpfchen Licht oben kann kaum noch eine Viertelstunde dauern",
sagte er zu sich, "und Licht mssen wir dennoch haben!" Er nahm also
zwei Wachskerzen aus dem Wagen, verbarg sie in dem rmel und holte
dann zum Schein seinen Mantel aus dem Karren, womit er sich, wie er
dem Hausknecht sagte, heute nacht bedecken wolle.

Glcklich kam er wieder auf dem Zimmer an.  Er erzhlte von dem
groen Hund, der als Wache an der Treppe liege, von den Mnnern, die
er flchtig gesehen, von allen Anstalten, die man gemacht, um sich
ihrer zu versichern, und schlo damit, da er seufzend sagte: "Wir
werden diese Nacht nicht berleben."

"Das glaube ich nicht", erwiderte der Student, "fr so tricht kann
ich diese Leute nicht halten, da sie wegen des geringen Vorteils,
den sie von uns htten, vier Menschen ans Leben gehen sollten.  Aber
verteidigen drfen wir uns nicht.  Ich fr meinen Teil werde wohl am
meisten verlieren; mein Pferd ist schon in ihren Hnden, es kostete
mich fnfzig Dukaten noch vor vier Wochen; meine Brse, meine Kleider
gebe ich willig hin; denn mein Leben ist mir am Ende doch lieber als
alles dies."

"Ihr habt gut reden", erwiderte der Fuhrmann, "solche Sachen, wie Ihr
sie verlieren knnt, ersetzt Ihr Euch leicht wieder; aber ich bin der
Bote von Aschaffenburg und habe allerlei Gter auf meinem Karren, und
im Stall zwei schne Rosse, meinen einzigen Reichtum."

"Ich kann unmglich glauben, da sie Euch ein Leides tun werden",
bemerkte der Goldschmied, "einen Boten zu berauben, wrde schon viel
Geschrei und Lrmen im Land machen.  Aber dafr bin ich auch, was der
Herr dort sagt; lieber will ich gleich alles hergeben, was ich habe,
und mit einem Eid versprechen, nichts zu sagen, ja niemals zu klagen,
als mich gegen Leute, die Bchsen und Pistolen haben, um meine
geringe Habe wehren."

Der Fuhrmann hatte whrend dieser Reden seine Wachskerzen
hervorgezogen.  Er klebte sie auf den Tisch und zndete sie an.  "So
lat uns in Gottes Namen erwarten, was ber uns kommen wird", sprach
er, "wir wollen uns wieder zusammen niedersetzen und durch Sprechen
den Schlaf abhalten." "Das wollen wir", antwortete der Student, "und
weil vorhin die Reihe an mir stehengeblieben war, will ich euch etwas
erzhlen."


Das kalte Herz

Bei diesen Worten wurde der Erzhler durch ein Gerusch vor der
Schenke unterbrochen.  Man hrte einen Wagen anfahren, mehrere
Stimmen riefen nach Licht, es wurde heftig an das Hoftor gepocht, und
dazwischen heulten mehrere Hunde.  Die Kammer, die man dem Fuhrmann
und den Handwerksburschen angewiesen hatte, ging nach der Strae
hinaus; die vier Gste sprangen auf und liefen dorthin, um zu sehen,
was vorgefallen sei.  Soviel sie bei dem Schein einer Laterne sehen
konnten, stand ein groer Reisewagen vor der Schenke; soeben war ein
groer Mann beschftigt, zwei verschleierte Frauen aus dem Wagen zu
heben, und einen Kutscher in Livree sah man die Pferde abspannen, ein
Bediensteter aber schnallte den Koffer los.  "Diesen sei Gott gndig",
seufzte der Fuhrmann.  "Wenn diese mit heiler Haut aus der Schenke
kommen, so ist mir fr meinen Karren auch nicht mehr bange."

"Stille!" flsterte der Student.  "Mir ahnet, da man eigentlich
nicht uns, sondern dieser Dame auflauert; wahrscheinlich waren sie
unten schon von ihrer Reise unterrichtet.  Wenn man sie nur warnen
knnte!  Doch halt!  Es ist im ganzen Wirtshaus kein anstndiges
Zimmer fr die Damen als das neben dem meinigen.  Dorthin wird man
sie fhren.  Bleibet ihr ruhig in dieser Kammer; ich will die
Bediensteten zu unterrichten suchen."

Der junge Mann schlich sich auf sein Zimmer, lschte die Kerzen aus
und lie nur das Licht brennen, das ihm die Wirtin gegeben.  Dann
lauschte er an der Tre.

Bald kam die Wirtin mit den Damen die Treppe herauf und fhrte sie
mit freundlichen, sanften Worten in das Zimmer nebenan.  Sie redete
ihren Gsten zu, sich bald niederzulegen, weil sie von der Reise
erschpft sein wrden; dann ging sie wieder hinab.  Bald darauf hrte
der Student schwere mnnliche Tritte die Treppe heraufkommen.  Er
ffnete behutsam die Tre und erblickte durch eine kleine Spalte den
groen Mann, welcher die Damen aus dem Wagen gehoben.  Er trug ein
Jagdkleid und hatte einen Hirschfnger an der Seite und war wohl der
Reisestallmeister oder Begleiter der fremden Damen.  Als der Student
merkte, da dieser allein heraufgekommen war, ffnete er schnell die
Tr und winkte dem Mann, zu ihm einzutreten.  Verwundert trat dieser
nher, und ehe er noch fragen konnte, was man von ihm wolle,
flsterte ihm jener zu: "Mein Herr!  Sie sind heute nacht in eine
Ruberschenke geraten."

Der Mann erschrak; der Student zog ihn aber vollends in seine Tre
und erzhlte ihm, wie verdchtig es in diesem Hause aussehe.

Der Jger wurde sehr besorgt, als er dies hrte; er belehrte den
jungen Mann, da die Damen, eine Grfin und ihre Kammerfrau,
anfnglich die ganze Nacht durch haben fahren wollen; aber etwa eine
halbe Stunde von dieser Schenke sei ihnen ein Reiter begegnet, der
sie angerufen und gefragt habe, wohin sie reisen wollten.  Als er
vernommen, da sie gesonnen seien, die ganze Nacht durch den Spessart
zu reisen, habe er ihnen abgeraten, indem es gegenwrtig sehr
unsicher sei.  "Wenn Ihnen am Rat eines redlichen Mannes etwas liegt",
habe er hinzugesetzt, "so stehen Sie ab von diesem Gedanken; es
liegt nicht weit von hier eine Schenke; so schlecht und unbequem sie
sein mag, so bernachten Sie lieber daselbst, als da Sie sich in
dieser dunklen Nacht unntig der Gefahr preisgeben." Der Mann, der
ihnen dies geraten, habe sehr ehrlich und rechtlich ausgesehen, und
die Grfin habe in der Angst vor einem Ruberanfall befohlen, an
dieser Schenke stille zu halten.

Der Jger hielt es fr seine Pflicht, die Damen von der Gefahr, worin
sie schwebten, zu unterrichten.  Er ging in das andere Zimmer, und
bald darauf ffnete er die Tre, welche von dem Zimmer der Grfin in
das des Studenten fhrte.  Die Grfin, eine Dame von etwa vierzig
Jahren, trat, vor Schrecken bleich, zu dem Studenten heraus und lie
sich alles noch einmal von ihm wiederholen.  Dann beriet man sich,
was in dieser milichen Lage zu tun sei, und beschlo, so behutsam
als mglich die zwei Bediensteten, den Fuhrmann und die
Handwerksburschen herbeizuholen, um im Fall eines Angriffs wenigstens
gemeinsame Sache machen zu knnen.

Als dieses bald darauf geschehen war, wurde das Zimmer der Grfin
gegen den Hausflur hin verschlossen und mit Kommoden und Sthlen
verrammelt.  Sie setzte sich mit ihrer Kammerfrau aufs Bette, und die
zwei Bediensteten hielten bei ihr Wache.  Die frheren Gste aber und
der Jger setzten sich im Zimmer des Studenten um den Tisch und
beschlossen, die Gefahr zu erwarten.  Es mochte jetzt etwa zehn Uhr
sein, im Hause war alles ruhig und still, und noch machte man keine
Miene, die Gste zu stren.  Da sprach der Zirkelschmied: "Um wach zu
bleiben, wre es wohl das beste, wir machten es wieder wie zuvor; wir
erzhlten nmlich, was wir von allerlei Geschichten wissen, und wenn
der Herr Jger nichts dagegen hat, so knnten wir weiter fortfahren."
Der Jger aber hatte nicht nur nichts dagegen einzuwenden, sondern um
seine Bereitwilligkeit zu zeigen, versprach er, selbst etwas zu
erzhlen.  Er hub an:


Saids Schicksale


"Bei solcher Unterhaltung kme mir kein Schlaf in die Augen, wenn ich
auch zwei, drei und mehrere Nchte wach bleiben mte", sagte der
Zirkelschmied, als der Jger geendigt hatte.  "Und oft schon habe ich
dies bewhrt gefunden.  So war ich in frherer Zeit als Geselle bei
einem Glockengieer.  Der Meister war ein reicher Mann und kein
Geizhals; aber eben darum wunderten wir uns nicht wenig, als wir
einmal eine groe Arbeit hatten, und er, ganz gegen seine Gewohnheit,
so knickerig als mglich erschien.  Es wurde in die neue Kirche eine
Glocke gegossen, und wir Jungen und Gesellen muten die ganze Nacht
am Herd sitzen und das Feuer hten.  Wir glaubten nicht anders, als
der Meister werde sein Mutterfchen anstechen und uns den besten
Wein vorsetzen.  Aber nicht also.  Er lie nur alle Stunden einen
Umtrank tun und fing an, von seiner Wanderschaft, von seinem Leben
allerlei Geschichten zu erzhlen; dann kam es an den Obergesellen,
und so nach der Reihe, und keiner von uns wurde schlfrig, denn
begierig horchten wir alle zu.  Ehe wir uns dessen versahen, war es
Tag.  Da erkannten wir die List des Meisters, da er uns durch Reden
habe wach halten wollen.  Denn als die Glocke fertig war, schonte er
seinen Wein nicht und holte ein, was er weislich in jener Nacht
versumte."

"Das ist ein vernnftiger Mann", erwiderte der Student, "gegen den
Schlaf, das ist gewi, hilft nichts als Reden.  Darum mchte ich
diese Nacht nicht einsam bleiben, weil ich mich gegen elf Uhr hin des
Schlafes nicht erwehren knnte."

"Das haben auch die Bauersleute wohlbedacht", sagte der Jger, "wenn
die Frauen und Mdchen in den langen Winterabenden bei Licht spinnen,
so bleiben sie nicht einsam zu Hause, weil sie da wohl mitten unter
der Arbeit einschliefen, sondern sie kommen zusammen in den
sogenannten Lichtstuben, setzen sich in groer Gesellschaft zur
Arbeit und erzhlen."

"Ja", fiel der Fuhrmann ein, "da geht es oft recht greulich zu, da
man sich ordentlich frchten mchte, denn sie erzhlen von feurigen
Geistern, die auf der Wiese gehen, von Kobolden, die nachts in den
Kammern poltern, und von Gespenstern, die Menschen und Vieh ngstigen."

"Da haben sie nun freilich nicht die beste Unterhaltung", entgegnete
der Student.  "Mir, ich gestehe es, ist nichts so verhat als
Gespenstergeschichten."

"Ei, da denke ich gerade das Gegenteil", rief der Zirkelschmied.
"Mir ist es recht behaglich bei einer rechten Schauergeschichte.  Es
ist gerade wie beim Regenwetter, wenn man unter dem Dach schlft.
Man hrt die Tropfen tick, tack, tick, tack auf die Ziegel
herunterrauschen und fhlt sich recht warm im Trockenen.  So, wenn
man bei Licht und in Gesellschaft von Gespenstern hrt, fhlt man
sich sicher und behaglich."

"Aber nachher?" sagte der Student.  "Wenn einer zugehrt hat, der dem
lcherlichen Glauben an Gespenster ergeben ist, wird er sich nicht
grauen, wenn er allein ist und im Dunkeln?  Wird er nicht an alles
das Schauerliche denken, was er gehrt?  Ich kann mich noch heute
ber diese Gespenstergeschichten rgern, wenn ich an meine Kindheit
denke.  Ich war ein munterer, aufgeweckter Junge und mochte
vielleicht etwas unruhiger sein, als meiner Amme lieb war.  Da wute
sie nun kein anderes Mittel, mich zum Schweigen zu bringen, als sie
machte mich frchten.  Sie erzhlte mir allerlei schauerliche
Geschichten von Hexen und bsen Geistern, die im Hause spuken sollten,
und wenn eine Katze auf dem Boden ihr Wesen trieb, flsterte sie mir
ngstlich zu: "Hrst du, Shnchen?  Jetzt geht er wieder Treppe auf,
Treppe ab, der tote Mann.  Er trgt seinen Kopf unter dem Arm, aber
seine Augen glnzen doch wie Laternen; Krallen hat er statt der
Finger, und wenn er einen im Dunkeln erwischt, dreht er ihm den Hals
um.""

Die Mnner lachten ber diese Geschichten, aber der Student fuhr fort:
"Ich war zu jung, als da ich htte einsehen knnen, dies alles sei
unwahr und erfunden.  Ich frchtete mich nicht vor dem grten
Jagdhund, warf jeden meiner Gespielen in den Sand; aber wenn ich ins
Dunkle kam, drckte ich vor Angst die Augen zu, denn ich glaubte,
jetzt werde der tote Mann heranschleichen.  Es ging soweit, da ich
nicht mehr allein und ohne Licht aus der Tre gehen wollte, wenn es
dunkel war, und wie manchmal hat mich mein Vater nachher gezchtigt,
als er diese Unart bemerkte.  Aber lange Zeit konnte ich diese
kindische Furcht nicht loswerden, und allein meine trichte Amme trug
die Schuld."

"Ja, das ist ein groer Fehler", bemerkte der Jger, "wenn man die
kindlichen Gedanken mit solchem Aberwitz fllt.  Ich kann versichern,
da ich brave, beherzte Mnner gekannt habe, Jger, die sich sonst
vor drei Feinden nicht frchteten wenn sie nachts im Wald auf Wild
lauern sollten oder auf Wilddiebe, da gebrach es ihnen oft pltzlich
an Mut; denn sie sahen einen Baum fr ein schreckliches Gespenst,
einen Busch fr eine Hexe und ein paar Glhwrmer fr die Augen eines
Ungetms an, das im Dunklen auf sie laure."

"Und nicht nur fr Kinder", entgegnete der Student, "halte ich
Unterhaltungen dieser Art fr hchst schdlich und tricht, sondern
auch fr jeden; denn welcher vernnftige Mensch wird sich ber das
Treiben und Wesen von Dingen unterhalten, die eigentlich nur im Hirn
eines Toren wirklich sind.  Dort spukt es, sonst nirgends.  Doch am
allerschdlichsten sind diese Geschichten unter dem Landvolk.  Dort
glaubt man fest und unabweichlich an Torheiten dieser Art, und dieser
Glaube wird in den Spinnstuben und in der Schenke genhrt, wo sie
sich enge zusammensetzen und mit furchtbarer Stimme die
allergreulichsten Geschichten erzhlen."

"Ja, Herr!" erwiderte der Fuhrmann.  "Ihr mget nicht unrecht haben;
schon manches Unglck ist durch solche Geschichten entstanden, ist ja
doch sogar meine eigene Schwester dadurch elendiglich ums Leben
gekommen."

"Wie das?  An solchen Geschichten?" riefen die Mnner erstaunt.

"Jawohl, an solchen Geschichten", sprach jener weiter.  "In dem Dorf,
wo unser Vater wohnte, ist auch die Sitte, da die Frauen und die
Mdchen in den Winterabenden zum Spinnen sich zusammensetzen.  Die
jungen Burschen kommen dann auch und erzhlen mancherlei.  So kam es
eines Abends, da man von Gespenstern und Erscheinungen sprach, und
die jungen Burschen erzhlten von einem alten Krmer, der schon vor
zehn Jahren gestorben sei, aber im Grab keine Ruhe finde.  Jede Nacht
werfe er die Erde von sich ab, steige aus dem Grab, schleiche langsam
und hustend, wie er im Leben getan, nach seinem Laden und wge dort
Zucker und Kaffee ab, indem er vor sich hinmurmle:

"Drei Vierling, drei Vierling um Mitternacht
Haben bei Tag ein Pfund gemacht."

Viele behaupteten, ihn gesehen zu haben, und die Mdchen und Weiber
fingen an, sich zu frchten.  Meine Schwester aber, ein Mdchen von
sechzehn Jahren, wollte klger sein als die andern und sagte: "Das
glaube ich alles nicht; wer einmal tot ist, kommt nicht wieder!" Sie
sagte es, aber leider ohne berzeugung; denn sie hatte sich oft schon
gefrchtet.  Da sagte einer von den jungen Leuten: "Wenn du dies
glaubst, so wirst du dich auch nicht vor ihm frchten; sein Grab ist
nur zwei Schritte von Kthchens, die letzthin gestorben.  Wage es
einmal, gehe hin auf den Kirchhof, brich von Kthchens Grab eine
Blume und bringe sie uns, so wollen wir glauben, da du dich vor dem
Krmer nicht frchtest!"

Meine Schwester schmte sich, von den andern verlacht zu werden,
darum sagte sie, "oh! das ist mir ein leichtes; was wollt ihr denn
fr eine Blume?"

"Es blht im ganzen Dorf keine weie Rose als dort; darum bring' uns
einen Strau von diesen", antwortete eine ihrer Freundinnen.  Sie
stand auf und ging, und alle Mnner lobten ihren Mut; aber die Frauen
schttelten den Kopf und sagten: "Wenn es nur gut abluft!" Meine
Schwester ging dem Kirchhof zu; der Mond schien hell, und sie fing an
zu schaudern, als es zwlf Uhr schlug und sie die Kirchhofpforte
ffnete.

Sie stieg ber manchen Grabhgel weg, den sie kannte, und ihr Herz
wurde bange und immer banger, je nher sie zu Kthchens weien Rosen
und zum Grab des gespenstigen Krmers kam.

Jetzt war sie da, zitternd kniete sie nieder und knickte die Blumen
ab.  Da glaubte sie ganz in der Nhe ein Gerusch zu vernehmen; sie
sah sich um; zwei Schritte von ihr flog die Erde von einem Grabe
hinweg, und langsam richtete sich eine Gestalt daraus empor.  Es war
ein alter, bleicher Mann mit einer weien Schlafmtze auf dem Kopf.
Meine Schwester erschrak; sie schaute noch einmal hin, um sich zu
berzeugen, ob sie recht gesehen; als aber der im Grabe mit nselnder
Stimme anfing zu sprechen: "Guten Abend, Jungfer; woher so spt?" da
erfate sie ein Grauen des Todes; sie raffte sich auf, sprang ber
die Grber hin nach jenem Hause, erzhlte beinahe atemlos, was sie
gesehen, und wurde so schwach, da man sie nach Hause tragen mute.
Was ntzte es uns, da wir am andern Tage erfuhren, da es der
Totengrber gewesen sei, der dort ein Grab gemacht und zu meiner
armen Schwester gesprochen habe?  Sie verfiel, noch ehe sie dies
erfahren konnte, in ein hitziges Fieber, an welchem sie nach drei
Tagen starb.  Die Rosen zu ihrem Totenkranz hatte sie sich selbst
gebrochen."

Der Fuhrmann schwieg, und eine Trne hing in seinen Augen, die andern
aber sahen teilnehmend auf ihn.

"So hat das arme Kind auch an diesem Khlerglauben sterben mssen",
sagte der junge Goldarbeiter, "mir fllt da eine Sage bei, die ich
euch wohl erzhlen mchte und die leider mit einem solchen Trauerfall
zusammenhngt":


Die Hhle von Steenfoll


"Mitternacht ist lngst vorber", sagte der Student, als der junge
Goldarbeiter seine Erzhlung geendigt hatte, "jetzt hat es wohl keine
Gefahr mehr, und ich fr meinen Teil bin so schlfrig, da ich allen
raten mchte, niederzuliegen und getrost einzuschlafen."

"Vor zwei Uhr morgens mcht' ich doch nicht trauen", entgegnete der
Jger, "das Sprichwort sagt, von elf bis zwei Uhr ist Diebes Zeit."

"Das glaube ich auch", bemerkte der Zirkelschmied, "denn wenn man uns
etwas anhaben will, ist wohl keine Zeit gelegener als die nach
Mitternacht.  Darum meine ich, der Studiosus knnte an seiner
Erzhlung fortfahren, die er noch nicht ganz vollendet hat."

"Ich strube mich nicht", sagte dieser, "obgleich unser Nachbar, der
Herr Jger, den Anfang nicht gehrt hat."

"Ich mu ihn mir hinzudenken, fanget nur an!" rief der Jger.

"Nun denn", wollte eben der Student beginnen, als sie durch das
Anschlagen eines Hundes unterbrochen wurden.  Alle hielten den Atem
an und horchten; zugleich strzte einer der Bediensteten aus dem
Zimmer der Grfin und rief, da wohl zehn bis zwlf bewaffnete Mnner
von der Seite her auf die Schenke zukmen.

Der Jger griff nach seiner Bchse, der Student nach seiner Pistole,
die Handwerksburschen nach ihren Stcken, und der Fuhrmann zog ein
langes Messer aus der Tasche.  So standen sie und sahen ratlos
einander an.

"Lat uns an die Treppe gehen!" rief der Student, "zwei oder drei
dieser Schurken sollen doch zuvor ihren Tod finden, ehe wir
berwltigt werden." Zugleich gab er dem Zirkelschmied seine zweite
Pistole und riet, da sie nur einer nach dem anderen schieen wollten.
Sie stellten sich an die Treppe; der Student und der Jger nahmen
gerade ihre ganze Breite ein; seitwrts neben dem Jger stand der
mutige Zirkelschmied und beugte sich ber das Gelnder, indem er die
Mndung seiner Pistole auf die Mitte der Treppe hielt: Der
Goldarbeiter und der Fuhrmann standen hinter ihnen, bereit, wenn es
zu einem Kampf Mann gegen Mann kommen sollte, das ihrige zu tun.  So
standen sie einige Minuten in stiller Erwartung: Endlich hrte man
die Haustre aufgehen, sie glaubten auch das Flstern mehrerer
Stimmen zu vernehmen.

Jetzt hrte man Tritte vieler Menschen der Treppe nahen; man kam die
Treppe herauf, und auf der ersten Hlfte zeigten sich drei Mnner,
die wohl nicht auf den Empfang gefat waren, der ihnen bereitet war.
Denn als sie sich um die Pfeiler der Treppe wandten, schrie der Jger
mit starker Stimme: "Halt!  Noch einen Schritt weiter, und ihr seid
des Todes.  Spannet die Hahnen, Freunde, und gut gezielt!"

Die Ruber erschraken, zogen sich eilig zurck und berieten sich mit
den brigen.  Nach einer Weile kam einer davon zurck und sprach:
"Ihr Herren!  Es wre Torheit von euch, umsonst euer Leben aufopfern
zu wollen, denn wir sind unserer genug, um euch vllig aufzureiben;
aber ziehet euch zurck, es soll keinem das Geringste zuleide
geschehen; wir wollen keines Groschen Wert von euch nehmen."

"Was wollt ihr denn sonst?" rief der Student.  "Meint ihr, wir werden
solchem Gesindel trauen?  Nimmermehr!  Wollt ihr etwas holen, in
Gottes Namen, so kommet, aber den ersten, der sich um die Ecke wagt,
brenne ich auf die Stirne, da er auf ewig keine Kopfschmerzen mehr
haben soll!"

"Gebt uns die Dame heraus, gutwillig!" antwortete der Ruber.  "Es
soll ihr nichts geschehen; wir wollen sie an einen sicheren und
bequemen Ort fhren, ihre Leute knnen zurckreiten und den Herrn
Grafen bitten, er mge sie mit zwanzigtausend Gulden auslsen."

"Solche Vorschlge sollen wir uns machen lassen?" entgegnete der
Jger, knirschend vor Wut, und spannte den Hahn.  "Ich zhle drei,
und wenn du da unten nicht bei drei hinweg bist, so drcke ich los,
eins, zwei--"

"Halt!" schrie der Ruber mit donnernder Stimme.  "Ist das Sitte, auf
einen wehrlosen Mann zu schieen, der mit euch friedlich
unterhandelt?  Trichter Bursche, du kannst mich totschieen, und
dann hast du erst keine groe Heldentat getan; aber hier stehen
zwanzig meiner Kameraden, die mich rchen werden.  Was ntzt es dann
deiner Frau Grfin, wenn ihr tot oder verstmmelt auf dem Flur
lieget?  Glaube mir, wenn sie freiwillig mitgeht, soll sie mit
Achtung behandelt werden; aber wenn du, bis ich drei zhle, nicht den
Hahnen in Ruhe setzest, so soll es ihr bel ergehen.  Hahnen in Ruh',
eins, zwei, drei!" "Mit diesen Hunden ist nicht zu spaen", flsterte
der Jger, indem er den Befehl des Rubers befolgte, "wahrhaftig, an
meinem Leben liegt nichts; aber wenn ich einen niederschiee, knnten
sie meine Dame um so hrter behandeln.  Ich will die Grfin um Rat
fragen.  Gebt uns", fuhr er mit lauter Stimme fort, "gebt uns eine
halbe Stunde Waffenstillstand, um die Grfin vorzubereiten; sie wrde,
wenn sie es so pltzlich erfhrt, den Tod davon haben."

"Zugestanden", antwortete der Ruber und lie zugleich den Ausgang
der Treppe mit sechs Mnnern besetzen.

Bestrzt und verwirrt folgten die unglcklichen Reisenden dem Jger
in das Zimmer der Grfin; es lag dieses so nahe, und so laut hatte
man verhandelt, da ihr kein Wort entgangen war.  Sie war bleich und
zitterte heftig; aber dennoch schien sie fest entschlossen, sich in
ihr Schicksal zu ergeben.  "Warum soll ich nutzlos das Leben so
vieler braver Leute aufs Spiel setzen?" fragte sie.  "Warum euch zu
einer vergeblichen Verteidigung auffordern, euch, die ihr mich gar
nicht kennet?  Nein, ich sehe, da keine andere Rettung ist, als den
Elenden zu folgen."

Man war allgemein von dem Mut und dem Unglck der Dame ergriffen; der
Jger weinte und schwur, da er diese Schmach nicht berleben knne.
Der Student aber schmhte auf sich und seine Gre von sechs Fu.
"Wre ich nur um einen halben Kopf kleiner", rief er, "und htte ich
keinen Bart, so wte ich wohl, was ich zu tun htte; ich liee mir
von der Frau Grfin Kleider geben, und diese Elenden sollten spt
genug erfahren, welchen Migriff sie getan."

Auch auf Felix hatte das Unglck dieser Frau groen Eindruck gemacht.
Ihr ganzes Wesen kam ihm so rhrend und bekannt vor; es war ihm, als
sei es seine frhe verstorbene Mutter, die sich in dieser
schrecklichen Lage befnde.  Er fhlte sich so gehoben, so mutig, da
er gerne sein Leben fr das ihrige gegeben htte.  Doch als der
Student jene Worte sprach, da blitzte auf einmal ein Gedanke in
seiner Seele auf; er verga alle Angst, alle Rcksichten, und er
dachte nur an die Rettung dieser Frau.  "Ist es nur dies", sprach er,
indem er schchtern und errtend hervortrat, "gehrt nur ein kleiner
Krper, ein bartloses Kinn und ein mutiges Herz dazu, die gndige
Frau zu retten, so bin ich vielleicht auch nicht zu schlecht dazu;
ziehet in Gottes Namen meinen Rock an, setzet meinen Hut auf Euer
schnes Haar und nehmet mein Bndel auf den Rcken und ziehet als
Felix, der Goldarbeiter, Eure Strae!"

Alle waren erstaunt ber den Mut des Jnglings, der Jger aber fiel
ihm freudig um den Hals.  "Goldjunge", rief er, "das wolltest du tun?
Wolltest dich in meiner gndigen Frau Kleider stecken lassen und sie
retten?  Das hat dir Gott eingegeben; aber allein sollst du nicht
gehen, ich will mich mit gefangen geben, will bei dir bleiben an
deiner Seite als dein bester Freund, und solange ich lebe, sollen sie
dir nichts anhaben drfen."

"Auch ich ziehe mit dir, so wahr ich lebe!" rief der Student.

Es kostete lange berredung, um die Grfin zu diesem Vorschlag zu
berreden.  Sie konnte den Gedanken nicht ertragen, da ein fremder
Mensch fr sie sich aufopfern sollte; sie dachte sich im Falle einer
spteren Entdeckung die Rache der Ruber, die ganz auf den
Unglcklichen fallen wrde, schrecklich.  Aber endlich siegten teils
die Bitten des jungen Menschen, teils die berzeugung, im Falle sie
gerettet wrde, alles aufbieten zu knnen, um ihren Retter wieder zu
befreien.  Sie willigte ein.  Der Jger und die brigen Reisenden
begleiteten Felix in das Zimmer des Studenten, wo er sich schnell
einige Kleider der Grfin berwarf.  Der Jger setzte ihm noch zum
berflu einige falsche Haarlocken der Kammerfrau und einen Damenhut
auf, und alle versicherten, da man ihn nicht erkennen wrde.  Selbst
der Zirkelschmied schwur, da, wenn er ihm auf der Strae begegnete,
er flink den Hut abziehen und nicht ahnen wrde, da er vor seinem
mutigen Kameraden sein Kompliment mache.

Die Grfin hatte sich indessen mit Hilfe ihrer Kammerfrau aus dem
Rnzchen des jungen Goldarbeiters mit Kleidern versehen.  Der Hut,
tief in die Stirne gedrckt, der Reisestock in der Hand, das etwas
leichter gewordene Bndel auf dem Rcken machten sie vllig
unkenntlich, und die Reisenden wrden,zu jeder anderen Zeit ber
diese komische Maskerade nicht wenig gelacht haben.  Der neue
Handwerksbursche dankte Felix mit Trnen und versprach die
schleunigste Hilfe.

"Nur noch eine Bitte habe ich", antwortete Felix, "in diesem Rnzchen,
das Sie auf dem Rcken tragen, befindet sich eine kleine Schachtel;
verwahren Sie diese sorgfltig!  Wenn sie verlorenginge, wre ich auf
immer und ewig unglcklich; ich mu sie meiner Pflegmutter bringen
und--"

"Gottfried, der Jger, wei mein Schlo", entgegnete sie, "es soll
Euch alles unbeschdigt wieder zurckgestellt werden; denn ich hoffe,
Ihr kommet dann selbst, edler junger Mann, um den Dank meines Gatten
und den meinigen zu empfangen."

Ehe noch Felix darauf antworten konnte, ertnten von der Treppe her
die rauhen Stimmen der Ruber; sie riefen, die Frist sei verflossen
und alles zur Abfahrt der Grfin bereit.  Der Jger ging zu ihnen
hinab und erklrte ihnen, da er die Dame nicht verlassen werde und
lieber mit ihnen gehe, wohin es auch sei, ehe er ohne seine
Gebieterin vor seinem Herrn erschiene.  Auch der Student erklrte,
diese Dame begleiten zu wollen.  Sie beratschlagten sich ber diesen
Fall und gestanden es endlich zu unter der Bedingung, da der Jger
sogleich seine Waffen abgebe.  Zugleich befahlen sie, da die brigen
Reisenden sich ruhig verhalten sollten, wenn die Grfin hinweggefhrt
werde Felix lie den Schleier nieder, der ber seinen Hut gebreitet
war, setzte sich in eine Ecke, die Stirne in die Hand gesttzt, und
in dieser Stellung eines tief Betrbten erwartete er die Ruber.  Die
Reisenden hatten sich in das andere Zimmer zurckgezogen, doch so,
da sie, was vorging, berschauen konnten; der Jger sa anscheinend
traurig, aber auf alles lauernd in der anderen Ecke des Zimmers, das
die Grfin bewohnt hatte.  Nachdem sie einige Minuten so gesessen,
ging die Tre auf, und ein schner, stattlich gekleideter Mann von
etwa sechsunddreiig Jahren trat in das Zimmer.  Er trug eine Art von
militrischer Uniform, einen Orden auf der Brust, einen langen Sbel
an der Seite, und in der Hand hielt er einen Hut, von welchem schne
Federn herabwallten.  Zwei seiner Leute hatten gleich nach seinem
Eintritt die Tre besetzt.

Er ging mit einer tiefen Verbeugung auf Felix zu; er schien vor einer
Dame dieses Ranges etwas in Verlegenheit zu sein, er setzte mehrere
Male an, bis es ihm gelang, geordnet zu sprechen.

"Gndige Frau", sagte er, "es gibt Flle, in die man sich in Geduld
schicken mu.  Ein solcher ist der Ihrige.  Glauben Sie nicht, da
ich den Respekt vor einer so ausgezeichneten Dame auch nur auf einen
Augenblick aus den Augen setzen werde; Sie werden alle
Bequemlichkeiten haben, Sie werden ber nichts klagen knnen als
vielleicht ber den Schrecken, den Sie diesen Abend gehabt." Hier
hielt er inne, als erwartete er eine Antwort; als aber Felix
beharrlich schwieg, fuhr er fort: "Sehen Sie in mir keinen gemeinen
Dieb, keinen Kehlenabschneider.  Ich bin ein unglcklicher Mann, den
widrige Verhltnisse zu diesem Leben zwangen.  Wir wollen uns auf
immer aus dieser Gegend entfernen; aber wir brauchen Reisegeld.  Es
wre uns ein leichtes gewesen, Kaufleute oder Postwagen zu berfallen;
aber dann htten wir vielleicht mehrere Leute auf immer ins Unglck
gestrzt.  Der Herr Graf, Ihr Gemahl, hat vor sechs Wochen eine
Erbschaft von fnfmalhunderttausend Talern gemacht.  Wir erbitten uns
zwanzigtausend Gulden von diesem berflu, gewi eine gerechte und
bescheidene Forderung.  Sie werden daher die Gnade haben, jetzt
sogleich einen offenen Brief an Ihren Gemahl zu schreiben, worin Sie
ihm melden, da wir Sie zurckgehalten, da er die Zahlung so bald
als mglich leisten mge, widrigenfalls--Sie verstehen mich, wir
mten dann etwas hrter mit Ihnen selbst verfahren.  Die Zahlung
wird nicht angenommen, wenn sie nicht unter dem Siegel der strengsten
Verschwiegenheit von einem einzelnen Manne hierhergebracht wird."

Diese Szene wurde mit der gespanntesten Aufmerksamkeit von allen
Gsten der Waldschenke, am ngstlichsten wohl von der Grfin
beobachtet.  Sie glaubte jeden Augenblick, der Jngling, der sich fr
sie geopfert, knnte sich verraten.  Sie war fest entschlossen, ihn
um einen groen Preis loszukaufen; aber ebenso fest stand ihr Gedanke,
um keinen Preis der Welt auch nur einen Schritt weit mit den Rubern
zu gehen.  Sie hatte in der Rocktasche des Goldarbeiters ein Messer
gefunden.  Sie hielt es geffnet krampfhaft in der Hand, bereit, sich
lieber zu tten als eine solche Schmach zu erdulden.  Jedoch nicht
minder ngstlich war Felix selbst.  Zwar strkte und trstete ihn der
Gedanke, da es eine mnnliche und wrdige Tat sei, einer bedrngten,
hilflosen Frau auf diese Weise beizustehen; aber er frchtete, sich
durch jede Bewegung, durch seine Stimme zu verraten.  Seine Angst
steigerte sich, als der Ruber von einem Briefe sprach, den er
schreiben sollte.

Wie sollte er schreiben?  Welche Titel dem Grafen geben, welche Form
dem Briefe, ohne sich zu verraten?

Seine Angst stieg aber aufs hchste, als der Anfhrer der Ruber
Papier und Feder vor ihn hinlegte, ihn bat, den Schleier
zurckzuschlagen und zu schreiben.

Felix wute nicht, wie hbsch ihm die Tracht pate, in welche er
gekleidet war; htte er es gewut, er wrde sich vor einer Entdeckung
nicht im mindesten gefrchtet haben.  Denn als er endlich
notgedrungen den Schleier zurckschlug, schien der Herr in Uniform,
betroffen von der Schnheit der Dame und ihren etwas mnnlichen,
mutigen Zgen, sie nur noch ehrfurchtsvoller zu betrachten.  Dem
klaren Blick des jungen Goldschmieds entging dies nicht; getrost, da
wenigstens in diesem gefhrlichen Augenblick keine Entdeckung zu
frchten sei, ergriff er die Feder und schrieb an seinen
vermeintlichen Gemahl nach einer Form, wie er sie einst in einem
alten Buche gelesen; er schrieb:

"Mein Herr und Gemahl!

Ich unglckliche Frau bin auf meiner Reise mitten in der Nacht
pltzlich angehalten worden, und zwar von Leuten, welchen ich keine
gute Absicht zutrauen kann.  Sie werden mich solange zurckhalten,
bis Sie, Herr Graf, die Summe von 20 000 Gulden fr mich niedergelegt
haben.

Die Bedingung ist dabei, da Sie nicht im mindesten ber die Sache
sich bei der Obrigkeit beschweren noch ihre Hilfe nachsuchen, da Sie
das Geld durch einen einzelnen Mann in die Waldschenke im Spessart
schicken; widrigenfalls ist mir mit lngerer und harter
Gefangenschaft gedroht.

Es fleht Sie um schleunige Hilfe an


Ihre unglckliche Gemahlin."


Er reichte den merkwrdigen Brief dem Anfhrer der Ruber, der ihn
durchlas und billigte.  "Es kommt nun ganz auf Ihre Bestimmung an",
fuhr er fort, "ob Sie Ihre Kammerfrau oder Ihren Jger zur Begleitung
whlen werden.  Die eine dieser Personen werde ich mit dem Briefe an
Ihren Herrn Gemahl zurckschicken."

"Der Jger 'und dieser Herr hier werden mich begleiten", antwortete
Felix.

"Gut", entgegnete jener, indem er an die Tre ging und die Kammerfrau
herbeirief, "so unterrichten Sie diese Frau, was sie zu tun habe!"

Die Kammerfrau erschien mit Zittern und Beben.  Auch Felix erblate,
wenn er bedachte, wie leicht er sich auch jetzt wieder verraten
knnte.  Doch ein unbegreiflicher Mut, der ihn in jenen gefhrlichen
Augenblicken strkte, gab ihm auch jetzt wieder seine Reden ein.
"Ich habe dir nichts weiter aufzutragen", sprach er, "als da du den
Grafen bittest, mich sobald als mglich aus dieser unglcklichen Lage
zu reien."

"Und", fuhr der Ruber fort, "da Sie dem Herrn Grafen aufs genaueste
und ausdrcklichste empfehlen, da er alles verschweige und nichts
gegen uns unternehme, bis seine Gemahlin in seinen Hnden ist.
Unsere Kundschafter wrden uns bald genug davon unterrichten, und ich
mchte dann fr nichts stehen."

Die zitternde Kammerfrau versprach alles.  Es wurde ihr noch befohlen,
einige Kleidungsstcke und Linnenzeug fr die Frau Grfin in ein
Bndel zu packen, weil man sich nicht mit vielem Gepcke beladen
knne, und als dies geschehen war, forderte der Anfhrer der Ruber
die Dame mit einer Verbeugung auf, ihm zu folgen.  Felix stand auf,
der Jger und der Student folgten ihm, und alle drei stiegen,
begleitet von dem Anfhrer der Ruber, die Treppe hinab.

Vor der Waldschenke standen viele Pferde; eines wurde dem Jger
angewiesen, ein anderes, ein schnes kleines Tier, mit einem
Damensattel versehen, stand fr die Grfin bereit, ein drittes gab
man dem Studenten.  Der Hauptmann hob den jungen Goldschmied in den
Sattel, schnallte ihn fest und bestieg dann selbst sein Ro.  Er
stellte sich zur Rechten der Dame auf, zur Linken hielt einer der
Ruber; auf gleiche Weise waren auch der Jger und der Student
umgeben.  Nachdem sich auch die brige Bande zu Pferde gesetzt hatte,
gab der Anfhrer mit einer helltnenden Pfeife das Zeichen zum
Aufbruch, und bald war die ganze Schar im Walde verschwunden.

Die Gesellschaft, die im oberen Zimmer versammelt war, erholte sich
nach diesem Auftritt allmhlich von ihrem Schrecken.  Sie wren, wie
es nach groem Unglck oder pltzlicher Gefahr zu geschehen pflegt,
vielleicht sogar heiter gewesen, htte sie nicht der Gedanke an ihre
drei Gefhrten beschftigt, die man vor ihren Augen hinweggefhrt
hatte.  Sie brachen in Bewunderung des jungen Goldschmieds aus, und
die Grfin vergo Trnen der Rhrung, wenn sie bedachte, da sie
einem Menschen so unendlich viel zu verdanken habe, dem sie nie zuvor
Gutes getan, den sie nicht einmal kannte.  Ein Trost war es fr alle,
da der heldenmtige Jger und der wackere Student ihn begleitet
hatten, konnten sie ihn doch trsten, wenn sich der junge Mann
unglcklich fhlte, ja, der Gedanke lag nicht gar zu ferne, da der
verschlagene Waidmann vielleicht Mittel zu ihrer Flucht finden knnte.
Sie berieten sich noch miteinander, was zu tun sei.  Die Grfin
beschlo, da ja sie kein Schwur gegen den Ruber binde, sogleich zu
ihrem Gemahl zurckzureisen und alles aufzubieten, den Aufenthalt der
Gefangenen zu entdecken, sie zu befreien; der Fuhrmann versprach,
nach Aschaffenburg zu reiten und die Gerichte zur Verfolgung der
Ruber anzurufen.  Der Zirkelschmied aber wollte seine Reise
fortsetzen.

Die Reisenden wurden in der Nacht nicht mehr beunruhigt; Totenstille
herrschte in der Waldschenke, die noch vor kurzem der Schauplatz so
schrecklicher Szenen gewesen war.  Als aber am Morgen die
Bediensteten der Grfin zu der Wirtin hinabgingen, um alles zur
Abfahrt fertig zu machen, kehrten sie schnell zurck und berichteten,
da sie die Wirtin und ihr Gesinde in elendem Zustande gefunden
htten; sie lgen gebunden in der Schenke und flehten um Beistand.

Die Reisenden sahen sich bei dieser Nachricht erstaunt an.  "Wie?"
rief der Zirkelschmied, "so sollten diese Leute dennoch unschuldig
sein?  So htten wir ihnen unrecht getan, und sie stnden nicht im
Einverstndnis mit den Rubern?"

"Ich lasse mich aufhngen statt ihrer", erwiderte der Fuhrmann, "wenn
wir nicht dennoch recht hatten.  Dies alles ist nur Betrug, um nicht
berwiesen werden zu knnen.  Erinnert ihr euch nicht der
verdchtigen Mienen dieser Wirtschaft?  Erinnert ihr euch nicht, als
ich hinabgehen wollte, wie mich der abgerichtete Hund nicht loslie,
wie die Wirtin und der Hausknecht sogleich erschienen und mrrisch
fragten, was ich denn noch zu tun htte?  Doch sie sind unser,
wenigstens der Frau Grfin Glck.  Htte es in der Schenke weniger
verdchtig ausgesehen, htte uns die Wirtin nicht so mitrauisch
gemacht, wir wren nicht zusammengestanden, wren nicht wach
geblieben.  Die Ruber htten uns berfallen im Schlafe, htten zum
wenigsten unsere Tre bewacht, und diese Verwechslung des braven
jungen Burschen wre nimmer mglich geworden."

Sie stimmten mit der Meinung des Fuhrmanns alle berein und
beschlossen, auch die Wirtin und ihr Gesinde bei der Obrigkeit
anzugeben.  Doch um sie desto sicherer zu machen, wollten sie sich
jetzt nichts merken lassen.  Die Bediensteten und der Fuhrmann gingen
daher hinab in das Schenkzimmer, lsten die Bande der Diebeshehler
auf und bezeugten sich so mitleidig und bedauernd als mglich.  Um
ihre Gste noch mehr zu vershnen, machte die Wirtin nur eine kleine
Rechnung fr jeden und lud sie ein, recht bald wiederzukommen.

Der Fuhrmann zahlte seine Zeche, nahm von seinen Leidensgenossen
Abschied und fuhr seine Strae.  Nach diesem machten sich die beiden
Handwerksburschen auf den Weg. So leicht das Bndel des Goldschmieds
war, so drckte es doch die zarte Dame nicht wenig.  Aber noch viel
schwerer wurde ihr ums Herz, als unter der Haustre die Wirtin ihre
verbrecherische Hand hinstreckte, um Abschied zu nehmen.  "Ei, was
seid Ihr doch ein junges Blut", rief sie beim Abschied des zarten
Jungen, "noch so jung und schon in die Welt hinaus!  Ihr seid gewi
ein verdorbenes Krutlein, das der Meister aus der Werkstatt jagte.
Nun, was geht es mich an, schenket mir die Ehre bei der Heimkehr,
glckliche Reise!"

Die Grfin wagte vor Angst und Beben nicht zu antworten, sie
frchtete, sich durch ihre zarte Stimme zu verraten.  Der
Zirkelschmied merkte es, nahm seinen Gefhrten unter den Arm, sagte
der Wirtin ade und stimmte ein lustiges Lied an, whrend er dem Walde
zuschnitt.

"Jetzt erst bin ich in Sicherheit!" rief die Grfin, als sie etwa
hundert Schritte entfernt waren.  "Noch immer glaubte ich, die Frau
werde mich erkennen und durch ihre Knechte festnehmen.  Oh, wie will
ich euch allen danken!  Kommet auch Ihr auf mein Schlo, Ihr mt
doch Euern Reisegenossen bei mir wieder abholen."

Der Zirkelschmied sagte zu, und whrend sie noch sprachen, kam der
Wagen der Grfin ihnen nachgefahren; schnell wurde die Tre geffnet,
die Dame schlpfte hinein, grte den jungen Handwerksburschen noch
einmal, und der Wagen fuhr weiter.

Um dieselbe Zeit hatten die Ruber und ihre Gefangenen den Lagerplatz
der Bande erreicht.  Sie waren durch eine ungebahnte Waldstrae im
schnellsten Trab weggeritten; mit ihren Gefangenen wechselten sie
kein Wort, auch unter sich flsterten sie nur zuweilen, wenn die
Richtung des Weges sich vernderte.

Vor einer tiefen Waldschlucht machte man endlich halt.  Die Ruber
saen ab, und ihr Anfhrer hob den Goldarbeiter vom Pferd, indem er
sich fr den harten und eiligen Ritt entschuldigte und fragte, ob
doch die gndige Frau nicht gar zu sehr angegriffen sei.

Felix antwortete ihm so zierlich als mglich, da er sich nach Ruhe
sehne, und der Hauptmann bot ihm den Arm, ihn in die Schlucht zu
fuhren.

Es ging einen steilen Abhang hinab; der Fupfad, welcher
hinunterfhrte, war so schmal und abschssig, da der Anfhrer oft
seine Dame untersttzen mute, um sie vor der Gefahr, hinabzustrzen,
zu bewahren.  Endlich langte man unten an.  Felix sah vor sich beim
matten Schein des anbrechenden Morgens ein enges, kleines Tal von
hchstens hundert Schritten im Umfang, das tief in einem Kessel hoch
hinanstrebender Felsen lag.  Etwa sechs bis acht kleine Htten waren
in dieser Schlucht aus Brettern und abgehauenen Bumen aufgebaut.
Einige schmutzige Weiber schauten neugierig aus diesen Hhlen hervor,
und ein Rudel von zwlf groen Hunden und ihren unzhligen Jungen
umsprang heulend und bellend die Ankommenden.  Der Hauptmann fhrte
die vermeintliche Grfin in die beste dieser Htten und sagte ihr,
diese sei ausschlielich zu ihrem Gebrauch bestimmt; auch erlaubte er
auf Felix' Verlangen, da der Jger und der Student zu ihm gelassen
wurden.

Die Htte war mit Rehfellen und Matten ausgelegt, die zugleich zum
Fuboden und Sitze dienen muten.  Einige Krge und Schsseln, aus
Holz geschnitzt, eine alte Jagdflinte und in der hintersten Ecke ein
Lager, aus ein paar Brettern gezimmert und mit wollenen Decken
bekleidet, welchem man den Namen eines Bettes nicht geben konnte,
waren die einzigen Gerte dieses grflichen Palastes.  Jetzt erst,
allein gelassen in dieser elenden Htte, hatten die drei Gefangenen
Zeit, ber ihre sonderbare Lage nachzudenken.  Felix, der zwar seine
edelmtige Handlung keinen Augenblick bereute, aber doch fr seine
Zukunft im Falle einer Entdeckung bange war, wollte sich in lauten
Klagen Luft machen; der Jger aber rckte ihm schnell nher und
flsterte ihm zu: "Sei um Gottes willen stille, lieber Junge; glaubst
du denn nicht, da man uns behorcht?"

"Aus jedem Wort, aus dem Ton deiner Sprache knnten sie Verdacht
schpfen", setzte der Student hinzu.  Dem armen Felix blieb nichts
brig, als stille zu weinen.

"Glaubt mir, Herr Jger", sagte er, "ich weine nicht aus Angst vor
diesen Rubern oder aus Furcht vor dieser elenden Htte; nein, es ist
ein ganz anderer Kummer, der mich drckt.  Wie leicht kann die Grfin
vergessen, was ich ihr schnell noch sagte, und dann hlt man mich fr
einen Dieb, und ich bin elend auf immer!"

"Aber was ist es denn, was dich so ngstigt?" fragte der Jger,
verwundert ber das Benehmen des jungen Menschen, der sich bisher so
mutig und stark betragen hatte.

"Hret zu, und ihr werdet mir recht geben", antwortete Felix.  "Mein
Vater war ein geschickter Goldarbeiter in Nrnberg, und meine Mutter
hatte frher bei einer vornehmen Frau gedient als Kammerfrau, und als
sie meinen Vater heiratete, wurde sie von der Grfin, welcher sie
gedient hatte, trefflich ausgestattet.  Diese blieb meinen Eltern
immer gewogen, und als ich auf die Welt kam, wurde sie meine Pate und
beschenkte mich reichlich.  Aber als meine Eltern bald nacheinander
an einer Seuche starben und ich ganz allein und verlassen in der Welt
stand und ins Waisenhaus gebracht werden sollte, da vernahm die Frau
Pate unser Unglck, nahm sich meiner an und gab mich in ein
Erziehungshaus; und als ich alt genug war, schrieb sie mir, ob ich
nicht des Vaters Gewerbe lernen wollte.  Ich war froh darber und
sagte zu, und so gab sie mich meinem Meister in Wrzburg in die Lehre.
Ich hatte Geschick zur Arbeit und brachte es bald so weit, da mir
der Lehrbrief ausgestellt wurde und ich auf die Wanderschaft mich
rsten konnte.  Dies schrieb ich der Frau Pate, und flugs antwortete
sie, da sie das Geld zur Wanderschaft gebe.  Dabei schickte sie
prachtvolle Steine mit und verlangte, ich solle sie fassen zu einem
schnen Geschmeide, ich solle dann solches als Probe meiner
Geschicklichkeit selbst berbringen und das Reisegeld in Empfang
nehmen.  Meine Frau Pate habe ich in meinem Leben nicht gesehen, und
ihr knnet denken, wie ich mich auf sie freute.  Tag und Nacht
arbeitete ich an dem Schmuck, er wurde so schn und zierlich, da
selbst der Meister darber erstaunte.  Als es fertig war, packte ich
alles sorgfltig auf den Boden meines Rnzels, nahm Abschied vom
Meister und wanderte meine Strae nach dem Schlosse der Frau Pate.
Da kamen", fuhr er in Trnen ausbrechend fort, "diese schndlichen
Menschen und zerstrten all meine Hoffnung.  Denn wenn Eure Frau
Grfin den Schmuck verliert oder vergit, was ich ihr sagte, und das
schlechte Rnzchen wegwirft, wie soll ich dann vor meine gndige Frau
Pate treten?  Mit was soll ich mich ausweisen?  Woher die Steine
ersetzen?  Und das Reisegeld ist dann auch verloren, und ich
erscheine als ein undankbarer Mensch, der anvertrautes Gut so
leichtfertig weggegeben.  Und am Ende--wird man mir glauben, wenn ich
den wunderbaren Vorfall erzhle?"

"ber das letztere seid getrost!" erwiderte der Jger.  "Ich glaube
nicht, da bei der Grfin Euer Schmuck verlorengehen kann; und wenn
auch, so wird sie sicherlich ihn ihrem Retter wieder erstatten und
ein Zeugnis ber diese Vorflle ausstellen.  Wir verlassen Euch jetzt
auf einige Stunden; denn wahrhaftig, wir brauchen Schlaf, und nach
den Anstrengungen dieser Nacht werdet Ihr ihn auch ntig haben.
Nachher lat uns im Gesprch unser Unglck auf Augenblicke vergessen
oder, besser noch, auf unsere Flucht denken!"

Sie gingen; Felix blieb allein zurck und versuchte, dem Rat des
Jgers zu folgen.

Als nach einigen Stunden der Jger mit dem Studenten zurckkam, fand
er seinen jungen Freund gestrkter und munterer als zuvor.  Er
erzhlte dem Goldschmied, da ihm der Hauptmann alle Sorgfalt fr die
Dame empfohlen habe, und in wenigen Minuten werde eines der Weiber,
die sie unter den Htten gesehen hatten, der gndigen Grfin Kaffee
bringen und ihre Dienste zur Aufwartung anbieten.  Sie beschlossen,
um ungestrt zu sein, diese Geflligkeit nicht anzunehmen, und als
das alte, hliche Zigeunerweib kam, das Frhstck versetzte und mit
grinsender Freundlichkeit fragte, ob sie nicht sonst noch zu Diensten
sein knnte, winkte ihr Felix zu gehen, und als sie noch zauderte,
scheuchte sie der Jger aus der Htte.  Der Student erzhlte dann
weiter, was sie sonst noch von dem Lager der Ruber gesehen.  "Die
Htte, die Ihr bewohnt, schnste Frau Grfin", sprach er, "scheint
ursprnglich fr den Hauptmann bestimmt.  Sie ist nicht so gerumig,
aber schner als die brigen.  Auer dieser sind noch sechs andere da,
in welchen die Weiber und Kinder wohnen; denn von den Rubern sind
selten mehr als sechs zu Hause.  Einer steht nicht weit von dieser
Htte Wache, der andere unten am Weg in der Hhe, und ein dritter hat
den Lauerposten oben am Eingang in die Schlucht.  Von zwei zu zwei
Stunden werden sie von den drei brigen abgelst.  Jeder hat berdies
zwei groe Hunde neben sich liegen, und sie alle sind so wachsam, da
man keinen Fu aus der Htte setzen kann, ohne da sie anschlagen.
Ich habe keine Hoffnung, da wir uns durchstehlen knnen."

"Machet mich nicht traurig, ich bin nach dem Schlummer mutiger
geworden", entgegnete Felix, "gebet nicht alle Hoffnung auf, und
frchtet Ihr Verrat, so lasset uns lieber jetzt von etwas anderem
reden und nicht lange voraus schon kummervoll sein!  Herr Student, in
der Schenke habt Ihr angefangen, etwas zu erzhlen, fahret jetzt fort;
denn wir haben Zeit zum Plaudern."

"Kann ich mich doch kaum erinnern, was es war", antwortete der junge
Mann.

"Ihr erzhltet die Sage von dem kalten Herz und seid stehengeblieben,
wie der Wirt und der andere Spieler den Kohlenpeter aus der Tre
werfen."

"Gut, jetzt entsinne ich mich wieder", entgegnete er, "nun, wenn ihr
weiter hren wollet, will ich fortfahren":


Das kalte Herz II


Es mochten etwa schon fnf Tage vergangen sein, whrend Felix, der
Jger und der Student noch immer unter den Rubern gefangen saen.
Sie wurden zwar von dem Hauptmann und seinen Untergebenen gut
behandelt, aber dennoch sehnten sie sich nach Befreiung, denn je mehr
die Zeit fortrckte, desto hher stieg auch ihre Angst vor Entdeckung.
Am Abend des fnften Tages erklrte der Jger seinen
Leidensgenossen, da er entschlossen sei, in dieser Nacht
loszubrechen, und wenn es ihn auch das Leben kosten sollte.  Er
munterte seine Gefhrten zum gleichen Entschlu auf und zeigte ihnen,
wie sie ihre Flucht ins Werk setzen knnten.  "Den, der uns zunchst
steht, nehme ich auf mich; es ist Notwehr, und Not kennt kein Gebot,
er mu sterben."

"Sterben!" rief Felix entsetzt.  "Ihr wollt ihn totschlagen?"

"Das bin ich fest entschlossen, wenn es darauf ankommt, zwei
Menschenleben zu retten.  Wisset, da ich die Ruber mit besorglicher
Miene habe flstern hren, im Wald werde nach ihnen gestreift, und
die alten Weiber verrieten in ihrem Zorn die bse Absicht der Bande;
sie schimpften auf uns und gaben zu verstehen, wenn die Ruber
angegriffen wrden, so mten wir ohne Gnade sterben."

"Gott im Himmel!" schrie der Jngling entsetzt und verbarg sein
Gesicht in die Hnde.

"Noch haben sie uns das Messer nicht an die Kehle gesetzt", fuhr der
Jger fort, "drum lat uns ihnen zuvorkommen!  Wenn es dunkel ist,
schleiche ich auf die nchste Wache zu; sie wird anrufen; ich werde
ihm zuflstern, die Grfin sei pltzlich sehr krank geworden, und
indem er sich umsieht, stoe ich ihn nieder.  Dann hole ich Euch ab,
junger Mann, und der zweite kann uns ebensowenig entgehen; und beim
dritten haben wir zu zweit leichtes Spiel."

Der Jger sah bei diesen Worten so schrecklich aus, da Felix sich
vor ihm frchtete.  Er wollte ihn bereden, von diesem blutigen
Gedanken abzustehen, als die Tre leise aufging und schnell eine
Gestalt hereinschlpfte.  Es war der Hauptmann.  Behutsam schlo er
wieder zu und winkte den beiden Gefangenen, sich ruhig zu verhalten.
Er setzte sich neben Felix nieder und sprach:

"Frau Grfin, Ihr seid in schlimmer Lage.  Euer Herr Gemahl hat nicht
Wort gehalten, er hat nicht nur das Lsegeld nicht geschickt, sondern
er hat auch die Regierungen umher aufgeboten; bewaffnete Mannschaft
streift von allen Seiten durch den Wald, um mich und meine Leute
auszuheben.  Ich habe Eurem Gemahl gedroht, Euch zu tten, wenn er
Miene macht, uns anzugreifen; doch es mu ihm entweder an Eurem Leben
wenig liegen, oder er traut unseren Schwren nicht.  Euer Leben ist
in unserer Hand, ist nach unseren Gesetzen verwirkt.  Was wollet Ihr
dagegen einwenden?"

Bestrzt sahen die Gefangenen vor sich nieder, sie wuten nicht zu
antworten, denn Felix erkannte wohl, da ihn das Gestndnis ber
seine Verkleidung nur noch mehr in Gefahr setzen knnte.

Es ist mir unmglich", fuhr der Hauptmann fort, "eine Dame, die meine
vollkommene Achtung hat, also in Gefahr zu sehen.  Darum will ich
Euch einen Vorschlag zur Rettung machen, es ist der einzige Ausweg,
der Euch brig bleibt: Ich will mit Euch entfliehen."

"Erstaunt, berrascht blickten ihn beide an; er aber sprach weiter:
"Die Mehrzahl meiner Gesellen ist entschlossen, nach Italien zu
ziehen und unter einer weitverbreiteten Bande Dienste zu nehmen.  Mir
fr meinen Teil behagt es nicht, unter einem anderen zu dienen, und
darum werde ich keine gemeinschaftliche Sache mit ihnen machen.  Wenn
Ihr mir nun Euer Wort geben wolltet, Frau Grfin, fr mich
gutzusprechen, Eure mchtigen Verbindungen zu meinem Schutze
anzuwenden, so kann ich Euch noch freimachen, ehe es zu spt ist."

Felix schwieg verlegen; sein redliches Herz strubte sich, den Mann,
der ihm das Leben retten wollte, geflissentlich einer Gefahr
auszusetzen, vor welcher er ihn nachher nicht schtzen knnte.  Als
er noch immer schwieg, fahr der Hauptmann fort: "Man sucht
gegenwrtig berall Soldaten; ich will mit dem geringsten Dienst
zufrieden sein.  Ich wei, da Ihr viel vermget; aber ich will ja
nichts weiter als Euer Versprechen, etwas fr mich in dieser Sache zu
tun."

"Nun denn", antwortete Felix mit niedergeschlagenen Augen, "ich
verspreche Euch, was ich tun kann, was in meinen Krften steht,
anzuwenden, um Euch ntzlich zu sein.  Liegt doch, wie es Euch ergehe,
ein Trost fr mich darin, da Ihr diesem Ruberleben Euch selbst
freiwillig entzogen habt."

Gerhrt kte der Hauptmann die Hand dieser gtigen Dame, flsterte
ihr noch zu, sich zwei Stunden nach Anbruch der Nacht bereitzuhalten,
und verlie dann ebenso vorsichtig, wie er gekommen war, die Htte.
Die Gefangenen atmeten freier, als er hinweggegangen war.  "Wahrlich!"
rief der Jger, "dem hat Gott das Herz gelenkt!  Wie wunderbar
sollen wir errettet werden!  Htte ich mir trumen lassen, da in der
Welt noch etwas dergleichen geschehen knnte und da mir ein solches
Abenteuer begegnen sollte?"

"Wunderbar, allerdings!" erwiderte Felix.  "Aber habe ich auch recht
getan, diesen Mann zu betrgen?  Was kann ihm mein Schutz frommen?
Saget selbst, Jger, heit es ihn nicht an den Galgen locken, wenn
ich ihm nicht gestehe, wer ich bin?" "Ei, wie mgt Ihr solche Skrupel
haben, lieber Junge!" entgegnete der Student.  "Nachdem Ihr Eure
Rolle so meisterhaft gespielt!  Nein, darber drft Ihr Euch nicht
ngstigen, das ist nichts anderes als erlaubte Notwehr.  Hat er doch
den Frevel begangen, eine angesehene Frau schndlicherweise von der
Strae hinwegfhren zu wollen, und wret Ihr nicht gewesen, wer wei,
wie es um das Leben der Grfin stnde?  Nein, Ihr habt nicht unrecht
getan; brigens glaube ich, er wird bei den Gerichten sich einen
Stein im Brett gewinnen, wenn er, das Haupt dieses Gesindels, sich
selbst ausliefert."

Dieser letztere Gedanke trstete den jungen Goldschmied.  Freudig
bewegt und doch wieder voll banger Besorgnis ber das Gelingen des
Planes durchlebten sie die nchsten Stunden.  Es war schon dunkel,
als der Hauptmann auf einen Augenblick in die Htte trat, ein Bndel
Kleider niederlegte und sprach: "Frau Grfin, um unsere Flucht zu
erleichtern, mt Ihr notwendig diese Mnnerkleidung anlegen.  Machet
Euch fertig!  In einer Stunde treten wir den Marsch an."

Nach diesen Worten verlie er die Gefangenen, und der Jger hatte
Mhe, nicht laut zu lachen.  "Das wre nun die zweite Verkleidung">
rief er, "und ich wollte schwren, diese steht Euch noch besser als
die erste!"

Sie ffneten das Bndel und fanden ein hbsches Jagdkleid mit allem
Zubehr, das Felix trefflich pate.  Nachdem er sich gerstet, wollte
der Jger die Kleider der Grfin in einen Winkel der Htte werfen,
Felix gab es aber nicht zu; er legte sie zu einem kleinen Bndel
zusammen und uerte, er wolle die Grfin bitten, sie ihm zu schenken,
und sie dann sein ganzes Leben hindurch zum Andenken an diese
merkwrdigen Tage aufbewahren.

Endlich kam der Hauptmann.  Er war vollstndig bewaffnet und brachte
dem Jger die Bchse, die man ihm abgenommen, und ein Pulverhorn.
Auch dem Studenten gab er eine Flinte, und Felix reichte er einen
Hirschfnger, mit der Bitte, ihn auf den Fall der Not umzuhngen.  Es
war ein Glck fr die drei, da es sehr dunkel war; denn leicht
htten die leuchtenden Blicke, womit Felix diese Waffe empfing, dem
Ruber seinen wahren Stand verraten knnen.  Als sie behutsam aus der
Htte getreten waren, bemerkte der Jger, da der gewhnliche Posten
an der Htte diesmal nicht besetzt sei.  So war es mglich, da sie
unbemerkt an den Htten vorbeischleichen konnten; doch schlug der
Hauptmann nicht den gewhnlichen Pfad ein, der aus der Schlucht in
den Wald hinausfhrte, sondern er nherte sich einem Felsen, der ganz
senkrecht und, wie es schien, unzugnglich vor ihnen lag.  Als sie
dort angekommen waren, machte der Hauptmann auf eine Strickleiter
aufmerksam, die an dem Felsen herabgespannt war.  Er warf seine
Bchse auf den Rcken und stieg zuerst hinan; dann rief er der Grfin
zu, ihm zu folgen, und bot ihr die Hand zur Hilfe, der Jger stieg
zuletzt herauf.  Hinter diesem Felsen zeigte sich ein Fupfad, den
sie einschlugen und rasch vorwrts gingen.

"Dieser Fupfad", sprach der Hauptmann, "fhrt nach der
Aschaffenburger Strae.  Dorthin wollen wir uns begeben; denn ich
habe genau erfahren, da Ihr Gemahl, der Graf, sich gegenwrtig dort
aufhlt."

Schweigend zogen sie weiter, der Ruber immer voran, die drei anderen
dicht hinter ihm.  Nach drei Stunden hielten sie an; der Hauptmann
lud Felix ein, sich auf einen Baumstamm zu setzen, um auszuruhen.  Er
zog Brot, eine Feldflasche mit altem Wein hervor und bot es den
Ermdeten an.  "Ich glaube, wir werden, ehe eine Stunde vergeht, auf
den Kordon stoen, den das Militr durch den Wald gezogen hat.  In
diesem Fall bitte ich Sie, mit dem Anfhrer der Soldaten zu sprechen
und gute Behandlung fr mich zu verlangen."

Felix sagte auch dies zu, obwohl er sich von seiner Verwendung
geringen Erfolg versprach.  Sie ruhten noch eine halbe Stunde und
brachen dann auf.  Sie mochten etwa wieder eine Stunde gegangen sein
und nherten sich schon der Landstrae; der Tag fing an
heraufzukommen, und die Dmmerung verbreitete sich schon im Wald, als
ihre Schritte pltzlich durch ein lautes: "Halt!  Steht!" gefesselt
wurden.  Sie hielten, und fnf Soldaten rckten gegen sie vor und
bedeuteten ihnen, sie mten folgen und vor dem kommandierenden Major
sich ber ihre Reise ausweisen.  Als sie noch etwa fnfzig Schritte
gegangen waren, sahen sie links und rechts im Gebsch Gewehre blitzen,
eine groe Schar schien den Wald besetzt zu haben.  Der Major sa
mit mehreren Offizieren und anderen Mnnern unter einer Eiche.  Als
die Gefangenen vor ihn gebracht wurden und er eben anfangen wollte,
sie zu examinieren ber das "Woher" und "Wohin", sprang einer der
Mnner auf und rief: "Mein Gott, was sehe ich?  Das ist ja Gottfried,
unser Jger!"

"Jawohl, Herr Amtmann!" antwortete der Jger mit freudiger Stimme,
"da bin ich, und wunderbar gerettet aus der Hand des schlechten
Gesindels."

Die Offiziere erstaunten, ihn hier zu sehen; der Jger aber bat den
Major und den Amtmann, mit ihm auf die Seite zu treten, und erzhlte
in kurzen Worten, wie sie errettet worden und wer der dritte sei,
welcher ihn und den jungen Goldschmied begleitete.

Erfreut ber diese Nachricht, traf der Major sogleich seine Maregeln,
den wichtigen Gefangenen weiter transportieren zu lassen; den jungen
Goldschmied aber fhrte er zu seinen Kameraden, stellte ihn als den
heldenmtigen Jngling vor, der die Grfin durch seinen Mut und seine
Geistesgegenwart gerettet habe, und alle schttelten Felix freudig
die Hand, lobten ihn und konnten nicht satt werden, sich von ihm und
dem Jger ihre Schicksale erzhlen zu lassen.

Indessen war es vllig Tag geworden.  Der Major beschlo, die
Befreiten selbst bis in die Stadt zu begleiten; er ging mit ihnen und
dem Amtmann der Grfin in das nchste Dorf, wo sein Wagen stand, und
dort mute sich Felix zu ihm in den Wagen setzen; der Jger, der
Student, der Amtmann und viele andere Leute ritten vor und hinter
ihnen, und so zogen sie im Triumph der Stadt zu.  Wie ein Lauffeuer
hatte sich das Gercht von dem berfall in der Waldschenke, von der
Aufopferung des jungen Goldarbeiters in der Gegend verbreitet, und
ebenso reiend ging jetzt die Sage von seiner Befreiung von Mund zu
Mund.  Es war daher nicht zu verwundern, da in der Stadt, wohin sie
zogen, die Straen gedrngt voll Menschen standen, die den jungen
Helden sehen wollten.  Alles drngte sich zu, als der Wagen langsam
hereinfuhr.  "Das ist er", riefen sie, "seht ihr ihn dort im Wagen
neben dem Offizier!  Es lebe der brave Goldschmiedsjunge!" Und ein
tausendstimmiges "Hoch!" fllte die Lfte.

Felix war beschmt, gerhrt von der rauschenden Freude der Menge.
Aber noch ein rhrenderer Anblick stand ihm auf dem Rathause der
Stadt bevor.  Ein Mann von mittleren Jahren, in reichen Kleidern,
empfing ihn an der Treppe und umarmte ihn mit Trnen in den Augen.
"Wie kann ich dir vergelten, mein Sohn!" rief er.  "Du hast mir viel
gegeben, als ich nahe daran war, unendlich viel zu verlieren!  Du
hast mir die Gattin, meinen Kindern die Mutter gerettet; denn ihr
zartes Leben htte die Schrecken einer solchen Gefangenschaft nicht
ertragen." Es war der Gemahl der Grfin, der diese Worte sprach.  So
sehr sich Felix struben mochte, einen Lohn fr seine Aufopferung zu
bestimmen, so unerbittlich schien der Graf darauf bestehen zu wollen.
Da fiel dem Jngling das unglckliche Schicksal des Ruberhauptmanns
ein; er erzhlte, wie er ihn gerettet, wie diese Rettung eigentlich
der Grfin gegolten habe.  Der Graf, gerhrt nicht sowohl von der
Handlung des Hauptmanns als von dem neuen Beweis einer edlen
Uneigenntzigkeit, den Felix durch die Wahl seiner Bitte ablegte,
versprach, das Seinige zu tun, um den Ruber zu retten.

Noch an demselben Tag aber fhrte der Graf, begleitet von dem
wackeren Jger, den jungen Goldschmied nach seinem Schlosse, wo die
Grfin, noch immer besorgt um das Schicksal des jungen Mannes, der
sich fr sie geopfert, sehnsuchtsvoll auf Nachrichten wartete.  Wer
beschreibt ihre Freude, als ihr Gemahl, den Retter an der Hand, in
ihr Zimmer trat?  Sie fand kein Ende, ihn zu befragen, ihm zu danken;
sie lie ihre Kinder herbeibringen und zeigte ihnen den hochherzigen
Jngling, dem ihre Mutter so unendlich viel verdanke, und die Kleinen
faten seine Hnde, und der zarte Sinn ihres kindlichen Dankes, ihre
Versicherungen, da er ihnen nach Vater und Mutter auf der ganzen
Erde das Liebste sei, waren ihm die schnste Entschdigung fr
manchen Kummer, fr die schlaflosen Nchte in der Htte der Ruber.

Als die ersten Momente des frohen Wiedersehens vorber waren, winkte
die Grfin einem Diener, welcher bald darauf jene Kleider und das
wohlbekannte Rnzchen herbeibrachte, welche Felix der Grfin in der
Waldschenke berlassen hatte.  "Hier ist alles", sprach sie mit
gtigem Lcheln, "was Ihr mir in jenen furchtbaren Augenblicken
gegeben; es ist der Zauber, womit Ihr mich umhllt habt, um meine
Verfolger mit Blindheit zu schlagen.  Es steht Euch wieder zu
Diensten; doch will ich Euch den Vorschlag machen, diese Kleider, die
ich zum Andenken an Euch aufbewahren mchte, mir zu berlassen und
zum Tausch dafr die Summe anzunehmen, welche die Ruber zum Lsegeld
fr mich bestimmten."

Felix erschrak ber die Gre dieses Geschenkes; sein edler Sinn
strubte sich, einen Lohn fr das anzunehmen, was er aus freiem
Willen getan.  "Gndige Frau", sprach er bewegt, "ich kann dies nicht
gelten lassen.  Die Kleider sollen Euer sein, wie Ihr es befehlet;
jedoch die Summe, von der Ihr sprechet, kann ich nicht annehmen.
Doch, weil ich wei, da Ihr mich durch irgend etwas belohnen wollet,
so erhaltet mir Eure Gnade statt anderen Lohnes, und sollte ich in
den Fall kommen, Eurer Hilfe zu bedrfen, so knnt Ihr darauf rechnen,
da ich Euch darum bitten werde." Noch lange drang man in den jungen
Mann; aber nichts konnte seinen Sinn ndern.  Die Grfin und ihr
Gemahl gaben endlich nach, und schon wollte der Diener die Kleider
und das Rnzchen wieder wegtragen, als Felix sich an das Geschmeide
erinnerte, das er im Gefhl so vieler freudiger Szenen ganz vergessen
hatte.

"Halt!" rief er.  "Nur etwas mt Ihr mir noch aus meinem Rnzchen zu
nehmen erlauben, gndige Frau; das brige ist dann ganz und vllig
Euer."

"Schaltet nach Belieben", sprach sie, "obgleich ich gerne alles zu
Eurem Gedchtnis behalten htte, so nehmet nur, was Ihr etwa davon
nicht entbehren wollet!  Doch, wenn man fragen darf, was liegt Euch
denn so sehr am Herzen, da Ihr es mir nicht berlassen mget?"

Der Jngling hatte whrend dieser Worte sein Rnzchen geffnet und
ein Kstchen von rotem Saffian herausgenommen.  "Was mein ist, knnet
Ihr alles haben", erwiderte er lchelnd, "doch dies gehrt meiner
lieben Frau Pate; ich habe es selbst gefertigt und mu es ihr bringen.
Es ist ein Schmuck, gndige Frau", fuhr er fort, indem er das
Kstchen ffnete und ihr hinbot, "ein Schmuck, an welchem ich mich
selbst versucht habe."

Sie nahm das Kstchen; aber nachdem sie kaum einen Blick darauf
geworfen, fuhr sie betroffen zurck.

"Wie?  Diese Steine!" rief sie.  "Und fr Eure Pate sind sie bestimmt,
sagtet Ihr?"

"Jawohl", antwortete Felix, "meine Frau Pate hat mir die Steine
geschickt; ich habe sie gefat und bin auf dem Wege, sie selbst zu
berbringen."

Gerhrt sah ihn die Grfin an; Trnen drangen aus ihren Augen.  "So
bist du Felix Perner aus Nrnberg?" rief sie.

"Jawohl!  Aber woher wit Ihr so schnell meinen Namen?" fragte der
Jngling und sah sie bestrzt an.

"Oh, wundervolle Fgung des Himmels!" sprach sie gerhrt zu ihrem
staunenden Gemahl.  "Das ist ja Felix, unser Patchen, der Sohn
unserer Kammerfrau Sabine!  Felix!  Ich bin es ja, zu der du kommen
wolltest; so hast du deine Pate gerettet, ohne es zu wissen."

"Wie?  Seid denn Ihr die Grfin Sandau, die so viel an mir und meiner
Mutter getan?  Und dies ist das Schlo Mayenburg, wohin ich wandern
wollte?  Wie danke ich dem gtigen Geschick, das mich so wunderbar
mit Euch zusammentreffen lie; so habe ich Euch doch durch die Tat,
wenn auch in geringem Mae, meine groe Dankbarkeit bezeugen knnen!"

"Du hast mehr an mir getan", erwiderte sie, "als ich je an dir htte
tun knnen; doch so lange ich lebe, will ich dir zu zeigen suchen,
wie unendlich viel wir alle dir schuldig sind.  Mein Gatte soll dein
Vater, meine Kinder deine Geschwister und ich selbst will deine treue
Mutter sein, und dieser Schmuck, der dich zu mir fhrte in der Stunde
der hchsten Not, soll meine beste Zierde werden; denn er wird mich
immer an dich und deinen Edelmut erinnern."

So sprach die Grfin und hielt Wort.  Sie untersttzte den
glcklichen Felix auf seinen Wanderungen reichlich.  Als er zurckkam
als ein geschickter Arbeiter in seiner Kunst, kaufte sie ihm in
Nrnberg ein Haus, richtete es vollstndig ein, und ein nicht
geringer Schmuck in seinem besten Zimmer waren schn gemalte Bilder,
welche die Szenen in der Waldschenke und Felix' Leben unter den
Rubern vorstellten.

Dort lebte Felix als ein geschickter Goldarbeiter; der Ruhm seiner
Kunst verband sich mit der wunderbaren Sage von seinem Heldenmut und
verschaffte ihm Kunden im ganzen Reiche.  Viele Fremde, wenn sie
durch die schne Stadt Nrnberg kamen, lieen sich in die Werkstatt
des berhmten Meisters Felix fhren, um ihn zu sehen, zu bewundern,
wohl auch ein schnes Geschmeide bei ihm zu bestellen.  Die
angenehmsten Besuche waren ihm aber der Jger, der Zirkelschmied, der
Student und der Fuhrmann.  So oft der letztere von Wrzburg nach
Frth fuhr, sprach er bei Felix ein; der Jger brachte ihm beinahe
alle Jahre Geschenke von der Grfin, der Zirkelschmied aber lie sich,
nachdem er in allen Lndern umhergewandert war, bei Meister Felix
nieder.  Eines Tages besuchte sie auch der Student.  Er war indessen
ein bedeutender Mann im Staat geworden, schmte sich aber nicht, bei
Meister Felix und dem Zirkelschmied ein Abendessen zu verzehren.  Sie
erinnerten sich an alle Szenen der Waldschenke; und der ehemalige
Student erzhlte, er habe den Ruberhauptmann in Italien
wiedergesehen; er habe sich gnzlich gebessert und diene als braver
Soldat dem Knig von Neapel.

Felix freute sich, als er dies hrte.  Ohne diesen Mann wre er zwar
vielleicht nicht in jene gefhrliche Lage gekommen, aber ohne ihn
htte er sich auch nicht aus Ruberhand befreien knnen.  Und so
geschah es, da der wackere Meister Goldschmied nur friedliche und
freundliche Erinnerungen hatte, wenn er zurckdachte an _das
Wirtshaus im Spessart_.




Die Sage vom Hirschgulden

Wilhelm Hauff


In Oberschwaben stehen noch heutzutage die Mauern einer Burg, die
einst die stattlichste der Gegend war, Hohenzollern.  Sie erhebt sich
auf einem runden, steilen Berg, und von ihrer schroffen Hhe sieht
man weit und frei ins Land.  So weit und noch viel weiter, als man
diese Burg im Land umher sehen kann, ward das tapfere Geschlecht der
Zollern gefrchtet, und ihren Namen kannte und ehrte man in allen
deutschen Landen.  Nun lebte vor vielen hundert Jahren, ich glaube,
das Schiepulver war noch nicht einmal erfunden, auf dieser Feste ein
Zollern, der von Natur ein sonderbarer Mensch war.  Man konnte nicht
sagen, da er seine Untertanen hart gedrckt oder mit seinen Nachbarn
in Fehde gelebt htte, aber dennoch traute ihm niemand ber den Weg
ob seinem finsteren Auge, seiner krausen Stirne und seinem
einsilbigen, mrrischen Wesen.  Es gab wenige Leute auer dem
Schlogesinde, die ihn je hatten ordentlich sprechen hren wie andere
Menschen, denn wenn er durch das Tal ritt, einer ihm begegnete und
schnell die Mtze abnahm, sich hinstellte und sagte: "Guten Abend,
Herr Graf, heute ist es schn Wetter", so antwortete er "dummes Zeug",
oder "wei schon".  Hatte aber einer etwas nicht recht gemacht fr
ihn oder seine Rosse, begegnete ihm ein Bauer im Hohlweg mit dem
Karren, da er auf seinem Rappen nicht schnell genug vorberkommen
konnte, so entlud sich sein Ingrimm in einem Donner von Flchen; doch
hat man nie gehrt, da er bei solchen Gelegenheiten einen Bauern
geschlagen htte.  In der Gegend aber hie man ihn "das bse Wetter
von Zollern".

"Das bse Wetter von Zollern" hatte eine Frau, die der Widerpart von
ihm und so mild und freundlich war wie ein Maitag.  Oft hatte sie
Leute, die ihr Eheherr durch harte Reden beleidigt hatte, durch
freundliche Worte und ihre gtigen Blicke wieder mit ihm ausgeshnt;
den Armen aber tat sie Gutes, wo sie konnte, und lie es sich nicht
verdrieen, sogar im heien Sommer oder im schrecklichsten
Schneegestber den steilen Berg herabzugehen, um arme Leute oder
kranke Kinder zu besuchen.  Begegnete ihr auf solchen Wegen der Graf,
so sagte er mrrisch: "Wei schon, dummes Zeug".

Manch andere Frau htte dieses mrrische Wesen abgeschreckt oder
eingeschchtert; die eine htte gedacht, was gehen mich die armen
Leute an, wenn mein Herr sie fr dummes Zeug hlt; die andere htte
vielleicht aus Stolz oder Unmut die Liebe gegen einen so mrrischen
Gemahl erkalten lassen; doch nicht also Frau Hedwig von Zollern.  Die
liebte ihn nach wie vor, suchte mit ihrer schnen weien Hand die
Falten von seiner braunen Stirn zu streichen und liebte und ehrte ihn;
als aber nach Jahr und Tag der Himmel ein junges Grflein zum
Angebinde bescherte, liebte sie ihren Gatten nicht minder, indem sie
ihrem Shnlein dennoch alle Pflichten einer zrtlichen Mutter
erzeigte.  Drei Jahre lang vergingen, und der Graf von Zollern sah
seinen Sohn nur alle Sonntage nach Tische, wo er ihm von der Amme
dargereicht wurde.  Er blickte ihn dann unverwandt an, brummte etwas
in den Bart und gab ihn der Amme zurck.  Als jedoch der Kleine
"Vater" sagen konnte, schenkte der Graf der Amme einen Gulden--dem
Kinde machte er kein frhlicher Gesicht.

An seinem dritten Geburtstag aber lie der Graf seinem Sohn die
ersten Hslein anziehen und kleidete ihn prchtig in Samt und Seide;
dann befahl er, seinen Rappen und ein anderes schnes Pferd
vorzufahren, nahm den Kleinen auf den Arm und fing an, mit klirrenden
Sporen die Wendeltreppe hinabzusteigen.  Frau Hedwig erstaunte, als
sie dies sah.  Sie war sonst gewohnt, nicht zu fragen, wo aus und
wann heim, wenn er ausritt; aber diesmal ffnete die Sorge um ihr
Kind ihre Lippen.  "Wollet Ihr ausreiten, Herr Graf?" sprach sie.--Er
gab keine Antwort.  "Wozu denn den Kleinen?" fragte sie weiter.
"Kuno wird mit mir spazierengehen."

"Wei schon", entgegnete das bse Wetter von Zollern und ging weiter;
und als er im Hof stand, nahm er den Knaben bei einem Flein, hob
ihn schnell in den Sattel, band ihn mit einem Tuch fest, schwang sich
selbst auf den Rappen und trabte zum Burgtore hinaus, indem er den
Zgel vom Rosse seines Shnleins in die Hand nahm.

Dem Kleinen schien es anfangs groes Vergngen zu gewhren, mit dem
Vater den Berg hinabzureiten.  Er klopfte in die Hnde, er lachte und
schttelte sein Rlein an den Mhnen, damit es schneller laufen
sollte, und der Graf hatte seine Freude daran, rief auch einigemal:
"Kannst ein wackerer Bursche werden!"

Als sie aber in die Ebene angekommen waren und der Graf statt Schritt
Trab anschlug, da vergingen dem Kleinen die Sinne; er bat anfangs
ganz bescheiden, sein Vater mchte langsamer reiten, als es aber
immer schneller ging und der heftige Wind dem armen Kuno beinahe den
Atem nahm, da fing er an, still zu weinen, wurde immer ungeduldiger
und schrie am Ende aus Leibeskrften.

"Wei schon, dummes Zeug!" fing jetzt sein Vater an.  "Heult der
Junge beim ersten Ritt; schweig oder--" Doch den Augenblick, als er
mit einem Fluche sein Shnlein aufmuntern wollte, bumte sich sein
Ro; der Zgel des andern entfiel seiner Hand, er arbeitete sich ab,
Meister seines Tieres zu werden, und als er es zur Ruhe gebracht
hatte und sich ngstlich nach seinem Kind umsah, erblickte er dessen
Pferd, wie es ledig und ohne den kleinen Reiter der Burg zulief.

So ein harter, finsterer Mann der Graf von Zollern sonst war, so
berwand doch dieser Anblick sein Herz; er glaubte nicht anders, als
sein Kind liege zerschmettert am Weg; er raufte sich den Bart und
jammerte.  Aber nirgends, so weit er zurckritt, sah er eine Spur von
dem Knaben; schon stellte er sich vor, das scheu gewordene Ro habe
ihn in einen Wassergraben geschleudert, der neben dem Wege lag.  Da
hrte er von einer Kinderstimme hinter sich seinen Namen rufen, und
als er sich flugs umwandte--sieh, da sa ein altes Weib unweit der
Strae unter einem Baum und wiegte den Kleinen auf ihren Knien.

"Wie kommst du zu dem Knaben, alte Hexe?" schrie der Graf in groem
Zorn, "sogleich bringe ihn heran zu mir!"

"Nicht so rasch, nicht so rasch, Euer Gnaden!" lachte die alte,
hliche Frau.  "Knntet sonst auch ein Unglck nehmen auf Eurem
stolzen Ro!  Wie ich zu dem Junkerlein kam, fraget Ihr?  Nun, sein
Pferd ging durch, und er hing nur noch mit einem Fchen angebunden,
und das Haar streifte fast am Boden; da habe ich ihn aufgefangen in
meiner Schrze."

"Wei schon!" rief der Herr von Zollern unmutig, "gib ihn jetzt her;
ich kann nicht wohl absteigen; das Ro ist wild und knnte ihn
schlagen."

"Schenket mir einen Hirschgulden!" erwiderte die Frau, demtig
bittend.

"Dummes Zeug!" schrie der Graf und warf ihr einige Pfennige unter den
Baum.

"Nein, einen Hirschgulden knnte ich gut brauchen", fuhr sie fort.

"Was, Hirschgulden!  Bist selbst keinen Hirschgulden wert", eiferte
der Graf.  "Schnell das Kind her, oder ich hetze die Hunde auf dich!"

"So?  Bin ich keinen Hirschgulden wert", antwortete jene mit
hhnischem Lcheln, "na, man wird ja sehen, was von Eurem Erbe einen
Hirschgulden wert ist; aber da, die Pfennige behaltet fr Euch!"
Indem sie dies sagte, warf sie die drei kleinen Kupferstcke dem
Grafen zu, und so gut konnte die Alte werfen, da alle drei ganz
gerade in den kleinen Lederbeutel fielen, den der Graf noch in der
Hand hielt.

Der Graf wute einige Minuten vor Staunen ber diese wunderbare
Geschicklichkeit kein Wort hervorzubringen; endlich aber lste sich
sein Staunen in Wut auf.  Er fate seine Bchse, spannte den Hahn und
zielte dann auf die Alte.  Diese herzte und kte ganz ruhig den
kleinen Grafen, indem sie ihn so vor sich hin hielt, da ihn die
Kugel zuerst htte treffen mssen.  "Bist ein guter, frommer Junge",
sprach sie, "bleibe nur so, und es wird dir nicht fehlen." Dann lie
sie ihn los, drute dem Grafen mit dem Finger: "Zollern, Zollern, den
Hirschgulden bleibt Ihr mir noch schuldig", rief sie und schlich,
unbekmmert um die Schimpfworte des Grafen, an einem
Buchsbaumstbchen in den Wald.  Konrad, der Knappe, aber stieg
zitternd von seinem Ro, hob das Herrlein in den Sattel, schwang sich
hinter ihm auf und ritt seinem Gebieter nach, den Schloberg hinauf.

Es war dies das erste- und letztemal gewesen, da das bse Wetter von
Zollern sein Shnlein mitnahm zum Spazierenreiten; denn er hielt ihn,
weil er geweint und geschrien, als die Pferde im Trab gingen, fr
einen weichlichen Jungen, aus dem nicht viel Gutes zu machen sei, sah
ihn nur mit Unlust an, und so oft der Knabe, der seinen Vater
herzlich liebte, schmeichelnd und freundlich zu seinen Knien kam,
winkte er ihm, fortzugehen und rief: "Wei schon, dummes Zeug!" Frau
Hedwig hatte alle bsen Launen ihres Gemahls gerne getragen; aber
dieses unfreundliche Benehmen gegen das unschuldige Kind krnkte sie
tief; sie erkrankte mehrere Male aus Schrecken, wenn der finstere
Graf den Kleinen wegen irgendeines geringen Fehlers hart abgestraft
hatte, und starb endlich in ihren besten Jahren, von ihrem Gesinde
und der ganzen Umgegend, am schmerzlichsten aber von ihrem Sohn,
beweint.

Von jetzt an wandte sich der Sinn des Grafen nur noch mehr von dem
Kleinen ab; er gab ihn seiner Amme und dem Hauskaplan zur Erziehung
und sah nicht viel nach ihm um, besonders, da er bald darauf wieder
ein reiches Frulein heiratete, die ihm nach Jahresfrist Zwillinge,
zwei junge Grflein, schenkte.

Kunos liebster Spaziergang war zu dem alten Weiblein, die ihm einst
das Leben gerettet hatte.  Sie erzhlte ihm immer vieles von seiner
verstorbenen Mutter, und wieviel Gutes diese an ihr getan habe.  Die
Knechte und Mgde warnten ihn oft, er solle nicht soviel zu der Frau
Feldheimerin, so hie die Alte, gehen, weil sie nichts mehr und
nichts weniger als eine Hexe sei, aber der Kleine frchtete sich
nicht, denn der Schlokaplan hatte ihn gelehrt, da es keine Hexen
gebe, und da die Sage, da gewisse Frauen zaubern knnen und auf der
Ofengabel durch die Luft und auf den Brocken reiten, erlogen sei.
Zwar sah er bei der Frau Feldheimerin allerlei Dinge, die er nicht
begreifen konnte; des Kunststckchens mit den drei Pfennigen, die sie
seinem Vater so geschickt in den Beutel geworfen, erinnerte er sich
noch ganz wohl, auch konnte sie allerhand knstliche Salben und
Trnklein bereiten, womit sie Menschen und Vieh heilte, aber das war
nicht wahr, was man ihr nachsagte, da sie eine Wetterpfanne habe,
und wenn sie diese ber das Feuer hnge, komme ein schreckliches
Donnerwetter.  Sie lehrte den kleinen Grafen mancherlei, was ihm
ntzlich war, zum Beispiel allerlei Mittel fr kranke Pferde, einen
Trank gegen die Hundswut, eine Lockspeise fr Fische und viele andere
ntzliche Sachen.  Die Frau Feldheimerin war auch bald seine einzige
Gesellschaft, denn seine Amme starb, und seine Stiefmutter kmmerte
sich nicht um ihn.

Als seine Brder nach und nach heranwuchsen, hatte Kuno ein noch
traurigeres Leben als zuvor, sie hatten das Glck, beim ersten Ritt
nicht vom Pferd zu strzen, und das bse Wetter von Zollern hielt sie
daher fr ganz vernnftige und taugliche Jungen, liebte sie
ausschlielich, ritt alle Tage mit ihnen aus und lehrte sie alles,
was er selbst verstand.  Da lernten sie aber nicht viel Gutes; Lesen
und Schreiben konnte er selbst nicht, und seine beiden trefflichen
Shne sollten sich auch nicht die Zeit damit verderben; aber schon in
ihrem zehnten Jahre konnten sie so grlich fluchen wie ihr Vater,
fingen mit jedem Hndel an, vertrugen sich unter sich selbst so
schlecht wie ein Hund und Kater, und nur wenn sie gegen Kuno einen
Streich verben wollten, verbanden sie sich und wurden Freunde.

Ihrer Mutter machte dies nicht viel Kummer; denn sie hielt es fr
gesund und krftig, wenn sich die Jungen balgten, aber dem alten
Grafen sagte es eines Tags ein Diener, und der antwortete zwar: "Wei
schon, dummes Zeug!", nahm sich aber dennoch vor, fr die Zukunft auf
ein Mittel zu sinnen, da sich seine Shne nicht gegenseitig
totschlugen; denn die Drohung der Frau Feldheimerin, die er in seinem
Herzen fr eine ausgemachte Hexe hielt: "Na, man wird ja sehen, was
von Eurem Erbe einen Hirschgulden wert ist"--lag ihm noch immer in
seinem Sinn.

Eines Tages, da er in der Umgegend seines Schlosses jagte, fielen ihm
zwei Berge ins Auge, die ihrer Form wegen wie zu Schlssern
geschaffen schienen, und sogleich beschlo er auch, dort zu bauen.
Er baute auf dem einen das Schlo Schalksberg, das er nach dem
kleinern der Zwillinge so nannte, weil dieser wegen allerlei bser
Streiche lngst von ihm den Namen _"kleiner Schalk"_ erhalten hatte,
das andere Schlo, das er baute, wollte er anfnglich
Hirschguldenberg nennen, um die Hexe zu verhhnen, weil sie sein Erbe
nicht einmal eines Hirschguldens wert achtete; er lie es aber bei
dem einfacheren Hirschberg bewenden, und so heien die beiden Berge
noch bis auf den heutigen Tag, und wer die Alb bereist, kann sie sich
zeigen lassen.

Das bse Wetter von Zollern hatte anfnglich im Sinn, seinem ltesten
Sohn Zollern, dem _kleinen Schalk_ Schalksberg und dem andern
Hirschberg im Testament zu vermachen; aber seine Frau ruhte nicht
eher, bis er es nderte.  "Der dumme Kuno", so nannte diese den armen
Knaben, weil er nicht so wild und ausgelassen war wie ihre Shne,
"der dumme Kuno ist ohnedies reich genug durch das, was er von seiner
Mutter erbte, und er soll auch noch das schne, reiche Zollern haben?
Und meine Shne sollen nichts bekommen als jeder eine Burg, zu
welcher nichts gehrt als Wald?"

Vergebens stellte ihr der Graf vor, da man Kuno billigerweise das
Erstgeburtsrecht nicht rauben drfe, sie weinte und zankte so lange,
bis das bse Wetter, das sonst niemand sich fgte, des lieben
Friedens willen nachgab und im Testament dem kleinen Schalk
Schalksberg, Wolf, dem greren Zwillingsbruder, Zollern, und Kuno
Hirschberg mit dem Stdtchen Balingen verschrieb.

Bald darauf, nachdem er also verfgt hatte, fiel er auch in eine
schwere Krankheit.  Zu dem Arzt, der ihm sagte, da er sterben msse,
sagte er: "Ich wei schon", und dem Schlokaplan, der ihn ermahnte,
sich zu einem frommen Ende vorzubereiten, antwortete er: "Dummes
Zeug", und er fluchte und raste fort und starb, wie er gelebt hatte,
roh und als ein groer Snder.

Aber sein Leichnam war noch nicht beigesetzt, so kam die Frau Grfin
schon mit dem Testament herbei, sagte zu Kuno, ihrem Stiefsohn,
spttisch, er mchte jetzt seine Gelehrsamkeit beweisen und selbst
nachlesen, was im Testament stehe, nmlich, da er in Zollern nichts
mehr zu tun habe, und freute sich mit ihren Shnen ber das schne
Vermgen und die beiden Schlsser, die sie ihm, dem Erstgeborenen,
entrissen hatten.

Kuno fgte sich ohne Murren in den Willen des Verstorbenen, aber mit
Trnen nahm er Abschied von der Burg, wo er geboren worden, wo seine
gute Mutter begraben lag und wo der gute Schlokaplan und nahe dabei
seine einzige alte Freundin, Frau Feldheimerin, wohnte.  Das Schlo
Hirschberg war zwar ein schnes, stattliches Gebude, aber es war ihm
doch zu einsam und de, und er wre bald krank vor Sehnsucht nach
Hohenzollern geworden.

Die Grfin und die Zwillingsbrder, die jetzt achtzehn Jahre alt
waren, saen eines Abends auf dem Sller und schauten den Schloberg
hinab; da gewahrten sie einen stattlichen Ritter, der zu Pferde
heraufritt und dem eine prachtvolle Snfte, von zwei Maultieren
getragen, und mehrere Knechte folgten.  Sie rieten lange hin und her,
wer es wohl sein mchte; da rief endlich der kleine Schalk: "Ei, das
ist niemand anders als unser Herr Bruder von Hirschberg."

"Der dumme Kuno?" sprach die Frau Grfin verwundert.  "Ei, der wird
uns die Ehre antun, uns zu sich einzuladen, und die schne Snfte hat
er fr mich mitgebracht, um mich abzuholen nach Hirschberg; nein,
soviel Gte und Lebensart htte ich meinem Herrn Sohn, dem dummen
Kuno, nicht zugetraut; eine Hflichkeit ist der andern wert, lasset
uns hinabsteigen an das Schlotor, ihn zu empfangen; macht auch
freundliche Gesichter, vielleicht schenkt er uns in Hirschberg etwas,
dir ein Pferd und dir einen Harnisch, und den Schmuck seiner Mutter
htte ich schon lange gerne gehabt."

"Geschenkt mag ich nichts von dem dummen Kuno", antwortete Wolf, "und
ein gutes Gesicht mach' ich ihm auch nicht.  Aber unserem seligen
Herrn Vater knnte er meinetwegen bald folgen, dann wrden wir
Hirschberg erben und alles, und Euch, Frau Mutter, wollten wir den
Schmuck um billigen Preis ablassen."

"So, du Range!" eiferte die Mutter, "abkaufen soll ich euch den
Schmuck?  Ist das der Dank dafr, da ich euch Zollern verschafft
habe?  Kleiner Schalk, nicht wahr, ich soll den Schmuck umsonst
haben?"

"Umsonst ist der Tod, Frau Mutter!" erwiderte der Sohn lachend, "und
wenn es wahr ist, da der Schmuck soviel wert ist als manches Schlo,
so werden wir wohl nicht die Toren sein, ihn Euch um den Hals zu
hngen.  Sobald Kuno die Augen schliet, reiten wir hinunter, teilen
ab, und meinen Part am Schmuck verkaufe ich.  Gebt Ihr dann mehr als
der Jude, Frau Mutter, so sollt Ihr ihn haben."

Sie waren unter diesem Gesprch bis unter das Schlotor gekommen, und
mit Mhe zwang sich die Frau Grfin, ihren Grimm ber den Schmuck zu
unterdrcken, denn soeben ritt Graf Kuno ber die Zugbrcke.  Als er
seiner Stiefmutter und seiner Brder ansichtig wurde, hielt er sein
Pferd an, stieg ab und grte sie hflich.  Denn obgleich sie ihm
viel Leids angetan, bedachte er doch, da es seine Brder seien und
da diese bse Frau sein Vater geliebt hatte.

"Ei, das ist ja schn, da der Herr Sohn uns auch besucht", sagte die
Frau Grfin mit ser Stimme und huldreichem Lcheln.  "Wie geht es
denn auf Hirschberg?  Kann man sich dort eingewhnen?  Und gar eine
Snfte hat man sich angeschafft?  Ei, und wie prchtig, es drfte
sich keine Kaiserin daran schmen; nun wird wohl auch die Hausfrau
nicht mehr lange fehlen, da sie darin im Lande umherreist."

"Habe bis jetzt noch nicht daran gedacht, gndige Frau Mutter",
erwiderte Kuno, "will mir deswegen andere Gesellschaft zur
Unterhaltung ins Haus nehmen und bin deswegen mit der Snfte
hierhergereist."

"Ei, Ihr seid gar gtig und besorgt", unterbrach ihn die Dame, indem
sie sich verneigte und lchelte.

"Denn er kommt doch nicht mehr gut zu Pferde fort", sprach Kuno ganz
ruhig weiter, "der Pater Joseph nmlich, der Schlokaplan.  Ich will
ihn zu mir nehmen, er ist mein alter Lehrer, und wir haben es so
abgemacht, als ich Zollern verlie.  Will auch unten am Berg die alte
Frau Feldheimerin mitnehmen.  Lieber Gott!  Sie ist jetzt steinalt
und hat mir einst das Leben gerettet, als ich zum erstenmal ausritt
mit meinem seligen Vater; habe ja Zimmer genug in Hirschberg, und
dort soll sie absterben." Er sprach es und ging durch den Hof, um den
Pater Schlokaplan zu holen.

Aber der Junker Wolf bi vor Grimm die Lippen zusammen, die Frau
Grfin wurde gelb vor rger, und der _"kleine Schalk"_ lachte laut
auf.  "Was gebt Ihr fr meinen Gaul, den ich von ihm geschenkt
kriege?" sagte er.  "Bruder Wolf, gib mir deinen Harnisch, den er dir
gegeben, dafr.  Ha! ha! ha!  Den Pater und die alte Hexe will er zu
sich nehmen?  Das ist ein schnes Paar, da kann er nun vormittags
Griechisch lernen beim Kaplan und nachmittags Unterricht im Hexen
nehmen bei der Frau Feldheimerin.  Ei, was macht doch der dumme Kuno
fr Streiche."

"Er ist ein ganz gemeiner Mensch!" erwiderte die Frau Grfin, "und du
solltest nicht darber lachen, kleiner Schalk; das ist eine Schande
fr die ganze Familie, und man mu sich ja schmen vor der ganzen
Umgegend, wenn es heit, der Graf von Zollern hat die alte Hexe, die
Feldheimerin, abgeholt in einer prachtvollen Snfte und Maulesel
dabei und lt sie bei sich wohnen.  Das hat er von seiner Mutter,
die war auch immer so gemein mit Kranken und schlechtem Gesindel; ach,
sein Vater wrde sich im Sarg wenden, wte er es."

"Ja", setzte der kleine Schalk hinzu, "der Vater wrde noch in der
Gruft sagen: "Wei schon, dummes Zeug"."

"Wahrhaftig!  Da kommt er mit dem alten Mann und schmt sich nicht,
ihn selbst unter dem Arm zu fahren", rief die Frau Grfin mit
Entsetzen, "kommt, ich will ihm nicht mehr begegnen."

Sie entfernten sich, und Kuno geleitete seinen alten Lehrer bis an
die Brcke und half ihm selbst in die Snfte; unten aber am Berg
hielt er vor der Htte der Frau Feldheimerin und fand sie schon
fertig, mit einem Bndel voller Glschen und Tpfchen und Trnklein
und anderem Gerte nebst ihrem Buchsbaumstcklein, einzusteigen.

Es kam brigens nicht also, wie die Frau Grfin von Zollern in ihrem
bsen Sinn hatte voraussehen wollen.  In der ganzen Umgegend wunderte
man sich nicht ber Ritter Kuno.  Man fand es schn und lblich, da
er die letzten Tage der alten Frau Feldheimerin aufheitern wollte,
man pries ihn als einen frommen Herrn, weil er den alten Pater Joseph
in sein Schlo aufgenommen hatte.  Die einzigen, die ihm gram waren
und auf ihn schmhten, waren seine Brder und die Grfin; aber nur zu
ihrem eigenen Schaden, denn man nahm allgemein ein rgernis an so
unnatrlichen Brdern, und zur Wiedervergeltung ging die Sage, da
sie mit ihrer Mutter schlecht und in bestndigem Hader leben und
unter sich selbst sich alles mgliche zuleide tun.  Graf Kuno von
Zollern-Hirschberg machte mehrere Versuche, seine Brder mit sich
auszushnen, denn es war ihm unertrglich, wenn sie oft an seiner
Feste vorbeiritten, aber nie einsprachen, wenn sie ihm in Wald und
Feld begegneten und ihn klter begrten als einen Landfremden.  Aber
seine Versuche schlugen meist fehl, und er wurde noch berdies von
ihnen verhhnt.  Eines Tages fiel ihm noch ein Mittel ein, wie er
vielleicht ihre Herzen gewinnen knnte, denn er wute, sie waren
geizig und habgierig.  Es lag ein Teich zwischen den drei Schlssern,
beinahe in der Mitte, jedoch so, da er noch in Kunos Revier gehrte.
In diesem Teich befanden sich aber die besten Hechte und Karpfen der
ganzen Umgegend, und es war fr die Brder, die gerne fischten, ein
nicht geringer Verdru, da ihr Vater vergessen hatte, den Teich auf
ihr Teil zu schreiben.  Sie waren zu stolz, um ohne Vorwissen ihres
Bruders dort zu fischen, und doch mochten sie ihm auch kein gutes
Wort geben, da er es ihnen erlauben mchte.  Nun kannte er aber
seine Brder, da ihnen der Teich am Herzen liege; er lud sie daher
eines Tages ein, mit ihm dort zusammenzukommen.

Es war ein schner Frhlingsmorgen, als beinahe in demselben
Augenblick die drei Brder von den drei Burgen dort zusammenkamen.
"Ei, sieh da!" rief der kleine Schalk, "das trifft sich ordentlich!
Ich bin mit Schlag sieben Uhr von Schalksberg weggeritten."

"Ich auch--und ich"--antworteten die Brder vom Hirschberg und vom
Zollern.

"Nun, da mu der Teich hier gerade in der Mitte liegen", fuhr der
Kleine fort.  "Es ist ein schnes Wasser."

"Ja, und eben darum habe ich euch hierher beschieden.  Ich wei, ihr
seid beide groe Freunde vom Fischen, und ob ich gleich auch zuweilen
gerne die Angel auswerfe, so hat doch der Weiher Fische genug fr
drei Schlsser, und an seinen Ufern ist Platz genug fr drei, selbst
wenn wir alle auf einmal zu angeln kmen.  Darum will ich von heute
an, da dieses Wasser Gemeingut fr uns sei, und jeder von euch soll
gleiche Rechte daran haben wie ich."

"Ei, der Herr Bruder ist ja gewaltig gndig gesinnt", sprach der
kleine Schalk mit hhnischem Lcheln, "gibt uns wahrhaftig sechs
Morgen Wasser und ein paar hundert Fischlein!  Nu und was werden wir
dagegen geben mssen?  Denn umsonst ist der Tod!"

"Umsonst sollt ihr ihn haben", sagte Kuno.  "Ach, ich mchte euch ja
nur zuweilen an diesem Teich sehen und sprechen!  Sind wir doch eines
Vaters Shne."

"Nein!" erwiderte der vom Schalksberg, "das ginge schon nicht, denn
es ist nichts Einfltigeres, als in Gesellschaft zu fischen, es
verjagt immer einer dem andern die Fische.  Wollen wir aber Tage
ausmachen, etwa Montag und Donnerstag du, Kuno, Dienstag und Freitag
Wolf, Mittwoch und Sonnabend ich--so ist es mir ganz recht."

"Mir nicht einmal dann", rief der finstere Wolf.  "Geschenkt will ich
nichts haben und will auch mit niemand teilen; du hast recht, Kuno,
da du uns den Weiher anbietest; denn wir haben eigentlich alle drei
gleichen Anteil daran, aber lasset uns darum wrfeln, wer ihn in
Zukunft besitzen soll; werde ich glcklicher sein als ihr, so knnt
ihr immer bei mir anfragen, ob ihr fischen drfet."

"Ich wrfle nie", entgegnete Kuno, traurig ber die Verstocktheit
seiner Brder.

"Ja, freilich", lachte der kleine Schalk, "er ist ja gar fromm und
gottesfrchtig, der Herr Bruder, und hlt das Wrfelspiel fr eine
Todsnde; aber ich will euch was anders vorschlagen, woran sich der
frmmste Klausner nicht schmen drfte.  Wir wollen uns Angelschnre
und Haken holen; und wer diesen Morgen, bis die Glocke in Zollern
zwlf Uhr schlgt, die meisten Fische angelt, soll den Weiher eigen
haben."

"Ich bin eigentlich ein Tor", sagte Kuno, "um das noch zu kmpfen,
was mir mit Recht als Erbe zugehrt; aber damit ihr sehet, da es mir
mit der Teilung ernst war, will ich mein Fischgerte holen."

Sie ritten heim, jeder nach seinem Schlo.  Die Zwillinge schickten
in aller Eile ihre Diener aus, lieen alle alten Steine aufheben, um
Wrmer zur Lockspeise fr die Fische im Teich zu finden; Kuno aber
nahm sein gewhnliches Angelzeug und die Speise, die ihn einst Frau
Feldheimerin zubereiten gelehrt, und war der erste, der wieder auf
dem Platz erschien.  Er lie, als die beiden Zwillinge kamen, diese
die besten und bequemsten Stellen auswhlen und warf dann selbst eine
Angel aus.  Da war es, als ob die Fische in ihm den Herrn des Teiches
erkannt htten.  Ganze Zge von Karpfen und Hechten zogen heran und
wimmelten um seine Angel; die ltesten und grten drngten die
kleinen weg, jeden Augenblick zog er einen heraus, und wenn er die
Angel wieder ins Wasser warf, sperrten schon zwanzig, dreiig Muler
auf, um an den spitzigen Haken anzubeien.  Es hatte noch nicht zwei
Stunden gedauert, so lag der Boden um ihn her voll der schnsten
Fische.  Da hrte er auf zu fischen und ging zu seinen Brdern, um zu
sehen, was fr Geschfte sie machten.  Der kleine Schalk hatte einen
kleinen Karpfen und zwei elende Weifische, Wolf drei Barben und zwei
kleine Grndlinge, und beide schauten trbselig in den Teich; denn
sie konnten die ungeheure Menge, die Kuno gefangen, gar wohl von
ihrem Platze aus bemerken.  Als Kuno an seinen Bruder Wolf herankam,
sprang dieser halbwtend auf, zerri die Angelschnur, brach die Rute
in Stcke und warf sie in den Teich.  "Ich wollte, es wren tausend
Haken, die ich hineinwerfe, statt des einen, und an jedem mte eine
von diesen Kreaturen zappeln", rief er; "aber mit rechten Dingen geht
es nimmer zu, es ist ein Zauberspiel und Hexenwerk.  Wie solltest du
denn, dummer Kuno, mehr Fische fangen in einer Stunde als ich in
einem Jahr?"

"Ja, ja, jetzt erinnere ich mich", fuhr der kleine Schalk fort, "bei
der Frau Feldheimerin, bei der schnden Hexe, hat er das Fischen
gelernt, und wir waren Toren, mit ihm zu fischen, er wird doch bald
Hexenmeister werden."

"Ihr schlechten Menschen!" entgegnete Kuno unmutig.  "Diesen Morgen
habe ich hinlnglich Zeit gehabt, euren Geiz, eure Unverschmtheit
und eure Roheit einzusehen.  Gehet jetzt und kommet nie wieder
hierher und glaubet mir, es wr fr eure Seelen besser, wenn ihr nur
halb so fromm und gut wret als jene Frau, die ihr eine Hexe scheltet."

"Nein, eine eigentliche Hexe ist sie nicht!" sagte der Schalk,
spttisch lachend.  "Solche Weiber knnen wahrsagen, aber Frau
Feldheimerin ist so wenig eine Wahrsagerin, als eine Gans ein Schwan
werden kann; hat sie doch dem Vater gesagt: Von seinem Erbe werde man
einen guten Teil um einen Hirschgulden kaufen knnen, das heit, er
werde ganz verlumpen, und doch hat bei seinem Tod alles ihm gehrt,
so weit man von der Zinne von Zollern sehen kann!  Geh, geh, Frau
Feldheimerin ist nichts als ein trichtes altes Weib, und du--der
dumme Kuno."

Nach diesen Worten entfernte sich der Kleine eilig, denn er frchtete
den starken Arm seines Bruders, und Wolf folgte ihm, indem er alle
Flche hersagte, die er von seinem Vater gelernt hatte.

In tiefster Seele betrbt, ging Kuno nach Hause, denn er sah jetzt
deutlich, da seine Brder nie mehr mit ihm sich vertragen wollten.
Er nahm sich auch ihre harten Worte so sehr zu Herzen, da er des
andern Tages sehr krank wurde, und nur der Trost des wrdigen Pater
Joseph und die krftigen Trnklein der Frau Feldheimerin retteten ihn
vom Tode.

Als aber seine Brder erfuhren, da ihr Bruder Kuno schwer
daniederliegen hielten sie ein frhliches Bankett, und im Weinmut
sagten sie sich zu, wenn der dumme Kuno sterbe, so solle der, welcher
es zuerst erfahre, alle Kanonen lsen, um es dem andern anzuzeigen,
und wer zuerst kanoniere, solle das beste Fa Wein aus Kunos Keller
vorwegnehmen drfen.  Wolf lie nun von da an immer einen Diener in
der Nhe von Hirschberg Wache halten, und der kleine Schalk bestach
sogar einen Diener Kunos mit vielem Geld, damit er es ihm schnell
anzeige, wenn sein Herr in den letzten Zgen liege.

Dieser Knecht aber war seinem milden und frommen Herrn mehr zugetan
als dem bsen Grafen von Schalksberg; er fragte also eines Abends
Frau Feldheimerin teilnehmend nach dem Befinden seines Herrn, und als
diese sagte, da es ganz gut mit ihm stehe, erzhlte er ihr den
Anschlag der beiden Brder und da sie Freudenschsse tun wollten auf
des Grafen Kunos Tod.  Darber ergrimmte die Alte sehr; sie erzhlte
es flugs wieder dem Grafen, und als dieser an eine so groe
Lieblosigkeit seiner Brder nicht glauben wollte, so riet sie ihm, er
solle die Probe machen und aussprengen lassen, er sei tot, so werde
man bald hren, ob sie kanonieren, ob nicht.  Der Graf lie den
Diener, den sein Bruder bestochen, vor sich kommen, befragte ihn
nochmals und befahl ihm, nach Schalksberg zu reiten und sein nahes
Ende zu verknden.

Als nun der Knecht eilends den Hirschberg herabritt, sah ihn der
Diener des Grafen Wolf von Zollern, hielt ihn an und fragte, wohin er
so eilends zu reiten willens sei.  "Ach", sagte dieser, "mein armer
Herr wird diesen Abend nicht berleben, sie haben ihn alle aufgegeben."

"So?  Ist's um diese Zeit?" rief jener, lief nach seinem Pferd,
schwang sich auf und jagte so eilends nach Zollern und den Schloberg
hinan, da sein Pferd am Tore niederfiel und er selbst nur noch "Graf
Kuno stirbt!" rufen konnte, ehe er ohnmchtig wurde.  Da donnerten
die Kanonen von Hohenzollern herab; Graf Wolf freute sich mit seiner
Mutter ber das gute Fa Wein und das Erbe, den Teich, ber den
Schmuck und den starken Widerhall, den seine Kanonen gaben.

Aber was er fr Widerhall gehalten, waren die Kanonen von Schalksberg,
und Wolf sagte lchelnd zu seiner Mutter: "So hat der Kleine auch
einen Spion gehabt, und wir mssen auch den Wein gleich teilen wie
das brige Erbe." Dann aber sa er zu Pferde; denn er argwohnte, der
kleine Schalk mchte ihm zuvorkommen und vielleicht einig
Kostbarkeiten des Verstorbenen wegnehmen, ehe er kme.

Aber am Fischteiche begegneten sich die beiden Brder, und jeder
errtete vor dem andern, weil beide zuerst nach Hirschberg hatten
kommen wollen.  Von Kuno sprachen sie kein Wort, als sie zusammen
ihren Weg fortsetzten, sondern sie berieten sich brderlich, wie man
es in Zukunft halten wolle und wem Hirschberg gehren solle.  Wie sie
aber ber die Zugbrcke in den Schlohof ritten, da schaute ihr
Bruder wohlbehalten und gesund zum Fenster heraus; aber Zorn und
Unmut sprhten aus seinen Blicken.  Die Brder erschraken sehr, als
sie ihn sahen, hielten ihn anfnglich fr ein Gespenst und bekreuzten
sich; als sie aber sahen, da er noch Fleisch und Blut habe, rief
Wolf: "Ei, so wollt' ich doch!  Dummes Zeug, ich glaubte, du wrest
gestorben."

"Nun, aufgeschoben ist nicht aufgehoben", sagte der Kleine, der mit
giftigen Blicken nach seinem Bruder hinaufschaute.

Dieser aber sprach mit donnernder Stimme: "Von dieser Stunde an sind
alle Bande der Verwandtschaft zwischen uns los und ledig.  Ich habe
eure Freudenschsse wohl vernommen; aber sehet zu, auch ich habe fnf
Feldschlangen hier auf dem Hof stehen und habe sie euch zu Ehren
scharf laden lassen.  Machet, da ihr aus dem Bereich meiner Kugeln
kommt, oder ihr sollt erfahren, wie man auf Hirschberg schiet." Sie
lieen es sich nicht zweimal sagen; denn sie sahen ihm an, wie ernst
es ihm war; sie gaben also ihren Pferden die Sporen und hielten einen
Wettlauf den Berg hinunter, und ihr Bruder scho eine Stckkugel
hinter ihnen her, die ber ihren Kpfen wegsauste, da sie beide
zugleich eine tiefe und hfliche Verbeugung machten; er wollte sie
aber nur schrecken und nicht verwunden.

"Warum hast du denn geschossen?" fragte der kleine Schalk unmutig.

"Du Tor, ich scho nur, weil ich dich hrte."

"Im Gegenteil, frag nur die Mutter!" erwiderte Wolf, "du warst es,
der zuerst scho, und du hast diese Schande ber uns gebracht,
kleiner Dachs."

Der Kleine blieb ihm keinen Ehrentitel schuldig, und als sie am
Fischteich angekommen waren, gaben sie sich gegenseitig noch die vom
alten Wetter von Zollern geerbten Flche zum besten und trennten sich
in Ha und Unlust.

Tags darauf aber machte Kuno sein Testament, und Frau Feldheimerin
sagte zum Pater: "Ich wollte was wetten, er hat keinen guten Brief
fr die Kanoniere geschrieben." Aber so neugierig sie war und so oft
sie in ihren Liebling drang, er sagte ihr nicht, was im Testament
stehe, und sie erfuhr es auch nimmer, denn ein Jahr nachher verschied
die gute Frau, und ihre Salben und Trnklein halfen ihr nichts, denn
sie starb an keiner Krankheit, sondern am achtundneunzigsten Jahr,
das auch einen ganz gesunden Menschen endlich unter den Boden bringen
kann.  Graf Kuno lie sie bestatten, als ob sie nicht eine arme Frau,
sondern seine Mutter gewesen wre, und es kam ihm nachher noch viel
einsamer vor auf seinem Schlo, besonders da der Pater Joseph der
Frau Feldheimerin bald folgte.

Doch diese Einsamkeit fhlte er nicht sehr lange; der gute Kuno starb
schon in seinem achtundzwanzigsten Jahr, und bse Leute behaupteten
an Gift, das ihm der kleine Schalk beigebracht hatte.

Wie dem aber auch sei, einige Stunden nach seinem Tod vernahm man
wieder den Donner der Kanonen, und in Zollern und Schalksberg tat man
fnfundzwanzig Schsse.  "Diesmal hat er doch dran glauben mssen",
sagte der Schalk, als sie unterwegs zusammentrafen.

"Ja", antwortete Wolf, "und wenn er noch einmal aufersteht und zum
Fenster herausschimpft wie damals, so hab' ich eine Bchse bei mir,
die ihn hflich und stumm machen soll."

Als sie den Schloberg hinanritten, gesellte sich ein Reiter mit
Gefolge zu ihnen, den sie nicht kannten.  Sie glaubten, es sei
vielleicht ein Freund ihres Bruders und komme, um ihn beisetzen zu
helfen.  Daher gebrdeten sie sich klglich, priesen vor ihm den
Verstorbenen, beklagten sein frhes Hinscheiden, und der kleine
Schalk prete sich sogar einige Krokodilstrnen aus.  Der Ritter
antwortete ihnen aber nicht, sondern ritt still und stumm an ihrer
Seite den Hirschberg hinauf.  "So, jetzt wollen wir es uns bequem
machen, und Wein herbei, Kellermeister, vom besten!" rief Wolf, als
er abstieg.

Sie gingen die Wendeltreppe hinauf und in den Saal; auch dahin folgte
ihnen der stumme Reiter, und als sich die Zwillinge ganz breit an den
Tisch gesetzt hatten, zog jener ein Silberstck aus dem Wams, warf es
auf den Schiefertisch, da es umherrollte und klingelte, und sprach:
"So, und da habt ihr jetzt euer Erbe, und es wird just recht sein,
ein Hirschgulden." Da sahen sich die beiden Brder verwundert an,
lachten und fragten ihn, was er damit sagen wolle.

Der Ritter aber zog ein Pergament hervor, mit hinlnglichen Siegeln;
darin hatte der dumme Kuno alle Feindseligkeiten aufgezeichnet, die
ihm die Brder bei seinen Lebzeiten bewiesen, und am Ende hatte er
verordnet und bekannt, da sein ganzes Erbe, Hab und Gut, auer dem
Schmuck seiner seligen Frau Mutter, auf den Fall seines Todes an
Wrttemberg verkauft sei, und zwar--um einen elenden Hirschgulden!<
Um den Schmuck aber solle man in der Stadt Balingen ein Armenhaus
erbauen.

Da erstaunten nun die Brder abermals, lachten aber nicht dazu,
sondern bissen die Zhne zusammen; denn sie konnten gegen Wrttemberg
nichts ausrichten, und so hatten sie das schne Gut, Wald, Feld, die
Stadt Balingen und selbst den Fischteich verloren und nichts geerbt
als einen schlechten Hirschgulden.  Den steckte Wolf in sein Wams,
sagte nicht ja und nicht nein, warf sein Barett auf den Kopf und ging
trotzig und ohne Gru an dem wrttembergischen Kommissr vorbei,
schwang sich auf sein Ro und ritt nach Zollern.

Als ihn aber am andern Morgen seine Mutter mit Vorwrfen plagte, da
sie Gut und Schmuck verscherzet haben, ritt er hinber zum Schalk auf
der Schalksburg: "Wollen wir unser Erbe verspielen oder vertrinken?"
fragte er ihn.

"Vertrinken ist besser", sagte der Schalk, "dann haben beide gewonnen.
Wir wollen nach Balingen reiten und uns den Leuten zum Trotz dort
sehen lassen, wenn wir auch gleich das Stdtlein schmhlich verloren."

"Und im Lamm schenkt man Roten, der Kaiser trinkt ihn nicht besser",
setzte Wolf hinzu.

So ritten sie miteinander nach Balingen ins Lamm und fragten, was die
Ma Roter koste, und tranken sich zu, bis der Hirschgulden voll war.
Dann stand Wolf auf, zog das Silberstck mit dem springenden Hirsch
aus dem Wams, warf es auf den Tisch und sprach: "Da habt Ihr Euern
Gulden, so wird's richtig sein."

Der Wirt aber nahm den Gulden, besah ihn links, besah ihn rechts und
sagte lchelnd: "Ja, wenn es kein Hirschgulden wr'; aber gestern
nacht kam der Bote von Stuttgart, und heute frh hat man es
ausgetrommelt im Namen des Grafen von Wrttemberg, dem jetzt das
Stdtlein eigen; die sind abgeschtzt, und gebt mir nur anderes Geld!"

Da sahen sich die beiden Brder erbleichend an: "Zahl aus!" sagte der
eine.

"Hast du keine Mnze?" sagte der andere, und kurz, sie muten den
Gulden schuldig bleiben im Lamm in Balingen.

Sie zogen schweigend und nachdenkend ihren Weg, als sie aber an den
Kreuzweg kamen, wo es rechts nach Zollern und links nach Schalksberg
ging, da sagte der Schalk: "Wie nun?  Jetzt haben wir sogar weniger
geerbt als gar nichts, und der Wein war berdies schlecht."

"Jawohl", erwiderte sein Bruder.  "Aber was die Feldheimerin sagte,
ist doch eingetroffen: "Seht zu, wieviel von seinem Erbe brigbleiben
wird, um einen Hirschgulden!" Jetzt haben wir nicht einmal ein Ma
Wein dafr kaufen knnen."

"Wei schon!" antwortete der von der Schalksburg.  "Dummes Zeug!"
sagte der von Zollern und ritt zerfallen mit sich und der Welt seinem
Schlo zu.

"Das ist die Sage von dem Hirschgulden", endete der Zirkelschmied,
"und wahr soll sie sein.  Der Wirt in Drrwangen, das nicht weit von
den drei Schlssern liegt, hat sie meinem guten Freund erzhlt, der
oft als Wegweiser ber die schwbische Alb ging und immer in
Drrwangen einkehrte."

Die Gste gaben dem Zirkelschmied Beifall.  "Was man doch nicht alles
hrt in der Welt", rief der Fuhrmann.  "Wahrhaftig, jetzt erst freut
es mich, da wir die Zeit nicht mit Kartenspielen verderbten, so ist
es wahrlich besser; und gemerkt habe ich mir die Geschichte, da ich
sie morgen meinen Kameraden erzhlen kann, ohne ein Wort zu fehlen."

"Mir fiel da, whrend Ihr so erzhltet, etwas ein", sagte der Student.

"O erzhlet, erzhlet!" baten der Zirkelschmied und Felix.

"Gut", antwortete jener, "ob die Reihe jetzt an mich kommt oder
spter, ist gleichviel; ich mu ja doch heimgehen, was ich gehrt.
Das, was ich erzhlen will, soll sich wirklich einmal begeben haben."

Er setzte sich zurecht und wollte eben anheben zu erzhlen, als die
Wirtin den Spinnrocken beiseitesetzte und zu den Gsten an den Tisch
trat.  "Jetzt, ihr Herren, ist es Zeit, zu Bette zu gehen", sagte sie,
"es hat neun Uhr geschlagen, und morgen ist auch ein Tag."

"Ei, so gehe zu Bette!" rief der Student, "setze noch eine Flasche
Wein fr uns hierher, und dann wollen wir dich nicht lnger abhalten."

"Mitnichten", entgegnete sie grmlich, "solange noch Gste in der
Wirtsstube sitzen, knnen Wirtin und Dienstboten nicht weggehen.  Und
kurz und gut, ihr Herren, machet, da ihr auf eure Kammern kommet;
mir wird die Zeit lange, und lnger als neun Uhr darf in meinem Hause
nicht gezecht werden."

"Was fllt Euch ein, Frau Wirtin?" sprach der Zirkelschmied staunend,
"was schadet es denn Euch, ob wir hier sitzen, wenn Ihr auch schon
lngst schlafet; wir sind rechtliche Leute und werden Euch nichts
hinwegtragen, noch ohne Bezahlung fortgehen.  Aber so lasse ich mir
in keinem Wirtshaus ausbieten."

Die Frau rollte zornig die Augen: "Meint ihr, ich werde wegen jedem
Lumpen von Handwerksburschen, wegen jedem Straenlufer, der mir
zwlf Kreuzer zu verdienen gibt, meine Hausordnung ndern?  Ich sag'
euch jetzt zum letztenmal, da ich den Unfug nicht leide!"

Noch einmal wollte der Zirkelschmied etwas entgegnen; aber der
Student sah ihn bedeutend an und winkte mit den Augen den brigen.
"Gut", sprach er, "wenn es denn die Frau Wirtin nicht haben will, so
lat uns auf unsere Kammern gehen.  Aber Lichter mchten wir gerne
haben, um den Weg zu finden."

"Damit kann ich nicht dienen", entgegnete sie finster, "die andern
werden schon den Weg im Dunkeln finden, und fr Euch ist dies
Stmpfchen hier hinlnglich; mehr habe ich nicht im Hause."

Schweigend nahm der junge Herr das Licht und stand auf.  Die andern
folgten ihm, und die Handwerksburschen nahmen ihre Bndel, um sie in
der Kammer bei sich niederzulegen.  Sie gingen dem Studenten nach,
der ihnen die Treppe hinanleuchtete.

Als sie oben angekommen waren, bat sie der Student, leise aufzutreten,
schlo sein Zimmer auf und winke ihnen herein.  "Jetzt ist kein
Zweifel mehr", sagte er, "sie will uns verraten; habt ihr nicht
bemerkt, wie ngstlich sie uns zu Bett zu bringen suchte, wie sie uns
alle Mittel abschnitt, wach und beisammen zu bleiben?  Sie meint
wahrscheinlich, wir werden uns jetzt niederlegen und dann werde sie
um so leichteres Spiel haben."

"Aber meint Ihr nicht, wir knnten noch entkommen?" fragte Felix.
"Im Wald kann man doch eher auf Rettung denken als hier im Zimmer."

"Die Fenster sind auch hier vergittert", rief der Student, indem er
vergebens versuchte, einen der Eisenstbe des Gitters loszumachen.
"Uns bleibt nur ein Ausweg, wenn wir entweichen wollen, durch die
Haustre; aber ich glaube nicht, da sie uns fortlassen werden."

"Es kme auf den Versuch an", sprach der Fuhrmann, "ich will einmal
probieren, ob ich bis in den Hof kommen kann.  Ist dies mglich, so
kehre ich zurck und hole euch nach." Die brigen billigten diesen
Vorschlag, der Fuhrmann legte die Schuhe ab und schlich sich auf den
Zehen nach der Treppe; ngstlich lauschten seine Genossen oben im
Zimmer; schon war er die eine Hlfte der Treppe glcklich und
unbemerkt hinabgestiegen; aber als er sich dort um einen Pfeiler
wandte, richtete sich pltzlich eine ungeheure Dogge vor ihm in die
Hhe, legte ihre Tatzen auf seine Schultern und wies ihm, gerade
seinem Gesicht gegenber, zwei Reihen langer, scharfer Zhne.  Er
wagte weder vor- noch rckwrts auszuweichen; denn bei der geringsten
Bewegung schnappte der entsetzliche Hund nach seiner Kehle.  Zugleich
fing er an zu heulen und zu bellen, und alsobald erschienen der
Hausknecht und die Frau mit Lichtern.

"Wohin, was wollt Ihr?" rief die Frau.

"Ich habe noch etwas in meinem Karren zu holen", antwortete der
Fuhrmann, am ganzen Leibe zitternd; denn als die Tre aufgegangen war,
hatte er mehrere braune, verdchtige Gesichter, Mnner mit Bchsen
in der Hand, im Zimmer bemerkt.

"Das httet Ihr alles auch vorher abmachen knnen", sagte die Wirtin
mrrisch.  "Fassan, daher!  Schlie die Hoftre zu, Jakob, und
leuchte dem Mann an seinen Karren!" Der Hund zog seine greuliche
Schnauze und seine Tatzen von der Schulter des Fuhrmanns zurck und
lagerte sich wieder quer ber die Treppe; der Hausknecht aber hatte
das Hoftor zugeschlossen und leuchtete dem Fuhrmann.  An ein
Entkommen war nicht zu denken.  Aber als er nachsann, was er denn
eigentlich aus dem Karren holen sollte, fiel ihm ein Pfund
Wachslichter ein, die er in die nchste Stadt berbringen sollte.
"Das Stmpfchen Licht oben kann kaum noch eine Viertelstunde dauern",
sagte er zu sich, "und Licht mssen wir dennoch haben!" Er nahm also
zwei Wachskerzen aus dem Wagen, verbarg sie in dem rmel und holte
dann zum Schein seinen Mantel aus dem Karren, womit er sich, wie er
dem Hausknecht sagte, heute nacht bedecken wolle.

Glcklich kam er wieder auf dem Zimmer an.  Er erzhlte von dem
groen Hund, der als Wache an der Treppe liege, von den Mnnern, die
er flchtig gesehen, von allen Anstalten, die man gemacht, um sich
ihrer zu versichern, und schlo damit, da er seufzend sagte: "Wir
werden diese Nacht nicht berleben."

"Das glaube ich nicht", erwiderte der Student, "fr so tricht kann
ich diese Leute nicht halten, da sie wegen des geringen Vorteils,
den sie von uns htten, vier Menschen ans Leben gehen sollten.  Aber
verteidigen drfen wir uns nicht.  Ich fr meinen Teil werde wohl am
meisten verlieren; mein Pferd ist schon in ihren Hnden, es kostete
mich fnfzig Dukaten noch vor vier Wochen; meine Brse, meine Kleider
gebe ich willig hin; denn mein Leben ist mir am Ende doch lieber als
alles dies."

"Ihr habt gut reden", erwiderte der Fuhrmann, "solche Sachen, wie Ihr
sie verlieren knnt, ersetzt Ihr Euch leicht wieder; aber ich bin der
Bote von Aschaffenburg und habe allerlei Gter auf meinem Karren, und
im Stall zwei schne Rosse, meinen einzigen Reichtum."

"Ich kann unmglich glauben, da sie Euch ein Leides tun werden",
bemerkte der Goldschmied, "einen Boten zu berauben, wrde schon viel
Geschrei und Lrmen im Land machen.  Aber dafr bin ich auch, was der
Herr dort sagt; lieber will ich gleich alles hergeben, was ich habe,
und mit einem Eid versprechen, nichts zu sagen, ja niemals zu klagen,
als mich gegen Leute, die Bchsen und Pistolen haben, um meine
geringe Habe wehren."

Der Fuhrmann hatte whrend dieser Reden seine Wachskerzen
hervorgezogen.  Er klebte sie auf den Tisch und zndete sie an.  "So
lat uns in Gottes Namen erwarten, was ber uns kommen wird", sprach
er, "wir wollen uns wieder zusammen niedersetzen und durch Sprechen
den Schlaf abhalten." "Das wollen wir", antwortete der Student, "und
weil vorhin die Reihe an mir stehengeblieben war, will ich euch etwas
erzhlen."




Das kalte Herz

Ein Mrchen

Erste Abteilung

Wilhelm Hauff


Wer durch Schwaben reist, der sollte nie vergessen, auch ein wenig in
den Schwarzwald hineinzuschauen; nicht der Bume wegen, obgleich man
nicht berall solch unermeliche Menge herrlich aufgeschossener
Tannen findet, sondern wegen der Leute, die sich von den andern
Menschen ringsumher merkwrdig unterscheiden.  Sie sind grer als
gewhnliche Menschen, breitschultrig, von starken Gliedern, und es
ist, als ob der strkende Duft, der morgens durch die Tannen strmt,
ihnen von Jugend auf einen freieren Atem, ein klareres Auge und einen
festeren, wenn auch rauheren Mut als den Bewohnern der Stromtler und
Ebenen gegeben htte.  Und nicht nur durch Haltung und Wuchs, auch
durch ihre Sitten und Trachten sondern sie sich von den Leuten, die
auerhalb des Waldes wohnen, streng ab.  Am schnsten kleiden sich
die Bewohner des badenschen Schwarzwaldes; die Mnner lassen den Bart
wachsen, wie er von Natur dem Mann ums Kinn gegeben ist; ihre
schwarzen Wmser, ihre ungeheuren, enggefalteten Pluderhosen, ihre
roten Strmpfe und die spitzen Hte, von einer weiten Scheibe umgeben,
verleihen ihnen etwas Fremdartiges, aber etwas Ernstes, Ehrwrdiges.
Dort beschftigen sich die Leute gewhnlich mit Glasmachen; auch
verfertigen sie Uhren und tragen sie in der halben Welt umher.

Auf der andern Seite des Waldes wohnt ein Teil desselben Stammes,
aber ihre Arbeiten haben ihnen andere Sitten und Gewohnheiten gegeben
als den Glasmachern.  Sie handeln mit ihrem Wald; sie fllen und
behauen ihre Tannen, flen sie durch die Nagold in den Neckar und
von dem oberen Neckar den Rhein hinab, bis weit hinein nach Holland,
und am Meer kennt man die Schwarzwlder und ihre langen Fle; sie
halten an jeder Stadt, die am Strom liegt, an und erwarten stolz, ob
man ihnen Balken und Bretter abkaufen werde; ihre strksten und
lngsten Balken aber verhandeln sie um schweres Geld an die Mynheers,
welche Schiffe daraus bauen.  Diese Menschen nun sind an ein rauhes,
wanderndes Leben gewhnt.  Ihre Freude ist, auf ihrem Holz die Strme
hinabzufahren, ihr Leid, am Ufer wieder heraufzuwandeln.  Darum ist
auch ihr Prachtanzug so verschieden von dem der Glasmnner im andern
Teil des Schwarzwaldes.  Sie tragen Wmser von dunkler Leinwand,
einen handbreiten grnen Hosentrger ber die breite Brust,
Beinkleider von schwarzem Leder, aus deren Tasche ein Zollstab von
Messing wie ein Ehrenzeichen hervorschaut; ihr Stolz und ihre Freude
aber sind ihre Stiefel, die grten wahrscheinlich, welche auf
irgendeinem Teil der Erde Mode sind; denn sie knnen zwei Spannen
weit ber das Knie hinaufgezogen werden, und die "Flzer" knnen
damit in drei Schuh tiefem Wasser umherwandeln, ohne sich die Fe
na zu machen.

Noch vor kurzer Zeit glaubten die Bewohner dieses Waldes an
Waldgeister, und erst in neuerer Zeit hat man ihnen diesen trichten
Aberglauben benehmen knnen.  Sonderbar ist es aber, da auch die
Waldgeister, die der Sage nach im Schwarzwalde hausen, in diese
verschiedenen Trachten sich geteilt haben.  So hat man versichert,
da das "Glasmnnlein", ein gutes Geistchen von dreieinhalb Fu Hhe,
sich nie anders zeige als in einem spitzen Htlein mit groem Rand,
mit Wams und Pluderhschen und roten Strmpfchen.  Der
Hollnder-Michel aber, der auf der anderen Seite des Waldes umgeht,
soll ein riesengroer, breitschultriger Kerl in der Kleidung der
Flzer sein, und mehrere, die ihn gesehen haben wollen, versichern,
da sie die Klber nicht aus ihrem Beutel bezahlen mchten, deren
Felle man zu seinen Stiefeln brauchen wrde.  "So gro, da ein
gewhnlicher Mann bis an den Hals hineinstehen knnte", sagten sie
und wollten nichts bertrieben haben.

Mit diesen Waldgeistern soll einmal ein junger Schwarzwlder eine
sonderbare Geschichte gehabt haben, die ich erzhlen will.  Es lebte
nmlich im Schwarzwald eine Witwe, Frau Barbara Munkin; ihr Gatte war
Kohlenbrenner gewesen, und nach seinem Tode hielt sie ihren
sechzehnjhrigen Knaben nach und nach zu demselben Geschft an.

Der junge Peter Munk, ein schlanker Bursche, lie es sich gefallen,
weil er es bei seinem Vater auch nicht anders gesehen hatte, die
ganze Woche ber am rauchenden Meiler zu sitzen oder, schwarz und
berut und den Leuten ein Abscheu, hinab in die Stdte zu fahren und
seine Kohlen zu verkaufen.  Aber ein Khler hat viel Zeit zum
Nachdenken ber sich und andere, und wenn Peter Munk an seinem Meiler
sa, stimmten die dunklen Bume umher und die tiefe Waldesstille sein
Herz zu Trnen und unbewuter Sehnsucht.  Es betrbte ihn etwas, es
rgerte ihn etwas, er wute nicht recht was.  Endlich merkte er sich
ab, was ihn rgerte, und das war--sein Stand.  "Ein schwarzer,
einsamer Kohlenbrenner!" sagte er sich.  "Es ist ein elend Leben.
Wie angesehen sind die Glasmnner, die Uhrmacher, selbst die
Musikanten am Sonntag abends!  Und wenn Peter Munk, rein gewaschen
und geputzt, in des Vaters Ehrenwams mit silbernen Knpfen und mit
nagelneuen roten Strmpfen erscheint, und wenn dann einer hinter mir
hergeht und denkt, wer ist wohl der schlanke Bursche? und lobt bei
sich die Strmpfe und meinen stattlichen Gang--sieh, wenn er
vorbergeht und schaut sich um, sagt er gewi: 'Ach, es ist nur der
Kohlenmunk-Peter.'"

Auch die Flzer auf der andern Seite waren ein Gegenstand seines
Neides.  Wenn diese Waldriesen.herberkamen, mit stattlichen Kleidern,
und an Knpfen, Schnallen und Ketten einen halben Zentner Silber auf
dem Leib trugen, wenn sie mit ausgespreizten Beinen und vornehmen
Gesichtern dem Tanz zuschauten, hollndisch fluchten und wie die
vornehmsten Mynheers aus ellenlangen klnischen Pfeifen rauchten, da
stellte er sich als das vollendetste Bild eines glcklichen Menschen
solch einen Flzer vor.  Und wenn diese Glcklichen dann erst in die
Taschen fuhren, ganze Hnde voll groer Taler herauslangten und um
Sechsbtzner wrfelten, fnf Gulden hin, zehn her, so wollten ihm die
Sinne vergehen, und er schlich trbselig nach seiner Htte; denn an
manchem Feiertagabend hatte er einen oder den andern dieser
"Holzherren" mehr verspielen sehen, als der arme Vater Munk in einem
Jahr verdiente.  Es waren vorzglich drei dieser Mnner, von welchen
er nicht wute, welchen er am meisten bewundern sollte.  Der eine war
ein dicker, groer Mann mit rotem Gesicht und galt fr den reichsten
Mann in der Runde.  Man hie ihn den dicken Ezechiel.  Er reiste alle
Jahre zweimal mit Bauholz nach Amsterdam und hatte das Glck, es
immer um so viel teurer als andere zu verkaufen, da er, wenn die
brigen zu Fu heimgingen, stattlich herauffahren konnte.  Der andere
war der lngste und magerste Mensch im ganzen Wald, man nannte ihn
den langen Schlurker, und diesen beneidete Munk wegen seiner
ausnehmenden Khnheit; er widersprach den angesehensten Leuten,
brauchte, wenn man noch so gedrngt im Wirtshaus sa, mehr Platz als
vier der Dicksten; denn er sttzte entweder beide Ellbogen auf den
Tisch oder zog eines seiner langen Beine zu sich auf die Bank, und
doch wagte ihm keiner zu widersprechen, denn er hatte unmenschlich
viel Geld.  Der dritte war ein schner junger Mann, der am besten
tanzte weit und breit und daher den Namen _Tanzbodenknig_ hatte.  Er
war ein armer Mensch gewesen und hatte bei einem Holzherrn als Knecht
gedient; da wurde er auf einmal steinreich; die einen sagten, er habe
unter einer alten Tanne einen Topf voll Geld gefunden, die andern
behaupteten, er habe unweit Bingen im Rhein mit der Stechstange,
womit die Flzer zuweilen nach den Fischen stechen, einen Pack mit
Goldstcken heraufgefischt, und der Pack gehre zu dem groen
Nibelungenhort, der dort vergraben liegt; kurz, er war auf einmal
reich geworden und wurde von jung und alt angesehen wie ein Prinz.

An diese drei Mnner dachte Kohlenmunk-Peter oft, wenn er einsam im
Tannenwald sa.  Zwar hatten alle drei einen Hauptfehler, der sie bei
den Leuten verhat machte, es war dies ihr unmenschlicher Geiz, ihre
Gefhllosigkeit gegen Schuldner und Arme; denn die Schwarzwlder sind
ein gutmtiges Vlklein; aber man wei, wie es mit solchen Dingen
geht; waren sie auch wegen ihres Geizes verhat, so standen sie doch
wegen ihres Geldes in Ansehen; denn wer konnte Taler wegwerfen wie
sie, als ob man das Geld von den Tannen schttelte?

"So geht es nicht mehr weiter", sagte Peter eines Tages schmerzlich
betrbt zu sich, denn tags zuvor war Feiertag gewesen und alles Volk
in der Schenke, "wenn ich nicht bald auf den grnen Zweig komme, so
tu ich mir etwas zuleid; wr'ich doch nur so angesehen und reich wie
der dicke Ezechiel oder so khn und so gewaltig wie der lange
Schlurker oder so berhmt und knnte den Musikanten Taler statt
Kreuzer zuwerfen wie der _Tanzbodenknig_!  Wo nur der Bursche das
Geld her hat?" Allerlei Mittel ging er durch, wie man sich Geld
erwerben knne, aber keines wollte ihm gefallen; endlich fielen ihm
auch die Sagen von Leuten ein, die vor alten Zeiten durch den
Hollnder-NEchel und durch das Glasmnnlein reich geworden waren.
Solang' sein Vater noch lebte, kamen oft andere arme Leute zu Besuch,
und da wurde oft lang und breit von reichen Menschen gesprochen, und
wie sie reich geworden; da spielte nun oft das Glasmnnlein eine
Rolle; ja, wenn er recht nachsann, konnte er sich beinahe noch des
Versleins erinnern, das man am Tannenbhl in der Mitte des Waldes
sprechen mute, wenn es erscheinen sollte.  Es fing an:

"Schatzhauser im grnen Tannenwald,
Bist schon viel hundert Jahre alt,
Dir gehrt all Land, wo Tannen stehn -"

Aber er mochte sein Gedchtnis anstrengen, wie er wollte, weiter
konnte er sich keines Verses mehr entsinnen.  Er dachte oft, ob er
nicht diesen oder jenen alten Mann fragen sollte, wie das Sprchlein
heie; aber immer hielt ihn eine gewisse Scheu, seine Gedanken zu
verraten, ab, auch schlo er, es msse die Sage vom Glasmnnlein
nicht sehr bekannt sein und den Spruch mssen nur wenige wissen; denn
es gab nicht viele reiche Leute im Wald, und--warum hatten denn nicht
sein Vater und die andern armen Leute ihr Glck versucht?  Er brachte
endlich einmal seine Mutter auf das Mnnlein zu sprechen, und diese
erzhlte ihm, was er schon wute, kannte auch nur noch die erste
Zeile von dem Spruch und sagte ihm endlich, nur Leuten, die an einem
Sonntag zwischen elf und zwei Uhr geboren seien, zeige sich das
Geistchen.  Er selbst wrde wohl dazu passen, wenn er nur das
Sprchlein wte; denn er sei Sonntags mittags zwlf Uhr geboren.

Als dies der Kohlenmunk-Peter hrte, war er vor Freude und vor
Begierde, dies Abenteuer zu unternehmen, beinahe auer sich.  Es
schien ihm hinlnglich, einen Teil des Sprchleins zu wissen und am
Sonntag geboren zu sein, und Glasmnnlein muten sich ihm zeigen.
Als er daher eines Tages seine Kohlen verkauft hatte, zndete er
keinen neuen Meiler an, sondern zog seines Vaters Staatswams und neue
rote Strmpfe an, setzte den Sonntagshut auf, fate seinen fnf Fu
hohen Schwarzdornstock in die Hand und nahm von der Mutter Abschied:
"Ich mu aufs Amt in die Stadt, denn wir werden bald spielen mssen,
wer Soldat wird, und da will ich dem Amtmann nur noch einmal
einschrfen, da Ihr Witwe seid und ich Euer einziger Sohn." Die
Mutter lobte seinen Entschlu, er aber machte sich auf nach dem
Tannenbhl.  Der Tannenbhl liegt auf der hchsten Hhe des
Schwarzwaldes, und auf zwei Stunden im Umkreis stand damals kein Dorf,
ja nicht einmal eine Htte; denn die aberglubischen Leute meinten,
es sei dort unsicher.  Man schlug auch, so hoch und prachtvoll dort
die Tannen standen, ungern Holz in jenem Revier; denn oft waren den
Holzhauern, wenn sie dort arbeiteten, die xte vom Stiel gesprungen
und in den Fu gefahren, oder die Bume waren schnell umgestrzt und
hatten die Mnner mit umgerissen und beschdigt oder gar gettet;
auch htte man die schnsten Bume von dorther nur zu Brennholz
brauchen knnen, denn die Floherren nahmen nie einen Stamm aus dem
Tannenbhl unter ein Flo auf, weil die Sage ging, da Mann und Holz
verunglcke, wenn ein Tannenbhler mit im Wasser sei.  Daher kam es,
da im Tannenbhl die Bume so dicht und so hoch standen, da es am
hellen Tag beinahe Nacht war, und Peter Munk wurde es ganz schaurig
dort zumute; denn er hrte keine Stimme, keinen Tritt als den
seinigen, keine Axt; selbst die Vgel schienen diese dichte
Tannennacht zu vermeiden.

Kohlenmunk-Peter hatte jetzt den hchsten Punkt des Tannenbhls
erreicht und stand vor einer Tanne von ungeheurem Umfang, um die ein
hollndischer Schiffsherr an Ort und Stelle viele hundert Gulden
gegeben htte.  "Hier", dachte er, "wird wohl der Schatzhauser
wohnen", zog seinen groen Sonntagshut, machte vor dem Baum eine
tiefe Verbeugung, rusperte sich und sprach mit zitternder Stimme:
"Wnsche glckseligen Abend, Herr Glasmann." Aber es erfolgte keine
Antwort, und alles umher war so still wie zuvor.  "Vielleicht mu ich
doch das Verslein sprechen", dachte er weiter und murmelte:

"Schatzhauser im grnen Tannenwald,
Bist schon viel hundert Jahre alt,
Dir gehrt all Land, wo Tannen stehn -"

Indem er diese Worte sprach, sah er zu seinem groen Schrekken eine
ganz kleine, sonderbare Gestalt hinter der dicken Tanne hervorschauen;
es war ihm, als habe er das Glasmnnlein gesehen, wie man es
beschrieben, das schwarze Wmschen, die roten Strmpfchen, das
Htchen, alles war so, selbst das blasse, aber feine und kluge
Gesichtchen, wovon man erzhlte, glaubte er gesehen zu haben.  Aber
ach, so schnell es hervorgeschaut hatte, das Glasmnnlein, so schnell
war es auch wieder verschwunden!  "Herr Glasmann", rief nach einigem
Zgern Peter Munk, "seid so gtig und haltet mich nicht zum Narren.
--Herr Glasmann, wenn Ihr meint, ich habe Euch nicht gesehen, so
tuschet Ihr Euch sehr, ich sah Euch wohl hinter dem Baum
hervorgucken." Immer keine Antwort, nur zuweilen glaubte er ein
leises, heiseres Kichern hinter dem Baum zu vernehmen.  Endlich
berwand seine Ungeduld die Furcht, die ihn bis jetzt noch abgehalten
hatte.  "Warte, du kleiner Bursche", rief er, "dich will ich bald
haben!", sprang mit einem Satz hinter die Tanne, aber da war kein
Schatzhauser im grnen Tannenwald, und nur ein kleines, zierliches
Eichhrnchen jagte an dem Baum hinauf.

Peter Munk schttelte den Kopf; er sah ein, da er die Beschwrung
bis auf einen gewissen Grad gebracht habe und da ihm vielleicht nur
noch ein Reim zu dem Sprchlein fehle, so knne er das Glasmnnlein
hervorlocken; aber er sann hin, er sann her, und fand nichts.  Das
Eichhrnchen zeigte sich an den untersten sten der Tanne und schien
ihn aufzumuntern oder zu verspotten.  Es putze sich, es rollte den
schnen Schweif, es schaute ihn mit klugen Augen an, aber endlich
frchtete er sich doch beinahe, mit diesem Tier allein zu sein; denn
bald schien das Eichhrnchen einen Menschenkopf zu haben und einen
dreispitzigen Hut zu tragen, bald war es ganz wie ein anderes
Eichhrnchen und hatte nur an den Hinterfen rote Strmpfe und
schwarze Schuhe.  Kurz, es war ein lustiges Tier; aber dennoch graute
Kohlenpeter; denn er meinte, es gehe nicht mit rechten Dingen zu.

Mit schnelleren Schritten, als er gekommen war, zog Peter wieder ab.
Das Dunkel des Tannenwaldes schien immer schwrzer zu werden, die
Bume standen immer dichter, und ihm fing an so zu grauen, da er im
Trab davonjagte, und erst, als er in der Ferne Hunde bellen hrte und
bald darauf den Rauch einer Htte erblickte, wurde er wieder ruhiger.
Aber als er nher kam und die Tracht der Leute in der Htte
erblickte, fand er, da er aus Angst gerade die entgegengesetzte
Richtung genommen und statt zu den Glasleuten zu den Flzern gekommen
sei.  Die Leute, die in der Htte wohnten, waren Holzfller; ein
alter Mann, sein Sohn, der Hauswirt und einige erwachsene Enkel.  Sie
nahmen Kohlenmunk-Peter, der um ein Nachtlager bat, gut auf, ohne
nach seinem Namen und Wohnort zu fragen, gaben ihm Apfelwein zu
trinken, und abends wurde ein groer Auerhahn aufgesetzt.

Nach dem Nachtessen setzten sich die Hausfrau und ihre Tchter mit
ihren Kunkeln um den groen Lichtspan, den die Jungen mit dem
feinsten Tannenharz unterhielten, der Grovater, der Gast und der
Hauswirt rauchten und schauten den Weibem zu, die Burschen aber waren
beschftigt, Lffel und Gabeln aus Holz zu schnitzeln.  Drauen im
Wald heulte der Sturm und raste in den Tannen, man hrte da und dort
sehr heftige Schlge, und es schien oft, als ob ganze Bume
abgeknickt wrden und zusammenkrachten.  Die furchtlosen Jungen
wollten hinaus in den Wald laufen und dieses furchtbar schne
Schauspiel mit ansehen, ihr Grovater aber hielt sie mit strengem
Wort und Blick zurck.  "Ich will keinem raten, da er jetzt vor die
Tr geht", rief er ihnen zu, "bei Gott, der kommt nimmermehr wieder;
denn der Hollnder--Michel haut sich heute nacht ein neues G'stair
(Flogelenke) im Wald."

Die Kleinen staunten ihn an; sie mochten von dem Hollnder-Michel
schon gehrt haben, aber sie baten jetzt den Ehni, einmal recht schn
von jenem zu erzhlen.  Auch Peter Munk, der vom Hollnder-Michel auf
der anderen Seite des Waldes nur undeutlich hatte sprechen hren,
stimmte mit ein und fragte den Alten, wer und wo er sei.  "Er ist der
Herr dieses Waldes, und nach dem zu schlieen, da Ihr in Eurem Alter
dies noch nicht erfahren, mt Ihr drben ber dem Tannenbhl oder
wohl gar noch weiter zu Hause sein.  Vom Hollnder--Michel will ich
Euch aber erzhlen, was ich wei, und wie die Sage von ihm geht.  Vor
etwa hundert Jahren, so erzhlte es wenigstens mein Ehni, war weit
und breit kein ehrlicheres Volk auf Erden als die Schwarzwlder.
Jetzt, seit so viel Geld im Land ist, sind die Menschen unredlich und
schlecht.  Die jungen Burschen tanzen und johlen am Sonntag und
fluchen, da es ein Schrecken ist; damals war es aber anders, und
wenn er jetzt zum Fenster dort hereinschaute, so sag' ich's und hab'
es oft gesagt, der Hollnder-Michel ist schuld an all dieser
Verderbnis.  Es lebte also vor hundert Jahren und drber ein reicher
Holzherr, der viel Gesind hatte; er handelte bis weit in den Rhein
hinab, und sein Geschft war gesegnet, denn er war ein frommer Mann.
Kommt eines Abends ein Mann an seine Tre, dergleichen er noch nie
gesehen.  Seine Kleidung war wie die der Schwarzwlder Burschen, aber
er war einen guten Kopf hher als alle, und man hatte noch nie
geglaubt, da es einen solchen Riesen geben knne.  Dieser bittet um
Arbeit bei dem Holzherrn, und der Holzherr, der ihm ansah, da er
stark und zu groen Lasten tchtig sei, rechnet mit ihm seinen Lohn,
und sie schlagen ein.  Der Michel war ein Arbeiter, wie selbiger
Holzherr noch keinen gehabt.  Beim Baumschlagen galt er fr drei, und
wenn sechs an einem Ende schleppten, trug er allein das andere.  Als
er aber ein halb Jahr Holz geschlagen, trat er eines Tages vor seinen
Herrn und begehrte von ihm: "Hab' jetzt lang genug hier Holz gehackt,
und so mcht' ich auch sehen, wohin meine Stmme kommen, und wie wr'
es, wenn Ihr mich auch 'nmal auf das Flo lieet?"

Der Holzherr antwortete: "Ich will dir nicht im Weg sein, Michel,
wenn du ein wenig hinaus willst in die Welt, und zwar beim Holzfllen
brauche ich starke Leute, wie du bist, auf dem Flo aber kommt es auf
Geschicklichkeit an, aber es sei fr diesmal."

Und so war es; das Flo, mit dem er abgehen sollte, hatte acht Glaich
(Glieder), und waren im letzten von den grten Zimmerbalken.  Aber
was geschah?  Am Abend zuvor bringt der lange Michel noch acht Balken
ans Wasser, so dick und lang, als man keinen je sah, und jeden trug
er so leicht auf der Schulter wie eine Flzerstange, so da sich
alles entsetzte.  Wo er sie gehauen, wei bis heute noch niemand.
Dem Holzherrn lachte das Herz, als er dies sah; denn er berechnete,
was diese Balken kosten knnten; Michel aber sagte: "So, die sind fr
mich zum Fahren; auf den kleinen Spnen dort kann ich nicht
fortkommen." Sein Herr wollte ihm zum Dank ein paar Flzerstiefel
schenken; aber er warf sie auf die Seite und brachte ein Paar hervor,
wie es sonst keine gab; mein Grovater hat versichert, sie haben
hundert Pfund gewogen und seien fnf Fu lang gewesen.

Das Flo fuhr ab, und hatte der Michel frher die Holzhauer in
Verwunderung gesetzt, so staunten jetzt die Flzer; denn statt da
das Flo, wie man wegen der ungeheuern Balken geglaubt hatte,
langsamer auf dem Flu ging, flog es, sobald sie in den Neckar kamen,
wie ein Pfeil; machte der Neckar eine Wendung und hatten sonst die
Flzer Mhe gehabt, das Flo in der Mitte zu halten, um nicht auf
Kies oder Sand zu stoen, so sprang jetzt Michel allemal ins Wasser,
rckte mit einem Zug das Flo links oder rechts, so da es ohne
Gefahr vorberglitt, und kam dann eine gerade Stelle, so lief er aufs
erste G'stair (Gelenk) vor, lie alle ihre Stangen beisetzen, steckte
seinen ungeheuren Weberbaum in den Kies, und mit einem Druck flog das
Flo dahin, da das Land und Bume und Drfer vorbeizujagen schienen.
So waren sie in der Hlfte der Zeit, die man sonst brauchte, nach
Kln am Rhein gekommen, wo sie sonst ihre Ladung verkauft hatten;
aber hier sprach Michel: "Ihr seid mir rechte Kaufleute und versteht
euren Nutzen!  Meinet ihr denn, die Klner brauchen all dies Holz,
das aus dem Schwarzwald kommt, fr sich?  Nein, um den halben Wert
kaufen sie es euch ab und verhandeln es teuer nach Holland.  Lasset
uns die kleinen Balken hier verkaufen und mit den groen nach Holland
gehen; was wir ber den gewhnlichen Preis lsen, ist unser eigener
Profit."

So sprach der arglistige Michel, und die anderen waren es zufrieden;
die einen, weil sie gerne nach Holland gezogen wren, es zu sehen,
die anderen des Geldes wegen.  Nur ein einziger war redlich und
mahnte sie ab, das Gut ihres Herrn der Gefahr auszusetzen oder ihn um
den hheren Preis zu betrgen, aber sie hrten nicht auf ihn und
vergaen seine Worte, aber der Hollnder-Michel verga sie nicht.
Sie fuhren auch mit dem Holz den Rhein hinab, und Michel leitete das
Flo und brachte sie schnell bis nach Rotterdam.  Dort bot man ihnen
das Vierfache von dem frheren Preis, und besonders die ungeheuren
Balken des Michel wurden mit schwerem Geld bezahlt.  Als die
Schwarzwlder so viel Geld sahen, wuten sie sich vor Freude nicht zu
fassen.  Michel teilte ab, einen Teil dem Holzherrn, die drei anderen
unter die Mnner.  Und nun setzten sie sich mit Matrosen und anderem
schlechten Gesindel in die Wirtshuser, verschlemmten und verspielten
ihr Geld; den braven Mann aber, der ihnen abgeraten, verkaufte der
Hollnder-Michel an einen Seelenverkufer, und man hat nichts mehr
von ihm gehrt.  Von da an war den Burschen im Schwarzwald Holland
das Paradies und Hollnder-Michel ihr Knig; die Holzherren erfuhren
lange nichts von dem Handel, und unvermerkt kamen Geld, Flche,
schlechte Sitten, Trunk und Spiel aus Holland herauf.

Der Hollnder-Michel war, als die Geschichte herauskam, nirgends zu
finden, aber tot ist er auch nicht; seit hundert Jahren treibt er
seinen Spuk im Wald, und man sagt, da er schon vielen behilflich
gewesen sei, reich zu werden, aber--auf Kosten ihrer armen Seele, und
mehr will ich nicht sagen.  Aber so viel ist gewi, da er noch jetzt
in solchen Sturmnchten im Tannenbhl, wo man nicht hauen soll,
berall die schnsten Tannen aussucht, und mein Vater hat ihn eine
vier Schuh dicke umbrechen sehen wie ein Rohr.  Mit diesen beschenkt
er die, welche sich vom Rechten abwenden und zu ihm gehen; um
Mitternacht bringen sie dann die G'stair ins Wasser, und er rudert
mit ihnen nach Holland.  Aber wre ich Herr und Knig in Holland, ich
liee ihn mit Karttschen in den Boden schmettern; denn alle Schiffe,
die von dem Hollnder-Michel auch nur einen Balken haben, mssen
untergehen.  Daher kommt es, da man von so vielen Schiffbrchigen
hrt; wie knnte denn sonst ein schnes, starkes Schiff, so gro als
eine Kirche, zugrund gehen auf dem Wasser?  Aber so oft
Hollnder-Michel in einer Sturmnacht im Schwarzwald eine Tanne fllt,
springt eine seiner alten aus den Fugen des Schiffes; das Wasser
dringt ein, und das Schiff ist mit Mann und Maus verloren.  Das ist
die Sage vom Hollnder-Michel, und wahr ist es, alles Bse im
Schwarzwald schreibt sich von ihm her; o!  Er kann einen reich
machen", setzte der Greis geheimnisvoll hinzu, "aber ich mchte
nichts von ihm haben; ich mchte um keinen Preis in der Haut des
_dicken Ezechiel_ und des langen Schlurkers stecken; auch der
_Tanzbodenknig_ soll sich ihm ergeben haben!" Der Sturm hatte sich
whrend der Erzhlung des Alten gelegt; die Mdchen zndeten
schchtern die Lampen an und gingen weg; die Mnner aber legten Peter
Munk einen Sack voll Laub als Kopfkissen auf die Ofenbank und
wnschten ihm gute Nacht.

Kohlenmunk-Peter hatte noch nie so schwere Trume gehabt wie in
dieser Nacht; bald glaubte er, der finstere, riesige Hollnder-Michel
reie die Stubenfenster auf und reiche mit seinem ungeheuer langen
Arm einen Beutel voll Goldstcke herein, die er untereinander
schttelte, da es hell und lieblich klang; bald sah er wieder das
kleine, freundliche Glasmnnchen auf einer ungeheuren grnen Flasche
im Zimmer umherreiten, und er meinte das heisere Lachen wiederzuhren
wie im Tannenbhl; dann brummte es ihm wieder ins linke Ohr:

"In Holland gibt's Gold!
Knnet's haben, wenn Ihr wollt
Um geringen Sold
Gold, Gold!"

Dann hrte er wieder in sein rechtes Ohr das Liedchen vom
Schatzhauser im grnen Tannenwald, und eine zarte Stimme flsterte:
"Dummer Kohlenpeter, dummer Peter Munk, kannst kein Sprchlein reimen
auf stehen, und bist doch am Sonntag geboren Schlag zwlf Uhr.  Reime,
dummer Peter, reime!"

Er chzte, er sthnte im Schlaf, er mhte sich ab, einen Reim zu
finden, aber da er in seinem Leben noch keinen gemacht hatte, war
seine Mhe im Traume vergebens.  Als er aber mit dem ersten Frhrot
erwachte, kam ihm doch sein Traum sonderbar vor; er setzte sich mit
verschrnkten Armen hinter den Tisch und dachte ber die
Einflsterungen nach, die ihm noch immer im Ohr lagen; "reime, dummer
Kohlenmunk-Peter, reime", sprach er zu sich und pochte mit dem Finger
an seine Stirn, aber es wollte kein Reim hervorkommen.  Als er noch
so dasa und trbe vor sich hinschaute und an den Reim auf stehen
dachte, da zogen drei Burschen vor dem Hause vorbei in den Wald, und
einer sang im Vorbergehen:

"Am Berge tat ich stehen,
Und schaute in das Tal, 
Da hab' ich sie gesehen 
Zum allerletztenmal."

Das fuhr wie ein leuchtender Blitz durch Peters Ohr, und hastig
raffte er sich auf, strzte aus dem Haus, weil er meinte, nicht recht
gehrt zu haben, sprang den drei Burschen nach und packte den Snger
hastig und unsanft beim Arm.  "Halt, Freund!" rief er, "was habt Ihr
da auf stehen gereimt, tut mir die Liebe und sprecht, was Ihr
gesungen."

"Was ficht's dich an, Bursche?" entgegnete der Schwarzwlder.  "Ich
kann singen, was ich will, und la gleich meinen Arm los, oder--"

"Nein, sagen sollst du, was du gesungen hast!" schrie Peter beinahe
auer sich und packte ihn noch fester an; die zwei anderen aber, als
sie dies sahen, zgerten nicht lange, sondern fielen mit derben
Fusten ber den armen Peter her und walkten ihn derb, bis er vor
Schmerzen das Gewand des dritten lie und erschpft in die Knie sank.
"Jetzt hast du dein Teil", sprachen sie lachend, "und merk dir,
toller Bursche, da du Leute, wie wir sind, nimmer anfllst auf
offenem Wege."

"Ach, ich will mir es gewilich merken!" erwiderte Kohlenpeter
seufzend, "aber so ich die Schlge habe, seid so gut und saget
deutlich, was jener gesungen!"

Da lachten sie aufs neue und spotteten ihn aus; aber der das Lied
gesungen, sagte es ihm vor, und lachend und singend zogen sie weiter.

"Also sehen", sprach der arme Geschlagene, indem er sich mhsam
aufrichtete, "sehen auf stehen--jetzt, Glasmnnlein, wollen wir
wieder ein Wort zusammen sprechen." Er ging in die Htte, holte
seinen Hut und den langen Stock, nahm Abschied von den Bewohnern der
Htte und trat seinen Rckweg nach dem Tannenbhl an.  Er ging
langsam und sinnend seine Strae, denn er mute ja einen Vers
ersinnen; endlich, als er schon in dem Bereich des Tannenbhls ging
und die Tannen hher und dichter wurden, hatte er auch seinen Vers
gefunden und machte vor Freude einen Sprung in die Hhe.  Da trat ein
riesengroer Mann in Flzerkleidung und eine Stange so lang wie ein
Mastbaum in der Hand hinter den Tannen hervor.  Peter Munk sank
beinahe in die Knie, als er jenen langsamen Schrittes neben sich
wandeln sah; denn er dachte, das ist der Hollnder-Michel und kein
anderer.  Noch immer schwieg die furchtbare Gestalt, und Peter
schielte zuweilen furchtsam nach ihm hin.  Er war wohl einen Kopf
grer als der lngste Mann, den Peter je gesehen; sein Gesicht war
nicht mehr jung, doch auch nicht alt, aber voll Furchen und Falten;
er trug ein Wams von Leinwand, und die ungeheuren Stiefel, ber die
Lederbeinkleider heraufgezogen, waren Peter aus der Sage wohlbekannt.

"Peter Munk, was tust du im Tannenbhl?" fragte der Waldknig endlich
mit tiefer, drhnender Stimme.

"Guten Morgen, Landsmann", antwortete Peter, indem er sich
unerschrocken zeigen wollte, aber heftig zitterte, "ich will durch
den Tannenbhl nach Haus zurck."

"Peter Munk", erwiderte jener und warf einen stechenden, furchtbaren
Blick nach ihm herber, "dein Weg geht nicht durch diesen Hain."

"Nun, so gerade just nicht", sagte jener, "aber es macht heute warm,
da dachte ich, es wird hier khler sein."

"Lge nicht, du, Kohlenpeter!" rief Hollnder-Michel mit donnernder
Stimme, "oder ich schlag' dich mit der Stange zu Boden; meinst, ich
hab' dich nicht betteln sehen bei dem Kleinen?" setzte er sanft hinzu.
"Geh, geh, das war ein dummer Streich, und gut ist es, da du das
Sprchlein nicht wutest; er ist ein Knauser, der kleine Kerl, und
gibt nicht viel, und wem er gibt, der wird seines Lebens nicht froh.
Peter, du bist ein armer Tropf und dauerst mich in der Seele; so ein
munterer, schner Bursche, der in der Welt was anfangen knnte, und
sollst Kohlen brennen!  Wenn andere groe Taler oder Dukaten aus dem
rmel schtteln, kannst du kaum ein paar Sechser aufwenden; 's ist
ein rmlich Leben."

"Wahr ist's, und recht habt Ihr, ein elendes Leben."

"Na, mir soll's nicht drauf ankommen", fuhr der schreckliche Michel
fort, "hab' schon manchem braven Kerl aus der Not geholfen, und du
wrest nicht der erste.  Sag' einmal, wieviel hundert Taler brauchst
du frs erste?"

Bei diesen Worten schttelte er das Geld in seiner ungeheuren Tasche
untereinander, und es klang wieder wie diese Nacht im Traum.  Aber
Peters Herz zuckte ngstlich und schmerzhaft bei diesen Worten, es
wurde ihm kalt und warm, und der Hollnder-Michel sah nicht aus, wie
wenn er aus Mitleid Geld wegschenkte, ohne etwas dafr zu verlangen.
Es fielen ihm die geheimnisvollen Worte des alten Mannes ber die
reichen Menschen ein, und von unerklrlicher Angst und Bangigkeit
gejagt, rief er: "Schnen Dank, Herr!  Aber mit Euch will ich nichts
zu schaffen haben, und ich kenn' Euch schon", und lief, was er laufen
konnte.

Aber der Waldgeist schritt mit ungeheuren Schritten neben ihm her und
murmelte dumpf und drohend: "Wirst's noch bereuen, Peter, auf deiner
Stirne steht's geschrieben, in deinem Auge ist's zu lesen; du
entgehst mir nicht.  Lauf nicht so schnell, hre nur noch ein
vernnftges Wort, dort ist schon meine Grenze!"

Aber als Peter dies hrte und unweit vor ihm einen kleinen Graben sah,
beeilte er sich nur noch mehr, ber die Grenze zu kommen, so da
Michel am Ende schneller laufen mute und unter Flchen und Drohungen
ihn verfolgte.  Der junge Mann setzte mit einem verzweifelten Sprung
ber den Graben; denn er sah, wie der Waldgeist mit seiner Stange
ausholte und sie auf ihn niederschmettern lassen wollte; er kam
glcklich jenseits an, und die Stange zersplitterte in der Luft, wie
an einer unsichtbaren Mauer, und ein langes Stck fiel zu, Peter
herber.  Triumphierend hob er es auf, um es dem groben
Hollnder-Michel zuzuwerfen; aber in diesem Augenblick fhlte er das
Stck Holz in seiner Hand sich bewegen, und zu seinem Entsetzen sah
er, da es eine ungeheure Schlange sei, was er in der Hand hielt, die
sich schon mit geifernder Zunge und mit blitzenden Augen an ihm
hinaufbumte.  Er lie sie los; aber sie hatte sich schon fest um
seinen Arm gewickelt und kam mit schwankendem Kopfe seinem Gesicht
immer nher; da rauschte auf einmal ein ungeheurer Auerhahn nieder,
packte den Kopf der Schlange mit dem Schnabel, erhob sich mit ihr in
die Lfte, und Hollnder-Michel, der dies alles von dem Graben aus
gesehen hatte, heulte und schrie und raste, als die Schlange von
einem Gewaltigeren entfhrt ward.

Erschpft und zitternd setzte Peter seinen Weg fort; der Pfad wurde
steiler, die Gegend wilder, und bald befand er sich an der ungeheuren
Tanne.  Er machte wieder seine Verbeugungen gegen das unsichtbare
Glasmnnlein und hub dann an:

"Schatzhauser im grnen Tannenwald,
Bist schon viel hundert Jahre alt,
Dein ist all Land, wo Tannen stehn,
Lt dich nur Sonntagskindern sehn."

"Hast's zwar nicht ganz getroffen; aber weil du es bist,
Kohlenmunk-Peter, so soll es hingehen", sprach eine zarte, feine
Stimme neben ihm.  Erstaunt sah er sich um, und unter einer schnen
Tanne sa ein kleines, altes Mnnlein in schwarzem Wams und roten
Strmpfen und den groen Hut auf dem Kopf.  Er hatte ein feines,
freundliches Gesichtchen und ein Brtchen so zart wie aus Spinnweben;
er rauchte, was sonderbar anzusehen war, aus einer Pfeife von blauem
Glas, und als Peter nher trat, sah er zu seinem Erstaunen, da auch
Kleider, Schuhe und Hut des Kleinen aus gefrbtem Glas bestanden;
aber es war geschmeidig, als ob es noch hei wre; denn es schmiegte
sich wie Tuch nach jeder Bewegung des Mnnleins.

"Du bist dem Flegel begegnet, dem Hollnder-Michel?" sagte der Kleine,
indem er zwischen jedem Wort sonderbar hstelte, "er hat dich recht
ngstigen wollen, aber seinen Kunstprgel habe ich ihm abgejagt, den
soll er nimmer wiederkriegen."

"Ja, Herr Schatzhauser", erwiderte Peter mit einer tiefen Verbeugung,
"es war mir recht bange.  Aber Ihr seid wohl der Herr Auerhahn
gewesen, der die Schlange totgebissen; da bedanke ich mich schnstens.
Ich komme aber, um mir Rat zu holen bei Euch; es geht mir gar
schlecht und hinderlich; ein Kohlenbrenner bringt es nicht weit, und
da ich noch jung bin, dchte ich doch, es knnte noch was Besseres
aus mir werden; und wenn ich oft andere sehe, wie weit die es in
kurzer Zeit gebracht haben; wenn ich nur den Ezechiel nehme und den
Tanzbodenknig, die haben Geld wie Heu."

"Peter", sagte der Kleine sehr ernst und blies den Rauch aus seiner
Pfeife weit hinweg; "Peter, sag mir nichts von _diesen_.  Was haben
sie davon, wenn sie hier ein paar Jahre dem Schein nach glcklich und
dann nachher desto unglcklicher sind?  Du mut dein Handwerk nicht
verachten; dein Vater und Grovater waren Ehrenleute und haben es
auch getrieben, Peter Munk!  Ich will nicht hoffen, da es Liebe zum
Miggang ist, was dich zu mir fhrt."

Peter erschrak vor dem Ernst des Mnnleins und errtete.  "Nein",
sagte er, "Miggang ist aller Laster Anfang, aber das knnet Ihr mir
nicht belnehmen, wenn mir ein anderer Stand besser gefllt als der
meinige.  Ein Kohlenbrenner ist halt so gar etwas Geringes auf der
Welt, und die Glasleute und Flzer und Uhrmacher und alle sind
angesehener."

"Hochmut kommt oft vor dem Fall", erwiderte der kleine Herr vom
Tannenwald etwas freundlicher.  "Ihr seid ein sonderbar Geschlecht,
ihr Menschen!  Selten ist einer mit dem Stand ganz zufrieden, in dem
er geboren und erzogen ist, und was gilt's, wenn du ein Glasmann
wrest, mchtest du gern ein Holzherr sein, und wrest du Holzherr,
so stnde dir des Frsters Dienst oder des Amtmanns Wohnung an.  Aber
es sei: Wenn du versprichst, brav zu arbeiten, so will ich dir zu
etwas Besserem verhelfen, Peter.  Ich pflege jedem Sonntagskind, das
sich zu mir zu finden wei, drei Wnsche zu gewhren.  Die ersten
zwei sind frei; den dritten kann ich verweigern, wenn er tricht ist.
So wnsche dir also jetzt etwas; aber--Peter, etwas Gutes und
Ntzliches!"

"Heisa!  Ihr seid ein treffliches Glasmnnlein, und mit Recht nennt
man Euch Schatzhauser, denn bei Euch sind die Schtze zu Hause.
Nu--und also darf ich wnschen, wonach mein Herz begehrt, so will ich
denn frs erste, da ich noch besser tanzen knne als der
Tanzbodenknig; und jedesmal noch einmal so viel Geld ins Wirtshaus
bringe als er."

"Du Tor!" erwiderte der Kleine zrnend.  "Welch ein erbrmlicher
Wunsch ist dies, gut tanzen zu knnen und Geld zum Spiel zu haben!
Schmst du dich nicht, dummer Peter, dich selbst so um dein Glck zu
betrgen?  Was ntzt es dir und deiner armen Mutter, wenn du tanzen
kannst?  Was ntzt dir dein Geld, das nach deinem Wunsch nur fr das
Wirtshaus ist und wie das des elenden Tanzbodenknigs dort bleibt?
Dann hast du wieder die ganze Woche nichts und darbst wie zuvor.
Noch einen Wunsch gebe ich dir frei; aber sieh dich vor, da du
vernnftiger wnschest!"

Peter kratzte sich hinter den Ohren und sprach nach einigem Zgern:
"Nun, so wnsche ich mir die schnste und reichste Glashtte im
ganzen Schwarzwald mit allem Zubehr und Geld, sie zu leiten."

"Sonst nichts?" fragte der Kleine mit besorglicher Miene.  "Peter,
sonst nichts?"

"Nun--Ihr knnet noch ein Pferd dazutun und ein Wgelchen--"

"Oh, du dummer Kohlenmunk-Peter!" rief der Kleine und warf seine
glserne Pfeife im Unmut an eine dicke Tanne, da sie in hundert
Stcke sprang.  "Pferde?  Wgelchen?  Verstand, sag' ich dir,
Verstand, gesunden Menschenverstand und Einsicht httest du wnschen
sollen, aber nicht Pferdchen und Wgelchen.  Nun, werde nur nicht so
traurig, wir wollen sehen, da es auch so nicht zu deinem Schaden ist;
denn der zweite Wunsch war im ganzen nicht tricht.  Eine gute
Glashtte nhrt auch ihren Mann und Meister; nur httest du Einsicht
und Verstand dazu mitnehmen knnen, Wagen und Pferde wren dann wohl
von selbst gekommen."

"Aber, Herr Schatzhauser", erwiderte Peter, "ich habe ja noch einen
Wunsch brig; da knnte ich ja Verstand wnschen, wenn er mir so
ntig ist, wie Ihr meinet."

"Nichts da; du wirst noch in manche Verlegenheit kommen, wo du froh
sein wirst, wenn du noch _einen_ Wunsch frei hast; und nun mache dich
auf den Weg nach Hause.  Hier sind", sprach der kleine Tannengeist,
indem er ein kleines Beutelein aus der Tasche zog, "hier sind
zweitausend Gulden, und damit genug, und komm mir nicht wieder, um
Geld zu fordern, denn dann mte ich dich an die hchste Tanne
aufhngen!  So hab' ich's gehalten, seit ich in dem Wald wohne.  Vor
drei Tagen aber ist der alte Winkfritz gestorben, der die groe
Glashtte gehabt hat im Unterwald.  Dorthin gehe morgen frhe und
mach ein Bot auf das Gewerbe, wie es recht ist!  Halt dich wohl, sei
fleiig, und ich will dich zuweilen besuchen und dir mit Rat und Tat
an die Hand gehen, weil du dir doch keinen Verstand erbeten.  Aber,
das sag' ich dir ernstlich, dein erster Wunsch war bse.  Nimm dich
in acht vor dem Wirtshauslaufen, Peter! 's hat noch bei keinem lange
gut getan." Das Mnnlein hatte, whrend es dies sprach, eine neue
Pfeife vom schnsten Beinglas hervorgezogen, sie mit gedrrten
Tannenzapfen gestopft und in den kleinen, zahnlosen Mund gesteckt.
Dann zog es ein ungeheures Brennglas hervor, trat in die Sonne und
zndete seine Pfeife an.  Als er damit fertig war, bot er dem Peter
freundlich die Hand, gab ihm noch ein paar gute Lehren auf den Weg,
rauchte und blies immer schneller und verschwand endlich in einer
Rauchwolke, die nach echtem hollndischem Tabak roch und, langsam
sich kruselnd, in den Tannenwipfeln vorschwebte.

Als Peter nach Hause kam, fand er seine Mutter sehr in Sorgen um ihn;
denn die gute Frau glaubte nicht anders, als ihr Sohn sei zum
Soldaten ausgehoben worden.  Er aber war frhlich und guter Dinge und
erzhlte ihr, wie er im Walde einen guten Freund getroffen, der ihm
Geld vorgeschossen habe, um ein anderes Geschft als Kohlenbrennen
anzufangen.  Obgleich seine Mutter schon seit dreiig Jahren in der
Khlerhtte wohnte und an den Anblick beruter Leute so gewhnt war
als jede Mllerin an das Mehlgesicht ihres Mannes, so war sie doch
eitel genug, sobald ihr Peter ein glnzenderes Los zeigte, ihren
frheren Stand zu verachten und sprach: "Ja, als Mutter eines Mannes,
der eine Glashtte besitzt, bin ich doch was anderes als Nachbarin
Grete und Bete und setze mich in Zukunft vornehin in der Kirche, wo
rechte Leute sitzen."

Ihr Sohn aber wurde mit den Erben der Glashtte bald handelseinig; er
behielt die Arbeiter, die er vorfand, bei sich und lie nun Tag und
Nacht Glas machen.  Anfangs gefiel ihm das Handwerk wohl; er pflegte
gemchlich in die Glashtte hinabzusteigen, ging dort mit vornehmen
Schritten, die Hnde in die Taschen gesteckt, hin und her, guckte
dahin, guckte dorthin, sprach dies und jenes, worber seine Arbeiter
oft nicht wenig lachten, und seine grte Freude war, das Glas blasen
zu sehen, und oft machte er sich selbst an die Arbeit und formte aus
der noch weichen Masse die sonderbarsten Figuren.  Bald aber war ihm
die Arbeit entleidet, und er kam zuerst nur noch eine Stunde des
Tages in die Htte, dann nur alle zwei Tage, endlich die Woche nur
einmal, und seine Gesellen machten, was sie wollten.

Das alles kam aber nur vom Wirtshauslaufen.  Den Sonntag, nachdem er
vom Tannenbhl zurckgekommen war, ging er ins Wirtshaus, und wer
schon auf dem Tanzboden sprang, war der Tanzbodenknig, und der dicke
Ezechiel sa auch schon hinter der Makanne und knchelte um
Kronentaler.  Da fuhr Peter schnell in die Tasche, zu sehen, ob ihm
das Glasmnnlein Wort gehalten, und siehe, seine Tasche strotzte von
Silber und Gold.  Auch in seinen Beinen zuckte und drckte es, wie
wenn sie tanzen und springen wollten, und als der erste Tanz zu Ende
war, stellte er sich mit seiner Tnzerin oben an neben den
Tanzbodenknig, und sprang dieser drei Schuh hoch, so flog Peter vier,
und machte dieser wunderliche und zierliche Schritte, so verschlang
und drehte Peter seine Fe, da alle Zuschauer vor Lust und
Verwunderung beinahe auer sich kamen.  Als man aber auf dem
Tanzboden vernahm, da Peter eine Glashtte gekauft habe, als man sah,
da er, so oft er an den Musikanten vorbeitanzte, ihnen einen
Sechsbtzner zuwarf, da war des Staunens kein Ende.  Die einen
glaubten, er habe einen Schatz im Walde gefunden, die anderen meinten,
er habe eine Erbschaft getan, aber alle verehrten ihn jetzt und
hielten ihn fr einen gemachten Mann, nur weil er Geld hatte.
Verspielte er doch noch an demselben Abend zwanzig Gulden, und
nichtsdestominder rasselte und klang es in seiner Tasche, wie wenn
noch hundert Taler darin wren.

Als Peter sah, wie angesehen er war, wute er sich vor Freude und
Stolz nicht zu fassen.  Er warf das Geld mit vollen Hnden weg und
teilte es den Armen reichlich mit, wute er doch, wie ihn selbst
einst die Armut gedrckt hatte.  Des Tanzbodenknigs Knste wurden
vor den bernatrlichen Knsten des neuen Tnzers zuschanden, und
Peter fhrte jetzt den Namen Tanz-Kaiser.  Die unternehmendsten
Spieler am Sonntag wagten nicht so viel wie er, aber sie verloren
auch nicht so viel.  Und je mehr er verlor, desto mehr gewann er.
Das verhielt sich aber ganz so, wie er es vom kleinen Glasmnnlein
verlangt hatte.  Er hatte sich gewnscht, immer so viel Geld in der
Tasche zu haben, wie der dicke Ezechiel.  Und gerade dieser war es,
an welchen er sein Geld verspielte.  Und wenn er zwanzig, dreiig
Gulden auf einmal verlor, so hatte er sie alsbald wieder in der
Tasche, wenn sie Ezechiel einstrich.  Nach und nach brachte er es
aber im Schlemmen und Spielen weiter als die schlechtesten Gesellen
im Schwarzwald, und man nannte ihn fter Spielpeter als Tanzkaiser;
denn er spielte jetzt auch beinahe an allen Werktagen.  Darber kam
aber seine Glashtte nach und nach in Verfall, und daran war Peters
Unverstand schuld.  Glas lie er machen, so viel man immer machen
konnte; aber er hatte mit der Htte nicht zugleich das Geheimnis
gekauft, wohin man es am besten verschleien knne.  Er wute am Ende
mit der Menge Glas nichts anzufangen und verkaufte es um den halben
Preis an herumziehende Hndler, nur um seine Arbeiter bezahlen zu
knnen.

Eines Abends ging er auch wieder vom Wirtshaus heim und dachte trotz
des vielen Weines, den er getrunken, um sich frhlich zu machen, mit
Schrecken und Gram an den Verfall seines Vermgens.  Da bemerkte er
auf einmal, da jemand neben ihm gehe; er sah sich um, und siehe
da--es war das Glasmnnlein.  Da geriet er in Zorn und Eifer, verma
sich hoch und teuer und schwur, der Kleine sei an all seinem Unglck
schuld.  "Was tu' ich nun mit Pferd und Wgelchen?" rief er.  "Was
nutzt mir die Htte und all mein Glas?  Selbst als ich noch ein
elender Khlersbursch war, lebte ich froher und hatte keine Sorgen.
Jetzt wei ich nicht, wann der Amtmann kommt und meine Habe schtzt
und versteigert, der Schulden wegen!"

"So?" entgegnete das Glasmnnlein.  "So?  Ich also soll schuld daran
sein, wenn du unglcklich bist?  Ist dies der Dank fr meine
Wohltaten?  Wer hie dich so tricht wnschen?  Ein Glasmann wolltest
du sein und wutest nicht, wohin dein Glas verkaufen?  Sagte ich dir
nicht, du solltest behutsam wnschen?  Verstand, Peter, Klugheit hat
dir gefehlt."

"Was, Verstand und Klugheit!" rief jener.  "Ich bin ein so kluger
Bursche als irgendeiner und will es dir zeigen, Glasmnnlein", und
bei diesen Worten fate er das Mnnlein unsanft am Kragen und schrie:
"Hab' ich dich jetzt, Schatzhauser im grnen Tannenwald?  Und den
dritten Wunsch will ich jetzt tun, den sollst du mir gewhren.  Und
so will ich hier auf der Stelle zweimalhunderttausend harte Taler und
ein Haus und o weh!" schrie er und schttelte die Hand; denn das
Waldmnnlein hatte sich in glhendes Glas verwandelt und brannte in
seiner Hand wie sprhendes Feuer.  Aber von dem Mnnlein war nichts
mehr zu sehen.

Mehrere Tage lang erinnerte ihn seine geschwollene Hand an seine
Undankbarkeit und Torheit.  Dann aber bertubte er sein Gewissen und
sprach: "Und wenn sie mir die Glashtte und alles verkaufen, so
bleibt mir doch immer der dicke Ezechiel.  So lange der Geld hat am
Sonntag, kann es mir nicht fehlen."

Ja, Peter!  Aber wenn er keines hat?--Und so geschah es eines Tages
und war ein wunderliches Rechenexempel.  Denn eines Sonntags kam er
angefahren ans Wirtshaus, und die Leute streckten die Kpfe durch die
Fenster, und der eine sagte, da kommt der Spielpeter, und der andere,
ja, der Tanzkaiser, der reiche Glasmann, und ein dritter schttelte
den Kopf und sprach: "Mit dem Reichtum kann man es machen, man sagt
allerlei von seinen Schulden, und in der Stadt hat einer gesagt, der
Amtmann werde nicht mehr lange sumen zum Auspfnden."

Indessen grte der reiche Peter die Gste am Fenster vornehm und
gravittisch, stieg vom Wagen und schrie: "Sonnenwirt, guten Abend,
ist der dicke Ezechiel schon da?"

Und eine tiefe Stimme rief: "Nur herein, Peter!  Dein Platz ist dir
aufbehalten, wir sind schon da und bei den Karten." So trat Peter
Munk in die Wirtsstube, fuhr gleich in die Tasche und merkte, da
Ezechiel gut versehen sein msse; denn seine Tasche war bis oben
angefllt.  Er setzte sich hinter den Tisch zu den anderen und gewann
und verlor hin und her, und so spielten sie, bis andere ehrliche
Leute nach Hause gingen, und spielten bei Licht, bis zwei andere
Spieler sagten: "Jetzt ist's genug, und wir mssen heim zu Frau und
Kind."

Aber Spielpeter forderte den dicken Ezechiel auf zu bleiben.  Dieser
wollte lange nicht, endlich aber rief er: "Gut, jetzt will ich mein
Geld zhlen, und dann wollen wir knchern, den Satz um fnf Gulden;
denn niederer ist es doch nur Kinderspiel." Er zog den Beutel und
zhlte und fand hundert Gulden bar, und Spielpeter wute nun, wieviel
er selbst habe, und brauchte es nicht erst zu zhlen.  Aber hatte
Ezechiel vorher gewonnen, so verlor er jetzt Satz fr Satz und
fluchte greulich dabei.  Warf er einen Pasch, gleich warf Spielpeter
auch einen und immer zwei Augen hher.  Da setzte er endlich die
letzten fnf Gulden auf den Tisch und rief: "Noch einmal, und wenn
ich auch den noch verliere, so hre ich doch nicht auf; dann leihst
du mir von deinem Gewinn, Peter!  Ein ehrlicher Kerl hilft dem
anderen."

"Soviel du willst, und wenn es hundert Gulden sein sollten", sprach
der Tanzkaiser, frhlich ber seinen Gewinn, und der dicke Ezechiel
schttelte die Wrfel und warf fnfzehn.

"Pasch!" rief er, "jetzt wollen wir sehen!"

Peter aber warf achtzehn, und eine heisere bekannte Stimme hinter ihm
sprach: "So, das war der letzte."

Er sah sich um, und riesengro stand der Hollnder-Michel hinter ihm.
Erschrocken lie er das Geld fallen, das er schon eingezogen hatte.
Aber der dicke Ezechiel sah den Waldmann nicht, sondern verlangte,
der Spielpeter sollte ihm zehn Gulden vorstrecken zum Spiel; halb im
Traum fuhr dieser mit der Hand in die Tasche, aber da war kein Geld,
er suchte in der anderen Tasche, aber auch da fand sich nichts, er
kehrte den Rock um, aber es fiel kein roter Heller heraus, und jetzt
erst gedachte er seines eigenen ersten Wunsches, immer soviel Geld zu
haben als der dicke Ezechiel.  Wie Rauch war alles verschwunden.

Der Wirt und Ezechiel sahen ihn staunend an, als er immer suchte und
sein Geld nicht finden konnte, sie wollten ihm nicht glauben, da er
keines mehr habe, aber als sie endlich selbst in seinen Taschen
suchten, wurden sie zornig und schwuren, der Spielpeter sei ein bser
Zauberer und habe all das gewonnene Geld und sein eigenes nach Hause
gewnscht.  Peter verteidigte sich standhaft; aber der Schein war
gegen ihn.  Ezechiel sagte, er wolle die schreckliche Geschichte
allen Leuten im Schwarzwald erzhlen, und der Wirt versprach ihm,
morgen mit dem frhesten in die Stadt zu gehen und Peter Munk als
Zauberer anzuklagen, und er wolle es erleben, setzte er hinzu, da
man ihn verbrenne.  Dann fielen sie wtend ber ihn her, rissen ihm
das Wams vom Leib und warfen ihn zur Tr hinaus.

Kein Stern schien am Himmel, als Peter trbselig seiner Wohnung
zuschlich; aber dennoch konnte er eine dunkle Gestalt erkennen, die
neben ihm herschritt und endlich sprach: "Mit dir ist's aus, Peter
Munk, all deine Herrlichkeit ist zu Ende, und das htt' ich dir schon
damals sagen knnen, als du nichts von mir hren wolltest und zu dem
dummen Glaszwerg liefst.  Da siehst du jetzt, was man davon hat, wenn
man meinen Rat verachtet.  Aber versuch es einmal mit mir, ich habe
Mitleiden mit deinem Schicksal.  Noch keinen hat es gereut, der sich
an mich wandte, und wenn du den Weg nicht scheust, morgen den ganzen
Tag bin ich am Tannenbhl zu sprechen, wenn du mich rufst." Peter
merkte wohl, wer so zu ihm spreche; aber es kam ihn ein Grauen an.
Er antwortete nichts, sondern lief seinem Haus zu.

Bei diesen Worten wurde der Erzhler durch ein Gerusch vor der
Schenke unterbrochen.  Man hrte einen Wagen anfahren, mehrere
Stimmen riefen nach Licht, es wurde heftig an das Hoftor gepocht, und
dazwischen heulten mehrere Hunde.  Die Kammer, die man dem Fuhrmann
und den Handwerksburschen angewiesen hatte, ging nach der Strae
hinaus; die vier Gste sprangen auf und liefen dorthin, um zu sehen,
was vorgefallen sei.  Soviel sie bei dem Schein einer Laterne sehen
konnten, stand ein groer Reisewagen vor der Schenke; soeben war ein
groer Mann beschftigt, zwei verschleierte Frauen aus dem Wagen zu
heben, und einen Kutscher in Livree sah man die Pferde abspannen, ein
Bediensteter aber schnallte den Koffer los.  "Diesen sei Gott gndig",
seufzte der Fuhrmann.  "Wenn diese mit heiler Haut aus der Schenke
kommen, so ist mir fr meinen Karren auch nicht mehr bange."

"Stille!" flsterte der Student.  "Mir ahnet, da man eigentlich
nicht uns, sondern dieser Dame auflauert; wahrscheinlich waren sie
unten schon von ihrer Reise unterrichtet.  Wenn man sie nur warnen
knnte!  Doch halt!  Es ist im ganzen Wirtshaus kein anstndiges
Zimmer fr die Damen als das neben dem meinigen.  Dorthin wird man
sie fhren.  Bleibet ihr ruhig in dieser Kammer; ich will die
Bediensteten zu unterrichten suchen."

Der junge Mann schlich sich auf sein Zimmer, lschte die Kerzen aus
und lie nur das Licht brennen, das ihm die Wirtin gegeben.  Dann
lauschte er an der Tre.

Bald kam die Wirtin mit den Damen die Treppe herauf und fhrte sie
mit freundlichen, sanften Worten in das Zimmer nebenan.  Sie redete
ihren Gsten zu, sich bald niederzulegen, weil sie von der Reise
erschpft sein wrden; dann ging sie wieder hinab.  Bald darauf hrte
der Student schwere mnnliche Tritte die Treppe heraufkommen.  Er
ffnete behutsam die Tre und erblickte durch eine kleine Spalte den
groen Mann, welcher die Damen aus dem Wagen gehoben.  Er trug ein
Jagdkleid und hatte einen Hirschfnger an der Seite und war wohl der
Reisestallmeister oder Begleiter der fremden Damen.  Als der Student
merkte, da dieser allein heraufgekommen war, ffnete er schnell die
Tr und winkte dem Mann, zu ihm einzutreten.  Verwundert trat dieser
nher, und ehe er noch fragen konnte, was man von ihm wolle,
flsterte ihm jener zu: "Mein Herr!  Sie sind heute nacht in eine
Ruberschenke geraten."

Der Mann erschrak; der Student zog ihn aber vollends in seine Tre
und erzhlte ihm, wie verdchtig es in diesem Hause aussehe.

Der Jger wurde sehr besorgt, als er dies hrte; er belehrte den
jungen Mann, da die Damen, eine Grfin und ihre Kammerfrau,
anfnglich die ganze Nacht durch haben fahren wollen; aber etwa eine
halbe Stunde von dieser Schenke sei ihnen ein Reiter begegnet, der
sie angerufen und gefragt habe, wohin sie reisen wollten.  Als er
vernommen, da sie gesonnen seien, die ganze Nacht durch den Spessart
zu reisen, habe er ihnen abgeraten, indem es gegenwrtig sehr
unsicher sei.  "Wenn Ihnen am Rat eines redlichen Mannes etwas liegt",
habe er hinzugesetzt, "so stehen Sie ab von diesem Gedanken; es
liegt nicht weit von hier eine Schenke; so schlecht und unbequem sie
sein mag, so bernachten Sie lieber daselbst, als da Sie sich in
dieser dunklen Nacht unntig der Gefahr preisgeben." Der Mann, der
ihnen dies geraten, habe sehr ehrlich und rechtlich ausgesehen, und
die Grfin habe in der Angst vor einem Ruberanfall befohlen, an
dieser Schenke stille zu halten.

Der Jger hielt es fr seine Pflicht, die Damen von der Gefahr, worin
sie schwebten, zu unterrichten.  Er ging in das andere Zimmer, und
bald darauf ffnete er die Tre, welche von dem Zimmer der Grfin in
das des Studenten fhrte.  Die Grfin, eine Dame von etwa vierzig
Jahren, trat, vor Schrecken bleich, zu dem Studenten heraus und lie
sich alles noch einmal von ihm wiederholen.  Dann beriet man sich,
was in dieser milichen Lage zu tun sei, und beschlo, so behutsam
als mglich die zwei Bediensteten, den Fuhrmann und die
Handwerksburschen herbeizuholen, um im Fall eines Angriffs wenigstens
gemeinsame Sache machen zu knnen.

Als dieses bald darauf geschehen war, wurde das Zimmer der Grfin
gegen den Hausflur hin verschlossen und mit Kommoden und Sthlen
verrammelt.  Sie setzte sich mit ihrer Kammerfrau aufs Bette, und die
zwei Bediensteten hielten bei ihr Wache.  Die frheren Gste aber und
der Jger setzten sich im Zimmer des Studenten um den Tisch und
beschlossen, die Gefahr zu erwarten.  Es mochte jetzt etwa zehn Uhr
sein, im Hause war alles ruhig und still, und noch machte man keine
Miene, die Gste zu stren.  Da sprach der Zirkelschmied: "Um wach zu
bleiben, wre es wohl das beste, wir machten es wieder wie zuvor; wir
erzhlten nmlich, was wir von allerlei Geschichten wissen, und wenn
der Herr Jger nichts dagegen hat, so knnten wir weiter fortfahren."
Der Jger aber hatte nicht nur nichts dagegen einzuwenden, sondern um
seine Bereitwilligkeit zu zeigen, versprach er, selbst etwas zu
erzhlen.  Er hub an:




Saids Schicksale

Wilhelm Hauff


Zur Zeit Harun Al-Raschids, des Beherrschers von Bagdad, lebte ein
Mann in Balsora, mit Namen Benazar.  Er hatte gerade so viel Vermgen,
um fr sich bequem und ruhig leben zu knnen, ohne ein Geschft oder
einen Handel zu treiben.  Auch als ihm ein Sohn geboren wurde, ging
er von dieser Weise nicht ab; "warum soll ich in meinem Alter noch
schachern und handeln", sprach er zu seinen Nachbarn, "um vielleicht
Said, meinem Sohn, tausend Goldstcke mehr hinterlassen zu knnen,
wenn es gut geht, und geht es schlecht, tausend weniger?  Wo zwei
speisen, wird auch ein dritter satt, sagt das Sprichwort, und wenn er
nur sonst ein guter Junge wird, soll es ihm an nichts fehlen." So
sprach Benazar und hielt Wort; denn er lie auch seinen Sohn nicht
zum Handel oder einem Gewerbe erziehen, doch unterlie er nicht, die
Bcher der Weisheit mit ihm zu lesen, und da nach seiner Ansicht
einen jungen Mann auer Gelehrsamkeit und Ehrfurcht vor dem Alter
nichts mehr zierte als ein gewandter Arm und Mut, so lie er ihn
frhe in den Waffen unterweisen, und Said galt bald unter seinen
Altersgenossen, ja selbst unter lteren Jnglingen, fr einen
gewaltigen Kmpfer, und im Reiten und Schwimmen tat es ihm keiner
zuvor.

Als er achtzehn Jahre alt war, schickte ihn sein Vater nach Mekka zum
Grab des Propheten, um an Ort und Stelle sein Gebet und seine
religisen bungen zu verrichten, wie es Sitte und Gebot erfordern.
Ehe er abreiste, lie ihn sein Vater noch einmal vor sich kommen,
lobte seine Auffhrung, gab ihm gute Lehren, versah ihn mit Geld und
sprach dann: "Noch etwas, mein Sohn Said!  Ich bin ein Mann, der ber
die Vorurteile des Pbels erhaben ist.  Ich hre zwar gerne
Geschichten von Feen und Zauberern erzhlen, weil mir die Zeit dabei
angenehm vergeht, doch bin ich weit entfernt, daran zu glauben, wie
so viele unwissende Menschen tun, da diese Genien, oder wer sie
sonst sein mgen, Einflu auf das Leben und Treiben der Menschen
haben.  Deine Mutter aber, sie ist jetzt zwlf Jahre tot, deine
Mutter glaubte so fest daran als an den Koran; ja, sie hat mir in
einer einsamen Stunde, nachdem ich ihr geschworen, es niemand als
ihrem Kinde zu entdecken, vertraut, da sie selbst von ihrer Geburt
an mit einer Fee in Berhrung gestanden habe.  Ich habe sie deswegen
ausgelacht, und doch mu ich gestehen, Said, da bei deiner Geburt
einige Dinge vorfielen, die mich selbst in Erstaunen setzten.  Es
hatte den ganzen Tag geregnet und gedonnert, und der Himmel war so
schwarz, da man nichts lesen konnte ohne Licht.  Aber um vier Uhr
nachmittags sagte man mir an, es sei mir ein Knblein geboren.  Ich
eilte nach den Gemchern deiner Mutter, um meinen Erstgeborenen zu
sehen und zu segnen; aber alle ihre Zofen standen vor der Tre, und
auf meine Fragen antworteten sie, da jetzt niemand in das Zimmer
treten drfe; Zemira, deine Mutter, habe alle hinausgehen heien,
weil sie allein sein wolle.  Ich pochte an die Tre, aber umsonst;
sie blieb verschlossen.

Whrend ich so halb unwillig unter den Zofen vor der Tre stand,
klrte sich der Himmel so pltzlich auf, wie ich es nie gesehen hatte,
und das Wunderbarste war, da nur ber unserer lieben Stadt Balsora
eine reine blaue Himmelswlbung erschien; ringsum aber lagen die
Wolken schwarz aufgerollt, und Blitze zuckten und schlngelten sich
in diesem Umkreis.  Whrend ich noch dieses Schauspiel neugierig
betrachtete, flog die Tre meiner Gattin auf; ich aber lie die Mgde
noch auen harren und trat allein in das Gemach, deine Mutter zu
fragen, warum sie sich eingeschlossen habe.  Als ' ich eintrat, quoll
mir ein so betubender Geruch von Rosen, Nelken und Hyazinthen
entgegen, da ich beinahe verwirrt wurde.  Deine Mutter brachte mir
dich dar und deutete zugleich auf ein silbernes Pfeifchen, das du um
den Hals an einer goldenen Kette, so fein wie Seide, trugst: "Die
gtige Frau, von welcher ich dir einst erzhlte, ist dagewesen",
sprach deine Mutter, "sie hat deinem Knaben dieses Angebinde gegeben.
"--"Das war also die Hexe, die das Wetter schn machte und diesen
Rosen- und Nelkenduft hinterlie?" sprach ich lachend und unglubig.
"Aber sie htte etwas Besseres bescheren knnen als dieses Pfeifchen,
etwa einen Beutel voll Gold, ein Pferd oder dergleichen!" Deine
Mutter beschwor mich, nicht zu spotten, weil die Feen, leicht erzrnt,
ihren Segen in Unsegen verwandeln.

Ich tat es ihr zu Gefallen und schwieg, weil sie krank war, wir
sprachen auch nicht mehr von dem sonderbaren Vorfall bis sechs Jahre
nachher, als sie fhlte, da sie, so jung sie noch war, sterben msse.
Da gab sie mir das Pfeifchen, trug mir auf, es einst, wenn du
zwanzig Jahre alt seiest, dir zu geben; denn keine Stunde zuvor
drfte ich dich von mir lassen.  Sie starb.  Eher ist nun das
Geschenk", fuhr Benazar fort, indem er ein silbernes Pfeifchen an
einer langen goldenen Kette aus einem Kstchen hervorsuchte, "und ich
gebe es dir in deinem achtzehnten statt in deinem zwanzigsten Jahre,
weil du abreisest und ich vielleicht, ehe du heimkehrst, zu meinen
Vtern versammelt werde.  Ich sehe keinen vernnftigen Grund ein,
warum du noch zwei Jahre hier bleiben sollst, wie es deine besorgte
Mutter wnschte.  Du bist ein guter und gescheiter Junge; fhrst die
Waffen so gut als einer von vierundzwanzig Jahren, daher kann ich
dich heute ebensogut fr mndig erklren, als wrest du schon zwanzig.
Und nun ziehe in Frieden und denke im Glck und Unglck, vor
welchem der Himmel dich bewahren wolle, an deinen Vater!"

So sprach Benazar von Balsora, als er seinen Sohn entlie.  Said nahm
bewegt von ihm Abschied, hing die Kette um den Hals, steckte das
Pfeifchen in den Grtel, schwang sich aufs Pferd und ritt nach dem
Ort, wo sich die Karawane nach Mekka versammelte.  In kurzer Zeit
waren an achtzig Kamele und viele hundert Reiter beisammen; die
Karawane setzte sich in Marsch, und Said ritt aus dem Tor von Balsora,
seiner Vaterstadt, die er in langer Zeit nicht mehr sehen sollte.

Das Neue einer solchen Reise und die mancherlei niegesehenen
Gegenstnde, die sich ihm aufdrngten, zerstreuten ihn anfangs; als
man sich aber der Wste nherte und die Gegend immer der und
einsamer wurde, da fing er an, ber manches nachzudenken und unter
anderem auch ber die Worte, womit ihn Benazar, sein Vater, entlassen
hatte.

Er zog das Pfeifchen hervor, beschaute es hin und her und setzte es
endlich an den Mund, um einen Versuch zu machen, ob es vielleicht
einen recht hellen und schnen Ton von sich gebe; aber siehe, es
tnte nicht, er blhte die Backen auf und blies aus Leibeskrften,
aber er konnte keinen Ton hervorbringen, und, unwillig ber das
nutzlose Geschenk, steckte er das Pfeifchen wieder in den Grtel.
Aber bald richteten sich alle seine Gedanken wieder auf die
geheimnisvollen Worte seiner Mutter; er hatte von Feen manches gehrt;
aber nie hatte er erfahren, da dieser oder jener Nachbar in Balsora
mit einem bernatrlichen Genius in Verbindung gestanden sei, sondern
man hatte die Sagen von diesen Geistern immer in weit entfernte
Lnder und alte Zeiten versetzt, und so glaubte er, es gebe
heutzutage keine solchen Erscheinungen mehr, oder die Feen haben
aufgehrt, die Menschen zu besuchen und an ihren Schicksalen
teilzunehmen.  Obgleich er aber also dachte, so war er doch immer
wieder von neuem versucht, an irgend etwas Geheimnisvolles und
bernatrliches zu glauben, was mit seiner Mutter vorgegangen sein
knnte, und so kam es, da er beinahe einen ganzen Tag wie ein
Trumender zu Pferde sa und weder an den Gesprchen der Reisenden
teilnahm, noch auf ihren Gesang oder ihr Gelchter achtete.

Said war ein sehr schner Jngling; sein Auge war mutig und khn,
sein Mund voll Anmut, und so jung er war, so hatte er doch in seinem
ganzen Wesen schon eine gewisse Wrde, die man in diesem Alter nicht
so oft trifft, und der Anstand, womit er leicht, aber sicher und in
vollem kriegerischem Schmuck zu Pferde sa, zog die Blicke manches
der Reisenden auf sich.  Ein alter Mann, der an seiner Seite ritt,
fand Wohlgefallen an ihm und versuchte, durch manche Fragen auch
seinen Geist zu prfen.  Said, welchem Ehrfurcht gegen das Alter
eingeprgt worden war, antwortete bescheiden, aber klug und umsichtig,
so da der Alte eine groe Freude an ihm hatte.  Da aber der Geist
des jungen Mannes schon den ganzen Tag nur mit einem Gegenstand
beschftigt war, so geschah es, da man bald auf das geheimnisvolle
Reich der Feen zu sprechen kam, und endlich fragte Said den Alten
geradezu, ob er glaube, da es Feen, gute oder bse Geister geben
knne, welche den Menschen beschtzen oder verfolgen.

Der alte Mann strich sich den Bart, neigte seinen Kopf hin und her
und sprach dann: "Leugnen lt es sich nicht, da es solche
Geschichten gegeben hat, obgleich ich bis heute weder einen
Geisterzwerg, noch einen Genius als Riesen, weder einen Zauberer,
noch eine Fee gesehen habe." Der Alte hub dann an und erzhlte dem
jungen Mann so viele und wunderbare Geschichten, da ihm der Kopf
schwindelte und er nicht anders dachte, als alles, was bei seiner
Geburt vorgegangen, die nderung des Wetters, der se Rosen- und
Hyazinthenduft, sei von groer und glcklicher Vorbedeutung, er
selbst stehe unter dem besonderen Schutz einer mchtigen, gtigen Fee,
und das Pfeifchen sei zu nichts Geringerem ihm geschenkt worden, als
der Fee im Fall der Not zu pfeifen.  Er trumte die ganze Nacht von
Schlssern, Zauberpferden, Genien und dergleichen und lebte in einem
wahren Feenreich.

Doch leider mute er schon am folgenden Tag die Erfahrung machen, wie
nichtig all seine Trume im Schlafen oder Wachen seien.  Die Karawane
war schon den grten Teil des Tages im gemchlichen Schritt
fortgezogen, Said immer an der Seite seines alten Gefhrten, als man
dunkle Schatten am fernsten Ende der Wste bemerkte; die einen
hielten sie fr Sandhgel, die anderen fr Wolken, wieder andere fr
eine neue Karawane; aber der Alte, der schon mehrere Reisen gemacht
hatte, rief mit lauter Stimme, sich vorzusehen; denn es sei eine
Horde ruberischer Araber im Anzug.  Die Mnner griffen zu den Waffen,
die Weiber und die Waren wurden in die Mitte genommen, und alles war
auf einen Angriff gefat.  Die dunkle Masse bewegte sich langsam ber
die Ebene her und war anzusehen wie eine groe Schar Strche, wenn
sie in ferne Lnder ausziehen.  Nach und nach kamen sie schneller
heran, und kaum hatte man Mnner und Lanzen unterschieden, als sie
auch schon mit Windeseile herangekommen waren und auf die Karawane
einstrmten.

Die Mnner wehrten sich tapfer; aber die Ruber waren ber
vierhundert Mann stark, umschwrmten sie von allen Seiten, tteten
viele aus der Ferne her und machten dann einen Angriff mit der Lanze.
In diesem furchtbaren Augenblick fiel Said, der immer unter den
Vordersten wacker gestritten hatte, sein Pfeifchen ein, er zog es
schnell hervor, setzte es an den Mund, blies und--lie es schmerzlich
wieder sinken; denn es gab auch nicht den leisesten Ton von sich.
Wtend ber diese grausame Enttuschung, zielte er und scho einen
Araber, der sich durch seine prachtvolle Kleidung auszeichnete, durch
die Brust; jener wankte und fiel vom Pferd.

"Allah!  Was habt Ihr gemacht, junger Mensch!" rief der Alte an
seiner Seite.  "Jetzt sind wir alle verloren." Und so schien es auch;
denn kaum sahen die Ruber diesen Mann fallen, als sie ein
schreckliches Geschrei erhoben und mit solcher Wut eindrangen, da
die wenigen noch unverwundeten Mnner bald zersprengt wurden.  Said
sah sich in einem Augenblick von fnf oder sechs umschwrmt.  Er
fhrte seine Lanze so gewandt, da keiner sich heranzunahen wagte;
endlich hielt einer an, legte einen Pfeil auf, zielte und wollte eben
die Sehne schnellen lassen, als ihm ein anderer winkte.  Der junge
Mann machte sich auf einen neuen Angriff gefat; aber ehe er sich
dessen versah, hatte ihm einer der Araber eine Schlinge ber den Kopf
geworfen, und so sehr er sich bemhte, das Seil zu zerreien, so war
doch alles umsonst; die Schlinge wurde fester und immer fester
angezogen, und Said war gefangen.

Die Karawane war endlich entweder ganz aufgerieben oder gefangen
worden, und die Araber, welche nicht zu einem Stamm gehrten, teilten
jetzt die Gefangenen und die brige Beute und zogen dann, der eine
Teil nach Sden, der andere nach Osten.  Neben Said ritten vier
Bewaffnete, welche ihn oft mit bitterem Grimm anschauten und
Verwnschungen ber ihn ausstieen; er merkte, da es ein vornehmer
Mann, vielleicht sogar ein Prinz gewesen sei, welchen er gettet
hatte.  Die Sklaverei, welcher er entgegensah, war noch hrter als
der Tod; darum wnschte er sich im stillen Glck, den Grimm der
ganzen Horde auf sich gezogen zu haben; denn er glaubte nicht anders,
als in ihrem Lager gettet zu werden.  Die Bewaffneten bewachten alle
seine Bewegungen, und so oft er sich umschaute, drohten sie ihm mit
ihren Spieen; einmal aber, als das Pferd des einen strauchelte,
wandte er den Kopf schnell um und erblickte zu seiner Freude den
Alten, seinen Reisegefhrten, welchen er unter den Toten geglaubt
hatte.

Endlich sah man in der Ferne Bume und Zelte; als sie nher kamen,
strmte ein ganzer Schwall von Kindern und Weibern entgegen; aber
kaum hatten diese einige Worte mit den Rubern gewechselt, als sie in
ein schreckliches Geheul ausbrachen und alle nach Said hinblickten,
die Arme gegen ihn aufhoben und Verwnschungen ausstieen.  "Jener
ist es", schrien sie, "der den groen Almansor erschlagen hat, den
tapfersten aller Mnner; er mu sterben, wir wollen sein Fleisch dem
Schakal der Wste zur Beute geben." Dann drangen sie mit Holzstcken,
Erdschollen und was sie zur Hand hatten so furchtbar auf Said ein,
da sich die Ruber selbst ins Mittel legen muten.

"Hinweg, ihr Unmndigen, fort, ihr Weiber!" riefen sie und trieben
die Menge mit den Lanzen auseinander, "er hat den groen Almansor
erschlagen im Gefecht, und er mu sterben, aber nicht von der Hand
eines Weibes, sondern vom Schwert der Tapferen."

Als sie unter den Zelten auf einem freien Platz angelangt waren,
machten sie halt; die Gefangenen wurden je zwei und zwei
zusammengebunden, die Beute in die Zelte gebracht, Said aber wurde
einzeln gefesselt und in ein groes Zelt gefhrt.  Dort sa ein alter,
prachtvoll gekleideter Mann, dessen ernste, stolze Miene verkndete,
da er das Oberhaupt dieser Horde sei.  Die Mnner, welche Said
fhrten, traten traurig und mit gesenktem Haupt vor ihn hin.  "Das
Geheul der Weiber sagt mir, was geschehen ist", sprach der
majesttische Mann, indem er die Ruber der Reihe nach anblickte,
"eure Mienen besttigen es--Almansor ist gefallen."

"Almansor ist gefallen", antworteten die Mnner, "aber hier, Selim,
Beherrscher der Wste, ist sein Mrder, und wir bringen ihn, damit du
ihn richtest; welche Todesart soll er sterben?  Sollen wir ihn aus
der Ferne mit Pfeilen erschieen, sollen wir ihn durch eine Gasse von
Lanzen jagen, oder willst du, da er an einem Strick aufgehngt oder
von Pferden zerrissen werde?"

"Wer bist du?" fragte Selim, dster auf den Gefangenen blickend, der
zum Tod bereit, aber mutig vor ihm stand.

Said beantwortete seine Frage kurz und offen.

"Hast du meinen Sohn meuchlings umgebracht?  Hast du ihn von hinten
mit einem Pfeil oder einer Lanze durchbohrt?"

"Nein, Herr!" entgegnete Said.  "Ich habe ihn in offenem Kampf beim
Angriff auf unsere Reihen von vorne gettet, weil er schon acht
meiner Genossen vor meinen Augen erschlagen hatte."

"Ist es also, wie er sprach?" fragte Selim die Mnner, die ihn
gefangen hatten.

"Ja, Herr, er hat Almansor im offenen Kampfe gettet", sprach einer
von den Gefragten.

"Dann hat er nicht mehr und nicht minder getan, als wir selbst getan
haben wrden", versetzte Selim, "er hat seinen Feind, der ihm
Freiheit und Leben rauben wollte, bekmpft und erschlagen; drum lset
schnell seine Bande!"

Die Mnner sahen ihn staunend an und gingen nur zaudernd und mit
Widerwillen ans Werk.  "So soll der Mrder deines Sohnes, des
tapferen Almansor, nicht sterben?" fragte einer, indem er wtende
Blicke auf Said warf, "htten wir ihn lieber gleich umgebracht!"

"Er soll nicht sterben!" rief Selim, "und ich nehme ihn sogar in mein
eigenes Zelt auf, ich nehme ihn als meinen gerechten Anteil an der
Beute, er sei mein Diener!"

Said fand keine Worte, dem Alten zu danken, die Mnner aber verlieen
murrend das Zelt, und als sie den Weibern und Kindern, die drauen
versammelt waren und auf Saids Hinrichtung warteten, den Entschlu
des alten Selim mitteilten, erhoben sie ein schreckliches Geheul und
Geschrei und riefen, sie wrden Almansors Tod an seinem Mrder rchen,
weil sein eigener Vater die Blutrache nicht ben wolle.

Die brigen Gefangenen wurden an die Horden verteilt; einige entlie
man, um Lsegeld fr die reicheren einzutreiben, andere wurden zu den
Herden als Hirten geschickt, und manche, die vorher von zehn Sklaven
sich bedienen lieen, muten die niedrigsten Dienste in diesem Lager
versehen.  Nicht so Said.  War es sein mutiges, heldenmiges
Aussehen oder der geheimnisvolle Zauber einer gtigen Fee, was den
alten Selim fr den Jngling einnahm?  Man wute es nicht zu sagen,
aber Said lebte in seinem Zelt mehr als Sohn denn als Diener.  Aber
die unbegreifliche Zuneigung des alten Mannes zog ihm die Feindschaft
der brigen Diener zu; er begegnete berall nur feindlichen Blicken,
und wenn er allein durchs Lager ging, so hrte er ringsumher
Schimpfworte und Verwnschungen ausstoen, ja, einigemal flogen
Pfeile an seiner Brust vorber, die offenbar ihm gegolten hatten, und
da sie ihn nicht trafen, schrieb er nur dem geheimnisvollen
Pfeifchen zu, das er noch immer auf der Brust trug und welchem er
diesen Schutz zuschrieb.  Oft beklagte er sich bei Selim ber diese
Angriffe auf sein Leben, aber vergebens suchte dieser die
Meuchelmrder ausfindig zu machen, denn die ganze Horde schien gegen
den begnstigten Fremdling verbunden zu sein.  Da sprach eines Tages
Selim zu ihm: "Ich hatte gehofft, du werdest mir vielleicht den Sohn
ersetzen, der durch deine Hand umgekommen ist; an dir und mir liegt
nicht die Schuld, da es nicht sein konnte; alle sind gegen dich
erbittert, und ich selbst kann dich in Zukunft nicht mehr schtzen;
denn was hilft es dir oder mir, wenn sie dich heimlich gettet haben,
den Schuldigen zur Strafe zu ziehen.  Darum, wenn die Mnner von
ihrem Streifzug heimkehren, werde ich sagen, dein Vater habe mir
Lsegeld geschickt, und ich werde dich durch einige treue Mnner
durch die Wste geleiten lassen."

"Aber kann ich irgendeinem auer dir trauen?" fragte Said bestrzt;
"werden sie mich nicht unterwegs tten?"

"Davor schtzt dich der Eid, den sie mir schwren mssen, und den
noch keiner gebrochen hat", erwiderte Selim mit groer Ruhe.  Einige
Tage nachher kehrten die Mnner ins Lager zurck, und Selim hielt
sein Versprechen.  Er schenkte dem Jngling Waffen, Kleider und ein
Pferd, versammelte die streitbaren Mnner, whlte fnf zur Begleitung
Saids aus, lie sie einen furchtbaren Eid ablegen, da sie ihn nicht
tten wollten, und entlie ihn dann mit Trnen.

Die fnf Mnner ritten finster und schweigend mit Said durch die
Wste; der Jngling sah, wie ungern sie den Auftrag erfllten, und es
machte ihm nicht wenig Besorgnis, da zwei von ihnen bei jenem Kampf
zugegen waren, wo er Almansor ttete.  Als sie etwa acht Stunden
zurckgelegt hatten, hrte Said, da sie untereinander flsterten,
und bemerkte, da ihre Mienen noch dsterer wurden als vorher.  Er
strengte sich an, aufzuhorchen, und vernahm, da sie sich in einer
Sprache unterhielten, die nur von dieser Horde und immer nur bei
geheimnisvollen oder gefhrlichen Unternehmungen gesprochen wurde;
Selim, der den Plan gehabt hatte, den jungen Mann auf immer in seinem
Zelte zu behalten, hatte sich manche Stunde damit abgegeben, ihn
diese geheimnisvollen Worte zu lehren; aber es war nichts
Erfreuliches, was er jetzt vernahm.

"Hier ist die Stelle", sprach einer, "hier griffen wir die Karawane
an, und hier fiel der tapferste Mann von der Hand eines Knaben."

"Der Wind hat die Spuren seines Pferdes verweht", fuhr ein anderer
fort, "aber ich habe sie nicht vergessen."

"Und zu unserer Schande soll der noch leben und frei sein, der Hand
an ihn legte?  Wann hat man je gehrt, da ein Vater den Tod seines
einzigen Sohnes nicht rchte?  Aber Selim wird alt und kindisch."

"Und wenn es der Vater unterlt", sagte ein vierter, "so ist es
Freundes Pflicht, den gefallenen Freund zu rchen.  Hier an dieser
Stelle sollten wir ihn niederhauen.  So ist es Recht und Brauch seit
den ltesten Zeiten."

"Aber wir haben dem Alten geschworen", rief ein fnfter, "wir drfen
ihn nicht tten, unser Eid darf nicht gebrochen werden."

"Es ist wahr", sprachen die anderen, "wir haben geschworen, und der
Mrder darf frei ausgehen aus den Hnden seiner Feinde."

"Halt!" rief einer, der finsterste unter allen.  "Der alte Selim ist
ein kluger Kopf, aber doch nicht so klug, als man glaubt; haben wir
ihm geschworen, diesen Burschen da- oder dorthin zu bringen?  Nein,
er nahm uns den Schwur auf sein Leben ab, und dieses wollen wir ihm
schenken.  Aber die brennende Sonne und die scharfen Zhne des
Schakals werden unsere Rache bernehmen.  Hier an dieser Stelle
wollen wir ihn gebunden liegen lassen." So sprach der Ruber; aber
schon seit einigen Minuten hatte sich Said auf das uerste gefat
gemacht, und indem jener noch die letzten Worte sprach, ri er sein
Pferd auf die Seite, trieb es mit einem tchtigen Hieb an und flog
wie ein Vogel ber die Ebene hin.  Die fnf Mnner staunten einen
Augenblick, aber wohlbewandert in solchen Verfolgungen, teilten sie
sich, jagten rechts und links nach, und weil sie die Art und Weise,
wie man in der Wste reiten mu, besser kannten, hatten zwei von
ihnen den Flchtling bald berholt, wandten sich gegen ihn um, und
als er auf die Seite floh, fand er auch dort zwei Gegner und den
fnften in seinem Rcken.  Der Eid, ihn nicht zu tten, hielt sie ab,
ihre Waffen zu gebrauchen; sie warfen ihm auch jetzt wieder von
hinten eine Schlinge ber den Kopf, zogen ihn vom Pferd, schlugen
unbarmherzig auf ihn los, banden ihn dann an Hnden und Fen und
legten ihn in den glhenden Sand der Wste.

Said flehte sie um Barmherzigkeit an, er versprach ihnen schreiend
ein groes Lsegeld; aber lachend schwangen sie sich auf und jagten
davon.  Noch einige Augenblicke lauschte er auf die leichten Tritte
ihrer Rosse, dann aber gab er sich verloren.  Er dachte an seinen
Vater, an den Gram des alten Mannes, wenn sein Sohn nicht mehr
heimkehre.  Er dachte an sein eigenes Elend, da er so frhe sterben
msse; denn nichts war ihm gewisser, als da er in dem heien Sand
den martervollen Tod des Verschmachtens sterben msse oder da er von
einem Schakal zerrissen werde.  Die Sonne stieg immer hher und
brannte glhend auf seiner Stirne.  Mit unendlicher Mhe gelang es
ihm endlich, sich aufzuwlzen; aber es gab ihm wenig Erleichterung.
Das Pfeifchen an der Kette war durch diese Anstrengung aus seinem
Kleid gefallen.  Er mhte sich so lange, bis er es mit dem Mund
fassen konnte; endlich berhrten es seine Lippen, er versuchte zu
blasen, aber auch in dieser schrecklichen Not versagte es den Dienst.
Verzweiflungsvoll lie er den Kopf zurcksinken, und endlich
beraubte ihn die stechende Sonne der Sinne; er fiel in eine tiefe
Betubung.

Nach vielen Stunden erwachte Said von einem Gerusch in seiner Nhe;
er fhlte zugleich, da seine Schulter gepackt wurde, und er stie
einen Schrei des Entsetzens aus, denn er glaubte nichts anderes, als
ein Schakal sei herangekommen, ihn zu zerreien.  Jetzt wurde er auch
an den Beinen angefat, aber er fhlte, da es nicht die Krallen
eines Raubtieres seien, die ihn umfaten, sondern die Hnde eines
Mannes, der sich sorgsam mit ihm beschftigte und mit zwei oder drei
anderen sprach.  "Er lebt", flsterten sie, "aber er hlt uns fr
Feinde."

Endlich schlug Said die Augen auf und erblickte ber sich das Gesicht
eines kleinen, dicken Mannes mit kleinen Augen und langem Bart.
Dieser sprach ihm freundlich zu, half ihm sich aufrichten, reichte
ihm Speise und Trank und erzhlte ihm, whrend er sich strkte, er
sei ein Kaufmann aus Bagdad, heie Kalum-Beck und handle mit Schals
und feinen Schleiern fr die Frauen.  Er habe eine Handelsreise
gemacht, sei jetzt auf der Rckkehr nach Hause begriffen und habe ihn
elend und halb im Sand liegen sehen.  Sein prachtvoller Anzug und die
blitzenden Steine seines Dolches htten ihn aufmerksam gemacht; er
habe alles angewandt, ihn zu beleben, und es sei ihm also gelungen.
Der Jngling dankte ihm fr sein Leben, denn er sah wohl ein, da er
ohne die Dazwischenkunft dieses Mannes elend htte sterben mssen;
und da er weder Mittel hatte, sich selbst fortzuhelfen, noch willens
war, zu Fu und allein durch die Wste zu wandern, so nahm er dankbar
einen Sitz auf einem der schwer beladenen Kamele des Kaufmanns an und
beschlo frs erste, mit nach Bagdad zu ziehen, vielleicht knnte er
dort sich an eine Gesellschaft, die nach Balsora reisete, anschlieen.

Unterwegs erzhlte der Kaufmann seinem Reisegefhrten manches von dem
trefflichen Beherrscher der Glubigen, Harun Al-Raschid.  Er erzhlte
ihm von seiner Gerechtigkeitsliebe und seinem Scharfsinn, wie er die
wunderbarsten Prozesse auf einfache und bewundernswrdige Weise zu
schlichten wisse; unter anderem fhrte er die Geschichte von dem
Seiler, die Geschichte von dem Topf mit Oliven an, Geschichten, die
jedes Kind wei, die aber Said sehr bewunderte.  "Unser Herr, der
Beherrscher der Glubigen", fuhr der Kaufmann fort, "unser Herr ist
ein wunderbarer Mann.  Wenn Ihr meinet, er schlafe, wie andere
gemeine Leute, so tuschet Ihr Euch sehr.  Zwei, drei Stunden in der
Morgendmmerung ist alles.  Ich mu das wissen, denn Messour, sein
erster Kmmerer, ist mein Vetter, und obgleich er so verschwiegen ist
wie das Grab, was die Geheimnisse seines Herrn anbelangt, so lt er
doch, der guten Verwandtschaft zulieb, hin und wieder einen Wink
fallen, wenn er sieht, da einer aus Neugierde beinahe vom Verstand
kommen knnte.  Statt nun wie andere Menschen zu schlafen, schleicht
der Kalif nachts durch die Straen von Bagdad, und selten verstreicht
eine Woche, worin er nicht ein Abenteuer aufstt; denn Ihr mt
wissen, wie ja auch aus der Geschichte mit dem Oliventopf erhellt,
die so wahr ist als das Wort des Propheten, da er nicht mit der
Wache und zu Pferd, in vollem Putz und mit hundert Fackeltrgern
seine Runde macht, wie er wohl tun knnte, wenn er wollte, sondern
angezogen bald als Kaufmann, bald als Schiffer, bald als Soldat, bald
als Mufti geht er umher und schaut, ob alles recht und in Ordnung sei.

Daher kommt es aber auch, da man in keiner Stadt nachts so hflich
gegen jeden Narren ist, auf den man stt, wie in Bagdad; denn es
knnte ebensogut der Kalif wie ein schmutziger Araber aus der Wste
sein, und es wchst Holz genug, um allen Menschen in und um Bagdad
die Bastonade zu geben."

So sprach der Kaufmann, und Said, so sehr ihn hin und wieder die
Sehnsucht nach seinem Vater qulte, freute sich doch, Bagdad und den
berhmten Harun Al-Raschid zu sehen.

Nach zehn Tagen kamen sie in Bagdad an, und Said staunte und
bewunderte die Herrlichkeit dieser Stadt, die damals gerade in ihrem
hchsten Glanz war.  Der Kaufmann lud ihn ein, mit in sein Haus zu
kommen, und Said nahm es gerne an; denn jetzt erst unter dem Gewhl
der Menschen fiel es ihm ein, da hier wahrscheinlich auer der Luft
und dem Wasser des Tigris und einem Nachtlager auf den Stufen einer
Moschee nichts umsonst zu haben sein werde.

Den Tag nach seiner Ankunft, als er sich eben angekleidet hatte und
sich gestand, da er in diesem prachtvollen kriegerischen Aufzug sich
in Bagdad wohl sehen lassen knne und vielleicht manchen Blick auf
sich ziehe, trat der Kaufmann in sein Zimmer.  Er betrachtete den
schnen Jngling mit schelmischem Lcheln, strich sich den Bart und
sprach dann: "Das ist alles recht schn, junger Herr!  Aber was soll
denn nun aus Euch werden?  Ihr seid, kommt es mir vor, ein groer
Trumer und denket nicht an den folgenden Tag; oder habt Ihr so viel
Geld bei Euch, um dem Kleid gem zu leben, das Ihr traget?"

"Lieber Herr Kalum-Beck", sprach der Jngling verlegen und errtend,
"Geld habe ich freilich nicht, aber vielleicht strecket Ihr mir etwas
vor, womit ich heimreisen kann; mein Vater wird es gewi richtig
erstatten."

"Dein Vater, Bursche?" rief der Kaufmann laut lachend.  "Ich glaube,
die Sonne hat dir das Hirn verbrannt.  Meinst du, ich glaube dir so
aufs Wort das ganze Mrchen, das du mir in der Wste erzhltest, da
dein Vater ein reicher Mann in Balsora sei, du sein einziger Sohn,
und den Anfall der Araber und dein Leben in ihrer Horde und dies und
jenes.  Schon damals rgerte ich mich ber deine frechen Lgen und
deine Unverschmtheit.  Ich wei, da in Balsora alle reichen Leute
Kaufleute sind, habe schon mit allen gehandelt und mte von einem
Benazar gehrt haben, und wenn er nur sechstausend Tomans im Vermgen
htte.  Es ist also entweder erlogen, da du aus Balsora bist, oder
dein Vater ist ein armer Schlucker, dessen hergelaufenem Jungen ich
keine Kupfermnze leihen mag.  Sodann der berfall in der Wste!
Wann hat man gehrt, seit der weise Kalif Harun die Handelswege durch
die Wste gesichert hat, da es Ruber gewagt haben, eine Karawane zu
plndern und sogar Menschen hinwegzufhren?  Auch mte es bekannt
geworden sein, aber auf meinem ganzen Weg, und auch hier in Bagdad,
wo Menschen aus allen Gegenden der Welt zusammenkommen, hat man
nichts davon gesprochen.  Das ist die zweite Lge, junger,
unverschmter Mensch!"

Bleich vor Zorn und Unmut wollte Said dem kleinen bsen Mann in die
Rede fallen, jener aber schrie strker als er und focht dazu mit den
Armen.  "Und die dritte Lge, du frecher Lgner, ist die Geschichte
im Lager Selims.  Selims Name ist wohlbekannt unter allen, die jemals
einen Araber gesehen haben, aber Selim ist bekannt als der
schrecklichste und grausamste Ruber, und du wagst zu erzhlen, du
habest seinen Sohn gettet und seiest nicht sogleich in Stcke
gehauen worden; ja, du treibest die Frechheit so weit, da du das
Unglaubliche sagst, Selim habe dich gegen seine Horde beschtzt, in
sein eigenes Zelt aufgenommen und ohne Lsegeld entlassen, statt da
er dich aufgehngt htte an den nchsten besten Baum, er, der oft
Reisende gehngt hat, nur um zu sehen, welche Gesichter sie machen,
wenn sie aufgehngt sind.  Oh, du abscheulicher Lgner!"

"Und ich kann nichts weiter sagen", rief der Jngling, "als da alles
wahr ist bei meiner Seele und beim Bart des Propheten!"

"Was, bei deiner Seele willst du schwren?" schrie der Kaufmann, "bei
deiner schwarzen, lgenhaften Seele?  Wer soll da glauben?  Und beim
Bart des Propheten, du, der du selbst keinen Bart hast?  Wer soll da
trauen?"

"Ich habe freilich keinen Zeugen", fuhr Said fort, "aber habt Ihr
mich nicht gefesselt und elend gefunden?"

"Das beweist mir gar nichts", sprach jener, "du bist gekleidet wie
ein stattlicher Ruber, und leicht hast du einen angefallen, der
strker war als du, dich berwand und band."

"Den einzelnen oder sogar zwei mchte ich sehen", entgegnete Said,
"die mich niederstrecken und binden, wenn sie mir nicht von hinten
eine Schlinge ber den Kopf werfen.  Ihr mgt in Eurem Basar freilich
nicht wissen, was ein einzelner vermag, wenn er in den Waffen gebt
ist.  Aber Ihr habt mir das Leben gerettet, und ich danke Euch.  Was
wollt Ihr denn aber jetzt mit mir beginnen?  Wenn Ihr mich nicht
untersttzet, so mu ich betteln, und ich mag keinen meinesgleichen
um eine Gnade anflehen; an den Kalifen will ich mich wenden."

"So?" sprach der Kaufmann, hhnisch lchelnd.  "An niemand anders
wollt Ihr Euch wenden als an unseren allergndigsten Herrn?  Das
heie ich vornehm betteln!  Ei, ei!  Bedenket aber, junger vornehmer
Herr, da der Weg zum Kalifen an meinem Vetter Messour vorbeigeht,
und da es mich ein Wort kostet, den Oberkmmerer darauf aufmerksam
zu machen, wie trefflich Ihr lgen knnet.  Aber mich dauert deine
Jugend, Said.  Du kannst dich bessern, es kann noch etwas aus dir
werden.  Ich will dich in mein Gewlbe im Basar nehmen, dort sollst
du mir ein Jahr lang dienen, und ist dies vorbei und willst du nicht
bei mir bleiben, so zahle ich dir deinen Lohn aus und lasse dich
gehen, wohin du willst, nach Aleppo oder Medina, nach Stambul oder
nach Balsora, meinetwegen zu den Unglubigen.  Bis Mittag gebe ich
dir Bedenkzeit; willst du, so ist es gut, willst du nicht, so
berechne ich dir nach billigem Anschlag die Reisekosten, die du mir
machtest, und den Platz auf dem Kamel, mache mich mit deinen Kleidern
und allem, was du hast, bezahlt und werfe dich auf die Strae; dann
kannst du beim Kalifen oder beim Mufti, an der Moschee oder im Basar
betteln. "

Mit diesen Worten verlie der bse Mann den unglcklichen Jngling.
Said blickte ihm voll Verachtung nach.  Er war so emprt ber die
Schlechtigkeit dieses Menschen, der ihn absichtlich mitgenommen und
in sein Haus gelockt hatte, damit er ihn in seine Gewalt bekme.  Er
versuchte, ob er nicht entfliehen knnte, aber sein Zimmer war
vergittert und die Tre verschlossen.  Endlich, nachdem sein Sinn
sich lange dagegen gestrubt hatte, beschlo er, frs erste den
Vorschlag des Kaufmanns anzunehmen und ihm in seinem Gewlbe zu
dienen.  Er sah ein, da ihm nichts Besseres zu tun brigbleibe; denn
wenn er auch entfloh, so konnte er ohne Geld doch nicht bis Balsora
kommen.  Aber er nahm sich vor, sobald als mglich den Kalifen selbst
um Schutz anzuflehen.

Den folgenden Tag fhrte Kalum-Beck seinen neuen Diener in sein
Gewlbe im Basar.  Er zeigte Said alle Schals und Schleier und andere
Waren, womit er handelte, und wies ihm seinen besonderen Dienst an.
Dieser bestand darin, da Said, angekleidet wie ein Kaufmannsdiener
und nicht mehr im kriegerischen Schmuck, in der einen Hand einen
Schal, in der anderen einen prachtvollen Schleier, unter der Tre des
Gewlbes stand, die vorbergehenden Mnner oder Frauen anrief, seine
Ware vorzeigte, ihren Preis nannte und die Leute zum Kaufen einlud;
und jetzt konnte sich Said auch erklren, warum ihn Kalum-Beck zu
diesem Geschft bestimmt habe.  Er war ein kleiner, hlicher Alter,
und wenn er selbst unter dem Laden stund und anrief, so sagte mancher
Nachbar oder auch einer der Vorbergehenden ein witziges Wort ber
ihn, oder die Knaben spotteten seiner, und die Frauen nannten ihn
eine Vogelscheuche; aber jedermann sah gerne den jungen schlanken
Said, der mit Anstand die Kunden anrief und Schal und Schleier
geschickt und zierlich zu halten wute.

Als Kalum-Beck sah, da sein Laden im Basar an Kunden zunahm, seitdem
Said unter der Tre stand, wurde er freundlicher gegen den jungen
Mann, speiste ihn besser als zuvor und war darauf bedacht, ihn in
seiner Kleidung immer schn und stattlich zu halten.  Aber Said wurde
durch solche Beweise der milderen Gesinnungen seines Herrn wenig
gerhrt und sann den ganzen Tag und selbst in seinen Trumen auf gute
Art und Weise, um in seine Vaterstadt zurckzukehren.

Eines Tages war im Gewlbe vieles gekauft worden, und alle
Packknechte, welche die Waren nach Hause trugen, waren schon versandt,
als eine Frau eintrat und noch einiges kaufte.  Sie hatte bald
gewhlt und verlangte dann jemand, der ihr gegen ein Trinkgeld die
Waren nach Hause trage.  "In einer halben Stunde kann ich Euch alles
schicken", antwortete Kalum-Beck, "nur so lange mt Ihr Euch
gedulden oder irgendeinen anderen Packer nehmen."

"Seid Ihr ein Kaufmann und wollet Euren Kunden fremde Packer
mitgeben?" rief die Frau.  "Kann nicht ein solcher Bursche im Gedrng
mit meinem Pack davonlaufen?  Und an wen soll ich mich dann wenden?
Nein, Eure Pflicht ist es nach Marktrecht, mir meinen Pack nach Hause
tragen zu lassen, und an Euch kann und will ich mich halten."

"Aber nur eine halbe Stunde wartet, werte Frau!" sprach der Kaufmann,
sich immer ngstlicher drehend.  "Alle meine Packknechte sind
verschickt--"

"Das ist ein schlechtes Gewlbe, das nicht immer einige Knechte brig
hat", entgegnete das bse Weib.  "Aber dort steht ja noch solch ein
junger Miggnger, komm, junger Bursche, nimm meinen Pack und trag
ihn mir nach!"

"Halt, halt!" schrie Kalum-Beck.  "Das ist mein Aushngeschild, mein
Ausrufer, mein Magnet!  Der darf die Schwelle nicht verlassen!"

"Was da!" erwiderte die alte Dame und steckte Said ohne weiteres
ihren Pack unter den Arm, "das sind ein schlechter Kaufmann und
elende Waren, die sich nicht selbst loben und erst noch solch einen
migen Bengel zum Schild brauchen.  Geh, geh, Bursche, du sollst
heute ein Trinkgeld verdienen!"

"So lauf im Namen Arimans und aller bsen Geister", murmelte
Kalum-Beck seinem Magnet zu, "und siehe zu, da du bald wiederkommst;
die alte Hexe knnte mich ins Geschrei bringen auf dem ganzen Basar,
wollte ich mich lnger weigern."

Said folgte der Frau, die leichteren Schrittes, als man ihrem Alter
zutrauen sollte, durch den Markt und die Straen eilte.  Sie stand
endlich vor einem prachtvollen Hause still, pochte an, die
Flgeltren sprangen auf, und sie stieg eine Marmortreppe hinan und
winkte Said zu folgen.  Sie gelangten endlich in einen hohen, weiten
Saal, der mehr Pracht und Herrlichkeit enthielt, als Said jemals
geschaut hatte.  Dort setzte sich die alte Frau erschpft auf ein
Polster, winkte dem jungen Mann, seinen Pack niederzulegen, reichte
ihm ein kleines Silberstck und hie ihn gehen.

Er war schon an der Tre, als eine helle, feine Stimme "Said" rief;
verwundert, da man ihn hier kenne, schaute er sich um, und eine
wunderschne Dame, umgeben von vielen Sklaven und Dienerinnen, sa
statt der Alten auf dem Polster.  Said, ganz stumm vor Verwunderung,
kreuzte seine Arme und machte eine tiefe Verbeugung.

"Said, mein lieber Junge", sprach die Dame, "so sehr ich die Unflle
bedaure, die dich nach Bagdad fhrten, so war doch dies der einzige
vom Schicksal bestimmte Ort, wo sich, wenn du vor dem zwanzigsten
Jahr dein Vaterhaus verlieest, dein Schicksal lsen wrde.  Said,
hast du noch dein Pfeifchen?"

"Wohl hab' ich es noch", rief er freudig, indem er die goldene Kette
hervorzog, "und Ihr seid vielleicht die gtige Fee, die mir dieses
Angebinde gab, als ich geboren wurde?"

"Ich war die Freundin deiner Mutter", antwortete die Fee, "und bin
auch deine Freundin, solange du gut bleibst.  Ach, da dein Vater,
der leichtsinnige Mann, meinen Rat befolgt htte!  Du wrdest vielen
Leiden entgangen sein."

"Nun, es hat wohl so kommen mssen!" erwiderte Said.  "Aber gndigste
Fee, lasset einen tchtigen Nordostwind an Euren Wolkenwagen spannen,
nehmet mich auf und fhrt mich in ein paar Minuten nach Balsora zu
meinem Vater; ich will dann die sechs Monate bis zu meinem
zwanzigsten Jahre geduldig dort ausharren."

Die Fee lchelte.  "Du hast eine gute Weise, mit uns zu sprechen",
antwortete sie, "aber, armer Said, es ist nicht mglich; ich vermag
jetzt, wo du auer deinem Vaterhause bist, nichts Wunderbares fr
dich zu tun.  Nicht einmal aus der Gewalt des elenden Kalum-Beck
vermag ich dich zu befreien.  Er steht unter dem Schutze deiner
mchtigen Feindin."

"Also nicht nur eine gtige Freundin habe ich", fragte Said, "auch
eine Feindin?  Nun, ich glaube ihren Einflu schon fter erfahren zu
haben.  Aber mit Rat drfet Ihr mich doch untersttzen?  Soll ich
nicht zum Kalifen gehen und ihn um Schutz bitten?  Er ist ein weiser
Mann, er wird mich gegen Kalum-Beck beschtzen."

"Ja, Harun ist ein weiser Mann!" erwiderte die Fee.  "Aber leider ist
er auch nur ein Mensch.  Er traut seinem Grokmmerer Messour soviel
als sich selbst, und er hat recht; denn er hat Messour erprobt und
treu gefunden.  Messour aber traut deinem Freund Kalum-Beck auch wie
sich selbst, und darin hat er unrecht, denn Kalum ist ein schlechter
Mann, wenn er schon Messours Verwandter ist.  Kalum ist zugleich ein
verschlagener Kopf und hat, sobald er hierherkam, seinem Vetter
Grokmmerer eine Fabel ber dich erdichtet und angeheftet, und
dieser hat sie wieder dem Kalifen erzhlt, so da du, kmest du auch
jetzt gleich in den Palast Haruns, schlecht empfangen werden wrdest,
denn er traute dir nicht.  Aber es gibt andere Mittel und Wege, sich
ihm zu nahen, und es steht in den Sternen geschrieben, da du seine
Gnade erwerben sollst."

"Das ist freilich schlimm", sagte Said wehmtig.  "Da werde ich schon
noch einige Zeit der Ladenhter des elenden Kalum-Beck sein mssen.
Aber eine Gnade, verehrte Frau, knnet Ihr mir doch gewhren.  Ich
bin zum Waffenwerk erzogen, und meine hchste Freude ist ein
Kampfspiel, wo recht tchtig gefochten wird mit Lanze, Bogen und
stumpfem Schwert.  Nun halten die edelsten Jnglinge dieser Stadt
alle Wochen ein solches Kampfspiel.  Aber nur Leute im hchsten
Schmuck und berdies nur freie Mnner drfen in die Schranken reiten,
namentlich aber kein Diener aus dem Basar.  Wenn Ihr nun bewirken
knntet, da ich alle Wochen ein Pferd, Kleider und Waffen haben
knnte und da man mein Gesicht nicht so leicht erkennte--"

"Das ist ein Wunsch, wie ihn ein edler junger Mann wohl wagen darf",
sprach die Fee, "der Vater deiner Mutter war der tapferste Mann in
Syrien, und sein Geist scheint sich auf dich vererbt zu haben.  Merke
dir dies Haus; du sollst jede Woche hier ein Pferd und zwei berittene
Knappen, ferner Waffen und Kleider finden, und ein Waschwasser fr
dein Gesicht, das dich fr alle Augen unkenntlich machen soll.  Und
nun, Said, lebe wohl!  Harre aus und sei klug und tugendhaft!  In
sechs Monaten wird dein Pfeifchen tnen, und Zulimas Ohr wird fr
seine Tne offen sein."

Der Jngling schied von seiner wunderbaren Beschtzerin mit Dank und
Verehrung; er merkte sich das Haus und die Strae genau und ging dann
wieder nach dem Basar.

Als Said in den Basar zurckkehrte, kam er gerade noch zu rechter
Zeit, um seinen Herrn und Meister Kalum-Beck zu untersttzen und zu
retten.  Ein groes Gedrnge war um den Laden, Knaben tanzten um den
Kaufmann her und verhhnten ihn, und die Alten lachten.  Er selbst
stand vor Wut zitternd und in groer Verlegenheit vor dem Laden, in
der einen Hand einen Schal, in der andern den Schleier.  Diese
sonderbare Szene kam aber von einem Vorfall her, der sich nach Saids
Abwesenheit ereignet hatte.  Kalum hatte sich statt seines schnen
Dieners unter die Tre gestellt und ausgerufen, aber niemand mochte
bei dem alten hlichen Burschen kaufen.  Da gingen zwei Mnner den
Basar herab und wollten fr ihre Frauen Geschenke kaufen.  Sie waren
suchend schon einigemal auf und nieder gegangen, und eben jetzt sah
man sie mit umherirrenden Blicken wieder herabsehen.

Kalum-Beck, der dies bemerkte, wollte es sich zu Nutzen machen und
rief: "Hier, meine Herren, hier!  Was suchet ihr?  Schne Schleier,
schne Ware?"

"Guter Alter", erwiderte einer, "deine Waren mgen recht gut sein,
aber unsere Frauen sind wunderlich, und es ist Sitte in der Stadt
geworden, die Schleier bei niemand zu kaufen als bei dem schnen
Ladendiener Said; wir gehen schon eine halbe Stunde umher, ihn zu
suchen, und finden ihn nicht; aber kannst du uns sagen, wo wir ihn
etwa treffen, so kaufen wir dir ein andermal ab."

"Allahit, Allah!" rief Kalum-Beck freundlich grinsend.  "Euch hat der
Prophet vor die rechte Tre gefhrt.  Zum schnen Ladendiener wollet
ihr, um Schleier zu kaufen?  Nun tretet nur ein, hier ist sein
Gewlbe."

Der eine dieser Mnner lachte ber Kalums kleine und hliche Gestalt
und seine Behauptung, da er der schne Ladendiener sei; der andere
aber glaubte, Kalum wolle sich ber ihn lustig machen, blieb ihm
nichts schuldig, sondern schimpfte ihn weidlich.  Dadurch kam
Kalum-Beck auer sich; er rief seine Nachbarn zu Zeugen auf, da man
keinen andern Laden als den seinigen das Gewlbe des schnen
Ladendieners nenne; aber die Nachbarn, welche ihn wegen des Zulaufs,
den er seit einiger Zeit hatte, beneideten, wollten hiervon nichts
wissen, und die beiden Mnner gingen nun dem alten Lgner, wie sie
ihn nannten, ernstlich zu Leib.  Kalum verteidigte sich mehr durch
Geschrei und Schimpfworte als durch seine Faust, und so lockte er
eine Menge Menschen vor sein Gewlbe; die halbe Stadt kannte ihn als
einen geizigen, gemeinen Filz, alle Umstehenden gnnten ihm die Pffe,
die er bekam, und schon packte ihn einer der beiden Mnner am Bart,
als eben dieser am Arm gefat und mit einem einzigen Ruck zu Boden
geworfen wurde, so da sein Turban herabfiel und seine Pantoffeln
weit hinwegflogen.

Die Menge, welche es wahrscheinlich gerne gesehen htte, wenn
Kalum-Beck mihandelt worden wre, murrte laut, der Gefhrte des
Niedergeworfenen sah sich nach dem um, der es gewagt hatte, seinen
Freund niederzuwerfen; als er aber einen hohen, krftigen Jngling
mit blitzenden Augen und mutiger Miene vor sich stehen sah, wagte er
es nicht, ihn anzugreifen, da berdies Kalum, dem seine Rettung wie
ein Wunder erschien, auf den jungen Mann deutete und schrie: "Nun,
was wollt ihr denn mehr?  Da steht er ja, ihr Herren, das ist Said,
der schne Ladendiener." Die Leute umher lachten, weil sie wuten,
da Kalum-Beck vorhin unrecht geschehen war.  Der niedergeworfene
Mann stand beschmt auf und hinkte mit seinem Genossen weiter, ohne
weder Schal noch Schleier zu kaufen.

"O du Stern aller Ladendiener, du Krone des Basars!" rief Kalum, als
er seinen Diener in den Laden fhrte, "wahrlich, das heie ich zu
rechter Zeit kommen, das nenne ich die Hand ins Mittel legen; lag
doch der Bursche auf dem Boden, als ob er nie auf den Beinen
gestanden wre, und ich--ich htte keinen Barbier mehr gebraucht, um
mir den Bart kmmen und salben zu lassen, wenn du nur zwei Minuten
spter kamst; womit kann ich es dir vergelten?"

Es war nur das schnelle Gefhl des Mitleids gewesen, was Saids Hand
und Herz regiert hatte; jetzt, als dieses Gefhl sich legte, reute es
ihn fast, da er die gute Zchtigung dem bsen Manne erspart hatte;
ein Dutzend Barthaare weniger, dachte er, htten ihn auf zwlf Tage
sanft und geschmeidig gemacht; er suchte aber dennoch die gnstige
Stimmung des Kaufmanns zu bentzen und erbat sich von ihm zum Dank
die Gunst, alle Wochen einmal einen Abend fr sich bentzen zu drfen
zu einem Spaziergang, oder zu was es auch sei.  Kalum gab es zu; denn
er wute wohl, da sein gezwungener Diener zu vernnftig sei, um ohne
Geld und gute Kleider zu entfliehen.

Bald hatte Said erreicht, was er wollte.  Am nchsten Mittwoch, dem
Tag, wo sich die jungen Leute aus den vornehmsten Stnden auf einem
ffentlichen Platz der Stadt versammelten, um ihre kriegerischen
bungen zu halten, sagte er zu Kalum, er wolle diesen Abend fr sich
bentzen, und als dieser es erlaubt hatte, ging er in die Strae, wo
die Fee wohnte, pochte an, und sogleich sprang die Pforte auf.  Die
Diener schienen auf seine Ankunft schon vorbereitet gewesen zu sein;
denn ohne ihn erst nach seinem Begehren zu fragen, fhrten sie ihn
die Treppe hinan in ein schnes Gemach; dort reichten sie ihm zuerst
das Waschwasser, das ihn unkenntlich machen sollte.  Er benetzte sein
Gesicht damit, schaute dann in einen Metallspiegel und kannte sich
beinahe selbst nicht mehr; denn er war jetzt von der Sonne gebrunt,
trug einen schnen schwarzen Bart und sah zum mindesten zehn Jahre
lter aus, als er in der Tat zhlte.

Hierauf fhrten sie ihn in ein zweites Gemach, wo er eine
vollstndige und prachtvolle Kleidung fand, in welcher sich der Kalif
von Bagdad selbst nicht htte schmen drfen an dem Tag, wo er im
vollen Glanze seiner Herrlichkeit sein Heer musterte.  Auer einem
Turban vom feinsten Gewebe mit einer Agraffe von Diamanten und hohen
Reiherfedern, einem Kleid von schwerem rotem Seidenzeug, mit
silbernen Blumen durchwirkt, fand Said einen Brustpanzer von
silbernen Ringen, der so fein gearbeitet war, da er sich nach jeder
Bewegung des Krpers schmiegte, und doch zugleich so fest, da ihn
weder die Lanze noch das Schwert durchdringen konnten.  Eine
Damaszenerklinge in reich verzierter Scheide mit einem Griff, dessen
Steine Said unschtzbar deuchten, vollendete seinen kriegerischen
Schmuck.  Als er vllig gerstet wieder aus der Tre trat,
berreichte ihm einer der Diener ein seidenes Tuch und sagte ihm, da
die Gebieterin des Hauses ihm dieses Tuch schicke; wenn er damit sein
Gesicht abwische, so werden der Bart und die braune Farbe
verschwinden.

In dem Hof des Hauses standen drei schne Pferde; das schnste
bestieg Said, die beiden andern seine Diener, und dann trabte er
freudig dem Platze zu, wo die Kampfspiele gehalten werden sollten.
Durch den Glanz seiner Kleider und die Pracht seiner Waffen zog er
aller Augen auf sich, und ein allgemeines Geflster des Staunens
entstand, als er in den Ring, welchen die Menge umgab, einritt.  Es
war eine glnzende Versammlung der tapfersten und edelsten Jnglinge
Bagdads; selbst die Brder des Kalifen sah man ihre Rosse tummeln und
die Lanzen schwangen.  Als Said heranritt und niemand ihn zu kennen
schien, ritt der Sohn des Growesirs mit einigen Freunden auf ihn zu,
grte ihn ehrerbietig, lud ihn ein, an ihren Spielen teilzunehmen,
und fragte ihn nach seinem Namen und seinem Vaterland.  Said gab vor,
er heie Almansor und komme von Kairo, sei auf einer Reise begriffen
und habe von der Tapferkeit und Geschicklichkeit der jungen Edlen von
Bagdad so vieles gehrt, da er nicht gesumt habe, sie zu sehen und
kennenzulernen.  Den jungen Leuten gefielen der Anstand und das
mutige Wesen Said-Almansors; sie lieen ihm eine Lanze reichen und
seine Partei whlen; denn die ganze Gesellschaft hatte sich in zwei
Parteien geteilt, um einzeln und in Scharen gegeneinander zu fechten.

Aber hatte schon Saids ueres die Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt, so
staunte man jetzt noch mehr ber seine ungewhnliche Geschicklichkeit
und Behendigkeit.  Sein Pferd war schneller als ein Vogel, und sein
Schwert schwirrte noch behender umher.  Er warf die Lanze so leicht,
weit und sicher, als wre sie ein Pfeil, den er von einem sicheren
Bogen abgeschnellt htte.  Die Tapfersten seiner Gegenpartei besiegte
er, und am Schlu der Spiele war er so allgemein als Sieger anerkannt,
da einer der Brder des Kalifen und der Sohn des Growesirs, die
auf Saids Seite gekmpft hatten, ihn baten, auch mit ihnen zu
streiten.  Ali, der Bruder des Kalifen, wurde von ihm besiegt, aber
der Sohn des Growesirs widerstand ihm so tapfer, da sie es nach
langem Kampfe fr besser hielten, die Entscheidung fr das nchstemal
aufzusparen.

Den Tag nach diesen Spielen sprach man in ganz Bagdad von nichts als
dem schnen, reichen und tapfren Fremdling; alle, die ihn gesehen
hatten, ja selbst die von ihm besiegt waren, waren entzckt von
seinen edlen Sitten, und sogar vor seinen eigenen Ohren im Gewlbe
Kalum-Becks wurde ber ihn gesprochen, und man beklagte nur, da
niemand wisse, wo er wohne.  Das nchstemal fand er im Hause der Fee
ein noch schneres Kleid und noch kstlicheren Waffenschmuck.
Diesmal hatte sich halb Bagdad zugedrngt, selbst der Kalif sah von
einem Balkon herab dem Schauspiel zu; auch er bewunderte den
Fremdling Almansor und hing ihm, als die Spiele geendet hatten, eine
groe Denkmnze von Gold an einer goldenen Kette um den Hals, um ihm
seine Bewunderung zu bezeigen.  Es konnte nicht anders kommen, als
da dieser zweite, noch glnzendere Sieg den Neid der jungen Leute
von Bagdad aufregte.  "Ein Fremdling", sprachen sie untereinander,
"soll hierher kommen nach Bagdad, uns Ruhm, Ehre und Sieg zu
entreien?  Er soll sich an andern Orten damit brsten knnen, da
unter der Blte von Bagdads Jnglingen keiner gewesen sei, der es
entfernt htte mit ihm aufnehmen knnen?" So sprachen sie und
beschlossen, beim nchsten Kampfspiel, als wre es durch Zufall
geschehen, zu fnf oder sechs ber ihn herzufallen.

Saids scharfen Blicken entgingen diese Zeichen des Unmuts nicht; er
sah, wie sie in der Ecke zusammenstanden, flsterten und mit bsen
Mienen auf ihn deuteten; er ahnte, da auer dem Bruder des Kalifen
und dem Sohn des Growesirs keiner sehr freundlich gegen ihn gesinnt
sein mchte, und diese selbst wurden ihm durch ihre Fragen lstig, wo
sie ihn aufsuchen knnten, womit er sich beschftige, was ihm in
Bagdad wohlgefallen habe und dergleichen.

Es war ein sonderbarer Zufall, da derjenige der jungen Mnner,
welcher Said-Almansor mit den grimmigsten Blicken betrachtete und am
feindseligsten gegen ihn gesinnt schien, niemand anders war als der
Mann, den er vor einiger Zeit bei Kalum-Becks Bude niedergeworfen
hatte, als er gerade im Begriff war, dem unglcklichen Kaufmann den
Bart auszureien.  Dieser Mann betrachtete ihn immer aufmerksam und
neidisch.  Said hatte ihn zwar schon einigemal besiegt, aber dies war
kein Grund zu solcher Feindseligkeit, und Said frchtete schon, jener
mchte ihn an seinem Wuchs oder an der Stimme als Kalum-Becks
Ladendiener erkannt haben, eine Entdeckung, die ihn dem Spott und der
Rache dieser Leute aussetzen wrde.  Der Anschlag, welchen seine
Neider auf ihn gemacht hatten, scheiterte sowohl an seiner Vorsicht
und Tapferkeit als auch an der Freundschaft, womit ihm der Bruder des
Kalifen und der Sohn des Growesirs zugetan waren.  Als diese sahen,
da er von wenigstens sechs umringt sei, die ihn vom Pferd zu werfen
oder zu entwaffnen suchten, sprengten sie herbei, jagten den ganzen
Trupp auseinander und drohten den jungen Leuten, welche so
verrterisch gehandelt hatten, sie aus der Kampfbahn zu stoen.  Mehr
denn vier Monate hatte Said auf diese Weise zum Erstaunen Bagdads
seine Tapferkeit erprobt, als er eines Abends beim Nachhausegehen von
dem Kampfplatz einige Stimmen vernahm, die ihm bekannt schienen.  Vor
ihm gingen vier Mnner, die sich langsamen Schrittes ber etwas zu
beraten schienen.  Als Said leise nher trat, hrte er, da sie den
Dialekt der Horde Selims in der Wste sprachen, und ahnte, da die
vier Mnner auf irgendeine Ruberei ausgingen.  Sein erstes Gefhl
war, sich von diesen vieren zurckzuziehen; als er aber bedachte, da
er irgend etwas Bses verhindern knnte, schlich er sich noch nher
herzu, diese Mnner zu behorchen.

"Der Trsteher hat ausdrcklich gesagt, die Strae rechts vom Basar",
sprach der eine, "dort werde und msse er heute nacht mit dem
Growesir durchkommen."

"Gut", antwortete ein anderer.  "Den Growesir frchte ich nicht; er
ist alt und wohl kein sonderlicher Held, aber der Kalif soll ein
gutes Schwert fuhren, und ich traue ihm nicht; es schleichen ihm
gewi zehn oder zwlf von der Leibwache nach."

"Keine Seele", entgegnete ihm ein dritter.  "Wenn man ihn je gesehen
und erkannt hat bei Nacht, war er immer nur allein mit dem Wesir oder
mit dem Oberkmmerling.  Heute nacht mu er unser sein, aber es darf
ihm kein Leid geschehen."

"Ich denke, das beste ist", sprach der erste, "wir werfen ihm eine
Schlinge ber den Kopf; tten drfen wir ihn nicht; denn fr seinen
Leichnam wrden sie ein geringes Lsegeld geben, und berdies wren
wir nicht sicher, es zu bekommen."

"Also eine Stunde vor Mitternacht!" sagten sie zusammen und schieden,
der eine hierhin, der andere dorthin.

Said war ber diesen Anschlag nicht wenig erschrocken.  Er beschlo,
sogleich zum Palast des Kalifen zu eilen und ihn von der Gefahr, die
ihm drohte, zu unterrichten.  Aber als er schon durch mehrere Straen
gelaufen war, fielen ihm die Worte der Fee bei, die ihm gesagt hatte,
wie schlecht er bei dem Kalifen angeschrieben sei; er bedachte, da
man vielleicht seine Angabe verlachen oder als einen Versuch, bei dem
Beherrscher von Bagdad sich einzuschmeicheln, ansehen knnte, und so
hielt er seine Schritte an und achtete es fr das beste, sich auf
sein gutes Schwert zu verlassen und den Kalifen persnlich aus den
Hnden der Ruber zu retten.

Er ging daher nicht in Kalum-Becks Haus zurck, sondern setzte sich
auf die Stufen einer Moschee und wartete dort, bis die Nacht vllig
angebrochen war; dann ging er am Basar vorbei in jene Strae, welche
die Ruber bezeichnet hatten, und verbarg sich hinter dem Vorsprung
eines Hauses.  Er mochte ungefhr eine Stunde dort gestanden sein,
als er zwei Mnner langsam die Strae herabkommen hrte, anfnglich
glaubte er, es seien der Kalif und sein Growesir, aber einer der
Mnner klatschte in die Hand, und sogleich eilten zwei andere sehr
leise die Strae herauf vom Basar her.  Sie flsterten eine Weile und
verteilten sich dann; drei versteckten sich nicht weit von ihm, und
einer ging in der Strae auf und ab.  Die Nacht war sehr finster,
aber stille, und so mute sich Said auf sein scharfes Ohr beinahe
ganz allein verlassen.

Wieder war etwa eine halbe Stunde vergangen, als man gegen den Basar
hin Schritte vernahm.  Der Ruber mochte sie auch gehrt haben; er
schlich an Said vorber dem Basar zu.  Die Schritte kamen nher, und
schon konnte Said einige dunkle Gestalten erkennen, als der Ruber in
die Hand klatschte, und in demselben Augenblicke strzten die drei
aus dem Hinterhalt hervor.  Die Angegriffenen muten brigens
bewaffnet sein; denn er vernahm den Klang von aneinander geschlagenen
Schwertern.  Sogleich zog er seine Damaszenerklinge und strzte sich
mit dem Ruf: "Nieder mit den Feinden des groen Harun!" auf die
Ruber, streckte mit dem ersten Hieb einen zu Boden und drang dann
auf zwei andere ein, die eben im Begriff waren, einen Mann, um
welchen sie einen Strick geworfen hatten, zu entwaffnen.  Er hieb
blindlings auf den Strick ein, um ihn zu zerschneiden, aber er traf
dabei einen der Ruber so heftig ber den Arm, da er ihm die Hand
abschlug; der Ruber strzte mit frchterlichem Geschrei auf die Knie.
Jetzt wandte sich der vierte, der mit einem andern Mann gefochten
hatte, gegen Said, der noch mit dem dritten im Kampf war; aber der
Mann, um welchen man die Schlinge geworfen hatte, sah sich nicht
sobald frei, als er seinen Dolch zog und ihn dem Angreifenden von der
Seite in die Brust stie.  Als dies der noch briggebliebene sah,
warf er seinen Sbel weg und floh.

Said blieb nicht lange in Ungewiheit, wen er gerettet habe; denn der
grere der beiden Mnner trat zu ihm und sprach: "Das eine ist so
sonderbar wie das andere, dieser Angriff auf mein Leben oder meine
Freiheit, wie die unbegreifliche Hilfe und Rettung.  Wie wutet Ihr,
wer ich bin?  Habt Ihr von dem Anschlag dieser Menschen gewut?"

"Beherrscher der Glubigen", antwortete Said, "denn ich zweifle nicht,
da du es bist, ich ging heute abend durch die Strae EI Malek
hinter einigen Mnnern, deren fremden und geheimnisvollen Dialekt ich
einst gelernt habe.  Sie sprachen davon, dich gefangenzunehmen und
den wrdigen Mann, deinen Wesir, zu tten.  Weil es nun zu spt war,
dich zu warnen, beschlo ich, an den Platz zu gehen, wo sie dir
auflauern wollten, um dir beizustehen."

"Danke dir", sprach Harun, "an dieser Sttte ist brigens nicht gut
weilen; nimm diesen Ring und komm damit morgen in meinen Palast; wir
wollen dann mehr ber dich und deine Hilfe reden und sehen, wie ich
dich am besten belohnen kann.  Komm, Wesir, hier ist nicht gut
bleiben; sie knnen wiederkommen."

Er sprach es und wollte den Growesir fortziehen, nachdem er dem
Jngling einen Ring an den Finger gesteckt hatte, dieser aber bat ihn,
noch ein wenig zu verweilen, wandte sich um und reichte dem
berraschten Jngling einen schweren Beutel.  "Junger Mann", sprach
er, "mein Herr, der Kalif, kann dich zu allem machen, wozu er will,
selbst zu meinem Nachfolger, ich selbst kann wenig tun, und was ich
tun kann, geschieht heute besser als morgen; drum nimm diesen Beutel.
Das soll meinen Dank brigens nicht abkaufen.  So oft du irgendeinen
Wunsch hast, komm getrost zu mir!"

Ganz trunken vor Glck eilte Said nach Hause.  Aber hier wurde er
bel empfangen; Kalum-Beck wurde ber sein langes Ausbleiben zuerst
unwillig und dann besorgt; denn er dachte, er knnte leicht das
schne Aushngeschild seines Gewlbes verlieren.  Er empfing ihn mit
Schmhworten und tobte und raste wie ein Wahnsinniger.  Aber Said,
der einen Blick in den Beutel getan und gefunden hatte, da er lauter
Goldstcke enthalte, bedachte, da er jetzt nach seiner Heimat reisen
knne, auch ohne die Gnade des Kalifen, die gewi nicht geringer war
als der Dank seines Wesirs, und so blieb er ihm kein Wort schuldig,
sondern erklrte ihm rund und deutlich, da er keine Stunde lnger
bei ihm bleiben werde.  Von Anfang erschrak Kalum-Beck hierber sehr,
dann aber lachte er hhnisch und sprach: "Du Lump und Landlufer, du
rmlicher Wicht!  Wohin willst du denn deine Zuflucht nehmen, wenn
ich meine Hand von dir abziehe?  Wo willst du ein Mittagessen
bekommen und wo ein Nachtlager?"

"Das soll Euch nicht bekmmern, Herr Kalum-Beck", antwortete Said
trotzig, "gehabt Euch wohl, mich sehet Ihr nicht wieder!"

Er sprach es und lief zur Tre hinaus, und Kalum-Beck schaute ihm
sprachlos vor Staunen nach.  Den andern Morgen aber, nachdem er sich
den Fall recht berlegt hatte, schickte er seine Packknechte aus und
lie berall nach dem Flchtling sphen.  Lange suchten sie umsonst,
endlich aber kam einer zurck und sagte, er habe Said, den
Ladendiener, aus einer Moschee kommen und in eine Karawanserei gehen
sehen.  Er sei aber ganz verndert, trage ein schnes Kleid, einen
Dolch und Sbel und einen prachtvollen Turban.

Als Kalum-Beck dies hrte, schwur er und rief: "Bestohlen hat er mich
und sich dafr gekleidet.  Oh, ich geschlagener Mann!" Dann lief er
zum Aufseher der Polizei, und da man wute, da er ein Verwandter von
Messour, dem Oberkmmerling, sei, so wurde es ihm nicht schwer,
einige Polizeidiener von ihm zu erlangen, um Said zu verhaften.  Said
sa vor einer Karawanserei und besprach sich ganz ruhig mit einem
Kaufmann, den er da gefunden, ber eine Reise nach Balsora, seiner
Vaterstadt; da fielen pltzlich einige Mnner ber ihn her und banden
ihm trotz seiner Gegenwehr die Hnde auf den Rcken.  Er fragte sie,
was sie zu dieser Gewalttat berechtige, und sie antworteten, es
geschehe im Namen der Polizei und seines rechtmigen Gebieters
Kalum-Beck.  Zugleich trat der kleine, hliche Mann herzu, verhhnte
und verspottete Said, griff in seine Tasche und zog zum Staunen der
Umstehenden und mit Triumphgeschrei einen groen Beutel mit Gold
heraus.

"Sehet!  Das alles hat er mir nach und nach gestohlen, der schlechte
Mensch!" rief er, und die Leute sahen mit Abscheu auf den Gefangenen
und riefen: "Wie!  Noch so jung, so schn und doch so schlecht!  Zum
Gericht, zum Gericht, damit er die Bastonade erhalte--" So schleppten
sie ihn fort, und ein ungeheurer Zug Menschen aus allen Stnden
schlo sich an; sie riefen: "Sehet, das ist der schnste Ladendiener
vom Basar--er hat seinen Herrn bestohlen und ist
entflohen--zweihundert Goldstcke hat er gestohlen."

Der Aufseher der Polizei empfing den Gefangenen mit finsterer Miene;
Said wollte sprechen, aber der Beamte gebot ihm zu schweigen und
verhrte nur den kleinen Kaufmann.  Er zeigte ihm den Beutel und
fragte ihn, ob ihm dieses Gold gestohlen worden sei; Kalum-Beck
beschwor es; aber sein Meineid verhalf ihm zwar zu dem Gold, doch
nicht zu dem schnen Ladendiener, der ihm tausend Goldstcke wert war;
denn der Richter sprach: "Nach einem Gesetz, das mein
gromchtigster Herr, der Kalif, erst vor wenigen Tagen geschrft hat,
wird jeder Diebstahl, der hundert Goldstcke bersteigt und auf dem
Basar begangen wird, mit ewiger Verbannung auf eine wste Insel
bestraft.  Dieser Dieb kommt gerade zu rechter Zeit, er macht die
Zahl von zwanzig solcher Burschen voll; morgen werden sie auf eine
Barke gepackt und in die See gefhrt."

Said war in Verzweiflung; er beschwor den Beamten, ihn anzuhren, ihn
nur ein Wort mit dem Kalifen sprechenzulassen; aber er fand keine
Gnade.  Kalum-Beck, der jetzt seinen Schwur bereute, sprach ebenfalls
fr ihn, aber der Richter antwortete: "Du hast dein Gold und kannst
zufrieden sein, gehe nach Hause und verhalte dich ruhig, sonst strafe
ich dich fr jeden Widerspruch um zehn Goldstcke." Kalum schwieg
bestrzt, der Richter aber winkte, und der unglckliche Said wurde
abgefhrt.

Man brachte ihn in ein finsteres und feuchtes Gefngnis; neunzehn
elende Menschen lagen dort auf Stroh umher und empfingen ihn als
ihren Leidensgefhrten mit rohem Gelchter und Verwnschungen gegen
den Richter und den Kalifen.  So schrecklich sein Schicksal vor ihm
lag, so frchterlich der Gedanke war, auf eine wste Insel verbannt
zu werden, so fand er doch noch einigen Trost darin, schon am
folgenden Tag aus diesem schrecklichen Gefngnis erlst zu werden.
Aber er tuschte sich sehr, als er glaubte, sein Zustand auf dem
Schiff wrde besser sein.  In den untersten Raum, wo man nicht
aufrecht stehen konnte, wurden die zwanzig Verbrecher hinabgeworfen,
und dort stieen und schlugen sie sich um die besten Pltze.

Die Anker wurden gelichtet, und Said weinte bittere Trnen, als das
Schiff, das ihn von seinem Vaterlande entfahren sollte, sich zu
bewegen anfing.  Nur einmal des Tages teilte man ihnen ein wenig Brot
und Frchte und einen Trunk sen Wassers aus, und so dunkel war es
in dem Schiffsraum, da man immer Lichter herabbringen mute, wenn
die Gefangenen speisen sollten.  Beinahe alle zwei, drei Tage fand
man einen Toten unter ihnen, so ungesund war die Luft in diesem
Wasserkerker, und Said wurde nur durch seine Jugend und seine feste
Gesundheit erhalten.

Vierzehn Tage waren sie schon auf dem Wasser, als eines Tages die
Wellen heftiger rauschten und ein ungewhnliches Treiben und Rennen
auf dem Schiffe entstand.

Said ahnete, da ein Sturm im Anzug sei; es war ihm sogar angenehm,
denn er hoffte dann zu sterben.

Heftiger wurde das Schiff hin und her geworfen, und endlich sa es
mit schrecklichem Krachen fest.  Geschrei und Geheul scholl von dem
Verdeck herab und mischte sich mit dem Brausen des Sturmes.  Endlich
wurde es wieder stille, aber zu gleicher Zeit entdeckte auch einer
der Gefangenen, da das Wasser in das Schiff eindringe.  Sie pochten
an der Falltre nach oben, aber man antwortete ihnen nicht.  Als
daher das Wasser immer heftiger eindrang, drngten sie sich mit
vereinigten Krften gegen die Tre und sprengten sie auf.

Sie stiegen die Treppe hinan, aber oben fanden sie keinen Menschen
mehr.  Die ganze Schiffsmannschaft hatte sich in Booten gerettet.
Jetzt gerieten die meisten Gefangenen in Verzweiflung; denn der Sturm
wtete immer heftiger, das Schiff krachte und senkte sich.  Noch
einige Stunden saen sie auf dem Verdeck und hielten ihre letzte
Mahlzeit von den Vorrten, die sie im Schiff gefunden; dann erneuerte
sich auf einmal der Sturm, das Schiff wurde von der Klippe, worauf es
festsa, hinweggerissen und brach zusammen.

Said hatte sich am Mast angeklammert und hielt ihn, als das Schiff
geborsten war, noch immer fest.  Die Wellen warfen ihn hin und her;
aber er hielt sich, mit den Fen rudernd, immer wieder oben.  So
schwamm er in immerwhrender Todesgefahr eine halbe Stunde; da fiel
die Kette mit dem Pfeifchen wieder aus seinem Kleid, und noch einmal
wollte er versuchen, ob es nicht tne.  Mit der einen Hand klammerte
er sich fest, mit der andern setzte er es an seinen Mund, blies, ein
heller, klarer Ton erscholl, und augenblicklich legte sich der Sturm,
und die Wellen gltteten sich, als htte man l darauf ausgegossen.
Kaum hatte er sich mit leichterem Atem umgesehen, ob er nicht
irgendwo Land ersphen knnte, als der Mast unter ihm sich auf eine
sonderbare Weise auszudehnen und zu bewegen anfing, und zu seinem
nicht geringen Schrecken nahm er wahr, da er nicht mehr auf Holz,
sondern auf einem ungeheuren Delphin reite; nach einigen Augenblicken
aber kehrte seine Fassung zurck, und da er sah, da der Delphin zwar
schnell, aber ruhig und gelassen seine Bahn fortschwimme, schrieb er
seine wunderbare Rettung dem silbernen Pfeifchen und der gtigen Fee
zu und rief seinen feurigsten Dank in die Lfte.

Pfeilschnell trug ihn sein wunderbares Pferd durch die Wogen, und
noch ehe es Abend wurde, sah er Land und erkannte einen breiten Flu,
in welchen der Delphin auch sogleich einbog.  Stromaufwrts ging es
langsamer, und um nicht verschmachten zu mssen, nahm Said, der sich
aus alten Zaubergeschichten erinnerte, wie man zaubern msse, das
Pfeifchen heraus, pfiff laut und herzhaft und wnschte sich dann ein
gutes Mahl.  Sogleich hielt der Fisch stille, und hervor aus dem
Wasser tauchte ein Tisch, so wenig na, als ob er acht Tage an der
Sonne gestanden wre, und reich besetzt mit kstlichen Speisen.  Said
griff weidlich zu, denn seine Kost whrend seiner Gefangenschaft war
schmal und elend gewesen, und als er sich hinlnglich gesttigt hatte,
sagte er Dank; der Tisch tauchte nieder, er aber stauchte den
Delphin in die Seite, und sogleich schwamm dieser weiter den Flu
hinauf.

Die Sonne fing schon an zu sinken, als Said in dunkler Ferne eine
groe Stadt erblickte, deren Minaretts ihm hnlichkeit mit denen von
Bagdad zu haben schienen.  Der Gedanke an Bagdad war ihm nicht sehr
angenehm; aber sein Vertrauen auf die gtige Fee war so gro, da er
fest glaubte, sie werde ihn nicht wieder in die Hnde des
schndlichen Kalum-Beck fallen lassen.  Zur Seite, etwa eine Meile
von der Stadt und nahe am Flu, erblickte er ein prachtvolles
Landhaus, und zu seiner groen Verwunderung lenkte der Fisch nach
diesem Hause hin.

Auf dem Dach des Hauses standen mehrere schn gekleidete Mnner, und
am Ufer sah Said eine groe Menge Diener, und alle schauten nach ihm
und schlugen vor Verwunderung die Hnde zusammen.  An einer
Marmortreppe, die vom Wasser nach dem Lustschlo hinauffhrte, hielt
der Delphin an, und kaum hatte Said einen Fu auf die Treppe gesetzt,
so war auch schon der Fisch spurlos verschwunden.  Zugleich eilten
einige Diener die Treppe hinab und baten im Namen ihres Herrn, zu ihm
hinaufzukommen, und boten ihm trockene Kleider an.  Er kleidete sich
schnell um und folgte dann den Dienern auf das Dach, wo er drei
Mnner fand, von welchen der grte und schnste ihm freundlich und
huldreich entgegenkam.  "Wer bist du, wunderbarer Fremdling", sprach
er, "der du die Fische des Meeres zhmst und links und rechts leitest,
wie der beste Reiter sein Streitro?  Bist du ein Zauberer oder ein
Mensch wie wir?"

"Herr!" antwortete Said, "mir ist es in den letzten Wochen schlecht
ergangen; wenn Ihr aber Vergngen daran findet, so will ich Euch
erzhlen." Und nun hub er an und erzhlte den drei Mnnern seine
Geschichte von dem Augenblick an, wo er seines Vaters Haus verlassen
hatte, bis zu seiner wunderbaren Rettung.

Oft wurde er von ihnen mit Zeichen des Staunens und der Verwunderung
unterbrochen; als er aber geendet hatte, sprach der Herr des Hauses,
der ihn so freundlich empfangen hatte: "Ich traue deinen Worten, Said!
Aber du erzhltest uns, da du im Wettkampfe eine Kette gewonnen,
und da dir der Kalif einen Ring geschenkt; kannst du wohl diese uns
zeigen?"

"Hier auf meinem Herzen habe ich beide verwahrt", sprach der Jngling,
"und nur mit meinem Leben htte ich so teure Geschenke hergegeben;
denn ich achte es fr die ruhmvollste und schnste Tat, da ich den
groen Kalifen aus den Hnden seiner Mrder befreite." Zugleich zog
er Kette und Ring hervor und bergab beides den Mnnern.

"Beim Bart des Propheten, er ist's, es ist mein Ring!" rief der hohe,
schne Mann.  "Growesir" la uns ihn umarmen; denn hier steht unser
Retter!"

Said war es wie ein Traum, als diese zwei ihn umschlangen, aber
alsobald warf er sich nieder und sprach: "Verzeihe, Beherrscher der
Glubigen, da ich so vor dir gesprochen habe; denn du bist kein
anderer als Harun Al-Raschid, der groe Kalif von Bagdad."

"Der bin ich und dein Freund!" antwortete Harun, "und von dieser
Stunde an sollen sich alle deine trben Schicksale wenden.  Folge mir
nach Bagdad, bleibe in meiner Umgebung und sei einer meiner
vertrautesten Beamten; denn wahrlich, du hast in jener Nacht gezeigt,
da dir Harun nicht gleichgltig sei, und nicht jeden meiner
treuesten Diener mchte ich auf gleiche Probe stellen!"

Said dankte dem Kalifen; er versprach ihm, auf immer bei ihm zu
bleiben, wenn er zuvor eine Reise zu seinem Vater, der in groen
Sorgen um ihn sein msse, gemacht haben werde, und der Kalif fand
dies gerecht und billig.  Sie setzten sich bald zu Pferd und kamen
noch vor Sonnenuntergang in Bagdad an.  Der Kalif lie Said eine
lange Reihe prachtvoll geschmckter Zimmer in seinem Palast anweisen
und versprach ihm noch berdies, ein eigenes Haus fr ihn erbauen zu
lassen.

Auf die erste Kunde von diesem Ereignis eilten die alten Waffenbrder
Saids, der Bruder des Kalifen und der Sohn des Growesirs, herbei;
sie umarmten ihn als Retter dieser teuren Mnner und baten ihn, er
mchte ihr Freund werden.  Aber sprachlos wurden sie vor Erstaunen,
als er sagte: "Euer Freund bin ich lngst", als er die Kette, die er
als Kampfpreis erhalten, hervorzog und sie an dieses und jenes
erinnerte.  Sie hatten ihn immer nur schwrzlichbraun und mit langem
Bart gesehen, und erst, als er erzhlte, wie und warum er sich
entstellt habe, als er zu seiner Rechtfertigung stumpfe Waffen
herbeibringen lie, mit ihnen focht und ihnen den Beweis gab, da er
Almansor der Tapfere sei, erst dann umarmten sie ihn mit Jubel von
neuem und priesen sich glcklich, einen solchen Freund zu haben.

Den folgenden Tag, als eben Said mit dem Growesir bei Harun sa,
trat Messour, der Oberkmmerer, herein und sprach: "Beherrscher der
Glubigen, so es anders sein kann, mchte ich dich um eine Gnade
bitten."

"Ich will zuvor hren", antwortete Harun.

"Drauen steht mein lieber leiblicher Vetter Kalum-Beck, ein
berhmter Kaufmann auf dem Basar", sprach er, "der hat einen
sonderbaren Handel mit einem Mann aus Balsora, dessen Sohn bei
Kalum-Beck diente, nachher gestohlen hat, dann entlaufen ist, und
niemand wei, wohin.  Nun will aber der Vater seinen Sohn von Kalum
haben, und dieser hat ihn doch nicht.  Er wnscht daher und bittet um
die Gnade, du mchtest kraft deiner groen Erleuchtung und Weisheit
sprechen zwischen dem Mann aus Balsora und ihm."

"Ich will richten", erwiderte der Kalif.  "In einer halben Stunde
mge dein Herr Vetter mit seinem Gegner in den Gerichtssaal treten!"

Als Messour dankend gegangen war, sprach Harun: "Das ist niemand
anders als dein Vater, Said, und da ich nun glcklicherweise alles,
wie es ist, erfahren habe, will ich richten wie Salomo.  Du, Said,
verbirgst dich hinter dem Vorhang meines Thrones, bis ich dich rufe,
und du, Growesir, lt mir sogleich den schlechten und voreiligen
Polizeirichter holen; ich werde ihn im Verhr brauchen."

Sie taten beide, wie er befohlen.  Saids Herz pochte strker, als er
seinen Vater bleich und abgehrmt, mit wankenden Schritten in den
Gerichtssaal treten sah, und Kalum-Becks feines, zuversichtiges
Lcheln, womit er zu seinem Vetter Oberkmmerer flsterte, machte ihn
so grimmig, da er gerne hinter dem Vorhang hervor auf ihn
losgestrzt wre.  Denn seine grten Leiden und Kmmernisse hatte er
diesem schlechten Menschen zu danken.

Es waren viele Menschen im Saal, die den Kalifen Recht sprechen hren
wollten.  Der Growesir gebot, nachdem der Herrscher von Bagdad auf
seinem Thron Platz genommen hatte, Stille und fragte, wer hier als
Klger vor seinem Herrn erscheine.

Kalum-Beck trat mit frecher Stimme vor und sprach: "Vor einigen Tagen
stand ich unter der Tre meines Gewlbes im Basar, als ein Ausrufer,
einen Beutel in der Hand und diesen Mann hier neben sich, durch die
Buden schritt und rief: "Einen Beutel Gold dem, der Auskunft geben
kann ber Said aus Balsora. " Dieser Said war in meinen Diensten
gewesen, und ich rief daher: "Hierher, Freund!  Ich kann den Beutel
verdienen." Dieser Mann, der jetzt so feindlich gegen mich ist, kam
freundlich und fragte, was ich wte.  Ich antwortete: "Ihr seid wohl
Benazar, sein Vater?" Und als er dies freudig bejahte, erzhlte ich
ihm, wie ich den jungen Menschen in der Wste gefunden, gerettet und
gepflegt und nach Bagdad gebracht habe.  In der Freude seines Herzens
schenkte er mir den Beutel.  Aber hrt diesen unsinnigen Menschen;
wie ich ihm nun weiter erzhlte, da sein Sohn bei mir gedient habe,
da er schlechte Streiche gemacht, gestohlen habe und davongegangen
sei, will er es nicht glauben, hadert schon seit einigen Tagen mit
mir, fordert seinen Sohn und sein Geld zurck, und beides kann ich
nicht geben, denn das Geld gebhrt mir fr die Nachricht, die ich ihm
gab, und seinen ungeratenen Burschen kann ich nicht herbeischaffen."

Jetzt sprach auch Benazar; er schilderte seinen Sohn, wie edel und
tugendhaft er sei, und da er nie habe so schlecht sein knnen zu
stehlen.  Er forderte den Kalifen auf, streng zu untersuchen.

"Ich hoffe", sprach Harun, "du hast, wie es Pflicht ist, den
Diebstahl angezeigt, Kalum-Beck?"

"Ei, freilich!" rief jener lchelnd.  "Vor den Polizeirichter habe
ich ihn gefhrt."

"Man bringe den Polizeirichter!" befahl der Kalif.

Zum allgemeinen Erstaunen erschien dieser sogleich, wie durch
Zauberei herbeigebracht.  Der Kalif fragte ihn, ob er sich dieses
Handelns erinnere, und dieser gestand den Fall zu.

"Hast du den jungen Mann verhrt, hat er den Diebstahl eingestanden?"
fragte Harun.

"Nein, er war sogar so verstockt, da er niemand als Euch selbst
gestehen wollte!" erwiderte der Richter.

"Aber ich erinnere mich nicht, ihn gesehen zu haben", sagte der Kalif.

"Ei, warum auch!  Da mte ich alle Tage einen ganzen Pack solches
Gesindel zu Euch schicken, die Euch sprechen wollen."

"Du weit, da mein Ohr fr jeden offen ist", antwortete Harun, "aber
wahrscheinlich waren die Beweise ber den Diebstahl so klar, da es
nicht ntig war, den jungen Menschen vor mein Angesicht zu bringen.
Du hattest wohl Zeugen, da das Geld, das dir gestohlen wurde, dein
gehrte, Kalum?"

"Zeugen?" fragte dieser erbleichend, "nein, Zeugen hatte ich nicht,
und Ihr wisset ja, Beherrscher der Glubigen, da ein Goldstck
aussieht wie das andere.  Woher konnte ich denn Zeugen nehmen, da
diese hundert Stcke in meiner Kasse fehlen."

"An was erkanntest du denn, da jene Summe gerade dir gehre?" fragte
der Kalif.

"An dem Beutel, in welchem sie war", erwiderte Kalum.

"Hast du den Beutel hier?" forschte jener weiter.

"Hier ist er", sprach der Kaufmann, zog einen Beutel hervor und
reichte ihn dem Growesir, damit er ihn dem Kalifen gebe.

Doch dieser rief mit verstelltem Erstaunen: "Beim Bart des Propheten!
Der Beutel soll dein sein, du Hund?  Mir gehrte dieser Beutel, und
ich gab ihn, mit hundert Goldstcken gefllt, einem braven jungen
Mann, der mich aus einer groen Gefahr befreite."

"Kannst du darauf schwren?" fragte der Kalife.

"So gewi, als ich einst ins Paradies kommen will", antwortete der
Wesir, "denn meine Tochter hat ihn selbst verfertigt." "Ei! ei!" rief
Harun, "so wurdest du also falsch berichtet, Polizeirichter?  Warum
hast du denn geglaubt, da der Beutel diesem Kaufmann gehre?"

"Er hat geschworen", antwortete der Polizeirichter furchtsam.

"So hast du falsch geschworen!" donnerte der Kalif den Kaufmann an,
der erbleichend und zitternd vor ihm stand.

"Allah, Allah!" rief jener.  "Ich will gewi nichts gegen den Herrn
Growesir sagen, er ist ein glaubwrdiger Mann, aber ach, der Beutel
gehrte doch mir, und der nichtswrdige Said hat ihn gestohlen.
Tausend Toman wollte ich geben, wenn er jetzt zur Stelle wre."

"Was hast du denn mit diesem Said angefangen?" fragte der Kalif.
"Sag an, wohin man schicken mu, damit er vor mir Bekenntnis ablege!"

"Ich habe ihn auf eine wste Insel geschickt", sprach der
Polizeirichter.

"O Said!  Mein Sohn, mein Sohn!" rief der unglckliche Vater und
weinte.

"So hat er also das Verbrechen bekannt?" fragte Harun.

Der Polizeirichter erbleichte.  Er rollte seine Augen hin und her,
und endlich sprach er: "Wenn ich mich noch recht erinnern kann--ja."

"Du weit es also nicht gewi?" fuhr der Kalif mit schrecklicher
Stimme fort, "so wollen wir ihn selbst fragen.  Tritt hervor, Said,
und du, Kalum-Beck, zahlst vor allem tausend Goldstcke, weil er
jetzt hier zur Stelle ist!"

Kalum und der Polizeirichter glaubten ein Gespenst zu sehen.  Sie
strzten nieder und riefen: "Gnade!  Gnade!"

Benazar, vor Freude halb ohnmchtig, eilte in die Arme seines
verlorenen Sohnes.  Aber mit eiserner Strenge fragte jetzt der Kalif :
"Polizeirichter, hier steht Said, hat er eingestanden?"

"Nein, nein!" heulte der Polizeirichter, "ich habe nur Kalums Zeugnis
gehrt, weil er ein angesehener Mann ist."

"Habe ich dich darum als Richter ber alle bestellt, da du nur den
Vornehmen hrest?" rief Harun Al-Raschid mit edlem Zorn.  "Auf zehn
Jahre verbanne ich dich auf eine wste Insel mitten im Meere, da
kannst du ber Gerechtigkeit nachdenken, und du, elender Mensch, der
du Sterbende erweckst, nicht um sie zu retten, sondern um sie zu
deinen Sklaven zu machen, du zahlst, wie schon gesagt, tausend Tomans,
weil du sie versprochen, wenn Said kme, um fr dich zu zeugen."

Kalum freute sich, so wohlfeil aus dem bsen Handel zu kommen, und
wollte eben dem gtigen Kalifen danken.  Doch dieser fuhr fort: "Fr
den falschen Eid wegen der hundert Goldstcke bekommst du hundert
Hiebe auf die Fusohlen.  Ferner hat Said zu whlen, ob er dein
ganzes Gewlbe und dich als Lasttrger nehmen will, oder ob er mit
zehn Goldstcken fr jeden Tag, welchen er dir diente, zufrieden ist."

"Lasset den Elenden laufen, Kalif!" rief der Jngling, "ich will
nichts, das ihm gehrte."

"Nein", antwortete Harun, "ich will, da du entschdigt werdest.  Ich
whle statt deiner die zehn Goldstcke fr den Tag, und du magst
berechnen, wieviel Tage du in seinen Klauen warst.  Jetzt fort mit
diesen Elenden!"

Sie wurden abgefhrt, und der Kalif fhrte Benazar und Said in einen
andern Saal, dort erzhlte er ihm selbst seine wunderbare Rettung
durch Said und wurde nur zuweilen durch das Geheul Kalum-Becks
unterbrochen, dem man soeben im Hof seine hundert vollwichtigen
Goldstcke auf die Fusohlen zhlte.

Der Kalif lud Benazar ein, mit Said bei ihm in Bagdad zu leben.  Er
sagte es zu und reiste nur noch einmal nach Hause, um sein groes
Vermgen abzuholen.  Said aber lebte in dem Palast, den ihm der
dankbare Kalif erbaut hatte, wie ein Frst.  Der Bruder des Kalifen
und der Sohn des Growesirs waren seine Gesellschafter, und es war in
Bagdad zum Sprichwort geworden, ich mchte so gut und so glcklich
sein als Said, der Sohn Benazars.

"Bei solcher Unterhaltung kme mir kein Schlaf in die Augen, wenn ich
auch zwei, drei und mehrere Nchte wach bleiben mte", sagte der
Zirkelschmied, als der Jger geendigt hatte.  "Und oft schon habe ich
dies bewhrt gefunden.  So war ich in frherer Zeit als Geselle bei
einem Glockengieer.  Der Meister war ein reicher Mann und kein
Geizhals; aber eben darum wunderten wir uns nicht wenig, als wir
einmal eine groe Arbeit hatten, und er, ganz gegen seine Gewohnheit,
so knickerig als mglich erschien.  Es wurde in die neue Kirche eine
Glocke gegossen, und wir Jungen und Gesellen muten die ganze Nacht
am Herd sitzen und das Feuer hten.  Wir glaubten nicht anders, als
der Meister werde sein Mutterfchen anstechen und uns den besten
Wein vorsetzen.  Aber nicht also.  Er lie nur alle Stunden einen
Umtrank tun und fing an, von seiner Wanderschaft, von seinem Leben
allerlei Geschichten zu erzhlen; dann kam es an den Obergesellen,
und so nach der Reihe, und keiner von uns wurde schlfrig, denn
begierig horchten wir alle zu.  Ehe wir uns dessen versahen, war es
Tag.  Da erkannten wir die List des Meisters, da er uns durch Reden
habe wach halten wollen.  Denn als die Glocke fertig war, schonte er
seinen Wein nicht und holte ein, was er weislich in jener Nacht
versumte."

"Das ist ein vernnftiger Mann", erwiderte der Student, "gegen den
Schlaf, das ist gewi, hilft nichts als Reden.  Darum mchte ich
diese Nacht nicht einsam bleiben, weil ich mich gegen elf Uhr hin des
Schlafes nicht erwehren knnte."

"Das haben auch die Bauersleute wohlbedacht", sagte der Jger, "wenn
die Frauen und Mdchen in den langen Winterabenden bei Licht spinnen,
so bleiben sie nicht einsam zu Hause, weil sie da wohl mitten unter
der Arbeit einschliefen, sondern sie kommen zusammen in den
sogenannten Lichtstuben, setzen sich in groer Gesellschaft zur
Arbeit und erzhlen."

"Ja", fiel der Fuhrmann ein, "da geht es oft recht greulich zu, da
man sich ordentlich frchten mchte, denn sie erzhlen von feurigen
Geistern, die auf der Wiese gehen, von Kobolden, die nachts in den
Kammern poltern, und von Gespenstern, die Menschen und Vieh ngstigen."

"Da haben sie nun freilich nicht die beste Unterhaltung", entgegnete
der Student.  "Mir, ich gestehe es, ist nichts so verhat als
Gespenstergeschichten."

"Ei, da denke ich gerade das Gegenteil", rief der Zirkelschmied.
"Mir ist es recht behaglich bei einer rechten Schauergeschichte.  Es
ist gerade wie beim Regenwetter, wenn man unter dem Dach schlft.
Man hrt die Tropfen tick, tack, tick, tack auf die Ziegel
herunterrauschen und fhlt sich recht warm im Trockenen.  So, wenn
man bei Licht und in Gesellschaft von Gespenstern hrt, fhlt man
sich sicher und behaglich."

"Aber nachher?" sagte der Student.  "Wenn einer zugehrt hat, der dem
lcherlichen Glauben an Gespenster ergeben ist, wird er sich nicht
grauen, wenn er allein ist und im Dunkeln?  Wird er nicht an alles
das Schauerliche denken, was er gehrt?  Ich kann mich noch heute
ber diese Gespenstergeschichten rgern, wenn ich an meine Kindheit
denke.  Ich war ein munterer, aufgeweckter Junge und mochte
vielleicht etwas unruhiger sein, als meiner Amme lieb war.  Da wute
sie nun kein anderes Mittel, mich zum Schweigen zu bringen, als sie
machte mich frchten.  Sie erzhlte mir allerlei schauerliche
Geschichten von Hexen und bsen Geistern, die im Hause spuken sollten,
und wenn eine Katze auf dem Boden ihr Wesen trieb, flsterte sie mir
ngstlich zu: "Hrst du, Shnchen?  Jetzt geht er wieder Treppe auf,
Treppe ab, der tote Mann.  Er trgt seinen Kopf unter dem Arm, aber
seine Augen glnzen doch wie Laternen; Krallen hat er statt der
Finger, und wenn er einen im Dunkeln erwischt, dreht er ihm den Hals
um.""

Die Mnner lachten ber diese Geschichten, aber der Student fuhr fort:
"Ich war zu jung, als da ich htte einsehen knnen, dies alles sei
unwahr und erfunden.  Ich frchtete mich nicht vor dem grten
Jagdhund, warf jeden meiner Gespielen in den Sand; aber wenn ich ins
Dunkle kam, drckte ich vor Angst die Augen zu, denn ich glaubte,
jetzt werde der tote Mann heranschleichen.  Es ging soweit, da ich
nicht mehr allein und ohne Licht aus der Tre gehen wollte, wenn es
dunkel war, und wie manchmal hat mich mein Vater nachher gezchtigt,
als er diese Unart bemerkte.  Aber lange Zeit konnte ich diese
kindische Furcht nicht loswerden, und allein meine trichte Amme trug
die Schuld."

"Ja, das ist ein groer Fehler", bemerkte der Jger, "wenn man die
kindlichen Gedanken mit solchem Aberwitz fllt.  Ich kann versichern,
da ich brave, beherzte Mnner gekannt habe, Jger, die sich sonst
vor drei Feinden nicht frchteten wenn sie nachts im Wald auf Wild
lauern sollten oder auf Wilddiebe, da gebrach es ihnen oft pltzlich
an Mut; denn sie sahen einen Baum fr ein schreckliches Gespenst,
einen Busch fr eine Hexe und ein paar Glhwrmer fr die Augen eines
Ungetms an, das im Dunklen auf sie laure."

"Und nicht nur fr Kinder", entgegnete der Student, "halte ich
Unterhaltungen dieser Art fr hchst schdlich und tricht, sondern
auch fr jeden; denn welcher vernnftige Mensch wird sich ber das
Treiben und Wesen von Dingen unterhalten, die eigentlich nur im Hirn
eines Toren wirklich sind.  Dort spukt es, sonst nirgends.  Doch am
allerschdlichsten sind diese Geschichten unter dem Landvolk.  Dort
glaubt man fest und unabweichlich an Torheiten dieser Art, und dieser
Glaube wird in den Spinnstuben und in der Schenke genhrt, wo sie
sich enge zusammensetzen und mit furchtbarer Stimme die
allergreulichsten Geschichten erzhlen."

"Ja, Herr!" erwiderte der Fuhrmann.  "Ihr mget nicht unrecht haben;
schon manches Unglck ist durch solche Geschichten entstanden, ist ja
doch sogar meine eigene Schwester dadurch elendiglich ums Leben
gekommen."

"Wie das?  An solchen Geschichten?" riefen die Mnner erstaunt.

"Jawohl, an solchen Geschichten", sprach jener weiter.  "In dem Dorf,
wo unser Vater wohnte, ist auch die Sitte, da die Frauen und die
Mdchen in den Winterabenden zum Spinnen sich zusammensetzen.  Die
jungen Burschen kommen dann auch und erzhlen mancherlei.  So kam es
eines Abends, da man von Gespenstern und Erscheinungen sprach, und
die jungen Burschen erzhlten von einem alten Krmer, der schon vor
zehn Jahren gestorben sei, aber im Grab keine Ruhe finde.  Jede Nacht
werfe er die Erde von sich ab, steige aus dem Grab, schleiche langsam
und hustend, wie er im Leben getan, nach seinem Laden und wge dort
Zucker und Kaffee ab, indem er vor sich hinmurmle:

"Drei Vierling, drei Vierling um Mitternacht
Haben bei Tag ein Pfund gemacht."

Viele behaupteten, ihn gesehen zu haben, und die Mdchen und Weiber
fingen an, sich zu frchten.  Meine Schwester aber, ein Mdchen von
sechzehn Jahren, wollte klger sein als die andern und sagte: "Das
glaube ich alles nicht; wer einmal tot ist, kommt nicht wieder!" Sie
sagte es, aber leider ohne berzeugung; denn sie hatte sich oft schon
gefrchtet.  Da sagte einer von den jungen Leuten: "Wenn du dies
glaubst, so wirst du dich auch nicht vor ihm frchten; sein Grab ist
nur zwei Schritte von Kthchens, die letzthin gestorben.  Wage es
einmal, gehe hin auf den Kirchhof, brich von Kthchens Grab eine
Blume und bringe sie uns, so wollen wir glauben, da du dich vor dem
Krmer nicht frchtest!"

Meine Schwester schmte sich, von den andern verlacht zu werden,
darum sagte sie, "oh! das ist mir ein leichtes; was wollt ihr denn
fr eine Blume?"

"Es blht im ganzen Dorf keine weie Rose als dort; darum bring' uns
einen Strau von diesen", antwortete eine ihrer Freundinnen.  Sie
stand auf und ging, und alle Mnner lobten ihren Mut; aber die Frauen
schttelten den Kopf und sagten: "Wenn es nur gut abluft!" Meine
Schwester ging dem Kirchhof zu; der Mond schien hell, und sie fing an
zu schaudern, als es zwlf Uhr schlug und sie die Kirchhofpforte
ffnete.

Sie stieg ber manchen Grabhgel weg, den sie kannte, und ihr Herz
wurde bange und immer banger, je nher sie zu Kthchens weien Rosen
und zum Grab des gespenstigen Krmers kam.

Jetzt war sie da, zitternd kniete sie nieder und knickte die Blumen
ab.  Da glaubte sie ganz in der Nhe ein Gerusch zu vernehmen; sie
sah sich um; zwei Schritte von ihr flog die Erde von einem Grabe
hinweg, und langsam richtete sich eine Gestalt daraus empor.  Es war
ein alter, bleicher Mann mit einer weien Schlafmtze auf dem Kopf.
Meine Schwester erschrak; sie schaute noch einmal hin, um sich zu
berzeugen, ob sie recht gesehen; als aber der im Grabe mit nselnder
Stimme anfing zu sprechen: "Guten Abend, Jungfer; woher so spt?" da
erfate sie ein Grauen des Todes; sie raffte sich auf, sprang ber
die Grber hin nach jenem Hause, erzhlte beinahe atemlos, was sie
gesehen, und wurde so schwach, da man sie nach Hause tragen mute.
Was ntzte es uns, da wir am andern Tage erfuhren, da es der
Totengrber gewesen sei, der dort ein Grab gemacht und zu meiner
armen Schwester gesprochen habe?  Sie verfiel, noch ehe sie dies
erfahren konnte, in ein hitziges Fieber, an welchem sie nach drei
Tagen starb.  Die Rosen zu ihrem Totenkranz hatte sie sich selbst
gebrochen."

Der Fuhrmann schwieg, und eine Trne hing in seinen Augen, die andern
aber sahen teilnehmend auf ihn.

"So hat das arme Kind auch an diesem Khlerglauben sterben mssen",
sagte der junge Goldarbeiter, "mir fllt da eine Sage bei, die ich
euch wohl erzhlen mchte und die leider mit einem solchen Trauerfall
zusammenhngt":




Die Hhle von Steenfoll

Eine schottlndische Sage

Wilhelm Hauff


Auf einer der Felseninseln Schottlands lebten vor vielen Jahren zwei
Fischer in glcklicher Eintracht.  Sie waren beide unverheiratet,
hatten auch sonst keine Angehrigen, und ihre gemeinsame Arbeit,
obgleich verschieden angewendet, nhrte sie beide.  Im Alter kamen
sie einander ziemlich nahe, aber von Person und an Gemtsart glichen
sie einander nicht mehr als ein Adler und ein Seekalb.

Kaspar Strumpf war ein kurzer, dicker Mensch mit einem breiten,
fetten Vollmondsgesicht und gutmtig lachenden Augen, denen Gram und
Sorge fremd zu sein schienen.  Er war nicht nur fett, sondern auch
schlfrig und faul, und ihm fielen daher die Arbeiten des Hauses,
Kochen und Backen, das Stricken der Netze zum eigenen Fischfang und
zum Verkaufe, auch ein groer Teil der Bestellung ihres kleinen
Feldes anheim.  Ganz das Gegenteil war sein Gefhrte; lang und hager,
mit khner Habichtsnase und scharfen Augen, war er als der ttigste
und glcklichste Fischer, der unternehmendste Kletterer nach Vgeln
und Daunen, der fleiigste Feldarbeiter auf den Inseln und dabei als
der geldgierigste Hndler auf dem Markte zu Kirchwall bekannt; aber
da seine Waren gut und sein Wandel frei von Betrug war, so handelte
jeder gern mit ihm, und Wilm Falke (so nannten ihn seine Landsleute)
und Kaspar Strumpf, mit welchem ersterer trotz seiner Habsucht gerne
seinen schwer errungenen Gewinn teilte, hatten nicht nur eine gute
Nahrung, sondern waren auch auf gutem Wege, einen gewissen Grad von
Wohlhabenheit zu erlangen.  Aber Wohlhabenheit allein war es nicht,
was Falkes habschtigem Gemte zusagte; er wollte reich, sehr reich
werden, und da er bald einsehen lernte, da auf dem gewhnlichen Wege
des Fleies das Reichwerden nicht sehr schnell vor sich ging, so
verfiel er zuletzt auf den Gedanken, er mte seinen Reichtum durch
irgendeinen auerordentlichen Glckszufall erlangen, und da nun
dieser Gedanke einmal von seinem heftig wallenden Geiste Besitz
genommen, fand er fr nichts anderes Raum darin, und er fing an, mit
Kaspar Strumpf davon als von einer gewissen Sache zu reden.  Dieser,
dem alles, was Falke sagte, fr Evangelium galt, erzhlte es seinen
Nachbarn, und bald verbreitete sich das Gercht, Wilm Falke htte
sich entweder wirklich dem Bsen fr Gold verschrieben, oder htte
doch ein Anerbieten dazu von dem Frsten der Unterwelt bekommen.

Anfangs zwar verlachte Falke diese Gerchte, aber allmhlich gefiel
er sich in dem Gedanken, da irgendein Geist ihm einmal einen Schatz
verraten knne, und er widersprach nicht lnger, wenn ihn seine
Landsleute damit aufzogen.  Er trieb zwar noch immer sein Geschft
fort, aber mit weniger Eifer, und verlor oft einen groen Teil der
Zeit, die er sonst mit Fischfang oder andern ntzlichen Arbeiten
zuzubringen pflegte, in zwecklosem Suchen irgendeines Abenteuers,
wodurch er pltzlich reich werden sollte.  Auch wollte es sein
Unglck, da, als er eines Tages am einsamen Ufer stand und in
unbestimmter Hoffnung auf das bewegte Meer hinausblickte, als solle
ihm von dorther sein groes Glck kommen, eine groe Welle unter
einer Menge losgerissenen Mooses und Gesteins eine gelbe Kugel--eine
Kugel von Gold--zu seinen Fen rollte.

Wilm stand wie bezaubert; so waren denn seine Hoffnungen nicht leere
Trume gewesen, das Meer hatte ihm Gold, schnes, reines Gold
geschenkt, wahrscheinlich die berreste eines schweren Barrens,
welchen die Wellen auf dem Meeresgrund bis zur Gre einer
Flintenkugel abgerieben.  Und nun stand es klar vor seiner Seele, da
einmal irgendwo an dieser Kste ein reich beladenes Schiff
gescheitert sein msse, und da er dazu ersehen sei, die im Schoe
des Meeres begrabenen Schtze zu heben.  Dies ward von nun an sein
einziges Streben: Seinen Fund sorgfltig, selbst vor seinem Freunde
verbergend, damit nicht auch andere seiner Entdeckung auf die Spur
kmen, versumte er alles andere und brachte Tage und Nchte an
dieser Kste zu, wo er nicht sein Netz nach Fischen, sondern eine
eigens dazu verfertigte Schaufel--nach Gold auswarf.  Aber er fand
nichts als Armut, denn er selbst verdiente nichts mehr, und Kaspars
schlfrige Bemhungen reichten nicht hin, sie beide zu ernhren.  Im
Suchen grerer Schtze verschwand nicht nur das gefundene Gold,
sondern allmhlich auch das ganze Eigentum der Junggesellen.  Aber so
wie Strumpf frher stillschweigend von Falke den besten Teil seiner
Nahrung hatte erwerben lassen, so ertrug er es auch jetzt schweigend
und ohne Murren, da die zwecklose Ttigkeit desselben sie ihm jetzt
entzog; und gerade dieses sanftmtige Dulden seines Freundes war es,
was jenen nur noch strker anspornte, sein rastloses Suchen nach
Reichtum weiter fortzusetzen.  Was ihn aber noch ttiger machte, war,
da, so oft er sich zur Ruhe niederlegte und seine Augen sich zum
Schlummer schlossen, etwas ihm ein Wort ins Ohr raunte, das er zwar
sehr deutlich zu vernehmen glaubte und das ihm jedesmal dasselbe
schien, das er aber niemals behalten konnte.  Zwar wute er nicht,
was dieser Umstand, so sonderbar er auch war, mit seinem jetzigen
Streben zu tun haben knne; aber auf ein Gemt wie Wilm Falkes mute
alles wirken, und auch dieses geheimnisvolle Flstern half ihn in dem
Glauben bestrken, da ihm ein groes Glck bestimmt sei, das er nur
in einem Goldhaufen zu finden hoffte.

Eines Tages berraschte ihn ein Sturm am Ufer, wo er den Goldbarren
gefunden hatte, und die Heftigkeit desselben trieb ihn an, in einer
nahen Hhle zuflucht zu suchen.  Diese Hhle, welche die Einwohner
die Hhle von Steenfoll nennen, besteht aus einem langen
unterirdischen Gange, weicher sich mit zwei Mndungen gegen das Meer
ffnet und den Wellen einen freien Durchgang lt, die sich bestndig
mit lautem Brllen schumend durch denselben hinarbeiten.  Diese
Hhle war nur an einer Stelle zugnglich, und zwar durch eine Spalte
von oben her, welche aber selten von jemand anderem als mutwilligen
Knaben betreten ward, indem zu den eigenen Gefahren des Ortes sich
noch der Ruf eines Geisterspuks gesellte.  Mit Mhe lie Wilm sich in
denselben hinab und nahm ungefhr zwlf Fu tief von der Oberflche
auf einem vorspringenden Stein und unter einem berhngenden
Felsenstck Platz, wo er mit den brausenden Wellen unter seinen Fen
und dem wtenden Sturm ber seinem Haupte in seinen gewhnlichen
Gedankenzug verfiel, nmlich von dem gescheiterten Schiff, und was
fr ein Schiff es wohl gewesen sein mochte; denn trotz aller seiner
Erkundigungen hatte er selbst von den ltesten Einwohnern von keinem
an dieser Stelle gescheiterten Fahrzeuge Nachricht erhalten knnen.
Wie lange er so gesessen, wute er selbst nicht; als er aber endlich
aus seinen Trumereien erwachte, entdeckte er, da der Sturm vorber
war; und er wollte eben wieder emporsteigen, als eine Stimme sich aus
der Tiefe vernehmen lie und das Wort Car-mil-han ganz deutlich in
sein Ohr drang.  Erschrocken fuhr er in die Hhe und blickte in den
leeren Abgrund hinab.  "Groer Gott!" schrie er, "das ist das Wort,
das mich in meinem Schlafe verfolgt!  Was, um Himmels willen, mag es
bedeuten?"

"Carmilhan!" seufzte es noch einmal aus der Hhle herauf, als er
schon mit einem Fu die Spalte verlassen hatte, und er floh wie ein
gescheuchtes Reh seiner Htte zu.

Wilm war indessen keine Memme; die Sache war ihm nur unerwartet
gekommen, und sein Geldgeiz war auch berdies zu mchtig in ihm, als
da ihn irgendein Anschein von Gefahr htte abschrecken knnen, auf
seinem gefahrvollen Pfade fortzuwandern.  Einst, als er spt in der
Nacht beim Mondschein der Hhle von Steenfoll gegenber mit seiner
Schaufel nach Schtzen fischte, blieb dieselbe auf einmal an etwas
hngen.  Er zog aus Leibeskrften, aber die Masse blieb unbeweglich.
Inzwischen erhob sich der Wind, dunkle Wolken berzogen den Himmel,
heftig schaukelte das Boot und drohte umzuschlagen; aber Wilm lie
sich nichts irren; er zog und zog, bis der Widerstand aufhrte, und
da er kein Gewicht fhlte, glaubte er, sein Seil wre gebrochen.
Aber gerade, als die Wolken sich ber dem Monde zusammenziehen
wollten, erschien eine runde schwarze Masse auf der Oberflche, und
es erklang das ihn verfolgende Wort Carmilhan!  Hastig wollte er nach
ihr greifen, aber ebenso schnell, als er den Arm danach ausstreckte,
verschwand sie in der Dunkelheit der Nacht, und der eben losbrechende
Sturm zwang ihn, unter den nahen Felsen Zuflucht zu suchen.  Hier
schlief er vor Ermdung ein, um im Schlafe, von einer ungezgelten
Einbildungskraft gepeinigt, aufs neue die Qualen zu erdulden, die ihn
sein rastloses Streben nach Reichtum am Tage erleiden lie.  Die
ersten Strahlen der aufgehenden Sonne fielen auf den jetzt ruhigen
Spiegel des Meeres, als Falke erwachte.  Eben wollte er wieder hinaus
an die gewohnte Arbeit, als er von ferne etwas auf sich zukommen sah.
Er erkannte es bald fr ein Boot und in demselben eine menschliche
Gestalt; was aber sein grtes Erstaunen erregte, war, da das
Fahrzeug sich ohne Segel oder Ruder fortbewegte, und zwar mit dem
Schnabel gegen das Ufer gekehrt, und ohne da die darin sitzende
Gestalt sich im geringsten um das Steuer zu bekmmern schien, wenn es
ja eins hatte.  Das Boot kam immer nher und hielt endlich neben
Wilms Fahrzeug stille.  Die Person in demselben zeigte sich jetzt als
ein kleines, verschrumpftes, altes Mnnchen, das in gelbe Leinwand
gekleidet war und mit roter, in die Hhe stehender Nachtmtze, mit
geschlossenen Augen und unbeweglich wie ein getrockneter Leichnam
dasa.  Nachdem er es vergebens angerufen und gestoen hatte, wollte
er eben einen Strick an dem Boot befestigen und es wegfuhren, als das
Mnnchen die Augen aufschlug und sich zu bewegen anfing auf eine
Weise, welche selbst den khnen Fischer mit Grausen erfllte.

"Wo bin ich?" fragte es nach einem tiefen Seufzer auf hollndisch.
Falke, welcher von den hollndischen Heringsfngern etwas von ihrer
Sprache gelernt hatte, nannte ihm den Namen der Insel und fragte, wer
er denn sei und was ihn hierhergebracht.

"Ich komme, um nach der Carmilhan zu sehen."

"Der Carmilhan?  Um Gottes willen!  Was ist das?" rief der begierige
Fischer.

"Ich gebe keine Antwort auf Fragen, die man mir auf diese Weise tut",
erwiderte das Mnnchen mit sichtbarer Angst.

"Nun", schrie Falke, "was ist die Carmilhan?"

"Die Carmilhan ist jetzt nichts, aber einst war sie ein schnes
Schiff, mit mehr Gold beladen, als je ein anderes Fahrzeug getragen."

"Wo ging es zugrunde und wann?"

"Es war vor hundert Jahren; wo, wei ich nicht genau; ich komme, um
die Stelle aufzusuchen und das verlorene Gold aufzufischen; willst du
mir helfen, so wollen wir den Fund miteinander teilen."

"Mit ganzem Herzen; sag' mir nur, was mu ich tun?"

"Was du tun mut, erfordert Mut; du mut dich gerade vor Mitternacht
in die wildeste und einsamste Gegend auf der Insel begeben, begleitet
von einer Kuh, die du dort schlachten und dich von jemand in ihre
frische Haut wickeln lassen mut.  Dein Begleiter mu dich dann
niederlegen und allein lassen, und ehe es ein Uhr schlgt, weit du,
wo die Schtze der Carmilhan liegen."

"Auf diese Weise fiel des alten Engrol Sohn mit Leib und Seele ins
Verderben!" rief Wilm mit Entsetzen.  "Du bist der bse Geist", fuhr
er fort, indem er hastig davonruderte, "geh zur Hlle!  Ich mag
nichts mit dir zu tun haben."

Das Mnnchen knirschte, schimpfte und fluchte ihm nach; aber der
Fischer, welcher zu beiden Rudern gegriffen hatte, war ihm bald auer
Gehr und, nachdem er um einen Felsen gebogen, auch aus dem Gesichte.
Aber die Entdeckung, da der bse Geist sich seinen Geiz zunutze zu
machen und mit Gold in seine Schlingen zu locken suchte, heilte den
verblendeten Fischer nicht, im Gegenteil, er meinte die Mitteilung
des gelben Mnnchens bentzen zu knnen, ohne sich dem Bsen zu
berliefern, und indem er fortfuhr, an der den Kste nach Gold zu
fischen, vernachlssigte er den Wohlstand, den ihm die reichen
Fischzge in andern Gegenden des Meeres darboten, sowie alle andern
Mittel, auf die er ehemals seinen Flei verwendet, und versank von
Tag zu Tage nebst seinem Gefhrten in tiefere Armut, bis es endlich
oft an den notwendigsten Lebensbedrfnissen zu fehlen anfing.  Aber
obgleich dieser Verfall gnzlich Falkes Halsstarrigkeit und falscher
Begierde zugeschrieben werden mute und die Ernhrung beider jetzt
Kaspar Strumpf allein anheimfiel, so machte ihm doch dieser niemals
den geringsten Vorwurf; ja, er bezeugte ihm immer noch dieselbe
Unterwrfigkeit, dasselbe Vertrauen in seinen besseren Verstand als
zur Zeit, wo ihm seine Unternehmungen allezeit geglckt waren; dieser
Umstand vermehrte Falkes Leiden um ein Groes, aber trieb ihn noch
mehr, nach Gold zu suchen, weil er dadurch hoffte, auch seinen Freund
fr sein gegenwrtiges Entbehren schadlos halten zu knnen.  Dabei
verfolgte ihn das teuflische Geflster des Wortes Carmilhan noch
immer in seinem Schlummer.  Kurz, Not, getuschte Erwartung und Geiz
trieben ihn zuletzt zu einer Art von Wahnsinn, so da er wirklich
beschlo, das zu tun, was ihm das Mnnchen angeraten, obgleich er
nach der alten Sage wohl wute, da er sich damit den Mchten der
Finsternis bergab.

Alle Gegenvorstellungen Kaspars waren vergebens.  Falke ward nur um
so heftiger, je mehr jener ihn anflehte, von seinem verzweifelten
Vorhaben abzustehen, und der gute, schwache Mensch willigte endlich
ein, ihn zu begleiten und ihm seinen Plan ausfahren zu helfen.
Beider Herzen zogen sich schmerzhaft zusammen, als sie einen Strick
um die Hrner einer schnen Kuh, ihr letztes Eigentum, legten, die
sie vom Kalbe aufgezogen und die sie sich immer zu verkaufen
geweigert hatten, weil sie's nicht bers Herz bringen konnten, sie in
fremden Hnden zu sehen.  Aber der bse Geist, welcher sich Wilms
bemeisterte, erstickte jetzt alle besseren Gefhle in ihm, und Kaspar
wute ihm in nichts zu widerstehen.  Es war im September, und die
langen Nchte des schottlndischen Winters hatten angefangen.  Die
Nachtwolken wlzten sich schwer vor dem rauhen Abendwinde und trmten
sich wie Eisberge im Maelstrom; tiefer Schatten fllte die Schluchten
zwischen dem Gebirge und den feuchten Torfsmpfen, und die trben
Bette der Strme blickten schwarz und furchtbar wie Hllenschlnde.
Falke ging voran, und Strumpf folgte, schaudernd ber seine eigene
Khnheit, und Trnen fllten sein mattes Auge, so oft er das arme
Tier ansah, welches so vertrauensvoll und bewutlos seinem baldigen
Tode entgegenging, der ihm von der Hand werden sollte, die ihm bisher
seine Nahrung gereicht.  Mit Mhe kamen sie in das enge, sumpfige
Bergtal, welches hier und da mit Moos und Heidekraut bewachsen, mit
groen Steinen berst war und von einer wilden Gebirgskette umgeben
lag, die sich in grauen Nebel verlor und wohin der Fu eines Menschen
sich selten verstieg. Sie nherten sich auf wankendem Boden einem
groen Stein, welcher in der Mitte stand und von welchem ein
verscheuchter Adler krchzend in die Hhe flog.  Die arme Kuh brllte
dumpf, als erkenne sie die Schrecknisse des Ortes und ihr
bevorstehendes Schicksal.  Kaspar wandte sich weg, um sich die
schnellflieenden Trnen abzuwischen.  Er blickte hinab durch die
Felsenffnung, durch welche sie heraufgekommen waren, von wo aus man
die ferne Brandung des Meeres hrte, und dann hinauf nach den
Berggipfeln, auf welche sich ein kohlschwarzes Gewlk gelagert hatte,
aus welchem man von Zeit zu Zeit ein dumpfes Murmeln vernahm.  Als er
sich wieder nach Wilm umsah, hatte dieser bereits die arme Kuh an den
Stein gebunden und stand mit aufgehobener Axt im Begriff, das gute
Tier zu fllen.

Dies war zuviel fr seinen Entschlu, sich in den Willen seines
Freundes zu fgen.  Mit gesungenen Hnden strzte er sich auf die
Knie.  "Um Gottes willen, Wilm Falke!" schrie er mit der Stimme der
Verzweiflung, "schone dich, schone die Kuh!  Schone dich und mich!
Schone deine Seele!--Schone dein Leben!  Und mut du Gott so
versuchen, so warte bis morgen und opfere lieber ein anderes Tier als
unsere liebe Kuh."

"Kaspar, bist du toll?" schrie Wilm wie ein Wahnsinniger, indem er
noch immer die Axt in die Hhe geschwungen hielt.  "Soll ich die Kuh
schonen und verhungern?"

"Du sollst nicht verhungern", antwortete Kaspar entschlossen.
"Solange ich Hnde habe, sollst du nicht verhungern.  Ich will vom
Morgen bis in die Nacht fr dich arbeiten.  Nur bring' ich nicht um
deiner Seele Seligkeit und la mir das arme Tier leben!"

"Dann nimm die Axt und spalte mir den Kopf", schrie Falke mit
verzweifeltem Tone, "ich gehe nicht von diesem Fleck, bis ich habe,
was ich verlange.--Kannst du die Schtze der Carmilhan fr mich
heben?  Knnen deine Hnde mehr erwerben als die elendesten
Bedrfnisse des Lebens?--Aber sie knnen meinen Jammer enden--komm
und la mich das Opfer sein!"

"Wilm, tte die Kuh, tte mich!  Es liegt mir nichts daran, es ist
mir ja nur um deine Seligkeit zu tun.  Ach, dies ist ja der
Piktenaltar, und das Opfer, das du bringen willst, gehrt der
Finsternis."

"Ich wei von nichts dergleichen", rief Falke, wild lachend wie einer,
der entschlossen ist, nichts wissen zu wollen, was ihn von seinem
Vorsatz abbringen knnte.  "Kaspar, du bist toll und machst mich
toll--aber da", fuhr er fort, indem er das Beil von sich warf und das
Messer vom Steine aufnahm, wie wenn er sich durchstoen wollte, "da,
behalte die Kuh statt meiner!"

Kaspar war in einem Augenblicke bei ihm, ri ihm das Mordwerkzeug aus
der Hand, erfate das Beil, schwang es hoch in der Luft und lie es
mit solcher Gewalt auf des geliebten Tieres Kopf fallen, da es ohne
zu zucken und tot zu seines Herrn Fen niederstrzte.

Ein Blitz, begleitet von einem Donnerschlage, folgte dieser raschen
Handlung, und Falke starrte seinen Freund mit den Augen an, womit ein
Mann ein Kind anstaunen wrde, das sich das zu tun getrauet, was er
selbst nicht gewagt.  Strumpf schien aber weder von dem Donner
erschreckt, noch durch das starre Erstaunen seines Gefhrten auer
Fassung gebracht, sondern fiel, ohne ein Wort zu reden, ber die Kuh
her und fing an, ihr die Haut abzuziehen.  Als Wilm sich ein wenig
erholt hatte, half er ihm in diesem Geschfte, aber mit so sichtbarem
Widerwillen, als er vorher begierig gewesen war, das Opfer vollendet
zu sehen.  Whrend dieser Arbeit hatte sich das Gewitter
zusammengezogen, der Donner brllte laut im Gebirge, und furchtbare
Blitze schlngelten sich um den Stein und ber das Moos der Schlucht
hin, whrend der Wind, welcher diese Hhe noch nicht erreicht hatte,
die untern Tler und das Gestade mit wildem Heulen erfllte.  Und als
die Haut endlich abgezogen war, fanden beide Fischer sich schon bis
auf die Haut durchnt.  Sie breiteten jene auf dem Boden aus, und
Kaspar wickelte und band Falken, so wie dieser es ihn geheien, in
derselben fest ein.  Dann erst, als dies geschehen war, brach der
arme Mensch das lange Stillschweigen, und indem er mitleidig auf
seinen betrten Freund hinabblickte, fragte er mit zitternder Stimme:
"Kann ich noch etwas fr dich tun, Wilm?"

"Nichts mehr", erwiderte der andere, "lebe wohl!"

"Leb' wohl", erwiderte Kaspar, "Gott sei mit dir und vergebe dir, wie
ich es tue!"

Dies waren die letzten Worte, welche Wilm von ihm hrte; denn im
nchsten Augenblicke war er in der immer zunehmenden Dunkelheit
verschwunden.  Und in demselben Augenblicke brach auch einer der
frchterlichsten Gewitterstrme, die Wilm nur je gehrt hatte, aus.
Er fing an mit einem Blitze, welcher Falken nicht nur die Berge und
Felsen in seiner unmittelbaren Nhe, sondern auch das Tal unter ihm
mit dem schumenden Meere und den in der Bucht zerstreut liegenden
Felseninseln zeigte, zwischen welchen er die Erscheinung eines groen,
fremdartigen und entmasteten Schiffes zu erblicken glaubte, welches
auch im Augenblicke wieder in der schwrzesten Dunkelheit verschwand.
Die Donnerschlge wurden ganz betubend.  Eine Masse Felsenstcke
rollte vom Gebirge herab und drohte, ihn zu erschlagen.  Der Regen
ergo sich in solcher Menge, da er in einem Augenblicke das enge
Sumpftal mit einer hohen Flut berstrmte, welche bald bis zu Wilms
Schultern hinaufreichte; denn glcklicherweise hatte ihn Kaspar mit
dem obern Teile des Krpers auf eine Erhhung gelegt, sonst htte er
auf einmal ertrinken mssen.  Das Wasser stieg immer hher, und je
mehr Wilm sich anstrengte, sich aus seiner gefahrvollen Lage zu
befreien, desto fester umgab ihn die Haut.  Umsonst rief er nach
Kaspar.  Kaspar war weit weg. Gott in seiner Not anzurufen, wagte er
nicht, und ein Schauder ergriff ihn, wenn er die Mchte anflehen
wollte, deren Gewalt er sich hingegeben fhlte.

Schon drang ihm das Wasser in die Ohren, schon berhrte es den Rand
der Lippen.  "Gott, ich bin verloren!" schrie er, indem er einen
Strom ber sein Gesicht hinstrzen fhlte--aber in demselben
Augenblick drang ein Schall wie von einem nahen Wasserfall schwach in
sein Gehr, und sogleich war auch sein Mund wieder unbedeckt.  Die
Flut hatte sich durch das Gestein Bahn gebrochen; und da zu gleicher
Zeit der Regen etwas nachlie und das tiefe Dunkel des Himmels sich
etwas verzog, so lie auch seine Verzweiflung nach, und es schien ihm
ein Strahl der Hoffnung zurckzukehren.  Aber obgleich er sich wie
von einem Todeskampfe erschpft fhlte und sehnlich wnschte, aus
seiner Gefangenschaft erlst zu sein, so war doch der Zweck seines
verzweifelten Strebens noch nicht erreicht, und mit der
verschwundenen unmittelbaren Lebensgefahr kam auch die Habsucht mit
all ihren Furien in seine Brust zurck.  Aber berzeugt, da er in
seiner Lage ausharren msse, um sein Ziel zu erreichen, hielt er sich
ruhig und fiel vor Klte und Ermdung in einen festen Schlaf.

Er mochte ungefhr zwei Stunden geschlafen haben, als ihn ein kalter
Wind, der ihm bers Gesicht fuhr, und ein Rauschen wie von
herannahenden Meereswogen aus seiner glcklichen Selbstvergessenheit
aufrttelten.  Der Himmel hatte sich aufs neue verfinstert.  Ein
Blitz wie der, welcher den ersten Sturm herbeigefhrt, erhellte noch
einmal die Gegend umher, und er glaubte abermals, das fremde Schiff
zu erblicken, das jetzt dicht vor der Steenfollklippe auf einer hohen
Welle zu hngen und dann jhlings in den Abgrund zu schieen schien.
Er starrte noch immer nach dem Phantom; denn ein unaufhrliches
Blitzen hielt jetzt das Meer erleuchtet, als sich auf einmal eine
berghohe Wasserhose aus dem Tale erhob und ihn mit solcher Gewalt
gegen einen Felsen schleuderte, da ihm alle Sinne vergingen.  Als er
wieder zu sich selbst kam, hatte sich das Wetter verzogen, der Himmel
war heiter; aber das Wetterleuchten dauerte noch immer fort.  Er lag
dicht am Fue des Gebirges, welches dieses Tal umschlo, und er
fhlte sich so zerschlagen, da er sich kaum zu rhren vermochte.  Er
hrte das stillere Brausen der Brandung und mitten drinnen eine
feierliche Musik wie Kirchengesang.  Diese Tne waren anfangs so
schwach, da er sie fr Tuschung hielt.  Aber sie lieen sich immer
wieder aufs neue vernehmen, und jedesmal deutlicher und nher, und es
schien ihm zuletzt, als knne er darin die Melodie eines Psalms
unterscheiden, die er im vorigen Sommer an Bord eines hollndischen
Heringsfngers gehrt hatte.

Endlich unterschied er sogar Stimmen, und es deuchte ihn, als
vernehme er sogar die Worte jenes Liedes; die Stimmen waren jetzt in
dem Tale, und als er sich mit Mhe zu einem Steine hingeschoben, auf
den er den Kopf legte, erblickte er wirklich einen Zug von
menschlichen Gestalten, von welchem diese Musik ausging und der sich
gerade auf ihn zu bewegte.  Kummer und Angst lagen auf den Gesichtern
der Leute, deren Kleider von Wasser zu triefen schienen.  Jetzt waren
sie dicht bei ihm, und ihr Gesang schwieg. An ihrer Spitze waren
mehrere Musikanten, dann mehrere Seeleute, und hinter diesen kam ein
groer, starker Mann in altvterlicher, reich mit Gold besetzter
Tracht, mit einem Schwert an der Seite und einem langen, dicken,
spanischen Rohr mit goldenem Knopfe in der Hand.  Ihm zur Seite ging
ein Negerknabe, welcher seinem Herrn von Zeit zu Zeit eine lange
Pfeife reichte, aus der er einige feierliche Zge tat und dann
weiterschritt.  Er blieb kerzengerade vor Wilm stehen, und ihm zu
beiden Seiten stellten sich andere minder prchtig gekleidete Mnner,
welche alle Pfeifen in den Hnden hatten, die aber nicht so kostbar
schienen als die Pfeife, welche dem dicken Manne nachgetragen wurde.
Hinter diesen traten andere Personen auf, worunter mehrere
Frauenspersonen, von denen einige Kinder in den Armen oder an der
Hand hatten, alle in kostbarer, aber fremdartiger Kleidung.  Ein
Haufen hollndischer Matrosen schlo den Zug, deren jeder den Mund
voll Tabak und zwischen den Zhnen ein braunes Pfeifchen hatte, das
sie in dsterer Stille rauchten.

Der Fischer blickte mit Grausen auf diese sonderbare Versammlung;
aber die Erwartung dessen, was da kommen werde, hielt seinen Mut
aufrecht.  Lange standen sie um ihn her, und der Rauch ihrer Pfeifen
erhob sich wie eine Wolke ber sie, zwischen welcher die Sterne
hindurchblinkten.  Der Kreis zog sich immer enger um Wilm her, das
Rauchen ward immer heftiger und dicker die Wolke, die aus Mund und
Pfeifen hervorstieg. Falke war ein khner, verwegener Mann; er hatte
sich auf Auerordentliches vorbereitet--aber als er diese
unbegreifliche Menge immer nher auf sich eindringen sah, als wolle
sie ihn mit ihrer Masse erdrcken, da entsank ihm der Mut, dicker
Schwei trat ihm vor die Stirne, und er glaubte, vor Angst vergehen
zu mssen.  Aber man denke sich erst seinen Schrecken, als er von
ungefhr die Augen wandte und dicht an seinem Kopfe das gelbe
Mnnchen steif und aufrecht sitzen sah, als wie er es zum erstenmal
erblickt, nur da es jetzt, als wie zum Spotte der ganzen Versammlung,
auch eine Pfeife im Munde hatte.  In der Todesangst, die ihn jetzt
ergriff, rief er, zu der Hauptperson gewendet: "Im Namen dessen, dem
Ihr dienet, wer seid Ihr?  Und was verlangt Ihr von mir?"

Der groe Mann rauchte drei Zge, feierlicher als je, gab dann die
Pfeife seinem Diener und antwortete mit schreckhafter Klte: "Ich bin
Aldret Franz Van der Swelder, Befehlshaber des Schiffes Carmilhan von
Amsterdam,' welches auf dem Heimwege von Batavia mit Mann und Maus an
dieser Felsenkste zugrunde ging; dies sind meine Offiziere, dies
meine Passagiere und jenes meine braven Seeleute, welche alle mit mir
ertranken.  Warum hast du uns aus unseren tiefen Wohnungen im Meere
hervorgerufen?  Warum strtest du unsere Ruhe?"

"Ich mchte wissen, wo die Schtze der Carmilhan liegen."

"Am Boden des Meeres."

"Wo?"

"In der Hhle von Steenfoll."

"Wie soll ich sie bekommen?"

"Eine Gans taucht in den Schlund nach einem Hering; sind die Schtze
der Camaan nicht ebensoviel wert?"

"Wieviel davon werd' ich bekommen?"

"Mehr, als du je verzehren wirst." Das gelbe Mnnchen grinste, und
die ganze Versammlung lachte laut auf.  "Bist du zu Ende?" fragte der
Hauptmann weiter.

"Ich bin's.  Gehab dich wohl!"

"Leb' wohl, bis aufs Wiedersehen", erwiderte der Hollnder und wandte
sich zum Gehen, die Musikanten traten aufs neue an die Spitze, und
der ganze Zug entfernte sich in derselben Ordnung, in welcher er
gekommen war, und mit demselben feierlichen Gesang, welcher mit der
Entfernung immer leiser und undeutlicher wurde, bis er sich nach
einiger Zeit gnzlich im Gerusche der Brandung verlor.  Jetzt
strengte Wilm seine letzten Krfte an, sich aus seinen Banden zu
befreien, und es gelang ihm endlich, einen Arm loszubekommen, womit
er die ihn umwindenden Stricke lste und sich endlich ganz aus der
Haut wickelte.  Ohne sich umzusehen, eilte er nach seiner Htte und
fand den armen Kaspar Strumpf in starrer Bewutlosigkeit am Boden
liegen.  Mit Mhe brachte er ihn wieder zu sich selbst, und der gute
Mensch weinte vor Freude, als er den verloren geglaubten Jugendfreund
wieder vor sich sah.  Aber dieser beglckende Strahl verschwand
schnell wieder, als er von diesem vernahm, welch verzweifeltes
Unternehmen er jetzt vorhatte.

"Ich wollte mich lieber in die Hlle strzen als diese nackten Wnde
und dieses Elend lnger ansehen.  Folge mir oder nicht, ich gehe."
Mit diesen Worten fate Wilm eine Fackel, ein Feuerzeug und ein Seil
und eilte davon.  Kaspar eilte ihm nach, so schnell er's vermochte,
und fand ihn schon auf dem Felsstck stehen, auf welchem er vormals
gegen den Sturm Schutz gefunden, und bereit, sich an dem Stricke in
den brausenden, schwarzen Schlund hinabzulassen.  Als er fand, da
alle seine Vorstellungen nichts ber den rasenden Menschen vermochten,
bereitete er sich, ihm nachzusteigen; aber Falke befahl ihm, zu
bleiben und den Strick zu halten.  Mit furchtbarer Anstrengung, wozu
nur die Mindeste Habsucht den Mut und die Strke geben konnte,
kletterte Falke in die Hhle hinab und kam endlich auf ein
vorspringendes Felsenstck zu stehen, unter welchem die Wogen,
schwarz und mit weiem Schaum bekruselt, brausend dahineilten.  Er
blickte begierig umher und sah endlich etwas gerade unter ihm im
Wasser schimmern.  Er legte die Fackel nieder, strzte sich hinab und
erfate etwas Schweres, das er auch heraufbrachte.  Es war ein
eisernes Kstchen voller Goldstcke.  Er verkndigte seinem Gefhrten,
was er gefunden, wollte aber durchaus nicht auf sein Flehen hren,
sich damit zu begngen und wieder heraufzusteigen.  Falke meinte,
dies wre nur die erste Frucht seiner langen Bemhungen.  Er strzte
sich noch einmal hinab--es erscholl ein lautes Gelchter aus dem
Meere, und Wilm Falke ward nie wieder gesehen.  Kaspar ging allein
nach Hause, aber als ein anderer Mensch.  Die seltsamen
Erschtterungen, die sein schwacher Kopf und sein empfindsames Herz
erlitten, zerrtteten ihm die Sinne.  Er lie alles um sich her
verfallen und wanderte Tag und Nacht gedankenlos vor sich starrend
umher, von allen seinen vorigen Bekannten bedauert und gemieden.  Ein
Fischer will Wilm Falke in einer strmischen Nacht mitten unter der
Mannschaft der Carmilhan am Ufer erkannt haben, und in derselben
Nacht verschwand auch Kaspar Strumpf.

Man suchte ihn allenthalben, allein nirgends hat man eine Spur von
ihm finden knnen.  Aber die Sage geht, da er oft nebst Falke mitten
unter der Mannschaft des Zauberschiffes gesehen worden sei, welches
seitdem zu regelmigen Zeiten an der Hhle von Steenfoll erschien.

"Mitternacht ist lngst vorber", sagte der Student, als der junge
Goldarbeiter seine Erzhlung geendigt hatte, "jetzt hat es wohl keine
Gefahr mehr, und ich fr meinen Teil bin so schlfrig, da ich allen
raten mchte, niederzuliegen und getrost einzuschlafen."

"Vor zwei Uhr morgens mcht' ich doch nicht trauen", entgegnete der
Jger, "das Sprichwort sagt, von elf bis zwei Uhr ist Diebes Zeit."

"Das glaube ich auch", bemerkte der Zirkelschmied, "denn wenn man uns
etwas anhaben will, ist wohl keine Zeit gelegener als die nach
Mitternacht.  Darum meine ich, der Studiosus knnte an seiner
Erzhlung fortfahren, die er noch nicht ganz vollendet hat."

"Ich strube mich nicht", sagte dieser, "obgleich unser Nachbar, der
Herr Jger, den Anfang nicht gehrt hat."

"Ich mu ihn mir hinzudenken, fanget nur an!" rief der Jger.

"Nun denn", wollte eben der Student beginnen, als sie durch das
Anschlagen eines Hundes unterbrochen wurden.  Alle hielten den Atem
an und horchten; zugleich strzte einer der Bediensteten aus dem
Zimmer der Grfin und rief, da wohl zehn bis zwlf bewaffnete Mnner
von der Seite her auf die Schenke zukmen.

Der Jger griff nach seiner Bchse, der Student nach seiner Pistole,
die Handwerksburschen nach ihren Stcken, und der Fuhrmann zog ein
langes Messer aus der Tasche.  So standen sie und sahen ratlos
einander an.

"Lat uns an die Treppe gehen!" rief der Student, "zwei oder drei
dieser Schurken sollen doch zuvor ihren Tod finden, ehe wir
berwltigt werden." Zugleich gab er dem Zirkelschmied seine zweite
Pistole und riet, da sie nur einer nach dem anderen schieen wollten.
Sie stellten sich an die Treppe; der Student und der Jger nahmen
gerade ihre ganze Breite ein; seitwrts neben dem Jger stand der
mutige Zirkelschmied und beugte sich ber das Gelnder, indem er die
Mndung seiner Pistole auf die Mitte der Treppe hielt: Der
Goldarbeiter und der Fuhrmann standen hinter ihnen, bereit, wenn es
zu einem Kampf Mann gegen Mann kommen sollte, das ihrige zu tun.  So
standen sie einige Minuten in stiller Erwartung: Endlich hrte man
die Haustre aufgehen, sie glaubten auch das Flstern mehrerer
Stimmen zu vernehmen.

Jetzt hrte man Tritte vieler Menschen der Treppe nahen; man kam die
Treppe herauf, und auf der ersten Hlfte zeigten sich drei Mnner,
die wohl nicht auf den Empfang gefat waren, der ihnen bereitet war.
Denn als sie sich um die Pfeiler der Treppe wandten, schrie der Jger
mit starker Stimme: "Halt!  Noch einen Schritt weiter, und ihr seid
des Todes.  Spannet die Hahnen, Freunde, und gut gezielt!"

Die Ruber erschraken, zogen sich eilig zurck und berieten sich mit
den brigen.  Nach einer Weile kam einer davon zurck und sprach:
"Ihr Herren!  Es wre Torheit von euch, umsonst euer Leben aufopfern
zu wollen, denn wir sind unserer genug, um euch vllig aufzureiben;
aber ziehet euch zurck, es soll keinem das Geringste zuleide
geschehen; wir wollen keines Groschen Wert von euch nehmen."

"Was wollt ihr denn sonst?" rief der Student.  "Meint ihr, wir werden
solchem Gesindel trauen?  Nimmermehr!  Wollt ihr etwas holen, in
Gottes Namen, so kommet, aber den ersten, der sich um die Ecke wagt,
brenne ich auf die Stirne, da er auf ewig keine Kopfschmerzen mehr
haben soll!"

"Gebt uns die Dame heraus, gutwillig!" antwortete der Ruber.  "Es
soll ihr nichts geschehen; wir wollen sie an einen sicheren und
bequemen Ort fhren, ihre Leute knnen zurckreiten und den Herrn
Grafen bitten, er mge sie mit zwanzigtausend Gulden auslsen."

"Solche Vorschlge sollen wir uns machen lassen?" entgegnete der
Jger, knirschend vor Wut, und spannte den Hahn.  "Ich zhle drei,
und wenn du da unten nicht bei drei hinweg bist, so drcke ich los,
eins, zwei--"

"Halt!" schrie der Ruber mit donnernder Stimme.  "Ist das Sitte, auf
einen wehrlosen Mann zu schieen, der mit euch friedlich
unterhandelt?  Trichter Bursche, du kannst mich totschieen, und
dann hast du erst keine groe Heldentat getan; aber hier stehen
zwanzig meiner Kameraden, die mich rchen werden.  Was ntzt es dann
deiner Frau Grfin, wenn ihr tot oder verstmmelt auf dem Flur
lieget?  Glaube mir, wenn sie freiwillig mitgeht, soll sie mit
Achtung behandelt werden; aber wenn du, bis ich drei zhle, nicht den
Hahnen in Ruhe setzest, so soll es ihr bel ergehen.  Hahnen in Ruh',
eins, zwei, drei!" "Mit diesen Hunden ist nicht zu spaen", flsterte
der Jger, indem er den Befehl des Rubers befolgte, "wahrhaftig, an
meinem Leben liegt nichts; aber wenn ich einen niederschiee, knnten
sie meine Dame um so hrter behandeln.  Ich will die Grfin um Rat
fragen.  Gebt uns", fuhr er mit lauter Stimme fort, "gebt uns eine
halbe Stunde Waffenstillstand, um die Grfin vorzubereiten; sie wrde,
wenn sie es so pltzlich erfhrt, den Tod davon haben."

"Zugestanden", antwortete der Ruber und lie zugleich den Ausgang
der Treppe mit sechs Mnnern besetzen.

Bestrzt und verwirrt folgten die unglcklichen Reisenden dem Jger
in das Zimmer der Grfin; es lag dieses so nahe, und so laut hatte
man verhandelt, da ihr kein Wort entgangen war.  Sie war bleich und
zitterte heftig; aber dennoch schien sie fest entschlossen, sich in
ihr Schicksal zu ergeben.  "Warum soll ich nutzlos das Leben so
vieler braver Leute aufs Spiel setzen?" fragte sie.  "Warum euch zu
einer vergeblichen Verteidigung auffordern, euch, die ihr mich gar
nicht kennet?  Nein, ich sehe, da keine andere Rettung ist, als den
Elenden zu folgen."

Man war allgemein von dem Mut und dem Unglck der Dame ergriffen; der
Jger weinte und schwur, da er diese Schmach nicht berleben knne.
Der Student aber schmhte auf sich und seine Gre von sechs Fu.
"Wre ich nur um einen halben Kopf kleiner", rief er, "und htte ich
keinen Bart, so wte ich wohl, was ich zu tun htte; ich liee mir
von der Frau Grfin Kleider geben, und diese Elenden sollten spt
genug erfahren, welchen Migriff sie getan."

Auch auf Felix hatte das Unglck dieser Frau groen Eindruck gemacht.
Ihr ganzes Wesen kam ihm so rhrend und bekannt vor; es war ihm, als
sei es seine frhe verstorbene Mutter, die sich in dieser
schrecklichen Lage befnde.  Er fhlte sich so gehoben, so mutig, da
er gerne sein Leben fr das ihrige gegeben htte.  Doch als der
Student jene Worte sprach, da blitzte auf einmal ein Gedanke in
seiner Seele auf; er verga alle Angst, alle Rcksichten, und er
dachte nur an die Rettung dieser Frau.  "Ist es nur dies", sprach er,
indem er schchtern und errtend hervortrat, "gehrt nur ein kleiner
Krper, ein bartloses Kinn und ein mutiges Herz dazu, die gndige
Frau zu retten, so bin ich vielleicht auch nicht zu schlecht dazu;
ziehet in Gottes Namen meinen Rock an, setzet meinen Hut auf Euer
schnes Haar und nehmet mein Bndel auf den Rcken und ziehet als
Felix, der Goldarbeiter, Eure Strae!"

Alle waren erstaunt ber den Mut des Jnglings, der Jger aber fiel
ihm freudig um den Hals.  "Goldjunge", rief er, "das wolltest du tun?
Wolltest dich in meiner gndigen Frau Kleider stecken lassen und sie
retten?  Das hat dir Gott eingegeben; aber allein sollst du nicht
gehen, ich will mich mit gefangen geben, will bei dir bleiben an
deiner Seite als dein bester Freund, und solange ich lebe, sollen sie
dir nichts anhaben drfen."

"Auch ich ziehe mit dir, so wahr ich lebe!" rief der Student.

Es kostete lange berredung, um die Grfin zu diesem Vorschlag zu
berreden.  Sie konnte den Gedanken nicht ertragen, da ein fremder
Mensch fr sie sich aufopfern sollte; sie dachte sich im Falle einer
spteren Entdeckung die Rache der Ruber, die ganz auf den
Unglcklichen fallen wrde, schrecklich.  Aber endlich siegten teils
die Bitten des jungen Menschen, teils die berzeugung, im Falle sie
gerettet wrde, alles aufbieten zu knnen, um ihren Retter wieder zu
befreien.  Sie willigte ein.  Der Jger und die brigen Reisenden
begleiteten Felix in das Zimmer des Studenten, wo er sich schnell
einige Kleider der Grfin berwarf.  Der Jger setzte ihm noch zum
berflu einige falsche Haarlocken der Kammerfrau und einen Damenhut
auf, und alle versicherten, da man ihn nicht erkennen wrde.  Selbst
der Zirkelschmied schwur, da, wenn er ihm auf der Strae begegnete,
er flink den Hut abziehen und nicht ahnen wrde, da er vor seinem
mutigen Kameraden sein Kompliment mache.

Die Grfin hatte sich indessen mit Hilfe ihrer Kammerfrau aus dem
Rnzchen des jungen Goldarbeiters mit Kleidern versehen.  Der Hut,
tief in die Stirne gedrckt, der Reisestock in der Hand, das etwas
leichter gewordene Bndel auf dem Rcken machten sie vllig
unkenntlich, und die Reisenden wrden,zu jeder anderen Zeit ber
diese komische Maskerade nicht wenig gelacht haben.  Der neue
Handwerksbursche dankte Felix mit Trnen und versprach die
schleunigste Hilfe.

"Nur noch eine Bitte habe ich", antwortete Felix, "in diesem Rnzchen,
das Sie auf dem Rcken tragen, befindet sich eine kleine Schachtel;
verwahren Sie diese sorgfltig!  Wenn sie verlorenginge, wre ich auf
immer und ewig unglcklich; ich mu sie meiner Pflegmutter bringen
und--"

"Gottfried, der Jger, wei mein Schlo", entgegnete sie, "es soll
Euch alles unbeschdigt wieder zurckgestellt werden; denn ich hoffe,
Ihr kommet dann selbst, edler junger Mann, um den Dank meines Gatten
und den meinigen zu empfangen."

Ehe noch Felix darauf antworten konnte, ertnten von der Treppe her
die rauhen Stimmen der Ruber; sie riefen, die Frist sei verflossen
und alles zur Abfahrt der Grfin bereit.  Der Jger ging zu ihnen
hinab und erklrte ihnen, da er die Dame nicht verlassen werde und
lieber mit ihnen gehe, wohin es auch sei, ehe er ohne seine
Gebieterin vor seinem Herrn erschiene.  Auch der Student erklrte,
diese Dame begleiten zu wollen.  Sie beratschlagten sich ber diesen
Fall und gestanden es endlich zu unter der Bedingung, da der Jger
sogleich seine Waffen abgebe.  Zugleich befahlen sie, da die brigen
Reisenden sich ruhig verhalten sollten, wenn die Grfin hinweggefhrt
werde Felix lie den Schleier nieder, der ber seinen Hut gebreitet
war, setzte sich in eine Ecke, die Stirne in die Hand gesttzt, und
in dieser Stellung eines tief Betrbten erwartete er die Ruber.  Die
Reisenden hatten sich in das andere Zimmer zurckgezogen, doch so,
da sie, was vorging, berschauen konnten; der Jger sa anscheinend
traurig, aber auf alles lauernd in der anderen Ecke des Zimmers, das
die Grfin bewohnt hatte.  Nachdem sie einige Minuten so gesessen,
ging die Tre auf, und ein schner, stattlich gekleideter Mann von
etwa sechsunddreiig Jahren trat in das Zimmer.  Er trug eine Art von
militrischer Uniform, einen Orden auf der Brust, einen langen Sbel
an der Seite, und in der Hand hielt er einen Hut, von welchem schne
Federn herabwallten.  Zwei seiner Leute hatten gleich nach seinem
Eintritt die Tre besetzt.

Er ging mit einer tiefen Verbeugung auf Felix zu; er schien vor einer
Dame dieses Ranges etwas in Verlegenheit zu sein, er setzte mehrere
Male an, bis es ihm gelang, geordnet zu sprechen.

"Gndige Frau", sagte er, "es gibt Flle, in die man sich in Geduld
schicken mu.  Ein solcher ist der Ihrige.  Glauben Sie nicht, da
ich den Respekt vor einer so ausgezeichneten Dame auch nur auf einen
Augenblick aus den Augen setzen werde; Sie werden alle
Bequemlichkeiten haben, Sie werden ber nichts klagen knnen als
vielleicht ber den Schrecken, den Sie diesen Abend gehabt." Hier
hielt er inne, als erwartete er eine Antwort; als aber Felix
beharrlich schwieg, fuhr er fort: "Sehen Sie in mir keinen gemeinen
Dieb, keinen Kehlenabschneider.  Ich bin ein unglcklicher Mann, den
widrige Verhltnisse zu diesem Leben zwangen.  Wir wollen uns auf
immer aus dieser Gegend entfernen; aber wir brauchen Reisegeld.  Es
wre uns ein leichtes gewesen, Kaufleute oder Postwagen zu berfallen;
aber dann htten wir vielleicht mehrere Leute auf immer ins Unglck
gestrzt.  Der Herr Graf, Ihr Gemahl, hat vor sechs Wochen eine
Erbschaft von fnfmalhunderttausend Talern gemacht.  Wir erbitten uns
zwanzigtausend Gulden von diesem berflu, gewi eine gerechte und
bescheidene Forderung.  Sie werden daher die Gnade haben, jetzt
sogleich einen offenen Brief an Ihren Gemahl zu schreiben, worin Sie
ihm melden, da wir Sie zurckgehalten, da er die Zahlung so bald
als mglich leisten mge, widrigenfalls--Sie verstehen mich, wir
mten dann etwas hrter mit Ihnen selbst verfahren.  Die Zahlung
wird nicht angenommen, wenn sie nicht unter dem Siegel der strengsten
Verschwiegenheit von einem einzelnen Manne hierhergebracht wird."

Diese Szene wurde mit der gespanntesten Aufmerksamkeit von allen
Gsten der Waldschenke, am ngstlichsten wohl von der Grfin
beobachtet.  Sie glaubte jeden Augenblick, der Jngling, der sich fr
sie geopfert, knnte sich verraten.  Sie war fest entschlossen, ihn
um einen groen Preis loszukaufen; aber ebenso fest stand ihr Gedanke,
um keinen Preis der Welt auch nur einen Schritt weit mit den Rubern
zu gehen.  Sie hatte in der Rocktasche des Goldarbeiters ein Messer
gefunden.  Sie hielt es geffnet krampfhaft in der Hand, bereit, sich
lieber zu tten als eine solche Schmach zu erdulden.  Jedoch nicht
minder ngstlich war Felix selbst.  Zwar strkte und trstete ihn der
Gedanke, da es eine mnnliche und wrdige Tat sei, einer bedrngten,
hilflosen Frau auf diese Weise beizustehen; aber er frchtete, sich
durch jede Bewegung, durch seine Stimme zu verraten.  Seine Angst
steigerte sich, als der Ruber von einem Briefe sprach, den er
schreiben sollte.

Wie sollte er schreiben?  Welche Titel dem Grafen geben, welche Form
dem Briefe, ohne sich zu verraten?

Seine Angst stieg aber aufs hchste, als der Anfhrer der Ruber
Papier und Feder vor ihn hinlegte, ihn bat, den Schleier
zurckzuschlagen und zu schreiben.

Felix wute nicht, wie hbsch ihm die Tracht pate, in welche er
gekleidet war; htte er es gewut, er wrde sich vor einer Entdeckung
nicht im mindesten gefrchtet haben.  Denn als er endlich
notgedrungen den Schleier zurckschlug, schien der Herr in Uniform,
betroffen von der Schnheit der Dame und ihren etwas mnnlichen,
mutigen Zgen, sie nur noch ehrfurchtsvoller zu betrachten.  Dem
klaren Blick des jungen Goldschmieds entging dies nicht; getrost, da
wenigstens in diesem gefhrlichen Augenblick keine Entdeckung zu
frchten sei, ergriff er die Feder und schrieb an seinen
vermeintlichen Gemahl nach einer Form, wie er sie einst in einem
alten Buche gelesen; er schrieb:

"Mein Herr und Gemahl!

Ich unglckliche Frau bin auf meiner Reise mitten in der Nacht
pltzlich angehalten worden, und zwar von Leuten, welchen ich keine
gute Absicht zutrauen kann.  Sie werden mich solange zurckhalten,
bis Sie, Herr Graf, die Summe von 20 000 Gulden fr mich niedergelegt
haben.

Die Bedingung ist dabei, da Sie nicht im mindesten ber die Sache
sich bei der Obrigkeit beschweren noch ihre Hilfe nachsuchen, da Sie
das Geld durch einen einzelnen Mann in die Waldschenke im Spessart
schicken; widrigenfalls ist mir mit lngerer und harter
Gefangenschaft gedroht.

Es fleht Sie um schleunige Hilfe an

Ihre unglckliche Gemahlin."

Er reichte den merkwrdigen Brief dem Anfhrer der Ruber, der ihn
durchlas und billigte.  "Es kommt nun ganz auf Ihre Bestimmung an",
fuhr er fort, "ob Sie Ihre Kammerfrau oder Ihren Jger zur Begleitung
whlen werden.  Die eine dieser Personen werde ich mit dem Briefe an
Ihren Herrn Gemahl zurckschicken."

"Der Jger 'und dieser Herr hier werden mich begleiten", antwortete
Felix.

"Gut", entgegnete jener, indem er an die Tre ging und die Kammerfrau
herbeirief, "so unterrichten Sie diese Frau, was sie zu tun habe!"

Die Kammerfrau erschien mit Zittern und Beben.  Auch Felix erblate,
wenn er bedachte, wie leicht er sich auch jetzt wieder verraten
knnte.  Doch ein unbegreiflicher Mut, der ihn in jenen gefhrlichen
Augenblicken strkte, gab ihm auch jetzt wieder seine Reden ein.
"Ich habe dir nichts weiter aufzutragen", sprach er, "als da du den
Grafen bittest, mich sobald als mglich aus dieser unglcklichen Lage
zu reien."

"Und", fuhr der Ruber fort, "da Sie dem Herrn Grafen aufs genaueste
und ausdrcklichste empfehlen, da er alles verschweige und nichts
gegen uns unternehme, bis seine Gemahlin in seinen Hnden ist.
Unsere Kundschafter wrden uns bald genug davon unterrichten, und ich
mchte dann fr nichts stehen."

Die zitternde Kammerfrau versprach alles.  Es wurde ihr noch befohlen,
einige Kleidungsstcke und Linnenzeug fr die Frau Grfin in ein
Bndel zu packen, weil man sich nicht mit vielem Gepcke beladen
knne, und als dies geschehen war, forderte der Anfhrer der Ruber
die Dame mit einer Verbeugung auf, ihm zu folgen.  Felix stand auf,
der Jger und der Student folgten ihm, und alle drei stiegen,
begleitet von dem Anfhrer der Ruber, die Treppe hinab.

Vor der Waldschenke standen viele Pferde; eines wurde dem Jger
angewiesen, ein anderes, ein schnes kleines Tier, mit einem
Damensattel versehen, stand fr die Grfin bereit, ein drittes gab
man dem Studenten.  Der Hauptmann hob den jungen Goldschmied in den
Sattel, schnallte ihn fest und bestieg dann selbst sein Ro.  Er
stellte sich zur Rechten der Dame auf, zur Linken hielt einer der
Ruber; auf gleiche Weise waren auch der Jger und der Student
umgeben.  Nachdem sich auch die brige Bande zu Pferde gesetzt hatte,
gab der Anfhrer mit einer helltnenden Pfeife das Zeichen zum
Aufbruch, und bald war die ganze Schar im Walde verschwunden.

Die Gesellschaft, die im oberen Zimmer versammelt war, erholte sich
nach diesem Auftritt allmhlich von ihrem Schrecken.  Sie wren, wie
es nach groem Unglck oder pltzlicher Gefahr zu geschehen pflegt,
vielleicht sogar heiter gewesen, htte sie nicht der Gedanke an ihre
drei Gefhrten beschftigt, die man vor ihren Augen hinweggefhrt
hatte.  Sie brachen in Bewunderung des jungen Goldschmieds aus, und
die Grfin vergo Trnen der Rhrung, wenn sie bedachte, da sie
einem Menschen so unendlich viel zu verdanken habe, dem sie nie zuvor
Gutes getan, den sie nicht einmal kannte.  Ein Trost war es fr alle,
da der heldenmtige Jger und der wackere Student ihn begleitet
hatten, konnten sie ihn doch trsten, wenn sich der junge Mann
unglcklich fhlte, ja, der Gedanke lag nicht gar zu ferne, da der
verschlagene Waidmann vielleicht Mittel zu ihrer Flucht finden knnte.
Sie berieten sich noch miteinander, was zu tun sei.  Die Grfin
beschlo, da ja sie kein Schwur gegen den Ruber binde, sogleich zu
ihrem Gemahl zurckzureisen und alles aufzubieten, den Aufenthalt der
Gefangenen zu entdecken, sie zu befreien; der Fuhrmann versprach,
nach Aschaffenburg zu reiten und die Gerichte zur Verfolgung der
Ruber anzurufen.  Der Zirkelschmied aber wollte seine Reise
fortsetzen.

Die Reisenden wurden in der Nacht nicht mehr beunruhigt; Totenstille
herrschte in der Waldschenke, die noch vor kurzem der Schauplatz so
schrecklicher Szenen gewesen war.  Als aber am Morgen die
Bediensteten der Grfin zu der Wirtin hinabgingen, um alles zur
Abfahrt fertig zu machen, kehrten sie schnell zurck und berichteten,
da sie die Wirtin und ihr Gesinde in elendem Zustande gefunden
htten; sie lgen gebunden in der Schenke und flehten um Beistand.

Die Reisenden sahen sich bei dieser Nachricht erstaunt an.  "Wie?"
rief der Zirkelschmied, "so sollten diese Leute dennoch unschuldig
sein?  So htten wir ihnen unrecht getan, und sie stnden nicht im
Einverstndnis mit den Rubern?"

"Ich lasse mich aufhngen statt ihrer", erwiderte der Fuhrmann, "wenn
wir nicht dennoch recht hatten.  Dies alles ist nur Betrug, um nicht
berwiesen werden zu knnen.  Erinnert ihr euch nicht der
verdchtigen Mienen dieser Wirtschaft?  Erinnert ihr euch nicht, als
ich hinabgehen wollte, wie mich der abgerichtete Hund nicht loslie,
wie die Wirtin und der Hausknecht sogleich erschienen und mrrisch
fragten, was ich denn noch zu tun htte?  Doch sie sind unser,
wenigstens der Frau Grfin Glck.  Htte es in der Schenke weniger
verdchtig ausgesehen, htte uns die Wirtin nicht so mitrauisch
gemacht, wir wren nicht zusammengestanden, wren nicht wach
geblieben.  Die Ruber htten uns berfallen im Schlafe, htten zum
wenigsten unsere Tre bewacht, und diese Verwechslung des braven
jungen Burschen wre nimmer mglich geworden."

Sie stimmten mit der Meinung des Fuhrmanns alle berein und
beschlossen, auch die Wirtin und ihr Gesinde bei der Obrigkeit
anzugeben.  Doch um sie desto sicherer zu machen, wollten sie sich
jetzt nichts merken lassen.  Die Bediensteten und der Fuhrmann gingen
daher hinab in das Schenkzimmer, lsten die Bande der Diebeshehler
auf und bezeugten sich so mitleidig und bedauernd als mglich.  Um
ihre Gste noch mehr zu vershnen, machte die Wirtin nur eine kleine
Rechnung fr jeden und lud sie ein, recht bald wiederzukommen.

Der Fuhrmann zahlte seine Zeche, nahm von seinen Leidensgenossen
Abschied und fuhr seine Strae.  Nach diesem machten sich die beiden
Handwerksburschen auf den Weg. So leicht das Bndel des Goldschmieds
war, so drckte es doch die zarte Dame nicht wenig.  Aber noch viel
schwerer wurde ihr ums Herz, als unter der Haustre die Wirtin ihre
verbrecherische Hand hinstreckte, um Abschied zu nehmen.  "Ei, was
seid Ihr doch ein junges Blut", rief sie beim Abschied des zarten
Jungen, "noch so jung und schon in die Welt hinaus!  Ihr seid gewi
ein verdorbenes Krutlein, das der Meister aus der Werkstatt jagte.
Nun, was geht es mich an, schenket mir die Ehre bei der Heimkehr,
glckliche Reise!"

Die Grfin wagte vor Angst und Beben nicht zu antworten, sie
frchtete, sich durch ihre zarte Stimme zu verraten.  Der
Zirkelschmied merkte es, nahm seinen Gefhrten unter den Arm, sagte
der Wirtin ade und stimmte ein lustiges Lied an, whrend er dem Walde
zuschnitt.

"Jetzt erst bin ich in Sicherheit!" rief die Grfin, als sie etwa
hundert Schritte entfernt waren.  "Noch immer glaubte ich, die Frau
werde mich erkennen und durch ihre Knechte festnehmen.  Oh, wie will
ich euch allen danken!  Kommet auch Ihr auf mein Schlo, Ihr mt
doch Euern Reisegenossen bei mir wieder abholen."

Der Zirkelschmied sagte zu, und whrend sie noch sprachen, kam der
Wagen der Grfin ihnen nachgefahren; schnell wurde die Tre geffnet,
die Dame schlpfte hinein, grte den jungen Handwerksburschen noch
einmal, und der Wagen fuhr weiter.

Um dieselbe Zeit hatten die Ruber und ihre Gefangenen den Lagerplatz
der Bande erreicht.  Sie waren durch eine ungebahnte Waldstrae im
schnellsten Trab weggeritten; mit ihren Gefangenen wechselten sie
kein Wort, auch unter sich flsterten sie nur zuweilen, wenn die
Richtung des Weges sich vernderte.

Vor einer tiefen Waldschlucht machte man endlich halt.  Die Ruber
saen ab, und ihr Anfhrer hob den Goldarbeiter vom Pferd, indem er
sich fr den harten und eiligen Ritt entschuldigte und fragte, ob
doch die gndige Frau nicht gar zu sehr angegriffen sei.

Felix antwortete ihm so zierlich als mglich, da er sich nach Ruhe
sehne, und der Hauptmann bot ihm den Arm, ihn in die Schlucht zu
fuhren.

Es ging einen steilen Abhang hinab; der Fupfad, welcher
hinunterfhrte, war so schmal und abschssig, da der Anfhrer oft
seine Dame untersttzen mute, um sie vor der Gefahr, hinabzustrzen,
zu bewahren.  Endlich langte man unten an.  Felix sah vor sich beim
matten Schein des anbrechenden Morgens ein enges, kleines Tal von
hchstens hundert Schritten im Umfang, das tief in einem Kessel hoch
hinanstrebender Felsen lag.  Etwa sechs bis acht kleine Htten waren
in dieser Schlucht aus Brettern und abgehauenen Bumen aufgebaut.
Einige schmutzige Weiber schauten neugierig aus diesen Hhlen hervor,
und ein Rudel von zwlf groen Hunden und ihren unzhligen Jungen
umsprang heulend und bellend die Ankommenden.  Der Hauptmann fhrte
die vermeintliche Grfin in die beste dieser Htten und sagte ihr,
diese sei ausschlielich zu ihrem Gebrauch bestimmt; auch erlaubte er
auf Felix' Verlangen, da der Jger und der Student zu ihm gelassen
wurden.

Die Htte war mit Rehfellen und Matten ausgelegt, die zugleich zum
Fuboden und Sitze dienen muten.  Einige Krge und Schsseln, aus
Holz geschnitzt, eine alte Jagdflinte und in der hintersten Ecke ein
Lager, aus ein paar Brettern gezimmert und mit wollenen Decken
bekleidet, welchem man den Namen eines Bettes nicht geben konnte,
waren die einzigen Gerte dieses grflichen Palastes.  Jetzt erst,
allein gelassen in dieser elenden Htte, hatten die drei Gefangenen
Zeit, ber ihre sonderbare Lage nachzudenken.  Felix, der zwar seine
edelmtige Handlung keinen Augenblick bereute, aber doch fr seine
Zukunft im Falle einer Entdeckung bange war, wollte sich in lauten
Klagen Luft machen; der Jger aber rckte ihm schnell nher und
flsterte ihm zu: "Sei um Gottes willen stille, lieber Junge; glaubst
du denn nicht, da man uns behorcht?"

"Aus jedem Wort, aus dem Ton deiner Sprache knnten sie Verdacht
schpfen", setzte der Student hinzu.  Dem armen Felix blieb nichts
brig, als stille zu weinen.

"Glaubt mir, Herr Jger", sagte er, "ich weine nicht aus Angst vor
diesen Rubern oder aus Furcht vor dieser elenden Htte; nein, es ist
ein ganz anderer Kummer, der mich drckt.  Wie leicht kann die Grfin
vergessen, was ich ihr schnell noch sagte, und dann hlt man mich fr
einen Dieb, und ich bin elend auf immer!"

"Aber was ist es denn, was dich so ngstigt?" fragte der Jger,
verwundert ber das Benehmen des jungen Menschen, der sich bisher so
mutig und stark betragen hatte.

"Hret zu, und ihr werdet mir recht geben", antwortete Felix.  "Mein
Vater war ein geschickter Goldarbeiter in Nrnberg, und meine Mutter
hatte frher bei einer vornehmen Frau gedient als Kammerfrau, und als
sie meinen Vater heiratete, wurde sie von der Grfin, welcher sie
gedient hatte, trefflich ausgestattet.  Diese blieb meinen Eltern
immer gewogen, und als ich auf die Welt kam, wurde sie meine Pate und
beschenkte mich reichlich.  Aber als meine Eltern bald nacheinander
an einer Seuche starben und ich ganz allein und verlassen in der Welt
stand und ins Waisenhaus gebracht werden sollte, da vernahm die Frau
Pate unser Unglck, nahm sich meiner an und gab mich in ein
Erziehungshaus; und als ich alt genug war, schrieb sie mir, ob ich
nicht des Vaters Gewerbe lernen wollte.  Ich war froh darber und
sagte zu, und so gab sie mich meinem Meister in Wrzburg in die Lehre.
Ich hatte Geschick zur Arbeit und brachte es bald so weit, da mir
der Lehrbrief ausgestellt wurde und ich auf die Wanderschaft mich
rsten konnte.  Dies schrieb ich der Frau Pate, und flugs antwortete
sie, da sie das Geld zur Wanderschaft gebe.  Dabei schickte sie
prachtvolle Steine mit und verlangte, ich solle sie fassen zu einem
schnen Geschmeide, ich solle dann solches als Probe meiner
Geschicklichkeit selbst berbringen und das Reisegeld in Empfang
nehmen.  Meine Frau Pate habe ich in meinem Leben nicht gesehen, und
ihr knnet denken, wie ich mich auf sie freute.  Tag und Nacht
arbeitete ich an dem Schmuck, er wurde so schn und zierlich, da
selbst der Meister darber erstaunte.  Als es fertig war, packte ich
alles sorgfltig auf den Boden meines Rnzels, nahm Abschied vom
Meister und wanderte meine Strae nach dem Schlosse der Frau Pate.
Da kamen", fuhr er in Trnen ausbrechend fort, "diese schndlichen
Menschen und zerstrten all meine Hoffnung.  Denn wenn Eure Frau
Grfin den Schmuck verliert oder vergit, was ich ihr sagte, und das
schlechte Rnzchen wegwirft, wie soll ich dann vor meine gndige Frau
Pate treten?  Mit was soll ich mich ausweisen?  Woher die Steine
ersetzen?  Und das Reisegeld ist dann auch verloren, und ich
erscheine als ein undankbarer Mensch, der anvertrautes Gut so
leichtfertig weggegeben.  Und am Ende--wird man mir glauben, wenn ich
den wunderbaren Vorfall erzhle?"

"ber das letztere seid getrost!" erwiderte der Jger.  "Ich glaube
nicht, da bei der Grfin Euer Schmuck verlorengehen kann; und wenn
auch, so wird sie sicherlich ihn ihrem Retter wieder erstatten und
ein Zeugnis ber diese Vorflle ausstellen.  Wir verlassen Euch jetzt
auf einige Stunden; denn wahrhaftig, wir brauchen Schlaf, und nach
den Anstrengungen dieser Nacht werdet Ihr ihn auch ntig haben.
Nachher lat uns im Gesprch unser Unglck auf Augenblicke vergessen
oder, besser noch, auf unsere Flucht denken!"

Sie gingen; Felix blieb allein zurck und versuchte, dem Rat des
Jgers zu folgen.

Als nach einigen Stunden der Jger mit dem Studenten zurckkam, fand
er seinen jungen Freund gestrkter und munterer als zuvor.  Er
erzhlte dem Goldschmied, da ihm der Hauptmann alle Sorgfalt fr die
Dame empfohlen habe, und in wenigen Minuten werde eines der Weiber,
die sie unter den Htten gesehen hatten, der gndigen Grfin Kaffee
bringen und ihre Dienste zur Aufwartung anbieten.  Sie beschlossen,
um ungestrt zu sein, diese Geflligkeit nicht anzunehmen, und als
das alte, hliche Zigeunerweib kam, das Frhstck versetzte und mit
grinsender Freundlichkeit fragte, ob sie nicht sonst noch zu Diensten
sein knnte, winkte ihr Felix zu gehen, und als sie noch zauderte,
scheuchte sie der Jger aus der Htte.  Der Student erzhlte dann
weiter, was sie sonst noch von dem Lager der Ruber gesehen.  "Die
Htte, die Ihr bewohnt, schnste Frau Grfin", sprach er, "scheint
ursprnglich fr den Hauptmann bestimmt.  Sie ist nicht so gerumig,
aber schner als die brigen.  Auer dieser sind noch sechs andere da,
in welchen die Weiber und Kinder wohnen; denn von den Rubern sind
selten mehr als sechs zu Hause.  Einer steht nicht weit von dieser
Htte Wache, der andere unten am Weg in der Hhe, und ein dritter hat
den Lauerposten oben am Eingang in die Schlucht.  Von zwei zu zwei
Stunden werden sie von den drei brigen abgelst.  Jeder hat berdies
zwei groe Hunde neben sich liegen, und sie alle sind so wachsam, da
man keinen Fu aus der Htte setzen kann, ohne da sie anschlagen.
Ich habe keine Hoffnung, da wir uns durchstehlen knnen."

"Machet mich nicht traurig, ich bin nach dem Schlummer mutiger
geworden", entgegnete Felix, "gebet nicht alle Hoffnung auf, und
frchtet Ihr Verrat, so lasset uns lieber jetzt von etwas anderem
reden und nicht lange voraus schon kummervoll sein!  Herr Student, in
der Schenke habt Ihr angefangen, etwas zu erzhlen, fahret jetzt fort;
denn wir haben Zeit zum Plaudern."

"Kann ich mich doch kaum erinnern, was es war", antwortete der junge
Mann.

"Ihr erzhltet die Sage von dem kalten Herz und seid stehengeblieben,
wie der Wirt und der andere Spieler den Kohlenpeter aus der Tre
werfen."

"Gut, jetzt entsinne ich mich wieder", entgegnete er, "nun, wenn ihr
weiter hren wollet, will ich fortfahren":




Das kalte Herz

Zweite Abteilung

Wilhelm Hauff


Als Peter am Montagmorgen in seine Glashtte ging, da waren nicht nur
seine Arbeiter da, sondern auch andere Leute, die man nicht gerne
sieht, nmlich der Amtmann und drei Gerichtsdiener.  Der Amtmann
wnschte Peter einen guten Morgen, fragte, wie er geschlafen, und zog
dann ein langes Register heraus, und darauf waren Peters Glubiger
verzeichnet.  "Knnt Ihr zahlen oder nicht?" fragte der Amtmann mit
strengem Blick.  "Und macht es nur kurz, denn ich habe nicht viel
Zeit zu versumen, und in den Turm ist es drei gute Stunden." Da
verzagte Peter, gestand, da er nichts mehr habe, und berlie es dem
Amtmann, Haus und Hof, Htte und Stall, Wagen und Pferde zu schtzen;
und als die Gerichtsdiener und der Amtmann umhergingen und prften
und schtzten, dachte er, bis zum Tannenbhl ist's nicht weit, hat
mir der Kleine nicht geholfen, so will ich es einmal mit dem Groen
versuchen.  Er lief dem Tannenbhl zu, so schnell, als ob die
Gerichtsdiener ihm auf den Fersen wren, es war ihm, als er an dem
Platz vorbeirannte, wo er das Glasmnnlein zuerst gesprochen, als
halte ihn eine unsichtbare Hand auf, aber er ri sich los und lief
weiter bis an die Grenze, und kaum hatte er "Hollnder-Michel, Herr
Hollnder-Nchel!" gerufen, als auch schon der riesengroe Flzer mit
seiner Stange vor ihm stand.

"Kommst du?" sprach dieser lachend, "haben sie dir die Haut abziehen
und deinen Glubigern verkaufen wollen?  Nu, sei ruhig!  Dein ganzer
Jammer kommt, wie gesagt, von dem kleinen Glasmnnlein, von dem
Separatisten und Frmmler her.  Wenn man schenkt, mu man gleich
recht schenken, und nicht wie dieser Knauser.  Doch komm, folge mir
in mein Haus; dort wollen wir sehen, ob wir handelseinig werden."

"Handelseinig?" dachte Peter.  "Was kann er denn von mir verlangen,
was kann ich an ihn verhandeln?  Soll ich ihm etwa dienen, oder was
will er?" Sie gingen zuerst ber einen steilen Waldsteig hinan und
standen dann mit einemmal an einer dunklen, tiefen, abschssigen
Schlucht; Hollnder-Michel sprang den Felsen hinab, wie wenn es eine
sanfte Marmortreppe wre; aber bald wre Peter in Ohnmacht gesunken,
denn als jener unten angekommen war, machte er sich so gro wie ein
Kirchturm und reichte ihm einen Arm, so lang als ein Weberbaum, und
eine Hand daran, so breit als der Tisch im Wirtshaus, und rief mit
einer Stimme, die heraufschallte wie eine tiefe Totenglocke, "setz
dich nur auf meine Hand und halte dich an den Fingern, so wirst du
nicht fallen!" Peter tat zitternd, wie jener befohlen, nahm Platz auf
der Hand und hielt sich am Daumen des Riesen.

Es ging weit und tief hinab, aber dennoch ward es zu Peters
Verwunderung nicht dunkler, im Gegenteil, die Tageshelle schien sogar
zuzunehmen in der Schlucht, aber er konnte sie lange in den Augen
nicht ertragen.  Der Hollnder-Michel hatte sich, je weiter Peter
herabkam, wieder kleiner gemacht und stand nun in seiner frheren
Gestalt vor einem Haus, so gering oder gut, als es reiche Bauern auf
dem Schwarzwald haben.  Die Stube, worein Peter gefhrt wurde,
unterschied sich durch nichts von den Stuben anderer Leute als
dadurch, da sie einsam schien.

Die hlzerne Wanduhr, der ungeheure Kachelofen, die breiten Bnke,
die Gertschaften auf den Gesimsen waren hier wie berall.  Michel
wies ihm einen Platz hinter dem groen Tisch an, ging dann hinaus und
kam bald mit einem Krug Wein und Glsern wieder.  Er go ein, und nun
schwatzten sie, und Hollnder-Michel erzhlte von den Freuden der
Welt, von fremden Lndern, schnen Stdten und Flssen, da Peter, am
Ende groe Sehnsucht danach bekommend, dies auch offen dem Hollnder
sagte.

"Wenn du im ganzen Krper Mut und Kraft, etwas zu unternehmen,
hattest, da konnten ein paar Schlge des dummen Herzens dich zittern
machen; und dann die Krnkungen der Ehre, das Unglck, wozu soll sich
ein vernnftiger Kerl um dergleichen bekmmern?  Hast du's im Kopfe
empfunden, als dich letzthin einer einen Betrger und schlechten Kerl
nannte?  Hat es dir im Magen wehe getan, als der Amtmann kam, dich
aus dem Haus zu werfen?  Was, sag an, was hat dir wehe getan?"

"Mein Herz", sprach Peter, indem er die Hand auf die pochende Brust
prete, denn es war ihm, als ob sein Herz sich ngstlich hin und her
wendete.

"Du hast, nimm es mir nicht bel, hundert Gulden an schlechte Bettler
und anderes Gesindel weggeworfen; was hat es dir gentzt?  Sie haben
dir dafr Segen und einen gesunden Leib gewnscht; ja, bist du
deswegen gesnder geworden?  Um die Hlfte des verschleuderten Geldes
httest du einen Arzt gehalten.  Segen, ja ein schner Segen, wenn
man ausgepfndet und ausgestoen wird!  Und was war es, das dich
getrieben, in die Tasche zu fahren, so oft ein Bettelmann seinen
zerlumpten Hut hinstreckte?--Dein Herz, auch wieder dein Herz, und
weder deine Augen noch deine Zunge, deine Arme noch deine Beine,
sondern dein Herz; du hast dir es, wie man richtig sagt, zu sehr zu
Herzen genommen."

"Aber wie kann man sich denn angewhnen, da es nicht mehr so ist?
Ich gebe mir jetzt alle Mhe, es zu unterdrcken, und dennoch pocht
mein Herz und tut mir wehe."

"Du freilich", rief jener mit Lachen, "du armer Schelm, kannst nichts
dagegen tun; aber gib mir das kaum pochende Ding, und du wirst sehen,
wie gut du es dann hast."

"Euch, mein Herz?" schrie Peter mit Entsetzen, "da mte ich ja
sterben auf der Stelle!  Nimmermehr!"

"Ja, wenn dir einer Eurer Herren Chirurgen das Herz aus dem Leibe
operieren wollte, da mtest du wohl sterben; bei mir ist dies ein
anderes Ding; doch komm herein und berzeuge dich selbst!" Er stand
bei diesen Worten auf, ffnete eine Kammertre und fhrte Peter
hinein.  Sein Herz zog sich krampfhaft zusammen, als er ber die
Schwelle trat; aber er achtete es nicht; denn der Anblick, der sich
ihm bot, war sonderbar und berraschend.  Auf mehreren Gesimsen von
Holz standen Glser, mit durchsichtiger Flssigkeit gefllt, und in
jedem dieser Glser lag ein Herz; auch waren an den Glsern Zettel
angeklebt und Namen darauf geschrieben, die Peter neugierig las; da
war das Herz des Amtmanns in E, das Herz des dicken Ezechiel, das
Herz des Tanzbodenknigs, das Herz des Oberfrsters; da waren sechs
Herzen von Kornwucherern, acht von Werbeoffizieren, drei von
Geldmaklern--kurz, es war eine Sammlung der angesehensten Herzen in
der Umgebung von zwanzig Stunden.

"Schau!" sprach Hollnder-Michel, "diese alle haben des Lebens ngste
und Sorgen weggeworfen, keines dieser Herzen schlgt mehr ngstlich
und besorgt, und ihre ehemaligen Besitzer befinden sich wohl dabei,
da sie den unruhigen Gast aus dem Hause haben."

"Aber was tragen sie denn jetzt dafr in der Brust?" fragte Peter,
den dies alles, was er gesehen, beinahe schwindeln machte.

"Dies", antwortete jener und reichte ihm aus einem Schubfach--ein
steinernes Herz.

"So?" erwiderte er und konnte sich eines Schauers, der ihm ber die
Haut ging, nicht erwehren.  "Ein Herz von Marmelstein?  Aber, horch
einmal, Herr Hollnder-Michel, das mu doch gar kalt sein in der
Brust."

"Freilich, aber ganz angenehm khl.  Warum soll denn ein Herz warm
sein?  Im Winter ntzt dir die Wrme nichts, da hilft ein guter
Kirschgeist mehr als ein warmes Herz, und im Sommer, wenn alles
schwl und hei ist--du glaubst nicht, wie dann ein solches Herz
abkhlt.  Und wie gesagt, weder Angst noch Schrecken, weder trichtes
Mitleiden noch anderer Jammer pocht an solch ein Herz."

"Und das ist alles, was Ihr mir geben knnet?" fragte Peter unmutig,
"ich hoff' auf Geld, und Ihr wollet mir einen Stein geben!"

"Nun, ich denke, an hunderttausend Gulden httest du frs erste genug.
Wenn du es geschickt umtreibst, kannst du bald ein Millionr werden."

"Hunderttausend?" rief der arme Khler freudig.  "Nun, so poche doch
nicht so ungestm in meiner Brust!  Wir werden bald fertig sein
miteinander.  Gut, Michel; gebt mir den Stein und das Geld, und die
Unruh knnet Ihr aus dem Gehuse nehmen!"

"Ich dachte es doch, da du ein vernnftiger Bursche seiest",
antwortete der Hollnder, freundlich lchelnd, "komm, la uns noch
eins trinken, und dann will ich das Geld auszahlen." So setzten sie
sich wieder in die Stube zum Wein, tranken und tranken wieder, bis
Peter in einen tiefen Schlaf verfiel.

Kohlenmunk-Peter erwachte beim frhlichen Schmettern eines Posthorns,
und siehe da, er sa in einem schnen Wagen, fuhr auf einer breiten
Strae dahin, und als er sich aus dem Wagen bog, sah er in blauer
Ferne hinter sich den Schwarzwald liegen.  Anfnglich wollte er gar
nicht glauben, da er es selbst sei, der in diesem Wagen sitze; denn
auch seine Kleider waren gar nicht mehr dieselben, die er gestern
getragen; aber er erinnerte sich doch an alles so deutlich, da er
endlich sein Nachsinnen aufgab und rief: "Der Kohlenmunk-Peter bin
ich, das ist ausgemacht, und kein anderer."

Er wunderte sich ber sich selbst, da er gar nicht wehmtig werden
konnte, als er jetzt zum erstenmal aus der stillen Heimat, aus den
Wldern, wo er so lange gelebt, auszog; selbst nicht, als er an seine
Mutter dachte, die jetzt wohl hilflos und im Elend sa, konnte er
eine Trne aus dem Auge pressen oder nur seufzen; denn es war ihm
alles so gleichgltig.  "Ach, freilich", sagte er dann, "Trnen und
Seufzer, Heimweh und Wehmut kommen ja aus dem Herzen, und Dank dem
Hollnder-Michel--das meine ist kalt und von Stein."

Er legte seine Hand auf die Brust, und es war ganz ruhig dort und
rhrte sich nichts.  "Wenn er mit den Hunderttausenden so gut Wort
hielt wie mit dem Herz, so soll es mich freuen", sprach er und fing
an, seinen Wagen zu untersuchen.  Er fand Kleidungsstcke von aller
Art, wie er sie nur wnschen konnte, aber kein Geld.  Endlich stie
er auf eine Tasche und fand viele tausend Taler in Gold und Scheinen
auf Handlungshuser in allen groen Stdten.  "Jetzt hab' ich's, wie
ich's wollte", dachte er, setzte sich bequem in die Ecke des Wagens
und fuhr in die weite Welt.

Er fuhr zwei Jahre in der Welt umher und schaute aus seinem Wagen
links und rechts an den Husern hinauf, schaute, wenn er anhielt,
nichts als das Schild seines Wirtshauses an, lief dann in der Stadt
umher und lie sich die schnsten Merkwrdigkeiten zeigen.  Aber es
freute ihn nichts, kein Bild, kein Haus, keine Musik, kein Tanz; sein
Herz von Stein nahm an nichts Anteil, und seine Augen, seine Ohren
waren abgestumpft fr alles Schne.  Nichts war ihm mehr geblieben
als die Freude an Essen und Trinken und der Schlaf, und so lebte er,
indem er ohne Zweck durch die Welt reiste, zu seiner Unterhaltung
speiste und aus Langeweile schlief.  Hier und da erinnerte er sich
zwar, da er frhlicher, glcklicher gewesen sei, als er noch arm war
und arbeiten mute, um sein Leben zu fristen.  Da hatte ihn jede
schne Aussicht ins Tal, Musik und Gesang hatten ihn ergtzt, da
hatte er sich stundenlang auf die einfache Kost, die ihm die Mutter
zu dem Meiler bringen sollte, gefreut.  Wenn er so ber die
Vergangenheit nachdachte, so kam es ihm ganz sonderbar vor, da er
jetzt nicht einmal lachen konnte, und sonst hatte er ber den
kleinsten Scherz gelacht.  Wenn andere lachten, so verzog er nur aus
Hflichkeit den Mund, aber sein Herz--lchelte nicht mit.  Er fhlte
dann, da er zwar beraus ruhig sei; aber zufrieden fhlte er sich
doch nicht.  Es war nicht Heimweh oder Wehmut, sondern de, berdru,
freudenloses Leben, was ihn endlich wieder zur Heimat trieb Als er
von Straburg herberfuhr und den dunklen Wald seiner Heimat
erblickte, als er zum erstenmal wieder jene krftigen Gestalten, jene
freundlichen, treuen Gesichter der Schwarzwlder sah, als sein Ohr
die heimatlichen Klnge, stark, tief, aber wohltnend vernahm, da
fhlte er schnell an sein Herz; denn sein Blut wallte strker, und er
glaubte, er rnsse sich freuen und msse weinen zugleich, aber--wie
konnte er nur so tricht sein, er hatte ja t, n Herz von Stein; und
Steine sind tot und lcheln und weinen nicht.

Sein erster Gang war zum Hollnder-Michel, der ihn mit alter
Freundlichkeit aufnahm.  "Michel, sagte er zu ihm, "gereist bin ich
nun und habe alles gesehen", ist aber alles dummes Zeug, und ich
hatte nur Langeweile.  berhaupt, Euer steinernes Ding, das ich in
der Brust trage, schtzt mich zwar vor manchem; ich erzrne mich nie,
bin nie traurig; aber ich freue mich auch nie, und es ist mir, als
wenn ich nur halb lebe.  Knnet Ihr das Steinherz nicht ein wenig
beweglicher machen?  Oder--gebt mir lieber mein altes Herz; ich hatte
mich in fnfundzwanzig Jahren daran gewhnt, und wenn es zuweilen
auch einen dummen Streich machte, so war es doch munter und ein
frhliches Herz."

Der Waldgeist lachte grimmig und bitter: "Wenn du einmal tot bist,
Peter Munk", antwortete er, "dann soll es dir nicht fehlen, dann
sollst du dein weiches, rhrbares Herz wieder haben, und du kannst
dann fhlen, was kommt, Freud' oder Leid; aber hier oben kann es
nicht mehr dein werden!  Doch, Peter, gereist bist du wohl, aber, so
wie du lebtest, konnte es dir nichts ntzen--Setze dich jetzt hier
irgendwo im Wald, bau' ein Haus, heirate, treibe dein Vermgen um, es
hat dir nur an Arbeit gefehlt, weil du mig warst, hattest du
Langeweile, und schiebst jetzt alles auf dieses unschuldige Herz."
Peter sah ein, da Michel recht habe, was den Miggang betrfe, und
nahm sich vor, reich und immer reicher zu werden.  Michel schenkte
ihm noch einmal hunderttausend Gulden und entlie ihn als seinen
guten Freund.

Bald vernahm man im Schwarzwald die Mre, der Kohlenmunk-Peter oder
Spielpeter sei wieder da und noch viel reicher als zuvor.  Es ging
auch jetzt wie immer; als er am Bettelstab war, wurde er in der Sonne
zur Tre hinausgeworfen, und als er jetzt an einem Sonntagnachmittag
seinen ersten Einzug dort hielt, schttelten sie ihm die Hand, lobten
sein Pferd, fragten nach seiner Reise, und als er wieder mit dem
dicken Ezechiel um harte Taler spielte, stand er in der Achtung so
hoch als je.

Er trieb jetzt aber nicht mehr das Glashandwerk, sondern den
Holzhandel, aber nur zum Schein.  Sein Hauptgeschft war, mit Korn
und Geld zu handeln.  Der halbe Schwarzwald wurde ihm nach und nach
schuldig; aber er lieh Geld nur auf zehn Prozente aus oder verkaufte
Korn an die Armen, die nicht gleich zahlen konnten, um den dreifachen
Wert.  Mit dem Amtmann stand er jetzt in enger Freundschaft, und wenn
einer Herrn Peter Munk nicht auf den Tag bezahlte, so ritt der
Amtmann mit seinen Schergen hinaus, schtzte Haus und Hof, verkaufte
flugs und trieb Vater, Mutter und Kind in den Wald.  Anfangs machte
dies dem reichen Peter einige Unlust; denn die armen Ausgepfndeten
belagerten dann haufenweise seine Tre, die Mnner flehten um
Nachsicht, die Weiber suchten das steinerne Herz zu erweichen, und
die Kinder winselten um ein Stcklein Brot; aber als er sich ein paar
tchtige Fleischerhunde angeschafft hatte, hrte diese Katzenmusik,
wie er es nannte, bald auf; er pfiff und hetzte, und die Bettelleute
flogen schreiend auseinander.  Am meisten Beschwerde machte ihm das
"alte Weib".  Das war aber niemand anders als Frau Munkin, Peters
Mutter.  Sie war in Not und Elend geraten, als man ihr Haus und Hof
verkauft hatte, und ihr Sohn, als er reich zurckgekehrt war, hatte
nicht mehr nach ihr umgesehen.  Da kam sie nun zuweilen, alt, schwach
und gebrechlich, an einem Stock vor das Haus.  Hinein wagte sie sich
nimmer, denn er hatte sie einmal weggejagt; aber es tat ihr wehe, von
den Guttaten anderer Menschen leben zu mssen, da der eigene Sohn ihr
ein sorgenloses Alter htte bereiten knnen.  Aber das kalte Herz
wurde nimmer gerhrt von dem Anblicke der bleichen, wohlbekannten
Zge, von den bittenden Blicken, von der welken, ausgestreckten Hand,
von der hinflligen Gestalt; mrrisch zog er, wenn sie sonnabends an
die Tre pochte, einen Sechsbtzner hervor, schlug ihn in ein Papier
und lie ihn hinausreichen durch einen Knecht.  Er vernahm ihre
zitternde Stimme, wenn sie dankte und wnschte, es mge ihm wohl
gehen auf Erden, er hrte sie hstelnd von der Tre schleichen, aber
er dachte weiter nicht mehr daran, als da er wieder sechs Batzen
umsonst ausgegeben.

Endlich kam Peter auch auf den Gedanken zu heiraten.  Er wute, da
im ganzen Schwarzwald jeder Vater ihm gerne seine Tochter geben werde;
aber er war schwierig in seiner Wahl; denn er wollte, da man auch
hierin sein Glck und seinen Verstand preisen sollte; daher ritt er
umher im ganzen Wald, schaute hier, schaute dort, und keine der
schnen Schwarzwlderinnen deuchte ihm schn genug.  Endlich, nachdem
er auf allen Tanzbden umsonst nach der Schnsten ausgeschaut hatte,
hrte er eines Tages, die Schne und Tugendsamste im ganzen Wald sei
eines armen Holzbauers Tochter.  Sie lebe still und fr sich, besorge
geschickt und emsig ihres Vaters Haus und lasse sich nie auf dem
Tanzboden sehen, nicht einmal zu Pfingsten oder Kirmes.  Als Peter
von diesem Wunder des Schwarzwaldes hrte, beschlo er, um sie zu
werben, und ritt nach der Htte, die man ihm bezeichnet hatte.  Der
Vater der schnen Lisbeth empfing den vornehmen Herrn mit Staunen und
erstaunte noch mehr, als er hrte, es sei dies der reiche Herr Peter
und er wolle sein Schwiegersohn werden.  Er besann sich auch nicht
lange, denn er meinte, all seine Sorge und Armut werde nun ein Ende
haben, sagte zu, ohne die schne Lisbeth zu fragen, und das gute Kind
war so folgsam, da sie ohne Widerrede Frau Peter Munkin wurde.

Aber es wurde der Armen nicht so gut, als sie sich getrumt hatte.
Sie glaubte ihr Hauswesen wohl zu verstehen, aber sie konnte Herrn
Peter nichts zu Dank machen; sie hatte Mitleiden mit armen Leuten,
und da ihr Eheherr reich war, dachte sie, es sei keine Snde, einem
armen Bettelweib einen Pfennig oder einem alten Mann einen Schnaps zu
reichen; aber als Herr Peter dies eines Tages merkte, sprach er mit
zrnenden Blicken und rauher Stimme: "Warum verschleuderst du mein
Vermgen an Lumpen und Straenlufer?  Hast du was mitgebracht ins
Haus, das du wegschenken knntest?  Mit deines Vaters Bettelstab kann
man keine Suppe wrmen, und wirfst das Geld aus wie eine Frstin?
Noch einmal la dich betreten, so sollst du meine Hand fhlen!" Die
schne Lisbeth weinte in ihrer Kammer ber den harten Sinn ihres
Mannes, und sie wnschte oft, lieber heim zu sein in ihres Vaters
rmlicher Htte, als bei dem reichen, aber geizigen, hartherzigen
Peter zu hausen.  Ach, htte sie gewut, da er ein Herz von Marmor
habe und weder sie noch irgendeinen Menschen lieben knne, so htte
sie sich wohl nicht gewundert.  So oft sie aber jetzt unter der Tre
sa, und es ging ein Bettelmann vorber und zog den Hut und hub an
seinen Spruch, so drckte sie die Augen zu, das Elend nicht zu
schauen, sie ballte die Hand fester, damit sie nicht unwillkrlich in
die Tasche fahre, ein Kreuzerlein herauszulangen.  So kam es, da die
schne Lisbeth im ganzen Wald verschrien wurde und es hie, sie sei
noch geiziger als Peter Munk.  Aber eines Tages sa Frau Lisbeth
wieder vor dem Haus und spann und murmelte ein Liedchen dazu; denn
sie war munter, weil es schnes Wetter und Herr Peter ausgeritten war
ber Feld.  Da kommt ein altes Mnnlein des Weges daher, das trgt
einen groen, schweren Sack, und sie hrt es schon von weitem keuchen.
Teilnehmend sieht ihm Frau Lisbeth zu und denkt, einem so alten,
kleinen Mann sollte man nicht mehr so schwer aufladen.

Indes keucht und wankt das Mnnlein heran, und als es gegenber von
Frau Lisbeth war, brach es unter dem Sacke beinahe zusammen.  "Ach,
habt die Barmherzigkeit, Frau, und reichet mir nur einen Trunk Wasser!"
sprach das Mnnlein.  "Ich kam nicht weiter, mu elend
verschmachten."

"Aber Ihr solltet in Eurem Alter nicht mehr so schwer tragen", sagte
Frau Lisbeth.

"Ja, wenn ich nicht Boten gehen mte, der Armut halber und um mein
Leben zu fristen", antwortete er, "ach, so eine reiche Frau wie Ihr
wei nicht, wie wehe Armut tut und wie wohl ein frischer Trunk bei
solcher Hitze."

Als sie dies hrte, eilte sie in das Haus, nahm einen Krug vom Gesims
und fllte ihn mit Wasser; doch als sie zurckkehrte und nur noch
wenige Schritte von ihm war und das Mnnlein sah, wie es so elend und
verkmmert auf dem Sack sa, da fhlte sie inniges Mitleid, bedachte,
da ja ihr Mann nicht zu Hause sei, und so stellte sie den Wasserkrug
beiseite, nahm einen Becher und fllte ihn mit Wein, legte ein gutes
Roggenbrot darauf und brachte es dem Alten.  "So, und ein Schluck
Wein mag Euch besser frommen als Wasser, da Ihr schon so gar alt
seid", sprach sie, "aber trinket nicht so hastig und esset auch Brot
dazu!"

Das Mnnlein sah sie staunend an, bis groe Trnen in seinen alten
Augen standen; es trank und sprach dann: "Ich bin alt geworden, aber
ich hab' wenige Menschen gesehen, die so mitleidig wren und ihre
Gaben so schn und herzlich zu spenden wten wie Ihr, Frau Lisbeth.
Aber es wird Euch dafr auch recht wohl gehen auf Erden; solch ein
Herz bleibt nicht unbelohnt."

"Nein, und den Lohn soll sie zur Stelle haben", schrie eine
schreckliche Stimme, und als sie sich umsahen, war es Herr Peter mit
blutrotem Gesicht.

"Und sogar meinen Ehrenwein gieest du aus an Bettelleute, und meinen
Mundbecher gibst du an die Lippen der Straenlufer?  Da, nimm deinen
Lohn!" Frau Lisbeth strzte zu seinen Fen und bat um Verzeihung;
aber das steinerne Herz kannte kein Mitleid, er drehte die Peitsche
um, die er in der Hand hielt, und schlug sie mit dem Handgriff von
Ebenholz so heftig vor die schne Stirne, da sie leblos dem alten
Mann in die Arme sank.  Als er dies sah, war es doch, als reute ihn
die Tat auf der Stelle; er bckte sich herab, zu schauen, ob noch
Leben in ihr sei, aber das Mnnlein sprach mit wohlbekannter Stimme:
"Gib dir keine Mhe, Kohlenpeter; es war die schnste und lieblichste
Blume im Schwarzwald, aber du hast sie zertreten, und nie mehr wird
sie wieder blhen."

Da wich alles Blut aus Peters Wangen, und er sprach: "Also Ihr seid
es, Herr Schatzhauser?  Nun, was geschehen ist, ist geschehen, und es
hat wohl so kommen mssen.  Ich hoffe aber, Ihr werdet mich nicht bei
dem Gericht anzeigen als Mrder."

"Elender!" erwiderte das Glasmnnlein.  "Was wrde es mir frommen,
wenn ich deine sterbliche Hlle an den Galgen brchte?  Nicht
irdische Gerichte sind es, die du zu frchten hast, sondern andere
und strengere; denn du hast deine Seele an den Bsen verkauft."

"Und hab' ich mein Herz verkauft", schrie Peter, "so ist niemand
daran schuld als du und deine betrgerischen Schtze; du tckischer
Geist hast mich ins Verderben gefhrt, mich getrieben, da ich bei
einem anderen Hilfe suchte, und auf dir liegt die ganze Verantwortung."

Aber kaum hatte er dies gesagt, so wuchs und schwoll das Glasmnnlein
und wurde hoch und breit, und seine Augen sollen so gro gewesen sein
wie Suppenteller, und sein Mund war wie ein geheizter Backofen, und
Flammen blitzten daraus hervor.  Peter warf sich auf die Knie, und
sein steinernes Herz schtzte ihn nicht, da nicht seine Glieder
zitterten wie eine Espe.  Mit Geierskrallen packte ihn der Waldgeist
im Nacken, drehte ihn um, wie ein Wirbelwind drres Laub, und warf
ihn dann zu Boden, da ihm alle Rippen knackten.  "Erdenwurm!" rief
er mit einer Stimme, die wie der Donner rollte, "ich knnte dich
zerschmettern, wenn ich wollte; denn du hast gegen den Herrn des
Waldes gefrevelt.  Aber um dieses toten Weibes willen, die mich
gespeist und getrnkt hat, gebe ich dir acht Tage Frist.  Bekehrst du
dich nicht zum Guten, so komme ich und zermalme dein Gebein, und du
fhrst hin in deinen Snden."

Es war schon Abend, als einige Mnner, die vorbeigingen, den reichen
Peter Munk an der Erde liegen sahen.  Sie wandten ihn hin und her und
suchten, ob noch Atem in ihm sei; aber lange war ihr Suchen vergebens.
Endlich ging einer in das Haus und brachte Wasser herbei und
besprengte ihn.  Da holte Peter tief Atem, sthnte und schlug die
Augen auf, schaute lange um sich her und fragte dann nach Frau
Lisbeth; aber keiner hatte sie gesehen.  Er dankte den Mnnern fr
ihre Hilfe, schlich sich in sein Haus und suchte berall; aber Frau
Lisbeth war weder im Keller noch auf dem Boden, und das, was er fr
einen schrecklichen Traum gehalten, war bittere Wahrheit.  Wie er nun
so ganz allein war, da kamen ihm sonderbare Gedanken; er frchtete
sich vor nichts, denn sein Herz war ja kalt; aber wenn er an den Tod
seiner Frau dachte--kam ihm sein eigenes Hinscheiden in den Sinn, und
wie belastet er dahinfahren werde, schwer belastet mit Trnen der
Armen, mit tausend ihrer Flche, die sein Herz nicht erweichen
konnten, mit dem Jammer der Elenden, auf die er seine Hunde gehetzt,
belastet mit der stillen Verzweiflung seiner Mutter, mit dem Blute
der schnen, guten Lisbeth; und konnte er doch nicht einmal dem alten
Mann, ihrem Vater, Rechenschaft geben, wenn er kme und fragte: "Wo
ist meine Tochter, dein Weib?" Wie wollte er einem anderen Frage
stehen, dem alle Wlder, alle Seen, alle Berge gehren und die Leben
der Menschen?

Es qulte ihn auch nachts im Traume, und alle Augenblicke wachte er
auf an einer sen Stimme, die ihm zurief: "Peter, schaff dir ein
wrmeres Herz!" Und wenn er erwacht war, schlo er doch schnell
wieder die Augen, denn der Stimme nach mute es Frau Lisbeth sein,
die ihm leise diese Warnung zurief.

Den anderen Tag ging er ins Wirtshaus, um seine Gedanken zu
zerstreuen, und dort traf er den dicken Ezechiel.  Er setzte sich zu
ihm, sie sprachen dies und jenes, vom schnen Wetter, vom Krieg, von
den Steuern und endlich auch vom Tod und wie da und dort einer so
schnell gestorben sei.  Da fragte Peter den Dicken, was er denn vom
Tod halte, und wie es nachher sein werde.  Ezechiel antwortete ihm,
da man den Leib begrabe, die Seele aber fahre entweder auf zum
Himmel oder hinab in die Hlle.

"Also begrbt man das Herz auch?" fragte der Peter gespannt.

"Ei freilich, das wird auch begraben."

"Wenn aber einer sein Herz nicht mehr hat?" fuhr Peter fort.

Ezechiel sah ihn bei diesen Worten schrecklich an.  "Was willst du
damit sagen?  Willst du mich foppen?  Meinst du, ich habe kein Herz?"

"Oh, Herz genug, so fest wie Stein", erwiderte Peter.  Ezechiel sah
ihn verwundert an, schaute sich um, ob es niemand gehrt habe, und
sprach dann: "Woher weit du es?  Oder pocht vielleicht das deinige
auch nicht mehr?"

"Pocht nicht mehr, wenigstens nicht hier in meiner Brust!" antwortete
Peter Munk.  "Aber sag mir, da du jetzt weit, was ich meine, wie
wird es gehen mit unseren Herzen?"

"Was kmmert dich dies, Gesell?" fragte Ezechiel lachend.  "Hast ja
auf Erden vollauf zu leben und damit genug.  Das ist ja gerade das
Bequeme in unseren kalten Herzen, da uns keine Furcht befllt vor
solchen Gedanken."

"Wohl wahr, aber man denkt doch daran, und wenn ich auch jetzt keine
Furcht mehr kenne, so wei ich doch wohl noch, wie sehr ich mich vor
der Hlle gefrchtet, als ich noch ein kleiner, unschuldiger Knabe
war."

"Nun--gut wird es uns gerade nicht gehen", sagte Ezechiel.  "Hab' mal
einen Schulmeister darber gefragt, der sagte mir, da nach dem Tod
die Herzen gewogen werden, wie schwer sie sich versndigt htten.
Die leichten steigen auf, die schweren sinken hinab, und ich denke,
unsere Steine werden ein gutes Gewicht haben."

"Ach, freilich", erwiderte Peter, "und es ist mir oft selbst unbequem,
da mein Herz so teilnahmslos und ganz gleichgltig ist, wenn ich an
solche Dinge denke."

So sprachen sie; aber in der nchsten Nacht hrte er fnf oder
sechsmal die bekannte Stimme in sein Ohr lispeln: "Peter, schaff dir
ein wrmeres Herz!"

Er empfand keine Reue, da er sie gettet, aber wenn er dem Gesinde
sagte, seine Frau sei verreist, so dachte er immer dabei: "Wohin mag
sie wohl gereist sein?" Sechs Tage hatte er es so getrieben, und
immer hrte er nachts diese Stimme, und immer dachte er an den
Waldgeist und seine schreckliche Drohung; aber am siebenten Morgen
sprang er auf von seinem Lager und rief: "Nun ja, will sehen, ob ich
mir ein wrmeres schaffen kann; denn der gleichgltige Stein in
meiner Brust macht mir das Leben nur langweilig und de." Er zog
schnell seinen Sonntagsstaat an und setzte sich auf sein Pferd und
ritt dem Tannenbhl zu.

Im Tannenbhl, wo die Bume dichter standen, sa er ab, band sein
Pferd an und ging schnellen Schrittes dem Gipfel des Hgels zu, und
als er vor der dicken Tanne stand, hub er seinen Spruch an:

"Schatzhauser im grnen Tannenwald,
Bist viele hundert Jahre alt,
Dein ist all' Land, wo Tannen stehen,
Lt dich nur Sonntagskindern sehen."

Da kam das Glasmnnlein hervor, aber nicht freundlich und traulich
wie sonst, sondern dster und traurig; es hatte ein Rcklein an von
schwarzem Glas, und ein langer Trauerflor flatterte herab vom Hut,
und Peter wute wohl, um wen er trauerte.

"Was willst du von mir, Peter Munk?" fragte es mit dumpfer Stimme.

"Ich hab' noch einen Wunsch, Herr Schatzhauser", antwortete Peter mit
niedergeschlagenen Augen.

"Knnen Steinherzen noch wnschen?" sagte jener.  "Du hast alles, was
du fr deinen schlechten Sinn bedarfst, und ich werde schwerlich
deinen Wunsch erfllen."

"Aber Ihr habt mir doch drei Wnsche zugesagt; einen hab' ich immer
noch brig."

"Doch kann ich ihn versagen, wenn er tricht ist", fuhr der Waldgeist
fort, "aber wohlan, ich will hren, was du willst."

"So nehmet mir den toten Stein heraus und gebet mir mein lebendiges
Herz", sprach Peter.

"Hab' ich den Handel mit dir gemacht?" fragte das Glasmnnlein, "bin
ich der Hollnder-Michel, der Reichtum und kalte Herzen schenkt?
Dort, bei ihm mut du dein Herz suchen."

"Ach, er gibt es nimmer zurck", antwortete Peter.

"Du dauerst mich, so schlecht du auch bist", sprach das Mnnlein nach
einigem Nachdenken.  "Aber weil dein Wunsch nicht tricht ist, so
kann ich dir wenigstens meine Hilfe nicht versagen.  So hre.  Dein
Herz kannst du mit keiner Gewalt mehr bekommen, wohl aber durch List,
und es wird vielleicht nicht schwerhalten; denn Michel bleibt doch
nur der dumme Michel, obgleich er sich ungemein klug dnkt.  So gehe
denn geradewegs zu ihm hin und tue, wie ich dich heie!" Und nun
unterrichtete er ihn in allem und gab ihm ein Kreuzlein aus reinem
Glas: "Am Leben kann er dir nicht schaden, und er wird dich frei
lassen, wenn du ihm dies vorhalten und dazu beten wirst.  Und hast du
denn, was du verlangt hast, erhalten, so komm wieder zu mir an diesen
Ort!"

Peter Munk nahm das Kreuzlein, prgte sich alle Worte ins Gedchtnis
und ging weiter nach Hollnder-Michels Behausung.  Er rief dreimal
seinen Namen, und alsobald stand der Riese vor ihm.  "Du hast dein
Weib erschlagen?" fragte er ihn mit schrecklichem Lachen.  "Htt' es
auch so gemacht; sie hat dein Vermgen an das Bettelvolk gebracht.
Aber du wirst auf einige Zeit auer Landes gehen mssen, denn es wird
Lrm machen, wenn man sie nicht findet; und du brauchst wohl Geld und
kommst, um es zu holen?"

"Du hast's erraten", erwiderte Peter, "und nur recht viel diesmal,
denn nach Amerika ist's weit."

Michel ging voran und brachte ihn in seine Htte; dort schlo er eine
Truhe auf, worin viel Geld lag, und langte ganze Rollen Gold heraus.
Whrend er es so auf den Tisch hinzhlte, sprach Peter: "Du bist ein
loser Vogel, Michel, da du mich belogen hast, ich htte einen Stein
in der Brust und du habest mein Herz!"

"Und ist es denn nicht so?" fragte Michel staunend.  "Fhlst du denn
dein Herz?  Ist es nicht kalt wie Eis?  Hast du Furcht oder Gram,
kann dich etwas reuen?"

"Du hast mein Herz nur stillstehen lassen, aber ich hab' es noch wie
sonst in meiner Brust, und Ezechiel auch, der hat es mir gesagt, da
du uns angelogen hast; du bist nicht der Mann dazu, der einem das
Herz so unbemerkt und ohne Gefahr aus der Brust reien knnte; da
mtest du zaubern knnen."

"Aber ich versichere dir", rief Michel unmutig, "du und Ezechiel und
alle reichen Leute, die es mit mir gehalten, haben solche kalten
Herzen wie du, und ihre rechten Herzen habe ich hier in meiner Kammer."

"Ei, wie dir das Lgen von der Zunge geht!" lachte Peter.  "Das mach
du einem anderen weis!  Meinst du, ich hab' auf meinen Reisen nicht
solche Kunststcke zu Dutzenden gesehen?  Aus Wachs nachgeahmt sind
deine Herzen hier in der Kammer.  Du bist ein reicher Kerl, das geb'
ich zu; aber zaubern kannst du nicht."

Da ergrimmte der Riese und ri die Kammertre auf.  "Komm herein und
lies die Zettel alle, und jenes dort, schau, das ist Peter Munks Herz;
siehst du, wie es zuckt?  Kann man das auch aus Wachs machen?"

"Und doch ist es aus Wachs", antwortete Peter.  "So schlgt ein
rechtes Herz nicht; ich habe das meinige noch in der Brust.  Nein,
zaubern kannst du nicht!"

"Aber ich will es dir beweisen!" rief jener rgerlich.  "Du sollst es
selbst fhlen, da dies dein Herz ist." Er nahm es, ri Peters Wams
auf und nahm einen Stein aus seiner Brust und zeigte ihn vor.  Dann
nahm er das Herz, hauchte es an und setzte es behutsam an seine
Stelle, und alsobald fhlte Peter, wie es pochte, und er konnte sich
wieder darber freuen.

"Wie ist es dir jetzt?" fragte Michel lchelnd.

"Wahrhaftig, du hast doch recht gehabt", antwortete Peter, indem er
behutsam sein Kreuzlein aus der Tasche zog.  "Htt' ich doch nicht
geglaubt, da man dergleichen tun knne!" "Nicht wahr?  Und zaubern
kann ich, das siehst du; aber komm, jetzt will ich dir den Stein
wieder hineinsetzen."

"Gemach, Herr Michel!" rief Peter, trat einen Schritt zurck und
hielt ihm das Kreuzlein entgegen.  "Mit Speck fngt man Muse, und
diesmal bist du der Betrogene." Und zugleich fing er an zu beten, was
ihm nur beifiel.

Da wurde Michel kleiner und immer kleiner, fiel nieder und wand sich
hin und her wie ein Wurm und chzte und sthnte, und alle Herzen
umher fingen an zu zucken und zu pochen, da es tnte wie in der
Werkstatt eines Uhrmachers.  Peter aber frchtete sich, und es wurde
ihm ganz unheimlich zumut, er rannte zur Kammer und zum Haus hinaus
und klimmte, von Angst getrieben, die Felsenwand hinan; denn er hrte,
da Michel sich aufraffte, stampfte und tobte und ihm schreckliche
Flche nachschickte.  Als er oben war, lief er dem Tannenbhl zu; ein
schreckliches Gewitter zog auf, Blitze fielen links und rechts an ihm
nieder und zerschmetterten die Bume, aber er kam wohlbehalten in dem
Revier des Glasmnnleins an.

Sein Herz pochte freudig, und nur darum, weil es pochte.  Dann aber
sah er mit Entsetzen auf sein Leben zurck wie auf das Gewitter, das
hinter ihm rechts und links den schnen Wald zersplitterte.  Er
dachte an Frau Lisbeth, sein schnes, gutes Weib, das er aus Geiz
gemordet, er kam sich selbst wie der Auswurf der Menschen vor, und er
weinte heftig, als er an Glasmnnleins Hgel kam.

Schatzhauser sa schon unter dem Tannenbaum und rauchte aus einer
kleinen Pfeife; doch sah er munterer aus als zuvor.  "Warum weinst du,
Kohlenpeter?" fragte er.  "Hast du dein Herz nicht erhalten?  Liegt
noch das kalte in deiner Brust?"

"Ach, Herr!" seufzte Peter, "als ich noch das kalte Steinherz trug,
da weinte ich nie, meine Augen waren so trocken wie das Land im Juli;
jetzt aber will es mir beinahe das alte Herz zerbrechen, was ich
getan!  Meine Schuldner habe ich ins Elend gejagt, auf Arme und
Kranke die Hunde gehetzt, und Ihr wit es ja selbst--wie meine
Peitsche auf ihre schne Stirne fiel!" "Peter!  Du warst ein groer
Snder!" sprach das Mnnlein.  "Das Geld und der Miggang haben dich
verdorben, bis dein Herz zu Stein wurde, nicht Freud', nicht Leid,
keine Reue, kein Mitleid mehr kannte.  Aber Reue vershnt, und wenn
ich nur wte, da dir dein Leben recht leid tut, so knnte ich schon
noch was fr dich tun."

"Will nichts mehr", antwortete Peter und lie traurig sein Haupt
sinken.  "Mit mir ist es aus, kann mich mein Lebtag nicht mehr freuen;
was soll ich so allein auf der Welt tun?  Meine Mutter verzeiht mir
nimmer, was ich ihr getan, und vielleicht hab' ich sie unter den
Boden gebracht, ich Ungeheuer!  Und Lisbeth, meine Frau!  Schlaget
mich lieber auch tot, Herr Schatzhauser; dann hat mein elend Leben
mit einmal ein Ende."

"Gut", erwiderte das Mnnlein, "wenn du nicht anders willst, so
kannst du es haben; meine Axt habe ich bei der Hand." Er nahm ganz
ruhig sein Pfeiflein aus dem Mund, klopfte es aus und steckte es ein.
Dann stand er langsam auf und ging hinter die Tannen.  Peter aber
setzte sich weinend ins Gras, sein Leben war ihm nichts mehr, und er
erwartete geduldig den Todesstreich.  Nach einiger Zeit hrte er
leise Tritte hinter sich und dachte: "Jetzt wird er kommen."

"Schau dich noch einmal um, Peter Munk!" rief das Mnnlein.  Er
wischte sich die Trnen aus den Augen und schaute sich um und
sah--seine Mutter und Lisbeth, seine Frau, die ihn freundlich
anblickten.

Da sprang er freudig auf: "So bist du nicht tot, Lisbeth; und auch
Ihr seid da, Mutter, und habt mir vergeben?"

"Sie wollen dir verzeihen", sprach das Glasmnnlein, "weil du wahre
Reue fhlst, und alles soll vergessen sein.  Zieh jetzt heim in
deines Vaters Htte und sei ein Khler wie zuvor; bist du brav und
bieder, so wirst du dein Handwerk ehren, und deine Nachbarn werden
dich mehr lieben und achten, als wenn du zehn Tonnen Goldes httest."
So sprach das Glasmnnlein und nahm Abschied von ihnen.

Die drei lobten und segneten es und gingen heim.

Das prachtvolle Haus des reichen Peters stand nicht mehr; der Blitz
hatte es angezndet und mit all seinen Schtzen niedergebrannt; aber
nach der vterlichen Htte war es nicht weit; dorthin ging jetzt ihr
Weg, und der groe Verlust bekmmerte sie nicht.

Aber wie staunten sie, als sie an die Htte kamen!  Sie war zu einem
schnen Bauernhaus geworden, und alles darin war einfach, aber gut
und reinlich.

"Das hat das gute Glasmnnlein getan!" rief Peter.

"Wie schn!" sagte Frau Lisbeth.  "Und hier ist mir viel heimischer
als in dem groen Haus mit dem vielen Gesinde."

Von jetzt an wurde Peter Munk ein fleiiger und wackerer Mann.  Er
war zufrieden mit dem, was er hatte, trieb sein Handwerk unverdrossen,
und so kam es, da er durch eigene Kraft wohlhabend wurde und
angesehen und beliebt im ganzen Wald.  Er zankte nie mehr mit Frau
Lisbeth, ehrte seine Mutter und gab den Armen, die an seine Tre
pochten.  Als nach Jahr und Tag Frau Lisbeth von einem schnen Knaben
genas, ging Peter nach dem Tannenbhl und sagte sein Sprchlein.
Aber das Glasmnnlein zeigte sich nicht.  "Herr Schatzhauser!" rief
er laut, "hrt mich doch; ich will ja nichts anderes, als Euch zu
Gevatter bitten bei meinem Shnlein!" Aber es gab keine Antwort; nur
ein kurzer Windsto sauste durch die Tannen und warf einige
Tannenzapfen herab ins Gras.  "So will ich dies zum Andenken
mitnehmen, weil Ihr Euch doch nicht sehen lassen wollet", rief Peter,
steckte die Zapfen in die Tasche und ging nach Hause; aber als er zu
Hause das Sonntagswams auszog und seine Mutter die Taschen umwandte
und das Wams in den Kasten legen wollte, da fielen vier stattliche
Geldrollen heraus, und als man sie ffnete, waren es lauter gute,
neue badische Taler, und kein einziger falscher darunter.  Und das
war das Patengeschenk des Mnnleins im Tannenwald fr den kleinen
Peter.

So lebten sie still und unverdrossen fort, und noch oft nachher, als
Peter Munk schon graue Haare hatte, sagte er: "Es ist doch besser,
zufrieden zu sein mit wenigem, als Gold und Gter haben und ein
kaltes Herz."

Es mochten etwa schon fnf Tage vergangen sein, whrend Felix, der
Jger und der Student noch immer unter den Rubern gefangen saen.
Sie wurden zwar von dem Hauptmann und seinen Untergebenen gut
behandelt, aber dennoch sehnten sie sich nach Befreiung, denn je mehr
die Zeit fortrckte, desto hher stieg auch ihre Angst vor Entdeckung.
Am Abend des fnften Tages erklrte der Jger seinen
Leidensgenossen, da er entschlossen sei, in dieser Nacht
loszubrechen, und wenn es ihn auch das Leben kosten sollte.  Er
munterte seine Gefhrten zum gleichen Entschlu auf und zeigte ihnen,
wie sie ihre Flucht ins Werk setzen knnten.  "Den, der uns zunchst
steht, nehme ich auf mich; es ist Notwehr, und Not kennt kein Gebot,
er mu sterben."

"Sterben!" rief Felix entsetzt.  "Ihr wollt ihn totschlagen?"

"Das bin ich fest entschlossen, wenn es darauf ankommt, zwei
Menschenleben zu retten.  Wisset, da ich die Ruber mit besorglicher
Miene habe flstern hren, im Wald werde nach ihnen gestreift, und
die alten Weiber verrieten in ihrem Zorn die bse Absicht der Bande;
sie schimpften auf uns und gaben zu verstehen, wenn die Ruber
angegriffen wrden, so mten wir ohne Gnade sterben."

"Gott im Himmel!" schrie der Jngling entsetzt und verbarg sein
Gesicht in die Hnde.

"Noch haben sie uns das Messer nicht an die Kehle gesetzt", fuhr der
Jger fort, "drum lat uns ihnen zuvorkommen!  Wenn es dunkel ist,
schleiche ich auf die nchste Wache zu; sie wird anrufen; ich werde
ihm zuflstern, die Grfin sei pltzlich sehr krank geworden, und
indem er sich umsieht, stoe ich ihn nieder.  Dann hole ich Euch ab,
junger Mann, und der zweite kann uns ebensowenig entgehen; und beim
dritten haben wir zu zweit leichtes Spiel."

Der Jger sah bei diesen Worten so schrecklich aus, da Felix sich
vor ihm frchtete.  Er wollte ihn bereden, von diesem blutigen
Gedanken abzustehen, als die Tre leise aufging und schnell eine
Gestalt hereinschlpfte.  Es war der Hauptmann.  Behutsam schlo er
wieder zu und winkte den beiden Gefangenen, sich ruhig zu verhalten.
Er setzte sich neben Felix nieder und sprach:

"Frau Grfin, Ihr seid in schlimmer Lage.  Euer Herr Gemahl hat nicht
Wort gehalten, er hat nicht nur das Lsegeld nicht geschickt, sondern
er hat auch die Regierungen umher aufgeboten; bewaffnete Mannschaft
streift von allen Seiten durch den Wald, um mich und meine Leute
auszuheben.  Ich habe Eurem Gemahl gedroht, Euch zu tten, wenn er
Miene macht, uns anzugreifen; doch es mu ihm entweder an Eurem Leben
wenig liegen, oder er traut unseren Schwren nicht.  Euer Leben ist
in unserer Hand, ist nach unseren Gesetzen verwirkt.  Was wollet Ihr
dagegen einwenden?"

Bestrzt sahen die Gefangenen vor sich nieder, sie wuten nicht zu
antworten, denn Felix erkannte wohl, da ihn das Gestndnis ber
seine Verkleidung nur noch mehr in Gefahr setzen knnte.

Es ist mir unmglich", fuhr der Hauptmann fort, "eine Dame, die meine
vollkommene Achtung hat, also in Gefahr zu sehen.  Darum will ich
Euch einen Vorschlag zur Rettung machen, es ist der einzige Ausweg,
der Euch brig bleibt: Ich will mit Euch entfliehen."

"Erstaunt, berrascht blickten ihn beide an; er aber sprach weiter:
"Die Mehrzahl meiner Gesellen ist entschlossen, nach Italien zu
ziehen und unter einer weitverbreiteten Bande Dienste zu nehmen.  Mir
fr meinen Teil behagt es nicht, unter einem anderen zu dienen, und
darum werde ich keine gemeinschaftliche Sache mit ihnen machen.  Wenn
Ihr mir nun Euer Wort geben wolltet, Frau Grfin, fr mich
gutzusprechen, Eure mchtigen Verbindungen zu meinem Schutze
anzuwenden, so kann ich Euch noch freimachen, ehe es zu spt ist."

Felix schwieg verlegen; sein redliches Herz strubte sich, den Mann,
der ihm das Leben retten wollte, geflissentlich einer Gefahr
auszusetzen, vor welcher er ihn nachher nicht schtzen knnte.  Als
er noch immer schwieg, fahr der Hauptmann fort: "Man sucht
gegenwrtig berall Soldaten; ich will mit dem geringsten Dienst
zufrieden sein.  Ich wei, da Ihr viel vermget; aber ich will ja
nichts weiter als Euer Versprechen, etwas fr mich in dieser Sache zu
tun."

"Nun denn", antwortete Felix mit niedergeschlagenen Augen, "ich
verspreche Euch, was ich tun kann, was in meinen Krften steht,
anzuwenden, um Euch ntzlich zu sein.  Liegt doch, wie es Euch ergehe,
ein Trost fr mich darin, da Ihr diesem Ruberleben Euch selbst
freiwillig entzogen habt."

Gerhrt kte der Hauptmann die Hand dieser gtigen Dame, flsterte
ihr noch zu, sich zwei Stunden nach Anbruch der Nacht bereitzuhalten,
und verlie dann ebenso vorsichtig, wie er gekommen war, die Htte.
Die Gefangenen atmeten freier, als er hinweggegangen war.  "Wahrlich!"
rief der Jger, "dem hat Gott das Herz gelenkt!  Wie wunderbar
sollen wir errettet werden!  Htte ich mir trumen lassen, da in der
Welt noch etwas dergleichen geschehen knnte und da mir ein solches
Abenteuer begegnen sollte?"

"Wunderbar, allerdings!" erwiderte Felix.  "Aber habe ich auch recht
getan, diesen Mann zu betrgen?  Was kann ihm mein Schutz frommen?
Saget selbst, Jger, heit es ihn nicht an den Galgen locken, wenn
ich ihm nicht gestehe, wer ich bin?" "Ei, wie mgt Ihr solche Skrupel
haben, lieber Junge!" entgegnete der Student.  "Nachdem Ihr Eure
Rolle so meisterhaft gespielt!  Nein, darber drft Ihr Euch nicht
ngstigen, das ist nichts anderes als erlaubte Notwehr.  Hat er doch
den Frevel begangen, eine angesehene Frau schndlicherweise von der
Strae hinwegfhren zu wollen, und wret Ihr nicht gewesen, wer wei,
wie es um das Leben der Grfin stnde?  Nein, Ihr habt nicht unrecht
getan; brigens glaube ich, er wird bei den Gerichten sich einen
Stein im Brett gewinnen, wenn er, das Haupt dieses Gesindels, sich
selbst ausliefert."

Dieser letztere Gedanke trstete den jungen Goldschmied.  Freudig
bewegt und doch wieder voll banger Besorgnis ber das Gelingen des
Planes durchlebten sie die nchsten Stunden.  Es war schon dunkel,
als der Hauptmann auf einen Augenblick in die Htte trat, ein Bndel
Kleider niederlegte und sprach: "Frau Grfin, um unsere Flucht zu
erleichtern, mt Ihr notwendig diese Mnnerkleidung anlegen.  Machet
Euch fertig!  In einer Stunde treten wir den Marsch an."

Nach diesen Worten verlie er die Gefangenen, und der Jger hatte
Mhe, nicht laut zu lachen.  "Das wre nun die zweite Verkleidung">
rief er, "und ich wollte schwren, diese steht Euch noch besser als
die erste!"

Sie ffneten das Bndel und fanden ein hbsches Jagdkleid mit allem
Zubehr, das Felix trefflich pate.  Nachdem er sich gerstet, wollte
der Jger die Kleider der Grfin in einen Winkel der Htte werfen,
Felix gab es aber nicht zu; er legte sie zu einem kleinen Bndel
zusammen und uerte, er wolle die Grfin bitten, sie ihm zu schenken,
und sie dann sein ganzes Leben hindurch zum Andenken an diese
merkwrdigen Tage aufbewahren.

Endlich kam der Hauptmann.  Er war vollstndig bewaffnet und brachte
dem Jger die Bchse, die man ihm abgenommen, und ein Pulverhorn.
Auch dem Studenten gab er eine Flinte, und Felix reichte er einen
Hirschfnger, mit der Bitte, ihn auf den Fall der Not umzuhngen.  Es
war ein Glck fr die drei, da es sehr dunkel war; denn leicht
htten die leuchtenden Blicke, womit Felix diese Waffe empfing, dem
Ruber seinen wahren Stand verraten knnen.  Als sie behutsam aus der
Htte getreten waren, bemerkte der Jger, da der gewhnliche Posten
an der Htte diesmal nicht besetzt sei.  So war es mglich, da sie
unbemerkt an den Htten vorbeischleichen konnten; doch schlug der
Hauptmann nicht den gewhnlichen Pfad ein, der aus der Schlucht in
den Wald hinausfhrte, sondern er nherte sich einem Felsen, der ganz
senkrecht und, wie es schien, unzugnglich vor ihnen lag.  Als sie
dort angekommen waren, machte der Hauptmann auf eine Strickleiter
aufmerksam, die an dem Felsen herabgespannt war.  Er warf seine
Bchse auf den Rcken und stieg zuerst hinan; dann rief er der Grfin
zu, ihm zu folgen, und bot ihr die Hand zur Hilfe, der Jger stieg
zuletzt herauf.  Hinter diesem Felsen zeigte sich ein Fupfad, den
sie einschlugen und rasch vorwrts gingen.

"Dieser Fupfad", sprach der Hauptmann, "fhrt nach der
Aschaffenburger Strae.  Dorthin wollen wir uns begeben; denn ich
habe genau erfahren, da Ihr Gemahl, der Graf, sich gegenwrtig dort
aufhlt."

Schweigend zogen sie weiter, der Ruber immer voran, die drei anderen
dicht hinter ihm.  Nach drei Stunden hielten sie an; der Hauptmann
lud Felix ein, sich auf einen Baumstamm zu setzen, um auszuruhen.  Er
zog Brot, eine Feldflasche mit altem Wein hervor und bot es den
Ermdeten an.  "Ich glaube, wir werden, ehe eine Stunde vergeht, auf
den Kordon stoen, den das Militr durch den Wald gezogen hat.  In
diesem Fall bitte ich Sie, mit dem Anfhrer der Soldaten zu sprechen
und gute Behandlung fr mich zu verlangen."

Felix sagte auch dies zu, obwohl er sich von seiner Verwendung
geringen Erfolg versprach.  Sie ruhten noch eine halbe Stunde und
brachen dann auf.  Sie mochten etwa wieder eine Stunde gegangen sein
und nherten sich schon der Landstrae; der Tag fing an
heraufzukommen, und die Dmmerung verbreitete sich schon im Wald, als
ihre Schritte pltzlich durch ein lautes: "Halt!  Steht!" gefesselt
wurden.  Sie hielten, und fnf Soldaten rckten gegen sie vor und
bedeuteten ihnen, sie mten folgen und vor dem kommandierenden Major
sich ber ihre Reise ausweisen.  Als sie noch etwa fnfzig Schritte
gegangen waren, sahen sie links und rechts im Gebsch Gewehre blitzen,
eine groe Schar schien den Wald besetzt zu haben.  Der Major sa
mit mehreren Offizieren und anderen Mnnern unter einer Eiche.  Als
die Gefangenen vor ihn gebracht wurden und er eben anfangen wollte,
sie zu examinieren ber das "Woher" und "Wohin", sprang einer der
Mnner auf und rief: "Mein Gott, was sehe ich?  Das ist ja Gottfried,
unser Jger!"

"Jawohl, Herr Amtmann!" antwortete der Jger mit freudiger Stimme,
"da bin ich, und wunderbar gerettet aus der Hand des schlechten
Gesindels."

Die Offiziere erstaunten, ihn hier zu sehen; der Jger aber bat den
Major und den Amtmann, mit ihm auf die Seite zu treten, und erzhlte
in kurzen Worten, wie sie errettet worden und wer der dritte sei,
welcher ihn und den jungen Goldschmied begleitete.

Erfreut ber diese Nachricht, traf der Major sogleich seine Maregeln,
den wichtigen Gefangenen weiter transportieren zu lassen; den jungen
Goldschmied aber fhrte er zu seinen Kameraden, stellte ihn als den
heldenmtigen Jngling vor, der die Grfin durch seinen Mut und seine
Geistesgegenwart gerettet habe, und alle schttelten Felix freudig
die Hand, lobten ihn und konnten nicht satt werden, sich von ihm und
dem Jger ihre Schicksale erzhlen zu lassen.

Indessen war es vllig Tag geworden.  Der Major beschlo, die
Befreiten selbst bis in die Stadt zu begleiten; er ging mit ihnen und
dem Amtmann der Grfin in das nchste Dorf, wo sein Wagen stand, und
dort mute sich Felix zu ihm in den Wagen setzen; der Jger, der
Student, der Amtmann und viele andere Leute ritten vor und hinter
ihnen, und so zogen sie im Triumph der Stadt zu.  Wie ein Lauffeuer
hatte sich das Gercht von dem berfall in der Waldschenke, von der
Aufopferung des jungen Goldarbeiters in der Gegend verbreitet, und
ebenso reiend ging jetzt die Sage von seiner Befreiung von Mund zu
Mund.  Es war daher nicht zu verwundern, da in der Stadt, wohin sie
zogen, die Straen gedrngt voll Menschen standen, die den jungen
Helden sehen wollten.  Alles drngte sich zu, als der Wagen langsam
hereinfuhr.  "Das ist er", riefen sie, "seht ihr ihn dort im Wagen
neben dem Offizier!  Es lebe der brave Goldschmiedsjunge!" Und ein
tausendstimmiges "Hoch!" fllte die Lfte.

Felix war beschmt, gerhrt von der rauschenden Freude der Menge.
Aber noch ein rhrenderer Anblick stand ihm auf dem Rathause der
Stadt bevor.  Ein Mann von mittleren Jahren, in reichen Kleidern,
empfing ihn an der Treppe und umarmte ihn mit Trnen in den Augen.
"Wie kann ich dir vergelten, mein Sohn!" rief er.  "Du hast mir viel
gegeben, als ich nahe daran war, unendlich viel zu verlieren!  Du
hast mir die Gattin, meinen Kindern die Mutter gerettet; denn ihr
zartes Leben htte die Schrecken einer solchen Gefangenschaft nicht
ertragen." Es war der Gemahl der Grfin, der diese Worte sprach.  So
sehr sich Felix struben mochte, einen Lohn fr seine Aufopferung zu
bestimmen, so unerbittlich schien der Graf darauf bestehen zu wollen.
Da fiel dem Jngling das unglckliche Schicksal des Ruberhauptmanns
ein; er erzhlte, wie er ihn gerettet, wie diese Rettung eigentlich
der Grfin gegolten habe.  Der Graf, gerhrt nicht sowohl von der
Handlung des Hauptmanns als von dem neuen Beweis einer edlen
Uneigenntzigkeit, den Felix durch die Wahl seiner Bitte ablegte,
versprach, das Seinige zu tun, um den Ruber zu retten.

Noch an demselben Tag aber fhrte der Graf, begleitet von dem
wackeren Jger, den jungen Goldschmied nach seinem Schlosse, wo die
Grfin, noch immer besorgt um das Schicksal des jungen Mannes, der
sich fr sie geopfert, sehnsuchtsvoll auf Nachrichten wartete.  Wer
beschreibt ihre Freude, als ihr Gemahl, den Retter an der Hand, in
ihr Zimmer trat?  Sie fand kein Ende, ihn zu befragen, ihm zu danken;
sie lie ihre Kinder herbeibringen und zeigte ihnen den hochherzigen
Jngling, dem ihre Mutter so unendlich viel verdanke, und die Kleinen
faten seine Hnde, und der zarte Sinn ihres kindlichen Dankes, ihre
Versicherungen, da er ihnen nach Vater und Mutter auf der ganzen
Erde das Liebste sei, waren ihm die schnste Entschdigung fr
manchen Kummer, fr die schlaflosen Nchte in der Htte der Ruber.

Als die ersten Momente des frohen Wiedersehens vorber waren, winkte
die Grfin einem Diener, welcher bald darauf jene Kleider und das
wohlbekannte Rnzchen herbeibrachte, welche Felix der Grfin in der
Waldschenke berlassen hatte.  "Hier ist alles", sprach sie mit
gtigem Lcheln, "was Ihr mir in jenen furchtbaren Augenblicken
gegeben; es ist der Zauber, womit Ihr mich umhllt habt, um meine
Verfolger mit Blindheit zu schlagen.  Es steht Euch wieder zu
Diensten; doch will ich Euch den Vorschlag machen, diese Kleider, die
ich zum Andenken an Euch aufbewahren mchte, mir zu berlassen und
zum Tausch dafr die Summe anzunehmen, welche die Ruber zum Lsegeld
fr mich bestimmten."

Felix erschrak ber die Gre dieses Geschenkes; sein edler Sinn
strubte sich, einen Lohn fr das anzunehmen, was er aus freiem
Willen getan.  "Gndige Frau", sprach er bewegt, "ich kann dies nicht
gelten lassen.  Die Kleider sollen Euer sein, wie Ihr es befehlet;
jedoch die Summe, von der Ihr sprechet, kann ich nicht annehmen.
Doch, weil ich wei, da Ihr mich durch irgend etwas belohnen wollet,
so erhaltet mir Eure Gnade statt anderen Lohnes, und sollte ich in
den Fall kommen, Eurer Hilfe zu bedrfen, so knnt Ihr darauf rechnen,
da ich Euch darum bitten werde." Noch lange drang man in den jungen
Mann; aber nichts konnte seinen Sinn ndern.  Die Grfin und ihr
Gemahl gaben endlich nach, und schon wollte der Diener die Kleider
und das Rnzchen wieder wegtragen, als Felix sich an das Geschmeide
erinnerte, das er im Gefhl so vieler freudiger Szenen ganz vergessen
hatte.

"Halt!" rief er.  "Nur etwas mt Ihr mir noch aus meinem Rnzchen zu
nehmen erlauben, gndige Frau; das brige ist dann ganz und vllig
Euer."

"Schaltet nach Belieben", sprach sie, "obgleich ich gerne alles zu
Eurem Gedchtnis behalten htte, so nehmet nur, was Ihr etwa davon
nicht entbehren wollet!  Doch, wenn man fragen darf, was liegt Euch
denn so sehr am Herzen, da Ihr es mir nicht berlassen mget?"

Der Jngling hatte whrend dieser Worte sein Rnzchen geffnet und
ein Kstchen von rotem Saffian herausgenommen.  "Was mein ist, knnet
Ihr alles haben", erwiderte er lchelnd, "doch dies gehrt meiner
lieben Frau Pate; ich habe es selbst gefertigt und mu es ihr bringen.
Es ist ein Schmuck, gndige Frau", fuhr er fort, indem er das
Kstchen ffnete und ihr hinbot, "ein Schmuck, an welchem ich mich
selbst versucht habe."

Sie nahm das Kstchen; aber nachdem sie kaum einen Blick darauf
geworfen, fuhr sie betroffen zurck.

"Wie?  Diese Steine!" rief sie.  "Und fr Eure Pate sind sie bestimmt,
sagtet Ihr?"

"Jawohl", antwortete Felix, "meine Frau Pate hat mir die Steine
geschickt; ich habe sie gefat und bin auf dem Wege, sie selbst zu
berbringen."

Gerhrt sah ihn die Grfin an; Trnen drangen aus ihren Augen.  "So
bist du Felix Perner aus Nrnberg?" rief sie.

"Jawohl!  Aber woher wit Ihr so schnell meinen Namen?" fragte der
Jngling und sah sie bestrzt an.

"Oh, wundervolle Fgung des Himmels!" sprach sie gerhrt zu ihrem
staunenden Gemahl.  "Das ist ja Felix, unser Patchen, der Sohn
unserer Kammerfrau Sabine!  Felix!  Ich bin es ja, zu der du kommen
wolltest; so hast du deine Pate gerettet, ohne es zu wissen."

"Wie?  Seid denn Ihr die Grfin Sandau, die so viel an mir und meiner
Mutter getan?  Und dies ist das Schlo Mayenburg, wohin ich wandern
wollte?  Wie danke ich dem gtigen Geschick, das mich so wunderbar
mit Euch zusammentreffen lie; so habe ich Euch doch durch die Tat,
wenn auch in geringem Mae, meine groe Dankbarkeit bezeugen knnen!"

"Du hast mehr an mir getan", erwiderte sie, "als ich je an dir htte
tun knnen; doch so lange ich lebe, will ich dir zu zeigen suchen,
wie unendlich viel wir alle dir schuldig sind.  Mein Gatte soll dein
Vater, meine Kinder deine Geschwister und ich selbst will deine treue
Mutter sein, und dieser Schmuck, der dich zu mir fhrte in der Stunde
der hchsten Not, soll meine beste Zierde werden; denn er wird mich
immer an dich und deinen Edelmut erinnern."

So sprach die Grfin und hielt Wort.  Sie untersttzte den
glcklichen Felix auf seinen Wanderungen reichlich.  Als er zurckkam
als ein geschickter Arbeiter in seiner Kunst, kaufte sie ihm in
Nrnberg ein Haus, richtete es vollstndig ein, und ein nicht
geringer Schmuck in seinem besten Zimmer waren schn gemalte Bilder,
welche die Szenen in der Waldschenke und Felix' Leben unter den
Rubern vorstellten.

Dort lebte Felix als ein geschickter Goldarbeiter; der Ruhm seiner
Kunst verband sich mit der wunderbaren Sage von seinem Heldenmut und
verschaffte ihm Kunden im ganzen Reiche.  Viele Fremde, wenn sie
durch die schne Stadt Nrnberg kamen, lieen sich in die Werkstatt
des berhmten Meisters Felix fhren, um ihn zu sehen, zu bewundern,
wohl auch ein schnes Geschmeide bei ihm zu bestellen.  Die
angenehmsten Besuche waren ihm aber der Jger, der Zirkelschmied, der
Student und der Fuhrmann.  So oft der letztere von Wrzburg nach
Frth fuhr, sprach er bei Felix ein; der Jger brachte ihm beinahe
alle Jahre Geschenke von der Grfin, der Zirkelschmied aber lie sich,
nachdem er in allen Lndern umhergewandert war, bei Meister Felix
nieder.  Eines Tages besuchte sie auch der Student.  Er war indessen
ein bedeutender Mann im Staat geworden, schmte sich aber nicht, bei
Meister Felix und dem Zirkelschmied ein Abendessen zu verzehren.  Sie
erinnerten sich an alle Szenen der Waldschenke; und der ehemalige
Student erzhlte, er habe den Ruberhauptmann in Italien
wiedergesehen; er habe sich gnzlich gebessert und diene als braver
Soldat dem Knig von Neapel.

Felix freute sich, als er dies hrte.  Ohne diesen Mann wre er zwar
vielleicht nicht in jene gefhrliche Lage gekommen, aber ohne ihn
htte er sich auch nicht aus Ruberhand befreien knnen.  Und so
geschah es, da der wackere Meister Goldschmied nur friedliche und
freundliche Erinnerungen hatte, wenn er zurckdachte an

_das Wirtshaus im Spessart_.


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes "Mrchen-Almanach auf das Jahr
1828", von Wilhelm Hauff.





*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, MAERCHEN-ALMANACH AUF DAS JAHR 1828 ***

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