The Project Gutenberg EBook of Die seltsamen Geschichten des Doktor
Ulebuhle, by Bruno H. Brgel

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Title: Die seltsamen Geschichten des Doktor Ulebuhle

Author: Bruno H. Brgel

Illustrator: Edmund Frst

Release Date: October 14, 2020 [EBook #63460]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SELTSAMEN GESCHICHTEN ***




Produced by Jens Sadowski





                       Die seltsamen Geschichten
                                  des
                            Doktor Ulebuhle


                              Zeichnungen
                                  von
                              Edmund Frst




                       Die seltsamen Geschichten
                                  des
                            Doktor Ulebuhle


                                  Ein
                         Jugend- und Volksbuch

                                  von
                            Bruno H. Brgel


                                  1920
                      Verlag Ullstein & Co, Berlin


                        Alle Rechte vorbehalten
                    Copyright 1920 by Ullstein & Co
                                 Berlin




                                 Inhalt


               Ein Vorwort fr die Groen             VII
               Vom Doktor Ulebuhle                      1
               Die versunkene Stadt                     6
               Der Wassertropfen                       16
               Gespenster-Heinrich                     30
               Der Diamant und seine Brder            44
               Der alte Baum                           56
               Johann der Wunderbare                   60
               Das Zndholz und die Kerze              73
               Der Weltuntergang                       83
               John Dolland, der Taucher               87
               Das Herz und die Taschenuhr            110
               Ein Tag auf dem Monde                  115
               Die Schwalbe und der Telegraphenpfahl  135
               Der Eisberg                            142
               Die Busennadel                         151
               Der Tod in der Flasche                 161
               Als die Sonne feierte                  176
               Der glserne Sarg                      184
               Gebrder Sturm                         188
               Die sonderbare Welt                    211




                       Ein Vorwort fr die Groen


Der deutschen Kinderwelt steht eine Flle von wundervollen
Mrchendichtungen zur Verfgung. Sie alle sind so gemtvoll, anziehend
und phantasiereich, ja zum Teil (insbesondere fr den Erwachsenen) so
reich an ernsten Gedankengngen, da sie auch in unserer immer
materialistischer werdenden Zeit das Herz des Kindes wie des
Erwachsenen, der sich ein Pltzchen fr das Stille und Beschauliche
bewahrt hat, mit Freude erfllen werden.

Dennoch entgeht es wohl dem tiefer Blickenden nicht, da die Jugend des
zwanzigsten Jahrhunderts, insbesondere die Grostadtjugend, und auch da
wieder vor allem die Buben, sobald der erste Schmelz der Kindlichkeit
dahin ist, kein rechtes Verhltnis mehr zu diesen Mrchen gewinnt. Es
geht dem alten poesievollen Mrchen so hnlich wie dem so reizenden
Kasperletheater unserer _eigenen_ Jugendtage: Die oft recht wenig
poesievolle und noch weniger zum Kinderherzen sprechende flimmernde
Leinwand hat es zum alten Eisen geworfen.

Die Zeiten haben sich gendert! Man kann das bedauern, aber schwer
ungeschehen machen. Das Kind des zwanzigsten Jahrhunderts hat einen
starken _Wirklichkeitssinn_ und eine groe Hinneigung zu _technischen_
Dingen, mit denen es ja auch tagtglich -- zum mindesten in greren
Orten -- in engste Berhrung kommt. Kein Wunder, da es mit einer
mechanischen Eisenbahn lieber spielt als mit dem hlzernen Harlekin, der
einmal _unsere_ Freude war, und kein Wunder auch, wenn es spannend
geschriebene Erzhlungen, in denen moderne technische Wunder und
aufregende Abenteuer eine Rolle spielen, lieber liest als das Mrchen
vom Wolf und vom Rotkppchen, das sein Wirklichkeitssinn einfach als
unsinnig beiseite schiebt, whrend wir Groen erst wieder das
Symbolische darin zu wrdigen wissen.

Aus solchen Erwgungen heraus sind die vorliegenden Geschichten
entstanden. Es sind gewissermaen _naturwissenschaftliche_ Mrchen.
Mrchen nur der _Form_ nach; ihr Kern besteht aus leicht falichen
naturwissenschaftlichen und technischen Erkenntnissen und Erfahrungen,
und wenn die Kinder dieses Buch mit einigem Interesse (wie ich hoffen
darf) gelesen haben werden, so haben sie eine ganze Masse dabei gelernt
und sich doch gut unterhalten. Auch der Humor und eine kleine moralische
Nutzanwendung kommen da und dort zu ihrem Recht.

Als ich vor nunmehr zwanzig Jahren zum erstenmal den Versuch machte, in
der hier vorgetragenen Weise das Mrchen des zwanzigsten Jahrhunderts
zu schaffen, fanden die wenigen Proben eine so allgemein gnstige
Aufnahme, da ich den oft mir geuerten Wnschen, einen ganzen Band
solcher Erzhlungen herauszugeben, glaubte nachkommen zu sollen. Wozu
mir schne Friedensjahre nicht Zeit lieen, das entstand dann in langen
Kriegsjahren drauen an franzsischen Kaminen. Im Kriege ersonnen, in
Revolutionstagen niedergeschrieben, mgen diese Erzhlungen, das ist
mein Wunsch, den deutschen Kindern, die nicht minder schwer als wir
Groen die Hrte der Zeit gesprt, ein wenig Freude und ein wenig
Sonnenschein bringen.

                                                       Bruno H. Brgel

Neubabelsberg bei Potsdam




                          Vom Doktor Ulebuhle


Meine lieben jungen Freunde! Ehe ihr nun die Geschichten des Doktor
Ulebuhle lest, wollt ihr sicher auch wissen, wie sie denn zustande
gekommen sind, und was es mit dem Ulebuhle fr eine Bewandtnis hat.
Eigentlich hie er gar nicht so, und wie in Wahrheit sein Name war, das
haben die Kinder nie erfahren, oder sie hatten es wieder vergessen, aber
so viel wei ich, da er ein schnurriger Kerl war, so schnurrig wie der
Name, den ihm die Leute gegeben hatten.

Da unten im Harzgebirg mit seinen dunklen Tannenbergen liegt die alte
Kaiserstadt Goslar, mit ihren uralten spitzen Trmen, seltsamen Torbogen
und engen Gassen mit wunderlichen, jahrhundertealten Husern am Fue des
Rammelsberges, in dem tief, tief unter der Erde die Bergleute pochen.
Vor vielen Jahren lebte da der Doktor Ulebuhle. Er bewohnte ganz allein
eines jener etwas windschiefen, mittelalterlichen Huser, die verwundert
aus ihren vom Alter fast erblindeten winzigen Fensterchen in die neue
Zeit hineinblinzeln. Oben auf dem Hause war ein Turm, gedeckt mit lauter
Schiefertafeln, fast so wie die, mit denen wir Buben zur Schule zogen,
und da oben hatte Ulebuhle ein groes Fernrohr stehn, mit dem man den
Mond und die Kometen betrachten konnte. Und dann waren da im Hause ein
paar ganz einfache Zimmerchen, mit alten Mbeln und seltsamen Uhren und
allerlei Schnickschnack, und eines davon war ganz mit Bchern
vollgestopft, da man nicht wute, wohin man treten und wohin man sich
setzen knnte. Nebenan sah es noch viel toller aus! Das wahre Museum.
Ausgestopfte Tiere, versteinerte Fische und Schnecken, Tiergeripp und
Totenbein, und Schmetterlingssammlungen und seltene Kfer. Erdglobus und
Himmelsglobus, Elektrisiermaschinen und Mikroskope, hundert Instrumente
und wei der Teufel was noch fr Krimskrams.

Und da hauste der alte Ulebuhle ein Leben lang wie ein Maulwurf in
seinem Bau. Er hatte keine Frau und keine Kinder; ein ganz altes
Weiblein mit einer groen schwarzen Haube besorgte alles und war der
einzige Mensch, mit dem sich Ulebuhle vertrug, denn er war ein rechter
alter Knurrhahn.

Und wenn ihr nun fragt, wie er ausgesehen hat, der Doktor Ulebuhle, so
mu ich sagen, hchst schnurrig! Er war so gro, da er kaum durch die
niederen Tren des alten Hauses ging, und drr wie ein Pfeifenrohr. Das
Alter hatte sein Gesicht in tausend Runzeln zerrissen, es war bartlos
und von vielem Tabakrauch gebrunt wie eine alte Meerschaumpfeife, und
eisengraues Haar bedeckte das Haupt. Was aber ganz putzig aussah und uns
Kindern als das Sonderbarste vom Sonderbaren erschien, das war das
kleine Zpfchen, das dem guten Ulebuhle hinten ber den Rockkragen
baumelte. Ein Zpfchen, nicht lnger und kaum dicker als ein
Rattenschwanz, eisengrau, und mit einer winzigen schwarzen Schleife nahe
der Spitze. Mein Vater sagte mir zwar, und aus alten Bchern knnt ihr
das ja auch an den Bildern sehen, frher htten die Mnner _alle_ so
kleine Zpfchen getragen, und der gute alte Ulebuhle, der schon fast
siebenzig Jahre alt war, habe es sich nur nicht mehr abgewhnen wollen,
als die neue Mode kam und eines Tages schnipp-schnapp die ganzen Zpfe
von der groen Schere der Zeit weggeputzt wurden, aber das ist egal, es
sah doch zu schnurrig aus. Zudem trug er auch noch eine mchtige
Hornbrille, mit groen runden Glsern, und wenn er dann so bedchtig mit
den Augendeckeln klappte, dann sah das in Verbindung mit der Brille und
der scharfen Hakennase aus wie bei einer Eule oder Ule, wie die Leute
da unten sagen. So aber war auch sein seltsamer Name entstanden.
Eigentlich hie er nur Doktor Buhle, fr uns aber war er nur der
Ule-Buhle, und dabei blieb es!

In einem langen grauen zugeknpften Rock, Sommer und Winter mit
buntkarrierten Filzschuhen an den Fen, sa der Doktor Ulebuhle so, aus
der langen Pfeife blaue Rauchwolken von sich stoend, ber seinen
Bchern, seinen Instrumenten, und kmmerte sich um keinen Menschen in
der weiten Welt.

Aber wenn er auch wunderlich aussah, und wenn die Leute auch verstohlen
ber ihn lachten, sie zogen doch tief den Hut vor ihm, wenn er mal aus
dem Fenster schaute oder in seinem Garten die Bume beschnitt, denn er
war ein Mann, der so viel wute wie keiner in weiter Runde, die Lehrer
und den Pfarrer, die rzte und den Brgermeister mit eingeschlossen, und
das will was heien, denn von denen wollte doch auch einer immer mehr
wissen wie der andere. Er hatte viele gelehrte Bcher geschrieben, und
aus fernen Lndern schickten berhmte Professoren, die so weise waren,
da sie sich Tonnenbnder um den Kopf legen lassen muten, damit er
nicht vor lauter Wissen auseinandersprang, Briefe an unseren Ulebuhle
und baten um seinen Rat.

Wie aber, so werdet ihr fragen, kam nun der Doktor Ulebuhle dazu, diese
Geschichten zu erzhlen?

Das ging so zu: Da, wo das Haus des Doktor Ulebuhle stand, war ein
freier Platz, und ein Brunnenbecken stand darauf. Hier aber versammelten
wir Kinder uns am liebsten und lrmten da umher, wie eine Schar Spatzen
im Kirschenbaum. Das aber war schrecklich fr den Alten! Es strte ihn
ganz grlich bei seinem gelehrten Tun, und als all sein Schimpfen
nichts half, da versuchte er es auf einem anderen Wege. Er lie uns
einst, als wir an einem Sommerabend wieder um den Brunnen jagten, von
der alten Dienerin heraufholen, was ihm aber nur bei den Mutigsten
zunchst gelang. Mit einem seltsamen Schauder und mit einer noch
greren Neugierde betraten wir das sonst so fest fr jedermann
verschlossene Haus. Ulebuhle aber hielt uns eine lange Rede. Wir wren
zwar allesamt Taugenichtse, die noch einmal ein bles Ende nehmen
wrden, sagte er in einem seltsam knurrigen Ton, aber er wolle uns alle
Sonntagabend bei Kuchen und Tee schne Geschichten erzhlen, durch sein
Fernrohr den Mond und die Sterne zeigen und andere Dinge, wenn wir
versprchen, knftig nicht mehr um den Brunnen zu tollen und Blle in
den Garten zu werfen.

Und so geschah's! Erst kamen nur wenige, dann mehr, und schlielich
alle. Und die Geschichten waren sehr interessant, der Kuchen voller
Rosinen, und um den Brunnen war es still geworden, denn keiner wollte es
mit Ulebuhle verderben. Dieser aber war ein kluger Mann! Das waren
_keine gewhnlichen Mrchen_, die er da erzhlte, keine von Hexen und
Menschenfressern, von Prinzessinnen und verwunschenen Froschknigen und
all solchen Dingen, die es gar nicht gibt, sondern es waren Geschichten,
aus denen wir Kinder viel lernen konnten und viel gelernt haben, und nur
_scheinbar_ waren es Mrchen. So wie der Apotheker eine bittere Pille,
die uns kurieren soll, mit einer Zuckerhlle umgibt, damit wir sie
bereitwilliger schlucken, umgab der gelehrte Doktor seine _Erzhlungen
von all den wunderbaren Dingen der Natur_ mit einem Mrchenkleid.

Was ich behalten habe von diesen Geschichten, das habe ich hier
niedergeschrieben, und wenn ihr sie alle gelesen haben werdet, so habt
ihr eine ganze Masse gelernt von Sonne, Mond und Sternen, von Wolken,
Regen, Schnee und Wind, von Feuerbergen und Meerestiefen.

Wenn ihr aber etwas nicht verstanden habt oder mehr davon wissen
mchtet, dann schreibt mir nur und denkt, ich wre der Ulebuhle selber,
und dann will ich mir die Hornbrille aufsetzen, es sorgfltig lesen und
euch antworten, wenn auch nicht so knurrig und brummig wie Doktor
Ulebuhle.




                          Die versunkene Stadt


Ach, da unten im Sden ist es herrlich! So tiefblau ist der Himmel, wie
wir Nordlnder ihn gar nicht kennen. Eine warme Luft weht herber vom
Mittellndischen Meere, und wundervolle Blumen blhen. Lorbeerhaine
stehen am Ufer, und in sonnigen Grten leuchten Apfelsinen- und
Zitronenbume. Ja, es ist herrlich da unten im Lande Italien.

Seht, da pflgte an einem schnen Frhlingstage ein Bauer das Feld. Er
zog das blanke Eisen durch die dampfende Erde, die ein warmer Regen
aufgeweicht, und rauchte vergnglich seine Tonpfeife. Das war nicht weit
von dem spitzen Kegelberge, der da hoch aufragt wie ein mchtiger,
umgestlpter Napfkuchen, und den die Leute _Vesuv_ nennen. Und was der
Bauer konnte, das konnte der Berg auch! Eine feine Rauchsule stieg aus
seinem Gipfel, denn er ist ein feuerspeiender Berg und ein gefhrlicher
Bursche. Wenn er seinen Rappel kriegt, rumort er pltzlich los. Mit
Blitz und Donner fhrt das glhende Teufelszeug aus ihm heraus, heie
Asche und brennende Steine sausen durch die Luft und zerstren alles
ringsum. Dann ist der tiefblaue Himmel verschwunden, die Lorbeerhaine
verbrennen, die Apfelsinen- und Zitronengrten werden im heien Schlamm
begraben. Ach, dann ist es nicht mehr herrlich da drunten im Sden, im
Lande Italien.

Der Berg raucht, aber ganz friedlich nur, und der Bauer raucht
unbekmmert um ihn sein Pfeifchen, da fhrt sein blankes Pflugeisen
gegen ein hartes Ding. Ein Stein, denkt er und bckt sich, ihn aus dem
Wege zu rumen. Aber wie er das Ding aufheben will, ist es eine
wunderschne Bronzekanne, ein metallener Krug, wundervoll verziert. Wenn
man die Erde und Asche abscheuert, die ihn mit dicker Kruste berzieht,
sieht man, da er uralt ist, so, wie ihn die Menschen heute nicht mehr
herstellen.

Der Bauer freut sich wie ein Knig. Das ist eine gar seltene Erdfrucht,
denkt er, und nachdem er den Krug lange genug betrachtet, stellt er ihn
behutsam seitwrts. Sein Weib wird sich freuen, ein so feines Ding auf
ihrem Schrank zu haben.

Der Bauer pflgt und pflgt, und als der Mittag kommt und er eben
aufhren will mit seiner Arbeit, da sitzt das Eisen wieder fest und will
sich nicht mehr lsen. Ei, denkt der Bauer, bin ich ein Schatzgrber
heute! Er holt seinen Spaten und grbt das Ding heraus. Was ist es? Ein
riesiger Metall-Leuchter mit fnf Armen und Lwenfen, und ist wohl
einen Meter gro und so schwer, da man ihn kaum heben kann.

Der Bauer ist ein Pfiffikus. Er schiebt den Strohhut in den Nacken und
berlegt. Wo das gesteckt hat, kann noch mehr stecken, sagt er zu sich,
und so grbt er im Schweie seines Angesichts immer tiefer auf seinem
Acker und sieht, da da unten alles Asche ist, Asche, die der
feuerspeiende Berg wohl vor vielen Jahrhunderten ausgeworfen hat. Einen
niedlichen Handspiegel findet er noch, und ganz unten stt er auf
Mauerwerk und kann nicht weiter. Tief da unten mu also einmal ein Haus
gestanden haben, sagt sich der Bauer, denn wo wollte sonst das Mauerwerk
herkommen?

Da ldt er denn Krug und Leuchter und Spiegel auf seinen Wagen und fhrt
vergngt nach Hause. Ja, das war mal ein Glckstag fr einen armen
kleinen Bauersmann da drunten am Fue des Feuerberges!

Die Buerin ist voll Staunen ber die schnen Sachen und stellt sie
stolz in ihre gute Stube, aber sie sind so schn, da man merkt, sie
gehren gar nicht hin, wo die alten wackligen Tische, die Sthle mit dem
Strohgeflecht stehen.

Der Bauer sucht noch morgen und bermorgen, aber er findet nichts mehr.
Am Abend sitzt er vor seinem Huschen, schmaucht seine Pfeife und flickt
am Sattelzeug seines Esels. Sieh, da staubt es auf der Landstrae, und
eine Kutsche, mit zwei schnen Pferden bespannt, kommt dahergerollt.

Ein vornehmer Mann sitzt darin. Der Bauer grt und der Vornehme grt
freundlich wieder. Er lt halten.

Kann man einen guten Schluck Landwein bei Euch haben, guter Mann?
fragt der Vornehme.

Ei freilich, Euer Ehren! antwortet der Bauer.

Da steigt der Mann aus seinem Wagen und geht in das Haus. Er trinkt sein
Glschen Wein und sieht verwundert Leuchter und Kanne und Spiegel und
betrachtet sie von allen Seiten rundum, wieder und immer wieder.

Freund, sagt er endlich zu dem Bauer, wo habt Ihr diese Dinge her?
Das ist uralte wunderbare Arbeit. Vor Jahrhunderten, wenn nicht vor
Jahrtausenden mu diese Gegenstnde ein Knstler geschaffen haben. Sie
sind einen Scheffel Silber wert, und wie kommt es, da sie in Eurem
bescheidenen Hause stehen?

Ein Wort gibt das andere, der Bauer will erst nichts von seinem
Geheimnis erzhlen, aber als er merkt, da der Vornehme ein Mann von der
Regierung ist, da berichtet er, wie alles hergegangen.

Der Fremde nickt und hat verstanden, und dann sagt er, da er
wiederkommen werde, und bedeutet dem Bauer, seine Schtze wohl
aufzuheben, denn man wrde sie ihm zu hohem Preise abkaufen. Dann fhrt
er davon.

Nach drei Tagen rollen zwei Kutschen vor des Bauern Haus. Der Vornehme
ist wieder da, und noch sechs andere Herren in feinen Rcken und mit
goldenen Brillen auf der Nase sind bei ihm. Alle betrachten die alten
Schtze, und dann fahren sie hinaus auf den Acker und bedeuten dem
Bauer, mit einigen Arbeitern, mit Schaufeln und Picken nachzukommen.

Da graben sie denn bis zum Abend und graben da und dort und finden
berall unter der viele Meter dicken Aschenschicht Mauerreste, Teile von
Dchern, Sulen, auch manches kleine Kunstwerk noch, und endlich, gegen
Abend, das Knochengerst eines Menschen.

Da wissen die gelehrten Mnner, hier unter dem Acker liegt eine alte
Stadt. Eine Stadt, die vor vielen Jahrhunderten versunken ist,
verschttet wurde durch den Steinregen und Ascheregen, den der
feuerspeiende Berg da hinten ber die unglckliche Stadt schttete.

Freund, sagen die gelehrten Mnner zu dem Bauern, Ihr habt einen
groen Fund gemacht und sollt dafr reich belohnt werden, so da Ihr
Euch ein schnes Huschen kaufen knnt, und neue cker und wohl gar ein
Weingut. Diese Schtze aber und Euren alten Acker, den mt Ihr
freigeben, denn wit, Ihr pflgt ber einer versunkenen Stadt, die hier
unterging, bald nachdem Jesus Christus am Kreuze verschieden. Wir wissen
es lange aus alten Schriften, da hier zwei Orte standen, Herculanum und
Pompeji geheien, die der Vesuv verschttete. Ihr habt endlich ihre
erste Spur gefunden, und nun wollen wir sie wieder ausgraben, die alten
Stdte.

So sprachen die Mnner, und so geschah es. Der Bauer wurde reich
belohnt, er zog ein wenig weiter hinunter in die Ebene und wurde bald
ein wohlhabender Mann. Auf seinem Acker aber, und weit in der Runde,
ging es nun geschftig her. Hunderte von Arbeitern kamen, die
schaufelten und pickten Tag um Tag, Monat um Monat, rollten unablssig
die Aschenmassen fort, unter denen die alten Stdte versanken, und
langsam kamen sie zum Vorschein.

Ja, das war wie ein groes Wunder! Nach Jahr und Tag konnte man wieder
durch die Straen von Herculanum und Pompeji wandern, in die Huser
eintreten, die siebzehn Jahrhunderte frher versanken. Der alte Berg im
Hintergrunde, der noch immer ein klein wenig schmauchte, blickte
verwundert herber. Da kamen all seine Schandtaten wieder ans
Tageslicht. Der gute Mond aber, der sein bleiches Licht in die den,
toten Gassen der ausgegrabenen Stdte warf, machte ein verdutztes
Gesicht. Ja, vor siebzehn Jahrhunderten sah es hier anders aus, da
liefen frhliche Menschen in langen weien Gewndern in den Gassen
einher, spielten Kinder, tnte Gesang durch die Straen, fuhren hohe
zweirdrige Wagen mit schnen, krftigen Mnnern ratternd hinaus in die
Ebene. Nun war die Stadt tot, aber sie war wieder auferstanden, und der
alte Mond konnte wieder sein Licht auf die weien Wnde der Huser
werfen, die so lange Zeit unter der Erde verborgen waren, begraben durch
den rauchenden Berg.

Die Menschen aber wanderten durch die Ruinen und konnten sich nicht satt
daran sehen, wie hier ihre Vorvter gewohnt und gearbeitet, gelebt und
gelitten hatten.

Ja, da sah man noch alles so deutlich, als sei es erst gestern
geschehen! Die Straen waren grade und sauber, schne Tempel standen da
und kreisrunde Zirkus-Theater, Sulentore und steinerne Badehuser,
Grten und Trme. Wundervolle Malereien waren an den Wnden, Tische und
Bnke, Leuchter und Spiegel, Kannen und Krge, Teller und Messer, Betten
und Schrnke fanden sich noch berall in den Husern. Da sah man noch
allerlei Ankndigungen an den Mauern der Huser, sah noch allerlei
Kritzeleien, die auch damals schon ungezogene Buben eingeritzt, und
konnte in Kaufmannslden und Schenken, Apotheken und Bckereien
eintreten.

                   *       *       *       *       *

Noch heute ist das alles zu sehen, und wer hinunterreist nach dem
sonnigen Lande Italien, da, wo der Vesuv raucht, der sieht sie noch
jetzt so stehen, die versunkenen Stdte, kann dahinwandeln in den Gassen
und die Bilder beschauen, die vor fast zweitausend Jahren die alten
Knstler an die Wnde malten.

Aber wenn die Mnner, die die Stdte ausgruben aus dem Aschenmeer,
hineingingen in die Huser, dann fanden sie zusammengekauert die
Skelette der Menschen, die damals gelebt, die der Berg lebendig
begraben. Da konnte man sehen, wie die Mutter ihre Kinder an sich
prete, wie sie nahe der Tr kauerten, die nicht mehr aufging, weil der
Steinregen sie zusperrte. Da konnte man noch sehen, wie die Mnner sich
abgemht hatten, die Hauswnde zu durchbrechen, und fand in den Gassen
Fliehende, die vom Steinregen erschlagen wurden.

Ach, es war ein trauriges Bild, und es gab wohl Leute, die noch weinen
konnten ber die Armen, die vor vielen Jahrhunderten hier mitten im
friedlichen Glck des Hauses grausam gettet wurden von dem
schrecklichen Berge.

Kommt ihr hinunter in den schnen Sden, verget sie nicht aufzusuchen,
die Sttte des Schreckens: Herculanum und Pompeji!

                   *       *       *       *       *

Seht, da wandeln die kleinen Menschen vergngt auf der Erdkugel umher,
wie die winzig-winzigen Bazillen, die auf einem Apfel leben. Sie bauen
ihre Huser und Stdte, sie sen ihr Korn und pflanzen ihre Bume und
tummeln sich in tausenderlei Geschften. Aber die Schale eines Apfels
ist nur ganz dnn, und dann kommt das Fleisch, und die Schale der
Erdkugel ist auch nur ganz dnn, und drunten ist alles Glut und Feuer.
Die kleinen Menschlein aber spazieren da oben auf der Erdschale herum
und denken gar nicht daran, da unten das Feuermeer brodelt, wie in
einer wahrhaftigen Hlle. Die dicke Schale von Stein und Sand wird es
schon da unten schn beieinander halten, denken sie. Aber die Schale hat
tausend kleine Risse und Lchlein, und da hinein luft auch dann und
wann das Wasser des Meeres. Es rinnt durch allerlei geheimnisvolle Gnge
und Schluchten tief hinunter in die Gesteine, und pltzlich kommt es
dahin, wo das unterirdische Feuer glht und sprht. Da vermischt es sich
mit der heien Hllenglut, und mit einem Male ist der Teufel losgelassen
von seiner Kette. Die Hllenglut und das Wasser vertragen sich nicht.
Das dampft und zischt und explodiert wie Millionen Granaten, wie
hunderttausend Dampfkessel, und schleudert mit wilder Wut gegen die
Erdschale. Da reit sie entzwei, das wilde Feuer bricht aus dem Innern
hervor, schleudert Steine und Erde ringsum, und der feuerspeiende Berg
ist fertig. Aus dem Loch in der Erdschale aber fliet glhendes Gestein
als ein siedeheier Brei immer weiter hervor, heie Asche und Millionen
Steine schieen aus dem schrecklichen Berge, der sich ber dem
Hllenloch trmt, tagelang hervor wie aus einer Kanone, und alles
ringsum wird verwstet und vernichtet. Die Menschlein aber kriegen es
mit der Angst! Die Erdschale ist zerrissen, das wilde Feuer steigt
heraus, sie fliehen entsetzt von der grausigen Sttte.

                   *       *       *       *       *

Es war am 23. August des Jahres 79. Ein blauer Himmel lag ber dem
Meere, und aus Bltengrten zog ein ser Duft ber das Land. Die weien
Huser der Stdte Herculanum und Pompeji glnzten in der Sommersonne,
und im Hintergrunde stand der Kegel des Feuerberges, umgeben von grnen
Weingrten.

Die Menschen wanderten frhlich durch die Straen, saen bei allerlei
Handwerk vor ihren Htten, und die Kinder spielten zwischen den
steinernen Sulen der Torbogen. Am Abend, bei Sonnenuntergang, sollte in
dem groen Zirkus ein Wagenrennen sein, und die Frauen saen in ihren
Gemchern und schmckten sich.

Als die Sonne sich hinabsenkte zum Meere, da stand ber dem Berge eine
dunkle Rauchwolke, und wenn es einen Augenblick still war in den
Straen, hrte man unter der Erde ein dumpfes Brausen und Grollen, aber
niemand achtete darauf, denn jahrhundertelang war der brennende Berg
friedlich gewesen und die Menschen hatten vergessen, da er wie ein
Panter heimtckisch auf der Lauer lag, sie zu berfallen. Sorglos noch,
eilten sie festlich gekleidet zu dem Schauspiel, aber immer dunkler
stand ber dem Berge die Wolke, immer lauter grollte es in der Tiefe,
und ganz leise zitterte der Boden unter den Fen. Da wandten viele den
Blick zu dem Berge, und ein dunkles Ahnen kommenden Schreckens stieg auf
in den Herzen der Menschen.

Die Nacht verging noch ruhig, am nchsten Morgen aber stieg die Sonne
blutig rot auf, und unheimlich rumorte es in den Schlnden der Erde.
ber dem Berge stand eine seltsame schwarze Wolke, riesenhoch. Wie ein
Baum erhob sie sich und breitete sich in der Hhe aus gleich einem
breiten Bltterdach. Immer weiter und weiter schwebte ihre Masse, sie
verdunkelte die Sonne, machte den Tag zur Nacht, und ungeheure
Aschenregen senkten sich aus ihr hernieder. Dumpf grollte der Donner vom
Berge her, grelle Blitze zuckten durch die zunehmende Finsternis. In der
Ferne aber lag im Sonnenschein das Meer und die Kste, und in den
Ortschaften dort standen die Menschen und sahen entsetzt nach dem
furchtbaren Berge und betrauerten die Menschen, die an seinem Fue
wohnten.

Zur Mittagszeit ringelten sich pltzlich glhende Schlangen aus dem
Rachen des Berges hervor, flossen in die Weingrten, verbrannten alles
ringsum, zerstrten die Wohnungen der Menschen. Da liefen die Bewohner
von Herculanum und Pompeji wehklagend durch die Gassen, eilten mit ihrer
Habe fort aus der Stadt, weiter hinaus in die Ebene. Aber ein neues
Unheil kam vom Feuerberge! Aus seinem Innern scho ein unendlicher Hagel
von glhenden Steinen, stundenlang, tagelang, der erschlug Hunderte der
Fliehenden, und die Landstraen und Felder waren bedeckt mit Mnnern,
Weibern und Kindern, die in der tiefen Finsternis mitten im hellen Tag
untergingen. In Todesangst eilten die andern weiter, umwallt von der
sinkenden Asche, umrauscht vom Steinhagel, umzuckt von den Blitzen aus
der Hhe. Der Donner rollte. Aus dem Erdboden, der da und dort barst,
stiegen giftige Schwefeldmpfe auf, dunkelrot glhend krochen die
Schlangen des Feuerbreies, der dem Berge entquoll, immer weiter hinein
in die Ebene. Jeder dachte nur an die eigene Rettung. Der Freund verlie
den Freund, schreiend wlzte sich der Strom der Fliehenden dahin.

Mit Schiffen wollte man vom Meere her den Bedrohten Rettung bringen,
aber der Steinregen vertrieb die Seeleute, und einige, die gelandet,
erstickten in den giftigen Dmpfen, die dem Boden entstiegen.

Viele von den Einwohnern der unglcklichen Stdte waren in den Husern
zurckgeblieben. Sie frchteten in dem Steinregen umzukommen und
verkrochen sich in ihren Gemchern vor dem dichten Staub, der die Luft
erfllte. Da harrten sie der Stunde der Erlsung von all den beln. Aber
drei Tage und drei Nchte wtete der schreckliche Berg. Immer dichter
fiel der Staub, immer hher trmten sich die Steine. Die Huser
versanken darin, die Menschen wurden begraben in der heien Asche, und
jeder Laut erstarb.

Fern auf den Hhen aber standen die Bewohner glcklicherer Orte und
sahen Herculanum und Pompeji untergehen.

Als am vierten Tage der Himmel sich wieder ein wenig geklrt, das
unterirdische Rollen nachgelassen, die Sonne wieder ein wenig die noch
immer mit Asche gefllte Luft durchdrang, wagten sich mutige Mnner
heran an die Sttten des Grauens, aber keine Spur mehr fanden sie von
den Ortschaften, die hier gestanden. Bis an den Knien versanken sie in
der heien Asche, Herculanum und Pompeji waren vom Erdboden
verschwunden, versunken im Aschenmeer, und in der Ferne ragte der
Feuerberg dster und drohend aus der stauberfllten Luft.

Da wandten sie sich verstrt und traurig um und verlieen das weite
Aschenfeld, auf dem vor wenig Tagen noch zwei reiche Stdte gestanden.




                           Der Wassertropfen


Kinder, sagte der Doktor Ulebuhle, heut will ich euch die
Lebensgeschichte eines winzigen kleinen Tropfens erzhlen, den ihr alle
kennt und der euch schon berall in der Welt angenehm und unangenehm
begegnet ist, und dieser kleine Wicht ist der _Wassertropfen_!

Ulebuhle, das wird aber nur eine kurze Geschichte werden, denn so ein
Wassertropfen ist eins, zwei, drei hin und beim Teufel, und dann ist die
Geschichte aus!

Schnedderengteng, ihr Naseweise und Galgenvgel! schnob der Alte los
und putzte sich mit seinem groen, buntgeblmten Taschentuch die
Hornbrille. Erst einmal abwarten! Und wem's nicht pat, der drckt
sich. So ein Wassertropfen hat mehr erlebt als ihr, und ist vor allen
Dingen ntzlicher und alten Leuten weniger rgerlich.

Da saen wir Kinder denn schnell nieder, schluckten unseren Tee und
hackten mit dem Sgewerk unserer Zhne gewaltige Stcke aus dem Kuchen
der alten Christine, denn der war allemal gut und voller Rosinen.

Seht, hub der alte Ulebuhle an, da sa ein kleines Mdchen im Garten
auf der Rasenbank unter dem Holunderbusch, und eine Trne rann ihm ber
die Wange. Des Mdchens Mutter war zu Grabe getragen worden, und das ist
der traurigste Augenblick im Leben eines Menschen, denn Leute gibt es
viele auf der Welt, aber nur _eine_ Mutter. -- Die Trne funkelte wie
ein Diamant auf der Wange des Mdchens, denn die liebe warme Julisonne
spiegelte sich in ihr. Das war die Geburtsstunde unseres
Wassertrpfchens, denn eine _Trne_ ist ja nichts anderes als ein
Wassertropfen edelster Art; der Schmerz ist seine Mutter.

Aber unser Wassertrpfchen selbst war gar nicht traurig. Dem kleinen
Wicht gefiel es ganz gut auf der Welt. Er sa da schn weich und warm
und liebugelte mit der Frau Sonne, die hoch oben im Blauen stand, als
unentgeltliche Zentralheizung im groen Weltgebude. Da hinauf zu der
hellen Lampe mchte ich auch einmal, dachte das Trpfchen, und es war,
als ob es die Sehnsucht nach der Sonne verzehrte, denn es wurde immer
kleiner und kleiner, und schlielich ward es ganz unsichtbar fr ein
menschliches Auge.

Nun denkt ihr sicher, die Geschichte ist aus, denn der Tropfen ist fort,
wie wir es gleich anfangs gesagt haben, und der alte Ulebuhle ist zu
Ende mit seinem Latein. Aber da irrt ihr sehr, ihr Grnspechte, denn
jetzt fngt meine Geschichte eigentlich erst richtig an. Glaubt nur ja
nicht, da der Wassertropfen nun nicht mehr vorhanden war, weil man ihn
nicht mehr _sehen_ konnte. Es geht berhaupt nichts verloren in der
Welt, denn das wre eine schne Trkenwirtschaft. _Alles bleibt
bestehen, nur die Form ndert sich._

Unser Trpfchen hatte sich in der Sonnenwrme in lauter winzige
Wasserblschen aufgelst, die so hnlich beschaffen waren wie eine
Seifenblase, nur unendlich winziger. Da schwebten sie nun hin in der
lauen Luft, und der Wind trieb sie langsam vor sich her. So kamen sie
schlielich ber eine groe Heide, wo dnne Kiefern im heien Sande
standen. Der Sand war so warm, da er die Luft erhitzte, und wie die
heie Luft im Zimmer emporsteigt, zur Decke, so auch hier. Der Luftstrom
strebte aufwrts, immer hher und hher, und nahm die Blschen unsres
Wassertropfens mit sich, hoch hinauf in den blauen ther. Ein Flieger
sauste schnurrend vorber und htte beinahe die Teilchen des Tropfens
auseinander gewirbelt, und dann wre es um ihn geschehen gewesen, aber
es ging noch einmal gut ab.

Da oben war es empfindlich kalt, und wie die Wrme die Teilchen des
Tropfens auseinandergezogen hatte, so _verdichtete_ sie die Klte
wieder, und mit vielen tausend Millionen anderen zusammen bildeten die
Wasserteilchen eine _Wolke_. Weit da drunten lag die Erde, mit winzigen
Drfchen, und das kleine Mdchen, das hinaufsah zu der weien Wolke, die
da in der Hhe wie ein Schiff hinsegelte, dachte gewi nicht daran, da
in ihr der Wassertropfen schwebte, der als Trne aus ihrem Auge
geflossen war. Seht, so geht es oft im Leben, da wir an einem guten
alten Bekannten vorbeigehen und ihn nicht erkennen, weil er alt und grau
geworden ist und einen anderen Rock an hat als damals, als wir mit ihm
gut Freund waren!

Der Wassertropfen segelte in der Wolke weit ber Lnder und Meere und
dachte ein ber das andere Mal: Wie gro ist doch die Welt und wo
berall wohnen doch Menschen! -- Als der Abend kam, da war die Wolke
drunten im Sden, ber dem Mittellndischen Meere, und in der Ferne
blinkten die Lichter der italienischen Kste. Aus dem Meere aber stieg
immer mehr Feuchtigkeit empor zu den Wolken, so da die Luft das viele
Wasser nicht mehr tragen konnte, denn es war nach Sonnenuntergang sehr
khl geworden, und die Wasserteilchen hatten sich immer mehr
zusammengeballt, bis es wieder Tropfen wurden. Da beschlo denn die
Luft, die ganze Gesellschaft einfach abzuschtteln. Der Wind brauste
daher, und mit Millionen anderen fiel unser Wassertropfen aus der Wolke
nieder, schneller und schneller. _Er war zum Regentropfen geworden!_

Drunten rollten die grnlichen Wellen des Meeres. Ein groer Dampfer mit
roten, grnen und weien Lichtern rauschte in voller Fahrt daher und
warf mchtige, weischumende Strudel mit seiner Schiffsschraube auf.
Die Steuerleute standen auf ihrem Posten und sphten scharf hinaus in
das Dunkel. Ganz in der Ferne sah man ein helles Licht, das abwechselnd
aufblitzte und wieder verschwand; das war der Leuchtturm der
Hafeneinfahrt von Neapel. Wir mten schon lange im Hafen sein, sagten
die Steuerleute, und nun fngt es auch noch an zu regnen! Und dann
schimpften sie ber Wind und Wetter, denn es ist kein Vergngen fr
einen Seemann, in Sturm und Regen auf dem Posten zu sein.

Klatsch! Da lag unser Regentropfen pltzlich im Meer und hatte seine
Reise von der Wolke zur Erde vollendet. Das ist doch endlich wieder
etwas Reelles, dachte er. So als Luftikus in den Wolken zu schweben ist
eine gefhrliche Sache, denn man kann nie wissen, wo man hinfllt,
wenn's abwrts geht. Aber so im Ozean zu schwimmen, wo man eigentlich
hingehrt von Rechts wegen, das ist eine sichere Sache. Aber o weh, es
kam ganz anders! Er war noch nicht eine Minute im Meer, da brauste mit
voller Fahrt der Dampfer daher, und man hrte das taktfeste Stampfen
seiner Maschinen. Und so eine groe Schiffsdampfmaschine ist ein
gefriges Ungeheuer, das gierig Kohlen und Wasser verzehrt, um den
Dampf zu erzeugen, der die Schiffsschrauben in Bewegung erhlt, die den
Dampfer vorwrts treiben. Da war eine Saugpumpe seitwrts am Schiff, und
die saugte grade in dem Augenblick, als unser Wassertropfen an ihr
vorbeiglitt, mit breitem Maul neues Wasser in den Schiffskessel, um das
verbrauchte zu ersetzen.

Das Trpfchen fhlte sich pltzlich ergriffen, in einem rasenden Strudel
fortgerissen und langte wenige Sekunden spter _im Schiffskessel_ an.
Herr Gott, war das eine schreckliche Geschichte! In diesem eisernen
Ungetm war eine Siedehitze, denn gewaltige Feuergluten durchstrmten
die Kesselrhren, um das Wasser in Dampf zu verwandeln. Dem Trpfchen
wurde weh und bel; es wurde von der Hitze gezwickt und gezwackt und
auseinandergezerrt, und schlielich war es wieder in seine Teile
aufgelst, war _Wasserdampf_ geworden, der unter ungeheurem Druck
wallend und zischend in ein enges Rohr hineingepret wurde. Es geht ans
Leben, dachte das Trpfchen, das eigentlich keines mehr war, jetzt ist
es aus mit mir, das kann kein Teufel berstehen, und ich bin ein
verlorener Mann! Auf einmal tat sich eine winzige ffnung vor ihm auf,
die fhrte in den Zylinder der Dampfmaschine. Mit ungeheurer Gewalt
scho der Dampf da hinein und drckte, voll Wut ber die schlechte
Behandlung, die ihm im Kessel widerfahren, gegen den dickschdligen
Kolben, der ihm den Weg versperrte. Dieser wich verblfft zurck, schob
die Kolbenstange vor sich her, und die gab den Sto wieder weiter an die
riesige Kurbel, die die Schiffsschraube drehte und das Schiff vorwrts
trieb.

Weiter aber wollte man auch gar nichts von den Wassertropfen, die das
vollbracht! Der Dampf entwich durch eine ffnung, da war es wieder khl,
und die Blschen schlossen sich wieder eng aneinander und bildeten
Tropfen. So kam denn auch unser kleiner Wicht wieder aus der Hlle
heraus und rann durch einen Wasserhahn ins Meer.

Seht, Kinder, sagte der alte Ulebuhle, so ist das nun in der Welt!
Wenn einer arbeiten soll, dann geht das nicht ohne Plackereien ab, und
man hat seinen rger dabei, aber wenn's vorber ist, dann sieht man
doch, da man was Ntzliches getan hat, und das ist auch was wert, und
der Mann im Arbeitskittel ist allemal mehr wert als der Nichtstuer, und
wenn sein Rock noch so verbrmt ist!

Es ist doch nicht zu sagen, was man alles erlebt, dachte das Trpfchen.
Htte ich wohl je geglaubt, als ich im Sonnenschein auf der Wange des
kleinen Mdchens schwebte, da ich noch einmal helfen wrde, einen
Dampfer nach Neapel zu treiben?! Es geht schnurrig zu in der Welt.

So schwamm denn das Trpflein mit den _Wellen_ dahin und erholte sich
von den ausgestandenen Schrecken, denn es war ganz vergnglich, so an
den sonnigen Ksten des Sdens, mit ihren Orangen- und Olivenhainen,
dahinzutrollen und den Italienern und Spaniern beim Singen ihrer
Nationallieder zu lauschen. Um die Mittagszeit brannte die Sonne aber
derart auf die See nieder, da viel Wasser _verdunstete_ und als feiner
blulicher Schleier trge ber Meer und Kste lag. Die Leute, die
drauen auf den Feldern und in den Grten arbeiteten, bekamen rote
Kpfe; fortwhrend wischten sie den Schwei von der Stirne und sagten
ein ber das andere Mal: Puh, wie ist es schwl!

Auch unser Wicht schwebte wieder mit in dem warmen Dunst, und es war
recht langweilig, denn auch der Wind schlief, und so blieb die ganze
Gesellschaft immer an derselben Stelle, in der Eintnigkeit. Erst gegen
Abend erwachte der Wind, und langsam trieb er den Wasserdampf vom Meere
hinweg, hinber zur afrikanischen Kste. Hier war der weie Sand von der
Sonnenglut erhitzt wie eine Ofenplatte, und die Hitze trieb den blauen
Dunst empor wie einen Luftballon, bis er hoch im Blauen schwebte. Hier
aber war es eisig kalt, und aus den Wasserteilchen schuf der Frost
winzige spitze Eisnadelchen, bis eine ganze _Wolke von Eisnadeln_
entstanden war. Das geschah in sehr groer Hhe, wohl zehntausend Meter
ber der Erde, und nur die allerhchsten Wolken schweben so fern vom
Erdboden, wo kein Flieger und kein Luftschiff mehr hinaufsteigt. Es
waren aber auch ganz besondere Wolken. Die Leute, die sie von der Erde
aus sahen, sagten erfreut: Ei seht, was fr seltsame Wolkenfederchen da
oben hinziehen. Es sieht aus, als habe der alte Petrus seine Bettdecke
ausgeschttelt!

Der scharfe Wind trieb die Eisnadelwolken nach Norden, bis sie ber
hohen, schneebedeckten Bergen standen, und das waren die _Alpen_. Tief
drunten waren wunderschne grne Wiesen, auf denen bei den Almhtten
Khe weideten, und noch tiefer niedliche Drfchen. Droben aber
glitzerten die Gipfel von Eis und Schnee, und es war ganz einsam und
still.

Langsam senkte sich die Wolke infolge ihrer eigenen Schwere immer
tiefer, und die winzigen Eisnadeln drngten sich aneinander und wurden
zu wundervollen Sternchen, so schn, wie sie der grte Knstler nicht
zierlicher htte herstellen knnen, und dann fielen sie langsam, langsam
zur Erde nieder: _Es schneite!_

So war aus unserem Wassertropfen ein kunstvolles Wunderwerkchen
geworden, ein _Schneesternchen_, und das hatte der Knstler Frost
geschaffen, ohne alle Werkzeuge, und zu Millionen in einer einzigen
Minute! Das Sternchen wirbelte nieder, andere gesellten sich unterwegs
zu ihm, legten sich daneben, darauf und darunter, und so entstand eine
Schnee_flocke_, und mitten darinnen hauste unser winziger Wicht.

Die Schneeflocke fiel hoch oben in den Bergen zu Boden, und da lag sie
mit Milliarden zusammen, und Milliarden neue kamen hinzu und legten sich
darber. Da lag nun die ganze feuchte Gesellschaft, und es war eine
hchst langweilige Geschichte, denn es war da oben de und kalt, und man
war gefangen. Das Wassertrpfchen seufzte sehr und dachte darber nach,
wie schn es doch war, da oben im Blauen umherzusegeln, und wie warm die
Sonne da drunten an den Gestaden des Mittelmeeres gewrmt hatte, wo
lustige Menschen in bunten Gewndern lustige Lieder sangen, und wie
wechselreich doch berhaupt das Leben war.

Aber nichts ist ewig, und alles nimmt einmal ein Ende! Eines Tages, als
das zu Eis erstarrte Wichtlein da oben in den Bergen monatelang gelegen
hatte, kam der Frhling ins Land gezogen, und vor ihm her zog mit
brausenden Liedern sein Herold, der Tauwind. Der kam auch in die Berge
und machte die Schneemassen weich und schmiegsam. Sie kamen langsam ins
Rutschen und wurden nur noch durch eine schrge Gesteinsplatte
notdrftig festgehalten, aber das Trpfchen sah ein, da sie da wohl
nicht lange wrden hngen bleiben, und da die geringste Kleinigkeit
hinreichen wrde, sie allesamt hinabzuschleudern in die Tiefe. Das war
eine gefhrliche Sache, aber unser Wicht konnte nichts daran tun, sie zu
ndern, denn er war einfach in der Masse gefangen.

Unten im Tal lag ein Drfchen mit niedlichen Tiroler Huschen und
freundlichen biederen Leuten darin. Zuweilen, wenn der Frhlingswind so
recht bermtig durch die Gassen pfiff, nahmen die Bauern die Pfeife aus
dem Munde, guckten bedchtig herauf zu den Berghngen droben, und
sagten: No, jetzt mu ma fein Obacht gebn. Ds is die Zeit, wo die
Lhn[1] zu Tal kimmen!

Eines Tages, als wieder neuer Schnee gefallen war und die Luft besonders
still und warm erschien, zog der Schmlzler-Seppl seine langen Stiefel
an und stieg hinauf zur kleinen Sennhtte auf den Bergwiesen. Und wie er
so dahinstapfte und bald oben war, da sauste es pltzlich hoch droben
gar sonderbar, und eh der Seppl noch recht zur Besinnung kam, da brauste
eine ungeheure weie Masse auf ihn zu: _eine Lhn oder Lawine!_ Wre der
Schmlzler-Seppl grade mitten davor gewesen, so war's um ihn geschehen,
so aber war er etwas seitwrts. Die riesigen Schneemassen warfen den
guten Seppl um, drehten ihn siebenmal umeinand, so da seine Arme und
Beine wie Windmhlenflgel umherwirbelten, und dann war er pltzlich
mitten in der zu Tal sausenden Schneekugel eingebacken wie eine
Speckgriebe in einem Kartoffelkndel. Da rollte er denn schneller, als
er hinaufgekommen war, mitten in der weichen Masse wieder hinab ins
Dorf. Sie prallte gegen einen Heuschober und zerfiel, und die
erschreckten Leut, die angsterfllt aus ihren Huschen herausgestrzt
waren, sahen, wie sich der gute Schmlzler aus dem weichen Grab, das ihn
nur wenige Minuten beherbergt hatte, herausarbeitete und humpelnd und
fluchend in der Lawinenkugel seine Pfeife suchte.

Die Hauptmasse der Lawine aber hatte Gott sei Dank das Dorf seitwrts
liegen lassen. Fauchend und krachend, riesige Bume wie Zndhlzer
abknickend, kam sie angestrmt, und ein heftiger Sturmwind ging ihr
voraus. Sie verwstete einen groen Teil des Waldes, schlug eine groe
Scheune wie eine Zigarrenkiste zusammen, und dann kamen ihre Massen
endlich an einer Berglehne, wo ein Bach flo, zum Halten. Da waren denn
die guten Tiroler Leut von Herzen froh, denn vor ein paar Jahren erst
hatte eine solche Lawine den ganzen Ort begraben und Menschen und Vieh,
Huser und Scheunen vernichtet.

Aber wie war die Masse dort oben ins Rollen gekommen? O, sehr einfach!
Ein Raubvogel hatte sich nur einen Augenblick ganz hoch oben
niedergelassen, und als er wieder abstrich, da rollten unter seinen
Krallen lose Eisstckchen bergab, um die sich der weiche Schnee
herumrollte zu einem Ball, der immer grer und grer wurde, und als
der Ball dann die mchtige berhngende Schneeschicht erreichte, in der
unser Wassertropfen gefangen lag, da ri er sie mit sich, und nun wuchs
und wuchs die Masse ins Ungeheure und strzte als Lawine donnernd zu
Tal.

Unser Wicht hatte natrlich von all dem nichts gesehen, und es dauerte
lange, ehe er aus seinem Gefngnis befreit wurde. Erst als die Sonne Tag
um Tag immer lnger und wrmer schien, taute die Schneemasse hinweg, und
endlich kam auch des Wichtes Befreiungsstunde! Da war wieder der blaue
Himmel ber ihm, und die liebe Sonne streichelte den erfrorenen Gesellen
mit ihren Strahlenfingern. Da taute sein Herz auf, er wurde wieder der
Wassertropfen und rann in den unter ihm murmelnden Bach, der frisch und
klar dahinflo.

Das war frwahr ein lustigeres Leben, als so still und gebunden im Eise
zu stecken! Das Bchlein hpfte von Stein zu Stein, durchflo das Dorf,
kam durch saftige Wiesen und dann in einen lieblichen Talgrund. Da war
es ganz reizend, und eine Wassermhle klapperte zwischen grnenden
Buchen. Der alte Mller hatte eine weie Mtze auf und nagelte hinter
dem Hause an einer Schiebkarre, vorn aber, am Mhlenwehr, stand sein
Gesell und seine Tochter, und die beiden hatten sich so viel schne
Dinge zu sagen, da sie Gott und die Welt und die Mhle drber vergaen.
Das Wassertrpfchen flo durch die dicke Holzrinne, die zum Mhlrad
fhrte, strzte rauschend in dessen breite, mit Moos bewachsene
Speichen, so da es sich knarrend drehte und drinnen die Mahlsteine die
Weizenkrner knirschend zu Mehl zerrieben, und lief dann unten wieder
hurtig im Bach davon. Es konnte grade noch sehen, wie der Mllerbursch
die schmucke Dirn fest an seine rotsamtene Weste drckte, und wollte
gern zuschauen, wie die Geschichte weiter gehen wrde, aber da bekam ihn
ein Strudel beim Schopf zu fassen und wirbelte ihn hinweg. -- So geht es
immer in der Welt! Wenn es anfngt interessant zu werden, mssen wir von
dannen, und die Geschichten haben dann keinen Schlu!

Der Tropfen rann noch manchen guten Kilometer im Bach dahin, dann aber
wurde der dnner und dnner, denn er lief ber brchiges Gestein hinweg,
und das Wasser sickerte durch tausend Ritzen hinab in den Erdboden. Da
war es stockdunkle Nacht und wenig interessant. Die Tropfen wanden sich
mhsam durch tausend feine Kanle und Lcher und sanken tiefer und
tiefer in die Felsenmassen. Allerlei Gestein durchrieselten sie, kamen
an Eisenlagern und Silberadern vorber und lsten allerlei Salze auf,
die da im Scho der Berge ruhten. Schlielich aber traten all die
versickerten Trpfchen als Quelle wieder ans Tageslicht. Khl und klar
war das Wasser, und es schmeckte ein wenig nach den Salzen, die es
gelst, weshalb die rzte meinten, es sei gut fr die Leute, die sich
ein zu rundes Buchlein angemstet htten.

Da, wo die Quelle aus dem Gebirge austrat, war eine schne Stadt, und
der Magistrat dieser Stadt hatte deshalb die Quelle auffangen lassen und
leitete das Wasser durch viele tausend Rhren in alle Huser. So kam
denn auch unser Tropfen, kaum da er das Tageslicht wieder gesehen
hatte, abermals ins Dunkle und durchsauste all die Eisenrhren, bis er
schlielich in einem groen Hause vor einem blanken Messinghahn stehen
blieb, der hier wie ein Portier auf Posten stand und niemand durchlie.
Dieses groe Haus war aber eine Universitt, und da war es wie in einer
Schule. Es waren viele Zimmer darinnen, mit Bnken, und davor stand ein
Pult, und bei dem Pult war eine groe schwarze Tafel, auf der die Lehrer
lauter gelehrte Dinge aufschrieben. Diese Lehrer aber hieen Professoren
und muten ohne Rohrstock lehren, denn ihre Schler waren junge Herren,
von denen manche schon einen stattlichen Schnurrbart hatten. Sie trugen
bunte Mtzen und hieen Studenten, und darauf waren sie sehr stolz.

In einer dieser Lehrstuben ging es ganz besonders gelehrt zu. Da stand
ein berhmter Professor an seinem Pult. Er war so gelehrt, da die
Gedanken, die aus seinem Kopfe gekommen waren, im Laufe der Jahre
smtliche Haare mitgenommen hatten, aber das war fr den Professor ein
Glck, denn wenn er weniger kahlkpfig gewesen wre, htten ihn die
Leute fr weit weniger gelehrt gehalten. Und dieser Professor hielt eine
Rede und sagte:

Meine Herren! Alle Menschen brauchen vom ersten bis zum letzten Tage
ihres Lebens Wasser, aber die wenigsten wissen, woraus das Wasser
eigentlich besteht. Vor hundertfnfzig Jahren wute es berhaupt noch
kein Mensch, aber damals haben es ein paar englische Gelehrte
herausbekommen. _Das Wasser besteht aus zwei unsichtbaren luftigen
Krpern, oder wie die Gelehrten sagen, aus zwei Gasen, nmlich aus
Wasserstoff und aus Sauerstoff._ Beide allein sind so unsichtbar wie die
Luft, die wir einatmen, aber wenn man sie miteinander vereinigt, dann
entsteht Wasser. Damit Sie mir das auch glauben, will ich hier vor Ihren
Augen das Wasser in seine beiden Luftarten auflsen, und nachher will
ich aus den beiden Luftarten wieder Wasser machen.

Der Professor winkte seinem Gehilfen, und der ging an den Hahn der
Wasserleitung und lie das Wasser in ein seltsam geformtes Gef
hineinlaufen. So kam denn auch unser Wassertrpfchen mit hinein in die
gelehrte Versammlung. Es war sehr stolz darauf, denn es ist immer eine
Ehre, der Wissenschaft zu dienen, aber bald wurde ihm schlimm und weh
zumute, so hnlich wie damals, als es im Dampfkessel des Schiffes
gewaltsam in seine Bestandteile zerrissen wurde. Der Professor steckte
nmlich zwei Drhte in das Gef und schickte durch diese einen
elektrischen Strom, und da wurde die Sache sehr unangenehm. _Der
elektrische Strom zersetzte das Wasser_, so da an den beiden Drhten
unablssig Gasblasen aufstiegen, am einen Draht Wasserstoff und am
anderen _Sauerstoff_. So wurde unser Trpfchen ein Opfer der
Wissenschaft. Es wurde gewissermaen auf elektrischem Wege hingerichtet,
wie die Mrder in Amerika. Es htte gern geweint, da es aber nur aus
_einer_ Trne bestand, so wre es Selbstmord gewesen. So sehr sich der
Wicht auch zu verkriechen suchte, wie die Buben im Wartezimmer des
Zahnarztes, endlich war auch die Reihe an ihm, und er verwandelte sich
in zwei Gase, die emporstiegen in dem Glasgef. Schlielich aber war
alles zu Ende. Es war keine Spur Wasser mehr in dem Glase zu sehen, es
hatte sich in Wasserstoff und Sauerstoff verwandelt, die unsichtbar da
oben schwebten.

Aber was ein richtiger Gelehrter ist, der macht nichts halb, und so ging
denn auch unser Professor daran, aus den beiden Gasen wieder Wasser
herzustellen. Er lie die beiden Gase zusammenstrmen im Glasgef, und
dann sandte er mit Hilfe einer Elektrisiermaschine starke elektrische
Funken hindurch. Da verbanden sich die Gase wieder zu Wassertropfen und
rannen zu Boden.

Die Zuschauer fanden das sehr nett, und sie gaben ihren lebhaften
Beifall kund, indem sie gewaltig mit den Fen trampelten. Der gelehrte
Professor aber machte eine kleine Verbeugung und schritt erhobenen
Hauptes von dannen.

Das Trpflein lag nachdenklich im Glase. Es war gestorben und wieder
auferstanden, und sein innerstes Wesen war ihm hier enthllt worden,
denn woraus es eigentlich bestand, darber hatte es bisher noch niemals
nachgedacht. Aber lange Zeit zum berlegen hatte es nicht, denn die
Stunde war aus, und alle verlieen den Saal. Da kam denn auch der Diener
und go das Wasser in das Leitungsbecken, und da rollte es wieder durch
viele Rhren und kam endlich auerhalb der Stadt wieder zum Vorschein,
flo in einem breiten Graben dahin, der durch Wiesen ging, und endlich
endete ein Teil des Wassers in einem _Dorfpfuhl_, mitten zwischen Grten
und Feldern und Scheunen.

Hier riecht es wenig vornehm, dachte das Trpflein, und ein furchtbares
Lumpengesindel treibt sich herum. Da schwamm eine leere Medizinflasche
einher, ein paar Weinkorke, die sehr aufgeblasen taten, dann trieb ein
zerrissener Kinderschuh vorber, Seiten aus einem Lesebuch, und
Strohhalme und drre Bltter. Ratten liefen am Rande hin, und ein paar
Enten schnatterten umher. Am schlimmsten aber waren die vielen winzigen
Tierchen, die da im Wasser umherwirbelten und so klein waren, da
Hunderte in einem einzigen Tropfen herumschwimmen konnten. Zwei Buben
kamen daher, die waren auf einer Landpartie, und da es hei war, fllten
sie hier ihre Flaschen, und tranken von dem Wasser. Wenn sie gewut
htten, was alles fr Gesindel darin umherwirbelte, htten sie es wohl
gelassen, wie es ihnen ihr Lehrer schon oft geraten. Aber Buben sind
allemal Taugenichtse und wissen alles besser!

Das war kein schnes Leben hier fr unseren Wicht. Da sieht man, sagte
er zu sich selbst, wie man herunterkommen kann, ohne eigene Schuld! Vor
wenig Stunden noch in einer gelehrten Gesellschaft auf der Universitt,
und nun unter diesem Lumpengesindel, das aus allen schmutzigen Gossen
zusammengelaufen ist. Pfui Deubel!

Aber auch das nahm ein Ende, denn der Reinliche und Anstndige kommt
doch schlielich immer wieder auf die Beine, wenn er auch mal Unglck
haben kann. Da kam eines schnen Morgens der Weinbauer Jochen daher, mit
seiner groen Wassertonne, die der Braune mit Hh und Hott langsam ins
Dorf zog. Am Teich machten sie halt, und ein Eimer von dem trben Wasser
nach dem anderen wanderte in die Tonne, bis sie voll war. Und dann
trabte Bauer Jochen mit seinem Braunen wieder mit Hh und Hott von
dannen, hinaus zu den Weinpflanzungen. Da go der Jochen das Wasser
zwischen die Weinstcke, und es sickerte in den Boden zwischen all dem
Wurzelwerk, das von der Hitze ganz ausgedrrt war.

_Da drang unser Tropfen durch die feinen Poren der Weinstockwurzeln
langsam hoch empor in den Stamm_, in die feinen Stiele, und endlich in
die noch winzigen grnen Weinbeeren, durch die das helle Sonnenlicht
hindurchschien. Da drinnen aber war es ganz merkwrdig. Wie in einer
chemischen Fabrik. Das Sonnenlicht und die Sonnenwrme zersetzten das
Wasser und die Stoffe, die es aus dem Erdboden mit heraufgebracht hatte,
und ganz feine Strme von Sften zogen hin und her und lsten endlich
auch unseren Tropfen mit auf, _so da er Weinsaft wurde_.

Und dann kam der Herbst! Da wurden die Bltter bunt, und berall wehten
Fahnen, und geputzte Burschen und Mdel zogen in die Weinberge, und die
Musikanten spielten einen lustigen Lndler nach dem anderen, denn es war
Weinernte, und in ungeheuren Massen wanderten die vollen, sen, reifen
Trauben hinab von den sonnigen Hhen zu den Pressen, wo ihnen der Saft
entzogen wurde, um in die Weinbottiche zu wandern, und endlich in die
Fsser und spter dann in die Flaschen.

So hatte auch unser Tropfen sich unter den Zauberkrften der Sonne in
Wein verwandelt, und dann lag er lange Jahre in einer staubigen Flasche
tief unten im Keller, wo die Spinnen ihre kunstvollen Netze zogen und
die Muse wisperten. Dann aber hatte auch das ein Ende, denn der alte
Doktor Ulebuhle schrieb an seinen Freund, den Weinhndler drunten am
Rhein, er mchte ihm noch so ein Dutzend Flaschen senden von dem guten
alten Rheinwein, und da wurde denn auch die Flasche mit herausgenommen,
in der unser Trpfchen so lange gefangen sa. Hier ist sie, ihr Racker,
nun seht sie euch an!

Damit langte der Doktor Ulebuhle hinter sich auf den Tisch und stellte
eine verstaubte Weinflasche vor uns hin.

So, sagte er, zog schnalzend den Pfropfen aus dem grnen Flaschenhals
und go sein Glschen voll, nun habe ich mir die Zunge wund und den
Gaumen trocken geredet, ber den Wassertropfen und seine Abenteuer, und
nun soll er selbst mich wieder laben und meinen Durst stillen, denn hier
funkelt er golden im Glase. Wer's aber nicht glaubt, der lt es bleiben
und trollt von dannen!




                          Gespenster-Heinrich


Wenn wir zum alten Ulebuhle wollten, dann muten wir durch eine stille,
dunkle Gasse, und in der lag ein uralter Klosterfriedhof mit
windschiefen Kreuzen und hohen alten Bumen, in denen klagend der Wind
harfte. Das war denn am Abend immer so ein bichen gruselig, wenn wir
Greren auch so taten, als ob wir uns vor Hlle und Teufel nicht
frchteten. Wir gingen dann immer nahe beieinander und auch merklich
schneller, denn so ganz behaglich war es uns doch nicht da in der
Dunkelheit. Einmal aber war ein kleines Mdchen hinter uns
zurckgeblieben. Und wie sie nun so dahintrappte, kam etwas Weies ber
die Kirchhofsmauer geflattert. Es war nichts weiter als ein Leinentuch,
das der Pfrtnerin von der Wscheleine geflogen war, aber es gengte, um
die kleine Urschel in Todesangst zu versetzen, weil sie glaubte, ein
Gespenst sei hinter ihr her. Da lief sie denn laut kreischend und
weinend nach und kam noch immer weinend bei der alten Christine und dem
Doktor Ulebuhle an.

Die alte Christine brachte Tee und Kuchen und trstete unsere ngstliche
Kameradin, aber der Doktor Ulebuhle ging knurrend und brummend auf
seinen mchtigen Filzschuhen im Zimmer umher und schimpfte ber das
unvernnftige Weiberzeug und ber die Mgde und Ammen, die den Kindern
Gespenstergeschichten erzhlen und sie so verngstigen, da sie in kein
dunkles Zimmer zu gehen wagen.

Kinder, sagte er, die Toten kommen nicht wieder heraus aus ihren
Grbern, um kleine Mdchen zu erschrecken. Sie schlafen da unten im
Frieden und bewegen kein Zehenspitzchen mehr. _Gespenster gibt es
nicht_, aber es gibt allerlei Angstmeier, die an Gespenster _glauben_,
und von so einem will ich euch jetzt etwas erzhlen. Er wohnte auch hier
in dieser Stadt und war Kutscher und Diener beim alten Doktor Horn. Mit
dem mute er dann und wann ber Land fahren, zu den Kranken, oder er
mute ihnen die Medizin bringen. Aber berall sah er in der Dunkelheit
Gespenster, so da ihn die Leute >_Gespenster-Heinrich_< nannten.

Der gute Doktor hatte seine Plage mit dem dummen Heinrich, und so oft er
ihm auch zeigte, da all seine Gespenster ganz harmlose Dinge waren, er
fand immer neue Gespenstersorten. Von einigen seiner Schreckbilder aber
will ich euch hier erzhlen, damit ihr selber nicht so tricht werdet,
an solchen Schnickschnack zu glauben!

Einmal, im Winter, war droben auf dem Steinberge der Bergwirt krank
geworden, und der Doktor Horn schickte den Heinrich mit einer Flasche
Medizin noch spt am Abend hinauf in den Tann. Anfangs war es noch ein
wenig schummrig, und der Schnee leuchtete gengend, aber langsam wurde
es dunkel. Da steckte denn der Heinrich seine groe Stallaterne an und
trabte weiter, immer bergan. Das ging eine Weile ganz gut, und nichts
konnte dem Burschen bengstigend in den Weg treten. Schlielich aber kam
er aus den Tannen heraus auf eine freie Hochflche, ber der dichter
Nebel zog.

Es war bitter kalt, und Heinrich stellte einen Augenblick seine Laterne
hinter sich in den Schnee, um sich die Handschuhe anzuziehen. Wie er
eben damit fertig ist und wieder aufschaut, erschrickt er derart, da
ihm die Haare wie Stricknadeln in die Hhe fahren! Vor ihm, nicht weit
fort, steht ein riesenhafter Kerl, ganz schwarz und krperlos, wie aus
dunkler Pappe geschnitten. Er ist gut ein Haus hoch und in dem Nebel nur
undeutlich zu sehen, aber es ist wahr und wahrhaftig keine Tuschung, er
steht leibhaftig da!

Heiliger Gottseibeiuns! sagt der Gespenster-Heinrich und bleibt wie
angewurzelt stehen, aus Angst, der Riesenkerl knnte eine harmlose
Bewegung als eine Drohung auffassen, und auf ihn losfahren. Heiliger
Gottseibeiuns! Was fr ein gottvermaledeiter Trkenteufel ist jetzt das
nun wieder! Da wnscht' ich doch, der Doktor Horn stnde zur Stund' an
meiner Stelle, damit er endlich einmal sieht, was fr ein unchristliches
Lumpenvolk sich nachts in den Wldern und Bergen herumtreibt, denn wenn
ich's ihm morgen erzhle, dann lacht er mich wieder aus und sagt: Jochen
Psel, wat bst du fr'n Esel!

Verstohlen guckt sich Heinrich den schwarzen Spuk vor ihm an. Der steht
vollkommen still und scheint zu warten, was der gute Heinrich beginnen
wird. Kaum hebt der aber vorsichtig ein wenig den Arm, da nimmt auch der
schwarze Kerl schon zum Angriff den seinen hoch, so da der Heinrich
schleunigst kehrt macht, in seiner Angst gegen die hinter ihm stehende
Laterne rennt, so da sie umfllt und verlischt, und dann saust er wie
ein Hase mit seiner Medizinflasche den Berg wieder herunter.

Am Waldrande bleibt er endlich pustend und schnappend stehen und schaut
sich um. Der Riese ist ihm nicht nachgekommen; keine Spur ist von ihm zu
sehen. -- Schwerenot, denkt der Heinrich, wenn ich nur meine Laterne
mitgenommen htte, denn nun so durch den dunklen Tann stapfen, das ist
auch wieder nicht das rechte. Ob du noch einmal ganz vorsichtig
hinaufgehst und sie wieder aufklaubst? Der Heinrich nimmt seinen
gesamten Mut auf einen Haufen zusammen und stapft wieder ganz vorsichtig
zu der Hochflche hinauf. Er findet seine Spur im Schnee leicht wieder,
und ... da liegt auch wirklich die Laterne noch, der elende Hllenbraten
hat sie also nicht mitgenommen, und von ihm selbst ist nichts mehr zu
sehen, nur der dicke Nebel zieht noch immer wie eine weie Wand daher.

Der Gespenster-Heinrich zieht sein Feuerzeug hervor, um die Laterne
wieder zu entznden. Dabei berlegt er, wie sie wieder auf ihn schimpfen
werden, wenn er unverrichteter Sache nach Hause kommt und der Bergwirt
auf dem Steinberge seine Medizin nicht zu schlucken kriegt. Ob er's wohl
noch einmal versucht? Es ist ja nur eine Viertelstunde Wegs noch, und
der Schwarze ist vielleicht inzwischen auf und davon.

Die Laterne brennt nun wieder, und der Heinrich hockt vor ihr am Boden,
um noch seine Pfeife anzuznden. Wie er ein wenig zur Seite blickt:
Kreuzmillionen Trkenteufel, da drben hockt auch wieder der schwarze
Hllenspuk und ist womglich noch grer geworden!

Vorsichtig richtet sich unser Heinrich auf, aber der Schwarze erhebt
sich ebenfalls und wchst hinauf bis in den Himmel. Nun aber ist kein
Halten mehr. Der Gespenster-Heinrich erwischt noch schnell seine
Laterne, und dann trabt er talwrts, da der Schnee wie Puder hinter ihm
herstiebt.

Und wie er ein Weilchen gelaufen ist, da kommt auch _vor_ ihm wieder
eine schwarze Gestalt, aber die ist Gott sei Dank kleiner. Immerhin,
heut ist es mal wieder ganz und gar zum Hinwerden, denkt der Heinrich
und bleibt wie angewurzelt stehen. Hinten ein groer Teufel, vorn ein
kleiner, das ist doch gegen alle Polizeiverordnung. Da kommt der kleine
Teufel nher und ruft: Heinrich, bist du es, mein alter Rabe?

Dunnerkiel, denkt Heinrich, das ist ja der Doktor! Na, Gott sei Lob und
Preis. Und so ist es wirklich. Der Bergwirt hat dem Doktor sagen lassen,
da es ihm schlechter geht, und der brave alte Arzt hat sich darum
selber auf die Beine gemacht, um nach dem Manne zu sehn. Er denkt, der
Heinrich kommt schon wieder vom Berge zurck, und ist ganz erstaunt, als
er hrt, da er noch gar nicht oben war. Da erzhlt denn der
Gespenster-Heinrich sein schreckliches Erlebnis.

Heinrich, sagt der Doktor, es ist wirklich doch zum Haarausraufen mit
dir! Du wirst jeden Tag dmmer und furchtsamer. Jetzt kommst du mit mir.
Wer wei, was du wieder gesehen hast! Einen verkrppelten Baum oder
einen Felsen, der dir im Nebel wie ein schwarzer Riese erschienen ist.
Pass mal auf, wenn ich bei dir bin, ist der Riese fort.

So steigen sie denn also aufwrts und kommen bald an die Stelle, wo
unser Heinrich den greulichen Spuk gesehen hat. Der Nebel ist noch immer
da, aber vom Riesen keine Spur.

Wie war das nun? fragt der Doktor.

J, sagt der Heinrich, das war nu so: Also hier hatte ich meine Lampe
hingestellt, un will meine Hannschen anziehn, un wo ich nu hinkucke, da
steht der Kerl da!

Damit stellt der Heinrich seine Laterne wieder so hin, wie sie damals
stand, und zeigt dann nach vorn, und dann kreischt er los:

Dunnerschlag und Hagel, Hrr Dukter! Da, da is er wieder, na, Deubel
ok, jetzt sinn es _zwaa_!

Und wirklich, es ist so! _Zwei_ riesige schwarze Gestalten stehen da
vorn im Nebel. Der Doktor putzt seine Brille und schaut noch einmal hin,
und dann lacht er aus vollem Halse, da es nur so hallt und schallt.
Jochen Psel, wat bst du fr'n Esel! sagt er zu dem betroffenen
Gespenster-Heinrich, _Menschenskind, das ist ja dein eigener Schatten,
den die Laterne, die hinter dir steht, auf die Nebelwand vor dir wirft_,
und du bist also vor deinem eigenen Schatten davongelaufen! Du brauchst
ja nur die Arme zu schwenken oder mit den Beinen zu strampeln, dann
wirst du sehen, da der schwarze Teufel da vorn dir all diese Bewegungen
nachmacht, denn er ist nichts anderes als dein Schatten, nur da er
nicht auf den Erdboden fllt, wie er es tut, wenn dich die Sonne
bescheint, oder der Mond, oder eine Straenlaterne, sondern da er auf
der Nebelwand vor dir entsteht, weil deine Laterne tief unten am Boden
steht!

Das sah denn auch der gute Heinrich ein, und still ging er mit hngenden
Ohren neben dem Doktor her, und nahm sich vor, ein andermal verstndiger
zu sein.

Doktor Ulebuhle klopfte seine Pfeife aus und stopfte sie aufs neue.
Ja, sagte er, da seht ihr nun, was es mit den Gespenstern fr eine
windige Sache ist! Die Erscheinung, die der Heinrich da gesehen hatte,
ist in den Bergen gar nicht selten, man nennt sie das _Berggespenst_
oder _Brockengespenst_, denn auf dem Brocken, dem hchsten Berge im
Harz, ist sie besonders hufig. Da ziehen viele Tage im Jahre dichte
Nebelschleier um die Bergkuppe, und wenn die Sonne aufgeht, dann wirft
sie unseren Schatten auf die Nebelwand, die zuweilen ein ganzes Endchen
von uns entfernt ist, wodurch dann der Schatten riesenhaft vergrert
erscheint. Aber ihr werdet zugeben, da das ein recht harmloses Gespenst
ist, das niemandem etwas zuleide tut und mit dem Nebel in alle Winde
zerflattert!

Ulebuhle, fragte das kleine Mdchen, hat denn der Heinrich spter
noch andere Gespenster gesehen?

Ei freilich, Urschel! Er war ein dummer Tropf und erfand immer neuen
Spuk, als wenn er dafr bezahlt bekommen htte! Einmal mute er des
Abends spt ber Land, um seinem Herrn allerlei winzige Instrumente zu
bringen, denn ein Kranker hatte ein bses Geschwr, und das mute
aufgeschnitten werden. Drben sah er das Dorf jenseits der Wiesen
liegen, und er beschlo, sich den Weg abzukrzen und quer durch Wiesen
und Felder zu wandern. Es waren aber auch groe Seen in der Nhe, und an
manchen Stellen waren die Wiesen sehr sumpfig. Langsam wurde es dunkel,
und nur ganz fern in dem Drfchen brannten ein paar Lichter, so da sich
der Heinrich immerhin zurechtfinden konnte, wenn er auch aufpassen
mute, nicht in den Sumpf zu geraten. Das ging eine ganze Weile gut,
aber pltzlich wurde ihm gar sonderbar zumute! _Vor ihm tanzte in der
Dunkelheit ein merkwrdiges Lichtlein, es hpfte auf und nieder, war
bald hier, bald dort_ und kam einmal seiner Hand so nahe, da er es
greifen konnte, und da verlschte es.

Zugleich merkte unser Heinrich, da er vom Wege abgekommen war und da
unter ihm der feuchte Moorboden wabberte. Er blickte sich um und sah nun
hinter seinem Rcken da und dort einen schwachen Lichtschein. Aha,
meinte er, das sind die Lichter vom Dorf, da wr ich beinahe in der
Irre umhergelaufen.

So ging er denn auf jene Lichter zu. Aber da flackerte wieder vor ihm
das seltsame Flmmchen, das frei in der Luft tanzte, nicht weit ber dem
Boden. Tanz du nur, Hllenspuk, sagte er, ich gehe meines Weges, und
wenn du willst, so komm mit!

Auf einmal war er ganz dicht bei den Lichtern, von denen er glaubte, sie
seien noch weit fort und gehrten zum Dorfe. Er sah, da auch sie nicht
feststanden und immer vor ihm hertanzten, und als er sich nun seitwrts
wandte, da _flackerten auch dort und ringsum die hpfenden Flmmchen_.
Dazu zischelte und wisperte es so seltsam in der Runde, als ob's im
Teekessel siedete, und der Boden wurde immer weicher und wabberte wie
Gummi. Mitunter klang es wie verhaltenes Kichern um ihn herum, und wenn
er sich in Trab setzte, um dem Spuk zu entgehen, dann wichen die
grnlichen Flmmchen vor ihm aus und verschwanden seitwrts, aber neue
tauchten vor seinen Fen auf und schienen aus dem Boden zu kriechen.

Schlielich blieb der arme Heinrich zitternd stehen. Das Wasser ging ihm
schon dann und wann oben zu den Stiefelschften hinein, und der
Lichterspuk nahm kein Ende. Da stand der arme Kerl nun und wute nicht
mehr aus und ein. Er war vollkommen vom Wege ab und konnte nicht einmal
mehr feststellen, in welcher Richtung das Dorf lag, denn andere Lichter
als die hier hin und her hpfenden grnen Flmmchen waren nirgends zu
entdecken.

Was mag es nur fr Teufelszeug sein, das hier umherwimmelt, sagte er
zu sich selbst, sicher sind es Geister. Ich glaube, Geister sind immer
etwas grnlich, oder es sind die Seelen Verstorbener, vielleicht in
diesem Teufelsmoor Ertrunkener. Gespenster sind es auf jeden Fall, denn
sie treiben sich hier zur Nachtzeit umher und belstigen mit ihrem
Tausendsapperlot-Getnzel und -Geflunker anstndige Christenleute und
bringen sie vom richtigen Wege ab. Ich mchte wohl wissen, was mein
Herr, der Doktor Horn, nun wieder ber diese vermaledeite Trkenteufelei
fr Sprchlein machen wrde!

So stand der Gespenster-Heinrich eine ganze Weile unschlssig, denn er
wute wirklich nicht, wie er sich aus der Klemme ziehen sollte. Zuweilen
kamen die seltsamen Flmmchen so nahe heran, da er sie mit der Hand
erwischen konnte, und das tat er in seiner Wut auch mehrmals, aber es
geschah nichts weiter, als da sie wie ein wesenloses Nichts zwischen
seinen Fingern verlschten, wobei auch nicht eine Spur von Wrme zu
spren war.

Heinrich mochte wohl eine Viertelstunde da gestanden haben, als er
pltzlich freudig die Ohren spitzte. Irgendwo, aber noch fern, klang es,
als ob ein Wagen im Sandweg dahinmahle. Gott sei Dank, er kam langsam
nher, und nach einer Weile hrte man auch, da sich zwei Mnner auf dem
Wagen unterhielten. Schlielich konnte der Gespenster-Heinrich auch in
einiger Entfernung das rtliche Licht der Wagenlaterne erkennen, und nun
lief er spornstreichs drauf zu, da das Wasser nur immer so um ihn her
spritzte. Bald hatte er das Gefhrt erreicht.

Hallo, hallo! schrie er.

Hallo! antworteten die Leute vom Wagen.

Geht hier der Weg zum Dorf, und fahrt ihr selber hin?

Ei freilich! Wenn Ihr mitwollt, so kommt nur herauf!

Da sprang der Heinrich schnell auf den Wagen und war seelenvergngt, es
so gut getroffen zu haben.

Ihr kamt ja aus dem Moor heraus, sagte der eine der Bauern, habt Ihr
Euch verlaufen? Da ist es nicht geheuer in der Dunkelheit, denn man
ersuft, ehe man's recht selbst merkt!

Und nun erzhlte Heinrich, wie es ihm ergangen, und wie ihn die
hpfenden Lichter vom Wege abgefhrt.

Ei der Deubel, riefen die Bauern, das waren die _Irrwische_. Die
haben manchen schon betrogen, die Teufelsdinger. Sie lockten ihn vom
rechten Pfade ab, fhrten ihn immer weiter ins Moor, und da ist er
lautlos ersoffen. Die Leute sagen, vor vielen hundert Jahren htten
hartherzige Bauern im Dorf gewohnt, und es seien einmal in einer
Regennacht hungrige Musikanten gekommen, die htten um Nahrung und
Obdach gebeten, und die Bauern htten sie davongejagt. Da seien die
Musikanten in das Moor geraten und seien ertrunken, und nun tanzten ihre
Seelen da des Abends umher, um die Bauern _auch_ ins Moor zu locken und
zu verderben. -- So sagen die Leute, aber der Pfarrer und der Lehrer
meint, das sei dummes Zeug, und mit den Irrwischen ginge das ganz
natrlich zu!

Tausenddonner, es sind vermaledeite Gespenster und Trkenteufel, sage
ich! schrie noch immer erbost der Heinrich, die Polizei mu sich darum
kmmern, aber die kommt nur, wenn man mal ein Glschen ber den Durst
getrunken hat und des Nachts ein Liedchen singt auf der Gasse!

Ja, ja, meinten die Bauern, so is dat! Aber dann riefen sie Hh
und Hott, und die Pferde setzten sich in Trab und bogen in die
Dorfstrae ein. Der Heinrich aber htete sich, dem Doktor sein Erlebnis
mitzuteilen, denn er wute, da jener ihn doch nur auslachen wrde ...

Solche Lichter habe ich auch schon gesehen, sagte eines der Kinder,
aber die flogen im Sommer des Abends drauen zwischen den Bumen herum
und waren sehr spaig, wie lauter kleine grnliche Laternchen, nicht
grer als ein Nadelkopf.

Oho, das waren nicht solche Irrwische, wie sie dem Gespenster-Heinrich
begegnet sind, das waren sogenannte _Glhwrmchen_ oder
Johanniswrmchen, antwortete Ulebuhle. Die fliegen in warmen
Sommernchten um die Bsche oder liegen im Grase, und jeder freut sich
ber diese seltsamen leuchtenden Kerle. Aber die _Irrwische_, die sind
von ganz anderer Art, und da durch sie Leute in Smpfe und Moore in der
Irre umhergefhrt worden sind, das kann wohl vorgekommen sein, denn _nur
an solchen feuchten Stellen, wo im Boden viele Pflanzen verwesen, bilden
sich die hpfenden Flmmchen_. Aber das geht alles natrlich zu, und es
ist nichts Gespenstisches dabei! Seht! berall da, wo etwas verwest,
bilden sich _Gase_, und die verwesenden Pflanzenmassen der Wiesenmoore
erzeugen ebenfalls solche Gase. Wenn man bei ruhigem Wetter in der
Abendstille durch ein solches Gelnde schreitet, dann hrt man es
merkwrdig leise wispern und zischeln, ganz so, wie es der
Gespenster-Heinrich gehrt hat, aber das sind nicht irgendwelche
Geister, sondern das Singen und Zerspringen von Millionen winziger
Gasblschen, die aus dem Boden emporsteigen. Diese Gase aber haben
zuweilen die Eigentmlichkeit, da sie sich von selbst entznden und in
Gestalt von kleinen Flmmchen ber dem Sumpf- und Moorboden schweben.
Das sind die _Irrlichter_ oder Irrwische. -- Ihr seht, Gespenster sind
es nicht, und doch sind sie geheimnisvoll, denn die gelehrten Herren
haben noch nicht ganz sicher herausgebracht, wie sich diese Gase
entznden, denn richtige Flammen, wie die Gasflammen in den Laternen,
sind es nicht, sondern sie leuchten nur so hnlich wie der Phosphor an
alten Zndhlzern, in einem kalten, merkwrdigen Schein, der wie ein
leichter Nebelbausch beim leisesten Windhauch hin und her treibt, so da
es aussieht, als hpfe er tanzend ber das Moor.

Ja Kinder, es gibt sonderbare Dinge in der Welt, und man darf es den
Leuten, die nicht viel haben zur Schule gehen knnen, nicht verargen,
wenn sie bei manchen Dingen an Wunder und Zauberei glauben, aber immer,
wenn man die Dinge genau ansieht und erforscht, dann zeigt es sich, da
sie nicht wunderbarer sind als die Wolken, die am Himmel schweben, oder
als die Kornhre, die aus einem winzigen Samenkrnchen wchst. -- Der
Gespenster-Heinrich war aber darin ein schnurriger Kauz! Er blieb bei
seinem Gespensterglauben und lie sich nicht belehren, auch als alter
Knabe, und da aller guten Dinge _drei_ sind, so will ich euch noch ein
Stcklein von ihm erzhlen!

Da ging er einstmals im Sptsommer des Abends durch den dunklen Wald
zurck von Hahnenklee nach Goslar. Es war eine schne laue Nacht, aber
es war sehr finster im Tann, und der Himmel dunkel und verhangen. Es
knackte berall so seltsam in den Zweigen, und dem guten Heinrich, dem
immer das Gruseln nahe war, kamen wieder allerlei dumme Gedanken.

Pltzlich hrte er ein erschrecktes Kreischen und einen schweren
Flgelschlag, und da sah er dicht vor sich im Tann ein seltsames Ding
stehen.

Es war gut mannshoch und leuchtete in einem seltsam gelbgrnen Licht vom
Kopf bis zu den Fen. Der Kopf war dick und unfrmig, man sah in ihm
nur ein paar dunkle mchtige Augenflecke und breite Haarbschel fielen
bis in die Stirn. Die wehten stndig hin und her, obgleich kein bichen
Wind im Walde ging. Auch starke Arme waren zu sehen, sie waren
kohlschwarz und weit ausgespannt, als ob sie den Heinrich beim
Vorbeischreiten festhalten wollten. Dazu miaute das unheimliche Wesen in
schrecklichster Weise. Bald wimmerte es wie ein kleines Kind, bald
sthnte und krchzte es gottserbrmlich.

Je lnger der Gespenster-Heinrich hinschaute, je strker sah er den
greulichen Spuk leuchten in der tiefen Dunkelheit, und er blieb wie
angenagelt stehen, weil er sich nicht vorbeitraute.

Aber innerlich schimpfte er um so mehr auf diese vermaledeite
Trkenteufelei und das ganze polizeiwidrige
Gespenster-Lumpengesindel. Das Ding stand da und rhrte kein Glied, nur
die Haare auf seinem Kopf sah man auf der hellen Stirn hin und her
fliegen. Die Arme aber hielt es noch immer weit ausgespannt.

Pltzlich lie der zitternde Heinrich seinen Wanderstock fallen. Da
kreischte der Spuk vor ihm laut auf, und es rauschte etwas miauzend auf
den Gespenster-Heinrich zu. Dieser aber sah und hrte schon nichts mehr!
Er drehte kurz um und strzte laut schreiend durch den Tann, da ihm die
Zweige nur so das Gesicht peitschten. Erst als er weit fort war, hielt
er schnaufend inne und ging ber den nchsten Holzfllerweg in einem
weiten Bogen um das Waldstck herum und kam sehr spt erst, mde und
ausgehungert daheim an.

Diesmal, sagte er, will ich's aber doch dem Doktor gehrig
auseinandersetzen! Ich werde ihm sagen, was da wieder fr eine elende
Himmelhllenschwerenot im Tann gewesen ist, und da ich meinen schnen
Krckstock eingebt habe, und da ich berhaupt nicht mehr nachts
allein zu solchen Botengngen herhalten will. Da bin ich doch gespannt,
was er nun wieder fr Ausreden hat fr diesen neuen Spuk!

Das tat der Heinrich denn auch, und der alte Doktor, der ihn schon
gengend kannte, und der den sonst so braven Kerl nicht noch mehr
verrgern wollte, sagte zu ihm:

Gut, mein bester Heinrich! Heut abend werden wir zusammen den Weg gehn,
denn ich mu sowieso einmal nach dem kranken Lehrer in Hahnenklee
schauen. Wenn ich dir die Sache nicht an Ort und Stelle ganz harmlos
erklren kann, dann sollst du recht behalten und brauchst nicht wieder
nachts Medizin durch die Wlder zu tragen. Wenn du aber wieder ein
Hasenfu gewesen bist, dann kann ich nichts weiter tun als sagen: Jochen
Psel, wat bist du fr'n Esel!

Am Abend gingen sie denn richtig los, und sie kamen auch bald an die
Stelle, wo unser Freund gestern solche Angst ausgestanden. Da lag auch
noch unberhrt auf dem Waldwege der Krckstock, und zehn Schritt davon
stand ein _abgebrochener, ganz vermorschter hoher Baumstumpf_, von dem
nur noch die Hlfte brig war. Hinter ihm stand eine kleine Fichte, die
seitwrts ihre Arme hinter dem faulenden Stumpf hervorstreckte, und oben
auf dem morschen Stumpf wuchsen Farnkruter, die weit herniederhingen.
An allerlei Unrat und Federn sah aber der Doktor, da oben auf diesem
Stumpf wohl dann und wann ein Kuzchen[2] zu rasten pflegte.

Aha! sagte der Doktor bei sich, das ist das Gespenst. Zum Heinrich aber
bemerkte er lachend: Da schau' her, mein Lieber, das ist der greuliche
Spuk, der dich genarrt. _Faules Holz leuchtet sehr hufig stark im
Dunkeln_, und wenn wir heute nacht, wenn es ganz finster sein wird,
zurckkehren, dann wirst du den Stamm auch wieder leuchten sehen. Die
Augen waren nichts als diese beiden Moosbschel, die da wachsen, und die
Haare waren die Farnkruter. Was du fr Arme gehalten hast, sind die
beiden groen Zweige der Fichte da hinter dem Stumpf, und das Miauze und
Gewimmer kam von einem Kuzchen, das oben auf dem Stumpfe sa, und auch
die Farnkruter, die Haare deines Gespenstes, bewegte. -- Als du deinen
Stock fallen lieest, hat sich der Vogel erschreckt, und flog kreischend
davon! -- So, das ist die ganze Geschichte!

Der Heinrich war halb schon berzeugt, aber ein wenig mute er sein
Gespenst doch noch verteidigen. Es leuchtete gar zu gruselig, bemerkte
er, aber wenn es heute nacht wirklich ebenso flimmert an dem alten
Wurzen da, so will ich es wohl glauben, da ich mich geirrt!

Als der Doktor seine Geschfte erledigt und sie zu spter Stunde wieder
beim Heimweg an den morschen Stamm kamen, da schimmerte und flimmerte er
wirklich so stark, wie es auch der Doktor noch selten erlebt. Siehst du
es nun, unglubiger Thomas, da ich recht hatte! sagte er. Brich ein
wenig ab und nimm es mit nach Hause, es leuchtet so stark, da du nachts
die Taschenuhr bei dem Lichte ablesen kannst. -- Ich will dir auch
sagen, wie das Leuchten zustande kommt! Es gibt eine ganze Anzahl
leuchtender Bazillen und Pilze. _Faulende Fische und faulendes Fleisch
leuchten in dunklen Rumen sehr stark, besonders wenn es warm ist, denn
auf ihnen haben sich Millionen solcher leuchtenden Bazillen
angesiedelt._ In den Wldern Sdamerikas trifft man Pilze, die leuchten
gar gespenstisch aus dem Walddunkel hervor. Dieser alte Baumstamm aber
ist durchwachsen von unendlich vielen ganz winzigen _Pilzstrngen, die
das Faulen des Holzes hervorrufen und die verwesende Masse zum Leuchten
bringen_. -- Nicht wahr, das ist nicht so schwer zu begreifen, alter
Knabe, aber es wird alles nichts helfen, und du wirst immer wieder neue
Gespenster sehen. Darum aber bleibe ich dabei und sage: Jochen Psel,
wat bist du fr'n Esel!




                      Der Diamant und seine Brder


Eines Tages, als wir Kinder uns vor dem Hause unseres alten Freundes
versammelt hatten, um zu ihm hinaufzugehen, entstand pltzlich ein Zank.
Da hatte sich auch der kleine Junge des Flickschusters eingefunden, der
auch einmal Mrchen hren und Kuchen essen wollte. Aber seine
Holzpantoffeln und sein fadenscheiniges, geflicktes Rcklein paten
nicht so recht zu dem Putz der anderen. Der Sohn des reichen Bergrats
wollte den kleinen armen Teufel nicht mit hinauf lassen.

Man kann nicht wie ein Haderlump zum Doktor Ulebuhle! rief er ein ber
das andere Mal. Andere aber meinten, er solle ruhig mitkommen, und der
Kleine stand unglcklich und zgernd dabei.

Der alte Ulebuhle aber hatte oben leise ein Fenster geffnet und den
Zank mit angehrt, und pltzlich fauchte er los, so bse, wie wir ihn
selten gehrt hatten.

Ihr vermaledeiten Nichtsnutze, krchzte er wtend, fangt ihr auch
schon an, wie die Groen, den Menschen nach dem Preise seines Rockes zu
achten!? Samt und sonders soll euch der Teufel holen, wenn ihr das noch
einmal tut. Zu mir wenigstens kommt ihr nicht mehr ins Haus, wenn ich
wieder etwas davon erfahre. Jetzt aber kommt herauf, alle wie ihr da
seid, und des Schusters Hannes zuerst! Ich will euch ein Stcklein
aufgeigen, aus dem ihr ersehen knnt, da der Mann im Arbeitskittel mehr
wert ist als der Stutzer und Nichtstuer im samtnen Wams. Und dann knnt
ihr nach Hause gehen und den Eurigen sagen, der alte Ulebuhle habe euch
das gelehrt, dieweil sie es offenbar versumt htten!

Und dann kam die alte Christine, brachte Kuchen und Tee, und der kleine
Hannes sa dicht beim warmen Ofen und war seelenvergngt, da sich der
gefrchtete Alte seiner so angenommen. Der aber stopfte zunchst seine
lange Pfeife, brummte noch allerlei Unwirsches und begann schlielich
also:

Auf dem Schreibtische eines sehr reichen Mannes, dem viele Bergwerke
und Schiffe und Fabriken gehrten, lag ein wundervoller _Diamantring_.
Der Stein, so gro wie eine Bohne, funkelte in tausend Farben, und es
war, als ob Feuer aus ihm hervorbrche. Er hatte viele Tausende
gekostet, und sein Kleid war von Gold.

Neben ihm lag ein einfacher _Bleistift_ in einem braunen Rcklein aus
Tannenholz und ruhte von der Arbeit, denn sein Herr hatte den ganzen
Vormittag Plne und Zahlen mit ihm auf das Papier geworfen. Es war sehr
still in dem Zimmer, nur die hohe Pendeluhr sagte in vornehmer Ruhe ganz
langsam und gleichmig Tick ... tack ... Tick ... tack!

Pltzlich hrte der Bleistift, der ein wenig eingenickt war, neben sich
eine feine Stimme. Es war der Diamant.

Es ist hchst langweilig hier, sagte er, unsereiner, der an glnzende
Gesellschaften und rauschende Feste gewhnt ist, wo man so allerlei
amsante Histrchen hrt, ist hier nicht in seinem Element.

Der einfache Mann im hlzernen Rckchen schwieg. Er war noch mde und
htte lieber weiter geschlafen, als sich zu unterhalten.

Der Diamant rgerte sich. Ein unhflicher Kerl, dachte er. Ich glaube,
er wei gar nicht, mit wem er es zu tun hat. Und dann strahlte er um so
heller und sagte geziert:

Gestatten Sie, da ich mich Ihnen vorstelle. Mein Name ist Baron
Diamant. Ich stamme aus Sdafrika. Meine Frau ist eine geborene Grfin
Perle. Uralter Adel. Sie ist nahe verwandt mit dem Herrscher des
Weltmeeres Neptun.

Ich heie Bleistift, sagte der andere, ich bin hier nur einfacher
Angestellter im Hause, mache meine Arbeit und kmmere mich sonst nicht
viel um die Leute.

Das mu doch furchtbar langweilig sein, so nur immer arbeiten fr
andere Leute. Mein Fall wre das nicht!

Langweilig ist das gar nicht! entgegnete der Bleistift. Meine
Ttigkeit ist sehr interessant, denn alle neuen Plne, die mein Herr
hat, erfahre ich zuerst, und das sind Sachen, die nachher in der ganzen
Welt besprochen werden. Die Geldleute und die Zeitungsmnner warten
schon darauf, was wir wieder Neues vorhaben, und hundert Ingenieure und
Tausende von Arbeitern werden zu tun bekommen, wenn das erst alles
bekannt wird, was ich heute morgen geschrieben habe. -- Sehen Sie, da
drben liegt mein rgster Feind, der Herr Federhalter. Der wtet sich,
da er diese Arbeiten nicht machen durfte, denn bei _uns_ ist eben die
Arbeit die Hauptsache, und bei _Ihnen_ das Vergngen.

Jeder nach seinem Stande, meinte hochnsig der Baron von Diamant. Ich
habe auch einen Feind und Neider, das ist der Herr von Rubin. Manchmal
steckt ihn mein Herr auch an den Finger, aber er ist lange nicht so
elegant wie ich, und in die ganz vornehmen Kreise wird er nicht
eingefhrt, denn er funkelt nur wie ein Blutstropfen, ich aber brilliere
in allen Farben des Regenbogenlichtes, und jeder sieht auf den ersten
Blick meine hohe Herkunft und meinen enormen Wert!

Ja, ja, das haben Sie schon einmal gesagt, meinte der Bleistift, aber
eigentlich sind Sie doch zu nichts ntze, und unser Herr htte Sie nicht
kaufen knnen, wenn wir hier alle nicht tchtig gearbeitet und viel Geld
verdient htten.

Gott ja, es mu auch Arbeiter geben, und wir knnen nicht alle vornehme
Herren sein, entgegnete der Diamant, aber Arbeit ist nun mal nicht fr
mich. Das ist eintnig. Sie machen hier nur immer dasselbe und erleben
nichts. Ich aber bin in der groen Welt gewesen und habe das Leben
kennengelernt und wei, wie es zugeht!

Erzhlen Sie mal, wie es da drauen ist, sagte der Bleistift, so
etwas hre ich ganz gern, denn ich bin vor lauter Arbeit nicht dazu
gekommen, die Welt zu sehen!

Es ist eine lange Geschichte, sagte der Baron von Diamant, aber wenn
es Sie interessiert, dann will ich Ihnen davon berichten. Man mu auch
mal etwas fr die Armen tun, wenn man ein vornehmer Herr ist. Also
passen Sie auf! -- Ich und viele meiner Brder wurden da drunten in
Sdafrika geboren. Wir lagen tief unten im Gestein verborgen, im dunklen
Scho der Erde. Sehen Sie, was die Menschen jeden Tag finden knnen, das
schtzen sie nicht, aber wenn man sich rar macht, dann wird man eben als
vornehmer Mann behandelt.

Eines Tages kamen lauter schwarze Arbeiter, die hackten und schaufelten
und gruben unablssig, denn sie suchten uns. Es waren arme Neger, und
sie wurden fr das Suchen bezahlt, aber behalten durften sie uns nicht,
und damit sie uns nicht heimlich in ihren Taschen verschwinden lieen,
muten sie nackend arbeiten. Auch in Indien und in Brasilien suchen die
Menschen nach Diamanten, aber nirgends haben sie so groe und prchtige
gefunden wie da unten in meiner Heimat Sdafrika. Manche meiner Brder
sind noch viel vornehmer als ich. Den grten, der berhaupt aus der
Erde herausgeholt wurde, besitzt der Knig von England. Er heit
_Cullinan_-_Diamant_, ist so gro wie eine Kinderfaust und wiegt mehr
als ein Pfund. Sechzehn Millionen kostet er, und ein ganzes Heer von
Polizisten hat ihn nach London gebracht, damit er unterwegs nicht
gestohlen werden konnte. Der arme Neger, der ihn fand, bekam tausend
Mark und ein gesatteltes Pferd fr den schnen Fund. Auch der
_Exzelsior_-_Diamant_ ist aus dieser Gegend. Er ist halb so gro wie
der Cullinan und hat einen Wert von zwlf Millionen Mark, aber der
berhmte _Koh-i-nor_, was soviel heit wie Berg des Lichtes, mein in
der ganzen Welt bekannter Verwandter, der ebenfalls dem Knig von
England gehrt, stammt aus Indien. Er kostet wohl acht Millionen Mark,
aber die Englnder haben ihn den Indern, die sie besiegten, abgenommen
und nichts fr bezahlt. Frher war er als Auge in das Bildnis eines
Gtzen eingesetzt, der in einem berhmten indischen Tempel stand, und da
wurde er geraubt, und viele Morde und Untaten sind begangen worden, um
ihn in Besitz zu bekommen. Ja, so sind die Menschen in ihrer Habgier!

Meinetwegen begeht man keine Bluttaten, sagte der Bleistift. Ich bin
doch froh, da ich nur ein einfacher Mann bin, der seine Arbeit tut und
in Frieden leben kann. -- Aber bitte, erzhlen Sie weiter!

Ja, es geht schnurrig zu in der groen Welt! Passen Sie auf, wie es mir
nun erging. Also eines Tages hackte neben mir eine Picke in den Boden,
und dann kam eine Schaufel, und ich wurde mit allen mglichen
Gesteinbrocken auf eine Schiebkarre geworfen. In einer groen Halle
wurde dann das Gestein genau untersucht, und da ich zufllig in einem
Eckchen der Schiebkarre liegen geblieben war, ganz unansehnlich und mit
einer dicken Schmutzkruste bedeckt, so fand man mich nicht. Ganz
nebenher bemerkte mich dann der Neger, der die Karre wieder hinausschob.
Er verbarg mich in der Achselhhle und wollte mich behalten. Aber ein
Kamerad von ihm hatte es doch gesehen. Er sagte es jenem, und die beiden
beschlossen, zusammen zu fliehen und mich spter in Kapstadt, oder gar
in Europa, zu verkaufen.

Wirklich entflohen sie bei Nacht und Nebel durch den den
sdafrikanischen Busch und durch dichte Wlder. Aber die Habgier brachte
beide ins Verderben. Als der eine schlief, erstach ihn der andere, nahm
mich an sich und floh weiter. -- Die Polizei der Diamantengruben war
aber schon hinter den beiden her, denn jedermann konnte sich denken, da
sie nur entwichen waren, weil sie einen Diamanten von groem Wert
gestohlen hatten. So mute denn der Mrder und Dieb auf einsamen
Waldwegen weiterziehen, um nicht gefangen zu werden und am nchsten Baum
zu enden. Schlielich verlief er sich in der wilden Einde. Er hatte
nichts mehr zu essen, brach zusammen und verhungerte elend. Erst nach
Wochen fand man seine von der Sonne verdrrte Leiche, und in seiner
schwarzen Hand hielt er noch immer mich, seinen Raub.

Da knnen Sie aber sehen, wie wenig man doch am Ende mit Ihrer
Vornehmheit anfangen kann, so unterbrach hier der Bleistift den
Erzhler. Ich glaube, der Verhungernde htte Sie in seinen letzten
Stunden gern fr ein Stckchen trockenen Brotes fortgegeben!

Das mag wohl sein, mein Lieber! entgegnete etwas von oben herunter der
Diamant. Etwas so Vornehmes, wie ich es bin, ist eben nichts fr einen
schmutzigen Nigger. Er htte seine Hnde davon lassen sollen. -- Aber
hren Sie weiter! Ich kam nun zu meinen rechtmigen Besitzern zurck,
und dann nach Amsterdam, der Hauptstadt von Holland, wo die grten und
berhmtesten Diamantenhndler und Diamantenschleifer wohnen, und da erst
wurde ich richtig zum Licht erweckt, denn _jeder Diamant ist, wenn er
aus der Erde kommt, unansehnlich wie ein gewhnlicher Stein_. Erst wenn
er _geschliffen_ wird, kann das Licht in ihn hineindringen und er kann
es dann tausendfach funkelnd zurckwerfen. -- Ich kam dann zu einem
Goldarbeiter, der mich mit einem goldenen Grtel umgab, und dann lag ich
in Paris im Schaufenster des berhmtesten Juweliers im Strahl der
elektrischen Lampen auf einem Kissen von blauem Samt, und alle
Vorbergehenden blieben stehen und riefen aus: Oh, was fr ein
wundervoller Edelstein! Die Damen aber blieben lange stehen und
schauten mich mit ihren dunklen Augen sehnschtig an, und dann gingen
sie schlielich seufzend weiter.

Eines Nachts geschah etwas Schreckliches. ber die einsame Strae kam
ein Mann daher, der blitzschnell mit einem Hammer die Scheibe einhieb
und mich ergriff. Dann eilte er durch viele Gassen und Straen, immer
kreuz und quer mit mir dahin, aber es half ihm alles nichts, die Wchter
hatten das Klirren des Glases gehrt und waren ihm nachgeeilt. In einer
dunklen Hausnische wurde er ertappt und verhaftet. Ich wurde zu einer
Berhmtheit, die ganze Sache kam in die Zeitungen und kam vor die
Richter, und der Dieb wurde viele Jahre eingesperrt. Ich aber war aus
seinen schmutzigen Hnden befreit und lag wieder auf meinem Samtkissen,
und die Leute, die vorbeigingen, sagten: Das ist der groe Diamant, den
jener Dieb entwendet hatte.

Dann aber kam ein vornehmer Mann zu dem Juwelier, und an seinem Arm ging
eine reizende junge Dame von groer Schnheit. Das war die berhmte
Tnzerin der Groen Oper in Paris, und jener bleiche ernste Mann liebte
sie mehr als sein Leben und seine Ehre. Sie hatte sich in mich verliebt
und ihren Freund immer und immer wieder gebeten, da er mich erwerben
mchte, als Halsschmuck fr sie. -- Der ernste Mann hatte lange
gezgert, aber dann gab er nach, und so kam ich in den Besitz jener
gefeierten Knstlerin. Welch ein Tag des Triumphes fr mich, als ich zum
erstenmal abends an ihrem bltenweien Halse an einem feinen
Goldkettchen hing und im Licht von tausend Lampen funkelnd mit ihr die
Bhne betrat! Welch eine wundervolle Musik, welch eine Farbenpracht
ringsumher! Tausende von Menschen schauten mit ihren Opernguckern zu mir
hin. Die Herren schmunzelten, und die Damen wurden grn vor Neid, am
meisten aber die alten und hlichen, und sie sagten, es sei ein
Skandal. Aber das verstand ich nicht!

Aber dann kam etwas Trauriges. Whrend hier die Musik rauschend den
weiten Saal mit seinen goldschimmernden Sulen und rotsamtnen Logen
fllte und um mich herum die zierlichsten Damen in Gewndern, zart wie
Engelwlkchen, tanzten, sa der ernste bleiche Mann daheim an seinem
Schreibtisch und rechnete. Und dann schrieb er mehrere Briefe an das
groe Bankhaus, dessen Direktor er war, und sagte darin, da er Geld,
das ihm nicht gehrte, verwendet htte und darum sterben msse, und dann
zog er ein glnzendes Ding aus seiner Schublade hervor, es gab einen
Knall, und dann war er tot. --

Dem Bleistift war es ordentlich unheimlich geworden neben dem
vornehmen Kerl da in seiner Nhe, und er wre gern etwas seitwrts
gerckt, wenn ihm das mglich gewesen wre. Mein Gott, sagte er, Sie
haben aber doch nichts weiter als Unglck angerichtet mit Ihrer
Schnheit und Vornehmheit. Ich bin jedenfalls froh, da ich nicht so
vornehm bin wie Sie!

Je nun, entgegnete mit feinem Lcheln der Baron von Diamant, was kann
ich fr die Torheit der Menschen! Es gab einen Mordsskandal, die ganze
Geschichte kam wieder in die Zeitungen, und ich wurde noch berhmter als
vorher. Die schne Tnzerin aber kam auch ins Unglck durch den Tod
ihres Freundes; sie mute fort von dem herrlichen Theater, mute mich
verkaufen, kam in Not und ging auer Landes, wo sie ganz verarmt
gestorben ist. -- Schlielich aber kam ich zu meinem jetzigen Herrn, der
mich in einen Ring fassen lie, und da hat denn meine Geschichte ein
Ende. Aber Sie sehen, die Welt hat mich geliebt und bewundert, und ich
bin eine berhmte Person geworden und gehre zu dem Vornehmsten, was es
gibt.

Der Bleistift antwortete nicht, er wute nicht recht, was er sagen
sollte, aber so recht ehrenhaft und _wirklich_ vornehm kam ihm der Baron
von Diamant, dessen Frau eine geborene Grfin Perle war, nicht vor.
Pltzlich aber wurde er aus seinem Sinnen aufgeschreckt, und auch der
Herr von Diamant horchte erschrocken auf. Eine ziemlich grobe und harte
Stimme sagte pltzlich aus der einen Ecke des Zimmers heraus:

Lieber Herr, blasen Sie sich nicht auf, sonst zerspringen Sie noch! Das
wre zwar kein Unglck nach all dem Unheil, das Sie angerichtet haben,
aber unser guter Herr wrde sich vielleicht drber rgern!

In der Ecke des Zimmers stand ein schner Kamin mit blanken
grnen Kacheln und vernickelten Tren, hinter denen man durch
Marienglasscheiben die Kohlen glhen sah. Neben dem Kamin aber stand ein
schnes Gef, in dem Steinkohlen lagen, und eine kleine Schaufel mit
vernickeltem Griff lag dabei. Da merkten der Diamant und der Bleistift,
da es eine groe, spiegelblanke Steinkohle war, die da gesprochen
hatte. Und die fuhr fort:

Drei Menschen sind Ihretwegen ums Leben gekommen, zwei andere ins
Gefngnis und Unglck, und das alles wegen eines Nichtstuers und
Tagediebes, denn das sind Sie, und wenn Sie noch so schn funkeln!

Mein Lieber, aus Ihnen spricht der Neid, da ich einer vornehmen
Familie entstamme und Sie ein Arbeiter sind, der Stuben heizen mu und
einen schmierigen Rock anhat, so da ihn selbst der Diener nur mit der
Schaufel anfat!

Die Steinkohle lachte im tiefsten Ba: Hahaha! Sie eitler Wicht! _Ich
stamme aus derselben Familie wie Sie und wie mein Freund da, der
Bleistift, und wir drei sind leibliche Brder._ Aber wir beide sind
ehrliche Arbeiter geworden und Sie ein Miggnger, der die Eitelkeit
der Menschen ausntzt!

_Brder? Wieso Brder?_ sagte unwillig der Diamant. _Wie kann ein
Diamant der Bruder einer Kohle und eines Bleistiftes sein?_

Ja, das ist aber so, meinte der Brummba der Steinkohle, wenn's Ihnen
auch unangenehm ist. Wir alle drei stammen aus derselben Familie, unser
aller Vater ist der _Kohlenstoff_. Sie sind nichts weiter als
kristallisierter Kohlenstoff, und der Bleistift, der ja eigentlich
_Graphit_ heit, ist ebenfalls Kohlenstoff, genau so wie ich, nur da in
meinem Krper noch mancherlei andere Stoffe enthalten sind.

Das verstehe ich nicht, sagte der Diamant.

Das ist aber ganz einfach, antwortete die Kohle. Sehen Sie, da vor
Ihnen auf dem Tisch stehen Blumen im Wasser, und da an der
Fensterscheibe sitzt Eis, und da drauen fhrt eben eine Lokomotive
vorbei, aus der weie Wasserdampfwolken aufsteigen. Nun, das sind _auch
drei Brder_ wie wir. Da im Glase ist _flssiges Wasser_, am Fenster ist
zu _Eis kristallisiertes Wasser_, und die weie Lokomotivwolke ist
_verdampftes Wasser_. Aber aus Wasser bestehen sie alle drei, und genau
so bestehen wir drei hier aus _Kohlenstoff_ und sind also Brder!

So, so, meinte der vornehme Mann schon recht kleinlaut, aber doch noch
immer von oben herab, _dann mte ich doch aber genau so im Feuer
verbrennen wie Sie, und dann mte man doch aus Kohlen Diamanten
herstellen knnen!_

Ei freilich, Sie vornehmer Bruder, das kann man auch, und die Menschen
haben es auch schon getan! In einer sehr heien Flamme verbrennen Sie
genau so wie ich, mein Lieber, und man hat auch schon aus Kohle _kleine
knstliche Diamanten hergestellt_, wenn das auch sehr schwierig ist,
denn die Menschen haben das Kchenkochbuch der Natur, die uns alle drei
gebraut hat, noch nicht gefunden. -- Ja sehn Sie, so ist es mit Ihrer
Vornehmheit. Wenn man genau hinsieht, ist sie eine windige Sache, und
auf alle Flle sind Sie hchst unntz. Nur einer aus Ihrer Sippe ist ein
braver und fleiiger Mann, das ist der Diamant, mit dem der _Glaser_
seine Scheiben zerschneidet, und der ist eine ganz biedere gemtliche
Seele. Er riecht zwar immer ein bichen nach Fensterkitt, und Sie wrden
ihn sicher nicht als Ihren Bruder anerkennen, aber mir ist er lieber als
Sie!

Nun, entgegnete der schwerbeleidigte Baron von Diamant, Sie mgen ja
ber die Verwandtschaftsverhltnisse in meiner Familie besser
unterrichtet sein als ich, aber wenn wir selbst so ganz weitlufig
miteinander eine Stammesgenossenschaft bilden sollten, eins knnen Sie
doch nicht bestreiten, nmlich da ich eben der Vornehmste unserer
Familie bin und bleibe!

Bester Herr, meinte gutmtig brummend der schwarze Arbeiter da vom
Kamin her, glauben Sie ja nicht, da es ein Vergngen ist, mit Ihnen
verwandt zu sein. Schner sind Sie gewi als ich und mein Bruder, der
Bleistift, aber Sie sind eine hchst anrchige Person, die in ble Mord-
und Raubtaten verwickelt worden ist, und ich lege keinen Wert darauf,
mit Ihnen verwandt zu sein. Ob ich aber trotz meines schwarzen Rockes
nicht in Wahrheit doch vornehmer bin als Sie, das ist noch sehr die
Frage, denn ohne uns Steinkohlen ginge bei den Menschen alles zum
Teufel, und wenn wir auch nur einen Tag streiken wrden, verlre unser
Herr zehnmal mehr, als Sie samt Ihrer Frau, der geborenen Grfin Perle,
wert sind. Wir treiben mit unserer Kraft die tausend Fabriken,
beleuchten und heizen die Riesenstdte der Menschen, wir ziehen die
unablssig ein- und ausfahrenden Eisenbahnzge von Land zu Land, wir
sind es, die die Schiffe durch die Wasserwste des Ozeans treiben.
Kaiser und Knige, Herren und Knechte, Millionre und Bettler sind auf
unsere Kraft angewiesen, alles stnde still, wenn _wir_ feiern wrden.
-- Wenn man aber heute alle Diamanten der Welt ins Wasser werfen wrde,
nun, dann wre auch weiter nichts, und kein Rdchen in der Welt drehte
sich deshalb schneller oder langsamer. -- Aber still jetzt, ich hre
unsern Herrn kommen, und der liebt das Schwtzen nicht. Leben Sie wohl,
Sie eitler Fratz, und gren Sie Ihre Frau von mir, die geborene Grfin
Perle!

Die Steinkohle lachte im tiefen Ba >Hahaha<, der spitzige Bleistift
kicherte schadenfroh >Hihihi<, und der Baron von Diamant konnte vor Wut
kein Wort herausbringen. Dann war er muschenstill. Die Gebrder
Kohlenstoff schwiegen.

Da ging pltzlich die Tr auf, und der Herr trat ins Zimmer. Er rief
seinen Diener. Legen Sie noch Kohlen auf, sagte er, es ist kalt, und
ich habe noch lange zu arbeiten! Und dann setzte er sich an den
Schreibtisch, nahm den Bleistift und fing an emsig zu schreiben.

Den Diamantring aber schob er achtlos beiseite. _Den brauchte er nicht!_

Seht Kinder, meinte der alte Ulebuhle, so ist es in der Welt, und
darum merkt euch den Spruch: Es kommt nicht auf das Rcklein an, man
frage stets: Was _kann_ der Mann?




                             Der alte Baum


Hret nun die Geschichte von dem alten Baum, ihr Kinder, der da wohl
ein Jahrhundert im stillen Walde stand und ein merkwrdiges Ende nahm.

Kerzengerade war er gewachsen, denn das ist fr eine rechtschaffene
Fichte eine Ehrensache. Sein dunkelgrnes Nadelkleid war dicht und voll,
und wenn der Wind durch den Wald fuhr, dann rauschte er durch das Gest
des alten Baumes und klapperte mit drren Zweigen wie ein Storch mit
seinem Schnabel. Die kleinen Vgel saen auf den breiten Fchern von
Nadeln, die so schn nach Harz dufteten, und sangen ihre Lieder. Der
Specht hmmerte, da ihm der Kopf brummte, und die Eichktzchen jagten
auf und nieder und spielten Verstecken in dem Dunkel des dichten
Gestes.

Im Winter lagen mchtige Schneewuchten auf den breiten Armen der Fichte,
und im Frost knackten ihre mit tausend Diamanten behangenen Zweige, da
man es weithin schallen hrte. Dann kamen Hirsche und Rehe und
schnoberten an der Rinde, denn sie litten Hunger. Reineke, der Fuchs,
schnrte mit gespitzten Ohren vorber, wartete hinter dem breiten Stamm
auf Lampe, den Hasen, und nachts sa zuweilen eine Eule auf dem Wipfel
und schrie und miauzte wie ein Wickelkind.

Aber am schnsten war es doch im Sommer, wenn die Sonne so warm schien
und die Vgel sangen. Einmal kam ein alter Mann und ein altes
Mtterchen. Sie gingen Hand in Hand. Sie blieben vor dem alten Baum
stehen.

Dieser war es, sagte der alte Mann und putzte seine Brille.

Und dann suchte er ringsum am Stamm und betastete die rissige Rinde.

Ja, rief er pltzlich frhlich, da ist es! Oh, wie lange ist es her,
und wie jung waren wir damals!

Richtig, da war ein Herz in die Rinde des alten Baumes eingeschnitten,
und zwei Buchstaben standen darunter, aber man konnte sie kaum noch
lesen, denn die Zeit hatte sie zernagt und verwischt. Ja, vierzig Jahre
sind eine lange Zeit, und so lange war es her, da der alte Mann, der
damals ein ganz junger war, die Zeichen hier eingegraben in die Rinde.
-- Lange standen die beiden Alten vor dem Baum und redeten kein Wort,
und dann gingen sie Hand in Hand weiter.

Ja, so ein alter Baum ist wie ein treuer Freund, und der junge Jger,
der oft in seinem Schatten ruhte, wenn die Mittagshitze ber der Welt
lag, liebte ihn wie einen Menschen.

Aber eines Tages nahm das alles ein Ende. Da kamen die Holzfller mit
blanker Sge und scharfer Axt, und viele Bume muten sterben. Der
Frster kam und machte mit Kreide drei Kreuze an den Stamm der alten
Fichte, und das war ihr Todesurteil.

Es tut mir leid, alter Bursche, sagte der Grnrock, aber es ist nicht
zu ndern, die Welt braucht Holz!

Ach, es war nicht zu ndern! Da kamen die Mnner und sgten den Stamm
durch. Die Vgel hrten den alten Baum chzen und sthnen, erschreckt
flogen sie weit fort. Der Star, der da oben im Wipfel eine Dachkammer
bewohnt hatte, mute schleunigst ausziehen. Er setzte sich auf den
nchsten Baum und schnatterte und schimpfte stundenlang auf die Strer
des Waldfriedens.

Dann legten die Mnner ein Seil um den Baum, riefen ziehend Hoh-Ruck
... Hoh-Ruck, und krachend strzte die Fichte nieder auf den moosigen
Waldboden.

ste und Zweige wurden abgeschlagen, die dicke braune Rinde abgelst,
und der lange, kahle Stamm lag wie ein Leichnam im Walde. Nach ein paar
Tagen aber kam ein riesiger Wagen mit vier Pferden daher, und der Stamm
wurde davongefahren, fort aus der grnen Heimat, herunter in die Stadt,
zum Sgewerk.

Da kreischten die Sgen von frh bis spt, schnitten den Stamm in lauter
kleine Scheiben, und dann hackte die Hackmaschine das alles in tausend
Trmmer. Ja, das Sgewerk war schrecklich. Ganze Wlder hatte es schon
gefressen, und die Leute, die den grnen Wald liebten, mochten die
blanken Sgen mit ihren tausend Raubtierzhnen nicht leiden.

Als die beiden alten Leute nach Monaten, im Frhlingssonnenschein wieder
durch den Wald schritten, da fanden sie den alten Baum nicht mehr. Nur
ein breiter Stumpf ragte noch aus dem Boden. Lange standen sie da, und
als sie fortgingen, glnzten Trnen im Auge des alten Mtterchens.

Der junge Jger aber schimpfte und wetterte, als er seinen Liebling
nicht mehr fand, und mimutig warf er die Flinte ber die Schulter und
ging heimwrts.

Die Trmmer des Baumes waren inzwischen weiter gewandert. Sie kamen in
eine groe Fabrik, da machte man Papier. Man warf sie in mchtige
Kessel, in denen kochte ein scharfer Teufelssaft, und schlielich wurde
ein dicker Brei aus dem Holz der alten Fichte. Der Brei wurde wei
gefrbt, kam auf mchtige Siebe, das Wasser wurde verdampft, und da war
ein dnner feuchter Filz aus dem Holzbrei geworden. Der ging dann durch
viele Walzen und Pressen, wurde immer dnner und dnner, und endlich
wurden schne glatte Papierbogen daraus.

Ja, es ist eine tolle Geschichte, was die Menschen alles aus so einem
alten Baume machen knnen! Aber was nutzt das ganze schne Papier, wenn
es nicht beschrieben oder bedruckt wird, sagten sich die Leute. Das
sagte auch der langgelockte Dichtersmann, der da drinnen in der groen
Stadt hauste, und so nahm er ein paar von den schnen weien Bogen,
tauchte die Feder in die Tinte und schrieb lauter Reime und Gedichte auf
das Papier. Ja, da besang er den Wald mit seinen grnen Bumen, und die
Vgel, die da in den Zweigen wohnen, und sagte, da es nichts Schneres
gebe in Gottes weiter Welt als den stillen Wald mit den rauschenden
Wipfeln. -- Ach, er dachte nicht daran, da der alte Baum sterben mute,
damit der Dichter auf dem Papier seine Lieder ber den Wald
niederschreiben konnte.

Aber das meiste Papier, das aus dem Fichtenstamm entstanden, kam in eine
groe Druckerei, und da wurden die Gedichte ber den Wald zehntausendmal
abgedruckt, und aus dem Baum waren zehntausend Bcher geworden, die
hinaus wanderten in alle Welt.

Eines kam auch hinauf in das Forsthaus im Walde, wo der junge Jger
wohnte. Der nahm es mit sich in die grne Einsamkeit der Tannen und
Buchen. Er lagerte sich unter einem hohen Baum und las darin.

Schnedderengteng! sagte er rgerlich. Da hauen die Stdter die Bume
um und machen Papier daraus, und aus dem Papier machen sie Bcher, und
in den Bchern schreiben sie, da man in den grnen Wald gehen soll, und
ihn heilig halten mu. -- Es ist ein verrcktes Zeug, und es ist schade
um den Baum, der deswegen sterben mute!

Da nahm er das Buch und warf es weit fort in das grne Walddunkel.

Lange lag es da! Die Ameisen krochen zwischen den Seiten. Reineke, der
Fuchs, beschnoberte es mitrauisch und konnte ber das seltsame Ding
nicht klug werden, und der Starmatz pfiff darauf und benahm sich noch
weiterhin unanstndig, denn er verstand nichts von Gedichten. Die Sonne
vergilbte das Papier, drrte es aus; der Regen durchweichte es, der
Frost zerri es, die Muse knabberten daran, der Schnee des Winters
lste es auf in einen Brei. Der Brei sickerte langsam in den Erdboden
hinein, gerade da, wo ein ganz winziges Fichtenzweiglein wuchs. Seine
feinen Wurzeln saugten die Nahrung ein, und das zerstrte Buch gab der
jungen Fichte wieder, was es dem alten Baum genommen hatte.




                         Johann der Wunderbare


Zu Basel, so erzhlte eines Abends der alte Ulebuhle, lebte vor
Jahren ein berhmter Uhrmacher, der war ein Meister in seiner Kunst, wie
ihn die Welt noch nicht gesehen. Er baute wundervolle Uhren mit allerlei
beweglichen Figuren, die zu jeder Stunde aus dem Gehuse herauskamen,
ihre Verbeugung machten und mit einem Stab die Stunde wiesen. Dann
drehten sie sich um, schlugen mit einem kleinen Hmmerchen auf silbernen
Glocken die Zeit, und dann verbeugten sie sich wieder und verschwanden.

Von weit und breit kamen die Leute herbei, um die Kunstuhren des
Meisters zu sehen, und Frsten und hohe Herren lieen sich fr teures
Geld da prunkvolle Werke bauen. Aber der Meister schuf immer
wunderbarere Sachen. Da war ein Reiter aus purem Golde, der alle Mittag
um zwlf eine Trompete zum Munde fhrte, ein lustiges Stcklein blies
und dann eine Pistole abfeuerte. Das Pferd aber konnte wiehern und mit
dem rechten Vorderhuf scharren. Schlielich baute er eine knstliche
Ente, die auf dem Wasser schwimmen konnte und so natrlich schnatterte,
da alle Welt voll Staunen war. Setzte man sie aufs Trockene, so
watschelte sie dahin und schlug auch zuweilen mit den Flgeln. Man lie
sie in der ganzen Welt sehen, als einen Beweis menschlicher
Kunstfertigkeit, und endlich kaufte sie ein reicher Mann fr viele
tausend Gulden.

Aber der Meister, verwhnt durch die Gunst hoher Herren, wollte immer
hher hinaus. Er wollte etwas schaffen, das seinen Namen bis in die
fernsten Zeiten berhmt machte, und darber grbelte er Tag und Nacht.
Endlich hatte er den richtigen Gedanken gefunden. Er beschlo einen
knstlichen Menschen zu bauen, einen Mann aus Eisen, in Lebensgre, der
tuschend Menschenart und Menschentun nachahmen sollte.

Er schlo sich in seine Werkstatt ein, rechnete und zeichnete und lie
niemand vor. Als er endlich das groe Werk auf dem Papier fertig vor
sich hatte, ging er daran, es wirklich auszufhren. Alles machte er
selber, denn mit niemand wollte er seinen Ruhm teilen. Er go die Form
in Eisen und Bronze, er schmiedete und hmmerte, feilte und bohrte,
schuf tausend Rder und Hebel, Gelenke und Lager, Wellen und Kurbeln,
Federn und Gewichte. Aber nur langsam ging das schwierige Werk
vonstatten, und da er keinerlei andere Arbeit annahm, so verbrauchte
sich schnell das frher erworbene Geld, und seine Familie kam in Not.

Mann, sagte seine Frau, es ist bald kein Pfennig mehr im Hause. Seit
Jahr und Tag sitzt du bei deiner geheimnisvollen Arbeit in deiner
Werkstatt, niemand, nicht einmal ich wei, was du da fr ein Kunstwerk
baust, und da du alle alten Kunden mit ihren Auftrgen abweisest, so
wird bald niemand mehr kommen, und wir wissen nicht mehr, wovon wir
leben sollen.

Geht zum Teufel mit eurem Plunderzeug, sagte wtend der Meister. Fr
die nichtige Schusterarbeit sind genug andere Uhrmacher da, die nichts
weiter verstehen, aber ich will etwas bauen, da alle Gelehrten und
Knstler der Welt vor Neid erblassen sollen, etwas, das Frsten und
Knige aus aller Welt nach Basel locken wird. Dann werde ich berhmt
werden auf der ganzen Erde, man wird mich zum Ober-Hofmechanikus
ernennen, und es wird Gulden regnen.

Es wird aber noch lange dauern, entgegnete die Frau, und inzwischen
ergeht es uns elender als dem kleinsten Uhrmacher, der die Schwarzwlder
Uhren repariert. Es ist kein Brot mehr im Hause und kein Fleisch fr
dich und die Kinder.

So nimm die Tauben, mit denen Jung-Heinrich spielt, sagte der Mann,
das hilft einen Tag weiter!

Das bringe ich nicht ber das Herz, Mann, sie sind seine liebsten
Gefhrten, sie sitzen auf seinen Schultern und picken ihm die Erbsen aus
dem Munde, sie schmiegen sich an seine Wangen, er hngt mit ganzem
Herzen an ihnen, und es wre grausam, dem Knaben die beiden weien
Tubchen zu nehmen. Was hlfe es auch, nur _einen_ Tag Rat zu schaffen!

So la mich in Ruh! Geh borgen und warte die Zeit ab. Ich schaffe ein
Kunstwerk, das Scheffel Goldes bringt, und man wird mich feiern wie
einen Groen!

Mann, sieh dich vor! Dich hat der Hochmutsteufel beim Kragen! Versuche
Gott nicht!

Hol euch alle der Fuchs! schrie wtend der Meister und strzte davon
in seine Werkstatt, die Tr donnernd hinter sich zuschlagend. Er schlo
sich ein, Frau und Kinder sahen ihn kaum mehr, denn er schlief auch dort
in seiner verborgenen Klause, und selbst die Mahlzeiten nahm er da ein.

So verging noch ein Jahr und noch ein halbes. Die Frau borgte sich
berall den Lebensunterhalt zusammen, verkaufte, was in der Wirtschaft
entbehrlich, und bald stak des Knstlers Familie so tief in Schulden,
da niemand mehr eine Semmel leihen wollte. Die Frau des Knstlers und
seine Kinder wurden bla und mager, und es flossen viel Trnen im Hause.
Aber der Mann sah das alles nicht. Eine unstete Hoffart, eine
unbezwingliche Ruhmsucht flackerte aus seinen Augen. Er sah zuweilen
aus, als sei sein Geist verwirrt.

Aber eines Tages war er mit dem Werk fertig. Mitten in der Nacht, als
alles schlief, beschlo er, es zu probieren. Er stand auf und machte
Licht, und dann nahm er die schwarzen Decken, die das Kunstwerk
verhllten, ab.

Es war wirklich ein Kunstwerk! Da stand ein leibhaftiger Mensch, ein
hochgewachsener, krftiger Mann. Er hatte eine dunkelblaue Livree an,
mit blanken Knpfen, wie ein vornehmer Bedienter. Das Gesicht war, da
die uere Hlle aus feinster Emaille bestand, so natrlich, da man auf
den ersten Blick einen wirklichen lebenden Menschen vor sich zu haben
glaubte. Ein schwarzer Vollbart flo vom Kinn lang hernieder, die Augen,
obwohl von Glas, blickten durchaus nicht starr, die Hnde waren
wohlgeformt, nur die Fe, die in hohen Stiefeln mit flachen Sohlen
steckten, sahen ein wenig plump aus, aber das mute so sein, denn der
Mann war ganz aus Eisen, und er mute auf diesen mit Blei beschwerten
Fen sicher stehen.

Der Knstler knpfte die Livree auf und ffnete die eiserne Tr, die die
Brust des knstlichen Menschen verschlo. Himmel, wie sah es darin aus!
Ein Gewirr von Hebeln und Rdern und Drhten und Magneten und
Drahtspulen, es konnte einem schwindlig werden, und kein Mechaniker der
Welt htte diesen verwickelten Apparat auseinandernehmen und wieder
zusammensetzen knnen. Nicht anders sah es in den Armen und Beinen aus.
Da waren Laufwerke und Gewichte und elektrische Batterien, Zugfedern und
kunstvolle Gelenke, und alles bewegte sich wie am Schnrchen.

Am groartigsten aber war es im Kopfe des eisernen Mannes bestellt! Der
Uhrmacher nahm ihm die Percke ab und ffnete den Schdel, um noch
einmal nachzusehen, ob alle Schrauben am rechten Fleck. Die Glasaugen
konnten wirklich sehen. Ein photographischer Apparat war an ihnen
angebracht. Ein Uhrwerk bewegte langsam den Film weiter, auf dem die
Aufnahmen entstanden, und was die Glasaugen sahen, das wurde so auf dem
abrollenden Photographenfilm festgehalten und abgebildet. Auch hren
konnte dieser eiserne Mensch. In den Ohren steckten Schallkapseln, wie
bei einer Sprechmaschine, und der eingebaute Phonograph grub in eine
Wachswalze ein, was die Ohren hrten. Drckte man auf einen verborgenen
Knopf, dann wiederholte die Figur, was sie gehrt hatte, denn dann fing
die Sprechmaschine an zu schnurren, und aus dem Munde kamen deutlich
alle Worte wieder. Dabei bewegten sich die Lippen so naturgetreu, da
man einen lebenden Menschen vor sich zu haben glaubte. Da war auerdem
noch eine besondere Walze, die mancherlei alltgliche Redensarten
enthielt, wie Guten Tag, Gute Nacht, Schlafen Sie wohl!, Wie geht
es Ihnen?, Ich danke, mir geht es gut!, Ich heie Johann der
Wunderbare und stamme aus Basel. Mein Vater ist der Uhrmacher
Cornelius!, Hatschi, es zieht, schlieen Sie das Fenster! Dies und
hnliches konnte das Kunstwerk sprechen.

Die Figur drehte den Kopf, nickte, hob Arme und Beine, grte wie ein
Soldat, und vor allem konnte sie auch gehen. Freilich, sie ging ein
wenig schwerfllig, und der Gang war langsam, aber im ganzen sah es doch
recht natrlich aus, denn es gibt ja auch Menschen, die sich ein wenig
langsam und unbeholfen fortbewegen. Durch ein Uhrwerk und einige
einstellbare Hebel konnte man erreichen, da der Mann soundso viele
Schritte geradeaus ging, dann links oder rechtsum machte, wieder eine
bestimmte Zahl Schritte tat und dann stehen blieb.

Aber er konnte auch ein treuer Wchter sein. Trat ein unberufener
Eindringling auf einen elektrischen Draht, der von ihm ausging, so scho
er eine Pistole auf jenen Platz hin ab. Diese Pistole mute man ihm
natrlich zuvor in die Hand schrauben.

Ja, es war wirklich ein Kunstwerk.

Es kam der groe Tag, an dem der eiserne Mann ffentlich gezeigt werden
sollte. An allen Straenecken war das Wunder in groen Plakaten
angekndigt, alle Zeitungen hatten davon berichtet. Der Meister
Cornelius wolle ein nie dagewesenes Kunstwerk zeigen, einen knstlichen
Menschen: _Johann den Wunderbaren._ Tausende und Abertausende liefen
herzu. Die armen Leute gingen, die Vornehmeren fuhren im Wagen, und die
ganz Hochgeborenen saen zu Pferde. Es war ein Geschiebe und Gedrnge
vor dem Hause des Meisters, da es bengstigend wurde, und die
Polizisten liefen mit blauroten Kpfen umher, ihre Schnurrbrte waren
gestrubt, und sie fuchtelten mit weibehandschuhten Hnden gewaltig in
der Luft herum.

Es war angekndigt, da Johann der Wunderbare ganz allein von seinem
Geburtshause bis zu der groen Ausstellungshalle laufen sollte, in der
er sich der Menge und den hohen Herrschaften vorstellen wrde. Das war
ein schner glatter Weg bis dahin und ging zweimal um eine Ecke.

Die Frau des Knstlers und seine Kinder hatten Johann den Wunderbaren
schon einen Tag vorher zu sehen bekommen. Da stand nun die Figur, wegen
der sie zwei Jahre lang so viel hatten leiden und dulden mssen. Johann
der Wunderbare hatte einen bsen Zug um den Mund, und auf der Stirn
hatte er eine dstere Falte. Dazu sein langer dunkler Bart ... ja, so
kunstvoll er war, die Frau konnte keine Freude empfinden. Er kam ihr vor
wie ein bser Dmon. Auch die Kinder frchteten sich fast vor diesem
knstlichen Menschen; am meisten aber Heinrich, des Meisters Jngster.
Er hate diesen eisernen kalten Mann, wegen dessen die Mutter so viel
geweint. Er sieht so bse aus, sagte Heinrich zur Mutter, so wie ein
Mensch, der kein Herz hat. -- Da hast du recht, mein Junge, meinte
die Mutter, aber er hat ja auch kein Herz, und deshalb ist er auch kein
richtiger Mensch. Aber wir drfen dem Vater seinen Stolz und seine
Freude ber sein Werk nicht verderben. Gebe Gott, da er uns wieder
besseren Zeiten zufhre und Geld bringe und wieder Frieden im Hause.

Da ging Jung-Heinrich wieder hinweg, um mit seinen beiden weien
Tubchen zu spielen, denn das war sein grtes Vergngen auf der Welt,
und er liebte nichts so wie diese Tubchen.

Die Menge vor dem Hause wuchs immer mehr. Endlich aber kamen in
Begleitung des Brgermeisters und der gelehrten Herren der Stadt die
hohen frstlichen Gste an, und man benachrichtigte den Meister
Cornelius, da es an der Zeit sei.

Da tat sich die Tr auf, Meister Cornelius erschien, und hinter ihm kam
langsam und bedchtig, sorgsam die Beine hebend und senkend, Johann der
Wunderbare. Hurra, schrie die Menge, als sie seiner ansichtig wurde. Er
legte ein paarmal die Hand an die Mtze, und dann lief er kerzengerade
die glatte Strae hinunter. Vor ihm her ging sein Verfertiger. Weiter
hinten folgten des Meisters Frau und die Kinder.

Im Winde wehte der dunkle Bart Johanns. Hin und wieder drehte er den
Kopf nach rechts und nach links, und zuweilen hob er die Hand und
grte.

Die Leute staunten und schrien durcheinander, und alle rhmten laut, wie
er daherkam. Das Erstaunen wuchs aber, als Johann der Wunderbare im
richtigen Augenblick linksum machte und um die Ecke bog, in die
Seitenstrae, und der Jubel und das Verwundern nahm zu, als er richtig
an der nchsten Ecke wieder einschwenkte und dann geradenwegs auf die
groe Halle zulief.

Bei Gott, er ist wie ein lebendiger Mensch, sagten die Leute,
hoffentlich betrgt uns der Meister Cornelius nicht, und es ist nicht
wirklich ein Mensch, der nur eine Figur vortuscht!

Die vornehmen Leute aber sagten, es wre pyramidal, und die Gelehrten
meinten, es wre ein exorbitantes Phnomen. Die kleinen Brger, die
das hrten, wuten zwar nicht, was das zu bedeuten htte, aber sie
bekamen noch mehr Respekt vor Johann dem Wunderbaren, ber den die hohen
Herren so seltene Worte sagten.

Mitten in der weiten Halle lag ein Teppich, und als der eiserne Mann
diesen Platz erreicht hatte, machte er Halt. Nun setzten sich die
Vornehmen auf Sesseln ringsum, und alles Volk fllte die weite Halle bis
auf den letzten Platz.

Meister Cornelius hob die Hand, und alles wurde muschenstill.

Meine hohen Herrschaften, hochgelehrte Herren, verehrtes Publikum,
sagte er und machte eine tiefe Verbeugung, hier stelle ich Ihnen mein
neuestes Kunstwerk vor, an dem ich zwei und ein halbes Jahr gearbeitet
habe. Es ist etwas noch nie Dagewesenes, ein knstlicher Mensch. Ich
darf mich rhmen, der erste Mensch auf Erden zu sein, dem es gelang, ein
solches fast vollkommenes Wesen herzustellen. Der von mir geschaffene
Johann der Wunderbare handelt so natrlich, da vielleicht manche
glauben, es sei ein wirklicher Mensch, und sie wrden betrogen. Ich
werde daher meinem Kunstwerk den Kopf abnehmen, werde seinen Krper
ffnen, damit sich jeder berzeugen kann, da es eine Maschine ist.

Das tat der Meister dann, und alle sahen, es ist wirklich ein Kunstwerk.
Dann brachte der Knstler sein Werk wieder in Ordnung, und als er
abermals die Hand hob und Schweigen gebot, begann die Figur ihre
Vorstellung. Sie machte eine kleine Verbeugung, legte die Hand an die
Mtze und sagte mit deutlicher Stimme: Guten Tag! Ich heie Johann der
Wunderbare und stamme aus Basel. Mein Vater ist der Uhrmacher Cornelius!
Hatschi!! Es zieht, schlieen Sie das Fenster!

Erstaunen ging durch die Menge. Die Leute lachten vergngt ber den
spaigen Kerl, und einige schlossen wirklich das Fenster. Ja, das ist
ein groes Kunstwerk, sagten die Leute. Die Vornehmen aber meinten, es
wre wirklich pyramidal, und die gelehrten Herren schttelten die Kpfe
und sagten einmal ber das andere Mal: In der Tat, ein exorbitantes
Phnomen!

Dann sang Johann der Wunderbare ein kleines Lied, und als die Leute
klatschten, verbeugte er sich und sagte: Ich danke, mir geht es sehr
gut!

Jetzt, meinte der Meister, wird der knstliche Mann zeigen, da er
auch hren und verstehen kann. Einer von den Herrschaften wird ihm mit
lauter Stimme etwas zurufen, und er wird es wiederholen.

Einer der gelehrten Herren, der berhmte Professor Konfusemathesius,
trat heran und sagte laut zu dem wunderbaren Johann: Kannst du mir
sagen, wer Amerika entdeckt hat?

Der Meister, der neben der Figur stand, drckte auf den Knopf, der den
Phonographen in Ttigkeit setzte, und so nahm er die Worte auf.
Johann, sagte er dann, was sagte der berhmte Professor
Konfusemathesius zu dir? Da schnurrte die Walze wieder ab, und die
Figur sprach deutlich: Kannst du mir sagen, wer Amerika entdeckt hat?

Die Leute klatschten und waren ganz aus dem Huschen. Inzwischen aber
rief der Meister in das andere Ohrhinein: Christoph Kolumbus. Und als
die Figur nun den Namen des Entdeckers Amerikas aussprach, da war alles
des Lobes voll.

Jetzt, rief Meister Cornelius, wird der knstliche Mann zeigen, da
er auch sehen kann. Er wird an das Fenster treten, Sie werden ihm irgend
etwas zeigen, und nachher werde ich Ihnen sagen, was Sie ihm gezeigt
haben. Ich aber werde hier ruhig stehen bleiben, Sie sollen mir die
Augen verbinden, damit ich es selbst nicht sehen kann, was meiner Figur
vorgefhrt wird.

Man verband dem Knstler fest die Augen und fhrte ihn in eine dunkle
Ecke. Johann stand am Fenster. Drauen auf dem Platz standen zwei
Schimmel. Man setzte auf jeden einen Knaben und fhrte die Pferde vor
das Fenster. Dann fhrte man sie wieder weit fort und nahm dem Meister
die Binden ab. Er brachte sein Kunstwerk wieder auf den Teppich zurck,
griff hinein in das Hinterhaupt, zog den photographischen Film hervor,
ging in eine dunkle Ecke, go eine Flssigkeit darber, die das Bild
sichtbar machte, und kam wieder zurck.

Man hat Johann dem Wunderbaren zwei Schimmel vorgefhrt. Knaben saen
darauf. Einer hatte eine Fahne in der Hand. Ja, er hat das alles
deutlich gesehen und mir verraten.

Eine Bewegung ging durch die Menge. Viele sagten, da es eine tolle
Sache sei, eine Art Hexerei, und ein paar Frauen meinten, es sei
unheimlich, und man knnte sich frchten vor dem eisernen Kerl mit dem
schwarzen Bart.

Aber den Meister Cornelius, den das Staunen ber sein Werk immer
hoffrtiger machte, plagte der Teufel. Er wollte immer mehr und mehr von
ihm zeigen.

Geben Sie Obacht, rief er, und sein Gesicht war vor Eifer feuerrot,
jetzt wird sich Johann der Wunderbare als Kunstschtze produzieren.
Dort vor dem Fenster ist ein Pfahl aufgestellt, und auf ihm ist eine
Taube angebunden, die wird er herabschieen. Er ist ein treffsicherer
Schtze.

Damit schraubte er seinem Mann eine Pistole in die Hand und drehte ihn
dem Fenster zu. Richtig, da drauen war ein Pfahl, und auf dem Pfahl
sa, an einem Band befestigt, das ihr Davonfliegen verhinderte, eine
niedliche weie Taube. Die machte Gurr-Gurr und langweilte sich, denn
sie war gewhnt, mit ihrer Schwester zu spielen und auf der Schulter des
kleinen Knaben zu sitzen, der Erbsen in der Tasche hatte und auch kleine
se Kuchen. Sie liebte den kleinen Knaben, und er liebte sie. Sie
pickte mit ihrem rosa Schnbelchen vorsichtig Erbsen von seinen Lippen,
sie sa oft mit ihrer Schwester stundenlang auf seiner Schulter, wenn er
in seinen Mrchenbchern las.

Heut aber war er nicht gekommen, sie aus ihrem Wohnkfig zu befreien.
Ein harter Mann kam, der fest zufate und sie in einen Sack steckte. Nun
sa sie hier auf der Stange, sagte unablssig Gurr-Gurr, denn sie hatte
Sehnsucht nach der Schwester, nach dem kleinen Jungen und nach Erbsen
und Wasser.

Johann der Wunderbare stand mit finsterem Gesicht und starren Augen da.
Sein schwarzer Bart stand weit ab vom Kinn, sein Mund schien zu lcheln,
es war, als lge ein bser Zug auf seinem Antlitz. Er hatte den Arm
erhoben und zielte auf das Tubchen.

Es entstand ein Murmeln in der Menge. Einige Kinder und Frauen sagten,
es sei schade um das niedliche Tubchen, und es sei nicht recht, es von
dem Eisernen tten zu lassen. Pltzlich drngte sich ein kleiner Knabe
vor. Jung-Heinrich war es. Er hatte ganz hinten mit der Mutter und den
Geschwistern gestanden, und nun drangen die Worte vom Schieen und von
dem Tubchen an sein Ohr. Da packte ihn ein dsteres Ahnen. Sollte es
gar sein Tubchen sein? Er zwngte sich durch die Menschen hindurch, um
das Fenster und den Pfahl sehen zu knnen und erblickte seinen Liebling
mit dem blauen Band um den weien Hals. Ein heftiger Zorn fate ihn. Er
sprang vor, geradewegs auf den eisernen Menschen zu, der ihm so groen
Schmerz antun wollte. Er sah den Vater kaum, er stand pltzlich neben
Johann dem Wunderbaren auf dem Teppich, und viele tausend Menschen
blickten erstaunt auf ihn.

Was willst du tun, eiserner Mann? schrie er. Warum willst du mein
Tubchen tten? Du bist ein bser Mensch, du hast kein Herz, du bist ein
grausamer Mensch, ein herzloser Mensch!

Aber schon hatte der Vater auf den Mechanismus gedrckt, der den Schu
auslste, und als der Knall verhallt war, sah man das Tubchen an der
Schnur niederfallen. Johann hatte gut getroffen, oh, er war ein
trefflicher Schtze, ja er war wirklich ein Kunstwerk.

Es ging ein Murren durch die Menge.

Der kleine Knabe aber brach in Trnen aus. Er war auer sich. Wtend
sprang er auf den Verhaten zu. Herzloser, bser Mensch! Mrder,
Mrder! schrie er ihm zu, und dann stie er mit der ganzen Kraft seines
Krpers nach ihm. Die Figur, die den einen Arm weit vorgestreckt hielt
und auf einer Kante des Teppichs stand, war nicht im Gleichgewicht. So
wankte sie, drehte sich und es war, als ob sie den Knaben erschlagen
wollte. Sie neigte sich vornber, ihm zu, strzte mit ihm, ber ihn zu
Boden.

Das ging alles so schnell, da der Knstler, der verblfft daneben
stand, gar nicht Zeit hatte, einzugreifen.

Erschreckt drngten sich die Menschen hinzu, zogen den Knaben unter der
eisernen Figur hervor. Es war ihm weiter nichts geschehen, nur eine
blutige Schramme ging quer ber die Stirn. Aber das Murmeln der Menge
wuchs drohend an, es wurde zu wildem Schreien, zu brausendem Rufen.

_Er hat kein Herz, nein, er hat kein Herz,_ so schrie es von allen
Seiten. Er kann Tiere und Menschen tten, er wrde auch uns ohne
Erbarmen tten, wenn es ihm befohlen wird. Er ist ein Bsewicht, ein
Mrder!

Mrder, Mrder, herzloses Ungeheuer, tobte die Menge. Man nahm den
Knaben auf den Arm, fhrte ihn der Mutter zu, man versprach ihm neue
Tubchen. Emprt und wtend, schreiend und tobend schob und drngte sich
die Menge aus der Halle.

Ja, sagten die Vornehmen, er ist ein pyramidales Kunstwerk, aber ein
Herz, nein, ein Herz hat er nicht! -- In der Tat, ein exorbitantes
Phnomen, sagten die Gelehrten und wiegten die Kpfe, aber _cum venia_
zu sagen, gewissermaen herzlos! Darauf verschwanden auch sie.

Er kann alles, brllten die erregten Massen, er kann sich bewegen wie
wir, er kann sehen und hren, sprechen und singen, aber er ttet, _denn
er hat kein Herz, kein Herz, kein Herz_!

In der Ferne verlor sich das Toben und Schreien, schlielich war es nur
noch ein fernes Brausen, und dann wurde es ganz stille.

Einsam stand in der weiten Halle Cornelius der Knstler. Er war
leichenbla. Unheimlich funkelten seine Augen. Neben ihm lag sein Werk.
Da fate ihn eine namenlose Wut. Er ergriff eine schwere eiserne Stange,
die in der Ecke der. Halle lehnte, er hieb wie ein Rasender mit
wuchtigen Schlgen auf den wunderbaren Johann ein, der ihn mit starren
Augen und offenem Munde hhnisch anblickte. Er zerschmetterte ihn mit
wahnsinnigem Eifer, er trat mit den Fen in das kunstvolle Gewirr von
Rdern und Hebeln, Walzen und Gelenken, Drhten und Federn, bis alles
ein wster Trmmerhaufen war.

Dann hllte er sich in seinen Mantel, und als der Abend hereinbrach,
eilte er aus der Stadt, wanderte ohne Ruh und Rast durch Wlder und
Felder in die unbekannte Ferne.

Man hat ihn nie wieder gesehen.




                       Das Zndholz und die Kerze


Einmal ging eine bse Krankheit durch die Stadt. Auf leisen Sohlen
schlich sie heimtckisch in alle Huser, zu den Armen und zu den
Reichen, und der Wagen des alten Doktor Horn klapperte von frh bis spt
durch die winkligen Gassen mit den schnurrig-schiefen Huschen; aber
weder die bittere Medizin noch die lustigen Scherze des Alten vom
Theresienhof wollten diesmal helfen. Der Tod, der berall im Lande
reiche Ernte hielt, wollte auch aus der Bergstadt Goslar seinen Zehnten
haben, und war kein Kraut gegen ihn gewachsen.

Eines Tages starben zu gleicher Stunde der alte Bergmann Klaus, der
achtzig Sommer gehen und kommen sah, und sein Enkelchen Friedel, das mit
uns auf der Schulbank sa und mit zum Mrchenkreis des alten Ulebuhle
gehrte.

Am Abend, als sie zu Grabe getragen wurden, das uralte Menschenkind und
das ganz junge, saen wir betrbt beim Doktor Ulebuhle, und da erzhlte
er die Geschichte vom Zndholz und der Kerze, vom kurzen und vom langen
Leben.

Kinder, sagte er, kurz und lang, das ist Menschenwitz. Fr den Herrn
der Welt ist es eins. Ihm lebt der Maikfer so lange wie der Elefant,
obgleich der ein paar hundert Jahre alt werden kann, denn fr die
Ewigkeit ist die Minute so lang wie das Jahrhundert. Seht, da stand eine
Kerze auf dem Tisch eines jungen Mannes und ein Zndholz lag dabei. Die
Kerze war schn wei und hatte noch nie geleuchtet, denn die Magd hatte
sie erst am Morgen vom Krmer gekauft. Das Zndholz hatte einen ganz
roten Kopf. Es war ein Bullerjahn, wie alle aus seiner Familie, und
immer gleich Feuer und Flamme und immer auf dem Sprunge, sich an allem
und jedem zu reiben. Die Kerze tat sehr steif und vornehm und war von
ihrem Beruf ungemein eingenommen. Oben hatte sie einen kleinen Zopf und
unten ein Spitzenkleid aus Papier; ihr Fu steckte in einem
Porzellanschuh, und dicht daneben lag das Zndhlzchen in einer kleinen
hlzernen Bettlade ganz allein, denn es war das letzte Glied einer
kinderreichen Familie.

Ein Sonnenstrahl drang durch die Fensterladen und fiel auf die beiden.
Das Zndhlzchen erwachte, besah sich eine Weile die Kerze und sagte
pltzlich:

Gestatten Sie, da ich mich Ihnen vorstelle. Zndholz ist mein Name.
Ich stamme aus Schweden. Meine Mutter war eine geborene Tanne, die erst
mit einem Herrn Schwefel und nachher mit Herrn Phosphor verheiratet war.
Entschuldigen Sie, da ich im Liegen spreche. Wenn man ein Holzbein hat
--, Sie begreifen! Ich bin der Letzte meines Stammes. Wir sind ein
kurzlebiges Geschlecht.

Die Kerze schwieg eine Weile und berlegte, ob sie dem kleinen
rotkpfigen Wicht berhaupt antworten sollte. Endlich aber sagte sie mit
fettiger Stimme:

Ich heie Kerze. Ich mchte Sie aber darauf aufmerksam machen, da ich
nicht auf vertraulichem Fue mit Ihnen verkehren kann, denn Sie sind als
mein Diener hier angestellt. Mein Vater war der Baron von Rindertalg,
und meine Mutter stammt aus der reichen Kaufmannsfamilie Baumwolle. Ein
Verwandter von mir ist ein hervorragendes Kirchenlicht, und einer meiner
Brder stand an der Spitze des Christbaumes, dicht neben dem
Weihnachtsengel. Sie unterhielten so enge Beziehungen, und der
wundervolle Engel verliebte sich derart in meinen Bruder, da er vor
Sehnsucht zerflo, denn er war eine wachsweiche Natur.

Das ist alles sehr interessant, meinte das Zndholz, aber Ihr Diener
bin ich denn doch nicht!

Aber freilich, Verehrtester, Sie sind ja nur meinetwegen hierher gelegt
und werden mich heut abend entznden! Was meinen Sie wohl, welche Rolle
ich hier im Hause spiele! Ich bringe Licht in die ganze Geschichte. Ich
ersetze die Sonne, bin ihr Stellvertreter auf Erden. Ohne mich knnte
der junge Herr gar nicht seine schnen Gedichte zu Papier bringen, denn
das tut er nur des Nachts, und dann seufzt er, denn er liebt eine schne
Dame.

Sehr interessant, meinte der kleine Mann mit dem Holzbein wieder,
aber wenn ich nicht wre, dann knnten Sie gar nicht leuchten, denn ich
mu durch mein Feuer Sie erst entznden. Seien Sie nicht so hochmtig!
Wenn ich auch nur klein bin und nur ein Holzbein habe, bin ich doch ein
tchtiger Kerl, denn ich habe es im Kopfe.

Nur keinen Streit, mein Bester! Ich darf mich nicht erhitzen, das
schadet meiner Figur, und ich habe noch ein langes Leben vor mir. Sie
freilich, mit Ihrem Holzbein, sind schnell in Asche zerfallen, aber ich
zehre von meinem Fett und berlebe Sie und alle Ihre Brder.

Der alte Tisch mit den seltsam verschnrkelten krummen Beinen, der schon
lnger als ein Jahrhundert in diesem Hause diente, knackte pltzlich
laut, so da die beiden erschraken und der Holzwurm, der in dem alten
Mbel hauste, zu bohren aufhrte. Es war, als ob der Tisch irgend etwas
knurrte, aber man konnte den alten Burschen nicht verstehen.

Sie sind schrecklich aufgeblasen und hochmtig wie alle reichen Leute,
die von ihrem Fett zehren, meinte das Zndholz, aber wenn Sie auch ein
wenig lnger leben als ich, sterben mssen Sie auch einmal, und ob Sie
das in Ihrem letzten Stndlein so mutig tun werden wie ich, das ist noch
die Frage, denn ich verschiee im letzten Moment mutig mein Pulver, wie
ein alter Soldat, da es zischt und pufft, und dann hat die liebe Seele
Ruhe, ich habe meine Schuldigkeit getan, und damit Gott befohlen! Denn
darauf kommt es im Leben allein an, da man seine Schuldigkeit tut. Wir
waren sechzig Schweden in einer Schachtel; alle taten ihre Pflicht; sie
gaben Feuer und starben. Nur zwei waren Drckeberger; sie brachen
zusammen, und der Herr schleuderte sie wtend ins Wasser und sagte:
Lumpenzeug!

Nun, sagte die Kerze, es wird sich alles finden. Wenn Sie mich nur
heut abend nicht im Stich lassen und krftig Feuer geben, denn dazu sind
Sie hierher gelegt. Mein Zopf ist schn gedreht und gefettet. Noch ist
er wei, aber je lter ich werde, je lnger ich leuchte, um so dunkler
wird er. Es ist umgekehrt wie bei den Menschen. Die haben in der Jugend
einen schwarzen Zopf und im Alter einen weien! Schade, da Sie mich
nicht strahlen sehen knnen. Aber zu Herzen wird es mir doch gehen, und
dann weine ich groe Tropfen, die an meinem Kleide niederrollen. Ja, das
Leben ist schwer!

Der kleine hlzerne Gesell schwieg. Die Kerze war ihm zu hochnsig und
selbstgefllig. Da lag er in seiner winzigen hlzernen Bettlade und
trumte vor sich hin.

Und dann ging die Sonne unter und die Nacht kam, und es war dunkel
ringsum. Die Finken, die in den hohen Bumen vor dem Hause gelrmt
hatten, waren schlafen gegangen, und hinter dem mchtigen alten
Kachelofen wisperten die Muse. Dann schlug die alte brummige Turmuhr
neun, und da ging die Tr auf, und der junge Mann trat ins Zimmer.

Jetzt, dachte die Kerze und war so aufgeregt, da sie an Herzschlag
gestorben wre, htte sie eines besessen. Die Sonne ist schlafen
gegangen, der Mond ist all diese Tage an Amerika verborgt, nun komme ich
dran. Mein Licht allein leuchtet durch die Finsternis.

Da ergriff der junge Mann die hlzerne Lade mit dem Zndhlzchen. Eines
nur, meinte er, hoffentlich tut es seine Schuldigkeit!

Der Mann mit dem Holzbein aber stand kerzengerade zu Befehl, wie ein
braver, guter Soldat von anno dazumal, und mutig lie er sein Leben fr
die Pflicht.

Leben Sie wohl! schrie er, als er mit seinem dicken Pulverkopf gegen
die Reibflche stie, und dann puffte und zischte er und gab Feuer, denn
das war sein Beruf. Schnell verkohlte er und zerfiel in Asche, aber die
Kerze konnte das alles gar nicht beobachten, denn nun kam sie an die
Reihe. Der junge Mann setzte ihr weies Zpfchen mit dem Zndholz in
Brand, und das war der feierlichste Augenblick in ihrem Leben, denn nun
strahlte sie ihr helles Licht aus und meinte, sie knne es mit der Sonne
aufnehmen.

Der junge Mann, der die schne Dame liebte, sa bis tief in die Nacht
hinein und schrieb Gedichte, und dann seufzte er. Die Kerze aber wollte
immer heller leuchten; ihr Zpfchen wurde immer lnger, und ihre Flamme
flackerte. Da kam aber die groe eiserne Lichtputzschere, sperrte ihren
Rachen auf und sagte: Nur keine Aufregung, Jungfer! Dann bi sie ein
Stck von dem Zopf ab, und die Kerze fand das so emprend, da sie dicke
Trnen weinte. Aber die Lichtputzschere kmmerte sich nicht darum. Sie
hatte ein Gemt wie ein Fleischerhund. Sie lag breitbeinig und mit
offenem Rachen zu Fen der Kerze und wartete auf den nchsten Bi.

Sie sind uerst unliebenswrdig und verstehen nicht, mit Damen
umzugehen, sagte die Kerze weinend, hier zu meinen Fen lag vorher
ein alter Soldat; der ging fr mich durchs Feuer und lie sein Leben fr
mich. Aber Sie sind kein Kavalier.

Schnedderengteng! Hier herrscht Ordnung! meinte die Schere und klappte
das Maul auf. Ich tue hier meine Pflicht und damit basta! Damen mit
langen Zpfen werden hier nicht geduldet. Ich liebe die langen Flammen
nicht; mein Herr auch nicht. Damen drfen nicht rauchen. Sie haben aber
eben geraucht, gequalmt sogar, Verehrteste. Und nun hren Sie auf zu
weinen, sonst kriegen Sie die Abzehrung und sterben bald.

Meine Verwandte war ein hohes Kirchenlicht, mein Bruder der ...

Hat den Weihnachtsengel geschmolzen! Haben Sie ja vorhin schon alles
erzhlt, Madame! Geben Sie Obacht auf Ihren Spitzenrock, den haben Sie
mit Ihren dicken Trnen schon ganz betropft. Je mehr Sie heulen, je
schneller geht es mit Ihnen zu Ende.

Ich lebe noch lange, meinte die Kerze, das Leben ist sehr
interessant, und man lernt immer wieder etwas Neues.

Schnedderengteng! Es ist immer wieder dasselbe. Ich liege hier schon an
die hundert Jahre und putze den Kerzen die langen Zpfe, damit sie nicht
die Bude vollqualmen, aber es ist immer dasselbe. Die jungen Damen
denken immer, sie leben ewig und bleiben ewig strahlend schn und voll
Wrme, und dann sind sie bermtig und wollen hoch hinaus und denken, es
mu ein Prinz kommen, der sich in sie verliebt. Aber langsam werden sie
alle klein und hlich, weinen immer mehr und kriegen ganz absonderliche
Figuren und dicke Fe. Lange Krokodilstrnen hngen auf dem weien
Kleide, der Zopf fasert aus, sie gewhnen sich das Rauchen an, und es
fehlt nicht viel, so fangen sie noch an zu schnupfen wie der alte
Gustav, der hier morgens immer alles ins reine bringt. Endlich aber sind
sie so zusammengedrrt wie eine Backpflaume, klein und unansehnlich, und
dann will sie keiner mehr, und die Geschichte hat ein Ende. Ich mag das
ganze Weibsvolk nicht leiden. Ich war fnfundzwanzig Jahre mit einer
gewissen Kette verheiratet. Ich hing an ihr mit all meiner Kraft. Wir
standen in enger Verbindung mit einem sehr hohen Herrn, einem gewissen
Messingleuchter. Was soll ich Ihnen sagen, eines Tages ri sie sich von
mir los und ging mit dem Kerl auf und davon. Darum sage ich: Weg mit
dem Weibervolk, mit der Liebe und den langen Zpfen! Alles
Schnedderengteng! Sprach's und bi wieder ein Stck vom Zopf der Kerze
ab, denn die war so emprt von der Rede des alten Bullenbeiers, da sie
in hellem Zorn aufloderte.

Wenn Sie mit der Kette auch so umgegangen sind wie mit mir, dann kann
ich es ihr nicht verdenken, da sie mit dem Messingleuchter durchging,
denn Sie sind ein roher Patron. Aber fr mich fngt das Leben erst an,
und ich glaube, es wird ganz interessant werden. Ich mache Furore und
sicher einmal eine gute Partie, eine glnzende Partie, wie es mir
zukommt. Freilich, den ersten besten wrde ich nicht nehmen.

Schrumm! sagte es pltzlich. Ein dicker Kfer, angelockt durch das Licht
der Kerze, war zum Fenster hereingeflogen und lag nun zu ihren Fen. Er
hatte groe Brsten an den Beinen, und damit strich er ber seinen
Schnurrbart und seine Frackflgel, denn er wute, was sich schickt, wenn
man einer Dame seinen Besuch macht. Er machte eine gar possierliche
Figur, denn er war sehr dick, hatte einen kugelrunden Kopf und ganz
kurze Beinchen. Er kribbelte langsam an dem Leuchter herum, machte ein
paarmal seine Verbeugung und schien zu warten.

Da kommt der erste Freier, sagte die Lichtputzschere, halten Sie sich
zu, sonst schwirrt er wieder ab.

Pee, meinte schnippisch die Kerze, er ist mir zu dick und zu klein.
Es wird noch ein anderer kommen. Ich habe Zeit, das Leben fngt ja erst
an!

Der Kfer kletterte inzwischen an der Kerze hoch, und als er dicht bei
ihrem Flammengesicht war, knisterte sie so bse, da er vor Schreck auf
den Tisch herunterfiel und auf seinen runden Rcken zu liegen kam. Da
lag er nun, strampelte unbeholfen mit den Beinen und konnte nicht wieder
aufkommen, bis ihm die Schere einen Arm entgegenstreckte und ihm wieder
auf die Beine half.

Sehen Sie, Verehrtester, so geht es, wenn man auf Abenteuer ausgeht.
Suchen Sie sich eine andere Flamme, denn diese hier will hoch hinaus,
und man wird am besten mit ihr fertig, wenn man ihr den Zopf abbeit.

Der Kfer war ganz verstrt. Schnurr, schnurr, sagte er, und dann flog
er in die Gardinen.

Aber schon kam ein neuer Freier daher! Das war eine Pferdemcke.
Entsetzlich dnn und langbeinig, eng geschnrt wie ein Gardeleutnant und
mit roten Stielaugen im Kopfe. Sie schnurrte immer rundum um die Kerze
und tat sehr verliebt.

Herrgott, sagte die, was fr ein dnner Schneider! Ein grlicher
Kerl! Ich mag ihn nicht um einen Wald voll Affen! Da mu ein ganz
anderer kommen!

Die Pferdemcke war, geblendet durch die Flamme, in das Tintenfa
geraten, hatte sich die Flgel gefrbt und kroch nun ber das
Schreibpapier des Dichters, einen langen Strich mit Tinte hinter sich
ziehend. Da wurde er rgerlich und warf sie in weitem Bogen zum Fenster
hinaus.

Nun werden Sie eine alte Jungfer, schnauzte die Schere. Der eine ist
Ihnen zu dick, der andere zu dnn. Ja, denken Sie vielleicht, es kommt
ein Prinz?

Aber wirklich, da kam ein Prinz! Ein niedlicher bunter Falter mit einem
blauen Seidenmantel und schwarzem Samtkragen. Er hatte zarte
Fhlhrnchen, umtanzte die Kerze und wisperte so fein, da man es kaum
hren konnte. Zudem war es eine fremde Sprache, die keines im Zimmer
verstand. Der bunte Fremdling machte der strahlenden Kerze seine
tiefsten Verbeugungen. Vielleicht hielt er sie wirklich fr die Sonne.
Ihr Licht und ihre Wrme lockten ihn, er war geblendet von ihrem Glanz
und umschmeichelte sie mit seinen surrenden bunten Flgeln.

Die Kerze fhlte sich uerst gehoben. Stolz stand sie da. Endlich ein
eleganter junger Herr, dachte sie, und strahlte noch einmal so hell.

Junger Mann, brummte die Lichtputzschere, hren Sie auf einen alten
Knasterbart, der das Leben kennt, und machen Sie, da Sie fortkommen,
sonst gibt's ein Unglck! Ich sah schon manchen Ihresgleichen ein Ende
nehmen. Er verbrannte sich die Frackflgel an der Flamme und mute zu
Fu nach Hause gehen, oder es ging ihm wie jenem dicken Nachtschwrmer,
der an der Kerze hngen blieb und elend mit ihr versengte.

Der kleine bunte Fremdling aber hrte nicht. Er taumelte um die Kerze,
und sie lockte ihn mit ihrem Strahlenlcheln.

Das Leben ist doch schn! sagte sie. Nun liebt mich auch jemand so,
wie der junge Mann, der dort sitzt und Gedichte schreibt, das Frulein
liebt.

Da zuckte sie pltzlich erschreckt zusammen. Es gab einen kleinen Puff,
und der bunte Schmetterling fiel auf den Tisch nieder, gerade neben die
Lichtputzschere. Er hatte die Kerze kssen wollen, und richtig
verbrannte er sich dabei die Flgel. Da lag er nun und schnurrte
unbeholfen, und das schne Spiel war aus.

Sehen Sie, junger Mann! Was habe ich Ihnen prophezeit! schnarrte die
Schere. bermut tut selten gut. Wer nicht hrt, mu fhlen, und Jugend
hat keine Tugend!

Es ist schade, meinte die Flamme, aber vielleicht kommt ein anderer.

Sie sind ein herzloses Frauenzimmer, und auerdem rauchen Sie schon
wieder! Mit diesen Worten sprang die Lichtputzschere empor, klappte das
Maul auf und bi herzhaft ein Stck von dem brennenden Zopf ab. Sie
konnte das tun, denn sie war von Eisen.

Die alte Uhr sagte zehn, und dann elf, und endlich zwlf. Die Kerze
wurde kleiner und kleiner und die Schatten im Zimmer immer lnger und
lnger. Alles tauchte immer mehr in Finsternis, und die Welt wurde so
bengstigend stille. Der Bohrwurm in der Tischplatte schlief, und der
kleine Schmetterling hatte sich traurig hinter den Bchern verkrochen.
Auch die Schere war eingenickt. Als die alte Uhr zwlf gesagt hatte,
brummte sie noch lange ganz leise vor sich hin, denn das war ihre grte
Arbeit, und nun mute sie wieder mit eins anfangen, aber dann schliefen
die Leute schon, und keiner hrte zu.

Da erhob sich endlich der junge Mann, der das schne Mdchen liebte. Er
seufzte noch einmal, und dann ging er ganz leise hinaus, hinber in sein
Schlafzimmer. Aber der alte Gustav, sein Kammerdiener, hatte ihn doch
gehrt. Er stellte die Pantoffeln zurecht und den Stiefelknecht, und
dann ging er hinber in das Studierzimmer seines Herrn, um nach Ordnung
zu sehen. Da stand die Kerze noch auf dem Tisch und brannte noch. Aber
wie sah sie aus! Alt und hlich! Ganz winzig klein war sie geworden und
flackerte ngstlich hin und her. Ihr Spitzenkleid war angesengt. Sie
weinte dicke, dicke Trnen und sagte einmal ber das andere Mal: Nun
ist es aus! Wie ist das Leben so kurz!

Der alte Gustav nahm den winzigen Kerzenstumpf mit der Schere aus dem
Leuchter heraus. Aber seine alten zittrigen Finger zerdrckten ihn.

Autsch! sagte die Kerze, und dann verlschte sie, und es war
rabenschwarze Nacht. Das winzige Wachsstmpfchen rollte in die Ofenecke,
und als der alte Gustav mit seinen Filzschuhen davongeschlurft war,
kamen die kleinen Muse hinter dem Ofen vor, strichen ihre Schnurrbrte,
schnupperten umher und verzehrten das Wachs. Nur den kleinen Zopf lieen
sie liegen.

Die Lichtputzschere erwachte, ri das Maul auf und ghnte. Alles schon
dunkel, dachte sie, die Jungfer Kerze ist inzwischen gestorben, wie es
scheint. Ja, das Leben ist kurz. Schnedderengteng, die Welt ist eng! --
Einmal werde auch ich in die Grube fahren, ich spre es doch schon in
den Gelenken, da ich hundert Jahre alt bin. Es ist das Zipperlein.

Der alte Tisch knackte, und da schwieg die Schere, denn sie wute, er
war ein alter Brummbr und liebte das Reden nicht.

Seht, Kinder, sagte der alte Doktor Ulebuhle und stopfte noch eine
Pfeife, das war die Geschichte vom Zndholz und der Kerze. Die Kerze
glaubte wunder wie langlebig sie sei, aber die Schere und der Tisch, die
schon ein Jahrhundert lang im Dienste des Hauses waren, fr die war die
Kerze so vergnglich wie das Zndhlzchen. Die Hauptsache ist, da man
sich schlecht und recht durchs Leben schlgt und seine Pflicht tut,
damit einem die Lichtputzschere nicht fortwhrend in den Zopf beit.

So sagte der schnurrige Alte, und dann nieste er, da sein eigenes
Puderzpfchen mit der kleinen Schleife entsetzt einen Seitensprung tat,
und schlurfte mit der Kerze uns voran, die alte steile Stiege hinab.




                           Der Weltuntergang


Hier, sagte der alte Ulebuhle und putzte seine mchtige Hornbrille,
ist das Allerwelts-Vergrerungsglas, das die Leute ein Mikroskop
nennen. Jetzt stellt euch alle um mich herum, und dann wollen wir
hineinsehen. Seht, da steht ein Glschen mit trbem Wasser, das hat die
alte Christine aus dem kleinen Teich im Garten heraufgeholt, und nun
wollen wir einen Tropfen von diesem Wasser unter das Vergrerungsglas
bringen und ihn viele hundert Male vergrern.

Schaut her, das ist getan, und jetzt guckt hinein.

Oh, welch eine schnurrige Welt ist doch so ein Wassertropfen. Hui, wie
es da wibbelt und kribbelt. Tausend winzige Tierchen schieen hin und
her, tauchen auf und nieder, jagen sich und plagen sich, wirbeln
durcheinander wie die Menschen in einer groen Stadt. Seht, da sind die
winzigen Schiffchen, glasdurchsichtig sind sie alle. Mit ihren feinen
Wimperhrchen rudern sie pfeilschnell dahin, als ob sie wer wei was fr
wichtige Geschfte zu vollfhren htten. Sie jagen nach Beute, sie
hetzen einander, sie gebrden sich so nrrisch wie die Menschen und sind
fr ihre kleine Welt vielleicht doch eben so gescheit wie die.

Da kommen andere, das sind die Rdertierchen. Sie haben am Kopfe so
einen drolligen Kranz von winzigen Fingerchen, die sind in stndiger
Bewegung, und es sieht aus, als ob es ein feines kleines Zahnrad wre
aus einer ganz kleinen Uhr. Wenn sie es drehen, so entsteht ein kleiner
Wirbel im Wasser, und allerlei winziges Zeug wirbelt heran, gerade
hinein in ihr aufgesperrtes Maul. Ja, so ist es, und die Rdchen mssen
immer fleiig kreisen, sonst bleibt der Magen leer.

Seht, da ist mitten in der Wasserkugel eine Insel. Ein ganz kleines
Teilchen eines verwesenden Blattes ist es, mit dem freien Auge kann man
es gar nicht sehen, aber fr diese kleine Welt ist es eine groe Insel,
und all die Wasserwichte, die so klein sind, da ein paar Hundert von
ihnen in einem Nhnadelhr wohnen knnten, eilen aus allen Richtungen
des Wassertropfens herbei, denn hier gibt es Nahrung fr viele Tausende
dieser schnurrigen Kerle. Seht ihr sie eilen, sich stoen und drngen?
Seht, da tanzen welche in einem wilden Knuel umeinander herum, wie die
Menschen auf einem Jahrmarkt, und es ist ein Gedrnge bei der Nahrung
spendenden Insel wie bei der Wrstelbude auf dem Schtzenfeste. Ha,
welch eine wilde Jagd kommt daher! Seht, sie verfolgen einander, sie
fliehen und jagen nach wie Ruber und Polizeisoldaten, quer durch die
ganze Weltkugel von Wasser, vom Nordpol zum Sdpol. Jetzt sind sie
verschwunden am Rande des Glases, vielleicht untergetaucht in dem weiten
Weltmeer des Wassertropfens.

Ja, wer htte das gedacht, da so ein winziger Wassertropfen, nicht
grer als eine halbe Erbse, eine ganz richtige Weltkugel ist, voll von
Bewohnern, die ein Leben fhren wie wir. Htten wir nicht unser
Vergrerungsglas, wir wten gar nichts von ihrem Vorhandensein. Seht,
Kinder, wenn die Leute, die auf den fernen Sternen leben, nicht ganz
mchtige Vergrerungsglser haben, dann wissen sie gar nichts von der
Erdkugel, und da wir Menschen darauf leben. Ja, die kleine Erde ist
unter den vielen Millionen Sternen auch nur so eine Art Wassertropfen.

Die kleinen Kerle in dem Wassertropfen wissen gar nicht, da sie in
unserer Hand sind, da wir ber ihnen thronen wie der liebe Gott ber
der ganzen Welt. Wenn wir mit dem Finger ber das Glas wischen, dann,
Schrumm! ist die ganze Herrlichkeit in dem Wassertropfen zu Ende, und er
ist weggewischt und verschwunden. Ja, wenn die Bewohner des Tropfens uns
sehen knnten und wten, da sie von unserer Gnade abhngen, so
glaubten sie wohl, wir wren der Herrgott selber.

Aber schaut her, es ist eine Vernderung mit der kleinen Welt vor sich
gegangen! Ja, seht, sie ist kleiner geworden. Die Wrme des Zimmers hat
langsam ein wenig von dem Wasser des Tropfens verdunstet. Es ist eine
schlimme Geschichte. Nun mssen sich die Bewohner der Wasserwelt auf
einen immer kleineren Raum zusammendrngen, die Welt ist fr sie zu eng
geworden, und es gibt Mord und Totschlag da unten. Ja, es wrde auf
Erden mit den Menschen nicht anders sein, wenn der Erdball pltzlich auf
die Hlfte zusammenschrumpfte. Nun drngen sich die armen Teufel alle
bei der kleinen Insel zusammen. Seht, wie sie kmpfen, wie sie einander
verjagen. Alles strmt der Mitte des Tropfens zu, denn keiner will aufs
Trockne geraten und sterben. Ja, es ist eine schlimme Geschichte, Krieg
und Revolution ist in der Wasserwelt ausgebrochen.

Aber die Natur kmmert sich nicht um das Elend im Wassertropfen. Die
Wrme trocknet den Tropfen immer mehr zusammen. Jetzt ist er nur noch
ganz winzig. In einem wilden Knuel wirbeln die Bewohner durcheinander,
immer mehr sieht man eingetrocknet und bewegungslos als winzige
Stubchen am Rande im Trockenen liegen, indes die andern noch immer um
ihr Leben ringen. Es hilft ihnen doch nichts, und wenn sie auch noch
eine Minute lnger im letzten Tmpelchen sich halten. Der Gevatter Tod
hat auch hier in dem kleinen Wassertropfen Allmacht und erwischt sie
alle, die flinken Schiffchen und die zierlichen Rdertiere.

Schlu und aus! Seht, das ist das Ende. Nun ist der Tropfen
eingetrocknet. Nur ein graues Staubfleckchen sieht man noch im
Allerwelts-Vergrerungsglas. All die munteren Burschen, die da hausten,
sind nur noch Stubchen. Kein Schiffchen schiet mehr durch den Ozean
des Wassertropfens, kein Rdchen kreist mehr und wirbelt Nahrung herbei.
Es war ein kurzes Vergngen.

Ja, da sahen wir nun einen Weltuntergang!

Freilich, es war nur eine kleine Welt, nur ein Wassertropfen, aber fr
seine Bewohner war er doch die ganze Welt. Kein Hahn krht danach, da
die Geschichte dieser Welt ein Ende genommen hat, aber wenn morgen die
Erdkugel untergehen wrde, dann wrden sich die Menschen auf den anderen
Sternen auch weiter nicht darum kmmern, denn die Erde ist auch nur eine
kleine Welt, die Sonne ist viele millionenmal grer, und des Abends
seht ihr viel hunderttausend Sterne und Erden da oben am Himmel blinken,
mindestens soviele, wie es Wassertropfen gibt im Gartenteich. Der liebe
Gott taucht einen Finger ein und spritzt einen neuen Erdenstern in den
Himmelsraum, und wenn der alte Ulebuhle will, taucht er seinen Finger in
das Kribbel-Krabbelwasser und tupft eine neue Wasserwelt unter das
Vergrerungsglas, aber das tut er nicht, denn ein Weltuntergang am Tage
ist genug!




                       John Dolland, der Taucher


Das Haus des alten Ulebuhle am Frankenberger Plan zu Goslar, das so
putzig aussah mit seinem Jahrhunderte alten, spitzen Schieferdach, dem
bunten Holzwerk und den kleinen Fensterchen, war wie ein Museum. Bcher
und Instrumente und Sammlungen aller Art fllten es vom Keller bis zum
hohen Giebel. berall standen uralte Truhen mit eisernen Bndern und
Messingschlssern, und sie waren angefllt mit tausend
Schnurrpfeifereien, wie die alte Christine sagte, aber die verstand
nichts davon. Da gab es Ksten mit seltsamen Muscheln und Kfern, mit
versteinerten Tieren, mit Totengebein und ausgestopften Vgeln. Alte
Uhren und Seefahrerinstrumente, Vergrerungsglser, seltsame Mnzen und
Briefmarken, Eier von indischen Vgeln, Bogen, Pfeile und Messer wilder
Vlker fllten Kisten und Kasten.

Und noch ein ganz besonderer Schrank stand im Studierzimmer des
seltsamen Alten. Hinter den Scheiben war eine grne Gardine; man konnte
die Dinge, die da lagen und standen, nicht sehen, aber zuweilen -- wenn
wir Kinder kamen -- kramte der gelehrte Mann zwischen diesen Raritten
herum, und da sahen wir denn allerlei krauses Zeug. Ein paar ganz
merkwrdige Tabakspfeifen, riesige Schlssel, einen rostigen Sbel, eine
zerbrochene bunte Tasse, eine reichverzierte Schnupftabaksdose, einen
alten Gnsekiel, der frher als Schreibfeder gedient hatte, eine grne
Weste, eine leere braune Bouteille, Knochen, Metallteile von einem
Sargdeckel, vergilbte Briefe, Lorbeerkrnzlein und vieles andere.

Das ist des Doktor Ulebuhle Erinnerungsschrein, sagte die alte
Christine, wenn wir sie fragten. Ihr drft ihn nicht stren, wenn er in
dieser Rarittenkiste herumkramt, denn jedes Stck ist irgend ein Zeuge
seltsamer Erlebnisse oder stammt von berhmten Mnnern, die lngst im
Grabe ruhen.

Als wir eines Tages wieder bei ihm erschienen, stand er vor dem alten
Schrein und betrachtete mit seiner mchtigen Hornbrille einen eisernen,
rostigen Riegel. Wir standen still daneben, um ihn nicht zu erzrnen,
und begriffen nicht, was es an dem alten Eisenstck zu sehen gbe. Da
drehte sich der Alte pltzlich um und sagte:

Seht her, ihr Racker! Dieses Eisenstck ist weit her. Einst lag es auf
dem Grunde des Meeres. Da hat es einem Menschen das Leben gerettet.
Dieser Mensch war meines Vaters Freund. Er hie John Dolland und war ein
Taucher. Und weil ihr mir so brav von den Bergwiesen Kruter gesammelt
habt, will ich euch heute die Geschichte, die mit dem alten rostigen
Riegel zusammenhngt, erzhlen, so wie sie John Dolland uns selbst
erzhlte.

Der Alte schlurfte zu seinem hochlehnigen Sorgenstuhl, nahm umstndlich
eine Prise, nieste zweimal, wie es bei ihm alter Brauch, und dann begann
er seine Geschichte.

Damals, als John Dolland der Taucher zu uns kam, war ich selbst noch
ein Bub. Mein Vater hatte ihn auf einer langen Seereise, die ihn als
Arzt bis herunter nach Sdafrika gefhrt, kennengelernt. Zu jener Zeit
gab es noch keine Eisenbahnen und kein Dampfschiff und all das andere
Teufelszeug, mit dem sich der moderne Mensch herumrgern mu, und allein
die groen Segelschiffe fuhren nach fernen Lndern. -- John Dolland war
ein echter rechter Seemann nach altem Schlag. Gro und breit und
wetterhart. Blaue Augen saen in dem braunen Gesicht, und im linken
Ohrlppchen trug er einen Goldring. Das war ein alter Brauch.

Drei Tage und Nchte wohnte er in unserem Hause und erzhlte mit meinem
Vater von alten Seefahrten. Und eines Abends, als der Regen rauschte und
der Wind durch die Schlssellcher winselte, als die gute Mutter bei uns
sa und strickte, die Mnner einen heien Grog tranken, zog der Taucher
den alten Eisenriegel hervor und wickelte sein Garn ab, wie die Seeleute
sagen, wenn sie eine Geschichte erzhlen.

Herr Doktor, sagte er, ich habe Ihnen gestern versprochen, mein
Erlebnis mit der >Isabella< zu erzhlen. Heut, so kalkuliere ich, ist
der rechte Augenblick dazu, und so will ich das Ding abrollen. Also das
war im Jahr 1822, und ich trieb damals so zwischen Gibraltar und den
Kap-Verdeschen Inseln mein Handwerk. Das war eine vielbefahrene
Wasserstrae, und manches gute Schiff kam bei den Azoren, bei Madeira,
den Kanarischen Inseln oder den Kap-Verden auf Grund, und ein guter
Taucher konnte da immer einen Beutel Silberlinge verdienen. Eines
Abends, ich arbeitete gerade im Hafen von Funchal auf der schnen Insel
Madeira, wo unter Wasser an den Hafenanlagen groe Ausbesserungen ntig
waren, kam ein Bote zu mir, den der alte berhmte Tauchermeister Cook
gesandt hatte. -- Ein groer Segler, der von Lissabon, der Hauptstadt
Portugals, nach hier unterwegs war, sei drauen auf See, nordstlich von
Porto Santo in der Nacht untergegangen, und der alte Cook wolle mit mir
ber die Sache sprechen.

Ich sa mit meinen Kameraden bei einem guten Schluck Portwein in der
uralten verrucherten Taverne >La Paloma<; wir spielten Karten und
rauchten, da die alte lfunzel an der Decke kaum noch durchdringen
konnte. Kinder, sagte ich zu meinen Kumpanen, der Mensch kann nicht
mehr als ein ehrliches Stck Arbeit tun, und dann hat er seinen Schluck
Wein und seine Pfeife Tabak verdient; Wenn der alte Wassermolch glaubt,
da ich zu dem weggesackten Kasten vor Porto Santo heruntersteige, dann
hat er falsche Segel gesetzt. -- Sagt ihm das, Jngling, und lat Euch
auf meine Kosten eine Pinte Roten vom Wirte geben.

Der Bote tat so, und ging wieder mit starker Schlagseite unter Segel.

Als wir noch so ein Stndchen gespielt hatten, ging pltzlich die Tr
auf, und aus dem dichten Tabakrauch tauchte Oll Cook auf, rund wie ein
Oxhoft Wein.

Jungens, sagte er, ich denke, wenn der Berg nicht zu Sankt Peter
kommt, dann kommt Sankt Peter zum Berg. Und damit lie er sich
schnaufend an dem breiten Eichentisch nieder.

Wirt, schrie ich, einen groen Humpen, einen ganz groen Humpen vom
Allerbesten fr Seine Eminenz Oll Cook, die bravste Teerjacke zwischen
den Wendekreisen.

Da saen wir denn und pokulierten und schmokten, da einer den andern
nicht mehr sah, aber so gegen Mitternacht meinte der alte Wassermolch
pltzlich ganz ruhig: So, und morgen frh fahren wir mit dem
Taucherschiff raus und John Dolland sieht nach der gesunkenen
>Isabella<. Sie liegt bei dreiig Faden[3] tief, und wenn John Dolland
nicht heruntergeht, ein anderer kann's schon gar nicht; hchstens Nils
Nielsen, aber der fhlt sich seit Tagen nicht so recht wohl, sein Magen,
sagt er, mu kalfatert[4] werden.

Dreiig Faden, sagte ich, das ist ein hbsches Ende. Da kann einem
die Puste bei wegbleiben. Da hab ich aber auch kein Quentchen Lust zu!
Was ist es denn mit diesem Kasten von >Isabella<? Hatte er Goldbarren
geladen?

Jung, antwortete die alte Wasserratte, hast du je erlebt, da der
alte Cook einem ehrlichen Christenmenschen ein Stck schwierige Arbeit
andreht, wenn nicht auch eine anstndige Seemannsmtze voll Zechinen
dabei zu verdienen ist? Aber es kmmt noch was anderes bei in Betracht,
und eine Extra-Belohnung von der portugiesischen Regierung!

Dunner Hagel, Oll Cook, dat ist ja eine ganz Handvoll!

Tja, dat is es auch. Und nun seid man still und hrt genau zu, wie die
Sache liegt. Also die >Isabella< kam von Lissabon, und an Bord war ein
ganz hohes Tier von der Regierung, ein Gesandter oder so was, und er
hatte wichtige Papiere bei sich, an den Gouverneur dieser Insel. Auch
Waffen und Pulver fr die Hafenkanonen waren an Bord. Es mu irgend ein
Unglck damit geschehen sein, eine Explosion, denn sonst htte das gute
Schiff in der ruhigen und windstillen Nacht nicht pltzlich und schnell
sinken knnen. Der Leuchtturmwchter bei Porto Santo hat auch drauen im
Meer in der Nacht einen grellen Lichtschein und einen starken Knall
wahrgenommen. Das hngt wohl mit dem Unglck zusammen. Die
portugiesische Regierung zahlt einen hohen Preis fr die Papiere. Ihr
Vertreter war heut bei mir und hat mich gebeten, fr einen zuverlssigen
Taucher zu sorgen, und ich sagte ihm, da dreiig Faden fr einen
Christenmenschen mit einem gewhnlichen Herzen und Lungen, die nicht aus
Bffelleder sind, zu viel wren. Ich kenne nur einen, der es versuchen
knnte, und das ist John Dolland, aus dem der Herrgott eigentlich einen
Zugochsen machen wollte und sich im Teig und in den Knochen vergriffen
hat!

Einen Schluck zu Ehren Oll Cooks, sagten lachend meine Freunde, das
ist ein wahres Wort!

Ich war immer noch im Zweifel, ob ich das schwierige Stck Arbeit
bernehmen sollte, aber da rckte der schlaue Fuchs noch mit einer neuen
Geschichte heraus.

Frher, als ich noch ein junger Kerl war, Maate, habe ich manches
hnliche Stck vollfhrt, und da waren die Taucheranzge und die
Luftpumpen noch nicht so gut wie heut, aber jetzt kann ich das nicht
mehr. Indessen, beinahe wrde ich es dennoch wagen, denn es befand sich
an Bord der >Isabella< auch noch eine junge Frau, die ihre beiden Kinder
von hier nach Spanien herberholen wollte, in die Heimat. Ihr Gatte, ein
Offizier, bei dem die Kinder hier lebten, starb vor kurzem. Nun ist auch
sie mit dem Schiff zugrunde gegangen, und die armen Waisen standen den
ganzen Tag am Leuchtturm und starrten weinend hinaus auf die See, die
ihnen die Mutter nahm. Wahrscheinlich hat die Frau ihr Barvermgen bei
sich. Auch das knnte man retten, und es wre eine gute Tat, denn
welcher Seemann hlfe Kindern nicht, die das nasse Element so schwer
geschlagen!

Oll Cook, sagte ich, Ihr sprecht wie ein Advokat und wrdet eine
verlorene Seele aus dem Fegefeuer herausreden. Also gut! Die Kinder
sollen sehen, da ein Seemann noch mehr kann als Grog und Portwein
trinken. So will ich also herunter zur >Isabella<, aber nur unter einer
Bedingung, nmlich da Ihr selbst auf dem Taucherschiff alle Arbeiten
leitet, denn wenn nicht alles bis aufs I-Tpfelchen seine Ordnung hat,
riskiert man Kopf und Kragen bei dem Geschft!

Selbstverstndlich, Maat! rief der Alte freudig und hieb mir mit
seiner noch immer eisenfesten Pranke krftig auf die Schulter. Und nun,
Jungens, schnell noch ein paar Augen voll Schlaf, denn morgen frh bei
Sonnenaufgang geht's hinaus auf die See.

Da trollten wir denn von dannen. Drauen war es dunkel und etwas neblig,
aber die Kupfernase des alten Cook leuchtete wie eine Backbordlaterne
durch die Finsternis.

Doktor Ulebuhle unterbrach hier seine Erzhlung, um sich eine frische
Pfeife zu stopfen, und die alte Christine brachte Tee fr uns Kinder und
einen guten Abendtrunk fr ihren Herrn. Dann stocherte sie noch ein
wenig im Kamin herum und schlurfte wieder davon.

So ein Taucher hat ein gefahrvolles Handwerk, Kinder, hub der Alte
wieder an. Es ist keine Kleinigkeit, auf den Boden des Meeres
hinabzusteigen, und das ist berhaupt nur fr eine ganz geringe Tiefe
mglich, so etwa bis auf rund sechzig bis siebzig Meter. Damals, als
John Dolland tauchte, war das noch ein groes Wagnis, und man begreift,
da er keine Lust versprte, das dreiig Faden, also fnfundfnfzig
Meter tief liegende Schiff aufzusuchen.

Was aber ist es, das die Arbeit unter Wasser so schwierig macht? Nun, es
ist der Druck der Wassermassen auf den menschlichen Krper! Seht, wir
alle leben ja eigentlich auf dem Grunde eines Meeres, nmlich des
Luftmeeres, und da die Luft viele Kilometer hoch emporreicht, so drckt
sie auch auf uns, und wir knnten uns viel leichter bewegen, wenn der
Raum um uns luftleer wre, wie es auf dem Monde der Fall ist.

Das Wasser aber ist fast achthundertmal schwerer als die Luft, was ihr
ja alle merkt, wenn ihr mit dem leeren Eimer, in dem nur Luft ist, nach
dem Brunnen geht, und mit dem gefllten Eimer zurckkommt. Steigt der
Taucher nun ins Meer hinab, so drckt die Wassermasse mit immer grerer
Wucht auf ihn, je tiefer er geht. Dieser Druck aber wirkt auf den
menschlichen Krper, der eben nicht fr das Meer, sondern fr die
Erdoberflche gebaut ist, schdlich ein. Herz und Lungen werden in ihrer
Ttigkeit sehr gestrt. Bei alten Tauchern findet man zudem hufig
Blindheit, fast immer aber Taubheit und allerlei Herzkrankheiten.

Lt man eine leere Blechbchse tief herab auf den Meeresgrund und zieht
sie dann wieder herauf, so ist sie zusammengedrckt, und eine Kugel aus
Kork wird fast so flach wie ein Taler. Aber das ist freilich erst in
mehreren tausend Metern Tiefe mglich. Ja, ihr Buben, so tief ist das
Meer. An manchen Stellen, bei den Japanischen Inseln, ist es neuntausend
Meter tief, und wenn man da den hchsten Berg der Erde hineinstellen
wrde, der in Asien liegt und Gaurisankar heit, dann guckte er nicht
einmal mehr mit der Nasenspitze heraus, denn er ist nur
achttausendachthundertvierzig Meter hoch.

Nun denkt einmal an, da die Taucher noch nicht einmal hundert Meter
tief heruntersteigen knnen. Wie wenige Schiffe, die gesunken sind,
liegen in so flachem Wasser! Auf ewig bleiben also die versunkenen
Menschen und Schtze in diesen Tiefen unseren Augen verborgen. Sie
liegen in der grausigen Finsternis da unten, wo ewiges Schweigen
herrscht, denn weder das Sonnenlicht noch der Wellenschlag dringen hinab
auf den Grund des Ozeans.

Aber nun will ich euch weiter berichten, was John Dolland der Taucher
erzhlte!

Am andern Morgen, bei Sonnenaufgang, so sagte er, waren wir alle auf
dem Taucherschiff versammelt. Der alte Cook, mein Kamerad Nils Nielsen,
der Beamte der portugiesischen Regierung, der sogar ein Bild von dem
ertrunkenen Gesandten mitgebracht hatte und alle Leute, die dienstlich
bei der Taucharbeit zu tun hatten. Als wir eben nach Porto Santo
hinausfahren wollten, kam noch eine fromme Schwester mit den beiden
Kindern, deren Mutter mit der >Isabella< in die Tiefe ging, denn da
nirgendwo ein Rettungsboot angekommen war, mute man annehmen, da das
Unglck nchtlicherweile und urpltzlich erfolgt sei und niemand ihm
entgangen war.

Hier, ihr Kinder, rief der alte Cook, seht ihr den Mann, der
hinabsteigen will zu eurer ertrunkenen Mutter! Er wird euch mit
heraufbringen, was sie an Gtern bei sich trug. Wnscht ihm Glck und
Gottes Schutz. Er ist ein tapferer Mann, und hauptschlich um euch zu
ntzen, wird er tauchen!

Die weinenden Kleinen flsterten kaum hrbar ihre Bitten. Die fromme
Schwester schlug ein Kreuz und betete fr gutes Gelingen, und dann
gingen wir unter Segel und verlieen die Bucht von Funchal.

Wir wendeten nach Norden. Noch war es frisch; ein leichter Dunst lag auf
dem Wasser, aus dem in der Ferne da und dort, wie weie Schmetterlinge,
ein paar Segler auftauchten. Ein schwacher Wind nur strich ber das
blaue, fast glatte Meer; zum Tauchen ein vortreffliches Wetter.

Bei Porto Santo kam der Leuchtturmwrter zu uns an Bord, um die Stelle
zu zeigen, bei der etwa die >Isabella< gesunken sein mute. Bald hatten
wir diese dem Lande nahe Gegend erreicht. Wir lieen einen Anker bis
fast zum Meeresgrunde herab und fuhren nun ganz langsam kreuz und quer,
bis nach etwa einstndigem Suchen der Anker fate. Wir zogen ihn empor
und umfuhren das Hindernis von allen Seiten, immer wieder mit dem Anker
seine Lage prfend. Kein Zweifel, hier lag ein gesunkenes Schiff. Einmal
sa der Anker fest, und als wir ihn losrissen und emporwanden, hing
Takelwerk zwischen seinen Klauen. So hatten wir also die >Isabella<
aufgefunden, schneller als wir erwartet hatten. Das Taucherschiff wurde
nun mit mehreren Ankern festgelegt, und jetzt begannen die
Vorbereitungen, die Oll Cook, der erprobte Tauchermeister, mit
gewissenhafter Sorgfalt leitete.

Wir Taucher da drunten auf dem Meeresgrund sind ja mit Leib und Leben
abhngig von der Luft, die uns von oben her durch den Schlauch zugepumpt
wird. Geht der Schlauch entzwei oder die Luftpumpe, dann ist es mit der
Herrlichkeit vorbei, wenn man nicht selber schnell nach oben kommt, was
nicht immer mglich ist. Aber gottlob passiert es selten, da die
Apparate versagen. Die Druckpumpe, die mir die Luft zufhren sollte,
wurde genau untersucht, zuverlssige Leute zu ihrer Bedienung wurden
ausgewhlt, und dann zog ich mir in aller Ruhe meinen Taucheranzug an,
von Oll Cook untersttzt. Der Anzug war fast neu und vollkommen
wasserdicht. Gummimanschetten schlossen ihn an den Hand- und Fugelenken
ab. Dann zog man mir die schweren Taucherstiefel an, mit den dicken
Bleisohlen, die dafr sorgen, da man im Wasser einen festen Stand hat
und nicht umkippt wie ein leichtes Holzmnnchen. Endlich kam die runde
Kupferkugel des Helmes an die Reihe, die den Kopf umschliet. Sie wurde
am kupfernen Halsring des Taucheranzuges festgeschraubt. Ein
Gummistreifen schtzte auch hier gegen das Eindringen des Wassers. Nun
den Grtel um, mit dem Dolchmesser, das gegen Haifische und andere
gefhrliche Burschen schtzen kann, und wir sind soweit.

Oll Cook schraubte bereits den Luftschlauch, der von der Luftpumpe
kommt, an meinem Helm fest, und Nielsen hatte schon das Verschlustck
des Helmes, mit dem dicken Glasfenster, in der Hand, um mich ganz von
der Auenwelt abzuschlieen, aber ich nahm noch einmal schnell meine
geliebte alte Tabakspfeife, um einige Zge zu tun. Nils, sagte ich,
alter Bursche, man kann nie wissen, was der Teufel mit einem vorhat,
und ob man noch einmal einen Gipskopf voll Kanaster in die Luft paffen
kann, und darum soll man's beizeiten tun!

Richtig, sagte der alte Cook. Das habe ich auch immer so gehalten,
Maate. Und noch eins, mein Junge! Fr die Schiffskasse und die
Schiffspapiere bekommen wir einen ganz hbschen Batzen extra, der fr
jeden mindestens ein Stckfa vom besten Rum und eine Klafterkiste voll
Hollnder Tabak ausmacht! Sieh zu, da du den Krempel heraufbringst.

Da trat auch der Portugiese heran, der bisher neugierig zugeschaut
hatte, wie ich in meinen Wasseranzug schlpfte. Er hatte ein viereckiges
Glasstck, mit einer seidenen Schnur daran, in das eine Auge geklemmt
und trug einen hohen Zylinderhut, der uns Teerjacken ringsum sehr
komisch vorkam. Seht noch einmal das Bild des Senor Cabrella an,
Meister Dolland. Tausend Peseten in Gold zahlt meine Regierung fr die
Papiere, die er bei sich trug. Geht ans Werk und die heilige Jungfrau
sei mit Euch!

Ich nickte und versprach zu tun, was sich ermglichen lie. Tausend
Peseten -- hrte ich Oll Cook brummen. Und sicher berechnete er im
Kopfe, wieviel Stckfsser Rum man dafr kaufen knne, denn sein roter
Riechhaken schnupperte verdchtig in der Luft herum.

Fertig! rief ich.

Man schraubte das Helmfenster zu. Die Mnner an der Luftpumpe traten in
Ttigkeit, Cook befestigte die Signalleine, mit der der Taucher durch
ein- oder mehrmaliges Ziehen von unten sein Zeichen gibt, an meinem
Grtel, und dann schlurfte ich mit meinen schweren Bleischuhen der
Strickleiter zu, die ber Bord hing.

Das Letzte, was ich sah, war der Zylinderhut des Mannes mit dem
Glasscherben im Auge, dann war ich unter Wasser, und Khle drang zu mir.
Am Ende der Strickleiter ergriff ich das Seil und zog krftig daran. Da
lie man mich an ihm langsam und vorsichtig hinab, tiefer und tiefer. --
Um mich war die grnliche, klare Flut. ber mir, der dunkle Schatten,
war der Boden des Taucherschiffes.

Ganz langsam glitt ich tiefer und tiefer, hin und wieder hing ich mal
eine Weile unbeweglich am gleichen Ort, denn es ist von groer
Wichtigkeit, da der Taucher seinem Herzen und seinen Lungen Zeit gibt,
sich an den vernderten Wasserdruck zu gewhnen, ehe er in immer grere
Tiefen hinuntertaucht. Das Wasser war von glserner Durchsichtigkeit,
und weithin konnte ich kleine, zierliche Fischchen blinken sehen. Unter
mir gewahrte ich nach einiger Zeit auf gelblichem Grunde undeutlich eine
verschwommene dunkle Masse; offenbar war es das gesunkene Schiff, doch
war ich noch nicht tief genug, um Einzelheiten zu erkennen.

Ich glitt, immer wieder meine Fahrt unterbrechend, tiefer und tiefer
hinab, und langsam wurde es dunkler um mich her. Selbst in sehr klarem
Wasser ist es in dreiig Metern Tiefe am hellen Mittag schon schummrig,
wie droben auf dem festen Lande zur Zeit der Abenddmmerung, und nun gar
dreiig Faden oder fnfundfnfzig Meter tief kann man nicht mehr viel
sehen, denn soweit dringt das Sonnenlicht nur in gnstigsten Fllen.
Hier aber lag heller Sand am Grunde, und er war bedeckt mit Millionen
silbrig schimmernden Muscheln und Muschelsplittern, und so ging es
einigermaen. Auerdem sind wir Taucher an das Arbeiten bei dieser
Beleuchtung gewhnt und sehen, wie die Maulwrfe, fast noch im Dunkeln.

Nicht berall ist der Meeresgrund so gnstig. Ich tauchte an Stellen, wo
er mit einem zhen Schlamm bedeckt war, in dem man leicht versank. Das
war freilich an der englischen Kste, in der Nhe der Einmndung eines
groen Flusses, der viel Sand und Schlamm am Grunde ablagert. An anderen
Orten wieder sah der Boden wie ein wilder Wald aus, bedeckt mit einem
Gewirr von Schlingpflanzen, worin man sich fortwhrend verhedderte und
aller paar Minuten auf der Nase lag. Dann aber gibt es auch Stellen, da
ist es bergig. Es geht auf und ab, Schluchten und Felswnde stehen da,
oder Korallenriffe steigen aus der finsteren Tiefe auf.

Der alte Cook machte seine Sache wirklich vorsichtig! Nach acht Minuten
berhrte mein Fu den Grund. Ich gab durch Ziehen an der Leine
Nachricht, da ich drunten angekommen.

Zwanzig Schritt von mir entfernt hob sich vom Grunde die dunkle Masse
der >Isabella< ab. Sie lag schrg gegen eine Sandwelle, ihre Masten
ragten gespenstisch aufwrts, und Segel und Tauwerk hingen in
abenteuerlichen Formen hernieder. -- Unten bist du nun, alter Knabe,
sagte ich zu mir, jetzt nimm dich zusammen, da du auch wieder gut nach
oben kommst. Eile mit Weile. Abrackern darf man sich in solcher Tiefe
nicht, sonst ist man in fnf Minuten so erschpft, da man schleunigst
das Aufzugsignal geben mu, wenn man nicht ein schlimmes Ende nehmen
will. Langsam und bedchtig kletterte ich an ber Bord hngendem Tauwerk
hinauf auf Deck. An zwei Stellen sah ich Seeleute liegen, aber ich hielt
mich nicht auf, denn zu helfen war den armen Teufeln ja nicht mehr, und
hier unten sind die Minuten kostbar. Eine Viertelstunde konnte ich es
wohl aushalten, aber was sollte in dieser Zeit alles geschehen!

Hier oben war weder etwas vom Kapitn noch von dem Gesandten noch von
der Mutter jener Waisen zu sehen. Sicher befanden sie sich unter Deck.
Vorsichtig, immer meinen Luftschlauch und meine Signalleine vor
Verwicklungen mit dem Segelwerk schtzend, wandte ich mich zu der
Treppe, die hinabfhrt zum Schiffsinnern, zu den Kajten. Aber da war
nicht durchzukommen. Die >Isabella< war ein alter, unmoderner Kasten.
Die Tr am Ende der Treppe war durch einige Fsser und Balken, die im
Augenblick des Sinkens ins Rollen gekommen waren und sich vor die Tr
gelegt hatten, gesperrt. Bald entdeckte ich aber einen zweiten Eingang,
eine einfache ffnung, die mit einer Falltr zu verschlieen war. Eine
steile Stiege fhrte hinunter, und ich kroch vorsichtig hinein.

Es war stockdunkel da unten. Ganz allmhlich gewhnte sich mein Auge an
das schwache Licht, das durch die mit dicken Glasplatten bedeckten
Bullaugen, den Oberlichtfenstern und Seitenfenstern, hineindrang. Gleich
am Ende des schmalen Ganges lag die Kajte des Kapitns. Er selbst war
nirgends zu sehen. Aber der eiserne Kasten unter dem Kartentisch
enthielt sicher Schiffspapiere und Schiffskasse. Ich beschlo, erst
einmal dieses eiserne Ungetm nach oben zu bringen. Droben auf dem
festen Lande htten zwei starke Mnner ihre ganze Kraft ntig gehabt,
das schwere Ding zu bewegen, aber unter Wasser sind alle Gegenstnde
viel leichter. Es ist, als ob das Wasser den eingedrungenen Fremdling
wieder nach oben drcken will, und dieser Druck bewirkt, da wir ihn
weitaus leichter halten und emporheben knnen. -- So schleifte ich denn
den groen Kasten bis zur Luke und bugsierte ihn die steile Stiege
hinauf. Endlich stand er oben, und ich gab das Signal, ein Seil
herabzulassen. Nach einer Minute schwebte es, mit Eisenstcken
beschwert, nahe bei mir. Die Kiste wurde befestigt, ein Zug am Tau, und
langsam wurde die kostbare Last von den Kameraden droben emporgewunden.
Sie entschwand meinen Augen im grnlichen Schimmer ber mir.

Ich hatte mich inzwischen derart an das geringe Licht gewhnt, da ich
deutlich das Leben des Meeres um mich her wahrnahm. In allerlei
wunderlichen Formen schwammen seltsame Geschpfe an mir vorber. Manche
standen wie lauschend still zwischen dem Takelwerk des gesunkenen
Schiffes. Da zog lautlos ein Pelikan-Weitmaul heran, ein migestalteter
Geselle, wohl einen halben Meter lang und nicht unhnlich einem groen
Schpflffel, denn der ganze Bursche besteht fast nur aus einem
Riesenmaul. Er war schwarz wie eine Katze und blickte blde meinen
kupfernen Helm an, bis er, sicherlich verwundert ber das seltsame
Wesen, das er hier traf, langsam in der Ferne verschwand. Liebliche, in
allen Farben schillernde Seerosen und Medusen kamen angeschwommen, fast
durchsichtig war ihr zarter Leib, und mit ihren zarten Armen flatterten
sie hin und her, griffen nach unsichtbaren Dingen. Wie Spielzeuge aus
Glas waren sie anzuschauen, bunt und zerbrechlich. Riesige Seesterne,
mit fnf langen Armen glitten lautlos vorber, grliche Tiefseekrebse
mit starren Stielaugen, mit einem Gewirr von Beinen, Hrnchen, Fhlern
folgten ihnen. Eine Seespinne stelzte unbeholfen auf hohen Beinen neben
mir vorber, ein Schwarm kleiner, silbern blinkender Fischlein spielte
um mich her, wie Mcken um die Weide am Bach. Und wieder ein grulicher
Bursche! Ein Melancetus, ein Schlammbewohner, wie ein unfrmiger Beutel
anzuschauen. Vorn am Kopf trug er einen langen dnnen Fhler, wie der
Zirkusklown eine Pfauenfeder balanziert. Das riesige Maul war angefllt
mit spitzen Zhnen. Er jagte einer Schar winziger Krebschen nach, die
vor dem gefrigen Beutel, der sie schlucken wollte, zu entkommen
suchten. Auch leuchtende Tiefseebewohner, die in mattem, gelbgrnem
Licht schimmerten wie alte Phosphorzndhlzer, sah man dann und wann. Es
kribbelte und krabbelte um mich herum in seltsam abenteuerlichen Formen
und Farben. Zerrbilder der Natur glitten vorber und wundervolle
Gebilde, die wie bunte Blumen anzuschauen waren.

Aber einen Augenblick nur wandte ich meine Aufmerksamkeit auf das
Schauspiel, meine Zeit war knapp. Ich stieg wieder zur Luke hinein,
glitt aber pltzlich auf der steilen Hhnerleiter aus und ri ein wenig
an dem Seil. Da gab es pltzlich ber mir einen dumpfen Ton, es wurde
noch etwas dunkler, und erschreckt nach oben blickend sehe ich, wie die
Falltr zugeschlagen ist. -- Mein Herz pocht gewaltig, eine Hitzewelle
und ein Kltestrom schiet durch meinen Krper, jeden Augenblick glaube
ich, da die Luftzufuhr unterbrochen wird, denn offenbar hat die
zugefallene Klappe den Schlauch zugeklemmt. Ich haste die Treppe wieder
hinauf, stemme mich mit aller Kraft gegen die Klappe, immer und immer
wieder, aber sie wankt nicht. Es ist, als se der Teufel oben drauf.
Indessen, nach wie vor funktioniert die Luftzufuhr. Wie ich nher
hinschaue, sehe ich, da ein eiserner Riegel das vollkommene Zuschlagen
der Falltr verhindert hat. Es ist noch eine daumendicke Spalte offen,
und so ist der Luftschlauch vor dem Zusammendrcken bewahrt geblieben.
Wre es anders, ich mte elend ersticken, aber so lebe ich in meinem
unterseeischen Gefngnis und kann auf Rettung hoffen. Freilich, die
Signalleine sitzt fest. Sie mu bei meinem Ausgleiten die Tr
niedergerissen haben. Zeichen nach oben kann ich nun nicht mehr geben
und bin ganz abhngig von der Aufmerksamkeit der Kameraden droben. Eine
verteufelte und sehr ungemtliche Geschichte, denn lange kann ich es
nicht mehr aushalten unter Wasser. Ein Pochen in den Schlfen, ein
Summen im Ohr zeigt bereits an, da der Krper dem Wasserdruck nicht
gewachsen ist. -- -- -- --

Kinder, sagte der alte Ulebuhle, in Erinnerung an diese gefahrvolle
Lage fand es der Taucher fr ntig, sich ein neues Glas Grog zu mischen.
Er machte ihn sehr nrdlich, will sagen mit wenig Zucker und Wasser und
viel Rum. Ich aber war damals noch ein kleiner Tunichtgut wie jetzt ihr
und sa dabei und sperrte vor Erwartung den Mund so weit auf wie der
Hannes da drben, der aussieht, als wollte er sich die Ohren abbeien.
Der Taucher stopfte umstndlich eine frische Pfeife, und htte, in
Gedanken versunken, beinahe in die Stube gespuckt, besann sich aber noch
rechtzeitig, da er nicht an Bord war, und erzhlte weiter:

Manches Gefhrliche habe ich vorher erlebt und auch manches nachher,
aber das war doch der bitterste Augenblick meines Lebens. Ich starrte
lange den Eisenriegel an, meinen Lebensretter, und beschlo, ihn -- wenn
ich wieder herauskommen sollte aus der blen Lage -- abzuschlagen und
mitzunehmen. Es konnte lange dauern, bis die Leute oben merkten, da
etwas nicht in Ordnung war, und schlielich war es fraglich, ob Nils
Nielsen, der einzige, der es wagen durfte so tief zu tauchen, mich
befreien konnte. Allerlei traurige Bilder stiegen vor meiner Phantasie
auf. Ich erinnerte mich verschiedener Kollegen, die elend durch hnliche
Begebenheiten umgekommen waren. Da hatte sich der eine mit dem Kopf in
eine Tauschlinge verwickelt, und als seine Kameraden ihn hochzogen,
schnrten sie ihm die Luft ab, so da er erstickte. Viel spter erst
merkte man oben, da der Mann da drunten offenbar nicht mehr am Leben
war, und ein zweiter Taucher brachte ihn tot nach oben.

Indessen, langsam fand ich mich in meine Lage. Wie Gott will, sagte ich
mir. Und um die Zeit wenigstens ntzlich auszufllen, ging ich wieder an
die Arbeit. Ich schnitt das Signalseil, das mich an der Falltr
festband, durch und eilte in die Kajten. In der dritten bereits fand
ich die Mutter, die ihre Kinder zu sich holen wollte. Angekleidet lag
sie, von den hereinbrechenden Wassern berrascht, an der Tr, eine
Tasche, offenbar mit ihren wichtigsten Habseligkeiten, fest an sich
drckend. Auch im Tode noch war ihr Gesicht freundlich, aber ein Zug von
unendlicher Traurigkeit lag darauf, die Trauer um ihre Kinder. Auf dem
Tisch fand ich ein Tagebuch. Reiseeindrcke und Betrachtungen ber ihre
Kinder hatte die Mutter da niedergeschrieben. Auf der letzten,
aufgeschlagenen Seite aber stand; wenige Stunden vor ihrem Tode,
angesichts des nahen Landes niedergeschrieben, ein kleines Gedicht:

   Verglht ist nun im Westen der Sonne letztes Gold,
   Horch, wie an ferner Kste der Schlag der Wogen grollt!
   Es schmiegt sich in die Segel ein warmer, sanfter Sd,
   Und stiller Abendfrieden hin durch den Dmmer zieht.

   Wenn nun der junge Morgen umspielet unsren Kiel,
   Vor uns im Schmuck der Wlder liegt unsrer Sehnsucht Ziel;
   Lat flattern dann im Winde der Segel blankes Wei,
   Der Anker falle nieder, dem Herrn sei Lob und Preis!

Es wurde mir beim Anblick der Zeilen weh ums Herz, und meine eigene
trbe Lage kam mir doppelt zum Bewutsein. Die Mutter hatte den so nahen
Hafen nicht erreicht. Wer wute, ob auch ich ihn wiedersehen wrde!

Pltzlich wurde ich aufgeschreckt! Was war das?! Laute Glockenschlge
tnten an mein Ohr, und dann schnarrte etwas, und drhnende Musik
erfllte den Raum. Ich war so entsetzt, da ich alles um mich her verga
und wie besessen hinausstrzte in den Gang, der Treppe zu. Allmhlich
kam ich wieder zum Bewutsein. Eine lustige Tanzweise schallte noch
immer laut zu mir herber. Pltzlich schnarrte es wieder, und die
Totenstille im versunkenen Schiff, die dem Lrm folgte, war nicht minder
unheimlich. Ich lief zurck. Alter Junge, sagte ich mir, alles in der
Welt geht natrlich zu. Es lebt hier auer dir niemand mehr, und ein
Geisterkonzert kann es nicht gewesen sein. Ich blickte mich in der
Damenkajte um und entdeckte schnell ber der Tr den Grund meines
Schreckens. Da hing eine groe Spieluhr, die noch ging und alle Stunden
ein Stcklein zum Besten gab. Nun mu man wissen, da das Wasser den
Schall vielmals krftiger und besser weiterleitet als die Luft. Da das
ganze Schiff mit Wasser angefllt war, so war die Schallwirkung inmitten
der lautlosen Stille derart gewaltig, um so mehr, als kein Mensch hier
Musik erwarten konnte, da mich vor Schreck fast der Schlag getroffen
htte. Heute lache ich ber die verrckte Geschichte, aber damals dachte
ich, die Hlle wre hinter mir her! Als ich mich wieder etwas gesammelt
hatte, ergriff ich das Tagebuch der Ertrunkenen, nahm ihre Reisetasche
an mich und begab mich zur Treppe zurck, denn mir war frchterlich
elend zumute. Ich sprte es deutlich, meine Zeit hier unten war
abgelaufen. Mein Schdel brummte wie eine Bageige, Blut sickerte mir
aus der Nase, die Glieder wurden schwer. Ich lie mich auf der Stiege
nieder, nahe daran ohnmchtig zu werden. Alles um mich herum erschien in
verschwimmendem, grnlichem Licht, es wallte und wogte wie ein Meer von
wogenden grnen Halmen und Bscheln, und dazu summte eine sonderbare,
klagende Melodie eintnig an mein Ohr. Es war nichts weiter als die
verbrauchte Luft, die in Blschen zischend am Ablahahn meines
Kupferhelmes austrat, aber mein Denken war so verwirrt, da ich das
alles nicht mehr richtig auseinanderzuhalten wute.

Pltzlich war es mir, als erwache ich aus einem bleiernen Schlafe. Es
pochte in dumpfen Schlgen ber mir, und dann gab es einen
ohrenbetubenden Lrm, ein Krachen, als strze ein Haus ein. Erst spter
begriff ich, was es war. Nils Nielsen war zu meiner Hilfe
heruntergekommen. Er sah Luftschlauch und Signalleine in der Luke enden,
sah die zugefallene schwere Klappe, ber die sich beim Fallen noch ein
schweres Eisenstck geschoben hatte, und begriff nun, weshalb ich gar
keine Zeichen mehr nach oben gegeben hatte. Mit Mhe wlzte er die
Hindernisse beiseite, warf im Wege liegendes Germpel fort, steckte eine
Brechstange durch die Luke und vermochte sie so endlich zu ffnen. All
diese Gerusche, durch die groe Schallstrke unter Wasser hundertfach
gesteigert, waren mir in halber Ohnmacht wie wildes Krachen erschienen.

Der gute Kamerad zog mich empor, befestigte das Aufzugtau an meinem
Grtel und gab das Signal, mich emporzuwinden. Die Tasche mit dem
Eigentum der Kinder hielt ich mit starren Hnden fest, als wollte sie
mir jemand entreien. Ich tat es unbewut, aber es war in meinem mden
Hirn wohl noch dieser letzte Gedanke, da ich sie auf alle Flle den
Kindern bewahren mte. -- So wurde ich langsam, ganz langsam hher
gezogen, im Wasser auf dem Rcken treibend, wie ein gefhlloser Sack.

Diese Langsamkeit des Emporwindens war wieder eine verstndige Manahme
des alten Meisters Cook, denn ebensowenig wie man zu schnell in die
Tiefe gehen darf, immer strkerem Wasserdruck entgegen, darf man das
Gebiet des Druckes, auf den sich inzwischen die Organe des Krpers
eingestellt haben, schnell verlassen. So mancher Tiefseetaucher hat
solche Unbedachtheit schwer gebt! Es treten dann Lhmungen aller
Organe ein, ja es dringen Luftblschen in Herz und Adern ein und fhren
den Tod herbei.

Endlich aber war ich doch oben, man zog mich ber Bord, schraubte den
Helm ab, legte mich lang in der Sonne auf die Planken des Schiffes, und
schnell wie die Schwche ber mich gekommen, verschwand sie wieder. Da
schien die liebe Sonne wieder, ein warmer Wind strich daher, kstliche,
reine Luft strmte in die Lungen und Seevgel umschwirrten kreischend
das Schiff. Neben mir hockte Oll Cook, und der Mann mit dem Zylinderhut
und der Fensterscheibe vor dem Auge stand dabei und schien darber
nachzudenken, da das Tauchen im Meer doch keine ganz einfache Sache
sein msse.

Jung! schrie Oll Cook und spuckte kunstvoll eine halbe Handvoll
Kautabak ber das Ankerspill hinweg, wat in aller drei Deibel Namen
machst du fr verzwickte Geschichten. Dachten wir doch alle, der
Haifisch habe John Dolland zum zweiten Frhstck auf der Speisekarte
gehabt!

Habt Ihr die Papiere, Meister? fragte zgernd der Portugiese.

Ich schttelte den Kopf und erzhlte dann in kurzen Worten, was sich
zugetragen. Die Schiffskasse war oben, die Habseligkeiten der Mutter
waren gerettet, nur die vertrackten Papiere waren noch drunten. Da lie
der alte Tauchermeister schleunigst eine Schiefertafel hinab zum Grund,
auf der die Worte standen: Nielsen, sucht die Papiere des Portugiesen.

Ein Zug an der Signalleine von unten gab Kunde, da der Kamerad, der
jetzt in dem versunkenen Kasten umherstberte, die Weisung richtig
empfangen.

Ich hockte noch immer in meinem Taucherkleide am Boden und lie mich von
der Sonne bescheinen. Ja, schon hatte ich wieder Appetit auf meine
Tabakspfeife.

Es war ein schweres Stck Arbeit, Jung, sagte der Alte, und Ihr habt
es zum grten Teil geleistet. Wre die verdammte Klappe nicht
zugefallen, sicher wren die Papiere jetzt in unseren Hnden, aber der
Deibel hlt seine Krallen drauf, wie es scheint, und wenn der
Eisenriegel nicht gewesen wre, so wret Ihr ein toter Mann und rauchtet
jetzt Eure Gipspfeife droben bei den Engeln, kalkulier ich. Der alte
Cook aber knnte gar nicht genug Rum auftreiben, um auf Eure ewige
Seligkeit zu trinken. So schwatzte Oll Cook noch eine Weile in seiner
lustigen Art, ich aber fing an ein wenig einzunicken bei dem dumpfen,
eintnigen Gerusch der Luftpumpe, die unserem Nils Nielsen den
Lebensodem auf dem Meeresgrunde in Gang erhielt.

Ich mochte etwa ein Viertelstndchen getrumt haben, als ich durch
hastiges Laufen und erregte Stimmen aufgeweckt wurde. Ich hrte die
Stimme des Tauchermeisters. Der vermaledeite Dreideibel mu heut sein
Spiel haben, schrie er, ich wundere mich schon lange, da Nielsen es
da unten so tapfer aushlt, aber da er gar keine Signale gibt, zieh ich
endlich selbst dreimal am Seil, und nichts antwortet. Ich zieh noch
einmal und noch einmal, doch kein Antwortzeichen kommt. Es mu Nielsen
nicht gut gehen in dem vertrackten Kasten da unten, Maate! Ist es zu
glauben, die beiden besten Taucher zwischen den Wendekreisen holt der
Geier bei dieser Geschichte. Aber der alte Cook lt seine Jungens nicht
stecken, er wird seine alten Knochen selbst noch einmal in den
Wasserfrack stecken, und wenn er dabei das Atmen vergit. Reicht mir
schleunigst den dritten und letzten Taucheranzug, Maate, schnell,
schnell, sonst hat es keinen Zweck mehr!

Aber schon sprang ich empor. Cook, sagte ich, lat den Unfug sein.
Ihr seid ein altes Uhrwerk und Eure Rder stehen still, ehe Ihr noch
halb unten seid. Mu noch einer hinunter, so bin ich der Mann, denn Nils
Nielsen sprang mir bei, und so ist es Seemannspflicht, ihm gleiches mit
gleichem zu vergelten. Nur gut, da ich das Gelump noch am Leibe habe.
Den Helm her, und in einer Minute bin ich im Wasser.

Die anderen stimmten mir bei. Oll Cook gefhrde nur zwecklos sein Leben.
Es sei sein sicherer Tod, und wenn John Dolland fhle, da er wieder bei
Krften sei, so mag er's wohl ein zweites Mal auf einige Minuten nur
wagen. -- Schon brachte man mir den Helm, ich nahm all meine Energie
zusammen. Zwei Minuten spter war ich bereits im Wasser und glitt, noch
langsamer als das erstemal, in die Tiefe. Ich kam gut unten an, stieg an
Bord, kletterte durch die Luke und fand Nils Nielsen zusammengesunken in
einer Ecke des Ganges zu den Kabinen. Ich schttelte ihn, er rhrte sich
nicht. Ob er ohnmchtig sei oder gar bereits ein toter Mann, konnte ich
nicht erkennen. Mit groer Anstrengung schleppte ich ihn nach oben, lie
ihn emporziehen, wie er es mit mir vor kaum einer halben Stunde getan,
denn nur droben in der frischen Luft konnte ihm Hilfe werden, wenn dem
alten Kameraden solche noch ntzen mochte. Sollte Nils Nielsen, der
herabgestiegen war, um mir beizustehen, wirklich sein Leben verloren
haben? Der Gedanke lie mich nicht los und stimmte mich natrlich so
traurig, da ich kaum fhig war, noch das letzte Werk hier unten zu tun.
Dennoch durchschritt ich eilig die Kajten, denn ich gedachte nicht
lnger als zehn Minuten auf Grund zu verweilen, selbst wenn ich die
Staatspapiere der Herren in Lissabon nicht nach oben bringen konnte. Und
ich fand jenen Senor Cabrella in der Tat in der vornehmsten Kabine. Er
lag zwischen Sessel und Sthlen, alles war umgestrzt in dem wilden
Wirrwarr, da der Mann in der Dunkelheit von den hereinbrechenden
Wassermassen aus dem Schlaf gerissen wurde. Ich erkannte ihn nach dem
Bilde, das man mir gezeigt. Auch trug er einen Ordensstern auf der
Brust. -- Nach lngerem Suchen fand ich endlich eine dicke, versiegelte,
schweinslederne Tasche in seinen Kleidern, die wohl jene Papiere
enthielt. In der Tat hat man sie dann darin gefunden.

Ich hielt mich keine Minute lnger auf, denn schon brauste es wieder in
meinen Ohren. Ich stieg zur Luke hinaus, ergriff ein schweres
Eisenstck, schlug damit den Riegel an der Falltr, der mir das Leben
gerettet, los, und gab das Aufstiegsignal. -- Langsam schwebte ich hher
und hher, bis mein blanker Kupferhelm im Sonnenlicht der
Meeresoberflche glnzte.

Ich kletterte an Bord, man befreite mich von meiner Kleidung. Da lag der
arme Nielsen als ein toter Mann in der Morgensonne auf den nassen
Planken, von den Kameraden umgeben, die sich vergeblich abgemht hatten,
ihn wieder zum Leben zu erwecken. Ein Herzschlag hatte ihn im dunklen
Kajtengang des gesunkenen Seglers schnell und schmerzlos von allen
Sorgen und Freuden der Zeitlichkeit befreit.

Was war zu tun! Der Seemann sieht den Tod oft an sich vorbeischreiten,
und trifft seine Sense einen Kameraden, so zieht er seinen lhut, betet
fr das Seelenheil des Entschlafenen und gedenkt seiner noch lange, wenn
er bei seiner Pfeife Tabak und seinem Grog von Wind und Wellen spricht
und von alten Freunden, mit denen er so manches Mal gewirkt und frhlich
gezecht.

Das Meer ist grausam. Einmal fallen wir ihm alle zum Opfer, wenn wir
nicht beizeiten unsere Gebeine auf dem Lande verstauen. Wir alle
trauerten ehrlich um unsern Freund. Reiche Belohnung ward uns allen
zuteil, und ich verwendete ein hbsches Smmchen, um Nils Nielsen einen
wrdigen Grabstein zu setzen. Auf dem Friedhof zu Funchal, wo hohe
Zypressen zum Wellenschlag des Meeres rauschen und die weien Grabsteine
weithin in der blendenden Sonne leuchten, schlft Nils Nielsen den
langen Schlaf. Jene beiden Kinder, denen ich damals ihr Erbe aus dem
gesunkenen Schiff heraufholte, und die noch einen guten Teil meiner
Belohnung durch die portugiesische Regierung abbekamen, sind inzwischen
groe und verstndige Menschen geworden. Noch heute schmcken sie am
Jahrestage des Unterganges der >Isabella< das Grab des Tauchers, und
auch mir haben sie ein treues Andenken bewahrt. Dann und wann kommt von
da unten, wo die Sonne heier ist und der Wein feuriger, eine Kiste
herber in die kalte, neblige Seestadt da oben an der deutschen Kste,
wo ich nun hause, und allemal ist sie gefllt mit einem Wein, der des
alten John Dolland Herz wieder erwrmt. Dann flle ich zwei Glser,
rcke zwei Sessel an den Tisch in meiner kleinen Stube und trinke und
plaudere mit dem alten Nielsen, als ob er mir gegenber se!

Damit schlo der Taucher seine Erzhlung, und mein Vater stie mit ihm
an, und sie sprachen noch lange von Jugendtagen. Der eiserne Riegel aber
blieb in unserem Hause. Nun habt ihr seine Geschichte gehrt und wit,
warum ihn der alte Ulebuhle in seinem Rarittenkasten aufbewahrt.
Menschenschicksale hngen daran. Ja, so ist es zuweilen mit den toten
Dingen, Sie greifen ein in das Leben der Menschen, bringen Glck und
Unglck, wie dieses rostige Eisenstck, fr das der Lumpenmatz keinen
Dreier zahlen wrde!




                      Das Herz und die Taschenuhr


Seht, sagte der alte Ulebuhle, da lag ein reicher Mann auf seinem
Sofa und hielt sein Mittagsschlfchen. Er hatte den Mund weit geffnet
und scharrte und rasselte wie ein Sgewerk. Sonst aber war es so still
im Zimmer, da man die Fliegen summen hren konnte. Sie tranken mit
ihren kleinen Rsseln von dem Weinrest, der im Glase stand, und machten
sich ber die Kuchenkrmchen her, die auf dem zarten Porzellantellerchen
lagen. Ja, hier war es gut sein, aber deshalb tanzten sie dem Manne, bei
dem sie ungeladen zu Gaste waren, dennoch auf der Nase herum, denn
Undank ist der Welt Lohn.

Aber in der Brust und auf der Brust des Schlfers war es lebendig. Wenn
man genau hinhrte, so hrte man es leise und geschwtzig wispern:
Ticktickticktick-Ticktickticktick, und von drinnen antwortete es dumpf
und taktfest: Poch-Poch-Poch-Poch! Die Taschenuhr war es und das Herz.
Sie lagen dicht beieinander, und jedes tat seine Arbeit.

Unser Herr schlft, sagte das Herz, ich darf nicht schlafen, ich
schlafe niemals, dann wenn ich einschlafen wollte, wrde mein Herr nie
wieder aufwachen!

Was machen Sie eigentlich da drinnen? fragte die Taschenuhr.

Ich halte den ganzen Krempel in Schwung. Ich bin ein groes Pumpwerk
und pumpe das Blut durch die Adern meines Herrn. Ja, das ist keine
Kleinigkeit. Wenn ich auch nur eine Minute aussetzen wollte, dann knnte
sich mein Herr begraben lassen. Seit fnfzig Jahren arbeite ich nun
ununterbrochen, aber Dank hat man nicht davon. Sehen Sie, fnfzig Jahre,
das sind achtzehntausendundzweihundertsechzig Tage oder mehr als
vierhundertachtunddreiigtausend Stunden. Es sind also ber
sechsundzwanzig Millionen Minuten vergangen, seit mein Herr geboren
wurde, und seitdem ich unablssig das Blut durch seinen Krper pumpe.
Wenn Sie nun aufpassen, so werden Sie leicht zhlen knnen, da ich in
jeder Minute siebzig Schlge mache, ich habe also in den fnfzig Jahren
achtzehnhundertvierzigmillionenmal geschlagen, ohne auch nur einmal
auszuruhen!

Ja, das ist wirklich ein Stck Arbeit, das sich sehen lassen kann,
meinte die Uhr. Das sind treue Dienste, und Ihr Herr mte Sie
frstlich belohnen.

Ach du lieber Gott, brummte das Herz, er ist noch unzufrieden
obendrein! Neulich ist er in der grten Hitze mit mir auf einen hohen
Berg hinaufgerannt. Es war eine schreckliche Geschichte, und ich habe
mich abgerackert, da ich glaubte, es gehe mit mir zu Ende. Schlielich
ging es aber nicht mehr, und als er immer schneller lief und immer mehr
von mir verlangte, da setzte ich einen einzigen Schlag aus. Da wurde
mein Herr ganz furchtbar aufgeregt und schimpfte immerfort, da er ein
so schlechtes Herz habe. Da sehen Sie, da es ein undankbarer Herr ist.

Sind Sie auch aus Metall? fragte die Uhr.

Nein, entgegnete das Herz, und es ist ein Glck, denn da wre ich
schon lange hin. Ich bin aus lauter Muskeln und Huten zusammengesetzt,
die halten besser wie Stahl und Eisen!

Aber wenn Sie nun einmal repariert werden mssen! meinte die
Taschenuhr. Wenn Sie zum Uhrmacher mssen, der Ihre Rder ausbrstet
und eine neue Feder einsetzt, was macht Ihr Herr dann?

Alles nicht ntig, brummte das Herz, Rder und Federn habe ich nicht,
und ich repariere mich ganz allein. Einmal aber war mein Herr mit mir
bei einem Manne, der Menschen reparieren kann. Er hatte eine groe
Brille auf der Nase und sagte meinem Herrn auf lateinisch, was ihm
fehle. Dann horchte er mit einem Rohr auf meinen Schlag, und mein Herr
mute eine groe Flasche voll bitterer Tropfen trinken. Der Magen war
sehr rgerlich darber, denn er sagte, ihn gehe die ganze Geschichte gar
nichts an.

Seien Sie froh, sagte die Uhr, da der Uhrmacher nichts mit Ihnen zu
tun hat. Es ist eine schreckliche Geschichte. Alle Glieder werden einem
da auseinandergerissen, man kommt unter die Brste, sie stochern mit
eisernen Haken in den Eingeweiden herum, zwicken und zwacken, und ein
scharfes Ding kratzt an einem herum, da die Spne fliegen. Der Herr
bezahlte drei harte Taler und schimpfte, und der Doktor sagte, ich sei
eine alte Knarre und htte einen verbeulten Zylinder.

Pumpen Sie auch Blut? sagte das Herz.

Gott soll mich bewahren, wisperte erschreckt die Uhr. Ich bin aus
purem Golde, aber das ist nicht die Hauptsache, das ist nur eine
uerlichkeit. Ich habe ein reiches Innenleben. In mir geht es zu wie in
einer Mhle. Da dreht ein Rad das andere, und die Hauptsache ist, da
ich pnktlich bin. Pnktlichkeit ist die beste Hflichkeit, sagt mein
Herr, und er wird fuchsteufelswtend, wenn ich mich mal versptet habe.
Ich bin aber so gewissenhaft und laufe dafr am nchsten Tage wieder
etwas schneller, aber das ist ihm _auch_ wieder nicht recht. Die
Menschen sind undankbar und wissen nicht, was sie wollen.

Was mahlen Sie denn in Ihrer Mhle? fragte das Herz.

Gar nichts mahle ich, ich mache Zeit!

Zeit? Zeit? fragte verwundert das Pumpwerk in der Brust, was ist das
fr ein Ding?

Ja, wisperte die Uhr, genau wei ich es auch nicht, aber es ist eine
kostbare Sache, denn mein Herr sagt, Zeit ist Geld und Geld regiert die
Welt. -- Ich spiele eine wichtige Rolle im Leben. Kaiser und Knige
richten sich nach mir, und bei allen wichtigen Geschften werde ich zu
Rate gezogen. Dennoch sind die Menschen zu mir nicht dankbarer
als zu Ihnen. Sehn Sie, ich bin nun schon zwanzig Jahre im
Dienste meines Herrn, und das will etwas heien. In einer
Sekunde ticke ich fnfmal, also achtzehntausendmal in der
Stunde und vierhundertzweiunddreiigtausendmal am Tage.
Einhundertachtundfnfzigmillionenmal im Jahr. Tag und Nacht arbeite ich
ununterbrochen. Mein Schwungrdchen ist nicht grer als ein Fingernagel
meines Herrn, es dreht sich blitzschnell seit Jahren und Tagen hin und
her, so schnell, da man es kaum sehen kann. Wrde es immer geradeaus
rollen, so legte es in einem Tage sechsunddreiig Kilometer zurck, und
in drei Jahren htte es einmal die ganze Erdkugel umwandert. Dabei ist
alles an mir zart und fein, ich habe Achsen so dnn wie ein Haar und
eine winzige kleine Feder. Ich esse nichts und trinke nichts, brauche
nur alle paar Jahre ein kleines Trpfchen l, aber die Menschen sind
trotzdem undankbar, und man kann es ihnen nicht recht machen. Wenn ich
knnte, so ginge ich weit fort in die Welt, aber ich liege hier an der
Kette wie ein Bullenbeier.

Jeder hat seinen rger, meinte das Herz. Ich mu aufpassen, da die
ganze Geschichte hier drinnen in Schwung bleibt. Mein Herr hat vierzehn
Liter Blut in seinen Adern, und die pumpe ich in einem Tage
sechshundertmal rundum. Ja, es ist ein schnes Stck Arbeit, und anstatt
mir die zu erleichtern, macht mich mein Herr fast krank mit seinem
ewigen Weintrinken und Zigarrenrauchen. Dazu der rger mit den einzelnen
Gliedern! Bald ist zuviel Blut im Kopf, und der hat Schmerzen, bald
setzt sich mein Herr so ungeschickt, da er die Adern zudrckt und ihm
die Beine einschlafen, weil das Blut nicht durch die Leitungsrhren
hindurch kann, und ein anderes Mal wieder beschweren sich die Hnde, da
sie zu wenig Blut bekommen und frieren. Immer hab ich die Schuld!

Ich, meinte die Taschenuhr, lebe in einem langjhrigen Kriege mit den
Gebrdern Zeiger. Sie denken, sie wren das Wichtigste, weil der Herr
nur auf sie schaut, aber wenn das Rderwerk sie nicht dreht, so sind sie
zu nichts ntze. Ewig leben sie miteinander in Hader. Der kleine dicke
rgert sich, da der lange dnne ihn immer berholt, und so hngt er
sich zuweilen an seine Fracksche und geht mit ihm, so da die ganze
Zeigerei beim Teufel ist. Am belsten aber ist der ganz kleine, der sich
nur immer in einem engen Kreise herumschwingt wie ein Zirkuspferd. Er
mchte so gern auch weit herum, wo all die groen dicken Zahlen stehen,
und so klammert er sich fortwhrend an den langen dnnen oder schleift
vor rger auf dem Zifferblatt, bis die ganze Geschichte stillsteht. Dann
nimmt mich der Herr wutschnaubend und klopft mich hart gegen die
Tischkante, da mir die Eingeweide durcheinanderzufallen drohen, und
dann schimpft er greuliche Worte, behauptet, ich wre eine
niedertrchtige Zwiebel, und wenn ich nicht von Gold wre, wrde er mich
zum Fenster hinauswerfen.

Pssst! machte das Herz, er erwacht!

Richtig, er erwachte, machte laut Uh! -- Aah! Huaaaa! und dann sprang
er mit beiden Beinen herab von seinem Ruhebett. Er zog die Uhr. Halb
fnf! sagte er. Hoffentlich geht die alte Pfeffermhle richtig!

Ja, ja, seufzte die Uhr, Undank ist der Welt Lohn!




                         Ein Tag auf dem Monde


Kinder -- sagte der Doktor Ulebuhle an einem schnen Sommerabend, als
der Mond wie ein Wchterhorn ber den hohen Tannen stand -- ihr seid
allesamt groe Rpel und Taugenichtse und werdet eines Tages ein bles
Ende nehmen, aber ich habe es euch versprochen, und was man verspricht,
das mu man halten, und so will ich euch denn den Mond durch mein groes
Fernrohr zeigen!

Au fein, Ulebuhle! Wenn Ihr das tut, dann sammeln wir auch wieder
Kruter fr Euch im Bergwald und Moos fr Eure Kfer!

Nun gut, das lt sich hren! brummte der Alte, lste einen mchtigen
Schlssel von seinem Bund und trat mit uns hinaus auf den Vorflur, wo
die Treppe hinauffhrte zum schiefergedeckten Turm, in dem das groe
Fernrohr stand.

Es war gruselig und dunkel auf der Stiege, aber dann zndete Ulebuhle
sein llmpchen an, der Schlssel drehte sich kreischend im Schlo, und
knarrend ffnete sich die Turmtr, um uns einzulassen in den
geheimnisvollen Raum. -- Da stand in der Mitte auf einer Sule ein
groes Ding, wie eine Kanone, und so dick, da die dnnsten von uns wohl
htten durch das Rohr hindurchkriechen knnen. Es blinkte daran von
allerlei Schrauben und Griffen, von Stahl und Messing. Oben war ein
groes Glas im Rohr, wohl wie ein Teller, und unten ein ganz winziges,
durch das man hindurchschauen mute. Und dann tickte da noch eine groe
Uhr in einem Glasgehuse, mit einem langen Perpendikel, der mchtig
vornehm und langsam hin und her schwang und unablssig ganz bedchtig
sein Tick-Tack ... Tick-Tack sagte. -- Da waren auch noch allerlei
Apparate in den Ecken und an den Wnden, und Bilder hingen da von Mond
und Sternen, und dicke Bcher lagen in den Fchern. Aber wenn wir
Ulebuhle nach all dem fragten, dann sagte er nur in seiner knurrigen
Weise: Schnickschnack und Finger davon! Das versteht ihr nicht!

Im Dach des Turmes waren groe Klappen, die konnte man ffnen, und dann
schauten die Sterne hinein, so da man sie im Fernrohr betrachten
konnte. Ganz dunkel war es im Turm, nicht einmal die Lampen auf den
Straen drangen mit ihrem Licht hinein, aber dann schob Ulebuhle die
Riegel von den Klappen zurck, ffnete sie, und das bleiche Licht des
Mondes blinkerte auf den Instrumenten und warf unsere Schatten lang ber
den Boden.

Jetzt aber richtete der alte Gelehrte das groe Rohr auf das silbern
glnzende Gestirn der Nacht. Er drehte viele Schrauben und Hebel,
schaute selbst hinein in die Himmelskanone, und dann durften wir eins
nach dem anderen herzutreten und sahen vor uns viel hundertmal
vergrert die stille, ferne Welt des Mondes, mit allen ihren
merkwrdigen Lndern und Bergen.

Wie war das seltsam, als man hindurchschaute! Man sah nur einen Teil des
Mondes, ganz riesenhaft gro. Wie eine mchtige Gipsplatte erschien
zunchst, was man bemerkte; eine Gipsplatte, die ganz grell beleuchtet
ist. Da sah man groe graue Flecke, von denen Ulebuhle sagte, da es
groe Ebenen auf dem Monde wren, ungeheure Wsten, die wahrscheinlich
frher einmal vom Mondmeer bedeckt waren. Was aber besonders interessant
war, das waren die Berge. Man sah da allerlei blinkende Berggipfel, und
Ulebuhle erklrte uns, da sie so hell im Sonnenlicht strahlten, denn
der Mond wird genau so von der Sonne erleuchtet wie die Erde und ist
eigentlich genau so dunkel wie sie. Die Berge warfen lange, spitze
Schatten weithin ber die Ebenen, und in den Tlern, wo das Sonnenlicht
nicht hindringen konnte, lag tiefschwarze Nacht. Viel tausend kreisrunde
Krater waren da zu sehen, und dann wieder lange Gebirgszge, und alles
war so wild zerrissen und zerklftet, da es im Glase aussah, als sei es
ein groer Kuchen, in den die Muse Loch an Loch geknabbert.

So standen wir und schauten, und der alte Ulebuhle erzhlte uns
mancherlei ber das, was wir sahen. Als wir aber immer wieder fragten,
da wurde er wieder grimmig, schnaufte in sein groes buntes Taschentuch,
rckte die Hornbrille zurecht und knurrte in seiner alten Weise:

Still jetzt, ihr Racker! Und nicht alle durcheinander geschrien! Ihr
habt den Mond gesehen und erfahren, da er eine Weltkugel ist wie die
Erde, aber eine erstorbene, auf der kein Mensch mehr lebt. Wollt ihr
aber noch mehr wissen, dann will ich euch die Geschichte von dem kleinen
Jungen erzhlen, der einen Tag auf dem Monde zubrachte. Setzt euch hier
ringsum und ffnet weit eure Lauscher!

Und dann nahm Ulebuhle eine mchtige Prise aus der buntbemalten Dose,
nieste zweimal gewaltig, so da sein Zpfchen erschrocken einen Satz
ber den Rockkragen tat, und dann erzhlte er:

Seht, da war ein kleiner Junge, der lag des Abends spt in seinem Bett
und konnte nicht einschlafen. Der Mond schien ihm voll ins Gesicht; er
stand, ein einsamer Nachtwandler, drben hinter den Bergen, und seine
Strahlen spielten mit all den kristallenen Sternchen der hartgefrorenen
Schneedecke, die auf der Erde ruhte. Und der kleine Junge schaute hinauf
zu der silbern glnzenden Scheibe, die mit ihren grauen Flecken wie ein
gutmtig lchelndes Gesicht aussah, und berdachte, was er an diesem
Abend alles gehrt hatte. Seine Eltern hatten Besuch bekommen; ein
Freund des Vaters, ein sehr gelehrter Professor, der sein ganzes Leben
nichts getan als Sonne, Mond und Sterne zu erforschen, war angekommen,
und beim Abendbrot hatte er allerlei vom Himmel erzhlt. Da hatte der
kleine Franz auch nach dem Monde gefragt, der eben aufgegangen war und
durch das Fenster schaute. Und der alte Professor mit der goldenen
Brille hatte ihm gesagt, da es alles ganz anders wre, wie die Kinder
sich das immer erzhlten, vom >Mann im Monde<, der dort ewig sein
Reisigbndel tragen mu, und was sonst fr Mrchen. Der Mond sei eine
ferne Weltkugel, sagte er, voll von Bergen und Tlern, weiten Ebenen und
tiefen Kratern, aber still und tot, und kein lebendes Wesen sei darauf
anzutreffen, ebensowenig wie je eines Menschen Fu diese seltsame Welt
betreten htte.

Wenn man doch da einmal hinauf knnte, hatte die Mutter gesagt, und
der Vater meinte, die Menschen htten schon viel schnurrige Dinge
erfunden, sie wrden es auch noch einmal fertig bekommen, nach dem Monde
zu fliegen. Da hatte der alte Professor seltsam durch die goldene Brille
gelchelt und zum kleinen Franz gesagt: Nun, mein Junge, dann machen
wir die erste Reise nach dem Monde miteinander!

Dann aber war die Mutter gekommen und hatte den kleinen Jungen ins Bett
gebracht, denn es war spt, und Kinder mssen viel schlafen, wenn sie
gesund bleiben wollen. -- Aber des Professors Erzhlen von der
Weltkugel, die da oben so ruhig in weiter Ferne ihre Bahn zog, hatte den
Buben gewaltig erregt. Nun lag er da und grbelte darber nach, wie es
sein mte, da hinaufzufliegen und zu wandern auf einem fernen Gestirn.
Langsam aber fielen ihm die Augen zu, ber die des Mondes Strahl, durch
die weien Gardinen gedmpft, wie streichelnd hinwegglitt. Er wurde
mder und mder und glitt hinber ins Land der Trume.

Und pltzlich sah unser Franz die Tr aufklinken. Des Professors Kopf
wurde sichtbar. Er nickte dem Schlfer freundlich zu, aber er sah viel
lter aus, und sein Haar war schneewei. Viele Jahre muten vergangen
sein. Junge, rief er, kennst du mich noch? Ich bin doch dein Freund,
der Sterngucker! Weit du noch, was ich dir damals versprochen, als du
zum Monde hinauf wolltest? Nun, inzwischen habe ich lange gearbeitet an
der groen Himmelsflugmaschine, und nun ist sie fertig. Ich habe
versprochen, dich mitzunehmen auf die Mondreise. Was man verspricht, mu
man halten! Jetzt komm! Der Vater steht schon drauen und wartet.

Da fuhr unser kleiner Freund wie ein Wiesel aus dem Bett und hinein in
die Kleider. Die Mutter kam und hllte ihn noch warm ein in Tchern und
Pelzen, und dann traten sie vor das Haus.

Da stand auf dem groen Platz eine gar wunderliche Maschine, halb wie
ein Flugzeug, halb wie ein Zeppelin gebaut, mit Flgeln und
Luftschrauben und einer groen Gondel mit dicken glsernen Wnden. Und
viele Leute standen drum herum und staunten, und Nachbars Philipp, der
immer alles besser wute als andere Leute, schrie weit ber den Platz:
Da kommt der Prsident rinn. Er fahrt nach dem Nordpol. Da streiken die
Schneeschipper, und er will ihn' jut zureden! Polizeisergeant Lemke
aber hatte einen ganz roten Kopf und rannte mit gestrubtem Schnauzbart
umher und schrie: Jehn Sie weiter, jehn Sie weiter, meine
Herrschaften!

Jetzt aber kam der Vater mit dem Professor durch die Menge hindurch. Sie
waren beide in dicke Pelze gehllt und winkten ihm zu. Auch die Mutter
war da, reichte allen noch einmal die Hand, umarmte den kleinen Jungen
und blickte recht bekmmert und mit rotgeweinten Augen auf die
Himmelsflugmaschine, denn Mtter halten nun mal nicht viel von Reisen
nach dem Monde! Dem Franz wurde zwar auch etwas bnglich zumute, aber
der Professor war kreuzvergngt und sagte, es wre gar nichts dabei. So
stieg man denn hurtig in die groe glserne Gondel ein, der Professor
drehte an allerlei Hebeln und Schrauben, und schnurrend erhob sich der
groe Vogel vom Boden und stieg kerzengerade in die Luft.

Unten schrien die Leute: Hoch und Hurra und winkten mit den
Taschentchern und Hten, so da man sehen konnte, wer keine Haare mehr
auf dem Kopfe hatte, und die Mutter stand abseits und weinte. --

Immer kleiner wurde die Stadt. Die Huser sahen wie Spielzeug aus und
die Grten wie Moosstckchen, und schlielich war sie nur noch ein
bunter Farbenfleck. Dann sah man das weite Land. Aber wie verndert war
es! Die Wlder waren groe dunkelgrne Tcher geworden, die Berge waren
kaum noch von der Ebene unterschieden, und die Flsse glichen dnnen,
glnzenden Staniolstreifen. Auf einmal aber war alles wie weggeblasen!
Eine undurchdringliche weie Masse wogte ringsum, wie ein Ozean von
Milch, und an den Scheiben der Gondel lief das Wasser nieder, als wrden
sie mit einer Giekanne besprengt. Der kleine Junge lief ngstlich zu
den beiden Mnnern, aber sie beruhigten ihn lachend.

Nur Mut, mein Sohn, sagte der Professor, was dich schreckt, ist
nichts anderes als eine _Wolke_, durch die wir hindurchfahren, eine
Wolke, die etwa siebentausend Meter ber der Erde schwebt. Pa auf,
gleich werden wir hindurch sein!

Und so war es. Da war wieder der blaue Himmel mit der Sonne, und unten
zog wie ein mchtiges Gebirge aus Schlagsahne die Wolke, die wohl mehr
als tausend Meter lang war, schnell seitwrts hinweg, vom Winde
getrieben. Durch Lcher in ihrer fortwhrend die Gestalt ndernden Masse
sah man dann und wann die Erde tief unten hindurchschimmern. -- Wie
aber kommt es, da alles so na geworden ist? fragte der schon wieder
beruhigte Franz.

Ei, das ist ganz einfach, antwortete der Professor. Eine Wolke ist ja
nichts anderes als Wasserdampf, genau so wie die weie Wolke, die aus
der Lokomotive steigt. Das ist wie in einer Waschkche! Wenn der
Wasserdampf gegen die kalten Scheiben schlgt, dann fliet er zu lauter
Wassertrpfchen zusammen, und die Scheiben beschlagen, und das Wasser
rinnt an ihnen hernieder.

Es ist doch schnurrig, so durch eine Wolke hindurchzureisen, das haben
meine Kameraden drunten noch nie erlebt wie ich nun!

Da bist du in einem Irrtum, mein Junge! Auch sie waren, genau so wie
du, schon oft mitten in einer Wolke, nmlich im _Nebel_, und das ist ja
nichts anderes als eine Wolke, die sich tief unten auf der Erdoberflche
befindet.

Aber schon gab es wieder etwas Interessantes zu sehen! Die Erde lag
jetzt als eine ungeheure Scheibe tief unter den Reisenden. Man sah auf
ihr nur noch helle und dunkle, leicht gefrbte Flchen von Lndern und
Meeren. Selbst die Wolken lagen jetzt so tief unten, da es aussah, als
wren es Schneeflchen auf der Erde selbst. Mit riesiger Geschwindigkeit
sauste die Flugmaschine aufwrts. Europa sah aus, so hnlich wie auf der
Landkarte. Man bemerkte den Stiefel von Italien, der sich in einen
langgestreckten, dunklen Fleck, das Mittellndische Meer, hineinschob,
man sah im Norden wie einen springenden Lwen die groe Halbinsel der
Schweden und Norweger und noch weiter nrdlich eine blendend helle weie
Flche, die Eis- und Schneegefilde rings um den Nordpol. Nach Westen zu
aber wuchs eine tiefdunkelgraue Ebene ins Endlose, und das war der
Atlantische Ozean. Von Menschen und Menschenwerk war auch nicht die Spur
mehr zu entdecken, und man erkannte hier so recht, wie winzig doch in
Wahrheit die menschliche Welt ist und wie tricht die Bewohner der Erde,
wenn sie sich gegenseitig in schrecklichen Kriegen zerfleischen, um
einen Landzipfel mehr zu haben als die andern.

Nun aber geschah etwas ganz Eigenartiges! Bisher war das Flugschiff
immer senkrecht von der Erde emporgeflogen, der Sonne zu. Da die Reise
aber zum Monde gehen sollte, der der Sonne fast gegenberstand, denn es
war gerade Vollmond, so mute man jetzt seitwrts steuern, hinber zur
anderen Hlfte der Erdkugel, wo es Nacht war und der Mond am Himmel
stand. Der alte Professor lenkte seine wunderbare Maschine nach dort
hinber, und da sah denn der kleine Franz etwas ganz Merkwrdiges. Die
Erde, die bis dahin als mchtige hellbeleuchtete, kreisrunde Scheibe
unter den Reisenden gelegen hatte, wurde pltzlich an dem einen Rande
immer mehr und mehr abgefressen, und schlielich sah sie nur noch wie
der Halbmond aus; die andre Hlfte war verschwunden. Auch der Vater
stand ganz erstaunt und betrachtete das sonderbare Schauspiel. Ihre
erstaunten Ausrufe weckten den gelehrten Professor aus seinem Grbeln.
Ja, sagte er, das nimmt euch wunder, aber es ist ganz einfach zu
erklren. Die Erde ist ja nichts als eine groe dunkle Kugel, die auf
der einen Seite von der Sonne erleuchtet wird, genau so wie ein
Tennisball, den man in ein dunkles Zimmer bringt und von einer Seite mit
einer Kerze beleuchtet. Die andere Seite ist ganz dunkel, da ist es
_Nacht_. Bisher waren wir ber der beleuchteten Tagseite der Erde, und
jetzt fahren wir zur Nachtseite hinber. Wir stehen jetzt grade in der
Mitte. Links ist noch die Hlfte der Tagseite zu sehen, und rechts ist
es eben Nacht. Die Sonnenstrahlen kommen da nicht hin, und so sehen wir
diesen Teil der Erde nicht! Das ist doch ganz einfach, nicht wahr, und
selbst der kleine Franz wird das begreifen!

Ja, das begriff denn auch der kleine Mondreisende. Er hatte schon in der
Schule etwas davon gehrt, aber jetzt sah er es mit eigenen Augen, und
es sah doch recht sonderbar aus. Es kam aber noch viel schnurriger!
Pltzlich, mit einem Schlage, waren sie in ihrem Fahrzeug in tiefste
Dunkelheit gehllt. Die Sonne war wie auf Zauberwort verschwunden,
_verschwunden hinter der Erdkugel_. Hoch ber ihnen standen die
blinkenden Sterne, und etwas seitwrts der volle Mond, an dessen
schwaches Licht sich die Augen erst langsam gewhnen muten.

Seht, sagte der alte Sterngucker, jetzt steht die Erde zwischen uns
und der Sonne, und ihre Strahlen knnen uns daher nicht treffen. Wir
stehen im Schatten, den die Erde, von der Sonne beschienen, hinter sich
wirft. Es geht uns jetzt genau so wie dem Monde bei einer
Mondfinsternis. Da steht er auch im Schatten der Erde und wird also
verdunkelt. Das ist alles ganz einfach, und es ist keine Hexerei dabei!

Was man doch bei so einer Reise alles lernt, meinte der Vater,
langsam werden wir selber noch Astronomen[5], mein Junge!.

Die Erde war jetzt kaum noch zu sehen. Man war ganz ber ihrer
unbeleuchteten _Nachtseite_, die nur vom Monde sanft erhellt wurde. Als
eine mattgraue Scheibe verschwand sie mehr und mehr in der Ferne, rings
umgeben von den noch viel ferneren Sternen. Vor allem aber war es
auerordentlich kalt geworden, so da die Reisenden trotz der
elektrischen Heizung in der Luftschiffgondel erbrmlich froren in ihren
dicken Pelzen. Der Vater erkundigte sich nach dem Grunde dieser Klte,
und der Professor gab bereitwillig Auskunft. Im Weltenraum, erklrte
er, herrscht eine Temperatur von etwa zweihundert Grad Klte. Genau
kann man sie natrlich nicht angeben, aber man wei bestimmt, da es
annhernd so ist. Nheres darber kann ich hier nicht sagen, denn der
kleine Franz wrde es nicht verstehen, aber wenn er bedenkt, da berall
da auf Erden, wo die Sonne monatelang nicht scheint, also am Nordpol und
am Sdpol, alles in Eis erstarrt und von den Polarforschern schon
fnfundsechzig Grad Klte gemessen worden sind, obgleich das doch noch
auf der Erde ist, wo durch Luftstrmungen, die aus wrmeren Lndern
kommen, immer noch Wrme zugefhrt wird, so wird er mir wohl glauben.
Wie sollte es auch im Weltenraum warm sein? Warm ist es nur da, wo
irgend etwas ist, das die Sonne oder ein anderer heier Krper erwrmen
kann. _Der Weltenraum aber ist leer._ Nicht einmal Luft ist in ihm, und
... Der gelehrte Mann wurde pltzlich unterbrochen. Alle schrien
ngstlich auf. Ein gewaltiges Rauschen war vernehmbar, und dann
knatterte und polterte es gegen die Wnde der Flugmaschine, da man
frchten mute, sie gingen in Splitter. Der kleine Franz wich entsetzt
zurck vom Fenster. Faustgroe Steine kamen vorbeigeflogen und prallten
da und dort an, und einige zerbarsten funkensprhend.

Die Mondmenschen, die Mondmenschen, schrie der kleine Junge auf, sie
haben uns entdeckt, sie schieen auf uns!

Auch der Vater war entsetzt zurckgewichen, und der Astronom stand
bleich im Hintergrunde und trippelte ratlos hin und her.

Es dauerte nur einen Augenblick, dann war die gefhrliche Erscheinung
vorber, aber der Professor war sehr erregt, antwortete nicht auf die
strmischen Fragen seiner Begleiter. Er untersuchte sorgfltig jeden
Teil der Maschine, und erst als er sich berzeugt, da sie keinen
Schaden gelitten, atmete er erleichtert auf.

Alle Teufel, sagte er, sich die weien Haare krauend, das war eine
schlimme Geschichte! Eigentlich htte ich darauf vorbereitet sein
mssen, aber etwas vergit man halt immer!

Und was war es? fragte der Vater.

_Es waren Meteorsteine_, wie sie zu Millionen durch den Weltenraum
ziehen. Die kleineren von ihnen sieht man hufig am Himmel der Erde als
schnelle Fnkchen dahinfliegen. Wir nennen sie >_Sternschnuppen_<, die
groen aber sehen wir selten, sie leuchten wie Raketen auf, und sprhend
fallen sie als _Stein- und Eisenmassen_ zur Erde. In jedem Museum kann
man solche Meteorsteine liegen sehen. Htten sie die Fenster unsrer
Gondel zerschlagen, so wre es um uns geschehen gewesen, denn wir wren
erstickt.

Erstickt? Weshalb das?

Ja nun, _der Weltenraum ist vollkommen luftleer_. In groen
Stahlflaschen, die im Boden der Gondel liegen, habe ich den Sauerstoff,
die Lebensluft, von der Erde fr unsere Reise mitgenommen, und sie
strmt langsam hier aus und erhlt uns am Leben. Wre aber die Gondel
zerschmettert worden von den Meteoren, so wren wir im luftleeren
Sternenraum erstickt!

Da merkten die beiden Mitreisenden erst, da es doch gar keine so
ungefhrliche Vergngungsreise war, die sie unternommen, und ein bichen
bnglich wurde ihnen nun doch, wenn auch die Gefahr glcklich vorber
war.

Inzwischen waren sie dem Monde bedeutend nher gekommen. Als mchtige
Scheibe, auf der man schon allerlei Einzelheiten sah, schwebte das
bleiche Nachtgestirn ber ihnen, und sie fuhren mit mrchenhafter
Geschwindigkeit darauf zu.

Wie weit ist denn eigentlich der Mond von der Erde entfernt, und wie
lange haben wir zu reisen? fragte der Vater.

Von der Erde bis zum Mond sind es dreihundertvierundachtzigtausend
Kilometer, meine Freunde, antwortete der Astronom. Das ist so schlimm
nicht, denn es ist nur dreiigmal so weit wie eine Reise von Berlin nach
New York und wieder zurck, und viele Kapitne haben schon lngere
Reisen unternommen. Eine Kanonenkugel wrde in zehn Tagen von der Erde
zum Monde fliegen knnen, wenn ihr unterwegs nicht die Kraft ausginge,
und ein Schnellzug mte ununterbrochen sechs Monate fahren, wenn es
einen Schienenweg zum Monde gbe. Wir aber fahren so rasend schnell mit
meiner Erfindung, da wir bald da sein werden. Seht, wie nahe uns der
gute alte Freund schon gerckt ist; es ist die hchste Zeit, da wir die
Vorbereitungen zur Landung treffen. Das wichtigste ist, da jeder
zunchst seinen Lufthelm und Lufttornister aufsetzt, denn es ist auf dem
Monde keine Spur von Luft anzutreffen, weshalb ja auch keine Menschen
dort leben knnen. -- Dann aber mu ich vor allem meine groartige
Bremsmaschine in Bewegung setzen, denn sonst fliegen wir mit solcher
Gewalt auf die Mondoberflche nieder, da wir mitsamt unsrer
Himmelsdroschke zerpulvert werden!

Und nun begannen alle drei sich lebhaft zu tummeln. Bald sahen sie aus
wie Meerestaucher mit ihren kupfernen Helmen, die den ganzen Kopf von
der Auenwelt absperrten, und durch Gummiringe am Halse luftdicht
schlossen. Auf dem Rcken waren Luftzylinder befestigt, und durch
Schluche kam von dort die Atemluft zu den Helmen. Durch vergitterte
Fenster in den Helmkugeln konnte man drauen alles bequem berblicken,
aber ob man durch sie auch wrde hren knnen, was drauen zu hren war,
und was die anderen sagten, das war dem kleinen Franz doch etwas
fraglich.

Eine gewaltige Helligkeit war nun wieder ringsum, sie kam von der schon
ganz nahe ber ihnen liegenden, blendend erleuchteten Mondoberflche.
Der Professor arbeitete an allerlei Hebeln und Schrauben, drehte an
vielen Hhnen und Rdern, und der Vater half ihm dabei. Der Alte war so
eifrig, da seine weien Haare und seine Frackflgel hin und her
flatterten, aber endlich war alles bereit.

So, sagte er, jetzt ist der feierliche Augenblick da! Nun werden
sofort die ersten Menschen den Mond betreten, infolge meiner groartigen
Erfindung. Nun aber Achtung, denn wenn auch die Bremsmaschinen tadellos
funktionieren, einen gehrigen Sto wird es doch geben und vielleicht
auch ein paar blaue Flecke. Darum schleunigst in die Schaukeln, die an
der Decke hngen, sie sind aus Gummi und Federn und wohl auswattiert,
damit die Knochen ganz bleiben.

Da schlug denn doch den Reisenden das Herz, und der kleine Junge
bibberte nicht schlecht bei dem Gedanken, all seine Knchelchen wie in
einem Wrfelbecher auf dem Monde herumzustreuen, aber es war keine lange
Zeit mehr zum berlegen. Kaum saen sie in den Gummischaukeln, da ging
es auch schon los! Festhalten! Festhalten!! schrie der Professor. Dann
gab es einen enormen Krach, es splitterte alles mgliche ringsum, und
dann brauste es dem kleinen Franz jmmerlich in den Ohren, er fhlte nur
noch, wie ihm fast jedes Knchlein im Leibe weh tat, und dann war es mit
einem Male Nacht und alles aus.

Hier unterbrach der alte Ulebuhle seine Erzhlung und nahm eine neue
mchtige Prise, whrend wir Kinder ganz gespannt und muschenstill mit
offenem Munde ber das weitere Schicksal der Mondreisenden nachdachten.
Jungens, sagte Ulebuhle, macht um Gottes willen den Mund zu, sonst
fliegen euch die Fledermuse hinein! Ihr mt mich erst einmal
ausschnaufen lassen, ich bin ein alter Mann, und die Zungenmhle geht
bei mir nicht mehr so wie bei euch unklugen Schreihlsen! Hierauf
nieste er wieder zweimal, da der Turm drhnte und das Zpfchen entsetzt
in die Hhe fuhr, und dann fuhr er also fort:

Die Reisenden lagen mit arg zugerichtetem Flugschiff auf dem Monde, und
wenn sie jemand gesehen htte, er htte angenommen, sie seien tot. Aber
sie hatten von dem Sturz nur die Besinnung verloren, und der Vater, als
der krftigste von den dreien, war zuerst wieder auf den Beinen. Gott
sei Dank, er hatte nichts gebrochen und erkannte auch schnell, da die
anderen noch lebten. So richtete er sie auf, und einer nach dem anderen
kam zu sich. Auer einigen Beulen und Schrammen war nichts vorgefallen,
und die Reiseapotheke des Professors kurierte diese kleinen Schden
schnell. Ein ganz klein wenig heulte unser Franz zwar dennoch, aber im
ganzen hatte er sich doch recht tapfer benommen.

Sind wir nun auf dem Monde? fragte er, noch immer etwas verngstigt,
aber das sind ja hier genau solche Steine wie bei uns auf der Erde und
ebensolcher Sand. Und was ist denn das? Nein, das ist aber ganz
schnurrig, da steht die Sonne am Himmel, und zugleich sind auch alle
Sterne zu sehen wie mitten in der Nacht, und der Himmel ist auch ganz
schwarz, trotzdem es doch heller Tag ist!

So fragte der kleine Junge unablssig, aber niemand antwortete ihm, es
war, als hrte ihn keiner, und nun merkte er erst, da er selbst nur
ganz undeutlich seine eigene Stimme vernahm. Ei, sagte er zu sich
selbst, das liegt sicher an dem dicken Kupferhelm, der unsere Kpfe
umschliet, da wir uns nicht hren. Da berhrte der Professor seinen
Arm und bedeutete auch dem Vater aufzupassen. Dann zog er eine Pistole
hervor und feuerte sie zwei-, dreimal ab. Man sah zwar den Feuerschein
und den Pulverdampf, aber man hrte kein bichen von dem Krachen des
Schusses. Man sah, wie der gelehrte Herr ber die Verwunderung seiner
Mitreisenden lchelte, dann zog er einen Notizblock hervor und schrieb
darauf:

_Da es auf dem Monde keine Luft gibt, die den Schall zum Ohr trgt, so
kann man hier auch nichts hren._ Wenn wir auf Erden eine elektrische
Klingel in einen Glaskasten bringen, aus dem wir mit einer Luftpumpe die
Luft heraussaugen, dann hren wir sie auch nicht mehr klingeln. Hier auf
dem Monde knnte jemand neben uns eine Kanone abschieen, wir hrten es
nicht. Alles was ihr wissen wollt, mt ihr jetzt _aufschreiben_, und
ich kann es euch auch nur schriftlich beantworten.

Sie gaben durch Nicken zu verstehen, da sie das begriffen htten, und
dann zeigte auch der Vater auf den seltsam aussehenden Himmel. Da stand
wirklich als hellstrahlende Feuerskugel die Sonne, genau so wie am
Himmel der Erde, _aber dieser Himmel war tiefschwarz wie bei uns in der
Nacht, und alle Sterne waren sichtbar_.

Der Professor nickte, setzte sich auf einen Felsblock und schrieb: Auch
das kommt daher, da der Mond ohne Lufthlle ist! Der blaue Himmel auf
Erden entsteht nur, weil das Sonnenlicht die _Luftschichten_ erhellt,
und so werden die Sterne unsichtbar. Hier, wo die Luft fehlt, sind sie
auch am Tage zu beobachten.

Das ist doch eine schnurrige Welt! dachte Franz. Hier kann niemand Lrm
machen, keine Musik und kein Gesang ertnt, und wenn ein ganzes Heer von
Soldaten und Wagen entlangzge, man hrte nichts davon. In der Schule
wrde es hier nur schriftliche Arbeiten geben, und die Leute knnten
sich nur brieflich zanken.

Der Professor stand auf und bedeutete seinen Gefhrten, ihm zu folgen.
Ein hoher Berggipfel lag vor ihnen; er stand am Rande einer weiten
Ebene, und der Astronom hatte die Absicht, ihn zu besteigen, um einen
Blick weit ins Land zu tun. Alles ringsum war kahl und de. Nicht ein
grnes Fleckchen weit und breit, kein Baum, kein Strauch, kein Vogel,
kein Insekt war zu sehen. Nichts als zerrissene Felsen ringsum, so weit
das Auge reichte, tiefe dunkle Schluchten und breite Risse im Gestein.
Dann wieder noch trostlosere Ebenen, gefllt mit ausgedrrtem, glhend
heiem Sand. Dazu die Grabesstille und der schwarze Himmel, es war
wirklich schauerlich und bengstigend. Wie schn war doch dagegen die
Erde, mit ihrem blauen Himmel, ihren Wiesen und Wldern, ihren Flssen
und Meeren, dem tausendfachen Getier, den ziehenden Wolken, dem Flstern
des Windes, dem Sang und Klang und munteren Leben allberall.

Sie standen nun nach kurzer Wanderung auf dem Gipfel des Berges, und
jetzt erst konnte man die Formen der Berge so recht erkennen. Vor ihnen
lag eine mchtige Ebene. Der Professor sagte, mit den groen Fernrohren
sehe man das alles auch deutlich von der Erde aus, und die Mondforscher
htten vom Monde selber sehr genaue Photographien und Karten hergestellt
und alle Berge und Ebenen auf dem Monde genau so mit Namen bezeichnet,
wie es die Geographen mit den irdischen Landschaften gemacht haben.

Diese groe Ebene, so bedeutete er seinen Freunden, nennen die
Astronomen >Mare Imbrium<. Frher war das wohl ein groes _Meer_, aber
nun liegt es _ausgetrocknet_ da, denn wie es keine Luft gibt, so gibt es
auch _kein Wasser_ auf dieser toten Welt. Der groe Gebirgszug mit
seinen wie Silber glnzenden Spitzen, den ihr da in weiter Ferne am
Rande der Ebene erkennt, das ist eine Kette von groen Berggipfeln, und
die Astronomen haben sie >Mond-Apenninen< getauft. Hier mitten drin in
der Ebene seht ihr aber nun die ganz sonderbaren Mondkrater, von denen
es auf dieser seltsamen Welt Zehntausende gibt. Seht, es sind alles
mchtige, _kreisrunde Gesteinsringe_, und manchmal steht noch ein
kleiner Bergkegel im Mittelpunkt des Ringes.

Der kleine Franz nahm den Notizblock und schrieb darauf: Diese
Kraterberge des Mondes sehen alle aus wie hohle Backenzhne! Da lachte
der Professor und schrieb darunter: Ja, da hast du recht, mein Junge,
nur da diese Backenzhne oft fnfzig Kilometer breit sind.

Die Reisenden schritten nun weiter, nach der anderen Seite zu, wo das
Land in Dunkelheit gehllt war, denn dort schien die Sonne nicht mehr
hin, und es begann an dieser Stelle die von der Sonne abgewendete
Nachtseite des Mondes. Franz hatte sich schon lange gewundert, wie
merkwrdig schnell und leicht er auf dem Monde laufen konnte. Als er nun
zum Spiel einen Stein aufnahm und ihn in die Luft warf, da blieb er
berrascht stehen! Der Stein flog so hoch, da er ihn kaum noch sehen
konnte, und kam erst in groer Entfernung zu Boden. Der alte Professor
aber hatte seinem Spiel und seinem Erstaunen zugesehen und bedeutete
ihm, einmal aufzupassen. Der alte Herr nahm einen kleinen Anlauf, und
dann sprang er vor einem kleinen Hgel vom Boden ab, hoch in die Luft,
ber den haushohen Hgel hinweg, und schwebte sanft jenseits wieder
herunter. Es sah so komisch aus, wie der gute alte Professor da
pltzlich mit wehenden Frackschen und flatternden Haaren, mit
schlenkernden Armen und seltsam herumrudernden Beinen in der Hhe
hinsauste, da Vater und Sohn zunchst nicht aus dem Lachen herauskamen.
Aber dann fate sie doch das Erstaunen ber das Gesehene, und so
probierten sie denn auch diese Luftsprnge (wenn man so sagen kann, da
es auf dem Monde keine Luft gibt!). Die des Vaters fielen noch viel
hher aus als die des Gelehrten. Der Vater schleuderte auch Steine, die
so weit fort flogen, da man sie aus dem Auge verlor. Dann aber traten
sie zu dem Professor, um sich erklren zu lassen, weshalb ihre Kraft
hier auf dem Monde zu Leistungen hinreichte, die auf Erden der strkste
Mann nicht zu vollbringen vermchte. Hob der kleine Junge doch
Felsblcke empor, die auf der Erde sein starker Vater nicht htte heben
knnen. Aber der Astronom wute auch dafr eine einfache Erklrung.

Er setzte sich nieder und schrieb: Der Mond ist viel kleiner als die
Erde. Man knnte aus der Erde neunundvierzig Monde machen. Der viel
kleinere Mond zieht auch alle Gegenstnde, die sich auf ihm befinden,
nicht so stark an wie die groe Erde, daher kommen uns also alle Steine
und so weiter auch auf dem Monde viel leichter vor, wir brauchen viel
weniger Kraft, um sie zu heben, oder knnen mit unserer Kraft viel
schwerere Steine hier aufheben und viel weiter werfen als auf Erden. Da
wir selbst auf dem Monde nur etwa sechsmal weniger wiegen als auf der
Erde, so knnen wir uns mit unserer Kraft auch sechsmal leichter bewegen
und ber sechsmal hhere Hgel hinwegspringen als auf der Erde! Seht,
das ist alles ganz einfach, und nirgends in der Welt gibt es Hexerei.
Alles geht natrlich zu, und wenn man viel gelernt hat, kann man auch
viel erklren!

Es ist wirklich eine schnurrige Welt hier, dachte der kleine Junge. Wenn
ich mir von der Erde ein Pfund Schokolade mitgebracht htte und wrde es
hier nachwiegen, so wre es nur noch ein sechstel Pfund, selbst wenn ich
gar nichts davon genascht htte!

Die Reisenden schritten rstig weiter, immer weiter nach dorthin, wo es
Nacht auf dem Monde war und die geringe Schwere ihres Krpers bewirkte,
da sie uerst schnell vorwrts kamen und nicht mde wurden. Die Sonne
sank tiefer und tiefer zum Horizont herunter, und ganz pltzlich waren
sie mitten in der tiefsten Finsternis, denn so eine allmhliche
Lichtabnahme zwischen Tag und Nacht wie auf der Erde gibt es auf dem
Monde nicht, weil eben keine Luft vorhanden ist, die noch lange nach
Sonnenuntergang von den Sonnenstrahlen erhellt wird. Nur einige
Berggipfel, zu denen die Sonnenstrahlen noch hinaufdrangen, glnzten wie
aus blankem Eise geformt, als aber auch diese durch andere Berge
verdeckt wurden, war es rabendunkel ringsum, und man sah nicht die Hand
vor Augen. Der Vater wollte ein Zndhlzchen entflammen, aber es blitzte
nur auf und verlosch wieder; er hatte vergessen, da in einem luftleeren
Raum ja nichts brennen kann. Aber auch dafr hatte der Professor
gesorgt, denn an seinem Grtel hing eine groe elektrische Handlampe,
die gengend Licht auf den Weg warf. Sie gingen noch ein gutes Stck, da
zeigte sich pltzlich tief unten am Horizont ein heller Schein. Eine
runde, leuchtende Kuppe wurde sichtbar, die immer mehr wuchs, je weiter
sie wanderten. Es war genau so, als wenn auf Erden der Mond aufgeht.
Immer mehr rundete sich diese Lichtscheibe, die da am Horizont des
Mondes emporstieg, und endlich stand sie leuchtend unter all den Sternen
schon ziemlich hoch droben ber den Berggipfeln, und zwar so hell, da
man ringsum alles klar erkennen konnte und der Professor seine Lampe
lschte.

Die Mondreisenden standen und blickten voll Staunen zu dem seltsamen
Monde empor, der da am Himmel des Mondes aufging, aber diese leuchtende
Scheibe war wohl zwlfmal grer, als auf Erden der Mond erscheint. Und
auf ihrer Oberflche sahen der Vater und Franz helle und dunkle Flecke,
die ihnen merkwrdig bekannt vorkamen, grade so, als htten sie sie
schon frher wo gesehen. Da zog der Astronom seine Notiztafel hervor und
schrieb ein paar Worte, die unsere Freunde in groes Erstaunen
versetzten:

_Jene Scheibe dort droben am Mondhimmel ist die Erde!_ Und wirklich,
es war so. Deutlich sah Franz die ihm vom Schulglobus bekannten Umrisse
der Lnder und Meere auf der Erde, das groe Dreieck von Sdamerika, den
Atlantischen Ozean und am Sdpol die weie Kuppe der Eis- und
Schneefelder. So war den Reisenden nun der Mond zur Erde geworden und
die Erde zum Monde, und der gelehrte Professor erklrte ihnen, da das
alles ganz selbstverstndlich sei, denn genau so, wie von der Erde aus
gesehen der Mond als ein Gestirn am Himmel schwebt, mu vom Monde aus
gesehen die Erde als Gestirn erscheinen, nur da sie grer ist.

Da wandelten denn die Reisenden im _Licht der Erde_ auf dem Monde
spazieren, wie die guten Leute da auf Erden im Mondenschein promenieren.
Aber der Anblick der so fernen Erde, die doch so schn war mit ihren
Wldern und Feldern, ihren Blumen und Vgeln, ihren Meeren und Flssen
und geschftigen Menschen, hatte dem Vater und dem kleinen Franz
pltzlich die Sehnsucht ins Herz gesenkt, wieder dahin zurckzukehren,
zu ihrem kleinen Hause mit dem Grtchen und zu der Mutter, die gewi
schon in tausend ngsten sehnschtig nach dem Himmelsschiff ausschaute.
Der kleine Junge trat an den Vater heran, ergriff seine Hand und deutete
nach der Erde hinber. Und der Vater verstand ihn. Er ging auf den
gelehrten Mann zu, legte seine Hand auf seine Schulter und machte ihm
begreiflich, da man nun umkehren mte, zurck zu dem Luftschiff, um
die Rckreise anzutreten.

Aber der schttelte den Kopf. Das Flugschiff ist zerschellt, so
schrieb er nieder, wir mssen hier bleiben!

So werden wir es ausbessern, entgegnete der Vater.

Nein! Hierbleiben, hier ist es interessant, und ich mu noch viel
untersuchen hier oben, denn ich werde ein ganz dickes Buch ber den Mond
schreiben. Das war die Antwort des Astronomen.

Der Vater redete heftig auf ihn ein und machte dem eigensinnigen
Professor schwere Vorwrfe, da er sie hierher gelockt, ohne ihnen die
Rckreise zu ermglichen, und der Alte stampfte mit dem Fue auf und
entgegnete nur immer das eine: Wir bleiben hier!

Es war pltzlich, als ob der alte Gelehrte zu einem teuflischen Dmon
geworden wre. Seine Augen blitzten hhnisch hinter den Brillenglsern
hervor, und er fuchtelte wild und drohend mit den Hnden in der Luft
herum, so da der kleine Junge in Angst und Schrecken geriet.

Und da mit einem Male waren die beiden Mnner zusammengeraten. Sie
rangen miteinander und suchten sich zu umfassen. Immer weiter schoben
und zerrten sie sich, und nun standen sie ganz nahe an einer tiefen
Felsenspalte, die rabenschwarz ins Unbekannte ging. Da lief der weinende
kleine Junge hinzu, packte den Vater am Rock, um ihn hinwegzuzerren von
dem dunklen Abgrund, aber schon war es zu spt. Sie strzten, sie fielen
immer tiefer, immer weiter ins bodenlose, undurchdringliche Dunkel ...

Und pltzlich fhlte der kleine Junge, wie eine Hand ihn erfate, es
wurde Licht ... da stand die Mutter vor seinem Bett und sagte lchelnd:

Ei guten Morgen, Herr Langschlfer! Wach auf! Die Sonne steht schon
hoch droben. Ich hrte dich schreien im Schlaf, du hast getrumt, ja ja,
das kommt davon, wenn man noch spt abends vom Monde plaudert!




                 Die Schwalbe und der Telegraphenpfahl


Heute, sagte der Doktor, kommt die Geschichte von der Schwalbe und
dem Telegraphenpfahl. Die ist nicht lustig und ist auch nicht traurig,
und wer sie nicht hren will, der lt es bleiben. Basta!

Ja, da wandern die blanken Telegraphendrhte von der groen Stadt
weithin weg durch Felder und Wlder. Lngs der Eisenbahn ziehen sie
dahin, und wenn die Vgel darauf sitzen, sehen sie aus wie Notenlinien
mit dickkpfigen Noten. Das geht durch stille Drfer, immer auf hohen
Stangen, und die Kinder halten die Ohren an die dicken Pfhle, denn sie
summen eine sonderbare Melodie, aber die machen sie nicht selbst,
sondern es ist der Wind, der auf den Drhten spielt wie auf einer Harfe.

Und dann geht es ber Land, wo das Getreide gelb in der Sonne steht, und
geht durch stille Buchenwlder mit frischem Grn, immer weiter und
weiter, bis wieder eine neue Stadt kommt, mit Rauch und Staub und
lrmenden Menschen.

Da, wo die Felder jenseits des Dorfes aufhrten und eben der grne Wald
anfing, stand ein Telegraphenpfahl, der hielt mit starken Armen die
Drhte beieinander droben, dicht unter den grnen Zweigen der Bume.
Eine Schwalbe mit blauschwarzem Frack und weier Weste kam
dahergeflogen. Sie setzte sich auf den Telegraphenpfahl, wippte mit dem
Schwnzchen und pickte dem alten, ewig brummenden Burschen auf seinen
dicken Holzschdel.

Pitt, komm mit, sagte sie, wippte zierlich und hackte mit ihrem
kleinen Schnabel dem Alten vertraulich aufs neue auf den Holzkopf.

Reisende Musikanten sind lockere Vgel, brummte der. Aber er war nicht
bse, denn er liebte die kleinen munteren Snger, die von weit her kamen
und ihm guten Tag sagten.

Pitt, komm mit, sagte die Schwalbe, das hatte sie sich so angewhnt,
denn ihre Mutter hatte es schon gesagt und ihre Gromutter, und es ist
Schwalbenart.

Ich stehe hier schon zwanzig Jahre, sagte der Telegraphenpfahl, und
ich komme hier nicht weg. Ich bin ein alter getreuer Beamter. Es wre
eine schne Geschichte, wenn die Telegraphenstangen auch so in der Luft
herumfliegen wollten wie ihr Federvolk.

Ich komme von weit her, sagte die Schwalbe, von dort, wo die Sonne
wrmer scheint und der Himmel so tief blau ist wie die Kornblumen. Da
liegen sonnige Ksten am Meer, Lorbeerhaine stehen am Ufer, goldgelbe
Zitronen und Orangen hngen im dunklen Laub, und die Menschen sind
frhlich und singen lustige Lieder zur Laute. Ja, da ist es schn. Pitt,
komm mit.

Ja, sagte der alte Pfahl, das mu wohl schn sein. Unsereiner sieht
von all dem nichts und tut hier oben seinen Dienst als alter Beamter.
Wenn ich nicht Obacht gbe auf die Drhte und ihnen den Willen liee,
dann gbe es eine schne Verwirrung in der Welt. Sie sind widerspenstig
und zerren wie ein Fleischerhund, der an der Kette liegt, aber ich halte
sie in Ordnung, denn Ordnung mu sein bei einem alten Beamten, der treu
ist und pensionsberechtigt!

Aber es ist langweilig, zwitscherte das Schwlbchen und zupfte an
seiner weien Weste. Ich komme durch die ganze Welt und hre viel
Neuigkeiten. Wenn du willst, erzhle ich dir welche.

Ach Gott, meinte der Telegraphenpfahl, Neuigkeiten kannst du mir
nicht erzhlen, die kommen hier alle durch meine Drhte, und da hre ich
sie zuerst.

Aber die Dinge, die ich heute auf meiner Reise sah, die sind dir noch
unbekannt, denn ich komme in eilendem Fluge herauf aus dem Sden, und
was da geschah, das kannst du nicht wissen, alter Holzkopf!

So schnell kannst du gar nicht fliegen wie die Gedanken der Menschen
hier in den Drhten, windiger Federball. Mit Blitzesschnelle sausen die
Begebenheiten aus aller Welt hier an mir vorber. Wenn man nicht aufpat
wie ein Jagdhund, sind sie schon wieder hundert Meilen fort, ehe man
noch recht verstanden hat, um was es sich handelt. Ja, die Menschen sind
kluge Leute und haben es weit gebracht. Da braucht man nicht vom Ort,
braucht keine weiten Reisen zu machen und hrt doch alles, was in der
Ferne, weit ber Lnder und Meere vor sich geht. Das kommt hier alles
durch diese dnnen Drhte hindurch. Telegramme nennen es die Menschen.
Ganz da in der Ferne, in der groen Stadt sitzen die Mnner, die die
ganze Geschichte machen. Da haben die Drhte in einem groen Hause ein
Ende, und dieses Haus ist das Telegraphenamt. Da stellen sie in
sonderbaren Gefen eine ganz schnurrige Sache her, eine unsichtbare
Kraft, noch zarter wie der feinste Windhauch und doch mchtig und stark.
Kommt man mit dem Finger an diese Gerte, dann gibt es einen Schlag und
es ist, als bisse es einem in die Hand. Diese seltsame Kraft nennen die
Menschen Elektrizitt. Was aber das tollste ist, sie luft schneller
davon als der wildeste Sturmwind, schneller als die schnellsten Vgel
fliegen, so schnell wie der Blitz, der ja auch von der Elektrizitt
fabriziert wird. Und mit dieser sonderbaren Kraft schicken die Menschen
ihre Worte und Gedanken durch diese Drhte, so da man sie am anderen
Ende genau verstehen kann. Ja, so ist es, die Gedanken der Menschen
schwirren auf elektrischen Flgeln durch diese Drhte. -- Aber nun mut
du erzhlen, was du auf deiner Reise erlebt hast.

Ich war da unten im Sden in den sonnigen Grten. Schne seltene Blumen
dufteten. In einem Hain von alten Bumen stand ein Schlo. Es war alles
von Gold und Silber darin, und hohe Spiegel von Kristall deckten die
Wnde. Ein kranker Knig wohnte dort. Er sa im Hain bleich und elend in
einem Sorgenstuhl. Seine Diener standen um ihn herum, viel Herren und
Damen in kostbaren Gewndern. Alles war stumm. Die Sonne schien so warm,
die Blumen dufteten so s, die kleinen Vgel sangen so lieblich in den
Zweigen, aber eine Trne rann dem Knig ber die fahlen Wangen, denn er
wute, da er sehr krank sei und sterben msse. -- Es war zu traurig,
ich strich dicht ber ihn hin und sagte: Pitt, komm mit. Er hrte es,
denn er lchelte ein wenig und hob den Blick ... aber dann flog ich fort
und wei nicht, wie die Geschichte zu Ende gegangen ist.

Aber ich wei es, sagte der alte hlzerne Wchter. Es kam hier durch
die Drhte durch. In wenigen Sekunden waren die elektrischen Boten aus
dem fernen Sden bis hier heraufgeeilt in den kalten Norden, wo des
Knigs Reich liegt, und Trauer geht durch das Land, denn der gute Knig
ist am nmlichen Abend, als die Sonne hinter den Bumen des schnen
Gartens ins Meer sank, gestorben.

Es ist schnurrig, sagte die Schwalbe, ich komme im schnellsten Fluge
von dort unten her, und doch weit du besser ber die Dinge, die sich da
zugetragen haben, Bescheid als ich selbst.

Ja, das ist alles die Elektrizitt und die Telegraphie, meinte der
Hlzerne, und man sah es ihm an, da er stolz darauf war, ein
Telegraphenbeamter zu sein.

Ich flog ber die Alpen hinweg, sagte die Schwalbe, o wie glnzten
die vereisten Gipfel, die mchtigen Schneefelder im Sonnenlicht. Die
Felszinnen ragten hoch in den Himmel hinein. Ich sah einen Eisenbahnzug
drunten am Fue der Bergwnde dahinkriechen, und dann kam etwas
Seltsames! Aus der Hhe rollten mchtige Schneemassen zu Tal, wahre
Berge von Schnee ballten sich zusammen und fuhren abwrts. Sie rissen
Felstrmmer und Gerll mit sich und knickten die hohen Tannen unten in
den Bergwldern. Es war eine gefhrliche Geschichte, und man hrte den
Eisenbahnzug drunten ngstlich kreischen, und dann kamen die
Schneemassen ber die glitzernden Schienen des Bahnstranges, ja weicher
Pulverschnee hllte selbst den Zug ein, und da sa er nun fest im weien
Meer mit allen seinen Menschen, eingegraben im Schnee zwischen den hohen
Felswnden. Ich htte gern gesehen, wie sie die Sache nun wieder in
Ordnung gebracht haben. Aber ich mute weiter und flog nordwrts.

Siehst du, sagte der Telegraphenpfahl, ich wute schon alles, was du
berichtest. Die ganze Geschichte ist schon lngst hier durch die blanken
Drhte geschnurrt, und heut abend lesen es die Leute in der groen
Stadt, wenn sie in Schlafrock und Filzpantoffeln gemtlich auf dem Sofa
sitzen und ihren Tee trinken, in der Zeitung, denn der Telegraph hat es
gemeldet. Es war eine groe Schneelawine, die du da in den Bergen
niedergehen sahst, und eben kam die Nachricht durch, da es noch viele
Stunden dauern wird, bis der Schienenweg wieder frei ist und der Zug
weiterfahren kann. Von allen Drfern kommen die Menschen mit Schaufeln
und Picken herbei, den Schnee fortzurumen, ein ganzes Bataillon
Soldaten kmpft gegen den Racker Schnee, aber nicht mit der Flinte,
sondern mit der Schippe.

Ja, ja, zwitscherte das Schwlbchen, seit die blanken Drhte durch
die Welt gehen, knnen wir fliegenden Boten keine Neuigkeit mehr
erzhlen. Wir mssen nach den Urwldern auswandern, denn da gibt es noch
keine Telegraphendrhte, aber da sieht man auch nicht so viel
Interessantes wie in der groen Welt, wo die Menschen wohnen.

Hre, sagte der alte Pfahl, was alles mit Blitzesgeschwindigkeit hier
hin und her schnurrt. Gutes und Bses, Lustiges und Trauriges. Da ist
ein berhmter Mann gestorben, sagen die Drhte. Eine Minute spter
erzhlen sie, da irgend wo eine Mutter ein Kind geboren hat. Ein Schiff
ist auf dem Meere untergegangen, schnurrt es. Ein armer Mann, der fr
seine Kinder kaum das Brot kaufen kann, hat pltzlich das groe Los
gewonnen. Trauer und Freude schnurrt hier entlang, und der Wanderer, der
durch die stille Waldstrae zieht, sieht nur blanke Drhte und wei
nicht, was fr wichtige Dinge sie ber seinem Kopf hinweg erzhlen. --
Aber nun mut du weiter berichten, vielleicht weit du eine Neuigkeit,
von der die Drhte nichts berichten.

Ich flog durch einen dunklen Wald. Ein einsames Haus stand darin. Ich
ruhte einen Augenblick auf dem Giebel. Ein schlechter Mensch kam aus dem
Walddunkel herangeschlichen, er sah unheimlich aus und trug eine Flinte
unter dem Mantel verborgen. Er stieg durch ein Fenster. Nur eine Frau
war in der kleinen Stube, die sa am Bette ihres Kindes und wartete, da
ihr Mann, der Waldhter, heimkehre. Ich hrte sie ngstlich schreien,
hrte, wie der Bsewicht sein Gewehr abscho, und dann war es stille.

Nach einer Weile stieg er mit einem Bndel geraubten Gutes wieder aus
dem Fenster heraus. Er sah sich scheu um, niemand hatte ihn gesehn, und
er verschwand schnellen Schrittes im Dunkel der Tannen. Ich allein habe
den Ruber gesehen, ich flog ber ihn dahin und schrie unablssig: Pitt,
komm mit, Pitt, komm mit, aber er entschwand im dichten Gehlz meinen
Blicken und ist entkommen.

Nein, er ist nicht entkommen, sagte der alte Stamm, aber er wre
entkommen, wenn die blanken Drhte des Telegraphen nicht durch die Welt
zgen. Der Waldhter war nicht mehr weit, er hatte den Schu gehrt.
Sein Weib lebte noch und wird wieder genesen. Mit schwacher Stimme
konnte sie erzhlen, wie alles gewesen und wie der Ruber ausgesehen.
Sie beschrieb sein wildes Gesicht und seine Kleidung. Auf seinem
blinkenden Rade fuhr der Waldhter wie ein Sturmwind nach dem nchsten
Marktflecken und berichtete alles. Und nun kam der Telegraphist an die
Reihe. Er schickte durch die Drhte Zeichen und Worte, erzhlte die
ganze Geschichte, beschrieb genau den Tter und was er entwendet, und
die Drhte trugen die Nachricht mit Blitzesschnelle von einer
Bahnstation zur anderen, von einer Stadt zur anderen, so da bald jeder
Landgendarm wute, was sich zugetragen.

Ganz spt in der Nacht wollte der Ruber, der auf dichten Waldwegen weit
hinweg geeilt war, auf einer kleinen Bahnstation in den Zug steigen, um
in die groe Stadt zu fahren, wo niemand ihn kannte. Aber da stand ein
Mann mit einer Pickelhaube und einem mchtigen Schnauzbart. Seine
scharfen Augen besahen sich jeden, der daherkam, und dann verglich er
sein Aussehen mit der Beschreibung, die die Drhte von dem Bsewicht
gegeben. Sieh, da kommt der Vogel geflogen, sagte er pltzlich, denn der
Flchtling hatte den kleinen Bahnhof betreten. Und ehe er sich nur zur
Wehr setzen konnte, hatte man ihn gepackt, mit Ketten gefesselt, und als
ein Gefangener fuhr er nun der groen Stadt zu, in der er seinen Raub
verbergen wollte. Wren die Drhte nicht gewesen, er wre entwischt,
denn wer kann ohne sie berallhin so schnelle Nachricht geben!

Alter, sagte die Schwalbe, mit dir kann man sich keine Neuigkeiten
erzhlen, denn du weit sie alle am besten. Ich bin aber doch froh, da
sie den Bsewicht erwischten. Lebe wohl, alter Holzkopf, knftig werde
ich mich in die Wipfel der alten Tanne setzen, sie wei nichts von den
blanken Drhten, und alles, was ich ihr berichte, ist neu und
interessant.

Damit flog der kleine Vogel zwitschernd davon, und noch von weitem hrte
man ihn rufen: Pitt, komm mit!

Die Telegraphenstange brummte laut vor sich hin. Ein Wanderbursch, der
da unten vorbeizog auf der Strae, einen grnen Zweig am Hute und ein
Rnzel auf dem Rcken, hrte es, aber er wute nicht, was sie sagte.




                              Der Eisberg


An einem Frhlingstage sa der alte Ulebuhle tief in seinem Sorgenstuhl
vergraben. Sein Zpfchen baumelte ber die hohe Lehne, die groe
Hornbrille schwebte wie ein Fahrrad auf seiner Nase, und mchtige
Rauchwolken stiegen aus seiner langen Pfeife auf.

So sa er, als wir eintraten, in seiner verrucherten Studierstube und
las die Zeitung.

Kinder, sagte er, ihr habt gehrt, da drauen auf dem Weltmeere ein
Amerikafahrer mit Mann und Maus gesunken ist. Viele hundert Menschen
sind mit ihm in die finstere Tiefe gegangen. Da steht es haarklein in
der Zeitung. Ein Berg von Eis hat das Unheil angerichtet, und wenn ihr
Lust habt, so sollt ihr nun eine solche Eisberggeschichte hren. Sie
trug sich vor langen Jahren zu und war so hnlich wie das, was hier die
Zeitung berichtet. Es ist eine kalte Angelegenheit, und dazu trinkt sich
allemal eine warme Tasse Tee gut. Ruft die alte Christine, damit sie uns
nicht vergit, und dann setzt euch um den warmen Ofen, denn es geht weit
herauf nach Norden, wo das kalte Grnland liegt.

Ja, das ist ein unwirtliches Stck Erde. Eskimos leben da und Robben-
und Walfischfnger, und das Renntier scharrt sich unter dem Schnee seine
Nahrung, das graugrne Moos, hervor. Seht, da oben ist die Heimat des
Eisberges, dessen Geschichte ich euch heute erzhlen will. Wochenlang
geht da im Winter die Sonne nicht auf, ein eisiger Nordsturm fegt durch
das Land der Klte und der Dunkelheit, und bis auf fnfzig Grad unter
den Gefrierpunkt sinkt das Thermometer. Da ist das Vorzimmer des
Nordpoles. Immer hher und hher trmen sich Eis und Schnee. Eine fast
zweitausend Meter hohe Eisschicht bedeckt das Land, aus der nur die
Bergeshupter wie Inseln hervorschauen. Aber immer neues Eis kommt
hinzu, das Land kann es nicht fassen, und so schiebt es langsam, ganz
langsam gewaltige Eisstrme der Kste zu, wo es etwas wrmer ist und das
Meer rauscht. Diese ungeheuren Eisstrme sind viele tausend Meter breit,
und man nennt sie Gletscher. Ein solcher Gletscher war die Mutter jenes
Eisberges. Langsam schob sich der kalte kristallene Strom dem Meere zu.
Es war seit Wochen Nacht. Die Sonne stand tief unter dem Horizont, nur
die Sterne blinkten wider an den glitzernden Eiswnden, und in
wunderbaren, grnlichen Lichtern spielte des Nordlichtes geheimnisvoller
Schein ber der kalten, einsamen Welt des Nordens.

Als der Eisstrom die Meereskste erreicht hatte, die steil abfiel in das
tief drunten rauschende Wasser, da schwebten pltzlich ungeheure
Eismassen frei in der Luft, dort, wo das Land ein Ende hatte und das
Meer begann. Es knisterte und knasterte im Eis, es drhnte und bullerte
und gab breite Risse, und pltzlich brach die schwebende Masse ab. Ein
Eisblock, aus dem man wohl zehn Grostadthuser htte bauen knnen,
brach vom Gletscher, seiner Mutter, los und strzte mit Donnergepolter
in das wild brausende und schumende Meer, so da es in mchtigen Wellen
und Strudeln wild sich emprte und bis zum Himmel weiliche Wassersulen
emporsandte.

So ward unser Eisberg geboren!

Wie eine schwimmende Burg lag er da im eisigen Wasser, mit Trmen und
Wllen und Spitzen, und langsam trieb ihn die Meeresstrmung fort von
der Kste, immer weiter nach Sden, am Baffinsland vorber, entlang der
Kste von Labrador, hoch oben im Norden Amerikas, und schlielich hinein
in den Atlantischen Ozean.

Und siehe da, je weiter der Eisberg nach Sden abtrieb, fort von seiner
nordischen Heimat, je lichter und wrmer wurde es. Endlich kam auch die
Sonne wieder hervor. Als ein tiefroter Ball zog sie dicht ber dem
Horizont dahin, wie ein feuriges Rad, das auf dem Wasser rollte. Aber
wie sah unser Eisberg aus! Welch ein wundervoller Anblick! Er war zu
einem Zauberschlo geworden. Von fern sah er aus wie eine brennende
Festung. Die rotglhende Sonne spiegelte sich in den glitzernden
Eiswnden, flammende Garben schienen aus dem Innern hervorzudringen,
denn mchtige Sprnge durchzogen die kristallene Burg, in denen das
Licht sich brach und in allen Farben funkelte wie im Demantstein.

Die Sonne stieg, je tiefer der Eisberg nach Sden kam, immer hher
empor, und immer wrmer wurden ihre Strahlen. Sie schmolz langsam tiefe
Hhlen hinein in die schwimmende Burg. Das Wasser tropfte an allen Ecken
und Kanten unablssig, und Tausende von mchtigen Eiszapfen, dick wie
Eichen und lang wie Telegraphenstangen hingen an den Seiten nieder.
Groe Tore schmolz die Sonnenwrme hinein in den kristallenen Bau, den
die Klte gezimmert, Sulen und Balkone entstanden darin, Trme und
Giebel. Blendendwei lag das Feenschlo des hohen Nordens zur
Mittagszeit auf den blauen Wogen des Ozeans, rotglhend funkelte es,
wenn des Abends die Sonne im Meer versank, grnlich flimmerte das
Mondlicht zur Nachtzeit in seinen Eisgalerien.

Hoch wie eine Kirche ragte der Berg von Eis ber dem Wasserspiegel
empor, aber zehnmal tiefer und mchtiger dehnte er sich noch unter dem
Wasser, dem Auge unsichtbar, denn seine Schwere brachte es mit sich, da
sein grter Teil eingetaucht blieb im Wasser.

Eines Tages aber, als ein heftiger Wind ber das Wasser fuhr, gab es
eine Katastrophe! Die Sonne hatte auf der Mittagsseite so viel Eis
abgeschmolzen, warme Strmungen im Wasser hatten dieselbe Seite so stark
benagt, da der Eisberg aus dem Gleichgewicht gekommen war. Immer
schrger stellten sich seine Wnde, immer mehr hob sich der Eisfu auf
der einen Seite aus den Wellen heraus, und als ein heftiger Windsto
gegen die Eiswnde anprallte, da strzte die ganze riesige Burg um, und
was unten lag, kam nach oben.

Das Meer wurde bis in seine Tiefen aufgerhrt durch den umkippenden
Berg. Eine halbe Stunde weit ins Meer hinaus wanderten die mchtigen
Wellen, die der Sturz verursacht, weischumender Gischt sprhte hoch
hinauf in die klare Luft, und rauschend gurgelte das Wasser um den
kristallenen Riesen. Aber dann zog er wieder, von der Meeresstrmung
fortgetragen, langsam und ruhig seines Weges weiter, immer entlang an
der Kste von Neufundland.

Scharen von Seevgeln lieen sich auf seinem Dache nieder, flogen
kreischend, mit silberglnzenden Flgeln, weithinweg und kamen wieder,
gefangene Fische in den scharfen Schnbeln.

Der Eisberg aber trieb und trieb, und langsam kam er auf die groe
Fahrstrae der Schiffe, die von Neufundland herberfahren nach den
englischen Inseln.

Ein groer Dampfer, der Nordstern, fuhr langsam durch die dunkle
Nacht. Droben glitzerten die ewigen Sterne, und drunten schumten die
Wellen. Ebenhard, der Steuermann, stand, den Sdwester auf dem Kopfe,
die ljacke ber der wollenen Strickjacke, auf seinem Posten und blickte
scharf durch die Dunkelheit. Er schob sich ein mchtiges Stck Kautabak
zwischen die Zhne und stapfte in seinen dicken Schmierstiefeln von
einem Fu auf den anderen.

Der Kapitn, die kurze Stummelpfeife im Munde, trat herzu. Sein langer
grauer Bart flatterte im Winde. Ebenhard, sagte er, wir sind bei den
miserablen Straen, wo die verdammten Eisberge von Norden her sdwrts
treiben. Jetzt heit es Maul zu und Augen auf, sonst haben wir pltzlich
einen solchen Burschen in den Rippen sitzen! Ich habe noch zwei Mann
nach vorn geschickt, mit Augen wie Habichte, und auch der Mann im
Ausguck ist angewiesen, Lcher in die vermaledeite Dunkelheit zu gucken,
aber man kann nicht genug auf der Hut sein!

Ich habe eine feine Nase fr die eisigen Biester, Kapitn, sagte der
alte Steuermann und spuckte nach Seemannsart kunstgerecht ein handliches
Stck Priem vier Meter weit ber die Planken, ich bin ihnen oft hier
herum begegnet, den niedertrchtigen Burschen, und ich hab's im Gefhl,
wenn sie sich so in der Dunkelheit heranschleichen. Aber die Hauptsache
sind die Thermometer!

Ja, die Thermometer waren die Hauptsache. Da hingen zwei links und
rechts am Schiff im Wasser, und zwei andere hingen beim Steuerhause in
der Luft. So konnte man genau verfolgen, ob die Temperatur im Wasser und
in der Luft fiel, denn die mchtigen Eisberge strahlen so viel Klte
aus, da es schon auf weite Entfernung an den Wrmemessern zu spren
ist, wenn sie in der Nhe eines Schiffes dahintreiben.

Ich werde die Wasserthermometer im Auge behalten, Ebenhard, seht Ihr
nach den Luftthermometern, sagte der Kapitn, und dann ging er mit
wiegendem Seemannsgang davon.

Die Wellen rauschten leise, die roten und grnen Signallichter und die
weien Positionslaternen spiegelten sich im Meer, am Horizont tauchte
das Sternbild des Orion auf, und die Milchstrae zog als leuchtendes
Band ber den Himmel hinweg. Viele Augen starrten durch das Dunkel nach
schimmernden Wnden, die pltzlich und verderbenbringend haushoch neben
dem Schiff auftauchen konnten.

Aber langsam verschleierten sich die Gestirne, die Positionslaternen
warfen wie ein Scheinwerfer kleine Strahlenbndel voraus, denn dnner
Nebel kam auf. Erst war er nur gering, aber er nahm schnell an Dicke zu,
und nach einer Stunde war man mitten in einem weilichen Schwaden. Da
konnte kein Auge durchdringen.

Des Nebelhornes schauriger, langgezogener Ton hallte weit durch die
Einde des Meeres, um entgegenkommende Schiffe, die die Lichter des
Nordsterns nicht mehr zu sehen vermochten, zu warnen, und auch die
Ohren der Seeleute lauschten nun angestrengt hinaus, ob aus der Ferne
der gleiche Ton zu ihnen herberdrang.

Oll Ebenhard wetterte allerlei zwischen den Zhnen hindurch und
verbrauchte mehr Priem, als es christlich war. In dicken Tropfen rann
der Nebel an seiner ljacke nieder, und sein Bart war na. Da kam auch
der Kapitn wieder.

Das ist eine schne Teufelei, Ebenhard, schimpfte er. Nebel ist hier
immer verdchtig, denn die vermaledeiten Eisbiester knnen ihn durch
ihre Abkhlung der Luft hervorrufen. Ich wette, es sind welche in der
Nhe, aber wie soll ein ehrlicher Christenmensch durch diese
Waschkchenluft hindurchblicken? Jetzt knnen wir uns nur noch auf den
alten Herrgott und die Thermometer verlassen.

Tj, meinte der Steuermann, es is die schwere Not in dieser
gottverlassenen Gegend bei den Neufundlandbnken. Da soll der Deubel zur
See fahren. Aber ich habe einen Riecher fr die Biester, und noch
wittert mein Dufthorn nscht!

Wenn wir nur erst diese Nacht hinter uns haben, Alter, sagte der
Kapitn, morgen frh sind wir aus der Zone der Gefahren heraus, und bei
Tage sind alle Deibel halb so schlimm. Aber jetzt gehe ich an die
Thermometer!

Er verschwand im Nebel.

Nach einer halben Stunde tnte pltzlich die Stimme Oll Ebenhards durch
das grauliche Dunkel: Kapitn, es riecht sengrich. Es kommt so eine
gewisse Luft ber Backbord, dat is Eis.

Um Himmels willen, sagte der Kapitn, es wird doch nicht! Es kommt
mir freilich so vor, als ob das Wasserthermometer um einen halben Strich
gefallen sei, aber es ist so wenig, da man nichts drauf geben kann!

Aber es riecht sengrich, Kapitn, da bin ich gut vor, und dat is Eis!

Der Kapitn ging wieder zu seinen Instrumenten. Kurz darauf kam er
eiligen Schrittes zurck. Ebenhard, wei Gott, die Thermometer fallen!

Tj, das Luftthermometer auch. Deubel nochmal, jetzt sind wir richtig
dran an so ein infamigtes Biest!

Ja, und wo mag er liegen, von wo mag er uns zutreiben?! Ist er _vor_
uns, _hinter_ uns, kommt er von Backbord? Sind wir vorber, kommen wir
ihm nher, ist er fern, ist er nah? Man wei nicht aus noch ein!

Tiefe Sorgenfalten standen im Gesicht des Mannes, dem das Schiff mit
seiner Ladung, seinen Passagieren und seiner Besatzung anvertraut war.
Ein gefhrlicher Feind war in der Nhe des Nordsterns, und keine
Seemannskunst der Welt konnte vor ihm schtzen, denn da man den Ort des
Eisberges nicht kannte, so war jedes Manver berflssig. Was man auch
tat, immer konnte man gegen den kristallenen Riesen anrennen.

Kapitn, sagte der Steuermann, wir mssen es nehmen, wie es kmmt,
denn wir knnen nicht gegen an. Vielleicht, da wir im letzten
Augenblick, wenn der Berg uns zu Gesicht kmmt, noch das Unheil
abwenden. Alles andere ist Gott befohlen!

Der Kapitn eilte fort. Er rief die Mannschaft zusammen, gab Anweisungen
zur Rettung bei einem Zusammensto mit dem schwimmenden Feind und lie
die Maschinen langsamer laufen, um die Gewalt eines Zusammenstoes zu
mildern. Mehr aber konnte er auch nicht tun. Alle Augen sphten hinaus
in das Dunkel.

Es war unheimlich still. Ganz in der Ferne, kaum hrbar, drhnte dumpf
ein Nebelhorn. Die Wellen gurgelten leise an den Seiten des Schiffes,
das nur langsam noch dahintrieb, auf der Hut vor seinem eisigen Gegner.
Noch war er unsichtbar, verborgen im Unbekannten.

Und mit einem Male wuchs undeutlich eine graue Wand voraus empor.
Schwach beleuchtet von den Lichtern des Schiffes. Wie ein Gespenst stand
sie pltzlich in abenteuerlichen Formen da, mit hngenden Girlanden von
Eis, mit ragenden, verschnrkelten Trmen, ein Ungetm, das sich
riesenhoch im Nebelwallen verlor. _Der Eisberg!_

-- Kalt wehte es herber. Die Mnner erschauerten.

Aber das alles dauerte nur einen Augenblick, dann war jeder am Werk. Das
Steuerruder drehte vom Eisberg ab, die Schiffsschraube arbeitete mit
voller Kraft rckwrts, alles wurde getan, um dem drohenden Zusammensto
zu entgehen. Nur langsam hemmte das nun einmal in Bewegung nach vorn
begriffene Schiff seinen Lauf. Schiff und Eisberg schienen wie zwei
bissige Hunde drohend um einander herumzugehen. Da knisterte und
knasterte es am Schiffsboden, kreischte und schleifte. Der Kiel des
Nordsterns hatte den unter Wasser liegenden Eisfu des Berges
erreicht, aber schon war seine Bewegung so verlangsamt, da eine starke
Beschdigung des Fahrzeuges verhindert wurde. So nah waren jetzt die
glitzernden Wnde des Eisberges, da sich die rote Backbordlaterne an
ihnen widerspiegelte. Flmmchen schienen in den Sprngen und Brchen des
Eises zu tanzen. Der Nordstern erzitterte bei der Berhrung mit dem
kristallenen Sockel des Riesen, er legte sich ein wenig seitwrts, das
Ruder wurde verstellt, die Maschine manvrierte hin und her, kreischend
glitt der Kiel wieder von dem splitternden Eise ab. Langsam, ganz
langsam zunchst, dann aber mit wachsender Geschwindigkeit trieb das
Schiff rckwrts, vom Eisberge ab.

Vom Schein der Positionslaternen beleuchtet, zog die glitzernde Burg
lautlos und gespenstisch dicht vor dem Nordstern vorber, jetzt
glnzte eine spiegelnde Flche grnlich im Schein der Steuerbordlampe,
dann entschwand der Gefhrliche, sdwrts treibend, wie ein blasser
Schemen im dichten Nebel.

Himmel und Hlle, sagte Steuermann Ebenhard, das war eine ganz
unchristliche Geschichte, und nicht fr einen Wald voll Affen mcht' ich
sie noch mal erleben!

Dann entdeckte er, da er keinen Priem mehr zwischen den Zhnen hatte,
und schttelte bedenklich den grauen Kopf, denn das war ihm noch kaum
passiert seit zwanzig Jahren, und er ersah daraus, da es eine
aufregende Sache gewesen mit diesem Burschen, den sein Dufthorn richtig
erschnuppert hatte, ehe noch ein Auge ihn sah.

Ja, Oll Ebenhard, meinte der Kapitn, da sind wir nochmal mit Gottes
Hilfe so drum herum gekommen, aber um ein Zimmermannshaar breit, und der
verdeubelte Nordlnder htte uns den >Nordstern< zusammengeknickt wie
eine alte Hutschachtel! Jungens, rief er dann, ich denke, daraufhin
geziemt uns ein gutes Glas Grog, und dafr will ich sorgen!

Er stapfte davon, und aufs neue nahm der Nordstern seinen Kurs auf,
ostwrts, dem Lande Europa zu.

                   *       *       *       *       *

Der Eisberg aber trieb langsam weiter und weiter, immer wrmeren
Gegenden zu. Die Sonne fra mit immer zunehmender Glut an ihm herum, das
immer wrmer werdende Meer umschmeichelte ihn, unterhhlte ihn, so da
er mehr und mehr zusammenschmolz. Er verlor alle Augenblicke das
Gleichgewicht, berschlug sich, seine ragenden Trme zerflossen, die
Sulen zerfielen, die hngenden Zapfengalerien tropften ab wie
Wachsfden von der brennenden Kerze, er wurde klein und unansehnlich.

So trieb der eisige Sohn des hohen Nordens bis nahe an die afrikanische
Kste, und als in der Ferne die Palmenhaine Marokkos sich im Meer
spiegelten, zerflo die letzte dnne Scheibe von Eis in den warmen
Wellen und der Eisberg hatte aufgehrt zu sein.




                             Die Busennadel


Der alte Ulebuhle trug Sommer und Winter ein kleines buntes
Seidentchlein um seinen drren Hals, das durch eine groe Busennadel
zusammengehalten wurde. Es war eine merkwrdige Nadel. Sie war nicht von
Gold und nicht von Silber, kein Edelstein und keine Perle bildete ihren
Kopf, und doch mute sie sehr wertvoll sein, denn einmal suchte sie der
merkwrdige Alte und war sehr ngstlich, da sie verloren sein knnte.
Ein unansehnlicher, roher schwarzer Stein, so gro wie ein Kirschkern,
bildete den Kopf der Busennadel, und wir Kinder schauten sie oft an,
weil wir vermuteten, da es irgend eine besondere Bewandtnis mit ihr
haben msse. Irgend eine schnurrige Geschichte steckt dahinter, sagten
wir, und einmal mu der gute Alte damit herausrcken!

Und als wir eines Tages wiederkamen, da brachten wir auch die verlorene
Busennadel wieder mit. Ulebuhle, schrien alle zugleich, da ist sie!
Sie lag drunten vor Eurem Gartenfenster. Wre nicht ein Frosch
vorbergehuppt, wir htten sie nicht gesehen. Aber nun mt Ihr auch
erzhlen, warum Euch das eiserne Ding mit dem unansehnlichen Stein so
wertvoll ist. Bestimmt ist es eine spannende Geschichte!

Der Alte lchelte verschmitzt und nahm eine riesige Prise aus seiner
Schnupftabaksdose. Spitzbuben, sagte er, fast mchte ich glauben, ihr
habt die Nadel versteckt, um beim Wiederbringen die Geschichte zu hren.
Aber da die alte liebe Nadel wieder da ist, so sollt ihr auch belohnt
werden, denn der Stein am Kopf, der euch so unscheinbar vorkommt, hat in
der Tat eine Geschichte, die interessanter ist als manche Ruberpistole,
denn der Stein in der Busennadel ist von weit her. Er stammt nicht aus
den Tiefen der Erde noch vom Grunde des Meeres, er ist nicht auf
Bergeshhen gewachsen, noch schufen ihn die Menschen, ja, er wurde
berhaupt nicht auf der Erde erzeugt. Ferner als der Mond und manche
Sterne war er einst unserer Erde. _Aus dem Weltenraum_ kam er nach
vieltausendjhriger Wanderung zu uns. Seht, das habt ihr ihm nicht
angesehen, dem Unscheinbaren, und nun merkt auf, denn jetzt kommt seine
Geschichte und alles was mit ihr zusammenhngt.

Der Alte setzte sich in seinem Stuhl zurecht, zndete seine lange Pfeife
an und begann:

Das war im Jahre 1690. Die kleine Stadt lag friedlich noch im Schlafe,
nur der Turmwchter, der hoch oben im Turm der uralten Kirche sa und
auf Feuer und anderes Ungemach aufpate, war wach und sphte hinaus in
die Winternacht. Die Sterne standen glitzernd zu vielen Tausenden am
weiten Himmelsbogen, und der Alte im Turm kannte sie fast alle, denn
viele Jahre sa er schon einsam in der Hhe und machte sich ber Welt
und Menschen seine Gedanken.

Da sah er droben ein schwaches, lichtes Wlkchen stehen, das er bislang
noch nicht gesehen. Am anderen Tage war das Wlkchen wieder da, und nach
einer Woche war es immer heller und grer geworden und hatte seine
Gestalt verndert. Da sah der alte Turmwchter, da es ein _Komet_ war,
der langsam der Erde nher zog.

Ein wundervoller, heller Stern, heller als alle anderen, weithin
strahlend, entstand aus der lichten Wolke, und ein wundervoller,
schimmernder Schweif zog hinter dem Stern her. Der Komet wuchs und
wuchs; immer nher kam er der Erde. Blendender Glanz ging von ihm aus,
sein Schweif war so gewachsen, da er den ganzen Himmel berspannte; wie
eine mchtige Rute hing die seltsame Lichtgestalt droben am Firmament.

Wenn es dunkel wurde, dann standen die Menschen zu vielen Tausenden auf
den Gassen oder wanderten ins Freie, vor die Tore der Stadt, um den
wunderbaren Stern zu sehen. Kein Mensch hatte je am Sternenzelt so
Seltsames erschaut. Der Knig der Sterne schien gekommen, denn alle
anderen verschwanden in seinem Glanz und Schein, alle anderen wurden
verdeckt, und der riesige Komet nahm den ganzen Himmel ein.

Da wisperten und flsterten die Menschen geheimnisvoll in allen Ecken
und Gassen, und ihre Gesichter wurden besorgt. Was hatte es zu bedeuten,
da der Vater im Himmel ein so seltsames, nie gesehenes Zeichen, eine so
feurige Rute ber die Erde hinstreckte?

Und immer glnzender wurde der schreckliche Komet, immer strahlender
sein Stern, immer grer sein schimmernder Schweif. Die Menschen standen
ngstlich in den Gassen und zitterten vor dem Zorn des Herrn der Welt.

Da kam ein fremder Mnch von weither in die Stadt gezogen. Er hatte ein
blasses, strenges Gesicht, in dem zwei dunkle Augen dster brannten.
Eine graue Kutte trug er, mit einem hnfenen Strick darum, und
barhuptig wandelte er durch die Gassen. -- Als es Abend wurde und die
Menschen wieder hinaus liefen, den wunderbaren Stern zu sehen, da stand
der Mnch am Toreingang auf dem Steinblock und hatte die Hnde erhoben
zum Himmel, an dem der Komet in magischem Glanze leuchtete.

Mnner und Frauen dieser Stadt, sagte er, seht ihr den vom
Himmelsvater gesandten Stern droben erschrecklich leuchten? Seht ihr die
feurige Rute, die der zrnende Gott drohend ber euch erhebt? Euch droht
die gerechte Strafe fr alle Missetat, die ihr begangen. Habt ihr nicht
einer den anderen bestohlen, wo es ging? Hat nicht der Kaufmann betrogen
und geflscht, hat nicht selbst Mord und Aufruhr durch die stillen
Gassen der Stadt getobt? Wer hat dem Nchsten in seinen Nten geholfen,
wie Gottes Sohn am Kreuz geboten, und wer hat Vater und Mutter Ehrfurcht
erwiesen, wie das Gesetz es befahl? Immer weiter habt ihr euch vom Wege
des Heils entfernt. Die Kirchen sind verdet, ihr habt den alten Gott in
frevelhaftem bermut abgesetzt, nun wird er euch mit dem himmlischen
Feuer kommen, da ihr seine Gte nicht verstanden. Er sendet den
schrecklichsten Kometen, den die Welt gesehen, ber die Erde hin, Pest
und Hungersnot, Krieg und Mord, Feuersbrunst und Weltuntergang wird er
euch bringen, die ihr des Heilands vergessen, die ihr den Herrn
geschmht und verraten. Der letzte Tag ist gekommen, der Tag der Rache
und der Vergeltung fr alles, was verharrt in Unglauben und Snde. Macht
euch bereit, vor den Richterstuhl des Herrn der Welt zu treten. Wenige
Tage noch, und der Komet wird sich niedersenken zur Erde, mit Feuer und
Tod!

So sprach der Mnch. Er stand mit bleichem Gesicht wie ein Rcher, der
unbekannt aus fernen Landen kam. Der Schein des Kometen leuchtete auf
seinem Antlitz gespenstisch, seine Arme reckte er drohend in den Himmel,
das Kruzifix in seiner Rechten funkelte, sein graues Bergewand wehte
im Winde. Die Menge sank nieder auf die Knie und betete. -- Der Mnch
aber verschwand still wie er gekommen, doch lange noch stand seine
ernste Gestalt, sein bleiches Gesicht mit dem strafenden Blick im
Gedchtnis der Menschen, und seine Worte vergaen viele nach Jahrzehnten
nicht.

In feierlichen Prozessionen bewegten sich in den nchsten Tagen die
Massen zur Kirche, um den Himmelsvater zu bitten, den schrecklichen
Kometen, der den Untergang der Welt bringen sollte, wieder fortzunehmen
vom Sternenzelt. Die Glocken luteten noch nie so oft zum Kirchgang wie
jetzt, und frommer Gesang und Orgelspiel tnten allenthalben aus den
Gotteshusern.

Aber ein noch grerer Teil der Menschen hatte nun ganz den Kopf
verloren. Das Ende der Welt ist gekommen, der jngste Tag, sagten sie,
nun ist es zu spt, Bue zu tun, nun mssen wir doch sterben und
verderben, was wollen wir uns da noch plagen! Der Komet wird uns alle
hinwegraffen, die Guten und die Bsen, lat uns die letzten paar Tage
noch frhlich sein. Was sollen wir noch arbeiten und schaffen? Das Ende
der Welt ist da!

Sie warfen Hammer und Kelle, Nadel und Elle, Axt und Spaten hin und
schmausten und pokulierten Tag und Nacht. berall quiekte die Flte,
brummte der Dudelsack, zirpten die Geigen, und die Menschen tanzten, bis
sie umfielen. Die Frommen wollten ihnen wehren, da gab es blutige Kmpfe
in den engen Gassen. Die Stadtwache hieb mit der Waffe dazwischen, durch
die nchtliche Stille tnte Tanzmusik und Orgelklang, Beten und Fluchen
und das Geschrei der Kmpfenden, und ber alldem leuchtete der Komet mit
wunderbarem Glanze.

Ja, es war eine tolle Zeit, und niemand wute mehr, wie es enden solle.
Da trat der hohe Rat des Kurfrsten zusammen und besprach den tollen
Wirrwarr des Landes und die Not und Angst und Unordnung seiner Brger.
Der Kurfrst lie die weisen Magister und Professoren zusammenkommen und
trug ihnen auf, Mittel zu finden, Unheil abzuwenden, das Volk zu
beruhigen.

Die berhmtesten Sterngucker des Landes wurden herbeigeholt, damit sie
ihre Meinung ber den Kometen sagen mchten, und ob er wirklich sich
niedersenken werde auf die Erde, alles zu vernichten.

Nein, sagten die Sterngelehrten, das wird er nicht tun, und der Mnch
hat den sndigen Leuten nur Angst machen und sie zurckfhren wollen auf
den Weg der Tugend und der Gottesfurcht, wie es Rechtens ist.

Aber morgen schon kann der Komet mit der Erde zusammenstoen und alles
in Trmmer schlagen und verbrennen, sagten manche.

Nein, riefen die Sterngelehrten, er steht zehnmal weiter als der Mond
von der Erde und zieht nun langsam fort. Bald wird er verblassen und
ganz klein werden, ferner und ferner wird er wandern und im Sternenraum
verschwinden.

Aber wo kommt der wunderbare Fremdling des Himmels her und wo geht er
hin? forschten die kurfrstlichen Rte.

Seht, antworteten die Sternkundigen, der Komet luft schon viele
Jahrhunderte lang immer rundum einen mchtig weiten Weg um die Sonne.
Alle hundertfnfzig Jahre kommt er wieder und besucht sie, und dann mu
er auch an der Erde vorbei. Vor hundertfnfzig Jahren war er schon
einmal da, und auch damals haben die Menschen geglaubt, da die Welt
untergehen wird, aber sie steht heute noch. Seht nur in den alten
Geschichtsbchern nach, da werdet ihr es finden.

Der Kurfrst lie alle alten Chroniken und Historienbcher kommen und
erkannte, da die Sternkundigen recht hatten. Aber so erzhlt uns,
befahl er, was so ein Komet fr ein sonderbarer Stern ist, und ob er
uns schaden kann!

Gromchtiger Herr Kurfrst, sagten die Gelehrten, der Kometstern ist
nichts weiter als eine viele tausend Meter dicke Wolke von Steinen. Die
meisten Steine sind nicht grer als eine Erbse, aber es sind auch
welche darunter, so gro wie ein Wagenrad. Wenn die Wolke der Sonne nahe
kommt, wo es erschrecklich hei ist, dann fngt sie an zu glhen, und
leuchtende Gase bilden sich aus den Steinen, die hinter der Wolke als
ein wundervoller, schimmernder Schweif herziehen, wie der Rauch hinter
dem Kohlenfeuer. Wenn aber der Komet wieder von der Sonne fortzieht,
dann wird er wieder kalt und leuchtet nicht mehr, und der schne Schweif
nimmt ein Ende!

Das lt sich hren, sagte der Kurfrst. Jetzt aber geht und beruhigt
unser Volk. Es wird sich ja bald zeigen, ob ihr recht gesprochen habt,
denn dazu seid ihr da, und ich bezahle euch Jahr und Tag euer Gehalt,
da ihr die Sterne studiert. Habt ihr aber falsch gesprochen, so wird
ein peinliches Gericht ber euch gehalten werden. Und nun geht!

Da verbeugten sich die Sterngelehrten tief und verlieen den
kurfrstlichen Hof. Der Kurfrst aber lie in allen Stdten anschlagen,
was die Sternkundigen von dem Kometen berichtet, und befahl jedermann,
wieder in Ordnung zu leben und fleiig zu arbeiten, und wo noch ein
Tnzer und Dudelsackpfeifer, ein Tagedieb und Prasser sich blicken
liee, dem solle der Stadtvogt mit einem nicht zu dnnen spanischen Rohr
das Sitzleder gerben, da es eine Art habe. Ja, solches befahl der hohe
Herr bei strenger Strafe!

Da bekam denn so mancher wegen des leuchtenden Kometen ein christlich
gemessenes Schock spanischen Pfeffers, aber das war auch das einzige
Unglck, das der Schweifstern frder anrichtete. Langsam wurde er immer
kleiner und blasser, und endlich sah man ihn nur noch als ein winziges
Wlkchen am Sternenhimmel verschwinden, genau so, wie ihn der
Turmwchter hatte kommen sehen.

Da erkannten der Kurfrst, seine Rte und alles Volk, da die
Sternkundigen wahr gesprochen hatten. Gut, sagte der Frst, so will
ich euch zur Belohnung noch ein greres Fernrohr bauen lassen, damit
ihr die Sterne so deutlich betrachten knnt wie nie zuvor.

Und das tat er, denn er war ein strenger und gerechter Herr.

                   *       *       *       *       *

Der Komet aber zog in seiner Bahn wieder unbekmmert dahin. Er ahnte
nicht, da die Menschen solche Angst seinetwegen ausgestanden. Im bitter
kalten Weltenraum schwirrte er, tausendmal schneller als die schnellsten
Vgel, von der Sonne und von der Erde fort. Selbst in ihren groen
Fernrohren konnten ihn die Sternforscher auf der Erde nicht mehr
erkennen, denn er war endlich viele tausendmal weiter von ihr entfernt
als der Mond.

Viele Jahre waren vergangen, da kam der Komet in groer Ferne an einer
anderen Erde vorbei, die war wohl ein paar hundertmal grer als unsere
Weltkugel, auf der die Menschen wohnen. Ja, wer mit so einem Kometen
mitfliegen knnte durch die Sternenrume! Was sieht er nicht alles, was
wir Menschen nie zu sehen kriegen! Da wandert er dicht am Monde vorbei
und schaut hinein in die tiefen Krater und spht wohl umher, ob er nicht
irgendwo etwas Lebendiges sieht, aber nichts regt sich auf der
ausgestorbenen Mondwelt, und nur die Sonne glitzert an den hohen
Felsenwnden. -- Dann huscht der himmlische Wandersmann wieder dicht an
der Sonne entlang und blickt hinein in das brodelnde Glutmeer, aus dem
in hunderttausend Meter hohen Springbrunnen das wilde Flammenfeuer
emporschiet, und dann spht er neugierig auf die Erde, sieht die
Eisbren auf den Schneewsten des Nordpols, sieht die Beduinen in weien
Mnteln durch die heie afrikanische Wste reiten. Sieht, wie sich die
Erde dreht im Wechsel von Tag und Nacht und Lnder und Meere im
Sonnenschein glnzen. -- Dann aber trifft er auf seinem Wege andere
Erden in weiter Ferne, die alle rund wie Tennisblle um die feurige
Sonne wandern. Groe trifft er und kleine, und auf allen ist es wieder
anders. Auf manchen leben andere Menschen von sonderbarer Gestalt, und
auf manchen sind sie schon ausgestorben, oder sie sind noch nicht
erschienen, weil es noch so hei auf dem Stern ist, da man da
verbrennen wrde, wie der Fisch, der in kochendem Wasser leben sollte.

Ja, was sieht so ein Komet alles, der dahinbummelt durch die
Sternenrume!

Eines Tages also kam unser Komet ganz dicht an einer anderen Erde
vorbei, die ein paar hundertmal grer war als unsere. Ein mchtiger
Ball war es. Wolken umzogen ihn, und viele Monde tanzten rings um die
Weltkugel.

Der Komet war ein frwitziger Bursche, er rckte dem Riesen so nahe auf
den Leib, da er fast seinen Wolkenring berhrte. Aber es bekam ihm
schlecht!

Schnen guten Tag, schrie der Komet und rauschte auf den groen
Burschen los.

Bleiben Sie mir vom Leibe, Luftikus, oder es gibt ein Unglck! brllte
der andere.

Aber schon war es zu spt! Krach, rannten sie aneinander, da die Funken
stoben. Der Erdenstern aber hatte einen hrteren Schdel, und so
erging es dem Kometen erbrmlich. Er wurde in mehrere Stcke
auseinandergerissen, in einzelne Wolken von Staub- und Steinmassen, die
nun hintereinander her durch den Weltenraum zogen. Da war es nun aus mit
der schnen Herrlichkeit des Schweifsternes. Nie wieder konnte er nun
als ein schimmernder, alle Welt in Bewunderung und Staunen, in Angst und
Schrecken setzender Prinz bei der Erde erscheinen, und trbselig
wandelte er dahin.

Und als die Zeit erfllt war, als er nun wieder seine groe Reise
vollendet und nach hundertfnfzig Jahren zur Sonne zurckkehrte, da
guckten sich die Sternkundigen die Augen nach ihm aus. Sie schraubten
immer strkere Linsen in ihre groen Operngucker, aber sie konnten
nichts von dem Fremdling sehen. Es ist schnurrig, sagten sie, damals war
er so gro, da alle Menschen in Todesangst kamen und glaubten, er wrde
die Erde zertrmmern, und nun bleibt er ganz unsichtbar. Sie wuten
nicht, da den alten Bummler auf seinem Wege ein schwerer Unglcksfall
betroffen, und da er krank und siech, gewissermaen auf Filzschuhen
durch den Sternenraum dahinzog.

Er ist tatschlich verschwunden, sagten die Sterngucker, die mit
blaugefrorenen Nasen eine kalte Winternacht nach der anderen am Fernrohr
saen. bermorgen mte er der Erde am nchsten stehen und sie fast
berhren, aber er scheint nicht wiederzukommen!

Seht, Kinder, als diese Zeit gekommen war, da war euer alter Ulebuhle
ein junger Mann, der auch nach dem Himmel guckte, um den berhmten
Kometen zu sehen. Und als nun der Tag kam, an dem der Schweifstern ganz
dicht bei der Erde stehen sollte, da wanderte er hinaus ins Freie, um
die Sterne zu betrachten. Es war ein kalter Winterabend, und die
Sternlein blitzten wie lauter Diamantsplitter in der klaren Hhe. Auf
einmal, gegen Mitternacht, kamen viele Sternschnuppen geflogen. Erst
wenige, dann mehr, und dann Hunderte und Tausende, Stunden um Stunden!
Halt, halt, sagten die Sterngucker, da ist endlich der Komet! Himmel,
wie hat er sich verndert. Er hat sich aufgelst in lauter kleine Teile,
und nun wandert die Erdkugel mitten durch den ganzen Krempel. All die
einzelnen Steinchen und Staubmassen, aus denen der Kometenkopf bestand,
schwirrten nun einzeln durch die Lufthlle der Erde, entzndeten sich da
und glhten und sprhten. Ja, es war ein wundervolles Feuerwerk und
kostete nicht einen Pfennig; der alte Petrus gab es ganz umsonst!

Manchmal kamen grere Steine, und dann glhten sie grn und rot auf
hoch droben und krachten wie Raketen. Auf einmal, siehe da, kam ein ganz
groes. Es puffte und zischte und knallte und zerbarst in tausend
schimmernde Funken, und die fielen zur Erde nieder. Huiii! ging es
pltzlich, als wenn eine Flintenkugel daherpfiffe, und dann sagte es
Ratsch und knatterte gegen einen alten Baum, der am Wege stand. Wir
liefen hinzu, und da lagen ein paar kleine Steinchen auf der harten
Schneedecke unter dem Baum, Steinchen, die von der Sternschnuppe
abgesplittert waren, Steinchen, die zu dem Kometen gehrten. So hoben
wir sie auf und brachten sie als Andenken mit nach Hause.

Den meinen aber lie ich einsetzen in die Busennadel. Seht her, da ist
er! Hat er nicht eine ganz absonderliche Geschichte? Er ist ein Stck
von dem schrecklichen Kometen, der vor Jahrhunderten die Menschen
gengstigt, er wanderte weithin durch die Sternenrume, besuchte den
Mond und die Sonne, sah, wie es auf anderen Sternen aussieht, und fiel
endlich aus Himmelshhen nieder zur Erde. Ja, er hat eine absonderliche
Geschichte wie kein Stein sonst in der Welt!

                   *       *       *       *       *

Ulebuhle, sagten die Kinder, flunkert Ihr uns auch nichts vor, und
bestehen die Kometen wirklich nur aus solchen Steinen?

Galgenvgel! sagte der Alte grimmig, wenn der Ulebuhle etwas sagt,
dann ist es so. Geht hin in das Museum, da knnt ihr solche vom Himmel
gefallenen Steine von Kometen aufbewahrt finden, und wenn ihr des Abends
die Nase hinaufreckt zum Himmel, so werdet ihr dann und wann so ein
Steinchen als Sternschnuppe fliegen sehen, das sich versptet hat und
nun einsam hinter der aufgelsten Kometenwolke daherzieht wie ein
Schulbub, der die Zeit verschlafen. Jetzt aber trollt euch von dannen,
denn die Geschichte von der Busennadel ist zu Ende!




                         Der Tod in der Flasche


Der alte Ulebuhle sa vor seinem Rarittenschrein und kramte in alten
Erinnerungen. Lngst schon hatte die treue Christine die Studierlampe
mit dem grnen Schirm gebracht, leise waren die Kinder in das Zimmer
getreten, aber der seltsame Alte sa noch immer schweigend und in
Gedanken versunken vor seinem Schrein.

Eine merkwrdig geformte Glasflasche hielt er in der Hand. Sie war mit
einem Holzkorken geschlossen, ber dem ein dicker Wattebausch lag, und
eine dicke Schicht schwarzen Siegellackes sa wie eine Haube oben
darauf. Ein Papierstreifen, mit Tinte beschrieben, voll lateinischer
Worte, berzog den kugelrunden Bauch der Flasche, die in einen langen
dnnen Hals auslief. Eine verdickte gelbliche Flssigkeit, gleich
festgewordenem Leim fllte das Gef, ein Totenkopf, wei auf schwarzem
Papier gemalt, umgeben von drei Kreuzen, sa wie ein Siegel oben am
Halse. Die Flasche pate in einen dick mit Watte ausgeftterten eisernen
Kasten, den ein kunstvolles Schlo vor unberufener ffnung schtzte, und
auf diesem Kasten klebte ein vergilbter Zettel mit der kaum noch
lesbaren Aufschrift: Bangalore, in den Tagen des Schreckens. Doktor
Gravesgrave.

Ulebuhle, sagten die Kinder nach langem geduldigen Schweigen, was ist
in der sonderbaren Flasche, die Ihr so lange betrachtet?

Da erwachte der Alte wie aus einem Traum. Er fuhr sich mit der Hand ber
die Stirne und sagte: Kinder, ich war mit meinen Gedanken weit fort und
habe euch nicht eintreten hren. Lat mich erst die Flasche wieder
verschlieen und bleibt davon!

Da tat er den glsernen Kolben wieder behutsam in den eisernen Kasten
und verschlo ihn dreimal sorgfltig. Dann verschlo er den Schrein und
langte nach seiner Pfeife.

Was war in der Flasche? fragten die Kinder.

Da sah sie der alte Ulebuhle lange eigentmlich an und sagte ernst: Der
Tod!

Das klang so schn gruselig und geheimnisvoll, und die Kinder witterten
eine schne Geschichte hinter der ganzen Sache. So bestrmten sie den
gelehrten Alten mit tausend Fragen, bis er knurrig Ruhe gebot und --
tief in seinem Lehnstuhl vergraben -- sich anschickte, die Geschichte
vom Tod in der Flasche zu erzhlen.

Schweigt, sagte er, denn es ist eine lange Geschichte, und wenn man
nicht gut aufpat, kann man sie nicht verstehen, denn es handelt sich um
eine gelehrte Sache und um ein groes Unglck.

Da setzten wir uns still rings um den Alten herum, und er begann:

Ich hatte einen Jugendfreund, der hie Gravesgrave. Er war klger als
wir alle zusammen und studierte spter auf allen mglichen Universitten
die schwere Kunst, die Krankheiten der Menschen zu erkennen und zu
heilen. Aber ganz besonders wollte er herausbekommen, wie man die Pest,
die Cholera, die schwarzen Pocken und andere bse Krankheiten bekmpfen
knne, die mit einem Male ber die Erde hereinbrechen wie der furchtbare
Wrgeengel selbst und ganze Stdte, ganze Provinzen, ganze Lnder
aussterben machen.

Eines Tages, als er sich in England befand, hatte er gehrt, da im
fernen Indien eine furchtbare Pest wte, an der Hunderttausende starben.
Kein Mensch wute, woher sie kam, wie sie zu heilen sei. Sie griff um
sich wie ein Feuer, das zur Hochsommerzeit einen ausgedrrten
Kiefernwald befllt, von Baum zu Baum springt und erst erlischt, wenn
der ganze Wald verkohlt am Boden liegt. So auch erlosch die Krankheit an
manchem Ort erst, wenn nichts mehr zu tten war.

Machtlos standen die berhmtesten rzte, die aus Europa hingeschickt
wurden nach dem fernen Indien, ja sie muten trachten, sich selbst zu
retten im groen Sterben. Die Inder aber taten gar nichts. Sie beteten
zu ihrem Gott und sagten, es sei sein Wille. Der Mensch knnte dagegen
nichts tun.

Der rtselhafte Tod aber wtete weiter.

Da hrte der Doktor Gravesgrave von den Dingen, und er erkannte, da
grade dort fr ihn der rechte Platz sei, denn Seuchen zu studieren und
zu vertreiben, das war sein Wunsch und Wille. So schiffte er sich denn
ein zu der weiten Reise und landete endlich nach glcklicher Fahrt an
Indiens Kste. Furchtlos durchstreifte er die Sttten des Schreckens,
ausgestorbene Stdte und Landstriche. Er studierte unablssig, wie
gesunde Leute in wenigen Stunden erkrankten und starben, wie der
geheimnisvolle Tod sie wie der Ruber hinterm Busch anfiel und zu Boden
schlug, ohne da sie selbst wuten, wie es kam und warum es kam.

Doktor Gravesgrave grbelte Tag und Nacht, Woche um Woche, er
untersuchte Lebende und Tote, Gesunde und Kranke und konnte das Rtsel
der Krankheit nicht entdecken. Er wurde aber nicht mutlos. Wie ein
tapferer Soldat strzte er sich immer aufs neue in den Kampf gegen den
geheimnisvollen Wrger, und wie durch ein Wunder entging er selbst der
Krankheit und dem Tode. Eines Tages, als er wieder in seinem
Studierzimmer sa und bei einer Pfeife darber nachdachte, da all seine
Arbeit bisher erfolglos gewesen sei und die armen Menschen im Lande noch
immer zu vielen Tausenden starben, kam er auf den Gedanken, da man
vielleicht den unsichtbaren Feind im Blute der kranken Menschen
entdecken knne. Da ging er hin und nahm das allerstrkste
Vergrerungsglas, das er unter all seinen vielen Instrumenten hatte,
ein mchtiges Mikroskop, mit dem man die Dinge dreitausendmal vergrern
konnte. Dann rief er seinen jungen Diener, der kerngesund war, stach ihn
mit einer kleinen Nadel ganz wenig in den Arm, so da ein kleines
Trpfchen Blut hervortrat, und brachte den kleinen Blutstropfen unter
sein mchtiges Vergrerungsglas.

Habt ihr schon einmal einen Tropfen Blut unter dem Mikroskop gesehen?
Das sieht gar sonderbar aus. Da sieht man eine helle Flssigkeit und in
der schwimmen Millionen gelbliche runde Blttchen, wie kleine
Tellerchen. Das sind die roten Blutkrperchen. In einem winzigen
Blutstropfen sind an die zwanzig Millionen dieser kleinen Scheiben
enthalten, und an die fnfzigtausend Milliarden kreisen unablssig durch
eure Adern, wie in der groen Stadt das Wasser in den Wasserleitungen
durch tausend Kanle und Rhren strmt. Und dann sind da noch andere
kleine Scheiben, die sind wei, und es sind ihrer viel weniger. Das sind
die Polizeisoldaten in den Adern. Dringt irgend ein bser Feind, der die
roten Blutkrperchen zerstren will, in das Blut ein, so strzen die
weien Blutkrper ber ihn her und suchen ihn zu tten. Ja, es ist ein
wunderbares Leben in den Adern unseres Krpers, ein Gewimmel wie in
einer groen Stadt. Sobald aber die Millionen und Abermillionen
Blutkrperchen krank werden oder gar absterben, dann ist es um uns
geschehen, dann erstirbt das Leben in den Straen unseres Leibes, dann
sterben wir selbst.

Der gelehrte Doktor Gravesgrave schaute durch sein wundervolles Glas
hinein in den Tropfen Blut seines Dieners, er sah die roten und die
weien Blutkrperchen, aber sie waren frisch und lebendig, und es war
alles in Ordnung.

Am anderen Morgen jedoch lag der arme braune Teufel bereits auf seiner
Matte und murmelte, schwerkrank, Gebete. Der geheimnisvolle Tod hatte
ihn in der Nacht berfallen. Sein Herr stand dabei und konnte ihm nicht
helfen. Aber er hatte einen guten Gedanken. Er nahm wieder eine Nadel
und stach ein Trpfchen Blut aus dem Arm des Burschen hervor, und wieder
besah er ihn unter dem mchtigen Glase. Ja, das war ein guter Gedanke,
denn nun machte er eine wichtige Entdeckung! Da sah er, wie winzig
winzige Lebewesen in dem Trpfchen Blut hin und her schossen, die
gestern noch nicht darin gewesen. Deutlich konnte man sehen, wie sie die
roten Blutkrperchen anfielen und verzehrten. Er sah, wie die weien
Blutkrper, die Polizisten der Adern, sich den gefrigen Rubern
entgegenwarfen, viele von ihnen tteten, aber ihre Zahl war so gro, da
die Weien mit ihnen nicht fertig werden konnten und immer mehr rote
Scheibchen zerfressen und vernichtet wurden. Es war ein wilder Kampf in
diesem Trpfchen Blut, und ein viel wilderer Kampf mute im Krper, in
den Adern des kranken jungen Inders vor sich gehen.

Da sprang der gelehrte Doktor frhlich auf. Ha, rief er, nun habe ich
den geheimnisvollen Tod entdeckt. Mit eigenen Augen habe ich ihn
gesehen. Im Blut der Kranken schwimmt er, ein gefriger Ruber, den
Lebenssaft vernichtend und zerstrend. In den Adern der kranken Menschen
kmpft ein ungeheures Heer von Rubern gegen die Schutzgarde der weien
Blutkrper. Er berwindet sie, ttet die roten Trger des Lebens, und
der Mensch mu sterben!

Aber dann wurde Doktor Gravesgrave wieder still und traurig. Ach,
klagte er, was ntzt es mir, und was kann es den Kranken ntzen, da
ich nun wei, _weshalb_ sie sterben mssen, _helfen_, helfen kann ich
ihnen auch damit nicht, und darauf allein kommt es an. Ja, wenn ich
wte, wie dieses Heer von Rubern, wie diese seltsamen winzig winzigen
Geschpfe in das Blut, in die Adern der Menschen hineingelangen, dann
vielleicht knnte ich helfen. Aber, ach, ich werde es niemals erfahren!

Da ging er wieder hinab zu dem jungen Inder, der sterbend auf seiner
Matte lag. Er legte nasse Tcher um seine heie Stirn und gab ihm khle
Getrnke, aber jener fhlte all das kaum noch. In seinen Adern ging der
Kampf zu Ende.

Doktor Gravesgrave betrachtete ihn traurig. Eine kleine grnliche Fliege
sa auf des Kranken brauner Brust. Nun flog sie fort und schwirrte um
des Doktors Hand, um sich dort niederzulassen. Dem Doktor war sie
widrig. Eine Fliege, die eben auf dem Krper eines Sterbenden gesessen,
mochte er nicht dulden, und er verjagte sie. -- Aber wie er das tat, da
zuckte pltzlich ein Gedanke durch seinen Kopf. Wenn nun diese
Stechfliege, die ihren kleinen Rssel hineinsenkt in das Blut der
Menschen, von einem Kranken zu einem Gesunden fliegt, erst dort sticht,
das kranke Blut hineinsaugt, und dann ihren Rssel wieder in das Blut
des Gesunden senkt? Konnte sie nicht auf diese Weise die winzigen
Lebewesen, die gefhrlichen Ruber in die Adern der Gesunden
hineintragen?

Der Doktor sprang pltzlich wie ein Besessener im Zimmer herum, er jagte
mit seinem Hut hinter der grnen Stechfliege her, und endlich fing er
sie. Dann strzte er in sein Studierzimmer, zerlegte mit feinen
Znglein, winzigen Nadeln und Messerchen den Rssel und den Krper der
Fliege und brachte alle Teile nacheinander unter sein Mikroskop. Da sah
er denn hinein in die ungeheuer vergrerte Stachelrhre, die unter dem
Glase wie ein Rohr aus einem Pumpwerk aussah, besetzt mit Tausenden von
spitzen Hrchen. Er sah, wie in diesem Stachel der Fliege winzige Spuren
von dem Blut des Kranken hingen, mit zertrmmerten roten Blutkrperchen
und mit vielen jener winzigen Wesen, jener Ruber der Adern. Er sah, da
sie noch immer lebten, und wenn jene kleine grne Stechfliege ihren
Stachel in seine Hand gesenkt, dann htte auch ihn die Krankheit
befallen, dann wren jene winzigen Ruber, die die Fliege aus dem Blut
des Kranken mit sich gefhrt, in seine Adern eingedrungen, htten sich
millionenfach vermehrt, htten ihn in wenigen Tagen gettet. Die grne
Fliege war der Verbndete jener unsichtbaren Heerscharen der Pest, und
wenn man sich vor dem Stich der Fliege schtzte, so blieb man gesund.

Das war die groe Entdeckung des Doktor Gravesgrave. Er reiste so
schnell es ging nach der Hauptstadt des Landes, erzhlte den Frsten und
Herren, den Mnnern, die das Land regierten, alles, was er wute, von
den Rubern im Blut und von der grnen Fliege, und zeigte ihnen durch
sein Vergrerungsglas, was er selbst gesehen. Und in alle Welt drang
der Ruhm des gelehrten Doktors, der endlich ein Mittel gefunden hatte,
die indische Pest zu verjagen, Millionen Menschen vom Tode zu retten.
Und nun begann ein furchtbarer Kampf gegen die grne Fliege. Sie wurde
verfolgt mit Feuer und Gift, ihre Brutsttten in den sumpfigen
Niederungen der Flsse, wo sie im hohen Schilf lebte, wurden abgemht
und ausgeruchert, vom kleinsten Hindububen bis zum ltesten indischen
Weisen jagte alles auf die grne Fliege, und wenn wirklich noch jemand
wo erkrankte, so brachte man ihn in einen Raum mit Fenstern, die durch
dichte Drahtnetze verschlossen waren, so da keine Ameise, viel weniger
eine Fliege hineingelangen konnte. Da starb die Pest langsam aus, der
besiegte Wrgeengel zog sich grollend zurck in die Einden der Smpfe,
wo allein noch an wenigen Stellen die grne Fliege hauste und selten ein
armer Fischer seinem Geschft nachging.

Doktor Gravesgrave aber wurde frstlich belohnt. Die Kaiserin von Indien
ernannte ihn zu ihrem Oberhofarzt und lie ihm ein Mikroskop bauen, noch
grer und wertvoller als sein eigenes, und die Groen des Landes kamen
mit kostbaren Geschenken, reich besetzt mit Edelsteinen.

Das war eine glckliche Zeit fr den braven Doktor, aber auf gute Tage
folgen schlimme, und sie treffen oft schuldlos den Guten wie den Bsen.
Der Doktor zog sich nun in die groe indische Stadt Bangalore zurck. Da
mietete er drauen vor den Toren, inmitten eines groen Gartens, ein
kleines Landhaus, und hier, wo es so friedlich war, so seltsame Bume
grnten, so farbenprchtige Blumen blhten, so fremdartige Vgel
pfiffen, rchte sich der unerbittliche Tod, dem er so viele Opfer
abgejagt, an dem gelehrten Doktor Gravesgrave.

Und das ging so zu! Ihr wit, da der allgewaltige Tod zuweilen der
Kleinarbeit mde wird und durch Krieg, durch Erdbeben und verheerende
Seuchen in kurzer Zeit so viele Menschen fortrafft wie sonst in Jahren.
Eine solche Krankheit ist die Cholera, die in frheren Zeiten ganze
Lnder verdet hat, vor allem aber das ferne Indien seit Jahrtausenden
plagt. Tausend und abertausend Millionen winziger Lebewesen, die
Bazillen, dringen in den Krper ein und sie bringen die Cholera,
vernichten das Leben.

Ich werde ein Mittel finden, sagte Doktor Gravesgrave, ein Mittel,
das die gewaltigen Heere der kleinen Ruber im Krper zerstreut und
ttet. Hier will ich unablssig sitzen und arbeiten, bis ich es gefunden
habe, denn ich bin der Doktor Gravesgrave, der gegen den Tod kmpft.

Da reiste er an einen fernen Ort, wo ein paar Menschen an der
furchtbaren Krankheit daniederlagen. Weit drauen hinter hohen Zunen,
in niederen Husern eingepfercht, fern von allen Menschen gehalten,
damit sie nicht alle anderen mit in den Tod jagten, fand er sie. Er
hatte zwei solche Flaschen mitgebracht wie die, welche hier in meinem
Schrank steht, und in ihnen eine Flssigkeit, in der die winzigen
Teufelchen weiterzuleben vermochten. Mit grter Vorsicht brachte er auf
der Spitze einer Nadel eine kleine Menge hinein in die Flaschen, mit
grter Vorsicht verschlo er sie und brachte sie wohlverwahrt in
eisernen Ksten, die er nie aus seinen Hnden lie, nach Bangalore in
seine stille Studierstube. Mit rasender Schnelligkeit vermehrten sich
die gefhrlichen Teufel von Bazillen in den Flaschen. Aus
Hunderttausenden wurden Millionen, Milliarden, tausendmal tausend
Milliarden, und wenn er nur eine Nadelspitze von der Flssigkeit unter
sein wundervolles Vergrerungsglas brachte, so sah er sie als winzige
Pnktchen, wie ein Komma geformt, in unzhliger Menge darin
herumwimmeln.

Da versuchte er denn alle mglichen Mittel, die man den Menschen als
Medizin eingeben konnte, versuchte, ob die argen Feinde starben, wenn er
einen Tropfen davon hineinwarf in das Gewimmel. Ganz vorsichtig mute er
das alles machen, denn wehe, wenn er auch nur die Nadel, mit der er aus
seinen Flaschen ein winziges Trpfchen der Todesflssigkeit herausnahm,
unachtsam fortgeworfen. Ein Mensch konnte sie ergreifen, die winzigen
Kobolde hafteten an seinen Hnden, kamen in seinen Mund, vermehrten sich
rasend schnell in seinem Krper, er mute sterben und steckte alle um
sich her an, und immer weiter und weiter zog dann der schwarze Tod.
Stets waren die Flaschen, in denen der Tod millionenfach hockte, in den
eisernen Ksten verborgen, und die Schlssel trug Doktor Gravesgrave um
den Hals.

Der Doktor hatte einen eingeborenen Diener, der hie Shingar. Er war
lang und mager, die Backenknochen standen weit hervor in dem drren
Gesicht. Dunkle Augen glhten darin, und ein eisgrauer kurzer Kinnbart
stand mit stachlichten Haaren weit vor. Er trug einen Turban auf dem
Kopfe, und eine braune Kutte schlotterte um seine drren Glieder. Ein
wilder Ha glhte in dem Inder gegen die Fremden, die aus dem fernen
Europa hierher gekommen waren, das Land seiner Vter zu beherrschen,
jene Fremden, die an einen anderen Gott glaubten und den Inder
verachteten. Ja, er hate sie und gehrte einem ber das ganze Land
verbreiteten Geheimbunde an, der einstens aufzustehen hoffte, die
Fremden zu verjagen.

Da er nun schon ein alter Mann und gezwungen war, seinen Lebensunterhalt
zu verdienen, so blieb ihm nichts anderes brig, als dem fremden Herrn,
der so seltsame Arbeiten machte mit geheimnisvollen Instrumenten und
Glsern, zu dienen. Dieser Herr war gut, und man konnte mit ihm leben,
aber dennoch muten sie eines Tages fort, die fremden Eindringlinge, die
das heilige Land der Vter beherrschten.

Shingar, hatte eines Tages der Fremde gesagt, rhre nie diese
Flaschen an, und sollte ich einmal pltzlich sterben, so nimm die
eisernen Ksten, grabe ein tiefes Loch in die Erde und verscharre sie,
da kein Mensch sie findet. Der Tod sitzt in diesen Flaschen. Ein paar
Tropfen davon in das Trinkwasser, und viele Menschen knnen sterben.

Shingar hatte es schweigend gehrt. Leise nur nickte er mit dem Kopfe,
aber ein dmonischer Gedanke zog durch sein haerflltes Herz. Wenn man
mit diesem rtselhaften Tod in der Flasche doch all die Fremden
vernichten knnte, die Fremden dieser Stadt und die des Landes!

Htte Doktor Gravesgrave geahnt, welche Gedanken der Inder in seinem
Hirn bewegte, er htte ein groes Unheil verhten knnen!

Eines Tages aber kam das Unglck ber Bangalore. Der europische
Stadtteil hatte sich immer weiter ausgedehnt und man baute eine neue
Strae. Da stand ein alter indischer Tempel im Wege, und da er schon ein
halber Trmmerhaufen war und nur wenig besucht wurde, so zerstrte man
ihn ganz, um Platz zu schaffen. Die Inder aber waren voll Zorn ber die
Tat und glaubten, die Fremden wollten ihnen damit ihre Miachtung
beweisen, ihre heiligen Sttten hohnvoll vom Boden tilgen, ihre Religion
schmhen. Aufs neue flammte ihr Ha auf, der Wunsch, die Eindringlinge
zu zchtigen, zu verjagen, ein Blutbad unter ihnen anzurichten wie
damals, als vor Jahrzehnten Nena Sahibs und Tantia Topis Scharen die
verhaten Englnder niedergemetzelt.

Da schien dem fanatischen Shingar die Zeit gekommen, die Europer in
Bangalore zu vernichten. Sein Ha war strker als alle berlegung, und
als der Zufall auch noch zu Hilfe kam und den gelehrten Doktor, seinen
Herrn, zu einer kleinen Reise ntigte, da stand sein Entschlu fest.

Am spten Abend, als alles ringsum still und einsam und nur aus der
Fremdenstadt leise von einem Fest Musik herbertnte, erbrach er die Tr
zum Studierzimmer des Doktors, erbrach er den Schrank, der die eisernen
Ksten mit den Flaschen, die immer warm stehen muten, enthielt. Lange
arbeitete er an den Schlssern, doch widerstanden sie all seinen
Bemhungen. Endlich meielte er die ganze Rckwand des einen Kastens ab,
und nun hatte er die gefhrliche Flasche, die Flasche des Todes, in der
Hand.

Da stand er, von einer Kerze nur matt beleuchtet, schwarz fiel sein
riesiger Schatten auf Wand und Decke. Sein braunes Gesicht verzog sich
zu einem wilden und teuflischen Grinsen, das Weie in seinen Augen
flimmerte wie Perlmutter, sein eisengrauer Bart strubte sich am drren,
spitzen Kinn weit vor, triumphierend schwenkte er in der knochigen Hand
die bauchige Kolbenflasche mit dem langen Hals, den ein groer
Wattepfropfen verschlo, und auf dem das Totenkopfsiegel zur grten
Vorsicht warnte.

Seltsame indische Sprche murmelte er vor sich hin, und dann flsterte
er: Wenige Tropfen in das Trinkwasser und viele Menschen knnen
sterben, sagte der gelehrte Mann, der mit den Flaschen so ngstlich ist
wie die Mutter mit dem Kind im Schlangenbusch. O weiser Mann, du gabst
uns selbst das Mittel, euch alle zu vernichten. Nicht Pulver haben wir,
Flinten und Kanonen wie ihr. Ihr fhlt euch sicher im Schutz der
Feuerrohre, dies aber ist eine Waffe, die schnell und lautlos eine ganze
Stadt vernichtet!

Er verbarg die Flasche des Todes sorgfltig unter der braunen Kutte,
verlie rasch das Haus und verschwand im Walde. Langsam stieg der Weg
an, und nach einer halben Stunde hatte er den kleinen Hgel hinter der
Stadt erreicht, wo sich die Wasserleitung befand, die das europische
Viertel versorgte. Das groe Bassin lag in einer niederen Halle aus
Mauerwerk. Leise schlich Shingar herzu. Es war dunkel ringsum, nur das
Blattwerk der Bume hob sich vom gestirnten Himmel ab. Schwach hrte man
das Wasser in dem groen Rohr rauschen, das zur Stadt niederfhrte. Nur
wenig Licht war in der Halle. Durch das niedere Fenster sah man den
Wrter in einer Ecke sitzen. Er rauchte seine Pfeife und las in den
letzten Zeitungen, die die Post aus dem fernen England herbergebracht
in das indische Wunderland. Neben ihm hingen an einem Brett groe
eiserne Schlssel und Hebel zum ffnen des Wasserbassins, zum Abdrehen
der Leitung.

Shingar kauerte sich nieder und wartete, berlegte, wie er unbemerkt an
das Wasserbassin gelangen knne. Die Nacht war schwl und drckend. Es
war hei in der niederen Halle, und die Luft war dumpf. Schon war es
spt. Da sah Shingar, wie dem Wrter der Kopf tiefer sank, wie die
Zeitung seinen Hnden entglitt. Ein Lcheln ging ber das Gesicht des
Inders. Alles ging ihm gut an diesem Tage. Er wartete noch ein Weilchen,
dann eilte er auf leisen Sohlen zu der Tr. Aber sie war von innen
verschlossen. So mute er den Weg durch das Fenster nehmen. Das war
gefhrlich, denn es konnte Gerusch machen, aber es mute geschehen.
Sein oberer Flgel war ein wenig geffnet, um frische Luft
hereinzulassen; da hindurch mute der Weg gehen. Der Inder zog seine
Sandalen aus. Jede Bewegung berlegend, langsam, ganz langsam
erkletterte er den Sims, das Auge fest auf den Schlummernden gerichtet,
jeden Moment bereit, wieder herabzuspringen, wenn der erwachte. Aber die
schwle Luft, die spte Stunde hielt den Wrter weiter in traumlosem
Schlaf.

Die drre Gestalt des Inders zwngte sich durch das schmale Fenster.
Zentimeter um Zentimeter drckte er es vorsichtig weiter auf, immer
sphend, ob sein leises Knarren den Schlfer strte. Er trug das
gefhrliche indische Messer bei sich, es wre ihm ein Leichtes gewesen,
den Mann stumm zu machen, aber vielleicht htte man die Tat zu frh
entdeckt, Verdacht geschpft, das Wasserwerk abgestellt.

Endlich stand er mit beiden Beinen auf dem inneren Fensterbrett. Nun
glitt er geruschlos nieder, trat auf leisen Sohlen an den Tisch,
lschte die Lampe. Er tastete sich an das Wasserbassin, steckte die
Flasche des Todes tief hinein in die Flssigkeit, schlug vorsichtig mit
dem Griff seines langen Messers dagegen. Nur ein leises Klingen hrte
man unter Wasser, dann fielen die Scherben lautlos nieder zum Boden des
Kessels.

Ein wildes Triumphieren ging ber die eingefallenen Wangen des
Fanatikers. Er lauschte einen Augenblick, dann glitt er wie eine Katze
zum Fenster zurck, schwang sich lautlos empor und stand nach wenigen
Minuten wieder drauen im Freien. Durch den dichten Busch eilte er
heimwrts. Nicht eine Spur von seinem Tun war zurckgeblieben, und nie
hat man erfahren, wie das grausige Werk geschah.

                   *       *       *       *       *

Wenige Tage nach dem nchtlichen Rachewerk Shingars brach in dem
Europerviertel von Bangalore eine Krankheit aus. Nur wenige wurden
zunchst befallen, aber ihre Zahl wuchs von Tag zu Tage, aus Hunderten
wurden Tausende. Voll Grauen erkannten die rzte, da es die Cholera
sei. Niemand wute, woher sie kam, und weshalb sie gerade in dem
reinlichen Europerviertel ausbrach, nur mitten im Lande, in dieser
einen Stadt hauste, statt wie frher die schmutzigen, engen, ungesunden
Sttten der Hindus zu befallen. Ganze Familien starben aus, ganze
Huser, ganze Straenzge. Der Tod raste mit mhender Sense durch die
Europerstadt. Der Vater verlie die Seinen, der Bruder den Bruder,
alles floh, was noch fliehen konnte, aber der Tod eilte ihnen nach,
erschlug sie auf der Flucht. Niemand konnte helfen, niemand wute Rat.
Ein bses Ahnen zog durch das Herz der wenigen rzte, die noch am Leben
waren. Sollte die schreckliche Seuche aus dem Hause des Doktor
Gravesgrave kommen? Er war verschwunden, verreist, sagte man. Sie eilten
hinaus zu seinem Hause. Es war verschlossen. Man erbrach es. Im Vorflur
lag zusammengekrmmt mit schrecklich verzerrtem Gesicht der Leichnam
seines Dieners Shingar. Ihn hatte als einen der ersten der Tod aus der
Flasche erreicht, er hatte ihn mit eigenen Hnden nach Hause gebracht.
An seinen Fingern hafteten genug der tdlichen Keime, zwei Tage nach
seiner Tat schon verendete er hilflos in dem einsamen Hause. Zur selben
Stunde auch erlag der Mann im Wasserwerk dem Feinde, der von hier aus
seinen Weg nahm in die unglckliche Stadt.

Aber seine Tat zog immer weitere Kreise, wie der Raubvogel, der in den
Hhen sein Reich umzirkelt. Der Sensenmann machte nicht Halt im Viertel
der Fremden, er sprang hinber in die dicht gedrngten Vorstdte der
Eingeborenen, raste durch ihre engen Gassen, machte sie zu stillen,
ausgestorbenen Sttten. Der Schrecken lief mit Sturmeseile durch das
Land, ergriff Nachbarstdte, wanderte mit den Kleidern der Entflohenen
von Ort zu Ort, sa verborgen in den Frachten der Gter, die mit Bahn
und Wagen von Bangalore zu anderen Handelspltzen wanderten. Die Sense
des Todes mhte und mhte.

Lngst war Doktor Gravesgrave zurck. Die Stadt war wie ausgestorben. Er
eilte in sein Haus, Schreckliches ahnte ihm. Er fand den toten Diener
noch an der alten Stelle. Er fand in seinem Schrank den zertrmmerten
Eisenkasten. Die eine der Flaschen war fort. Er sah die Werkzeuge
Shingars umherliegen, er ahnte alles. Es war zu spt, er konnte nicht
mehr helfen, niemand konnte es. Da packte er seine Sachen in eine groe
Kiste, auch den anderen Kasten mit der zweiten Flasche. Lngst waren die
Keime darin whrend seiner langen Abwesenheit abgestorben und
unschdlich. Aber auch er sollte dem Ort des Schreckens nicht mehr
entfliehen, dem sein Tun, das nur Gutes schaffen wollte, so schweres
Unglck gebracht. Auch ihn ergriff die Krankheit, einsam starb er in dem
totenstillen Hause, und er starb gern, denn es schien ihm eine Shne fr
die grausige Tat, die doch nicht seine Schuld war. Der Tod aber stand
triumphierend an seinem Sterbelager. Er hatte seinen Feind besiegt.

Langsam erlosch die furchtbare Seuche, die die winzigen Kobolde in der
Flasche hervorgerufen. Der Tod lehnte die Sense in die Ecke und ruhte
von seiner Arbeit. Langsam auch kam wieder Hoffnung und Freude ber die
Stadt. Die Entflohenen kehrten zurck, die Arbeit begann wieder, das
Leben ging seinen alten Gang.

Ein Freund des Doktor Gravesgrave zog in das ausgestorbene Haus. Er fand
die Kiste mit den prchtigen Vergrerungsglsern, mit gelehrten Bchern
und einem Bericht ber das Unglck von Bangalore. Er fand auch einen
Brief an den Doktor Buhle, fern in Deutschland, und sandte Brief und
Kiste her. So kam der alte Ulebuhle in den Besitz der Flasche des Todes
und der genauen Nachrichten ber das Unheil, das sie oder ihre Gefhrtin
angerichtet. Seht, da steht sie im Schrank, und man sieht es ihr nicht
an, da sie eine groe Vergangenheit hat, gelehrte Sachen, ein groes
Unglck und weite Reisen erlebte.

Der Alte schwieg.

Ulebuhle, sagten die Kinder, sitzt der Tod noch immer in der
Flasche?

Nein, er ist lngst gestorben, aber mit gefhrlichen Dingen mu man
auch dann noch vorsichtig umgehen, wenn sie schlummern. Auch dem toten
Lwen nhern wir uns mit Scheu und Vorsicht, und wir sprechen leise am
Orte, wo die Sense des Knochenmannes durch die Halme ging!




                         Als die Sonne feierte


Die Menschen, so erzhlte eines Abends der alte Ulebuhle, waren
einmal wieder mit sich, mit Gott und der Welt unzufrieden. Ach, sagten
sie, es ist ein Kreuz. Das Leben ist viel Arbeit und wenig Vergngen.
Es mte umgekehrt sein, und kurz und gut, wir wollen nun endlich einmal
eine schne Weile ausruhen!

Da lieen sie alles stehen und liegen und sagten Feierabend! Alle Rder
standen still, und keine Esse rauchte mehr. Die Huser ragten halbfertig
mit groen Gersten in den Himmel hinein, die Schneider rhrten keine
Nadel mehr an, die Schuster drehten keinen Pechdraht mehr und klopften
kein Leder, die Kaufleute schlossen ihre Lden, die Bergleute fuhren
nicht mehr zur Grube, und kein Fischer warf mehr Netze aus. Am meisten
freuten sich die Ochsen und die Klber. Sie brummten und blkten
vergngt in die Welt hinein, denn niemand wollte ihnen mehr das Fell
ber die Ohren ziehen.

Die Bauern drauen auf dem Lande, Hinz und Kunz und Jochen Psel, kamen
im Kruge zusammen, rckten ihre Zipfelmtzen von einem Ohr auf das
andere und sagten: Ja, wenn die Lt in de Stadt nischt mehr duhn, wat
wulln wie da noch dat Feld bestelln, da duhn wie ook nischt mehr! Und
so ruhten Pflug und Egge, Sense und Dreschflegel. Macht wie ihr wollt,
meinten die Stdter. Wir haben noch alle Speicher bis an die Decke voll
Korn und alle Keller voll Kartoffeln, wir brauchen vorlufig eure
Feldfrchte nicht!

Die Sonne stand droben im Blauen und machte verwunderte Augen ob all der
sonderbaren Geschehnisse auf Erden.

Ja, sagte der alte Mond zu ihr und rauchte noch eine Wolkenpfeife an,
der Teufel ist in die Menschen gefahren. Ich habe schon manches
Jahrhundert lang den Erdball umwandert, ich habe schon viele verrckte
Geschichten auf Erden mit angesehen, aber so toll waren sie bisher noch
nicht. Ich glaube, es nimmt ein schlechtes Ende mit den Menschen, denn
die Arbeit hlt doch alles in Ordnung beieinander, aber wenn sie nun
nicht eine Hand mehr rhren wollen, werden sie bald ganz zugrunde gehen.
Mir soll es recht sein. Ich mache nach wie vor meine Nachtbeleuchtung
und fhre die goldenen Sternenschafe auf die Weide und damit basta!

Als nun aber auch die Bauern die Felder nicht mehr bestellten, Hinz und
Kunz und Jochen Psel den ganzen Tag im Kruge saen, Karten spielten und
Kmmel mit Rum tranken, da wurde es Frau Sonne zu viel. Ja, wozu
scheine ich denn noch, rief sie eines Tages unwillig aus. Wenn ich
keine Saaten mehr zu reifen habe und euch nicht mehr bei der Arbeit
leuchten brauche, so hat es keinen Zweck, denn faulenzen knnt ihr auch
im Dunkeln, und wenn die Sonne auf die faule Brenhaut scheint, dann ist
das nur ungemtlich. Also besinnt euch und arbeitet wieder, sonst mache
ich selbst Feiertag!

La uns in Ruhe, Frau Sonne, brummten die Menschen, mach, was du
willst, wir machen es auch!

Da ging die Sonne am Abend mit zornrotem Gesicht unter und kam am
nchsten Morgen nicht wieder. Sie feierte!

Die Sonne ist wirklich fortgeblieben, meinten die Menschen, und manche
machten doch bedenkliche Gesichter. Nun wird es kalt werden, sagten
sie, und rabenschwarze Nacht wird es auch am Tage sein. Nachts wird
es helle, schrien die anderen, da scheint der gute alte Mond!

Aber als es Nacht war, blieb es stockdunkel, und auch der Mond schien zu
feiern. Da gingen die Menschen zu den berhmtesten und gelehrtesten
Sternkundigen und fragten, was sie von der Sache hielten, und warum der
Mond nicht scheine.

Ja, meinten die, er kann nicht, denn wenn die Sonne nicht mehr ihr
Licht aussendet, so bleibt auch der Mond im Dunkeln, denn er wird ja
erst von der Sonne erleuchtet und strahlt nur das geliehene Sonnenlicht
wieder.

Gut, schimpften die Menschen, so soll er es lassen. Dann beleuchten
wir die Stdte mit unseren elektrischen Lampen und heizen mit
Elektrizitt. Da heizten sie ihre Kessel mit Steinkohlen, setzten ihre
mchtigen Dampfmaschinen in Gang und machten elektrischen Strom, der
durch hunderttausend Lampen ging und Haus und Stadt erhellte. Aus den
Steinkohlen machten sie auch Gas. Sie erhitzten sie in groen Kesseln,
so da das Gas aus ihnen entwich, leiteten es durch Rhren in alle
Huser und brannten es an. Da konnten sie sich an Gasfen wrmen und auf
Gasfen kochen, und sie lachten ber die Sonne.

Eines Tages aber waren die Steinkohlen aufgebraucht, und da die
Bergleute nicht fr die anderen arbeiten wollten, sondern auch ihren
Feiertag zu machen wnschten, hrte das Wasser in den Kesseln auf zu
kochen und die Maschinen standen still. Da gab es auch kein Gas, kein
Licht und keine Wrme mehr, und die Leute murrten.

Die anderen aber sagten: Nur nicht verzagt, wir werden auch ohne die
Sonne fertig! Haben wir keine Steinkohlen mehr, um unsere Maschinen zu
treiben, so nehmen wir die Krfte des Wassers zu Hilfe. Das Wasser
strmt in tausenden Wasserfllen von den Hhen herab, da bauen wir
mchtige Wasserrder und Turbinen, die dreht das herabstrzende Wasser,
und sie drehen uns unsere elektrischen Maschinen. Da haben wir wieder
Licht und elektrische Wrme!

Als die Menschen aber zu den Wasserfllen kamen, da flo kein Tropfen
mehr hernieder. Nicht als ob das Wasser eingefroren war, nein, es war
berhaupt keines mehr in den Wasserfllen. Da gingen sie zu den
Gelehrten und sagten: Erklrt uns, wie es kommt, da die Wasserflle
versiegt sind.

Ja, sagten die weisen Rte, das ist ganz einfach! Die Wasserflle
kommen von den Bergen herab, weil die Sonne hoch droben den Schnee und
das Eis schmilzt und wieder zu Wasser macht. Da die Sonne nicht mehr
scheint, so schmilzt auch das Eis und der Schnee nicht mehr, und so kann
es auch keine Wasserflle geben. Auch der Regen, der in den Bergen
niedergeht, rauscht in den Wasserfllen zu Tal. Da aber die Sonne kein
Wasser mehr aus Flssen und Meeren verdunstet, so steigt auch kein
Wasserdunst mehr empor zu den Wolken, es entstehen keine Regenwolken
mehr, und so gibt es auch keinen Regen und keine Wasserflle! Das alles
hat die Sonne durch ihre Wrme in Gang gebracht, aber nun, wo sie
feiert, ist es aus damit.

Es sollte doch mit dem Teufel zugehen, meinten die Menschen, wenn wir
uns von der Sonne unterkriegen lassen wrden! Wit ihr, was wir jetzt
machen? Wir benutzen den Wind. Der Wind treibt uns groe Windmhlen, und
mit ihrer Kraft drehen wir unsere Rder und elektrischen Maschinen. Auf,
lat uns groe Windmhlen bauen.

Ach du lieber Gott, meinten rgerlich die Zimmerleute und die
Schmiede, da geht ja die Arbeiterei schon wieder los!

Aber die anderen entgegneten, das mte nun mal auf kurze Zeit so sein,
und wenn die Windmhlen erst fertig wren, knnten wieder alle feiern.

Da bauten sie denn bei Tag und Nacht mchtige Windmhlenflgel und groe
Triebwerke und froren jmmerlich dabei, denn es wurde immer klter auf
Erden. Endlich aber war auch dieses Werk getan, und nun brauchte nur
noch Wind zu wehen, dann drehten sich die groen Flgel, drehten sich
mit ihnen die mchtigen Rder und elektrischen Maschinen, und dann gab
es wieder elektrische Kraft und Licht und Wrme. Aber sie warteten und
warteten, doch es kam kein Wind. Kein Blttchen regte sich, kein
Staubkrnchen wirbelte auf.

Da gingen die Menschen wieder zu den Gelehrten und sagten: Nun erklrt
uns, wann endlich einmal Wind wehen wird!

Die Weisen aber seufzten schwer und rckten an ihren groen Brillen, und
endlich sagten sie: Es wird berhaupt kein Wind mehr wehen, solange die
Sonne nicht scheint, denn die Sonne ist es, die den Wind und den Sturm
macht. Sie erwrmt an manchen Gegenden die Luft mehr als an anderen. Da
steigt die warme Luft empor, fliet von einem Erdort zum anderen, und
dieses Strmen der Luft, das ist der Wind. Wenn die Luftmassen schnell
dahinstrmen, dann ist es Sturm, und wenn sie langsam ziehen, dann
suselt es nur so ein wenig in den Zweigen. Da nun die Sonne die Luft
nicht mehr erwrmt, so strmt sie auch nicht mehr, und ihr habt eure
Windmhlenwerke umsonst gebaut.

Da schimpften die Menschen von frh bis abend und fuhren sich
gegenseitig in ihrer Wut in die Haare, aber davon wollten die Windmhlen
sich auch nicht drehen. Ihr mt wieder hinabsteigen in die Gruben und
neue Kohlen aus dem Gestein herausschlagen, riefen die Leute den
Bergarbeitern zu, aber diese weigerten sich, denn sie wollten nicht
schaffen, wenn die anderen feierten. Wir aber wollen nicht erfrieren!
brllten die Menschen, und so gab es berall Aufruhr und Streit und
blutige Kpfe. Die Leute holzten alle Wlder ab, um das Holz zu
verbrennen und sich eine warme Suppe und eine warme Stube zu machen,
aber viele erfroren bei dieser Arbeit im Freien.

Es wurde immer klter und klter auf Erden, und es war ein Leben wie am
Nordpol. Das Meer war hundert Meter dick in die Tiefe gefroren, so da
kein Schiff nach fernen Lndern fahren konnte, Getreide und andere Dinge
zu holen. Kein Fischer konnte ein Netz auswerfen. Die Tiere des Waldes
verendeten vor Klte, die Vgel fielen erfroren aus der Luft herunter,
ihr Blut war zu Eis erstarrt. Der Erdboden war bis in die Tiefen hinein
gefroren und fest wie ein Felsen, kein Pflug konnte ihn durchdringen.
Tiefe, schaurige Dunkelheit lag ber der Welt, nur die fernen Sterne
glitzerten aus der eiskalten Hhe auf die unglckliche, von der Sonne
verlassene Erde.

Es wurde immer jammervoller mit den Menschen. Wir wollen wieder
arbeiten, schrien sie, wir wollen wieder Licht und Wrme, Wolken und
Wind, grne Wlder und wogende Kornfelder, Vogelsang und Blumenduft, wir
wollen die Sonne wieder droben haben im Blauen, ja die Sonne, die Sonne,
die die Menschen so froh macht und glcklich und reich!

Die Anfhrer aber, die all das Unglck angezettelt, die alle Maschinen
angehalten, alle Arme gelhmt hatten, die sich gegen die Sonne
verschworen, widersetzten sich der Menge, denn sie hatten noch Kohlen
und viele gute Dinge fr sich heimlich in Sicherheit gebracht und lebten
herrlich und in Freuden in einer verborgenen Klause, fern im Walde.

Eines Tages aber ertrugen es die Menschen nicht lnger. In ungeheuren
Scharen zogen sie durch die tiefe Finsternis hinaus zu den Verschwrern,
griffen sie und erschlugen sie auf der Stelle.

Arbeiten wollen wir wieder, und die Sonne soll wieder scheinen, so
tnte ihr Rufen mchtig durch das Land.

Als die Sonne das hrte, da erkannte sie, da die Menschen wieder
vernnftig geworden waren, und mit heiterem Strahlenlcheln stieg sie in
blendender Helle ber dem Horizont empor und hllte die Welt in ihren
wrmenden Mantel.

Die Menschen standen, geblendet von der Helle, unzhlbar an Masse
drauen und erwrmten die zitternden Glieder. Neues Leben huschte ber
die bleichen Gesichter. Und tausend Wunder vollbrachten die
Sonnenstrahlen, Wunder, auf die die Menschen frher gar nicht geachtet
hatten. Sie lsten alle Quellen aus den Banden des Eises, so da sie
murmelnd dahinsprangen, sie tauten Seen und Flsse auf, lieen die
Wellen des Meeres wieder ungehindert dahinrauschen, und Schiffer und
Fischer gingen ans Werk. Die Sonne erwrmte die Luftschichten, trieb sie
durcheinander, der Wind wehte wieder, die Mhlenflgel drehten sich
wieder lustig im Kreise. Da wachten die Wasserflle auf, denn hoch von
den Bergen kamen die Schmelzwasser nieder. Windmller und Wassermller
rauchten wieder ihre Pfeifen und mahlten frhlich ihr Mehl, und Hinz und
Kunz zogen tiefe Furchen mit dem Pflug in die erwrmte, dampfende
Ackerscholle. Die Bume setzten neue Knospen an, die Vgel, die die
schwere Zeit berlebt hatten, kamen aus ihren Verstecken hervor und
jubilierten in der Luft, und droben, zwischen den Wolken, zog der Mond,
der alte Kunde, mit pfiffigem Gesicht.

Frau Sonne aber lchelte mit runden Backen herab wie eine gute, sorgende
Mutter.

Da fielen die Leute nieder auf die Knie und sangen der Sonne ein
Loblied, denn ihr Trotz war verflogen.




                           Der glserne Sarg


Heute, ihr Kinder, kommt die Geschichte von dem Glassarg an die Reihe!

Ulebuhle, die kennen wir schon, das ist die Geschichte von
Schneewittchen, die von den Zwergen in einen glsernen Sarg gelegt
wurde!

Und ich sage euch, ihr kennt sie nicht, denn in meinem Glassarg liegt
gar kein Schneewittchen oder sonst eine niedliche Jungfer. Ihr knnt
euch nachher ansehen, was in meinem glsernen Sarge zur Ruhe bestattet
ist, denn der Sarg liegt da in dem groen Schrank. Aber erst sollt ihr
die Geschichte hren, denn man mu nicht vorher die Rosinen aus dem
Kuchen herauspicken!

Da setzten sich die Kinder und waren gespannt, was der Alte heut wieder
ersonnen hatte.

Ach, es ist lange her, als meine Geschichte begann. Viele Jahrtausende!
Ein schner Sommertag war es, und die Sonne schien warm vom blauen
Himmel nieder. In der Ferne rauschte das Meer, und nahebei rauschten die
Wipfel der Bume, denn da stand ein groer Wald.

Eine niedliche kleine Fliege mit zarten Flgeln schwirrte vergngt in
der Sonne daher, zwischen Grsern und Blumen, und endlich spannte sie
die Flgel und schwebte mit leisem Summen hinber in den Wald. Da
standen groe Nadelbume und reckten sich hoch in den Himmel, und es
duftete ganz wundervoll harzig, denn die Sonne schien hei hernieder.

Unsere kleine Fliege setzte sich an einen der mchtigen Stmme, um
auszuruhen. Sie putzte mit ihren Beinbrsten die Flgel und den runden
Kopf mit den roten Augen, denn alles war verstaubt, wie es bei einem
rechtschaffenen Wandersmann eben so ist.

Seht, da kroch langsam mit dnnen Beinen ein vermaledeiter Spinnerich
daher und dachte in seinem Sinn, da die kleine Fliege justament ein
artiger Braten zu Mittag wre. Er setzte vorsichtig ein Bein vor das
andere, was keine Kleinigkeit ist, wenn man acht Beine hat, und
krabbelte langsam am Baumstamm nher an das kleine Flugtier heran.

Der Spinnerich berlegte sich die ganze Geschichte sehr sorgfltig. Du
lieber Himmel, dachte er, viel ist nicht dran an der kleinen
Mademoiselle! Da gehen die grnen Flgel ab und die langen
Fhlerhrnchen, und es bleibt nicht viel, aber man mu Gott auch fr das
wenige dankbar sein. Wenn ich nicht ganz vorsichtig bin, erspht sie
mich mit ihren runden Kugelaugen und schwirrt ab, dann ist der Braten
dahin, und ich mu vielleicht hungrig schlafen gehen.

Die kleine Fliege war eitel wie alle Frauenzimmer. Sie brstete
unablssig ihre grnseidenen Schleierflgel und zupfte vorn und hinten,
beleckte und beschleckte sich wie ein Ktzchen und sah den bsen Feind
nicht, der mit List und Tcke nherzog.

Schon war er dicht heran -- da geschah etwas ganz Greuliches!

Die Mittagshitze lag drckend ber dem Walde, und die alten Bume
schwitzten in dicken Tropfen das Harz aus. Auf einmal fiel von droben
ein dicker Harztropfen, goldgelb in der Sonne funkelnd, nieder,
klatschte gegen den Stamm und begrub unter sich die Fliege und Spinne.

Da war es nun aus mit dem Putzen und mit dem Schmausen, Freund und Feind
waren eingeschlossen in der zhen gelben Trne des Baumes, zappelten
noch ein wenig hin und her, und dann waren sie tot.

Aber neues Harz tropfte von oben hernieder und auf das alte darauf, und
schlielich war es ein ganz dicker Batzen geworden, in dessen Innern die
beiden Tiere lagen wie in einem durchsichtigen Sarge.

Aber die Weltgeschichte geht ihren Gang ruhig weiter, und alles kommt,
wie es kommen mu. Jahrhunderte gingen hin und Jahrtausende. Viele neue
Sommer waren gekommen und viele Millionen neue Fliegen mit grnen
Flgeln und Spinneriche mit acht Beinen, und niemand dachte mehr an die
beiden, die vor langer Zeit da in dem Harztropfen begraben wurden, der
unansehnlich und dick an dem Stamm des alten Baumes hing, der lngst
vermodert im Waldboden ruhte.

Da geschah wieder einmal etwas Neues! Langsam hatte sich das Land
gesenkt, und die Wassermassen des Meeres da oben, wo heut die Ostsee
rauscht, kamen immer dichter an den alten Wald heran. Eines Tages hatten
sie ihn erreicht, und nun splten die Wellen zwischen den Stmmen,
entwurzelten sie, und der Wald mute sterben. Ein Baum nach dem anderen
sank in das nasse Wellengrab, in den Kronen des sterbenden Waldes
rauschte der Seewind wilde Gesnge, und die alten Stmme chzten und
sthnten, wenn sie niederstrzten in das Meer, das ihre Heimat
bersplte.

So kam es, da da, wo frher der Wald rauschte, nun die Ostsee rauscht.
Auch der alte vermoderte Baumstamm mit der dicken Harzperle versank in
den Fluten, das Meer wlzte Sand darber, und langsam verweste der Stamm
vollkommen. Nur die Harzperle blieb brig und war im Sande der See
begraben.

Und wieder gingen tausend Jahre hin. Da schnob ein mchtiger Sturm ber
die See, und die Wellen warfen Sand und Schlamm in wilder Wut an den
Strand. Seht, da ging ein armer Fischer mit seinem Jungen am Ufer hin
und her, der suchte das Harz, das hier vor Jahrtausenden die alten Bume
in dicken Tropfen in der Mittagshitze geweint hatten. _Bernstein_
nannten die Menschen dieses Harz, und sie machten allerlei Perlenketten
und Ohrhngerchen aus den gelben Tropfen, die das Alter zu Stein
verhrtet hatte.

Der kleine Junge stie mit seinen nackten Fen gegen ein dickes Ding im
Sande, hob es auf.

Sieh, Vater! rief er frhlich, da habe ich ein groes Stck gefunden,
das bringt wohl einen halben Taler.

Der Vater nahm das Bernsteinstck und reinigte es vom Sande, dann hielt
er es gegen das Licht.

Potztausend, Junge! rief er vergngt. Das nenne ich ein Glck am
frhen Morgen! Zwei Tierchen sind drin eingeschlossen in dem glsernen
Sarg, eine Fliege und eine Spinne. Das Stck kaufen die gelehrten Herren
drinnen in Greifswald wohl um ein Goldstck, denn zwei Tiere in einem
Bernsteintropfen, das ist eine Seltenheit.

Ja, die gelehrten Herren in Greifswald kauften den glsernen Sarg, und
endlich kam er an den alten Ulebuhle, und nun wollen wir ihn gemeinsam
betrachten. Seht, da liegen die beiden Tierchen noch so, wie sie der Tod
vor vielen Jahren berraschte. Die Jungfer Fliege, die da im hellen
Sonnenschein auf dem Stamm sa und ihr Rcklein putzte, der arge
Spinnerich, der auf der Jagd nach dem Mittagsbraten war. Man sieht noch
jedes Hrchen an ihnen und sieht noch, wie sie im Sterben die Beine
streckten. Man sieht, wie sie vergeblich in dem zhen Harzbrei
umherruderten, denn rings um die Beine sind lauter trbe kleine Ringel
und Kringel. Ja, da kann man die ganze Geschichte, die sich vor
zehntausend Jahren zugetragen hat, in allen Einzelheiten anschauen, als
ob man damals dabei gewesen, und sieht, da es damals schon niedliche
Fliegen und bse Spinneriche gab. Ja, die Welt ist uralt!




                             Gebrder Sturm


Das war ein bses Ungewitter! Der Sturmwind hatte sein ganzes Orchester
aufgeboten; er sauste und brauste, heulte und winselte, pfiff und
klirrte durch Stadt und Land und ber die Bergwlder. Auf den
Schornsteinrhren pfiff er wie auf Klarinetten, er harfte in den
Telegraphendrhten, rasselte mit den blanken Barbierbecken wie mit
Schellenbumen, klirrte mit den Fensterflgeln, die er auf und zu warf,
winselte an den Ritzen und Schlssellchern der Tren, raufte brausend
den Bumen den dichten Haarschopf des Bltterwerks und heulte um die
Dachgiebel und kreischenden Wetterfahnen. Er balgte sich mit groen
Papierfetzen, die er bald hoch emporwirbelte, bald am Boden
dahinschleifte, er kollerte den runden Hut des alten dicken
Gerichtsrates einen Kilometer weit fort, hielt ihn an und blies ihn
hohnlachend weiter, sobald sich der Herr Rat schnaufend bckte, bis er
ihn endlich mit einem khnen Wuppdich ins Wasser warf. Er drehte Tante
Juliens Regenschirm vollkommen um, so da es aussah, als wollte die gute
Tante zum Himmel hinauffliegen, und dem Registrator, der am Fenster
stand und darber lachte, warf er pltzlich einen Blumentopf durch die
Scheiben, und da lachte er nicht mehr.

Ja, so war es, und dazu kam der Regen, der den wilden Sausewind in all
seinen Schandtaten krftig untersttzte, und die beiden hatten es
fertiggebracht, da die Straen der Stadt wie ausgestorben waren und die
Kinder die Nasen gegen die Fensterscheiben drckten, um zu sehen, ob
denn der graue Himmel sich nicht endlich lichten wolle, denn mit dem
Herumtollen drauen war es nichts. -- Am Abend aber trippelten sie doch
mit flatternden Mnteln und wehenden Halstchern hinber zum alten Hause
des Doktor Ulebuhle, denn das war just das rechte Wetter, um eine gute
Geschichte zu hren, besonders wenn man eine Tasse sen Tee dazu
trinken konnte.

Der alte Ulebuhle hockte in Schlafrock und Filzschuhen in seinem noch
lteren Lehnstuhl, rauchte wie ein Postdampfer aus seiner langen Pfeife
und knurrte dann und wann, denn das Zipperlein plagte ihn bei solchem
Wetter und zwickte und zwackte in seinen alten Knochen.

Kinder, sagte er knurrig, das ist ein Tausend-Teufel-Wetter, und der
Sturm wirft mit Dachziegeln und Blumentpfen nach anstndigen Leuten. Da
sitzt es sich gut in der warmen Stube bei einem gemtlichen
Schnickschnack. Aber drauen in der weiten Welt geht es noch ganz anders
her mit dem Unwetter, und was ein richtiger Seemann und Wandergesell
ist, der ferne Lnder und Meere gesehen hat, der lacht ber die Mtze
voll Wind, vor der wir Stadtmenschen uns in unseren Hhlen verkriechen,
denn was so ein echter Sturm ist, das wissen wir gar nicht. Seht,
Kinder, es geht den Menschen so hnlich wie den Fischen in der
Meerestiefe. Die haben um sich und ber sich den Wasserozean, und wir
haben ber uns den Luftozean und leben auf seinem Grunde. Und wie der
Fisch auf dem Trockenen ersticken mu, so wir, wenn man uns aus dem
lufterfllten Raum herausnehmen wrde. Und wie im Meere gewaltige
Strmungen sind, so im Luftmeer. Die Sonne aber ist es, die diese
Luftstrmungen macht. Sind sie gering, so nennen wir sie Wind, und sind
sie stark, so heien sie Sturm. Die Sonne erhitzt die Luft in heien
Lndern, und dann wird sie leicht und steigt empor, und von allen Seiten
strmt dann die schwerere kalte Luft herbei, und so entstehen Wind und
Sturm. Wenn man in einem ganz schnell fahrenden Eisenbahnzug sitzt, dann
saust man in jeder Sekunde fnfundzwanzig Meter dahin, die Strme aber
rasen mitunter fnf- und sechsmal schneller ber die Erde, und dann
zerstren sie alles, was Menschen geschaffen haben, und sind gefhrliche
Bsewichter. Davon aber will ich euch heute etwas erzhlen. Rckt nher
herzu und spannt eure Lauscher weit auf, denn jetzt kommt die Geschichte
von den Strmen!

Die wilden Brder Sturm sahen sich das ganze Jahr nicht. In allen fnf
Weltteilen wirbelten sie umher und plagten die Menschen, aber an einem
ganz bestimmten Tage kamen sie zu einer Familiensitzung zusammen, und
dann war es ruhig in der Luft, kein Blttchen regte sich, und die
Matrosen auf den groen Segelschiffen, die weit herber fahren nach
Westindien, brannten sich behaglich die Tonpfeifen an und freuten sich,
da sie nicht viel zu tun hatten. Immer an diesem Tage im Jahre kamen
die Winde zusammen. Sie trafen sich auf dem Berge Demawend, tief unten
in Persien, der ber viertausend Meter hoch in den Himmel strebt. Da war
eine gewaltige Hhle tief in den Felsen eingegraben, um den die Wolken
zogen wie Vgel um den Kirchturm. Am frhen Morgen schon war der erste
der Gebrder Sturm erschienen. Es war der _Samum_ oder Sandsturm. Der
hatte es nicht weit. Er kam geradenwegs aus der heien Wste Afrikas,
der Sahara, und war quer ber das Mittellndische Meer geflogen. Die
Perser, die da drunten umherwanderten mit ihren groen Lammfellmtzen,
wunderten sich, wie warm es pltzlich wurde, denn der Samum brachte
einen ganzen Strom Sonnenglut aus seiner heien Heimat mit und
schttelte gelben Wstensand aus seinen mchtigen Schwingen, so da die
ganze Luft davon erfllt war und ihn die Perser zwischen den Zhnen
knirschen fhlten.

Wie der leibhaftige Teufel fuhrwerkte er in die Hhle des Demawend
hinein. Bei Allah! schrie er, welch eine Hundeklte ist hier oben.
Nicht zum Aushalten. Da lob' ich mir meine Wstensonne und den schnen
heien Sand, in dem sich Lwen und Schakale sonnen und die Schlangen
ihre Eier ausbrten. Welch ein elendes Loch das ist! Auerdem bin ich
wieder der Erste am Platze. Eh die anderen Kerle kommen, werde ich einen
schnen Schnupfen weg haben.

Darauf schlug er seine breiten Schwingen wie einen Mantel um sich,
kauerte verdrielich in der uersten Ecke nieder und trumte vor sich
hin.

Gegen Mittag rauschte und brauste es in der Hhe, als seien tausend
Teufel losgelassen. Die Wolken jagten Sturmvgeln gleich von dannen, der
Regen prasselte wie ein Trommelwirbel, der Donner rollte wie
Geschtzfeuer von hundert Kanonen durch die Berge, und der flammende
Strahl des Blitzes zuckte blendend von den Wolken zur Erde. Inmitten
eines grauslichen Hagelschauers kam der zweite der Brder angefegt, der
_Orkan_ oder Gewittersturm.

Lachend und Regen und Hagel wie einen Giebach von seinen bleigrauen
Flgeln schttelnd, tobte er in die Hhle hinein. Pfui Teufel,
schnauzte er, was fr eine vermaledeite staubige Luft ist hier drinnen.
Beim Vater aller Meere, da wird einem ja die Kehle trocken!

Da erkannte er endlich den Samum in seiner dunklen Ecke. Er strmte auf
ihn zu. Bruderherz, schrie er mit donnerndem Lachen, da bist du ja,
altes Wstensandfa! Zum Millionen-Donnerwetter, daher die Stickluft!
Aber es macht nichts, sei mir gegrt, Sohn der Sonne!

Bei Allah und den Propheten, bleib' mir vom Leibe, zischte der Samum,
welch ein Betragen! Dieses Gepauke und Geblitze, diese Flut von Wasser.
Es ist grlich. Du riechst nach Fischen und Teer! Bleib' mir vom Leibe,
du weit, ich kann die Nsse nicht vertragen. Das nchste Mal werden wir
uns bei mir im Lande treffen, damit du erst einmal trocken wirst.

Der Orkan lachte gutmtig. Du bist noch immer der alte Ofenhocker, mein
Junge, sagte er, die ganze Bude hier ist voll Wstensand, und man
sieht nachher wieder aus wie ein Mehlsack, wenn man ins Freie kommt!

So nrgelten sie noch eine ganze Weile miteinander, bis ein immer
strker werdendes Gerusch ihnen die Ankunft des dritten Bruders
anzeigte. Der kam nher und nher, und erschreckt flohen die Menschen
drunten in ihre Huser. Es brllte in der Luft und rauschte, als wlze
sich ein ganzer Ozean heran. Der Himmel war nach Osten zu schwefelgelb,
und von Westen her kam eine ungeheure schwarze Wand herangebraust, aus
der ein Wolkentrichter bis auf die Erde reichte. Dieser Trichter drehte
sich mit rasender Geschwindigkeit, und er saugte alles in sich hinein,
ber das er hinwegzog, Sand und Kruter, Dachziegel und Wasserpftzen,
und was nicht mitging, das brach er krachend ab, so da die Bume unter
ihm zusammenknickten wie Zndhlzer. Der _Tornado_ oder Wirbelsturm war
es, der verheerend daherkam. Nun aber hatte er die Hhle erreicht, und
wie aus der Kanone geschossen, fuhrwerkte er hinein.

Sein Ungestm war derart, da der Samum aus seiner Ecke fortgeweht wurde
und heulend bis an die Decke der Hhle flog. Den Orkan aber drehte es
wie einen Kreisel rundum und kollerte ihn in einen Winkel.

Himmelhund! fluchte er, das sind wohl amerikanische
Ringkmpfermanieren! La das, zum Teufel!

Der Samum heulte wie ein Schakal vor Wut und spie eine wahre Flut
arabischer Schimpfworte gegen den groben Bruder. Der aber lachte in
tiefem Ba wie ein Br aus vollem Halse und schrie ein ber das andere
Mal:

_Good day, my dear brothers!_[6] Denn er war ein echter Amerikaner und
kam eben aus Kalifornien herber.

Seine Brder aber schimpften noch lange mit ihm herum, und es war ein
Hllenspektakel in der Hhle. Der Tornado aber machte sich nicht viel
daraus, rauchte sich eine kurze Stummelpfeife an und schnitzte zum
Zeitvertreib mit seinem Taschenmesser aus einem Eichenstamm, der sich
zwischen seinen Flgeln festgeklemmt hatte, Zahnstocher.

Gegen Mittag, wo es sonst schn warm war im Perserlande, khlte es sich
pltzlich stark ab. Es wurde klter und klter, die Sonne verschwand,
und hoch droben bildeten sich niedliche Federwlkchen, die aus lauter
Eisnadeln bestehen. Dann aber fing es in der Hhe an zu schneien, erst
langsam, dann immer strker, und endlich kam mit einem eisigen Winde,
der das Blut in den Adern gefrieren machte, ein undurchdringliches
Schneetreiben, so da man keine fnf Schritte weit sehen konnte. Aus
weiter Ferne kam der vierte Bruder daher, der _Blizzard_ oder
Schneesturm.

Er war der lteste der Gebrder Sturm. Wei waren Haar und Bart, lange
Eiszapfen hingen daran herunter, flimmernde Schneemassen bedeckten seine
Flgel, und Eisklumpen hingen an den Fen. Wo sein Atem hinkam,
erstarrte alles Leben. Gemchlich trat er schnaufend in die Hhle.

Seid mir gegrt, Brder, in der Hhle des Demawend! sagte er und
schttelte den Schnee von seinem Krper.

Die Hhle war urpltzlich mit eisiger Klte gefllt, und sofort jammerte
der Samum wieder los: Beim Barte des Propheten, du hast hier noch
gefehlt! Welch eine entsetzliche Klte. Ich komme um! Damit kroch er in
eine Felsspalte, um sich nach Mglichkeit vor dem erstarrenden Hauch
seines Bruders zu schtzen. Auch der Orkan brummte ber den Eisbren,
denn sofort gefror das Regenwasser, das noch von seinen Flgeln tropfte.

Meine Brder, sagte der Blizzard, lat uns nicht miteinander hadern!
Wir sehen uns das ganze Jahr nur einmal und mssen unsere Eigenheiten
ertragen. Die trockene Hitze und den Sand des Samum, das Donnerwetter
und die Regengsse des Orkan, das alles zerbrechende Ungestm des
Tornado und meine Klte- und Schneemassen, das alles ist den anderen
Brdern unangenehm, aber wir haben eben jeder ein anderes Handwerk und
leben in verschiedenen Lndern, und so mssen wir aufeinander Rcksicht
nehmen. Lat also den Streit. Wir haben wichtigeres vor. Ihr wit, da
ich als der lteste von uns Vieren am Neujahrstage dem alten Wettergott
ber unser Tun und Lassen Bericht erstatten mu. Es sind wieder bittere
Klagen ber uns eingelaufen. Die Menschen haben sich bei Petrus ber
alle mglichen Zerstrungen beschwert; Neptun, der Beherrscher der
Meere, war sehr wtend auf uns, und Flora und Fauna, die Beschtzerinnen
der Pflanzen- und Tierwelt, klagen ber Verwstungen der Gebrder Sturm
in allen Zonen. Ich sehe schon, es wird ein ganzer Sack voll
Anschuldigungen gegen uns einlaufen, und wir mssen sehen, wie wir's am
besten wieder ins reine bringen. Vor allem aber berichtet nun ber eure
schlimmen Taten, denn es ist besser, ich wei Bescheid und kann gleich
meine Entschuldigungen vorbringen!

Den Menschen kann man es nie recht machen, brummte der Orkan. Schlft
man oder blst man zu wenig, so klagen sie, da das Korn nicht wchst
und die Bume keine Frchte tragen und die Segelschiffe nicht vorwrts
kommen und die Windmhlen stillstehen. Tut man mal einen ordentlichen
Schnaufer, so ist es ihnen auch nicht recht. Da sollen sie sich halt das
Wetter selber machen!

Ja, so ist es, sagte der Tornado. Die Menschen sind undankbar, und
Flora ist eine zimperliche Jungfer, die ber jedes abgeknickte Bumchen
anfngt zu greinen!

Macht euch nicht besser als ihr seid, ihr wilden Burschen, entgegnete
der Blizzard. Mir macht ihr nichts vor! Als ich noch jung war, trieb
ich's ebenso. Aber nun wollen wir nicht unntig Zeit verlieren!
Berichtet eure Schandtaten!

Da hockten die vier Winde in der Mitte der Hhle des Demawend nieder,
und der Jngste von ihnen, der Samum, hub an zu erzhlen:

Eines Tages ging nicht alles wie es sollte, und die Menschen hatten da
wohl recht, ber mich zu klagen, aber es geschah nicht mit Absicht. Ich
lag auf dem Berge Mogodom, in der Oase Kauar, und schlief. Unter mir
dehnte sich weit in die Ferne das mchtige Sandmeer der Wste Sahara.
Die Sonne brannte unbarmherzig nieder. Die Steine waren so hei, da sie
die Grser versengten. Schlangen und Krokodile lagen trge und mit
offenen Mulern da, und ein alter Lwe, den die Hitze aus dem heien
Sande vertrieben, trumte neben mir im Schatten eines drren
Dattelbaumes. Der stinkende grne Tmpel der Oase, in dem die Krokodile
faulenzten, dampfte vor Hitze. Es war totenstill ringsum.

Am Nachmittag, als die Sonne sich senkte, wachte ich auf. Der Lwe neben
mir, die Schlangen im Sande, die Krokodile im Tmpel schliefen noch
immer, und es war furchtbar langweilig. Da sah ich weit in der Ferne
eine Kette dunkler Punkte ganz langsam im heien Wstensande
dahinschleichen, und die Neugierde trieb mich, zu sehen, was es sei.
Zudem war es auch Zeit, an die Arbeit zu gehen. Es war seit Wochen
glhhei und trocken, alles verdorrte. Ich mute ein wenig mit dem
groen Quirl im Luftmeer herumrhren, vom Meere her Feuchtigkeit
herzutragen, vielleicht da es mir gelang, einen Regen zusammenzubrauen.
Da erhob ich mich denn gegen Abend, breitete die Flgel aus und
schwirrte davon, der Kette von Punkten zu, die noch immer in der Ferne
langsam dahinkroch.

Gewaltige Massen glhendheien Staubes und Sandes rissen meine Schwingen
mit. Die ganze Luft war davon erfllt, so da der Himmel tiefgelb
erschien und die Sonne einen rostroten Schein annahm. Alle Tiere krochen
in ihre Hhlen, und als ich nun jener Punktreihe nher kam, sah ich, da
es eine Karawane von Kaufleuten war; zehn Kamele fhrten sie mit sich,
und nebenher ritten Beduinen in weien Mnteln. Als sie mich in der
Ferne in meinem rotgelben Staubschleier dahinstrmen sahen, warfen sie
sich nieder in den Wstensand, der unabsehbar, in lauter Wellen sich
trmte, bis fern am Horizont. Die Kamele drngten aneinander und lieen
sich nieder auf die Knie, und zwischen ihnen lagen die Menschen, das
Gesicht zum Erdboden gewendet. Ich aber brauste ber sie dahin wohl drei
Stunden lang, dem Meere zu, und achtete ihrer nicht. Htte ich gewut,
da der glhendheie Atem sie ausdrrte, da der unaufhrlich auf sie
niederrieselnde feine Sand sie begrub, ich htte einen anderen Weg
genommen. Wer kann wissen, da die Menschen so empfindlich sind, und
weshalb wagen sie sich in das Sandmeer, wenn sie so leicht darin
zugrunde gehen!

Ich aber schwirrte weiter und weiter, ber die tripolitanischen Berge,
ber Tunis und die immergrne Oase Biskra, ber die weien Huserreihen
der Stadt Constantine, und berall, wo die Menschen mich kommen sahen,
wo mein Staubmantel die Sonne rostbraun frbte, das Klingen und Singen
der Milliarden wirbelnder Sandkrnchen in der Luft Botschaft brachte vom
Wstensohne Samum, da eilten sie erschreckt in die Htten und Huser.

Bei Sonnenuntergang stand ich am Ufer des Mittellndischen Meeres. Der
Staub war meinen Flgeln entglitten, und ich war mde. Ich war an der
Grenze meines Reiches und meiner Macht. Ich verschnaufte ein wenig und
kehrte um. Der Mond stand schon am Himmel, und bleich lag das Sandmeer
der Wste vor mir, als ich wieder jene Stelle kreuzte, an der ich der
Karawane begegnet war. Ein verwehter Hgel nur war erkennbar, aus dem
die Gebeine der schwer beladenen Kamele herausschauten und da und dort
das Gesicht eines Menschen starr und grnlich im Mondenschimmer
leuchtete.

Der Samum schwieg.

Da hast du etwas Schnes angerichtet, Lausbub, sagte der alte Blizzard
und strich den vereisten Bart. Man hrt selten etwas Gutes von dir.
berall in der Sandwste bleichen die Gebeine von Menschen und Tieren,
die dein heier Atem erstickt hat, die du lebend im heien Sande
begrubst. Am besten wre es, der Wettergott gerbte dir tchtig das
Fell!

Da zog sich der Samum gekrnkt in eine Felsenspalte zurck und murmelte
unverstndliche arabische Flche vor sich hin. Dann aber nahm sein
Bruder, der Orkan, das Wort.

Ich, sagte er, habe das ganze Jahr hindurch meine Plage. Bruder Samum
haust in wenig bewohnten Gegenden, und bei ihm geht es das ganze Jahr
gleichmig zu. Er ist ein Faulenzer. Ich aber habe alle Hnde voll zu
tun, und in meinem Reich sind groe Wlder und Felder und Stdte und
Meere mit vielen Schiffen. Blas' ich zu wenig, la ich's nicht genug
regnen, dann ist die Ernte schlecht. Dreh' ich den Wasserhahn mal
ordentlich auf und schnaufe mal so recht aus voller Brust und blitze und
donnere, dann geht wieder alles zum Teufel auf den Feldern, und die
Bauern laufen gleich in die Kirche und beschweren sich beim
Himmelsvater. Am schlimmsten aber sind die Schiffer! Da fahren sie mit
ihren Nuschalen auf dem groen Weltenmeer herum, und wenn man sie mal
mit dem Frackscho streift, gleich ist das Unglck fertig! Das tollste
ist mir im Frhjahr passiert. Ich sa gemchlich ein paar Wochen im
Riesengebirge und spielte mit dem alten Rbezahl Karten. Auf einmal
kommen ganze Ste Beschwerdebriefe, wo denn der Wind bliebe, und der
Regen. Die Baumblte sei in ganz Europa, aber der Wind fehle, der den
feinen Bltenstaub von Blume zu Blume trage und sie befruchte, damit der
Herbst auch pfel und Birnen und Kirschen bringe. Zudem sei es
staubtrocken in Grten und Ackern.

Herrgott, sage ich zum alten Rbezahl, ich mu schleunigst fort. Er
schimpft wie ein Starmatz, denn er hat gerade alle vier Asse in der
Hand, ich aber werfe die Karten hin und huiii hinaus, ber die Berge,
und hinein ins Land.

Anfangs lie ich mir noch etwas Zeit, ich fuhr fnfzig Kilometer in der
Stunde; als ich dann aber unten einen Schnellzug sah, der mich
berholte, da breitete ich die Schwingen und legte gewaltig zu, so da
der Schnellzug bald weit hinter mir zurckblieb. Und als ich so ber
Deutschland dahinschwebte, da sah ich denn, da die Frau Sonne mal
wieder eine Seite im Kalender berblttert und viel zu stark eingeheizt
hatte fr die Jahreszeit. Die jungen Bumchen lieen in ihrem Durst die
Ohren hngen, und die Blumen sahen bla und krnklich aus. Da trieb ich
mir dann den Wasserdunst, der reichlich aus Meeren, Seen und Flssen
aufstieg, zusammen, trieb ihn empor, khlte ihn ab und schuf die
schnste, graublau und wei gemusterte Wolkendecke, so da die Sonne
ihre Strahlenpfeile nicht mehr herniedersenden konnte auf die
verschmachtende Erde. Und dann lie ich es so ganz langsam und bedchtig
trippeln und trpfeln.

Unten, in den Drfern, standen Bauer Jochen und Krischan Psel, nahmen
die Piepe aus dem Munde, nickten bedchtig mit dem Kopfe und sagten:
Man tau! Dat is hchste Tid! In der Stadt schimpften natrlich wieder
ein paar vornehme Damen, da ich die Spitzenkleider und die neuen
Sommerhte ruiniere. Auch eine Schar Kinder, die mit Lehrer Meier einen
Schulausflug machte, erhub ein zorniges Geschrei. Sie streckten die
Zungen heraus, zu den Wolken empor und sagten: Sechs Wochen war
Sonnenschein; heut natrlich giet es Feuereimer!

Bauer Jochen und Krischan Psel aber standen noch immer da unten,
pafften ihren Kanaster, spuckten links und spuckten rechts und sagten:
Dat is vr de Katz! Man en beten dller!

Kann man's den Menschen recht machen? Da wurde ich rgerlich, drehte
alle Schleusen auf und lie es gieen wie am Sintfluttage. Und dann
kramte ich die alte Donnerbchse raus und die Hageltrommel und
musizierte ein Gewitter, da es eine Lust war. Die Menschen in den
Stdten rannten wie besessen, als ich so daherpfiff. Tante Jules
falscher Zopf, Lehrer Meiers neuer Hut und die zum Fenster
herausgeflogenen Gardinen der Frau Wirklichen Geheimen Staatsrtin
wirbelten mitten auf dem Schillerplatz einen steirischen Dreher, und
alle Regenschirme schnappten ber vor Vergngen. Der Volksgartenwirt,
der so dick war wie ein Weinfa, war puterrot vor Zorn. Herr des
Himmels, schrie er, wer wird nun heut' abend kommen, mein schon etwas
saures Bier und die schon nicht mehr frischen Hammelbraten essen? Ich
bin ein geschlagener Mann! Die Droschkenkutscher und Schirmflicker aber
jubelten: Immer feste! Das gibt Geld in den Beutel!

Wem kann man's recht machen?

Whrend ich so ber das Festland dahinzog, ber Oder und Elbe, ber
Weser und Rhein und die Wlder erfrischte, die Saaten trnkte, die heie
Stickluft aus den Stdten jagte, hatte ich aber nicht genug acht auf die
See. Kann man seine Augen berall haben, gleichzeitig Obacht geben auf
den falschen Zopf der Tante Jule, die Birnbume in Jochens Garten und
den Frachtdampfer >Nordstern<, der da von Schweden nach England
unterwegs ist und sich den Klippen nhert? -- Ich brauste dahin mit
Blitz und Donner, die Sonne war schon untergegangen, die blaugrauen
Wolkenmassen hingen tief hernieder, man sah keine tausend Meter weit.
Den Menschen auf ihrem Schifflein wurde es unheimlich. Meine grellen
Blitze schienen Himmel und Erde in Brand zu setzen, der Donner rollte
und grollte zwischen den Wolkenwnden wie die zrnende Stimme des Herrn
der Welt. Ich peitschte die graugrnschillernden, sich berschlagenden
Wogen, die mit wildem Trotz, mit weien Huptern gegen mich ankmpften,
und brauste ber die weite Wasserflche, doppelt so schnell als die
schnellsten Kriegsschiffe der Menschen. Ich pfiff und heulte mein
Kampflied gegen das alte, widerspenstige Meer und brachte es in Wut und
Aufruhr, und zu spt erst entdeckte ich pltzlich in der Ferne die roten
und grnen Signallaternen des >Nordstern<. Der arbeitete mit aller Macht
seiner Maschinen gegen mich an. Aus seinen Schornsteinen quoll wie
Schafwolle der dicke schwarzbraune Qualm. Zuweilen hob eine Riesenwelle
das Hinterteil des Schiffes weit aus dem Wasser, und die Flgel der
blanken Schiffsschrauben rasselten dann in der Luft, da man glauben
konnte, das ganze niedliche Spielzeug wrde zerbersten wie die Spieluhr
eines Knaben, die von hoher Felsenwand in eine wilde Felsschlucht
strzt.

Die kleinen Menschlein waren wacker und mutig und arbeiteten aus
Leibeskrften, und man mute alle Hochachtung vor ihnen haben. Gern wre
ich ihnen zu Hilfe gekommen, aber es war zu spt! Das Schiff wurde mit
voller Wucht gegen eine Felsenklippe geworfen, nahe der englischen
Kste. Es zersplitterte, lief voll Wasser, kippte auf die Seite. Die
Menschlein wurden fortgesplt wie Zndhlzchen. Einige wurden auf die
Klippen geworfen und kamen wohl mit dem Leben davon, die meisten aber
versanken lautlos im tiefen Meer. -- Ich bemitleidete sie, aber ich
konnte ihnen nicht helfen. Es ist das Unglck der kleinen, schwachen
Geschpfe, da sie sich mit ihren niedlichen Spielsachen mitten
hineinwagen in den Kampf der Elemente!

Der Orkan schwieg, und sein alter Bruder, der Blizzard, wiegte
nachdenklich das Haupt.

Es sind in jener Sturmnacht noch sehr viele Schiffe und Fischerboote
untergegangen, und auch Flora betrauert schweren Schaden, den dein
Ungestm, vor allem die Hagelwetter in Feld und Garten angerichtet
haben. Du wolltest es sicher gut machen und hast auch Drre und Hitze
vortrefflich bekmpft, aber dein wildes Balgen mit dem Meer, mit Neptun,
unserem alten Widersacher, hat dich verfhrt, Rcksichten gegen die
Menschen fallen zu lassen, und das war unrecht. Aber wir sind alle
Snder, und so ziemt es mir nicht, zu richten.

Zu spt erst, verteidigte sich der Orkan, bemerkte ich sie, denn mein
Auge hing ber halb Europa und dem ganzen Nordmeer. Aber ebensowenig wie
die Menschen ihre Eisenbahnzge noch eine Minute vor dem Zusammensto
aus voller Fahrt zum Stillstand bringen knnen, kann ich der ungeheuren
Kraft gebieten, im Augenblick zu verwehen wie ein Nichts. Auch der
Mensch mu vorsichtiger sein!

Pltzlich sprang der Amerikaner auf, der Tornado oder Wirbelsturm. Er
lachte aus vollem Halse, da es drhnte, und tanzte einen richtigen
Niggertanz. Dann pflanzte er sich breitspurig vor dem Orkan auf und
sagte: _Old boy_, du bist der richtige europische Kleinstdter. Ihr
fangt an zu weinen wie eine zimperliche Jungfer, wenn ihr irgendwo ein
paar Fensterscheiben eingeschlagen habt oder ein alter Frachtkahn
ersoffen ist. _By Jove!_ Wenn die Ameisen sich ausgerechnet da anbauen,
wo die Elefanten spazieren zu gehen pflegen, so drfen sie sich nicht
wundern, wenn sie da eines Tages ums Leben kommen! Wo geholzt wird, da
fallen Spne! Wir in Amerika denken anders darber, und wenn ich einmal
meinen wilden Tag habe, so kmmere ich mich den Teufel um die Menschlein
und ihre Werke!

Du bist allenthalben als ein bler Bursche bekannt und bringst uns alle
in Verruf, alter Freund, sagte mibilligend der Blizzard. Es nimmt
noch einmal ein schlimmes Ende mit dir!

Nur nicht so selbstgerecht, alter Grislybr! Wo du hausest, da haben
die Menschen auch keinen Grund Halleluja zu singen!

Macht, da ihr zu Ende kommt, schimpfte der Samum, ich habe Sehnsucht
nach der Sonne Afrikas!

Hrt mich an, _old boys_! -- Die Menschen sind ein widerspenstiges und
freches Gezcht, besonders da drben bei mir in den Staaten! Da rhmen
sie sich, die Naturkrfte besiegt zu haben, Meister der Welt zu sein,
diese Knirpse mit ihren Kartenhusern, ihren blinkeblanken Spielsachen,
die auf dem Meere fahren, auf eisernen dnnen Bndern bis hoch in die
Berge hineinklettern mit ihren piepsenden und pfauchenden Wasserkochern.
Da spannen sie ihre kupfernen Spinnfden hinaus in alle Lande, und in
letzter Zeit werden sie immer dreister und fahren hoch oben in den
Wolken mit mchtigen aufgeblasenen Wrsten und schnurrenden Spindeln
umher. Zudem schieen sie mit knstlichem Blitz und Donner Eisenstcke
in die Luft. Sollen wir uns all das von diesen Ameisen gefallen lassen
und gar noch Rcksicht darauf nehmen? Sie sind unsere Feinde, unsere
Sklaven, und dabei wollen sie _uns_, die Riesen, zu Sklaven machen. Tut,
was ihr wollt! Ich fr mein Teil werde diese Zwerge bekmpfen, wenn sie
meine Kreise stren!

Alter Bursche, du hast ihnen neulich nicht schlecht zugesetzt, als du
durch ganz Mittelamerika fuhrwerktest. Alle Zeitungen, selbst in Europa,
waren voll von den Verheerungen des Wirbelsturmes! Nun beichte, wie das
war!

Gut, Bruder Orkan, das will ich tun, und dann wirst du nicht mehr
weinen wegen der paar Blumentpfe, die du hier in deinem alten
gemtlichen Europa auf die Strae geworfen hast. -- Ihr wit, ich mache
es nicht wie ihr, ich _blase_ nicht, sondern da, wo ich am strksten
wirken will, da _sauge_ ich! Wie ein ungeheurer Elefantenrssel hngt
mein saugender, stndig wirbelnder Wolkentrichter aus der Hhe nieder,
und alles, was ihm in den Weg kommt, das saugt er schlrfend ein, reit
er hoch empor, um es irgendwo wieder krachend niederzuwerfen. Was aber
nicht gutwillig mitgeht, das zerbricht meine eiserne Gewalt. Nur schmal
ist das Gebiet meiner Macht, aber dort bin ich auch ein unerbittlicher
Herrscher, der Menschenwerk nicht schont. Die Spur meines Weges ist
sichtbar wie die einer Sense, die eine tiefe, kahle Furche durch das
Kornfeld zog.

Von den Hhen des Felsengebirges, im gesegneten Lande Colorado brach ich
auf. Von Gipfeln, die im ewigen Schnee wie Silber glnzen, stieg ich an
einem heien Maitage nieder. Langsam zunchst schraubte ich mich durch
die Felsentler. Hinter mir war der Himmel wie eine Mauer, blauschwarz
und drohend. Die wilden Bergmassen des Felsengebirges boten mir trotzig
die Stirne, suchten meine Wucht zu brechen. Aber meine Kraft wuchs von
Minute zu Minute. Mit der vierfachen Geschwindigkeit eines Schnellzuges
rannte ich gegen die steinernen Wnde. Jahrhunderte alte Bume, dick wie
Tempelsulen, zersplitterte mein Zorn. Ein Eisenbahnzug, aus der
Kansasebene emporkeuchend zu den Felsen, kam mir in den Weg. Er fauchte
an steiler Wand mit seinen zwei Riesenlokomotiven immer weiter bergan,
unter sich Abgrnde mit rauschenden Bergwassern, die ber gefallene
Riesenbume hinwegtobten, die schon zu Zeiten hier lagen, als die
Menschen noch keine Eisenbahnen kannten. Ich rannte gegen das rollende
Spielzeug an, so da es zu strzen drohte. Es kreischte wild auf. Die
Bergmassen warfen seinen Schrei tausendfach wieder, aber er ging unter
in dem Drhnen und Brausen der Luftmassen, die ich durch die
Felsenschluchten schleuderte. Ich duckte mich nieder zu neuem Sprunge,
rannte aufs neue gegen die rollende Schlange. Die Fenster der Wagen
zersplitterten. Da und dort flog ein Wagendach ab und segelte wie ein
Fetzen Papier zur Tiefe. Dann trat der Zug in einen Tunnel ein. Er
hielt! Er gab den Kampf mit mir auf. Nur die letzten Wagen der Schlange
schauten noch aus dem dunklen Felsenloch hervor. Ich hatte nicht Zeit,
ich mute weiter, aber noch einmal sprang ich ihn an. Fnfmal schneller
als ein Schnellzug warf ich meine breiten Flgel gegen das
Menschenspielwerk. Meine Kraft war so stark, da ich auf jeden
Quadratmeter mit einer Wucht von fnfzehn Zentnern drckte. -- Rasselnd
wankten die beiden letzten Wagen des Zuges, vollgefllt mit Gepck und
Post. Sie strzten, die eisernen Verbindungen rissen, sie kollerten von
dem glnzenden Schienenstrang herunter, ber die Felsenwand hinweg in
die finstere Schlucht. Wie Zndholzschachteln sah ich sie tief unten
verschwinden.

Felsblcke schleuderte ich hinterher und haushohe Tannen. Dann hatte ich
den Rand des Gebirges erreicht und stieg nieder in die Ebene. Dster und
drohend stand mein blauschwarzes Wolkenheer ringsum und machte den Tag
zur Nacht. Wie einen Elefantenrssel steckte ich meinen dunklen, alles
zerbrechenden, alles aufsaugenden, sich stndig in wildem Wirbel
drehenden Lufttrichter nieder zur Erde. Vor mir lagen die groen
Viehweiden von Texas. Bffelherden flohen vor meinem alles ergreifenden
Arm, verwegene Reiter auf schnellen Pferden jagten ber die Grassteppen,
um mir zu entkommen. Hier aber konnte ich mit voller Kraft, ungehindert
durch Felsenwnde, dahinschwirren. Ein Wldchen stellte sich mir
entgegen, ich knickte es wie ein Elefant die Grser, die seinen Lauf
hemmen wollen. Ich schraubte mit meinem Rssel hundertjhrige Bume hoch
in die Luft, trug sie mit mir, warf sie wie Besen mitten in die
enteilenden Viehherden hinein. Ein Rancho stand da drunten, ein
hlzernes, einstckiges Landhaus mit Garten darum. In ihm wohnten die
Besitzer der Viehherden und ihre Leute. Ich nahm eine Tanne, warf sie
wie einen Speer durch die Bretterwand. Die kleinen Menschlein, die sich
immer rhmen, da sie die Naturkrfte beherrschen, lagen bla und
zitternd am Boden. Da wandelte mich die Lust an, ihnen zu zeigen, da
die Naturkrfte noch immer Selbstherrscher sind auf Erden. Ich rttelte
und schttelte ihr Wohnkstchen wie eine Maikferschachtel, ri es mit
einem ganzen Stck Gartenboden ab, mein saugender Rssel fate es, hob
es empor und setzte es einige hundert Meter weiter in einem Wldchen
wieder nieder, wobei allerdings die ganze Sache ein wenig durcheinander
kam[7]. Ich tat es so sanft wie mglich, denn es lag mir nicht daran,
die Menschlein in der Holzkiste zu tten, sondern ihnen eine Lehre zu
geben. Ich glaube, sie haben sich doch etwas gewundert, die klugen
Ameisen!

Allah ist gro, und seine Werke rhmen Himmel und Erde! sagte der
Samum. Der Bruder aus Amerika kann Mrchen erzhlen wie ein Derwisch!
Ein ganzes Haus durch die Luft tragen, das ist mehr, als die Propheten
verknden!

Tausend Donner! schrie der Tornado, was sagt diese vertrocknete
Wstenmumie? Er hlt meinen Bericht fr Humbug!! _By Jove_, da soll doch
gleich ...

Nur Ruhe! beschwichtigte der Blizzard, was uns der verwegene Bursche
hier erzhlt, ist leider alles richtig! Alle Zeitungen der Menschen
haben alles Unheil, was er damals anrichtete, genau notiert, und die
Gelehrten haben dicke Bcher darber geschrieben. Sie nennen jene Taten
den Wirbelsturm von Galveston.

Ja, _old boys_! Galveston! Das war es! Das ist die groe Stadt am Ufer
der mexikanischen Seen, ber die ich hinfuhr, als die Wlder und Weiden
von Texas hinter mir lagen. Ein Wagen mit einem Ochsengespann kam mir
entgegen. Ich hob die ganze zappelnde Gesellschaft empor und trug sie
von dannen. Gleich am Eingang der Stadt stand wieder so ein niedliches
Spielzeug der Menschen, ein Haus mit vielen schnurrenden Rdern drin,
die alle getrieben wurden durch einen Kessel, in dem Wasser kochte.
Unter dem Kessel war Feuer, und ein hoher steinerner Turm stand drauen,
der qualmte wie eine Pfeife. Ich gab ihm einen Rippensto, da fiel er
um, brach das Genick. Dann ri ich den Wasserkessel aus der Wand und
legte ihn drauen auf die Wiese. Dann erst ging ich in die Stadt und
habe da noch manchen kleinen Scherz vollfhrt. Ein groer Platz war da
inmitten der Huser, und auf dem Platz stand ein mchtiges eisernes Ding
mit hellen Lichtern daran, die den Platz beleuchteten. Ich habe mir
redliche Mhe gegeben, dem alten eisernen Burschen zu einer Luftfahrt zu
verhelfen, aber sie hatten ihn an schweren Steinplatten tief in den
Boden eingeschraubt. Da er absolut nicht mitwollte, ergriff ich seine
eiserne Sule mit meinem Rssel und drehte sie sechsmal um und um, so
da ein Korkenzieher daraus wurde. Er steht noch so da. Die Menschen
bewahren ihn als Andenken an meinen Einzug in die Stadt. Kandelaber
heit der verdrehte eiserne Kerl! -- -- Ich hob Tren und Fenster aus,
deckte Dcher ab, zerri tausend kupferne Spinnfden, die die Leute
berall auf den Dchern ausgespannt hatten, und spielte im Hafen, wo
viele Schiffe lagen, zum Tanz auf, bis sie der Teufel geholt hatte.

Weit drauen auf See kam ich erst wieder etwas zur Ruhe, und gegen Abend
schlief ich ein! Tausend Donner, es war ein arbeitsreicher Tag!

Die Brder Sturm schwiegen! Die Heldentaten des Amerikaners waren doch
etwas zu stark. Sie erkannten, da es ein gefhrlicher Bursche war, und
hteten sich, mit ihm in Streit zu kommen. Nur der alte Blizzard
ergnzte seine Erzhlung und sagte: Du hast vergessen zu sagen, da
deine Heldentaten bei Galveston fnftausend Menschen das Leben
kosteten.

_By Jove_, war es so? Ich habe sie nicht gezhlt! Aber in ihren Kriegen
bringen sie sich ja selbst zu Millionen um. Mit Absicht tat ich es
nicht. Ich blies einmal die Erde rein von allen faulenden Dften und
ttete ungezhlte Mengen von schdlichen Insekten und Bazillen, und das
war fr die Menschen auch etwas wert, denn es schtzte sie vor
Krankheiten und gab ihnen eine gute Ernte. -- Nun aber erzhle du, alter
Eisbart, der du immer nur andere auszankst, damit auch wir dir die
Wahrheit geigen knnen!

Der Blizzard strich seinen langen, vereisten Bart, rusperte sich und
begann: Ich bin alt und grmlich geworden. Mir fehlt die Glut des
Samums, die Frische des Orkans, die Kraft des Tornados. Ich trage ein
Totenkleid und breite es, wo ich wandle, ber die Erde. In blendendes
Wei hlle ich die Welt, und ber Nacht verwandle ich die bunten Bilder,
die der Maler Herbst mit vieler Mhe hinzaubert, in Schwarz-Wei-Kunst.
Ich bin friedlich, und doch mu auch ich Menschen und Tieren und
Pflanzen weh tun! >Der weie Tod< nennen sie mich.

An einem Novembertage zog ich, als es mir auf den Hhen zu kalt wurde,
schwer bepackt mit ungeheuren Schneewuchten durch Britisch-Kolumbien
nieder zur Ebene. Als ich meine Schwingen ausbreitete, war der Himmel
den Menschen verfinstert in eintnigem Grau, und am hellen Tage konnte
man keine hundert Schritte weit sehen. berall brannten die Menschen
ihre Lichter an. Ich schttelte meinen grauen Wolkenmantel, und ein
Flockengestiebe begann, wie es die ltesten Leute der Gegend sich nicht
zu erinnern wuten. In wenigen Minuten war die weite Welt in meine
glitzernden Schleier von kristallenen Sternen eingehllt. Der Schnee
fiel so dicht, so schnell und schwer, da niemand mehr Weg und Steg
fand, meterhoch alles verweht war. Er fiel so dicht, da es schien, als
hllte sich die Erde in eine weie Dampfwolke. Niemand sah mehr etwas!
Er sah den Baum nicht, der dicht vor seinen Augen stand, das Haus nicht,
gegen das er im nchsten Augenblick anrannte.

Ein Viertelstndchen nur, und die Welt war nicht mehr wieder zu
erkennen; kein Mensch konnte mehr laufen, kein Wagen mehr fahren.
Unbersteigbare Schneemauern wehte ich zusammen. In den Straen der
Stdte stockte alles Leben. Eiskalt pfiff ich daher und warf meine
spitzen Eisnadelgeschosse zu Millionen dem Wanderer ins Gesicht. Die
Straen verdeten. Die Huser schneiten ein. Die schwere Last der
Schneewuchten zerri das Spinnennetz, mit dem die Menschen von Haus zu
Haus sprechen; Dcher brachen ein, und von den schiefen Flchen und
Gesimsen strzten Schneeberge gewuchtig in die Tiefe.

Die Drfer waren eingeschneit; bis zu den Dachsparren lagen die niederen
Htten im weien Pulverschnee. Die Menschlein versuchten sich
herauszuschaufeln, aber mein eisiger Atem, der Anprall meiner spitzen
Nadeln trieb sie zurck.

Eisenbahnzge tobten mit heier Wut, mit wildem Kreischen und
Rdergerassel gegen mich an. Sie keuchten und schossen heie
Dampfstrahlen gegen mich. Ruhig drckte meine Hand die Spielwerke fest
im glitzernden, weien Meer. Da kreischten sie ihre Hilferufe in die
Ferne, und andere Spielzeuge kamen, sie zu befreien! Es waren schnurrige
Dinger. Sie sausten auf den Schienen dahin, strzten sich mutig
vorwrts. Ihr Dampf trieb groe Flgelrder, die den Schnee in weitem
Bogen seitwrts warfen. Sie pusteten und sthnten, erlahmten, fuhren
aufs neue wtend an. Ich lie sie gewhren, bis sie ermattet und
keuchend stillstanden und im weichen Schnee eingegraben waren, den sie
vom Schienenweg rumen wollten, um den langen Zgen da drauen den Weg
zu ebnen.

Alles stockte, alles erlahmte, nichts kam mehr vorwrts in dem
wimmelnden Ameisengetriebe der Stdte, und die Menschen waren
verzweifelt ber ihre Ohnmacht. Niemand kam in die Drfer hinein,
niemand heraus. Unablssig warf ich meine Schneewuchten nieder. Die
Eisenbahnzge staken ringsum fest in dem weien Meer. Die Postwagen mit
den Reisenden, die mitten in den stillen Bergtlern von mir berrascht
wurden, versanken bis ber die Achsen in den alles hemmenden Massen, und
in ihnen saen die Leute frosterstarrt als meine Gefangenen. Drauen auf
der See verwandelte ich die Schiffe in abenteuerliche Gestalten. Ich
bedeckte alle ihre Segel, ihre Masten und Rahen, ihre Geschtze und
Winden, ihre Kommandobrcken, ihr Seilwerk mit ungeheuren Schneemassen,
die langsam vereisten. Hilflos trieben sie einher, wie Schmetterlinge,
die in ein Honigglas gefallen sind.

Die Hochwlder chzten unter der Last der Schneewuchten, die die Wipfel
trugen. Die ste waren im scharfen Frost glasiert mit dicken
Schneekrusten. Sie verloren ihre Biegsamkeit, und wenn ich durch die
Forsten sauste, zerbrachen Riesenbume, gebeugt von der Last, wie
Glasstangen. Ganze Bergwlder zerstrte der Schnee- und Windbruch, und
es ging ein Klagen und Wimmern durch Tann und Eichforst.

Aber ich bin ein alter Mann! Nicht lange whrt meine Kraft. Nach wenigen
Stunden lag ich selbst ermattet am Rande der Hudson-Bay. Die Welt hatte
ich in blendendes Wei verwandelt, mein Leichentuch deckte die Erde,
doch die Sonne brach durch das Gewlk, und schon zerfra sie die
kunstvollen Eis- und Schneebauten, lste das Leben aus der Erstarrung.

Der Alte schwieg.

Brder, sagte der Orkan, wir haben uns nichts vorzuwerfen! Jeder von
uns tat, was er mute. Die Taube kann nichts fr ihre Sanftmut, der
Tiger nichts fr seine Wildheit. Der Herr der Welt hat uns so erschaffen
wie wir sind!

Der Samum und der Tornado stimmten ihm bei. Die Sitzung der Strme in
der Hhle des Demawend ist beendet, sagte der alte Blizzard. Lat uns
nun von hinnen ziehen, jeder zu seinem Werk. Ich werde dem alten
Wettergott alles getreulich berichten! Und nun lat uns scheiden bis zum
Wiedersehen am nchsten Familientage bers Jahr!

Die Strme erhoben sich. Sie breiteten ihre Schwingen und machten sich
reisefertig.

Allah sei Preis, da ich aus eurer kalten Gegenwart erlst werde!
sagte der Samum. Er kroch hinaus ins Freie und verschwand, Wrme um sich
breitend, gen Sden.

Lebe wohl, Wstensandfa! schrie ihm der Orkan nach und brauste mit
rollendem Donner und Regengssen nach Westen zu, dem Lande Europa
entgegen.

Wir haben ein gutes Stck Weges gemeinsam, Eisbart, brllte der
Tornado. Auf zum Dollarlande!

Du gehst mir zu schnell, winkte der Blizzard ab, und auerdem ginge
es den Menschen bel, wenn wir beide gleichzeitig ber ihr Reich
hinwegzgen. Geh' nur voran, wilder Bursche!

Da heulte der Amerikaner mit Getse davon, und noch von weitem hrte man
ihn brllen: Lebe wohl, alter Griesgram und Nuknacker!

Dieser jedoch zgerte noch ein Weilchen, dann aber flog er in groen
Hhen bedchtig seiner fernen Heimat zu, und Schneesternchen rieselten
nieder auf die wilden Felsengipfel des Kaukasus.

Die Menschen drunten hrten stundenlang ein wunderliches Brausen hoch
droben, wo die Adler kreisen: das Wanderlied der Strme.

Seht, Kinder, sagte der alte Ulebuhle, das war die Geschichte von den
Strmen! Hrt ihr, wie der Orkan auf den Schornsteinorgeln spielt? Zieht
die Mtzen ber die Ohren und knpft die Mntel zu, und dann trabt heim.
Liegt ihr dann im warmen Federbett und hrt den Wind an den Fensterladen
winseln, so gedenkt im Herzen jener, die da drauen in der weiten Welt,
im Ozean, in Felsenbergen, im Sandmeer der Wste ankmpfen gegen die
wilden Burschen aus der Hhle von Demawend.




                          Die sonderbare Welt


Das war einmal ein wirklich schner Abend. Die Linden blhten in
Ulebuhles Garten, und es war warm und still.

Seht, wie klar die Sterne leuchten! sagte der Alte. Lat uns das
groe Fernrohr aufbauen und sie betrachten.

Da bauten wir den Himmels-Operngucker unter den Bumen auf, und der alte
Ulebuhle zeigte uns den Mond und die Gestirne.

O, was gibt es doch so viele Welten drauen im Sternenraum! Sonnen und
Erden und Kometen die Menge. Ja, wer htte es gedacht, da die Erde nur
wie ein Apfel an einem mchtigen Baum ist, und da ringsum noch viele
tausend pfel hngen. Aber mit dem Fernrohr sieht man es ganz genau,
Berge und Tler, Wolken und Lnder und Meere auf anderen Sternen.

Da schaut einmal schnell hinein in das Glas, rief der Alte. Seht ihr
die kleine mattschimmernde Kugel schweben? Das ist eine ganz, ganz ferne
Erde. _Uranus_ nennt man sie. Ach sie ist so fern, man kann sie kaum
noch sehen, und bitter kalt ist es da, denn die Sonne kann kaum noch mit
ihren Strahlen hinlangen, so fern ist das alles. Ja, das ist eine
sonderbare Welt, und es lt sich eine schnurrige Geschichte von ihr
erzhlen. Kommt in die grnumwachsene Laube, wo das Mondlicht so eigen
flimmert, da lt es sich gut plaudern von der sonderbaren Welt des
Uranus, die eine ferne Erde ist.

Seht, da sa ein alter Professor und Sterngucker an seinem mchtigen
Fernrohr und schaute hinein in das Sterngewimmel. Sonnen sah er schweben
und Kometen in weiter Ferne. Aber das Schnste waren doch die
Erdensterne, die Planeten, denn da sah man Lnder und Meere und Schnee
und Wolken.

Ach ja, seufzte der alte Professor, wenn man doch einmal wirklich da
hinauf spazieren knnte, denn mit dem Fernrohr sieht man noch immer
nicht genug. Eines wei ich! Komme ich wirklich einmal in den Himmel,
dann bitte ich den Herrn der Welt, zunchst einmal eine Reise nach den
fernen Erden machen zu drfen.

Ja, so dachte der alte Sterngucker und grbelte so lange, bis er in
seinem tiefen Lederstuhl einschlief, denn es war Mitternacht vorbei, und
der Holunder blhte und duftete so stark, da man ganz betubt wurde.

Auf einmal ging die Tr des Sternwartenturmes auf, und der Tod trat
herein. Er trug einen dunklen Mantel um sein bleiches Klappergebein, und
auf seinem Schdel sa ein breiter schwarzer Schlapphut. Er trat auf den
Sterngucker zu und sagte: Lieber Herr Professor, Ihre Uhr ist
abgelaufen. Wenn es Ihnen weiter keine Unbequemlichkeiten macht, so
verlassen wir jetzt diese Welt und beziehen eine andere. Sie haben sich
die Sterne siebzig Jahre von unten angesehen, nun werden Sie die
Geschichte droben viel besser betrachten knnen, und die Erde dazu, denn
die sieht man droben im Himmel auch als fernen Stern dahinschweben!

Der alte Christian, des Professors Diener, der schon dreiig Jahre bei
ihm war, erwachte pltzlich, denn er war in seinem Sessel ein wenig
eingenickt. Er rieb sich verwundert die Augen. Sapperment, da stand der
Tod bei seinem Herrn und holte ihn ab zur letzten Reise.

Christian, sagte der Professor, was willst du hier allein ohne mich
auf der Erde? Wir gehren zusammen, also komm mit!

Ja, meinte der alte Diener, das ist wohl das Beste, denn was wollen
der Herr Professor ohne mich im Himmel anfangen? Herr Professor haben
ein schlechtes Gedchtnis, verlegen fortwhrend Brille und
Schnupftabaksdose und Taschentuch und Schirm, vergessen Hut und Mantel
beim Spazierengehen, da ist es besser, ich komme mit. Und was tue ich
auch allein auf der Welt!

Mir ist es recht! meinte der Tod. Die Uhr des alten Christian tickt
auch nur noch schwach. Da ist es ein Abmachen!

Gut, sagte der Professor, erhob sich aus seinem tiefen Stuhle, nahm
noch schnell eine Prise und schritt zur Tr.

Halt! rief Christian, vergessen Sie Ihren Schirm nicht, denn nun
kriegen wir keinen wieder.

Da schritten sie denn mit dem Tode davon, und in Sturmessausen ging es
hinauf zum Himmel. Es dauerte gar nicht lange, so standen sie droben am
Himmelstor, und Petrus kam, sie zu begren. Der Tod aber machte seine
Verbeugung und ging davon, denn er hatte alle Hnde voll zu tun.

Ah, Sie sind der berhmte Professor Quadratwurzel, sagte Petrus und
strich seinen weien Bart.

Nein, nein, entgegnete der Professor, so heie ich nicht, ich habe
nur ein dickes Buch ber Quadratwurzeln geschrieben!

So, so! meinte Petrus, das habe ich verwechselt! Aber nun kommen Sie,
ich werde Ihnen einen guten Platz am Himmelsfenster aussuchen, da knnen
Sie den ganzen Tag die Sterne sehen. Zu den anderen Professoren drfen
Sie nicht; jeder von ihnen sitzt allein, denn sonst streiten sie sich
von frh bis spt, und Streit darf nicht sein im Himmel. Hier gleich
links, Zimmer Nr. 3, gibt es die Flgel, denn Flgel mssen Sie haben im
Himmel, sonst sind Sie nur ein _halber_ Engel.

Ach, seufzte der Professor, ich mchte noch gar nicht in den Himmel!
Kann ich den lieben Gott nicht persnlich sprechen? Ich wollte ihm eine
Bitte vortragen!

Um Himmels willen, rief Petrus, das geht nicht! Erstens hat Gott
Vater alle Hnde voll zu tun, und dann ist er auf die Professoren nicht
gut zu sprechen, weil sie beinahe alles besser wissen wollen als er
selber! Aber tragen Sie mir nur Ihre Bitte vor; vielleicht kann ich sie
erfllen.

Ja, sagte der Professor, mein ganzes Leben lang habe ich auf der Erde
gesessen und habe mit dem Fernrohr nach anderen Erden geschaut, nun
mchte ich doch gar zu gern einmal so eine ferne Erde besuchen. Und
darum wollte ich den Herrgott bitten!

Und welche Erde soll das sein?

Nun, da ich auf der Erde gelebt habe, die dicht bei der Sonne schwebt,
so mchte ich mal auf einem von der Sonne fernen Erdenstern Umschau
halten. Vielleicht auf dem _Uranus_!

Na, meinte Petrus, eine schne Gegend ist das nicht, und Sie werden
schn frieren, aber mir soll es recht sein, denn des Menschen Wille ist
sein Himmelreich! -- Eins aber sage ich Ihnen: Lnger als vier Wochen
drfen Sie nicht bleiben, denn Ihre Uhr ist nun mal abgelaufen, und
Menschen mit abgelaufenen Uhren gehren in den Himmel oder in die Hlle.
Das hat der liebe Gott so angeordnet, und es lt sich nicht ndern! Und
dieser Mann? Will er auch nach dem Uranus?

Ich ginge viel lieber in den warmen Himmel und she mir den ganzen
Krempel aus der Ferne an, sagte der alte Christian, aber mein Herr hat
es anders bestimmt, und da kann der Christian nicht fortlaufen!

Gut, so wartet drauen vor dem Tor. Gleich wird ein Sternenbote euch
von hinnen tragen, nach jener Welt, die ihr erwhlt. In vier Wochen holt
er euch wieder ab! -- Auf Wiedersehen! -- Halt! -- Vergessen Sie Ihren
Schirm nicht!

Petrus verschwand.

Pltzlich fhlte sich der Professor von unsichtbaren Hnden
emporgehoben. Es rauschte wie schwerer Flgelschlag, und fort ging es
wie Sturmessausen. Dem Professor vergingen die Sinne, er sah und hrte
nichts, und als er wieder zu sich kam, fhlte er Boden unter den Fen,
und eine gewaltige, mit Posaunenton rufende Stimme sagte: Sie sind auf
dem Uranus, wie es Ihr Wille war. Hier ist Ihr Schirm. Leben Sie wohl!

Da rauschte es wieder in der Luft, und der Unsichtbare enteilte.

                   *       *       *       *       *

Das erste, was der Professor sprte, war eine entsetzliche Klte. Sie
war so stark, da im Augenblick der Hauch am Munde zu dicken Eiszapfen
gefror und das Blut in den Adern zu erstarren drohte. Es blieb dem
Sterngucker nichts anderes brig, als schnell zu laufen, um sich warm zu
machen. Aber er kam kaum vorwrts. Als ob er pltzlich aus Blei geworden
wre, so schwer war sein Krper, und trotz aller Anstrengung kam er nur
ganz langsam weiter.

Der alte Christian trottete mhsam mit dem blaugrauen Riesenschirm
hinterher.

Ach du lieber Himmel, Herr Professor, seufzte er endlich und blieb
stehen, das ist ja eine jammervolle Welt! Diese Klte, diese Schwere in
den Gliedern, da haben wir richtig den Himmel mit der Hlle vertauscht!

Christian, maule nicht schon gleich zu Anfang! Der Uranus ist
neunzehnmal weiter von der Sonne entfernt, und da mu es natrlich viel
klter sein als auf der Erde. Das habe ich vorher gewut. Auerdem ist
diese Weltkugel beinahe hundertmal grer als die Erde und zieht alle
Gegenstnde darum viel, viel krftiger an. Das ist ganz hnlich wie bei
einem groen und einem kleinen Magneten. Darum sind wir hier so schwer.
Das ist doch ganz in der Ordnung!

Schne Ordnung, brummte Christian, wenn einem die Nase abfriert und
die Beine am Boden kleben!

Ringsum war pechschwarze Nacht, und die Sterne flimmerten droben am
Himmel. Nirgends sah man Baum und Strauch, keine Spur einer menschlichen
Niederlassung, auch keinen Lichtschimmer in der Ferne, der sie verraten
htte. Die Welt des Uranus schien ausgestorben, unbewohnt. Rings trmte
sich in gewaltigen Massen blankes Eis. Der eigentliche Boden war gar
nicht zu sehen. Bei der furchtbaren, immer auf dieser Welt herrschenden
Klte konnte ja Wasser berhaupt nicht in flssiger Form existieren.

Pltzlich wurde es unten am Horizont heller, und es dauerte nicht lange,
so sah man einen sehr bleichen, nur ganz schwach leuchtenden Mond
emporsteigen.

Du lieber Gott, schimpfte Christian, auf dieser elenden Erde taugt
selbst der Mond nichts. Er ist so schwach wie eine lfunzel.

Sieh, rief der Professor, da kommt noch ein zweiter Mond herauf.

Ja, und da ein dritter, noch kleinerer. Hier scheinen die Monde im
Dutzend billiger zu sein!

Vier Monde hat der Uranus. Man kann sie von der Erde aus in einem
groen Fernrohr deutlich sehen.

Aber sie taugen alle miteinander nichts, schimpfte der alte Diener.

Sei still, Dummkopf! schrie erbost der gelehrte Mann. Erstens sind
sie viel kleiner als der Mond der Erde, und zweitens erleuchtet sie die
ferne Sonne so wenig, da sie nur ein schwaches Licht widerstrahlen. Es
kann doch nicht alles hier so sein wie auf der Erde, Nrgelpeter. Sei
froh, da du anschaun kannst, was vordem nie ein Mensch gesehen!

Endlich ist es ein wenig heller geworden, im Licht der drei Tranlampen
da oben, aber man sieht nichts als Eis und keine Spur von Menschen. Es
ist Zeit, da wir ins Warme kommen.

Der Professor schwieg. Er war mit seinen Gedanken beschftigt. Ja, der
Uranus schien unbewohnt. -- Sie wanderten noch ein gutes Stck, mhsam
und ganz ermattet, da hielt der Gelehrte pltzlich inne. Nicht weit
entfernt schimmerte aus dem Boden ein Lichtstrahl hervor. Sicher, da war
eine Lampe unter der Erde, oder vielmehr unter dem Eise.

Auch der alte Diener sah es, und mit letzter Kraft humpelten die beiden
Wanderer darauf zu. Richtig, da war eine ffnung im Boden, so gro wie
ein Brunnenschacht, und ein Gitterwerk verschlo sie. Man sah eine
Treppe aus glnzendem Metall, die in die Tiefe fhrte, und Lampen
beleuchteten den Weg hinunter in das Innere des Schachtes.

Gott sei Dank! rief Christian. Wo Lampen sind und eiserne Treppen, da
sind auch vernnftige Leute; vielleicht vernnftiger als auf Erden,
fgte er mit einem Blick auf seinen Herrn hinzu, aber der untersuchte
schon das Gitter, um hineinzugelangen.

Es lt sich nur von innen ffnen, sagte er, es mu hochgeklappt
werden, denn es soll wohl das Hineinfallen von Steinen oder von Eis in
den Schacht verhindern. Aber ich wette drei Jahre von deinem Leben, da
irgendein Signal vorhanden ist, das drunten in der Tiefe anzeigt, da
jemand hinein will, denn die Uranusmenschen werden doch wohl mal aus
ihren unterirdischen Lchern hervorkriechen!

Ganz meine Meinung, sagte Christian. Aber wenn wir nicht bald
hineinkommen, sind wir erfroren. Ich kann kein Glied mehr rhren.
Indessen schnuppert meine Nase warme Luft, die aus dem Schacht
herausdringt. Himmel, was ist es kalt auf diesem vermaledeiten Urian!

Halt! schrie pltzlich der Professor, ich hab's. Da, diese
Metallplatte; ich glaube, man mu mit dem Fu darauftreten. Das wird das
Signal sein, die Gitter zu ffnen.

Die Platte hat eine schnurrige Form. Wenn die Menschen hier solche Fe
haben, dann mssen es Elefanten sein, mit Entenbeinen!

Aber schon hatte der Professor die Fuplatte mit groer Anstrengung
niedergedrckt. Freilich, er mute das ganze Gewicht seines Krpers
wirken lassen, ehe sie sich bewegte. Da gab es drunten irgendwo in der
Tiefe ein merkwrdiges Signal. Es klang wie ein Nebelhorn. Bald darauf
ertnte dasselbe Signal nahe dem Schachteingang.

Ich bin gespannt wie ein Trommelfell und wie der Hahn einer
Reiterpistole, sagte Christian und kraute sich hinter die Ohren. Wenn
es man gut abgeht! Wir haben keine Waffe als Ihren Regenschirm, Herr
Professor, und damit kann man keine Schlacht gewinnen. Am besten ist es,
wir rufen schleunigst den Flgel-Heinrich wieder, der uns hierher
gebracht hat. Ich wollte, ich se bei Herrn Abraham im Himmel, oder
wenigstens auf unserer Sternwarte. Eben fllt mir ein, da ich vergessen
habe, die Blumentpfe vor dem Fenster zu begieen!

Ruhig, alter Maulwurf! wisperte der Professor, da kommt einer
heraufgekrochen!

Ja, man sah eine dunkle Gestalt aus der Tiefe aufsteigen, aber noch war
nichts Nheres zu erkennen. Je weiter sie indessen nach oben kam, ins
helle Licht, um so lnger wurden die Gesichter der beiden Erdenshne,
und Christian zitterte wie ein Pappelzweig im Winde.

Heiliger Chinchinchindra von Kalkutta, flsterte er, und seine Haare
standen wie Zndhlzer einzeln kerzengrade in die Hhe, welch ein
Monstrum kommt da angekrochen. Es ist eine ganze Menagerie zu einem
einzigen Schnedderengteng zusammengekocht. Ich wollte, ich lge zwlf
Klafter tief unter der Erde!

Ei, ei, ei, wisperte auch der Professor, ein erschrcklich Exemplar
von Menschenbruder im Sternenraum!

Der Uranusbewohner war oben angelangt. Man sah ihn jetzt in voller
Deutlichkeit.

Er war kleiner als ein Mensch. Kaum dreiviertel so gro. Sein Krper
glich einer Kugel mit Armen und Beinen. Gewaltige Fettmassen polsterten
das ganze Wesen aus. Die Beine waren dick wie Elefantenbeine, die Fe
klumpig und unfrmig, unten platt wie Teller oder Bleiplatten. Auf ihnen
sa wie eine Kugel der ungegliederte Krper. Seitwrts ragten unfrmig
dick zwei Arme hervor. Die Hnde hatten acht Finger, durch Schwimmhute
verbunden, und vorn hatten sie kleine Tellerchen, wie man sie bei
manchen Frschen findet.

Auf dem Rumpf sa -- ohne Hals -- ein merkwrdiger Kopf. Er war fast so
gro wie der Leib. Seine Farbe war schwrzlich-grau, wie die eines
Seehundes. Vor allem fielen die riesenhaften Augen auf. Sie waren so
gro wie Obsttellerchen und tiefdunkel. Ohren waren nicht zu sehen am
Kopfe, wohl aber ein rsselartiger Mund. Kein Haar sprote auf dem Kopfe
oder im Gesicht. Die Haut glnzte wie die eines Seehundes.

Entsetzt traten die beiden Erdmenschen zurck, aber auch der
Uranusbewohner schien erschreckt, und seltsame Laute, wie dumpfe
Klarinettentne, kamen aus seinem Rsselmunde.

So blickten sich die Bewohner zweier verschiedener Erden lange erstaunt
und furchtsam an. Dem Uranusmann erschienen die Fremden genau so hlich
und migestaltet wie er ihnen. Er trat fortwhrend krftig auf die
Signalplatte, und hastig kamen von unten immer neue Gestalten gleicher
Art herauf, bis der ganze Gitterraum von ihnen erfllt war. Alle standen
starr und aufs hchste verwundert.

Da trat aus dem Kreise einer hervor. Auf seiner Stirn glnzte ein
blanker Stein wie ein Diamant. Er beleuchtete die Fremdlinge mit einer
hellen Lampe und sprach mit eigenartiger, melodischer Stimme auf sie
ein. Natrlich verstanden sie nicht, was er sagte.

Aber der Professor griff mit den Hnden das Eis an, schttelte sich vor
Klte und zeigte abwrts, in die Tiefe des warmen Schachtes. Und die
Uranusmnner, die selbst unter der Klte hier oben litten, verstanden
sein Begehren. Ihr Fhrer ffnete das Gitter, und die ganze
Gesellschaft, die Erdbewohner mit sich fhrend, stieg abwrts, hinein in
die Eingeweide der Uranus-Welt. Und je mehr man in die Tiefe kam, um so
wrmer wurde es. Mit Staunen sahen die Reisenden, da sich hier eine
ungeheure unterirdische Welt auftat. Es sah aus wie in einem groen
Dachsbau, in dessen einzelnen Gngen Bienenwaben stehen. In mehreren
Etagen bereinander zog sich ein Netz von unterirdischen Straen hin
durch das Gestein, und die Huser oder vielmehr die Wohnungen waren zu
beiden Seiten in die Felswnde eingegraben. Es wimmelte berall von
Uranusmenschen wie in einem Bienenstock von Bienen, und die in die
Felswnde gehauenen Wohnungen glichen wirklich Bienenstcken mit
Hunderttausenden von Zellen.

Ein merkwrdiges knstliches Licht beleuchtete die Straen, die freilich
nur eng und niedrig waren. Es gab aber auch solche, in denen unablssig
kleine flinke Bahnen fast geruschlos dahinglitten. Die Luft war gut
hier unten und alles uerst reinlich gehalten.

All diese Beobachtungen konnten die beiden Fremden freilich erst nach
und nach machen. Zunchst brachte man sie durch den nur engen und selten
benutzten Schacht bis zur nchsten Straenetage und schob sie sofort in
einen der flinken Bahnwagen. Freilich, sie muten sich an die Erde
setzen, denn fr so groe Wesen war die Uranuswelt nicht eingerichtet:
keinen sah der Professor, der grer war als auf Erden ein sechsjhriges
Kind, aber ihre Kraft bertraf ganz sicher die des krftigsten Menschen.

Der Wagen glitt schnell durch die lange Gasse, blieb an ihrem Ende
stehen und senkte sich langsam, wie ein Fahrstuhl, in die Tiefe. Man
fuhr an verschiedenen Straenetagen vorbei, und in einigen hundert
Metern Tiefe bog die Bahn auf Befehl des Mannes mit dem glnzenden Stein
auf der Stirn in eine Strae ein. Sie war breiter als die anderen und
die Felswnde reich verziert und mit seltsamen Zeichen bedeckt. Vor
einem besonders prchtig geschmckten, hell beleuchteten Teil der
Felsstrae hielt der Wagen. Viele Uranusmenschen liefen herbei, und als
der Professor und sein Diener dem Gefhrt entstiegen, erhob sich ein
allgemeines Staunen und ein seltsames Durcheinanderschnattern von
Klarinettentnen. Da sahen die Reisenden auch die ersten Frauen. Sie
waren noch kleiner als die Mnner, noch runder, und in seltsam
glitzernde Gewnder gehllt, die den Eindruck machten, als seien sie aus
bunten Glasfden gewebt. Sie fuhren entsetzt und schnurrige Laute aus
ihren Rsseln hervorstoend zurck, als sie die schrecklichen
Migestalten der Menschen sahen.

Ach du lieber Gott, sagte Christian, hbsch sind sie wirklich nicht,
und nicht fr einen Wald voll Affen mchte ich eine von ihnen heiraten!

Die Menge machte gehorsam sofort Platz, als der Mann mit dem Stein dazu
aufforderte, und dann betrat man den Eingang des Regierungsgebudes. Man
schritt durch beleuchtete, schn verzierte Felsengnge, und endlich
wurden unsere beiden Freunde in ein Zimmer gefhrt, in dem auf dicken
weichen Matten reichgekleidete Uranusmenschen saen. Alle hatten mehrere
glnzende Steine auf der Stirn, denn es waren hohe Beamte. Der in der
Mitte aber trug ein funkelndes Diadem auf dem Kopfe, denn er war der
Prsident dieses Teiles des Uranus-Reiches.

Staunen und Kopfschtteln auch hier. Erregtes Schnattern der Rssel. --
Dann hielt der Gitterwchter, der die Fremden zuerst gesehen, einen
Vortrag ber alles Geschehene. Der Prsident winkte, nher zu treten,
und nun kam endlich der Professor dazu, eine Verstndigung zu versuchen.

Christian, hatte er schon unterwegs gesagt, Leute, die solche Bahnen
und Straen, Kleider und Lampen haben, wissen sicher auch etwas von den
Sternen, und sicher gibt es auch hier Sterngucker, und mit denen werde
ich mich schon verstndigen!

Der Professor griff in die Tasche, zog Papier und Bleifeder hervor und
malte Sterne hin, und schlielich eine ganze Anzahl Sternbilder, den
groen Bren, den Orion und andere, die man am Himmel des Uranus genau
so sieht wie am Himmel der Erde. Die Uranusmenschen sahen mit ihren
groen Telleraugen andchtig zu, und pltzlich tuteten sie mit ihren
Rsseln erstaunte Tne. Ja, sie hatten begriffen. Sie zeigten nach oben,
zur Decke, zum Himmel, und schleunigst sandte der Mann mit dem Diadem
auf der Stirne einen Diener mit einem Auftrage fort.

Ich wette, Christian, da man einen Sternkundigen herbeiholen lt,
sagte der Professor, und da in den Leuten der Gedanke aufgeblitzt ist,
da wir Menschen von anderen Sternen sind!

Es ist das reine Klarinettenkonzert, meinte Christian, der alte
Diener. Wie wre es, wenn ich dem Gevatter Urian mit den
Kompott-Telleraugen mal ein Stcklein vorpfiffe, >Ach du lieber
Augustin< oder so dergleichen. Sie wrden es fr unsere Sprache halten.

Aber schon ffnete sich der Vorhang des Raumes wieder, und der Diener
trat mit dem Manne ein, der hierher befohlen war. Es war ein ganz alter
Uranusbewohner, das sah man auf den ersten Blick. Sein Seehundskopf
zeigte tausend Falten, und vor seinen trben Augen sa ein Ding, das
sicher eine Art Brille war. Er ging gebeugt und sttzte sich auf einen
dicken Metallstock.

Himmel, sagte der alte Christian, das ist sicher ein Urian-Professor
und Sterngucker. Ja, ich glaube, die sind auf allen Sternen gleich. Nun,
seine Brille kann er so leicht nicht verlegen wie mein Herr, der sie
bald in die Zuckerdose hineinlegt und bald in den Briefkasten steckt und
dafr die Briefe in der Rocktasche herumtrgt, denn diese Brille ist so
gro, da man darber stolpern kann!

Der Ankmmling hatte inzwischen mit Ehrerbietung den Prsidenten
begrt. Sicher hatte er schon die neue Nachricht von dem Eintreffen
seltsam fremdartiger Wesen vernommen und betrachtete sie jetzt durch
seine Brille wie wir einen seltenen Kfer. Dabei schwibbte sein Rssel,
schnurrige Grunztne ausstoend, auf und nieder.

Der Professor jedoch hielt ihm pltzlich das Blatt mit den Sternen vor
Augen, und der gelehrte Uranussterngucker, denn ein solcher war er
wirklich, erkannte sie sofort und sprach erstaunt auf seine Landsleute
ein. Der Professor deutete auf die Sterne und auf sich, und machte durch
allerlei Zeichen klar, da er und sein Begleiter aus dem Sternenraum zum
Planeten Uranus heruntergekommen wren.

Da verschwand der Uranussterngucker und kam nach kurzer Zeit mit einem
groen Metallkasten wieder. Er enthielt feine Metallbltter, die mit rot
gefrbten Zeichnungen bedeckt waren. Es war so etwas hnliches wie ein
Himmelsatlas. Da nahm er ein Blatt hervor, auf dem war die Sonne
abgebildet und alle Erdkugeln, die sie umkreisen. Der Professor deutete
mit dem Finger auf den Uranus und dann auf die Leute ringsum. Sie
machten Zeichen der Zustimmung. Ja, man befand sich auf dem fernen
Erdenstern Uranus. Dann aber deutete der Professor auf sich und
Christian und legte den Finger auf den Punkt der Karte, wo nahe der
Sonne die Erde abgebildet war.

Der fremde Astronom hatte ihn begriffen. Er gab Laute hchsten
Erstaunens von sich und erklrte seinen Gefhrten, da jene seltsamen
Geschpfe aus den warmen, sonnennahen Rumen stammten, von jenem fernen
Sternlein, das man nur schwer selbst in den besten Fernrohren auf dem
Uranus zu sehen vermochte.

Lange versuchte man noch, sich zu verstndigen, bis endlich Christian,
der es vor Hunger nicht mehr aushalten konnte, mehrfach sehr deutlich
gegen seinen Bauch klopfte und mit den Fingern in den weit geffneten
Mund fuhr. Er hatte die Freude, da man ihn begriff.

Mein Herr, der Professor, ist so zerstreut, da er seelenruhig
verhungert, ohne es zu bemerken, sagte er knurrig.

Alle erhoben sich. Offenbar war es auch Ruhezeit geworden, denn in den
Straen wurde es still. Man fhrte die Erdenshne in ein schn
durchwrmtes Gemach, mit eigenartigen Mbeln und Lagersttten, die aus
gepolsterten Scken oder Huten bestanden. Auf warmen Metallschalen
brachte man Speisen verschiedenster Art. Sie schmeckten nicht schlecht,
aber es schien nichts dabei zu sein, das aus dem Pflanzenreich stammte,
und vor allem waren sie unseren Freunden zu fett.

Endlich waren sie allein, und auf ihren Lagern ausgestreckt, besprachen
sie noch lange die seltsamen Erlebnisse.

Wollen mir der Herr Professor nur mal erklren, weshalb unsere
Urianbrder so grliche Kerle sind? sagte endlich Christian und machte
sich aus seinem Sacktuch eine Nachtmtze zurecht, denn ohne diese konnte
er nicht schlafen. Ich werde die ganze Nacht von ihnen trumen, wie
damals, als Herr Professor mit mir in Afrika waren, wo wir den
vermaledeiten Tausendteufelsbraten von Riesen-Seespinnerich sahen!

Ach, Christian! rief kopfschttelnd der Professor, du bleibst doch
immer der alte Holzkopf, trotzdem du nun schon dreiig Jahre bei einem
gelehrten Herrn Dienste tust! Wir erscheinen ihnen ebenso hlich wie
sie uns. Du mut doch bedenken, da jedes Geschpf von der Natur so
ausgestattet wird, wie es fr seine Welt zweckmig ist. Darum hat der
Fisch Flossen und atmet durch Kiemen, und darum hat der Vogel Flgel und
haben die Raubtiere eine feine Nase, zum Wittern ihrer Beute. -- Nun
sieh mal, mein guter Christian: Der Uranus ist eine kalte und dunkle
Welt, die ganz wenig Wrme und Licht von der Sonne erhlt. So haben die
Leute hier mglichst groe Augen, um recht viel Licht damit einfangen zu
knnen. Die Luft ist sehr dicht und leitet den Schall sehr krftig. Du
merktest selbst, wie mchtig unsere Stimmen droben erklangen. Die
Uranusleute brauchen also keine Ohrmuscheln am Kopfe wie wir, zur
Verstrkung des Schalls, und darum hat ihnen die Natur auch keine
gegeben!

Und wie ist es mit ihren Rsselnasen, Herr Professor? Sie knnten
beinahe einen Fnfer mit vom Boden aufheben, wie der Elefant Jumbo in
der Menagerie, der Herrn Professor damals die Regenschirmkrcke abri!

Nun, Geschpfen, die nicht gut sehen knnen, gibt die Natur dafr meist
eine gute Nase. Alle Rsseltiere sind Nasentiere, knnen dafr aber
schlecht sehen. Wegen der Dunkelheit auf dem Uranus knnen die Leute
hier trotz ihrer groen Augen nicht besonders viel sehen, daher brauchen
sie die groe Rsselnase.

Du siehst auerdem, da sie dick und rund sind, eine dicke Fettschicht
ihren Krper bedeckt. Bedenkst du aber, da magere Leute, wie wir beide,
leicht frieren, und da die Eskimos, die am Nordpol der Erde leben,
ebenfalls fett sind und auch viel Fett essen, weil es die Klte besser
ertragen lt, so siehst du wohl, da alles seine Ursache hat. Die Leute
sind hier ferner sehr krftig und plump gebaut. Es hngt damit zusammen,
da auf dieser mchtigen Weltkugel alle Dinge schwerer sind und die
Menschen mehr Kraft brauchen, um Steine zu heben, sich fortzubewegen und
dergleichen. Da hat ihnen die Mutter Natur eben krftigere Muskeln und
Knochen gegeben!

Du siehst, alles lt sich erklren, und wenn wir lnger hier sind,
werden wir alles verstehen. Eins ist wohl sicher. Auf der _Oberflche_
dieser Welt leben keine Menschen, denn sie ist dunkel und vereist. Sie
bauten sich ihre Stdte tief unten, wo es warm ist. Auch die Erdkugel
ist ja im Innern noch hei, und je tiefer man hinabsteigt in die
Bergwerke, je wrmer wird es. Ebenso scheint es hier zu sein. Morgen
will ich versuchen, mehr darber zu erfahren!

Vielleicht steigen wir morgen hinauf, wenn es Tag ist, die Sonne
scheint und wrmt, Herr Professor!

Da kannst du lange warten, Christian, einige zwanzig Jahre vergehen,
bis es hier wieder Tag wird, wenn man dieses trbe Sonnenlicht hier Tag
nennen kann. Diese Gegend auf dem Uranus hat ungefhr vierzig Jahre Tag
und Sommer, und dann wieder vierzig Jahre Nacht und Winter!

Um des Himmels willen, was fr ein verrckter Stern ist das! rief
Christian. Vierzig Jahre lang sieht man die Sonne nicht und lebt wie
ein Schlamm-Molch in tiefster Finsternis, und dann wird es wieder
vierzig Jahre nicht dunkel? Nein, das ist keine Welt fr mich! Wenn nun
hier jemand whrend der langen Nacht geboren wird, da kann er, wenn er
mit vierzig Jahren stirbt, niemals in seinem Leben die Sonne sehen. Und
die lange Nacht, das ist etwas fr Riesenfaulpelze!

Nun, Christian, die Leute wohnen ja hier unterirdisch bei knstlichem
Licht und werden schon durch eine ihnen angenehme Einteilung des Tages
Arbeit und Schlaf trennen. Aber hier, nahe dem Sdpol des Uranus, ist es
tatschlich so, wie ich dir sagte. Der Uranus braucht vierundachtzig
Jahre, um einmal die Sonne zu umwandern. Zweiundvierzig Jahre lang ist
der Sdpol dieses Erdenballes der Sonne zugekehrt, und dann kommt wieder
zweiundvierzig Jahre lang der Nordpol an die Reihe. Wir sind hier, wie
mir mein Uranuskollege klarmachte, nahe dem Sdpol und befinden uns in
der zweiundvierzigjhrigen Nacht. Wollen wir also die Sonne sehen und
die dicht bei ihr dahinziehende Erde, so mssen wir zur anderen
Halbkugel hinber reisen. Und das wollen wir morgen in Begleitung des
Astronomen und eines hohen Staatsbeamten auch tun. -- Jetzt aber wollen
wir schlafen, mein Freund, denn ich bin todmde.

Sie drehten sich jeder auf die andere Seite, und als sie die Kpfe auf
die Polster legten, erlosch auch das Licht an der Decke.

Die beiden Erdenshne erwachten durch ein wohl drei Minuten whrendes,
melodisches Summen, das die ganze Uranuswelt durchtnte. Es war das
Signal, das den Beginn des neuen Tages verkndete. Sie erhoben sich von
ihren Lagern, und alsbald flammte auch das Licht wieder auf. Christian
machte nun erst eine Entdeckungsreise durch die Rumlichkeiten, wie er
sagte. Und man war hocherfreut, alles vorzufinden, was man brauchte. Da
flo in einem Nebenzimmer unablssig warmes Wasser in eine in den Felsen
gehauene Wanne, und in einem Nachbarraum war auf Matten am Boden die
Tafel gedeckt. Da die Uranusbewohner sehr klein waren, zudem die
Anlegung der Gnge, Wohnungen, Straen in den Felsen eine gewaltige
Arbeit machte, weshalb man sie so niedrig wie mglich baute, konnten
unsere Freunde nur gebckt gehen, was recht unbequem war. Die Uranier
pflegten auf Matten am Boden zu sitzen, und die Erdenshne muten es
ihnen schon des Raummangels wegen nachtun. Da saen sie nun vor ihrem
Frhstck und fanden, da es sich hier ganz gut leben lie. In
Heiwasserbdern standen Krge mit einer nach Fleischbrhe schmeckenden
Flssigkeit. Kleine warme Pasteten lagen in einem ebenfalls im heien
Wasser stehenden Metallkasten, und Christian fand, da sie recht
wohlschmeckend waren.

Das heie Wasser scheint in dieser Welt eine groe Rolle zu spielen,
sagte der Professor und nahm eine Prise. Htte ich nur meine
Tabakspfeife bei mir, klagte der alte Diener, dann wollte ich mit
Herrn Professors Erlaubnis ein paar Zge tun, denn das Rauchen ist nun
mal meine Leidenschaft.

Es scheint, sagte sein Herr, als rauche man hier nicht.
Wahrscheinlich, um die Luft reiner zu erhalten, denn natrlich ist es
keine Kleinigkeit, in diesen unterirdischen Stdten gute Luft zu
schaffen. Sieh, das Ding, das da oben in der groen Deckenffnung
schnurrt, ist sicher ein Ventilator. Der Schacht, durch den wir
hinabstiegen in diese Unterwelt, scheint ein Luftkanal gewesen zu sein.

ber der Tr leuchtete pltzlich eine rote Lampe auf. Gleich darauf
betrat der Uranus-Astronom mit einem anderen Manne, der drei Steine an
der Stirn trug, die Hoheitszeichen der Uranier, den Raum. Sie begrten
ihre Gste, indem sie sich mehrmals mit den Fingern auf den glnzenden
Kopf klopften und einen hellen Ton ausstieen, der wie ein kurzes
Trompetensignal klang. Unsre Freunde versuchten das, so gut es ging, zu
erwidern, wobei der Professor mit seinem ebenfalls glnzend-kahlen
Schdel im Vorteil war. Nach einigen Andeutungen, ob die Fremden gut
geschlafen und gespeist htten, machte man ihnen klar, da die Reise zur
Nordhalbkugel beginnen knne. Erst suchte der Professor noch seine
Brille, die Christian endlich im Schlafsack fand -- wahrscheinlich hat
er sie nachts auf den Hhneraugen gehabt! brummte der alte Diener --
und dann ging es fort.

Man bestieg einen kleinen, besonders bereitgestellten Bahnwagen, der fr
eine lngere Reise eingerichtet war, und in schneller Fahrt sauste man
dahin, bald geradeaus, bald senkrecht tiefer hinein in die unterirdische
Welt, auf schnellstem Wege dem Ziele zu. Durch Zeichen und durch
Zeichnungen auf Metallplatten gaben die Uranier nun alle mglichen
Erklrungen und Schilderungen ihrer seltsamen Welt. Da erfuhr der
Professor dann folgendes:

Zur Zeit lebten keine Menschen mehr auf der Oberflche des Sternes; die
Klte war zu stark, und die langen Zeiten der Finsternis verhinderten
hheres Leben. Aus Spuren, die man am quator, da, wo es noch am
wrmsten und hellsten war, gefunden hatte, ging hervor, da vor grauen
Zeiten wilde Menschen da gehaust, als die Oberflche dieser Welt noch
wrmer war, weil das innere Feuermeer noch bis dicht unter die Erdkruste
flammte, sie wie eine Ofenplatte erwrmte. -- Jetzt hausten am quator
nur noch wenige Tiere mit mchtigen Zottelpelzen, die sich von Flechten
und Moosen ernhrten, die da sprlich wuchsen.

Seit vielen Jahrtausenden lebten die Uranier unterirdisch. Die Stdte
lagen in Etagen bereinander. Je tiefer sie lagen, je wrmer waren sie.
Luft wurde durch groe Pumpwerke in Schchten herabgefhrt, die
verbrauchte Luft oben abgesaugt.

Es fhrten Schchte aus den tiefen Stdten hinunter bis zu Stellen, wo
es siedehei war. Dahin leitete man auch das Wasser unterirdischer
Quellen und Seen und verdampfte es. So erhielt man die Kraft zum Treiben
von Maschinen. Im Gestein fand man berall Metalle, aus denen alle
mglichen Gebrauchsgegenstnde hergestellt wurden. In mchtigen
unterirdischen Hhlen wuchsen filzige Flechten, aus denen man Stoffe fr
Kleider webte. Auch Tiere seltsamer Art, zumeist mit dichtem Haarkleid,
hausten da und wurden gezchtet. In warmen Seen gab es Fische und
Muscheltiere, groe ebare Wrmer und dergleichen. So lie es sich ganz
gut da unten leben, und niemand kam auf den Gedanken, da es anders sein
knnte, denn die Gewohnheit schafft des Menschen Glck.

Der Professor notierte sich das alles sorgfltig. Wenn ich im Himmel
bin, werde ich ein groes Buch darber schreiben. Vielleicht kann es zur
Erde gebracht werden, und dann rgert sich mein Kollege Sauerbrot, da
er es nicht schreiben konnte! sagte er frhlich.

Dann erzhlte der Professor, ebenfalls durch Zeichen und Zeichnungen,
von der Erde, und so verging die Zeit. Der Bahnwagen rollte durch Orte
und kam an Bergwerken vorbei, er fuhr durch mchtige Hhlen, in denen
Seen lagen, und kam einmal so tief hinein in die Unterwelt, da der
Professor und sein Diener sich vor Hitze nicht zu lassen wuten. Am
Gottes willen, sagte der, hier kommt man auf seine alten Tage noch an
den Bratspie wie eine Ente!

Endlich aber, nach vielen Tagen, hatte die Fahrt ein Ende, und man
entstieg dem Gefhrt. Jetzt, deutete der Uranusbeamte an, geht es durch
die Oberwelt. Wir sind auf der sdlichen Halbkugel und werden die Sonne
sehen. Alle hllten sich in mchtige Pelze, und man stieg durch einen
Luftschacht hinauf. Es wurde klter und klter, und schlielich war man
am Gitter angelangt, trat hinaus.

Ja, da war es Tag und Sommer! Aber was fr ein Tag, und was fr ein
Sommer! Ein trbes Dmmerlicht, gegen das eine mondhelle Nacht auf
Erden blendende Lichtflle gewesen wre, lag ber der vollkommen
vereisten Landschaft. Am Himmel standen die Sterne, und nahe dem
Horizont glnzte ein blendend heller Stern von mchtigem Glanze: _die
Sonne!_

Da ist die Sonne, die liebe Sonne! rief der Professor und deutete mit
dem Regenschirm auf den wundervollen Stern. Dicht dabei mu auch unsere
Heimatserde schweben!

Was, dieser Stern ist unsere mchtige Sonne? Oh, wie hat sie sich
verndert! rief Christian. Und wo ist die Erde?

Sie steht von hier aus gesehen ganz dicht bei der Sonne, verschwindet
in ihren Strahlenflgeln. Nur ein groes Fernrohr kann sie uns sichtbar
machen!

Der Uranus-Astronom winkte. Man begab sich etwas abseits, wo schon fr
die Erdengste ein Fernrohr aufgebaut war, das freilich ganz anders
aussah wie irdische Fernglser und aus groen Metallspiegeln bestand. Es
wurde auf die Sonne gerichtet, und dann wurde das Erdensternlein
gesucht.

Der Alte zog den Professor nher. Er schaute hinein in den Spiegel. Ja,
da schwebte ein zitterndes Lichtpnktchen: _die Erde!_

Ach, du lieber Gott! rief der enttuschte Christian, dieses Fnkchen,
das aussieht, als sei es aus meiner Tabakspfeife geflogen, ist unsere
Erde? Nun, ich glaubte wenigstens, unser Haus mit der Sternwarte zu
sehen und die Blumenstcke vor dem Fenster, die nun wohl schon ganz
vertrocknet sind! Himmlische Gte, _das_ ist die Erde!

Ja, das ist sie, sagte der Professor.

Nun, ich wollte, wir wren wieder dort, ich knnte Herrn Professor
wieder die Pantoffeln hinter dem Ofen wrmen, meine Pfeife im Garten
rauchen und aufpassen, da die jungen Studenten nicht der Katze eine
alte Bratpfanne an den Schwanz binden!

Auf einmal rauschte und brauste es in der Hhe, und eine Posaunenstimme
rief nieder aus den Wolken. Die beiden Uranier bekamen einen
Todesschreck. Ihre Augen rollten wie Kegelkugeln, und ihre Rssel
schnoberten entsetzt in der Luft herum. Dann aber liefen sie schleunigst
zum Schacht und verschwanden in der Tiefe.

Die Stimme aus der Hhe rief abermals:

Wo seid ihr, Erdenshne? Eure Zeit ist abgelaufen!

Heiliger Chinchinchindra von Kalkutta, raunte Christian dem Professor
zu, es ist der Flgel-Heinrich, der uns in den Himmel zurckbringen
will.

Ich will aber nicht in den Himmel! schrie wtend der Professor.

Da legte sich eine schwere Hand auf seine Schulter, er lie vor Schreck
den Schirm fallen, denn blendende Helligkeit war mit einem Male um ihn.
Dann ri er weit und erstaunt die Augen auf.

Ich will nicht in den Himmel! schrie er noch einmal.

Ja, wollen Herr Professor denn in die Hlle, um Gottes willen! sagte
die Stimme seines alten Dieners neben ihm.

Ich will auf dem Uranus bleiben, zum Geier!

Auf dem Uranus??? -- Wie kommen Herr Professor denn auf den Uranus?

Christian, du schrecklicher Holzkopf, bist du denn ganz und gar
bergeschnappt? Wir sind doch auf dem Uranus.

Erlauben der Herr Professor, ich bin auf der Erde.

Ja, wie kommst du denn auf die Erde?

Genau so wie der Herr Professor! Ich wurde eines Tages da geboren, ohne
meine Einwilligung! Aber Herr Professor machen mich ganz ngstlich! Herr
Professor sind doch nicht krank und fiebern? Ich lag drinnen auf meinem
Ruhebett, auf einmal hre ich Herrn Professor laut schreien. Ich eile
herbei, da finde ich Herrn Professor am Fernrohr im Stuhl eingeschlafen.
Es ist ja schon gegen Morgen, und die Sonne mu bald aufgehen. Herr
Professor scheinen lebhaft getrumt zu haben.

Getrumt? Nur getrumt? Ja, ist denn nicht mein Regenschirm auf dem
Uranus liegengeblieben?

Er steht noch immer da bei der Tr in der Ecke, Herr Professor!

Ja, sagte der alte gelehrte Herr und erhob sich mhsam und mit steifen
Gliedern aus seinem tiefen Stuhl, ja, dann war das alles ein Traum!

Er rieb sich die Augen und schlurfte kopfschttelnd hinweg.




                                Funoten


[1] Lhn nennen die Tiroler die Schneelawinen.

[2] Das Kuzchen gehrt zu den Eulen, und sein eigenartiges Geschrei
vermag im nchtlichen Walde furchtsame Leute zu erschrecken.

[3] 30 Faden = 55 Meter.

[4] _Kalfatern_ nennen die Seeleute das Dichtmachen eines Fahrzeuges
durch Werg und Pech.

[5] Die Wissenschaft von den Sternen heit Astronomie, und die
Sternkundigen nennt man Astronomen.

[6] Guten Tag, meine teuren Brder!

[7] Diese sowie andere hier erzhlte Sturmwirkungen sind in der Tat so
geschehen.


                  Im Verlage _Ullstein & Co, Berlin_,
                         erschienen ferner von

                            Bruno H. Brgel

                           Aus fernen Welten


                    Eine volkstmliche Himmelskunde

                            Vom Arbeiter zum
                               Astronomen


                     Ergtzliches Experimentierbuch

                        von Dr. Albert Neuburger


                      Mit etwa 500 Textabbildungen

   In Form von Spiel und Unterhaltung gibt dieses Buch einen
   Einblick in die Ergebnisse der Technik und ihre
   naturwissenschaftlichen Grundlagen. Mit erstaunlichem
   Sammeltalent hat Dr. Neuburger eine fast unbersehbare Vielzahl
   von Versuchen und Experimenten in leichtfalicher Anleitung
   zusammengetragen, und zwar neben ernstem und lustigem
   Schnick-Schnack auch ganz neue, durch die jngsten physikalischen
   Forschungen erst mglich gewordene Experimente. Aus wertlosen
   Konservenbchsen entstehen so Laterna magicas, aus Zigarrenkisten
   photographische Apparate und aus elektrischen Klingelleitungen
   eine vollstndige Einrichtung zur drahtlosen Telegraphie. Wir
   finden in der einfachsten, leicht ausfhrbaren Form Anleitung zur
   Herstellung leuchtender Zifferbltter und zur Veranstaltung von
   Geistererscheinungen sowohl wie zur Anfertigung von Mikroskopen
   und Fernrohren, von Stereoskopen, Kompassen, sowie von
   Miniatur-Flugapparaten und Lenkballons. Fast jedes Experiment ist
   durch eine Illustration erlutert, und so wirken Bild und Wort
   zusammen, um dem Leser ntzliche und ergtzliche Kenntnis
   spielend zu bermitteln.

                      Verlag Ullstein & Co, Berlin


                         Die Gewalten der Erde

                            von R. H. Franc


                  Mit etwa 700 Abbildungen auf Tafeln

   Das Werk Francs ist von einem Forscher geschrieben, der die
   Phantasie und die Sprachkraft eines Dichters hat. Nicht ein
   prhistorisches Ereignis ist in diesem groen Gemldezyklus die
   Schpfung, sondern ein Hergang, der sich immer erneuert. Immer
   noch bebt in den glhenden Tiefen die Erde und baut an Gebirgen
   kommender onen. Immer wogt die salzige Flut um die Lnder, hier
   abreiend, dort hinzutragend. Immer wandern und sterben, durch
   Sonne und Luft verwitternd, die eisigen Alpengipfel. ppig und
   schn blht die Vegetation; doch nicht in fernen Erdzeiten,
   sondern in einer, die nur wenig zurckliegt, vielleicht erst in
   der Gegenwart hat sie diese ppigkeit und Schnheit erreicht.
   Immer wirft das Leben alte Formen zu den Toten und bringt in
   geheimnisvoller Anpassung neue hervor. Nur ein Tag ist die
   Geschichte der Erde und dennoch uferlose Ewigkeit. Mit einer
   Versinnlichung, die die Rtsel der Geologie hell berleuchtet,
   wie ein Erzhler von einem Bild zum andern fhrend, gibt Franc
   Zusammenfassungen letzter Resultate. Jedem Leser verstndlich,
   gehrt dieses Buch zu den Meisterwerken einer volkstmlichen
   Darstellungskunst.

                      Verlag Ullstein & Co, Berlin


                             Ullstein & Co
                                 Berlin




                     Anmerkungen zur Transkription


Funoten wurden am Ende des Buches gesammelt.

Eigentlich war das Jahr des Kometen 1680 und nicht 1690, wie hier
geschrieben (S. 152).

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.





End of the Project Gutenberg EBook of Die seltsamen Geschichten des Doktor
Ulebuhle, by Bruno H. Brgel

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SELTSAMEN GESCHICHTEN ***

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1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of
damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
violates the law of the state applicable to this agreement, the
agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
remaining provisions.

1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

