The Project Gutenberg EBook of Gertrud, by Hermann Hesse

This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever.  You may copy it, give it away or re-use it under the terms
of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
www.gutenberg.org.  If you are not located in the United States, you'll
have to check the laws of the country where you are located before using
this ebook.



Title: Gertrud

Author: Hermann Hesse

Release Date: January 29, 2020 [EBook #61266]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GERTRUD ***




Produced by Peter Becker and the Online Distributed
Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was
produced from images generously made available by The
Internet Archive)





Anmerkungen zur Transkription:

Umschlieungen mit * zeigen "gesperrt" gedruckten Text an.

Offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt. Im brigen wurden
Inkonsistenzen in der Interpunktion und Schreibweise einzelner Wrter
belassen.




                                Gertrud

                                 Roman

                                  von

                             Hermann Hesse

                            [Illustration]

                      Mnchen, bei Albert Langen
                                 1910

                             Elfte Auflage




                           Copyright 1910 by

                         Albert Langen, Munich




Wenn ich, von auen her, ber mein Leben weg schaue, sieht es nicht
besonders glcklich aus. Doch darf ich es noch weniger unglcklich
heien, trotz aller Irrtmer. Es ist am Ende auch ganz tricht, so nach
Glck und Unglck zu fragen, denn mir scheint, die unglcklichsten
Tage meines Lebens gbe ich schwerer hin als alle heiteren. Wenn es in
einem Menschenleben darauf ankommt, das Unabwendbare mit Bewutsein
hinzunehmen, das Gute und ble recht auszukosten und sich neben dem
ueren ein inneres, eigentlicheres, nicht zuflliges Schicksal zu
erobern, so war mein Leben nicht arm und nicht schlecht. Ist das uere
Schicksal ber mich hingegangen wie ber alle, unabwendbar und von
Gttern verhngt, so ist mein inneres Geschick doch mein eigenes Werk
gewesen, dessen Se oder Bitterkeit mir zukommt und fr das ich die
Verantwortung allein auf mich zu nehmen denke.

Manchmal in frheren Jahren habe ich gewnscht, ein Dichter zu sein.
Wre ich einer, so widerstnde ich der Lockung nicht, meinem Leben bis
in die zarten Schatten der Kinderzeit und bis zu den lieben, zrtlich
gehteten Quellen meiner frhesten Erinnerungen nachzugehen. So aber
ist mir dieser Besitz allzu lieb und heilig, als da ich ihn mir etwa
selber verderben mchte. Von meiner Kindheit ist nur zu sagen, da sie
schn und heiter war; man lie mir die Freiheit, meine Neigungen und
Gaben selber zu entdecken, mir meine innigsten Freuden und Schmerzen
selber zu schaffen und die Zukunft nicht als eine fremde Macht von
oben, sondern als die Hoffnung und den Erwerb meiner eigenen Krfte
anzusehen. So ging ich unberhrt durch die Schulen, als ein unbeliebter
und wenig begabter, doch ruhiger Schler, den man am Ende gewhren
lie, da er keine starken Einflsse zu dulden schien.

Etwa von meinem sechsten oder siebenten Jahr an begriff ich, da von
allen unsichtbaren Mchten die Musik mich am strksten zu fassen und
zu regieren bestimmt sei. Von da an hatte ich meine eigene Welt, meine
Zuflucht und meinen Himmel, den mir niemand nehmen oder schmlern
konnte und den ich mit niemand zu teilen begehrte. Ich war Musiker,
obwohl ich vor meinem zwlften Jahre kein Instrument spielen lernte
und nicht daran dachte, spter mein Brot mit Musikmachen verdienen zu
wollen.

Dabei ist es seither geblieben, ohne da etwas Wesentliches sich
gendert hat, und darum erscheint mir beim Rckblick mein Leben nicht
bunt und vielgestaltig, sondern von Anfang an auf einen Grundton
gestimmt und auf einen einzigen Stern gestellt. Mochte es sonst wohl
oder bel gehen, mein innerstes Leben blieb unverndert. Ich mochte
lange Zeiten auf fremden Wassern treiben, kein Notenheft und kein
Instrument anrhren, eine Melodie lag mir doch zu jeder Stunde im Blut
und auf den Lippen, ein Takt und Rhythmus im Atemholen und Leben. So
begierig ich auf manchen anderen Wegen nach Erlsung, nach Vergessen
und Befreiung suchte, so sehr ich nach Gott, nach Erkenntnis und
Frieden drstete, gefunden habe ich das alles immer nur in der Musik.
Es brauchte nicht Beethoven oder Bach zu sein: -- da berhaupt Musik
in der Welt ist, da ein Mensch zuzeiten bis ins Herz von Takten
bewegt und von Harmonien durchflutet werden kann, das hat fr mich
immer wieder einen tiefen Trost und eine Rechtfertigung alles Lebens
bedeutet. O Musik! Eine Melodie fllt dir ein, du singst sie ohne
Stimme, nur innerlich, durchtrnkst dein Wesen mit ihr, sie nimmt von
allen deinen Krften und Bewegungen Besitz -- und fr die Augenblicke,
die sie in dir lebt, lscht sie alles Zufllige, Bse, Rohe, Traurige
in dir aus, lt die Welt mitklingen, macht das Schwere leicht und das
Starre beflgelt! Das alles kann die Melodie eines Volksliedes tun!
Und erst die Harmonie! Schon jeder wohllautende Zusammenklang rein
gestimmter Tne, etwa in einem Gelut, sttigt das Gemt mit Anmut
und Genu, und steigert sich mit jedem hinzuklingenden Ton, und kann
zuweilen das Herz entznden und vor Wonne zittern machen, wie keine
andere Wollust es vermag.

Von allen Vorstellungen reiner Seligkeit, die sich Vlker und
Dichter ertrumt haben, schien mir immer die hchste und innigste
jene vom Erlauschen der Sphrenharmonie. Daran haben meine tiefsten
und goldensten Trume gestreift -- einen Herzschlag lang den Bau
des Weltalls und die Gesamtheit alles Lebens in ihrer geheimen,
eingeborenen Harmonie tnen zu hren. Ach, und wie kann denn das Leben
so wirr und verstimmt und verlogen sein, wie kann nur Lge, Bosheit,
Neid und Ha unter Menschen sein, da doch jedes kleinste Lied und jede
bescheidenste Musik so deutlich predigt, da Reinheit, Harmonie und
brderliches Spiel klargestimmter Tne den Himmel ffnet! Und wie mag
ich selber schelten und zrnen, da ich selber, mit allem guten Willen,
aus meinem Leben kein Lied und keine reine Musik habe machen knnen!
Im Innersten spre ich wohl den unabweislichen Mahner, das drstende
Verlangen nach einem reinen, wohlgeflligen, in sich seligen Tnen und
Verklingen; meine Tage aber sind voll Zufall und Miklang, und wohin
ich mich wende und wo ich poche, es tnt mir nirgends lauter und klar
zurck.

Nichts mehr davon, ich will erzhlen. Wenn ich mich nun besinne, fr
wen ich diese Bltter beschreibe, wer eigentlich so viel Macht ber
mich hat, da er Bekenntnisse von mir fordern und meine Einsamkeit
durchbrechen kann, so mu ich einen lieben Frauennamen sagen, der mir
nicht nur ein groes Stck Erleben und Schicksal umfat, sondern wohl
auch als Stern und hohes Sinnbild ber allem stehen mag.

       *       *       *       *       *

Erst whrend der letzten Schuljahre, als alle meine Kameraden von
ihren knftigen Berufen zu reden begannen, fing auch ich an hierber
nachzudenken. Die Musik zu meinem Beruf und Erwerb zu machen, lag
mir eigentlich fern; doch konnte ich mir keinen andern Beruf denken,
der mir Freude gemacht htte. Ich hatte gegen den Handel oder andre
Gewerbe, die mein Vater mir vorschlug, keinen Widerwillen, sie waren
mir nur gleichgltig. Aber da meine Kameraden so stolz auf die von
ihnen gewhlten Berufe taten, vielleicht auch eine Stimme in mir dafr
eintrat, schien es mir doch gut und richtig, das zu meinem Beruf zu
machen, was ohnehin meine Gedanken ausfllte und mir allein rechte
Freude machte. Es kam mir zustatten, da ich seit meinem zwlften Jahr
das Violinspielen begonnen und unter einem guten Lehrer etwas Rechtes
gelernt hatte. So sehr nun mein Vater sich wehrte und davor bangte,
seinen einzigen Sohn die ungewisse Laufbahn eines Knstlers einschlagen
zu sehen, gerade an seinem Widerstand wuchs mein Wille, und der Lehrer,
der mich gern hatte, trat fr meinen Wunsch nach Krften ein. Am Ende
gab mein Vater nach, es wurde mir nur zur Prfung meiner Ausdauer und
in der Hoffnung auf eine Sinnesnderung noch ein Schuljahr zudiktiert,
das ich mit leidlicher Geduld absa und whrenddessen ich meines
Begehrens nur sicherer wurde.

Whrend dieses letzten Schuljahres verliebte ich mich zum erstenmal,
in ein hbsches junges Frulein unsrer Bekanntschaft. Ohne sie viel
zu sehen und auch ohne dies stark zu begehren, geno und durchlitt
ich die sen Bewegungen der ersten Liebe wie in einem Traume. Und in
dieser Zeit, da ich den ganzen Tag ebensosehr an meine Musik wie an
meine Liebe dachte und nachts vor herrlicher Erregung nicht schlafen
konnte, hielt ich zum erstenmal mit Bewutsein Melodien fest, die mir
einfielen, zwei kleine Lieder, und versuchte sie aufzuschreiben. Das
erfllte mich mit einem schamhaften, doch durchdringenden Vergngen,
ber dem ich meine spielerische Liebesnot fast ganz verga. Inzwischen
hrte ich, da meine Geliebte Singstunden nehme, und war sehr begierig,
sie einmal singen zu hren. Nach Monaten ward mein Wunsch erfllt, bei
einer Abendgesellschaft im Haus meiner Eltern. Das hbsche Mdchen ward
aufgefordert zu singen, wehrte sich heftig und mute am Ende doch, und
ich wartete darauf mit einer ungeheuren Spannung. Ein Herr begleitete
an unsrem kleinen schmalen Klavierchen, er spielte ein paar Takte und
sie begann. Ach, sie sang schlecht, traurig schlecht, und noch whrend
sie sang, verwandelte sich meine Bestrzung und Qual zu Mitleid und
dann zu Humor, und knftig war ich dieser Verliebtheit ledig.

Ich war ein geduldiger und nicht gerade unfleiiger, aber kein guter
Schler, und im letzten Jahr gab ich mir vollends wenig Mhe mehr.
Daran war nicht Trgheit und auch nicht meine Verliebtheit schuld,
sondern ein Zustand jnglinghafter Trumerei und Gleichgltigkeit,
eine Dumpfheit der Sinne und des Kopfes, die nur zuweilen pltzlich
und heftig unterbrochen ward, wenn eine von den wunderbaren Stunden
verfrhter schpferischer Lust mich wie in ther hllte. Dann fhlte
ich mich von einer berklaren, kristallnen Luft umgeben, in der kein
Trumen und Vegetieren mglich war, wo alle Sinne sich geschrft
und wachsam auf die Lauer legten. Was in diesen Stunden entstand,
war wenig, vielleicht zehn Melodien und einige Anfnge harmonischer
Gestaltungen; aber die Luft dieser Stunden verga ich nimmer, diese
berklare fast kalte Luft und diese gespannte Zusammenfassung der
Gedanken, um einer Melodie die rechte, einzige, nicht mehr zufllige
Bewegung und Lsung zu geben. Zufrieden war ich mit diesen kleinen
Leistungen nicht und hielt sie nie fr etwas Gltiges und Gutes, aber
das wurde mir klar, da in meinem Leben nichts so begehrenswert und
wichtig sein werde wie die Wiederkehr solcher Stunden der Klarheit und
des Schaffens.

Daneben kannte ich auch Tage des Schwrmens, wo ich auf der Geige
phantasierte und den Rausch flchtiger Einflle und farbiger Stimmungen
geno. Nur wute ich bald, da das kein Schaffen war, sondern ein
Spielen und Schwelgen, vor dem ich mich zu hten habe. Ich merkte,
da es ein andres Ding ist seinen Trumen nachzugehen und berauschte
Stunden auszukosten, als unerbittlich und klar mit den Geheimnissen
der Form wie mit Feinden zu ringen. Und ich merkte schon damals
etwas davon, da ein rechtes Schaffen einsam macht und etwas von uns
verlangt, was wir dem Behagen des Lebens abbrechen mssen.

Endlich war ich frei, hatte die Schule hinter mir, den Eltern Lebewohl
gesagt und ein neues Leben als Schler des Konservatoriums in der
Hauptstadt begonnen. Ich tat dies mit groen Erwartungen und war
berzeugt gewesen, ich wrde in der Musikschule ein guter Schler sein.
Zu meinem peinlichen Erstaunen kam es aber anders. Ich hatte Mhe dem
Unterricht berall zu folgen, fand in Klavierunterricht, den ich jetzt
nehmen mute, nur eine groe Plage und sah bald mein ganzes Studium wie
einen unersteiglichen Berg vor mir liegen. Wohl war ich nicht gesonnen
nachzugeben, doch war ich enttuscht und befangen. Ich sah jetzt, da
ich bei aller Bescheidenheit mich doch fr eine Art von Genie gehalten
und die Mhen und Schwierigkeiten des Weges zur Kunst bedenklich
unterschtzt hatte. Dazu ward mir das Komponieren grndlich entleidet,
da ich jetzt bei der geringsten Aufgabe nur Berge von Schwierigkeiten
und Regeln sah, meinem Gefhl durchaus mitrauen lernte und nicht
mehr wute, ob berhaupt ein Funke von eigener Kraft in mir sei. So
beschied ich mich, wurde klein und traurig, ich tat meine Arbeit wenig
anders als ich die in einem Kontor oder in einer andern Schule getan
htte, fleiig und freudlos. Klagen durfte ich nicht, am wenigsten in
meinen Briefen nach Hause, sondern ging den begonnenen Weg in stiller
Enttuschung weiter und nahm mir vor, wenigstens ein ordentlicher
Geiger zu werden. Ich bte und bte, steckte Grobheiten und Spott der
Lehrer ein, sah manche andere, denen ich es nicht zugetraut htte,
leicht vorwrtskommen und Lob ernten, und steckte meine Ziele immer
niedriger. Denn auch mit dem Geigen stand und ging es nicht so, da
ich darauf htte stolz sein knnen und etwa an ein Virtuosentum denken
drfen. Es sah ganz so aus, als knne aus mir bei gutem Flei zur Not
ein brauchbarer Handwerker werden, der in irgendeinem kleinen Orchester
seine bescheidene Geige ohne Schande und ohne Ehre spielt und dafr
sein Brot bekommt.

So war diese Zeit, die ich so sehr ersehnt und von der ich mir alles
versprochen hatte, die einzige in meinem Leben, in der ich vom Geist
der Musik verlassen freudlose Wege ging und Tage ohne Klang und Takt
dahinlebte. Wo ich Genu, Erhebung, Glanz und Schnheit gesucht hatte,
fand ich nur Forderungen, Regeln, Pflichten, Schwierigkeiten und
Gefahren. Fiel mir etwas Musikalisches ein, so war es entweder banal
und hundertmal dagewesen, oder es stand sichtlich mit allen Gesetzen
der Kunst in Widerspruch und konnte also nichts wert sein. Da packte
ich alle groen Gedanken und Hoffnungen ein. Ich war einer von den
Tausenden, die mit jugendlicher Frechheit zur Kunst gekommen sind und
deren Kraft versagt, wenn es Ernst werden soll.

Dieser Zustand dauerte wohl etwa drei Jahre. Ich war nun ber zwanzig
Jahre alt, hatte offenbar meinen Beruf verfehlt und ging den begonnenen
Weg nur aus Scham und Pflichtgefhl weiter. Ich wute nichts mehr von
Musik, nur noch von Fingerbungen, schweren Aufgaben, Widersprchen in
der Harmonielehre, drckenden Klavierlektionen bei einem spttischen
Lehrer, der in allen meinen Bemhungen nur eine Zeitvergeudung sah.

Wre das alte Ideal nicht doch noch heimlich in mir lebendig gewesen,
so htte ich es in diesen Jahren recht gut haben knnen. Ich war frei
und hatte Freunde, war ein hbscher und blhender junger Mensch, ein
Sohn wohlhabender Eltern. Fr Augenblicke geno ich alles das, es gab
vergngte Tage, Liebeleien, Zechereien, Ferienfahrten. Aber es war mir
nicht mglich mich dabei zu trsten, meine Pflicht in Krze abzutun und
vor allem meiner jungen Tage froh zu werden. Ohne da ich davon wute,
blickte mein Heimweh doch noch in allen unbewachten Stunden nach dem
untergegangenen Stern der Knstlerschaft aus, es war mir unmglich die
Enttuschung zu vergessen und zu betuben. Nur einmal gelang es mir
grndlich.

Es war der trichtste Tag meiner trichten Jugend. Ich lief damals
einer Schlerin des berhmten Gesanglehrers H. nach. Ihr schien es
hnlich zu gehen wie mir, sie war mit groen Hoffnungen gekommen, hatte
strenge Lehrer gefunden, war die Arbeit nicht gewohnt und glaubte
schlielich sogar ihre Stimme zu verlieren. Sie legte sich auf die
leichte Seite, flirtete mit uns Kollegen und wute uns alle toll zu
machen, wozu freilich nicht gar viel gehrte. Sie hatte die feurige,
lebhaft farbige Schnheit, die bald verblht.

Diese schne Liddy nahm mich mit ihrer naiven Koketterie immer wieder
gefangen, wenn ich sie sah. Ich war nie lange Zeit in sie verliebt,
ich verga sie oft vllig, aber wenn ich bei ihr war, schlug jedesmal
die Verliebtheit wieder ber mir zusammen. Sie spielte mit mir wie mit
andern, reizte uns, geno ihre Macht und war selber dabei nur mit der
neugierigen Sinnlichkeit ihrer Jugend beteiligt. Sie war sehr schn,
aber nur wenn sie sprach und in Bewegung war, wenn sie mit ihrer warmen
tiefen Stimme lachte, wenn sie tanzte oder sich an der Eifersucht ihrer
Liebhaber ergtzte. So oft ich von einer Gesellschaft heimkam, in der
ich sie gesehen hatte, lachte ich mich selber aus und bewies mir, da
ein Mensch von meiner Art unmglich diese gefllige Lebensknstlerin
im Ernst lieben knne. Manchmal aber gelang es ihr wieder, mich durch
eine Geste, durch ein geflstertes warmes Wort so zu erregen, da ich
die halbe Nacht hei und wild in der Nhe ihrer Wohnung unterwegs blieb.

Ich hatte damals eine kurze Periode der Wildheit und eines halb
erzwungenen bermutes. Nach Tagen der Niedergeschlagenheit und
dumpfen Stille forderte meine Jugend strmisch Bewegung und Rausch,
und ich ging dann mit einigen gleichaltrigen Kameraden Lustbarkeiten
und Streichen nach. Wir galten fr lebenslustige, ausgelassene, ja
gefhrliche Tumultuanten, was bei mir nicht zutraf, und genossen
bei Liddy und ihrem kleinen Kreise einen zweifelhaften, doch sen
Heldenruhm. Wie viel von diesem Treiben echte Jugendlust und wieviel
gewollte Betubung war, kann ich heute nimmer entscheiden, da ich jenen
Zustnden und aller uerlichen Jugendlichkeit lngst vllig entwachsen
bin. Wenn ein Zuviel dabei war, so habe ich es gebt.

An einem Wintertage, da kein Unterricht war, zogen wir miteinander
vor die Stadt hinaus, acht oder zehn junge Leute, darunter Liddy mit
drei Freundinnen. Wir hatten Rodelschlitten mit, deren Bentzung
damals noch fr ein Kindervergngen galt, und suchten in der
bergigen Umgebung der Stadt die Straen und Wiesenhnge nach guten
Schlittenbahnen ab. Ich erinnere mich des Tages genau, es war mig
kalt, zuweilen kam die Sonne fr Viertelstunden hervor, die krftige
Luft roch herrlich nach Schnee. Die Mdchen standen mit ihren farbigen
Kleidern und Tchern prchtig im weien Grunde, die herbe Luft war
berauschend und die heftige Bewegung in dieser Frische eine Lust. Unsre
kleine Gesellschaft war in frhlichster Laune, Ulknamen und Hnseleien
flogen hin und wider, wurden durch Schneeballen beantwortet und fhrten
zu kleinen Kriegen, bis wir alle hei und voll Schnee dastanden und
eine Weile veratmen muten, ehe wir von neuem begannen. Es wurde eine
groe Schneeburg gebaut, belagert und erstrmt, dazwischen fuhren wir
da und dort einmal einen kleinen Wiesenabhang auf unseren Schlitten
hinunter.

Um Mittag, als wir alle von dem Gestrme grimmig hungrig geworden
waren, suchten und fanden wir ein Dorf und ein gutes Wirtshaus, lieen
sieden und braten, bemchtigten uns des Klavieres, sangen, schrien,
bestellten Wein und Grog. Das Essen kam und wurde festlich begangen,
der gute Wein flo reichlich, danach begehrten die Mdchen Kaffee,
whrend wir die Likre versuchten. Es war ein Geschrei und Festlrm
in der kleinen Stube, da uns allen die Kpfe rauchten. Ich war immer
in Liddys Nhe, die mich heute in gndiger Laune durch besondre Gunst
auszeichnete. Sie blhte in dieser Luft voll Lustbarkeit und Rausch
gar prchtig auf, lie ihre hbschen Augen blitzen und duldete manche
halb khn, halb ngstlich gewagte Zrtlichkeit. Ein Pfnderspiel wurde
begonnen, wobei die Pfnder am Klavier durch Nachahmung irgendeines
unsrer Lehrer eingelst werden muten, manche aber auch durch Ksse,
deren Zahl und Beschaffenheit genau beobachtet wurde.

Als wir glhend und lrmend das Haus verlieen und den Heimweg
antraten, war es noch frh am Nachmittag, doch begann es schon ein
wenig zu dmmern. Wieder tollten wir wie ausgelassene Kinder durch
den Schnee, ohne Eile durch den leis herankommenden Abend nach der
Stadt zurckkehrend. Es gelang mir, an Liddys Seite zu bleiben, zu
deren Ritter ich mich nun aufwarf, nicht ohne Widerspruch der andern.
Ich zog sie streckenweise auf meinem Schlitten und schtzte sie nach
Krften vor den immer wieder versuchten Angriffen mit Schneeballen.
Schlielich lie man uns gewhren, jedes der Mdchen fand seinen
Genossen, und nur zwei ledig gebliebene Herrlein zogen neckend und
kriegslustig nebenher. Ich war nie so erregt und toll verliebt
gewesen wie in jenen Stunden, Liddy hatte meinen Arm genommen und
duldete es, da ich sie im Gehen leise an mich zog. Dabei plauderte
sie bald geschwtzig in den Abend hinein, bald schwieg sie glcklich
und, wie mir schien, verheiungsvoll an meiner Seite. Ich brannte
und war entschlossen, diese Gelegenheit nach Krften zu bentzen,
zumindest aber diesen traulich zrtlichen Zustand so lange als mglich
festzuhalten. Es hatte auch niemand etwas dagegen, als ich kurz vor
der Stadt noch einen Umweg vorschlug und in einen schnen Hhenweg
einbog, der steil ber dem Tale im Halbkreis hinlief, reich an weiten
Aussichten auf das Flutal und die Stadt, die schon mit blitzenden
Laternenreihen und tausend roten Lichtern aus der Tiefe glnzte.

Liddy hing noch immer an meinem Arm und lie mich reden, nahm meine
glhenden berschwnglichkeiten lachend hin und schien doch selber tief
erregt zu sein. Als ich sie aber mit leiser Gewalt an mich zog und
kssen wollte, machte sie sich los und sprang beiseite.

Schauen Sie, rief sie aufatmend, die Wiese da hinunter mssen wir
schlitteln! Oder haben Sie Angst, Sie Held?

Ich schaute hinunter und war erstaunt, denn der Abhang war so jh, da
mir wirklich einen Augenblick vor dieser frechen Fahrt graute.

Das geht nicht, sagte ich leichthin, es ist schon viel zu dunkel.

Sofort fiel sie mit Spott und Entrstung ber mich her, nannte mich
einen Hasenfu und verschwor sich, den Hang allein hinab zu fahren,
wenn ich zu feig sei mitzukommen.

Umwerfen werden wir natrlich, meinte sie lachend, aber das ist ja
doch das Lustigste bei der ganzen Fahrerei.

Da sie mich so reizte, kam mir ein Einfall.

Liddy, sagte ich leise, wir fahren. Wenn wir umwerfen, drfen Sie
mich mit Schnee einreiben, aber wenn wir glatt hinunterkommen, will ich
auch meinen Lohn haben.

Sie lachte nur und setzte sich auf den Schlitten. Ich sah ihr in die
Augen, die glhten warm und lustig, da nahm ich ganz vorn Platz, hie
sie sich an mich klammern und fuhr ab. Ich sprte wie sie mich umfate,
ihre Hnde auf meiner Brust kreuzend, und ich wollte ihr noch etwas
zurufen, konnte aber nicht mehr. Die Steile war so jh, da ich das
Gefhl hatte in die leere Luft zu strzen. Sofort suchte ich mit beiden
Sohlen den Boden, um anzuhalten oder doch umzuwerfen, denn pltzlich
war mir eine Todesangst um Liddy ins Herz gefahren. Es war jedoch zu
spt. Der Schlitten sauste unaufhaltsam bergab, ich fhlte nur einen
kalten beienden Schwall aufgewhlten Schneestaubes im Gesicht, dann
hrte ich Liddy angstvoll schreien, dann nichts mehr. Ein ungeheurer
Hieb wie von einem Schmiedehammer traf meinen Kopf, irgendwo tat es mir
schneidend weh. Das letzte Gefhl, das ich hatte, war das der Klte.

Mit dieser kurzen flotten Schlittenfahrt habe ich meine Jugendlust und
Torheit gebt. Nachher war mit vielem andrem auch meine Liebe zu Liddy
ganz verflogen.

Dem Tumult und ngstlichen Getriebe, das auf den Unfall folgte, war ich
enthoben. Fr die andern war es eine peinliche Stunde. Sie hrten Liddy
schreien, lachten und neckten von oben herab in die Dunkelheit hinein,
erkannten endlich, da etwas Bses geschehen sei, stiegen mhsam herab
und brauchten eine Weile, bis sie aus dem Rausch und bermut heraus
zur berlegung kamen. Liddy war bleich und halb ohnmchtig, jedoch
durchaus unverletzt, nur ihre Handschuhe waren zerrissen und ihre
feinen weien Hnde etwas zerschunden und blutig. Mich trugen sie fr
tot hinweg. Den Apfel- oder Birnbaum, an dem der Schlitten und meine
Knochen zerschellt waren, habe ich spter vergeblich wieder zu finden
versucht.

Man dachte, ich sei einer Gehirnerschtterung erlegen, doch stand es
nicht so schlimm. Kopf und Gehirn waren zwar mitgenommen und es dauerte
sehr lange, bis ich im Spital wieder zur Besinnung kam, aber die Wunde
heilte und das Gehirn ruhte sich aus. Dagegen wollte das mehrfach
gebrochene linke Bein nicht wieder ganz in Ordnung kommen. Ich bin
seither ein Krppel, der nur hinken, nicht mehr schreiten oder gar
laufen und tanzen kann. Damit war meiner Jugend unversehens ein Weg
in stillere Lande gewiesen, den ich nicht ohne Scham und Widerstreben
einschlug. Aber ich schlug ihn doch ein, und manchmal scheint es
mir, als mchte ich jene abendliche Schlittenfahrt und ihre Folgen
keineswegs in meinem Leben missen.

Freilich denke ich dabei weniger an das zerbrochene Bein als an die
andern Folgen jenes Unfalls, die weit freundlicher und freudiger
waren. War es das Unglck selbst mit seinem Schrecken und Blick in
das Dunkel oder war es das lange Liegen und monatelange Stillsein und
Besinnen, die Kur tat mir gut.

Der Beginn jener langen Liegezeit, etwa die erste Woche, ist ganz aus
meiner Erinnerung verschwunden. Ich war viel bewutlos und auch nach
dem endgltigen Erwachen geschwcht und gleichgltig. Meine Mutter
war gekommen und sa alle Tage getreulich im Spital an meinem Bett.
Wenn ich sie ansah und ein paar Worte mit ihr sprach, schien sie
freundlich und fast heiter, obwohl sie, wie ich spter erfuhr, Angst um
mich hatte, und zwar nicht um mein Leben, sondern um meinen Verstand.
Zuweilen plauderten wir in dem stillen, hellen Krankenzimmerchen
lange miteinander. Doch war unser Verhltnis nie sehr innig gewesen;
ich hatte stets mehr zum Vater gehalten. Nun war sie vom Mitleid und
ich von Dankbarkeit erweicht und zur Vershnung gestimmt, wir waren
aber beide allzulange an ein gegenseitiges Zuwarten und lssiges
Geltenlassen gewhnt, als da nun die erwachende Herzlichkeit den Weg
in unsre Worte htte finden mgen. Wir sahen einander zufrieden an und
lieen die Dinge unbesprochen. Sie war wieder meine Mutter, da sie
mich krank liegen hatte und pflegen konnte; und ich sah sie wieder mit
Knabengefhlen an und verga einstweilen alles andere. Spter freilich
kehrte das alte Verhltnis wieder und wir vermieden es von diesem
Krankenlager viel zu reden, da es uns beide verlegen machte.

Allmhlich begann ich meine Lage zu bersehen, und da ich die
Fieberzeit berwunden hatte und ruhig schien, machte der Arzt nicht
lnger ein Geheimnis daraus, da mir wohl fr immer ein Andenken an
diesen Sturz bleiben werde. Ich sah meine Jugend, die ich noch kaum mit
einigem Bewutsein genossen hatte, empfindlich beschnitten und verarmt
und hatte alle Zeit, mich mit dieser Sache abzufinden, denn das Liegen
dauerte noch wohl ein Vierteljahr.

Ich suchte denn auch eifrig in Gedanken meine Lage zu fassen und mir
ein Bild der Zukunft zu machen, doch kam ich damit nicht weit. Viel
Denken war noch nichts fr mich, ich ermdete immer bald und sank
in ein ausruhendes Hintrumen, womit mich die Natur vor Angst und
Verzweiflung bewahrte und mir die Ruhe zur Heilung erzwang. Immerhin
plagte mich mein Unglck manche Stunde und halbe Nacht, ohne da ich
einen nennenswerten Trost htte erdenken knnen.

Da war es in einer Nacht, da ich nach wenigen Stunden leichten
Schlummers erwachte. Mir schien, ich habe etwas Gutes getrumt, und
ich strebte mich dessen wieder zu erinnern, doch vergebens. Es war
mir merkwrdig wohl und frei zumute, als habe ich alles Unangenehme
berwunden und hinter mir. Und wie ich lag und sann und leise Strme
der Genesung und Erlsung um mich fhlte, trat mir eine Melodie auf die
Lippen, fast lautlos, die summte ich weiter und hrte nimmer auf, und
unversehens schaute mich wie ein enthllter Stern die Musik wieder an,
der ich so lange fremd gewesen war, und mein Herz schlug ihren Takt,
und mein ganzes Wesen blhte auf und atmete neue reine Lfte. Es kam
mir nicht zum Bewutsein, es war nur da und durchdrang mich still, als
sngen leise Chre von fern zu mir herein.

In diesem innig frischen Gefhl schlief ich wieder ein. Am Morgen war
ich froh und unbedrckt wie lang nicht mehr. Die Mutter merkte es und
fragte, was mich freue. Da besann ich mich, und nach einer Weile sagte
ich ihr, ich habe so lang nimmer an meine Geige gedacht, die sei mir
nun wieder eingefallen und ich freue mich auf sie.

Du wirst aber noch lang nicht wieder spielen drfen, sagte sie etwas
ngstlich.

Das schadet nichts, und wenn ich auch gar nimmer spielen knnte.

Sie verstand mich nicht und ich konnte es ihr nicht erklren. Aber
sie merkte, da es mir besser gehe und da kein Feind hinter dieser
grundlosen Frhlichkeit laure. Nach einigen Tagen fing sie vorsichtig
wieder davon an.

Du, wie ist das nun eigentlich mit deiner Musik? Wir haben fast
geglaubt, sie sei dir verleidet, und der Vater hat mit deinen Lehrern
gesprochen. Wir wollen dir ja nicht dreinreden, am wenigsten jetzt
-- -- aber wir meinen, wenn du dich getuscht httest und es lieber
aufgeben mchtest, so solltest du es tun und nicht aus Trotz oder Scham
dabeibleiben. Was meinst du?

Da fiel mir diese ganze Zeit der Entfremdung und Enttuschung wieder
ein. Ich versuchte der Mutter zu erzhlen, wie es mir gegangen war, und
sie schien es zu begreifen. Nun aber, meinte ich, sei ich meiner Sache
wieder sicherer geworden und jedenfalls wolle ich nicht so davonlaufen,
sondern erst zu Ende studieren. Dabei blieb es einstweilen. Im Grunde
meiner Seele, wohin die Frau nicht blicken konnte, war lauter Musik. Ob
es nun mit dem Geigen glckte oder nicht, ich hrte wieder die Welt wie
ein gutes Kunstwerk klingen und wute, es sei auerhalb der Musik kein
Heil fr mich. Erlaubte mein Zustand das Geigen nimmer, so mute ich
darauf verzichten, vielleicht mute ich einen andern Beruf suchen und
etwa Kaufmann werden; aber das alles war nicht allzu wichtig, ich wrde
als Kaufmann oder was sonst nicht weniger Musik empfinden und in Musik
leben und atmen. Ich wrde wieder komponieren! Es war nicht, wie ich
meiner Mutter gesagt hatte, das Geigen, worauf ich mich freute, sondern
es war das Musikmachen, das Schaffen, nach dem mir die Hnde zitterten.
Schon fhlte ich zu manchen Zeiten wieder die lauteren Schwingungen
klarer Lfte, die gespannte Khle der Gedanken, wie frher in meinen
besten Stunden, und fhlte auch, da daneben ein lahmes Bein und andre
bel von geringer Bedeutung seien.

Von da an war ich Sieger, und so oft auch seither meine Wnsche ins
Land der Gesundheit und Jugendlust hinberliefen, und so oft ich mit
Bitterkeit und zorniger Scham mein Krppeltum hate und verfluchte, es
ging mir dieses Leid doch nimmer so leicht ber die Kraft; es war etwas
da, zu trsten und zu verklren.

Ab und zu kam mein Vater hergereist, die Mutter und mich zu besuchen,
und eines Tages, da es mir lngst ertrglich ging, nahm er sie wieder
mit sich nach Hause. Die ersten Tage fhlte ich mich etwas vereinsamt,
schmte mich auch, da ich mit der Mutter zu wenig herzlich gesprochen
hatte und zu wenig auf ihre Gedanken und Sorgen eingegangen war. Doch
fllte mich jenes andere Gefhl zu sehr aus, als da diese Gedanken
ber wohlgemeinte Spielereien und Rhrungen hinaus geraten wren.

Nun kam unerwartet jemand mich zu besuchen, der sich whrend der
Anwesenheit meiner Mutter nicht herbeigewagt hatte. Das war Liddy. Ich
war sehr erstaunt sie zu sehen. Es fiel mir im ersten Augenblick gar
nicht ein, wie nah ich ihr vor kurzem gestanden und wie sehr ich in sie
verliebt gewesen war. Sie kam in groer Verlegenheit, die sie schlecht
verbarg, hatte sich vor meiner Mutter und sogar vor dem Gericht
gefrchtet, da sie sich an meinem Unglck schuldig wute, und begriff
nur langsam, da die Sache nicht so schlimm war und sie im Grunde gar
nichts angehe. Nun atmete sie auf, doch war eine leise Enttuschung
nicht zu verkennen. Das Mdchen hatte, bei allem bsen Gewissen, doch
im Grund ihres guten Weiberherzens sich an der ganzen Geschichte, an so
viel ergreifendem und rhrendem Unglck, innigst erlabt. Sie brauchte
sogar mehrmals das Wort tragisch, worber ich kaum das Lachen
verhalten konnte. berhaupt war sie nicht darauf gefat gewesen, mich
so munter und so wenig in Respekt vor meinem Unglck zu finden. Sie
hatte im Sinn gehabt, mich um Verzeihung zu bitten, deren Gewhrung
mir als Verliebtem eine gewaltige Genugtuung schaffen msse, und sich
auf Grund dieser rhrenden Szene meines Herzens von neuem siegreich zu
bemchtigen.

Nun war es dem trichten Kinde zwar keine kleine Erleichterung, mich
so vergngt und sich selbst aller Schuld und Anklage ledig zu finden.
Sie wurde aber dieser Erleichterung nicht froh, sondern je mehr ihr
Gewissen sich beruhigte und ihre mitgebrachte Angst verflog, desto
stiller und khler sah ich sie werden. Es beleidigte sie nachtrglich
doch nicht wenig, da ich ihren Anteil an der Sache so gering anschlug,
ja vergessen zu haben schien, da ich die Rhrung und Abbitte im Keim
unterdrckt und sie um die ganze schne Szene gebracht hatte. Da ich
vollends gar nicht mehr in sie verliebt war, merkte sie trotz meiner
groen Hflichkeit sehr wohl, und das war das Schlimmste. Mochte ich
Arme und Beine verloren haben, ich war doch immer ein Anbeter gewesen,
den sie zwar nicht geliebt und nie beglckt, an dessen Schmachten sie
aber, je elender er war, desto grere Genugtuung gefunden htte.
Nun war es damit nichts, wie sie sehr deutlich merkte, und ich sah
auf ihrem hbschen Gesicht die Wrme und Teilnahme der mitleidigen
Krankenbesucherin mehr und mehr erlschen und erkhlen. Schlielich
ging sie nach einem phrasenhaften Abschied und kam nie wieder, obwohl
sie es heilig versprochen hatte.

So peinlich es mir war und so sehr es mir wider das Selbstgefhl ging,
meine frhere Verliebtheit so ins Kleine und Lcherliche gefallen zu
sehen, so tat der Besuch mir doch wohl. Ich war sehr verwundert, das
schne begehrte Frulein zum erstenmal ohne Leidenschaft und Brille
zu sehen und wahrzunehmen, da ich sie gar nicht gekannt habe. Htte
man mir die Puppe gezeigt, die ich als Dreijhriger umarmt und geliebt
hatte, so htte mich die Entfremdung und nderung des Gefhls nicht
mehr verwundern knnen als hier, wo ich ein vor Wochen noch hei
begehrtes Mdchen als eine vllig Fremde vor mir sah.

Von den Kameraden, die auf jenem Sonntagsausflug im Winter dabei
gewesen waren, besuchten zwei mich einigemal, doch fanden wir wenig
miteinander zu reden und ich bemerkte ihr Aufatmen wohl, als es mir
besser ging und ich sie bat, mir keine Opfer mehr zu bringen. Spter
trafen wir einander nicht mehr. Es war merkwrdig und machte mir einen
wehmtig sonderbaren Eindruck: alles fiel von mir ab, ward fremd und
ging mir verloren, was in diesen Jnglingsjahren zu meinem Leben gehrt
hatte. Ich sah pltzlich, wie falsch und traurig ich diese ganze Zeit
gelebt hatte, da nun Liebe, Freunde, Gewohnheiten und Freuden dieser
Jahre von mir abfielen wie schlechte Kleider, sich ohne Schmerz von mir
trennten, so da es nur zu verwundern blieb, wie ich es bei ihnen so
lang habe aushalten knnen oder sie bei mir.

Dagegen berraschte mich ein andrer Besuch, an den ich nie gedacht
htte. Es kam eines Tages mein Klavierlehrer, der strenge und
spttische Herr. Er behielt den Stock in der Hand und die Handschuhe
an den Hnden, sprach in seinem gewohnten herben, fast bissigen Ton,
nannte jene bse Schlittenfahrt eine Weiberkutschiererei und schien
mir, dem Ton seiner Worte nach, das erlebte Pech durchaus zu gnnen.
Trotzdem war es merkwrdig, da er sich eingefunden hatte, und es
zeigte sich denn auch, obwohl er den Ton nicht nderte, da er nicht
in bser Absicht gekommen war, sondern um mir zu sagen, er halte mich
trotz meiner Schwerflligkeit fr einen leidlichen Schler, sein
Kollege, der Violinlehrer, sei derselben Meinung, und sie hofften also,
ich komme bald gesund wieder und mache ihnen Freude. Obwohl diese
Rede, die fast wie eine Abbitte fr frhere rde Behandlung aussah,
durchaus im selben bitter scharfen Tone wie alles Frhere vorgetragen
ward, klang sie mir doch wie eine Liebeserklrung. Ich streckte dem
unbeliebten Lehrer dankbar die Hand hin, und um ihm Vertrauen zu
zeigen, versuchte ich ihm klarzumachen, wie es mir diese Jahre her
gegangen sei und wie jetzt mein altes Herzensverhltnis zur Musik
wieder aufzuleben beginne.

Der Professor schttelte den Kopf und pfiff vor Hohn, als er fragte:
Aha, Sie wollen Komponist werden?

Womglich, sagte ich bedrckt.

Ja, da wnsche ich Glck. Ich hatte gedacht, Sie wrden jetzt
vielleicht mit neuem Eifer ans ben gehen, aber als Komponist haben Sie
das freilich nicht ntig.

O, so ist es nicht gemeint.

Ja wie denn? Wissen Sie, wenn ein Musikschler faul ist und nicht
recht arbeiten mag, dann legt er sich immer aufs Komponieren. Das kann
jeder, und ein Genie ist ja bekanntlich auch jeder.

So meine ich's wirklich nicht. Soll ich denn Klavierspieler werden?

Nein, lieber Herr, dazu wrde es Ihnen doch nicht reichen. Aber
anstndig geigen lernen knnten Sie schon noch.

Nun, das will ich auch.

Hoffentlich ist's Ihnen Ernst. Mchte mich nicht lnger aufhalten.
Gute Besserung, Herr, und auf Wiedersehen!

Damit ging er davon und lie mich erstaunt zurck. Ich hatte an die
Rckkehr zu den Studien noch wenig gedacht. Nun frchtete ich doch,
es mchte wieder schwer und milich gehen und am Ende alles wieder
werden wie es vorher gewesen war. Doch hielten solche Gedanken nicht
lange Stand, und es zeigte sich auch, da der Besuch des mrrischen
Professors wirklich gut gemeint und ein Zeichen redlichen Wohlwollens
war.

Nach meiner Genesung sollte ich eine Erholungsreise machen, doch zog
ich vor, damit bis zu den groen Ferien zu warten und lieber jetzt
gleich wieder ins Zeug zu gehen. Da empfand ich zum erstenmal, wie
erstaunlich eine Ruhezeit, namentlich eine unfreiwillige, wirken
kann. Ich begann meine Stunden und bungen mit Mitrauen, aber alles
ging besser als zuvor. Allerdings sah ich jetzt auch deutlich, da
nie ein Virtuose aus mir werden wrde; doch tat diese Erkenntnis mir
bei meinem jetzigen Zustande nicht weh. Im brigen ging es gut, und
namentlich hatte sich in der langen Pause das unheimliche Gestrpp der
Musiktheorie, der Harmonie- und Kompositionslehre in einen durchaus
zugnglichen, heiteren Garten verwandelt. Ich fhlte, da die Einflle
und Versuche meiner guten Stunden nicht mehr auerhalb aller Regeln
und Gesetze lagen, da innerhalb des strengen Schlergehorsams ein
schmaler, doch deutlich erkennbarer Weg zur Freiheit fhre. Wohl gab
es noch Stunden und Tage und Nchte, da alles wie ein Stachelzaun vor
mir lag und ich mit wundem Gehirn mich an Widersprchen und Lcken
abqulte; aber die Verzweiflung kam nicht wieder, und der schmale Pfad
wurde deutlicher und gangbarer vor meinen Augen.

Am Schlusse des Semesters sagte mir zu meiner berraschung unser
Theorielehrer bei der Verabschiedung vor den Ferien: Sie sind der
einzige Schler dies Jahr, der wirklich etwas von Musik zu verstehen
scheint. Wenn Sie einmal etwas komponiert haben, wrde ich's gerne
ansehen.

Mit diesem trstlichen Wort im Ohr reiste ich in die Ferien ab. Ich
war lngere Zeit nicht mehr zu Hause gewesen, nun trat whrend der
Bahnfahrt die Heimat wieder vor mein Herz, verlangte meine Liebe und
rief die Flut halbverlorener Erinnerungen an Kinderzeiten und erste
Jnglingsjahre herauf. Am Bahnhof der Heimatstadt empfing mich der
Vater und wir fuhren in einer Droschke nach Hause. Doch trieb es mich
gleich am andern Morgen hinaus, einen Gang durch die alten Straen
zu tun. Da umfing mich zum erstenmal die Trauer um meine verlorene
aufrechte Jugend. Es war mir eine Qual, mit meinem gekrmmten und
steifen Bein am Stock durch diese Gassen zu hinken, wo jede Ecke an
Knabenspiele und untergegangene Freuden erinnerte. Ich kam schwermtig
nach Hause zurck, und wen ich sah und wessen Stimme ich hrte und
woran ich dachte, alles mahnte mich bitter an frher und an mein
Krppeltum. Dabei litt ich darunter, da meine Mutter offenbar mit
meiner Berufswahl weniger als je einverstanden war, obgleich sie das
nicht deutlich sagte. Einen Musiker, der schlankbeinig als Virtuos oder
schneidiger Dirigent sich zeigen konnte, htte sie etwa noch gelten
lassen; wie aber ein Halblahmer mit migen Zeugnissen und scheuem
Wesen als Geiger sich weiterbringen wolle, war ihr unverstndlich.
In diesen Gedanken wurde sie von einer alten Freundin und entfernten
Verwandten untersttzt, der mein Vater einmal das Haus verboten hatte,
was sie ihm mit bitterem Ha vergalt, ohne freilich wegzubleiben,
denn sie kam whrend der Kontorstunden des Vaters hufig zu meiner
Mutter. Sie mochte mich, mit dem sie seit meinen Knabenjahren kaum
ein Wort gewechselt hatte, nicht leiden und sah in meiner Berufswahl
ein bedauerliches Zeichen von Entartung, in meinem Unglck aber eine
offensichtliche Strafe und Mahnung der Vorsehung.

Um mir eine Freude zu machen, hatte mein Vater es vorbereitet, da
ich zum Solospielen in einem Konzert des stdtischen Musikvereins
aufgefordert wurde. Aber ich konnte nicht, ich lehnte ab und zog
mich tagelang in meine kleine Stube zurck, in der ich schon als
Knabe gewohnt hatte. Besonders qulte mich das ewige Gefragtwerden
und Redestehenmssen, so da ich gar nimmer ausging. Dabei ertappte
ich mich dabei, da ich aus dem Fenster dem Leben der Strae, den
Schulkindern und vor allem den jungen Mdchen mit unglcklichem Neide
nachsah.

Wie durfte ich denn hoffen, dachte ich, je wieder einem Mdchen Liebe
zeigen zu knnen! Ich wrde immer nebendrauen stehen, wie beim Tanzen,
und zusehen mssen und den Mdchen nicht fr voll gelten, und wenn
je eine freundlich mit mir wre, so wrde es Mitleid sein! Ach, das
Bemitleidetwerden hatte ich schon satt bis zum Ekel.

Unter diesen Umstnden konnte meines Bleibens daheim nicht sein. Auch
die Eltern litten unter meiner reizbaren Schwermut nicht wenig und
redeten kaum dagegen, als ich mir die Erlaubnis erbat, gleich jetzt die
lngst geplante Reise anzutreten, die der Vater mir versprochen hatte.
Es hat auch spter noch mein Gebrechen mir zu schaffen gemacht und mir
Wnsche und Hoffnungen zerstrt, an denen mein Herz hing; aber so hei
und qulend habe ich meine Schwche und Verunstaltung wohl nie mehr
empfunden wie damals, wo der Anblick jedes gesunden jungen Mannes und
jeder hbschen Frauengestalt mich demtigte und mir wehtat. Wie ich
mich langsam an den Stock und das Hinken gewhnt hatte, bis es mich
kaum mehr strte, so mute ich mich mit den Jahren daran gewhnen,
meines Schadens ohne Bitterkeit bewut zu bleiben und ihn mit Ergebung
oder Humor zu tragen.

Zum Glck konnte ich allein reisen und bedurfte keiner besonderen
Wartung mehr; jede Begleitung wre mir zuwider gewesen und htte meine
innere Heilung gestrt. Mir ward schon leichter, als ich im Zuge sa
und niemand mehr mich auffllig und mitleidig betrachtete. Ich fuhr
ohne Pausen Tag und Nacht, in einem wahren Fluchtgefhl, und atmete
tief auf, als ich am zweiten Abend durch trbe Fenster spitze hohe
Berge erblickte. Mit dem Dunkelwerden erreichte ich die letzte Station,
ging mde und froh durch dunkle Gassen eines Graubndner Stdtchens dem
ersten Gasthause zu und schlief nach einem Becher tiefroten Weines mir
in zehn Stunden die Reisemdigkeit und schon auch einen guten Teil der
mitgebrachten Bedrngnis vom Halse.

Am Morgen stieg ich in die kleine Bergbahn, die durch enge Tler an
weien schumenden Bchen hin bergeinwrts fhrte, und dann an einem
kleinen einsamen Bahnhflein in einen Wagen, und um Mittag war ich
droben in einem der hchstgelegenen Drfer des Landes.

Im einzigen kleinen Gasthaus des stillen armen Dorfes wohnte ich nun,
zeitweise als einziger Gast, bis in den Herbst hinein. Ich hatte im
Sinn gehabt, hier eine kleine Weile auszuruhen und dann weiter durch
die Schweiz zu reisen, ein Stck Welt und Fremde zu sehen. Es ging aber
in jener Hhe ein Wind und wehte eine Luft voll herber Klarheit und
Gre, die ich nimmer verlassen mochte. Die eine Seite des Hochtales
war mit Tannenwald bewachsen, fast bis zur Hhe, die andere Lehne
war felsig kahl. Hier brachte ich meine Tage zu, im sonnenbraunen
Gestein oder an einem der kraftvollen wilden Bche, deren Lied bei
Nacht durchs ganze Dorf tnte. In den ersten Tagen geno ich die
Einsamkeit wie einen khlen Heiltrank, niemand sah mir nach, niemand
zeigte mir Neugierde oder Mitleid, ich war frei und allein wie ein
Vogel in der Hhe und verga bald meinen Schmerz und mein krnkliches
Neidgefhl. Zuweilen tat es mir leid, da ich nicht weit in die Berge
gehen, unbekannte Tler und Alpen besuchen, gefhrliche Wege steigen
konnte. Doch war mir im Grunde herrlich wohl, nach den Erlebnissen und
Erregungen der vergangenen Monate umfing mich die Stille der Einsamkeit
wie eine sichere Burg, ich fand die gestrte Seelenruhe wieder und
lernte mich in meine krperliche Schwche wenn nicht mit Heiterkeit, so
doch mit Resignation finden.

Die Wochen dort oben sind beinahe die schnsten in meinem Leben
gewesen. Ich atmete die reine helle Luft, trank das eisige Wasser
der Bche, sah an den steilen Hngen die Ziegenherden grasen, von
schwarzhaarigen, trumerisch stillen Hirten bewacht, hrte zuweilen
Strme durchs Tal gehen, sah Nebeln und Gewlk aus ungewohnter Nhe
ins Gesicht. In Steinspalten beobachtete ich die kleine, zarte,
farbenkrftige Blumenwelt und die vielen herrlichen Moose, und
an klaren Tagen stieg ich gern eine Stunde bergan, bis ich ber
die jenseitige Hhe hinweg die fernen rein gezeichneten Spitzen
hoher Berge mit blauen Schatten und selig leuchtenden, silbernen
Schneefeldern sehen konnte. An einer Stelle des Fupfades, wo von einer
armen kleinen Quelle her ihn ein dnnes Wassergerinsel feucht erhielt,
fand ich an jedem hellen Tag einen Schwarm von Hunderten kleiner blauer
Schmetterlinge trinkend sitzen, die kaum vor meinen Schritten auswichen
und mich, wenn ich sie aufstrte, mit einem winzigen, seidenzarten
Flgelgesumme umtaumelten. Seit ich sie kannte, ging ich diesen Weg
nur an sonnigen Tagen, und jedesmal war die dichte blaue Schar da, und
jedesmal war es ein Feiertag.

Besinne ich mich genauer, so war allerdings jene Zeit nicht ganz
so vollkommen blau und sonnig und feiertglich, wie sie mir im
Gedchtnis steht. Es gab nicht nur Nebeltage und Regentage, sogar
Schnee und Klte, es gab auch in mir Unwetter und bse Tage. Ich war
das Alleinsein nicht gewohnt, und als das erste Ausruhen und Schwelgen
vorber war, sah mich zuweilen das Leid, dem ich entronnen, pltzlich
wieder aus schrecklicher Nhe an. Manchen kalten Abend sa ich in
meiner winzigen Stube, die Reisedecke auf den Knien, mde und wehrlos
trichten Gedanken hingegeben. Alles was das junge Blut begehrt und
hofft, Feste und tanzende Frhlichkeit, Frauenliebe und Abenteuer,
Triumph der Kraft und der Liebe, das lag drben am andern Ufer, fr
immer von mir abgetrennt und fr immer unerreichbar. Sogar jene trotzig
ausgelassene Zeit einer halb erzwungenen Lustigkeit, deren Ende mein
Sturz im Schlitten gewesen war, erschien in meiner Erinnerung dann
schn und paradiesisch gefrbt als ein verlorenes Land der Freude,
deren Nachhall mir nur noch von ferne her mit verklingendem bacchischem
Taumel herberklang. Und wenn zuweilen nachts die Strme gingen, wenn
das kalte stetige Gerusch der strzenden Gewsser vom leidenschaftlich
wehklagenden Rauschen des zerwhlten Tannenwaldes bertnt wurde
oder im Dachgeblk des gebrechlichen Hauses die tausend unerklrten
Gerusche der schlaflosen Sommernacht laut wurden, dann lag ich in
hoffnungslosen heien Trumen von Leben und Liebessturm, wtend und
Gott lsternd, und kam mir als ein rmlicher Dichter und Trumer vor,
dessen schnster Traum doch nur ein dnnes Seifenblasenschillern ist,
whrend tausend andere rings in der Welt, ihrer Jugendkrfte froh,
jubelnde Hnde nach allen Kronen des Lebens ausstreckten.

Wie ich jedoch die heilige Schnheit der Berge und alles, was meine
Sinne tglich genossen, nur durch einen Schleier zu mir herblicken
und nur aus einer seltsamen Ferne zu mir reden fhlte, so trat auch
zwischen mich und jenes oft so wild ausbrechende Leid ein Schleier
und eine leise Fremdheit, und bald war es so weit, da ich beides,
den Glanz der Tage und den Jammer der Nchte, wie Stimmen von auen
vernahm, denen ich mit unverletztem Herzen zuhren konnte. Ich sah
und fhlte mich selbst als einen Himmel mit ziehendem Gewlk, als
ein Feld voll kmpfender Scharen, und ob es Lust und Genu oder Leid
und Schwermut war, es tnte beides klarer und verstndlicher, lste
sich aus meiner Seele und trat mich von auen an, in Harmonien und
Tonreihen, die ich wie im Schlafe vernahm und die ohne mein Wollen von
mir Besitz ergriffen.

Es war in einer Abendstille bei der Heimkehr aus den Felsen, als ich
das alles zum erstenmal deutlich empfand, und als ich daran grbelte
und mir selber ein Rtsel war, fiel es mir unversehens ein, was das
alles bedeute, und da es die Wiederkehr jener fremden, entrckten
Stunden sei, die ich in frhern Jahren ahnungsweise vorgekostet hatte.
Und mit dieser Erinnerung kam jene herrliche Klarheit wieder, die fast
glserne Helligkeit und Durchsichtigkeit der Gefhle, deren jedes ohne
Maske dastand und deren keines mehr Schmerz oder Glck hie, sondern
nur Kraft und Klang und Strom bedeutete. Aus dem Treiben, Schillern und
Kmpfen meiner gesteigerten Empfindungen war Musik geworden.

Nun sah ich an meinen hellen Tagen die Sonne und den Wald, die braunen
Felsen und die fernen silbernen Berge mit doppeltem Gefhl von Glck
und Schnheit und Empfngnis, und ich fhlte in den dunklen Stunden
mein krankes Herz mit doppelter Glut sich dehnen und empren, und ich
unterschied nicht mehr Genu und Weh, sondern eines war dem andern
gleich, und beides tat weh, und beides war kstlich. Und whrend es mir
innen wohl oder weh erging, stand meine Kraft doch in Ruhe darber,
schaute zu und erkannte das Helle und Dunkle als geschwisterlich
zusammengehrend, das Leid und den Frieden als Takte und Krfte und
Teile derselben groen Musik.

Ich konnte diese Musik nicht aufschreiben, sie war mir selber noch
fremd und ihre Grenzen mir unbekannt. Aber ich konnte sie hren, ich
konnte die Welt in mir als Vollkommenheit empfinden. Und etwas konnte
ich auch festhalten, einen kleinen Teil und Widerklang, verkleinert und
bersetzt. Daran dachte ich und sog ich nun tagelang und fand, da es
mit zwei Geigen auszudrcken war, und fing, wie ein junger Vogel das
Fliegen wagt, in aller Unschuld an meine erste Sonate aufzuschreiben.

Als ich den ersten Satz eines Morgens in meiner Kammer auf der
Geige spielte, fhlte ich wohl die Schwche und Unfertigkeit und
Unsicherheit, aber es lief mir doch jeder Takt wie ein Schauer bers
Herz. Ich wute nicht, ob diese Musik gut war; ich wute aber, da es
meine eigene Musik war, in mir erlebt und geboren und nirgends vorher
gehrt.

Unten in der Gaststube sa, unbeweglich und wei wie ein Eiszapfen,
jahraus, jahrein der Vater des Wirts, ein Mann von mehr als achtzig
Jahren, der nie ein Wort sprach und nur aus ruhigen Augen sorgsam um
sich blickte. Es war ein Geheimnis, ob der feierlich Schweigende im
Besitz bermenschlicher Weisheit und Seelenstille sei oder ob die
Geisteskrfte ihn verlassen hatten. Zu diesem Greise stieg ich an jenem
Morgen hinab, meine Geige unter dem Arm, denn ich hatte bemerkt, da
er meinem Spiel und jeder Musik immer mit Aufmerksamkeit zuhrte. Da
ich ihn allein fand, stellte ich mich vor ihm auf, stimmte die Violine
und spielte ihm meinen ersten Satz vor. Der uralte Mann hielt seine
stillen Augen, deren Weies gelblich und deren Lidrnder rot waren,
auf mich gerichtet und hrte zu, und wenn ich an jene Musik denke, so
sehe ich auch den Alten wieder und sein regungslos steinernes Gesicht,
aus dem die ruhigen Augen mich betrachten. Als ich fertig war, nickte
ich ihm zu, er blinzelte listig und schien alles zu begreifen, seine
gelblichen Augen erwiderten meinen Blick, dann wandte er sie ab, lie
den Kopf ein wenig sinken und erlosch wieder zu seiner alten Starre.

Frh begann der Herbst in jener Hhe und als ich eines Morgens
abreiste, lag dicker Nebel und fiel in staubzarten Tropfen sprhend
ein kalter Regen. Ich nahm aber die Sonne der guten Tage und auer der
dankbaren Erinnerung auch einen frohen Mut fr meine nchsten Wege mit.




Whrend meines letzten Semesters am Konservatorium lernte ich den
Snger Muoth kennen, der in der Stadt einen gewissen ehrenvollen Ruf
besa. Er war vor vier Jahren mit seinen Studien fertig und sogleich
an der Hofoper angestellt worden, wo er zwar einstweilen noch mit
mittleren Rollen auftrat und neben beliebten lteren Kollegen nicht
recht zu Glanze kam, aber bei vielen fr einen zuknftigen Stern galt,
den der nchste Schritt zum Ruhm fhren msse. Mir war er von der
Bhne her aus einigen Rollen bekannt und hatte mir immer einen starken
Eindruck gemacht, wennschon keinen reinen.

Unsere Bekanntschaft entstand so. Ich hatte nach meiner Rckkehr zur
Schule jenem Lehrer, der mir so freundliche Teilnahme gezeigt hatte,
meine Violinsonate und zwei von mir komponierte Lieder gebracht. Er
versprach, die Arbeiten durchzusehen und mir seine Meinung darber zu
sagen. Nun dauerte es lange, bis er es tat, und ich konnte ihm eine
gewisse Verlegenheit anmerken, so oft ich ihm inzwischen begegnete.
Endlich rief er mich eines Tages zu sich und gab mir meine Noten zurck.

Da sind Ihre Arbeiten wieder, sagte er etwas befangen. Hoffentlich
haben Sie sich nicht gar zu groe Hoffnungen gemacht! Es ist etwas
daran, ohne Zweifel, und es kann etwas aus Ihnen werden. Aber offen
gesagt, ich hatte Sie schon fr reifer und ruhiger gehalten, berhaupt
Ihrer Natur nicht so viel Leidenschaft zugetraut. Ich hatte etwas
Stilleres und Geflligeres erwartet, was technisch sicherer wre und
was sich technisch beurteilen liee. Nun ist aber Ihre Arbeit technisch
miglckt, so da ich wenig dazu sagen kann, und ist dafr ein kecker
Versuch, den ich nicht bewerten kann, aber als Ihr Lehrer nicht loben
mchte. Sie haben weniger und mehr gegeben, als ich erwartet hatte, und
mich damit in Verlegenheit gebracht. Ich bin zu sehr Schulmeister, um
die Stilsnden bersehen zu knnen, und ob sie durch die Originalitt
aufgewogen werden, mag ich erst recht nicht entscheiden. Ich will also
warten, bis ich wieder etwas von Ihnen sehe, und wnsche Glck dazu.
Weiterkomponieren werden Sie ja doch, soviel habe ich gemerkt.

Damit war ich abgezogen und hatte nicht gewut, was mit dem Bescheid
anfangen, der keiner war. Mir hatte es geschienen, man msse einer
Arbeit ohne weiteres ansehen, ob sie aus Spielerei und zum Zeitvertreib
oder ob sie aus Bedrfnis und aus dem Herzen entstanden sei. Ich legte
die Noten weg und nahm mir vor, das alles einstweilen zu vergessen, um
in diesen letzten Lernmonaten recht fleiig zu sein.

Da war ich einmal von einer Familie eingeladen, wo viel Musik getrieben
wurde und wo ich, als bei Bekannten meiner Eltern, ein- oder zweimal
im Jahr meinen Besuch zu machen pflegte. Es war ein Gesellschaftsabend
wie alle, nur da ein paar Berhmtheiten von der Oper dabei waren, die
ich vom Sehen alle kannte. Auch der Snger Muoth war da, der mich von
allen am meisten interessierte, und ich sah ihn zum erstenmal so nahe.
Er war gro und schn, ein imponierender dunkler Mann mit sichern und
vielleicht schon etwas verwhnten Manieren, man sah ihm an, da er den
Frauen gefiel. Doch sah er, von den Gebrden abgesehen, weder stolz
noch vergngt aus, sondern hatte in Blick und Mienen viel Suchendes und
Unbefriedigtes. Als ich ihm vorgestellt wurde, grte er mit einem
kurzen steifen Kompliment, ohne mit mir zu sprechen. Nach einer Weile
kam er aber pltzlich zu mir her und sagte: Heien Sie nicht Kuhn?
-- Dann kenne ich Sie schon ein wenig. Der Professor S. hat mir Ihre
Arbeiten gezeigt. Sie drfen es ihm nicht bel nehmen, er ist nicht
indiskret. Aber ich kam gerade dazu, und weil ein Lied dabei war, sah
ich mirs mit seiner Erlaubnis an.

Ich war erstaunt und verlegen. Warum sprechen Sie davon? fragte ich.
Es hat dem Professor nicht gefallen, glaube ich.

Tut Ihnen das weh? Nun, mir hat das Lied sehr gefallen; ich knnte es
singen, wenn ich nur die Begleitung htte. Die mchte ich mir von Ihnen
erbitten.

Es hat Ihnen gefallen? Ja, kann man es denn singen?

Das kann man schon, freilich nicht in jedem Konzert. Ich mchte es
aber gern fr mich haben, fr den Hausbrauch.

Ich will es Ihnen abschreiben. Aber warum wollen Sie es haben?

Weil es mich interessiert. Es ist ja wirklich Musik, das Lied, das
wissen Sie doch selber!

Er sah mich an und mich plagte seine Art, Leute anzusehen. Er blickte
mir ganz gerade ins Gesicht, vllig unbekmmert studierend, und seine
Augen waren voll Neugierde.

Sie sind jnger als ich gedacht htte. Sie mssen doch schon viel
Schmerz erfahren haben.

Ja, sagte ich, aber ich kann nicht davon sprechen.

Das sollen Sie auch nicht, ich will Sie doch nicht ausfragen.

Sein Blick verwirrte mich, auch war er eine Art von Berhmtheit und
ich noch ein Schler, so da ich mich nur schwach und schchtern
zur Wehr setzen konnte, obgleich mir seine Art zu fragen gar nicht
gefiel. Hochmtig war er nicht, aber irgendwie verletzte er mir das
Schamgefhl, ohne da ich mehr als leise abwehren konnte, denn es kam
doch auch kein rechter Widerwille in mir auf. Ich hatte das Gefhl, er
sei unglcklich und habe eine ungewollt gewaltsame Art die Menschen
anzufassen, als wolle er ihnen etwas entreien, was ihn trsten knne.
Sein dunkel forschendes Auge war so frech wie traurig, und sein Gesicht
viel lter als er sein konnte.

Bald darauf, whrend mir seine Anrede noch die Gedanken beschftigte,
sah ich ihn hflich und lustig mit einer Tochter des Hauses plaudern,
die ihm entzckt zuhrte und ihn wie ein Meerwunder anschaute.

Ich lebte seit meinem Ungeschick so einsam, da diese Begegnung mir
noch tagelang nachklang und mich strte. Ich war meiner selbst nicht
sicher genug, um den berlegenen Mann nicht zu frchten, und doch zu
einsam und bedrftig, um nicht von seiner Annherung geschmeichelt zu
sein. Schlielich dachte ich, er habe mich und seine Laune von jenem
Abend vergessen. Da erschien er zu meiner Verwirrung in meiner Wohnung.

Das war an einem Dezemberabend, schon bei voller Dunkelheit. Der Snger
klopfte an und trat herein, als sei nichts Merkwrdiges an seinem
Besuch, und sprang sogleich, ohne alle Einleitungen und Hflichkeiten,
mitten in das Gesprch. Ich mute ihm das Lied geben, und da er mein
Mietklavier im Zimmer sah, wollte er es sogleich singen. Ich mute
hinsitzen und begleiten, und so hrte ich zum erstenmal mein Lied
richtig gesungen. Es war traurig und ergriff mich wider meinen Willen,
denn er sang es nicht sngermig, sondern leise und wie fr sich
allein. Der Text, den ich im vorigen Jahr in einer Zeitschrift gelesen
und mir abgeschrieben hatte, hie so:

  Da bei jedem Fhn
  Vom Berg die Lawine rollt
  Mit Sausen und Todesgetn,
  Hat das Gott gewollt?

  Da ich ohne Gru
  Durch der Menschen Land
  Fremd wandern mu,
  Kommt das von Gottes Hand?

  Sieht Er in Herzensnot
  Und Qual mich schweben?
  Ach, Gott ist tot!
  -- Und ich soll leben?

Wie ich's ihn singen hrte, begriff ich, da das Lied ihm gefallen
hatte.

Wir waren eine kleine Weile still, dann fragte ich ihn, ob er mir nicht
Fehler sagen und Korrekturen vorschlagen knne.

Muoth sah mich mit seinem dunklen, starren Blick an und schttelte den
Kopf.

Da ist nichts zu korrigieren, sagte er. Ich wei nicht, ob die
Komposition gut ist, ich verstehe davon gar nichts. Es ist Erlebnis
und Herz in dem Lied, und weil ich selber nicht dichte und nicht
komponiere, freut es mich, wenn ich einmal etwas finde, das mir wie
eigen vorkommt und das ich mir selber vorsingen mag.

Der Text ist aber nicht von mir, warf ich ein.

Nicht? Nun, einerlei, der Text ist auch Nebensache. Sie mssen ihn
doch erlebt haben, sonst htten Sie das nicht komponiert.

Ich bot ihm nun die Abschrift an, die ich schon seit Tagen bereit
hatte. Er nahm die Bltter an sich, rollte sie ein und zwngte sie in
die Manteltasche.

Kommen Sie auch einmal zu mir, wenn Sie mgen, sagte er und gab mir
die Hand. Sie leben einsam, das will ich Ihnen nicht verderben. Aber
hie und da sieht man doch gern einem anstndigen Menschen ins Gesicht.

Da er fortging, blieb sein letztes Wort und Lcheln bei mir zurck, es
klang mit dem Lied zusammen, das er gesungen hatte, und mit allem was
ich bis jetzt von dem Mann wute. Und je lnger ich das alles bei mir
trug und betrachtete, desto deutlicher wurde es, und am Ende verstand
ich diesen Menschen. Ich verstand warum er zu mir gekommen war, warum
mein Lied ihm gefiel, warum er so fast unbescheiden in mich drang und
mir halb scheu, halb frech erschienen war. Er litt, er trug einen
schweren Schmerz, und er war von Einsamkeit ausgehungert wie ein Wolf.
Dieser Leidende hatte es mit dem Stolz und dem Alleinsein versucht
und es nicht ausgehalten, er lag auf der Lauer nach Menschen, nach
einem guten Blick und einem Hauch von Verstndnis, und war bereit sich
wegzuwerfen dafr. So dachte ich es mir damals.

Mein Gefhl gegen Heinrich Muoth war nicht klar. Ich sprte wohl sein
Verlangen und seine Not, doch hatte ich Furcht vor ihm als einem
berlegenen und grausamen Menschen, der mich verbrauchen und liegen
lassen knnte. Ich war zu jung und hatte zu wenig Menschliches erlebt,
um das zu verstehen und zu billigen, wie er sich gleichsam nackt hingab
und kaum die Scham des Schmerzes zu kennen schien. Doch sah ich auch,
da hier ein glhender und inniger Mensch litt und verlassen war. Es
fielen mir ungesucht die Gerchte ein, die ich ber Muoth gehrt hatte,
undeutliches ngstliches Schlergerede, dessen eigentlicher Inhalt
mir verloren gegangen war, dessen Farbe und Ton aber mein Gedchtnis
wohl bewahrt hatte. Man erzhlte von ihm tolle Frauengeschichten und
Abenteuer, und ohne da mir das einzelne erinnerlich gewesen wre,
glaubte ich doch noch irgend etwas Blutiges zu wissen, als sei er in
die Geschichte eines Mordes oder Selbstmordes verwickelt gewesen.

Als ich bald darauf meine Scheu bezwang und einen Kameraden darber
fragte, zeigte sich die Sache harmloser als sie mir erschienen war.
Muoth hatte, wie es hie, ein Liebesverhltnis mit einer jungen
Dame aus der guten Gesellschaft unterhalten, und diese hatte sich
allerdings vor zwei Jahren das Leben genommen, doch ohne da man
von einer Verwicklung des Sngers in diese Geschichte mehr als in
vorsichtigen Andeutungen zu reden wagen durfte. Vermutlich hatte meine
eigene Phantasie, durch die Begegnung mit dem eigenartigen und mir
leise unheimlichen Menschen erregt, jenen Duft von Schrecken um ihn
geschaffen. Doch mute er immerhin mit jener Liebe Bses erlebt haben.

Ich hatte nicht den Mut, zu ihm zu gehen. Wohl konnte ich mir
nicht verbergen, da Heinrich Muoth ein leidender und vielleicht
verzweifelnder Mensch sei, der nach mir griffe und begehre, und
manchmal schien mir, ich msse dem Ruf folgen und wre ein Schelm,
wenn ich es nicht tte. Dennoch ging ich nicht hin, ein anderes Gefhl
hinderte mich. Was Muoth bei mir suchte, konnte ich ihm nicht geben,
ich war ein ganz anderer Mensch als er, und wenn ich auch in mancher
Hinsicht einsam und nicht recht verstanden unter den Leuten stand, wenn
ich auch vielleicht anders war als jedermann, durch Schicksal und
durch Veranlagung von den meisten getrennt, so wollte ich doch davon
kein Aufhebens machen. Mochte der Snger ein dmonischer Mensch sein,
ich war keiner, und mich hielt ein inneres Bedrfnis vom Auffallenden
und Besonderen ab. Ich hatte eine Abneigung und einen Widerwillen gegen
Muoths heftige Gebrde, er war ein Mann der Bhne und der Abenteuer,
schien mir, und vielleicht dazu bestimmt, ein tragisches und weithin
sichtbares Schicksal zu leben. Ich hingegen wollte in der Stille
bleiben, mir standen Gebrden und khne Worte nicht an, ich war zur
Resignation bestimmt. So rtselte ich hin und wieder, im Bedrfnis nach
Beruhigung. Es hatte ein Mensch an meine Tre geklopft, der mir leid
tat und den ich vielleicht gerechterweise ber mich stellen mute, aber
ich wollte Ruhe haben und ihn nicht einlassen. Eifrig warf ich mich auf
die Arbeit und ward die plagende Vorstellung nicht los, es stehe hinter
mir einer, der nach mir greife.

Da ich nicht kam, nahm Muoth die Sache wieder selber in die Hand.
Ich erhielt ein Brieflein von ihm, das war in groen stolzen Zgen
geschrieben und lautete:

Lieber Herr! Am elften Januar pflege ich mit einigen Freunden meinen
Geburtstag zu feiern. Darf ich Sie dazu einladen? Schn wre es, wenn
wir bei diesem Anla Ihre Violinsonate hren knnten. Was meinen Sie
dazu? Haben Sie einen Kollegen, mit dem Sie sie spielen knnen, oder
soll ich Ihnen jemand schicken? Stefan Kranzl wre bereit. Sie wrden
eine Freude machen Ihrem

                                                       Heinrich Muoth.

Das hatte ich nicht erwartet. Ich sollte meine Musik, um die noch
niemand wute, vor Kennern spielen, und ich sollte mit Kranzl zusammen
geigen! Beschmt und dankbar sagte ich zu und wurde schon nach zwei
Tagen von Kranzl aufgefordert, ihm die Noten zu schicken. Und wieder
nach ein paar Tagen lud er mich ein. Der beliebte Geiger war noch jung,
ein Mann vom Virtuosenzuschnitt, sehr schmal und schlank und bla.

So, sagte er gleich bei meinem Eintreten, Sie sind also der Freund
von Muoth. Ja, da wollen wir gleich anfangen. Wenn wir aufpassen,
wird's nach zwei-, dreimal schon gehen.

Damit setzte er mir einen Stuhl hin, legte mir die zweite Geigenstimme
vor, markierte den Takt und fing an, mit seinem leichten empfindlichen
Strich, da ich daneben ganz zusammensank.

Nur nit so schchtern! rief er mir zu, ohne das Spiel zu
unterbrechen, und wir spielten das Ganze durch.

So, es geht ja? sagte er. Schad, da Sie keine bessere Geigen haben.
Tut aber nichts. Das Allegro nehmen wir dann aber ein bissel schneller,
da man's nit fr einen Trauermarsch anschaut. Los!

Und da spielte ich nun neben dem Virtuosen ganz zutraulich meine Noten
herunter, meine einfache Geige klang mit seiner kostbaren zusammen als
msse es so sein, und ich war erstaunt, den apart aussehenden Herrn so
zwanglos, ja naiv zu finden. Als ich warm geworden und etwas zu Mut
gekommen war, fragte ich ihn zgernd nach seinem Urteil ber meine
Komposition.

Da mssen's ein' andern fragen, lieber Herr, ich versteh' nit viel
davon. Ein bissel sonderbar ist's schon, aber des haben die Leut ja
gern. Wann's dem Muoth gefallt, knnen's sich schon was einbilden, der
frit nit alles.

Er gab mir Ratschlge wegen des Spiels und zeigte mir einige Stellen,
denen nderungen nottaten. Dann wurde auf morgen eine weitere Probe
verabredet und ich konnte gehen.

Es war mir ein Trost, diesen Geigenmann so einfach und bieder zu
finden. Wenn der zu Muoths Freunden gehrte, konnte ich dort zur Not
auch bestehen. Freilich war er ein fertiger Knstler und ich ein
Anfnger ohne groe Aussichten. Leid tat mir nur, da niemand sich
offen ber meine Arbeit uern wollte. Das hrteste Urteil wre mir
lieber gewesen als diese gutmtigen Sprche, die nichts sagten.

Es war in jenen Tagen bitter kalt, man konnte es kaum erheizen. Meine
Kameraden liefen eifrig Schlittschuh, es jhrte sich seit unserem
Ausflug mit Liddy. Fr mich war das keine gute Zeit und ich freute mich
auf den Abend bei Muoth, ohne mir sonst viel davon zu versprechen, nur
weil ich so lang keine Freunde und keine Frhlichkeit mehr gesehen
hatte. In der Nacht vor dem elften Januar erwachte ich an einem
ungewohnten Gerusch und einer fast erschreckenden Wrme der Luft. Ich
stand auf und ging ans Fenster, verwundert, da es nimmer kalt war. Da
war pltzlich der Sdwind gekommen, es wehte gewaltig feucht und lau,
in der Hhe schob der Sturm groe schwerfllige Wolkenzge vor sich
ber den Himmel, an dem in schmalen Lcken einzelne Sterne sonderbar
gro und blendend strahlten. Die Dcher hatten schon schwarze Flecken,
und am Morgen, als ich ausging, war aller Schnee vergangen. Die Straen
und Gesichter sahen seltsam verndert aus und ber allem schwamm ein
verfrhter Hauch von Frhling.

Ich ging an jenem Tage in einem leisen fieberhaften Rausch umher, teils
wegen des Sdwindes und der grenden Luft, teils in groer Erregung und
Erwartung des Abends. Oftmals nahm ich meine Sonate vor und spielte
Stcke daraus, und warf sie wieder weg. Bald fand ich sie wahrhaft
schn und hatte meine stolze Freude an ihr, bald kam sie mir pltzlich
kleinlich, zerrissen und unklar vor. Ich htte diese Aufregung und
Bangigkeit nicht lange ertragen. Schlielich wute ich nimmer, ob ich
mich auf den herankommenden Abend freue oder frchte.

Er kam dennoch, ich zog den Gehrock an, nahm meinen Geigenkasten
mit und suchte Muoths Wohnung auf. Weit in der Vorstadt in einer
unbekannten und unbegangenen Strae fand ich in der Dunkelheit mit
Mhe das Haus, es lag allein in einem groen Garten, der verfallen und
ungepflegt erschien, hinter der unverschlossenen Gartentr fiel ein
groer Hund mich an, der von einem Fenster her zurckgepfiffen wurde
und murrend mich zum Eingang begleitete. Hier empfing mich eine alte
kleine Frau mit ngstlichen Augen, nahm mir den Mantel ab und fhrte
mich durch einen hell erleuchteten Korridor hinein.

Der Geigenspieler Kranzl wohnte sehr nobel, und ich hatte erwartet, es
auch bei Muoth, der fr reich galt, ziemlich glnzend zu finden. Nun
sah ich zwar groe weite Rume, viel zu gro fr einen Junggesellen,
der wenig zu Hause ist, sonst aber alles sehr einfach, oder eigentlich
nicht einfach, sondern zufllig und ungeordnet. Die Mbel waren zum
Teil alt und schienen zum Hause zu gehren, dazwischen standen neue
Sachen, wahllos gekauft und ohne Sorgfalt aufgestellt. Glnzend war nur
die Beleuchtung. Es brannte kein Gas, statt dessen eine groe Menge
weier Kerzen in einfachen, schnen Zinnleuchtern, im Hauptraume auch
eine Art Kronleuchter, ein schlichter Messingring mit vielen Kerzen
besteckt. Hier stand als Hauptstck ein sehr schner Flgel.

In dem Zimmer, in das ich gefhrt wurde, standen einige Herren im
Gesprch beisammen. Ich stellte meinen Kasten ab und grte, einige
nickten und wandten sich wieder zueinander, ich stand fremd da. Nun
kam Kranzl, der bei ihnen war und mich nicht gleich beachtet hatte,
zu mir, gab mir die Hand, stellte mich seinen Bekannten vor und sagte:
Das ist unser neuer Geiger. Haben's auch die Geigen mitbracht? Dann
rief er ins Nebenzimmer hinber: Du, Muoth, der mit der Sonaten ist
da.

Jetzt kam Heinrich Muoth herein, begrte mich sehr freundlich und
nahm mich mit ins Flgelzimmer, wo es festlich und warm aussah und
eine schne Frau im weien Kleid mir ein Glas Sherry einschenkte. Es
war eine Schauspielerin vom Hoftheater, brigens sah ich zu meinem
Erstaunen sonst keinen Kollegen des Hausherrn eingeladen, auch war sie
die einzige Dame.

Als ich mein Glschen halb in Verlegenheit, halb in unwillkrlichem
Wrmebedrfnis nach dem feuchten Nachtgang rasch ausgetrunken hatte,
schenkte sie mir wieder ein und lie meine Abwehr nicht gelten. Nehmen
Sie nur, es kann nichts schaden. Wir kriegen nmlich erst nach der
Musik etwas zu essen. Sie haben doch die Geige mitgebracht, und die
Sonate?

Ich gab sprde Antwort und war befangen, wute auch nicht, in welchem
Verhltnis sie zu Muoth stehe. Sie schien die Hausfrau zu machen und
war brigens eine Augenweide, wie ich denn auch in der Folge meinen
neuen Freund stets nur mit exemplarisch schnen Frauen Umgang pflegen
sah.

Indessen sammelten sich alle im Musikzimmer, Muoth stellte ein
Notenpult auf, man setzte sich, und bald war ich mit Kranzl mitten in
der Musik. Ich spielte, ohne es zu fhlen, es kam mir miserabel vor,
und nur wie jagendes Wetterleuchten berflog mich zwischenein je und
je fr Sekunden das Bewutsein, da ich hier mit Kranzl spiele, und
da das der zag erwartete groe Abend sei, und da da eine kleine
Gesellschaft von Kennern und verwhnten Musikern sitze, denen wir
meine Sonate vorspielten. Erst whrend des Rondo begann ich zu hren,
da Kranzl herrlich spielte, doch war ich immer noch so befangen und
auerhalb der Musik, da ich ununterbrochen an anderes dachte und
mir pltzlich einfiel, da ich Muoth noch gar nicht zum Geburtstag
gratuliert habe.

Nun war die Sonate ausgespielt, die schne Dame erhob sich, gab mir und
Kranzl die Hand und ffnete die Tr zu einem kleineren Zimmer, wo uns
ein gedeckter Tisch mit Blumen und Weinflaschen erwartete.

Endlich! rief einer von den Herren, ich bin schier verhungert.

Die Dame meinte: Sie sind doch ein Scheusal. Was soll der Komponist
denken?

Welcher Komponist, ist er denn da?

Sie zeigte auf mich. Da sitzt er.

Er sah mich an und lachte. Das httet ihr mir auch vorher sagen
knnen. brigens, die Musik war recht schn. Nur, wenn man Hunger hat
--.

Wir begannen zu essen, und kaum war die Suppe weg und der weie Wein
eingeschenkt, da tat Kranzl einen Trinkspruch auf den Hausherrn und
dessen Geburtstag. Muoth erhob sich gleich nach dem Anstoen: Lieber
Kranzl, wenn du gedacht hast, ich wrde jetzt eine Rede auf dich
halten, hast du dich getuscht. Wir wollen berhaupt keine Reden mehr
halten, ich bitte drum. Die einzige, die vielleicht ntig ist, nehme
ich hiermit auf mich. Ich danke unserem jungen Freund fr seine Sonate,
die ich famos finde. Vielleicht wird unser Kranzl einmal froh sein,
wenn er Sachen von ihm zu spielen kriegt, was er brigens nur tun soll,
denn er hat die Sonate wirklich kapiert. Ich trinke auf den Komponisten
und auf gute Freundschaft mit ihm.

Man stie an, lachte, zog mich ein wenig auf, und bald kam eine von
gutem Wein erhhte Tafelfrhlichkeit zustande, der ich mich erlst
hingab. Ich war lange nimmer auf diese Weise vergngt und entlastet
gewesen, eigentlich seit einem Jahre nicht mehr. Jetzt tat mir
Gelchter und Wein, Glsergelut, Stimmenwirrnis und der Anblick einer
schnen frhlichen Frau verschttete Tore zur Freude auf und ich glitt
weich hinber in die losgebundene Heiterkeit leichter und lebhafter
Gesprche und lachender Mienen.

Frh stand man von der Tafel auf und kehrte ins Musikzimmer zurck,
wo sich das Gelage mit Wein und Zigarren in alle Ecken verteilte.
Ein stiller Herr, der wenig geredet hatte und dessen Namen ich nicht
wute, kam zu mir und sagte mir freundliche Worte ber die Sonate,
die ich ganz vergessen hatte. Dann zog mich die Schauspielerin ins
Gesprch, und zu uns setzte sich Muoth. Wir tranken abermals auf gute
Freundschaft, und pltzlich sagte er, funkelnd mit seinen dster
lachenden Augen: Ich wei jetzt Ihre Geschichte. Und zu der Schnen:
Er hat sich beim Rodeln die Knochen gebrochen, einem hbschen Mdel
zulieb. Und wieder zu mir: Das ist schn. Im Augenblick, wo die Liebe
am schnsten ist und noch keinen Fleck hat, kopfber den Berg hinunter.
Das ist schon ein gesundes Bein wert. Lachend leerte er sein Glas und
sah alsofort wieder dunkel und grbelnd aus, als er sagte: Wie sind
Sie zum Komponieren gekommen?

Ich erzhlte, von den Knabenzeiten her, wie es mir mit der Musik
gegangen war, und erzhlte vom vergangenen Sommer, von meiner Flucht in
die Berge und von dem Lied und der Sonate.

Ja, sagte er langsam. Aber warum macht Ihnen das nun Freude? Man
kann einen Schmerz doch nicht aufs Papier schreiben und damit los sein.

Das will ich auch nicht, meinte ich. Ich mchte gar nichts hergeben
und los sein als die Schwche und Unfreiheit. Ich mchte empfinden,
da der Schmerz und die Freude aus der gleichen Quelle kommen und
Bewegungen derselben Kraft und Takte derselben Musik sind, jedes schn
und notwendig.

Mann, rief er heftig, Sie haben doch ein Bein verloren! Knnen Sie
denn das ber der Musik vergessen?

Nein, warum? Anders machen kann ich es doch nimmer.

Und macht Sie das nicht verzweifelt?

Es freut mich nicht, das knnen Sie glauben, aber ich hoffe, zum
Verzweifeln bringt es mich nimmer.

Dann sind Sie glcklich. Ich gbe zwar kein Bein her um so ein Glck.
Also so ist das mit Ihrer Musik? Sieh, Marion, das ist der Zauber der
Kunst, von dem so viel in Bchern steht.

Zornig rief ich ihn an: Reden Sie doch nicht so! Sie selber singen
doch auch nicht blo um Ihre Gage, sondern haben eine Freude und einen
Trost daran! Warum verspotten Sie mich und sich selber? Ich finde das
roh.

Still, still! machte Marion, sonst wird er bs.

Muoth sah mich an. Ich werde nicht bse. Er hat ja ganz recht. Aber
das mit dem Bein kann nicht so schlimm sein, sonst wrde Sie das
Musikmachen nicht drber trsten. Sie sind ein zufriedener Mensch,
denen kann passieren was will und sie bleiben doch zufrieden. Aber ich
habe nicht daran geglaubt.

Und er sprang auf, ganz zornig. Und es ist auch nicht wahr! Sie
haben ja das Lawinenlied komponiert, das ist kein Trost und keine
Zufriedenheit, sondern Verzweiflung. Hren Sie!

Er war pltzlich am Flgel, es wurde stiller im Zimmer. Er fing zu
spielen an, verwirrte sich, lie dann die Einleitung weg und sang das
Lied. Er sang es jetzt anders als damals bei mir und ich konnte sehen,
da er es seither manchmal vorgehabt habe. Auch sang er diesmal mit
voller Stimme, mit seinem hohen Bariton, den ich von der Bhne kannte
und dessen Kraft und strmende Leidenschaft die ungeklrte Hrte seines
Gesangs vergessen machte.

Das hat dieser Mann, wie er sagt, rein zum Vergngen geschrieben,
er wei nichts von Verzweiflung und ist mit seinem Los unendlich
zufrieden! rief er und zeigte auf mich, und ich hatte Trnen der Scham
und des Zorns in den Augen, sah alles in Schleiern wanken und stand
auf, um ein Ende zu machen und fortzugehen.

Da hielt mich eine feine, doch krftige Hand, und drckte mich in den
Sessel zurck, und strich mir leise und zrtlich ber das Haar, da
mich feine heie Wellen besplten, da ich die Augen schlo und die
Trnen verbi. Aufschauend sah ich alsdann Heinrich Muoth vor mir
stehen, die andern schienen meine Bewegung und die ganze Szene nicht
beachtet zu haben, sie tranken Wein und lachten durcheinander.

Sie Kind! sagte Muoth leise. Wenn man solche Lieder geschrieben
hat, ist man doch ber so etwas hinaus. Aber es tut mir leid. Da hat
man einen Menschen gern, und kaum ist man mit ihm zusammen, so fngt
man Hndel mit ihm an.

Es ist gut, sagte ich befangen. Aber ich mchte jetzt heimgehen, das
Schnste von heute haben wir doch gehabt.

Gut, ich will Sie nicht ntigen. Wir andern betrinken uns jetzt noch,
denke ich. Dann seien Sie so gut und nehmen Sie die Marion mit heim,
gelt? Sie wohnt am innern Graben, das ist fr Sie kein Umweg.

Die schne Frau sah ihn einen Augenblick prfend an. Ja, wollen Sie?
sagte sie dann zu mir, und ich stand auf. Wir nahmen nur von Muoth
Abschied, im Vorzimmer half uns ein Lohndiener in die Mntel, dann
erschien verschlafen auch die kleine Alte und leuchtete mit einer
groen Laterne durch den Garten zur Pforte. Der Wind ging immer noch
weich und laulich, trieb lange schwarze Wolkenzge dahin und whlte in
kahlen Baumkronen.

Ich wagte nicht, der Marion den Arm zu geben, sie aber hngte ungefragt
bei mir ein, sog die Nachtluft mit zurckgeworfenem Kopfe ein und sah
dann aus solcher Hhe fragend und vertraulich auf mich herab. Mir war,
ich fhle immer noch ihre leichte Hand auf meinen Haaren, sie ging
langsam und schien mich fhren zu wollen.

Dort stehen Droschken, sagte ich, denn es war mir peinlich, da sie
sich meinem lahmen Schritt anbequemen sollte, und ich litt darunter,
neben der warmen, kraftvoll schlanken Frau einher zu hinken.

Nein, meinte sie, wir wollen noch eine Strae weit gehen. Und
sie gab sich Mhe, recht langsam zu gehen, und wenn es nur auf mein
Verlangen angekommen wre, ich htte sie noch enger an mich gezogen.
So aber zerri mich Qual und Zorn, ich machte ihren Arm aus meinem
los, und als sie mich erstaunt ansah, sagte ich: Es geht nicht gut
so, ich mu allein gehen, verzeihen Sie. Und sie ging sorgsam und
mitleidig neben mir, und mir fehlte nichts als ein aufrechter Gang und
das Bewutsein der krperlichen Sicherheit, so htte ich von allem,
was ich tat und sagte, das Gegenteil gesagt und getan. Ich wurde still
und schroff, es war nicht anders zu machen, sonst htte ich wieder
Trnen in die Augen bekommen und mich danach gesehnt, ihre Hand auf
meinem Kopf zu fhlen. Am liebsten wre ich in die nchste Seitengasse
entflohen. Ich wollte nicht, da sie langsam ging, da sie mich
schonte, da sie Mitleid mit mir hatte.

Sind Sie ihm bse? fing sie schlielich an.

Nein. Es war dumm von mir. Ich kannte ihn ja noch kaum.

Er tut mir leid, wenn er so ist. Er hat Tage, wo man ihn frchten mu.

Sie auch?

Ich am meisten. Dabei tut er niemand weher als sich selber. Er hat
sich manchmal.

Ach, er macht sich interessant!

Was sagen Sie? rief sie erschrocken.

Da er ein Komdiant ist. Was braucht er sich und andere zu
verhhnen? Was braucht er die Erlebnisse und Geheimnisse eines Fremden
hervorzuziehen und lcherlich zu machen, das Lstermaul!

Mein Zorn von vorher kehrte mir im Reden wieder, ich war gewillt den
Mann zu beschimpfen und herabzuziehen, der mir weh getan hatte und den
ich leider beneidete. Auch war meine Achtung vor der Dame gesunken,
da sie ihn in Schutz nahm und sich offen vor mir zu ihm bekannte.
War es nicht schon schlimm, da sie es auf sich genommen hatte, bei
diesem weinfrohen Junggesellenabend die einzige Frau zu sein? In diesen
Dingen war ich wenig Freiheit gewhnt, und da ich mich schmte, nach
dieser schnen Frau trotzdem Sehnsucht zu haben, fing ich in meiner
Hitze lieber Streit an als da ich lnger ihr Mitleid sprte. Mochte
sie mich roh finden und mir davonlaufen, es war mir besser als da sie
bei mir blieb und freundlich war.

Sie legte mir aber die Hand auf den Arm. Halt, rief sie warm, da
ihre Stimme mir trotz allem ins Herz ging, reden Sie nicht weiter! Was
tun Sie denn? Sie sind durch zwei Worte von Muoth verletzt, weil Sie
nicht geschickt oder mutig genug waren sie zu parieren, und jetzt, wo
Sie fort sind, fallen Sie vor mir mit hlichen Worten ber ihn her!
Ich sollte gehen und Sie allein lassen.

Bitte. Ich habe nur gesagt, was ich meine.

Lgen Sie doch nicht! Sie sind seiner Einladung gefolgt, Sie haben
bei ihm musiziert, Sie haben gesehen wie er Ihre Musik liebt, und
haben sich darber gefreut und daran aufgerichtet, und jetzt, wo Sie
rgerlich sind und ein Wort von ihm nicht ertragen knnen, fangen Sie
zu schimpfen an. Das drfen Sie nicht, und ich will es dem Wein zu gut
halten.

Mir schien, sie merkte pltzlich wie es mit mir stand und da nicht der
Wein mich plagte; sie nderte ihren Ton, ohne da ich den mindesten
Versuch einer Rechtfertigung gemacht hatte. Ich war wehrlos.

Sie kennen Muoth noch nicht, fuhr sie fort. Haben Sie ihn denn nicht
singen hren? So ist er, gewaltttig und grausam, aber am meisten gegen
sich selber. Er ist ein armer, strmender Mensch, der lauter Krfte
und keine Ziele hat. In jedem Augenblick mchte er die ganze Welt
austrinken und was er hat und was er tut, ist immer nur ein Tropfen. Er
trinkt und ist nie betrunken, er hat Frauen und ist nie glcklich, er
singt so herrlich und will doch kein Knstler sein. Er hat jemand lieb
und tut ihm weh, er stellt sich als verachte er alle Zufriedenen, aber
es ist Ha gegen ihn selber, weil er nicht zufrieden sein kann. So ist
er. Und Ihnen hat er Freundlichkeit gezeigt, so gut er es eben kann.

Ich schwieg hartnckig.

Sie brauchen ihn vielleicht nicht, fing sie nochmals an, Sie haben
andere Freunde. Aber wenn wir jemand sehen, der leidet und im Leiden
ungebrdig ist, so sollen wir ihn schonen und ihm etwas zu gut halten.

Ja, dachte ich, das sollte man, und allmhlich, wie das Gehen in der
Nacht mich khlte, lag zwar die eigene Wunde noch offen und rief nach
Hilfe, aber mehr und mehr mute ich den Worten der Marion und meinen
Dummheiten von heut abend nachdenken, mich als einen traurigen Hund
erkennen und in der Stille Abbitte tun. Es ergriff mich, da der Weinmut
verflogen war, eine unangenehme Rhrung, mit der ich abwehrend kmpfte,
ohne mehr viel zu der schnen Frau zu sagen, die nun selber erregt und
ungewissen Herzens neben mir durch die halbdunkeln Straen lief, wo da
und dort in der toten, schwarzen Flche pltzlich ein Laternenspiegel
aus dem nassen Boden aufblickte. Ich dachte daran, da ich meine Geige
bei Muoth hatte liegen lassen; und zwischenein erwachte ich wieder
zum Erstaunen und Schrecken ber alles. Da war diesen Abend so vieles
anders geworden. Dieser Heinrich Muoth, und der Violinist Kranzl, und
wieder die herrliche Marion, die Kniginnen spielte, die waren alle
von ihren Sockeln herabgestiegen. An ihrem olympischen Tische saen
nicht Gtter und Selige, sondern arme Menschen, der eine klein und
komisch, der andere bedrckt und eitel, Muoth elend und fieberhaft in
trichter Selbstqulerei, die hohe Frau klein und arm als Geliebte
eines strmenden Genieers ohne Heiterkeit, dabei still und gtig
und des Leidens kundig. Ich selber schien mir verndert, war nicht
mehr ein einfacher Mensch, sondern war allen verwandt, hatte an jedem
brderliche und an jedem feindliche Zge gesehen, konnte hier nicht
lieben und dort nicht verabscheuen, sondern schmte mich meines wenigen
Verstehens und sprte zum erstenmal in meiner leichten Jugend so
deutlich, da man durchs Leben und durch die Menschen nicht so einfach
gehen knne, da mit Ha und da mit Liebe, da mit Verehrung und dort
mit Verachtung, sondern da alles durcheinander und beieinander wohne,
kaum getrennt und in Augenblicken kaum unterscheidbar. Ich sah die Frau
an, die an meiner Seite ging und nun auch ganz still geworden war, als
fnde sie im Herzen nun doch auch manches anders beschaffen, als sie es
gemeint und gesagt hatte.

Am Ende kamen wir vor ihr Haus, sie streckte mir die Hand her, die ich
leise nahm und kte. Schlafen Sie gut! sagte sie freundlich, aber
ohne Lcheln.

Das tat ich auch, ich kam nach Hause und ins Bett, ich wei nicht wie,
und schlief sofort und schlief noch ein ungewohntes Stck in den
Morgen hinein. Dann stand ich auf wie das Mnnlein aus der Schachtel,
machte meine Turnbung, wusch mich und griff nach den Kleidern; und
erst wie ich am Stuhl den Gehrock hngen sah und meinen Geigenkasten
vermite, fiel mir gestern wieder ein. Ich war indes ausgeschlafen und
anderen Sinnes als in der Nacht, und konnte an die Gedanken der Nacht
nicht anknpfen; es blieb mir nur die Erinnerung an sonderbar kleine,
nur nach innen wirksame Erlebnisse, und ein Erstaunen darber, da ich
nun doch unverwandelt und derselbe wie immer dastand.

Ich wollte arbeiten, aber meine Geige war nicht da. So ging ich
aus, anfangs noch unentschlossen, dann entschieden in der gestrigen
Richtung, und kam an Muoths Wohnung. Schon vom Gartentor aus hrte ich
ihn singen, der Hund fiel mich an und ward von der alten Frau, die
schnell herauskam, mit Mhe zurckgefhrt. Mich lie sie eintreten, ich
sagte ihr, ich wolle nur meine Geige holen und den Herrn nicht stren.
Im Vorzimmer stand mein Geigenkasten und die Geige lag darin, auch die
Noten waren dazugelegt. Das mute Muoth getan haben, er hatte an mich
gedacht. Nebenan sang er laut, ich hrte ihn weich wie auf Filzsohlen
hin und wieder gehen, zuweilen Tne am Flgel anschlagend. Seine Stimme
klang frisch und hell, beherrschter als ich sie oft auf der Bhne
gehrt hatte, er sang eine mir unbekannte Rolle, wiederholte hufig und
ging rasch im Zimmer auf und ab.

Ich hatte meine Sachen an mich genommen und wollte gehen. Ich war ruhig
und fhlte mich von der Erinnerung an gestern kaum berhrt. Doch war
ich neugierig, ihn zu sehen, ob auch er sich verndert habe, und trat
nher, und ohne es ganz zu wollen, hatte ich auf einmal den Trgriff in
der Hand, und hatte darauf gedrckt, und stand in der offenen Tre.

Muoth drehte sich im Singen um. Er war im Hemde, in einem sehr langen
weien feinen Hemd, und sah frisch aus, als habe er eben gebadet. Ich
erschrak nun, zu spt, da ich ihn so berrascht habe. Er schien jedoch
weder verwundert, da ich ohne Klopfen eingetreten war, noch schien er
zu wissen, da er keine Kleider anhatte. Als wre alles wie es sein
msse, bot er mir die Hand und fragte: Haben Sie schon gefrhstckt?
Dann, da ich ja gesagt hatte, nahm er am Flgel Platz.

Die Rolle soll ich singen! Da hren Sie die Arie! Das ist ein Gemse!
Wird in der kniglichen Hofoper aufgefhrt, mit Bttner und der Duelli!
Aber das interessiert Sie nicht, und mich eigentlich auch nicht. Wie
geht's denn? Haben Sie ausgeruht? Sie haben kaput ausgesehen, als Sie
gestern gingen. Und bs waren Sie mir auch. Nun ja. Wir wollen die
Dummheiten nicht gleich wieder anfangen.

Und gleich darauf, ohne da ich etwas dazwischen sagen konnte: Wissen
Sie, der Kranzl ist ein Langweiler. Er will Ihre Sonate nicht spielen.

Er hat sie doch gestern gespielt.

Im Konzert, meine ich. Ich wollte sie ihm aufhngen, aber er mag
nicht. Es wre gut gewesen, wenn sie nchsten Winter in so eine Matinee
gekommen wre. Der Kranzl ist nicht so dumm, wissen Sie, aber faul. Er
spielt immerzu diese polakischen Musiken von insky und owsky, was Neues
lernt er nicht gern.

Ich glaube nicht, fing ich nun an, da die Sonate in ein Konzert
pat, das habe ich mir auch nie eingebildet. Sie ist technisch noch gar
nicht sauber.

Das ist doch Wurst! Ihr mit Eurem Knstlergewissen! Wir sind doch
keine Schulmeister, und es werden ohne Zweifel schlechtere Sachen
gespielt, gerade von Kranzl. Aber ich wei was anderes. Das Lied mssen
Sie mir geben, und machen Sie doch bald noch mehr! Ich gehe im Frhjahr
hier weg, ich habe gekndigt, und mache lange Ferien. In der Zeit
mchte ich ein paar Konzerte geben, aber was Neues, nicht mit Schubert
und Wolf und Lwe und dem, was man alle Abend hrt, sondern neue und
unbekannte Sachen, ein paar wenigstens, solche wie das Lawinenlied. Was
meinen Sie?

Fr mich war die Aussicht, meine Lieder von Muoth ffentlich gesungen
zu sehen, ein Tor in die Zukunft, durch dessen Spalt ich lauter
Herrlichkeiten sah. Eben deswegen wollte ich vorsichtig sein und weder
Muoths Freundlichkeit mibrauchen noch mich ihm allzusehr verpflichten.
Es schien mir, er wolle mich gar zu gewaltsam an sich ziehen, blenden
und vielleicht irgendwie vergewaltigen. Darum ging ich kaum darauf ein.

Ich will sehen, sagte ich. Sie sind sehr gtig mit mir, das sehe
ich, aber ich kann nichts versprechen. Ich bin am Ende meiner Studien
und mu jetzt an gute Zeugnisse denken. Ob ich einmal als Komponist
auftreten kann, ist ungewi, einstweilen bin ich Geiger und mu sehen,
wie ich beizeiten zu einer Stellung komme.

Ach ja, das alles knnen Sie ja tun. Darum kann Ihnen doch einmal
wieder ein solches Lied einfallen, das Sie mir dann geben, nicht?

Ja, das wohl. Ich wei freilich nicht, warum Sie sich meiner so
annehmen.

Haben Sie Angst vor mir? Mir gefllt einfach Ihre Musik, ich mchte
Sachen von Ihnen singen und verspreche mir davon etwas, es ist reiner
Eigennutz.

Wohl, aber warum reden Sie so mit mir, so wie gestern meine ich?

Ach, sind Sie noch beleidigt? Was habe ich denn eigentlich gesagt?
Ich wei es rein nimmer. Jedenfalls wollte ich Sie nicht schlecht
behandeln, wie ich es scheints getan habe. Sie knnen sich ja wehren!
Es redet und ist jeder, wie er ist und sein mu, und man mu einander
gelten lassen.

Das meine ich auch, aber Sie tun das Gegenteil, Sie reizen mich und
lassen nichts gelten, was ich sage. Sie ziehen das, woran ich selber
ungern denke und was mein Geheimnis ist, hervor und werfen es mir hin,
wie einen Vorwurf. Sie spotten sogar ber mein steifes Bein!

Heinrich Muoth sagte langsam: Ja, ja, ja. Die Leute sind eben
verschieden. Den einen macht es wild, wenn man Wahrheiten sagt, und der
andere kann keine Phrasen vertragen. Sie hat es gergert, da ich Sie
nicht wie einen Intendanten behandle, und mich hat es gergert, da Sie
sich vor mir versteckten und mir die Sprche ber den Trost der Kunst
anhngen wollten.

Das war gemeint wie ich es sagte; ich bin nur nicht gewohnt ber diese
Sachen zu reden. Und ber das andere *will* ich eben nicht reden. Wie
es in mir aussieht und ob ich traurig bin oder verzweifelt, und wie
mein Bein mir vorkommt und meine Krppelschaft, das will ich fr mich
behalten und mir von niemand herausdrohen und herausspotten lassen.

Er stand auf.

Ich habe ja noch gar nichts an, ich will das schnell besorgen. Sie
sind ein anstndiger Mensch, das bin ich leider nicht. Wir wollen
darber nimmer so viel reden. Haben Sie denn gar nichts davon gemerkt,
da ich Sie gern habe? Warten Sie ein wenig, setzen Sie sich ans
Klavier, bis ich angezogen bin. Singen Sie nicht? -- Nicht? Nun, es
dauert nur sechs Minuten.

Wirklich kam er sehr bald angekleidet aus dem Nebenzimmer zurck.

Jetzt gehen wir in die Stadt und essen miteinander, sagte er
behaglich. Er fragte nicht, ob es mir auch passe, er sagte: Wir
gehen, und wir gingen. Denn so empfindlich seine Art mich rgerte, sie
imponierte mir doch, er war der Strkere. Daneben zeigte er im Gesprch
und Benehmen eine launenhafte Kindlichkeit, die oft entzckend war und
ganz mit ihm vershnte.

Von da an sah ich Muoth oft, er sandte mir hufig Billette fr die
Oper, bat mich manchmal bei ihm zu geigen, und wenn mir nicht alles an
ihm gefiel, so lie er sich doch auch von mir nicht wenig gefallen.
Es entstand eine Freundschaft, damals meine einzige, und ich begann
mich beinahe auf die Zeit zu frchten, wo er nicht mehr da sein wrde.
Er hatte wirklich gekndigt und lie sich, trotz einiger Bemhungen
und Zugestndnisse, nicht halten. Zuweilen deutete er an, er werde im
Herbst vielleicht einen Ruf an eine groe Bhne haben, doch blieb das
vorlufig unbesprochen. Inzwischen kam der Frhling heran.

Eines Tages fand ich mich zum letzten Herrenabend bei Muoth ein, wir
stieen auf Wiedersehen und Zukunft an, es war diesmal keine Frau
dabei. Muoth begleitete uns in der Morgenfrhe an die Gartenpforte,
winkte uns nach und kehrte frstelnd im Morgennebel in seine schon halb
ausgerumte Wohnung zurck, von dem springenden und bellenden Hunde
begleitet. Mir aber schien ein Stck Leben und Erfahrung nun abgetan;
ich glaubte Muoth genug zu kennen, um sicher zu sein, da er uns alle
bald vergessen werde, und erst jetzt fhlte ich ganz klar und unbeirrt,
da ich den dunklen, launischen, herrischen Mann doch richtig lieb
hatte.

Indessen kam auch fr mich der Abschied. Ich tat meine letzten Gnge
nach Orten und Menschen, die ich in gutem Gedchtnis zu behalten
gesonnen war, ich ging auch noch einmal auf den Hhenweg hinauf und
schaute den Hang hinunter, den ich ohnehin nicht vergessen htte.

Und ich reiste ab, nach Hause, einer unbekannten und wahrscheinlich
langweiligen Zukunft entgegen. Eine Stellung hatte ich nicht,
selbstndig Konzerte geben konnte ich nicht, in der Heimat erwarteten
mich nur, zu meinem Schrecken, einige Schler, denen ich Violinstunden
geben sollte. Wohl erwarteten mich auch die Eltern, und sie waren reich
genug, da ich ohne Sorgen sein konnte, auch fein und gtig genug, da
sie mich nicht drngten und fragten, was nun aus mir werden solle. Aber
da ich es hier nicht lange aushalten wrde, wute ich von Anfang an.

Von den zehn Monaten, in denen ich nun zu Hause sa, drei Schlern
Stunden gab und trotz allem gar nicht unglcklich war, wei ich nichts
zu erzhlen. Es lebten auch hier Menschen, es geschah auch hier tglich
irgend etwas, aber mein Verhltnis zu alle dem bestand nur in einer
freundlich hflichen Gleichgltigkeit. Nichts ging mir ans Herz, nichts
nahm mich mit. Dagegen lebte ich in aller Stille, entrckte seltsame
Stunden der Musik, wo mein ganzes Leben erstarrt und mir entfremdet
schien und nur ein Hunger nach Musik brig blieb, der mich whrend
der Violinstunden oft unertrglich peinigte und gewi zu einem bsen
Lehrer machte. Nachher aber, wenn meine Pflicht getan war, oder ich
mit List und Lge mich um meine Stunden gedrckt hatte, sank ich tief
in herrlich unwirkliche Trume, baute nachtwandlerisch an khnen
Tongebuden, trieb freche Trme in die Lfte, wlbte tiefschattende
Kuppeln und lie spielende Ornamente leicht und genuvoll wie
Seifenblasen steigen.

Whrend ich in einer Betubung und Fremdheit herumging, die meine
frheren Bekannten vertrieb und meinen Eltern Sorge machte, ging
noch weit heftiger und reicher als vor einem Jahr in den Bergen
der verschttete Born in mir wieder auf; die Frchte vertrumter,
verarbeiteter, scheinbar verlorener Jahre, unsichtbar gereift, fielen
still und sachte, eine um die andere, und hatten Duft und Glanz und
umgaben mich mit einem fast schmerzlichen Reichtum, den ich nur zgernd
und mit Mitrauen an mich nahm. Es begann mit einem Liede, dem folgte
eine Geigenphantasie, der folgte ein Streichquartett, und als in
wenigen Monaten noch einige Lieder und manche Entwrfe zu symphonischen
Sachen dazugekommen waren, empfand ich das alles nur als einen Anfang
und Versuch, und im Herzen dachte ich an eine groe Symphonie, in
den frechsten Stunden auch schon an eine Oper! Zwischenein schrieb
ich von Zeit zu Zeit demtige Briefe an Kapellmeister und Theater,
legte die Empfehlungen meiner Lehrer bei und brachte mich bescheiden
fr die nchste bessere Geigerstelle in Erinnerung, die frei werde.
Es kamen dann kurze hfliche Antworten, die mit sehr geehrter Herr
begannen, manchmal auch keine, aber eine Anstellung kam nicht. Dann
war ich einen Tag oder zwei klein und kroch zusammen, gab sorgfltigen
Unterricht und schrieb neue demtige Briefe. Allein gleich darauf fiel
mir wieder ein, da ich noch einen Kopf voll Musik aufzuschreiben
habe, und kaum hatte ich wieder begonnen, so sanken die Briefe und die
Theater und Orchester, die Kapellmeister und sehr geehrten Herren auf
Nichtmehrsehen hinab und ich fand mich allein, vollauf beschftigt und
begngt.

Nun, das sind Erinnerungen, die man nicht erzhlen kann, wie die
meisten. Was ein Mensch fr sich ist und erlebt, wie er wird und wchst
und krankt und stirbt, das alles ist unerzhlbar. Das Leben arbeitender
Menschen ist langweilig, interessant sind die Lebensfhrungen und
Schicksale der Taugenichtse. So reich mir jene Zeit im Gedchtnis
liegt, ich kann nichts ber sie sagen, denn ich stand auerhalb des
menschlichen und geselligen Lebens. Nur einmal kam ich fr Augenblicke
wieder einem Menschen nahe, den ich nicht vergessen darf. Das war der
Przeptor Lohe.

Ich ging einmal, schon im Sptherbst, spazieren. Es war im Sden der
Stadt ein bescheidenes Villenviertel entstanden, wo keine reichen
Leute wohnten, sondern kleine Sparer und Rentenverzehrer kleine
wohlfeile Huslein mit einfachen Grten bewohnten. Ein geschickter
junger Baumeister hatte hier viel Hbsches gebaut, was ich mir nun auch
einmal ansehen wollte.

Es war ein warmer Nachmittag, da und dort wurden spte Nubume
geleert, die Grten und kleinen neuen Huser lagen frhlich in der
Sonne. Die hbschen einfachen Bauten gefielen mir, ich beschaute sie
mit dem oberflchlich behaglichen Interesse, das junge Leute fr so
etwas haben, welchen der Gedanke an Haus und Heim und Familie, Rast und
Feierabend noch im Weiten liegt. Die friedliche Gartenstrae machte
einen lieben, behaglichen Eindruck, ich spazierte langsam dahin, und im
Gehen verfiel ich darauf, die Namen der Hausbesitzer auf den kleinen
blanken Messingschildchen an den Gartentoren zu lesen.

Auf einem dieser Schildchen stand Konrad Lohe, und im Lesen wollte
der Name mir bekannt vorkommen. Ich blieb stehen und besann mich,
und es fiel mir ein, da einer meiner Lehrer in der Lateinschule so
geheien hatte. Und fr Sekunden stieg die alte Zeit herauf, sah
mich verwundert an und wlzte auf flchtiger Welle einen Schwarm
von Gesichtern herauf, von Lehrern und Kameraden, Spitznamen und
Geschichten. Und whrend ich stand und auf das Messingtfelein sah
und lchelte, erhob sich hinterm nchsten Johannisbeerstrauch, wo er
gebckt gearbeitet hatte, ein Mann, trat dicht heran und sah mir ins
Gesicht.

Wollen Sie zu mir? fragte er, und es war Lohe, der Przeptor Lohe,
den wir Lohengrin geheien hatten.

Eigentlich nicht, sagte ich und zog den Hut. Ich wute nicht, da
Sie hier wohnen. Ich bin einmal Ihr Schler gewesen.

Er blickte schrfer, sah an mir hinab bis zum Stock, besann sich und
nannte dann meinen Namen. Er hatte mich nicht am Gesicht erkannt,
sondern am steifen Bein, da er natrlich von meinem Unfall wute. Nun
lie er mich eintreten.

Er war in Hemdrmeln und hatte eine grne Gartenschrze vorgebunden,
er schien gar nicht lter geworden und sah prchtig blhend aus. Wir
schritten in dem kleinen sauberen Garten hin und her, dann fhrte er
mich an eine offene Veranda, wo wir uns setzten.

Ja, ich htte Sie nimmer gekannt, sagte er aufrichtig. Hoffentlich
haben Sie mich in guter Erinnerung von frher her.

Nicht ganz, sagte ich lchelnd. Sie haben mich einmal fr etwas
bestraft, was ich nicht getan hatte, und haben meine Beteuerungen fr
Lgen erklrt. Es war in der vierten Klasse.

Bekmmert schaute er auf. Das drfen Sie mir nimmer bel nehmen, es
tut mir auch leid. Lehrern passiert es beim besten Willen immer wieder,
da etwas nicht stimmt, und eine Ungerechtigkeit ist bald angerichtet.
Ich wei schlimmere Flle. Zum Teil deswegen bin ich denn auch
gegangen.

So, sind Sie nimmer im Amt?

Schon lang nicht mehr. Ich wurde krank, und als ich wieder geheilt
war, hatten sich meine Ansichten so sehr gendert, da ich den Abschied
nahm. Ich hatte mir Mhe gegeben, ein guter Lehrer zu sein, aber ich
war keiner, dazu mu man geboren sein. So gab ich es auf, und seither
ist mir wohl.

Das konnte man ihm ansehen. Ich fragte weiter, doch wollte er nun meine
Geschichte hren, die bald erzhlt war. Da ich Musiker geworden sei,
gefiel ihm nicht ganz, dagegen hatte er fr mein Pech ein freundliches
und zartes Mitleid, das mir nicht wehtat. Vorsichtig suchte er zu
erforschen, wie es mir gelinge mich zu trsten und war von meinen
halb ausweichenden Antworten nicht befriedigt. Unter geheimnisvollen
Gebrden gab er zgernd und doch ungeduldig mit schchternen
Umschweifen kund, er wisse einen Trost, eine vollkommene Weisheit, die
jedem ernstlich Suchenden offen stehe.

Ich wei schon, sagte ich, Sie meinen die Bibel.

Herr Lohe lchelte schlau. Die Bibel ist gut, sie ist ein Weg zum
Wissen. Aber sie ist nicht das Wissen selbst.

Und wo ist das, das Wissen selbst?

Das werden Sie leicht finden, wenn Sie wollen. Ich gebe Ihnen etwas
zum Lesen mit, das gibt Ihnen die Elemente. Haben Sie schon von der
Lehre vom Karma gehrt?

Vom Karma? Nein, was ist das?

Das werden Sie sehen, warten Sie! Er lief weg und blieb eine Weile
aus, whrend ich erstaunt in ungewisser Erwartung sa und in den Garten
hinunter sah, wo Zwergobstbume in tadellosen Reihen standen. Bald kam
Lohe wieder gelaufen. Strahlend sah er mich an und streckte mir ein
Bchlein entgegen, das trug inmitten einer geheimnisvollen Linienkunst
die Aufschrift: Theosophischer Katechismus fr Anfnger.

Nehmen Sie das mit! bat er. Sie knnen es behalten, und wenn Sie
weiter studieren wollen, kann ich Ihnen noch mehr leihen. Das hier ist
nur zur Einfhrung. Ich verdanke dieser Lehre alles. Ich bin durch sie
gesund geworden an Leib und Seele, und hoffe es wird auch Ihnen so
gehen.

Ich nahm das kleine Buch hin und steckte es ein. Der Mann begleitete
mich durch den Garten zur Strae hinab, nahm freundlich Abschied
und bat mich bald wieder zu kommen. Ich sah ihm ins Gesicht, das
war gut und froh, und mir schien, es knne nicht schaden den Weg zu
solchem Glck einmal zu versuchen. So ging ich heim, das Bchlein
in der Tasche, neugierig auf die ersten Schritte dieses Pfades zur
Glckseligkeit.

Doch beschritt ich ihn erst nach einigen Tagen. Bei der Heimkehr
zogen die Noten mich wieder heftig an sich, ich strzte mich darein
und schwamm in Musik, schrieb und spielte, bis der Sturm fr diesmal
verrauscht war und ich ernchtert ins Tagesleben zurckkehrte. Da
empfand ich alsbald das Bedrfnis, die neue Lehre zu studieren, und
setzte mich hinter das kleine Buch, das ich bald erschpfen zu knnen
glaubte.

Es ging aber nicht so leicht. Das kleine Bchlein schwoll mir unter den
Hnden und zeigte sich am Ende unberwindlich. Es begann mit einer
hbschen und anziehenden Einleitung ber die vielen Wege zur Weisheit,
deren jeder seine Geltung habe, und ber die theosophische Brderschaft
derer, die in Freiheit nach Wissen und innerer Vollkommenheit
streben wollen, denen jeder Glaube heilig und jeder Pfad zum Lichte
willkommen ist. Alsdann kam eine Kosmogonie, die ich nicht verstand,
eine Einteilung der Welt in verschiedene Ebenen und der Geschichte
in merkwrdige, mir unbekannte Zeitalter, wobei auch das versunkene
Land Atlantis eine Rolle spielte. Ich lie dieses einstweilen auf
sich beruhen und machte mich an die anderen Kapitel, wo die Lehre
von der Wiedergeburt dargestellt war, die ich besser verstand. Doch
wurde mir nicht recht klar, ob das alles eine Mythologie und poetische
Fabel, oder wrtliche Wahrheit zu sein begehre. Es schien das letztere
der Fall zu sein, was mir nicht eingehen wollte. Nun kam die Lehre
vom Karma. Sie zeigte sich mir als eine religise Verehrung des
Kausalittsgesetzes, die mir nicht bel gefiel. Und so ging es weiter.
Ich sah bald gar wohl ein, da diese ganze Lehre nur fr den ein Trost
und ein Schatz sein knne, der sie mglichst wrtlich und tatschlich
hinnehme und innig glaube. Wem sie, wie mir, ein zum Teil schnes, zum
Teil krauses Sinnbild, der Versuch einer mythologischen Welterklrung
war, der konnte zwar von ihr lernen und ihr Achtung gnnen, nicht aber
Leben und Kraft von ihr haben. Man konnte vielleicht Theosoph sein mit
Geist und Wrde, aber jener endgltige Trost winkte nur denen, die
es ohne viel Geist in einfltigem Glauben waren. Das war einstweilen
nichts fr mich.

Doch ging ich noch mehrmals zu dem Przeptor hin, der vor zwlf Jahren
mich und sich mit dem Griechischen geplagt hatte und nun auf so andere
Weise, und doch ebenso erfolglos, mein Lehrer und Fhrer zu sein
strebte. Freunde wurden wir nicht, aber ich kam gerne zu ihm, er war
einige Zeit hindurch der einzige Mensch, mit dem ich ber wichtige
Fragen meines Lebens redete. Dabei machte ich zwar die Erfahrung, da
dieses Reden keinen Wert hat und im besten Fall zu gescheiten Sprchen
fhrt; doch war mir dieser glubige Mann, den Kirche und Wissenschaft
khl gelassen hatten und der nun in der spteren Hlfte des Lebens im
naiven Glauben an eine merkwrdig ausgeklgelte Lehre den Frieden und
die Herrlichkeit der Religion erlebte, rhrend und beinahe ehrwrdig.

Mir ist, bei allem Bemhen, dieser Weg bis heute unzugnglich
geblieben, und ich habe zu frommen und in irgend einem Glauben
befestigten und befriedigten Menschen eine bewundernde Hinneigung, die
sie mir nicht erwidern knnen.




Whrend der kurzen Zeit meiner Besuche bei dem frommen Theosophen
und Obstzchter erhielt ich eines Tags eine kleine Geldanweisung,
deren Herkunft mir dunkel war. Abgesandt war sie von einem bekannten
norddeutschen Konzertagenten, mit dem ich jedoch niemals zu tun gehabt
hatte. Auf meine Frage ward mir die Antwort, der Betrag sei im Auftrag
des Herrn Heinrich Muoth angewiesen und stelle mein Honorar dafr vor,
da Muoth in sechs Konzerten ein von mir komponiertes Lied gesungen
habe.

Nun schrieb ich an Muoth, dankte ihm und bat um Bericht. Vor allem
htte ich gern gewut, wie mein Lied in den Konzerten aufgenommen
worden war. Von Muoths Konzertreise hatte ich wohl gehrt und ein- oder
zweimal Zeitungsnotizen gelesen, von meinem Lied war aber da nicht die
Rede gewesen. Ich berichtete in meinem Brief mit der Ausfhrlichkeit
des Einsamen von meinem Leben und von meiner Arbeit, legte auch eines
der neuen Lieder bei. Dann wartete ich zwei, drei, vier Wochen auf
Antwort, und dann, da sie ausblieb, verga ich die ganze Sache wieder.
Immer noch schrieb ich fast alle Tage an meiner Musik, die mir wie im
Traume quoll. In den Pausen aber war ich schlaff und unzufrieden, das
Stundengeben fiel mir furchtbar schwer, ich fhlte, da ich es nimmer
lang aushalten werde.

Es war mir daher wie die Erlsung aus einem Bann, als endlich doch ein
Brief von Muoth kam. Er schrieb:

Lieber Herr Kuhn! Ich bin kein Briefschreiber, darum lie ich Ihren
Brief liegen, auf den ich nichts Rechtes zu antworten wute. Jetzt
aber kann ich mit wirklichen Vorschlgen kommen. Ich bin jetzt am
Opernhaus hier in R. angestellt und es wre schn, wenn Sie auch
kmen. Sie knnten frs erste als zweiter Geiger bei uns unterkommen,
der Kapellmeister ist ein vernnftiger und freier Mann, wenn auch ein
Grobian. Wahrscheinlich findet sich auch Gelegenheit, bald etwas von
Ihnen hier zu spielen, wir haben gute Kammermusik. Wegen der Lieder
wre auch einiges zu sagen, unter anderem ist ein Verleger da, der sie
haben will. Aber das Schreiben ist so langweilig, kommen Sie selber!
Aber schnell, und telegraphieren Sie wegen der Stelle, es hat Eile.

                                                             Ihr Muoth.

Da war ich pltzlich aus meiner Einsiedelei und Nutzlosigkeit gerissen
und trieb wieder im Strom des Lebens, hatte Hoffnungen und Sorgen,
bangte und freute mich. Es gab nichts, was mich hielt, und meine Eltern
waren froh, mich auf die Bahn kommen und einen ersten entschiedenen
Schritt ins Leben tun zu sehen. Ich telegraphierte unverweilt, und drei
Tage spter war ich schon in R. und bei Muoth.

Ich war in einem Hotel abgestiegen, hatte ihn besuchen wollen und nicht
gefunden. Nun kam er in den Gasthof und stand unvermutet vor mir. Er
gab mir die Hand, fragte nach nichts und erzhlte nichts und teilte
meine Erregung nicht im mindesten. Er war gewohnt, sich treiben zu
lassen und immer nur den gegenwrtigen Augenblick ernst zu nehmen und
auszuleben. Er lie mir kaum Zeit, mich umzukleiden, und brachte mich
zum Kapellmeister Rler.

Das ist Herr Kuhn, sagte er.

Rler nickte kurz. Freut mich. Was wnschen Sie?

Nun, rief Muoth, das ist der Geiger.

Der Kapellmeister sah mich erstaunt an, wandte sich wieder zu dem
Snger und meinte grob: Davon haben Sie mir nichts gesagt, da der
Herr lahm ist. Ich mu Leute mit geraden Gliedern haben.

Mir stieg das Blut ins Gesicht, aber Muoth blieb ruhig. Er lachte nur.
Soll er denn tanzen, Rler? Ich meinte, er solle geigen. Wenn er das
nicht kann, so mssen wir ihn wieder schicken. Aber das wollen wir doch
zuerst probieren.

Also meinetwegen, Leute. Herr Kuhn, kommen Sie morgen frh zu mir, so
nach neune! Hier in die Wohnung. Sind Sie bs, wegen dem Fu? Ja, das
htt' mir der Muoth auch vorher sagen knnen. Na, wir werden sehen. Auf
Wiederschauen.

Im Weggehen machte ich Muoth Vorwrfe deswegen. Er zuckte die Achseln
und meinte, wenn er gleich anfangs von meinem Gebrechen gesprochen
htte, wrde der Kapellmeister schwerlich zugestimmt haben; nun aber
sei ich einmal da und, wenn Rler halbwegs mit mir zufrieden sei,
werde ich ihn bald von besseren Seiten kennen lernen.

Aber wie haben Sie mich berhaupt empfehlen knnen, fragte ich, Sie
wissen ja gar nicht, ob ich was kann.

Ja, das ist Ihre Sache. Ich dachte mir, es werde schon gehen, und es
wird auch. Sie sind ein so bescheidenes Kaninchen, da Sie es nie zu
etwas bringen wrden, wenn man Ihnen nicht zuzeiten einen Sto gbe.
Das war einer, nun taumeln Sie weiter! Angst brauchen Sie nicht zu
haben. Ihr Vorgnger hat nicht viel getaugt.

Wir brachten den Abend in seiner Wohnung zu. Auch hier hatte er einige
Zimmer weit drauen gemietet, in Grten und Stille, und sein gewaltiger
Hund sprang ihm entgegen, und kaum saen wir und wurden warm, so ging
die Glocke und es kam eine sehr schne, hoch gewachsene Dame und
leistete uns Gesellschaft. Es war dieselbe Atmosphre wie damals, und
seine Geliebte war wieder eine tadelfreie, frstliche Figur. Er schien
die schnen Frauen mit groer Selbstverstndlichkeit zu verbrauchen,
und ich sah diese neue mit Teilnahme und mit der Befangenheit an,
die ich in der Nhe von liebefhigen Frauen stets empfand und die
wohl nicht ohne Neid war, da ich mit meinem lahmen Beine immer noch
hoffnungslos und ungeliebt einherging.

Wie frher ward auch diesmal bei Muoth gut und viel getrunken, er
tyrannisierte uns mit seiner gewaltttigen, heimlich schwlen
Lustigkeit, und ri uns doch hin. Er sang wundervoll, und er sang auch
ein Lied von mir, und wir drei befreundeten uns, wurden warm und kamen
uns nahe, sahen einander in unverhllte Augen und blieben beisammen,
solange die Wrme in uns brannte. Die groe Frau, die Lotte hie, zog
mich mit sanfter Freundlichkeit an. Es war nun nicht mehr das erstemal,
da eine schne und liebende Frau mir mit Mitleid und merkwrdigem
Vertrauen entgegenkam, und es tat mir auch diesmal so wohl wie weh,
doch kannte ich diese Melodie nun schon ein wenig und nahm sie nicht zu
ernsthaft. Es ist mir noch manchmal begegnet, da eine verliebte Frau
mich besonderer Freundschaft wrdigte. Sie hielten mich alle wie der
Liebe so der Eifersucht fr unfhig, dazu kam das leidige Mitleid, und
so vertrauten sie mir in halb mtterlicher Freundschaft.

Leider hatte ich in solchen Verhltnissen noch keine bung und konnte
einem Liebesglck noch nicht aus der Nhe zusehen, ohne ein wenig an
mich selber zu denken, und da ich eigentlich auch gerne einmal so
etwas erlebt htte. Das beschnitt mir die Freude einigermaen, doch
war es ein guter Abend bei der hingegebenen schnen Frau und dem
dunkelglhenden, kraftvollen und schroffen Manne, der mich lieb hatte
und fr mich sorgte und mir doch seine Liebe nicht anders zeigen konnte
als er sie den Frauen zeigte, gewaltttig und launisch.

Als wir mit dem letzten Becher vor dem Abschied anstieen, nickte er
mir zu und sagte: Eigentlich sollte ich Ihnen jetzt Brderschaft
anbieten, gelt? Ich tte es auch gern. Aber wir wollen es lassen, es
geht auch so. Frher, wissen Sie, hab ich jedem, der mir gefiel, gleich
du gesagt, aber das tut nicht gut, am wenigsten unter Kollegen. Ich
habe noch mit allen Hndel gekriegt.

Diesmal hatte ich nicht das bitterse Glck, die Geliebte meines
Freundes nach Hause begleiten zu drfen, sie blieb da, und es war mir
lieber so. Die Reise, der Besuch beim Kapellmeister, die Spannung auf
morgen, der neue Verkehr mit Muoth, alles hatte mir gut getan. Ich sah
erst jetzt, wie vergessen und verbldet und menschenfremd ich whrend
des langen, einsam verwarteten Jahres geworden war, und fhlte mich mit
Behagen und wohliger Spannung endlich wieder erregt und ttig unter
Menschen, der Welt wieder angehrig.

Zeitig am nchsten Morgen fand ich mich beim Kapellmeister Rler
ein. Ich fand ihn im Schlafrock und unfrisiert, doch hie er mich
willkommen und forderte mich, freundlicher als gestern, zum Spielen
auf, indem er mir geschriebene Noten vorlegte und sich ans Klavier
setzte. Ich spielte mglichst tapfer, doch machte mir das Lesen der
schlecht geschriebenen Noten einige Mhe. Als wir fertig waren, legte
er schweigend ein anderes Blatt auf, das ich ohne Begleitung spielen
sollte, und dann ein drittes.

Es ist gut, sagte er. An das Notenlesen mssen Sie sich noch mehr
gewhnen, sie sind nicht immer wie gestochen. Kommen Sie heut abend ins
Theater, ich mache Platz, dann knnen Sie ihre Stimme neben dem anderen
spielen, der den Platz einstweilen zur Not versah. Es wird ein wenig
eng hergehen. Sehen Sie sich die Noten vorher gut an, Probe ist heut
keine. Ich gebe Ihnen einen Zettel mit, damit gehen Sie nach elf Uhr
ins Theater und holen sich die Noten.

Ich wute noch nicht recht, wo ich dran sei, sah aber, da dieser Mann
das Fragen nicht liebe, und ging. Im Theater wollte niemand von den
Noten wissen und mich hren, ich war an das Getriebe dort noch nicht
gewhnt und kam aus der Fassung. Dann sandte ich einen Eilboten an
Muoth, er kam, und sogleich ging alles prchtig. Und am Abend spielte
ich zum erstenmal im Theater, wo ich mich vom Kapellmeister scharf
beobachtet sah. Andern Tages erhielt ich die Anstellung.

So wunderlich ist der Mensch, da ich mitten im neuen Leben und
erfllten Wnschen manchmal merkwrdig von einem flchtigen, nur leise
und unter Schleiern empfundenen Heimweh nach Einsamkeit, ja Langeweile
und Leere der Tage befallen wurde. Dann erschien mir die vergangene
Zeit in der Heimatstadt, deren trister Ereignislosigkeit ich so dankbar
entronnen war, wie etwas Ersehnenswertes, namentlich aber dachte ich an
die Wochen im Gebirge vor zwei Jahren mit wahrem Heimweh. Ich glaubte
zu fhlen, da ich nicht zu Wohlergehen und Glck bestimmt sei, sondern
zu Schwche und Unterliegen im Leben, und da ohne diese Schatten und
Opfer mir der Quell des Schaffens trber und rmer flieen msse.
Wirklich war zunchst von stillen Stunden und von schpferischer Arbeit
keine Rede. Und whrend es mir wohl ging und ich ein reiches Leben
fhrte, meinte ich in der Tiefe immer den verschtteten Born leise
rauschen und klagen zu hren.

Das Geigen im Orchester machte mir Freude, ich sa viel ber Partituren
und tastete mit Verlangen vorwrts in diese Welt hinein. Langsam lernte
ich, was ich nur theoretisch und aus der Ferne gekannt hatte, die Art
und Farbe und Bedeutung der einzelnen Instrumente von unten herauf
verstehen, sah und studierte daneben die Bhnenmusik und hoffte immer
ernsthafter auf die Zeit, wo ich mich an eine eigene Oper wrde wagen
drfen.

Mein vertrauter Umgang mit Muoth, der eine der ersten und ehrenvollsten
Stellen an der Oper einnahm, brachte mir das Ganze rasch nher und
ntzte mir viel. Bei meinesgleichen aber, bei den Kollegen vom
Orchester, schadete mir das sehr, es kam nicht zu dem freundschaftlich
offenen Verhltnis, zu dem ich gewillt war. Nur unser erster Geiger,
ein Steiermrker namens Teiser, kam mir entgegen und wurde mein Freund.
Er war wohl zehn Jahre lter als ich, ein schlichter offener Mann
mit einem feinen, zarten, leicht errtenden Gesicht und erstaunlich
musikalisch, namentlich von einem unglaublich zarten und scharfen
Gehr. Er war einer von denen, die in ihrer Kunst Genge finden,
ohne selber eine Rolle spielen zu wollen. Er war kein Virtuos und hat
auch nie komponiert, er spielte zufrieden seine Geige und hatte seine
Herzensfreude daran, das Handwerk im Grunde zu kennen. Jede Ouvertre
kannte er wie kaum ein Dirigent durch und durch, und wo eine Finesse
und Glanzstelle kam, wo der Einsatz eines Instrumentes schn und
originell hervorleuchtete, da strahlte er und geno es wie niemand im
ganzen Hause. Er spielte fast alle Instrumente, so da ich tglich von
ihm lernen und ihn fragen konnte.

Monatelang sprachen wir kein Wort miteinander als vom Handwerk, aber
ich hatte ihn lieb und er sah, da ich mit Ernst dabei war, etwas zu
lernen, so entstand ein unberedetes Einvernehmen, dem nicht viel mehr
zur Freundschaft fehlte. Da erzhlte ich ihm schlielich von meiner
Violinsonate und bat ihn, sie einmal mit mir zu spielen. Er sagte
freundlich zu und kam am bestimmten Tag in meine Wohnung. Da hatte ich,
um ihm eine Freude zu machen, einen Wein aus seiner Heimat besorgt, von
dem tranken wir ein Glas, dann legte ich die Noten auf und wir fingen
an. Er spielte vorzglich vom Blatt, aber pltzlich hrte er auf und
lie den Bogen sinken.

Sie, Kuhn, sagte er, das ist ja eine verdammt schne Musik. Die
spiel' ich nicht so herunter, die wird zuerst studiert. Ich nehme sie
mit heim. Darf ich?

Ja, und als er wiederkam, spielten wir die Sonate durch, zweimal, und
als das fertig war, schlug er mir auf die Schulter und rief: Sie
Duckmuser, Sie! Da tun Sie immer wie ein kleiner Bub, und heimlich
machen Sie solche Sachen! Ich will ja nicht viel sagen, ich bin kein
Professor, aber sakrisch schn ist's!

Das war das erstemal, da jemand meine Arbeit lobte, zu dem ich
wirklich Vertrauen hatte. Ich zeigte ihm alles, auch die Lieder, die
gerade im Druck waren und bald darauf erschienen. Aber da ich so khn
war, an eine Oper zu denken, wagte ich ihm doch nicht zu sagen.

In dieser guten Zeit erschreckte mich ein kleines Erlebnis, das ich
nimmer vergessen konnte. Bei Muoth, zu dem ich hufig kam, hatte ich
die schne Lotte seit einiger Zeit nicht mehr angetroffen, mir aber
keine Gedanken darber gemacht, denn in seine Liebesgeschichten mochte
ich mich nicht mischen, sie am liebsten gar nicht kennen. Darum hatte
ich nie nach ihr gefragt, und er sprach mit mir ohnehin nie von diesen
Sachen.

Nun sa ich eines Nachmittags in meiner Stube und studierte eine
Partitur. Am Fenster lag meine schwarze Katze im Sonnenschein und
schlief, es war im ganzen Hause still. Da ging drauen die Tre, jemand
kam herein, ward von der Wirtin begrt und aufgehalten, machte sich
los und kam auf meine Tre zu, an der auch sofort gepocht wurde. Ich
ging hin und machte auf, da kam eine groe, elegante Frauensperson mit
verschleiertem Gesicht herein und schlo die Tre hinter sich. Sie
tat ein paar Schritte ins Zimmer, holte tief Atem und nahm endlich
den Schleier ab. Ich erkannte Lotte. Sie sah erregt aus und ich ahnte
gleich, warum sie gekommen sei. Auf meine Bitte setzte sie sich, sie
hatte mir die Hand gegeben, aber noch kein Wort gesagt. Da sie meine
Befangenheit merkte, schien sie erleichtert, als habe sie gefrchtet,
ich mchte sie gleich wieder fortschicken.

Ist es wegen Heinrich Muoth? fragte ich endlich.

Sie nickte. Haben Sie etwas gewut?

Ich wei nichts, ich dachte es mir nur.

Sie sah mir ins Gesicht, wie ein Kranker dem Arzt, schwieg und zog
langsam die Handschuhe aus. Pltzlich stand sie auf, legte mir beide
Hnde auf die Schultern und starrte mich aus groen Augen an.

Was soll ich tun? Er ist nie zu Haus, er schreibt mir nimmer, er macht
nicht einmal meine Briefe auf! Seit drei Wochen hab ich ihn nimmer
sprechen knnen. Gestern war ich dort, ich wei, da er daheim war,
aber er hat nicht aufgemacht. Nicht einmal dem Hund hat er gepfiffen,
er hat mir das Kleid zerrissen, der will mich auch schon nimmer kennen.

Haben Sie denn Streit mit ihm gehabt? fragte ich, um nicht gar so
stumm dabei zu sitzen.

Sie lachte. Streit? Ach, Streit haben wir genug gehabt, von Anfang an!
An das war ich schon gewhnt. Nein, in der letzten Zeit ist er sogar
hflich gewesen, es wollte mir gleich nicht gefallen. Einmal war er
nicht da, wenn er mich bestellt hatte; einmal meldete er sich an und
kam nicht. Schlielich sagte er auf einmal Sie zu mir! Ach, wenn er
mich lieber wieder geschlagen htte!

Ich erschrak heftig. Geschlagen...?

Wieder lachte sie. Wissen Sie das nicht? O, er hat mich oft
geschlagen, aber jetzt schon lang nicht mehr. Er ist hflich geworden,
er hat Sie zu mir gesagt, und jetzt kennt er mich nimmer. Er hat eine
andere, glaube ich. Darum bin ich gekommen. Sagen Sie mirs, ich bitte!
Hat er eine andere? Sie wissen es! Sie mssen es wissen!

Ehe ich abwehren konnte, hatte sie meine beiden Hnde gefat. Ich war
wie erstarrt, und so sehr ich abzulehnen und die ganze Szene zu krzen
wnschte, war ich doch fast froh, da sie mich gar nicht zu Worte
kommen lie, denn ich htte nicht gewut, was sagen.

Sie, in Hoffnung und Jammer, war zufrieden, da ich sie anhrte, und
bat und erzhlte und klagte mit ausbrechender Leidenschaft. Ich aber
sah ihr immerzu in das trnenvolle, reife, schne Gesicht und konnte
nichts anderes denken als: Er hat sie geschlagen! Ich meinte seine
Faust zu sehen, und mir graute vor ihm und vor ihr, die nach Schlgen
und Verachtung und Abweisung keinen andern Gedanken und Wunsch zu haben
schien als den Weg zu ihm und zu den alten Demtigungen zurckzufinden.

Endlich versiegte die Flut, Lotte redete langsamer, schien befangen und
der Situation bewut zu werden, und verstummte. Zugleich lie sie meine
Hnde los.

Er hat keine andere, sagte ich leise, wenigstens wei ich nichts
davon und glaube es nicht.

Sie schaute mich dankbar an.

Aber helfen kann ich Ihnen nicht, fuhr ich fort. Ich rede nie mit
ihm ber solche Sachen.

Wir waren beide eine Weile still. Ich mute an Marion denken, an die
schne Marion und an jenen Abend, da ich mit ihr durch die Fhnluft
gegangen war, an ihrem Arm, und sie sich so tapfer zu ihrem Geliebten
bekannt hatte. Hatte er die auch geschlagen? Und lief auch die ihm noch
nach?

Warum sind Sie denn zu mir gekommen? fragte ich.

Ich wei nicht, ich mute doch etwas tun. Glauben Sie nicht, da er
noch an mich denkt? Sie sind ein guter Mensch, Sie helfen mir! Sie
knnten es doch versuchen, ihn einmal fragen, einmal von mir reden....

Nein, das kann ich nicht. Wenn er Sie noch liebt, wird er von selber
wieder zu Ihnen kommen. Und wenn nicht, dann -- --.

Was dann?

Dann sollten Sie ihn eben laufen lassen, er verdient es nicht, da Sie
sich so weit demtigen.

Da lchelte sie pltzlich.

O, Sie! Was wissen Sie von der Liebe!

Sie hat recht, dachte ich, aber es tat mir doch weh. Wenn schon die
Liebe nicht zu mir kommen wollte, wenn ich schon nebendrauen stand,
warum sollte ich den Vertrauten und Helfer machen bei anderen? Ich
hatte Mitleid mit der Frau, aber ich verachtete sie noch mehr. Wenn das
die Liebe war, Grausamkeit hier und Erniedrigung dort, dann lie sich
ohne Liebe besser leben.

Ich will nicht streiten, sagte ich khl. Ich verstehe diese Art von
Liebe nicht.

Lotte band ihren Schleier wieder um.

Ja, ich gehe schon.

Nun tat sie mir wieder leid, doch mochte ich die trichte Szene nicht
von vorn anfangen lassen, darum schwieg ich und ffnete ihr die Tr,
auf die sie zuschritt. Ich begleitete sie, an der neugierigen Wirtin
vorbei, bis zur Treppe; da verbeugte ich mich, und sie ging, ohne mehr
etwas zu sagen oder mich anzusehen.

Traurig sah ich ihr nach und ward den Anblick lange Zeit nicht los.
War ich wirklich ein ganz anderer Mensch als diese alle, als Marion,
als Lotte, als Muoth? War das wirklich die Liebe? Ich sah sie alle,
diese Menschen der Leidenschaft, wie von Strmen getrieben taumeln und
ins Ungewisse wehen, den Mann von Verlangen heute, von berdru morgen
gepeinigt, dster liebend und brutal abbrechend, keiner Neigung sicher
und keiner Liebe froh, und die Frauen hingerissen, Beleidigung, Schlge
tragend, endlich verstoen und doch an ihm hngend, von Eifersucht und
verschmhter Liebe entwrdigt, hundetreu. An jenem Tage geschah es seit
sehr langer Zeit zum erstenmal, da ich weinte. Ich weinte unwillige,
zornige Trnen um diese Menschen, um meinen Freund Muoth, um das Leben
und die Liebe, und stillere, heimliche Trnen um mich selber, der ich
zwischen alle dem lebte, wie auf einem andern Sterne, der das Leben
nicht begriff, der nach Liebe verschmachtete und sie doch frchten
mute.

Zu Heinrich Muoth ging ich lange nicht mehr. Er feierte in jener Zeit
Triumphe als Wagnersnger und begann fr einen Stern zu gelten.
Zugleich trat auch ich bescheidentlich an die ffentlichkeit. Es
erschienen meine Lieder im Druck und fanden freundliche Aufnahme, und
zwei meiner Sachen fr Kammermusik wurden in Konzerten aufgefhrt. Es
war noch eine stille, ermunternde Anerkennung unter Freunden, die
Kritik hielt sich abwartend still oder lie mich zunchst als einen
Anfnger schonend gelten.

Ich war viel mit dem Geiger Teiser zusammen, er hatte mich gern und
lobte meine Arbeiten in kameradschaftlicher Freude, prophezeite mir
groe Erfolge und war immer bereit, mit mir zu musizieren. Dennoch
fehlte mir etwas. Es zog mich zu Muoth, doch mied ich ihn immer noch.
Von Lotte hrte ich nichts mehr. Warum war ich nicht zufrieden? Ich
schalt mich selber, da ich bei dem treuen, prchtigen Teiser nicht
mein Gengen fand. Aber auch bei ihm fehlte mir etwas. Er war mir zu
heiter, zu sonnig, zu sehr zufrieden, er schien keine Abgrnde zu
kennen. Auf Muoth war er nicht gut zu sprechen. Manchmal im Theater,
wenn Muoth sang, sah er mich an und flsterte: Da, wie der wieder
pfuscht! Das ist schon ein ganz Verwhnter! Mozart singt er keinen, er
wei warum. Ich mute ihm recht geben, und tat es doch nicht mit dem
Herzen, ich hing an Muoth, und mochte ihn doch nicht verteidigen. Muoth
hatte etwas, was Teiser nicht hatte und nicht kannte und was mich mit
ihm verband. Das war das ewige Begehren, die Sehnsucht und Ungenge.
Die trieben mich zu Studium und Arbeit, die lieen mich nach Menschen
greifen, die mir entglitten, gerade wie Muoth, den dieselbe Ungenge
auf andere Weise stachelte und peinigte. Musik wrde ich immer machen,
das wute ich, aber mich verlangte danach, auch einmal aus Glck
und berflu und ungebrochener Freude zu schaffen, statt immer aus
Sehnsucht und Mangel des Herzens. Ach, warum wurde ich nicht durch das
glcklich, was ich zu eigen hatte, durch meine Musik? Und warum wurde
Muoth es nicht durch das, was er besa, durch seine wilde Lebenskraft
und seine Frauen?

Teiser war glcklich, ihn qulte kein Verlangen nach Unerreichbarem.
Er hatte seine zarte, selbstlose Freude an der Kunst, von der er
nicht mehr verlangte, als sie ihm gab, und auerhalb der Kunst war er
noch gengsamer, da brauchte er nur ein paar freundliche Menschen,
gelegentlich ein gutes Glas Wein und an freien Tagen einen Ausflug
in die Landschaft, denn er war ein Wanderer und Luftfreund. Wenn an
der Lehre der Theosophen etwas war, dann mute dieser Mann schon
nahezu ein Vollendeter sein, so gut war sein Wesen und so wenig lie
er Leidenschaft und Unzufriedenheit in sein Herz kommen. Dennoch
wnschte ich, wenn ich es auch vielleicht mir vorsagte, nicht zu sein
wie er. Ich wollte kein andrer sein, ich wollte in meiner Haut bleiben,
die mir doch oft zu eng war. Ich begann Macht in mir zu spren, seit
meine Arbeiten leise zu wirken anfingen, und ich war schon im Begriff,
stolz zu werden. Irgendeine Brcke zu den Menschen mute ich finden,
ich mute auf irgendeine Weise mit ihnen leben knnen, ohne stets
der Unterliegende zu sein. Gab es nun keinen andern Weg, so fhrte
vielleicht doch meine Musik dahin. Wenn sie mich nicht lieben wollten,
so wrden sie mein Werk lieben mssen.

Solche trichte Gedanken ward ich nicht los. Und doch war ich bereit,
mich hinzugeben und zum Opfer zu bringen, wenn nur jemand mich wollte,
wenn nur jemand mich wirklich verstnde. War nicht Musik das geheime
Gesetz der Welt, gingen nicht die Erden und Sterne harmonisch im
Reigen? Und ich sollte allein bleiben und die Menschen nicht finden,
deren Wesen mit meinem rein und schn zusammenklang?

Ein Jahr war mir in der fremden Stadt vergangen. Auer mit Muoth,
Teiser und unserm Kapellmeister Rler hatte ich zu Anfang sehr
wenig Umgang gehabt, in letzter Zeit aber war ich in eine grere
Geselligkeit hineingeraten, die mir nicht lieb und nicht leid war.
Durch die Auffhrung meiner Stcke fr Kammermusik war ich mit den
Musikern der Stadt auch auerhalb des Theaters bekanntgeworden, ich
trug jetzt die leichte, angenehme Brde eines sachte ansetzenden Ruhmes
im kleinen Kreise, ich merkte, da man mich kannte und beobachtete.
Von allem Ruhm ist das der seste, der noch nicht auf groe Erfolge
blickt, noch keinen Neid erregen kann, noch nicht absondert. Man
geht umher mit dem Gefhl, da und dort betrachtet, genannt, gelobt
zu werden, man begegnet freundlichen Gesichtern, sieht Anerkannte
wohlwollend nicken und Jngere mit Achtung gren, und immer trgt man
das heimliche Gefhl, da das Beste noch komme, wie es ja aller Jugend
geht, bis sie sieht, das Beste liegt schon dahinten. Beeintrchtigt
wurde mein Wohlgefhl am meisten dadurch, da ich immer etwas Mitleid
in der Anerkennung fhlte. Oft kam es mir sogar vor, man schone mich
und sei so freundlich, weil ich eben ein armer Kerl und Krppel sei,
dem man gern etwas Trstliches gnne.

Nach einem Konzert, in dem ein Geigenduo von mir gespielt worden war,
machte ich die Bekanntschaft des reichen Fabrikanten Imthor, der fr
einen eifrigen Musikfreund und Gnner junger Talente galt. Es war ein
ziemlich kleiner, ruhiger Mann mit grau werdenden Haaren, dem man weder
seinen Reichtum noch sein inniges Verhltnis zur Kunst ansah. Aus dem,
was er mir sagte, konnte ich aber wohl merken, wie viel er von Musik
verstand; er lobte nicht in den Tag hinein, sondern gab einen ruhigen,
sachverstndigen Beifall, der mehr wert war. Er erzhlte mir, was ich
von andrer Seite lngst wute, da in seinem Hause manchen Abend Musik
gemacht werde, alte und neue. Er lud mich ein, und sagte zum Schlu:
Ihre Lieder liegen auch bei uns, wir haben sie gern. Auch meine
Tochter wird sich freuen.

Noch ehe ich dazu kam, ihm einen Besuch zu machen, erhielt ich eine
Einladung. Herr Imthor bat um die Erlaubnis, mein Trio in Es-Dur in
seinem Hause auffhren zu lassen. Ein Geiger und Cellist, tchtige
Dilettanten, stnden zur Verfgung, und die erste Geige sei mir
vorbehalten, falls ich Lust htte, mitzuspielen. Ich wute, da Imthor
die Berufsmusiker, die bei ihm spielten, stets sehr gut honoriere.
Das htte ich ungern angenommen, und doch wute ich nicht, wie die
Einladung gemeint sei. Schlielich nahm ich doch an, die beiden
Mitspieler fanden sich bei mir ein und holten ihre Stimmen, wir hatten
einige Proben. Inzwischen machte ich meinen Besuch bei Imthor, traf
aber niemand an. So kam der bestimmte Abend.

Imthor war Witwer, er wohnte in einem der alten, einfach stattlichen
Brgerhuser, einem der wenigen, die noch mitten in der grogewordenen
Stadt ihre alten Grten unverkrzt um sich hatten. Vom Garten sah ich
wenig, als ich abends kam, nur eine kurze Allee von hohen Platanen,
deren Stmme im Laternenlicht die hellen Flecken zeigten, und
dazwischen ein paar alte, dunkelgewordene Steinbilder. Hinter den
groen Bumen lag bescheiden das alte, breit und nieder gebaute Haus,
in dem von der Eingangstr weg durch die Korridore, Treppen und alle
Rume hindurch die Wnde dicht voll alter Bilder hingen, Mengen von
Familienbildnissen und schwarzgewordenen Landschaften, altmodische
Veduten und Tierstcke. Ich kam gleichzeitig mit andern Gsten an, wir
wurden von einer Hausdame empfangen und eingefhrt.

Die Gesellschaft war nicht gar gro, doch drngte sie sich in den
migen Rumen etwas eng, bis die Tren zum Musikraum geffnet wurden.
Hier war es weit und alles sah neu aus, der Flgel, die Notenschrnke,
die Lampen, die Sthle, nur die Bilder an den Wnden waren auch hier
alle alt.

Meine Mitspieler waren schon da, wir stellten unsre Pulte auf, schauten
nach den Lichtern und begannen zu stimmen. Da ging zuhinterst im
Saal eine Tre und es kam durch den erst halb erleuchteten Raum eine
hellgekleidete Dame geschritten. Die beiden Herren begrten sie mit
Auszeichnung, ich sah, da es die Tochter Imthors sei. Sie sah mich
einen Augenblick fragend an, dann bot sie mir, ehe ich noch vorgestellt
war, die Hand und sagte: Ich kenne Sie schon, Sie sind Herr Kuhn?
Willkommen!

Das schne Mdchen hatte mir gleich bei ihrem Eintritt Eindruck
gemacht, nun klang ihre Stimme so hell und gut, da ich die dargebotene
Hand herzhaft drckte und dem Frulein vergngt in die Augen sah, die
mich lieb und freundschaftlich begrten.

Ich freu' mich auf das Trio, sagte sie lchelnd, als habe sie mich so
erwartet, wie ich nun war, und sei befriedigt.

Ich auch, sagte ich, ohne zu wissen, was ich sage, und sah sie
wieder an, und sie nickte. Dann ging sie weiter und aus dem Saal, und
ich sah ihr nach. Bald darauf kam sie wieder, an der Hand ihres Vaters,
und hinter ihnen die Gesellschaft. Wir drei saen schon an den Pulten
und waren bereit. Die Leute nahmen Platz, einige Bekannte nickten mir
zu, der Hausherr gab mir die Hand, und als alle saen, erloschen die
elektrischen Lichter und brannten nur die hohen Kerzen ber unsern
Noten weiter.

Ich hatte meine Musik beinahe vergessen. Ich suchte hinten im Saal das
Frulein Gertrud, das an ein Bchergestell gelehnt in der Dmmerung
sa. Ihr dunkelblondes Haar sah beinahe schwarz aus, ihre Augen sah ich
nicht. Nun zhlte ich leise den Takt, und nickte, und wir stimmten mit
breitem Strich das Andante an.

Jetzt whrend des Spielens ward mir wohl und innig, ich wiegte mich im
Takte mit und schwebte frei im Zusammenklang der Tonstrme, die mir
alle vllig neu und wie in diesem Augenblick erfunden vorkamen. Meine
Gedanken an die Musik und meine Gedanken an Gertrud Imthor flossen
rein und ohne Strung zusammen, ich zog meinen Geigenbogen und gab mit
den Augen meine Anweisungen, schn und stetig flo die Musik dahin
und nahm mich mit, einen goldenen Weg zu Gertrud hin, die ich nicht
mehr sehen konnte, und jetzt auch gar nicht mehr zu sehen begehrte.
Ich gab ihr meine Musik und meinen Atem, meine Gedanken und meinen
Herzschlag hin, wie sich ein Morgenwanderer dem lichten Blau und
klaren Wiesenglanz der Frhe hingibt, ungefragt und ohne sich selbst
zu verlieren. Zugleich mit dem Wohlgefhl und wachsenden Schwall der
Tne trug und erhob mich ein verwundertes Glck darber, da ich nun
so pltzlich wisse, was Liebe sei. Es war kein neues Gefhl, nur eine
Klrung und Entschleierung uralter Ahnungen, Rckkehr in ein altes
Vaterland.

Der erste Satz war zu Ende; ich gnnte nur eine Minute Pause. Leise
klang das Stimmen der Saiten in mildem Durcheinander, ber gespannte
und zunickende Gesichter hinweg konnte ich einen Augenblick den
dunkelblonden Kopf sehen, die zarte, helle Stirn und den hellroten
strengen Mund, dann klopfte ich sacht auf mein Pult und wir strichen
den zweiten Satz, der sich wohl hren lassen darf. Die Spieler wurden
warm, die ansteigende Sehnsucht des Liedes hob unruhige Schwingen,
kreiste in unbefriedigten Flgen empor, suchte und verlor sich in
klagender Bangigkeit. Tief und warm bernahm das Cello die Melodie,
hob sie stark und dringlich heraus, trug sie verklingend in die neue,
dunklere Tonart hinber und lste sie verzweifelnd im halb zornigen
Basse auf.

Dieser zweite Satz war meine Beichte, ein Bekenntnis meiner Sehnsucht
und meines Unbefriedigtseins. Der dritte sollte die Erlsung und
Erfllung sein. Ich wute aber seit diesem Abend, da er nichts
war, und ich spielte ihn sorglos hin als eine Sache, die hinter mir
lag. Denn ich meinte jetzt genau zu wissen, wie die Befreiung htte
klingen sollen, wie aus dem strmenden Stimmenbrausen der Glanz und
Friede brechen msse, Licht aus schwerem Gewlk. Das alles war in
meinem dritten Satze nicht, er war nur ein linderndes Auflsen der
angewachsenen Dissonanzen und ein Versuch, die alte Grundmelodie ein
wenig zu lutern und zu steigern. Von dem, was in mir selber jetzt
glnzte und sang, war kein Ton und kein Strahl darin, und ich wunderte
mich, da niemand es merkte.

Mein Trio war aus. Ich nickte den Spielern zu und legte meine Violine
weg. Die Lichter flammten wieder auf, die Gesellschaft kam in
Bewegung, manche kamen mit den gewohnten Artigkeiten, Lobsprchen und
Kritiken zu mir, um sich als Kenner auszuweisen. Den Hauptmangel der
Arbeit warf keiner mir vor.

Man verteilte sich in mehrere Zimmer, es gab Thee, Wein und Gebck,
im Herrenzimmer wurde geraucht. Eine Stunde verging und noch eine. Da
geschah es endlich, von mir kaum mehr erwartet, da Gertrud bei mir
stand und mir die Hand gab.

Hat es Ihnen gefallen? fragte ich.

Ja, es war schn, sagte sie nickend. Ich sah aber, da sie mehr
wute. Darum sagte ich: Sie meinen den zweiten Satz. Das andere ist ja
nichts.

Da schaute sie mir wieder neugierig in die Augen, mit einer gtigen
Klugheit wie eine reife Frau und sagte ganz fein: Sie wissen es also
selber. Der erste Satz, nicht wahr, ist gute Musik. Der zweite wird
gro und weit und verlangt vom dritten zu viel. Man hat es Ihnen auch
beim Spielen angesehen, wo Sie wirklich drin waren und wo nicht.

Mir war es lieb, zu hren, da ihre klaren guten Augen mich betrachtet
hatten, ohne da ich es wute. Und ich dachte schon an diesem ersten
Abend unserer Bekanntschaft, es mte gut und selig sein, ein
ganzes Leben unter dem Blick dieser schnen und aufrichtigen Augen
hinzubringen, und es mte dann unmglich sein, jemals Schlechtes zu
tun oder zu denken. Und von jenem Abend an wute ich, da irgendwo
meinem Verlangen nach Einheit und zartester Harmonie Stillung zu finden
wre, und da jemand auf der Erde lebe, auf dessen Blick und Stimme
jeder Puls und jeder Atemzug in mir rein und innig Antwort gab.

Auch sie sprte unverweilt in mir den freundschaftlich reinen
Widerklang ihres Wesens und hatte von der ersten Stunde an das ruhige
Vertrauen, sich mir erffnen und unverstellt zeigen zu knnen und
weder Miverstndnis noch Vertrauensbruch frchten zu mssen. Sie
war mir sogleich nah befreundet, wie es in solcher Schnelle und
Selbstverstndlichkeit nur jungen und wenig verdorbenen Menschen
mglich ist. Bis dahin war ich zwar schon je und je verliebt gewesen,
doch stets -- und namentlich seit meiner Entstellung -- mit einem
scheuen, begehrlichen und unsicheren Gefhl. Nun war statt der
Verliebtheit die Liebe gekommen und mir schien, es sei ein feiner
grauer Schleier von meinen Augen gefallen und die Welt liege fr mich
im ursprnglich gttlichen Lichte da, wie sie vor Kindern, und wie sie
vor den Augen unsrer Paradiestrume liegt.

Gertrud war damals kaum ber zwanzig Jahre alt, schlank und gesund wie
ein junger feiner Baum, und war aus dem Kram und Schwindel des blichen
Jungmdchentums unberhrt hervorgegangen, ihrem eigenen noblen Wesen
folgend wie eine sicher schreitende Melodie. Mir war im Herzen wohl,
da ich ein solches Geschpf in der unvollkommenen Welt lebendig wute,
und ich konnte nicht daran denken, sie etwa einzufangen und fr mich
allein wegzunehmen. Ich war froh, an ihrer schnen Jugend ein wenig
teilhaben zu drfen und mich von Anfang an unter ihren guten Freunden
zu wissen.

In der Nacht nach diesem Abend schlief ich lange nicht ein. Es plagte
mich aber kein Fieber und keine Unruhe, sondern ich wachte und suchte
den Schlaf nicht, weil ich meinen Frhling gekommen und mein Herz
nach langen, sehnlichen Irrfahrten und Winterzeiten auf dem rechten
Wege wute. In meine Stube flo blasser Nachtschimmer; alle Ziele des
Lebens und der Kunst lagen klar und nahe, wie fhnhelle Hhen, ich
sprte den oft so ganz verlorenen Klang und geheimen Takt meines
Lebens lckenlos, bis in die sagenhaften Kinderjahre zurck. Und wenn
ich diese traumhafte Klarheit und gedrngte Flle des Gefhls halten
und verdichten und mit Namen nennen wollte, so nannte ich den Namen
Gertrud. Mit ihm schlief ich ein, schon gegen den Morgen, und stand
beim Tagen frisch und erquickt wieder auf, wie nach einem langen,
langen Schlaf.

Da fielen die mimutigen Gedanken der letzten Zeit, und auch die
hochmtigen, mir ein und ich sah, woran es mir gefehlt hatte. Heute
qulte und verstimmte und rgerte mich nichts mehr, ich hatte wieder
die groe Harmonie im Ohr und trumte wieder meinen Jugendtraum vom
Zusammenklang der Sphren. Ich tat wieder meine Schritte und Gedanken
und Atemzge nach einer geheimen Melodie, das Leben hatte wieder einen
Sinn und die Ferne war morgengolden. Niemand bemerkte die Vernderung,
es stand mir keiner nah genug. Nur Teiser, das Kind, stie mich bei
der Probe im Theater lustig an und sagte: Sie haben gut geschlafen
heut nacht, gelt? Ich besann mich, womit ich ihn erfreuen knnte, und
fragte in der nchsten Pause: Teiser, wo gehen Sie diesen Sommer hin?
Da lachte er verschmt und wurde rot wie eine Braut, die man nach dem
Hochzeitstage fragt, und meinte: Lieber Gott, bis dahin ist's noch
lang! Aber schauen Sie, da drin hab ich schon die Karten. Er schlug
auf seine Brusttasche. Diesmal gehts vom Bodensee aus: Rheintal,
Frstentum Liechtenstein, Chur, Albula, Oberengadin, Maloja, Bergell,
Comersee. Den Rckweg wei ich noch nicht.

Er hob die Geige wieder und blitzte mich noch schnell mit List und
Wonne aus seinen graublauen Kinderaugen an, die nie etwas vom Schmutz
und vom Leid der Welt gesehen zu haben schienen. Und ich fhlte
mich ihm verbrdert, und wie er sich auf seine groe, wochenlange
Fuwanderung freute, auf die Freiheit und den sorglosen Umgang mit
Sonne, Luft und Erde, so freute ich mich von neuem auf alle Wege meines
Lebens, die wie in einer jungen nagelneuen Sonne vor mir lagen und die
ich aufrecht mit hellen Augen und reinem Herzen zu gehen gesonnen war.

Heute, wenn ich dahin zurckdenke, liegt es alles schon ferngeworden
und weit auf der Morgenseite, aber etwas vom damaligen Licht ist noch
jetzt auf meinen Wegen, wennschon es nimmer so jung und lachend glnzt,
und heut wie damals ist es mein Trost und tut es mir in bedrckten
Stunden wohl und nimmt den Staub von meiner Seele, wenn ich mir den
Namen Gertrud vorsage und an sie denke, wie sie damals mir im Musiksaal
ihres Alten entgegenkam, leicht wie ein Vogel und zutraulich wie ein
Freund.

Nun ging ich auch wieder zu Muoth, den ich seit jener peinlichen
Beichte der schnen Lotte mglichst vermieden hatte. Er hatte es
bemerkt und war, wie ich wute, zu stolz und auch zu gleichgltig,
sich um mich zu bemhen. So waren wir seit Monaten nicht mehr allein
beisammen gewesen. Jetzt, da ich voll neuen Vertrauens zum Leben und
voll guter Absichten war, schien es mir vor allem notwendig, mich dem
vernachlssigten Freund wieder zu nhern. Den Anla dazu gab mir ein
neues Lied, das ich gesetzt hatte; ich beschlo, es ihm zu widmen. Es
war dem Lawinenlied hnlich, das er gern hatte, und der Text hie:

  Ich habe meine Kerzen ausgelscht;
  Zum offenen Fenster strmt die Nacht herein,
  Umarmt mich sanft und lt mich ihren Freund
  Und ihren Bruder sein.

  Wir beide sind am selben Heimweh krank;
  Wir senden ahnungsvolle Trume aus
  Und reden flsternd von der alten Zeit
  In unsres Vaters Haus.

Ich machte eine saubere Abschrift und schrieb darber: Meinem Freunde
Heinrich Muoth gewidmet.

Damit ging ich zu ihm, zu einer Zeit, wo ich ihn sicher zu Hause wute.
Richtig klang mir sein Singen entgegen, er schritt in den stattlichen
Zimmern seiner Wohnung auf und ab und bte. Er empfing mich gelassen.

Schau, der Herr Kuhn! Ich dachte schon, Sie kmen gar nimmer.

Doch, sagte ich, da bin ich. Wie gehts?

Immer gleich. Nett, da Sie sich wieder einmal zu mir wagen.

Ja, ich war in der letzten Zeit untreu....

Sogar sehr deutlich. Ich wei auch warum.

Das glaube ich kaum.

Ich wei es. Die Lotte ist einmal bei Ihnen gewesen, nicht?

Ja, ich wollte nicht davon reden.

Ist auch nicht ntig. Also da sind Sie wieder.

Und habe etwas mitgebracht.

Ich gab ihm die Noten.

O, ein neues Lied! Das ist recht, ich hatte schon Angst fr Sie, Sie
mchten in der langweiligen Streichmusik stecken bleiben. Und da steht
ja eine Widmung! Fr mich? Ist es Ihr Ernst?

Ich wunderte mich, da es ihn so zu freuen schien, ich hatte eher einen
Scherz ber die Dedikation erwartet.

Gewi freut mich das, sagte er aufrichtig. Es freut mich immer, wenn
anstndige Menschen mich gelten lassen, und bei Ihnen besonders. Ich
hatte Sie im Stillen schon auf die Totenliste gesetzt.

Fhren Sie solche Listen?

O ja, wenn man so viele Freunde hat, oder gehabt hat, wie ich... Es
gbe einen schnen Katalog. Die moralischen habe ich immer am hchsten
geschtzt, und g'rade die kneifen mir alle aus. Unter Lumpen findet
man jeden Tag Freunde, aber unter Idealisten und Normalbrgern hlt es
schwer, wenn man anrchig ist. Sie sind zurzeit beinah der einzige. Und
wie es geht -- was man am schwersten haben kann, hat man am liebsten.
Geht es Ihnen nicht auch so? Mir ist immer nur an Freunden gelegen,
statt dessen laufen mir blo Weiber zu.

Daran sind Sie zum Teil selber schuld, Herr Muoth.

Warum denn?

Sie behandeln alle Leute gern so wie Sie die Weiber behandeln. Bei
Freunden geht das nicht, darum laufen sie Ihnen draus. Sie sind ein
Egoist.

Gott sei Dank, bin ich das. brigens Sie nicht minder. Als die
furchtbare Lotte Ihnen ihr Leid klagte, da haben Sie ihr keineswegs
geholfen. Sie haben auch nicht den Anla bentzt, mich zu bekehren,
wofr ich dankbar bin. Sie haben vor der Affre ein Grausen gesprt und
sind weggeblieben.

Nun, da bin ich wieder. Sie haben recht, ich htte mich der Lotte
annehmen sollen. Aber ich verstehe mich auf diese Sachen nicht. Sie hat
mich selber ausgelacht und mir gesagt, von der Liebe verstnde ich gar
nichts.

Nun, dann halten Sie sich brav an die Freundschaft! Es ist auch ein
schnes Feld. Und jetzt sitzen Sie her und spielen Sie die Begleitung,
wir wollen das Lied einmal studieren. Ach, wissen Sie noch, Ihr erstes
damals? Sie sind ja allmhlich ein berhmter Herr, scheint mir.

Es geht an, neben Ihnen jedenfalls komme ich nie auf.

Dummes Zeug. Sie sind ein Komponist, ein Schpfer, ein kleiner
Herrgott. Was geht Sie der Ruhm an? Unsereiner mu pressieren, wenn
er zu etwas kommen will. Wir Snger und Seiltnzer haben es wie die
Weiber, wir mssen das Fell zu Markt bringen solang es schn glatt
ist. Ruhm, soviel es geben will, und Geld und Weiber und Champagner!
Photographien in den Zeitschriften, Lorbeerkrnze! Denn siehe,
wenn ich heute den Ekel kriege, oder es braucht blo eine kleine
Lungenentzndung zu sein, so bin ich morgen erledigt, und mit dem Ruhm
und Lorbeer und dem ganzen Betrieb hat es gepfiffen.

Nun, Sie knnen es abwarten.

Ach, wissen Sie, im Grund bin ich verdammt neugierig auf das
Altwerden. Es ist ein Schwindel mit der Jugend, ein richtiger Zeitungs-
und Lesebuchschwindel! Die schnste Zeit des Lebens! Hat sich was, alte
Leute machen mir immer einen viel zufriedenern Eindruck. Die Jugend ist
die schwerste Zeit im Leben. Zum Beispiel Selbstmorde kommen in hheren
Jahren fast gar nie vor.

Ich begann zu spielen und er wandte sich zu dem Lied, fate rasch die
Melodie und gab mir an einer Stelle, wo sie bedeutungsvoll von Moll in
Dur zurcklenkte, einen anerkennenden Sto mit dem Ellbogen.

Abends fand ich zu Hause, wie ich gefrchtet hatte, ein Kuvert
von Herrn Imthor, das ein paar freundliche Worte und ein mehr als
anstndiges Honorar enthielt. Ich sandte das Geld zurck und schrieb
dazu, ich sei wohlhabend genug, auch zge ich es vor, in seinem Hause
als Freund verkehren zu drfen. Als ich ihn wieder sah, lud er mich
ein, bald wieder zu kommen und sagte: Ich dachte mir schon, da es
so gehen werde. Gertrud meinte, ich drfe Ihnen nichts schicken, aber
versuchen wollte ich's doch.

Von da an war ich im Hause Imthor ein sehr hufiger Gast. Ich bernahm
bei vielen Hauskonzerten die erste Geige, ich brachte alle neue Musik,
eigene und fremde, dorthin, und die meisten meiner kleineren Arbeiten
wurden nun zuerst dort aufgefhrt.

An einem Nachmittag im Frhling fand ich Gertrud allein mit einer
Freundin zu Hause. Es regnete und ich war auf der Vortreppe
ausgeglitten, nun wollte sie mich nicht wieder fortlassen. Wir sprachen
von Musik und es geschah fast ungewollt, da ich zu erzhlen anfing und
namentlich von der Graubndener Zeit sprach, in der ich meine ersten
Lieder komponiert hatte. Dann ward ich verlegen und wute nicht, ob es
richtig gewesen sei, vor diesem Mdchen zu beichten. Da sagte Gertrud
beinah zaghaft: Ich mu Ihnen etwas bekennen, was Sie mir nicht bel
nehmen drfen. Ich habe zwei von Ihren Liedern fr mich umgeschrieben
und gelernt.

Ja, singen Sie denn? rief ich berrascht. Zugleich fiel mir
komischerweise das Erlebnis mit meiner allerersten Jugendliebe ein, wie
ich sie so schlecht hatte singen hren.

Gertrud lchelte vergngt und nickte: O ja, ich singe, wenn auch nur
fr mich und ein paar Freunde. Ich will Ihnen die Lieder singen, wenn
Sie begleiten wollen.

Wir gingen zum Flgel und sie gab mir die Noten, zierlich von ihrer
feinen Frauenhand umgeschrieben. Leise begann ich mit der Begleitung,
um sie recht gut zu hren. Und sie sang das Lied, und dann das
zweite, und ich sa und horchte und hrte meine Musik verwandelt
und verzaubert. Sie sang mit einer hohen, vogelleichten, kstlich
schwebenden Stimme, und es war das Schnste, was ich in meinem Leben
gehrt habe. In mich aber drang die Stimme, wie der Sdsturm in ein
beschneites Tal, und jeder Ton zog eine Hlle von meinem Herzen, und
whrend ich selig war und zu schweben meinte, mute ich kmpfen und
mich hart machen, denn die Trnen standen mir in den Augen und wollten
mir die Noten verlschen.

Wohl hatte ich gemeint zu wissen, was Liebe sei, und war mir damit
weise vorgekommen, hatte getrstet aus neuen Augen in die Welt
geschaut und einen nheren und tieferen Anteil an allem Leben
gefhlt. Nun war es anders, nun war es nicht mehr Klarheit, Trost und
Heiterkeit, sondern Sturm und Flamme, nun warf mein Herz sich jauchzend
und zitternd weg, wollte nichts mehr vom Leben wissen und nur in seiner
Flamme verbrennen. Wenn jetzt mich einer gefragt htte, was denn die
Liebe sei, da htte ich es wohl zu wissen geglaubt und htte es sagen
knnen, und es htte dunkel und lodernd geklungen.

Indessen schwang sich hoch darber Gertruds leichte, selige Stimme,
schien mir heiter zuzurufen und nur meine Freude zu wollen, und flog
doch in fernen Hhen mir davon, unerreichbar und fast fremd. Ach, ich
wute nun, wie es stand. Sie mochte singen, sie mochte freundlich
sein, sie mochte es gut mit mir meinen, das alles war nicht, was ich
begehrte. Wenn sie nicht ganz und fr immer mir zu eigen wurde, mir
allein, dann war mein Leben vergebens und alles Gute und Zarte und
Eigenste in mir hatte keinen Sinn.

Nun fhlte ich eine Hand auf meiner Schulter, erschrak und wandte
mich um, und sah in ihr Gesicht. Die hellen Augen waren ernst und nur
langsam, da ich sie anstarrte, fing sie an zart zu lcheln und zu
errten.

Ich konnte nur Danke sagen. Sie wute nicht, was mit mir war, sie
fhlte nur und verstand, da ich ergriffen war, und fand schonend einen
Weg zur vorigen Heiterkeit und Freiheit des Plauderns zurck. Dann ging
ich bald.

Ich ging nicht nach Hause, und ich wute nicht, ob es noch regnete. Ich
ging an meinem Stock durch die Straen, doch war es kein Gehen und die
Straen waren keine Straen, ich fuhr auf Sturmwolken durch flatternde,
brausende Himmel, ich redete mit dem Sturm und war selbst der Sturm,
und ich hrte aus unendlicher Ferne herber etwas Betrendes klingen,
das war eine helle, hohe, vogelleicht schwebende Frauenstimme, und sie
schien ganz rein von menschlichen Gedanken und Strmen, und schien doch
im Kern alle wilde Sigkeit der Leidenschaft zu haben.

Den Abend sa ich ohne Licht in meinem Zimmer. Als ich es nicht mehr
aushielt, es war schon spt, ging ich zu Muoth hinaus, fand aber seine
Fenster dunkel und kehrte wieder um. Lange lief ich in der Nacht umher
und fand mich endlich mde, aus Trumen erwachend, vor dem Imthor'schen
Garten. Da rauschten die alten Bume feierlich um das verborgene Haus,
von dem kein Ton und Strahl herber drang, und zwischen den Wolken
kamen und verschwanden hier und dort schwachglnzende Sterne.

Ich wartete einige Tage, ehe ich wieder zu Gertrud zu gehen wagte. In
dieser Zeit kam ein Schreiben von jenem Dichter, dessen Lieder ich
komponiert hatte. Seit zwei Jahren waren wir in einer losen Verbindung,
es kamen je und je merkwrdige Briefe von ihm, ich schickte ihm meine
Arbeiten und er mir seine Gedichte. Nun schrieb er:

Werter Herr! Sie haben lnger nichts von mir gehrt. Ich war fleiig.
Seit ich Ihre Musik habe und verstehe, hat mir immer ein Text fr Sie
vorgeschwebt, wollte aber nicht heraus. Jetzt ist er da, so gut wie
fertig, und es ist ein Operntext, und Sie mssen ihn komponieren. --
Sie knnen kein sehr glcklicher Mensch sein, das steht in Ihrer Musik.
Von mir will ich nicht reden; aber da ist ein Text fr Sie. Da uns doch
sonst nichts Erfreuliches blht, wollen wir den Leuten ein paar hbsche
Sachen vorspielen, bei denen den Dickhutern fr Augenblicke klar wird,
da das Leben nicht blo eine Oberflche hat. Denn da wir doch mit
uns selber nichts Rechtes anzufangen wissen, plagt es uns, die unntze
Kraft andere spren zu lassen.

                                                           Ihr Hans H.

Das fiel wie ein Funke in mein Pulver. Ich schrieb um den Text und war
so ungeduldig, da ich den Brief wieder zerri und telegraphierte. Nach
einer Woche kam das Manuskript, ein kleines glhendes Liebesspiel in
Versen, noch mit Lcken, aber fr mich einstweilen genug. Ich las und
ging mit den Versen im Kopf umher, und sang sie und geigte sie bei Tag
und Nacht, und bald lief ich zu Gertrud.

Sie mssen mir helfen, rief ich. Ich mache eine Oper. Da sind drei
Stcke, fr Ihre Stimme gesetzt. Wollen Sie sie ansehen? Und mir dann
einmal singen?

Sie freute sich, lie sich erzhlen, bltterte in den Noten und
versprach, sie bald zu lernen. Es kam eine glhende, bervolle Zeit;
trunken von Liebe und Musik ging ich einher, zu nichts andrem tauglich,
und Gertrud war die einzige, die mein Geheimnis wute. Ich brachte ihr
Noten, die sie lernte und mir sang, ich fragte sie, spielte ihr alles
vor, und sie glhte mit mir, studierte und sang, riet und half, und
hatte an dem Geheimnis und an dem entstehenden Werk, das uns beiden
gehrte, ihre blhende Lust. Keine Andeutung, kein Vorschlag, den sie
nicht sofort verstand und aufnahm, schlielich begann sie selber, mit
ihrer feinen Schrift, mir beim Abschreiben und Umschreiben zu helfen.
Im Theater hatte ich Krankenurlaub genommen.

Es kam zwischen Gertrud und mir keine Verlegenheit auf, wir trieben
im selben Strom, arbeiteten am selben Werk, es war fr sie wie fr
mich ein Aufblhen reifgewordener Jugendkrfte, ein Glck und Zauber,
in dem meine Leidenschaft ungesehen mitbrannte. Sie unterschied nicht
zwischen meinem Werk und mir, sie liebte uns und war unser, und auch
fr mich war Liebe und Arbeit, Musik und Leben nicht mehr zu trennen.
Manchmal sah ich das schne Mdchen erstaunt und bewundernd an, und sie
erwiderte meinen Blick, und wenn ich kam oder ging, drckte sie mir die
Hand wrmer und strker als ich ihre zu drcken wagte. Und wenn ich in
diesen lauen Frhlingstagen durch den Garten her kam und das alte Haus
betrat, wute ich nicht, war es mein Werk oder meine Liebe, was mich
trieb und erhob.

Solche Zeiten dauern nicht lange. Es ging schon gegen das Ende und
meine Flamme flackerte wieder ungeteilt in blinden Liebeswnschen,
da sa ich an ihrem Flgel und sie sang den letzten Akt meiner Oper,
deren Sopranrolle fertig war. Sie sang so wunderbar, und ich dachte
dieser glhenden Tage, deren Glanz ich schon erblassen fhlte, whrend
Gertrud noch auf ihrer Hhe schwebte, und ich fhlte unabwendbar andere
und khlere Tage kommen. Da lchelte sie mir zu und neigte sich zu mir
herab, der Noten wegen, und bemerkte die Trauer in meinem Blick, und
sah mich fragend an. Ich schwieg und stand auf und nahm ihr Gesicht
vorsichtig in beide Hnde, kte ihre Stirn und ihren Mund und setzte
mich wieder. Sie lie alles still und fast feierlich geschehen, ohne
Befremdung und Unwillen, und da sie Trnen in meinen Augen sah, strich
sie mir mit ihrer leichten, lichten Hand beruhigend ber Haar und Stirn
und Schulter.

Dann spielte ich weiter, und sie sang, und der Ku und diese
merkwrdige Stunde blieb unbesprochen, doch unvergessen zwischen uns,
als unser letztes Geheimnis.

Denn das andre konnte nicht lange mehr zwischen uns bleiben; die Oper
brauchte nun andre Mitwisser und Helfer. Der erste mute Muoth sein,
denn an ihn hatte ich bei der Hauptrolle gedacht, deren Ungestm und
bittere Leidenschaft ganz seinem Gesang und ganz seinem Wesen verwandt
waren. Nur zgerte ich noch eine kleine Zeit. Noch war mein Werk ein
Bndnis zwischen mir und Gertrud, gehrte ihr und mir, schuf uns Sorge
und Lust, war ein Garten, von dem niemand wute, oder ein Schiff, auf
dem wir beide allein das groe Meer befuhren.

Sie fragte selbst danach, als sie fhlte und merkte, da sie mir nimmer
weiter helfen konnte.

Wer singt die groe Rolle? fragte sie.

Heinrich Muoth.

Sie schien erstaunt. O, sagte sie, ist das Ernst? Ich hab ihn nicht
gern.

Er ist mein Freund, Frulein Gertrud. Und die Rolle pat fr ihn.

Ja.

Nun war schon ein Fremder dazwischen.




Indessen hatte ich nicht an Muoths Ferien und Reiselust gedacht. Er
freute sich ber meinen Opernplan und versprach alle Hilfe, war aber
schon in Reiseplnen und konnte mir nur versprechen, bis zum Herbst
seine Rolle durchzunehmen. Ich schrieb sie ihm ab, soweit sie schon
fertig war. Er nahm sie mit und lie nach seiner Gewohnheit in all den
Monaten nichts von sich hren.

So war eine Frist fr uns gewonnen. Zwischen Gertrud und mir bestand
nun eine gute Kameradschaft. Ich glaube, sie wute seit jener Stunde
am Klavier genau, was in mir vorging, doch sagte sie nie ein Wort und
war um nichts anders gegen mich. Sie liebte nicht nur meine Musik, sie
hatte mich selber gern und fhlte wie ich, da zwischen uns beiden
ein natrlicher Einklang war, da jeder von uns des andern Wesen
gefhlsmig verstand und billigte. So ging sie neben mir in Eintracht
und Freundschaft, doch ohne Leidenschaft. Zuzeiten gengte mir das und
ich lebte stille, dankbare Tage in ihrer Nhe. Doch immer kam bald die
Leidenschaft dazwischen, dann war mir jede ihrer Freundlichkeiten nur
ein Almosen und ich empfand mit Qualen, da die Strme des Liebhabens
und Begehrens, die mich erschtterten, ihr fremd und unlieb waren. Oft
tuschte ich mich gewaltsam und suchte mir vorzureden, sie sei eben
eine gleichmige und heiter stille Natur. Doch wute mein Gefhl,
da das falsch sei, und kannte Gertrud genug, um zu wissen, da auch
ihr die Liebe Sturm und Gefahren bringen msse. Oft habe ich darber
nachgedacht, und ich glaube, wenn ich sie damals bestrmt und bekriegt
und mit allen Krften an mich gezogen htte, sie wre mir gefolgt und
fr immer mit mir gegangen. So aber mitraute ich ihrer Heiterkeit,
und was sie mir von Zrtlichkeit und feiner Zuneigung zeigte, schob
ich auf das fatale Mitleid. Ich konnte den Gedanken nicht los werden,
da sie mit einem andern, gesunden und uerlich schnen Manne, wenn
sie ihn so gern hatte wie mich, nicht so lange in dieser ruhigen
Freundschaftlichkeit htte verharren knnen. Da waren wieder die
Stunden nicht selten, in denen ich meine Musik und alles, was in mir
lebte, fr ein gerades Bein und ein flottes Wesen hingegeben htte.

Um jene Zeit kam Teiser mir wieder nher. Er war mir unentbehrlich
fr die Arbeit, und so war er der nchste, der mein Geheimnis erfuhr
und Text und Plan meiner Oper kennen lernte. Bedchtig nahm er alles
an sich, um es zu Hause zu studieren. Dann aber kam er, und sein
blondbrtiges Kindergesicht war rot vor Vergngen und Musikleidenschaft.

Das wird was, Ihre Oper! rief er erregt. Die Ouvertre dazu spr ich
schon in den Fingern! Jetzt gehn wir und trinken einen guten Schoppen,
Sie Manderl, und wenns nicht unbescheiden wr', wrd' ich sagen, wir
trinken Brderschaft. Aber es soll nicht aufgentigt sein.

Das nahm ich gerne an und es wurde ein froher Abend daraus. Teiser
nahm mich zum erstenmal in seine Wohnung mit. Er hatte vor kurzem eine
Schwester zu sich genommen, die nach dem Tod der Mutter alleingeblieben
war, und wute nicht genug zu rhmen, wie wohlig ihm nach langen
Junggesellenjahren im neuen Haushalt sei. Die Schwester war ein
schlichtes, vergngtes, harmloses Mdchen mit denselben hellen,
kindlichen, freudig guten Augen, wie ihr Bruder sie hatte, und hie
Brigitte. Sie brachte uns Kuchen und hellgrnen sterreicher Wein, dazu
das Kstlein mit den langen Virginiazigarren. Da tranken wir das erste
Glas auf ihr Wohl und das zweite auf gute Brderschaft, und whrend wir
Kuchen aen, Wein tranken und rauchten, fuhr der gute Teiser in seiner
Herzensfreude hin und wieder durchs Zimmerlein, sa bald am Klavier,
bald mit der Guitarre im Arm auf dem Kanapee, bald mit der Geige auf
der Tischecke, spielte was ihm Schnes durch den Kopf ging, sang und
lie seine frohen Augen glnzen, und alles mir und meiner Oper zu
Ehren. Es zeigte sich, da die Schwester dasselbe Blut habe und nicht
minder auf Mozart schwre; Arien aus der Zauberflte und Stcke aus
dem Don Giovanni funkelten durch die kleine Wohnung, von Gesprch und
Glserklirren unterbrochen, von der Geige, dem Klavier, der Guitarre
oder auch nur vom Pfeifen des Bruders tadellos rein und richtig
begleitet.

Fr die kurze Sommerspielzeit war ich noch als Orchestergeiger
verpflichtet, hatte aber auf den Herbst um meine Entlassung gebeten, da
ich alsdann alle Zeit und Lust fr meine Arbeit zu brauchen dachte.
Der Kapellmeister, den mein Gehen rgerte, behandelte mich zu guter
Letzt mit ausgesuchter Grobheit, die mir aber Teiser brav parieren und
belachen half.

Mit diesem Treuen arbeitete ich die Instrumentierung meiner Opernmusik
aus, und so andchtig er meine Gedanken gelten lie, so unerbittlich
legte er den Finger auf alle Verste in der Orchesterbehandlung.
Oft geriet er in hellen Zorn und kanzelte mich ab, wie ein derber
Dirigent, bis ich eine zweifelhafte Stelle, in die ich verliebt und
verbissen war, ausstrich und nderte. Und immer war er mit Beispielen
zur Hand, wenn ich zweifelte und ungewi war. Wo ich etwas Milungenes
durchsetzen oder eine Khnheit nicht wagen wollte, kam er mit
Partituren angelaufen und wies mir nach, wie das der Mozart oder der
Lortzing gemacht habe, und da mein Zgern eine Feigheit oder mein
Beharren eine Kuhdummheit sei. Wir brllten einander an, kriegten und
tobten, und wenn es in Teisers Wohnung geschah, so hrte die Brigitte
andchtig zu, kam und ging mit Wein und Zigarren und strich manches
zerknllte Notenblatt mitleidig und sorgfltig wieder glatt. Der Liebe
zu ihrem Bruder kam ihre Bewunderung fr mich gleich, ich war fr sie
ein Maestro. An jedem Sonntag mute ich zum Essen zu Teisers kommen,
und nach Tische ging es, wenn nur ein blauer Fleck am Himmel war, mit
der Straenbahn hinaus. Da spazierten wir ber die Hgel und durch
Wlder, plauderten und sangen, und die Geschwister lieen ungebeten
immer wieder ihre heimischen Jodler steigen.

Dabei kamen wir einmal zum Imbi in ein Dorfwirtshaus, wo uns aus weit
offenen Fenstern eine lndliche Tanzmusik entgegenjubelte, und als wir
gegessen hatten und beim Apfelmost ausruhend im Garten saen, schlich
die Brigitte bald zum Hause hinber und hinein, und als wir es merkten
und nach ihr ausschauten, sahen wir sie am Fenster vorbei tanzen,
frisch und sprhend wie ein Sommermorgen. Als sie wiederkam, drohte ihr
Teiser mit dem Finger und meinte, sie htte ihn wohl auch auffordern
drfen. Da wurde sie rot und verlegen, winkte ihm abwehrend zu und sah
mich an.

Was ist denn? fragte ihr Bruder.

La doch, meinte sie nur, aber zufllig sah ich, wie sie ihn mit dem
Blick auf mich aufmerksam machte, und Teiser sagte, Ach so.

Ich sagte nichts, doch war es mir wunderlich, sie darber verlegen zu
sehen, da sie in meiner Gegenwart getanzt hatte. Es fiel mir erst
jetzt ein, da wohl auch ihre Spaziergnge rascher und weiter und
anders gegangen wren ohne meine hemmende Gesellschaft, und ich schlo
mich von da an ihren Sonntagsausflgen nur selten mehr an.

Gertrud hatte, als wir mit dem Durchsingen der Sopranrolle soweit
fertig waren, wohl bemerkt, da es mir schwer fiel, auf die hufigen
Besuche bei ihr und das vertrauliche Beisammensein am Klavier zu
verzichten, und da ich mich doch scheute, Vorwnde fr dessen
Fortsetzung zu erfinden. Da berraschte sie mich mit dem Vorschlag, sie
regelmig beim Singen zu begleiten, und ich kam nun zwei-, dreimal in
der Woche am Nachmittag in ihr Haus. Der Alte sah ihre Freundschaft
mit mir gerne; ohnehin lie er sie, die schon frh die Mutter verloren
hatte und dem Haus als Dame vorstand, in allem gewhren.

Der Garten stand in voller Frhsommerpracht, berall waren Blumen und
sangen Vgel um das stille Haus, und wenn ich von der Strae in den
Garten trat und an den dunklen, alten Steinbildern der Allee vorber
mich dem grnumwachsenen Hause nherte, war es mir jedesmal wie der
Eintritt in ein Heiligtum, wohin Stimmen und Dinge der Welt nur leise
und gemildert dringen konnten. Da sangen vor den Fenstern im blhenden
Gebsch die Bienen, Sonne und leichte Laubschatten fielen ins Zimmer,
und ich sa am Flgel und hrte Gertrud singen, horchte ihrer Stimme
nach, die sich leicht emporschwang und im mhelosen Schweben wiegte,
und wenn wir nach einem Lied einander ansahen und lchelten, so war es
einig und vertraulich, wie zwischen Geschwistern. Da meinte ich manches
Mal, jetzt brauche ich nur die Hand auszustrecken und mein Glck leise
zu fassen, um es fr immer zu haben, und tat es doch nie, denn ich
wollte warten, bis auch sie einmal Verlangen und Sehnsucht zeige.
Gertrud aber schien in reiner Zufriedenheit zu atmen und nichts anders
zu wnschen, ja mir kam es oft vor, als bte sie mich, dieses stille
Einvernehmen nicht zu erschttern und unsern Frhling nicht zu stren.

War ich darber enttuscht, so trstete es mich zu fhlen, wie innig
sie in meiner Musik lebte, wie sie mich verstand und darber stolz war.

Das dauerte bis zum Juni, dann reiste Gertrud mit ihrem Vater in die
Berge, ich blieb zurck, und wenn ich an ihrem Hause vorberging, lag
es leer hinter seinen Platanen, und die Pforte war geschlossen. Da fing
die Pein wieder an, wuchs und verfolgte mich tief in die Nchte hinein.

Da kam ich abends, fast immer mit Noten in der Tasche, zu den
Teisers, nahm an ihrem heiter gengsamen Leben teil, trank von ihrem
sterreichischen Wein und spielte Mozart mit ihnen. Dann ging ich durch
die milden Nchte heim, sah in den Anlagen die Liebespaare spazieren,
legte mich zu Hause md aufs Bett und fand doch keinen Schlaf. Es
war mir jetzt unbegreiflich, wie ich so brderlich mit Gertrud hatte
umgehen knnen, da ich nie den Bann gebrochen, sie an mich gezogen
und bestrmt und erobert hatte. Ich sah sie, in ihrem hellblauen oder
grauen Kleid, munter oder ernsthaft, ich hrte ihre Stimme und begriff
nimmer, da ich sie jemals hatte hren knnen, ohne in Glut und Werbung
auszubrechen. Berauscht und fiebernd stand ich auf, machte Licht und
warf mich auf die Arbeit, lie Menschenstimmen und Instrumente werben
und flehen und drohen, wiederholte das Lied der Sehnsucht in neuen,
fiebernden Melodien. Oft aber blieb mir diese Trstung aus, dann
lag ich glhend und wild in grimmiger Schlaflosigkeit, sagte wirr
und sinnlos ihren Namen Gertrud, Gertrud vor mich hin, warf Trost
und Hoffnung weg und gab mich verzweifelnd der grauenhaften Ohnmacht
des Begehrens hin. Ich rief Gott an und fragte ihn, warum er mich so
geschaffen, warum er mich verstmmelt und mir statt des Glckes, das
jeder rmste habe, nichts gegeben habe, als den grausamen Trost, in
Tnen zu whlen und das Unerreichbare in wesenlosen Tonphantasien immer
wieder vor mein Begehren hinzumalen.

Bei Tage gelang es mir besser, meiner Leidenschaft Herr zu werden. Da
bi ich auf die Zhne, sa vom frhesten Morgen an bei der Arbeit,
erzwang Ruhe durch lange Gnge, und Ermunterung durch kalte Sturzbder,
und abends floh ich vor den Schatten der heraufdrohenden Nacht in
die heitere Nhe der Geschwister Teiser, wo mir fr Stunden Ruhe und
manchmal beinahe Behagen kam. Teiser merkte wohl, da ich litt und
krank war, doch schrieb er es der Arbeit zu und riet mir Schonung,
obwohl er selber flammend dabei war und im Grunde meine Oper ebenso
erregt und ungeduldig wachsen sah, wie ich selbst. Manchmal holte
ich ihn auch ab, um ihn allein zu haben, und brachte den Abend mit
ihm in einem khlen Wirtsgarten zu, wo jedoch die Liebespaare und das
Nachtblau, die Lampions und Feuerwerke und der Duft von Begehrlichkeit,
den die Sommerabende der Stdter immer haben, mir nicht wohl tat.

Vllig schlimm wurde es, als auch Teiser abreiste, um mit Brigitte die
Ferien im Gebirge zu verwandern. Er lud mich zum Mitkommen ein, und
es war ihm Ernst, so sehr ich mit meiner Unbeweglichkeit ihm die Lust
zerstrt htte; aber ich konnte nicht annehmen. Zwei Wochen blieb ich
allein in der Stadt, schlaflos und aufgerieben, und die Arbeit gedieh
nicht mehr.

Da schickte mir Gertrud eine kleine Schachtel voll Alpenrosen aus einem
Dorf im Wallis, und als ich ihre Handschrift sah und die brunlichen,
welken Blumen auspackte, fiel es wie ein Blick aus ihren lieben Augen
auf mich und ich schmte mich meiner Wildheit und meines Mitrauens.
Ich sah ein, da es besser sei, sie wisse von meinem Zustand, und
am nchsten Morgen schrieb ich ihr einen kurzen Brief. Da erzhlte
ich halb scherzhaft, da ich nimmer schlafen knne, und da es vor
Sehnsucht nach ihr geschehe, und da ich ihre Freundschaft nicht mehr
annehmen knne, da es bei mir Liebe sei. Im Schreiben berfiel es mich
wieder, und der Brief, der ruhig und fast scherzend begonnen hatte,
ward zum Schlusse heftig und hei.

Die Post brachte beinah jeden Tag Gre und Ansichtskarten von den
Geschwistern Teiser, die nicht ahnen konnten, da ihre Karten und
Brieflein mir jedesmal eine Enttuschung brachten, da ich andere Post
von anderer Hand erwartete.

Endlich kam sie doch, ein graues Kuvert mit Gertruds leichter, heiterer
Schrift, und innen ein Brief.

Lieber Freund! Ihr Brief bringt mich in Verlegenheit. Ich sehe, da
Sie leiden und schwere Zeit haben, sonst mte ich schelten, da Sie
mich so berfallen. Sie wissen, wie gern ich Sie habe; aber mir ist
mein jetziger Zustand lieb, ich habe noch kein Verlangen ihn zu ndern.
Wenn ich Gefahr she, Sie zu verlieren, wrde ich alles tun, Sie mir zu
halten. Aber auf ihren heien Brief kann ich nicht antworten. Haben Sie
Geduld, lassen Sie es zwischen uns, wie es war, bis wir uns wiedersehen
und miteinander reden knnen. Dann wird alles leichter sein. In
Freundschaft Ihre Gertrud.

Damit war wenig anders geworden, und doch tat der Brief mir wohl. Es
war doch ein Gru von ihr, sie duldete doch und lie es geschehen, da
ich um sie warb, sie hatte mich nicht abgewiesen. Auch brachte ihr
Brief mir etwas von ihrem Wesen mit, etwas von ihrer beinahe khlen
Klarheit, und statt des Bildes, das meine Sehnsucht von ihr geschaffen
hatte, stand wieder sie selber vor meinen Gedanken. Ihr Blick forderte
Vertrauen von mir, ich sprte ihre Nhe und sogleich erhob sich Scham
und Stolz in mir, half mir das verzehrende Schmachten besiegen und die
brennenden Wnsche niederhalten. Nicht getrstet, doch gestrkt und
wehrhafter hielt ich mich aufrecht. Ich quartierte mich mit meiner
Arbeit im Wirtshaus eines Dorfes ein, zwei Stunden von der Stadt. Da
sa ich viel in einer schattigen, schon verblhten Fliederlaube und
dachte nach, und wunderte mich ber mein Leben. Wie ging ich einsam
und fremd meinen Weg, ungewi wohin! Und nirgends hatte ich Wurzeln
geschlagen und Heimatrecht erworben. Mit den Eltern stand ich nur in
uerlichem Verkehr, mit hflichen Briefen; meinen Beruf hatte ich
verlassen, um gefhrlichen Schpferphantasien nachzugehen, die mich
doch nicht sttigten. Meine Freunde kannten mich nicht, Gertrud war der
einzige Mensch, mit dem ich ein volles Verstehen und eine vollkommene
Gemeinschaft htte haben knnen. Und meine Arbeit, das, wofr ich doch
lebte und was meinem Leben Sinn geben sollte, wie war das ein Jagen
nach Schatten, ein Bauen von Lufthusern! Konnte das wirklich einen
Sinn haben und eines Menschen Leben rechtfertigen und ausfllen, das
Hintrmen von Tonreihen und erregte Spielen mit Gebilden, die im besten
Fall einmal anderen Menschen eine Stunde angenehm zubringen halfen?

Dennoch arbeitete ich wieder leidlich fleiig und kam innerlich in
diesem Sommer vollends mit der Oper zustande, wenn auch auen noch
viel fehlte und erst das Wenigste aufgeschrieben war. Manchmal kam
ich wieder in helle Freude und dachte mit Hochmut mir aus, wie mein
Werk Macht ber Menschen gewinnen wrde, wie Snger und Musikanten,
Kapellmeister und Chre Vollstrecker meines Willens sein mten, und
wie er auf Tausende wirken werde. Zu andern Zeiten kam es mir beinahe
unheimlich und gespenstisch vor, da alle diese Bewegungen und diese
Macht ausgehen sollten von den ohnmchtigen Trumen und Phantasien
eines armen, einsamen Menschen, den alle bemitleideten. Zuweilen verlor
ich auch den Mut und wollte finden, meine Arbeit knne unmglich je
aufgefhrt werden, es sei alles falsch und bertrieben. Doch war das
selten, im Grunde war ich vom Leben und von der Kraft meiner Arbeit
berzeugt. Sie war auch ehrlich und glhend, sie war erlebt und hatte
Blut in den Adern, und wenn ich sie auch heute nicht mehr hren mag
und ganz andere Noten schreibe, so ist doch in jener Oper meine ganze
Jugend, und wenn manche Takte daraus mir wieder begegnen, so ist es mir
nicht anders, als wehe ein lauer Frhlingssturm aus verlassenen Tlern
der Jugend und der Leidenschaft herber. Und wenn ich denke, da ihre
ganze Glut und Macht ber die Herzen aus Schwche und Entbehrung und
Sehnsucht geboren ist, so wei ich nicht mehr, ob mir mein ganzes Leben
in jener Zeit, und auch noch das jetzige, lieb oder leid sein soll.

Der Sommer ging zur Neige, in einer finstern Nacht mit wilden,
leidenschaftlich schluchzenden Regengssen schrieb ich die Ouvertre zu
Ende, und am Morgen war der Regen khl und mild, der Himmel glatt grau
und der Garten herbstlich geworden. Ich packte meine Sachen zusammen
und fuhr in die Stadt zurck.

Von allen meinen Bekannten war nur Teiser mit seiner Schwester schon
zurckgekehrt. Sie sahen beide bergbraun und blhend aus, hatten auf
ihren Touren erstaunlich viel erlebt und waren doch voll Teilnahme und
Spannung, zu sehen, wie es mit der Oper stehe. Wir nahmen die Ouvertre
durch, und es war mir selber nahezu feierlich, als Teiser mir die Hand
auf die Schulter legte und zu seiner Schwester sagte: Brigitt', schau
den an, das ist ein groer Musiker!

Gertruds Ankunft erwartete ich trotz aller Sehnsucht und Erregung doch
mit Vertrauen. Ich konnte ihr ein schnes Stck Arbeit zeigen und
wute, sie lebe mit und verstehe und geniee alles wie ihr Eigenes.
Am meisten war ich auf Heinrich Muoth gespannt, dessen Hilfe mir
unentbehrlich war und von dem ich seit Monaten kein Wort gehrt hatte.

Endlich erschien er, noch vor Gertruds Rckkehr, und trat eines Morgens
in mein Zimmer. Lange sah er mir ins Gesicht.

Sie sehen scheulich aus, sagte er kopfschttelnd. Na, wenn man
solche Sachen schreibt!

Haben Sie die Rolle angesehen?

Angesehen? Ich kann sie auswendig und werde sie singen, sobald Sie
wollen. Das ist ja eine verfluchte Musik!

Meinen Sie?

Sie werden sehen. Jetzt haben Sie Ihre schnste Zeit gehabt, warten
Sie nur! Mit der Dachkammerberhmtheit ist es vorbei, sobald die Oper
gespielt wird. Nun, das ist Ihre Sache. Wann wollen wir singen? Ein
paar Anmerkungen htte ich immerhin zu machen. Wie weit sind Sie mit
dem Ganzen?

Ich zeigte ihm, was zu zeigen war, und er nahm mich gleich mit in
seine Wohnung. Da hrte ich ihn zum erstenmal diese Rolle singen, bei
der ich durch meine eigene Leidenschaft hindurch immer an ihn gedacht
hatte, und fhlte die Macht meiner Musik und seiner Stimme. Erst
jetzt konnte ich in Gedanken das Ganze auf der Bhne vor mir sehen,
erst jetzt schlug meine eigene Flamme mir entgegen und lie mich ihre
Wrme fhlen, gehrte nimmer mir und war nimmer mein Werk, sondern
hatte eignes Leben und wirkte als eine fremde Macht auf mich. Zum
erstenmal fhlte ich diese Loslsung eines Werkes vom Schpfer, an die
ich bis dahin nicht recht geglaubt hatte. Mein Werk begann dazustehen
und sich zu regen und Leben zu zeigen, eben noch hatte ich es in der
Hand gehabt, und schon jetzt war es nimmer mein, war es wie ein Kind
dem Vater entwachsen, lebte und bte Macht auf eigne Faust, sah mich
aus fremden Augen selbstndig an und trug doch meinen Namen und mein
Zeichen an der Stirn geschrieben. Dieselbe zwiespltige, ja manchmal
erschreckende Empfindung habe ich spter bei den Auffhrungen gehabt.

Muoth hatte die Rolle gut gebt, und was er gendert zu sehen begehrte,
konnte ich ihm wohl zugestehen. Nun fragte er neugierig nach der
Sopranrolle, die er nur halb kannte, und wollte wissen, ob sie mir
schon von einer Sngerin durchgesungen worden sei. Ich mute ihm nun,
zum erstenmal, von Gertrud sprechen, und es gelang mir, es ruhig und
unauffllig zu tun. Dem Namen nach kannte er sie wohl, hatte aber nie
im Hause Imthor verkehrt und war erstaunt, zu hren, da Gertrud die
Rolle studiert habe und singen knne.

Dann mu sie eine gute Stimme haben, meinte er anerkennend, sehr
hoch und leicht. Wollen Sie mich dort einmal einfhren?

Ich htte ohnehin darum gebeten. Ich mchte Sie ein paarmal mit
Frulein Imthor singen hren, es werden Korrekturen ntig sein. Sobald
die Herrschaften wieder in der Stadt sind, will ich sie darum bitten.

Eigentlich sind Sie doch ein Glckspilz, Kuhn. Und fr die
Orchestermusik haben Sie den Teiser als Helfer. Sie werden sehen, das
Stck schlgt ein.

Ich sagte nichts, ich hatte fr spter und fr das Schicksal meiner
Oper noch keine Gedanken frei, erst mute sie fertig sein. Doch seit
ich ihn hatte singen hren, glaubte auch ich an die Kraft meiner Arbeit.

Teiser, dem ich davon erzhlte, sagte grimmig: Ich glaub's schon. Der
Muoth hat ja eine Heidenkraft. Wenn er nur nicht so ein Pfuscher wr'.
Dem ist es nie um die Musik zu tun, immer nur um sich selber. Er ist
ein Draufgnger, berall.

An dem Tage, da ich durch den herbstlichen Garten beim schon sachte
beginnenden Bltterfall das Imthorsche Haus aufsuchte, um die endlich
zurckgekehrte Gertrud zu besuchen, schlug mir das Herz beklommen.
Sie aber, schner und aufrechter und ein wenig brunlich geworden,
kam mir lchelnd entgegen, gab mir die Hand und tat mit ihrer lieben
Stimme und ihrem hellen Blick und ihrer ganzen noblen, freien Art mir
sogleich wieder den alten Zauber an, da ich beglckt meine Sorgen und
Begierden beiseite tat und froh war, wieder in ihrer heilenden Nhe zu
sein. Sie lie mich gewhren, und da ich den Weg nicht fand, auf meinen
Brief und mein Anliegen zu reden zu kommen, schwieg auch sie von alle
dem und gab mit keiner Gebrde kund, da unsere Kameradschaft getrbt
oder gefhrdet sei. Sie suchte nicht sich mir zu entziehen, sie war
wieder hufig mit mir allein, indem sie darauf vertraute, ich werde
ihren Willen achten und meine Werbung nicht wiederholen, ehe sie selbst
mich dazu ermuntere. Wir nahmen unverweilt alles durch, was ich in
diesen Monaten gearbeitet hatte, und ich erzhlte ihr, da Muoth seine
Rolle habe und lobe. Ich bat um Erlaubnis, ihn mitzubringen, da es mir
unentbehrlich war, beide Hauptrollen mit ihnen gemeinsam durchzunehmen,
und sie gab ihre Einwilligung.

Sehr gern tue ich's nicht, sagte sie, das wissen Sie ja. Ich
singe sonst nie vor Fremden, und vor Herrn Muoth ist es mir doppelt
peinlich. Nicht nur, weil er ein berhmter Snger ist. Er hat etwas,
was ich frchte, wenigstens auf der Bhne. Nun, wir werden sehen, es
wird doch gehen.

Ich wagte nicht, meinen Freund in Schutz zu nehmen und zu rhmen, um
sie nicht noch scheuer zu machen. Ich war berzeugt, sie wrde nach dem
ersten Versuch gern mit ihm weiter singen.

Einige Tage spter kam ich mit Muoth in einem Wagen gefahren, wir
wurden erwartet und vom Hausherrn empfangen, der von groer Hflichkeit
und Khle war. Gegen meine hufigen Besuche und meine Vertrautheit
mit Gertrud hatte er nicht das mindeste, er wrde gelacht haben,
wenn jemand ihn darauf gewiesen htte. Aber da nun Muoth dazu kam,
gefiel ihm wenig. Dieser war sehr elegant und korrekt, und die Imthors
schienen beide angenehm von ihm enttuscht zu sein. Der als gewaltttig
und hochmtig verschrieene Snger konnte vortreffliche Manieren zeigen,
auch war er nicht eitel und im Gesprch bestimmt, doch bescheiden.

Wollen wir singen? fragte Gertrud nach einiger Weile, und wir
standen auf, um ins Musikzimmer hinber zu gehen. Ich setzte mich an
den Flgel, skizzierte Vorspiel und Szene, gab Erklrungen und bat
schlielich Gertrud zu beginnen. Sie tat es unfrei und vorsichtig,
mit halber Stimme. Muoth dagegen, als an ihn die Reihe kam, sang ohne
Zgern und Schonung mit voller Stimme, ri uns beide mit und brachte
uns schnell mitten hinein, so da auch Gertrud nun sich hergab. Muoth,
der in guten Husern die Damen sehr gemessen zu behandeln pflegte,
ward erst jetzt auf sie aufmerksam, folgte ihrem Gesang mit Teilnahme
und sprach ihr in herzlichen, nicht bertreibenden, kollegialen Worten
seine Bewunderung aus.

Von da an war alle Befangenheit verschwunden, die Musik befreundete
uns und machte uns einmtig. Und mein Werk, das immer noch in schlecht
verbundenen Stcken halbtot dalag, wuchs mir immer mehr und inniger
zusammen. Ich wute jetzt, da die Hauptsache daran getan und nichts
wesentliches mehr daran zu verderben war, und es schien mir gut. Ich
verbarg meine Freude nicht und dankte meinen beiden Freunden mit
Bewegung. Festlich froh gingen wir aus dem Hause, und Heinrich Muoth
fhrte mich zu einem improvisierten Festmahl in sein Gasthaus. Da tat
er beim Champagner, was er nie hatte tun wollen, er nannte mich Du und
blieb dabei, und ich freute mich und lie es gelten.

Da sind wir vergngt und feiern, lachte er, und eigentlich haben
wir recht, da wir's im voraus tun, da ist es am schnsten. Nachher
sieht es anders aus. Du lufst jetzt in den Theaterglanz hinein, Junge,
und wir wollen darauf anstoen, da er dich nicht kaput macht wie die
meisten.

Noch eine Zeitlang behielt Gertrud ihre Scheu vor Muoth und ward ihm
gegenber nur beim Singen frei und harmlos. Er war sehr zurckhaltend
und rcksichtsvoll, und allmhlich sah ihn Gertrud gerne kommen und
lud ihn, gerade wie mich, jedesmal mit unbefangener Freundlichkeit zum
Wiederkommen ein. Die Stunden, in denen wir drei allein zusammen waren,
wurden selten. Die Rollen waren durchgesungen und durchbesprochen, auch
hatte bei Imthors die winterliche Geselligkeit mit den regelmigen
Musikabenden wieder begonnen, an denen nun auch Muoth hufig erschien,
doch ohne dabei mitzuwirken.

Manchmal meinte ich wahrzunehmen, da Gertrud mir fremder zu werden
anfange, da sie sich etwas von mir zurckziehe; doch strafte ich mich
fr solche Gedanken stets und schmte mich meines Mitrauens. Ich sah
Gertrud als Dame eines geselligen Hauses sehr in Anspruch genommen und
hatte oft meine Freude daran, sie inmitten der Gste so schlank und
frstlich und doch anmutig gehen und walten zu sehen.

Fr mich vergingen die Wochen schnell. Ich sa an der Arbeit, die ich
whrend des Winters mglichst zu vollenden dachte, hatte Zusammenknfte
mit Teiser, Abende bei ihm und seiner Schwester, dazu allerlei
Briefwechsel und Erlebnisse, denn es wurden da und dort meine Lieder
gesungen und in Berlin alles, was ich fr Streichmusik komponiert
hatte, aufgefhrt. Es kamen Anfragen und Zeitungskritiken, und
pltzlich schien auch schon jedermann zu wissen, da ich an einer Oper
arbeite, obwohl ich selber auer Gertrud, den Teisers und Muoth niemand
ein Wort davon gesagt hatte. Nun, jetzt war es einerlei, und im Grunde
freuten mich diese Zeichen des Erfolges, es schien nun endlich und doch
frh genug ein offener Weg vor mir zu liegen.

Zu Hause bei den Eltern war ich ein ganzes Jahr nimmer gewesen. Nun
fuhr ich zu Weihnachten hin. Ich fand die Mutter liebevoll, doch in
der alten Befangenheit, die zwischen uns bestand, und die bei mir
eine Furcht vor Nichtverstandenwerden, bei ihr ein Unglaube an meinen
Knstlerberuf und ein Mitrauen gegen die Ernsthaftigkeit meiner
Bestrebungen war. Nun sprach sie lebhaft von dem, was sie ber mich
gehrt und gelesen hatte, doch mehr um mir damit eine Freude zu machen
als aus berzeugung, denn im Grunde mitraute sie diesen scheinbaren
Erfolgen ebenso wie meiner ganzen Kunst. Sie war nicht ohne Freude an
Musik, hatte frher auch etwas gesungen, doch war immerhin ein Musikant
in ihren Augen etwas Armseliges, auch konnte sie meine Musik, von der
sie einiges gehrt hatte, nicht verstehen oder billigen.

Der Vater hatte mehr Glauben. Als Kaufmann dachte er vor allem an mein
ueres Fortkommen, und obwohl er mich stets ohne Murren reichlich
untersttzt und seit meinem Austritt aus dem Orchester sogar meinen
ganzen Unterhalt wieder bestritten hatte, sah er es doch gerne, da ich
zu verdienen begann und Aussicht hatte, einmal vom eigenen Erwerb leben
zu knnen, was er auch bei vorhandenem Reichtum fr die notwendige
Grundlage einer ehrenhaften Existenz ansah. brigens fand ich ihn im
Bett liegend, er war gerade am Tage vor meiner Ankunft gefallen und
hatte sich am Fu verletzt.

Ich traf ihn geneigt zu leicht philosophierenden Gesprchen, kam ihm
nher als je und hatte meine Freude an seiner bewhrten praktischen
Lebensweisheit. Ich konnte ihm manche meiner Leiden klagen, was ich
frher aus Scham nie getan hatte. Dabei fiel ein Ausspruch Muoths mir
ein, den ich meinem Vater wiederholte. Muoth hatte einmal gesagt,
allerdings nicht im Ernste, er halte die Jugend fr die schwerste
Zeit im Leben und finde, alte Leute seien meistens viel heiterer
und zufriedener als junge. Mein Vater lachte dazu und meinte dann
nachdenklich: Wir Alten sagen natrlich das Gegenteil. Aber dein
Freund hat doch etwas von der Wahrheit gefhlt. Ich glaube, man kann
im Leben eine ganz genaue Grenze ziehen zwischen Jugend und Alter. Die
Jugend hrt auf mit dem Egoismus, das Alter beginnt mit dem Leben fr
andere. Ich meine es so: junge Leute haben viel Genu und viel Leiden
von ihrem Leben, weil sie es nur fr sich allein leben. Da ist jeder
Wunsch und Einfall wichtig, da wird jede Freude ausgekostet, aber auch
jedes Leid, und mancher, der seine Wnsche nicht erfllbar sieht,
wirft gleich das ganze Leben weg. Das ist jugendlich. Fr die meisten
Menschen aber kommt eine Zeit, wo das anders wird, wo sie mehr fr
andere leben, keineswegs aus Tugend, sondern ganz natrlich. Bei den
meisten bringt es die Familie. Man denkt weniger an sich selber und
seine Wnsche, wenn man Kinder hat. Andere verlieren den Egoismus an
ein Amt, an die Politik, an die Kunst oder Wissenschaft. Die Jugend
will spielen, das Alter arbeiten. Es heiratet keiner, damit er Kinder
kriege, aber wenn er Kinder kriegt, so ndern sie ihn, und schlielich
sieht er, da alles doch nur fr sie geschehen ist. Das hngt damit
zusammen, da die Jugend zwar gern vom Tode redet, aber doch nie an ihn
denkt. Bei den Alten ist es umgekehrt. Die Jungen glauben ewig zu leben
und knnen darum alle Wnsche und Gedanken auf sich selber stellen. Die
Alten haben schon gemerkt, da irgendwo ein Ende ist und da alles, was
einer fr sich allein hat und tut, am Ende in ein Loch fllt und fr
nichts war. Darum braucht er eine andere Ewigkeit und den Glauben, er
arbeite nicht blos fr die Wrmer. Dafr sind Frau und Kind, Geschft
und Amt und Vaterland, damit man wisse, fr wen denn das tgliche
Schinden und Plagen geschehe. Und darin hat dein Freund ganz recht:
man ist zufriedener, wenn man fr andere, als wenn man fr sich allein
lebt. Nur sollten die Alten nicht gar so sehr ein Heldentum draus
machen, was es nicht ist. Auch werden aus den eifrigsten Jungen die
besten Alten und nicht aus denen, die schon auf Schulen wie Grovter
tun.

Ich blieb eine Woche zu Hause und sa viel am Bett meines Vaters, der
kein geduldiger Kranker und freilich auer der kleinen Verletzung
am Fu bei bester Kraft und Gesundheit war. Ich gestand ihm mein
Bedauern darber, da ich ihm nicht schon frher gerecht geworden und
nahegekommen sei, doch meinte er, das sei gegenseitig, und es werde
unsrer knftigen Freundschaft besser bekommen, als wenn wir vorzeitige
Versuche des Verstehens aneinander gemacht htten, welche selten
gelngen. Vorsichtig und freundlich erkundigte er sich danach, wie es
mir mit den Frauen gegangen sei. Von Gertrud mochte ich nichts sagen,
meine brige Beichte war sehr einfach.

Trste dich! sagte mein Vater lchelnd. Du hast das Zeug zu einem
recht guten Ehemann, das merken gescheite Frauen bald. Nur einer ganz
armen darfst du nicht glauben, die knnte dein Geld meinen. Und wenn du
die nicht findest, die du dir denkst und gern httest, so ist auch noch
nicht alles verloren. Die Liebe zwischen jungen Leuten und die in einer
langen Ehe ist nicht dieselbe. In der Jugend denkt jedes an sich und
sorgt fr sich. Aber wenn einmal ein Hausstand da ist, gibt es anderes
zu sorgen. Mir ist es auch so gegangen, du darfst es wohl wissen. Ich
war in deine Mama sehr verliebt, und es war eine rechte Liebesheirat.
Das dauerte aber nur ein Jahr oder zwei, dann hrte die Verliebtheit
auf und war bald bis auf den letzten Rest verbraucht, und wir standen
da und wuten nicht recht, was miteinander anfangen. Da kamen gerade
die Kinder, deine beiden lteren Geschwister, die ja frh gestorben
sind, und wir hatten fr die zu sorgen. Darber wurden unsere Ansprche
aneinander kleiner, die Fremdheit hrte wieder auf, und auf einmal war
die Liebe wieder da, freilich nicht die alte, sondern eine ganz andere.
Und die hat seither gehalten, ohne viel Flicken zu brauchen, mehr als
dreiig Jahre. Es geht nicht allen Liebesheiraten so gut, sogar sehr
wenigen.

Mir war nun allerdings mit diesen Anschauungen nicht gedient, doch
tat das neue, freundschaftliche Verhltnis zu meinem Vater mir wohl
und machte mir die Heimat wieder lieb, die mir in den letzten Jahren
beinahe gleichgltig geworden war. Als ich wieder abreiste, bereute ich
den Besuch nicht und beschlo, knftig in besserer Verbindung mit den
Alten zu bleiben.

Arbeit und Reisen zur Auffhrung meiner Streichmusik hielten mich eine
Weile vom Besuch des Imthorschen Hauses ab. Als ich wiederkam, fand
ich Muoth, der frher nur in meiner Begleitung hingegangen war, dort
unter den meistgeladenen Gsten. Der alte Imthor trat ihm noch immer
khl und leicht ablehnend gegenber, Gertrud aber schien gut Freund
mit ihm geworden zu sein. Mir war das lieb, ich wute keinen Grund
zur Eifersucht und war berzeugt, da zwei so ungleiche Menschen wie
Muoth und Gertrud wohl einander interessieren und anziehen, nicht
aber befriedigen und lieben knnten. So sah ich es ohne Mitrauen,
wenn er mit ihr sang und sie beide ihre schnen Stimmen vermischten.
Sie sahen gut aus, beide groe, hohe, aufrechte Menschen, er dunkel
und ernst, sie hell und heiter. Neuerdings kam es mir allerdings
zuweilen vor, als habe ihre alte angeborene Heiterkeit einige Mhe,
sich zu behaupten, und sei manchmal mde und verschattet. Sie sah mich
nicht selten ernsthaft und prfend an, mit einer Neugierde und einem
Interesse, wie bedrckte und gengstigte Menschen einander ansehen; und
wenn ich ihr dann zunickte und mit einem frhlichen Blick antwortete,
spannte sie die Zge so langsam und angestrengt zum Lcheln, da es mir
weh tat.

Doch machte ich solche Beobachtungen nur ganz selten, zu anderen
Zeiten sah Gertrud so heiter und strahlend aus wie je, so da ich
jene Beobachtungen fr Einbildungen hielt oder einem vorbergehenden
Unwohlsein zuschrieb. Nur einmal war ich ernstlich erschrocken. Sie
sa, whrend einer der Hausfreunde Beethoven spielte, im Halbdunkel
zurckgelehnt und mute glauben, ganz unbeobachtet zu sein. Vorher,
beim hellen Licht zwischen den Gsten beim Empfang, war sie immer
klar und heiter anzusehen gewesen. Nun aber, in sich zurckgezogen
und offenbar von der Musik unberhrt, lie sie ihr Gesicht gehen und
bekam einen Ausdruck von Mdigkeit, Angst und Scheu wie ein verhetztes,
ratlos gewordenes Kind. Es dauerte mehrere Minuten, und als ich das
sah, wollte mir das Herz stillstehen. Sie litt und hatte Kummer, schon
das war schlimm, und da sie auch vor mir die Frhliche spielte und
auch mir alles verbarg, machte mich ngstlich. Sobald das Spiel zu Ende
war, suchte ich ihre Nhe, setzte mich zu ihr und fing ein harmloses
Gesprch an. Ich sprach davon, da es fr sie ein unruhiger Winter sei,
und da auch ich dabei entbehre, doch sagte ich alles leichthin in
scherzendem Tone. Schlielich erinnerte ich an die Zeit im Frhjahr,
da wir die Anfnge meiner Oper miteinander gespielt und gesungen und
besprochen hatten.

Da sagte sie: Ja, das ist eine schne Zeit gewesen. Mehr nicht,
aber es war doch ein Gestndnis, denn sie sagte es mit ungewollter
Ernsthaftigkeit. Ich aber las daraus Hoffnung fr mich und war ihr im
Herzen dankbar.

Gar gerne htte ich ihr meine Frage vom Sommer wiederholt. Die
Vernderung in ihrem Wesen, die Befangenheit und unsichere Scheu,
die sie gerade vor mir zuweilen zeigte, glaubte ich doch bei aller
Bescheidenheit als gnstige Anzeichen fr mich hinnehmen zu drfen. Es
war mir rhrend zu sehen, wie ihr Mdchenstolz krank zu liegen und sich
hart zu wehren schien. Doch wagte ich nichts zu sagen, sie tat mir
leid in ihrer Unsicherheit, und mein stilles Versprechen glaubte ich
auch halten zu mssen. Ich habe nie gewut mit Frauen umzugehen; ich
machte den umgekehrten Fehler wie Heinrich Muoth: ich ging mit Frauen
um wie mit Freunden.

Da ich auf die Dauer meine Wahrnehmungen nicht fr Tuschungen halten
konnte und Gertruds vernderte Art doch nur halb verstand, hielt ich
mich zurck, lie meine Besuche etwas seltener werden und vermied
intime Gesprche mit ihr. Ich wollte sie schonen und nicht noch scheuer
machen und ngstigen, da sie doch zu leiden und in sich uneins zu sein
schien. Sie merkte es, wie ich glaube, und sah meine Zurckhaltung
nicht ungern. Ich hoffte, es werde mit dem Ende des Winters und der
lebhaften Geselligkeit wieder eine stille, schne Zeit fr uns beide
kommen, bis dahin wollte ich warten. Oft aber tat mir das schne
Mdchen bitter leid, und wider meinen Willen ward ich selber allmhlich
unruhig und fhlte etwas Schlimmes in der Luft.

Der Februar kam, ich wnschte sehnlich das Frhjahr her und litt unklar
unter der Spannung dieses Zustandes. Auch Muoth lie sich wenig bei
mir sehen, allerdings hatte er einen angestrengten Winter an der Oper
und war in der Wahl zwischen zwei ehrenvollen Berufungen an groe
Theater, die ihm neuestens zugekommen waren. Eine Geliebte schien er
nicht mehr zu haben, wenigstens hatte ich seit seinem Bruch mit Lotte
keine Frau mehr bei ihm gesehen. Krzlich hatten wir seinen Geburtstag
gefeiert, seither hatte ich ihn nicht gesehen.

Nun trieb mich ein Bedrfnis zu ihm, ich begann unter der Vernderung
meiner Beziehungen zu Gertrud, unter berarbeitung und Wintermdigkeit
zu leiden und suchte ihn auf, um wieder einmal zu plaudern. Er setzte
mir einen Sherry vor und erzhlte von der Bhne, war brigens mde und
zerstreut und merkwrdig milde. Ich hrte zu, schaute im Zimmer umher
und wollte eben fragen, ob er wieder bei Imthors gewesen sei. Da sah
ich, bei einem gleichgltigen Blick ber den Tisch, ein Kuvert mit
Gertruds Handschrift liegen. Noch ehe ich darber nachdenken konnte,
stieg schon Schrecken und Bitterkeit in mir auf. Es konnte ja eine
Einladung, eine einfache Hflichkeit sein, doch glaubte ich daran
nicht, so gern ich es getan htte.

Es gelang mir, ruhig zu bleiben, und bald ging ich fort. Und wider
meinen Willen wute ich schon alles. Es konnte eine Einladung, eine
Kleinigkeit, ein Zufall sein -- ich wute aber, da es das nicht war.
Ich sah auf einmal alles und begriff alles, was in der letzten Zeit
gewesen und geschehen war. Wohl nahm ich mir vor, zu prfen und zu
warten, doch waren alle diese Gedanken nur Vorwnde und Ausflchte, im
Grunde sa der Pfeil und schwrte im Blut, und als ich nach Hause kam
und in meiner Stube sa, wich langsam die Betubung einer furchtbaren
Klarheit, die mich eisig durchflo und mir zu fhlen gab, da nun mein
Leben zerstrt und mein Glauben und Hoffen vernichtet war.

Mehrere Tage kam ich weder zu Trnen noch zu Schmerzen. Ohne zu
denken, hatte ich beschlossen, nicht weiter zu leben. Vielmehr hatte
der Lebenswille in mir sich niedergelegt und schien verschwunden. Ich
bedachte das Sterben wie ein Geschft, das unweigerlich getan werden
mu und bei dem man sich nicht besinnt, ob es angenehm ist oder nicht.

Zu den Dingen, die ich zuvor besorgen mute und besorgte, gehrte vor
allem ein Besuch bei Gertrud, um -- gewissermaen der Ordnung wegen
-- die fr mein Gefhl entbehrliche Besttigung zu holen. Ich htte
sie von Muoth haben knnen; aber obwohl er weniger schuldig schien als
Gertrud, brachte ich es nicht ber mich zu ihm zu gehen. Ich ging zu
Gertrud, traf sie nicht, kam anderen Tages wieder und unterhielt mich
ein paar Minuten mit ihr und ihrem Vater, bis dieser uns allein lie,
da er glaubte, wir wollten musizieren.

Nun stand sie mir allein gegenber und ich sah sie neugierig noch
einmal an, die leicht verwandelt, doch nicht minder schn als jemals
war.

Verzeihen Sie mir, Gertrud, sagte ich fest, da ich Sie noch einmal
qulen mu. Ich habe Ihnen im Sommer einen Brief geschrieben -- kann
ich auf den jetzt Antwort haben? Ich mu verreisen, vielleicht fr
lange, sonst htte ich gewartet, bis Sie selber...

Da sie bleich wurde und mich verwundet ansah, half ich ihr und sprach
weiter: Nicht wahr, Sie mssen nein sagen? Ich habe es mir gedacht.
Ich mchte nur Gewiheit haben.

Sie nickte traurig.

Ist es Heinrich? fragte ich.

Und sie nickte wieder, und pltzlich erschrak sie und fate meine Hand.

Verzeihen Sie mir! Und tun Sie ihm nichts!

Das habe ich nicht im Sinn, seien Sie ruhig, sagte ich und mute
lcheln, denn mir fiel die Marion ein und die Lotte, die auch so
ngstlich an ihm hingen, und die er geschlagen hatte. Vielleicht wrde
er auch Gertrud schlagen, und ihre ganze herrliche Hoheit und ihr
ganzes vertrauensvolles Wesen zerstren.

Gertrud, fing ich noch einmal an, besinnen Sie sich noch! Nicht
meinetwegen, ich wei schon, wie es steht! Aber Muoth wird Sie nicht
glcklich machen. Adieu, Gertrud.

Meine Klte und Klarheit war unerschttert geblieben. Erst jetzt, als
Gertrud mich so anredete und jenen Ton hatte, den ich von Lotte her
kannte, und als sie mich nun ganz krank ansah und sagte: Gehen Sie
nicht so, das verdiene ich nicht von Ihnen!, da brach mir das Herz und
ich hatte Mhe, mich zu halten.

Ich gab ihr die Hand und sagte: Ich will Ihnen nicht wehtun. Ich will
auch Heinrich nicht schaden. Aber warten Sie noch, lassen Sie ihm noch
nicht Gewalt ber sich! Er zerstrt alle, die er lieb hat.

Sie schttelte den Kopf und lie meine Hand los.

Adieu! sagte sie leise. Ich bin ja nicht schuld. Denken Sie gut an
mich, und auch an Heinrich!

Es war fertig. Ich ging nach Hause zurck und fuhr fort, meine
Angelegenheit wie ein Geschft zu besorgen. Wohl wrgte mich dazwischen
das Weh und blutete mir das Herz, doch sah ich wie von ferne zu und
hatte keine Gedanken dafr frei. Es war einerlei, ob es mir in den
Tagen oder Stunden, die ich brig hatte, wohl oder bel ging. Ich
ordnete die Mengen von Notenblttern, auf denen meine halbfertige Oper
stand, und schrieb einen Brief an Teiser dazu, damit das Werk womglich
erhalten werde. Daneben besann ich mich angestrengt darber, wie ich
sterben sollte. Ich htte gern meine Eltern geschont, doch fand ich
keine Todesart aus, die das ermglicht htte. Schlielich lag daran
auch nicht so viel; ich beschlo es mit dem Revolver zu tun. Alle
diese Fragen tauchten nur schattenhaft und unwirklich vor mir auf.
Fest stand nur die Erkenntnis, da ich nicht mehr leben drfe; denn
schon empfand ich ahnend hinter der eisigen Hlle meines Entschlusses
die Schrecklichkeit des Lebens, das mir geblieben wre. Es schaute
mich aus leeren Augen scheulich an, und war unendlich viel hlicher
und furchtbarer als die dunkle, ziemlich gleichgltige Vorstellung des
Sterbens.

Am zweiten Tage nach Mittag war ich mit meinen Besorgungen fertig. Ich
wollte noch einen Gang durch die Stadt machen, ich mute der Bibliothek
noch ein paar Bcher zurckbringen. Es war mir beruhigend zu wissen,
da ich am Abend nimmer leben werde. Ich hatte die Empfindung eines
Verunglckten, der in halber Narkose liegt und der nicht den Schmerz
selbst, wohl aber eine Vorahnung grauenhafter Qualen fhlt. Nun hofft
er nur, er mge vollends in Bewutlosigkeit versinken, ehe der geahnte
Schmerz wirklich ausbrche. So war mir zu Mute. Ich litt weniger unter
einem wirklichen Schmerz als unter der peinigenden Furcht, ich mchte
nochmals zum Bewutsein kommen und dann den ganzen Becher ausleeren
mssen, den der gerufene Tod mir abnehmen sollte. Darum tat ich meinen
Gang in Eile, besorgte mein Geschft und lief stracks zurck. Einen
kleinen Umweg machte ich nur, um nicht an Gertruds Hause vorbergehen
zu mssen. Denn ich ahnte, ohne es ausdenken zu knnen, da vielleicht
beim Anblick des Hauses mich die unertrgliche Qual, vor der ich auf
der Flucht war, berfallen und niederwerfen mchte.

So kam ich zum Haus, in dem ich wohnte, aufatmend zurck, ffnete das
Tor und stieg unverweilt die Treppe hinan, in der Seele erleichtert.
Wenn jetzt noch das Weh hinter mir war und die Krallen nach mir
ausstreckte, wenn jetzt irgendwo in mir der entsetzliche Schmerz zu
whlen begnne, ich hatte nur noch Schritte und Sekunden zwischen mir
und der Befreiung.

Ein Mann in Uniform kam die Treppe herab mir entgegen. Ich wich aus
und eilte, mich an ihm vorbeizudrngen, voller Furcht, ich mchte
aufgehalten werden. Da griff er an die Mtze und nannte meinen Namen.
Taumelnd sah ich ihn an. Die Anrede, der Aufenthalt, die Erfllung
meiner Befrchtung fuhr mir durch die Glieder und es berkam mich
pltzlich eine Todesmdigkeit, als msse ich niedersinken und habe
keine Hoffnung, die paar Schritte noch zu tun und mein Zimmer zu
erreichen.

Indessen starrte ich den fremden Mann gepeinigt an, und da die
Erschlaffung mich bernahm, setzte ich mich auf eine Treppenstufe
nieder. Er fragte, ob ich krank sei, ich schttelte den Kopf. Dabei
hielt er immer etwas in der Hand, was er mir anbot und was ich nicht
nehmen wollte, bis er es mir fast mit Gewalt in die Hand drckte. Ich
winkte ab und sagte: Ich will nicht.

Er rief nach der Wirtin, die war nicht da. Da fate er mich unter den
Armen, um mich hinaufzubringen, und sobald ich sah, da kein Entrinnen
war und er mich nicht allein lassen wrde, fhlte ich wieder Macht ber
mich, stand auf und ging voran in mein Zimmer, wohin er mir folgte. Da
er mich, wie mir schien, mit Mitrauen betrachtete, deutete ich auf
mein lahmes Bein und tat, als schmerze es mich, und er glaubte es. Ich
suchte meinen Geldbeutel und gab ihm eine Mark, er dankte und drckte
mir endgltig das Ding in die Hand, das ich nicht hatte annehmen wollen
und das ein Telegramm war.

Erschpft stand ich am Tische und besann mich. Nun hatte man mich doch
aufgehalten, hatte meinen Bann durchbrochen. Was lag da? Ein Telegramm.
Von wem? Einerlei, es ging mich nichts an. Es war eine Rohheit, mir
jetzt Telegramme zu bringen. Nun hatte ich alles besorgt, und im
letzten Augenblicke schickt mir noch jemand ein Telegramm. Ich sah mich
um, ein Brief lag auch auf dem Tisch.

Den Brief steckte ich in die Tasche, er focht mich nicht an. Aber das
Telegramm qulte mich, es hatte sich in meine Gedanken eingehngt und
meine Kreise gestrt. Ich sa ihm gegenber und sah es liegen, und ich
besann mich, ob ich es lesen sollte oder nicht. Natrlich war es ein
Angriff auf meine Freiheit, daran zweifelte ich nicht. Irgend jemand
wollte versuchen, mich zu stren. Man mignnte mir die Flucht, man
wollte, da ich mein Leid ausfresse und durchkoste, da kein Bi und
kein Stich und kein Krampf mir erspart werde.

Warum mir das Telegramm so zu schaffen machte, wei ich nicht. Lange
sa ich am Tische und wagte es nicht zu ffnen, im Gefhl, es berge
eine Macht, mich wieder zurckzuziehen und mich zum Ertragen des
Unertrglichen zu zwingen, dem ich entrinnen wollte. Als ich es
endlich doch ffnete, zitterte es mir in der Hand und ich entzifferte
nur langsam, als msse ich aus einer ungewohnten fremden Sprache
bersetzen, den Inhalt. Der hie: Vater sterbend. Bitte sofort kommen.
Mama.

Allmhlich begriff ich, was es bedeute. Gestern noch hatte ich an
meine Eltern gedacht und bedauert, ihnen weh tun zu mssen, doch
war es nur eine oberflchliche Erwgung gewesen. Nun erhoben sie
Widerspruch, rissen mich zurck, machten ihr Recht geltend. Sogleich
fielen mir die Gesprche ein, die ich an Weihnachten mit meinem Vater
gefhrt hatte. Junge Leute, hatte er gesagt, knnen in ihrem Egoismus
und Unabhngigkeitsgefhl dazu kommen, eines ungestillten Wunsches
wegen das Leben wegzuwerfen; wer aber sein Leben mit anderen Leben
verbunden wisse, den knnten die eigenen Begierden nicht mehr soweit
fhren. Und da hing auch ich an einem solchen Bande! Mein Vater lag
sterbend, die Mutter war allein bei ihm, sie rief mich. Sein Sterben
und ihre Not griff mir im Augenblick noch nicht ans Herz, ich glaubte
schlimmere Leiden zu kennen; aber da es nicht angehe, ihnen jetzt
noch mein eigenes Bndel hinzuwerfen, ihre Bitte nicht zu hren, ihnen
davonzulaufen, das sah ich wohl ein.

Am Abend stand ich reisefertig auf dem Bahnhof, tat willenlos und
doch gewissenhaft das Notwendige, nahm die Karte, strich Geld ein,
das mir zurckgegeben wurde, stellte mich am Perron auf und stieg in
einen Wagen. Da setzte ich mich in die Ecke, einer langen Nachtreise
gewrtig. Ein junger Mensch stieg ein, sah sich um, grte und setzte
sich mir gegenber. Er fragte etwas, ich sah ihn nur an, nichts denkend
und wnschend als da er mich allein lassen mge. Er hustete und stand
auf, nahm seine Tasche aus gelbem Leder und suchte einen anderen Platz.

Der Zug fuhr durch die Nacht, blind in bldsinnigem Eifer, genau so
dumpf und gewissenhaft wie ich, als ob etwas zu versumen oder etwas zu
retten wre. Nach Stunden, als ich in die Tasche griff, fiel mir der
Brief in die Hand. Auch der ist noch da, dachte ich, und machte ihn auf.

Da schrieb mein Verleger ber Konzerte und Honorare, und teilte mir
mit, es stehe gut und gehe vorwrts, ein groer Kritiker in Mnchen
habe ber mich geschrieben, er gratuliere dazu. Dabei lag der
Ausschnitt aus einer Zeitschrift, ein Artikel mit meinem Namen als
Titel, und ein langes Getne vom Stand der heutigen Musik und von
Wagner und von Brahms, und dann eine Kritik meiner Streichmusik, und
meiner Lieder, und ein reichliches Lob und Glckauf; und whrend ich
die kleinen schwarzen Buchstaben las, ward mir allmhlich klar, da das
mir gelte, da da die Welt und der Ruhm mir die Hand herberstrecke. Da
mute ich einen Augenblick lachen.

Aber der Brief und der Artikel hatte mir die Binde vor den Augen
gelockert, und unvermutet sah ich in die Welt zurck und sah mich nicht
ausgelscht und zurckgesunken, sondern mitten darin und dazugehrend.
Ich mute leben, ich mute es mir gefallen lassen. Wie war das mglich?
Ach, nun stieg alles herauf, was seit fnf Tagen war und was ich nur
dumpf gefhlt, und dem ich zu entgehen gedacht hatte, und es war alles
ekelhaft, bitter und schmhlich. Es war alles ein Todesurteil, und ich
hatte es nicht vollzogen, ich mute es unvollzogen lassen.

Ich hrte den Zug knattern, ich ffnete das Fenster und sah dunkle
Gegenden geduckt dahinstreichen, traurige kahle Bume mit schwarzem
Gest, und Hfe unter groen Dchern, und ferne Hgel. Das alles schien
ungern zu existieren, schien Leid und Widerwillen zu atmen. Man konnte
es schn finden, mir aber kam es nur traurig vor. Das Lied fiel mir
ein: Hat das Gott gewollt?

So sehr ich versuchte, die Bume und Felder und Dcher drauen zu
betrachten, so eifrig ich auf den Takt der Rder horchte, so heftig
ich mich in Gedanken an alles klammerte, was irgend fern war und woran
sich ohne Verzweiflung denken lie, es war nicht lange mglich. Auch
an den Vater konnte ich kaum denken, er sank hinab und mit Bumen
und Nachtgelnde zusammen in Vergessenheit, und wider meinen Willen
und mein Bemhen kehrten meine Gedanken dahin zurck, wo sie nicht
sein durften. Da lag ein Garten mit alten Bumen, und darin ein
Haus, am Eingang Palmen und an allen Wnden alte, dunkle Gemlde,
und ich trat ein und stieg die Treppe hinan, an allen alten Bildern
vorber, und niemand sah mich, ich ging als ein Schatten hindurch.
Da war eine schlanke Dame, die wandte mir den Rcken zu, ein Haupt
mit dunkelblondem Haar. Ich sah sie beide, sie und ihn, die sich
umschlungen hielten, und ich sah meinen Freund Heinrich Muoth lcheln,
so schwermtig und grausam, wie er es manchmal tat, als wisse er schon,
da er auch diese Blonde mibrauchen und mihandeln werde, und als sei
dagegen nichts zu machen. Es war tricht und hatte keinen Sinn, da
diesem Armen und Verderber die schnsten Frauen zufielen, und da bei
mir alle Liebe und alles Wohlmeinen vergeblich blieb. Es war tricht
und hatte keinen Sinn, aber es war so.

Aus einer Art von Schlaf oder Bewutlosigkeit erwachend, sah ich vor
dem Fenster Morgengrau und fahle Himmelshelle. Ich streckte erstarrte
Glieder, fhlte Nchternheit und Bangen und sah nun die Dinge trb und
verdrossen vor mir liegen. Zunchst war jetzt an den Vater und an die
Mutter zu denken.

Es war noch grau und morgenfrh, da sah ich die Brcken und Huser der
Heimatstadt sich nhern. Im Gestank und Geschrei des Bahnhofs befiel
mich Mdigkeit und Widerwillen so stark, da ich kaum aussteigen
mochte; dann nahm ich mein leichtes Gepck und stieg in den nchsten
Wagen, der fuhr ber glatten Asphalt, und hernach ber leichtgefrorene
Erde und ber drhnendes Pflaster und hielt vor dem breiten Tor unsres
Hauses, das ich nie geschlossen gesehen hatte.

Jetzt aber war es geschlossen, und als ich, verwirrt und erschrocken,
die Glocke zog, kam niemand und keine Antwort. Ich blickte am Hause
hinauf und war wie in einem unangenehmen, nrrischen Traum, wo alles
verschlossen ist und man ber Dcher steigen mu. Der Kutscher schaute
verwundert zu und wartete. Ich ging beklommen zu der andern Tre,
die ich nur selten und seit Jahren nie mehr durchschritten hatte.
Die war offen, und dahinter war meines Vaters Kontor, und als ich
eintrat, saen da in grauen Rcken wie immer, still und staubig, die
Bureauherren, die standen bei meinem Eintritt auf und grten, denn ich
war der Erbe. Der Buchhalter Klemm, der nicht anders aussah als vor
zwanzig Jahren, machte seinen Bckling und sah mich traurig fragend an.

Warum ist vorn geschlossen? fragte ich.

Es ist niemand da.

Wo ist denn mein Vater?

Im Spital, und die Gndige auch.

Lebt er noch?

Er hat heut' morgen noch gelebt, man wartet aber -- --

Ja. Was ist es denn?

Wie? Ach so, es ist immer noch der Fu. Er war falsch behandelt,
sagen wir alle. Auf einmal kamen Schmerzen, der Herr hat
schrecklich geschrieen. Da wurde er ins Spital gebracht. Jetzt
ist es Blutvergiftung. Um zwei Uhr dreiig haben wir Ihnen gestern
depeschiert.

Ja, danke. Nun lassen Sie mir schnell ein Butterbrot und ein Glas Wein
bringen, und einen Wagen, bitte.

Man lief und flsterte, und es wurde wieder still, dann gab mir jemand
einen Teller und ein Glas, ich a Brot und trank Wein, ich stieg in
einen Wagen, ein Pferd schnob, und bald stand ich an der Spitalpforte,
wo Schwestern mit weien Hauben und Wrter mit blaugestreiften
Leinenanzgen durch den Korridor liefen. Man nahm mich an der Hand und
zog mich in ein Zimmer, aufschauend sah ich meine Mutter in Trnen
nicken und in einem eisernen, niedern Bett meinen Vater liegen,
verndert und klein, und sein kurzer, grauer Bart stand sonderbar in
die Luft.

Er lebte noch, er machte die Augen auf und erkannte mich trotz des
Fiebers.

Immer noch Musik machen? sagte er leise, und Stimme und Blick
war ebenso gtig wie spttisch. Er blinkte mir zu mit einer mden,
ironischen Weisheit, die nichts mehr zu sagen hat, und mir war, er
schaue mir ins Herz und sehe und wisse alles.

Vater, sagte ich. Aber er lchelte nur, blickte noch einmal halb
spttisch, doch mit schon zerstreutem Blick, und schlo die Augen
wieder.

Wie siehst du aus! sagte die Mutter, als sie mich umarmte. Hat es
dich so mitgenommen?

Ich konnte nichts sagen, gleich darauf kam ein junger Arzt, und bald
hinter ihm ein alter, der Sterbende bekam Morphium und tat die klugen
Augen, die jetzt so berlegen und allwissend schauen konnten, nicht
mehr auf. Wir saen bei ihm und sahen ihn liegen, und sahen ihn
ruhigwerden und sein Gesicht verndern, und warteten auf sein Ende.
Er lebte noch manche Stunde dahin und starb am spten Nachmittag. Ich
empfand nichts mehr, als dumpfes Leid und tiefe Mdigkeit, sa mit
heien, trockenen Augen und schlief gegen Abend am Totenbette sitzend
ein.




Da das Leben schwer zu leben ist, hatte ich auch frher schon zuzeiten
dunkel empfunden. Nun hatte ich neue Ursache zu grbeln. Bis heute ist
mir das Gefhl des Widerspruchs nie mehr verloren gegangen, das in
jener Erkenntnis wurzelt. Denn mein Leben ist arm und mhsam gewesen,
und scheint doch andern, und manchmal mir selber, reich und herrlich.
Mir erscheint das Menschenleben wie eine tiefe, traurige Nacht, die
nicht zu ertragen wre, wenn nicht da und dort Blitze flammten, deren
pltzliche Helle so trstlich und wunderbar ist, da ihre Sekunden die
Jahre des Dunkels auslschen und rechtfertigen knnen.

Das Dunkel, die trostlose Finsternis, das ist der schreckliche
Kreislauf des tglichen Lebens. Wozu steht man am Morgen auf,
it, trinkt, legt sich abermals wieder hin? Das Kind, der Wilde,
der gesunde, junge Mensch, das Tier leidet unter diesem Kreislauf
gleichgltiger Dinge und Ttigkeiten nicht. Wer nicht am Denken
leidet, den freut das Aufstehen am Morgen, und das Essen und Trinken,
der findet Genge darin und will es nicht anders. Wem aber diese
Selbstverstndlichkeit verloren ging, der sucht im Lauf der Tage
begierig und wachsam nach den Augenblicken wahren Lebens, deren
Aufblitzen beglckt und das Gefhl der Zeit samt allen Gedanken
an Sinn und Ziel des Ganzen auslscht. Man kann diese Augenblicke
die schpferischen nennen, weil es scheint, da sie das Gefhl der
Vereinigung mit dem Schpfer bringen, weil man in ihnen alles, auch
das sonst Zufllige, als gewollt empfindet. Es ist dasselbe, was
die Mystiker die Vereinigung mit Gott nennen. Vielleicht ist es das
berhelle Licht dieser Augenblicke, das alle brigen so finster
erscheinen lt, vielleicht kommt es von der befreiten, zauberhaften
Leichtigkeit und Schwebewonne jener Augenblicke, da das brige Leben
so schwer und klebend und niederziehend empfunden wird. Ich wei es
nicht, ich habe es im Denken und Philosophieren nicht weit gebracht.
Doch wei ich: wenn es eine Seligkeit gibt und ein Paradies, so mu
es eine ungestrte Dauer solcher Augenblicke sein; und wenn man diese
Seligkeit durch Leid und Luterung im Schmerz erlangen kann, so ist
kein Leid und Schmerz so gro, da man sie fliehen sollte.

Einige Tage nach dem Begrbnis meines Vaters -- ich ging noch in
Betubung und geistiger Erschlaffung umher -- geriet ich auf einem
ziellosen Spaziergang in eine vorstdtische Gartenstrae. Die kleinen,
hbschen Huser weckten eine halbklare Erinnerung in mir, der ich
grbelnd nachging, bis ich Garten und Haus meines alten Lehrers
erkannte, der mich vor einigen Jahren zum Glauben der Theosophen hatte
bekehren wollen. Ich ging hinein, der Mann kam mir entgegen, erkannte
mich und fhrte mich freundlich in sein Zimmer, wo um Bcher und
Blumentpfe ein leichter behaglicher Duft von Tabakrauch wehte.

Wie geht es Ihnen? fragte Herr Lohe. Ach, Sie haben ja Ihren Vater
verloren! Sie sehen auch bekmmert aus. Ist es Ihnen so nahe gegangen?

Nein, sagte ich. Der Tod meines Vaters htte mir weher getan,
wenn ich ihm noch fremd gewesen wre. Ich habe mich aber bei meinem
letzten Besuch mit ihm befreundet und bin das peinliche Schuldgefhl
losgeworden, das man gegen gute Eltern hat, solange man mehr Liebe von
ihnen nimmt, als man geben kann.

Das freut mich.

Wie steht es denn mit Ihrer Theosophie? Ich wrde gern etwas von Ihnen
hren, weil es mir schlecht geht.

Wo fehlt es Ihnen denn?

An allem. Ich kann nicht leben und nicht sterben. Ich finde das Ganze
falsch und dumm.

Herr Lohe verzog sein gutes, zufriedenes Grtnergesicht schmerzlich.
Ich mu gestehen, eben dieses gute, etwas feistliche Gesicht hatte mich
verstimmt, auch erwartete ich keineswegs von ihm und seiner Weisheit
irgend einen Trost. Ich wollte ihn nur reden hren, seine Weisheit
als machtlos erweisen und ihn fr sein Glcklichsein und seinen
optimistischen Glauben strafen. Ich war nicht freundlich gewillt, nicht
gegen ihn und gegen niemand.

Aber der Mann war durchaus nicht so selbstgefllig und in sein Dogma
verschanzt, wie ich gedacht hatte. Er sah mir liebreich ins Gesicht,
mit aufrichtigem Kummer, und schttelte melancholisch den blonden Kopf.

Sie sind krank, lieber Herr, sagte er entschieden. Vielleicht ist es
nur krperlich, dann ist bald geholfen. Dann mssen Sie aufs Land, hart
arbeiten und kein Fleisch essen. Aber ich glaube, es sitzt anderswo.
Sie sind gemtskrank.

Glauben Sie?

Ja. Sie haben eine Krankheit, die leider Mode ist und der man jeden
Tag bei intelligenteren Menschen begegnet. Die rzte wissen natrlich
nichts davon. Es ist mit moral insanity verwandt und knnte auch
Individualismus oder eingebildete Einsamkeit genannt werden. Die
modernen Bcher sind voll davon. Es hat sich bei Ihnen die Einbildung
eingeschlichen, Sie seien vereinsamt, kein Mensch gehe Sie etwas an und
kein Mensch verstehe Sie. Ist es nicht so?

Ungefhr, ja, gab ich verwundert zu.

Sehen Sie. Fr den, der die Krankheit einmal hat, gengen ein
paar Enttuschungen, um ihn glauben zu machen, es gebe zwischen
ihm und andern Menschen berhaupt keine Beziehungen, hchstens
Miverstndnisse, und es wandle eigentlich jeder Mensch in absoluter
Einsamkeit, knne sich den andern nie recht verstndlich machen und
nichts mit ihnen teilen und gemeinsam haben. Es kommt auch vor, da
solche Kranke hochmtig werden und alle andern Gesunden, die einander
noch verstehen und lieben knnen, fr Heerdenvieh halten. Wenn diese
Krankheit allgemein wrde, mte die Menschheit aussterben. Aber sie
ist nur in Mitteleuropa und nur in den hheren Stnden zu treffen.
Bei jungen Leuten ist sie heilbar, sie gehrt sogar schon zu den
unumgnglichen Entwicklungskrankheiten der Jugend.

Sein leicht ironisch klingender Dozententon rgerte mich ein wenig. Da
er mich nicht lcheln und keine Miene zu meiner Verteidigung machen
sah, kehrte der kummervoll gtige Ausdruck in seinem Gesicht wieder.

Verzeihen Sie, sagte er freundlich. Sie haben die Krankheit
selber, nicht die beliebte Karikatur davon. Aber es gibt wirklich ein
Heilmittel. Es ist Einbildung, da es keine Brcke zwischen Ich und
Du gbe, da jeder einsam und unverstanden einhergehe. Im Gegenteil,
das, was die Menschen gemeinsam haben, ist viel mehr und wichtiger,
als was jeder einzelne fr sich hat und wodurch er sich von andern
unterscheidet.

Das ist mglich, sagte ich. Aber was soll es mir ntzen, das zu
wissen? Ich bin kein Philosoph, und mein Leiden besteht nicht darin,
da ich die Wahrheit nicht finden kann. Ich mchte kein Weiser und
Denker werden, sondern einfach ein wenig zufriedener und leichter leben
knnen.

Nun, versuchen Sie es! Sie sollen keine Bcher studieren und keine
Theorien treiben. Aber an einen Arzt mssen Sie glauben, solange Sie
krank sind. Wollen Sie das tun?

Probieren will ich es gerne.

Gut. Wenn Sie nun krperlich krank wren und der Arzt wrde Ihnen
raten, Bder zu nehmen oder Medizin zu trinken oder ans Meer zu gehen,
so wrden Sie vielleicht nicht begreifen, warum das oder das Mittel
helfen soll, aber Sie wrden es einmal probieren und folgen. Machen
Sie es nun ebenso mit dem, was ich Ihnen rate! Lernen Sie einmal eine
Zeitlang mehr an andere, als an sich selber denken! Es ist der einzige
Weg zur Heilung.

Wie soll ich das aber machen? Es denkt doch jeder zuerst an sich
selber.

Das mssen Sie berwinden. Sie mssen zu einer gewissen
Gleichgltigkeit gegen Ihr eigenes Wohlsein kommen. Sie mssen denken
lernen: was liegt an mir! Dazu hilft nur ein Mittel: Sie mssen irgend
jemand so lieben lernen, da sein Wohl Ihnen wichtiger ist, als Ihr
eigenes. Ich meine aber nicht, da Sie sich verlieben sollen! Das wre
das Gegenteil!

Ich verstehe. Aber bei wem soll ich das denn probieren?

Fangen Sie in der Nhe an, bei Freunden, bei Ihren Verwandten. Da ist
Ihre Mutter. Sie hat viel verloren, sie ist jetzt einsam und braucht
Trost. Sorgen Sie fr sie, halten Sie zu ihr und versuchen Sie, ihr
etwas wert zu sein!

Wir verstehen einander nicht recht, meine Mutter und ich. Es wird
schwer gehen.

Ja, wenn Ihr guter Wille nicht weiter reicht, wird es freilich nicht
gehen! Das alte Lied vom Unverstandensein! Sie sollen nicht immer daran
denken, da der oder der Sie nicht ganz versteht, Ihnen vielleicht
nicht ganz gerecht wird! Sie sollen selbst erst einmal versuchen,
andere zu verstehen, andern Freude zu machen, andern gerecht zu werden!
Tun Sie das, und fangen Sie bei Ihrer Mutter an! -- Sehen Sie, Sie
mssen sich vorsagen: Das Leben freut mich doch nicht, so oder so,
warum soll ich's also nicht einmal auf diese Art versuchen! Sie haben
die Liebe zum eigenen Leben verloren, so schonen Sie es nicht, legen
Sie sich eine Last auf, verzichten Sie auf das bichen Bequemlichkeit!

Ich werde es versuchen. Sie haben recht, es ist ja einerlei, was ich
tue; warum soll ich nicht das tun, was Sie raten?

Was mich an seinen Worten ergriff und in Erstaunen setzte, war ihre
bereinstimmung mit dem, was mein Vater mir beim letzten Zusammensein
als Lebensweisheit dargetan hatte: Leben fr andere, sich selber nicht
so ernst nehmen! Die Lehre widersprach meinem Gefhl unmittelbar, sie
schmeckte auch ein wenig nach Katechismus und Konfirmandenunterricht,
an welche ich, wie jeder gesunde junge Mensch, mit Abscheu und
Verachtung dachte. Aber schlielich handelte es sich ja nicht um
Meinungen und Weltanschauungen, sondern um einen ganz praktischen
Versuch, das schwere Leben ertrglich zu machen. Ich wollte ihn machen.

Verwundert sah ich dem Manne in die Augen, den ich nie recht ernst
genommen hatte und jetzt als Ratgeber, ja als Arzt gelten lie. Aber er
schien wirklich etwas von jener Liebe zu haben, die er mir empfahl. Er
schien mein Leiden zu teilen und mir ehrlich Gutes zu wnschen. Ohnehin
hatte mein Gefhl mir schon gesagt, da ich eine gewaltsame Kur ntig
habe, um wieder leben und atmen zu knnen wie andere. Ich hatte an eine
lange Bergeinsamkeit oder an ein wildes Arbeiten gedacht, nun wollte
ich aber lieber meinem Ratgeber folgen, da meine Erfahrung und Weisheit
doch am Ende war.

Als ich meiner Mutter erffnete, ich gedenke, sie nicht allein zu
lassen, sondern hoffe, sie werde zu mir ziehen und mein Leben teilen,
da schttelte sie traurig den Kopf.

Was denkst du! wehrte sie ab. Das geht nicht so einfach. Ich habe
meine alten Gewohnheiten und kann nimmer neu anfangen, und du brauchst
Freiheit und darfst dich nicht mit mir beladen.

Wir knnen es ja einmal versuchen, schlug ich vor. Vielleicht geht
es leichter, als du meinst.

Frs Erste hatte ich genug zu tun, um vom Grbeln und Verzweifeln
abgehalten zu sein. Da stand ein Haus und war ein ausgedehntes Geschft
mit Guthaben und mit Schulden, da waren Bcher und Rechnungen, war Geld
ausgeliehen und Geld aufgenommen, und es war die Frage, was aus dem
allen werden solle. Ich war natrlich von Anfang an entschlossen, alles
zu verkaufen, doch ging das nicht so rasch, auch hing die Mutter an dem
alten Hause, und das Testament meines Vaters wollte auch erfllt sein,
mit allerlei Haken und Schwierigkeiten. Der Buchhalter und ein Notar
muten helfen, die Tage und Wochen gingen mit Besprechungen hin, mit
Briefwechseln um Geld und Schulden, mit Plnen und Enttuschungen. Ich
kannte mich bald in allen diesen Rechnungen und amtlichen Formularen
nicht mehr aus, gab dem Notar noch einen Rechtsanwalt bei und berlie
ihnen die Entwirrung.

Darber kam meine Mutter nicht selten zu kurz. Ich gab mir Mhe, ihr
diese Zeit leichter zu machen, ich hielt ihr alle Geschfte vom Halse,
ich las ihr vor und fuhr mit ihr spazieren. Zuweilen fiel es mir
schwer, nicht auszureien und alles liegen zu lassen, doch hielt das
Schamgefhl und eine gewisse Neugierde, wie es gehen werde, mich zurck.

Meine Mutter dachte an nichts als an den Verstorbenen, doch zeigte
sich ihre Trauer in lauter kleinen, frauenhaften, mir fremden und oft
kleinlich scheinenden Zgen. Anfangs mute ich bei Tische an des Vaters
Platz sitzen, dann fand sie, ich passe doch nicht dahin, und der Platz
mute leer bleiben. Manchmal konnte ich ihr nicht genug vom Vater
sprechen, dann wieder ward sie still und sah mich leidend an, sobald
ich ihn nur nannte. Am meisten fehlte mir die Musik. Ich htte viel
darum gegeben, einmal eine Stunde geigen zu knnen, aber das durfte ich
erst nach vielen Wochen wieder, und auch dann seufzte sie und fhlte
einen Versto darin. Auf meine unfrohen Bemhungen, ihr mein Wesen und
Leben nher zu bringen und ihre Freundschaft zu gewinnen, ging sie
nicht ein.

Da litt ich oft und wollte es aufgeben, doch bezwang ich mich immer
wieder und gewhnte mich an diese Tage ohne Resonanz. Mein eigenes
Leben lag brach und tot, nur selten klang das Gewesene dunkel herber,
wenn ich im Traum die Stimme Gertruds hrte oder in einer leeren Stunde
mir ungewollt Melodien aus meiner Oper einfielen. Als ich nach R.
reiste, um meine Wohnung dort aufzugeben und meine Sachen einzupacken,
schien alles dortige mir um Jahre entfernt. Ich besuchte nur Teiser,
der mir treulich beistand. Nach Gertrud wagte ich nicht zu fragen.

Gegen das zurckhaltend resignierte Benehmen meiner Mutter, das
mich auf die Dauer allzusehr bedrckte, mute ich allmhlich einen
regelrechten, versteckten Kampf beginnen. Bat ich sie offen, mir zu
sagen, was sie wnsche und worin sie etwa mit mir unzufrieden sei, so
streichelte sie traurig lchelnd meine Hand und sagte: La nur, Kind!
Ich bin eben eine alte Frau. So begann ich denn auf eigene Faust zu
forschen, wobei ich auch Fragen an den Buchhalter und die Dienstboten
nicht verschmhte.

Da fand sich denn allerlei. Die Hauptsache war die: meine Mutter hatte
in der Stadt eine einzige nahe Verwandte und Freundin, eine Cousine,
die ein altes Frulein war und wenig Umgang pflegte, mit meiner Mutter
aber sehr enge Freundschaft unterhielt. Dieses Frulein Schwiebel hatte
schon meinen Vater gar nicht geliebt, gegen mich aber einen richtigen
Widerwillen, so da sie neuerdings nicht mehr ins Haus kam. Meine
Mutter hatte ihr frher versprochen, sie zu sich zu nehmen, falls
sie den Vater berlebe, und diese Hoffnung schien ihr mein Dableiben
zu vereiteln. Als ich das allmhlich erkundet hatte, machte ich denn
der alten Dame einen Besuch und gab mir Mhe, mich ihr angenehm zu
machen. Das Spiel mit Wunderlichkeiten und kleinen Intriguen war mir
neu und machte mir beinahe Vergngen. Es gelang mir, das Frulein
wieder in unser Haus zu bringen, und ich merkte, da die Mutter mir
dafr dankbar war. Allerdings taten sich die beiden nun zusammen,
den von mir gewnschten Verkauf des alten Hauses zu hintertreiben,
was ihnen wirklich gelang. Nun ging das Streben des Fruleins dahin,
meine Stelle im Hause einzunehmen und zu dem lngst ersehnten warmen
Altensitz zu gelangen, den ich ihr noch versperrte. Es wre Raum genug
fr sie und mich gewesen, allein sie wollte keinen Hausherrn neben sich
und weigerte sich, zu uns zu ziehen. Dagegen kam sie fleiig gelaufen,
machte sich der Freundin in manchen kleinen Dingen unentbehrlich,
behandelte mich diplomatisch wie eine gefhrliche Gromacht und
bemchtigte sich der Stellung einer Ratgeberin im Haushalt, die ich ihr
nicht streitig machen konnte.

Meine arme Mutter ergriff weder ihre noch meine Partei. Sie war mde
und litt tief unter der Vernderung ihres Lebens. Wie sehr der Vater
ihr fehlte, merkte ich erst allmhlich. Einmal traf ich sie beim Gang
durch ein Zimmer, in dem ich sie nicht vermuten konnte, an einem
Kleiderschrank beschftigt. Sie erschrak ber mein Dazukommen und
ich ging rasch weiter, doch sah ich wohl, da sie die Kleider des
Verstorbenen musterte, und nachher hatte sie rote Augen.

Als der Sommer kam, begann ein neuer Kampf. Ich wollte durchaus
mit meiner Mutter verreisen, wir konnten beide eine Erholung wohl
brauchen, ich hoffte dabei, sie zu ermuntern und mehr Einflu auf sie
zu gewinnen. Sie zeigte wenig Lust zum Reisen, widersprach mir jedoch
kaum; desto eifriger trat Frulein Schwiebel dafr ein, da die Mutter
dableibe und ich allein reise. Doch wollte ich hierin keineswegs
nachgeben, ich versprach mir von der Reise viel. Es begann mir in dem
alten Hause mit der armen, unruhig gewordenen und leidenden Mutter
unheimlich zu werden; drauen hoffte ich der Mutter besser helfen und
meine eigenen Gedanken und Launen besser beherrschen zu knnen.

So setzte ich es durch, da wir gegen Ende des Juni abreisten. Wir
fuhren in kleinen Tagreisen, sahen Konstanz und Zrich und fuhren
ber den Brnig dem Berner Oberland entgegen. Meine Mutter hielt sich
still und mde, lie die Reise ber sich ergehen und sah unglcklich
aus. In Interlaken begann sie zu klagen, sie schlafe nicht mehr, doch
beredete ich sie, noch mit nach Grindelwald zu gehen, wo ich fr sie
und mich auf Ruhe hoffte. Auf dieser trichten, unendlichen, freudlosen
Reise sah ich die Unmglichkeit, dem eigenen Elend zu entrinnen
und davonzulaufen, wohl ein. Da lagen die schnen, grnen Seen und
spiegelten alte, prchtige Stdte, da stiegen die Berge wei und blau
und strahlten blaugrne Gletscher im Sonnenlicht. Wir beide aber gingen
still und unerfreut an allem vorbei, schmten uns vor allem, waren von
allem nur bedrckt und ermdet. Wir machten unsere Spaziergnge, sahen
an den Bergen empor, atmeten die leichte, se Luft und hrten die
Kuhglocken auf den Matten luten, und wir sagten: Das ist schn! und
wagten nicht, uns dabei in die Augen zu sehen.

Eine Woche hielten wir es in Grindelwald aus. Da sagte meine Mutter
eines Morgens: Du, es hat keinen Zweck, wir wollen umkehren. Ich
mchte gern wieder einmal eine Nacht schlafen knnen. Und wenn ich
krank werden und sterben soll, will ich's zu Hause tun.

Da packte ich schweigend unsere Koffer ein, gab ihr im Stillen recht
und fuhr mit ihr, schneller als wir hergekommen waren, den ganzen Weg
zurck. Doch hatte ich nicht das Gefhl, in eine Heimat zurckzukehren,
sondern in ein Gefngnis, und auch die Mutter zeigte nur eine leise
Befriedigung.

Und am Abend des Heimkehrtages sagte ich zu ihr: Was meinst du dazu,
wenn ich allein verreise? Ich wrde wieder nach R. fahren. Sieh, ich
bliebe gern bei dir, wenn ich irgend einen Nutzen darin she. Aber wir
sind beide krank und freudlos und stecken einander nur immer wieder an.
Nimm du deine Freundin ins Haus, die kann dich besser trsten als ich.

Nach ihrer Gewohnheit nahm sie meine Hand und streichelte sie leise.
Sie nickte dazu und sah mich mit Lcheln an, und das Lcheln sagte
deutlich: Ja, geh nur!

Mit allen meinen Bemhungen und guten Vorstzen hatte ich nichts
erreicht, als sie und mich ein paar Monate lang zu qulen und sie mir
noch viel mehr zu entfremden. Es hatte, trotz des Zusammenlebens, jedes
von uns sein Bndel allein getragen und nicht mit dem andern geteilt,
und jedes war nur tiefer in sein Leid und seine Krankheit versunken.
Meine Versuche waren fruchtlos geblieben und ich konnte nichts Besseres
tun als gehen und dem Frulein Schniebel das Feld rumen.

Das tat ich denn auch in Blde, und da ich keinen anderen Ort wute,
ging ich nach R. zurck. Bei der Abreise kam mir zum Bewutsein,
da ich nun keine Heimat mehr habe. Die Stadt, in der ich geboren
war und die Kinderjahre gelebt und meinen Vater begraben hatte,
ging mich nichts mehr an, hatte nichts von mir zu fordern und mir
nichts zu geben, als Erinnerungen. Ich sagte es dem Herrn Lohe beim
Abschiednehmen nicht, aber sein Rezept hatte nicht geholfen.

Zufllig stand in R. meine alte Wohnung noch leer. Es war mir wie
ein Zeichen, da es nutzlos sei, den Zusammenhang mit dem Gewesenen
abbrechen und sich vor dem eigenen Schicksal flchten zu wollen. Ich
lebte wieder in demselben Hause und Zimmer, in derselben Stadt, packte
meine Geige und meine Arbeit wieder aus und fand alles wie es gewesen
war, nur da Muoth nach Mnchen gegangen und Gertrud seine Braut
geworden war.

Ich nahm die Stcke meiner Oper in die Hnde, als wren es die Trmmer
meines frheren Lebens, aus denen ich nun noch etwas zu machen
versuchen wollte. Doch regte sich die Musik nur langsam wieder in
meiner erstarrten Seele und erwachte erst, als der Dichter aller meiner
Texte mir ein neues Lied schickte. Es kam in einer Zeit, da ich am
Abend nicht selten die alte Unruhe in mir sprte und mit Scham und
tausend Irrlichtern im Herzen um den Garten des Imthorschen Hauses
strich, und es hie:

  Der Fhn schreit jede Nacht,
  Sein feuchter Flgel flattert schwer,
  Brachvgel taumeln durch die Luft;
  Nun schlft nichts mehr,
  Nun ist das ganze Land erwacht.
  Der Frhling ruft.

  In diesen Nchten schlaf ich nicht.
  Mein Herz wird jung,
  Aus blauen Tiefen der Erinnerung
  Steigt meiner Jugend heies Glck,
  Schaut mir so nahe ins Gesicht,
  Erschrickt, und flieht zurck.

  Bleib still, bleib still, mein Herz!
  Ob auch im Blute eng und schwer
  Die Leidenschaft sich rhrt
  Und dich die alten Wege fhrt --
  Nicht jugendwrts
  Gehn deine Wege mehr.

Diese Verse gingen mir ins Herz und erweckten Klang und Leben wieder.
Aufgelst und schmerzlich glhend flo mir die lang verhaltene und
betrogene Pein in Takte und Tne, von dem Liede weg fand ich den
verlorenen Faden der Oper wieder und whlte mich nach so langer de
wieder tief in den fiebernden Rausch hinstrmenden Ergusses bis zu der
freien Hhe des Gefhls, wo Schmerz und Wonne nicht mehr voneinander
unterschieden sind und alle Glut und Kraft der Seele sich ungeteilt in
einer einzigen steilen Flamme empordrngt.

Am Tage, an dem ich das neue Lied aufgeschrieben und Teiser gezeigt
hatte, ging ich abends durch eine Kastanienallee heimwrts, ganz von
heraufschwellender Kraft zu neuer Arbeit erfllt. Noch sahen mich die
vergangenen Monate wie aus Maskenaugen in ihrer trostlosen Leere an.
Nun schlug mein Herz begehrlich rasch und wollte nicht mehr begreifen,
warum es seinem Leide habe entrinnen wollen. Gertruds Bild erhob sich
klar und herrlich aus dem Staube und ich sah ihm wieder unerschrocken
in die hellen Augen und ffnete mein Herz allen Schmerzen weit.
Ach, es war besser um sie zu leiden und den Stachel tiefer in die
Wunde zu drcken, als fern von ihr und fern von meinem wahren Leben
gespensterhafte Zeiten hinzudmmern! Zwischen den dunklen vollen
Wipfeln der breiten Kastanien hing schwarzblau der Himmel und war
voll von Sternen, die schwebten alle ernst und golden und strahlten
unbekmmert in die Weiten. So taten die Sterne, und die Bume trugen
ihre Knospen und Blten und Narben frei zur Schau, und mochte es ihnen
Lust oder Weh bedeuten, sie gaben sich dem groen Lebenswillen hin.
Die Eintagsfliegen schwrmten taumelnd dem Tod entgegen, jedes Leben
hatte seinen Glanz und seine Schnheit und ich schaute einen Augenblick
hinein und verstand es und hie es gut, und hie auch mein Leben und
meine Leiden gut.

Im Laufe des Herbstes wurde meine Oper fertig. In dieser Zeit begegnete
mir in einem Konzert Herr Imthor. Er begrte mich herzlich und etwas
verwundert, da er nichts von meinem Aufenthalt in der Stadt wute. Er
hatte nur gehrt, mein Vater sei gestorben und ich lebe seither in
meiner Heimat.

Und wie geht es Frulein Gertrud? fragte ich mglichst ruhig.

O, Sie sollten selber kommen und danach sehen. Anfang November soll
ihre Hochzeit sein, da rechnen wir ohnehin bestimmt auf Sie.

Danke, Herr Imthor. Und was hren Sie von Muoth?

Er ist wohl. Sie wissen, ich bin mit der Heirat nicht recht
einverstanden. Ich htte Sie schon lang gerne einmal ber Herrn Muoth
befragt. Soweit ich ihn kenne, darf ich nicht ber ihn klagen. Aber ich
hrte so mancherlei ber ihn: er soll ja viel mit Frauen zu tun gehabt
haben. Knnen Sie mir darber etwas sagen?

Nein, Herr Imthor. Es htte ja auch keinen Zweck. Ihre Tochter wird
auf Gerchte hin sich schwerlich anders entschlieen. Herr Muoth ist
mein Freund und ich gnne es ihm, wenn er sein Glck findet.

Ja, ja. Sieht man Sie bald wieder einmal bei uns?

Ich denke wohl. Auf Wiedersehen, Herr Imthor.

Es war noch nicht lange her, da htte ich alles getan, um die
Verbindung der beiden zu hindern, nicht aus Neid oder Hoffnung, Gertrud
knnte sich doch noch mir selber zuneigen, sondern weil ich berzeugt
war und vorauszufhlen meinte, da es den beiden nicht gut gehen werde,
weil ich an Muoths selbstqulerische Art von Melancholie, an seine
Reizbarkeit und Gertruds Zartheit dachte und weil mir Marion und Lotte
noch so wohl im Gedchtnis waren.

Jetzt dachte ich anders. Eine Erschtterung meines ganzen Lebens, ein
halbes Jahr innerer Einsamkeit und das bewute Abschiednehmen von
der Jugend hatten mich verndert. Ich war jetzt der Meinung, es sei
tricht und gefhrlich, seine Hand nach anderer Menschen Schicksal
auszustrecken, auch hatte ich keine Ursache meine Hand fr geschickt
und mich fr einen Helfer und Menschenkenner zu halten, nachdem meine
Versuche in dieser Richtung alle miglckt waren und mich bitter
beschmt hatten. Auch jetzt noch zweifle ich stark an der Fhigkeit
des Menschen, sein Leben und das von anderen irgend bewut zu bilden
und zu formen. Man kann Geld erwerben, auch Ehren und Orden, aber
Glck oder Unglck erwirbt man nicht, nicht fr sich und nicht fr
andere. Man kann nur hinnehmen, was kommt, und man kann es freilich
auf gar verschiedene Weisen hinnehmen. Was mich anging, so wollte ich
keine gewaltsamen Versuche mehr machen, mein Leben auf die Sonnenseite
hinber zu spielen, sondern das mir Bestimmte annehmen und nach
Vermgen tragen und zum Guten wenden.

Ist nun auch das Leben von solchen Meditationen unabhngig und geht
ber sie hinweg, so hinterlassen ehrlich gemeinte Entschlsse und
Gedanken doch einen Frieden in der Seele, und helfen das Unabnderliche
tragen. Wenigstens nahm mich, wie es mir nachtrglich scheinen
will, seit meiner Ergebung und seit meiner Erkenntnis von der
Gleichgltigkeit meines persnlichen Ergehens das Leben in sanftere
Hnde.

Da das, was man mit allem Wollen und Mhen nicht erreichen kann,
manchmal unerwartet von selber kommt, erfuhr ich bald darauf an meiner
Mutter. Ich schrieb ihr jeden Monat und war seit einiger Zeit ohne
Antwort von ihr geblieben. Wre es ihr schlecht gegangen, so htte ich
es erfahren, darum dachte ich wenig an sie und schrieb meine Briefe
weiter, kurze Berichte ber mein Ergehen, denen ich jedesmal auch
freundliche Gre an Frulein Schniebel beifgte.

Diese Gre nun wurden neuerdings nicht mehr ausgerichtet. Den
beiden Frauen war es allzuwohl ergangen und sie hatten die Erfllung
ihrer Wnsche nicht ertragen. Namentlich war dem Frulein die gute
Zeit in die Krone gestiegen. Sie war sofort nach meinem Abgang mit
Triumph an der Sttte ihres Sieges eingezogen und hatte ihre Wohnung
in unserem Hause aufgeschlagen. Da hauste sie nun bei ihrer alten
Freundin und Cousine und empfand es als ein durch lange drftige Jahre
wohlverdientes Glck, als Mitherrin in einem stattlichen Hauswesen
sich wrmen und brsten zu drfen. Nicht da sie kostbare Gewohnheiten
angenommen und sich auf das Geuden gelegt htte -- dazu war sie
allzulange in gedrckten Verhltnissen und halber Armut gewesen. Sie
trug weder feinere Kleider, noch schlief sie auf anderem Linnen;
vielmehr begann sie das Hausen und Sparen nun erst recht, da es sich
lohnte und etwas zum Sparen da war. Aber worauf sie nicht verzichten
wollte, das war Macht und Einflu. Die beiden Mgde muten ihr nicht
minder gehorchen als meiner Mutter, auch gegen Dienstleute, Handwerker,
Brieftrger wute sie herrschaftlich aufzutreten. Und allmhlich, da
ja Leidenschaften nicht durch Erfllungen zu lschen sind, dehnte sie
ihre Herrschlust auch auf Dinge aus, in denen meine Mutter weniger
bereitwillig nachgeben konnte. Sie wollte die Besuche, die meine Mutter
bekam, ebenso auf sich selbst bezogen wissen und nicht leiden, da
jene einen empfing, ohne sie dabei zu haben. Sie wollte die Briefe,
namentlich die von mir, nicht auszugsweise mitgeteilt erhalten, sondern
selber lesen. Und schlielich entdeckte sie, da im Hause meiner Mutter
manches gar nicht so gehalten und besorgt und regiert wurde, wie sie
es richtig fand. Vor allem schien ihr die Bewachung der Dienstboten
nicht streng genug. War eine Magd des Abends auer Hause, unterhielt
sich eine andere zu lange mit dem Brieftrger, bat die Kchin um
einen freien Sonntag, so rgte sie die Nachgiebigkeit meiner Mutter
aufs Strengste und hielt ihr lange Reden ber die richtige Fhrung
eines Hauswesens. Ferner tat es ihr bitter weh, zu sehen, wie oft und
grblich die Regeln der Sparsamkeit verletzt wurden. Da wurden schon
wieder Kohlen ins Haus gefhrt, da standen zu viele Eier auf der
Abrechnung der Kchin! Sie trat mit Ernst und Eifer dagegen auf, und
hier nahm die Veruneinigung der Freundinnen ihren Anfang.

Nmlich das Bisherige hatte meine Mutter sich gerne gefallen lassen,
wenn sie auch nicht mit allem einverstanden und in manchen Dingen
von der Freundin, deren Verhltnis zu ihr sie sich anders mochte
gedacht haben, enttuscht war. Jetzt dagegen, wo alte und ehrwrdig
gewordene Gewohnheiten des Hauses in Gefahr kamen, wo ihre tgliche
Bequemlichkeit und der Hausfriede zu leiden begann, konnte sie
ihre Einwendungen nicht zurckhalten und machte sich wehrhaft,
worin sie freilich der Freundin es nicht gleichtun konnte. Es gab
Auseinandersetzungen und kleine freundschaftliche Zankereien, und als
die Kchin den Dienst aufsagte und von meiner Mutter nur mit Mhe und
vielen Versprechungen, ja fast Abbitten gehalten werden konnte, begann
die Machtfrage im Hause zu einem wirklichen Kriege zu fhren.

Das Frulein Schniebel, stolz auf ihre Kenntnisse, ihre Erfahrungen,
ihre Sparsamkeit und wirtschaftlichen Tugenden, konnte nicht einsehen,
da man ihr fr alle diese Qualitten keinen Dank wisse und fhlte
sich so sehr im guten Recht, da sie mit einer Kritik der bisherigen
Wirtschaftsfhrung, einem Tadel fr die Hausfrauenkunst meiner Mutter
und einer mitleidigen Verachtung fr die Gebruche und Eigenheiten
des ganzen Hauses nicht mehr hinterm Berge hielt. Nun berief sich die
Hausfrau auf meinen Vater, unter dessen Leitung und nach dessen Art es
so viele Jahre lang im Hause gut gegangen war. Er hatte Kleinlichkeit
und ngstliche Sparsamkeit nicht geduldet, er hatte den Dienstboten
Freiheit und Rechte gegnnt, er hatte Mgdegeznk und Verdrossenheit
gehat. Als aber meine Mutter sich auf ihn berief, an dem sie frher
wohl auch gelegentlich zu kritisieren gehabt hatte, der aber seit
seinem Tode ihr zum Heiligen geworden war, da konnte Frulein Schniebel
nicht schweigen und erinnerte spitzig daran, wie sie schon lngst ihre
Meinung ber den Seligen gehabt und geuert habe, und meinte, es sei
jetzt wohl an der Zeit, in dem Schlendrian einzuhalten und Vernunft
walten zu lassen. Sie habe ja aus Schonung fr ihre Freundin nicht an
das Andenken des Verewigten rhren wollen; da diese aber selber sich
auf ihn beziehe, msse sie gestehen, da allerdings der alte Herr an
manchen belstnden im Hause schuld sei, da sie aber nicht einsehe,
warum das nun, da sie freie Hand htten, weiter so bleiben solle.

Das war fr meine Mutter ein Schlag ins Gesicht, den sie der Kusine
nicht verga. Frher war es ihr ein Bedrfnis und ein Genu gewesen,
hie und da im Gesprch mit dieser Vertrauten etwa zu klagen und ihrem
Hausherrn einiges am Zeug zu flicken; jetzt aber ertrug sie nicht
den mindesten Schatten auf seinem verklrten Bilde und begann die
beginnende Revolution im Hause nicht nur als strend, sondern vor allem
als eine Versndigung an dem Seligen zu empfinden.

So war es gegangen, ohne da ich davon erfuhr. Als jetzt zum erstenmal
ein Brief meiner Mutter diesen Unfrieden im Vogelkfig andeutete, wenn
auch noch schonend und vorsichtig, machte die Sache mich lachen. Ich
lie in meinem nchsten Schreiben die Gre an die Jungfer weg, ging
aber nicht auf die Andeutungen ein und dachte, die Frauen mchten
besser ohne mich fertig werden. Auch kam anderes dazwischen, das mich
weit mehr beschftigte.

Es war Oktober geworden und der Gedanke an Gertruds bevorstehende
Hochzeit lie mich nicht mehr los. Ich hatte ihr Haus nicht wieder
besucht und sie selber nicht wieder gesehen. Nach der Hochzeit,
wenn sie fort wre, dachte ich den Verkehr mit ihrem Vater wieder
aufzunehmen. Auch hoffte ich, es werde sich zwischen ihr und mir
mit der Zeit wieder ein gutes, vertrauliches Verhltnis herstellen,
wir waren einander schon zu nahe gewesen, um einfach das Gewesene
ausstreichen zu knnen. Nur jetzt hatte ich noch nicht den Mut zu einer
Begegnung, welcher sie, wie ich sie kannte, nicht ausgewichen wre.

Da pochte es eines Tages auf eine wohlbekannte Art an meiner Tre.
Ahnungsvoll und verwirrt sprang ich auf und ffnete, und da stand
Heinrich Muoth und streckte mir die Hand entgegen.

Muoth! rief ich und hielt die Hand fest, und ich konnte nicht in
seine Augen sehen, ohne da alles in mir aufwachte und wehe tat. Ich
sah wieder den Brief auf seinem Tische liegen, den Brief mit Gertruds
Handschrift, und sah mich wieder von ihr Abschied nehmen und den Tod
whlen. Da stand er nun und blickte mich forschend an. Er sah etwas
gemagert aus, doch schn und stolz wie je.

Ich hatte dich nicht erwartet, sagte ich leise.

So? Da du zu Gertrud nicht mehr gekommen bist, wei ich schon.
Meinetwegen -- lassen wir das alles unbesprochen! Ich bin da um zu
sehen, wie du lebst und was deine Arbeit macht. Was ist denn mit der
Oper!

Die ist fertig. Aber zuerst: Wie geht es Gertrud?

Gut. Wir haben ja bald Hochzeit.

Ich wei.

Ja. Besuchst du sie nicht bald einmal?

Spter, doch. Ich will sehen, ob sie es auch gut bei dir hat.

Hm...

Heinrich, verzeih, aber ich mu manchmal an die Lotte denken, die du
schlecht gehalten und geschlagen hast.

La die Lotte! Es geschah ihr recht. Es bekommt kein Weib Schlge, das
keine haben will.

Nun ja. Also die Oper. Ich wei noch gar nicht, wo ich sie zuerst
einreichen soll. Es mte eine gute Bhne sein, aber ob die das Ding
nehmen wird?

Sie wird schon. Ich wollte darber mit dir sprechen. Bring sie nach
Mnchen! Angenommen wird sie wahrscheinlich, man interessiert sich fr
dich, und im Notfall stehe ich dafr ein. Ich mchte sehr gern, da
kein anderer meine Rolle vor mir singt.

Damit war mir gedient. Ich sagte gern zu und versprach, bald fr
Abschriften zu sorgen. Wir besprachen Einzelheiten und sprachen
verlegen weiter, als sei es uns todeswichtig, und doch wollten wir
nichts als die Zeit hinbringen und vor der Kluft, die sich zwischen uns
aufgetan hatte, die Augen schlieen.

Muoth brach den Bann zuerst.

Du, sagte er, weit du noch, wie du mich damals zu den Imthors
mitgenommen hast? Es ist ein Jahr her.

Ich wei noch, sagte ich, und du brauchst mich nicht zu erinnern,
du. Geh lieber!

Nein, Freund. Also du erinnerst dich noch. Nun, wenn du damals schon
das Mdchen lieb gehabt hast, warum hast du nicht ein Wort zu mir
gesagt? Warum hast du nicht gesagt: La sie in Ruh, la sie mir! Es
wre genug gewesen, ich htte auch eine Andeutung verstanden.

Das durfte ich nicht.

Durftest du nicht? Warum nicht? Wer hie dich zusehen und den Mund
halten, bis es zu spt war?

Ich konnte ja nicht wissen, ob sie mich lieb habe. Und auch dann --
wenn du ihr lieber bist, kann ich doch nichts machen.

Du bist ein Kind! Sie wre mit dir vielleicht glcklicher geworden!
Es hat doch jeder das Recht, sich eine Frau zu erobern. Und wenn du
mir gleich anfangs ein Wort gesagt httest, einen kleinen Wink gegeben
httest, ich wre weggeblieben. Nachher war's natrlich zu spt.

Mir war diese Unterredung peinlich.

Ich denke anders darber, sagte ich, und du kannst ja zufrieden
sein, nicht? Also la mich in Ruhe! Sag ihr einen Gru und ich wrde
Euch dann in Mnchen besuchen.

Zur Hochzeit magst du nicht kommen?

Nein, Muoth, das wre geschmacklos. Aber -- lat Ihr Euch kirchlich
trauen?

Natrlich, im Mnster.

Das ist mir lieb. Ich habe etwas fr die Gelegenheit zurecht gelegt,
ein Orgelvorspiel. Keine Sorge, es ist ganz kurz.

Du bist ein lieber Kerl! Hol's der Teufel, da ich mit dir so Pech
habe!

Ich denke, du solltest Glck sagen, Muoth.

Na, wir wollen nicht streiten. Ich mu jetzt gehen, es werden noch
Sachen gekauft und wei Gott was. Die Oper schickst du bald, nicht
wahr? Schick sie an mich, dann bring ich sie unserem Alten selber. Ja,
und eh' ich Hochzeit mache, sollten wir zwei doch noch einmal einen
Abend fr uns haben. Vielleicht morgen? -- Gut, auf Wiedersehen!

Da war ich wieder im alten Kreise und brachte die Nacht in hundertmal
gedachten Gedanken und hundertmal gekosteten Leiden hin. Am nchsten
Tage ging ich zu einem mir bekannten Organisten und bat ihn, fr die
Muothsche Hochzeit mein Vorspiel zu bernehmen. Nachmittags ging ich
mit Teiser zum letztenmal meine Ouvertre durch. Und am Abend fand ich
mich in Heinrichs Gasthof ein.

Da fand ich ein Zimmer mit einem Kaminfeuer und Kerzenlicht fr uns
bereitet, einen weigedeckten Tisch mit Blumen und Silbergeschirr, und
Muoth wartete schon auf mich.

So, Junge, rief er, nun wollen wir Abschied feiern, mehr fr mich
als fr dich. Gertrud lt dich gren, wir wollen heut ihre Gesundheit
trinken.

Wir schenkten unsere Glser voll und tranken schweigend aus.

So, und jetzt wollen wir nur noch an uns selber denken. Die Jugend
will zur Neige gehen, Lieber, sprst du's nicht auch? Sie soll ja das
schnste am Leben sein. Ich hoffe, es sei ein Schwindel wie alle diese
beliebten Sprche. Das Beste mu doch erst kommen, sonst war das Ganze
nicht recht der Mhe wert. Wenn deine Oper gespielt wird, reden wir
weiter darber.

Wir aen behaglich und tranken einen schweren Rheinwein dazu, nachher
legten wir uns mit Zigarren und Champagner in den tiefen Ecksesseln
zurck und es kam mir und ihm fr eine Stunde die alte Zeit herauf,
die redselige Lust am Plnebauen und Plaudern, wir blickten einander
sorglos nachdenklich in aufrichtige Augen und waren miteinander
zufrieden. Heinrich war in solchen Stunden gtiger und zarter als
sonst, er kannte die Flchtigkeit solcher Lust genau und hielt sie,
so lange die Stimmung lebendig bleiben wollte, behutsam in schonenden
Hnden fest. Leise und lchelnd sprach er von Mnchen, erzhlte kleine
Bhnengeschichten und bte seine alte feine Kunst, Menschen und
Verhltnisse in kurzen klaren Worten zu zeichnen.

Als er so seinen Dirigenten, seinen Schwiegervater und andere spielend
und scharf, doch ohne Bosheit charakterisiert hatte, trank ich ihm zu
und fragte: Nun, und was sagst du zu mir? Hast du fr Leute meiner Art
auch so eine Formel?

O ja, nickte er gelassen und richtete die dunklen Augen auf mich. Du
bist in allem der Typus des Knstlers. Ein Knstler ist ja nicht, wie
die Philister meinen, ein fideler Herr, der aus lauter bermut hie und
da Kunstwerke hinschmeit, sondern leider meistens ein armer Tropf, der
an einem unntzen Reichtum erstickt und darum was von sich geben mu.
Es ist nichts mit der Sage vom glcklichen Knstler, das ist lauter
Philistergeschwtz. Der fidele Mozart hat sich mit Champagner aufrecht
gehalten und dafr Mangel an Brot gelitten, und warum Beethoven sich
nicht in jungen Jahren schon das Leben genommen, sondern statt dessen
diese herrlichen Sachen geschrieben hat, das wei kein Mensch. Ein
anstndiger Knstler hat im Leben unglcklich zu sein. Wenn er Hunger
hat und seinen Sack aufmacht, so sind immer blo Perlen drin!

Ja, wenn man ein bichen Freude und Wrme und Anteil am Leben begehrt,
da helfen einem ein Dutzend Opern und Trios und solche Sachen freilich
nicht viel.

Ich glaub's. So eine Stunde beim Wein mit einem Freund, wenn man einen
hat, und ein gutmtiges Plaudern ber dies merkwrdige Leben, das ist
eigentlich das Beste, was man haben kann. Es mu schon so sein und
wir mssen froh sein, da wir das doch haben. Wie lange schafft ein
armer Teufel an einer schnen Rakete, und die Freude dran dauert dann
keine Minute! So mu man auch Freude und Seelenruhe und gutes Gewissen
sparen, damit es hie und da zu einer hbschen Stunde reicht. Prosit,
Freund!

Ich war mit seiner Philosophie im Grunde gar nicht einverstanden,
doch was lag daran? Mir war wohl, einen solchen Abend mit dem Freunde
zu erleben, den ich verlieren zu mssen gefrchtet hatte und der
auch so mir nicht mehr sicher war, und ich grte nachdenklich in
die vergangene Zeit hinber, die noch so nahe lag und doch schon
meine Jugend umschlo, deren Leichtsinn und Harmlosigkeit mir nicht
wiederkommen konnte.

Beizeiten machten wir ein Ende und Muoth erbot sich, noch mit mir bis
zu meinem Hause zu gehen. Doch hie ich ihn bleiben. Ich wute, da er
nicht gern mit mir auf der Strae ging, mein langsames Hinken strte
ihn und machte ihn verdrielich. Er konnte keine Opfer bringen, und
solche kleine sind ja oft die schwersten.

Mein kleines Orgelstck freute mich. Es war eine Art von Prludium und
fr mich eine Loslsung vom Alten, ein Dank und Glckwunsch an die
Brautleute und ein Nachhall der guten Freundschaftszeiten mit ihr und
mit ihm.

Am Tage der Hochzeit fand ich mich zeitig in der Kirche ein und sah der
Feier versteckt von der Orgel herab zu. Als der Organist mein Stcklein
spielte, sah Gertrud herauf und nickte ihrem Brutigam zu. Ich hatte
sie diese ganze Zeit nicht mehr gesehen, sie sah im weien Kleide noch
grer und schlanker aus und ging anmutig ernst den geschmckten
schmalen Pfad zum Altar, an der Seite des stolzen, ungebeugt
schreitenden Mannes. Es htte weniger gut und prchtig ausgesehen, wenn
an seiner Stelle ich schiefer Krppel diesen feierlichen Weg gegangen
wre.




Es war schon dafr gesorgt, da ich an die Hochzeit meiner Freunde
nicht lange denken und meine Betrachtungen und Wnsche und
Selbstqulereien nicht diesen Weg nehmen lassen konnte.

An meine Mutter hatte ich in diesen Tagen wenig gedacht. Ich wute
zwar aus ihrem letzten Briefe, da es um Behaglichkeit und Frieden in
ihrem Hause nicht glnzend bestellt sei, doch hatte ich weder Grund
noch Lust, mich in den Streit der beiden Damen zu mischen, sondern lie
ihn mit einiger Schadenfreude als eine Tatsache bestehen, zu welcher
mein Urteil entbehrlich war. Seither hatte ich geschrieben, ohne
Antwort bekommen zu haben, und hatte mit dem Besorgen und Durchsehen
der Abschriften fr meine Oper genug zu tun, als da ich mir ber das
Frulein Schniebel Gedanken htte machen knnen.

Da kam ein Brief von meiner Mama, der mich schon durch seinen ganz
ungewohnt groen Umfang in Erstaunen setzte. Er war eine peinliche
Anklageschrift gegen ihre Hausgenossin, aus der ich alle ihre
Vergehungen wider den Haus- und Seelenfrieden meiner guten Mutter genau
erfuhr. Es fiel ihr schwer, mir das zu schreiben, und sie tat es mit
Wrde und Vorsicht, allein es war ein klares Gestndnis der Tuschung,
in der sie betreffs ihrer alten Freundin und Base gelebt hatte. Meine
Mutter gab nicht nur meiner und meines seligen Vaters Abneigung gegen
Demoiselle Schniebel durchaus recht, sie war sogar jetzt bereit, das
Haus zu verkaufen, falls ich das noch wnsche, und ihren Wohnort zu
wechseln, und alles nur, um der Schniebel zu entrinnen.

Es wre vielleicht gut, wenn Du selber herkmest. Nmlich Lucie wei
schon, wie ich denke und was ich plane, sie ist darin sehr sprig; aber
wir stehen zu gespannt miteinander, als da ich ihr in der rechten
Form das Ntige sagen knnte. Meine Andeutungen, da ich lieber wieder
allein im Hause wre und da sie entbehrlich sei, will sie nicht
verstehen, und offenen Streit will ich nicht haben. Ich wei, sie wrde
keifen und sich auf die Hinterbeine stellen, wenn ich sie direkt zum
Gehen auffordern wollte. Da ist es besser, Du kommst und bringst das
in Ordnung. Ich will keinen Skandal haben, und sie soll nicht zu kurz
kommen, aber es mu ihr deutlich und bestimmt gesagt werden.

Ich wre auch bereit gewesen, den Drachen zu erschlagen, wenn Mama es
verlangt htte. Mit groem Vergngen machte ich mich reisefertig und
fuhr nach Hause. Dort merkte ich freilich gleich beim Eintritt in unser
altes Haus, da ein neuer Geist darin herrsche. Namentlich die groe
behagliche Wohnstube hatte ein grmliches, unfreudiges, gedrcktes und
rmliches Aussehen bekommen, alles sah mhsam bewacht und geschont
aus, und auf dem alten soliden Fuboden lagen sogenannte Lufer,
lange Trauerstreifen aus billigem und hlichem Stoff, um die Diele zu
schonen und am Aufwaschen zu sparen. Das alte Tafelklavier, das seit
Jahren unbenutzt im Salon stand, war gleichfalls mit einer solchen
Schonhlle bekleidet, und obwohl die Mutter zu meiner Ankunft Tee und
Gebck bereit und alles ein wenig nett gemacht hatte, roch es doch nach
altjngferlicher Kmmerlichkeit und Naphtalin so unverwischbar, da ich
gleich beim Empfang die Mutter anlchelte und die Nase rmpfte, was sie
sofort verstand.

Kaum sa ich im Stuhl, so kam der Drache herein, trabte ber die
Lufer auf mich zu und lie sich Ehre erweisen, was ich tat, ohne zu
sparen. Ich fragte eingehend nach ihrem Befinden und entschuldigte das
alte Haus, das vielleicht nicht jede Bequemlichkeit biete, an die sie
gewhnt sei. Sehr ber meine Mutter hinwegsprechend nahm sie die Rolle
der Hausfrau an sich, schaute nach dem Tee, erwiderte meine Hflichkeit
eifrigst und schien zwar geschmeichelt, noch mehr aber bengstigt
und mitrauisch gemacht durch meine bertriebene Freundlichkeit. Sie
witterte Verrat, war aber gentigt, auf die angenehme Tonart einzugehen
und selber ihren ganzen Vorrat von etwas antiquierten Artigkeiten
auszubreiten. Unter lauter Ergebenheit und Hochachtung sahen wir die
Nacht herankommen, wnschten einander herzlich den besten Schlaf und
trennten uns wie Diplomaten der alten Schule. Doch glaube ich, der
Kobold habe trotz des Zuckerbrots in jener Nacht wenig geschlafen,
whrend ich befriedigt ausruhte und meine arme Mutter vielleicht nach
manchen in rger und Betrbnis hingebrachten Nchten zum erstenmal
wieder mit ungeschmlerten Hausfrauengefhlen im eigenen Hause
einschlief.

Beim Frhstck am andern Morgen begann dasselbe zierliche Spiel. Meine
Mutter, die abends nur still und gespannt zugehrt hatte, nahm jetzt
mit Vergngen selber Teil, und wir behandelten die Schniebel mit einer
Artigkeit und Zartheit, die sie sehr ins Enge trieb, ja traurig machte,
denn sie ahnte wohl, da meiner Mutter diese Tne nicht vom Herzen
kmen. Beinahe htte mir das alte Mdchen leid getan, wie sie ngstlich
wurde und sich klein zu machen strebte, alles lobte und gut hie;
allein ich dachte an die entlassene Stubenmagd, an die unzufrieden
aussehende Kchin, die nur der Mutter zuliebe noch geblieben war, ich
dachte an das eingenhte Klavier und den ganzen trbsinnig kleinlichen
Geruch in meinem ehemals frhlichen Vaterhaus, und blieb hart.

Nach Tische bat ich meine Mutter, sich etwas zu legen, und blieb mit
der Base allein.

Pflegen Sie etwa nach Tisch zu schlafen? fragte ich hflich. Dann
mchte ich Sie nicht stren. Ich htte etwas mit Ihnen zu reden, doch
eilt es ja nicht so sehr.

O bitte, ich schlafe nie am Tage. So alt bin ich ja gottlob noch
nicht. Ich stehe ganz zu Diensten.

Danke sehr, gndiges Frulein. Ich wollte Ihnen Dank sagen fr die
Freundlichkeiten, die Sie meiner Mama erwiesen haben. Sie htte es
sonst doch sehr einsam gehabt in dem leeren Haus. Nun, jetzt wird das
ja anders.

Wie? rief sie aufspringend. Was wird anders?

Wissen Sie es noch nicht? Mama hat sich entschlossen, endlich meinen
alten Wunsch zu erfllen und zu mir zu ziehen. Da knnen wir das Haus
natrlich nicht leer stehen lassen. So wird es denn wohl bald zum
Verkauf kommen.

Das Frulein starrte mich fassungslos an.

Ja, es tut mir auch leid, fuhr ich bedauernd fort. Nun, fr Sie war
diese Zeit immerhin anstrengend. Sie haben sich des ganzen Hauses so
freundlich und sorglich angenommen, da ich nicht genug danken kann.

Aber ich, was soll -- -- -- wohin soll ich -- --

Nun, das wird sich ja finden. Sie mssen sich eben wieder eine Wohnung
suchen, es eilt natrlich nicht so sehr. Sie werden sich selber freuen,
es wieder stiller zu haben.

Sie war aufgestanden. Ihr Ton war noch hflich, aber bedenklich scharf.

Ich wei nicht, was ich dazu sagen soll, rief sie erbittert. Ihre
Mutter, Herr, hat mir versprochen, mich hier wohnen zu lassen. Es war
eine feste Abmachung; und jetzt, wo ich mich des Hauses angenommen
und Ihrer Mutter in allem geholfen habe, jetzt setzt man mich auf die
Strae!

Sie begann zu schluchzen und wollte fortlaufen. Doch hielt ich sie an
ihrer mageren Hand zurck und setzte sie wieder in ihren Sessel.

So schlimm ist es nicht, sagte ich lchelnd. Da meine Mutter von
hier wegziehen will, ndert eben die Verhltnisse ein wenig. brigens
ist der Verkauf des Hauses nicht von ihr beschlossen, sondern von mir,
denn ich bin der Besitzer. Da Sie sich beim Aussuchen einer neuen
Wohnung nicht beschrnken und die Sorge dafr ihr berlassen, setzt
meine Mutter voraus. Sie haben es dann bequemer als bisher, und sind
doch noch gewissermaen ihr Gast.

Es kamen nun die erwarteten Einwnde, der Stolz, das Weinen, das mit
Bitten abwechselnde Grotun, und am Ende merkte die Schmollende, da
hier Nachgeben das Klgste sei. Doch zog sie sich auf dieses hin in
ihr Zimmer zurck und lie sich auch zum Kaffee nicht sehen. Meine
Mutter meinte, wir sollten ihr diesen aufs Zimmer schicken, doch wollte
ich nach all der Hflichkeit auch meine Rache haben und lie Frulein
Schniebel in ihrem Trotz verharren bis zum Abend, wo sie denn still und
grmlich, doch pnktlich zur Mahlzeit erschien.

Ich mu leider schon morgen wieder nach R. fahren, sagte ich whrend
des Abendessens. Solltest du mich aber brauchen, Mama, so kann ich ja
immer schnell herfahren.

Ich sah dabei nicht meine Mutter, sondern ihre Cousine an, und sie
merkte, wie es gemeint sei. Mein Abschied von ihr war kurz und
meinerseits beinahe herzlich.

Kind, sagte meine Mutter nachher, du hast es gut gemacht, und ich
mu dir danken. Willst du mir nicht etwas aus deiner Oper vorspielen?

Dazu kam es nun nicht, aber es war ein Ring durchbrochen, und zwischen
der alten Frau und mir begann es zu tagen. Das war das Beste an der
Sache. Sie hatte jetzt Vertrauen zu mir, und ich freute mich darauf,
bald mit ihr ein kleines Hauswesen zu erffnen und aus der langen
Heimatlosigkeit herauszukommen. Ich reiste befriedigt ab, hinterlie
schne Gre an das alte Frulein und begann nach meiner Rckkehr schon
da und dort einzukehren, wo hbsche kleine Wohnungen zu vermieten
standen. Dabei half mir Teiser, und meistens war auch seine Schwester
mit, und beide freuten sich mit mir und hofften auf ein erfreuliches
Zusammenleben der beiden kleinen Familien.

Inzwischen war meine Oper nach Mnchen gegangen. Nach zwei Monaten,
kurz vor der Ankunft meiner Mutter, schrieb mir Muoth, sie sei
angenommen, knne aber in dieser Spielzeit nicht mehr einstudiert
werden. Doch werde sie im Beginn des nchsten Winters aufgefhrt
werden. So hatte ich der Mutter eine gute Nachricht, und Teiser
veranstaltete ein Fest mit Freudentnzen, als er es hrte.

Meine Mutter weinte beim Einzug in unsere hbsche Gartenwohnung und
meinte, es sei nicht gut, im Alter noch auf fremden Boden verpflanzt zu
werden. Ich aber fand es sehr gut, und die Teisers auch, und Brigitte
half und ging meiner Mutter zur Hand, da es eine Freude war. Das
Mdchen hatte wenig Bekannte in der Stadt und war oft, whrend ihr
Bruder im Theater war, einsam zu Hause gesessen, was ihr allerdings
nicht anzusehen war. Nun kam sie viel zu uns und half nicht nur beim
Einrumen und Eingewhnen, sondern half auch mir und der Mutter den
schwierigen Weg in ein freundlich stilles Zusammenleben hinein zu
finden. Sie wute es der alten Frau zu erklren, wenn ich Ruhe brauchte
und allein sein mute, sie war dann zur Hand und sprang fr mich ein,
und mir deutete sie manche Bedrfnisse und Wnsche meiner Mutter an,
die ich nie erraten und die Mutter mir nie mitgeteilt htte. So gab es
bald eine kleine Heimat und einen Heimatfrieden bei uns, anders und
bescheidener als ich mir vormals mein Heim vorgestellt hatte, doch gut
und schn genug fr einen, der es selber nicht weiter gebracht hatte
als ich.

Jetzt lernte meine Mutter auch meine Musik kennen. Sie hie nicht alles
gut und schwieg zu dem meisten, aber sie sah und glaubte, da es nicht
Zeitvertreib und Spielerei, sondern Arbeit und Ernst war, und fand
berhaupt zu ihrem Erstaunen unser Musikantenleben, das sie sich stark
seiltnzerhaft vorgestellt hatte, kaum viel weniger brgerlich-fleiig
als das, das der selige Papa etwa gefhrt hatte. Von ihm konnten wir
nun auch besser reden und allmhlich hrte ich tausend Geschichten von
ihm und von ihr, von den Groeltern und von meiner eignen Kinderzeit.
Die Vergangenheit und Familie ward mir lieb und interessant, ich fhlte
mich nicht mehr auerhalb des Kreises. Dagegen lernte die Mutter
mich gewhren zu lassen und Vertrauen zu mir zu haben, auch wenn ich
in Arbeitszeiten mich einschlo oder reizbar war. Sie hatte es bei
meinem Vater sehr gut gehabt, desto hrter war ihre Prfung in den
Schniebelschen Zeiten gewesen; jetzt fate sie wieder Vertrauen und
hrte allmhlich auf von ihrem Altwerden und Vereinsamen zu reden.

In all diesem Behagen und bescheidenen Glck sank das Leidgefhl und
Ungengen unter, in dem ich lang gelebt hatte. Es sank aber nicht ins
Bodenlose, sondern ruhte tief und unverloren in meiner Seele, sah
mich in mancher Nacht fragend an und behielt sein Recht. Je ferner
das Vergangene zurckgesunken schien, desto klarer stieg mir das Bild
meiner Liebe und meines Leides herauf, blieb bei mir und war mein
stiller Mahner.

Manchmal schon hatte ich gemeint zu wissen, was Liebe sei. Schon in
Jnglingszeiten, da ich betrt um die hbsche leichte Liddy schwrmte,
hatte ich Liebe zu kennen gemeint. Dann wieder als ich Gertrud zuerst
sah und fhlte, da sie die Antwort auf meine Fragen und der Trost
fr meine dunklen Wnsche sei. Dann wieder, als die Pein begann und
aus der Freundschaft und Klarheit Leidenschaft und Dunkel wurde, und
schlielich, als sie mir verloren war. Aber die Liebe blieb und war
immer bei mir, und ich wute, da ich niemals mehr einer Frau mit
Begierde folgen und nach dem Ku eines Frauenmundes verlangen konnte,
seit ich Gertrud im Herzen hatte.

Ihr Vater, den ich zuweilen besuchte, schien jetzt von meinem
Verhltnis zu ihr zu wissen. Er bat sich das Prludium aus, das ich zu
ihrer Hochzeit gemacht hatte, und zeigte mir ein stilles Wohlwollen.
Er mochte fhlen, wie gern ich von ihr hrte und wie ungern ich doch
fragte, und er teilte mir viel aus ihren Briefen mit. Darin war auch
von mir hufig die Rede, namentlich von meiner Oper. Sie schrieb, da
fr die Sopranrolle eine gute Sngerin gefunden sei und wie sie sich
freue, das ihr schon so vertraute Werk endlich ganz zu hren. Sie
freute sich auch darber, da ich meine Mutter bei mir habe. Was sie
ber Muoth schrieb, wei ich nicht.

Mein Leben lief ruhig hin, die Strme der Tiefe drangen nicht mehr
nach oben. Ich arbeitete an einer Messe und hatte ein Oratorium im
Kopf, fr das mir der Text noch fehlte. Wenn ich gentigt war, an die
Oper zu denken, war es mir eine fremde Welt. Meine Musik ging neue
Wege, sie wurde einfacher und khler, sie wollte trsten und nicht
erregen.

In dieser Zeit waren die Geschwister Teiser mir viel wert. Wir sahen
uns beinahe tglich, wir lasen, musizierten, spazierten miteinander,
hatten Feste und Ausflge gemeinsam. Nur im Sommer, da ich die rstigen
Wandersleute nicht beschweren wollte, trennten wir uns fr einige
Wochen. Die Teisers wanderten wieder im Tirol und Vorarlberg umher und
schickten kleine Schachteln mit Edelwei; ich aber hatte die Mutter zu
ihren Verwandten in Norddeutschland gebracht, wo sie schon seit Jahren
eingeladen war, und hatte mich an die Nordsee gesetzt. Da hrte ich Tag
und Nacht das alte Lied des Meeres und ging in der herben, frischen
Seeluft meinen Gedanken und Melodien nach. Von hier aus fand ich zum
erstenmal das Herz, an Gertrud nach Mnchen zu schreiben -- nicht an
die Frau Muoth, sondern an meine Freundin Gertrud, der ich von meiner
Musik und meinen Trumen erzhlte. Vielleicht freut es sie, dachte
ich, und vielleicht kann ihr auch ein Trost und ein Freundesgru nicht
schaden. Denn wider mein eigenes Herz mute ich meinem Freunde Muoth
mitrauen und immer um Gertrud in einer leisen Sorge sein. Ich kannte
ihn zu gut, den eigenwilligen Melancholiker, der gewohnt war, seinen
Launen zu leben und nirgends ein Opfer zu bringen, den dunkle Triebe
hinrissen und leiteten und der in nachdenklichen Stunden seinem eigenen
Leben zusah wie einem Trauerspiel. Wenn das wirklich eine Krankheit
war, das Einsamsein und Nichtverstandenwerden, wie es der gute Herr
Lohe mir dargestellt hatte, so litt Muoth an dieser Krankheit mehr als
irgend jemand.

Doch hrte ich nichts von ihm, Briefe schrieb er nicht. Auch Gertrud
antwortete mir nur mit einem kurzen Dank und der Aufforderung, zeitig
im Herbst nach Mnchen zu kommen, wo man gleich mit dem Anfang der
Spielzeit mit dem Einstudieren meiner Oper fortfahren werde.

Anfangs September, als wir alle wieder in der Stadt und im gewohnten
Leben waren, kamen wir einen Abend in meiner Wohnung zusammen, um
meine Arbeit vom Sommer durchzusehen. Die Hauptsache war ein kleines
lyrisches Stck fr zwei Geigen und Klavier. Das spielten wir.
Brigitte Teiser sa am Klavier, ich konnte ber mein Blatt hinweg
ihren Kopf mit dem schweren Kranz von blonden Zpfen sehen, deren
Rnder im Kerzenlicht golden flammten. Ihr Bruder stand neben ihr und
spielte die erste Geige. Es war eine einfache, liedartige Musik, leise
klagend und sommerabendlich verklingend, nicht froh noch traurig,
sondern in verlorener Abendstimmung schwebend wie eine verglhende
Wolke nach Sonnenuntergang. Das Stcklein gefiel den Teisers und
besonders Brigitte. Sie pflegte mir selten etwas ber meine Musik zu
sagen, sondern sich in einer Art von mdchenhafter Ehrfurcht still
zu verhalten und mich nur bewundernd anzusehen, denn sie hielt mich
fr einen groen Meister. Heut fate sie sich ein Herz und gab ihr
besonderes Gefallen kund. Sie glnzte mich aus ihren hellblauen Augen
innig an und nickte, da das Licht auf ihren blonden Zpfen tanzte. Sie
war sehr hbsch, beinahe eine Schnheit.

Um ihr eine Freude zu machen, nahm ich ihre Klavierstimme, schrieb mit
dem Bleistift ber die Noten eine Widmung an meine Freundin Brigitte
Teiser und gab ihr die Noten zurck.

Das soll jetzt immer ber dem kleinen Lied stehen, sagte ich galant
und machte ein Kompliment. Sie las die Widmung langsam rotwerdend,
streckte mir die kleine, krftige Hand hin und hatte pltzlich die
Augen voll Trnen.

Ist's auch Ihr Ernst? fragte sie leise.

Es wird schon sein, lachte ich. Und ich finde, das Stcklein pat
ganz gut zu Ihnen, Frulein Brigitte.

Ihr Blick, der noch voll Trnen war, setzte mich in Erstaunen, so ernst
und frauenhaft war er. Doch achtete ich nicht weiter darauf, Teiser
legte jetzt seine Geige weg und meine Mutter, die seine Bedrfnisse
schon kannte, schenkte den Wein in die Glser. Das Gesprch wurde
lebhaft, wir stritten ber eine neue Operette, die vor einigen Wochen
aufgefhrt worden war, und der kleine Vorfall mit Brigitte fiel mir
erst spt am Abend, als die beiden Abschied nahmen und sie mir seltsam
unruhig in die Augen sah, wieder ein.

In Mnchen begann man unterdessen mein Werk einzustudieren. Da die eine
Hauptrolle bei Muoth in den besten Hnden war und Gertrud auch die
Sopransngerin gelobt hatte, wurde mir das Orchester und die Chre zur
Hauptsache. Ich lie meine Mutter in der Obhut der Freunde und fuhr
nach Mnchen.

Am Morgen nach meiner Ankunft fuhr ich durch die schnen, breiten
Straen nach Schwabing und zu dem still gelegenen Hause, wo Muoth
wohnte. Die Oper hatte ich vllig vergessen, ich dachte nur an ihn und
an Gertrud und wie ich sie finden wrde. Der Wagen hielt an einer fast
lndlichen Nebenstrae vor einem kleinen Hause, das in herbstlichen
Bumen stand, gelbe Ahornbltter lagen zu beiden Seiten des Weges in
Haufen gefegt. Beklommen trat ich ein, das Haus machte einen behaglich
herrschaftlichen Eindruck, ein Diener nahm mir den Mantel ab.

In dem groen Zimmer, in das ich gefhrt wurde, erkannte ich zwei
von den groen, alten Malereien aus dem Hause Imthor, die hierher
mitgekommen waren. An einer andern Wand hing ein neues Bildnis Muoths,
in Mnchen gemalt, und whrend ich es ansah, kam Gertrud herein.

Mir schlug das Herz, als ich ihr nach so langer Zeit in die Augen sah.
Sie lchelte aus einem vernderten, strenger und reifer gewordenen
Frauengesicht, doch in der alten Freundschaft, und gab mir herzlich die
Hand.

Geht es gut? sagte sie freundlich. Sie sind lter geworden, aber Sie
sehen gut aus. Wir haben Sie schon lang erwartet.

Sie fragte nach allen Freunden, nach ihrem Vater, nach meiner Mutter,
und wie sie warm wurde und die erste Scheu verga, sah ich sie ganz
so wie frher. Unversehens verflog meine Befangenheit und ich sprach
mit ihr als mit einer guten Freundin, erzhlte vom Sommer am Meer, von
meiner Arbeit, von Teisers und schlielich sogar von dem armen Frulein
Schniebel.

Nun, rief sie, und jetzt wird Ihre Oper gespielt! Sie werden sich
freuen.

Ja, sagte ich, aber am meisten freue ich mich doch darauf, Sie
wieder einmal singen zu hren.

Sie nickte mir zu. Darauf freu ich mich auch. Ich singe viel, aber
fast nur fr mich allein. Wir wollen alle Ihre Lieder singen, sie
liegen immer zur Hand und werden bei mir nicht staubig. Bleiben Sie zu
Tische da, mein Mann mu bald kommen und kann Sie dann nachmittags zum
Dirigenten begleiten.

Wir gingen nun in das Musikzimmer, ich setzte mich ans Klavier und
da sang sie meine Lieder von damals, da ich still wurde und Mhe
hatte, heiter zu bleiben. Ihre Stimme war reifer und fester geworden,
aber sie flog noch so leicht und mhelos wie sonst und ging mir mit
der Erinnerung an die besten Tage meines Lebens zum Herzen, da ich
wie verzaubert ber den Tasten sa, und leise die alten Noten spielte
und fr Augenblicke mit geschlossenen Augen lauschend Jetzt und Einst
nicht mehr zu unterscheiden vermochte. Gehrte sie nicht zu mir und zu
meinem Leben? Waren wir nicht einander nahe wie Geschwister und eng
Befreundete? Freilich, mit Muoth hatte sie anders gesungen!

Plaudernd saen wir noch eine Weile, froh und ohne da wir einander
viel zu sagen hatten, denn wir sprten, da es zwischen uns keiner
Auseinandersetzung bedurfte. Wie es ihr gehe und wie es zwischen ihr
und ihrem Manne stehe, darber dachte ich jetzt nicht nach, das wrde
ich spter selber sehen knnen. Jedenfalls war sie nicht von ihrer
Bahn gewichen und ihrem Wesen nicht untreu geworden, und wenn es ihr
nicht gut ging und sie zu tragen hatte, so trug sie es nobel und
unverbittert.

Nach einer Stunde kam Heinrich, der schon von meinem Hiersein gehrt
hatte. Er begann sofort von der Oper zu sprechen, die jedermann
wichtiger zu sein schien als mir selber. Ich fragte, wie es ihm in
Mnchen gefalle und gehe.

Wie berall, sagte er ernsthaft. Das Publikum hat mich nicht gern,
weil es sprt, da ich mir auch aus ihm nichts mache. Ich werde selten
gleich beim ersten Auftreten freundlich aufgenommen; ich mu jedesmal
die Leute erst fassen und mitreien. So habe ich Erfolge, ohne beliebt
zu sein. Manchmal singe ich freilich auch miserabel, das mu ich selber
sagen. Nun, deine Oper wird ein Erfolg, darauf kannst du rechnen, fr
dich und mich. Heute gehen wir zum Dirigenten, morgen laden wir die
Sopransngerin, und wen du sonst haben willst, ein. Morgen frh ist
auch eine Orchesterprobe. Ich glaube, du wirst zufrieden sein.

Bei Tische konnte ich beobachten, da er gegen Gertrud auerordentlich
hflich war, was mir gar nicht gefiel. Und so blieb es die ganze Zeit,
solange ich in Mnchen war und die beiden tglich sah. Sie waren ein
wundervolles Paar schner Menschen und machten Eindruck, wohin sie
kamen. Doch war es zwischen ihnen khl, und ich dachte mir, da nur
Gertruds Strke und innere berlegenheit ihn vermge, diese Khle so
in Hflichkeit und wrdige Form zu verwandeln. Sie schien aus ihrer
Leidenschaft fr den schnen Mann noch nicht lange erwacht zu sein
und noch auf die Wiederkehr der verloren gegangenen Innigkeit zu
hoffen. Jedenfalls war sie es, die auch ihn zur guten Form ntigte.
Sie war zu vornehm und gut, um selbst vor Freunden die Enttuschte
und Unverstandene zu spielen und ihr geheimes Leiden irgend jemand
zu zeigen, wenn sie es auch mir nicht verbergen konnte. Doch htte
sie auch von mir keinen Blick und keine Gebrde des Verstehens oder
Mitleids ertragen, wir sprachen und taten durchaus als wre ihre Ehe
ohne Trbung.

Wie lange sich dieser Zustand wrde erhalten lassen, war freilich
zweifelhaft und hing ganz von Muoth ab, dessen Unberechenbarkeit ich
hier zum erstenmal von einer Frau gebndigt sah. Mir taten beide leid,
doch war ich nicht sehr verwundert, die Dinge so zu finden. Die beiden
hatten ihre Leidenschaft gehabt und genossen, nun mochten sie entweder
Entsagung lernen und die gute Zeit in wehmtiger Erinnerung tragen,
oder den Weg zu einem neuen Glck und einer neuen Liebe finden.
Vielleicht wrde ein Kind sie wieder zusammenfhren, nicht mehr in
den verlassenen Paradiesgarten der Liebesglut zurck, wohl aber zu
einem neuen, guten Willen, gemeinsam zu leben und sich ineinander zu
schicken. Dazu hatte Gertrud die Kraft und die innere Heiterkeit, das
wute ich. Ob auch Heinrich sie finden wrde, darber mochte ich mir
keine Gedanken machen. So leid sie mir taten, da der groe, schne
Sturm ihrer ersten Glut und Freude aneinander schon vorber war, so
freute mich doch die gute Haltung beider, die immer noch nicht nur vor
den Leuten, sondern auch voreinander ihre Schnheit und Wrde bewahrt
hatten.

Die Einladung, in Muoths Hause zu wohnen, mochte ich indessen nicht
annehmen, und er lie mir meinen Willen. Ich war tglich dort und es
tat mir wohl zu sehen, da Gertrud mich gerne kommen sah und sich am
Plaudern und Musizieren mit mir freute, so da ich nicht allein der
Nehmende war.

Die Auffhrung der Oper sollte nun bestimmt im Dezember stattfinden.
Ich blieb zwei Wochen da, nahm an allen Orchesterproben Teil, mute da
und dort streichen und anpassen, sah aber das Werk in guten Hnden.
Es war mir wunderlich, die Snger und Sngerinnen, die Geiger und
Fltisten, Kapellmeister und Chor mit meiner Arbeit beschftigt zu
sehen, die mir selber fremd geworden war und ein Leben atmete, das
nicht mehr meines war.

Warte nur, sagte Heinrich Muoth zuweilen, jetzt bekommst du bald
die verfluchte Luft der ffentlichkeit zu atmen. Fast mchte ich dir
wnschen, es mchte keinen Erfolg geben. Denn dann hast du die Meute
hinter dir, du wirst dann bald mit Locken und Autographen handeln
knnen und sehen, wie geschmackvoll und liebenswrdig die Anbetung der
Herde ist. Von deinem lahmen Bein spricht schon jetzt jedermann. So
etwas macht populr!

Nach den notwendigsten Proben und Versuchen reiste ich wieder ab, um
erst einige Tage vor der Auffhrung wieder zu kommen. Teiser fand kein
Ende mit Fragen ber die Auffhrung, er dachte an hundert Einzelheiten
im Orchester, die ich kaum beachtet hatte, und sah der Sache mit
grerer Aufregung und Unruhe entgegen als ich selber. Als ich ihn
einlud, samt seiner Schwester der Auffhrung beizuwohnen, tat er einen
Freudensprung. Dagegen wollte meine Mutter die Winterreise und die
Aufregungen nicht teilen, und mir war es nicht unlieb. Allmhlich
sprte ich die Spannung doch und brauchte abends ein Glas Rotwein, um
einschlafen zu knnen.

Es wurde frh Winter und unser Huschen lag tief eingeschneit in
seinem Garten, als eines Morgens die Geschwister Teiser mich im Wagen
abholten. Die Mutter winkte vom Fenster nach, der Wagen fuhr ab und
Teiser sang aus seinem dicken Halstuche heraus ein Reiselied. Auf
der ganzen langen Eisenbahnfahrt war er wie ein Knabe, der in die
Weihnachtsferien fhrt, und die hbsche Brigitte glhte in stillerem
Vergngen mit. Ich war froh, ihre Gesellschaft zu haben, denn meine
Ruhe war nun dahin und ich ging den Ereignissen der nchsten Tage wie
ein Verurteilter entgegen.

Das merkte auch Muoth sofort, der uns am Bahnhof erwartete. Du hast
Lampenfieber, Junge, lachte er vergngt. Gott sei Dank dafr! Du bist
eben doch ein Musiker und kein Philosoph.

Damit schien er recht zu haben, denn meine Erregung hielt bis zur
Auffhrung an und ich habe in jenen Nchten nicht geschlafen. Von uns
allen war nur Muoth ruhig. Teiser brannte vor Unruhe, er kam zu jeder
Probe und fand kein Ende mit Kritisieren. Geduckt und lauernd sa er in
den Proben neben mir, schlug an heiklen Stellen den Takt laut mit der
Faust, lobte oder schttelte den Kopf.

Da fehlt ja eine Flte! rief er gleich bei der ersten Orchesterprobe
so laut, da der Dirigent unwillig herberschaute.

Die haben wir streichen mssen, sagte ich lchelnd.

Die Flte? Gestrichen? Ja warum denn? So eine Viecherei! Pa auf, die
verdudeln dir deine ganze Ouvertre.

Ich mute lachen und ihn mit Gewalt zurckhalten, so wild ging er ins
Zeug. Aber bei seiner Lieblingsstelle in der Ouvertre, wo Bratschen
und Celli einsetzten, lehnte er mit geschlossenen Augen zurck, drckte
meine Hand krampfhaft und flsterte nachher beschmt: Ja, das hat mir
fast nasse Augen gemacht. Sakrisch fein ist's.

Die Sopranrolle hatte ich noch nicht singen hren. Nun war es mir
merkwrdig und wehmtig, sie zum erstenmal von einer fremden Stimme
zu vernehmen. Die Sngerin machte es gut und ich sagte ihr sogleich
meinen Dank, aber im Herzen dachte ich an die Nachmittage, da Gertrud
diese Worte gesungen hatte, und hatte ein Gefhl uneingestandenen
traurigen Mibehagens, wie wenn man ein liebes Besitztum weggegeben hat
und nun zum erstenmal in fremden Hnden sieht.

Gertrud sah ich in diesen Tagen wenig, sie beobachtete mein Fieber
lchelnd und lie mich in Ruhe. Ich hatte mit den Teisers einen Besuch
bei ihr gemacht, da hatte sie Brigitte, die zu der schnen, vornehmen
Frau bewundernd aufsah, mit heiterer Zrtlichkeit aufgenommen. Seither
schwrmte das Mdchen fr die schne Frau und sang ihr Lob, in das auch
der Bruder einstimmte.

An die beiden Tage vor der Auffhrung kann ich mich nicht mehr genau
erinnern, es war alles in mir durcheinander geraten. Dazu kamen andere
Aufregungen, ein Snger wurde heiser, ein anderer war beleidigt, keine
grere Rolle zu haben, und benahm sich bei den letzten Proben sehr
bel, der Dirigent wurde immer gemessener und klter, je mehr ich noch
zu sagen hatte. Muoth stand mir gelegentlich bei, lchelte seelenruhig
zu dem Tumult und war mir in dieser Lage mehr wert als der gute Teiser,
der wie ein Feuerteufel hin und wider fuhr und berall zu mkeln
hatte. Brigitte sah mich ehrfurchtsvoll, doch auch mit einigem Bedauern
an, wenn wir in ruhigen Stunden gedrckt und ziemlich schweigsam im
Hotel beisammen saen.

Nun, die Tage vergingen und es kam der Abend der Auffhrung. Whrend
sich das Haus fllte, stand ich hinter der Bhne, ohne doch mehr
das Geringste tun oder raten zu knnen. Schlielich hielt ich mich
zu Muoth, der schon im Kostm war und in einem Stbchen oder Winkel
abseits des Lrmens langsam eine halbe Flasche Champagner leerte.

Willst du ein Glas? fragte er teilnehmend.

Nein, sagte ich. Regt dich denn das nicht auf?

Was? Der Spektakel drauen? Das ist immer so.

Ich meine den Sekt.

O nein, der macht mich ruhig. Ein Glas oder zwei nehme ich immer, wenn
ich etwas leisten will. Aber jetzt geh, es wird Zeit.

Ich wurde von einem Diener in eine Loge gebracht, wo ich schon Gertrud
und beide Teisers sowie einen hohen Herrn von der Theaterleitung
antraf, der lchelnd grte.

Gleich darauf hrten wir das zweite Glockenzeichen. Gertrud schaute
mich freundlich an und nickte mir zu. Teiser, der hinter mir sa,
ergriff meinen Arm und kniff mich verzweifelt. Das Haus wurde dunkel
und aus der Tiefe stieg feierlich meine Ouvertre zu mir herauf. Jetzt
wurde ich ruhiger.

Und jetzt erhob sich und erklang vor mir wohlbekannt und doch fremd
mein Werk, das meiner nimmer bedurfte und sein eigenes Leben hatte.
Lust und Mhe der vergangenen Tage, Hoffnungen und schlaflose Nchte,
Leidenschaft und Sehnsucht jener Zeit standen losgelst und verkleidet
mir gegenber, die Erregungen heimlicher Stunden klangen frei und
werbend in das Haus an tausend fremde Herzen. Muoth kam und hob mit
geschonter Kraft an, wuchs und gab sich her und sang mit seiner
dunklen, unwilligen Glut, und die Sngerin gab Antwort in hohen,
schwebenden, lichten Tnen. Da kam eine Stelle, die hatte ich noch
genau so im Ohr, wie ich sie von Gertrud einmal gehrt hatte, und sie
war eine Huldigung fr sie und ein leises Bekenntnis meiner Liebe
gewesen. Ich wandte den Blick und sah ihr in die stillen, reinen Augen,
die mich verstanden und freundlich grten, und in einem Augenblick
fhlte ich den ganzen Sinn meiner Jugend wie den feinen Duft einer
reifen Frucht mich berhren.

Von da an war ich ruhig und sah und hrte zu wie ein Gast. Beifall
klang herauf, die Snger und Sngerinnen erschienen am Vorhang und
verneigten sich, Muoth wurde hufig gerufen und lchelte khl ins
erleuchtete Haus hinab. Man drang auch in mich, da ich mich zeigen
solle; doch war ich allzu benommen und hatte auch keine Lust, aus
meiner angenehmen Verborgenheit hervorzuhinken.

Teiser hingegen lachte wie eine Morgensonne, umarmte mich und
schttelte auch dem hohen Herrn von der Theaterleitung unverlangt beide
Hnde.

Das Bankett war bereit und htte uns auch nach einem Mierfolg
erwartet. Wir fuhren in Wagen hin, Gertrud mit ihrem Mann, ich mit
den Teisers. Auf der kurzen Fahrt begann Brigitte, die noch kein Wort
gesagt hatte, pltzlich zu weinen. Sie wehrte sich anfangs und wollte
widerstehen, hielt aber dann die Hnde vors Gesicht und lie die
Trnen laufen. Ich mochte nichts sagen und war verwundert, da Teiser
gleichfalls schwieg und keine Frage an sie tat. Er legte nur den Arm um
sie und brummte wohlwollend und trstend, wie man ein Kind beruhigt.

Als nachher das Hndeschtteln und die Glckwnsche und Trinksprche
kamen, blinzte Muoth mich sarkastisch an. Man fragte angelegentlich
nach meiner nchsten Arbeit und war enttuscht als ich sagte, es sei
ein Oratorium. Dann stie man auf meine nchste Oper an, die aber bis
heute nicht geschrieben ist.

Erst sehr spt in der Nacht, als wir uns losgemacht hatten und schlafen
gingen, konnte ich Teiser fragen, was seiner Schwester fehle und warum
sie geweint habe. Sie selber war lngst zu Bett gegangen. Mein Freund
sah mich prfend und etwas verwundert an, schttelte den Kopf und
pfiff, bis ich meine Frage wiederholte.

Du bist doch ein Huhn, ein blindes, sagte er dann vorwurfsvoll. Hast
du denn nie was gemerkt?

Nein, sagte ich mit aufsteigender Ahnung der Wahrheit.

Nun, ich darf es schon sagen. Das Mdel hat dich gern gehabt, schon
lang. Natrlich, sie hat mirs nie gesagt, so wenig wie dir, aber
gemerkt hab ich's und, offen gestanden, gefreut htte mich's, wenn's
was geworden wr.

O weh! sagte ich, aufrichtig traurig. Aber was war nun das heut
abend?

Da sie geheult hat? Du bist doch ein Kind! Ja meinst, wir htten
nichts gesehen?

Was denn?

Lieber Gott! Du brauchst mir ja nichts davon zu sagen und es ist
recht, da du's nie getan hast; aber dann httest du auch die Frau
Muoth nicht so anschauen sollen. Jetzt wissen wir's eben.

Ich bat ihn nicht, mein Geheimnis zu schonen, ich war seiner sicher.
Leise legte er mir seine Hand auf die Schulter.

Ich kann mir jetzt auch allerlei denken, Freundl, was du in diesen
Jahren geschluckt und uns verschwiegen hast. Es ist mir frher auch
einmal hnlich gegangen. Wir wollen jetzt brav zusammenhalten und
schne Musik machen, gelt? Und schauen, da das Mdel sich trstet. Da,
gib mir die Hand, schn ist's gewesen! Und auf Wiedersehen daheim! Ich
fahr' mit dem Mdel morgen in der Frhe.

Damit trennten wir uns, doch kam er nach wenigen Augenblicken noch
einmal zurckgelaufen und sagte eindringlich: Du, bei der nchsten
Auffhrung mu aber die Flte wieder rein, gelt?

So endete der Freudentag, und jeder von uns lag noch lange erregt in
Gedanken wach. Ich dachte an Brigitte. Die war nun alle diese Zeit in
meiner Nhe gewesen und ich hatte nichts als gute Kameradschaft mit
ihr gehabt und haben wollen, gerade wie Gertrud mit mir, und als sie
meine Liebe zu der andern erraten hatte, war es fr sie dasselbe wie es
damals fr mich gewesen war, als ich den Brief bei Muoth entdeckte und
den Revolver lud. Und so traurig es mich machte, mute ich doch darber
lcheln.

Die Tage, die ich noch in Mnchen blieb, brachte ich zumeist bei Muoths
hin. Es war kein Zusammensein mehr wie jene ersten Nachmittage, da
wir drei zuerst miteinander gespielt und gesungen hatten; aber es gab
doch im Nachglanz der Auffhrung ein wortloses, gemeinsames Denken an
jene Zeit und ein gelegentliches Aufleuchten auch zwischen ihm und
Gertrud. Als ich Abschied genommen hatte, sah ich von drauen noch
eine Weile auf das stille Haus in den winterlichen Bumen, hoffte dort
noch manchmal einzukehren und htte gern mein bichen Zufriedenheit
und Glck hingegeben, um den beiden drinnen von neuem und fr immer
zueinander zu helfen.




Nach der Heimkehr empfing mich, wie Heinrich mir vorausgesagt hatte,
der Ruf des Erfolges mit vielen unangenehmen und zum Teil lcherlichen
Folgen. Die Geschfte waren leicht abzuwlzen, indem ich die Oper einem
Agenten berlie. Aber es kamen auch Besuche, Zeitungsleute, Verleger,
trichte Briefe, und es dauerte einige Zeit, bis ich mich an die
kleinen Lasten eines rasch bekannt gewordenen Namens gewhnte und mich
von der ersten Enttuschung erholte. Die Menschen machen ihre Rechte
an einen bekannt gewordenen Namen auf merkwrdige Art geltend, da ist
kein Unterschied zwischen Wunderkind, Komponist, Dichter, Raubmrder.
Der eine will sein Bild haben, der andere seine Handschrift, der
dritte bettelt um Geld, jeder junge Kollege schickt seine Arbeiten
ein, schmeichelt gewaltig und bittet um ein Urteil, und antwortet man
nicht oder sagt man seine Meinung, so wird derselbe Verehrer pltzlich
bitter, grob und rachschtig. Die Zeitschriften wollen das Bild des
Mannes abdrucken, die Zeitungen erzhlen von seinem Leben, seiner
Herkunft, seinem Aussehen. Schulkameraden bringen sich in Erinnerung
und entfernte Verwandte wollen schon vor Jahren gesagt haben, da ihr
Vetter noch einmal berhmt werde.

Unter den Briefen dieser Art, die mich in Verlegenheit und Bedrngnis
brachten, war auch einer von Frulein Schniebel, der uns belustigte,
und einer von jemand, an den ich lange nimmer gedacht hatte. Es war die
hbsche Liddy, die mir schrieb, jedoch ohne unserer Schlittenfahrt zu
erwhnen, sondern ganz im Tone einer alten treuen Freundin. Sie hatte
einen Musiklehrer in ihrer Heimat geheiratet und gab mir ihre Adresse,
damit ich recht bald alle meine Kompositionen mit einer hbschen
Widmung an sie schicken knne. Sie legte ihr Bildnis bei, das jedoch
die wohlbekannten Zge gealtert und vergrbert zeigte, und ich gab ihr
mglichst freundlich Antwort.

Doch gehren diese kleinen Dinge zum Untergesunkenen, das keine Spuren
lt. Auch die guten und herrlichen Frchte meines Erfolges, die
Bekanntschaft mit edlen und feinen Menschen, die die Musik im Herzen
und nicht nur im Munde haben, gehren nicht zu meinem eigentlichen
Leben, das nach wie vor in der Stille blieb und sich seither wenig mehr
verndert hat. Es bleibt mir nur brig zu erzhlen, welche Wendung das
Schicksal meiner nchsten Freunde genommen hat.

Der alte Herr Imthor sah nicht mehr so viel Gesellschaft wie frher,
als Gertrud dagewesen war. Aber es gab in seinem Hause zwischen
den vielen Bildern alle drei Wochen einen Abend mit auserwhlter
Kammermusik, den ich regelmig besuchte. Ich brachte zuweilen
auch Teiser dahin mit. Doch hielt Imthor darauf, da ich ihn auch
sonst besuche. So kam ich manchmal frh am Abend, das war seine
Lieblingsstunde, zu ihm in sein einfaches Schreibzimmer, wo ein Bild
von Gertrud hing, und da es allmhlich zwischen dem alten Herrn und mir
zu einem uerlich khlen, doch haltbaren Verstndnis und Redebedrfnis
gekommen war, kam unser Gesprch nicht selten auf das, was uns beide
im Herzen am meisten beschftigte. Ich mute von Mnchen erzhlen
und verschwieg nicht, welchen Eindruck ich vom Verhltnis der Gatten
bekommen hatte. Er nickte dazu.

Es kann wohl noch alles gut werden, sagte er seufzend, aber wir
knnen nichts dazu tun. Ich freue mich auf den Sommer, da habe ich das
Kind zwei Monate fr mich. In Mnchen besuche ich sie selten und nicht
gerne, sie hlt sich auch so tapfer, da ich sie nicht stren und weich
machen darf.

Gertruds Briefe brachten nichts Neues. Als sie aber in der Zeit um
Ostern zu Besuch beim Alten war und auch uns in unserem Huschen
besuchte, sah sie mager und gespannt aus, und so sehr sie mit uns
freundlich war und sich zu verstecken suchte, sahen wir doch oft in
ihren ernst gewordenen Augen eine ungewohnte Hoffnungslosigkeit stehen.
Ich mute ihr meine neue Musik spielen, aber als ich sie bat uns etwas
zu singen, schttelte sie den Kopf und sah mich abwehrend an.

Ein andermal wieder, sagte sie unsicher.

Wir sahen alle, da es ihr nicht gut ging, und ihr Vater gestand mir
nachher, er habe ihr vorgeschlagen, ganz bei ihm zu bleiben, doch habe
sie es nicht angenommen.

Sie liebt ihn, sagte ich.

Er zuckte die Achseln und sah mich bekmmert an. Ach, ich wei nicht.
Wer will sich in dem Elend noch auskennen! Aber sie hat gesagt, es sei
seinetwegen, da sie bei ihm bleibe, er sei so zerstrt und unglcklich
und brauche sie mehr als er selber wisse. Ihr sage er nichts, aber es
stehe ihm im Gesicht geschrieben.

Dann senkte der Alte die Stimme und sagte ganz leise und beschmt: Sie
meint, er trinke.

Ein wenig hat er das immer getan, sagte ich trstend, aber ich
habe ihn nie betrunken gesehen. Er hlt auf sich. Er ist ein nervser
Mensch, der sich nicht in der Zucht hat, aber an seinem Wesen selber
vielleicht mehr leidet als er andre leiden macht.

Wie furchtbar die beiden schnen, herrlichen Menschen in der Stille
litten, wuten wir alle nicht. Ich glaube nicht, da sie jemals
aufgehrt haben einander zu lieben. Aber im Grunde ihres Wesens
gehrten sie nicht zusammen, sie fanden sich nur in Erregung und im
Glanz gesteigerter Stunden. Das heiter ernste Hinnehmen des Lebens,
das beruhigte Atmen in der Klarheit des eigenen Wesens hatte Muoth nie
gekannt, und Gertrud konnte sein Strmen und Brten, sein Fallen und
Wiederaufstehen, seinen ewigen Durst nach Selbstvergessen und Rausch
nur dulden und bemitleiden, nicht ndern und nicht mitleben. So liebten
sie einander und kamen doch nie ganz zusammen, und whrend er seine
stille Hoffnung betrogen sah, durch Gertrud zu Frieden und Gengen
zu kommen, mute sie sehen und leiden, da ihr Wille und ihr Opfer
vergebens war, und da auch sie ihn nicht trsten und vor sich selbst
retten konnte. So war ihnen beiden der geheime Traum und sehnlichste
Wunsch zerstrt, sie konnten nur mit Opfern und Schonung beisammen
bleiben, und es war tapfer, da sie es taten.

Ich sah Heinrich erst im Sommer wieder, als er Gertrud zu ihrem Vater
brachte. Da war er mit ihr und mit mir zart und behutsam, wie ich
ihn nie gesehen hatte, und ich merkte wohl, wie er sie zu verlieren
frchtete, und ich fhlte auch, da er den Verlust nicht ertragen
wrde. Sie aber war mde und verlangte nichts als Ruhe und stille Tage,
um sich wiederzufinden und wieder Kraft und Gleichmut zu gewinnen.
Wir brachten einen lauen Abend bei uns im Garten zu. Da sa Gertrud
zwischen meiner Mutter und Brigitte, deren Hand sie hielt, Heinrich
ging leise zwischen den Rosen hin und wider und ich spielte mit Teiser
auf der Terrasse eine Geigensonate. Wie da Gertrud stille ruhte und
den Frieden der Stunde atmete, und wie Brigitte verehrend sich an
die schne leidende Frau schmiegte, und wie Muoth geneigt mit leisen
Schritten drauen im Schatten ging und horchte, das ist mir als ein
unverlierbares Bild in der Seele geblieben. Nachher sagte Heinrich
leise scherzend, aber mit traurigen Augen zu mir: Wie da die drei
Frauen beieinander sitzen! Und glcklich sieht von allen dreien nur
deine Mutter aus. Wir wollen sehen, da wir auch so alt werden.

Dann reisten wir auseinander, Muoth allein nach Bayreuth, Gertrud
mit ihrem Vater in die Berge, die Teisers nach Steiermark und ich
mit meiner Mutter wieder an die Nordsee. Da ging ich oft am Strande
und hrte dem Meere zu und dachte nicht anders als ich es vor Jahren
in der ersten Jugend getan hatte, mit Verwunderung und Grauen an die
traurig nrrischen Wirrnisse des Lebens, da Liebe vergebens sein kann,
und da Menschen, die es gut miteinander meinen, doch einer am andern
vorbei ihr Schicksal leben, jeder sein eigenes, unbegreifliches, und
wie jeder den andern helfen und nahe sein mchte und nicht kann, wie in
sinnlosen trben Angsttrumen. Und ich dachte oft auch wieder an Muoths
Worte ber Jugend und Alter und war neugierig, ob auch mir einmal das
Leben einfach und klar werden wrde. Meine Mutter lchelte dazu, wenn
ich im Gesprch daran rhrte, und sah wirklich zufrieden aus. Und sie
erinnerte mich zu meiner Beschmung an meinen Freund Teiser, der noch
nicht alt war und doch alt genug, um seinen Teil erfahren zu haben, und
der als ein Kind mit einer Mozartmelodie auf den Lippen unbeschwert
dahin lebte. Es lag nicht am Alter, das sah ich wohl, und vielleicht
war unser Leid und Nichtwissen doch nur jene Krankheit, von der mir
einst Herr Lohe gesprochen hatte. Oder war auch dieser Weise eben ein
Kind wie Teiser?

Allein so oder so, mein Denken und Brten nderte nichts. Wenn mir
Musik die Seele bewegte, dann verstand ich ohne Worte doch alles,
fhlte in der Tiefe alles Lebens reine Harmonien und glaubte zu wissen,
da ein Sinn und schnes Gesetz in allem Geschehen verborgen sei. Wenn
es auch eine Tuschung war, ich lebte doch darin und war darin beglckt.

Vielleicht wre es besser gewesen, Gertrud htte sich fr den Sommer
nicht von ihrem Mann getrennt. Sie begann zwar sich zu erholen und sah
wirklich im Herbst, als ich sie nach der Reise wiedersah, gesnder
und widerstandsfhiger aus. Aber die Hoffnungen, die wir auf diese
Krftigung bauten, waren Tuschungen.

Gertrud hatte es nun einige Monate bei ihrem Vater gut gehabt, sie
hatte ihrem Bedrfnis nach Ruhe nachgeben knnen und sich diesem
stillen Zustand ohne tgliche Kmpfe aufatmend berlassen, wie sich ein
Ermdeter dem Schlaf berlt, sobald man ihn liegen lt. Es zeigte
sich aber jetzt, da sie tiefer erschpft war als wir geglaubt und als
sie selber gewut hatte. Denn jetzt, wo Muoth sie bald wieder abholen
sollte, verfiel sie in mutlose Angst, verlor den Schlaf und bat ihren
Vater flehentlich, sie noch einige Zeit bei sich zu behalten.

Natrlich war Imthor zwar etwas erschreckt, da er hatte glauben
mssen, sie freue sich darauf mit neuer Kraft und neuem Willen zu
Muoth zurckzukehren; doch widersprach er nicht und legte ihr sogar
vorsichtig den Gedanken an eine vorlufige lngere Trennung als
Einleitung zu einer spteren Scheidung nahe. Allein dagegen wehrte sie
sich mit groer Erregung.

Ich liebe ihn doch! rief sie heftig, und will ihm niemals untreu
werden. Es ist nur so schwer, mit ihm zu leben! Ich will nur noch ein
wenig Ruhe haben, ein paar Monate vielleicht, bis ich wieder besseren
Mut habe.

Der alte Imthor suchte sie zu beruhigen und hatte selber gar nichts
dagegen, sein Kind noch eine Weile behalten zu drfen. Er schrieb an
Muoth, Gertrud sei noch leidend und wnsche noch einige Zeit zu Hause
zu bleiben. Leider nahm dieser die Nachricht nicht leicht. In ihm war
whrend der Trennungszeit die Sehnsucht nach seiner Frau berstark
geworden, er hatte sich auf sie gefreut und war voll guter Vorstze,
sie wieder ganz zu gewinnen und zu eigen zu bekommen.

Nun traf ihn Imthors Brief als eine schwere Enttuschung. Er
schrieb sogleich leidenschaftlich zurck, voll Argwohn gegen den
Schwiegervater. Er glaubte, dieser habe gegen ihn gearbeitet, da er die
Trennung der Ehe wnsche, und verlangte eine sofortige Zusammenkunft
mit Gertrud, auf deren Wiedergewinnung er sicher hoffte. Der Alte
kam mit dem Briefe zu mir und wir berlegten lange, was zu tun sei.
Es schien uns beiden richtig, da eine Zusammenkunft der Gatten im
Augenblick vermieden werde, da Gertrud offenbar jetzt keine Strme
ertragen konnte. Imthor war voll Besorgnis und bat mich, selber zu
Muoth zu reisen und ihm zuzureden, er mge Gertrud fr eine Weile in
Ruhe lassen. Ich wei jetzt, da ich das htte tun sollen. Damals hatte
ich Bedenken und hielt es fr gefhrlich, meinen Freund wissen zu
lassen, da ich der Vertraute seines Schwiegervaters und mit Dingen
seines Lebens bekannt sei, in die er mich nicht selber hatte einweihen
wollen. Ich weigerte mich denn und es blieb bei einem Brief des Alten,
der natrlich nichts besserte.

Vielmehr kam Muoth, ohne sich anzumelden, selber hergereist und
erschreckte uns alle durch die kaum gezgelte Leidenschaft seiner Liebe
und seines Argwohns. Gertrud, die von dem kurzen Briefwechsel nichts
wute, war von dem Besuch des noch nicht Erwarteten und von seiner
fast zornigen Erregung vllig berrascht und benommen. Es gab einen
peinlichen Auftritt, von dem ich wenig erfahren konnte. Ich wei nur:
Muoth drang in Gertrud, sie mge mit ihm nach Mnchen zurckkehren.
Sie erklrte sich bereit zu folgen, wenn es nicht anders sein knne,
bat aber, sie noch lnger bei ihrem Vater zu lassen, sie sei mde und
brauche noch Ruhe. Nun warf er ihr vor, sie wolle sich ihm entziehen
und sei vom Vater aufgestiftet, wurde bei ihren sanften Erklrungen
noch mitrauischer und war in seinem Anfall von Zorn und Bitterkeit so
tricht, ihr kurzerhand die Rckkehr zu ihm zu befehlen. Darauf emprte
sich ihr Stolz, sie blieb ruhig, weigerte sich aber, ihn weiter
anzuhren und erklrte nun auf alle Flle hier zu bleiben. Auf diese
Szene war am nchsten Morgen eine Art von Vershnung gefolgt und Muoth
hatte, beschmt und reuig, nun alle ihre Wnsche gebilligt. Dann war er
wieder abgereist, ohne bei mir vorgesprochen zu haben.

Als ich das hrte, erschrak ich und sah das bel kommen, das ich von
Anfang an gefrchtet hatte. Auf den hlichen und trichten Auftritt
hin, dachte ich mir, mochte es nun lange dauern, bis sie die Heiterkeit
und den Mut zur Rckkehr wiederfinden wrde. Und er war inzwischen in
Gefahr, zu verwildern und ihr trotz aller Sehnsucht noch fremder zu
werden. Er wrde, allein in dem Hause, in dem er eine Weile glcklich
gewesen war, es nicht lange aushalten, er wrde verzweifeln, trinken,
vielleicht wieder andere Frauen nehmen, die ihm ohnehin nachliefen.

Indessen blieb es still, er schrieb an Gertrud und bat nochmals
um Verzeihung, sie gab ihm Antwort und mahnte voll Mitleid und
Freundlichkeit zur Geduld. Ich sah sie um diese Zeit wenig. Zuweilen
machte ich den Versuch, sie zum Singen zu bewegen, sie schttelte aber
stets den Kopf. Doch traf ich sie mehrmals am Flgel.

Es war mir merkwrdig und unheimlich, die schne stolze Frau, die ich
immer voll Kraft und Heiterkeit und innerer Ruhe gesehen hatte, nun
scheu und im Kern ihres Empfindens erschttert zu finden. Manchmal kam
sie zu meiner Mutter, fragte freundlich nach unsrem Ergehen, sa neben
der alten Frau eine kleine Weile auf dem grauen Divan und versuchte zu
plaudern, und ich hrte mit brechendem Herzen zu und sah, wie sie Mhe
hatte, ein Lcheln aufzubringen. Der Schein wurde aufrecht erhalten,
als wisse weder ich noch irgend jemand von ihrem Leid oder als hielten
wir es nur fr Nervositt und uere Schwche. So vermochte ich kaum
ihr in die Augen zu blicken, in denen der uneingestandene Jammer, von
dem ich nichts wissen sollte, so deutlich geschrieben stand. Und wir
sprachen und lebten und gingen aneinander vorbei, als wre alles wie
immer, und schmten uns doch vor einander und wichen einander aus! und
mitten in dieser traurigen Wirrnis des Fhlens packte mich hie und da
mit pltzlicher Fieberglut die Vorstellung, da ihr Herz ihrem Manne
nicht mehr gehre und frei sei, und da es nun an mir sei, sie nicht
abermals verloren gehen zu lassen, sondern sie fr mich zu gewinnen
und vor allem Sturm und Leide an meinem Herzen zu bergen. Dann schlo
ich mich ein, spielte die heie werbende Musik meiner Oper, die ich
pltzlich wieder liebte und verstand, lag glhende Nchte verlangend
und drstend und litt alle lchelnd berwundene Qual der Jugend und
unerfllbaren Begehrens noch einmal und nicht minder schwer als damals,
da ich zuerst fr sie gebrannt und ihr jenen einzigen, unvergessenen
Ku gegeben hatte. Der loderte mir wieder auf den Lippen und sengte die
Ruhe und Entsagung von Jahren in Stunden zu Asche.

Nur in Gertruds Gegenwart sank die Flamme in sich zusammen. Selbst
wenn ich tricht und unedel genug gewesen wre, meinem Verlangen zu
folgen und ohne Rcksicht auf ihren Mann, der mein Freund war, um ihr
Herz zu werben, ich htte unter den Blicken dieser leidenden, zarten,
eigensinnig in ihren Schmerz verbissenen Frau mich schmen mssen, ihr
anders als mit Mitleid und vorsichtiger Schonung entgegen zu kommen.
Auch wurde sie, je mehr sie litt und vielleicht an Hoffnung verlor,
desto stolzer und unnahbarer. Sie trug ihre hohe Gestalt und den
feinen, dunkelblonden Kopf so steil und nobel wie nie und erlaubte
keinem von uns durch die leiseste Geberde ihr nahe zu treten und
tragen zu helfen.

Diese langen schweigsamen Wochen sind vielleicht die schwersten in
meinem Leben gewesen. Hier Gertrud, mir nahe und doch unerreichbar, und
kein Weg zu ihr, die allein bleiben wollte; dort Brigitte, von deren
Liebe zu mir ich wute und mit der nach lngerem Vermeiden langsam
wieder ein ertrglicher Umgang sich anspann; und zwischen uns allen
meine alte Mutter, die uns leiden sah und alles ahnte und sich nichts
zu sagen getraute, da ich selber hartnckig schwieg und es nicht ber
mich vermochte, ein Wort von meinem Zustande zu sagen. Das schlimmste
war aber dieses tdliche Zusehenmssen, die hilflose berzeugung, da
meine nchsten Freunde sich zugrunde richteten, ohne da ich nur merken
lassen durfte, ich wisse darum.

Am schwersten schien Gertruds Vater zu leiden. Seit ich ihn vor Jahren
als einen klugen, strammen, stillheiteren alten Herrn hatte kennen
lernen, war er lter geworden, anders geworden, sprach leiser und
unruhiger, machte keine Scherze mehr und sah sorgenvoll und elend aus.
Ich ging eines Tages im November zu ihm, mehr um Neues zu hren und
selber Hoffnung zu schpfen, als ihm trstliche Gesellschaft zu leisten.

Er empfing mich in seiner Schreibstube, gab mir eine von seinen
kostbaren Zigarren und begann die Unterhaltung in einem hflich
leichten Ton, der ihm Mhe machte und den er bald fallen lie. Mit
betrbtem Lcheln sah er mich an und sagte: Sie wollen fragen, wie
es geht? Schlecht, lieber Herr, schlecht. Das Kind hat wohl mehr
getragen als wir wissen, sonst fnde sie sich besser zurecht. Ich bin
entschieden fr eine Scheidung, aber sie will nichts davon hren. Sie
liebt ihn, wenigstens sagt sie es, und hat doch Furcht vor ihm! Das ist
nicht gut. Sie ist krank, das Kind, sie macht die Augen zu, will nichts
mehr sehen und meint, es msse schon besser werden, wenn man nur warte
und sie in Ruhe lasse. Das ist ja nervs, natrlich, aber sie scheint
doch tiefer krank zu sein. Denken Sie, sie frchtet manchmal sogar,
ihr Mann mchte sie mihandeln, wenn sie wieder zu ihm ginge! Und doch
meint sie ihn zu lieben.

Er schien sie nicht zu verstehen und sah den Dingen hilflos zu. Mir war
ihr Leiden wohl begreiflich, als ein Kampf zwischen Liebe und Stolz.
Sie frchtete nicht, von ihm geschlagen zu werden; sie frchtete,
ihn nicht mehr achten zu knnen, und in ihrem ngstlichen Warten
hoffte sie wieder Kraft zu finden. Sie hatte ihn beherrscht und im
Bann gehalten, sich dabei aber so erschpft, da sie ihrer Kraft dazu
nicht mehr traute; das war ihre Krankheit. Nun sehnte sie sich nach
ihm und frchtete doch ihn ganz zu verlieren, wenn ein neuer Versuch
des Zusammenlebens nicht gelnge. Ich sah nun deutlich, wie unntz und
verblendet meine frechen Liebesphantasien gewesen waren; Gertrud liebte
ihren Mann und wrde nie mit einem andern gehen.

Der alte Imthor vermied es, ber Muoth zu sprechen, da er mich ihm
befreundet wute. Aber er hate ihn und konnte nicht begreifen, wie
er Gertrud habe betren knnen, er dachte an ihn wie an einen bsen
Zauberer, der Unschuldige einfngt und nimmer hergibt. Nun, die
Leidenschaft ist immer ein Rtsel und unerklrbar, und leider ist es
gewi, da das Leben seine schnsten Kinder nicht schont und da hufig
die herrlichsten Menschen gerade das lieben mssen, was sie zugrunde
richtet.

In dieser Trbe traf mich ein kurzer Brief von Muoth wie eine Erlsung.
Er schrieb: Lieber Kuhn! Deine Oper wird ja jetzt berall gespielt,
vielleicht besser als hier. Es wre trotzdem hbsch, wenn Du wieder
einmal kmest, zum Beispiel nchste Woche, wo ich Deine Rolle zweimal
singe. Du weit, meine Frau ist krank und ich bin allein hier. Du
wrdest also ungeniert bei mir wohnen. Bring aber niemand mit! Herzlich
Dein Muoth.

Er schrieb so selten Briefe und so gar nie unntige, da ich sofort
entschlossen war zu reisen. Er mute mich ntig haben. Einen Augenblick
hatte ich den Gedanken, es Gertrud mitzuteilen. Vielleicht war das die
rechte Gelegenheit den Bann zu brechen, vielleicht wrde sie mir einen
Brief oder ein gutes Wort fr ihn mitgeben, vielleicht ihn herbitten,
vielleicht sogar selber mitkommen. Es war nur ein Einfall, und ich
fhrte ihn nicht aus. Ich besuchte nur ihren Vater vor der Abreise.

Es war ein schlechter, nasser und strmischer Sptherbst, von Mnchen
aus sah man zuweilen fr eine Stunde die nahen Berge im jungen Schnee
liegen, die Stadt war trb und verregnet. Ich fuhr sogleich nach Muoths
Hause. Da war alles wie vor einem Jahre, derselbe Diener, dieselben
Rume, dieselbe Stellung der Mbel, nur sah alles unbewohnt und leer
aus, auch fehlten die Blumen, fr welche Gertrud sonst gesorgt hatte.
Muoth war nicht da, der Diener fhrte mich in mein Zimmer und half
mir auspacken; ich kleidete mich um und ging, da der Hausherr noch
ausblieb, in das Musikzimmer hinab, wo ich hinter den Doppelfenstern
die Bume brausen hrte und Zeit hatte, an Vergangenes zu denken. Je
lnger ich sa und die Bilder anschaute und in Bchern herumbltterte,
desto trauriger ward mir ums Herz, als sei diesem Hause nicht mehr
zu helfen. Unwillig setzte ich mich an den Flgel, um die nutzlosen
Gedanken los zu werden, und ich spielte mein Hochzeitsprludium, als
knne ich damit das gewesene Gute zurckrufen.

Endlich hrte ich rasche, schwere Tritte nebenan und Heinrich Muoth kam
herein. Er bot mir die Hand und sah mich ermdet an.

Verzeih, sagte er, ich hatte im Theater zu tun. Du weit ja, ich
singe heut abend. Wir wollen jetzt essen, nicht?

Er ging voran und ich fand ihn verndert, er war zerstreut und
gleichgltig, sprach nur vom Theater und schien kein andres Gesprch
zu wnschen. Erst nach Tische, als wir schweigsam und beinahe verlegen
in den gelben Rohrsesseln einander gegenber saen, fing er unerwartet
an: Das ist schn von dir, da du gekommen bist! Ich will mich auch
heut abend extra anstrengen.

Danke, sagte ich. Du siehst nicht gut aus.

Meinst du? Nun, wir wollen schon vergngt sein. Ich bin ja
Strohwitwer, weit du.

Ja.

Er blickte zur Seite.

Du weit nichts von Gertrud?

Nichts besonderes. Sie ist eben immer noch nervs und schlft nicht
gut --

Ja, lassen wir's! Sie ist ja bei euch in guten Hnden.

Er stand auf und ging durchs Zimmer. Es schien, als ob er noch etwas
sagen wolle, er sah mich prfend und, wie es mir vorkam, mitrauisch an.

Dann lachte er und lie es ungesagt.

Die Lotte ist auch wieder aufgetaucht, begann er von neuem.

Die Lotte?

Ja, die damals bei dir war und mich verklagt hat. Sie ist hier und
verheiratet, und es scheint, sie interessiert sich noch fr mich. Sie
war da und hat einen richtigen Besuch gemacht.

Er sah mich wieder listig an und lachte, als er mich erschrecken sah.

Hast du sie empfangen? fragte ich zgernd.

Ah, du traust es mir zu! Nein, Werter, ich habe sie fortschicken
lassen. Aber verzeih, ich rede dummes Zeug. Ich bin so verdammt mde,
und abends mu ich singen. Wenn du erlaubst, lege ich mich drben fr
eine Stunde hin und schlafe.

Gut, Heinrich, ruh dich aus, ich fahre ein wenig in die Stadt. Willst
du mir einen Wagen kommen lassen?

Ich mochte nicht wieder stumm in diesem Hause sitzen und dem Wind in
den Bumen zuhren. Ich fuhr in die Stadt, ohne Ziel, und geriet in die
alte Pinakothek. Dort schaute ich eine halbe Stunde lang bei dem trben
grauen Licht die alten Bilder an, dann wurde geschlossen und ich wute
nichts Besseres, als in einem Caf die Zeitungen zu lesen und durch die
hohen Scheiben auf die verregnete Strae zu schauen. Ich nahm mir vor,
um jeden Preis diese Khle zu durchbrechen und aufrichtig mit Heinrich
zu reden.

Aber als ich zurckkehrte, fand ich ihn lchelnd und wohlgelaunt.

Es hat nur am Schlaf gefehlt, sagte er munter. Jetzt bin ich wieder
ganz frisch. Du mut mir etwas spielen, gelt? Das Prludium, wenn du so
gut sein willst.

Erfreut und erstaunt, ihn so rasch verndert zu sehen, tat ich ihm den
Willen, und nach dem Spielen plauderte er wie frher, mit Ironie und
leiser Skepsis, lie seine Laune farbig spielen und gewann mein Herz
wieder ganz. Die erste Zeit unserer Freundschaft fiel mir ein, und als
wir abends das Haus verlieen, schaute ich mich unwillkrlich um und
fragte: Du hast keine Hunde mehr?

Nein. -- Gertrud mochte sie nicht.

Wir fuhren nun schweigend ins Theater. Ich begrte den Kapellmeister
und lie mir einen Platz anweisen. Wieder hrte ich die wohlbekannte
Musik, doch war alles anders als das letztemal. Ich sa allein in
meiner Loge, Gertrud war fort, und der da unten spielte und sang,
war auch ein anderer. Er sang mit Leidenschaft und Gewalt, das
Publikum schien ihn in dieser Rolle zu lieben und ging von Anfang an
lebhaft mit. Mir aber schien sein Feuer bertrieben und seine Stimme
gesteigert, beinahe roh. In der ersten Pause ging ich hinab und suchte
ihn auf. Da sa er wieder in seiner Kammer und trank Champagner, und
bei den paar Worten, die wir wechselten, waren seine Augen unstet,
wie die eines Angetrunkenen. Ich suchte nachher, whrend Muoth sich
umkleidete, den Kapellmeister auf.

Sagen Sie, bat ich ihn, ist Muoth krank? Mir scheint, er hat sich
mit Champagner aufrecht gehalten. Sie wissen, er ist mein Freund.

Der Mann sah mich zweifelnd an.

Ob er krank ist, wei ich nicht. Aber da er sich kaput macht, ist ja
klar. Er ist manchmal fast betrunken auf die Bhne gekommen, und wenn
er einmal nicht trinkt, spielt er schlecht und singt miserabel. Er hat
schon frher immer vor dem Auftreten ein Glas Sekt genommen, aber jetzt
tut er's nicht unter einer ganzen Flasche. Wenn Sie ihm raten wollen --
-- es wird aber wenig zu machen sein. Der Muoth macht sich mit Gewalt
kaput.

Muoth holte mich ab und wir nahmen im nchsten Wirtshaus ein
Abendessen. Er war wieder, wie am Mittag, abgespannt und unzugnglich,
trank ohne Ma von dem dunklen Rotwein, da er sonst nicht schlafen
knne, und sah aus, als wolle er um jeden Preis vergessen, da es auf
der Welt noch andere Dinge als seine Mdigkeit und sein Schlafbedrfnis
gbe.

Unterwegs im Wagen erwachte er fr einen Augenblick, lachte mich an und
rief: Junge, wenn ich nimmer da bin, kannst du deine Oper einsalzen,
die Rolle kann auer mir niemand singen.

Andern Tages stand er spt auf und war dann mde und erschlafft, mit
unsicheren Augen und grauem Gesicht. Nach seinem Frhstck nahm ich ihn
vor und redete in ihn ein.

Du bringst dich um, sagte ich betrbt und unmutig. Du machst dich
mit Champagner frisch und mut es nachher natrlich ben. Ich kann mir
denken, warum du es tust, und ich wrde nichts dagegen sagen, wenn du
nicht eine Frau httest. Der bist du schuldig, da du dich auen und
innen sauber und tapfer hltst.

So? lchelte er schwach und scheinbar durch meinen Eifer belustigt.
Und was ist denn sie mir schuldig? Hlt sie sich denn tapfer?
Sie sitzt beim Papa und lt mich allein. Warum soll ich mich
zusammennehmen, wenn sie es nicht tut? Die Leute wissen ja schon, da
es nichts mehr zwischen uns ist, und du weit es auch. Nebenher soll
ich auch noch singen und den Leuten den Hanswurst machen, das geht
nicht aus dem Leeren und aus dem Ekel heraus, den ich an allem habe, an
der Kunst am meisten.

Du mut trotzdem anders anfangen, Muoth! Wenn du noch glcklich dabei
wrst! Aber es geht dir ja miserabel. Wenn dir das Singen zu viel wird,
so nimm Urlaub, den kriegst du sofort; du hast ja auch das Geld, um
das du singst, gar nicht ntig. Geh in die Berge, oder ans Meer, oder
irgendwohin, und werde wieder gesund! Und la doch das dumme Trinken!
Es ist nicht blo dumm, es ist feig, das weit du wohl.

Er lchelte nur. Gut, sagte er khl. So geh doch du einmal und tanz
einen Walzer! Es wrde dir gut tun, glaub mir! Denk doch nicht immer an
dein dummes Bein, das ist nur Einbildung!

La doch, rief ich ungehalten. Du weit genau, da das etwas anderes
ist. Ich wrde sehr gern tanzen, wenn ich knnte, aber ich kann nicht.
Du aber knntest recht gut dich zusammennehmen und gescheiter sein. Das
Trinken mut Du unbedingt lassen!

Unbedingt! Lieber Kuhn, ich mchte fast lachen. Ich kann so wenig
anders werden und das Trinken lassen als du tanzen kannst. Ich mu
bei dem bleiben, was mich noch notdrftig bei Leben und Laune erhlt,
verstehst du? Trinker pflegen bekehrt zu werden, wenn sie bei der
Heilsarmee oder irgendwo etwas finden, was sie noch besser und
dauernder befriedigt. Es hat fr mich so etwas gegeben, das sind die
Frauen gewesen. Mit andern Frauen kann ich mich nimmer einlassen, seit
die meine mein war und mich verlassen hat, also -- --

Sie hat dich nicht verlassen! Sie kommt wieder. Sie ist nur krank.

Das meinst du, und das meint sie selber, ich wei. Aber sie kommt
nicht zurck. Wenn ein Schiff versinken soll, pflegen vorher die Ratten
es zu verlassen. Sie wissen wahrscheinlich auch nicht, da das Schiff
kaput geht. Sie fhlen sich nur von einem unangenehmen Schauder berhrt
und laufen fort, gewi mit der guten Absicht, bald wiederzukommen.

Ach rede nicht so! Du bist schon oft am Leben verzweifelt und es ist
doch wieder gegangen.

Richtig. Es ist gegangen, weil ich einen Trost oder eine Betubung
fand. Einmal war es eine Frau, einmal ein lieber Freund -- ja, du
hast mir den Dienst auch schon getan! -- ein andermal die Musik oder
das Klatschen im Theater. Nun, und jetzt freuen eben diese Sachen mich
nimmer, und darum trinke ich. Ich knnte nicht singen ohne ein paar
Glser vorher, aber ich kann auch nicht denken und reden und leben
und mich ertrglich fhlen -- ohne ein paar Glser vorher. Und jetzt
kurz -- das Predigen mut du lassen, so gut es dir steht. Es war schon
einmal so, vor zwlf Jahren ungefhr. Da hat mir auch einer gepredigt
und nicht nachgelassen, es war wegen eines Mdels, und zufllig war's
mein bester Freund -- --

Und dann?

Dann hat er mich gentigt, ihn hinauszuwerfen, und dann hatte ich
lange keinen Freund mehr, eigentlich bis du dann kamst.

Das ist deutlich.

Gelt? sagte er milde. Du hast nun die Wahl. Aber ich will dir sagen,
es wre nicht schn, wenn du mir jetzt auch drausliefest. Ich habe dich
gern, du, und ich habe mir ausgedacht, da du auch eine Freude haben
sollst.

So. Was denn?

Sieh, du hast ja meine Frau gern -- oder wenigstens gern gehabt, und
ich hab sie auch gern, sogar sehr. Nun wollen wir heut abend ein Fest
geben, nur fr dich und mich, zu ihren Ehren. Nmlich, es ist ein Grund
dazu vorhanden. Ich habe sie malen lassen, sie mute im Frhjahr immer
zu dem Maler hingehen, ich war oft dabei. Dann reiste sie fort, das
Bild war fast fertig. Der Maler wollte sie noch einmal sitzen haben,
aber jetzt habe ich das Warten satt bekommen und das Bild bestellt, wie
es halt ist. Das ist vor einer Woche gewesen, und jetzt ist ein Rahmen
drum und das Bild ist gestern ins Haus gekommen. Ich htte dir's gleich
gezeigt, aber es ist besser, da das festlich geschieht. Freilich, ohne
einigen Champagner wird es nicht gut gehen, wie soll ich sonst vergngt
werden! Ist dir's recht?

Ich fhlte hinter seinem Scherzen Rhrung, ja Trnen verborgen und
stimmte munter ein, obwohl mir nicht so zumute war. Unser Fest zu Ehren
der Frau, die ihm so ganz verloren schien, wie sie es mir wirklich war,
wurde vorbereitet.

Kannst du dich noch an ihre Blumen erinnern? fragte er mich. Ich
verstehe von Blumen nichts und wei nicht, wie sie heien. Sie hatte
immer solche wei und gelbe, und auch rote. Weit du nimmer?

Ja, einige wei ich noch. Warum?

Du mut sie kaufen. La einen Wagen kommen, ich mu ohnehin auch in
die Stadt. Wir wollen es so machen, wie wenn sie da wre.

So fiel ihm noch manches ein, woran ich sah, wie tief und unablssig
er an Gertrud gedacht hatte. Es tat mir wohl und weh, es zu merken.
Ihretwegen hielt er keine Hunde mehr und lebte einsam, der sonst nie
lang ohne Frauen hatte sein knnen. Er hatte ihr Bild bestellt, er
hie mich ihre Blumen kaufen! Das war als nehme er eine Maske ab und
ich she hinter den harten selbstschtigen Zgen ein Kindergesicht
versteckt.

Aber, wandte ich noch ein, wir sollten das Bild doch lieber jetzt
ansehen oder am Nachmittag. Bilder mu man doch bei Tageslicht sehen.

Ach was, du kannst es ja morgen noch lang genug anschauen. Es ist ja
hoffentlich eine gute Malerei, aber im Grund ist uns das doch ganz
einerlei, wir wollen doch blo sie sehen.

Nach Tische fuhren wir in die Stadt und kauften ein, vor allem die
Blumen, einen groen Strau Chrysanthemen, einen Korb Rosen und ein
paar Bsche weien Flieder. Dabei fiel es ihm ein, auch eine groe
Sendung Blumen an Gertrud nach R. schicken zu lassen.

Es ist doch etwas Schnes um Blumen, sagte er nachdenklich. Ich
begreife, da Gertrud sie gern hat. Sie gefallen mir auch, nur kann ich
keine Sorgfalt fr so etwas aufbringen. Wenn keine Frau danach sah, war
es bei mir immer unordentlich und nicht recht behaglich.

Am Abend fand ich im Musikzimmer das neue Bild aufgestellt und mit
einem Seidentuche verhngt. Wir hatten festlich getafelt und Muoth
begehrte nun zuerst das Hochzeitsprludium zu hren. Nachdem ich es
gespielt hatte, enthllte er das Bild, und wir standen eine Weile
schweigend davor. Gertrud war in einem hellen sommerlichen Kleide
gemalt, in ganzer Figur, und blickte uns aus den klaren Augen
vertraulich an, und es dauerte eine Zeit, ehe wir einander ansehen und
die Hnde geben konnten. Muoth schenkte zwei Glser voll Rheinwein,
nickte dem Bilde zu, und wir tranken auf sie, an die wir beide dachten.
Dann nahm er das Bild sorglich in die Arme und trug es hinaus.

Ich bat ihn, etwas zu singen, doch wollte er nicht.

Weit du noch, sagte er lchelnd, wie wir damals vor meiner Hochzeit
einen Abend beieinander saen? Jetzt bin ich ja wieder Junggesell und
wir wollen noch einmal versuchen, mit den Glsern zu luten und ein
bichen vergngt zu sein. Dein Teiser sollte dabei sein, der versteht
sich auf die Frhlichkeit besser als ich und du. Du mut ihn schn
gren, wenn du wieder heimkommst. Er kann mich ja nicht leiden, aber
trotzdem -- --.

Mit der vorsichtigen, gehaltenen Heiterkeit, mit der er immer seine
guten Stunden gekostet hatte, begann er zu plaudern und mich an
Vergangenes zu erinnern, und ich war erstaunt, wie alles, auch Kleines
und Zuflliges, was ich bei ihm lngst vergessen glaubte, unverloren
in seiner Erinnerung lebte. Auch den allerersten Abend, den ich bei
ihm und Marion mit Kranzl und den andern zugebracht hatte, und unsern
damaligen Streit hatte er nicht vergessen. Nur von Gertrud sprach
er nicht; die Zeit, seit der sie zwischen uns getreten war, lie er
unberhrt, und mir war es lieb.

Ich freute mich ber diese unerwartet schnen Stunden, lie ihn auch
dem guten Wein reichlich zusprechen, ohne ihn zu mahnen. Ich wute, wie
selten solche Stimmungen bei ihm waren, wie er sie selber htete und
hegte, wenn sie einmal kamen, und sie kamen freilich nie ohne Wein. Ich
wute auch, da das nicht lange dauern konnte, da er morgen wieder
verdrossen und unzugnglich sein werde; dennoch kam auch in mir eine
herzliche Wrme und beinahe frhliche Stimmung auf, indessen ich seinen
gescheiten, nachdenklichen, wenn auch widerspruchsvollen Betrachtungen
zuhrte. Dabei warf er mir zuweilen einen seiner schnen Blicke zu,
die er nur in solchen Stunden hatte und die wie die Blicke eines eben
Erwachenden mitten aus einem Traum zu kommen schienen.

Einmal, als er schwieg und sann, begann ich ihm zu erzhlen, was mein
Theosoph mir ber die Krankheit des Einsamseins gesagt hatte.

So? sagte er gutmtig. Und du hast es natrlich geglaubt? Du httest
berhaupt Theolog werden sollen.

Warum? Es kann doch was daran sein.

Natrlich. Die gescheiten Herren weisen immer von Zeit zu Zeit nach,
da alles nur Einbildung sei. Weit du, ich habe frher oft solche
Bcher gelesen, und ich kann dir sagen, es ist nichts damit, absolut
nichts. Alles, was diese Philosophen schreiben, ist nur eine Spielerei,
vielleicht trsten sie sich selber damit. Der eine erfindet den
Individualismus, weil er seine Zeitgenossen nicht leiden mag, und der
andere den Sozialismus, weil er es allein nicht aushlt. Es kann ja
sein, da unser Einsamkeitsgefhl eine Krankheit ist. Nur wird damit
nichts anders. Das Nachtwandeln ist auch eine Krankheit, deswegen
steht so ein Kerl doch tatschlich in der Dachrinne, und wenn man ihn
anschreit, bricht er das Genick.

Nun, das ist doch etwas anderes.

Meinetwegen, ich will nicht recht haben. Ich meine nur, mit der
Weisheit kommt man zu nichts. Es gibt nur zwei Weisheiten, alles
zwischen drin ist Geschwtz.

Was fr zwei Weisheiten meinst du?

Nun, entweder ist die Welt schlecht und lumpig, wie es die Buddhisten
und Christen sagen. Dann mu man sich kasteien, auf alles verzichten,
und ich glaube, man kann dabei ganz zufrieden werden. Asketen haben
kein so schweres Leben, wie man meint. Oder aber ist die Welt und das
Leben gut und recht, dann kann man nur eben mitmachen und nachher
ruhig sterben, weil es dann fertig ist..

Und an was glaubst du selber?

Das mu man niemand fragen. Die meisten Leute glauben beides, je
nachdem das Wetter ist und sie gesund sind und Geld im Sack haben oder
nicht. Und die, die wirklich glauben, leben nicht danach. So ist es bei
mir auch. Ich glaube nmlich wie Buddha, da das Leben nichts wert ist.
Aber ich lebe doch, wie es meinen Sinnen wohl tut und wie wenn die die
Hauptsache wren. Wenn es nur vergnglicher wre!

Es war noch nicht spt, als wir ein Ende machten. Als wir durch das
Nebenzimmer gingen, wo nur eine einsame elektrische Lampe glhte,
hielt Muoth mich am Arm zurck, entzndete alle Lichter und nahm den
Vorhang von Gertruds Bild, das da lehnte. Wir blickten noch einmal
in das liebe, klare Gesicht, dann deckte er das Tuch darber und
lschte. Er begleitete mich in mein Zimmer und legte mir noch ein paar
Zeitschriften auf den Tisch, falls ich lesen wolle. Dann gab er mir die
Hand und sagte leise: Gute Nacht, Lieber!

Ich ging zu Bett und lag noch eine halbe Stunde wach, in Gedanken an
ihn. Es hatte mich gerhrt und beschmt zu hren, wie treulich er
sich aller kleinen Erlebnisse unserer Freundschaft erinnerte. Er, dem
es schwer fiel Freundschaft zu zeigen, hing an denen, die er liebte,
inniger als ich gedacht hatte.

Danach schlief ich ein und trumte durcheinander von Muoth, von meiner
Oper und vom Herrn Lohe. Als ich erwachte, war es noch Nacht. Ich war
an einem Schrecken erwacht, der nichts mit meinen Trumen zu tun hatte,
sah mattgrau das bleiche Viereck des Fensters dmmern und fhlte eine
qulende Beklemmung, richtete mich im Bette auf und versuchte vollends
wach und klar zu werden.

Da geschahen rasche, krftige Schlge an meine Tr, ich sprang auf und
ffnete, es war kalt und ich hatte noch kein Licht gemacht. Drauen
stand der Diener, nur notdrftig angekleidet, und starrte mich aus
erschreckten, dummen Augen ngstlich an.

Kommen Sie! flsterte er keuchend. Kommen Sie! Es ist ein Unglck
geschehen.

Ich zog nur einen Schlafrock an, der eben da hing, und folgte dem
jungen Manne die Treppe hinab. Er ffnete eine Tre, trat zurck
und lie mich eintreten. Da stand auf einem kleinen Rohrtische
ein Leuchter, in dem drei dicke Kerzen brannten, und daneben ein
zerwhltes Bett, und darin sah ich, auf dem Gesichte liegend, meinen
Freund Muoth.

Wir mssen ihn umdrehen, sagte ich leise.

Der Diener traute sich nicht recht heran.

Der Arzt mu gleich kommen, sagte er stotternd.

Aber ich zwang ihn anzufassen und wir wendeten den Liegenden um, und
ich sah meinem Freunde in das Gesicht, das war wei und verzogen, und
sein Hemd war voll Blut, und als wir ihn legten und wieder zudeckten,
zuckte sein Mund ganz leicht, und die Augen hatten keinen Blick mehr.

Der Diener fing jetzt eifrig an zu erzhlen, aber ich wollte
nichts wissen. Als der Arzt kam, war Muoth schon tot. In der Frhe
telegraphierte ich an Imthor, dann kehrte ich in das stille Haus
zurck, sa am Bett des Toten, hrte den Wind drauen in den Bumen
gehen und wute erst jetzt genau, wie lieb ich diesen armen Menschen
gehabt hatte. Bedauern konnte ich ihn nicht, sein Sterben war leichter
gewesen als sein Leben.

Am Abend stand ich am Bahnhof und sah den alten Imthor aus dem Zuge
steigen, und hinter ihm eine hohe, schwarz gekleidete Frau, und fhrte
sie hinaus zu dem Toten, der nun angekleidet und aufgebahrt lag,
zwischen den Blumen von gestern. Da bckte sich Gertrud und kte ihn
auf den blassen Mund.

Als wir an seinem Grabe standen, sah ich eine hbsche, groe Frau mit
verweintem Gesicht, die Rosen in den Hnden hatte und allein stand,
und als ich neugierig hinschaute, war es Lotte. Sie nickte mir zu,
und ich lchelte. Gertrud aber hatte nicht geweint, sie schaute aus
einem bleichen schmalen Gesicht berwach und streng vor sich in den
leisen Regen, der im Wind versprhte, und hielt sich gerade wie ein
junger Baum, als stnde sie auf unerschtterten Wurzeln. Es war aber
nur Notwehr, und zwei Tage spter, als sie zu Hause Muoths Blumen
auspackte, die unterdessen angekommen waren, brach sie zusammen und
blieb eine lange Zeit fr uns alle unsichtbar.




Auch in mir kam die Betrbnis erst spt zu ihrem Recht. Und wie es
immer geht, es fielen mir unzhlige Gelegenheiten ein, bei denen ich
meinem toten Freunde Unrecht getan hatte. Nun, das Schlimmste hatte er
sich selber angetan, und nicht erst mit seinem Tode. Ich dachte viel
ber diese Dinge nach und konnte nicht finden, da in diesem Schicksal
etwas unklar und unbegreiflich wre, doch war alles darin grausam und
hhnisch. Es war mit meinem eigenen Leben nicht anders, und mit dem
Leben Gertruds und Vieler. Das Schicksal war nicht gut, das Leben war
launisch und grausam, es gab in der Natur keine Gte und Vernunft.
Aber es gibt Gte und Vernunft in uns, in uns Menschen, mit denen der
Zufall spielt, und wir knnen strker sein als die Natur und als das
Schicksal, sei es auch nur fr Stunden. Und wir knnen einander nahe
sein, wenn es not tut, und einander in verstehende Augen sehen, und
knnen einander lieben und einander zum Trost leben.

Und manchmal, wenn die finstere Tiefe schweigt, knnen wir noch mehr.
Da knnen wir fr Augenblicke Gtter sein, befehlende Hnde ausstrecken
und Dinge schaffen, die vordem nicht waren und die, wenn sie geschaffen
sind, ohne uns weiter leben. Wir knnen aus Tnen und aus Worten und
aus andern gebrechlichen wertlosen Dingen Spielwerke erbauen, Weisen
und Lieder voll Sinn und Trost und Gte, schner und unvergnglicher
als die grellen Spiele des Zufalls und Schicksals. Wir knnen Gott im
Herzen tragen, und zu Zeiten, wenn wir seiner innig voll sind, kann
er aus unsern Augen und aus unsern Worten schauen und auch zu andern
reden, die ihn nicht kennen oder kennen wollen. Wir knnen unser Herz
dem Leben nicht entziehen, aber wir knnen es so bilden und lehren,
da es dem Zufall berlegen ist und auch dem Schmerzlichen ungebrochen
zuschauen kann.

So habe ich in den Jahren, seit Heinrich Muoth begraben ist, ihn mir
tausendmal wieder lebendig gemacht und klger und liebreicher mit ihm
reden knnen als je im Leben. Und ich sah, als die Zeit da war, meine
alte Mutter sich legen und sterben, und sah auch die schne, lustige
Brigitte Teiser sterben, die nach Jahren des Wartens und Verheilens
einen Musiker geheiratet und das erste Kindbett nicht berlebt hat.

Gertrud hat ihren Schmerz berwunden, der sie damals berfiel, da
unsre Blumen als Gru und Werbung eines Toten zu ihr kamen. Ich rede
nicht oft mit ihr darber, obwohl ich sie jeden Tag sehe. Aber ich
glaube, sie blickt in ihren Frhling wie in ein fernes, in ehemaligen
Reisetagen gesehenes Tal zurck und nicht wie in einen verlorenen
Garten Eden. Sie hat ihre Kraft und Heiterkeit wiedergefunden, sie
singt auch wieder. Doch hat sie seit dem kalten Ku auf des Toten
Lippen keinen Mann wieder gekt. Einmal, zweimal im Gang der Jahre, da
ihr Wesen gesundet war und in der alten herben Blte duftete, gingen
meine Gedanken den alten verbotenen Weg ihr nach und dachten: warum
nicht? Heimlich wute ich aber die Antwort schon, und da an meinem und
ihrem Leben nichts mehr zu korrigieren war. Sie ist mein Freund, und
wenn ich nach unruhig einsamen Zeiten aus meiner Stille hervortrete und
ein Lied oder eine Sonate habe, gehrt es zuerst uns beiden. Muoth hat
recht gehabt, man ist beim Altwerden zufriedener als in der Jugendzeit,
die ich darum nicht schmhen will, denn sie klingt mir dennoch in allen
Trumen wie ein herrliches Lied herber, und klingt heute reiner und
lauterer gestimmt, als da sie noch Wirklichkeit gewesen ist.


                                 Ende.




                  Druck von Hesse & Becker in Leipzig
  Papier von Bohnenberger & Cie., Papierfabrik Niefern bei Pforzheim
         Einbnde von E. A. Enders, Grobuchbinderei, Leipzig





End of the Project Gutenberg EBook of Gertrud, by Hermann Hesse

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GERTRUD ***

***** This file should be named 61266-8.txt or 61266-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        http://www.gutenberg.org/6/1/2/6/61266/

Produced by Peter Becker and the Online Distributed
Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was
produced from images generously made available by The
Internet Archive)


Updated editions will replace the previous one--the old editions will
be renamed.

Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
law means that no one owns a United States copyright in these works,
so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
States without permission and without paying copyright
royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
of this license, apply to copying and distributing Project
Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
specific permission. If you do not charge anything for copies of this
eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
performances and research. They may be modified and printed and given
away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
trademark license, especially commercial redistribution.

START: FULL LICENSE

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
www.gutenberg.org/license.

Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
Gutenberg-tm electronic works

1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or
destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
1.E.8.

1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement. See
paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
electronic works. See paragraph 1.E below.

1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
works in the collection are in the public domain in the United
States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
United States and you are located in the United States, we do not
claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
displaying or creating derivative works based on the work as long as
all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
you share it without charge with others.

1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
in a constant state of change. If you are outside the United States,
check the laws of your country in addition to the terms of this
agreement before downloading, copying, displaying, performing,
distributing or creating derivative works based on this work or any
other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
representations concerning the copyright status of any work in any
country outside the United States.

1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
performed, viewed, copied or distributed:

  This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
  most other parts of the world at no cost and with almost no
  restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
  under the terms of the Project Gutenberg License included with this
  eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
  United States, you'll have to check the laws of the country where you
  are located before using this ebook.

1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
contain a notice indicating that it is posted with permission of the
copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
the United States without paying any fees or charges. If you are
redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
posted with the permission of the copyright holder found at the
beginning of this work.

1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
any word processing or hypertext form. However, if you provide access
to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
provided that

* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
  the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
  you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
  to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
  agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
  Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
  within 60 days following each date on which you prepare (or are
  legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
  payments should be clearly marked as such and sent to the Project
  Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
  Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
  Literary Archive Foundation."

* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
  you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
  does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
  License. You must require such a user to return or destroy all
  copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
  all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
  works.

* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
  any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
  electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
  receipt of the work.

* You comply with all other terms of this agreement for free
  distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
electronic works, and the medium on which they may be stored, may
contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
cannot be read by your equipment.

1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from. If you
received the work on a physical medium, you must return the medium
with your written explanation. The person or entity that provided you
with the defective work may elect to provide a replacement copy in
lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
or entity providing it to you may choose to give you a second
opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
without further opportunities to fix the problem.

1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of
damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
violates the law of the state applicable to this agreement, the
agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
remaining provisions.

1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

