The Project Gutenberg EBook of Fritzchen, by Marie Diers

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Title: Fritzchen
       Die Geschichte einer Einsamen

Author: Marie Diers

Release Date: July 14, 2020 [EBook #62645]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  Fritzchen

  Die Geschichte einer Einsamen


  von

  Marie Diers


  [Illustration]

  Dresden 1907.

  Max Seyfert, Verlagsbuchhandlung.




Erstes Kapitel.


Aus dem Dorfe Hohen-Leucken, das seinen Namen seinem hher gelegenen
Herrschaftshause zu Ehren, sonst aber nur wie zum Spotte fhrte, kam der
Doktor das ganze Jahr nicht heraus. Zwischen Moor und sumpfigen Wiesen lag
es arglos eingebettet, und am Abend, wenn die Nebel stiegen, wogte
eine weie Mauer bis an die Schwellen der niedrigen Huser. Typhus,
Schwindsucht, epidemische Hals- und Rachenkrankheiten gehrten hier mit
zu dem gewohnten Lebensbilde der Leuckener Bewohner, man begrub hier
seine kleinen Kinder, man siechte selber, man starb, ohne sich viel um die
Ursachen zu bekmmern, oder gar ihnen den Krieg zu erklren. Der Doktor,
der viele Meilen ber Land durch Lehmboden, durch Sand, ber schwanken
Moorgrund herkutschierte, fluchte zwar jedesmal von neuem ber den
Nebelring, der dieses Dorf umzog, aber er war selbst ein Kind dieses
Landes, in dem man zwar flucht, im brigen aber alle Unbill ruhig belt,
wie sie nun einmal ist, und ihr hchstens mit einem krftigen Bittren zu
Leibe geht.

Der baufllige Krug am Anfang des langgestreckten Dorfes wurde die ganzen
Abende nicht leer, sogar bei Tage bevlkerten ihn zweifelhafte Gestalten.
Das bichen Bargeld, das sich der Tagelhner und auch der Kossat
errackerte, wenn er zu Hofe ging, wurde hier wieder vertrunken. Es lag so
in der feuchten Luft und dem schlottrigen Gefhl, das man den ganzen Tag
in den Knochen hatte. Der Pastor konnte das nicht verstehen, er hatte ein
massives Haus und brauchte den ganzen Tag nicht aus seiner warmen Stube
heraus. Darin war der gndige Herr besser, er begriff sehr gut, da man
bisweilen saufen mte, um sich aufrecht zu halten.

brigens kam es ihm auch gar nicht darauf an, selbst wenn es sich gerade so
machte, mit leuchtendem Beispiel voranzugehen.

Sonst hatte er es gerade nicht ntig, ins Herrenhaus krochen die Nebel
nicht herauf. Dies lag auf einem Hgel, der berdies noch knstlich erhht
war, und war von den Vorfahren dieser Drfflins, die sicherlich mehr
Geld gehabt hatten, als die jetzigen, auerordentlich solide und fest
aufgefhrt. Ein breiter, chaussierter Fahrweg fhrte aus dem armseligen
Dorfe in sanfter, bequemer Steigung bis an das Tor, ein prachtvolles
Steinmonument vergangener Jahrhunderte, von dem noch verwitterte Ritter-
und Engelfiguren und noch mehr verwitterte fromme und auch trotzige Sprche
die spten Enkel grten.

Von hier aus ging es in den steingepflasterten Hof und vor die niedrige
Einfahrtsrampe.

Was das stolze alte Tor versprach, wurde von dem Schlosse freilich nur
recht ungengend gehalten. Es war ein nchterner und kahler Bau, an dem
nur das Alter interessant war, sonstige Erinnerungen an verklungene
Ritterzeiten, die ohne Zweifel vorhanden gewesen waren, muten
verschleudert worden oder sonstwie zu Grunde gegangen sein. Es ging
eine trbe und schndliche Sage um, da der Grovater des jetzigen Herrn
v.Drfflin aus einem zwar erklrlichen, aber wenig ehrwrdigen Grunde
einen schwungvollen Handel mit diesen alten, geheiligten Dingen getrieben
habe. Aber man redete nicht laut darber.

Das Schlo war breit angelegt, dauerhaft, aber hlich und unwohnlich.
Auf den breiten Treppen zog es bestndig, und wer ber die unendlichen
Bodenrume ging, mute mitten im Sommer ein Frieren bekommen, wenn er daran
dachte, wie es sein msse, hier zur Winterszeit in den unzhligen Kammern
zu tun zu haben.

Frau v.Drfflin, ein verwhntes und verzrteltes Grostadtpppchen, hatte
diese Zustnde vier bis fnf Jahre treulich durchgemacht und dann grndlich
darber quittiert, indem sie die Augen zumachte und sich in ihr letztes
Bett tragen lie. Sie war eine gute Seele und fand ihr Heil und ihre
Pflichterfllung in unentwegten Krankenbesuchen im nebligen Dorf, auf denen
sie sich wie ein rhrend unpraktisches liebes Kind benahm. Aber ihr zarter
Krper mute den Luxus, den ihre Seele trieb, bezahlen. In all dem
Nebel, dem Zugwind und der Anstrengung ging sie ein wie ein Pflnzchen in
verkehrter Pflege und lschte aus, wie von jeher ihre Lichter ausgelscht
waren, mit denen sie ber die zugige Treppe in das obere Stockwerk hatte
gehen wollen.

Herr v.Drfflin war ein ziemlich roher und ungebildeter Junker, der von
Pferden, Hunden, Jagd- und Landwirtschaft, auch vom Weinkeller zwar so
viel wute, als er brauchte, aber von Frauen, Kindern und den feineren
Lebensfragen recht wenig. Er war trotzdem ein Mensch, den man lieb haben
konnte, gutmtig, ehrlich und ritterlich aus Gewohnheit. An Herzenskummer
starb seine Frau nicht, wenn auch vielleicht ein brillanterer Geist als der
ihres guten Ludwig sie in eine andere Bahn des Lebens, Wirkens und Heiles
gefhrt htte als diese selbsterwhlte, bei dem sie aus dem Husten und
Frsteln gar nicht herauskam und auf der sie zum Schlu doch kaum mehr
hinterlie als den halb mitleidigen Ruhm:

Joa, se is gaud, uns' gn Fru. wer ten kann ein' doch nich, wat se
koakt.

Tot war sie, dahin, erloschen. Und um die Sache noch grndlicher zu machen,
zog sie sich ihren ltesten Jungen, ein schnes zartes Kind von fast vier
Jahren, noch in demselben Winter nach. Ludwig v.Drfflin sa in seinem
kalten, ungemtlichen, einsamen Herrenhaus auf Hohen-Leucken, mochte nicht
mehr jagen, noch zechen, noch meilenweit zu Bekannten fahren und konnte nur
in die Hinterstube gehen und seinem kleinsten Mdchen, dem Fritzchen, dem
unruhigsten und wildesten aller Suglinge, verzagt in den Wagen und in
das ewig schreiend aufgerissene Mulchen gucken. Oder er konnte seine
Zweijhrige, die artige blonde kleine Gisela, an das Hndchen fassen, sich
krampfhaft besinnen, was man mit solchem Wurm spricht, der Bonne ein paar
dumme Regeln geben, die entweder falsch oder selbstverstndlich waren, und
sich dann mit dem fatalen Gefhl seines Nichts wieder davon heben.

Mit der Zeit wuchs Gras ber das stille Grab der stillen trichten kleinen
Frau, und Herr v.Drfflin lie das Gras auch wachsen. Er lie߫ berhaupt
meist alles, und nur seine Reitknechte wuten es (weil sie es fhlten), da
er unter Umstnden auch sehr aktiv und selbstttig sein knne.

Wie es zog auf den Treppen und dem langen kahlen, in seinen Ecken finsteren
Boden! Es war jetzt auch immer schmutzig hier oben. Wer sollte reinmachen,
wenn keine Hausfrau da war, es zu befehlen? Das Zimmermdchen schob es auf
den Jakob, der die Stiefel putzte, der Jakob auf die Kartoffelschl-Weiber,
und die wiederum fanden, da das Zimmermdchen auch fr den Boden nicht
zu feine Hnde habe. So ging der Tanz immer frhlich reihum, schlief auch
dazwischen monatelang ein, bis zum groen Frhjahrsreinemachen oder zu
Weihnachten auch wieder die Bodenfrage aktuell wurde. Die Wirtschafterin,
die hier eigentlich das Machtwort htte sprechen mssen, hatte ein zartes
Verhltnis mit dem Inspektor, ein allzu zartes, das wie sie frchtete,
mit ihrem Abgang reien knnte. Deshalb wollte sie sich lieber mit den
Dienstboten nicht verfeinden, denn die vorige hatte gehen mssen, als eine
allgemeine Petition deswegen an Herrn v.Drfflin erging.

So war der Boden staubig und wurde immer staubiger, und in den Kammern
huften sich zerrissene und schadhafte Wsche und Kleidungsstcke auf, die
man nur aus der Hand legte, um sie nchstens auszubessern.

Die feine kleine Gisela mit dem schmalen hochmtigen Gesicht nahm ihr
Kleidchen eng zusammen, wenn sie ber den Boden ging, und ging dort auch
nur, wenn es durchaus ntig war. Fritzchen aber war hier zu Hause, und da
kmmerte sie weder der Staub, noch die Lumpen, noch all das zerbrochene
Hausgert in den Ecken.

Fritzchen schlo Freundschaft hier oben mit den Balken, den Brettern, den
Sonnenstubchen, selbst mit zerbrochenen Sthlen und alten Bettlaken. Wenn
man das kleine wilde Ding suchte, so brauchte man nur nach oben zu laufen.
Dann fand man sie in irgend einer tollen Maskerade und sich bewegend,
murmelnd oder auch ganz laut diskutierend, als sei sie in einer groen
Gesellschaft.

Der Bonne war es schon recht. Unten konnte man mit diesem Quirlchen doch
nichts anfangen. Da war sie ungebrdig, hchst unbequem zu haben, oder sie
langweilte sich und plrrte. Hier oben konnte man sie stundenlang allein
lassen, es geschah ihr ja auch nichts, nur mute man ihr ein graues
Kittelchen anziehen, wenn man den Schmutz nicht sehen wollte, den sie sich
hier oben holte.

Bis dahin war alles sehr schn. Gisela zwar zog ein Mulchen, wenn
Fritzchen mit glhenden Backen, die kurzgeschorenen braunen Hrchen mit
Spinnweben umflort, ins Spielzimmer zurckkam. Sie hatte unterdes Perlen
aufgezogen, ihr Pppchen geputzt oder bei dem Frulein in der Fibel
gelernt. Aber das strte Fritzchen nicht, das kannte sie nicht anders. Sie
kannte es auch nicht anders, als da der Papa sich nicht im geringsten
um seine Kinder kmmerte. Oft sahen sie ihn tagelang nicht, denn auch
bei seinen Mahlzeiten durften sie noch nicht sein. Sie hatte ihre eigene
Ritter-, Feen- und Koboldwelt zwischen den dunklen Balken auf dem Boden.

                           *       *       *

Unterdessen, ganz fr sich und unabhngig von den kleinen Kinderherzen und
Gesichterchen, machte der Papa seine Dummheiten. Er ging, sich zu verloben.

Er hatte aber auch einen Freund, noch aus seiner schnen, lustigen
Leutnantszeit her, den Freiherrn Fritz v.Zlchow. Der hatte sein Besitztum
auf Rummelshof, das ungefhr drei Meilen entfernt lag. Schon als Knaben
und dann als Jnglinge waren die beiden trotz groer Verschiedenheiten die
besten Kameraden gewesen. Spter war das anders geworden. Die Frau, die
Herr v.Zlchow sich nahm, war ein stolzes, feines Geschpf, das eine
Abneigung gegen den kleinen derben Ludwig v.Drfflin hatte. Dadurch wurde
der Verkehr zu einer etwas peinlichen Sache und drohte, ganz auseinander zu
fallen. Nur hin und wieder auf Jagden, Gesellschaften oder bei den seltenen
Besuchen sah man sich. Aber man war sich von Herzen gut wie nur je zuvor.

Jetzt als Herr v.Drfflin ein unverhlltes Interesse an einem etwas
zweifelhaften hereingeschneiten Frauenzimmer zu nehmen begann, wachte alle
alte Kameradschaft mit erneuter Strke in Fritz v.Zlchow auf. Sieh Dich
vor, Lutz! drngte er. Es ist nichts damit. Ein weies Gesicht und ein
schwarzes Herz. Du wirst es bereuen.

Ach was, dummes Zeug, sagte Ludwig v.Drfflin.

Einmal war der Freiherr v.Zlchow wieder in Hohen-Leucken. Es war zur
Sommerszeit. Als er mit dem Freunde durch den verwilderten Garten ging, sah
er die Kinder hinten durch die Bsche laufen, er rief sie an. Gisela kam
gleich, Fritzchen versteckte sich. Der Freiherr war ein krftiger, froher
und sehr wacher Mensch, der nicht, wie sein guter Lutz, auch im Gehen und
Stehen halb schlief. Er setzte dem scheuen, wilden Dingelchen nach, fate
es, und whrend er es festhielt und sich mit ihm auf eine Bank setzte,
erzhlte er ihm von seinen Hunden, Pferden und seinen zwei groen Jungen,
Gregor und Hans Henning, die reiten, schieen und schwimmen knnten wie die
Teufel. Dabei sah er Fritzchen unverwandt ins Gesicht und sah, wie sich der
scheue, trotzige Ausdruck des schmutzigen kleinen Gesichtes lste und ein
ses, weiches und verlassenes kleines Kindergesicht zum Vorschein kam.

Bring sie mal mit, die Jungens--, sagte der kleine Mund.

Ja, wenn ich wiederkomme, sagte der Freiherr, und er nahm es von jeher
ernst mit dem, was er versprach.

Unterdes war der Vater des kleinen Mdels herangekommen. Der Fremde setzte
das Kind ab und behielt es an der Hand, als er sehr ernst, aber gedmpft
sagte:

Ludwig, kannst Du Dir Frulein Wurach hier als Stiefmutter vorstellen?

In Herrn v.Drfflins rundes rotes Junkergesicht kam ein ehrlich ratloser
Ausdruck.

Ja nu -- ja nu--, brummte er.

Ich nicht, sagte Herr v.Zlchow ziemlich hart.

Ja nu -- was weit Du denn von ihr? Sie ist -- ach, was geht's Dich an.
Lassen wir das. Sowas vertrgt keine Einmischungen. Du verstehst mich,
Fritz, nimm's nicht bel.

Als der Freiherr fort war, trank Ludwig Drfflin die halbe Nacht durch in
Gesellschaft seines Frsters, und mehr als ihm gut war. Er liebte seinen
Freund ber alles, und nichts war ihm fataler, als den zu erzrnen.

Aber das sieht doch ein Kind ein, da man sich in Liebessachen nichts
vorreden lassen kann. Was war das fr eine Anstellerei, das Fritzchen aus
dem Gebsch zu ziehen! Als ob die Anneliese Wurach ein Drache wre. Pfui,
pfui, solchen Engel zu beleidigen.

Es war drei Uhr in der Nacht, er schlug auf den Tisch, da die Glser
tanzten.

Mrzmller, sagte er lrmend zu seinem Getreuen. Sind Sie lieber ein
Packesel fr andere Leute, oder nehmen Sie lieber selber den Gaul zwischen
die Schenkel?

Ich nehme lieber selber den Gaul zwischen die Schenkel, sagte der grne
Zechgenosse.

He, so mach ich's auch! Was meinen Sie, ob ich wohl noch so 'ne Hecke
nehmen kann? So 'ne ganz hohe, wissen Sie?

Er war noch nicht so betrunken, da er den Untergebenen in seine Plne
wirklich und deutlich eingefhrt htte.----

Ja, diese Plne! Sie konnten den Leuten, die ihn oder sein Haus lieb
hatten, schon Sorgen machen. Anneliese Wurach, eine hbsche, sehr gewandte
Person, war seit einigen Wochen bei einem einfachen Gutspchter der Gegend
zu Besuch. Keinem Haus der hheren Kreise fiel es ein, sie heranzuziehen.
Aber Ludwig Drfflin war in Liebessachen nicht so ganz zurechnungsfhig.
Da er solche liebe kleine Frau gehabt hatte, war ein freundlicher Zufall,
ein bichen hatte er auch an ihr das Robuste, die Fhigkeit, sich in
Szene zu setzen, vermit. Auf dem Gutspchterhofe kam man ihm mit Handku
entgegen, und das war er in seinen Kreisen nicht gewhnt. An Frulein
Wurach lag es nicht, da er die Werbung verzgerte, sondern nur an der
(unter diesen Umstnden) lcherlichen Zaghaftigkeit und Hochachtung vor
seiner Erwhlten.

Es war jetzt November geworden. Man mute schon wissen, was der November
bedeutete auf dem Wege durch die Ebene zwischen Hohen-Leucken und dem
Rummelshofe, auf dem die Zlchows saen. Die Winde hatten sich hier
festgesetzt in den Buschgrben und hinter den kleinen Maulwurfshgeln von
Anhhen, an denen bergauf, bergab die Pflger hinter dem Gespann gingen.
Die Pferde, die den offenen Rummelshfer Herrenwagen zogen, legten sich
schief, um von dem gewaltttigen Blasius nicht aus dem Gleise gedrngt zu
werden. Haltet die Mtzen fest, Jungens! Hui, da flog dem Hans Henning
seine schon ber den Graben. Spring nach, dummer Bengel, halt aber auch
Deine Nase fest!

Schwer, dick, massig hingen die Wolken am dsteren Himmel, der Wind kam
ihnen kaum bei. Wenn sich das ausschttet, ist es Schnee, sagte der
Freiherr. Wie lange sind wir gefahren, Jochen?

Zwei und eine halbe Stunde, Herr Baron.

So. Macht auf Hin- und Rckfahrt fnf Stunden. Jungens, da Ihr zu meinem
Patchen, dem kleinen Mdels-Fritz, gut seid! Sonst wre es nicht fnf
Minuten Fahrt wert gewesen. Dir besonders, Gregor, sag ich's. Tu Du heute
nicht so ungeheuer zwlfjhrig und untertertianerhaft, mein Sohn.

Der Gregor, ein langer, feiner, blonder Junge, wollte wohl antworten, aber
der Wind ri ihm die Worte vom Munde ab und htte beinahe auch noch die
Nase mitgenommen. Es war eine stolze Nase -- um die von Hans Henning wre
es nicht so schade gewesen.

Vater, das ist ein Wind! prustete er nun blo.

Ja, der Wind, der war schon etwas fr deutsche Jungens, die sich von ihm
fnf Meilen lang im offenen Wagen um die Ohren pfeifen lassen.

Da ist Hohen-Leucken.

Das Herrenhaus sah vom Hgel herunter, grau unter dem schweren,
wetterdrohenden Himmel. Die Jungen sahen es aufmerksam und mit der
ungeheuer sachlichen Abschtzung an, auf die man sich in diesem Alter so
viel zugute tut. Aber die Hauptsache an dem alten hlichen einsamen Hause
sahen sie doch nicht: ein braunes, sehnschtiges Struwwelkpfchen, das
schon seit geschlagenen zwei Stunden durch die eine der Dachluken auf den
Weg sphte, der bers Moor ging.

Gisa, Gisa, sie kommen, sie kommen!

Des Hauses jngstes Kind poltert die Treppe hinunter, da man es bis ins
entfernteste Zimmer hrt, stolpert, fllt, poltert weiter, schreit: Sie
kommen, sie kommen!

Gisa war blutrot vor rger. Dumme Jre, man schreit nicht so! Was ist denn
dabei? Geh lieber und kmme Dich!

Sie liebte solch kindisches Getue nicht. Sie genierte sich wegen des dummen
Fritzchen, die feine kleine Gisela im hellblauen Kleidchen.

Als es nun wirklich so weit war und Herr v.Zlchow mit seinen groen
Jungen in der Halle stand, steckte Fritzchen die Finger in den Mund und
htte sich am liebsten verkrochen. Ach ja, sie war auch zu nichts zu
gebrauchen.

Gregor war auch ganz anders, wie sie sich gedacht hatte, viel grer und
stolzer. Er sah ber ihre Kpfe fort und redete zum Papa, als wre er ein
ganz Groer. Er wre auch am liebsten nicht mit an den Kinderkaffeetisch
gegangen, aber das war nun mal so eingerichtet. Fritzchen steckte aus
lauter Verlegenheit ein so groes Stck Kuchen in ihre volle Tasse, da
alles berplantschte. Gisa rgerte sich wieder, aber Hans Henning lachte
darber.

Grad' wie ich's immer mach', Fritz. Kriegst Du dann auch immer Stripse auf
die Finger?

Nein.

Aber ich. Von Herrn Ritter. Weit, wer das ist? Unser Hauslehrer. Weit Du
auch, warum er immer so mager ist?

Nein.

Weil wir ihn immer rgern. So sagt er. Wie findest Du das?

Ach! Sie sah auf, ganz staunende Bewunderung. Dann leiser, mit ihren
winzigen Fingerchen verstohlen auf Gregor deutend: Der auch?

Na! Und ob der nicht! Ich sage Dir, Fritz! Na, ich werd' Dir noch viel
erzhlen.

Er sah zu dem Bruder hinber, da der sich auch ber das liebe kleine Ding
freue. Aber der sa da und sah sehr khl aus, ungeheuer zwlfjhrig.

Gisela machte die Wirtin. Sie hatte wunderfeine, geschickte Fingerchen
dabei. Sie war lange nicht so hbsch wie das Feuerfnkchen drben, aber sie
sah viel aristokratischer, mdchenhafter und wohlerzogener aus. Als Gregor
trotz seiner Untertertianerwrde sechs Stcke Blechkuchen hinter sich
hatte, bequemte er sich, das kleine Frulein anzureden, und fand ihre
Antworten und Bemerkungen ber Haus, Garten und Viehstand hier, nach denen
er sich erkundigte, gar nicht so dumm.

Fritzchen war ein Querkopf. Sie htte sich an der Freundschaft mit Hans
Henning gengen lassen sollen. Der Junge war reizend zu ihr, lief mit
ihr herum, selbst auf den Boden zu den alten Laken und den Spinneweben,
bequemte sich ihren verschrobenen kleinen Ideen an, schwatzte ihr
amsierliches Zeug vor und versprach ihr tausend Wunder, wenn sie einmal
nach Rummelshof kme. Sie mochte ihn auch gern leiden, diesen lustigen,
rundkpfigen Jungen mit der aufgestlpten Nase, den Schelmaugen und der
Mischung von schlingelhafter Frechheit und treuherziger Zartheit. Aber
sowie sie konnte, schlpfte sie immer wieder in die Richtung, in der
sie Gregor vermutete, und obwohl er sie kaum ansah und ihre tppischen
Bestrebungen, sich bemerklich zu machen, fast niemals wahrnahm, so lief sie
doch immer wieder hinter ihm drein und war froh, ihn nur zu sehen.

Jetzt wute sie mit einem Male, wie die Ritter und stolzen Knige ihrer
Spieltrume aussahen, und sie fate eine stille und tiefe Verachtung fr
die bunten Bilder aus ihren Bchern, die ihr bisher magebend gewesen
waren.

                           *       *       *

Herr v.Zlchow schob seine Kaffeetasse fort, ihm war nicht sehr zum
Trinken und zum Rauchen. Als er die Kinder durch die Halle und nach drauen
laufen hrte, verschrfte sich die unliebe Empfindung in ihm so stark, da
sein Gesicht sich rtete.

Ich bin hauptschlich heute aus einem bestimmten Grunde gekommen, Ludwig,
sagte er.

Die Einleitung war ungeschickt genug. Herr v.Drfflin warf seine Zigarre
fort. Wenn es Dir um meine inneren Angelegenheiten zu tun ist, so spare
den Versuch! brauste er auf. Ich lasse mich nicht bevormunden.

Ach Gott! sagte Herr v.Zlchow tief rgerlich. Innere Angelegenheiten!
Lassen wir doch diese Redensarten. Du hast ja keine Ahnung, wer die Dame
ist, die Du Dir zur Frau und den Kindern zur Mutter geben willst.

Hast Du etwa die Ahnung? hhnte der groe Junge mit seinem
treuherzigsten, dmmsten und impertinentesten Gesicht. Er blickte so
impertinent, weil es ihm vor Unbehagen in allen Adern prickelte. Einen
Disput hatte er noch nie bestehen knnen.

Ahnung, Ludwig? Die ganze Gegend schwatzt davon und lacht ber Dich. Als
Frulein Wurach im Sommer nach Lanzow kam, war sie mit einem Schreiber
verlobt. Dem hat sie jetzt abgeschrieben, weil es hbscher fr sie ist,
Deine Gemahlin zu werden. Na ja, darauf kannst Du allerhand entgegnen, ich
wei schon. Aber was meinst Du zu dem allerliebsten Geschichtchen, das die
Pastorin Barthold von ihr erzhlt? Im vorigen Sommer war sie dort, da die
Tochter ihre Schulfreundin war, dort ist sie Hals ber Kopf fortgekommen,
weil sie ihren ganzen Koffer voll gestohlener Zwiebcke hatte! Nun, wenn
sie Deine Frau ist, gibt sich das vielleicht.

Im Lampenschein sah Fritz Zlchow jetzt das Gesicht, es sah so
jammerwrdig verblfft und hilflos aus. Gib mir Beweise fr diese albernen
Klatschereien, bullerte Ludwig Drfflin heraus.

Beweise? Ach lieber Gott, die waren nicht so schwer zu erlangen. Aber er
hatte so ein verdammtes Mitleid mit dem runden roten lieben Gesicht, das
in die freiesten und lustigsten Stunden seines Lebens hineingehrte wie die
Lichter an dem Christbaum.

Er schwieg; ihm selber, nun er das schwere Amt hinter sich hatte, da die
Komik verflogen war, stieg Schmerz und Traurigkeit bis in die Kehle. Es
soll ja schon manchmal vorgekommen sein, da in solcher Stunde aus einer
alten Liebe ein tdlicher Ha geworden ist.

Ludwig Drfflin sah auch eigentlich nicht darnach aus, als ob er solche
Lehre still in die Tasche stecken und in Tapferkeit und ehrlicher
Selbstberwindung darber fortkommen wrde. Von solch einem Ding wie
Selbstberwindung hatte dieser kleine trink- und hiebfeste Gutsherr sein
Lebtag noch nichts gehrt, wenigstens war ihm das nur etwas fr seinen
Reitknecht.

Soll ich lieber jetzt die Jungen rufen und fahren? fragte Herr
v.Zlchow.

Ach was. Wozu? Bleibt nur ruhig!

Das sprach die Wirtspflicht aus ihm, die gute Manier, die den armen Kauz
auch zu schlimmster Stunde nicht verlie. Nicht einmal der Gedanke kam ihm,
sich mit dem Beleidiger seiner Dame zu schlagen. Er hatte ja recht. Jedes
Pnktchen glaubte er. Er sah Frulein Anneliese in der allerschlechtesten
Beleuchtung, die nur mglich war. -- Aber, was nun weiter?

Herr v.Zlchow wandte sich von dem klglichen Bilde ab und ging hinaus,
durch eine Seitentr in den novemberkahlen Garten. Man hatte das letzte
Laub noch nicht weggeharkt, es rauschte unter seinen Fen. Der lustige
Wind von da unten, der mit Hans Hennings Mtze ber den Graben gesprungen
war, brach auch hier oben ein, ber die Backsteinmauer mit ihren drren
Efeuranken fort, durch die Stmme der alten Bume. Er blies auch die letzte
schwere Stunde dem einsamen Wanderer vom heien Kopfe fort.

Nun wei er wenigstens Bescheid, dachte der. Mag sein, da es zwischen uns
aus ist, aber eine schreckliche und jmmerliche Zukunft habe ich diesem
Hause und den kleinen Kindern, dem kleinen Fritzel, erspart.

Als er zurckkam, stand Ludwig Drfflin mitten in der Stube und sah so
erhitzt und abgespannt aus, als habe er eben zu wohlttiger Krperbung
ber alle Sthle gesetzt.

Morgen fahre ich nach Lanzow und sage ihr alles! rief er dem Freund zu.

Der dachte: man mu auf jeden Fall verhindern, da er jetzt gleich mit ihr
spricht. Er ist zu unselbststndig in dieser Angelegenheit, und sie wrde
ihn wieder bestricken. Ein groer Geist ist er ja nicht, aber so dumm doch
auch nicht, da er in Wahrheit diesem Frauenzimmer mehr glauben sollte als
mir! Und auf dieses groe schne und berechtigte Vertrauen setzte er sich
so fest und solide nieder wie jetzt auf das breite braune Ledersofa, auf
dem er mit seinem Freunde schon mancher edlen Flasche den Hals gebrochen
hatte.

Es war am Ende dann nicht so schwierig, ihn zu bewegen, diese Angelegenheit
erst einmal schriftlich anzufassen. Mit Herrn v.Zlchows Hilfe entstand
ein Brief, der deutlich genug war, selbst von Frulein Wurach verstanden
zu werden, und der doch Lutzens gequltem Herzen die Hoffnung lie, eine
trstliche und alle Verleumdungen zerschmetternde Antwort zu erhalten.

                           *       *       *

Aber die Zeit verging, eine Antwort traf nicht ein, und in der Gegend
erzhlte man, da Frulein Wurach abgereist sei.

Herr v.Drfflin war darnach eine lange Zeit bla und schlottrig, und als
er sich wieder erholte, verfiel er aufs Trinken.

Das Schlimmste dabei war, da er sich genierte, mit den alten Freunden
zusammen zu sein und lieber in die weit entfernte grere Stadt fuhr, wo er
in einen Trink- und Spielklub niederen Ranges geriet.

Sein Freund, Herr v.Zlchow, machte sich anfangs keine Gedanken hierber.
Diese wste Periode war vielleicht ein ganz begreiflicher Abschlu. Aber es
blieb dabei. Die schlechten Gesellen, die ihn ausbeutelten, wuten, was sie
an ihm hatten, wie Frulein Wurach es gewut hatte, und sie fesselten ihn
durch Schmeicheleien, auch wie sie.

Der Rummelshfer versuchte schriftlich und mndlich sein Mglichstes.
Aber der von Hohen-Leucken war nicht mehr fr ihn zu sprechen, er wurde
beleidigend in seinen Ausfllen. Er hatte schon Schule gemacht in seiner
neuen Umgebung und hatte Ausdrcke an sich, denen man nur aus dem Wege
gehen oder sie blutig rchen mute.

Die groe Stadt lag von Hohen-Leucken drei gute Stunden Wagenfahrt
entfernt. Die Leuckener Kutschpferde muten sich schon an diesen Weg
gewhnen. Oft, wenn Herr v.Drfflin ungndig und durch irgend etwas an
seinen Kumpanen gergert war, konnten sie sogar ohne Rast wieder umkehren
und die drei Meilen wieder zurckjagen. Zu Hause aber muten die Bonne und
die Mdchen nur bemht sein, die Kinder aus der Nhe ihres Vaters fern zu
halten.




Zweites Kapitel.


Wenn in diesem Witwerhaus schon frher ein Besuch eine Seltenheit gewesen
war, so blieb er jetzt ganz aus. Das sehnschtige Struwwelkpfchen brauchte
nicht mehr stundenlang aus der Dachluke zu sphen, es kam doch kein Wagen
bers Moor, der so lustige und reizvolle Fracht trug wie der Rummelshfer
am Novembertage.

Warum kommen die Jungens gar nicht wieder? fragte Fritzchen Tag fr Tag
die Schwester. Die zuckte die Achseln. Ich wei nicht. Aber sie hatte
dabei einen scharfen, unkindlichen Zug um den Mund, der von aufgeschnapptem
Mgdeklatsch herrhrte.

Fritzchen sehnte sich nur, aber Gisa litt an der Vereinsamung ihres Hauses
als unter einer Schande.

Warum kommen die Jungens gar nicht wieder? fragte Fritzchen ihre Bonne,
fragte sie ihr Mdchen, das sie zu Bett brachte.

Sie werden schon wiederkommen, war die eine Auskunft. Sie ging von der
Bonne aus, die es sich gern bequem machte.

Herr v.Zlchow ist bs mit Papa, war die andere Auskunft.

Warum ist er bs?

Na -- Papa ist doch manchmal grob und schimpft.

Ich will ihm sagen, da er mit Herrn v.Zlchow wieder gut sein soll.

Das tu Du nur, sagte das Mdchen und lachte.

Fritzchen hatte eine unruhige Nacht voll wilder Trume, ein paarmal wachte
sie auf, in Schwei gebadet. Sie hatte mit Ungeheuern gekmpft, aber das
Ungeheuer hatte pltzlich Papas Gesicht gehabt.

Frh stand sie auf und zog sich an, schnell, schnell und im Dunkeln.
Drauen schneite es, und der Wind klapperte mit den Lden.

Die Bonne lag noch im Bett und schlief. Pltzlich fuhr sie auf. Fritzchen
-- was willst Du?

Nichts. Damit raffte sie das Kleidchen, das sie noch nicht angezogen
hatte, zusammen und huschte hinaus, es im Korridor anzuziehen.

Wie seltsam das Haus aussah zu dieser Zeit. Alle Tren standen auf, der
Wind fuhr klappernd durch die Gnge. Die Mgde liefen mit Besen und Eimern
herum, in den fen bullerte das Feuer, aber berall war es noch bitterkalt.

Fritzchen! Was willst Du denn? rief Jakob, der eben die geputzten Stiefel
des Herrn in dessen Schlafstube bringen wollte.

Wacht Papa schon?

Jawohl. Aber er liegt noch im Bett und trinkt Kaffee.

Jakob, nimm mich mit 'rein!

Du bist jawoll -- was wrde er da fr Augen machen!

La ihn doch. Aber geh Du nur, ich komme schon mit.

Na, mir kann's ja egal sein.

Dicht an die Beine des stmmigen Burschen geschmiegt, wie ein Muschen, das
sich unversehens mit einschleicht, drang der kleine Abenteurer ungekmmt,
mit hinten offenstehendem Kleidchen in das Zimmer ein. Der Papa sa
aufrecht im Bett, neben sich das Kaffeegert und las die Zeitung. Er sah
gar nicht auf, bis ein winziges Geschpf an seinem Bettrande auftauchte.

Na nu!

Er lie die Zeitung fallen. Sein Gesicht erschien in dem Rahmen der weien
Kissen noch rter als zuvor. Was fllt Dir ein? Was willst Du hier? Ist
jemand krank?

Papa -- warum kommen die Jungens gar nicht wieder?

Welche Jungens?

Gregor und Hans Henning.

Teufel! Er nahm die Zeitung wieder auf. Was geht's mich an? Geh' raus!
-- Was geht's mich an, sage ich! Er lie das Blatt wieder sinken und
schrie das blasse kleine Gesicht wtend an.

Das blieb wie es war, wich und wankte nicht. Du sollst gut sein mit Herrn
v.Zlchow. Die Jungens sollen wiederkommen. Du sollst's machen!

Was ist denn das fr eine Verrcktheit! Jakob, schaff das Mdel fort! Was
sind denn das fr neue Moden!

Jakob grinste innerlich und auch ein bichen uerlich. Als er die kleine
Hand anfate, geschah es sehr behutsam, er zupfte auch nur, ein wenig
mahnend, in der Gegend nach der Tr zu.

Du sollst's machen! rief Fritzchen laut. Ihre Augen loderten, das ganze
eben noch blasse kleine Gesicht war von Glut berzogen.

Du sollst gut sein! Die Jungens sollen wiederkommen!

Da hatte Jakob sie glcklich bis an die Tr. Papa! Du sollst's
machen! Sie hob sich noch einmal auf die Zehen -- dann verschwand das
feuersprhende kleine Bild.

Nee, sowas -- nee, sowas-- murmelte Herr v.Drfflin. Er sa noch ein
Weilchen, wie er sa, aber er las keine Zeile mehr, und auch sein Kaffee
blieb stehen.

Jakob, zum Donner, so gib mir doch endlich die Stiefel! Was wollte denn
das Balg? Wie kam's hier herein?

Ich wei nicht, gndiger Herr.

Ist sie denn ganz----

Unter bestndigem Brummen und mancher unwirschen Frage an Jakob, die der
stets mit Unwissenheit ablehnte, zog Herr v.Drfflin sich an. Es war noch
viel zu frh fr seine Gewohnheit. In seiner Stube scheuchte er die Mdchen
heraus, schlo die Fenster, in die der Schnee wehte, und im Schein der
Kchenlampe, die das Mdchen hatte stehen lassen, schrieb er auf ein
Notizblatt:

  Lieber Fritz, so komme doch endlich wieder und stelle Dich nicht an
  wie eine alte Jungfer.

    L.D.

Dann steckte er den Brief in einen Umschlag, aber schickte keinen Boten
damit ab, sondern lauerte selber dem Brieftrger auf, damit das alberne
Gesinde nicht mit anshe, was er fr ein weichherziger Narr war.

                           *       *       *

Htte Fritz v.Zlchow das kleine mutige Ding im offenen Kleidchen und mit
seinem Struwwelkpfchen an des Vaters Bett gesehen, so htte er wahrlich
nicht geschrieben, wie er schrieb.

  Lieber Lutz! Du begreifst, da Du durch Deine Auffassung von Deiner
  Wrde und Deines Hauses Wrde, die mich auf das schmerzlichste
  berrascht hat, einen so dicken Strich zwischen Dich und mich gezogen
  hast, da er nicht so einfach, wie Du meinst, bersprungen werden kann.
  Es mten andere Dinge geschehen, ehe ich wieder meinen Fu ber Deine
  Schwelle setzen knnte oder Dich bitten knnte, in mein Haus, in die
  Nhe meiner Frau zu kommen. Nimm die aufrichtige Versicherung meiner
  tiefen Betrbnis ber diese Lage der Dinge.

Herr v.Drfflin wurde fahl, als er dies las. Er fiel in den Stuhl vor
seinem Schreibtisch nieder und starrte vor sich hin. Es whlte, es whlte
in ihm, da er bebte.

Ja ja -- er hat schon recht. Es ist vielleicht so. Ich htte es auch nicht
getan, frher--

Fritz -- so ist's mit uns geworden----

Er stand auf, schleppte sich durch die Wirtschaft. Die Knechte rissen die
Mtzen ab, als er vorberging, er sah (zum ersten Male beachtete er das)
einen heiligen Schrecken vor sich her fliegen. Das half ihm, das hob seinen
jmmerlichen Mut.

Pah, was geht's Euch alle an? Ich tue, was ich will. Noch schner, mich in
meinen Jahren meistern zu lassen! Albernes Getue! Komm doch nicht, Kerl,
wenn Du nicht willst. Ich werde mich noch davon nicht umwerfen lassen!

Als er zurckkam, drauen vor der Einfahrt, zog Fritzchen einen kleinen
Schlitten. Sie hatte ein schbiges Mtzchen auf, aber es stand ihr gut. Sie
blieb stehen und sah den Vater an.

Da ging ihm eine heie Welle bers Herz. Fritzel-- sagte er unbeholfen
und streckte seine Hand aus. Sie lie die Leine, an der sie den Schlitten
zog, fallen und kam zu ihm. Wie ihre groen ernsthaften Augen blickten!

Fritzel -- ich wollte schon -- aber er will nicht -- Fritzel--

Hat er Dich abgeschlagen? fragte sie, bla vor Spannung.

Ja ja -- er hat's -- er hat's -- ja Fritzchen--

Wein' doch nicht, Papa. Ich weine ja auch nicht. Guck! Sie glhte vor
Trotz.

Ich wein' doch nicht, dumme Jre. Weinen! Noch schner! Nee, nee, lassen
wir diese Leute laufen. Wer nicht will, der hat schon. -- Magst Du denn
diese Jungens -- wie heien sie doch? -- so frchterlich gern?

Das ist nun ganz egal! sagte Fritzchen. Sie wandte sich um und lief ins
Haus. Sie wute, da sie nun zum zweiten Male ihre Ritter- und Knigslisten
einer groen Umnderung unterwerfen msse.

                           *       *       *

Wie einsam zogen die Tage und Jahre ber das Hohen-Leuckener Herrenhaus!
Der Papa fuhr in die groe Stadt, jahraus, jahrein. Er verlor seinen besten
Freund, und er verlor auch seine anderen Freunde, die ihm gleichwertig
waren.

Er htte es wahrlich besser haben knnen, dieser traurige Ritter. Er hatte
Haus und Hof, gute Freunde und Nachbarn und zwei liebe kleine Mdel. Was
aber hatte er jetzt?

Sein kleines Fritzchen mit den groen Augen unter der schbigen Mtze,
seine feine stolze kleine Gisa -- die zogen wie Nebelbilder an ihm vorber.
Es war hier ein Quell fr ihn aufgesprungen, am Schneemorgen vor der
Haustr, als sein Kind die Schlittenleine fallen lie und zu ihm gelaufen
kam -- ein Quell, so hei und tief und stark, wie er nur in einem
sehnschtigen, leidenschaftlichen Kinderherzen entspringen kann.

Vielleicht, wenn dieser Mensch, der sich selbst verlor, ein klein wenig
besser aufgepat htte, sein Fritzchen bei Tisch oder beim Vorbeihuschen
ein ganz klein wenig sich angesehen, ihren Ausdruck, den Sinn ihrer
Bemerkungen hin und wieder mit offenen Ohren und Augen aufgenommen htte
-- so htte das fr ihn die beste Erziehung werden knnen, die je das Leben
ihm anbot. Diese Zuversicht, diese Erwartung (wenn auch oft allzu hoch
gespannt), das lcherliche Vertrauen, das dies phantastische Kind auf ihn
setzte, das sollte ihm wohl Peitsche und Sporn sein. Aber was war dies
alles ntz, da er gar nicht einmal hinsah?

Es ist nicht wahrscheinlich, da Gisa ihm viel geholfen htte. Die hatte
nie diese reine und ungetrbte Kindlichkeit besessen, wie sie bei Fritzchen
fast zu sehr vertreten war. Sie konnte nichts dafr, da sie so feine
hrchen hatte, da sie das Piepen in den Ecken, unter den Dielen, durch die
Trritzen und Schlssellcher vernahm. Sie spann kein goldenes Gewebe
um den armseligen Papa, an dessen Maschen er sich htte festhalten und
emporklettern knnen. Sie war die strenge Tugend, die den glimmenden Docht
vollends austritt. Denn sie war eine hochmtige kleine Person, und ihr
Stolz war verwundbarer als ihr Herz.

Darum darbte sie bitter alle die Kindheitsjahre ber, whrend Fritzchen,
das vertrumte Nrrchen, neben ihr schwelgte. Aber wer versteht diese
Geheimnisse? Sand wird zu Gold, die Winde werden zu der wilden Jagd der
Geister, und Blumen sprossen am drrsten Stab. Oder: Sand wird zu Schmutz,
die Winde lschen Deine Lichter aus und blasen Dir ins Gebein, und der
drre Stab zerbricht Dir in der Hand. Wer versteht das und kann das deuten?

Die verdrossenen Mgde auf Hohen-Leucken? Oder die verbildete und verdorrte
Gouvernante, die im Laufe der Zeit die Bonne ablste?

Jedermann trgt sein Erbteil mit sich, und wenn er auch nur erst ein
kleines, halbvernachlssigtes Frulein im einsamen Gutshause ist. Gisela
versteinte, sie wurde immer vornehmer, immer feiner, immer klger und immer
klter. Fritzchen lebte immer strker und weiter, aber sie verwilderte
dabei immer mehr, verstrickte sich immer hoffnungsloser in ihre Traumwelt.
Sie sa mit Gespenstern zu Tisch und lief mit leichten und seligen Geistern
ber die Baumkronen dahin und bis in ihr Wolkenschlo hinauf. Sie wurde
bla und ihre Augen immer grer. Wenn man die beiden Schwestern einmal in
der Stadt zu Besorgungen erblickte, sah sich alle Welt neugierig, mitleidig
und auch wohlwollend nach ihnen um.




Drittes Kapitel.


An einem heien Junitage kam ein reitender Bote aus Rummelshof durch das
steinerne Tor der Hohen-Leuckener geritten. Herr v.Drfflin stand zufllig
im Hofe. Wieviele Jahre waren vergangen, seit der Rummelshfer und all sein
Zeug fr ihn versunken war, und nun erkannte er auf den ersten Blick Mann,
Livree, ja das Reitpferd wieder! Ein Ruck fuhr ihm durch's Gebein, er blieb
stehen mit halboffenem Munde, atemlos. Der Knecht sah ihn, er sprang vom
Pferde und nestelte einen Brief aus der Rocktasche.

An ---- soll's an mich--?

Ja, so stammelte er, der Fassungslose, der Ausgehungerte.

Es sollte an ihn, aber die Handschrift kannte er nicht. Seine dicken Finger
flogen, als er den Umschlag auseinander reien wollte. Endlich gelang es.
Der Bote stand stumm zuschauend vor ihm.

Es ist vom jungen Herrn Baron Gregor.

Gregor--?

  Sehr geehrter Herr v.Drfflin! Vater ist sehr krank, und der Arzt
  gibt seit gestern wenig Hoffnung. Er wnscht Sie noch einmal zu sehen.
  Wir bitten Sie, zu eilen.

    Hochachtend Gregor v.Zlchow.

Zu eilen! Als ihn Liebesstunden riefen, als ihn Jagdfreuden riefen, da
hatte er auch eilen knnen, aber so in den Stall gestrzt, so auf's Pferd
gekommen, so ber das in Juniglut zitternde ausgetrocknete Moor gejagt wie
heute, das war er noch nie. Der Rummelshfer Knecht bemhte sich vergebens,
Schritt zu halten, es ging nicht, er blieb zurck, immer weiter, am Rande
des nchsten Busches hatte er auf diesem Ritt Herrn v.Drfflin zuletzt
gesehen.

Ein armer Kerl, ein Verwaister, Verirrter, Verlorener, so stand er an
seines Freundes Fritz Sterbebett. Der machte grimmigen Ernst mit seinem
Vorhaben. In Rummelshof herrschte der Typhus, die besten Mnner gingen
daran ein; er, der wohl der allerbeste war, auch. Es lie sich mit guten
Wnschen und heiem Jammer und starrer Hilflosigkeit nichts mehr dagegen
ausrichten.

Ach, es war ein grausames Elend! Frau und Shne standen herum und konnten
zusehen, wie sie mit ihrem Schmerz fertig wurden. Das war gar nichts, fand
in seinem Jammer Ludwig Drfflin. Das war ein Schicksalsschlag, wie er
jeden auf Erden trifft. Hatte er nicht vor einem Dutzend Jahren das Gleiche
erlebt? Das hockt man aus und trgt's, so gut es geht. -- Aber _er_, mit
_seiner_ Not! Jahre, Jahre, Jahre verloren, um solchen elenden Zankes
willen! Ihn wiedersehen, nach dem er immer gehungert hatte -- jetzt wute
er es erst, seit er den Pferdekopf aus Rummelshof unter seinem Tor hatte
auftauchen sehen -- und ihn wie wiedersehen! Dasselbe Gesicht -- ach ja,
aber wie bleich und lebenslos, entstellt und fremd! Und doch und doch
dasselbe Gesicht!

Er fiel, ungeschickt und klotzig wie er war, vor diesem entsetzlichen
Sterbelager in die Knie.

Fritz -- Fritze -- vergib mir das--

Ja -- aber tausendmal, mein alter Lutz--

Was hilft's, was hilft's, er geht doch fort! Ihr, Frau v.Zlchow und Ihr
groen, langen Menschen, Ihr knnt' ihn wohl ruhig fahren lassen. Ihr habt
nichts mit ihm versumt. Alle die Jahre, die Jahre! Wo sind sie nun? Nach
der Stadt hin -- zurck, hin -- zurck ---- pfui, dies Lotterleben, wie
ist es mir verhat, wie ist es mir zuwider!

Fritz! Fritz! Wenn's geht, bleib' doch noch!

Ich habe alle Tage an Dich gedacht, mein alter Junge. Im Grunde war ich
Dir nie bse. Siehst Du, ich wollte Dich nur zur Besinnung bringen. Es tut
mir leid, da ich so hart war. La, heul doch nicht, alter Bursche! Wir
sind ja nie auseinander gewesen. Willst Du, wenn ich tot bin, meine
Jungens fter bei Dir haben? Ist Dir das lieb? Du siehst doch, da ich Dir
vertraue!

Ja, ja! schluchzte der Gutsherr von Hohen-Leucken und trocknete sich mit
Herrn v.Zlchows Bettzipfel die Augen.

Fritz, mir ist alles bis zum Halse hinauf zuwider! Gib mir die Hand. Hier
schwre ich Dir, da alles aus ist mit dem schlechten Leben. -- Ach, ich
mchte mit Dir tauschen. Du darfst doch noch nicht sterben, Du, so klug und
gut und gro. Was liegt an mir altem Snder, altem Lumpen--?

Am Ende stand Gregor auf, nahm ihn am Arm und fhrte ihn fort. Um Frau
v.Zlchows willen war das dringend ntig. Man konnte diesen fremden, etwas
verrufenen Menschen hier in den letzten Stunden nicht lrmen lassen, als
sei er der einzige Zugehrige.

Der arme Herr Ludwig lie sich stumm fortziehen. Im Nebenzimmer sah er
scheu in des Jnglings eisiges Gesicht.

Ich wei߫, sagte er bedrckt, ich war wohl zu laut--?

Es geht bald zu Ende mit unserem Vater. Wir mssen ihn allein haben.
Wollen Sie jetzt fahren, Herr v.Drfflin? Sie haben ja Abschied genommen.

Allein haben--. Ja, Ihr seid die Glcklichen-- murmelte der verstrte
Mensch. Aber das schmale khle Gesicht vor ihm bewegte sich nicht.

Herr Gregor, lassen Sie mich hier! flehte er pltzlich auer sich. Ich
geh nicht mehr hinein, ich mache auch keinen Lrm. Lassen Sie mich hier an
der Tr sitzen, ich werde mich nicht rhren. Und wenn, knnen Sie mich ja
noch immer fortschicken. Herr Gregor, ich habe Ihren Vater ber alles
lieb gehabt, schon ehe ein Mensch an Sie dachte, und auch ehe er Ihre Frau
Mutter kannte, die nun den grten Platz und das grte Recht bei ihm hat.
Ich red' ja nichts davon, ich bin ja schuld, aber lassen Sie mich hier.
Sehen Sie, seinen Hund lassen Sie ja auch hier. Tell -- kennst Du mich
noch? Wahrhaftig, Herr Gregor, er kennt mich noch! Sehen Sie, ich bin hier
doch nicht so ganz ohne jedes Recht.

Wie Sie es wnschen, Herr v.Drfflin, sagte Gregor v.Zlchow, holte ihm
einen Stuhl, ging in das Nebenzimmer hinein und machte die Tr hinter sich
zu.

Der Mann und der Hund saen miteinander noch sechzehn Stunden, ohne da
sich jemand um die beiden kmmerte oder auch nur durch das Zimmer kam. Sie
saen auf der Schwelle und hrten den harten Todeskampf des Mannes, der
ihnen beiden der Liebste war.

Am anderen Vormittag um neun war es vorber. Unter den Dienstboten, die
hereingefhrt wurden, war auch Herr v.Drfflin. Aber er kehrte nach dem
ersten Blick auf das wachsbleiche Gesicht in der Tr schon wieder um,
liebkoste noch einmal den braunen Kopf von Tell, seinem Leidensgefhrten
dieser Nacht, ging in den Stall, sattelte sich selbst sein Pferd und ritt
zurck, den einst so wohl vertrauten Weg.

Was er in dieser Nacht gewonnen hatte, war ein starker Ekel an den Lsten
dieses Lebens und rechts und links am Kopfe ein Bschel grauer Haare.

                           *       *       *

Das kleine Fritzchen hat einst geweint, da die Jungens nicht wieder
kamen. Nun sind sie pltzlich wieder da, aber es sind jetzt wohl keine
Jungens mehr.

Der junge Gregor hat vor einigen Wochen das Abiturium bestanden. Er
studiert jetzt, er ist Theologe. Fritzchen starrte ihn unglubig an. _Der_
will Pastor werden? Ja, wie der alte freundliche und gemtliche Pastor
unten im Dorfe sieht er nicht aus. Kannst Du Dir Gregor v.Zlchow im
Schlafrock mit einer langen Pfeife denken? So mssen Pastoren doch immer
aussehen. Oder bei einer Taufe in der niedrigen Dorfstube?

Fritzchen sagt so etwas zu Gisela. Die sieht sehr verchtlich aus. Gott,
was fr 'ne Idee! Der wird doch natrlich Professor oder Hofprediger oder
so etwas.

Gregor war damals noch siebzehn Jahre, und Fritzchen war eben zwlf
geworden. Sie spielte jetzt nur noch selten auf dem Boden herum
und brauchte auch gar keinen Boden. Sie hatte all das Germpel, die
Sonnenstubchen, den Mummenschanz sicher genug auf ihrem ureigensten
Dachboden, unter ihrem rotbraunen Jungenshaar.

Ach Gregor! Welch ein Held war er doch!

Der Jngling sah das kleine tolle Ding heute so wenig an, wie er sie vor
Jahren angesehen hatte. Was wollte er berhaupt in Hohen-Leucken? Er stand
mit seinen langen Beinen herum, sah aus wie ein Eiszapfen und guckte an
allen Menschen und Dingen vorbei, als wren sie Luft.

Herr v.Drfflin -- na ja, aber mit dem redet man doch nicht. Vater hat's
so gewollt, da fhrt man eben mal herber, zeigt sich, steht ein Stndchen
hier herum, dann ist es aber auch bergenug.

Hans, la den Wagen wieder vorfahren, ja?

Hans Henning, der Schlingel in der Kadettenuniform, wurde blutrot. Das
geschah ihm berhaupt leicht, schon weil er fast immer ein schlechtes
Gewissen hatte. Ich habe Jochen gesagt, da er ausspannen soll--
stotterte er betreten.

ber Gregors weie Stirn flog eine zornige Rte. Wenn schon einmal
ausgespannt war, mute auch gefttert werden. Da konnte man sich noch ein
gutes Stndchen hier um die Ohren schlagen.

Tollpatsch! Das ging direkt an Hans Hennings Adresse. Machte dem aber
nicht viel aus. Er war an krftigere Dinge als an Benennungen gewhnt und
hatte sich fr solche Lagen ein wundervolles dickes Fell angezogen.

Fritz, wollen wir mal zur Schaukel?

Das mit dem Schaukeln war so: der, welcher schaukelte, und die,
welche geschaukelt wurde, kamen durch den Schwung der Bewegung und das
fortwhrende Abreien der Unterhaltung in eine amsante Zwiesprache, die
selber leicht wie der Flug auf dem Schaukelbrett und krftig wie der Sto
von unten war.

Vor sechs Jahren waren wir hier, Fritz, weit Du noch? Damals warst Du ein
wilder Kfer im roten Kleidchen.

Du bist auch schrecklich gewachsen, Hans Henning.

Nu ja. Sechzehn Jahre. Gregor ist nun schon aus der Schule.

Du willst Offizier werden?

Na, natrlich. Aber nur ein paar Jahre, dann nehme ich das Gut.

Ach! Gregor ist wohl schrecklich klug?

Na, weit Du, Fritz, der steckt bald alle Professoren in die Tasche. Der
wird nochmal ein Licht. Aber ich! -- Na, ich mcht' gar nicht so sein.

Fritzchen war wieder oben im Blttergewirr.

Mchtest Du fliegen knnen, Hans Henning?

Fliegen? Nein. Wozu?

Ich mchte. ber die Bume. Hoch auf die Wolken. Bis an die Sterne! Nein,
bis in die Sonne. Ich mchte mal sehen, wie es da ist!

Da verbrennst Du ja. Oder nein -- Du kriegst keine Luft. So ist's. Aber
wenn Du fliegst, Fritz, mu ich auch fliegen. Man kann Dich doch nicht
allein zu den Trampeltieren da oben lassen.

Was fr Trampeltiere?

Na, auf dem Mars. Aber zuerst kommst Du mal nach Rummelshof. Mama lt es
heute sagen, ich soll's mit Deinem Papa verabreden.----

Dichter Staub flog hinter dem Wagen her, der im raschen Trabe durch die
sandige Dorfstrae dem Moorweg zufuhr. Hans Hennings bunte Mtze leuchtete
noch ein paarmal durch die Staubwolken, auch Gregors Strohhut -- nun
fort----

Du, Gisa -- wir sollen nach Rummelshof kommen!

Gisa war wieder so hbsch und fein angezogen, da man ihr Kleid jetzt bald
lieber ansah als ihr Gesicht. Es war auch so lang geworden.

Ja, ja -- aber das ist ja doch nur alles Schein, sagte sie bitter. Es
war beinahe, als kmpfe sie mit Trnen. Auch mit ihr hatte Gregor nur das
Alleroberflchlichste gesprochen wie ein gut erzogener Mensch, der seine
Verachtung zu verbergen wei.

Schein--? sprach Fritzchen verstndnislos nach. Nein, sie war noch zu
dumm, es lie sich mit ihr nichts bereden, noch ganz kindisch. -- Aber wozu
auch bereden. Es war schon, wie es war.

Es wurde nun auch wirklich Weihnachten, bis die Hohen-Leuckener Kinderfuhre
nach Rummelshof abging. Die Bltter, in die das Fritzchen auf der Schaukel
hoch hineingeflogen war, waren gefallen, ein rauher, nebliger Herbst war um
das alte Herrenhaus gezogen. Es war hier immer rauher, nebliger, dunstiger
als sonstwo im Lande. Die Gouvernante hatte alle Tage Schnupfen und
Halsweh, sie lag in einem Hinterzimmer auf dem Sofa oder sa mrrisch und
reizbar den Kindern gegenber am Tisch.

Gott sei Dank, Ostern werde ich eingesegnet, sagte Gisela. Dann mu Papa
mich in eine Pension geben. Ich sag's ihm oder der Pastor sagt's ihm.

Ach-- staunte Fritzchen nur ganz verblfft. Ja, das Fritzchen kann schon
hier bleiben, was versteht das dumme Kind von der groen Welt. Fr die ist
es in Hohen-Leucken noch immer gut genug.

Grau, dunstig, wolkenschwer. Was die Wolken doch nur fr seltsame Gebilde
sind! Fritzchen hatte ihren Arbeitstisch an dem einen Turmfenster, das aufs
Moor hinausging. Der alte klobige Turm enthielt vier Stbchen und unten den
groen runden Schulraum. Der war gut fr die Geographie, aber schlecht fr
Frulein Millers Schnupfen. Es war hier aber alles so, wie es immer war, da
konnte der schnste Schnupfen nichts dagegen tun. -- Fritzchen wute auch,
warum ihr alter, gelber, zerschnitzter und tintenbeklexter Schreibtisch
gerade an dem Sdfenster stehen mute. Hier ging der Weg bers Moor. Es
fuhren jetzt nur noch Feldgespanne darauf, aber es war doch einmal -- und
es wrde wieder ---- und wenn die Weihnachtsferien kamen und die Jungens
zu Hause waren, dann -- dann -- dann fuhr man dort selber entlang----

Fritzchen, trum' nicht. Mach' Deine Arbeiten!

Ja -- ja!

Siehst Du da hinten den Schornstein, den Fabrikschornstein. Der ist von der
Zuckerfabrik des Herrn August Schultze. Herr Schultze hat vor zehn Jahren
dem Baron Laue das Gut Bllingen abgenommen, der Baron hat fort mssen,
erzhlten die Mdchen, er hatte so viel Schulden. Er soll Agent in Berlin
geworden sein, und seine Tchter arbeiten in Geschften. Mit Herrn Schultze
verkehrt kein Mensch. Das gehrt sich so, hat Fritzchen von klein auf
gehrt. Es gehrt sich auch wirklich so.

Weit Du, wozu der Schornstein gut ist? Man sieht immer gleich, woher der
Wind kommt. Ach, was macht der Rauch manchmal fr tolle Kapriolen! Er wei
nicht, wohin, so fhrt's von allen Seiten auf ihn los. Hast Du ihn wohl je
gerade in die Luft steigen sehen? Kaum, es ist hier immer Wind.

Aber die Wolken sind doch noch mchtiger und stolzer als der Rauch. Wie sie
lagern bereinander, man meint, sie wren aus blaugrauem Granit und sind
doch so leicht! Vorn schiffen ein paar hellere, fast weie Massen, erst
waren sie zusammengeballt, aber der Wind lt sie nicht, schon sind sie
auseinandergerissen, flattern, andere folgen nach.

Sieh, der Rauch schreibt eine schwarze wunderliche Schrift an die bleierne
Wand. Lies sie nur schnell, es sind schon wieder andere Formen. O dies
Flieende, Ziehende, Vergehende, ewig Neue!

Wie soll das Kind am Turmfenster nicht den Wind lieben? Er baut ihm ja
Mrchen und Geschichten am Himmel auf, er spielt mit ihm so wunderbare
Spiele. Mit ihm allein, fr es ganz allein, denn wer sieht sonst dahin?--

Aber Fritzchen, Du trumst ja immer noch! Wie weit ist denn Dein Thme?
Was, noch keine Zeile weiter? Na warte, Du faules Kind, jetzt gebe ich Dir
die doppelte Arbeit auf!

Ach, Frulein Miller -- sehen _Sie_ denn die Wolken nicht? Freilich,
Frulein Miller trgt einen Kneifer und hat schwache Augen. Armes Frulein!

Ja, jetzt will ich auch die doppelte Arbeit machen!

Das Fritzchen hat sich so voller Farben und Wunder getrunken, da es auch
die dreifache Arbeit leicht gemacht htte.

Und zu Weihnachten geht's bers Moor!

Weeste, der Weg bers Moor ist hundeschlecht, hat der Herr gesagt. Fahr'
Du man die Fruleins um die Eiche 'rum, sonst steckt Ihr am End' noch alle
drin wie die Dummen. Also sprach Jakob zu dem Kutscher, der mit der alten
Halbchaise vor der Rampe hielt.

Trostlos war das Wetter. Regen mit Schnee fuhr durch die Luft daher,
klatschte auf das Verdeckleder, schlug dem Kutscher in das verdrieliche
Gesicht.

Auch noch! fuhr er den Jakob an. An dreiviertel Stunden Umweg. Du hast
schn predigen, kannst in der warmen Stube bleiben. Mir fllt's nicht ein,
mgen die Racker sich ins Zeug legen.

Die Racker waren die beiden Kutschbraunen. Die hatten sich schon ein halbes
Jahr lang gewundert, da sie nicht mehr die sechs Meilen Stadtfahrt zu
machen hatten. Durchs Moor brachten sie die alte Chaise wohl immer noch.
Der Jakob war ein Pessimist.

Frulein Miller fuhr auch mit, das schickte sich so, und sie wollte doch
auch einmal einen Weihnachtsspa haben. Aber der Papa blieb zu Hause in
seiner verrucherten Stube, er hatte nichts in Rummelshof zu suchen.

Adieu, Papa! Fein erzogen wurden diese Kinder nicht, aber Gisela hatte so
etwas im Gefhl. Fritzchen hatte auch etwas im Gefhl, aber etwas anderes:
es kam ihr so traurig vor, den Papa allein zu lassen, whrend sie in lauter
Lust und Seligkeit hinauskutschierte.

Adieu, Kinder. Grt ---- nein, lat lieber. Bedankt Euch auch bei Frau
Baronin, wenn Ihr wegfahrt. Adieu, geh' doch, Fritzchen. Die Pferde drfen
nicht so lange stehen.

Fritzchen drehte sich in der Tr noch einmal um. Was macht er nun alle die
Stunden ber? Er war doch eigentlich immer zuviel allein. Er kann doch
auch von hier die Wolken gar nicht ordentlich sehen, und lesen mag er auch
nicht.

Papa, ich erzhl' Dir alles, wenn ich zurckkomme!

Ja ja, nun geh' doch. Die Pferde--

Fritzchen, kommst Du denn nun endlich?

Was war das fr eine Fahrt. Frulein Miller wollte, da man das Fensterchen
vom Verdeck herunterliee, um sich vor Regen und Schnee zu schtzen, und
Gisa wollte es auch. Schade! Der Regen, der Wind, alles drauen war so wild
und lustig!

Lat mich auf dem Bock sitzen!

I Gott bewahre, Dein Kleid, Dein Haar! Auf keinen Fall. Sitze Du nur
still.

Es ging Schritt fr Schritt. Der Boden schwankte unter den Rdern. Frulein
Miller ngstigte sich, klopfte ans Fenster und schrie. Sie stellte sich
jedesmal beim Fahren so an, weil sie ein Stadtkind war, der Kutscher
grinste auch nur und machte beruhigende Kopfbewegungen.

Fritzchen sah und hrte das alles nur halb. Nun ist's so weit, nun ist's
so weit!

Du bist noch sehr kindisch! sagte Gisa. Denn sie freute sich, halb
widerwillig, zwar auch, aber sie fand, man msse sich solches nie merken
lassen, sobald man erwachsen sei. Ach, sie war ein rechter Herzenstrost
fr Frulein Miller.

Jetzt brauchen Sie sich nicht mehr zu ngstigen, Frulein Miller, sagte
Fritzchen mit funkelnden Augen nach einer Schttelei von fast drei Stunden.
Da ist die Mauer -- da sind wir. O, nun machen wir aber das Fenster auf.

Frulein Miller erholte sich. Gott sei Dank! Ja, ja! Aber nun in der Nacht
die Rckfahrt!

Wir haben Mondschein, sagte Gisela.

Fritzchen aber dachte: Nacht und Rckfahrt! Wer denkt daran! Das sind ja
noch hundert Jahre hin!

Hans Henning und ein alter Diener standen auf der Steintreppe. Wer sollte
auch sonst noch da stehen! Was ging den Herrn Gregor die Hohen-Leuckener
Chaise mit ihrem Inhalt an?

Fritzchens kleines Herz fiel bei jedem Schritt in das vornehme weite Haus.
Hier war alles anders als zu Hause, ach, so gro und schn und fein!
Einen Augenblick herrschte das jhe, wilde Gefhl in ihr, auszureien,
fortzulaufen, sich in die Kutsche zu verkriechen. Sie frchtete den Schall
der eigenen Schritte.

Gisa--, sie wollte sich der an die Hand hngen, die schttelte sie ab.
La das! Mglichst, als kenne sie das Fritzchen gar nicht, habe es nie
mit Augen gesehen, so tat sie.

Da stand eine groe, feine, stolze Dame. Sie begrte Frulein Miller,
die einen tiefen Knix machte, und reichte den Mdchen die Hand. Fritzchen
blickte auf und verga alle Verzagtheit. Sie sah aus wie Gregor.

Wo ist Gregor? fragte die schne, stolze Frau.

Oben in seiner Stube, Mama. Er wird wohl kommen.

Nun, Ihr kleinen Frulein, so richtige Spielgefhrten kann ich Euch hier
gar nicht geben. Aber Hans Henning hat sich schon sehr auf Euch gefreut, er
wird sich nach Krften bemhen, Euch gut zu unterhalten.

Und so weiter, was eine liebenswrdige Frau eben so hin sagt, wenn ein paar
kleine Mdel vor ihr stehen, die ihretwegen ebenso gut htten fortbleiben
knnen. Aber es war ihres Fritz letzte Bestimmung, das Haus mit diesen
Drfflins zu belasten. Was sie so hin sagte aber kam als lieblichste Musik
in Fritzchens Ohren an. Als ein Klingen und Tnen aus einer anderen Welt.
Lag nicht hier ein Hauch, ein Duft ber allem? O -- so schn hatten doch
alle Trume ihr dieses hier nicht gezeigt.

Waren dies Tassen aus Porzellan? War dies Schokolade? War dies Kuchen, den
eine derbe Kchenfaust gerhrt und geformt hatte? War dies ein Tisch aus
Holz? Ging man hier berhaupt, wie man anderswo geht? Klang, leuchtete,
stand und bewegte sich hier nicht alles unter ganz anderen als den
irdischen, gewhnlichen Gesetzen?

Aber unter welchem Gesetz stand das Fritzchen, als es die berirdische
Schokolade auf die buntgestickte Decke schwippte? Nun -- das ging
keineswegs anders. Wie kann das Fritzchen unter einem solchen Ansturm der
Gefhle auch ihre Tasse gerade halten?

Fritzchen! Armes Frulein Miller, arme Gisela! Es ist auch unangenehm,
immer an solchen Unband gekettet und fr ihn verantwortlich zu sein.

Was das wohl tut! sagte Hans Henning ungeheuer verchtlich und warf mit
der Miene eines Grofrsten seine Serviette auf den Fleck. Nun brauchst Du
es nicht mehr zu sehen, Fritz. Im Grunde fand er es reizend, da sie immer
noch ihre Tasse bergo.

Der Glanz dieser, seiner Welt umflo auch Hans Henning. Sein rotblondes
Haar, militrisch verschnitten, seine kurze aufgeworfene Nase, seine
unverschmt lustigen Augen -- alles war mit von dem Zauber umsponnen und
verklrt. Auch er war ein Held, aber natrlich einer niederen Grades.
Gregor und die Mutter -- die, ach die----

Es kam ein Schritt, vor dem zitterten zwei dumme kleine Mdchenherzen. Auch
Gisela wurde rot vor Erwartung und Bngnis. Ach sie war auch nur ein armes,
sehnschtiges Kind, mit der Last ihrer vertrauerten Jahre -- daran nderte
das feinste Kleid und der herbste junge Mund nichts.

Was hatte man von diesem Gregor? Er ging umher, warf ein paar Bemerkungen
hin, wie sie ihm gerade kamen, und lie die kleinen Mdchen aus
Hohen-Leucken danach springen und damit zurecht kommen. Hatten wohl je
blaue Augen einen klteren Blick? Und um diesen war man drei Stunden
gefahren und hatte lange Monate hindurch auf das Moor gesehen!

Was tut es? Er ist doch schn und gut!

Fritzchen, Du kleiner Affe, was tust Du da in der Ecke? -- Nein, das sagt
man nicht. Sie hat eben den Schatten ihres Helden, den er im Schein der
groen Stehlampe da hinten an die Wand geworfen hat, mit spitzem, bermtig
seligem Mndchen ganz flchtig gekt.

Hinten in einem groen Zimmer steht der Weihnachtsbaum, er ist nicht bunt
wie sonst. Nur Lichter, ein wenig glitzernde Schneewatte und Eiszapfen
schmcken ihn. Frau v.Zlchow mag ihn nicht gern sehen, aber sie hat
ihn doch fr ihre Jungens, vornehmlich fr den noch so kindischen Hans
zurecht gemacht. Gregor htte wohl nicht so viel darnach gefragt. Gerade
in seiner ernsten Pracht wirkt nun der Baum um so strker auf die beiden
Schwestern.

Was ist es nur fr ein wunderbares Erleben, das jede neue Minute bringt!

Hans Henning zeigt ihnen allerhand Geschenke, die herumliegen und noch
nicht fortgenommen sind. Es gibt nichts Interessanteres als das. Jawohl,
es sind ja auch Schlipse, Krawattennadeln, Zigarren, groe unverstndliche
Bcher und lauter Dinge, die von Rechts wegen so ein Fritzchen anghnen
mten. Aber alle sonstigen Berechnungen stimmen nicht mehr, wenn man schon
spitzbbisch den Schatten an der Wand kt.

Das sollte der Gregor wissen! Fritzchen sah ihn von der Seite an, und
pltzlich, aus dem Verborgenen, fletschte sie ihm die Zhne entgegen. O
diese Lust, diese Lust, solchen Triumph ber ihn zu haben! Sie suchte immer
wieder mit den Augen seinen Schatten, den alten Bekannten aus der Ecke. Ja,
ja, er glaubte, das wre seiner, und er ahnte nicht, was der fr Streiche
hinter seinem Rcken trieb!

Alle Abende war hier ein Familienstndchen Mode. Frau v.Zlchow sa im
Zimmer bei verhngter Lampe, ihre Jungens bei ihr (frher hatte ihr Fritz
nie gefehlt), und sie sprachen miteinander, wie sie es sonst im Treiben des
Tages nie konnten. Besuche unterbrachen dies Familienstndchen, aber die
Hohen-Leuckener Kinder und ihre Gouvernante galten kaum als Besuch, darum
konnten sie daran teilnehmen.

Das Zimmer der Baronin im gedmpften Licht des gelben Lampenschleiers
erschien Fritzchen wie ein Mrchentraum. Es war ein lieber, wohnlicher
und auch gut ausgestatteter Raum, mit schnen hellen Mbeln, Pflanzen,
Kunstwerken und Teppichen, jedes gute Haus hat wohl seinesgleichen. Das
konnte das Fritzchen nicht wissen. Sie kauerte auf einem Schemel, sah die
Freifrau an, die an dem kleinen Kamin sa und von dem flackernden Feuer
magisch beleuchtet wurde, und sie glaubte, diese Stunde sei die schnste
und die stolzeste ihres Lebens, wenn auch ihr kleines Persnchen so viel
wie gar keine Geltung in dieser Stunde hatte.

Frulein Miller unterstand sich auch nicht recht, etwas zu sagen, sie sa
irgendwo im Dunkeln. Fr Gisela hatte Gregor ein Sesselchen an den Kamin
gerckt und stand daneben. Hans Henning lag wie ein junger Jagdhund seiner
Mutter zu Fen.

Gregor redete viel kluges Zeug. Ach, er tat seinen stolzen Mund auf, und
das Fritzchen hrte von da an nur noch Tne -- kaum Worte. Aber auch das
war schn. Eines merkte auch ihr zerfahrener kleiner Kopf: die schne,
feine Mutter dachte sehr hoch von Gregor, ihr Ton war ein ganz anderer,
als wenn sie zu Hans Henning sprach. Den tat sie oft ab, wie man eben einen
tppischen Hund abtut, den man im brigen aber sehr gern hat.

Ach -- Hans darin war immer so ein bichen liebevoller Spott. Was der
Junge doch immer fr Unsinn treibt -- so hnlich. Dagegen:

Ja Gregor. Meinst Du nicht auch -- wie denkst Du darber--

Dann kamen groe Fragen, die man sonst nur im Katechismus lernt. Ach ja, es
war ein gar wunderbares Gesprch!

Einmal sagte Gisela etwas. Mitten hinein! Ach, da sie solchen Mut hatte!
Es war aber schn von ihr. Von der Notlge, und da die ihre Berechtigung
habe. Aber da sagte Gregor:

Nein, Frulein v.Drfflin, sie hat niemals Berechtigung! Und darnach
sprach er noch weiter und sehr viel in sehr hartem Ton. Frau v.Zlchow
wollte mildern, aber er widersprach auch ihr. Einmal bewegte er sich dabei,
so da der Feuerschein auf sein Gesicht fiel, es sah aus wie aus Stein
gehauen.

Er sagte, jede Lge sei ein Mangel an Stolz und Kraft, er wrde sich vor
sich selber schmen, wenn er, sich aus seiner Not zu ziehen, zu solchem
feigen Mittel greifen wrde.

Aber um andere aus der Not zu ziehen? fragte die Baronin sehr leise.

Ihr Sohn entgegnete ihr hart: Auch um der Not anderer Leute willen lasse
ich mich nicht zerbrechen.

Noch viel leiser sagte sie: Gregor -- das tote Prinzip und das lebendige
Leben! Vielleicht -- nach zwanzig Jahren -- der Gang ber diese Erde ist
weit und lang----

Es klang so rhrend und weh, wie sie sprach, es drang durchs Herz. Aber
Fritzchens Herz emprte sich und rief ihren Helden an: Gregor, steh' fest!
Was Du einmal gesagt hast, soll gelten! La Dich nicht rhren!

Freilich, Helden lassen sich auch nicht rhren. In diesem, in Fritzchens
Sinne, war Gregor auch wahrlich ein ganzer Held. Er stand fest, er lie
nicht ab, er antwortete mit heller, klingender Hrte.

Was -- darauf kam es fr Fritzchen nicht mehr an. Sie glhte, sie bebte,
sie verschrieb sich diesem Stolzen, Harten, Eiseskalten mit Leben und Blut.

Ich werde nie wieder lgen -- und ob mein Leben oder das Leben anderer
Menschen (sie dachte in diesem Moment an Gisa und Frulein Miller) davon
abhngt.

Diese beiden waren sehr ahnungslos, da eben ein feuriges Gelbnis abgelegt
wurde, das unter allerhand wunderbaren Umstnden ihnen das Leben kosten
konnte!--

Dann ging auch dieser Abend zu Ende, und dann kam die lange, lange,
traumesheie Rckfahrt, mit dem Mondschein auf den Wegen und auf der
leichten trgerischen Schneedecke des heimatlichen Moores.




Viertes Kapitel.


Gisela sa beim Pastor und sagte: Bitte, reden Sie doch einmal mit Papa,
da er mich Ostern in eine Pension gibt. Ich werde im April fnfzehn Jahre,
und Sie meinen doch auch, da ich einmal fortmsse.

Ja, ja, es wird Zeit, Gisela, Kind, es wird Zeit, sagte der alte Mann
unruhig und ging in seiner engen, von hohen Bcherborden verstellten Stube
hin und her. Gisela nahm ihre Bcher zusammen, denn ihre Konfirmandenstunde
war beendigt, und folgte ihm mit den Augen.

Drauen war ein klarer Frosttag. Ging denn wirklich der Wind auch einmal
schlafen auf Hohen-Leucken? Wie die Sonne auf dem Schnee glitzerte! Wie
still die kahlen Bume standen mit ihrer schweren weien Last!

Pastor Baumann blieb stehen und sah hinaus auf die Tannen vor seiner
Haustr, auf die steinerne Gartenmauer mit ihren wunderlichen Kronen aus
Schnee. Ein Ackerwagen fuhr vorber, der Dung drauf dampfte in weien
Wolken, die Rder knirschten auf dem gefrorenen Boden.

Ich will's schon fr Dich besprechen, Kind, sagte der alte Pastor. Er
nannte sie aus alter Gewohnheit noch immer Du. Aber leicht wird's ihm
nicht werden, frchte ich.

Ach! sagte Gisela wegwerfend.

Ich meine-- sagte er hastig -- in anderer Hinsicht, meine ich. So ein
Pensionsleben ist teuer--

Ach so--! Gisela zog ein uerst hochmtiges Gesicht. Nun, daran wird
es wohl nicht zu scheitern brauchen!

Nein, nein, gewi nicht, sagte der Pastor begtigend. Er sah wieder
hinaus und verfiel in Gedanken. Man mag es ja den armen Kindern nicht
sagen, was doch das ganze Land umher wei. Wieviel Hypotheken mag er jetzt
haben auf Hohen-Leucken? Ist denn das nur mglich, da ein Mensch so seine
Ehre und Pflicht vergit?

Als Gisela hinaus war, sah er ihr nach, dann tat er Schlafrock, Kppchen
und Pfeife ab und unternahm den sauren Gang. Wie selten gingen seine Fe
ber den ansteigenden Steindamm und durch das alte Tor! Und es war doch
auch sein Beichtkind, das hier oben hauste. Freilich, das unhandlichste von
allen, aber auch vielleicht das bedrftigste! Ja, aber Patronatsherr und
Beichtkind in einer Person, das fat sich oft schlecht zusammen. Herr
v.Drfflin war seit langen Jahren -- seit den sechs verfluchten Jahren
-- weder fr das eine noch fr das andere zu sprechen. Mochte sein wegen
schlecht bestellten Gewissens!

Die Sonne schien gerade in sein Arbeitszimmer, als der Pastor eingelassen
wurde. (Arbeit? Drei Fragezeichen. -- Na ja!) Die Luft war voll
Zigarrenrauch und Weindunst.

Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Pastor? So formell wie mglich.

Das alte Mnnchen war hochfahrendes Wesen nicht gewhnt. Er konnte es nicht
vertragen, er verstand es nicht. Er konnte nur zu den armen, kranken oder
sndhaften Leuten gehen, dort fhlte er sich sicher in der Kraft seines
Amtes. Sie liebten ihn dort, ehrten ihn und steckten willig seine
Strafreden ein. Die strrigsten Bcke hatte er schon zahm gekriegt. Aber
dies ist hier so anderes Holz, man wei nicht, es anzufassen. Die Formen
der guten Gesellschaft haben so etwas Lhmendes fr den alten Pastor, der
selbst ein Handwerkersohn war und sie nicht zu handhaben wei. Sie kommen
ihm dadurch so ungeheuer und wichtig vor. Ja, das ist eine traurige
Geschichte. Herr v.Drfflin, der Snder, sitzt oben, und Pastor Baumann,
der Gerechte, sitzt unten.

Was das nun fr ein elendes Gestckere wird wegen Gisela! Verchtlich
schaut der Gutsherr drein. Deshalb kommen Sie her, mein Herr Pastor? Aber
natrlich kommt das Mdchen fort. Nach Berlin wahrscheinlich. Wie kamen Sie
auf die Idee, da ich sie hier behalten wollte? brigens danke ich Ihnen
fr die Teilnahme. Darf ich Ihnen eine Zigarre anbieten?

Danke, Herr v.Drfflin, ich vertrage so starke Zigarren nicht.

So? Schade. Na, also nochmals besten Dank.

Das war die ganze Unterredung. Er geht wieder den Steindamm herab durch's
Tor, auf die Dorfstrae. -- Sie sind kurz, diese Wintertage! Sieh, welchen
Schatten schon wieder die Scheune wirft! Und da ist er ja auch wieder, der
kalte Blasius aus dem Bllinger Steinloch, der ber die kahle Ebene kommt,
dem Pastor in die Rockrmel fhrt und wie ein frecher Bube mit seinen
weien Haaren spielt.

Ach, altes Herz, Du bist unwrdig Deines Amtes! Wie lange Jahre wird es nun
wieder dauern, da Du Dich in Dein Huschen verkriechst und nicht wieder in
die Region des Herrenhauses hinaufsteigst!

_Der_ Gedanke klopfte freilich in dem berbescheidenen, eingeschchterten
alten Herrn nicht an, da er seinem Patronatsherrn eine viel grere
Respektsperson sei, als er sich jemals trumen liee. Da sein Amt, sein
weies Haar und sein reiner Wandel dem leichtfertigen Snder da oben gar
mchtig imponierte und ihn sich sehr klein fhlen lie -- und da in diesem
speziellen Falle Gisela nie aus dem Hause gekommen wre, wenn er nicht
diesen Gang unternommen htte, der anscheinend so nutzlos wie mglich
war.----

Nun ging Gisela fort, nach Berlin, zu weitlufigen, reichen Verwandten,
aber man hrte auf Hohen-Leucken oft von ihr. Bald fehlte es an einem
Gesellschaftskleid, bald am Taschengeld, bald berichtete sie von
notwendigen Verpflichtungen und forderte schleunigst eine hohe Summe.

Diese Briefe blieben keine Geheimnisse. Herr v.Drfflin ri sie auf, meist
morgens am Kaffeetisch, berflog sie, fluchte leise vor sich hin und lie
sie dann offen liegen. Fritzchen las sie alle.

Da begriff sie pltzlich, was Geld eigentlich sei. Wie eine neue,
unheimliche Macht drngte das in ihr Leben. Geld! Soviel auf einmal!
Hundert Mark, zweihundert Mark wie fr nichts. Und Papa war so bleich
geworden, bi an seinem Schnurrbart und hatte verstrte Augen.

Waren sie denn nicht reich? Sie hatten ja solch groes Haus, Hof und
cker, mehr als zwanzig Pferde und all das Rindvieh und die Schweine. Dazu
Kutschen, Knechte, Mgde und waren im ganzen Dorf als die Herren geehrt.
Fr ein einziges Schwein bekam Papa mehrere hundert Mark, also was war
eigentlich dabei?

Aber der dunkle Geist war angerufen und drckte ihr auf der Brust, flog
an dem Turmfenster vorbei, wenn sie nach den Wolken sah, vergllte ihre
Trume.

Einmal sprang es aus ihr heraus. Papa las gerade die Zeitung, und ein
Brief von Gisa war gar nicht einmal in Sicht. Fritzchen sa vor ihrem
Kakaotchen, aber sie mochte nicht trinken.

Papa!

Was gibt's?

Es war mehr ein Anfahren als eine Frage, er war in letzter Zeit etwas
nervs geworden, dieser Herr. Sah er denn nicht, da sein Kind mit ihm
reden wollte? Was hatte er von der Zeitung? Er war ja doch nur ein halb
verkommener alter Landjunker, was hatte er noch mit Politik zu tun oder
der Welt da drauen? Sie hatte ja mit ihm auch nichts zu tun. Aber sein
braunugiges Kind, das wartete noch auf ihn.

Das junge Herz so einschchtern, da es nicht wieder kommt, das wre
vielleicht fr beide Teile das Beste.

Was willst Du? Was stierst Du mich an?

Papa -- ich meine nur -- nicht wahr, wir haben doch sehr viel Geld?

Famos! Das war die Frage, die ihm am besten passen konnte. Er wurde blutrot
ber und ber.

Was geht's Dich an! Was fragst Du so dummes Zeug? Wer hat Dich aufgehetzt?
Was geht's Dich an? Verhungern wirst Du wohl nicht, Mamsell Naseweis. Wer
hat Dich aufgehetzt, wer hat Dir diese dumme Frage eingetrichtert?

Niemand. Ich frage aus mir selbst, sagte Fritzchen.

So schweige knftig aus Dir selbst! brllte er sie an. Damit versteckte
er sich wieder hinter seiner Zeitung, er hatte keine Lust, zu sehen, was
sie fr ein Gesicht dazu machte. Aber seine Finger, die das Blatt hielten,
zuckten, und wie ein kurzer Pistolenschu kam hin und wieder hinter dem
Papier ein grollendes Gemurr heraus.

Solche Sache! Albernheit! Mcht' nur wissen, ob wir als Kinder -- Na ja,
berall neue Moden--

Das Fritzchen war ganz still geworden, es sah unverwandt auf den Papa,
wenn es auch vor der Zeitungsmauer nicht mehr sehen konnte als die nervs
zuckenden dicken Finger und oben darber einen Busch des struppigen Haares.

Es gibt Erlebnisse, die fliehen vorber wie die Wolken drauen, wenn der
Wind sie jagt, sie huschen auch ber den Kaffeetisch, springen aus
dem Knistern der Zeitung, fletschen koboldhaft aus den Spitzen des
struppigblonden Haarbusches, man kann sie nicht festhalten, sie sind da und
doch nicht da -- und sind doch mchtige Geister, die das Heute vom Gestern
scheiden. Ein zwlfjhriges Fritzchen hat gefragt, hat kindisch eine
ausfllende Antwort verlangt -- und eine erwachende junge Menschenseele
schaut jhlings in den aufgerissenen Abgrund von Schein und Sein, von Trug,
Jammer, Lebensangst und unlslicher Wirrnis.

Der Wind jagt die Wolken vorber, und es wei keiner mehr, woher sie kamen
und wohin sie gegangen sind. Frulein Miller kommt, das Kind in die
groe Schulstube abzuholen mit den acht Turmfenstern. Es ist jetzt Sommer
geworden, aber Frulein Miller hat noch immer den Schnupfen. Wird es auch
wohl jemals so recht heier, schner Sommer auf Hohen-Leucken? so lautet
eine immer wiederkehrende Passage in ihren Briefen an ihre Angehrigen. Das
ist bertrieben, aber unten im Dorf, im Banne des Nebelrings, ist auch die
Hitze nur dumpf, lastend und ermattend.

Fritzchen wurde pltzlich fleiiger. Sie sah nicht mehr nach den Wolken
aus, sie arbeitete wie noch nie. Frulein Miller verga selbst ihren
Schnupfen. Aber liebes Fritzchen, das geht mit einem Male alles! Willst Du
mir die liebe Gisa ersetzen?

Fritzchen sah sie nur stumm an. Das Frulein mute gerade ihr Nastchlein
brauchen, darum konnte sie diesen Blick nicht sehen. Er war klar und still,
aber dunkel.

Man will manchmal, wenn man noch zwlf Jahre alt ist und vor einer jhen
Kluft steht, mit eigenen Armen Steine tragen und die Kluft damit fllen.
Man hlt das in allem Ernst fr mglich. Man glaubt auch ohne weiteres, da
franzsische Vokabeln, Dezimalaufgaben und ein paar Touren am Strickstrumpf
solche Steine wren.

Warum soll man es auch nicht glauben? Hilft es nicht, so schadet es
doch auch nicht. Es ist ein solch' jauchzendes, stolzes Ding um ein sich
spannendes Kraftgefhl!

Hin und wieder kam Gisela zum Besuch, erst zu Weihnachten, dann fand sie
auch dies Fest drauen schner als hier. Sie wurde immer fremder und immer
feiner. Was sollte sie mit dem unwissenden, schlecht erzogenen kleinen
Struwwelkopf anfangen, der immer noch seinen zerschnitzten Arbeitstisch am
Turmfenster in der groen Schulstube hatte und am Ende sein hchstes Ideal
im Rummelshof und seinen Bewohnern sah?

Wenn sie wieder fortfuhr in ihrem neuen, schnen Reisekleid, kam es
Fritzchen doch manchmal als ein wunderliches, verkehrtes Ding vor, da sie
dableiben msse, und da nun wieder der alte Tageslauf anging, von vorn an,
immer derselbe. Da wurde ihr hei, und sie lief zum Papa.

Ich mchte auch fort. Papa. Wie Gisa!

Ja doch. Wirst es wohl noch abwarten knnen. Nchstes Jahr.

Das kam ein paarmal vor, dann stellte Fritzchen das Fragen ein. Das nchste
Jahr kam bald, aber es sah genau aus wie das vorige. Papa hatte das wohl
vorausgewut und nur gelogen, um sie los zu werden.

Versprechungen nicht halten ist so gut wie lgen. -- Was hatte doch einmal
Gregor v.Zlchow ber das Lgen gesagt?

Das ist schon lange her, aber seine Worte stehen mit Flammenschrift an
allen Wnden. Fritzchen kann nichts anderes tun, als das, das ihr allein
als Heiligtum geblieben ist, anzubeten und die von Phantasien berfllte
Seele am starren Werkdienst aufzurichten. Es ist kein Mensch in
Hohen-Leucken, der dem Fritzchen v.Drfflin die kleinste Lge nachweisen
knnte.

Es lag freilich auch kaum ein Grund vor, um jemals zu lgen, leider. Es
gab keine groen Versuchungen. Frulein Miller -- ach, um die htte es sich
wohl kaum gelohnt, und der Papa--

War es wohl Tatsache, was die Leute sich erzhlten, da Herr v.Drfflin
mit seiner Tochter oft in Wochen kaum zehn Worte wechselte? Die Leute
muten es wohl wissen, er wute es nicht und Fritzchen auch nicht. Trotzdem
waren sie jetzt viel zusammen. Das ergab sich immer so, wenn der Sommer
vorber war, die Abende lang wurden und die Herbststrme um das Haus
heulten.

Frulein Miller hatte sich das kleinste Stbchen, das zu finden war,
ausgesucht. Dort stand ein gromchtiger Kachelofen, und in dem bullerten
die dicken Buchenkloben. Da war ihr und ihren hageren Gliedmaen wohl.
Da las sie Gedichte, Romane und schrieb an ihre Verwandten, da in
Hohen-Leucken schlechtes Wetter wre.

In diesem Stbchen war kein Aufenthalt fr Fritzchen. Fr sich allein
durfte sie auch kein Petroleum verbrennen, da zog sie mit ihren Bchern,
Schulheften und dem ganzen Krimskrams ihrer bunten Traumwelt in des Papas
nach Zigarren und Wein duftendes Zimmer.

Nein, sie sprachen nicht zusammen. Keins von beiden dachte daran. Sie
trieben jedes sein Werk, eines vielleicht so ntzlich oder so unntzlich
wie das andere. Was der alternde, in Stumpfheit leise versinkende Mann fr
sich im Rauch seiner Zigarre, im Wein, in den Jagd- und Pferdebchern
und Zeitungen noch festhielt an Lebenswerten oder was er aus dem jungen,
feinen, trotzigen Gesichtchen fr sich noch ablas und neu gewann -- das
waren dunkle Geschichten, die keiner entrtselte, weil keiner sich darum
bemhte, der, den sie am meisten angingen, vielleicht am wenigsten.

Die Gisela hat es doch viel besser! sagten die Leute. Jawohl, sie lebte
da drauen, sah viele Gesichter, hrte Musik, bekam neue Kleider -- und
das Fritzchen lebte hier mit dem alten mrrischen Papa, wurde von seinem
Zigarrenrauch eingesponnen, las ihre alten Mrchen und baute sich selbst
neue und schnere--

Es ist ein wunderliches Ding um das besser haben in der Welt. Es scheint
oft so leicht zu berechnen und ist doch eines der schwierigsten Exempel,
die wir uns aufstellen knnen.

Der Papa sollte sich eigentlich ber Frulein Miller wundern, sie gab doch
dem Kinde unerhrt viel Schreibereien auf. Manchmal schrieb Fritzchen den
ganzen langen Abend. Aber Frulein Miller war nicht schuld daran.

Wenn Herr v.Drfflin einmal seine Zeitung oder sonstige Lektre fortgelegt
und ber den Tisch sich das Schreibheft seines Mdchens gelangt htte, so
htte er so etwas wie ein kleines Wunder erlebt. Statt der Ausarbeitung
oder des Aufsatzes htte er eine seltsame, phantastische Geschichte in
Hnden gehalten, ein Mrchen, wie er in seiner Kinderzeit es nie gehrt
hatte, und er wre unmittelbar in dem Land drinnen gewesen, in dem sein
Fritzchen lebte, webte und sich selber die ganze brige Welt ersetzte, in
dem es sie schuf. Er htte auch auf bekannte Gestalten getroffen, denen
nur ein Panzer oder ein Gewand flchtig bergeworfen war: auf sich selbst
vielleicht, vor allem aber auf die Jungens vom Rummelshof und wieder
und wieder, von strahlendem Licht umleuchtet, auf Herrn Gregors khle,
hochmtige Erscheinung.

Fritzchen aber war im Laufe der Wochen und Monate todsicher geworden,
da die vterliche Hand niemals herbergreifen werde, und sie baute
ihre Mrchen, spielte mit ihren Gestalten und schttete in kniglicher
Verschwendung den Farbenreichtum ihrer ganzen Seele in diese Gebilde aus.

Dadurch wurde aber auch ihres Vaters verqualmtes Zimmer ihr lieb und
unentbehrlich. Und dadurch wurde ihr gesenktes Kpfchen mit dem rotbraunen
Haar, dem trotzigen Mund, der herrisch verzogenen Stirn dem armen alten
Landjunker auch lieb und unentbehrlich. Es kam einmal vor, da Fritzchen
Husten hatte und von Frulein Miller zwei Tage lang ins Bett gesteckt
wurde. Da dnkte ihm seine Stube leer, und die beiden Abende waren lang und
langweilig ohne Ende. Er fhlte sich geqult und gejagt und wute nicht,
wovon. Die Zigarre ging ihm bestndig aus, und der Wein widerte ihn an.
Endlich stand er auf und tappte die dunkle, zugige Treppe hinan in das
obere Zimmer, in dem Fritzchen lag. Dort brannte eine verhngte Lampe,
am Bett stand ein Krug heier, dampfender Milch und eine Selterflasche.
Frulein Miller war nicht da, sie war wohl gelaufen, eine Tasse oder sonst
etwas zu holen. Fritzchen lag im fiebrigen Halbschlaf. Sie hob die Augen
nur ein wenig, als er herankam.

Na -- Fritz? Fritzel -- was machst denn fr Sachen?

Er legte seine breite massige Hand auf ihr fieberheies Hndchen. Sie
fhlte die Berhrung als etwas Gutes.

Fa mir den Kopf an, Papa. Du bist so schn khl.

Er tat's und stand neben ihr, bis Schritte kamen. Da zog er die Hand
zurck, als fhle er sich auf einem Unrecht ertappt. Du mut bald wieder
nach unten kommen, sagte er.

Fritzchen blinzelte der schwerflligen Gestalt nach, die sich zur Tr
bewegte.

Sieh' auch nach der Lampe unten, da sie nicht blakt. Sie tut's immer.

Ja, ja, Fritzel, ich werd' schon.

Am dritten Abend war sie wieder unten, und alles ging wie vorher. Nur war
es jetzt, als wenn ein Lichtschein in des verwsteten Mannes verrucherten
Kopf gefallen wre, nun, da es ihm bewut geworden war, wieviel ihm daran
lag, da sein kleiner Struwwelkopf ihm abends gegenber sa. Fritzchen
selbst aber hatte gar keine Lust auf Giselas Blle und Gesellschaften, wenn
sie jetzt wieder ihre Mrchenabende hatte, an denen im ganzen Erdgescho
auer ein paar Wirtschaftsrumen nur des Vaters Stube erhellt war und die
schwarze Winternacht drauen wie ein Ungeheuer lag, das auf Beute lauerte
und von schimmernden Helden bekmpft wurde.

                           *       *       *

Ja -- ihr schimmernder Held -- wo blieb er?

Wenn sie ihn finden wollte, mute sie zu ihren Mrchengeschichten gehen,
denn in Wirklichkeit zeigte sich Gregor nicht auf Hohen-Leucken. Er war ja
dort gewesen, dem Willen seines Vaters gem; mehr zu tun dnkte ihm wohl
berflssig. So kam nur Hans Henning hin und wieder, brachte viel Freude
und Lustigkeit mit und auch den Schimmer aus der anderen Welt, in der
Fritzchen so Groes vermutete und nach der sie sich sehnte.

Gregor aber hatte wahrlich andere Dinge, die ihn beschftigten. Es tat sich
vor ihm das unermeliche Seelenleben der Vlker und Zeiten auf, das
Ringen um Gotteserkenntnis und eine objektive Wahrheit -- so alt wie die
Menschheit selbst. Das tdliche Ringen mit der Erkenntnis von der ewigen
Unzulnglichkeit und Unvollkommenheit. Licht und Finsternis untrennbar
verwoben. Das ewige Rtsel von dem Sein, in dem alle Rtsel von Woher und
Wohin, von Gut und Bse, von Werden und Vergehen zusammenlaufen.

Es sa ein kleines Mdchen und dichtete tolle Mrchen von ihm. Aber er ging
in der Flle des Lebens, trank von allen Bornen und zeigte keinem, auch den
Freunden nicht, auch Mutter und Bruder nicht, die Erschtterungen, die ihn
durchwhlten.

Einmal vor vielen Jahren, als die Jungens noch klein waren, hatte Herr
v.Zlchow unter dem Weihnachtsbaum zu seiner Frau gesagt: Sieh' Dir doch
mal die beiden bei dem Schaukelpferd an! Hans der Schlingel, kann sich doch
freuen wie ein Wilder, aber Gregor bleibt immer gelassen. Wo hat nur der
Junge diesen Schu Eiswasser im Blute her?

Was tut nun der Junge mit dem Eiswasser im Blute, als er den heiligen
Weltgeheimnissen dicht gegenbersteht?

Wenn er, der Hohe und Stolze, von seinem khnen Sattel einmal
heruntersprnge und in das verqualmte Herrenzimmer in Hohen-Leucken berm
Moor zu dem armen kleinen trichten Fritzchen ginge und ihm sagte: Du
reiches, heies, junges Kind, gib mir ein wenig von dem, was Du zu viel
hast! -- ja, dann knnte etwas Groes und Schnes sich vollziehen. Dann
knnten die tiefen und echten Erschtterungen, die dieses Menschen Wesen
ergreifen, den Frhlingsstrmen gleich sein. Dann knnte ber dem ewigen
Menschheitsdrang ins Dunkle, Unerklrte hinein, die klar-eisige, khle
Vornehmheit einer adligen Gesinnung, die ihre Grenzen kennt, wie ein
Knigszepter stehen. Dann ist der Priester der Vermittler, der Sprecher
Gottes unter den Menschen, in seiner hchsten Idee erreicht.

Aber es ist ein weiter dunkler Gang, der ber so ein Moor fhrt, und es
hngt vielleicht eine Lcherlichkeit an solch einer Art von Bittgang.
Gregor v.Zlchow kann viel, und die Menschen wissen es und staunen ihn an
-- aber etwas, das sehr dazu gehrt, wenn man ein tchtiger Mensch werden
will, das kann er nicht und wird es nie knnen: sich lcherlich machen, sei
es vor anderen, sei es vor sich selbst.

Er hatte keine Gestalt nach Schne, wird nie von ihm gelten. _Er_ hatte
groe Gestalt und Schne! Ach ja, er war ein schimmernder Held.




Fnftes Kapitel.


Als Fritzchen siebzehn Jahre alt war, kam sie doch einmal fr den Winter in
die Welt. Die reichen Verwandten, bei denen Gisela jetzt schon fnf Jahre
war, zogen ins Ausland und wollten zum Schlu, ehe sie auch Gisa wieder
abgaben, die beiden Schwestern einmal bei sich haben.

Fritzchen freute sich lange vorher wie toll auf diesen Winter. Sie trumte
sich die wunderbarsten Abenteuer zurecht, die ihr dort begegnen wrden. Mit
ihrem Kopf, der an Mrchen und Phantastereien gewhnt war, malte sie sich
das kommende Leben aus, als sei es nur eine Fortsetzung ihrer eigenen
bunten Geschichte.

Das wurde nun anders. In den hellen, berhellen Rumen, unter den leichten,
lauten, eleganten Menschen stand das Kind aus dem den, entlegenen
Moorwinkel wie verwirrt da. Man redete hier von Dingen, Bchern, Menschen,
Ereignissen, von denen sie nichts wute. Man lachte ber Scherze, die sie
nicht verstand. Man versuchte flchtig, sie ins Gesprch zu ziehen und lie
sie dann wieder beiseite liegen.

Mit Gisa war es die alte Geschichte wie vor Jahren, als sie noch Kinder
waren. Wenn Fritzchen sich bei ihr verkriechen oder sich an sie hngen
wollte, schttelte die sie heftig ab und tat, als kenne sie sie nicht. Sie
war auch wie eine Fremde, bestndig in lebhafter Unterhaltung mit Herren
und Damen, elegant, gewandt, und wie es dem armen Fritzchen erschien,
geistreich wie sie alle.

Auch die liebenswrdige Tante, bei der sie wohnten, schttelte ein wenig
den Kopf ber dies verirrte Kind. Aber Frida-- so hie Fritzchen
pltzlich -- Du mut Dir doch wohl eigentlich noch einige Fertigkeiten und
Kenntnisse aneignen. Das entschlpfte ihr eines Abends in der Kutsche, als
sie von einer kleinen Teegesellschaft heimkehrten.

Ja, es ist wirklich unglaublich! sagte Gisela.

Fritzchen wurde trotz des Dunkels blutrot. Sie fand jede Emprung, auch
die von Gisela, gerechtfertigt. Wie konnte sie nur so dumm und ungeschickt
sein!

Am anderen Morgen nahm die Tante sich das verstrte Kind vor, ihm wieder
Anweisungen zu geben. Aber wo war der Anfang zu finden? Die Tante war im
Gesellschaftsleben aufgewachsen, sie kam mit einem Menschenkinde, dem diese
ueren Bedingungen fehlten, was es auch dafr einzusetzen haben mochte,
nicht zurecht. Die Unterrichtsstunde verlief in peinlicher Unsicherheit
auf beiden Seiten, sie brachte auer einigen ganz kleinen Erfolgen noch
Miverstndnisse hervor und wurde klglich nicht wiederholt.

Von nun an galt Fritzchen als die Einfalt vom Lande, die zu dem Amsement
der anderen berufen sei. Sie wute das nicht, und durch die Schicht der
Hflichkeit fhlte sie das nicht hindurch. Dazu war sie in Wahrheit
noch allzu dumm auf diesem Felde. Aber das Gefhl endloser Fremdheit und
Verirrtheit blieb.

Allerlei an der Luftvernderung bekam ihr nicht. Sie fhlte sich matt und
fieberhaft und durfte mit ihrem Kopfweh ein paarmal zu Hause bleiben. Da
erfand es sich, da dies wieder ihre schnsten Abende wurden. Sie sa in
einem traulichen kleinen Seitenzimmerchen und hatte das elektrische Licht
ausgedreht, so da nur der Laternenschein von unten ins Gemach fiel.
Alle Gegenstnde nahmen unbestimmte Formen an. Da kauerte sie sich voll
glckseliger Behaglichkeit zusammen, und hier im fremden, bengstigenden
Berlin, an fremder Sttte, wo ihr Herz trotz aller Mhe nicht warm werden
wollte, fing sie wieder an, ihre bunten Bilder zu weben und zu spinnen. Der
Abend verflog ihr unter den Hnden, und sie erwachte wie aus einem schnen
Traum, als es drauen lebendig wurde und die Ausgeflogenen heimkehrten.

Aber Frida! Da sitzt Du noch! Es ist ja Mitternacht vorbei, weit Du das
nicht?

Sie bekam freundliche Schelte, nur Gisela sah entrstet aus. Wre sie mit
uns gewesen, Tante, so wre sie schon lngst mde geworden.

Sie war in einen liebenswrdigen, lustigen und eleganten Kreis geraten, der
kleine Mrchenfritz aus dem Wind- und Wolkenturm von Hohen-Leucken -- aber
sie htte wohl noch in einen besseren geraten knnen. Es kamen hin und
wieder Leute in den ihren hinein, die sahen sich nach ihr um und konnten
sie danach eine ganze Zeitlang nicht vergessen. Und das nicht darum, weil
sie sie als die Einfalt vom Lande amsierte.

Im ganzen spielte sie ja hier die unvorteilhafteste Rolle, die solch ein
unbehauener junger Menschenblock zwischen all den gehobelten, glatten und
strahlenden Figuren und Figrchen spielt. Es ist eine gar ehrliche Tragik
um diese Rolle.

Wo sollte sie nun hin? Wo pate sie nun hin? Immer nur in ihr altes des
Heimatshaus, das hier so sichtlich verachtet wurde? Was jeder hier konnte:
glatt in dieser Gesellschaft aufgehen, das konnte nur sie nicht? Woran
konnte es nur liegen als an ihrer hoffnungslosen Dummheit, da sie sich
hier stets zur Freude gewaltsam zwingen mute und erst wieder los und ledig
fhlte, wenn sie allein mit sich war wie an den schnen Kopfwehabenden?

Der kleine Mrchenfritz konnte es nicht wissen, da er nur falsch gelaufen
war, da es fr ihn noch schne und lustige Wege gab, auch auerhalb
des Nebelrings von Hohen-Leucken. Er kam im nchsten Frhjahr, ziemlich
zerbrochen in seinem Selbstgefhl und zerfallen mit sich und der ganzen
Welt ins Vaterhaus zurck.

                           *       *       *

Gisela war mitgekommen. Deren glnzendes Leben hatte jetzt vielleicht fr
immer ein Ende. Das war eine harte Nu fr das verwhnte Kind der Welt.

Drei Menschen sitzen im kalten, mrrischen Hause und warten, da es Sommer
wird ber dem Moor. Fr Fritzchen freilich ist der Sommer im Grunde heute
schon da, trotz Schnee, Hagel, Aprilsturm und Nsse. Aber sie will es nicht
-- nichts will sie wissen, hren, fhlen. Sie will hier nicht glcklich
sein, weil es doch nur ein neues Zeugnis ihrer Dummheit ist. Aber was
hilft's, da sie nicht will? Sie sieht das Moor und sieht die Wolken, sie
riecht Papas Zigarren und sieht sein rundes, rotes, brummiges Gesicht, sie
rennt durchs Haus und ber die zugigen Treppen, es zieht und pfeift aus
allen Ecken, Jakob klappert mit dem Mittagsgeschirr, ihr alter Tisch steht
noch am Fenster -- alles ist, wie es war -- ach Fritz, Fritz, was tut man
mit all der Freude, und wenn man auch noch so klug sein mchte!

Papa, was hast Du den ganzen Winter angefangen?

Herr v.Drfflin sieht nicht wohler aus seit dem Herbst, als Fritzchen
abreiste, auch durchaus nicht lustiger. Ja, was hat er angefangen?

Nichts, Fritz.

Nichts. Der Fritz wird langsam ernst und seine Blicke werden verwirrt. Was
wei ein siebzehnjhriges Geblt von dem Nichts, in das ein armseliges,
verloddertes Leben versinkt?

Frulein Miller war nicht mehr da, ihr Amt in diesem Hause war beschlossen.
Sie war nie eine liebenswrdige, weitherzige Gefhrtin gewesen, aber nun
fehlte sie Fritzchen doch. Sie sollte ja nun vollstndig erwachsen sein.
Ach, dieser Wirrkopf hatte wohl noch manches Jahr vor sich, ehe man ihn fr
erwachsen nehmen konnte.

Also sprach auch Frulein Gisela. Sie hatte hier keine Freude an dem
klappernden Jakob, an Zigarrenrauch und Wolken. Sie nahm Ansto an allem,
besonders auch an Fritzchen. Es verging kein Tag, an dem sie nicht um die
versunkene Herrlichkeit klagte.

Wie fein war sie geworden! Ja, sie hatte schon Grund, hier unzufrieden zu
sein. Ihre khlen, schlanken Hnde waren so wei, ihr blondes schlichtes
Haar hatte durch sorgsame Pflege einen sanften Glanz erhalten, auch
verstand sie, sich prchtig zu frisieren. Alle ihre Kleider hatten einen
eleganten Sitz, ihre Bewegungen, ihre Sprechweise waren klar, vornehm und
ruhig. Was war dagegen der Struwwelkopf aus der Turmstube?

Fritzchen bewunderte dies feine, sichere Wesen. Ach, wer jemals so werden
knnte! Aber das zu wnschen, war wohl hoffnungslos. Der schlimme Winter
sa noch wie brennendes Gift im Blut. Aber nun kam der Sommer ber das
Moor.

Wit Ihr denn, wie der Sumpf blhen kann, Ihr Stadtmenschen, ihr
Lampenmenschen! Wie es sich da liegt, da hinten in der Lichtung hinter dem
alten Graben, wo man sich im Gras verstecken kann, so hoch steht es. Kennt
Ihr das Zirpen und Schwirren und tausendfache Leben um einen her, und die
Sonnenstrahlen flirrend durch die Zweige?

Gisa, willst Du mit an den alten Graben?

Was willst Du da?

Im Gras liegen. Seerosen bring' ich auch mit.

Die Frage war recht berflssig. Gisa -- Gisa sollte in den durchlcherten
Kahn steigen, der bei jeder Fahrt rapide Wasser zog, dann landen --
Fritzchen nannte das nmlich landen! -- an einer sumpfigen Stelle, wo man
nur von einer Baumwurzel zur anderen springend, schlielich auf eine
feste Grasflche gelangen konnte -- und das alles, um schlielich ein paar
Stunden im Gras zu liegen mit krabbelnden Wrmern und Ameisen im traulichen
Bunde. Danke, liebe Frida. Fahre nur allein.

Ja, Gisa, Prinzessin Unmut, wie soll denn das werden? Das sind doch
die hchsten Freuden, die Hohen-Leucken bieten kann! Fritzchen
grbelte angestrengt. Sie ehrte Giselas Unmut und fhlte sich brennend
verantwortlich, ihn zu zerstreuen.

Gisa, soll ich Wilhelm sagen, da er anspannt? Ich kutschiere Dich ber
die Felder.

Bei diesem ewigen Wind? Und meine Haare? Und immer nur ber die Felder?
Nein, Fritzchen, Du meinst es gut, aber das ist wirklich kein Vergngen.

O, jetzt wei ich etwas! Willst Du bei mir reiten lernen?

Bei Fritzchen reiten lernen. Eine zweifelhafte Gunst. Bei wem hast Du es
denn gelernt?

Bei mir selbst, natrlich.

So? Und welches Pferd hast Du dazu?

Ach, Mt. Eigentlich heit es Erdmuthe. Papa hat sie mal als
zurckgesetztes Remontepferd gekauft, aber sie geht nicht an der Deichsel.
Wilhelm sagt, es ist nichts mit ihr zu machen, sie ist verdammelt. Da habe
ich voriges Jahr mit ihr losgelegt. Aber fein! ber den Graben hinter dem
Bllinger Kreuzweg setzt sie wie ein Pfeil. O, wenn Du mal mitknntest. Du
nimmst vorlufig den Schecken vom zweiten Gespann. Der geht wie ein Lamm
und hat keine Mucken.

Ja, wenn ich einen richtigen Reitlehrer hier htte! Aber auch dann! Es
mu doch schrecklich stuckern! Nein, la mich nur. Das ist alles nichts fr
mich. Aber da nun die Leute wissen, da ich wieder hier bin, mu sich doch
am Ende wohl etwas Verkehr hier anfinden auf dem alten Rubernest.

Fritzchen schlich sich zum Papa. Papa, Gisa langweilt sich hier so. Kannst
Du es nicht machen, da manchmal wieder Besuch herkommt?

Ja, wie soll ich das machen?

Wenn Du es nur willst, kannst Du es schon machen.

Es war ein sonnenleuchtender Junitag. Vor dem Fenster im Hof blhten die
alten Linden und ihr Duft strmte in die beiden offenen Fenster herein.
Herr v.Drfflin war in Joppe und Reitstiefeln, er wollte auf die Entenjagd
gehen. Was ist es fr ein anderes Ding um solch ein Landjunkergesicht zur
Sommers- als zur Winterszeit! Heute sieht es frisch, gespannt, gebrunt,
unternehmend aus und hockt nicht in Dumpfheit und im Gefhl des Nichts.

Ja, Fritz, das denkst Du Dir so.

Am Abend kam er zurck, und beim Abendessen warf er hin, als mache er
eine Bemerkung ber das Wetter: Morgen kommt Hans Henning v.Zlchow. Die
Tannenwalder wollen nchste Woche auch einmal kommen.

Die Tannenwalder waren im Grunde ziemlich langweilige und herkmmliche
Leute. Aber es war ein junger Sohn dabei, der Jura studiert hatte und sich
jetzt in das vterliche Gut einarbeitete, und eine Tochter, die gleich
Gisela mehrere Jahre in Berlin gewesen war. Das Ding legte sich also recht
vielversprechend an.

Fritzchen blieb der Mund offen stehen. Wie hast Du das so schnell gemacht,
Papa?

Diese Fragerei pate ihm nicht. Ich hab' gar nichts gemacht! schnauzte
er sie an. Wir haben uns getroffen, wo der alte Graben in den Tannenwalder
See geht. Der Zlchow war mit dem alten und dem jungen Euler da auf
Entenjagd.

So weit ist er wegen der Enten gerudert? dachte Fritzchen, aber sie htete
ihre Zunge. Nach dem Abendessen ging sie in die Kche, die Enten zu sehen,
die der Herr geschossen hatte.

Er hat gar keine abgegeben, gndiges Frulein, sagte die Mamsell.

                           *       *       *

Damit fing der Verkehr im Herrenhause von Hohen-Leucken wieder an.

Es war jetzt doch alles anders wie ehedem. Alte, unliebsame Geschichten
waren vergessen, Herr v.Drfflin erschien als vllig unschdlich, und zwei
junge, aufblhende Tchter waren im Hause. Giselas Ruf als Weltdame machte
Karriere, sie hatte die Art, gleichzeitig zu imponieren und zu gefallen.
Trotz ihrer Sicherheit und Gewandtheit war sie auch fr die plumpesten
Junker handlich, verstand auf die trivialsten Gegenstnde mit entzckender
Leichtigkeit einzugehen und ihnen dadurch den Glanz von etwas ganz
Besonderem zu verleihen.

Es blieb nicht bei Hans Henning und den Eulers aus Tannenwalde. Es kamen
die Brs, die Leisewitzens, die Winkels dazu, ja eines Tages hatten Herr
und Frau August Schultze mit dem Sohn und Erben Leopold, die drben das
Bllinger Rittergut dem verschuldeten Baron Laue abgenommen hatten, Besuch
gemacht und waren nicht wieder los zu werden. Herrn v.Drfflins Adelsstolz
entsetzte sich, er war geradezu schmhlich ungezogen zu diesem Besuch.
Aber es war, als ob er mit aller Wucht seines Knppels auf eine leere Haut
schlge, statt auf den Esel, so unschuldig blickte Herr Schultze drein.
Nachher -- lange Auseinandersetzungen mit Gisela. Die hatte sich mit Herrn
Leopold sehr nett unterhalten, fhlte sich von seinen groen Reisen und
seinem flotten Weltleben angeheimelt und wnschte durchaus, diesen Verkehr
festzuhalten und: lcherlich veraltete Vorurteile beseitigt zu sehen.

Jawohl, es kam denn auch zu Tage, da dieser Proze beseitigter Vorurteile
und demnach einer Aufnahme Herrn Schultzes in den Verkehrskreis bei den
Winkels, den Leisewitzens und verschiedenen anderen bereits lngst in aller
Stille vor sich gegangen sei, und Herr v.Drfflin hatte jetzt nicht
mehr Mark und Ausdauer genug, um eine so vllig isolierte Wut- und
Abwehrstellung festzuhalten. Herr August Schultze mit Familie gehrte
danach also auch zu den Besuchern von Hohen-Leucken.

Es kam noch bunter. Die beiden jungen Tchter wurden eingeladen, und
Gisela fand, obwohl es ihr selber Unbequemlichkeiten machte, da eine
Gesellschaftsdame hier jetzt unumgnglich ntig sei. Herr v.Drfflin
sagte: Verdammter Unsinn, da wird nichts draus! Fritzchen machte ganz
entsetzte Augen und rebellierte dagegen. Aber Gisela war die einzige, die
etwas von solchen Dingen verstand, die Dame wurde verschrieben, und im
nchsten Winter war sie da. Es war die Witwe eines Offiziers, von Adel
und auerordentlich mit den Formen der feinen Welt vertraut. Sie hie Frau
v.Pohle, war energisch und trotz aller Weltfrmigkeit voll tiefer, ruhiger
Gte. Ein strmisches Leben hatte sie hart geschttelt, so da sie nicht
mit den Ansprchen eines verwhnten Herzens nach Hohen-Leucken kam. Das
nchterne, hliche Haus, der verbummelte Mensch, der hier Hausherr war,
die beiden verschieden gearteten und verschieden geleiteten Tchter, die
stumme, kahle Einsamkeit der Gegend, alles sprach ihr stark zum Herzen
und bewog sie, hier ihre beste Kraft und Liebe, ihren feinsten Takt
einzusetzen, um auf diesem verwilderten Felde doch noch eine gute Saat zu
ziehen.

Fritzchen begriff es schlecht, was fr sie da kam. Sie hatte bisher auch
nur drftige Erfahrungen mit den Gestalten ihrer Umgebung gemacht. Es war
ein zur Not mit ihnen Fertigwerden gewesen, sonst nichts. Wo war die Hand,
die sie behtet hatte, als sie ihren Trumen bis in die Wolken nachlief,
oder ihnen auf einem unerzogenen Pferde ber Grben und Brachen nachjagte
-- die ihr gegeben htte, als sie hungrig und durstig war, die ihr den
wirren Kopf mit seinem tollen Phantastenkram gestreichelt htte, die sie
gefhrt htte, als die Wege sich verwirrten?

Immer sich selbst war dieser junge Vogel berlassen worden. Nun duckt er
sich, nun huscht er davon, als eine feine Hand ihn fangen mchte. Er hat
die Kfige, die er vom vorigen Winter her kennt.




Sechstes Kapitel.


Gregor v.Zlchow trat aus Fritzchens Mrchenbchern heraus und stand in
Fleisch und Blut vor ihr da.

In der Stunde, da dies geschah, da sie ihn, der ihr schon fast zu einer
Sagengestalt verschollen war, in der Blte seiner jungen Herrlichkeit
wiedersah, da fielen alle ihre selbsterdichteten Mrchen und Trume wie
Schatten hin, wie Nebel, wenn der Morgen der leuchtenden Wirklichkeit
kommt. Und von dieser Stunde an bis zu den Jahren, die ganz, ganz anders
aussahen, dichtete sie kein Geschichtchen mehr.

Es war in Rummelshof zur Sommerszeit. Seit Frau v.Pohle im Hause war,
hatte sich in der Auffassung der Gegend viel verndert. Selbst die Freifrau
v.Zlchow, diese exklusiveste und empfindlichste aller Landedeldamen, fand
es jetzt ganz natrlich, mit den Drfflins zu verkehren, und sie selber
betrat dieses Haus, das sie einst so tief miachtet hatte, mit ihrem Sohn
Hans Henning, dem jungen Offizier.

Hans Henning war gerade wie Fritzchen seiner ersten Kinderliebe treu
geblieben, nur da es bei ihm etwas weniger phantastisch zuging, aber nicht
sehr viel. Er war ein offener, liebenswrdiger und starker Junge, mit
der Einseitigkeit und dem Idealismus eines krftig empfindenden, wenig
philosophisch angelegten Gemts. Er liebte mit groer Hingabe und
strmischer, vollkommen blinder Parteinahme alles, was ihm Natur und
Verhltnisse nahegebracht hatten: seinen Beruf, seine Mutter, den
Rummelshof und ber alles seinen klugen, stolzen Bruder. Aber seine Liebe
war von der Art, da sie denen, die ihre Bequemlichkeit lieben, manchmal
lstig fallen konnte. Er war zu gern in ihrem Dienst ein Raufbold. Es
war vorgekommen, da er einem Jungen, der das theologische Studium seines
Bruders verspottet hatte, das Nasenbein eingeschlagen hatte. Seine Mutter
hatte eine Menge Unannehmlichkeiten, ngste und Kosten davon. Seine Lehrer
klagten hufig ber ihn, er war faul, wild und hndelschtig.

Die Baronin Zlchow liebte solche Berhrungen mit der Auenwelt nicht. Sie
bekam dadurch eine Gereiztheit gegen ihren tollen Hans. Da er im Grunde
der weichherzigste Junge und der liebevollste Sohn war, konnte sie nicht
recht vershnen. Ihr wre es angenehmer gewesen, er htte ihr seine Liebe
in Gehorsam und Wohlverhalten bewiesen, statt sie nur wie eine Sonne ber
seine Untaten leuchten zu lassen.

Fr Fritzchen war er immer der beste Herzenskamerad und Mitwisser all
ihrer Erlebnisse, Betrachtungen und Phantastereien. Nur um ihr schnstes
Mrchenland, in dem Gregor regierte, hing sie einen dichten Schleier.

Da kam der Sommertag auf dem Rummelshof.

Es war eine groe Gesellschaft dort. Zwischen den Bumen des Gartens waren
Drhte gezogen, denn am Abend sollte Feuerwerk sein. Die Dienerschaft
war verstrkt, aus dem tiefsten Dunkel des Kellers kamen die ltesten
Weinflaschen ans Tageslicht. Die Baronin trug violette Seide, sie sah wie
eine Knigsmutter aus.

Alles war zu Ehren ihres ltesten Sohnes Gregor, der vor einigen Monaten in
das Predigtamt in einer kleinen Residenz eingefhrt war und heute zu seinem
ersten Besuch seit Jahresfrist kam.

Wie es so kommt, der erste Moment, als Fritzchen ihn wiedersah, war ein
Erstaunen: Ach -- so sieht er aus? Das ist er?

Es ist wie eine leise Enttuschung, oder wie eine Erlsung, ein Abfinden
zwischen war und ist, zwischen Traum und Wirklichkeit. Es ist kein
Wunder, wenn das Alte, das so strahlend und herrschend war, sich wehrt,
zuckt, das Neue schlgt. Aber das Neue ist doch mchtiger. Es hat Klang und
Farbe und Raum. Du stutzest, du lt die alten Fden fahren und schaust nur
und schaust -- und dein Herz, nach einem kurzen leeren Stillstand, setzt
jhlings mit einem Wirbel wieder ein.--

Gndiges Frulein--

Das war der junge Pfarrer, Gregor v.Zlchow, der im Gesellschaftsrock in
einem der Rummelshfer Zimmer ihr seine Verbeugung machte. Ich habe schon
die Ehre der Bekanntschaft aus frheren Jahren.

Ja gewiߠ--, stammelte Fritzchen.

Sie schmte sich pltzlich zum Umfallen. Von diesem feinen, khlen,
wildfremden Herrn hatte sie Mrchen ohne Ende gedichtet und noch dazu
aufgeschrieben? O nein, o nein, das war ja ein ganz anderer!

Sie ging umher wie wirr unter all den Menschen. Vielleicht hatte sie in
ihrem Leben noch nicht so reizend ausgesehen. Sie trug ein weies Kleid mit
Matrosenbluse, als sollte immer noch das Jungenshafte an ihr betont werden,
aber ihr rotbraunes Knabenhaar hatte man jetzt wachsen lassen und es war
in einen Knoten geschlungen. Nur zwei, drei rote Rschen aus dem Garten zu
Hause steckten ihr im Haar und vor der Brust. Im ganzen sah sie zwischen
all den sorgsam angezogenen Damen aus, als habe man sie eben in der Wiese
eingefangen und mit hergebracht.

Sie sah und hrte nichts von all den Leuten um sie her. Wenn man sie
ansprach, mute sie sich erst besinnen, ehe sie eine Antwort zustande
brachte. Auch das stand ihr reizend, es gab ihr den Anflug einer sen
Vertrumtheit, der ihr ganzes Wesen dmpfte und reizvoll verschleierte.

Die wundersame Umwandlung der Traumwelt in die Wirklichkeit hatte sich
vollzogen. Alles Vergangene war versunken und verhallt. Er trug keinen
Panzer und keinen Helm, sondern einen schwarzen Theologenrock und einen
hohen weien Kragen mit schwarzem Schlips. Er hatte ein khnes, schmales,
bartloses Gesicht von niederlndischem oder englischem Typus, und vor den
dster ernsten, durchdringenden Augen trug er eine goldene Brille.

Nachdem der erste Wirbel vorber war, fhlte Fritzchen sich unter all den
Menschen so geborgen wie in einer lichten, goldnen Wolke. Sie schwatzte,
lachte, und wute schon in nchster Minute nicht mehr, was sie gesagt
hatte. All ihr Tun war wie das Schwirren eines frhlichen kleinen Vogels,
der eben fliegen lernt. Es lag ihr gar nichts daran, immer in Gregors Nhe
zu sein. Ja, sie spielte mit ihrem Glck, indem sie mit Hans Henning
oder sonst einem lustigen Menschen viertelstundenlang in den Garten lief,
Erdbeeren naschte oder in dem romantischen Parkteich herumruderte. Das
bloe Gefhl, da er ja da war, da sie ihn in jedem Augenblicke, wenn sie
nur wollte, sehen konnte, das krnte alles mit berirdischem Glanz.

Herr Pfarrer Gregor war ja auch der Mittelpunkt des ganzen Festes. Wie sehr
ihm alles huldigte, und wie wichtig er, der blutjunge Mensch, hier genommen
wurde, das erschien Fritzchen als die natrlichste Sache von der Welt.

Beim Abendessen wurden pompse Toaste ausgebracht, alle auf den jungen
Pfarrer. Es war im Grunde eine ziemlich alberne Lobhudelei, die man teils
der Mutter, teils seiner allerdings stark verheiungsvollen Karriere wegen
in Szene setzte. Fritzchen htte zu jedem Toast jauchzen mgen, nur war
ihr es immer noch nicht genug. Der Umschmeichelte dagegen sah unter
seiner tadellosen Maske der Hflichkeit ein wenig gelangweilt und
leicht angewidert aus. Er hatte ein Lcheln um den Mund, das nicht jeder
vierundzwanzigjhrige Junge hat.

Nach dem Essen wurde das Feuerwerk abgebrannt. Das war fr die junge Welt
ein groes Entzcken. Aber Gregor gehrte nicht zu der jungen Welt, er
stand und sa bei den Alten auf der Terrasse oder in den Zimmern. Hans
Henning sollte das Abbrennen besorgen, und Fritzchen, die fr allen
Firlefanz des Lebens sehr veranlagt war, bewies sich als unentbehrlichste
Hilfskraft. Was hatte sie auch vom Zuschauen? Selber das Feuer wecken,
die Spiel-, Sprh- und Lrmgeister des Feuers wecken, da sie hoch in den
stillen Nachthimmel auffliegen, prasselnd niederstrzen, ihm, dem Herrn des
Tages zur Ehre!

Sie verbrannte sich ein paarmal die Fingerspitzen; was tat das? Bebend, mit
glhenden Wangen sah sie ihren Raketen, Leuchtkugeln und farbigen Garben
nach. Heil Gregor! rief ihr Herz. O, htte sie es nur laut rufen drfen.

Seht die beiden Feuergeister! wurde gerufen. Damit meinte man Hans
Henning und Fritzchen. Sie sehen auch wohl geisterhaft genug aus. Hans, der
selige Narr, strahlte. Hren Sie das, Frulein Fritz?

Es stieg viel Torheit, Unsinn und Gaukelei mit diesen Leuchtkugeln und
Raketen auf. Man knnte sich wohl ebenso gut an eine Feuergarbe hngen,
um mit ihr in die Luft zu gehen, als sich von seiner Liebe und ihren
Verheiungen betren zu lassen. Aber die Beiden wollten nicht hren, was
ihr feuriges Spielzeug sie lehren mchte.

Aus, vorbei. Der letzte Effektknall verhallt, dunkle Nacht. Lachend und
tappend suchen die Gste in den Steigen des groen Gartens sich den Weg,
um ins Haus zu kommen, oder auch nicht ins Haus zu kommen. Die Feuergeister
haben manch tollen Spuk geweckt. Herr Gregor, der junge Pfarrer, ist nun
doch nicht nur fr alle der Mittelpunkt und der Zweck dieses Festes.

Frulein Fritz, sagte Hans Henning. Ich glaube gar, Sie haben sich die
Finger verbrannt.

Ja, das habe ich! sagte sie mit der Verzckung eines Mrtyrers.

Ach! Tut es Ihnen weh?

Ja, frchterlich!

Er geriet gebhrendermaen auer sich. Wir mssen sofort l anwenden!
rief er.

Nehmen Sie bitte meinen Arm, Frulein Fritzchen. Sie stolpern sonst ber
die eingeschlagenen Pflcke. Ach, wie war ich ungeschickt, das zuzulassen!

Sie lie ihn jammern, und berlegte dabei, wie es anzustellen wre, da
Gregor ihre Verletzung she. Ihr Mut war jetzt so ungeheuer geschwellt,
da sie seine Ansprache, sein Staunen, sein Bemitleiden gut htte ertragen
knnen, ohne umzufallen. Ja, sie wnschte sich nichts heier als das.

Aber als sie auf die erhellte Terrasse kamen, fing ihr Herz doch wieder
an zu klopfen. Da stand er, und gerade in der Glastr, durch die sie gehen
mute!

Frulein v.Drfflin hat sich beim Feuerwerk verbrannt, sagte Hans in
aufgeregtem Ton zu ihm.

Verbrannt, rief Gregor. Hans, wie konntest Du das zulassen? Darf ich
einmal sehen, gndiges Frulein? Da mu aber gleich fr Hilfe gesorgt
werden.

Fritzchen reichte ihm mit einem entzckten Lachen ihre Hnde hin, die
Brandstellen waren in der Tat sichtbar. Aber sie wnschte sich, da ihre
ganzen Hnde verbrannt sein mchten, damit er doch auch etwas Rechtes zu
sehen bekomme. Doch es war schon vorbei, ein paar Damen hatten sich
sofort herangeschoben, sie wurde von mehreren Armen umschlungen, gekt,
getrstet, bedauert bis zur Unertrglichkeit. Selbst Hans Henning
hatten sie von ihr fortgedrngt, und in dieser Kohorte gelangte sie
ins Schlafzimmer, l, Watte, Lppchen waren da, Frau v.Zlchow, die
Knigin-Mutter, rauschte auch herein und verband sie sorglich mit eigener
Hand.

Solche Anstellerei um das bichen Verbrennen! dachte Fritzchen entsetzt.

Ja, aber wer hatte sich denn angestellt da drauen im Garten und als man
die Terrasse heraufkam?

Na, es ist auch so ganz gut. Nun hat man zwei verbundene Hnde, das sieht
entsetzlich groartig aus und mu unendliches Mitleid wecken!

Frmlich strahlend vor Prahlerei betrat das blessierte Fritzchen wieder den
hellen Bannkreis der Gesellschaft. Gregor kam zu ihr, bedauerte sie, da
sie um seinetwillen leide, fate ihre Hand und berhrte mit den Lippen
die freie Stelle oberhalb der Verbandlappen. Da wurde das Glcksgefhl so
bermchtig in ihr, da sie am liebsten die Arme ausgebreitet htte und ihm
um den Hals geflogen wre.

                           *       *       *

Eine lange Rckfahrt im stockdunklen Wagen durch die graue Sommernacht, die
eintnig auf den weiten Feldern lag, nur am Rande in dmmernden Strahlen
umspielte das Sonnenlicht, das um diese Jahreszeit nie ganz verlischt, den
Horizont.

Man hatte die groe Kutsche genommen, weil Gisela bei der Fahrt durch den
Wind Haar und Toilette geschont haben wollte. Nun sah man nur durch
die Glasfenster die grauen Felder vorbergleiten. Fritzchen sa auf dem
Rcksitz; sie htte ihren heien Kopf gerne drauen in der khlen Nachtluft
gebadet, aber auch da sie dies nicht konnte, bedrckte sie heute nicht.
Sie nahm den Hut ab, lehnte den Kopf in die Ecke, und so zurckgezogen ins
Dunkel, hrte sie, was Frau v.Pohle und Gisa miteinander sprachen.

Frau v.Pohle sagte: Welch ein eigentmlicher frhreifer Mensch dieser
lteste Sohn ist!

Gisela fragte, ob er ihr gefiele. In der Betonung der Frage lag schon die
Annahme, da jeder unbedingt Ja sagen msse. Aber Frau v.Pohle zgerte.

Gefallen? Liebe Gisela, ich mchte das kaum sagen. Es ist mir zu wenig
Einfachheit und Lebensfrische an diesem jungen Menschen. Er kommt mir vor,
wie ein knstliches, wunderschnes Gebude aus Eis, das aber nur in einer
Eisatmosphre existieren kann. Vor der Sonne mte er schmelzen.

Fritzchen fuhr auf, doch Gisela nahm ihr schon das Wort aus dem Munde.

Aber Frau v.Pohle! Er hat doch so viel Sonne um sich. Seine Mutter, seine
Freunde--

Nein, mein Kind, das ist nichts, das durchdringt seine Atmosphre nicht.
Es ist eine seltsame Tragik um diesen jungen Pfarrer, aber freilich fhlt
er sie selber wohl am wenigsten.

Tragik? sagte Gisela lchelnd. Sie fhlte sich manchmal bewogen, ber
Frau v.Pohle zu lcheln. Die wre doch wohl nur konstruiert. Haben Sie
gehrt, da die Mglichkeit vorliegt, da er nchstens Hofprediger wird?

Hofprediger?

Ja, man sagte allgemein so. Das heit, man flsterte es sich zu. Die
jngste Prinzessin, Maria, soll eine starke Vorliebe fr ihn haben, und sie
vermag alles ber ihren Vater. Sie hat Gregor Zlchow einige Male predigen
gehrt und ihn auch zu sich befohlen. Sie soll ihm groe Avancen machen,
man spricht in der ganzen Residenz davon.

Man spricht in der Residenz wohl so gern und viel wie berall, sagte
die alte Dame leise mahnend. Doch kann es ja so sein. Der Weg, den
Herr v.Zlchow geht, wird sicherlich nicht der gewhnliche aller
Alltagsmenschen sein. Er wird viele Abenteuer haben, die ihn interessant
machen. Ach, meine lieben, jungen Freundinnen, es ist eine bange Sache um
einen Menschen, der sich also vermit, mit dem Leben und seinen Gestalten
zu spielen, wie dieser Freiherr und Pfarrer! Denn im letzten Grunde lt
das Leben doch nicht mit sich spielen!

Fritzchens Gesicht glhte. Hatte sie es nicht gewut? Prinzessinnen kamen
und suchten seine Gunst! Ja, wohl war sein Weg nicht der, den andere Leute
gingen. Frau v.Pohles sonstige Randglossen hrte sie nicht. In ihren Ohren
klang es wie se, rauschende Musik.

Der liebste aus diesem Rummelshfer Hause ist mir der junge Leutnant,
sagte Frau v.Pohle. Da ist Frische und lebendige Kraft. Der stellt sich
des Lebens Dinge nicht wie Schachfiguren hin, damit beliebig nach rechts
oder links, vor- oder rckwrts zu ziehen. Der lebt seinen Tag als
frischer, unbekmmerter Junge. Der nimmt sich nicht selbst auseinander und
setzt sich wieder zusammen. Der ist aus einem Gu!

Ach -- Hans Henning, sagte Gisela wegwerfend, in dem blichen Ton, in dem
man gewhnlich von ihm sprach, von der Mutter herab bis zu den Bekannten
des Hauses und den Reitknechten im Stall.

Frau v.Pohle lachte. Das ist eine Geschichte zum Hnderingen, rief
sie aus. Wit Ihr wohl, woran es liegt? Diesem Jungen schadete die
Nachbarschaft seines glnzenden Bruders! Ihr alle habt, wenn Ihr ihn
ansaht, noch das Blenden im Auge von dem anderen. Ja -- Gregor! heit es,
und dann ganz sanft und barmherzig: Ach, der Hans! Ich mchte Euch hier
wohl mal ein bichen eine Predigt halten ber Menschen und Menschenwert.
Ich sage Euch, meine Lieben, dieser Herr Gregor, so totenernst, wrdevoll,
eisig und alt er aussieht, der versteht das Leben nicht und nimmt es im
Grunde nicht so ernst wie dieser lustige, prachtvolle Schlingel, der Hans.
Der wird seinerzeit verstehen, damit zu ringen und es sich untertan zu
machen. Was dieser knftige Hofprediger damit anfangen wird -- ach ja,
da wird das Zuschauen kein groes Vergngen sein. Er wird sich daran
vorbeidrcken, denke ich.

So denken Sie? rief Fritzchen mit ausbrechender Wildheit. Sie
zerknitterte ihren Hut, da das arme Stroh laut krachte und knirschte.
Ich denke anders! Alle denken anders! Herr Gregor wird sich nie an etwas
vorbeidrcken! Sie haben ihn einmal gesehen, ich kenne ihn, als er noch
Junge war. Er ist der bedeutendste und grte Mensch auf Erden! Ich lasse
kein Wort auf ihn kommen. Ich habe ihn lieber als Himmel und Erde!

Da war's heraus! Was tat es? Die ganze Welt konnte es hren, da sie hier
stand, bereit zu leben und zu sterben fr ihn.

Sie hatte auch bei ihrem letzten Ruf aufrecht gestanden in der Kutsche,
aber das Rad fuhr ber einen Stein, da fiel sie unrhmlich auf ihren Sitz.
Das machte nichts aus. Sie gab noch einen flammenden Satz dazu:

Ich verlache jede Beschuldigung ber ihn!

Aber Fritzchen! Wie ungezogen! rief Gisela entsetzt. Wie kannst Du so zu
Frau v.Pohle sprechen! Da sehen Sie wieder, wie sie ist!

Lassen Sie doch, Kind, sprach Frau v.Pohle. Liebes Fritzchen, ich habe
nicht gedacht, Ihr Herz zu krnken. Um Gott, Kind, nein. Sehen Sie einer
alten Frau solche Gedankenspielerei nach. Das Leben wird ja erst beweisen,
was richtig und was barer Unsinn an meinem Geschwtz war.

Aber wie kannst Du Deine Neigung so ausschreien! rief Gisela, noch immer
aufgeregt vor Entrstung. Das tut man doch nicht. Du blamierst Dich ja
grenzenlos, Frida!

Was kmmert's mich! entgegnete Fritzchen trotzig.

Frau v.Pohle dachte: Jawohl -- Dich, starkes, junges Herz, kmmert's in
der Tat nicht, ob Du Dich blamierst. Das ist das zweifelhafte Vorrecht
derer, die Dich tadeln. Glckauf, Du freie Menschenseele!

Aber sie sagte das nicht. Fr alle ihre Predigten war ihre Zuhrerschaft in
der dunklen Kutsche doch noch nicht reif genug.

Behalte Du nur Deinen Gregor! dachte sie ohne Sorge, solange wie Dein Herz
dieses Bild tragen mag, Du schnes, wildes Kind. Ich traue: eines Tages
siehst Du Dich verwundert um, wo es geblieben ist.




Siebentes Kapitel.


Aber es ist ein undankbares Amt, Prophet zu sein.

Fritzchen schlo ihre Blumenbltter fester um sich zusammen. -- Hier war
eine Gelegenheit, so gro und stark, so weit und sonnig, eine Mutter zu
haben, eine edle Freundin, ein frhliches und doch weises Herz, stets
aufmerksam und zur Stelle.

Nein, Fritzchen will das nicht. Sie geht in ihre Turmstube und spricht
mit den Wolken, die ber das Moor gehen. Das sind ihre Freunde und
Gesellschafter.

Sie gehen massig, grauschwarz, mit hellen, blendenden Rndern. Unten sind
es nur noch ziehende Schneeberge. Sie ziehen vorber, andere kommen und
ziehen auch. Schon wieder ist das Bild verndert. Die Sonne kmpft mit der
schwarzen Wand, sie kmpft umsonst, sie erlischt. Horch, wie der Wind in
Sten kommt!

Dies Kind kennt die Wolken wie keines und den Wind ebenso. Ist es nicht mit
ihm um die Wette geritten ber die brunliche Ebene?

Vielleicht ist es Gregor v.Zlchows eigenes Leben, sein krftigstes,
schnstes Leben, das da mit fliegendem Haar auf der schwarzen Mt ber den
Graben setzt hinter dem Bllinger Kreuzweg! Halt fest! -- Oder lt er es
vorbei?

Nun ja, der Hans mu ja auch etwas haben, wenn er Hofprediger wird!

Gregor steht am Graben neben dem Kreuzweg. Welcher Teufel oder welcher
Engel fhrte ihn hierher, da der Wind sauste und dies tolle, herrliche Bild
heranfhrte?

Er stand still, am Fusteige neben einem Baum.

Hussa, Mt!

Er aber war nicht mehr als ein Baum am Wege. Herrin, Knigin in diesem
Bilde war sie, die daher kam, sie, die Schwester und Braut des Sturmwinds!

Sie war vorber, ohne ihn gesehen zu haben!

Wer sieht die Bume an, wenn er mit den Wolken Haschen spielt? Er stand und
sah ihr nach, der Staub flog hinter ihr auf.

                           *       *       *

Hans Henning kam zu seiner Mutter, die mit Gregor auf der Veranda sa.
Morgen hie es fr beide Shne wieder scheiden. Hans Henning mute, Gregor
wollte, so war es schon manch liebes Mal gewesen.

Der Abend dmmerte. Der Himmel stand regendrohend ber den Bumen des
Gartens, sie raunten leise wie in bangem Vorgefhl. So bange war auch
der Baronin zu Mut. Ach, dies immer neue Scheideweh! Und wer hielt des
Scheidenden Herz, da ihr wenigstens das blieb?

Ja, Gregor lieben, das hie, tglich sterben. Liebte sie diesen Sohn am
hchsten auf der Welt, so litt sie auch um ihn am tiefsten. Er rchte
unbewut den anderen, den bersehenen, den immer matt und halb Geliebten.

Wie war dieses Jngeren Herz jetzt voll! Stand es nicht auf seiner Stirn
geschrieben, auf seinem Mund, seinen Augen, seinen Hnden, in jeder
Bewegung, die er tat? Aber man hatte keine Zeit, diese Ziffern zu lesen. Es
war ja nur Hans!

Die Mutter sprach mit Gregor. Sie tippte an etwas, das auch sie hatte von
fern nur luten hren, ohne da er ein Wort darber verloren hatte: an
seine Hofprediger-Aussichten.

Gregor -- ist etwas daran? Ist das mglich?

Wie kalt und stolz blickten die blauen Augen! Mglich? Ja, Mama. Aber
lassen wir das, Du erfhrst jede Tatsache, sobald sie vollendet ist!

Gewi, gewi, sie erfuhr jede vollendete Tatsache. Das war die Speise, die
ihr bester Sohn ihr gab, wenn ihr Mutterherz verhungern wollte.

Hans Henning aber brannte das Herz in der Brust. Ach, er wollte etwas
anderes geben, als eine vollendete Tatsache. Ihn ri es, vor der Mutter
hinzuknien, den Blondkopf in ihren Scho zu legen. Mutter, bist Du
zufrieden und froh, wenn ich mir das Fritzchen hole?

Leg' mir Deine khle, weie Hand auf, Mutter. Ich will reiten, morgen frh,
ehe wir reisen, und das Fritzchen im Garten, oder in der Wiese oder in der
Turmstube suchen und es nach seinen verbrannten Fingerchen fragen. Und dann
auch noch nach etwas anderem. Gib mir einen Ku, liebe Mutter, ich brauche
sehr viel Mut. Mein kleiner Fritz trumt und fabuliert noch gar soviel, der
merkt noch gar nichts von dem groen wilden Strom. Mutter, Du bist so klug,
sage mir doch, ob es schon Zeit ist, sie aufzuwecken, oder ob es noch zu
frh ist--.

Lieber Gregor, wenn Du hin und wieder ein klein wenig mehr schreiben
knntest -- ich meine natrlich nur, wenn Du Zeit und Lust hast -- aber
manchmal ein bichen ausfhrlicher, weit Du. Ich kann mir oft so gar kein
Bild von Deinem Leben machen. Nur so manchmal erzhlen: Ich war dort
oder dort, und wir haben dies und das gesprochen. Oder von dem, was Dich
innerlich beschftigt, Gregor, da ich ein ganz klein wenig teilnehmen
kann--

Gregor lchelte. Es war ein flchtiges, durchaus hfliches Lcheln, aber
seine Mutter frchtete sich davor. Auch jetzt wieder stieg es ihr hei in
die Wangen.

So wird es sich schwer machen lassen, liebe Mama. Es fehlt die Zeit und
die Unbeschftigtheit, auf Deine Ideen einzugehen. Aber ich will mglichst
daran denken.

Er stand auf und sah ber die Brstung auf den umzogenen Himmel. In der
Ferne wetterleuchtete es. Er dachte an ein anderes fernes Wetterleuchten,
das an ihm vorbeigefahren war, heute am Kreuzweg, wo der breite Graben war.

Hans Henning sagte leise: Mutter!

Die fuhr aus schwerem Sinnen auf. Ja, was willst Du?

Der Ton der Frage war scharf und klar. Er klang nach einer Antwort wie die:
Mir fehlt noch Geld, Mutter. Oder: Ich brauche noch dies und das, wenn
ich in die Garnison zurckkomme. Aber nimmermehr nach einer so leisen,
unbeholfenen Bitte: Mutter, gib mir Rat. Ich bin Dein dummer, kleiner
Junge und wei nicht, wie ich mein Glck anfassen soll.

Er war neben sie getreten, auch sie stand auf. Die Luft wehte khler und
schrfer, sie zog frstelnd ihr leichtes Tuch ber den Schultern zusammen.
Sie war sehr gro, schlank und von stolzer Haltung wie ihr anderer Sohn.

Als Hans nicht gleich antwortete, sagte sie nervs: Nun, was gibt's denn?
Sprich doch schnell.

In dem groen Jungen stieg eine jhe Bitterkeit auf. Noch nie hatte er
empfunden wie heute, da seine Mutter eigentlich niemals Zeit fr ihn
hatte. Sprich schnell! Ja, so war es immer gewesen. Ihm war ja auch sonst
damit gedient, lang schleppende Auseinandersetzungen waren wahrlich nicht
sein Fach.

Heute abend htten sie vielleicht doch gepat. Oder auch nicht. Vielleicht
htten drei Worte es getan, aber davon konnte er im voraus nichts wissen.
Doch dazu mu man stillsitzen und Zeit haben. Aber wer hat fr ihn Zeit, er
ist ja nur der Hans.

La nur, Mama. Es war nichts.

Sie sah schon wieder von ihm fort. Kommst Du mit herein, Gregor? bat sie.

Der kam von der Brstung der Veranda, wo er in die Blitze gesehen hatte.

Das Gewitter kommt nicht herauf, sagte er in einem beruhigenden Tone.

Wen beruhigte er denn? Die Mutter und Hans hatten andere Dinge im Kopf, als
ein Gewitter, das kommen knnte. Ach ja, es ist ein wunderlich trauriges
Ding um solch einsames Nebeneinander, wo der eine Blitze sieht, der andere
aber in den Blitzen ein schnes wildes Kind, oder wo eine arme Seele stumm
ihr Leid anschaut, und es nicht verstehen kann.--

Hans Henning sah den beiden nach, wie sie durch die Glastren gingen. Der
helle Schein der Zimmerlampen berstrmte sie. Da ging die kurze Bitterkeit
in dem Jngling unter.

Wem gab er denn Schuld, wenn er nur der dumme, lustige, beiseite geschobene
Hans war? Wollte er mit dem Bruder hadern, weil er grer war, oder mit der
Mutter, weil sie das fhlte und sah?

Such' Dir doch Deine Wege selber, Narr. Wer heit Dich, noch an der Mutter
Schrzenband zu hngen?

Er blieb auf der dunklen Veranda allein. Die Bume rauschten strker,
Trume umfingen ihn. -- Morgen in der Frhe, Du, mein wilder kleiner Vogel,
werde ich Dich da fangen knnen? O, habe nicht Angst, ich will Dein feines
Gefieder nicht zerdrcken und verletzen. Wie wir gelacht und fabuliert
haben als Kinder, so wollen wir es weiter tun. Weit Du noch die Schaukel
in Eurem Garten, Fritz? Du wolltest ja immer so gerne fliegen. O, Du mein
Prinzechen, ich knnte die Welt zerschlagen, um sie nach Deinem Gefallen
aufzubauen. Und weit Du noch, wie wir gestern abend die Feuergeister
waren? Liebling, kleiner, Deine verbrannten Fingerchen mchte ich
wiedersehen!

Sieh mal die Blitze da hinten, wie sie den Himmel aufreien. Wollen wir
hineingehen, Frida? Ach, wie ist das Glck so bange -- ich habe es nie
gewut.

              --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --

Hans, sage mal, was treibst Du hier drauen! Mama ist schon zu Bett. Seit
einer Stunde sitzest Du hier!

Hans Henning fuhr auf. Seit seiner Stunde--?

Junge, fehlt Dir etwas? Wie Deine Hnde hei sind! Warum kamst Du nicht
mit herein?

Ich -- wei nicht. Ich habe mich wohl hier vertrumt.

Hans -- sag mir mal die Wahrheit. Du bist wohl verliebt?

Sie standen jetzt beide beieinander. Es war zu dunkel, als da sie ihre
Gesichter sehen konnten. Wie stark der Wind gewachsen war! Es war ein
Sausen und Brausen in den Bumen des Gartens.

Ich bin Dein Bruder, mein Junge, sagte Gregor. Du kannst Dich mir
vertrauen.

Ja! rief Hans Henning aus. Es war ein Ton des lautersten Frohlockens.

Gregor -- ich -- siehst Du--

Nein, es ging doch nicht. Hans sah verzweifelt zur Seite. Wie macht man es
denn, da man so etwas sagt?

Es ist wohl Frida Drfflin, um die es sich handelt, sagte Gregor in
vlliger Gelassenheit.

Hans Henning antwortete nicht, das Herz schlug ihm bis zum Halse. Wie hatte
die Nennung dieses Namens ihn durchschnitten! Wie konnte es nur so unsinnig
weh tun, den Namen so khl wie geschftsmig nennen zu hren.

Gregor gengte wohl diese stumme Antwort. Er schwieg einen Moment.

Das Kind! sagte er dann in wegwerfendem Ton.

Hans Henning scho das Blut wild ins Gesicht.

Was meinst Du damit? Ich lasse nicht an ihr rhren.

Wer tut denn das? sagte Gregor nachlssig. Meinst Du etwa, sie sei kein
Kind mehr? Verstehst Du Dich so wenig auf Menschenaugen? Bei diesem Mdchen
ist alles noch Klarheit, Harmlosigkeit und ein vollstndiges Spielen dem
Leben gegenber. Ich spreche das nicht als Tadel aus, sondern nenne es
einen Vorzug.

Ich habe das auch schon gedacht, murmelte Hans. Da stand er ja mit einem
Male mitten in Frage und Antwort, Bitte und Rat, wie er es sich noch vorhin
so sehr gewnscht hatte. Nur da es nicht die Mutter war. Aber vielleicht
wute Gregor noch mehr von diesen Dingen.

Ich dachte sonst -- ich wollte morgen, vor der Abreise--, stotterte der
groe Junge. Ich will ja auch gar nichts an ihr zerstren, Gregor. Ich
will ihr gar nicht viel von Liebe vorschwatzen. Nur wissen -- ob sie mein
Kamerad sein will -- diese Ungewiheit, Gregor, die ist ja zu grlich--

Gregor wandte sich ab und ging mit starken Schritten zweimal die Veranda
auf und nieder. Dann blieb er vor Hans stehen, und als er sprach, klang
seine Stimme wie geschliffener Stahl.

Ihr seid beide noch Kinder. Durchbrich diesen Zustand nicht aus bermut.
Du schadest ihr und Eurem ganzen Verhltnis, Du veranlassest sie, sich zu
verschenken, ehe sie sich kennt. Glaubst Du nicht, Hans, da das eine Snde
an ihrem Geist und Wesen ist? Lerne warten, mein Junge, berla diese Sache
der Zeit, bis die Blumen von selber aufbrechen.

Ist das so--? stotterte Hans.

Ja, Hans Henning, das ist so! sagte Gregor.

Sein Ton legte sich wie eine eiskalte Hand dem Jngling aufs Herz. -- Hatte
er vielleicht doch nur nach Hilfe verlangt, um die Antwort zu hren, die er
wnschte?

Oder ahnte sein erwachtes Herz das Schwert in des Bruders weisem und
wohlbegrndetem Rat? Seine Lippen bebten, als er sagte: Ich danke Dir. Ich
will jetzt schlafen gehen!

Er ging. Die Sporen klirrten leise. In dem erleuchteten Zimmer sah er im
Spiegel sein Bild vorbergleiten. -- berla es der Zeit--

Vielleicht hat er recht, und ich handle verrucht, seine Worte zu verachten.
Vielleicht bin ich ein Narr, wenn ich es nicht tue. Ich bin nicht weiter
als zuvor.

berla es der Zeit!

Ja, Du kaltes Herz, Dir steht es wohl an, so zu sprechen. -- Aber hat ein
heies Herz mehr Recht und weiteren Blick?

Das wird heute eine friedvolle Nacht!

Gregor stand noch drauen. Das Gewitter hatte sich verzogen oder war
landeinwrts niedergegangen. Es blitzte nicht mehr. Nur ein leichter Regen,
durch den Wind hin- und hergetrieben, sprhte durch die Bogenffnung der
Veranda und tanzte oben auf dem Glasdach. Die Luft war stark abgekhlt.

Er stand eine kurze Weile und sah hinaus. Noch lagen seine eigenen
klingenden Worte ihm im Ohr. berla es der Zeit, bis die Blumen von
selber aufbrechen.

              --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --

Als er nach oben kam, fand er die Verbindungstr nach Hans Hennings
Schlafzimmer geschlossen. Der Knabe grollt, dachte er, weil ich ihm sein
Spielzeug fortnahm. Aber es ist nun einmal so. Ich tat recht, den Fu
darauf zu setzen. Das alles mu erst werden, und die Zeit ist mchtig.
Gute Nacht, mein trotziger Junge, es kann sein, da wir uns noch einmal an
dieser Stelle treffen.

Vielleicht! Wer wei es?

Er legte noch die letzte Hand an seinen Koffer. Den Rock, den er heute
getragen hatte, zog er aus und packte ihn dazu. Dabei nahm er seine
Brieftasche heraus und ffnete sie. Nur eine Kerze brannte auf dem Tische.
An die Fenster trieb der Regen und die seitwrts geschlossenen Lden
klapperten im Wind.

Gregor trat an das Licht und sah auf das Mdchenbild nieder, das er in
Hnden hielt. Es war ein feines Gesicht mit nervsem Mund und groen Augen:
Prinzessin Maria, sie hatte es ihm selber geschenkt.

Nun beginnt das wieder! dachte der junge Pfarrer. Ja, die Erde ist weit,
und wir haben Zeit zu vielen Dingen. Aber sie sollen mir alle dem gresten
dienen!

                           *       *       *

Hans Henning hatte nicht aus Groll und Trotz die Verbindungstr zugemacht.
Aber er empfand ein unklares, qulendes Gefhl der Furcht dem Bruder
gegenber, ein eisiges Widerstreben und Ablehnen, das er frher nie gekannt
hatte. Eine Art Mitrauen, das er sich dennoch nicht erklren konnte.
Es wre ihm frchterlich gewesen, ihn heute noch sehen oder sprechen zu
mssen.

Aber was nun weiter? Er hat gesprochen wie einer, der die Menschen und
Dinge kennt. Ach ja, er wute immer von jeher Bescheid.

Tue ab diesen miserablen Wust eigenen Wnschens und Parteinahme fr Dich
selbst! sagte Hans Henning zu sich und drckte die heie Stirn an die
beregnete Fensterscheibe. Mach's gefllig ein bichen klar in Dir, oder Du
bist ein Hund! Es kommt hierbei doch auf das Wohl, das Glck und die Seele
meines kleinen Fritz an -- sonst auf nichts. Und warum wollte ich sie
fragen? Um mich zu beruhigen!

Also gut. Gregor hat recht. Gregor hat recht. Ganz egal, wie's mir eingeht
oder einleuchtet, Gregor und die Vernunft haben recht.

Ach ja. Man mu auch manchmal Steine auf der Brust haben, das wird wohl
nicht anders gehen.

Ich reite also morgen frh nicht. Nein -- nicht. La es doch brennen.

Nein, jetzt nicht wieder anders denken. Ruhe!! Ich reite nicht.

Aber eins kann ich doch noch.

Er ging an einen alten Sekretr, schlo ihn auf, und aus dem
hintersten Geheimfach, das wohl sonst schon Gott mochte wissen, welchen
Familiengeheimnissen gedient hatte, holte er ein altes, verblichenes
Kinderbildchen hervor. So hatte der Fritz ausgesehen, als er ihn zum ersten
Male sah.

Hans hatte das Bild in einer Rumpelkammer auf Hohen-Leucken gefunden und
ohne Gewissensbisse gestohlen. Wie zrtlich er es liebte! Es war sein
kostbarster Schatz.

Die Augen sahen etwas trotzig und dster drein. Es war dem kleinen Kopf wie
eine arge Zumutung erschienen, sich so dem Photographen hinzustellen.
Sogar der se Kindermund schien leise zu zucken. Das Hlschen, die runden
kleinen Arme waren blo, ein einfaches schottisches Kleidchen hing bis auf
die Knie nieder.

Damals hast Du die Tasse auch schon bergeschwappt, Fritz! sagte Hans
Henning.

Er kte das liebe kleine Bild.

Leb wohl, mein Liebling. Du mut noch ein bichen wachsen. Hrst Du,
Unband, wachse schnell. Sonst halte ich das Warten doch nicht aus.

Tr an Tr waren sie miteinander, und jeder hielt ein Bild. Der Hans mit
seiner einzigen armen, starken jungen Liebe, dieser Hans, der nicht warten
konnte, der mit seiner wilden, herrlichen Ungeduld rang wie mit einem
durchgehenden Pferde -- und der andere, der durch Blumenbeete ging und zu
den Knospen sagte: Blht nur erst auf, dann werden wir sehen. Es ist Zeit
da zu vielen Dingen----




Achtes Kapitel.


-------- Fritzchen sa bei der schwarzen Hede Marusch im Dorf, die im
Bett lag und die Auszehrung hatte. Vor zehn Jahren und mehr hatte sie auf
dem Schlosse gedient, Fritzchens schmutzige Kleider gewaschen und den Boden
auch nicht reinmachen wollen. Sie war gerade so brav und nichtsnutzig,
geschftig und faul gewesen, wie die anderen Mgde auf Hohen-Leucken auch.
Jetzt hatte sie einen Hofgnger geheiratet, hatte vier lebendige und
zwei tote Kinder, und ging mit eiligen Schritten, als knne sie es kaum
abwarten, dem Sterben zu. Sie hustete sich die arme Lunge heraus, und
Fritzchen hatte Gelegenheit, in ein Bild des Jammers zu sehen, das von
keinem freudigen Strahl erhellt wurde.

Sie kannte aus ihrem trbseligen Dorf diese Bilder von Jugend auf. Da
liefen diese Mdchen und Frauen herum, arbeiteten sich ab, fingen an zu
husten, und dann sahen sie mit heien, starren, verzweifelten Augen aus
ihren bunten Federkissen heraus.

Solange noch Lebenshoffnung glimmte, waren sie untertnig und voll
schmeichelnder Dankbarkeit gegen ihr junges Frulein, das sie zu besuchen
und ihnen Erfrischungen zu bringen kam. Alte Frauen erzhlten ihr gelufig
von der Engelsgte ihrer seligen Mutter. Aber wenn die Hoffnung erlosch,
hrte dies alles auf. Dann sah der nackte Menschheitsjammer, dem hoch und
niedrig zu leeren Lauten werden, ihr unverhllt in das junge Gesicht.

Wissen Sie noch, Frulein, sagte Hede Marusch, als man mir meinen
ltten Auta begrub? Da habe ich immerfort gebarmt, ich wollt mit. Nee, nee,
Frulein, man soll sich das nicht wnschen. Das Grab ist kalt, und all die
Leute, die hier schon unter die Erde gebracht sind, machen es nicht warm.
Und gucken Sie mal, die da-- sie wies auf zwei Kinder, die unten am Bett
standen. Wenn's mir auch noch so warm wre, davon will ich ja gar nichts
sagen -- aber darum kriegen sie doch eine Stiefmutter -- und es geht ihnen
so, wie der Mine Schulzen ihren Kindern----

Sie brachte die Worte vor lautem Weinen kaum heraus.

Das Fritzchen war einer harten Wirklichkeit gegenber aufgewachsen, in der
Krankheit, Tod, Verlassenheit, Stiefmutterschaft und alles Elend unserer
armen Erde in dichtgedrngter Flle sa. Da verlernt man es, oder gewhnt
es sich gar nicht erst an, schne Worte zu machen. Man knnte sie ja billig
haben, wenn man sie wollte, und wrde sich selbst wahrscheinlich recht
getrstet von dannen heben. Aber Fritzchen war dafr verloren. Sie kannte
hier die Leute, ihr Leben und ihre Leiden zu genau, um nicht zu wissen,
da Hede Marusch, und ob sie ihr jetzt die sesten Worte sagte, doch starr
daran festhalten wrde, da ihr Mann sich eine andere Frau nehme, und ihre
Kinder in der Armeleutshtte, in der das Elend die Menschen hart machte,
eine schlechte Stiefmutter und boshafte Stiefgeschwister bekommen wrden.

Arme Hede! sagte sie. Sie kniete am Bett nieder und streichelte die
magere, wei-gelbe Hand. Du hast es schwer auf dieser Erde!

Ja, da haben gndiges Frulein wohl recht, klagte die arme Person. Was
ist's mit uns und unserm Leben? Arbeit und Schlge, wenn wir noch ltt
sind. Arbeit und Sorgen, wenn wir gro sind und Hunger und Krankheit noch
obendrein. Gndiges Frulein brauchen nicht weinen, die knnen wohl lachen.
Da oben im Schlo tanzen und lachen sie, und zu essen ist noch alle Tage
da, und dann haben sie auch nicht den Husten und die Beklemmung, und da
die ltten Jren dableiben mssen, wenn's nu alle ist. O Gott, o Gott, wenn
ich nur einmal knnte aufstehen, ich wollte arbeiten wie nie! Aber sehen,
gndiges Frulein, wie's damit ist: Gebetet hab' ich Tag und Nacht zum
lieben Gott. Aber der hrt nicht zu, der hrt blo auf die Reichen.

Fritzchen kannte das alles: die Bitterkeit, die Anklage, die verstockte
Verzweiflung. Man schifft nicht immer auf Wolken, man kriecht auch ganz
unten und hrt das Sthnen der rmsten Kreatur. Sie nahm Pastor Baumann
nicht sein Amt ab, Ergebung zu predigen, oder stand ihm dabei zur Seite.

Ergebung! Nein, danach stand ihr bei Gott nicht der Sinn. Es mochte wohl
ein weiches Kissen sein, auf das man sich hinlegt, und die Schmerzen und
Ste und den Jammer um die eignen kleinen Kinder besser ertrgt. Es mochte
wohl ein Helfer sein, der dies Kissen unterschob, der die wilden Klagen zu
bndigen verstand.

Dafr war der Pastor Baumann allezeit gut. Er war selber schon alt und
schwach, und wenn sein Leben auch arm an Ereignissen und groen Eindrcken
gewesen war, so hatte es ihn doch reich und reif gemacht. Da legt man der
armen Kreatur seine Hand auf und sagt: Glaube nur und ergib Dich. Die
Liebe ist grer als alle Not.

Fr Fritzchen Drfflin aber war diese erste und letzte Weisheit nichts. Der
alte Pastor war vor einer Stunde hier gewesen, er hatte anders geredet
und gehandelt als das trichte, wilde Kind. Ein Gef mit Balsam hatte er
stehen lassen, aber sie warf es mit trotziger Hand um.

Ja, Hede Marusch, es ist ein verzweifelter Jammer um Dich und
Deinesgleichen! Ich will ja ein Auge auf die Kinder haben, wenn Du tot
bist, aber wieviel hilft das? Ich bin nicht allmchtig und allgegenwrtig,
und ich habe auch nicht viel Geld. Es ist ja auch noch viel andere Not im
Dorf, nicht Deine allein. Was ist das fr eine Ordnung in dieser Welt.

O Gott, gndiges Frulein, sagte die alte Maruschen, die herangehumpelt
kam. Machen Sie doch man die Hede nicht wieder aufstzig. Heute abend soll
sie noch das Abendmahl kriegen. Ach Gott, ach Gott, war haben's ja sauer,
aber wir sollen uns doch man ergeben. Was hilft das Murren? Und stirbt sie
unbufertig, so fhrt sie in die Hlle. Gndiges Frulein sind noch jung
und schn, aber wir Alten mssen das bedenken.

Das ist feige! sagte das herrische, junge Menschenkind und richtete
sich mit blitzenden Augen auf. Aus Angst sich vor dem Mchtigen ducken!
Maruschen, ich sag' Euch: Ich mchte lieber in die Hlle, als mich schlagen
lassen und noch dazu Demut heucheln!

O Gott, gndiges Frulein!

Jawohl, Mutter, Frulein Fritzchen hat am End' wohl recht! Ich will auch
nicht heucheln und schn tun. Schick zum Pastor, bestell' ihn ab. Ich will
lieber zur Hlle, ich will's nicht gut haben, wenn Wilhelm und Mariek und
die beiden Ltten es schlecht kriegen--

Sie sa hochauf, ihr fieberisches Gesicht stand in Flammen, die schwarzen
Haare hingen ihr wirr um Kopf und Schultern, die schwarzen Augen brannten.
Sie war von einer schauerlichen, jung-hexenhaften Schnheit. Fritzchen
stand und sah auf ihr Werk, ein Beben durchglitt sie. Sie sagte nichts.

Aber die Alte jammerte: Hede! Hede! und die beiden Kinder fingen laut zu
heulen an.

Heult nicht! sagte Frida v.Drfflin mit starker Stimme.

Sie sah sich in dem niedrigen bedrckten Raum um, in dem einem das Atmen
verging, und in dem das Elend hauste. Es wrde noch viel nackter hausen,
wenn der fiebernde Leib dort hinten an der Wand starr und kalt sein wrde.

Gebt mir erst eine Auflsung zu diesen grausigen Rtseln, und ich will Euch
auch Ergebung predigen! dachte das trotzige Herz.

Sie hat recht, da sie unter diesen Bedingungen nicht in den Himmel will!

Frida kam wieder dicht an das Bett. Hede, sagte sie, ich habe Achtung
vor Dir, Du arme Seele! Andre Leute werden sagen, Du frevelst, aber ich
sage, Du hast einen groen Mut. Dicht vor dem Tode Rebellion zu machen,
das ist tapfer! Wie es Dir bezahlt werden wird, wei ich nicht. Vielleicht
bekommst Du wieder Angst, das ist wohl nicht zu vermeiden. Aber das soll
nichts daran ndern, da ich Dir hier die Hand gegeben habe, Hede.

Die Kranke fate mit beiden Hnden nach der Mdchenhand, die sich ihr bot.
Ihr abgezehrtes Gesicht glhte unheimlich.

Ich krieg' keine Angst, Frulein Fritzchen. Nun ist alles gut. Ich glaub'
auch, da nach dem Tod alles aus ist. Otto sagt's auch immer. Es wird mir
schon nichts passieren. Mir ist so leicht, da ich nu nicht immer mehr
beten brauch', whrend die Ltten doch in Jammer geraten.

O Gott, Hede, Hede, besinn' Dich! jammerte die alte Frau. Es geht zu
Ende mit Dir! O Gott, gndiges Frulein, erbarmen Sie sich!

Ich kann mich nicht erbarmen, sagte Fritzchen.

Drauen fuhr eine Kutsche vorber, man erkannte sie nicht durch die
beschlagenen Scheiben. Ein regenschwerer Oktobertag war es. Sonst strzte
alt und jung an die Fenster, wenn ein fremder Wagen vorberfuhr, heute
wendete kaum das Jngste der Kinder halb mechanisch das verweinte Gesicht.

Frulein Fritzchen, verlassen Sie mich nicht, schrie Hede qualvoll auf,
als das Mdchen eine Bewegung machte. Nee, nee, allein bleiben kann ich
nicht! Ich mu die Hand von Frulein haben, sonst fall' ich. Nee, nee,
hierbleiben mssen Sie--

Das waren ihre letzten bewuten Worte, von da ab verfiel sie ins Delirium.

Das Schlokind vom Lande hatte schon vieles sterben sehen, Mensch und Tier,
und manches davon hatte sie sehr lieb gehabt. Keine sorgende Mutter hatte
hinter ihr gestanden, und sie von den schreckensvollen und traurigen
Bildern des Lebens ferngehalten. Aber noch nie hatte sie gesessen wie
heute, mit ihrem kindischen Trotz, mit ihrem tollen Wagemut, der gegen das
Ewige, Unerfaliche anrennt, als einziger Halt und Hort der gengstigten
fliehenden Seele.

Die heien feuchten Finger der Sterbenden krallten sich in ihre Hand. Wirre
Worte von Teufeln, Hllenfeuer, von Spuk und Entsetzen schwirrten durch
den Raum. Die Alte lag am Boden und betete, bald zu Gott, bald zu dem
Schlofrulein.

Ach, sestes, gndigstes Frulein, helfen Sie ihr doch -- helfen Sie ihr
doch -- erbarmen Sie sich.

Fritzchen legte der Irren die Hand auf die Stirn, sprach auf sie ein, aber
das Delirium ging weiter, die verkrallten, heien Finger lieen sie los,
Hede Marusch wute von ihrer Gegenwart nichts mehr.

Da stand Fritzchen auf. Ich will Euch zum Trost den Pastor holen,
sagte sie. Er kann vielleicht auch der Hede noch helfen. Er hat ein paar
Beruhigungsmittel in seiner Apotheke.

Lebe wohl, meine arme Hede!

Sie stolperte durch den halbdunklen, lehmgestampften Hausflur, in dem Kraut
und Kartoffeln lagen, und stand drauen. Es regnete jetzt nicht. Still,
tot und feuchtschwer war die Luft. Auf der Dorfstrae lag das letzte nasse
Laub.

Fritzchen trug einen kurzen Rock, in dem sie gewhnlich zu Pferde sa, ein
rundes Mtzchen und eine alte braune Jacke. Ihre Wangen glhten, ihr war,
als habe sie mit dem Gott da droben um eine arme Seele gerungen und habe
obgesiegt.

Was nun aus ihr wird? Gleichviel. In den Himmel wre sie sowieso nicht
gekommen mit ihrer elenden Heuchelei.

Sie ging die de Strae entlang zwischen den kleinen Husern und bog um die
Gartenecke, hinter der das Pfarrhaus lag. Hier hrte der holprige Steindamm
auf. Im aufgeweichten Wege vor dem Gattertor hielt eine Kutsche. Sie mute
erst zweimal hinsehen, ehe sie begriff: es war Rummelshfer Livree, es
waren die Rummelshfer Rappen.

Sie erblate vor Schreck. Wer war hier? Jetzt, zu dieser Jahreszeit, und
bei dem Pastor? -- Der Kutscher grte sie, sie brachte die Frage nicht
heraus, die ihr in der Kehle wrgte. Einen Moment ri es an ihr, umzukehren
und davonzulaufen, sie fhlte sich pltzlich so unfhig, ein Gesicht
und vielleicht gar das eine, aus diesem Hause zu sehen. Ihre ganze am
Sterbebett gerttelte und durchglhte Stimmung pate jetzt nicht zu solchem
neuen Eindruck.

In einem Gefhl der Schwche und Abwehr lehnte sie sich an die Gartenmauer.
Von den Zweigen fielen ein paar nakalte Tropfen in ihr Gesicht. Sie dachte
an Hede Marusch. Ich mu die Arznei holen, sie straffte sich, ffnete das
Holzpfrtchen, ging durch den kleinen zerzausten Vorgarten und ins Haus.

Seit einiger Zeit hatte Pastor Baumann die groe Kuhschelle, die an der
Haustr hing und ohrenzerreiend gellte, sobald jemand die Schwelle betrat,
abnehmen lassen. Er war hinflliger geworden und konnte den Lrm nicht mehr
vertragen. Fritzchen wute das noch nicht. Als der Lrm ausblieb, wurde ihr
unheimlich, fast gespensterhaft zu Mute. Sie frchtete sich vor dem Hall
der eigenen Schritte. Auf Fuspitzen schlich sie und klopfte an.

Noch nicht, sagte des Pastors Stimme drinnen. Setz' Dich auf einen Stuhl
und warte ein Weilchen. Er glaubte wohl, es sei ein Gemeindekind.

Aber dem Schlofrulein kam diese Verwechslung recht. Sie setzte sich auf
einen Brettstuhl, unweit der Tr, strich das nasse, wirre Haar glatt und
wartete.

Drin klangen Stimmen. Die eine, das war die von Herrn Gregor.

Es berhrte sie kaum. Ihr war, als habe sie das erwartet, als knne es
auf der Welt berhaupt nicht anders sein, als da drauen die Rummelshfer
Kutsche stnde, sie hier auf dem Brettstuhl se und drinnen Gregor sprach.

Wie lange? Ja, wer konnte das wissen. Frida Drfflin wenigstens hatte jeden
Mastab fr die Zeit verloren. Es war ja das Schnste im ganzen Leben so:
still dazusitzen, mde, halb im Traum und dem Hall der Stimme zu lauschen,
die die herrlichste auf der ganzen Erde war.----

Irgendwo klappte eine Tr, des Pastors Mamsell stand pltzlich da. Eine
Frau hatte er schon lngst nicht mehr. Sie blieb mit offenem Munde stehen,
als sie Frida sah.

Herr Gott, das Frulein vom Schlo! Und hier im Flur! Und so kalt!
Herrjeh, wei denn der Pastor das?

Still, Reuter! Es ist jemand drin.

Und wenn auch! Und wenn auch der Kaiser! Das gndige Frulein darf hier
nicht so sitzen. Drben ist man blo nicht geheizt. Nee, das geht aber ganz
und gar nicht.

Sie war schon an der Tr, mit Eisenfusten schlug sie daran. Herr Pastor!
Frulein v.Drfflin sitzt hier drauen und wartet. Im Flur! Machen Sie
doch man blo auf!

Fritzchen war emprt zugesprungen, aber es war schon zu spt. Alles war
jetzt das Werk eines Augenblicks. Ein Ach! von innen, ein eilfertiges
Heranschlurfen, Aufriegeln, Aufstoen der Tr. -- Aber Fritzchen, da Du
es bist, ahnte ich ja nicht-- Das Auftauchen eines Gesichts, eine Gestalt
im Hintergrund, vom Sofatisch her----

Das ist die Schuld von der Reuter, sagte Fritzchen in trotzigem Ton. Ich
kann und will noch warten--

Meinetwegen auf keinen Fall, sagte Gregor v.Zlchow und stand auf. Wir
sind ohnedies fertig. Es tut mir auerordentlich leid, gndiges Frulein.

Komm herein, liebes Fritzchen, sagte der alte Herr.

Es war eine seltsame Stimmung im Raum. Gregors Gesicht war bleich und hatte
einen finstern Ausdruck. Der Pastor sah rot und sehr erregt aus.

Was wolltest Du von mir? fragte er.

Geben Sie mir beruhigende Tropfen fr Hede Marusch mit, sagte Fritzchen,
immer noch in demselben, etwas steifnackigen Ton, in dem sie angefangen
hatte, zu sprechen. Sie ist jetzt ohne Besinnung und wird wohl sterben!

Ach, Kind, warst Du bei ihr? Das ist gut von Dir. So schnell geht es mit
ihr zu Ende? Ich wollte ihr heute noch das Abendmahl geben, dann will ich
doch lieber gleich--

Sie will es nicht mehr, selbst wenn sie bei Bewutsein wre, sagte
Fritzchen mit klingender Stimme. Vielleicht fordert sie es sich noch in
der Angst, aber was hat das fr Wert! Was hat dies Ducken, Betteln und
Winseln berhaupt fr Wert!

Frida! rief der alte Herr in groer Bekmmernis. Ich will nicht glauben,
da Du so zu ihr gesprochen hast.

Doch! rief das wilde Kind. Ihre roten Lippen zuckten vor Kriegslust.

Das hast Du getan? Und gerade bei der? Meine ganze schwere Arbeit wieder
zerstrt? O Kind, Gott vergebe Dir Deine Unwissenheit und Deinen Trotz
und Deine frchterliche Vermessenheit. -- O sieh, mir fehlen die Worte fr
Dich! Und das unglckliche Geschpf, das Du in die Verdammnis getrieben
hast, und das Dich verklagen wird vor Gottes Richterstuhl--

So sagen Sie mir das eine! rief Frida in ausbrechender Heftigkeit, warum
Gott sich immer nur Sklaven wnscht und lieber eine geheuchelte Demut will
als eine gerade und offene Rebellion?

Ihre Worte klangen und verhallten, dann wurde es seltsam stumm im Raum. Der
alte Pastor griff hinter sich an eine Stuhllehne, als msse er sich halten,
und tappte sich mhsam bis zu dem Rohrsessel vor seinem alten gelben
Schreibtisch. Er kehrte sein Gesicht Herrn v.Zlchow zu, der stumm dem
wunderlichen Auftritte zugesehen hatte.

Das ist es, was ich hinterlasse--, sagte er in gebrochenem Ton. Das
habe ich als Resultat meines ganzen Lebens erreicht. Jetzt seh' ich's:
ich war immer ein unntzer Knecht. Sie werden mehr erreichen mit Gottes
Hilfe--

Er bedeckte das Gesicht mit der Hand, und es schien, als ob er schluchze.

Gregor v.Zlchow sah das Kind an, das den Jammer dieses Greises
verschuldet hatte. Wie es dastand, war es zugleich schn und wild, ein Bild
des rcksichtslosen Lebens.

Seien Sie doch nicht betrbt, sagte sie. Sie haben hier das ganze Reich
erobert und Gott zu Fen gelegt. Die Kirche ist immer voll, die Leute
beten und glauben Ihnen alles aufs Wort. Was tut da ein schwarzes Schaf!
Verdammen Sie es, aber seien Sie nicht pltzlich so verzweifelt. Herr
v.Zlchow, helfen Sie ihm!

Das ist das Ende. So ist das Ende-- murmelte Pastor Baumann.

Seit wann wollen wir denn glnzende Frchte sehen? sagte der junge
Hofprediger. Es war ein herber Ton in seinen Worten. Kampf ist unser
Weg, und auch das Ende ist kein Friede. Wollte ich ein vollkommenes Erbe
antreten, ein geglttetes Reich? Legen Sie ruhig Ihr Handwerkszeug aus den
Hnden, Sie haben getan, was Sie konnten, und ich werde tun, was ich kann.

Ja -- ja -- ich danke Ihnen--, sagte der alte Pastor. Er strich sich
ber Stirn und Augen, dann griff er in ein Fach zur linken Hand. Hier,
Frida. Die alte Marusch soll der Hede davon jede Viertelstunde sechs
Tropfen geben. Jede Viertelstunde sechs Tropfen. Aber gib's nur ab, halte
Dich dort nicht mehr auf. Es ist nicht gut, ich verbiete es Dir. Ich will
mir nur Stiefel und den Talar anziehen, dann komme ich hin. Sag' den Leuten
das. Nun geh. -- Versprichst Du mir, so zu tun?

Ja.

Er hielt ihre Hand fest, die sich nach dem Flschchen streckte. Lebe wohl,
Fritzchen. Armes Kind. Du hast keine Mutter gehabt. So wild aufgewachsen
wie ein Fllen, nicht wie eine kostbare Seele, die behtet werden mu. Lebe
wohl, ich kann Dir jetzt nichts mehr sein. Ein andrer wird mir diese Sorge
abnehmen. Nun geh. Die Zeit drngt, sie drngt, sie drngt--

Ich werde mitgehen, sagte Gregor. Fr heute leben Sie wohl, Herr
Pfarrer, und vielen herzlichen Dank. Auf Wiedersehen, es ist ja noch
manches zu erledigen.

Auf Wiedersehen! sagte der alte Mann.

Drauen im Vorgarten sagte Gregor: Wollen wir hinauf fahren? Ich mu noch
zu Ihrem Herrn Vater. Oder gehen Sie lieber?

Ich gehe lieber, sagte Fritzchen. Ich mu Luft haben.

Wo wohnt die Kranke, von der Sie sprachen?

Bald um die Ecke herum, das fnfte Haus.

Tragen Sie fter die Fackel der Emprung in die Sterbestuben? fragte er
spttisch.

Es war das erste Mal, aber vielleicht nicht das letzte.

Er blieb einen Augenblick stehen und sah sie an. Das rotbraune Haar hing
ihr schon wieder ber die Schlfen und ber die Ohren. Die Wangen blhten,
das ganze Bild in der braunen Jacke, dem kurzen Rock, den derben Stiefeln,
blhte.

Du bist bizarr und rebellisch, dachte er, aber Du bist voller Kraft und
Leben wie der Sturmvogel ber dem toten Moor!

Wenn es wieder geschieht, werden Sie einen anderen Feind finden, als den
guten alten Herrn da hinten im Schlafrock.

Wen denn? fragte sie mit einer aufblitzenden Ahnung im Gesicht.

Mich -- wenn Ihr Vater nicht nein dazu sagt.

Wie kann das geschehen?

In der Stube des Pastors war es dmmerig gewesen, hier sah sie im fahlen
Tagesschein ihm zum ersten Male ins Gesicht. Es war verndert in den kurzen
Monaten seit dem Sommer, es sah schrfer und lter aus mit harten Linien.

Was ist geschehen? rief sie mit pltzlicher Angst.

Er lchelte flchtig. Dir, Du wildes Kind, soll ich hier auf der Dorfstrae
erzhlen, was mir geschehen ist? dachte er. -- Aber bei Gott, ich glaube,
ich erzhle es Dir frher als all den anderen Leuten, die mir mit dem
verbrieften Recht auf Vertrauen zu Leibe gehen.

Hier wohnt die Hede Marusch, sagte Fritzchen.

Ich will Posten stehen, damit Sie gleich wieder herauskommen, sagte er
lchelnd.

Im Hausflur hrte sie schon das wste Schreien der armen Hede. Sie stand
in der Stubentr und sah einige Augenblicke den Todeskampf mit an. Wie eine
starke Woge strzte sich alles ber ihr Herz. Der Tod hier drinnen und das
Leben da drauen--

Sie kam wie schwindelnd heraus.

Der junge Geistliche bot ihr seinen Arm. Wollen wir nicht lieber doch
fahren? Es geht ja nun gleich so stark bergan.

Nein, nicht in die Kutsche, das ist so eng.

Ja, Du brauchst viel Raum, Du unbndiger Vogel! dachte er. -- Aber siehe,
ich brauche ihn auch und mu und kann ihn doch entbehren.--

So fhrte Gregor v.Zlchow das Fritzchen Drfflin am Arm durch das
Steintor in ihres Vaters Hause.

                           *       *       *

Die Kutsche fuhr fort. Herr v.Drfflin ging ins Wohnzimmer, fand dort
niemand, fragte nach Gisela und Fritzchen. Die eine sollte in ihrem Zimmer
sein, das nach dem Garten lag, die andere hatte man in die Turmstube gehen
sehen. Holt sie her. Gisela kam, Fritzchen nicht. Warum nicht, Jakob?
Sie will nicht, sagte Jakob. Er war immer fr das Prgnante und alt
genug, sich das zu leisten.

Was willst Du uns denn sagen, Papa? drngte Gisela. Sie hatte in einem
ganz entlegenen Winkel des weitlufigen Hauses gesessen und von dem
aufregenden Besuch erst eben durch Jakob gehrt.

Nein, Fritzchen mu dabei sein, beharrte Herr v.Drfflin mit seinem
rtesten und eigensinnigsten Gesicht.

Herr Gott im Himmel! dachte Gisela, pltzlich wie entgeistert. Was kann das
sein -- hat Gregor Zlchow vielleicht wegen Fritzchen--

Ihr wich das Blut aus dem Gesicht.

Na--, sagte Herr v.Drfflin mrrisch-- dann will ich mal nach oben
klappern und dem dummen Balg meine Meinung sagen. Das sind mir ja neue
Moden! Kinder mssen gehorchen, und wenn's durch Feuer und Wasser geht. Na
-- ich werd's ihr schon einfllen!

Eine mhselige Steigerei ber die enge krumme Treppe. Alle Augenblicke
blieb er stehen und pustete. Donner, und hier war er doch in frheren
Jahren wie ein Jagdhund auf und ab gerannt. Ja, ja, man wird immer lter
und dicker und jedes Jahr geht's schwerer und hat weniger Zweck.

Als er ganz oben war, war's gar zu Ende mit seinem Selbstgefhl. Er hatte
vergessen, da er dem Fritzchen das vierte Gebot einpauken wollte.
Ach Gott, dies bichen kmmerliche Leben! Wozu schleppt man nur diesen
ungefgen Ballen, der nicht einmal die Turmstiege hinauf kam, noch immer
durch die Welt?

Fritzchen hatte das Pusten und Poltern gehrt, sie stand schon in der
offenen Tr ihres Schlafstbchens, zu dem noch eine weitere Stiege ber die
Schulstube hinaus fhrte.

Papa, Du kommst hier herauf?

Na, was soll ich denn sonst. La mich doch die Stiege steigen, denkst
wohl, ich kann's nicht mehr. Wollt Euch nur sagen -- puh--

Setz' Dich doch, Papa.

Ach was. Wollt Euch sagen, der Zlchow -- der war eben hier -- komische
Geschichte -- will hier -- hier im Dorf Pfarrer werden -- na meinetwegen
mag er, wenn Baumann einpacken will--

Papa! Gisela war im Ernst besorgt um seinen Verstand. Du machst doch nur
Spa. Der Freiherr v.Zlchow ist Hofprediger -- Du weit doch--

Was geht's mich an. Wei der Kuckuck, was da fr Geschichten brodeln. Er
will hier Hals ber Kopf Pastor werden. Nee, nee, Gisela, ich bin nicht
verrckt, wenn Du mich auch so anguckst. Er mag's vielleicht sein. Na,
meinetwegen, ich geh doch nicht in die Kirche, ist mir zu feucht, hab'
ohnedies das Reien. So -- das war's. Nun kann ich ja wieder 'runter.




Neuntes Kapitel.


Die Kutsche fuhr in die Rummelshfer Einfahrt. Der alte Brunswig, der
Diener, stand drauen. Der Herr Baron mchten doch gleich zur Frau Baronin
kommen.

Ja, ja, ich wei.

Er war erst heute morgen nach nchtlicher Eisenbahnfahrt hier angekommen
und hatte sich dann gleich den Wagen nach Hohen-Leucken bestellt.

Nun kam wieder eine bittere Pille, die Aussprache mit der Mutter. Ihm
graute davor.

In ihrem Zimmer, das von hundert Erinnerungen und leisen Huldigungen fr
ihren vergtterten Sohn voll war, erwartete sie ihn. Auf dem Schreibtisch
lag -- vielleicht absichtlich? -- noch die Depesche, in der er vor etwa
acht Wochen ihr seine Ernennung zum Hofprediger mitgeteilt hatte.

Unfhig, auf einem Sitz zu verharren, mit verkrampften Hnden, nach Luft
ringend, ging Frau v.Zlchow auf und ab, ein entsetzlicher, elender
Anblick.

Gregor! sitze da nicht wie ein Stein. Gib mir Auskunft, Du bist es mir
schuldig. Sage mir, warum dies alles, und wie es kam?

La es Dir von der Welt erzhlen, Mutter. Sie wei es vielleicht besser
als ich.

Da blieb sie stehen, flammenden Gesichts. O Du! Von der Welt erzhlen!
Jawohl, an die hast Du mich oft genug verwiesen! Von der Welt und ihrem
Geschwtz mute ich mir Kunde holen ber Dich und Dein Leben. Gregor --
es war oft zum Wahnsinnigwerden, aber ich habe es getragen. Ich habe
meine Liebe nicht anfechten lassen von Bitterkeit und fortwhrenden
Entsagungsschmerzen. Ich wute Dich glcklich und nahm still das geringe
Teil, das Du fr mich abfallen lieest. -- Aber das war zur Zeit Deines
Glcks und Hochgangs. Jetzt -- da pltzlich alles zusammenbricht, da
Du kommst und mir sagst: Mit dem Glanz ist es aus, ich werde Pfarrer im
Moordorf da drben -- da selbst schiebst Du mich, Deine Mutter, beiseite.
Frage die Welt! Gregor, das ist emprend! Hier, ich, ich habe Dich geboren
und aufgezogen mit unendlicher Liebe, ich habe Dich auf Hnden getragen,
verwhnt, berschttet -- ich habe--

La das, ich wei es alles, sagte Gregor und stand auf. Es war ein
gequlter Zug in seinem Gesicht. Glaubst Du, ich habe nie gesehen, da ich
Dein Schokind war? Wir, Deine Shne, wir wissen es alle beide. Ob es recht
oder falsch war, kann und mag ich nicht untersuchen. Darauf kommt es jetzt
auch gar nicht an. Hast Du meine Zurckhaltung zu Zeiten meines Glckes
ertragen, so sollte doch der Wechsel der Tatsachen nichts daran ndern. Was
daran zu wissen ist, wei alle Welt, wozu es noch errtern, es macht mich
berdrssig und krank. War in Deiner Liebe ein so fester Grund, da Du mir
vertraust, auch hier meinen und unseren Namen reingehalten zu haben, so
wirst Du die guten und die schlechten Gerchte von selber auseinander
halten knnen. Wenn nicht, so ist diese Liebe ein schwankender Grund und
keines Rhmens wert.

Sonst hatte die Klte seines Wesens sie bezaubert, trotz des Leidens, das
sie ihr auflud. Heute reizte sie sie nur.

Genug der Worte! rief sie auer sich. Ich will keine Predigt von Dir,
wenigstens heute nicht. Du bist mir schuldig, mir Rede zu stehen. Bei
Deiner Kindespflicht und Mannesehre rufe ich Dich an. Ich stehe auch im
Namen Deines Vaters hier. Ja-- berdrssig mag es Dir wohl sein, aber ich
kann Dir diesen berdru nicht ersparen, mein Sohn!

Sie war so schn und hatte eine solche groe, stolze Gestalt, da auch
dieser Zorn- und Grollausbruch einen majesttischen Anflug hatte. Aber um
Gregors Mund ging ein leises, bses Zucken. Innerlich lachte er verchtlich
ber das, was er als Komdie empfand, um eine mtterliche Neugier,
Eifersucht und Empfindlichkeit zu bemnteln.

Er lehnte sich an das Fensterbrett und kreuzte die Arme. Gut, Mama, wenn
Du es so wichtig nimmst, will ich Dir antworten. Was wolltest Du erfahren?
Ohne Zweifel weit Du schon das meiste.

Ich wei nichts, sagte sie und setzte sich in einen Lehnstuhl. Mit einem
Tchlein trocknete sie das brennende Gesicht, khlte die heien Augen. Es
handelt sich um die Prinzessin Maria, nicht wahr, Gregor?

Ich denke, sagte er khl.

Ihr wart -- viel zusammen--? Ihr -- hattet miteinander ein -- ein -- eine
Verstndigung?

Ich wei nicht, was Du damit meinst. Sie ist ein kluges und feines
Mdchen, wir haben ber des Lebens greste Fragen miteinander gesprochen.
Dann kam auf ihrer Seite das Persnliche. Sie war ein verwhntes Kind.

Er schwieg wieder. Seine Mutter sah nicht, da sie ihn qulte. Auch ihm war
unter diesen Trmmern ein Reich begraben worden, das wohl grer war, als
sie je ermessen konnte. Aber sie stie und zerrte ihn weiter.

Hast Du ihr -- Gregor -- hast Du ihr von Liebe gesprochen? Ging es
soweit?

Mutter--, sagte er mit eiskalten Augen. Dieses sind Fragen, deren
Beantwortung Du in besserer Stunde selbst verurteilen wrdest. -- Verzeih
mir, aber ich wrde Dich und mich erniedrigen, wenn ich ber den Inhalt
jener Stunde plaudern knnte. Wenn Du noch weiteres willst, so ist es dies:
die Prinzessin hat ihrem Vater selber Mitteilung gemacht. Nicht als Bue,
sondern in einer trichten Hoffnung. Dann kam ein Sturm, der sehr kurz und
stark vorberbrauste. ---- Es haben oft in einem Konflikt alle recht, aber
einer mu die Zeche bezahlen. Das ist nun einmal so.

Und der eine mutest Du sein!

Gewi. brigens trgt hier doch jeder seinen Teil.

Und jetzt gehst Du als armseliger Dorfpastor unter das Patronat dieses
Drfflin? Gregor, Du warst nie unberlegt, aber dies ist unermelich
berstrzt. War es Dir so schnell um eine andere Stelle zu tun?

Ja! sagte er.

Eine bange, schwere Pause trat ein, sie sah ihn an und erschauerte.

Du, mein Sohn -- dachte sie -- jetzt habe ich an Dir gerissen, wie nur
eine verzweifelte Mutter es vermag. Was hat es gentzt? Tropfen hast Du in
meinen leeren Becher fallen lassen: Da stehst Du und siehst an mir vorbei
ins Leere. War es die Wahrheit, was Du sagtest? Oder ein Teil der Wahrheit
-- oder vielleicht nur ihr Schein?

Und mu ich mich hier vor Dir winden im irren Fragen, Forschen, Verzweifeln
und hoffnungslos in Dein Gesicht sehen?

Bin ich dazu Mutter geworden?

                           *       *       *

Die Dinge nahmen ihren schleunigen Lauf. Pastor Baumann verabschiedete
sich von seiner Gemeinde. Es ist gut, Kinder, da ich gehe. Einen zweiten
Winter auf Eurem windigen Kirchhof berstnde ich wohl nicht mehr. Und ich
mu noch ein Weilchen leben bleiben mit meiner Pension und meinen Kindern
aushelfen. Es ist ganz gut so. Ihr kriegt einen vornehmen, gelehrten
Pfarrherrn. Nehmt Euch die Ehre nur recht zu Herzen und gebt ihm keinen
Anla zum Tadeln. Die arme Hede Marusch wird wohl die Letzte gewesen sein,
die ich unserem allbarmherzigen Vater in die Arme gelegt habe.

Ihm zitterte die Stimme und das rauhstopplige Kinn nun aber doch, wenn er
von Haus zu Haus ging und Abschied nahm. Ein paarmal sah er sich um und
schttelte den Kopf, wie einer, der nicht begreift. Durch diese niedrigen
Tren soll der gehen?

O nee, o nee-- sagten die Leute, dat ward jawoll nu all verkiehrt! Sie
kamen sich vor wie verraten und verkauft. Mit tausend Trnen ward dem guten
alten Pastor, der schon die bejahrten Leute bei ihnen eingesegnet hatte und
jedes Leben ein- und ausgeleitet hatte, das Lebewohl gegeben.

Nun war das altvertraute Pfarrhaus unter den entbltterten Ahornen und
Lindenbumen leer. All der klapprige liebe alte Hausrat war auf ein paar
Leiterwagen zum Dorf hinausgefahren. Herr v.Drfflin schickte Maler,
Tapezierer, Glaser, viel beflissene Hnde, die sich Pastor Baumann in
seiner langen Amtszeit auch wohl manch liebes Mal gewnscht htte. Hier das
Loch in der Diele, ber das man immer stolperte, dort das schadhafte Dach,
in das Regen und Schnee trieb, die abgerissenen Tapeten, die rauchenden
fen, die schiefe Gartentre, das zerbrochene Fensterglas im Schlafzimmer,
alles ward grndlich repariert. Die verblichenen und abgetretenen Farben
wurden erneuert, es roch bis auf die Strae hinaus nach Lack, Terpentin und
vielen hoffnungsvollen Dingen. Bis in die tiefe Abenddunkelheit hinein
ging das Klopfen, Hmmern und all das vielfltige Gerusch neu aufbauenden
Lebens.

Dann kam das Frulein vom Schlo, Frulein Fritzchen, und ging durch alle
Stuben, in Boden und Keller. Sie trug den kurzen Reitrock, ihr rundes
Mtzchen und ihre alte braune Jacke. Wie ein Feldherr ging sie von Raum zu
Raum, bersah, was noch mangelte, gab knappe Befehle, und alles an ihr war
Licht und Klang.

Pa up! sagte ein Maurer zum andern. Sie sahen ihr nach und blinzelten
sich zu.

---- Nun aber war es schon November geworden, und der erste Schnee war
gefallen. Es waren Gregors Mbel gekommen in einem groen geschlossenen
Mbelwagen aus der Residenz. Die ganze Dorfbewohnerschaft hatte
sie staunend umstanden. Dann war in der Kutsche die Baronin Zlchow
vorgefahren, hatte auf die respektvollen Gre nicht gedankt, nicht
gelchelt, einen alten Diener hatte sie bei sich, dem sie in Eile angab,
wie sie die Mbel gestellt wnschte, er schrieb bestndig auf, whrend
sie sprach. Dazwischen hatte sie sich stumm, mit verbissener Lippe in den
Rumen umgesehen. Dann war sie wieder gefahren, und die Aufstellung hatte
begonnen. Es war auch ein Dienstmdchen eingetroffen, eine ltere, tchtige
Person, Frau v.Zlchows bestes Stck. Wenn es nach ihr gegangen wre,
htte sie ihrem Sohn einen ganzen Stab von Dienerschaft mitgegeben, aber es
ging nicht nach ihr.

Am Ende November, als der Abend fiel, kam der neue Pfarrherr im offenen
Wgelchen. Sein eigenes ehemaliges Reitpferd war davorgespannt. Die wenigen
Leute, die dies beobachteten (denn der dichte Schnee machte das Gerusch
der Rder fast unhrbar), dachten, er wrde das Gespann behalten, es
war Stallung genug da von einer, frher mit der Pfarre verbundenen
Ackerwirtschaft her. Aber der Wagen kehrte gleich um und fuhr wieder
zurck.

Gregor stand auf der Schwelle der Gartentr, und mit einem langen
Blick umfate er das graugelbe Huschen, den kahlen Garten, in dem eine
Schneedecke lag, die schweren Wolkenschichten, die sich darber trmten.
Alle Fenster waren dunkel, kalt und unwirtlich sah ihn seine neue Heimat
an. Nur hinter der einen Scheibe zur rechten Hand glhte es, wie ein
kleiner Feuerschein im Innern.

Er stand lange still, obwohl ihn frstelte. Dann schttelte er die
Schultern, als schttle er etwas ab, und trat ins Haus.

Dunkel und kalt. Er hatte es ja nicht anders gewollt, nicht einmal dem
Dienstmdchen seine Ankunft gemeldet. Nicht mit Pomp sollte dies neue Leben
wieder anfangen, davon war viel und zuviel dagewesen.

Hier rechts die Amtsstube, sie wird erwrmt sein. Er klinkte die Tr auf.
Im Ofen bullerte wirklich das Feuer, das Eisentrchen stand auf, eine junge
Gestalt im runden Mtzchen kniete davor und stocherte in den Flammen.

Justine, nun brennt's, sagte sie. In einer halben Stunde schrauben Sie
zu, dann wird es hier warm.

Ich danke Ihnen, Frulein v.Drfflin, sagte der Pfarrer.

Sie fuhr herum. Sie sind's? Ja, wie kommt denn das? Heute schon? Und alles
ist noch kalt!

Sie war aufgesprungen. -- Das ist nun doch ein Willkommen geworden! dachte
er.

Ich habe Sie auch gar nicht kommen hren, sagte sie.

Das macht der Schnee, gab er zur Antwort.

Ich begre Sie hier! sagte sie mit einer schnen Feierlichkeit, und
reichte ihm die Hand, die noch ganz hei vom Ofenfeuer war.

Danke, Frulein v.Drfflin. Er fhlte, wie das strmische Leben bis in
die Fingerspitzen hinein in seiner kalten Hand glhte.

Aber warum bemhen Sie sich um meinen Ofen? fragte er in demselben herben
Ton, den sie schon einmal von ihm gehrt hatte.

Weil es mir Freude macht, sagte sie einfach.

Du freies Seelchen! dachte er staunend.

Jetzt soll Justine mit der Lampe kommen und den Tisch decken! rief sie
voller Eifer. Es ist noch nicht alles so, wie es mte, aber es wird schon
gehen. Ich freue mich so, da ich heute schon auf den Gedanken kam, zu
heizen, sonst wre hier alles finster und eisig gewesen.

Ja, das hatte ich mir eigentlich so ausgesucht, entgegnete er. Aber es
geht auch so!

Sie konnte seine Zge nicht mehr erkennen, aber in seiner Stimme lachte es,
das machte sie selig.

Leben Sie wohl, Herr Pfarrer. Ich sage es im Vorbeigehen der Justine.

Ihm schwebte es auf den Lippen, ihr zu sagen, ihm bei dem Abendessen
Gesellschaft zu leisten. Sie war ja doch der freie Vogel hier im Schlo und
Dorf -- sie war keine Prinzessin mit einem Krnchen im Haar, das ja
nicht verschoben werden durfte. Sie hatte ihm den Ofen geheizt und weder
gezittert, noch sich geschmt, als er sie ertappte.

Solch ein frischklares junges Kind, das tat gut nach all den wirren
schwlen Tagen.

Warum sollte sie nicht mit an seinem Tisch sitzen, dieses freie Herz?

Ja, der Vogel war wohl frei, aber der Jger nicht.

Er lie ihre Hand los. Auf Wiedersehen und Dank.

Gute Nacht, Herr Pfarrer.

Sie war schon in der Tr, da wandte sie sich noch einmal um. Ihr Gesicht
war jetzt ganz unkenntlich in der Dunkelheit, aber ihre Stimme klang
schwer.

Es ist fr Sie -- kein leichter Tausch. Ich wei nicht, wie es Ihnen sein
wird. Sie mssen so viel vermissen, nicht nur im Hause, sondern auch in
der Gemeinde. Unsere Bauern sind sehr dumm, und sie sind durch alle die
Krankheiten auch sehr heruntergekommen. Und Sie waren immer so verwhnt.
Ich kann das ja nicht durchsehen, aber es ist gewi viel Strke ntig--

Ich bin ein Diener der Kirche! sagte er mit starker Stimme und mit
jener klingenden Klte im Ton, die von jeher zu seinem Wesen gehrte. Es
existiert fr mich nicht die Frage nach bequem oder unbequem, sondern ganz
andere Gesichtspunkte kommen hier in Frage. Ich hatte Grund, diesen Weg zu
whlen. Glauben Sie mir das.

Ja, sagte sie still und fest. Ich habe es immer geglaubt. Mu man denn
immer wissen: Warum und wozu und woher und alles? Jeder hat doch seinen Weg
fr sich, den er im Grunde nur allein kennt. Das ist ja so langweilig und
unntz, wenn alle die anderen Leute daran herumzupfen und fragen und reden,
was gar nicht dazu pat.

So ist es, mein guter Kamerad! rief er froh.

Er kam zu ihr, und sie, in ihrem inneren Jubel, hob die Arme auf zu ihm. Da
nahm er erschttert ihren heien jungen Kopf in seine Hnde und sah ihr in
die Augen.

Jetzt sind wir verbndet, mein Kamerad! rief er voller bermut.

Ja!! Auf Tod und Leben!----------

Dann wandte sie sich um, die Tr klappte, ihre Schritte klangen auf der
Steintreppe und verhallten im weichen stillen Schnee.

Nun hatte sie es doch vergessen, der Justine von Lampe und Abendbrot zu
sagen.

Es war schon recht. Er blieb allein in der dunklen Stube mit dem
Feuerschein, der auf die Diele fiel.

Das war ein Nachhausekommen! dachte er.

Eines Tages wird dieses herrliche Kind zu meinen Fen sitzen, und
ich werde ihr meine Prinzessinnen-Liebe erzhlen, all den flirrenden,
glitzernden Kram ihr zeigen, der die Augen blendet. Meine groe Eitelkeit
und des Frstenkindes arme Menschlichkeit. Mein kleiner junger Kamerad, der
soll das alles sehen und wissen. Er ist weiser als wir alle, weil er frei
und khn ist. Seine dumme kleine Mdchenliebe will ich nicht, ich habe
genug von diesen Trnken. Aber ich will und liebe sein kluges Herz.

Er zog ein elektrisches Lmpchen aus der Tasche und beleuchtete den Raum,
in dem er stand. Da war der Schreibtisch, Sthle mit Lederpolster,
lichte Gardinen von schnem Fall. Vielleicht sah alles bei Tage hier
unharmonischer aus bei den kleinen Fenstern, der nicht sehr hohen Decke und
den niedrigen Tren. Hohe, leere Bchergestelle waren an der Wand, seine
Bcher hatte er nicht auspacken lassen. Ein breites Sofa, ein moderner
Eichentisch mit glatten Linien und allerhand Beiwerk fllte den Raum.

Alles sprach eine Sprache. Wie laut sie tnte in der tiefen Stille, von
rauschenden Tagen! Auf diesem Divan hatte das blasse Frstenkind gesessen.
Gregor, ich kann nicht ohne Dich leben. Nimm mich mit und sei es ins
rmste Haus--

Sein Mund verzog sich, noch immer hielt er das elektrische Lmpchen in die
Hhe. Durchlaucht, es ist besser so.--

Du blasses Gebilde, verzrteltes Herz, unter dies Dach will ich Dein weies
Gesichtchen nicht haben. Hier will ich einen Strom von Sonne und Herbheit
und Kraft und Klte. Alles, was die Glieder wieder stark macht nach dem
lauen Rosenwasser.

Kennst Du den Reiz der Askese, Durchlaucht Maria? Du nicht.

                           *       *       *

Die Dorfkirche war berfllt, selbst in den Gngen standen die Leute. Auch
Herr v.Drfflin war ehrenhalber heute erschienen. Es war ihm ein bichen
komisch zu Mut, da er der Patronatsherr sein sollte von dem ltesten Sohne
seines Fritz. Es gelang ihm auch nicht so recht, die Wrde, die ihm zukam,
zu markieren. Er rckte nach rechts und links und machte beklommene Augen,
als sei er in seinem vergitterten Herrenstuhl derjenige, der heute eine
Probe abzulegen habe, und nicht der junge blonde Geistliche im Talar, mit
der goldenen Brille vor den blauen Augen.

Zu Hause bei ihm, im Ezimmer, hatte es einen kleinen Strau gegeben.
Gisela fand es nicht richtig, da Fritzchen auch zur Kirche ginge. Sonst
ist immer nur hchstens einer in unserem Stuhl, und heute tritt die ganze
Familie an. Das ist ja unerhrt, das fllt ja rasend auf.

Fritzchen sagte: Aber Gisa, natrlich gehe ich zur Kirche. Wem von allen
Menschen soll ich es verbergen, da ich Gregor Zlchow lieber anhre als
den alten Baumann?

Aber so begreife doch! schalt Gisa.

Frau v.Pohle half Fritzchen. Es sei doch ganz natrlich, da bei einem
Amtswechsel sich das allgemeine Interesse zeige. Herr v.Drfflin half
ihr auch. Wenn er schon gehen mte, sollte Fritzchen auch, das war ihm
gemtlicher.

So sa alles in gespannter Erwartung.

Wie hell und kalt und gebieterisch die junge Stimme durch den Raum
schallte! Die Leute sahen sich an und schttelten leise die Kpfe. Nein,
das war nichts, ihr alter Pastor war's nicht. Herr v.Drfflin rutschte
von neuem hin und her, ihm kam vor, als sei jedes Wort der Liturgie und der
Vorlesung mahnend und tadelnd an ihn gerichtet und er sei dazu ausersehen,
heute eine Moralische zu kriegen.

Es war am 23. Sonntag nach Trinitatis.

------ die Feinde des Kreuzes Christi, welcher Ende ist die Verdammnis,
welchen der Bauch ihr Gott ist, und ihre Ehre zu schanden wird, derer, die
irdisch gesinnt sind. Unser Wandel aber ist im Himmel--

Er stand auf der Kanzel. ber ihm und zu seinen Seiten waren die
pausbackigen, graugewordenen Engel- und Apostelfratzen, die ein
lngstvergangenes Jahrhundert hier geschaffen hatte. An den Fenstern trieb
ein wirres Schneegestber. Es war kalt, und der Dampf flog vom Munde.

Er stand da oben, mit seiner goldenen Brille, mit seinem schmalen Gesicht,
kein Helfer und Trster und liebevoll strenger Vater seiner armen Gemeinde
auf den harten Bnken da unten und in den steinkalten Gngen.

Er mochte wohl ein Fhrer sein, denn er wute den Weg, aber er sah sich
nicht um nach denen, die ihm folgten. Ob sie mitkonnten, ob sie stolperten,
ob sie hilfsbedrftige Hnde ausstreckten, was ging es ihn an. Er war
von herrlicher Gestalt und herrlichem Wort, aber die unbeholfenen Seelen
frchteten sich vor ihm und krochen in sich zusammen.

Es war keine Strafrede, die heute von der Kanzel kam, wenigstens keine, wie
der alte Pastor sie hielt und wie sie den Leuten lieb und ntzlich war.
Es seufzten keine Klagen ber ihre Verderbtheit, es fielen keine groben
Vergleiche und plumpen Beschuldigungen. Alles war messerscharf,
voll wissenschaftlicher Klarheit, leuchtend und doch kalt, wie ein
bengstigendes Spiel mit blanken Schwertern.

Noch war es eine Predigt fr den Hof und die Hofkreise, und einige halb
mitleidige, hingeworfene Erklrungen, die er seinen Auseinandersetzungen
anhing, um sie den Kpfen da unten verstndlich zu machen, nderten nicht
viel.

Da empfand Fritzchen zum ersten Mal als schmerzend den Eishauch, der von
ihm ausging. Die Not ihres Vlkchens, das da stand und harrte und nun
glnzende Steine statt einfachen, krftigen Brots empfing, ging ihr zu
Herzen.

Wie hatte sie sich oft ber den alten Baumann emprt mit seinen
Himmelreichsversprechungen als Antwort auf die irdische Mhsal und mit
seinen Keulenschlgen! Hier war nichts von dem, sondern eine Flle von
Geist und Studium spielend heruntergeworfen. Eine verblffend glnzende
Form fr den alten, ihr lngst unscheinbar gewordenen Inhalt.

Es ging dem Mdchen wunderlich. Was htte sie sich Schneres wnschen
knnen? Ihre ganze kindischtolle Rebellion konnte hier ihre Antwort finden.
Alte, auswendig gelernte Worte erschienen pltzlich in neuer Beleuchtung,
wurden lebendig, traten dem Herzen greifbar nahe. Ach -- so ist es gemeint?
Ein Ahnen von dem ewig Gltigen in der alten Form, die von trotzigen Hnden
als abgegriffen fortgeschoben ist, durchschauerte die junge lebensfremde
Seele.

Aber all das flog nur vorber, vom Bewutsein kaum aufgenommen, wie die
Flocken des Schneegestbers drauen vor dem Fenster. Wirklichkeit blieb
das armselige Dorfvolk da unten, das ngstlich, leer und enttuscht zu der
Kanzel aufsah.

Was sollte das werden an den Krankenbetten, bei Geburt und Tod, bei all den
tausendfltigen Nten des Leibes und der Seele? Man mute nur wissen, was
hier in den entlegenen Drfern der Pastor bedeutete.

Immer war des alten Mannes Sorgen und Mhen fr seine Gemeinde als
etwas Selbstverstndliches hingenommen. Jetzt ging sein Geist durch die
dichtgedrngte atemlose Kirche.

Wird der da mit der Brille, zu meinem Lisching kommen, wenn es Krmpfe hat?
Wird er unserm Jochen den Kopf zurechtsetzen, wenn er Spne macht und nicht
arbeiten will? Wird der uns oll Mudder trsten in ihrem Husten? Wird der
bei unsern Kinddps sitzen und lustige Toaste ausbringen?

Ich bin sein Kamerad und wir haben einen Bund gemacht! dachte Fritzchen.
Der Gedanke durchglhte sie wie edler Wein, sie gab ihn weiter als ein
stummes Versprechen an die Menge unten.

Ihr Herz hatte keine Furcht mehr vor dem fremden Manne.

                           *       *       *

An demselben Nachmittag kam er zu ihnen aufs Schlo. Er hatte noch ber
Land in zwei Filialkirchen zu predigen gehabt, ein Wagen vom Gut hatte ihn
nach alter berlieferung gefahren.

Er war das nicht gewhnt, der Hofprediger, in Wetter und Wind, wirbelnden
Schnee ums Gesicht zwei Stunden weit auf schlechten Landwegen zu fahren,
um dann abermals in einer ungeheizten Kirche zu predigen. Ihn fror, und
der Kopf schmerzte ihn. Auerdem sa ihm ein fades Gefhl in der Brust.
Die Leute glaubten mit Unrecht, da er zu hochmtig sei, um verstndlich
zu reden, er hatte sich Mhe gegeben, sich ihnen anzupassen, aber Ton und
ueres fr einen Landpfarrer war ihm nicht gegeben. Er sah die gespannten
Gesichter enttuscht und leer werden. Er wute auch: Heute sind die Kirchen
voll, bald werde ich vor leeren Bnken reden knnen.

Ich glaubte mit meinem Geschick schalten zu knnen, aber da stehe ich
unversehens an meiner Grenze.

Der Schulz im nchsten Dorf, ein auf seine Bildung stolzer Herr, sah
ihn mit unverhohlener und etwas frecher Neugier an. Es fielen ein paar
zudringliche Worte, ob dem Herrn Pastor die Luft in der Residenz nicht
zutrglich gewesen sei, man hre ja so oft von dumpfer Grostadtluft.
Der Schulz im dritten Dorf und der Frster waren burischer, aber um so
deutlicher. Sie fragten geradezu, wie der Herr Pastor solchen schlechten
Tausch machen knne.

In vornehmen Kreisen war Gregor bekannt fr die auerordentlich feine
und khle Art, in der er sich Zudringlichkeiten fern hielt. Bei diesen
Landbren verfing das nicht. Denen mute man klobig kommen, wenn sie
verstehen sollten. In tiefer Verstimmung trat Gregor die Rckfahrt an.

------ Es laufen die Gerchte durchs Land wie mit Spinnenbeinen. berall,
wo er knftig hinkommen wird, sind sie schon lngst vor ihm dagewesen. Im
den Weg, wo die Wolken ber den grauen Himmel jagen und die Schneewehen
ber die Felder treiben, wo der Wind bis in die Knochen kltet und
einfrmig die kmpfenden Pferdekpfe da vorne nicken, da horcht man auf die
Stimmen, die raunen, schwatzen, lachen hinter Biertisch und Kaffeetassen.

Gregor v.Zlchow hat wirklich die Hofpredigerstelle Hals ber Kopf
niedergelegt. Ja, oder vielmehr, er mute sie niederlegen. Wie lange
hat er sie denn gehabt? Sechs ganze Wochen. Nein, kaum fnf. Er soll
der Allerhchsten Entschlieung zuvorgekommen sein. Die Prinzessin Maria
soll ins Ausland geschickt sein, ist das wahr? Na, man konnte das
ja voraussehen. Der Vater ist auer sich, eine wilde Szene mit dem
Hofprediger hat stattgefunden. Ach, das ist Gercht. Nicht mehr als
alles andere. Jeder wei, wie die Prinzessin ihn vergttert hat.
Dieser khle Weltmann! Man sollte ihm mehr Takt oder wenigstens Vorsicht
zutrauen. Ja, das ist leicht gesagt--

Haben Sie gehrt, da er jetzt in Hohen-Leucken Pastor ist? Ist denn
Baumann pensioniert? Er mu doch wohl. Wie lcherlich! Warum gerade in
Hohen-Leucken? Ja, das ist unbegreiflich!

So durchschttelt, durchfroren, nervs unter dem Gefhl eines verfehlten
Entschlusses, kam Gregor in sein stilles Pfarrhaus. Justine hatte ihm gut
und sorglich gekocht, aber er achtete es nicht. Wein aus dem Rummelshfer
Keller stand auf dem Tisch, der lockte ihn, aber in einer Art gewaltsamer
Askese schob er ihn ungekostet fort.

Keine Hilfsmittel! Aus mir selbst mich zurechtfinden.

Am liebsten wre er in der jetzigen Verfassung auch nicht aufs Schlo
gegangen. Er wollte seinen jungen Kameraden heute nicht, gerade darum
nicht, weil er in seiner verqulten, hilflosen Stimmung sich nach ihm und
seinem klaren Gesicht sehnte. Er htte gern mit seiner Schwche verchtlich
gespielt und sie niedergetreten wie das Verlangen nach dem Wein. Aber er
hatte mit Herrn v.Drfflin besprochen, da er heute kommen werde, und nun
drehte sich die Geschichte herum, und ein nachtrgliches Absagen wre erst
recht Schwche gewesen.

-- Im Wohnzimmer des Herrenhauses. Gisela hat das Wort. Herr Gott, wie
sie zu plaudern versteht. Das ist ein Ton aus verklungenen Welten fr den
verschlagenen Landpfarrer. Man geht wie auf Fittigen ber das Kraut- und
Rbenfeld dieser Erde. Man streift berall so ein weniges an die Spitzen
und Kronen. Man sagt alles und hat doch nichts gesagt. Man regt an und auf,
sprht, gaukelt und berhrt doch kein Ding so nah, da es stechen knnte.

Famos. Man merkt jetzt erst, wie einem diese Art Unterhaltung gefehlt hat.
Ist denn das schon so lange her, da man sie entbehrte? Jawohl, man ist ja
eben zehn Jahre ber den wsten Schneeweg gefahren.

Er war schon so nervs empfindlich geworden, da er bestimmt erwartete,
wieder gestochen und verletzt zu werden. Da fuhr Giselas leichte
Unterhaltung wie ein lauer kosender Wind ber seine wunde Haut. Er war drin
im Ton, ohne es zu merken.

Frau v.Pohle schlo sich an. Sie wute, wie man in Gesellschaft spricht,
und erwartete zudem nichts anderes von dem Manne, den sie als Modeprediger
empfand und dessen Kommen aufs Dorf sie entweder fr eine spielerische
Laune oder fr irgend einen Verlegenheitscoup nahm. Sie hatte keine groe
Sympathie fr ihn und bestrkte ihn absichtlich in dem leichten Ton, um
Fritzchens willen.

Verdirb Dir nicht lnger Deine hellen jungen Augen an diesem Trugbild der
Herrlichkeit! dachte sie bei sich im Herzen.

Herr v.Drfflin spielte eine Null. Das war nicht gut fr ihn, noch fr
seinen Gutspfarrer. Diese Einfhrung war die allerschlechteste: Mit der
Weltdame des Hauses im Gesellschaftston verkehren und rechts und links jede
tiefere, krftigere Saite unangeschlagen zu lassen.

Fritzchen aber sa in der tiefen Fensterecke, sprach gar nicht mit, sondern
sah nach ihren Freunden, den Wolken.

Es hatte aufgehrt zu schneien. Eine dunstige gelbgraue Schicht umschlo
den Horizont. Darber zogen wie ungeordnete Scharen, die sich eine neue
Heimat suchten, zerrissene und geballte, dnne und massige Wolkengebilde.

Seine Stimme klang im Raum, aber so, wie sie klang, hatte sie keine Macht
ber dies unabhngige Herz. Es ging davon, zu den Wolken hinauf. Nicht
betrbt, nicht im Groll, aber in einer Trumerei, die vielleicht die
schlechteste Huldigung war, die jemals dem Freiherrn und Pfarrer Gregor
v.Zlchow dargebracht war.

Ein paarmal sah er zu ihr hin. Welch ein Kind sie doch noch war, sich
abseits zu setzen und aus dem Fenster zu gucken. Er lchelte. Er dachte an
den Wein, den er fortgeschoben hatte--

Gisela sprach von seiner Predigt. Sie hatte gut aufgemerkt und spielte
mit religisen Schlagworten wie mit einer ganz besonders grazisen,
gesellschaftlichen Attraktion. Diese Handhabung war er gewhnt. Ganz wie
etwas Selbstverstndliches sprach sie es aus, da er sich in die lndliche
Stille zurckgezogen habe, um ungestrt fr seine Professur zu arbeiten.

Ich bewundere Ihren Scharfblick! sagte er ernst mit einer Verbeugung.

In Wahrheit war ihm diese Lsung nicht fremd, er hatte sie schon vor
diesem Sonntag erwogen, und die heutige Erkenntnis, wie schlecht er fr das
Predigtamt tauge, wenn er es nicht als glnzende Draperie fr seine
Person gebrauchte, hatte ihm den Gedanken befestigt, diese neue und
aussichtsreiche Laufbahn einer Art Shne vorzuziehen, die ihm in ihrer
herben und erlsenden Asketenhaftigkeit heute doch schon phantastisch
vorkam.

Es ist ein anderes Ding, nach ein paar rauschvollen Monaten, in denen man
sein heiliges Amt in Eitelkeit und Genusucht entweihte, sich von der
Welt abzukehren und mit einem strengen Leben, das ohne Lohn nur dem Dienst
geweiht ist, die innere Ehre vor sich selber herzustellen -- oder: an
einem falschen Platz mit ungengender Kraft und verzagendem Willen eine
aussichtslose Arbeit zu tun.

Gregor v.Zlchow -- der Sohn eines alten Herrenhauses unter alten,
rauschenden Bumen am stillen See, der Sohn eines strengen, krftigen
Vaters und einer feinen, phantastischen Mutter, Gregor, der Schler der
Gottesweisheit, jung eingefhrt in das Ringen, Sehnen und Suchen der
Kreatur, berufen, ein Fhrer zu sein aus dem sichtbaren, greifbaren
Tagesleben heraus -- der konnte wohl eine Entshnung finden, die feurig,
phantastisch und tricht war, und die der fade, eisige, nchterne Mensch in
ihm verneinen mute, sobald es ging.

Darum hatte Gisela, das Weltkind, recht.

Aber es hatte doch noch jemand anders recht!

Ein Wort hatte Fritzchen geweckt. Sie kam mit einem jhen Ruck in die
Gegenwart, in das Zimmer, in dem die anderen saen, zurck. Sie wandte sich
herum.

Sie wollen hier nur fr die Professur arbeiten? rief sie.

Ich kann heute noch keine Auskunft darber geben, sagte er khl
ablehnend.

Da sprang sie auf, so da die anderen erschraken. Es ist nicht mglich,
da Sie Ihr Amt hier nur als bergang auffassen! Sie stand schon vor
ihm, die beiden geballten Hnde vor der Brust zusammengedrckt. Ihr ganzer
Anblick war eine strmische Bitte: La es nicht mglich sein!

Aber Fritzchen! rief Gisela.

Na nu, Fritz! sagte Herr v.Drfflin.

Frau v.Pohle dachte: Wieviel verlorene Liebesmh'!

Gregors Lcheln war verflogen, er sah voll Ernst und berraschung in das
ungestme, ehrliche Gesicht. Wie seltsam dieser volle, starke Ton in das
halbe Gezwitscher klang, das bisher den Raum gefllt hatte!

bergang ist alles, auch unser bestes, sagte er, halb unbewut die
Worte formend und doch mit einem tiefen Interesse und einer Gier auf ihre
Erwiderung.

Ihre Augen wurden ungeduldig. Wir wissen es dann aber nicht, whrend wir
drin sind, sagte sie zu ihm.

Du verstehst einfach nichts davon, Frida! sagte Gisela michtlich.
Wie kannst Du abmessen, was fr Herrn Baron v.Zlchow die entsprechende
Laufbahn ist!

Ich wei aber, da man sein Wort halten mu! rief Fritzchen flammend.
Und das haben Sie den Leuten hier im Dorf gegeben. Alle warten auf Sie,
Sie haben es getan!

Er stand auf. Was war es, das ihn anrief? Sein eignes strkeres, edleres,
freieres Herz! Halte auch Dir Dein Wort! La Dir gengen an der armen,
herben, unberhmten Arbeit. In dem Kind ruft Gott Dich an.

Unter dem Durcheinander von Stimmen, das sich jetzt erhob, da Gisela und
auch der Gutsherr und auch Frau v.Pohle alle etwas eilig und heftig zu
sagen hatten, auf das er nicht hrte und das er nicht verstand, sah er dem
jungen Geist in die Augen, mit dem er jhlings eine Verwandtschaft entdeckt
hatte, von der er bisher nichts wute.

Es ist vielleicht nicht alles so, wie Sie denken, sagte er zu ihr.
Sie schlagen wohl manchmal das Fenster ein, wo Sie zur Tr hineingehen
knnten--

Ihm war, als msse er sich wehren gegen diese berflle von Leben und
Forderung, die hier auf ihn einstrmte.

-- Es geht ein Wanderer am Meeresstrande, da kommt der wilde Seewind und
fhrt ihm in den Mantel, und der Wanderer wehrt sich verdrielich und
wickelt den Mantel fester.

Es ist aber noch ein Stck Jungenstollheit in ihm, das hat pltzlich, er
wei nicht wie, einen Bund mit dem Seewind gemacht. Das mchte am liebsten
den dummen, lstigen Mantel von sich werfen und mit dem Winde um die Wette
jagen und tollen. Aber schau: der Mantel ist wertvoll und sehr notwendig!

Gregor v.Zlchow machte ein khles Gesicht. Mein Seewind, ich habe doch
wohl keine Zeit fr Dich.

Er nahm Abschied. Da, wie er schon drauen war, ohne Besinnen, ohne Fragen,
ohne ein Tuch umzubinden, jagte das Fritzchen hinter ihm drein.

Aber Frida, wohin willst Du? Bleib' hier! schrie Gisela auer sich.

So la sie doch! sagte Herr v.Drfflin barsch, obwohl er nicht wute,
was sie vorhatte und ob es etwas taugte, was sie vorhatte.

Am Ende ist Herr v.Drfflin, der arme alte Junker, doch der einzige auf
der Welt, der den richtigen Instinkt in dieser Sache hat. La sie doch,
das ist heute noch das beste fr solch windwildes Herz. La sie nur,
sie mu doch ihre eignen Wege laufen. Sie an Rockzipfeln festhalten, ist
verlorene Mhe. La sie hineinlaufen in ihr Glck und ihr Unheil, in ihr
Feuer und Wasser, in all ihr eigenstes, lebendigstes Leben!

Der Wind pfiff um die Hausecke und Vaters zwei groe Jagdhunde fuhren mit
wildem Freudengeheul auf sie ein, da sie sie beinahe umwarfen. Gregor
blieb erstarrt stehen.

Wollte es ihn doch nicht loslassen?

Sie haben gesagt, ich wre Ihr Kamerad! sagte Fritzchen trotzig. Sie
hatte die Hand auf den Kopf der braunen Leda gelegt, der Wind ri an ihrem
Kleid und ihrem Haar, aber sie merkte es nicht, sie war mit dem Winde
aufgewachsen wie mit den Hunden.

Ja -- solche Kameradschaft, ist sie wirklich fr Gregor v.Zlchow, den
Weltmann und Professor?

Durch die kahlen Bume und durch das hallende Steintor fhrt der Junker
Wind, er fhrt dem Wanderer in sein Kleid. Vielleicht ist diesmal doch der
Mann noch kostbarer als der Mantel?--

Du wildes Leben -- schner Sturmvogel! sagte Gregor laut.

Das war der Wind, der ihm die Worte gab, das war der Wind, der sie
weitertrug. Im verschneiten Herrenhof von Hohen-Leucken stand der junge
Pfarrer mit dem schmalen, khnen Gesicht, und die Augen waren hei geworden
hinter der goldenen Brille.

Ja, wir wollen leben! Sehr, sehr viel leben! sagte Fritzchen. Es war
keine Furcht an ihr, sie stand noch immer mit der Hand auf dem Kopf des
Hundes. Aber sie schien pltzlich wie gewachsen, ihr Blick weiter, die
Stirn edler, der Mund stolzer.

Sie nherte sich ihm nicht, und doch hatte dieser Mann noch nie ein
herrlicheres Bild der Selbstbergabe gesehen. Es war so herrlich, da er
fr einen Moment die Augen senkte wie vor einem allzu hellen Licht.

Dann gingen sie stumm auseinander. Der seltsame Bund war geschlossen.




Zehntes Kapitel.


Die kahlen Bume standen still um den vereisten See. Hier und da hing noch
ein gelbbraunes Blatt, das bei dem groen Begrbnis bersehen wurde, in
den sten. Die Weidenbume streckten ihre drren Ruten gen Himmel, und der
Schnee lag wie ein weies Tuch, von keinem Menschenfu betreten.

Fritzchen ging am Ufer entlang mit Leda an der Seite. Es war der Montag
Vormittag, und die Sonne schien nach dem gestrigen Schneetreiben. Auch der
Wind war schlafen gegangen, es war fast warm im Sonnenschein.

Seit gestern hatte der junge Mund nicht viel gesprochen. Eine erhabene
Stille war auf ihr Herz gesunken. In ihr war ein Bangen, da sie nun nicht
mehr allein war im Leben, und eine groe Freude, so hell wie die Sonne am
Himmel. Aber beides so tief und still, da kein Wort, kaum ein Gedanke es
berhrte.

Leda war jetzt ihre Beste. Mit der ging sie seit dem frhen Morgen herum.
Sie hatte die rote Sonne ber den Schneefeldern gesehen, sie hatten sich
durch angewehte Wlle hindurchgearbeitet, jetzt stand die Sonne hoch und
sie waren am klaren eisbezogenen See.

Alles war hier, wie es immer gewesen war, wie sie es kannte, seit sie
laufen konnte: jeder Baum, jedes Gebsch, jeder Knick und Graben, der See,
der da hinten durch allerlei Grben mit dem von Tannenwalde und Rummelshof
in Verbindung stand. Wieviel Schritte und Schrittchen von ihr lagen hier
am Ufer und querfeldein, rechts und links, ber den Sandhgel weg, am Moor
entlang.

Aber Himmel und Erde haben sich verwandelt, wie sollte da Busch und See
noch derselbe sein und die alte Waschbank, die jetzt unter Eis steht und
auf der in wrmerer Zeit die Wsche geklopft wird, da der Schall von der
Waldwand zurckkommt? Selbst die Sonne ist neu, und das eigne Herz ist neu
geworden in dieser einen stillen, groen Nacht.--

Wohl ist es die schnste Brautfeier an der klaren, glitzernden Eisflche,
Sonne und Schnee und die groe Einsamkeit um sich her.

Der Hundekopf drngte sich an ihr Kleid, sie streichelte ihn. Ja, Leda, Du
weit.

Es war noch keine Sehnsucht in ihr. Alles war still, weit und hell wie das
Winterbild um sie her.

              --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --

Auch er hatte die Nacht nicht geschlafen, erst als der Morgen kam, befiel
ihn eine schwere, wie tote Mdigkeit. Aber seine Nacht war nicht still und
hell gewesen, sondern voller Strme und Unruhe.

Ich habe Dich lieb -- und ich habe Dich nicht lieb. Du bist mir alles --
und Du bist mir nichts. Ich will Dich -- und ich will Dich nicht!

Noch hielt er den Mantel fest. Ach ja, es ist ein atemloses Ding um den
Sturm, der ber die Ebene kommt. Man ist nicht immer bereit, mit allen
seinen Registern zu leben und zu klingen.

Gregor! rief es in seinem Herzen: Hte Dich! Um das Feuer einer Muestunde
verleugne nicht die feinen und khlen Instinkte Deiner Natur. Lade Dir
nicht den Wind vom Felde in Dein Haus. Du verstehst und liebst ihn, aber
seine Gemeinschaft mtest Du vielleicht zu teuer bezahlen.

Ach -- ob ich ihn verstehe!

Ob ich je eine schnere Stunde hatte und beglckter fhlte, als einmal hier
in dunkler Stube, bei meinem Einzug, als das Feuer im Ofen knatterte -- als
gestern, auf dem verschneiten Hof, unter Wolken, im Wind.

Weit Du noch, Herz, die beiden Hunde und das starke, junge Menschenkind?

Suchst Du noch etwas Stolzeres und Seres fr Dich im Leben? Da -- Herz!
Wirf den Mantel weg!

Es kroch schon der erste graue Dezemberschein ber die weien Felder, als
der hin- und hergerissene Mensch in einen steinschweren Schlaf verfiel.

Wie weit ist das Fritzchen schon ber die Felder gelaufen mit ihrer Leda,
ihrer Liebe und ihrer groen schnen Ruhe? Wie lang hat sie schon am Eis
gestanden, da ist der Pfarrer endlich aufgewacht.

Justine ist besorgt und glaubt, er hat sich gestern erkltet. Um Gottes
willen, das darf ihr nicht passieren! Was sollte die Frau Baronin sagen! Es
ist zu Hause immer viel Wesens gemacht um den Herrn Baron Gregor, da ist er
wohl von klein auf etwas verzrtelt, aber, das gehrt sich auch so. Er ist
doch ein gar zu feiner Herr!

Nun schleicht sie sich ein bei ihm und heizt, ohne da er es merkt. Wie ein
Dieb, so leise hantiert sie mit den ungefgen Buchenkloben.

Als er erwacht, ist die ganze Stube voll Sonne, und im Ofen brennt ein
helles Feuer. Er hat die Arme unter dem Kopf und sieht sich um. Wo war er
doch? Wie Schatten fliegen die wilden Gestalten der Nacht an ihm vorber.
Ein leises Abwehren, ein Murren der Bequemlichkeit ist in ihm.

Hell ist das Leben und sein Tag, man berwindet auch seine Tiefgnge.
Verstricke Dich nicht in Unruhen und Wirren. Nimm des Lebens Sigkeiten
nicht ernster, als Dir und ihnen taugt.

Er stand auf, badete sich ab, brauchte wie immer mehr als eine Stunde zur
Toilette, und ging dann in sein Ezimmer, das nach hinten hinaus zum Garten
lag. Das Frhstck stand wie durch unsichtbare Geisterhnde gebracht
auf dem zierlich gedeckten Tisch. Die Kakaokanne dampfte, Zwieback,
eigengebackenes Weibrot, Butter, gebratenes Fleisch, Schweizerkse,
alles stand bereit. Die Zeitung lag neben seinem Platz, auch ein Brief aus
Rummelshof und einige Geschftssachen aus der Residenz.

Wie die Sonne drauen auf dem Schnee in tausend und abertausend glitzernden
Sternchen funkelte! Wie die Bume feierlich standen, die Zweige gesenkt
unter der weichen, weien Last. Durch die unberhrte weie Decke lief nur
eine winzige Spur von einem Ktzchen oder Hasen.

-- Ich will Dich doch! sagte der aufblhende, starke, lebendige Mensch in
ihm. Er lie den Frhstckstisch, Briefe, Zeitungen stehen und liegen
und ging an das Fenster. Es rief die Sonne, es rief der weite, leuchtende
Schnee: Das Leben ist eine Feier, eine starke Tat! Du Narr, mit Deiner
Angst und Deinem Vorbeidrcken! Packe es an, da wo es am tollsten schumt!

Danach kam einer seiner vielen berlichten Momente. Er sah sich selbst wie
eine Figur, an der er keinen anderen Teil hatte, als den des interessierten
Zuschauers. Er wute, er konnte auch diese -- diese Sache auf die eine
Weise so gut wie auf die andre behandeln. Er konnte es tun oder lassen,
erfassen oder liegen lassen, alles war bei ihm mglich und begrndet. Er
war der Mensch der bewuten Zwiespltigkeit, weil seine Intelligenz weit
ber seinen Instinkt hinausgewachsen war. Dies machte ihn zu gleicher Zeit
klug und unschlssig, fein und schwach, kalt und nervs. Es bedurfte bei
ihm nur des bewuten Anrufs an den Willen, um die eine oder die andre Seite
zur Geltung und Herrschaft zu bringen.

Er war nicht frei, insofern das Wissen ihn band. Aber er war mchtig, weil
das Wissen ihm den Schlssel zu der Gewalt ber sich, das Leben und seine
Dinge in die Hand gegeben hatte, und weil seine Instinkte ohnmchtig waren.

Er konnte nicht bezaubert werden, sobald er selbst es nicht wollte.

Das war fade, aber praktisch.

-- Nachdem er diesen berblick ber sich selbst wieder einmal
gewonnen hatte, drehte er sich vom Fenster ab und setzte sich an den
Frhstckstisch. Das blendende Schneelicht war ihm noch in den Augen, so
da sich vor alle Gegenstnde ein Flimmern zog, erst allmhlich erkannte er
alles wieder richtig.

Er a und trank von allem wenig, aber mit Verstand, wie seine Art war. Auch
dabei sah er sich selber heute zu.

Er hatte ein stolzes und doch trbes Gefhl in der Brust. Das Leben
beherrschen heit meist, ihm entsagen und sich von ihm absondern, und die
Heiligen sind oft nur die Toten.

                           *       *       *

Gregor machte seinen ersten Krankenbesuch bei der Frau seines alten
Ksters, einem gebrechlichen Weibchen, das sonst hustend und flennend in
ihren buntkarierten Betten lag. Damit fing sein wunderliches Seelsorgeramt
an. Es war eine stickige Luft in der engen Kammer, die dem verwhnten
Mann der Welt auf Lunge und Nerven fiel. Aber er bezwang sich, weil er mit
diesen Dingen nicht gleich sein Amt beginnen wollte.

Er sa am Bett, sah die alte Jammergestalt durch seine Brille an, sagte
Worte, die sehr schn und richtig waren, und an dieser Stelle hchst
nutzlos, und die Alte lag da in tausend ngsten, verbi sich vor lauter
Genieren ihren Husten und schwitzte am ganzen Leibe.

Ja, Herr Pastor. Ja, Herr Pastor -- das war alles, was sie berstrzt
hervorbrachte, um ihn nur ja nicht zu beleidigen. Der Kster hatte drben
Schule abzuhalten, und wute nichts von dem hohen Besuche. Es war am
Nachmittag gegen vier desselben Montags. Die Sonne war eben herunter
und damit aller Glanz. Graue Schatten krochen ber den Schnee, und das
Tageslicht in dem niedrigen Raum nahm rapide ab.

Nebenan in der Kche polterte es. Die Alte horchte ein paarmal hin, wollte
wohl etwas sagen, aber getraute es sich dann doch immer nicht. Pltzlich
ein lauter, ungeduldiger, heller Ausruf:

Solch verrckter alter Herd!

Was fr eine Stimme?

Gregors Gesicht sah wohl pltzlich wie eine einzige Frage aus, so da die
Alte stotternd sagte: Das ist -- das ist man blo das Frulein Fritzchen,
Herr Pastor, ich mein': das gndige Frulein. Ach Gott, wir sagen noch
immer so aus alter Gewohnheit, und weil wir sie kannten, als sie noch in
der Wiege lag, und ihre selige Frau Mutter--

Was tut denn das Frulein hier? rief er aus.

Ach Gott, Herr Pastor, man blo die Supp'. Sie macht mir die Supp' von
Mittag nochmal warm, weil ich vorher nicht essen mochte. Und der alte
dammlige Herd, Herr Pastor, der will oft nicht so, wer ihn nicht kennt.
Dann qualmt er blo und kochen tut's nicht.

Gregor war aufgestanden und stie die wacklige Brettertr auf. Da war eine
groe, niedrige Kche mit einem einzigen klimperkleinen Fensterchen ber
dem Abwaschfa. Auf dem Ziegelsteinboden, in lauter Qualm gehllt, stand
---- wer war es?

Wollte er, der Spieler in dem groen Krieg der Erde, wieder fortschieben,
wieder umrtteln, was das lebendige Leben ihm zeigte, da dies seine kleine
Braut war, die da stand, in der grlichen Kchenschrze der Frau Kstern,
mit rauchgeschwrzten Fingerchen und rotem, zornigem Gesicht!

Da stand er, so erfat und berschttet von Glck, wie er noch nie gewesen
war.

Sie hob den Topf vom Feuer und sah ihn an. Flammen schlugen aus dem Herd
und beleuchteten ihr Gesicht. Da wute sie nichts mehr von Qualm und
rgernis.

Jetzt ist die Suppe fertig! sagte sie, und weiter nichts. Sie go sie in
eine irdene Schale und go einiges vorbei. Die Schrze der Frau Kstern
war heute schwrzer geworden, als ihre Besitzerin sie sonst in einer Woche
machte.

Er kam zu ihr. Der junge, heie, verantwortungslose Mensch, der in sich
drin sitzt und nicht nebenbei steht, ging mit ihm durch. Da fate er das
Bild seines Glckes, das schnste, beste Bild, das es fr ihn geben konnte,
um, drckte es an sich und kte es auf den Mund.

Mein Fritz -- mein ses Leben! murmelte er.

Sie hielt noch immer den ruigen Suppentopf. Die Flammen schlugen aus dem
Herd, das war ein heies, jauchzendes Bild!

O lieber, lieber Gregor--, sagte sie.

Es war so weich, so hold und demtig. Mit ganz vorsichtigen Fingerchen
stellte sie den Topf auf die Steine neben das Feuerloch.

Ich kann Dich nicht anrhren, ich bin berall schwarz.

So gib mir davon ab! sagte er voller bermut.

Er umschlo sie und drckte ihr heies, tolles, geliebtes Kpfchen an seine
Schulter, kte ihr Haar, ihre Stirn, und dachte: So ist es doch am besten!
Was soll alles andere!

Fritzchen sagte gar nichts zu alledem, sie lag eine Weile ganz still. Dann
hob sie ihr Kpfchen auf, legte es etwas hintenber an seine Schulter und
kte ihn von selbst auf den Mund.

Lieber Gregor--, sagte sie nur wieder ganz leise, aber was Himmel und
Erde umfassen kann, war darin.

---- Ach, Du leiwer Gott, leiwer Gott, sthnte es aus der Kammer.

Ich mu ihr ihre Suppe bringen, sagte Fritzchen. Gib mir, bitte, einen
Blechlffel aus dem Schrankfach. Nein, rechts. Ja, da, danke.

Sie hatte mit beiden Hnden die heie Schssel zu halten. Als er den Lffel
hineinlegte, wuschelte sie fr einen Moment ihren Kopf an seinen Arm und
kte seinen Rockrmel.

Nachher gieen wir das Feuer zusammen aus, ja? bat sie.

Hatte er je auf Erden solche leuchtenden Augen gesehen?

Ja, Frida! Komm bald zurck!

Er blieb an der Feuerstelle allein. ber dem Herd war ein mchtiger
Rauchfang, unter dem stand er und sah in die Flammen. Er war nichts als der
selige Bursche, der am Herd hockt und auf seine kleine Dirn wartet.

Ach, was hat das Leben doch fr se Stunden!

Drinnen hrte er hin und wieder ihr Stimmchen, den goldenen Klang.

Es stand mitten in der Kche ein dicker, blaugetnchter Pfeiler, der die
Decke sttzte. An ihm hingen allerlei Feuerhaken, Zangen und sonstige
Gerte. Der lange schwarze Schatten von Gregor, den er vor der Flamme
stehend, warf, fiel auf diesen Pfeiler. Das war's, was Fritzchen zuerst
sah, als sie zurckkam.

Da kam der tolle bermut ihres Glckes ber sie.

Der da ist mein Bundesgenosse, viel lnger schon als Du! sagte sie.

Wer?

Der da, der sich bewegt.

Mein Schatten?

Den hab' ich heimlich gekt, in Rummelshof, als ich noch klein war.

Damals warst Du nicht Du und ich nicht ich, sagte Gregor. Er war beinah
eiferschtig auf den Schatten frherer Zeiten.

Drauen auf der Diele entstand ein Gepolter, die Schulkinder kamen
heraus. Als der Kster die Kche betrat, fand er den Herrn Pastor und
das Schlofrulein einig und eifrig bemht, das Feuer auf seinem Herde
auszugieen.

Er tat aufs uerste erstaunt, aber er war ein alter, heller Kopf. Er
dachte: Hier giet ihr es aus, und anderswo werdet ihr es euch anstecken.
Na, mg' es euch viel Glck bringen!




Elftes Kapitel.


Sie traten beide zusammen auf die Dorfstrae. Es war hier drauen noch
vollkommen hell. Hinten um eine Scheunenecke herum schneeballierten sich
die letzten der Schulkinder, unterm Arm ihren zerplieserten Katechismus und
ihre Rechenbcher.

Kommst Du mit nach oben? fragte Fritzchen.

ber den alten Kirchhof, der mitten im Dorf lag und nicht mehr benutzt
wurde, mit seinen eingefallenen Holzkreuzen, versunkenen Grbern und
der brckligen Mauer, auf der das junge Geschlecht Haschen und Anschlag
spielte, ging jetzt der Blick durch kahle Bume auf den Hgel mit dem
Herrenhaus. Es lag still und grau unter seiner Schneekappe, trotzig und
hlich in seiner nchternen Einfachheit.

Da stand der Mensch, der groe Gaben hatte und eine kleine Kraft, der
viele Krfte hatte und eine matte Hand, und es packte ihn wieder sein alter
verfluchter Zweifel. Der Zauber der schummrigen Kche, des Feuers im Herd,
des Feuers im Herzen sank herab.

Geh mit mir durchs Steintor und dann kehr um, sagte Fritzchen. Sie wollte
noch nicht Papa und Gisela und tausenderlei Geschwtz da mit hinein haben,
aber sie wollte durchs Steintor mit ihm gehen, wie schon einmal.

Sie war in einem schottischen Kleid mit einem hellgrauen Tchelchen um die
Schultern. So lief sie oft, wenn sie es eilig hatte, vom Schlo ins Dorf.
Ihr Gesicht war so schn in seiner Freiheit und Khnheit wie je, ihr Mund
so weich, ihre Stimme so ganz voll von Klang -- aber es berckte ihn nicht
mehr. Er erschrak vor sich selbst, als er das leise pressende Gefhl von
berlast und Abwehr in sich empfand.

Wenn er aber jetzt nicht wollte noch mochte wie sie, so war er ihr doch
kein ebenbrtiger Gegner. Was sollte er ihr sagen, da er sie nicht ans
Steintor bringen wollte? Was sollte er ihr dafr anfhren, da sie ihn noch
nicht -- oder gar nicht -- Du nennen drfe?

Es war schon einmal so, da ich mich verspielte -- dachte er in dumpfer
Not. Bin ich denn ein Narr, so wollte ich lieber ein ganzer sein, dem seine
Narrheit s bleibt bis ans Ende.

So wollen wir gehen, sagte er.

Fritzchen fhlte seine pltzliche Verstimmung, die sie sich nicht erklren
konnte. Sie wollte ihn fragen, aber es war ein eisiger und abweisender
Ausdruck in seinem Gesicht, der ihr jhlings die ganze Furcht und Scheu
ihrer Kinderzeit zurckbrachte. Sie lachte selbst darber. Wie bin ich
dumm! Leicht schttelte sie das dunkle Grauen von sich ab und fing an, ihm
zu erzhlen, wie sie heute frh ber die weien Schneefelder gelaufen war
und am See gestanden hatte, mit Leda.

Sie sagte nicht, da dies ihre Brautfeier gewesen sei, aber er fhlte es.

Trotzdem -- denn das lcherliche Menschenherz hat immer neue Schutzmittel
fr sich selbst und das liebe Wohl bereit -- empfand er dafr kein
qulendes Mitleid mit ihr, sondern eher eine Art Unwillen und Ha gegen
ihre frohe, stolze, klare Sicherheit.

Hinter ihnen knirschte der Schnee, an einem hervorspringenden Stein klang
es, das Schnauben eines Pferdes ertnte. Es war ein Reiter, der auf der
Mitte der Fahrstrae in raschem Tempo dahersetzte. Sie traten beiseite, ihn
vorber zu lassen, da war er auch schon vom Pferde.

Hans Henning in Joppe und hohen Stiefeln, frisch und warm vom scharfen Ritt
in der Winterluft.

Na, Junge, wo kommst Du her?

Ja, ja, fr Weihnachten noch ein bichen frh, was? Er begrte Fritzchen
voller Freude. Da ich Sie aber auch gleich hier mit meinem Bruder treffen
mu! Ich wollte Dir nmlich unversehens ins Haus brechen, Gregor.

Aber wie kommt das?

Ach, ein kleines liebenswrdiges Malheur. Da, sieh, meine linke Hand ist
neulich beim Reiten verknaxelt. Habe dafr vier Wochen Urlaubszeit. Mu
alle Tage zum Doktor und massieren lassen. Scheuliche Geduldsprobe, aber
im brigen bin ich gar nicht bse. Wo kommt Ihr denn her und wo wollt Ihr
hin?

Sie gaben beide keine rechte Antwort. Fritzchen dachte: Ich will ihm alles
sagen! Sie ffnete schon den Mund, aber pltzlich durchfuhr sie ein neuer
seltsamer Gedanke.

Diese Sache gehrte nicht ihr allein. Gregor mute es auch wollen. Und
Gregor--

Sie sah ihn an. Es war noch immer das wunderlich fremde Gesicht, das er
hatte, als ob er eine Maske trge.

Eine Angst berfiel sie. Was war das mit ihm? Wo war er? Was dachte er?

Sie schlo den Mund wieder. Sie fror, und ein unbestimmtes Bangen
schttelte sie.

Wir waren bei der kranken Ksterfrau, sagte Gregor endlich, als das
Schweigen anfing, auffallend zu werden. Ich habe auch noch andere
Krankenbesuche vor. Willst Du auf mich warten, Hans. In einer guten halben
Stunde bin ich da.

Natrlich, gern. Unterdes begleite ich Frulein v.Drfflin, wenn ich
darf.

So kam es nun. Gregor ging nun doch nicht mit bis zum Steintor. Er kte
die kleine kalte Mdchenhand, die in der Klte rot wurde und nicht einmal
einen Handschuh anhatte.

Hans Henning und das Pferd kamen mit.

Tut Ihre Hand weh? fragte Fritzchen. Aber ihre Stimme war so beschwert,
als knne sie den eigenen Klang nicht tragen. Nach all dem Jubel rang ihr
ein Weinen in der Brust.

Nun ja, das geht an, sagte der junge Mensch und sah mit schiefem Mund auf
das umwickelte Bndel, das er in einer schwarzen Binde trug. Es ist nur
gut, da Sie nicht sahen, wie plumpsackmig ich vom Pferde kam. Es
sollte schnell gehen, ehe Sie sich umkehrten, und wurde dafr ein schner
Kladderadatsch!

Ja, ich erinnere mich, da ich umsah, weil es so plumpste, sagte
Fritzchen, aber in ihrem Lcheln war ein Schatten, der dem Hans auffiel,
wie ihm, seit er die beiden getroffen, eigentlich alles auffiel.

Es war zuviel, da er sie gleich getroffen hatte. Nur ihr Haus zu sehen,
hatte er heute gedacht, oder, bei groem Glck, irgendwo einen Schimmer von
ihr. Nun war sie da und war sonderbar verndert. Ihm kam vor, als ob sie
noch gewachsen wre, oder ihre Augen waren grer oder ihr Mund oder ihre
Stirn anders. Jedenfalls etwas war geschehen, etwas Groes und Starkes.

Im Dorfe sprachen sie gar nicht mehr miteinander, aber als sie den
ansteigenden Weg hinaufschritten, an einer ganz bestimmten Stelle, an
einem Heckbusch, den das Pferd streifte und der eine Last von Schnee leise
rutschend abgleiten lie, berfiel ihn pltzlich ein Gedanke, so jh und
leuchtend, da ihm fr einen Moment der Atem aussetzte und er stehen blieb.

Ein Sommerabend zog im Fluge an ihm vorbei. Da hatte er mit zentnerschwerem
Herzen sein Glckskfferchen wieder eingepackt.

berla es der Zeit, bis die Blumen von selber aufbrechen--

Sehen vielleicht so -- die aufgeblhten Rosen aus?

Warum noch dies ewige Zagen und Beben? Ein Kind geht nicht und blickt
nicht, wie sie es tut! Jetzt ab und los! Jetzt frage ich nicht mehr herum
bei Mutter und groen Brdern. Hei, wie der Schnee voll Blumen steht! Seht
Ihr's nicht? Fitzliputzli, mein Brauner, mein braver Junge -- was? Das war
ein Reiten heut! Du weit von den Blumen auf dem Schnee, ja?

Er hatte die Zgel durch den lahmen Arm gezogen. Mit der rechten Hand griff
er sich jetzt, weil er kaum wute, wohin mit seinen Gliedern, so grundlos
und wildfroh an den Kopf, da sich die Mtze ihm verschob und er ein
lcherlich lustiges und verwegenes Aussehen bekam.

Frulein Fritzchen, kennen Sie noch meinen Fitzliputzli?

So fngt man gewhnlich keine Liebeserklrungen an, aber es kommt manchmal
nicht auf den Anfang an, wenn der Schlu nur taugt. Aber hier war der
Schlu noch schlechter wie der Anfang.

Ja, sagte sie, den kenn' ich natrlich noch. Er hat sich doch immer mit
Mt gebissen, als wir zusammen ritten.

Hat er das? Ja, richtig! Dann ist er ein ganz dummer Affe. Ein Pferd mu
seines Herrn Gefhle nachfhlen. Das vergeb' ich ihm nie. Ich werde von
nun an auf Frithjof reiten, den hat Gregor frher gehabt, der ist
feinfhliger.

Warum ist sie so still geworden, das wilde Ding? dachte er.

Wenn Sie wissen wollen, an was ich die ganze Zeit gedacht habe, als
ich fort war, auch als ich mir das Handgelenk verknaxte, auch wenn der
Schinderhannes, der Doktor, mich massiert -- dann will ich es Ihnen sagen.

An was denn? fragte Fritzchen.

An mein Liebstes auf der Welt, und ob mein Wunsch in Erfllung geht!
sagte der schne, freie Junge. Er stand und sah sie an, so stolz und selig,
wie kein Knig seine Krone ansehen kann.

An mich--? sagte sie.

Er sah den Weg hinan, hinab, er lag leer und still in der fallenden
Dmmerung.

Sie haben es geraten--, sagte er leise.

Er hatte sie Du nennen wollen, und wagte es doch noch nicht.

Sie dnkte ihn so heilig wie lieb.

Sie aber stand und starrte. Vielleicht htte sie ihn noch vor kurzem nicht
so schnell verstanden, wie sie nun tat.

Was soll das? rief sie aus. Ich gehre ja Gregor.

Gregor--?

Er sprach es nach, noch ehe er es gefat hatte.

Ja, sagte sie.

An dieser Stelle des Weges begann rechts die Mauer des Herrengartens. Sie
hatte der Lcher und Lcken viel, drres Gras hing aus den Ritzen, und wo
es nur irgend ging, hatte sich der Schnee eingenistet.

Fritzchen, wie im Traum, fuhr mit der Hand ber die Mauer, spielte mit dem
Schnee, formte Kgelchen daraus und wute dabei nicht, was sie tat.

Hans Henning fhlte pltzlich, als ob sich alles um ihn drehe. Damit er
einen Halt habe, lehnte er sich an das Pferd. Er sah es, und es brannte
sich in sein Herz ein, als das grausigste Bild seines Lebens: Fritzchen
an der Mauer stehend und die kleinen Schneebllchen formend, die sie dann
wieder an die Mauer zurckwarf. Er folgte jeder Bewegung und wute schon
immer im voraus, wie jeder neue kleine Ball aussehen wrde.

Dann kam jh ein rasender Sturm ber ihn. Blutrot frbte sich sein
Gesicht. Er strzte vor, so ruckhaft, da das Pferd, aufgeschreckt, einen
Seitensprung machte und an dem Zgel ri, der um den lahmen Arm geschlungen
war. Ein wilder krperlicher Schmerz raste durch das kranke Handgelenk,
aber er fhlte es nur so fernab, wie in der Narkose. Er packte Fritzchens
Hand, die wieder eine der verfluchten Schneekgelchen zwischen den
Fingern hatte, schttelte sie so heftig, als kme es darauf an, den Schnee
herauszuschtteln, als sei der die Ursache des ganzen Entsetzens.

La los! La los!

La Du los! sagte Fritzchen in groem Zorn. Sie nannten sich Du, es kam
von selbst, wie sie sich frher genannt hatten. Was willst Du von mir?

Der Schnee war heraus -- was nun noch? Hans Henning gab ihre Hand nicht
frei.

Das ist ja Unsinn, das ist ja Wahnsinn! Wie kommst Du zu Gregor? Was will
er von Dir? Er wei es ja! Er wei es ja!

Sie sah sein entstelltes, wild gertetes Gesicht, die Augen, den
knirschenden Mund, im nchsten Moment konnte der Tobende sie an die Mauer
werfen und erwrgen -- sie sah das ganz klar, aber sie hatte gar keine
Angst, keine Spur von Angst um ihr Leben.

Das war also damit gemeint! dachte sie klar und ganz berlegt.

Sie meinte damit ihr schnes, einsames Traumleben, ihr pltzliches Glck,
die Betrbnis heute und das Ende hier am Bergweg, an der Gartenmauer.
Es erschien ihr alles so auerordentlich folgerichtig und gut. Beinahe
verwunderlich, da sie das nicht schon vorher gewut hatte, da so ihr Weg
und dessen Ende sein wrde.

Aber es war dann doch die Tuschung einer ber das Ma hinaus gespannten
Gehirnerregung. Der Wilde, in dessen Hand sie war, war kein Tier, das
Blut vergiet, um sich Erleichterung zu schaffen, es war nur ein gequlter
Mensch, dessen Herz in seiner Not wohl einen Moment lauter schrie, als
zur guten Manier gehrt, der aber schlielich doch noch Du und ich
unterscheiden konnte.

Er lie sie los. Es wre fr ihn schner gewesen, jetzt einfach das Letzte
zu tun und mitsamt seinem lieben Mdchen hier am Weg rasch und wild zu
sterben. Er war ein allzu konzentrierter Junge. Es war fr ihn jetzt nicht
mehr viel wert, was nun noch kommen konnte.

Er hatte auch das Fragen vergessen nach Wann, Warum und Wie. Es stand ja
auch nichts mehr in Frage, es war eine zu mde Sache, jetzt noch den Mund
aufzutun. Er lie sie los, ordnete mechanisch etwas am Reitzeug, fhlte
wieder, etwas bewuter, wie in seinem Arm tobende Schmerzen wteten,
schnallte den Zaum los, nahm ihn in die rechte Hand und ging gerade vor
sich den Weg hinab.

Das Pferd stie an einen Stein, es gab einen klingenden Ton. Unten am Wege
stand wieder der Heckbusch, von dem vorhin der Schnee abgerutscht war. Hans
Henning fate das Pferd krzer, damit es nicht noch einmal daran streife,
denn es war noch einiger Schnee auf dem Busche, der auch noch htte
abgleiten knnen. Das wre schrecklich gewesen. Weiter wute er nichts.

Unten ging er gerade vor sich hin weiter, wie er heruntergegangen war. Die
Dorfstrae entlang bis an den Pfarrgarten. Da wandte er sich rechts und
stand vor seines Bruders Hause.

                           *       *       *

Justine stand vor der Haustr und lugte aus, denn ihr guter Kaffee konnte
das Warten nicht vertragen. Da kam Hans Henning um die Ecke, den Arm in der
Binde, das Pferd zerrend wie ein abgeworfener, maroder Reiter.

Herrjeh, der Herr Baron! Nein, aber so 'ne berraschung! Der Herr Pastor
ist noch im Dorfe, aber er kommt gewi sogleich.

Ich werde warten, sagte Baron Hans.

Ja, natrlich. O Gott, wird er sich freuen!

Sie kam herunter, ihm das Pferd abzunehmen und ihn hereinzulassen. Aber sie
hatte seine Meinung nicht verstanden.

Ich will hier warten, sagte Hans Henning.

Aber doch man nicht drauen, im Schnee.

Ja. Es ist gut, Justine, lassen Sie nur.

Man sieht nicht gern das Trbe, wenn man selber froh gestimmt ist, darum
kostete es der Justine erst einen kleinen inneren Ruck, ehe sie sagen
konnte: Aber, Herr Baron sehen so anders aus -- ist was passiert? Jetzt
sah sie auch den verbundenen Arm.

Der Hans machte eine so wtend ungeduldige Schulterbewegung, da ihr jedes
weitere Wort auf den Lippen erstarb. Sie ffnete zwar noch einmal den Mund,
sie wollte doch noch etwas sagen vom Arm und dem Pferde oder dem Kaffee
und sonst etwas Tchtiges und Richtiges, aber sie war im Dienst alt genug
geworden, um Herrenlaunen zu kennen, sie klappte den Mund wieder zu und
schlich bedrckt hinein. Doch dann ging drinnen ein wildes Kaffeemahlen
los, an dem sie sich trstete und erhob.

Hans Henning stand drauen und dachte nur das eine: Ich mu Gregor
sprechen. Aber danach war alles stumpf und dumpf in ihm. Nur sein Arm und
Gelenk wtete wie wahnsinnig.

Er streifte den Zgel ber eine Zaunlatte an der hlzernen Pforte und
strich und drckte leise an dem Arm, um die Schmerzen etwas zu migen. Es
half nicht viel, es schien sogar immer grimmiger zu werden. Er hatte eine
Anwandlung von Ohnmacht und lehnte sich gegen die Mauer.

Gregor kam, ihm war zu unruhig zumute, um lange in Krankenstuben
auszuhalten. Da fand er seinen jungen Bruder an der Gartenmauer, er regte
sich nicht, als er nher kam. Er hatte den Kopf etwas hintenber angelehnt
wie ein halb Ohnmchtiger, und Gregor sah trotz der Dmmerung, da das
Gesicht totenhnlich bla war.

Hans! Warum stehst Du hier drauen? Ist Dir schlecht, Junge?

Hans Henning ffnete die Augen, mit einer groen Willensanstrengung
sammelte er sich. Das groe Schmerzgefhl innen und auen verzog seinen
Mund, so da er wunderlich fremd fr den Bruder aussah.

Hans, ist Deine Hand so schlimm? Komm herein!

La das!

Mit einer Kraft, die in gar keinem Verhltnis zu der hilflosen Stellung
war, in der Gregor ihn gefunden hatte, stie er mit der gesunden Faust den
Bruder zurck, der ihn anfassen wollte, um ihn zu geleiten.

Denkst Du, ich gehe in Dein Haus?

Er stand jetzt ganz aufrecht, und sein Gesicht fing an, wie im Fieber zu
glhen.

Rhr' mich nicht an! Viel haben wir nicht mehr miteinander zu tun. Weit
Du noch, im Sommer auf der Veranda? Herrgott, Mensch, da hast Du Dir wohl
selbst den Weg freihalten wollen? _So_ bist Du? _So_ bist Du? Und ich
Schaf, ich Esel, ich Narr! Natrlich -- wenn der Hofprediger kommt -- mehr
als ich hast Du ja immer gegolten. Meinetwegen, nehmt doch dem Hans seine
Blume weg, was braucht er eine Blume! -- Du! Weit Du, was heute passiert
ist? Zwei Menschen hab' ich verloren, die mir die liebsten waren. Na, man
immer zu, was macht das auch aus--

Er ging zur Seite, wo das Pferd stand. Der krperliche Schmerz lie ihn
einen Augenblick taumeln, dann hielt er sich am Pferdercken und versuchte
aufzusteigen.

Gregor hatte wie erstarrt gestanden, jetzt strzte er ihm nach. Hans, Du
bist ja von Sinnen. Du darfst so nicht fort. Um Gotteswillen, Dir passiert
ein Unglck, mein Junge. Sei doch nicht so auer Dir, la uns ber die
Sache reden. Steige nicht auf, Hans, ich lasse Dich so nicht fort--

Du lt mich nicht? hohnlachte der andere. Von jetzt ab wirst Du mir
wohl nichts mehr zu lassen oder nicht zu lassen haben. Das ist vorbei,
Bruder Pfaff!

Die Wut spannte seine Sehnen. Er, der noch eben halb bewutlos an der Mauer
gelehnt hatte, flog mit einem einzigen Schwung in den Sattel. Dabei hatte
er sich ohne Besinnen auf die linke Hand gestemmt. Ein wilder Fluch und
Aufschrei entfuhr ihm, er ri den Zgel so heftig von der Latte, da das
Leder zerri, das Pferd setzte in die Hhe und im Galopp flog es mit seinem
verzweifelten Reiter davon. Noch von fern, auf der Dorfstrae hrte man hin
und wieder einen kurzen, klingenden Ton vom Hufschlag.

Da stand der andere! Da stand er in seiner ganzen Herrlichkeit!

Hans! rief er noch einmal in die leere Luft.

Leer, still, tot. Tiefe, regungslose Winterstille hier, wo noch eben die
wilden Worte brausten. War das noch einmal ein Hufschlag? Vorbei ----
jetzt mute er schon zum Dorfe hinaus sein.

Der wahnsinnige Junge! Es mu ihn jemand aufhalten! Wie sah er denn aus?
Er strzt ja. Aber wer will diesem Sturmritt nach? Nur fr den Fall, da er
gestrzt ist und irgendwo liegt--

He, Michael Krauthammer!

Da hinten, wo die Dorfstrae weiter luft, guckt ein altes Buerlein ber
den Zaun. Es ist taub und versteht nicht. Gregor winkt wie ein Rasender, da
klettert es ber die Latten und kommt gelaufen, da der lockere Schnee an
der Oberflche in kleinen Ballen hinter ihm auffliegt.

Michael, ist Dein Schimmel im Stalle? Er mu mit voller Lunge schreien,
sonst kann er es sechzehnmal sagen.

Jawohl, Herr Pastuhr. Jawohl, jawohl.

Willst Du mich fahren, in dieser Minute nach Rummelshof?

Nach Rummelshof? Jawohl. Morgen frh, Herr Pastuhr?

Rasender Unsinn! Jetzt! Sofort, auf die Minute. Jetzt!

Jetzt? Aber -- nun ja--, er wiegt das graue Kpfchen. Nu ja, Herr
Pastuhr, zu gern will ich das. Nur mein' Kaffig erst austrinken, der steht
in der Rhre.

Ja ja, la Deinen Fhrer nur erst seinen Kaffig noch austrinken. So
schnell, wie Dein wilder Bruder kommst Du doch nicht fort. Nur sachte,
khler Gregor, es ziemt sich nicht fr Dich, berzukochen. Fahr Du sachte
der wilden Spur nach, lies die zerbrochenen Leute auf, das ist ja ein
heiliges Amt. Oder ist das vielleicht noch heiliger, die Leute erst zu
zerbrechen?

Er stand im Stall, im Mist und legte selbst dem Schimmel das Geschirr auf.
Das Buerchen weinte beinahe, weil es so schnell fertig sein sollte. Aber
den Kaffig wenigstens, den lie es sich doch nicht nehmen.

Wenn ich aufs Gut ginge, bekme ich schneller ein Fuhrwerk, dachte Gregor.
Aber ich gehe nicht da hin, und mittlerweile ist's ja auch hier so weit.

Er sa auf dem Strohsacke des Leiterschlittens, und als eben das gemtliche
Getrotte losgehen sollte, ri er dem Alten die Leine fort. Es handelt sich
um Tod und Leben! schrie er ihn an, hier heit's Galopp.

O je, o je! schluchzte das Mnnchen. Dat end't jawoll nich gaud!

Der Schimmel bekam die Peitsche, er dachte, das wre ein Miverstndnis,
aber es war keins. Sie sauste wieder und wieder. Da wurde ihm so
himmelangst wie seinem alten Herrn, und der Schlitten flog durchs Dorf und
drauen ber den hckrigen Weg.

Auf freiem Felde war es noch wieder ein Stckchen heller als im Dorfe.
Gregor sphte den flachen Weg entlang bers Moor. Jawohl, es flogen Krhen
auf, wenn er nach denen suchte. Da tanzten in der Luft auch schon wieder
Schneeflocken.

Dat ward jawoll 'n Gestiewe, klagte Michael Krauthammer besorgt. Am End'
finden wir unsern Weg noaher nich wedder.

Gregor antwortete nicht. Die freie Luft hier drauen auf der raschen Fahrt
tat ihm gut. Ihm wurde klarer im Kopfe.

Sie hat dem tollen Jungen unsere Sache verraten! dachte er voll wilden
Zornes. Was fllt ihr ein? Wer gab ihr das Recht? Ja, so ist sie: mit
dem Kopf durch alle Wnde, unbekmmert, rcksichtslos. Was macht ihr mein
Wunsch und Wille aus? Was macht ihr das Unheil aus, das sie stiftet? Sollte
ich mein Lebelang mich mit dem Lschen abgeben, wo sie Feuer angelegt
hat?--

Eintnig klapperten ein paar klanglose Schellen am Sielengeschirr des
Schimmels. Hin und wieder flog der Schlitten ber eine Unebenheit des Weges
heftig zur Seite, da die Mnner sich an dem Leitergerst halten muten.

Wi smieten m, Herr Pastuhr! gellte das Mnnchen.

Und wenn auch, das macht nicht viel aus, sagte Gregor unwirsch.
Hchstens hlt's uns auf.

Aber es war mit Sorgfalt nicht viel zu machen. Der Weg war so berweht vom
Schnee, da man seine Tcken nicht sehen konnte. Dazu schneite es immer
heftiger und wurde rasch Nacht.

Sind da nicht Tappen vom Pferd? Ja, da ist er geritten. Aber wer kann's
erkennen. Eine Laterne hast Du wohl natrlich nicht mit?

Wat sall ick hem?

Schafskopf! dachte Gregor, aber er sagte es nicht laut, weil das nicht die
geistliche Amtssprache ist.

Je weiter der Weg und nher das Ziel, um so steinerner und klter wurde das
Herz in ihm. Die rasch aufgefahrene Angst um den Bruder, die ihm wie
mit eisernen Hnden das Herz gepackt hatte, lie nach, je mehr die
Wahrscheinlichkeit eines Unglcksfalles sank. Er hrte auf, das Pferd zu
peitschen und zu jagen. Als er durch das Schneetreiben die Lichter von
Rummelshof sah, erwog er schon, ob er nicht umkehren solle. Was er
wollte, hatte er ja getan: dem Hans auf die Spuren gesehen, ob ihm nichts
zugestoen sei.

Dennoch war die Beruhigung zu unsicher. Er konnte auf einem anderen Wege
bers Moor geritten sein. So fuhr er weiter.

Es war nicht tot zu machen, da er vor einer Stunde mit einer wahnsinnigen
Angst im Herzen im Pferdestall des alten Krauthammer gestanden hatte.
Gregor v.Zlchow hatte nicht viele Stunden wie diese gehabt, sie zuckte
ihm noch im Blute.

Aber wer wenig Perlen hat, stellt sich um die, die er hat, auch ganz
besonders gefhrlich an. Gregor setzte den wilden Herzschlag, die tolle
Fahrt, die Not dieser Stunde dem Bruder Hans dick unterstrichen aufs Konto.
Da! das zahle Du mir erst mal wieder heraus!

So klapperte er auf seinem Bauernschlitten auf den Hof seiner Vter ein.
Er fuhr auf den Laternenschein zu, der durch entlaubtes Gebsch von den
Stallgebuden her kam. Da stand ein Knecht und rieb Hans Hennings Pferd ab.

Na also--, sagte Gregor nur. Er tat keine weitere Frage und wandte den
Schlitten wieder um.

Herr Pastuhr, Sei fhren ja wedder rut!

La das Buerchen schreien, so viel es will. Es hat hier wohl auf einen
heien Grog gehofft.

Da, Michel, nun kannst Du auch wieder fahren.

O je, o je -- nee, de Geschicht' begriep ick mien Lwdag nich--

Ich habe Dich nicht umgeschmissen, nun schmei Du mich auch nicht um,
sagte Gregor. Er hatte nicht Lust, um diese Sache nun noch na zu werden.

Wenn der dumme Junge zur Ruhe gekommen ist, wird sich schon alles
arrangieren, dachte er.

                           *       *       *

Danach kam der Dienstag Morgen. Die Sonne schien wieder, aber bla aus
blassem, nichtssagendem Himmel. Der Ostwind strich scharf durch die kahlen
Bume, in der Nacht war der Schnee von gestern abend festgefroren.

Gregor hatte einen schweren Kopf. Er sa am Schreibtisch, um eine
wissenschaftliche Arbeit fr eines der theologischen Bltter zu beenden,
fr die er hin und wieder schrieb. Aber er konnte heute nicht. Man rumt
auch erst bei sich zu Hause auf, ehe man anderen Leuten die Sthle und
Tische fr dieses Lebens Gebrauch zurechtstellt.

Aber er hatte von dieser unpersnlichen Arbeit Klrung und Beruhigung
erwartet, die blieb nun vllig aus.

Da ich mich mit dem Kinde nicht verbinden kann, ist mir jetzt ohne
Zweifel, dachte er. Es ist meine Schmach und Erniedrigung, da ich dies
fr ein paar tolle Viertelstunden verga. Ein boshaftes Geschick oder eine
absonderliche Schwche meiner Nerven lie mich zweimal in derselben Sache
einen so argen Fehlgriff tun. Bei der kleinen Durchlaucht war es vielleicht
schlechter, berechnender. Ich htte schon ihr Gemahl werden wollen, was tat
mir ihr ses Schmachten zu Leide? Bei diesem Kinde -- ach, da kann ich
nur bitten: Erscheine mir nicht! Bleib fern, damit ich so stark und khl
bleibe, wie ich mu.

Die Sache ist nicht am Ende. O, wre sie es! Was steht noch alles bevor!
Ich kann es nicht vermeiden, was nun kommt. Sie glaubt an mich. Sie kennt
keine Schwche und keine Klte. Sie ist in jeder Stunde das, was sie
wirklich ist, nicht nur ein abgeblitzter Funke ihrer selbst.

Was noch bevorsteht, ist dieses: Ich mu sie an die Hand nehmen -- ich
sie! und das ist mein Ben -- und sie durch das dunkle Tal menschlicher
Kompliziertheiten fhren, das sie noch nie gesehen hat. Ich mu das Grauen
und die Verachtung in ihren Augen wecken. Das mu ich tun. Sie mu mich
als Schwchling und Egoisten sehen. Wenn sie weniger unwissend, stark und
einfach wre, knnte sie auch die feineren Fden sehen. So wird sie es
nicht, und es ist nicht meine Sache, es sie zu lehren. Ich kann an ihrer
Verachtung und ihrem Grauen nichts ndern.

Hans Henning -- das ist Art von ihrer Art. -- Warum soll das nicht werden?

Er stand auf, ging durchs Zimmer und setzte sich wieder. Am blassen Himmel
war die Sonne fortgegangen, man sah kaum wohin, so gleichfrmig fade und
weigrau legten sich die Wolkenstreifen darber.

Warum soll das nicht werden?

So la sie beide doch -- und gib der Vernunft Raum und sei kein Narr, der
eine schlechte Tat auf die andere huft.

Ja ja, so ist es gut. Keiner braucht sich dabei das Genick zu brechen.

Aber ich, der ich nur die Hand zu ffnen brauche, wo andere kmpfen und
ringen, ich soll als der einzig Hungrige vom Tische aufstehen?--

Ich _will_ es ja so! Ich _will_ den Wein nicht. Warum kann man ihn nicht
umstoen, da auch andere nicht zu trinken brauchen? Das Kniglichste auf
Erden ist Verschwendung.

Was ist das? Bewegt sich da etwas in der Ofenecke hinter dem Schlot? Diener
der Kirche, kennst Du denn nicht die grinsende Fratze?

Was wre es gewesen, wenn jemand gestern vom Pferde gefallen wre----?

Weg Satanas! Du hast gesprochen, nicht ich!

Satanas -- ja kommst Du jetzt da herum? Bist licht und schn und frei von
Gang und hast ein rotbraunes Struwwelkpfchen?

Geist, zerrinne wieder! O Du mein liebes Gesicht -- erscheine mir nicht!
Erscheine mir nicht!

Die Gartenpforte klinkt. Der Schnee knirscht unter den Tritten.

Jag sie doch hinaus, wenn Du Angst hast!

Nein, nein. Die Entscheidung soll kommen.

Fritzchen, ja -- so etwas wagst Du wieder? Das tut keine sittsame Jungfrau,
Du wildes, unbedachtes Kind!

O Gregor, das starke Herz, das Mnnerherz! Reie es rasch heraus, in den
Winkel damit, sonst ---- rasch!

Da klopft es schon.

Da steht sie in der Tr. Wie ist sie bla geworden in dieser einen
schlimmen Nacht!

Gregor, sagte sie leise, ich suche Dich. Es war ein krankes, bittendes
Lcheln um ihren Mund, das machte sie fr ihn noch schner, als sie je
zuvor in ihrer lachenden Kraft gewesen war.

Er stand ihr gegenber -- ihr Sklave.

Nein!! Es kommt die Reue! rief er jhlings so wild, da sie
zusammenschrak. Er hatte es nur sich sagen wollen, nun hatte er es auch ihr
gesagt.

Die Reue? fragte sie zitternd und bange.

Du bist ein Kind und weit nichts von mir und Dir! rief er in demselben
wilden, starken Tone. Geh hinaus von hier, geh! Es kommt nichts wie
Unglck hierbei heraus. Ich wei das, ich wute das immer, aber ich hatte
es in einer trichten Stunde vergessen.

Damit war sein hoher, starker Ton erschpft. Er sah, wie sie fahl bleich
geworden war. Sie bot einen solchen Anblick, da er glaubte, sie werde im
nchsten Moment umsinken. Er eilte herbei, ihr einen Stuhl zu geben.

Nein, danke, sagte sie, sttzte sich aber doch auf die Lehne und sah ihn
mit den Augen an, die bergro in dem blassen Gesichtchen standen.

Du hast mich also nicht lieb? fragte sie in einem seltsam hohen, wie
fragend klingenden Tonfall.

Er spielte jetzt wahrlich nicht. Es war eine Schmerzberwindung, wie dieser
Mensch sie in seinem ganzen bisherigen Leben noch nicht vollbracht hatte.
Er gab der Wahrheit, die ber Ja und Nein steht, die Ehre und sagte hart
und stark wie klingender Stahl:

Nein.

Ihre Blicke verwirrten sich einen Moment und wurden vllig leer, so da
ihn ein kurzes Grausen und gleich darauf ein unendliches Mitleid fate. Er
griff nach ihrer Hand und zog sie sanft an sich.

Die Versuchung fr ihn war berwunden.

Es war eine sehr se und holde Tuschung, sagte er. Wir kommen beide
wohl darber fort.

Was hatte er ihr doch erklren wollen von der komplizierten Maschinerie
seines Seelenlebens? Ach, vor diesen Augen versagen noch ganz andere
und viel einfachere Erklrungen. Da steht der schlichte, groe, starke
Menschenjammer vor dem ganzen Prunk der analytischen Erklrungskunst, und
die Kunst fllt zusammen und wird zum Huflein Schmutz.

Das Leben aber wendet sich und geht hinaus.

Adieu, Gregor.

Sie geht hinaus. Es sind nur Minuten verstrichen, wieder klinkt das
Gartentor. Sie trgt den Kopf geneigt, wie ein freier Vogel, den man
angeschossen hat, sie schleppt ihre Fe.

Ach ja, das wird ein saurer Gang.

Er, der Pfarrer, steht in seinem Zimmer. Er ist nicht zum Sklaven und zum
Verrter der eigenen Kraft geworden. Er hat gebt, was zu ben war.

Jetzt schliet er seinen ehrlichen Bund mit der Einsamkeit und mit der
Klte.




Zwlftes Kapitel.


Was ist geschehen? Verstehst Du es, Herz? Verstehst Du es, Kopf?

Sie kommt in ihrem Schlohof oben an. Da steht der alte klobige Turm mit
seinen vielen Fenstern.

Ein Entsetzen packt sie. Da hinein? Da sitzen wie gestern und alle Tage?
Einfach weiterleben hinter diesen Mauern?

Es zuckt ihr in den Fen. Fort, ins Feld hinaus, weit weg. Nur nicht
wieder hier hinein!

Ins Feld? Ja, da ist Weg und Steg und jeder Stein noch wie er immer war.
bers Moor? Oder an den See?

An den See? Weit Du noch?

Mit einer wilden, hilflosen Bewegung drckt sie die beiden Fuste vor die
Augen. Schwarz -- schwarz -- schwarz--

Ins Dunkle! Verkriechen! Das ist das beste!

Hinein.

Wie die Haustr knarrt mit dem altbekannten Ton! Da ist Jakob auf der
Treppe.

Jakob? Gibt es denn noch Menschen?

Was gibt's heut' wohl zu Mittag, gndiges Frulein? sagt Jakob, der alte
Schelm.

Sie steht in der Schulstube und wei nicht, wie sie hereinkam. Es ist
eiskalt hier, sie graut sich vor den acht Fenstern.

Da bleibt sie stehen, mitten im Raum, und schreit laut auf.----

Das hat geholfen. Das starre, steife Entsetzen ist gelst. Sie atmet
wieder.

Sie wei pltzlich alles -- sie lchelt -- sie glaubt pltzlich nichts.
Welch ein Schreckbild hat sie gengstigt!

Sie geht an ihren alten zerschnitzten, staubigen Fenstertisch. Ein halb
zerrissener Zettel liegt herum, sie nimmt ihn und schreibt darauf mit
Bleistift.

Ich habe Dich nicht verstanden. Meintest Du so, da wir uns nichts mehr
angingen? Aber das gibt es ja nicht. Du kannst mich doch nicht den einen
Tag lieb haben und den anderen nicht? Bist Du mir ber etwas bse, das ich
getan habe? Warum sagtest Du das nicht--

Pltzlich hielt sie inne. Sie fhlte es im Nacken, es stand jemand in der
Tr. Mit einem Erbeben des Grauens kehrte sie sich um.

Da war er. -- Schwarz, stumm, mit demselben eiskalten Gesicht von gestern,
von der Dorfstrae her, mit einem geisterhaft schrecklichen Blick durch die
Brillenglser. Er rhrte sich nicht, er ffnete nur langsam die Lippen --
er wrde ihr antworten--

Nein! Nein! Ich will nichts! Ich will nichts! schrie sie wie von Sinnen.
Sie sprang auf, der Stuhl fiel um, sie stolperte ber eins der Holzbeine,
die ganze Stube drehte sich, er mit, sie fhlte ein namenloses Entsetzen,
wie einen Fall in eine unendliche Leere--

Geh fort! Geh fort--

Dann wurde es Nacht und stumm.

------ Es stand niemand in der Tr. Nur die acht Fenster, von dem
einfrmigen grauen Wei des sonnenlosen Schneetages gefllt, sahen auf das
bewutlose Kind am Fuboden.

                           *       *       *

-- Aber es kamen Schritte. Frau v.Pohle suchte nach Fritzchen. Sie hatte
im Vorbeigehen Jakob gefragt, der kratzte sich im Kopf.

Mit der ist wohl was los, gndige Frau. Die guckte mich eben an, als ob
sie ihren Klug nicht htte. Am End' ist sie krank, sie ist wohl zu Bett
gegangen.

Im Bett war sie nicht. In der Schulstube war sie.

Ein brennender Schreck durchzuckte die Frau, im Moment war sie neben der
Gestalt, die wie zusammengeschossen mit dem Gesicht auf der Erde neben dem
umgestrzten Stuhle lag.

Sie kniete neben ihr. Fritzchen! Aber sie konnte den starken jungen
Krper nicht mit ihren schwachen Armen bewegen. Sie stand auf, um Hilfe zu
holen, da sah sie den Zettel auf dem Tische.

Sie nahm und las ihn und fhlte einen Moment, wie das Herz in ihr still
stand. Ihr Gesicht bedeckte sich mit brennender Rte der Not, der Scham,
um dies junge, herrliche Menschenbild, das hier in Schmach und Jammer vor
ihren Fen lag.

Den Zettel steckte sie zu sich.

Auch das noch! Er hat auch mit ihr zu spielen gewagt! Ein kraftschnes
Leben zerrissen in Eitelkeit und Herzensklte. O Gott, o Du Gott der
Gerechtigkeit, triff ihn! Hre mich! Mann und Kinder und all mein
Lebensglck hast Du mir genommen. Ich stehe in einer Wste. Ich will nichts
fr mich. Aber hre den Schrei nach Gerechtigkeit. Triff ihn! Vernichte
ihn, den Vernichter!!

                           *       *       *

Es kam ber Nacht ein Westwind bers Land in groen, langen Sten. Die
Temperatur stieg um mehrere Grade. Als wieder neuer Schnee zur Erde nieder
wollte, wurde er zu Regen. Es leckte von den Dchern und rutschte von den
Bumen. Groe hliche lcherige Vertiefungen fra das laue Na in die
zarte weie Schneedecke. Auf der Dorfstrae patschten die Pferdehufe,
schlammten die Rder.

Die Kalesche des Doktors fuhr durch das Dorf. Sie kam von drauen herein,
wo auf freiem Felde das Werk des Zertauens noch nicht so vorgeschritten
war, aber hier auf dem hckrigen Pflaster spritzte der Schmutz bis hoch an
das Verdeckleder hinan.

berall steckten besorgte Gesichter aus den Tren und hinter dem
Fensterglas. Um das Fritzchen war der Doktor doch noch nie geholt.

Was ist denn los? Frulein Fritzchen ist krank. Na nu! Uns' Frulein?
Aber nee!

Es wute es niemand, was in Wahrheit geschehen war, auer Frau v.Pohle --
und vielleicht noch einem, wenn man es dem zufllig im Dorfe erzhlte. Aber
mit dem redet man doch nicht wie mit einem gewhnlichen Menschen.

Frau v.Pohle sagte dem Doktor, da Fritzchen gestern in Ohnmacht gefallen
sei, eine unruhige fieberische Nacht gehabt habe und heute sehr matt und
bengstigend teilnahmslos dalge. Sie sah auch den Doktor, dessen Assistent
sie manches Mal im Dorf gewesen war, leer und gleichgltig an, erwiderte
seine Begrung nicht und gab ihm keine Antwort.

Lat mich doch schlafen, war das einzige, was sie in einer Art von mder
Verzweiflung sagte.

Sie mu einen kolossalen Nervenschok gehabt haben, sagte der Doktor. Sie
haben keine Ahnung, gndige Frau?

Nein, nein, sagte Frau v.Pohle, aber so hastig, da er ihr die Lge von
der Stirn ablas.

Mit Vater -- Schwester -- es ist nichts passiert? fragte er.

O, nicht im geringsten.

Es wird sich augenblicklich nicht viel tun lassen, sagte er. -- Sie mu
sich gesund schlafen. Aber sowie sie wieder auf ihren Fen stehen kann,
mu sie eine Luftvernderung haben.

Jawohl, eine Luftvernderung! rief Frau v.Pohle in lebhafter Zustimmung.

Na, da kann man sich's ja schon denken, Ihr Heimlichtuer! dachte der alte
Doktor bei sich. Lieber Gott, menschliche Sachen. Zwanzig Lenze zhlt das
Wurm. Sowas geht vorber.

Und mal ein bichen tanzen, Menschen sehen, Theater, Musik, all solch' ein
Kram. Sie verstehen mich, gndige Frau, sorgen Sie dafr.

Soviel ich kann! sagte Frau v.Pohle.

Im Fortfahren dachte der Doktor: Ob es nicht der hochnsige Laffe im Talar
ist, der auch hier das Unheil angerichtet hat? Mge ihn der Teufel holen!

Der Fluch des krftigen alten Doktors und das Gebet der feinen alten Dame
schlo eine seltsame Verbrderung. Es haben schon andere Throne gewackelt,
als man sie niederbetete und niederfluchte. Denn auf Erden sind Mchte am
Werk, die mchtiger sind als der Westwind ber den Schneemassen.

Der Westwind ging um das Pfarrhaus und rttelte an der Haustr und den
Lden. Ein Reitpferd stand drauen angebunden, es war ungeduldig und
stampfte, da der Schmutz hoch aufspritzte. Ein Mann kam aus dem Hause in
hohen Stiefeln, er ging durch den Garten, setzte sich zu Pferde und ritt
davon. Nur der Wind war noch in der Strae. Er trieb den Regen durch die
Luft und ri den letzten Schnee von den Bumen.

Jawohl, es ist auch eine Lust, Schnheit zu zerstren! Der Wind lst die
weie Decke auf und stt die phantastischen Kronen von den Mauerkpfen.
Ihr habt genug bewundert! Hussa, merkt Ihr, wie es trieft, leckt, pfeift,
klappert, und wie alle Herrlichkeit zufliet?

Der Pfarrer steht im Zimmer und liest einen Brief. Mein Gregor, denke
Dir, seit gestern ist Hans fort. Ich glaubte, er wre zum Arzt geritten,
es hatte sich mit seiner Hand so auerordentlich verschlimmert. Ich wartete
ngstlich auf seine Rckkehr und schickte ihm dann einen Boten nach.
Sein Pferd hat er eingestellt und nur dem Wirt -- denk' Dir, Gregor, dem
Hotelwirt! -- den Bescheid fr mich hinterlassen, da er schreiben wrde.
Er war schon vorher so seltsam, sonst wrde ich mich ja nicht ngstigen.
Und dann der kranke Arm. Bei dem Arzt ist er gar nicht gewesen! Lieber
Gregor, wenn Du Zeit hast, komm herber. La mir durch den Boten sagen, ob
ich Dir den Wagen schicken soll. Oder wenn Du Nachricht von Hans hast, gib
sie ihm gleich mit.

Der Wagen soll kommen! hatte Gregor bestellt.

Er kannte seine Mutter, sie hatte nicht gewagt, den gleich mitzuschicken.
Was sollte er auch dort? Ihr sagen, da er etwas mehr wisse, als sie -- und
da auch er eine unbestimmte Angst in sich hege?

Aber er konnte drben wohl noch Nheres erfahren, er konnte des wtenden
Jungen Spuren verfolgen. Das wrde nicht allzu schwer sein. Er konnte ihn
in seinem sinnlosen Hinausstrmen aufhalten und ihm sagen: Du hast keinen
Schmerz und keine Bitterkeit ntig. Was Du fr meine Rechte hieltest,
bergehe ich alles Dir. Und das Weitere besorge Du Dir selbst.

Wie ist solche nrrische Verzweiflung doch noch voll Glck, Kraft,
klopfendem Leben. Um eines kleinen Mdchens willen sich Herz und Genick
zerbrechen, die Welt einschlagen und nichts sehen, hren, fhlen auerdem,
das ist wild und frisch wie Jagdlust und ein scharfes Reiten.

Sieh, wie ist der Schnee getaut seit gestern. Wo ist die leuchtende
Herrlichkeit hin? Der Wind pfeift und der Regen rinnt, es wird eine
schlimme Fahrt bers Moor.

Justine sagt, es ist Krankheit im Schlo. Es ist schon mglich, da es hier
an zwei Enden auf Tod und Leben geht. La es gehen, la es ziehen, rinnen
und vorberpfeifen, wie der Westwind, der den Schnee zerschmilzt. Ich stehe
daneben!

Stolzer Mensch, der also sprechen kann! Tausendmal armer Mensch, der also
sprechen mu! Es gibt ein Knigtum unter den Menschen, das ihre Fesseln
nicht trgt, nicht den Schutz ihres Daches und die Wrme ihres Herdes
teilt. Das selbst von dem Schmerz, der ihm Fessel sein knnte, unabhngig
ist.

Der rmste ist zugleich der Mchtigste. Knig Gregor, es beneiden Dich wohl
wenige um Deine Krone.




Dreizehntes Kapitel.


Damals war die Stunde noch nicht gekommen, da Fritzchen ihre alte Heimat
verlie. Es ging nicht. So wie der Doktor und Frau v.Pohle sich das
zurecht gestellt hatten, lieen sich dieses Kindes Wege nicht ordnen.

Frau v.Pohle hatte heftige Szenen mit dem Papa wegen der
Luftvernderung. Der Papa wurde zum ersten Male ausfallend gegen die
feine alte Dame. Fritzchen kroch nicht an ihn heran, um Schutz zu suchen,
sie fhlte sich nicht von ihm beschtzt. Sie stand bla und still und kalt
und sagte: Ich reise nicht fort.

Als sie kaum aufgestanden war, ging sie nach oben, sie wute, da sie hier
einen Zettel geschrieben hatte. Er war fort.

Hatte Gregor wirklich in der Tr gestanden? Oder hatte sie Geister gesehen?

Sie fragte nicht. Ein kaltes Schauern ergriff sie. Nicht mehr daran denken!
Schon wieder kam das Gefhl des Entsetzens ber sie, das mit diesem Raum
verbunden war. Da strzte sie hinaus und zitterte an allen Gliedern. Es war
vorbei fr sie mit der Turmstube auf immer.

-- Das Grausen verlie sie lange nicht. Sie konnte sich Gregor nicht anders
denken als mit dem toten kalten Angesicht und dem Gespensterblick
hinter den Brillenglsern. Sie zrnte ihm nicht, sie suchte nicht nach
Erklrungen, und niemals, zu keiner Stunde, hoffte sie auf ihn und die
Wiederkehr von Liebe und Glck.

Nichts -- nichts. Sie graute sich nur. Diese Trennung war in Wirklichkeit
auf Tod und Leben gegangen.

Aber sie wollte nicht fort. Nicht aus Liebe oder Hoffnung oder Kraft
geschah das, sondern aus der groen Lhmung heraus, die diesen freigebornen
und abgeschossenen Vogel befallen hatte.

Am Sonntag hrte sie die Kirchenglocken luten. Gisela kam in Hut und
Mantel herein, heute war sie die einzige aus der Familie, die ging.

War das erst der vorige Sonntag, als sie alle dort gewesen waren? _Der_
Sonntag -- das war erst eine Woche her--?

Fritzchen sa im allgemeinen Wohnzimmer. Sie staunte nur und dabei fror
sie ber und ber trotz des warmen Raumes. Sie war in ein groes Tuch
gewickelt. Wenn sie unter den anderen war, dann graute ihr nicht, nur
allein mute man sie nicht lassen.

Herr v.Drfflin ging an ihr vorbei und streichelte ihr mit seiner breiten
Hand ber den Kopf. Fritz, was ist's mit Dir? Wo tut's Dir weh?

Weh? Gar nicht, sagte Fritzchen, verwundert ber diese Frage.

Du wirst hier gesund, ja? Du lufst nicht fort? brummelte er weiter.

Nein, warum sollte ich fort? Ich bin ja hier ganz gut.

Mehr wollte er gar nicht wissen, er ging zufrieden seines Weges.

Am Nachmittag kam Besuch. Leopold Schultze, der Sohn des Fabrikbesitzers
vom Laueschen Familiengut, und seine Schwester Melitta. Sie kamen wegen
Gisela, sonst aus keinem Grunde. Herr Schultze jun. hatte eine aufrichtige,
etwas weichliche Schwrmerei fr sie, die zwar von seinem Vater, der
milichen Geldverhltnisse auf Hohen-Leucken wegen, nicht mit Entzcken
betrachtet, jedoch immerhin, aus Grnden einer Adelsverbindung durchaus
gutgeheien wurde. Nur hatte Herr Leopold, der ein sehr guter Sohn und
ein weicher Mensch war, die strikte Weisung mitbekommen, nicht eher seine
Wnsche in voller Deutlichkeit zu zeigen, als bis Giselas Zustimmung eine
sichere Sache sei. Denn diese Familie war noch zu neu in dieser Gegend,
um nicht eine solche Einfhrung, an der ein Korb hing, durchaus scheuen zu
mssen.

Gisela hatte seit den letzten Wochen schon den Kopf voll von dieser Werbung
und der Aussicht, eine Frau Schultze zu werden. Daher war Fritzchens
wunderliche Erkrankung ziemlich spurlos an ihr vorbeigegangen. Eigentlich
stand ihr Sinn nach anderen Dingen. Sie hatte gedacht, die beiden
Rummelshfer Shne unter sich und ihre Schwester zu verteilen. Wie -- daran
war wohl kein Zweifel. Die verwandten Elemente zusammen, so da nirgends
Feuer und Wasser sich zu gesellen brauchten.

Sie war ein gar khles, weltfrmiges Menschenkind, in dessen geschickten
Hnden viel Unmgliches mglich wurde. Aber sie hatte auch ihre
Abhngigkeiten, die sie armselig, bedrftig und ohnmchtig machten. Gregor,
in seiner drflichen Pfarre, von der Professur abgesehen, die ihr ziemlich
sicher schien, war ihr doch immer noch der Liebere und Interessantere und
Glnzendere, als Herr Schultze mit seinem Geld.

Wer zhlt das Herzklopfen eines armen, auf Scheinbilder gestellten
Mdchens, das zwischen der Frage: ob Schultze -- ob Zlchow in grausamer
Schwebe hngt, whrend schon der Sperling in ihrer Hand pickt und droben
auf dem Dache die schimmernde, flchtige Taube sitzt?

Auch der Sperling hat Flgel, er sitzt nicht ewig in Deiner Hand -- mahnte
das gengstigte Herz.

Wie sie dies Hohen-Leucken hate in seiner kahlen de, wo man angewiesen
war auf zwei, drei junge Leute, wo kein reizvolles Spiel der Eifersucht,
kein keckes Wagen und Tndeln, kein prickelndes Wetterspiel von Gunst und
Ungunst stattfinden konnte! Hier sa nur ein braver, langweiliger Freier
in schwerflligem Ernst: Nimmst Du mich -- oder nimmst Du mich nicht?
Und dahinten in Wirrnis und im unbekannten Land flackerte ein helles,
prchtiges, vielleicht trgerisches Licht.

Sie fing an, nervs zu werden. Nur nicht allein mit ihm! Nur Aufschub,
Aufschub! Es durfte nichts nach Ablehnung aussehen, und doch durfte auch
nichts zu sehr ermutigen und dadurch beschleunigen.

Ja -- das sind auch Kmpfe. Der eine hat es auf dieser Ecke, der andere
auf jener. Trnen und Blut haben sie alle beide, und der Schein ist am Ende
auch ein Sein.

Im ganzen war es eine brillante Unterhaltung, leicht, grazis, mit
geistreichem Geblitzel, wie immer, wenn Gisela regierte. Melitta Schultze
war klug und lustig, sie sekundierte vorzglich. Gisela war gar nicht
hbsch, sie hatte ein langes kaltes Gesicht und einen verkniffenen Mund,
aber sie verstand es so pomps, etwas aus sich zu machen, da viele Mnner
schwuren, sie sei eine Schnheit.

Ein ganz klein bichen feiner Klatsch lief zuweilen auch mit unter, aber
nur wie ein Krnchen Paprika. Gisela verpfefferte ihre Gerichte niemals.
Heute gab es eine wirkliche plumpe Neuigkeit.

Der jngste Zlchow ist verschwunden.

Ach! Was heit das: Verschwunden?

Nein, in der Tat, mein gndigstes Frulein. Es sollen schon
Nachforschungen angestellt sein, der Bruder hat auch bei seinem Regiment
vergeblich angefragt.

Man lachte darber. Der eifrige Bericht klang so ein bichen kindlich. Herr
Leopold war mit seiner Neuigkeit hereingefallen und schmte sich.

Fritzchen hrte das alles mit an. Sie sa bald am Ofen, bald am Fenster,
bald mit am Kaffeetisch. Sie sprach nicht mit, sie war bla und ruhelos.
Melitta versuchte ein paarmal, mit ihr zu reden, aber sie gab kaum eine
Antwort, so traumhaft dumpf war ihr zu Mut. Die anderen beiden beachteten
sie nicht viel. Herr v.Drfflin hatte ber Kopfweh geklagt und war
fortgegangen.

Was soll denn mit Hans Henning sein? fragte sie pltzlich und blieb
hinter einem Stuhle stehen. Die Frage klang wie im Zorn gerufen.

Herr Schultze sah sie beinahe erschrocken an. Ach, jedenfalls nichts. So
ein Streich, wie ein junger Mensch mal macht.

Wie aus unendlicher Vergangenheit stieg das Bild des strmischen Jungen vor
ihr auf. Sie mute sich erst wieder zurechtfinden. Der erste Klang aus der
alten lebendigen Welt!

Hans Henning -- ja -- an der Gartenmauer--

Er hatte eine verstauchte Hand--, sagte sie langsam, wie suchend.

Nun, das hindert nicht am Streichemachen, sagte Gisela, und die drei
lachten.

Dem Mdchen wurde es pltzlich hei in dem wollenen Tuch. Sie streifte es
von sich, ging hin und her, ging zum Fenster und zurck. So war sie schon
die ganze Zeit ber gelaufen, aber in dumpfer Ruhelosigkeit. Jetzt bebte
und klopfte alles in ihr. Eine unklare Angst hatte sie berfallen, es war
nicht mehr das Grauen von vordem, sondern ein lebendiges, wildes Empfinden,
so, als msse im nchsten Moment die Tr aufgehen und ein Bote des
Schreckens dort erscheinen.

Es geschieht etwas! Es geschieht etwas! hmmerte es in ihr.

Sie stand und starrte die Tr an: Jetzt mu es kommen!

Es kam etwas. Die Tr ging auf. Es war Jakob in seiner Sonntagslivree.
Leise, wie ein Schatten, die anderen sahen oder beachteten ihn gar nicht.
Seine und Fritzchens Augen trafen sich unmittelbar bei seinem Eintritt. Er
winkte ihr nur zu, sie verstand sofort. Es war gekommen!

Drauen in der Halle sagte er zu ihr: Der gndige Herr ist unwohl
geworden. Ich wei nicht, was das ist, es sieht ganz doll aus. Er war
selber bleich und schlotterte an den Gliedern.

Wo ist er? Schnell--

Sie war schon davon, aufs Geratewohl in der Richtung seines Zimmers, er
scho ihr nach und hielt sie am rmel fest.

Gndiges Frulein -- Frulein Fritzchen, ich denke -- kriegen Frulein
Fritzchen man keinen Schreck -- es ist am Ende wohl ein bichen schlimm--

Ja, ja, ich wei schon, sagte Fritzchen.

Es war so schlimm, wie es sein konnte. Herr v.Drfflin war vom Sofa
gefallen, auf das er sich wohl vorhin gelegt hatte. Er lag unten auf der
Erde. Jakob hatte den Knall gehrt, war herbeigestrzt, hatte sich
die Sache angesehen, seinen Herrn ein bichen herumgedreht und war
davongelaufen. Es war doch eine grauliche Sache!

Fritzchen kniete neben ihm.

Sofort den Doktor holen, Jakob. Sag's drauen. Und dann fa mit an, wir
mssen Papa zu Bett bringen.

Sie beugte sich tief ber ihn. Papa!

Es kam keine Antwort zurck, nicht einmal ein Zucken. Sein Gesicht war
wunderlich entstellt. Aber er lebte noch.

Ehe der Mensch wiederkam, kauerte sie neben ihm, den Arm unter dem schweren
Kopf mit den blauroten, gedunsenen Zgen, mit der anderen Hand tastete sie
ihm nach dem Puls, befhlte die feuchtkalte Stirn.

Papa, mein Papa--, murmelte sie immer wieder auf das leblose Gesicht
nieder.

Es kam Leben in das Haus, die Kunde flog wie ein wilder Vogel durch
alle Rume. Es kam Hilfe, mehr als ntig war. Drauen wurde nach dem
Schultzeschen Wagen gerufen.

Ein Schlaganfall--, sagte Frau v.Pohle leise. Ihr armen Kinder--

Wer findet sich im Wirbel solcher Schreckensstunde zurecht? Alles geht im
Fluge, und doch kommt nichts von der Stelle. Man macht lauter Hantierungen,
die nichts ntzen. Man versucht dies und das, man steht beiseite und graut
sich, oder man ringt die Hnde und weint, was noch am wenigsten ntzt. Da
luft Gisela durch das grne Zimmer, wo sie vorhin gesessen haben, um
aus Frau v.Pohles Stube Tropfen zu holen, sie sieht noch all das
Kaffeegeschirr, die halbgeleerten Tassen, sie steht schaudernd still, da
hrt sie Herrn Schultzes Stimme einen ganzen wohllautenden Satz sagen. O
schrecklich, schrecklich.

Frau v.Pohle hatte in allem Schrecken und Wirrwarr eine stille Freude
am Fritzchen. Die hatte wohl vergessen, da sie fror, und all das leere
Blicken war fort. Sie hatte warme, ruhige, treue Hnde. Sie grauste sich
nicht und schttelte sich nicht. Sie heulte auch nicht, wie das dumme
Mgdevolk in den Korridoren. Sie tat, was sie hierbei wute und konnte
(viel war es ja nicht), und all ihr Empfinden war nur ein inbrnstiges
Bitten: Papa, bleibe hier, lieber Papa!

Es vergehen hier schon Stunden, ehe der Doktor kommen kann. Man kann
getrost ber das Warten sterben, das ist nun einmal nicht anders.
Manch armer Schcher im Dorf hat das schon seinem gestrengen Gutsherrn
vorgemacht. Selbst der Frster, keiner von den Weichsten, hat ihm ein
paarmal vorgestellt: Zum wenigsten eine Diakonissin mte her, gndiger
Herr.

Jawohl! Wer soll das bezahlen? So ein Wesens um das bichen Kranksein!

Er hatte schon recht. So ein Wesens um das bichen Leben und Sterben. Was
nicht mehr halten will, das reit eben. Er hat auch nie geflickte
Hemden tragen mgen. Nun behlt er auch bis zum Schlu recht: die ganze
Anstellerei htte sich ihm nicht rentiert. Eine Diakonissin htte heute
auch nur daneben gestanden und zugeguckt, gerade wie es am Ende der Doktor
tat.

Endlich war er da, aber zu sagen hatte er auch nichts. Na ja -- das ist
eben so. Hab's schon lang' erwartet. Wre es heute nicht gekommen, so km
es morgen, bei dieser Konstitution.

Im Hof rannten die Leute, alle Stlle waren erleuchtet, keiner wute warum.
Das war auch man eben so. Im eisigen Winde wehte der Lichtschein aus den
Wagenlaternen des Doktors.

Er wird nicht mehr zur Besinnung kommen, es geht so hin, sagte der
Doktor. Ich komme im Frhesten noch einmal heran, bis Mittag hlt er es
wohl noch aus.

Man trug alle berflssige Beleuchtung heraus, die letzte Nacht fr diesen
armseligen Erdensohn brach an.

Es war Fritzchen, die am besten an dies Sterbebett pate. Gisela nicht,
und die Frau, die in dieser Stunde doch eine Fremde war, auch nicht. Diese
verstand das am ehesten. Wir wollen uns im Nebenzimmer setzen, sagte sie
zu Gisela.

Ja, ja, Frida war ja immer sein Liebling, entgegnete Gisela mit etwas
sentimentaler Betonung. Aber die Sentimentalitt war in diesem Moment ganz
ehrlich.

-- Noch gehen die Atemzge. Noch sthnt und gurgelt und grunzt es aus der
Kehle. Noch zuckt und arbeitet das Leben in dem Krper. Fritzchen sitzt auf
seiner Bettkante und hlt seine Hnde, streichelt sein Gesicht. Manchmal
ist es, als ob eine Beruhigungsmacht von ihr ausginge auf den umflorten
Geist.

Nur eine verhngte Lampe brennt.

Mein Vater -- was war denn unser Leben miteinander?

Wie leidenschaftlich wird das Fragen. Vater, Vater, ich htte mehr mit Dir
sein mssen.

Sie beugt sich ber das Gesicht, es zu kssen, er merkt es nicht mehr.
Die Abrechnung an Sterbebetten, das ist die bitterste, aber auch wohl die
hufigste. Wenn der alltgliche Mensch, den man am Alltag vernachlssigt
und nicht viel geachtet hat, pltzlich zur Erde strzt und sein irdisch
Teil zerbricht und aufgibt, dann steigt er wie im Nu in seinem Wert und
Ansehen, dann sitzt der andere da und schlgt sich die leeren Hnde vors
Gesicht: Was habe ich verloren! Was habe ich versumt!

Das ist die alte, gewhnliche Geschichte.

Die Nacht ist lang, es kommt auch niemand, zu stren. La das Kind mit dem
Vater allein einig werden. Es luft am Ende doch nicht alles nur auf ein
Abrechnen hinaus. Es ist doch noch ein vollerer Ton, der erklingt, wenn von
zweien der eine gehen will. Viel Unbewutes, das hier klar und hell wird,
viel leuchtende, starke Liebe, die solange schlief, viel Herzenskraft, die
niemand verlangte und niemand angerufen hat.

Eine kleine arme Handreichung, ein Helfen und Sttzen, ein Trunk Wasser,
ein beruhigendes Streichen der Hand, das bloe Dabeisein -- das alles ist
in dieser Stunde das Wirkliche, das Starke, das Einigende fr ewige Zeit
ber die Kluft des Todes hinber, das wiegt tausend Versumnisse auf. So
gro und so klein das Leben -- so gro und so klein sind seine Formen.
Ewigkeit und Sekundenzeit untrennbar verwoben.

Nicht im Jammer der Reue soll das Kind sich vom Vater scheiden. Mit den
jungen, heien, lebendigen Lippen kte sie die zerfallende Form.

Papa, lebe wohl, mein lieber Papa.

Es kam schon jemand, aber der strte jetzt nicht mehr. Leben und Tod hatten
schon ihren groen Bund geschlossen und saen friedlich Hand in Hand.

Fritzchen--, sagte leise die Eingetretene, Frau v.Pohle, es ist Ihnen
vielleicht nicht recht, aber Gisela hat gehandelt, ohne mich zu fragen.
Sie meinte, es sei in der Ordnung, sie hat zu dem Pfarrer geschickt. Er ist
schon hier und wartet.

Es war Morgen geworden, obwohl drauen noch Finsternis lag. Sie sah im
schwachen Lampenschein die dmmernden Zge. Er versteht ja doch nichts
mehr, ich werde den Pfarrer zurckhalten.

Fritzchen sah zu ihr auf, sie lie die sterbenden Hnde nicht los. Ihr
Gesicht hatte sich in diesem seltsamen Zusammensein verwandelt, es sah klar
und gro aus. Der Pfarrer kann kommen, sagte sie.

Frau v.Pohle ging und holte ihn herein. Sie war beklommen und bange wie
das Kind dort nicht war. Sie wute auch nicht, ob sie recht oder unrecht
tat, sie konnte jetzt nichts als den groen, stillen Augen gehorchen und
ihren Willen tun.

berall brannten Lampen, das ganze Herrenhaus war wie illuminiert. So hatte
Gregor es gefunden, als er in eisiger Morgenfrhe den nchtlich dunklen Weg
hinanging. Als ob es ihn zu einem hohen und strahlenden Feste grte.

Er wartete in Herrn v.Drfflins Zimmer. Noch hing alter Zigarrenrauch im
Raum, eine halbgerauchte Zigarre lag im Aschbecher auf dem Sofatisch. Welch
eine Sprache dies alles fhrte!

Am Fenster stand Gisela und weinte. Seit er das Haus betreten hatte,
war die Erschtterung bermchtig ber sie gekommen. Es war wohl keine
Spielerei, da sie ihn gerufen hatte, wenn auch in ihrem tiefsten
Winkel, wo die dunklen Motive lagern, solch ein Spielmotivchen vielleicht
mitgefunden werden knnte. Aber sie htte auch Pastor Baumann holen lassen.

Unselig Herz, das zwischen Ernst und Spiel sich selbst nicht mehr
zurechtfindet! Das sich immerdar so trefflich selber zu regieren wute,
bis nichts mehr brig blieb, regiert zu werden, als ein Hufchen
leichthandlicher und wechselbarer Wetterfhnchen.

Gregor dachte nicht an sie.

Er dachte an den Juni-Nachmittag, als er Herrn v.Drfflin von dem
Sterbebette seines Vaters hinausgefhrt hatte, weil er kein Recht besa,
dort zu weilen.

Mit welchem Rechte nun ging er an dieses Mannes letztes Bett?

Er war im Talar. Jawohl, er kam in der Kraft seines Amtes, als Diener der
Kirche. Er war nur der Trger seines heiligen Rockes, der Vollzieher eines
Befehles.

Er wute, wen er dort finden wrde und bebte nicht.

Frau v.Pohle kam, ihn zu holen. Gisela schlo sich an. Da sah er das
Sterbebett und daneben den Engel auf der Wacht.

Er trat heran. Er sah, er konnte dem Bewutlosen das Abendmahl nicht mehr
reichen, noch ihm etwas sagen. Einen Augenblick stand er stumm, er dachte
nun zu gehen.

Da kam der Geist ber ihn. Er ffnete den Mund und sprach mit gedmpfter
Stimme in einem edlen, schnen Tonfall von dem Leben und seinem Wert, von
dem Tode und seiner Macht und von ihrer beider Bund. Er sprach von der
Flle der Formen innerhalb des Lebenskreises, von der Unerschpflichkeit
und Unzerstrbarkeit des Lebens, dem selbst der Tod nur eine Form, seine
Entwicklungsbedingung ist. Von der Unergrndlichkeit des Werdertsels, das
das Weltall umfat und an die Gottheit rhrt.

Es war keine Predigt, khl abgewogen, auch keine Improvisation, bei
der pltzlich der Gegenstand mit dem Redner durchgeht. Es war ein Anruf
angesichts des Todes und seiner unabsehbaren Ufer. Gott! wo bist Du? Gott!
la uns Dich schauen! Mensch -- wohin gehst Du? Warum warst Du? Warum bin
ich?

Er hrte es nicht mehr, der Ziehende. Aber er war es doch, der in seiner
dunklen Sterbestunde den vier Menschen, die ihn umstanden, eine groe,
starke Gnade gab. Noch nie war in diesem Sohn der Kirche das Herz so hei,
so voll und gro geworden, noch nie hatte es, den Eispanzer sprengend,
in so starken Tnen sein dumpfes Ringen und seine helle Erkenntnis, sein
dunkles Glauben und seine herrliche Anbetung so unbekmmert und ohne
Zurckhaltung verschwenderisch ausgestrmt.

Zum ersten Male in seinem Leben war er von sich selber frei.

Dies war die grte Stunde seines Lebens, zu der hinein keine Verleugnung,
von der hinaus keine Reue fhrte.

Um ihn herum aber stand das Leben wie mit angehaltenem Atem. Sie fhlten
alle, ob gro, ob gering, ob armselig, ob in der Flle des eigenen
Reichtums erbebend, die Schauer der Ewigkeit.

Fritzchen war vom Bettrand hinunter leise, halb unbewut, in die Knie
gesunken. Ihr Kopf lag auf der Bettdecke.

Ja -- wohl hielt ihr Leben den Atem an. Wo war er geblieben, ihr Spielgott,
ihr Katechismusgott, mit dem sie haderte und dem sie an den Fingern seine
Fehler herzhlte? Gegen den sie ausschlug und andere arme Seelen zur
Rebellion anstachelte? Dieser Vertreter einer menschlichen Mchtigkeit, von
den Grenzen menschlicher Gesetze umzogen, der Verantwortung und Abrechnung
unterworfen?

Schauer der Ewigkeit. -- Gehen Dir die Augen auf, Kind der Erde?

Tod, wo ist Dein Stachel? Hlle, wo ist Dein Sieg?

Die Worte waren verklungen. Noch mischte sich kaum in das Schwarz vor den
Fenstern der graue Schein des Dezembermorgens. Still brannte die Lampe.
Still war das Leben hier im Raum.

Zu gleicher Zeit richteten sie sich beide auf und sahen einander an. Sie
waren keine armen Menschen mehr, keine wirren und heien Kmpfer um Mein
und Dein, um Du und Ich, all die Angst und das Grauen und die schreckliche
Not lag hinter ihnen. Als zwei erlste Geister grten sie sich.

Sie gaben sich die Hnde und blickten sich lange an. Dann schieden sie.

Tod, wo ist Dein Stachel? Hlle -- Hlle, wo ist Dein Sieg?




Vierzehntes Kapitel.


Das Leben hatte in heiliger Stunde erschauernd angehalten, jetzt setzte es
mit starkem Takt, mit Gewirr, Getn und Geklapper wieder ein.

Ludwig v.Drfflin war im Leben nicht viel gewesen. Nun er tot war, war
der Mittelpfeiler aus dem Hohen-Leuckener Dasein herausgezogen, und alles
drohte zusammenzufallen.

Was nun? Wohin mit allem? Was wurde aus der Wirtschaft? Wer befahl jetzt im
Hause? Wer gab Geld? Wer hatte Geld?

Kaum war der Gutsherr unter der Erde, da liefen bengstigende Schreiben
ein. Hypotheken, Ablsung, Kndigung, fllige Zinsen -- was schwirrte da
alles durcheinander. Es war noch acht Tage vor Weihnachten, da kam der
Inspektor und redete von rckstndigem Gehalt. Wo waren die Papiere? Wo war
Geld? Wer schaffte Klarheit und Ordnung in diesem entsetzlichen Wirrwarr?

Von solchen Geschften verstand Frau v.Pohle auch so gut wie gar nichts;
die beiden Kinder ahnten nicht einmal etwas. Ja, ja, so geht's fter
mit pltzlichen Todesfllen, sagte Herr v.Leisewitz-Deechow, den Frau
v.Pohle in ihrer Angst am Begrbnistage um Rat anging. Er hatte wohl
nicht viel Lust, in diesen Kram die Hnde zu stecken. Nehmen Sie einen
gerichtlichen Verwalter fr die Sache, schlug er vor.

Ist ein Testament da? Ja, wo soll man suchen? In den Schrnken liegen die
Papiere herum wie Waschzettel, wer findet sich da hindurch?

Jeder Brieftrger bringt Rechnungen. Ein Zigarrenfabrikant schreibt einen
groben Brief. Es ist eine heillose Wirtschaft, wohin man auch blickt. Frau
v.Pohle schlft keine Nacht. Um Gott, die armen Kinder! Da kommt ja wohl
eine Zwangsversteigerung dabei heraus.

Gisela hat alle Farbe verloren und schleicht wie ein gescheuchtes Huhn
einher. Den Schmerz will sie schon tragen, aber die Schande kann sie nicht!

Aber es war noch nicht aller Tage Abend. Ein Ruck -- und die wirrtolle
Jagd bergab stand pltzlich still. Wer hat sie aufgehalten? Von wem kam der
krftige Ruck?

Es war Herr August Schultze. Der war von anderem Holz als Herr
v.Leisewitz. Der stand mit seiner untersetzten, energischen Figur neben
Frau v.Pohle am Aktenschrank, nahm ihr mit seinen fleischigen und doch
festen Hnden die hlichen, schrecklichen Papiere fort und sagte in dem
Ton, den gutwillige Plebejer an sich haben, wenn sie helfen wollen und ihre
Unentbehrlichkeit durchaus nicht zu verschleiern sich bemhen:

Das ist nichts fr Sie, gndige Frau. Da finden Sie sich doch nicht durch.
Wenn es Ihnen recht ist, nehme ich den Krempel mal ein bichen zur Hand und
schaffe da erst Ordnung drein.

Ach ja, es mute ihr ja schon recht sein. Sie konnte sich hier die Helfer
nicht erst aus feinen Erziehungsinstituten verschreiben.

Gisela konnte aus ihrem Winkel herauskommen. Herr Schultze verstand sich
aufs Zaubern: von der Stunde seiner Ankunft an ging alles unhrbar und
sicher wie auf Rollen. Alle Angst und Unklarheit war wie fortgewischt.

Er hatte sich gleich zwei seiner Schreiber herberkommen lassen und sich
mit denen ein paar Stunden eingeschlossen. Dann kam er, glnzend vor
Wohlwollen und Frische, mit dem vergngten Hndereiben des Mannes, der ein
Stck Arbeit hinter sich hat, in das Ezimmer, wo man mit dem Kaffee auf
ihn wartete.

Er redete unablssig, whrend er es sich hier im Kreise der Damen wohl sein
lie, aber nur von ganz auenliegenden Dingen. Von seinem Gut und
seiner Fabrik und auch mit angenehmer Offenheit von seinem arbeits- und
erfolgreichen Lebensgang, von seinen kleinen mhseligen Anfngen, die durch
seine jetzige Stellung verklrt und gekrnt erschienen.

Von nun an hielt er das Geschick der Kinder von Hohen-Leucken in seiner
Hand. Man htte sich in diesem Falle keine bessere Hand wnschen knnen.
Keine Liebe und liebenswrdige Begeisterung, keine Weichheit und kein
Mitleid konnte so sicher, klar und einzig richtig die verfahrenen
Verhltnisse ordnen, als es dieser Mann mit dem geschftsgewohnten Kopf und
dem khlen Herzen tat. Er behandelte alle Dinge mit der sachlichsten Ruhe,
rettete der knftigen Braut seines Sohnes, was noch zu retten war, betrieb
den Verkauf des Gutes nicht als eine Angstsache, sondern als die durch den
Todesfall bedingte allernatrlichste Angelegenheit und band dabei durch all
sein Vorgehen Gisela an Hnden und Fen fr seinen Leopold fest.

Frau v.Pohle merkte dies von der ersten Stunde an. Gisela wute es auch.
Danach wurde es auch Fritzchen klar.

Es war am heiligen Abend. Kalt, still und dunkel war das ganze Haus. Kein
Christbaum, keine Lichter, nur die Dienstboten hatten sich Kuchen backen
drfen. Herr Schultze hatte in seiner unzarten Manier gedrngt, den Abend
in seinem Hause mitzufeiern, aber Frau v.Pohle hatte fr sich und die
beiden Kinder voll Bestimmtheit abgelehnt. Herr Schultze konnte es sich
jetzt schon gestatten, eine starke Verstimmung an den Tag zu legen.

Gisa, sagte Fritzchen, als sie beide allein im grnen Zimmer waren, Du
wirst den Sohn von da drben heiraten sollen.

Gisela bedeckte ihre Augen mit der Hand. Sie fhlte alle diese Tage selbst
eine Qual und Emprung ber den Zwang, der sie in etwas hineinreien
wollte, was sie, als freie Gnade zu vollziehen, noch gar nicht entschlossen
gewesen war.

Sollen? erwiderte sie. Man wirbt um mich, das ist gewi.

Ihre Art war erknstelt, sie htte gern Klte und Hoheit gefhlt und
gezeigt. Aber sie fhlte nur die entsetzliche Frage: Wenn nicht -- was
dann?

Tu es nicht! rief Fritzchen.

Sie stand auf, setzte sich zu ihr auf das Sofa und schmiegte sich an sie.

Gisa -- fort mssen wir ja nun beide. Hier ist's nun wohl aus. Wie es
wird, wei ich nicht. Aber geh nicht zu den Schultzes!

Matt -- nicht heftig und ohne sich von ihr loszumachen, entgegnete Gisela:
Ach, Frida, Du verstehst ja nichts. Du siehst nur den Augenblick, nicht
das weite, lange Leben. Wenn alles geordnet sein wird, werden wir ein paar
arme Mdchen sein, Fritz.

Ja. La das doch. Was schadet es? Wir sind ja gesund. Andere Mdchen haben
auch kein Geld. Besser, als aus Not und Angst irgend einen reichen Mann zu
heiraten, ist das doch immer noch.

Du verstehst nichts! sagte Gisela noch einmal. Wir haben ja nichts
gelernt, willst Du Wirtschaftssttze werden oder alten grilligen Damen
vorlesen oder als Kinderbonne Dich plagen? Und wer wei, ob wir auch davon
etwas verstnden oder nur angenommen wrden.

Gisa! rief Fritzchen mit wachsender Angst, umklammerte sie mit beiden
Armen und rttelte sie, als wolle sie sie aus einem schweren Schlaf
aufrtteln, es ist nicht mglich, Du kannst nicht, Du kannst nicht das
wollen, aus bloer Verzagtheit und Angst vor harten Stunden Dich selber
einem Manne schenken, den Du gar nicht einmal lieb hast! O Gisa, besinn
Dich doch nur, das ist ja grenzenlos schlecht und unwrdig! Du entehrst
Dich und ihn! Was soll das werden Euer ganzes Leben hindurch -- Gisa, ich
will fr Dich mitarbeiten, Du sollst sehen, da ich's kann! Ich habe Krfte
und mir ist jede Arbeit gleich. Ein bichen Geld bekommen wir doch auch
noch mit, wenn alles verkauft wird. Gisa, _das_ wre die rgste Rache,
die Du an Papa nehmen knntest! Das ist berhaupt das Niedrigste und
Schlechteste, was es auf Erden gibt--

La los! Frida! Was fllt Dir ein! Du drckst mich ja! La los! Was weit
Du, Kind--

Du bist auch nur augenblicklich in Sorge, und alles ist so dunkel. O tu
nur das eine, Gisa, tu keinen bereilten Schritt. La Dir Zeit, dann wirst
Du selber sehen--

Gndige Frulein, da ist noch 'n Weihnachtsbesuch, sagte Jakob in der
Tr. Man hatte das Knirschen von Rdern im Kies nicht gehrt. Er hielt die
Tr auf als ein fhlender Sklave, der schon im voraus katzbuckelt, aus der
Flle seiner Ahnungen heraus.

Ach, Herr Schultze--, sagte Gisela in grenzenloser Bestrzung und machte
sich aus der Umschlingung der Schwester los.

Es war der junge Herr, Leopold, und er kam als Freier. Das sah Jakob, das
sah Gisela, das sah Fritzchen. Die Stufen vor der Haustr htten es sehen
mssen, so prangte es aus ihm heraus.

Es war heiliger Abend, bei ihm zu Hause brannte der Christbaum, nun holte
er sich nur noch die Braut dazu. Papa hatte es ihm geraten. So war alles in
schnster Ordnung.

Ich erlaube mir, den Damen meine Weihnachtsgre-- Er kam ins Stottern,
es wehte doch wie ein frostiger Empfang von der erschreckten Gisela her.
Herr Leopold hatte schwache Instinkte, sonst htte er gemerkt, da jetzt
der unpassendste Moment war, den es geben konnte, er htte Kehrt gemacht
und sich lieber der Blamage vor dem Papa ausgesetzt, als lnger dazustehen
und den unwillkommenen Liebhaber abzugeben.

Da kam Frau v.Pohle herein. Sie hatte das Rdergerusch gehrt und nahm
an, da ihre Gegenwart jetzt ntzlich sei. Im brigen war sie in dieser
Angelegenheit nicht leidenschaftlich und abwehrend wie Fritzchen. Sie fand:
Wenn Gisela diesen Bund eingehen wollte, so war weiter nichts verloren, was
man durch Hinderung ihres Vorhabens htte retten knnen. Sie war eine khle
alte Dame, die die Dinge nicht mehr wichtiger nimmt, als sie sind. Will ein
Mdchen lieber einen Geldsack heiraten, als arbeiten und Mhsal tragen,
so soll man sie um Gottes willen lassen. An einer unwilligen und verzagten
Mhsaltrgerin gewinnt das Reich Gottes und das Menschenreich nicht viel.
Lat sie doch heiraten, zur Puppe werden und kleine Puppen kriegen. Wir
sind auf Erden nicht so arm an guten, starken und blhenden Elementen,
da wir uns um die Masse der Zweifelhaften, Halben und Matten die Arme
ausrenken mten. Wir berhaupt! Wir knnen gar nichts. Gisela heiratet
doch -- Fritzchen reit doch Himmel und Erde ein, um es sich selber neu
aufzubauen. -- Wir sind nur zum Zugucken da. Also ruhig Blut.

Sie bersah sogleich die Sachlage. Der Liebhaber als etwas unglckliche
Figur, Gisela betroffen und ein Bild der Unschlssigkeit, Frida kriegerisch
bis zum uersten.

Was ist es doch fr eine treffliche Sache um die gute Erziehung! Man
braucht gar keine geistige, seelische oder moralische Anstrengung, um als
Frau von Welt solche Verlegenheitsbilder zurecht zu rcken. Frau v.Pohle
bat, zu Tisch zu kommen. Sie war etwas stark erstaunt ber den Besuch
zu dieser Stunde, lie ihn sanft und nachdrcklich fhlen, da seine
ungengende Kenntnis der guten Form ihm hier einen kleinen Streich gespielt
habe, begnadigte ihn dann aber immerhin wieder, indem sie ihn zu Tische
lud. Die allgemeine Schwle war abgelenkt, aber die Tatsachen blieben alle,
wie sie waren.

Folgendes war das Bild dieses Abends.

Fritzchen, wie in Wehr und Waffen, bereit, jeden Augenblick loszuschieen,
sobald eines von beiden dem Kernpunkt nherrcken wrde. Herr Leopold,
die Unglcksfigur des Abends, sich windend und wrgend, als htte er einen
schlechtsitzenden Kragen um. Gisela, allmhlich aus der Verwirrung zu sich
kommend, ein Zwitter zwischen Trotz und Ergebung, und Frau v.Pohle, ber
dem allen, die Oberflche bestndig glttend und sich um das Brodeln der
Tiefe kein Herzklopfen machend.

Sie sah mit einem innigen Lachen des Herzens auf ihren jungen Liebling am
Tisch. Ach, es ist so wonnig schn, wenn man noch nicht mit seiner Kraft
herumpufft, als htte man einen Vorrat von Ewigkeit daran! Wenn man sich um
irgendeine wildfremde Sache, die man nicht kennt noch bersieht, mit seinem
ganzen Menschen ins Zeug legt und mit so prachtvoller Zuversicht an den
Sieg glaubt! Die Jahre des Lchelns und Mdewerdens und Stilleseins
kommen immer noch frh genug. Heil und Leben, wenn ihnen solche unsinnige,
gedankenlose Kraftverschwendung brausend erst voranging!

Schlage Du Dich auch nur mit Deinen Enttuschungen herum, Du, mein schnes
Kind! Liege am Boden und schreie vor Wut, Emprung und Schmerz! Es gehrt
alles mit dazu. Wir sollen Dich alle beneiden um die Kraft, mit der Du Dein
Leben lebst.

---- Und an dem Abend vollzog sich die Tatsache doch noch.

Leopold Schultze fhlte sich bestndig von der Erwartung seines Papas
gejagt. Er hatte immer dessen Hand im Nacken, sonst wre die Entscheidung
doch wohl noch verschoben worden. Aber das strkte seine Schchternheit
wie Alkohol, er rannte einfach, wie mit zugekniffenen Augen darauf los. Das
Fritzchen, vor dem er sich frchtete, brauchte nur einmal aus der Tr zu
sein, Frau v.Pohle zur Seite zu gucken, da flsterte er wie im Sturm seine
auswendig gelernte Werbung her. Gisela wurde wie mit Blut bergossen,
sie sagte nicht Ja, nicht Nein. Das war ja nun aber auch Nebensache, die
Hauptsache, die Erklrung, war geschehen.

So sicher ritt dieser schchterne Jngling auf seines Papas dickem Geldsack
einher!

Von nun an versank er in ein seliges, befriedigtes Schweigen. Nach Tische,
beim Durchschreiten eines dunklen Zimmers, fate er sie um und kte ihren
Mund. Sie wehrte sich, halb entsetzt, aber das ist ja immer so. Se
Gisela--, flsterte er.

Als sie in die Helle traten, strich sie sich mit einem tiefen Aufatmen ber
das Gesicht.

Nun war es also doch so gekommen. Doch es konnte ja auch nicht anders sein.
Gut, da die Entscheidung vorber war.

Noch nichts sagen! bat sie ihn.

Aber bald -- bald! flehte er dagegen.

Frau v.Pohle sah sich nach ihnen um.

Na ja! dachte sie nur.




Fnfzehntes Kapitel.


Schlo Hohen-Leucken, das Dorf, das Moor, der See, die Pferde und Hunde,
die Leute, der alte klobige Turm -- das hat aufgehrt zu existieren. Es ist
wie ein Bild, das im Nebel zergeht.

Es wird Sommer ber dem Moor, das Gras steht hoch, die Kfer schwirren,
der alte Kahn zieht sich ganz voll Wasser und liegt auf dem Grunde -- kommt
denn das Fritzchen noch immer nicht, das hier zum Sommer gehrt wie Gras
und Kfer?

Der alte wilde Garten ist neu angelegt, ein Tennisplatz ist darin
abgezunt. Darin spielen weibeschuhte Herren und junge Damen den halben
Tag. Es sind jetzt berall neue groe Fensterscheiben eingesetzt, der Turm
dient zu Logierzwecken und hat elektrische Leitung.

Wie heit die neue Herrschaft? Es kommt nicht darauf an, Schmidt oder
Schneider oder noch anders. Wenn sie sonst nur gut sind, aber die Leute im
Dorf merken nicht viel davon. Man kennt das nicht von der Stadt her, da
man sich persnlich um die Leute kmmert. Frher ist es nichts groes
gewesen, wenn das Frulein Fritzchen eine Suppe gebracht hat und selber
am Herde gestanden hat und gekocht. Jetzt reden sie davon, wie wenn sie
Mrchen erzhlen.

Der Jakob kann einem leid tun. Ein Hhenmensch war er ja gerade nicht, aber
doch ein alter braver Knecht. Er lief davon, wenn sein Herr vom Sofa fiel,
aber die Stiefel hielt er noch immer blank und war so zuverlssig, wie ein
alter Kettenhund. Der hatte sich auch wunders gedacht, was er war, und nun
war er nichts. Der neue Herr Schneider oder Schmidt oder Sonstwie wollte
ihn nicht haben, der hatte selber einen Diener, der anders fliegen konnte
als dies Klappergestell. Am Ende konnte der Jakob ins Dorf gehen und sich
von seiner alten Mutter fttern lassen, wenn er nicht auf Tagelohn gehen
wollte. So ging er eben auf Tagelohn mit dem Dorfpack zusammen. Das war
auch ein Trauerspiel aus unseres Herrgotts Druck und Verlag.

Rechts herum geht's zum Pfarrhaus. Die jungen kichernden Tchter gehen mit
ihren Freundinnen die Dorfstrae entlang und stoen sich an.

Da wohnt er!

Das ist nmlich auch noch etwas, hier auf dem Lande, der interessante
Prediger, mit der Hof-Vergangenheit! In den Einladungsbriefen der
Backfische wird das besonders erwhnt.

Viel Dorfleute sind Sonntags nicht in der Kirche, aber die rosa und
hellblauen und weien Backfische sind vollzhlig. Ein paar junge Herrchen
aus Eifersuchtsgrnden sind auch regelmig dabei. Das ist ein Zublinzeln
und verhaltenes Kittern, ein Augenverdrehen und Schmachten, da die Leute
heraufsehen und sich wundern.

Das ist nun Herrn Gregors Arbeitsfeld!

Wenn ihm bel werden will und matt bis zum Tode, geht er stundenlang ber
die Felder. Er kommt dann auch jedesmal ber den Bllinger Kreuzweg, wo
Mt ber den Graben setzte. Mt ist jetzt zahm geworden und geht im
Ackergeschirr.

Ist das auch das Ende aller unserer Weisheit nach den Strmen und tollen
Sprngen unserer schnen Zeit?

              --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --

Aber es ist viel untergegangen, doch nicht die Kraft und die Herrschaft.

Kennst Du den Rausch der Selbstberwindung? Kennst Du den Triumph, der
hher ist als alle Krnze des Lebens, wenn der Mensch von sich selber frei
wird?

Kniglich ist die Unabhngigkeit von den eigenen Wnschen. Sie ist
mchtiger als das Schwert in der Brust, und sie spottet der Dornen unter
den Fen.

Die jungen Kinder eines hohlen Daseins schmachten ihn an und verdrehen sich
nach ihm die Hlse. Sie wissen nicht, wen sie verehren. Seine Welt
kennen sie nicht, und kennten sie sie, so wrde ihnen grauen vor ihrer
bermenschlich stolzen, kalten Einsamkeit.

                           *       *       *

Doch eine einsame alternde Frau, die Mutter dieses Mannes, konnte ihm auf
dem schmalen Wege nicht folgen. Sie sa in ihrem leeren Hause und hielt nur
abgerissene Fden in ihrer Hand.

Die beiden Shne fort. Der eine, der nahe, den sie alle Tage sehen konnte,
wohl noch am weitesten. Worte sind nichts, sie sind wie ein Schrei,
ausgestoen auf schwindelnder Bergeskuppe, verflatternd in der leeren,
unendlichen, stummen Weite. Trnen sind nichts. Ach, was fragte dieser Sohn
nach den Schmerzen der Zurckbleibenden da unten im Tal?

Es war eine Mutterqual, die sich durch dies ganze Leben gezogen hatte. Nun
war dies Leben mde davon. Es brachte kaum noch Angst und Erregung fr den
zweiten der Shne auf.

Hans Henning hatte geschrieben. Nach vielen Nachforschungen, Besorgnissen
und Ratlosigkeiten wirkte der Brief fast wie eine Ernchterung auf sie.
Stempel Lissabon. Die Form kurz bis aufs uerste. Er habe den Abschied
schriftlich genommen und sei jetzt auf einer Reise um die Erde. Nach
Jahresfrist oder etwas spter werde er kommen und das Gut bernehmen.
Geldmittel habe er sich bei dem Freunde des Vaters, Herrn So und so,
verschafft, er bitte, sie ihm zurckzuerstatten. -- Weiter nichts.
Nicht einmal den Namen seines Dampfers hatte er genannt, keine Adressen
angegeben, jegliche Mglichkeit einer Verbindung bis zu seiner Rckkehr
total abgeschnitten.

Frau v.Zlchow fragte: Gregor, hast Du einen Streit mit Hans gehabt?

Ja, entgegnete er. Aber es war ein Miverstndnis von ihm.

Ein feines, brennendes Rot berzog ihr Gesicht, als sie mit groer
berwindung, und doch getrieben von ihrer Begier, nicht auen zu stehen,
fragte: Ist es -- Gregor, Du mut diese Frage verstehen -- handelt es sich
um die jngste Drfflin hierbei?

Ja, Mama, sagte Gregor ruhig.

Sie wollte noch Tausendfaches fragen, aber sie wute nicht wie, und sie
blieb stumm. Das hatte sie jetzt gelernt in ihrer schweren Zeit.

Abgerissene Fden hielt sie in der Hand. Auch der Hans, dessen Liebe und
frhlicher Gegenwart sie so sicher, fast gleichgltig sicher gewesen war,
hatte den seinen abgerissen. Der Mann, ihr Gatte, der ihr ganz zugehrt
hatte, war tot. Wo war all der Besitz hin, in dem man einst wie in einem
blhenden hrenfeld stand?

Sehnsucht nach Hans -- das war jetzt wohl noch das einzige, was Sinn und
Lebenszweck hatte. Diese Trnen brannten wenigstens das Herz nicht aus. Sie
suchte die Erinnerungen an Hans zusammen, die Kinderbildchen und hnlichen
Kram. Sie sa stundenlang und grbelte, um sich seine Worte, Handlungen,
Bewegungen ins Gedchtnis zurckzurufen und konnte es kaum fassen, wie
verschwenderisch sie frher gewesen war.

                           *       *       *

Gisela v.Drfflin gab es nicht mehr. Dafr eine junge Frau Schultze auf
Gut Bllingen. Der Papa hatte seinem Sohn das Gut und auch die Zuckerfabrik
berlassen und war mit Frau und Tochter zu einem seiner anderen
Fabriketablissements bergesiedelt. Nun konnte das junge Paar nach einer
oberitalienischen Hochzeitsreise in ungestrtem Zusammensein seine
Flitterwochen verleben.

Se Zeit. Gisela fand sie auch s genug. Ach, man mag die Seele
aufspannen, wie man will, die sieben fetten Jahre nach den sieben mageren
Jahren sind doch nicht nur ein Tand, den man sich ohne Zucken vom rmel
schtteln kann. Fritzchen wei so etwas noch nicht, es liegt auch zum
groen Teil an ihrer mangelnden Weltbildung.

Reisen -- reisen! wohin man will, immer in die besten Hotels, immer an
gebckten Kellnerhuptern vorber. Kunstschtze, Naturschtze sehen, ohne
auch nur an das Geld denken zu brauchen. Einkaufen nach Belieben und mehr
als man beliebt, so beflissen kommt Leopold jedem Wunsch zuvor. Die ganze
Welt in ihrer Schnheit steht pltzlich offen. Liebe Seele, es ist doch
noch eine groe Frage, ob Dein Handel so schlecht war und ob der Einsatz
nicht reichlich den Gewinn lohnte!

Ja, Gisela Schultze mu ja am besten wissen, wie hoch ihr Einsatz
gilt.------

Insofern hatte Frau v.Pohle recht: solch ein Handel geht meistens richtig
auf, und der Verkufer wei schon so ungefhr, was seine Ware wert ist.

Mit diesem Knalleffekt konnte Frau v.Pohle abgehen, die Rolle in diesem
Hause, die sie so stark und mit ihrem ganzen Menschen gespielt hatte, war
aus. Sie mute sich eine neue Stellung suchen, das war fr sie wohl eine
leichtere Aufgabe als fr ihr liebes Herzblatt, das Fritzchen, das jetzt in
der gleichen Lage war. Sie hatte Referenzen und Erfahrungen, und Fritzchen
hatte beides nicht.

Vielleicht konnte diese als arme Verwandte bei den Schultzes bleiben?
Inmitten ihres groen Schmerzes lachte Frau v.Pohle laut bei diesem
Gedanken. Ja, da kennt Ihr mein Fritzchen schlecht! Arbeit und Mhsal kann
sie viel ertragen und es wird denen, die sie lieb haben, weher tun als ihr,
aber ein weiches Bett sucht sie sich nicht.

Das war Frau v.Pohles Zuversicht und Strkung in den schweren Tagen, als
der Abschied kam und die Zukunft sich dunkel und verworren auftat.

Herr v.Leisewitz-Deechow hatte in Berlin eine alte Cousine, die krnklich,
halbblind und hilfsbedrftig war. Mit ihrer letzten Gesellschafterin hatte
eben eine trubulse Entzweiungs- und Verabschiedungsszene stattgefunden.
Herr v.Leisewitz war noch etwas von seinem Gewissen geplagt, als er Herrn
Schultzes rhrige Helferschaft und den darauf eingeheimsten Heiratslohn
gesehen hatte. Nun wollte er sich wenigstens um Fritzchen bemhen und
verfiel als erstes Bestes auf diese Stellung bei seiner alten Cousine, die
ein sehr hohes Gehalt zahlte und dafr sehr starke Anforderungen stellte,
von denen er freilich nichts wute. Sollte aber Fritzchen fr ihre alten
Tage sichergestellt sein, so mute sie jetzt schon einige Jahre zusehen, wo
sie Geld her bekam.

Es war damals auch der Wundermut und die Begeisterungskraft in ihr, die
oft aus der einfachen Gegenstzlichkeit entspringen. Da Gisela solchen
unwrdigen, armseligen Entschlu gefat hatte, straffte _ihr_ das Herz.
Nun gerade! Sie htte am liebsten Steine gekarrt in dieser brausewtigen
Wallung.

Aber der de Werktag mit seiner unfruchtbaren Mhe hatte etwas
Niederziehendes. Wie oft nachher, erst im heien Sommer, dann im kalten
Winter, wenn sie spt abends in ihrer schlechten, engen, fast unheizbaren
Stube sa, todmde vom vielen Laufen, Treppensteigen, Besorgen, heiser vom
ewigen Vorlesen, dumpf vom leeren Geschwtz -- wollte ihr der Wundermut oft
elend zusammensinken. Aber der groe Sturm, der sie wachgerttelt hatte,
lie sie auch hier, in der freudlosen Vereinsamung, nicht untergehen.

Erst, als sie noch ein Kind an der Seele gewesen war dem Unbegreiflichen
und Zermalmenden gegenber, war das Grauen vor dem Tode ber sie gefallen.
Aber in jener wunderbaren Nacht hatte das allmchtige Leben es besiegt.

Tod, wo ist Dein Stachel? Hlle, wo ist Dein Sieg?

Es ist keine Zeit da fr andere Dinge. Unsere Wnsche, unsere Sehnsucht,
unsere Schmerzen verstummen alle vor dem groen klaren Gesicht des Lebens.

Das war die groe Befreiung, die fr diese arme Seele gekommen war. Nun
brauchte sie keine Erfllung mehr, noch Schutz, noch Hilfe, noch Trost. Sie
hatte das Entsetzen verloren, nun sah sie in reinerem Licht unvergnglich
und unverlierbar den wieder, dem ihr Herz seine junge starke Liebe gegeben
hatte, jene stolze Liebe, die unabhngig ist vom Ja und Nein der Tatsachen,
vom Echo des eigenen Schalls.




Sechzehntes Kapitel.


Es ging mehr als ein Jahr herum.

Auch in der eisigklaren Region des Weltberwinders, der in sich das Herz
erfrieren lie, um der Schmerzen spotten zu knnen, gab es noch Stufen der
Entwicklung und Klrung.

Wohl ist die Askese stark wie ser Wein, aber Rausch ist nicht
Wirklichkeit, und nur die Wirklichkeit befreit.

Pfarrer Gregor hrte auf, sein Leben hier auf dem Dorfe als seinen Zweck
und Abschlu anzusehen, wie man aufhrt, Arznei zu trinken, wenn die
Gesundheit kommt.

Er war ein ungengender Dorfprediger, das Volk verhungerte bei seiner
nutzlosen Mhe. Sein Weg im Leben lag wo anders, da wo er seine Gaben und
Krfte in Wahrheit nutzbar machen konnte. Er arbeitete an einem Werk,
das ihm die Professur einbringen wrde, wie er, gesttzt durch seine
Verbindungen, ziemlich sicher annehmen konnte.

Es war ein khles, frisches Arbeiten. Er war erlst von der Zwiespltigkeit
in sich, von der Welt der Leidenschaften, von Liebe und Ha. Er stand,
abgelst von der Welt, wie ein hoher Berg mit Schnee auf dem Gipfel. So
hatte er seines Wesens Art gefunden.

Da kam ein leuchtender Septembertag. Gregor hatte fast die ganze Nacht
gearbeitet, bis zum Morgen ein halb Fnf, als es schon hell zu werden
begann. Da war sein Werk fertig und vollendet!

Er hatte sich niedergelegt und zwei Stunden fest und tief geschlafen.

Er erwachte. Die Sonne schien ihm bis auf das Bett, ein hohes Glcksgefhl
war in ihm. Er kleidete sich an und ging hinaus.

Weit und klar dehnte sich der Horizont. Es war eine Frische ber dem Lande,
die wie lauter Lebensodem in die Lungen drang. Er schritt durchs Dorf, er
sah die Menschen nicht, die ihn grten.

Und wieder kam er ber den Bllinger Kreuzweg, aber er wute nichts
mehr von Mt und von dem wildschnen Bilde, das einstmals hier an ihm
vorbeigebraust war.

In der Morgensonne, von Tau berst, blinkte das Moor. Dahinten lief der
Fahrweg nach Rummelshof.

-- Rummelshof, Hohen-Leucken, die Mutter, Hans, Prinze Maria und Fritzchen
-- es sind alles zerflossene Bilder. Sie muten zerflieen, damit das klare
reine Bild des abgelsten Lebens entstand.

Er ging lange umher, bewegt von seinem Siege, und doch schon zu frei,
um noch stolz zu sein. Schon war das Errungene, das Gewordene: Das
Selbstverstndliche.

------ Was war es an der Zeit? Vielleicht schon gegen Mittag, er hatte
seine Uhr vergessen.

Da kam jemand ber das Stoppelfeld daher, im Lauf. Wer luft denn so? Vor
Jahren hat es so einen gegeben. Jawohl, der ist nun wieder zurck: Hans
Henning.

Er blieb stehen. Willst Du zu mir? Es ist jetzt nicht mehr viel zu holen,
von Bruder zu Bruder. Es ist mittlerweile der Frost bers Land gegangen.

Steh still! Steh still! rief der von weitem. Nun ja, er stand ja schon
lange still. Laufe doch nicht so! Ich warte ja!

Es stand ein alter Weidenbaum am Feldweg, der war von oben bis unten
aufgeschlissen, und die Htekinder spielten darin Verstecken zur
Sommerszeit. Es war an diesem Weidenbaum, da sich die Brder trafen.

So bist Du jetzt zurck, Hans?

Hans Henning war rot im Gesicht wie gesotten und er mute nach Atem ringen,
da er still stand. Er war sehr verndert, mager und verbrannt. Das Haar
war lang gewachsen, und um den Mund hatte er einen wunderlich wilden Zug.
Gregor sah auf die linke Hand, die so seltsam niederhing. Hans, was ist
mit der?

Lahm geblieben von damals her. Rede nicht davon, ich habe andere Dinge
vor.

Hans, wir wollen uns doch erst begren.

Jawohl! rief der andere berlaut in einem unheimlichen Ton. Ich will
Dich schon begren, aber nicht mit Hndedruck. Sage mir -- wo hast Du Dein
Weib?

Mein Weib?

Wo hast Du Dein Weib ---- Schuft! Bin ich darum im Jammer in die Welt
gerannt als lcherlicher elender Liebhaber, dessen Schatz schon einem
andern gehrte, da ich nun wiederkomme und finde sie als Dienstmagd
wieder, in einem Loch von Stube -- und der edle Herr, der sie gekt hat
---- Gregor, mit welchem Recht hast Du sie gekt?

Gregor trat einen Schritt zurck, seine Augen wurden nach dem ersten
Aufleuchten wieder um einen Schein klter. Was warf sich ihm hier von neuem
in seinen Weg?

Ich brauche auch keine Antwort! rief der andere mit wildem Lachen. Ich
wollte Dich nur noch einmal wiedersehen -- Dich Teufel, der mein und meines
kleinen Fritz Leben zerstrt hat--

Er verstummte einen Augenblick, berwltigt von alten Gefhlen. Ich suche
Dich schon lange--, sagte er mit wankender Stimme. Ich mute Dir doch
erzhlen, was aus ihr geworden ist, seit Du sie fortgeworfen hast wie
eine leere Nuschale. Gestern habe ich sie gesehen! Der Leisewitz von den
Dragonern, den ich traf, hat es mir erzhlt, wo sie ist und -- was sie ist.
Willst Du's auch hren? Die Dienerin eines alten, grmlichen, kleinlichen
Weibes! Aber eine stolze Dienerin, bei Gott! Die arme Hilfe, die ich ihr
anbieten konnte -- na, lassen wir das. Ich konnte sie ihr ja auch nur mit
der einen Hand anbieten -- Aber wem erzhle ich das, Du kaltes Gesicht--!

Gregors Ausdruck ri alles wieder um. Besinnungslos kam die Wut ber
den Jungen. Du Gesicht -- Du Gesicht -- ich will Dich lehren, zu
blicken----

Er ballte die Faust und schlug blindrasend dem Bruder ins Gesicht. Der
taumelte zurck und schrie auf. Die Brille flog in Scherben nach allen
Seiten.

Ei ja! rief Hans Henning laut gellend. Das kann ich doch noch mit der
einen Hand! Wird Dir jetzt bei Deiner Gotthnlichkeit bange?

Dann warf er noch einen Blick auf ihn zurck, der wie ein Trunkener
taumelte und sich Stirn und Augen mit den Hnden bedeckte.

Jetzt habe ich genug--, sagte Hans Henning mit vernderter, schwerer
Stimme. Jetzt gehe ich nach Hause und arbeite und mache aus meinem
Leben das Anstndigste, was ich noch kann. Lebwohl! Ich hasse nicht mehr.
Vielleicht kommt auch noch einmal ein Tag, an dem ich nicht mehr liebe.

Er wandte sich ab und ging davon. Gregor nahm die Hnde von der drhnenden
Stirn, von den matten Augen, die der Glser beraubt waren, und sah ihm
nach.

Er fhlte nicht Schmach oder Zorn. Noch einmal hatte sich mit seiner ganzen
Wucht das Leben ber ihn geworfen, ehe es ging und ihn in der Eiswste
zurcklie.

Bange vor der Gotthnlichkeit -- hatte Hans gesagt. O ja, dies Bangen
wird aufwachen, noch immer wieder, je und je, mitten wohl in seinen
Knigsstunden -- eine niemals ganz verlschende Erinnerung an das Leben,
das er verraten und verleugnet hat.

Vielleicht httest Du noch besser treffen sollen, mein wilder Hans!
dachte er.

Dann wandte er sich und ging in entgegengesetzter Richtung davon.

                           *       *       *

Vor Zeiten gab es einmal eine verqualmte Herrenstube in einem
windverlorenen alten Haus. Da sa ein rotes, rundes, schlfriges Gesicht
und blinzelte verstohlen seine junge Gefhrtin an. Jetzt ist kein Qualm
in der Stube, auch kein rotes Junkergesicht, und der wilde Wind kann hier
nicht herein. Aber Frida v.Drfflin hrt ihn doch, wie er ber das Moor
pfeift, und wei, was er ihr zu sagen hat.

O Du webende, wogende, wallende Phantasie! Bist Du noch dieselbe, die
in der Turmstube mit am Fenster stand, als die Wolken gingen? Zeige Dein
Gesicht!

Die Frage kommt zurck: Bist denn Du noch dieselbe, Du Ungestm?

Das wird ein wunderbares Wiedersehen! Sie sind ja beide miteinander
gegangen, denselben, steilen, schaurigen, mchtigen Weg, ohne sich
anzusehen. Jetzt stehen sie staunend: Wie bist Du anders und doch so
bekannt!

Die Finger werden steif vor Klte hier in der schlechten kleinen Stube, und
der Kopf tut weh vor Mdigkeit. Aber das kommt alles kaum zum Bewutsein.
Ja, das hat sich der alte Junker auch wohl kaum gedacht, da sein Fritzchen
so verfroren und mde vom Dienst ber denselben wunderlichen Schreibereien
sitzen wrde, die ihn einst ungerechterweise gegen Frulein Miller
aufbrachten.

Als der Winter zu Ende ging, war es mit Fridas berlasteten Krperkrften
auch am Rande. Sie fiel am hellen Tage vor Erschpfung fast in Ohnmacht.
Sie war mager geworden, und ihre Kopfschmerzen qulten sie. Schon die
letzten vierzehn Tage ber hatte sie abends sogleich zu Bett gehen mssen,
ob es ihr gleich schwerer fiel als die sauerste Arbeit.

Frau v.Leisewitz war halbblind und hrte nur durch andere Leute, da ihre
Gesellschafterin sehr elend ausshe. Das rgerte sie. Es rgerte sie auch,
da Fritzchen vergelich und langsam geworden war, es rgerte sie mit
Recht wegen des hohen Gehaltes. Sie lie sich ber diese Dinge aus in einem
bissigen Ton.

Da wachte der junge Menschengeist auf, der Winters ber unter einem Bann
weltentrckter Trumerei gestanden hatte. Da sah er, wo er war und wo sein
Weg im Leben lief.

Er konnte nicht Frau v.Leisewitz dienen, und der groen stummen Macht
seiner Tage, der Knigin Phantasie.

Fritzchen fhlte sanft und reuig gegen die wtige alte Dame. Die war
so hilflos und war so grndlich mit ihr hereingefallen! Als es an das
Gehaltauszahlen kam, erschrak sie fast ber die Hunderte, die sich vor
ihr aufbauten. Sie wollte nicht so viel, das war ja wie ein Hohn auf ihre
vertrumte Lssigkeit. Frau v.Leisewitz fand dies versptete Struben
geschmacklos. Herr v.Leisewitz-Deechow bekam einen Brief seiner Cousine
und konnte sich zum zweiten Male in der Drfflinschen Sache verlegen den
Kopf krauen.

Fritzchen blieb in Berlin, mietete sich eine kleine hochgelegene Stube,
packte ihre Schelchen in die verquollene Kommode, die nie ganz zuging,
schlief sich aus und fand sich dann allein mit ihrer rtselhaften
Gefhrtin.

                           *       *       *

Flatternde Vgel flogen aus der kleinen Schreibstube und setzten sich den
Leuten auf die Kpfe, auf die Hnde und auf die Herzen. An manchem flogen
sie auch vorbei, ohne da er sich umsah. Das waren die Trume, Gedanken
und Gestalten von Fritzchen v.Drfflin, die unter Wolken und Winden
aufgewachsen und durch ein starkes Leben und ein starkes Sterben mitten
hindurchgegangen war.

Es waren gewilich viele, an denen die Vgel vorbeiflogen und denen sich
das Umsehen danach nicht lohnte. Was lag ihnen an Wolken und Winden und dem
alten Sang von Tod und Auferstehung?

Aber es gab viele verlorene Wanderer im Erdenleben, die froh und bang ihre
Strae zogen, denen flog pltzlich so ein freier Vogel auf die Hand. Sie
sahen ihn an und sagten: Dich kenne ich doch schon lange und wute nur
nicht, wie Du heiest.

Aus diesen Leuten kam allmhlich Fritzchens neue Welt zusammen.

Eines Tages nahm sie ihre Sachen wieder aus der verquollenen Kommode heraus
und zog in ein anderes Haus, und als ein paar Jahre vorber waren, wuten
es eine ganze Menge Leute, da der kleine Mrchenfritz ein heies, stolzes
Knstlerblut in sich hatte.

Eine feine alte Dame, die wieder in einem verwaisten Haushalt das Zepter
fhrte, sagte bei Tisch, als man begeistert von Frida v.Drfflin und ihren
Bchern sprach, ganz ruhig: Das habe ich schon lngst gewut! und bildete
sich so viel darauf ein wie alle Leute, die etwas, schon lngst gewut
haben. Am Ende aber kam es so weit, da sie auch einen Umzug machen konnte
und zu ihrem Fritzchen als treue und parteiisch verblendete Mutter ging.

Sie nannte es Du, wie sie es seither in allen ihren Gedankengesprchen
genannt hatte, und sagte zu ihm: Es ist hohe Zeit, da jemand nach Dir
sieht! Damit meinte sie noch etwas ganz Besonderes.

In der ersten Zeit versuchte sie es auch noch mit Predigen: Du bist ein
phantastischer Narr! Steht Dir nicht die Welt, da sie am schnsten ist,
weit offen? Du hast starke und feine Menschen zu Freunden. Was kostet es
Dich, dies flieende, ziehende Leben voll schner Bilder festzuhalten und
es zu einem einzigen mchtigen Bilde zu verdichten, indem es in den Rahmen
des Weibtums, des Muttertums eingeschlossen wird?

Fritzchen sagte nicht viel dazu, fhrte keine Dispute, sich zu verteidigen
und andere Leute zu berzeugen. Sie sah nur aus so wundersam erstaunten
Augen auf diese Darlegungen. Da wurde pltzlich Frau v.Pohle ganz von
selbst nachdenklich. Es kam ihr ein Wort in den Sinn, das lie sie nicht
los.

Du hrest sein Sausen wohl, aber Du weit nicht, von wannen er kommt und
wohin er fhrt.

Ihr wildes Fritzchen war am Ende auch so ein Bote Gottes ber den Feldern.
Dem kann man wohl nicht die blichen Straen und Wege zeigen, der geht,
wie er gehen mu. Vielleicht war ihre arme junge Liebe, so traurig und
kmmerlich sie aussah, doch zu gro und stark und mchtig gewesen, als da
ihre Kraft jemals sterben oder durch eine neue ersetzt werden konnte.

Ach ja, man soll nur aufhren, alle Leute mit einem Ma zu messen. Der
liebe Gott spricht doch zu einem jeden in einer besonderen Sprache.

Noch einmal in ihrem Leben sah Fritzchen die Felder von Hohen-Leucken
und das Moor wieder, und das hochgelegene Herrenhaus, das durch die Bume
blickte. Sie kam von einem Besuch bei Gisela und ging allein ber das Feld.

Ihr Bruder, der Wind, ging ber die Sttte. Da breitete sie die Arme aus,
als wollte sie ihn umfangen.

Der Friede Gottes, der hher ist, als alle Vernunft!

Hher als alle Vernunft ---- sang der Wind ber dem Moor.

[Illustration]


Druck von Petzschke & Gretschel, Dresden-A. 27




[ Hinweise zur Transkription


Der Schmutztitel wurde entfernt.

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Darstellung gesperrter Schrift: _gesperrt_.

Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, mit folgenden
Ausnahmen,

  Seite 12:
  "Struwelkpfchen" gendert in "Struwwelkpfchen"
  (ein braunes, sehnschtiges Struwwelkpfchen)

  Seite 21:
  "Aukunft" gendert in "Auskunft"
  (war die andere Auskunft)

  Seite 33:
  "sie" gendert in "Sie"
  (Wollen Sie jetzt fahren, Herr v.Drfflin?)

  Seite 73:
  "." eingefgt
  (mit krabbelnden Wrmern und Ameisen im traulichen Bunde.)

  Seite 86:
  "selbst" gendert in "Selbst"
  (Selbst Hans Henning hatten sie von ihr fortgedrngt)

  Seite 93:
  "," entfernt hinter "Fritzchen"
  (Nein, Fritzchen will das nicht.)

  Seite 111:
  "einen" gendert in "einem"
  (in dem einem das Atmen verging)

  Seite 112:
  "kam" gendert in "kaum"
  (heute wendete kaum das Jngste der Kinder)

  Seite 135:
  "Nachhausekommn" gendert in "Nachhausekommen"
  (Das war ein Nachhausekommen! dachte er.)

  Seite 145:
  "eine" gendert in "einer"
  (aussichtsreiche Laufbahn einer Art Shne vorzuziehen)

  Seite 159:
  "russigen" gendert in "ruigen"
  (Sie hielt noch immer den ruigen Suppentopf.)

  Seite 164:
  "verkraxelt" gendert in "verknaxelt"
  (meine linke Hand ist neulich beim Reiten verknaxelt)

  Seite 178:
  "," gendert in "."
  (Aber es war mit Sorgfalt nicht viel zu machen.)

  Seite 203:
  "kam" gendert in "km"
  (Wre es heute nicht gekommen, so km es morgen)

  Seite 223:
  "," eingefgt
  (Gregor, hast Du einen Streit mit Hans gehabt?) ]







End of the Project Gutenberg EBook of Fritzchen, by Marie Diers

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRITZCHEN ***

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501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

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facility: www.gutenberg.org

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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