The Project Gutenberg EBook of Die Vergiftung, by Maria Lazar

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Title: Die Vergiftung

Author: Maria Lazar

Release Date: August 1, 2020 [EBook #62801]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE VERGIFTUNG ***




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                              Maria Lazar




                             DIE VERGIFTUNG


                                  1920
                LEIPZIG - E. P. TAL & Co., VERLAG - WIEN


       Alle Rechte, insbesondere das der bersetzung vorbehalten.
      Copyright 1920 by E. P. Tal & Co., Verlag Leipzig und Wien.




                                Die Tr


Eine braune Holztr, glatt, mit vielen dunklen Flecken. Eine Tr wie sie
berall ist, berall ist. Eine Tr --

Nein, eine dunkle Macht, feindlich, glatt, mit vielen dunklen Flecken.
Das schlgt ins Gesicht, dem ganzen Krper entgegen. Eine Schicht, eine
dnne, harte Wand.

Und da verloren sich die schmiegsamen Formen ihres Leibes. Das
Immerweitertasten ihrer Hnde blieb stecken. Sie wurde platt
zusammengedrckt zu einer Flche, einem Ding, aus dem nur der ungeheure
Schrecken herausgestiegen war und drauen stehen blieb, verwundert.

Als sie ber die Treppe des Alltagshauses ging, trat sie in die Abdrcke
der hundert geschftigen Fe, die tglich hier vorberliefen.

Wieso war sie berhaupt dahergekommen? Immer daher gekommen und nur da
her, da alles brige drauen liegen blieb?

Heute drang das Licht blendend durch Steine und die erstarrte Haut ihres
Leibes. Von den Blttern troff es, grell und hei, und duftete nach dem
Blut aller, die auf der Strae gingen. Das Blau war zu tief,
zusammengedichtet aus trotzigen Krften.

Ach, die furchtbare Helle. Und in sie hineingelegt die Tr, mit den
dunkelbraunen Flecken. Die sich niemals, aber auch niemals einschlagen
lt.

Diese Tr war schon damals gewesen, als sie so klein war, da sie den
Kopf ganz nach hinten legen mute, um die ersten Stockfenster zu sehen.
War es die Tr aus dem Kinderzimmer heraus oder von der Kche in den
dunklen Gang, an die sie sich nicht zu hmmern traute, als man sie
einmal dort eingesperrt hatte? Die Tr, die sich nie und nie zertrmmern
lt.

Wievielmal schon hatte sie diese Tre geffnet, mit Hnden, die dem
eigenen Sieg nicht glauben wollen. Nur ein leichter Druck auf die Klinke
-- und hatte doch immer den Mut gehabt, zu wissen, da diese Tre einmal
verschlossen sein mu. Jedesmal hatte sie den einen grlichen Moment
erlebt, der heute Wahrheit geworden war -- verschlossen.

Heute, es ist ja gar nicht heute. Das war schon immer, das hat sie ja
schon hunderttausendmal erlebt. Tritt man nicht aus der Zeit heraus,
wenn dann eine Stunde kommt, die sich einbildet, die erste zu sein. Ein
Heute, das ewig ist -- ein Schritt aus dem warmen Leben -- vielleicht
ist ihr deshalb so entsetzlich kalt. Und sie mu die Augen schlieen,
whrend das Sonnenlicht des Tages die Wimpern versengt.

Verschlossen -- undurchdringlich.

Sie geht durch Straen, wo die Nachmittagsrte die Mauern frit. Und
wei: Der breiten Kastanie vor seinem Fenster ist heute ein Ast
abgehauen worden. Blendend wei bietet sich die Wunde der gierigen
Sommersonne dar.

Sie kann nie mehr weiter tasten. Steht fest, undurchdringlich --
verschlossen.

Ich mu denken, sagte Ruth. Sie nahm den Brief, der in seine Tr
geklemmt war und dachte: Ein zu kleines Kouvert. Und warum macht er dem
R bei Ruth so einen Schnrkel? Eine wtende Lust berkam sie, den Brief
von sich zu werfen, irgendwohin, vielleicht in den Straengraben. Und
dann nie mehr ... Aber sie hielt ihn fest und ging so lange, bis die
erste Dmmerung sich mit dem Staub der Grostadt mischte, der in die
Hhe stieg, langsam, leise und unerbittlich.

Es schlug neun Uhr vom Kirchturm. Sie dachte: Mutter ist bse, wenn ich
zu spt zum Abendessen komme. Und Richard macht seine verwunderten
Augen. Ich will sie nicht rgern. Aber ich bin nur so elend, wie sie gar
nicht wissen, da man sein kann.

Sie sprte den Essensgeruch der aus der Kche quoll, als die Kchin
ffnete. Und war gespannt was es gbe, whrend ihr die Trnen in die
Augen traten, da sie jetzt daran denken knne.

Sie sah nicht auf Mutter und Bruder, whrend sie schweigend wrgte. Sie
hrte nicht die Nrgeleien der Schwester. Sie schluckte eilig groe,
trockene Bissen hinunter und fragte sich nur: Was habe ich? Sie wute es
nicht mehr.

Aber als sie in ihr Zimmer trat, schrie der Spiegel seinen Namen. Und
sie sah ihr Bild darin, wie sie sich den Schleier vorgebunden hatte,
bevor sie weggegangen war, heute. Die Bcher auf dem Tisch, die
vernachlssigt und zusammengeworfen waren, und die zerrissene Mappe
atmeten seinen Duft aus. Und von dem seidengelben Lampenschirm herab
trufelten in weichen Farben ihre nchtlichen Gedanken.

Sie ffnete den Brief. Und las verchtlich seine groen Lgen.

Der Spiegel schrie seinen Namen. Sie sah sich drinnen, wie sie sich den
Schleier vorgebunden hatte. Wird sie so nie mehr zu ihm gehen.

Aber ja, morgen geht sie zu ihm, ganz so wie sonst. Was hat sie nur
heute. Der Brief ist ja so einfach zu verstehen. Warum soll er denn
nicht einmal verhindert sein, geschftlich.

Ruth las den Brief noch einmal. Die lcherliche Schlinge des R und die
kriecherische Windung des L in Liebe.

Er lgt. Aber das macht ja nichts, das wute sie schon immer. Und doch
-- sie kann nicht mehr.

O Gott, was ist nur geschehen? Was ist mit ihr? Durch das Fenster
strahlt die warme Sommernacht, wie eine Flle leuchtender
Versprechungen. Die Welt ist hell. Sie war bis jetzt nur in einer
dunklen Stube. Dunkle Sthle, dunkle Flecken an der dunklen Tr. Die
Welt ist hell. Ihre Glieder, ihr armer vergessener Krper schreien nach
Licht. Sie kniet am Boden. Ihre Zhne beien in die Tischkante, oh, da
sie nicht aufschluchzt.

Sie will denken. Sie wei, da seine Augen durch alle Mauern auf sie
sehen. Aber ihre Hand sagt nein, ihr Knie schlgt in trotzigen Sten
auf die Diele.

Ihr Hirn schmerzt vor Sehnsucht nach ihm, ihre Zhne beien in die
Tischkante.

So lange sie denkt, gehrt sie ihm. Aber da ist noch etwas an ihr, das
nicht denkt. Das treibt, das schlgt, das stt, das treibt sie zu ...

Er stand vor dem Spiegel mit dem zu dicken Rahmen, der alles verdsterte
und doch so hervorstach, als wolle er es nicht zugeben, da eine
eigentmliche Frechheit von dem bespritzten Glas ausging.

                   *       *       *       *       *

Er stand vor dem Spiegel und sah aufmerksam auf seine schlecht rasierten
hageren Backen. Auf die etwas zigeunerhafte Locke, die ber die Stirn
hing. Sie war nur zu licht, um wild zu sein.

Er stand vor dem Spiegel und versuchte die Regelmigkeit seiner
schmalen Zge zu genieen, durch die die zu weit nach hinten liegende
Stirn durchfuhr, wie ein querer Strich in einer regelmigen Zeichnung.
Seine Schultern standen zu weit nach hinten, knstlich steif. Sie
wollten offen und frei erscheinen. Aber die Augen lagen tief versteckt.
Die Pupillen waren nicht in sich abgeschlossen, sie liefen ber,
ausstrahlend und doch wie verirrt in das Weie des Auges.

Er stand vor dem Spiegel und der zusammengeprete Mund, mit den dunklen,
schmalen Zhnen erkannte alle Schwchen der kraftlos weichen Hnde, die
sich auf den Rcken legten, whrend die Schultern sich nach hinten
streckten, gewaltsam, knstlich.

Als Ruth zur Tr hereinkam, sa er vor dem Pianino und spielte eine
Beethoven-Sonate. Er trat ihr entgegen mit beiden ausgestreckten Hnden.
-- Du kommst spt, sagte er liebenswrdig spttisch. Aber seine Augen
blickten bse in eine Ecke des Zimmers.

Ruth erschrak. Wie immer legte sich der slichherbe Geruch der Rume,
den sie nie wo anders getroffen hatte, betubend um ihre Stirn. Sie
lachte dann: Ja, denk nur, wieso, ich bin einen verkehrten Weg gegangen.

-- Du hast nicht kommen wollen, sagte er langsam und schwer.

Alles stand still. Das Zimmer stand still, jeder Stuhl, selbst die Uhr,
die sonst immer zu laut schnarrte. Etwas lebte nicht mehr, es war etwas
gestorben, jetzt, in dieser Minute, etwas Furchtbares war ausgesprochen
worden.

Ruth dachte: Weinen knnen. Sie sah die hochmtigen Globen auf dem
Wandregal, die alle staubig waren. Und die sattgelben Minerale auf dem
unordentlichen Schreibtisch.

Er rckte ihr den Stuhl zurecht, wie immer. Immer denselben Stuhl.

-- Aber was sagst du denn da? lachte Ruth. Es war ihr schlankes frohes
Kinderlachen, das so seltsam hinaufkletterte ber die grau verschossenen
Wnde, die zu hoch waren.

-- Mein Kind, sagte er, mit berschlagenen Beinen und fremden Augen, ich
habe dich seit drei Wochen nicht gesehen und heute kommst du zu spt.

-- Du mut mir erzhlen, sthnte Ruth, alles was da war, alles was du
erlebt hast, was du gearbeitet hast.

-- Ruth, sagte er. Und sie hate ihn. Sprte den Schnrkel in der
Schlinge des R.

Sie sah seine weien, kraftlosen Hnde. Wute, da sie diese Hnde
niemals vermissen knne. Seine Krawatte war zerschlissen.

Eine heie Welle stieg in ihr empor, wrgte die Kehle. Aber sie war so
mde. Hilf mir, sagte sie.

Vor ihr war eine groe, schwere Wage. Eine Schale war voll eiserner
Gewichte, schwer und kalt. Die andere leer, ganz leer und hoch oben,
mutterseelenallein.

Die ganze Welt war aus dem Gleichgewicht durch diese Wage. Und durch die
Disharmonie seiner Bewegungen. So wie er jetzt die Zigarre zum Munde
fhrte.

-- Du kannst mich eben nicht mehr aushalten, sagte er langsam. Nein, er
wute nichts, er konnte ihr nicht helfen.

Er erzhlte ihr von seinem neuesten chemischen Experiment. Und sah sie
an, als wre sie eine schillernde Phiole.

Ihr Gehirn wollte mitarbeiten, aber wieder wehrten sich ihre Hnde, ihre
Knie, ihr Blut dagegen.

Die Nacht war hereingebrochen.

Du, sagte Ruth pltzlich, als er ihr seine letzten Tage schilderte, wie
er sich elend in Gasthusern herumgetrieben. Hr' auf. Ihre Stimme klang
hart und hell. Sie sprang auf und nahm seine Hand. Und ein grenzenloses
Mitleid, ein Schmerz, der sich selber zerbrach, lhmten ihren Atem. --
Jetzt geh ich und komme nicht mehr. Deine Tr war verschlossen,
letztesmal. Sie war immer verschlossen. Lg nicht! Vielleicht weit du
es nicht. Ach, diese Klte herinnen. Und ich liebe dich. Hrst du mich
nicht. Das ganze Zimmer hrt mich ja. Die Bume drauen hren mich. So
hr mich.

-- Ich hre, mein Kind, sagte er und sie stampfte mit dem Fu, weil er
mein Kind sagte.

-- Du weit, da ich seit zwei Jahren fr dich gelebt habe, fuhr sie
fort und ihre Stimme berschlug sich. Aber ich sage dir, ich spre eine
Erschpfung, eine Gefahr, ich bin zu voll von dir, ich kann dich nicht
mehr ertragen. O, was tust du mit mir.

-- Wohin willst du, sagte er und nahm einen Zug aus seiner Zigarre.

-- Fort, schrie Ruth. Was bin ich dir? Eine Phiole mehr fr deine
Experimente.

-- Trichtes Kind, sprach er und seine Stimme war schwarz in der lauen
Nacht. Fort -- du kannst nicht mehr fort. Du warst die Phiole fr mein
kostbarstes Experiment. In dir habe ich mich selber experimentiert.

In diesem Augenblick sah Ruth vor sich auf dem Schreibtisch ein
schmales, scharf geschliffenes Messer liegen.

-- Wohin willst du, fragte er und vertrat ihr den Weg zur Tre. Du
Kleine, die du die ganze Last eines verbrauchten Lebens in dir trgst.

Ruth roch Blut. Oder waren das seine Chemikalien.

-- Nein, sagte sie. Und ging hinaus ohne ihm die Hand zu geben.

Im Stiegenhaus brannte grellrot elektrisches Licht. Und die Strae
lrmte.




                           Der Kleiderkasten


Ruth erwachte. Durch das Fenster stie peinigend laut Licht. Es kam von
drben, von der fahlgelben Hofmauer, zerbrochen und unverschmt schrill.
Es saugte die Menschen aus ihren Betten, aus ihren Husern, ihren
Gewohnheiten. Und weil heute Sonntag war, liefen sie alle hinaus. In
eine Freiheit, die zu hell war. Da die groen grnen Bltter schon
verdeckt lagen von Staub und zu viel erlebt haben. Wie das schmerzt. Und
alle schreien. Irgendwo wird Bier ausgeschenkt.

Dasselbe Licht kroch ber die Gegenstnde ihres Zimmers, die sonst
dunkel waren. Sie traten heraus aus sich selbst, aus ihrem farblosen
Dasein und jede Kontur wurde scharf und kam weit hervor.

Es war nicht zum Aushalten. Ruth sprang auf. Sie lie die Jalousie
herunter und war erleichtert, als die Eisenstangen auf dem Fensterbrett
aufschlugen. Dann legte sie sich wieder in das zerwhlte Bett,
obendrauf, den Kopf weit nach hinten.

Vor ihr stand der Kirschholzkasten. Der liebe, lichte, gerade
Kirschholzkasten.

Tisch und Sthle und vor allem das dunkle Bcherbrett trugen noch sein
Geprge. Sie waren immer nur dagewesen, um zu warten, da sie zu ihm
gehe. Und wenn sie wieder kam, waren sie voll Warten fr das nchstemal.
Und nur voll Warten.

Aber der lichte Kirschholzkasten war schon frher dagewesen. Sie sah
starr auf ihn mit halbgeschlossenen Lidern. Um die anderen nicht zu
sehen.

Der Kasten hatte etwas vom lieben Gott. Ganz bestimmt. Von dem lieben
Gott, vor dem man die Hnde faltet, um zu ihm zu beten. Der einen weien
Bart hat. Und man braucht nur brav zu sein und es kann einem gar nichts
geschehen. Er schmeckt nach Zuckerlmmchen, die zu Ostern verkauft
werden. Und auch ein bichen verstaubt.

Dieser liebe, breitlinige Kasten war einmal gro, so gro, da man nicht
bis zum Schlssel reichen konnte. Und alles war darin, was man nur
brauchte.

Ruth bumte sich auf. Der liebe Gott war tot. In dem lichten
Kirschholzkasten hing eine Menge dunkler Stoffe. Die rochen alle ein
wenig nach fremden Chemikalien, slich herb. Stundenlang war sie
gesessen, den Kopf in diesen Kleidern vergraben, um den geheimnisvollen
Duft einzusaugen. Nein, sie wird den Kasten nie mehr aufsperren knnen.

Sie betrachtete mitrauisch ihre braunen Kinderhnde. Mit den kurzen
Fingern, die noch niemals etwas sein wollten und noch niemals etwas
festgehalten hatten, immer nur alles fragend betastet. Rochen sie nicht
in ihrem Innern, ganz drinnen in der Handflche, aus den Poren heraus
nach ihm? Sie dachte an das Versinken in seinen groen, zu weien Hnden
und ihr wurde bel. Ihre widerspenstig flockigen Haare rochen ja auch
nach dort -- ist sie denn ganz von ihm durchzogen, vergiftet --

Sie wird ein Bad nehmen. Und sich die Haare waschen mit sehr viel Seife.
Das wird ntzen. Und die Mbel heute gut abstauben, mit einem neuen
Staubtuch.

O Gott, wenn sie nicht auf den Kasten sieht, sieht sie berall ihn,
nein, nicht ihn und auch nicht seine Augen, nur seinen Blick. Der dunkel
ist und wie ein Band sich um ihre Glieder legt. Den sie nicht versteht
und nie verstanden hat, weil er aus einem Land kommt, das sie nicht
kennt. Dessen Unkrperlichkeit sie verzweifeln lie und dem sie nun
entflieht, von heute an.

Es ist merkwrdig, dachte Ruth, da ich die ganze Nacht geschlafen habe.
Es ist berhaupt merkwrdig, da man bei einem groen Unglck doch ganz
bleibt, wie sonst. Nur alles andere wird anders.

Und wieder sieht sie auf den hellen freundlichen Kasten. Und vergleicht
ihn mit dem lieben Gott. Sie mchte die Hnde falten, ganz wie damals.
Und kann es nicht mehr. Und frchtet sich, ganz wie damals.

Denn da ist sie wieder, die alte Kinderangst, ber die sie schon
hinweggegangen zu sein glaubte mit hochmtig erwachsenem Schritt. Die
Angst, die die Nacht frchtet und die blasse Frhlingsdmmerung. Die
sich krmmt unter der Eintnigkeit des Mittags. Die Angst, die auf der
Schulbank hockt neben dem patzenschwarzen Tintenfa, den strengen
Scheitel der Lehrerin streift, die nach zerkauten Federstielen schmeckt
und liniertem Papier, die Angst, die aufschreit in einsamen Nchten und
keinen Ausweg findet durch den fest verschlossenen Mund. Die von
Leichenzgen trumt und alle Pest und Hungersnot der Jugendbchereien
durchlebt hat.

Wer ist sie heute? Was war sie seit der Zeit, als sie in kurzen Rcken
ber die Gassen lief und das Zopfband verlor? Ist sie bestohlen,
beraubt?

Nein, Ruth wute es, sie war mihandelt worden. Eine zarte Hlle blieb
brig, die leben wollte. Und was war in ihr? Was roch wie die lebendig
gewordene Wissenschaft? Was klebte an ihren Hnden, in ihren Haaren, in
ihren Kleidern? Was fllte den lieben, alten Kasten?

Da wird sie sich einer furchtbaren Gefahr bewut: Leer werden. Leer --
was heit das, was ist das? Leer -- das sind die Augen in Totenschdeln.

Sie will nach der goldenen Flle greifen. Und das Licht kann nicht
herein und dahinter steht das Nichts, das Leere.

Leer -- das heit ihn verlieren, ihn verloren haben. Und die Wucht
seiner Schmerzen, die Qualen seiner Einsamkeit.

Hoch aufgerichtet steht sie vor dem Bett. Sie sieht an sich herunter.
Bis zu den schlanken, braunen Kncheln. Und hat sich.

Leer -- das ist das Stck vom Fenster hinab bis zu dem harten Pflaster.
Worauf die Menschen ihren grnen Schleim spucken und das die Hunde
beschmutzen.

Frei sein und leer sein und weniger als elend sein --

-- Frulein Ruth sollen zum Frhstck kommen. -- Ruth sah das groe
berkrftige Stubenmdchen mit der hohen vergngten Stimme. Und wute:
heute abends geht sie aus, da wartet einer unten auf sie, vielleicht der
vom letztenmal oder auch ein anderer.

-- Ruth, rief die Mutter aus dem Nebenzimmer. -- Ich komme, antwortete
sie mit einer Stimme, die voll Musik und Jubel war.

Mutter stand in der Sonne. Und Mutter war lebendigstes Gewesensein.

                   *       *       *       *       *

Mutter ging alle Morgen nachsehen, ob das Mdchen gut aufgerumt habe.
Sie lie keinen Stuhl so stehen, wie diese ihn gestellt hatte. Mutter
wollte ein eigenes Haus haben, wie sie sagte. Ob dieses Haus besser war,
als alle anderen, ist nicht bestimmt. Aber da es anders war als alle
anderen, da es ihr eigen war und nur durchtrnkt von der kindhaften
Unruhe ihrer zu langen Finger, die niemals jung gewesen sein konnten,
da ihr Haus fremd und versperrt war allen, die nicht ihres Blutes
waren, das hatte sie erreicht. Und Ruth empfand es mit einem Stolz, der
sich selbst nicht anerkennen will.

Mutter kte Ruth, wie man ein Stck Eigentum kt oder ein Stck von
sich selbst. Und Ruth fhlte die Schmerzen der vergangenen Nacht ganz
klein werden und wollte weinen.

Mutter frhstckte nicht mit. Sie war nie imstande eine Mahlzeit durch
sitzen zu bleiben. Sie mute immer rasch noch etwas anderes tun.

Mutter war gro. Aber nicht gro genug fr das, was sie der Welt zeigen
wollte. Deshalb schien sie fast klein.

Und auch ihre Wohnung war gro. Aber zu klein, um sich vor allen
zurckziehen zu knnen. Denn das wollte sie. Deshalb waren die hohen
Rume eng und drckend.

Als Ruth mit dem schmalen, silbernen Brotmesser das Brot schnitt,
empfand sie einen seltsamen Besitzerstolz und dachte: zuhause sein.

Sie hatte keinen anderen Wunsch, als Mutters Kleid zwischen beide Hnde
fassen zu knnen, ganz, ganz fest. Wie gut war es, da Mutter immer so
alte Kleider trug. Und schon wollte sie aufspringen und Mutter alles
sagen --

Da kam Richard herein. Nein, sie konnte nicht. Richard war zu klug. Und
Richard war Mutters Sohn. Von so etwas konnte sie nie zu Mutter
sprechen.

Und Martha war Mutters Tochter. Martha war hlich und verbittert. Wenn
sie die Tr aufmachte, war das Zimmer voll Lrm. Da konnte Ruth von so
etwas doch nie zu Mutter sprechen.

Ruth wute nicht, da Mutters Leben nur Enttuschung war, die nicht
eingestanden werden durfte. Und da Mutter so grenzenlos arm war, weil
sie nie den Mut gehabt hatte, das zu erkennen.

Mutter war so klug, da sie die Dinge nicht wirklich sah, sondern in
Karikatur auf dem Hintergrund ihrer Wnsche und Vorurteile. Aber sie sah
sie alle bis auf eines: Das war sie selbst. Sie wute so wenig von ihrer
eigenen Existenz wie ein ganz kleines Kind. Und ahnte nicht, da sie
selber auch etwas beigetragen habe in der Symphonie der Ereignisse, die
ihr enges, tiefes Dasein bildeten.

In ihrer Jugend hatte sie nur eines gekannt: Die Pose. Die Verwandten
und Freunde, ja selbst der Kutscher ihres vterlichen Hauses sprachen
mit Handbewegungen, wie Schauspieler in ihren Rollen. Das hatten sie von
ihrem Vater gelernt. Dessen ganzes Leben ein groer Faltenwurf war.
Hinter dem steckte nichts als Jagd und Rausch und etwas Verwesung. Aber
ihre Mutter war trge.

Sie hatte nie den Mann gefunden, den sie lieben konnte. Das wre auch
nicht so ntig gewesen, nur htte sie sich Zeit nehmen sollen, ihn zu
suchen. Denn nur dann htte sie sich entwickeln knnen.

Aber sie zerschnitt sich alle Mglichkeit weiterzukommen, indem sie in
frher Jugend einen Mann heiratete, der vielleicht ein Heiliger geworden
wre, wenn sie ihn unter Menschen gelassen htte. Denn er liebte die
Welt mit der zarten, naiven Freude junger Knaben, die an einem
Frhlingstag ein blhendes Tal durchstreifen. Aber sie hielt ihn als
Eigentum, wie ihr Vater Pferde und Bediente gehalten hatte. Sie sperrte
ihn ein in Rume, die von ihren Atemzgen bersttigt waren. Da seine
weiche Menschlichkeit zur Seite treten mute und sein surenscharfer
Verstand allein ihn beherrschte. Er rechnete Tage und Monate und Jahre.
Als seine groe Erfindung fast fertig war, starb er. Aber noch eine
Stunde vor seinem Tod erzhlte er das Mrchen vom Schneewittchen. Denn
er hatte immer Knigstchter geliebt, die eigentlich kleine Mdchen
waren und in rote pfel bissen. Die ein bichen Puppentheater an sich
hatten.

Ruth hatte Vater gegenber ein schlechtes Gewissen. Weil Mutter alles
war, weil Mutters groe, vielgliedrige Hnde auf ihren Augen gelegen
waren, wenn sie zu Vaters Schreibtisch sehen wollte.

Als sie noch ganz klein war, hatte er sie einmal in eine Konditorei
gefhrt. Es war ein schneidend kalter Wintertag und ein elendes
Geschftchen in der Vorstadt. Dort kaufte er Bonbons, einen groen Sack
voll groer, dicker, gelber, malziger Bonbons. Und gab sie ihr mit dem
vergessen gtigen Lcheln, mit dem Christus das Brot an die
Zehntausenden verteilt. Da wurde sie traurig. Am Abend sa er an seinem
Schreibtisch und Mutter schalt mit der Kchin. Ruth ging in das dunkle
Vorzimmer, steckte den Kopf in seinen Winterrock und kte, kte das
weiche, kalte Tuch. Spter sagte Richard: -- Gib mir davon. -- Sie hielt
den Sack fest zu. -- Du bist geizig, sagte Richard. -- Gib! -- Sie
prete den Sack an sich. Da schlug er sie. Sie weinte. Er zerri das
Papier. Aber sie kmpfte um jedes einzelne Bonbon. Und legte alle unter
ihren Kopfpolster. So war Vater. Aber Richard konnte das nie verstehen.
Und sie hatte viel Respekt vor Richard. Fast noch mehr als vor Mutter.

Am Abend sagte Mutter: -- Warum bist du noch nicht angezogen. In einer
Stunde mssen wir im Theater sein.

Ruth dachte an den Kleiderkasten. An den dunklen Duft, der aus ihm
herausstrmen soll. Und sie empfindet das dunkle Band, das von weither
kommt und sich um alle ihre Glieder legt, schmiegt, sich einschneidet in
die furchtsame Haut.

Und sie wei, wenn sie das blaue Seidenkleid anzieht, ist sie morgen
wieder bei ihm.

-- Ich gehe nicht ins Theater, antwortete sie. Und blieb allein in der
Wohnung. Da geht sie aus, sich zu suchen. Sie schleicht, sie kriecht
fast durch die Zimmer. Sie betastet die Sthle mit den verbogenen Fen,
die berflssigen Vasen, den Samt der Vorhnge. berall war Mutter. Und
noch Richards Bcher. Und ein paar gestopfte Handschuhe von Martha. Aber
Ruth war nirgends.

Da berfiel sie eine Qual, die sie zu Boden schlug, sich wie ein Strick
um ihren Hals legte und wrgte ...

Mutter kam von Lohengrin und war entzckt, wie immer. Sie liebte derbe
Romantik und laute Musik. Dann sang sie den Hochzeitsmarsch mit ihrer
krftigen Stimme. Ruth sah sie an wie eine Fremde.

Richard war zufrieden, wie nach einer gut berstandenen Prfung. Und
Martha jammerte, da ihr Schal ein Loch bekommen hatte. Ruth war nur
ganz verwundert.

Aber dann setzte sie sich auf Mutters Bett, tief hinein. Sie starrte in
das schlferige Wei des Linnens und wnschte sich klein zu sein und
Fieber zu haben.

Mutter sagte: -- Aber jetzt geh schlafen. Und warum bist du heute so
bla? Was hast du denn? Geh nur schlafen und gib mir noch vorher meinen
Roman.

Richard meinte ghnend: -- Mchte nur wissen, warum du deinen Sitz hast
verfallen lassen. So was Dummes.

Ruth wute nur: -- Wenn ich den Kasten aufmachen mu, werde ich
wahnsinnig. Da ist ein Abgrund drinnen, der strzt ber mich, der
erdrckt mich durch seine Leere. Und dann wissen sie alles. Oh, die
Schande. Dann bin ich ausgezogen. Nackt vor allen. Auf der Strae. Mein
Krper ist voll eiternder Wunden, oh, die Schande.

Der liebe, lichte Kirschholzkasten stand glatt in ihrem dunklen Zimmer.

Nach zwei Tagen sagte das Stubenmdchen: -- Wenn Frulein Ruth nicht den
Kasten aufmachen, kann ich den grauen Mantel nicht zum Putzen tragen.

Die Schande.

Und Mutter sagte: -- Wenn du den Schlssel verloren hast, lasse ich den
Schlosser holen.

Die Schande.

Sie weinte heraus: -- Ich will nicht.

-- Ich glaube wirklich, du bist krank, meinte Mutter.

Aber Richard rief aus dem Nebenzimmer: -- Geh, mach dich nur nicht
interessant.

Oh, die entsetzliche Schande.

Und sie wird sich zwingen lassen.

Was tut sie nur den ganzen Tag. Sie geht herum und erklrt es ihm, ihm,
zu dem sie nie mehr kommen wird. Sie macht ihm alles begreiflich, er
versteht es, er wei es, er wei ja alles. Wie kommt es nur, da er ihr
so hnlich ist. Oder sie ihm --

Sie nimmt zum zehntenmal ein neues Staubtuch und wischt alle Mbel ihres
Zimmers ab. Damit sein Duft doch endlich weggehe. Und wscht sich dann
die Hnde mit kochend heiem Wasser.

Am nchsten Abend sagte die Mutter: -- Wenn du dir morgen nicht ein
anderes Kleid anziehst und den Kasten aufsperrst, so hol ich den
Schlosser. Also berleg es dir.

Ruth stand an ihrem Fenster und sah in die schmutziglaue Sommernacht
hinunter und fhlte: Warum kann Mutter, die den Lohengrin so gern hat,
die so nobel ist, wenn Gste kommen, so zu mir sein? Warum stehe ich
hier und schau auf eine staubige Strae, wo doch drauen die vielen
Felder sind mit den endlosen Schienen -- in die Ferne gleiten -- und
warum --

-- Ich mu jetzt Bett machen, sagte das Stubenmdchen und zndete das
grelle elektrische Licht an. Ruth sah auf sie. Auf ihre krftigen Arme,
die fast aus der Bluse quollen, ihre bermtig starken Hften, ihre
brennend heien Wangen. -- Hren sie, Agnes, sagte sie heiser und ging
ganz nahe zu ihr ... Sie waren jetzt unten, da beim Haustor und er war
dabei, o bitte, sagen Sie nicht nein, ich habe Sie ja gesehen ... Nein,
Sie mssen nicht schreien, aber sagen Sie mir doch bitte, war es der
selbe, mit dem ich Ihnen begegnet bin, damals, Sie wissen schon, wie ich
im Konzert war, aber so sagen Sie doch. -- Nein, sagte Agnes, mehr
verblfft als verlegen. -- Aber eines, Agnes, mssen Sie mir noch sagen.
War es schn, unten jetzt, meine ich, war das schn -- Oh Gott, sagte
Agnes, nein, das ist nichts fr Sie, Frulein. -- Hren Sie, Agnes, und
Ruth kmpfte mit ihrem Atem, Sie haben so starke Arme. Agnes, liebe
Agnes, ich habe meinen Kastenschlssel verloren. Mama ist sehr bse.
Nehmen Sie das Kchenmesser, das groe, und machen Sie mir den Kasten
auf, nicht wahr, Sie tun es. Aber leise, ich geh einstweilen in das
Speisezimmer. Und kein Wort davon, Agnes, Sie verstehen. Die Kleider
hngen Sie ber Nacht ins Vorzimmer, aber es darf niemand davon wissen,
und zeitlich frh wieder herein, o ja, Agnes, Sie verstehen, sie tun es
gleich --

-- Ich verstehe schon, Frulein Ruth, sagte Agnes mit bldem Lachen.




                               Die Mutter


Ich liebe Mutter, dachte Ruth. Kein Mensch wei, wie gro sie ist und
stolz. Es ist schade, da das niemand wei. Aber ich kann es ja auch
nicht vertragen, da sie die Tren zuwirft und durch die Zimmer luft.
Da sie mit dem Mdchen schreit.

Sie flchtete in Grten. In kleine, engbrstige Vorstadtgrten mit
zerrauften Bschen und wackligen Bnken. Mit groen Sandhaufen voll
schmutziger Kinder.

Sie ging hin, weil sie dort noch niemals, niemals gewesen war. Und sa
brutheie Sommernachmittage durch und versuchte nur an Mutter zu denken
und ihn zu vergessen.

Denn noch immer verfolgte sie sein Blick wie ein dunkles Band, das so
weich war, wie das Innere seiner Hand, so da man nichts wnscht, als
sich hineinlegen zu knnen und nichts mehr wei von Steinen und Bergen.
Wie im Sand vor dem Meer.

Als sie einmal so sa, den Kopf in den Hnden, mitten unter
Proletarierfrauen und Ladenmdchen, setzte sich jemand ganz nahe neben
sie. Sie fhlte nur immer den Blick, das Band, wie es sich um ihre
Stirne legte und alle Nerven, den Rcken hinunter strich. Jemand sagte
zu ihr: -- Frulein, gestatten, da ich mich zu Ihnen setze. Neben ihr
war ein Commis voyageur mit aufgewirbelten Schnurrbartspitzchen und rot
geblmter Krawatte. Noch empfand sie den weichen Abgrund, der zu tief
war, um zu duften und sah sich doch hier unter kleinen Leuten, im
kleinen tglichen Leben, rundherum der graue Spielsand. Sie lachte ihrem
Nachbarn ins Gesicht, laut und pltzlich, da er zurckfuhr. Dann ging
sie. Hinter ihr schimpften die Proletarierfrauen.

Sie mute immer von zuhause weggehen. Denn, wenn sie zuhause war, liebte
sie Mutter nicht und das war doch schon ganz unmglich.

Mutter sagte zu Richard: -- Man sollte doch sehen, wo das Kind sich
herumtreibt. Sonst dachte sie nicht weiter an Ruth. Nur in der Nacht
wachte sie manchmal auf und wurde unruhig. Sie meinte, das kme von
ihren angegriffenen Nerven und nahm Schlafpulver.

Da etwas ihr Fremdes in Ruth vorging, wute sie. Soweit sie berhaupt
wissen konnte, was sie nicht wissen wollte. Und sie wollte nichts
wissen, was sie nicht seit ihrem zwlften Jahr kannte und besa. Das
beleidigte sie schon durch seine bloe Existenz.

Fr sie war Ruth das Kind. Das etwas vertrumte Kind, das sie unbedingt
liebte, weil es ihr Kind war, das sie bemitleidete, weil es das Kind
ihres Mannes war. Und das sie deshalb schtzen zu mssen glaubte.

Solange Ruth klein war, sagte sie mit Stolz zu allen Verwandten: -- Das
Kind wird ganz wie ich. Und Ruth war fast ebenso angesehen im Hause wie
Richard. Aber mit zehn Jahren enttuschte sie ihre Mutter zum erstenmal.
Von da an immer wieder.

Sie ging mit Mutter an einem nakalten Novembertag durch die Stadt,
Einkufe machen. Sie war traurig, weil alle Leute in den Geschften
unfreundlich waren, die Herren dicke Trpfchen im Bart hatten und die
Damen in zu kleinen Schuhen gingen, die sicher weh taten. Weil sie eine
erfrorene Nase hatte und einen hlichen Hut. Deshalb dachte sie an ein
Schlo im Hochsommer und zerbrach sich den Kopf, wie sie dort
Rosenstrucher und Marmorbrunnen verteilen sollte. Da kam ein Bettler.
Er war so wie alle anderen Bettler auf der Welt. Die selbe verkrppelte
Demut, die Geschfte macht und ihre Krcken schwingt. Schamloses Elend.
Mutter sagte: -- Gib ihm zwei Kreuzer. -- Nein, erwiderte das Kind, ich
mag nicht. -- Was, rief die Mutter entsetzt, warum? Oh, du bist
schlecht. -- Ja, sagte sie, ich bin nicht gut, ich kann alle Bettler
nicht leiden.

Damals war Mutter sehr bse. Und Ruth sagte zuhause: -- Wenn ich alle
Bettler wirklich gern htte, mten sie zu mir kommen, aber ganz. Und
ich mchte ihnen nie Kreuzer schenken, aber ich mag sie gar nicht. -- Da
schlug Mutter sie und Richard und Martha waren voll Verachtung.

Denn man mute gut sein zuhause. Das war wie ein Dogma. Richard schenkte
jedem Bettler etwas und Martha nhte Puppenkleider fr Armeleutekinder.

Als Ruth zwlf Jahre alt war, sagte sie lchelnd zu ihren Freundinnen:
-- Natrlich sind wir Juden, aber schon lang getauft, doch das macht
nichts aus.

Als sie vierzehn Jahre alt war, erklrte sie: -- Unsere Mbel sind
hlich. -- Ich lge oft, nicht gern aber doch oft. -- Wenn ich ganz arm
wre, wrde ich sicher einbrechen.

Da wute man in der Familie: das Kind ist dumm. Man mu sie zum
Schweigen bringen, sonst macht es nichts.

Und Ruth glaubte, da sie dumm sei. Nur krnkte es sie gar nicht. Sie
konnte einfach nie auf die Idee kommen, anders sein zu wollen, als sie
war. Hchstens, da sie sich wnschte, strhnenglatte blonde Haare zu
haben und eine griechische Nase.

Hier aber war die erste groe Spaltung zwischen ihr und Mutter. Denn
Mutter fhlte zu genau, wie sehr Ruth ihr Kind war, um diese
Aufrichtigkeit zu gestatten. Sie empfand es als eine Verletzung.

Ruth sagte einmal auf jemanden: Den liebe ich, den mchte ich auf der
Stelle heiraten. Ich glaube wirklich, ich knnte mich wahnsinnig in ihn
verlieben. -- Aber schmst du dich nicht, rief die Mutter.

Mutter schmte sich immer. Weil sie einen so unmigen Stolz in sich
trug. Was dieser Stolz wollte, wute sie eigentlich selbst nicht, er
hatte etwas sinn- und zweckloses. Er erinnerte an die hohen Zimmer, die
man in den Achtzigerjahren baute, deren Gre etwas Leeres und Zugiges
an sich hat. Und die nie auszufllen sind, weil die Kostbarkeiten, nach
denen sie verlangen, gar nicht aufgetrieben werden knnen.

Das, was Mutter wollte, existierte nicht. Und deshalb war sie arm
geblieben in der Flle ihrer zgellos reichen Empfindungen.

Wenn Ruth in der Nacht sich im Bett aufrichtete und sie war pltzlich
ganz wer anderer als am Tage, so da sie ihre eigenen Bewegungen mit
sem Mitleid und verborgener Zrtlichkeit beobachtete, dann war es
genau so, wie wenn sie Mutter beim Schreibtisch sitzen sah, mit einer
Unzahl Rechnungen, bei denen sie sich fortwhrend irrte und die sie doch
so genau nahm. Oder wie wenn sie einem nackten Sugling zuschaute, wie
er sinnlos mit den winzigen Fen in die Luft strampelt.

Mutters Reserve der Menschheit gegenber war nur etwas rein
gedankliches, uerlich war sie allen vollkommen ausgeliefert. Ihre
Haare steckten immer schief. Der Mund war zu voll. Die Unterlippe hing
herunter. Das war aber nicht notwendig. Es war nur, weil Mutter eben so
gar nicht verstand, in den Spiegel zu schauen.

Ihre dunkelsehnigen Arme htten Erdarbeit leisten sollen. Ihr krftiger
Krper brauchte Bergluft. So da er fast hinfllig scheinen konnte in
den Zimmern der Grostadt.

Mutter hatte sich nicht erziehen knnen und deshalb ihre eigenen Kinder
nicht, weil die ihr zu hnlich waren. Aber sie hatte einen jngeren
Bruder, der weich und bildsamer war als Lehm. Er war Musiker, er war
Dichter, er war Maler. Und endigte als Zeichenlehrer in einer
Mittelschule. Sie hatte ihm zu viel geholfen.

Ihre eigenen Talente hatte Mutter verschleudert. In ihrer Jugend war sie
die wildeste Tnzerin der Stadt. Und trug doch immer abgetretene Schuhe.

Onkel Gustav wuchsen die Haare zu lang in den Nacken. Nur ein ganz klein
wenig, so da man es bei anderen Menschen gar nicht bemerkt htte. Aber
bei ihm schien es viel zu viel zu sein. Er wurde in der Familie verlacht
und als Narr behandelt. Und lchelte dann demtig. Ruth ging an ihm
vorbei. Sie konnte Bettler nicht leiden.

Mutters Kommode war das interessanteste Stck im ganzen Haus. Zweimal im
Jahr wurde sie gro߫ aufgerumt. Kein Mensch durfte ins Zimmer kommen,
nur Gustav und Ruth waren zur Hilfe kommandiert. Weil Gustav so schn
die einzelnen Pckchen einwickeln und mit Spagat zusammenbinden konnte.
Und weil Ruth es lieber tat, als ins Theater gehen. Der dumpfe
Lawendelgeruch erweckte in ihr eine mde Erinnerung an Geheimnisse, die
sie einmal gekannt hatte, aber nun nie und nimmermehr erfahren durfte.

An einem langweiligen Sonntagnachmittag mit Regentropfen rief die Mutter
Gustav und Ruth zum groen Aufrumen. Ruth kam widerwillig, sie hatte
sich stumpf geschlafen und eine fade Sattheit klebte in ihren Haaren,
die heute gar nicht unternehmungslustig um die Stirne herumstanden,
sondern schlfrig nach hinten lagen. Als Mutter die groen Schubladen
aufzog, mit ihren zu hastigen, etwas blinden Bewegungen, bekam Ruth
einen dumpfen Druck in den Kopf von starkem Lawendelgeruch und wie im
Zorn sagte sie: -- Alt. Gustav sah verwundert auf. Er hatte die
Hemdrmeln aufgestreift und seine kleine, gedrungene Gestalt, die gerne
dick sein wollte, aber nie dazu kam, weil er ja immer hungerte, war auf
dem Sprung, Mutters Wnsche zu erfllen. Er knpfte alle die braunen,
grauen, gelben, weien Pckchen auf und schichtete ihren Inhalt
sorgfltig auf dem Boden hin. Ruth rhrte sich nicht und sagte pltzlich
zu Mutter: -- Ich mchte Seidenpapier kaufen, weies und einfrbige
Bnder. Nicht so in irgend ein Papier und Spagat. -- Was fllt dir ein,
das wre viel zu teuer. --

Ruth verstand das nicht. Sie legte sich auf einen Teppich und whlte wie
sonst in alten Photographien hochschpfiger Damen und befrackter Herren
mit Zylindern. In Wickelkindbildern, wo alle immer in der gleichen Weise
auf dem Bauche liegen. Es langweilte sie.

Gustav pfiff. Er pfiff wunderschn.

Ruth durchstberte Briefe, die wie gestochen aussahen auf vergilbtem
Papier. Sie suchte etwas. Sie suchte etwas, um aus der grlichen Leere
des Sonntagnachmittags herauszukommen. Und weil es doch ganz und gar
unmglich war, da die geliebte, geheimnisvolle Kommode nichts anderes
barg als dieses de Zeug. Nein, bestimmt nicht. Nicht einmal die
Schferinnenspieluhr kam ihr sehenswert vor oder das Stammbuch der
Urgromutter.

Mutter zeigte ihnen einen Liebesbrief, den sie bekommen hatte, als sie
sechzehn Jahre alt war. Es war der Brief eines berspannten Gymnasiasten
und schlo mit Selbstmordgedanken. Mutter war sehr stolz darauf. Aber
Ruth fand ihn so berflssig aufzuheben, wie Grovaters Brautbriefe an
Gromutter. Sie wurde zornig. Und sie bekam Angst.

Denn da war noch mehr in dieser Kommode. Mutter log. Sie, Ruth, wute
es. Da drinnen lag ein zerbrochenes Schicksal, ein Ruin, ein Kampf gegen
den Irrsinn. Mit dunklen Blicken sah Ruth auf den grauen Scheitel der
Mutter, wie sie eben vor ihr kniete. Sie fhlte ein kaltes,
entsetzliches Alter in ihren jungen Hnden, das alles wute, das man
nicht mehr tuschen konnte. Und ihr Mund war greisenhaft erbittert.

Mutter staubte soeben eine graue Pappschachtel ab, die mit einem
goldenen Bndchen zusammengebunden war, als das Dienstmdchen sie rief.
-- Das la stehen, sagte sie zu Ruth und ging hinaus. Ruth warf sich auf
die Schachtel. Gustav kehrte ihr den Rcken zu. Sie streifte das Band
los, schob den Deckel weg, seine Schrift -- und der groe Schnrkel bei
Liebe. Eine dunkle Tr tat sich auf. Sie bekam einen brennenden Schlag
auf die Hand. Und da wurde es licht, schreiend licht, grell, schmerzhaft
...

Mutter schrie etwas, das sie nicht verstehen konnte. Und nahm die Briefe
und ging hinaus, wutentstellt.

-- Onkel Gustav, sagte Ruth ruhig und ernst und totenbla. Von wem waren
diese Briefe?

Gustav zitterte am ganzen Leib: -- Warum machst du solche Sachen, wenn
Mutter es verbietet. Von wem die Briefe sind. Ich wei es wirklich
nicht, wirklich nicht.

-- Onkel Gustav, wiederholte Ruth und trat ganz nahe zu ihm hin. Du
weit das alles. Aber wenn du es nicht sagen willst, wenn du dich nicht
traust, so werde ich es sagen: in diesen Menschen war Mutter verliebt.

Ihre Stimme klang wie hhnende Beleidigung in dem dmmernden Zimmer. Die
Worte fielen abgehackt in das Dunkle und Mutters Rechenbcher lagen auf
dem Schreibtisch im hintersten Winkel.

-- Danach habe ich dich nicht fragen wollen. Aber eines mut du mir
sagen, wann war es, du? -- und sie kniete neben ihm und krallte die
Finger ein in seinen willenlosen Arm -- wann? war ich damals schon gro,
wie alt, ein kleines Kind? sag, du mut!

-- Du warst ganz klein, eben zur Welt gekommen.

Ruth sah vor sich einen Horizont, der in gerader Richtung in die Hhe
steigt. Wo es nicht rechts gibt, nicht links, nur das Oben. Und das
Oben, der Blick, das Band, das glatte, weiche Band.

-- Weiter, sagte sie hart -- und frher?

-- Er sagte dein Schicksal voraus aus den Sternen, erzhlte Gustav, der
ins Schwtzen kam, -- als Mutter dich erwartete. Deshalb ist er auch so
viel zu euch gekommen.

Ruth empfand in sich eine graue, steinschwere Halle, die sich selbst
erdrcken wollte und nur getragen wurde durch ihre entsetzliche, hohe
Leere. Wo verschnrkelte Sthle an den Wnden standen, ganz vereinzelt
und wo etwas von ihr war, ein Hauch, ehe sie selbst noch war, und wo er
war, voll und ganz, nur da man ihn nicht sehen konnte. Diese Halle, die
sie aus den frhen, angstvollen Dmmerstunden kannte.

-- Wann ging er weg, fragte sie kurz. -- Bald darauf. Er nahm ein Teil
von der Erfindung deines Vaters und verwendete sie fr seine Zwecke. Er
hat viel damit erreicht. Aber natrlich wollte ihn dein Vater nicht mehr
sehen. Er ist brigens von selbst nicht gekommen und --

-- Schweig, unterbrach sie ihn. Sie fhlte sich umgeben von lauter
schwarzen, weichen Bndern und Spagatschnren, die alle ineinander
bergingen. Fesseln, Fesseln.

Und aus ungeheurer Tiefe heraus quillt dunkel empor eine formlose Masse.
Die sie nicht modeln darf.

Sie ist machtlos.

-- Ruth, bat Gustav erschrocken, wenn Mutter davon erfhrt. Nein, das
tust du mir nicht an. Nicht wahr, gewi nicht. berdies, das was du von
verliebt sagst, ist natrlich dummes Zeug. Mutter war sehr gekrnkt. Er
war doch ein Freund von ihr. Auch von deinem Vater. Und er war jnger
als sie. Und berhaupt, deine Mutter war nie verliebt, berhaupt nicht.
Wie du nur so etwas sagen kannst. Du bist wirklich ein Fratz --

-- Und du ein Esel. -- Glhende Zornestrnen standen in ihren Augen.

Sie trat an das Fenster. Unten wurden die ersten Gaslaternen angezndet.
Sie sthnte: was kann ich Mutter geben, was kann ich ihr schenken, alles
schenken, meiner lieben, armen Mutter, Mutter, Mutter --

Zum Abendessen kam Mutter mit verweinten Augen. Ruths Hnde wurden
eiskalt. Und eine harte Wut berkam sie. Sie hate alle Weinenden. Nie
konnte Mutter ihr das zeigen. Nein, pfui, das war eine Schande, nein.

-- Was hast du Mutter wieder gergert, zankte Richard ber den Tisch
hinber.

-- O nichts, erwiderte sie achselzuckend. Wenn Mama so empfindlich ist
-- ich kann nichts dafr.

Sie ging in den nchsten Tagen, in den nchsten Monaten an ihrer Mutter
vorbei, ohne sie zu sehen. Aber in den Nchten erlebte sie alle ihre
Schmerzen hundertfach wieder. Sie verga die eigene Sehnsucht vor der
Sehnsucht, an der Mutter litt, die eigenen Qualen vor Mutters Qualen und
ihren groen Zorn vor Mutters unsglichem Schmerz, der ja so nicht zum
Ausdenken furchtbar sein mute, weil er nicht wagte sich zu erkennen,
sich einzugestehen, weil Mutter tglich ber den Rechenbchern sa und
die Liebe zu ihren Kindern fr ihren einzig wrdigen Lebenstrieb
erklrte. Und der doch so an der Oberflche war, da Mutter es sie sehen
lie, als sie weinte. Nein, deshalb mute sie Mutter bei Tag ausweichen.
Und wieder in die kleinen Vorstadtgrten fliehen.

Zuhause aber wurde sie unertrglich.

Als Mutter einmal einem Gast bei Tisch eine glnzende Schilderung
Grovaters gab, der ein Kavalier war vom Scheitel bis zur Sohle, nur von
Geld habe er freilich wenig verstanden, warf Ruth ein: -- er mu ein
roher, betrunkener Mensch gewesen sein. Da er seine Bedienten geprgelt
hat, finde ich ekelhaft und ich rgere mich noch heute darber, da er
das ganze Vermgen verspielt hat. Es ist doch grlich unintelligent,
wenn einem fremde Pferde mehr wert sind als die eigenen Kinder.

Und Ruth sagte, wenn Mutter Hexenglauben und Wahrsagerwesen als
Schwindel und Unsinn verdammte: -- Ich glaube bestimmt an alles
bernatrliche -- obwohl sie berhaupt nichts glaubte und ihr Leben
nahm, wie der Tag es hinstreute, mit einem Grauen, das zu tief war, um
ber sich selber nachzudenken.

Und Ruth sagte: -- Ich gehe in die Kirche, nicht weil ich mu, sondern
damit die Leute sehen, da wir auch Christen sind. -- Dabei ging sie
berhaupt nie zur Kirche.

In diesen Tagen konnte sie nichts essen als altes Brot und harte,
unzerbeibare Dinge, an denen sie sich die Kiefer wund ri. Ein
fortwhrendes belsein drckte ihr den Magen leer. Und die groe
Bosheit, die in ihr war, wrgte die Kehle, zerfra die Haut und zehrte
an den braunen Kinderhnden.

Sie wute nicht, ob diese Bosheit etwas ihr eigenes war. Oder ob sie sie
mitgebracht hatte aus dem Zimmer mit der braunen Holztr. Oder ob es die
Bosheit des Schicksals war, das sie zwang, Sprachrohr zu sein fr ein
unterdrcktes Leben, unterdrckte Sehnsucht und unterdrckte Kraft. Nur
Sprachrohr oder war noch etwas in ihr, das ihr die Augen offen hielt mit
groen, weichen, weien Hnden. Da sie nicht einmal blinzeln konnte und
nur die heien Trnen brennen fhlte.

Sie lie von dem mden Druck der Sptsommernchte den Kopf in ihr
kleines Kissen pressen. Und sie bohrte das Gesicht hinein, um nicht
denken zu mssen. Sie sehnte sich malos nach einer Bonne, die sie als
dreijhriges Kind gepflegt hatte und tglich vor dem Einschlafen an
ihrem Bett gesessen war. Wenn die wieder hier sein knnte, wre alles
besser. Sie wute nicht mehr, wie das Mdchen ausgesehen hatte, aber sie
erinnerte sich an eine khle, behutsame Hand und weie Mullgardinen vor
dem Fenster.

Wenn sie aber Mutters Stimme aus dem Nebenzimmer hrte, sagte sie
halblaut in das heigehauchte Kissen hinein: er ist ein Schuft -- ich
liebe ihn -- er hat Vater bestohlen -- ich liebe ihn -- er hat uns
gemordet -- ich liebe ihn -- er hat unsere Zimmer trb und drckend
gemacht und unser Leben mitrauisch und eng -- ich liebe ihn -- er sucht
das Bse, weil das Licht ihn verlassen hat -- ich liebe ihn -- ich habe
ihn immer geliebt -- ich liebe --

So das Sprachrohr. Und unter dem Bett lag, staubdick geschichtet,
wehrlose Wut.




                              Onkel Gustav


Onkel Gustav war klein. Er war nur ein ganz wenig kleiner als die andern
und doch glaubte er, an ihnen hinaufsehen zu mssen. Er spielte Geige.
Um ein klein wenig schlechter, als man spielen mu, um ein helles Leben
zu haben. Er malte. Und es htte nur eines Funkens Kraft, eines
Futritts Persnlichkeit bedurft und er wre ein groer Knstler
geworden. So war er klein, sogar sehr klein.

Ein Sprung und er htte den Gipfel erreicht. Zu diesem Sprung kam er
nie. Und so blieb er hoch oben hngen, ber dem Abgrund. Und die von
unten lachten ihn aus.

Als Onkel Gustav drei Jahre alt war, waren es seine Zartheit, seine
rhrend fragende Stimme, seine samtenen, etwas zu groen Augen, die
seine trge Mutter das erstemal in ihrem Leben lebendig machten.

Sein Vater behandelte ihn wie einen berempfindlichen Rassehund. Die
Mutter liebte seine glnzenden Locken. Und die groe Schwester strzte
sich auf ihn in zgelloser Leidenschaft. Die vielleicht nicht ganz ihm
galt, sondern auch der Freude zu herrschen, herrschen zu drfen ber
einen andern, whrend ihre fordernden Finger sich krmmten unter der
Zuchtrute des vterlichen Hauses.

Onkel Gustavs zarte, etwas brunliche Haut hatte einen leicht verwelkten
Geruch an sich. Der angenehm war, wie der Duft ermdeter Rosen. Und
lhmte.

Vor dem Hause seiner Kindheit war ein tropisch ppiger Garten gewesen.
Und alles wurde verspielt.

Gustav wute nie, was wirklich um ihn vorging. Das teilte er mit der
Schwester. Sein Zuhause war ein Knigschlo, Vater der Knig, Mutter die
Knigin, ganz wie im Kindermrchen. Und die groe Schwester erklrte ihm
die Welt. Die richtig gezeichnet war, nur mit zu langen Strichen. So da
berall spitze Ecken waren und Anhngsel. Doch das konnte er nicht
wissen.

Er hatte eine runde Kopfform. Eine runde, etwas kindische Nase, runde
Augen. Er geigte in weichen, abgerundeten Tnen, die nicht zu Ende
kommen wollten. Mischte auf seinen Bildern mollige, runde Wolken
ineinander und seine griechischen Vokabeln bissen eine in die andere,
immer im Kreis.

Im Gymnasium war er durchgefallen. Vater verachtete ihn. Mutter weinte.
Die Schwester erklrte, er sei ein Knstler und die Prfer gehren
gehenkt.

Die Dienstboten verspotteten ihn. Seine Kameraden gingen mit ihm um wie
mit einem verwachsenen Kind. Aber er hatte einen Freund, der gro und
stark war, etwas zu klug und ganz gemein blond. Der studierte ihn genau.
Bis er mit derselben nachlssigen Gebrde die Schulbcher ber den Tisch
warf, die Haare, genau wie er, etwas zu lang in den Nacken trug und eine
ebenso tolle Zusammensetzung franzsischer Gassenhauer pfeifen konnte.
Dann verlie er ihn. Er galt fr sehr interessant. Und kam bei allen
Prfungen durch.

Alte Damen hatten ein unverschmtes Bedrfnis, sich Gustavs anzunehmen.
Der Kondukteur der Straenbahn behandelte ihn mitleidig lchelnd, weil
er ihm zu viel Trinkgeld gab.

Aber alle Hunde hatten ihn gern. Weil er nicht besser sein wollte als
sie. Er liebkoste sie wie eine fremde, seltsame Sache, der man nicht zu
nahe gehen drfe, er respektierte sie. Als er sehr klein war, sagte er
den groen Jagdhunden seines Vaters Sie. Spter sprach er nicht mehr
mit den Hunden. Er wute, da sie ihn nicht verstanden. Aber er lebte
mit ihnen und sie durften ihr eigenes Leben fhren. Was ihm versagt war.
Das wute er nicht. Sie saen neben ihm beim Schreibtisch, wenn er
schrieb, neben ihm, wenn er a, sie lagen neben seinem Bett. Sie hatten
alle keine Namen. Aber seine Schwester gab ihnen englische Sportsnamen.
Er konnte nichts dagegen machen.

Junge Frauen liebten ihn pltzlich und strmisch. Ja, sie verehrten ihn
sogar. Er sah in jeder eine Mutter Gottes. Und sie waren sein Stolz.

Er hatte eine Schreibtischlade voll Liebesbriefen. Davon wute die
Schwester nichts. Er hob das nicht auf aus Eitelkeit. Aber wenn er
hungrig war und erfroren, nahm er sie vor und wurde warm und glcklich.
Er lebte von dem Glauben der Frauen an ihn, der immer gar zu rasch
verflogen war. Das wute er nicht. Als er achtzehn Jahre war, verliebte
sich eine blonde, junge Wilde in ihn. Sein Vater wollte ihn gerade durch
die Schule zwingen. Sie kam ins Haus und erklrte wutsprhend, er
brauche keine Prfungen, er kme in die Fabrik ihres Vaters, er sei
geboren, Massen zu lenken, so wie er unlngst mit dem Werkfhrer
gesprochen ...

Es gab Augenblicke in Gustavs Dasein, die wie rote Raketen emporstiegen,
leuchtend, hoch. Und dieses falsche Feuer durfte sein Leben erwrmen.
Denn er hatte ein glubiges Herz.

So ein Augenblick war es, als sie, die blonde, junge Wilde vor seinem
Vater stand. Sie war berflutet von einer weigelben Mrzsonne. Und
drauen schmolz der Schnee. Sie schlug mit ihrer etwas zu groen Faust
auf den Tisch, da die Glser klirrten und die dunklen Eichenmbel ganz
verwundert schienen. Vater war auch ganz verwundert. Und er selbst war
so glcklich, da er verga, um was es sich handelte.

Dann war er drei Wochen verlobt. Lnger lie es die Schwester nicht zu.
Denn sie wute ja, da er ein groer Knstler werden wrde. Und da
glaubte er es auch. Die blonde, junge Wilde heiratete spter einen
Ofenrhrenfabrikanten.

Gustav konnte nicht ber die Strae gehen, ohne da sich ein blondes
Mdel an seine Rocktaschen hing. Und er liebte sie alle. Nur wute er
nicht, sollte er sich so benehmen, wie seine Freunde es taten oder sich
der strengen Moral der Schwester fgen. Whrend er sich das berlegte,
verschwand das blonde Mdel.

Eine grobknochige Malerin hatte ihn in einer Ausstellung untergebracht,
sechs Wochen lag er in ihrem Atelier herum, als ihr erklrter Liebling.
Ihre Freundinnen stutzten seine zu langen Locken. Und ihre wilden
Umarmungen standen wie riesige Raketen auf seinem Lebenshimmel. Dann
holte ihn die Schwester. Die Malerin reiste nach Paris.

Sein Zimmer wurde immer enger. Vater und Mutter waren tot. Das viele
Geld fort. Er wute nie genau, wie es gekommen war. Er bastelte eine
eigene Liegestatt fr seinen groen Terrier. Schrieb eine
rechtsphilosophische Abhandlung, lernte indisch. Des Abends ging er zu
seiner Schwester. Sie setzte ihm auseinander, er sei ein verfolgter
Mrtyrer seiner Kunst. Sie schmiedete die schwierigsten Intriguen gegen
seine Feinde, schickte ihn zu groen Herren betteln. Schrieb Gesuche fr
ihn. Er empfand ihre Geschftigkeit angenehm um sich herumsplen, wie
lauwarmes Wasser. Und steckte die Finger hinein und spielte drinnen mit
den Zehen. Trank Limonade und hielt die Kinder auf seinem Scho. Nach
jedem neuen Schicksalsentwurf, den sie machte, ging er lchelnd
nachhause. Seine dunkle, schmutzige Strae beleuchteten grellrote, kalte
Lichtfetzen. Und in seinem Zimmer waren Wanzen.

-- Du mut nicht so ungeduldig sein, sagte er zu der Schwester, wenn sie
klagte und in verzweifelt groen Schritten durch das Zimmer jagte, --
nein, schau, eigentlich sind wir -- er sagte immer wir -- stark im
Hinaufsteigen begriffen. Die Exzellenz hat mir versprochen, ich bekomme
die Violinstunden bei dem jungen Prinzen. Also, bin ich dort, dann ist
alles fertig. Ich spiele im Salon vor. Lauter Frsten und solche Leute.
Man arrangiert ein Wohlttigkeitskonzert. Ich bin dabei. Dann kann
berhaupt niemand anderer fr die Dirigentenstelle in Betracht kommen.
Setze ich dann erst meine Kompositionen durch -- du wirst schon sehen.
berdies habe ich die grten Aussichten, da meine Feuilletons gedruckt
werden. Ich habe zwar erst eines, aber die andern sind fertig im Kopf.
Wart' nur, nchstens bring ich dir die Zeitung.

Eines Abends kam er bleich vor Erregung: -- Ich bin an einem technischen
Unternehmen beteiligt. Eine Riesensache. Ich darf es nicht nher sagen.
Ich glaube, ich habe auch schon eine Erfindung gemacht. Aeroplan.

Drei Monate spter hatte er sein letztes Geld verloren. Ein Zufall
verschaffte ihm eine Stelle als Zeichenlehrer in einer Provinzstadt. Die
Schwester war bse. Warum hatte er ihren Rat nicht befolgt, nicht das
Gymnasium gemacht?

Gustav kam in eine Welt, die aus Fabrikschloten bestand und holprigen
Gassen. Grauem Nebel, einem grauen Haus, feucht riechenden Kleidern,
kaltem Rauch. Er mute tglich eine halbe Stunde in der Frh in die
Schule gehen. Mit zerrissenen Sohlen und fadem Kaffeegeschmack. Er ging
durch eine gerade, lange Strae voll Schwerfuhrwerken mit fluchenden
Kutschern, schrillen Schulkinderschreien, Papierfetzen. Er frchtete
sich vor seinen Vorgesetzten, wie als Kind vor den Lehrern. Er konnte
die Vorschriften so wenig erlernen, wie als Kind die Aufgaben. Er
frchtete sich vor seinen Schlern, die ihn verachteten, weil er mit
ihnen hflich war.

In der Stadt hie es allgemein, er schreibe ein Drama. Ein ganz
modernes, verrcktes. Er bekam vier Liebesbriefe von hheren Tchtern.
Die er sorgfltig aufhob in der bewuten Lade.

Die Tochter seiner Hausfrau liebte ihn. Sie war stark geschnrt und
hatte Blumen auf dem Hut, die aussahen wie von Papier. Und sie brachte
ihm tglich das Frhstck. Auch bat sie ihn, ihr Zeichnungen zu machen,
nach Photographien gewesener Liebhaber. Was er geschickt und sorgfltig
ausfhrte. Aber sie war nie ganz zufrieden. Er merkte es nicht. Aus der
Bluse heraus guckte frbige Unterwsche.

Eines Abends war er bei seinem Direktor eingeladen. Das Zimmer war zum
Ersticken rauchig. Die Frau des Direktors hatte eine hart abgerundete
Stimme. Sie sprach sehr laut. Und am meisten mit einem breitschultrigen
Mathematikprofessor. Von Gustavs Anwesenheit schien sie berhaupt nichts
zu bemerken. Gustav dachte: unangenehm, da sie so eine weie Haut hat.
Wie ein frisch enthlltes Denkmal. Oder Stiegen, die einen schwindeln
machen. Auch schaut sie nach allen Seiten auf einmal, als ob sie
vierfach schielte. Wie sie wohl aussieht wenn sie schlft ... Und dann
sehnte er sich nach seinem Terrier und dachte nach, ob der Ofen in
seinem Zimmer schon ausgegangen sein wird, bis er nach Hause kommt. Als
er fort ging und schlaftrunken ber die dunklen Stiegen taumelte, rief
ihm die Direktorsfrau nach: -- Hallo, Sie, Herr Zeichenlehrer, oder wie
Sie heien, vergessen Sie Ihren Hut nicht, da, gute Nacht! -- Er fhlte
einen heftigen Schlag auf das Hinterhaupt und am nchsten Morgen eilte
er sich, in die Schule zu kommen, vielleicht steht die Frau des
Direktors beim Fenster, vielleicht geht sie gerade Einkufe machen ...
vielleicht ...

Er erzhlte den Jungen von der griechischen Kunst, da selbst die
Dmmsten und Klotzigsten Augen und Ohren aufrissen. Er sprang ber das
Reck im Turnsaal und kaufte seinem Hund eine Extrafleischportion. Er
merkte nicht, da der Nebel ihm ins Zimmer kroch und der Ofen rauchte.

Zu Weihnachten bat ihn der Direktor, seine Frau zu zeichnen. Er sa in
einem warmen Zimmer, mit glatten, dunklen Mbeln und loderndem Kamin.
Brand, raketenroter Brand. Vor dem Fenster der geradwegige Schulgarten,
abgerundet im Schnee. Sie sa vor ihm mit einer Handarbeit, wei und
berreif, wie eine se, tropische, wie eine ungekannte, ungeahnte
Frucht. Das Zimmer roch nach Mandelblten. Und ihr Haar war schwarz und
zu glatt nach hinten gelegt.

-- Sehen Sie, sagte er, hier kann man zeichnen. Das ist doch was anderes
als zuhause, immer kalt, und wenn ich meinen Hund nicht htte, -- es kam
ihm vor, als ob er etwas Unpassendes gesagt htte, er wurde dunkelrot
und machte einen Strich quer durch die ersten Umrisse ihres grozgigen
Gesichtes. Sie sah ihn an, beobachtend, wie ein neues Mbelstck, ob es
brauchbar wre. Und er dachte: nein, die hlt mich nicht fr gro, nein,
die hebt mich nicht in den Himmel, sie traut mir gar nichts zu, rein gar
nichts. Und sie hat recht. Einen Augenblick dachte er in glhendem Ha
an seine Schwester. Und dann: Es ist alles eins. Aber ich zeichne sie
jetzt nur einmal und dann nie mehr. Ich zeichne sie, wie sie ist, o so
ganz, wie sie ist.

Und aus dem grauweien Papier heraus wuchsen, Zug um Zug, unterdrckte
Entbehrung und uneingestandene Wnsche. Der bleiche Widerschein ihres
Krpers und Mandelduft. Das Gefngnisgitter ihres Kinderbettes und der
Brief, mit dem sie die Werbung ihres Mannes beantwortet hatte. Gustav
wute alles und er, der nur sein eigenes unechtes Bild gekannt hatte und
die blonden Madonnen mit den Liebesbriefen, er sah ein Leben vor sich
und wieder aufwachen und bluten unter seinen Hnden.

-- Bring dem Herrn Professor eine Schale Tee, sagte sie zu ihrem kleinen
Sohn, der etwas hervorstehende Augen hatte, wie sein Vater. Ihre Stimme
war wie Schlge gegen das Hinterhaupt. Da war die Zeichnung fertig.

Sie wurde rot, als sie sie sah. Und sagte nur Danke. Gustav ging.

Er traf sie das nchstemal Anfang Mai in der Dmmerung auf dem Friedhof.
Er ging gerne auf dem Friedhof spazieren mit seinem Hund. Er liebte
Zypressen und fhlte sich so seltsam unbehelligt.

Die Bltter dufteten nach dem Sich-schon-geffnet-haben. Die Erde auf
den offenen Grbern war tiefschwarz. Sie kam ihm entgegen, schimmernd
und licht, wie ein ganz weites und reiches hrenfeld in der Julisonne.
Ein Schlag auf den Hinterkopf. Er kte ihre Hand, langsam und
vorsichtig. Sie sah auf dem Weg vor sich dicke, runde Kieselsteine. Die
hervorstehenden Augen ihres Mannes. Aber ringsum die Bltter waren grn
und zart und jung und die Erde schwarz. Sie nahm seinen weichen,
knabenhaft lockigen Kopf und kte ihn. Groe leuchtende Rakete. Und
jeder ging seines Weges.

Am andern Tag warf ihn seine Hausfrau hinaus. Er hatte nicht beachtet,
da ihre Tochter ihm durch nunmehr schon zwei Wochen das Frhstck nicht
brachte. Er war ein unanstndiger Mensch. Und der Hund machte alles
schmutzig. Auch wollte ein anderer einziehen.

In der Schule hatte er staatsfeindliche Reden gefhrt. Sein verrcktes
Drama kam ewig nicht zum Vorschein. Er ging herum wie in berauschtem
Schlaf, in einer andern Welt. Was ihm diese Welt nicht verzeihen konnte.
Er war gar nicht so dumm, wie er aussah, zum mindesten machte er keine
gengenden Dummheiten. Er zog ohne Recht die Aufmerksamkeit auf sich.
Das war unverschmt. Er beantwortete einen Backfischbrief hflich und
herzlich. Die Eltern fingen ihn auf. Die Emprung stieg. Er wurde
hinausgeworfen.

Als er seine kleine Stube rumte mit dem zu kleinen Eisenofen, der immer
rauchte, weinte er. Er weinte, wie ein kleines Kind, hilflos und lange
mit groen Trnen, bis sein Gesicht verschwollen war und sein Denken
verdumpft. Und er schaute aus dem papierverklebten Fensterchen ber
gleichgltige Dcher und Schornsteine in den grauen Nebel. Der das erste
war, was er in seinem Leben frei und allein gesehen hatte. Denn hier war
die Schwester nicht dabei gewesen. Und der fade Ru deckte nur eine
weie ppige Blsse, ein unendliches hrenfeld weit, weit dahinter im
Winde.

Er konnte nicht atmen in den letzten Tagen. In seiner Kehle sa das
Hierbleibenwollen. Er verteidigte sich gegen niemanden, er sprach mit
niemandem, er hate niemanden, er sorgte nur fr das Essen seines
Hundes. Er liebte jedes Schild den weiten Schulweg entlang. Die
Buchstaben standen schwarz und steif auf dem nicht mehr weien
Hintergrund.

Es war unmglich abzureisen. Es war unmglich zu bleiben.

Und er sah sie nicht mehr.

Da traf er einen erwachsenen Schler auf der Strae, der ihn grte.
Einen groen, etwas dummen Menschen mit treuen Bewegungen. Er sprach mit
ihm. Und bat ihn, ihn zum Bahnhof zu begleiten. Er kaufte ein Billet. So
mute er reisen.

Und er sah sie nicht mehr.

Er sa in der Bahn an einem nachtschwarzen Nachmittag, in dem stickigen
Dritter-Klasse-Kupee, zusammengepfercht mit Fabriksarbeitern und
wichtigen Kleinbrgern. Unten fror man entsetzlich in den Fen und oben
fra sich schmieriger Zigarrenrauch ins Gesicht, der noch den Speichel
aller der ungepflegten Mnder in sich hatte.

Gustav fhlte sich hier wieder gro. Er wute, da alle die Leute um ihn
herum nicht einmal ahnen konnten, welche Schmerzen er litt. Er fhlte
sein Schicksal unbndig schwer und mchtig vorne auf den Schienen
liegen. Die Lokomotive stapfte mit ihrem eisenharten Leib darber hin.

Eine se Wollust betubte ihn. Sein Vater mute einmal eine sehr schne
Frau geliebt haben. Und er schlief ein.

Dann war er wieder ein kleiner, verschreckter Bettler, der zu seiner
Schwester ging und sich von ihr auszanken lie mit harten Worten. Deren
Ungerechtigkeit er wohl kannte. Und die er nicht beantwortete.

Er verstand nicht, sich zu ernhren. Und auch nicht, zu verhungern. So
lie er sich in die Mittelschule der Stadt hineinprotegieren und ging
Mittwoch und Samstag zu seiner Schwester essen. Dort war er nicht mehr,
als Mutters Bruder, ein hheres Wesen, sondern trotzdem er Mutters
Bruder war, ein trauriger Narr. Man war gut mit ihm. Und Richard und
Martha wurden sehr herablassend.

Eines Tages, als er einige Heller mehr hatte als nichts, ging er an
einer kleinen Ansichtskartenhandlung vorbei. Das ganze Fenster war voll
grellfarbiger Gebirgslandschaften, schmachtender Mdchenkpfe,
Blumenstcke, Liebesszenen. Er liebte Ansichtskarten. In seinem Zimmer
hingen immer abwechselnd sechs Stck an der nackten Wand. Nicht mehr und
nicht weniger. Mit Reingeln befestigt.

Er ging in das Geschft und unterhandelte lang mit der kleinen, blonden
Verkuferin. Dann kaufte er ein weies Kaninchen auf grasgrnem
Hintergrund. Obwohl er selbst es hlich fand.

Er kam wieder jede Woche, jeden Tag. Gisa, die kleine Verkuferin, hatte
zu wenige und zu lichte Haare und dumme kleine Zhne, die bereinander
lagen. Sie war nicht mehr ganz jung und doch kindlich zart. Sie liebte
ihn und er fror alle Abende allein in seinem dunklen Zimmer.

Er zeichnete Ansichtskarten fr das Geschft. Eines Abends, als sie ihm
zusah, kte er sie auf die Stirne. Sie lehnte sich an ihn und sagte,
sie seien verlobt und ihr huslicher Herd werde ein Paradies sein, wie
keines in der Welt. Er war erstaunt und sehr glcklich.

Sie waren lange verlobt. Sie verehrte seinen Geist und seine Kunst und
plapperte ihm alles nach. Es kam drollig heraus, in ihrem Deutsch, das
vom Dialekt nicht ganz zu reinigen war.

Er war glcklich. Nur konnte er zornig werden, wenn ihr Bruder, ein
Soldat, nach Wirtshaus roch und ihre Mutter wollene Strmpfe auf den
Tisch legte, auf dem eine goldene Vase mit verwelkten Grsern stand.
Dann schlug er auf den Tisch mit der Faust. Sie weinte hysterisch und zu
laut.

Sie htten sicher geheiratet, wenn er das Geheimnis ihrer Verlobung
nicht doch zu zeitlich Mutter verraten htte. Sie zog ihn vor das Grab
seines Vaters und beschwor ihn, seinen toten Eltern diese Schmach nicht
anzutun. An sein vterliches Haus zu denken. An seine Erziehung. Er floh
vor ihr. Sie lie nicht locker. Sie holte ihn von der Schule ab, sie
lauerte des Abends auf ihn vor der Haustr. Es kam zu hlichen Szenen
zwischen ihr und Gisa, wo er kaum die einzelnen Worte verstand und sich
fragte, ob man denn so schreien knne, ohne betrunken zu sein.

Und Mutter siegte. Mutter war die Strkere. Mutter war sehr stark.

Er aber schrieb, als alles endgltig vorber war, seinen ersten und
einzigen Brief an die Frau des Direktors. Er wollte ja nur wissen, ob
sie lebe, ob sie gesund sei, ganz gewi gesund. Es war vielleicht ein
wunderbarer Brief. Der nie beantwortet wurde.

Das war vor einigen Jahren. Seither fhrte man Gustav nicht in das
Zimmer, wenn Gste da waren.

                   *       *       *       *       *

Ruth ging an einem staubigen Sptsommerabend durch den groen,
ffentlichen Park. Die Bltter hingen welk an den Bumen, zu kraftlos,
um sich abzubrckeln. Und zogen alle Sfte nach unten. Whrend graue
Dmmerung die Wipfel drckte.

Auf den braungelben, eisernen Klappsesseln saen in langen Alleen
Liebespaare. Die Sesselfrau humpelte zwischen ihnen herum und
kontrollierte sie. Und jedes hatte ein Gegenber. Das sa schon dort
seit Mai und nichts hatte sich gendert.

Vom Kaffeehaus herber spielte die Kapelle Ouvertren und
Operettenlieder. Eintnig und zu rasch. Alles war hier so langsam und
mde. Runde, dunkle Holzreifen trennten den Rasen vom Weg. Aber der Kies
lag verstreut noch weit im grauen Gras.

Ruth dachte daran, da sie mglichst spt nach Hause kommen wollte. Da
sie vergessen hatte, die Schuhe vom Schuster abzuholen. Da sie ihren
neuen Koh-i-noor verloren hatte.

Ihre Sohlen sprten, da sie bei jedem Schritt in dem zerwhlten Sand
etwas hinter sich lieen, das dunkel war und weich und wenn man ganz
hinsah, tief hinunterging. Abgrund. Und ein chemischer Geruch aus
trbgelben Phiolen. Eine Beethovensonate, die gerade verklang und doch
lebte, obwohl sie ohne Verstndnis gespielt worden war.

-- Guten Abend, Onkel Gustav, sagte Ruth, tottraurig. -- Guten Abend,
Ruth, bist du auch hier. -- Der groe Terrier prete sich dicht an
seinen rechten Fu.

Sie setzten sich in eine Allee, in die das gelbe Licht der Gaskandelaber
nicht mehr dringen konnte. Ruth zeichnete mit der Fuspitze in dem
bleichen Sand runde, dunkle Furchen. Sie sagte: -- Wei Gott, wer da
heute schon ausgespuckt hat!

Der Terrier bekam auch einen Stuhl und legte den Kopf auf Onkel Gustavs
Schulter.

Sie dachte, es sei doch langweilig hier zu sitzen mit Onkel Gustav und
was wohl Richard dazu sagen mchte.

Da sagte Onkel Gustav leise: -- Sie werden bse sein, wenn du zu spt
zum Abendessen kommst.

-- Ach was, jetzt bleib ich hier. Was mir schon daran liegt. -- Das
solltest du nicht tun, Ruth, sagte Onkel Gustav mit sanfter, fast
demtiger Stimme. -- Warum krnkst du Mutter in letzter Zeit so viel?

Ruth rgerte sich rasend ber diese, seine Stimme. -- Was soll ich tun,
sagte sie hart, mir alles gefallen lassen, so wie du?

Onkel Gustav schwieg. Dann murmelte er: -- Du hast recht. Und dann
wieder, nach einer Pause. -- Nimm dich in acht!

Sie schmte sich fr ihre Worte. Und flsterte nur: -- Aber du.

-- Ich, Ruth, -- und sie sprte sein Lcheln durch die Dunkelheit, da
ihr war, als knne sie nie wieder froh werden. -- Nein, mit mir ist
nichts mehr zu machen. Du mut jetzt nichts andres sagen, Ruth, nein
wirklich nicht. Nicht heute. Vielleicht bei Tage, wenn wir uns auf der
Strae treffen oder wenn ich bei euch bin und Richard ist unverschmt
mit mir. Dann wei ich auch nicht, was ich jetzt wei, denn ich bin sehr
schwach.

-- Aber so rei dich doch los, schrie Ruth, da der Terrier erschrocken
auffuhr.

Die Gebsche hinter ihnen waren nher gekrochen. Legten sich ihnen fast
auf den Rcken mit all der toten Hitze, die sie den Sommer durch
verschluckt hatten. Ganz nahe. Und schwer.

-- Du mut acht geben! wiederholte Onkel Gustav dumpf. Und ihr war, als
she sie dicht neben sich, in einem alten verblichenen Spiegel, ihr
eigenes Bild. Kaltes Grauen machte die Finger steif.

-- Von mir darfst du nicht sprechen, fuhr er fort. Stell dir einen
Wurzelbund vor, den die Erde ganz fest in sich hineingefressen hat. Nie
mehr herausziehen. Manchmal glaub' ich, es gibt irgendwo um mich herum
ein Fenster, wenn ich da durchsehen knnte, ich she alles richtig. Aber
Mutter hat das nicht zugelassen. Ich mute alles durch ihr Fenster
sehen. Das ist nicht aus reinem Glas. Deshalb haben meine Bilder auch
etwas Verzeichnetes. Du mut achtgeben, Ruth! Wie du mir da
entgegengekommen bist, ich bin erschrocken; du hast mir so hnlich
geschaut, es war derselbe Rhythmus im Schritt, eigentlich kein Rhythmus.

-- Onkel Gustav, ich habe dich sehr lieb.

Es war ganz dunkel geworden. Und die nchsten Bume in der Allee standen
wie wachende Ungeheuer, riesengro, verworren, unankmpfbar.

-- Ich frchte mich, sagte Ruth in der entsetzlichen, toten
Beklommenheit. Hier, vor allem. Aber noch mehr, wenn wir weggehen. Die
Menschen drben im Kaffeehaus bei der Musik, sie sind nur dort so glatt
und unschdlich. Wenn sie jetzt hieherkmen, sie wren wie die Ruber im
Wald, Verbrecher --

Sie konnte ihn nicht mehr sehen. Und er sagte keuchend, kaum hrbar: --
Die Bltter faulen im Erdboden, damit die Wurzeln Nahrung bekommen. Die
Tiere fressen einander auf. Und die Menschen, Ruth, sind alle Mrder.
Aber unsere Nchsten -- hrst du, Ruth, hrst du, -- unsere Nchsten,
das sind unsere nchsten Mrder. Doch das darfst du Mutter niemals
sagen!




                              Mittagessen


Bevor man zu Tische ging, rckte Mutter alle Teller noch einmal zurecht
und die Sthle mit den ledergepreten Lehnen. Dann stand alles schief.

Ruth hate unaufgerumte Zimmer. Wie schmutziges Wasser, Ungeziefer,
weggeworfene Zahnstocher. Ihr war jeden Morgen bel. Sie konnte nie das
Frhstck essen. Immer empfand sie eine dumpfe Verantwortung in sich:
mach' es gut, mach' es rein, mach' es hell. Aber der Widerwille ihrer
braunen Kinderfinger, die sich weiche le wnschten, hinderte sie an
jedem Handgriff. Wenn das Mdchen dann aufgerumt hatte, fand sie alles
kalt, leer und fremd. Mutter sagte: -- Warum hilfst du nie mit? -- Sie
gab mit ihren ungemessenen Bewegungen der Wohnung den letzten
Anstrich, wie sie es nannte. Und dann -- nun dann stand eben alles
schief. Aus den Dingen heraus kroch eine seltsame verborgene Unruhe.
Alle Ecken wurden zu lang, Ruths Gestalt zu schmal, zu knochig in den
hohen Rumen -- tastend und auch schon verzeichnet.

Wie hatte Onkel Gustav gesagt: -- nimm dich in acht! Vor wem, vor Mutter
-- vor Onkel Gustav -- dunklen Zimmern -- dmmernden Sptsommergrten --
vor ihrem eigenen flchtenden Spiegelbild -- vor wem?

Was war geschehen? Mutter rckte heute die Teller zurecht. Die groe
Speisezimmeruhr, mit ihrem lichtmetallisch harten Klang streckte den
langen Zeiger auf fnf bis vier Minuten vor Eins. Also genau wie immer.
Sie, Ruth, stand beim Fenster, die Zeitung in der Hand, die sie doch nie
las -- genau wie immer.

Kann man denn da gar nichts machen? Die breite, brgerlich grne
Hngelampe zerschlagen, etwas in sie hineinwerfen. Am liebsten die
eigene lebendige Faust. Oder die dummen Suppenlffel neben den
geduldigen Suppentellern. Etwas machen, das hineinfhrt, wie ein Blitz,
wie ein Schrecken, wie eine Erlsung in dieses Wie-immer.

Und sie hatte es ja nie gewut. Sie sa dort an dem groen
Familientisch, immer an demselben Platz. Viele Jahre hindurch. Und war
klein und zart und viel zu jung -- ganz wie immer. Sie hatte es nie
gewut.

Als Kind hatte sie geweint in der Frhlingsdmmerung. Und sich geekelt,
wenn Mutter beim Essen ber die schlechte Kchin gejammert hatte. Aber
dann kam das groe, das einzige Gefhl. Noch lag der Druck der grauen
Alltglichkeit tief in ihr eingegraben in weichem Grund. Aber hoch
darber hinaus jauchzte eine selige Hingabe. Was sonst um sie vorging,
lie sie ruhig, kostbar verantwortungslos ruhig. Ihr Leben war ein
Rahmen geworden, der sich fest und unwillkrlich krampfhaft um das seine
schlo, zrtlich, ohne nachdenken zu mssen, kostbar verantwortungslos.

Wer hat ihr jetzt eine Maschine in den Kopf gesetzt? Die arbeitet und
whlt, denkt, denkt, denkt. Aus mdem Halbdunkel herausgerissen, sieht
sie alles mit lichtgepeinigten Augen, grell, schreiend grell, laut.
Hhnend scharfe, wilde Konturen, zu lange Ecken, zu runde Bogen --

Es ist ein Verbrechen begangen worden. Etwas Schlimmeres. Etwas noch nie
Geschehenes. Ein Mensch hat sich verloren und sucht sich. Und wei es
und denkt das durch, ganz durch ...

Noch einmal ging Mutter um den Tisch und rckte die Teller zurecht und
die ledergepreten Sthle. Und alles stand schief.

Sie, Ruth, lehnte am Fenster. Sie wute es. Und wute, warum Onkel
Gustav nichts weiter geworden war, als ein trauriger Narr. Wute, da
sie selbst, wenn sie jetzt mithelfen wollte bei den Tellern, es genau so
machen mte wie Mutter, so ungeschickt und doch selbstzufrieden. Da
sie Mutters ungeduldige Nasenflgel hatte, Mutters dunkle Brauen.

Sie frchtet Mutter malos. Sie frchtet sich. Sie mchte sich schlagen,
weil sie Mutters Kind ist.

Onkel Gustav war da. Wie jeden Samstag. Er hatte einen Freund
mitgebracht. Der war so unscheinbar, da Ruth ihn erst nach der Suppe
bemerkte und auch da nur, weil Mutter gar so hflich war. Man nannte ihn
von und dann etwas mit -berg. Gustav sagte Norbert und du. Er hatte
tadellos gepflegte Ngel und einen festgeklebten hellbraunen Scheitel.

Richard erzhlte vom Geschft. Die geringste Kleinigkeit war wichtig und
wurde mit Aufmerksamkeit angehrt.

Drauen fllt ein grauer, dnner Regen. So sitzen jetzt an jedem
Mittagstisch die Mnner und erzhlen ihre Wichtigkeiten. Am Abend gehen
sie in das Kaffeehaus und erzhlen sie ihren Freunden. Das ist alles.

Onkel Gustav sollte den Kopf nicht so vorsichtig zur Seite legen. Das
ist eine Gemeinheit. Wie sagte er vorgestern: Nimm dich in acht. Das hat
er gewagt. Er hat es gewagt, sie zu durchschauen. Dumm wie er ist. Und
jetzt schielt er nur so mitleidig auf sie her.

Sie senkt den Kopf tief ber den Teller. Sinkt ganz in sich zusammen.
Und it irgend was, das schmeckt wie graugrner Kohl. Ist aber etwas
anderes. Sie hrt das Klappern der Bestecke und das sinnlose, etwas
faule Durcheinander der anderen ber sich. So da sie wieder fhlt, sie
ist ganz klein und krank und liegt im Nebenzimmer in Mutters riesigem
Bett. Die Tr ist offen, damit man sie schreien hrt, wenn sie etwas
braucht. Sie wundert sich ber das Aufschlagen der Gabeln in dem
Porzellan, das die kaum verstndlichen Redebrocken drinnen begleitet.
Sie mchte schreien und etwas verlangen und traut sich doch nicht.

Sie fragte Onkel Gustav, ob er letztesmal gut nach Hause gekommen sei.
Es war doch zu gemtlich im Park. berdies htte sie einen Haufen
Knochen fr seinen Terrier gesammelt. Er solle sie nur vor dem Fortgehen
daran erinnern. Sie wird ihm auch ein Buch zeigen --

Sie fragte Martha, was die Schneiderin von ihrem neuen Kleid gesagt
habe. Ob es bald fertig sei. Und wie es aussehe so auf dem Kleiderhaken.
Ob es ihr schon ein bichen hnlich sehe --

Sie erzhlte Richard, da sein Buch, das er gestern gesucht habe, in
ihrem Zimmer liege, sie wisse selbst nicht wieso --

Sie bat Mutter, nicht zu vergessen, die Konzertkarten holen zu lassen --

Sie fragte den neuen Gast, ob er gern Kartoffelsuppe esse. Und ob er
noch Gemse haben wolle --

Sie wute: Wenn ich jetzt schweige, hrt man mein Besteck allein auf dem
Teller. In was fr einem hlichen Rhythmus es darauf klopft. Gefrig.
Deshalb mu ich reden. Alle reden. Wre es nicht besser, man wrde mit
den Fen strampeln?

Der neue Gast spricht von seiner Braut. Das heit, Onkel Gustav spricht
von ihr. Aber es ist klar, da er eine Braut hat. So jemand hat immer
eine Braut. Und dann kommt die Hochzeit mit Myrte und Schleier.

Was ist dort oben, nahe der Decke und doch tief unten --

Ist es der Rauch aus Onkel Gustavs ewig ausgehender Zigarre. Aber nein,
der raucht ja doch nicht. Man ist erst bei der Mehlspeise. Groe, gelbe
Patzen, glitschig in einer lichten Eiersauce.

Nein, es ist nicht Rauch, aber grau und massig, ineinander berlaufend,
ohne Grenzen. Schwergewichtig und doch oben schwebend. Zu bleich, um es
wirklich sehen zu knnen. Und doch da. Verbunden mit allen Adern, allen
Sehnen, durch die Fingerspitzen hindurch --

Es steigt auf aus Richards khlen, vorsichtigen Gelenken, wie er langsam
die Mehlspeise zerlegt.

Aus den hundetreu furchtsamen Augen des Fremden.

Aus Marthas abgetragener Samtbluse.

Aus Onkel Gustavs rundem Rcken, aus Mutters lauten Reden.

Es steigt auf aus ihr selbst, aus Ruth, aus ihrem farblos
schlafsuchenden Vormittag. Und dort oben ist es eng hineingefgt,
schlangenartig umwickelt von all dem anderen, festgebissen.

Hier um den Tisch herum glaubt jeder, da er etwas fr sich ist. Richard
vor allem, der so klug ist, da Mutter immer sagt, er mu Bankdirektor
werden oder Finanzminister. Aber das ist gar nicht wahr. Richard gehrt
dazu, genau so wie alle anderen, die hier um den runden Tisch schwatzen.
Die sich hnlicher sind als die eintnigen Ledersessel, auf denen sie
sitzen.

Da oben ballt es sich zusammen. Viele Kleinschicksale -- ein
Kleinschicksal.

Da oben schwingt es in einem kraftlosen Rhythmus. Selbstbewut. In dem
selben Rhythmus, in dem man in das Geschft geht oder in das Amt oder in
die Schule, wenn man brav gelernt hat. In dem man zum Traualtar geht, wo
man eine anstndige Partie macht, in dem man Sonntags am Korso seinen
neuen Hut zeigt, in dem man sich zum Geburtstag gratuliert, in dem man
hinter dem Sarg seiner Lieben geht, in dem man ins Himmelreich hinein
trottet, in dem man --

Agnes zerbrach ein Glas. Ein flchtiger Sonnenstrahl stahl sich durch
den feinen sprhenden Regen ber das verschobene Tischtuch.

Gott sei Dank. Es schadet auch nichts, da Mutter und Martha bse
Gesichter machten. Auch nichts, da sie drei Tage darber unglcklich
sein werden. Gott sei Dank.

Ruth nickte dem Herrn Norbert von -- und dann kommt etwas mit berg,
strahlend zu. Der brauchte doch nicht auch betrbt sein ber das
zerbrochene Glas. Er sah sehr unglcklich drein. Wahrscheinlich mehr aus
Hflichkeit. Oder vielleicht wegen irgend etwas anderem.

Diese Agnes war doch wirklich nicht salonfhig. Zu krftig. Wenn sie bei
der Tr hereinkam, mute eigentlich etwas umfallen in den hohen,
schmchtigen Rumen. Durch die bloe Anwesenheit ihrer saftvollen Arme.
Sicher hatte sie an den Kerl gedacht mit den aufgewirbelten, schwarzen
Schnurrbartspitzen. Der immer in der Kche steckte und den Hut nie
herunternahm. Einen riesengroen, hellgrauen Deckel, der schief ber dem
linken Ohr sa, immer ganz gleichmig schief ber dem linken Ohr. Toll
einfach. Morgen ist Sonntag, sie geht mit ihm zum Karussel, mit
knallblauem Seidenhut und das Werkel spielt --

Ruth pfiff, wie man von Tisch aufstand, einen Gassenhauer und konnte
trotz Mutters Entsetzen so nicht aufhren, da sie in ihr Zimmer lief,
um weiter zu pfeifen. Dort ri sie das Fenster auf. Die Sonne schien
hell.

Norbert sagte mit seiner zu leisen, fast nselnden Stimme zu Gustav: --
Deine Nichte Ruth scheint etwas -- nun -- etwas aus der Art zu schlagen.

-- Ruth? ... Gustav war ungeheuer erstaunt -- Ruth, die ist doch wie wir
alle. Er betonte das wir mit einer gewissen gesttigten Befriedigung.
Allerdings, sie ist sehr kindisch und ganz unreif, eigentlich viel zu
unreif fr ihr Alter, denk nur, schon zwanzig Jahre. Man wei gar nicht,
was mit ihr anfangen. brigens, findest du, da sie mir hnlich ist? --
Nein.




                                  Geld


Mutter war nicht zum Glck geboren. Aber sie htte eine entthronte
Knigin werden mssen. Und in Schmerz und Gre schwelgen. So war sie
kleinlich und mitrauisch, zankte mit der Kchin um jeden Heller. Und
wurde dann bestohlen, wie berhaupt von allen Leuten des unteren
Standes. Weil ihre Stimme so befehlend schroff war, da sie sie fr
mchtig, Ehrerbietung fordernd und hassenswert hielten.

Auch Ruth hielt Mutter fr mchtig, fr allmchtig. Sie stand himmelhoch
ber den Dienstboten und Bonnen. Sie besa die Schlssel zum
Wschekasten, zu jener blendenden Flle weichen, weien Leinens, die zu
sehen allein schon schlfrig macht wie ein zu heies Bad. Sie besa
jeden Silberlffel, jede Schssel, jedes Glas Milch so intensiv und
eigentumsdurchsttigt wie fanatische Sammler ihre Kunstschtze. Und war
daher reich in einer Drftigkeit, die sie selber am schmerzlichsten
empfand.

Ruth fuhr einmal als kleines Kind mit ihrer Schwester und einer Bonne in
einem Eisenbahnkupee. Es war eine Sommerfrischenreise. Da sagte Martha
mit ihrer berlegenen Stimme: -- Nein, wissen Sie, in dieses Hotel
knnen wir nicht gehen, da sind lauter reiche Leute. -- Ein ungeheures
Erstaunen hinderte Ruth damals am Fragen. So waren sie nicht reich? Aber
wieso, sie hungerten doch nicht? Und Mutter trug schwarze Seidenkleider;
was das nur heien sollte? Sie glaubte, miverstanden zu haben.

Auch als sie schon erwachsen war, liebte sie einen Radiergummi mehr als
ihre goldene Uhr, konnte sie Festtagskleider nicht leiden und verlor
immer ihr Taschengeld.

Geld war und blieb ihr etwas unbedingt Schmutziges. Etwas, das schon
durch tausend hliche Hnde gegangen war, ber Wirtshausfuboden
rollte. Mutter besa es in ungezhlten Mengen. Es war nur ein Prinzip,
da sie damit knauserte. Aber Martha war geizig und das war viel
schlimmer. Nur Richard war nobel. Er lchelte immer verchtlich, wenn
man von Geld sprach.

Ruth hatte kein Gefhl fr Zahlenverhltnisse. Den Unterschied zwischen
hundert, tausend, hunderttausend begriff sie so wenig, wie ein
Unmusikalischer die Differenzen in der Tonreihe. Das war ein Erbe von
Mutter. Nur da diese es sich niemals zugeben wollte und um wenige
Heller trauerte, whrend sie Tausende verschleuderte.

Aber Ruth schenkte mit Leidenschaft. Nicht aus Gte oder um anderen eine
Freude zu machen. Einen Gegenstand verschenken, heit, ihn ganz von sich
losreien, sich auf ewig von ihm trennen, ihn ins Ungewisse schicken.
Und das war herrlich, war Abenteuer, Tat und Befreiung. Sie gab ihre
liebste Bluse pltzlich dem Stubenmdchen und wenn eine Freundin auf
Besuch kam, war nichts im Zimmer, auch das am liebsten gehegte, sicher
vor pltzlichem Ausgestoenwerden.

-- Es ist schade, da man in unserer Religion keine richtigen Opfer mehr
bringt, sagte sie einmal.

Jedes Kleid, jedes Buch, jeder Sessel ihres Zimmers waren ihr persnlich
eigen. Aber nicht im selben Sinn wie der Mutter, die alles an sich ri.
Sie gab sich den Dingen hin und fllte sie so voll mit ihren dmmernden
Gedanken, da ihre Umgebung manchmal vernebelt wurde, bersttigt vom
eigenen Selbst. Und sie mute pltzlich auf die Strae laufen, sthnend
vor Sehnsucht nach dem ganz Fremden.

Dieses Selbst in allen Dingen verschleuderte sie mit wollstiger Freude
und Grauen. Sie war immer unbeschreiblich reich dabei. Wenn etwas sie in
Grenzen hielt, war es die Dankbarkeit der Beschenkten. Sie schmte sich
darber. Danken war sich erniedrigen. Und ein heier Zorn whlte in ihr,
wenn alle anderen nicht grer waren als sie. Sie wollte das Kleinste
sein, denn sie suchte das Oben. Wie sagte doch Onkel Gustav zu seinem
Freunde: -- sehr kindisch -- und sehr unreif -- eigentlich viel zu
unreif fr ihr Alter.

Ruth bewunderte alle Menschen, die stehlen konnten. Jemandem eine Mnze
aus der Geldbrse zu nehmen, war fr sie ein Wagnis, ein Heldenstck,
das ihr immer unmglich sein wrde. Ein Eingriff in fremdes Reich, ein
Festnehmen von feindlichen Objekten -- schwieriger, als einen nassen
Salamander in der Hand zu halten.

Ruth verbrachte den ganzen Sommer in den engbrstigen Vorstadtgrten,
zwischen Ladenschwengeln, Proletarierfrauen und klebrigen Kindern. Man
konnte dieses Jahr keine Sommerfrische aufsuchen. Mutter war im Winter
krank gewesen und mute im Frhling eine Reise machen. So war nicht
genug Geld da, noch einmal fortzufahren.

Als Ruth zum ersten Mal davon reden hrte, da sie heuer nicht wegfahren
msse, hatte sie laut aufgejubelt. Aber Mutter weinte eine halbe Woche.

Von Ruth war ein Alpdruck weggefallen. Wie eine drohende Gefahr,
unaufhaltsam nher rckend, empfand sie den ganzen Winter durch: Es
kommt ein Tag, da mu ich fort. Man zwingt mich dazu. Fort. Man reit
mich aus meinem Zimmer. Meine Gedanken stecken noch in den Stuhlbeinen,
auf der Hauptstrae liegt etwas ganz Besonderes von mir, ich mu alle
Tage vorbergehen, meine Adern sind verwoben mit dem Himmel ber unserem
Dach und dann soll ich fort. Und sie haben die Macht, mich zu zwingen.
Nein, ich liebe mein Zimmer nicht, es ist mir zu eng, zu sehr mit mir
verwachsen. Aber fortmssen und drei Monate in einem ganz fremden Raum
sein, wo vielleicht ein pensionierter General gewohnt hat oder eine
schmutzige Frau. Und sie haben die Macht, mich zu zwingen.

Sie wute nicht, da jeder Mensch mit seiner tglichen Umgebung
organisch verbunden ist. Da ein Weiterrcken im Raum auch ein
Weiterrcken im Leben sein mu. Und doch sthnte sie unter dem Zwang.

Von dem Fenster seines Zimmers hatte sie einen weiten, hohen Himmel
gesehen. Mit verschwommenen Kirchtrmen. Das war ihr Horizont, ihre
Ferne, ihr Land gewesen.

                   *       *       *       *       *

Und nun sa sie in den staubgeschwngerten Vorstadtgrten. Ihre mden
Blicke wuschen den Ru von den welkenden Blttern. Sie dachte an einen
Wald, eine grnsatte, schwelgende Flle. Die schlank hinansteigt in
abendhelles Blau. Und sie mute hier sein.

Ihre Strmpfe waren grau vom Staub, ihre Schuhe alt und faltig. Neben
ihr auf der Bank erzhlte ein Dienstmdchen einem anderen, sie habe
fnfzig Kronen Lohn monatlich. Wenn sie aber mehr bekme -- sie roch
nach Schwei.

Im Sand lag ein vertretener Kupferkreuzer. Zwischen Kinderschaufeln und
Blechkbeln. Und es rollte ein ferner Donner.

Ruth ekelte der Kreuzer. Sie dachte an eine durchlcherte Hosentasche.
Aber sie konnte nicht wegsehen. Sie starrte auf den Kreuzer, bis sie ihn
doppelt sah und dann dreifach und dann vierfach und dann immer mehr,
immer mehr ...

Eine einzige ineinander rollende Masse. Schmutzig kupfergelb. Schmeckt
wie geschmolzenes Metall.

Ruths Schuh hatte einen Ri, quer mitten durch. Er sah wohl aus wie eine
Falte. Aber es war ein Ri. Quer mitten durch.

Sie stand auf und ging durch die Straen, wo die grten, ppigsten
Geschfte waren. Schon wurden die Lichter angezndet. Gierig
aufflackernde, rote kleine Scheinwerfer.

Ruth dachte: ber meinen Schuh geht ein Ri -- keine Falte -- ber meine
Hand geht ein Ri -- ist das Schmutz -- und ber mein Gesicht --
vielleicht ist das Blut.

Sie ging hinter einer ppigen, blonden Kokotte. Nachgezogen von ihren
wunderbaren, geraden, feinen Abstzen, die nicht einen Millimeter zu
hoch oder zu niedrig waren. Eine keuchende Lust berkam sie, das weiche,
eng anliegende Leder zu fhlen, zu streicheln, an sich zu locken.

Das Parfm roch betubend nach unaufrichtigen Blumen. Ruth dachte: -- Es
ist abscheulich, aber teuer. Furchtbar teuer. Ungezhlte schmierige
Kupferkreuzer. Und die lichte Flasche, auf hellrosa Seide gelegt mit der
durchsichtigen Flssigkeit. Ich mchte sie nicht berhren. Aber teuer.
Nicht auszudenken teuer. Und ihre Schminke -- ich knnte sie niemals
darauf kssen -- ist auch so teuer, oder noch mehr. Wie ich sie
verachte. Aber die gelben Schuhe mchte ich besitzen --

Ein paar groe, schwere Regentropfen klatschten auf das schleimige
Pflaster. In den Husern flammten protzig die Lichter auf. Schmiegsame
Vorhnge wurden zugezogen.

Die groe Blonde ging in ein groes Haus. ber breite Stiegen mit dicken
Teppichen. Vornehme Damen kamen ihnen entgegen mit gronetzigen
Schleiern vor den Gesichtern.

Sie gingen durch eine groe Glastr. Es roch betubend nach Seife,
dickem Parfm, warmen Haaren. Ein Friseur. Ein schlankes junges Mdchen
in vergilbter Seidenbluse, mit zu hellem, grogewellten Schopf fragte
Ruth, was sie wnsche. Ruth antwortete automatisch was ihre Vorgngerin
sagte. Und wie diese wurde sie in eine Zelle gefhrt, wo ein
gelbmarmorner Waschtisch in die Wand eingelassen war.

Eine Welle mattweien Schaums ging ber ihr Gesicht, ber ihren Kopf,
ber die Wurzeln der Haare. Sie empfand den Duft durch die
Scheitelknochen dringen, sich in das Hirn einfressen. Ihre Nerven
dehnten sich weich und ringfrmig. Das junge Mdchen hatte schlanke
Hnde mit spitzen Fingern, die nicht mehr ganz ihr eigen waren. So sehr
schmeckten sie nach tausenderlei weichen Wassern.

Ruth dachte: -- Sie ist sicher arm. Aber sie darf den ganzen Tag hier
sein und ihre Hnde sind schn und unnahbar. Am Abend geht sie nicht
nachhause. Wo sie da hingeht --

Die schmutzige Kupfermasse aus dem Sand war gelb geworden und lockte wie
verwischtes Gold in der marmornen Waschschssel.

Sie spricht nicht mit mir, -- wute Ruth, -- weil ich ein verwaschenes
altes Kleid trage. Es ist auch zu eng, das merkt sie sicher. Wenn sie
erst den Ri ber meinem Schuh she, oder ist es nur eine Falte? -- Ruth
schmte sich malos.

In der Zelle daneben aber plauderte die groe Blonde lustig darauf los
mit einem von den anderen jungen Mdchen. Sie schwatzten wie zwei
Schulfreundinnen, von denen die eine ein besseres Zeugnis bekommen hat
als die andere und sich daher etwas herausnehmen darf -- aber sie tut es
nicht viel. Die Blonde sprach immer von einem Er -- Ruth sprte, da er
ein Monokel trug und manikrte Ngel hatte -- und die Blonde kicherte
fortwhrend. Die kleine Friseurin daneben sagte immer strahlend und
bewundernd: -- Aber gndige Frau und dann sprach man von einem Armband.
Ruth sah wieder in der marmorgelben Waschschssel eine Flle von
Kristallen, in denen sich das Licht brach, so da die Farbenmenge
schwindeln machte. Sie wute, das gibt es alles, zwei Huser weit weg,
bei dem groen Juwelier. Ich brauche nur hinzugehen. Aber nein, ich habe
ja kein Geld -- und ein entsetzlicher Schrecken durchfuhr sie, ob sie
dem Friseur auch werde zahlen knnen. Sie dachte sich Unsummen aus, die
es kosten msse, ja msse, und getraute sich nicht, ihr abgegriffenes
Portemonnaie aus der Tasche zu ziehen. Wie der Mrder auf das
Todesurteil, wartete sie auf den Augenblick, in dem sie vor dem
glattrasierten Herrn bei der Kassa stehen mute.

Die Blonde daneben plapperte noch rascher und glckseliger. Ruth dachte
in ihrer Herzensangst: Herrgott, ist sie dumm. Wenn ich nur einmal in
meinem Leben so hirnverbrannt dumm sein drfte. Ich knnte mich dann gar
nicht so frchten vor dem geschniegelten Kerl dorten. So dumm sein --
das hiee ausruhen.

Sie zahlte den Preis fast weinend vor Aufregung. Drckte in die khlen
Hnde des jungen Mdchens ein frstliches Trinkgeld. Und strzte davon
wie ein ertappter Bettler.

Auf der Treppe griff sie sich unter den Hut. Da war etwas Fremdes. Waren
es die khlen, langen Nadeln, die ihr das Mdchen in den Knoten gesteckt
hatte. Waren es ihre eigenen, weichen Haare, die noch warm dufteten. Und
sie sehnte sich das Haar lsen zu knnen und den Kopf hineinzuwhlen.

Nur nicht nach Hause gehen. Dort lagen Mutters Rechenbcher. Die Lampe
ber dem Speisezimmertisch hatte einen fahlgrnen Schirm. Nur um Gottes
Willen nicht nach Hause. Die Gassen waren alle rot, die Schaufenster
waren rot und die Frauen in den groen Straen hatten rote Wangen. Hier
grten sich alle, hier kannten sich alle und die Luft war rot und
weich.

Zwischen den Pflastersteinen lockte es schmutzig kupfergelb. Aber in den
ledernen Handtschchen der Damen blinkte es silberhell. In den
Geschften lag dick geschichtet lichte Seide, wunderbares, braunrotes
Holz, fremde Bltenkelche, zarte Porzellanteller, flaumig weiche Hte,
Diamantarmbnder ...

Heute bemerkte Ruth, da sie langsamer ging als alle andern Leute. Sie
fhlte einen Taumel fremder Geschftigkeit um sich, dem sie nicht
gewachsen war. Sie suchte mitzukommen. Sie hatte doch ein Recht darauf.
Sie empfand ihre duftenden Haare in einer wilden Glckseligkeit. Sie
wollte mitkommen. Ihre Schultern schmerzten vor Mdigkeit. Quer ber den
einen Schuh lief ein Ri.

Blendend helle Buchstaben zogen sie an: Kino. Sie ging hinein, rasch,
sehr rasch, flchtend vor den zu roten Straen und verbarg ihre Schuhe
unter dem dunklen Sitz.

Neben ihr dampften verschwitzte Kleider, gewrztes Essen, unreine Haare.
Das Orchester spielte Richards Lieblingswalzer.

Der Graf kam. Er fuhr in einem Auto, fast erstickt von der Bltenflle,
die er im Arm trug. Er hatte fabelhaft gerade, lange Beine. Und ein
glattes Gesicht, zu sehr rasiert. Der Rauch aus seiner Zigarette mute
kostbar sein.

Die Tochter des amerikanischen Milliardrs trug lange Korkzieherlocken
und strahlte mit blendend weien Zhnen. Ihr Krper war schlank und frei
wie nach einem lauen, spielenden Bad. Sie kochte den Tee fr sich und
den Grafen in einem bauchigen Samowar. Dieser Tee war sicher
bernsteinklar und duftete durch das Zimmer, das dumpf gemacht war mit
weien Fellen und samtenen Vorhngen.

Ruth liebte die Milliardrstochter. Liebte den Grafen. Schielte mit
dumpfer Wut auf das verkrmmte Ladenfrulein neben sich, das an den
Ngeln kaute und schnalzte.

Der Freund des Grafen, ebenso glatt, ebenso wohlgebaut. Nur trug er
einen Schlapphut. War also ein Knstler.

Das Atelier. Kstliche, grogeblmte Teppiche. Glatter weier Marmor.
Hinter den Riesenfenstern Aussicht bis an das Meer. Sonnenaufgang.

Der Park des Milliardrs in Rom. Eine zitternde, flimmernde, prickelnde
Bltterflle. Kleine, schlanke Zypressen. Sonnenflecken auf der Erde,
verstreut wie flache Goldgulden. Puccini. Die Milliardrstochter reitet
auf einem Schimmel. Lange Korkzieherlocken, rechts der Graf, links sein
Freund. Hinten ein Diener. Der riecht auch nach Parfm, wie die Blonde
heute auf der Gasse.

In der Pause sagte Ruths Nachbarin zu jemand in der hinteren Reihe: --
Ja, jetzt hat er halt eine Lungenentzndung. Ich komme gerade aus dem
Spital. Was soll man machen? Aber schn ist es, das Stck.

Und Ruth dachte: -- Der Mann im Spital hat sicher sein ganzes Leben in
einer Kellerwohnung gelebt. Moder und Schwei. Vielleicht hat er
Schuhriemen gemacht fr den Grafen. Oder Zaumzeug fr seine Pferde. Aber
die Milliardrstochter geht nicht in das Kino, wenn der Graf krank ist.
Obwohl sie ihn mit seinem Freund betrgt.

Ihr schwindelte. Sie empfand einen Abgrund zwischen sich und der
Nachbarin. Zwischen sich und dem Boy, der grinsend Perolin versprengte.
Zwischen sich und dem Grafen, der eigentlich genau so aussah, wie der
Friseur an der Kasse, nur da er so gut angezogen war. Und einen Abgrund
vor der Milliardrstochter, die genau so strahlende Zhne hatte, wie die
groe Blonde.

Nichts als Abgrnde, Lcher, Klfte, Leersein und Alleinsein. Es gibt
irgendwo ein dunkles Zimmer. Schillernde Phiolen.

Die Musik setzte wieder ein mit jenem Auftakt, der so lange und
proletarisch vielversprechend auf den zweiten warten lt. Nein, nicht
mehr.

Sie ging langsam nachhause. Die Gassen waren dunkler geworden, das Licht
bleicher. Und zwischen den Pflastersteinen war nicht ein Kupferkreuzer.
Nur Schmutz.

ber Ruths linken Schuh lief ein Ri. Es war bestimmt keine Falte, es
war ein Ri.

Sie wnschte sich den ganzen Abend: ich mchte Seidenstrmpfe haben, wie
die Milliardrstochter und die Blonde. Und weiche, lederne Schuhe. Aber
ein anderes Gesicht. Vielleicht mein Gesicht. Oder noch ein anderes.

Zuhause behandelte man sie mit stummer Verachtung. Sie kam nie mehr
zurecht zu den Mahlzeiten. Sie ergab sich einem strflichen Miggang,
den Richard nicht verga, wenigstens einmal des Tages um die Ecke herum
zu erwhnen.

Mutter schttelte trostlos den Kopf und sagte zu Martha: -- Es ntzt
alles nichts. Sie wird ganz wie Gustav, er ist nicht umsonst ihr Onkel.
Und Vater war auch so. Wie das alles zu mir kommt?

Ruth wusch sich von nun an zehnmal des Tages die Hnde mit fast zu
heiem Wasser. Sie trug es heimlich in ihr Zimmer, kannenweise. Niemand
durfte davon wissen, o Gott nein, es war etwas Unrechtes, das sie damit
tat, etwas wie stehlen. Denn wenn sie die Hnde ganz tief in die
Waschschssel steckte und das heie Wasser durch alle Poren in sich
hineinstrmen lie, schlossen sich ihre Augen und sie fhlte sich ber
Marmorstufen in ein tiefes, warmes Bad hinuntersteigen.

Sie mihandelte ihr Zimmer. Es war hlich. Alte, verschnrkelte Mbel.
Ein Teppich, der nicht mehr rein zu bekommen war. Der Lampenschirm aus
zerschlissener Seide. Sie stlpte ihn verkehrt auf den Boden, rckte den
Tisch schief in eine Ecke. -- Schmst du dich nicht, wie dein Zimmer
aussieht, sagte Mutter.

Sie stand vom Tisch auf, weil Agnes mit einem verbundenen Finger
servierte.

Sie wollte nicht mit Mutter auf die Strae gehen, weil Mutters Mantel
schon sechs Jahre alt war.

Sie warf Marthas mit farbiger Seide gestopfte Handschuhe in den Herd.

Und sie schenkte Agnes ihre neuesten Schuhe.

Es war alles gleichgltig, alles eins. Je mehr zugrunde ging, desto
besser. Wozu die Heller sparen, wenn man Tausende braucht. Dann war man
armselig und fast lcherlich, wie Mutter. Aber sie, Ruth, wollte lieber
ganz elend sein, betteln gehen.

Die Welt lag hinter der harteckigen Wohnung. Auf den langen, gierigen
Schienen rollten die Lokomotiven. Schleppten hinten in den Waggons
glckliche Menschen in dunklen, einfachen Kleidern, deren Schnitt allein
ein Vermgen kostete. Die legten ihre wunderbaren Schuhe auf samtene
Kissen. Und dann saen sie in hochwandigen Speiseslen und sahen hinaus
ber ungemessene Entfernungen.

Geld haben heit weiterkommen. Weiterrcken im Raum. Und das heit,
weiterrcken im Leben. Und sie steckte in ihrer Wohnung, eingekeilt
zwischen Mutter, Martha, Richard und jetzt auch Norbert. Denn Norbert
war sehr viel da. Mutter liebte ihn.

Einmal ging sie Martha ein Geburtstagsgeschenk kaufen. Norbert erbot
sich, sie zu begleiten. Sie war unordentlich angezogen, in alten
Kleidern, die ihr schlecht saen. Sie ging durch die elegantesten
Straen. Vielleicht eben deshalb. Und weil Norbert dabei war.

Sie traten in eine der ersten Parfmerien. -- Hier wollen sie etwas
kaufen? fragte Norbert ganz erschrocken. -- Ja, warum nicht?

Sie whlte ein halbes Dutzend der kostbarsten Seifen. Es berstieg weit
den schmchtigen Inhalt ihres Portemonnaies. -- Ich habe mein Geld
vergessen, knnen Sie fr mich zahlen? Norbert zahlte aus seiner
biederen Geldbrse.

Auf der Strae sagte sie, totenbleich vor Erregung, heiser: -- Wissen
Sie, was ich da in meiner Tasche habe? Noch eine Seife, hellviolett, ich
habe sie aus dem Korb gestohlen.

-- Um Gottes Willen, aber das ist doch nicht ihr Ernst.

-- Doch, sehen Sie, hier. Ist sie nicht wunderbar. Und so weich. Die
behalte ich mir, die gehrt mir, mir ganz allein. -- Frulein Ruth,
nein, das ist nicht mglich, nein, kommen Sie, gehen wir zurck, gehen
wir. -- Gewi nicht, ich glaube gar, Sie frchten sich, mit mir zu
gehen? Bitte. -- Nein, aber Ruth, so etwas drfen Sie doch nicht tun,
Herrgott, das ist ja furchtbar. -- Ach, lachte Ruth, das mache ich immer
-- und fast schmte sie sich, so zu lgen. Sie hielt die Seife
krampfhaft fest mit der Hand umschlossen, da die Schulter schmerzte.
Und war stolz darauf. Ein gieriges Habenmssen prete ihr die Zhne
zusammen.

Sie gingen durch trbe, nachmittagsstille Gassen, die sonnenlos waren
und arbeitsgewohnt. Norbert sah die ganze Zeit zu Boden und war
dunkelrot. Dann stotterte er: -- Wenn Sie die Seife haben wollen und
haben mssen, Ruth, und Sie haben vielleicht kein Geld mehr -- Sie
lachte grell und hhnisch: -- Nein, wie Sie um meine Seele besorgt sind.

Und dachte: Du kleinseliger Krmer du, du ahnungsloser. -- Lassen Sie
das, Norbert, -- fuhr sie fort, -- es steht nicht dafr. Es ntzt doch
nichts. Ich habe es vom Grovater. Der hat auch alle seine Pferde
verspielt. Mutter sagt immer, mit mir nimmt es ein schlechtes Ende. Wenn
ich dann ganz heruntergekommen bin und so bettelarm, da ich einen
grauen Lappen um den Kopf binden mu, wenn es schneit, wenn ich dann so
ganz richtig elend bin, komm ich zu Ihnen. Sie geben mir dann etwas aus
ihrer Brse, nicht wahr? -- Ich werde Ihnen immer alles geben, Frulein
Ruth, aber Sie sollen nicht so sprechen. -- Vielleicht komme ich auch
ins Kriminal, wer kann es wissen. Aber Norbert, eines, knnen Sie sich
vorstellen, da man etwas haben mu, so unbedingt haben mu, da man
einem andern auch Bses tut, ihn umbringt, fr Geld umbringt? Knnen Sie
sich das vorstellen, o, so sagen Sie doch. -- Ruth, Sie sind krank. --
Warum denn? sowas steht doch alle Tage in der Zeitung und die Leute sind
gar nicht alle krank.

Nach einer Weile sagte er noch einmal bestimmt und ohne sie anzusehen:
-- Wir tragen die Seife jetzt zurck. Wenn Sie das Geld nicht nehmen
wollen. Es war ein Irrtum.

Ruth warf die Seife einem verkrppelten Bettler, der an der Mauer
lehnte, in den Hut und sprach im Vorbergehen: -- Er soll sich auch
einmal mit etwas Gutem waschen knnen. Und sie sah Norbert nicht mehr an
und gab ihm nicht die Hand zum Abschied.

In den nchsten Tagen aber trauerte sie um das Stck Seife, wie um ein
Stck verlorene Seligkeit. Sie hate Norbert. Einmal hatte sie es gewagt
und er hatte alles verdorben. Und warum -- weil er dumm war, grenzenlos
dumm. Sie holte lauter Detektivromane aus der Leihbibliothek und
verschlang sie.

Sie versuchte Geld zu nehmen aus der Lade der Kchin. Aber es war wieder
ganz unmglich.

Sie fhlte sich umgeben von einer erstickenden Masse schmutzig gelben
Metalls. Das nach Schwei stank und den Duft exotischer Blten in sich
trug und ein Rauschen von seidenen Rcken.

Marthas Kasten war immer doppelt versperrt. Sie trug die Schlssel mit
sich in einem uralten Handtschchen. Ruth verachtete sie deshalb. Denn
was war schon in dem Kasten, wenn man ihn aufbrechen wollte? Wsche mit
gehkelten Spitzen und ein paar ziemlich abgelegene Liebesbriefe. Eine
Nagelschere und ein Nhkstchen und vielleicht noch eine Photographie.
Nein, davon htte Ruth nichts haben wollen.

Und von Richards Sachen erst recht nicht. Die waren alle abgebrstet und
ordnungsgem aufgestellt. Numeriert. Vom ersten Schulzeugnis an bis zur
letzten Tagebuchseite. Denn Richard fhrte ein Tagebuch. Das war sehr
genau. Es standen alle Einnahmen und Ausgaben darinnen.

Mutters Besitztmer aber steckten in vierfach verbundenen Papiersckchen
und rochen nach Lawendel.

Ruth wollte und mute etwas haben. Etwas Auergewhnliches, etwas
unsagbar Schnes, etwas Wunderbares, etwas noch nie Dagewesenes,
wenigstens noch nicht in ihren dsteren Zimmern.

Als sie ihr nchstes Taschengeld bekam, ging sie durch die ganze Stadt
es zu suchen. Als es schon Abend war, fand sie in einer Auslage einen
Korb voll tiefroter Rosen. Festgeschlossen hingen sie schwer in den
schlanken, wiegenden Stengeln. Und die wenigen Bltter, die schon offen
waren, waren weich und dunkel in ihrem Innern, da sie Ruths Kopf zur
Seite senken lieen und die Augen schlieen.

Sie kaufte sechs von den schnsten, strich mit den Hnden ber die
heien, groen Stacheln und ging mit federnden Schritten nach Hause.

Im Speisezimmer stand Richard unter der fahlgrnen Lampe und hielt eine
Rechnung in den Hnden. Mutter lief erregt um den Tisch und Martha
stellte verdrossen die Glser auf.

-- Was ist das Ruth, fragte Richard -- eine Rechnung fr vier paar
Lederhandschuhe? Er war ganz ruhig, zog nur die Augenbrauen ungeheuer
verwundert in die Hhe. Aber seine Stimme war hlich vor Zorn.

Mutter rang die Hnde.

-- Ich wei nicht, sagte Ruth atemlos. -- Du weit nicht und was hast Du
da? Was sind das fr Rosen, Ruth? Du bist wohl verrckt. Du weit nicht,
was du tust. Wie treibst du dich denn herum?

-- La die Rosen, sie gehren mir.

-- Dir, dir gehren sie? Ja, was gehrt denn berhaupt Dir? Du stiehlst.
Du stiehlst Mutter das Geld aus der Tasche. Sollen die Handschuhe
vielleicht Dir gehren? Und diese Rosen? --

Ruth dachte: Er nimmt mir alles. Alles. Aber er hat eine wohlgefllte
Geldbrse in der Tasche. Kupfergelb, silberwei, blaue Scheine. Nur die
Rosen soll er nicht nehmen, die Rosen nicht. Wenn er wirklich danach
greift --

Sie war umgeben von einer schwarzen, kochenden Masse. Und erstickt griff
sie nach dem Brotmesser auf dem Tisch und schleuderte es --

Ein Kreischen, ein Stoen --

Sie war allein in ihren Zimmer.

Von der Straenlaterne strmte weigelbes Licht herein. Aber der Zorn
tanzte noch in kochend schwarzen Klumpen um sie herum, wrgte die Kehle,
machte ihre Hnde gierig.

Sie fuhr hinein in die blassen Fensterscheiben. Mitten durch.

Aus ihrer Handflche quoll es langsam heraus, dunkelrot. Sie war ganz
ruhig.

Aus immer mehr Stellen heraus, immer mehr. Das Blut fiel zu Boden,
langsam, in dicken Tropfen.

Und ihre Augen wurden satt.

Da waren irgendwo heie, durstende Glieder, die sich zur Ruhe strecken
konnten. Und ausgekhlte Marmorbder. Und verlschte, grellrote Lichter.

Zu ihren Fen lagen viele Mnzen. Kupferne, silberne, goldene. Die
rollten nicht mehr durcheinander. Die lagen ganz kalt, eine ber der
anderen.

Und das Blut fiel zu Boden, langsam, in dicken Tropfen. Und das Geld
fra das Blut.




                                  Gott


Als Ruth so klein war, da das Kindermdchen sie sitzend auf dem Arm
trug und ihr der eigene Matrosenkragen wie eine riesige, abenteuerliche
Flche erschien, sah sie an einem Abend ein Kreuz im Wald. In den Tannen
hing verstecktes Gewitter. Und das Kreuz wuchs aus der felsigen Erde.
Ruth frchtete sich.

In der Nacht nahm Mutter sie zu sich in das Bett. Am Morgen hatte sie
Fieber. Man zog ihr ein frisches, khles Hemd an, legte sie in Mutters
riesige Polster hinein und Mutter kte und streichelte sie.

Wenn Ruth krank war, den ganzen Tag in Mutters Zimmer liegen durfte und
von unten herauf jede von Mutters ungeduldigen, viel zu vielen
Bewegungen beobachten konnte, war sie ganz zufrieden. Dann verga ihr
kleines Hirn mit den Schwierigkeiten des Tages zu kmpfen, den grell
bemalten Tapetenblumen, den Vorsprngen auf Mutters kompliziertem
Luster, der widerhaarigen Zahnbrste. Dann legte sie ihr kleines Haupt
tief nach hinten und alle ihre kleinen Gedanken in Mutters zu groe,
harte Hnde.

Mutter war gro. Mutter war allmchtig. Mutter war unfehlbar. Mutter war
gtig. Mutter war edel und -- Mutter war gekrnkt, mihandelt von aller
Welt. Deshalb wollte Ruth nicht mit den andren Kindern im Park spielen,
keinem fremden Menschen die Hand reichen, deshalb frchtete sie sich vor
den Hunden. Weil ihre Mutter unter diesen allen leiden mute.

Ruth kte im Geheimen Mutters Hausschuhe. Schluchzte die ganze Nacht
durch, wenn Mutter vergessen hatte, zuletzt an ihr Bett zu kommen. Und
starb vor wrgender Sehnsucht, wenn Mutter auf acht Tage verreist war.
Aber das durfte niemand wissen.

Richard durfte das nicht wissen, ach nein, er war ja so klug. Gewi, er
liebte Mutter. Aber er trug alle seine Empfindungen sorgsam eingeordnet
in seiner schwarzledernen Brieftasche und zusammengepret wie die
Banknoten.

Martha liebte Mutter nicht. Obwohl sie an Mutters Geburtstag am
eifrigsten den Tisch deckte. Aber alle Morgen stritt sie mit Mutter mit
einer schrillen Stimme. Zu ihren Freundinnen nannte sie Mutter nur
sie.

Zu Mutter flchtete Ruth sich, als sie die groe Angst bekam vor dem
groen Gott im Himmel oben. Der gar nicht half, wenn man zu ihm betete.
Der seinen lieben, wunderbaren Sohn am Kreuz hatte verbluten lassen, der
es duldete, da es eine Hlle gibt, whrend es ihm dort oben am besten
geht. Der die Menschen in den Spitlern sterben lt und noch will, da
man dankbar dafr ist.

Ruth bekam eine Bonne, deren winziger Koffer voll war mit Marienbildern
und Rosenkrnzen. Die fhrte Ruth in alle Kirchen. Sie fror stundenlang
in den kalten, zu hohen Rumen mit den dunkel nassen Mauern. Weihrauch
versperrte ihr die Kehle und der Kirchendiener hatte schmutzige
Pantoffel. Vorne am Altar war Christus gekreuzigt. Rostige Ngel
durchbohrten die Knochen. Das Blut war geronnen. Und er konnte nie und
nie herunterfallen.

So hing er in allen Kirchen und die Menschen beteten um schnes Wetter
und Glck bei ihren Geschften. Ach, wie arm war er. Fr alle hatte er
sterben mssen, und keiner liebte ihn.

Eines abends stritt Mutter mit Vater. Es war so ein kleiner hlicher
Grund, da Ruth ihn vergessen wollte, nein, nie mehr daran denken. Vater
schwieg. Mutter warf Vaters Zeichnungen auf den Boden. Vater schwieg.
Ruth schlich aus dem Zimmer. In dem kleinen Gang neben der Kche drckte
sie die Stirne an das Fenster und betete: Lieber Christus, ich habe dich
lieb. Ich bete nicht, ich will nichts von dir, ich habe dich nur lieb
... An diesem Abend kam Mutter nicht zum Gutenachtku. Ruth rief nicht
nach ihr. Aber sie hatte ein rotgoldenes Christusbild unter dem
Kopfkissen.

Sie wollte Nonne werden. In der Abenddmmerung in niederen Kreuzgngen
wandeln und ber das Meer schauen und Christus lieben.

In die Messe mochte sie doch nie gehen. Wie entsetzlich war es, zu
denken, da der fettige Geistliche da vorne das reinste Blut trank. Wenn
es auch fr die ganze Welt gut war, es war eine ungeheure Grausamkeit --
ein Verbrechen -- und da das alle Morgen geschah ...

Ruth besa ein Kinderbuch, in dem opferten die Chinesen grell gemalten,
glotzugigen Buddhas. Vor diesem Buch graute ihr. Und vor den fetten
Altren der katholischen Kirchen.

Zu Hause aber steckte sie ihren liebsten Bleistift in den Ofen -- Opfer
fr Christus.

Dem lieben Gott versprach sie alle Tage ein Gebet mehr. Was anderes
konnte sie ihm nicht geben. Als es zu viel wurde, gab sie es berhaupt
auf. Und von dieser Stunde an stand sie nicht mehr gut mit ihm.

Aber sie kte den schmutzigen Steinboden im Stiegenhaus. Christus zu
liebe.

Dann bekam sie eine andere Bonne. Mit sehr roten Wangen und gekruselten
Haaren, die alle Nacht zwei Stunden lang mit der Brennschere bearbeitet
wurden. Diese Bonne liebte Ruth sehr. Sie erzhlte ihr ungeheuer viel
von einer Baronin, die schon zweimal verheiratet war und Ruths
Schuhnummer hatte und alle Monate vier Paar Schuhe brauchte. Eines
Nachmittags fhrte sie Ruth zu der Baronin. Das Zimmer war voll mit
parfmiertem Rauch und schweren Teppichen. In einem Erker sa die
Baronin neben einer riesigen Palme. Sie trug einen grauseidenen
Schlafrock. Seine Falten krochen ber ihre mde, duftende Haut. Sie
sprach lange mit der Bonne und liebkoste Ruths Zpfchen. Sie schenkte
Ruth ein Bonbon. Ruth schlief diesen Abend ein, das Bonbon in der Hand,
das am nchsten Morgen als zhe Masse die kleine Faust verklebte.

Sie schrieb den Anfangsbuchstaben des Namens der Baronin auf die
Lschbltter in allen Heften. Als die Bonne pltzlich fortgehen mute,
weinte sie die Nacht durch.

In einem groen Hotel liebte sie einen gazellenschnen, argentinischen
Knaben. Sie sprach nie ein Wort mit ihm, dachte gar nicht an diese
Mglichkeit. Aber sie zhlte die Stunden, bis sie ihn wieder in den
Speisesaal kommen sehen knnte, neben seiner berppigen Mutter.

An einem lichtgoldenen Frhlingstag sah sie auf dem Markt einen Korb
weier Hyazinthen. Kaum erblhter, strahlend weier, schlanker
Hyazinthen. Sie hatte kein Geld. Was sollte sie tun? Sagen, da sie
diese Hyazinthen haben mute, sehen mute, einatmen mute. Nein,
niemals, so etwas spricht man nicht aus. Das ist etwas so ungehriges,
wie die Dinge, die in den verbotenen Bchern stehen. ber so etwas
schweigt man. Und wenn es nur wre, um nicht ausgelacht zu werden. Das
aber ist Schande und Schndung. Das ist so wie der gepeinigte Christus
an jeder Wegkreuzung.

Im Sommer darauf bemerkte sie zum erstenmal, wie sich das saftige Grn
der Buchenbltter in die Sonnenblue des Himmels schmiegt. Und sie
berhrte schchtern das Waldgras, das hoch und gebogen war, whrend auf
den Felsen die Erde duftete. -- Geh nicht in den Wald, sagte die Mutter,
dort sind Holzhauer und Schlangen.

In diesem Sommer wuchs Ruth berraschend schnell und bekam krftige,
braune Arme.

Im nchsten Winter entbrannte sie in wilder Leidenschaft fr Napoleon.
Der mit gekreuzten Armen ber die Menschen gegangen war und sie
zertreten hatte.

Damals war es, da Ruth eine Macht ber sich fhlte, die sie fausthart
in die Knie zwang. Und von der ihre weichen, unentwickelten Gelenke sich
in sehnschtiger Wollust kneten lieen. Sie wollte nicht lieben, nicht
Liebe empfangen, aber unterworfen werden.

Im hintersten Winkel des Kleiderkastens war ein wunderliches Gemisch von
Kostbarkeiten: Eine falsche Rose, die Mutter getragen hatte als sie
einmal in das Theater ging und so besonders schn war. Geprete Zyklamen
aus dem Buchenwald. Das rotgoldene Christusbild. Eine Unterschrift der
Baronin aus einem Brief an die Bonne. Ein Ausschnitt aus einem
franzsischen Werk ber Napoleon. Und das Wort Beethoven mit roter Tinte
auf die verkehrte Seite einer Visitkarte geschrieben.

Wenn Ruth ihren Kasten zusammenrumte, wischte sie diese Dinge mit einem
Batisttaschentuch ab. Jedes war einzeln in weies Seidenpapier gewickelt
und mit Christbaumschnren zugebunden. Ruth rhrte aber keines gerne an.
Sie frchtete den Tag, wo ein qulendes Gewissen sie dazu trieb, alles
frisch zu ordnen und neu einzuwickeln. Sie wusch sich vorher dreimal die
Hnde und frchtete, da ein unreiner Atemzug diese Heiligtmer
beleidigen knnte.

Denn das alles waren Heiligtmer, nicht Erinnerungsstcke. Kleine,
nichtige Gegenstnde, vollgetrnkt mit dem Empfinden einer
berstrmenden Liebe. Und als Christus, als die Baronin, als Napoleon
Ruth fremd geworden waren, behielten die einzelnen Dinge doch ihre
seltsame Macht. Ja, diese Macht war sogar gewachsen, wenn das Ideal tot
war. Und noch unbegreiflicher, furchteinflender geworden. Es war
besser, man berhrte diese Gegenstnde nicht, ging ihnen aus dem Weg und
sperrte den Kasten zu. Wodurch allerdings auch der Schlssel lebendig
wurde und schwer zu behandeln.

Es kam noch vielerlei dazu. Schmchtige Seidenfransen, die sie einem
Freund Richards, einem langlockig, grobbeinigen Menschen von seinem
Kragenschoner weggeschnitten hatte. Ein weiblondes Haar der
Englischlehrerin. Und noch vieles andere. Es gibt keine Kirche, die so
viele Reliquien hat wie Ruths Kleiderkasten.

Einmal sa Ruth bei dem Speisezimmertisch und sollte eine Schulaufgabe
machen. Mutter sa mit ihren Rechenbchern daneben. Da kam ein
Dienstmdchen herein, die Mutter einst wegen Diebstahls hinausgeworfen
hatte. Die brachte ihr Kind. Mutter schob alle Rechenbcher beiseite und
nahm den Sugling auf den Arm und kte und htschelte ihn. Ruth sah
sich wieder ganz klein und der Mutter so nackt und hilflos berlassen,
wie dem lieben Gott selbst. Sie zeichnete Mutters Kopf in ihr Schulheft.

Onkel Gustav erklrte, sie sei ein Genie. Mutter war stolz. Sie hatte in
ihrer Jugend selbst viel gemalt, groe, bunte, talentierte Bilder. Man
schickte sie in eine Zeichenschule. Und dort war Hilde.

Wenn die Sonne aufgeht, brechen alle Pflanzen aus der Erde und die
Steine werden licht. Denn das ist die groe Kraft.

Wenn Hilde in das Zimmer kam, wurde der Raum weiter und hher. Und durch
alle Muskeln zuckte Ungeduld und Sprungkraft. Denn sie besa groe
Kraft.

Sie sehen, hie einen Trunk frischen Wassers tun. Und vor Ruth sanken
die schwerbltigen Vorhnge der elterlichen Wohnung in einen fetzigen
Haufen zusammen. Und sie verstand, da es wichtiger war Fensterscheiben
zu zerschlagen als einem Bettler ein paar Kreuzer zu schenken. Denn die
Sonne mu hereingelassen werden. Sie ist die groe Kraft.

Mit Hilde konnte man nicht sprechen. Ihre Nhe war grell und fast
schmerzhaft laut. Ruth flchtete vor ihr. Alle Reliquien durften
verstauben.

Hilde reiste nach Italien. Sie sah Hilde nicht mehr. Ein greller Funken
hatte ihr Leben grell gemacht, ganz kurz, momentan. Sie war feige und
blieb in der Dmmerung. Aber sie kannte das Licht. Und wartete.

Whrend aus dem Graugelb leerer Nachmittage er herauswuchs, riesengro
und dunkel. Und sie sa bei ihm alle Wochen, alle Tage. Und trank die
Worte abgelebter Erinnerungen, die noch leben mchten. Dumpfer
Mnnernchte, die ihre Kinderhnde weinen machten.

Er war ein Gott. Die Maske fiel.

Er war ein armer Mensch. Die Maske fiel.

Er war ein Schuft. Wird noch eine Maske fallen.

                   *       *       *       *       *

Ruth sa am Sonntag in dem groen Dom. Die Orgel spielte und vor den
brennenden Kerzen lag die Menge.

Ruth hrte auf das ewig gleiche Thema der Orgel und wute, da drauen
ein eintniger Regen fiel. Die nassen Kleider der Leute stanken in den
Weihrauch hinein. Sie sa ganz hinten, in einer dunklen Bank. Vor ihr
war eine alte Dame in schwarzem Schleier. Die betete halblaut.

Ruth dachte: mit wem spricht sie da. Gott -- das ist eine Maske mit
gerader strenger Nase und weiem Bart. In jeder Spielwarenhandlung zu
kaufen, wenn erst Fasching ist. Christus ist tot. Gekreuzigt. Sie soll
sich nicht zum Narren halten lassen von den Reliquien hinter dem Gitter.
Das sind Masken fr nichts. Ich mchte meinen Schrank verbrennen. Mutter
macht uns alle unglcklich, weil sie nicht glcklich sein kann. Das
Muttersein ist Maske. Dahinter steckt ein furchtbarer Mensch. Und die
Liebe bei der Baronin mit dem parfmierten Rauch macht bligkeiten. Sie
soll nicht lcheln. Es ist eine Krankheit in ihr. Maske. Napoleon hat
die Welt unterworfen weil er die grte Maske trug. Alle Buchenbltter
sind faul und die weien Hyazinthen verwelkt, verkrmmt.

Sie zog einen Taschenspiegel aus ihrem Handtschchen. -- Da sitze ich in
der Kirche bei der Komdie. Warum schrei ich denn nicht. O ich bin
gesittet. Und mein Gesicht ist nicht verzerrt. Ich trage ja auch meine
Maske. Aber die Augen sind furchtbar. Ich habe Angst vor mir.

Ob Hilde auch eine Maske hat --

Aber er trgt viele tausend Masken. Nein, er wei gar nicht, welches
sein wahres Gesicht sein knnte. Lauter weiche, schmiegsame Masken,
innen etwas faul. Grnbleich und mde. Ach, und sich hineinlegen knnen
und ausruhen ...

Als sie aus dem Tor herausging, traf sie Onkel Gustav und Richard. Beide
zogen den Hut vor der Kirche. -- Warum tut ihr das, sagte Ruth
rgerlich, ihr glaubt ja doch nichts.

-- Das macht man so, sagte Onkel Gustav verlegen.

-- Ruth, du bist wieder einmal dumm, erklrte Richard.

-- Aber ein Tier tut das nicht, sagte Ruth und streichelte Onkel Gustavs
namenlosen Hund.




                              Gute Familie


Martha unterrichtete in der Schule, die Norberts jngste Schwester
besuchte. In der sie selbst ihre erste und letzte Bildung empfangen
hatte und wo Ruth einmal fast hinausgeworfen worden war, weil sie
ffentlich zu erklren wagte, vor der franzsischen Grammatik brauche
man den lieben Gott nicht im Gebet anzurufen.

Mutter hatte darauf gehalten, da ihre Tchter diese Schule besuchten
und keine andere. Es war die vornehmste Schule der Stadt, die
Bureaukratenschule. Es galt als Zeichen von Ruths Dummheit, da sie
nicht einmal in dieser Schule gute Noten bekommen konnte.

Ruth dachte niemals an ihre Schuljahre zurck. Sie mied den Weg, der an
der Anstalt vorbeifhrte. Sie empfand schon in der Nhe des Hauses den
dumpfen Tintengeruch aller der Rehlederfleckchen, die zu besitzen dort
so streng verlangt wurde und die sie immer verlor. Franzsische Verben,
verwischte Diktate, alte Butterbrote, schwarze Clothschrzen mit
knallblauem Rand und das unbedingte Bedrfnis, sich auf den Tisch zu
setzen, jetzt, gerade jetzt, weil das so entsetzlich unpassend ist.

Vor allem aber hielt sie ein wurmendes Schamgefhl zurck, wenn sie sich
an diese Zeit erinnerte. Sie wollte nicht eines sein mit dem faulen,
boshaften Fratzen, der der Mademoiselle alles nachwies, was sie in
Geschichte falsch unterrichtete, ihre gefrbten Haare bewunderte und
stundenlang darber grbelte, was sie ihr Verletzendes sagen knne. Denn
die Mademoiselle war dumm. Es war eine Unverschmtheit, andere belehren
zu wollen, ohne klger zu sein. Das einzige, was Ruth aus der Schule
brachte, war ein glhender Ha auf den Kardinal Richelieu. Der bestimmt
der Mademoiselle hnlich gesehen haben mute, ihre kaltadrige, rote
Gesichtsfarbe gehabt hatte und ihre steifglnzenden Halskragen. Damals
hatte Ruth den Ha gelernt. Nicht den hochlodernden, kmpfenden. Aber
den sich ekelnden, nagenden, den man gegen Fleischfliegen hat und Maden.
Den allerunbarmherzigsten.

Und damals hatte Ruth die Roheit kennen gelernt, die nicht zgert, sich
selbst zu beschmutzen. Als ein Kind der Schule gestorben war, kam der
Literaturprofessor wankend in die Klasse. Er war ein kleiner,
lcherlicher Mensch mit strohgelb in die Hhe stehenden Haaren. An die
Tafel gelehnt, schluchzte er berlaut, wischte sich die Trnen ab mit
einem blauen Taschentuch, schneuzte sich -- und dazu mute ein Mdchen
ein ganz bldsinniges Lesestck vorlesen. Da begannen alle Kinder zu
lachen. Und Ruth mit ihnen, sie zerbi ihr Taschentuch -- er weinte ja
auch immer, wenn er von Theodor Krner sprach.

O die viele, viele Schande, die sie dort erdulden mute. Alle Morgen
eine Krankheit erfinden, um nicht hinzugehen. In einer Zeit, wo der
unbeugsame Kindersinn nach unbedingter Reinheit verlangt und der
geringste Schmutzfleck ratlos macht und ausliefert.

Konnte man je wieder rein werden, wenn man in diese Schule gegangen war?
Wo alle unterdrckte Sinnlichkeit der vertrockneten Lehrerinnen unter
den Bnken wieder erwuchs, aufgezogen von der schmierigen Neugier
halbwchsiger Kinder, die von Liebe nichts wissen drfen. Ruth wurde
spter rot, wenn sie an die Gesprche dachte, die sie mit zwlf Jahren
hren und fhren mute. Und dann wurde alles verraten. Und ein Kind
wurde ausgeschult, weil es die Tochter einer Schauspielerin war.

Nein, an diese Schule durfte man niemals zurckdenken. Ruth wich Martha
aus, wenn sie des Morgens dorthin ging. Sie htte sie bedauert, wenn sie
sie nicht so malos verachtet htte.

Es war ganz selbstverstndlich, da Norberts Schwester diese Schule
besuchte.

Norbert kam nicht mehr blo Samstag. Er kam auch Mittwoch. Jeden
Mittwoch und Samstag zum Mittagessen. Vorher spielte er noch mit Gustav
zwei Sonaten, eine neu und eine, die sie schon das letztemal gespielt
hatten. Ruth kam an diesen Tagen immer zu spt nachhause.

Ruth verachtete Norbert. Diese Verachtung war mit einem ihr sonst
fremden Ekel untermischt. Der sich bis zur Wut steigern konnte, wenn er
sie ber den Tisch herber ansah, hundetreu und Vertraulichkeit
vortuschend.

Mutters Vorliebe fr Norbert stieg immer mehr. Martha konnte gar nicht
aufhren, mit Norbert zu sprechen. Er gab als Mitglied seiner Kaste
etwas verchtlich Auskunft ber die Familienchronik der Stadt -- aber
immer als Mitglied seiner Kaste. Martha bekam hektisch rote Wangen. Ruth
dachte: Mein Gott, wie wenn ich den Uilenspiegel von de Coster lese.
Aber da ist es nicht ein Mensch, ein Volk, eine Welt, nur eine ehemalige
Tanzstunde.

Deshalb hatte sie Martha in den letzten Jahren beiseite liegen lassen.
Neben ihr starb eine Seele in der Sehnsucht nach dem gelobten Land.

Eines Mittags kam ihr auf der Strae ein ltliches Frulein entgegen,
trotz der lichten Sonne in einem langen, grauen Regenmantel. Scharfe
Nase, weltfremde Augen, unter dem Arm eine Aktentasche. Ruth dachte:
Lehrerin, die hat heute sicher ein ungezogenes Kind geqult. Vielleicht
so eines wie ich war.

Sie ging weiter. Um die Ecke herum begegnete ihr Martha, die eben aus
der Schule kam. Sie hing sich hastig an Marthas Arm und fragte einige
ganz berflssige Fragen. Martha antwortete mrrisch. Ruth dachte: Um
Gottes Willen, vielleicht sieht sie in ein paar Jahren so aus wie die
andere, die Lehrerin von vorher. Nein, das ist unmglich, das darf nicht
sein.

Derselbe glhendheie Druck legte sich ihr zwischen die Brust, den sie
als Kind empfunden hatte, als der Arzt sagte, da Vater sterben msse.
Sie hatte sich in einem Kasten versteckt und schrie in sich hinein:
unmglich.

So ging sie heute neben Martha. Bei einem Blumenweib blieb sie stehen
und kaufte ein winziges Bschelchen Veilchen. -- Ruth, um diese
Jahreszeit. Du fngst also schon wieder so an mit dem Geld. -- Nimm sie.
-- Unsinn. -- Bitte. -- Nein, knnte mir einfallen.

Ruth hielt die Veilchen ganz tief unten. Nur nicht weinen vor Zorn. Pfui
Teufel. Und Marthas Schleier hatte ein Loch quer ber die Wange hin.
Ach, was ging diese langweilige Person sie eigentlich an. Sie lie die
Veilchen in den Rinnstein fallen, knapp bevor sie in das Haustor traten
und sprang voraus ber die Stiegen.

Dann aber schalt Mutter mit Martha kreischend laut und ungerecht. Ruth
stand im Nebenzimmer mit geballten Fusten. Mutter schrie. Martha
schwieg. Ach, da war wieder der entsetzliche Druck, der brennende Druck
-- Angst --

Ruth warf eine alte Porzellanvase zu Boden, da die Splitter sprangen.
Mutter strzte wtend herein. Sie schttelte Ruth und stampfte mit dem
Fu auf die Scherben. Aber sie war wieder gut mit Martha. Denn Martha
jammerte mit.

Ruth weinte so lange, da sie am Abend krank war und in das Bett
gesteckt wurde. Mutter brachte ihr besonders aufgegossenen Tee und
setzte sich an den Bettrand wie in alten Zeiten. Aber Ruth drehte den
Kopf weg. Das Licht schmerze sie. Pltzlich sagte sie: -- du hast Martha
nicht gern. -- Was soll das heien? -- Du hast Martha gar nicht gerne.
Weil sie hlich und unglcklich ist. Hliche und unglckliche Menschen
mag man nicht. Ich liebe Martha auch nicht, o nein. Aber ich will nicht
mehr mit ihr streiten.

Und nach einer Weile: -- Weit du Mutter, eigentlich wnsche ich, da
Martha auch aus dem Fenster gesprungen wre, wie ihre verrckte Freundin
voriges Jahr. Wenn sie es heute noch tun wollte, ich glaube, ich wrde
ihr helfen und -- Ruth, Mutter stand vor dem Bett, dunkelrot -- du
willst also, da ich hinausgehe ... Nein Mutter, ich habe nur manchmal
so Angst. Aber wenn du gehen willst, gib mir etwas zu lesen, irgendein
Buch, nur etwas, was gerade auf dem Tisch liegt. -- Schillers Dramen? --
Nein, nicht das. Wozu. Ich sage dir, heute Mittag habe ich auf der
Strae im Sonnenschein eine Frau gesehen, viel, viel schlimmer als die
Maria Stuart, bevor sie auf das Schafott geht. -- Du trumst. -- Nein,
ich habe die Augen offen, sehr weit offen -- gute Nacht Mutter.

Ruth versuchte nicht mehr, mit Martha zu sprechen. Aber in den nchsten
Tagen verga Martha, als sie in das Theater ging, den Schlssel ihres
Kastens abzuziehen. Ruth schlich in ihr Zimmer. Ihr Herz klopfte in die
Kehle hinauf. Sie verschlo die Tre. Sie dachte: jetzt mache ich etwas
Niedertrchtiges, Schmutziges. Aber ich kann ihm nicht entgehen, es
geschieht von selbst, notwendig --

Sie fand nichts, nein, sie fand gar nichts in dem Kasten, nicht einmal
die Photographie, die sie erwartet hatte. Wozu sperrte denn Martha den
Kasten immer auch dreifach zu. Nur ein Buch lag da, in Leder
eingebunden, mit vorgedrucktem Datum, darinnen standen alle Theater,
Vergngungen, Blle und Tnzer.

Ruth empfand wieder den Geruch von Gaze, Spitzen, gebranntem Haar,
Straufedern und frischen Blumen, die alle nach Parfm und Puder
schmeckten. Jene festliche Erregung, die die ganze Familie bis zur
Hausmeisterin hinunter beherrschte, wenn Martha mit Mutter auf einen
Ball ging. Die ihr Kinderherz nicht schlafen lie und an rauschende
Seidenrcke denken und blonde Prinzessinnenlocken.

Heute abends war sie mit Mutter allein beim Abendessen. Mutter sollte
erzhlen.

Mutter tat das gerne, leichthin, ohne Ruths brennendes Interesse zu
spren. Ruth zerkrmmelte das Brot ber das Tischtuch.

Mutter sagte: -- Du brauchst nicht glauben, da Martha immer so war, wie
sie jetzt ist. Sie ist ein armes Mdchen, aber gut. Und du bist manchmal
sehr abscheulich zu ihr, Ruth. Da ist Richard ganz anders. Er ist doch
immer so rcksichtsvoll, das hat er bei Martha am besten gezeigt. Gott,
das ist schon lange her und von so etwas spricht man lieber nicht mehr.
berhaupt zu dir, du knntest eine Bemerkung machen --

-- Natrlich. Ich verstehe nicht, warum du dann davon redest? Was es
schon sein wird, sie wird eben ein Kind bekommen haben.

-- Ruth, so etwas sagst du zu mir? Wie du jetzt immer sprichst. Mit wem
gehst du eigentlich um? Schon in der Schule hast du dir immer die
Minderwertigsten ausgesucht. Bei Martha war das ganz anders. Wenn du
wtest mit wem Martha verkehrt hat --

-- Das hat ja auch herrliche Folgen gehabt.

-- Martha war immer nur in den besten Familien eingeladen. Die Leute
haben sich um sie gerissen. Sie war hbsch und liebenswrdig. Alle haben
ihr den Hof gemacht, wie toll. Menschen wie Norbert --

-- O weh ...

-- Ja, das ist dir natrlich zu gut. Aber ich sage dir, Martha hat ein
schnes Leben gehabt und war glcklich. Das verdankt sie mir.

Ruth bckte sich, um die Serviette vom Boden aufzuheben.

-- Du weit eben gar nichts. Wenn du eine Ahnung httest, wer Martha
heiraten wollte --

-- Und warum hat er es nicht getan?

Mutter erzhlte von dem jungen Baron, der Martha so sehr geliebt hatte.

Ruth dachte: Sicher hat er ihr Blumen geschenkt beim Kotillon.

Der Baron reiste ihnen nach, einen Sommer lang. Man wohnte in den
feinsten Hotels, o, es kostete ein Vermgen. An der Ostsee. Martha trug
nur Pariser Toiletten. Am Abend sa der Baron mit ihr und Mutter bei
Champagner auf bis zwlf Uhr, jede Nacht bis zwlf --

Ruth dachte: Warum ist sie nicht lieber am Strand mit ihm spazieren
gegangen und hat ihn gekt.

Alle morgen standen Blumen auf dem Frhstckstisch. Und Martha wute
ihre Haltung zu bewahren --

Ruth fragte: -- Warum?

Aber Mutter erzhlte weiter, stolz, glckselig.

Sie waren allein in dem Bad. Ruth und Richard waren zu Hause. Der Baron
hielt Vater fr einen groen Unternehmer --

Ruth dachte: Vaters arme Zeichnungen.

Und dann im Herbst waren sie verlobt. -- Mutters Stimme brach fast ab.
-- Ganz richtig verlobt. Natrlich geheim. Aber er kam alle Tage zum
Abendessen und war mit Richard eng befreundet. Richard htte damals in
ein Ministerium kommen knnen. Ach, es war herrlich ...

Mutter schwieg. Ruth fragte: -- Nun, und? ... Und nichts.

-- Was heit das?

-- Die Verhltnisse.

-- Die Verhltnisse also, das heit, da Vater kein Unternehmer war, da
ihr geschwindelt habt.

-- Ruth, was sagst du mir da? Mir, die ich immer dem Glck meiner Kinder
gelebt habe. Richard sollte dich hren. Ja Richard berhaupt ... Wir
fuhren zu Weihnachten in das Gebirge. Du hattest Keuchhusten. Erinnerst
du dich --

-- Ja, da war der Tierarzt.

-- Richtig. Nun und wenn Richard nicht so energisch aufgetreten wre.
Martha war zu jeder Dummheit bereit. Der Landtlpel --

Ruth sah vor sich den brenhaft trotzigen Menschen, mit den zarten
Hnden und der Bauernsprache, auf dessen Rcken sie oft genug geritten
war.

-- Mutter, das ist eine Gemeinheit.

Richard und Martha kamen aus dem Theater nachhause. Norbert war auch
dort gewesen. Ruth hatte Norbert am Abend vorher beleidigt. Richard
sagte: -- Natrlich, du kannst immer nur rpelhaft sein. Es ist wirklich
schade, wenn ein Mensch aus guter Familie zu uns kommt.

Ruth sprang auf: -- Ich glaube, ihr wit alle nicht, wer Vater war.

Und sie drehte Vaters Photographie an der Wand um.

Am nchsten Tag suchte Ruth ein junges Mdchen auf, dessen Verkehr ihr
von Mutter streng verboten war. Sie hatte sie in einer Nhschule kennen
gelernt. Das junge Mdchen hatte grellrote Haare, die sie zu hoch
hinaufgesteckt trug. Sie lebte mit ihrer Mutter in einem schbigen
Vorstadthaus, aber in der Wohnung waren viele Teppiche und Erker mit
heimlichen Palmen. Sie verkehrten nur mit Offizieren.

Ruth traf Mutter und Tochter, wie sie sich eben manikrten. Sie wurde
mit berstrmender Liebenswrdigkeit empfangen. Aber sie hate manikrte
Ngel, die rund und glatt sind, wie Klauen von Tieren. So war sie khl,
obwohl sie sich vorgenommen hatte, herzlich zu sein. Als Bella sich an
den Toilettetisch setzte, wo die vielen silberglnzenden Schchtelchen
waren und die rote Lampe darberhing, bekam sie eine tolle Lust,
mitzutun. Sie schmierte sich rotes, weies, gelbes Puder vermischt ber
das Gesicht, bis Bellas Mutter in einen Lachkrampf ausbrach und sie in
die Arbeit nahm.

Als sie sich dann in dem Spiegel betrachtete, von der Seite her und
verlegen vor sich selber, war das genau so, wie wenn sie sich vor Jahren
mit Marthas Garderobe zur Jungfrau von Orleans drapiert hatte. Das war
ja herrlich, so ganz jemand anderer zu sein, als man wirklich ist.
Verlockend und spielerisch. Maske. Ein bichen wie der liebe Gott mit
dem weien Bart. Nur da die Schminke rot war.

Und alle Lampen in diesem Haus waren rot. Sie fiel Bella um den Hals und
beide tanzten durch das Zimmer.

Dann kamen drei Herren. Zwei Offiziere und ein Theaterdirektor. Sie
saen in einem halbdunklen Raum und tranken Tee aus winzigen Tassen. Der
Zigarettenrauch war klebrig schwer. Man konnte nicht mehr sehen, da die
Wnde berfllt waren mit Photographien, Bilderchen nackter Engel und
trockenen Maiskolben.

Aber es war sehr lustig. Direkt gemtlich. Ruth fhlte sich wunderbar
wohl. Sie spielte ihre Rolle, als ob sie ihr von dem liebenswrdigen
Theaterdirektor eigens einstudiert worden wre. Eigentlich wute sie
nicht genau, ob nicht daneben ein Orchester spiele mit kreischenden
Fiedeln und ein Boy unter ihr Perolin aufsprenge.

Ein Leutnant mit etwas herunterhngender Unterlippe setzte sich an das
Klavier und spielte eine abscheuliche Melodie. Bella sang dazu ein
schmieriges Lied. Dann setzte sie sich auf seinen Scho und er kte
sie. Er hatte groe, schwarzgerauchte Zhne. Ruth dachte an Norbert.
Ekelhaft.

-- Ich mu nach Hause gehen. O man war sehr betrbt darber. -- Aber ich
komme bald wieder. Und Ruth setzte sich den Hut schief in die Stirne
hinein und quer ber ihr gertetes Gesicht.

Auf der Strae verfolgte sie ein Mann bis in ihr Haus.

Bei Mutter war Besuch. Eine Freundin Mutters mit drei unverheirateten
Tchtern. Die alte Frau machte eine verwunderte Bemerkung, da Ruth so
spt abends allein nachhause kme. Die drei Schwestern schielten
eigentmlich auf den schiefsitzenden Hut. Und die lteste ffnete den
Mund, um etwas Boshaftes zu sagen. -- Da ging Ruth aus dem Zimmer. Ihr
war ja so bel.

Bella war glcklich. Die drei Mdchen da drinnen zankten sich alle
Morgen. Gingen dann eintrchtig den ganzen Vormittag Einkufe machen fr
ihre unbedeutende Wirtschaft. Trafen bei dieser Gelegenheit Bekannte,
die sie grten, mit denen sie sprachen. Nie ging eine allein auf der
Gasse. Immer waren sie zu zweit oder zu dritt und gewhnlich war die
Mutter zwischen ihnen.

Sie warteten ihr ganzes Leben, da einer kme. Aber einer, der vornehm
war. Eigentlich war es dasselbe wie bei der Prinzessin im Mrchen. Und
sie, Ruth, wartete auch. Nur da sie so gar nicht wute auf was. Bella
war glcklich. Die hatte alle Tage ihren Leutnant. Aber der hatte
schwarze Zhne.

Martha war arm. Doch sie hatte einen Gott. Der sa an erster Stelle in
einem hohen Amt. Vielleicht hatte er auch einen weien Bart. Sie, Ruth,
hatte keinen Gott mehr. Sie war wie Gustavs namenloser Hund. Aber sie
konnte selbst eine Maske anziehen. Gott werden fr Bella, fr den
Leutnant, fr den Theaterdirektor. Vielleicht auch fr Mutter. Es war
eine Bosheit, wenn sie es nicht tat. Ach, wozu so viel denken,
berhaupt, lieber Masken tragen und ganz anders sein -- und schlafen --
sie streckte sich lang aus in ihrem zu kleinen Bett ...

In der Nacht trumte sie von einem breitstigen Baum voll dichter,
gelbwelkender Bltter und rosa Riesendolden. Sie stand auf der Brcke
und der Baum war weit drauen in einem dunkelglatten See. Aber hinter
ihm stieg ein Berg auf mit beschneiten Tannen und die Luft war bleich,
wie im Winter. Der Baum hing voll schwerer rosa Bltendolden. ber die
Brcke kam Mutter mit ihren gierig fordernden Bewegungen, die immer
alles haben wollten und deshalb so ungeheuer armselig waren. Hinter ihr
ging Martha in einem rosa Ballkleid. Aber die Augen waren geschlossen
und die Wangen gelb. Ruth stand auf der Brcke und sie war ganz klein,
hatte kurze weie Socken an, ein weies Matrosenkleid mit hellrosa
Kragen. Oben auf dem Berg begann es sicher zu schneien. Und Mutters
Haare waren wei.

Am nchsten Tag brachte Norbert eine Einladung seiner Mutter fr die
ganze Familie. Zu einer kleinen Gesellschaft, wie er leichthin sagte.
Dabei sah er Ruth an. Ruth sagte: -- Ich gehe nicht in Gesellschaft.

Aber nachher mute sie gehen. Sie war die Jngste und mute Martha
begleiten. Das sah so am besten aus. Mutter lie ihr Abendkleid
herrichten und kaufte Lederhandschuhe und Seidenstrmpfe. Da fand Ruth,
da die Sache eigentlich doch dafr stehe. Sie setzte sich vergngt auf
den Tisch und probierte die Seidenstrmpfe an. Richard kam in das
Zimmer. Mutter rief: -- Ruth, schmst du dich nicht. -- Nein du hast sie
mir ja gekauft, damit man sie sehen soll.

Sie machte einen langen Spaziergang durch Kot und Regen und erklrte
dann, die Strmpfe seien zerrissen und schmutzig, einfach unbrauchbar.
Und sie ging ohne Seidenstrmpfe zu Norberts Eltern.

Norberts Schwester war ein halberwachsenes Ding mit zu kurzer Oberlippe
und vornehm tiefer Stimme. Sie grinste allen Gsten zu und war
bertrieben freundlich mit einer unscheinbaren, dicklichen Freundin. Der
Salon war verschnrkelt, Gold in braunem Holz, mindestens drei
berflssige Tische standen da und in der Ecke hing ein groer Makart.
Sonst unzhlige Photographien in kostbaren Rahmen und konventionelle
Geschenksvasen.

Ruth dachte: Ich mchte wissen, wer in diesem Raum zuhause ist. Norbert
nicht, er tut nur so, wenn er die Zigaretten anbietet. Sonst aber pat
er noch besser an unser Klavier. Und seine Mutter auch nicht. Was fr
eine proletarisch dicke Nase sie doch hat und der lose, ungebndigte
Mund -- nein, die habe ich mir ganz anders vorgestellt. Aber sein Vater
hat einen eleganten, schneeweien Scheitel. Und das ist auch alles.

Norberts Braut kam zu ihr und war besonders freundlich. Sie war ein
hbsches, liebes Mdchen mit gerader Nase und langen, hellgrauen Augen.
Ruth fand, da Norbert einen sehr vernnftigen Geschmack habe. Ihr
gelblicher Spitzeneinsatz pate wunderbar zu seiner grauen Weste.

Ruth merkte wohl, da man sie wie ein kleines Tier aus der Menagerie
betrachtete. Weil ihr Kleid keinen Kragen hatte und die Haare
eigenwillig um die Stirne herumstanden. Norberts Freunde schauten ihm
eigentlich alle hnlich. Lauter Menschen, die man erst monatelang sehen
mu, um zu wissen, wie sie aussehen. Wenn man denen allen die Hnde
abschneiden wollte, man knnte die einzelnen Paare durcheinander werfen
und sie wren nicht zu unterscheiden. Wie alle ihre Krawatten und
Handschuhe. Ruth lachte bei dem Gedanken und wollte ghnen.

Da kam ein Leutnant zur Tr herein mit herabhngender Unterlippe und
dunklen Zhnen. Um Gotteswillen, was wollte der hier. Den hatte sie ja
bei Bella getroffen. Nur da er heute im Waffenrock war und ganz frisch
rasiert.

Er wurde mit Jubel begrt. Norberts Vater schttelte ihm beide Hnde.
Er lchelte nach allen Seiten auf einmal. Aber vor Ruth verbeugte er
sich dunkelrot vor Bestrzung. Sie sagte strahlend: -- Uns brauchen sie
einander nicht vorzustellen, Norbert, wir kennen uns schon.

Ruth war nicht mehr schlfrig. Ein Interesse, da sie erwachen gefhlt
hatte, als sie mit Bella und deren Freunden Tee trank, trieb sie unter
die Leute. Sie schwatzte. Aber dabei verfolgte sie fortwhrend den
Leutnant. Er wich ihr aus.

Man bat den Leutnant strmisch, etwas auf dem Klavier zu begleiten.
Neueste Chansons. Norberts Braut sollte singen. Sie hatte doch so eine
entzckende, kleine Stimme. Aber er wollte heute nicht. Ruth trat vor
und sagte, liebenswrdigst lchelnd, whrend ihre grnen Augen
forderten: -- Du mut -- Spielen Sie doch das von dem kleinen Hotel, Sie
wissen schon.

Und er trat vor und spielte es. Ja, spielte, was er bei Bella gespielt
hatte, was Bella gesungen hatte. Und -- war denn das mglich? War das
mglich, da Norberts Braut dazu sang mit ihrer zarten Mdchenstimme,
diese Worte? War es mglich, da man rasend Beifall klatschte und
Norberts Mutter duldsam lchelte, whrend sein eleganter Vater sich
kstlich unterhielt? Nein, da war etwas, worber man nachdenken mute.

Ruth setzte sich in eine Ecke. Gleich darauf kam der Leutnant. Er redete
schlpfrige Dinge und nahm ihre Hand. Sie lie ihn gewhren, sie war
interessiert, brennend interessiert.

-- Sagen Sie Herr Leutnant, singt man dieses Lied jetzt berall? -- Ja,
es ist sehr beliebt. -- Ach, ich dachte, das singt nur Bella. Es ist
abscheulich. -- Gndiges Frulein scheinen sehr streng zu sein. -- O
nein, ich hasse nur schlechte Musik.

Der Leutnant redete weiter. Dinge, s wie zerlaufener Tortenbergu und
prickelnder Champagner. Eigentlich hatte er eine hbsche Nase und schne
Augen mit klugen Wimpern. Wenn nur der Mund nicht so schmierig gewesen
wre.

Sie sprachen von dem Makartbild. Der Leutnant behauptete, in Norberts
Zimmer hnge ein noch viel schneres. Sie mge ihm doch folgen. Nein,
dachte sie, ich bin doch zu neugierig. Und sie ging mit ihm. Aber sie
ballte die Fuste.

Die Gesellschaft hatte sich zerstreut. Der Leutnant fhrte sie durch ein
dunkles Zimmer in Norberts Zimmer. Er zndete kein Licht an. Und kte
sie.

Ruth dachte in der Sekunde: Norbert -- wie er mich liebt -- sein Zimmer
-- die Braut -- das Lied -- also so ist das -- aber die schwarzen Zhne
-- so ist das -- Dabei schlug sie dem Leutnant mit der Faust ins
Gesicht.

Er schrie auf, halblaut. Dann flsterte er: -- Gehen Sie, gehen Sie
rasch. -- Sie sagte: -- Gr Gott, Herr Leutnant und ging wieder in den
Salon. Auf ihrer Hand war ein Blutfleck. Den wischte sie sorgsam ab in
einem hellblauen Seidenvorhang. Dann mischte sie sich unter die jungen
Mdchen.

Norbert kam und legte den Arm um seine Braut. Man sprach von Musik. Ruth
sagte: -- Onkel Gustav lt Sie gren. Er hat eine ganze Menge Noten
fr Sie bei uns liegen lassen. Norberts Braut fragte interessiert: --
Wer ist das? Ist das der sagenhafte Knstler, der so wunderbar Mozart
spielt und den man niemals zu sehen bekommen kann.

Norbert war dunkelrot. Ruth sah ihn aufmerksam an und sagte: -- Er hat
heute nicht kommen knnen, weil er keinen reinen Kragen gehabt hat.
brigens ist er kein Knstler, nur Zeichenlehrer an einer Mittelschule.
Aber er ist mein Onkel.

Norbert ging den Leutnant suchen. Er kam bestrzt wieder. Der Leutnant
habe heftiges Nasenbluten und liege auf dem Sopha in seinem Zimmer. Ruth
schlich sich an Norbert heran: -- Norbert, Sie drfen niemanden etwas
sagen, aber ich mu mir die Hnde waschen. -- Jetzt gleich? -- Ja, aber
schweigen Sie.

Norbert fhrte Ruth in das Badezimmer. Sie standen sich gegenber in dem
weigekachelten, grellen Raum, der voll heiem Dunst war. Ihre Haare
verdeckten die grnen Augen, so dicht hingen sie in die Stirne. Sie sah
ihn an. -- Wo ist heies Wasser, ich mchte sehr heies Wasser. -- Hier,
aber was ist Ihnen, was haben Sie? -- Sehen Sie den Fleck da auf meiner
Hand. Ich habe mich zuvor schon in einen Vorhang gewischt: Blut ist es.
Vom Nasenbluten von ihrem Freund da. -- Ruth, nein. -- Doch, soll ich
Ihnen den Vorhang zeigen? Im Salon rechts. Er hat mich gekt in ihrem
Zimmer und dann hat er auf einmal Nasenbluten bekommen. -- Nein.

Er hatte sich abgewendet und seine hohe, zu gerade Gestalt wurde klein
und verschwand im feuchtschweren Dunst. Aber irgend etwas sthnte in dem
Badezimmer.

Ruth wusch sich die Hnde mit einer Brste, da das Wasser sprhte. --
Sie sollten Ihre Braut nicht solche Lieder singen lassen.

Er schwieg. Und nach einer Weile: -- berhaupt, was Sie fr Freunde
haben. Schmen Sie sich.

Norbert wandte sich nicht um. Sie fhlte eine warme Welle um ihre Fe
spielen, weich und kosend, die sich doch nicht traute, hher zu steigen.
Er hielt den Kopf gesenkt. Sicher war er ganz rot. Warum schlug er sie
denn nicht?

-- Norbert, schauen Sie mich doch an, ob ich auch ganz rein bin. Er
richtete seine hundetreue dunklen Augen auf sie, langsam, verzweifelnd,
ergeben. -- Auf Ihrem Schuh ist auch ein Fleck, Ruth. -- Ach, was soll
ich jetzt tun? Mich wieder beklexen?

Er kniete nieder und putzte ihr mit einem nassen Handtuch den Schuh,
sehr sorgsam. Sie sah auf ihn herab und fhlte: immer habe ich
gewnscht, es soll mir jemand Liebesgedichte machen. Aber das ist ja
viel mehr. Und doch ist es furchtbar. Soll ich ihm sagen, da ich den
Leutnant geschlagen habe, oder soll ich ihn kssen, auf den braven
Scheitel da -- ach, Christus, hilf mir --

Da war Norbert fertig und sie gingen rasch wieder in den Salon.

Am nchsten Tag kaufte sie ein paar japanische Nelken und erwartete
Norbert vor seinem Amt. -- Ich mu Sie sprechen. -- Ruth, ich werde Sie
nach Hause begleiten. -- Dort nicht, gehen wir in ein Kaffeehaus, ich
will allein sein. -- Nein aber -- was wrde Ihre Mutter sagen. -- Dann
auf Wiedersehen ... -- Halt, Ruth, so bleiben Sie doch.

Sie gingen zusammen in ein Kaffeehaus. Er schielte ngstlich auf alle
Tische. -- Da, nehmen Sie die Nelken, sie gehren Ihnen. -- Mir, nein
ich verstehe Sie nicht, wie knnen Sie nur ... -- Wahrscheinlich ist das
auch nicht schicklich, aber nehmen Sie.

Ruth sah ber das nchtern glatte Kaffeehaus, wo eben die ersten
elektrischen Flammen angezndet wurden. Und wtend dachte sie: Herrgott,
wenn ich nur eine Ahnung htte, was ich dem Kerl habe sagen wollen.
Nein, so was Dummes.

Sie a drei Portionen Eis nacheinander und er sah sie schweigend an.
Dann sagte er: -- Sie mssen nicht kleinlich von mir denken, weil ich
nicht in ein Kaffeehaus gehen wollte. Aber Ihre Mutter -- und ich bin
doch auch verlobt. Aber Ruth, vielleicht wird das jetzt ganz anders
werden --

-- Norbert, sprechen Sie nicht weiter, o bitte, gewi nicht, Sie wollen
eine riesige Dummheit sagen --

-- Ruth, Sie wissen doch alles --

-- Nein, ich wei nichts, gar nichts. Nichts, Norbert. Ich bin Ihnen
dankbar, da Sie mir gestern den Schuh geputzt haben. Deshalb die
Nelken. Und im brigen -- ja, im brigen, ich wollte Sie dringend
bitten, sich Onkel Gustavs etwas mehr anzunehmen. Er hat eine schwere
Bronchitis und liegt mutterseelenallein in seiner Dachkammer. Auerdem:
er liebt Sie, weil Sie so elegant sind. Nicht wahr, Norbert, Ihr
Grovater war doch Minister -- eigentlich knnten wir jetzt die Sitzung
aufheben.

Ruth besuchte Onkel Gustav noch an diesem Abend. Er lag in seinem
ungegltteten Bett. Neben seinem Kopf ein llmpchen und auf dem Boden
davor der Hund. Der Hund war auch krank und hatte das Zimmer beschmutzt.

-- Onkel Gustav, wie kannst du das aushalten? Sie ri das Fenster auf.
Er hustete furchtbar. -- Gib doch den Hund weg, wenn er krank ist. --
Nein Ruth, da du so etwas sagen kannst. -- Ich verstehe berhaupt
nicht, wie man sich einen Hund halten kann. Es ist doch immer etwas
Schmieriges im Zimmer. Ein Tier, mir graut vor allen Tieren. Schau nur
die Schnauze, lang, spitz, mit den langen, spitzen Zhnen. Die ist doch
zum Beien da. -- Ruth, weit du, da du mir weh tust? ... Onkel Gustav
richtete sich im Bett auf und seine groen, runden Kinderaugen glnzten
noch mehr als sonst ... Natrlich ist es nur ein Tier. Aber er hat mich
lieb. Weit du, was das ist? O, vielleicht hast du es noch nie
gebraucht. Ich will ja auch nicht seine Schnauze haben. Aber da ist eine
groe Treue neben mir, wenn ich so im Bett liege. Ein groes Gefhl. Du
glaubst ja nicht an Gott, Ruth. Ich auch nicht. Aber an ein so groes
Gefhl. Deshalb ziehe ich auch ruhig den Hut vor einer Kirche.

Ruth sah auf die Schmutzpftze des Hundes mitten im Zimmer und dachte:
Nein, da Norbert sich dazu hergegeben hat mir das Blut von dem Schuh zu
wischen, mit einem Handtuch -- wie ekelhaft.

Martha unterrichtete jeden Tag von acht bis ein Uhr die Kinder der guten
Familien. Verstimmt kam sie zum Mittagessen nach Hause. Ruth versuchte
nie mehr, mit ihr gut zu sein. Auch nicht, Mutter das Streiten mit
Martha abzugewhnen, da htte sie viele Vasen zerbrechen mssen. Und sie
erkannte mit schauderndem Entsetzen, da alles Mitleid zu Verachtung
wird, wenn es der Alltag abntzt. Da hilft kein Verstehen.

Bella suchte sie nie mehr auf. Wozu noch --

Norbert kam Mittwoch und Samstag zum Mittagessen. Eines Tages traf sie
ihn auf der Strae, eingehngt in seinen Freund, den Leutnant.




                                 Brand


Als Ruth das nchstemal Onkel Gustav besuchte, stand ein Mensch beim
Fenster. Dessen grobe, breitstige Knochen preten das Zimmer zusammen,
lieen die Frhdmmerung nicht herein. Und von seinem Hinterkopf hingen
die Haare kurz und strhnenglatt herunter.

Onkel Gustav hustete so furchtbar, da Ruth Schleim und Blut vor sich
tanzen sah.

Als der Fremde seine ungelenk hohe Gestalt rasch umwendete, war ihr, als
fiele ein ungeheurer Knochenhaufen in sich zusammen und zersplittere auf
dem Boden, steinhart.

Onkel Gustav hustete. Blut und Schleim. Er konnte nicht sprechen. Der
Mensch verbeugte sich linkisch hochmtig vor Ruth, murmelte etwas und
ging fort.

-- Wer war das? fragt Ruth, als Onkel Gustav wieder still und erschpft
da lag. -- Ein Freund von mir, du kennst ihn nicht. -- Wie heit er? --
Thomas. -- Und noch? -- Wozu willst du das wissen? -- Ich bin eben
neugierig, warum Mutter nicht wissen darf, da er zu dir kommt. -- Das
ist abscheulich von dir. Das sagst du nur um mich zu krnken. Jeder
Mensch darf zu mir kommen, ich bin doch kein kleines Kind ... Er begann
wieder zu husten.

-- Sei ruhig, Onkel Gustav, ich war wirklich nur neugierig. Weil er mir
gefllt, dieser dein Freund oder was er ist. -- Er ist mein Freund.
Ruth, wenn du den kennen wrdest, wirklich kennen. -- Wie verhlt sich
Norbert zu ihm? -- Er hat ihn noch nicht gesehen. -- Ach so ... Gustav
hustete wieder und Ruth stand auf, um fortzugehen. -- Was ist das fr
ein Ungeheuer? Sie nahm eine in graue Sackleinwand gebundene
Riesenmappe, die auf dem Tisch lag. -- O weh, die hat Thomas vergessen.
-- Dann wird er sie wohl holen. Ruth wollte sich wieder setzen. -- Nein,
er vergit bestimmt ganz daran, und wenn er morgen in die Schule geht,
hat er keine Hefte. Und wieder Unannehmlichkeiten. -- Weit du was, ich
mchte sie ihm bringen. Ich will sowieso noch spazieren gehen. -- Nein,
Ruth, das geht nicht -- Onkel Gustav richtete sich ganz entsetzt auf --
das kannst du nicht, nein wirklich nicht, auch ist es viel zu weit, er
wohnt ganz drauen in der Vorstadt. -- Das macht mir gar nichts.

Ruth hatte die Mappe schon unter dem Arm: -- rasch, die Adresse. Onkel
Gustav hustete und sagte dann den Namen von Mutters ehemaliger
Friseurin. Ruth lachte schrill: -- nein, mit was fr Leuten du verkehrst
... und sie sprang ber die Stiegen.

Die Luft war weich und frhlingshaft schwer. Wie um Mitternacht im Mai.
Aber die kahlen Bume waren herbstmatt und ergeben.

Ruth lief durch die dunklen Gassen und fhlte, wie sie mit jedem Schritt
in das Ungewisse hineintrat. Das weich und nachgiebig war wie ein
verprgelter Hund. Und doch lockte und zog.

Sie wollte den nacktstrhnigen, groben Kopf nicht berhren, nein,
niemals, o um Gotteswillen nicht. Onkel Gustavs Husten schrie ihr nach.
Ganz arme bermdete Pferde hatten solche schwer hervorspringende
Knochen. Deren Kraft um Mitleid schreit. Whrend die Muskeln zu schlaff
sind, das Gerst zu tragen.

Nein, sie konnte nicht weiter. Eine wtende Angst hielt sie zurck, sie
knne einem Kutscher begegnen, der seine Pferde prgelt, erbarmungslos
ber die steinige Strae, brllend, schimpfend, fluchend und mit der
Peitsche.

Nein, sie wollte nicht weiter. Wie kam sie auch dazu, einem fremden
Menschen seine Sachen in das Haus nachzutragen. Sie wird das
Mappenungeheuer in einen Straengraben werfen. Oder doch vielleicht
zuerst hineinsehen -- ja, zuerst hineinsehen.

Ruth ging in ein kleines Kaffeehaus, wo ein paar Dienstmnner und
Kutscher Karten spielten. Sie setzte sich in eine halbdunkle Ecke und
schmte sich. Bei einer unanstndig dicken Kellnerin bestellte sie Tee.
Und war verzweifelt ber die schmierig braune Marmorplatte.

Aber die Mappe. Ein armseliger zerbissener Bleistift rollt heraus. Und
dann Schulhefte der dritten Volksschulklasse. Immer mehr Schulhefte. In
jedem beginnt die Aufgabe: Alle Haustiere ...

Ruth schliet die Mappe. Den Bleistift steckt sie zu sich. Sie mu
Thomas seine Hefte bringen.

Sie trat in das Ungewisse. Es wich und lockte. Und die Nacht war ganz
dunkel.

Das einstckig verkrochene Haus lag weit drauen, am Rand der ersten
fahlen Fabrikswiesen. Gelbrtliches Licht trufelte aus seinen niedrigen
Fenstern. Das Ungewisse war nah und furchtbar.

Eine fremde Wohnung suchen ist entsetzlich. Wie leicht lutet man bei
fremden Menschen an und die sind dann bse. Und eigentlich war Thomas
sogar auch ein fremder Mensch.

Ein grnblasser Proletarierbub mit abstehenden Ohren ffnete Ruth die
Tre. Es roch nach aufgewrmtem Essen. Im Zimmer war eine Nhmaschine.
Darauf eine Petroleumlampe. Ein Mensch bei der Nhmaschine, in der
Nhmaschine, ein Stck der Nhmaschine, in sie hineinverwachsen, bucklig
verkrmmt, eng.

Ruth dachte: Wieder weg, gleich --

Da kam Thomas herein in blaugestreiften Hemdrmeln. Sie stotterte etwas,
dunkelrot, besinnungslos verlegen. Der blasse Bub glotzte sie an. Thomas
Schwester steckte den Kopf aus ihrem Buckel heraus. Er selbst war gar
nicht erstaunt. Sagte fast grob: danke. Sie bemerkte, da ihm ein groer
Augenzahn fehle, da eine schmutzige Unterhose auf dem Sessel neben ihr
lag. Ihr ekelte wild.

Eine Stimme, die weich war, wie die laue Nacht drauen, sagte: --
Bleiben sie doch noch ein wenig und ruhen Sie sich aus. Sie sind ja ganz
erhitzt.

Das bucklige Ungeheuer. Ruth htte ihr die zu langen, kranken Hnde
kssen wollen.

Thomas und sein Bruder waren hinausgegangen. Die Nhmaschine ruhte. Und
die Petroleumlampe war noch heruntergeschraubt.

Thomas Schwester hatte stechend graue Augen mit mden Lidern. Sie sprach
von Onkel Gustav wie von einem Halbgott und fragte sehr viel.

Ruth dachte: Der groe, schwarze Kasten in der Ecke dort schaut Thomas
hnlich. Er ist schn und mchtig, aber was da nur drinnen hngt. Ich
mchte meine Kleider nicht hineingeben. Wie es hier riecht -- nach
Baumwollstrmpfen, die nicht gewaschen werden.

Thomas Mutter schlrfte herein. Sie hatte rote Wangen, als ob sie frher
einmal geschminkt gewesen wre und war furchtbar hlich. Sie begrte
Ruth als alte Bekannte und stellte graue Teller auf den ungedeckten
Tisch.

Thomas kam wieder in das Zimmer und schien sehr unzufrieden, da Ruth
noch da war. Sie sprang auf. Er begleitete sie vor die Haustre, hinten
im Hof bellte der Hund. Sie gab ihm die Hand und ihr war, als ergreife
sie einen toten Knochen.

-- Ich danke Ihnen, sagte Thomas mit seiner zerbrochenen Stimme. -- Aber
wir mssen jetzt zu Abend essen. Unser Petroleum reicht nur bis halb
zehn.

Sie hielt seine Hand noch fest und sah nur, wie er mit der anderen Hand
an den Hals griff, der Daumen stand eigentmlich scharf weg wie die
Klinge eines Messers.

Ruth wute, als sie nach Hause ging: Thomas kann als kleines Kind keine
Milch bekommen haben. Nur zhes Fleisch von wilden, geschlachteten
Tieren. Und sie sah whrend des Abendessens fortwhrend auf Richards
Hnde, die wohl noch nie ein Tier geschlachtet hatten.

Die kleine Weinherin Gertrud lie sich den ganzen Abend durch von
ihrer Mutter Ruths erste Kindheit schildern. Damals war die Friseurin
oft in das Haus gekommen, o ja und die gndige Frau hatte Perlen, eine
endlose Kette hinunter. Ruth lag immer schon in ihrem weilackierten
Gitterbettchen und steckte die frischgebadeten Fingerchen durch das
Netz. Und die gndige Frau erzhlte von Paris, immer von Paris, sie
hatte auch Pariser Parfm.

Die Wangen der alten Friseurin glnzten wie frisch geschminkt. Gertrud
fuhr mit feuchten Hnden ber die Tischplatte, da groe nasse Flecken
auf dem Holz zurckblieben. Thomas starrte in seinen Teller und hielt
mit aufgesttzten Armen Gabel und Messer, kampfbereit. -- Was habt ihr
mit den fremden Leuten, grollte er.

Gertrud sagte: -- Das Leben. Ihre ermdeten Augen starrten an ihnen
vorbei. Sie empfand in diesem Augenblick: Nach Paris reisen -- in der
Bahn liegen, einen zrtlichen Atem neben sich -- genieen -- oder: ganz
klein sein und in einem weien Gitterbett liegen mit geraden Gliedern,
die wachsen drfen.

Gertruds Buckel war das Nest eines Vampyrs. Brut und Beutestatt. Alle
unerlebten Trume, alle schbigen Wirklichkeiten der Mutter steckten
darin. Thomas' Schulstunden. Und die Reibretter des kleinen Bruders,
der in die Realschule gehen durfte und ein zufriedener Techniker werden
sollte, werden mute.

Aber es war noch viel mehr in Gertruds Buckel. Ihre spinnenlangen,
blauadrigen Finger nhten und trennten eigentlich gar nicht den ganzen
Tag. Sie tasteten zum Fenster hinaus ber die Rcken der Vorbergehenden
nach neuem Leben. Und die schwangere Nachbarsfrau, die alle Tage sich
erbrach und heulte, da man es genau hren konnte, trug ein Kind, dessen
Schicksale sie schon im Voraus empfand, wie ein hohes Glck.

Gertrud schtzte den Wert ihres erwrgten Lebens wie ein Sterbender den
letzten Atem. Seligkeit war die erste Morgensonne, die ihr in den dnnen
Kaffee schien. Seligkeit der graue Tag voll wuchernder Gedanken. Sie
nhte schne Hemden, schmeichelnd glatte, aus Leinenbatist, aus Seide.
Seligkeit, die anziehen zu drfen. Seligkeit, alle Tage in die Schule
gehen zu drfen und hundert schmutzige Kinder zu unterrichten, wie
Thomas. Welche Bettigung der eigenen Kraft. Wie herrlich fr ihn, da
er sie alle erhalten durfte und es dem kleinen Bruder ermglichen, etwas
besseres zu werden -- das war Menschenglck.

Thomas' Schulkinder saen Nachmittage lang an Gertruds Nhmaschine. Sie
erzhlte ihnen vom lieben Gott und ratterte und nhte. Die Kinder waren
zufrieden. Hier war jemand, der nichts von ihnen wollte. So streuten sie
ihr das kleine, schmutzige Leben willig in den Scho. Das sie nicht
verstand und doch aufsaugte.

Thomas merkte nichts davon. Er hielt Gertrud fr eine Heilige. Denn sie
liebte und sttzte die verkommene Mutter, den tuberkulosen Bruder. Er
wute, da, wenn sie eines abends nicht da wre, die fettige
Petroleumlampe nicht mehr brennen knnte, auch nicht bis halb zehn. Und
dann wre alles aus.

Sie war die Liebe, und er beugte sich vor ihr. Aber er glaubte nicht an
die Liebe. Er glaubte an das Wort.

Das Wort war in ihm und in ihm war die Welt. Sprechen knnen -- dann
mte sein ungebadeter Krper rein werden.

Er verbesserte alle Abende bis halb zehn Uhr die Schreibbungen der
Kinder. Und dann mute das Licht gelscht werden. Zwei bis drei Hefte
blieben noch zurck fr den blassen Morgen. Aber daran war nichts zu
ndern.

Ruth empfand es in den nchsten Tagen zum erstenmal in ihrem Leben als
peinlich mit entbltem Hals herumzugehen. Sie legte sich einen alten
Pelz von Martha um, der nach Kampfer roch und kitzelte. Und sie dachte:
es mte gut sein, zu wissen, da man nie mehr im Leben einem Mann die
Hand gibt. Was das nur ist, fremde Knochen -- ach nein, entsetzlich.

Sie wollte nie mehr zu Thomas gehen. Wegen seiner Mutter. Was fr
struppige graugelbe Haare die hatte, diese Friseurin. Und dann, sie
hatte das kleine, bucklige Ungeheuer in die Welt gesetzt. Wie konnte man
so etwas verbrechen. Wenn ich Christus wre, ich mte zum Fenster
hinausspringen nur weil Gertrud lebt, dachte Ruth. Und ekelte sich vor
Thomas riesengroer Zahnlcke.

Eine Woche spter war Ruth wieder bei Thomas. An dem ersten, kalten
Wintertag, der ohne Schnee war, aber ganz voll Dmmerung. Die
Nhmaschine ratterte. Thomas stand in der hintersten Ecke, bei dem
winzigen Eisenofen. Er hatte den Deckel zurckgeschlagen und die roten
Flammen verzerrten seine knochigen Zge. -- Ich komme Ihnen erzhlen,
da es Onkel Gustav sehr schlecht geht. -- So.

-- Ja ich komme Ihnen das erzhlen, Sie sind doch sein Freund, oder
nicht? --

Thomas ging in das Nebenzimmer. Ruth dachte wtend: Eigentlich knnte
ich ja zu Norbert gehen. Gertrud blickte sich interessiert um. Da ging
Ruth ihm nach.

In seinem Zimmer standen zwei graue Eisenbetten. Und zwei eiserne
Bcherregale. Und ein eiserner Ofen. Der Tisch war mit verschmierten
Schulbchern verdeckt und geometrischen Zeichnungen von dem Bruder.
Nichts in diesem Raum gehrte Thomas. Nur seine eigenen massigen
Knochen.

Er starrte an ihr vorbei mit stumpfen toten Augen. Er sieht mich nicht,
klagte Ruth, er sieht mich nicht, jubelte Ruth, er sieht mich nicht, er
sieht berhaupt nicht heraus, er sieht hinein. Und sie bemerkte, da
sein proletarisch hoher Kopf aristokratisch lange, leidende Schlfen
hatte.

-- Was machen Sie eigentlich da, fragte Ruth und sie setzte sich auf den
Tisch, mitten in die Zeichnungen des Bruders und baumelte mit den
Beinen. Den kahlen Wintermantel knpfte sie auf. Und sie nahm sich vor,
den stickigen Dunst ganz in sich einzusaugen und aus allen Poren
wiederzugeben, dann mte er sie spren.

Thomas ging hin und her, ohne sie noch einmal anzusehen. -- Hflich sind
Sie nicht, lachte Ruth. -- Er blieb vor ihr stehen. -- Wozu auch.
Glauben Sie, ich kann nicht, wenn ich will. Aber warum.

Ruth dachte: Ich kann die Luft herinnen doch nicht so leicht einatmen.
Sie zerdrckt mir die Lunge. Sie ist zu schwer. Schwer wie Thomas'
Knochen, oder noch schwerer, ich kann nicht und um Gotteswillen, wer
keucht, wer sthnt da, wer erbricht sich, bin ich es selbst -- o wie
schlecht ist mir --

-- Sie brauchen nicht zu erschrecken, sagte Thomas und setzte seine
rastlosen Wanderungen um den Tisch fort. Die Frau von unserem Nachbar
daneben erwartet ein Kind und das hren wir immer so genau.

-- Was ist noch in ihrem Zimmer, Thomas. -- Sie stand vor ihm, ihre
grnen Augen waren ganz gro geworden.

-- Was noch -- O Thomas, Sie mssen furchtbare Nchte haben.

Da kte er ihr die Hand mit den groben, aufgesprungenen Lippen. Ihr
graute. Sie wurde zornig. Und sie lief davon.

Sie wollte nicht mehr zu Thomas gehen. Da sah sie ihn zwei Tage spter
auf der Strae. In den frhen, toten Nachmittagsstunden.

Sie dachte: wenn ich ihm jetzt nicht entgegenspringe, er rennt dort in
die Mauer hinein, zerschellt sich seine groen Knochen. Nein, wie er
friert.

Sie packte ihn beim Arm. -- Thomas, gr Gott, aber warum haben Sie
keinen Mantel, Teufel noch einmal!

Er war ganz blau und sie wute, ohne da er antwortete, da den einzigen
Mantel der Familie der kleine Bruder trug.

Sie begleitete ihn und kombinierte: Wenn Onkel Gustav stirbt, kann
Thomas vielleicht den Wintermantel bekommen, oder ich stehle den von
Richard. Der ist so gut wattiert. Ach, wenn ich nur nicht so feig wre,
ich mte Onkel Gustav auch tten knnen, aber ich traue mich ja nicht.

Thomas sagte: -- Mir ist gar nicht kalt, was fllt Ihnen ein. Aber man
sollte mir nicht um halb zehn Uhr das Licht wegnehmen, nein, das sollte
Mutter nicht. Und wir haben gar kein Geld mehr fr nchste Woche.

Ruth gab Gertrud ihr letztes bichen Taschengeld. Gertrud nahm das
bichen mit Trnen in den Augen und verklrt.

Als Weihnachten kam, wute Ruth nicht, was sie Thomas schenken sollte.
Sie verkaufte zwei goldene Ringe, die sie nie getragen hatte, und kaufte
ihm dafr einen wunderschnen Band Schopenhauer. Sie half heuer nicht
den Weihnachtsbaum putzen. Sie empfand zum erstenmal nicht die gespannte
Erregung vor dem wunderbaren Abend, der doch alle Jahre der gleiche
blieb. Sie empfand auch nicht, da die Straen anders waren als sonst,
weil so viele frohe Menschen mit Paketen durcheinanderliefen. Sie wute
nur, da Thomas bei der furchtbaren Klte keinen Wintermantel besa, da
der Band Schopenhauer in weiches, mattbraunes Leder eingebunden war.

Sie nahm aus ihrem Schreibtisch noch rasch eine Schachtel Briefpapier
fr Gertrud und eine Rolle herrlichstes, weies Kanzleipapier, auf das
sie einst ihre Lebensgeschichte hatte schreiben wollen, aber das war
schon lange her. Jetzt sollte es Thomas' Bruder bekommen, der immer
klagte, er habe zu wenig Papier fr seine deutschen Aufstze und die
langen mathematischen Formeln. Etwas Besseres hatte sie nicht.

Gertrud schmckte den winzigen Weihnachtsbaum mit Silberketten vom
vorigen Jahr. Sie humpelte vergngt in der kalten Stube herum und sang
ein Weihnachtslied. Auf dem Tisch standen noch von dem Mittagessen
Teller mit brig gebliebenem, gelbem Brei. Ruth ging rasch in Thomas'
Zimmer.

Er lag mit toten Augen ber den Tisch hinber, gierig, lauernd. Ruth
legte das sattbleiche Kanzleipapier neben ihn hin.

Ein Schrei, wie ein Tier, das nach Wasser sucht: -- Ruth, das bringst Du
mir, Du weit also, weit alles, doch und Du glaubst daran, und noch
kein Wort, noch immer kein Wort, aber du glaubst daran --

Er lag vor ihr und umfate ihre Schenkel mit tastenden, greifenden,
packenden, schaffenden Bewegungen. Er keuchte. Seine Hnde waren feucht,
er gurgelte mit halberstickter Kehle. Ruth graute und sie sagte weinend:
-- nicht wahr, jetzt schreiben Sie das Buch -- und sie streichelte
seinen Kopf wie einem ganz kleinen Kind und kte die aristokratisch
hohen Schlfen. Jetzt ganz gewi, ganz gewi. Ihr ekelte vor seinen
strhnig fetten Proletarierhaaren und sie streichelte seinen Kopf.

Zuhause konnte sie das Licht der Weihnachtskerzen nicht vertragen. Die
Stimmen der Verwandten machten sie rasend. Bei Tisch sagte Richard zu
einem alten Onkel: -- gewi ist ein rechter Knstler noch nie den
widrigen Verhltnissen unterlegen. Im Gegenteil ...

Ruth sagte: -- wo liegt die Statistik der Untergegangenen. Ich glaube
bei der Mordstatistik im Strafgericht, nicht wahr, dort liegt das auf.

Dann wurde ihr schlecht und sie mute die ganze Nacht lang erbrechen.
Das Zimmer war berheizt und sie empfand nur, wie sehr Thomas diese
Nacht frieren msse, denn sicher waren alle Kohlen fr das
Weihnachtszimmer aufgegangen. Vielleicht verbrannte er das weie
Kanzleipapier. Den Schopenhauer bekam ja Onkel Gustav, der war noch gar
nicht tot. Nur wollte sie nie mehr zu Thomas gehen, ganz gewi nie mehr.
O, wie sie seine gierig schaffenden Hnde frchtete, grauenhaft war es
und unverschmt gegen die Natur, gegen ihren eigenen Krper. Und die
Frau daneben erbrach ja auch fortwhrend, weil sie ein Kind erwartete.

Sie bekam einen Brief von Gertrud: warum kommst Du nicht mehr? Thomas
ist krank. Sie war zornig und ging nicht hin.

Sie bekam einen Brief von Gertrud: warum kommst Du nicht mehr?

Da kaufte sie ein Dutzend verschiedener Federn und tiefschwarze Tinte
und ging wieder zu Thomas. Gertrud sa in der Nhmaschine und sah sie
vorwurfsvoll an: Du httest frher achtgeben sollen, Ruth. -- Worauf? --
Thomas liebt Dich. -- Mach Dich nicht lcherlich. -- Doch Ruth, seit Du
fortgeblieben bist, kann er nicht mehr unterrichten. Gestern hat er den
Kleinen geschlagen. Denk Dir, Thomas und schlagen, wegen irgend eines
kostbaren Papiers. -- Er htte ihn erschlagen sollen, Ihr wit alle
nicht, was Thomas braucht. -- Ruth, ich verstehe Dich nicht -- Gertruds
Stimme war so weich, da Ruth mit dem Fu darauf stampfen mute. -- Und
denke Dir, er will pltzlich um zwei Uhr nachts Licht brennen. Aber die
Mutter hat doch kein Petroleum. Er streitet mit den Leuten in der
Schule. Seit acht Tagen war er berhaupt nicht mehr dort ... Gertrud
weinte. Ruth war ganz kalt: Gertrud, wer ist Dir lieber, Thomas oder die
Mutter, oder der Kleine? -- Das wei ich nicht, mir sind alle drei ganz
gleich lieb. -- Dann kann ich Euch nicht helfen. -- Aber Thomas liebt
Dich. -- Du bist dumm, nh deine Hemden weiter.

Thomas kam aus seinem Zimmer und zog Ruth an beiden Handgelenken zu sich
herein. -- Wo bist Du solange geblieben? Du httest kommen sollen.
Nichts als Farben -- Tne, mit der Hand zu greifen -- Worte noch nicht
-- Worte --

Sie gab ihm Tinte und Federn. Er nahm eine Feder und kratzte sich einen
tiefen Strich in die zerklftete Hand: aus der Spitze mu es kommen,
flieen, strmen -- Gesetz -- Ruth bleib da.

Er hielt sie fest mit beiden Armen. -- Kannst Du beten? -- Nein. -- Das
macht nichts. Bete, es darf nicht finster werden. Mutter darf das
Petroleum nicht versperren. Der Bengel darf nicht nachhause kommen. Die
Nhmaschine darf nicht rattern. So bet doch.

Als es dunkel wurde, begleitete er sie nachhause. -- Man mu Licht
sparen ... Und wieder die Bewegung an den Hals, der Daumen steht
eigentmlich scharf weg, wie die Klinge eines Messers.

-- Siehst Du den Eckstein hinter der Straenlaterne, die Biegung, die
rund sein soll und doch eigentlich voll Ecken ist. Sprst Du. Wie meine
Finger. Der Stein ist grau, so grau, da unsere Augen daran sterben
mten. Aber das gelbe Licht aus der Laterne schleicht darauf -- mein
Licht ist eigentlich grer. Und lauter Ecken, die aussehen wie
Biegungen, Rundungen. Wie wir uns tuschen. Nur die Lgen sprechen sich
leicht. Aber die Wahrheit ist furchtbar, sie ist das Wort, das war im
Anfang. Hrst Du die eisigen Pftzen, wer hat je so sprechen knnen. Und
unlngst in der Nacht war ich flieendes Wasser. Ich wei, wie es tnt,
bereinander fllt, ich wei, wie es sich berhrt ... Meine Stimme ist
hlich, vorne fehlt mir ein Zahn, ich wei wie Dir das widersteht,
Ruth, la, aber weit Du, was meine Hnde knnen, ber die weien
Flchen gleiten, nein, das ist nicht Schnee, es schneit ja heuer gar
nicht. Aber erst sollen meine Fuste den Reichen die Fenster
einschlagen. Was machen sie bei dem elektrischen Licht. Bei dem vielen
Licht. Meine Hnde knnen doch Mutter das Petroleum nicht stehlen, da
ist kein Mark in den Knochen. Der Hund heult die ganze Nacht im Hof und
die Frau daneben erbricht sich noch immer die ganze Nacht ...

-- Thomas, wart doch, aber wart, ich werde Dich heiraten. Was Du da von
dem Zahn gesagt hast, ist Unsinn. Ich habe nicht viel Geld, aber ein
bichen etwas mu mir Mutter schon geben. So viel, da wir ein halbes
Jahr, ja ein halbes Jahr schon in einem ruhigen, schnen Zimmer wohnen
knnen. Nur ein Badezimmer noch daneben. Und du kannst schreiben, den
ganzen Tag, auch in der Nacht. Ich werde eben im Badezimmer schlafen.
Aber warten mut Du, wart doch, Thomas, wart nur noch ein ganz klein
wenig.

Thomas sthnte wie ein Pferd nach dem letzten Peitschenhieb. -- In der
Schule haben sie mich hinausgeworfen. Ich kann dem Buben das Geld fr
seine Studien nicht mehr geben. Und Mutter mu leben und Gertrud, die
Arme. Und in der Nacht mssen sie alle schlafen. Da heult der Hund.

Er fuhr Ruth mit einer wilden Bewegung an den Hals. Der Daumen stand
eigentmlich scharf weg, wie die Klinge eines Messers. Sie schrie.

-- Schweig, sagte er heiser, es ist ja nicht auf Deinem Hals. Auf meinem
ist es. Die fremde Hand. Sie wrgt noch nicht, aber sie wird es tun,
sofort, gleich, jeden Moment und dann ganz. Sie wrgt noch nicht. Und
doch habe ich schon einen flammend roten Streifen da vorn auf meinem
Hals.

Ruth sah, da alle Fenster der Wohnung dunkel waren. Und nahm Thomas mit
sich in ihr Zimmer. Der Ofen glhte.

Thomas warf sich auf dem Teppich der Lnge nach nieder und starrte mit
toten Augen in die Glut. Ruth blieb stehen und dachte: wie schn die
wilden Knochen geordnet sind, wie schlank sie liegen. Thomas sagte: --
meine Farbe ist mehr gelb, aber nicht so gelb, wie auf dem Eckstein.

Ruth warf sich neben ihn vor das Feuer. Er prete sie an sich, da sie
die Rippen brechen fhlte. Seine groben Lippen waren blutig
aufgesprungen. Schon fast zerfetzt. Der eine Vorderzahn fehlte. Zurck
um Gotteswillen. Sie ri sich los.

Er stand vor ihr, seine Hnde hingen herab. Eine groe Knochenmasse,
bereit, zusammenzufallen.

-- Ruth, sagte er langsam, ich danke Dir. Es ist so viel Wrme in Deinem
Zimmer. Mich friert nicht mehr. Aus dem Mark der Knochen stt sich die
Kraft heraus -- heute abend wird --

Er war schon lange fortgegangen. Ruth lag vor der erloschenen Glut auf
genau demselben Fleck, wo er gelegen war. Und sthnte: aus dem Mark der
Knochen heraus. Thomas. Ein Kind. Von ihm ...

Thomas ging aufrecht nachhause. Beim Abendessen teilte die Mutter vor:
Kraut und jedem sein Stck Brot. Die Petroleumlampe brannte sehr
schwach, tief heruntergeschraubt. Thomas sprach in sich hinein: heute
abend wag ich es, heute endlich. Ich habe ihnen ja noch nie etwas
weggenommen. Aber heute, das bichen Petroleum, das werden sie mir schon
geben, knnen sie gar nicht verweigern. Und der Bub schiebt sein Bett
einfach herein. Aus der Straensteinrundung heraus bricht das Wort.
Schon ist es nahe, nahe --

-- Heute knnen wir zeitlich schlafen gehen, sagte die Mutter
weinerlich, berhaupt jetzt, wo der Thomas so keine Hefte mehr zu
korrigieren hat.

-- Mu ich wirklich aus der Schule heraus, fragte der blasse Bub.

-- Wird schon so sein, sagte die Mutter mrrisch. -- Warten wir es ab,
sang Gertruds milde Stimme dazwischen und ihre Augen suchten Thomas,
flehend, verzweifelnd und doch gleich wieder voll Vertrauen.

-- Was geht Ihr mich alle an, dachte Thomas, das Wort, aber ich mu erst
um Petroleum bitten.

Wieder lag die Hand auf seinem Hals. Aber nicht mehr ein Messer mit
stumpfer Klinge. Lange Finger mit verschiebbaren Gelenken drckten sich
in die Kehle hinein.

-- Gertrud, sagte er und zog sie in eine Ecke, gib mir alles Petroleum,
was wir haben, heute Nacht, nur heute Nacht. -- Die Mutter hat den
Schlssel. Aber ich mu mit Dir reden, ob Du uns wirklich alle zugrunde
richten willst, lieber, einziger Thomas, wenn Deine Schule -- La das
jetzt, ich brauche Licht. -- Die Mutter hat das Petroleum. -- Mutter gib
mir alles Petroleum. -- Geh schlafen. -- Mutter, nur heute. --

Die alte Friseurin grinste hhnisch: -- hab keines mehr.

Thomas wute, es ist nicht wahr. Und war machtlos.

-- So geh ich zu den Nachbarn. -- Die schlafen. Die Frau hat Nachmittag
ein Kind bekommen.

-- Gott ... Thomas brach auf seinem Bett zusammen. Gott war das Wort.
Und das Wort durfte nicht gesprochen werden.

Dunkel. Der Bub schnarcht und hustet abwechselnd. Die Hand --

Nachtklte kriecht durch das Fenster und Tagwrme schleicht in sie
hinein. Die Hand legt sich an die Kehle, den Daumen eigentmlich scharf
weg.

Gertrud und die Mutter im Nebenzimmer atmen schwer. Sthnen. Die Hand
wrgt.

Schwarz. Aber aus den Knochen heraus, aus dem zarten Mark bricht es
dunkel glhend, chzend. Gestalt, Klang, tasten, berhren, drngen,
steigen, sich heben. Die Poren saugt es hinaus in die kalte Luft. Und
ist doch drinnen, noch im Mark, flammend rot, brennend --

Ach wozu liegen, tot sein. Wer kann sterben, wenn das Innerste leben
will.

In schwarzen Ballen fllt es aus sich heraus, in blutigen Brocken.
Gedrckt von fremden, arbeitsamen Fingern. Eine brhende Masse schwelt
in den Gliedern. Kocht, brodelt und schmeit sich nach oben --

da die Haut sich dehnt der steinharten Knochen.

Gewalt.

Und alle schlafen -- dunkel --

Nein -- licht soll es werden -- licht -- hell -- grell.

Er schleicht hinaus vor das Haus mit Katzentritten.

Der Hund bellt -- heult --

Alle schlafen -- aber das Wort kann nicht schlafen -- das Wort mu leben
-- lodern -- zerstren --

Er klettert auf die Straenlaterne, zerschlgt sie vorsichtig, entzndet
die Fackel aus dem Schuppen, schlgt das Fenster ein -- Licht fllt in
das Haus -- das Wort fllt in das Haus und der Dichter rast durch die
dunklen Gassen.

                   *       *       *       *       *

Ruth fhrt auf aus dem Schlaf. Sie trgt ein Kind im Leib. Ach nein. Die
Feuerwehr ...

                   *       *       *       *       *

Der Sugling der Nachbarin ist verbrannt. Sonst wurde alles gerettet.
Und die Teilnahme der ganzen Stadt wendet sich der Familie des
geisteskranken Volksschullehrers zu.

Ruth besuchte Thomas mit Onkel Gustav in seiner Zelle. Er sa
zusammengekrmmt ber einem leeren Papier. Seine Augen blickten nicht
mehr in sich hinein, aber hinaus und in das Leere. Und seine Knochen
waren ohne Mark. Leer.

-- Ruth, sagte er, denk blo, alles ist verbrannt.

Sie gingen. Onkel Gustav weinte. Ruth schwieg. Aber sie trug eine kleine
Leiche in sich, fhlte die winzigen, angstverkrmmten Knochen.

Drei Tage spter kam der blasse Bub, rot geheult. Thomas war zum Fenster
hinausgesprungen. Ruth nickte nur. Auf dem Steinpflaster liegt ein
schwerer Knochenhaufen. Zerschmettert.

-- Sei ruhig, sagte sie zu dem aufgeregten Buben, was weinst du. Schm
dich.




                              Eine Mutter


Ruth sah einmal im dunklen Zimmer Mutter vor einer zerbrochenen Tasse
stehen. Die Scherben zerschnitten die Luft, wei, mit scharfen Kanten.
Mutter starrte dumpf darauf hin. Ihre zerstckelten Bewegungen hingen
herunter. Und in das trbe Grau der Augen wollte das Weie
hereinbrechen, mit scharfen Kanten.

Das war lange her. Jetzt hate Ruth Mutter, weil die alte Friseurin
ihren Sohn zum Brandstifter hatte werden lassen.

Mutter steckte sie als kleines Kind punkt acht Uhr in das Bett. Dann
kaufte sie ihr Schulhefte, die viel zu breit liniert waren. Mutter
glaubte einem boshaften Dienstmdchen mehr als ihr. Mutter zwang sie
groe Glser mit gekochter Milch zu trinken, wo noch die Haut
herumschwamm. Mutter lie sie nchtelang bei geschlossenen Fensterladen
schlafen, so da sie glauben mute, sie sei blind. Mutter durchbltterte
ihre Bcher, die doch ihr allein gehrten. Mutter rckte den Tisch ihres
Zimmers in die Mitte, obwohl er unbedingt an der Seite stehen mute.
Mutter lschte das Licht, wenn es zu spt wurde. Es war ja nur ein
Zufall, da sie nicht auch schon zum Fenster hinausgesprungen war --

Mutter war schuld an dem entsetzlichen Brandunglck. War auch schuld,
da der arme Sugling elend umgekommen war. Mutter, die alle kleinen
Kinder so sehr liebte.

Ruth sah auf Mutters langfingerige Hnde. Wieso hatten die keine roten
Brandwunden. Nein, sie waren wei und schlank, nur durch viele Falten
und Sprnge zerklftet. Von welcher Arbeit ...

Mutter suchte die alte Friseurin selbst auf und trstete sie, wie sie
wortlos dasa neben der Nhmaschine der Tochter. Ruth ging nicht mit.
Man sprach von Thomas immer wie von einem Geisteskranken. Das war eine
Unverschmtheit.

Als Mutter nach Hause kam, hatte sie rotgeweinte Lider. Ruth stand in
einer Fensternische, tief hineingepret in den dunkel samtenen Vorhang.
Sie wollte schreien: -- ihr habt alle kein Recht um ihn zu trauern. Da
sagte Mutter: ich wei schon Ruth, da du immer mit Thomas warst. Er war
ein armer Narr. Aber du solltest dich schmen.

Eine zorndurchschttelte, blutende Faust -- oder ist das die Flamme --
Thomas' Flamme -- Mutter brllt auf.

Onkel Gustav trug Ruth aus dem Zimmer. Riesenkraft war in seinen
willenlosen Armen, wie er sie durch den langen Gang schleppte. Er zog
sie in den Vorratsraum, wo ein Fa mit altem Kraut stand. Hier warf er
sie auf den Boden.

Er stand vor ihr weibla und sehr gro. -- Ruth, weit du, was du getan
hast. Du kannst es nicht wissen. Du hast Mutter schlagen wollen.

Er ging hinaus und zog den Schlssel ab.

Ruth dachte nur: jetzt mu ich zum Fenster hinausspringen. Das ist
selbstverstndlich, natrlich. Ich brauche blo auf den Stuhl dort zu
steigen, es macht nichts, da das eine Bein wackelt. Er trgt mich so
weit. O, und dann strze ich. Eine breiige Masse. Aber es tut sicher
weh, furchtbar weh, furchtbar, nein, ich frchte mich, um Gotteswillen,
ich habe ja so grliche Angst --

Sie kroch in den hintersten Winkel der Kammer. Sie bohrte den Kopf in
die Steinfliesen. Verbrecher sein. So also war es. Das heit vor allen
Dingen ganz allein sein. Ganz allein. Aber das darf man doch nicht zu
Ende denken. Jetzt gehen die Menschen aus den Geschften nachhause. Man
schliet die Laden so wie alle Tage. Und in den Straen die
gleichgltige Menge. Aber sie ist allein.

Was war nur mit dem Mann, der seine Mutter geschlagen hatte. Als Kind
hielt sie sich die Ohren zu, wenn man die Geschichte erzhlte. Aber sie
wei es doch: die Hand war aus dem Grab herausgewachsen. Man hieb sie
ab. Und sie wuchs immer wieder. Ruth sieht vor sich eine gelbe Steppe.
Und aus ihr steht graugrn heraus die Leichenhand mit entsetzten
Fingern. Oder ist das ihre Hand --

Sie hat nicht den Mut zu sterben. Sie wird nie den Mut haben. Aber sie
kann auch nicht leben. Denn sie kann nicht denken. So etwas kann man
doch nicht denken, immer denken, immer denken.

Mutter kam am spten Abend mit einer flackernden Kerze und wirren
Haaren. -- Mutter, sagte Ruth mit toter Stimme, habe ich dich wirklich
geschlagen? -- Nein Ruth, dazu ist es nicht -- Mutter wenn ich dich
berhrt habe, ich mte sterben. Aber ich frchte mich vor dem Tod. Und
ich mte sterben. Und du mtest mir helfen.

Mutter kniete zu ihr nieder und kte sie.

Am Abend setzte sich Mutter an Ruths Bett. Aber Ruth prete die Lider zu
in erstarrtem Entsetzen. Das Weie in Mutters Augen war zerbrochen. So
wie einmal vor langer Zeit eine Tasse. Und wie Thomas' Stimme, wenn er
sagte: ich habe kein Licht. Ja, wie Thomas. Mutters suchender
Mittelfingerknochen war wie bei Thomas, zu krftig.

berhaupt, wie kommt sie dazu, Thomas gegen die Mutter zu verteidigen.
Thomas ist gestorben, weil die Kraft in ihm nicht leben durfte. Er war
stark. Und es ist gut, da er tot ist. Aber Mutter ist schwach und ihre
Kraft kann die Knochen nicht sprengen. Zerfrit nur das Mark und macht
die Gelenke schwippend nachgiebig. Mutters Leben --

Ruth legte den Kopf in Mutters Hand und weinte. Aus den zerklfteten
Handrinnen stieg ihr ein wohlbekannter, warmer, ein nie beachteter Atem
entgegen.

Irgendwo liegt im Gras eine duftende Frucht. Und ber das Mark des
Baumstammes pret sich eisenhart die drre Rinde ...

Mutter war auch einmal ganz klein gewesen. Man hatte ihr unmig groe
Schrpen ber die weien Kleidchen gebunden. Und sie sa in einem groen
Kinderwagen, ganz allein.

Sie trug ihr kleines Schicksal in krampfhaft zusammengeballten Fusten.
Und erreichte nie etwas, weil diese Fuste immer zu schwer von dem
kleinen Krper herunterhingen. Sie gewhnte sich an den Mierfolg und
deshalb war ihr kein Ideal zu gro. Sie wollte Knigin werden, dann
Sngerin, und dann -- o, was sie alles werden sollte. Sie trug ihr
ganzes Leben die Last von unzhligen untergegangenen Existenzen in sich.
Und ihr Vater hatte alle Pferde verspielt.

Sie hatte einmal einen Tag, vielleicht nur eine Stunde, oder nur eine
Sekunde lang mit Ruths saugendem Blick aus sich herausgeschaut. Oder
vielleicht nur einmal den Kopf hart und eckig zur Seite geworfen, wie
Ruth es immer tat.

Und sie hatte ihr eigenes, einziges Dasein gesucht. Dann heiratete sie.
Dann gebar sie drei Kinder. Und dann war ihr nichts mehr von sich
geblieben, als eine suchende Vergangenheit und drei neue, fremde
Menschen.

Die alte Friseurin trumte einst davon, die erste Tnzerin der Welt zu
werden. Ihr hlicher Sohn sprang aus dem Fenster und zerschmetterte
sich in einem Gefngnishof, ohne da sie je verstehen konnte, warum.
Ihre migebildete Tochter nhte Hemden fr vornehme Damen. Und nichts
war von ihr briggeblieben als das bichen Schminke auf den
eingefallenen Wangen, das sich nicht wegwaschen lie. Das bichen
Schminke.

Und die Kinder laufen wie Diebe in die Welt hinaus. Man kann ihnen das
Eigentum nie mehr abnehmen. Denn es ist untrennbar, unkennbar verbunden
mit fremden Sften, denen man sich einmal geschenkt hat.

Ruth wurde sehr krank. Sie lag ein paar Wochen durch mit hohem Fieber
und keuchendem Atem. Die graue Tapete ihres Zimmers wurde zu einer
einzigen, ungeheuren Ebene, in die alles hineinversank wie in einen
Moorboden. Mde und wohlig. Mutter sa Tag und Nacht an ihrem Bett mit
berwachen Augen und Teelffeln in der Hand. Ruth dachte: wenn ich
wieder gesund bin, schenke ich Mutter das Schnste und Beste, das ich
habe. Aber sie wute nie, was das sei und wnschte sich auch gar nicht,
bald gesund zu werden. Besser immer so liegen knnen. Und niemand kann
einem Vorwrfe machen. Sogar Richard brachte ihr Veilchen.

Als sie den ersten Tag wieder fieberfrei im Bett lag und Mutter ihr die
Kissen gerade frisch gerichtet hatte, fragte sie: -- was mchtest du,
da aus mir werden soll? Mutter sah sie erstaunt an. -- Ja, ich kann
doch nicht weiter so in den Tag hinein leben. -- Ich mchte, da du
glcklich wirst, Ruth. -- Wie ist das? -- Du mut froh sein und gesund
und auch heiraten. -- Weit du Mutter, von Thomas htte ich gerne ein
Kind bekommen. -- Aber Ruth -- Nein, nicht bse sein, Mutter, bitte,
bitte nicht. Ich mchte dir nur von Thomas erzhlen, weil das so
wunderschn war.

Ruth erzhlte von Thomas' Buch, als ob sie es schon hundertmal gelesen
htte. Mutter sagte: -- armes Kind. Und kte sie. -- Aber du mut jetzt
schlafen. Sie lschte das Licht aus. Ruth fragte in das Dunkel hinein:
warum arm ...

Sie erwachte am nchsten Morgen sehr zeitlich. Mutter sagte im
Nebenzimmer zu Martha: -- wir htten eben besser auf sie acht geben
mssen.

Da sah Ruth hinter dem Fenster in der Frhdmmerung wieder die Hand des
Mannes aus dem Grab wachsen, der seine Mutter geschlagen hatte. Nein, es
waren viele, es waren unzhlige solcher Hnde. Sie sah diese Hnde
drauen vor dem Fenster und wute: im Nebenzimmer wird jetzt eine
ungeheure Schndlichkeit geflstert. Ein Heiligtum wird besudelt. Dann
geht Mutter in die Kche zu der Kchin und Martha in die Schule. Nein,
das hatte Thomas nicht verdient.

Sie wollte aufstehn und fliehen, weit, weit weg ber sumpfige Wiesen und
Felder. In das Graue hinein. Nur Mutter nicht mehr sehen. Und in der
Kommode daneben liegen ja sorglich eingeordnet seine Briefe an Mutter.
Mutters Seele steckt auch drinnen in den gelben Phiolen. Und richtig, in
Mutters Bewegungen zerbricht sich dieselbe Disharmonie wie in seinen,
wenn er die Zigarre zum Mund fhrte. Wie kann Mutter es wagen, ihr Leben
bewachen zu wollen. Drauen wachsen die Hnde aus den Grbern. Aber das
Weie in Mutters Augen ist zerbrochen. Sie kann Mutter nicht helfen. Sie
ist allein. Wei Mutter das nicht? Die Nabelschnur, an der sie hing, ist
lngst zerrissen. Arme Mutter! -- Aus allen Grbern wachsen die
mrderischen Hnde.

Mutter sagte am Nachmittag zu Onkel Gustav: ich werde Ruths Leben von
nun an zu lenken wissen. Ich mu ihr weiter helfen. Sie ist -- La das,
antwortete Gustav mde. -- Das lassen? -- ja wozu bin ich denn sonst da
...?

Und sie sa bis in die Nacht hinein und berechnete ein neues Kleid fr
Ruth. Als es nach ihrer Angabe genht war, hing Ruth es in die hinterste
Kastenecke und zog es niemals an.




                                Der Tod


Mein Thomas hat auch nicht auf mich hren wollen, sagte die alte
Friseurin weinerlich zu Mutter, whrend sie ihr das widerspenstige Haar
zu bndigen versuchte.

Wie hatte Onkel Gustav einmal gesagt, in traumhafter Sommerdmmerung:
Unsere Nchsten -- das sind unsere nchsten Mrder. Und nun war die
Wirklichkeit gekommen, winterkalt und hart. Und Ruth mochte sich die
Augen mit den Fusten zudrcken. Thomas hatte diese Wirklichkeit nie
gesehen. Deshalb hatte er an ihr zugrunde gehen drfen. Wie gut mu es
sein, wenn alles ganz vorbei ist. Nichts mehr sehen, hren, tasten. Ihn
schliet eine Wand ab von der Welt. Und er erstickt doch nicht mehr.

Ruth sa an einem nebligen Schneeabend allein zu Hause bei dem groen
Speisezimmertisch. Mit aufgesttzten Armen. Ihre immer noch fiebermden
Glieder wollten nicht recht gehorchen, wollten sich legen, sich
strecken, ganz ausdehnen. Durch die Fenster flimmerte gelb das Licht der
Straenlaterne. Drauen mu viel Schnee fallen.

Und die lebendige Uhr hinter ihr zerschneidet die Zeit, metallhart. Aber
der Kasten dort und die Sthle ringsherum rcken weit weg, fort in das
Graue, da sich die hohen Fensterkreuze dehnen mssen. Und nichts um sie
als luftloser Abgrund. Weite. Leere. Da drinnen mu einmal eine Fliege
ertrunken sein. ber Ruths Haupt hebt sich die Decke. Ihre Fe treten
das oben. Noch saugt ihr Blick das Zimmer in sich. Noch kann ihr Blick
die Weite berwinden. Noch. Aber das Lid wird ihn verdecken. Dann ist
sie ganz allein.

Wie Vater. Wie Thomas.

Sie ist auch allein, wenn Mutter im Nebenzimmer mit Martha spricht. Wenn
sie Richard und Gustav auf der Strae trifft oder mit Norbert
zusammenkommt. Wenn sie einen Schutzmann nach einer Hausnummer fragt
oder nicht wei, wieviel Trinkgeld der Kellner bekommen soll. Ach, so
allein, mit offenen Augen. Die alles sehen.

Eine Woche spter brachte man Ruth in ein Sanatorium wegen einer
Operation. Sie war sehr mde. Aber auch sehr neugierig. Sie dachte: es
ist doch unglaublich, da man so einfach in mich hineinschneiden kann.
Und man spritzt mir etwas unter die Nase und dann bin ich nicht mehr da.
Wo ich nur sein werde. Ich mu sehr gut acht geben.

Der Chirurg hatte ein schmales, feines Gesicht mit zu groem Kinn. Seine
Hnde waren grobknochig, wie von einem Fleischhauergehilfen. Aber er zog
sich dann Gummihandschuhe an. Und seine Hnde wurden zum Werkzeug, das
ineinander beit.

Sechs junge rzte standen herum wie Schachfiguren. Und Schwestern
leidend und demtig. Der Operationsraum war gro, zu licht, blitzend,
spiegelnd. Ruth sah in den schneetoten Park hinunter, auf die uralten,
schneebeladenen Bume. Die Wintersonne stie gegen die dicken Wolken.
Ruth empfand die khle Verzweiflung eines Sterbenden, der einmal, im
ersten jungen Frhling dort unten gelegen sein mute, mit zerfleischtem
Krper eingepackt in weie Tcher.

So wie man sie jetzt einpackte. Sie wollte schreien: Was tut ihr mit
mir? Da lag sie schon auf dem blanken Tisch: Sie sprte einen
niedertrchtigen Geruch sich in die Kehle hineinfressen, dachte: Ihr
zwingt mich doch nicht --

Da war sie aus sich heraus gestiegen und stand neben ihrem starren
Krper. Sah sich selbst nackt und preisgegeben daliegen, sah jeden Zug
ihres Gesichtes, das sie ja gar nicht gekannt hatte. Mit geschlossenen
Lidern. Sah die strengen, furchtbar fremden Augen der rzte, die bloen
sehnigen Arme des Chirurgen, die Schwestern ber die Instrumente gebeugt
...

Die weie, glattgetnchte Wand riecht so sonderbar. Sie mu sehr hoch
sein. Man kann gar nicht an ihr hinaufsehen. Und die Gelenke sind
gefesselt, sthnen unter eisernem Druck. Der auch von oben kommen mu.

In den tiefblauen Himmel stt sich ein weier, steifer Ast.

Neben Ruth steht eine Schwester mit bleichem Gesicht. Eine Schwester,
die sie nie gesehen hat. Ein Ast, den sie nie gesehen hat. Eine Wand,
die sie nie gesehen hat.

Sie kann ihr Bett kaum berblicken. Dort am Fuende sitzt ja Mutter.
Ihre Bluse ist zerdrckt. Wie unangenehm. Und sie lchelt so, als ob sie
alles wte, genau wte, was sie ja gar nicht wissen kann.

Sie ist in einer Welt, in der sie noch nie war. Sie mu einmal
Ungeheures erlebt haben. Aber hier kann man davon nichts wissen. Darum
liegt sie gefesselt an allen Gliedern, Sehnen und Gelenken, an allen
Muskeln, allen Nerven. Vielleicht hat man ihr beide Fe weggeschnitten.
Sie mu tasten. Sie kommt nicht bis dorthin.

Mutter und die Schwester lcheln. Das ruchlose Lcheln der
Nichtverstehenden. Sie will weinen vor Zorn. Und erbricht.

Sie liegt stumm und verzweifelt, bis sie fragt: Ist mein neues Kleid
schon gekommen? Dann gehrt sie wieder der Welt, die von Mutters
Rechenbchern beherrscht wird und Richards verwunderten Augenbrauen.
Aber irgendwo sind doch auch gelbe Phiolen und der Duft fremdartiger
Chemikalien, tzend, zersetzend.

Ruth sa mit Mutter an dem gedeckten Tisch mit dem rotgestickten Milieu
und den glotzugigen Teetassen. Die Lampe brannte fetzig grn. Aber sie
war ihr dankbar. Und den Teetassen und den fetten Butterbroten, die an
Agnes krftige Arme erinnerten. Wie das nach Alltag schmeckte. Und wie
wunderbar sicher das war, wohlig geborgen. Sie mchte sich in die
saftgrnen Vorhnge hinein verstecken und ein ganz dummes Backfischbuch
lesen, wo es nur Schulsorgen gibt und wunderbare Brutigame.

In der Nacht kann sie nicht schlafen. Sie liest die Zeitung bis zur
letzten Annonce. Das Zeitungsblatt schlgt eine Ecke nach oben, leckend.
Sie lscht das Licht. So mde. Das Zeitungsblatt war leckend, saugend.
Das Blatt ist eine rote, fleischige Tierzunge. Die Zunge saugt, leckt.

Da ist nur noch die weie, glattgetnchte Wand. Und der lange, grlich
arme Tierkopf, der aus ihr herauskommt. Schmal. Die Augen arm, in sich
geknechtet. Er schleckt mit schiefer, gieriger Zunge eine salzige
Flssigkeit von der blendenden Wandflche. Er schleckt, leckt, saugt
sich an --

Sonst ist nichts mehr da. Der Kopf steht in die Luft hinaus, brllt --

Rechts steht ein Mann und links steht eine Frau. Ein Mann, eine Frau.
Sie hlt den groen Spitalslffel in der Hand, sieht den Mann fragend
an. Und er sagt mit unendlicher Geringschtzung: Gib. Was ist das ganze
Leben denn mehr wert als ein Schluck Wasser fr ein durstiges Maul.

Der Tierkopf schleckt --

Ruth sa schreiend im Bett. Mutter kam hereingestrzt. Ruth konnte nicht
sagen was ihr fehle. Da das lange, armselige Tiermaul alles war, die
ganze Welt und immer weiter an der Wand saugen mute. Nein, das konnte
man nicht sagen und sie lie sich fortwhrend von den anderen die
wichtigsten Zeitungsereignisse erzhlen.

Damals sehnte sie sich malos nach allen Menschen, die sie je gesehen
hatte, am meisten nach einem kleinen, verwachsenen Stubenmdchen, das
ihr vor Jahren Geschichten aus einem bhmischen Dorf erzhlt hatte, wo
die Kinder im Hemd im Dorfteich schwammen.

Sie bettelte sich hinter der grauesten Alltglichkeit durch. Sie
verdurstete vor Sehnsucht, wieder in sie aufgenommen werden zu drfen.
In eine Sphre von Geschftsbesen, Kaffeetassen und Nachtwchtern. Ihr
war jeder Schuhriemen wichtig.

Norbert kam am nchsten Mittwoch. Aber ohne Onkel Gustav. Der lag wieder
elend in seiner Dachkammer.

Norbert war avanciert in seinem Amt. Er unterstand dem Vater seiner
Braut. Alle gratulierten ihm. Ruth schttelte ihm beide Hnde. Er sah
sie an, hundetreu, traurig.

Nach dem Essen setzte er sich in ihr Zimmer auf das kleine, wacklige
Kindersofa. Sie sa neben ihm und dachte: Warum bin ich jetzt nicht in
Australien oder auf einem groen Schiff.

-- Nicht wahr, Ruth, Sie verachten mich? ... -- Ruth sah auf. -- Nein,
warum denn? -- Weil ich avanciert bin. -- Was meinen Sie damit? -- Ach
Ruth, Sie wissen ganz gut was ich meine.

Ruth sah in den winterblauen Nachmittag hinaus und wute auf einmal, was
er meinte. Sie dachte: Und dann nach Australien mit einem groen Schiff.
Sonnenuntergang weit hinten im Meer und weie, wehende Schleier. Das
wre freilich etwas.

Dann sah sie seine graue Weste und dachte an den Spitzeneinsatz der
Braut und mute fast lachen. -- Nein, Norbert, sagte sie hochmtig, ich
verstehe Sie nicht.

Aber sie sah ihn in der flimmernden Sonne eingezunt in einer streng
gekrmmten Linie. Seine Grenze. ber die durften seine treuen Hnde
nicht hinaus. Wenn er stirbt, dann wird die Linie zum Viereck und macht
Wnde und ist der Sarg.

Ruth schauderte und einen Augenblick dachte sie: Ich mu ihm helfen,
vielleicht ihn lieben. Aber sie verstand seinen beamtenbrav
geschniegelten Kopf und ekelte sich vor der schnurgeraden Scheitellinie.
Unmglich. Da war die Grenze.

-- Wissen Sie schon, da mein Freund, der Leutnant fast gestorben ist,
sagte Norbert. -- Nein, wieso? -- In einem Duell wegen einer
Ballettnzerin. Zwei Schsse durch die Lunge.

Ruth sah vor sich dicke rosa Schminke, rosa Ballettrckchen und rosa
glatte Fe. Dazwischen blutend aufgedunsen die Lunge des Leutnants.
Seine schwarzen Zhne. Das war der Tod.

Am nchsten Tag kam die alte Friseurin heulend. Der Arzt habe gesagt,
wenn ihr Bub nicht bald in eine Anstalt kme, sei seine Tuberkulose
nicht mehr heilbar. Ruth schnitt sich mit den Ngeln in die Hnde. Was
schreit sie so, Thomas ist doch schon lange tot und das kleine
Ungeheuer, die Nhmaschine ist ein Leichnam, der sich aufblht mit den
Erlebnissen anderer. Und was will der grne Bub vom Leben. In einer
Schreibstube geometrische Zeichnungen machen. Keiner kommt bis
Australien.

Mutter versprach, ihr Mglichstes zu tun. Am Abend sagte Ruth
verzweifelt: -- Mutter, mssen wir denn alle sterben?

Richard hatte sich verlobt. Mit Norberts Schwester. Ruth erinnerte sich:
aufgestlpte Nase, aristokratisch tiefe Stimme, dicke kleine Freundin.
Auch gut. Im brigen war es ihr ziemlich gleichgltig.

Einmal, whrend des Mittagessens, kam ein Mdchen, bleich, trostlos, das
Richard sprechen wollte. Ruth hatte ihr die Tre geffnet. Richard war
bei seiner Verlobten. Das Mdchen sthnte auf. Sie packte Ruth beim Arm:
Helfen Sie mir. Ruth sah ihr in die hbschen Kinderaugen, die voll
Trnen standen und fhrte sie in den Salon.

Mutter kam dazu. Die alte Geschichte. Das Kanzleimdchen. Mutter weinte
auf und versprach fast flehend zu helfen. Aber sie msse schweigen, um
Gottes willen.

Als das Mdchen gegangen war, fragte Ruth: Wie willst du ihr helfen?
Mutter sagte: Geld. Und Ruth hate sie. Sie dachte an das winzige
Geschpf, das schon im Mutterleib erwrgt wurde von fremden Hnden.
Wirklich fremden Hnden --

Mutter weinte den ganzen Nachmittag durch: Da sie keine Ahnung haben
konnte. -- Mir htte er es doch sagen knnen, mir, immer habe ich alles
von ihm gewut, seit er ein ganz kleiner Bub war. Da ist auch nur dieses
Frauenzimmer schuld. Aber er hat mir ja geschworen --

Ruth kam es lcherlich vor, da Mutter jemals glauben konnte, Richards
Vertraute zu sein. Aber Mutters Augen waren wieder so zerbrochen. Mit
zornbebender Stimme sagte sie: -- Dazu bin ich doch da, um von euch
alles zu wissen. Ruth ging aus dem Zimmer, etwas in ihr rief: Und dann
bist du eben tot.

Wo war Mutters Leben -- bei ihren drei Kindern, in Vaters Grab -- bei
den gelben Phiolen --

Ruth sagte zu Martha: -- Da bekommt Richard ein Kind und Mutter wei es
nicht einmal. Das ist wirklich eine Schmach, aber sie wird ja alles mit
Geld gutmachen. -- Woher weit du, da das Kind zur Welt kommt? sagte
Martha, lehrerinnenhaft berlegen. -- Martha, du gehrst auf den
Scheiterhaufen.

In der Nacht sah Ruth Martha auf der Strae, im Sonnenlicht, mit einem
langen grauen Regenmantel. Ernst, streng und emsig, mit toten Augen und
blauen Ngeln.

So war sie denn von lauter Toten umgeben. Richard war ja auch tot. Er
tat nur so berlegen. Aber sein Leben lag im Leib jenes jungen Mdchens
und seine eigenen Finger erdrosselten es.

Er steckte auch in einer Grenze, wie Norbert. Die lief weiter weg von
ihm als bei diesem, aber sie war tief eingegraben. Er verstand sieben
Sprachen. Er kannte alle Wagner-Opern. Er heiratete Norberts Schwester.
Er eroberte sich einen guten Platz in der Welt. Er hatte einen groen
Sarg.

Ruth sehnte sich wieder unsglich danach, tot zu sein wie Thomas. Nicht
mehr scheinlebendig. Aber nur nicht sterben. Sterben tat ja sicher
entsetzlich weh. Schon lange tot sein. Ohne denken, ohne Verantwortung
fr den nchsten Tag --

An Onkel Gustav hatte man ber Richards Verlobung ganz vergessen. Eines
Tages kam seine Hausmeisterin mit sensationslsternen Augen. Es gehe ihm
sehr schlecht, er rchle furchtbar.

Mutter weinte zuerst, ehe sie sich ankleidete, um hinzugehen. Ruth ging
emprt in ihr Zimmer.

Sie wollte Onkel Gustav nicht mehr sehen. Was liegt ihr berhaupt an
Onkel Gustav. Sie hat ihn immer verachtet. Sie wird sich heute nichts
vormachen, so wie Mutter. Gewi nicht.

Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und versuchte eine italienische
bersetzung zu schreiben. Ihr Geist war dabei. Aber in ihren Hnden
kochte ein fremder, fieberhafter Puls.

Durch die Fasern des Fleisches grbt sich, stt sich blhende
Lebenskraft. Aber ganz innen in ihrem Leib fllt etwas ab, brckelt
etwas ab, mrb und mde. Wer pret ihr die Brust zusammen und wrgt sie,
da sie husten mu -- Ist das Schleim und Blut -- Ist das ihre eigene
Kehle --

ber Ruths italienisches bersetzungsbuch steigt wie Frhlingsatem empor
die freche Liebe der jungen Wilden, die Gustav einmal an sich reien
wollte. Von der sie nie etwas gehrt hat. Und es riecht nach faden,
blonden Madonnenhaaren, Ansichtskarten mit weien Kaninchen. In weiter
Ferne leuchtet ein lichtes hrenfeld im Juliwind, eine marmorbleiche
Haut. Und die alte Geige lehnt an dem ruigen Eisenofen.

In Ruths Knochen bricht etwas. Das Mark wird zerrissen. Ein Leben
stirbt, das sie nie gekannt hat. Ein Leben, das sie mitgetragen hat in
ahnungslosen Hnden. Onkel Gustav stirbt.

Ruth steht auf in erstarrtem Entsetzen. -- Agnes, ruft sie in die Kche
hinein, singen sie nicht so laut, wir sterben heute.

Sie geht durch die weierstarrten Gassen. Deren grelles Gefunkel in der
Sonne schmerzt. Der Himmel ist tief dunkelblau. Onkel Gustavs hchster
Wunsch war immer, einmal nach Italien zu kommen. Der Schnee zerbricht
unter ihren Schritten.

Vor Gustavs Haustor will sie noch umkehren. Mutter wird sicher weinen.
Richard und Martha machen traurige Gesichter. Norbert ist gewi auch da.
Nein, es ist unmglich hinaufzugehen. Aber da ist noch Onkel Gustavs
Hund. Sie kriecht ber die Treppen.

Onkel Gustav hat das Gesicht zur Wand gekehrt. Der Hund liegt auf seinen
Fen. Den lt er nicht von sich. Aber sonst kennt er niemanden.

Ruth will die weinenden, die gefaten, die wichtigen Gesichter nicht
sehen. Sie geht an das Fenster. Sie mchte es aufmachen. Aber sie ist
gelhmt. Auf dem Fensterbrett steht eine halbgefllte Teetasse mit
schief abgebrckeltem Rand. Und ein rostiger Lffel. Es ist doch gut,
da Onkel Gustav stirbt.

Der Arzt unterhandelte mit Richard und Martha, wie man Mutter am besten
aus dem Zimmer bringen knne. Er hatte seine geschftsmig traurige
Miene. Ruth wollte sich nicht umwenden.

Die Sonne war untergegangen, drauen in ferner Ebene.

Onkel Gustav rchelte.

Norbert trat zu ihr: Ruth -- Lassen Sie mich. -- Aber Ruth -- So lassen
Sie mich doch, was wollen Sie von mir. Gehen Sie hin zu ihm. Legen Sie
sich auf seine Fe. Wrmen Sie ihn.

Onkel Gustav rchelte.

Blut und Schleim.

Es wurde ganz dunkel.

Mutter war von Martha weggebracht worden. Der Arzt war fort. Norbert
auch. Richard sa in einem Sessel, den Kopf in die Hnde gesttzt. Die
schmierige Hausmeisterin machte sich an Gustavs Bett zu schaffen. Ruth
stand unbewegbar erstarrt an dem Fenster.

Da schrie der Hund.

Ruth war bei Gustav. Aus seinem herabgefallenen Kiefer quoll das Blut
auf die sterbende Brust. Ruth legte die Hand darauf. In Liebe. Dann
brach sie zusammen. In Ekel ...

Alles roch nach dem Leichenbitter, der vor Gustavs Tre stand. Auch die
Blumen in der Blumenhandlung. Mutters schwarzgerndertes Taschentuch.
Und das italienische bersetzungsheft. Die dumpfen Kreppschleier.

Alle sprachen lieb von Onkel Gustav. Ruth hate alle. Nicht weil sie ihn
gemordet hatten. Aber weil sie mit ihrem bichen klglichen Gernehaben
protzten. Keiner kannte das groe Erbarmen. Auch sie nicht mehr. Eine
Sekunde lang hatte sie es empfunden. Seither war ihr, als trgen ihre
Hnde vernarbt Kreuzeswunden, mit rostigen Ngeln durchschlagen. Aber
vernarbt.

Sie trauerte nicht. Kam nicht einmal mit zum Leichenbegngnis. Ging zur
selben Stunde mit dem namenlosen Hund spazieren. In einer blauen Bluse,
durch taubelebte, klatschende Gassen.

Sie brstete den Hund und ftterte ihn. Aber sie hatte eine furchtbare
Angst vor seiner langen, spitzigen Schnauze. Die dem schmalen Tiermaul
an der weigetnchten Wand immer hnlicher wurde. Ach Gott, wie so
hnlich --

In den verstndnislosen, angstvollen Augen des Hundes lag der Schmerz
einer geprgelten Welt. Und unendliche Sehnsucht. Wonach -- Nach dem
Schluck Wasser --

Wie einsam mute Onkel Gustav gewesen sein.

Ruth frchtete sich vor den langen, spitzen Zhnen des Hundes. Er lief
ihr nach auf Schritt und Tritt. Und sie konnte ihn nicht zu den andern
zwingen. Die riefen ihn bei dem englischen Namen, den Mutter ihm gegeben
hatte.

In der Nacht lief er winselnd vor ihrer Tre hin und her, bis sie ihn in
das Zimmer lie. Dann schlief er in einer Ecke. Sie aber hielt die Augen
weit offen vor Grauen. Dort lag das Tier.

Fell, gierige Zhne, saugende Zunge.

Das Tier atmete lauter und rascher als sie. Zerstrte den Rhythmus ihres
Zimmers. Das war zum Stall geworden.

Alle riefen den Hund bei dem englischen Namen. Er gehorchte keinem.

Einmal ri sie ihn an dem Halsband zurck, als er aus dem Kbel trinken
wollte. Da schnappte er nach ihr. Das Blut tropfte aus drei groen,
tiefen Lchern in ihrer Hand. Ihrer schmalen, braunen, suchenden Hand.
Wie sie diese Hand liebte. Ihre Hand. Ihre glatte Menschenhand.

Sie bekmmerte sich nicht mehr um den Hund. Er folgte niemandem und
Mutter lie ihn vertilgen.

An diesem Abend saen sie alle unter der Speisezimmerlampe. Und Mutters
Rechenbcher beherrschten die Mitte. Richard sagte: -- Der arme Kerl.
Eigentlich bist du schuld an seinem Tod, Ruth. -- An Onkel Gustavs Tod?
-- Nein doch, ich meine den Hund. -- Ach so.

-- Hilf mir, Richard, sagte Mutter ber den Tisch herber. Ich kenne
mich da nicht aus. -- Richard beugte sich ber ihre Schulter. Dann sagte
er mit traurigem Gesicht: -- Diese Rubrik knnen wir jetzt streichen.
Und zog mit rotem Bleistift einen dicken Strich ber eine halbe Seite.
Ruth sah oben den Namen Gustav.

Nein, das war unmglich, nein, das konnte man doch nicht tun, mit rotem
Bleistift, rotem Bleistift --

Ruth sagt noch immer: Roter Bleistift, vor sich hin. Sie geht durch
dunkle, frostdumpfe Gassen. Sie luft. Sie fliegt.

Jemand ist geschndet worden. Wer ist geschndet worden. Der Tod ist
geschndet worden. Christus ist am Kreuz gestorben und man betet zu ihm
um gutes Wetter. Gustav ist gestorben und man streicht die Ausgaben fr
ihn mit rotem Bleistift aus dem Einschreibebuch.

Sie will nie mehr nachhause zurck. Lieber in ein Freudenhaus.

Wer will nicht zurck -- Ihre Glieder tragen Mutters Ungeduld und Vaters
Leiden. Richards Hochmut und Marthas Resignation geben ihr ihre
Kopfhaltung, ihre kindische Wrde. Als Onkel Gustav sterben mute, war
etwas in ihrem innersten Mark zerrissen.

Jedes einzelne Blutgef spinnt einen langen Faden aus sich heraus in
Mutters Hnde hinein, die ja so fremd sind, so in sich zerbrochen. Aber
eine Stimme schreit aus Ruths Kehle, die ist ganz neu. Vielleicht kommt
sie von den Obstbumen auf den wilden Feldern, die alle in ein paar
Monaten blhen werden.

Noch prete die Klte die Huser zusammen. Und alle Menschen steckten in
wollenen Jacken, deren Farbe nicht schn war.

Ruth kauerte tagelang vor ihrem kleinen Ofen. Ihr Krper war steif
geworden und ihr selber unbekannt. Vor diesem Ofen war Thomas an seinem
letzten Abend gelegen. Und sie selbst. Und vielleicht noch ein dritter.

Nun ist sie mde, nicht zum Sagen mde. Sie mchte sich die Haut von den
Armen streifen. Sie mchte sich in sich hinein verkriechen und in einer
dunklen Ecke verstecken. Allein sein. Sie kennt niemanden mehr. Was
wollen alle diese von ihr, diese Lgner, die nur zum Schein ganz leben
und an hundert Stellen gettet sind. Diese heimlichen Mrder
untereinander.

Wo ist ihre Grenze. Sie kann sie nicht erblicken. Sie spht um sich mit
leeren Augen. Wer sieht aus ihr heraus? Wer whlt mit bleichen,
schweren, kraftlos vollen Hnden in ihrem Hirn? Das alles kann sie doch
allein so ganz unmglich verstehen. Sie ist ja jung, in ihren Zehen
federt die Sprungkraft ihrer Jahre.

Sie mchte schon lange tot sein. Aber sie wird jetzt nicht sterben. Sie
geniet nur die se Mdigkeit und darf sie doch nicht bis an das Ende
kosten. In ihr lebt ein Fremder, Mchtiger. Und denkt.

So kauert sie vor dem verglhenden Ofen. Der immer weiter brennt.




                                 Vision


Unter den hochkreuzigen Fenstern luft die Strae. Die Strae, die alle
gehen mssen. Die eine Strae. Der eine Weg.

Pferdehufe schlagen das bucklige Pflaster. Wagenrder, die in sich
zerbrechen, kratzen darber hin. Und so viel Schuhe. Hochmtig spitze
aus weichem Leder, behbig breite, lcherige und Holzsandalen.

Vielleicht sind alle die Eilenden lautlos. Und nur der rohe Stein lrmt.
Poltert, rattert, zerschmettert -- in nichts.

Die Luft war weich geworden und der Schnee schmolz in groen, brandigen
Klumpen. Strhnig schleckte er sich ber die Dcher. Schwamm in den
braunen Pftzen. Die Schaufenster waren frisch gewaschen. Straenlichter
stritten mit langer Dmmerung.

Das war schon immer gewesen. Ruth lag vor ihrem Fenster und getraute
sich nicht, es zu ffnen. So war sie einen ganzen, langen Scharlach
hindurch einmal an den Fenstern gelegen. Als sie so klein war, da sie
ein Fragezeichen von einem groen S nicht unterscheiden konnte. Und
beide ineinander an das trbe Fensterglas zeichnete. Als sie zu Mutter
betete und ihre Furcht vor der nahen Nacht unter erdachten Abenteuern
vergrub.

Nun lag sie an dem Fenster und wute: Dieses junge Mdchen wird bald ein
neues, lustig blaues Sommerkostm bekommen. Der Mann dort schleppt die
eine Achsel schwer. Er mu viele Lasten darauf getragen haben. Warum
lebt die alte Frau noch, mit den traurigen weien Haaren? Ob das kleine
Mdchen mit der Springschnur auch so parkmde ist, wie sie es immer war,
nach den stundenmig eingeteilten Spaziergngen --

Sie gingen alle in einem Rhythmus. Ruth sprte das gleichmige
Aufschlagen der Sohlen -- jetzt -- und jetzt -- wieder -- und jetzt --
wieder -- und jetzt. Ein Betrunkener johlte unten in dem Wirtshaus, da
man den sauren Weingeruch heraufwirbeln fhlte. Dann das Schweigen der
Schritte -- jetzt -- und jetzt -- wieder und jetzt --

Bis ein Lastwagen dieses Schweigen zerbricht, so da tausend lebendige
Splitter ber den Rinnstein springen.

Richard kommt die Strae herunter. Er trgt noch den steifen, schwarzen
Hut, wie im Winter. Er wei nicht, da heute Sommer ist. Da sich alle
ungefesselten Glieder ausziehen mssen und dem durstenden Fhn anbieten.
Mutter schlgt im Nebenzimmer eine Tr zu --

Ruth suchte sich pfeifend ihren alten Strohhut aus einem eingekampferten
Kasten. Schlug ihn platt auf den Tisch, da das Geflecht knirschte. Und
lief davon. Ohne Handschuhe.

Lief durch die eine Strae. Den einen Weg.

Wann war es das erste Mal, da sie so gelaufen war? Da ihre selig
glubigen Fe sie ber Tiefen springen lieen, die zwischen den
Pflastersteinen lauerten. Wann war es -- gestern -- heute -- morgen wird
es sein --

Die Erde ist schwanger von blhendem Leben. Und das Geborene ist tot.
Und die Luft ist schwer zu atmen vor erstickten Keimen.

Braungrn schwimmen die Pftzen im letzten Tageslicht. Die Laternen
flimmern blo.

Ruth luft den einen Weg. Die eine Strae. Es ist ja immer dieselbe
eine. Mit jedem Schritt fllt ein Stck Last von ihren schmalen
Schultern. In die tauende Erde. Aber sie kehrt nicht um, damit sie
dieses Stck in den Boden hinein zertritt. Recht fest. Nein, sie luft
ja immer weiter.

Ein Kutscher knallt mit der Peitsche. Ein altes Weib keift -- oder
vielleicht erzhlt sie nur. Aber immer weiter, immer weiter, den einen
Weg. Die Strae ist ja furchtbar schrill, die Huser haben so emprend
scharfe Kanten, die die Luft zerschneiden, wie aufgestellte Messer.

Aus den offenen Fenstern fllt eine grauweie Masse heraus. Sind das
schmutzige Leintcher -- Die wollen sie hindern am Weiterkommen auf dem
einen Weg.

Nein, diese vielen, emprend fremden, gleichgltigen Menschen. Da
schmeien sie die ganze Winterausdnstung auf die Strae herunter. Ihr
entgegen. Diese vielen. Und sie sucht nur den einen.

Wer sind die alle, die sie nicht lieben darf -- Diese Holzpuppen, die es
wagen ihr Schuhe zu machen und Gesetze zu geben. Die nach Schwei
stinken und Bier. Sie sucht den einen.

Sie will die alle ja gar nicht kennen, die da gierig an ihr
vorbeilaufen. Sie wei so schmerzhaft gut, was sie suchen, was sie
niemals finden. Warum wei sie es so gut. Sie will es gar nicht wissen.
Will zu dem einen.

Unverstndige Kinder dulden stumm die Schmerzen der Eltern mit. Und
heben, aufgewachsen, die Hand gegen ihre Erzeuger. Spitze Tiermuler
saugen die Menschenliebe von den Mittagstischen. Und Krieg liegt in den
nahen Grenzen.

Warum wei sie das. Sie geht nur zu dem einen. Der wei es auch.

Die grauen Leintcher werden immer dichter. Man sollte die kantigen
Huser untergraben, sprengen, da alles Geschirr aus den Fenstern
stubt, die blumigen Suppenschsseln, die blauen Kochtpfe. O, wie sie
lachen wird. Mutter schlgt die Hnde ber dem Kopf zusammen. Aber
Thomas htte auch gelacht. Die Grundmauern der Husermassen sind lange
nicht so fest wie die beschmutzten Ecksteine. Aber was braucht sie das
zu wissen. Sie geht zu dem einen. Er soll es wissen.

Man darf nicht warten bis die Huser einfallen. Die groe Fackel mu man
nehmen, Thomas' Fackel. Die liegt bereit, nicht weit weg. Lichtzngelnde
Flammen sollen die grauen Leintcher zerfetzen. Hoch hinauf, das mu
geschehen. Sie wei es. Nein, sie wird es nicht lange mehr wissen. Sie
luft hin zu dem einen. Er soll es wissen.

Da steht sie vor seinem Haus. Seine Fenster sind dunkel. Viel dunkler
als die verschwommene Strae. Und ganz leer.

Er ist also auch herauen. Vielleicht geht er sogar hinter ihr, neben
ihr. Sie kann nur den Kopf nicht wenden. Weil sie immer weiter gehen
mu, geradeaus.

Ihre Hnde sind heute schwer und voll und weich und wei. Die Schultern
legen sich nach rckwrts, knstlich steif. Eine lichtbraune Locke, die
gerne zigeunerhaft sein mchte, hngt in die Stirne.

Wie jung der Winterfrhling ist. Und wie alt die Einsamkeit. Wohin
gehen, wenn das Zimmer nur voll ist von einem selber. In den gelben
Phiolen brodelt man selbst, verdickt, kondensiert.

Es gibt Kaffeehuser mit rauchigen Tischen und zahllosen Zeitungen. Dort
sich niedersetzen. Die Kellnerinnen sind liebenswrdig, bedienen gerne.

Eine dicke Brille schtzt den scharfen Blick gut. Sie ist aus solidem
Fensterglas. Besser in das hohe Weinglas schauen als um sich herum. Die
Luft ist dick von grauen Leintchern. In denen die kampfunfhigen
Glieder schon oft sich vergraben haben.

Zwei Commis spielen Billard. Die Glcklichen. Und jeder wei, wohin er
dann gehen wird. Die Glcklichen.

Die Indianerhuptlinge in den Knabenbchern wuten auch immer wohin sie
gingen, nach den furchtbaren Schlachten. Diese Leute langweilten sich
nie. Dachten auch nie. Das hatten sie nicht notwendig. Sie lebten auf
wilden Pferden in unabsehbaren Prrien. Wehendes Gras unter licht
schwimmendem Himmel. Wo sind diese Fe -- Sechs Huser weit weg von der
Gasse. Aber die Fe sind steif. Und der Kopf arbeitet an einem
mathematischen Problem.

In den schmierigen Marmor des Kaffeehaustisches zeichnen schwere,
bleiche Hnde tote Formeln.

Die weiche Luft, die zugig durch den Rauch schlgt, rgert diese
Formeln. Diese Formeln bekommen blhende Rundungen. Leberblmchen,
Primeln -- o, nein, grinsend verzerrte Buchstaben.

Die Knochen sind sehr schwer. Aber sie sind einander wohlerzogen
angegliedert. Und bleich. Nicht roh durcheinander gebeutelt wie bei
Thomas. Zum Glck -- oder Unglck.

Sie gehren einem Menschen an, der im Parkett des Theaters sitzt und den
Vorgngen auf der Bhne zusieht, sehr interessiert und sehr fremd. Aber
zuhause wartet kein verschlossenes Zimmer auf ihn, vor dem er Angst hat,
weil er nicht alle seine Geheimnisse kennt.

Deshalb sehen die erlebnislosen Zuschauerblicke alles so genau, viel zu
genau und verstehen alles genau, viel zu genau, wissen alles.

An einem Sommerabend kniete einmal ein kleines Mdchen vor dem Tisch und
bi in die Kante, da das Holz zersplitterte. Ihre Seele lag nackt und
zitternd einsam auf einem dunklen Seziertisch vor fremden, prfenden
Augen. Zerschnitten. Aber die Zhne zerbissen den alten Tisch. Krftige
Zhne. Ein fremdes kleines Mdchen.

Durch die Kaffeehaustr geht eine ppige Frauensperson.
Selbstgeschlossen in ihrer Reife. Rotblondes Haar und Lippen, die Geld
fressen wollen. Der Hut wippt zu hoch, ber einer hlichen Stirne. Ihr
nach.

Ihr nach durch schlpfrige Gassen und winkelige Hfe. Wie stolz sie
geht, sie ist eine Knigin der Erde. Karminrot geschminkt. Alle
Kniginnen sind karminrot geschminkt.

Nicht die volle Hand berhren. Aber hinter ihr her gehen. Langsam,
kostend.

Sie geht auf ein Haus zu mit verschlossenen Laden. Im Parterre sind
weie Spitzenvorhnge und ber dem Tor glht brnstig die rote Laterne
--

-- Wohin will das Frulein -- ein junger Kellner mit schwarzen Zhnen im
grnbleichen Gesicht tritt ihr entgegen. Die Zhne des Leutnants. In der
kleinen Halle stehen rote Korbsessel.

-- Entschuldigen Sie, sagte Ruth aufmerksam und langsam, ich glaube, ich
bin in ein falsches Haus geraten. Lief dort nicht jemand ber die
Treppen mit zurckgelegten Schultern? --

Ruth fuhr mit der Straenbahn nachhause. Im roten, lrmenden
Tabaksdunst. Ihre schmalen, braunen Hnde spielten auf den Knien. Da
waren noch die Narben von dem Hundebi. Ihre Hnde. Braun. Vielleicht
auch etwas gelb von den Phiolen.

Auf seinem Schreibtisch war einmal ein scharf geschliffenes Messer
gelegen. Das schneidet gut. Es riecht nach Blut und Chemikalien.

Soll sie sich das Messer holen? Die zarten Adern aufschneiden? Was kann
das ntzen. Von den feinsten Poren des Hirns aus durch den ganzen Krper
strmen die mden Sfte eines verbrauchten Lebens. Gift.

Das findet kein Messer. Er hat gut experimentiert. Die Phiole brodelt.

Ruth sieht um sich. Aber in ihren entkleidenden Blicken leuchtet eine
junge Kraft.




                               Abrechnung


Ich komme zu dir, sagte Ruth. Und seine Augen zitterten. Triumph.

Das ganze Zimmer warf sich ihr entgegen in einer Staubwolke. Verweste
Gedanken. Sie lchelte.

-- Wie ich mich freue, da du wieder da bist. Er drckte liebenswrdig
ihre Hnde. Sie fhlte, da sie mdbraune Handschuhe hatte. In den
Schaufenstern der Juweliere liegen Diamantarmbnder.

Auf dem unordentlichen Schreibtisch kollern sattgelb Minerale. Wo sind
die Phiolen -- und das scharfgeschliffene Messer -- ist das Thomas'
Messer --

-- Warum hast du die Fenster nicht offen? In den Grten liegt Flieder.
Doch nein, la es.

Ruth lchelte, whrend sie dachte: wozu die wirren Locken -- Er knnte
genau so gut einen braven Scheitel haben wie Norbert.

Und als er mit den groen, zerbrochenen Bewegungen die Zigarre anzndete
-- wie immer -- strzte das Gleichgewicht der Frhlingsstraen drauen
in sich zusammen und zwischen den zersplitterten Pflastersteinen tanzte
Bella mit Thomas. Aus Mutters Kommode taumelten Briefe --

-- Du sprichst gar nichts, sagte er. -- Du weit alles, sagte sie.

Dann schwiegen beide. Aber wie die Dmmerung so weit hereingekrochen
war, da das steifbeinige Zifferblatt der Uhr verschwimmen mute, sagte
Ruths Stimme, fremd und hell:

-- Du wartest, da ich dir erzhle. Was soll ich dir erzhlen? Es ist
nichts geschehen. Es ist etwas Ungeheures geschehen. Ich trage bis heute
die ganze Last deines verbrauchten Lebens in mir.

Ich sehe deine weien, mrderischen Hnde. Wenn es auch dunkel ist.
Warum hast du niemals Leberblmchen mit ihnen gepflckt oder Primeln.
Stiefmtterchen, die zwischen den Bahnschwellen liegen. Warum bist du
denn immer hinter den langweiligen Bahnschranken stehen geblieben und
niemals mitgefahren in federnden Kissen. Deine Hnde sind auf den wei
gestrichenen Schranken gelegen. Noch als du ein kleiner Junge warst und
hinauf greifen mutest. Sie haben sich nicht getraut, eure Kaninchen zu
erwrgen. Obwohl sie es so gerne getan htten. O, du httest es tun
sollen --

Aber das Weie in Mutters Augen ist zerbrochen. Ich wei es.

Ich wei jetzt alles. Und ich fhle den Zorn, der deshalb in dir tobt.
Und die blutlechzende Freude, mit der du mich wiederkommen siehst. Denn
ich bin wiedergekommen.

Weil ich deine feigen Nchte kenne. Deine Phiolen --

Er war aufgesprungen und stand vor ihr, so gro und dunkel, da die
Dmmerung bleich werden mute und verdrngt.

Da sank sie in sich zusammen: -- Ich liebe deine Hnde. Ich liebe deine
Minerale. Ich liebe dein Gift -- dich --

Er beugte sich ber sie, tief, erdrckend.

Sie bumte sich auf. Und fhlte seine kampfbereiten Muskeln.

Er keuchte: -- und --

Sie neigte den Kopf: -- Ich habe mich ergeben ...

Als sie wieder aufschaute stand er in einer Fensternische, bleicher als
die Dmmerung. Und das Zimmer war weich geworden und willenlos
ausdehnbar. Ohne Kampfkraft.

Ruth stand auf und lchelte: -- Ich glaube, jetzt haben wir einander
nichts mehr zu sagen.

Und sie ging durch die nachtschweren Gassen, sich badend in dem
bltenschwangeren Regen des Mai.


                     Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
nderungen sind hier aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 62]:
   ... Wer hat ihr jetzt eine Maschine in den Kopf gesetzt. ...
   ... Wer hat ihr jetzt eine Maschine in den Kopf gesetzt? ...

   [S. 62]:
   ... mit licht gepeinigten Augen, grell, schreiend grell, laut. ...
   ... mit lichtgepeinigten Augen, grell, schreiend grell, laut. ...

   [S. 86]:
   ... hat eine wohlgefhlte Geldbrse in der Tasche. Kupfergelb, ...
   ... hat eine wohlgefllte Geldbrse in der Tasche. Kupfergelb, ...

   [S. 145]:
   ... soll. Mutter sah sie erstaunt an. -- Ja, ich kann doch nicht ...
   ... soll? Mutter sah sie erstaunt an. -- Ja, ich kann doch nicht ...






End of the Project Gutenberg EBook of Die Vergiftung, by Maria Lazar

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE VERGIFTUNG ***

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limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
remaining provisions.

1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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