The Project Gutenberg EBook of Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten.
Band 3, by Johann Konrad Friederich

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org/license


Title: Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 3
       Hinterlassene Papiere eines franzsisch-deutschen Offiziers

Author: Johann Konrad Friederich

Editor: Ulrich Rauscher

Release Date: November 23, 2019 [EBook #60769]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VIERZIG JAHRE AUS DEM LEBEN ***




Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
Proofreading Team at http://www.pgdp.net






                             Vierzig Jahre
                                aus dem
                           Leben eines Toten

                              Dritter Band

                            Sechste Auflage




                             Vierzig Jahre
                                aus dem
                           Leben eines Toten


                         Hinterlassene Papiere
                eines franzsisch-preuischen Offiziers

                             In drei Bnden

                              Dritter Band


                          Egon Fleischel & Co.
                                 Berlin
                                  1916




                                 Inhalt
                          des dritten Bandes.


                                                                   Seite

                                    I.
   Ankunft der jungen Kaiserin. -- Zivil- und religise             1-45
      Vermhlungsfeierlichkeiten Napoleons und Marie Luisens.
      -- Groes Volksfest. -- Demoiselle Mars. -- Pauline. --
      Die Mitglieder der Familie Bonaparte. -- Feste dem
      kaiserlichen Ehepaar zu Ehren. -- Unglckliches Fest von
      dem sterreichischen Gesandten gegeben. -- Lannes
      Leichenfeier. -- Die Errichtung der Siegessule auf dem
      Platz Vendome. -- Exzesse der hollndischen Garden zu
      Paris. -- Gerchte ber Marie Luisens Schwangerschaft.
      -- Ich werde zu Murats Garde zu Pferd versetzt. --
      Abreise nach Neapel

                                    II.
   Reise von Paris nach Neapel. -- Turin. -- Ankunft zu Neapel.    46-87
      -- Murats Garden und Hofstaat. -- Fehlgeschlagene
      Expedition gegen Sizilien. -- Grausame Maregeln zur
      endlichen Vertilgung der Briganten in Kalabrien. --
      Entstehung der Carbonari. -- Murat. -- Die Knigin
      Karoline. -- Der Karneval zu Neapel. -- Ein
      italienisches Liebhabertheater. -- Die Festini in San
      Carlo. -- Die Marchesa im Schilderhaus. -- Fastenzeit
      und Osterfeier. -- Ein Pistolenduell. -- Don Juan zum
      erstenmal in Neapel aufgefhrt. -- Ein Schiff mit
      englischen Nachtgeschirren von der Douane weggenommen.
      -- Ein Abenteuer in den Grten zu Caserta. -- Ein
      _Souper suspendu_. -- Ein silbernes Ei. -- Ein
      dreifacher Mord. -- Weihnachtsfeier. -- Verbrennung der
      englischen Waren. -- Ich falle in die allerhchste
      Ungnade und werde nach Tarent beordert

                                   III.
   Marsch von Neapel nach Tarent. -- Eine Zusammenkunft zu        87-138
      Caserta. -- Die caudinischen Engpsse. -- Avelino. --
      Dentekane. -- Tarent. -- Einschiffung nach Korfu. --
      Seegefecht auf der Hhe von Tunis. -- Ankunft zu Korfu.
      -- Beschreibung der Jonischen Inseln. -- Der heilige
      Spiridion und seine Feste. -- Das Theater und
      Liebhabertheater. -- Seltsame Zusammensetzung der
      Garnison. -- Pallea Castrizza. -- Ein Exorzismus. --
      Erdbeben. -- Trkische Tabaksbeutel. -- Ein giftiger
      Schlangenbi. -- Capo d'Istria. -- Die Entfhrung einer
      Braut. -- Ein Seeturnier. -- Paxo. -- Parga. -- Prevesa.
      -- Thiaki. -- Santa Maura. -- Der leukadische Felsen. --
      Fano

                                    IV.
   Eine Mission nach Albanien. -- Janina. -- Ali Pascha, seine   138-188
      furchtbaren Grausamkeiten. -- Ein lebendig Begrabener.
      -- Govino. -- Die Entfhrung einer jungen Griechin. --
      Rocca Timono. -- Diversi. -- Ein Soldat erschiet einen
      Fregattenkapitn. -- Ein Rattenmahl. -- Die Prima
      Ballerina Giuseppina Panzieri. -- Groer Theaterskandal.
      -- Ludwig der Springer. -- Die Feuerprobe. -- Ein Duell.
      -- Ein Schiffbruch. -- Ein groer Brand. -- Die Ruber
      in Korfu. -- Parga geht an die Englnder ber. --
      Schlimme Neuigkeiten. -- Murats Abfall. -- Napoleons
      Abdankung. -- Rckkehr der Bourbons. -- Ankunft der
      englischen und franzsischen Flotten. -- bergabe Korfus
      an die Englnder. -- Unanstndiges Benehmen englischer
      Offiziere. -- Einschiffung der franzsischen Garnison

                                    V.
   berfahrt von Korfu nach Marseille. -- Das Schiffsleben. --   189-210
      Die Meerenge von Messina. -- Die Fata Morgana. --
      Haifische. -- Napoleon auf der Insel Elba. -- Das
      Pestlazarett und die Quarantne zu Marseille. --
      Stimmung der Einwohner. -- Abmarsch nach Avignon. --
      Meuterei in Aix. -- Die Familie Giraud. -- Die rasenden
      Weiber in Avignon attackieren uns. -- Ankunft Ludwig
      Philipps zu Avignon. -- Lyon. -- Einzug des Grafen
      Artois (Karl X.). -- Fontainebleau. -- Paris. --
      Preuische Vergeltung. -- Die zurckgekehrten
      Emigranten. -- Ich lasse mich auf halben Sold setzen. --
      Abreise ber Reims nach Straburg. -- Der Herzog von
      Berry. -- Abreise nach Frankfurt. -- Ankunft daselbst

                                    VI.
   Feier des 18. Oktobers zu Frankfurt am Main. --               210-223
      Verfassungswehen dieser Stadt. -- Franzosenha daselbst.
      -- Diversi. -- Ein Fest auf dem Sandhof. -- Napoleons
      Rckkehr von der Insel Elba. -- Ich entschliee mich in
      preuische Dienste zu treten. -- Abreise nach Berlin

                                   VII.
   Reise von Frankfurt nach Berlin. -- Leipzig. -- Die Messe.    223-242
      -- Ein Paar Harfenmdchen. -- Eine Partie nach
      Giebichenstein. -- Wittenberg. -- Berlin. -- Prinzessin
      Wilhelm. -- Die Theater. -- Iffland und Devrient. --
      Potsdam. -- Graf Lusi und Friedrich der Groe. --
      Sanssouci. -- Ein bbischer Studentenstreich. -- Urania.
      -- Meine Anstellung. -- Die Familie Pogwisch. --
      Anekdoten vom Kronprinz. -- Ich soupiere mit sechs
      Damen. -- Eine Knstlerhaushaltung. -- Das Institut
      Bernhard. -- Die Tabagien. -- Eindruck der Schlacht bei
      Waterloo. -- Das Opernhaus. -- Abreise nach Kolberg

                                   VIII.
   Reise von Berlin nach Kolberg. -- Eine Amazone. -- Ankunft    243-276
      in Kolberg. -- Die neuen Dienstverhltnisse. -- Kolberg
      und seine Umgebungen. -- Einfachheit und Wohlhabenheit
      der Einwohner. -- Die Marienkirche. -- Gesellschaftliche
      Verhltnisse. -- Nettelbeck. -- Die letzte Belagerung.
      -- Feier des Geburtstags des Knigs. -- Madame G... und
      ihre Cousine. -- Das Versteckenspiel im Bullenwinkel. --
      Eine Reise nach Kslin. -- Eine Lustfahrt auf einen
      pommerschen Edelhof. -- Die Kolberger Freuden. -- Ich
      gehe auf Urlaub nach Berlin. -- Ein polnischer
      Reiseschatz. -- Die verrterischen Austernschalen. --
      Frst Blcher. -- Die Berliner Weihnachtsfreuden. -- Die
      Redouten und Porzellanfuhren. -- Die schne Luise. --
      Spandau. -- Eine glnzende Schlittenfahrt. -- Rckreise
      nach Kolberg

                                    IX.
   Frau v. Schtzel. -- Madame Schrder, der Kolberger Krsus.   277-303
      -- Ihre Feste und Landpartien. -- Eine Schlittenfahrt
      mit Folgen. -- Ein Duell. -- Eine gefhrliche
      Fensterpassage. -- Ich belausche wider Willen eine
      Kaffeegesellschaft. -- Ein Kaffeebad. -- Ich fhre einen
      Transport zu dem Okkupationsheer nach Frankreich. --
      Stettin. -- Ein Konzert rettet aus Not und Tod. -- Ich
      werde vom Dienst suspendiert. -- Rombergs
      Schauspieler-Gesellschaft zu Kolberg. --
      Sechsmonatlicher Festungsarrest in Weichselmnde. --
      Neufahrwasser. -- Danzig und seine Vergngungen. --
      Abreise nach Marienburg

                                    X.
   Marienburg. -- Elbing. -- Knigsberg. -- Posen. -- Rckkehr   303-324
      nach Kolberg. -- Eine furchtbare Mordgeschichte. -- Eine
      Vexierreise. -- Diverse Kampagnen unter Amors Fahnen. --
      Der Esel von Osten. -- Noch ein Damensouper. -- Arge
      Skandalosa. -- Eine pommersche Hochzeit. -- Abermaliger
      Festungsarrest. -- Meine Entlassung

                                    XI.
   Ein Polterabend. -- Ich gebe ein paar Gastrollen. -- Reise    324-354
      von Kslin nach Berlin. -- Eine Reise nach Paris ohne
      Paris zu sehen. -- Schicksale meiner Cousinen. --
      Abreise nach Magdeburg. -- Carnot. -- Er fordert mich
      auf, ein Geschichtswerk herauszugeben. -- Aventuren. --
      Ich gerate in groe Feuersgefahr. -- Abreise nach
      Bremen. -- Angenehme Reisegesellschaft. -- Braunschweig.
      -- Vetter K... und Cousine Henriette. -- Ein Hausfreund.
      -- Gesinchen. -- Die Giftmischerin Gottfried. -- Signora
      Catalani in Bremen. -- Abreise nach Frankfurt. --
      Hannover. -- Hildesheim. -- Goslar. -- Eine Partie auf
      den Blocksberg. -- Kassel. -- Wilhelmshhe. -- Zopfwut
      des Kurfrsten. -- Ankunft zu Frankfurt

                                   XII.
   Frankfurter Zustnde. -- Schwierigkeiten bei einer            355-405
      Verheiratung. -- Ich soll mich um eine Anstellung in
      Frankfurt bewerben, gebe es aber schnell wieder auf. --
      Senatorenstreiche. -- Ich beabsichtige eine Zeitschrift
      herauszugeben. -- Die Grfin Srvilier und ihre Tchter.
      -- Napoleons beabsichtigte Befreiung. -- Hausen. -- Frau
      von Busch. -- Homburg. -- Ich schwinge etwas derb die
      Geiel der Satire in meiner Zeitschrift; diverse
      Histrchen und Widerwrtigkeiten. -- Signora Catalani in
      Frankfurt. -- Napoleons Tod. -- Frst Y...s trauriges
      Ende. -- Mller-Broli. -- Der Jude Dobrusky. -- Ein
      Besuch von sieben Schauspielern. -- Die Sngerin Canzi.
      -- Verbot meiner Zeitschrift. -- Eine lustig-romantische
      Rheinreise. -- Die Schlangenmdchen. -- Therese Peche.
      -- Ich bilde sie fr das Theater

                                   XIII.
   Die Schlangenmdchen zuerst bei der Mainzer, dann bei der     405-436
      Klner Bhne engagiert. -- Der Bruder von ungefhr. --
      Aufenthalt in Aachen. -- Ich spiele den Don Juan in der
      Wirklichkeit statt auf der Bhne. -- Ringelhards
      Gesellschaft. -- Aufenthalt in Kln. -- Polizeidirektor
      Struensee. -- Trennung von Peches. -- Der Schauspieler
      Wolthers wird im Duell erschossen. -- Agnes F...ch. --
      Noch ein Rousseau. -- Ich werde demagogischer Umtriebe
      verdchtig gemacht. -- Ich gehe nach Mainz. --
      Aufenthalt daselbst. -- Ich redigiere eine Mannheimer
      Zeitschrift. -- Die schwarze Kommission. -- Ich werde
      aus Mainz verbannt und gehe nach Mannheim. -- Eine Reise
      nach Stuttgart. -- Die schne Unbekannte auf der Insel.
      -- Eine Saison in Baden-Baden. -- Ich nehme meinen
      Aufenthalt in Stuttgart. -- Buchhndler Frankh. -- Das
      Theater. -- Eine sehr geheime Intrige. -- Die Stadtpost
      und ihr Redakteur. -- Ich gebe mein erstes historisches
      Werk heraus. -- Ich werde Spiebrger in Frankfurt am
      Main




                                   I.

          Ankunft der jungen Kaiserin. -- Zivil- und religise
   Vermhlungsfeierlichkeiten Napoleons und Marie Luisens. -- Groes
    Volksfest. -- Demoiselle Mars. -- Pauline. -- Die Mitglieder der
   Familie Bonaparte. -- Feste dem kaiserlichen Ehepaar zu Ehren. --
   Unglckliches Fest von dem sterreichischen Gesandten gegeben. --
     Lannes Leichenfeier. -- Die Errichtung der Siegessule auf dem
    Platz Vendome. -- Exzesse der hollndischen Garden zu Paris. --
      Gerchte ber Marie Luisens Schwangerschaft. -- Ich werde zu
        Murats Garde zu Pferd versetzt. -- Abreise nach Neapel.


Die immer nher heranrckende Zeit der Vermhlung Napoleons mit Marie
Louise, zu der man alle mglichen Vorbereitungen machte, lie schnell
die Geschichte unseres Totenmahles sowie alle anderen Dinge ins Meer der
Vergessenheit sinken; die erwartete neue Kaiserin nahm wenigstens auf
einige Zeit alle Aufmerksamkeit der guten Pariser in Anspruch. Man hrte
an allen ffentlichen Orten sowie in den Familien nur noch von dieser
reden und erzhlte sich die seltsamsten Dinge und Mrchen, ihre Person,
ihre Erziehung, ihre Talente, ihren Geist und so weiter betreffend, und
es gibt fast keine Abgeschmacktheit, die man nicht zugunsten der jungen
Erzherzogin erfunden und in Umlauf gebracht htte. Bald sollte sie keine
drei zhlen, bald fr sechse essen knnen, sich nur in Milch baden, nur
Mehlspeise und Gebackenes zu sich nehmen; auch wollte man durchaus nicht
gestatten, da Kaiser Franz ihr wirklicher Vater sei, und war so
freigebig, ihr wenigstens ein halbes Hundert verschiedener Vter
anzudichten: der eine machte einen Baron Braun, der andere gar einen
Daun dazu! Auch ber ihre Gestalt, ihren Wuchs, ihre Zge, ihren Anzug,
ihre Toilette, ihre Haltung setzte man die lcherlichsten Dinge in
Umlauf, erfand Hunderte von Anekdoten, die sich an Unwahrscheinlichkeit
und Absurditten berboten, und stellte Vergleiche zwischen ihr und
Josephinen an, die natrlich immer zum Vorteil der letzteren ausfielen.
Endlich kamen die bei alldem von den Parisern herbeigewnschten Tage, an
welchen die neue Kaiserin durch ihr Erscheinen die Neugierde des
ungeduldigen Volkes befriedigen sollte. Napoleon war ihr in Murats
Begleitung, der sich auch schon eingefunden hatte, bis Compigne
entgegengegangen. Nach dem bekannt gemachten Programm sollte die erste
Zusammenkunft in dem mittelsten der drei Zelte, die zu diesem Zweck auf
dem Weg nach Compigne aufgeschlagen waren, stattfinden. Das Programm
schrieb vor, da beide Majestten zu gleicher Zeit von zwei
entgegengesetzten Seiten in das mittlere Zelt treten, Marie Louise aber
vor ihrem Gatten niederknien, der sie jedoch sogleich aufheben und
umarmen wrde, worauf sich beide niedersetzen sollten. Aber Napoleons
Ungeduld machte alle von ihm selbst vorgeschriebenen Zeremonien und
Etikette berflssig, indem er ganz inkognito in seinem grauen berrock
das Schlo von Compigne durch eine kleine Pforte verlie, sich in eine
unansehnliche Kalesche warf und in dem Augenblick zu Courcelles ankam,
als die Kuriere der jungen Kaiserin die Pferde bestellten. Hier stellte
er sich, da es heftig regnete, unter die Halle einer Kirche, und als die
Wagen der Ersehnten ankamen und man die Pferde wechselte, lief er an den
Schlag der Kutsche, in der Marie Louise sa, ffnete denselben, stieg
schnell ein, fiel seiner jungen, hchst erstaunten Gattin um den Hals
und fuhr mit ihr zusammen nach Compigne zurck, wo er, wie man
allgemein versicherte, die Nacht als Ehemann mit ihr zubrachte. Am
anderen Tag lie er um Mittag das Frhstck vor dem Bett der sehr mden
Kaiserin servieren. Als dies zu Paris bekannt wurde, fand man es sehr
genial. Viele Personen waren dem hohen Paar entgegengefahren, auch ich
war bis an die Grenze des Departements der Seine geritten, wo dasselbe
von dem Prfekten und den Autoritten des Departements empfangen und
bekomplimentiert wurde. Den Frsten Y. hatte das Podagra wieder an das
Bett gefesselt.

Den ersten April fand die Zivilvermhlung des kaiserlichen Paars zu St.
Cloud statt, der ber zwanzig Knige, Kniginnen und frstliche Personen
beiwohnten. Ich hatte mich ebenfalls dahin begeben, aber mit tausend
anderen der feierlichen Handlung nicht beiwohnen knnen. Der ganze Hof,
alle Minister, Gesandte, Kardinle, Grooffiziere, Senatoren und so
weiter hatten sich in grter Gala in den Galerien von St. Cloud
versammelt, wo die Armsessel fr beide kaiserliche Majestten auf einer
Erhhung unter einem prachtvollen Thronhimmel angebracht waren. Das
Gefolge des kaiserlichen Paares bestand aus Knigen und Kniginnen,
Prinzen und Prinzessinnen, Growrdentrgern der Kronen Frankreichs und
Italiens, Palastdamen und so weiter. Man hat berechnet, da die Hofdamen
beider Kronen, unter denen auch eine Visconti, eine Montecuculi, eine
Mocenigo, eine Pallavicini und andere waren, mehr als fr zwanzig
Millionen Schmuck an sich hatten. Der Frst Erzkanzler des Reichs sprach
die Vermhlung nach den von dem _Code Napolon_ vorgeschriebenen
Gesetzen aus. Nachdem die Zeremonie vorber war und sich das ganze
Kortege entfernt hatte, gelang es mir, in die Galerie zu kommen, wo die
Vermhlung stattgefunden hatte und ich noch die getroffenen
Vorrichtungen sehen konnte. Am Abend war der Park von St. Cloud auf das
prchtigste erleuchtet, was besonders bei den Kaskaden, die in
Brillantstrahlen herabfielen, eine unbeschreibliche Wirkung machte. Vor
allem war es die groe Kaskade, die sich feenhaft ausnahm; man whnte
sich in einem der Zaubergrten der orientalischen Mrchen der
Tausendundeine Nacht. Der illuminierte Park, in dem mancherlei Spiele
stattfanden, war so mit Menschen berfllt, da es schien, als sei ganz
Paris nach St. Cloud gewandert.

Den folgenden Tag, am zweiten April, hielt das kaiserliche Ehepaar
seinen feierlichen Einzug in die Hauptstadt, zur religisen Trauung. Mit
Tagesanbruch wimmelte der dick mit Sand bestreute Weg, auf dem sich der
Zug bewegen sollte, mit Menschen jeden Alters und Standes, auf beiden
Seiten waren Spaliere von Truppen aufgestellt. Das Wetter war sehr
trbe, es hatte einen groen Teil der Nacht und besonders gegen Morgen
viel geregnet, man frchtete sogar, da die Feier wegen des schlechten
Weges verschoben werden msse; als aber gegen Mittag die Sonnenstrahlen
begannen, sich Bahn durch die Wolken zu brechen, da fingen die Kanonen
zu donnern an, die die Abfahrt des kaiserlichen Ehepaars und seines
Gefolges verkndeten. Die Behrden der Stadt Paris verfgten sich eilig
unter den groen Triumphbogen, den die Stadt zu Ehren der Neuvermhlten
im Stern der Elysischen Felder hatte errichten lassen. Dieser
Triumphbogen, der spter in Marmor aufgefhrt werden sollte, war in
aller Eile zusammengezimmert und mit grober, bunt bemalter Leinwand wie
eine Theaterdekoration ausgeschlagen worden. Seine vier Fassaden waren
mit acht ebenso vergnglichen Trophen geschmckt, sein Durchgang war
ungefhr fnfzig Fu und das Ganze einhundertvierzig Fu breit. Die
Symbole der Kraft und der Klugheit waren an demselben angebracht; auf
dem Kranz oben las man die Worte: >_A Napolon et  Marie Louise, la
ville de Paris._< Auerdem waren unter der Wlbung und sonst noch
verschiedene Basreliefs, Allegorien und Medaillen angebracht. So las man
zum Beispiel unter Napoleons Portrt: >_Le bonheur du monde est dans ses
mains_<; man mu gestehen, da es sich in keinen schlechteren Hnden
befinden konnte. Unter einem frische Zweige treibenden Lorbeer stand:
>_Il a fait notre gloire, il la rendra eternelle_<, unter einem
britischen Leoparden: >_Il riait de notre discorde il pleure de notre
union_< und so weiter. Auf den vier Fassaden waren die Gesetzgebung, die
National-Industrie, die Verschnerungen von Paris, die Ankunft der Marie
Louise und so weiter und viele ekelerregende Schmeicheleien gepinselt.
Dieser ebenso fragile Triumphbogen hatte gleiches Schicksal mit dem zu
jener Zeit dekretierten Riesenelefanten, von dem auch nur das Modell
verfertigt wurde. Ersterer wurde bald in Stcke zerschlagen und
verbrannt, der andere, ein kolossaler Springbrunnen -- der Elefant hatte
wenigstens zehnmal die Gre eines natrlichen --, welcher auf dem
Bastillenplatz errichtet werden sollte, ward der behagliche Aufenthalt
von Millionen -- Ratten. Der fortwhrende Kanonendonner verkndigte die
Annherung des Kaiserlich Kniglichen Hochzeitszuges, der sich nur sehr
langsam durch die unermelichen Menschenmassen, die den ganzen Weg von
St. Cloud bis Paris besetzt hatten und aus fnfzig und mehr Lieues in
der Runde herbeigestrmt waren, fortbewegte. Das Volk von Paris hatte
sich von den Tuilerien ber den Concordienplatz nach den Elysischen
Feldern in Bewegung gesetzt. Alle Fenster bis unter die Dcher der
Huser, an denen der Zug vorber kommen sollte, waren mit eleganten
Damen besetzt, und auf den Dchern und Bumen wimmelte es von alten und
jungen Knaben; wo es nur mglich war, hatte man Gerste zum Schauen
angebracht, wo man horrende Preise fr die Pltze bezahlte. Fr die von
dem Prfekten von Paris eingeladenen Personen waren amphitheatralische
Sitze zu beiden Seiten des hlzernen Triumphbogens errichtet. Hier hatte
auch ich durch Clarkes Verwendung einen Platz erhalten. Frst Y. war in
der Galerie des Louvre. Gegen Mittag war der ungeheure Raum von den
Tuilerien bis vor die Porte Maillot auf beiden Seiten hinter den
Spalieren der Truppen bis zum Erdrcken angefllt, und trotzdem sich die
Bevlkerung der Hauptstadt fr diesen Tag wenigstens um die Hlfte
vermehrt hatte, hrte man doch nichts von einem Unfall. Die
polizeilichen Anstalten waren vortrefflich. In dem Garten der Tuilerien
waren die napoleonischen Garden aufgestellt und auf den anderen Pltzen
Linieninfanterie. In einer gewissen Entfernung standen immer wieder
Kavallerie- und Infanterie-Piketts, bereit, sich augenblicklich an jeden
Ort zu begeben, wo eine Strung entstehen wrde. Gegen ein Uhr wurde das
Gedrnge, der Lrm und endlich das Vivatgeschrei immer lauter, die
Kanonen donnerten fort und fort, Tausende von Trommeln wirbelten, die an
verschiedenen Orten aufgestellten Orchester, wohl ein paar Dutzend,
spielten, und das >_Vive l'Empereur_< artete in rasendes Geschrei und
Toben aus. Jetzt erblickte man von dem Triumphbogen den sich
gravittisch nhernden Zug, den die neuerrichteten Lanciers der Garde
erffneten, deren glnzende Uniform, Bewaffnung und schne Haltung
zuerst aller Augen auf sich zogen. Ihnen folgten die Gardedragoner und
Chasseurs, an deren Spitze Musikchre ritten; dann kamen die
Wappenherolde zu Pferd, diesen folgten die Hofwagen, einige dreiig an
der Zahl, alle reich vergoldet, von gleicher Form und jeder mit sechs
Pferden bespannt. In den ersten saen die Grooffiziere des kaiserlichen
Hauses und die Growrdentrger des Reichs, hinter ihnen kamen die
Knige, Kniginnen, Prinzen und Prinzessinnen vom kaiserlich
napoleonischen Geblt, dann Marie Louisens Oheim, der Groherzog von
Wrzburg, sodann der Wagen der Kaiserin, mit acht Pferden bespannt,
endlich der ebenfalls mit acht Pferden bespannte Krnungswagen
Napoleons, in welchem die Neuvermhlten, Marie Louise zur Linken ihres
Gatten, saen. Dieser Wagen war mit schnen Malereien und anderen
kostbaren und knstlichen Verzierungen berladen. Auf beiden Wagen
standen hinten und vorn reich gekleidete Pagen, um sie herum ritten die
Marschlle des Reichs, die Chefs der Garden, die Oberstallmeister und so
weiter im Prachtkostm, die Pferde mit Gold behangen. Ihnen folgten die
Wagen, in denen das kaiserliche Gefolge sa, den Zug schlossen endlich
die Gardegrenadiere zu Pferde und die Gendarmerie _d'Elite_. berall
boten junge, weigekleidete Mdchen der Kaiserin Krbe mit Blumen dar.
Als der Krnungswagen in die Nhe des Triumphbogens kam, war es heller
Sonnenschein, und whrend er durch denselben zog, spielte die treffliche
Musik des Konservatoriums Kantaten, Fanfaren und andere analoge
Musikstcke und Lieder. Als aber die allgemeinen Kanonensalven aus
hundert Feuerschlnden, das Gelute aller Glocken der ungeheuren Stadt,
das in wildes Toben ausgeartete Geschrei des Volks die Ankunft des
kaiserlichen Paares unter dem Triumphbogen verkndete, wo angehalten
wurde, da ward es pltzlich stille, und der Seine-Prfekt an der Spitze
der Munizipalitt von Paris beglckwnschte Napoleon und seine Gattin im
Namen der Hauptstadt. Seine Rede war ein Galimathias der
bertriebensten, ja lcherlichsten Schmeicheleien, und am Ende derselben
richtete er auch einige Worte an Marie Louise, die sehr geistreich
antwortete: da sie die Stadt Paris liebe, weil sie wisse, da diese
auch den Kaiser liebe! Als dieser Akt der brillanten Komdie vorber
war, setzte sich der Zug unter dem erneuten Vivatgebrll, Kanonaden,
Gelute, Trommeln, Trompeten und so weiter wieder in Bewegung. Am
Eingang des Tuileriengartens war wieder ein kleiner Triumphbogen
errichtet, dessen Material nicht dauerhafter als das des groen war. Auf
diesem sah man die Namenszge Napoleons und Franzens und die Wappen von
Frankreich und sterreich schimmern sowie die allegorischen Figuren des
Friedens und berflusses, beides war aber nicht vorhanden. Auf einem
dritten Triumphbogen vor dem Eingang des Palastes der Tuilerien war eine
Tribne in Form eines Zeltes angebracht, an dessen beiden Seiten wieder
zwei Orchester placiert waren. Bald nach seinem Eintritt in den Palast
zeigte sich das hohe Paar abermals dem guten Pariser Volk auf einem
Balkon, nahm nochmals dessen Jubelgeschrei in Empfang und zog sich dann
in die inneren Gemcher zurck, um sich mit dem schweren Kaisermantel
behngen zu lassen, worauf es sich mit dem ganzen Zug in der Ordnung, in
der man gekommen war, in die Kapelle des Louvre begab, die zu dieser
religisen Feierlichkeit besonders hergerichtet worden war. Der Weg ging
durch die lange Galerie, welche die Tuilerien mit dem Louvre verbindet
und in der die besten Meisterstcke der grten Maler, die je gelebt,
aufgestellt waren. Ein kostbarer Teppich, ber eine halbe Million an
Wert, deckte den Fuboden des ber eine halbe Viertelstunde langen
Ganges. Zu beiden Seiten bildeten ber viertausend elegante und
reichgeschmckte, zum Teil sehr schne Damen in prchtigen Toiletten das
Spalier, hinter ihnen standen ebensoviele Herren _en grand costume_,
unter denen ich mir auch vermittelst einer Eintrittskarte ein Pltzchen
verschafft, aber nur mit groer Mhe von dem Triumphbogen aus hierher
hatte gelangen knnen. Das Kleid der Kaiserin war mit Diamanten berst,
und ihr Diadem, aus den grten Diamanten bestehend, blendete alle
Augen. Die Damen vom hchsten Rang trugen die Schleppe ihres Mantels,
und die Schleppen der Mntel dieser wurden wieder von hochgestellten
Beamten getragen. Es war eine wahre Schleppentrgerei, ber die einige
grazise Pariserinnen, hinter denen ich Posto gefat hatte, sich
mokierten. Whrend dieses Zuges spielte die Musik von Paer, dem Direktor
der kaiserlichen Kapelle, eigens dazu komponierte Melodien, auch wurden
whrend des langen Harrens Erfrischungen prsentiert. Der Anblick
dieser, mit so schn geputzten Damen und Gemlden geschmckten
unabsehbaren Galerie war unbeschreiblich und auerordentlich prchtig.
Drei Uhr war es schon, als sich die Pforten an der Seite der Tuilerien
auftaten und die Wappenherolde den nahenden Hochzeitszug erffneten.
Alle Zuschauer standen auf und unbeweglich auf ihren Pltzen, bis er
vorber war; er bewegte sich langsam und feierlich unter dem Spielen der
Musik und dem Vivatgeschrei in die prchtig dekorierte Kapelle. Der
Hochaltar derselben war gerade der Galerie gegenber errichtet, ber
demselben hing ein Thronhimmel, und auf demselben standen viele groe
Leuchter von Vermeuil, in der Mitte ein groes goldenes Kruzifix. Ein
Basrelief von vergoldetem Silber stellte die Anbetung der Hirten vor; es
war von dem berhmten Sarazin unter Ludwig XIV. verfertigt worden und an
der Vorderseite des Altars angebracht. Ein Teppich von karmoisinrotem
Thronsammet bedeckte den Fuboden, zwei Reihen Sitze von gleichem Stoff
umgaben den Raum, in dessen Mitte die beiden Armsthle und Betaltre
standen, die fr das kaiserliche Ehepaar bestimmt und mit goldenen
Bienen auf Purpur berst waren. In der Kapelle selbst waren zwei Reihen
Tribnen ringsherum errichtet, mit scharlachrotem Atlas und himmelblauen
Wolken drapiert und mit goldenen Fransen und Galons versehen. Die Wnde
waren mit herrlichen Gobelin-Tapeten behangen, und wo es sich nur tun
lie, waren die Namenszge Napoleons und Marie Louisens, mit Krnzen
umgeben, angebracht. Dem Altar gegenber war das Orchester der
Kirchenmusik. Die Knige, Prinzen und Prinzessinnen nahmen auf den
Sitzen um denselben Platz, die Grooffiziere, Minister, Gesandten,
Palastdamen und so weiter an den Tribnen. Der Kardinal Fesch, Napoleons
Oheim, verrichtete in seiner Eigenschaft als Groalmosenier die Trauung,
wobei noch andere Kardinle und Bischfe hilfreiche Hand leisteten; er
las eine Messe, und dann wurde das Tedeum von der Hofkapelle gesungen.
Die ganze Zeremonie whrte ungefhr eine gute halbe Stunde. Nach ihrer
Beendigung trat der Zug wieder in derselben Ordnung den Rckweg an, und
die jetzt auch kirchlich Vermhlten zeigten sich nochmals dem Volk,
worauf alle Garden und smtliche Truppen unter fortwhrendem Vivatrufen
unter ihren Augen vorberdefilierten. Hierauf wurde ein Bankett in den
Tuilerien gehalten, wo Kaiser und Kaiserin mitten unter Knigen und
Kniginnen, kaiserlichen und kniglichen Prinzen und Prinzessinnen saen
und um sie herum die Prinzen, Growrdentrger, Reichsmarschlle,
Palastdamen und so weiter standen. Nach beendigtem Bankett zeigten sich
die Kaiserlich Kniglichen Majestten noch einmal der noch immer vor dem
Schlo stehenden unzhlbaren Volksmenge von dem Balkon des
Marschallsaals. Nun begann ein Monsterkonzert, in dem lauter auf die
Feier des Tages anspielende Musikstcke vorgetragen wurden, unter denen
der Chor aus Glucks Iphigenia >_Que d'attraits, que de majest!_<
besonders hervorgehoben und beklatscht wurde. Alle Theater der
Hauptstadt und in ganz Frankreich waren zwei Tage gratis dem Publikum
geffnet, und in jedem gab man auf diese Feier bezgliche Vorstellungen.
Nach dem Konzert gab ein losgelassener Feuerdrache das Signal zum
Beginnen der Feuerwerke, und in einem Nu schien das ganze unermeliche
Paris in Flammen zu stehen. Dies war wirklich ein grandioses Schauspiel,
wie ich noch kein hnliches gesehen. Wohl an fnfzigtausend Raketen
stiegen jetzt zugleich in verschiedenen Stadtteilen empor, und >taghell
war die Nacht gelichtet<; dies war aber nur das Vorspiel des feurigen
Schauspiels, das die wunderbarsten Gegenstnde, Zauberpalste, Tempel
und so weiter in der Luft erscheinen lie; fast ebenso schnell waren
jetzt alle Palste, Gebude und Huser der ungeheuren Stadt illuminiert
und prangten mitunter mit recht sinnigen Transparenten. Die Feuermassen
auf den hchsten Trmen, Kuppeln, Kirchendchern und Glockentrmen
schienen in der Luft zu schweben, die Illumination in dem groen
Tuileriengarten, auf dem Concordienplatz, in den Elysischen Feldern, wo
jeder Baum feurige Frchte trug, am Corps legislativ, dem Palast der
_legion d'honneur_, dem Invaliden-Hotel, dem Senatspalast, dem Pantheon,
der Bank von Frankreich, der Hotels der Minister und Gesandten, der
Trme von Notre-Dame, der Samariterin auf dem Pont Neuf und so weiter
boten einen Glanz und eine so flammende Mannigfaltigkeit, da sie
augenblendend und sinnverwirrend war. Eine besonders gute Wirkung hatten
die sich in der Seine spiegelnden Feuer. Man hat berechnet, da mehr
denn tausend Millionen Lampen an diesem Abend in Paris brannten, und
Millionen Franken gingen in Dampf und Rauch auf. Sehr brillant war die
Concordienbrcke erleuchtet. Am Museum der _histoire naturelle_ sah man
illuminierte kolossale Elefanten, Lwen, Rhinozerosse, Kamele und so
weiter. Eine groartigere Komdie, wie diese fast vierundzwanzig Stunden
whrende, habe ich nie gesehen, -- und was war nur fnf Jahre spter aus
all diesen Herrlichkeiten und Majestten geworden?! --

Fr das Volk waren berall, namentlich in den Elysischen Feldern,
Spiele, Belustigungen und Unterhaltungen gratis angestellt. Da gab es
unzhlige _mats de cocague_, mit allen mglichen zu erkletternden
Kostbarkeiten beladen, Seiltnzer und Springer, ein paar hundert
Schaubuden, zu denen der Eingang gratis war. Franconi mute mit all
seinen Roknstlern seine _Tours de force_ produzieren, wobei er ber
fnfhundert Menschen, ber hundert Pferde, Hirsche und so weiter
verwendete. Tanzbden waren alle paar hundert Schritte aufgeschlagen,
ebenso Karussells, Schaukeln, Saltimbanci, kleine Theater,
Marionettenbuden, Polichinells und Harlequins, Taschenspieler und
Optiker, illuminierte Luftballons, Lotterien, wozu man die Lose
unentgeltlich erhielt und alle Arten Lebensmittel, vom bescheidenen
Stck Ochsenfleisch bis zum gebratenen Kapaunen und Pasteten, gewann;
dies alles erhielt das gute Volk gratis, das Gouvernement und die Stadt
zahlten alles, und bis zum anbrechenden Tag whrte der allgemeine
Taumel.

So endete ohne besondere Unflle die Feier des zweiten April. Auerdem
waren alle rckstndigen Steuern erlassen worden, die Polizei hatte alle
wegen Vergehungen Inhaftierte frei gelassen und ihre Kerker geffnet,
alle Arreste beim Militr der ganzen Armee waren aufgehoben worden, und
sechstausend Mdchen wurden mit ebensoviel Soldaten verheiratet und auf
kaiserliche Unkosten ausgesteuert.

Den dritten April empfing das kaiserliche Ehepaar die Glckwnsche und
Huldigungen des Senats, des gesetzgebenden Krpers, des Staatsrats, der
Gesandten und so weiter, worauf es sich dann, von den vielen Strapazen
und Solennitten etwas ermdet und abgespannt, auszuruhen geruhte, um zu
den noch bevorstehenden groen Festivitten, die ihm zu Ehren die Stadt
Paris, die Garden, Gesandtschaften und so weiter veranstalten wollten,
neue Krfte zu sammeln. In der _Academie impriale_ hatte man eine groe
Prachtoper, der Triumph Trajans betitelt, bei dieser Gelegenheit in
Szene gesetzt und hufig wiederholt; an der Musik war aber nicht viel.
Gegen Ende April trat Napoleon mit seiner jungen Frau eine Reise in die
Norddepartements an. Whrend seiner Abwesenheit wurden mit groem Eifer
die Vorbereitungen zu den groen Festen betrieben, die ihm bei seiner
Zurckkunft gegeben werden sollten und wozu man die Anstalten auf dem
Marsfeld, in dem Stadthaus, in den Elysischen Feldern und so weiter
machte.

Einstweilen lebte ich so recht sorgenlos und in _dolce giubilo_ in Paris
in den Tag hinein, frequentierte die Theater und ihre liebenswrdigsten
Prinzessinnen, hie und da die Spielsle, den Tisch des Frsten Y., wenn
es mir gerade gelegen war, und machte mit dem Beginnen der schnen
Jahreszeit hufig Exkursionen in die Umgegend von Paris, besuchte das
Boulogner Wldchen, Vincennes, St. Denis, Auteuil, St. Germain, St.
Cloud, Svres und andere Orte meistens in lustiger Gesellschaft.
Einigemal machte ich auch einsame Landpartien mit Angelika, aber die
unterhaltendsten waren die mit der Mars vom franzsischen Theater nach
Montmorency, Versailles, Fontainebleau, Chantilly und Compigne.
Montmorency hatte besonders viel Anziehendes fr uns beide, und wir
besuchten es fters.

In diesem anmutigen Tal verlebte ich mit der hchst liebenswrdigen Mars
manchen seligen Tag. Die Mars war zwar um zehn Jahre lter als ich, aber
ihrem Ansehen nach schien sie fast noch jnger zu sein. Unter allen
Schauspielerinnen, die ich gekannt, habe ich keine gefunden, die in
einem so hohen Grad geistige mit krperlicher Liebenswrdigkeit
verbunden htte, und auch ohne ihr eminentes, nicht wieder erreichtes
dramatisches Talent war sie ein Weib von der grten Auszeichnung,
sowohl hinsichtlich des Verstandes als der Anmut ihres ganzen Wesens;
der Wohllaut ihres Organs, das Grazise jeder ihrer Bewegungen, ihre
Sprache und die Art, wie sie sich auszudrcken wute, dies alles vereint
htte auch den indolentesten Phlegmatikus noch in Feuer versetzen
knnen, auch war sie die allgemein Angebetete. Wer sie nur einmal im
Lustspiel gesehen, wei, wie unvergleichlich, wie unerreichbar ihre
Leistungen als Knstlerin waren, welchen Ausdruck ihr Mienenspiel hatte,
wie sie durch ihre grazise Koketterie und Schalkhaftigkeit alles
hinzureien, alles zu bezaubern wute.

Von Rom erhielt ich unterdessen hufig Briefe von Miollis, dessen Geduld
zu ermden begann, da seine Sache nicht vorangehen wollte und ich bis
jetzt noch wenig in derselben hatte tun knnen, indem die Festivitten
und andere wichtige Dinge alle hochgestellten Personen, bei denen ich
operieren sollte, zu sehr in Anspruch nahmen. Ich schrieb ihm, da die
Verzgerung nicht meine Schuld sei, ich wrde, sobald der rechte
Zeitpunkt gekommen, alle Ttigkeit anwenden und keine Bemhungen
scheuen. Erst gegen die Mitte des Monats Mai gelang es mir, in dem Hotel
der Prinzessin Pauline Borghese Eingang zu erhalten und dieser schnen
Schwester Napoleons vorgestellt und empfohlen zu werden. Sie war gerade
im Begriff, ihren Aufenthalt zu Paris mit dem im nahen Neuilly zu
vertauschen, wohin sie mich beschied und verbindlichst einlud, sie dort
zu besuchen. Dies meldete ich Miollis nach Rom, hinzusetzend, da ich
hierauf groe Hoffnungen fr seine Angelegenheit baue. In Neuilly lie
ich nicht lange auf mich warten, sondern fand mich bald in diesem
anmutigen, eine kleine Stunde von Paris entfernten Ort ein. Hier besa
Prinzessin Pauline ein sehr schnes Landhaus mit uerst geschmackvoll
angelegten Grten. Ich lie mich gegen Mittag anmelden, wurde sogleich
vorgelassen und fand die schne Frau in einem eleganten Morgenanzug in
der reizendsten Attitde; nur eine einzige ihrer Damen, Madame
Farigliano, war in ihrer Gesellschaft. Nachdem sie mich mit groer
Naivitt ber manche Dinge, mich selbst betreffend, befragt hatte,
brachte ich ihr Miollis Anliegen etwas verblmt bei, sowie da er ganz
besonders auf ihren mchtigen Schutz zhle und sich demselben gehorsamst
empfehle. Die Frstin platzte jedoch gleich ohne Schminke heraus und
sprach: Aber mein Gott, Miollis mu doch wissen, wie wenig Einflu ich
in diesen Dingen auf meinen eigensinnigen Bruder, den Kaiser, habe.
Dabei fixierte sie mich stark und fuhr nach einer Pause fort: Doch ich
will berlegen, wie sich die Sache etwa machen liee und durch welchen
Kanal wir operieren knnen. -- Ich wollte mich nun wieder empfehlen,
aber sie geruhte noch verschiedene Fragen an mich zu tun, meistens Rom
und Italien betreffend, und endigte mit der, ob ich ihre Grten schon
gesehen htte; da ich dies mit Nein beantwortete, forderte sie mich dazu
auf, und ich machte dankbar von dieser Erlaubnis Gebrauch. Als ich im
Begriff war, den Garten zu verlassen, begegnete ich der Prinzessin mit
ihrer vorigen Gesellschafterin in einer Allee desselben, wo sie mich
nochmals anredete und mir befahl, sie einige Gnge zu begleiten; sie
fragte mich nun nach meinem Vaterland, nach meinem Alter und so weiter,
und nachdem ich gengende Antwort gegeben, sagte sie: _Mais vous tes
encore bien jeune._ Hierauf wandte sie sich zu ihrer Begleiterin und
flsterte dieser zu: _Mais pour un Allemand il a trs bonne tournure,
qu'en ditez-vous?_ -- _Altesse c'est ce que je trouve aussi_,
erwiderte diese. Hierauf fuhr sie, sich wieder an mich wendend, fort und
sagte: Wenn Ihnen mein Garten gefllt, so steht es Ihnen frei,
denselben so oft zu besuchen, als es ihnen Vergngen macht. Wie lange
werden Sie in Paris bleiben? -- Hoheit, vermutlich so lange, bis ich
irgendein Resultat zugunsten des Generals Miollis erlangt habe. --
Mein Gott, ich wollte Ihnen sehr gerne behilflich sein, aber seitdem
der Kaiser diese sterreicherin geheiratet hat, ist gar nichts mehr mit
ihm anzufangen. Sie setzte sich nun wieder in Bewegung und gebot mir,
ihr zu folgen. Durch ihre naive Leutseligkeit ermuntert, lie ich es sie
nun auch merken, da mein hchster Wunsch wre, zu der Garde versetzt zu
werden. -- _Ah la Garde_, sagte sie lachend, diese eblouiert euch
Herren alle. Nun, ich werde sehen, was sich spter tun lt, wenn mein
Bruder von der Reise zurck und der Taumel der Honigmonate vorber sein
wird. Haben Sie meinen Bruder schon einmal gesprochen? -- Vor ungefhr
einem Jahr zu Schnbrunn, als ich ihm die Depeschen von Rom
berbrachte. -- Nun, und was sagte er zu Ihnen? -- Er entlie mich
mit einem: >_nous verrons_<. Die Prinzessin lachte und wiederholte:
_Nous verrons_; doch sagen Sie mir, wie gefllt Ihnen die neue
Kaiserin? -- Hoheit, ich erlaube mir kein Urteil ber eine so erhabene
Person. -- Oh, bei mir brauchen Sie sich nicht genieren, sagen Sie
ohne Fasson, was Sie von ihr halten. -- Ich sah Ihre Majestt nur erst
einigemal im Vorbergehen am Vermhlungstag. -- Aber was spricht man
von ihr zu Paris, was sagen die Leute von ihr? Nicht wahr, sie hat gar
nicht gefallen? -- Ich brachte nur ein >_mais_<, von einer zweideutigen
Bewegung begleitet, hervor. -- Ja, wen knnte auch dieses frostige,
ausdruckslose Marmorgesicht ansprechen? Niemand kann meinen Bruder
begreifen; auch nicht ein Mensch, der diese sterreicherin liebenswrdig
fnde. -- Pauline sprach wahr, die Persnlichkeit Marie Louisens
vermochte das vorgefate Vorurteil gegen sie nicht zu verwischen. Weder
ihr ueres noch ihr Benehmen war im mindesten geeignet, ihr die Herzen
zu gewinnen. Sie war damals ungefhr neunzehn Jahre alt, schien aber
einige zwanzig zu haben, hatte blondes Haar und mattblaue Augen, die ihr
ein fades Aussehen verliehen, ihr Gesicht hatte zwar jugendliche
Frische, aber war ohne allen Ausdruck. In ihrem Benehmen bewies sie
gegen jedermann eine hochmtige Zurckhaltung, was vielleicht mehr von
einer Art Schchternheit und Furcht als belangebrachtem Stolz herrhren
mochte, vielleicht hielt sie dies auch fr ein unentbehrliches Requisit
der Majestt; im brigen hatte sie keinen anderen Willen als den
Napoleons. Bei jedem Vergleich mit Josephine mute sie unendlich
verlieren, statt der Anmut, Lieblichkeit und Milde, wodurch jene
bezauberte, entzauberte diese durch ihre frostige, zurckstoende Klte,
war hchst einsilbig, geschmacklos selbst in ihrer Toilette und wrde
sich ohne den besseren Geschmack ihrer Kammerfrauen oft wunderlich
gekleidet haben. Ihre deutschen Umgebungen hatte sie smtlich, als sie
den franzsischen Boden betrat, entlassen mssen und schien gegen ihre
franzsischen einen unberwindlichen Widerwillen zu hegen, indem sie nie
einen freundlichen Blick, ein ermunterndes Lcheln, ein wohlwollendes
Wort an diese richtete. Ebenso war sie gegen die Hof- und Palastdamen,
die sie bald unausstehlich fanden, sowie Napoleons Schwestern und
Anverwandte, welche glaubten, die junge Kaiserin verachte sie wegen
ihrer niederen Herkunft, als Parvenes; sie machten sich deshalb hinter
ihrem Rcken ber sie lustig, verschrien sie als unbeholfen, ja stupid,
und das Benehmen und die nichtssagende Physiognomie Marie Louisens
untersttzte diese Aussagen nur zu sehr. So sprach denn auch Pauline
ohne allen Rckhalt mit mir von ihrer kaiserlichen Schwgerin und
verbarg nicht im mindesten ihre Abneigung gegen dieselbe, obgleich sie
mich zum erstenmal sah und sprach. -- Doch von was anderem, fiel sie
endlich pltzlich ein, werden Sie heute in Neuilly zubringen? --
Nein, Hoheit, ich gehe nach Paris zurck, denn ich wte nicht, wie ich
meine Zeit herumbringen sollte. -- Gut, kommen Sie morgen um diese
Stunde wieder, vielleicht kann ich Sie durch Madame Farigliano, sie
warf einen Blick auf diese, schon etwas Nheres wissen lassen. Finden
Sie sich wieder an dieser Stelle ein, hren Sie? -- Wir standen gerade
vor einem ziemlich hohen gewlbten Felsen, ich versprach, dem Befehl
genau Folge zu leisten, und empfahl mich mit drei ehrerbietigen
Verbeugungen. Ich wute, in welchem Ruf Pauline stand, und war nicht
Neuling genug, um nicht bemerkt zu haben, da ihre Blicke mehrmals mit
Lsternheit auf mir geruht hatten. >Wohlan,< dachte ich bei mir selbst,
>mut du auf diesem Weg zum Ziel gelangen, so ist es noch nicht der
schlimmste.< Ich fuhr nach Paris zurck und dachte ber die gehabte
Unterredung, und was die Folgen wohl sein knnten, nach, indem ich mir
allerlei prchtige Luftschlsser baute und ausmalte. Es ist hier wohl am
rechten Ort, mit einigen Worten die damals lebenden Mitglieder der
bonapartischen Familie zu schildern, die ich grtenteils persnlich
gekannt oder doch fters gesehen hatte und mit ihren Umgebungen oft
verkehrte; manches davon habe ich durch Pauline und einige andere
Glieder der Familie erfahren.

Zur Zeit, als die Familie Bonaparte, aus Korsika vertrieben, sich zu
Marseille aufhielt, lebte sie in uerst drftigen Umstnden und fast
nur von den Untersttzungen, welche ihr mitleidige oder teilnehmende
Menschen, oft auch nicht ohne Interesse zukommen lieen, denn die
Mdchen waren sehr hbsch, ja wohl Schnheiten, namentlich Karoline und
Pauline. Beide hatten damals viele Anbeter, von denen es jedoch keiner
ernstlich meinte, auch waren es meistens arme Offiziere, die selbst
nicht viel brig hatten. Die Mdchen gingen selbst auf den Markt, die
ntigen Einkufe mglichst billig zu machen, und wurden hufig zu den
Reunionen des Platzkommandanten Lingard eingeladen, bei denen sie in
sehr einfachen weien Kleidern, ohne allen Schmuck erschienen, aber
dennoch von den Tnzern am meisten gesucht und vorgezogen waren. Der
Platzkommandant und mehrere Stabsoffiziere und Kapitne machten zu jener
Zeit bisweilen kleine Kollekten unter sich zugunsten der Frau Ltitia
und ihrer Kinder, doch nicht ohne alles Interesse, und von Pauline wurde
behauptet, da sie ein Oberst frmlich unterhalte, was sie aber nicht
gestand, sondern sagte, da sie nur eine gewhnliche Intrige mit ihm
gehabt. Nachdem es Joseph Bonaparte gelungen war, die Tochter des
reichen Kaufmanns Clary zu heiraten, hatten seine Mutter und Schwestern
eine Sttze an ihm, und er untersttzte sogar von Zeit zu Zeit mit
kleinen Geldsummen seinen Bruder Napoleon, der sich damals ebenfalls
ganz mittellos zu Paris befand, wo ihm gute Freunde und Bekannte, unter
denen auch Talma, fters ein Mittagessen bezahlten, er seine silberne
Uhr in der grten Not hatte verkaufen mssen, und ein Paar Handschuhe
fr einen sehr berflssigen Luxusartikel erklrte. Als Madame Bonaparte
den Wunsch uerte, noch einen ihrer Shne an eine Clary zu verheiraten,
antwortete deren Vater: Oh, ich habe genug an einem Bonaparte in meiner
Familie. Von Joseph habe ich schon geredet, es war ein Mensch von sehr
mittelmigen Fhigkeiten, der wenig Verstand und desto mehr Geistes-
und andere Schwchen besa, einen Engel zur Frau hatte, den er nicht
verdiente und nicht nach Verdienst zu schtzen wute; es ist
unbegreiflich, wie ihn sein Bruder mit so groen Brden, wie die Kronen
von Neapel und Spanien waren, belasten mochte, und spter, als
Generalleutnant des Kaiserreichs, das Schicksal von Paris, seiner
Gemahlin und seines Sohnes gewissermaen in dessen Hnde legen konnte;
auch verdarb sein Kleinmut, seine Unentschlossenheit alles. -- Der
zweite Bruder war der Kaiser Napoleon, ber diesen hier viel zu sagen,
wre berflssig. Als Feldherr ausgezeichnet, doch noch lange kein Csar
oder Friedrich, als Politiker ein erbrmlicher Stmper, als Mensch ein
herz- und gemtloser Egoist, hatte auch er seine gewaltigen Schwchen,
die zum Teil nichts weniger als einen groen, sondern oft einen sehr
kleinlichen Geist bewiesen, der von Leidenschaft und Rachsucht
verleitet, besonders wenn sich seine kleine Eitelkeit gekrnkt fhlte,
in die unsinnigste und abgeschmackteste Tyrannei verfiel; arme aber ihm
an Geist berlegene Frauen, wie eine Stal, Chevreuse, Smith-Spencer,
Recamier und so weiter auf das emprendste verfolgte, des
niedertrchtigen Benehmens gegen die treffliche Knigin Luise von
Preuen gar nicht zu gedenken; einen Enghien, einen Palm, die Offiziere
des Schillschen Korps und hundert andere so niedertrchtig als feige
ermorden, die armen Soldaten und Unteroffiziere dieses Korps, die nur
den Befehlen ihrer Vorgesetzten folgten, auf die Galeeren unter Mrder,
Ruber und Diebsgesindel schmieden lie, alle Zungen und Pressen zu
fesseln vermeinte, seine Umgebungen oft auf das abscheulichste und
gemeinste mihandelte, wenn ihn ein englischer Zeitungsartikel oder
sonst ein Querstrich in ble Laune versetzt oder gar in Konvulsionen
gebracht, in gypten und Ruland Reiaus nahm und die ihm anvertrauten
Heere im Stich lie, sobald es schief ging, um nur seine werte Person in
Sicherheit zu bringen und so weiter. Dies nannte er Staatsklugheit und
waren seine Heldentaten! Selbst in der sinnlichen Liebe wute er nur den
Despoten zu spielen, aber nie die Gunst des ersehnten Gegenstandes durch
liebenswrdiges oder geflliges Betragen oder auch nur durch Geschenke
zu erringen. Ein Befehl an seinen Kammerdiener oder seine privilegierten
Kuppler mute den gewnschten Gegenstand seiner Sinnenlust
herbeischaffen, und zwar mit Gewalt, wo es von nten und der kaiserliche
Name allein nicht ausreichte, die Schne zu vermgen, sich dem
Tagesgtzen preiszugeben; dergleichen Gelste wandelten Seine Majestt
oft an. -- Der dritte Bruder, Lucian, war ohne Widerrede der tchtigste
und fhigste Kopf der ganzen Familie, dabei ein Mann von starkem und
festem Charakter, der es vorzog, lieber unabhngig von den Launen seines
kaiserlichen Bruders zu leben, als sich, durch ihn gekrnt, von ihm als
Schuhputzer behandeln zu lassen. So hatte er, dessen Ungnade trotzend,
die Witwe eines Wechselmaklers geheiratet, nachdem er schon als Minister
des Innern dessen Zorn auf sich geladen, es verweigernd, zu unsinnigen
Maregeln seinen Namen herzugeben, und es ist an dem, da er seinem
Bruder, als ihn dieser, um ihn wieder zu gewinnen, fragen lie, welche
Krone er zu besitzen wnsche, geantwortet: nun, so mge er ihn doch zum
Knig von England machen! -- Dieser Hohn war zu beiend, einen Napoleon
nicht tief zu verwunden, auch schiffte sich Lucian, um ferner jede
Berhrung mit seinem Bruder zu vermeiden, noch in diesem Jahr (1810)
nach den Vereinigten Staaten ein, wurde aber von den Englndern gefangen
und bis 1814 festgehalten. Was wre den 18. Brmaire ohne Lucian aus
Napoleon geworden, der, als er die Dolche im Rat der Fnfhundert blinken
sah, bleich, wankend und zitternd, einer Ohnmacht nahe war, als ihn
seine Grenadiere aus dem Saal zerrten! Hier hatte, das Leben seines
Bruders zu retten, Lucian allerdings schlecht gegen das Vaterland
gehandelt. -- Elisa, die lteste der Schwestern Napoleons, war nicht die
schnste, doch die geistreichste der Damen Bonaparte, aber
unglcklicherweise wollte auch sie die Gelehrte spielen, suchte deshalb
besonders die Unterhaltung ausgezeichneter Schriftsteller, gab sich
aber, wie dies bei den meisten gelehrten Frauen der Fall ist, manche
arge Ble. Sie hatte den Prinzen Bacciochi geheiratet, den Napoleon zum
Frsten von Piombino und Lucca dekretierte, der aber eigentlich eine
Null in seinem Staat war, denn Elise handhabte nicht nur den Pantoffel,
sondern auch das Szepter, und war die eigentliche Regentin. 1809
ernannte sie Napoleon zur Groherzogin von Toskana. Auf sie folgte
Ludwig, damals noch Knig von Holland, unstreitig der beste und
redlichste dieser Korsen, ein gutmtiger Mensch, der den Willen hatte,
das von seinem Bruder ihm zugeteilte Land glcklich zu machen, und da
dies nicht die Meinung und der Wille seines Bruders war, dessen
Eigensinn und Tyrannei er nur Sanftmut entgegenzusetzen hatte, so legte
er nach mehreren sehr heftigen Szenen, die er wegen der
Kontinentalsperre, bei deren strengen Beobachtung Holland zugrunde gehen
mute, gehabt, noch im Juli dieses Jahres die Krone nieder. Auch mit
seiner ehrgeizigen und herrschschtigen Gattin, Napoleons Stieftochter
und zeitweiligen Geliebten, die ihm derselbe ganz gegen seinen Willen,
und, wie es den Anschein hatte, als sie sich in anderen Umstnden
befand, aufgehngt hatte, lebte er sehr unglcklich. Ihm folgte die
schne Pauline oder Paulette, wie sie ihr Bruder, der Kaiser, und noch
andere nannten. Als fnfzehnjhriges Mdchen und noch spter soll sie
die vollendetste Schnheit gewesen sein, die man sich denken kann. Aber
auch jetzt war sie, wenngleich beinahe dreiig Jahre alt, noch immer
eine Schnheit zu nennen. Mit ihren Zgen hatte Canova die Statue der
Venus des Praxiteles nachgeahmt. Schon mit dem zwlften Jahre hatte sie
Liebhaber gehabt, und die bse Welt behauptete, wie es scheint, nicht
ganz mit Unrecht, da Napoleon selbst einer derselben gewesen sei. Nach
dem Tode ihres ersten Mannes, des Generals Leclerc, hatte sie den
Frsten Camillo Borghese geheiratet, eine Art Hampelmann, von dem sie
sehr bald getrennt lebte; ihr Bruder hatte ihr das Frstentum Guastalla
gegeben, sie aber wohnte meistens zu Neuilly, wo sie eine Art Hof hielt.
Von ihren galanten Abenteuern wute man sich viel zu erzhlen; whrend
der kurzen Zeit, als sie Witwe und in Trauer war, lie sie Napoleon wohl
bewachen, frchtend, da sie tolle Streiche machen mchte, aber wieder
verheiratet, lie sie rcksichtslos ihren Leidenschaften die Zgel
schieen. Bekannt sind die Abenteuer, die sie unter dem Namen Amlie mit
einem jungen Manne hatte, dem sie hufig Rendezvous in dem Hause einer
Lingre in der Strae du Bac Nr. 188 gab, wohin sie ihn beschied. Dieser
war eines Tages ber alle Maen erstaunt, als er seine Amlie mit
Brillanten bedeckt in einer kaiserlichen Hofloge erblickt und erfhrt,
da es die Frstin Borghese, Napoleons Schwester sei. Auch die
Prinzessin, die schon einige Zeit die Liaison mit ihm abgebrochen, hatte
ihn bemerkt. Am andern Morgen wurde er in das Ministerium des Innern
beschieden, wo ihm eine sehr eintrgliche Stelle, fnfzig Lieues von
Paris entfernt, erteilt wurde, mit dem strengen Befehl, sich in den
nchsten achtundvierzig Stunden auf seinen Posten zu begeben. Jedermann
kennt ihre Amouretten mit den Schauspielern Lafont, Forbin und dem
Obersten Canouville, dessen Pferd samt seinem Reiter Napoleon bei einer
Musterung viel zu wild und ungezhmt gefunden und Herr und Ro deshalb
hundert Meilen weit von Paris entfernt hatte, damit beide besser
dressiert wrden. Aber bei weitem blieb eine groe Zahl der Abenteuer
Paulinens und ihrer Schwestern dem kaiserlichen Bruder unbekannt, da ihm
niemand gerne die Augen deshalb ffnen mochte, und selbst der
Generalspion und Polizeimeister Fouch wagte es nicht, seinen Herrn, oft
sein Instrument, dadurch in ble Laune zu versetzen, und so trieben es
die Damen ungestrt fort, bis der Sturz des kaiserlichen Thrones auch
sie mitri und das Alter diese Vergngungen ohnehin verbot. Nur
einigemal, wenn es so toll wurde, da er selbst etwas merkte oder ihm
durch eine seiner passageren Mtressen etwas gesteckt wurde, machte er
seiner Mutter, der Madame _Mre_, Vorwrfe und meinte, seine Schwestern
sollten ehrbar mit den Offizieren seiner Garde tanzen, die, wenn auch
nicht gerade schne, doch sehr brave Mnner seien, mit denen ihr Ruf
nicht so gefhrdet wrde, als mit solchen Muscadins. Die jngste
Schwester, die Knigin Karoline von Neapel, war nicht weniger schn und
hatte weit mehr Verstand als Pauline, die in dieser Hinsicht von der
Vorsehung etwas stiefmtterlich behandelt worden war, nur hatte sie
einen kurzen Hals, so da ihr Kopf zu sehr zwischen den Schultern sa.
Wir werden bei meinem letzten Aufenthalt in Neapel sie samt ihrem
Gatten, dem Knig Murat noch nher kennen lernen. Der jngste der
Brder, Jrme (Hieronymus), war auch der unbedeutendste unter allen,
eigentlich eine physische, geistige und moralische Jmmerlichkeit. Seine
ganz unansehnliche Gestalt hatte den Kopf noch weit mehr als Karoline
zwischen den hohen Schultern stecken, und sein Gesicht hatte sogar etwas
widerlich Unangenehmes. Dennoch hatte er als Knig von Westfalen
unzhlige Amouretten zu Kassel, wo ihm der Knigstitel gefllige Damen
in groer Zahl verschaffte; seine rzte waren nur damit beschftigt, die
vergeudeten Krfte, an denen Hieronymus eben keinen berflu hatte,
mglichst zu ersetzen und lieen ihn tglich unter andern die strksten
Weinbder nehmen; der so gebrauchte Wein wurde nachher in Flaschen
gefllt, und das Hofgesinde verkaufte ihn unter der Hand an Wirte und
andere Einwohner in Kassel!! Dabei hatte dieser affenartige Sardanapal
sehr unnatrliche, oft neronische Gelste, selbst bei den Frauen, die
ihn zum Ekel widerlich machen muten. Sein ganzes Aussehen hatte so
wenig Knigliches, da er eher einem erzliederlichen Schneidergesellen
hnlich sah. Eine Jammergestalt _in optima forma_, die aber dem armen
Land, das so glcklich war, sie auf eine kurze Zeit zu besitzen,
unzhlige Trnen und das Mark seiner ausgesogenen Brger kostete. Dieser
Prinz von der traurigen Gestalt hatte dennoch in Amerika das Glck
gehabt, die Tochter eines reichen Bankiers von Baltimore, eine Mi
Patterson, ein hbsches Mdchen zur Frau zu bekommen, die, als sie ihm
hochschwanger nach Europa gefolgt war, auf dem ganzen festen Land auf
Befehl ihres Schwagers Napoleon keinen Hafen fand, in dem man ihr zu
landen vergnnte. In Frankreich, Holland, Belgien, Italien, Spanien und
Portugal war sie zurckgewiesen worden; die arme, verlassene, treffliche
Frau mute nun allein ber England wieder nach Amerika zurckkehren,
denn dem frher in seiner hilflosen Lage oft von Schauspielern
geftterten Napoleon war die Familie Patterson jetzt nicht mehr gut
genug, um sich verwandt mit ihr zu wissen. Schon hatte er die Marotte,
aus allen seinen Brdern Knige stempeln zu wollen, die er teuer genug
ben mute, denn als Knige waren sie ihm alle zum grten Verderb.
Madame _Mre_, Frau Ltitia, war als kaiserliche Mutter eine sehr fromme
Dame geworden und bewhrte so das bekannte Sprichwort: Aus jungen ...
werden alte Betschwestern. Ich habe Personen gekannt, die sehr vertraut
mit ihren frheren Verhltnissen in Korsika gewesen und mich
versicherten, da, etwa Joseph ausgenommen, sie von keinem anderen ihrer
Kinder mit Gewiheit den Vater zu nennen wte. brigens war sie eine
sehr mitleidige Seele, die den Armen und anderen viel Gutes erwies, als
sie die Mittel dazu erhielt; doch war sie auch sehr kaprizis, und ihr
Eigensinn artete bisweilen in Starrsinn aus; sie soll sehr schn gewesen
sein. Von den brigen Mitgliedern der Familie Bonaparte will ich nur
Napoleons Stiefsohn, den Prinzen Eugen, Vizeknig von Italien, erwhnen,
einen in jeder Hinsicht vortrefflichen und edlen Charakter, dessen
grter Fehler der war, seinem Stiefvater zu sehr nachgegeben zu haben
und zu gehorsam gewesen zu sein. Er hatte sich 1806 mit der schnsten
deutschen Prinzessin, mit der ltesten Tochter des Knigs Maximilian von
Bayern, Auguste Amalia, vermhlt. Seine Schwester Hortensia war so
ziemlich das Gegenteil des Bruders und Herrschsucht die Triebfeder fast
all ihrer Handlungen, der sie kein Opfer zu bringen scheute. Ich htte
diese Skizzen der napoleonischen Charaktere weit mehr und mit den besten
Grundfarben ausmalen, sowie die noch vieler anderer Personen des
napoleonischen Hofes und Reiches, wie der listigen Fchse und
Rnkeschmiede Talleyrand und Fouch, des Oheims des Kaisers, des
geistlichen Komdianten Fesch, vieler Marschlle, Minister und so weiter
mitteilen knnen. Dies gehrt aber nicht hierher und wrde ein
ausgedehntes Buch fr sich fllen, auch sind viele derselben lngst,
wenn auch oft mit falschen Zgen und Farben, geschildert.

Als ich den andern Morgen nach der Unterredung, die ich mit Paulinen
gehabt, erwachte, kam mir die ganze Sache fast traumartig vor, indessen
machte ich mich zur festgesetzten Stunde wieder auf den Weg nach
Neuilly, begab mich an die mir angegebene Stelle des Gartens und
erwartete unter einem Sulengang vor dem gewlbten Felsen die Dinge, die
da kommen wrden. Ich wartete nicht lange, als eine Dame, eine andere
als die, welche ich den Tag vorher in Paulinens Gesellschaft gesehen,
erschien, mich freundlich willkommen hie und mich durch eine Seitentr
in das Innere des Felsens fhrte, in dem sich mehrere Gemcher und
Galerien, unter anderen auch ein sehr schnes Bad in einem prchtigen
Salon, befanden. Das Abenteuer kam mir sehr romantisch, beinahe
mrchenhaft vor, und ich dachte eben ber den Ausgang, den es wohl haben
knnte, nach, als eine in den feinsten Battist gehllte Frauengestalt
durch eine Seitentr in den Badesaal, in dem man mich warten geheien,
trat, auf mich zuging und mich lchelnd fragte, wie es mir hier gefalle.
Ich erkannte sogleich Napoleons schne Schwester, deren ppige und
vollkommen plastische Formen sich bei jeder Bewegung durch die Falten
ihres Gewandes ausdrckten. Sie reichte mir die Hand zum Kusse dar, hie
mich hier willkommen und auf einem schwellenden Ruhebett neben sich
niederlassen. Hier war ich sicher nicht der Verfhrer, sondern der
Verfhrte, denn Pauline lie alle ihre durch das _Chiaroscuro_ noch
erhhten Reize spielen, mein Blut in Wallung und meine Sinne in
Aufregung zu bringen, was ihr denn auch vollkommen gelang, und bald
waren die samtnen Polster Zeugen, wie wir unsere gegenseitige Glut in
namenlosen Ergieungen lschten, wobei sie sich als eine sehr erfahrene
Lehrerin zeigte, denn sie wute mehr als ich. Nachdem wir das Feuer
hinlnglich gekhlt, zog Pauline die Glocke und befahl ihren
eintretenden Frauen, ein Bad zu bereiten, zu dem sie mich ebenfalls
einlud. In Bademntel von den feinsten Linnen gehllt, blieben wir
beinahe eine Stunde in dem kristallhellen blulichen Wasser, worauf sie
ein kstlich erquickendes und restaurierendes Mahl in einem Seitengemach
servieren lie, bei dem wir bis zur Abenddmmerung noch miteinander
zubrachten. Beim Abschied mute ich das baldige Wiederkommen versprechen
und verlebte nun manchen Nachmittag auf hnliche Weise in Neuilly.
Indessen hatte ich eben nicht Ursache, sehr stolz auf diese Eroberung zu
sein, denn viele andere hatte sie schon vor mir beglckt, und noch
manchem anderen schenkte sie nach mir ihre hchste Gunst, auch war mir
die Dame fast zu routiniert, und es dauerte nicht lange, so empfand ich
trotz all ihrer Schnheit Widerwillen statt Genu in ihrem Umgang, da
auch an eine nur einigermaen geistreiche Unterhaltung mit Paulinen
nicht zu denken war, und wenn einmal der Sinnentaumel vorber, die
tdlichste Langeweile und Ghnen dessen Stelle vertrat, dabei artete sie
oft ins Gemeine aus. Wie anders war es mit einer Mars, deren
Persnlichkeit immer neue Reize zu entfalten wute, selbst Madame
Bonnier war trotz ihrer Klostererziehung weit unterhaltender. Hierzu kam
noch, da ich zu jener Zeit die Bekanntschaft zweier anderer sehr
liebenswrdiger junger Damen, die eine die Frau eines Generals, die
andere die eines Rittmeisters, deren Mnner sich beide bei der Armee in
Spanien befanden, machte, und die ich bei einer Vorstellung der
Iphigenia in Tauris _aux Franais_, wo Talma den Orestes in der hchsten
Vollendung gegeben, kennen lernte, da ich mich in derselben Loge mit
ihnen befand. Auf die Iphigenia waren die Plaideurs gefolgt und gaben
mir die beste Gelegenheit bei den Damen zu plaidieren, deren
Ehrenkavalier ich jetzt auf eine Zeitlang wurde. Sie waren sehr muntere
und liebenswrdige Geschpfe; die Generalin zhlte dreiundzwanzig, die
andere erst neunzehn Jahre, beide kaum zwei Jahre verheiratet und
Schwestern. -- Noch hatte ich Versailles erst im Flug gesehen, an einem
Nachmittag hatte ich mit Paulinen in dem groen Park daselbst
zugebracht, von einem Gebsch in das andere wandernd.

Nun besuchte ich Versailles mehrmals in Gesellschaft meiner neuen
Bekanntschaft, der beiden Offiziersdamen, namentlich auch die beiden
Trianons, wovon das kleine nebst seinen Grten Zeugen der stillen
Freuden Maria Antoinettens in ihren glcklicheren Zeiten war. Sie hatte
es zu einem bezaubernden Aufenthalt umgeschaffen. Ludwig XVI. hatte es
ihr beim Antritt seiner Regierung geschenkt. Auch wir genossen der
stillen und heimlichen Freuden im Park von Versailles gar mancherlei und
besuchten das Labyrinth, das Venusboskett und andere abgelegene Orte
vorzglich gerne. Die jngere Emilie hatte ich Alcine und die ltere,
Marguerite, Armide getauft. Eine ganze Woche brachte ich einmal mit den
beiden Damen in Versailles zu, whrend welcher wir jeden Tag vom Morgen
bis in die spte Nacht in den unermelichen Rumen dieser Grten
umherirrten, deren Besitzer wir uns dnkten und fr diese Zeit auch
waren, denn niemand machte sie uns streitig, und alles stand uns offen.
Wir spielten und tndelten bald an dem Bassin des Neptuns, bald in dem
romantischen Boskett der Kaskaden, bald im Sternensalon, an den drei
Fontnen oder Apollosbdern. Die acht Tage vergingen wie acht Stunden,
wir hatten anfangs nur vierundzwanzig Stunden bleiben wollen. Wir
kehrten endlich etwas gesttigt nach Paris zurck, wo uns jedoch neue
Freuden und Vergngungen erwarteten. Hier fand ich mehrere Billette von
Madame Farigliano vor, die mich nach Neuilly zitierten, wo ich mich mit
gehabter Unplichkeit wegen meines Ausbleibens entschuldigte, was auch
mein etwas angegriffenes Aussehen besttigte, und wo ich deshalb
bemitleidet ward. Das, was noch einiges Interesse fr mich bei Paulinens
Umgang hatte, war, da ich ber verschiedene Dinge, ihre Familie
betreffend, um die ich sie fters fragte, Auskunft von ihr erhielt. Sie
sagte mir unter anderm einmal, als ich sie gefragt, wie es komme, da
der Kaiser noch nicht Rom gesehen, da diese merkwrdigste aller Stdte
doch ein ganz besonderes Interesse fr ihn haben msse: Oh, mein Bruder
meidet Rom, weil ihm einmal prophezeit wurde, da er in dieser Stadt
seinen Tod finden werde; und da eine hnliche Weissagung, die man
Alexander dem Groen hinsichtlich Babylons machte, eintraf, so will er
einem solchen Schicksal entgehen. -- Sie sehen, groe Mnner haben auch
ihre Schwchen; wer wei, wo er noch stirbt, wenn er sich gleich
unsterblich glaubt, fuhr sie lchelnd fort. Und es auch ist, fiel ich
ihr ins Wort. -- Aber dem Tod entgeht er dennoch nicht, versetzte sie,
und ist ihm bestimmt, in Rom zu sterben, so wird es geschehen, er mag
sich stellen wie er will. -- Wir kamen nach und nach auf andere, aber
immer Napoleon betreffende Dinge zu sprechen, und Pauline meinte, ihr
groer Bruder habe nicht nur sehr groe Schwachheiten, sondern beginge
auch ganz unverzeihliche Torheiten, die ihn noch ins Verderben strzen
wrden und von denen eine der grten seine Mariage mit der
sterreicherin sei. Hundertmal besser, fuhr sie fort, wre es
gewesen, er htte die Hortensia geheiratet, statt sie an seinen Bruder
Louis zu verkuppeln, sein Verhltnis mit ihr war ja doch kein Geheimnis
mehr, sowie da sie von ihm in der Hoffnung war, als er diese Heirat
stiftete. Da Duroc diese Partie ausgeschlagen, ist nicht an dem, es war
nie Napoleons Plan, diesem ihre Hand zu geben. Wre Hortensias erstes
Kind, fr dessen Vater der Kaiser allgemein gehalten wurde, fr welches
er eine groe Zrtlichkeit bewies und das er aus der Taufe gehoben, am
Leben geblieben, so wrde er es gewi adoptiert und wahrscheinlich zu
seinem Nachfolger ernannt haben; wir htten dann keine zweite Vermhlung
erlebt. Was die Liebe zu den Frauen anbelangt, so ist mein Bruder so
wunderlich und vernderlich wie nur einer, und wo er nur immer war, in
Paris und Madrid, Wien und Berlin, Mailand und Venedig und so weiter,
allenthalben muten ihm seine Vertrauten behilflich zur Befriedigung
seiner augenblicklichen Kaprizen sein, und was er auch von ehelicher
Treue, huslichem Glck, Moralitt schwatzen mag, wir wissen, was wir
davon zu halten haben, es ist ihm nur um den uern Schein, er hat sich
einmal in den Kopf gesetzt, der Welt diese Schwachheiten verbergen zu
wollen, und doch spricht man in allen Salons davon, und Josephine kennt
sie wohl, hat ihm aber nichts vorzuwerfen, beide haben sich einander
gehrig gehrnt; dabei handelt mein Bruder immer nur nach der
augenblicklichen Eingebung seiner Laune, bald ist er freigebig bis zur
Verschwendung, bald wieder filzig geizig, freundlich oder mrrisch,
anscheinend teilnehmend oder kalt abstoend. -- Noch einige Zeit fuhr
Pauline mit der Schilderung Napoleons fort, ging dann auch auf mehrere
ihrer Geschwister ber und pflichtete dem Kaiser bei, >da Joseph ein
Weib unter seinen Brdern und Karoline ein Mann unter seinen Schwestern
sei<; denn, fuhr sie lachend fort, mein Bruder Joseph wre eine gute
sanfte Hausfrau und meine Schwester Karoline ein tchtiger Dragoner
geworden. Lucian ist aber ein eigensinniger Starrkopf, Ludwig zu gut fr
die Welt, Jrme ein Manequin, Elise aber ist zur Frstin geboren und
Bacciochi eine Null; da man mich die Etourdie nennt, wei ich recht
gut, aber es ist nicht meine Schuld. Was wollen Sie, mein Temperament
ist einmal so, und dann hat uns die Mutter alle verzogen. Als einmal
die Rede auf die unglckliche Maria Antoinette kam, erzhlte sie mir,
da das pltzliche Grauwerden der Knigin, von dem man so viel
gesprochen, eine Fabel sei, indem sie schon lngst graue Haare gehabt,
die tglich mit schwarzfrbender Pomade eingerieben worden seien, die
sie sich aber, einmal in der Conciergerie, nicht mehr verschaffen
konnte, worauf natrlich sogleich die Haare ihre natrliche graue Farbe
angenommen; dies Geheimnis habe eine ihrer Kammerfrauen ausgeplaudert.
-- Ich wurde endlich in Gnaden und mit dem Wunsch einer guten Besserung
und baldigen Wiederherstellung entlassen.

Als sich Napoleon nach seiner Reise zum erstenmal wieder in der groen
Oper mit seiner Gemahlin sehen lie, wurde das neue prchtige Ballett
>Perseus und Andromeda< gegeben. Das Schmettern der Trompeten, das Toben
der Pauken und Fanfaren, das Geschrei: _Vive l'Empereur!_ und _Vive
l'Impratrice!_, letzteres aber sparsamer, wollte gar kein Ende nehmen.
Im Thtre franais hatte aber bald darauf das kaiserliche Ehepaar an
zwei Stunden auf sich warten lassen und das Publikum deshalb seine
Unzufriedenheit ziemlich laut zu erkennen gegeben. Den andern Tag
enthielt das Journal de l'Empire einen Verweis fr die Schauspieler,
weil sie nicht zur gehrigen Zeit angefangen hatten; htten sie es aber
getan, wrde ihnen ein ganz anderes Donnerwetter ber den Kopf gekommen
sein. Um diese Zeit fuhr Napoleon mit Marie Louise zum erstenmal nach
Versailles, wo er ihr das Schlo, den Park, die beiden Trianons zeigte
und uerte, er wolle dies alles in seiner frheren Pracht und
Herrlichkeit wiederherstellen lassen und noch neue Anlagen hinzufgen.
-- Es blieb bei der uerung.

Der Kriegsminister gab den Neuvermhlten ein groes Fest in seinem Hotel
in der Strae Lille, wobei auch ein Gelegenheitsstck und ein Ball
gegeben wurde. Eines der merkwrdigsten Feste war jedoch das, welches
die Garden ihrem Herrn und Gebieter gaben, zu dem jeder Gardist sechs,
ein Korporal zwlf, jeder Sergeant vierundzwanzig, jeder Sergeant-Major
sechzig, ein Leutnant sechshundert, ein Kapitn fnfzehnhundert und die
Stabsoffiziere drei- bis sechstausend Franken beitrugen. Der Marschall
Bessires war, als Kommandant der Gardekavallerie, Anordner, das
ungeheure Marsfeld der Hauptschauplatz desselben und zu diesem Behuf
besonders hergerichtet worden. Was fr Schauspiele wurden nicht seit dem
Beginn der Revolution schon auf diesem einzigen Platz aufgefhrt, und
wer waren die Hauptakteurs? -- Auch dieses Fest begann an einem Sonntag,
den 24. Juni. Wenigstens drei Vierteile der Bevlkerung von Paris
wohnten demselben bei. Monate hatte man an den Zurichtungen gearbeitet.
Um Mittag wurde die ganze brige Garnison der Stadt Paris, nahe an
dreiigtausend Mann, von den Garden unter Zelten bewirtet, und jetzt
erschien das Marsfeld ein endloses frhliches Lager. Um drei Uhr
verschwand das Lager, und nun begannen Spiele und Tnze aller Art. In
den Alleen, welche den Platz umgaben, waren Zelte mit Bfetts, die alle
mglichen Erfrischungen enthielten, Marionettenbuden und so weiter
aufgeschlagen. Nach sieben Uhr, nachdem bereits der Kaiser mit seiner
Gemahlin eingetroffen war und nebst ihrem hchsten und hohen Gefolge in
einem zu diesem Zweck errichteten Pavillon Platz genommen hatten,
begannen die Wettrennen der Pferde und Wagen, welche dreimal die innere
Bahn des Marsfeldes in Gegenwart von nahe an vierhunderttausend
Zuschauern zurcklegten. Mehrere Wagen vollendeten in weniger als sieben
Minuten ihren Kreislauf, die Pferde in noch krzerer Frist, und die
Sieger erhielten schne Preise. -- Als es Nacht wurde, zndete Marie
Louise den Dragon (ein zur Entzndung des Feuerwerks bestimmter Drachen)
vermittelst einer Feuerlanze an, und augenblicklich stand ein ungeheurer
Wald, den das Feuerwerk in einem weiten Halbkreis vorstellte, in
Flammen, in der Tat ein wunderartiger Anblick. Zwei schne
Seiltnzerinnen, als Genien gekleidet, bestiegen nun ein auf hohen
Masten gespanntes Seil und schienen so zwischen Feuer, Rauch und Wolken
in den Lften zu schweben, whrend Tausende von Raketen und Leuchtkugeln
sie umgaben, was eine hchst magische Wirkung hervorbrachte. An einem
Feuerpalast las man die Worte: _A Napolon et Marie Louise._ Eine
groe Girandole, von der Artillerie der Garde, die berhaupt das ganze
Feuerwerk besorgt hatte, ausgefhrt, beendigte das feurige Zauberspiel,
und nun begann der Ball. Zwei unermeliche Sle hatte die Garde zu
diesem Zweck in den zwei Hfen der Militrschule aufbauen lassen; der
auf der linken Seite war zum Tanz und der auf der rechten zum Bankett
bestimmt, beide auf das zierlichste ausgeschmckt. In dem Tanzsaal war
ein Thron fr die kaiserlichen Majestten errichtet, die kniglichen
muten sich mit Fauteuils begngen. Ringsherum waren amphitheatralische
Sitze fr nicht weniger als viertausend Damen auf sieben Stufen
angebracht, hoch hinter diesen war wieder eine Galerie fr Herren.
Sechsunddreiig reich drapierte, mit Festons von Lorbeeren und Myrten
umwundene _faisceaux_, die in schimmernden Stahlhelmen mit weien Federn
endigten und jede ein Wappenschild hatte, trugen des Saales Decke. Die
Draperien waren von weiem Mousselin mit goldenen Bienen; an der Decke
sah man die zwlf Himmelszeichen und andere allegorische Figuren. Sechs
groe Gemlde stellten Napoleons Vermhlung, dessen Triumph, die
Triumphe Trajans, Augusts, Csars und Alexanders Einzug in Babylon vor.
Die vier letzten kontrastierten seltsam mit den beiden ersten und gaben
zu manchen noch seltsameren Bemerkungen Anla. Schon der Kostme wegen
chokierte diese Zusammenstellung; sie waren smtlich vom
Dekorationsmaler der Groen Oper gemalt. Zweihundert kristallne
Kronleuchter, an Blumengirlanden hngend, an einem jeden ber fnfzig
Kerzen brennend, dienten zur Beleuchtung dieses Lokals, und die
zehntausend Lichter spiegelten sich millionenmal in zahllosen Spiegeln
wieder.

Unter den Festen, die Napoleon selbst in St. Cloud oder den Tuilerien
gab, bei denen prchtige Quadrillen aufgefhrt wurden und seine
Schwestern eine Hauptrolle spielten, war besonders eines durch das
Kostm berhmt, welches Pauline, Italien reprsentierend, trug und wobei
sie einen leichten goldenen Helm mit schneeweien Straufedern, mit
Agraffen von Diamanten, an deren Kiele die kostbarsten Perlen gereiht
waren, auf dem Haupt hatte, dabei deckte ein kleiner Panzer von
Goldschuppen mit einem brillantenen Grtelschlo ihren Busen, eine
weie, goldgestreifte Tunika von indischem Mousseline fiel ber die Knie
herab, purpurne goldgestickte Halbstiefelchen deckten die Fe, und die
Arme waren blo. Man wute nicht, sollte man eine Minerva, eine Venus
oder eine Johanna d'Arc aus ihr machen, auf jeden Fall war es aber eine
ideal schne Erscheinung, besonders fr die, welche sie nicht genauer
kannten.

Die Reihe dieser Feste beschlo das hchst tragische, welches der
sterreichische Gesandte, Frst Schwarzenberg, den 1. Juli der Tochter
seines Souverns und deren Gatten gab. Auch zu diesem hatte ich mir
durch hohe Protektion eine Einladung verschafft, und Frst Y., den das
Zipperlein von den meisten Feierlichkeiten zurckgehalten hatte, wollte
durchaus dieser letzten beiwohnen. Den ganzen Tag fesselten ihn jedoch
unausstehliche Schmerzen an sein Ruhebett, und es wollten weder
Einreibungen noch sonstige Mittel helfen, die fortwhrend angewandt
wurden, um ihn wenigstens fr diesen Abend noch gangfhig zu machen.
Einigemal versuchte er aufzustehen und zu gehen, aber die Schmerzen
lieen es nicht zu, erst abends nach acht Uhr gab er alle Hoffnung auf,
das Fest durch seine Gegenwart verherrlichen zu knnen; es tat's halt
nicht, und mit Wimmern und Fluchen kroch er, nachdem er den letzten
Versuch gewagt, wieder zu seinem Lager. Ich war bis zum letzten
Augenblick vor dem Beginn des Festes noch bei ihm, versprach ihm einen
getreuen Bericht von demselben abzustatten und suchte ihn zu trsten. --
Sie haben gut reden, sagte er, Sie lassen kein Vergngen ungenossen
vorbergehen, whrend ich hier Jammer und Trbsal blasen mu und es vor
Schmerzen kaum auszuhalten vermag. -- Aber was ist dabei zu machen,
Durchlaucht? Sie knnen, sobald Sie wieder besser sind, alles nachholen
und selbst die schnsten Feste geben, zu deren Verherrlichung ich nach
Krften beitragen will. -- Ich war froh, als ich endlich zur Tre
hinaus war und fuhr in die Strae Montblanc (_Chause d'Antin_), in
welcher Frst Schwarzenberg das alte Hotel Montesson bewohnte, ein
gerumiges Gebude mit einem groen Garten und Hof. Da sich aber in
demselben kein Saal befand, der die zahlreichen Gste alle htte
aufnehmen knnen, hatte der Frst einen groen Ballsaal nebst einer
Galerie von Holz eigens zu diesem Fest erbauen lassen; der Saal war sehr
reich mit Stoffen, Blumen und andern Verzierungen dekoriert und
drapiert. Alle in Paris anwesenden kniglichen und frstlichen Personen,
sowie die brigen Gste, weit ber tausend, unter denen namentlich viele
sterreicher in zwar sehr reichen, aber ziemlich geschmacklosen
Kostmen, waren bereits versammelt, als die Gardegrenadiere, die fr
diesen Abend hier eine starke Wache lieferten, unter das Gewehr traten,
_aux champs_ schlugen und dadurch die Ankunft des kaiserlichen Paares
verkndeten, das von Schwarzenberg und Metternich am Eingang empfangen
wurde. Man fhrte sie in den schn erleuchteten Garten, wo Gesnge und
sterreichische Nationaltnze unter Begleitung rauschender Musik von den
Knstlern der Groen Oper aufgefhrt wurden. Auch sah man wieder eine
Nachahmung des Schlosses Laxenburg, und das Feuerwerk spielte auch hier
eine Hauptrolle, zndete aber, gleichsam als wollte es ein Vorspiel zu
dem furchtbaren Drama, das bald darauf folgen sollte, geben, schon ein
Gerst an, das bald anfing, in Flammen aufzulodern, die jedoch mit Hilfe
der Pompiers schnell wieder gelscht wurden. Nun begaben sich smtliche
Gste in den Ballsaal zurck, ber dessen Eingang eine Aufschrift in
deutscher Sprache angebracht war, ber deren Inhalt sich die Franzosen
die Kpfe zerbrachen und ihre Glossen machten, selbst Napoleon schien
das Deutsche nicht zu behagen, und er zuckte bei dem Anblick der ihm
unverstndlichen Worte die Achseln.

Der Ball wurde mit Kontertnzen, welche der Vizeknig von Italien, Knig
Hieronymus, Frst Esterhazy, die Knigin von Neapel, die Frstin Pauline
von Schwarzenberg und so weiter auffhrten, erffnet, worauf eine
Ekossaise folgte, whrend welcher das kaiserliche Paar in dem Saal
herumspazierte. Ich stand so ziemlich in der Mitte der Kolonne, mit
einer Hofdame der Knigin von Neapel tanzend, als pltzlich eine Flamme
an einer Draperie aufloderte, und kaum sah man sich darnach um, so
brannte auch schon ein Teil der Decke, noch wurden einige Pas gemacht,
als die Musikanten bereits die Flucht ergriffen, und ehe man es sich
versah, brannte es hier, da und dort, vor und hinter einem, links und
rechts und in allen Ecken, berall schlugen die Flammen hoch empor, und
es entstand eine Verwirrung, ein Tumult, ein Geschrei, ein Drngen und
Drcken, das unbeschreiblich war. Viele Offiziere umgaben schnell
Napoleon und zogen ihre Degen, indem sie frchteten, da dies das Signal
zum Ausbruch einer groen Verschwrung sei, wie es das Ansehen hatte.
Was man auch sagen mag, so habe ich die berzeugung, da dieses Feuer
geflissentlich angezndet wurde, denn nur zu deutlich nahm ich wahr, da
die Flammen an drei bis vier Orten zugleich emporschlugen, und zwar an
ganz entgegengesetzten Winkeln, und es war sehr leicht, die Draperien an
einer oder der anderen Stelle unbemerkt anzuznden, whrend jedermann
seine Augen auf die zuerst auflodernde Flamme gerichtet hatte. Eine
Verschwrung war es nicht, aber ich habe die moralische berzeugung und
wollte darauf schwren, da der Vorfall dem Ha gegen Marie Louise und
gegen diese Heirat seinen Ursprung zu verdanken hatte. Diese Meinung,
welche viele mit mir teilten, lie man natrlich nicht aufkommen,
sondern von seiten der Regierung wurde alles aufgewandt, einen solchen
Verdacht zu unterdrcken, sowie berhaupt die Meinung, da das Feuer
absichtlich angezndet worden, was bei den Fesseln, in denen damals die
Presse und die freie Rede lag, leicht war; weshalb auch keine andere
Untersuchung als die gegen die armen Spritzenleute veranstaltet werden
durfte, die denn doch getan, was nur immer in menschlichen Krften
stand. Marie Louise hatte ihren Sitz schon wieder eingenommen, als der
Brand ausbrach, Napoleon war schnell zu ihr geeilt und fhrte sie durch
die Gartentr fort. Kaum hatte er den Saal verlassen, so stieg die
Unordnung auf das hchste, alle und jede Rcksichten verschwanden,
jedermann war nur noch auf seine Rettung bedacht, und Knige und
Kniginnen muten Rippenste hinnehmen, wurden zurckgedrngt oder auf
die Seite geschoben, und ehe noch die Hlfte der Anwesenden den Saal
verlassen hatte, stand dieser schon in hellen Flammen, die Kronleuchter
strzten einer nach dem andern herab, denen schnell Dielen und Balken
folgten. Zwar wurden groe Wassermassen auf den Brand gegossen, diese
lsten sich aber augenblicklich in Dampf und Dunst auf, und es war an
keine Rettung des Baues mehr zu denken. Auch ich hatte mich
rcksichtslos hinaus und in den Garten gedrngt, von wo aus sich das
grliche Feuerwerk furchtbar schn ausnahm, hier aber waren Verwirrung
und Tumult womglich noch grer als im Saal selbst, aus dem brennende
Damen flchteten oder herausgeschleift und dann mit kotigem Wasser
begossen wurden. Alles lief und rannte durcheinander, seine Angehrigen
suchend, sie nicht findend, und von niemand eine trstliche Antwort
erhaltend. Dabei drngten sich die Hilfe leistenden Diener und Pompiers,
alles, was ihnen in den Weg kam, weder Krone noch Sterne achtend,
rcksichtslos auf die Seite stoend, durch die wehklagenden Massen, und
die Damen rannten mit ihren Flittern, Flor- und Blondenkleidern, viele
mit Brandflecken oder halbverbrannter Kleidung umher, ihre Mnner oder
Vter suchend. Das Flammen- und Rauchmeer wtete fort, und in kaum einer
kleinen halben Stunde war die ganze, prchtig zusammengezimmerte und
ausgeschmckte Herrlichkeit ein Raub des Feuers, das trotz aller Hilfe
der Spritzen schon das Hotel des Gesandten selbst ergriffen hatte.
Napoleon war unterdessen, nachdem er seine junge Gattin in Sicherheit
gebracht, auf den Schauplatz des Unglcks zurckgekehrt, und nur der
uersten Anstrengung der Spritzenleute und der jetzt auf zwei
Bataillone verstrkten Garden gelang es, das Hotel vor der gnzlichen
Zerstrung zu retten. Der Kaiser leitete nun selbst die Lschanstalten,
befahl die Entfernung aller migen Zuschauer und ging mit dem vor
Todesangst schwitzenden Polizeiprfekten, dem Grafen Dubois, eben nicht
zum glimpflichsten um. Der durch den Mordkriegsrat, den er prsidierte
und der den Herzog von Enghien erschieen lie, bekannte General Hlin
mihandelte in Gegenwart Napoleons, wahrscheinlich um dessen Zorn von
sich abzuleiten, den armen Spritzenmeister, der ein Gott htte sein
mssen, wenn er die Flammen nach des grimmigen Kaisers Willen htte
bezwingen knnen, ttlich auf das emprendste und nichtswrdigste, so
da mir, der nur in geringer Entfernung davon stand, das Blut in den
Adern kochte. Noch im Kerker mute der Unglckliche der Ableiter der
kaiserlichen Zornausbrche sein. Das Schrecklichste aber waren die
verbrannten, zum Teil tdlich verwundeten Personen, die hier verunglckt
waren. Die Frstin Pauline von Schwarzenberg hatte, wahrscheinlich ihre
Tochter suchend, in den Flammen den Feuertod gefunden und wurde lange
vergeblich von ihrem trostlosen Gatten und den Dienern gesucht, die
Knigin von Neapel htte um ein Haar ein gleiches Schicksal gehabt, der
Groherzog von Wrzburg war ihr Retter; die schne Vizeknigin von
Italien, Prinzessin Auguste von Bayern, rettete sich auch glcklich mit
ihrem Gemahl durch eine kleine Tr, als schon die halbe Decke des
brennenden Saales eingestrzt war. Die Frstin von der Laien und die
Generalin Toussaint starben kurze Zeit nach dem Unglck unter den
frchterlichsten Schmerzen an ihren Brandwunden. Ein gleiches Schicksal
hatte die Gemahlin eines russischen Konsuls, und der russische Gesandte
selbst, Frst Kurakin, dankte seine Rettung nur dem damals schon durch
seine auerordentlichen Kuren berhmten Doktor Koreff, der ihn auch
vllig wiederherstellte, denn er war so beschdigt, da man lange an
seinem Aufkommen zweifelte. In allem waren mehr denn sechzig Personen,
besonders Damen, mehr oder minder schwer verwundet und verbrannt. Dieses
grliche Trauerspiel endigte wrdig mit einer entsetzlichen
Naturerscheinung, nmlich mit einem so furchtbaren Gewitter, wie ich
mich nicht entsinne, ein hnliches erlebt zu haben; Blitz auf Blitz und
Schlag auf Schlag folgten so allgewaltig, da der unaufhrlich rollende
Donner die Welt zu erschttern schien. Endlich entlud sich dasselbe in
einem Wolkenbruch hnlichen Platzregen, der nach und nach den Rest der
Feuerglut lschte, als bereits der Tag anbrach. Napoleon war, sobald dem
Feuer Einhalt getan und die weitere Gefahr beseitigt war, zu seiner
besorgten Gattin nach St. Cloud zurckgekehrt, wo er uerst
niedergeschlagen angekommen und ausgerufen haben soll: _Quel terrible
fte!_ Die Garden hatten unterdessen auf der Brandsttte ihr Biwak
aufgeschlagen und verzehrten mit gutem Appetit die kstlichen Speisen
und Schsseln, die den Gsten zugedacht gewesen und die sie ohne dies
Unglck nimmer gekostet haben wrden. Den anderen Morgen fand man unter
den Brandtrmmern eine Menge Schmuck, Degen, Armbnder, Halsgeschmeide,
Diademe, Brillantschnallen, Knpfe und so weiter, aber der grlichste
Fund war die ganz verbrannte, halbverkohlte Leiche der Frstin
Schwarzenberg, die der Doktor Gall in des Platzkommandanten Gegenwart
auffand und die man nur an einem Halsband erkannte, das die Namen ihrer
Kinder trug.

Welches Aufsehen diese schreckliche Begebenheit in Paris machte, ist
unbeschreiblich. Da haben wir's, hie es, dies sind die ersten Folgen
der Verbindung mit sterreich, es wird noch besser kommen. Und jedermann
glaubte an eine tiefangelegte Verschwrung, welche dieses Fest htte
benutzen wollen, um die ganze bonapartistische Familie auf einen Schlag
zu vernichten; dies war nicht der Fall, wohl aber war das Feuer
bswillig angezndet worden, sei es nun von Anhngern der Bourbonen, von
der republikanischen Partei oder auch nur aus Ha gegen sterreich. In
Paris und ganz Frankreich zweifelte niemand daran als die Regierung, in
deren politischen Kram es taugte, eine solche Meinung durchaus nicht
aufkommen zu lassen. Ich war bis zum hellen Tag auf der Brandsttte
geblieben, hatte lschen helfen und ermdet teil an dem Biwak der Garden
genommen. Welch ein Fest! Der Aberglaube sah es wenigstens als eine sehr
schlimme Vorbedeutung an, und das groe Unglck, das bei den
Vermhlungsfeierlichkeiten Ludwigs XIV. und Maria Antoinettes
stattgefunden, kam jedermann ins Gedchtnis. Die feierlichen Begrbnisse
der Verunglckten, beinahe ein paar Dutzend, diejenigen inbegriffen, die
noch spter unter unsglichen Schmerzen an ihren Brandwunden starben,
erfllten die Gemter aufs neue mit Trauer. Napoleon selbst war durch
diese Begebenheit sehr angegriffen und gab sich dsteren Ahnungen hin.
Als ich den anderen Tag zu dem Frsten Y. kam, empfing er mich mit den
Worten: Nun, und Sie sind unversehrt davongekommen? -- Unkraut vergeht
nicht!

Eure Durchlaucht knnen von Glck sagen und sich bei dem Podagra
bedanken, denn Sie wren wahrhaftig bei lebendigem Leibe verbrannt.

Hu! mich schaudert, wenn ich daran denke.

Was Sie gestern noch als Tcke des Schicksals verfluchten, zeigt sich
heute als wohlwollendes Geschick des Himmels. So ist's in diesem
sublunarischen Leben: was wir oft fr das grte Unheil halten, ist
nicht selten der Anker unseres Heils.

Ich mute dem Frsten alle Details der schauerlichen Begebenheit
ausmalen; gewi ist es, da er, der kaum mit Hilfe einer Krcke in der
Stube herumhinken konnte, unfehlbar verbrannt wre, wenn er dem Fest
beigewohnt htte. Frst Kurakin hatte seine Rettung hauptschlich seinem
goldenen Rock mit Diamantknpfen zu danken, der ihn wie ein Harnisch
gegen Flammen und Kohlen schtzte, und es wurde so dem Doktor Koreff mit
noch anderer Hilfe mglich, ihn aus der Masse zu schleifen, nachdem er
schon gestrzt und mit Fen getreten worden war.

Dies war das Ende der Vermhlungsfeste, man hatte genug daran. Auer dem
Fest, das die Stadt Paris dem Kaiser gegeben, hatte sie ihm auch noch
sehr kostbare Hochzeitsgeschenke gemacht, nmlich ein Tafelservice von
Vermeuil von ungeheurem Wert, das spter Ludwig XVIII. als dem
Kronschatz zugehrig erklrte. Marie Louise erhielt eine
Toilettegarnitur von erstaunenswerter kunstreicher Arbeit.

Kurze Zeit nach der unglcklichen Begebenheit verbreitete sich pltzlich
das Gercht zu Paris von der Abdankung des Knigs Ludwig von Holland,
das eben nicht geeignet war, die etwas getrbte Stimmung der Franzosen
zu erheitern, denn dieser Bruder Napoleons war auch in Frankreich
geachtet und geliebt. Nach und nach gewann aber der Pariser Leichtsinn
wieder die Oberhand, man verga die traurigen Begebenheiten und
unterhielt sich mit Anekdoten und Erzhlungen von der neuen Kaiserin,
zum Teil Erfindungen miger Salonkpfe, die von Mund zu Mund die Runde
durch ganz Frankreich machten. Sie war brigens fast nur das Echo ihres
Gatten, den sie, so sehr es sich tun lie, in allen Stcken nachahmte.
So fragte sie, dessen Beispiel befolgend, die Personen, die ihr
vorgestellt wurden, jedesmal: Sind Sie verheiratet? Haben Sie Kinder?
Diese Fragen hatte sie sich so angewhnt, da sie den nmlichen
Personen, so oft diese Audienz bei ihr hatten, dieselben wiederholte.
Ein Gesandter uerte deshalb einmal: Die Kaiserin sollte doch endlich
wissen, da ich nicht verheiratet bin und keine Kinder habe, denn sie
hat mich heute zum zehntenmal darnach gefragt. Marie Louise hatte eine
sehr frische, fast hochrote Gesichtsfarbe und die Fhigkeit, ihre Ohren
nach Gefallen bewegen zu knnen; beides gab zu mancherlei Spttereien
Anla, wozu auch die Unerfahrenheit und Unbekanntschaft der jungen
Kaiserin mit den franzsischen Sitten manchen Stoff liefern mute. Von
ihren franzsischen Umgebungen wurde Marie Louise nicht geliebt, sie war
ihnen zu wenig mitteilend, zu kalt, frostig und zeremoniell, unterhielt
sich nie vertraulich mit ihren Damen, weshalb man sie fr steif,
unbeholfen und selbst stupid verschrie. Ihre Hauptbeschftigungen waren:
etwas Klavierspielen, weibliche Tapisseriearbeiten, Reiten, wenn es das
Wetter gestattete, fast immer im Galopp. Dabei sagte man ihr nach, da
sie sechs Mahlzeiten des Tages zu sich nehme, namentlich sehr viel Creme
esse, berhaupt einen Appetit fr drei franzsische Grenadiere habe und
nicht imstande sei, eine nur einigermaen geistreiche oder
wissenschaftliche Unterhaltung zu fhren oder ihr nur zu folgen, sondern
statt zu antworten mit dem Kopf nicke und hchstens von den
unbedeutendsten Vorgngen im Palast spreche. Hierbei mag nun viel
bertrieben gewesen sein, auch war ihr das Franzsische nicht so ganz
gelufig. So viel ist aber gewi, da das uere der jungen Kaiserin
sowie ihr Benehmen besonders fr Franzosen viel Abschreckendes hatte.
Ich habe sie nur gesehen, aber fast nie sprechen gehrt, freilich kam
ich nie auch nur in die entfernteste Berhrung mit ihr.

Unterdessen hatte ich noch einige neue Intrigen mit mehreren anmutigen
Pariserinnen angeknpft, wie man sie bei einiger Gewandtheit und savoir
faire zu Dutzenden daselbst mit verheirateten Frauen haben kann, nicht
so mit Mdchen aus den hheren Stnden, die hier selbst strenger als in
Italien gehtet werden und gehtet werden mssen. Dafr revanchieren sie
sich auf das reichlichste einmal unter der Haube und lassen ihren
Leidenschaften und Kapricen freien Lauf. Einer dieser Damen konnte ich
nur durch den Kamin meine Aufwartung machen, da sie ihr Mann, so oft er
sie allein lassen mute, einschlo; ein Grund mehr, alles daran zu
setzen, ihn zu hintergehen. Glcklicherweise war der Kamin sehr gerumig
und eine ffnung in einem oberen Stock in demselben angebracht, durch
die ich mich hinablie; da es im Sommer war, so wurde ich auch nicht vom
Rauch inkommodiert, doch gab ich diese Kaminbesuche bald wieder auf. --
Noch immer bombardierte mich Miollis mit Briefen und wollte endlich
durchaus wissen, woran er sei; auf seine Veranlassung und Briefe hatte
ich noch eine ziemlich lange Unterredung mit dem Herzog von Feltre, den
ich endlich fragte, ob er nicht glaube, da durch die Prinzessin
Borghese, mit der ich bekannt sei, der Kaiser fr das Gesuch des
Gouverneurs von Rom zu stimmen sei. Clarke erwiderte mir lchelnd: Ich
und alle Minister haben strenge Befehle, kein Gesuch seiner schnen
Schwester zu bercksichtigen; und was Ihren persnlichen Wunsch, zu den
Garden versetzt zu werden, anbelangt, so wrden Sie, wenn ich es
durchsetzte, dennoch einen sehr schwierigen Stand haben. Sie mten sich
mindestens durch das ganze Korps der Leutnants des Regiments, dem sie
zugeteilt wrden, schlagen und wrden, so gut sie auch den Degen fhren
mgen, endlich doch Ihren Mann finden und noch andere Unannehmlichkeiten
treffen; ich rate Ihnen deshalb als Freund, von diesem Gesuch
abzustehen. Bei der ersten Gelegenheit teilte ich Paulinen mit, was mir
der Minister hinsichtlich ihrer gesagt hatte. Lachend erwiderte sie:
Aber das wute ich schon lngst; mssen es denn gerade die Garden des
Kaisers sein? fuhr sie fort. Suchen Sie doch lieber zu denen meines
Schwagers Murat zu kommen, die sind ja weit schner und prchtiger, und
die Offiziere meistens Franzosen; wenn Sie dies wollen, das kostet mich
nur ein paar Worte an Murat, und die Sache ist im reinen. -- Anfnglich
wollte mir zwar dieser Tausch nicht sehr zusagen, bald betrachtete ich
aber die Sache in einem anderen Licht. Schn war die Garde des Knigs
von Neapel, und der Aufenthalt daselbst in mancher Hinsicht dem zu Paris
vorzuziehen. Ich bequemte mich, die franzsischen Dienste zu verlassen,
und bat die Prinzessin, die ntigen Demarchen zu machen, wozu sie sich
sogleich bereitwillig fand. Sie selbst war indessen wegen einer kleinen
Unart, die sie sich gegen Marie Louise erlaubt hatte, bei ihrem
kaiserlichen Bruder in Ungnade gefallen, so da sie noch weit weniger
fr mich bei ihm htte wirken knnen. Sie hatte nmlich eines Tages der
Kaiserin hinter ihrem Rcken allerlei Grimassen gemacht und unter anderm
zwei Finger ihrer rechten Hand, den Zeigefinger und den kleinen,
hrnerartig in die Hhe gestreckt, um so anzudeuten, da sie Hrner
tragen werde. Marie Louise hatte dies in einem groen Spiegel sowie auch
ihr Gatte bemerkt, der nun voll Zorn seiner Schwester das Erscheinen in
den kaiserlichen Gemchern untersagte.

In der Erwartung meiner baldigen Versetzung besuchte ich die noch nicht
gesehenen Umgebungen von Paris, Bondy, St. Denis, wo ich die berreste
der in der Revolution verwsteten kniglichen Grber in der Abtei
daselbst heimsuchte und so weiter.

Eines Abends bemerkte ich in der Oper in einer benachbarten Loge ein
recht freundliches Frauengesicht, das mir sehr bekannt vorkam, ich wute
aber nicht gleich, wo ich es schon gesehen hatte. Ich lorgnettierte die
Dame, wurde endlich auch von ihr bemerkt, und sie nickte mir lchelnd
zu. Ich begab mich nun whrend eines Zwischenakts in jene Loge und fand
-- Madame Viriot, dieselbe, die ihr Gemahl vor ungefhr fnf Jahren in
Nancy entfhrt hatte. Schnell war die alte Bekanntschaft erneuert; ihr
Gatte war wieder in den Militrstand getreten, stand jetzt als Kapitn
bei der Armee in Spanien, und sie lebte bei einer reichen Tante zu Paris
und hatte ein niedliches vierjhriges Mdchen. Ich begleitete sie noch
denselben Abend nach Haus, wurde auf den anderen Tag zum Besuch
eingeladen, wobei sie mich der Tante als einen alten Freund ihres Mannes
vorstellte. Ich suchte mich bei der alten Dame durch Artigkeiten zu
insinuieren und war bald im Haus gern gesehen und Hahn im Korb, solange
ich noch zu Paris verweilte.

Ende Juli hatte Napoleon fr gut befunden, den Parisern zur Abwechslung
auf seine Vermhlungsfeierlichkeiten ein hchst pomphaftes und
prunkendes Trauerfest zu geben, nmlich die Leichenfeier des bei
Elingen gebliebenen Marschalls Lannes, dessen irdische Reste im
Pantheon beigesetzt wurden. Das Geprnge dieser Zeremonie war
auerordentlich. Mehrere Tage wehte eine schwarze, wei eingefate Fahne
von der Kuppel des Pantheons, in dem Tempel selbst war ein Katafalk in
Form einer hohen Pyramide errichtet, an deren vier Ecken die Bildsulen
der Migkeit, der Klugheit, der Gerechtigkeit und der Strke angebracht
waren, ihre Spitze krnte eine Urne mit einer eisernen Krone. Medaillen,
die ausgezeichnetsten Taten des Marschalls darstellend, wurden von
Genien gehalten, unter der Pyramide stand der Sarkophag, bereit, die
Leiche des Verblichenen aufzunehmen. Auf den Stufen ringsherum brannten
unzhlige Kerzen auf silbernen Kandelabern. An den beiden Seiten des
Altars sah man die Bildsulen des heiligen Ludwig und des heiligen
Napoleon, die ganze Kirche war mit schwarzen Teppichen belegt und
behngt, auf der schwarz drapierten Kanzel sa ein kolossaler Adler, fr
den Erzkanzler hatte man einen Sitz von Ebenholz, mit silbernen Sternen
und Fransen verziert, errichtet. Alle Sitze der Kardinle, Bischfe, der
Behrden und so weiter waren auf hnliche Weise geschmckt; auch alle
Fenster waren schwarz behangen, mit weiem Saum. Von dem endlosen Zug
aller Zivil- und Militrbehrden gefolgt, wurde die Leiche des
Marschalls vom Hotel der Invaliden in das Pantheon mit groer
Feierlichkeit und mit imponierender Trauermusik gebracht; auf dem Sarg
lag der Marschallsstab, das Wappen und Lorbeerkronen. Achtzehn silberne
Grabeslampen hingen an gleichen Ketten an dem Feinde abgenommenen Lanzen
herab; berall waren Trophen von eroberten Waffen und Fahnen
angebracht. Die Waffen des Toten nebst Siegespalmen hielten zwei ber
dem Altar schwebende Renomeen in der Hand. ber ihnen las man die Worte:
_Napolon  la memoire du Duc de Montebello, mort glorieusement aux
champs d'Essling, le 22. Mai 1809._

Das Konservatorium fhrte eine groartige Trauermusik auf, die von Zeit
zu Zeit durch die Tne der schwarz verhllten Orgel unterbrochen wurde;
hierzu hatte man die herrlichsten Kompositionen Mozarts gewhlt. Der
Trauerwagen, auf dem die Leiche gebracht wurde, war mit vier Faszes, aus
Fahnen bestehend, welche das von Lannes befehligte Armeekorps erobert
hatte, geschmckt. Der ganze Zug bestand aus vier Abteilungen, einer
geistlichen, einer militrischen, einem Trauerzug und einem Ehrenzug.
Bei dem militrischen waren die Truppen aller Waffengattungen, Kanonen
und Pulverkarren, die Tambours, Trompeter und Musikchre der ganzen
Garnison, die Lfte mit lugubern Klagetnen erfllend. Der ganze
Generalstab mit den Frsten von Neufchatel und Wagram, denen die
Generalitt, alle Stabsoffiziere und andere Offiziere folgten, waren an
der Spitze des militrischen Zuges. Bei dem religisen Zug, der sich vor
dem militrischen bewegte, befand sich die ganze hohe und niedere
Geistlichkeit von Notre-Dame und aller Kirchsprengel von Paris, mit
unzhligen Kirchenfahnen, Kreuzen und so weiter, auch viele Greise und
Kinder aus mildttigen Anstalten und Pflegehusern. Vier Marschlle,
unter denen Moncey und Davoust, hielten die Zipfel des Bahrtuchs, auf
beiden Seiten des Wagens trugen Lannes Adjutanten Standarten. Der
Ehrenzug bestand aus des Marschalls leerem Wagen, zu dessen beiden
Seiten wieder zwei seiner Adjutanten ritten; diesem folgten vier
Trauerwagen fr die Familie des Verblichenen, diesen die Wagen der
Prinzen, Growrdentrger, Marschlle, Generalobersten, Minister und
hchsten Behrden. Smtliche Zge schlo eine starke Abteilung der
Gardekavallerie mit Trauermusik zu Pferde. So lange die Zeremonie
whrte, luteten alle Glocken von Paris, und in kleinen Zwischenrumen
fielen jedesmal dreizehn Kanonenschsse. Als der Sarg in die Gruft
gesenkt wurde, gab smtliches Militr Gewehrsalven, und die Legionre
bergaben ihre Ehrenkreuze dem Groalmosenier, der sie durch den
Erzpriester mit hinabsenken lie. Davoust hielt eine kurze Rede, in
welcher er die tiefe Trauer des Heeres ber diesen Verlust aussprach,
und nachdem der Erzkanzler eine zum Andenken an diese Totenfeier
geschlagene Medaille dem Sarge folgen lie, war sie beendigt, und die
Truppen zogen mit lustig klingendem Spiel wieder ab. In ganz Frankreich,
Italien und wo franzsische Truppen standen, wiederholte sich diese
Totenfeier, durch welche Napoleon der Welt beweisen wollte, wie sehr er
seine Helfershelfer zu ehren wisse, hauptschlich um dadurch auf das
Militr zu wirken.

Wenige Tage spter gab die am Napoleonsfest, den 15. August 1810,
erfolgte Vollendung der Siegessule auf dem Platz Vendome, die man zum
Ruhm der franzsischen Armee im Jahre 1806 begonnen hatte und die eine
Nachahmung der Trajanssule zu Rom ist, den Parisern abermals Stoff zur
Unterhaltung und zu Festivitten. Die zweihundertundzwanzig Fu hohe
Sule wurde aus eintausendzweihundert, den sterreichern und Russen 1805
abgenommenen Kanonen errichtet und stellte nach Art der rmischen die
hauptschlichsten Taten der Franzosen aus dem Feldzug von 1805 dar; sie
steht auf der Stelle, wo die whrend der Revolution zertrmmerte
Bildsule Ludwig XIV. stand. An zwei Millionen Pfund Erz sind zu dieser
Sule verwendet worden. Auf einer in ihrem Innern angebrachten
Schneckentreppe gelangt man zu ihrer Spitze, auf die Napoleons zehn Fu
hohe Statue gestellt wurde.

Am 25. August, denselben Tag an dem man frher das Fest des heiligen
Ludwigs feierte, fand jetzt das der Marie Louise statt und wurde zum
erstenmal mit auerordentlicher Pracht und groer Ostentation begangen.
Einige Tage darauf hielt Napoleon im Bois de Boulogne Musterung ber die
hollndischen Garden, die er nach Paris beordert hatte, und die hierauf
in dem Gehlz so gut bewirtet und namentlich mit Wein so reichlich
versehen wurden, als sie nur Lust zu trinken hatten, was fr die Pariser
abermals ein neues Schauspiel war, das aber wieder ein sehr schmutziges
Ende nahm. Die hollndischen Plexums betranken sich _en canaille_,
fingen dann zuerst Stnkereien und Streit unter sich selbst und dann mit
den Zuschauern an, und als ein Gewitter und starker Regen die letzteren
schnell verscheuchte, hielten die Soldaten alle Frauen und Mdchen an,
whrend sie die sie begleitenden Mnner mihandelten und zum
Zeitvertreib die Bume des Gehlzes umhieben, wodurch sich einige
hundert kleine Gefechte, die zum Teil blutig ausfielen, entspannen.
Einige der Zuschauer hatten sich nach St. Cloud geflchtet und daselbst
die fatale Mr hinterbracht. Napoleon geriet in Zorn ber die Brutalitt
der Hollnder und gab Order, sogleich viele und starke Patrouillen
abzusenden, welche die Betrunkenen zur Rson bringen sollten, deren
Anfhrern er selbst Verhaltungsbefehle gab, um die Ruhe wieder
herzustellen. Ich hatte mich ebenfalls zu Pferd in das Boulogner
Wldchen begeben, die hollndischen Garden tafeln zu sehen, und es
gelang mir, einige Mdchen aus den Klauen dieser Trunkenbolde zu
befreien. Diese Burschen waren nur Bier und Schnaps gewhnt, der Wein
war ihnen eine gar zu verfhrerische Neuigkeit. Als die Patrouillen
ankamen, war es schon fast Nacht, und sie wrden vielleicht wenig
ausgerichtet haben, wenn sich nicht pltzlich das Gercht unter den
Soldaten verbreitet htte, Napoleon selbst sei soeben angekommen, was
die Burschen etwas nchterner und gelassener machte, dieser hatte jedoch
St. Cloud nicht verlassen. Die unmittelbaren Folgen dieses Gerchts
waren aber, da sich die Hollnder Hals ber Kopf aus dem Staub machten
und eiligst in ihre Kaserne zu kommen suchten, indessen wurden einige
fnfzig verhaftet, und mehrere, die man _en flagrant dlit_ ertappt
hatte, wurden streng bestraft.

Um diese Zeit oder bald darauf verbreitete sich auch das Gercht von der
Schwangerschaft Marie Louisens, und da schon beinahe sechs Monate
verflossen waren, ehe man etwas davon hrte, so glaubte man allgemein
den Hauptzweck von Napoleons Ehescheidung und Wiedervermhlung verfehlt
und war um so mehr ber diese Trennung und Ehe ungehalten. Ein Teil des
Publikums hielt Napoleon fr impotent, whrend der andere seiner Gattin
Unfruchtbarkeit zur Last legte; ja viele Personen wollten durchaus nicht
an diese Schwangerschaft glauben oder hielten sie fr fingiert und
supponierten, da der Kaiser damit umginge, ein fremdes Kind
unterzuschieben und zu seinem Thronerben zu machen; selbst nach der
Geburt des Knigs von Rom gab es noch viele Personen, die denselben fr
untergeschoben halten wollten und diese Meinung unter dem Volk zu
verbreiten suchten. Die Ursache, warum Marie Louise nicht frher guter
Hoffnung geworden, soll der zu hufige Gebrauch von Bdern gewesen sein,
die ihr nun untersagt wurden.

Es war Anfangs September, als ich meine Entlassung aus den franzsischen
Diensten und mein Patent als Kapitn bei der neapolitanischen Garde zu
Pferd, _Cavalli leggieri_, erhielt. Ich hatte besonders darum gebeten,
bei der Reiterei angestellt zu werden, mich deshalb whrend der letzten
Zeit meines Aufenthaltes zu Paris noch mehr mit den Manvern dieser
Waffengattung vertraut gemacht, und allen Kavallerie-bungen zu Pferde
beigewohnt. Da jetzt mein Schicksal entschieden war, so eilte ich nun,
Paris zu verlassen, wo es zwar alle Tage etwas Neues, aber auch manche
eben nicht angenehme Neuigkeiten gab. Ich machte meine Abschiedsvisiten,
empfahl mich besonders dem noch immer leidenden Frsten Y., durch den
ich doch manche vergngte Stunde gehabt, und ging meiner neuen
Bestimmung entgegen, den Weg ber Orleans einschlagend, das ich noch
nicht gesehen und doch gerne besuchen wollte. An Miollis hatte ich schon
geschrieben, ihm die uerung hinsichtlich der Prinzessin Pauline
gemeldet, und da durch diesen Kanal nichts zu machen sei. Von Madame
Bonnier nahm ich ebenfalls Abschied und Briefe an ihre Verwandten zu
Pesaro mit, die ich persnlich zu bergeben versprach, sowie zu
versuchen, da sie die Dame bis zur Zurckkunft ihres Mannes in ihrem
Scho aufnehmen mchten, da sie sich so isoliert in dem gefhrlichen
Paris befinde. Dem Frsten Y. tat meine Abreise wirklich leid, auch er
fand sich verlassen in der groen Stadt und hatte sich an meinen Umgang
gewhnt.




                                  II.

    Reise von Paris nach Neapel. -- Turin. -- Ankunft zu Neapel. --
    Murats Garden und Hofstaat. -- Fehlgeschlagene Expedition gegen
      Sizilien. -- Grausame Maregeln zur endlichen Vertilgung der
   Briganten in Kalabrien. -- Entstehung der Carbonari. -- Murat. --
        Die Knigin Karoline. -- Der Karneval zu Neapel. -- Ein
    italienisches Liebhabertheater. -- Die Festini in San Carlo. --
      Die Marchesa im Schilderhaus. -- Fastenzeit und Osterfeier.
       -- Ein Pistolenduell. -- Don Juan zum erstenmal in Neapel
    aufgefhrt. -- Ein Schiff mit englischen Nachtgeschirren von der
   Douane weggenommen. -- Ein Abenteuer in den Grten zu Caserta. --
     Ein _Souper suspendu_. -- Ein silbernes Ei. -- Ein dreifacher
   Mord. -- Weihnachtsfeier. -- Verbrennung der englischen Waren. --
      Ich falle in die allerhchste Ungnade und werde nach Tarent
                               beordert.


Ein wenig sonderbar war es mir doch zumute, als ich Frankreichs
Hauptstadt, in der ich so manches Abenteuer bestanden, so manches
Vergngen genossen, verlie und im Rcken hatte.

Erst in Turin beschlo ich Rasttag zu halten, um meinen etwas
zusammengerttelten und steif gewordenen Knochen einige Ruhe zu gnnen.
Ich fuhr durch die schnurgeraden Straen in ein Albergho, wo ich mich
sogleich niederlegte und erst erwachte, als Mittag lngst vorber war.
Ich machte meine Toilette und schickte mich an, die Sehenswrdigkeiten
der schnen Stadt zu besuchen. Die Neustadt ist vielleicht die schnste
Stadt Europas. Von allen Stdten, die ich kenne, kann sich nur ein Teil
von Berlin und Nancy mit ihr messen. Zur Nachtzeit werden Schleusen
losgelassen, welche die Straen reinigen, die dann wie abgewaschen sind.
Die Festungswerke sind bedeutend; die Zitadelle, ein regelmiges
Fnfeck, ist eine der strksten Festen, die es gibt; auch schne
Promenaden sind in der Nhe der Stadt. bergroe Mdigkeit und Bedrfnis
nach Ruhe machte, da ich Turins Herrlichkeiten nur sehr oberflchlich
sah und die meiste Zeit in meinem Zimmer auf einem Ruhebett zubrachte.
Den dritten Tag nach meiner Ankunft setzte ich meine Reise fort. In
Pesaro suchte ich die Eltern der Madame Bonnier auf, denen ich die
Briefe, welche mir ihre Tochter an sie mitgegeben, berlieferte. Sie
wollten anfnglich wenig von ihr wissen und sagten, die Snde ihrer
Tochter, das Kloster verlassen und geheiratet zu haben, sei ein ewiger
Schimpf fr die ganze Familie, eine unvertilgbare Schande, denn so etwas
sei noch nicht erhrt worden, so lange es Christen gebe. Ich suchte die
Leute deshalb zu beruhigen und eines Bessern zu belehren, aber meine
Bemhungen halfen wenig, obgleich ich ihnen sagte, da ich, als
Helfershelfer bei der Geschichte, gerne die ganze Snde auf mich nehmen
wolle. Indessen brachte ich es endlich doch dahin, da mir der Vater
versprach, wenn sich eine passende Gelegenheit fnde, er in Gottesnamen
sein ungeratenes Kind kommen lassen wolle. Dies war freilich wenig
Zuverlssiges, und ich erwiderte, da es gewi besser sei, wenn jemand
von der Familie nach Paris reise, die Dame abzuholen, worauf mir aber
ganz trocken geantwortet wurde, da dies die Umstnde nicht gestatteten.
Ich empfahl mich nun ziemlich frostig, schrieb sogleich an Angelika das
Resultat meiner Bemhungen und gab ihr den Rat, nicht weiter zu ihren
Anverwandten zu verlangen, da dies herzlose Menschen seien, die ihr das
Leben zur Hlle machen wrden. Sie befolgte diesen Rat, wurde bald
darauf Witwe, ihr Gatte, den sie nicht wieder gesehen, blieb in der
Schlacht bei Salamanka; 1814 fand ich sie in Lyon als die Geliebte des
Generals Albert, der frher als Augereaus Adjutant eine Anverwandte der
Familie d'Orville, eine Mademoiselle Fuchs, in Offenbach geheiratet
hatte.

In Rom angekommen, stattete ich dem General Miollis mndlich Bericht
ber alle in seinen Interessen getanen Schritte ab und setzte ihm die
Unmglichkeit auseinander, durch die mir erffneten Kanle und
Instruktionen die gewnschte Absicht zu erreichen. Andere Demarchen, die
er zu demselben Zweck durch einen Bataillonschef in Paris machen lie,
hatten noch schlimmeren Erfolg, denn vom Generalstatthalter in Rom wurde
er nun erster Leutnant des Gouverneur _gnral de Rome_. Ich fuhr, ohne
mich weiter in Rom umzusehen, nach Neapel ab, wo ich gegen Ende
September glcklich ankam.

Mein erstes war, mich bei dem Baron Csar Dery, Generalleutnant und
Kommandant der Garde-Kavallerie, zu melden und dann bei dem Baron
Livron, Oberst des Regiments. Bei beiden wurde ich wohl aufgenommen,
worauf ich bei alten Bekannten meine Privatvisiten machte. Helene befand
sich mit ihrem Mann jetzt auf der Insel Capri, wo ich sie einigemal
besuchte, auch kam sie fast jede Woche nach Neapel zu einer Freundin, wo
wir dann intime Zusammenknfte hatten. Bei dem Regiment waren die
meisten Offiziere Franzosen, namentlich in den hheren Graden, nur
wenige Neapolitaner waren in demselben sowie bei der Garde berhaupt
angestellt. Diese, die _Casa militare del Re_ genannt, bestand damals
aus dem Stab, einem Generalkommandanten der Infanterie, einem der
Reiterei, einem Gardegrenadierregiment, einem Regiment Veliten zu Fu,
einem Bataillon Voltigeurs, der Ehrengarde (_Guardia d'onore_), den
Veliten zu Pferde, den _Cavalli leggieri_, bei denen ich stand; der
_Gensdarmeria scelta_, der reitenden Garde-Artillerie, dem Train
_d'Artillerie_, dem Genie und der Garde-Marine; auch waren noch
Garde-Veteranen und Hellebarden vorhanden. Der Dienst dieser Truppen war
im ganzen angenehm und nicht sehr beschwerlich, die Garden selbst
standen im guten Ansehen, da sie meistens aus Fremden, hauptschlich
Franzosen zusammengesetzt waren, auch sehr reiche und kostspielige
Uniformen, drei verschiedene Kostme hatten. Die Equipierung kostete
viel Geld, und denjenigen Offizieren, die nicht hinlngliche Mittel
hatten, half Murats Gromut; er machte ihnen reiche Geschenke an Pferden
und Geld. Auch der Hofstaat des Knigs von Neapel war jetzt beraus
prchtig und glnzend eingerichtet, er bestand aus einem Gromarschall
des Palastes mit vier Palastprfekten, unter denen der Herzog von
Circella war, einem Gouverneur der kniglichen Palste,
Palastadjutanten, _Marescalli degli alloggi_; Grokammerherr war der
Frst Colonna mit einem halben Hundert Kammerherren, meistens Principi,
Herzoge, Marquis, Grafen und Barone; ein Grostallmeister mit zwanzig
Unterstallmeistern, gleichfalls Principi und so weiter. Ein
Pagengouverneur mit einem Untergouverneur, ein Dutzend Professoren,
unter denen sogar ein Lehrer der deutschen Sprache, ein gewisser Moser,
war, einige dreiig Pagen, ein Grojgermeister mit einem halben Dutzend
Oberjgermeistern, ein Grozeremonienmeister nebst Zugehr, ein
Kardinal-Groalmosenier, ein Bischof von Nola, Oberalmosenier, dreiig
Almoseniere und Kaplne, aber noch bei weitem nicht genug, um all die
vielen und groen Snden des Hofes zu absolvieren. Die Knigin Karoline
hatte auerdem ihren eigenen Almosenier, den Erzbischof von Tarent; ihr
Ehrenkavalier war Frst d'Angri, eine besondere Ehrendame eine Dame
d'Atour und ein Viertelhundert Palastdamen, unter denen die berhmtesten
Namen Italiens, wie die Doria, Colonna, Imperiali, Spinelli, Carignani
und so weiter figurierten, die wunderschne Herzogin von Atri
(Giuglietta Colonna) und die nicht minder schne Marchesa Cavalcanti,
auch eine Catharina von Medicis waren. Die kniglichen Kinder hatten
ihre Gouverneure, Gouvernanten und so weiter, und in diesem Verhltnis
war das zahlreiche Unterpersonal des Hofes organisiert. Zu den grten
Hoffesten und Bllen wurde auerdem der zahlreiche neapolitanische Adel,
die angesehensten Brger der ganzen Stadt, alle Garde- und andere
anwesende Offiziere gezogen. Auerdem hatte Murat einige dreiig
Adjutanten und Ordonnanzoffiziere, unter den letzteren viele Italiener.
Das Hofleben war in hohem Grad rauschend, ppig, pomps, und die
Toiletten der Damen zeigten eine orientalische Pracht und Verschwendung,
wobei die Knigin den Ton angab und in mehr als einer Hinsicht das
Muster war, nach dem sich ihre Damen und die vornehmen Frauen der
Residenz richteten.

Meine Equipierung kostete mich nahe an zehntausend Franken, drei Pferde
inbegriffen. Glcklicherweise hatte ich einen ziemlich vollen Beutel mit
von Paris gebracht, und wenn es fehlte, half Vetter Moritz aus; brigens
war das Gehalt ansehnlich.

Murat selbst war, als ich in Neapel ankam, noch mit einem Teil der Garde
in Kalabrien; er hatte geraume Zeit vor mir Paris verlassen,
projektierte eine Landung in Sizilien und hatte deshalb bedeutende
Streitkrfte in der Sohle des italienischen Stiefels und der Gegend von
Reggio versammelt. Drei franzsische Divisionen, eine neapolitanische,
ein groer Teil der Garden, in allem einige zwanzigtausend Mann, waren
bestimmt, das Wagstck zu unternehmen. Lamarque und Partonnaux, welche
unter dem Knig kommandierten, waren mit ihren Divisionen zur
Einschiffung bereit, nachdem vorher einige teils glckliche, teils
unglckliche Gefechte zur See mit den Englndern stattgefunden hatten.
Am Phar von Kalabrien lagen eine groe Anzahl Transportschiffe und
mehrere Kanonierschaluppen vor Anker. Das Heer kampierte an der Kste
der Meerenge von Messina, die Garden und die Reservedivision im Zentrum,
Partonnaux befehligte rechts und Lamarque links von Szilla. Eine
bedeutende englische Seemacht von fnf Linienschiffen, sechs Fregatten,
mehreren Briggs und Kanonierschaluppen hatte sich zwischen dem Phar und
Messina aufgestellt, verursachte der neapolitanischen Marine groen
Schaden und hatte schon manches Konvoie derselben weggenommen oder
versprengt, auch in Amalthea viel Unheil angerichtet. Endlich, nachdem
es, den Englndern zum Trotz, gelungen war, eine hinlngliche Anzahl
Schiffe in der Nhe des Lagers zu vereinigen und die quinoktialstrme
den Feind gentigt hatten, sich in die Hfen von Sizilien
zurckzuziehen, bestimmte Murat die Nacht vom 17. auf den 18. September
zur Landung in Sizilien. Drei Regimenter leichter Infanterie, ein
Regiment neapolitanischer Jger nebst einem Bataillon Korsen wurden
gegen Mitternacht eingeschifft und landeten gegen zwei Uhr Morgens zu
San Stefano in Sizilien. General Cavaignac, der diese Division
befehligte, glaubte, da ihm der Rest der Armee unmittelbar folgen
wrde, griff sogleich alle ihm im Wege stehenden Posten an, von denen
viele aus Englndern bestanden, die mehrere Regimenter in Sizilien
hatten, und marschierte dann mit seiner Kolonne bis Duchessa vor; allein
whrend er sich mit dem Feind herumschlug, war eine gnzliche Windstille
eingetreten, wodurch sowie durch die Strmungen im Kanal die brigen
Truppen am Abfahren verhindert wurden. Murat selbst hatte sich
eingeschifft und blieb bis zum Tag in seiner Schaluppe. Vergeblich auf
gnstigen Wind hoffend, lie er endlich den schon bergesetzten Truppen
das Zeichen geben, wieder zurckzukehren. Als der englische General
Stuart, der diese Landung fr einen fingierten Angriff hielt, berzeugt
war, da die anderen Truppen unmglich nachkommen konnten, ging er auf
San Stefano los, um die ausgeschiffte Division abzuschneiden. Diese
Truppen wurden nun handgemein, und Cavaignac mute sich vor der groen
bermacht Hals ber Kopf an das Ufer des Meeres zurckziehen, wo man
sich in der grten Unordnung unter dem feindlichen Feuer einschiffte.
Zum Unglck war ein groer Teil der Transportschiffe schon wieder an die
Ksten von Kalabrien zurckgekehrt, und ein Teil der Division, von
Oberst Ambrosia befehligt, mute die Waffen strecken und sich gefangen
geben. Mit einem Verlust von wenigstens eintausendfnfhundert Mann und
vielen Verwundeten kamen die brigen wieder auf dem festen Land an.
Dieser schlimme Ausgang des ersten Landungsversuchs auf Sizilien
entmutigte Murat und die Truppen. Kurz darauf machte ein Tagesbefehl dem
Heer bekannt, da Napoleons Verlangen bereits ein Genge geschehen,
indem dessen Absicht nur gewesen sei, die Streitkrfte der Englnder auf
diesen Punkt zu ziehen, um die ntigen Verstrkungen unangefochten nach
der Insel Korfu schicken zu knnen, und da vorerst die Expedition nach
Sizilien verschoben werde. Wenige Tage darauf wurde das Lager
abgebrochen, die Schiffe und die Garden kehrten nach Neapel zurck, wo
auch Murat etwas verstimmt und ungehalten ankam. ber die Ursache der so
schnellen Aufgabe dieses Unternehmens wurden mancherlei Vermutungen
ausgesprochen, viele wollten sie einem geheimen Befehl Napoleons
zuschreiben, der nicht gerne sehe, da sein Schwager allzumchtig wrde
und den er schon mit mitrauischen und neidischen Augen betrachte.
Soviel ist sicher, da seit jener Zeit ein Miverstndnis zwischen den
beiden Schwgern bestand, das immer mehr Wurzel fate.

Um dem noch immer in Kalabrien wenigstens teilweise bestehenden
Brigantenunfug zu steuern und ihn endlich auszurotten, nahm die
Regierung Murats ein System an, welches hauptschlich darin bestand, da
man die Einwohner Kalabriens selbst fr die in dem Gebiet ihrer Kantone
von den Briganten begangenen Untaten verantwortlich machte. Die
regulren Truppen wurden jetzt nur noch dazu verwendet, die Einwohner zu
zwingen, die Insurgenten selbst zu bekmpfen, zu fangen und
auszuliefern, widrigenfalls man sie als deren Helfershelfer ansehen und
bestrafen wrde. Diese Maregeln in Ausfhrung zu bringen, wurden zehn-
bis zwlftausend Mann in alle Teile Kalabriens verlegt. Das Dekret,
welches deshalb erschien, war sehr streng und grausam, und lie auch
Spielraum zu ungestrafter Befriedigung der Privatrache. Es wurden Listen
mit Namen von Familien, als des Einverstndnisses mit den Briganten
verdchtig, angefertigt, und ein jeder, der ein solches Individuum
ttete oder gefangen ablieferte, erhielt eine Belohnung von zwanzig bis
fnfundzwanzig Dukati, war es aber ein Brigantenchef, so empfing er
fnfhundert Dukati. Wer den Insurgenten oder ihren Helfershelfern irgend
etwas, sei es an Nahrung, Kleidung, Munition, Geld und so weiter
zukommen oder sie entwischen lie, wurde augenblicklich erschossen. Der
General Manches, ein sehr harter und heftiger Mann, wurde mit der
Vollziehung dieses Dekrets beauftragt und vollzog es ohne alle Schonung.
Die Folgen waren, da viele Tausende der Einwohner, sich nicht mehr
sicher whnend oder Privatfeinde habend, nach Sizilien entflohen. Aber
diese harte Maregel hatte so ziemlich den erwnschten Erfolg; das
Brigantenwesen hrte bald fast gnzlich auf, und man konnte endlich
ziemlich sicher in ganz Kalabrien umherreisen. Freilich waren zahlreiche
Familien das Opfer fr ein einziges ihrer Mitglieder geworden, das sich
etwas hatte zuschulden kommen lassen; denn Eltern, Geschwister und
andere Anverwandte muten das Vergehen des einen ben. Aber das Land
war doch endlich nach fnf Jahren ziemlich beruhigt; so lange hatte der
grausame Brigantenkrieg gewhrt, eine sich ewig erneuernde Hyder, die
unaufhrlich von Sizilien aus alimentiert wurde.

Eines der gefhrlichsten Brigantenhupter war zuletzt der sogenannte
Brigantenfrst Baron Bittiglioni gewesen, der mit groer Verwegenheit in
Salerno sein Wesen trieb, ohne da jemand geahnt hatte, da er einer der
Haupturheber der Brigantenstreiche war. Endlich kam man diesem schlauen
Fuchs, der alle Gestalten annahm, doch auf die Spur. Er wurde nebst
mehreren seiner Offiziere aufgehoben und samt seinem ganzen Anhang zum
Tode verurteilt. Viele Individuen aus den ersten Familien zu Neapel
waren mit in diese Geschichte verwickelt, und ihre Hupter traf dasselbe
Urteil. Murat verwandelte jedoch die Todesstrafe in lebenslngliches
Gefngnis oder Kettenschleifen, zehnmal schrecklicher als der Tod. Mit
der Rckkehr des alten Knigshauses (1815) wurden aber die noch Lebenden
wieder frei und sogar belohnt.

Ungefhr zu dieser Zeit war es, da sich in Kalabrien die berchtigte
Sekte der Karbonari bildete, hauptschlich durch die erwhnten strengen
Maregeln sowie durch die abscheulichen Grausamkeiten des General
Manches hervorgerufen, welche die Einwohner zwangen, sich so geheim als
mglich zu verbinden, um dieser Tyrannei das Gleichgewicht zu halten und
ihr wo mglich die Spitze zu bieten. Bald hatte sich dieser geheime Bund
im ganzen sdlichen Italien verbreitet und wurde sogar von dem
Polizeiminister Maghella, einem gebornen Genueser, der frher an der
Spitze der Polizei der ligurischen Republik gestanden, unter der Hand
wenn nicht gerade begnstigt, doch geduldet, wenigstens wollte er
durchaus das Bestehen des Bundes ignorieren oder die Sache mindestens
als eine unbedeutende Kinderei dargestellt wissen. Irrig ist es aber,
da er der Stifter des Karbonarismus gewesen, wie mehrfach behauptet
wurde; ein sizilianischer Edelmann aus Palermo namens Caravante war,
wenn vielleicht auch nicht der erste Grnder, doch zuverlssig der
Stifter und Verbreiter der Sekte in Kalabrien. Noch immer gab es viele
zersprengte Reste der frheren Brigantenbanden, die sich in die
unzugnglichsten Wald- und Bergschluchten, von denen sie allein eine
genaue Kenntnis besaen, geflchtet hatten. Diese wurden nun frmliche
Raubmrder und die Plage der Gegenden, in deren Nhe sie sich
aufhielten. Die schon bestehenden Karbonari, deren Zweck jetzt war, das
Land von der fremden Herrschaft zu befreien und ihm eine mglichst
demokratische Verfassung zu geben, wurden vonseiten der Englnder in
Sizilien und der dortigen Regierung mglichst untersttzt und ihnen an
die Hand gegeben, sich der noch in den Wildnissen vorhandenen Briganten
zu ihren Zwecken zu bedienen. Den Namen Karbonari (Kohlenbrenner)
erhielten sie, weil sich die ersten Mnner dieser Sekte als solche
verkleidet in Wldern verbargen und ihrer Sicherheit wegen und dem
Anschein nach dieses Gewerbe trieben; deshalb hatten sie auch ihre
Embleme, Benennungen und geheimen Erkennungszeichen von dem Gewerbe der
Kohlenbrennerei entnommen, nannten ihre Versammlungsorte _Baracca
vendita_ und so weiter, teilten sich nach Art der Freimaurer in
verschiedene Grade, anfangs nur in zwei, spter in vier ein, und machten
den heiligen Theo zu ihrem Schutzpatron. Dies war das erste Entstehen
des Karbonarismus, von dem man soviel gefabelt und soviel Albernheiten
erzhlt hat, und dessen Ursprung man bald in den Hochgebirgen
Schottlands vor Jahrhunderten finden, bald von deutschen Khlern,
vielleicht gar von denen, welche den schsischen Prinzenraub
verhinderten, und hnlichen Dingen ableiten wollte.

Eine Verordnung, welche Murat zu jener Zeit erlie, um sich durch
dieselbe unabhngiger von Napoleon und selbststndiger zu machen,
besagte, da in Zukunft alle Auslnder, die in neapolitanische Dienste
treten oder in diesen bleiben wollten, das neapolitanische Brgerrecht
erwerben mten. Als dies der Kaiser der Franzosen erfuhr, wurde er
wtend, und dekretierte sogleich, da allen Franzosen, als Murats
Landsleuten, dieses Brgerrecht von selbst zustnde und sie es nicht
erst zu erwerben htten, um Zivil- und militrische Anstellungen im
Knigreich Neapel bekleiden zu knnen.

Da ich whrend meines nun beinahe zweijhrigen ununterbrochenen
Aufenthaltes in Neapel Murat und seinen Hof sehr genau kennen zu lernen
Gelegenheit hatte, so will ich hier in Krze das Wichtigste und
Interessanteste, den Knig, seine Gattin und die Hofhaltung betreffend,
mitteilen.

Murat wurde im Jahr 1767 zu La Bastide Frontonnire bei Cahors geboren,
einem Dorf im ehemaligen Perigord und dem jetzigen Departement du Lot,
wo sein Vater Gastwirt war und in einigen Geschftsverbindungen mit der
Familie Talleyrand stand. Kaum konnte der Knabe laufen, so sa er auch
schon auf den wildesten Bauernpferden ohne Sattel und setzte bald mit
diesen ber Stock und Stein, Grben und Hecken. Sein Vater hatte ihn
erst zum geistlichen Stand bestimmt und durch Talleyrands Frsprache
eine Stelle im Kolleg zu Cahors fr ihn erlangt. Hier machte er aber
schon sehr tolle Streiche, und als er von dort nach Toulouse kam, um
daselbst den Priesterrock zu erhalten, verliebte er sich, kaum neunzehn
Jahre alt, in ein hbsches Mdchen, schlug sich, obgleich er schon ein
Abb-Mntelchen hatte, um und fr seine Schne, entfhrte und versteckte
sie und sagte hierauf dem geistlichen Stand Valet. Hierauf half er
seinem Vater eine kurze Zeit in der Wirtschaft, wo er dessen und die
Pferde fremder Fuhrleute in die Schwemme ritt, viel spielte, und zwar so
unglcklich, da er bald gentigt war, La Bastide zu verlassen. Er nahm
nun als gemeiner Reiter Dienst in dem zwlften Chasseurregiment. Der
Ex-Abb war einer der schmucksten Kavalleristen im Regiment und wute
sein Ro so trefflich zu tummeln, da er bald zum _Marchal de Logis_
(Sergeant) avancierte. Wegen einer Insubordination gegen einen im ganzen
Korps verhaten Offizier, einen Gamaschen- und Zopfheld der alten Zeit,
wurde er aber kassiert und mute das Korps verlassen, brachte wieder
eine Zeitlang bei seinen Eltern zu, deren Gste bedienend, eilte aber,
nachdem die Revolution ausgebrochen war, nach Paris, wo er Dienste in
der konstitutionellen Garde des Knigs nahm, die Partei der
Revolutionren mit allem Feuer ergriff und jeden Tag Hndel und
Raufereien deshalb hatte. Kurz vor der Auflsung dieses Korps wurde er
als Unterleutnant zu dem dreizehnten Chasseurregiment versetzt und
zeichnete sich bei demselben fortwhrend hchst exaltiert fr die neue
Freiheit aus, so da man ihm den Namen Marat beilegte, den er einige
Zeit fhrte. Whrend der Schreckenszeit avancierte er bis zum
Rittmeister, und 1794 wurde er Oberstleutnant. Gleich Bonaparte nach dem
9. Thermidor abgesetzt, wurde er mit diesem bekannt, und mit ihm wieder
angestellt, untersttzte er ihn den 13. Vendemiaire in der Verteidigung
des Konvents. Als Bonaparte Obergeneral der Armee in Italien wurde, nahm
er Murat als seinen Adjutanten mit. Durch ihn berschickte er dem
Direktorium einige zwanzig den sterreichern abgenommene Fahnen, und da
er sich in verschiedenen Gefechten durch seine persnliche Tapferkeit
sehr ausgezeichnet hatte, so ward er nun zum Brigadegeneral ernannt und
auch bei diplomatischen Verhandlungen, wie am Hof zu Turin wegen des
Friedens, zu Genua, wo er es bei dem Dogen durchsetzte, da dieser den
sterreichischen Gesandten auswies und so weiter, verwendet. Noch tat er
sich durch verschiedene glnzende Waffentaten an der Spitze der Reiterei
hervor, war mit Bonaparte auf dem Rastatter Kongre, wollte durchaus den
dort von den sterreichischen Husaren auf hhere Anstiftung an dem
franzsischen Gesandten schndlich begangenen Meuchelmord auf das
blutigste gercht wissen, und ging dann nach dem Kirchenstaat ab, dort
ausgebrochene Emprungen zu dmpfen. Bald darauf begleitete er Bonaparte
nach gypten, wo er sich abermals sehr auszeichnete, namentlich bei der
Verfolgung der Mamelucken. Bei dem Sturm von Sankt Jean d'Acre verlor er
seinen prchtigen Federbusch, den ihm ein Trke abgeschossen hatte und
den er lange nicht verschmerzen konnte; besonders da ihn die Trken, in
deren Hnde er gefallen war, als eine Siegestrophe betrachteten. Er
rchte sich aber glnzend, indem er Laffel entsetzte, die Schlacht am
Tabor mitgewann und bei den Pyramiden und in der Nhe von Gizeh ber
zwlftausend Trken mit seiner Reiterei niedermetzelte von denen einige
Tausend in das Meer gesprengt wurden und in dessen Fluten ertranken,
wobei aber Murat mehrere Wunden erhielt. Mit Bonaparte nach Frankreich
zurckgekehrt, rettete er diesen am 18. Brumaire, indem er mit einer
Grenadierkompagnie in den Rat der Fnfhundert drang und diesen
auseinander jagte. Zur Belohnung all dieser Dienste gab ihm 1808
Napoleon seine jngste Schwester, die schne Karoline, zur Frau, und
machte ihn zum Kommandanten der Konsulargarden. Nach der Schlacht von
Marengo, wo er die Reiterei befehligte und viel zum Gewinn derselben
beitrug, wurde er Gouverneur der zisalpinischen Republik und dann 1804
Gouverneur von Paris, wo er sein mglichstes zur Thronbesteigung seines
Schwagers als Kaiser der Franzosen beitrug. Nun wurde er Marschall,
kaiserlicher Prinz und Groadmiral von Frankreich. Im Krieg mit
sterreich 1805 befehligte er abermals die smtliche Reiterei, schlug
zwlftausend sterreichische Grenadiere und nahm sie bei Werdingen
gefangen; den Erzherzog Ferdinand verfolgend, drang er nach Bhmen vor,
lie abermals zwlftausend sterreicher die Waffen strecken, und hatte
allein zwischen Ulm und Nrnberg ein Dutzend sterreichischer Generle,
ein halbes Hundert Kanonen, anderthalbtausend Wagen und an
zwanzigtausend Mann gefangen. Er war es, der zuerst in Wien einrckte
und dann sehr ttig bei der Schlacht von Austerlitz war. Nun wurde er
(1806) Groherzog von Berg, zeichnete sich abermals im Krieg gegen
Preuen (1807) aus und wurde (1808) zum General _en chef_ ber das in
Spanien einrckende Heer ernannt, wo wir ihn bereits kennen lernten. Um
ihn fr die spanische Krone, die Murat zu erhalten gehofft, zu trsten,
machte ihn Napoleon zum Knig von Neapel und dadurch bald zu seinem erst
geheimen, dann offenen Feind. Murat hatte sich in den Kopf gesetzt, da
Napoleon dem zur Expedition gegen Sizilien bestimmten Anfhrer der
franzsischen Truppen geheimen Befehl gegeben habe, diese zu
hintertreiben, und da deshalb die andern Truppen dem Oberst Cavaignac
nicht gefolgt seien, weshalb er die Entfernung der franzsischen
Regimenter aus seinem Reich auf das bestimmteste von dem franzsischen
Kriegsminister begehrte, was ihm aber ebenso bestimmt abgeschlagen
wurde. Er sah jetzt in den in franzsischen Diensten stehenden Generlen
und Truppen nur noch Aufpasser, Spione und Vormnder, bestimmt, seine
Handlungen zu berwachen und eine Art Obervormundschaft auszuben; sein
Mitrauen verleitete ihn deshalb oft zu einem kleinlichen Benehmen, das
ihm in der ffentlichen Meinung auerordentlich schadete. In diesem
Unmut war es, da er das Gesetz erlie, da jeder in seinem Reich
Angestellte sich naturalisieren lassen msse, und worauf sein Schwager
mit dem erwhnten Dekret geantwortet und noch hinzugesetzt hatte, da --
in Betracht, da das Knigreich Neapel einen Teil des groen Reichs
ausmache, der Frst, der daselbst regiere, aus den Reihen der
franzsischen Armee hervorgegangen und durch franzsisches Blut auf
diesen Thron erhoben worden sei, -- Napoleon dekretiere, da alle
franzsischen Brger von Rechts wegen auch Brger von Neapel seien. Der
Schlag war geschehen und der Grund zur Feindschaft und zum Ha zwischen
den beiden Schwgern gelegt. Murat legte jetzt sein franzsisches
Ehrenkreuz und das groe Band desselben ab, und zwischen ihm und seiner
Gemahlin, welche leidenschaftlich die Partei ihres Bruders ergriff, gab
es hufig sehr heftige und rgerliche Auftritte; auch wurde sogar das
Fest zu Ehren des neugeborenen Knigs von Rom bis auf weitere Order in
Neapel vertagt. Die Kluft wurde immer grer. Murat wute, da ihn sein
Schwager in seinem Zorn, wegen der oft phantastischen Pracht seines
Kostms, einen Theaterknig genannt hatte, sowie da man ihm wegen
seiner Reiterknste den Namen des Franconi[1] der Armee beigelegt;
selbst zu Neapel hrte man ihn fters Torniero, der Name eines berhmten
Stallmeisters, nennen. Als sich der Hof mit dem Beginnen des Sommers
(1811) nach Caserta begab, zog sich Murat maulend nach Capo di monte
zurck, um sich dem Anblick der ihm jetzt verhaten Franzosen, die er
nicht hatte wegbringen knnen, zu entziehen. Tglich lie er sich
Polizeiberichte ber das Treiben der Fremden einreichen, die er sehr
sorgfltig prfte und wodurch sich sein Mimut noch steigerte. In der
Tat war er freilich nur ein Vasall oder Prfekt des groen Reichs. Von
der Knigin glaubte er, da sie geheime Instruktionen von ihrem Bruder
habe, nach denen sie handle.

[Funote 1: Ein damals berhmter Kunstreiter.]

Murats Kleidung war allerdings phantastisch genug, ja bisweilen
karikaturenartig. Bald war er als Araber, bald _ la_ Henri IV.
gekleidet. Bald trug er ein reiches polnisches Kostm, bald war sein
Anzug aus allen mglichen Lndertrachten, aus den verschiedensten Zeiten
zusammengesetzt und so weiter, aber nie durften diamantene Agraffen und
die prchtigsten und kostbarsten Federn fehlen, nie hat man hnliches
auf irgendeinem Theater gesehen. Sein Sbel oder Schwert hing in
goldenen, mit Brillanten besetzten Ceinturen herab, sein groes stolzes
Streitro hatte meistens einen trkischen Sattel und eine
reichgestickte, mit Edelsteinen bedeckte Schabracke von der kostbarsten
Arbeit, ebensolches Zaumzeug, Gebi und Steigbgel von Gold. Seine
Federn und Federbsche kosteten oft ber fnfzigtausend Franken in einem
Jahr. Da er eine schne Gestalt hatte, vortrefflich ritt und seine
persnliche, an Tollkhnheit grenzende groe Tapferkeit allgemein
bekannt war, so verglichen ihn seine Schmeichler oft mit dem Achilles,
ja nicht selten mit dem Kriegsgott Ares selbst, und seine Gegenwart
brachte vor dem Feind immer eine ungewhnliche Wirkung hervor, so auch
bei vielen Damen, die ihn wie einen Halbgott verehrten; doch gab es auch
andere, selbst an seinem Hof, die ihn als eine groartige Karikatur
betrachteten. Wenn, wie es zur Herbst- und Winterszeit fast tglich der
Fall war, in den Nachmittagsstunden die Knigin mit ihrem Hofstaat aus
den Schlotoren zur Promenade ausfuhr und diesem Wagen dann Murat zu
Pferde mit einer zahlreichen Suite und einer Abteilung der Garde zu
Pferde folgte, so war es, als wenn das wilde Heer den Palast verlie,
denn wie ein Sturmwind jagte der ganze Zug aus den Pforten ber den
Schloplatz, sauste meistens durch Toledo oder nach der Villa Reale zu,
und selten, da nicht ein oder ein paar Reiter strzten, ber welche
dann die anderen hinaussetzten. Um die Stunde, in welcher diese
hllischen Abfahrten stattfanden, war jedesmal eine groe Menge Volk auf
dem Platz vor dem Palast versammelt, das grausig-prchtige Schauspiel
anzustaunen. Ein einziges Mal war auch mir ein Pferd, jedoch nur auf die
Knie gestrzt, erhob sich aber sogleich wieder, und ich raste dem wilden
Zug nach.

Die Knigin Karoline, damals achtundzwanzig Jahre alt, war noch sehr
hbsch, obgleich sie schon vier Kinder gehabt, auerordentlich
ehrgeizig, dabei sehr lebenslustig, spann aber ebenso gerne politische
wie verliebte Intrigen, hatte viel Verstand, aber wenig Kenntnisse,
groe Charakterstrke und Energie, aber ihre Unwissenheit in
wissenschaftlicher Hinsicht war ebenso gro. Ihr Wuchs war nichts
weniger als majesttisch; sie hatte etwas hohe Schultern, zu kurze Beine
bei zu langem Leibe, auch war sie eben nicht sehr grazis und spttelte
gerne, wodurch sie sich besonders unter den Hofdamen manche geheime
Feindin machte. Bei den ersten Szenen zwischen ihr und ihrem Gatten ging
es eben nicht sehr kniglich zu, beide warfen sich dann gegenseitig ihre
gehabten Abenteuer vor, Murat schimpfte auf seinen Schwager Napoleon,
und Karoline nahm ihren Bruder in Schutz und verteidigte ihn mit groer
Heftigkeit, die nicht selten ins Gemeine ausartete. Dieses Benehmen
hatte auf den ganzen Hof, dem es wohl bekannt war, einen verderblichen
Einflu, die meisten Herren nahmen Partei fr die Knigin und die Damen
fr ihren Gatten, und es gab Anla zu tausend Unannehmlichkeiten und
Intrigen. Murat sagte, da er nicht unter dem Pantoffel stehen wolle,
und Karoline schrie, da sie, eine Schwester Napoleons, sich nicht
mihandeln und unterdrcken lassen werde. Da viele hohe Staats- und
Hofchargen von Franzosen bekleidet wurden, welche die Knigin an sich zu
ziehen gewut, so hatte dies zur Folge, da Murat sie zu entfernen und
durch ihm ganz ergebene Individuen zu ersetzen suchte, was aber seine
Frau, mit ihrem allmchtigen Bruder drohend, schlechterdings nicht
zugeben wollte; dagegen waren manche der Hof- und Palastdamen der
Knigin ein Dorn im Auge, namentlich die schne Herzogin von Atri und
einige andere, die sie entfernt wissen wollte, was wieder Murat nicht
zugab. Dies machte, da das Hofleben einen fortwhrenden sehr bissigen
Krieg darstellte und oft ein wahres Hllenleben wurde. Napoleon
charakterisierte seinen Schwager in einem Brief, den er an Karoline
schrieb, ziemlich treffend, indem er sagte: Dein Mann ist auf dem
Schlachtfeld der Tapferste, aber wenn er den Feind nicht vor Augen hat,
schwcher als ein Weib oder ein Mnch, er hat durchaus keinen
moralischen Mut.

Kurz nachdem Murat von der verunglckten Expedition gegen Sizilien aus
Kalabrien zurckgekommen war, bedankte ich mich in einer erhaltenen
Audienz bei ihm fr die mir gewordene Anstellung; es fand sich dabei
Gelegenheit, ihm in Erinnerung zu bringen, da ich ihn schon zu Madrid
und bei der Einnahme von Capri gesprochen habe, und er entlie mich mit
den Worten: _Eh bien j'espre que vous ferez votre chemin chez nous._
Da mir jetzt der Dienst in der Residenz ziemlich viel Mue lie, so
widmete ich mich wieder mehr der Musik und den schnen Wissenschaften,
las und studierte den Machiavelli und so weiter.

Es existierte auch wieder ein franzsisches Liebhabertheater, bei dem
mehrere Herren vom Hofe und einige Offiziere und Offiziersdamen, auch
eine der Palastdamen, eine junge Franzsin, Madame d'Arlincourt,
mitwirkende Teilnehmer waren und das besonders von der Knigin
protegiert und besucht wurde. Einigemal bernahm ich Liebhaberrollen bei
demselben und hatte das Glck, auch dem anwesenden Murat zu gefallen. Da
aber die Fhrung, Zusammensetzung und Austeilung der Rollen mir nicht
zusagte, zog ich mich wieder zurck und war blo noch Zuschauer;
indessen war ich dadurch in einige nhere Berhrung mit den Hofleuten
und Madame d'Arlincourt gekommen, was bald mich weiter fhren sollte.

Der Karneval von 1811 war uerst belebt und glnzend, das Volk berlie
sich dem Taumel dieses Vergngens in vollem Ma. Toledo wurde von
Masken, maskierten Carri (Wagen) und Reitern nicht leer, ebenso die
anderen Pltze und Hauptstraen. Es ist Tatsache, da zu Neapel der
Karneval im ganzen weit lebendiger, tumultuser und lrmender ist wie
der zu Rom, wenigstens so, wie ich beide sah.

Murat versumte nichts, der Vergngungssucht der Neapolitaner zu frnen.
Smtliche Theater empfingen whrend seiner Regierung Untersttzungen,
und San Carlo wurde ganz besonders gehegt und gepflegt, die besten
Snger und Sngerinnen Italiens fr die Stagione mit ungeheurem Gehalt
engagiert und Unsummen Geldes auf Kostme, Dekorationen, Maschinerie und
so weiter verwendet; lange hatten die hiesigen Bhnen keine solche
Glanzepoche gehabt wie jetzt. -- Bei Besuch des franzsischen
Liebhabertheaters hatte ich Gelegenheit gehabt, den Herrn von
Longchamps, der Kammerherr des Knigs und Oberintendant smtlicher
Theater und Schauspieler war, kennen zu lernen und mich auf einen guten
Fu mit ihm zu stellen, so da ich allen Proben beiwohnen und auch
whrend der Vorstellungen die Bhnen besuchen durfte; auch machte ich
den Vorschlag, einige Ballette in Szene zu setzen, den er mit Dank
annahm. Woran mir aber am meisten gelegen, war endlich, Mozarts
Meisterwerk, den Don Juan, auf die italienische Bhne zu bringen. In
Florenz hatte man auf meine Veranlassung sich dazu entschlossen, aber
nach sechswchigen Proben die Sache als unausfhrbar wieder aufgegeben.
Die dortigen Musiker und Snger hatten bereinstimmend geuert, diese
Musik sei nicht zum Auffhren geschaffen! -- Als ich dies gehrt,
schrieb ich dem dortigen Impressario, dem ich die Sache empfohlen hatte:
Ihr seid Esel, in Deutschland wird der Don Juan schon seit beinahe
zwanzig Jahren auf allen bedeutenden Bhnen gegeben. Die Herren wollten
aber alle nach ihrer lblichen Gewohnheit auch diese Musik _ad libitum_
singen und vortragen, italienische Schnrkeleien hineinflechten, das
Orchester sollte ihnen, wie sie es gewohnt, nachgeben, was bei einer
solchen Instrumentation, die mit der grten Przision ausgefhrt werden
mu, unmglich ist, und so erklrte man die Sache fr untunlich und gab
sie auf; dies war mit Ursache, da ich in Neapel anfnglich mit groen
Schwierigkeiten zu kmpfen hatte, um den Don Juan auf die Bhne
zubringen, was endlich nur ein knigliches Machtgebot vermochte, wie wir
bald sehen werden. Longchamps teilte mir eines Tages mit, da die
Knigin gerne ein italienisches Liebhabertheater sich organisieren she,
da sie eine besondere Vorliebe fr diese, eigentlich ihre Muttersprache
hege, und ihn beauftragt habe, womglich ein solches zustande zu
bringen. Da ich jetzt das Italienische schon ganz gelufig und
vollkommen gut sprach, so erbot ich mich sogleich, ttigen Anteil an
demselben zu nehmen, was dem Kammerherrn und Intendanten willkommen war,
da er noch niemand wute, mit dem er das Fach der ersten Liebhaberrollen
besetzen solle. Er bersandte mir ein paar Tage darauf die Titelrolle in
Goldonis Lustspiel >_l'Avventurie_<, mit welchem das neue Theater, das
die Knigin auf ihre Kosten sehr elegant im Palast hatte einrichten
lassen, erffnet werden sollte. Die Sache fiel ganz zur Zufriedenheit
der hohen Beschtzerin aus, die sich lobend ber unsere Leistungen
aussprach und auf deren Wunsch jetzt mehrere von ihren Damen ttigen
Anteil an diesen Vorstellungen nahmen, unter anderen auch die schne
Herzogin von Atri und die Marchesa Cavalcanti. Wir studierten nun noch
mehrere Lustspiele von Goldoni und auch einige Dramen ein, wodurch ich
mit den mitwirkenden Hofdamen in vielseitige nhere Berhrung kam, und
namentlich mit der Herzogin von Atri, welche die erste Liebhaberin
machte. Eines Tages sprach Longchamps mit mir von unserem Repertoir und
lie dabei vernehmen, da die Knigin den Wunsch geuert habe, einige
neue und pikante Sachen, die noch nicht allgemein bekannt seien,
auffhren zu sehen. Ich erbot mich, einige Stcke aus dem Deutschen zu
bersetzen, die sehr interessant und in Italien noch gnzlich unbekannt
seien; mein Antrag wurde mit Dank angenommen, und ich machte mich
sogleich an Schillers Fiesco, eines meiner Lieblingsstcke; da ich
indessen frchtete, die Feinheiten und Subtilitten der italienischen
Sprache nicht hinlnglich zu kennen, so suchte ich mir einen Mitarbeiter
oder eine Mitarbeiterin, um das Stck noch zu feilen, und fand sie in
der schnen Marchesa Cavalcanti, die aber auch die Rolle der Eleonore
sogleich fr sich in Anspruch nahm und die der Imperiali der Herzogin
von Atri zuteilte, whrend eine Doria, deren nicht weniger als drei
unter den Palast- oder Hofdamen waren, die Berta machte, die der
Cameriere Rosa und Arabella wurden zwei Offiziersdamen zugeteilt; da
ich mir die Titelrolle vorbehielt, war sehr natrlich, sowie da ich sie
auch recht natrlich spielte, den beiden schnen Damen recht _con amore_
meine Liebe versichernd. Nichts war unterhaltender, als die Proben
dieser Vorstellungen, deren wir unzhlige veranstalteten, bis das Stck
endlich vollkommen und zu meiner Zufriedenheit einstudiert war, und
whrend deren ich alle Mue und Gelegenheit hatte, mich mit meinen Damen
zu verstndigen, wobei ich es so zu machen wute, da eine jede von der
anderen glaubte, diese spiele in Wirklichkeit die Rolle der Imperiali.
Endlich waren wir nach einem Monat des Probierens so weit, da das Stck
in Szene gesetzt werden konnte. Dies war ein wahrer Festtag fr mich,
und noch nie hatte ich die Bretter mit einem so freudigen Gefhl
betreten; die Vorstellung, der der ganze Hof, die Minister, alle
Offiziere und hheren Beamten beiwohnten, fiel ber alle Erwartung gut
aus und war auch hinsichtlich des Arrangements und der Kostme auf das
prchtigste ausgestattet. Der Beifall war fortwhrend fast strmisch,
aber vor allem wurde die Szene des vierten Aktes donnernd applaudiert,
und der Augenblick, wo Fiesco, nachdem ihm die Imperiali mit den Worten:
_Fiesco t'adoro_ gestanden, wie sehr sie ihn liebe, die Draperien
wegziehend, seine Gemahlin vorfhrend sagt: _Mi spiace, signora! Ecco
mia moglie una donna celeste!_ erschtterte das ganze hohe Publikum so
gewaltig, da es seinem Gefhl mit einem anhaltenden und donnernden
_bravissimo_ Luft machte, was freilich mehr auf Rechnung des
unsterblichen Schiller als der Darsteller zu setzen war. Auch der Mohr
Hassan, dessen Rolle ein neapolitanischer Offizier machte, erntete
groen Beifall. Murat war so entzckt von dem Stck, da er es dreimal
wiederholen lie und mich selbst aufforderte, noch mehrere dergleichen
zu bersetzen. Ich machte mich nun an den Don Carlos, aber in Prosa,
wodurch er natrlich verlieren mute; dennoch gefiel er ungemein.
Freilich war die schne Cavalcanti eine unvergleichliche Elisabeth sowie
die Herzogin von Atri eine nichts zu wnschen brig lassende Eboli; den
Posa hatte ich mir vorbehalten. Da auch dieses Stck gefiel, so munterte
mich Murat noch mehr zu hnlichen Unternehmungen auf, machte mir einen
kostbaren Brillantring zum Geschenk und teilte mich provisorisch seinen
Ordonnanzoffizieren zu, wodurch ich alles anderen Dienstes jetzt
enthoben war und mich ganz der Kunst widmen konnte. Ich bersetzte nun
noch Zschokkes Abllino, Kotzebues Don Ranudo de Colibrados, die
Indianer in England, Pagenstreiche, den Wirrwarr, die Kreuzfahrer, die
mit Hilfe der Feile meiner Mitarbeiterin alle gefielen und wiederholt
werden muten, und Murat uerte einmal: Nimmermehr htte ich geglaubt,
da die Deutschen so reich an solchen dramatischen Produkten seien, die
es mit den besten Werken Racines, Corneilles und Molires aufnehmen
knnen. Don Ranudo de Colibrados gefiel ihm ganz besonders, er konnte
sich nicht satt daran sehen. Aber damit nicht zufrieden, setzten wir
bald auch Opern in Szene und debtierten auf meine Veranlassung mit
Figaros Hochzeit von Mozart, in welcher ich den Figaro sang und eine
ganz allerliebste Susanna in einer Doria hatte. Bei den Opern waren
jedoch weit grere Schwierigkeiten zu berwinden, und sie kamen daher
nur selten zur Auffhrung, dagegen hatte ich mehrere groe Ballette
geschrieben und die Musik dazu, meistens deutschen Opernmelodien
entnommen, arrangiert. Murat hatte sich geuert, da, sobald sich eine
passendere Stelle fr den Oberintendanten Longchamps finden wrde, er im
Sinne habe, mir die Direktion der Theater zu bergeben. Auch fr die
kniglichen Kinder, zwei Prinzen und zwei Prinzessinnen, lie ich nun
nach meinen Angaben ein kleines Puppentheater anfertigen, das mit einer
bewundernswrdigen, auf Kupferrdern und Stahlfedern laufenden
Maschinerie versehen war, die ein vorzglicher Mechaniker verfertigt
hatte und wodurch ganze Heere kleiner Soldaten und Reiterei sehr
natrlich in Bewegung gesetzt wurden, alle mglichen Evolutionen und
Schwenkungen machten, auch ein Seesturm mit Schiffbrchen vortrefflich
dargestellt werden konnte. Die Dekorationen waren alle von dem berhmten
Gioja gemalt. Dieses Theater, das ein paar tausend Dukati kostete,
machte den kniglichen Kindern unendlich viel Spa, und 1815 und 1816
lie man es sogar fr Geld in Paris sehen.

ber alle Beschreibung prchtig waren die groen Maskenblle, welche
Murat damals in dem schnen Theater San Carlo gab und zu welchen er an
viertausend Einladungskarten austeilen lie. Bei diesen Ballfesten
durfte man nur in Charaktermasken oder mindestens bunten Dominos --
schwarze waren gleich Zivilkleidern ganz verpnt -- erscheinen. Man
denke sich das schnste und herrlichste Theater der Welt, in dem jeder
Palcho einen kleinen, hchst elegant mblierten Salon, mit Trumeaus,
Diwans, Armleuchtern, kleinen Lstern und kostbaren Draperien versehen,
bildet, in dem mehr als viertausend Kerzen sind, alle an Armleuchtern
vor Spiegeln an den festonnierten Pilastern oder Karyatiden, welche die
Logen trennen, brennend, und diese Lichter durch den tausendfachen
Widerschein der Spiegel millionenmal vermehrt, dazu die reichen,
geschmackvollen Vergoldungen und Verzierungen des Saales, die ungeheure
Bhne in einen transparenten Feengarten, Tempel oder Saal verwandelt, in
smtlichen Logen die reichsten, prchtigsten und elegantesten Masken,
die Damen mit Diamanten und Rubinen, Smaragden und anderen Edelsteinen
berst, so da das Blitzen und Flimmern der Agraffen und des Kopfputzes
die Augen blendete; Murat selbst mit seiner imponierendem phantastisch
gekleideten Figur, sowie die Knigin mit ihrem zahlreichen Hofgefolge im
hchsten Putz und Schmuck, dann das Wogen eines Federn- und Blumenwaldes
der sich drngenden und tanzenden Masken unten im Saal, alles von einer
unaufhrlich rauschenden, wohl an zweihundert Instrumente starken Musik
begleitet, und man wird es natrlich finden, da die meisten Personen,
die zum erstenmal dieses Schauspiel sahen, kaum in einer halben Stunde
von ihrer Betubung und Verblendung wieder zu sich kommen konnten, denn
man war verblendet und betubt zu gleicher Zeit. Was war dagegen ein
Pariser Ball in der Groen Oper und das Haus selbst! -- Gleich nach
Mitternacht wurde in allen Logen ein schwelgerisches Souper, alles auf
knigliche Kosten, serviert, und in den illuminierten Lauben auf der
Bhne wurden fortwhrend alle mglichen Erfrischungen und jedem
gereicht, was er begehrte. Bei einem dieser wirklich magischen Feste
hatte ich einen Zug und eine Quadrille, Masettos Hochzeit aus dem Don
Juan darstellend, arrangiert und dabei, so wie wir eintraten, das
Champagnerlied von den rauschenden Orchestern spielen lassen, was eine
nicht zu beschreibende Wirkung auf alle Anwesenden hatte und mit daran
schuld war, da ich bald darauf die Auffhrung von Mozarts Meisterwerk
durchsetzte. Ich hatte ein allerliebstes Zerlinchen, die Marchesa
Cavalcanti am Arm; Donna Octavia, Donna Elvira, Donna Anna, Don Gumann
und selbst der Geist fehlten nicht; Leporello trug mein fast mannsdickes
Register unter dem Arm, und mehr als dreiig reich gekleidete Lakaien
umgaben uns mit beinahe drei Schuh hohen Champagnerglsern, in deren
jedes der Inhalt einer Flasche ging, andere trugen die zierlichen
lackierten Flaschenkrbe, und unaufhrlich wurde der Champagner, Ros
und Ai, den Ballgsten in diesen Glsern kredenzt, bis sich der Zug in
eine Quadrille auflste. Auf diesem Ball hatte ich noch ein ganz eigenes
Abenteuer zu bestehen. Ich hatte mein hbsches Zerlinchen, die Marchesa
Cavalcanti, deren Gatte einer der kniglichen Stallmeister war, beredet,
das Fest auf eine halbe Stunde mit mir zu verlassen, um in einem nahen
Kaffeehaus in einem Kabinett ein Glas Eis _tte--tte_ mit mir zu
nehmen. Wir entfernten uns, nachdem wir ein paar Dominos bergeworfen,
heimlich zu Fu, glaubten uns aber, nachdem wir San Carlo verlassen
hatten, verfolgt, und zwar von einer Maske, die wir fr den Marchese
hielten. Ihr zu entgehen, bog ich schnell um eine Ecke, wo eine einzelne
Schildwache stand, der ich mich als einen Offizier von der Garde zu
erkennen gab und sie bat, zu gestatten, da ich die bei mir habende
Maske nur auf zwei Minuten in dem Schilderhaus verbergen drfe, und ohne
des Soldaten Antwort abzuwarten, lie ich die Dame ins Schilderhaus
treten und folgte ihr. Kaum waren wir darin, als die uns verfolgende
Maske vorberrannte. Nachdem wir sie entfernt genug glaubten, wollte ich
das Schilderhaus wieder verlassen, aber in demselben Augenblick kam eine
Offiziersronde, die, nachdem sie die Schildwache angerufen, erkannt und
dann herangekommen war, auf einmal sagte: Kerl, da regt sich ja was im
Schilderhaus! -- Die Marchesa hatte niesen mssen. -- Der Soldat
versetzte ganz verlegen: Ich glaube, Sie irren sich. -- Das wollen
wir doch sehen, erwiderte der Offizier und trat an das Schilderhaus,
aus dem ich aber sogleich heraustrat, den Offizier beiseite nahm, mich
ihm zu erkennen gab, ihm, natrlich ohne einen Namen zu nennen,
mitteilte, was vorgegangen, worauf er sich lachend entfernte. Wir fanden
jedoch fr gut, auf den Ball zurckzukehren und uns daselbst recht
bemerkbar zu machen, so da der zurckgekehrte Marchese, denn er war es
allerdings gewesen, seine Frau ganz erstaunt anblickte und ein: Das
geht nicht mit rechten Dingen zu! ausstie. -- Ei was denn, _mio caro
marito_? fragte ihn die Marchesa. -- Nun, ich werde schon noch
dahinter kommen, erwiderte der Herr Gemahl, und dabei blieb es denn, er
kam nicht dahinter, indem wir, gewarnt, sptere Zusammenknfte weit
vorsichtiger veranstalteten. Auch die Hoffeste, zu denen ich jetzt immer
eingeladen wurde, waren beraus prchtig. Eines Tages, als ich zum
erstenmal zur Tafel gezogen wurde und in einem offenen Wagen in groer
Uniform, weien Kaschmir-Beinkleidern und gelben Stiefeln lngs den Kais
nach dem Palast fuhr und das Meer sehr aufgeregt und strmisch war,
schlug der Schaum einer Welle in den Wagen und machte mich von oben bis
unten na. Jetzt war guter Rat teuer, ich hatte die Zeit sehr przis
abgemessen, konnte aber doch unmglich in diesem Zustand im Schlo
erscheinen, lie also auf der Stelle umwenden, fuhr nach Gies nuovo, wo
mehrere Offiziere von meinem Regiment wohnten, lieh von einem und dem
anderen, was ich bedurfte, kleidete mich Hals ber Kopf um, jagte in
voller Karriere nach dem Palast, wo ich noch zu rechter Zeit ankam, und
konnte nun triumphierend mit einem Hofmarschall Kalb wenn auch nicht
und bin noch der erste in der Antichambre, doch und kam gerade noch
zur Suppe ausrufen. Ich erzhlte meine Aventre einigen Hofdamen, die
mich bedauerten, und Murat, der sie auch erfuhr, lachte dazu.

Um gerecht zu sein, mu ich jedoch eingestehen, da Murat trotz seiner
Vergngungs- und Prunksucht vieles Gute und selbst Treffliches whrend
seiner kurzen Regierung in Neapel veranlate. Er lie der Universitt
eine neue und weit bessere Organisation geben, fhrte das Dezimalsystem
in Ma und Gewicht ein, untersttzte den Ackerbau und namentlich den
Tabaksbau, hob die Industrie, grndete mehrere Wohlttigkeitsanstalten
und brachte in das sonst so trge neapolitanische Volk mehr Leben. Das
Heer brachte er bis auf fnfzigtausend Mann unter den Waffen, die gut
eingebt wurden, und obgleich er ein groer Freund der Damen war, so
konnte sich doch keine rhmen, eine ausschlieliche Herrschaft auf
ihn auszuben oder auch nur politischen Einflu auf die
Staatsangelegenheiten zu haben, obgleich er ihnen sonst nicht leicht
etwas abschlug und jede Privatbitte gewhrte, wenn es in seiner Macht
stand. Indessen fielen doch fters ziemlich eklatante Skandalosa bei Hof
vor, und auch Karoline hatte fortwhrend Intrigen, namentlich waren ihr
die Stallmeister und Kammerherren nicht gleichgltig. Ihr Hofleben zu
Caserta war eben nicht das musterhafteste und hatte groen Einflu auf
das ohnehin schon sehr sittenlose neapolitanische brgerliche Leben. Die
geheimen und galanten Hofgeschichten zu Caserta wrden allein dicke
Bnde fllen. Murat hatte sehr viel fr die Verschnerung dieses
herrlichen Schlosses getan. Auch die Knigin liebte sehr den Putz und
die Moden, von denen sie die neuesten immer per Kurier aus Paris kommen
lie; ihre Damen muten immer in der elegantesten Toilette erscheinen,
und wenn diese den oft gleich einem Orlando furioso in seinen
wunderlichen Kostmen zu Pferde dahinrasenden Knig _un bel uomo_
nannten oder gar im Enthusiasmus ausriefen: _Oh quant'  bello il
nostro Re!_, so flsterten viele Herren: _Oh quant'  bellina la
nostra Carolina!_ Der Hofintrigen waren unzhlige, auch nicht eine der
jngeren Damen, von der ersten Palastdame bis zur Cameriera, die nicht
ihren Liebhaber gehabt htte. Einigemal hatte ich auch whrend der
Karnevalszeit frhere Bekanntschaften, namentlich Isaura und die hbsche
Apothekerin auf Festinis getroffen, doch erneuerte ich sie nicht, und es
blieb bei nichtssagenden Hflichkeiten und leeren Artigkeiten. Die dem
Karneval folgende Fastenzeit war nicht ohne Unterhaltung; bei Hofe gab
es Konzerte und musikalische Soireen, in welchen Dilettanten sich hren
lieen, und ich brachte es bald dahin, da einzelne Morceaus aus dem Don
Juan, der Zauberflte, dem Titus und dem Opferfest vorgetragen wurden,
die smtlich gut einstudiert waren und daher groen Beifall erhielten.
Da meine Stimme einen groen Umfang hatte, so konnte ich auch ziemlich
hohe Tenorpartien, ohne da sie transponiert zu werden brauchten,
singen, unter anderen die Aria des Tamino: >Dies Bildnis ist bezaubernd
schn< und so weiter. Whrend der Fastenzeit machte ich tglich Besuche
in den Kirchen Neapels, um die Schnen zu bewundern, die nun durch
Knien, Beten und Fasten ihre Karnevalssnden abzuben und Vergebung
derselben zu erhalten hofften, um -- aufs neue zu sndigen. Nach den
Fasten begab sich der Hof nach Caserta, aber Murat, der mit seiner
Gattin und seinem Schwager fortwhrend schmollte, ging, wie ich schon
erwhnte, nach Capo di Monte. Zu Caserta merkte man jedoch wenig von den
Mihelligkeiten des kniglichen Ehepaars. In dem herrlichen Garten
dieses Schlosses hatte ich nun fters geheime Zusammenknfte mit der
schnen Marchesa Cavalcanti. Eines Morgens frh traf ich sie daselbst in
einer Allee in einem ziemlich lauten Wortwechsel mit einer anderen
Hofdame, ihrer Vertrauten, begriffen und hrte sie noch die Worte sagen:
Nein, diese Unverschmtheit ist zu gro, so etwas wrde sich kein
Franzose erlaubt haben. Als sie mich erblickte, eilte sie auf mich zu
und empfing mich mit den Worten: Stellen Sie sich vor, welche
Impertinenz mir soeben der Duca de Laviani (ebenfalls ein Stallmeister
des Knigs und Eskadronschef) gemacht. Unter dem Vorwand, mir eine
wichtige, die Knigin betreffende Sache mitteilen zu mssen, hatte er
mich hierher beschieden, und whrend ich nun ganz Ohr bin, um zu hren,
was es sei, das Ihro Majestt betrifft, nimmt er mich pltzlich beim
Kopf und will mich mit Gewalt kssen, der unausstehliche hliche alte
Pavian. Ich springe zurck, verteidige mich, so gut ich es vermag, und
schreie um Hilfe; glcklicherweise kommen ein paar Kammerfrauen
herbeigesprungen, die sich in der Nhe befanden, und der Signor Duca
luft brummend und fluchend davon. -- Ist das wohl ein Betragen fr
einen Offizier und Edelmann? -- Was sagen Sie dazu?

Da es die empfindlichste Strafe und Genugtuung fordert, und wenn Sie
es mir gestatten, so bernehme ich die Ausfhrung fr beides.

Ja, Sie sind ein Franzose oder Tedesco, gleichviel, sagen Sie ihm
tchtig die Meinung, Sie sind ein _galant' uomo, ein uomo d'onore_. --
Mit der Meinung allein, Illustrissima, ist es nicht genug, ich werde
noch ein anderes Wort mit ihm sprechen. -- Whrend ich, mit der
Marchesa redend, die Allee hinab gehe, wird diese pltzlich ganz bleich,
zittert und ruft aus: _Eccolo!_ Ich erblickte nun ebenfalls den
Laviani am Ende des Baumganges, eiligst um eine Ecke biegend, setzte ihm
auf der Stelle nach, donnerte ihm ein Halt! zu und brachte ihn so zum
Stehen. Ich ersuchte ihn nun, mir zur Marchesa zu folgen, und da er sich
nicht gleich gutwillig dazu verstehen wollte, so zwang ich ihn dazu,
indem ich ihm sagte: wohlan, so werden Sie mir sogleich an einen
anderen Ort folgen. Bei der Dame angekommen, hielt ich ihm in deren
Gegenwart sein Benehmen gegen sie in ziemlich derben Worten vor und
ersuchte ihn, dieselbe in meiner Gegenwart um Verzeihung zu bitten; da
er Ausflchte suchte, so erklrte ich ihm in drren Worten, er habe nur
die Wahl, die Signora um Vergebung zu bitten, oder mir Satisfaktion zu
geben, da ich mich einmal der Sache angenommen und er sich zu hten
habe, da sie vor den Knig komme, der, wie er wohl wisse, am
allerwenigsten Poltronerie verzeihe. Dies wirkte, Laviani wurde sehr
geschmeidig und bat die Dame mit den Worten um Verzeihung, die ich ihm
vorsagte, worauf er sich, noch etwas in den Bart brummend, entfernte.
Als er weg war, sagte die Marchesa zu mir: Seien Sie jetzt auf Ihrer
Hut, Laviani ist ein ebenso rachschtiger und heimtckischer als feiger
Mensch. Wir spazierten noch einige Zeit in den Grten von Caserta
herum, und ich empfahl mich endlich mit einem: _A rivederci!_ Einige
Tage darauf erfuhr ich durch den Kapitn d'Arlincourt, der ebenfalls
Ordonnanzoffizier und Stallmeister war, da Laviani den Vorfall zu
Caserta ganz zu seinen Gunsten herumgedreht erzhle und unter die
Offiziere und Hofbeamten zu bringen suche. Ich schrieb ihm nun sogleich
ein Billett, in welchem ich ihn mit einigen derben Epitheten beehrte,
und lie es, bevor ich es absandte, von einigen Offizieren lesen.
d'Arlincourt, der ihm die Herausforderung hinterbrachte, sagte ihm
zugleich, da er sich am nchsten Morgen in dem Wald hinter Capo di
Monte mit einem Sekundanten einzufinden habe; er selbst war der meinige.
Um fnf Uhr des Morgens befanden wir uns schon an dem unfern vom
Jgerhaus liegenden Weiher, dem fr das Duell bestimmten Ort, etwa
zwanzig Minuten spter traf mein Gegner mit dem Kapitn Duca della
Regina Capece, auch Ordonnanzoffizier, ein. Wir begaben uns tiefer in
den Wald, und es wurden fnfzehn Schritte abgemessen, da Pistolen zur
Waffe beliebt worden waren, weil Laviani geuert hatte, da ich ihm mit
der Klinge zu berlegen sei. Da ich den ersten Schu hatte, so drckte
ich ab und streifte, wie es meine Absicht gewesen, meinem Gegner die
linke Schulter, denn ich wollte ihn weder tten noch _hors du combat_
setzen. Er zielte nun ziemlich lange, aber, wie ich bemerkte, zitternd,
auch war er, als ich meine Pistole angeschlagen, leichenbla geworden,
endlich drckte er ab, und die Kugel flog ber mich hinaus. Ich ergriff
nun eine zweite Pistole, zielte absichtlich etwas lnger ihm gerade auf
die Brust, weidete mich so einen Augenblick an seiner Todesangst und
scho dann in die Luft. Laviani stotterte nun, er wolle mir seinen Schu
schenken, ich aber rief ihm zu: Dergleichen Geschenke akzeptiere ich
nicht, Sie werden schieen. Jetzt legten sich jedoch die Sekundanten
ins Mittel, behauptend, es sei der Ehre genug geschehen, ich habe volle
Satisfaktion und so weiter; ich begngte mich endlich damit, jedoch
mute Laviani noch vorher das: >Ich schenke Ihnen den Schu,<
zurcknehmen und eingestehen, da er die Unwahrheit gesagt. So war die
Sache fr jetzt beigelegt. Eine Einladung zu einem Frhstck von Laviani
schlug ich aus und eilte nach Caserta, wo ich diesen Morgen aber nicht
fand, was ich suchte, dagegen der schnen Herzogin von Atri mit der
Marchesa di Misiraca in dem Garten begegnete, diese Damen um die
Erlaubnis bat, sie auf der Promenade begleiten zu drfen, was mir
freundlichst zugestanden wurde. Die Unterhaltung wurde bald recht
animiert, die Herzogin machte mir Komplimente ber mein
Schauspielertalent, indem sie mir sagte, da sie mich immer mit groem
Vergngen auf der Bhne sehe. Eine gute Stunde hatte ich mich angenehm
mit den Damen unterhalten, als diese fanden, da es Zeit sei, sich zu
entfernen, sich empfahlen und im Schlo, bis wohin ich sie begleitet
hatte, verschwanden, mir aber beim Abschied erlaubten, diese Promenaden
von Zeit zu Zeit mit ihnen wiederholen zu drfen, was ich schon den
nchsten Morgen, aber vergeblich, versuchte und niemand in den Alleen
begegnete. Einige Tage darauf war ich jedoch glcklicher und traf die
Damen wieder. Diesmal war die Unterhaltung schon vertraulicher; wir
kamen auch auf den Don Juan zu sprechen, der, wie ich hoffte, jetzt bald
in der groen Oper in Szene gesetzt werden sollte, wobei mir die
Herzogin, auf jene Quadrille anspielend sagte: _Ah siete un briccone,
Signor Capitano_; Neapel ist nicht so gro, da man nicht erfhre, was
gewisse Leute treiben, besonders bei Hofe ... Dabei drohte sie mit dem
Finger. Ich stellte mich jedoch, als verstnde ich nicht, was sie damit
meine, kte ihr die Hand und wandelte noch eine geraume Zeit an ihrer
Seite, als wir die Marchesa Cavalcanti mit ihrer Vertrauten in einer
Allee auf uns zukommen sahen. Ah, jetzt kommt die Rechte, meinte die
Herzogin, werden Sie nur nicht rot. -- Illustrissima, ich wte nicht
... -- Schon gut. Wir gingen auf die Damen zu, und als wir in ihrer
Nhe waren, sagte die Atri zur Marchesa: Hier fhre ich Ihnen einen
Kavalier zu, der Sie schon lange sucht. -- Das bezweifle ich,
versetzte diese etwas ironisch, er war in zu guter Gesellschaft. --
Die Unterhaltung wurde nun allgemein, bis sich smtliche Damen wieder in
den Palast entfernten, worauf ich nicht sehr befriedigt nach Neapel
zurckritt.

Damals erlangte ich endlich durch Murat, da Don Juan in Szene gesetzt
werden sollte, obgleich selbst Longchamps, der anfing, mich mit
neidischen Blicken zu betrachten, heimlich dagegen wirkte. Als die
Proben begannen, denen allen ich beiwohnte, suchte man gleich bei der
ersten dem Unternehmen allerlei Schwierigkeiten in den Weg zu legen,
denen ich jedoch zu begegnen wute, die man aber mit jeder Probe zu
vermehren suchte. Es kam endlich so weit, da auch hier mehrere der
ersten Snger die Sache fr unausfhrbar erklrten, sich auf das
berufend, was zu Florenz vorgegangen war. Ich sah wohl ein, da hier
andere Intrigen im Spiel waren, was mir auch von der niedlichen
Sngerin, welche die Partie der Zerline bernommen hatte, an der dieser
viel gelegen war und mit der ich auf einem vertrauten Fu stand,
besttigt wurde. Ich teilte dies dem Knig freimtig und ohne allen
Rckhalt mit, da man mit Murat ganz ungeniert und wie es einem um das
Herz war, reden konnte. Dieser gab mir nun _plein pouvoir_ in dieser
Sache, was er auch den Intendanten wissen lie, sowie da er darauf
bestehe, Mozarts Don Juan vollstndig und wie er geschrieben hren zu
wollen. Als nun die nchste Probe begann, sagte ich zu dem
Sngerpersonale, da es der unwiderrufliche Wille Seiner Majestt sei,
da der Don Juan, so wie ihn der Meister komponiert, in Szene gesetzt
werde, und da diejenigen Knstler, welche sich nicht fhig hielten, die
ihnen zugeteilten Partien so wie sie seien, zu singen, sofort als
unfhig, bei der kniglichen Oper mitzuwirken, entlassen wrden. Dies
wirkte, man zeigte sich nun sehr geschmeidig und gab sich alle Mhe,
auch erlaubte ich nicht die geringste Abnderung, Schnrkelei oder
unpassende Verzierung, und das Werk des unsterblichen Meisters wurde
jetzt in so hoher Vollkommenheit aufgefhrt, da es allgemeinen Beifall
erhielt und ber hundertmal hintereinander mit immer steigendem
Wohlgefallen aufgefhrt wurde.

Damals trug sich ein komisch-politischer Vorfall zu: die Douaniers an
der Kste von Kalabrien hatten eine von Sizilien kommende Barke mit
Nachtgeschirren, lauter englische Ware, gekapert, als man nach
Mitternacht landete, um seine verbotene und doppelt gefhrliche Ware
einzuschmuggeln. Es waren dies nmlich keine gewhnlichen, sondern
bemalte Nachtgeschirre, in deren Grund Napoleons Portrt mit
weitaufgesperrtem Mund sich befand, gleichsam zum Empfang dessen, was in
dasselbe gegossen wurde. Dergleichen Geschirre bedienten sich schon
lnger in England die eingefleischten Feinde des franzsischen Kaisers
und hatten sie auch nach Spanien und Sizilien versendet und zum Teil
daselbst verschenkt. Als die Sache vor Murat kam, befahl er, die
Geschirre smtlich zu zerschlagen und die Trmmer ins Meer zu werfen,
die Schiffer aber, die sie gebracht, sollten vor ein Kriegsgericht
gestellt und erschossen werden; glcklicherweise waren sie entwischt.
Bald aber kam die Polizei der Tatsache auf die Spur, da schon mehrere
solcher Geschirre im Reiche eingeschmuggelt worden seien und es selbst
in Neapel Personen gbe, die sich solcher bedienten. Das
Polizeiministerium wollte nun die Sache nher untersuchen und
Haussuchungen bei Verdchtigen anstellen, Murat war aber so klug, dies
zu untersagen und die Sache niederzuschlagen, obgleich behauptet wurde,
da auch dergleichen Geschirre mit seinem Bild vorhanden seien; eines
mit dem Napoleons habe ich selbst als eine Kuriositt bei Moritz
gesehen, auch versicherte man, da sich die alte Knigin von Neapel
sowie der ganze Hof in Sizilien ihrer bediene. Als aber die Sache auf
dem Festland ruchbar wurde, fanden die Besitzer derselben fr geraten,
dieses gefhrliche Eigentum zu zertrmmern. Htte Murat die Sache nicht
niedergeschlagen, so htte es einen groen Skandal gegeben, der
hundertmal mehr geschadet als gentzt haben wrde.

Ich brachte den Sommer so ziemlich in einem _dolce far niente_, was in
dieser Jahreszeit in Neapel am zutrglichsten ist, und einen groen Teil
meiner Zeit abwechselnd in Caserta und Capo di Monte zu. Im ersteren Ort
hatte ich nun fters Gelegenheit, die hbsche Herzogin von Atri zu sehen
und zu sprechen und kam endlich so weit mit ihr, da ich auch nchtliche
Promenaden in den reizenden Grten Casertas mit ihr machte, wobei sie
jedoch immer ihre vertraute Freundin, die Marchesa Misuraca, begleitete,
die oft den Lauerposten bernahm. Eines Abends, es war beinahe
Mitternacht, als wir eben recht vertraulich in einer Laube saen und die
Marchesa Schildwache stand, damit wir vor berraschung sicher seien,
strzte sie pltzlich mit den Worten: _Ecco la regina!_ herein. Ich
war mit einem Satz aus und hinter der Laube herum und eilte der
entgegengesetzten Seite zu, von der ich die Knigin kommen whnte, aber
kaum hatte ich einige dreiig Schritte gemacht, so befand ich mich
derselben, die von einigen Damen und Kavalieren begleitet war, _en
face_. Ich konnte ihr nicht mehr unbemerkt entwischen, und sie stellte
mich mit den Worten: Ei, was machen Sie denn noch so spt zu Caserta?
zur Rede. -- Majestt, die herrlichen Nchte haben mich in diesem
entzckenden Aufenthaltsort zurckgehalten. -- Und vielleicht noch
etwas anderes, versetzte die Knigin. -- Oh, nicht doch, Majestt,
sagte ich nun sehr laut, damit es meine beiden Damen hren sollten, um
der Knigin entgehen zu knnen; nur das Paradiesische dieses Ortes,
dessen Zaubergrten ich auch einmal des Nachts durchwandern wollte,
haben mich hierhergezogen. -- Lassen Sie das knftig bleiben, sagte
die Knigin etwas scharf betonend, hren Sie? -- Wie Ihre Majestt
befehlen, erwiderte ich mit einer tiefen Verbeugung und entfernte mich
nach erhaltener Erlaubnis. Ich wollte nun meine Damen noch aufsuchen,
konnte sie aber nicht mehr finden und machte mich nach Neapel auf,
berlegend, was diese Begebenheit wohl fr Folgen haben knne. Karoline
sah es nicht gern, da man sich zur Nachtzeit in den Grten von Caserta
umhertrieb, denn diese waren auch der Tummelplatz ihrer verliebten
Intrigen und galanten Abenteuer, deren sie nicht wenig hatte, wie
hinlnglich bekannt war. Den anderen Morgen schrieb ich sogleich ein
Billett an die Marchesa Misuraca, um dieser meine kurze Unterredung mit
der Knigin mitzuteilen, damit sich die Herzogin Atri und sie darnach
richten konnten. Eben war ich im Begriff, das Billett meinem Reitknecht,
einem pfiffigen Burschen, zu bergeben, als sich ein Kammermdchen der
Misuraca bei mir einfand und mir mndlich im Namen ihrer Herrschaft zu
wissen tat, ich mchte mich diesen Abend nach Sonnenuntergang in der
Villa Reale einfinden, wo man mich zu sprechen wnsche. Hier traf ich,
nachdem ich einigemal auf und ab gegangen war, zwei verschleierte Damen
an, die mir ein Zeichen gaben; es war die Marchesa mit einer Cameriera.
Erstere teilte mir mit, da die Knigin wisse, da ich in jener Nacht
mit Damen im Garten zu Caserta ein Rendezvous gehabt und sie andere
Damen beauftragt habe, sich alle Mhe zu geben, um zu erforschen, wer
jene gewesen seien; dies habe aber nichts zu sagen, und ich wrde
dennoch ihre Freundin am sichersten und unbemerktesten in Caserta
sprechen knnen, nur msse dies nicht mehr in dem Garten selbst, sondern
in dem angrenzenden dichten Ulmen- und Eichenwald geschehen, und auf
diese Weise setzten wir auch unsere Zusammenknfte den ganzen Sommer
ungestrt fort. In Caserta fanden ebenfalls fters franzsische und
italienische theatralische Dilettantenvorstellungen statt, bei denen ich
ttig mitwirkte, whrend ich jetzt faktisch eigentlich der Intendant der
kniglichen Schauspiele, namentlich von San Carlo war und Longchamps
wenig mehr als den Namen hatte. Ich wohnte fortwhrend allen Proben bei
und regalierte nicht selten das ganze probierende Personal mit heiem
Polentakuchen, Rosolio und so weiter, wogegen die Cantatrice und
Ballerine sich uerst artig und gefllig gegen mich zeigten, und ich
war nun so ganz in meinem Element, namentlich wiegte mich die Musik
dieser in dem _chiaroscuro_ gehaltenen Morgenproben in se Trumereien
ein und brachte, wie jede schne Morgenmusik, ein seltsames, wohltuendes
Gefhl in mir hervor, mich in eine nicht zu beschreibende, fast
bernatrliche Stimmung versetzend. Auch verlebte ich manche Nacht in
der lustigen Gesellschaft dieser oft ausgelassenen aber liebenswrdigen
Theaterprinzessinnen. Murat selbst war ein so groer Theaterfreund, da
er sich fters morgens von den besten Schauspielern und
Schauspielerinnen des franzsischen Theaters zu Neapel aus den
vorzglichsten Trauerspielen vordeklamieren lie, und so laut, da die
Personen, mit denen die Vorzimmer angefllt waren, glaubten, man habe
sich im Kabinett bei den Kpfen, oder es sei sonst ein Unglck
vorgefallen. Eine wegen ihres ausgezeichneten Talents und ihrer groen
Galanterie berhmte Aktrice, die eines Morgens eine Audienz bei Murat
hatte, glaubte, als sie, bevor sie eingefhrt wurde, ein solches Getse
im Kabinett vernahm, man habe den Knig ermordet, bis sie ein
diensttuender Kammerherr eines Besseren belehrte. Einer dieser Vorsle
war gewhnlich mit den diensttuenden und anderen Offizieren angefllt,
welche smtlich in sehr reichen, mit Gold- und Silberstickereien
bedeckten Uniformen prangten, so da alle Fremde, welche in diesen Salon
kamen, davon geblendet waren und namentlich die Damen sie nicht genug
bewundern konnten. Alle, die irgendein Gesuch bei dem Knig hatten,
verlieen ihn, nachdem sie ihn gesprochen, mit sehr heiterem Gesicht,
denn der in der Schlacht furchtbar wilde Krieger war der gutmtigste
Mensch im Privatleben, aber nicht zum Regieren geschaffen.

Damals wurde auch unter den Offizieren und berhaupt den hheren Stnden
zu Neapel ganz auerordentlich hoch und viel gespielt, namentlich war
das Haus des Prinzen Pignatelli eines der berchtigtsten Spielhuser,
und ich hatte einen Abend ber tausend Dukati bei demselben gewonnen,
von denen ich aber bald sagen konnte: wie gewonnen, so zerronnen. In
manchen dieser Huser ging es auch eben nicht zum ehrlichsten her, und
die neapolitanischen Adeligen rupften die Offiziere und Angestellten
nicht bel, sich allerlei Spielkunstgriffe und Kniffe erlaubend. Eines
Abends, es war nicht lange vor meinem pltzlichen Abmarsch von Neapel,
pointierte ich stark im Pharo. Ein gewisser Martin, ein Franzose, hielt
die Bank. Ich verlor ansehnliche Summen, aber der Knig, der hinter mir
stand, encouragierte mich fortwhrend, zu dublieren, und als ich schon
ber dreitausend Franken verloren und kein Geld mehr bei mir hatte,
sagte er mir: Nur zu, ich repondiere fr alles. Ich verspielte nun
noch sechstausend Franken auf Parole. Murat versprach mir, sie an Martin
zu bezahlen, was er diesem auch zurief und dem ich einstweilen einen
Schein darber zustellte. Murat verga es, und ich fiel bald darauf in
Ungnade, wurde nach Korfu geschickt, und die Schuld blieb hngen. Anfang
des Winters dieses Jahres veranstaltete Murat ein seltsames Fest, zu dem
die Gste Einladungskarten fr ein Festino und _Souper suspendu_ im Saal
von San Carlo erhielten. Jedermann zerbrach sich den Kopf, was dies wohl
fr ein Souper sein mge, und die meisten meinten, da man dabei wohl
hungrig nach Hause gehen wrde. Dem war aber nicht so. Als um
Mitternacht der Tanz suspendiert wurde, lud man smtliche Damen ein,
sich auf die den Olymp vorstellende Bhne zu begeben, auf welcher eine
groe Tafel in Hufeisenform gedeckt war, auf der sich aber auch nicht
eine Idee von einer Speise vorfand. Man sah verwundert einander an, die
Damen fragten die hinter ihnen stehenden Herren, was denn dies zu
bedeuten habe, als sich pltzlich der Himmel, nmlich der Theaterhimmel,
dicht und stark bewlkte, dann aber verteilten sich die Wolken wieder,
und zwischen Himmel und Erde schwebten unzhlige silberne Schsseln, aus
denen der Geruch der kstlichsten Speisen dampfte. Die Schsseln wurden
nun bis beinahe vor die Nasen und Muler der harrenden Gste
herabgelassen, als aber einige darnach greifen wollten, da entschlpften
sie ihnen schnell, sich wieder in die Hhe erhebend, dann lieen sie
sich wieder herab, um abermals den hungrigen Mulern durch das
Hinauffahren zu entgehen. Dies Manver wurde so lange wiederholt, bis es
schien, als wollten die Gste endlich die Geduld verlieren. Jetzt wurden
alle Speisen und mit ihnen die kstlichsten Weine, Likre und andere
Getrnke herab und auf die Tafel niedergelassen, wo sie unwandelbar
stehen blieben und mit dem heitersten Humor von der Welt verzehrt
wurden, worauf man wieder bis gegen Morgen tanzte. Das Stckchen war
eigentlich meine Erfindung, ich lie aber gerne Seiner Majestt die
Ehre.

Ende Oktober kehrte der Hof nach Neapel zurck und installierte sich
wieder im Palazzo Reale. Ich setzte mein Verhltnis mit der Marchesa
Cavalcanti und der Herzogin von Atri fort. Meine Zusammenknfte mit der
Herzogin waren jetzt sehr romantisch, denn sie fanden meistens um
Mitternacht auf der in einen Garten verwandelten Terrasse eines Hauses
statt, zu der ich nur durch ein anderes, drei Huser davon entferntes
Gebude, von dem ich ber die dazwischen liegenden Terrassen, alle von
gleicher Hhe, nicht gefahrlos kommen konnte, wo wir uns dann in einer
zwischen duftenden Blumenbeeten stehenden Laube trafen. Dieses
Verhltnis mute aus mehreren Grnden uerst geheim gehalten werden,
besonders aber, weil ich seit kurzem einen sehr mchtigen Nebenbuhler
hatte und der kein anderer als Seine Majestt selbst war, aber, wie mir
die Herzogin feierlichst versicherte und beschwor, von ihr nicht erhrt
wrde; ich zweifelte, denn ich wute lngst, was es mit diesen
feierlichen Versicherungen und Schwren der Damen auf sich hat. Sie aber
meinte: Wir mssen unser Einverstndnis um so geheimer halten, weil der
Knig sonst leicht auf den Gedanken kommen knnte, ich schpfe die ganze
Kraft meines Widerstandes in den Armen eines anderen Geliebten. Eines
Abends stellte sie mir ein ziemlich schweres Pckchen, in ein Papier
gewickelt, zu, mit der Bitte, es zu ffnen. Ich tat es und fand ein sehr
zierlich gearbeitetes silbernes Ei von der Gre eines Enteneis an einer
venetianischen Kette befestigt, das sich durch einen leichten Druck in
der Mitte ffnete, wo sich dann ein goldener Dotter zeigte; auch dieser
ffnete sich, und man erblickte nun ein Herz von Rubinen, das durch eine
blitzende Flamme von Diamanten entzndet und von einem Smaragdband
umgrtet war. Das Kleinod war von bewundernswrdiger Arbeit, das Innere
des Eis hatte weie, mit Perlen und Edelsteinen besetzte Emaille,
Blumenbukette bildend, ebenso das Innere des Dotters, nur waren sie noch
weit kostbarer. Mariana, der Taufname der Atri, sagte mir, sie habe das
prchtige Geschenk diesen Morgen auf ihrer Toilette gefunden, ohne den
Geber zu kennen, der aber wohl kein anderer als der Knig selbst sein
knne. Ich entdeckte jetzt, da sich auch das Rubinenherz noch ffnete,
was die Herzogin bisher nicht gewut, und fand ein mit Rosen
verschlungenes brillantenes und gekrntes _M_ in demselben. -- Was soll
ich nun damit anfangen? fragte sie mich. An ein Zurckgeben ist wohl
nicht zu denken, da ich nicht einmal wei, wer es berbracht und niemand
von meinen Leuten etwas davon wissen will; meinem Manne mag ich auch
nichts davon sagen, dies wre ganz unntz. -- Ich riet ihr, mit etwas
mitrauischen Blicken, es zu behalten, bis sie Gewiheit ber den Geber
habe. Dies Geschenk war jedoch Ursache, da es einiges Schmollen
zwischen uns setzte.

Eine sehr tragische Begebenheit, die um Weihnachten vorfiel, machte
damals groes Aufsehen und setzte ganz Neapel und besonders die
Geistlichkeit in Alarm. Ein Neapolitaner, der seine Gattin und deren
Beichtvater _en flagrant dlit_ ertappte, hatte beide ermordet. Das in
groe Unruhe versetzte Heer der Pfaffen wollte, da der Mann eine
exemplarische Strafe, wenigstens den Feuertod erhalten oder gevierteilt
werden sollte; das gewhnliche Hngen, Erschieen oder Guillotinieren
war ihnen viel zu gelinde, denn einem solchen Bsewicht, der es wagte,
seine verruchte Hand an die geheiligte Person eines Beichtvaters zu
legen, der, wenn er auch ein sehr menschliches Verbrechen beging, doch
immer eine gottgeweihte und geheiligte Person sei, msse die rgste
Strafe, die zu erdenken, werden. Aber siehe da, nachdem die Sache
gehrig untersucht war, begnadigte Murat den Mrder dahin, da er ihn
mehrere Monate in einen Kerker der Festung Gata setzen, dann aber
wieder frei lie. Bald nachher fand man ihn ermordet in seiner Wohnung
zu Neapel, ohne da es mglich war, den Mrder ausfindig zu machen. Bei
der Untersuchung hatte sich herausgestellt, da der Pfaffe schon vor der
Verheiratung der Gattin des nun auch Getteten einen vertrauten Umgang
mit derselben gehabt und der Stifter dieser Ehe, die ein so furchtbares
Ende genommen und allen dreien so bel bekam, gewesen war.

Die Proben meines Balletts, bei denen ich das Personal immer mit
kstlichen Erfrischungen bewirtete und ein ordentliches Bfett errichtet
hatte, nahmen ungestrt ihren Fortgang, und dasselbe sollte im Monat
Januar (1812) zugleich mit einer neuen groen Oper zur Auffhrung
kommen. Die Weihnachten gingen auch dieses Jahr recht vergngt fr mich
vorber, die Buden der Toledostrae waren auf das eleganteste
herausgeputzt und mit knstlichen und natrlichen Kostbarkeiten, die
letzteren in den ausgesuchtesten Obstsorten, Gemsen, Frchten,
gemstetem Federvieh, Raritten aus dem Reich der Vierfler, der Fische
und der Vgel bestehend, berladen. Riesenhummern und Ortolanen,
Mandaringas und Ananas, Eiertrauben und frische Korinthen ragten
einladend zwischen Blumen, Lorbeeren und Myrten hervor; aber weit
anstndiger wurde die Weihnachtsfeier und besonders die
Mitternachtsmesse hier als in Rom begangen, wo die Rmer meist einen
bacchantischen Tumult in den Kirchen machen und alle mglichen
Profanationen begehen. Auch die Neujahrsgratulationen wurden mit der
gehrigen Feierlichkeit ausgefhrt und dargebracht und waren besonders
bei Hof auerordentlich glnzend. Nur bei meinem Vetter Moritz war es
diesmal anders; er hatte durch eine unglckliche Baumwollspekulation,
und zwar durch die Schuld der franzsischen Regierung, welche in Livorno
Beschlag auf seine Schiffe, als verdchtig, mit England kommerziert zu
haben, gelegt hatte, bedeutend verloren. Der Verdacht erwies sich zwar
als vllig unbegrndet, aber bis dies ausgemittelt war, worber mehrere
Monate vergingen, war die Baumwolle um vierzig Prozent gefallen. Moritz
verlor ber eine halbe Million und hatte nicht die mindeste Vergtung zu
hoffen. Dergleichen unverzeihliche Gewaltstreiche machte sich damals die
franzsische Regierung oder vielmehr der an der Spitze derselben als
unumschrnkter Tyrann stehende Napoleon schuldig. Einer der tollsten und
unsinnigsten der Art war ohne Zweifel die Verbrennung aller englischen
Waren auf dem Kontinent, eine Maregel ebenso lcherlich als fruchtlos,
die alle Gemter, selbst die der ergebensten Satelliten des Kaisers,
erboste; auch wurde sie an vielen Orten, namentlich in Neapel, mehr zum
Schein als in der Wirklichkeit vollzogen, da man die grten Vorrte
verbarg und die Behrden selbst gerne durch die Finger sahen; doch
hatte, was hier wirklich verbrannt wurde, immer noch einen Wert von mehr
als zehn Millionen und in ganz Europa weit ber mehrere hundert
Millionen. berall knirschte trotz Polizei und Spionen das Volk mit den
Zhnen, murrte und fluchte, als die Flammen die kostbaren Waren
verzehrten und diese in Rauch aufgingen. Wie viel Armen und
Unglcklichen htte man damit nicht aus grter Not helfen knnen, wenn
man denn durchaus einmal einen solchen unntzen und albernen
Gewaltstreich begehen wollte; die Sache htte dann wenigstens noch eine
Art Entschuldigung, wenn auch absurd genug, gefunden; aber so war das
gelindeste Urteil, das man aus dem Mund des Volkes hrte, welches sich
die Sache gar nicht zu erklren wute: Der Napoleon mu ein Narr
geworden sein! -- Doch die furchtbare Nemesis war bereits im Anzug.

Das erste Festino in San Carlo, welches der Hof dieses Jahr gab,
besuchte ich wieder in einem prchtigen Don Juankostm, einer meiner
Kameraden machte den Leporello. Den Anzug hatte ich von dem
Theaterschneider dazu machen lassen. Der Mantel von purpurfarbigem
Thronsammet, war beraus reich und knstlich mit Gold und Perlen
gestickt, hatte Bouillonfransen und war mit weiem Atlas, mit goldenen
Bienen best, gefttert. Auf dem Hut waren fnf tadellose prchtige
weie Schwungfedern, durch eine brillantene Agraffe zusammengehalten,
und die Kiele derselben mit Zahlperlen bis an die Spitze besetzt; der
brige Anzug harmonierte vollkommen mit dieser Pracht. Auf den Schuhen
blitzten brillantene Rosetten, und die Halskette war von kostbaren
Edelsteinen. Alle diese Kleinodien hatte ich bei verschiedenen Damen
geliehen. Den Saal mit meinem Leporello durchstreichend, fragte mich
dieser bei jeder schnen weiblichen Maske: Signor Don Giovanni, soll
diese auf das Register? Und wenn ich bejahend zunickte, schrieb er sie
sogleich in das mitgefhrte Buch ein. Dieser Scherz zog mir aber schon
auf dem Ball einige Verdrielichkeiten zu, sollte aber noch ernstere
Folgen haben, auch schien Murat die Sache sowie meinen ganzen zu
brillanten Anzug eben nicht sehr zu goutieren, und er war, als ich ihn
einigemal anredete, ganz gegen seine Gewohnheit kalt und kurz
angebunden; auch merkte ich, da meine Feinde zu meinem Nachteil sehr
ttig waren. Indessen lief auf dem Ball noch alles ganz gut ab, und ich
verlie ihn, zufrieden mit der Rolle, die ich gespielt hatte, gegen
Morgen. Als ich aber, nachdem ich ein paar Stunden geruht, erwachte,
empfing ich ein Billett von einem Bataillonschef der Garde-Grenadiere
namens Colard, der sich beleidigt fand, da ich auch seine hbsche junge
Frau auf mein Don Juan-Register hatte setzen lassen, mich deshalb zur
Rede stellte und Auskunft verlangte. Ich begab mich auf der Stelle
selbst zu ihm, erteilte ihm mein Ehrenwort, da die ganze Sache durchaus
nichts als ein erlaubter Maskenscherz gewesen sei, erklrte mich aber zu
gleicher Zeit bereit, ihm jede Satisfaktion, die er nur wnschen knne,
zu geben. Der Mann war aber mit meiner Erklrung zufrieden, lud mich
ein, mit ihm zu dejeunieren, was ich annahm, seine liebenswrdige Frau
erschien bei dem Frhstck, wo wir ber den ganzen Vorfall scherzten,
und wer wei, ob Madame Colard nicht wirklich auf mein Register gekommen
wre, wenn mich nicht ein schon im Anzug befindliches Ungewitter im
Sturm aus Neapel entfernt und weit ber das Meer geschleudert htte.

Damals begann man schon von einem neuen bevorstehenden Krieg, an dem das
neapolitanische Heer und sein Herrscher ttigen Anteil nehmen sollte, zu
murmeln, und da man wohl wute, da sich das Ungewitter im Nordosten
zusammenziehe, so freute ich mich schon darauf, endlich einmal
Deutschland wiederzusehen und mich in meiner Heimat und bei meinen
Verwandten in meiner militrischen Glorie prsentieren zu knnen. Ich
beeilte nun, soviel es an mir lag, die Auffhrung des neuen Balletts,
die Donaunymphe, da mir viel daran lag, dasselbe noch in Szene gesetzt
zu sehen, bevor wir ausmarschierten. Schon war der Tag bestimmt und die
Generalprobe mit vollem Orchester, Kostmen, Dekorationen und
Maschinerie angesagt, der Murat selbst beiwohnen wollte. Sie lief
glcklich und zur Zufriedenheit aller Anwesenden ab. Zwei Tage darauf
sollte die Vorstellung sein; aber den Morgen nach dieser Probe erhielt
ich in aller Frhe eine Order von dem Kriegsminister, mich bereit zu
halten, binnen vierundzwanzig Stunden mit einem Detachement
neapolitanischer und franzsischer Truppen nach Tarent abzumarschieren,
wo mich weitere Verhaltungsbefehle erwarteten. Beim Durchlesen dieses
Befehls war ich wie vom Himmel gefallen, hielt das Ganze anfnglich fr
einen Irrtum, eilte in das Kriegsministerium, wo ich durch einen der
Bureauchefs erfuhr, da kein Irrtum mglich, der Befehl vom Knig selbst
gekommen sei, und zwar mit dem ausdrcklichen Beisatz, ihn
augenblicklich zu vollziehen. Nun war ich wie vom Donner gerhrt und
wute mir die Sache nicht zu erklren; noch vor wenigen Tagen hatte ich
aus guter Hand erfahren, da der Knig die Absicht habe, mich nchstens
zum Stabsoffizier zu befrdern und unter die Zahl seiner Adjutanten
aufzunehmen, und nun diese pltzliche allerhchste Ungnade! Ich eilte in
den Palast, konnte aber nicht vor Murat kommen, sondern nur soviel von
dem diensttuenden Kammerherrn herausbringen, da wenn der Kriegsminister
eine solche Order bekomme, es auch seine Richtigkeit damit und sein
Bewenden dabei haben msse, und dies teilte er mir mit sehr trockenen
Worten mit, nachdem er wieder aus dem kniglichen Kabinett gekommen war.
Ich sprach noch die Cavalcanti, die aber von allem nichts wute, und
einige andere Bekannte, die mich mit ein paar bedauernden Worten und
Achselzucken entlieen, und empfand so, was es heit, in eine knigliche
Ungnade zu fallen. Ich sah nun wohl ein, da mir hier nichts anderes
brig bleibe, als Order zu parieren, lie packen und machte mich zum
Abmarsch bereit. Noch aber wollte ich die Herzogin von Atri sprechen und
begab mich deshalb zu ihrer intimen Freundin, diese zu bitten, eine
letzte Zusammenkunft zu veranstalten. Die Marchesa Misuraca fuhr
sogleich zur Atri, kam jedoch sehr schnell wieder zurck und entdeckte
mir, da diese seit vierundzwanzig Stunden uerst streng von ihrem
Gatten bewacht wrde, so da sie keinen Schritt ohne denselben zu tun
vermge, und da dies durch den Einflu einer allerhchsten Person
geschehe; der Knig sei jedenfalls dabei im Spiel. Durch ein spteres
Schreiben von dieser Dame erfuhr ich, da ich mir Murats Ungnade sowohl
durch meine Bekanntschaft mit der Herzogin von Atri, wie durch meine zu
groe Vertraulichkeit mit der ersten Tnzerin, auf welche Seine Majestt
ebenfalls ein Auge geworfen hatte, zugezogen. Ich meldete mich nun bei
dem Bataillonschef, der die nach Tarent bestimmten Truppen befehligte
und mir eine Kompagnie zur Fhrung bergab. Nach einer fast schlaflosen
Nacht marschierte ich in aller Frhe mit diesen Truppen aus Neapel in
einer hchst dsteren und melancholischen Stimmung ab, so traurig hatte
ich bis jetzt noch keine Garnison verlassen. Noch vierundzwanzig Stunden
vorher sah ich mich auf dem Gipfel des Glcks, hoffte bald ein
Oberstpatent in meinem Portefeuille zu haben, sah mich als Murats
Adjutant, ein Generalspatent konnte dann auch nicht lange mehr
ausbleiben, dem der Marschallsstab bald folgen mute, mit dem jetzt
immer ein Herzogstitel, vielleicht auch ein Herzogtum verbunden war,
wenn mir das Glck in einem Feldzug gnstig sein wrde, vielleicht gar
einmal das Groherzogtum Frankfurt, und whrend ich so _ la_
Milchmdchen trumte und Plne machte, brach auch mein Topf, und eine
einzige Order vernichtete alle. -- Aber wie bald sollte es nicht hundert
anderen und selbst Murat und Napoleon ebenso ergehen. -- Erst in Tarent
sollte ich vllige Gewiheit ber mein Schicksal erhalten, und bis dahin
plagte mich obendrein eine peinliche Unruhe, das Schlimmste von allem.
-- Indessen wer wei, wozu es gut war; wre es nicht so gekommen, so
htte ich mit nach Ruland gemut, vielleicht in dessen Eisfeldern mein
noch junges Leben ausgehaucht, und dann wre die Welt nie mit diesen
Memoiren beschenkt worden. Wollte Gott, es wre so geworden, hre ich
manchen gestrengen Moralisten und gelehrten Zopfkritiker ausrufen. --
Der Himmel hat es aber einmal nicht so gewollt, meine gestrengen Herren
von der Halleschen, Jenaer und anderer Literaturbasen. -- Bald darauf
brachen Murat, seine Garden und seine Armee nach Deutschland auf, um
sich dem groen, sich daselbst versammelnden Heer anzuschlieen, das
Ruland -- nicht eroberte.




                                  III.

   Marsch von Neapel nach Tarent. -- Eine Zusammenkunft zu Caserta. --
   Die caudinischen Engpsse. -- Avelino. -- Dentekane. -- Tarent. --
   Einschiffung nach Korfu. -- Seegefecht auf der Hhe von Tunis. --
       Ankunft zu Korfu. -- Beschreibung der Jonischen Inseln. --
       Der heilige Spiridion und seine Feste. -- Das Theater und
     Liebhabertheater. -- Seltsame Zusammensetzung der Garnison. --
     Pallea Castrizza. -- Ein Exorzismus. -- Erdbeben. -- Trkische
    Tabaksbeutel. -- Ein giftiger Schlangenbi. -- Capo d'Istria. --
   Die Entfhrung einer Braut. -- Ein Seeturnier. -- Paxo. -- Parga.
   -- Prevesa. -- Thiaki. -- Santa Maura. -- Der leukadische Felsen.
                                -- Fano.


Kaum hatte ich noch soviel Zeit brig gehabt, vor meinem Abmarsch meinen
besten Freunden und Bekannten in Neapel ein Lebewohl im Vorbergehen zu
sagen. ber fnf Vierteljahre hatte ich in dem schnen Parthenope ein
uerst angenehmes Leben _in dolce giubilo_ und _la fare l'amore_
zugebracht und sah die Stadt, in der es mir so wohl ergangen war, der
ich jetzt den Rcken wenden mute und noch manchen Blick schenkte,
vielleicht fr immer aus den Augen schwinden. Was mich mit am meisten
schmerzte, war, da ich mein Ballett, mit dem ich mir so viel Mhe
gegeben, nicht einmal auffhren sehen sollte. Dies wollte mir anfnglich
gar nicht aus dem Sinn. Bei ziemlich trbem Wetter, das mit meiner
Stimmung harmonierte, marschierten wir ab. Unsere erste Etappe sollte
Nola sein. Als wir auf dem halben Wege dahin Halt machten, kam ein
zweirdriges Kabriolett in groer Hast gefahren und hielt, als es die
Truppen erreicht hatte, still. Ein Mensch in Zivilkleidern sprang
heraus, erkundigte sich nach mir und bergab mir ein Billett, das ich
schnell erbrach und in welchem ich im Namen der Duchessa d'Atri dringend
aufgefordert wurde, mich, sobald ich diese Zeilen gelesen, doch sogleich
nach Caserta zu begeben, wo mich erstere noch einmal zu sprechen
wnschte; sie habe jetzt nach meiner Abreise ihre Freiheit wieder
erhalten. Dem berbringer mge ich Antwort mitgeben. Ich ging zum
Bataillonschef, um von diesem die Erlaubnis zu erhalten, mich auf sechs
bis acht Stunden entfernen zu drfen, indem ich jedenfalls mit der Nacht
in Nola eintreffen wolle. Dieser wagte es jedoch nicht, die
Verantwortlichkeit auf sich zu nehmen, und verstand sich nur dazu, meine
Abwesenheit ignorieren zu wollen, so lange dieselbe unbemerkt bleiben
und keinen Eklat machen wrde. Ich schrieb nun mit Bleifeder auf ein
Blttchen, da ich in einigen Stunden zu Caserta an dem mir angegebenen
Ort eintreffen wrde. Das Detachement marschierte weiter, ich blieb mit
einem Bedienten zurck, ritt in gestrecktem Trabe ber Marigliano und
Acerra nach Caserta und legte den sechs Stunden langen Weg in weniger
denn zwei zurck. Die schweitriefenden Pferde lie ich einstellen und
eilte in den Garten, wo ich niemand fand. Bereits wartete ich an dem von
Neapel kommenden Weg beinahe eine Stunde, als ich endlich ein
Mietsfuhrwerk von daher antraben sah. Ich stellte mich hinter ein
Gemuer, um den Wagen ungesehen vorberfahren zu lassen, und erblickte
in demselben zwei hbsche und sehr nett gekleidete Landmdchen, die ich
aber bald fr die Duchessa und ihre Freundin erkannte. Ich eilte ihnen
nach und half den schmucken Contadinen aus dem Wagen, als er an der
Lokanda hielt, wo ich mir schon ein Zimmer hatte geben lassen. Jetzt
schlo ich die heftig weinende und mir um den Hals fallende Atri in die
Arme, die mir schluchzend sagte, wie sehr ihr diese ganz unerwartete
Trennung zu Herzen gehe, da sie untrstlich und berzeugt sei, da der
Schlag vom Knig selbst kme, ihn aber unsere gemeinschaftlichen Feinde
herbeigefhrt htten. Ich suchte nun alle mglichen Trostgrnde hervor,
wie da Tarent nicht aus der Welt liege, ich spter gewi wieder nach
Neapel zurckkommen wrde und hnliches. Aber dies alles fruchtete
wenig, sie behauptete, da wir uns jetzt zum letztenmal shen, und hatte
recht. Die beiden Damen waren, um ganz unbemerkt nach Caserta zu kommen,
aus einem Kasino in der Nhe von Neapel abgefahren, in welchem sie sich
als Landmdchen verkleidet und wohin sie den Mietswagen hatten kommen
lassen. Wir brachten noch ein paar selige Stunden hier zu und
versicherten uns beim Abschied mit trnenden Augen ewige Liebe,
Nimmervergessen und was dergleichen Larifari mehr sind; meine teure
Geliebte gab mir beim Abschied eine in Gold gefate Locke nebst einem
Ring, wogegen ich ihr ein Bschelchen von meinen Haaren abschneiden
mute. Nach einem reichlichen Trnenbad von seiten der Damen stiegen
diese in ihren Wagen, um nach Neapel zurckzukehren, whrend ich im
Galopp auf dem entgegengesetzten Weg davonjagte, aber, ber Maddaloni
und Arienza reitend, mich verirrte und statt nach Nola in die Valla
Caudina, jene berhmten Engpsse geriet, in welchen vor mehr als ein
paar tausend Jahren (430 nach Erbauung der Stadt Rom) das rmische Heer
samt seinen Konsuln von den Samnitern so gnzlich eingeschlossen wurde,
da es schimpflicherweise die Waffen strecken mute.

Ich ritt, in diesen Engpssen irrend, hin und her und fand sie durchaus
nicht so unbersteigbar, da sich ein Heer, besonders nach Benevento zu,
wo sich das Tal sehr erweitert, nicht htte einen Ausgang bahnen knnen;
auch sind die Berge auf beiden Seiten an vielen Orten nicht so steil,
da sie nicht zu erklettern wren, indessen ist es wohl mglich, da auf
einem so vulkanischen Boden, wie dieser Teil von Italien, sich seit
langer Zeit das Terrain verndert hat, namentlich durch die hufigen
Erdbeben. Whrend ich mich vergeblich nach einem nach Nola fhrenden Weg
umsah, brach die Nacht herein; nach langem Umherirren kam ich endlich in
ein elendes Dorf in der Nhe von Benevento, wo ich mich entschlo, einen
Teil der Nacht zuzubringen, da sowohl die Pferde wie ich zum Umfallen
ermdet waren. Zwei Stunden nach Mitternacht stand ich jedoch auf und
machte mich, ohne viel geruht zu haben, wieder auf den Weg, denn ich
frchtete, da, weil ich mich nicht in Nola eingefunden, der
Bataillonschef meine Abwesenheit melden mchte, was mir bei der Stimmung
Murats hinsichtlich meiner hchst nachteilig werden und die schlimmsten
Folgen haben konnte. Da ich wute, da, da das zweite Nachtquartier in
Avelino bestimmt und sicher war, das Detachement bereits von Nola
abmarschiert sein msse, so beschlo ich, gerade nach Avelino zu reiten
und meine lange Abwesenheit mit meiner Verirrung zu entschuldigen. In
Benevento nahm ich einen berittenen Fhrer mit, den ich gut bezahlte,
und traf noch vor unseren Quartiermachern in Avelino ein, wo ich das
Bataillon mit Sehnsucht erwartete. Es kam erst den Nachmittag an; ich
meldete mich sogleich bei seinem Kommandanten, dem ich die Fatalitt
meiner Verirrung mitteilte. -- Es ist die hchste Zeit, da Sie sich
einfanden, versetzte er, denn sonst htte ich Sie melden mssen. --
Also noch nicht gemeldet! rief ich aus, und ein schwerer Stein fiel
mir vom Herzen. Ich erzhlte nun dem braven Mann, wie es mir ergangen,
und bemerkte ihm lchelnd, da, wenn ich gewut, da ich in die _forche
caudine_ geraten, ich mich gar nicht entfernt haben wrde, indessen sei
es mir als Soldat doch lieb, diese geschichtlich so merkwrdige Position
kennen gelernt zu haben. Der gute Mann wute aber gar nicht, was ich
damit sagen wollte, denn die Geschichte war ihm so fremd als das Innere
der Erde; er lie sich den Unfall der Rmer von mir erzhlen, hrte mir
mit groem Vergngen zu und hielt mich von jetzt an fr einen
grundgelehrten Mann und tchtigen Militr, so da er mich bei allen
Kleinigkeiten auf dem ganzen Marsch um Rat fragte und ich auf dem besten
Fu mit ihm stand. Den nchsten Tag marschierten wir nach Dentecane und
zwar bei einer fr diese Gegend grimmigen Klte, -- ein ganz
abscheuliches Nest, das seinem Namen (Hundezahn) alle Ehre macht. Die
Quartiere der Offiziere waren abschreckend, selbst fr bares Geld nichts
zu haben, und die Soldaten lagen wieder in den Kirchen. Den vierten Tag
kamen wir nach Ariano bei fortwhrend steigender Klte und starkem
Schneegestber. Diese Stadt liegt sehr hoch, hat an zehntausend
Einwohner und ber zwanzig Klster. Wir kamen halb erfroren und halb
verhungert daselbst an, hatten einen Rasttag, um uns zu restaurieren,
aber die Quartiere waren nicht viel besser als in Dentecane. Da ich
meistens ritt, hatte ich mir beinahe die Fe erfroren und konnte nur
mit aller Mhe einige Paare wollene Halbstrmpfe auftreiben, mich vor
der Klte zu schtzen; solches Wetter hatte ich im sdlichen Italien
noch nicht erlebt, ich trug in der Regel gar keine Strmpfe in den
Stiefeln. Ariano liegt auf einem dreifachen sehr hohen Hgel, der die
ganze Umgegend beherrscht; man bersieht von hier aus nicht nur die
groen Ebenen der Puglia, sondern man erblickt auch das Tyrrhenische und
Adriatische Meer sowie eine lange Kette der Apenninen. In einem der
Klster einquartiert, machte ich die Bekanntschaft einiger nicht ganz
unwissender Mnche, die aus ihrem ziemlich leichtfertigen Klosterleben
kein Hehl gegen mich machten. Nach zwei Tagen brachen wir bei
fortwhrend sehr ungnstigem Wetter ber Bovino, Ordona, Cerignola,
kleinen und schmutzigen Orten, nach Barletta auf, einer nicht
unbedeutenden Stadt von mehr als fnfzehntausend Einwohnern, die am
Adriatischen Meer im Golf von Manfredonia liegt. Sie hat einen guten und
befestigten Hafen, eine schne Lage und ist nicht schlecht von den
Ruinen des alten Cann erbaut, das durch den Sieg Hannibals ber die
Rmer so berhmt ward. Hier hatten wir wieder einen Rasttag. In Bovino
angekommen, waren wir auf das Gebiet des alten Apulia getreten, welches
jetzt die Provinzen Bari, Otranto und die Capitanata in sich begreift.
Das Land ist im ganzen eben und sandig, aber dabei doch sehr fruchtbar,
seine Weine sind vorzglich und sehr beliebt, ebenso das l, das
Schlachtvieh und die Angurien (eine Art kstlicher roter Wassermelonen).
Auf dem Platz zu Barletta steht die Bildsule des Kaisers Heraclius, den
man fr den mutmalichen Grnder dieser Stadt hlt. Das Schlo derselben
galt ehedem fr eines der drei bedeutendsten in ganz Italien. Das alte
Cann, von dem nur noch wenig berbleibsel vorhanden, lag mehrere
Miglien seitwrts gen Westen, zwei nebeneinander liegende Hgel
bezeichnen seine Sttte. Barletta ist durch ein besonderes historisches
Ereignis merkwrdig geworden. Als nmlich im Jahre 1503 der tapfere
spanische General Gonzalvo von Cordua hier sein Hauptquartier hatte,
fand whrend eines kurzen Waffenstillstandes ein berhmt gewordenes
seltsames Gefecht zwischen dreizehn Franzosen und dreizehn Italienern,
die sich gegenseitig herausgefordert und von ihren Feldherren die
Erlaubnis dazu erhalten hatten, bei dem nahegelegenen Flecken Quarato
statt. Der Sieg soll nach einigen Geschichtschreibern den Italienern,
nach anderen den Franzosen geblieben sein. Dieses Ereignis hat Stoff zu
mehreren Gedichten gegeben, von denen eines von Vida, einem Zeitgenossen
Gonzalvos, in lateinischen Versen verfat ist; auch in einem
italienischen historischen Roman hat man diese Begebenheit eingewebt.
Ich war ber die vielen hier an der Kste des Adriatischen Meeres
liegenden, ziemlich gut gebauten Stdte, die meistens wohlhabend sind
und Handel mit Landesprodukten treiben, erstaunt. Die Bewohner dieser
Gegend sind ein heiteres, lebenslustiges Volk, ganz verschieden von den
wilddsteren Kalabresen. Von hier marschierten wir ber Trani (das alte
von Trajan restaurierte Trajanopolis), Biscaglia, das auf einem wegen
seines vortrefflichen Weins berhmten Felsen liegt, Molfetta, durch
seine Fabriken und seinen Schiffsbau bekannt, Giovenazzo mit einem
festen Schlo, lauter bedeutenden, an dem Meeresufer liegenden Stdten,
nach Bari, wo wir abermals einen Tag rasteten, das die Hauptstadt der
Provinz gleichen Namens ist und ber zwanzigtausend Einwohner zhlt.
Sein guter Hafen, seine Fabriken, sein bedeutender Handel machen die
eine treffliche Lage habende Stadt sehr wohlhabend. Hier wurden auch
ehedem die Knige von Neapel gekrnt, und im Jahre 1098 hielt Urban II.
ein Konzilium in der Kirche des heiligen Nicolas, wodurch er bezweckte,
die griechische mit der lateinischen Kirche zu vereinigen, aber seinen
Zweck verfehlte, wie mnniglich bekannt. Es war gerade Karneval, als wir
hier waren, und eine Menge Masken zogen zu Fu und in Wagen durch die
Straen der Stadt. Von hier aus verlieen wir wieder die Kste und
marschierten nun durch eine fast ganz wste Gegend und abscheuliche
Nester und Wege nach Tarent. Es war Tauwetter eingetreten, der Boden
beinahe grundlos, so da man bei jedem Schritt stecken blieb und die
Leute die Schuhe oft wieder mit den Hnden aus der Erde graben muten.
Die erste Nacht brachten wir in einzeln stehenden Gebuden und Hfen zu.
Die Mrsche wurden jetzt immer beschwerlicher, der Boden seichter, und
die Entfernungen schienen endlos. Um sieben Uhr des Morgens hatten wir
jenes Gehft verlassen, und erst abends nach sechs Uhr, bei schon
dunkler Nacht, kam kaum ein Dritteil der Mannschaft in Gioja, einem
rmlichen Stdtchen, an. Der Rest des Bataillons hatte sich in Marode
und Nachzgler aufgelst und kam einzeln bis nach Mitternacht, viele
schuhlos, angehinkt; selbst in Kalabrien entsinne ich mich keines so
abscheulichen Marsches, die Pferde sanken oft bis ber die Knie ein, und
ich hatte fast den ganzen Weg zu Fu gemacht. Schon war Mitternacht
vorber, und noch immer fehlte die Arrieregarde nebst dem Bagagewagen,
auf dem sich auch mehrere Offiziersfrauen befanden, deren Mnner jetzt
in groer Angst waren, nicht wissend, was aus ihren treuen
Lebensgefhrtinnen geworden. Hchst besorgt rafften sie einige Leute
zusammen, sie aufzusuchen. Sie fanden endlich den Wagen am Saum eines
Gehlzes bis an die Achsen im Kot steckend, die Damen aber einige
hundert Schritte davon entfernt, tiefer im Wald um ein lustig brennendes
Feuer, welches die Fuhrknechte angezndet hatten, sehr trbselig und
zhneklappernd sitzen. Von der ganzen Arrieregarde war nur noch der
Offizier, ein Sergeant und ein Tambour vorhanden, die abwechselnd bei
dem Wagen und dem Feuer wachten, die brige Mannschaft hatte sich
zerstreut oder verirrt und kam erst den anderen Tag vereinzelt in Gioja
an. Die Damen wurden nun auf Pferde gesetzt und kamen so gegen Morgen in
das Quartier. Vier oder fnf Tage muten wir in dem erbrmlichen Gioja
bleiben, das mir deshalb merkwrdig war, weil die Erstgeborenen des
Hauses Atri den Titel Grafen von Giojo fhrten. Die Gtter mgen wissen,
wer einen solchen Namen (Gioja, Freude) diesem elenden Ort gegeben, der
indessen doch nicht ganz ohne Freuden fr mich war, da ich ein Quartier
bei einer sehr hbschen jungen schwarzugigen Brgersfrau hatte, deren
Mann eine gute Haut war, sich gerne zu Kommissionen gebrauchen und
verschicken lie, wo ich dann seine Abwesenheit gut zu benutzen
verstand. Whrend unseres Aufenthaltes daselbst kamen smtliche
Offiziere in einer Art Kaffeehaus jeden Morgen zusammen, wo dann bei
einem Eierkaffee -- Milch gab es keine -- Konseil gehalten wurde, ob
wohl an das Weitermarschieren zu denken sei. Ich widerriet es soviel als
mglich, meiner liebenswrdigen Wirtin zu Gefallen, endlich mute aber
doch der Sache ein Ende gemacht werden, und den fnften Tag unseres
Sejours daselbst bestimmte das Konseil und der Kommandant, da wir den
kommenden Morgen nach Tarent aufbrechen wrden, wo wir nach zweimal
vierundzwanzig Stunden ziemlich wohlbehalten eintrafen und zu unserem
nicht geringen Erstaunen ein franzsisches Geschwader in der Reede vor
Anker liegen sahen, das schon etwa vor acht Tagen von Toulon gekommen
war. Hier fand sich auch ein Befehl zu unserer Einschiffung vor, sowie
da unsere Bestimmung, und namentlich auch die meinige, die Insel Korfu
und ich dem zweiten daselbst in Garnison stehenden _Rgiment tranger_
zugeteilt sei. Einen Brief von meiner geliebten Atri, in einem anderen
der Marchesa eingeschlossen, fand ich _poste restante_ vor, wie wir es
verabredet hatten. Derselbe enthielt nebst zrtlichen Beteuerungen
ewiger Liebe die ausfhrliche Geschichte der Intrige, die mich so
pltzlich und unerwartet aus Neapel gebracht und die niemand anders
gesponnen hatte, als mein Busenfreund Laviani im Verein mit Longchamps
und dem Sekretr Montfort. Er war nmlich meinem Verhltnis mit der Atri
auf die Spur gekommen, und da er wute, da auch Murat ein Auge auf die
Dame hatte, so bestach er eine Kammerfrau der Herzogin, die ihm Briefe
und Billetts von mir auslieferte, welche dem Knig in die Hnde gespielt
worden waren, dem auch Longchamps steckte, da sich meine ganze
Theaterliebhaberei in der ebenfalls von Seiner Majestt gerne gesehenen
_prima ballerina seria_ konzentriere. Daher die pltzliche allerhchste
Ungnade, die mich aus allen meinen Himmeln in die bodenlosen Grnde
Apuliens gestrzt hatte. Jetzt war mir alles klar. O Leviathan Laviani,
htte ich dich doch noch einmal vor der Klinge! rief ich vergeblich zu
Tarent aus. Und die Auffhrung der Donaunymphe, deren in Szenesetzen
ber hunderttausend Franken gekostet hatte, unterblieb definitiv. Die
Geschichte gab indessen der neapolitanischen schnen Welt hinlnglichen
Stoff zu sehr unterhaltenden Klatschereien.

Da der Wind nicht gnstig war, so konnten wir auch nicht sogleich
abfahren, sondern verweilten noch ungefhr acht Tage im Golf von Tarent.

Endlich war uns der Wind gnstig, und den achten Tag nach unserer
Ankunft verlieen wir mit angeschwollenen Segeln den Golf von Tarent.
Ich war mit der Kompagnie, die ich befehligte, auf dem >Boreas<, einem
Linienschiff von achtzig Kanonen, mitsamt meinen drei Pferden, in deren
Besitz ich noch war, denn ich hatte keine Zeit und Gelegenheit mehr
gehabt, mich auch nur eines derselben zu entledigen, eingeschifft. Das
Einschiffen dieser Tiere war komisch genug; nachdem man ihnen Gurte um
den Bauch gebunden, wurden sie von einer Barke in die Hhe gewunden, so
da sie bald mit allen Vieren zwischen Himmel und Wasser schwebten,
wobei es ihnen sonderbar zumute gewesen sein mag und sie mit allen
Vieren festen Fu zu fassen suchten, da es recht jmmerlich-ergtzlich
anzusehen war. Als die Anker gelichtet waren, fuhren wir mit frischem
Maestro in aller Frhe davon, aber gegen Abend erhob sich ein gewaltiger
Sturm, der die Nacht durch wtete und die ganze Flotte, aus vier
Linienschiffen und mehreren Fregatten bestehend, trennte und zerstreute,
so da wir mit dem anbrechenden Tag nur noch eine unserer Fregatten in
weiter Ferne sahen. Da der Sturm noch immer whrte, so waren lngst alle
Segel eingezogen und das Schiff dem Spiel der hochgetrmten Wellen und
den tobenden Winden preisgegeben. Zweimal vierundzwanzig Stunden hielt
dieses Wetter an, und wir befanden uns, als es nachlie, im Angesicht
der afrikanischen Kste auf der Hhe von Tunis. Gegen Mittag zeigten die
Wachen auf den Masten an, da sie am Horizont gegen Norden mehrere
Schiffe wahrnhmen. Bald sahen wir diese auch vom Verdeck. Man hielt sie
fr feindlich und hatte in kurzer Zeit die Gewiheit, da es drei
englische Fregatten waren, die mit vollen Segeln auf uns zufuhren. Der
Kapitn des >Boreas< war ein sehr tapferer und erfahrener Seemann, von
groer Entschlossenheit. Er lie das Schiff sogleich in den besten
Angriffs- und Verteidigungszustand setzen, alle Kanonen wurden
angezogen, smtliche Mannschaft an ihren Posten aufgestellt, und die
Landtruppen, welche, soweit sie befhigt waren, den Dienst mit der
Marine zusammen zu versehen, wurden, was nicht seekrank (ein Dritteil
der Kompagnie), gleich als schlagfertig aufgestellt. Ich stand an der
Spitze derselben auf dem Verdeck. Die englischen Schiffe kamen jetzt
heran, fuhren pfeilschnell an uns vorber, eine volle Ladung gebend, die
wir sogleich erwiderten. Mehrere Kugeln hatten das Schiff von
verschiedenen Seiten durchbohrt und die herumfliegenden Splitter des
Holzes viele Soldaten und Matrosen verwundet. Als die dritte englische
Fregatte vorberfuhr, hatte eine Kettenkugel einen Artillerie-Sergeanten
nebst drei Mann, kaum vier Schritte von mir entfernt, niedergerissen und
mit fortgeschleudert. Ich gestehe, da mir bei diesem Gefecht, wo wir
nur eine durchaus passive Rolle spielten, eben nicht sonderlich zumute
war. Die Unbekanntschaft mit der Gre der Gefahr, die Lcher, die das
Schiff erhielt, das wir glaubten entweder untergehen oder in die Luft
springen zu sehen, das Getse, Gepfeife, Gebrll durch die Sprachrohre,
der Lrm der Matrosen war uns alles ganz neu. Die Englnder wiederholten
noch einigemal ihre Manver, ohne da wir ihnen einen bedeutenden
Schaden htten zufgen knnen, denn die abfeuernden Fregatten waren
jedesmal wieder weiter, bevor wir unsere Ladung gaben, die dann in Dampf
und Rauch ging, hinter denen wir die Schiffe noch vermuteten, auch
wendeten sie sich wohl viermal, bevor wir uns einmal wenden konnten, und
feuerten dann wieder von der anderen Seite ab. Ihre Manver waren den
unseren in allen Dingen weit berlegen. Schon hatte das Gefecht beinahe
eine Stunde gedauert, ohne da noch etwas Entscheidendes geschehen wre,
jedoch hatte es allen Anschein, da wir unterliegen wrden, als mehrere
grere Schiffe mit vollen Segeln auf uns zukamen und Signale machten,
in denen wir die Linienschiffe der zu uns gehrenden Flotte erkannten,
welche der Sturm verschlagen hatte. Nun fanden die Englnder fr gut,
das Weite zu suchen, und fuhren in aller Eile davon, uns noch ein paar
tchtige Ladungen zurcklassend. Die Ankunft dieses Sukkurses war ein
groes Glck fr uns, denn wir wrden sicher am Ende den krzeren
gezogen haben; an ein Ergeben wre nicht zu denken gewesen, unser
Kapitn hatte geschworen, das Schiff eher in die Luft zu sprengen, und
er war der Mann, der imstande war, sein Wort zu halten. Schon jahrelang
hatte er sich die Ngel an der linken Hand, an der er immer einen
Handschuh trug, nicht abgeschnitten, da er ein Gelbde getan, dies nicht
eher zu tun, als bis er ein englisches Schiff genommen oder in den Grund
gebohrt haben wrde. Wahrscheinlich ist er mit seinen langen Ngeln zu
Grabe gegangen. Aber dies mag ein Beweis von dem Ha sein, welcher zu
jener Zeit zwischen den beiden Nationen bestand. So befreit, segelten
wir nun mit den bei uns angekommenen Schiffen, es waren zwei
Linienschiffe und eine Fregatte, weiter, verlieen die afrikanische
Kste, kamen an der sdlichen Spitze von Sizilien vorber und suchten
baldmglichst unsere Bestimmung zu erreichen, was den zehnten Tag nach
unserer Abfahrt von Tarent der Fall war, wo wir gegen Mittag die Festen
und Trme der Stadt Korfu zu Gesicht bekamen, in deren Reede wir noch
den nmlichen Abend die Anker warfen und den folgenden ausgeschifft
wurden.

Was mir gleich beim Landen auffiel, war, da ich auer dem Militr nur
sehr wenige europische und fast nur griechische, albanesische,
trkische und andere orientalische Trachten zu Gesicht bekam. Besonders
frappierten mich die albanesischen Soldaten, von denen ein ganzes
Regiment, meistens berlufer von der Miliz des furchtbaren Ali Pascha
in Janina, in franzsischem Sold stand, mit ihrem Nationalkostm, ihren
kostbaren Waffen und ihren ungeheuren groen silbernen oder goldenen
Schnallen in Tellerform, mit silbernen Ketten belastet, welche bei jedem
Tritt klirrten und rasselten.

Die neuangekommenen Truppen wurden sogleich in die Fortezza Vecchia
kaserniert; die Offiziere erhielten Quartiere in der Stadt, die aber nur
aus einem fast ganz kahlen Zimmer bestanden, in welchem ein paar Blcke
mit einigen Dielen, eine dnne Matratze, zwei Bettcher von Baumwolle,
eine Decke von gleichem Stoff, das Bett und zwei Holzsthle mit einem
kleinen Tisch das ganze Ameublement bildeten. Dies alles wurde durch das
Quartieramt geliefert. Auch die Stabsoffiziere waren nicht viel besser
logiert, nur da sie ein paar Zimmer und Sthle mehr hatten. Die
Soldaten schliefen auf den kahlen hlzernen Pritschen und hatten nicht
einmal Strohscke, noch weniger Decken. Nur im Lazarett erhielten sie
eine dnne Matratze. Diese Art zu kasernieren hatte wenigstens das Gute,
da die Leute von dem Ungeziefer, namentlich den Flhen weniger zu
leiden hatten.

Ich war zu dem zweiten _rgiment tranger_ versetzt worden, von dem zwei
Bataillone in Garnison in Korfu lagen, und bei dem ich viele alte
Bekannte traf, denn es war zum Teil aus dem ehemaligen Regiment Y.
gebildet, das, wie das Regiment Latour d'Auvergne und andere Regimenter
der Art, in mehrere _rgiments trangers_, die numeriert wurden,
verschmolzen worden war. Ich wurde dem zweiten Bataillon zugeteilt, das
erste stand noch in Italien, welches der Bataillonschef von Brge,
derselbe, mit dem ich schon in Genua in sehr freundschaftlichen
Verhltnissen gestanden hatte und dessen Tochter Josephine jetzt zu
einem blhend schnen vierzehnjhrigen Mdchen herangereift war,
kommandierte. Auer dieser Familie fand ich noch Madame Gasqui, die
unter der Zeit Witwe und die Geliebte des Gouverneurs der Jonischen
Inseln, des Generals Donzelot, geworden war, und mehrere andere bekannte
Offiziere und Damen vor.

Die Jonischen Inseln waren durch den Frieden von Tilsit (1807) an
Frankreich gekommen, dem sie aber die Englnder alle bis auf das feste,
mit Gewalt fast uneinnehmbare Korfu und das kleine Paxo wieder
abgenommen hatten. Reizend sind die Umgebungen von Hyres; einladend
liegt das milde Nizza, herrlich das prchtige Genua da, nicht minder
anziehend Kataloniens Hauptstadt Barcelona und paradiesisch sind
allerdings die Umgebungen von Neapel und die Insel Capri. Aber
unvergleichlich und wahrhaft himmlisch ist das Klima der Jonischen
Inseln, unter denen sich besonders Zante, _il Paradiso del Levante_,
durch seine Lage und die innere Beschaffenheit seines Landes
auszeichnet.

Nichts lt sich mit dem Zauber der jonischen Sommernchte vergleichen,
und hier whrt der Sommer fast volle neun Monate. Unter Oliven und
Lorbeeren liegen die Einwohner, den Blick zu den hier dreimal glnzenden
Sternen gewandt, in behaglicher wollstiger Ruhe die ganze Nacht und
bringen sie mit Singen, Erzhlen und Betrachtungen hin, die Nhe des
allmchtigen, des unbegreiflichen, des schpferischen Weltgeistes
ahnend. In keinem anderen Lande Europas, weder in Italien noch in
Spanien, noch im sdlichen Frankreich sind die Sommernchte so reizend
und erwecken so hohe Empfindungen und Gefhle als auf den Jonischen
Inseln, unter dem jonischen Himmel. Nirgends wirkt die Natur so
beseligend als in den Tlern von Korfu oder auf den Olivenhgeln von
Zante. Ewig unvergelich sind mir die paar Jahre, die ich hier
zubrachte, und sie gewhren mir die sesten Rckerinnerungen.

Die Insel Korfu, welche zur Zeit der franzsischen Okkupation
(1807-1814) etwas ber sechzigtausend Einwohner, die zehn- bis
zwlftausend Mann starke Garnison nicht inbegriffen, zhlen mochte, hat
einen Umfang von beinahe dreiig deutschen Meilen.

Auf der ganzen Insel ist jetzt nur noch eine Stadt, die Hauptstadt
Korfu, die auerordentlich gut befestigt und von zwei durch Gewalt
uneinnehmbaren Zitadellen oder Forts beschtzt wird. Die Straen der
Stadt sind grtenteils sehr eng, krumm, hgelig und uneben. Nur zwei
derselben sind ziemlich breit; da man aber nie einem Fuhrwerk hier
begegnet, so hat dies nichts zu sagen. Kein Haus hat mehr als zwei
Stockwerke; keines hat einen Hof oder gar einen Garten, fast alle haben
aber Vorhallen und Arkaden, unter denen die Kaufleute ihre Buden haben
und ihre Waren feilhalten. Die Stadt zhlt zwlf- bis fnfzehntausend
Einwohner, die brigen Bewohner der Insel leben teils in hundertdreiig
Flecken und Drfern, teils in einzelnen Husern und Htten, die auf der
ganzen Insel zerstreut liegen.

Die Venezianer hatten die ganze Insel in sieben Kantone eingeteilt, und
diese Einteilung wurde unter der franzsischen Herrschaft auch
beibehalten. Eigentlichen Ackerbau kennt man so wenig wie Gemsegrten.
Der Weinstock wchst lngs anderen Baumstmmen wild hinan oder auf den
zu diesem Zweck amphitheatralisch angelegten Terassen der Berge. Die
Natur tut hier fast alles, der Mensch wenig mehr, als das, was sie ihm
bringt, zu sammeln und zusammenzuraffen. Die Oliven werden nicht einmal
von den Bumen gepflckt, sondern man wartet, bis sie abfallen, recht
sie dann zusammen und lt sie durch ein Pferd oder ein Maultier
zwischen zwei groen Mahlsteinen zermalmen. Mhlen kennt man so wenig
als Keltern. Nur einige alte Windmhlen, die aber lngst nicht mehr im
Gange waren, entsinne ich mich vor dem Flecken Castrades an dem Ufer der
See gesehen zu haben. Der Korfiote schlft in der Regel von der zehnten
Stunde des Morgens bis zur fnften oder sechsten des Abends, vom Monat
Mrz bis Ende Oktober, und ruht dann des Nachts meistens unter freiem
Himmel von den Strapazen, das heit vom Schlafen des Tages und dem Essen
aus. Letzteres ist freilich sehr mig, und ich glaube nicht, da sich
ein sterreicher von mittelmigem Appetit mit dem begngen wrde, was
zehn Griechen verzehren. Vor dem Schlafengehen, das heit um neun Uhr
morgens, ist ein Stckchen Brot, etwas Knoblauch oder Zwiebel oder ein
Stckchen weier Ziegenkse das Mahl, mit dem er zu Bette oder vielmehr
zu Boden geht, denn Bettstellen sind auf dem Land ganz unbekannte Dinge,
und der Korfiote schlft mit seiner Familie auf einer groben wollenen
Decke auf dem ungedielten Boden seiner Htte, der aus der khlen Erde,
wie sie die Natur geschaffen hat, besteht. Beim Wiedererwachen wird das
Mittagmahl eingenommen, dessen Zubereitung in der Regel keiner
Brennmaterialien bedarf. Etwas Kruter mit Seesalz, l und Zitronensaft
angemacht, ein Stckchen Brot, ein gesalzenes Fischchen, nicht viel
grer wie eine genuesische Sardelle, und ein Schluck Mischwein reichen
hin, jedes Glied der Familie zu sttigen. Hierzu kommt noch, da der
Grieche fast ein Dritteil des Jahres Fasten hat, welche er auf das
genaueste und strengste beobachtet und whrend deren er sich nicht nur
aller Fleischspeisen, Eier und dergleichen enthalten mu, sondern sich
auch keiner Art von Fett bedienen darf, folglich auch des les nicht; ja
nicht einmal Milch oder Kse darf er genieen. Es bleibt ihm nun nichts
brig, seinen Hunger zu stillen, als Kruter, Gemse, die er roh oder
abgesotten mit Salz und Zitronensaft verspeist, und Brot oder Zwieback.
Dabei sind die Leute kerngesund, krftig, wissen nicht viel von
Krankheiten und ebensowenig von Nahrungssorgen. Anders ist es freilich
in der Stadt, deren Einwohner wenigstens zu einem Fnftel aus
Italienern, meistens Venezianern, bestehen, die Abkmmlinge
venezianischer Familien sind, welche Spekulation oder auch Verbannung
nach Korfu fhrte. Unter ihnen sind manche berhmte und bekannte Namen
venezianischer Nobili, wie die Grafen Monzenigo, Dandolo, Contarini und
so weiter.

Die reichen Einwohner der Stadt Korfu werden nach der Quantitt l
geschtzt, die sie alljhrlich machen; und wie man zu Paris sagt, er hat
so und so viel tausend Franken Revenuen, sagt man zu Korfu, er hat so
und so viel hundert Krge l zu verzehren. Ebenso bekommt eine Braut
eine gewisse Zahl Olivenbume zur Aussteuer mit. Diese Bume sind hier
von einer ungewhnlichen Gre und Schnheit, so wie man sie in keinem
anderen Lande Europas, weder in Spanien noch in Italien sieht, und
machen den Reichtum der Insel aus. Das l, besonders das von Paxo, ist
vortrefflich, kristallhell und hat oft die Farbe des reinsten
Quellwassers. Dieses l ist so wohlschmeckend und man gewhnt sich so
sehr daran, da, als ich wieder nach Deutschland zurckkam, ich auch die
beste Butter unangenehm schmeckend fand und mich erst wieder daran
gewhnen mute. Die Besitzer der Olivenwlder sind groe Herren und
verzehrten frher einen Teil ihrer Einknfte in Venedig, wo sie meistens
den Winter zubrachten. Whrend der franzsischen Herrschaft schmolzen
ihre Revenuen jedoch fast auf nichts zusammen, da man das l nicht
ausfhren konnte, indem Korfu bestndig von den englischen Schiffen
blockiert wurde, so da alle Schiffahrt und Versendungen aufhrten, und
nur mit groer Mhe und Gefahr die Kanonierschaluppen der Regierung in
finsteren Nchten es wagten, nach Otranto zu segeln, um die Verbindung
mit dem festen Land einigermaen zu unterhalten, und dennoch fielen auch
diese nicht selten in die Hnde der Englnder. So kam es denn, da der
Wert des les, fr das man keinen Absatz mehr finden konnte -- das
meiste ging frher nach Venedig und Triest -- fast auf Null herabsank,
und der Adel und die Wohlhabenden in Korfu, deren Reichtum fast
ausschlielich in diesem Produkt bestand, sich in der grten Not und
Geldverlegenheit befanden, so da viele von ihnen ihre Olivenbume
umhauen, Kohlen daraus brennen lieen und diese verkauften, um leben zu
knnen; ein ungeheurer Nachteil und Verlust, da, wie bekannt, der
Olivenbaum einer langen Reihe von Jahren bedarf, bevor er so weit ist,
da er Frchte bringt.

Alles Getreide der Insel, worunter der Calambochio und Mais das meiste
liefert, reicht bei aller Migkeit der Korfioten kaum fr den Bedarf
von vier bis fnf Monaten fr die Bewohner der Insel hin, welche seit
Jahrhunderten gewohnt sind, das mangelnde gegen l einzutauschen. Da
dieses aber ebenfalls whrend der franzsischen Herrschaft nicht mglich
war, so war bisweilen das Brot so teuer, da die Bewohner der Stadt das
Kommibrot des Soldaten mit fnf bis sechs Piaster bezahlten und
verhltnismig teurer den Schiffszwieback, wenn kein Brot zu haben war.

Der Wein, den man auf der Insel Korfu zieht, ist sehr stark, meistens
schwarz und dick, und ungesund unvermischt zu trinken. Die weien Weine
sind s, feurig und dem Zypernwein sehr hnlich; doch gibt es auch
herbe und rauhe. Wrden die Weinberge sorgfltiger bebaut und wre die
Behandlung des Weines anders, so mte hier ein ganz vorzgliches
Getrnk gezogen werden. Es lag aber in der Politik der venezianischen
Regierung, da die Insel Korfu kein Weinland werden sollte, weil sie
einen ungeheueren Gewinn am l machte, das fast alles durch ihre Hnde
ging und von dem sie wenigstens zwanzig bis dreiig Prozent zog. Deshalb
hatte sie auch das Anpflanzen korinthischer Weinstcke auf Korfu bei
schwerer Strafe untersagt und ntigte so die Korfioten, sich auf den
lbaum zu beschrnken.

In der ganzen Stadt Korfu ist auch kein einziges Gebude, das als
besonders merkwrdig erwhnt zu werden verdient, und selbst der
Gouvernementspalast ist sehr mittelmig. An gerumigen Kasernen und
Magazinen ist zwar kein Mangel, aber sie sind weder bequem noch mit
Sorgfalt eingerichtet. Das Theater ist ein altes seltsames Gebude, das
frher eine ganz andere Bestimmung hatte. Unter den vierzig griechischen
Kirchen und Kapellen ist keine einzige in architektonischer Hinsicht von
Bedeutung und nur zwei haben Trme, von denen der eine, der des Sankt
Spiridion, ein Glockenturm ist. Die Glocken aller anderen Kirchen sind
an einigen Seitenportalen angebracht oder hngen auch frei auf dem Dach.
Die Kirche des heiligen Spiridion ist ziemlich gro und gerumig und
wegen ihres hochverehrten Heiligen nicht nur in Korfu, sondern in ganz
Griechenland und wo man sich zur griechisch-christlichen Religion
bekennt, berhmt. Die Verehrung fr diesen Heiligen ist so gro, da
Gott, Christus, der heilige Geist und die Jungfrau ihm weit nachstehen
mssen, und whrend der Grieche gleichgltig zuhren wrde, wenn man
jene lsterte, wrde er sich mit Wut auf denjenigen strzen, der sich
auch nur die leiseste unziemliche Bemerkung gegen diesen Heiligen
erlaubte.

Die venezianischen Adeligen, welche in Korfu wohnen, haben mehrere
Kasinos, in der Art, wie man sie in Venedig kennt, eingerichtet. Sie
waren es auch, welche die meisten Logen in dem Theater innehatten, in
welchem italienische Opern, Schauspiele und Ballette gegeben und whrend
der Franzosenzeit gar nicht bel und sogar mit Pracht aufgefhrt wurden.
Das Orchester, wenigstens die blasenden Instrumente, bestand jedoch fast
ausschlielich aus franzsischer Militrmusik.

Bald nach meiner Ankunft zu Korfu wurde das Bataillon, bei dem ich
stand, und welches in der Zitadelle der alten Festung kaserniert
gewesen, nach Sankt Theodor, einem ehemaligen griechischen Mnchskloster
beordert, das auf der Stelle steht, wo sich frher die Grten des
Alcinous befunden haben sollen, und wo nach Homer Odysseus die holde
Prinzessin Nausikaa und eine so freundliche Aufnahme fand. Dieses
Kloster lag eine kleine halbe Stunde von der Stadt entfernt, in einem
Olivenwald hinter dem groen Flecken Castrades. Meinen Tisch hatte ich
auf Einladung der Madame Brge wieder bei dieser Familie genommen und es
auch bernommen, bei deren hbschen Tochter den Unterricht im Klavier
und Gesang fortzusetzen, den ich vor vier Jahren in Genua mit ihr
anfing. Indessen war sie weit vorangeschritten, da sie seitdem in
Italien bei guten Lehrern ihr musikalisches Talent ausgebildet hatte;
aber in Korfu war an solchen gnzlicher Mangel, und mein Erscheinen
daher der Familie Brge sehr willkommen. Die Stimme meiner jungen
Schlerin war stark und wohlklingend geworden, es war ein hoher
lieblicher Silbersopran, und so machten mir diese Unterrichtsstunden
groes Vergngen. Auch mit dem Tisch hatte ich groe Ursache zufrieden
zu sein, da in Korfu auch nicht eine einzige gute Speiseanstalt war und
die unverheirateten Offiziere Menage zusammenmachten, wozu ein Soldat
als Koch diente. Man kann denken, wie da gekocht wurde. Doch machten
einige dieser Menagen eine Ausnahme, indem sie zufllig auf ein
Kchengenie gestoen waren.

Auer dem Stadttheater, das nicht sehr gro ist, etwa sechs- bis
siebenhundert Zuschauer fassen konnte, und in dem Gebude der ehemaligen
Brse, die lngst unntz geworden, eingerichtet war, fand ich auch ein
franzsisches Liebhabertheater vor, dessen (weibliche) Seele Madame
Gasqui war, und die Vorstellungen fanden -- _horribile dictu_ -- auf der
Hauptwache statt, das heit in einem kleinen Saal dieses Gebudes, in
dem frher Waffen aufbewahrt wurden. Ich war bald ein ttiges Mitglied
dieser Bhne, wodurch mir der Vorteil erwuchs, da ich die Bekanntschaft
des Gouverneurs und anderer Autoritten auf der Insel, wie die des
Generals Cardenneau, des Chefs des Generalstabs Baudouy, des
Kommissr-Imperial Lesseps und so weiter machte, und es nun an
Einladungen zu Diners und kleinen musikalischen Soireen nicht fehlte.

In dem groen Theater, dessen Impresario ein gewisser Delungo,
Ballettmeister und Grotesktnzer war, wurden _Opera seria_, _Opera
buffa_ und groe Ballette aufgefhrt. Das Personal desselben war nicht
wie in Italien auf eine Stagione, sondern immer auf ein ganzes Jahr
engagiert, weil das ftere Wechseln hier mit zu groen Schwierigkeiten
verknpft gewesen wre. Die _Prima donna seria_ war eine Signora Mariana
Recupido, die liebenswrdige Gattin eines schon an der Schwindsucht
laborierenden Tenors. _Prima Ballerina seria_ war Signora Giuseppina
Panzieri, ein allerliebstes blondgelocktes Mdchen, eine wahre
Graziengestalt. Nicht minder artig war die _seconda Ballerina_,
Chiaretta Gaspari, die ein recht naseweises Roxelanennschen hatte. Als
ich in Korfu ankam, waren Guglielmis >_Amanti in scompiglio_<, Meyers
>_Ginevra di scozia_< und das Ballett >_Didone abbadonniata_< auf dem
Repertoire. Oper und Ballett waren gut besetzt, besonders war der
Kastrat, ein gewisser Matuccio, der den Ariodante sang, vortrefflich,
sowie die Recupido als Ginevra. Deren Gatte mute aber bald darauf die
Bhne verlassen und wurde durch den Tenor Spiegoli, der eine sehr
frische und schne Stimme hatte und den Polinesso ausgezeichnet gut gab,
ersetzt. -- Auch das Ballett war nicht bel; den ersten Tnzer machte
eine Dame, die sehr schn gebaut war. Die Panzieri war vortrefflich und
der Grotesktnzer machte furchtbare _Salti mortale_.

Das Leben der Garnison in Korfu war brigens ein rechtes
Schlaraffenleben. Sie war mit Inbegriff der Albaneser wohl ber
zwlftausend Mann stark und aus allen mglichen Nationen
zusammengesetzt. Sie bestand aus dem sechsten franzsischen Linien- und
dem vierzehnten leichten Infanterieregiment, jedes ber dreitausend Mann
stark, zwei Bataillonen von dem zweiten Fremdenregiment, einem Bataillon
kniglich italienischer und ein anderes neapolitanischer Truppen, den
Ruderas des Regiments _Chasseurs de l'orient_, das mit der franzsischen
Armee aus gypten zurckgekommen war, einem Bataillon Septinsulaner, so
genannt, weil sie unter den Venezianern einen Teil der Garnison der
sieben Jonischen Inseln ausmachten und aus Dalmatinern, Slavoniern,
Venezianern und einigen Griechen zusammengesetzt, einer Eskadron
_Chasseurs  cheval_, an hundert Mann stark, die aber kaum sechzig
Pferde hatten, dem Regiment oder vielmehr der Horde undisziplinierter
Albaneser, die nie in Reih und Glied zu bringen waren, und endlich einer
sehr zahlreichen franzsischen und neapolitanischen Artillerie nebst
mehreren Pionierkompagnien, dem Ingenieurkorps, Sappeurs und Mineurs.
Die ganze Marine bestand aus zwei in dem Hafen stationierenden
Fregatten, einigen Briggs und etlichen zwanzig Kanonierschaluppen.
Dieses gewi seltsame Quodlibet, bei dem sogar Afrikaner und Asiaten
waren, bildete die Garnison von Korfu. -- Smtliche Infanterie war
zugleich fr den Artillerie-Festungsdienst eingebt worden, um sie im
Fall einer Belagerung die Geschtze bedienen zu lassen, da die
vorhandene wirkliche Artillerie kaum fr den sechsten Teil derselben
ausgereicht haben wrde. Der Dienst im allgemeinen wurde aber,
wenigstens von den Offizieren, ziemlich nachlssig versehen, und zwar
so, da sich dieselben erlaubten, zur Nachtzeit die Wachen zu verlassen
und erst gegen Morgen wieder sich auf denselben einfanden. Viele
derselben, sowie auch Unteroffiziere und Soldaten, waren hier frmliche
Handelsleute, Krmer, Handwerker und so weiter geworden, trieben alle
mglichen Geschfte und erschienen fast nur bei den Revuen unter den
Waffen und in Uniform. Viele Offiziere machten allerlei kleine
Handelsspekulationen, namentlich die der Septinsulaner, welche sich
besonders auf den Schmuggel legten. Andere hatten Bckereien angelegt,
noch andere sich mit dem Wasserhandel eingelassen, lieen die
Wasserfchen durch Soldaten hereinbringen und billiger als die Griechen
und Albaneser verkaufen und so weiter. Die Garnison hatte in der Regel
anderthalb bis zwei Jahre Sold zu gut, und man sah ihr deshalb von oben
herab manches durch die Finger. Ein anderes bel, das einri, war, da
von den Generlen bis zum Tambour herab sich viele Militrs Mtressen
beilegten, meistens arme Griechinnen, die sie mit Bewilligung ihrer
Eltern zu sich nahmen, sie unterhielten, und die oft sehr schn waren.
Die Griechen der niederen Klassen verhandelten nicht selten ihre oft
kaum zwlfjhrigen Tchter fr wenige trkische Piaster, -- das
trkische Geld war das, was nebst dem venezianischen am meisten
kursierte -- an Offiziere oder Soldaten und beschworen dabei, da sie
ihnen eine Jungfrauschaft berlieferten. War nun einer seiner Geliebten
berdrssig oder konnte er sie nicht lnger unterhalten, so verhandelte
er sie an einen anderen. fters unterhielten auch zwei bis drei
Kameraden ein solches Mdchen. Andere tauschten ihre Mtressen
gegenseitig aus, worauf der eine oder der andere noch einige Pokale Wein
zum besten geben mute. Dies alles muten sich die armen Geschpfe wohl
gefallen lassen, waren manchmal auch mit dem Tausch ganz zufrieden.
Diese Mdchen sprachen auer dem Korfiotischen neugriechisch, gewhnlich
etwas gebrochen venezianisch, lernten aber bald einige franzsische
Worte plappern. Sie hatten in der Regel einen natrlichen scharfen
Verstand, waren aber in allen Dingen, die praktische Liebe ausgenommen,
im hchsten Grade unwissend. Keine konnte schreiben oder lesen, selbst
nicht die, welche wohlhabenden Familien angehrten. Ebensowenig konnten
sie nhen oder stricken oder auch nur eine Suppe kochen. Den ganzen Tag
lagen sie auf den Strohscken oder Matratzen, wenn sie deren hatten. Ihr
Unterhalt kostete freilich wenig, da sie fast nichts aen als Kruter
mit l und Zitronensaft und etwas Brot und Mischwein, und eine kleine
Kammer bewohnten, fr welche der jhrliche Mietzins wenige Piaster
betrug. Die Offiziere und Sergeantmajors, die eigene Zimmer hatten,
nahmen sie meistens zu sich. Trotzdem der Sold so lange rckstndig war
und ausblieb, lebten die Soldaten doch nicht schlecht, ja manche viel
besser als ihre Offiziere, da sie mit allerlei Arbeiten, die hier sehr
gut bezahlt werden, viel Geld verdienten. Auerdem stand die ganze
Garnison fortwhrend auf dem Feldetat und erhielt folglich tglich auer
dem Brot ihre Portionen Fleisch, Wein, trockene Zugemse, Salz, Holz,
Essig und so weiter, das freilich oft schlecht genug von den
Fournisseurs geliefert wurde. Oft fehlte es auch gnzlich an frischem
Fleisch und man teilte dann gesalzenes oder Speck aus den Magazinen aus.
Die Soldaten wurden von den Korfioten nicht selten auf das
gewissenloseste geprellt, wenn sie etwas verzehrten oder kauften. Man
kann sich kaum einen Begriff von der Verschlagenheit, List und
Schlauheit der Griechen im Betrgen machen, worin sie Meister sind. Man
mag sich stellen, wie man will und noch so sehr in Obacht nehmen, immer
wird man von ihnen bervorteilt. Wollte man in Korfu nicht oder
wenigstens nicht so sehr hintergangen werden, so ging man zu den Juden,
um etwas einzukaufen. Die Sittenverderbnis war unter den Einwohnern
Korfus, namentlich den Griechen, in einem furchtbaren Grade eingerissen.
Sodomiterei war nicht nur etwas ganz alltgliches, sondern auch ein
gewhnlicher Gegenstand der Unterhaltung unter ihnen. Sie suchten diese
schmutzigen ekelhaften Gelste auf alle Weise zu befriedigen, junge
Soldaten zu verfhren, und wurden fters en flagrant dlit in Kasematten
und so weiter ertappt. Ja Kinder im zartesten Alter suchten sie zu ihren
unnatrlichen Lsten zu bekommen und fanden dabei gar nichts
auerordentliches. Whrend meines Aufenthaltes zu Korfu fiel es vor, da
ein Grieche seine abscheuliche Wollust an einem Jungen unter drei Jahren
zu befriedigen suchte, und als ihn der Kommissr-Imperial, die hchste
Justizbehrde der Insel, deshalb auf die Galeere schickte, erregte dies
eine allgemeine Teilnahme der Einwohner fr ihn. _Poveretto; ma che
gran cosa ha fatto?_ sagten sie mitleidig, und der Mensch wurde
allgemein bedauert. Auch ihre Frauen waren vielen feil, und selbst nicht
ganz arme Mnner erlaubten fr einige Piaster, da man ihren Ehehlften
einen Besuch abstatten durfte.

Die griechischen Kirchen und der griechische Gottesdienst haben ein
eigenes, nicht sowohl feierliches als mehr mysterises Wesen, wozu auch
das Verlegen des Hochaltars hinter den meistens vergoldeten Tren, die
Gitterlogen der Frauen, die in den Kirchen gestreuten aromatischen
Bltter und Blumen, das ewige Ruchern und Beruchern eines jeden sich
in denselben befindenden Individuums, er sei Grieche, Katholik,
Protestant, Trke, Jude oder Heide, die oft so sonderbaren Gemlde auf
Goldgrund, das ewige dstere Halbdunkel und Kerzenlicht, das nselnde
Singen der Chormnner, die seltsamen Trachten der Priester und Laien das
ihrige beitragen mgen. Es war mir anfnglich, als ich diese Tempel
besuchte, immer, als wre ich in dem Oratorium eines orientalischen
Zauberers.

Die in Korfu lebenden venetianischen Familien hatten so ziemlich die
Sitten und Gebruche des Mutterstaates beibehalten und brachten die Tage
und Nchte meistens in ihren Kasinos und Kaffeehusern zu, wo sie wie
auf dem Markusplatz zu Venedig kannegieerten und politisierten. Auch
gestatteten sie ausnahmsweise Fremden Zutritt in ihren Husern. Ich
hatte bald die Bekanntschaft eines Grafen Mocenigo, eines uerst
interessanten, hchst wissenschaftlich gebildeten Mannes gemacht, dessen
Familie aus Venedig stammte und der mich bat, sein Haus wie das meinige
zu betrachten, mir auch seine auserwhlte Bibliothek zur Verfgung
stellte und mir ber alles, was ich von der Insel Korfu zu wissen
wnschte, die beste Auskunft gab. Der Mann hatte einen groen Teil
Europas, die asiatische Trkei und auch einen Teil von Deutschland
bereist, nmlich sterreich. Er fhrte mich in ein venezianisches Kasino
ein, wogegen ich ihm Zutritt in dem franzsischen Liebhabertheater
verschaffte, das ihm viel Unterhaltung gewhrte.

Das behagliche Leben in Korfu war mir zwar nicht unangenehm, aber ich
fand es viel zu ruhig und zwecklos, als da es mich htte befriedigen
knnen. Auch mute ich gar manches, und namentlich Journale, Zeitungen
und die Neuigkeiten der Literatur berhaupt entbehren, da die
Kommunikation mit dem Festland uerst schwierig war und immer seltener
Schiffe aus Italien ankamen; aus Frankreich aber fast gar keine. Ich
entsinne mich nur einer einzigen Fregatte aus Toulon, die die ersten
Kartoffeln, eine auf der Insel noch gnzlich unbekannte Pflanze, fr die
Garnison, aber nicht zum verspeisen, sondern zum Anbauen brachte, da
jedes Regiment und jede Kompagnie brach liegende Lndereien in der Nhe
der Stadt angewiesen bekommen hatte, um sie zu ihrem Nutzen mit Gemse
zu bepflanzen. Alles, was Kleidungsstcke, Stiefel, Schuhe, Hte und so
weiter betraf, war ungeheuer teuer. Ein Paar Suwarowstiefel bezahlte man
mit sechzig bis siebzig Piastern, fr einen Hut ebensoviel. Andere
Luxusgegenstnde waren kaum zu erschwingen. Dies rhrte daher, da die
Englnder Korfu fast bestndig und namentlich in den letzten Jahren
(1812 bis 1814) in immerwhrendem Blockadezustand hielten und die Insel
umschwrmten. Mehrere englische Linienschiffe, Fregatten, Briggs,
Schaluppen und so weiter kreuzten fortwhrend zwischen Korfu und Italien
und paten mit der uersten Wachsamkeit allen von dort abgehenden
Schiffen und namentlich den franzsischen und italienischen
Kanonierschaluppen auf, die den Dienst zwischen Otranto und Korfu
regelmig versahen und Depeschen, Briefe, Gelder, Angestellte,
Montierungsstcke fr die Besatzung an Bord hatten und berbringen
sollten. Die Kommandanten dieser Schaluppen hatten scharfen Befehl,
sobald sie sich in Gefahr befnden, in Gefangenschaft zu geraten, den
Briefsack an dessen beiden Enden Kanonenkugeln befestigt waren, sogleich
in das Meer zu versenken; ebenso das Geldkistchen, in welchem sich in
der Regel eine halbe Million Franken in Gold und mehr, zur Bezahlung des
Soldes der Garnison und der Festungsarbeiten befand. Auf diese Art
fanden, whrend Korfu von den Franzosen besetzt war, wohl fnfzehn bis
zwanzig Millionen ihr Grab im Grunde des Meeres. Die immerwhrende
Blockade hatte auerdem noch das Unangenehme, da man nur selten
Nachrichten von dem Festland und den Seinigen erhalten konnte, und da
das einzige Produkt, welches die Insel ausfhrt, nmlich l, endlich
ganz wertlos wurde, whrend alle anderen Waren viermal teurer als
gewhnlich waren. Dies verursachte, da auch die reichsten Familien in
groe Not gerieten und weniger Bemittelte sich gar nicht zu helfen
wuten. Die berfahrt von Otranto hatte groe Schwierigkeiten und man
mute die uerste Vorsicht anwenden, sollten die Schaluppen nicht in
englische Gefangenschaft geraten. Zur Abfahrt wurde eine finstere
mondlose Nacht gewhlt, in welcher der Maestro, ein stark wehender
Nordwind, aus vollen Backen blies. Mit diesem Wind fuhr man, sobald es
vllig Nacht geworden, mit vollen Segeln von Otranto ab und kam dann den
anderen Morgen, wenn alles glcklich abgelaufen war, in Korfu an. Bei
der Ankunft eines solchen Seekuriers gab es allemal groe Freude und
Jubel in der Garnison und ein paar frhliche Tage, denn er brachte Geld,
Neuigkeiten und Nachrichten aus der lieben Heimat und auch Avancements
mit. fters whrte es auch wohl drei Monate und lnger, bis ein solches
Schiff durchwischen konnte. In der letzten Zeit blieben sie fast ganz
aus.

Unterdessen hatte ich die Bekanntschaft der Signora Mariana Recupido,
Primadonna der Opera Seria, gemacht, einer sehr geistreichen, munteren
und reizenden jungen Frau aus einer guten florentinischen Familie. Ihr
Vater war ein Conte Luciano, aber in Drftigkeit geraten, daher die
Tochter von ihrem nicht alltglichen Talent und ihrer schnen Stimme den
besten Nutzen zu ziehen suchte und, einmal beim Theater, einen der
besten Tenore Italiens in Bologna geheiratet hatte. Bald stand ich in
einem sehr vertrauten Verhltnis mit dieser Primadonna, ging ihre
Partien mit ihr durch und fhrte sie auch bei der Familie Brge ein, wo
ich das Vergngen hatte, sie Duette mit meiner liebenswrdigen Schlerin
Josephine singen zu lassen und wir dann Terzette miteinander
einstudierten. Whrend ich mit Mariana Recupido, die ihrem Zunamen alle
Ehre machte, im Vollgenu der Liebe schwelgte, vergngte ich mich noch
bei den Prliminarien mit der _giovin principante_ Josephine.

Herr von Brge brachte, seitdem er in Korfu war, die heieste Jahreszeit
in der Regel auf dem Lande, und zwar an einem von der Stadt ziemlich
entfernten Punkte zu. Fr diesen Sommer hatte er Pallea Castrizza, ein
altes griechisches Kloster, wie es deren noch viele auf der Insel gab,
gewhlt. Dieser Ort hatte eine wunderschne, uerst romantische Lage
auf einer kleinen Erdzunge an der Westseite der Insel, war befestigt,
und eine hohe Zypressenallee fhrte zu der Hhe, auf welcher das Kloster
lag, zu dem man nur ber eine Zugbrcke gelangen konnte. Am Fu des
Berges befand sich ein kleiner, zum Landen sehr bequemer Hafen, Sankt
Nicola genannt. Um diesen zu schtzen und Landungsversuche der Englnder
zu verhindern, hatte man eine Batterie auf dem Berg im Garten des
Klosters angelegt und eine Abteilung Infanterie von etwa achtzig Mann
hierher beordert. Herr von Brge wnschte, da ich den Sommer daselbst
mit seiner Familie zubringen mchte, und veranstaltete deshalb, da mir
das Kommando dieses Postens auf die Dauer seines Aufenthaltes bergeben
und durch meine Kompagnie besetzt wurde. Mir war dies ganz willkommen,
denn ich befand mich nicht wohler als in Gesellschaft meiner jungen
Schlerin und vermite die in der heien Jahreszeit ohnehin nicht sehr
angenehme Stadt gerne. Pallea Castrizza liegt ungefhr vier starke
Stunden entfernt von derselben. Der Weg dahin fhrt durch sehr
malerische, bald felsige, bald waldige und immer sehr gebirgige Gegenden
und ist, wie die ganze Insel, sehr uneben. Fr Frau von Brge, Josephine
und das Kammermdchen wurden Maultiere herbeigeschafft. Herr von Brge,
ich und noch ein Offizier ritten den Damen zu beiden Seiten. Vier
Soldaten trugen mit vier anderen abwechselnd das Pianoforte meiner
Schlerin, andere Maultiere deren Effekten und Matratzen. So bildeten
wir mit den Truppen einen abenteuerlichen, halb militrischen, halb
patriarchalischen Zug, und die Landleute, durch deren Orte wir kamen,
oder die uns begegneten, konnten sich keine Vorstellung von dem machen,
was das fr ein vierbeiniges Ding sei, das die vier Soldaten trugen. Auf
dem halben Weg, bei dem Flecken Liapades, machten wir einen Halt, und da
die Hitze schon sehr gro war, so wurde erst gegen Abend wieder
aufgebrochen und mit der Dmmerung rckten wir in das burghnliche
Kloster ein, dessen bisherige Besatzung in der Nacht abmarschierte. Das
groe Gebude war nur noch von zwei griechischen Mnchen bewohnt, von
denen der eine, ein oberster Papa, eine Art Abt, und der andere sein
dienender Bruder war. Die Kirche, die mitten im Klosterhof frei stand,
war nach griechischem Gebrauch reich ausgeschmckt und gut erhalten. Wir
teilten uns in die Zimmer ein, die keine Glasfenster, sondern nur
hlzerne Fensterlden und uerst schlecht schlieende Tren hatten und
nur mit einigen hlzernen Bnken und ein paar Tischen mbliert waren.
Herr von Brge nahm deren ein halbes Dutzend in Beschlag, die in einer
Reihe lagen, und mir wurden zwei daran anstoende zuteil.

Auer den Linientruppen und den Artilleristen befand sich auch noch ein
Detachement von ungefhr hundert Albanesen mit zwei Offizieren dieser
Truppen in Pallea Castrizza. Diese hatten smtlich ihr Quartier in einer
groen offenen Halle aufgeschlagen, welche am Abhang eines steilen
Felsens am Meer lag und auf beiden Seiten durch Palmen beschattet wurde.
Alle diese Truppen standen direkt unter meinem Kommando. Nachdem wir uns
gehrig installiert hatten, nahmen wir ein Abendessen, dessen
Hauptbestandteile frische Seefische und Langusten (eine Art groe
Seekrebse) ausmachten. Den Wein dazu mute der alte Klosterpapa liefern.
Da in der Bucht von Pallea Castrizza eine bedeutende Fischerei war, so
lie sich Frau von Brge jeden Morgen die frisch gefangenen Fische
prsentieren und whlte die delikatesten derselben aus, die dann zum
zweiten Frhstck zubereitet wurden. Nie habe ich kstlichere Fische
gegessen wie hier. Auch hatte Frau von Brge einen trefflichen Koch
mitgenommen. Der Fischfang war so ergiebig, da jeden Tag fr viele
hunderte Piaster nach Korfu getragen und daselbst verkauft wurden. Die
Hummern und Langusten hatten ein sehr wohlschmeckendes und zartes
Fleisch, so auch das Muschelwerk. Frisches Fleisch, aber nur
Ziegenfleisch, Wein, Hlsenfrchte, Salz, Essig, Brot und so weiter fr
das Detachement lieferte ein Bauer aus dem nahe gelegenen Dorf Spagus
auf Kosten der Lieferanten in Korfu. Wir erhielten aber Ochsen- oder
Kuhfleisch, weies Brot und andere Viktualien aus der Stadt. Wein, l
und andere Ingredienzien fr die Offiziere mute das Kloster in
hinreichender Quantitt und guter Qualitt geben, weshalb auch dessen
Papa, sowie weil ihm die Besatzung auch in manch anderer Hinsicht ein
Dorn im Auge sein mochte, dieselbe sehr ungern sah und nicht aufhrte,
jeden Kommandanten derselben zu versichern, da es die _maledetti
Inglesi_ niemals wagen wrden, hier an dem vom heiligen Nikolaus
beschtzten Kloster eine Landung zu versuchen. Da mir der alte Pfaffe,
fast so oft er mich erblickte, dieselbe Litanei wiederholte, so sagte
ich ihm ernstlich, er mge sich deshalb nur an Seine Exzellenz den
Gouverneur General Donzelet wenden, der seiner Versicherung gewi
Glauben schenken wrde. Der gute Papa war auerdem ein gewaltiger alter
Snder, der trotz seiner siebzig Jahre jede Woche mehrere Weiber aus den
umliegenden Drfern empfing, die sich von ihm exorzisieren lieen, wobei
er dann, wie die zusehenden Soldaten bemerkt haben wollten, allerlei
Manver und Handgriffe machte, um den Teufel aus dem Leib derselben zu
treiben. Ein griechisches, nicht mehr sehr junges Weib kam regelmig
alle vierzehn Tage mit einem Korb voll ausgesuchter Viktualien, um sich
den Teufel, von dem sie besessen war, austreiben zu lassen. Der Papa,
der weder schreiben noch lesen konnte, machte nun seine Faxen mit einem
griechischen Kruzifix und murmelte allerlei griechische Gebete und
Formeln. Das Weib geriet nach und nach in die furchtbarsten
Konvulsionen, brllte unverstndliche Worte, heulte, warf sich auf die
Erde nieder, und nun sagte der Pfaffe in gebrochenem Venezianisch:
Sehet, gute Christen, welche Mhe es mich kostet, diesen Teufel zu
bekmpfen, und wie er sich strubt und zur Wehr setzt; auch gelingt es
mir nie, ihn ganz aus dem Krper der armen Frau zu treiben. Bis in die
groe Zehe bringe ich ihn wohl, aber auch nicht weiter, und so wie sich,
sobald die Frau weg ist, die Kraft meines Gebetes und des Kruzifixes
nach und nach wieder verliert, so steigt auch der Bse allmhlich in die
Hhe, bis er ihr endlich wieder im Kopfe sitzt. -- Das Weib fiel
zuletzt hchst ermattet in einen bewutlosen Zustand, in dem sie ber
eine halbe Stunde blieb. Mehrmals habe ich mit der Familie Brge diesem
Schauspiel beigewohnt, und je mehr der Pfaffe den Krper der Frau mit
dem Kruzifix bestrich, desto wtender gebrdete sich dieselbe. Sehet,
sehet, rief der Papa dann aus, was der Teufel fr Sprnge in ihrem
Leibe macht. fters exorzisierte er aber auch _tte--tte_ insgeheim;
was dann der Teufel fr Sprnge gemacht, mgen die Gtter wissen.

Unser Tagewerk in Pallea Castrizza war so ziemlich jeden Tag dasselbe.
Morgens frh vor fnf Uhr stand ich auf. Um sechs Uhr machte ich eine
Promenade mit den Damen den Berg hinab, lngs dem Meeresufer oder auf
eine der ringsumliegenden Hhen, fters zu den Ruinen eines alten
Schlosses, Castello San Angelo genannt, das auf einem hohen Felsenberg
unserem Kloster gegenber lag, und wo ein Telegraph, der mit der Stadt
korrespondierte angebracht war, um alle von dieser Seite sich nhernden
feindlichen Schiffe sogleich signalisieren zu knnen. Besuchten wir nahe
liegende Drfer, so waren wir bald von deren Bewohnern umringt, die uns
als Wilde oder Wundertiere anstaunten, mit denen wir uns nicht
verstndigen konnten, da niemand von uns das Neugriechische sprach, von
dem ich kaum ein paar Worte aufgefangen hatte. Gegen neun Uhr kamen wir
in der Regel zurck, denn es fing dann schon an, glhend hei zu werden,
und setzten uns zu einem delikat zubereiteten Frhstck, bei dem frische
Fracazanifeigen, Wassermelonen und andere Sdfrchte nie fehlten. Nach
dem Frhstck erteilte ich Josephinen ein paar Stunden Unterricht in der
Musik, aber jetzt nicht ohne Unterbrechungen, wenn sich die Gelegenheit
darbot, denn ich gab ihr nun auch Unterricht in der Liebe, und zwar in
der praktischen, whrend sich Papa und Mama bald nach dem Frhstck zur
Siesta niederlegten und die groe Hitze in ihrem Schlafgemach
verschliefen. Wir begaben uns dann erst gegen Mittag jedes in sein
Zimmer zur Ruhe. Whrend wir Akkorde auf dem Piano anschlagen,
harmonierten wir oft Mund auf Mund, mit minutenlangen Glutkssen,
endlich verstummte Klavier und Gesang ganz und wir lagen einander
wonnetrunken in den Armen, whrend die Eltern einer sen Ruhe pflegten.
Das Mdchen, eine Sylphidengestalt, war wegen der groen Hitze uerst
leicht in ein Gewand von Cambridge oder Musselin gekleidet, unter dem
sie hchstens, und das nicht immer, noch ein linnenes Unterrckchen ber
dem Hemd trug, so da sich ihre schnen Formen sehr deutlich zeichneten
und das Kleid einen antiken Faltenwurf annahm. Indessen wagten wir viel,
denn wie leicht htte uns Papa oder Mama in einem so Gott und die Welt
vergessenden Zustand berraschen knnen. Spter schlichen wir uns fters
in die vergitterten Frauensthle der Klosterkirche und frnten in diesem
heiligen Dunkel der cytherischen Gttin. Gegen Abend, wenn alles wieder
aufgestanden war und Toilette gemacht hatte, fanden wir uns wieder
zusammen, musizierten bis zum Mittagessen, das um sechs Uhr eingenommen
wurde, worauf wieder Promenaden folgten, nach denen man bis lange nach
Mitternacht im Klosterhof weilte, dem Gesang der Albaneser zuhrend, die
recht schne Melodien und mehrstimmige Lieder in ihrer Sprache sangen
und mit Zithern und Lauten begleiteten. Bisweilen las ich den Damen
etwas vor.

fters ritt ich nach Korfu, um daselbst allerlei Kleinigkeiten fr die
Damen zu besorgen und einzukaufen. Da Josephine auch recht artig
zeichnete, so kamen wir auf den Gedanken, ein kleines Puppentheater zu
malen, um mehr Abwechslung in unsere Unterhaltung zu bringen. Als ich,
um Farben zu diesem Zwecke zu kaufen, nach Korfu geritten war und mich
in die _Calle verte_ zu einem Farbenverkufer begeben wollte, hrte ich
pltzlich ein starkes Getse, ein Gerusch, dem gleich, wenn ein Paar
Pferde mit einem Wagen auf dem Straenpflaster durchgegangen sind. Da es
aber in Korfu, den Artillerietrain ausgenommen, der nur bei Revuen ttig
war, gar kein Fuhrwerk gab, so war dies wohl nicht annehmbar. Zugleich
sah ich alle Leute mit angstvollen Gesichtern vorberspringen, trat
deshalb in eine offen stehende Kantine, um zu fragen, was dies bedeute,
wo ich aber Pokale und Glser auf den Tischen wankend und klirrend fand.
Die Leute schrien: _Terramuoto, terramuoto!_, strzten, mich ber den
Haufen stoend, nach der Tre, um nach der nchsten Kirche zu rennen.
Ich aber, der jetzt begriff, was es war, lief eiligst nach der nahen
Esplanade. Aber bevor ich dieselbe noch erreichte, hatte das Geprassel
und die Erschtterung schon aufgehrt, denn das Ganze whrte nur wenige
Sekunden. Noch lange nachher waren aber Straen und Kirchen, und
namentlich die des heiligen Spiridion, voll Menschen, die, auf dem Boden
liegend, inbrnstig zu dem Schutzheiligen beteten. Bei dieser
Gelegenheit bekam ich auch viele der vornehmen griechischen Frauen und
Mdchen zu sehen, die entschleiert in die Kirchen rannten, und unter
denen sich manche echt antik-griechische Schnheit befand. An das
Farbenkaufen war fr diesen Tag nicht mehr zu denken, da alle Buden
schnell geschlossen wurden und es den ganzen Tag blieben. Die Garnison
hatte schnell ausrcken mssen und biwakierte zweimal vierundzwanzig
Stunden auf der Esplanada, da sich solche Erdste auf den Jonischen
Inseln nicht selten in den nchsten vierundzwanzig Stunden drei- bis
viermal wiederholen. Das Erdbeben war sehr stark und bedeutend gewesen.
Mehrere Huser waren eingestrzt und ihre Bewohner, die sich nicht
schnell genug hatten retten knnen, waren erschlagen worden. Auch
mehrere noch von der letzten trkischen Belagerung in Ruinen stehende
Gebude waren nun vllig zusammengefallen. Viele Personen hatten sich
auf die Schiffe in der Reede geflchtet, auf denen man die nmliche
erschtternde Bewegung wie auf dem Lande versprte. Noch denselben
Nachmittag jagte ich nach Pallea Castrizza, wo ich alles in grter
Bestrzung und die Besatzung vor dem Kloster kampierend fand; so auch
Herrn von Brge und seine Damen. Nur die beiden Mnche und einige
Griechen lagen noch betend in der Kirche auf den Knien. Ich mute nun
Bericht ber das, was in der Stadt vorgefallen war, erstatten, und nicht
ohne Angst, was da kommen knne, begab man sich gegen Morgen zur Ruhe.
Nach ein paar Tagen war alles wieder im gehrigen Gleis. Ich ritt
abermals nach Korfu, die Farben zu holen, die ich diesmal glcklich
mitbrachte, und wir begannen nun Dekorationen zu malen. Den anderen
Morgen sagte mir Josephine bei der Musikstunde, sie habe in Papas Stube
ein Papier voll langer Dinger von ganz feiner Blasenhaut gefunden, und
als sie sie ihrem Vater gezeigt und gefragt, was denn dies sei, so habe
er ihr sehr unwillig geantwortet: Einfltiges Ding, das sind trkische
Tabaksbeutel; du mut deine Nase aber auch in alles stecken. Ich
glaube es aber nicht, fuhr sie fort, und mchte wohl wissen, was dies
eigentlich fr Dinger sind. -- Auch ich konnte mir nicht gleich denken,
was es wohl sein knne, und sagte zu dem Mdchen, sie mge mir nur eines
davon zeigen. -- Ja, wenn ich sie wieder erwischen kann, denn Papa hat
sie schnell und aufgebracht wieder weggetan. -- Einige Tage darauf
brachte sie mir ein solches Ding, indem sie sagte: Aber die hat Vater
gut versteckt; sie waren in seinem Portefeuille verschlossen. Ich fand
sie in einem Bataillonsrapport eingewickelt und habe ihm eins genommen.
-- Ich erkannte nun sogleich, was es fr Beutel waren, hatte mir dies
schon halb und halb eingebildet, und da ich von Josephinen selbst wute,
da Papa mit dem Kammermdchen auf einem intimen Fu stehen msse, da
sie gesehen, wie er es heimlich gekt, so konnte ich mir denken, wozu
Herr von Brge diese trkischen Beutel gebrauchte, da er einen Skandal
frchtete und vermeiden wollte, und ich fand bald Gelegenheit, seiner
Tochter die Ntzlichkeit derselben darzutun.

Als wir uns eines Morgens nach der Musikstunde der groen Hitze wegen in
ein altes halbzerfallenes Kellergewlbe flchteten, in das ich
vorantrat, da wand sich, kaum eingetreten, eine dicke eiskalte Schlange,
die sich von der Trwlbung herablie, um meinen nackten Hals, und
Josephine tat einen lauten Schrei. Ich aber packte das eisige Tier mit
beiden Hnden um den Leib, wobei es mich in die Hand bi. Ich ri es mit
aller Gewalt herab und trat ihm mit beiden Fen auf den Kopf, so da
ich denselben zerquetschte. Weder ich noch Josephine, noch die Leute,
denen ich das Reptil zeigte, wuten, zu welcher Schlangengattung es
gehrte. Aber einer der hinzukommenden Albanesen wollte es fr eine der
giftigsten Nattern erkennen, setzte jedoch sogleich hinzu, da ich
nichts zu frchten habe, da er ein untrgliches Mittel besitze, den Bi
unschdlich zu machen und die Wunde zu heilen. Er prete das Blut
heraus, sog es mit seinen Lippen ein, brannte dann mit einem
Schwefelfaden die blutige Stelle, legte hierauf etwas von der geschabten
frischen Wurzel eines Krautes darauf und verordnete mir, recht viel
Zitronenwasser und ja keinen Wein zu trinken, was ich befolgte. Frau von
Brge hatte ohnehin jeden Tag eine groe Bowle Limonade in dem
Speisezimmer stehen, aus der wir _ad libitum_ tranken, und die, so oft
sie leer war, wieder gefllt wurde. Zitronen und Limonen kosteten ja
nichts, ebenso die bitteren Pomeranzen, welche die Soldaten hier zu
Schuh- und Stiefelwichse benutzten, und das damit frottierte Leder bekam
vllig den Glanz des blanken Stahls. Das angewandte Mittel war probat,
denn der Bi hatte nicht die geringsten unangenehmen Folgen fr mich. Ob
aber die Schlange wirklich so giftig war, als der albanesische skulap
vorgab, mu ich dahingestellt sein lassen.

Was noch einige Abwechslung in unser sonst ziemlich einfrmiges Leben zu
Pallea Castrizza brachte, wo wir jetzt viele Zeit mit der
Dekorationsmalerei fr das Puppentheater hinbrachten -- ich zeichnete
die Hintergrnde und Kulissen und Josephine malte sie aus -- waren die
Feste in den umliegenden Drfern, zu denen wir von den _Capi di
cinquante_ und _dieci_ immer feierlich eingeladen wurden, bei denen wir
uns einstellten und wo es recht frhlich zuging. Dies ist fast der
einzige Tag, wo der Grieche etwas Warmes und gebratenes Fleisch zu sich
nimmt. Jeder schneidet sich von einem am Spie gebratenen ganzen Hammel
oder Schwein nach Belieben ab. Das Schweinefleisch und namentlich der
Schinken von den mit ausgepreten Oliven gemsteten Schweinen hat einen
ganz vorzglichen Wohlgeschmack und ein transparentes hornartiges
Ansehen. Wir vergteten die Einladung und das Genossene reichlich, indem
wir gar manchen Para, wohl auch Piaster an den klebrigen Mauern hngen
lieen. Am aberglubischsten zeigten sich hierbei die Albanesen, die oft
einen ganzen Monat ihres Soldes an diesen Mauern hngen lieen. Eines
dieser wilden Bergkinder, das schon hundertdreizehn Jahre alt, dennoch
bei jeder Musterung wohl bewaffnet erschien und gleich den anderen im
Trabe defilierte und seine Pistolen und Gewehre abfeuerte, hatte ber
fnfzig Piaster angeklebt oder fallen lassen. Hundertjhrige Albanesen
sind keine groe Seltenheit, woran wohl die groe Abhrtung, ein
Schafsmantel ist ihr Bett, ihr Obdach, ihre Bekleidung und Regenschirm,
sowie die auerordentlich mige Lebensweise schuld sein mag.

Da whrend unseres Aufenthaltes zu Pallea Castrazzi das Sankt
Spiridionsfest in Korfu gefeiert wurde, so redete mir Herr von Brge zu,
da ich dasselbe noch nicht gesehen hatte, mich whrend dieser Zeit in
die Stadt zu begeben, um demselben beizuwohnen, was mir ganz recht war,
da ich bei diesem den Aberglauben und die Pracht der Korfioten und ihrer
Frauen in ihrem ganzen Glanze erblicken sollte. Ich nahm Urlaub auf
sechs Tage, whrend welchen ich die feierliche Narrheit mit aller
Bequemlichkeit zu beobachten Gelegenheit fand, und schlo mich sogar
eine ganze Stunde lang der Prozession an, worauf ich aber genug hatte,
mich weg und in das nahe venezianische Kasino schlich, in welchem ich
eingefhrt war, und wo ich die Bekanntschaft eines jungen Capo d'Istria,
eines Neffen des in russischem Staatsdienste stehenden Ministers dieses
Namens machte, der ebensowenig als ich an die Heiligkeit der Mumie
glaubte und sich manche beiende und geistreiche Ironie ber die
Prozession und das Gefolge erlaubte. Er bot mir eine Tasse Schokolade an
und lud mich ein, ihn fters zu besuchen. Ich begab mich nun mit ihm in
die reich und prchtig ausgeschmckte Sankt Spiridionskirche, wo wir die
Rckkehr des Heiligen abwarteten, whrend griechischer Gottesdienst
gehalten wurde und die Musik der verschiedenen Regimenter abwechselnd
spielte. Dem Eingang zur Vorhalle der Kirche, in welcher die Musik des
vierzehnten Regiments spielte, gegenber, hrte und sah ein
allerliebstes Madonnenkpfchen mit groem Vergngen dem militrischen
Spektakel zu. Capo d'Istria, den ich darum fragte, sagte mir: Ach, dies
ist die schne Signora Enrichetta Viletta, die Braut des Advokaten
Prosalenti, sie hat dreiigtausend Talari Aussteuer. Sie hatte viele
Freier, unter anderen auch den jungen reichen Dandolo, aber ihr
erzliederlicher Bruder, der alles verspielt, hat sie dem widerlichen
Prosalenti verhandelt. -- Hinter einem Fenster des Vestibls der Kirche
hatte ich Gelegenheit, die Reize des jungen Mdchens unbemerkt mit aller
Mue bewundern und sie selbst beobachten zu knnen. Capo d'Istrias
Mitteilungen hatten mir die schne Braut doppelt interessant gemacht,
und wie ich aus seinen Reden entnehmen konnte, schien sie ihm auch nicht
gleichgltig zu sein. Er war ein junger interessanter Mann, mit
einnehmenden Gesichtszgen, Mitglied der _Societ filodramatica_, welche
italienische Lustspiele und Dramen aus Liebhaberei auffhrte, bei der er
den jugendlichen Liebhaber nicht ohne Talent spielte, und von der auch
ich den kommenden Winter ein ttiges Mitglied wurde und wo ich die in
Neapel bersetzten deutschen Stcke, namentlich >Fiesko<, >Menschenha
und Reue<, >Die Indianer in England< und so weiter zur Auffhrung
brachte. Die Recupido machte aus Geflligkeit die erste Liebhaberin und
gab die Elisabeth im >Don Carlos< und die Gurli ganz vortrefflich. Ein
Meisterstreich wre es, sagte ich zu Capo d'Istria, wenn man dem
Prosalenti die schmucke und reiche Braut wegfischen knnte. -- Ach
ja, erwiderte er seufzend, aber es ist unmglich. -- Unmglich?
versetzte ich, solange die Hochzeit noch nicht vollzogen, ist immer
noch die Mglichkeit vorhanden. Ich gebe nichts auf als die Toten. Sie
sehen das Mdchen gerne? -- Freilich. -- Und Sie wissen, da sie den
Prosalenti nicht leiden mag? -- Allerdings. -- Nun, dann mte es
mit dem Teufel zugehen, wenn wir sie ihm nicht aus den Klauen reien
sollten. Wann soll die Hochzeit sein? -- In sechs Wochen. -- Noch
berflssige Zeit, die Sache rckgngig zu machen und das Opfer dem
Rachen der Bestie zu entziehen. -- Wir verlieen nun Arm in Arm die
Sankt Spiridionskirche, grten im Vorbergehen die holde Enrichetta
ehrerbietig und erhielten einen freundlichen Dank, gingen aber nur um
die Kirche herum und auf der entgegengesetzten Seite wieder in dieselbe,
uns abermals hinter das bewute Fenster der Vorhalle placierend. Zeigten
uns aber von Zeit zu Zeit wieder an der Tre der Schnen gegenber, so
da diese bald unsere Gegenwart bemerkte und lchelte; und nun wurden
Blicke gewechselt. Ich sagte jetzt meinem neuen Freunde, er mge ein
Briefchen schreiben, in welchem er Enrichetten seiner Liebe versichern
und ihr erklren solle, da er sie heiraten wolle. Es kostete mich aber
groe Mhe, ihn dazu zu bewegen. Auch frchtete er die Rache des Bruders
und Brutigams, wenn diese unglcklicherweise dahinterkmen. -- Pah,
wenn man einem Mdchen nachstellt, mu man nichts in der Welt frchten,
sprach ich und fuhr fort: wenn Sie mir die Leitung der Intrige
berlassen wollen, so stehe ich fr alles. Schreiben Sie nur das Billett
und dann sorgen Sie fr eine alte Hexe, die fr ein paar Zechinen selbst
an den Teufel verkuppeln wrde. -- Capo d'Istria, durch mich ermutigt,
verstand sich endlich zum Schreiben und an solchen alten Weibern vom
Mestiero war auch in Korfu kein Mangel. Ehe vierundzwanzig Stunden
vergingen, war das Geschriebene in den Hnden der Braut. Die
berbringerin, eine alte Griechin, die auch das Venezianische gut
sprach, brachte wenigstens eine mndliche Antwort und erzhlte etwas
umstndlich, welche Mhe sie gehabt, die Signora allein zu sprechen, sie
zur Annahme des Briefchens zu bewegen, da es ihr aber endlich sogar
gelungen sei, sie zu berreden, den Antrag des jungen Herrn anzunehmen,
wenn er ihn ausfhren knne, denn sie gestehe, da ihr der bestimmte
Brutigam unausstehlich sei. -- Was nun anfangen? meinte Capo
d'Istria. -- Hier bleibt nichts brig als eine Entfhrung, erwiderte
ich schnell. -- Vor dieser aber scheute er wieder und willigte erst ein,
als ich ihm erklrte, ich wolle auch die Ausfhrung und die Gefahr
derselben bernehmen; die Hauptsache sei vorerst, sich der Einwilligung
des Mdchens zu versichern. Die alte griechische Hexe, die bereits zwei
Zechinen zum Geschenk fr ihre Bemhungen erhalten hatte, war auch
bereit, ihr mglichstes zu tun, die Signora Enrichetta dazu zu vermgen.

Das Sankt Spiridionsfest war vorber und ich sollte nun nach meinem
einsamen Pallea Castrizza zurckkehren. Aber ein anderes, weit
wichtigeres Fest war vor der Tre, das Napoleons (der 15. August) und
sollte recht prchtig gefeiert werden. Namentlich durch ein Seeturnier,
welches die Offiziere der Marine in der Reede von Korfu zu geben
beabsichtigten. Sodann war Souper und Ball bei dem Gouverneur nebst
Feuerwerk und was dazu gehrt. Ich erbat mir noch einen vierzehntgigen
Urlaub, mehr wegen der beabsichtigten Entfhrung als um dem
Napoleonsfest beizuwohnen, ritt aber noch vorher nach Pallea Castrizza,
wo ich mit Sehnsucht erwartet wurde. Da ich aber auch an dem Seeturnier
gleich mehreren Offizieren von den Landtruppen ttigen Anteil nehmen
wollte, so teilte ich dies Herrn von Brge mit dem Bemerken mit, da ich
schon den nchsten Tag wieder in die Stadt msse, um mich zu der
bevorstehenden Feierlichkeit gehrig einzuben, wozu aber die Damen und
besonders Josephine nicht das freundlichste Gesicht machten. Von der
projektierten Entfhrung lie ich kein Wrtchen fallen; beides wurde
indessen auf das emsigste betrieben. Ich war zwar ein guter Schwimmer;
dies war aber nicht hinreichend, um Ehre bei dem Turnier einlegen zu
knnen. Die stechenden, ganz in buntes Papier gekleideten Ritter muten
auf einem kleinen, sehr schmalen runden Brett, das an dem Hinterteile
einer Barke, wenigstens einige dreiig Fu hoch angebracht war und durch
zwei schmale Balken gehalten wurde, Posto fassen, whrend das Schiffchen
durch vierundzwanzig Ruderer pfeilschnell getrieben wurde, mit einer
langen hlzernen Lanze auf den Schild des anfahrenden Gegners einen
krftigen Sto tun und so suchen, ihn hinab in das Meer zu strzen. Wir
probierten nun mehrere Tage dieses Manver, aber auf gewhnlichen
Barken, wo man nicht viel hher, als das Hinterteil des Schiffes war,
stand, dabei waren wir ganz nackend, hatten vier Schuh hohe Schilder und
zehn Schuh lange Lanzen. Bei diesen Proben lief alles ziemlich gut ab.
Ich fiel nur selten einmal in das Wasser und stie meine Gegner mehrmals
hinab. Aber dies war nur eine Finte von den Marineoffizieren. Diese
Seeratten hatten sich verschworen, die Landratten -- so titulierten sich
gegenseitig die Marine- und Landtruppen --, die es wagten, mit ihnen in
die Schranken treten zu wollen, tchtig heimzuschicken.

Whrend der Zwischenzeit ritt ich indessen oft am Abend nach Pallea
Castrizza und kehrte am Morgen nach Korfu zurck, wo ich mich dann mit
Capo d'Istria in die Vorhalle der Sankt Spiridionskirche begab und wir
uns an der Tr derselben blicken lieen, sobald wir sicher waren, da
der _Sposo in spe_ nicht anwesend war. Wir korrespondierten nun
vermittelst der Finger- und Zeichensprache mit der mit uns
einverstandenen holden Enrichetta, und die Entfhrung, zu der sie
endlich, durch Briefe und Zureden der Alten bestrmt, eingewilligt,
wurde auf den 15. August, den Napoleonstag selbst festgesetzt; und zwar
sollte sie auf dem Ball, den der Gouverneur an diesem Tage jedesmal gab,
vollfhrt werden, da man daselbst die Abwesenheit der Signora nicht
sogleich bemerken wrde. Um jedoch sicher zu sein, da sie dem Ball
beiwohnte, begab ich mich zum Chef _de l'tat major_ Bauduy, um zu
erfahren, ob die Vilettas mit den anderen venezianischen Familien, die
man gewhnlich zu diesem Feste heranzog, eingeladen seien, und wenn dies
nicht der Fall wre, dies zu veranlassen. Zu meiner Freude fand ich sie
auf der Liste der Geladenen stehen, und da sie kommen wrden, war die
Sache der Signora.

Der 15. August war endlich herangekommen und alles sowohl zu dem Turnier
wie zur Entfhrung gehrig vorbereitet. Herr von Brge kam nebst den
Seinigen gleichfalls am frhen Morgen in die Stadt, der Parade und der
Feier beizuwohnen. Nachdem alles militrische Geprnge, mit
Kanonendonner und so weiter begleitet, vorber war, schickte man sich zu
dem Seeturnier an, das um vier Uhr nachmittags beginnen sollte. Der
Senat von Korfu hatte auf Kosten der Stadt mehrere Preise fr die Sieger
ausgesetzt, von denen der erste eine Brillantnadel von ungefhr
viertausend Franken an Wert war. In der Reede zwischen Korfu und Vido
bildeten eine bedeutende Zahl Schiffe jeder Gattung und verschiedener
Gre, alle beflaggt und bewimpelt, einen groen Halbkreis, der sich an
seinen beiden Enden an das Ufer anschlo, auf dem ein bretternes
Amphitheater errichtet war, auf welchem die Zuschauer Platz nahmen. Fr
die Generalitt, Stabsoffiziere, Damen der Garnison und vornehme
Korfiotinnen war eine eigene, mit Teppichen behangene Loge eingerichtet.
Zwei Fregatten schlossen die Mitte des Halbkreises. Auf diesen hatten
die Kampfrichter sowie die Musikchre, die Admiralitt und nichtttigen
Seeoffiziere Platz genommen. Auf den anderen Schiffen waren ebenfalls
viele Zuschauer placiert. Die vierundzwanzig Kampfbarken waren je zwlf
auf beiden Seiten in Schlachtordnung aufgestellt. Aber es waren ganz
andere, als auf denen wir die Proben gehalten hatten, und die runden
Brettchen, auf welchen kaum ein Mann Platz zum Stehen hatte, waren so
hoch, da sie bei der geringsten Bewegung schwankten und man auch ohne
einen Sto schon Mhe hatte, sich auf denselben zu erhalten, wenn man
nicht wie die Marine an ein solches Schwanken durch das Klettern auf den
Segelstangen und Mastbumen gewhnt war. Die Barken rechts waren rot und
wei, und die links blau und wei angestrichen. Auf einer jeden befanden
sich ein Paar Tambours. Die turnierenden Ritter waren meistens in
spanischem Kostm und hatten goldene oder silberne Helme mit hohen
Federbschen auf dem Kopf. Alles war aber, sowie die ganze Kleidung und
sogar die Stiefeln von Papier; aber so gut und tuschend nachgemacht,
da man schon in einer Entfernung von wenigen Schritten dies nicht
bemerken konnte. Es war ntig, da die Kleider aus diesem fragilen Stoff
bestanden, damit sich derselbe sogleich auflste, wenn man ins Meer
fiel, und dessen entledigt, ungehindert schwimmen konnte. Als ich auf
meinem Brettchen Posto gefat hatte und sich die Barke in Bewegung
setzte, da war es ein ganz anderes als bei den Proben, wo wir kaum drei
Schuh ber dem Wasser gestanden, und ich hatte die grte Mhe, nicht
von dem in der Luft schwebenden Brettchen, das nicht viel mehr Raum als
eine groe runde Schssel hatte, hinabzustrzen. Jetzt donnerte die
Kanone los, die das Signal zum Abfahren gab, alle Tambours und die Musik
fielen mit dem von mir komponierten Sturmschritt ein, alle Ruder auf
einen Schlag in das Wasser, und die vierundzwanzig Barken fuhren
pfeilschnell gegeneinander. Nur mit der grten Mhe gelang es mir noch,
meine Lanze gehrig einzulegen. Aber bald schwindelte mir, es wurde mir
ganz schwarz vor meinen Augen, Hren und Sehen verging mir, und kaum von
meinem Gegner berhrt, strzte ich fast bewutlos in die See hinab, wo
mich ein zu diesem Zweck bereitstehender Nachen auffischte und in das
Garderobeschiff, wo wir uns angekleidet hatten, brachte.
Glcklicherweise war ich nicht der einzige, dem es so ergangen war. Alle
Landoffiziere, acht an der Zahl, hatten das gleiche Schicksal gehabt,
und keiner versprte Lust, sich nochmals anzukleiden, wie es die
herabgestoenen Seeoffiziere machten, um das Spiel von vorne zu
beginnen, sondern wir versteckten uns hinter den brigen Zuschauern,
nachdem wir unsere gewhnliche Kleidung wieder angelegt, und sahen dem
noch ber zwei Stunden dauernden Kampf nun recht behaglich zu, bis
endlich ein auf dem Admiralittsbureau angestellter Beamter, der zuerst
zwlf Gegner hinabstrzte, den ersten Preis errungen hatte. Die beiden
anderen Preise erhielten zwei Marineoffiziere, welche nach ihm die
meisten Ritter in das Meer warfen. Als dies Turnier beendigt und die
Preise unter Vivatgeschrei und dem Schmettern der Trompeten und Pauken
verteilt waren, begannen die Matrosen noch ein Wettspiel, welches darin
bestand, auf einem langen Mastbaum, der horizontal von dem Hinterteil
eines Schiffes etwa zwanzig Fu lang in das Meer ging und mit Seife sehr
glatt gemacht war, mit bloen Fen und nackt dessen uerste Spitze zu
erreichen und den daran hngenden Hut wegzunehmen, worauf eine Belohnung
von fnfhundert Franken gesetzt war. Vier solcher Maste und Hte waren
ausgesteckt, aber viele hundert Matrosen purzelten ins Meer, bevor es
einem gelang, den Hut zu erhaschen. Bis in die sinkende Nacht amsierte
die Soldaten, Seemnner und den Janhagel von Korfu dieser letzte Teil
des Schauspiels, bei dessen Beginn sich die meisten anderen Zuschauer
und Damen entfernten.

Ich war ebenfalls vor dessen Beendigung weggegangen und hatte mich in
meine Wohnung begeben, um mich zum Ball und zu der Entfhrung bereit zu
machen. Da mit der Retraite alle Wasser- und Landtore geschlossen
wurden, so war ich mit Capo d'Istria bereingekommen, die Entfhrte bis
Tagesanbruch in meinem Quartier, wo man sie sicher nicht suchen wrde,
zu beherbergen, und wo sie griechische Mannskleidung anlegen und dann
mit dem ffnen der Tore auf einem Maultier die Stadt verlassen sollte,
um sich, von Capo d'Istria und mir begleitet, nach dem Dorfe Spagus zu
begeben, wo ich ein Huschen fr sie in Bereitschaft hatte setzen
lassen. Wir hatten Mitternacht zur Stunde der Entfhrung bestimmt, damit
unsere Abwesenheit nicht zu frh bemerkt werden konnte. Auf dem Ball
tanzte ich mehrere Kontertnze mit ihr, und die Montfarinen tanzte sie
abwechselnd mit ihren beiden Brutigams. Als der entscheidende Moment
nahte, wurde ihr doch nicht ganz wohl bei der Sache, und ich hatte alle
Mhe, ihr whrend des Tanzes Mut einzusprechen. Gleich nach dem letzten
Kontertanze, nach dem Prosalenti eine Montfarine mit einer franzsischen
Offiziersdame tanzte und also seine Braut nicht in den Augen haben
konnte, mute der Schritt getan werden. Halb gutwillig, halb mit Gewalt
zog ich Enrichetta durch einige Seitenzimmer an eine Hintertreppe des
Gouvernementspalastes. Capo d'Istria folgte uns auf dem Fue nach, und
so liefen wir in meine, sich nahe bei der Porta Reale befindliche
Wohnung, in der die Signora Viletta beinahe ohnmchtig auf einen Stuhl
niederfiel und wir alle Mhe hatten, sie zu beruhigen. Capo d'Istria
mute jedoch schleunigst wieder auf den Ball zurckkehren, damit er
selbst gesehen wurde und so kein Verdacht auf ihn fallen konnte, sobald
man das Mdchen vermite, bei der ich nun allein blieb und mein
mglichstes tat, sie zu trsten und zu beruhigen, wobei ich es an den
hierzu notwendigen Liebkosungen nicht fehlen lie, die sich aber nur auf
ein mitleidiges In-Arm-nehmen, ein An-mich-drcken und einige Ksse auf
die Stirn und die von Trnen benetzten Wangen beschrnkten, was die
holde Enrichetta in ihrer Angst ruhig geschehen lie. Die griechischen
Mannskleider lagen bereit. Sie mute sich bequemen, sie anzulegen, wobei
ich ihr bestens behilflich war und dabei mute ich natrlich in allerlei
Berhrungen mit ihr kommen, die mir das ohnehin schon heie Blut noch
vollends in Wallung brachten. Minutenlang fhlte ich ihr Herz an meiner
Brust klopfen, und wer wei, was weiter geschehen wre, wenn man nicht
gerade gewaltig an der Haustre geklopft htte. Es war Capo d'Istria,
der, nachdem ich selbst geffnet hatte, fast atemlos hereinstrzte und
uns ankndigte, da das Verschwinden der Braut bereits wahrgenommen
worden sei und man allenthalben nach ihr suche. Er selbst habe noch mit
Prosalenti gesprochen, um allen Verdacht von sich zu wenden. Wenn wir
nur jetzt schon glcklich zur Stadt hinaus wren, meinte er und war
dabei in einer solchen Aufregung, da er, das Mdchen kssend, kaum
bemerkte, da es sich bereits in einen holden griechischen Knaben
verwandelt hatte. Mein Bursche, den ich auf die Lauer gestellt hatte, um
mir Rapport zu machen, sobald das Stadttor geffnet wrde, kam endlich
gesprungen, dies zu melden. Wir verlieen nun alle drei meine Wohnung,
kamen unangehalten durch die Porta Reale, eilten nach Castrades, wo wir
ein Maultier gesattelt fanden, auf dem sich Capo d'Istria samt seiner
schnen Beute davon und auf den Weg nach Spagus machte. Ich blieb noch
bis gegen Abend in der Stadt und hrte, da diese Entfhrung, deren
Urheber man noch nicht kannte, und bei der man den einen oder anderen
Offizier von der Garnison im Verdacht hatte, da es so hufig vorkam, da
diese Mdchen und Frauen entfhrten, ein gewaltiges Aufsehen machte, da
die Entfhrte eine reiche Braut war. -- In Pallea Castrizza angekommen,
erzhlte ich die Sache der Familie Brge, die nicht zum Ball geblieben
war, als eine groe Neuigkeit, ohne zu erwhnen, welchen Anteil ich an
derselben gehabt. Lngere Zeit wute niemand, was aus der Entfhrten
geworden war, mit der sich Capo d'Istria ein paar Tage nach der
Entfhrung in aller Stille hatte trauen lassen, und seine junge Gattin,
die fortfuhr, heimlich in Spagus zu wohnen, jeden Abend heimsuchte. Nach
mehreren Wochen wurde das Geheimnis jedoch entdeckt und man wute
allgemein, da Capo d'Istria der Entfhrer gewesen. Dieser fand nun fr
gut, sich auf das feste Land nach Albanien zu flchten, um vorerst den
Dolchen der Viletta und Prosalenti zu entgehen. Als man herausgebracht,
da ich bei der Geschichte sein Helfershelfer gewesen, erhielt ich von
Seiner Exzellenz dem Gouverneur General Donzelot einen Wischer. Bevor
Capo d'Istria die Insel verlie, gab er seine junge Frau auf meinen Rat
der Frau von Brge zur Obhut, welche sich auf meine Verwendung dazu
bequemte, die Htung der hbschen Signora zu bernehmen. Josephine hatte
nun eine angenehme Gesellschafterin und ich eine Unterhaltung mehr, denn
es gelang mir bald, es da fortzusetzen, wo ich am Abend der Entfhrung
unterbrochen worden war. Aber Josephine merkte Unrat und brachte es bei
ihrer Mutter dahin, da die junge Frau wieder aus dem Haus und zu einer
nahen Anverwandten ihres Mannes gebracht wurde, wo ich indessen fters
Gelegenheit fand, sie zu besuchen.

Lngst hatte ich gewnscht, von den brigen Jonischen Inseln doch
wenigstens das Vaterland des Odysseus, die Insel Thiaki, kennen zu
lernen. Aber dieses schien unausfhrbar, da unsere Erzfeinde, die
Englnder, schon lngst im Besitz derselben, sowie aller anderen Inseln,
Korfu und das kleine Paxo ausgenommen, waren. Der Graf Mocenigo meinte
aber, da das Projekt dennoch ausfhrbar sei, wenn ich die Insel
inkognito und als Grieche oder Albanese verkleidet besuche. Ich teilte
Herrn von Brge mein Vorhaben mit, der meinte, es sei ein sehr gewagtes
Unternehmen, indem ich leicht den Englndern in die Hnde fallen knnte.
Ich lie mich dadurch jedoch nicht abhalten, erbat mir einen
vierzehntgigen Urlaub vom Gouverneur, angeblich, um Paxo und Parga zu
besuchen, da mir nach Thiaki natrlich keiner bewilligt werden konnte.
Doch wute der General Donzelot um mein Vorhaben, das er aber
ignorierte, und meinte, die Folgen, die es haben knnte, htte ich mir
selbst zuzuschreiben. Ich fuhr nun, als ein ziemlich armer Grieche
gekleidet, auf einer Barke nach Paxo, das nur wenige Miglien sdlich von
Korfu liegt, und brachte daselbst eine Nacht und einen halben Tag zu.
Diese kleine Insel ist sehr bergig, lieferte aber das beste l aller
Inseln und viel sogenanntes Johannisbrot. Sie zhlt etwa sechstausend
Einwohner, die sich erst krzlich, von englischen Agenten verfhrt,
gegen das franzsische Gouvernement emprt und eine kleine englische
Besatzung aufgenommen hatten. Wir eroberten aber die kaum sechs Stunden
im Umfang habende Insel mit drei Kompagnien wieder, das englische
Detachement, etwa achtzig Mann, gefangen nehmend. Zwlf Paxioten, welche
die Rdelsfhrer bei der Sache gewesen, wurden vor ein Kriegsgericht
gestellt und auf der Esplanada von Korfu erschossen, nachdem sie die
Nacht vorher noch in einer der Kirchen auf diesem Platz zugebracht
hatten. Die Paxioten behaupten, der Apostel Paulus habe sich lngere
Zeit auf ihrer Insel aufgehalten, deren er in einem seiner Briefe
erwhnt. Eine kleine halbe Stunde unter Paxo liegt Antipaxo, ein
Inselchen, das keine Stunde im Umfang hat und nur von einigen Schweine-
und Ziegenhirten samt deren Herden bewohnt oder vielmehr besucht wird.

Von Paxo fuhr ich nach Parga, das an der albanesischen Kste, auf einem
hohen Felsen, Paxo gegenber liegt, eine Garnison von einigen hundert
Mann und einige Artillerie hatte und etwa fnftausend Einwohner zhlte.
Der Kommandant, dem ich mein Vorhaben mitteilte, riet mir, einen
zuverlssigen landeskundigen Albanesen von der Garnison mitzunehmen, der
auer dem Neugriechischen auch etwas Venezianisch sprach und den er mir
mitgeben wolle. Mit Dank nahm ich dieses Anerbieten an und fuhr den
folgenden Tag auf einer Fischerbarke lngs der Kste bis nach Prevesa,
einer Stadt mit einem Fort, die etwa sechstausend Einwohner zhlt. Von
da schifften wir nach Vonitza ber, einer auf einem steilen Felsen
liegenden Festung, von der wir unsere Reise zu Fu, immer lngs der
Kste hin, fortsetzten, durch verschiedene trkische Flecken kommend, wo
mir mein Albanese treffliche Dienste leistete. Denn ich wte nicht, wie
es mir ohne ihn ergangen wre. Endlich kamen wir an einen, Thiaki
gegenber liegenden Ort, von dem wir in einer Barke nach dem ehemaligen
Reich des Odysseus, das kaum fnfzehn Stunden im Umfang hat,
bersetzten. Jetzt mochten etwa neun- bis zehntausend Menschen auf der
mit vielen Oliven-, Zypressen-, Orangen- und Granatbumen besetzten
Insel wohnen, deren vorzglichstes Produkt Korinthen sind, die hier von
auerordentlicher Gte reifen und von denen jhrlich ber hundert
Zentner ausgefhrt werden. Ich durchstrich die Insel mit meinem
Begleiter, dem ich tglich zwei trkische Piaster gab, nach allen
Richtungen, bei jedem Tritt denkend: hier mgen wohl auch Odysseus und
Telemach gewandelt und gehandelt haben. Nachts brachten wir gewhnlich
im freien Feld, manchmal auch in einem griechischen Kloster zu. Der
grte Ort auf der Insel heit Vathi. Er liegt an einem Meerbusen und
hat nicht bel gebaute zweistckige Huser, die ziemlich gut unterhalten
sind. Die Frauen und Mdchen hier haben ein blhendes Aussehen, sind
meist gut gewachsen und werden auch nicht so eingesperrt gehalten wie
auf den brigen Inseln. Um den Ort herum liegen Weinberge,
Olivenbaumstcke und auf den Anhhen mehrere achtflgelige Windmhlen.
Vathi hat auch einen Hafen. Mitten in demselben steht ein Kloster nebst
einer Kirche auf einer kleinen Insel, San Salvator genannt. Auf der
rechten Seite von Vathi, der kleinen Insel gegenber, liegen Ruinen
eines alten Gebudes, das man den Palazzo nennt und von dem noch Mauern
und Gewlbe brig sind. Auch fand man mehrere groe viereckige
Marmorsteine in dessen Nhe, zum Teil mit altgriechischen Inschriften.
Diese berbleibsel werden fr die Trmmer von Odysseus Palast
ausgegeben, sowie andere, nicht weit davon liegende Ruinen man fr die
Reste der ehemaligen Hauptstadt von Ithaka hlt. Beides ist indessen
sehr ungewi. Homer sagt, diese Stadt liege auf einem Berg, Oneion
genannt; Cicero spricht von ihr als von einem hochliegenden Vogelnest,
und Plinius sagt ebenfalls, da sie auf einem sehr steilen Felsen liege.
Die Hauptstadt, die aber spter, als Odysseus hier herrschte, erbaut
wurde, fhrte den gleichen Namen wie die Insel.

Nachdem ich des Helden Odysseus Heimat gehrig untersucht, ohne da es
mir gelungen wre, mich mit meinem Homer in der Hand gehrig orientieren
zu knnen oder auch nur Wahrscheinlichkeiten ausfindig machen zu knnen,
schickte ich mich den dritten Tag nach meiner Ankunft nicht sehr
befriedigt -- die Insel ist sehr bergig und im allgemeinen ziemlich
kahl, hat aber viele zerstreut liegende Klster und Kirchen -- an, sie
wieder zu verlassen. In einiger Entfernung von Vathi fllten wir unsere
mitgebrachten Gurden mit frischem Trinkwasser, das aus dem Felsen
entspringt, welchen die Gelehrten der Jonischen Inseln fr den von Homer
erwhnten Felsen Korax, die Quelle selbst aber fr die Quelle Arthusa
halten, und beides nicht ohne groe Wahrscheinlichkeit.

Wir fuhren in einer gemieteten Barke ab, und da ich meinem Begleiter den
Wunsch geuert hatte, womglich auch noch Santa Maura, das alte
Leukadien, zu besuchen, so redete mir dieser zu, das Wagestck zu
unternehmen. Dies war es allerdings wegen der englischen Besatzung. Nach
einigen Stunden landeten wir etwas oberhalb dem Kap Ducato auf Santa
Maura, von wo wir uns in das Innere der Insel begaben, die etwa
fnfundzwanzig Stunden im Umfang haben mag. Sie war mit ziemlich viel
Gehlz bedeckt und leidlich angebaut; besonders mit Baumwolle-, Oliven-,
Korinthen-, Mandel- und Feigenbumen. Eine Nacht brachten wir in einem
sehr elenden Dorf zu, wo unser ganzes Mahl aus einem halben Dutzend
wilder Artischocken mit Zitronensaft bestand. Den folgenden Morgen
begaben wir uns in die Hauptstadt, welche die Maurioten Amaxchi, auch
Amakuki nennen, und die in einem tiefen, mehrere Stunden langen Sandfeld
liegt. Als ich hier so vielen englischen Uniformen begegnete, ward mir
doch etwas unheimlich. Ich wagte mich nicht in die Festung Santa Maura,
die nicht unbedeutend ist. Aber weder Stadt noch Festung enthalten
irgendeine Merkwrdigkeit. Woran mir mehr gelegen, war, den berhmten
Felsen aufzusuchen, von dem sich die verliebten altgriechischen Narren
und die Sappho herabstrzten. Aber mein Albanese wute so wenig davon,
wie alle Maurioten, die er darnach fragte. Ich wandte mich nun selbst an
einen halb italienisch gekleideten Einwohner, der venezianisch sprach
und von dem ich erfuhr, da der von mir gesuchte Ort das Kap Ducato
wre, in dessen Nhe wir gelandet hatten. Wir hatten vier starke Stunden
zurckzulegen, bis wir wieder dahinkamen. Dies versetzte meinen
Begleiter, der gar nicht begreifen konnte, was ich an dem einsamen
Felsen suchte, in ziemlich ble Laune. Ein paar Extrapiaster gaben ihm
aber schnell seinen guten Humor wieder. Ich bestieg das hohe und steile
Vorgebirge und den Gipfel des Felsens, von dem herab die von Phaon
verlassene nrrisch gewordene Dichterin in die Meeresfluten gesprungen
war. Da dies wirklich der so bekannte leukadische Felsen ist, auf dem
der Tempel Apollos gestanden, dessen noch Virgil erwhnt, scheinen viele
altgriechische Kritzeleien, die in demselben eingegraben sind, zu
besttigen. Beinahe wre mir ein gleiches Los, wenn auch nicht aus
verliebter Raserei, wie jenen unglcklichen Narren, sondern aus Tcke
des Schicksals zuteil geworden. Mein Begleiter und ich sahen pltzlich
aus noch ziemlicher Ferne vier wohlbewaffnete Mnner, von einem
englischen Offizier angefhrt, mehr laufend als gehend gegen unseren
Felsen zueilen, von denen wir nicht ohne Grund vermuteten, da sie nicht
in der besten Absicht kmen. Und so war es in der Tat. Ihnen zu
entrinnen, daran war nicht mehr zu denken. Wir htten denn den
halsbrechenden leukadischen Sprung machen mssen, wozu wir beide aber
keine groe Lust versprten. Uns lebendig fangen zu lassen, schien mir
ebensowenig ratsam, denn wir riskierten, als ein Paar Spione ohne
weiteres gehngt zu werden.

Nach einer kurzen Besinnung sah ich ein, da uns nichts anderes brig
bleibe, als, da wir gut bewaffnet waren -- jeder hatte zwei Pistolen und
einen langen Dolch bei sich, der Albanese auerdem noch seine Flinte --
uns unserer Haut bestens zu wehren. Ich teilte diese Ansicht meinem
Begleiter mit, ihm versichernd, da ein Strick sein unvermeidliches Los
sein wrde, wenn man ihn lebendig finge, und machte ihm begreiflich,
da, wenn wir auch nur zwei gegen fnf seien, wir doch den ungeheuren
Vorteil der Position fr uns htten und folglich auch den des Ausgangs
des Kampfes. Dies begriff mein Reisegefhrte sehr wohl, versetzte aber
unwillig: Das Unheil habt ihr mit eurem verfluchten Narrenfelsen ber
uns gebracht. Da wir uns so sehr darnach erkundigten, hat die Englnder
aufmerksam auf uns gemacht, die uns jetzt verfolgen, und zuletzt mssen
wir doch noch unterliegen, denn ewig knnen wir hier nicht bleiben.
Diese Logik war fr einen halbwilden Albanesen so bel nicht. Ja, wenn
noch Schtze hier zu holen gewesen wren, fuhr er fort, dann liee es
sich noch begreifen; aber so ein kahler Stein. -- All dies Rsonnieren
hilft jetzt zu nichts, die feindliche Patrouille ist keine fnfzig
Schritte mehr entfernt und schickt sich an, heranzuklimmen, fiel ich
ihm ins Wort und rief dem sich bereits am Fu des Felsens befindlichen
Feind ein donnerndes >Halt!< zu, whrend mein Albanese sein Gewehr
anlegte. Ehe er aber losdrckte, rief ich dem Leutnant auf englisch zu,
da, wenn er es auf uns abgesehen habe, er uns wenigstens nicht lebendig
fangen wrde und sein und seiner Leute Leben auf dem Spiele stehe, denn
wir seien trefflich bewaffnete Schtzen ... -- Und ein Paar Spione,
antwortete der Offizier, uns noch ein Ergebt euch! zurufend. -- Das
sind wir nicht, erwiderte ich, sondern Ehrenmnner. -- Wir
parlamentierten weiter, und ich gestand ihm zwar, da ich ein Franzose
sei, sagte jedoch nicht, da ich in Militrdiensten stehe, sondern da
ich einzig und allein gekommen sei, um dem berhmten leukadischen Felsen
einen Besuch abzustatten, was ihm als einem gebildeten Englishman gewi
sehr natrlich erscheinen msse, da er ohne Zweifel von der Geschichte
desselben und namentlich der der Sappho unterrichtet wre. Ich suchte
ihn noch bei der Ehre anzugreifen, mich auf die allgemein bekannte
englische Loyalitt berufend, und gab ihm zu gleicher Zeit mein
Ehrenwort, da ich nicht gekommen sei, das verchtliche Handwerk eines
Spions zu treiben. Nach noch einigem Hin- und Herreden gelang es mir
denn auch, ihn in seiner Muttersprache, was gewi nicht wenig dazu
beitrug, von seinem ungerechten Verdacht und meiner Unschuld zu
berzeugen. Er gab mir nun seinerseits das Ehrenwort, da, wenn ich
herabsteigen wolle, weder mir noch meinem Begleiter das mindeste Leid
geschehen solle, und wenn wir beweisen wrden, da wir keine Spione
seien, man uns ungehindert ziehen lassen werde. Ich traute dem
Englnder, der gegen seine Leute uerte, da er uns fr keine Spione
halte, und stieg den Felsen hinab. Er lud mich jetzt ein, ihm zum
Kommandanten zu folgen, was ich jedoch ablehnte, ihn beiseite nahm und
ihm die Wahrheit und die Ursache, die mich nach Santa Maura gefhrt,
offen gestand. Er war nun seinerseits zuvorkommend artig und
teilnehmend, und als ich uerte, ich wnschte mglichst bald wieder das
feste Land zu erreichen, hatte er die Geflligkeit, uns bis an das
Lukadien gegenber liegende Ufer zu geleiten, wo wir eine Fischerbarke
in Beschlag nahmen, in der wir bersetzten, nachdem ich mich bei meinem
edlen Fhrer bedankt und wir gegenseitig unsere Adressen ausgetauscht
und Abschied genommen hatten, worauf er sich eiligst entfernte. Kaum
waren wir aber zwanzig Schritte vom Ufer abgestoen, als sich mehrere
bewaffnete Insulaner an demselben zeigten und den zwei uns rudernden
Schiffern in griechischer Sprache befahlen, umzukehren. Wir fanden aber
fr gut, denselben zu befehlen, nicht zu gehorchen, sondern schnell das
Weite zu gewinnen. Als dies die auf dem Land stehenden Griechen sahen,
feuerten einige auf uns, whrend die anderen lngs dem Ufer hinabliefen,
ein Fahrzeug zu suchen, das sie aber glcklicherweise nicht fanden. Bald
waren wir aus dem Bereich der Schuweite und kamen nach anderthalb
Stunden, nicht ohne groe Anstrengung, an der jenseitigen Kste an. Wir
fuhren nun weiter nach Prevesa. Von da legten wir den Weg bis Butrinto
zu Land zurck, wo ich dann ein Schiffchen mietete, das uns glcklich
wieder nach Korfu brachte. Ich entlie meinen getreuen Begleiter, indem
ich ihm noch ein kleines Geschenk machte, meldete meine Ankunft und
begab mich dann wieder nach Pallea Castrizza, wo ich Herrn von Brge und
seinen Damen die gehabten Abenteuern mit allen Details erzhlen mute.
Ich fand auch Neuigkeiten von Haus vor, nmlich einen Trauerbrief, der
mir das Ableben meines Grovaters vterlicherseits meldete, und eine
Anweisung von fnfzig Louisdors, welche mir das Haus Heinzelmann in
Venedig auf einen Juden in Korfu namens Mesulam auf Veranlassung meines
Vaters bermachte. Die Kanonierschaluppe, die whrend meiner Abwesenheit
glcklich von Otranto angekommen war, hatte unserem Regiment auch einen
Colonel _en second_ zugefhrt, und zwar den Bruder des bekannten
Schriftstellers und Verfassers des >Goldenen Kalbes<, Benzel-Sternau,
der jetzt Finanzminister in Diensten des Groherzogs von Frankfurt war,
und dessen Bruder bisher in russischen Diensten gestanden hatte, welcher
nun das Kommando der beiden in Korfu stehenden Bataillone des zweiten
Fremdenregiments, das bisher Herr von Brge gehabt, bernehmen sollte.
Aber der neue Oberst war ein uerst gutmtiger und ziemlich indolenter
Mensch, der sich hier auf einem ihm ganz fremden Terrain befand, und
Herrn von Brge, ohne dessen Rat er nichts tat, nach wie vor ganz
gewhren lie. So lange wir noch in Pallea Castrizza waren, kam er jede
Woche einige Male, uns zu besuchen und sich Rat zu holen, da er den
franzsischen Dienst ganz und gar nicht kannte. berhaupt hatten wir in
der letzten Zeit fast tglich Gste aus der Stadt, die sich unsere
kstlichen Seefische, Langusten, den guten Wein des Klosters und so
weiter trefflich schmecken lieen. Nach der Tafel wurde musiziert.
Josephine sang italienische Duette mit mir, unter denen besonders das
>_Per piet deh non lasciarmi_< aus der >_Ginevra di scozia_< Furore
machte. Es wurde auch manchmal getanzt, wenn mehrere Damen unter den
Gsten waren, und so ging der Rest der heien Jahreszeit munter und
vergngt zu Ende. Bevor wir das gastfreundliche Kloster verlieen,
machten wir noch einen Ausflug oder besser eine Ausfahrt nach der
kleinen Insel Fano, die am nrdlichen Kap von Korfu liegt und, wie die
Sage will, dieselbe Insel ist, welche die Gttin Kalypso bewohnte, deren
Grotte man den Fremden noch zeigt, die aber weder gttliche noch selbst
irdische Pracht aufweist, sondern eine gewhnliche gerumige und feuchte
Hhle mit mehreren Abteilungen ist. Diese Insel hat ungefhr fnfhundert
Einwohner, Fanioten genannt, die halbwild sind. Auch wir hatten eine
Besatzung von ungefhr hundert Mann auf Fano. Hier, wie zu Korfu, zu
Praxo und Santa Maura, war noch allenthalben das in Stein gehauene
venezianische Wappen, der geflgelte Lwe des Sankt Markus angebracht,
sein aufgeschlagenes Buch in der Tatze, grimmig, aber ohnmchtig
umherblickend. Ende September verlieen wir endlich unseren pittoresken
Sommeraufenthalt, um uns wieder unter den Schutz der Mauern der Stadt
Korfu zu begeben, wo mir bald darauf eine interessante Mission nach
Janina zuteil ward.




                                  IV.

      Eine Mission nach Albanien. -- Janina. -- Ali Pascha, seine
   furchtbaren Grausamkeiten. -- Ein lebendig Begrabener. -- Govino.
      -- Die Entfhrung einer jungen Griechin. -- Rocca Timono. --
    Diversi. -- Ein Soldat erschiet einen Fregattenkapitn. -- Ein
   Rattenmahl. -- Die Prima Ballerina Giuseppina Panzieri. -- Groer
     Theaterskandal. -- Ludwig der Springer. -- Die Feuerprobe. --
       Ein Duell. -- Ein Schiffbruch. -- Ein groer Brand. -- Die
        Ruber in Korfu. -- Parga geht an die Englnder ber. --
    Schlimme Neuigkeiten. -- Murats Abfall. -- Napoleons Abdankung.
        -- Rckkehr der Bourbons. -- Ankunft der englischen und
     franzsischen Flotten. -- bergabe Korfus an die Englnder. --
    Unanstndiges Benehmen englischer Offiziere. -- Einschiffung der
                        franzsischen Garnison.


Da die Kommunikation mit Italien jetzt immer schwieriger und auch die
Fahrt nach Otranto durch die englischen Lanzen fast ganz unterbrochen
wurde, so sandte man fters kleine Detachements nach Albanien ab, wohin
wir ohnehin hufig auf die Jagd gingen, um Transporte von Lebensmitteln,
in Reis, Mais, Ochsen, Ziegen und so weiter bestehend, die fr die
Garnison von Korfu gegen gute Bezahlung ziemlich schlecht von Ali Pascha
von Janina geliefert wurden, zu eskortieren. Mir wurde nach meiner
Rckkehr von Pallea Castrizza zuerst ein solches Kommando zuteil. -- Als
ich bei Butrinto mit meinen Leuten ans Land stieg, empfing mich ein
Abgeordneter Alis, der uns bis vor Janina begleitete. In allen Orten,
durch welche das Kommando passierte, wurde es von der staunenden Menge,
die zum erstenmal europische Soldaten sah, angegafft, und Greise,
Weiber und Kinder drngten sich um meine Leute, befhlten und betasteten
sie; und alles, was sie an sich hatten, bis auf die bleiernen Knpfe,
die sie fr silberne hielten, war ein Gegenstand ihrer Bewunderung. Als
wir vor Janina angekommen waren, mute ich Halt machen, und der
Albaneser, der uns bis hierher begleitet hatte, begab sich in die Stadt,
um unsere Ankunft zu melden. Kaum war es daselbst ruchbar geworden, da
franzsische Soldaten von Korfu angekommen seien, als eine unzhlige
Menge Volks beiderlei Geschlechts, Griechen, Trken und Albaneser
herbeistrmten, die Wundertiere zu sehen. Beim Besehen blieb es aber
nicht, sondern sie mischten sich unter die Soldaten, betasteten deren
Sbel, Gewehre, Patrontaschenschilder und so weiter, alles was blinkte
und das sie fr edles Metall hielten, da es bei ihnen Gebrauch ist, alle
ihre Waffen, aus denen oft ihr ganzes Vermgen besteht, mit Silber oder
Gold beschlagen und verzieren zu lassen. Manche ffneten sogar die
Patrontaschen und befhlten die Kartuschen und Tornister auf eine Weise,
da ich zu tun hatte, meine Leute, die sich dies nicht gefallen lassen
wollten, ruhig zu erhalten. Am neugierigsten und dreistesten waren die
Frauen und Kinder. Glcklicherweise kam der Albaneser, einer von Alis
Garden, mit einem Offizier des Paschas zurck, der mit einem: _Oxo,
oxo, More!_ das vor seinem Tyrannen zitternde Volk in einem Nu
auseinander jagte. Er kndigte mir an, da wir kein Quartier in der
Stadt erhalten wrden, sondern bis nach Ablieferung der Lebensmittel vor
derselben unter Zelten, die man in Zeit von einer Stunde fr uns
aufschlagen wrde, lagern mten; es sei indessen den Leuten erlaubt,
einzeln und ohne Bajonette in die Stadt zu gehen, brigens wrde man fr
unsere Bedrfnisse in jeder Hinsicht reichlich Sorge tragen und der
Pascha uns in ein paar Stunden selbst mit seinem Besuch beehren. Dies
alles wurde vermittelst eines Dolmetschers in italienischer Sprache
verhandelt. Bald darauf kndigte ein unordentlich im Galopp
dahersprengender, sehr reich gekleideter Trupp albanesischer und
trkischer Reiter Alis Ankunft an, dem er mit einer sehr zahlreichen und
glnzenden Suite bald folgte. Ich lie die Mannschaft ins Gewehr treten,
prsentieren und die Tambours _aux champs_ schlagen; sogleich lie Ali
durch den Dolmetscher fragen, was dies zu bedeuten habe, und als er
vernommen, da dies die hchste militrische Ehrenbezeigung sei, gab er
sein Wohlgefallen durch beiflliges Lcheln zu erkennen. Ich lie
hierauf, nachdem ich seine Zustimmung erhalten, noch einige Handgriffe
und Wendungen vornehmen, mehrmals abfeuern, Peloton-, Glieder- und
Rottenfeuer machen, was sowohl vom Pascha als seiner Umgebung mit
Beifallsbezeigungen aufgenommen wurde. Was ihn am meisten ansprach, lie
er mich durch den Dolmetscher ersuchen, zu wiederholen, erkundigte sich
bis zu den kleinsten Details nach der Garnison von Korfu, und nachdem er
mich seiner Zufriedenheit und seines Wohlwollens hatte versichern lassen
sowie da noch vor Abend fr alle unsere Bedrfnisse gesorgt werden
wrde, verlie er uns nach einer Anwesenheit von beinahe zwei Stunden.
In der Tat war er kaum weg, als Lebensmittel aller Art, Wein nebst
mehreren trkischen Zelten, auch einige Diwans und Polster
herbeigebracht wurden, denen vier Snften, von Sklaven getragen und
albanesischen Wachen umgeben, folgten; vier trkische Frauen oder
Sklavinnen befanden sich in denselben, die ihre besonderen Zelte
erhielten und die der besorgte Pascha zu meiner Privatunterhaltung
bestimmt hatte, indem die Trken die Weiber wie ein jedes andere zu
befriedigende notwendige Bedrfnis betrachten. Ich machte ihnen, nachdem
ihre Zelte aufgeschlagen waren, was zuerst geschah, einen Besuch, um
meine Neugierde zu befriedigen und fand vier ziemlich robuste,
wohlgenhrte, korpulente Schnheiten, die gerade nicht mehr in der
ersten Bltezeit standen, hochrot geschminkt, schwarz bemalt waren,
angestrichene Ngel und ziemlich grobe Zge hatten; genug, es waren
weder zirkassische noch griechische Schnheiten. Ich verlie sie bald
wieder und gestattete den Unteroffizieren und Soldaten, sie zu besuchen,
denn sie zurckzuschicken wrde der Pascha fr eine groe Beleidigung
angesehen haben. Als ich aber erfuhr, da mir Ali ein Geschenk mit
diesen Schnheiten machen wolle, die ich mit nach Korfu nehmen solle,
lie ich ihn am Tage unseres Abmarsches wissen, da ich sehr bedaure,
dies nicht annehmen zu drfen, indem es mir die franzsischen Gesetze
verbten und ich bei meiner Rckkehr groen Unannehmlichkeiten
ausgesetzt sein wrde, wenn ich vier Weiber mitbrchte. Diese Rson nahm
er auch an. Den anderen Morgen schickte er wieder Geflgel, eine groe
Quantitt trkischen Tabak nebst trkischen Pfeifen von roter Erde und
vergoldet fr das ganze Kommando; den Nachmittag kam er abermals selbst
und lie sich wieder einige Manver vormachen. Diese Besuche wiederholte
er noch einigemal und beschenkte die Leute reichlich mit Tabak. Des
Morgens durchstrich ich die ungepflasterten Straen Janinas und besah
deren bunte Huser, Moscheen und so weiter; auch hatte ich zweimal
Audienz beim Pascha in dessen Palast, wo er mich mit einem Kistchen von
Sandelholz, welches zwei Dutzend Flschchen kstlichen Rosenls
enthielt, einem Pckchen von den im Serail verfertigten Pastillen und
mehreren ausgezeichnet schnen trkischen Pfeifen, deren Rohre mit
Kaschmir berzogen waren, und zwei kaschmirnen Schals von Wert
beschenkte. Meine von Zeit zu Zeit spter abgeschickten Nachfolger waren
nicht so glcklich, die Sache war nichts Neues mehr, und als erst das
Migeschick des franzsischen Heeres in Ruland bekannt wurde, da zog
der Pascha von Janina ganz andere Saiten auf, und bald nachher traten
zwischen ihm und dem Gouverneur von Korfu Mihelligkeiten ein. -- Einige
Notizen ber Janina und seinen merkwrdigen und grausamen Tyrannen
drften hier wohl an ihrem Platz sein. -- Der Anblick der Hauptstadt
Albaniens ist ganz orientalisch und ber alle Beschreibung schn. In den
See zieht sich eine Halbinsel mit schroffen Felsen, auf der das alte
Serail des Paschas oder sogenannte Fort und ebenfalls eine von Zypressen
umgebene Moschee liegen. Eine hohe Mauer trennt sie von der Landseite.
Von dieser Halbinsel kann man die ganze Stadt gut bersehen; ihr
gegenber liegt eine kleine Insel, auf der sich noch ein dem Pascha
zugehriger Palast befand. Janina hat einen sehr groen Umfang, viel
offene Pltze und Moscheen. Die Basars sind mitten in der Stadt und
nehmen zwlf Straen ein; ein jeder ist fr ein besonderes Gewerbe
bestimmt, der eine fr Juweliere, der andere fr Waffenschmiede und so
weiter. Hier hngen die Gebude auch ziemlich zusammen, die Huser der
Reichen sind sehr gerumig und haben alle Galerien. Der Judenkirchhof
befindet sich mitten in der Stadt, die damals an vierzigtausend
Einwohner zhlen mochte und auer sechzehn Moscheen auch acht
griechische Kirchen hatte; sogar sah ich einige Buchlden, in denen
neugriechische Bcher verkauft wurden. In den Straen begegnete man
bewaffneten Arnauten, Mohren, Tartaren, Trken und Griechen, alle zu des
Paschas Scharen gehrend, dessen Palast, der groe Serail genannt, um
ihn von dem seiner Shne Muktar und Veli zu unterscheiden, im sdlichen
Teil der Stadt auf einer Anhhe, die dieselbe beherrscht und eine
Zitadelle aus hohen Steinmassen bildet, liegt. Der obere Bau ist jedoch
von Holz und ganz trkisch mit vorspringenden Dchern, langen
Fensterscheiben und bemalten Auenwnden. Er ist von finsteren Straen
umgeben, die sehr enge Zugnge bilden. Durch ein hlzernes Tor kommt man
auf einen breiten unregelmigen Platz, der von zwei Seiten durch den
Serail eingeschlossen ist. Dieser Platz wimmelte von den Soldaten von
Alis Leibwache, die sehr reich gekleidet war. Von da kommt man in die
Galerie, die mit einer Menge Volk, als Trken, Albaneser, Mohren,
Griechen, schwarzen Verschnittenen, Juden und so weiter angefllt ist,
dann gelangte man in einen langen, reich verzierten Saal, in dem ein
groer seidener Vorhang herabhing, welcher, wenn Ali Audienz gab, in die
Hhe gezogen wurde, wo alsdann ein prchtiges, mit vielen Sulen
prangendes groes Gemach sichtbar ward, von dessen Fenstern man die
Aussicht auf den Landsee und das Pindus-Gebirge hatte. Der Fuboden war
kostbar ausgelegt und mit reichen Vergoldungen geschmckt, an den Sulen
hingen Dolche und alle mglichen Waffen von groem Wert, dem Pascha
gehrend, ringsum waren karmoisinrote Diwans, vor denen die kostbarsten
Teppiche lagen. Ali selbst sa mit bers Kreuz geschlagenen Fen unter
einem karmoisin mit Gold gestickten prchtigen Thronhimmel. Er war von
ziemlich hohem Wuchs, hatte ein dickes rundes Gesicht, eine offene
Stirn, schlaue Zge und einen wilden, grimmigen Blick. Er trug ein
blaues, rotes oder gelbes, reich mit kostbaren Pelzen besetztes
Oberkleid und bisweilen statt des Turbans eine Sammetmtze. Seine Stimme
war sehr rauh und hohl und sein brllartiges Lachen hatte etwas
Frchterliches und Erschreckendes an sich. Ali war 1750 zu Tepeleni in
Albanien geboren, wo sein Vater, Veli, Pascha war. Bei dessen Tod mochte
er ungefhr sechzehn bis siebzehn Jahre zhlen. Als einige Zeit darauf
ein Albaneser namens Ghalil eine Emprung veranlate, mute Ali mit
vierzig Paras (ein halber Gulden) in der Tasche von Tepeleni entfliehen,
und seine Mutter und Schwester gerieten in Gefangenschaft der Einwohner
von Gardihi, die ihn selbst in die Luft hatten sprengen wollen; vierzig
Tage blieben sie in dieser Gefangenschaft. Spter hat sich Ali Pascha
durch ein schreckliches Gemetzel und abscheuliche Grausamkeiten an
dieser Stadt und deren Bewohnern gercht. In seinem zwanzigsten Jahre
trat er in die Dienste des Coul Pascha zu Berrat, wo er aber bald in den
Verdacht kam, eine Verschwrung angezettelt zu haben und dieserhalb
entfliehen mute; doch erlangte er eine schnelle Ausshnung mit Coul,
heiratete eine von dessen Tchtern, die ihm zwei Shne, den Muktar und
Veli, gebar. Jetzt machte er einen Versuch, sich Janinas zu bemchtigen,
der ihm vollkommen gelang; er verjagte den dortigen Pascha, und nun
erkannte ihn die Pforte als Pascha von Janina und dessen Bezirk an.
Hiermit war aber sein Ehrgeiz noch lange nicht befriedigt, sondern er
bemchtigte sich nach und nach teils mit Gewalt, teils mit List fast
aller Distrikte Albaniens, verstrkte sein Korps von kriegerischen
Schypetaren (Albaneser oder Arnauten, die von den alten Mazedoniern
abzustammen vorgeben) immer mehr, drang mit denselben durch die engen
Psse des Pindus nach Thessalien, das er sich unterwarf, und lie sich
von der Pforte zum Deveny Pascha von Rumelien ernennen. 1798 leistete er
derselben gute Dienste gegen den furchtbaren Pawan Oglu und wurde dafr
zum Pascha von drei Roschweifen ernannt. Whrend dieser Zeit war sein
Schwiegervater Coul Pascha gestorben und Ibrahim dessen Nachfolger
geworden. Ali konnte sich aber mit diesem nicht vertragen und hatte
fortwhrend Fehden mit demselben, denen endlich durch die Verheiratung
seiner Shne mit Ibrahims Tchtern ein Ziel gesetzt wurde. Dennoch
berfiel er ihn 1811 wieder, nahm ihn gefangen, lie ihm den Kopf
abschlagen und vereinigte dessen Paschalik mit dem seinigen. Ibrahims
Tchter aber, die beiden Frauen seiner Shne, die er jetzt frchtete,
lie der Unhold nebst noch sechs anderen Frauen aus dem Harem in Scke
nhen und in dem See bei Janina ersufen. Gleich darauf kam die Reihe an
Mahomed, Pascha von Delvino, welcher Ibrahims Verbndeter gewesen. Er
nahm auch dessen Paschalik und die adriatischen Ksten in Besitz und
machte der Pforte auerordentliche Geschenke, damit diese sein Tun und
Treiben billigte. Mahomeds Shne flohen nach Korfu, wo sie Schutz
suchten und ihn bei dem General Donzelot fanden. Schon weit frher,
1798, hatte Ali Prevesa, Vonitza, Arkanien und Paramithia mit seinen
Ebenen weggenommen. Nach fnfzehnjhrigem Kampf hatte er die Sullioten,
sehr tapfere Krieger, die zwischen Bergen und Felsen hausen, unterjocht,
beinahe vertilgt, sich dann eines groen Teils von Mazedonien bemchtigt
und war bis an die Grenzen von Attika vorgerckt. Sein Gebiet bestand
nun in dem ganzen Epirus, dem sdlichen Teil von Illyrien, einem groen
Teil Mazedoniens, fast dem ganzen alten Thessalonien, tolien, Phocis
und einem Teil Botiens. Er besoldete ein Korps von mehr als
dreiigtausend Albanesern oder Arnauten, das, wenn es ntig war, er mit
leichter Mhe verdoppeln konnte, und dies waren die besten Truppen des
osmanischen Reiches und so treffliche Schtzen, da sie selten einen
Vogel im Flug fehlten, dabei die migsten Mnner, die keine andere
Leidenschaft als das Spiel und Rauchen kannten und keine andere
Liebhaberei als schne Waffen, ihren Stolz, hatten. Alis Finanzen waren
in dem blhendsten Zustand, sein Schatz an Silber, Gold, Juwelen,
Perlen, Schals, Rosenl, Kaschmir und kostbaren Vasen, seltenen Uhren
und Kunstwerken war unermelich, jede Fehde bereicherte ihn um
Millionen. Die Zahl der ihm untergebenen Seelen betrug ber drei
Millionen und seine jhrlichen Einknfte ber zwanzig Millionen Piaster.
Seine Soldaten, die gut und pnktlich bezahlt wurden, waren ihm sehr
zugetan, ebenso seine griechischen Untertanen, die ihn trotz seiner
abscheulichen Grausamkeiten dennoch schtzten, denn in der ganzen Trkei
war keine bessere Verwaltung, und es wurde keine strengere Gerechtigkeit
ausgebt, als in den Provinzen, die unter seiner Herrschaft standen; mit
einem Pa von ihm oder von einem seiner Garden begleitet, konnte man
sicher und ohne alle Gefahr durch sein ganzes Land und die wildesten
Gebirgsgegenden reisen, so sehr hatte er seinen Namen zu frchten und
respektieren zu machen gewut. Er war der gerechteste Mann, sobald sein
eigenes Interesse nicht mit im Spiel, und der verabscheuungswrdigste
Wterich, wenn dieses der Fall war. Er durchreiste hufig seine
Provinzen, untersuchte und richtete alles selbst und schlug dem
Schuldigen gewhnlich mit eigener hoher Hand den Kopf ab; er war
Richter, Vollstrecker und Henker in einer Person und schlichtete
Prozesse, mit denen man in Deutschland ein halbes Jahrhundert
hingebracht htte, in einer halben Stunde. -- Die Hauptzge des
Charakters dieses auerordentlichen Menschen waren schlaue List und
unerhrte Grausamkeit, mit einem starken Aberglauben verbunden. Die
grte Furcht und Ehrfurcht flten ihm Derwische ein, hierzu gesellte
sich noch eine unersttliche Habgierde, die eine Treulosigkeit und
Wortbrchigkeit erzeugte, von der man in der Geschichte wenige Beispiele
findet. Eine wahrhaft schauderhafte Rachsucht machte diesen wilden
Charakter noch grlicher. Nie verga er die geringste Beleidigung oder
den kleinsten Ungehorsam gegen seinen Willen, wobei ihm sein
auerordentliches Gedchtnis sehr zustatten kam. Hier einige Beispiele,
die ihn am besten charakterisieren werden. Ein Albaneser hatte einen
Vetter von ihm in zuflligem Streit gettet; nachdem er dessen Weib und
Kinder vor seinen Augen durch seine Tiger, deren er immer mehrere sowie
Lwen und andere Raubtiere in Kfigen unterhielt, hatte zerfleischen und
auffressen lassen, lie er ihn selbst langsam an einem Feuer braten. Der
Bruder dieses Unglcklichen hatte sich noch beizeiten geflchtet. Einige
dreiig Jahre spter erfuhr Ali Pascha, da sich derselbe auf der
nahegelegenen Insel Santa Maura aufhalte. Er schickte alsobald
Abgeordnete mit sehr reichen Geschenken an ihn, die zu gleicher Zeit den
Auftrag hatten, ihm die heiligsten Versicherungen zu geben, da Ali
lngst alles vergessen und vergeben habe und er seine ehemalige Strenge
sogar bereue; er lie ihm dabei die glnzendsten Versprechungen und
lockendsten Anerbietungen machen, wenn er nach Albanien zurckkehren
wolle. Der Unglckliche war schwach und leichtglubig genug, sich
betren zu lassen, und reiste mit den Abgesandten zurck. Kaum war er in
Janina angekommen, als ihn der Wterich in Stcke hauen und seine
Glieder in alle Straen werfen lie.

Um sich einen Begriff von seinem auerordentlichen Gedchtnis machen zu
knnen, stelle man sich vor, da er alle seine Offiziere, Soldaten und
Angestellte bei ihrem Namen kannte. Seine Truppen waren nicht wie in
anderen Staaten gleichmig besoldet, sondern jeder Soldat bekam
monatlich etwas Gewisses, wie es Ali seinen Verdiensten angemessen
bestimmt hatte, so da fast keiner mit dem anderen gleichgestellt war,
und er wute genau im Kopf, was jeder monatlich empfing.

In Janina gab es sehr reiche griechische Kaufleute, die, ohne je die
Handlung gelernt zu haben, nach Italien, Triest, Ruland und Kleinasien
handelten, oft weder lesen noch schreiben konnten und dennoch die
eintrglichsten Spekulationen machten. Sobald nun der Pascha durch seine
Spione, deren er unzhlige hatte, in Erfahrung gebracht, wieviel dieser
oder jener bei einer solchen Spekulation gewonnen, wovon er sich vorher
auf das genaueste unterrichtet und die zuverlssigste Gewiheit
verschafft hatte, schickte er einen von seinen Leuten an den Kaufmann
mit der Bitte ab, er mge dem Pascha doch eine Summe von hundert bis
tausend Zechinen oder mehr leihen, je nachdem der Gewinst ausgefallen
war, von dem er in der Regel die Hlfte in Anspruch nahm, denn er fand
es billig, gerade zu teilen. Wollte sich nun der Kaufmann mit Unvermgen
und dergleichen entschuldigen, so fiel ihm der Abgesandte sogleich in
die Rede und erklrte ganz lakonisch: Mein Befehl lautet: das Geld oder
den Kopf. Da blieb wohl keine Wahl brig, auch wre es keinem zu raten
gewesen, den hohen Schuldner an das Geliehene zu mahnen.

Der franzsische Brigadegeneral Detry bekam einst vom Gouverneur eine
besondere Mission nach Janina und wurde vom alten Ali sehr freundlich
aufgenommen, der ihm in einem Anfall von besonderer Laune sogar seinen
Harem aufschlieen und seine zahlreichen Weiber vorfhren lie, ebenso
seine hbschen Knaben, die ihm dazu dienen muten, seine ekelhaften
unnatrlichen Lste zu befriedigen, wenn ihn diese anwandelten. Als der
General den Harem wieder verlassen hatte, fragte ihn der Pascha, welche
von den Frauen ihm am besten gefallen habe. Dieser bezeichnete ihm
diejenige, die am meisten Eindruck auf ihn gemacht hatte. Ali bat seinen
Gast, eine Mahlzeit mit ihm einzunehmen, und ehe sich nach deren
Beendigung Detry entfernte, fragte ihn der Pascha, ob er seine Geliebte
noch einmal zu sehen wnsche. Der General bejahte es lchelnd, Ali gab
ein Zeichen, ein Vorhang rauschte in die Hhe, und ein schwarzer
Verschnittener hielt das noch blutende Haupt der Unglcklichen an den
Haaren! Der Wterich lachte grimmig, Detry, ber eine solche Untat
erbittert, entfernte sich schnell. Dies war zur Zeit geschehen, als es
schon mit der napoleonischen Herrschaft auf die Neige ging, wovon er
weit besser wie wir in Korfu unterrichtet war; frher wrde er so etwas
nicht gewagt haben. Auch der franzsische Konsul in Janina, Pouqueville,
ging eben nicht sehr gelinde mit dem Unmenschen um, drohte ihm mit des
Kaisers Zorn, wenn er etwas bei ihm durchsetzen wollte, und betrat
dessen Palast oft mit ganz beschmutzten und kotigen Stiefeln, die er an
Teppichen in den Gemchern abputzte, welche viele tausend Piaster
gekostet hatten, indem er zu ihm sagte: Warum lat Ihr Eure Straen
nicht pflastern und reinigen? Der alte Ali, der damals groe Furcht vor
den Franzosen hatte, verbi seinen Ingrimm unter hohlem Lachen. In
Verlegenheit setzte es ihn, wenn der englische oder der franzsische
Konsul zugleich bei ihm eintraten, da er beide gleich frchtete, auch
suchte er dies mglichst zu verhindern, damit keiner sich eines Vorzugs
rhmen knne.

fters lie sich Ali bei den angesehensten Einwohnern Janinas zu Tische
ansagen, wo er dann seine ersten Beamten, Diener und ein ganzes Gefolge
von Garden und Sklaven mitbrachte. Er speiste ganz allein an einem
Tisch, den Wirt des Hauses lud er gewhnlich ein, sich in seiner Nhe
niederzulassen, und es wurde dabei trkische Musik gemacht. Beim
Abschied sah er es gerne, wenn man ihn und sein Gefolge beschenkte, was
aus guten Grnden nie unterlassen wurde; es geschah auch wohl, da seine
Diener dem gastfreien Wirt einige nicht zu verkennende Winke gaben,
welche Geschenke ihrem Herrn und ihnen selbst die willkommensten sein
wrden. Alis Schlauheit war im ganzen Land zum Sprichwort geworden, und
ohne die Diplomatie auch nur dem Namen nach zu kennen, berlistete er
nicht selten die gewandtesten Diplomaten. Bekannt ist, welch ein
wohlverdientes Ende es noch im hohen Alter mit ihm nahm.

Gleich nach meiner Zurckkunft von Janina trug sich ein Vorfall
in Korfu zu, der gewaltiges Aufsehen machte. Ein Kapitn,
_Quartier-matre-trsorier_ vom sechsten Linienregiment, ein Elssser
und guter Bekannter von mir, war von einer schweren Nervenkrankheit
heimgesucht und verfiel in eine so hartnckige Asphyxie, da ihn
jedermann fr tot hielt und die rzte ihn dafr erklrten. Alle
Anstalten zu seinem Begrbnis (wegen der groen Hitze wurden die Leichen
hier schon in den nchsten vierundzwanzig, oft zwlf Stunden nach dem
Tod beerdigt) und zu den ihm zukommenden militrischen Ehrenbezeugungen
waren getroffen. Obgleich Protestant, wonach niemand fragte, wurde er
doch in die zu Korfu befindliche einzige katholische Kirche gebracht.
Der Sarg, welcher der Kirche gehrte,[2] wurde in der Mitte derselben
aufgestellt, mit allerlei Symbolen und sich auf den Tod beziehenden
allegorischen Bildern, unter denen auch das Skelett der von der Natter
gebissenen Kleopatra, behangen. Musik und Tambours zogen mit klingendem
Spiel in die Kirche, vor deren Tr die gebruchlichen Salven gegeben
wurden, worauf zuletzt noch Mann vor Mann einzeln sein Gewehr in der
Kirche abfeuerte. All dieser Lrm vermochte nicht, den Scheintoten aus
seinem Starrkrampf zu erwecken, der aber -- man denke sich den
entsetzlichen Zustand -- sein vlliges Bewutsein hatte und jedes leise
gesprochene Wort auf das deutlichste vernahm. Doch ich will seine
eigenen Worte hier anfhren, mit denen er mir das schreckliche Ereignis,
das ihn betroffen, mitteilte.[3] Von dem Augenblick, als ich in den
Starrkrampf verfallen war, war es mir schlechterdings unmglich, trotz
starkem Willen und aller Anstrengung, die ich deshalb machte, auch nur
die geringste Bewegung an irgendeinem Teil meines Krpers
hervorzubringen; es war, als wren alle meine Gliedmaen in eiserne
Bande und Fesseln geschlagen und gnzlich gelhmt; dabei vernahm ich das
leiseste Wort, das in meiner Gegenwart gesprochen wurde, auf das
deutlichste, konnte meine Zunge nicht rhren und hatte doch das
heftigste und glhendste Verlangen, die Leute, die mich alle tot
glaubten, zu enttuschen; nun stelle man sich meinen entsetzlichen
Zustand vor, als ich alle Anstalten zu meiner nahen Beerdigung
wahrnehmen mute, wie man mich wusch, dann in das Leichengewand
kleidete, mich in den Sarg legte, in die Kirche trug, und nachdem alle
Zeremonien und das Abfeuern der Soldaten beendigt war, in die
schauerliche Gruft hinabsenkte. Alle meine Snden fielen mir in diesem
Augenblick ein und der Hlle frchterliches Bild drngte sich mir mit
Gewalt vor die Augen. Ich kam, nachdem man mich hinabgelassen, auf einen
Haufen halb und ganz verwester Kadaver zu liegen und blieb noch etwa
fnf bis sechs Stunden in dem starren Zustand. Dann aber erhielt ich
allmhlich meine Bewegungskraft wieder, wozu wohl auch der
pestilenzartige Geruch, der mich umgab, das Seinige beitragen mochte.
Ich richtete mich nun auf und tappte in der dichtesten Finsternis auf
Haufen von Leichen und Knochen herum, kam endlich an eiskalte, von
Feuchtigkeit triefende Mauern, an denen ich vergeblich einen Ausweg
suchte, der mich aus diesem schrecklichsten aller Kerker befreien
sollte. Um die Decke des Gewlbes zu erreichen, wozu aber meine Arme
nicht auslangten, bemhte ich mich, die zum Teil halbverfaulten Krper
zusammenzuschleppen und aufzutrmen, um so einen Hgel zu bilden, auf
dem ich oben ankommen und mich so vielleicht hrbar machen knnte. Die
Verzweiflung gab mir Kraft, und es gelang. Ich gab mir nun die
unsglichste Mhe und strengte mich ber die Maen an, einen Gewlbstein
zu lften, der in die Kirche fhrte, aber alle meine Bemhungen waren
vergeblich, da selbst mehrere Mnner mit eisernen Hebeln dazu
erforderlich waren. Ganz entkrftet sank ich wieder nieder, dumpfe
Verzweiflung und namenlose Trostlosigkeit bemchtigte sich meiner. Noch
einmal raffte ich mich zusammen, ergriff einen der dicksten
Totenknochen, mit dem ich nun, so stark ich es vermochte, wider das
Gewlbe schlug, aber mehrere Stunden vergingen, ohne da ich irgendein
Resultat wahrnahm. Schon wollte ich mich hoffnungslos der Verzweiflung
preisgeben, als ich pltzlich ein dumpfes Gemurmel von mehreren
Mnnerstimmen ber mir vernahm, Tritte hrte, bemerkte, da man bemht
war, einen Stein zu heben, und endlich den Schimmer des Tageslichts
gewahrte, woran die ffnung bald vllig frei wurde. Nie hatten meine
Ohren eine lieblicher klingende Harmonie vernommen, als das hierdurch
verursachte Getse, und als der erste Strahl des Lichtes in den
Schreckensort drang, da war es mir, als wrde ich neu geboren und trte
in das Paradies ein. Als der Stein ganz gelftet war, schwang ich mich
mit Hilfe eines Strickes, den man mir reichte, in die Kirche hinauf und
stand mitten unter einem Haufen Menschen, die nicht wenig ber meine
Erscheinung erstaunt waren. -- Die Kirchendiener hatten, als sie des
Morgens die Vorbereitungen zur Frhmesse machten, den unterirdischen
Lrm vernommen, aber zuerst samt dem Geistlichen, der die Messe lesen
sollte, die Flucht ergriffen, in der Meinung, die Toten seien zum
jngsten Gericht auferstanden oder der Teufel selbst habe seinen Sitz im
Gewlbe aufgeschlagen. Man hatte die Sache gleich dem Platzkommandanten
gemeldet, der Befehl zur Erffnung des Gewlbes erteilte und zu diesem
Behuf einen Adjutanten nebst einigen Sappeurs abschickte. Der Gerettete
wurde wieder vllig hergestellt und wohnte spter selbst noch mancher
Leichenfeierlichkeit bei.

[Funote 2: In Korfu wurden alle Leichen von einiger Destinktion ohne
Sarg in die unterirdischen Kirchengewlbe gesenkt, wo sie durcheinander
verwesten, daher die Kirche einen allgemeinen Sarg hatte, in dem sie
alle Toten abholen lie und in welchem jeder whrend den Zeremonien in
der Kirche ausgestellt wurde. Diese Leichen wurden nach beendigtem
Gottesdienst und wenn die Kirche geschlossen war, aller Kleider beraubt
und nackt in die Gruft geworfen. Nur bei Personen, die sich ein
besonderes, wegen des geringen Raums der Kirche sehr teures Begrbnis
erkauften, wurde eine Ausnahme gemacht. Die Soldaten wurden ohne
Unterschied auf einem dazu bestimmten Platz vor der Stadt in die Erde
verscharrt.]

[Funote 3: Wir haben allen Grund zu glauben, da der tote Verfasser
dieser Denkwrdigkeiten selbst der Lebendigbegrabene war, wie aus
einigen von ihm geschriebenen Briefen ziemlich klar hervorgeht, was er
aber, wenigstens bei seinen Lebzeiten, nicht gerne Wort haben wollte.]

Ende Oktober wurde ich mit meiner Kompagnie nach Govino oder Gouin
detachiert oder vielmehr nach einer diesem Ort gegenber errichteten
Batterie, ebenfalls angelegt, um hier eine mgliche Landung der
Englnder zu verhindern. Diese Gegend war im Sommer so ungesund, da die
daselbst liegenden Truppen wenigstens alle vier Tage abgelst werden
muten, und dennoch erkrankten viele Leute. Ehe man aber diese Erfahrung
gemacht, hat man sie teuer bezahlen mssen, denn von einer ganzen
Kompagnie, die des Hauptmanns Gasqui, die man zuerst im Sommer einen
ganzen Monat hatte daselbst liegen lassen, waren samt dem Kapitn,
wodurch Madame Gasqui, die nicht mitgegangen, sondern in der Stadt
geblieben, Witwe geworden war, alle bis auf siebzehn Mann und den
Oberleutnant, hundertneunzehn Mann im ganzen gestorben. Auch die am
Leben gebliebenen waren noch jahrelang krnklich. Der Kapitn Roy, den
ich ablste, hatte, wie so viele Offiziere, eine hbsche junge Griechin
als Mtresse bei sich, sollte sich aber in kurzem mit der Tochter eines
reichen Griechen verheiraten, nachdem ihm eine hbsche junge Franzsin,
die Tochter des Kommandanten der Gendarmerie zu Korfu, Mademoiselle
Fournier, der er den Hof gemacht und um die er geworben, einen Korb
gegeben, weil er seine Mtresse nicht abgeschafft hatte. Die Griechin
war nicht so empfindlich oder ignorierte die Sache und erhielt eine
Aussteuer von vierundzwanzigtausend Talari, was jene nicht hatte. Als er
mir den Posten bergab, bat er mich, doch auch zugleich seine Geliebte,
Tonina, mit bernehmen zu wollen, da er in ein paar Tagen Hochzeit
machen msse und sie folglich nicht lnger bei sich behalten knne. Ich
tat ihm den Gefallen unter der Bedingung, das Mdchen nicht lnger als
vier Wochen zu behalten, was man einging. Tonina war hbsch, nicht ohne
Geist und hatte viel Scharfsinn. Schon ber ein Jahr hatte sie mit Roy
gelebt, der sie dreizehnjhrig von ihren Eltern weggenommen hatte. Als
sie zuerst vernommen, da sich Roy verheiraten und sie verlassen werde,
war sie so wtend geworden, da sie nach ihm bi und kratzte, sich auf
die Erde warf, _Xaphnico ogni sorte, Diavolo smesso su, gamotti bisti
su!_, abscheuliche neugriechische Flche, ausstie und sich dabei
konvulsivisch auf dem Boden wlzte. Ich machte sie aber gleich damit
bekannt, da sie nur eine provisorische Stelle bei mir habe. Sie fgte
sich zwar darein, machte aber doch Umstnde, als die vier Wochen um
waren, und ich bedurfte alles Ernstes, sie mir wieder vom Halse zu
schaffen. Du heiratest ja nicht, meinte sie. Glcklicherweise fand
sich nach sechs Wochen ein Bataillonschef, der sie bernahm.

Eines Tages besuchte mich der _Chef d'tat major_ der Garnison von
Korfu, Oberst Bauduy, auf meinem Landhaus in Begleitung einer hbschen
jungen Dame; beide kamen nebst einem Bedienten geritten. Die junge Dame
war eine Pariserin, Bauduys Geliebte, und sehr geistreich. Sie war die
Gattin eines Pariser Bankiers, die er entfhrt hatte und die nun mit ihm
lebte. Ich begleitete gegen Abend beide in die Stadt zurck und wurde
eingeladen, sie manchmal zu besuchen. Der Oberst bewohnte ein zwischen
Ruinen aus der letzten Trkenbelagerung ziemlich einsam liegendes Haus
hinter dem Gouvernementspalast in der alten Festung. Ich machte bald von
dieser Einladung Gebrauch, und zwar mehr, als dem Herrn Oberst lieb war.
Nicht sehr weit davon hatte ein Offizier von unserem Regiment, der
Kapitn Stahl, sein Quartier. Diesen besuchte ich jetzt fters und nahm
so die Zeit wahr, wenn Bauduy ausging, um der hbschen Madame Guidon --
so nannte sie sich -- einen Besuch abzustatten. Sie sang recht artige
Romanzen, und wir sangen und spielten fter zusammen und mit der besten
Harmonie, die aber dem _Chef d'tat major_ eben nicht sehr lieblich zu
klingen schien. Stahl hatte sich in eine junge, kaum vierzehnjhrige
Griechin aus einer wohlhabenden Familie verliebt, Gegenliebe gefunden
und mir sein Geheimnis vertraut; der Hinterteil des Hauses, in dem seine
Geliebte wohnte, ging in ein enges, schmales Gchen, wo er dieselbe nur
durch ein ziemlich hohes Fensterchen sehen und sprechen konnte, aber
keine andere Gelegenheit hatte, in nhere Berhrung mit ihr zu kommen.
Das Mdchen sprach das Venetianische gelufig, Stahl aber nur ein paar
Worte schlecht italienisch, beide hatten sich bisher mehr durch Zeichen
verstndlich gemacht und schienen vor Liebe fast zu vergehen. -- Da
bleibt nichts anderes brig als eine Entfhrung, sagte ich zu Stahl, da
er nicht aufhrte, mir seine Sehnsucht zu klagen. Dazu war er auch bald
entschlossen, und es kostete uns keine groe Mhe, die junge Griechin
zur Einwilligung zu bringen. Wir kamen berein, sie in der nchsten
Nacht, wo sie versuchen wollte, das Haus ihrer Eltern nach elf Uhr zu
verlassen, zu entfhren, und gingen verabredetermaen zur bestimmten
Stunde in das kleine Gchen, wo wir zuerst noch ein Pourparler mit dem
Mdchen hatten, das uns mitteilte, da es unmglich zur Haustre
hinauskommen knne, die verschlossen und verriegelt und von der der
Schlssel abgezogen sei. -- Nun, dann mssen Sie die Promenade durch
das Fenster machen, rief ich ihr zu. -- Unmglich, es ist zu hoch. --
Ich will schon Mittel finden, da es gefahrlos geschehen kann. Ich
hie Stahl dableiben, whrend ich mich nach einer Leiter umtun wolle,
und eilte in die nchste Kaserne, eine solche zu suchen, aber
vergeblich, es war nirgends eine aufzutreiben. Ich requirierte daher
vier Grenadiere von unserem Bataillon und lieh mir eine groe
baumwollene Decke bei einem Sergeant-Major. Mit diesen kam ich zu Stahl
zurck, dem ich sagte, da, da ich keine Leiter gefunden, sich seine
Geliebte schon zu einem kleinen Sprung bequemen msse; es sei ja kaum
zwanzig Schuh hoch, und sie knne sich unmglich einen Schaden tun, da
sie auf die von vier starken Mnnern gehaltene Decke falle. -- _Ma ho
troppo paura_, lispelte die junge Griechin. -- _Ma che paura, santa
mattiamo, sakapaupoli_, erwiderte ich halb italienisch, halb
griechisch, _saltate pure, sarete ben ricevuta_. Nach noch einigem
Zureden entschlo sie sich zum Sprung und lag im Nu auf der Decke, von
der ich sie mit meinen Armen aufhob und denen Stahls berlieferte, der
mit seiner holden Beute nach dem Fort vieux zu in seine Wohnung eilte,
whrend ich die Grenadiere, die das Mdchen aufgefangen hatten, belohnt
heimschickte. Den anderen Tag kam gegen Mittag Herr von Brge in
aller Eile nach Govino geritten und verkndigte mir, da ich
hchstwahrscheinlich noch denselben Tag abgelst werden wrde, weil ich
ttige Hilfe bei der Entfhrung der jungen Caloyera geleistet habe; der
Gouverneur sei bereits von der ganzen Geschichte unterrichtet, hchst
aufgebracht, der Vater des jungen Mdchens sei bei ihm gewesen, habe
Stahl, zu dem er mit Dolchen bewaffnet gelaufen, zu ermorden gedroht,
und man habe den Mann nur durch das Versprechen, die Schuldigen zu
bestrafen und da der Kapitn seine Tochter heiraten solle, beruhigen
knnen. Brge befragte mich nun nach den nheren Umstnden dieses
Vorganges, und ich teilte ihm dieselben mit. Stahl hatte selbst
angegeben, da ich der Helfershelfer bei der Geschichte gewesen. Herr
von Brge verlie mich mit den Worten: Nun, ich will wnschen, da es
gut fr Sie abluft. Aber den anderen Morgen erhielt ich Order, mit
einem Detachement von siebzig Mann nebst dreiig Albanesern nach Rocca
Timono aufzubrechen, einem wsten Felsen an der Westseite der Insel, in
der Gegend von Pallea Castrizza, an dessen Fu der Hafen Affiona lag,
eine kleine Bucht, die ebenfalls bequem zu einer Landung war. Denselben
Tag erschien auch noch ein Tagesbefehl des Gouverneurs, in welchem er
diese Begebenheit streng rgte. Stahl erhielt scharfen Arrest, und der
Oberst Benzel-Sternau drckte noch in einem besonderen Annex der Order
aus, da es sehr bedauerlich sei, da Offiziere von unserem Regiment die
Veranlassung zu einem solchen Befehl gegeben htten, und da, wenn sich
dergleichen wiederhole, er es an den Kriegsminister berichten msse. --
Hchst mimutig brach ich nach Rocca Timono auf, vielleicht dem desten
Ort der ganzen Insel. Auf einem hohen Felsen, zu dem man nur zu Fu mit
Lebensgefahr an dem steilen Rand eines tiefen Abgrundes, Mann vor Mann
kletternd, gelangen konnte, war eine kleine Reiserhtte, mit Laub
bedeckt, von den Soldaten erbaut, die zwei Abteilungen, eine fr den
Offizier, die andere fr die Soldaten, hatte und in die Wind und Regen
von oben und allen Seiten drang; da es gerade in der Regenzeit war, so
schwamm man bestndig im Wasser und hatte weder bei Tag noch bei Nacht
einen trockenen Fleck am ganzen Leibe; dabei hatte ich die strengste
Order erhalten, mich unter keinem Vorwand, welcher er auch immer sei,
von diesem Posten zu entfernen. Dies Kommando hatte ich der Protektion
meines Gnners, des _Chef d'tat major_ Bauduy, zu verdanken gehabt, wie
ich spter erfuhr, der mich gern aus seinem Bereich und Gehege vertrieb.
Stahl, der zwar im Fort vieux blieb, mute die Caloyera heiraten, mit
der er einige tausend Talari Aussteuer bekam. Einen ganzen Monat mute
ich auf dem rattenkahlen Felsennest, wo man kein Grashlmchen sieht,
zubringen und buchstblich im Wasser liegen. Aus Langeweile lie ich die
Soldaten gymnastische bungen machen, Purzelbume und Rad schlagen und
um Paras spielen und balgen. Dies war mir der verdrielichste Monat
meines ganzen Lebens. Endlich, nachdem ich wohl ein Dutzend Briefe an
Benzel-Sternau und Herrn von Brge geschrieben, wurde ich erlst und
nahm mir nun fest vor, mich nicht mehr mit den Entfhrungen anderer zu
befassen. Ich kam gerade noch zur Trauung Stahls, die, obgleich er
Protestant war, doch in einer griechischen Kirche stattfand. Stahls
junge Frau hatte unterdessen Bekanntschaft mit der Geliebten Bauduys
gemacht, und nachdem ich erfahren, welchen Anteil dieser an meiner
Versetzung genommen, beschlo ich, mich mit Hilfe von Stahls Gattin
desto mehr an ihm zu rchen. Dies war um so leichter, da Amelie -- dies
war ihr Taufname -- jetzt sehr oft zu Stahls kam, wo ich dann oft mit
den beiden Damen allein war und die eine die Aufpasserin machte, whrend
ich mit der anderen tndelte. Eines Tages aber hatte ich es gewagt, als
Bauduy, der anfing, die Besuche seiner Geliebten bei Madame Stahl sehr
ungern zu sehen, gerade zum Gouverneur gegangen war, Amelie in seiner
Wohnung zu besuchen, in die ich in der Abenddmmerung durch ein
Hinterfenster stieg, um von keinem Bedienten bemerkt zu werden. Aber
kaum hatten wir uns herzlich bewillkommt, als der Oberst, der etwas
vergessen hatte, zurckkehrte, so da ich gerade noch Zeit hatte, mich
in einen Schrank, den Degen in der Hand, eiligst zu verbergen, sowie
Amelie, das Zimmer zu verlassen, welches sie abschlo. Als ich aber
unten rumoren hrte und frchtete, man mchte hinter mein Versteck
kommen, verlie ich dasselbe eiligst und sprang aus einem Fenster
wenigstens fnfzehn Fu hoch in einen kleinen, noch von einer Mauer
umgebenen Raum hinab, aus dem ich hinauskletterte und mich in den Ruinen
alter Huser verbarg. Aber Freund Stahl begann nun auch eiferschtig zu
werden und meine hufigen Besuche ungern zu sehen; um ihm keinen
weiteren Anla zum Mivergngen zu geben, setzte ich sie vorerst aus und
machte unterdessen der Madame Roy den Hof, deren Mann die erhaltene
Aussteuer zum groen Mivergngen der Familie seiner Frau verkohlt
hatte, und da ihm dieses Verkohlen nicht den fnften Teil der erwarteten
Fonds einbrachte, so war auch er mivergngt, mit der Familie gespannt
und lie sehr unklugerweise seinen Unmut seine junge Gattin empfinden,
die ich nun zu trsten unternahm. Madame Stahl sollte mir doch spter
werden, wenn auch erst auf franzsischem Boden. -- Doch ich mu die
Sache deutlicher erzhlen, wenn man mich verstehen soll. Die Aussteuer,
welche die Tchter der wohlhabenden Familien in Korfu erhalten und von
der es heit, sie sei zehn-, zwanzig-, dreiig-, fnfzig- und mehr
tausend Talari, besteht nur in sehr wenig barem Geld, einigen sehr hoch
angerechneten Pretiosen und dem Rest in Land mit soundso viel
Olivenbumen, die in gewhnlichen Zeiten eine bestimmte Rente abgeben.
Jetzt aber, wo der Preis des ls bis auf den fnften Teil seines
frheren Wertes herabgesunken war, hatten natrlich auch diese
Baumstcke einen weit geringeren Wert. Roy, der aber gerne bares Geld
gehabt htte und solches brauchte, lie alle ihm gehrigen Olivenbume,
unter denen Tausende viele hundert Jahre alte Stmme waren, umhauen und
zu Kohlen brennen, die er nach dem Gewicht auf dem Markt verkaufen lie
und so kaum zwei- bis dreitausend Talari daraus lste, die bald
ausgegeben waren. Daher der Unwille seiner Schwiegereltern, der auf die
Tochter berging, die sich nun fast mehr im Haus ihrer Mutter, wo ich
sie tglich sah, aufhielt, als in der Wohnung ihres Gatten, und der mein
Trost ganz willkommen war. Hier lernte ich auch eine andere, noch sehr
junge Griechin, Marietta Vonda, ihre Jugendfreundin, kennen, die alle
hellenischen Schnheiten in sich vereinigte. Mit dieser knpfte ich bald
ein Verhltnis an, und da ihre Eltern ganz ohne Vermgen waren, so
willigten sie unter gewissen Bedingungen ein, da ich das Mdchen auf
eine bestimmte Zeit, drei Monate, zu mir nahm, whrend welchen ich,
alles andere vergessend, recht vergngt mit ihr lebte und sie dann einem
Rittmeister der _Chasseurs  cheval_ abtrat, der sie ganz behielt und
spter auch mit sich nach Frankreich nahm und sogar heiratete. Nach ihr
zerstreute ich mich auf kurze Zeit mit zwei recht artigen Israelitinnen,
die in der Nhe meines Quartiers wohnten und sich Nina und Berna
nannten, und dann wieder mit einer jungen Griechin, Anetta genannt. So
brachte ich immer einige Abwechslung in das sonst ziemlich einfrmige
Leben zu Korfu. Manche meiner Kameraden machten es nicht viel besser,
nur waren sie etwas bestndiger. Noch immer hatte ich den Tisch bei
Herrn von Brge und gab dabei Josephinen Unterricht, jetzt auch im
Deutschen und der Geschichte; einmal wurde ich jedoch in einer ziemlich
zweideutigen Situation mit ihr von der Frau Mama ertappt, von der wir
nun einen fast stundenlangen Sermon anhren muten. -- Ach, die Mama
hat es auch nicht besser gemacht, wie der Papa sagt, sprach Josephine,
als wir endlich wieder einen Augenblick allein waren. Um die Frau Mutter
wieder zu besnftigen, schickte ich ihr einen prchtigen, mit Oliven
gemsteten Indianer in die Kche nebst einigen Pfunden Mandelkonfekt,
von dem sie eine groe Liebhaberin war; es war gerade um Weihnachten,
welche die Griechen besonders mit diesen Leckerbissen feiern. -- Gleich
nach Neujahr 1813 fiel eine tragische Begebenheit vor, die ungemeines
Aufsehen in der Garnison erregte. Der Kapitn einer der im Hafen zu
Korfu stationierten Fregatten hatte einen auf derselben eingeschifften
Marinesoldaten wegen eines unbedeutenden Vergehens mit Stricken, eine
bei den franzsischen Matrosen damals gebruchliche Strafe, hauen
lassen. Dieser hatte sich aber verzweifelt gewehrt und geschimpft, indem
er sagte, eine solche entehrende Zchtigung gehre keinem franzsischen
Soldaten, und der sie verordne, sei ein infamer Bttel und so weiter, er
mute sich aber zuletzt natrlich der Gewalt ergeben und die Strafe
erdulden. -- Einige Tage darauf, als er wieder eine Wache auf dem Schiff
bezog, tauschte er mit einem Kameraden, dem der Posten vor des Kapitns
Kajte geworden, um daselbst Schildwache zu stehen, und als der Offizier
am Abend aus dem Theater kam und sich in sein Gemach begeben wollte,
scho ihn der Soldat mit den Worten: _Canaille, voila pour toi!_
nieder, hierauf ausrufend: _Me voila content, qu'on me fasse fusiller 
mon tour._ -- Dies fand auch kurze Zeit darauf, nachdem er durch
kriegsgerichtliches Erkenntnis zum Tode verurteilt worden war, statt,
und er wurde auf einem eigens dazu errichteten Flo mitten in der Reede,
im Angesicht der ganzen Marine und der Landtruppen erschossen. Ein
seltsamer Zufall hat mich bei dieser Gelegenheit eine Delikatesse kennen
lernen, von der ich mir niemals etwas htte trumen lassen. Um die
Exekution besser mit ansehen zu knnen, war ich mit einigen Kameraden
nach der Insel Vido hinbergefahren; kaum war der Soldat erschossen, als
sich ein so gewaltiger Sturm erhob, da es schlechterdings unmglich
war, wieder nach Korfu zurckzufahren, und zu gleicher Zeit lie sich
auch ein Erdsto verspren, der jedoch nicht sehr bedeutend war. Desto
heftiger aber strmten die entfesselten Winde, und der Sturm wtete so
arg, da fr diesen Tag an die berfahrt nicht mehr zu denken war; auch
die Barken, welche alle zwei Tage die Lebensmittel fr die etwa
achthundert Mann starke Besatzung nach Vido brachten und um Mittag
kommen sollten -- die Exekution hatte um zehn Uhr morgens stattgefunden
--, blieben aus. Mit Sehnsucht warteten alle, da sich der Sturm legen
wrde, denn der geringe Vorrat einiger Marketender an Brot und sonstigen
Viktualien war schnell aufgezehrt und bald kein Stckchen mehr fr Geld
zu haben. Die Nacht kam heran, der Sturm tobte fort, und die Wellen
trmten sich mehr und mehr. Lachend soupierten wir noch bei einigen
Hhnern, die der auf der Insel Vido befehligende Bataillonschef, bei dem
wir uns zu Gast baten und der auch das noch aufzutreibende Kommibrot
aufgekauft hatte, zum besten gab. Aber auch die ganze Nacht, die wir in
Erdhtten zubrachten, denn andere Wohnungen gab es in Vido noch nicht,
whrte der Sturm und wurde womglich den kommenden Morgen noch toller,
so da man an keine Kommunikation mit der Stadt denken konnte. Jetzt
ging es an ein Schlachten aller vorhandenen Katzen und Hunde, die man
mit schwerem Geld bezahlte, und da auch diese bei weitem nicht
ausreichten, die hungrigen leeren Mgen zu fllen, so machte man sich
auf die Rattenjagd, deren es unzhlige, und namentlich sehr fette
Wasserratten hier gab. Bald hatten die Soldaten mehrere hundert
derselben gefangen und boten sie zu drei bis fnf Franken per Stck
feil. l fand sich auch noch etwas vor, und die getteten Tiere wurden
nun an Ladestcken gebraten oder zu einem Ragout zugerichtet, und ich
gestehe, da ich einen solchen Rattenbraten ganz vortrefflich fand und
mit dem grten Appetit verspeiste, sei es _faute de mieux_ und weil ich
groen Hunger hatte, oder weil die Ratte ein wirklich sehr delikates
Fleisch hatte. Htten wir nur Brot dazu gehabt! Der Sturm und die
Rattenjagd dauerten noch bis gegen Abend, wo sich beides legte und die
heiersehnten Lebensmittel ankamen. Von jetzt an wurde ein kleines
Magazin, auf acht Tage berechnet, von Vivres in Vido angelegt, damit man
nicht wieder hnlichem Fasten ausgesetzt war, wir aber wurden bei
unserer Rckkehr in Korfu noch brav ausgelacht und geneckt, indem man
uns versicherte, da, da wir uns ohne Urlaub entfernt und auch niemand
gewut, was aus uns geworden, man im Begriff gewesen, uns als Deserteure
_par contumace_ durch ein Kriegsgericht verurteilen zu lassen.

Um diese Zeit fing man zu Korfu an, ganz insgeheim von dem unglcklichen
russischen Feldzug und der schrecklichen Retirade der groen Armee zu
munkeln; auch wurden wir durch die Englnder immer enger blockiert. Die
Lebensmittel wurden seltener und stiegen sehr im Preis. Doch waren wir
noch weit entfernt, das Migeschick Napoleons und seines Heeres in
seinem ganzen Umfang zu kennen und dessen ungeheuren Verlust zu ahnen.
Man wute nicht, wie die Sachen eigentlich standen, und erfuhr nur, was
eine in Korfu gedruckte Zeitung, welche einmal wchentlich erschien und
den Titel >_Moniteur jonien_< fhrte, fr gut fand, uns wissen zu
lassen; zudem war sie immer um einige Monate zurck und druckte meistens
nur das, was der Commissair-Imperial aus den Pariser Zeitungen, die
ebenfalls zwei bis drei Monate nach ihrem Erscheinen erst nach Korfu
kamen, rot anstrich. -- Im Frhjahr 1813, das heit im Januar, halfen
schon die im vorigen Jahre zuerst gepflanzten Kartoffeln, welche die
Griechen als nach Erde schmeckend noch verschmhten, etwas aus; man
bezahlte aber das Pfund noch mit einem Piaster oder mehr, wofr man sie
den Soldaten abkaufte. Da die Lebensmittel immer seltener und teurer
wurden, namentlich frisches Fleisch fast gar nicht mehr aufzutreiben
war, so erlie der Gouverneur eine Order, durch welche er den Offizieren
und Soldaten streng verbot, sich ferner noch mit der Unterhaltung von
Frauen und Mdchen zu befassen, denn dies hatte zuletzt so berhand
genommen, da fast jeder Soldat ein solches Liebchen hatte. Die
Griechinnen liefen ihren Mnnern und Vtern, die sie bestndig unter
strengem Gewahrsam einsperrten, gar zu gerne davon, um mit den
Franzosen, die sie berall mit herumfhrten, spazieren zu gehen,
Schauspiele, Tanz und Weinschenken zu besuchen. Man brauchte fast nur zu
winken, so hatte man schon eine solche, oft sehr schne, aber immer sehr
unwissende und lstige Plage am Hals. Diese Order und der eingetretene
Mangel verhinderten zwar weitere Entfhrungen, aber es war schon gar zu
viel altes bel vorhanden.

Die Frechheit der Englnder ging jetzt so weit, da sich ihre
Linienschiffe und Fregatten bis auf Schuweite den Festungswerken
nherten. Eines Tages kamen zwei dieser Schiffe bis fast unter die
Batterien des Meerschlosses, so da sie von den auf sie geworfenen
Riesenbomben beinahe in den Grund geschossen worden wren. Sie suchten
schnell das Weite. Ein anderes Mal wagte sich eine englische Brigg sogar
bis in den Hafen von Govino und zndete daselbst mehrere kleine Schiffe
an; unsere Kanonierschaluppen suchten ihr zwar den Rckweg
abzuschneiden, aber ehe diese noch segelfertig waren und die Anker
gelichtet hatten, war die Brigg schon wieder in der weiten See. Die
franzsische Marine hatte wenigstens eine Stunde mit Pfeifen und
Vorbereitungen zugebracht, so da wir alle, die wir dem Skandal von den
Wllen zusahen, hchst entrstet ber dieses lendenlahme Verfahren
waren, fluchten und schimpften. Es war wirklich unverantwortlich; mehr
denn zwanzig Kanonierschaluppen lagen in dem Hafen von Mandrachio, und
keine brachte es dahin, flott zu werden, whrend die Brigg ihr Unwesen
im Hafen von Govino trieb, was wir von Korfu genau beobachten konnten.
Die Marineoffiziere muten sich deshalb herben Spott von den
Landoffizieren gefallen lassen, es gab Reibereien und in deren Folge
Duelle. Das Duellieren hatte berhaupt zuletzt unter der Garnison von
Korfu und zwar unter den Unteroffizieren und Soldaten so sehr berhand
genommen, da fast keine Woche verging, wo es nicht einen Toten, der im
Zweikampf gefallen war, gab, so da endlich der Gouverneur eine sehr
strenge Order an die Korpschefs erlie, um diesem Unfug Einhalt zu tun,
und die Regimenter deshalb fters konsigniert wurden.

Trotz der immer steigenden Teuerung, die bei den rmeren Einwohnern bald
Mangel verursachte, und der schlimmen Nachrichten vom Festland, mit
denen man sich herumtrug, wurde dennoch der Karneval 1813 noch sehr
frhlich nach venetianischer Weise begangen. Die groe Esplanade war von
drei Uhr nachmittags an mit Masken jeder Art angefllt, die sich bis in
die Nacht hinein mehrten, doch auer dem stummen Auf- und Abgehen und
einigen Neckereien wenig Unfug trieben, sondern meistens, besonders die
Griechen, die daran teilnahmen, sehr ernst waren. -- Oft exerzierte ein
oder das andere Regiment zu gleicher Zeit auf diesem Platz und kam durch
seine Schwenkungen mitten unter die Maskenhaufen, die es dann jubelnd
auseinander jagte. Den Abend war das Theater sehr besucht und nach
demselben zweimal in der Woche Cavalchini oder maskierte Festini.

Damals machte die Prima-Ballerina Giuseppina Panzieri allgemein Furore;
sie war eine gebotene Mailnderin, noch nicht lange von Venedig
gekommen, wo sie der Impressario Delungo selbst geholt, und eine von
jenen Schnheiten, die da sagen knnen: >_Veni, vidi, vici._< Sie hatte,
was in Italien selten ist, blonde Haare und blaue Augen, aber keine von
jenen schmelzenden, schmachtenden, wie man sie so hufig im Norden
antrifft, sondern feurig-blaue, ein niedliches Gesichtchen mit
schelmischen Zgen und einen Wuchs, wie man ihn nur von einer Tnzerin
verlangen kann; genug, geschaffen, um auch ein felsenhartes Herz noch zu
rhren. Unter den mancherlei Kpfen, die durch ihre Kreiswendungen und
Trillersprnge verwirrt wurden, war auch der eines fnfzigjhrigen, sehr
reichen Lieferanten namens Mastracha und der des Kommissr-Imperial
Lesseps, mit dem ich gut bekannt, fters bei ihm zu Tische war und
hufig auf die Jagd an die albanesische Kste mit ihm ging; letzterer
mochte einige vierzig Winter zhlen. Beide Nebenbuhler pochten auf ihre
auerordentlichen Verdienste, die bei dem ersten in dem Besitz von
vielleicht anderthalb Millionen Piaster bestehen mochten und bei dem
anderen darin, da er die erste Zivilautoritt und letzte entscheidende
Instanz in allen brgerlichen Angelegenheiten zu Korfu war und Napoleon
gewissermaen reprsentierte. Da es dem gewichtigen Mann unter solchen
Umstnden auch nicht an Geld mangelte, kann man sich denken. Beide boten
alles auf, um die Gunst der schnen Tnzerin zu erlangen. Mastracha
scheute keine Kosten; er sandte der Angebeteten an ihrem Namenstag einen
prchtigen Blumenstrau _ la_ Murat, dessen Stengel aus einer Rolle von
hundert Zechinen fabriziert war und zwischen dessen natrlichen Blumen
siebzehn diamantene Sternblmchen hervorblitzten. Demungeachtet trug der
Kommissr-Imperial den Sieg davon, sei es nun, da seine hohe Wrde oder
sein noch krftigeres Alter Peppina verfhrten. Nach wenigen Wochen
bezog sie eine Wohnung, die ihr Geliebter dicht neben seinem Palazzo
gemietet und auf das prchtigste fr sie und ihre Mutter eingerichtet
hatte. Um aber die Sache bequemer zu haben, hatte er eine Tr durch die
Mauer brechen lassen, welche beide Huser trennte. Ich hatte das schne
Mdchen frher einigemal bei dem Impressario gesehen, aber damals nicht
so sehr auf sie geachtet, als ihre Reize es wohl verdient htten, und es
ging mir erst ein Licht auf, als ich sie zum erstenmal auf der Bhne
tanzend bewunderte. Aber jetzt war es zu spt, und sie war bereits in
Lesseps' Hnden. Was ich frher mit leichter Mhe erhalten htte, sollte
mir jetzt nur durch die raffinierteste List und Anstrengung zuteil
werden.

Bisher hatten die Offiziere die tglich von neun Uhr morgens bis zwei
Uhr nachmittags dauernden Theaterproben nach Belieben besucht, ohne da
jemand etwas Arges dabei gefunden htte. Man frhstckte _ la
fourchette_ oder mit Gebackenem und dem hier sehr wohlfeilen Cyperwein,
sang und sprang oft mit, und diese Proben waren keine kleine
Unterhaltung fr uns auf der an sonstigen Zerstreuungen ziemlich armen
Insel; ja wir hatten weit mehr Genu dabei, als an den Vorstellungen
selbst. Bald hatte ich mich Peppina bemerkbar gemacht, und ihr Benehmen
verriet mir, da ihr meine Aufmerksamkeit gerade nicht mifiel. Ihr aber
meine heie Liebe zu gestehen, zu ihren Fen um die Erhrung meiner
Wnsche zu flehen, dazu fehlte es durchaus an Gelegenheit, denn Lesseps
lie sie durch seinen vertrauten Kammerdiener auf jedem Schritt mit
Argusaugen bewachen; dennoch war es mir gelungen, Peppina zwei
Billettchen unbemerkt bei den Proben zuzustellen, und ich erhielt sogar
eine Antwort, die sie in die Latte einer Kulisse, von niemand als mir
bemerkt, steckte. Aus derselben ersah ich mit Vergngen, da sie recht
gerne in die von mir verlangte Zusammenkunft willige, wenn ich nur
Mittel ausfindig machen knne, eine solche zu bewerkstelligen. Indessen
mute der Intimus des Kommissrs doch Lunte riechen, oder vielleicht war
ihm auch sein Bewachungsamt bei den Proben zu beschwerlich, da er
wirklich hundert Augen htte haben mssen, um alles, was bei diesem
Gewirre vorging, zu sehen. Genug, er berichtete eines Morgens seinem
Herrn, da er fr nichts mehr stehen knne, denn es seien immer ein paar
Dutzend Offiziere und noch andere Herren zugegen, die ein Charivari und
ein Durcheinander veranlaten, da, wenn er auch fnfzig Augen und Ohren
htte, diese dennoch nicht ausreichen wrden, um zu bemerken, was sich
dabei zutrage. Diese Worte waren dem ebenso eiferschtigen als
verliebten kaiserlichen Kommissarius ebenso viele Nadel- und
Dolchstiche. -- Oh, dem Unfug will ich bald ein Ende machen! rief er
aus. Man hole mir sogleich den Impressario. -- Dieser erschien nach
wenigen Minuten mit hochgekrmmtem Rcken, hundert Bcklingen,
schneidend und untertnigst fragend, was die Illustrissima Eccellenza zu
befehlen habe. -- Ich bin uerst unzufrieden mit Ihnen, mein Herr
Impressario. Was ist das fr eine Unordnung, die bei Ihren Proben
herrscht? Ich hre den Lrm nicht selten sogar in meinem Kabinett
(seine Wohnung war in der Nhe des Theaters). Man sollte glauben, der
Teufel selbst habe seine Residenz da aufgeschlagen und das wilde Heer
hause im Theater. Wenn dies nicht anders wird, so sehe ich mich
gezwungen, Sie von der Direktion zu suspendieren und sie jemand zu
bergeben, der es besser versteht, Ordnung und Zucht unter dem
leichtfertigen Volk zu erhalten. -- Eccellenza halten zu Gnaden,
stotterte der auer aller Fassung gebrachte und wie Espenlaub zitternde
Impressario _in angustie_. Nicht meine Leute, Illustrissimo, Gott
bewahre, das sind lauter Lmmer, die Herren Offiziere machen diesen
Skandal.

Was Offiziere, donnerte der sich recht ergrimmt und unwissend
stellende Kommissarius. Offiziere! Wie kommen diese in die Proben? Wo
in aller Welt hat man so etwas gehrt? Wie knnen Sie solchen Mibrauch
zugeben? Wir sind nicht in Venedig, Mailand oder Neapel, sondern in
Korfu, und hier bin ich Herr und befehle Ihnen, von heute an das Theater
whrend der Proben zu schlieen und niemand, wer es auch sei, der nicht
zum Theater gehrt, weder bei den Proben noch whrend der Vorstellung
auf die Bhne zu lassen. Ich werde Ihnen eine Polizeiwache geben, und
Sie werden die Tr nur fr die Mitwirkenden ffnen lassen.

Es war bald Zeit zur Probe, die versprochene Polizeiwache stellte sich
ein, und alles, was sich der Gewohnheit gem einfand und nicht im Sold
Apolls oder unter dem direkten Schutz der neun Musen stand, wurde auf
das unbarmherzigste abgewiesen. Welche Bestrzung diese Trauernachricht
unter dem weiblichen Kunstpersonal hervorbrachte, ist unbeschreibbar.
Selbst das mnnliche Personal uerte, wenn auch mit mehr Migung,
seine Unzufriedenheit. Denn ach! -- die herrlichen wohlschmeckenden
Frhstcke, an denen jedermann teilnehmen durfte, fielen nun weg. Doch
was half alles Lrmen und Lamentieren, die Sache war einmal nicht zu
ndern, und -- Probe mute gehalten werden. Auch Peppinen lie man den
allgemeinen Unmut fhlen, obgleich das arme Kind im Innern ber die
abscheuliche Verordnung so gut wie die anderen entrstet war. Man wute
wohl, da, wenn auch unschuldig, niemand als sie die Ursache dieser
verdrielichen Neuerung war. Die Proben waren heute zwei Stunden frher
als gewhnlich beendigt, und als die verstimmten Leutchen den ihnen
jetzt sehr de und freudenlos scheinenden Tempel der Kunst verlassen
wollten, fanden sie in dessen Vorhallen an hundert harrende Abgewiesene.
Auch ich befand mich unter diesen Unglcklichen und war keiner von den
minder Traurigen. Als sich endlich die Tren erschlossen und unsere
Lieben herausstrmten, mischte sich sogleich alles untereinander. Das
war ein Durcheinanderschreien, Rufen, Fragen, bis man sich verstndigt
und alles Wissenswerte mitgeteilt hatte, als handle es sich um der Welt
Untergang. Nur Peppina, die Arme, durfte keinen Teil an den allgemeinen
Ergieungen nehmen und ging, von ihren Trabanten begleitet, stumm wie
ein Fisch durch die rebellischen Reihen; im Vorbergehen warf sie mir
einen verstohlenen Blick zu und seufzte kaum vernehmbar. Als aber
endlich die Ideen gegenseitig ausgetauscht und alle gehrig unterrichtet
waren, da hallten Drohungen und Verwnschungen der aufgebrachten
Abgewiesenen grlich in den Hallen wider. Die Abgewiesenen gaben den
Priesterinnen der Kunst Hand und Wort darauf, da noch denselben Abend
eine Vorstellung im Theater stattfinden solle, dergleichen in Korfu noch
nie gesehen worden, wobei das Bhnenpersonal Zuschauer, die Zuschauer
selbst aber Schauspieler sein wrden.

Um halb acht Uhr war das Parterre diesen Abend gegen die Gewohnheit
schon zum Erdrcken voll, auch die Logen fllten sich frher, als es
sonst der Fall war. Die Ouvertre begann, alles war muschenstill. Die
Oper >_Ginevra di Scozia_< und das Ballett >_Astrea_< waren an der
Tagesordnung. Als aber die Introduktion begann, ertnte von allen Seiten
ein so frchterliches und durchdringendes Pfeifen, Zischen und Stampfen,
mit dem Rufe: _A bas,  bas,  bas!_ begleitet, da einem Hren und
Sehen verging; die Damen hielten sich die Ohren zu, viele waren einer
Ohnmacht nahe, und einige verfielen wirklich in diesen Zustand, andere
lachten, und von Musik und Gesang hrte man keinen Laut. Der Lrm ging
immer _crescendo_, bis endlich der Vorhang fiel und mit seinem Fallen
die vorige Stille wieder eintrat. Nach einer Viertelstunde rollte die
leinene Scheidewand abermals in die Hhe, man versuchte wieder
anzufangen, aber derselbe Tumult stellte sich wieder ein, und zwar mit
verdoppelter Kraft, und hrte nicht auf, bis die Gardine zum zweitenmal
fiel. -- Aller guten Dinge sind aber drei. Man zog sie also zum
drittenmal auf, und diesmal trat der Impressario vor und wollte das
Publikum anreden, konnte aber ebensowenig zu Worte, als das Personal zum
Gesang kommen. Zum drittenmal senkte sich der Vorhang, um zum viertenmal
aufgezogen zu werden, und nun zeigte sich ein wohlkonditionierter
Polizeibeamter, der mit einem hellgellenden Hohngelchter empfangen und
so lange ausgelacht wurde, bis er sich, etwas konfus gemacht, wieder
zurckgezogen hatte. Jetzt lie man die Gardine zum letztenmal fr heute
abend herab. Das Publikum unterhielt sich noch eine Zeitlang sehr laut
und lebendig, denn der grte Teil war noch nicht von der Ursache des
extraordinren Tumults unterrichtet, bis nach einer Stunde sich fast
alle Zuschauer verlaufen hatten und das leere Haus geschlossen wurde.
Lesseps war wtend und schwur hoch und teuer, der Sache morgen ein Ende
zu machen. Er hatte so gut wie die anderen Zuschauer bemerkt, da es
fast nur Militr war, welches den hllischen Lrm gemacht, und
namentlich Marineoffiziere und Maitres Cannotiers, die ihre langen,
gellenden silbernen Schiffsdienstpfeifen mitgebracht hatten, womit sie
die Matrosen bei den Manvern avertieren. Noch denselben Abend begab
sich Lesseps zum Gouverneur Donzelot, diesen aufzufordern, dem
abscheulichen Unfug zu steuern und durch eine _Ordre du jour_ dem
Militr das Pfeifen, Zischen und Lrmen im Theater zu untersagen, wozu
dieser sich aber nicht verstehen wollte, sondern meinte, ein solcher
Tagesbefehl wrde lcherlich sein, da er ja keine Dienstsachen betreffe,
indessen wolle er die gehrigen Maregeln ergreifen, fernere Unruhen im
Theater mglichst zu verhten, und zur nchsten Vorstellung vier
Stabsoffiziere kommandieren, die, mit dem Ringkragen dekoriert, die
Aufsicht und Inspektion im Parterre haben sollten. Damit mute sich der
Herr Kommissar begngen und empfahl sich, nachdem er noch vom Gouverneur
erlangt hatte, da die Chefs de Corps ihren Untergebenen wenigstens
mndlich Ordnung und Ruhe im Theater anbefehlen sollten. Von da begab
sich der Mann zum Konteradmiral, um auch diesen fr seine Sache zu
gewinnen und den Seemnnern, Seelwen, Seebren und Seehunden und
sonstigen Seeungeheuern, wie er sie in seinem Zorne nannte, die Rachen
zu stopfen. Zuletzt lie er noch den Polizeidirektor und Delungo zu sich
rufen, um auch von der Zivilseite jedem Unfug zu begegnen. So hoffte der
gute Mann aller ferneren Strung vorgebeugt zu haben und legte sich, von
den vielen Strapazen ermdet, etwas beruhigter zu Bette. Der zum Teil
gefrchtete, zum Teil erwnschte Abend kam heran, jeder der beorderten
Stabsoffiziere bernahm eines der vier Karrees, in das das Parterre
abgeteilt worden, zur besonderen Aufsicht, auerdem hatte man jedem
Viertel noch Polizeibeamte zugeteilt, um die brgerlichen Lrmmacher im
Zaum zu halten. Aber alles war umsonst, sobald der Vorhang in die Hhe
rauschte, fing der infernalische Lrm des vorigen Abends wieder an und
ward noch dreimal rger, aber seltsamerweise sah man niemand weder mit
dem Mund noch mit Instrumenten pfeifen, und doch waren die Pfiffe weit
schneidender und gellender. -- Was vermag der menschliche
Erfindungsgeist nicht? -- Ein Maitre Cannotier hatte in der Eile ein
paar hundert Pfeifen mit kleinen Blasblgen verfertigen lassen, die
unter das Militr verteilt wurden und die ein Teil der Verschwrer unter
dem Arm, ein anderer unter den Fen angebracht hatte. Mit kaum
bemerkbarer Bewegung brachten sie so die gellendsten Tne hervor; das
Lcherlichste bei der Sache war, da der Lrm immer im Rcken der
kommandierten Aufpasser geschah, denn sobald einer den Kopf nach dem
Ort, wo man gepfiffen, richtete, erschollen gleich wieder ein paar
Dutzend Pfeifen von hinten her, so da sich die Herren unaufhrlich wie
Wetterhhne nach dem Wind drehten, ohne etwas entdecken zu knnen, woran
ihnen wohl auch wenig gelegen sein mochte, denn sie lachten selbst mit.
Es war, als trieb eine Legion Dmone ihr neckisches Spiel. Die Sache
nahm dasselbe Ende wie bei der letzten Vorstellung und wurde die
folgenden zwei bis drei Tage mit gleichem Kraftaufwand wiederholt. Man
hatte sich geschmeichelt, die Lrmmacher wrden das Ding endlich von
selbst satt werden, aber vergeblich, sie trieben den Rumor so lange
fort, bis eines Morgens pltzlich auf den nach italienischer Sitte quer
ber die Straen an Stricken hngenden Theaterschildern mit deutlicher
Schrift in franzsischer, italienischer und sogar neugriechischer
Sprache mit groen Lettern zu lesen war: >Von heute an ist der Besuch
bei den Proben wieder erlaubt.< -- Diese durch die Gewalt der Pfeifen
ertrotzte Erlaubnis wurde auch sogleich bestmglichst benutzt. Zu
Hunderten strmte man noch denselben Morgen auf die Bhne, wo durch ein
kstliches Bankett, das sich bis beinahe gegen Abend verlngerte, der
errungene Triumph jubelnd gefeiert wurde. Die Vorstellung selbst wurde
jetzt nur noch von Zeit zu Zeit durch strmischen Applaus unterbrochen,
und so kam alles wieder ins vorige Geleise. Aber der eiferschtige und
nun auch gedemtigte, racheschnaubende Kommissr-Imperial hatte seine
mittelbare Aufsicht unter diesen bedenklichen Umstnden nicht nur
verdoppelt, sondern vervierfacht. Er gesellte nmlich seinem Kammertier
noch drei andere dienstbare Geister zu, die unter dessen Befehlen
standen, hinter und zwischen den Kulissen um die gefeierte
Prima-Ballerina herumschlichen und auf alle ihre Blicke, Mienen und
Bewegungen sphten. Dennoch wute ich durch eine von mir bestochene
Figurantin mich mit ihr in Rapport zu setzen; lngst waren wir
einverstanden und hofften mit Sehnsucht endlich auf einen gnstigen
Augenblick, uns ohne Zeugen sprechen zu knnen. Der Zufall zeigte mir
endlich den Weg, auf dem meine heien Wnsche -- denn je grer die
Schwierigkeiten, desto grer die Lsternheit und die Begierde, sie
durchzusetzen -- in Erfllung gehen sollten. Eines Morgens sagte mir
Delungo im Vorbergehen, er sei wegen eines Sujets fr ein Ballett
verlegen, das er zum Beschlu des Karnevals in Szene setzen wolle. Diese
Worte des Impressarios fuhren mir wie ein Wetterstrahl durch den Kopf,
entzndeten mein Gehirn, da es augenblicklich Licht in demselben ward,
und ich erwiderte: Wenn Ihnen weiter nichts mangelt, dann seien Sie
unbesorgt, ich habe ein vortreffliches Sujet, das Sie in wenigen Tagen
ausgearbeitet erhalten sollen. Sie wissen, da ich schon mehrere
Ballette mit Erfolg auf die Bhne gebracht, und es wird dies auch in
Korfu der Fall sein. -- Delungo nahm das Anerbieten mit Dank an, und
Peppina lie ich noch denselben Tag durch die dienstfertige Chortnzerin
wissen, da ich das Mittel zu einer Zusammenkunft gefunden zu haben
glaube. Zu Hause angekommen, berlegte ich, welches Sujet wohl am besten
zu meiner Absicht passe. Die Donaunymphe war fr das Theater in Korfu zu
kostspielig, ebenso das Sternenmdchen, ich dachte an das Opferfest, die
Zauberflte, den Abllino, die Kreuzfahrer und andere Stcke aus der
romantischen Theaterwelt, keines wollte mir gengen. Ein eigenes Sujet
zu erfinden war teils die Zeit zu kurz, teils hatte ich auch meine
Gedanken nicht genug beisammen. Endlich verfiel ich auf Hagemanns
Schauspiel >Ludwig der Springer< und erkannte es, wenngleich sich
dasselbe nicht sonderlich zu einem Ballett zu eignen schien, dennoch fr
das beste, mein Vorhaben auszufhren. Um es dem Geschmack des Publikums
anzupassen, lie ich es an glnzenden und effektvollen Festen,
Gruppierungen und Aufzgen nicht fehlen. Ich lie die Handlung mit einem
prchtigen Turnier und Ballfest beginnen, wobei Adelheide von Stade dem
Grafen von Thringen ein heimliches Rendezvous in einer abgelegenen
Laube des Burggartens gibt. Die Sache wird dem Pfalzgrafen Friedrich
verraten, er berrascht beide in der Laube, lt sie, wie in Hagemanns
Schauspiel, durch seine Leute gefangen nehmen, mit Ketten belasten,
Ludwig nach Giebichenstein ins Gefngnis und Adelheide in sein
Burgverlie bringen. Ersterer entspringt wie bekannt aus dem Felsennest
in die Saale, und ber die Pfalzgrfin wird ein Gottesgericht gehalten,
wobei sie ihre Unschuld durch das Festhalten eines glhenden Eisens
beweisen soll und -- beweist! -- Diese Szene war es, durch die ich
endlich glcklich zu werden hoffte. Adelheid mute als arme Snderin auf
einer unterirdischen Treppe und durch eine Falltr in das Zimmer
gelangen, in dem das schreckliche Gericht gehalten wurde. Ich hatte die
Handlung so eingerichtet, da die Pfalzgrfin Zeit hatte, sich ein
halbes Stndchen, ehe sie vor ihren Richtern erschien, in ihr
unterirdisches Gemach oder vielmehr in die finsteren Gnge unter der
Bhne zu begeben, whrenddem der Herr Landgraf sein Testament diktierte,
seinen Luftsprung machte, durch die Saale ans Ufer schwamm und nach
gehriger Verwandlung das Gericht zusammen kam, wo dann endlich auf des
Pfalzgrafen Befehl der Kerkermeister die Falltr aufschlo und die
reizende Verbrecherin, mit silbernen Ketten geschlossen,
heraufschleppte. Nachdem das Unschuldig einstimmig von den Richtern
ausgesprochen, steigt Adelheide auf Befehl ihres Gatten wieder in den
Kerker, die Nachricht von Ludwigs Befreiung trifft durch einen Herold
ein, der zugleich auch die Herausforderung an den Pfalzgrafen ergehen
lt, ein Zweikampf findet statt, Ludwig ttet seinen Gegner, befreit
seine Geliebte, und Evolutionen der Knappen, Gruppierungen und Tnze
beschlossen das Ganze. Mein Plan erhielt zwar Peppinens Beifall, doch
schien ihr unsere Zusammenkunft, die whrend des Laufs der Handlung in
dem unterirdischen Labyrinth der Bhne vor der Szene des Gottesgerichts
stattfinden sollte, etwas gewagt, ich beruhigte sie aber deshalb, indem
ich sie wissen lie, da ich die Theatergewlbe gehrig untersuchen und
mich eine gute halbe Stunde frher durch eine geheime Tr an den
bewuten Ort begeben wrde, zu der ich mir den Schlssel verschafft. Sie
drfe jedoch nur ganz allein herunterkommen und dann die Tr hinter sich
sogleich verriegeln; um allen Verdacht zu beseitigen, wrde ich mich
whrend der Vorstellung nur selten auf der Bhne, desto mehr aber im
Parterre sehen lassen, so da niemand meine Abwesenheit bemerken werde.
Das Manuskript war in drei Tagen fertig, die Proben sollten beginnen,
als eines Morgens Delungo ganz bestrzt mit den Worten: Da haben wir
die Bescherung, die Zensur lt ihr Ballett nicht passieren, in das
Zimmer trat. Auch ich fragte ganz erschrocken: Warum? -- Es sei gegen
die gute Sitte, da eine Ehegattin und ihr Geliebter ber den Gatten so
den Sieg davontrgen. -- Ist es weiter nichts, versetzte ich, dem
knnen wir schon abhelfen. Ich setzte mich nieder, strich das hinter
Adelaide stehende Wort _Sposa_ aus, ersetzte es durch _Nipote_ und
machte sie so wieder zur Markgrfin von Stade, den Pfalzgrafen aber zu
ihrem Oheim, Vormund und Tyrannen. Nun erhielt das Ballett die
Approbation der Zensurbehrde, und die Proben begannen.

Alles ging in gehriger Ruhe und Ordnung vor sich, jede Probe wurde mit
einem frhlichen Bankett geschlossen, der heiersehnte Tag, an dem wir
glcklich werden sollten, denn whrend der Proben durfte Peppina nicht
durch die unterirdischen Gemcher, sondern nur aus den Kulissen kommen,
rckte heran. Nur in der Generalprobe, die den Abend zuvor mit allen
Dekorationen, Kostmen und so weiter stattfand, kam sie von unten
herauf; da ich mich aber auf der Bhne befand und fast niemand im
Parterre war, so durfte ich es dennoch nicht wagen, mich schon diesen
Abend an den bestimmten Ort zu begeben, da meine Abwesenheit sogleich
bemerkt worden und dann alles verscherzt gewesen wre. Es waren ja auch
nur noch vierundzwanzig Stunden bis zur Auffhrung, und diese mute man
sich noch gedulden, so gro auch die Ungeduld sein mochte.

Endlich kam der ersehnte Abend. Schon um sieben Uhr war das Haus zum
Ersticken voll, und mehrere hundert Personen muten abgewiesen werden.
Der erste Akt einer neuen _Opera seria_, >Arminio<, erffnete die
Vorstellung. Nach neun Uhr begann das Ballett, um halb zehn schlich ich
mich an den bestimmten Ort, und um zehn Uhr lag die schne Markgrfin in
meinen Armen! Alles war nach Wunsch gegangen, die Spione Lesseps'
befanden sich fast alle unter den Zuschauern, und keinem fiel es ein,
da whrend der Vorstellung des Balletts wohl eine Zusammenkunft
stattfinden knne. Noch versicherten wir uns ewige Liebe, hatten
Theater, Ballett und die Welt vergessen, als drei starke Hammerschlge
ertnten, das Zeichen zur Erffnung des Gottesgerichts, und wir so aus
unserem Taumel erwachten. Bald darauf wurde die Falltr geffnet, ich
geleitete die Geliebte bis an die Stufen der Treppe, entfernte mich
schnell durch die geheime Tr und sah durch eine Gitterloge die eben
meinen Armen entschlpfte Adelheid recht heldenmtig die Feuerprobe der
Unschuld bestehen und wie sie, nachdem man das wirklich glhende Eisen
gelscht, das hlzerne rot angestrichene mit beiden Hnden ergriff und
unversehrt festhielt. Ich freute mich innig ber das vollkommene
Gelingen meines Planes. Kein anderes Stck htte mir gleiche Dienste
geleistet; bei einer gewhnlichen Versenkung wren Leute ntig gewesen,
so aber hatte nur der Kerkermeister die Falltr auf der Bhne zu ffnen,
und unten befand sich niemand auer uns beiden.

Das Ballett war beendigt und hatte auerordentlichen Beifall gefunden.
Nachdem der Vorhang gefallen, wurde der Autor mit groem Hallo verlangt,
der sich aber in der Gitterloge verbarg, bis endlich einige Kameraden zu
mir kamen und mich aufforderten, dem Publikum zu willfahren, um dem
immer rger werdenden Spektakel ein Ende zu machen. Ich mute endlich
nachgeben und wurde mit einem Donner von Applaus empfangen, Krnze
flogen mir um den Kopf. Doppelt glcklich zog ich mich nach einer
dreifachen Verbeugung zurck und hatte nun das Vergngen, da auch meine
reizende Geliebte gerufen und mit einem Hagel von Blumen, Bndern,
Struen, Gedichten und so weiter empfangen wurde. Nach beendigter
Vorstellung schlich ich mich solo nach Haus, aber kein Schlaf kam diese
Nacht in meine Augen. -- Das Ballett wurde den nchsten Abend und noch
einige dreiig darauf mit gleichem Glck gegeben, nur nahm Peppina zur
greren Frsorge eine Figurantin, unsere Vertraute, mit in die
unterirdischen Gnge hinab, um jeden Verdacht zu vermeiden. Zwei
unangenehme Episoden, die aber auer einem kleinen Schrecken wenig zu
bedeuten hatten, strten auf Augenblicke unser Glck. Einmal warf der
Fronknecht das mit glhenden Kohlen gefllte Becken um, welches dazu
diente, das Eisen glhend zu machen, und einige feurige Kohlen fielen
durch die Kulissenrinnen in die Unterwelt hinab und beinahe auf unsere
Hupter, was Peppina fr eine sehr schlimme Vorbedeutung hielt, die
leider auch, wie wir bald sehen werden, auf eine schreckliche Weise in
Erfllung ging. Ein andermal war die hlzerne Treppe, auf welcher
Adelheide in die Oberwelt steigen sollte, so knapp an das Podium
angelehnt, da, als sich kaum Peppinens Kpfchen den Zuschauern zeigte,
die Treppe abglitt und samt ihrer holden Brde hinabstrzte. Doch --
>der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht.< So ging es leider
auch hier. Ein Kapitn vom zweiten italienischen Linienregiment namens
Vilgano war wie noch mancher andere in diese anmutige Priesterin
Terpsichorens sterblich verliebt, ohne sich jedoch der mindesten
Begnstigung, ja nur eines Blickes erfreuen zu knnen. Dieser hatte
schon seit einiger Zeit bemerkt, da ich vor der Feuerprobe jedesmal
unsichtbar wurde, war mir endlich nachgeschlichen und hatte entdeckt,
da ich durch eine kleine, unter die Bhne fhrende Tr verschwand. Aber
auch ich hatte wahrgenommen, da man mir gefolgt war, und Vilgano
erkannt, doch achtete ich nicht darauf und hielt die Sache fr einen
bloen Zufall; den folgenden Abend aber, als ich unter die Bhne kam,
schien es mir, als hrte ich zuweilen in einiger Entfernung leise atmen,
doch glaubte ich mich zu tuschen. Bald darauf kam Peppina mit ihrer
Begleiterin, und ich empfing sie wie gewhnlich mit einem Ku, aber kaum
war dies geschehen, als auf einmal ein heller Lichtstrahl durch die uns
umgebende Finsternis -- nur ein mattes Lmpchen brannte jeden Abend in
einer Ecke des Ganges -- drang und uns beleuchtete. Ich sah mich nach
der Ursache dieser unerwarteten Erscheinung um und erblickte zwei
Mnner, von denen der eine eine Blendlaterne in der Hand hielt. Mit
bloem Degen strzte ich auf ihn zu und schlug ihm die Laterne aus der
Hand, worauf alles wieder in das vorige Dunkel gehllt war; die beiden
Mnner erhoben aber ein groes Geschrei, Peppina verlor den Kopf, und
mit dem Ausruf: _Assassini, birbanti!_ eilte sie mit dem anderen
Mdchen der Tre zu, die sie aufriegelte, und dann die Korridors
entlang, wo die Ankleidezimmer waren. Als ich in die Loge trat,
verwandelte sich die Szene in das Gerichtszimmer, und nachdem die
Ritter, Richter und Fronen mit ihren Vorbereitungen fertig waren,
ffnete der Kerkermeister die Falltr, um Adelheide zu zitieren, die
aber -- nicht erschien. Das Publikum begann unruhig zu werden, bis,
nachdem man die Verschwundene allenthalben gesucht, Delungo vortrat und
das lrmende Auditorium durch die Notlge beruhigte, der Prima-Ballerina
sei eine pltzliche Unplichkeit zugestoen. Hierauf fiel der Vorhang,
und der zweite Akt der Oper begann. Jetzt eilte ich auf die Bhne, wo
mir Delungo mit ganz verstrter Miene entgegenkam und zurief: Um
Gotteswillen, was haben Sie gemacht? Es ist alles entdeckt, alles
verraten; man hat Sie mit Peppinen gesehen, soeben war der
Kommissr-Imperial hier und wtete schrecklich; alle meine Beteuerungen
und Versicherungen, da ich unschuldig sei und von nichts wisse, fanden
kein Gehr, er drohte mir mit augenblicklichem Fortjagen und verlie das
Theater im heftigsten Zorn. Ich suchte den Unglcklichen bestens zu
trsten und eilte nach der Wohnung Peppinas, fand sie aber verschlossen
und sah nirgends Licht, dagegen hrte ich Lrm und erblickte viele
wandelnde Lichter im Palazzo des Kommissrs, der bald darauf in
Begleitung mehrerer Bedienten aus dem Haus trat und zu einem
zurckbleibenden sagte: Sucht noch einmal alles durch, ich mu sie
finden, und wenn sie sich in den Mittelpunkt der Erde versteckt htte!
-- Also ist ihr Aufenthalt noch nicht entdeckt, dachte ich, etwas
beruhigter, denn ich hatte gefrchtet, da ihr eiferschtiger Kommissr
sie in der ersten Hitze mindestens arg mihandeln wrde. Aber alles
Suchen war vergeblich, obgleich ich die ganze Nacht umherirrte,
Kundschafter aussandte und nachforschte, ich konnte keine Spur von ihr
entdecken. Nur in meinem Quartier wurde mir berichtet, da nach elf Uhr
zwei Damen ngstlich nach mir gefragt, und als sie gehrt, da ich nicht
zu Hause sei, sich gleich wieder entfernt htten. Als es Tag wurde,
eilte ich, ohne nur eine Sekunde geruht zu haben, zu Delungo, den aber
Lesseps schon wieder hatte kommen lassen, wartete jedoch seine
Zurckkunft ab. Nach einer Viertelstunde trat Peppinas Mutter herein und
rief aus, als sie mich erblickte: _Ah, Dio sia benedetto, che
finalmente vi trovo_! -- Und wo ist Ihre Tochter? -- In der Locanda
di Venezia habe ich sie versteckt, antwortete sie mir. -- Die Mutter
wute um unser Geheimnis. -- Ach, wie unglcklich haben Sie uns
gemacht! fuhr sie fort. Nun ist alles aus, wir sind unglckliche
Leute, wie wird es uns noch ergehen! -- Dafr lassen Sie mich sorgen,
Signora, ich werde alles wieder gut machen. Sagen Sie mir nur, wo
Peppina gestern abend so schnell hinkam. -- Meine Tochter kam
bewutlos zu mir in ihr Ankleidekmmerchen, ri mich mit sich fort, und
nachdem wir eine Zeitlang zwecklos in den Straen umhergeirrt, suchten
wir Sie in Ihrer Wohnung, aber Sie daselbst nicht findend, fhrte mich
mein trostloses armes Kind in die Locanda di Venezia, denn nach Hause zu
gehen, wo wir der ganzen Wut Lesseps' ausgesetzt waren, hielten wir
nicht fr ratsam. -- Jetzt trat Delungo in das Zimmer, dessen Gesicht
beim Anblick von Peppinens Mutter pltzlich erfreut strahlte. Seine
erste Frage war: Wo ist Ihre Tochter? Und als er von allem
unterrichtet war, rief auch er ein: _Oh dio sia benedetto!_ aus und
erzhlte uns, da sich alles viel besser gestalte, als er je zu hoffen
gewagt. Lesseps sei zwar ber das Durchgehen seiner Geliebten noch sehr
aufgebracht, aber zugleich untrstlich und habe schon geuert, er wolle
gerne verzeihen, wenn er nur wisse, was aus ihr geworden sei. Bald waren
wir einig ber das, was geschehen msse. Die Mutter sollte ihre Tochter
noch an diesem Morgen in ihre Wohnung zurckbringen, nachdem der Wirt
der Locanda dem Kommissr-Imperial angezeigt htte, da sich beide seit
gestern abend bei ihm befnden. Peppina sollte ihrem Argus erzhlen, da
zwei Mnner sie unter der Bhne berfallen htten, glcklicherweise sei
ich durch den Lrm herbeigelockt, dazu gekommen und habe sie mit dem
Degen in der Hand befreit, sie aber sei, aus Furcht, ermordet zu werden,
mit ihrer Mutter davongelaufen, und da sie sich nicht nach Hause
getraut, indem sie geglaubt, man passe ihr dort auf, so habe sie sich in
das Gasthaus geflchtet, woselbst sie die Nacht zugebracht. Dies war ein
_ben trovato_, das manches Wahrscheinliche fr sich hatte, und Lesseps
begngte sich damit. Er war berglcklich, seine teure Geliebte
wiedergefunden zu haben, der Friede wurde geschlossen, und alles kam
wieder in den gewohnten Gang.

Bald nach den erwhnten Vorfllen war Peppinas Serata, zu der man ein
neues kleines Ballett einstudiert, das am Schlu desselben und dann
nicht wieder gegeben wurde. Der Erfolg war so glnzend als mglich, die
Einnahme weit ber tausend Zechinen, das silberne Becken war voll
Goldstcke und andere Geschenke von kostbaren Bijouterien. Bei ihrem
Erscheinen auf der Bhne wurde sie mit Blumen und Gedichten
berschttet. Auch ich hatte ein kleines italienisches Gedicht auf sie
verfertigt und mehrere hundert Abdrcke davon auf Atlas machen lassen,
die ich, mit Velinpapier kuvertiert, durch die Ventilatoren in das
Parterre und die Logen werfen lie.

Den Morgen nach dieser Vorstellung erhielt Lesseps einen Besuch vom
Gouverneur, der ihm ein von Paris vom Ministerium erhaltenes Schreiben
mitteilte, das sehr ungnstige uerungen, ja sogar Drohungen gegen
Lesseps wegen der blen Geschftsfhrung seines hohen Postens enthielt.
Einige dienstfertige Freunde hatten nmlich nach Paris berichtet, da
vermittelst eines kleinen Geschenkes von zwanzig bis dreiig Napoleon,
welches man der schnen Tnzerin durch deren Mutter bergeben lasse, man
nicht nur sehr vieles bei der Zivilverwaltung von Korfu durchsetze,
sondern auch schon gesprochene Urteile der Gerichte wieder umstoen
knne. -- An dieser Sache war allerdings etwas Wahres, obgleich die
Berichte sehr bertrieben gewesen sein mgen. Peppina selbst war
unschuldig, ihre Mutter aber die Urheberin solcher Intrigen. Der
Gouverneur wurde in jenen Briefen gefragt, was an der Sache sei, und im
Falle es sich so verhalte, msse der Kommissr augenblicklich abberufen
werden. Die beiden Herren standen aber auf einem sehr freundschaftlichen
Fu miteinander und hielten Rat, was zu machen sei. Donzelot war der
Meinung, das beste Mittel, die Beschuldigung zu entkrften, sei, die
Tnzerin unverzglich nach Italien zurckzuschicken, wodurch jeder Grund
zu einer weiteren Klage gehoben wrde. Hiervon wollte aber der verliebte
Kommissr nichts hren, bis ihm der Gouverneur kategorisch erklrte:
_Eh bien, a sera vous qu'on renverra_, und er endlich nach groem
Kampf in Peppinens Abreise willigte. -- Dem armen Mdchen kam die
Erffnung dieses Beschlusses, den ihr der Kommissr mit aller mglichen
Schonung mitteilte, wie ein Donnerschlag; aber es war nun einmal nicht
zu ndern, man mute sich allerseits in den Willen des eisernen
Schicksals fgen. Der Tag der Abreise war mit dem ersten gnstigen Wind
festgesetzt, sie schiffte sich mit ihren Verwandten und ungefhr
fnfzigtausend Franken in Gold und Juwelen, die sie whrend der kurzen
Zeit ihres Aufenthaltes zu Korfu erworben hatte, auf einem fr sie
eigens eingerichteten kleinen Schiff ein. Nur noch einmal sprach ich
sie, und zwar, als sie schon eingeschifft war, bevor sie abfuhr. Ich
hatte zu dem Ende die Bekanntschaft des Schiffskapitns gemacht, diesen
durch einige Artigkeiten gewonnen, und brachte so noch ein paar selige
Stunden mit ihr an Bord in ihrer Kabine zu, verlie sie endlich mit den
Worten: _Ci rivedremo in Italia!_ und sprang in das kleine Boot, das
mich wieder ans Land brachte. -- _Ci rivedremo in Italia!_ hatte auch
sie wiederholt, und so schieden wir mit einem langen Abschiedsku.

Nach Peppinas Abreise war Lesseps untrstlich, er schlo sich in sein
Zimmer ein, wollte niemand Gehr geben und berlie sich einer schwarzen
Melancholie. Dieser Zustand wurde mit jedem Tag rger, so da man
anfing, fr seinen Verstand zu frchten. -- Ich mu sie wieder haben,
oder ich sterbe, rief er ein Mal ber das andere aus. Unterdessen war
von Otranto Nachricht gekommen, da das Schiff mit seinen Passagieren
daselbst glcklich angekommen sei und eine neunzehntgige Quarantne
halten msse. Der Gouverneur bot alles auf, seinen Freund zu trsten,
als er aber sah, da alle seine Bemhungen fruchtlos waren, sagte er
endlich: Wohlan, lassen Sie das Mdchen zurckkommen; Delungo mag sie
abermals engagieren, aber machen Sie das Verhltnis nicht zu auffallend,
und lassen Sie es nicht den mindesten Einflu auf Ihre Dienstgeschfte
haben, meiden Sie alles Zusammentreffen mit der Mutter. -- Sie sind
mein Retter, mein Engel! rief der entzckte Lesseps aus, seinem Freund
um den Hals fallend. -- Alles, was Sie wollen, gehe ich unbedingt ein,
wenn ich nur das Mdchen wieder habe. -- Noch denselben Abend wurde
eine Kanonierschaluppe abgefertigt, Peppina zur Rckfahrt zu beordern.
Auch diese gelangte glcklich an ihre Bestimmung, und die Rckkehr
sollte mit dem ersten Maestro stattfinden. Peppina schiffte sich mit den
Ihrigen und ihren Schtzen ein, und als die zur Abfahrt gnstigen
Umstnde, mondlose Nacht und starker Nordwind, eingetreten und sich das
Gestirn des Tages in die Fluten des Mittellndischen Meeres gesenkt
hatte, ging dieselbe mit vollen Segeln vor sich. Der Wind war sehr stark
und die Nacht so finster, da man keinen Schritt weit sehen konnte. Um
ein Uhr nach Mitternacht ertnte auf einmal der Ruf: Wir sind
verloren! und die Schaluppe befand sich unter den Batterien eines
englischen Linienschiffes, von dem man schon die hohlen Tne der
Sprachrohre vernahm, mit denen sie die Schiffe anrufen. Der Steuermann
wollte durch eine schnelle Wendung der Gefahr des Gefangenwerdens
entgehen, aber der so heftig wehende Wind, der mit aller Kraft in die
Segel blies, schlug die Kanonierschaluppe um, und die ganze Mannschaft
samt allen Passagieren, unter denen auch ein Familienvater von sieben
Kindern und seine Gattin waren, ertranken. Den anderen Tag erhielt der
Gouverneur die Nachricht dieses Unfalls durch einen englischen
Parlamentr. Lesseps, der sich als die alleinige Ursache dieses
traurigen Unfalls betrachtete, wollte verzweifeln, sperrte sich abermals
acht Tage lang in sein Zimmer ein und -- lie sich am neunten durch eine
niedliche Grotesktnzerin trsten. Auch mir ging der schauderhafte
Vorfall zu Herzen, lange konnte ich mich nicht mit dem Gedanken vertraut
machen, da die schnen und zarten Glieder der liebenswrdigen Peppina,
die ich samt dem Publikum so oft mit dem grten Entzcken auf der Bhne
bewundert hatte, die Beute der Hai- und anderer Raubfische geworden
seien.

Herr von Brge wre mit dem Beginn des Sommers (1813) gerne wieder nach
dem durch fortwhrende Seewinde fast immer khl erhaltenen, herrlich
gelegenen Pallea Castrizza gezogen, aber die immer bedenklicher
werdenden Umstnde lieen es nicht zu, und er bezog ein kleines
Landhuschen, das sich in dem kaum eine Stunde von Korfu liegenden Dorf
Viro befand, wohin ich nun einigemal in der Woche ritt, um meinen
Musikunterricht bei der immer schner und blhender werdenden Josephine
fortzusetzen.

Auch diesen Sommer wurde, trotz der schlimmen aber berzuckerten
Nachrichten, die von dem Kontinent und der groen Armee einliefen, aber
nie die Vorflle der Wahrheit gem enthielten, der 15. August nochmals
mit groem Pomp gefeiert.

Den Abend war wieder ein groer Ball bei dem Gouverneur, und gegen
Mitternacht wurde das Feuerwerk abgebrannt, zu dem diesmal eine
griechische Dame den Drachen anzndete und loslie, wobei sie sich aber
ein Loch in das Kleid brannte. Einige tausend Raketen flogen in die
Luft, und alles ging glcklich ab; aber ein paar Stunden darauf, als wir
noch recht vergngt tanzten, ertnte auf einmal der Ruf: _Au feu, al
fuoco, au feu!_ Wir sprangen an die Fenster und sahen lngs der
Esplanade ungeheure Rauchwolken und Feuersulen gen Himmel lodern, der
uns selbst bald ganz glutrot erschien. Es war jetzt, als trennte eine
ungeheure hohe, an fnfhundert Schritte lange Feuerwand die alte Festung
von der Stadt. Im ersten Augenblick wute sich niemand zu erklren, was
dies fr ein Feuer sein knne, alles lief in Bestrzung durcheinander
und die Offiziere den Palast hinab. Jetzt fand man, da es das seit fnf
bis sechs Jahren lngs der Esplanade am Kanal, der sie von der Festung
trennte, aufgetrmte Reserveholz der Garnison sei, wohl ber tausend
Klafter, welches in Brand geraten war. Durch das lange Lagern in der
groen Hitze war es so ausgedrrt, da es wie Stroh flackerte. Ob
vielleicht brennende Raketenstcke oder Bosheit dasselbe angezndet
hatten, war schwer auszumitteln, doch das letzte am wahrscheinlichsten,
da die Flammen in dieser groen Ausdehnung fast zu gleicher Zeit, wie
auf Schwarzenbergs Ball, emporloderten. Fest und Ball waren nun
natrlich schnell beendigt. Wir rannten in seidenen Strmpfen und
Eskarpins zu dem Feuer, aber die Hitze war so stark, da man sich
demselben auf eine groe Strecke nicht nhern konnte, und an ein Lschen
mit Wasser war ohnehin nicht zu denken, da Spritzen und Feuereimer in
Korfu, wo es nie brannte, ganz unbekannte Dinge und fr Millionen nicht
zu haben waren. Es blieb jetzt nichts anderes brig, als so nahe wie
mglich Erde und Sand aufzuwerfen, damit einen Wall gegen das Feuer zu
bilden und dessen Glut allmhlich zu ersticken. Gefahr fr die Stadt und
Festung war keine vorhanden, da das Feuer von beiden zu sehr entfernt,
von der ersten durch die breite Esplanade, von der andern durch einen
Kanal und hohe Wlle getrennt war; der Schaden war aber unermelich,
weil das Holz hier ein sehr teurer Artikel ist und nach dem Gewicht zum
Kochen verkauft wurde. Indessen war es gleich, indem es zehn Monate
spter doch in die Hnde der Englnder, unserer Erzfeinde, gefallen
wre.

Immer trber wurde jetzt der politische Horizont, das Geld immer
seltener, die frischen Lebensmittel desgleichen, man schrnkte sich von
allen Seiten auf das uerste ein, selbst das Theater wurde nur wenig
besucht, und das Liebhabertheater ging ganz ein. Noch einige Zeit vorher
hatte ich die Auffhrung eines deutschen Stckes, und zwar die Ruber
von Schiller, veranstaltet, wozu mich die anmutige Gattin des bei
unserem Regiment stehenden Hauptmanns von Gemmingen veranlate, welche
die einzige Frauenrolle im Stck, die Amalie, gerne spielen wollte. Das
Komische dabei war, da kein Exemplar dieses Stckes vorhanden, sondern
da ich es, so gut es sich tun lie, aus dem Kopf niederschrieb, was mir
nicht so schwer ward, da ich die Rolle des Karl Moor mit ihren
Stichwrtern noch vllig auswendig wute.

Die Nachrichten, die uns jetzt von dem Krieg in Deutschland zukamen,
waren oft so widersprechend, da man nicht wute, was man davon denken
und glauben sollte; die Wahrheit aber wurde uns absichtlich verhehlt,
auch waren sie immer schon sehr alt. Zeitungen kamen gar keine mehr, und
nur ber Janina und Albanien erfuhr man zuweilen etwas Neues, was die
von daher kommenden Griechen, nur sehr geheim und vorsichtig,
mitzuteilen wagten. Immer enger wurden wir von den Englndern
eingeschlossen, deren Lanzen (lange schmale Boote mit einer Kanone und
vierundzwanzig Ruderern, welche zu den Linienschiffen gehren und bei
Windstille den Feind angreifen) auch selbst im Kanal von Albanien auf
alle Barken Jagd machten. Das frische Brot wurde so selten und teuer,
da mich Moncenigo, Capodistria und Mesulam ersuchten, ihnen doch
manchmal einen Laib Offiziersbrot fr drei Piaster zukommen zu lassen.
Was ich an Brot ersparen konnte, gab ich ihnen umsonst; aber bald
bekamen auch wir fast nur noch Zwieback aus den Magazinen, sowie
abwechselnd gesalzenen Speck oder Kse. Eines Tages, es war schon gegen
das Ende des Jahres 1813, als wir aber noch nichts von der Schlacht bei
Leipzig wuten, kam pltzlich die Nachricht nach Korfu, da Ali Pascha
an der Spitze von dreiigtausend Mann vor Parga stehe, dasselbe zur
bergabe auffordernd und mit gnzlicher Vertilgung drohend, wenn diese
nicht in krzester Frist stattfnde; die Parganioten aber seien fest
entschlossen, sich eher unter den Trmmern der Stadt zu begraben, als
sich an diesen Wterich zu ergeben. Sie lieen den Gouverneur bitten,
ihnen zu erlauben, ihre Weiber, Kinder und Greise nach Korfu schicken zu
drfen, um sich dann desto besser verteidigen zu knnen. Dies wurde
ihnen nicht nur gestattet, sondern der Gouverneur lie in der ganzen
Stadt Wohnungen in Privathusern fr die Flchtlinge in Bereitschaft
setzen, die er selbst in Begleitung des _Chef de l'tat major_
besichtigte und mglichst bequem einzurichten befahl. Ein paar Tage
darauf kamen ber zweitausend dieser Unglcklichen auf vielen kleinen
Schiffen im Hafen von Korfu an und wurden sogleich untergebracht. Unter
ihnen waren auch die Frauen vieler Trken, die so wenig wie ihre Mnner
in Alis Hnde fallen wollten; aber whrend die Parganioten ihr Teuerstes
in Korfu wuten, und einsehend, da sich Parga in die Lnge nicht gegen
die bermacht des Pascha wrde halten knnen, unterhandelten sie
heimlich mit den Englndern, die ihnen Antrge gemacht und versichert
hatten, da es ohnehin mit der franzsischen Herrschaft in Korfu wie
allenthalben zu Ende ginge und sie dieses nicht lnger zu schtzen
imstande seien. Sie waren bald ber die Bedingungen mit diesen einig
geworden, und in einer Nacht lieen sie durch Verrat und Gewalt die
Englnder in die Stadt und den Hafen, deren Kommandant samt drei- bis
vierhundert Mann franzsischer Garnison, die aber fast nur aus
Italienern bestand, nun englische Kriegsgefangene wurden. Als Ali den
anderen Morgen die englische Flagge auf den Wllen der Festung wehen
sah, zog er, seinen Ingrimm verbeiend oder an den Seinigen auslassend,
wutentbrannt und unverrichteter Sache ab, denn mit den Englndern wagte
er nicht anzubinden, whrend er die Franzosen nach dem russischen
Feldzug und besonders nach der Schlacht bei Leipzig zu frchten
aufgehrt hatte. Es kamen nun englische Parlamentre nach Korfu, um
wegen der Zurckgabe der sich hier befindenden Individuen aus Parga zu
unterhandeln, die ihnen vermittelst einer bedeutenden Zahl Ochsen,
Ziegen, Schafe und anderer Lebensmittel bewilligt wurde. So erhielten
wir wieder auf eine Zeitlang frisches Fleisch. -- Man hatte auch den
Versuch gemacht, das in franzsischen Diensten stehende Regiment
Albaneser nach Italien einzuschiffen, um es dann als Plnkler bei der
franzsischen Armee zu verwenden; diese aber erklrten, sie htten sich
nur fr den Dienst auf der Insel verpflichtet, und als man Anstalten
machte, sie zum Einschiffen zu zwingen, nahmen sie eine so drohende
Stellung an, da man eiligst alle Wachen verdoppeln mute, ihre
offenbare Emprung frchtend, und fr gut fand, sie in Korfu zu lassen;
man htte sie zwar leicht berwltigen und am Ende mit Karttschen
niederschieen knnen, was man eben nicht tun mochte. Der Winter ging
sehr still und trbselig herum, und erst geraume Zeit nach dem Neujahr
1814 erfuhren wir das Nhere ber die Leipziger Schlacht; auch der
Karneval ging still genug vorber, obgleich ein neuer Impressario namens
Concetta keine ble Schauspielergesellschaft aus Italien mitgebracht
hatte, bei der sich eine allerliebste _prima amorosa_ befand, mit der
ich mir die jetzt so traurige Zeit bestmglichst zu verkrzen suchte. Um
diese Zeit kam uns auch die unglaublich scheinende Nachricht von Murats
Abfall zu, und die zu Korfu befindlichen neapolitanischen Truppen wurden
nun entwaffnet und kriegsgefangen erklrt. Jetzt erfuhren wir fast gar
nichts mehr vom festen Land, da auch Otranto feindlich geworden war.

Eines Morgens, es war am Pfingstfest, wurden wir zu San Theodor
pltzlich durch ein anhaltendes Knallen gleich dem, wenn Bomben platzen,
geweckt und erblickten zugleich auf dem Fort Neuf einen starken
Pulverdampf. Das Knallen wollte gar kein Ende nehmen, ich eilte nach
Castrades, wo mir die Einwohner Korfus in Scharen entgegen kamen,
namentlich die Juden mit ihren Weibern und Kindern. Alle waren verstrt,
mit todesbleichen Gesichtern, zitternd und hnderingend, und sagten aus,
man erwarte mit jedem Augenblick, da die ganze Fortezza nuova und mit
ihr die ganze Stadt in die Luft springe, denn das Pulvermagazin sei
angegangen. Dies konnte natrlich nicht sein, weil sonst das Fort samt
dem in seiner Nhe liegenden Judenquartier lngst in die Luft gesprengt
wre, aber ich konnte mir nicht wohl erklren, was es eigentlich sei.
Das Knallen und der Rauch lieen endlich nach, und ich erfuhr, noch ehe
ich die Stadt erreicht hatte, durch einen Artillerieoffizier, da ein
Kanonier, der im Laboratorium, das dicht am Pulvermagazin war, nebst
anderen gearbeitet, bei dem Fllen von Bomben so unvorsichtig gewesen
sei, mit einem Stein an eine derselben zu klopfen, wodurch die eben
gefllte Bombe Feuer gefangen und zerplatzt sei und sich dadurch nach
und nach ber fnfhundert daliegende und bereits gefllte Bomben
entzndet htten, ohne weiteren Schaden zu verursachen, als einige
Arbeiter, die sich geflchtet, zu verletzen. Glcklicherweise war das
Laboratorium durch eine sehr dicke Mauer von dem Pulvermagazin
geschieden, denn wre dieses gesprungen, so wre sicher die halbe Stadt
mit in die Luft gegangen, da es bis oben mit Pulverfssern gefllt war.
Die gengstigten Einwohner und Juden kehrten erst gegen Abend, als alles
lngst vorber war, in ihre Quartiere zurck.

Allmhlich fing man in Korfu an, obgleich man alle Augenblicke groe
Siegesnachrichten, die Vertilgung der Alliierten und so weiter
verkndend, verbreitete, sich mit allerlei sonderbaren Gerchten ganz
geheim herumzutragen; man munkelte sogar von einer Einnahme von Paris
und dergleichen, aber niemand von der Garnison wollte solchen
Nachrichten Glauben schenken, als eines Mittags ein Schiff mit zwei
weien Flaggen -- die eine als das Zeichen eines Parlamentrs, die
andere konnte man sich nicht erklren -- einlief und mehrere englische
und franzsische hohe Offiziere landeten und sich zum Gouverneur
begaben. Noch denselben Tag klrte ein Tagesbefehl zum ebenso groen
Erstaunen als zur Bestrzung der Garnison die Sache auf. Er verkndigte
nicht nur Napoleons Abdankung, die Einnahme von Paris durch die
Alliierten, sondern auch zu gleicher Zeit die Wiedereinsetzung der
Bourbonen auf den franzsischen Thron und befahl fr den folgenden Tag
die Annahme der weien Kokarde und die Abnahme der dreifarbigen, ferner
die nahe bevorstehende bergabe Korfus an die Englnder und so weiter.
Wir waren fast alle wie aus den Wolken gefallen, denn so etwas htte
sich niemand auch nur im Traum einfallen lassen; noch zwei Tage vorher
hatte man einen groen Sieg Napoleons ber die Heere der verbndeten
Mchte, die alle in vlliger Auflsung begriffen seien, bekannt gemacht,
und nun eine solche Gewiheit! Man fragte sich, ob es auch wahr, ob es
mglich sei, ob man nicht trume? -- Die Sache kam mir um so
ungelegener, als ich erst vor ein paar Wochen von dem Gouverneur zum
Bataillonschef bei dem Kriegsminister vorgeschlagen worden war; die
erwartete Ernennung ging nun in die Brche sowie alle Trume von
knftigen Generalepauletten, Marschallsstab und so weiter.

Zwei Tage nach der Ankunft dieses Parlamentrs legte sich die englische
Flotte, aus einigen dreiig Segeln bestehend, unter denen mehrere
Linienschiffe, Fregatten, Korvetten, Briggs und so weiter, in der Reede
von Korfu vor Anker. Einige Tage spter kam auch die franzsische
Flotte, fnf Linienschiffe stark, unter denen zwei Dreidecker, mehrere
Fregatten, Korvetten und so weiter, von Toulon an, endlich erschienen
mehrere italienische und neapolitanische Kriegsschiffe, von Genua,
Neapel und Venedig kommend, um die diesen Lndern angehrigen Truppen
abzuholen. Die franzsische Flotte hatte links von der englischen und
die Italiener rechts von derselben Anker geworfen. Alle diese Schiffe
waren in zwei Linien der Stadt gegenber aufgestellt und gewhrten einen
sehr imposanten Anblick. Jeden Morgen, nachdem die Reveilleschsse
gefallen waren, spielte die Musik der Linienschiffe der Reihe nach, und
den ganzen Tag wimmelten Hafen und Reede von unzhligen kleinen Booten,
die von einem Bord zum anderen fuhren.

Weit ber zehn Millionen hatten die neuen Festungswerke und die
Wiederherstellung der alten die franzsische Regierung gekostet, und
fast eine ebenso groe Summe hatte sie zu anderen ntzlichen Zwecken fr
die Stadt und Insel verwendet, von der sie whrend ihres siebenjhrigen
Besitzes auch keine Obole zog, nur in den letzten Monaten, als die Not
am dringendsten geworden, verordnete der Gouverneur eine gezwungene
Anleihe von ein paarmal hunderttausend Piastern. Mit der bergabe der
Stadt und Festungswerke beeilte man sich nicht sehr, sie fand nur
allmhlich statt. Von der Aufsteckung der weien Kokarden, welche der
kniglich franzsische Kommissr von Toulon in hinlnglicher Quantitt
mitgebracht hatte, wollten die franzsischen Truppen zuerst gar nichts
wissen und traten sie mit Fen, auch ging es nicht ohne Reibereien
zwischen den franzsischen und englischen Offizieren ab, wozu das sehr
arrogante Benehmen der letzteren meistens Veranlassung gab, und die
manchmal blutig endigten. Zwei franzsische und drei englische Offiziere
fanden den Tod im Zweikampfe. Das Betragen dieser Rotrcke war in der
Tat oft von der Art, da es die Franzosen nicht wohl ungergt lassen
konnten. Wir waren, da man uns ber fnfzehn Monate Sold schuldete,
natrlich sehr geldarm, whrend Albions Shne goldgefllte Taschen
hatten und uns dies bei jeder Gelegenheit durch Prahlsucht und
lcherliche Verschwendung fhlen lassen wollten, indem sie geringe
Gegenstnde, wenn Franzosen in der Nhe waren, weit ber ihren Wert
bezahlten, das Gekaufte dann verschenkten oder auch wegwarfen. Eines
Tages trat ein englischer Marineoffizier in das Militrkaffeehaus auf
der Esplanade, lie sich ein Glas Rosolio reichen und gab dem Aufwrter
einen Markustaler, um zu bezahlen. Als ihm derselbe den ihm zukommenden
Rest, meistens in venetianischen Gazettis und trkischen Paras
bestehend, brachte, nahm er das Geld und warf es zu Boden, indem er
sagte: Mit solchem Quark darf ein englischer Offizier seine Taschen
nicht beschmutzen. Einige Gazettis fielen unglcklicherweise auf die
Fe eines franzsischen Kapitns von den Chasseurs de l'Orient, der den
gyptischen Feldzug unter Bonaparte mitgemacht hatte. Dieser sprang
sogleich auf und gab dem Englnder eine derbe Ohrfeige, der nun rasch
seinen Dolch zog, um den Franzosen niederzustechen, welcher aber
zurckweichend ebenso schnell seinen Degen gezogen. Die brigen
anwesenden Offiziere sprangen hinzu, verhinderten, da es zu weiteren
Ttlichkeiten kam. Es folgte eine unmittelbare Herausforderung, und das
Duell fand noch in der nmlichen Stunde in dem Olivenwldchen hinter
Castrades statt. Der Englnder kam schlecht weg, der Franzose brachte
ihm eine gefhrliche Wunde in den Unterleib bei. Auch geschah es
mehrmals, da berauschte und sich unanstndig auffhrende Englnder an
ffentlichen Orten zur Tr hinausgeworfen wurden.

Endlich mute man jedoch, nachdem man lange genug gezgert hatte, in den
sauren Apfel beien, und ein Posten nach dem anderen wurde von den
Englndern besetzt. Zuerst die Auenwerke, dann die Stadttore, das neue
Fort und zuletzt die alte Festung samt der Zitadelle. Noch eine bittere
Unannehmlichkeit entstand fr die Franzosen, welche die besten Kanonen
und Mrser von Erz bei Nachtzeit heimlich eingeschifft hatten; da dies
nun gegen den Vertrag und den Englndern verraten worden war, so muten
die bei Nacht eingeschifften Geschtze bei Tage wieder ausgeschifft
werden, wobei sich die franzsischen Artilleristen absichtlich so
ungeschickt benahmen, da mehrere Stcke in die Tiefe des Meeres fielen.
Der Gouverneur Donzelot und der Kommissr-Imperial Lesseps, der
sich jetzt _Commissaire gnral_ nannte, erlieen rhrende
Abschiedsproklamationen an die Einwohner, von denen die des letzteren
durch ihren Lakonismus merkwrdig war. Sie bestand aus drei Zeilen und
lautete:

_Habitants de Corfou! Je vous quitte combl des marques de votre estime
et de votre attachement (Sic!) c'est la plus douce rcompense de mes
travaux. Soyez heureux. Corfou, 20. Juin 1814. Le Commissaire gnral,
L._ -- Der englische Generalleutnant James Campbell, der nun Besitz von
Korfu im Namen des Prinz-Regenten von England, als Protektors der
Jonischen Inseln, nahm, erlie ebenfalls eine Proklamation, in der er
den Korfioten gewaltig viel Gutes versprach, das nie erfllt wurde.

Als nun endlich alles in Ordnung, der letzte Posten abgelst und der
letzte Mann der franzsischen Garnison eingeschifft war, sank die
franzsische Fahne von der hchsten Spitze der alten Feste, wurde
sogleich durch die sich rasch erhebende englische ersetzt und letztere
mit allen Kanonen der englischen Flotte salutiert. Endlich lichtete die
franzsische Flotte die Anker und steuerte der albanesischen Kste zu.
Nicht ohne Wehmut sahen wir die sich unseren Augen immer mehr
entziehende Insel schwinden, auf der wir manche Freuden genossen hatten
und die uns manche angenehme Erinnerungen lie. Auch die Korfioten sahen
uns nicht gleichgltig ziehen, sie hatten jedoch gewnscht, unter
russische Protektion zu kommen.




                                   V.

    berfahrt von Korfu nach Marseille. -- Das Schiffsleben. -- Die
      Meerenge von Messina. -- Die Fata Morgana. -- Haifische. --
        Napoleon auf der Insel Elba. -- Das Pestlazarett und die
    Quarantne zu Marseille. -- Stimmung der Einwohner. -- Abmarsch
    nach Avignon. -- Meuterei in Aix. -- Die Familie Giraud. -- Die
     rasenden Weiber in Avignon attackieren uns. -- Ankunft Ludwig
    Philipps zu Avignon. -- Lyon. -- Einzug des Grafen Artois (Karl
   X.). -- Fontainebleau. -- Paris. -- Preuische Vergeltung. -- Die
     zurckgekehrten Emigranten. -- Ich lasse mich auf halben Sold
    setzen. -- Abreise ber Reims nach Straburg. -- Der Herzog von
         Berry. -- Abreise nach Frankfurt. -- Ankunft daselbst.


Die Schiffe der franzsischen Flotte waren, um mehr Raum zu gewinnen,
alle desarmiert, das heit, man hatte die Geschtze, bis auf wenige
Alarmkanonen, in Toulon zurckgelassen. Das Einschiffen war keine
Kleinigkeit, denn es befanden sich sehr viele Beamtenfrauen und Kinder
unter den Abfahrenden, die manche Habseligkeiten, die sie nicht hatten
veruern knnen oder notwendig bedurften, mitnahmen. Der Zudrang von
nicht verheirateten, unterhaltenen Frauen und Mdchen war
auerordentlich; viele derselben wurden unbarmherzig zurckgewiesen und
schrien dann, sich die Brust zerschlagend, jmmerlich am Ufer. Das
Regiment der Albaneser war zurckgeblieben und in englischen Sold
getreten. Ihr rckstndiges Gehalt hatte man ihnen in Lebensmitteln aus
den Magazinen bezahlt, wir aber hatten fr unser Guthaben Anweisungen
auf die franzsische Regierung erhalten, die manche Offiziere noch in
Korfu mit einigem Verlust versilberten. Die von den Truppen urbar
gemachten Lndereien hatte man um einen Spottpreis an die Einwohner
verkauft, die anfingen, sich allmhlich an den Erdgeschmack der
Kartoffeln, den, wie sie sagten, dieselben htten, zu gewhnen. Obgleich
auch viele Transportschiffe mit von Toulon gekommen waren, so fehlte es
dennoch sehr an Raum; alle Kranken aus dem Lazarett hatten wir ebenfalls
eingeschifft, so da kein lebendiger franzsischer Soldat zurckblieb.
Noch zwei Tage hatten wir in der Reede von Korfu, schon eingeschifft,
verweilt, bevor wir abfuhren, whrend welchen ich einige Besuche auf
englischen Linienschiffen machte und die auerordentliche Reinlichkeit
und Bequemlichkeit derselben zu bewundern Gelegenheit fand. Man htte
von den Fubden der Verdecke essen knnen, so spiegelglatt und sauber
waren sie gehalten, whrend auf den franzsischen Schmutz und
Unreinlichkeit zu Hause war. Ich war zuerst auf dem >Romulus<, einem
Zweidecker von vierundsiebzig Kanonen, eingeschifft, den ich aber wieder
verlassen mute, um mich an Bord der >Danube<, ebenfalls mit
vierundsiebzig Kanonen, zu begeben, auf der auch Herr von Brge mit
seiner Familie, der _Payeur gnral_, der die niedliche _seconda
Ballerina_ Chiaretta Gaspari, mit der er mehrere Kinder gezeugt, bei
sich hatte, der Kapitn Stahl mit seiner jungen Frau und andere
embarkiert waren. Trotzdem die Schiffe desarmiert, waren wir doch
furchtbar zusammengedrngt, denn es befanden sich auf einem Zweidecker
wenigstens achtzehnhundert Menschen. An Hngematten fr die Soldaten war
nicht zu denken, sie muten auf dem platten Boden liegen. Wir waren an
hundert Menschen, von denen ein Dritteil Frauen und Kinder, die hier
untereinander hausten und zum Teil in Hngematten, zum Teil auf einer
Art ganz niedriger Bettstellen, mit grober Leinwand berzogen,
schliefen. Die Verheirateten hatten eine solche dreifache Schlafsttte
fr sich inne, um die sie ein Tuch spannten und so wenigstens nicht
gesehen werden konnten. Nun denke man sich die Ausdnstungen so vieler
Menschen bei der Nacht, wo alle Sabords oder Stckpforten und
Schiffslden fast hermetisch geschlossen werden; das Geschrei der Kinder
und Frauen, deren Bedrfnisse, wozu sich auch schnell die Seekrankheit
und mit ihr unaufhrliches Erbrechen gesellte, dies alles von dem
immerwhrenden Knarren des Balkens des groen Steuerruders begleitet,
der sich auch in diesem engen Raum bewegte, und man wird mir
eingestehen, da dies einen Vorschmack von der Hlle geben konnte; auch
hielt ich es die erste Nacht kaum eine halbe Stunde in diesem Behlter
aus und begab mich auf das Verdeck, wo ich mich in ein Boot legte und
diese und alle folgenden Nchte, die wir eingeschifft waren, unter
freiem Himmel -- es war der Juni- und Julihimmel des Mittellndischen
Meeres -- zubrachte. Waren die Lagersttten schlecht, so war der Tisch
dagegen vortrefflich, fr jeden eingeschifften Offizier bewilligte die
Regierung fnfundsechzig Franken Tafelgelder, und wir wurden dafr sehr
gut genhrt. Es gab fast alle Tage frisches Fleisch, Braten, oft
Geflgel, man schlachtete die eingeschifften Ochsen, Hammel und so
weiter an Bord, buk jeden Tag Weibrot, nur das frische Wasser ging uns
ab; das noch einmal an der Kste von Albanien eingenommene wurde jeden
Tag schlechter, zuletzt gar nicht mehr trinkbar, schwarz, belriechend
und voll Gewrm; man filtrierte es zwar durch Lschpapier, aber dies
nahm ihm doch den schlechten Geschmack nicht; dabei hatte man immer
groen Durst, da auch viel gesalzene Speisen genossen wurden, der Wein
aber, der _ discretion_ gegeben wurde, den Durst nicht lschte. Fnf-
bis sechsmal setzte man an, schttelte sich, besonders die Damen, und
mute doch endlich den bitteren Kelch mit zugedrckten Augen leeren. Wir
speisten wohl an hundert Personen an der im Assembleesaal servierten
Tafel, die in Form eines Hufeisens aufgestellt wurde; die Sitze und
Tische waren auf dem Boden amarriert, das heit mit Tauen befestigt.
Komisch war es anzusehen, wenn, das Schiff auf einer Seite liegend, man
bei Tische sa, die einen hoch ber den anderen, die tief unten saen,
schwebten, und durch eine Wendung des Schiffes kamen dann die, welche
oben saen, pltzlich zu den Fen der anderen, die sich erhoben; es war
das Bild des gewhnlichen Weltlaufes: der ist heute oben, der morgen
unten liegt; anfnglich machte uns dies viel Spa. -- Den 24. Juni
hatten wir die Anker gelichtet, und die ersten Tage gingen bei der sehr
langsamen Fahrt noch ziemlich frhlich vorber; gegen Abend spielte die
Musik auf dem Hinterteil des Verdecks, man tanzte mit den sich an Bord
befindenden jungen Damen, der _Capitaine du vaisseau_ war so galant,
Erfrischungen in Orgeade, Limonade und so weiter reichen zu lassen,
dabei ging es recht munter zu, und ich walzte mit Josephinen, Madame
Stahl und anderen. Diese Unterhaltungen nahmen jedoch bald ein Ende, da
die meisten Tnzer und Tnzerinnen schnell auf der Nase lagen, obgleich
wir meistens groe Windstille hatten und nur lavierend sehr langsam
vorwrts kamen. Den 26. Juni hatten wir noch einmal vor den Ksten
Albaniens Anker geworfen, den 30. erblickten wir die wilden pittoresken
Ksten Kalabriens, die mit alten Trmen, welche sie gegen die berflle
der Barbaresken schtzen sollten, in Zwischenrumen von je tausend
Schritten versehen sind. Um nur ein wenig vorwrts zu kommen, mute man
die Landwinde benutzen, welche in der heien Jahreszeit in der Regel
hier morgens und abends an den Ksten wehen. Den 2. Juli sahen wir erst
den Rauch des dampfenden tna und erblickten bald darauf die reizenden
Ksten Siziliens, in der Gegend des Kap Grosso; wir segelten nun durch
die Meerenge von Messina, dessen Umgebungen sehr schn sind.
Amphitheatralisch liegen prchtige Villen, Klster, Kirchen, Grten,
Ortschaften zwischen Pomeranzen- und Zitronenhainen, Weinbergen und
Gebschen an dem Ufer. Vor Messina machte die ganze Flotte Halt, und wir
warfen so nahe bei der Stadt Anker, da wir deutlich die am Meer
spazieren gehenden Menschen, unter denen besonders viele Pfaffen und
Mnche waren, erkennen und uns sogar mit ihnen unterhalten konnten. Fast
einen ganzen Tag brachten wir vor Messina zu, wo wir Piloten nahmen, die
uns sicher durch die Meerenge und zwischen der Charybdis und Scylla
durchbringen sollten. Jedes Schiff erhielt seinen eigenen in einer Barke
von vier bis sechs Ruderern, in der sich auch noch ein Sanittsbeamter
befand, um zu beobachten, da niemand in Berhrung mit der
Schiffsmannschaft kme.

Den folgenden Tag waren wir noch im Angesicht von Sizilien auf der einen
und Reggios auf der anderen Seite und hatten das seltsame Schauspiel
einer Fata Morgana vor Augen, eine eigene, zauberartige Erscheinung, die
sich nicht nur im Wasser, sondern auch wie in der Luft schwebend zeigt
und die sonderbarsten, wunderlichsten und mannigfaltigsten Gebilde
hervorbringt. Wir erblickten unabsehbar Kolonnaden, Bogenhallen, Alleen,
seltsame Bume und Gestruche, Herden weiden und so weiter. Dies alles
in der Luft schwebend, whrend unter dem Wasser nicht minder seltsame
Gegenstnde zu sehen waren. Als sich aber der Landwind mehr und mehr
erhob, verloren sich diese Nebelgebilde. Wir segelten jetzt lngs den
mir bekannten Ksten Kalabriens hinauf, noch lange den rauchenden tna
im Auge. In der nchsten Nacht erreichten wir die Liparischen Inseln.
Stromboli warf fortwhrend Feuer aus. Den 7. Juli erblickten wir den
Vesuv, Capri, Ischia und Neapel. Den 8. war fast gnzlich Windstille,
den 9. waren wir Gata und den 10. Terracina gegenber. -- Diese
Seereise wurde tglich langweiliger und wegen der groen Hitze
unausstehlich. Alles, was nicht zur Marine gehrte, war sehr abgespannt
und durch die Seekrankheit ermattet, namentlich die Frauen, und die Qual
des Durstes unausstehlich. Ich las oder schrieb fast den ganzen Tag.
Bisweilen unterbrachen die Matrosen das ewige Einerlei durch einen
Schiffstanz. Der Fang eines Haifisches brachte auch einiges Leben an
Bord und die Mannschaft lie sich das Seeungeheuer, das alle Toten, die
man ber Bord wirft, verzehrt, trefflich schmecken. Wir hatten schon
vier bis fnf Leichen gehabt, weshalb eine ganze Herde dieser Fische
jedem Schiff folgte. Fiel jemand lebendig in das Wasser, wie dies auf
einem Schiff der Fall war, so war er verloren. Ein solches Ungeheuer
schnappte ihn sogleich auf und begrub ihn in seinem Bauch. Eines Tages
fiel einem von unseren Soldaten ein groer Schiffsnagel von einem
Mastkorb auf den Kopf und ttete ihn auf der Stelle. Auch er fand eine
Stunde nachher ausgekleidet sein Grab in den Wellen oder in dem Rachen
eines Haies.

Den 12. Juli befanden wir uns auf den Hhen von Civita-Vecchia und Rom,
den 13. kamen wir an den Inseln Giglia, Monteargento, Rossa und Gianuta
vorber und begegneten einem franzsischen Linienschiff, >_La ville de
Marseille_<, das den Herzog von Orleans, Louis Philipp, nach Palermo
bringen sollte, der daselbst seine Gemahlin abholte. Durch dieses Schiff
erhielten wir auch zuerst die Nachricht von dem zu Paris definitiv
abgeschlossenen Frieden. Den 14. kamen wir an den Ksten von Toskana und
der Insel Elba vorber, von welcher bereits der abgedankte Kaiser Besitz
genommen hatte. Wir segelten an Porto Ferrajo vorbei, und htte Napoleon
geahnt, welch gnstige Stimmung fr ihn auf der vorberfahrenden Flotte
herrschte, so htte er vielleicht damals schon mit derselben nach
Frankreich zurckkehren knnen. Denn als wir nach Porto Ferrajo mit
trefflichen Fernrohren hinbersahen, erblickten wir ihn auf den Mauern.
Jetzt wurden auf den Schiffen Offiziere, Soldaten und Matrosen, alles
unruhig, und pltzlich ertnte der Ruf: _Vive l'Empereur!_ Man konnte
nicht verhindern, da die ganze Mannschaft auf das Verdeck strmte, Hte
und Tcher schwenkte, wie ausgelassen tobte und schrie und verlangte,
da die Musik spielen solle. Der Kapitn und die Kommandanten befanden
sich in keiner geringen Verlegenheit und dankten dem Himmel, als wir
endlich ber die Insel Elba hinaus waren. Htte Napoleon nur einige
Winke gegeben, so wrde sich ganz gewi die ganze Mannschaft emprt und
zu seinen Gunsten revoltiert haben. Wir segelten nun bald am Kap Bianco
der Insel Korsika vorber und hatten nach und nach die meisten Schiffe
der Flotte aus dem Gesicht verloren. Am Golf von Genua vorber kamen wir
den 17. Juli in der Reede von Toulon an, wo wir einen _garde de sant_
an Bord nahmen, da von diesem Augenblick an unsere Quarantne begann.
Ein strmischer Nordwind, der sich pltzlich erhoben, hatte uns
gezwungen, in dieser Reede einzulaufen, die wir den 20. wieder
verlieen, um den 22. zu Marseille, unserer vorlufigen Bestimmung
auszuschiffen und vorerst die Quarantne in dem Pestlazarett zu
beziehen, das fr sich eine Stadt mit verschiedenen Quartieren bildet.

Diese Anstalt ist sehr gro und bewunderungswrdig. Man findet in
derselben Wohnungen fr hohe Herrschaften und Privatleute, Kasernen,
Gasthuser, in denen man alles, freilich sehr teuer, haben kann,
Krankenhuser und so weiter. Das ganze Lazarett ist in sieben
Abteilungen oder Quartiere eingeteilt, die smtlich durch hohe Mauern
voneinander getrennt sind, deren Tore bei Nacht wie in Festungen
geschlossen werden. Drei dieser Abteilungen sind allein fr Waren
bestimmt und haben gerumige Hallen zu diesem Zweck. Fr wirkliche
Pestkranke sind ganz besondere Rume vorhanden. Die Polizei im Lazarett
wird mit groer Strenge gehandhabt, um jede Annherung eines
Quarantnrs mit dem aus einer anderen Abteilung zu verhindern; und wer
etwas in dem Wirtshaus der Quarantne kaufen will, wird von einem _garde
de sant_, der mit einem zehn Schuh langen Stab oder Spie bewaffnet
ist, begleitet, so da, wenn man einem anderen Quarantnr mit seinen
Wchtern begegnet, man vermittelst dieser Stbe immer zwanzig Schuh weit
auseinandergehalten wird. Alles Geld, das man bezahlt, wirft man in eine
mit Weinessig gefllte Schssel, welche vor dem Gitter steht, das das
ebenfalls abgeschlossene Wirtshaus, eine kleine Feste, umgibt. Alle
diese Einrichtungen bestehen erst seit dem Jahre 1720, wo durch
Unvorsichtigkeit und Nachlssigkeit ein Schiff, das aus der Levante kam
und auf dem unterwegs schon ein halbes Dutzend Menschen an der Pest
gestorben waren, und das man dennoch nur eine Quarantne von acht Tagen
halten lie, diese schreckliche Geiel nach Marseille und dem ganzen
sdlichen Frankreich brachte. Die groe Stadt war in Zeit von sechs
Wochen wie ausgestorben. ber achtzigtausend Menschen hatte die Pest
hinweggerafft. Fast alle Huser standen leer, und in den Straen
begegnete man keiner Seele mehr. Im ganzen Lande aber wurden viele
Hunderttausende das Opfer dieser Plage. Ein grlich-schnes Gemlde im
Hotel de Ville von Marseille stellt furchtbare Schauerszenen aus jener
Unglckszeit dar.

Wir hatten je zwei Offiziere ein Zimmer oder vielmehr Kmmerchen, nur
die Verheirateten hatten ein besonderes. Mein nchster Nachbar war der
Kapitn Stahl, der seine junge Frau mit einer fast wtenden Eifersucht
htete, weshalb es schon auf dem Schiff manche Neckereien und
Unannehmlichkeiten abgesetzt hatte, so da er oft gar nicht zu Tische
mit ihr kam. Die Frau aber, die, gleich allen Griechinnen, ein feuriges
heftiges Temperament hatte, verdro dies so sehr, da sie mehr als
einmal zu mir uerte: Gerade weil er es so macht, mu er Hrner
tragen, die ich ihm bei der ersten Gelegenheit aufsetzen werde. Diese
fand sich dann auch, trotz allem Bewachen, bald genug, und zwei Tage,
nachdem wir die Quarantne verlassen hatten, wute die verschmitzte Frau
schon ihr lbliches Vorhaben auszufhren, wozu ich ihr denn auch bestens
an die Hand ging. Whrend sie Stahl mit Madame Roy in der Kirche
glaubte, wohin er beide Frauen begleitet und sich dann nach dem Hafen in
Dienstangelegenheiten begab, brachte sie eine se Stunde in meinen
Armen im Hotel der Ambassadeurs zu, wo ich mich einquartiert hatte.

Alle Griechen und griechischen Frauen, die mit von Korfu gekommen waren,
konnten sich nicht genug ber die Gre, Pracht und schnen Gebude von
Marseille wundern und riefen einmal ber das andere aus: _O che
palazzi!_ -- Marseille ist aber auch eine der schnsten Stdte
Frankreichs und ihr Hafen der prchtigste und sicherste im
mittellndischen Meer. Seine Kais sind fast durchaus mit prachtvollen
Husern geziert. Linienschiffe knnen jedoch nicht in denselben
einlaufen, weil er nicht tief genug ist. Wir hatten bei der Insel If
Anker geworfen, von wo wir in Booten an das Lazarett gefahren wurden.
Ihre Kathedrale ist die lteste Kirche Galliens und auf den Ruinen eines
Dianentempels erbaut, von dem noch schne Granitsulen in der Kirche
selbst angebracht sind. Das Arsenal, das groe Theater, die Brse, den
Gouvernementspalast, den Cours, eine der schnsten Straen, die ich
gesehen, die Strae Beauveau, den Platz Canabire als Paradeplatz der
schnen Welt, darf man nicht versumen, aufzusuchen. Es machte mir
groes Vergngen, den mitgekommenen Damen von Korfu alle
Merkwrdigkeiten Marseilles zu zeigen und mich an ihrem Staunen zu
ergtzen. Namentlich waren es Madame Conge und Coste, deren bestndiger
Begleiter ich war. Auch das Leben und Treiben in Frankreich, die
Freiheit, welche alle franzsischen Frauen genieen, die Sitten und
Gebruche, dies alles war eine neue Welt fr sie. -- Da ich das daselbst
etablierte deutsche Haus Ellenberger und Imer kannte, an das ich schon
frher, als wir in Toulon lagen, empfohlen war, und durch welches ich
mir noch in der Quarantne allerlei Lebensmittel und Weine hatte
schicken lassen, die sie mir in bester Qualitt und ganz vorzglich
besorgt hatten, so lie ich mir von demselben ein paar hundert Franken
gegen Anweisung auf Frankfurt geben und hatte so einige Mittel in
Hnden. Auch wurden uns, ehe wir die Quarantne verlieen, zwei Monate
rckstndiger Sold ausbezahlt, den die Kaufleute von Marseille
vorgeschossen, um den von Korfu ankommenden Truppen Mut zu machen und
sie fr die Bourbonen gnstig zu stimmen. Denn Marseille sowie die ganze
Provence und Languedoc waren auf das uerste gegen Napoleon erbost, da
hier aller Handel und die Gewerbe whrend seiner Herrschaft stockten und
fast auf Null herabgesunken waren. Ihre Anhnglichkeit zur
zurckgekehrten Dynastie sprach sich enthusiastisch aus. Das Volk zu
Marseille hatte sogar kurz vor unserer Ankunft ein Artilleriebataillon
unter dem Gewehr auf dem Paradeplatz umstellt und dasselbe gezwungen,
seine Adler von den Tschakos herabzunehmen. Einige Offiziere waren
mihandelt worden. Einem Obersten, der noch kaiserliche Abzeichen an
sich hatte und diese auf das Gehei des Pbels nicht sogleich abnehmen
wollte, rissen sie die Epauletten von den Schultern.

Wir blieben nur kurze Zeit in Marseille. Schon in der dritten Woche nach
unserer Ankunft daselbst erhielt unser Regiment Order, nach Avignon
abzumarschieren. In Aix aber brach eine frmliche Meuterei unter unseren
Leuten aus, die erklrten, nicht weiter marschieren zu wollen, bis man
ihnen den smtlichen, noch rckstndigen Sold ausgezahlt habe. Die Sache
drohte in eine frmliche Emprung auszuarten. Die Soldaten wollten sich
an ihre Offiziere und Chefs halten, stieen unzweideutige Drohungen
gegen dieselben aus, von ihnen den rckstndigen Sold fordernd. Um sie
im Zaum zu halten, lie man die Nationalgarde von Aix unter die Waffen
treten und in starken Abteilungen durch alle Straen patrouillieren.
Dies und die Auszahlung von noch einem Monat Sold, den die Stadt Aix
vorscho, beschwichtigte die Murrenden. Den vierten Tag marschierten wir
nach Avignon ab, wo sich aber schon ein Befehl des Kriegsministers
vorfand, welcher das Regiment nach Avesnes im Departement du Nord
beorderte, wo die Leute ihr ganzes Guthaben, und diejenigen, die nicht
lnger in Frankreich dienen wollten, ihren Abschied und eine Marschroute
bis an die Grenze erhalten sollten. Die meisten Leute nahmen dies an und
wurden, nachdem sie ihren Abschied erhalten und ihre Waffen abgeliefert
hatten, in Transporten von fnfzig bis hundert Mann bis zur deutschen
Grenze gefhrt. Die dabei bleibenden Offiziere wurden auf halben Sold
gesetzt. Man zhlte damals an dreiigtausend Offiziere, die auf halben
Sold gesetzt wurden, worunter alle die, welche aus russischer,
preuischer, spanischer, englischer und so weiter Gefangenschaft
zurckgekehrt waren. Ich hatte wegen eines Fiebers, das mich berfiel,
in Avignon zurckbleiben mssen. Die lange Seereise, auf der ich nie die
eigentliche Seekrankheit gehabt, dagegen aber immer eine Unbehaglichkeit
und belkeit versprte, und sehr an hartnckigen Obstruktionen litt,
hatte mir wohl diese Krankheit zugezogen. Ich wollte nun meine Genesung,
die auch bald erfolgte, in Avignon abwarten und mietete mir eine
angenehme Wohnung auf dem groen Platz mitten in der Stadt bei einem
ziemlich wohlhabenden Brger namens Giraud, der sich in Ruhestand
gesetzt und ein liebenswrdiges sechzehnjhriges Tchterchen, das
einzige Kind, hatte. Von hier aus schrieb ich an meine Eltern und
erhielt neue Empfehlungen an das Haus Aymard, das einen Sohn als
Volontr in Frankfurt hatte und sich daher meiner annahm. In kurzer Zeit
war ich, wie gesagt, wieder von meiner Krankheit genesen, brachte aber
noch ein paar Wochen in Avignon zu, wo mich die hbsche Tochter meines
Hauswirtes, Marguerite Giraud, fesselte. Die Einwohner von Avignon waren
ebenso erbitterte Feinde Napoleons wie die zu Marseille und in den
anderen Stdten der Provence. Sie nannten den abgesetzten Kaiser nur
>_le vieux Nicola_<, hatten ihn im Bilde verbrannt und einen Napoleon
vorstellenden Strohmann lange in dem Straenkot herumgeschleift. Hier
wrde ihm sowie in Orgon und anderen Orten bel mitgespielt worden sein,
htte man ihn bei seiner Durchreise erwischt. Auch hatte er sich schnell
Hals ber Kopf weiter gemacht, als er die entstandene Grung wahrnahm.
Die Weiber der niederen Klassen tanzten noch tglich die Farandole beim
Schall einer Baskotrommel, sich an Taschentchern aneinanderhaltend, wie
besessen in allen Straen und auf ffentlichen Pltzen, sangen dabei
Spottlieder auf den >_pre Nicola_<, wie sie ihn nannten, und waren
berauscht. Eines Abends ritt ich mit dem Chirurgien-Major Colombe vom
sechsten Linienregiment, das mit uns in Korfu gewesen und jetzt in
Avignon garnisonierte, zum Rhonetor hinaus spazieren, in dessen Nhe am
Kai ein Bataillon dieses Regiments exerzierte. Kaum waren wir vor dem
Tor, als ein Tro solcher toller tanzender Weiber uns umringte und im
dortigen Patois zurief, wir sollten >_Vive Louis XVIII., vive les
Bourbons_< schreien. Ich erklrte ernst und kurz, da ich auf kein
Kommando schreie, aber Colombe wollte Bravaden zeigen und schrie aus
vollem Halse: _Vive Napolon!_ Nun fielen ihm die wilden Weiber gleich
in die Zgel, rissen ihn vom Pferd herab, whrend ich mich frei machte
und den Degen zog, mein Pferd sich bumen lie und mich so in
Verteidigungsstand setzte. Sicher wrde es Colombe ergangen sein wie dem
armen Snger Orpheus, diese modernen Bacchantinnen wrden auch ihn in
Stcke gerissen haben, wenn nicht glcklicherweise das ganz in der Nhe
exerzierende Bataillon sogleich eine Patrouille abgesandt htte, den
unglcklichen Chirurgien-Major zu befreien. Das Spazierenreiten war ihm
nun vergangen, und er begab sich heim, sein Ro demtig am Zgel
fhrend. Schlimmere Folgen htte beinahe meine Bekanntschaft mit
Marguerite Giraud gehabt; ich hatte jetzt auch den Tisch bei den guten
Leuten, und eine alte Tante, die so ziemlich das Hausregiment fhrte,
hatte es auf eine Heirat zwischen mir und der sechzehnjhrigen
Marguerite abgesehen. Eines Morgens nahm ich mir vor, die guten Leute
mit einem deutschen oder vielmehr Frankfurter Frhstck zu regalieren,
das man in Frankfurt in der Regel nur in der Fastnacht geniet und das
aus in Rahm und Milch zerlassener Butter und ganz heiem Wei- oder
Milchbrot besteht, warme Wecken genannt, und so hei als mglich
genossen wird; allein es gehrt ein sehr guter Magen dazu, um es ohne
Beschwerden verdauen zu knnen. Dem alten Herrn Giraud mundeten diese
warmen Wecken auerordentlich, er a deren beinahe ein halbes Dutzend
hintereinander, aber gleich darauf wurde es ihm so bel, da er glaubte,
er msse den Geist aufgeben. Dem Geistlichen des Hauses, der auch von
der Partie gewesen und tchtig mitgegessen hatte, wurde ebenfalls bel,
dann kam die Reihe an die alte Tante, und selbst Marguerite befand sich
nicht ganz wohl darnach. Die Tante fing nun auf einmal an, wie besessen
zu schreien: Ach, wir sind vergiftet, wir sind alle vergiftet! Ich
vermochte sie nicht zu beruhigen, obgleich ich ihr vorstellte, da ich
am meisten von dieser Speise genossen htte; sie schickte nach einem
Arzt, der auch schnell ankam und die noch brige Butter, Milch und Brote
untersuchte, whrend sich die Patienten bald auf dem Wege der Besserung
befanden. Als ich ihm die Sache auseinandersetzte, meinte er lchelnd:
Ja, zu deutscher Kost gehrt auch ein deutscher Magen. -- Einige
Glser Likr brachten die verdorbenen Mgen wieder so ziemlich in
Ordnung, doch hatten Herr Giraud und die Tante ein paar Tage zu tun, bis
sie vllig wieder hergestellt waren, aber niemand sprte mehr Lust, sich
noch ferner _ l'allemande_ von mir regalieren zu lassen, und man
gestand, da man nicht ganz von dem Verdacht einer absichtlichen
Vergiftung frei gewesen sei. Als ich bei Aymards die Geschichte
erzhlte, wollte man sich halbtot lachen, doch hatte niemand Lust, die
Speise zu versuchen, wie ich es auch ihnen vorgeschlagen hatte. Aber ein
ganz anderes Donnerwetter zog sich ber meinem Haupt zusammen, als ich
eines Tages bei Tische zufllig erwhnte, da ich ein Protestant und
zwar ein Lutheraner sei. Man lachte anfnglich dazu und meinte, ich
scherze, denn auch diese Leute stellten sich unter einem Lutheraner noch
eine Art Ungeheuer vor, bis ich ihnen ganz ernstlich versicherte, da
ich die Wahrheit gesagt und sie auch durch Erkundigungen herausgebracht
hatten, da ich wahr gesprochen. -- Marguerite, mit der ich auf einem
sehr vertrauten Fu gestanden hatte, doch so, da kein Unglck daraus
entstehen konnte, wie ich es mit allen Mdchen hielt, kam eines Morgens
auf mein Zimmer und bat mich, in Trnen gebadet, fufllig, ich mge
doch katholisch werden, weil ich sonst dem Teufel mit Haut und Haar
verfallen sei und sie mit, da sie das Unglck gehabt, einen Lutheraner
zu lieben. Ich konnte das arme Kind nicht zu einer vernnftigen Ansicht
bringen, und trostlos verlie sie das Zimmer; sie hatte mir gestanden,
da ihr der Beichtvater gesagt, da ihr ihre Bekanntschaft mit mir die
ewige Verdammnis zuziehen knne, wenn sie mich nicht bekehre. Das ganze
Haus war in grten Alarm geraten, und die Frauen weinten unaufhrlich.
Ich ging zu den Leuten und suchte sie zu beruhigen, aber ich glaube, der
Teufel selbst htte ihnen jetzt keine grere Furcht einflen knnen
als mein Anblick; alle bekreuzigten sich und gaben mir zu verstehen,
indem sie die Gesichter abwendeten, ich mge doch das Zimmer verlassen.
Es kam mir vor, als sei ich unter Wahnsinnige geraten, und da ich sah,
da nicht daran zu denken war, auch nur ein vernnftiges Wort mit diesen
Menschen zu reden, nahm ich mir vor, auf die wenigen Tage noch ein
anderes Logis zu mieten und sah mich sogleich darnach um; als ich aber
nach Hause kam, trat mir ein Dienstmdchen mit einem offenen Papier
entgegen, das sie mir bergab und auf welchem geschrieben stand, da die
Familie, aus guten Christen bestehend, auch keine Stunde lnger mit
einem in alle Ewigkeit verdammten Ketzer unter einem Dach zubringen
knne und sich daher so lange auf das Land begeben habe, bis ich
ausgezogen sei; die Miete mge ich nur an das Dienstmdchen entrichten,
welches Befehl habe, den Betrag dem Beichtvater einzuhndigen, der ihn
zum Frommen der Kirche verwenden werde, um die Snde, mich so lange im
Hause geduldet zu haben, einigermaen wieder zu shnen. -- Ich bezog nun
auf die wenigen Tage, die ich noch in Avignon verweilte, ein Zimmer in
einem Gasthof und habe nie wieder jemand von Girauds gesehen. Hier mute
ich gleich den ersten Tag, als ich an der Table d'hte speiste, einen
heftigen Streit zwischen einem Offizier und einem Brger von Tarascon
mit anhren. Letzterer schimpfte so wtend ber Napoleon, nannte ihn ein
Mal ber das andere einen hergelaufenen Vagabunden, einen Spitzbuben,
Schurken, infamen Betrger, dem sein eigener Oheim, als er noch Leutnant
und krank gewesen, tglich eine Armensuppe geschickt, und der spter
einen Wagen von einem seiner Bekannten entliehen, den er sowie gar
manche andere Dinge zurckzugeben vergessen habe, wie er beweisen knne,
und so weiter, so da es allerdings kaum zum Anhren war. Aber der
Offizier, der seinen ehemaligen Souvern verteidigen wollte, wurde
berschrien und stand endlich vom Tisch auf, das Zimmer unwillig
verlassend. Ich war in Zivilkleidern, hatte mich in die ganze Sache
nicht gemischt und mute noch eine geraume Zeit das Schimpfen und die
schlechten Streiche, die sie dem Exkaiser vorwarfen, den sie einen
Menschenschinder und ein nichtswrdiges Subjekt nannten, mit anhren. Am
anderen Tage lie ich mir auf dem Zimmer servieren, um solchen Dingen
nicht mehr ausgesetzt zu sein. Damals war es im ganzen sdlichen
Frankreich hchst gefhrlich, sich gnstig ber Napoleon zu uern; was
den Provenalen aber mit einen so groen Ha eingeflt, war besonders
die Konskription; allerdings wurden ihre Kinder sowie die aller
Franzosen zu Hunderttausenden zur Schlachtbank gefhrt, um der
Herrschsucht eines einzigen Menschen, der noch obendrein ein Korse war,
zu frnen.

Kurz vor meiner Abreise war noch der Herzog von Orleans, Ludwig Philipp,
von Sizilien zurckkommend, mit seiner Gattin in Avignon, wohin beide
eine Jacht gebracht, an das Ufer gestiegen, wo ich der erste Offizier
war, der ihn bei seiner Ankunft begrte. Er wurde sehr freundlich von
den Einwohnern empfangen, und ich hatte die Ehre, ihn bis an das Hotel
zu begleiten. Damals fiel es wohl niemand ein, da er dereinst Herrscher
von Frankreich werden wrde. Er hielt sich in Avignon nicht lange auf,
sondern fuhr nach ein paar Stunden schon weiter.

Auch ich machte jetzt Anstalt zu meiner baldigen Abreise, und da ich
keine Lust hatte, zu dem ohnehin bis fast auf die Offiziere und einige
Unteroffiziere zusammengeschmolzenen Regiment zu gehen, so lie ich mir
eine Marschroute nach Paris geben, um daselbst bei dem Kriegsminister zu
versuchen, eine fr mich passende Anstellung zu erhalten. Ich reiste mit
noch einigen Offizieren, -- auch einem Spanier namens Andeja, der seine
Mtresse von Korfu mitgebracht, -- nachdem ich meine Pferde in Avignon
verkauft hatte, in einer Patache (eine Art Landkutsche) nach Lyon ab, wo
ich ungefhr acht bis zehn Tage verweilte und wo gerade der Graf Artois
(spter Karl X.) einzog, weshalb groe Feierlichkeiten in der Stadt
veranstaltet wurden, denen ich beiwohnte. Viele Knaben, _ la_ Henri IV.
kostmiert, und weigekleidete Mdchen mit Blumenkrnzen und Girlanden,
Nationalgarden zu Pferd und eine groe Menge Volk ging Monsieur entgegen
und begleitete ihn bei seinem Einzug in die Stadt mit Vivatgeschrei, das
jedoch nicht sehr allgemein war. Es wurden Anreden gehalten, in denen
vom Glck, die Bourbons endlich wieder auf dem franzsischen Thron zu
sehen, gesprochen wurde. Der Graf Artois war sehr gndig und
herablassend und teilte eine Unzahl silberner Lilien mit einem weien
Bndchen, besonders an das Militr aus, von denen mir auch eine zuteil
ward; spter wurden sie fr die Offiziere in Lilienkreuze umgewandelt.
Monsieur sah indessen aus wie eine Vogelscheuche mit einem Perckenstock
und machte auf das Militr, das ihn mit ziemlicher Geringschtzung
behandelte, keinen guten Eindruck; selbst die bourbonisch gesinnten
Brger wuten nicht viel zu seinem Lob zu sagen. Die Stadt gab ihm zu
Ehren einen groen Ball, auf dem Artois, wie ein abgelebter Schneider
aussehend, von seinem Fauteuil dem Tanz mit zusah; auch ein groes
Feuerwerk wurde abgebrannt, doch hatte die ganze Festlichkeit etwas
Dsteres und war ohne Leben.

Einige Tage nach dem Ball reiste ich mit noch ein paar Offizieren, von
denen der eine, ein Bataillonschef, zu der Garnison von Korfu gehrt
hatte, mit Extrapost nach Paris ab. Wir fuhren, ohne uns irgendwo
aufzuhalten, Tag und Nacht bis Fontainebleau, wo wir einen halben Tag
verweilten, um das dortige Schlo und die Grten zu besehen. Ersteres
ist ein weitlufiges, irregulres Gebude, dessen Architektur die Arbeit
verschiedener Jahrhunderte nachweist. Es liegt in einem Tal und formiert
fnf _Corps de Logis_, die durch Hfe und Galerien getrennt sind. Es war
uns doppelt merkwrdig, weil hier erst vor wenigen Monaten Napoleons
Abdankung stattgefunden hatte.

Wir sahen die Gemcher, die Marie Louise bewohnt hatte, sowie die,
welche Pius VII. whrend seines gezwungenen Aufenthalts zum Kerker
gedient, endlich das Gemach, in dem Napoleon seine Abdankung
unterzeichnet hatte. Nach einem ziemlich splendiden Diner setzten wir
unsere Reise fort und kamen gegen Morgen in Paris an, wo wir in einem
_Htel garni_ abstiegen und uns ermdet niederlegten. Gegen Mittag
erwachte ich, eilte zum Frhstck in das Palais Royal, ins _Caf des
mille colonnes_, wo ich sehr heftige politische Debatten ber Napoleon,
die Alliierten, die zurckgekehrten Bourbons, Ludwig XVIII. und so
weiter anhrte, und man stritt, als wollte man sich eben bei den Kpfen
nehmen; dann war von den Russen, den Kosaken, den Preuen, Englndern
und sterreichern die Rede, man lobte den Kaiser Alexander als einen gar
gromtigen Monarchen und uerte: es gibt nur einen braven Russen, und
der ist der Kaiser, alle anderen taugen nichts; auf Wellington und die
Englnder schimpfte man und war gewaltig erbost; sie hatten allerdings
etwas wild in der Umgegend von Paris gehaust. Nicht minder aufgebracht
war man auf den braven Blcher und seine Preuen, die indessen nicht den
hundertsten Teil dessen getan, was sich die Franzosen in Preuen hatten
zuschulden kommen lassen; sie bten nur ein geringes Vergeltungsrecht
und dies oft sehr gromtig, wie folgende Anekdote beweist. Ein Oberst
der preuischen Garden war bei einer vornehmen reichen Dame im Faubourg
Sankt Honor einquartiert. Nachdem er sein Billett abgegeben, fand er
die ihm eingerumten, obgleich sehr schn und gut mblierten Zimmer viel
zu schlecht, befahl, da man ihm bessere Gemcher einrumen solle, und
zwar in einem hchst arroganten und barschen Tone. Man gehorchte und gab
ihm die besten im Hause, aber auch die waren ihm nicht gut genug, er
warf sich mit Stiefeln und Sporen auf die kostbaren Sofas, und als man
ihm das Frhstck und Mittagessen brachte, fand er alles abscheulich,
kaum fr Schweine gut genug, und warf mehrere Schsseln den auftragenden
Dienern vor die Fe. Seine Bedienten machten es nicht viel besser und
hausten im Hotel, da es zum Erbarmen war. Die arme Dame wute sich gar
nicht zu raten und zu helfen, fate sich endlich ein Herz und begab sich
selbst zu dem Obersten, um diesen zu bitten, er mge ihr doch nur sagen,
was er wnsche und verlange, es solle ja alles geschehen, was in ihren
Krften stehe, um ihn soviel als mglich zufrieden zu stellen. Der
Oberst hrte die Dame ganz ruhig an, bat sie auf das hflichste, doch
Platz nehmen zu wollen, und sagte dann im besten Franzsisch auf das
artigste: Madame, ich habe Ihnen nur eine kleine Probe davon geben
wollen, wie es Ihr Herr Sohn whrend drei Wochen, die er bei meinen
Eltern in Berlin einquartiert war, gemacht hat, doch seien Sie ruhig,
von jetzt an werden Sie sich nicht im mindesten mehr ber mich oder
meine Leute zu beklagen haben, und ich bitte, mir die zuerst zugedachten
Zimmer wieder einrumen zu lassen, sie gengen mir vollkommen. -- Von
den sterreichern war wenig oder keine Sprache, sie hatten sich im
ganzen sehr passiv verhalten. Es waren noch manche deutsche, russische
und englische Offiziere in Paris zurck, die aber alle in Zivilkleidung
einhergingen; dennoch fielen noch fters Duelle vor. Die Russen zogen,
wenigstens im Zweikampf mit der Klinge, meistens den krzeren und wurden
niedergestochen, whrend die Preuen manchen franzsischen Offizier ins
Gras beien lieen; die Englnder schossen sich fast nur auf Pistolen.
Es verging fast kein Tag ohne solche Hndel. Ich fand diesmal den
Aufenthalt zu Paris himmelweit verschieden von dem im Jahre 1810, auch
hatte sich in diesen vier Jahren sehr viel verndert. Das Ziel zu
erreichen, um dessentwillen ich eigentlich hierher gereist, war
unmglich, man wute noch gar nicht recht, wer eigentlich Koch oder
Kellner war. Der Kriegsminister war nicht zu sprechen und sein
Ministerium und dessen Vorzimmer den ganzen Tag von dem Tro der mit den
Bourbonen zurckgekehrten Adeligen belagert, die alle ihre
Anhnglichkeit an den Knig und dessen Familie und ihre wurmstichigen
gegerbten Eselsfelle statt anderer Verdienste in Anschlag brachten und
Anstellungen und Ehrenstellen verlangten. Wahr ist es, da diese Herren
nichts vergessen und nichts gelernt, es schien, als htten sie von 1789
bis 1814 geschlafen, sie waren mit denselben Vorurteilen und Anmaungen
nach dem Frankreich von 1814 zurckgekehrt und reihten dieses Jahr ohne
weiteres an die achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts an; auch
waren sie die lcherliche Zielscheibe des beienden Spottes und Witzes
und trugen die meiste Schuld an der fatalen Stimmung des Volkes gegen
die zurckgekehrten Bourbonen und Ludwig XVIII. -- Von meinen frheren
Bekannten suchte ich nur wenige auf und fand auch diese sehr verndert.
Die einzige interessante neue Bekanntschaft, die ich machte, war
Angelika Catalani, deren Donnerstimme damals in ihrer hchsten Kraft und
Flle war und mit der ich fter Duette sang; ich sollte sie spter in
Deutschland wieder treffen, wo ich Gelegenheit fand, ihr manchen Dienst
zu erweisen. -- Auch der schnen Madame Recamier, die so lange Paris
hatte meiden mssen, weil es den kleinlichen Launen des korsischen
Weltgebieters so gefiel, begegnete ich in einigen Salons und bewunderte
zwar ihre allerdings auerordentliche Schnheit, aber ohne da sie einen
besonderen Eindruck auf mich gemacht htte, ob sie gleich durch ihre
Einfachheit und Liebenswrdigkeit jedermann bezauberte; wahr ist es, da
ich in gar keine nhere Berhrung mit ihr kam und kaum einige Worte
gewechselt habe.

Da ich nach einem kurzen Aufenthalt von wenigen Wochen wohl einsah, da
unter den dermaligen Umstnden, wo auch fast niemand an den Bestand des
Bestehenden glauben wollte, nichts fr mich in Paris zu machen war und
ich keine Lust hatte, wieder zu dem _rgiment tranger_, dessen Reste
noch in Avesnes lagen, zurckzukehren, lie ich mich auf halben Sold
setzen und whlte vorerst Straburg zu meinem provisorischen Aufenthalt,
um von da nach beinahe neun Jahren meine Eltern wieder einmal besuchen
und sehen zu knnen. Ich ging ber Meaux, Chateau-Thierry und Epernay
nach Reims, wo ich einen Tag verweilte, um die alte Krnungsstadt und
ihre berhmte Kathedrale, eines der schnsten gotischen Denkmler, zu
sehen. Von hier reiste ich ber Chalons sur Marne, Barleduc, Toul und
Nancy nach Straburg, wo ich ein Quartierbillett auf drei Tage bei einem
Kaufmann Hecht im Kupferhof erhielt und sehr gut aufgenommen wurde, auch
gestattete man mir, noch lnger in diesem Quartier zu verbleiben, so da
ich bis zu meiner Abreise nach Frankfurt in demselben wohnte. Madame
Hecht war eine hbsche junge Frau, auch musikalisch, und ihr zuliebe
verschob ich meine Abreise um einige Wochen. In ihrer Gesellschaft
besuchte ich Straburgs Sehenswrdigkeiten, an ihrer Hand bestieg ich
den Riesenturm des Mnsters und besah mit ihr das schne Monument des
Marschalls von Sachsen in der protestantischen Sankt Thomaskirche. Auch
die Ruprechtsau und andere Promenaden sowie das Theater, wo damals
deutsche und franzsische Komdie gespielt wurde, besuchten wir
miteinander. In Straburg traf ich einige alte Bekannte. Talma gab
gerade Gastrollen samt seinem Schler David, der jedoch dem Meister
keine groe Ehre machte; sodann traf ich einen alten Schulkameraden, der
zu gleicher Zeit mit mir in Breitensteins Pension zu Homburg gewesen und
sich dem Kaufmannsstand gewidmet hatte. Durch diesen lernte ich den
nicht verdienstlosen Schauspieler Vogel und dessen Gattin, eine hbsche
und gute Sngerin, kennen, mit denen ich manchen vergngten Abend
zubrachte. Whrend meiner Anwesenheit fand sich auch der Herzog von
Berry, auf seiner Rundreise durch Frankreich, daselbst ein, wute sich
aber wenig beliebt zu machen, und man fand seine affektierten
martialischen Manieren etwas lcherlich und karikaturartig, zudem waren
die Straburger sowie das ganze Elsa wtende Napoleonisten und haten
die Bourbonen, also gerade das Gegenteil von den Bewohnern des sdlichen
Frankreichs. Zu seinem Unglck war der Herzog von Berry noch obendrein
die unschuldige Ursache des Todes des sehr beliebten Prfekten von
Straburg. Dieser war ihm nmlich eine groe Strecke entgegengefahren,
wurde mit seinem Wagen umgeworfen, wobei das Gef seines Degens ihm
tief in die linke Seite eindrang und ihn so schwer verletzte, da er
schon vierundzwanzig Stunden darauf seinen Geist aufgab. Diesen
unglcklichen Zufall schob man dem unbeliebten Herzog in die Schuhe, den
man um so mehr verwnschte. Nichtsdestoweniger fanden die vorbereiteten
Empfangsfeierlichkeiten statt, aber kaum da man hier und da bei seinem
Einzug zu Pferde ein halblautes schchternes >_Vive le roi!_< hrte;
doch war der Ball, der ihm zu Ehren gegeben wurde, sowie das Feuerwerk
recht brillant. Was mich aber von all den Feierlichkeiten am meisten
ansprach, war die imposante Illumination des Mnsters, bis in die
hchste Spitze seines Riesenturmes, der sich in den Sternen zu verlieren
schien, ein majesttisches Nachtgemlde.

Endlich fand ich doch, da es Zeit sei, das Vaterhaus einmal wieder zu
sehen und erbat mir von dem Kommandanten, General Baron Deburaux, Urlaub
zu einer Reise nach Frankfurt, der mir auch ohne Umstnde bewilligt
wurde. Ich nahm Abschied von der Familie Hecht und Vogel, versprach
ersterer, sptestens binnen drei Monaten wieder zurckzukommen und fuhr
den 12. Oktober 1814 ber die Rheinbrcke nach Kehl und von da ber
Rastatt nach Karlsruhe und von da mit der Diligence nach Frankfurt. In
dem Wagen befand sich ein allerliebstes junges Mdchen, die Tochter
eines badischen Beamten aus Rastatt, das zu seinen Verwandten zum Besuch
nach Frankfurt reiste und neben mir sa. Nachdem die Dmmerung
eingetreten war, wurden wir bald so vertraut, da wir die ganze Nacht
Arm in Arm miteinander zubrachten. In Heidelberg kamen wir gegen
Mitternacht an und lieen uns, whrend man umspannte und auspackte, ein
Zimmer und etwas zu essen geben, worauf wir im Taumel des Vergngens
beinahe das Abfahren des Postwagens verpat htten, wenn uns nicht der
Hausknecht mit rauher Stimme und Klopfen daran erinnert htte. Wir
setzten nun die Reise in der Art, wie wir sie begonnen, weiter fort und
trieben das se Spiel, whrend die anderen Passagiere, unter denen noch
zwei Damen, schliefen, _con amore_ fort. Lngs der Bergstrae sahen wir
auf allen Hhen groe Feuer emporlodern, und als ich fragte, was dies zu
bedeuten habe, ward mir die Antwort, es sei zum Andenken an den 18.
Oktober von den Alliierten bei Leipzig errungenen groen Sieg ber
Napoleon (18. Oktober 1813). Als es zu grauen begann, schliefen wir
etwas ermdet ein und wachten erst bei dem Anhalten in Darmstadt wieder
auf. Nachdem wir endlich Neu-Isenburg passiert hatten, durch den
Frankfurter Wald kamen und ich die Sachsenhuser Warte und nun jeden
Augenblick neue, mir wohlbekannte Gegenstnde und Orte erblickte, welche
in meiner frhen Kindheit oft das Ziel unserer Spaziergnge und der
Tummelplatz unserer Spiele und Freuden gewesen, da wurde es mir doch
ganz wunderlich ums Herz, das allmhlich strker zu pochen begann. Ich
sah nun Frankfurt mit dem mir so wohlbekannten Taunusgebirge im
Hintergrunde, das sich von der Sachsenhuser Warte ganz besonders
malerisch ausnimmt, sich vor mir ausbreiten, staunte den ehrwrdigen
alten bemoosten Pfarrturm an, der mich etwas mrrisch zu bewillkommnen
schien, fuhr durch das Affentor, ber die Mainbrcke, am goldenen Gickel
vorbei, in den Rahmhof, sprang aus dem Wagen, alles im Stich lassend,
meiner hbschen Reisegefhrtin kaum ein >Lebewohl, auf Wiedersehen<
zurufend, rannte nach dem vterlichen Haus und lag in den Armen meiner
mich erwartenden Eltern und Geschwister, nach neun langen Jahren, in
denen ich so viel erlebt und mitgemacht und sich so manches verndert
hatte. Staunend ward ich von meinen Lieben und sogar dem Gesinde, gleich
einem halben Wundertier, umringt.




                                  VI.

    Feier des 18. Oktobers zu Frankfurt am Main. -- Verfassungswehen
    dieser Stadt. -- Franzosenha daselbst. -- Diversi. -- Ein Fest
   auf dem Sandhof. -- Napoleons Rckkehr von der Insel Elba. -- Ich
   entschliee mich in preuische Dienste zu treten. -- Abreise nach
                                Berlin.


Es war der erste Jahrestag der Schlacht von Leipzig, als ich in den
Nachmittagsstunden in meiner Vaterstadt eintraf, wo es fast schien, als
wre die ganze Stadt von der Tarantel gestochen; auf den Straen,
Pltzen und aus vielen Husern wurde fortwhrend geschossen, sogar
Frauen und Mdchen drckten Pistolen ab, man schimpfte und verwnschte
auf gut frankfurterisch die Franzosen, und die guten Frankfurter waren
smtlich gewaltige Franzosenfresser geworden, sobald jene weg waren. Auf
dem Rmerberg und dem Romarkt waren Altre errichtet, an welchen die
liebe Schuljugend, von ihren Monarchen angefhrt, Dank- und Lobgesnge
fr die glckliche Befreiung von der Regierung des Frsten Primas
plrrte. Den Abend war die Stadt erleuchtet, und allenthalben waren
Transparente angebracht, die zum Teil wunderliche Dinge darstellten und
sehr komische Sprche enthielten. -- So hatte unter anderen ein reicher
Bcker namens Binding einen ungeheuren Kuchen auf seinem Transparent
dargestellt, den die Franzosen auf der einen Seite attackierten, whrend
er und seine Gesellen dieselben mit Schaufeln auffingen und in den
Backofen schoben. Unter diesem Transparent las man die Worte:

   Ich bin ein lustiger Bcker;
   Fr die franzsischen Lecker
   Aber back ich keine Kuchen mehr,
   Sie mssen all' in meinen Backofen her.

Und doch hatte der Mann sein Geld hauptschlich durch die Franzosen
gewonnen. Auch die Brgermiliz paradierte diesen Tag unterm Gewehr neu
uniformiert, aber mit dem Marschieren wollte es noch nicht recht gehen,
und von der Reiterei, einigen dreiig Mann, die meistens auf
erbrmlichen Lehnkleppern ritten -- mit dem Reiten sah es noch schlimmer
als mit dem Marschieren aus --, fiel mehr als einer sogar von seiner
Rosinante herab oder strzte mit derselben. Dieses Militr hatte ein
wahrhaft grimmig gutmtiges Ansehen, indessen las man in Frankfurter
Blttern oder Korrespondenzartikeln doch viel von dem martialischen
Aussehen und der militrischen Haltung und dito Geist dieser Miliz. Die
Frankfurter hatten aber auch ein Bataillon Freiwillige errichtet, um den
Feldzug von 1814 in Frankreich mitzumachen; sie bekamen zwar den Feind
nicht zu sehen, dies war jedoch nicht ihre Schuld. Ein starker und
anhaltender Regen, der sich am Abend des 18. Oktober zeitig einstellte,
machte der Illumination ein schnelles Ende; Lichter und Transparente
erloschen, nachdem sie kaum angezndet waren.

Als in der verwandtschaftlichen Sippschaft meine Ankunft bekannt wurde,
warteten die meisten Vettern und Muhmen nicht ab, bis ich ihnen meine
gehorsamste Aufwartung machte, sondern sie fanden sich beizeiten selbst
ein, um das zurckgekommene Wundertier, das als noch unbrtiges Kind
ausgezogen und nun als brtiger, sonnverbrannter Mann nach so manchen
berstandenen Gefahren wiedergekehrt war, in Augenschein zu nehmen, zu
bewillkommnen und anzustaunen. Nicht Teilnahme, sondern Neugierde war
die Triebfeder dieser berartigen Zuvorkommenheit, und des lstigen
Fragens und Geschwtzes war kein Ende, sowie ich mit Einladungen zu
Mittag- und Abendessen wahrhaft berschttet wurde. Viele der lteren
Bekannten waren in die ewige Heimat gegangen, unter ihnen auch meine
Groeltern vterlicherseits, der alte Oberst Schulter, Goethes Oheim,
und meine Tante Feierlein, die ehemalige Scholz, samt ihrem zweiten
Mann, dem Doktor Feierlein. Dieser hatte sich seinen Tod bei einer
Audienz, die er als guter Redner an der Spitze einer Deputation von
Frankfurter Brgern bei Kaiser Franz II. hatte, um denselben fr die
Wiederherstellung der freireichsstdtischen Freiheit Frankfurts zu
gewinnen, geholt. Die Herren muten nmlich in einem eiskalten Vorzimmer
des Thurn- und Taxisschen Palais, in welchem der Kaiser wohnte, in
dnnem Frack, kurzen Beinkleidern, seidenen Strmpfen und Schuhen ein
paar Stunden antichambrieren, bevor man die Gnade hatte, sie
vorzulassen, wodurch sich mein Oheim Feierlein eine so starke Erkltung
zuzog, da er kurze Zeit darauf starb und so das Opfer seines
Patriotismus und Rednertalents wurde.

Die Einwohner Frankfurts hatten sich trotz der mehr als siebenjhrigen
Regierung des Frsten Primas wenig oder nicht verndert, desto mehr aber
die Stadt selbst, deren Festungswerke, Wlle, Bastionen und Mauern
whrend der Zeit demoliert, die Grben ausgefllt und in sehr anmutige
und geschmackvolle Promenaden verwandelt worden waren.

Vierzehn Tage nach meiner Ankunft war ich endlich gottlob von allen
Basen und Neugierigen der Reihe nach abgefttert. Das Unangenehmste bei
diesen, der Familienverhltnisse wegen nicht gut abzuschlagenden
Einladungen war, da ich die ewigen Schimpfereien auf die Franzosen und
den menschenfreundlichen Frsten Primas wiederkuen hren mute; auch
war man einfltig genug, fast alles, was unter dessen Regierung
Lbliches und Ntzliches geschehen und verordnet worden,
wieder abzuschaffen und statt dessen die alten Albernheiten,
Spiebrgerlichkeiten und Erbrmlichkeiten wieder aus der
reichsstdtischen Rumpelkammer hervorzuholen, um sie soviel als mglich
dem neuen freistdtischen Kram anzupassen. Die ganze Stadt lag in den
Verfassungswehen, unter deren Geburtsschmerzen sie sich krmmte und
gebrdete, da es zum Erbarmen war; es dauerte jahrelang, bis dieses
Monstrum, diese Migeburt einer republikanischen Konstitution, endlich
durch eine Art Kaiserschnitt zu Tage gefrdert wurde. Gleich beim Beginn
der groherzoglichen Regierung waren alle Privilegien einzelner Personen
und Familien daselbst aufgehoben worden, sowie da die sogenannten
Patrizier oder adeligen Familien kein ausschlieliches Recht zu mtern
noch zu Diensten und Wrden mehr haben sollten, wogegen man mehrere
unter ihnen mit dem Kammerherrnschlssel, Hoffhigkeit und hnlichen
Dingen trstete. Diese wollten aber nun, da sie Schlssel und
Fhigkeiten eingebt, wieder in ihre alten Rechte oder vielmehr
Vorrechte eingesetzt sein und auf eine gewisse Zahl Stellen im Rat oder
Senat Anspruch machen, wozu sie jedoch eher ihre grere
wissenschaftliche Bildung, Kenntnisse und Fhigkeiten, als ein
angemates Vorrecht berechtigt htte; namentlich war es das Haus
Limpurg, das sich gewaltig und oft burlesk genug um dieses Vorrecht
stritt, und es regnete Broschren in diesen Angelegenheiten, die es
hinsichtlich des Stils, der Anmaung, der Unbeholfenheit, Plumpheit und
lcherlichen Impertinenz noch mit den Behrden, Urteilen und Verfgungen
der Frankfurter Gerichte aufnehmen konnten, bei denen man eine stupide
Grobheit durchaus fr unzertrennlich von der amtlichen Wrde hlt.

Man suchte damals auch in Frankfurt seinen Patriotismus und Franzosenha
durch altdeutsche Tracht der Welt kund zu tun, dies hielt aber nicht
lange an, auch wurde diese Tracht nie allgemein, da sie zu kostspielig
und also nur fr Reiche war, die damit in Gesellschaften und auf Bllen
prangten, namentlich die Damen mit altdeutschen Hubchen, Ketten und
dergleichen. Der Franzosenha ging so weit, da man jetzt jedes
franzsische Wort oder das man dafr hielt -- denn auch lateinische und
italienische Ausdrcke wurden oft dafr genommen --, aus der
Unterhaltung verbannt wissen wollte und dennoch deren in aller Unschuld
unzhlige einmischte, sie fr echt deutsch haltend. Mit franzsischen
reisenden Kaufmannsdienern wollte man sich nicht in geschftliche
Unterredungen mehr einlassen, wenn sie nicht deutsch sprechen konnten,
doch besann man sich eines Besseren, sobald man sich merkantilische
Vorteile davon versprach. Einen armen franzsischen Tanzmeister namens
Lepitre, der schon lange Jahre den Beinen und Fen der Frankfurter
Schnen Gelenkigkeit beigebracht hatte, wollte man schlechterdings aus
der Stadt geschafft wissen; glcklicherweise nahmen ihn einige
angesehene Familien, worunter die Bethmannsche und ihr groer Anhang,
die nicht von der allgemeinen Raserei befallen waren und bei denen er
Tanzunterricht gab, in Schutz, aber viele Franzosen und Franzsinnen,
unter denen auch Gouvernanten und Bonnen, die man hatte kommen lassen,
wurden fortgeschickt. Glcklicherweise verflog der Frankfurter
patriotische Rausch bald wieder, die Wehen der zu schaffenden Verfassung
beschftigten allmhlich die Gemter immer mehr, und als bald darauf
Napoleon von der Insel Elba landete, ging es wie 1792 nach der Ermordung
der franzsischen Soldaten, niemand wollte mehr so berauscht gewesen
sein. Ich hatte mich indessen wenig an diesen Unsinn gekehrt, doch wurde
ich im Innern erbittert, als ich nach und nach die Unbilden erfuhr,
welche sich die Franzosen in Deutschland und namentlich in Preuen,
aller Rechtlichkeit und Menschenwrde Hohn sprechend, erlaubt hatten;
auch hatte Napoleon schon durch seine Abdankung in Fontainebleau
unendlich in meinen Augen verloren. Er htte sich gleich Friedrich dem
Groen bis auf den letzten Mann seiner Haut wehren mssen, denn er hatte
noch weit mehr Hilfsmittel als jener zu seinen Diensten, aber freilich
nicht dessen Genie. Was mich am meisten emprte, war die feige Ermordung
des Buchhndlers Palm und das niedertrchtige Erschieen der Offiziere
von dem Korps des braven Schill, sowie da er dessen Soldaten, die doch
nur wie jeder Soldat ihrem Vorgesetzten gehorchen muten, unter das
Raub- und Mordgesindel auf die Galeeren von Toulon schickte.

In der Regel ging ich in Frankfurt in Zivilkleidern aus und steckte mich
nur dann und wann bei besonderen Gelegenheiten in meine franzsische
Uniform, was selbst die Meinigen sehr ungern sahen, weil sie frchteten,
es knne mir bse Hndel zuziehen. Da ich aber die kniglich
franzsische weie Kokarde trug, also in Diensten des von den
Verbndeten selbst eingesetzten Knigs stand, so glaubte ich keinen
Unannehmlichkeiten ausgesetzt zu sein, auch widerfuhr mir, obgleich ich
fters preuischen Offizieren und Soldaten begegnete, wie zu erwarten
war, nicht das mindeste. Eines Tages aber, als ich in Uniform an dem
Haus vorberging, in welchem ein sterreichischer Major namens Schrer
als Etappenkommandant sein Bureau hatte, kam mir ein sterreichischer
Korporal nachgesprungen und sagte mir, der Herr Major verlange mich zu
sprechen. Ich hie ihn einen Augenblick warten, zog meine Schreibtafel
heraus und schrieb mit Bleifeder die Adresse meiner Wohnung auf ein
Stckchen Papier, das ich dem Korporal zustellte und ihm sagte, er mge
dies nur seinem Herrn Major bringen und ihm sagen, da ich in der Regel
jeden Morgen bis zehn Uhr zu Haus zu treffen sei. Da der Korporal, das
Blttchen in der Hand haltend, noch immer zauderte, so wiederholte ich
ihm nochmals, da er dies nur seinem Major zuzustellen habe und nun
gehen knne. Somit glaubte ich die Sache abgemacht, den anderen Tag
erhielt ich aber ein Schreiben von dem sterreichischen Vizegouverneur,
dem General Grafen von Hardegg, der sich noch in Frankfurt aufhielt und
in einem uns befreundeten Haus einquartiert war, mit der Aufforderung,
mich zu ihm zu verfgen. Ich war unschlssig, was ich tun sollte,
indessen begab ich mich auf Zureden meiner Familie zu dem Herrn
Vizegouverneur, dessen erste Frage nach den gebruchlichen
Bewillkommnungen war, ob ich den Dienst nicht kenne?

Den franzsischen vollkommen, um den sterreichischen habe ich mich
niemals bekmmert, Herr General.

Warum haben Sie sich nicht bei dem Major Schrer gemeldet?

Ich wute nicht einmal, da noch ein sterreichisches Kommando hier
sei, und wrde es dann noch fr berflssig gehalten haben, ich bin ein
geborener Frankfurter.

Sie haben sehr gegen den Dienst gefehlt, bei uns wrde so etwas streng
bestraft werden.

Unglcklicherweise oder glcklicherweise habe ich nicht die Ehre, in
sterreichischen Diensten zu stehen.

Sie haben sich ber Ihren Urlaub auszuweisen.

Nichts leichter als dies.

Ich berreichte dem General meinen Urlaubsschein, den mir der Kommandant
von Straburg, Divisionsgeneral Desbureaux, in franzsischer Sprache
ausgestellt hatte.

Hardegg tat, als lese er denselben, indem er ihn brummend mit den Augen
durchlief und ihn mir dann mit einem: Das ist ganz gut! zurckstellte.
Ich hatte Mhe, dem guten General nicht ins Gesicht zu lachen, da ich
wute, da er ebensowenig Franzsisch als Chinesisch verstand und nur
sterreichisches Deutsch sprach. Er erlaubte sich indessen noch einige
uerungen ber das franzsische Militrwesen und sagte unter anderem,
er begreife gar nicht, wie man noch einige Anhnglichkeit an einen
solchen Sauschwanz und Spitzbuben, wie der Napoleon sei, haben knne,
worauf ich erwiderte: Was das franzsische Militrwesen anbetrifft, so
glaube ich allerdings, da es niemand besser aus Erfahrung zu schtzen
wissen wird, als die sterreicher. Was aber den Napoleon anbelangt, so
ist es mir unbegreiflich, wie Ihr Kaiser einem solchen Spitzbuben seine
Tochter zur Frau geben konnte.

Jo, 's hat halt mol so sein msse, versetzte der General, dem ich
mich nun lchelnd empfahl, nachdem ich ihn noch gefragt, ob er
hinsichtlich meiner Person gengend befriedigt sei und er sein: 's is
halt so gut! erwidert hatte.

Einige Tage darauf traf ich im Roten Haus auf einem Kasinoball mit dem
Herrn General, der in roten Hosen steckte, und dem Major Schrer
zusammen; auch befanden sich mehrere preuische Offiziere daselbst. Ich
war in meiner franzsischen Uniform, obgleich mir meine ebenfalls wtend
deutsche Schwester versichert hatte, ich wrde in derselben kein
einziges Mdchen finden, das mit mir tanze, und Hndel bekommen.
Glcklicherweise ging keine dieser Prophezeihungen in Erfllung. Der
Major Schrer schien mich zu meiden, General Hardegg sprach sogar ein
paar freundliche Worte mit mir, die preuischen Offiziere benahmen sich
wie Ehrenmnner, und ich unterhielt mich lange mit ihnen, auch
Tnzerinnen fand ich mehr, als ich htte befriedigen knnen, und unter
ihnen manche Bekannte aus meiner Kindheit, wie Karoline Th... und so
weiter. Man wollte durchaus die franzsischen grazisen Kontertnze von
diesen Bllen verbannt wissen, dennoch gelang es mir mit Hilfe einiger
hbschen Frauen, trotz dem Widerstreben wtender Deutschtmler, sie
zustande zu bringen. Besonders war es die schne Frau des Bankiers von
Bethmann, eine Hollnderin, die mit ihrem Anhang und ihren Damen die
franzsischen Tnze in Schutz nahm, und obgleich in einer sogenannten
altdeutschen Tracht, deren Stoff weier Sammet mit Goldstickerei war,
fast nur franzsische Quadrillen tanzte, was ihr um so leichter wurde,
als sie viele Anbeter hatte. Kurz darauf gab Herr von Bethmann ein
groes Fest auf einem seiner Gter in Frankfurts Nhe, das der Sandhof
genannt wurde und frher eine ffentliche Wirtschaft war. Die Fte war
uerst glnzend und mit einem ungeheuren Aufwand, sowohl bei der
Dekorierung der Gemcher als an Speisen und Getrnken, veranstaltet.
Mehr als tausend Personen waren eingeladen worden, und zwar aus allen
Stnden, so auch smtliche Handwerksleute, die fr das Bethmannsche Haus
arbeiteten, mit ihren Frauen, was dem Fest freilich einen eigenen
Anstrich verlieh. Frau von Bethmann und ihre beiden Hofdamen, Frulein
von Idstein und Frau von St. George, empfingen alle Gste in einem im
Garten des Sandhofs aufgeschlagenen Zelt; sie waren alle drei in groe,
schwarzsamtne Mntel gehllt -- die Jahreszeit war schon ziemlich
vorgerckt -- und sahen so den drei Masken im Don Juan hnlich. Herr von
Bethmann, der kurz vorher einen kleinen Strau mit dem wieder
bestehenden Frankfurter Senat gehabt, hatte ber das Haupttor des
Eingangs am Sandhof ein Transparent mit den Worten: >Tue recht und
scheue niemand!< setzen lassen, was zu allerlei Bemerkungen Anla gab.
Nicht weniger als vier Bfetts waren in verschiedenen Gemchern
errichtet, wo man sich Eis und alle mglichen Getrnke und die
kstlichsten Weine sowie Sigkeiten nach Belieben fortwhrend konnte
reichen lassen, was sich manche der Geladenen so sehr zunutze machten,
da ihre Kpfe schwer wurden und sie das Gleichgewicht verloren. Um
Mitternacht setzte man sich zu Tisch, nachdem vorher noch ein Feuerwerk
abgebrannt worden war. Auch hier fand ich wieder alte Jugendfreundinnen,
teils verheiratet, teils noch ledig, und mit einigen, wie Lilli O...,
knpfte ich die frhere Bekanntschaft wieder an und verlor mich ein
halbes Stndchen mit ihr in dem Garten _et l'un contemplait la terre,
l'autre le firmement_ und so weiter. Das Fest dauerte bis zum hellen
Tag, wo ich mit den letzten Gsten in einem Nachen auf dem Main nach
Frankfurt zurckfuhr.

Damals kamen zahlreiche Transporte von Franzosen, die aus der russischen
oder preuischen Gefangenschaft heimkehrten, durch Frankfurt. Eines
Tages hatte einer derselben auf ein Bild des Kaisers Franz, das an einem
Bilderladen auf der Zeil ausgehngt war, gespieen und dabei einige
Schimpfworte ausgestoen; dies hatte ein sterreichischer Korporal
gesehen, der den Frevler gleich zu dem Major Schrer brachte, diesem das
Vergehen rapportierte, worauf derselbe dem Franzosen fnfzig
gutgemessene Stockprgel aufzuzhlen befahl. Der arme Teufel machte
gewaltige Anstrengungen und Faxen, um sich der Prgelsuppe zu entziehen,
aber der Korporal, ein Ungar, sagte zu ihm: Lek di nur hin, Kamerad,
helf all nix, ein klan Viertelstund, und alles is vorbei, und der
Franzose bekam die fnfzig auf echt sterreichisch aufgezhlt.

Nachdem ich ungefhr sechs Wochen in Frankfurt verweilt hatte, machte
ich einen Besuch in Homburg bei meinem guten alten Oheim Oberpfarrer,
bei dem ich vierzehn Tage recht angenehm zubrachte und dem es ein groes
Vergngen gewhrte, wenn ich ihm von meinen Feldzgen und Abenteuern,
wobei ich freilich die galanten sub silentio berging, erzhlte. Hier
suchte ich die mir teuern Tummelpltze meiner Kindheit und alte Bekannte
wieder auf und wurde von allen freundlich aufgenommen. Mein alter Lehrer
Breitenstein war mit einem halben Dutzend Kinder gesegnet und hatte eben
ein dickes Buch gegen Frankreich und das franzsische Volk geschrieben,
dessen Titel mir entfallen ist, aus dem er mir aber zu meinem Leidwesen
ganze Kapitel vorlas, die ich mit der grten Langeweile anhrte.
Deutschland war damals mit einer Sndflut solcher Broschren und Bcher
berschwemmt, die alle einen glhenden Franzosenha, aber auch viel
baren Unsinn atmeten. Das des Oberhofpredigers Breitenstein war nicht
ohne Geist, aber viel zu ausgedehnt und volumins.

Mein guter Oheim meinte, es sei denn doch besser, da ich Offizier
geworden sei, als Komdiant; ich erwiderte ihm: Lieber Herr Onkel, am
Ende sind wir doch alle nur Schauspieler unseres Herrgottes, ob in
schwarzer, bunter oder farbiger Jacke. Und er lchelte mir Beifall zu,
ohne etwas zu entgegnen.

Auch bei Hof stellte er mich dem Landgrafen und der Frau Landgrfin vor,
von denen ich sehr freundlich aufgenommen und whrend meines Aufenthalts
in Homburg hufig zur Tafel geladen wurde. Eine meiner ehemaligen
Geliebten, Eleonore von Brandenstein, war jetzt Hofdame der Landgrfin,
aber schon ziemlich verblht, ebenso Frau von B., die viele Kinder
gehabt; was tun neun Jahre nicht!

Unterdessen kam die Weihnachtszeit, das liebe Fest aus meiner Kindheit,
heran. Ich freute mich, dasselbe wieder einmal im Schoe meiner Familie
feiern zu knnen und brachte es mit seinen Bescherungen recht vergngt
zu. Die Meinigen drangen unterdessen in mich, meinen Abschied aus
franzsischen Diensten zu nehmen und in die einer deutschen Macht zu
treten, wozu man schon Mittel finden wrde, mir den Weg zu bahnen; ich
versprte keine groe Lust, einen solchen Schritt zu tun, bat aber,
bevor mein Urlaub um war, um dreimonatliche Verlngerung desselben, die
ich auch ohne Umstnde erlangte.

Der Winter ging mir in Frankfurt, Homburg und Offenbach auf eine
ziemlich angenehme Weise herum, ich besuchte fleiig die Blle, machte
manchmal eine Jagdpartie mit und fhrte sozusagen ein wahres
Schlaraffenleben, whrend der Kongre in Wien brtete und die
Nachrichten von daher keinerlei Erwartungen entsprachen, zu langweilen
begannen und Frankfurt noch immer in seinen Verfassungswehen lag.

Eines Vormittags, als ich eben ein Pferd bestiegen hatte, um nach
Homburg zu reiten, fand ich die Straen Frankfurts uerst bewegt und
mit ungewhnlich viel Menschen angefllt, die alle einen rennenden
Schritt fhrten; besonders nahm ich dies ber die Zeil reitend wahr.
Hier begegnete ich einem Bekannten, den ich fragte, was dieser Tumult
bedeute? -- Wie, Sie wissen nicht, erwiderte derselbe, Napoleon ist
wieder in Frankreich gelandet! -- Ist's mglich? -- Ganz gewi, die
offizielle Nachricht davon ist vor einer Stunde per Estafette
eingetroffen. -- Sind Sie dessen gewi? -- Kein Zweifel mehr, ich
habe es aus der ersten Hand. -- Ich machte schnell rechtsum kehrt, und
statt nach Homburg, ritt ich wieder heim und brachte den Meinigen, die
noch beim Frhstck saen, brhhei die groe Neuigkeit, worber sie
nicht wenig staunten und die sie zu glauben Mhe hatten; bald stellte
sich jedoch die Wahrheit derselben ber allen Zweifel heraus, und die
noch denselben Tag ankommenden Pariser Journale meldeten die Landung des
>tollen Abenteurers Bonaparte<, der zur Stunde indessen wohl schon in
einem Gefngnis der Provence sitzen werde. Den anderen Tag las man
jedoch in denselben Blttern, da der General Bonaparte, zu dem einige
Haufen gewissenloses Militr und Gesindel bergegangen seien, gegen Lyon
marschiere, wo er nicht ermangeln knne, das Ziel seines abenteuerlichen
Unternehmens zu finden. Die nchsten Zeitungen berichteten die Ankunft
des Exkaisers zu Lyon und da er gegen Grenoble ziehe, und wenige Tage
spter hie es in obigen Journalen: >Seine Majestt der Kaiser Napoleon
sind unter dem Jubel des beglckten Volkes in Frankreichs Hauptstadt
eingerckt.< -- Ich war unter diesen Umstnden, da mein Urlaub ohnehin
bald zu Ende war, entschlossen, nach Straburg zurckzukehren. In
Frankfurt herrschte jetzt groe Bestrzung; man glaubte die Franzosen
schon wieder vor den Toren, und die ngstlichen Gemter machten es wie
vor einigen zwanzig Jahren, keiner wollte ber Napoleon geschimpft,
keiner einen Freudenschu getan haben. Ich traf Anstalten, um baldigst
nach Frankreich abzureisen, obgleich meine Verwandten alles mgliche
taten, mich davon abzuhalten. Als ich reisefertig war, mietete ich mir
einen Wagen nach Karlsruhe, nahm Abschied von den Meinigen und fuhr
gegen acht Uhr morgens von Haus ab. Als ich aber zu Sachsenhausen an das
Affentor kam, welches ich passieren mute, hie man den Kutscher
stillhalten, und ein sterreichischer Unteroffizier trat an den Schlag
und fragte mich nach meinem von dem Etappenkommandanten unterzeichneten
Passierschein, und da ich ihm sagte, da ich ein solches Ding nicht
kenne, so erklrte er mir, da ich nicht passieren knne; in diesem
Augenblick trat auch der Platzadjutant aus der Wachtstube und kndigte
mir an, da ich Stadtarrest habe und, wenn ich nicht mein Ehrenwort
gebe, die Stadt nicht ohne Erlaubnis der Militrbehrden verlassen zu
wollen, dieser sich sofort in strengen Arrest verwandeln knne. Hierber
aufgebracht, sagte ich, dies seien Gewaltstreiche, die man sich gegen
mich erlaube, gegen die ich protestiere und so weiter. Dies half aber
alles nichts, und man machte Miene, mich zu verhaften; ich lie den
Kutscher umwenden und wollte es versuchen, zu einem anderen Tor
hinauszukommen, aber eine Ordonnanz setzte sich auf den Bock, und ich
mute auf die Kommandantur fahren. Hier stellte ich den Major Schrer
wegen dieses Verfahrens zur Rede, dieser zuckte aber die Achseln,
sprechend, da er auf hheren Befehl handle. Sie sind in franzsischen
Diensten, setzte er hinzu, und ich habe Befehl vom General Hardegg,
kein franzsisches Militr unter den jetzigen Umstnden mehr nach
Frankreich zurckgehen zu lassen; eine Kolonne franzsischer Gefangener,
die gestern hier ankam und heute weiter sollte, mu gleichfalls
zurckbleiben. -- Aber mein Gott, ich bin ja kein Kriegsgefangener,
sondern auf Urlaub. -- Das macht halt nix, Sie sind's mal in
franzsischen Diensten und mssen's da bleiben; wenn Sie mir aber Ihr
Ehrenwort geben wollen, die Stadt nicht zu verlassen, so knnen's frei
in derselben umhergehen, wohin Sie wollen. -- Ich wollte ihm eben etwas
derb antworten, als sich die Tr des Bureaus ffnete und General Hardegg
hereintrat, der mir das nmliche wiederholte; ich mute mich fgen,
wollte ich nicht Arrest auf der Hauptwache erhalten. Als ich nun wieder
zu Hause ankam, empfingen mich meine Geschwister lachend, und es wurde
mir bald klar, was mein jngster Bruder, der mir beim Weggehen lchelnd
zugerufen hatte: Ich nehme keinen Abschied, wir sehen uns doch bald
wieder, damit hatte sagen wollen. Meine Familie war nicht ohne
Mitschuld an dem, was mir soeben begegnet war. Zwei Tage darauf kam mein
Oheim von Homburg und drang in mich, ich solle suchen, in preuische
Dienste zu kommen, er nehme es auf sich, mir eine Anstellung in
denselben zu verschaffen; das Hirngespinst des Erbadels oder wenigstens
dessen Vorrechte seien aus den Reihen des preuischen Heeres
verschwunden, ich wrde von der Landgrfin und ihm die besten
Empfehlungen an die Prinzessin Wilhelm erhalten, eine glnzende Karriere
in Preuen knne mir nicht fehlen. Dies seien die Truppen, die sich im
letzten Feldzug am tapfersten geschlagen, in der ffentlichen Meinung am
hchsten stnden und allgemein geehrt wrden. Ich erwiderte, da ich
vorerst unmglich darauf eingehen knne und wenigstens einige Tage
Bedenkzeit haben msse. Er lud mich jetzt ein, mit ihm nach Homburg
zurckzufahren und wieder ein paar Tage bei ihm zuzubringen, whrend
denen ich mich hinlnglich besinnen knne. Als ich ihm bemerkte, da ich
die Stadt nicht verlassen knne ohne die Erlaubnis der Militrbehrde,
zog er eine solche nebst einem gedruckten Passierschein fr mich aus der
Tasche. Ich nahm nun die Einladung an und fuhr mit dem guten Onkel nach
Homburg, wo ich diesmal von der landgrflichen Familie mit der
ausgezeichnetsten Freundlichkeit aufgenommen wurde und wo ich den Herrn
von Balthazar, den Sohn dessen, der frher als Emigrant mit seiner
Familie in Homburg gelebt, ebenfalls jetzt zum Besuch an dem
gastfreundlichen Hof antraf und der eines Tages an der Tafel erzhlte,
da er es gewesen, der 1810 _aux franais_ die Orange auf die Bhne
geworfen, in welcher ein Louisdor in Papier eingewickelt war, auf dem
die Worte: _Gardez le Louis et jettez l'ecorce_ (_le corse_) gestanden.

Als ich wieder eines Tages an der Tafel speiste und man beim Dessert
echten Tokaier-Ausbruch, den der Erbprinz von Homburg seinen Eltern von
Wien geschickt, der einzige, den ich wohl je echt getrunken, servierte,
sagte die Prinzessin Auguste zu mir: Nicht wahr, Herr Hauptmann, Sie
werden dem Korsen nicht wieder dienen? -- Diese Frage setzte mich in
keine geringe Verlegenheit und war mit so unendlicher Liebenswrdigkeit
ausgesprochen, da es mir nicht mglich war, sie anders als mit einem:
Nein, Durchlaucht! beantworten zu knnen. Jetzt war es ausgesprochen,
mein Oheim triumphierte, wir fuhren zusammen nach Frankfurt zurck, wo
der gute Mann meine Eltern mit den Worten anredete: Einen Franzosen
habe ich mitgenommen, und einen Preuen bringe ich zurck. Nun war der
Jubel in der ganzen Familie gro, es regnete Gratulationen, man gab mir
abermals Ften, und bald darauf befand ich mich, mit den besten
Empfehlungsschreiben von dem Landgrafen, der Prinzessin Auguste und
meinem Oheim an die Prinzessin Wilhelm und guten Wechseln versehen, auf
dem Weg nach Berlin.

So war denn die erste Hauptabteilung des Lust- und Trauerspiels meines
Lebens beendigt; die zweite, wenn auch weniger tatenreich, doch toll und
unterhaltend genug, sollte beginnen.




                                  VII.

   Reise von Frankfurt nach Berlin. -- Leipzig. -- Die Messe. -- Ein
       Paar Harfenmdchen. -- Eine Partie nach Giebichenstein. --
    Wittenberg. -- Berlin. -- Prinzessin Wilhelm. -- Die Theater. --
    Iffland und Devrient. -- Potsdam. -- Graf Lusi und Friedrich der
       Groe. -- Sanssouci. -- Ein bbischer Studentenstreich. --
        Urania. -- Meine Anstellung. -- Die Familie Pogwisch. --
   Anekdoten vom Kronprinz. -- Ich soupiere mit sechs Damen. -- Eine
    Knstlerhaushaltung. -- Das Institut Bernhard. -- Die Tabagien.
      -- Eindruck der Schlacht bei Waterloo. -- Das Opernhaus. --
                         Abreise nach Kolberg.


Ich trat im April 1815 die Reise nach Leipzig per Extrapost mit einem
Kaufmann aus Elberfeld namens Rittershausen, einem Bekannten unseres
Hauses, an. Wir aen in Fulda bei einer sehr niedlichen Wirtin, die sich
Frau Knips nannte, zu Abend und versprachen ihr das baldige
Wiederkommen, worauf ich einen Abschiedsku _ compte_ von ihr erhielt.
-- In Eisenach zeigte man uns die von dem Springen eines Pulverwagens
der retirierenden Franzosen sehr beschdigten Huser. ber fnfzig
Personen hatten bei dieser Gelegenheit das Leben eingebt; die
zerrissene Brust eines schnen jungen Mdchens, das durch diese
Explosion zerschmettert worden, war an einem Fenster hngen geblieben.

In Leipzig kamen wir gerade zur Messezeit an. Da dies das Ziel meines
bisherigen Reisegefhrten war, so trennte ich mich jetzt von diesem und
legte den Rest der Reise mit einem jungen Mann aus Darmstadt zurck, der
in Berlin seine medizinischen Studien vollends beendigen wollte und mit
unserer Familie befreundet war. Wir beschlossen jedoch, uns ein paar
Tage in Leipzig zu verweilen. Das Messegewhl daselbst war
auerordentlich, und weder Frankfurt noch Beaucaire oder Sinigaglia
knnen in Vergleich damit kommen. Es war ein Gewirre, eine
Geschftigkeit, ein Whlen und eine Masse von Menschen aus allen
Gegenden Europas, die nicht zu beschreiben. Namentlich bemerkte ich auch
viel Griechen, Trken und Armenier, sogar Asiaten hier. Die Frankfurter
Messe ist in der Tat nur ein Jahrmarkt dagegen, besonders ist der Handel
und Umtausch _en gros_ von der grten Bedeutung. Da das Schlachtfeld
vom 18. Oktober, auf dem Deutschlands Befreiung von fremdem Joch
erkmpft wurde, mich mehr als alles andere anzog, war natrlich, auch
irrte ich einen ganzen Tag mit einem Fhrer auf demselben umher, konnte
aber keine gengende Auskunft auf meine Fragen von diesem erhalten. Die
durch einen armen Mineur-Korporal, nach den napoleonischen Bulletins so
sehr zur Unzeit, gesprengte Brcke ber die Pleie betrachtete ich
lngere Zeit, bedenkend, an welche Zuflle sich oft das Ungeheuerste,
das Schicksal der Reiche und Nationen knpft. Mit Wehmut erfllte mich
aber die Stelle, wo Poniatowsky seinen Tod in der Elster fand.

Wir besahen alle Messeraritten und besuchten einige ffentliche Grten,
in denen es recht lustig zuging; in einem derselben waren ein paar
blutjunge, recht hbsche bhmische Harfenmdchen, von denen die jngere
sang und eine silberhelle Glockenstimme hatte, auch trug sie mit viel
Feuer und Ausdruck vor. Ich lud sie ein, den Abend in den Gasthof, wo
ich logierte, zu kommen, wo sie reichlich beschenkt wurden, da ich fr
sie sammelte und selbst einige Achtgroschenstcke auf den Teller warf.
Ich hatte mir vorgenommen, einen Abstecher nach Halle oder vielmehr nach
dem mir historisch und theatralisch so merkwrdigen Giebichenstein zu
machen, und lud die beiden Mdchen ein, mit von der Partie zu sein, um
auf der alten Bergfeste den Klang ihrer Harfen und ihre Stimme ertnen
zu lassen.

Die Aussicht von dem hohen Giebichenstein ist wunderschn. Auf den
Ruinen der Feste sitzend, nahm ich ein kleines Mahl mit meinen hbschen
Harfenistinnen ein, wobei wir ein paar Flaschen von Leipzig
mitgenommenen Champagner leerten, unter dem freien Himmel sangen und
beraus frhlich waren. Bis zur Dmmerung brachten wir hier zu und kamen
erst gegen Mitternacht wieder in Leipzig an, wo ich die Mdchen, denen
ich eine Stube in meinem Gasthof geben lie, bei mir behielt und wir
noch ein leckeres Souper unter Schkereien einnahmen und dann bis zum
Grauen des Morgens jubelten und uns vergngten. Ich entlie jetzt die
Mdchen, die mir mitteilten, da sie die Absicht htten, nach der Messe
nach Berlin zu gehen, um dort ihr Glck zu versuchen und wo sie hofften,
mich wiederzufinden. Ich reiste den sechsten Tag nach meiner Ankunft in
Leipzig mit einer Retourgelegenheit dahin ab. Der Weg ging meistens
durch Sand, so da man fast immer Schritt fahren mute, was mich zwar
ungeduldig machte, aber mir dennoch keine Langeweile verursachte, da ich
alle mglichen Bilder der Vergangenheit und einer wahrscheinlichen
Zukunft an meiner Einbildungskraft vorbergehen lie.

Auf der preuischen Grenze wurde Koffer und Pa sorgfltig geprft,
jedoch alles mit groer Artigkeit und Delikatesse von seiten der
kniglich preuischen Zollbeamten und ohne die mindeste Schikane,
obgleich ich noch als franzsischer Offizier auf meinem Pa angefhrt
war. In Wittenberg, das die Preuen vor kaum achtzehn Monaten im Sturm
von den Franzosen erobert hatten, wobei der franzsische Kommandant,
General Lapoipe, mit dem Degen in der Hand im Schlo gefangen worden
war, besuchte ich die Schlokirche, in welcher Luther und Melanchthon
und Friedrich der Weise begraben liegen. Von hier aus hielt ich mich
nirgends mehr als ein paar Stunden in Potsdam auf und traf den zweiten
Tag nach meiner Abfahrt von Leipzig in Berlin ein, wo wir durch das
schne Brandenburger Tor fuhren, auf welchem jetzt die berhmte Quadriga
wieder thronte, die Napoleon nach Paris hatte schleppen lassen, die aber
die Preuen bei ihrem ersten Gegenbesuch daselbst wieder heim schickten
und auf den ihr gebhrenden Standpunkt stellten. So viel schne Stdte
und Gebude ich auch schon gesehen hatte, so war ich dennoch bei dem
Anblick des Brandenburger Tores, der Ansicht der Linden und des schnen
Platzes zwischen diesen und dem Tor berrascht. Ich fuhr nach dem mir
empfohlenen Gasthof, der >Stadt Rom<, der auf der linken Seite der
Linden liegt.

Von Leipzig bis hierher hatte ich sehr unangenehmes, rauhwindiges Wetter
gehabt, das mir einen starken Schnupfen und Katarrh verursachte; dennoch
lie ich mich schon am anderen Morgen bei Ihrer kniglichen Hoheit der
Prinzessin Wilhelm von Preuen, gebotene Prinzessin Marianna von
Hessen-Homburg, anmelden und wurde noch den nmlichen Tag auf das Schlo
beschieden, wo ich mich _en grande tenue_ in franzsischer Uniform
einfand, der hohen Dame meine Empfehlungsschreiben, von ihren Verwandten
ausgestellt, berreichte und sehr gndig aufgenommen wurde. Ich habe
wenig Frauen gesehen, die ein wrdevolleres, edleres, ja
majesttischeres Ansehen gehabt htten, als diese Prinzessin, dabei
hatte sie dennoch etwas beraus Wohlwollendes und Freundliches in ihren
edlen Zgen und eine groe aber erhabene Einfachheit in ihrem Benehmen;
welch ein Unterschied zwischen dieser Dame sowie berhaupt den meisten
deutschen Frstinnen und den neugebackenen Prinzessinnen der Familie
Bonaparte, die auch nicht die mindeste Achtung einzuflen imstande
waren, whrend man bei dem Anblick der Prinzessin Wilhelm von Ehrfurcht
und Hochachtung durchdrungen war, so da trotz ihrer groen Schnheit
kein unlauterer Gedanke aufkommen mochte. Sie erkundigte sich bis auf
die kleinsten Details nach allem, was ihre Familie in Homburg betraf,
sowie nach meinem guten Oheim daselbst, auch hatte sie die Gnade, mir
mitzuteilen, da sie bereits in meiner Angelegenheit auf Veranlassung
meines Oheims an den mit dem Knig bei dem Kongre zu Wien befindlichen
Kriegsminister von Boyen geschrieben und befriedigende Antwort
hinsichtlich meiner Anstellung erhalten habe, die wohl nicht lange
ausbleiben werde. Sie hoffe, da ich eine glnzende Karriere in der
preuischen Armee machen werde, ich msse aber jetzt auch echt deutsche
und preuische Gesinnungen zeigen. Sie erinnerte sich der jugendlichen
Spiele im Schlogarten zu Homburg, sowie da ich als Knabe manchen
tollen Streich verbt, erzhlte mir, da sie fortwhrend in vertrautem
Briefwechsel mit meiner Cousine Henriette in Bremen stehe und da diese
sie fters in Berlin besuche und dann bei ihr im Schlo wohne. Sie
entlie mich endlich mit der Versicherung, da sie fr mich tun werde,
was ihr mglich sei. ber diesen Empfang vergngt, empfahl ich mich,
mute aber, da sich mein Katarrh sehr verschlimmerte, mehrere Tage das
Zimmer hten, whrend welchen ich Mue hatte, das Treiben und Wogen
unter den Linden gehrig zu beobachten, meine Bemerkungen anzustellen
und mich einstweilen theoretisch, das heit durch Bcher, mit Berlin
bekannt zu machen. Lange hielt ich aber diesen Zimmerarrest nicht aus,
sondern folgte den nchsten Sonntag Nachmittag der zahllosen Menge der
schnen und nicht schnen Welt, die an meinem Fenster vorber dem
Brandenburger Tor zustrmte und sich in dem Tiergarten und unter den
Zelten verlor. Die Berlinerinnen, bei denen Schnheit und zierlicher
Wuchs keine Seltenheit, sind meistens sehr elegant und mit Geschmack
gekleidet, und wenn sie auch gerade nicht die zierliche Grazie der
Pariserinnen besitzen, so sind sie doch durch ihre weit greren
krperlichen Reize um so anmutiger, und ich fand seltene Schnheiten
unter ihnen.

Als ich mich auf der Polizei meldete und der Inspektor in meinem Pa das
Wort >franzsischer Kapitn< las, machte er groe Augen, examinierte
mich umstndlich ber meine Verhltnisse, wo mein letzter Aufenthalt
gewesen und so weiter, namentlich kam es ihm unglaublich vor, da ich
zuletzt in Korfu gestanden und nun preuische Dienste suche. Er verlie
mich, um, wie es mir schien, hhere Instruktionen einzuholen; nach einer
guten halben Stunde kam er zurck und erteilte mir eine Aufenthaltskarte
auf vierzehn Tage mit der Weisung, dieselbe, wenn sie abgelaufen,
erneuern zu lassen. Indessen merkte ich doch soviel, da man mich unter
geheime polizeiliche Aufsicht stellte und deshalb Verordnungen gab. Mit
einem Wort htte ich allerdings das polizeiliche Mitrauen beseitigen
knnen, allein ich konnte und durfte meine hohe Beschtzerin unmglich
auf der Polizei namhaft machen.

Acht Tage nach meiner Ankunft kam auch mein Bedienter, den ich in
Frankfurt zurckgelassen, mit zwei Reitpferden an, welche ich noch vor
meiner Abreise daselbst gekauft, weil mir in Homburg insinuiert worden
war, da ich in Berlin mit einigem Glanz auftreten msse, wenn ich
einigermaen ressieren wolle. Ich machte nun Besuche und gab die
mitgebrachten Empfehlungsschreiben ab, unter denen solche an Hufeland
und von Uhden, welche mir aber auer Einladungen zu Diners und Tees
wenig ntzten. Eines Vormittags, als ich mit dem Wirt des Hotels eine
Konversation anknpfte, erzhlte mir derselbe lchelnd, da sich
anfnglich die Polizei auerordentlich um mein Tun und Treiben bemht
habe, aber es jetzt gewi unterlassen werde, da er den Herren
mitgeteilt, da ich schon einigemal in das Schlo zur Prinzessin
Wilhelm, knigliche Hoheit, zitiert worden. Ich sagte ihm nun den Grund,
warum wohllbliche Polizei so sehr um mich besorgt sei, nmlich da man
mich wahrscheinlich fr einen franzsischen oder vielmehr napoleonischen
Spion gehalten habe. brigens aber wurde ich so wenig wie jeder andere
Fremde in Berlin im mindesten von der Polizei mit Lcherlichkeiten und
Erbrmlichkeiten molestiert, wie dies im sterreichischen und besonders
in Wien der Fall ist, wo jeder Fremde eine Art peinliches Verhr
durchzumachen hat, um seine Privatverhltnisse bis in die kleinsten und
kleinlichsten Details befragt wird, sich darber auszuweisen hat, ob er
auch hinlngliche Mittel besitzt, die Kosten der wenigen Tage seines
Aufenthaltes in der Kaiserstadt zu bestreiten, und was dergleichen
Absurditten mehr sind.

In Erwartung meiner Anstellung besichtigte ich Berlins Merkwrdigkeiten,
vor allem Schauspiel und Oper, die damals vortrefflich besetzt waren;
zwar war Iffland schon tot, aber durch Devrient, den viele Personen
jenem noch vorzogen, vollkommen ersetzt. Bei Iffland war alles hohe
Kunst, vollendetes Studium, auch spielte er jede Rolle einmal wie das
andere, alle seine Bewegungen, seine Schritte und Mienen waren fast mit
mathematischer Genauigkeit abgemessen; in dieser Szene dieser Rolle trat
er sicher um keine Linie mehr vor- oder rckwrts, als das erstemal, da
er sie spielte. Jede Gebrde war vor dem Spiegel eingeprgt, whrend
Devrient, ganz Genie, so spielte, wie es ihm das Gefhl des Moments
eingab, daher er auch durch sein Feuer weit mehr das Publikum hinri,
als es Iffland vermocht hatte. Ferner waren Mattausch, Blume, Beschort,
Fischer, Wurm, die Damen Milderhauptmann, Schulze, Devrient und vor
allem die liebenswrdige Demoiselle Dring, sptere Stich, in der vollen
Blte ihrer Kunst und ihrer Jugend. -- Ich machte nun einen Ausflug nach
Potsdam, das mir wegen seiner Erinnerungen an Friedrich den Groen so
sehr interessant war; auerdem hatte ich das Empfehlungsschreiben an den
ehemaligen Gesandten Friedrichs, den Grafen Lusi, abzugeben, welches mir
der Graf Mocenigo in Korfu mitgegeben hatte und von dem jemals Gebrauch
zu machen ich nicht geglaubt hatte. Lusi nahm mich mit auerordentlicher
Freundlichkeit auf, lie sogleich meine Effekten und Pferde in seine
Behausung bringen und bestand darauf, da ich whrend meines
Aufenthaltes in Potsdam, der wenigstens vierzehn Tage dauern, bei ihm
wohnen und mit seinem Tisch vorlieb nehmen msse. Ein sonderbarer Zufall
wollte, da, whrend ich bei ihm in Potsdam wohnte, sein Sohn, der
damals als Premierleutnant bei der kniglich preuischen Garde stand,
als diese durch Frankfurt kam, bei meinen Eltern einquartiert war. --
Der alte Lusi war ein Grieche von Geburt und konnte sich nicht genug
nach seinem Vaterland, das er in langer Zeit nicht mehr gesehen, bei mir
erkundigen. Leider war ich auerstande, ihm die gewnschte Auskunft
geben zu knnen, da ich, die Insel Korfu und die Ksten Albaniens
ausgenommen, von Griechenland keine anderen Gegenden kannte; dennoch
sprach der alte Graf gerne und viel von seinem Vaterland, und ich konnte
ihm nicht genug von Korfu erzhlen. Die Weise, auf welche Graf Lusi des
groen Friedrichs Bekanntschaft machte und in dessen Dienste kam, ist
seltsam genug und ein Beweis sowohl von Lusis Scharfsinn als wie sehr
der groe Monarch es verstand, die Leute zu whlen, die fr seine
Dienste und Absichten am passendsten waren, eine schwere Aufgabe, die
nur ausgezeichnete Mnner zu lsen verstehen. Hier, was mir der alte
Lusi selbst davon mitteilte. Friedrich der Einzige hatte in einer
Berliner Zeitung, ich entsinne mich nicht mehr, welche Verfgung
einrcken lassen, zu gleicher Zeit aber noch einige andere diplomatische
und politische Maregeln ergriffen; hieraus kombinierte und erriet der
Graf uerst scharfsinnig des Knigs geheime Zwecke und Absichten und
machte sie in der Zeitung von Venedig bekannt. Friedrich, dem dieser
Artikel von seinem Gesandten zugeschickt wurde, gab diesem Befehl, alles
anzuwenden, um dessen Verfasser herauszubekommen, was demselben auch _
force d'or_ gelang. Er war erstaunt, da ein ihm ganz unbekannter Graf
derselbe gewesen, denn er hatte geglaubt, der Artikel sei durch Verrat
von Personen aus seinem Kabinett in die Hnde des Zeitungsredakteurs
gekommen. Friedrich wandte sich jetzt mittelbar an den Grafen selbst und
vermochte diesen zu einer Reise nach Berlin. Als er Lusi persnlich
kennen gelernt, fragte er ihn eines Tages, durch welche Mittel er seine
Absichten erraten. -- Lusi erwiderte ihm: Eure Majestt haben dies und
jenes in Ihren Zeitungen abdrucken und dabei diese und jene Demarchen
machen lassen, wodurch es mir mglich wurde, was Sie damit
beabsichtigten, zu erraten. -- Friedrich war ber Lusis Scharfsinn
verwundert, bat ihn, in seine Dienste zu treten, was der Graf annahm,
und er machte eine glnzende Karriere.

Obgleich schon sehr bejahrt und auch krnkelnd, war Lusi doch so gtig,
selbst den Cicerone zu machen und mir Potsdams Merkwrdigkeiten zu
zeigen und zu erklren. Er fhrte mich in den Schlssern umher, und bei
jeder Stelle, an welcher Friedrich der Groe geweilt, irgend etwas
verrichtet, mit ihm einige gewichtige Worte gesprochen, erinnerte er
sich dessen und erzhlte mir mit groer Selbstzufriedenheit, wie ihn der
groe Mann hufig um seine Meinung befragt. Auch in Sanssouci und dessen
weitlufigen Grten fhrte mich mein vornehmer Cicerone umher, und hier
wiederholte er wohl hundertmal mit selbstgeflliger aber verzeihlicher
Eitelkeit: Auch auf dieser Stelle hatte ich eine Unterredung mit
Friedrich.

In Potsdam machte ich die Bekanntschaft mancher jungen schnen
Offiziersdamen, deren Mnner mit dem Heer ausmarschiert waren und die
eben nicht zu den unerbittlichsten gehrten und sich nach kurzer
Belagerung bald ergaben. Es war besonders eine sehr liebenswrdige
Majorin von H..., die mich vor allen anzog. Indessen war es Zeit, an
meine Rckkehr nach Berlin zu denken, um daselbst meine
Anstellungsangelegenheit zu betreiben, aber die hbsche Majorin war an
manchem Parforceritt schuld, den ich von Zeit zu Zeit noch von Berlin
nach Potsdam machte, wo ich auerdem noch eine uralte Bekanntschaft
erneuert hatte. Hier wohnte nmlich die Gattin des Plankammerinspektors
Holzwarth, derselbe, der die Tochter des Advokaten Dietz zu Frankfurt,
eine Freundin meiner Mutter, whrend der Anwesenheit der preuischen
Garden daselbst entfhrt hatte, die deshalb so ganz mit ihrem Vater
zerfallen war, jetzt wenigstens acht Kinder hatte und sich eben nicht in
den glnzendsten Umstnden befand. Diese Familie besuchte ich einigemale
und fand in der ltesten Tochter Amalie ein allerliebstes
siebzehnjhriges Kind. Meinem gastfreien freundlichen Wirt, bei dem ich
ber drei Wochen zugebracht, sagte ich nun ein dankbares Lebewohl. Er
wollte durchaus, da ich bis zur Entscheidung meiner Angelegenheit bei
ihm ausharren solle, indem er mir vorstellte, da ich ja jeden Tag nach
Berlin fahren knne und mir sogar seine Equipage zu diesem Zweck zur
Verfgung stellte; ich lehnte das gtige Anerbieten ab, denn noch wenig
hatte ich Preuens schne und lebenslustige Hauptstadt kennen gelernt;
von Potsdam aus hatte ich mich nur zweimal dahin begeben, um der
Prinzessin Wilhelm meine Aufwartung zu machen, und trotz aller
Annehmlichkeiten Potsdams zogen mich doch die Linden, die Theater, der
Tiergarten und Berlins andere Schnheiten dahin zurck. Ich versprach
dem Grafen Lusi, ihn fters zu besuchen, und hielt wenigstens anfnglich
Wort.

Noch immer war keine Antwort und kein Resultat auf meine Gesuche erfolgt
und ich trotz der hohen Protektion in Ungewiheit, ob und wann ich
angestellt werden wrde. Prinzessin Wilhelm schrieb dies dem Drang der
berhuften Geschfte und den kriegerischen Umstnden zu. Der Aufenthalt
in der >Stadt Rom< unter den Linden fing an, mir kostspielig zu werden,
und mein Geldbeutel wurde tglich dnner, weshalb ich den teuren Gasthof
mit einem billigeren, nmlich dem >Goldenen Engel< in der
Heiligengeist-Strae vertauschte, wo ich jedoch auch nicht viel besser
wegkam; was mich am meisten kostete, war der Unterhalt meiner Pferde,
weswegen ich auch schon nach zehn Tagen dies Hotel wieder verlie und
eine Privatwohnung von zwei Zimmern in der Mittelstrae, gleich hinter
den Linden bezog, was ich gleich anfangs htte tun sollen, da ich dann
wenigstens tausend Taler gespart haben wrde. Den Tag oder vielmehr die
Nacht, bevor ich den heiligen Geist quittierte, verbten ein paar
Studenten, welche bis beinahe Mitternacht sich mit Trinken vergngt
hatten, noch einen tollen, eigentlich bbischen Streich. Sie zndeten
nmlich die Fenstervorhnge ihres Zimmers an und schrien dann durch alle
Gnge: Feuer! Feuer!, so da alle Fremde, unter denen viele
Frauenzimmer, in dem tiefsten oder vielmehr gar keinem Neglig, sondern
in den Hemden aus ihren Zimmern in die Gnge strzten, wo sie von den
Brdern Studiosen mit schallendem Gelchter empfangen wurden, die sich
noch ihrer Heldentat rhmten und sagten, sie htten ihre Vorhnge nur
deshalb angezndet, um die Gste des Heiligen Geistes in ihren Blen
bewundern zu knnen. Da die sauberen Burschen noch in derselben Nacht
eingesteckt wurden, bedarf wohl kaum der Erwhnung, doch kamen sie noch
mit ziemlich geringer Kerkerstrafe davon.

Ich lebte indessen, trotz der Ungewiheit meines Schicksals, wegen der
Zukunft ganz unbesorgt und so ziemlich in den Tag hinein. Da ich
fortwhrend die trefflichen Theatervorstellungen fleiig besuchte, so
erwachte allmhlich meine frhere Leidenschaft zur Bhnenkunst wieder,
und ich dachte schon: >Wenn alle Stricke reien, so machst du Gebrauch
von deinem Schauspielertalent, wozu hier die allerbeste Gelegenheit ist,
da die ersten dramatischen Knstler Deutschlands in Berlin vereint
sind.< Schon fing ich heimlich zu wnschen an, da aus meiner
militrischen Anstellung in preuischen Diensten nichts werden mge, um
so einen Grund zu haben, auf die Bhne zu gehen. Ich besuchte nun das
Theater jeden Abend, wenn mich nicht eine besondere Veranlassung davon
abhielt. Durch Uhdens Vermittlung erhielt ich jetzt auch Eintrittskarten
in das Liebhabertheater, >Urania< genannt, wo in der Tat oft ganz
vorzgliche Vorstellungen stattfanden und sich mitunter ungewhnliche
Talente zeigten und ausbildeten; noch war ein anderes Liebhabertheater,
die >Concordia<, vorhanden, das jedoch bei weitem weniger gut als das
erste war. Ich wurde mit mehreren Mitgliedern der >Urania< bekannt und
erbot mich, einige Rollen daselbst zu spielen. Der Antrag wurde mit
Vergngen angenommen, und ich gab nacheinander den Ferdinand in Kabale
und Liebe, den Fritz Hurlebusch in Wirrwarr, Karl Ruf in der
Schachmaschine und so weiter, und aus meinen Geliebten auf der Bhne
wurden nicht selten auch meine Geliebten in der Wirklichkeit, wenigstens
auf kurze Zeit; ich spielte dann mit einem Feuer, das alle Zuschauer
hinri. Aber vor allem war es eine Knstlerin der kniglichen
Schauspiele, Frulein D., deren wahrhaft gttliches Spiel, verbunden mit
ihren himmlischen krperlichen Reizen, mich entzckte, deren feurigster
Anbeter ich wurde und die den Wunsch, keine militrische Anstellung zu
erhalten, noch mehr in mir rege machte, um mich dann mit aller Liebe der
Kunst und ihrer schnen Priesterin widmen zu knnen, nicht bedenkend,
welchen Aufruhr dies in meiner Familie machen knne, und da sich
wahrscheinlich auch Prinzessin Wilhelm, der ich so sehr empfohlen war,
wenigstens einer Anstellung bei der kniglichen Bhne zu Berlin
widersetzt haben wrde. -- Endlich aber kam der Knig nebst dem
Kriegsminister von Boyen von Wien zurck, und ich erhielt sogleich die
Weisung von der Prinzessin, mich unverzglich bei letzterem zu melden.
Dieser schickte mich zu dem General Grafen von Tauentzien, auf dessen
Bureau ich erfuhr, da man mich schon seit lnger als vier Wochen
gesucht und meine Wohnung nicht habe ausfindig machen knnen, da schon
lngst die Anstellungssorder von dem Kriegsministerium fr mich gekommen
sei, die man mir bergab und durch welche ich zum Premierleutnant in der
Armee ernannt wurde, ohne da jedoch noch das Regiment bestimmt war, dem
ich zugeteilt werden sollte. Dieses Zurcksetzen um einen Grad war mir
sehr empfindlich, ich protestierte auch dagegen, aber der General
Tauentzien verwies mich an den Kriegsminister, und dieser vertrstete
mich auf baldiges Avancement. Ich war deshalb sehr mimutig, und gerne
wrde ich die Uniform fr immer an den Nagel gehngt haben, auch uerte
ich mich unverhohlen darber bei der Prinzessin Wilhelm, die mich wie
Herr von Boyen mit baldigem Avancement trstete. Jetzt erhielt ich auch
eine Anweisung an das Billettamt, um einstweilen einquartiert zu werden,
und ein Quartier bei einem Bankier in der Breitenstrae, der, wenn ich
nicht irre, Lahr hie, das ich jedoch, da es mir nicht sehr zusagte,
nach wenigen Tagen mit einem anderen vertauschte. Ich bekam ein Billett,
das mich zu einem Herrn von Pogwisch in der Jerusalemerstrae fhrte,
der Hauptmann auer Diensten und jetzt bei der Seehandlung angestellt
war; sein Bruder war Flgeladjutant des Knigs gewesen, aber, wenn ich
nicht irre, bei Leipzig geblieben. Herr von Pogwisch hatte eine zwar
nicht schne, aber sehr gute und liebenswrdige Frau, und ich fand eine
ausgezeichnet gute Aufnahme in dieser Familie. Obgleich man der
Einquartierung durchaus nichts als die Wohnung zu geben schuldig war, so
bat mich Herr von Pogwisch doch, mit seinem Tisch vorlieb nehmen zu
wollen. Ich nahm dies mit groem Dank unter der Bedingung an, da, wenn
ich nicht zur bestimmten Stunde da sei, man auch keinen Augenblick auf
mich warten mge, denn ich wollte ebensowenig genieren als geniert sein.
Herr von Pogwisch, dessen Frau sehr vermgend war, hatte seine Mutter
bei sich, eine zwar alte, aber liebenswrdige und sehr geistreiche Dame,
deren Unterhaltung nicht nur sehr angenehm, sondern auch pikant war. Ein
geborenes Frulein von Pfndl und ehemalige Hofdame, war sie noch jetzt
mit den Verhltnissen des Hofs und der eleganten Berliner Welt genau
bekannt und vertraut und hatte einen unerschpflichen Schatz von
interessanten, zum Teil sehr komischen Hofanekdoten, die sie gerne zum
besten gab. Sie lebte in der grten Einigkeit mit ihrer
Schwiegertochter, und diese drei Personen -- Pogwischs hatten keine
Kinder -- bildeten eine gemtliche Dreieinigkeit. Durch diese Familie
erhielt ich nun Zutritt in vielen anderen angesehenen Familien und wurde
wegen meines musikalischen Talents berall wohl aufgenommen, was
Veranlassung zu manchen galanten Abenteuern gab. Die Unterhaltung in den
Berliner Salons der eleganten Welt ist im allgemeinen sehr geistreich
und witzig, die Berliner haben in der Regel einen sehr aufgeweckten
Verstand, viel Humor, sind zur Satire aufgelegt, sarkastisch und
kaustisch, dagegen lebt man mig, ohne sich zu berfllen, aber auch
ohne sich gerade etwas abgehen zu lassen, whrend in manchen Stdten
Sddeutschlands das Essen und Trinken die Hauptsache ist, man daselbst
nur fr dieses sowie berhaupt nur fr die sinnlichen Vergngungen zu
leben scheint, wodurch dann allerdings der Geist, wenn auch einer
vorhanden, niedergedrckt und verdummt wird. Damals kursierten in Berlin
einige artige Anekdoten, den noch sehr jungen Kronprinzen betreffend;
eine derselben berhrte den Staatskanzler, Frsten Hardenberg, dem man
vorwarf, die Juden in ganz besonderen Schutz zu nehmen. -- Als
Hardenbergs Geburtstag war, sandte der Knig den Kronprinzen zu
demselben, ihm in seinem Namen Glck zu wnschen und zu sagen, er mge
sich irgendeine Gnade ausbitten. Der Kronprinz fuhr zu dem Frst-Kanzler
und richtete den ihm von seinem Vater gewordenen Auftrag aus, worauf
Hardenberg erwiderte: Mein Gott, Ihro Majestt haben mich schon so mit
Gnaden berhuft, da ich in der Tat nichts mehr zu erbitten wte. --
Doch, mein Frst, es fehlt Ihnen noch eines. -- Das ich nicht wte,
Hoheit. -- Ja, ja, ganz gewi. -- Und was meinen Eure Hoheit? --
Bitten Sie meinen Vater, da er Sie zum Knig der Juden machen solle,
da Sie doch eine so groe Vorliebe fr dieses Volk haben. -- Hardenberg
fand sich beleidigt und bat sich zurckziehen zu drfen. Er teilte den
Vorfall dem Knig mit, und der Kronprinz erhielt vierundzwanzig Stunden
Arrest. Eine andere Anekdote betraf den Staatsrat von Kleewitz, den der
Kronprinz ebenfalls nicht leiden mochte, weil er die Juden, wie man
sagte, aus besonderen Grnden begnstigte. -- Eines Abends sagte er zu
demselben in einer Assemblee: Herr Staatsrat, ich will Ihnen eine
zweisilbige Charade zu erraten geben: das Erste frit das Vieh, das
Zweite besaen Sie nie, und das Ganze sind Sie (Kleewitz). Es ist
jedoch mglich, da auch diese Anekdote auf den wenig beliebten
Staatsrat ein miger Kopf erfand und dem Kronprinzen in den Mund legte.

Aus Italien hatte ich mehrere Hefte der ausgezeichnetsten und
lieblichsten Melodien, Kanzonette, Kavatinen und Ensemblestcke
mitgebracht, die ich in den Salons vortrug. Die Duette gaben
Gelegenheit, sie mit verschiedenen liebenswrdigen Damen in den
Morgenstunden _tte--tte_ einzustudieren, wobei ich dann nicht
unterlie, mich mglichst in deren Gunst festzusetzen. In dem Haus des
Herrn von Pogwisch wohnte im zweiten Stock ein Beamter namens Pfeifer
mit seiner Familie, der eine sehr hbsche Tochter, Minchen genannt,
hatte, die ganz artig Klavier spielte und eine sonore, glockenreine
Sopranstimme besa; diese Nachtigall war eine schlanke neunzehnjhrige
Blondine, welche die beliebtesten Opernarien mit viel Geschmack und
Ausdruck vortrug. Sehr bald hatte ich Zutritt bei der mit Pogwischs sehr
befreundeten Familie und musizierte und -- kte nach Herzenslust. Noch
ein anderes sehr niedliches Minchen (Ott) und eine hbsche Luise hatte
ich unter den Zelten und bei Hofjgers kennen gelernt und fuhr nun bald
die eine, bald die andere in einer Guige nach Charlottenburg, Potsdam
und so weiter spazieren. Noch war ich im Besitz der Wohnung in der
Mittelstrae, die, auf mehrere Monate gemietet, mir jetzt trefflich als
Absteigequartier zustatten kam und wohin ich manche meiner Schnen zu
einer geheimen Zusammenkunft zu persuadieren wute. Hier war ich so ganz
ungestrt und veranstaltete manches _Souper fin_, namentlich mit
Demoiselle D... Man konnte in dieser Hinsicht in Berlin ebenso ungestrt
und unbeobachtet wie in Paris leben, da sich die Leute nicht um das
Treiben der anderen bekmmerten. Eines Abends aber lud ich in meinem
bermut ein halbes Dutzend meiner Freundinnen, von denen jedoch keine
die andere kannte, zu einem Abendessen in diese Wohnung ein. Unter ihnen
waren die beiden Minchen, eine Bertha, eine Karoline, eine Luise und
Demoiselle D..., mit deren Genehmigung ich das Fest veranstaltete und
die die Knigin desselben sein sollte. -- Sie fand sich zuerst ein und
empfing die nacheinander erscheinenden und sehr erstaunten Schnen auf
das artigste und zuvorkommendste, so da sie deren Verlegenheit bald zu
beseitigen wute. Alle waren so klug, vorerst die beste Miene zu dem
bsen Spiel zu machen, keine hatte ja der anderen etwas vorzuwerfen, und
ein splendides, schwelgerisches Souper mit Champagner und einem
Kaiserpunsch zum Dessert tat das seinige, so da zuletzt alle
berfrhlich wurden, ber die Sache scherzten und meinten, so msse es
wohl in einem Serail zugehen, und des Tndelns und Kssens war kein
Ende, wir sangen frhliche Lieder und stimmten >Es kann ja nicht immer
so bleiben< und >Wenn's immer, wenn's immer so wr< an. Ich brachte
endlich eine jede im Wagen nach Hause und blieb zuletzt mit Demoiselle
D..., welche den Geniestreich allerliebst fand, bis gegen Morgen allein.

In der Weinwirtschaft von Luther und Wegner, wo ich bisweilen ein
Frhstck mit gutem Rheinwein einnahm, hatte ich auch die Bekanntschaft
des Schauspielers Devrient gemacht, der, da diese Wirtschaft ganz in der
Nhe des Theaters war, oft whrend der Proben und sogar in den
Zwischenakten der Vorstellung einen Sprung hierher machte, um sich durch
ein paar Glser alten Rheinwein zur Fortsetzung seiner Rolle zu strken
und noch mehr zu begeistern, denn der Wein war ihm eine unentbehrliche
Requisite. -- Die Darstellung seines Franz Moor, seines Rudolfs in
Krners Banditenbraut, seine Drillinge, sein Nachtwchter und so weiter
werden mir ewig unvergelich sein. Ich besuchte ihn jetzt fters in
seiner Wohnung und fand an Madame Devrient eine uerst liebenswrdige
Frau, wenn auch keine so groe Knstlerin wie Demoiselle D... Da
Devrient den Bacchus zu seinem Abgott gemacht, so vernachlssigte er
ber diesem Dienst gerne den Hymens und folglich seine liebe Frau, die
sich aber zu entschdigen wute und mit der ich, wenn sie im Theater
nichts zu tun hatte, manchen schnen Abend entzckt hinbrachte. Einige
ihrer Darstellungen, wie die der Johanna d'Arc in Schillers Jungfrau,
die ihr der Gemahl noch in den Flitterwochen einstudiert hatte, waren
dennoch ausgezeichnete Leistungen. Eine seltsame Wirtschaft war in
dieser Haushaltung eingefhrt. Wenn die Gagen fr Herrn und Madame
Devrient gebracht wurden, so warf Madame Devrient das Geld, nachdem sie
die Rollen aufgebrochen hatte, in ein auf einem Konsoltisch stehendes
Krbchen, es untereinander rttelnd, und aus diesem Korb nahm nun
jedermann, der zu ihrem Haus gehrte, nach Belieben und Bedarf heraus.
Herr Devrient steckte Hndevoll davon ungezhlt in seine Taschen, Madama
zahlte alle ihre Phantasien davon, das Kammermdchen, die Kchin, der
Bediente, alle holten ohne zu fragen, was sie bedurften, _ad libitum_.
Die gewhnliche Folge war, da der Korb schon mehrere Tage leer, bevor
neue Gagengelder einliefen. Wurden nun Rechnungen zum Bezahlen
prsentiert, so hie es: Es ist kein Geld mehr im Korb, Sie mssen
wiederkommen, wenn er voll ist. -- Ein wahres Knstlerleben.

Eines Tages fuhr ich mit Frau von Pogwisch und noch einigen Damen, das
Denkmal der Knigin Luise zu besuchen, nach Charlottenburg, wo wir
einige zwanzig auerordentlich aufgeputzte und aufgedonnerte Mdchen auf
der Terrasse an einer Gartenmauer sitzen sahen. Ich fragte Madame
Pogwisch, ob sie nicht wisse, wer diese Damen seien, sie schlug aber
verlegen und errtend die Augen nieder, und die anderen Damen lachten,
keine konnte oder wollte mir Auskunft geben. Dies reizte meine Neugierde
um so mehr, und als ich kaum in Charlottenburg ausgestiegen war, fragte
ich einen Mann, der mir zuerst in den Wurf kam, darnach. -- Ei, das
sind ja die Fruleins der Madame Bernhard, erwiderte er lachend. --
Der Madame Bernhard? Wer ist diese Madame Bernhard? -- Wie, Sie
kennen deren berhmtes Hotel und Institut in der Friedrichstrae nicht?
-- Nein. -- Das grte und schnste Bordell in ganz Berlin. -- Ach
so. -- Nun, diese hat ein Landhaus hier in Charlottenburg; wo sie
jeden Nachmittag mit einem Teil ihrer Nymphen zubringt. -- Auch die
verstorbene Knigin hatte einst, an diesem Landhaus vorbeifahrend und
die vielen geputzten Mdchen sehend, dieselbe Frage getan, auf welche
ihr ein Hofherr geantwortet: Ein Pensionat fr vermgenslose Mdchen.
-- Ach, die armen Kinder, versetzte die Knigin, ich werde ihnen ein
Geschenk zukommen lassen; sie sind aber doch alle schon sehr
herangewachsen. -- Sie erhalten hier ihre letzte Ausbildung, sagte
der Hofmann. -- Das beabsichtigte Geschenk wute man jedoch der Knigin
auszureden.

Auch die merkwrdigsten Tabagien Berlins, in denen jeden Abend getanzt
wird, besuchte ich, versteht sich inkognito, und lernte in ihnen das
ziemlich wilde Leben des Berliner Volks kennen; besonders war eine, die
mit fast orientalischer Pracht ausgeschmckt und unterhalten war,
berhmt. Der Saal bildete eine groe Rotunde, aus welcher ringsherum
Tren in Nebenzimmer fhrten; oben waren Logen auf einer Galerie
angebracht. Der Haupttre gegenber war das Orchester auf einer erhhten
Tribne; Tren, Fenster, Logen und Tribnen waren mit rotem Sammet
drapiert. Hier fanden sich, sobald die Dmmerung eingetreten, die
Berliner Grisetten und Studenten in Masse ein, sowie auch andere
leichtgeschrzte Nymphen, und manches hbsche Brgermdchen besuchte
heimlich diesen Ort der Freude, nachdem sie mit einer Freundin oder
Gespielin bis zur eintretenden Nacht die Linden auf und ab spaziert war.
Venus, Bacchus und Ceres hatten hier zugleich ihren Thron aufgeschlagen,
boten ihre Freuden zu ziemlich hohen Preisen feil und rupften die Federn
der fremden Gimpel und Landjunker, welche so gemtlich in die oft
plumpen Fallen gingen, die man ihnen stellte. Diese Nymphen, wenigstens
die vom Handwerk, waren fast alle im Futter des Eigentmers der Tabagie,
und ihr Hauptzweck ging dahin, die Gste zu mglichst groen Depensen zu
verleiten, in einen exaltierten Zustand zu versetzen und trunken zu
machen, wobei sich dann auch gute Freunde einfanden, die, hchst erfreut
ob der neuen Bekanntschaft, kostenfrei an den Gelagen teilnahmen und
Brderschaft bis zum Umfallen tranken, indem sie den neuen Freund
hochleben, dabei vom Orchester Tusch mit Pauken und Trompeten machen
lieen und Vivat, Herr Bruder Fritz! oder Paul und so weiter brllten,
was diesen ob der groen Ehre in Entzcken versetzte, und mit Vergngen
zahlte er den Taler Kurant, den das Orchester fr einen jeden solchen
Tusch erhielt und mit dem Veranlasser und dem Wirt brderlich teilte.
Man tuschierte, solange noch Taler in der Tasche der Gefeierten waren,
bis sie endlich bewutlos auf das Ruhebett eines Seitenkabinetts
gebracht werden muten, wo sie schwerlich der Knall einer Bombe wieder
erweckt haben wrde; da die Dirnen dabei nach Krften mitwirkten,
versteht sich von selbst. Eines Abends machte ich mir mit noch einigen
Bekannten den Spa, ein paar Dutzend solcher Tabagien hintereinander zu
besuchen, um die verschiedenen Physiognomien derselben sowie das
Volksleben in allen seinen Abstufungen bis zur letzten und schmutzigsten
kennen zu lernen. Fr den Philosophen wie fr den Psychologen ist so
eine Wanderung immer von groem Interesse, sowie fr den, der die
menschliche Misere in ihrer ganzen Sublimitt kennen lernen will.

Whrend wir so sorglos in Berlin in den Tag hineinlebten -- es waren
damals noch sehr viele Offiziere aus dem Westflischen und den
Rheinprovinzen hier, welche Preuen bernommen hatte und die ebenfalls
ihre definitive Anstellung abwarteten --, ging der Waffentanz in den
Niederlanden los, und die Nachricht von der Schlacht bei Ligny am 16.
Juni 1815 brachte in Berlin eine peinliche Niedergeschlagenheit hervor,
so da die Kleinmtigsten schon wieder an die Rckkehr der Franzosen
glaubten, die aber niemand auer den ffentlichen Dirnen wnschte,
welche ihre besten und freigebigsten Kunden mit deren Abmarsch verloren
hatten. Glcklicherweise dauerte dieser Zustand kaum vierundzwanzig
Stunden; die Nachricht von dem glnzenden, den 18. Juni bei Waterloo
erfochtenen Sieg erfllte ganz Berlin mit unglaublichem Jubel. -- Der
Kurier, der die Nachricht von dem groen Sieg brachte, wurde mit
vierundzwanzig blasenden Postillons eingeholt und durch alle
Hauptstraen Berlins unter Vivatgeschrei gefhrt. An demselben Tag war
auch die hochverehrte Prinzessin Wilhelm mit einer Tochter
niedergekommen, die zum Andenken an diesen Sieg unter vielen anderen
auch den Namen >Viktoria< erhielt. Nun war Freude und Frhlichkeit an
allen Ecken und Enden, und die Liebe und Anhnglichkeit an das
knigliche Haus zeigte sich mitten im Taumel im schnsten Licht;
besonders war es auch Blcher, den man hochleben lie. In dem groen
Opernhaus, das Friedrich der Groe im Jahre 1740 hatte erbauen lassen
und welches gerumiger als die damaligen Opernhuser zu Paris und London
war, wurde eine Vorstellung bei festlich erleuchtetem und geschmcktem
Theater gegeben.

Mitten in diesem vergngten Leben traf mich pltzlich die Order, mich
sofort nach Kolberg zum siebzehnten Garnisonbataillon zu verfgen, bei
dem ich vorerst angestellt sei, und zwar eine Kompagnie befehligend,
ohne jedoch die Kompagniefhrer-Zulage zu erhalten. Bei einem
Garnisonbataillon angestellt zu sein, wollte mir wieder nicht in den
Kopf, und ich verfgte mich deshalb zum Obersten Inspekteur von
Witzleben, um Einsprache zu tun; dieser entgegnete mir jedoch, da dies
nur provisorisch sei und er nichts in der Sache ndern knne. Ich mute
also wohl Order parieren, dem freundlichen Berlin und meinen Wirten und
Schnen Lebewohl sagen. Prinzessin Wilhelm konnte ich mich nicht
persnlich empfehlen, sie war noch Wchnerin und empfing niemand, ich
schrieb ihr daher einen gehorsamsten Abschieds- und Danksagungsbrief.
Noch ehe ich abreiste, war die Nachricht von Napoleons Einschiffung nach
Sankt Helena angekommen. So war denn seine Rolle auf dieser Welt
ausgespielt, Murat war schon frher in Pizzo erschossen und alle Brder
Napoleons von ihren Thronen herabgeworfen und fortgejagt worden. Das
groe Drama des ephemeren franzsischen Kaiserreichs war vorbei, und
alle seine Akteure traten wie andere Schauspieler nach dem letzten
Herabfallen des Vorhangs nach einer gewhnlichen theatralischen
Vorstellung wieder von der Bhne ab und in die Misere des brgerlichen
Alltagslebens zurck.

Ich erhielt einen freien Postpa von Berlin nach Kolberg nebst zwei
Monate rckstndigen Gehalts und setzte mich, nachdem ich noch
freundlichen Abschied von Demoiselle D..., meinen beiden hbschen
Minchen und anderen genommen, in den federlosen Rumpelkasten, Postwagen
genannt, der nach Stargard fuhr.




                                 VIII.

     Reise von Berlin nach Kolberg. -- Eine Amazone. -- Ankunft in
     Kolberg. -- Die neuen Dienstverhltnisse. -- Kolberg und seine
     Umgebungen. -- Einfachheit und Wohlhabenheit der Einwohner. --
        Die Marienkirche. -- Gesellschaftliche Verhltnisse. --
     Nettelbeck. -- Die letzte Belagerung. -- Feier des Geburtstags
          des Knigs. -- Madame G... und ihre Cousine. -- Das
     Versteckenspiel im Bullenwinkel. -- Eine Reise nach Kslin. --
     Eine Lustfahrt auf einen pommerschen Edelhof. -- Die Kolberger
     Freuden. -- Ich gehe auf Urlaub nach Berlin. -- Ein polnischer
      Reiseschatz. -- Die verrterischen Austernschalen. -- Frst
    Blcher. -- Die Berliner Weihnachtsfreuden. -- Die Redouten und
       Porzellanfuhren. -- Die schne Luise. -- Spandau. -- Eine
          glnzende Schlittenfahrt. -- Rckreise nach Kolberg.


Wer sich noch der damaligen Beschaffenheit der preuischen und
schsischen Postwagen erinnert, wird mir eingestehen, da es keine
geringe Marter war, mehrere Tage und Nchte fast ununterbrochen in einem
solchen Behlter transportiert zu werden. Diese schlecht gebauten, auf
der Achse gehenden Wagen rttelten den Krper auf eine schmhliche Weise
zusammen und machten die Knochen so mrbe, da man sie zu brechen
frchtete, besonders wenn es in den Drfern ber die Knppeldmme ging,
denn Chausseen gab es ebenfalls nur sehr wenige und die Wege waren
abscheulich, zudem hatte ich einen Seitensitz. Indessen sollte mich eine
liebenswrdige Reisegefhrtin fr all dies Ungemach entschdigen. In der
einen Ecke des Wagens sa ein wunderschnes Mdchen, ein Mdchen, wie
sie der Himmel nur selten erschafft. In ihrem ganzen Wesen war etwas
Heroisch-Liebliches, auf ihren Feuerwangen, in ihren blitzenden Augen,
in ihren Zgen lag etwas so Edles, etwas so Mark und Bein bis ins
Innerste Durchbohrendes, da man davon durch und durch erschttert
wurde; ihr Wuchs, ihr Anstand, ihre ganze Figur war das schnste Ideal
einer Amazone oder Bellonas selbst. Bald knpfte ich ein Gesprch mit
dieser Huldgttin an, von der ich jedoch anfangs nur sehr kurze und
einsilbige Antworten erhielt. Die brige Reisegesellschaft hatte wenig
Interesse fr mich und schien es auch, bis auf eine ltliche Frau, deren
Zge eine tiefe Schwermut ausdrckten, nicht zu verdienen. In
Werneuchen, der ersten, drei Meilen von Berlin entfernten Station, wo
der Postwagen nach der damaligen lblichen Gewohnheit wie auf allen
Stationen mehrere Stunden, wohl auch wie in Stargard, Naugarten und so
weiter halbe Tage liegen blieb, um alle Pakete, Passagiere, Koffer und
so weiter gehrig zu sortieren und einzuschreiben, gelang es mir, meiner
schnen Unbekannten ein paar Worte mehr zu entlocken. Gesprchiger aber
wurde sie erst in Freienwalde, dem bekannten, sechs Meilen von Berlin
entfernten Badeort, wo wir, whrend der Postwagen rastete, die artigen
Anlagen und den Gesundbrunnen des Orts besuchten, der in einem
anmutigen, von einer waldigen Hhe umgebenen Tal liegt und besonders von
gichtbrchigen und am Gehr leidenden Kranken besucht wird. Hier erfuhr
ich, da sich die gleich der Kriegsgttin einherschreitende Schne
Johanna mit Vornamen nenne; den Familiennamen verschwieg sie mir aber
noch. Ihr ganzes Benehmen hatte etwas Seltsames und Rtselhaftes. Beim
Abfahren von Freienwalde war ich nicht weiter wie vorher, doch fhrte
ich jetzt eine fortwhrende, zusammenhngende Unterhaltung mit ihr. In
Knigsberg in der Neumark, wo wir des Nachts ankamen, gingen wir
zusammen auf den Straen spazieren, bis der Wagen wieder weiterfuhr, da
es ihr unangenehm war, in der Gaststube unter den anderen Passagieren
mehrere Stunden zu verweilen. Als ich ihr den Ort meiner Bestimmung,
Kolberg, nannte, schien sie dies zu frappieren, und es entfuhren ihr die
Worte: Da will ich auch hin, meine Verwandten zu besuchen. Ich drang
nun mehr und mehr in sie und brachte bald von ihr heraus, da sie die
Tochter eines in Danzig angestellten Kriegsrats sei, der sich L...
nenne. Das Mdchen war wissenschaftlich gebildet, in der Geschichte wohl
bewandert, zeigte dabei einen so glhenden Franzosenha und namentlich
gegen Napoleon, da, so oft die Rede auf diesen kam, ihre Wangen glutrot
wurden und ihre Augen Feuer sprhten. Vor allem waren es aber die
neuesten politischen Zustnde und franzsischen Kriege, von denen sie
mit groer Teilnahme und mit einem bei einem Mdchen ganz ungewhnlichen
Enthusiasmus sprach, und als ich im Laufe des Gesprchs ihr von dem
fanatischen Eifer der Kalabresen und Spanier erzhlte, da war sie ganz
Ohr und hrte mir mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu; sie wurde nun
immer zutraulicher, freundlicher und sagte endlich mit Wrme zu mir:
Aber gegen die Deutschen, gegen die Preuen haben Sie doch nie
gefochten, nicht wahr? -- Dies konnte ich mit dem besten Gewissen mit
nein beantworten. -- Wohlan, dann gebe ich Ihnen gerne die Hand. --
Sie reichte sie mir hin, ich ergriff sie schnell, drckte und kte sie.
In Stargard, wo der Wagen wieder vier Stunden hielt, lieen wir uns ein
Zimmer geben und ein Mittagessen in demselben servieren. Hier fing des
Mdchens Neugierde hinsichtlich meiner an, rege zu werden, und sie gab
sich viel Mhe, meine frheren Verhltnisse zu erforschen. Ich teilte
ihr manches, was ich fr gut fand, mit, und sie schien ganz Auge und
Ohr, endlich aber lie auch ich den Wunsch blicken, nher ber ihre
Verhltnisse unterrichtet zu werden. Des Mdchens Wangen berzog nun
eine leichte Rte, die jedoch immer strker und zuletzt fast hochrot
wurde, dabei funkelten ihre Augen wie Feuer, sie nahm endlich meine
Hand, fate sie krampfhaft und sprach: Sie flen mir volles Vertrauen
ein, und ich will mich Ihnen ohne Rckhalt entdecken. Ich war die
Verlobte eines der Offiziere von Schills Korps, die Napoleon so
feigerweise erschieen lie. Wir liebten uns beide auf das innigste und
wollten bessere Zeiten abwarten, unsere Vermhlung zu feiern. Der
grausame unverdiente Tod meines Geliebten machte mich beinahe rasend und
fast zur Menschenfeindin, wenigstens zur eingefleischtesten
Franzosenfeindin. Als nun unser edler Knig den Aufruf zur Befreiung und
Rettung des Vaterlandes an sein treues Volk erlie, da schwoll auch mir
die Brust, und das Herz bebte mir vor Ungestm und Rachedurst im Busen.
Ich legte Mannskleider an, verlie, ohne ein Wort von meinem Vorhaben zu
sagen, das elterliche Haus, trat bei dem Blowschen Korps als
Freiwilliger ein und habe als solcher die Feldzge von 1813 und 1814
mitgemacht. -- Als ich sie verwundert und etwas zweifelhaft anblickte,
da streifte sie den rechten rmel ihres Kleides in die Hhe und zeigte
mir eine erst kurz vernarbte breite Wunde, die sie von einem
franzsischen _Chasseur  cheval_ bei Brienne erhielt und durch die sie
lngere Zeit im Lazarett zurckgehalten wurde, bei welcher Gelegenheit
man auch zuerst ihr Geschlecht entdeckte. Erst jetzt hatte sie an ihre
bekmmerten Eltern geschrieben, was aus ihr geworden. Sie kam nun ganz
genesen von Berlin, wo sie sich in der letzten Zeit aufgehalten, wollte
ihren Oheim in Kolberg, der daselbst verheiratet war und eine
Zivil-Anstellung bekleidete, besuchen, bevor sie in das Vaterhaus
zurckkehrte, wovor sie einige Scheu hatte, und das Vergangene durch den
Oheim erst zu vermitteln wnschte. Da dies alles ganz der Wahrheit
gem war, davon hatte ich spter Gelegenheit, mich vollkommen zu
berzeugen. Wir erzhlten uns nun gegenseitig Begebenheiten aus unseren
Feldzgen und wurden dadurch so vertraut, da wir bald nur noch ein Herz
und eine Seele waren.

Da von Naugarten eine Seitenpost nach Kolberg besonders abging, so
muten wir abermals einen halben Tag auf die Weiterbefrderung warten.
Wir brachten diese Zeit recht vergngt zu, und ich bewog Johanna,
nachdem wir uns ein Zimmer hatten geben lassen, ihre Jgeruniform einmal
anzulegen, die sie in einem Mantelsack bei sich fhrte. Sie willigte
lchelnd in meinen Wunsch, und ich war ihr beim Anlegen derselben
mglichst behilflich. Die Uniform kleidete sie allerliebst. Wir machten
nun frmlich Kameradschaft miteinander, tranken Brderschaft auf du und
du und ruhten endlich Arm in Arm erschpft und matt aus. Ich half
zuletzt meinem liebenswrdigen Kameraden seine weiblichen Kleider wieder
anlegen, da die Zeit der Abfahrt herannahte. Von hier bis Kolberg aber
ging nicht einmal ein bedeckter Wagen mehr, sondern wie auf allen
Seitenstationen nur ein offener Korbwagen, das heit ein gewhnlicher
Bauernwagen, in den man ein Korbgeflechte gelegt und einige Strohsitze
angebracht hatte. Dies waren die Postwagen zu den Orten, die nicht an
der groen Heerstrae lagen. Meine Kriegsgefhrtin und ich waren die
einzigen Passagiere von hier bis Kolberg; wir ruhten recht traulich Arm
in Arm und fuhren die ganze Nacht durch ber Greifenberg und Treptow an
der Rega. Es war zwar eine Julinacht, die wir durchfuhren, und ich hatte
deshalb auch nur sehr leichte Sommerbeinkleider auf dem offenen Wagen
angelegt, nicht bedenkend, da ich nicht mehr am Mittellndischen,
sondern in der Nhe des Baltischen Meeres war. Wir schliefen beide,
Johanna an meiner Brust, ein, je nher wir aber der Kste kamen, desto
fhlbarer wurde ein sehr rauher und unfreundlicher Wind, und gegen
Morgen berfiel mich ein kalter Schauer und Frost, ich fhlte mich
unwohl und war froh, als wir endlich ber die Zugbrcken und durch die
Tore der Festung Kolberg einfuhren. Ich eilte mit meinem Kameraden, der
mehr an dieses Klima gewhnt und nicht so erfroren war, in das erste
beste Gasthaus, die >Stadt London< auf dem Markt, wo ich uns jedoch
anstandshalber zwei Zimmer geben lie. Es war erst vier Uhr des Morgens,
als wir ankamen, und Johanna konnte ihren Oheim so frh nicht aufsuchen,
auch kannte sie dessen Wohnung nicht. Ich hatte mir eine furchtbare
Erkltung zugezogen und warf mich unter den heftigsten Leibschmerzen auf
das Bett. Erst gegen Mittag, nachdem ich mich ein wenig erwrmt hatte,
war ich imstande, das Bett zu verlassen; ich steckte mich rasch in die
Uniform und eilte nach der Kommandantur, um mich zu melden. Oberst
Streit aber empfing mich mit einem Wischer, weil ich mich nicht frher
gemeldet und doch mit der Morgenpost angekommen sei. Es war gerade zur
Parade; er beschied mich nach derselben wieder zu sich. Ich meldete mich
nun auch bei meinem Bataillons-Kommandanten, dem Major von Hackwitz, der
aber das Bataillon nur interimistisch kommandierte. Dieser empfing mich
sehr artig, und auf der Parade umringten mich meine neuen Kameraden,
unter denen viele Westfalen und einige ltere Offiziere waren. Als ich
mich nach der Parade der erhaltenen Order gem wieder auf die
Kommandantur begab und anklopfte, da empfing mich der barsch:
Eintreten! rufende Oberst mit den Worten: Bettelleute klopfen an,
aber nicht die Herren Offiziere. Dieser abermalige unfreundliche
Empfang machte einen uerst unangenehmen Eindruck auf mich, und ich
konnte mich nicht enthalten, zu erwidern: Aber, Herr Oberst, ich trete
eben erst in preuische Dienste und kann unmglich schon alle Details
derselben kennen. -- Wohl, Sie mssen sich aber bemhen, sie so
schnell wie mglich kennen zu lernen. -- Dies wird mein Bestreben
sein. -- Nun frug mich der Kommandant Verschiedenes, was auf meine
frheren Dienstverhltnisse Bezug hatte, und war dann weniger mrrisch,
so da wir zuletzt ziemlich gut voneinander schieden. Ich bernahm jetzt
das interimistische Kommando der ersten Kompagnie des Bataillons, deren
Hauptmann, ein Herr von Pfndl, in Blde von Gumbinnen hierher
versetzt, eintreffen sollte. Der Feldwebel brachte mir nebst dem
Kompagnierapport ein Quartierbillett, vermittelst dessen ich zu einem
Kaufmann namens Hackstock, unweit dem Markt in der Brsenstrae,
einquartiert wurde. Johanna hatte sich indessen zu ihrem Oheim begeben,
der an ihre Eltern nach Danzig geschrieben, und deren Antwort sie bei
demselben abwarten wollte. Wir brachten einstweilen jeden Abend vergngt
und traulich miteinander zu. Ich trat meinen neuen Dienst an, bestrebte
mich, die mir obliegenden Verrichtungen mglichst bald kennen zu lernen,
was auch schnell der Fall war. Doch zog sich gleich in den ersten acht
Tagen ein artiges Donnerwetter aus folgender Veranlassung ber meinem
Haupt zusammen. In franzsischen Diensten hatten wir fast nie die
Degenquasten, die man im Deutschen ganz flschlich Portepee nennt,
angemacht, namentlich trug sie fast kein Offizier im Feld, und sie
galten fr eine sehr unwesentliche Verzierung. Ich hatte mir zwar in
Berlin eine solche von Silber und schwarz, wie sie im preuischen Heer
sein mu, angeschafft und an meinen Sbel gemacht, jetzt mute ich
jedoch einen preuischen Degen tragen, kaufte mir einen solchen, verga
aber die Quaste an denselben anzulegen, und so kam ich ohne Portepee auf
die Parade. Bald bemerkten dies mehrere ltere Offiziere, man zischelte
sich einander zu, auf mich sehend, der Major und der Kommandant wurden
endlich auch aufmerksam, und Oberst Streit fuhr mich nun mit einem
schweren Donnerwetter an, so da es ein allgemeines Aufsehen erregte und
sich alle lteren Offiziere nicht genug verwundern konnten, wie ein
Offizier ohne Portepee erscheinen knne, sich zum Teil auch etwas
hmisch deshalb auslieen; dies alles machte mir zuletzt den Kopf so
warm, da ich ganz pikiert und laut, da es jedermann verstehen konnte,
sagte: Der Offizier steckt doch wahrlich nicht in der Degenquaste; wenn
der Mann nichts taugt, so luft gewi kein Feind vor dem Portepee davon,
und ich habe mich lange genug ohne ein solches tchtig geschlagen.
Diese Worte machten einen furchtbaren Rumor, der damit endigte, da mir
der Kommandant sofort einen vierundzwanzigstndigen Arrest ankndigte
und noch obendrein einen Verweis gab. Diese Vorflle machten mir gleich
anfnglich den Dienst sehr zuwider und setzten bses Blut, hierzu kam
noch mein langes Unwohlsein infolge der Erkltung. Die sehr de und
traurige Lage Kolbergs an der Persante, unweit der Mndung dieses
Flusses in die Ostsee, wo sich nur ein einziger, kaum leidlicher
Spaziergang nach der sogenannten Maikuhle, einem kleinen Gehlz, befand,
war nicht geeignet, diese Mistimmung zu mindern. Ich hatte anfangs auch
nicht einen einzigen Bekannten, und den neunten Tag nach unserer Ankunft
verlie auch Johanna die Stadt wieder, um sich zu ihren Eltern, die sie
mit groer Sehnsucht erwarteten, zu begeben. Ich fhlte mich jetzt recht
einsam und verlassen, um so mehr, da die Festung vorerst auch nicht die
mindeste Zerstreuung bot; die Offiziere standen sich alle noch sehr
fremd gegenber, der Garnisondienst war sehr streng und mute recht
pedantisch kleinlich versehen werden. Nachdem ich ungefhr vierzehn Tage
hier verweilt, erhielt ich pltzlich eine Einladung zur Tafel bei dem
Kommandanten, der nun zuvorkommend freundlich war, allerlei Scherze
machte und eine sehr liebenswrdige feingebildete Dame zur Frau hatte,
die frher Hoffrulein am Dessauer Hof war und die er als Witwer
heiratete; von jetzt an wurde mir der Aufenthalt etwas ertrglicher. Es
kamen auch immer mehr Offiziere an, von denen mehrere verheiratet waren
und eine liebenswrdige Familie mitbrachten, unter ihnen auch unser
wirklicher Bataillonschef, der Oberstleutnant von Witke, ein
verdienstvoller Militr, der drei sehr liebenswrdige, eben aufblhende
Tchter hatte.

Die Stadt Kolberg selbst liegt einsam und de in einem Winkel an der
Ostsee, hat nur wenige und eben nicht sonderlich anmutige Grten; keine
Baumstcke, keine Gemsefelder, keine bunten Blumenwiesen umgeben die
ernste Festung. Ein Spaziergang um das Glacis derselben oder nach
Kuhphals Wirtsgarten war die ganze Rekreation in der Nhe der Stadt,
etwas weiter war die schon genannte Maikuhle, ein mit Bumen bepflanzter
und mit Blockhusern und Schanzen versehener Sandhgel; eine gute Stunde
von der Stadt befand sich ein Wald, der Busch genannt, in dem ein
Jgerhaus lag, nach dem im Sommer bisweilen Partien zu dem Frster Ott
gemacht wurden; der Weg dahin war aber kahl und zog sich zwischen lauter
Kartoffelfeldern hin. Das Innere der Stadt war womglich noch
unfreundlicher, die Straen hatten fast lauter uralte Giebelhuser,
andere sah man nur ausnahmsweise. In einem solchen Haus befand sich in
der Regel nur eine lange schmale Stube mit einem sehr groen Fenster und
einem Alkoven im Hintergrund, in welchem die Familie schlief. Diese
Gebude waren meist von Stein, aber schlecht und ohne alle Symmetrie
gebaut, sehr hoch, mit einem ungeheuern Vorplatz und groen Tren; der
einzigen Stube gegenber und durch einen Gang getrennt befand sich in
der Regel ein Laden, Magazin oder die Werksttte; der brige Raum bis
zum Giebel bestand in vier bis fnf ungeheuren Bden fr Frucht, Gerste,
Malz und dergleichen, nebst ein paar Kammern. Diese Einrichtung schreibt
sich noch aus den Zeiten her, wo in Kolberg die Niederlage des groen
Kornhandels an dem Baltischen Meer war, der sich aber schon lnger als
ein Jahrhundert weg und meist nach Danzig gezogen hatte. Obgleich die
meisten Einwohner, etwa achttausend, wohlhabende und mehrere enorm
reiche Leute waren, so dachten doch nur wenige daran, sich bequemere
Wohnhuser zu bauen; sie waren einmal an diese grtenteils
hhlenartigen Wohnungen von Eltern und Ureltern her gewhnt, wuten es
nicht besser und befanden sich ganz behaglich in denselben. Obgleich
Mauern und Wnde feucht, besonders in den Alkoven salpeterartig waren,
sind ihre Bewohner dennoch gewhnlich ein starker und gesunder
Menschenschlag. Der wenige Luxus, der hier herrschte, und die geringe
Gelegenheit, Geld auszugeben, whrend doch immer noch ansehnlich
verdient wurde, machte, da es sehr viel reiche Leute gab, die von
Urgroeltern und noch lnger her schon die alten Taler in Kisten und
Kasten aufgespeichert. Mdchen mit einer baren Aussteuer von fnfzig-,
achtzig- und hunderttausend Talern waren gerade keine so groe
Seltenheit. Unter den Merkwrdigkeiten der in vieler Hinsicht
sonderbaren Stadt steht die groe Marienkirche oben an; es ist ein
hohes, weitlufiges Gebude, dessen ungeheurer, fast ganz leerer Raum
ihm ein schauerliches Ansehen verleiht, um so mehr, da die Kirche in
einem so schlechten Zustand war, da berall Wind und Luft Zugang fanden
und Eulen und andere Nachtvgel ihre Residenz in derselben aufgeschlagen
hatten, ja die Sperlinge waren so unverschmt, whrend des
Gottesdienstes die Nase des Predigers auf der Kanzel zu umschwirren. Die
Kirche hat viele Seitengebude und Anhngsel, ist uralt und von dem
Ertrag der Pfennige erbaut worden, die zwei Mnche von den frommen
Seelen in ganz Deutschland erbettelten. Sie war ursprnglich dem
katholischen Glauben gewidmet. Eigentlich war es nur noch eine
guterhaltene Ruine mit sehr drftiger Ausschmckung; mehr als tausend
Scheiben der groen Fenster waren zerbrochen; sie machte die Wirkung
eines unermelichen Grabgewlbes auf mich. Wer sich so pltzlich aus
einem Klima wie das von Korfu, wo ich noch einen Teil des vorjhrigen
Sommers zubrachte, hierher versetzt findet, dem scheint dies Land ein
wahres Sibirien. Dabei ist die Stadt das wahrhafte und wirkliche
Krhwinkel, jedoch nicht in Bezug auf ihre braven Bewohner, denn in
dieser Beziehung sind es viel grere Stdte, wie zum Beispiel
Frankfurt, weit mehr, sondern weil sich die geflgelten wirklichen
Krhen zu Hunderttausenden die Giebeldcher der alten Stadt seit
undenklichen Zeiten zu ihren Sitzen ausersehen haben, deren Geschrei und
graues Aussehen das Dstere noch vermehrt. brigens sind die Einwohner
sehr biedere, wackere und brave Leute, noch von altem Schrot und Korn,
und stehen ihren Mann auch vor dem grimmigsten Feind, wie sie es schon
fters zur Genge bewiesen haben; sie sind dabei gesellig, zuvorkommend
gegen Fremde und freundlich gegen die Garnison; sie selbst scheinen sich
ihrer Verdienste unbewut und erwhnten nur mit der uersten
Bescheidenheit der letzten heldenmtigen Verteidigung Kolbergs, zu der
sie doch das meiste beigetragen. Der gesellschaftliche Verein der
hiesigen gebildeten Welt fhrte den Namen >Harmonie<, und zwar mit
Recht, denn diese herrschte damals ungestrt in demselben.

Der alte Nettelbeck war gewi Kolbergs bester Brger. Er war damals
schon sechsundsiebzig Jahre alt, aber immer noch ein sehr rstiger Mann,
von dem lebhaftesten Geist. In seiner Jugend war er ein Seemann, hatte
mehrere Reisen nach Ost- und Westindien gemacht, und in seinem hohen
Alter bildete er noch junge Leute zu Matrosen und Steuermnnern aus. Bei
seinen groen Verdiensten war er der einfachste und anspruchsloseste
Mann, dessen groe Rechtschaffenheit und Redlichkeit zum Sprichwort
geworden war, und Friedrich der Groe, den er noch gekannt, stand in
hohem Ansehen bei ihm; sein Mut war ber alles Lob erhaben. Eines Tages
hatte der Blitz in den hohen Turm der Marienkirche geschlagen und dessen
Spitze schon gezndet, da eilte der alte Nettelbeck ganz allein mit
einer Handspritze hinauf und lschte das Feuer. Als bald nach der
Schlacht bei Eylau Napoleon ein betrchtliches Korps gegen Kolberg
sandte, welches, nachdem es die Verschanzungen bei Naugard genommen,
sich zur Belagerung der Festung anschickte, da stellte sich der edle
Greis Nettelbeck an die Spitze der wackeren Brgerschaft und war berall
bei der Hand, wo die Gefahr am grten war. Die Franzosen hatten sich
bereits der Schanze auf dem hohen Berg bemchtigt, aber die Kolberger
befestigten nun die Mndung der Persante und die Maikuhle und brannten
die Lauenburger Vorstadt ab. Schill, der sich in die Festung geworfen
hatte, machte fast jeden Tag Ausflle und vertrieb die Belagerer wieder
aus den Schanzen. Nun wurde auch noch die Geldern-Vorstadt abgebrannt,
und Schill schlug mit seiner Reiterei, die eine groe Tapferkeit bewies,
einen Teil der Belagerer in die Flucht. Aber der Kommandant Kolbergs,
ein Oberst Loucadou, von franzsischer Abkunft, war eine Schlafhaube,
sprach von bergabe, bis ihm Nettelbeck mit einigen Brgern auf die
Stube rckte und ihm erklrte, da sie den, der von bergabe sprche,
fr einen Hochverrter ansehen und als solchen bestrafen wrden.
Loucadou wurde auch bald abberufen und durch den braven Gneisenau
ersetzt, der sogleich dem Feind die Schanzen am Bullenwinkel wieder
abnahm. Die Franzosen beschossen jetzt die Stadt heftig und fast
ununterbrochen, aber Nettelbeck und seine Brger, die mit der Besatzung
in der Verteidigung der Stadt wetteiferten, waren berall bei der Hand,
wo es eine Gefahr gab; sie hatten sich in mobile Kompagnien eingeteilt,
bedienten einen Teil des Geschtzes, und Gneisenau tat fast nichts, ohne
den Rat oder die Meinung Nettelbecks zu hren, der sein bester Adjutant
und berall war. Zndete eine Haubitzgranate irgendwo, so stand gewi
Nettelbeck mit seinem Schlauch an der gefhrlichsten Stelle, die er
nicht verlie, bis das Feuer wieder gelscht war, und gab es auerhalb
der Stadt ein Gefecht mit dem Feind, so sa er hoch zu Pferde, die
Truppen anfeuernd, versorgte sie mit Munition und brachte dem
Kommandanten unter einem Kugelregen die Berichte. Er besorgte die
berschwemmungen mit einer Umsicht, welche Scharfsinn und den
richtigsten berblick verriet. Durch seinen Mut und Patriotismus
versetzte er die Brger in Enthusiasmus, und all diese Dienste tat er,
ohne die mindeste Vergtung oder Besoldung zu erhalten, obgleich er
durchaus ohne Vermgen war und von seinem brgerlichen Verdienst lebte.
Viermal hatten die Bomben und Granaten ein gefhrliches Feuer angefacht,
und viermal hatte es Nettelbeck gelscht. Diese tapfere Verteidigung
Kolbergs ist ein Lichtpunkt in dem sonst so dster-unglcklichen
preuisch-franzsischen Krieg von 1807. Htte sich das mchtige
Magdeburg und die anderen Festungen so gehalten, niemals wre Preuen
von den Franzosen unterjocht worden. Der Knig erkannte Kolbergs und
Nettelbecks Verdienste wohl an, sprach das erste von aller
Kriegskontribution, nahe an zweihunderttausend Taler, frei, und dem
braven Nettelbeck wurde die Ehre zuteil, an die knigliche Tafel gezogen
zu werden, wo er den Ehrenplatz zwischen dem Knig und der Knigin
einnehmen mute; seine Tochter, noch ein Kind, wurde auf knigliche
Kosten erzogen, erhielt eine bedeutende Aussteuer, und aus Kolbergs
Besatzung wurde ein Regiment gebildet, das auf alle Zeiten den Namen
Kolberg fhren sollte.

Ich begann nun mich nach und nach heimischer zu finden, obgleich meine
Dienstverhltnisse gerade nicht immer die angenehmsten waren, woran ich
indessen zum Teil selbst groe Schuld trug, da ich mich ber manche
Dinge, die mir ungewohnt waren oder ungereimt schienen, ganz unverhohlen
und oft sehr schonungslos auslie, was mir dann sowohl bei meinen
Vorgesetzten als lteren Kameraden Unannehmlichkeiten und
Verdrielichkeiten verursachte, die oft nur durch die Klinge beigelegt
werden konnten und mich in den Ruf eines hndelschtigen Menschen
brachten. Ich konnte zu wenig den franzsischen Felddienst und das
franzsische Leben vergessen und mokierte mich gern ber manches, was
wohl nach Pedantismus roch, doch war damals schon der preuische Dienst
fast von allen kleinlichen Erbrmlichkeiten gereinigt und in hohem Grad
human, besonders auch gegen den gemeinen Mann. Das groe
Rechtlichkeitsgefhl und Wohlwollen des Knigs war von den hchsten bis
zu den untersten Klassen der militrischen Hierarchie gedrungen.

Die ersten Bekanntschaften unter den Einwohnern machte ich bei der Feier
des Geburtstags des Knigs, die mit groem Jubel begangen wurde. Nach
der groen Parade war ein Diner und abends Ball in der Harmonie, den der
Kommandant mit einer Polonse erffnete. Unter den anwesenden Damen
bemerkte ich sogleich eine sehr zierlich und fein gebaute junge Frau,
die sich mit auerordentlicher Anmut im Tanz bewegte. Auf meine
Erkundigung erfuhr ich, da es die Gattin eines Kaufmanns namens G...
war, und engagierte sie zum ersten Walzer. Auf diesem Ball waren so
ziemlich alle Schnheiten der Honoratioren Kolbergs beisammen und
wunderschne und liebliche Mdchen unter denselben, wie die Frulein von
Gundenreich, drei sehr reiche Erbinnen, ein Frulein Justke, von
Bajinsky, eine Frau Doktor M. und so weiter, eine wahre Flora von
Schnheiten und Liebenswrdigkeiten, da einem die Wahl htte schwer
werden knnen. Doch fand ich in Madame G... ein so anmutiges,
aufgewecktes und zierliches Weibchen, da ich, von soviel
Liebenswrdigkeit hingerissen, mich von diesem Tag ihrem Dienste
vorzglich zu widmen beschlo. Ein tragikomischer Vorfall machte, da
dieses Fest auf eine kurze Zeit unterbrochen wrde. Der Chef der
Artillerie hatte nmlich mit dem Kommandanten von Kolberg, Oberst
Streit, als die Herren schon ziemlich _allegro_ bei einer Bowle Punsch
saen, um ein Dutzend Flaschen Ungarwein gewettet, da letzterer auch
nicht einen Kanonenschu in der Festung tun lassen knne ohne sein
Wissen und seine Genehmigung (die Order dazu mute erst an den
Artilleriechef gelangen und ihm gemeldet werden, da kein
Artillerieoffizier ohne diese abfeuern lassen konnte). Oberst Streit
aber gab dem Platzadjutanten insgeheim Befehl, ein paar Reserve-Kanonen
aus dem Zeughaus, wozu die Schlssel bei der Kommandantur waren, holen,
sie so geruschlos wie mglich in der Brsenstrae gegen die Harmonie zu
auffahren und richten sowie durch Artilleristen aus dem
Invaliden-Bataillon bedienen zu lassen und dann auf ein von ihm mit
einem weien Schnupftuch am Fenster gegebenes Zeichen abzufeuern. Als
man dem Kommandanten berichtet hatte, da alles nach seiner Order bereit
wre, sagte er zum Major von Gaeti, Chef der Artillerie: Nun, Herr
Major, lassen Sie uns die Gesundheit Seiner Majestt unseres
hochverehrten Knigs ausbringen und mit Kanonendonner akkompagnieren.
Der Major erwiderte lchelnd: Ich bin es zufrieden, und stie mit dem
Oberst an, der ausrief: Hoch lebe unser edler Knig! Zugleich winkte
er mit dem Schnupftuch am Fenster, und in demselben Augenblick, es war
gegen Mitternacht, donnerten die Kanonen zum Schrecken und Erstaunen der
ganzen Harmoniegesellschaft, aber auch alle Fensterscheiben fielen
klirrend in den Saal, so da die Damen schreiend die Flucht ergreifen
wollten; man sah sich betroffen gegenseitig an und wute nicht, was man
von dem Vorfall denken sollte, zumal da sich die Kanonenschsse
erneuerten und deren einige zwanzig fielen; doch klrte sich die Sache
bald auf, und das unterbrochene Fest nahm wieder seinen nicht ferner
gestrten Fortgang. Der Herr Oberst hatte zwar den Ungarwein gewonnen,
mute aber ein paar hundert Taler fr die zerbrochenen Scheiben zahlen,
denn nicht allein alle Fenster der Harmonie waren zerschmettert, sondern
auch links und rechts die der Huser in der Brsenstrae, von dem Platz,
wo die Kanonen standen, bis zum Harmoniegebude, welches Face machte. Es
war demnach eine sehr teuer gewonnene Wette. -- Erst um drei Uhr endigte
das Fest, auf dem ich mit Madame G... schon so weit gekommen war, da
sie mir mit vielsagendem Blick eine beste Nacht wnschte. Wenige Tage
darauf sah ich sie nebst noch anderen Damen wieder in dem
Harmoniegarten, wo die neue Bekanntschaft freundlichst fortgesetzt
wurde. Kurz vorher war der Hauptmann von Pfndl angekommen, dem ich nun
die Kompagnie hatte bergeben mssen. Er befand sich auch bei der
Gesellschaft im Garten, und als die Sprache auf Berlin kam, erzhlte
ich, da ich daselbst bei meinem Wirt, einem Herrn von Pogwisch, eine so
beraus freundliche Aufnahme gefunden und berhaupt die Berliner nur zu
rhmen htte. Pfndl fragte mich hierauf mehr und sehr genau nach den
nheren Umstnden der Familie von Pogwisch, so da es mir auffallen
mute. Ich konnte ihm indessen nur Gutes und Lobenswertes von jedem
Mitglied derselben mitteilen. Endlich fiel er mir lchelnd mit den
Worten in die Rede: Herr Kamerad, das war Ihnen geraten; wissen Sie,
da die alte Frau von Pogwisch meine Schwester und deren Sohn folglich
mein Neffe ist; die junge Frau habe ich aber noch nicht gesehen. Von
diesem Augenblick an waren wir die besten Freunde und Kameraden.

Noch denselben Tag schritt ich in der Gunst der Madame G... so weit
voran, da sie mir das Haus einer ihrer Bekannten, einer gewissen Madame
Sparschuh, empfahl und zu verstehen gab, da ich sie in demselben oft
antreffen knne; ich fand auch schnell Mittel, mich bei dieser schon
etwas lteren Dame, deren Gatte die meiste Zeit abwesend war, zu
introduzieren, und bald brachte ich ganze Nachmittage in Gesellschaft
der Madame G... daselbst zu, whrend Madame Sparschuh so gtig war, sich
mit Haushaltungsangelegenheiten zu beschftigen und uns manches
Stndchen ganz allein zu lassen, wohl auch dafr zu sorgen, da wir
nicht unangenehm berrascht werden konnten, was wir dann bestens zu
benutzen verstanden.

Auer Madame G... machte ich bald noch die Bekanntschaft ihrer hbschen
Cousine, der Frau Doktor M., bei einer Kaffeegesellschaft im
Bullenwinkel. Die Kolberger Damen veranstalteten nmlich sehr hufig
solche Kaffeeklatsche, im Winter in ihren Husern, im Sommer aber auf
einem nahegelegenen lndlichen Ort, wobei auer Kaffee und Kuchen noch
reichlich se Weine, Spickgans und andere Leckerbissen serviert wurden.
Diejenigen Damen, welche intimere Bekanntschaft mit Offizieren hatten,
lieen diese wissen, wenn eine solche Zusammenkunft auf dem Land, wozu
man fast immer den Bullenwinkel whlte, stattfinden sollte, und sie
stellten sich bei denselben wie auf einem zuflligen Spaziergang ein;
man lud sie dann hflichst, eine Tasse Kaffee anzunehmen, und brachte so
den Nachmittag recht vergngt mit lndlichen Spielen: Schaut euch nicht
um, der Fuchs geht herum; Gut Bier feil, und besonders Versteckens und
so weiter zu. Der romantische Bullenwinkel bestand aus einigen
Wirtschafts- und konomiegebuden, die an den Ufern eines mit Erlen,
Eschen und Weiden besetzten Baches lagen. Die Gesellschaften waren immer
einige zwanzig bis dreiig Personen und mehr stark, und die Blte der
Kolberger Frauen und Mdchen kam da zusammen, um Kaffee oder auch
Buttermilch zu schlrfen und neue Bekanntschaften zu machen, whrend die
Mnner und Vter dieser Damen ganz ruhig auf ihren dsteren
Schreibstuben bis zum Untergang der Sonne arbeiteten und in Kaffee,
Zucker, Weinen und so weiter spekulierten. Mit einem anderen jungen
Offizier, dem Leutnant Willmann, hatte ich nhere Freundschaft
geschlossen, so da wir uns unsere Abenteuer und Verbindungen
gegenseitig mitteilten und einander behilflich waren. Seine Auserkorene
war eine junge Witwe, die Kriegsrtin W., eine ziemlich trkische, das
heit korpulente Schnheit, denen ich nie einen Geschmack abgewinnen
konnte; dagegen hatten Madame G... und ihre Cousine beide
Sylphidengestalten, erstere war aber von einem so zarten Nervenbau, da
sie vor lauter Entzcken oder auch aus rger und Gemtsbewegung leicht
in einen vllig bewutlosen Zustand versank und bis zur Bengstigung in
demselben verblieb. Bald merkte sie, da ich mit der Frau Doktor M. auf
einem freundschaftlicheren Fu stand, als ihr lieb war, was zu
Neckereien und unangenehmen Szenen Veranlassung gab. Als eines
Nachmittags im Bullenwinkel wieder Verstecken gespielt wurde, hatte mir
ihre Cousine leise zugeflstert: Ich verstecke mich in das hohe
Federbett der Wirtin, dort findet mich gewi niemand. -- Auer mir,
erwiderte ich. -- Das drfen Sie nicht, weil ich es Ihnen gesagt habe.
-- Nun, wir werden sehen. -- Als alle versteckt waren, schlich auch
ich mich in die Schlafkammer der Wirtin, wo ich richtig die Frau
Doktorin fand, die ihr allerliebstes Kpfchen aus den berghohen
Federbetten der Wirtin streckte. -- Beste Frau Doktorin, lie ich mich
vernehmen, ich kann Ihnen nicht helfen, aber ich wei keinen anderen
Platz zum Verstecken zu finden, als bei Ihnen im Bett. -- Ja
unterstehen Sie sich! -- Und warum nicht? Ich unterstand mich und war
mit einem Hui in den Federmassen, unter der Decke und mit der
liebenswrdigen Frau vereint. -- Aber mein Gott, wenn man uns hier
zusammen findet! -- Man wird uns nicht finden, ich habe es mit der
Wirtin abgemacht, lassen Sie uns also den gnstigen Augenblick
bentzen. -- Sophie wollte protestieren, mich wieder hinaus haben, aber
ich war nicht der Mann, der, einmal in einer Festung, diese so leicht
wieder aufgab, da half kein Struben und Ach; aber pltzlich knarrte die
Tr, und ich schlpfte tief unter die schwere und breite Bettdecke, bis
zum Ersticken zugedeckt. Es war Madame G..., die mich berall gesucht
hatte und endlich auf den Einfall gekommen war, zu sehen, ob ich mich
nicht in der Wirtin ihr und mir schon wohlbekanntem Schlafzimmer
befnde. Sie trat an das Bett, und ihre Cousine mit sehr erhitztem
Aussehen in demselben liegen findend, sagte sie: So, du hast dich hier
verborgen, das ist so bel nicht, ich will mich mit dir zusammen
verstecken. -- Bewahre der Himmel, das geht nicht, wo denkst du hin.
-- Ich sehe nicht ein, warum ... -- Nein, das leide ich ein fr
allemal nicht, du gehst deiner Wege. -- Aber Madame G... war nicht die
Frau, die sich so leicht abschrecken lie, und zog und zerrte schon an
der Bettdecke, welche die Doktorin um so fester an sich hielt, wobei ich
ihr unterbettischerweise so behilflich war, da es der Madame G... nicht
gelang, die Decke herabzureien, und so entstand ein gewaltiges Hin- und
Herzerren. Da beide Cousinen sehr laut wurden, so da ich frchtete,
noch andere Personen mchten dazu kommen, entschlo ich mich, der Sache
rasch ein Ende zu machen, warf die Decke von mir, sprang zum Bette
heraus und stellte mich zwischen beide, fast gleich verblffte Damen,
suchte sie zu besnftigen, indem ich ihnen vorstellte, da sie beide
gleiches Interesse htten, da die Sache verschwiegen bliebe und der
trkische Sultan ja ein paar hundert Frauen zumal habe, ich also wohl
auch zwei Geliebte auf einmal besitzen drfe, besonders da ich beide
gleich heftig liebe, wie sie versichert sein knnten. Um dieser
Versicherung mehr Nachdruck zu geben, kte ich beide abwechselnd, wenn
schon Madame G... sich gewaltig strubte; die Doktorin aber, die sich
besser in das Geschehene zu finden wute, rief ihr zu: So ziere dich
doch nicht so, Minchen, es ist jetzt einmal nicht anders, und dann
bleibt's ja unter der Verwandtschaft. -- Es wurde endlich, wenigstens
scheinbar, der Frieden geschlossen und besiegelt, wir begaben uns alle
drei wieder zur Gesellschaft, nahmen khlende Buttermilch zu uns und
spielten dann wieder: Schaut euch nicht um, der Fuchs geht herum, bis
mit der Dmmerung ich beide Cousinen am Arm heim fhrte. Madame G...
konnte aber diesen Vorfall nicht so leicht verschmerzen, sondern spielte
die Eiferschtige fort, lie soviel wie mglich alle meine Schritte
beobachten und durch eine ihrer Mgde sogar meinen Burschen bestechen,
der mir jedoch alles wieder rapportierte und, von mir gehrig
instruiert, nur sagte, was ich fr gut fand, ihn sagen zu lassen.
Indessen lie sie dennoch ihre Cousine so genau bewachen, da es dieser
fast unmglich wurde, einen Schritt zu tun, ohne da es Madame G...
erfahren htte, die es so einzurichten verstand, da wir uns fast nie
allein sprechen konnten. Um dies bewerkstelligen zu knnen, kam ich mit
der Frau Doktorin berein, da sie eine kleine Reise zu einer nahen
Anverwandten nach dem fnf Meilen von Kolberg entfernten Kslin machen
und ich fr einige Tage Urlaub dahin nehmen solle, das Vorhaben aber so
geheim zu halten, da Madame G... vor unserer Abreise nichts erfahre.
Dies glckte, und um sie irre zu fhren, hatten wir hinterlassen, da
Sophie nach Treptow und ich nach Kslin gegangen sei, fanden uns aber
schon eine halbe Meile hinter Kolberg zusammen und setzten nun den Weg
nach Kslin in einem offenen Wagen fort.

Nachdem ich mit Sophie den dreitgigen Aufenthalt in Kslin auf das
beste benutzt hatte und bei ihren Verwandten sehr gut aufgenommen worden
war, fuhr ich einen Tag frher ab, damit man in Kolberg, namentlich
Madame G..., weniger argwhnisch sein und uns nicht auf die Spur kommen
mge. Aber die Dame hatte bereits Verdacht geschpft, da ihre Cousine
ihr kein Wrtchen von der Reise mitgeteilt. Bald kam sie auch durch ihre
Spione hinter die Wahrheit, und es setzte Szenen in der Doktorin
Wohnung, wobei die nervse Madame G... furchtbare Krmpfe bekam und in
gnzliche Bewutlosigkeit fiel. Um der Doktorin den Streich wett zu
machen, veranstaltete sie nun gleichfalls eine kleine Lustreise, wobei
ich ihr schwren mute, das Vorhaben ihrer Cousine nicht zu verraten,
ein Schwur, den ich aber nicht hielt, und da ich wute, da Sophie weit
vernnftiger als Minchen war, ihr die Sache mitteilte, worauf wir beide
herzlich darber lachten. -- Diesmal sollte die Fahrt auf das Gut eines
pommerschen Landedelmannes gehen, mit dem der Mann der Madame G...
einige nicht sehr bedeutende merkantilische Geschfte machte und der der
Dame einst _en passant_ hingeworfen hatte, sie mge ihn doch einmal auf
seinem Gut besuchen. Madame G... arrangierte nun eine Partie dahin, wozu
sie auch noch auer mir Herrn und Madame Sparschuh und ein Frulein von
Bajinsky einlud, um die Sache nicht zu auffallend zu machen. Wir fuhren
eines Sonnabends nachmittags ab und langten erst gegen neun Uhr abends
in dem Dorf des Edelmannes an. Je nher wir kamen, desto ngstlicher
wurde Madame G..., die anfing, einzusehen, da sie auf eine so
oberflchliche Einladung hin wenigstens nicht noch vier fremde Personen
htte mitbringen sollen, und erst nahe bei dem Dorf entdeckte sie mir
und den anderen ihre Bedenklichkeiten. Ich war sogleich dafr, da wir
anderen in der Schenke des Dorfes bernachten mten, whrend Madame
G... allein von der Einladung des Edelmannes Gebrauch machen solle, aber
dies wollte sie ebensowenig, namentlich nicht, da ich mit dem Frulein
von Bajinsky, einem niedlichen jungen Mdchen, der Tochter eines
pensionierten Majors, ohne sie unter einem Dache schlafen sollte. Auch
war der Krug in dem Dorf so beschaffen, da wir alle in einer Kammer auf
einer Streu htten liegen mssen. Wir hielten indessen am Krug an, von
wo sich Madame G... allein nach dem Schlo des Edelmannes begab und
diesem, indem sie ihm ihren Besuch ankndigte, zu gleicher Zeit auf eine
Weise mitteilte, da sie in Gesellschaft von noch vier Personen
gekommen, die im Krug geblieben, da der gute Mann wohl nicht anders
konnte, als ihr den Vorschlag zu machen, sie zu ihm zu bringen; sie kam
nun triumphierend zurck, uns einladend, ihr zu folgen. Wir wurden
indessen ziemlich frostig empfangen, besonders von der gndigen Frau,
die, Unwohlsein vorschtzend, sich bald, nachdem sie uns gemustert,
wieder entfernte, uns dann durch einen Bedienten unsere Zimmer anweisen
-- zum groen Verdru der Madame G... eines fr die Damen mit drei
Betten und ein anderes fr die Herren -- und uns auch ein ziemlich
frugales Abendessen auf denselben servieren lie, nach welchem wir alle
etwas verstimmt und kleinlaut uns zur Ruhe verfgten, da wir niemand von
dem Haus mehr zu sehen bekamen. Den anderen Morgen wurde uns um acht Uhr
der Kaffee gebracht, und der aufwartende Bediente teilte uns mit, da
sich seine Herrschaft bestens entschuldigen lasse und bedaure, uns nicht
mehr sehen zu knnen, sie habe aber mit Tagesanbruch auf ein
benachbartes Gut fahren mssen, dessen Eigentmer sie diesen Besuch
schon vor vierzehn Tagen versprochen. -- Dies war denn doch ein wenig zu
arg, ich dankte fr das Frhstck, befahl sogleich anzuspannen, die
brigen waren vollkommen meiner Meinung, und den Domestiken fnf Taler
in Gold als Trinkgeld hinwerfend, verlieen wir den gastfreien Edelhof
und waren zu Mittag wieder in Kolberg zurck, samt und sonders von
dieser Plsierreise wenig erbaut und Madame G... ein wenig beschmt. --
Der soll mir aber nach Kolberg und zu uns kommen, sagte sie wohl
hundertmal unterwegs, ich will ihm wieder mit Ungarwein aufwarten, dem
Flegel! Niemand war ber dies Resultat erfreuter als Frau Doktor M.,
der ich alles nebst den kleinsten Nebenumstnden mitteilte und die sich
darber kindisch freute und halbtot lachen wollte. Ich hatte indessen
bei dieser Gelegenheit nhere Bekanntschaft mit dem liebenswrdigen
Frulein Bajinsky gemacht, die ich nun auch bald auf mein Register
setzen zu knnen hoffte. Ich gefiel mir immer mehr in Kolberg und hatte
eben einen Wechsel von vierhundert Talern von Haus erhalten, die mir der
Bankier Mendelsohn in Berlin bei dem Haus Plddemann in Kolberg, einem
der reichsten Kaufleute, anwies, und da dies schnell in der Stadt
herumkam, so galt ich fr sehr reich, und alle Leute waren jetzt noch
dreimal so artig wie frher gegen mich. Den hbschen Tchtern meines
Bataillonschefs sowie der elfjhrigen Tochter des Kommandanten gab ich
Unterricht in der franzsischen Sprache und im Singen. So war ich sehr
gern gesehen und erhielt mehr Einladungen, als mir lieb war; eine junge
Majorin von G... bat mich ebenfalls, ihr doch einige Stunden auf der
Gitarre geben zu wollen, was ich unmglich ausschlagen konnte, da es
nicht nur eine hbsche, sondern auch sehr geistreiche Frau war. Nach
vielen Bemhungen brachte ich auch ein kleines Liebhabertheater zustande
und wurde sogar in der Harmonie zum _Matre des plaisirs et des
crmonies_ ernannt. Ich arrangierte nun Extrablle, kleine Konzerte,
gab alle Gesellschaftsspiele an und war in der Tat _l'enfant chri des
dames_, und auch hier mute mir die zum Turm der Marienkirche fhrende
Treppe bei den gefhrlichsten und geheimsten Rendezvous zum
verschwiegensten Gelegenheitsmacher dienen. Eine dieser Damen, die von
ihrem Gatten, einer hohen Militrperson, sehr berwacht wurde und deren
Gngen man nachsprte, machte den Abend, wenn wir ein Stelldichein in
dem Turm verabredet hatten, drei bis vier Besuche in verschiedenen
Husern, bevor sie sich im Turm einfand, um im Notfall eine gute Ausrede
zu haben und besser ein Alibi beweisen zu knnen. -- Auch an
Heiratsantrgen, die mir so unter der Hand angegeben wurden, fehlte es
nicht; es waren meist hbsche und reiche Mdchen, mit denen mich
gefllige Basen und Tauten, trotzdem meine galanten Aventren so
ziemlich bekannt waren und Aufsehen erregten, beglcken wollten. Schne
und reiche Mdchen waren die Frulein von Gundenreich, von denen man mir
die lteste durchaus freien wollte. Aber kaum sechsundzwanzig Jahre
zhlend, hatte ich noch wenig Sinn fr Hymens Freuden in der Ehe, und
ebensowenig Wert hatte der Mammon fr mich.

So kam allmhlich der Winter heran. Hauptmann von Pfndl und ich
erhielten sehr freundliche Einladungen von Pogwischs in Berlin, einen
sechswchentlichen Urlaub zu nehmen und sie zu besuchen. Trotz aller
Freuden, die mir jetzt in Kolberg blhten, lie ich mich doch bereden,
die gutgemeinte Einladung anzunehmen, auch hatte ich so halb und halb
die Absicht, die Versetzung an den Rhein auszuwirken. Ich erbat und
erhielt Urlaub und machte mich vierzehn Tage vor Weihnachten mit Pfndl
auf den Weg nach Berlin. Bis Naugarten hatten wir Extrapost genommen und
uns dann in den von Danzig kommenden Postwagen gesetzt, in dem wir eine
liebenswrdige Polin, die Gattin eines polnischen Ulanen-Rittmeisters,
der bei der Armee in Frankreich stand, trafen, die ebenfalls nach Berlin
und von da weiter nach Frankreich zu ihrem Mann reiste und gut
franzsisch sprach, das Pfndl, der auerdem schon ein Sechziger war,
so wenig verstand wie die anderen Passagiere. Ich fand die junge Frau,
die aus Knigsberg kam, allerliebst und konnte mich um so ungestrter
mit ihr unterhalten, als niemand verstand, was wir sprachen. Es war
schon neun Uhr abends, als wir in Berlin ankamen, was ich zum Vorwand
nahm, um nicht sogleich zu Pogwischs zu gehen, sondern im >Goldnen
Engel<, wo ich schon frher logierte, mit der Frau Rittmeisterin
abzusteigen, worauf auch Pfndl einging, da er seine Verwandten nicht
noch so spt inkommodieren wollte. Ich schlich mich nach elf Uhr auf
Kathinkas nicht verschlossenes Zimmer, in dem noch Licht brannte, sie
lag aber schon mit hochwallendem, zur Hlfte entbltem Busen im Bette
und schlief, oder wenigstens tat sie so. Ich weckte die Scheintote mit
Kssen, die sich nun stellte, als erwache sie aus tiefem Schlaf. Es war
aber schon zu spt, ihre Unschuld zu retten, aber immer noch frh genug,
um im Hochgenu mitfhlend zu schwelgen. Ihre bald weitgeffneten
schwarzen Feueraugen verrieten alle Glut hoher Lust, die Frau war so
ppig und reizend gebaut, da ich selbst in Spanien nie einen schneren
Frauenkrper kennen gelernt; erst gegen Morgen verlie ich das Zimmer
der schnen Polin wieder, kleidete mich an und begab mich dann in das
Pfndls, um mit diesem zu frhstcken und hierauf zu Pogwischs zu
fahren, wo wir mit groem Jubel empfangen und freudig aufgenommen
wurden. Die Frau Rittmeisterin verweilte mir zu Gefallen noch acht Tage
in Berlin, das sie noch nicht kannte und das sie kennen zu lehren, ich
mich der Mhe unterzog. Wir fhrten sie bei Pogwischs ein, wo sie
whrend ihres kurzen Aufenthaltes tglich in dem gastfreien Haus zu
Tische geladen wurde. -- Minchen Pfeifer, bei der wir den anderen Tag
die Aufwartung machten, war unterdessen frmlich die Braut des bei dem
Armeekorps in Frankreich stehenden Regimentschirurgus geworden; dies
hinderte nicht, da wir das frhere Verhltnis wieder anknpften,
obgleich sie, als sie von Pogwischs erfuhr, da ich wiederkommen wrde,
diesen gesagt hatte: Wenn Herr Frhlich kommt, so suchen Sie doch ja zu
verhindern, da er mich unter den jetzigen Umstnden besucht. Als sie
mir bei der ersten Visite, die ich mit Pfndl machte, zuflsterte:
Nun, werde ich Sie recht oft bei uns sehen? erwiderte ich ihr: Sie
haben es sich ja verbeten. -- Ach, das war nicht so gemeint,
versetzte sie, aber man mu den Leuten ein wenig Sand in die Augen
streuen, damit man nicht fr so leichtsinnig gehalten wird; wir knnen
indessen immer zusammen musizieren, wenn ich auch Braut bin, das tut
nichts, aber versteht sich alles in Ehren. -- Ja, mein Frulein, in
Ehren kann man alles tun, und so wollen auch wir es machen. -- Wir
sangen nun wieder fters miteinander und trugen die Duette, wenn wir
allein waren, mit so groem Ausdruck und so handgreiflicher Aktion vor,
da auch der strengste Kritiker und Rezensent htte bezeugen mssen, da
die vollkommenste Natur dabei herrschte. -- Auch auf dem Schlo machte
ich meine untertnigste Aufwartung bei der Prinzessin Wilhelm, die mich
wieder sehr freundlich empfing und mich unter anderem fragte, wie es mir
in den preuischen Diensten gefalle, worauf ich ein: Vortrefflich,
Hoheit! erwiderte. Whrend meines Aufenthaltes in Berlin wiederholte
ich noch einige Male meine Aufwartung. -- Nachdem acht Tage verflossen,
setzte die schne Polin ihre Reise nach Frankreich fort, und ich wurde
dadurch freier in meinem Tun und Treiben. Der diesmalige Aufenthalt in
Berlin war noch unterhaltender fr mich als der frhere, denn wir
machten viele neue Bekanntschaften, da wir Empfehlungsbriefe von in
Kolberg garnisonierenden Offizieren an deren Verwandte mitgebracht
hatten, wodurch wir viele Einladungen erhielten, die uns manche
angenehme Stunde hinbringen halfen. Unter anderen lernte ich auch die
liebenswrdige Gattin des Herrn von L..., eines Abgeordneten aus
Stralsund, das eben erst preuisch geworden war und deshalb Deputierte
nach Berlin gesandt hatte, kennen, sowie eine Justizrtin von M... und
eine Oberstin von M... Jede dieser Damen war gleich anziehend fr mich,
und lange schwankte ich, welcher ich den Vorzug geben solle; die
Munterkeit und das heitere Wesen der Justizrtin machte bald, da ich
mich vorzugsweise fr diese entschied. Sie war eine Schwgerin der Frau
von L..., und ich hatte nun freien Zutritt in all diesen Husern, wo ich
manche hchst vergngte Stunde zubrachte. Dabei hatte ich auch einige
der lteren Bekanntschaften wieder erneuert, namentlich die der
reizenden Schauspielerin Demoiselle D..., die aber, wie sie mir selbst
gestand, jetzt Besuche von einer hohen Person erhielt und mich deshalb
nur verstohlen empfangen konnte. Mein Verhltnis mit der Justizrtin
wurde indessen durch einen unangenehmen Zufall bald unterbrochen. Ich
hatte eines Morgens einen Korb mit schnen Austern an dieselbe durch
meinen Bedienten geschickt und ihr in einem Billettchen dazu
geschrieben, da ich mich um elf Uhr -- die Zeit, wo ich wute, da ihr
Mann in Amtsgeschften sei -- bei ihr einfinden wrde, um die delikaten
Schaltiere mit ihr zu frhstcken. Das in unser Geheimnis eingeweihte
Stubenmdchen empfing den Korb, etwas spter mich, und wir aen die
Austern frhlich zusammen und lieen sie in sem Ungarwein schwimmen.
Alles ging nach Wunsch und lief ungestrt ab. Vor ein Uhr entfernte ich
mich, weil nach dieser Stunde der Herr Gemahl sich zum Mittagessen
einzufinden pflegte. Nun hatte aber das unbesonnene Mdchen die
Austernschalen auf einem Wasserstein in der Kche stehen lassen, und als
Herr von M... gegen zwei Uhr kam und zufllig gegen seine Gewohnheit
einen Blick in die Kche warf, um zu fragen, ob das Essen fertig sei,
sah er die Austernschalen. -- Was ist denn das? fragte er das
erschrockene Mdchen, das nach einigem Zgern stotterte: Madame hatte
pltzlich ein so groes Gelst nach Austern, da ich deren holen mute.
-- So, und wie mir scheint, eine ziemliche Quantitt; da sind ja mehr
als hundert Schalen. -- Der Justizrat eilte nun in das Wohnzimmer und
sagte zu seiner Frau: Du hast heute morgen Austern gegessen?, worauf
sie erschrocken versetzte: Ich glaube, es trumt dir, mein lieber
Mann. -- Wie, die ganze Kche liegt voller Schalen, und das Mdchen
sagte mir, du habest pltzlich eine so groe Lust nach diesem
Leckerbissen gehabt, da sie deren habe holen mssen. Ich htte nichts
dagegen, wenn es ein Dutzend gewesen wre, aber ber ein Hundert, das
kostet ja an zwei Friedrichsdor. -- Die Frau sah jetzt wohl ein, da
sie die Sache auf Rechnung ihrer Genschigkeit schieben msse, und
dankte Gott, auf diese Weise, doch mit einem wenn auch etwas derben
Verweis davonzukommen, indem der Mann sagte: Du bist ja doch nicht in
der Hoffnung, soviel ich wei, und wre es, gleich ein Hundert zu
verzehren, dergleichen Sprnge verbitte ich mir, sonst werde ich dir
einen Riegel vorschieben, der dich verhindern soll, knftig so
extravagante Ausgaben zu machen; ein Hundert Austern, solche Depense
macht der Knig nicht! -- So wre die Sache abgemacht gewesen, wenn der
Justizrat nicht zwei Tage darauf ein anonymes Billettchen erhalten
htte, in dem man ihm schrieb: Sie sind sehr schwachkpfig, zu glauben,
da Ihre Frau die Austern -- es waren ihrer anderthalb Hundert -- allein
verspeist habe. Sie hat sie bei einem _tte--tte_ mit einem Offizier
gegessen, und beide haben Ungarwein dazu getrunken. -- Jetzt war der
Teufel los, der Mann rannte heim, stellte seine Frau zur Rede,
examinierte als gebter Jurist wie in einem peinlichen Verhr die Mgde,
aber alle leugneten beharrlich, schrien ber schndliche Verleumdung,
und seine Frau sagte: Mein Gott, siehst du denn gar nicht ein, lieber
Mann, da dich irgendein Spavogel zum besten hat und den Austernschmaus
zum Vorwand nimmt, um dich zu hetzen, Zwietracht unter uns zu stiften
und sich dann ins Fustchen zu lachen? Besinne dich nur, mit wem du von
der Sache gesprochen, und es mu dir klar werden, wer den Wisch
geschrieben. Die Zofen stimmten so krftig mit den Worten ihrer Herrin
berein, da es dem armen Mann ganz schwl wurde und er endlich den
Glubigen spielte; in der Tat hatte er mit einigen Freunden von der
Nascherei seiner Frau gesprochen, aber dennoch traf er solche Anstalten,
da dergleichen Frhstcke oder Soupers wenigstens in seinem Hause
knftig unmglich wurden. Dagegen fand sich Gelegenheit, uns auerhalb
desselben zu entschdigen. Wer den anonymen Brief geschrieben, konnten
wir nicht herausbringen, aber wahrscheinlich hatte eines der Mdchen,
das einen Liebhaber gehabt, geplaudert, und so war die Sache weiter
gekommen und wurde dann in den Berliner Salons, mit allerlei Zustzen
ausgeschmckt, erzhlt. Meine alte Liebhaberei, zu einer Garde zu
kommen, erwachte auch hier wieder, als ich der Musterung der kniglich
preuischen Garden, die von Paris zurckgekommen waren, beiwohnte, und
die nicht nur eine vortreffliche militrische Haltung, ein martialisches
Aussehen hatten, sondern auch fast ausgesucht schne und noch junge
Leute und sehr elegant und geschmackvoll uniformiert waren, namentlich
die Kavallerie, besonders die Ulanen und Husaren. Da ich nun in den
Soireen und bei Diners mehrere Generle, unter anderen auch den
Geheimrat Schmalz kennen gelernt und auerdem an der Prinzessin Wilhelm
eine einflureiche Beschtzerin hatte, so hoffte ich wohl mein Vorhaben
durchsetzen zu knnen, aber vergeblich; man machte mir wenig Hoffnung.
Es hie, da nicht nur alle Garderegimenter vollzhlig seien, sondern
auch berdies eine groe Zahl aggregierte Offiziere htten; das
Haupthindernis mochte indessen wohl sein, da ich nicht zu der Klasse
derer gehrte, die man von Adel nennt, gewi eines der albernsten und
stupidesten Vorurteile, welche menschliche Dummheit je geschaffen! Ich
hatte indessen Gelegenheit gehabt, bei einem groen Diner, das im
Brsensaal gegeben wurde und wozu Pfndl und ich von einem Oberst
Scholten von der Artillerie, von dessen Sohn wir an ihn empfohlen worden
waren, eingeladen worden, den so tapferen als hochehrwrdigen
Feldmarschall Frsten Blcher kennen zu lernen, ohne den schwerlich
Deutschland von dem napoleonischen Sklavenjoch jemals befreit worden
wre, ohne den die Verbndeten noch weniger Paris erblickt haben wrden
und ohne den die Schlacht bei Waterloo, wo Wellington mit seinen
Englndern schon vollkommen geschlagen war, -- und mit ihr die deutsche
Sache, -- wieder verloren gewesen wre. Nie hat mich ein Mann in so
hohem Grade angesprochen wie Blcher. Ich hatte nur Gelegenheit, wenige
Worte mit ihm zu wechseln, aber was er sagte, war voll Kraft und
Wahrheit. Biederkeit leuchtete aus seinen Augen und ging aus jedem
seiner Worte hervor; vor diesem greisen Helden fhlte ich mich von
Ehrfurcht und Hochachtung durchdrungen, whrend ein Napoleon nur ein
unheimliches und unangenehmes Gefhl in mir erregt hatte und ich keine
Spur von Achtung empfand.

Die Weihnachten waren herangekommen. Mit ihnen wurde es auch in Berlin
recht lebendig, der ganze Weihnachtsmarkt war mit grnen Pyramiden,
Spiel- und anderen Waren und den schnen und eleganten Kindern Berlins,
zum Teil in kostbare Pelze gehllt, von morgens bis abends angefllt,
was mir Gelegenheit gab, diese lebendigen Christpuppen die Musterung
passieren zu lassen, manchen von ihnen auch in den nahegelegenen
Konditorladen Josty oder den entfernteren eleganten des Konditors Fuchs
unter den Linden zu folgen, wo sich die schne Welt versammelte, unter
grnen Laubdchern flssige und kompakte Sigkeiten einnahm und der
Harmonie einer hinter Gebsch und Teppichen verborgenen Musik zuhrte.
Fast alle Konditorlden, welche von den Berlinern und besonders den
schnen Berlinerinnen fleiig besucht werden, haben um diese Zeit
sogenannte Ausstellungen, das heit, es werden ganze Szenen aus Opern
oder Schauspielen, ganze Volksfeste, wie der Stralauer Fischzug und so
weiter, aus Figuren und Dekorationen von Kraftmehl in einem solchen
Laden ausgestellt, die manchmal so meisterhaft ausgefhrt sind, da sich
selbst ein Canova ihrer nicht zu schmen htte. So entsinne ich mich,
unter anderen eine Szene aus Wallensteins Lager von Schiller, die ein
vollendetes Meisterstck genannt werden konnte, in einem Konditorladen
unter den Linden gesehen zu haben; nicht allein, da die Gruppierungen
und der Ausdruck in den Gesichtern und den Stellungen ganz vortrefflich
waren, sondern alle Figuren und Gesichter sahen den Schauspielern,
welche die verschiedenen Rollen gaben, so sprechend hnlich, da man sie
auf den ersten Blick erkannte, namentlich war dies mit dem Komiker Wurm
und mit Devrient, der den Kapuziner machte, der Fall.

Bei meinen freundlichen Wirten veranstaltete ich eine kleine Bescherung,
zu der auch Minchen Pfeifer und noch einige andere Damen eingeladen
wurden. Ich bestellte einen ungeheuren Baumkuchen, ein in Berlin sehr
beliebtes Gebck, bei Josty und besteckte ihn mit allerlei kleinen
Gaben, deren Bestimmung durch Zettelchen angedeutet war und die meist
aus kleinen Bijouterien bestanden. Der Hauswirtin aber verehrte ich noch
besonders ein Teeservice von Porzellan, von dem sie eine groe Freundin
war und das ich in der kniglichen Porzellanfabrik erstanden hatte. Auch
das Neujahr ging recht vergngt herum. Herr von Pogwisch arrangierte
einen kleinen Ball, auf dem wir bis gegen Morgen tanzten. Die
Karnevalszeit brachten wir ebenfalls recht frhlich zu. Ich besuchte die
prchtigen Redouten im Opernhaus, die freilich mit denen in San Carlo in
Neapel unter Murat nicht verglichen werden konnten, aber trotzdem sehr
glnzend waren und Freuden die Flle gewhrten, namentlich durch die
Porzellanfuhren, die ich mit meinen Bekanntinnen machte und deren ich
oft zwei bis drei in einer Nacht mit verschiedenen Damen veranstaltete.
Fr diejenigen, die Berlin nicht kennen, mu ich mit ein paar Worten
erklren, was es mit diesen Fuhren fr eine Bewandtnis hat. Whrend der
Redouten halten bestndig eine ziemliche Anzahl groer und bequemer
Wagen vor dem Opernhaus, bereit, diejenigen aufzunehmen, die sich
paarweise von dem Ball schleichen, um sich in einer solchen Karosse
recht bequem lngs der Linden auf- und niederfahren zu lassen.
Diejenigen, die sonst keine Gelegenheiten oder nur sehr schwer zu
Zusammenknften haben knnen, finden sie hier am besten, denn wie leicht
kann man sich nicht in einem solchen Gewhl unbemerkt auf ein halbes
Stndchen entfernen und von lstigen Bewachern trennen.

Etwas, das mir groes Vergngen machte, war, da man whrend meiner
diesmaligen Anwesenheit die >Zauberflte<, die seit vielen Jahren in
Berlin nicht mehr gegeben worden war, neu einstudiert, neu dekoriert --
die herrlichen Dekorationen waren von Schinkel -- und neu kostmiert,
wieder in Szene setzte. Bei einer Vorstellung dieser Oper, der ich in
einer Loge des ersten Ranges beiwohnte, fhrte mich der Zufall in die
Nhe von ein paar Damen, die in der Nebenloge saen, von denen die eine,
kaum siebzehn Jahre alt, das schnste blondgelockte Engelskpfchen
hatte, das ich in meinem Leben sah. Die andere redete sie immer mit
Luise an. Sie war wirklich so auffallend schn, da whrend der ganzen
Darstellung die Opernglser nicht aufhrten, sie zu lorgnettieren und
sie der Gegenstand einer allgemeinen Bewunderung war, denn man sah fast
mehr nach ihr als auf die Bhne. Da die Damen ganz vorn saen, ich aber
in meiner Loge etwas zurck, so war es mir unmglich, eine Unterredung
mit ihnen anzuknpfen. Mit Ungeduld erwartete ich das Ende der Oper, um
womglich ihre Wohnung ausfindig zu machen. Auch folgte ich ihnen nach
Schlu an den Wagen, der aber so rasch davonfuhr, da ich trotz allem
Rennen denselben bald aus den Augen verlor; gerne wre ich hinten
aufgesprungen, wenn mich nicht der da befindliche Bediente abgehalten
htte. Ein paar Tage trug ich mich mit dem Bild dieser Luise herum; die
Logenschlieerin konnte mir keine Auskunft geben, und obgleich ich alle
Hunde loslie, so blieb doch jede Erkundigung fruchtlos. Schon hatte ich
es aufgegeben, das Mdchen je wiederzusehen, und sie mir also aus dem
Sinn geschlagen, als ich eines Sonntags gerade bei Beendigung der
deutschen Kirche auf dem Gendarmenmarkt ber diesen Platz ritt und
pltzlich unter der herausstrmenden Menge die so lange gesuchte Schne
wiedererblickte, als sie aus der Tr trat. Diesmal sollst du mir nicht
mehr entwischen, sagte ich zu mir selbst, indem ich mir vornahm, ihr in
einiger Entfernung zu folgen und es dabei verwnschte, da ich gerade zu
Pferde sein mute. Das Ro gehrte Herrn von Pogwisch und war ein sehr
schnes aber etwas wildes Tier. Um mich meiner Schnen bemerkbar zu
machen, setzte ich die Schenkel an, lie es kurbettieren, sich
hochbumen; aber unglcklicherweise war etwas Glatteis auf dieser
Stelle, die Eisen waren nicht geschrft, es glitt aus und strzte mit
mir, so da ich unter das Tier zu liegen kam und lange brauchte, ehe ich
mich hervorarbeiten konnte. Glcklicherweise war es auf die Seite
gefallen, so da ich mit einigen Quetschungen davonkam, denn htte es
sich berschlagen, so htte ich sicher den Hals gebrochen. Ich war
sogleich von einem Haufen Neugieriger umringt, von denen einige
behilflich waren, mir aufzuhelfen. Meine Uniform, Beinkleider, die
silberne Schrpe waren ganz beschmutzt und mein Federhut zerdrckt. Der
Vorfall machte weit mehr Aufsehen, als mir lieb war, und ich hinkte,
mein Pferd an der Hand fhrend und mich verschmt durch die Kirchenleute
drngend, mglichst schnell in eine Seitengasse. Was mir bei der
Geschichte das unangenehmste, war, da ich die langgesuchte Schne zum
zweitenmal und wahrscheinlich fr immer aus dem Gesicht verloren hatte,
und sie mir, wie ich glaubte, nun auch fr immer aus den Gedanken
schlagen mute.

Der Kommandant von Spandau war ein alter Kriegskamerad von Pfndl, den
er zu besuchen sich vornahm. Er lud mich ein, ihn zu ihm zu begleiten.
Ich kannte das berchtigte Spandau noch nicht und willigte daher mit
Vergngen in den Vorschlag; auch Pogwisch war mit von der Partie, und
wir ritten eines Morgens frh nach Spandau ab. Als wir in das alte Nest
kamen, hatte ich beinahe einen Schauder, und es war mir ganz unheimlich
zumute; besonders machte die feste Zitadelle einen schlimmen Eindruck,
und ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren: Wie, wenn du hier
einmal als Staatsgefangener dein Leben beschlieen mtest? -- Beim
Kommandanten wurden wir aber so wohl aufgenommen und so gut bewirtet,
da ich schnell wieder andere Gedanken bekam. Als wir nach Tisch alle
Spandauer Herrlichkeiten und Traurigkeiten besehen hatten und uns zur
Heimkehr nach Berlin anschicken wollte, da fiel es Pogwisch ein, noch
einen alten Major, einen Freund seines verstorbenen Vaters, aufzusuchen,
wohin wir ihn begleiteten. Als wir bei dem braven Mann eintraten, saen
zwei Damen auf dem Sofa, die, uns bewillkommnend, sich sogleich erhoben.
Aber kaum traute ich meinen Augen: in der einen derselben erkannte ich
sogleich meine so lange gesuchte Luise! -- Vor freudigem Erstaunen war
ich fast starr und sprachlos. Das holde Mdchen, in einem sehr einfachen
weien Kleid, sah lieblicher aus wie ein Seraph und so frischblhend,
als sei es die eben den Meereswogen entstiegene Aphrodite, die unmglich
reizender gewesen sein kann als dieses sozusagen in Lieblichkeit und
Anmut schwimmende Kind, ein Engel scheinend, wie sie vor Gottes Thron
schweben mssen. Der invalide Major hie uns freundlich willkommen und
stellte uns den Damen vor, wovon die lteste seine Schwester, die
Oberstleutnant von D..., und die jngere deren Tochter, seine Nichte
war. Nie in meinem Leben habe ich das banale: Es freut mich
auerordentlich, Ihre werte Bekanntschaft zu machen, mit mehr Wahrheit
als diesmal ausgesprochen, und noch glcklicher fhlte ich mich, als ich
erfuhr, da die Damen sich nur zur Geburtstagsgratulation ihres Bruders
und Oheims hier eingefunden und diesen Abend ebenfalls nach Berlin
zurckzufahren gesonnen seien, wo sie in der Kronenstrae wohnten; da
wir sie eskortieren wrden, nahm ich nun als ausgemacht an. Wir
verweilten noch anderthalb Stunden in ihrer Gesellschaft, whrend
welchen ich Luisens Mutter um die Erlaubnis bat und sie erhielt, ihr in
Berlin meine Aufwartung machen zu drfen. Bei der Rckreise wich ich
nicht vom Schlag der Kutsche und unterhielt mich auf das anziehendste
mit dem ebenso geistreichen als schnen Mdchen, whrend Mama bald in
Morpheus Armen ruhte. Tief in der Nacht oder vielmehr nach Mitternacht
kamen wir bei der Wohnung der Damen an, die in geringer Entfernung von
der unsrigen war, und erst jetzt bemerkte ich, da ich lngst meine
beiden Reisegefhrten verloren hatte. Was so nahe war, hatte ich so
lange und so weit gesucht; so geht es aber in der Regel. Noch eine ganze
Stunde mute ich zu Hause auf die Rckkunft meiner beiden Begleiter
warten, die ganz gemchlich angeritten kamen und mit dem viel rascher
fahrenden Wagen nicht gleichen Schritt hatten halten wollen; als ich sie
deshalb zur Rede stellte, erwiderten sie mir: Uns spornt auch kein Gott
Cupido! -- Ich hatte jetzt fast fr nichts mehr Sinn, als dem schnen
Frulein von D... emsig den Hof zu machen, wozu mir wieder die Musik den
Weg bahnte und Gelegenheit gab, da Luise eine schne Stimme hatte und
gut sang. Die neue Bekanntschaft machte mich glut- und feuersprhend wie
noch wenige, aber vergeblich, denn Mama lie das schne Tchterchen, das
selbst noch ein gar schchternes Tubchen war, auch keine Sekunde
allein; ein verstohlenes Hndedrcken machte sie schon am ganzen Leibe
zittern. Sollte mich die innere Glut nicht verzehren, so mute ich sie
wohl von Zeit zu Zeit bei anderen Schnen lschen, was ich denn auch
nicht unterlie. -- Da ich alles mgliche versuchte, auch Luise zu
verfhren, gestehe ich ein, ebenso, da ich es trotz der unsglichsten
Mhe nicht dahin bringen konnte, dank der Mama und den Grundstzen, die
sie dem Mdchen eingeprgt, das durchaus nicht einmal ein Briefchen von
mir annahm. Unter den vielen Manvern und Umtrieben, die ich
veranstaltete, Luise zu Fall zu bringen, war auch eine glnzende
Schlittenfahrt _en Costume_, die ich mit Hilfe Pogwischs veranstaltete.
Der erste, fr die Musik bestimmte Schlitten stellte ein altgriechisches
Schiff vor, dessen Mast bunt bewimpelt war und an dessen Vorderseite
eine goldene geflgelte Viktoria, die Siegesfahne in der Hand
schwingend, schwebte. Vier prchtig geschmckte Rappen zogen dasselbe.
Wir hatten ber achtzig schne Rennschlitten, fast alle vergoldete Tier-
oder allegorische Figuren vorstellend, zusammengebracht, jeder hatte
zwei Vorreiter, mehrere auch noch Nachreiter. Nun ging es, nachdem man
sich rangiert hatte, mit rauschender Musik, Peitschengeknall und
Schellengerassel die Linden auf und nieder, dann ber den
Schloplatz durch die Knigsstrae, die neue Friedrichsstrae, die
Heiligegeist-Strae, wieder ber den Schloplatz, am Hausvogteiplatz
vorbei, dann durch die Jerusalemerstrae, die Leipzigerstrae hinab,
durch die Wilhelmsstrae und am Wilhelmsplatz vorbei, die Mohrenstrae
wieder hinauf, durch die Markgrafenstrae ber den Gendarmenmarkt, die
Charlottenstrae entlang, dann durch die lange Friedrichstrae bis unter
die Linden, diese hinab und ber den Pariserplatz zum Brandenburger Tor
hinaus nach Charlottenburg, wo ein splendides Mittagessen bestellt war
und eingenommen wurde. Wir fuhren fast durch alle Straen, in denen
Teilnehmer an dieser Schlittenfahrt wohnten, und ich hatte es zu
veranstalten gewut, da beinahe alle Berliner Damen, mit denen ich
nher bekannt, von der Partie waren. Die Kostme waren zum Teil sehr
geschmackvoll, reich und prchtig, meistens der romantischen Theater-
und Dichterwelt entnommen, so zum Beispiel die Hauptpersonen aus Ariosts
Orlando, Wielands Oberon und Tassos befreitem Jerusalem. Luise, die zu
fahren mir gelungen war, sa in einem einen goldenen Schwan
vorstellenden Rennschlitten und war als Diana kostmiert. Nach Tisch,
der bis zur sinkenden Nacht whrte, wurde getanzt, und erst gegen zehn
Uhr fuhren wir bei dem Schein von einigen hundert Fackeln wieder nach
Berlin zurck und durch dessen Hauptstraen jede Dame heim.

Ich war jetzt so enchantiert von Berlin, seinen Vergngungen und der
sprden Luise, die mir denn doch, wenn auch in Gegenwart der Mama das
Schlittenrecht hatte gewhren mssen, da ich mir vornahm, alles
aufzubieten, den nchsten Winter ganz in Preuens Hauptstadt zubringen
zu knnen; zu diesem Ende meldete ich mich bei dem Oberst von Witzleben
mit der Bitte, mich doch fr das nchste Jahr in der Kriegsschule
verwenden zu wollen, wo ich Vorlesungen ber Fortifikation und den
Felddienst berhaupt sowie ber Strategie zu halten beabsichtige. Da ich
von mehreren Generlen und von der Prinzessin Wilhelm, der ich dieses
Vorhaben, das sie vortrefflich fand, mitgeteilt, gute Empfehlungen
hatte, so wurde mir auch eine solche Anstellung fr den nchsten Winter
zugesagt, wenn ich das hierzu erforderliche Examen bestnde, wofr mir
nicht bange war, da ich den Felddienst und was dazu gehrte sehr
praktisch kennen gelernt und auerdem noch acht Monate hatte, mich auch
theoretisch mehr vorzubereiten. Aber die Vorsehung hatte mir eine andere
Schule als die Kriegsschule zu Berlin reserviert, auch eine Art
Prfungsschule; doch ich will den Ereignissen nicht vorgreifen. Noch
wohnte ich dem Ordensfest, das diesmal uerst glnzend gefeiert wurde,
sowie einem dieserhalb zu Ehren gegebenen groen Diner bei, an dem fast
die ganze in Berlin anwesende Generalitt und die meisten Stabsoffiziere
teilnahmen. Bei dieser Gelegenheit sah ich den Knig, einen Monarchen,
der vollkommen die seltene Liebe und Hochachtung, die man ihm zollte,
verdiente, in der Domkirche ber eine Stunde ganz in der Nhe und konnte
bemerken, da seine Andacht bei der religisen Feier gewi keine
erheuchelte war, sondern ihm von Herzen ging.

ber zwei Monate waren wir nun schon in Berlin und hatten um vierzehn
Tage Verlngerung unseres Urlaubs gebeten und erhalten. Meine Kasse,
obgleich ich fr den gewhnlichen Unterhalt nicht zu sorgen hatte und
trotzdem ich die des Bankiers Mendelsohn auf Rechnung meines Vaters
einigemal angesprochen, war durch die vielen auerordentlichen Ausgaben,
wozu auch noch die Geburtsfeste der beiden Frauen von Pogwisch gekommen
waren, denen ich nicht umhin konnte, elegante Prsente zu machen, so
ziemlich erschpft, und es war daher hohe Zeit, wieder nach unserer
Garnison Kolberg abzureisen, was wir auch nach gehrigem Abschied von
dem schnen Berlin und seinen anmutigen Bewohnern und besonders
Bewohnerinnen taten. Wir traten die Reise im Knigsberger Postwagen an,
gelangten Mitte Februar ohne alle Abenteuer wieder in die treffliche
Festung und wurden freundlich und frhlich empfangen.




                                  IX.

   Frau v. Schtzel. -- Madame Schrder, der Kolberger Krsus. -- Ihre
    Feste und Landpartien. -- Eine Schlittenfahrt mit Folgen. -- Ein
   Duell. -- Eine gefhrliche Fensterpassage. -- Ich belausche wider
     Willen eine Kaffeegesellschaft. -- Ein Kaffeebad. -- Ich fhre
       einen Transport zu dem Okkupationsheer nach Frankreich. --
    Stettin. -- Ein Konzert rettet aus Not und Tod. -- Ich werde vom
      Dienst suspendiert. -- Rombergs Schauspieler-Gesellschaft zu
    Kolberg. -- Sechsmonatlicher Festungsarrest in Weichselmnde. --
    Neufahrwasser. -- Danzig und seine Vergngungen. -- Abreise nach
                              Marienburg.


Auch in Kolberg waren bei unserer Ankunft die Winterfreuden, wenn auch
im Vergleich mit Berlin in sehr verjngtem Mastab, in vollem Gang. Ich
knpfte die alten Bekanntschaften wieder an, machte dazu neue, unter
denen die liebenswrdige Frau von Schtzel, eine geborene Schick, die
frher in der Oper zu Berlin als treffliche Sngerin glnzte und den
Landrat von Schtzel, der sich sterblich in sie verliebte, geheiratet
hatte. Aber kaum ein Jahr dauerte das Glck dieser Ehe ungetrbt fort,
als der Landrat pltzlich verhaftet und in strengen Arrest gebracht
wurde. Er hatte sich einen Unterschleif von mehr als zehntausend Talern
zu schulden kommen lassen, wurde kassiert und auf zehn Jahre auf die
Festung Kolberg gesetzt. Seine Frau war ihm dahin gefolgt und gab in den
ersten Husern daselbst Unterricht im Klavier und Gesang, wodurch sie
sich anstndig ernhrte. Ihrem Mann gestattete der Kommandant, in der
Stadt wohnen zu drfen, und mit Hilfe seiner Frau gelang es ihm, einen
Journalzirkel zu errichten, der ihm ein paar hundert Taler jhrlich
einbrachte; somit war die Familie wenigstens in leidlichen Umstnden. Da
Frau von Schtzel eine sehr liebenswrdige, geistreiche und talentvolle
Dame war, so wurde sie zu allen Gesellschaften und Partien _de plaisir_
eingeladen. Ich hatte zuerst ihre Bekanntschaft bei einem Fest gemacht,
das der Kolberger Krsus, eine Madame Schrder, gab und nicht weniger
als drei Tage hintereinander whrte. Den ersten Tag war groes Diner und
Ball in ihrem neuerbauten Haus auf dem Markt in der Stadt, an den beiden
folgenden wurden Landpartien auf die Rittergter der Dame gemacht, die
deren nicht weniger als ein halbes Dutzend der ergiebigsten in der
Umgegend von Kolberg besa, ein Einkommen von mehr als vierzigtausend
Talern jhrlich hatte und dabei eine Witwe von etwa achtunddreiig
Jahren sein mochte. Wie sie oder vielmehr ihr seliger Mann, der bis zum
Jahre 1807 nur ein ganz unbedeutender armer Krmer gewesen, der Tee,
Kaffee, Zucker und so weiter lotweise verkaufte, zu diesem Reichtum
kamen, verdient wohl angefhrt zu werden. Als Napoleon die
Kontinentalsperre gegen England in beinahe ganz Europa angeordnet hatte,
ernannte er auch einen franzsischen Konsul in Kolberg, das, wie wir
bereits wissen, keine Franzosen -- Gefangene ausgenommen, unter denen
sogar der Marschall Victor war, den man dahin gebracht -- gesehen hatte.
Das Haupt- oder alleinige Geschft dieses Konsuls war hauptschlich,
streng darauf zu sehen, da keine englischen Waren und von England
kommende Kolonialwaren hier eingeschmuggelt wrden. Der Kaffee kostete
damals ber einen Taler das Pfund, der Zucker ebensoviel in ganz Preuen
und Deutschland; Schrder und noch ein anderes Haus namens Plddemann
verstndigten sich mit dem Herrn Konsul und erhielten ungeheure
Quantitten Kolonialwaren von England, die als von Dnemark kommend
eingefhrt wurden. Der auerordentliche Gewinn, den dieses gewagte
Unternehmen abwarf, wurde mit dem Konsul geteilt, und ber vier Jahre,
bis 1813 Preuen gegen Frankreich aufstand, whrte dieser lukrative
Schmuggelhandel, bei dem die Beteiligten so klug waren, ihre gewonnenen
Reichtmer so geheim zu halten, da niemand etwas davon ahnte. Erst als
Schrder zu Anfang des Jahres 1814 starb und sein Testament erffnet
wurde, fand es sich, da er bereits Besitzer von vier fetten pommerschen
Rittergtern war, wenigstens ein halbes Dutzend Kauffahrteischiffe auf
der See gehen hatte, die von den Englndern nichts zu riskieren gehabt,
und an barem Geld und pommerschen Pfandbriefen fanden sich mehrere
hunderttausend Taler vor. In seinem Testament hatte er unter anderem
verordnet, da seine Witwe -- er hinterlie vier Kinder --, so lange sie
lebe und sich nicht wieder verheirate, ber den Niebrauch des Vermgens
verfgen, ihr aber im letzteren Fall nur ein Jahresgehalt von
fnfzehnhundert Talern verbleiben solle; zu Testamentsvollstreckern und
Vormndern der Kinder hatte er den Kaufmann Dresow und den Apotheker
Julius ernannt, und Madame Julius ward nun die Gesellschaftsdame der
Madame Schrder, wobei sie und ihr Mann sich trefflich standen, da die
Dame ebenso schlau und listig als ihr Gatte stupid und Madame Schrder
borniert war. Letztere, die sich nun pltzlich von einer armen
Krmersfrau, denn sie selbst hatte den Reichtum ihres Mannes nicht
geahnt, in eine reiche Guts- und Kapitalienbesitzerin verwandelt sah,
wute sich gar nicht in ihr groes Glck zu finden und beging eine
Albernheit nach der anderen, zu der sie durch ihre gute Freundin
verleitet wurde, da diese ihren Vorteil bei den dummen Streichen fand.
Das alte kleine Huschen, in welchem der selige Mann so viel Geld
erworben, war natrlich jetzt keine passende Wohnung mehr fr die Frau
Rittergutsbesitzerin. Sie mute einen Palast auf dem Markt haben; da
sich aber kein solcher auf demselben befand, so muten einige alte
Huser erstanden und niedergerissen werden, damit er gebaut werden
konnte. Madame Julius wollte ihre beste Freundin zur nchsten Nachbarin
haben. Ein neben der Apotheke stehendes Haus war zu verkaufen, hatte
aber nur eine sehr schmale Fassade auf dem Markt, jedoch einen langen
Hof, dessen Mauer in ein enges Seitengchen ging. Madame Julius
beredete nun ihre Freundin, dieses zu einem sehr hohen Preis -- sie
erhielt von dem Eigentmer das Dritteil als Maklergeld -- zu kaufen. Das
Haus wurde niedergerissen und der Palast an dessen Stelle erbaut, der
nur drei Fenster in der Front auf den Markt, aber eine lange Fassade in
das Gchen erhielt, und da doch ein Stck vom Hof bleiben sollte, so
waren die Gnge, welche zu den Zimmern fhrten, so schmal, da kaum zwei
schmchtige Personen nebeneinander gehen konnten, Madame Schrder und
ihre Freundin am wenigsten, da beide sehr korpulent waren. Nicht einmal
die vier Pferde, prchtige Mecklenburger, die Madame Schrder gekauft,
konnten einen Stall in diesem Palast erhalten und muten auswrts
einlogiert werden. Die Ameublierung dieses Hauses war so barock wie
dessen Bauart. Die Decken der Gemcher waren alle mit wunderlichen
Figuren bemalt, an allen Ecken waren Amors angebracht, die ihre Pfeile
abdrckten, und ein vergoldeter Cupido schwebte ber dem Betthimmel der
Dame und scho seinen Pfeil gerade auf die Mitte des Bettes ab. In dem
grten Salon war der ganze Olymp abkonterfeit, und zwar bei einem
Gttermahl, bei dem pommersche Gnsebrste, Hamburger Pkelfleisch,
Kolberger Neunaugen, Lachs, Pasteten dampfend vor Jupiter und Frau Juno
standen, und Apoll und Frau Diana tranken Gesundheiten aus
Champagnerglsern; Minerva trank Schokolade, Mars Ale, und Venus hatte
eine Tasse Kaffee vor sich. Dies alles hatte Madame Julius so angegeben.
In den nicht sehr groen Zimmern waren so viel Mobilien, Sofas,
Kommoden, Kanapees, Sessel und Quincaillerien aufgestellt, da sie wie
bei vielen Pariser Parvenes eher Warenmagazinen als Wohnzimmern
glichen. Madame Schrder und ihre Freundin fuhren nicht mehr anders als
in einer Staatskarosse mit den vier Mecklenburgern lang bespannt aus,
und wenn sie sich nur zu einer Kaffeegesellschaft in das Nebenhaus
begaben, so da oft die Kutsche noch an der Haustr der Madame Schrder
hielt und die beiden Vorderpferde schon mit ihren Kpfen fast an das
Haus, wo man sich hinbegab, reichten. Zu dem Einweihungsfest dieses
Hauses waren alle Honoratioren und das ganze Offizierkorps der Garnison
geladen; von Mittag bis zur Nacht whrte die Mahlzeit. Ich hatte schon
gar mancherlei Essen in so verschiedenen Lndern beigewohnt, aber noch
nie war mir eine solche An- und Aufhufung von allen mglichen Speisen
durcheinander vorgekommen. Unmittelbar nach dem Essen, von dem manche
der Gste mit beschwerten Kpfen und zum Zerplatzen gefllten Mgen den
Tisch verlieen, folgte der Tanz. Whrend der Pausen sang ich einigemal
Duette mit Frau von Schtzel aus verschiedenen Opern und tanzte dann mit
der hbschen Sngerin mehr als ich sollte, wodurch ich Madame G..., die
Frau Doktor M... und noch andere Damen in ble Laune versetzte. Die
ganze Nacht durch wurde getanzt, gebechert und geschmaust, und mit
Tagesanbruch wurden Anstalten gemacht, die Landpartie auf die Gter der
Dame anzutreten. Jedermann begab sich ein paar Stunden nach Haus, um
seine Landtoilette zu machen, und gegen zehn Uhr morgens fuhr die ganze
Gesellschaft, ber hundert Personen, in einigen zwanzig Wagen,
grtenteils Korbwagen mit Bauernpferden bespannt, welche alle die
freigebige Wirtin besorgt hatte, nach dem nchsten Rittergut derselben
ab, wo man wieder mit Schmausen und Zechen begann, musizierte, tanzte
und spielte und dann weiter nach einem anderen Gut fuhr. Am Tag sang und
beschftigte ich mich viel mit der uerst liebenswrdigen Frau von
Schtzel, und wenn die Nacht herankam, machten wir _tte--tte_
romantische Promenaden in die Grten und Felder _au clair de lune_, von
denen wir immer etwas ermdet heimkehrten. Drei Tage whrte dies
seltsame Nomadenleben, von dem alle, die es mitgemacht, fatiguiert und
abgespannt nach Kolberg zurckkamen und froh waren, wieder in das
Geleise des Alltagslebens einzutreten.

Auch mehrere Schlittenfahrten hatte ich kurz nach meiner Rckkehr von
Berlin arrangiert, die, wenn auch nicht so glnzend wie die in der
Hauptstadt, deshalb nicht minder amsant waren, auch war immer ein
Musikschlitten dabei. Nettelbeck war einigemal bei dieser Partie oder
lieh mir seinen Schlitten samt Pferdegeschirr. Ich fuhr abwechselnd
meine intimsten Bekanntinnen. Bei einer dieser Partien, bei der sich ein
sehr schnes Mdchen aus Kslin, ein Frulein Conrad, die Tochter eines
dortigen Beamten, befand, suchte ich bei Tisch mich neben diese zu
placieren; dasselbe tat auch ein Ingenieur-Leutnant namens Poselger, und
es entspann sich zwischen diesem und mir ein kleiner Wortwechsel wegen
der Placierung der Damen. Poselger, der vielleicht ernstliche Absichten
auf das Mdchen hatte, verwechselte die von mir auf die Kuverte gelegten
Zettel; ich hatte es bemerkt, stellte ihn deshalb zur Rede und bestand
darauf, da die Zettel wieder auf ihre alten Pltze gelegt wrden,
wogegen er sich weigerte und mir ein trotziges: Es beliebt mir einmal
so! entgegnete. Ich nahm aber die Zettel, verwechselte sie abermals und
erwiderte: Und mir beliebt es so, und dabei bleibt es, da ich
Zeremonienmeister und Anordner des Festes bin. -- Schon gut, Herr
Kamerad, versetzte jetzt mein Gegner, das wird sich morgen frh
finden, ich erwarte Sie in der Wolfsschanze. -- Sie sollen nicht
vergeblich warten, und so ist die Sache fr jetzt abgemacht, da hier
nicht der Ort zu weiteren Errterungen ist. -- Ich sa nun neben dem
Frulein Conrad, mit der ich mich, meinem Nebenbuhler zum Trotz, der
jetzt etwas schief uns gegenber sa und wtende Blicke scho, auf das
angenehmste unterhielt und sogar von ihr erlangte, da sie bei der
Heimfahrt in meinem Schlitten neben der Frau Doktor M..., die ich
gefahren, Platz nehmen wrde. Ich lie mich indessen durch nichts mehr
in den Freuden der Tafel und des darauf folgenden Tanzes stren, sondern
unterhielt mich vortrefflich, ja Frulein Conrad war mir nun um so
interessanter, und ich bat um die Erlaubnis, sie in Kslin besuchen zu
drfen. Bei Tisch brachte ich einen Toast auf das Wohl der Kolberger
Damen aus, der von diesen eine Erwiderung zur Folge hatte; so endigte
alles gut, und mein Schlittenrecht bte ich in vollem Ma. Kaum aber war
ich in meiner Wohnung angekommen, so erschien auch schon ein
Artillerieoffizier, Hauptmann Mller, der mich im Namen Poselgers
aufforderte, mich um sechs Uhr den anderen Morgen mit einem Sekundanten
in der Wolfsschanze einzufinden, was ich zusagte, meinen Freund Willmann
aufsuchte und diesen bat, mein Sekundant zu sein, wozu er gleich bereit
war. Wir stellten uns zur bestimmten Stunde nebst einem Chirurgen an dem
bezeichneten Ort ein, und es fand jetzt ein kurzes Pourparler wegen der
Art des Fechtens statt. Poselger wollte sich schlechterdings nur auf den
Hieb einlassen, was ich nicht gewohnt war und deshalb auf dem Stich
bestand oder da jeder in seiner Weise fechten wrde. Der auf den Stich
Fechtende hat, besonders im Parieren, einen bedeutenden Vorteil; man
machte Schwierigkeiten, und ich sagte: So bleibt uns nichts brig, als
zu den Pistolen zu greifen. Endlich kamen wir berein, da ich zwar _
la pointe_ parieren, aber nur hauend attackieren drfe. Nach einigen
Gngen hatte ich dennoch meinem Gegner eines ausgewischt, freilich mehr
stechend als hauend, weshalb mich dessen Sekundant zur Rede stellte, ich
erwiderte aber: Ich bin es einmal nicht anders gewohnt, deshalb greifen
wir zu Pistolen, wenn Sie nicht zufrieden sind. -- Man fand jedoch fr
gut, da Poselger eine tchtige, aber nicht gefhrliche Fleischwunde
hatte, es dabei bewenden zu lassen und die Sache als abgemacht zu
betrachten. Nachdem Poselger verbunden war, ritten wir alle fnf (wir
waren smtlich zu Pferde gekommen) in die Stadt zurck. -- Denselben
Abend, als ich kaum zu Hause angekommen war, es mochte zehn Uhr vorber
sein, klopfte es leise an meine Stubentr. Auf das laute Herein! trat
eine dichtverschleierte Frauengestalt ein und fiel mir mit den Worten:
Du hliches Ungeheuer, was hast du gemacht! in die Arme. An der
Stimme und Gestalt erkannte ich Madame G..., deren Mann in Geschften
nach Kopenhagen gereist war und die mir nun eine lange, vorwurfsreiche
Predigt hielt, die mit einem Friedensschlu und vollkommener Vershnung
endigte. Erst nach Mitternacht brachte ich sie nach Haus. So lange die
Abwesenheit ihres Mannes dauerte, wiederholte sie diese Besuche jeden
Abend in Begleitung eines vertrauten und artigen Stubenmdchens. Aber
ein anonymer Brief verriet dem wiederheimgekehrten Gatten das tglich
bis tief in die Nacht hinein whrende Ausbleiben seiner Frau. Der Mann
examinierte, Madame leugnete und meinte, man wolle sich einen Scherz mit
Herrn G... machen. Er mochte dies nun glauben oder nicht, auf jeden Fall
hatte er Verdacht geschpft, denn als er bald darauf eine zweite
Geschftsreise unternehmen mute, traf er solche Vorkehrungen, da es
seiner Frau ganz unmglich wurde, abends unbemerkt das Haus zu
verlassen. Wir korrespondierten mit Hilfe einer alten Tante, welche die
Zwischentrgerin machte und bei der wir uns auch von Zeit zu Zeit am
Tage sahen. Da Madame G... nun nicht mehr zu mir kommen konnte, so
wollte sie, da ich ihr nchtliche Besuche abstatten solle, was indessen
nicht so leicht war, da auf Befehl ihres Mannes jeden Abend die Haustr
sowie die unteren Fensterlden von einem der Ladendiener mit
Vorhngeschlssern und vorgelegten eisernen Stangen gut verwahrt wurden.
Aber die Liebe macht erfinderisch, und Schwierigkeiten zu berwinden war
von jeher eine Passion fr mich. Vor dem Haus des Herrn G... standen,
wie vor vielen Husern Kolbergs, namentlich auf dem Markt, ein paar
Lindenbume, jedoch noch in einer ziemlichen Entfernung von den
Fenstern. Ich kam nun auf den Einfall, mit Hilfe eines Brettes, das man
des Nachts von einem oberen Fenster auf einen Baumast legen msse, in
das Haus einzusteigen. Die Sache ging auch ganz gut, indem das mit ins
Vertrauen gezogene Stubenmdchen diese Art Zugbrcke nach zehn Uhr des
Abends herablie. Sie und ihre Herrin hielten das Brett an dem einen
Ende fest, whrend ich, wenn alles >still und stumm war und nur noch die
Verliebten und Gespenster umherwandelten<, auf den Baum kletterte und
dann die gefhrliche Passage von ein paar Schritten ber das Brett zum
Fenster machte, wo ich mit offenen Armen empfangen wurde und in die Burg
stieg. Dieses Manver war wohl schon ein halbes dutzendmal geglckt, als
sich eines Abends die Frauenzimmer so ungeschickt benahmen, da das
Brett, als ich eben den Fu darauf setzte, mit groem Gepolter auf die
Strae hinabfiel. Glcklicherweise hatte ich mich noch mit der rechten
Hand an einem ziemlich dicken Ast festgehalten, und so kam auch ich mit
einem kleinen Schrecken davon, die Frauenzimmer schrien aber beide laut
auf und glaubten mich verloren. Dies und das Gepolter des fallenden
Brettes hatte die nicht sehr entfernte Schildwache von der Hauptwache
gehrt und Lrm gemacht, so da der wachthabende Offizier mit einem
Unteroffizier die Ronde um das Rat- und Blockhaus machten, da sie aber
alles still und ruhig fanden und nichts Verdchtiges entdeckten, sich
wieder in die Wachtstuben begaben. Nachdem ich nun die hinter dem
Fenster ngstlich harrenden Frauengemter hinsichtlich meiner gehrig
beruhigt hatte und wir nach lngerem berlegen kein Mittel fanden, wie
ich den bergang ins Haus jetzt bewerkstelligen knne, denn sie hatten
kein zweites passendes Brett bei der Hand, und das unten liegende konnte
ich zu ihrem groen Verdru nicht auf den Baum bringen, da Hnde und
Fe vollauf zu tun hatten, allein hinaufzuklettern, so muten wir uns
damit begngen, uns fr diesen Abend gegenseitig eine angenehme Ruhe zu
wnschen, und das Mdchen sollte mit Tagesanbruch die Diele mglichst
unbemerkt ins Haus schaffen. Als ich aber den Baum hinabkletterte,
fhrte das Unglck den Nachtwchter herbei, der mich bemerkte, da ich
zur Hlfte herab war, mich fr einen Dieb hielt, schon Diebe! zu
schreien begann und eben zu rasseln anfangen wollte, als ich mit einem
Sprung auf dem Boden war, auf ihn zueilte, in der einen Hand ein
Terzerol, das ich bei solchen Abenteuern immer bei mir zu tragen
pflegte, in der anderen zwei Taler Kurant haltend, ihm den Mund stopfend
und mich als Offizier zu erkennen gebend; aber es war zu spt, denn
schon eilte eine Patrouille von der nahen Wache herbei, wo man das
Geschrei gehrt hatte. Ich ging ihr jedoch entgegen und sagte ihr, da
auch ich den Ruf des Nachtwchters gehrt habe und auf denselben
hergekommen sei, da aber die Diebe, als sie mich erblickten,
davongelaufen wren; dies besttigte auch der bestochene Nachtwchter,
und so lief alles glcklich ab. -- Dies hinderte indessen nicht, da,
Gott wei wie, die Kunde von diesem nchtlichen Ereignis, mit allen
mglichen Zutaten ausgeschmckt, bald in allen Mulern Kolbergs war, und
ich fand fr gut, diese gefhrlichen Besuche einige Zeit auszusetzen.

Wenige Tage darauf hatte ich wieder ein, wenn auch nicht so
gefhrliches, doch bei weitem unbequemeres Abenteuer zu bestehen. Ich
hatte jetzt eine Wohnung bei einem Schornsteinfeger namens Neugebauer
gemietet, der zwei artige Tchter besa, die nichts weniger als schwarz
waren. Das Haus war neben dem des Dr. M..., dessen Frau ich auf seine
eigene Einladung fast tglich besuchte und dessen Hausfreund ich war.
Madame G..., die immer noch nicht wegen ihrer Cousine beruhigt war,
besuchte dieselbe hufig und oft zu den unpassendsten Stunden, um zu
entdecken, ob ich mich nicht bei ihr befinde. Eines Nachmittags war ich
kaum ein paar Minuten bei der Doktorin, welche spter eine
Kaffeegesellschaft bei sich erwartete, als Madame G... wenigstens um
anderthalb Stunden zu frh erschien. Da wir sie hatten kommen hren, so
sprang ich rasch in das Nebenzimmer. Kaum war ich daselbst, als sie in
das vordere Zimmer trat und sagte: Du wirst dich wundern, da ich so
frh komme, aber ich wollte dir nur sagen, da ich nicht lange bleiben
kann, weil ich mit meinem Mann nach Treptow fahren mu. Indessen will
ich doch sehen, wie du alles arrangiert hast. -- Da ich dies hrte und
frchtete, sie mchte auch in das Seitenzimmer kommen, in dem das
Kaffeegeschirr schon aufgestellt war, so kroch ich schnell unter das
daselbst befindliche Sofa. Madame G... machte nun wirklich Anstalt, auch
in dieses Zimmer zu kommen, wogegen sich die Doktorin wehrte. Sie schob
aber dieselbe mit den Worten: Mein Gott, so sei doch kein Kind,
beiseite, trat ins Zimmer, sich allenthalben umsehend, und sagte: Nun,
das ist ja scharmant. Die Doktorin M..., die etwas verlegen war, schien
erstaunt, mich nirgends zu sehen, konnte sich indessen wohl denken, wo
ich sein msse, da das Zimmer keinen weiteren Ausgang hatte. Madame G...
warf sich nun auf das Sofa, das sie, trotzdem da sie ihre Cousine
persuadieren wollte, wieder in das andere Zimmer zurckzukehren, nicht
eher verlie, als bis die ersten Damen, unter denen Frau von Schtzel
und die Kriegsrtin Wiling waren, erschienen. Dann empfahl sie sich.
Nun war an kein Fortkommen fr mich mehr zu denken und ich war
verurteilt, wenigstens noch drei gute Stunden bewegungslos in der
fatalen Lage zu bleiben, in die ich mich selbst versetzt hatte, das
Geschnatter all dieser Kaffeegnse, unter denen manche berbejahrte war,
zu vernehmen, und ein halbes Dutzend ihrer Fe, derjenigen, die den
Ehrenplatz auf dem Sofa einnahmen, bestndig vor mir zu sehen. Es waren
die Fugestelle der Damen Schrder, Julius und Wiling, die ich in
diesen untersofaischen Rumen zu beobachten Gelegenheit hatte, die alle
ziemlich gro waren und mich mit einer fast gyptischen Finsternis
umgaben. Mehr als einmal kam mir die fast nicht zu berwindende Lust an,
eine oder die andere dieser Schnen in die Beine zu zwicken, und nur mit
groer Selbstberwindung vermochte ich sie zu bekmpfen. Die
Unterhaltung, die mir in meinem engen Versteck die Gesprche der einige
dreiig Frauen starken Versammlung, die sich von keinen Mnnerohren
belauscht glaubten, gewhrten, verkrzten mir indessen meine unbequeme
Lage sehr, denn es kamen Dinge zur Sprache, Dinge, ber die ich fast
noch htte errten knnen, und alle nicht Anwesenden wurden unter die
Hechel dieser Weiberzungen genommen. Auch das smtliche Offizierkorps
und meine Wenigkeit mute die Musterung passieren, und uns wurden oft
nicht die schnsten Epitheten. Oft war es nahe daran, da ich vor Lachen
htte bersten mgen, und konnte dies nur verhindern, indem ich mir die
Lippen fast blutig bi, whrend die Doktorin M... immer wie auf Nadeln
sa, fast alles verkehrt anordnete und beantwortete. Indessen nahm sie
doch meine Partei, wenn die groe Mehrzahl der lteren Frauen auf das
unbarmherzigste ber mich herfielen, ebenso ber Madame G... Wir waren
dank dieser schon lngst das Stadtgesprch. Die Hlichen schimpften am
meisten. Sogar die nicht anwesende Kommandantin mute herhalten und ihre
Haushaltung wurde eine schlampige und liederliche genannt. Was mit am
drolligsten, war die Erzhlung von einem Kaffeebad, das die Frau eines
Tuchhndlers namens Darkow genommen, von der man wute, da die volle
Kaffeekanne den ganzen Tag nicht aus ihrer Stube kam und da sie wohl
mehr denn dreiig Tassen dieses edlen Getrnkes tglich zu sich nehme.
Ihr Mann, dem diese Liebhaberei sehr mifiel, besonders da sie auerdem
sehr wenig und bei Tische fast gar nichts a, wurde erzhlt, sei nun auf
den Einfall gekommen, um seiner Frau den unmenschlichen Kaffeegelust zu
vertreiben, dieselbe ein Kaffeebad nehmen zu lassen, unter dem Vorwand,
die hysterischen Zuflle, an denen sie von Zeit zu Zeit litt und die
wahrscheinlich von diesem Kaffeetrinken herrhrten, dadurch zu heilen.
Ein Spavogel von seinen guten Freunden hatte ihm zu diesem Mittel
geraten. Er hatte zu diesem Zweck zwlf Pfund Kaffee rsten, mahlen und
in dem groen Waschkessel kochen, zwanzig Ma Milch dazutun und mit
diesem Gebru die Badewanne seiner Frau fllen lassen, die er dann mit
der Versicherung, der berhmteste Berliner Arzt habe es angeraten und
schon Wunderkuren damit verrichtet, zu dem Bade persuadierte. Die Dame,
die schon den Geruch des Kaffeedampfes wohltuend fand, fand das Bad
selbst kstlich und htte sich zugleich dabei satt getrunken, wenn ein
halbes Dutzend Zuckerhte darin verschmolzen gewesen wren. Aber der
Mann, der gegenwrtig war, sagte seiner Gattin, da, wenn das Bad die
gehrige Wirkung haben solle, so msse sie wenigstens ein dutzendmal in
demselben untertauchen. Er nahm sie dann beim Schopf und hielt ihr den
Kopf mit Gewalt einige Sekunden unter dem Kaffee. Trotz dem Struben der
Dame wiederholte er das Manver einige Male schnell hintereinander,
wobei ihr der Kaffee in die Nase, in die Ohren, den Mund und alle
ffnungen ihres Leibes drang, worber die Frau in groen Zorn geriet und
wie wtend in dem Kaffee umherpltscherte. Jetzt fand der Herr Gemahl
fr geraten, sich aus dem Staub zu machen, die Zofe als den
Wetterableiter fr die Wut der Madame zurcklassend, die auch die ganze
Flle ihres Unwillens an dem unglcklichen, aber dennoch fortwhrend
lachenden Geschpfe auslie. Diese Pferdekur soll in der Tat der Dame
den Kaffee, wenigstens fr eine Zeitlang, gnzlich verleidet haben. --
Diese Erzhlung machte mich unter meinem Sofa beinahe ersticken. --
Nachdem auch diese Damen reichlich Kaffee, Kuchen und se Weine
geschluckt, bequemten sie sich zum Aufbruch, und ich wurde endlich aus
meinem Versteck erlst, nachdem sich auch die letzte unter mir endlos
scheinenden Komplimenten empfohlen hatte. -- Mit einem minutenlangen
Uff! kroch ich unter dem Sofa hervor, nachdem die Doktorin das Zimmer
inwendig abgeschlossen. Sie war wegen der Gesprche, die ich mit
angehrt hatte, nicht wenig verlegen und berrot. Ich redete ihr die
Sache lachend aus, indem ich zu ihr sagte: sie mge sich deshalb keinen
Kummer machen, es sei nicht das erstemal, da ich dergleichen und noch
weit tollere Frauenunterhaltungen mit angehrt. -- Wir amsierten uns
nun noch eine Stunde auf das angenehmste; sie lachte mit mir ber mein
Verstecken und was ich gehrt, und wir trennten uns zuletzt beide
seelenvergngt.

Am anderen Morgen wurde ich schon um sieben Uhr durch eine Ordonnanz zum
Bataillonskommandeur Oberstleutnant von Witke gerufen, der mir
ankndigte, da ich mich sogleich marschfertig zu machen habe, um einen
Transport Rekruten, der in einer Stunde abgehen msse, zum preuischen
Okkupationsheer nach Frankreich zu fhren. Ich wute zwar, da dieser
Transport abgehen solle, wute aber auch, da Premierleutnant R... zu
dessen Fhrung kommandiert gewesen, was ich dem Kommandeur bemerkte,
worauf er mir erwiderte: Allerdings, aber der wurde mir ja soeben krank
gemeldet. Indessen wei ich schon, was ich von dieser Krankheit zu
halten habe, doch ich will niemand unglcklich machen. -- Herr von R...
hatte die unglckliche Leidenschaft, sich von Zeit zu Zeit dem Trunke zu
ergeben, und diesen Morgen in aller Frhe, wahrscheinlich, um sich zu
dem bevorstehenden Marsch zu strken, schon so tief ins Glas gesehen,
da er kaum auf den Beinen hatte stehen knnen, und also auerstande
war, abzumarschieren, noch viel weniger, zu kommandieren. Ich mute
daher in aller Eile meine Vorbereitungen treffen, und ehe eine Stunde
verging, stand ich marschfertig an der Spitze meines, ber hundert Mann
starken Detachements, zu dem noch eine Abteilung in Stettin stoen
sollte. In Stettin hatte ich drei Ruhetage, weil die Leute, die ich noch
mitzunehmen hatte, erst den anderen Tag eintreffen sollten.

Nachdem ich mich in der Stadt umgesehen und die ntigen Gelder zur
weiteren Verpflegung des Detachements in Empfang genommen hatte, kehrte
ich in mein Quartier, den englischen Hof, zurck. Gegen Abend fanden
sich daselbst allerlei Leute ein, unter denen auch ein verabschiedeter
Rittmeister, eine wahre Samielsphysiognomie, die durch zwei tchtige
Schmarren noch mehr entstellt war. In seinem verzerrten Gesicht lag
etwas hmisch-diabolisches, welches sich besonders, wenn er sprach, und
noch mehr, wenn er lachte, ausdrckte. Seine Zge schienen alsdann aus
Schadenfreude und Hohn zusammengesetzt zu sein. Nachdem die meisten
Gste ihr Abendbrot eingenommen hatten, nherte sich mir der
Rittmeister, indem er mich mit einem: Herr Kamerad! ansprach,
erkundigte sich nach meiner Bestimmung, erzhlte mir von seinen
Feldzgen und endigte damit, mir mit einer affreusen, geheimnisvollen
Miene zu vertrauen, da jeden Abend in einem oberen Zimmer des Gasthofes
ein honettes Pharospielchen gemacht werde, wobei sich verschiedene
Kaufleute, Offiziere, Beamte und so weiter einfnden und etwas zu
gewinnen sei. Er endigte damit, auch mich einzuladen, mein Glck zu
probieren.

Noch jetzt ist es mir ein Rtsel, wie ich mich von dem vor mir
stehenden, ganz unverkennbaren Mephistopheles, dessen betrgerische
Tendenz aus seinen Blicken leuchtete, zu einem heimlichen Spiel konnte
berreden lassen. Genug, es ging mir wie dem Vogel bei der
Klapperschlange, und ich nahm die Einladung an. Er bezeichnete mir das
Zimmer und ich folgte ihm bald. Ein Aufwrter leuchtete mir zwei Stiegen
hinauf und fhrte mich in ein im hinteren Teil des Hauses gelegenes
Gemach. Noch an der Schwelle desselben schien mich mein guter Engel
warnen zu wollen, denn ich machte eine unwillkrliche Bewegung zum
Umkehren und zog die Hand von der schon ergriffenen Trklinke wieder ab,
als sich dieselbe von innen ffnete und mich die daselbst versammelte
Gesellschaft wahrnahm, so da ich mich des Rcktrittes schmte und in
das verhngnisvolle etwas sprlich erleuchtete Zimmer trat.

Der Rittmeister in Satansgestalt, oder besser, der Satan in
Rittmeistergestalt hielt Bank, und es wurde schon frisch darauf los
pointiert. Ich fing mit Viergroschenstcken, dem niedrigsten Satz, zu
pointieren an. Anfnglich wollte mir das Glck wohl. Ich gewann
bedeutend, was mich immer mehr anfeuerte. Doch nur zu bald wandte mir
die launige Gttin den Rcken. Ich fing zu verlieren an und in weniger
als einer halben Stunde war der letzte mir gehrige Taler fort. Jetzt
nahm ich, durch meinen Verlust und das Spiel in die Hitze getrieben, ein
paar Taler von dem zur Bezahlung der Truppen bestimmten Gelde. Auch sie
waren bald fort. Ich nahm vier, sechs, zwlf, zwanzig, und in wenigen
Minuten war das Geld, von dem meine Leute zehn Tage leben sollten,
verspielt. In dieser schrecklichen Lage nahm ich den Wirt beiseite und
versetzte ihm meine Uhr, dann meine silberne Schrpe und die silbernen
Fangschnre fr einige vierzig Taler, die, da ich das Spiel forcieren
wollte, bald genug ebenfalls in des Satans Krallen waren, und strzte,
nachdem der letzte Taler verschwunden, in einem fast bewutlosen Zustand
aus dem Spielzimmer, warf mich verzweiflungsvoll auf einen Stuhl des
meinigen. -- Jetzt erst traten mir die schrecklichen Folgen meines
unbegreiflichen Leichtsinns klar und deutlich mit den grellsten Farben
vor die Augen. Hier war weder Ausweg noch Rettung. In einer mir
weltfremden Stadt, wo ich auch nicht eine Seele kannte, war an keine
Hilfe zu denken. Kassation, Entehrung, zehnjhrige Festungsstrafe
schwebten mir als unvermeidlich vor. Die grlichste Verzweiflung
bemchtigte sich meiner. Nachdem ich meine Pistolen scharf geladen
hatte, klingelte ich, lie mir Briefpapier und eine Flasche Champagner
kommen, schlo dann die Tre ab, setzte mich, die Mordgewehre zu meiner
Rechten legend, nieder, um noch einige Briefe an meine Verwandten und
mir teure Personen zu schreiben, mit dem festen Vorsatz, mir nach deren
Beendigung eine Kugel durch den Mund in das Gehirn zu jagen. Die
Batterien rieb ich mit wollenem Tuch, schrfte die Steine, um ja das
Versagen zu verhindern, strzte dann ein paar Glser hinunter und machte
mich zum Schreiben fertig. Zur Unterlage nahm ich ein deutsches
Liederbuch, aus dem ich fters in Kolberg gesungen hatte, das gerade mit
Beckers Romanze, Der Snger betitelt, begann. Ich hatte sie schon so
manchmal in frhlichen Zirkeln in Berlin und Kolberg gesungen, und
gerade der letzte Vers, der da heit:

   Doch jetzt mach' ich eine Pause,
   Nehmt die Lehre mit nach Hause
      Und beherzigt sie.
   Sing und Sang ist eine Gabe,
   Wer sie hat -- o der vergrabe
      Sie im Leben nie.

fiel mir in die Augen. Wie ein Blitzstrahl fuhr es mir durch den Kopf
und erleuchtete mich, so da ich zu mir selbst sagte: Wie, sollte dir
denn dein Talent nicht aus dieser schrecklichen Lage helfen knnen? --
Stargard, durch das du schon ein paarmal gekommen bist, ist nur drei
Meilen von hier. Dort kennt dich keine lebende Seele. Man liebt die
Musik, hat wenig Gelegenheit, etwas zu hren. Wie wre es, wenn du da
hinberfhrest und unter einem fremden Namen ein Konzert gbest? --
Stargard ist eine nicht unbedeutende Stadt. Es gilt nur einen Versuch.
Schlgt der fehl, je nun, so luft dir das Totschieen auf keinen Fall
davon. Dieser Gedanke fate immer mehr Wurzel bei mir. Ich suchte, was
ich an Musikalien bei mir hatte, hervor, fand auch ein italienisches
Cahier darunter, rief meinem Burschen, lie mir einen Wagen fr den
anderen Morgen um vier Uhr bestellen, vorgebend, da ich einen Bekannten
in der Umgebung besuchen wolle. Ich lie meine Zivilkleider auspacken,
versetzte einen Rubinring, den ich noch hatte, fr zehn Taler bei dem
Wirt, und fuhr um die bestimmte Stunde ganz allein nach Stargard ab,
nachdem ich dem ltesten Unteroffizier des Detachements anempfohlen, es
sich recht angelegen sein zu lassen, den Dienst whrend meiner kurzen
Abwesenheit bestens zu versehen. Um sieben Uhr morgens kam ich in
Stargard an. Um acht Uhr machte ich dem Herrn Brgermeister meine
Aufwartung, gab mich bei ihm fr einen Snger der italienischen Oper von
Wien aus, der sich Matuccio nenne, von Berlin komme und ber Knigsberg
nach Sankt Petersburg reise, um daselbst zu gastieren. -- Ich fand an
dem Brgermeister nicht nur einen sehr artigen und zuvorkommenden Mann,
sondern auch einen groen Musikliebhaber, dem mein Antrag, noch diesen
Abend ein Konzert in Stargard zu geben, sehr willkommen war, und der mir
versprach, alles dazu beitragen zu wollen, was in seinen Krften stnde.
Er bernahm es sogar selbst, sogleich ein Einladungszirkular herumgehen
zu lassen, auf dem er sich mit seiner Familie zuerst mit fnf Billetten
zu einem Taler Kurant unterzeichnet hatte. Er bernahm es auch, ein
passables Orchester, meist aus Dilettanten bestehend, zusammenzubringen,
schickte den Ratsdiener mit der Subskriptionsliste herum, der noch
denselben Morgen ber zweihundert Billette absetzte. Jetzt war ich
gerettet. Kosten hatte ich auer der Beleuchtung fast gar keine, da mir
der gefllige Brgermeister einen ziemlich groen Saal gratis berlie.
Auch fhrte er mich noch denselben Abend bei mehreren Dilettanten ein,
unter denen die junge liebenswrdige Frau von F... und das sehr schne
Frulein von Z...tz, mit dem schalkhaftesten Kupidogesichtchen von der
Welt, sich befanden. Beide Damen hatten die Geflligkeit, in meinem
Konzert mitzusingen, jede trug eine Arie und ein Duett mit mir vor, und
zum Schlu sangen wir noch ein Terzett. Die meisten Stcke wurden _da
capo_ verlangt. An der Kasse waren auch noch ber hundert Taler
eingegangen, denn man hatte ausgesprengt, der erste Snger der
italienischen Oper von Wien gebe auf seiner schleunigen Durchreise nach
Sankt Petersburg dies Konzert aus Geflligkeit fr den Herrn
Brgermeister. Wer war froher als ich. Nach dem Souper, zu dem mich der
Herr Brgermeister eingeladen, und an dem mehrere Stargarder Familien
teilnahmen, empfahl ich mich und fuhr noch in derselben Nacht mit meinem
ersungenen Geld, das vollkommen ausreichte, mein Defizit zu decken,
wieder nach Stettin ab. Auch meine Effekten konnte ich, wie ich dem Wirt
versprochen hatte, wieder auslsen. Nur mein eigenes Geld war beim
Teufel; doch daran war mir wenig gelegen. Ich kam anderthalb Stunden
nach Mitternacht wieder in Stettin an, mit dem festen Vorsatz, mich nie
mehr zum Spiel, wenigstens mit fremdem Geld, verlocken zu lassen. Ich
zahlte nun vor dem Abmarsch den Leuten den Sold aus und machte mich mit
ganz leeren Taschen auf den Weg. Erst in Magdeburg fand ich ein Haus,
das mit dem unsrigen in Verbindung stand, und von dem ich mir fnfzig
Taler geben lie. Dieses Ereignis hatte indessen einen so schlimmen und
tiefen Eindruck auf mich gemacht, da mich ein hchst unangenehmes
Gefhl auf diesem ganzen Marsch nicht verlie und ich gegen meine
Gewohnheit weder fr Natur-, Kunst-, noch andere Schnheiten Sinn mehr
hatte. Ja, ich unterlie es sogar, whrend dieser Zeit mein Tagebuch zu
fhren, was ich sonst sehr regelmig jeden Abend tat. Ich war ber
Magdeburg, Kassel, Aachen und so weiter, ohne mich um etwas anderes als
meinen Dienst zu bekmmern, nach Frankreich marschiert, wo ich meine
Leute an die pommerschen Regimenter abgab, denen sie zugeteilt waren,
und dann sogleich die Rckreise per Post nach Kolberg antrat, ohne nur
meine Verwandten in Frankfurt zu besuchen, wie ich es mir bei dem
Abmarsch vorgenommen hatte. Als ich wieder durch Stargard kam, hielt ich
mich mglichst verborgen, so lange umgespannt wurde, da ich frchtete,
man mchte den italienischen Snger wieder in mir erkennen. Auch in
Kolberg whrte diese Mistimmung noch, erhielt mich fortwhrend bei
bler Laune und machte mich fast menschenscheu. Ich setzte den
franzsischen und musikalischen Unterricht, den ich den Tchtern meines
Kommandeurs und der Nichte meines Kommandanten erteilt hatte, nicht mehr
fort, zog mich meist von der Gesellschaft zurck, fand mich oft ohne
irgend einen erheblichen Grund beleidigt, nahm Scherze bel auf und
bekam so alle Augenblicke mehr oder minder ernstlichere Hndel. Ein
Offizier namens Rosenthal, ein uerst gutmtiger Mensch, nannte mich
scherzweise Franzos, ein Beiname, den man mir lngst in Kolberg
ziemlich allgemein gegeben hatte, weil ich noch viel franzsische
Manieren an mir hatte, wohl auch das, was an den Franzosen zu rhmen
war, rhmte und mir deshalb viele heimliche Feinde machte. Ich warf ihm
dagegen einige beleidigende Worte hin, die eine Herausforderung nach
sich ziehen muten und ein Duell auf die Klinge zur Folge hatten, das in
der Maikuhle abgemacht wurde, und wo ich fast wider Willen, denn ich
focht mit der grten Gleichgltigkeit, mir alle Blen gebend, meinem
Gegner eine unbedeutende Armwunde beibrachte. Htte Rosenthal besser
gefochten, so htte er mir leicht einen tchtigen Denkzettel anhngen
oder gar das Lebenslicht ausblasen knnen. Wenige Tage nachher hatte ich
ein anderes, durch meine ble Laune herbeigefhrtes Renkontre, das weit
schlimmere Folgen hatte. Ich besuchte den wachthabenden Offizier auf der
Hauptwache, Leutnant Campmann, und tadelte gesprchsweise manche
Anordnung im preuischen Dienste. Lange nahm der Offizier die Sache im
Scherz auf. Als ich aber immer mokanter wurde, machte er mir in einem
ernsten Ton die sehr richtige Bemerkung: Wenn Ihnen die preuischen
Dienste so mifallen, warum bleiben Sie denn? Man wird Sie nicht mit
Gewalt halten, wenn Sie gehen wollen. -- Es gab nun ein Wort das
andere, und ich ntigte zuletzt den wachthabenden Offizier, Degen gegen
mich zu ziehen, indem ich auf ihn eindrang. Unglcklicher- oder
glcklicherweise, denn wer wei, wie es abgelaufen wre, trat in diesem
Augenblick der Wachtschreiber und ein Unteroffizier, der eine Meldung zu
machen hatte, in die Stube, als wir schon mit den Klingen handgemein
waren, und diesen folgte der Platzadjutant auf dem Fue. Jetzt hrte
zwar das Gefecht augenblicklich auf, aber die Sache war eklatant
geworden und wurde dem Kommandanten gemeldet. Die Folge war eine
Untersuchung, whrend welcher wir beide, und zwar bis zur Besttigung
des von einem Kriegsgericht zu fllenden Urteils, von unseren Funktionen
suspendiert wurden. Da sich die Sache sehr in die Lnge zog und ich
whrend dieser Suspension keine Gesellschaft, in der sich der Kommandant
und die Stabsoffiziere befanden, besuchen konnte, so hatte ich tdliche
Langeweile, die mich immer mehr verstimmte und nur hier und da durch die
intimere Bekanntschaft, welche ich mit mehreren Damen hatte,
unterbrochen wurde. Glcklicherweise kam whrend dieser Zeit eine
wandernde Schauspieler-Gesellschaft nach Kolberg, deren Direktor ein
gewisser Romberg war und bei welcher sich ein paar hbsche Aktricen
befanden, von denen eine, Madame Vetterlein, nicht ohne Talent und sonst
auch recht liebenswrdig war. Ich beschftigte mich nun viel mit diesem
Theater, ordnete das Repertoire an, verschaffte den Schauspielern manche
notwendigen Requisiten und lieh ihnen auch manches von meinen kleinen
Uniformstcken, und namentlich einem derselben einmal meine Schrpe.
Mehrere Offiziere hatten dies bemerkt. Den andern Tag kam es auf der
Parade zur Sprache, da eine preuische Offiziersschrpe auf dem Theater
paradiert habe, worber sich die lteren Offiziere sehr mibilligend und
als ber etwas >Unerhrtes< aussprachen. Der Kommandant lie durch den
Brgermeister dem Direktor verbieten, knftig wieder eine Schrpe oder
ein sonstiges Abzeichen der kniglich preuischen Armee auf seinem
Theater zu verwenden. Man forschte auch nach, woher der Schauspieler die
Schrpe hatte, und bald wute man, da ich sie ihm geliehen. Neues
Donnerwetter. Der Bataillonskommandeur mute mir einen Verweis geben und
mir verbieten, irgendein Uniformstck den >Komdianten< zu leihen. Ich
hatte mich gut entschuldigen, da dies in der franzsischen Armee etwas
ganz gewhnliches sei, ja, da ich sogar in Berlin, in des >Epemenides
Erwachen< von Goethe, eine ganze preuische Schwadron in Uniform und
Schrpen auf der Bhne gesehen. Dies half alles nichts. Ich mokierte
mich wieder, so da es zu den Ohren meiner Vorgesetzten kam, und meine
ohnehin schon verdrieliche Lage wurde eben nicht verbessert.

Endlich kam das in meiner Sache mit dem Leutnant Campmann gefllte
kriegsrechtliche Urteil besttigt von Berlin, und lautete fr mich auf
sechsmonatlichen Festungsarrest, in Weichselmnde bei Danzig zu
bestehen, und drei Monate fr meinen Gegner in Kolberg. Ich mute jetzt,
von einem hheren Offizier begleitet, mit dem Postwagen nach Danzig
abfahren, wohin wir ber Kslin, Stolpe, Neustadt und so weiter reisten,
wozu wir beinahe drei Tage gebrauchten.

Mit einbrechender Nacht kamen wir in dieser Stadt an und stiegen in dem
eben nicht sehr reinlichen Hotel d'Oliva ab, meldeten uns den anderen
Morgen beim Kommandanten, der uns artig empfing und eine
Empfehlungsorder an den Kommandanten der Feste Weichselmnde gab, wohin
wir uns sogleich verfgten. Dieses Fort liegt in einer geringen
Entfernung von der Stadt an der Weichsel. Ich bekam ein ziemlich
bequemes, aber sehr vielwinkeliges Zimmer angewiesen. Der Kommandant
dieses Forts war der Oberstleutnant von Brockhusen, ein artiger Mann,
der mich freundlich aufnahm, mir ankndigte, da ich alle Freiheit habe,
in Zivilkleidern hinzugehen, wohin ich immer wolle. Nur msse ich mich
zum Schlafen wieder einfinden. Ich knne aber nach Danzig, nach dem
gegenberliegenden Neufahrwasser, nach Oliva und so weiter gehen und
mich nach Belieben amsieren. Gesellschaft hatte ich groe und zum Teil
scharmante in Neufahrwasser. Das ganze Offizierskorps eines
Landwehrkavallerie-Regiments hatte, samt seinem Kommandeur und Obersten
von Himmel, die Offiziere auf achtzehn Monate und der Oberst fr drei
Jahre, hier Festungsarrest mit derselben Freiheit wie ich. Die
Verheirateten hatten sogar ihre Frauen und Kinder bei sich, und alle
fhrten ein ziemlich lustiges Leben. Die Ursache ihres Arrestes war
folgende: Das Regiment hatte einmal, als es der Graf Henckel von
Donnersmarck zum Manvrieren ausrcken lie, nicht zu dessen
Zufriedenheit exerziert und ein paar Bcke gemacht; der General, darber
erbost, hatte sich gegen das Offizierskorps, welches meistens aus
gedienten und wackeren Leuten bestand, sehr beleidigend ausgedrckt und
geschrien: Meine Herren, Sie manvrieren wie die S... Die Offiziere
hatten sich darauf verabredet, den folgenden Tag, wo das Regiment wieder
zum Exerzieren ausrcken sollte, samt und sonders wegzubleiben und
dasselbe durch einen Rittmeister dem General vorzufhren, der es ihm mit
den Worten: Ich habe die Ehre, Eurer Exzellenz das Regiment
vorzufhren, bergab, dann seinen Sbel wieder einsteckte, davonritt,
den ganz verblfften General, der eben angeritten war, stehen lassend.
Dem Grafen Henckel von Donnersmarck blieb nun nichts anderes brig, als
die Truppen, vom ltesten Wachtmeister gefhrt, wieder einrcken zu
lassen, und den Vorfall dem Kriegsminister anzuzeigen, was eine
umstndliche Untersuchung veranlate, die das oben erwhnte Resultat
hatte, aber auch dem General einen sechswchentlichen Arrest zuzog. Das
ganze, im Festungsarrest befindliche Offizierskorps hatte den
Mittagstisch in dem Gasthaus >Zum englischen Hof< in dem auf dem
jenseitigen Ufer der Weichsel liegenden Neufahrwasser, wo auch ich, von
meinen Arrestkameraden eingeladen, mich engagierte und man sehr gut
bedient war. Die Wirtin namens Wex hatte ein Paar junge Tchter, von
denen die jngere, Jettchen, recht hbsch war. Ein Piano stand im
Gastzimmer, die Mdchen sangen leidlich, und so war die Unterhaltung in
den Nachmittagsstunden oft recht animiert.

Sobald ich in meiner neuen Residenz, die ich statt der Kriegsschule in
Berlin, wie ich das Projekt gehabt, diesen Winter besuchen mute,
installiert war, und mit meinen zum Teil sehr lustigen Arrestkameraden
genauer bekannt wurde, verlor sich auch bald mein bisheriger Mimut. Im
englischen Haus gehrte ich bald zur Familie und machte beiden
Schwestern zugleich den Hof, aber der lteren, Hannchen, mehr zum
Schein, whrend ich es mit der jngeren, Jettchen, ernstlicher meinte,
und Mama uerte, ich wrde mit keiner bel fahren, welche ich auch
whlen mchte. Ich aber vertrstete sie auf ein spteres Avancement, da
eine Frau Leutnant doch eine gar traurige Rolle spiele. Es war noch ein
anderer guter Gasthof in Neufahrwasser, >Zur Stadt Berlin<, dessen
Besitzer zwar keine Kinder, dafr aber zwei allerliebste Nichten hatte,
wo ich ebenfalls bald wie zu Hause war, so da ich in der Regel die
Vormittage in dem englischen Hof und die Nachmittage in der Stadt Berlin
plaudernd, scherzend, musizierend, kssend und so weiter zubrachte. Auch
lernte ich bald noch einige andere Familien daselbst kennen, unter denen
die sehr liebenswrdige eines Kriegsrats Schtz, der wieder artige
Tchter hatte, und wo noch ein anderes fnfzehnjhriges, ausgezeichnet
schnes Mdchen, die Tochter eines grimmigen Seebren, eines
Schiffskapitns, der meist abwesend auf Seereisen war, sich einfand. In
diesem Haus wurde auch viel Musik gemacht und die Mdchen sangen recht
schne polnische Lieder, die ich leider nicht verstand. Selbst in dem
Fort Weichselmnde fanden sich weibliche, durchaus nicht zu verachtende
Reize. Auer der hbschen Tochter des Kommandanten war auch die junge
Frau eines Rittmeisters, eine blonde Knigsbergerin, die seelenvolle
himmelblaue Augen hatte, bei Kuhns, so hie der Wirt in der Stadt
Berlin, wo wir fters zu Nacht speisten, meine Tischnachbarin, der zu
Gefallen ich manchen Abend im Fort zubrachte, wo kleine Kommerzspiele
die Hauptunterhaltung ausmachten, bei denen sich die meisten
Offiziersdamen einfanden.

Frau Wex, welche mit Kuhns rivalisierte, veranstaltete bald einen Ball
_par_, an dem alle Honoratioren des Ortes und mehrere Familien aus
Danzig teilnahmen. Hier lernte ich unter anderen die Frau eines reichen
Kaufmanns, der mehrere Schiffe in der See gehen hatte, kennen, und nach
einigen Raschwalzern, die ich mit ihr getanzt, verstndigten wir uns
schnell in einer Polonse, begegneten uns zufllig auf einem Korridor,
und lagen uns ebenso zufllig in den Armen. Dieser sonderbare Zufall
wiederholte sich drei- bis viermal, whrend der Herr Gemahl in einem
Seitenzimmer mit aller Ruhe eine Partie Whist machte. Die Dame vertraute
mir, da sie jeden Abend bis zehn Uhr allein zu Hause zu treffen sei,
indem ihr Mann nie verfehle, seine Spielpartie um diese Zeit in Danzig
oder in Neufahrwasser zu machen. Dies merkte ich mir wohl und fand mich
schon den folgenden Abend in dem mir bezeichneten Hause ein, in das ich
in der Dmmerung, in meinen Mantel gehllt, schlich, wo ich freudig mit
offenen Armen empfangen wurde. Diese Besuche wiederholte ich fters,
besonders, wenn ich Herrn G...ch, so hie der Mann, in der Stadt Berlin
wute, wo eine kleine Pharobank gehalten wurde, und ich ihm gegenber
pointierte, mich auf eine halbe Stunde entfernte, dann zurckkam und
ganz ruhig weiterspielte. Bei meinem Arrest in Weichselmnde hing mir
der Himmel voll weiblicher Bageigen. Aber der Krug geht so lange zu
Wasser, bis er bricht. G...ch mute von meinen verstohlenen Besuchen
durch irgendeinen geflligen Freund Wind bekommen haben, und als ich
mich eines Abends wieder in seine Wohnung begab, begegnete ich in deren
Nhe ein paar wildaussehenden Seegesichtern, vulgo Matrosen genannt.
Kaum hatte ich die Haustre hinter mir zugemacht und wollte eben die
Treppe hinaufspringen, als ein paar andere Exemplare dieser Bren aus
einem Winkel hervorsprangen, whrend die, welchen ich begegnet war, in
die Haustre traten, und einer derselben mich mit rauher Stimme fragte:
was ich hier suche? -- Dies geht euch Schubiaks nichts an, erwiderte
ich, indem ich eine Terzerole unter dem Mantel hervornahm und den Hahn
spannte. Das Knacken desselben machte die Burschen doch stutzend, und
ich sagte mit starker Stimme: Dem ersten, der eine verdchtige Bewegung
macht, jage ich eine Kugel durch den Kopf. Die Kerls dadurch verblfft,
lieen mich nun ruhig wieder zum Haus hinausgehen. Ich begab mich nun in
die Stadt Berlin, wo wie gewhnlich gespielt wurde, setzte mich an den
Spieltisch und pointierte ganz ruhig mit Viergroschenstcken, als sei
nicht das mindeste vorgefallen. Etwa zwanzig Minuten spter trat auch
G...ch herein, dem ich einen sehr freundlichen guten Abend wnschte.
Statt ihn aber zu erwidern, warf er einen grimmigen Seitenblick auf
mich, was ich nicht zu bemerken fr gut fand, sondern ganz gleichgltig
zu ihm sagte: Warum heute so spt, Herr G...ch, ich bin schon lange
hier und spiele wieder einmal glcklich. -- Das Glck scheint Ihnen
gewogen, gab er mir, seinen Zorn verbeiend, zur Antwort, und das ist
Ihr Glck. -- Den anderen Morgen wurde ich durch ein Briefchen von
Madame G...ch unterrichtet, da sie eine arge Szene mit ihrem Mann
gehabt, dem man unsere Zusammenknfte verraten habe, und sie auf einige
Zeit zu ihren Eltern nach Elbing verreise, wo ich sie, wenn ich es
mglich machen knne, doch besuchen mge. Dieser Vorfall war mir sehr
unangenehm, da es in Neufahrwasser bekannt wurde, da ich die Ursache
einer Trennung der G...schen Eheleute sei, die sich spter jedoch wieder
vereinigten. Ich suchte von jetzt an mich mehr in Danzig zu zerstreuen.
Ich begab mich jetzt jeden Morgen mit dem Frhesten nach Danzig, von wo
ich in der Regel erst gegen Mitternacht in meine, wenigstens
dreiigwinkelige Arreststube, die eine gar seltsame Bauart hatte,
zurckkehrte. Auch im Danziger Kasino, wo jede Woche Tanz und Musik
stattfand, wurde ich eingefhrt und machte neue Bekanntschaften
daselbst, unter denen eine sehr ppig gebaute schne polnische Grfin
von M...ka aus Posen war, deren schlanker Wuchs, ein fast
verschlingendes Auge, rabenschwarzes Glanzhaar, eine uerst feine und
weie Haut, eine entzckende Anmut mich wie fast alle Mnner, die sie
sahen, bezauberte. Auf den Maskenbllen, die nun gegeben wurden, und oft
glnzend und reich an prchtigen Kostmen waren, gelang es mir, die
schne Grfin genauer kennen zu lernen. Auf einem derselben hatte ich
mich zuerst als Zigeuner, dann als Spanier verkleidet, und setzte der
Dame in der Maske des ersteren, durch meine Prophezeiungen ihr die gute
Wahrheit sagend, so gewaltig zu, da ich ihre Neugierde in hohem Grade
rege machte. Namentlich, indem ich ihr mitteilte: sie wrde, ehe
vierzehn Tage vergingen, einen Anbeter haben, dem sie nichts versagen
knne. Als der Zigeuner verschwunden war, forderte der Spanier die als
kassubisches Landmdchen verkleidete Grfin zu einer Polonse auf, und
erzhlte ihr whrend der Promenade, da ihm ein Zigeuner prophezeit
habe, er werde in Danzig noch sehr glcklich werden und die Gunst der
schnsten Dame dieser Stadt erhalten. -- O, dann ist es gewi nicht die
meinige, meinte die Grfin. -- Und wer sollte sich an Schnheit,
Grazie und Liebenswrdigkeit mit Euer Gnaden in Danzig messen knnen?
-- Sie sind ein gefhrlicher Schmeichler. -- Es ist keine
Schmeichelei, wenn man die Wahrheit spricht. -- Die Grfin erzhlte nun
auch ihrerseits, was ihr der Zigeuner gesagt. -- Sonderbar, dies hat
was zu bedeuten, erwiderte ich, dem hbschen Landmdchen die Hand
drckend. Die Polonse lste sich endlich in einen Raschwalzer auf, wir
flogen sinnenberauscht dahin und setzten uns endlich etwas ermdet unter
eine entlegene Fensterhalle. Die Grfin M...ka nahm ihre Larve ab und
sagte: Die Hitze ist unausstehlich, lnger halte ich's nicht aus,
machen Sie es ebenso. Ich befolgte den Befehl, worauf sie mich
erkennend sagte: Dacht' ich's doch, Sie sind der Offizier, mit dem ich
schon fters im Kasino tanzte. -- Wir engagierten uns dann noch auf
eine Tempte, eine Quadrille und ein paar Walzer, und ich erhielt von
der Dame das Versprechen, da ich bei der ersten Schlittenfahrt der sie
fahrende Kavalier sein solle. Der bald darauf gefallene Schnee machte
auch eine solche mglich, und ich hatte das Vergngen, das Versprechen
in Erfllung gehen zu sehen, und bte das Schlittenrecht in seiner
weitesten Ausdehnung. Kurze Zeit darauf hatte ich das noch weit grere
Vergngen, auch diese Dame in meinem Zimmer zu Danzig zu empfangen und
zu bewirten, ohne da meine niedliche Wirtin, die mich fters mit
Morgenbesuchen beehrte, etwas davon merkte, so wenig wie von anderen
Damenbesuchen, die ich natrlich alle nur nach eingetretener Nacht
empfing. Mein Zimmer war _au rez de chausse_. So schwanden mir denn die
sechs Monate Festungsarrest in Weichselmnde wie sechs Wochen hin. Bevor
sie um waren, erbat ich mir unter dem Vorwand, meine etwas zerrttete
Gesundheit wieder herzustellen, denn sie war es wirklich, wenn auch
nicht durch die Kerkerluft, doch durch Strapazen mancherlei Art, noch
einen sechswchentlichen Urlaub, der mir bewilligt wurde, und den ich zu
einer kleinen Reise nach Marienburg und Posen zu verwenden beschlo. Die
Grfin M...ka ging mit dem Frhjahr ebenfalls dahin zurck und gab mir
die Erlaubnis, ihr daselbst meine Aufwartung machen zu drfen, jedoch in
allen Ehren, denn dort herrsche der Herr Gemahl, der nicht mit in Danzig
gewesen, wo die Dame bei einer Freundin zu Besuch war, etwas streng.

Als ich meine Freiheit und meinen Degen zurckerhalten und die Urfehde
geschworen hatte, nahm ich Abschied von Weichselmnde, Neufahrwasser und
Danzig und trat die Reise nach Marienburg an.




                                   X.

    Marienburg. -- Elbing. -- Knigsberg. -- Posen. -- Rckkehr nach
    Kolberg. -- Eine furchtbare Mordgeschichte. -- Eine Vexierreise.
    -- Diverse Kampagnen unter Amors Fahnen. -- Der Esel von Osten.
    -- Noch ein Damensouper. -- Arge Skandalosa. -- Eine pommersche
     Hochzeit. -- Abermaliger Festungsarrest. -- Meine Entlassung.


Was mich hauptschlich zu einer Reise nach Marienburg bestimmte, war,
das weltberhmte Schlo der alten Hochmeister des deutschen Ordens, von
dessen Merkwrdigkeiten man mir so viel und erst wieder in Danzig
erzhlt hatte, da ich den Wunsch, diese prchtigen berreste der einst
so mchtigen Ordensritter kennen zu lernen, nicht unterdrcken konnte.
Ich verweilte nur drei Tage in Marienburg, wo ich, nachdem ich das
Schlo von auen und innen sattsam gesehen, bald tdliche Langeweile
versprte.

Von Marienburg fuhr ich nach der nur wenige Meilen entfernten Stadt
Elbing, die samt einer Burg im Jahre 1237 auch von den Ordensrittern
erbaut wurde, und von hier nach Knigsberg. Eine starke Erkltung zwang
mich, ein paar Tage das Bett zu hten. Mein erster Ausgang, als ich
wieder hergestellt, war nach der ehemaligen Zitadelle, der alten
Friedrichsburg, in der man mir den Moskowitersaal und die
Bernsteinkammer zeigte. Hierauf begab ich mich in den vom Gromeister
Lothar von Braunschweig vierzehnten Jahrhundert erbauten Dom. In dem
Schauspielhaus, das gerade nicht vorzglich ist, sah ich einige nicht
sehr gut exekutierte Opern und Schauspiele auffhren. Mehr erfreuten
mich die zum Teil sehr schn angelegten Promenaden, besonders die am
Schloteich, dem Knigsgarten und dem von Hippel angelegten
Philosophendamm. Von Knigsberg eilte ich nach Posen und fuhr ber
Elbing, Marienwerder, Graudenz, Kulm, Bromberg, Gnesen und so weiter
dahin ab, ohne mich an einem dieser Orte umzusehen.

Erst mit der einbrechenden Nacht kam ich in Posen an und schlief in
einem herzlich schlechten und eben nicht sehr reinen Bett doch
trefflich. So wie der Hunger der beste Koch ist, so ist Ermdung der
beste Schlafbereiter. Auch erwachte ich erst spt am Vormittag. Nachdem
ich meine Toilette gehrig gemacht, schickte ich mich an, die Stadt zu
besichtigen. Bei der Parade sah ich mehrere Offiziere, die ich schon in
Berlin kennen gelernt hatte und die mich zur Offizierstafel einluden,
was ich mit Dank annahm. Denselben Tag zog ich noch Erkundigungen nach
der schnen Grfin M...ka ein und erfuhr, da kein Offizier Zutritt in
dem Haus des Grafen habe. Indessen lie ich mich doch, wie ich es mit
der Dame in Danzig verabredet, bei ihr melden, wurde auch angenommen,
jedoch von dem Herrn Gemahl ziemlich frostig empfangen, der mich auch
nicht ersuchte, meinen sehr kurzen Besuch zu wiederholen, mir indessen
eine kurze Gegenvisite machte. Noch den nmlichen Abend kam ein sehr
niedliches Mdchen in polnischem Kostm, das kein Deutsch, aber so
ziemlich franzsisch sprach und mir ein Billettchen brachte, in dem man
mich ersuchte, dem hbschen Kammerzfchen zu folgen, das mir ein Haus
zeigen wrde, wohin ich mich den folgenden Abend zu begeben habe, um
eine gewisse Dame sprechen zu knnen. Das Mdchen war so gesprchig und
lud mich so zutraulich ein, mich ihrer Fhrung zu berlassen, da ich
nicht umhin konnte, ihr auf die Wangen zu klopfen, ihr etwas tief in die
schwarzen Augen zu blicken und mit einem Ku auf den runden Nacken und
einen Taler in die Hand drckend, zu danken. -- Oh, ihr galanten Damen,
wenn ihr euch auch nur auf eine kurze Zeit der Treue eurer Anbeter
versichern wollt, so nehmt um Himmelswillen kein hbsches Kammerktzchen
zu eurer Unterhndlerin und Liebesbotin. Der Teufel mag solchen
verfhrerischen Dingern widerstehen, aber kein junger Mann von Fleisch
und Blut. Alte Weiber, Hexen mit triefenden Augen, die man kaum mit der
Feuerzange berhren mchte, dies sind die zuverlssigsten Diplomaten bei
solchen Unterhandlungen. -- Auch ich widerstand nicht, wohl aber tat das
Mdchen so und lispelte: _Mais Madame la contesse! Mais Monsieur
finissez donc, vous aimez ma matresse! -- Sans doute, mais cela ne
m'empche point d'aimer aussi la confidente._ Die weiteren Antworten
des allerliebsten Rosenmundes erstickte ich mit Kssen, und lie mich
nach einer halben Stunde von der Donetta nach dem erwhnten Haus fhren,
das in einer ziemlich engen Strae lag, klein und schmal war und nur
zwei Fenster Front hatte. Ich trat mit meinem _ange polonais_ ein, der
mich der parterre wohnenden Frau vorstellte, welche frher in Diensten
der Mutter der Grfin gestanden hatte und aus alter Anhnglichkeit fr
die Tochter sich derselben mglichst gefllig zeigte. Von hier begab ich
mich zu der Soiree eines verheirateten Majors, der mich bei der Parade
eingeladen hatte, und wo ich mehrere hbsche polnische Damen traf, von
denen aber die wenigsten deutsch, einige ziemlich franzsisch sprachen.
Die Polinnen sind recht sinnlich liebenswrdig, meist sehr ppig gebaut,
haben mit den Spanierinnen die grte hnlichkeit, nicht die mindeste
mit den Franzsinnen. Htte ich die polnische Sprache gekannt, so wrde
ich gewi auch mehrere recht artige polnische Abenteuer erlebt haben. Es
wurde viel Musik gemacht, einige der polnischen Damen hatten herrliche
Stimmen, sangen aber nur polnische Lieder, die, wie man mir sagte, meist
politischen Inhalts waren und sich auf Polens Schicksale bezogen.

Als den nchsten Tag das Gestirn des Tages untergegangen war, fand ich
mich zur bestimmten Zeit in dem bewuten Haus ein, wo mich die Frau
willkommen hie, aber nur wenig schlechtes Deutsch sprach, so da wir
uns mehr durch Pantomimen verstndlich machen muten. Ich hatte beinahe
schon eine gute Stunde gewartet, als endlich die Grfin, im Kostm eines
polnischen Dienstmdchens und in Begleitung des ihrigen erschien. Beide
sahen so reizend aus, da mir fast die Wahl wehe tat. Aber hier war
keine Wahl mehr mglich. An drei Stunden brachte ich in einem
Hinterstbchen mit der verkleideten Grfin zu, whrend die beiden
anderen in der vorderen Wache hielten. Beim Weggehen sagte sie mir, sie
wrde mich es jedesmal durch ihr Mdchen wissen lassen, wenn sie
abkommen knne. Dies lie ich mir gern gefallen, und die hbsche
Abgesandte war mir so lieb, da in ihren Armen ermdet, ich mehr als
einmal die Einladung zum Stelldichein unter dem Vorwand, schon bei einem
General oder Stabsoffizier zugesagt zu haben, ausschlug, wobei ich auf
die Mithilfe des mich entschuldigenden Mdchens sicher zhlen konnte. --
So hatte ich ungefhr drei Wochen in Posen zugebracht. Es war Zeit, an
die endliche Rckreise nach Kolberg zu denken, die ich nach gehrigem
Abschiednehmen bei sehr schlechtem Wetter und auf abscheulichen Wegen
antrat, und zwar in einem offenen Wagen, ber Czarnikau, Schneidemhl
und Neustettin, wo Weg und Wetter erst wieder etwas leidlicher zu werden
begannen. In meinem Leben habe ich keine unangenehmere und langweiligere
Reise gemacht. bernachten in ekelhaften Wirtshusern, elenden Krgen,
schmutzige und so unreinliche Betten, da ich das ganze Bettzeug
hinauswarf und auf frischem Stroh, das ich mir bringen lie, schlief,
jmmerliche Kost, auch nicht ein interessanter Gegenstand auf dem ganzen
Weg. Dies alles gehrte zu meinen Reiseannehmlichkeiten.

Als ich endlich zu Kolberg durch das Lauenburger Tor wieder einfuhr, da
war mir ganz sonderbar zumute und so unheimlich, da ich mich gerne
wieder hundert Meilen weit weggewnscht htte. Ich machte meine
schuldigen militrischen Meldungen und hatte einige Flaschen Danziger
Goldwasser und einen ziemlichen Vorrat Knigsberger Marzipan
mitgebracht, die ich an die Tchter meines Kommandeurs und andere
verschenkte, um mir eine gute Aufnahme zu bereiten. Ich trat nun meine
Dienste, sowohl bei der Garnison wie bei den mir befreundeten Damen
wieder an, und allenthalben hie es: Frhlich ist wieder da; wir werden
bald wieder Neues hren. Ich lie es indessen vorerst beim Alten,
scherzte mit Madame G..., besuchte fleiig die Frau Doktor M..., sang
mit Frau von Schtzel, brachte mit Hilfe der letzteren einige kleine
theatralische Vorstellungen zustande, die im Haus der Madame Schrder
und bei Kuhpfahls aufgefhrt wurden, und so weiter.

Ein hchst greulich-tragischer Vorfall, der sich um dieselbe Zeit in
meiner Vaterstadt Frankfurt am Main zutrug, machte auch in Kolberg
groes Aufsehen, da das Individuum, welches denselben veranlat hatte,
aus dieser letzteren Stadt gebrtig war, in der sein Vater, ein
ehrenwerter alter Zimmermann namens Moog, noch lebte, und so
unglcklicherweise die in Frankfurt von seinem Sohn begangene furchtbare
Tat erfahren mute. Der junge Moog, ein Tischler, hatte sich in
Frankfurt mit einer Brgerstochter verheiratet und war so Brger und
Meister daselbst geworden. Obgleich fleiig, arbeitsam und sehr mig
lebend, konnte er daselbst doch nicht vorankommen, woran hauptschlich
schuld war, da er unbarmherzigen Menschenschindern, vulgo Wucherern in
die Hnde gefallen war. Er wurde trbsinnig, sah das Elend seiner
Familie, er hatte bereits fnf Kinder, von denen das lteste noch nicht
sieben und das jngste anderthalb Jahre alt war, unabwendbar, und wurde
namentlich von einem gewissen Konrad R...s, dem er einige Gulden
schuldete, bis aufs Blut gemartert. Er fate nun einen verzweifelten
Entschlu, und nachdem er eines Morgens frh, er sollte an diesem Tag
gepfndet werden, das Dienstmdchen in einen von seiner Wohnung im
Lwengchen weit abgelegenen Stadtteil unter dem Vorwand, da bei einem
Bcker daselbst ganz vorzglich gute Milchbrote zu haben seien,
weggeschickt, schnitt er seiner Frau, seinen fnf Kindern und zuletzt
sich selbst den Hals ab, so da das rckkehrende Mdchen sieben in einem
Blutbad liegende Leichen antraf und ohnmchtig niederfiel. Diese
schreckliche Tat hatte die ganze Stadt in Alarm gebracht. Der
unglckliche Moog, den besonders die Ambition, da niemand von den
Seinigen der Stadt zur Last fallen solle, zu der schrecklichen Tat
vermocht hatte, wurde von der unsinnigen Frankfurter Kriminaljustiz noch
verurteilt, nach dem er auf einem Schinderkarren zum Rabenstein
geschleift worden, daselbst, obgleich schon tot, enthauptet zu werden,
worauf man seinen Kopf auf eine Stange steckte und den Krper auf das
Rad flocht. Dies geschah im Ihre 1817 zu Frankfurt!

Auf diese Veranlassung hin erlie der Frankfurter Senat ein Schreiben an
den Magistrat zu Kolberg, worin er demselben Bericht ber den grlichen
Vorfall erstattete und dabei bemerkte: da es ihm (dem Senat) zum Troste
gereiche, da der schreckliche Mrder kein geborener Frankfurter,
sondern ein Kolberger sei. -- Der Kolberger Magistrat, zehnmal
vernnftiger, zuckte die Achseln ber diese unpassende Bemerkung und
meinte, eine Regierung, deren Behrden solche absurde Mitteilungen zu
machen imstande seien, msse eben nicht zu den vernnftigsten gehren,
und er hatte vollkommen recht. -- Mehrere Jahre nachher wiederholte sich
ganz dasselbe furchtbare Schauspiel, das diesmal ein geborener
Frankfurter namens Lichtwerk auffhrte, ebenfalls durch Wucherer dazu
veranlat, wozu denn auch die den Armen so ungnstige als den Reichen
gnstige Frankfurter Ziviljustiz das ihrige beitrug. Der Reiche,
besonders wenn er recht vollbesetzte Mittagessen zur rechten Zeit zu
geben versteht und sich gewisser Rabulisten versichert, vermag bei der
Frankfurter Themis alles.

Als der arme alte Moog in Kolberg, den ich persnlich gekannt, die Untat
seines Sohnes erfuhr, sagte er, wie von stillem Wahnsinn berwltigt:
Dies war ja nicht mein Sohn, und wiederholte diese Worte, so oft die
Sprache von dieser Tat war. Er starb ein halbes Jahr darauf.

Ich fhrte nun mein frheres Leben in Kolberg wieder fort, ging noch
einige Male auf Urlaub nach Berlin, wo ich mich immer sehr vergngte,
und mehrere kleine komische Vorgnge, die ich in Gesellschaften oder
auch auf Promenaden beobachtet hatte, dem dortigen, damals sehr
beliebten Volksblatt >Der Beobachter an der Spree< mitteilte, dessen
Redaktion sie auch sehr willig und gerne aufnahm. Damals ahnte ich noch
nicht, da diese von meiner Feder dem Druck bergebenen Erstlinge den
Anfang einer, einige Jahre spter zu beginnenden literarischen Karriere
sein wrden. -- Man fand sie, ohne da man den Verfasser kannte,
geielnd und satirisch genug, namentlich gefielen sie der alten Frau von
Pogwisch auerordentlich.

Ein Streich, den ein paar Studenten der reichen Madame Schrder gespielt
hatten, gab der ganzen Stadt Kolberg viel zu lachen. Die Dame machte
jetzt jedes Jahr eine Plsierreise in Gesellschaft ihrer Freundin
Julius. Schon einige Male waren sie bis nach Berlin gekommen, hatten
sich aber noch nicht weiter gewagt, diesmal hatten sie sich jedoch
Dresden zu sehen vorgenommen. Sie reisten ohne andere mnnliche
Begleitung als einen pommerschen Kammerdiener, der nicht mehr Erfahrung
und Weltkenntnis hatte als seine Herrinnen. In Dresden fhrte sie der
Zufall an der Table d'hte des Gasthofes, in dem sie logierten, in die
Nachbarschaft von ein paar Studenten, lustigen Zeisigen, welche die
groe Naivitt der reisenden Damen schnell lehrte, wes Geistes Kind
dieselben waren. Sie redeten ihnen zu, da sie so nahe bei Prag seien,
doch auch diese merkwrdige Bhmenstadt, von deren Raritten sie ihnen
Wunderdinge erzhlten, zu besuchen und kennen zu lernen. Madame Schrder
meinte, das sei allerdings der Mhe wert, aber auf der Reiseroute, die
ihnen Herr Julius in Kolberg ausgefertigt, stnde nichts davon
geschrieben, und sie wten also nicht, wie sie es anzufangen htten,
den Weg dahin zu finden. -- Oh, wenn es weiter nichts ist, meine
Damen, sagte der eine Studiosus, die will ich Ihnen schon angeben. --
Wollen Sie die Geflligkeit haben? -- Mein Gott, warum denn nicht?
Sie mssen Ihre Pferde nur genau von einer Station zur anderen so
bestellen, wie ich es Ihnen hier aufzeichnen werde. -- Er nahm nun ein
Papier zur Hand und schrieb eine Reiseroute von etwa zehn bis zwlf
Stationen auf, die bis wenige Meilen vor Prag fhrte, dann aber wieder
auf einem anderen Weg bis auf eine Station vor Dresden zurck. Prag
selbst schrieb er nicht auf, indem er zu den Damen sagte: Das ist
unntig, auf dieser letzten Station bestellen Sie die Pferde nur nach
Prag. -- Die Damen bedankten sich recht hflich fr die ihnen erwiesene
Geflligkeit und befolgten die erteilten Instruktionen auf das
genaueste. Frau Julius, welche sich die klgste dnkte, bestellte die
Pferde von Station zu Station, wie es auf dem Zettel stand. Als sie
aber, auf der letzten angekommen, dieselben nach Prag requirierte,
glaubte der Posthalter, die Dame habe sich versprochen, und sagte: Sie
werden meinen, nach Dresden. -- Oh, bewahre der Himmel, nach Prag,
nach Prag. -- Ja, da kann ich Sie nur fr die nchste Station
bedienen, dann mssen Sie weiter bestellen, bis zur letzten vor Prag.
-- Die Damen wuten nicht, was das zu bedeuten habe, und glaubten, der
Herr Posthalter sei nicht recht bei Sinnen. Endlich, nach vielem Hin-
und Herreden, und nachdem die Damen ihre, vom Studenten erhaltene
Reiseroute vorzeigten, klrte sich die Sache auf. Der Posthalter konnte
das Lachen kaum verbergen und die Damen waren im hchsten Grade erbost,
als sie inne wurden, welchen Streich man ihnen gespielt. Sie fanden nun
fr gut, die Reise nach Prag ganz aufzugeben, kehrten wieder nach
Dresden, und zwar in denselben Gasthof zurck, wo sie sogleich dem Wirt
die Geschichte erzhlten und nach dem boshaften Studenten fragten, der
aber nach der Versicherung des Wirtes mit seinen Kameraden gleich,
nachdem die Damen weg waren, nach Leipzig abgereist sei, sich aber
vorher noch des Geniestreichs, den er gemacht, rhmte, so da der Wirt
und andere Gste vor der Rckkehr der Damen schon davon unterrichtet
gewesen, die nun Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit in dem
Gasthof waren, und verschnert kam die Geschichte in ganz Dresden herum.
Sie selbst, sowie ihr Kammerdiener erzhlten, nach Kolberg
zurckgekommen, ebenfalls das gehabte Abenteuer, ber den Studenten
schimpfend, whrend die ganze Stadt lachte und man sich allenthalben
zurief: Nun, machen wir bald wieder eine Reise nach Prag?

Herz und Zeit teilte ich jetzt zwischen literarischen Studien und der
Unterhaltung mit einem halben Dutzend Damen. Unter den letzteren war
auch eine neue Amourette mit einem hbschen Klosterfrulein, die sich
von B... nannte. Doch war sie in keinem Kloster, sondern in einer
Stiftung, die aus einem frheren Kloster, das, wie so viele nach der
Reformation, einging, dotiert war und von der junge Mdchen aus guten,
aber zurckgekommenen Familien einen Jahrgehalt erhielten, der wegfiel,
so bald sie sich verheirateten. Diese wohnte bei einem Kaufmanne G...l,
mit dem sie verwandt war, der mehrere Kinder hatte und die hbsche
Klostercousine ebenfalls gerne sah, was indessen seine Frau, Vertraute
des Fruleins, wute, und deshalb deren Bekanntschaft mit mir
begnstigte, whrend mich der Mann ungern in seinem Haus vorfand. Ich
sah indessen Frulein von B... oft in einem dritten Haus, bei einer Frau
Witt auf dem Markt, die so gefllig war, uns ganze Stunden in eine obere
Kammer einzusperren und daselbst mit allerlei Erfrischungen zu versehen.
Auch sie lie ihren Herrn Gemahl gerne blinde Kuh spielen. Da indessen
Herr G...l der Cousine immer mehr zusetzte, so entschlo sich dieselbe,
aus diesen und noch anderen Ursachen sein Haus und sogar Kolberg zu
verlassen und in dem nahen Belgard zu wohnen, wo ich sie dann fters
heimsuchte. Eine andere Dame, mit der ich ein Verhltnis angeknpft
hatte, konnte ich nur, da sie zu sehr bewacht war, mit Hilfe der
geflligen Frau Witt, auf der Dachrinne zwischen dem Giebel ihres Hauses
und dem der Dame sprechen, indem wir jedes aus einem Gaubloch
(Dachfenster) stiegen. So oft es ihr zu kommen mglich wurde, gab sie
mir das Zeichen dazu durch ein Stckchen weies Papier, welches sie an
das Fenster klebte, und zwar zu einer bestimmten Nachmittagsstunde, die
ich in einer nahen Weinwirtschaft, die man >Zur Mutter Blaurock<, ein
Spottname, den man der etwas korpulenten und gutmtigen Wirtin gegeben,
abpate. Eines Abends, als wir nach eingebrochener Nacht uns wieder in
der Rinne zwischen den zwei Giebeldchern recht angenehm unterhielten,
hrten wir pltzlich Tritte auf dem Boden, die sich dem offen stehenden
Gaubloch nherten. Wir flchteten uns schnell durch das Dachfenster des
Wittschen Hauses auf den Boden. Madame L... glaubte ihren Mann zu
erkennen, eilte die Stiegen hinab, ber die Strae in ihr Haus und in
ein hinteres Gemach. Als der Herr Gemahl, denn er war es richtig
gewesen, langsamen Schrittes vom Boden herabkam, fand er seine teure
Ehehlfte ganz ruhig in demselben etwas rumen. Er schttelte zwar
bedenklich den Kopf, sagte aber nichts. Den andern Tag war jedoch das
auf die Rinne fhrende Dachfenster mit einem Vorlegeschlo verwahrt, was
aber nicht hinderte, da wir andere Mittel und Wege fanden, uns zu
sehen, und dies mit Hilfe kleiner Papierchen und gewisser Zeichen am
Fenster. Ein paar alte Trkenjungfern halfen gerne aus; der Mann
begleitete die Frau zu ihnen und holte sie auch spter wieder ab, nicht
ahnend, da ich schon vorher im Haus verborgen war. Die Dame erhielt
bald darauf einen Besuch von einer jungen Anverwandten, einem Frulein
von Campke aus Berlin, das sie nun zu ihrer Liebesbotin machte. Das
Mdchen war sehr schn, hatte besonders einen therischen Wuchs und
einen Sylphidengang, eine wahre Hebegestalt. War es ein Wunder, da mich
eine solche verfhrerische Abgesandte, deren Stimme noch obendrein den
harmonischsten Klang hatte, zur Untreue und zum Verrat an der Schnen,
die sie sandte, verleitete? Auch war es fast immer auf dem alten
Marienkirchhof, zwischen Grbern und Gespenstern, wo sie mir zu sagen
hatte, ich mchte mich bei Trks einfinden, und ich sie dann
persuadierte, sich vorher bei mir einzustellen. Leider blieb das hbsche
Mdchen eine viel zu kurze Zeit in Kolberg, sie gab mir aber die Adresse
ihrer Wohnung in Berlin, in der Hamburger Strae, wo sie sich bei ihrer
Tante, der Frau von Osten aufhielt, die eine Verwandte eines Majors von
Osten war, der in Berlin bekannt, weil ihn ein Feldprediger, den er
gerne aufzog und zum besten hatte, einst auf eine arge Weise
heimgeschickt, ohne da er deshalb etwas htte erwidern knnen, so sehr
er sich auch getroffen fhlen mute. Die Sache war folgende: Bei dem
Dessert eines splendiden Mittagmahles, das ein Oberst seinen Offizieren
gab, neckte sich der Major wieder mit dem Feldprediger, und zog ihn
namentlich wegen der Wunder der Bibel arg auf. Der Pastor, in die Enge
getrieben, wute sich nicht anders zu helfen, als indem er zu seinem
Gegner sprach: Oh, die Wunder, die Sie da erwhnen, sind noch gar
nichts gegen die bei der Sndflut, wo unser Herrgott dem Vieh jeder Art
befahl, sich in die Arche zu verfgen, und dann unter anderem zu den
verschiedenen Tieren sprach: >Du, Lwe von Sden, geh' in den Kasten
hinein; du, Kamel aus Westen, geh' in den Kasten hinein; du, Br von
Norden, geh' in den Kasten hinein, und du, Esel von Osten, geh' in den
Kasten hinein<, und smtliches Vieh gehorchte ohne Murren. -- Bravo,
Herr Pastor, erschallte es von allen Seiten des Tisches. Der Major bi
sich in die Lippen, war stumm und lie den Feldprediger fortan
ungehudelt.

Aus Mangel an anderen Feldzgen und aus Langeweile, die in
Friedensgarnisonen das Militr immer plagt, denn man kann auch mit dem
besten Willen nicht ewig hinter den Bchern hocken, und der Dienst will
nicht viel sagen, machte ich fortwhrend Plne, neue Kampagnen unter
Amors Banner zu erffnen. So kam ich auf die Idee, die Szene, die ich
schon einmal in Berlin gespielt, auch in Kolberg zu wiederholen, nmlich
alle meine Teuren, jedoch nur die Verheirateten, bei einem Abendmahl zu
vereinigen. Ich wohnte damals bei einem Brauer namens Paul, der ein Paar
scharmante junge Tchter, Minchen und Karolinchen, besa, mit denen ich
mich schnell auf einen vertrauten Fu gesetzt hatte. Meine Wohnung war
Parterre und hatte einen eigenen Eingang im Torweg. Nachdem ich nun
sieben Frauen zu diesem Abendessen, versteht sich, ohne da eine etwas
von der anderen wute, eingeladen, bat ich die beiden Mdchen, mir doch
ein Essen zu bereiten, indem ich einige Kameraden bewirten wollte. Es
solle aber nur aus kalter Kche bestehen. Sie machten ihre Sache
vortrefflich und bereiteten besonders einige sehr gute Gelees und
Blancmangers. Pasteten hatte ich in der Stadt London machen lassen. Als
die festgesetzte Stunde gekommen und der Tisch vollstndig serviert war,
da keine Bedienung mehr ntig, kamen nacheinander: Madame G..., Frau
Doktor M..., Frau von Sch...l, Frau von St..., Madame Z...ke und Madame
W..., die ich alle auf das freundlichste empfing und, sowie eine zweite
leise anklopfte, jedesmal erstere teils in meine Schlafkammer, teils in
eine andere Nebenkammer eiligst verbarg, ihr tiefstes Schweigen
empfehlend. Als endlich alle da waren, die siebente blieb aus, trat ich
mit einem Licht in die Kammern und bat die ebenso berraschten als
verschmten Schnen, mir zu erlauben, sie an den Tisch fhren zu drfen.
Hier war die Szene eine ganz andere wie zu Berlin, da sich die
smtlichen Damen sehr genau kannten; auch blieben alle stumm und
bewegungslos. Bei einigen verriet sich aber Zorn und Scham im Angesicht.
Keine wollte meiner Einladung Folge leisten. Dies wre eine Gruppe fr
einen Hogarth gewesen; in allen seinen Zeichnungen findet sich nichts
hnliches. Auch ich gaudierte mich nicht wenig an dem Anblick derselben.
Die einen waren blutrot, die anderen leichenbla, und keine getraute
sich umzusehen. Ich nahm endlich das Wort und sagte: Wohlan, meine
Damen, das Souper erwartet Sie; es ist zwar ein kaltes, wird Ihnen aber
doch schmecken. Verderben Sie sich den Appetit nicht, wir sind ja lauter
Bekannte. Unter solchen Umstnden bleibt nichts anderes brig und es ist
immer das Beste, gute Miene zu bsem Spiele zu machen. Seien wir einig,
Sie haben ja alle gleiches Interesse, da dies Spiel nicht verraten
werde, also keine etwas von der anderen zu frchten. Ein wenig Scham ist
schnell vorber. Noch immer gab keine einen Laut von sich. Ich nahm nun
Frau von Sch...l und die Doktor M... am Arm, fhrte sie halb mit Gewalt
an den Tisch, placierte sie und machte es dann mit den anderen ebenso.
Ich servierte, aber keine wollte zugreifen. Endlich machte Madame G...
zuerst den Mund auf und lste ihre gelufige Zunge, indem sie sprach:

Meine Damen, der Streich ist zwar unerhrt, nein, so etwas lebt nicht
mehr und ist gewi noch nicht vorgekommen, so lange die Welt steht.
(Hier lie ich ein leises: Doch, doch, hren.) Frhlich ist ein
Ausbund von Verrat und Falschheit, aber was wollen wir armen verratenen
Geschpfe machen. Kommt die Geschichte an den Tag, so sind wir alle
verloren. Es bleibt nichts anderes brig, als reinen Mund zu halten oder
unserem abscheulichen Wirt die Augen auszukratzen, ihn bis in den Tod zu
hassen, oder noch besser, zu erwrgen. -- Dies war eine schne Aussicht
fr mich. Glcklicherweise machte keine der Damen Anstalt, einen so
abscheulichen Rat zu befolgen, und ich, mich ermannend, versetzte: Mein
Tod, meine Damen, wrde das bel, wenn es eines ist, in dem Sie sich
befinden, nur noch zehnmal rger machen, denn Sie knnten in den Fall
kommen, alle gehngt zu werden. Deswegen ist mein Rat, statt den der
Madame G... zu befolgen, sich sofort an die auf Sie schon lngst
harrenden, gut zubereiteten Speisen zu machen, sich es wohl schmecken zu
lassen. Dabei kte ich eine nach der anderen, trotz ihrem Struben,
und ntigte sie zum Essen. Sie fanden sich nach und nach in das
Unvermeidliche, wurden gesprchiger, und nachdem erst einige Glser
Champagner geleert waren, fand sich das brige. Ich spielte lustige
Tnze am Klavier, man wurde zuletzt heiter und frhlich, und gegen zehn
Uhr verlieen sie smtlich meine Wohnung, mir beim Umarmen eine
angenehme Nacht wnschend. Der Spa war nicht mit Gold zu bezahlen,
wurde aber doch verraten, denn Pauls Tchter hatten uns belauscht und
die Damen fortschleichen gesehen, ohne sie jedoch alle und genau erkannt
zu haben, sondern mehr vermutet, wer sie waren. Als sie noch denselben
Abend zu mir kamen, den Tisch wieder abzurumen, lchelten sie malitis,
und die jngere, Karolinchen, eine frische, kaum sechzehnjhrige
Blondine, sagte: Ihre bewirteten Kameraden waren ja alle ohne Bart. --
Ich kte sie und erwiderte: So wie du, mein Kind, und da ich wohl
merkte, da sie gelauscht haben muten, nahm ich ihnen das feierliche
Versprechen ab, gegen niemand etwas von diesem Souper zu erwhnen, und
behielt sie zum Dessert bei mir. Sie hatten noch eine dritte Schwester,
eine junge, an einen Salinenbeamten verheiratete Frau, die fters ihre
Eltern besuchte, mit der ich etwas spter auch noch ein kleines
Abenteuer hatte. Dieser erzhlten sie im tiefsten Vertrauen, was bei mir
vorgegangen war, und so machte die Historie mit vielen Varianten der
Namen der Beteiligten dennoch bald die Runde in der Stadt, wurde aber
glcklicherweise von den meisten Personen fr ein Mrchen oder doch
wenigstens als sehr ausgeschmckt und bertrieben gehalten, besonders,
da man sich hinsichtlich der Namen der beteiligten Personen durchaus
nicht verstndigen konnte. Auch wurde diese Geschichte schnell wieder
durch eine andere verdrngt.

Mein Freund Willmann, der in der Liebe weit bestndiger war als ich,
hatte noch immer groes Wohlgefallen an seiner korpulenten Kriegsrtin.
Eines Nachmittags wurde im Garten bei Kuhpfahls die _Chronique
scandaleuse_ der damaligen Zeit von Kolberg verhandelt, wo denn auch das
Verhltnis Willmanns mit der Wiling zur Sprache kam, und ein Kaufmann
namens Hackstock, bei dem Willmann wohnte, erzhlte ganz ohne Hehl in
dem Harmoniegarten, da die Kriegsrtin gewisse Futterale von den
feinsten Blasen fr den Offizier per Dutzend nhe. Dies wurde dem Vater
der Kriegsrtin, einem Beamten namens Juske, der noch andere hbsche
unverheiratete Tchter hatte, hinterbracht, und der Mann war einfltig
genug, die Sache anhngig zu machen und den Erzhler als Verleumder zu
verklagen, der sich nun zu beweisen erbot, was er gesagt, indem er
selbst ein ganzes Paket solcher Dinger, von der Wiling geschickt, einem
Mdchen abgenommen htte, und so weiter. Man kann sich denken, welch ein
ungeheures Aufsehen diese Skandalosa in ganz Kolberg machte, so da die
Kriegsrtin fr gut fand, die Stadt zu verlassen und sich nach Bromberg
zurckzuziehen. Doch auch hierher drang diese Historie, und sie zog
nochmals weiter gen Norden, und zwar bis Knigsberg. Dies und noch ein
anderer Vorfall, durch einen Grafen Schulenburg, einen verabschiedeten
Gardeleutnant und Festungarrestanten, bei der Mutter Blaurock veranlat,
machte mein Souper und alle anderen Dinge auf vierzehn Tage vergessen.

Ich hielt mich nun mehr an meine Hausdamen Pauls und deren verheiratete
Schwester, zu denen auerdem noch eine ganze Menge artiger Brgermdchen
kamen, unter denen eine Louise Zielken, ein Louischen Platzer, ein
Hannchen Sinel, eine Sophie Reisinger, eine Madame Igel und eine
wunderschne Schornsteinfegersfrau mit einer feinen schneeweien Haut,
ganz allerliebst waren, denen zuliebe ich allerlei Spiele, namentlich
auch Versteckens und Waldpartien veranstaltete, und mich bald mit der
einen, bald mit der anderen in der Malzdarre des Hauses oder einem
undurchdringlichen Gebsch des Hains verbarg.

Eine recht unterhaltende Partie war eine Hochzeitsfeier, die ein
wohlhabender Pchter der Madame Schrder im Bullenwinkel zu Ehren seiner
Tochter, die einen Krmer in Kolberg heiratete, veranstaltete, zu der er
alle Honoratioren Kolbergs durch reitende, mit Bndern und Blumen
geschmckte Boten, wie es dort zu Lande Sitte ist, eingeladen hatte.
Diese Feier whrte nicht weniger als drei volle Tage und Nchte, whrend
welchen unaufhrlich gegessen, getrunken, getanzt, gespielt und gekt
wurde. Die ersten vierundzwanzig Stunden hatte ich das etwas wilde
Hochzeitsfest ununterbrochen mitgemacht, den zweiten und dritten Tag
aber fand ich mich immer erst gegen Abend ein, um ein nchtliches
Abenteuer zu bestehen. Ein recht hbsches Landmdchen, das ich zu einer
kurzen Mondscheinpromenade beredete, sagte mir ganz naiv: Aber Sie
wollen mich doch nicht verfhren? -- Bewahre, nur liebhaben, mein
schnes Kind. -- Bei diesem Verfhren fiel mir ein gar nicht lange
vorher vorgefallenes Histrchen ein. Bei einer Paternittsklage hatte
der Richter der Klagenden gesagt: Mein Kind, was Ihr da vorbringt, ist
nicht hinlnglich, Ihr mt mir gltigere Beweise bringen, da Euch der
Mensch verfhrt hat. -- Einige Tage darauf erschien das Mdchen wieder
vor dem Richter und sprach: Jetzt habe ich die besten Beweise, Herr
Richter! -- So lat hren. -- Ja, er hat mich gestern Abend schon
wieder verfhrt! -- Am vierten Morgen kehrte ich, sowie alle Gste,
etwas stark ermdet mit einem kleinen Fieber heim.

Mein Fieber nahm indessen zu, sowie ein arger Husten, der mir die Brust
stark angriff. Das etwas wilde Leben, das ich fhrte, mochte freilich
viel schuld sein, indessen trug das frhe Exerzieren am Strand der
Ostsee, wo man sich oft bei kaltem nebligem Wetter bei dem bestndigen
Kommandieren heiser schrie und sehr erhitzte, wohl auch das Seinige dazu
bei, wozu noch kam, da ich fters, noch lange nicht abgekhlt genug,
durch ein Bad in den Fluten des Baltischen Meeres mich von der Erhitzung
und Ermdung zu befreien suchte. Verdru und mancher rger, die ich mir
allerdings meist selbst zuzog, setzten mir auch zu.

Eines Tages war Feuer in der Stadt ausgebrochen. Ich wurde an das
Geldertor kommandiert, wo ein Leutnant Gricke die Wache hatte. Die
Instruktion lautete, da bei einem Brand niemand aus der Stadt gelassen
werden drfe, so lange er whrte. Nun kam eine Menge Mdchen, welche in
der Vorstadt Milch fr ihre Herrschaften holen wollten. Es war noch frh
am Morgen, und da sie der wachehabende Leutnant nicht hinauslie, so
wuchs ihre Zahl bald auf ein halbes Hundert, mit denen sich dann die
Soldaten neckten und schkerten. Das Feuer whrte an drei Stunden, bevor
es gelscht war. Die Mdchen, denen wohl auch dies Spiel gefiel,
harrten, bis die Passage wieder frei sei, und ihre Damen, vergeblich auf
die Milch wartend, muten diesen Morgen ohne den gewohnten, nicht zu
entbehrenden Kaffee bleiben oder ihn ohne Milch genieen, und wurden
noch obendrein ber das Ausbleiben ihrer dienstbaren Geister, wodurch
der ganze Morgen verloren ging und das Mittagessen nicht zur rechten
Zeit bestellt werden konnte, erbost. Auch dies kam wieder zu Ohren des
Kommandanten, der mich bei der Parade deshalb zur Rede stellte und dabei
sagte: Der Befehl, niemand aus der Stadt zu lassen, erstreckt sich
nicht bis auf die Milchmdchen, aber es unterhielt die Herren, diese
Possen mit den Soldaten treiben zu sehen. -- Ich erwiderte dem
Kommandanten, da ich nicht der wachehabende Offizier gewesen, sondern
nur das Kommando der auf diesen Alarmplatz beorderten Truppen gehabt,
folglich mich diese Konsigne gar nichts angegangen habe. -- Hierauf
versetzte er: Das ist keine Entschuldigung, Sie waren der ltere
Offizier im Grad und htten also auf Ordnung sehen mssen. -- Dabei
hatte es sein Bewenden und er konnte mir wegen dieser Sache nicht wohl
etwas anhaben. Dagegen gelang es ihm den Sonntag darauf, wenn auch mit
noch weit geringerem Grund, mich so zu reizen, da ich nach den
Kriegsgesetzen allerdings sehr straffllig wurde.

Es war groe Parade auf dem Markt. Nach gehriger Inspektion schwenkten
die Bataillone rechts ab, um zuerst im Paradeschritt vor dem
Kommandanten zu defilieren. Der Offizier, der den dem meinigen folgenden
Zug kommandierte, hatte die gehrige Distanz beim Schwenken nicht
behalten, sondern war meinem Zug viel zu nahe gerckt. Da sich dies so
verhielt, konnte niemand besser als der auerhalb der Kolonnen stehende
Kommandant bemerken. Dennoch wandte er sich laut schreiend mit den
Worten: Herr Leutnant Frhlich, Sie halten ja gar keine Distanz, Ihr
Zug marschiert wie Rekruten! an mich. Der ganze Markt und die Fenster
waren voll Zuschauer, welche alle diese Apostrophe gehrt haben muten.
Dies versetzte mich in einen solchen Zorn, da ich nicht mehr Meister
ber mich selbst war und dem Kommandanten noch lauter erwiderte: Herr
Oberst, wenn Sie nicht sehen wollen, da mein Hintermann und nicht ich
die Distanz verloren hat, so lassen Sie auf der Stelle einschwenken, und
Sie werden sich zur Genge davon berzeugen. -- Statt aller Antwort
wurde die Kolonne durch ein donnerndes Halt! zum Stehen gebracht, mir
sogleich der Degen abgenommen, ich vom Platzmajor in Arrest gefhrt und
dann meine abermalige Suspension vom Dienst bis nach abgemachter
Untersuchung verordnet. Gleich den andern Tag kam ich bei meinem
Kommandeur mit einem Gesuch um meinen Abschied ein, worauf mir aber
erwidert wurde, da erst nach beendigter Untersuchung mein Gesuch
bercksichtigt werden knne. -- Ich hatte schon lngere Zeit im Sinn,
meine Entlassung zu nehmen, da ich einsah, da unter den bewandten
Umstnden eben kein groes Glck mehr fr mich in preuischen Diensten
zu hoffen sei, und ich auf kein baldiges Avancement rechnen knne.
Mehrere Gesuche um eine Versetzung zu einem Regiment in den
Rheinprovinzen waren mir abgeschlagen worden, und ich hatte durch einen
Zufall in Erfahrung gebracht, da ich in den Konduitenlisten, welche die
Chefs alljhrlich von den Offizieren einreichen, ziemlich schwarz
angeschrieben stand. Wenn ich gerecht sein will, mu ich gestehen, da
ich durch mein oft sehr unpolitisches Benehmen dies mit veranlat hatte.
Nach vierundzwanzig Stunden wurde ich vom Arrest wieder befreit, blieb
jedoch suspendiert, und die Untersuchung begann. Whrend dieser Zeit, es
dauerte ber fnf Monate, bevor das besttigte Urteil von Berlin
zurckkam, lebte ich ziemlich eingezogen in meiner Wohnung, wo ich mich
mit den liebenswrdigen Tchtern meines Wirtes und deren zahlreichen
Freundinnen recht angenehm unterhielt, viel las und studierte und den
Nachmittag ein paar Stunden in dem Harmoniegarten mit Lesen der
Zeitungen und belletristischen Bltter zubrachte. Eines Tages befanden
sich die Tchter meines Obersten, die des pensionierten Generals von
Fiebig und noch andere, zum Teil noch ganz junge Mdchen in dem an das
Lesezimmer stoenden Gartensaal und machten nicht nur einen so
gewaltigen Lrm, da es unmglich war, einen Gedanken zu fassen, sondern
sie rannten wohl dreiigmal in einer Viertelstunde, Tren auf- und
zuschlagend, durch das Lesezimmer, so da sich auch einige Brger in
demselben laut beschwerten. Ich schlo endlich die Tre des Gartensalons
ab, so da die Mdchen nicht mehr herauskonnten, da er keinen anderen
Ausgang hatte, und lie sie eine geraume Zeit an der Tre pochen und
rufen, bevor ich ihnen aufmachte, was ich endlich lachend tat, worauf
mir das jngste Frulein von Witke, ein kaum elf Jahre altes, naseweises
Ding, sagte: Ich werde es dem Papa sagen, der soll Sie wieder in Arrest
schicken. -- Ich erwiderte ihr darauf: Mein artiges Frulein, bei mir
zu Lande ist es Gebrauch, da man die Gnschen jeden Abend einsperrt.
-- Aber nun fielen alle auf einmal ber mich her und schnatterten so
gewaltig, da ich auch kein Wort verstand, sondern mich lachend
entfernte. Durch Frau von Sch...l aber, die ich noch denselben Tag
sprach, erfuhr ich, da sich das ltere Frulein von Witke gegen die
anderen Mdchen geuert habe: Lat es nur gut sein, der kommt schn
an, der Vater hat ohnehin schon in die Konduitenliste gesetzt, da er
unanstndige Liebesintrigen habe, sich ungebhrlich gegen seine
Vorgesetzten benehme und Schulden mache. -- Ich mochte ungefhr ein
paar hundert Taler Schulden haben, die jedoch meist auf laufende
Rechnung waren, und die ich am Ende wohl noch bezahlen konnte und
bezahlte. Dies und die Intrigen htte man mindestens von einem Dritteil
der Offiziere in die Konduitenliste setzen knnen. Aber die Hauptsache
waren die Vorgesetzten. Mein Urteil kam endlich von Berlin und war
abermals sechsmonatlicher Festungsarrest, den ich diesmal in Kolberg
selbst absitzen sollte. Der Kommandant wies mir eine Stube auf dem
Geldertor an, mit dem Verbot, mein Arrestzimmer nicht verlassen und noch
weniger in die Stadt gehen zu drfen. Ja, er trieb es so weit, da die
wachthabenden Offiziere Order erhielten, da ich ohne seine Erlaubnis
keine Besuche annehmen drfe und alle an mich gerichteten Briefe durch
die Hnde der Kommandantur gehen sollten. Nur zwei Stunden vor- und zwei
nachmittags war mir ein sehr kurzer Spaziergang auf dem Wall unter den
Augen der Schildwache erlaubt. Was die Briefe anbelangte, so wute ich
es schon zu machen, da ich sie auf anderem Wege erhielt. Ich lie
meinen Burschen eine Brste mit einem verborgenen Schieber machen, in
welche er jeden Morgen, wenn er kam, um meine Kleider zu reinigen und
das Frhstck zu bringen, die an mich in meiner Wohnung eingegangenen
Briefe und Billetts aus der Stadt hineinlegte, und so auch meine
Antworten wieder mit fortnahm. Hatten Offiziere, mit denen ich auf einem
vertrauteren Fue stand, wie Willmann, Bocksfeld, Melzer, Sanft und so
weiter, die Wache, so empfing ich auch abends Besuche, und sogar
weibliche. Indessen wurde die Sache mit der Briefbrste doch verraten.
Ein Unteroffizier, der den Burschen fragte und visitierte, ob er keine
Papiere fr mich bei sich habe, nahm zufllig die Brste in die Hand,
entdeckte den Schieber, schob ihn zurck und fand zwei Zettelchen von
Pauls Tchtern und einen Brief von einer gewissen Frau Geib, welche die
Unterhndlerin fr eine andere Dame machte, die sie glcklicherweise
nicht in dem Schreiben genannt hatte. Diese drei Personen lie der
Kommandant nun durch die brgerlichen Behrden, den Oberbrgermeister
und den Polizeidirektor, vernehmen und verwarnen, knftig sich in keine
Korrespondenz mehr mit Festungsarrestanten einzulassen. Dies gab
abermals einen heillosen Stadtskandal, die Mdchen konnten sich gar
nicht mehr sehen lassen, und ich war auer mir. brigens wurde mir die
Zeit eben nicht lang auf meinem Tor. Ich hatte Kameraden und
Unterhaltung genug. Ein alter, sehr lustiger Rittmeister, drei andere
Offiziere, ein Brgermeister, der einen Landrat geprgelt, ein
Forstmeister, der aus Versehen einen Wilddieb erschossen hatte, saen
alle auf demselben Tor in verschiedenen Arreststuben. Wir kamen morgens
und abends zusammen und jeder wute eine Schnurre oder unterhaltende
Begebenheit aus seinem Leben zu erzhlen, besonders der Leutnant von
Stolzenbach, der auerdem die niedlichsten Papparbeiten, ganze Burgen,
Festungen, Tempel, Kirchen und andere Gegenstnde aus Pappe zu seiner
und unserer Unterhaltung verfertigte. Die Offiziere saen meistens wegen
gehabter Duelle. Auch ich hatte mein Klavier heraufbringen lassen und
vertrieb mir und den anderen manche Stunde mit Musik. -- Was mich aber
qulte, waren mein Husten und meine Brustbeschwerden, die immer
bedenklicher zu werden begannen, so da sich schon schleichendes Fieber,
starke Nachtschweie und sogar einiges Blutspeien einstellte. Der
Stabsarzt Clebsch lie mich nun eine Kur von islndischem Moosgelee,
Roggensuppen und Honigtee whrend vier Monate ununterbrochen nehmen,
durch welche ich so ziemlich wieder hergestellt wurde. Kurz vor
Beendigung meines Festungsarrestes erhielt ich die Anzeige vom Tode
meiner Gromutter mtterlicherseits, die mir ein besonderes Vermchtnis
von zweitausend Talern zugedacht hatte, und zwar aus dem Grund: >weil
ich kein Komdiant geworden sei.< Diese Worte standen im Testament.
Dieses Geld kam mir gerade trefflich zustatten, denn ich konnte nun die
paar hundert Taler Schulden, die ich hatte, gleich tilgen und behielt
ein kleines Kapital in der Hand, wodurch ich vorerst gedeckt war und den
kommenden Ereignissen mit Ruhe entgegensehen konnte. Meines Arrestes
entlassen, bestand ich um so mehr auf meinem Abschied, der mir dann auch
sechs Wochen spter ward. Ich hielt mich jetzt nur noch wenige Tage in
Kolberg auf, wo sich zuflligerweise ein Frankfurter Weinhndler namens
G..., ein guter Bekannter meiner Familie, eingefunden hatte, um
Geschfte zu machen. Whrend dieser Zeit wohnte ich bei dem Speisewirt
Sack, der auch Kastellan der Freimaurerloge, von der der Kommandant ein
Mitglied war. Eines Abends schlich ich mich in die sogenannte
Probekammer und malte daselbst einen gehrnten und langgehrten Kopf mit
Kohle an die Wand und schrieb darunter: der Kommandant. -- Als dieser es
erfuhr und sich augenscheinlich davon berzeugt hatte, -- ich machte
keinen Hehl daraus, da ich es getan, -- lie er mich deshalb wieder
vernehmen. Ich gab aber auf alle an mich gerichteten Fragen keine andere
Antwort, als: Ich habe damit den Kommandanten von Kalkutta gemeint,
findet sich der von Kolberg dadurch getroffen, desto schlimmer fr ihn.
-- Dabei blieb es, und nachdem ich gehrig Abschied von allen Bekannten
und auch von dem braven Nettelbeck genommen hatte, der bei allen
Gelegenheiten immer so sehr bescheiden war, da man htte glauben
sollen, er schme sich, so viele Verdienste zu haben, fuhr ich, von
Kolberg abreisend, wo ich ber vier Jahre zugebracht, dem Freund G...
zuliebe ber Kslin, wo ich mich noch ein paar Wochen aufhielt, nach
Berlin.




                                  XI.

     Ein Polterabend. -- Ich gebe ein paar Gastrollen. -- Reise von
   Kslin nach Berlin. -- Eine Reise nach Paris ohne Paris zu sehen.
      -- Schicksale meiner Cousinen. -- Abreise nach Magdeburg. --
   Carnot. -- Er fordert mich auf, ein Geschichtswerk herauszugeben.
     -- Aventuren. -- Ich gerate in groe Feuersgefahr. -- Abreise
    nach Bremen. -- Angenehme Reisegesellschaft. -- Braunschweig. --
        Vetter K... und Cousine Henriette. -- Ein Hausfreund. --
   Gesinchen. -- Die Giftmischerin Gottfried. -- Signora Catalani in
   Bremen. -- Abreise nach Frankfurt. -- Hannover. -- Hildesheim. --
        Goslar. -- Eine Partie auf den Blocksberg. -- Kassel. --
   Wilhelmshhe. -- Zopfwut des Kurfrsten. -- Ankunft zu Frankfurt.


In Kslin wohnte ich mit Freund G... bei Homanns auf dem Markt, wo
zufllig den anderen Tag die Hochzeit der Tochter aus dem Haus
stattfinden und gefeiert werden sollte. Als ich mich den Abend nach
meiner Ankunft, nach zehn Uhr, ziemlich ermdet zu Bette gelegt hatte
und eben eingeschlafen war, hrte ich pltzlich unter meinem Fenster
einen gewaltigen Lrm, der durch das Zusammenschlagen von Tpfen,
Flaschen, Krgen, Glsern und anderem Geschirr entstand, und kein Ende
nehmen wollte. Wohl an zwei Stunden hatte der Skandal gewhrt und mich
am Einschlafen verhindert. Ich konnte gar nicht begreifen, was dies zu
bedeuten habe. Als ich das Fenster ffnete, um zu erforschen, was es
sei, sah ich mehrere Mdchen nacheinander ankommen, die einen Topf, eine
groe Schssel oder sonst ein leicht zerbrechliches Gef mit aller
Kraft auf die Steine vor der Haustre warfen. Nachdem ich ihnen
zugerufen, sie sollten mit dem Unfug aufhren, erwiderten sie mir
lachend: Es ist Polterabend! Als ich mich, nebst anderen Reisenden, am
Morgen wegen der unruhigen Nacht beschwerte, wurden wir smtlich zur
Hochzeit geladen, die uns eine Entschdigung gewhren sollte. Die Braut
war so bel nicht, unter den Brautjungfern waren einige recht hbsch;
man konnte sich schon mit der Entschdigung begngen und so eine zweite
Nacht schlaflos hinbringen. In Kslin traf ich wieder Romberg mit seiner
Gesellschaft an, bei der noch Madame Vetterlein war, mit der ich die
alte Bekanntschaft wieder erneuerte. Die Gesellschaft hatte gerade ihren
ersten Liebhaber durch Durchgehen verloren. Madame Vetterlein meinte,
ich knne ihr zu Gefallen wohl ein paar Liebhaberrollen bernehmen, und
wenn ich mich nicht bei Romberg engagieren wolle, doch gastieren. Ich
lachte ber den Einfall der hbschen Aktrice, die sich noch hinter den
Direktor steckte, den ich einige Male in meinen Gasthof zum Mittagessen
eingeladen hatte, lie mich der liebenswrdigen Frau zu Gefallen
wirklich verleiten, ein paar Rollen, nmlich die des Karl Moor in
Schillers Rubern und die des Ferdinand in Kabale und Liebe, zu geben,
und fand bei dem Ksliner Publikum so groe Gnade, da alle Welt in
Romberg drang, mich doch zu engagieren, was aber nicht in des guten
Mannes Willen stand, da ich den Antrag ablehnte. Ich reiste nach
vierzehntgigem Aufenthalt zu Kslin, wo man sich mit allen mglichen
Mrchen ber meine werte Person herumtrug, mit einer jungen Franzsin,
welche 1815 zu Paris einen preuischen Armeebeamten geheiratet hatte,
und nun _ tout prix_ dieses >_pays du diable_< verlassen wollte, um in
ihr geliebtes Frankreich heimzukehren, nach Berlin ab. Sie hoffte, da
ich sie wenigstens bis an den Rhein begleiten wrde, obgleich ich ihr
gesagt, da ich vorerst nach Bremen gehen msse. Sie traute aber ihrer
franzsischen Liebenswrdigkeit zu, mich noch anderen Sinnes zu machen.
Da sie sich zu viel zugetraut, wurde ihr schon den ersten Tag nach
unserer Abreise aus Kslin klar, denn eine sehr niedliche Frau, die
Gattin eines Regierungsrates zu Kslin, die zu ihren in Magdeburg
wohnenden Eltern zum Besuch reiste, nahm meine Aufmerksamkeit weit mehr
in Anspruch, als die unglckliche Franzsin, die, wenn auch nicht
hlich, doch etwas so Verzerrtes und Fratzenartiges an sich hatte, da
sie mir bald zuwider werden mute. Frau Regierungsrtin von M..., die
sogleich den Knstler in mir wieder erkannte, der als Major Walter ihren
vollsten Beifall zu erhalten das Glck gehabt, wunderte sich sehr, im
Postwagen mit mir zusammenzutreffen, und war uerst neugierig, von mir
selbst etwas Nheres ber meine Verhltnisse zu erfahren, indem man in
Kslin die allerextravagantesten Dinge ber meine Person ausgesagt habe.
Lachend teilte ich ihr davon mit, was ich fr gut hielt. -- Aber wie
mochten Sie sich nur unter solches Komdiantenpack mischen? rief
zuletzt die schne Frau aus. -- Dies ist nun einmal meine Passion,
gndige Frau, und ich stehe nicht dafr, da, nachdem sich die Umstnde
gestalten, ich nicht heute oder morgen noch einmal ein wirklicher
Komdiant werde, wenn ich bei einer guten stehenden Bhne eine passende
Anstellung finde. -- Die Dame schttelte etwas unwillig das Kpfchen.
Unterdessen wurde mir die Reise bis nach Berlin sehr kurzweilig, da ich
mich mit den beiden Frauen, der Franzsin und der Magdeburgerin, recht
angenehm unterhielt, obgleich erstere, die nur wenig Deutsch verstand
und sprach, gar oft bser Laune wurde, wenn ich mit der anderen zu lange
und ihr unverstndlich sprach. In Berlin begaben sich die beiden Damen
auf meinen Rat in den Gasthof >Zum Engel< in der Heiligengeist-Strae,
wo sie noch ein paar Tage mit mir zusammen wohnten, hierauf die Frau
Regierungsrtin zuerst nach Magdeburg abfuhr, wo ich sie in ein paar
Wochen zu besuchen versprach, und ich dann die Franzsin nach Frankreich
abzureisen veranlate, indem ich ihr sagte, da mich meine Geschfte
wohl noch jahrelang in Berlin zurckhalten knnten. Ich machte nun meine
Besuche bei Pogwischs, Pfeifers und anderen alten Bekannten, htete mich
aber, der Prinzessin Wilhelm unter den jetzigen Umstnden meine
Aufwartung zu machen, und lie mir bei dem Bankier Mendelssohn
fnfhundert Taler auf Rechnung meines gromtterlichen Legats geben, von
dem ich erst fnfhundert Taler in Kolberg durch Freund G... empfangen
hatte. Wen ich aber zuerst in Berlin aufsuchte, das war Frau von Osten
in der Hamburger Strae, bei der ich das schne Frulein von Campke
wute, mit welcher ich das in Kolberg angeknpfte Verhltnis fortspann.
Ich blieb diesmal in meinem Gasthof wohnen, obgleich mich Pogwischs
einluden, wieder bei ihnen zu logieren. Aber ich wollte ganz ungeniert
sein, wute ohnehin nicht, wie lange ich in Berlin bleiben wrde, und
widmete mich ganz dem Dienst des Frulein von Campke, mit dem ich recht
romantische Partien nach Potsdam, Charlottenburg und so weiter
veranstaltete. Daneben lieferte ich dem >Beobachter an der Spree< wieder
manche ziemlich pikante Beitrge von Geschichtchen, die mir zu Ohren
kamen und von denen ich hier nur >Die Reise nach Paris< erwhne. Sie
hatte folgenden Vorfall zum Grund: Ein preuischer Offizier wurde als
Kurier in Staatsangelegenheiten nach Paris geschickt. Dieser hatte einen
guten Freund, dessen sehnlichster Wunsch schon lngst gewesen, einmal
Frankreichs Hauptstadt zu sehen, wozu ihm aber die ntigen Geldmittel
fehlten. Der Offizier machte ihm nun das Anerbieten, ihn frei
mitzunehmen und auch wieder zurckzubringen, da ihm dies selbst keinen
Pfennig Kosten verursache. Er brauche nur soviel Geld, als er whrend
eines acht- bis vierzehntgigen Aufenthaltes in Paris zu seinem
Vergngen auszugeben gedenke. -- Wer war froher als unser Freund, auf
eine so wohlfeile Art nach Paris kommen zu knnen. Beide Freunde fuhren
nun mit Extrapost rastlos Tag und Nacht, ohne sich irgendwo aufzuhalten,
bis Paris, wo sie gegen acht Uhr abends ankamen, in einem Hotel
abstiegen, worauf sich der Offizier ankleidete, um seine Depeschen in
dem preuischen Gesandtschaftshotel abzugeben und seinem Reisegefhrten,
der auerordentlich ermdet war, empfahl, einstweilen der Ruhe zu
pflegen, um den folgenden Tag die Sehens- und Merkwrdigkeiten von
Frankreichs Hauptstadt neugestrkt in Augenschein nehmen zu knnen. Der
Freund befolgte den Rat, begab sich zur Ruhe und schlief auch gleich
ein. Es mochte beinahe Mitternacht sein, als der andere zurckkam und
den vortrefflich schnarchenden Schlfer nicht ohne groe Mhe aus seinem
groen Schlafe weckte und mit den Worten anredete: Du, stehe rasch auf
und kleide dich an, wir mssen auf der Stelle wieder fort. -- Der
andere rieb sich die Augen, lie sich die Worte zwei- und dreimal
wiederholen und sagte endlich ghnend: Bist du toll? Ich glaube, du
trumst. -- Nichts weniger als dies, ich habe hier schon meine
Depeschen, -- hier zeigte er ihm einen Pack Briefe -- und in einer
Stunde mu ich schon wieder auf dem Weg nach Berlin sein. Dies ist mir
von dem Gesandten auf das strengste anempfohlen worden. Also, spute
dich, sonst mut du hierbleiben. Wenn dir dies recht ist, so ist es
etwas anderes. -- Wie kannst du so einfltig reden. Du weit doch, da
ich nur fnfundzwanzig Taler mitgebracht, wie kann ich bleiben, und mit
was zurckreisen? -- Darum rasch, kleide dich an, wir haben keine
Minute zu versumen, die Pferde sind bereits bestellt und werden bald
angespannt sein. -- Fluchend und wetternd erhob sich nun der andere mit
noch ganz zerschlagenen Gliedern aus dem Bett und kleidete sich,
fortwhrend brummend und murrend, an: Der Teufel soll die Reise nach
Paris holen. Ich wollte lieber, ich htte das Miserere gekriegt, als da
ich mit dir gereist wre, und so weiter. Aber das half alles nichts.
Schon hrte man das Trappeln der Pferde vor der Haustre. Man trank noch
ein paar Tassen schwarzen Kaffee, den der Offizier in der Eile hatte
kommen lassen, mute sich dann, in die Mntel gehllt, in den harrenden
Wagen werfen, und bei ebenso finsterer Nacht, als man angekommen, fuhr
man wieder aus Paris hinaus, und mit derselben Eile, wie man hergereist,
nach Berlin zurck, wo der Freund wahrhaft gerdert ankam und ber acht
Tage im Bette zubringen mute, bevor er sich von den ausgestandenen
Strapazen wieder ganz erholt hatte. Da der gute Freund fr den Spott
wegen dieser unglcklichen Reise nicht zu sorgen hatte, kann man sich
denken. Auch konnte man ihn nie daran erinnern, ohne da ihm der Zorn
das Blut ins Gesicht jagte.

Dieses Histrchen machte ziemliches Aufsehen in Berlin, so da fr ein
paar tausend Groschen mehr als gewhnlich vom >Beobachter an der Spree<
verkauft wurden und mich die Redaktion um mehr solcher Beitrge
ersuchte.

Auer dem Frulein von Campke hatte ich auch noch einer hbschen
Tnzerin, an die mir Graf Schulenburg eine Empfehlung gegeben hatte, den
Hof gemacht. Alte Bekannte, wie Minchen Pfeifer, die noch immer eine
unglckliche Braut, Demoiselle D..., die seit einigen Jahren an einen
der bedeutendsten Knstler des Berliner Theaters verheiratet war, und so
weiter, suchte ich auch auf, und so schwanden mir die wenigen Wochen,
die ich ziemlich planlos in Berlin verlebte, schnell dahin.

Schon lngst hatte ich das Projekt im Sinn, Bremen und meine daselbst
verheirateten Cousinen zu besuchen, unter denen eine meiner ersten
Jugendfreundinnen, die liebe Henriette, war, an die mich von Frankfurt
und Homburg so manche angenehme Erinnerung gemahnte und die an einen der
angesehensten Kaufleute Bremens verheiratet war. Die vier Tchter meines
Oheims Scholze hatten sich in Bremen, nachdem sie daselbst ein paar
Jahre gelebt, da es schne und reiche Mdchen waren, kurz nacheinander
an angesehene Kaufleute verheiratet. Die zweite, Sophie, hatte den
Senator H..., die dritte, Minna, den fr sehr reich geltenden Kaufmann
G..., und die vierte, Hannchen, einen in Hamburg etablierten Kaufmann
namens P... gefreit. Henriette hatte aber eine sehr zarte Gesundheit und
krnkelte fast immer. Sophie kam nach ihrem ersten Wochenbett zehn Jahre
lang nicht mehr aus dem Bett und mute in Betten jedes Jahr in die Bder
gefahren werden; als Mdchen war sie ein wahrer Dragoner gewesen. Minna,
die wie die Mama allerlei Liebesabenteuer gehabt, war nrrisch geworden
und in einem Haus in Berlin zur Genesung, wo sich die Prinzessin Wilhelm
ihrer auf das freundlichste annahm, sie in lichten Stunden zu sich auf
das Schlo holen lie, bis sie endlich einmal in ihrer Gegenwart die
tollsten Streiche machte, da das fernere Kommen unterbleiben mute. Ihr
Mann aber fallierte spter und wurde ganz arm, so da die Schwestern die
Unglckliche unterhalten muten. Hannchen war neun Monate nach ihrer
Verheiratung im ersten Wochenbett gestorben. Mein Oheim Scholze war noch
nicht lange, nachdem er noch die Hlfte seines Vermgens durch
unvorsichtige Gterkufe verloren hatte, ebenfalls gestorben. Dennoch
sollten die Tchter noch sehr reich werden, da sie einen alten
kinderlosen, noch lebenden Bruder ihres Vaters, den man in Bremen nur
den reichen Scholze nannte, zu beerben hatten. Aber auch diese Erbschaft
ging spter durch allerlei Spekulationen der Mnner meist wieder
verloren. -- Dies war das Ende der Frchte einer Ehe, die unter den
glcklichsten Auspizien in Frankfurt vollzogen worden war, und wegen der
man unsere ganze Familie so sehr beneidet hatte.

Von Berlin reiste ich ber Potsdam, wo ich noch einmal dessen
Herrlichkeiten besuchte und zwei Tage verweilte, und Brandenburg, nach
Magdeburg, wo ich wieder in einem >Goldnen Engel< auf dem breiten Weg,
dessen Eigentmer, Neuschfer, frher Kellner in Frankfurt war, abstieg,
mir aber, da ich einige Zeit in Magdeburg zu bleiben beabsichtigte, ein
paar Tage darauf eine Privatwohnung mietete. Zuerst suchte ich meine
liebenswrdige Reisegefhrtin von Kslin nach Berlin, die
Regierungsrtin von M... auf, bei deren Eltern ich sehr gut aufgenommen
wurde, und die mich noch denselben Tag zu einer Promenade auf dem
Frstenwall, vom Frsten von Anhalt-Dessau angelegt, einlud, was ich mit
Vergngen annahm. Hier zeigte man mir den alten Republikaner Carnot, der
einer der Direktoren der franzsischen Republik gewesen und jetzt von
den Bourbons als Knigsmrder verbannt war. Er hatte im Konvent fr den
Tod Ludwigs XVI. gestimmt. Mit Genehmigung des Knigs von Preuen lebte
er in Magdeburg. Obgleich ich mir schon lngst vorgenommen, keine
Zelebritten mehr aufzusuchen, da meine Besuche bei Goethe und Fiesco so
schlimm ausgefallen waren, so glaubte ich hier doch als ehemaliger
franzsischer Offizier eine Ausnahme machen zu mssen, und tat wohl
daran, denn ich wurde sehr gut aufgenommen. Der alte Republikaner, ein
zweiter Cato, der eigentlich die Plne zu den glnzenden italienischen
Feldzgen Napoleons entworfen hatte, war uerst angenehm und sehr
mitteilend im geselligen Umgang. Ich war fters bei ihm zu Tisch und
machte dann eine mehrstndige Promenade auf dem Frstenwall mit ihm, wo
er sich durch sein einfaches Kostm, einen grauen Oberrock und einen
sehr breitrandigen runden Hut, auszeichnete. Der Umgang und die
Unterhaltung mit diesem berhmten Mann war in hohem Grad lehrreich fr
mich. Er erzhlte mir vieles von den Begebenheiten der franzsischen
Revolution, der Republik, des Kaiserreiches, wodurch ich ber manche
Dinge, die mir bisher dunkel und rtselhaft waren, vollkommenen
Aufschlu erhielt. Obgleich strenger Republikaner, gestand er mir doch
zu, da die Welt zu sehr im Argen liege, da es der Schurken, Betrger,
Selbstschtigen, Schwachen und Herrschschtigen viel zu viele gebe, als
da man hoffen knne, eine die Vlker beglckende Republik dauerhaft zu
grnden. Eines Tages kam auch die Rede auf die Werke und Schriften,
welche ber die franzsische Revolution schon erschienen seien, und da
er keine einzige Geschichte derselben kenne, welche vom Standpunkte der
Unparteilichkeit, mit Wahrheit, vollkommener Sachkenntnis und ohne
Leidenschaft geschrieben sei. Ein solches Werk fehle gnzlich, denn alle
herausgekommenen atmeten mehr oder weniger gehssigen Parteigeist, seien
voller Vorurteile und bewiesen oft die krasseste Ignoranz bei den
wichtigsten Begebenheiten. Endlich sagte er mir: Sie sollten es
versuchen, ein solches, wahrhaft verdienstliches Werk zutage zu frdern.
Ich halte Sie fr fhig dazu und auch unparteiisch und vorurteilsfrei
genug, wie ich aus Ihren Reden entnommen habe. -- Ja, mein General,
versetzte ich lchelnd, wo denken Sie hin, hierzu gehren ganz andere
Fhigkeiten, Talente und Kenntnisse, als ich besitze. -- Das glaube
ich nicht. Wenn Ihre Darstellungsgabe in deutscher Sprache, denn in
dieser mten Sie es schreiben, ebenso klar und falich ist, wie Sie
sich in der franzsischen ausdrcken, dann haben Sie schon den Vorteil
eines sehr anziehenden Vortrags. In der Geschichte sind Sie hinlnglich
bewandert, Hilfsquellen will ich Ihnen die zuverlssigsten und besten
geben. Ich werde Ihnen einige Notizen aufsetzen, sowie, welche
franzsischen Schriften und Werke Sie hauptschlich als Hilfsquellen
benutzen knnen. -- Ich schttelte sehr unschlssig und unglubig den
Kopf und lchelte. Carnot, der es bemerkte, versetzte: Nur Mut und
Selbstvertrauen. Die Sache ist nicht so schwer, wie Sie glauben, und man
kann leider von vielen Geschichtschreibern das sagen, was Oxenstierna
von den Staatsmnnern gesagt: >Wenn die Welt wte, mit wie wenig
Sachkenntnis sie schreiben.< -- Etwa acht Tage darauf hndigte mir der
General ein Cahier von zwanzig beschriebenen Blttern ein, welche Daten
und Anmerkungen zu den hauptschlichsten Begebenheiten der franzsischen
Revolution und des Kaiserreiches enthielt. Zugleich bergab er mir auch
eine Liste, auf welcher die Titel von einigen hundert historischen
Werken und politischen Broschren, die seit 1789 in Frankreich
erschienen, verzeichnet waren, und die ich teilweise und mit Umsicht
bentzen msse. Ich nahm alles dankbar an, aber an die Herausgabe eines
solchen Riesenwerkes dachte ich im Ernste nicht; doch teilte ich in
migen Stunden das Ganze oberflchlich in Abteilungen und Kapitel ein
und entwarf so nach und nach einen Plan, dessen Ausfhrung mir sehr
problematisch erschien.

Gleich nach meiner Ankunft zu Magdeburg hatte ich, wie gesagt, die
Regierungsrtin von M... bei ihren Eltern aufgesucht und besuchte nun in
ihrer Gesellschaft die zum Teil recht angenehmen Umgebungen Magdeburgs,
den Vogelgesang, den Herrnkrug, das rote Horn und so weiter. Nirgends
sah ich in Deutschland und Frankreich niedlichere Landmdchen als in der
Gegend um Magdeburg. Nur die Strohhutflechterinnen im Arnotal
bertreffen sie noch. Dabei das kokette Kostm, die allerliebsten
Hubchen, die ihnen so bezaubernd zu Gesichte stehen. Es war kein
Wunder, wenn ich einer solchen Vilanella zu Gefallen mehr als einmal
meine Frau Regierungsrtin im Stich lie. Auerdem sind diese Mdchen
uerst grazis und selbst fein in ihrem Benehmen, die meisten sehr
wohlhabend, ja mitunter reich. In einem solchen Bauernhaus findet man
nicht selten einen groen Luxus, in manchen Stuben sogar ein Klavier.
Die Wohnungen dieser Landleute sind durchgehends sehr reinlich,
zierlich, mitunter elegant. Kommen sie an Markttagen in die Stadt, so
haben sie oft Pferde vorgespannt, die einem Staatswagen keine Unehre
machen wrden.

Das nicht schlechte Theater stand damals unter der Direktion der Herren
Fabricius und Hostovsky. Ich sah hier gerade den Sturm von Magdeburg
durch Tilly, ein Schauspiel von F. L. Schmidt, auffhren, dessen _mise
en scne_ meisterhaft war und mit einem groen Aufwand von Dekorationen,
Komparsen, Kostmen und so weiter gegeben wurde. Obgleich es keinen
hohen dichterischen Wert hat, so ist es doch eine getreue historische
Darstellung der furchtbaren Zerstrung Magdeburgs und hat ergreifende
Szenen, namentlich am Schlu, wo die Stadt im Schutt liegt und nur noch
der Dom und die in ihm Geretteten vorhanden sind.

Durch die Familie der Regierungsrtin wurde ich auch noch bald mit
anderen Husern bekannt, in denen ich unter anderen die hbsche und sehr
lebenslustige Frau eines Postsekretrs kennen lernte, ein junges
schalkhaftes Weibchen, das sich gern allerlei drollige Streiche
erlaubte, auch eine ebenso joviale Schwester hatte, die an einen nahen
Gutsbesitzer verheiratet war und fast jede Woche ein paarmal
selbstkutschierend in die Stadt kam. Beide Schwestern waren besonders
gut gewachsen, hatten viel Verstand und waren sehr beliebt in der ganzen
Stadt. Die Gutsbesitzerin lud mich ein, sie mit ihrer Schwester zu
besuchen, und ich machte mit der Frau Postsekretrin mehr als eine
lustige Fahrt nach dem Gut des Schwagers.

Mein Aufenthalt in Magdeburg hatte nun schon ber die Gebhr gedauert,
aber die Zeit war mir schnell und angenehm verflogen. Die Stunden, die
ich nicht bei Carnot zubrachte, vertndelte ich mit Damen und machte
Landpartien. Auch lieferte ich dem hier erscheinenden >Beobachter an der
Elbe< einige komische Anekdoten. Endlich mute ich doch an die Abreise,
denn mein Leben in Magdeburg hatte keinen Zweck, an ein weiteres
Fortkommen und eine mir anstndige Zukunft denken. Aber, wie ich beides
bewerkstelligen wollte, war mir noch ziemlich dunkel. Ernstlich hatte
ich noch nicht darber nachgedacht; auch zog es mich nach Bremen.
Indessen sollte ein sehr unglcklicher Zufall meinen Aufenthalt hier
noch verlngern.

Ich hatte auf der breiten Strae ein paar mblierte Zimmer in dem
zweiten Stock eines Hinterhauses gemietet. Die Fenster meines
Schlafzimmers gingen in den Hof. Zwei Tage frher, als ich meine Abreise
festgesetzt hatte, wurde ich gleich nach Mitternacht, ich war noch nicht
lange eingeschlafen, durch das Geschrei: Feuer, Feuer! geweckt und
sah, die Augen ffnend, eine auerordentliche Helle vor meinen Fenstern
im Hof. Zugleich hrte ich das ganz nahe Knistern einer groen Flamme.
Mit einem Satz war ich aus dem Bett, zog ein Paar Beinkleider an,
ffnete meine Stubentre, durch welche sogleich ein gewaltiger Qualm
drang, hinter dem die Flammen auf der Treppe schon hoch emporloderten.
Zugleich vernahm ich das Angst- und Hilfegeschrei einer Frau, die mit
ein paar kleinen Kindern neben mir auf demselben Gang wohnte. Ich eilte
zu ihr hinber und fand sie in Verzweiflung, ihre Kinder in den Armen.
Auch sie hatte schon gesehen, da es eine Unmglichkeit war, sich auf
den schon in vollem Brand befindenden Treppen zu retten. Das Feuer
nherte sich mit jedem Augenblick mehr unseren Zimmern. Ich fate jetzt
schnell einen Entschlu, warf alles, was sich von Betten, Kissen und
Strohscken in den Zimmern vorfand, durch das Fenster hinab, band
schnell sechs Bettcher zusammen und hie die Frau, sich zuerst
hinablassen. Sie lie aber noch, bevor sie ganz unten war, los, tat sich
jedoch, auf die Betten fallend, keinen Schaden. Ich rief ihr nun zu, da
ich die Kinder wolle folgen lassen; sie mge nur unten das Bettzeug so
ordnen, da keines daneben fallen knne, worauf ich die beiden Kleinen,
eines nach dem anderen hinabwarf, dann in mein Zimmer lief, das Kistchen
mit meinen Tagebchern und anderen Schriften, meinen Koffer, sowie, was
ich von Kleidern, Wsche und so weiter geschwind zusammenraffen konnte,
hinabwarf, und dann selbst, an den Bettchern hinabgleitend, mich folgen
lie. Schon war ich vor dem Fenster, da fiel mir ein, da ich meine
Brieftasche, in der noch fr ungefhr hundertfnfzig Taler Tresorscheine
waren, vergessen hatte. Noch einmal schwang ich mich zum Fenster hinein,
und es gelang mir, auch diese zu retten. Doch war es die hchste Zeit,
denn schon ergriffen die Flammen mein Schlafzimmer und wenig Augenblicke
darnach strzte der Boden desselben brennend und krachend ein. Ich aber
kam mit einem Sprung vom ersten Stock wohlbehalten unten an, wo ich auch
die Frau mit ihren Kindern unbeschdigt antraf. Das Bettzeug lag vier
Schuh hoch aufgetrmt. Der Hof fing an, sich nun allmhlich mit Menschen
zu fllen; da aber das Vorderhaus keinen Torweg, sondern nur einen
schmalen Durchgang hatte, so kostete es groe Mhe, bis man die Spritzen
in die gehrige Ttigkeit setzen konnte. Doch ward man noch vor Tag
Meister des Feuers, aber das Hinterhaus und die Seitengebude waren
gnzlich niedergebrannt. Die arme Frau, die man mehr tot wie lebendig
samt ihren Kindern in ein benachbartes Haus gebracht hatte, wurde sehr
krank und lag mehrere Tage in einem bestndigen Delirium, Feuer und
Hilfe schreiend. Auch auf mich hatte diese unglckliche Begebenheit
einen so gewaltigen Eindruck gemacht, da ich mehrere Tage brauchte,
bevor ich mich wieder ganz erholen konnte.

Endlich sa ich in dem nach Braunschweig fahrenden Postwagen, wo ich
eine gut unterhaltende Gesellschaft traf, nmlich einen schsischen
Rittmeister mit seiner jungen Frau, die er zu ihren Eltern nach Celle
brachte. Da ich der hbschen Dame gerade gegenber sa, so verursachte
das Rtteln des Wagens bestndig ein unwillkrliches Berhren der
beiderseitigen Knie, das bald in ein willkrliches, aber doch zuflliges
Drcken von meiner Seite berging und mein _vis--vis_ zu einem
allerliebsten Lcheln brachte, dem bedeutungsvolle Occhiaten folgten.
Unglcklicherweise konnte die Dame das Fahren nicht vertragen; es wurde
ihr auf einmal bel und schwach, woran die groe Hitze schuld sein
mochte. Man mute ihr das Busentuch lften, sie aufschnren und ihr
klnisches Wasser vorhalten und die Schlfen damit reiben, worauf es ihr
bald besser wurde. Wir fuhren ber Helmstdt, Knigslutter und so
weiter, die ganze Nacht durch und kamen morgens gegen acht Uhr in
Braunschweig an, wo wir in demselben Gasthof abstiegen und verweilten,
obgleich der Rittmeister von M... schon den anderen Morgen wieder weiter
wollte. Aber hier hie es: >Der Mann denkt und die Frau lenkt.< Die Frau
Gemahlin war nicht dieser Meinung, klagte ber Unwohlsein, und so mute
man bleiben. Da sich der Offizier bei der unplichen Frau langweilte,
so machte er Spaziergnge in der Stadt. Ich hatte zwar das Haus mit ihm
zusammen verlassen, trennte mich aber nach wenig Minuten unter einem
Vorwand von ihm und kehrte in den Gasthof zurck, wo ich mich sogleich
bei der Dame auf das angelegentlichste nach ihrer teuren Gesundheit
erkundigte und ihr Befinden ganz leidlich fand. Nach einigen Weigerungen
pro forma wurde mir schnell ein Schferstndchen, halb erzwungen,
bewilligt, worauf wir bereinkamen, da das Unwohlsein der Frau
Rittmeisterin noch ein paar Tage dauern msse. Ich entfernte mich
endlich wieder, um die Stadt Braunschweig nher kennen zu lernen.

Den zweiten Tag fand Frau von M... fr gut, sich etwas besser zu
befinden, und zwar so, da sie imstande war, mit ihrem Gemahl und mir
ebenfalls die Schnheiten der Stadt zu besichtigen. Wir begaben uns
indessen bei Zeit nach Haus, weil ich von einem argen Schnupfen befallen
war. Frau von M..., die groen Anteil an meinem Unwohlsein nahm, lud
mich zu einem kstlichen Tee ein, der mich nach ihrer Meinung ber Nacht
von meinem Katarrh befreien sollte. Wir blieben bis Mitternacht
beisammen. Den anderen Morgen hielt ich es fr passend, das Zimmer zu
hten. Aber whrend der Herr Rittmeister wieder eine Frhpromenade
machte, stahl ich mich zur Dame, mit der ich eine recht goldene
Morgenstunde zubrachte. Der zurckkehrende Herr Gemahl fand mich aber
noch in meinem Bette liegend, als er die Gte hatte, sich nach meinem
Befinden zu erkundigen, mir aber zugleich verkndete, da er heute noch
weiterreisen wolle, da sich seine Frau nun wieder in einem vollkommen
reisefhigen Zustand befinde und die kleine Tour nach Celle bequem
machen knne. Auch ich sehnte mich, weiter und nach Bremen zu kommen,
und mute geschehen lassen, was ich nicht verhindern konnte. Wir
speisten noch miteinander zu Mittag, und mit Erlaubnis des Rittmeisters
kte ich seine Frau zum Abschied in seiner Gegenwart, half beiden in
den Wagen und nahm mir vor, am anderen Morgen mit dem frhesten ihrem
Beispiele zu folgen. Leider lie ich mich aber an dem Abend wieder zu
einer Spielpartie in dem Gasthof verfhren und verlor abermals all mein
Geld bis auf den letzten Groschen. Den anderen Morgen berlegte ich, was
zu machen sei und erkundigte mich dann nach den ersten Bankierhusern
Braunschweigs bei meinem Wirt. Er nannte mir Herrn Johann Degener. Ich
ging nun zu diesem, wies mich mit meinen Papieren aus, sagte ihm,
welches Geschick mich in Braunschweig pltzlich ganz aufs Trockene
gesetzt habe, und bat ihn, mir gegen eine Anweisung auf Frankfurt so
viel Geld geben zu wollen, als ich noch zur Reise bis Bremen bedrfe.
Nach einigem Bedenken fragte er mich, wieviel ich zu gebrauchen gedenke?
-- Fnfundzwanzig bis dreiig Taler. -- Wohlan, ich will sie Ihnen
geben, mit der Bedingung, da Sie sie meinem, sich in einem Bremer Haus
befindlichen Sohn daselbst gegen Ihren Schein wiedererstatten. -- Mit
Vergngen ging ich diese Bedingung ein, dankte fr das gtige Zutrauen,
empfing dreiig Taler und reiste noch denselben Tag, mich nirgends mehr
aufhaltend, ber Hannover, Nienburg, Verden und so weiter nach Bremen,
wo ich wohlbehalten und wohlgemut mit einbrechender Nacht ankam, aber
nicht bei meinen Verwandten, sondern im Gasthof >Zum deutschen Haus<
abstieg, auch mich diesen Abend nicht mehr meldete, sondern noch den
letzten Akten von Grillparzers Sappho im Theater beiwohnte und mich in
allen Logen umsah, ob ich vielleicht Cousine Henriette erkennen wrde,
aber vergeblich.

Den anderen Morgen konnte ich kaum die schickliche Stunde erwarten, um
meinem Vetter K... die Aufwartung zu machen. Es war gegen elf Uhr, als
ich mich dahin auf den Weg begab. Man war von meiner Anwesenheit
prveniert. Herr K... empfing mich auf das freundlichste, sagte mir, ich
mge sein Haus whrend meines Aufenthaltes wie das meinige ansehen,
entschuldigte aber seine Frau, da sie mich noch nicht empfangen knne,
da sie noch im Neglig sei, und bat mich, den Nachmittag um zwei Uhr
wiederzukommen, wo sie mich erwarte. Dies lhmte meine gehoffte Freude
des Wiedersehens ein wenig. Ich empfahl mich, nachdem ich eine halbe
Stunde mit K... verplaudert, um auch meinen anderen Herrn Cousins und
dem noch lebenden reichen Bruder meines Oheims Scholze die Visite zu
machen. Senator H..., ein schlichter Mann, nahm mich recht gutmtig auf,
auch Kaufmann G..., sonst ziemlich hochmtig, bewies sich doch sehr
freundlich gegen mich. Ihre Frauen bekam ich aus den schon erwhnten
Ursachen nicht zu sehen; Hannchen war bereits lngst tot. Beim reichen
Scholze wurde ich mit Danziger Goldwasser regaliert, hrte dann nichts
weiter von ihm, als bis ich Abschied nahm. Endlich war die ersehnte
zweite Nachmittagsstunde herangekommen, in der ich Henriette wiedersehen
sollte, deren Anblick mich in der Tat berraschte, denn statt der
lieblichen Engelsgestalt mit dem beraus feinen Amorettengesichtchen sah
ich eine ziemlich lange, sehr hagere Frau, deren Gesicht zwar noch immer
schn war, aber sehr markierte Zge hatte, welche die erfahrene Ehefrau
nur zu sehr verrieten. Was tun fnfzehn Jahre nicht! Sie war jetzt
einige dreiig alt. In ihrer Haltung lag indessen etwas majesttisch
Imponierendes und ihre Unterhaltung war nicht nur geistreich und pikant,
sondern verriet auch eine nicht gewhnliche wissenschaftliche Bildung.
Ihre Musik hatte sie so ziemlich vernachlssigt, dagegen malte sie nicht
schlecht in l, aber sie spielte und affektierte dabei etwas stark die
sentimentale Mondscheinprinzessin, etwas, das mir in den Tod verhat war
und mich meilenweit jagen konnte. Ihre Toilette war ausgesucht, nicht
ohne Geschmack, aber mit groer Kunst fast zu jugendlich angelegt, und
es war mir bald klar, warum sie mich nicht im Morgenanzug hatte
empfangen mgen. Indessen war der Empfang bei diesem Wiedersehen ein
sehr herzlicher, und sie bat mich, den Rest des Nachmittags mit ihr
zubringen zu wollen, da wir uns nach so langer Trennung doch gewi
manches zu sagen htten und manche Rckerinnerungen aus den
glcklichsten Zeiten der Kindheit wieder ins Gedchtnis rufen knnten.
Ihr Mann, sich wegen seiner Geschfte entschuldigend, hatte sich
sogleich, nachdem er mich eingefhrt, wieder entfernt. Ich brachte einen
uerst angenehmen Nachmittag mit der immer noch sehr liebenswrdigen
Frau zu, indem wir uns gegenseitig im Umri mitteilten, was wir seit
unserer Trennung erlebt und was uns widerfahren war. Da von beiden
Seiten die Aufrichtigkeit dieser Mitteilungen nicht vollkommen sein
konnte, ist natrlich. Doch erfuhr ich durch andere, was meine Cousine,
welche, die Reisen zur Prinze Wilhelm nach Berlin, nach Homburg und
einige andere abgerechnet, ununterbrochen in Bremen gelebt hatte, fr
mancherlei Abenteuer gehabt. Ich blieb nicht nur den ganzen Nachmittag,
sondern auch zum Abendessen bei K...s. Mit innigem Vergngen hatten wir
uns an die Kinderspiele, Partien und in Homburg genossenen Freuden
erinnert, und erst spt in der Nacht trennten wir uns, nachdem ich das
Versprechen, den anderen Tag zum Mittagessen zu kommen, hatte geben
mssen. Vetter K... hatte die Gte, mich mit allem, was die alte
Hansastadt Merkwrdiges enthielt, selbst bekannt zu machen, wozu er als
Sohn eines Brgermeisters und mit den Senatoren verwandt oder
befreundet, allerdings sehr geeignet war. Auf den Nachmittag lud mich
K... in seinen Garten vor dem Tor ein, in welchem seine Frau jetzt
gerade einen hbschen Pavillon bauen lie. Als ich daselbst ankam,
ffnete mir, nachdem ich geklingelt, meine Cousine. In ihrer Begleitung
befand sich ein Mann von etwa vierzig Jahren, den sie mir als den
Kaufmann K...p und einen intimen Hausfreund ihres Gemahls vorstellte.
Dieser ma mich mit groen Augen vom Kopf bis zu den Fen und schien
eben kein groes Behagen an meinem Kommen zu finden. Auch war die
Unterhaltung recht reichsstdtisch-steif und folglich hochlangweilig.
Henriette schien verlegen und ich befand mich unbehaglich.
Glcklicherweise kam bald der Senator H... hinzu, was die Unterhaltung
weniger gezwungen machte, und als er den Hausfreund K...p endlich in
Geschftsangelegenheiten mit sich fortnahm, bekam sie eine andere und
traulichere Wendung. Henriette wies mir das nach ihren Angaben
neuerbaute und noch nicht ganz vollendete Gartenhaus, welches von ihrem
guten Geschmack zeigte, aber eine sehr kostbare Liebhaberei war, denn es
war fr ihre Verhltnisse fast zu prchtig. Wir verweilten eine gute
Stunde in demselben, frhere, sehr glckliche Momente durch sehr
handgreifliche Erinnerungen wieder ins Gedchtnis rufend, wobei ich aber
nicht das selige Entzcken wie frher, sondern bald eine Art berdru
empfand, den jedoch die hierauf folgende geistreichere Unterhaltung
wieder verscheuchte. Der Hauptinhalt unseres Gesprches war die
Prinzessin Wilhelm, von der sie mir mich sehr interessierende Dinge
erzhlte; ebenso vom Prinzen Gustav, dessen Namen sie nicht ohne einen
unterdrckten Seufzer aussprach. Wir waren noch recht eifrig im Gesprch
begriffen, als sich auf einmal eine rauhe Bastimme mit den Worten:
Frau K..., sind Sie hier, wo, zum Henker, stecken Sie denn? vernehmen
lie. Es war die des Hausfreundes K...p, der zurckgekommen war, die
Dame vom Hause aufsuchte, und als er sie _tte--tte_ mit mir fand, ihr
einen vielbedeutenden, Zorn verratenden Blick zuwarf. Ich tat, als
bemerkte ich es nicht, und sagte etwas malitis: Mein Herr, wir haben
uns einstweilen trefflich unterhalten, worauf er ein trockenes: So,
von sich gab, und jetzt die vorige Verlegenheit und das gezwungene
steife Wesen wieder zurckgekehrt war. Wir gingen hchst einsilbig in
den Gngen des Gartens spazieren, bis auch Henriettens Mann dazukam, der
durch einige Neuigkeiten, die er mitbrachte, der Sache wieder eine
andere Wendung gab, und uns bald darauf zu dem unserer harrenden
Vespermahl einlud, wodurch wieder mehr Leben in Henriette und auch in
den Hausfreund kam.

Noch den nmlichen Abend, als ich K...s verlie, begegnete ich auf dem
Markt einem Kaufmann namens Kreibig, der die Reise von Hannover hierher
im Postwagen mit mir gemacht, und mich einlud, ein Glas Punsch mit ihm
in einer nahen Weinstube zu nehmen, in der sich ein allerliebstes
blutjunges Mdchen, das Tchterchen vom Haus, Gesina geheien, befnde.
Mit Vergngen nahm ich das Anerbieten an und fand, da der Mann nicht
zuviel gesagt. Mit einer unendlich freundlichen Grazie kredenzte uns das
hbsche Kind den verlangten Punsch, antwortete auf unsere Fragen mit der
liebenswrdigsten Naivitt, und wir verplauderten ein paar Stunden auf
das angenehmste daselbst, so da ich mir vornahm, der mir beim Weggehen
gewordenen Einladung, recht bald wiederzukommen, Folge zu leisten. Den
anderen Morgen um elf Uhr war ich schon wieder daselbst, um ein kleines
Frhstck einzunehmen, und wurde von dem allerliebsten Gesinchen recht
herzlich empfangen. Bald war ich mit dem schnen Kind so vertraulich,
da, obgleich ich ihr gesagt, da ich ein naher Verwandter von K... sei,
sie mir dennoch alles, was die Verhltnisse Henriettens betraf,
mitteilte und meine Vermutung, da Hausfreund K...p ihr erklrter
Liebhaber sei, vollkommen besttigte, was brigens ein stadtkundiges
Geheimnis war. In dem Haus Langenaus, wo ich nun tglich meine meisten
migen Stunden zubrachte, ich arbeitete jeden Morgen an dem Plan des
mir von Carnot angegebenen Werkes, ohne jedoch noch ernstlich an die
mgliche Herausgabe desselben zu glauben, machte ich noch eine andere
weibliche Bekanntschaft, die mir aber, ohne da ich es mir zu erklren
vermochte, ein unheimliches Gefhl und eine Art Scheu einflte. Die
obgleich junge und nicht hliche Frau hatte doch fr mich etwas sehr
Unangenehmes, ja fast Abstoendes in ihren Gesichtszgen, und war
auerdem schon deshalb unausstehlich, weil sie sich immer zwischen
Gesina und mich drngte, unser Verhltnis zu erforschen suchte und eine
widerliche Freundlichkeit gegen uns beide affektierte. Gesina war ganz
einverstanden mit mir hinsichtlich dieser sehr zudringlichen Person, die
sie aber frchtete, sich zur Feindin zu machen und deren viel zu hufige
Besuche sie deshalb duldete. Wie sehr meine Abneigung gegen dieselbe,
wenn auch nur instinktartig, gegrndet war, bewies sich spter auf eine
schreckliche Weise, denn dieses weibliche Wesen war keine andere als die
berchtigte Giftmischerin Gottfried, welche, nachdem ihre schrecklichen
Greueltaten, -- sie hatte damals schon ihre Mutter, ihren Vater, ihre
drei Kinder, ihren ersten Gatten, ihren Bruder und ihren Liebhaber
Gottfried, den sie aber noch auf dem Sterbebette zur Trauung mit ihr
beredete, nacheinander vergiftet, -- endlich an den Tag gekommen, auf
dem Schafott ihr abscheuliches Leben endete. Ich besuchte jetzt meine
Verwandten weit seltener und suchte bei jeder sich darbietenden
Gelegenheit den wtend eiferschtigen Hausfreund K...p wild zu machen,
was mir auch zum groen Verdru Henriettens so wohl gelang, da er
einmal den Garten, in dem er mich wieder mit ihr getroffen, hchst
aufgebracht verlie und schwur, er wrde nie mehr wiederkommen, wenn ich
nicht wegbliebe. Meine arme Cousine, welche das Verhltnis mit Herrn
K...p, wie es schien, aus mehreren Grnden, wohl nicht aufgeben konnte
und mochte, kam dadurch in eine groe Verlegenheit und wute sich nicht
zu raten. Da ich ihre miliche Lage sah, so war ich ganz offen mit ihr
und bat sie, sich wegen mir keinen Unannehmlichkeiten mit ihrem Freund
mehr auszusetzen, ich wollte durchaus kein Strenfried sein und habe
ohnehin vor, dieser Tage nach Frankfurt abzureisen. Erst war die arme
Frau verlegen, dann wute sie mir Dank, da ich so handelte, meinte
aber, ich brauchte deshalb nicht abzureisen, und sie knnte es wohl
veranstalten, da wir uns von Zeit zu Zeit ohne Wissen des Herrn K...p
sehen knnten, wofr ich aber dankte. -- Trotz der Liebenswrdigkeit der
hbschen Gesina hatte ich dennoch beschlossen, Bremen zu verlassen, als
ein zuflliges Ereignis mich noch drei Wochen lnger daselbst
zurckhielt. Signora Catalani hatte ihre Ankunft den Bremern ankndigen
lassen und sollte in wenigen Tagen dieselben mit ihrem bezaubernden
Gesang beglcken. Man kann sich keine Vorstellung machen, welches
Aufsehen diese Neuigkeit in der guten Stadt erregte. Ich glaube, wenn
Napoleon von Sankt Helena entwischt und in Vegesack gelandet wre, so
htte dies keine grere Sensation unter den Bremern hervorbringen
knnen. In allen Husern, im Museum, sogar in den Kirchen hrte man nur
von der Catalani sprechen. Wem ich erzhlte, da ich die berhmte
Sngerin nicht nur schon gehrt, sondern persnlich kenne, der gaffte
mich wie einen Wundermann mit offenen Augen an. Henriette und ihr Mann,
sowie Grwe und Senator H... baten mich, sie doch bei ihnen einzufhren.
-- Wo, wann, was wird sie singen? fragte man sich auf allen Straen, und
der Schauspieldirektor Ringelhard, dessen Haus in der Regel ziemlich
leer stand, wurde mit Logenbestellungen bestrmt, bevor man nur wute,
ob sie auch im Theater singen wrde. Als es endlich hie, die in ganz
Europa gefeierte Sngerin sei angekommen, war der Gasthof in dem sie
abgestiegen, von einer unermelichen Menge Volkes belagert, und ganz
Bremen auf den Straen und wie von einer Tarantel gestochen. -- Sie ist
da, hie es, sie ist da, die berhmteste Frau des Jahrhunderts, die
alles erwrmende Sonne des musikalischen Horizonts, die Gefeierte
Europas! Um zu ihr zu gelangen, mute man sich mit Rippensten Bahn
bis an die Tre des Gasthofes brechen, der vom frhen Morgen bis zur
sinkenden Nacht von Tausenden umringt war. Die gefeierte Primadonna
empfing mich wie einen alten Bekannten mit groer Herzlichkeit und sagte
mir: Ich bin sehr froh, Sie hier zu treffen, Sie werden sich bequemen,
so lange, bis mein Mann kommt, mein _Cavaliere servente_ zu sein, denn
ich bin ganz verlassen und habe auch keine Empfehlungen fr hier
mitgebracht. -- Die bedrfen Sie nicht, versetzte ich, brigens wird
es mir eine groe Ehre sein, Signora, den dienenden Ritter einer Dame zu
machen, welche sich die grten Monarchen zur Ehre rechnen, am Arm zu
fhren. Whrend des Aachener Kongresses hatten sie der Kaiser
Alexander, der Knig von Preuen und der Kaiser von sterreich auf den
Bllen umhergefhrt, und von diesen hatte sie die kostbarsten
Geschenke in Schmuck erhalten. Ihre Begleitung bestand aus ihrem
Reisekapellmeister Burgmller aus Dsseldorf und dessen Gattin, nebst
dem dienenden Personal. Burgmller, dessen Bauch einen nicht viel
geringeren Umfang hatte als der des alten Knigs von Wrttemberg, machte
durch seine auerordentliche Elust fast ebensoviel Aufsehen wie die
Signora, deren Konzerte er dirigierte, durch ihre Kehle. Sein
Vorfrhstck in Bremen bestand oft in einem Kapaun, ein paar Hummern,
einer Schssel gerucherten Lachs, einer Gnsebrust, ein paar Dutzend
Eiern und ein paar Flaschen Portwein! was er alles mit einer Gier
verschlang, die mich in Erstaunen versetzte. Ich schlug nun der Catalani
vor, sie bei meinen Verwandten einzufhren, was sie mit Freude annahm,
worauf ich ein paar Zeilen an meine Cousine schrieb und ihr meldete, da
ihr den anderen Morgen um elf Uhr die Ehre des Besuches der Signora
Catalani bevorstehe, die ich ihr prsentieren wrde. Als wir zu diesem
Zweck in einen Wagen steigen wollten, war es kaum mglich, durch das
Gedrnge zu kommen, und die polizeiliche Hilfe mute uns Platz machen.
Signora rief aus: Sollte man nicht glauben, ich sei irgendein wildes
Wundertier! _Una bestia curiosissima!_ -- Da des Gesanges Knigin
einen Besuch bei K... gemacht hatte, erregte Staunen und Neid bei der
steifen Bremer Handelswelt, besonders bei den Damen, die zum Singverein
gehrten. Da meine Cousine ohnehin sehr wenig mit der Bremer Welt
umging, sondern mehr in einem sehr kleinen Kreis fr sich lebte, auch
immer noch schn genug und reich war, so fehlte es ihr an Feinden und
besonders Feindinnen nicht, welche alle mglichen Lgen auf ihre Kosten
verbreiteten, wozu ihr Verhltnis mit K...p freilich Stoff genug gab.
Den anderen Morgen machte sie schon ihren Gegenbesuch bei der Catalani,
und zwar in einem von Kopf bis zu Fu ziemlich phantastischen
Rosa-Anzug, sogar Strmpfe, Schuhe und Handschuhe waren Rosa. Manchmal
kleidete sie sich auch ebenso in Himmelblau. Dies pate wenigstens nicht
mehr ganz zu ihren Jahren, sie war in der Mitte der Dreiiger, und
hatte, wie gesagt, schon sehr markierte Zge. Die Catalani konnte sich
auch des Lchelns nicht erwehren, als sie diese Rosagestalt erblickte.
Als sechzehnjhriges Mdchen wrde ihr ein solcher Anzug auf einem Ball
ganz vortrefflich gestanden haben. Sie lud die Catalani zu einem
Frhstck ein, was diese auf mein Zureden annahm, und was wieder
Veranlassung zu Neid und Migunst gab. Bei diesem Frhstck, wo die
grten Leckerbissen, die aufzutreiben waren, und sogar Schiraswein
serviert wurden, fand sich auch Burgmller ein und tat sich gtlich.
Doch mute er schon durch ein solides Vorfrhstck einen guten Grund
gelegt haben, sonst htte er fr sich allein alles, was aufgetragen,
verzehrt.

Ich hatte es bernommen, die Arrangements der Konzerte, Madame Catalani
wollte deren drei geben, zu besorgen, und mich zu dem Direktor
Ringelhard verfgt, um das Theater zu diesem Zwecke zu mieten. Dieser
aber stellte die Bedingung sine qua non, eine Tantieme von der Einnahme
fr die berlassung des Schauspielhauses zu erhalten, zu welcher sich
die berhmte Sngerin durchaus nicht verstehen wollte, sondern, als ich
ihr sagte, da in ganz Bremen kein anderes, fr ihre Konzerte passendes
Lokal zu finden sei, uerst aufgebracht ausrief: Wohlan, so bestelle
man sogleich Postpferde, ich werde in Bremen nicht singen. -- Nur mit
der grten Mhe gelang es mir, die Signora zu besnftigen. Ich
berlegte hin und her. Endlich sagte ich zu den Bremer Herren: Wre es
denn nicht mglich, die Konzerte in einer der Kirchen zu geben? --
Dieser Plan wurde, wenn auch nicht ohne tchtige Kmpfe, besonders mit
einigen geistlichen Herren und Behrden, durchgesetzt; so hatte ich auch
nicht ohne Mhe die Signora beredet, sich dazu zu verstehen, in einer
protestantischen Kirche zu singen. Man hatte die Erlaubnis erwirkt, ein
_Concert spirituel_ in der Domkirche geben zu drfen, wobei die Armen
reichlich bedacht werden sollten, da keine Saalmiete bezahlt werden
durfte. Wegen der Kirche aber waren die Stimmen sehr geteilt und die
Frmmler schimpften gewaltig ber diese Entheiligung, wie sie es
nannten. Man kehrte sich indessen nicht daran und der groe Dom war
trotz des Eintrittspreises von einem Dukaten dennoch zum Ersticken voll.
Das Orchester und die Chre des Singvereines trugen nur geistliche
Tonstcke vor, whrend Madame Catalani ihre Variationen von Rhode und
ein paar ernstere Arien mit Rezitativen sang. Der Erfolg war, wie
allenthalben, unermelich und der Beifall rasend, Ringelhard aber in
Verzweiflung, denn jetzt stand ihm sein Theater gnzlich leer; selbst
die Abonnenten wollten es nicht mehr besuchen. Seinen Ruin vor Augen
sehend, suchte er mich auf, erbot sich, der Signora Catalani das Theater
um jeden Preis, ja umsonst zu berlassen, und bat mich, die Sache doch
vermitteln zu wollen. Da mich der Impresario _in angustie_ wirklich
dauerte, so versprach ich ihm, mein Mglichstes zu tun, machte aber zur
Bedingung, da ich der groen Sngerin einen Empfang auf der Bhne ganz
nach meinen Anordnungen bereiten drfe, wozu er sich nicht nur sogleich
verstand, sondern mir auch sein ganzes Theaterpersonal zur Verfgung
stellte, und die Miete fr das Haus ganz der Gromut der Dame berlie,
worauf ich ihm erwiderte, da ich dafr sorgen wolle, da er sich in
derselben nicht tusche. Er erhielt die Einnahme eines berfllten
Hauses bei gewhnlichen Preisen. Ich lie sie nun bei ihrem Erscheinen
durch das als Genien gekleidete weibliche Chorpersonal auf der Bhne
empfangen, und die junge Schauspielerin Demoiselle Hauff berreichte ihr
auf einem Samtkissen ein italienisches Gedicht, das ich zu dieser Feier
verfat hatte und welches: >_Al alto merito della Signora Angelic
Catalani, l'unica_< berschrieben war.

Von diesem Gedicht lie ich mehrere tausend Exemplare durch die
Ventilatoren auf das Publikum herabwerfen, sowie Blumenbukette und
Krnze ohne Zahl auf die Bhne, whrend ein dreimaliger Tusch von Pauken
und Trompeten und das donnernde Vivatgeschrei das Haus bis in seine
Grundfesten erschtterte.

Nachdem sie eine Arie von Lafond gesungen, die mit dem ungestmsten
Beifall applaudiert worden, fiel sie mir mit trnenden Augen hinter den
Kulissen um den Hals, ohne sich vor dem umstehenden Theaterpersonal zu
scheuen, das erstaunt aufschaute. Das Konzert hatte nun seinen
ungestrten Fortgang; Angelika sang noch die schne Polonse
Portogallos: _La placida Campagna_, eine Arie von Pucitta, und die
Variationen von Pr ber das Thema: _La Biondina_. Von Entzcken trunken
und taumelnd, verlieen die Bremer das Haus.

Die gefeierte Primadonna gab, um ihren Dank fr so viel erwiesene Ehre
zu bezeigen, auch noch ein geistliches Konzert zum Besten der Armen in
der Ansgarikirche und machte auerdem der Demoiselle Hauff, welche ihr
das Gedicht berreicht hatte, ein wertvolles Geschenk.

Whrend des Aufenthaltes der Catalani ging mir die Zeit in Bremen auf
das angenehmste hin und zur Arbeit blieb mir wenig Mue brig. Jeden
Morgen fand ich mich um elf Uhr bei ihr ein und verlie sie in der Regel
erst nach Mitternacht wieder. Den ganzen Tag ber ging es bei ihr ab und
zu wie in einem Bienenkorb. Nicht nur die Bremer Herren, sondern auch
die angesehensten Damen lieen sich der berhmtesten aller Sngerinnen
vorstellen. Am unterhaltendsten aber waren die Abende, wo man teils
musizierte, teils Kommerzspiele machte, die aber so hoch gespielt wurden
(Whist zu einem Dukaten der Point), da sie wahre Hasardspiele genannt
werden konnten, whrend welchen en attendant der dicke Burgmller das
aus kalter Kche bestehende Souper unter der Hand zur Hlfte zu sich
nahm, und dann, wenn man sich zu Tisch setzte und fand, da es nicht
hinreichend sei, sagte: Ja, mein Gott, ich habe doch kaum eine
Brotrinde und ein Stckchen Wurst gekostet! -- Kurz vor ihrer Abreise
kam auch ihr Mann, der ehemalige Rittmeister Vallabregue, der Adjutant
des Generals Moreau gewesen war, und jetzt einen groen Teil der Schtze
seiner Frau durchs Spiel wieder unter die Leute, namentlich die Pariser,
brachte, in Bremen an. Als sie abreiste, begleitete ich sie noch eine
Station zu Pferde. Wir hatten uns beiderseitig das Versprechen gegeben,
uns bald wieder in Frankfurt zu sehen. Ihre Einnahmen in Bremen hatten
ber sechstausend Taler betragen. Bevor ich die Stadt verlie, machte
ich noch einen Abstecher in das nahe Hamburg, wo mich aber das durch und
durch merkantilische Gewhl und Treiben nur ein paar Tage rasten lie,
und kehrte ohne viel mehr als den Jungfernsteig, das Alsterbassin, den
Hafen, die Michaeliskirche mit ihrem hohen Turm, die Brse und das
Theater gesehen zu haben, wieder nach Bremen zurck, lie mir durch K...
noch das ntige Reisegeld geben, und trat dann nach gebruchlichem
Abschied die Reise nach meiner Vaterstadt an.

Ich fuhr erst nach Hannover und von hier im Eilwagen weiter bis
Hildesheim, und hatte diesmal ein allerliebstes Kammerzfchen einer
vierspnnig reisenden Herrschaft zur Nachbarin, welche in dem Reisewagen
des Herrn Barons und seiner Begleitung keinen Platz mehr fand und daher
die Reise in dem Eilwagen mitmachen mute. -- Sophiechen, hab' acht auf
dich, hatte ihr die Frau Baronin noch beim Einsteigen zugerufen, und so
hatte ich den Namen des holden Kindes erfahren. Es war eine
holsteinische freiherrliche Familie, welche eine Rheinreise zu machen
beabsichtigte und daher auch nach Frankfurt fuhr. In Hildesheim trafen
wir wieder zusammen und ich besuchte in Gesellschaft des Herrn Baron
G..., seiner Frau und seiner neunzehnjhrigen Tochter samt Sophiechen
die uralte Domkirche daselbst, in der man die Fremden besonders auf die
in derselben befindliche Irmensule, aus einem siebzehn Fu hohen grnen
Stein bestehend, die Karl der Groe 772 umgestrzt, aufmerksam macht.
Die Familie wollte von hier nach Goslar, von da nach Gttingen und so
weiter, und auch den Brocken vulgo Blocksberg besteigen. Die
Attraktionskraft dieser Damen, oder vielmehr der zierlichen Zofe, war so
gro, da auch ich sogleich von meinem ursprnglichen Reiseplan abwich,
um auch nach Goslar zu gehen. Ich nahm eine offene Postkalesche, in der
ich Sophien einen Platz anbot, den anzunehmen ihr aber die Baronin
untersagte, und das Mdchen lieber in ihrem Wagen sitzen lie. In Goslar
stieg ich in demselben Gasthof wie die Herrschaften, dem
Schlelerischen, ab. Wir waren die ganze Nacht durchgefahren und erst
gegen Morgen angekommen. Um Mittag hatte ich Gelegenheit, das
Kammermdchen zu sprechen, die mir mitteilte, da sich ihre Damen sehr
angelegentlich nach meinem Stand und Charakter erkundigt, und als sie
ihnen gesagt, da ich ein Offizier sei, sie diese Mitteilung
wohlgefllig aufgenommen htten. Das Mdchen war die Herzensvertraute
des jungen Fruleins, die sie mir als den Mnnern gar nicht abgeneigt
schilderte. Fr diese Nachrichten dankte ich Sophien mit ein paar
Kssen. Sie entzog sich jedoch durch eilige Entfernung meinen weiteren
Gunstbezeigungen, indem sie davonlaufend rief: Ach, die Herrschaft hat
mich gerufen.

Die hochadelige Familie geruhte an der brgerlichen Table d'hte des
Gasthofes zu speisen und mir mitzuteilen, da sie nach derselben die
Stadt zu besehen beabsichtige. Die Erlaubnis, sie begleiten zu drfen,
wurde mir freundlichst gewhrt, und die Partie nach dem Harzgebirge und
dem Blocksberg fr den kommenden Tag festgesetzt.

Den Abend brachte ich mit der Familie traulich beim Tee zu; auch wollten
wir die berhmte Gose, so wird das hier gebraute Bier genannt, kosten,
aber niemand fand sie nach seinem Geschmack. Nachdem wir die Partie auf
den Blocksberg fr den anderen Morgen noch ausfhrlich besprochen,
trennten wir uns, alle ermdet, ziemlich frh. Ich begab mich aber
dennoch nicht zur Ruhe, sondern pate Sophien ab, als sie zum letztenmal
das Zimmer ihrer Herrschaften verlassen, und empfing sie auf der Stiege.
Nicht ohne Mhen und Struben beredete ich sie, noch ein Stndchen auf
meinem Zimmer verplaudern zu wollen, und wir trennten uns erst in der
Geisterstunde. Um vier Uhr des Morgens weckte mich aber der Hausknecht,
wie ihm anbefohlen war, schon wieder, und ich schickte mich zur
Besteigung des Blocksberges an. Gegen sechs Uhr waren wir alle
reisefertig, ausgenommen die Frau Baronin, welche, Migrne vorgebend,
bedauerte, nicht mit auf den Hexenberg zu knnen. Wir fuhren ber
Neustadt, stiegen aber sehr oft aus, da der Weg schlecht und oft
gefhrlich war, wobei ich dann der jungen Baronesse meinen Arm zur
Sttze bot, was auch freundlich angenommen wurde. Die letzte Strecke
legten wir, auf Rossen reitend, die der mitgenommene Fhrer besorgte,
zurck. Das Frulein, an dessen Rechter ich ritt, machte eine stattliche
Figur zu Pferde, doch mute ich ihr manchmal, wo die Stellen zu holprig
waren, zu Hilfe kommen und sie in meinem Arm auffangen, wenn sie durch
das Stolpern des Pferdes das bergewicht zu verlieren schien. Der Baron
ritt mit Sophien vor uns her, und ein Bedienter hintendrein. So
erreichten wir endlich den berchtigten Riesen des Harzgebirges, der
alle anderen Bergspitzen desselben weit berragt. Der Boden ist sehr
steril und de, groe Granitblcke liegen ringsumher, und man glaubt
sich wirklich mitten auf einem Hexenfeld, auf dem die Grosatanatische
Majestt samt dem Hexen- und Teufelspack mit Steinblcken gekriegt und
geworfen. Das im Jahre 1800 hier aus Stein erbaute Brockenhaus bietet
Schutz, Bequemlichkeit und strkende Erfrischungen dem mden Wanderer.
In der Mitte desselben ist ein kleiner Turm. Man kann ntigenfalls hier
bernachten, und zwar in besseren Betten als in manchem Gasthaus kleiner
Stdte. Das Frulein hatte auch groe Lust, ein nchtliches Abenteuer
auf dem nicht geheuern Berg zu bestehen. Ich hatte nichts dawider, aber
der alte Baron legte sein Veto ein, und so wurde nichts daraus.

Wir nahmen vor dem gastfreundlichen Brockenhaus ein frugales, aber doch
sehr wohlschmeckendes Mahl ein, wobei dem Baron der Wein so mundete, da
er nach der Beendigung desselben durchaus eine Siesta zu machen
begehrte, wozu man ihm ein Stbchen mit einem Lager anwies, und mir die
Aufgabe, das Frulein unterdessen zu unterhalten, berlie, was ich denn
auch nach besten Krften zu tun versuchte, indem ich sie, von der
Walpurgisnacht erzhlend, zwischen dem wilden Gestein umherfhrte, und
whrend ich ihr den Spuk recht frchterlich ausmalte, sie, um ihr bei
holprigen Stellen ber die Steine zu helfen, fest in dem Arm hielt und
die schlanke Gestalt innig an mich drckte, wobei sogar unsere Wangen in
Berhrung kamen, sich rteten, glhten, und unversehens sich unsere
Lippen zu minutenlangen Kssen zusammenfanden. Wir verirrten uns nun
immer weiter von dem Gasthaus. Ich lud Wallfriede, so hie das Frulein,
ein, sich niederzusetzen, whrend ich fortfuhr, sie mit schauerlichen
Hexengeschichten zu unterhalten, ruhte ihr Kpfchen an meiner klopfenden
Brust, und bald fhlte meine Rechte das hochpochende Schlagen ihres
Herzens unter ihrem wallenden elastischen Busen. Beinahe zwei Stunden
hatten wir so vertndelt, als uns die sich immer mehr sinkende Sonne und
auch Sophiens, nach dem Frulein rufende Stimme zur Rckkehr und zum
Aufbruch mahnte. -- Ist Papa wach? fragte sie die sich nun lchelnd
zeigende Zofe. -- Noch nicht, aber man wird den gndigen Herrn wohl
wecken mssen, sonst wird es zur Heimkehr zu spt. -- Wir eilten jetzt,
nachdem Frulein Wallfriede ihre Toilette mit Hilfe des malitis
lchelnden Mdchens ein wenig adjustiert hatte, in das Haus zurck, wo
der Papa noch vortrefflich schlief. Die Tochter bernahm es, ihn aus dem
erquickenden Schlummer zu wecken. ber Kopfschmerzen klagend, richtete
er sich, die Augen reibend, auf, und schnell wurden die Anstalten zur
Heimkehr gemacht. Als wir Ilsenburg erreichten, fing es schon an, sehr
dunkel zu werden. Nachdem wir in Neustadt soupiert, fuhren wir die halbe
Nacht durch. Papa schlummerte auch in dem Wagen bald ein. Das mir
gegenber sitzende Frulein aber verhinderte ich am Einschlummern, indem
ich auch eine Art Hexenspiel mit ihr trieb, bei dem sie sich recht wohl
zu gefallen schien, whrend Sophie, die neben mir sa, ihr Kpfchen auf
meine rechte Schulter legend, gleichfalls schlummerte oder doch
wenigstens so tat. Wir witterten schon Morgenluft, als wir in Goslar
ankamen, wo wir trotz der Einsprache der alten Baronesse noch einen Tag
verweilten, weil der Baron behauptete, durchaus einen Tag von den
Strapazen der Blocksbergsreise ausruhen zu mssen. Dies war uns allen
recht, obgleich sich keine Gelegenheit mehr zeigte, mit dem Frulein
allein zu sein, wogegen mir aber wieder der nchtliche Besuch der Zofe
ward.

Von Goslar fuhren wir bis Kassel, wo die Herrschaft mehrere Tage
ausruhte und ich dasselbe tat, wie es die Umstnde eben gestatteten, dem
Frulein und der Kammerjungfer abwechselnd Beweise von meiner Zuneigung
gebend, wobei aber die letztere die Vertraute der ersten war, ohne da
Wallfriede ahnte, wie sehr mich auch diese begnstigte; sie glaubte, die
kleinen Geschenke, die ich ihr machte, seien die Belohnung fr die
Geflligkeiten, die sie ihrer jungen Herrin erzeigte. Die freiherrliche
Familie fuhr den zweiten Tag nach Wilhelmshhe, wohin ich sie zu Pferde
begleitete, und dann in ihrer Gesellschaft den Park, die Lwenburg, die
Danaidengruppe, das chinesische Drfchen, die Teufelsbrcke und so
weiter, im Grunde nur kostbare Spielereien, besah. Da der Baron und ich
ein paar Dukaten springen lieen, so sprangen auch die Wasser. Wir
gingen lngs der Kaskade hinauf bis zum Oktogon und zur Riesenbildsule
des Herkules, in dessen Keule ich mit den beiden Mdchen stieg, die
Alten blieben unten. Auch hier gab ich Wallfrieden die untrglichsten
Beweise meines Wohlwollens, whrend Sophie durch die ffnung der Keule
nach oben zu die mchtige Mannbarkeit des Kolosses bewunderte, und dann
lachend auch ihr errtendes Frulein darauf aufmerksam machte. Das
schne Schlo zu Wilhelmshhe konnten wir nicht betreten, da Seine
knigliche Hoheit der Zopfheld Kurfrst Wilhelm III. gerade dasselbe
bewohnte. Als wir um das prchtige Bowlingreen an demselben herumgingen,
hatten wir das Glck, seine widerliche Migestalt hinter einem Fenster
neben der famosen Grfin Schlotheim stehen zu sehen, worauf uns unser
Cicerone aufmerksam gemacht. Ein paar Tage zuvor hatte ein Englnder
sich erlaubt, dem Kurfrsten zum Trotz mitten ber diesen prchtigen
Rasen zu reiten, und zwar im Galopp. Der freche Insulaner hatte
geuert, er wolle dem frstlichen Seelenverkufer, der seine Untertanen
fr schndes Geld an seine Regierung verkauft und von diesem Blutgeld
solche Gelste befriedigt habe, einen kleinen rger verursachen.
Jedermann erwartete eine exemplarische Strafe des khnen Briten. Der
alte Kurfrst war aber so klug, als man bei ihm anfragte, was da zu tun
sei, es bei einer polizeilichen Strafe von einem Taler bewenden zu
lassen. Er frchtete die Englnder und wute, wie sehr sie durch ihre
Regierung allenthalben in Schutz genommen werden. Htte sich aber ein
Deutscher so etwas einfallen lassen, wie mchte es diesem wohl ergangen
sein? -- Der Brite bezahlte zwar die Strafe, lie es aber dabei noch
nicht bewenden, sondern spazierte erst mit einem fast schenkeldicken
Zopf, der bis an die Kniekehle hinabreichte, und dann sogar mit vier,
fnf, bis beinahe zur Erde herabhngenden Zpfen vor dem Schlo auf und
nieder. Seine Hoheit war aber so klug, auch hiervon keine weitere Notiz
zu nehmen.

Die Zopfwut dieses Frsten war eine krankhafte Manie. Gleich nach seiner
Rckkunft aus England, wohin er sich vor den Franzosen geflchtet,
muten alle seine Soldaten und Offiziere sich falsche Zpfe anbinden, da
ihre Haare lngst abgeschnitten waren, gepuderte Locken tragen und so
weiter. Einige banden die Zpfe an ihre Haare, andere, welche dieselben
nicht lang genug hatten, befestigten sie an die Hte. Als einst der
Kurfrst aus dem Schlo kam und die Wache schnell ins Gewehr treten
mute, sah er, da ein Offizier derselben zwei Zpfe hatte. -- Was, der
Teufel, soll das heien? kreischte Seine Hoheit. Will man mich zum
besten haben? -- Der Offizier konnte sich nicht erklren, was der
Kurfrst damit sagen wolle. -- Warum hat man zwei Zpfe? donnerte die
alte Hoheit. -- Der Offizier griff mit der linken Hand an seinen Schopf
und fhlte mit Entsetzen, da da zwei Zpfe herabhingen. Die Sache
klrte sich dadurch auf, da er den Hut eines Kameraden, der ihn gerade
besuchte und der seinen Zopf an demselben angebracht, whrend er den
seinigen an seinen Haaren befestigt hatte, in der Eile genommen.
Nichtsdestoweniger erhielt er Arrest und es kam ein Befehl heraus, da
niemand die Zpfe mehr an den Hten befestigen drfe, sondern alle an
die Haare gebunden sein mten, bis diese gro genug seien, um selbst
ein fr die Kriegskunst so hochwichtiges Ding formieren zu knnen. Diese
Zopfwut des Kurfrsten wurde in ganz Europa bespttelt. Das half aber
nichts, sondern machte Seine Hoheit nur um so obstinater, und er setzte
sogar eine Prmie auf eine den Haarwuchs schnell frdernde Salbe oder
Pomade, um noch das Vergngen zu haben, zu erleben, seine Soldaten keine
falschen Zpfe mehr, sondern echte tragen zu sehen. Dies Vergngen
sollte ihm indessen nicht mehr zuteil werden. Einige Offiziere jedoch,
die das Glck hatten, da ihre Haare schneller, als es gewhnlich ist,
wuchsen, und dem Frsten daher mit echten Zpfen aufwarten konnten, was
sie wohlweislich anzubringen wuten, hatten sich dessen
auerordentlicher Gnade, einer Zopfgratifikation und des Versprechens
eines schnellen Avancements zu erfreuen.

Den dritten Tag fuhren wir nach Marburg ab, wo wir die Elisabethkirche
besuchten, und dann die Reise ber Gieen und Friedberg nach Frankfurt
fortsetzten, wo wir spt in der Nacht ankamen und auf meine Veranlassung
smtlich im Englischen Hof abstiegen, da auch ich die Meinigen so spt
nicht mehr beunruhigen mochte.




                                  XII.

   Frankfurter Zustnde. -- Schwierigkeiten bei einer Verheiratung. --
      Ich soll mich um eine Anstellung in Frankfurt bewerben, gebe
        es aber schnell wieder auf. -- Senatorenstreiche. -- Ich
       beabsichtige eine Zeitschrift herauszugeben. -- Die Grfin
   Srvilier und ihre Tchter. -- Napoleons beabsichtigte Befreiung.
    -- Hausen. -- Frau von Busch. -- Homburg. -- Ich schwinge etwas
       derb die Geiel der Satire in meiner Zeitschrift; diverse
        Histrchen und Widerwrtigkeiten. -- Signora Catalani in
     Frankfurt. -- Napoleons Tod. -- Frst Y...s trauriges Ende. --
      Mller-Broli. -- Der Jude Dobrusky. -- Ein Besuch von sieben
   Schauspielern. -- Die Sngerin Canzi. -- Verbot meiner Zeitschrift.
    -- Eine lustig-romantische Rheinreise. -- Die Schlangenmdchen.
          -- Therese Peche. -- Ich bilde sie fr das Theater.


Den anderen Morgen eilte ich um acht Uhr in das elterliche Haus, wo ich
schon seit mehreren Tagen erwartet und wieder recht freudig aufgenommen
wurde. Eine nicht unbedeutende Erbschaft hatte die Vermgensverhltnisse
meiner Eltern, die nicht mehr die glnzendsten gewesen, wieder gehoben,
und man hie mich herzlich willkommen. -- Ich machte abermals meine
Rundbesuche bei der werten Verwandtschaft, bei der ich zum Teil se,
zum Teil saure Gesichter zu sehen bekam, indem mehrere der guten Vettern
und Basen sich groe Sorgen um mein knftiges Fortkommen und was wohl
noch aus mir werden solle, machten, whrend dies mein geringster Kummer,
obgleich ich darber noch mit mir selbst nicht im Reinen war. In den
ersten Tagen nach meiner Ankunft machte ich noch den Fhrer der
freiherrlichen Familie und zeigte ihr die Sehenswrdigkeiten meiner
Vaterstadt, wobei ich auch nicht unterlie, mit Wallfrieden und Sophien
den alten verschwiegenen Pfarrturm zu besteigen, um ihnen die herrliche
Aussicht, die man von diesem geniet, und die Umgebung Frankfurts zu
zeigen. Einige Tage nach ihrer Abreise unternahm auch ich eine Reise,
und zwar nach Paris, denn es zogen mich die Erinnerungen meines ersten
Dienstes wieder nach Frankreich, wo ich nach Umstnden und wenn es
anginge, eine Anstellung nehmen wollte. Hier fand ich aber alles ganz
verndert und sehr verschieden von den frheren Verhltnissen. Die mit
Ludwig XVIII. zurckgekehrten Emigranten saen am Ruder und regierten
so, da jedem Unbefangenen einleuchten mute, dies knne nicht von Dauer
sein, und ich bekam gar keine Lust, nur den mindesten Versuch zu machen,
um eine Anstellung zu erhalten. Ich blieb deshalb kaum acht Tage in
Paris, whrend denen ich mich fast ausschlielich damit beschftigte,
mir die Werke, Broschren und sonstigen Hilfsquellen anzuschaffen, die
mir Carnot zu der Herausgabe meines historischen Werkes ber die
franzsische Revolution als notwendig empfohlen hatte. Es gelang mir,
wenn auch nicht ohne Schwierigkeiten und Mhe, die meisten aufzutreiben.
Auch kaufte ich noch viele nicht bezeichnete Bcher, die mir bei dieser
Gelegenheit in die Hnde fielen, und die ich zu meinem Zweck dienlich
glaubte. Ich kehrte nun mit einer groen Kiste Bcher beladen nach
Frankfurt zurck und machte mich ernstlich ans Werk, obgleich die
wenigen Personen von meinen Verwandten, denen ich das Vorhaben
mitteilte, und unter ihnen auch mein Oheim Weller und Franz Fahrtrapp,
ein Nachkomme des alten Franz, den wir am Anfang dieser Memoiren kennen
gelernt, und der eine Kunst- und Buchhandlung, groe Druckereien und so
weiter hatte, sehr ernstlich von einem so schwierigen Unternehmen
abrieten, wozu ich schwerlich einen Verleger finden wrde, da schon
Hunderte von Bchern ber diesen Gegenstand auch in deutscher Sprache,
zum Teil von sehr tiefgelehrten Leuten erschienen seien, und keines ein
groes Glck gemacht habe. Der Hauptgrund ihres Abratens aber mochte
wohl der sein, da sie mir als einem, der nicht auf Universitten
gewesen, also nicht systematisch studiert habe, die Fhigkeit, ein Buch
zu schreiben, nicht zutrauten. Gar viele Deutsche, und besonders
grundlos tiefe Gelehrte und solche Buchhndler, von denen schon Voltaire
sagt: Sie glauben Verstand zu haben, weil sie den anderer Leute in
ihren Buden verkaufen, sind in diesem Khlerglauben befangen; bei
ersteren ist es jedoch meistens nur schlecht versteckter Brotneid.

Ein erfreuliches Ereignis hielt mich indessen fr den Augenblick ab,
mich dieser historischen Arbeit, die anfing, mir Vergngen zu machen,
anhaltend zu widmen. -- Meine Schwester wurde die Braut eines
angesehenen Beamten eines Nachbarstaates, und mir ward jetzt der
Auftrag, alle die bei solchen Umstnden in Frankfurt stattfindenden
Schwierigkeiten, die mit viel Laufereien, allerlei Eingaben und
Schreibereien, zum Teil unangenehmen Gngen und Mahnungen verknpft
sind, wobei man mehrere Monate hingehalten wird und es hauptschlich auf
Prellereien und Gelderpressungen abgesehen ist, zu beseitigen. Ich
konnte mit den Herren vom Amte gar nicht fertig werden, da immer wieder
neue Anfragen gemacht, allerlei Papiere und Atteste herbeigeschafft
werden sollten und auf dem jngeren Brgermeisteramt, dem die
Heiratsangelegenheiten obliegen, dennoch nichts gefrdert wurde. -- Ja,
haben Sie sich denn schon mit dem Aktuar Bingel verstndigt? fragte
mich einer der hochweisen Senatoren. -- Wieso, erwiderte ich, was
habe ich denn mit diesem abzumachen? -- Mein Gott, das wissen Sie
nicht? Das ist ja der rechte Arm auf dem Brgermeisteramt, der
eigentliche Brgermeister, denn der wird nicht gewechselt. Werfen Sie
diesem ein paar Dukaten in die Rippen, dann wird Ihre Sache weit
schneller gehen. Wenn man gut fahren will, so mu man auch gut
schmieren. Und dies war einer der Senatoren, ein Zweiundvierzigstel der
Frankfurter Souvernitt, der mir diesen freundschaftlichen Rat
erteilte! -- Auf ein paar Dukaten kam es hier natrlich nicht an, und
ich warf ihm sechs Brabnter in die Rippen. Als ich aber hrte, da die
Sache dennoch ber sechs Wochen dauern knne, und dies meinem
zuknftigen Schwager mitteilte, der ohnehin von dem Frankfurter
Brgerrecht, das jene Herren so hoch anschlagen, als knne es schon
allein glcklich machen, und das man mit der Verheiratung einer
Frankfurter Brgerstochter in Anspruch nehmen kann, gar nichts wissen
wollte, so beschlossen wir, den hochweisen Herren ein Schnippchen zu
schlagen. Der Brutigam lie sich von seinem Souvern die Erlaubnis zur
Trauung geben, und sodann, in Offenbach vom Oberpfarrer Waldeck,
demselben, bei dem ich konfirmiert worden war, trauen, und fhrte dann
seine junge Frau vergngt heim. -- Unterdessen kamen noch fortwhrend
Schriften und Anordnungen vom Brgermeisteramt, die da besagten, jetzt
msse noch dieses und jenes herbeigeschafft werden und so weiter, bis
ich mir die Mhe gab, noch einmal selbst auf den Rmer zu gehen und die
Herren zu bitten, sie mchten sich doch keine vergebliche Mhe und
Arbeit mehr machen, meine Schwester sei bereits schon seit lnger als
einer Woche verheiratet und mit ihrem Mann auf und davon. -- Ich glaube,
wenn ich den Leuten den Untergang der Stadt Frankfurt prophezeit htte,
so htten sie keine lngeren, verdutzteren und einfltigeren Gesichter
machen knnen. Sie stierten mich mit groen Kalbsaugen und sperrweit
geffneten Mulern an. Besonders aber schien der Herr Brgermeister ganz
verblfft, und als er endlich etwas von seiner Perplexitt
zurckgekommen war, geruhte er zu stottern: Wa--wa--was haben Sie
gesagt?

Da meine Schwester schon ber acht Tage verheiratet ist, und mit ihrem
Gatten die Stadt und deren Gebiet verlassen hat.

Wie--wie--wie ist das mglich?

Der Herr Pfarrer hat sie getraut.

Wer hat sich das unterstanden?

Der Herr Oberpfarrer in Offenbach, mit Ihrer gtigen Erlaubnis.

Das mu sogleich an die groherzogliche Regierung berichtet werden.
Diese Trauung darf nicht gelten.

Geben sich der Herr Brgermeister keine vergebliche Mhe. Die Trauung
ist mit der eigenhndigen schriftlichen Einwilligung Seiner kniglichen
Hoheit geschehen, folglich vollkommen gltig.

Wir sind ebenso souvern als der Groherzog, und der darf nicht in
unsere Rechte greifen.

Das machen Sie geflligst mit ihm ab.

Auf jeden Fall verliert Ihr Schwager das Frankfurter Brgerrecht.

Darauf hat er schon im voraus verzichtet.

Der Unglckliche, er wei nicht, was er verliert!

Wohl mglich.

Die Herren sahen sich gegenseitig wieder ebenso perplex an; denn wie man
das Frankfurter Brgerrecht so aufgeben konnte, ging ber ihr
Fassungsvermgen. Nein, so etwas ist mir noch nicht vorgekommen, da
steht einem der Verstand still, lie sich einer und der andere
vernehmen, und ich fand fr gut, lchelnd mich gehorsamst zu empfehlen,
damit der Verstand wieder in Gang kommen mge. Aber ...

Indessen drangen meine Eltern in mich, doch irgendeinen Entschlu zu
fassen, und besonders meine Mutter wnschte, da ich nach so vielen
Jahren mich endlich in meiner Vaterstadt fixieren mchte, mir zugleich
versichernd, es wrde mir gewi an einer fr mich passenden Anstellung
nicht fehlen, wenn ich mich nur im Geringsten darum bemhen wolle. Ein
mit unserer Familie befreundeter Schffe, der schon zweimal einjhriger
wohlregierender Brgermeister gewesen, habe ihr im Vertrauen mitgeteilt,
da man eine Polizeidirektorstelle zu kreieren beabsichtige, und dem zu
ernennenden Direktor zu gleicher Zeit der Auftrag wrde, in den
Angelegenheiten der Stadt mit dem Bundestag zu verkehren, wozu sich
keiner der dermaligen Senatoren wohl eigne; es msse ein Mann sein, der
mehrere Sprachen, besonders auch das Franzsische gelufig spreche,
mancherlei Kenntnisse und namentlich viel Welterfahrung habe und so
weiter, und damit geendigt, da er glaube, eine solche Stelle sei ganz
fr mich gemacht, ich mge mich nur einstweilen bei den
Senatsmitgliedern prsentieren und empfehlen. Ob mir gleich ein solches
Amt, das mich wieder von hunderterlei Dingen und Leuten abhngig machen
mute, durchaus nicht konvenierte, so bequemte ich mich dennoch, meinen
Eltern zuliebe, die es beraus wnschten und meinten, es wrde ihnen ein
wahrer Trost im Alter sein, mich durch eine solche Anstellung gesichert
bei sich zu sehen, sogenannte Empfehlungsbesuche bei mehreren der
hochweisen Herren und auch den beiden einjhrig Wohlregierenden zu
machen. Die Fragen, die man dabei an mich richtete, bezweckten durchaus
nicht, zu erforschen, ob ich wohl auch die ntigen Fhigkeiten, Talente,
Kenntnisse, die ein solches Amt erfordert, bese. Von dem allem war gar
keine Sprache, wie denn berhaupt bei der Besetzung irgendeiner Stelle
die Kapazitt zu derselben in Frankfurt niemals in Anschlag gebracht
oder auch nur darnach gefragt wird, sondern Protektion und Konnexionen
allein erwogen werden. Man erkundigte sich, ob ich auch schon diesem
oder jenem meine Aufwartung gemacht habe, ob ich mich auch recht
erkenntlich zeigen wrde, wenn man mir die Stelle gebe. Einige
Senatoren, an die ich besonders empfohlen war, gaben mir den guten Rat,
mich bei dieser und jener Dame hauptschlich beliebt zu machen, ja recht
hflich gegen Senatorsfrauen und -Tchter und alle Anverwandte bis ins
zehnte Glied zu sein, denn schon gar mancher habe eine gute Stelle
erhalten, weil die Frau Schffin so und so zu ihrem Mann gesagt: Dem
mut du derzu helfe, dann es is doch gar  hflicher Mensch, er grt
mich allemal, wann er mich sieht, schon fnfzig Schritt weit, und nimmt
den Hut tief herunner. Auch einige Kchinnen, welche groen Einflu auf
gewisse Senatoren htten, da sie vortrefflich kochten, wurde mir
geraten, mit kleinen Geschenken zu bedenken. Eine Freundin meiner Mutter
brachte dieser sogar eine Liste, auf welcher an zweihundert Personen
figurierten, fast alle Verwandte, Vetter, Basen, Schwger,
Schwiegermtter, Tanten und so weiter von Senatoren, denen ich ja nicht
vergessen drfe, smtlich meine Aufwartung zu machen, denn man habe
schon fters das Beispiel gehabt, da eine einzige Hintansetzung einer
solchen wichtigen Person das Nichterhalten der Stelle des Aspiranten zur
Folge gehabt, wie noch neulich mit dem Herrn S..., der es vergessen, der
Grotante des Senators B... seine Aufwartung zu machen, und deshalb bei
aller Tchtigkeit das Amt, als ein Mensch, der nicht zu leben wisse,
nicht erhalten habe. -- Dies war mir denn doch ein wenig zu toll --
Nein, lieber Vater, und wenn man mir Millionen anbte, so wrde ich
eine solche Stelle nicht annehmen, nachdem ich die hiesigen Verhltnisse
nher kennen gelernt und ziemlich durchschaut habe, sagte ich zu meinen
Eltern, als wieder die Rede darauf kam, auch wrde ich sie keine drei
Wochen behalten; denn wer in dem faulen und stinkenden Sumpfpfuhl der
Frankfurter Behrdenwelt leben kann, der mu eine Lunge und ein Gewissen
haben, weiter und durchlcherter als das Danaidenfa. Ich werde aber
dennoch in Frankfurt bleiben und mir eine unabhngige Existenz zu
grnden suchen. -- Darauf gingen nun meine Gedanken und meine
Bemhungen vorerst aus, whrend ich unter der Hand tglich an meinem
historischen Werk arbeitete und viel las. -- Aber was beginnen? Darber
konnte ich eine Zeit lang nicht ins Reine kommen. -- Eines Tages fielen
mir unter meinen Papieren einige Nummern des >Beobachters an der Spree<
in die Hand, die ich von Berlin mitgenommen, weil meine Aufstze in
denselben standen, und pltzlich sagte ich zu mir selbst: Wie wre es,
wenn ich hier ein hnliches Volksblatt herausgebe. An Stoff dazu fehlt
es wahrlich nicht. Ich habe durch das Projekt einer Anstellung den
hiesigen Augiasstall zur Genge kennen gelernt, und es wre wohl noch
ein Verdienst, zu versuchen, etwas zu seiner Reinigung beizutragen,
obgleich man keinen Mohren wei wscht. Diese Idee bildete sich immer
mehr in meinem Kopf aus, und ich hatte damals wirklich noch den
einfltigen Glauben, wenn ich auf die grlichen belstnde der
Verwaltung und Regierung Frankfurts aufmerksam machte und den Leuten
ber gewisse Dinge die Augen ffnete, dies wohl etwas bessern knnte.

Aber ein Umstand machte mich zweifelhaft: Brne, der geistreichste,
witzigste Kopf, der in ganz Deutschland lebte, gab damals >Die
Zeitschwingen< heraus und schwang in denselben eine Geiel, die kein
anderer so zu handhaben vermochte. Dieser, frchtete ich, wrde meinem
Vorhaben im Wege stehen. Ich machte ihm deshalb einen Besuch, teilte ihm
mein Projekt mit, zu dem er mich nicht nur ermunterte, sondern mir
versprach, was zu dessen Frderung an ihm liege, wrde er gerne tun,
darauf knne ich mich verlassen. Auch teilte er mir manche Dinge mit,
die er, als frher bei der Polizei angestellt, in Erfahrung gebracht,
und die zu benutzen er mir freistellte. Da ich unter den erbrmlichen
Frankfurter Zensurverhltnissen[4] kein solches Blatt herausgeben
konnte, war mir auch klar, ohne da mich Brne darauf aufmerksam gemacht
htte, und ich kam deshalb bei der groherzoglich-hessischen Regierung
um die Erlaubnis ein, eine Zeitschrift in Offenbach herausgeben zu
drfen, die mir auch bald gewhrt wurde. Mehrere Umstnde veranlaten
mich indessen, von der erhaltenen Bewilligung nicht sogleich Gebrauch zu
machen und die Herausgabe der Zeitschrift vorerst noch zu verschieben.

Damals lebte nmlich die ehemalige Knigin von Spanien, frher Knigin
von Neapel, wo ich sie schon kennen gelernt hatte, unter dem Namen einer
Grfin Survilier mit ihren beiden Tchtern zu Frankfurt in dem
Gartenpavillon des roten Hauses, sehr eingezogen. Sie war, wie bekannt,
die Gattin Joseph Bonapartes, der sich in Amerika aufhielt. Diese Dame
war eine der trefflichsten weiblichen Charaktere, die ich jemals kennen
gelernt. Die Tochter eines Marseiller Kaufmanns, hatte sie der Besitz
von Thron und Krone nicht im mindesten hochmtig, ja noch bescheidener
gemacht. Ein unendliches Wohlwollen gegen alle Menschen, die sie so
gerne glcklich gewut und gemacht, wenn es in ihrer Macht gelegen
htte, war ein Hauptzug im Charakter dieser wrdigen Frau, ein Engel an
Sanftmut, Gte, Tugend und Seelenreinheit, ihre Wohltaten hatten keine
Grenzen. Obgleich keine ausgezeichnete Schnheit, war sie doch selbst im
vorgerckten Alter noch hchst liebenswrdig. Sie beschftigte sich in
Frankfurt, sowie schon frher, fast einzig mit der Erziehung und
Ausbildung ihrer beiden Tchter, von denen die lteste, Zenade, damals
neunzehn, und die jngere, Charlotte, etwa siebzehn Jahre alt sein
mochte. Beide Mdchen waren durch ihren hohen Geist, ihre Talente, ihre
treffliche Erziehung und ihre krperliche Bildung ausgezeichnet.
Charlotte hatte besonders in der Malerei kein gewhnliches Talent, und
in der Musik waren beide ziemlich vorangeschritten. Piano, Harfe und
Gesang dienten zu ihrer Erholung, whrend sie die meisten Stunden den
hheren wissenschaftlichen Kenntnissen widmeten.

[Funote 4: Man kann sich einen Begriff davon machen, wie die Zensur der
freien Stadt Frankfurt gehandhabt wurde, wenn man erfhrt, da der
Zensor vom Brgermeisteramt die Instruktion hatte, alles zu streichen
was er nicht verstnde. Dies kam daher, da der gute Mann manche
Artikel, die einen etwas verblmten Sinn gehabt, in aller Unschuld hatte
stehen lassen, wodurch er dem hohen Senat mehr als einen Wischer vom
Bundestag zuzog, wo er sich dann mit Unwissenheit ber dessen Bedeutung
entschuldigt hatte. -- So streichen Sie in Teufels Namen was Sie nicht
verstehen, hatte ihm der jngere Brgermeister anbefohlen; da nun der
gute Mann fast gar nichts verstand, so kann man denken, wie er strich.
-- ber Frankfurter Verhltnisse durfte ein fr allemal in den
Frankfurter Blttern gar nichts gedruckt werden, nicht einmal die
gehorsamste Anfrage wegen irgend eines belstandes, denn -- im Dunkeln
ist am besten munkeln.]

Ich lie mich bei den Damen als ehemaligen franzsischen Offizier
melden, wurde an- und freundlich aufgenommen und gebeten, meine Besuche
recht oft zu wiederholen. Wie ungemein anziehend mir die Unterhaltung
dieser Damen war, die sich meistens um Ereignisse und Begebenheiten
Napoleons und seiner Angehrigen drehte, kann ich nicht sagen. Ich
erhielt ber manche Verhltnisse, namentlich ber die Napoleons zu
seinem Bruder Joseph und anderer, Aufschlsse, die von hohem Wert fr
das Werk waren, das ich herauszugeben beabsichtigte. Indessen waren
nicht immer die Politik und Staatsangelegenheiten das Thema der
Konversation, sondern es wurde auch musiziert, vorgelesen und so weiter.
Die einzige Person in Frankfurt, die auer mir noch Zutritt bei der
Familie hatte, war die Tochter aus einem der ersten Bankierhuser
daselbst, Frulein M..., deren Haus die Geldangelegenheiten der Grfin
Survilier besorgte. Dieses Mdchen hatte einen aufgeweckten, sehr
munteren und heiteren Humor, liebte gern kleine Abenteuer und machte den
Damen manche kleine Zerstreuung durch die Stadthistrchen, die sie ihnen
auf die launigste Weise und mit oft sehr witzigen Bemerkungen erzhlte.
Es wurden von Zeit zu Zeit auch kleine Komdien aufgefhrt, bei denen
die Grfinmutter und ein paar Kammerfrauen die einzigen Zuschauer
abgaben, und ich der einzige mnnliche Akteur war. Dennoch aber machten
sie uns allen vielen Spa. Frulein M..., die bisweilen eine kleine
Rolle bernahm, machte die erste Liebhaberin so natrlich, obgleich mit
einem etwas sehr germanischen Akzent, da sie mich bezauberte, und sich
bald auch auer der Bhne ein kleines Liebesverhltnis unter uns
entspann, von dem die Familie Survilier aber nichts ahnte, da wir uns
Rendezvous auer dem roten Haus und meist im alten verschwiegenen
Pfarrturm gaben. Da wir fast nie Gelegenheit hatten, uns im roten Haus
nur ein paar Worte allein zu sagen, und deutsch zu sprechen in Gegenwart
der anderen Damen unschicklich gewesen wre, so tauschten wir
gegenseitig unbemerkt kleine Briefchen aus, in denen das weitere
verabredet war. Eines Tages hatte Madame M..., die Mutter, das
Tchterchen bei dem Lesen eines solchen berrascht und wollte es ihr, da
sie sich weigerte, dasselbe herauszugeben, mit Gewalt entreien. Aber
das Mdchen lief ihr davon, die Mutter ihr nach und verfolgte sie alle
Treppen hinauf bis auf den obersten Boden, wo erstere, da sie sich nicht
mehr zu helfen wute, das Billett zerri und es verschluckte, ehe Mama
noch bei ihr war, und beinahe daran erstickt wre. Es gab nun ein arges
Donnerwetter zwischen Mutter und Tochter, und Madame M... war einfltig
genug, die Sache publik und also zum Stadtskandal zu machen, so da vier
Wochen lang in allen Teeklatschen die Begebenheit, reichlich verziert,
Stoff zur Unterhaltung gab.

Zu jener Zeit kam auch der General Gourgaud von Sankt Helena zurck, wo
er Napoleon, seinen Herrn, schon krnklich verlassen hatte, und hielt
sich eine Zeitlang in Frankfurt auf, nachdem er in Hamburg vom dortigen
Senat wegen einer Damenintrige, in deren Folge er sich eine
Herausforderung hatte zu Schulden kommen lassen, ausgewiesen worden war.
Auch in Frankfurt gestattete man ihm nicht, eine Privatwohnung zu
beziehen, sondern er mute in einem Gasthaus, dem Pariser Hof, whrend
der Dauer seines Aufenthaltes wohnen bleiben. Diesen lernte ich zuerst
bei der Grfin Survilier kennen, die er oft besuchte, und wo er uerst
interessante Mitteilungen ber das Leben des Exkaisers auf Sankt Helena
machte. Da er hrte, da ich an einem groen Werke der Geschichte
unserer Zeit arbeite, zu dem mir der General Carnot die erste Anleitung
gegeben, so erbot auch er sich, mir wichtige Notizen mitzuteilen, die
ich aber wenig benutzte, da sie offenbar der Wahrheit nicht getreue
Entstellungen enthielten und hchst parteiisch waren.

brigens kam jetzt ein sehr ernstes Thema bei den Abendunterhaltungen
der Grfin Survilier zur Sprache, dessen Gegenstand kein geringerer als
ein Projekt zur Befreiung Napoleons aus der englischen Gefangenschaft zu
Sankt Helena war, das aber die Krankheit und das bald darauf erfolgende
Ableben des Gefangenen nicht zur Ausfhrung kommen lie. Nachdem mancher
abenteuerliche Vorschlag gemacht, mancher Luftpalast erbaut und wieder
niedergerissen oder als unausfhrbar verworfen worden war, blieb man bei
folgendem, gewi sehr gut kombinierten Plan stehen: Ich sollte nach
London reisen und dort den Chef eines Handelshauses, der als groer
Verehrer Napoleons bekannt war, in das Geheimnis ziehen, um durch ihn
und in seinem Namen ein Schiff nach Ostindien ausrsten zu lassen, auf
welchem ich mich als Privatspekulant und mit guten Empfehlungsschreiben
an das dortige Gouvernement versehen, dahin begeben sollte. Nachdem ich
mich daselbst einige Zeit aufgehalten, sollte ich den Verlust meines
ganzen Vermgens angeben und mglichst verffentlichen, und mich dann
auf einem anderen, nach England zurckkehrenden Ostindienfahrer, der in
Sankt Helena anhielt, einschiffen, bei dem dortigen Gouverneur Hudson
Lowe melden und ihm vom Ostindischen Gouvernement mitgebrachte
Empfehlungsschreiben vorzeigen, die ich durch die aus England
mitgebrachten Empfehlungen leicht erhalten knnte, und in denen von
meinem angeblichen Verlust die Rede sei. Alle diese groen
Weitlufigkeiten waren ntig, um auch den leisesten Verdacht zu
entfernen. Auch noch andere Empfehlungen an einen in Sankt Jamestown
etablierten Mann sollte ich durch das Londoner Haus erhalten, dem ich
jedoch nicht eher etwas von der beabsichtigten Unternehmung mitteilen
drfe, bevor ich mich von seiner Zuverlssigkeit vollkommen berzeugt
habe. In Sankt Helena sollte ich krank werden und allerlei Mittel
anwenden, damit mein Aussehen die angebliche Krankheit besttigte,
namentlich Brustbeschwerden und Husten fingieren, unter diesem Vorwande
auf der Insel zurckbleiben, und nachdem ich allmhlich etwas besser
geworden, um die Erlaubnis einkommen, eine Taverne in Sankt Jamestown
errichten zu drfen, die mir vermittelst der von Ostindien mitgebrachten
Schreiben und unter der gide eines Brgers der Stadt wohl gewhrt
werden wrde. Durch vorzglich gute Qualitt der Getrnke und billige
Preise, jedoch nicht auffallend, sollte ich mir namentlich unter dem
Militr, bald eine groe Kundschaft verschaffen, mit gehriger Vorsicht
viel Kredit geben, diejenigen Personen, von denen ich glaube, da nichts
mit ihnen anzufangen sei, hauptschlich Soldaten, gehrig ans Bezahlen
mahnen, ohne sie jedoch gerade zu brskieren; bei denen aber, wo ich das
Gegenteil merke, das Anschreiben von Zeit zu Zeit vergessen. Durch
dieses Mittel sollte ich meine Leute kennen, die Brauchbaren
unterscheiden lernen, und womglich auch einige Offiziere zu gewinnen
suchen, namentlich solche, die Mivergngen mit ihrer Lage bezeigten.
Nachdem ich mich auf diese Art nach und nach dem Ziele nher gerckt,
sollte ich bei den bereits Erprobten es weder an groen Versprechungen,
Geschenken, noch Versicherungen auf reichliche Versorgung fr die
Lebenszeit fehlen lassen. Wenn ich mir auf diese Weise nun einen kleinen
Anhang verschafft, so sollte ich suchen, jemand von Napoleons Umgebung
mit dem Plan bekanntzumachen und am Tage der Ausfhrung durch die
gewonnenen Offiziere alle Posten um Longwood von den ebenfalls
gewonnenen Soldaten besetzen lassen, auch eine Fischerbarke an dem
steilsten Ufer von Sankt Helena in der zur Ausfhrung des Planes
bestimmten Nacht bereithalten, welche den Gefangenen, nachdem man ihn
mit Stricken hinabgelassen, entfhren und auf ein zu diesem Behuf so
nahe als mglich kreuzendes amerikanisches Kauffahrteischiff bringen
mte. Sollte ich indessen dies fr untunlich oder zu gewagt halten, so
bliebe es meiner Einsicht berlassen, durch eine frmliche Revolte der
Verschworenen diese Befreiung zu bewerkstelligen, wobei man viel auf die
wegen der mancherlei Beschrnkungen hchst unzufriedenen Einwohner von
Sankt Helena, sowie auf einen groen Teil der Garnison und der Neger
zhlen zu knnen glaubte, da diese ber mancherlei Vexationen und
schlechte Behandlung, die ihnen zuteil geworden, seitdem man ihre Insel
zu Napoleons Kerker gemacht, sehr aufgebracht waren. Auch dieses sollte
in der Stille der Nacht vor sich gehen, damit die nicht bestochenen
Signalposten verhindert wrden, zu frh Lrm zu schlagen, und so die
Kreuzer aufmerksam gemacht wrden, bevor die Barke glcklich
durchgekommen. In diesem Fall sollte auch versucht werden, sich der
Person des Gouverneurs zu bemchtigen, aber womglich alles
Blutvergieen vermieden werden. Unterdessen sollte man auch dafr Sorge
tragen, so viel wie mglich Leute, die man als groe Verehrer Napoleons
kenne, als Bediente, Handwerker, Kche und so weiter, in Sankt Helena
unterzubringen, um sich ihrer im Fall des Aufstandes bedienen zu knnen,
ohne sie vorher in irgendetwas einzuweihen. Amerikanische
Kauffahrteischiffe sollten sich bestndig in gehriger Distanz von der
Insel aufhalten, aber keines lnger als ein paar Tage, um keinen
Verdacht zu erregen und damit sie als nur vorbersegelnd betrachtet
wrden. Auch sollten sie nur in Zwischenrumen von acht bis vierzehn
Tagen sichtbar werden, verschiedene Flaggen aushngen und nie so nahe
herankommen, da man sie anrufen oder ihnen nur signalisieren knne. Im
brigen sollte es mir berlassen bleiben, einmal auf der Insel, noch
diejenigen Mittel anzuwenden und Vorkehrungen zu treffen, die ich fr
dienlich halten wrde, den groen Zweck zu erreichen.

General Gourgaud hatte der Grfin Survilier manche Details ber die
Bewachung Napoleons und das Innere der Insel von Sankt Helena
mitgeteilt, welche die groen Schwierigkeiten eines solchen Unternehmens
dartaten, die man jedoch nicht fr unberwindlich hielt. Es sollte nun
vorerst die Sache mit dem Londoner Haus eingeleitet werden und wurde
auch mit einem, als Napoleons auerordentlich groen Verehrer bekannten
englischen Lord C... deshalb verhandelt. Dieser schenkte zwar dem
entworfenen Plan seinen Beifall, aber das Fortschaffen Napoleons
vermittelst einer Barke schien ihm zu gefhrlich. Ich selbst hatte
mehrere Konferenzen mit diesem Englnder zu Paris, wohin ich auf wenige
Tage reiste, wobei er mir sagte, da, wenn man auch die Befreiung des
Exkaisers, es sei durch List und Bestechung oder durch offene Gewalt,
errungen habe, dennoch die Kreuzer, selbst wenn die nchsten
Signalposten gewonnen, zu wachsam und gefhrlich seien, als da man
hoffen knne, unangefochten durchzukommen. Er riet mir brigens von
offener Gewalt ganz ab, nur durch List und Bestechung sei etwas zu
hoffen. Jede Gewaltttigkeit wrde sogleich auf den Schiffen bekannt,
und ein Aufstand sogleich eine frmliche Belagerung der Insel
herbeifhren. Am sichersten wre es freilich, wenn man einen oder ein
paar der die Kreuzer befehligenden Kommandanten gewinnen knne; doch
daran sei nicht zu denken. Auerdem war seine Meinung, man drfe hier
durchaus nichts bereilen, es msse alles auf das reiflichste berlegt
und geprft werden, er hoffe noch ein Mittel zu finden, das unfehlbar
zum Ziele fhre. Mit diesen Vertrstungen kam ich nach Frankfurt zurck,
und man kam berein, die ferneren Berichte des Lords abzuwarten, bevor
man in der Sache weitere Schritte tue.

Einstweilen arbeitete ich an meinem Werk fort, machte fters Exkursionen
in das Taunusgebirge und die mir zum Teil noch sehr unbekannte Umgegend
Frankfurts und hatte allerlei kleine, mehr oder minder unterhaltende
Abenteuer, mitunter auch mit einigen Gespielinnen aus meiner Kindheit,
wie die an einen reichen Kaufmann verheiratete Karoline Th..., Lili O...
und Tinchen L..., die sich alle noch gut konserviert hatten. Pikantere
Bekanntschaften waren mir aber die einer jungen angehenden
Schauspielerin, Betty U..., und eines allerliebsten und sehr
geistreichen jungen Mdchens, Jeannette G..., beide sehr schn und
letztere die Tochter einer Witwe, die eine Kaffeewirtschaft hatte.

Ein Vorfall anderer Art, bei dem ich beteiligt war, machte Lrm und
Aufsehen in Frankfurt. Es war nmlich Feuer in der kleinen Eschenheimer
Gasse ausgekommen, und da man in der engen Strae dem brennenden Haus
nicht wohl mit den Spritzen beikommen konnte, so wollten die Fhrer
derselben in den Hof des Thurn und Taxisschen Palais, dem Sitz des
Bundestages, in den man von der groen Eschenheimer Gasse einfhrt, um
von da aus, wo man die Schluche durch einige Fenster leiten konnte, dem
Feuer Einhalt zu tun. Dagegen stellte sich aber ein Mensch, der,
obgleich es noch ziemlich frh in den Vormittagsstunden war, sich doch
schon ein artiges Ruschchen angetrunken hatte und zu den Spritzenleuten
in echt sterreichischem Dialekt sagte: Un' Se drfens halt nit rein,
wir hobens hier alle Bundestagsakten und Papier', und drfen kane
Spritzen rein, dos knnt' a saubere Geschicht' werden. -- Ich kam
gerade zu dieser Diskussion und stellte dem Mann vor, da, wenn das
Feuer mehr um sich griffe, die Papiere des durchlauchtigen Bundestages
weit mehr gefhrdet wrden, als durch die Spritzen. -- Un' 's geht halt
mol nit, un' es kann halt nit sein, lallte der Trunkene und befahl dem
Portier, das Tor zuzumachen. Als ich nochmals Vorstellungen dagegen
machte, sagte er zu mir: Und Sie, wem sein's? Sie sinn jetzt hier im
Arrest im Palais. -- Ich lachte dem Menschen ins Gesicht, der aber nun
in hchsten Zorn geriet und laut schrie: Korporal von der Wacht, do
er's wei, der Mensch hier is im Arrest, und lassen's en net raus! --
Dieser erwiderte: Ganz wohl, Herr Kassierer. -- Ich erfuhr nun, da
der Trunkenbold der sterreichische Kassier beim Bundestag sei und sich
Horrak nenne. Ich begab mich jetzt zum sterreichischen
Prsidialgesandten, Buol-Schauenstein, selbst und teilte ihm den Vorfall
mit. Dieser gab natrlich gleich Order zu meiner Freilassung, indem er
sagte: Es ist doch kein Auskommen mit dem Trunkenbold, er macht einen
Eselsstreich nach dem anderen. Als ich durch den Hof kam, in welchem
ich den Horrak noch traf, sagte ich im Vorbergehen: Sie sollen zu
Ihrem Herrn kommen, der sich Ihre Eselsstreiche verbittet. -- Wos
sagen's da, i mach' halt kane Eselsstreich', das will i mir verbeten
haben. -- Mit einem: Schlafen Sie Ihren Rausch aus, Sie werden das
Weitere von mir hren, lie ich den Kerl stehen und entfernte mich nun
ungehindert. Ich schrieb ihm aber noch denselben Tag ein paar Zeilen,
durch welche ich Genugtuung von ihm wegen des verbten Gewaltstreichs
und so unbefugten als lcherlich angebotenen Arrests begehrte. Horrak
aber lief mit dem Brief auf das Frankfurter Polizeiamt, dem er mit der
Ungnade des sterreichischen Gesandten drohte, wenn es mich wegen dieser
Herausforderung nicht vornehme. -- Schauen's, meine Herren, sagte er,
was soll i mi dann mit dem Menschen schlagen? I bin ja gar nit mol
Soldat, und z'dem habe ans unser gndigster Kaiser an- fr allmol
verboten, da wir uns duellieren drfen, das is  Narretei. -- Ich
wurde nun auf das Polizeiamt, das, gleich allen Frankfurter Behrden,
gewaltig Respekt und Furcht vor den Bundestagsgesandten hatte, und
besonders, wenn der sterreichische, russische oder preuische Gesandte
nur gndig hustete, schon ein Angstfieber bekam und nicht schnell genug
ein Loch finden konnte, sich zu verkriechen, gefordert, wo mir der
damals demselben vorstehende Senator Wstefeld ankndigte: da ich mich
nicht unterstehen drfe, in Frankfurt an irgend jemand eine
Herausforderung ergehen zu lassen, und am allerwenigsten an Personen von
dem durchlauchtigsten Gesandtschaftspersonal, sonst knne es mir schlimm
ergehen, und es sei nicht schn von mir, da ich die Frankfurter
Behrden mit dem Bundestag, der ihnen ohnehin so viel zu schaffen mache,
in solche Konflikte bringe, und so weiter. Meine ganze Antwort war:
Herr Senator, wir werden uns doch am Ende nicht noch von den
Schuhputzern des Bundestages auf der Nase herumtanzen, oder von
Trunkenbolden, wie dieser Horrak, insultieren lassen sollen? -- Das
nicht, aber Duelle knnen hier nicht gestattet werden, das ist gegen
unsere Gesetze, und Sie wrden sich groen Unannehmlichkeiten aussetzen,
wenn Sie wieder jemand herausforderten.

Auer den Besuchen bei der Grfin Survilier war es das Theater und in
dessen Folge das von dem Personal desselben sehr besuchte Drfchen
Hausen, was mir die angenehmste Unterhaltung und meiste Zerstreuung in
Frankfurt gewhrte. In Hausen, im Garten Braumanns, fanden sich
namentlich alle Freitage die Frankfurter Theaterprinzessinnen, einige
Literaten, Familien von dem Gesandtschaftspersonal des Bundestags,
Offiziere von der Militrkommission und andere joviale Leute ein, und
diese Versammlung nannte man das Hauser Kasino. Das Theater war damals,
wenigstens was das Schauspiel anbetrifft, gut besetzt, besonders
hinsichtlich der Frauen. Unter allen war es Frau von Busch, welche das
meiste Aufsehen erregte, und eine Unzahl erhrter und nicht erhrter
Liebhaber hatte, unter denen sogar einige der reichsten, eben nicht mehr
sehr jugendlichen Kaufleute waren, deren Frauen darob verzweifeln
wollten. Frau von Busch war eine geborene Gromann und hatte, nachdem
sie schon einmal verheiratet gewesen, ihren jetzigen Gatten, einen
hannoverschen, nicht unbemittelten Edelmann, die Sprde spielend,
vermocht, sie zu ehelichen. Als sie in kurzer Zeit dessen Vermgen
verschwendet hatte, ward ihr der Mann bald zur Last, und sie berlie
sich, wie frher, ihrem ausschweifenden Leben wieder, sammelte ein Heer
von Liebhabern um sich, mit denen sie Orgien in der eigenen Wohnung
feierte. Herr von Busch, ein Schwachkopf, statt den Herrn im Hause zu
spielen oder sich wenigstens von ihr zu trennen, nahm sich die Sache so
zu Herzen, da er ganz tiefsinnig wurde, sich absonderte und meist in
einem dsteren Zimmer, auf einem Lehnstuhl sitzend, Tag und Nacht vor
sich hinstarrend, zubrachte. Seine Frau, wenn sie berlustig bei den
Abendgelagen geworden, machte sich manchmal das Vergngen, zu ihrer
Gesellschaft zu sagen: Nun wollen wir auch meinem einfltigen Mann
einen Besuch abstatten, ffnete sodann die Tre des Gemaches, in
welchem der Unglckliche brtete, und sprach: da seht den Simpel, wie
er da sitzt! -- Ihr erklrter Liebhaber war damals ein Baron von A...,
frher Offizier in hollndischen Diensten und sehr reich. Dieser fuhr
jeden Tag mit der heillosen Armida, zum groen rger der ehrbaren
Frankfurter Frauen, in einer vierspnnigen offenen Kalesche spazieren.
Eines Morgens aber verbreitete sich pltzlich das Gercht in der ganzen
Stadt, Herr von Busch habe sich den Hals abgeschnitten. Doch war dies
nicht der Fall, sondern der arme Mann hatte sich nur mit einem
Rasiermesser die Adern an der Hand geffnet, allerdings in der Absicht,
sich um das Leben zu bringen. Sein Aufwrter hatte es aber gleich
wahrgenommen, um Hilfe geschrien, und ein Chirurg kam noch zeitig genug,
um ihn vom Verbluten zu retten. Die Sache machte auerordentliches
Aufsehen in der Stadt, und als den folgenden Abend Frau von Busch im
Theater, wenn ich nicht irre, als Lady Milford auftrat, wurde sie mit
einem so furchtbaren Gezische, Pfeifen, Stampfen und Geschrei empfangen,
da sie durchaus nicht zu Wort kommen konnte. Sie lie sich aber nicht
schrecken, sondern stellte sich mit der schamlosesten Frechheit mit
bereinander gekreuzten Armen vor das Parterre, ihre Blicke ringsumher
werfend, als wollte sie sagen: Nun, was wollt ihr von mir? -- Als der
Lrm nachlie, wollte sie wieder zu sprechen anfangen, aber der Sturm
erhob sich von neuem und weit rger als vorher, das Schreien artete in
ein wahres Gebrll aus, und man hrte deutlich die Worte: Fort, hinaus
mit der unverschmten H... Nachdem sie noch ein paarmal vergeblich zu
sprechen versucht hatte, war man gezwungen, den Vorhang fallen zu
lassen, und die Vorstellung war fr diesen Abend beendigt. Den anderen
Tag fuhr Frau von Busch vierspnnig mit ihrem _primo amoroso_, dem Baron
von A... in einem offenen Wagen und mit lchelnder Miene durch die
Straen der Stadt und um die Promenaden. Nun legte sich die Polizei
darein und lie es ihr verbieten, ferner eine >ehrsame Brgerschaft
durch solchen Skandal zu indignieren.< -- Ein paar Tage darauf fuhr sie
mit ihrem Baron zum Stadttor hinaus nach Mannheim, wo sie ihre Residenz
aufschlug, ein Engagement erhielt und das Publikum durch ihre Kunst
entzckte.

Damals machte ich in der Befreiungsangelegenheit Napoleons wieder eine
Reise nach Paris, von der ich jedoch wenig befriedigt zurckkam, da ich
die Personen, an welche ich von der Grfin Survilier empfohlen war, eben
nicht sehr empfnglich fr unser Projekt fand. Dagegen hatte ich die
Gelegenheit benutzt, um mit den bedeutendsten Pariser Zeitungen
Verbindungen anzuknpfen, denen ich Artikel in franzsischer Sprache
ber die damaligen Zustnde Deutschlands lieferte, und welche mir so gut
honoriert wurden, da ich oft hundert Franken und mehr fr die Seite
erhielt. Da ich nun in Frankfurt fortwhrend einen ziemlichen Aufwand
machte, wenigstens keine Ausgaben scheute, und meine Eltern nicht mehr
in den brillantesten Vermgensumstnden waren, mein Vater hatte sich
seit dem sterreichischen Bankrott nie mehr recht erholen knnen, so
sagte die Frankfurter Welt: ich erhalte das Geld zu meinen Ausgaben von
verschiedenen Damen. Da mir daran gelegen war, da niemand erfuhr, da
ich fr die franzsischen Journale arbeite, lie ich die Einfaltspinsel
bei ihrem Glauben und galoppierte, sie auslachend, durch die Straen.

Zu jener Zeit machte ich auch hufige Exkursionen nach meinem lieben
Homburg und dessen Umgegend, die mich immer mit einer gewissen Wehmut an
die Zeiten der daselbst so frhlich verlebten Kinderjahre erinnerten.
Mein guter Oheim Oberpfarrer war schon seit Jahren gestorben,
Breitenstein und seine Familie aber waren wohlauf. Von meinen frheren
Amouretten daselbst waren die meisten verheiratet, Eleonore von
Brandenstein aber war immer noch Hofdame, und zwar nicht nur verblht,
sondern sehr brustleidend. Auch starb sie bald darauf im Bad Ems.
Heimliche Snden mochten dem Mdchen das frhe Grab bereitet haben. Ihre
Mutter war ihr nur ein paar Jahre vorangegangen. Der alte brave Landgraf
Friedrich war erst krzlich gestorben und sein Sohn Friedrich Joseph ihm
in der Regierung gefolgt. Dieser hatte sich noch als Erbprinz (1818) mit
einer Tochter des Knigs Georg III. von Grobritannien, der Prinzessin
Elisabeth, vermhlt. Diese Heirat hatte man in Homburg als ein groes
Glck fr das kleine, sehr arme Land gehalten, da die Prinzessin eine
bedeutende Mitgift und ansehnliche Apanage hatte. Aber wie ich schon so
oft erlebte, war auch hier, was man fr ein Glck hielt, eher ein
Unglck fr das Land. Der neue Herr wollte nun _ tout prix_ ein kleines
London aus seiner kleinen Residenz machen. Damit die Hauptstraen
breiter scheinen sollten, muten alle Wirte ihre Schilder, welche die
Arme in die Gasse ausstreckten, einziehen und platt an den Husern
anmachen. Das alte Rathaus wurde abgerissen; es sollte spter ein neues
erbaut werden, was aber aus guten Grnden unterblieb. Allerlei
kostspielige Anlagen wurden in den herrschaftlichen Grten gemacht. ber
einen Bach, der die nach dem groen Tannenwald fhrende Allee
durchschnitt, und den man zur Not mit einem Bein berschreiten konnte,
wurde eine Brcke aus Quaderstein erbaut, die ber dreiigtausend Gulden
kostete. Die Grten und Lustwldchen wurden gewaltig gelichtet, obgleich
ihr Herr eben kein groer Freund vom Licht war. Bei jeder Gelegenheit
wollte der neue Landgraf den groen, gromtigen und freigebigen
Souvern spielen, allenthalben russische Trinkgelder spendend. Ward er
zu irgendeiner Taufe gebeten, so durfte das Patengeschenk nicht unter
fnfhundert Dukaten sein. Die Hofkche, aus der eine Unzahl Homburger
Angestellter aller Art und andere gespeist wurden, kostete eine Unsumme
Geld, und so ging es durch alle Branchen, wobei sich gewisse Leute ganz
vortrefflich standen und bereicherten, hauptschlich diejenigen, welche
die Einkufe fr den Hof in Frankfurt zu machen hatten und sich mit den
dortigen Juden zu verstndigen wuten. So kam es, da nicht nur die
englischen Gelder nicht ausreichten, sondern, da diese Heirat Ursache
war, da der Landgraf groen Kredit erhielt, so strzte er sich bald in
ein Schuldenmeer, das in gar keinen Verhltnissen zu seinen Einknften
stand, und dem Land bald eine schwere Last werden mute. Mehr als Gold
aber regnete es mit Titeln auf die Homburger, von Geheimrten bis ich
wei nicht auf was alles fr Rte und so weiter herab. Ein alter
Kammerdiener seines Vaters namens Walther, der zugleich Barbier war und
eine Barbierstube gehabt hatte, in welcher die Soldaten barbiert wurden,
ward zum Medizinalrat gestempelt, und so weiter. -- Meine Anhnglichkeit
an Homburg machte, da ich alles mgliche tat, um mehr Leben in die
kleine Stadt zu bringen. Wurden kleine Konzerte veranstaltet, so brachte
ich Dilettanten und Knstler mit, dieselben zu verherrlichen, und sang
fters selbst mit einigen Homburger jungen Damen, die hbsche Stimmen
hatten. War ein Ball, so engagierte ich wenigstens ein Dutzend Tnzer,
an denen in Homburg gnzlicher Mangel war, und nahm sie auf meine Kosten
mit, ebenso ganze Kisten mit Orangen, Konfekt und Krbe mit Champagner,
womit ich die guten Leute in Homburg reichlich regalierte. Auerdem war
auer Breitenstein noch ein Haus da, welches mich anzog, und dieses war
das des Homburger Generalissimus, Oberst F..., der das sechzig bis
achtzig Mann starke Heer, jedoch jetzt lauter junge Leute, kommandierte,
und ein Paar liebenswrdige Tchter hatte, von denen die eine Bertha und
die andere Emma hie. Eines Tages, bevor ich noch die Namen der beiden
Fruleins gekannt, sang ich in einem Konzert ein komisches Lied, in
welchem eine Stelle vorkam, in der es heit:

   Verschmhet Bertha meine Liebe,
   Schenk ich Emma gleich mein Herz usw.

Nun gab es ein Gezische und Geflster in dem Saal, man sah auf die
beiden Mdchen, die berrot wurden, und behauptete, ich habe es auf
diese abgesehen, und so weiter.

Da sich das Projekt der Befreiung Napoleons sehr in die Lnge zog,
auch immer beunruhigendere Nachrichten hinsichtlich seines
Gesundheitszustandes von Sankt Helena eintrafen, so entschlo ich mich
nun, einstweilen das Wochenblatt, fr welches ich schon lngst die
Konzession in der Tasche hatte, in Offenbach erscheinen zu lassen. Ich
hatte mir vorgenommen, besonders die erbrmlichen und jmmerlichen
Zustnde Frankfurts in demselben tchtig mitzunehmen und zu geieln, und
hatte zu dem Ende fters Rcksprache mit dem genialen Brne gepflogen.
Ich lie eine Vignette mit einem Januskopf und ein paar Steckenpferde
geielnde Satyre in Holz stechen, um sie an die Spitze des Blattes zu
setzen. Brne lieferte mir ein kleines einleitendes Gedicht dazu, und in
der Probenummer, von der ich zwanzigtausend abziehen und in Frankfurt
und der Umgegend verteilen lie, waren schon einige artige Histrchen,
die in der guten Stadt kein geringes Aufsehen machten. Ich hatte nicht
berlegt, da Frankfurt nicht Berlin ist, da in meiner guten
Vaterstadt, wo Klatschsucht und Kleinstdterei eine so groe Rolle
spielen, da sich jedermann um das bekmmert, was der andere zu Mittag
speist, und wo, wenn man am Bockenheimer Tor niest, man am
Allerheiligentor Prosit sagt, da ein solches Blatt die ganze Stadt, in
welcher alte eingerostete Vorurteile die Herrschaft hatten, in Aufruhr
bringen msse, whrend die ohnehin witzigen und meist geistreichen
Berliner, wie die Pariser, sich an solchen Dingen ergtzten, wenn sie
auch noch so arg, sobald es nur mit Geist und Witz geschah, mitgenommen
wurden. Freilich verloren sich in der Gre jener Stdte persiflierende
Anspielungen in der Volksmenge, whrend in Frankfurt, wenn etwas
dergleichen in dem Blatt auch noch so verblmt enthalten war, doch
jedermann gleich mit Fingern auf die Personen deutete, denen es galt,
oder von denen man auch nur vermutete, da es ihnen gelten knnte, denn
auch fr solche Dinge, welche die Stadt durchaus nicht anfochten, ruhte
man nicht bis man den Gegenstand, den sie betrafen, in Frankfurt
aufgefunden haben wollte. Auch machte die Wochenschrift gleich nachdem
ein paar Nummern derselben erschienen waren, fast die halbe Stadt
rebellisch, und die Geld- und Familienaristokratie, die ich arg
mitgenommen, verschwor sich, nicht zu abonnieren. Dagegen erhielt das
Blatt um so mehr Abonnenten unter dem Mittelstand in Frankfurt und in
der ganzen Umgegend, und die sogenannten Vornehmen Frankfurts brachten
heimlich die Nummern einzeln an sich, welche ich durch die Buchhandlung,
die die Expedition bernommen hatte,  vierundzwanzig Kreuzer per Nummer
verkaufen lie, whrend das Abonnement nur wenige Gulden fr das ganze
Jahr betrug, und fand sich irgendein Klatschgeschichtchen in einer
Nummer, was fast jedesmal der Fall war, so wurden oft fr ein paar
Hundert Gulden von dieser an einem Tag geholt, und das Blatt trug mir
bald sechs- bis siebentausend Gulden jhrlich reinen Gewinn ein. Doch
ging es auch nicht ohne alle Unannehmlichkeiten ab, von denen mir die
meisten die Theaterkritiken verursachten, da diese oft beiend waren,
und besonders die hohe, aus Kaufleuten bestehende Oberdirektion in
gewaltigen Harnisch brachten. Nun hatte mir ein Frankfurter Brger und
Zahnarzt namens R..., bei dem die erste Liebhaberin und sehr beliebte
Schauspielerin Demoiselle L... zur Miete wohnte, mit der er sich
berworfen hatte und vor dem Polizeigericht lag, einen Aufsatz mit der
berschrift: Nicht mehr als sieben Hausschlssel, zugesandt, der nicht
ohne Witz die Geschichte einer keuschen Jungfrau erzhlte, welche sieben
Liebhaber gehabt und jedem derselben einen Hausschlssel zu ihrer
Wohnung und eine Nacht in der Woche zugestanden habe. Namen waren keine
oder doch nur ganz fremde genannt, und ich selbst ahnte den Zusammenhang
der Sache nicht. Aber kaum war die Nummer, welche diesen Aufsatz
enthielt, erschienen, so wute die ganze Stadt auch schon, da es der
Demoiselle L... gelte; der Einsender, der die ganze Geschichte, die nur
Verleumdung war, um sich zu rchen, erfunden, hatte gehrig dafr
gesorgt, es unter die Leute zu bringen, wer damit gemeint sei.
Unglcklicherweise hatte sich Demoiselle L... so bel beraten lassen,
da sie die Sache auf sich bezog, und die Herren vom Theater
veranstalteten eine Komdie in der Komdie. Es wurden nmlich einige
achtzig Freibillete auf die Galerien ausgeteilt, unter der Bedingung,
da die Inhaber derselben den Abend, fr den sie gltig waren,
Demoiselle L... herausrufen sollten. Diese sollte alsdann unter Trnen
dem Publikum mitteilen, da, so sehr sie auch dasselbe zu achten und zu
schtzen wisse und so uerst lieb und teuer ihr der Aufenthalt in
Frankfurt sei, sie doch unter solchen Umstnden, da ihre Ehre so
empfindlich in der Offenbacher Zeitung gekrnkt sei, unmglich lnger
bei dieser Bhne bleiben knne. Diese Worte sprach sie wirklich in einem
weinerlichen Ton, schluchzend, und begleitete sie mit einem Strom von
Trnen. Kaum hatte sie geendigt, als sich auf den Galerien ein
furchtbarer Tumult erhob, die achtzig Freibillette taten, wie ihnen
empfohlen worden, brllten: Hier bleiben, hinaus mit dem Rezensenten!
und andere machten Chorus, ohne zu wissen, was dies zu bedeuten habe.
Ich befand mich mit ein paar Bekannten mitten im Parterre, und da ich
vorher schon durch einige Mitglieder vom Theater mndlich und durch
Briefe unterrichtet worden war, so hatte ich mich auf den Fall eines
etwaigen Angriffs gut vorgesehen. Um mich herum blieb indessen alles
sehr ruhig, ich lie die gedungenen Lrmmacher sich ausschreien, verlie
dann das Parterre, dessen Reihen sich vor uns ffneten, mit meinen
Freunden, und man lie uns unangetastet, ja sogar ehrfurchtsvoll durch.
Damit war indessen die Sache noch nicht abgemacht, sondern zwei Tage
darauf wurde ich vor das hochlbliche Polizeigericht gefordert, wo ich
die untertnige Unterdirektion Ihleh und seinen Adjunktus M... vorfand,
die mich im Namen der Oberdirektion als einen Ruhestrer des Theaters
verklagt hatten und Genugtuung und sogar Entschdigung fr den groen
Nachteil, welchen die Rezensionen meines Blattes dem Theater schon
gebracht htten, begehrten. Herr Senator Wstefeld, Vorstand der
Polizei, teilte mir mit polizeilicher Wichtigkeit diese Klagen der
Direktion mit und meinte, wenn ich dies Rezensieren nicht unterliee, so
knne mich dies noch teuer zu stehen kommen, ja der hohe Senat der Stadt
Frankfurt knne sich wohl veranlat finden, mein Blatt in der Stadt und
deren Distrikt zu verbieten, und forderte mich auf, mich gegen die
angebrachte Klage zu verteidigen. Ich erwiderte ihm mit wenig Worten,
da, da die Zeitschrift im Groherzogtum Hessen und mit Groherzoglicher
Zensur erscheine, ich mich in Frankfurt auf solche Klagen gar nicht
einlassen knne, die Herren mten sich an die Groherzoglich-hessischen
Behrden deshalb wenden. Gut, dann wird man das Blatt verbieten, sagte
der Polizeisenator. Das kann ich nicht verhindern, aber dann knnte es
der Groherzoglichen Regierung leicht einfallen, die in Frankfurt
erscheinenden Bltter ebenfalls zu verbieten, und dann, fgte ich
lchelnd hinzu: ich kenne meine Frankfurter, verbieten Sie das Blatt,
so mache ich bekannt, da es im kurhessischen Stdtchen Bockenheim zu
haben, das, wie Sie, als in der Geographie gut bewundert, wissen, nur
zehn Minuten von den Toren Frankfurts entfernt ist, und ich bin
berzeugt, es wird noch zweimal soviel davon abgesetzt. Nun fing man
an, mit mir zu unterhandeln, und die Theaterherren gaben den Wunsch zu
erkennen, ich mchte doch wenigstens erklren, da mit den sieben
Hausschlsseln die Demoiselle L... nicht gemeint sei, damit diese
beruhigt, und die Frankfurter Bhne nicht eines so eminenten Talentes
beraubt wrde. Zu was die Erfllung dieses mehr als einfltigen
Begehrens fhren wrde, sah ich im Augenblick ein und versprach
lchelnd, diesem, als bescheidene Bitte vorgetragenen Wunsch
nachzukommen. In der nchsten Nummer des Blattes las man: Mit dem
grten Erstaunen haben wir vernommen, da eine so tugendhafte Person
und ausgezeichnete Knstlerin, wie Demoiselle L..., die Geschichte mit
den sieben Hausschlsseln auf sich bezogen hat. Wir erklren hiermit,
da es uns auch im Traum nicht einfallen konnte, Demoiselle L... damit
zu meinen, brigens wurde uns das Histrchen eingesendet. War vorher
der Lrm nur unter dem Theaterpersonal gro, so machte jetzt die
Geschichte in der Stadt und den benachbarten Orten, wo fast niemand
wute, was es mit den sieben Hausschlsseln eigentlich fr eine
Bedeutung habe, ein ungeheures Aufsehen. Demoiselle L... hatte viele
Feinde und besonders Neiderinnen, welche jetzt alle triumphierten, und
zu spt sah die Ober- und Unterdirektion des Stadttheaters ein, welche
Dummheit sie gemacht, diese Komdie auffhren zu lassen und mich noch
obendrein zu einer solchen Erklrung aufzufordern.

Eine andere Sache, durch welche ich mir viele Feinde machte, unter denen
auch die Mehrzahl meiner Anverwandten, die ich freilich nicht sehr
schonend behandelte, war die Kasinofhigkeit. Nach den Gesetzen des
Frankfurter Kasinos durften nmlich keine Kommis oder Buchhalter, keine
Knstler, die Schauspieler oder Musiker waren, keine Juden und so weiter
dasselbe betreten und noch weniger dessen Mitglieder werden. Kasinofhig
waren nur Kaufleute ersten Ranges, Senatoren, hhere Angestellte in
Frankfurt und dergleichen. Wollte man jemand als was Rechtes
herausstreichen, so sagte man von ihm, statt es ist ein Ehrenmann: er
ist kasinofhig, und manche Personen, die sich anmeldeten, fielen
durch, weil man sie fr nicht reich oder vornehm genug hielt; dies war
auch krzlich einem Ehrenmann geschehen, den mehrere Kasinomitglieder
vorgeschlagen hatten. Diese Gelegenheit hatte ich ergriffen, den
kasinofhigen Herren ihre Albernheiten recht derb unter die Nase zu
reiben, indem ich erzhlte, wie jngst ein Kaufmann seine Aufnahme
durchgesetzt, weil er durch die Akten eines Prozesses dargetan, da sein
Grovater wirklich schon mit Schwefelhlzern gehandelt habe. -- Als
Iffland das letztemal in Frankfurt Gastrollen gab, war der
Kasinoausschu in groer Verlegenheit, was er zu tun habe, ob er dem
groen Knstler eine Gastkarte schicken drfe oder nicht, da die
Kasinogesetze jedem Komdianten den Zutritt verweigerten. Endlich fiel
einer der beratenden Herren auf folgenden Ausweg und schrie: Wissen Sie
was, meine teuren Kollegen, in Ifflands Person finden sich zwei
verschiedene Naturen vereinigt, nmlich der Komdiant und dann der
Generaldirektor der Kniglichen Schauspiele zu Berlin; den ersten lassen
wir weg, dem Generaldirektor aber schicken wir eine Gastkarte. Bravo!
rief man einstimmig, das war ein kluger Gedanke, der uns aus aller
Verlegenheit zieht. Man fertigte die Gastkarte aus und bersandte sie
dem Herrn Generaldirektor, nachdem derselbe schon mehrere Tage in
Frankfurt gewesen und schon einigemal aufgetreten war. Iffland, der die
Frankfurter Kasinogesetze kannte und von der Sache unterrichtet war,
schickte den Herren die Karte mit dem Bemerken zurck: Er bedauere,
keinen Gebrauch von derselben machen zu knnen, indem er keine Orte
besuche, die seine Kameraden nicht betreten drften, er sei auch
Schauspieler; zwar habe er schon die Ehre gehabt, von frstlichen
Personen und selbst von seinem Knig zum Frhstck eingeladen worden zu
sein, aber er gebe gern zu, da ihn dies alles nicht berechtige, sich in
Frankfurt fr kasinofhig zu halten. Was machten die kasinofhigen
Herren fr Augen, als sie dies mit der zurckgeschickten Karte zu
Gesicht bekamen, und welche, als sie die Geschichte in meiner
Zeitschrift abgedruckt fanden! -- Mit dem hohen Senat und der nicht
minder hohen Polizei hatte ich es ohnehin schon lngst verdorben, die
Albernheiten, Gewaltttigkeiten und dummen Streiche derselben geielnd.
-- Eines Tages war ich mit ein paar Damen nach Wiesbaden gefahren, und
hrte, mit denselben hinter dem Kursaal auf- und abspazierend, wie ein
daselbst sich zur Kur befindender Senator namens Lucius, den andere
Kurgste gefragt hatten, wer wir seien, denselben antwortete: Wer
werd's sein, es sin anige von unsern Unertane, der n schreibt 
Zeitung. Natrlich gab dies wieder Stoff fr mein Blatt und zum Lachen
fr meine Leser.

Es fehlte mir auch nicht an Mitteilungen der naiven Urteile, die ber
die verschiedenen Aufstze in meiner Zeitschrift gefllt wurden. Da der
Kastengeist oft herhalten mute, so fragte einst ein junges Mdchen eine
ihrer Bekannten, eine gewisse Jungfrau Jacobine B..., die sich in
Bockenheim aufhielt und gern die Gelehrte spielte: Mei, sag mer doch,
Jacobinche, was is dann des  Kastegeist? Dumm Os, erwiderte die
Gefragte, was werd's sei,  Gespenst in ere Kist! Dieselbe Jacobine
hatte einst im Theater einer Vorstellung von Schillers Kabale und Liebe
beigewohnt, und bei der Stelle, wo Ferdinand, von der Milford sprechend,
sagt: Ich will hin zu ihr, will ihr einen Spiegel vorhalten, gefragt:
Ei, war se denn so garstig? Und als ihr jemand das Lied: Hebe, sieh,
in sanfter Feier, gebracht (sie miaute ein wenig, was sie singen
nannte, und klimperte falsche Akkorde auf der Gitarre dazu), sagte sie:
Aber das Lied fngt doch dumm an, da steht: Hebe sie, aber nit, wen mer
hebe soll.

Unterdessen vermehrte sich die Zahl meiner Abnehmer so, da mein
Einkommen immer bedeutender wurde, denn die Zeitschrift wurde auch sehr
viel in den umliegenden Stdten wie Darmstadt, Mainz, Hanau, Wiesbaden,
Heidelberg, Mannheim, Koblenz, Wetzlar und so weiter gelesen, wohin ich
von Zeit zu Zeit kleine Reisen machte, um Stoff von dortigen Lokalitten
zu sammeln.

Meine Zeitschrift hatte damals eine solche Furcht in Frankfurt und auch
bei der vornehmen Frauenwelt erregt, da manche derselben, wenn sie mich
auf den Promenaden von ferne kommen oder reiten sahen, schnell einen
Seitenweg einschlugen oder sich hinter ein Gebsch versteckten, und wenn
man sie fragte, woher diese bertriebene Furcht? erwiderten sie: Ja,
wann mer ebbes Dummes schwtzt oder ebbes Albernes mcht, dann setzt
der's gleich in sein Blatt. -- Da mir dies mehrmals wieder zu Ohren
gekommen war, so lie ich in einer Nummer abdrucken: Diese Furcht sei
durchaus unbegrndet, denn, wenn ich all das dumme Zeug, das in
Frankfurt geschwatzt oder gemacht wird, in meiner Zeitschrift abdrucken
lassen wollte, so knnten mir alle Papiermhlen in ganz Deutschland
nicht Papier genug liefern.

Zu jener Zeit erhielt ich ein Schreiben von der Signora Catalani, worin
diese mir meldete, da sie zu der bevorstehenden Herbstmesse nach
Frankfurt kommen und daselbst ein paar Konzerte geben wolle, ich mchte
einstweilen Zimmer in einem Hotel fr sie bestellen. Dies tat ich im
Englischen Hof, und bald darauf kam die Signora mit ihren Kindern, aber
ohne ihren Mann, auch ohne den dicken Burgmller, nur ein alter adliger
franzsischer Ehrenkavalier, Monsieur le Baron de Weber, begleitete sie.
Da sie schon frher in Frankfurt gewesen und daselbst gesungen hatte, so
gab ich ihr den Rat, jetzt die Eintrittskarten zu ihrem Konzert von
einem Dukaten auf vier Gulden herabzusetzen, den sie auch befolgte, doch
wollte sie deshalb auch nicht mehr als vier Gulden fr jedes mitwirkende
Glied des Frankfurter Orchesters bezahlen, die frher ebenfalls einen
Dukaten erhalten hatten. Dies wollten sich aber die Herren durchaus
nicht gefallen lassen, sie bestanden auf ihrem Dukaten, und der
Kapellmeister der Frankfurter Oper, Guhr, riet ihnen, fest darauf zu
beharren. Signora Catalani, die ihrerseits, wie wir wissen, ihr Kpfchen
hatte, bestand auf den vier Gulden, und wollte lieber kein Konzert mehr
in Frankfurt veranstalten als nachgeben. Ich dachte einen Augenblick
ber die Sache nach, und sagte dann zu der aufgebrachten Primadonna:
Beruhigen Sie sich, ich schaffe Ihnen ein treffliches Orchester. Wie
das? Ich fahre nach Mainz und hole dort die fr Ihr Konzert ntigen
Virtuosen. Glauben Sie, da sie kommen werden? Gewi, nur mu man
sich es etwas kosten lassen. Gleichviel, es mag kosten, was es will,
das Doppelte, das Dreifache, wenn wir nur den Frankfurter Musikern
zeigen, da wir auch ohne sie ein Konzert geben knnen, und ihrer nicht
bedrfen. Ich ritt nun sogleich in vollem Trabe nach Mainz, nachdem ich
der Catalani noch eingeschrft, durchaus niemand etwas von unserem
Vorhaben merken zu lassen. In Mainz begab ich mich zu dem
Kapellmeister des dortigen Theaters, engagierte ihn nebst fnfzehn
Orchestermitgliedern fr das bestimmte Konzert, und versprach, die
Herren selbst am festgesetzten Tag frh genug abzuholen, um vorher noch
die ntige Probe mit Madame Catalani halten zu knnen. Das Konzert war
angekndigt, der Tag bestimmt, und die Frankfurter Orchesterherren
glaubten ihre Dukaten schon in der Hand zu haben, denn ohne sie war nach
ihrer Meinung das Konzert schlechterdings unmglich; sie erwarteten jede
Stunde die Einladung zur Probe, die -- nicht kam. Als der Tag
herangekommen, ritt ich in aller Frhe wieder nach Mainz, mietete
daselbst vier Wagen und fuhr um zwei Uhr nachmittags mit meinen
Virtuosen und ihrem Kapellmeister in den Englischen Hof ein, wo ihrer
ein kstliches Mittagsmahl harrte, worauf probiert wurde. Zu dem Konzert
hatte ich den Dickischen Saal im Roten Haus gemietet, und ehe es sechs
Uhr war, die bestimmte Stunde zum Anfang, fuhr ich mit meinen Mainzern
in den Hof des Roten Hauses und fhrte sie in ein Nebenzimmer des
Saales, ohne da sie jemand bemerkte. Den Kapellmeister Guhr hatte die
Neugierde, um zu erfahren, wie sich dies Rtsel lsen werde, mit noch
ein paar Virtuosen von seinem Orchester in den bereits berfllten Saal
getrieben, und statt die gehofften Dukaten zu erhalten, muten auch sie
den Eintrittspreis von vier Gulden bezahlen. Jetzt schlug es sechs Uhr,
auftaten sich die Flgeltren, welche in das Nebenzimmer fhrten, und
aus demselben traten zwanzig Mann hoch der Mainzer Kapellmeister mit
seinen Musici, ihre Instrumente in der Hand, und stellten sich an ihre
Notenpulte. Wie rissen Guhr und seine Begleiter die Augen auf! Den
Streich hat uns wieder der verdammte Frhlich gespielt, rief ersterer
aus. Ja, wre es nur nicht gerade Messe, wir lieen die Herren smtlich
durch die hochlbliche Polizei abfhren, sagte ein anderer, aber so
ist Mefreiheit, da darf jeder Landstreicher mit seiner Fiedel frei in
unserer freien Stadt einziehen und den Leuten die Ohren voll geigen.
Madame Catalani verweilte noch einige Tage in Frankfurt, und ich
geleitete sie bei ihrer Abreise bis Mainz.

Unterdessen war das Projekt, Napoleons Befreiung zu bewirken, ziemlich
vorgeschritten. Lord C... hatte zwei Mittel vorgeschlagen, den Exkaiser
von St. Helena zu entfhren. Das erste war vermittels eines Luftballons,
an den man ein Schiffchen befestigen msse, das zu gleicher Zeit im
Wasser zu gebrauchen sei und eine Last von zwei Menschen tragen knne.
Doch gab er diese Idee bald selbst wieder als unausfhrbar auf, da, wenn
man auch die Unmglichkeit, den Ballon zu leiten, nicht bercksichtigen
wollte und das Steigen desselben auch nur bei Nacht tunlich war, wo man
dann in der Hhe Laternen angezndet, so htte der Ballon, vom Wind
getrieben, ja leicht nach der entgegengesetzten Seite des zu seinem
Empfang bereiten amerikanischen Schiffes steuern knnen, oder sich
vielleicht gar wieder auf die Insel selbst niederlassen mssen. Das
zweite Mittel bot keine dieser Schwierigkeiten. Es bestand darin, ein
Boot konstruieren zu lassen, das mehrere Schuh tief unter dem Wasser
gehe, und Raum fr acht bis zehn Menschen habe. Dieses war auch schon in
Amerika bei einem geschickten Mechanikus, der zugleich Kenntnisse von
der Schiffsbaukunst besa, bestellt und in Arbeit, das Modell dazu aber
schon in London angekommen, und man hatte damit vollkommen gengende
Versuche gemacht. Vermittels eines angebrachten Rderwerkes konnte man
die Maschine nach Belieben tiefer oder hher unter die Oberflche des
Wassers bringen und durch Einhaken das fernere Sinken oder Steigen des
Bootes verhindern, so da es in der Tiefe, in der es sich befand,
vermittels anderer ruderartiger Rder ohne groe Anstrengung mit einer
ziemlichen Schnelligkeit horizontal fortbewegt werden konnte. Die Sache
war nun schon so weit gediehen, da ich mich zur baldigen Abreise nach
London anschicken konnte, wo ein Schiff mit solchen Waren beladen werden
sollte, die England nach Ostindien exportiert, wie Eisen, Zinn, Woll-
und Manufakturwaren und so weiter. Lord C... hatte selbst eine Reise
nach den Vereinigten Staaten gemacht, um daselbst einstweilen die
ntigen Vorkehrungen zu treffen und Schiffe von verschiedener Gre auf
lngere Zeit zu mieten, die dann spter in einer gewissen Entfernung von
Sankt Helena kreuzen, sich einander ablsen und eine bestndige
Kommunikation mit Amerika unterhalten sollten. Ehemalige franzsische
Marineoffiziere, die sich in den Vereinigten Staaten oder in dem
sogenannten Champ d'Asyle befanden, sollten sie befehligen. Schon war
alles so weit bereit, da meine Abreise nach England und von da nach
Ostindien festgesetzt war, als einige Wochen frher die offizielle
Nachricht von Napoleons erfolgtem Tode eintraf. Mit ihr waren alle
unsere Projekte, Plne und Vorkehrungen zu Wasser geworden, und schon
sehr bedeutende Summen vergebens verschwendet.

Mit dem Frhling dieses Jahres hatte ich mein Hauptquartier in Offenbach
aufgeschlagen, wo noch immer ein heiteres und geselliges Leben
herrschte, wenn auch mehrere Huser, wie Bernhards und d'Orvilles, sehr
zurckgekommen waren. Diese hatten gerade damals noch an dem
Weinlandschen Proze zu laborieren, der endlich durch einen Vergleich,
bei welchem diese Tabaksfabrikanten fr ihre jetzigen Verhltnisse
schwere Opfer bringen muten, beseitigt wurde. Auch die Maskenblle
waren bei weitem nicht mehr das, was sie frher, sondern sehr ins
Gemeine ausgeartet, dagegen wurden mehrere geschlossene auf Subskription
veranstaltet, die schn und glnzend waren. Auf einem derselben
wechselte ich siebenmal das Kostm, um meine guten Frankfurter desto
besser intrigieren zu knnen. Aus einem Zuckerhut schlpfte ich als
Figaro, aus einem Eremiten verwandelte ich mich in Ritter Roland und so
weiter. -- Noch frher, als ich nach Offenbach gezogen war, hatte ich
Seiner Durchlaucht dem Frsten Y..., der sich damals in Birstein
aufhielt, einen Besuch daselbst gemacht, aber Hchstdieselbe in den
allerpitoyabelsten Umstnden gefunden, krank und schachmatt an Leib und
Seele, und die Krankheit von so bser Art, da es unmglich war, lnger
als ein paar Minuten in der verpesteten Stubenluft auszuhalten. Der
Frst war durch den Wiener Friedenskongre mediatisiert worden; seine
zahlreichen Glubiger hatten sich jetzt alle gemeldet und hrten nicht
auf, ihn zu bestrmen. Mit einem jmmerlichen Armensnder-Gesicht
geruhten Seine Durchlaucht, mich von ihren schrecklich fatalen Umstnden
zu unterhalten, und endigten damit, da ihm hoffentlich seine
unbarmherzigen Glubiger noch so viel lassen mten, da er wenigstens
eine Suppe und ein Stckchen Rindfleisch essen knne. -- Auch noch
etwas mehr, trstete ich den armen Mann, der mir in der Tat Mitleid
einflte, war aber doch froh, als ich mich beurlaubend wieder entfernt
hatte und frische Luft atmete. Wenig Monate darauf starb er, erst 55
Jahre alt.

In Offenbach wohnte damals ein Mensch, der sich Broli nannte und eine
Art Cagliostro im Kleinen war. Er besa wie jener die Gabe und das
Talent, alle Einfaltspinsel, Schwach- und Dummkpfe, besonders
weibliche, so von sich einzunehmen, da sie einen von Gott gesandten
Propheten in ihm sahen, ihn als einen solchen verehrten und ihm den
letzten Groschen, das letzte Hemd vom Leibe gaben, wenn er es verlangte.
Dieser Mensch, dessen eigentlicher Name Bernhard Mller war, hatte sich
in uerst drftigen Umstnden und in Gesellschaft zweier feilen Dirnen
in Offenbach niedergelassen, wo alle drei die Rollen frommer Schwrmer
spielten. Mller hatte sich frher in Aschaffenburg, Regensburg und eine
Zeitlang in England herumgetrieben, durch seine Heuchelei fromme
Pietisten und Pietistinnen gehrig zu prellen verstanden und sich den
Namen Broli beigelegt. Pltzlich aber hatte er das gastfreie England
wegen seiner an den Tag gekommenen Betrgereien verlassen mssen, sich
dann nach Stuttgart und Wrzburg geflchtet, von wo er wegen daselbst
verbter Gaunereien wieder flchtig werden mute, sich nach Offenbach
begab und arm wie Hiob daselbst ankam. Bald aber gelang es ihm, die
Bekanntschaft einiger sehr reichen Pietistenfamilien in Frankfurt,
namentlich Husers und Zickwolfs, zu machen, welche den berfrommen Mann
so reichlich mit Geld bedachten, da derselbe bald instand gesetzt
wurde, ein wahrhaft sardanapalisches Leben in Offenbach zu fhren. Wie
es derselbe verstand, sich bei dummen Frmmlingen einzufhren und als
Prophet geltend zu machen, mag folgendes Prbchen beweisen. Als er der
Madame Huser in deren Wohnung vorgestellt wurde und die Frau zum
erstenmal erblickte, kreuzte er die Arme ber die Brust, verdrehte die
Augen, gen Himmel blickend, und rief aus: Groer Gott, was sehe ich,
dies ist das leibhaftige Gesicht, das du mir so oft als reine Jungfrau,
als himmlischen Engel bei meinen mitternchtlichen Gebeten hast
erscheinen lassen. Jetzt warf sich der Mann Gottes vor der Dame auf die
Knie und sagte: Reiner Engel Gottes, ich bete dich an, du bist eine der
Gebenedeiten des Herrn, Heil und Segen ist mit dir. Jede vernnftige
Frau wrde den Menschen fr einen Tollen gehalten und zur Tre haben
hinauswerfen lassen. Dies tat aber Madame Huser nicht, deren schwache
Seite Mller lngst erforscht hatte, sondern sie hob den Mann liebreich
auf, war entzckt von ihm, hndigte ihm noch in derselben Stunde mehrere
tausend Gulden zu frommen Zwecken ein, und vermochte alle ihre
Verwandten und Bekannten, die Pietisten waren, sowie die Familie
Zickwolf, dem groben Betrger ungeheure Summen, immer zu frommen
Zwecken, zu geben, die derselbe in Offenbach auf einem prchtigen
Landgut, das er daselbst erstanden, in den schamlosesten Orgien
verprate, bei denen seine eingeweihten Helfershelfer und liederliche
Dirnen nackend allerlei Tnze und so weiter auffhrten. Aber mit groer
Ostentation spendete er viel Almosen an die Offenbacher Armen, um sich
bei den Einwohnern beliebt zu machen und von den Behrden geduldet zu
werden. Nichts vermochte, den Betrogenen die Augen zu ffnen, nichts
half es, ihnen die klarsten Beweise der Betrgereien des Gauners zu
liefern, sie waren und blieben so verblendet, da sie alles nur fr
Verleumdung gegen den von Gott zur Rettung der Menschheit gesandten Mann
hielten, und ihm, nachdem er es zu bunt gemacht und von der Darmstdter
Regierung gezwungen wurde, auch Offenbach wieder zu verlassen, mit den
Rudera ihres Vermgens nach Amerika folgten, wobei er ihnen verkndigt
hatte, da eines der mitreisenden Mdchen, das bereits in der Hoffnung
war, unterwegs einen neuen Sohn Gottes gebren wrde! -- Da alle und er
selbst in Amerika ins grte Elend und Unglck kamen und Broli auf dem
Mississippi sein Leben endete, ist bekannt.

Noch hielten sich mehrere Polacken in Offenbach auf, die mit dem
sogenannten Polackenfrsten gekommen waren und nun ein sehr eingezogenes
Leben daselbst fhrten. Das Mysterise dieser Fremdlinge hatte sich
jetzt auch so ziemlich aufgeklrt und viel hnlichkeit mit Mllers
Treiben gehabt. Der sogenannte Polackenfrst, der im Jahre 1788 schon
nach Offenbach mit einem groen Gefolge prchtig gekleideter und
bewaffneter Leute gekommen, er hatte sogar eine Leibwache von mehr als
siebzig Mann, in kostbare Uniformen gekleidet, mitgebracht, von denen
immer zwei an seiner Wohnung Schildwache standen, und den zwlf in Rot,
Grn und Gold gekleidete Ulanen mit langen Piken begleiteten, wenn er in
seiner reichen Karosse, mit vier schnen Schecken bespannt, ausfuhr, war
nichts als ein polnischer Jude namens Dobrusky, der sich zuerst hatte
taufen lassen, dann eine eigene Sekte stiftete, die da glaubte, da Gott
bald als Mensch verkrpert erscheinen wrde, und ihn endlich selbst fr
den auf Erden verkrperten Gott hielt. Er hatte zuerst mit gleichem
Prachtaufwand in Brnn und Wien gelebt, von wo er endlich ausgewiesen
worden war, und sich nach Offenbach begab, wohin ihm seine Glubigen aus
Polen, Bhmen, Mhren, der Lausitz und so weiter fortwhrend ungeheure
Geldsummen bermachten. In schweren Fssern kam das Gold und Silber an.
Alle seine Umgebungen verehrten den Betrger wie einen Gott und hielten
ihn fr unsterblich. Auch er gab ungeheure Almosen an die Armen. Als er
aber endlich doch starb, da war die Betrbnis gro unter seinen
Zurckgebliebenen. Dennoch wurde ihm ein fast knigliches
Leichenbegngnis zuteil, und nahe an tausend Personen, alle prchtig
geschmckt, folgten seiner Leiche, heulten und jammerten, da es htte
Steine erbarmen mgen. Diese Betrbnis mag sehr aufrichtig gewesen sein,
denn mit dem Aufhren seiner Unsterblichkeit hrten auch bald die
Geldsendungen auf und die Not begann. -- Offenbach war von jeher und bis
auf die neueste Zeit ein von Schwrmern, Frmmlingen und ihren dummen
Kreaturen gesuchter Aufenthalt. Das Warum ist mir nie recht klar
geworden, da im allgemeinen die Einwohner ein ziemlich nchterner und
vernnftiger Menschenschlag sind. Das nahe geldreiche Frankfurt aber mag
wohl der Hauptmagnet sein.

Da ich damals das Frankfurter Theater seltener besuchte und die Abende
lieber im Freien, nach Bergen, Wilhelmsbad, Berkersheim, Seligenstadt
und so weiter reitend, zubrachte, als mich in dem immer mit einer
verpesteten Luft geschwngerten Haus drei Stunden aufzuhalten, so hatte
ich mit dem das Orchester dirigierenden Kapellmeister abgemacht, da er
mir hauptschlich die Opernkritiken fr meine Zeitschrift liefern mge.
Da diese nun mit auerordentlicher Sachkenntnis geschrieben waren und
bis in die kleinsten Details der Exekution gingen, auch nicht ganz
unparteiisch waren und man mich oft nicht im Theater sah, so hatte das
Theaterpersonal bald Verdacht hinsichtlich des wahren Verfassers, und
fand es abscheulich, da ein Mitglied des Institutes dasselbe so
kritisiere. Eines Morgens, nachdem sich wieder ein ausfhrlicher Artikel
ber die letzten Operndarstellungen in der Zeitschrift befunden hatte,
vereinigte sich ein Teil der Snger und Schauspieler whrend der Probe,
um nach Beendigung derselben sogleich zu mir nach Offenbach zu fahren,
um ber den Namen des Verfassers dieser Kritiken von mir Gewiheit zu
erlangen, und versicherten, ehe sie abfuhren, ihren Kameraden auf ihr
Wort, sie wrden nicht zurckkommen, ohne den Namen schwarz auf wei
mitzubringen. -- Es war kurz vor Essenszeit, als es an meinem Zimmer im
Isenburger Hof klopfte, und auf mein Herein! trat der Schauspieler
Henkel ein. Kaum hatte ich diesen gefragt, was mir das Vergngen seines
Besuches zuziehe, so trat auch der Snger Dobler, nach diesem der
Tenorist Kastner, und so weiter, in allem sieben Mann, in das Zimmer,
deren Sprecher mir nun rund heraus erklrte: sie seien gekommen, um von
mir den Namen des Verfassers der Opernrezensionen zu erfahren, und als
ich ihnen darauf erwiderte, ich knne hierauf keine andere Antwort
geben, als da ich die ganze Verantwortlichkeit derselben auf mich
nehme, sagte Herr Henkel: Damit knnen wir uns nicht begngen. Wir
mssen durchaus wissen, wer sie schreibt, und werden nicht eher
Offenbach verlassen, als bis wir dies schriftlich von Ihnen haben, denn
wir gaben unseren Kameraden in Frankfurt das Wort, es schwarz auf wei
mitzubringen. Das bedauere ich sehr, meine Herren, denn ich gebe Ihnen
mein feierliches Ehrenwort, da Sie ohne dieses Offenbach verlassen oder
meinetwegen ewig hier bleiben werden. Das wollten wir doch sehen,
meinten die Herren, da gibt es noch Mittel, und so weiter, und nahmen
nun eine drohende Haltung und Miene an. Ich aber griff nach meinem neben
mir hngenden Jagdgewehr und sagte mit starker Stimme: Dies ist also
auf einen meuchlerischen berfall abgesehen, wo Notwehr zur Pflicht
wird. Wer von Ihnen noch einen Schritt weiter tut, dem jage ich die
Posten ins Gehirn! (Notabene, das Gewehr war nicht geladen), und meine
beiden Hunde schlugen an. Die Herren sahen sich jetzt bestrzt an, in
demselben Augenblick ging meine Stubentre auf und mein Reitknecht und
der Wirt, Herr Ziegler, traten ein und fragten, was es da gebe.
Nichts, erwiderte ich lachend, die Herren sind Schauspieler und haben
hier nur so eine Art Probe halten wollen. Alle standen nun ganz
beschmt, wie ausgezischte Schauspieler, da. Ich aber sagte zu Herrn
Ziegler: Belegen Sie noch sieben Kuverte an der Tafel, die Herren sind
smtlich meine Gste. Nicht wahr, meine Herren, Sie nehmen doch die
Einladung an? Damit Sie sich nicht ganz umsonst nach Offenbach bemht
haben, erzeigen Sie mir die Ehre? Sie murmelten nun ein allerlei
unverstndliches Durcheinander, von zuviel Ehre, nicht annehmen knnen
und so weiter, dem ich ein Ende machte, indem ich sagte: Zu Tisch,
meine Herren, man hat bereits serviert, nicht wahr, Herr Ziegler?
Freilich, die Suppe steht schon auf dem Tisch. Wohlan, so lassen Sie
uns gehen. Ich ffnete nun die Tre und bat sie, mich in den Speisesaal
zu begleiten, wo wir noch einige Fremde fanden. Anfnglich war die
Unterhaltung, so sehr ich sie auch zu animieren suchte, ziemlich
einsilbig. Nachdem jedoch einige Flaschen geleert waren und auch noch
Champagner geperlt hatte, wurden die Herren gesprchiger und endlich
sehr munter. Nach Tisch bequemten sie sich bald zur Heimfahrt, baten
mich aber dabei dringend und mit Armensndergesichtern, ich mchte doch
ja nichts von diesem Vorfall in meiner Zeitschrift erwhnen, was ich
ihnen auch versprach. Als sie nach Frankfurt zurckkamen und von allen
Kameraden gefragt wurden: Nun, habt Ihr's, wer ist's? Heraus damit!
standen sie wieder wie ausgezischte Komdianten da, und muten noch oft
bei den Proben hren: Nun, wann fahren wir wieder nach Offenbach, den
Namen des Opernrezensenten zu holen?

Ungefhr um dieselbe Zeit gastierte die Sngerin Canzi in Frankfurt, die
bei einer silberreinen, glockenhellen Sopranstimme eine auerordentliche
Kehlenfertigkeit hatte, und mit ihrem Ziehvater, einem pensionierten
sterreichischen Major und dessen Frau Kunstreisen machte, wo sie
berall auerordentlich gefiel. Der Major, welcher frhzeitig das Talent
des jungen Mdchens wahrgenommen, hatte ihr ein paar Jahre
Gesangunterricht erteilen lassen und sich dann mit ihr auf Reisen
gemacht, um zu ernten, was er gest. Die Ernte fiel auch so reichlich
aus, da sich der gute Mann nach einem Jahrzehnt vollkommen mit dem
Erworbenen in den Ruhestand setzen konnte, und dann sein Pflegekind, das
bei dem Stuttgarter Hoftheater eine gute Anstellung erhielt, seinem
weiteren Schicksal berlie. Damals war gerade ein groer Teil des
Hessen-Darmstdtischen Stdtchens Bentheim abgebrannt. Ich veranstaltete
eine musikalische Abendunterhaltung zum Vorteil der armen Abgebrannten
im Offenbacher Theater, welches der Wirt Schlosser, der es in Pacht
hatte, gratis dazu hergab, und bat Demoiselle Canzi, dabei mitwirken zu
wollen, was sie mir auch sogleich mit der grten Bereitwilligkeit
zusagte. Sodann hatte ich mehrere Dilettanten vermocht, ein zweiaktiges
Vaudeville, >Der moderne Don Juan< betitelt, das ich geschrieben, zu
diesem Zweck einzustudieren. Das Ganze hatte den besten Erfolg und
brachte eine sehr ergiebige Einnahme. Viele Frankfurter waren zu der
Vorstellung gekommen, von denen mehrere in der Absicht, um sich zu
rchen, dieselbe strend unterbrechen wollten. Als nun das Vaudeville
begann, in dem ich die Titelrolle bernommen hatte, fingen sie im
Parterre an, zu stampfen, zu treten und Lrm zu machen. Mehrere
Offenbacher aber verstanden den Spa bel und warfen die ungeschliffenen
Herren zur Tre hinaus, worauf die Vorstellung ihren ungestrten
Fortgang hatte und mit groem Beifall endigte. Ein frhliches Bankett im
Isenburger Hof machte den Beschlu.

Schon seit lngerer Zeit war mir Metternichs kurzsichtige Politik und
sein ganzes widersinniges System, das nimmermehr ein gutes Ende nehmen
konnte, in hohem Grad zuwider. Weit entfernt, ein unsinniger Demagoge zu
sein, mochte ich ebensowenig ein solches Stockregiment, wie das
sterreichische war, leiden, whrend man in Preuen lngst in hohem Grad
liberal und human war. -- Die Bedingung, unter welcher mir die
Konzession zu meiner Zeitschrift gegeben worden, war, da ich mich
durchaus aller Politik enthalten msse. Ich durfte also nichts, was
einen politischen Anstrich haben konnte, in derselben aufnehmen. Dagegen
gab ich fters lithographierte Beilagen, meistens Karikaturen, die wohl
an das Politische streiften. So hatte ich das unselige Papierwesen und
die Anleihen, die Brsenspiele und so weiter, schon scharf genug auf
diese Weise bezeichnet. Jetzt aber fiel es mir ein, den staatsklugen
Metternich samt seinen Helfershelfern mit unverkennbaren Attributen zu
zeichnen und alle auf einem groen Krebs reiten zu lassen, der rckwrts
gehend, sich an dem Rand eines tiefen Morastes befand. -- Dies war denn
doch zu toll. Es kamen Reklamationen von Wien, der Bundestag mischte
sich darein, und eines Morgens ward ich pltzlich auf das Amt in
Offenbach beschieden, wo mir erffnet wurde, da meine Zeitschrift auf
hheren Befehl verboten sei. Noch hatte ich von Glck zu sagen und es
einer besonderen Frsprache zu verdanken, da ich nicht wenigstens auf
sechs Wochen die hessische Festung Rokenburg besuchen durfte. -- Gro
war der Jubel und die Freude, als dies Verbot in Frankfurt bekannt
wurde. Meine zahlreichen Feinde wnschten sich gegenseitig Glck, man
begrte sich auf den Straen, sich die groe Neuigkeit zurufend, und
wenig fehlte, da nicht ein hoher Senat ein Festessen diesem Ereignis
zuliebe veranstaltet htte. Aber die Freude sollte nicht von sehr langer
Dauer sein, wie wir bald sehen werden. Ich machte gleich nach dem Verbot
eine Rheinreise bis Kln mit einer sehr lustigen Gesellschaft von
Offenbachern und mehreren Damen. Wir hatten zu diesem Zweck in Mainz
eine eigene Jacht gemietet, einen Flgel und mehrere andere Instrumente,
Feuerwerk und Fackeln, nebst allerlei Mundvorrat eingeschifft, so da
die Fahrt eine uerst unterhaltende werden sollte. Ich hatte dafr
gesorgt, da sich unter den Damen meine intimsten Bekannten in
Offenbach, wie die Hofrtin M..., Annchen F..., Delphine A..., sowie
Fanny M... aus Frankfurt und so weiter befanden. Am Fahrtor zu Frankfurt
bestiegen wir die Jacht und brachten die erste Nacht in den >Drei
Reichskronen< in Mainz zu. Den anderen Morgen fuhren wir weiter,
landeten aber allenthalben, wo es etwas zu sehen gab, eine Ruine zu
besteigen, ein Ort oder ein Schlo zu besuchen war, bei welcher
Gelegenheit immer romantische Spaziergnge gemacht wurden, und sich
manches Prchen, unter denen auch ich, ber die Gebhr in den Felsen,
Ruinen oder Gebschen verirrte. So kamen wir den ersten Tag, wo wir im
Garten zu Bibrich und auf Schlo Johannisberg lange verweilt hatten,
nicht weiter als bis Bingen, den zweiten bis Sankt Goar, den dritten
noch nach Boppart, den vierten nach Koblenz, wo wir drei Tage
verweilten, einen Abstecher nach Ems machten, dann nach Neuwied,
Andernach, Bonn und so weiter, und erst den zwlften Tag in Kln an. Wir
waren meistens vom schnsten Wetter begnstigt, bestiegen die Bergruinen
abends beim Mondenschein, lieen Sang und Hrnerklang bei Fackelschein
in denselben erschallen, die Geister ihrer modernden Bewohner zu
erfreuen, und Raketen steigen. Unterwegs, in Koblenz, Bonn und Kln,
schrieb ich in den frhesten Morgenstunden mehrere pikante und
satirische Artikel ber Frankfurter Zustnde, die ich: >Aus dem Nachla
der verblichenen Offenbacher Zeitung< berschrieb, welche vollkommen
geeignet waren, die bermige Freude der guten Frankfurter ber das
Verbot derselben zu migen, da ich sie in den am Rhein erscheinenden
Blttern abdrucken lie und zu vielen Hunderten zur Verteilung nach
Frankfurt schickte. Nachdem wir uns auch in Kln und seinen Kirchen,
besonders dem Dom, gehrig umgesehen, auch den elftausend Jungfrauen in
Sankt Ursula einen Besuch gemacht hatten, traten wir vergngt die
Rckreise ber die Taunusbder an und kamen nach einer Abwesenheit von
ungefhr drei Wochen wieder glcklich nach Frankfurt und Offenbach. Hier
war whrend derselben zu meiner Verwunderung ein neues Blatt entstanden,
das den Titel >Offenbacher Unterhaltungsbltter< fhrte, welches mein
Buchdrucker, ein gewisser Hauch, auf seine eigene Faust herauszugeben
sich unterfangen und an alle Abonnenten meiner Zeitschrift gesandt
hatte, diese zu vertreten. Dieser Hauch, der hchstens ein mittelmiger
Setzer war und in seiner Jugend in Offenbach Gnse htete, hatte den
bekannten Doktor Pfeilschifter gebeten, ihm bei der Redaktion des
Blattes zur Hand zugehen. Aber das ganze Unternehmen ging um so
schneller den Krebsgang, meine Abonnenten wollten nichts davon wissen,
und als ich mich mit dem Eigentmer einer Frankfurter politischen
Zeitung verband und diesen vermochte, derselben eine belletristische
Beilage beizugeben, da fiel das Hauchsche Unternehmen zusammen. Um diese
Zeitung und ihr Beiblatt schnell zu heben, machte ich eine Reise auf
vierzig bis fnfzig Stunden im Umkreis, bis Karlsruhe auf der einen und
Kln auf der anderen Seite, und als ich meine Tour geendet und nach
Frankfurt zurckkam, fand ich zu meiner groen Satisfaktion, da sich
die Zahl der Abonnenten dieser Zeitung whrend meiner Reise schon um
zwlfhundert vermehrt hatte. Von allen Orten, wo ich hinkam, sandte ich
sogleich mglichst pikante Artikel ber die neuesten Vorflle in
denselben nach Frankfurt ein, die auf der Stelle abgedruckt werden
muten, und dann von der Nummer, in welcher sie standen, nach der Gre
des Ortes, aus welchem sie datiert waren, viele hundert Exemplare per
Post dahingeschickt wurden, die ich selbst allda verteilen lie. Dieses
Manver war ber alle Erwartung geglckt, und die Zeitung nahm
fortwhrend auerordentlich an Abonnenten zu, deren sie bald an
fnftausend zhlte, was mir sehr wohl zu statten kam, da ich
verhltnismig dafr honoriert wurde, und als das Verbot meiner
Zeitschrift erschien, meine Finanzen sich eben nicht im besten Zustand
befanden, ich auch wenigstens ein paar tausend Gulden laufende Schulden
hatte. Dies war bei der Lebensart, die ich gefhrt, und den Geschenken,
die ich an viele Damen gemacht, kein Wunder, obgleich ich noch
bedeutende Honorare durch meine Arbeiten in franzsischen Journalen
nebenher erhielt. Ein guter Rechenmeister war ich nie gewesen,
glcklicherweise wute ich aber die Defizits durch gut berechnete
Unternehmungen immer wieder zu decken. Ein ganz besonderes Ereignis
machte, da sich damals meine Ausgaben noch gewaltig mehrten.

Es war in der Frankfurter Herbstmesse, als ich die Buden auf dem
Paradeplatz mit ihren Sehenswrdigkeiten besuchte, um Bericht ber
dieselben abstatten zu knnen. Unter diesen befand sich die Menagerie
eines gewissen Tourniaire, Bruders des bekannten Kunstreiters dieses
Namens, der auf seinem Anschlagezettel angekndigt hatte: Zwei ganz
junge, sehr schne Zirkassierinnen von siebzehn und achtzehn Jahren
wrden die Riesenschlangen seiner Menagerie dem Publikum vorzeigen. Die
beiden jungen Mdchen, die auf beiden Seiten eines brtigen,
wildaussehenden Mannes standen, waren wirklich schn und in der ersten
Jugendblte. Besonders aber war die eine, welche die ltere schien, eine
vollendete Schnheit, mit einem unvergleichlichen seelenvollen Ausdruck
im Auge und Angesicht; dabei fiel ihr ein rabenschwarzes Seidenhaar auf
die nackten Schultern bis zu den Knien herab. Ihr Krperbau war uerst
zart und zierlich. Die andere hingegen hatte, was die Franzosen _la
beaut du diable_ nennen, Jugendfrische, hochrote Wangen und ziemlich
derbe Glieder, war dunkelblond und manipulierte die Schlangen ganz
ungeniert, whrend die ltere, so lange diese Tiere gezeigt wurden,
sichtbar zitterte und eine Art Fieberschauer hatte, bis sie abtrat. Da
mich die Mdchen, besonders die ltere, sehr angesprochen und
interessiert, so erkundigte ich mich, wo die Leute wohnten, und nachdem
ich erfahren hatte, da sie bei Gnther im Pariser Hof logierten, traf
ich sie nach mehreren vergeblichen Gngen endlich eines Abends sehr spt
in dem allgemeinen Gastsaal, wo die Mutter mit ihren beiden Tchtern
ganz europisch ein sehr bescheidenes Abendbrot einnahm. Ich lie mich
mit den Leuten in ein Gesprch ein; sie schienen mir aber verlegen und
ngstlich. Die Kinder sprachen ganz gelufig sterreichisches Deutsch,
die Mutter franzsisch mit dem normnnischen Akzent. Whrend ich mich so
mit ihnen unterhielt und sie schon anfingen, zutraulicher zu werden,
trat pltzlich der Menageriebesitzer Tourniaire in den Saal, worber sie
gewaltig zu erschrecken schienen und zusammenfuhren. Er ging sogleich
auf den Tisch zu, an dem wir saen, und sagte zu der Frau: _Madame, il
est temps d'aller se coucher._ Sie machten auch sofort Anstalt, diesem
Befehl zu gehorchen, und als sie aufbrachen, begleitete sie Tourniaire
bis an die Tre, im Vorbergehen flsterte mir jedoch das lteste
Mdchen halbleise und mit einem fast flehenden Blick zu: Mein Herr,
werden wir Sie nicht wiedersehen? worauf ich, ihr eine gute Nacht
wnschend, ein bejahendes Zeichen zunickte. Den anderen Tag ging ich
gegen Mittag wieder in die Menagerie, wo ich indessen nur das jngste
Mdchen mit dem brtigen Mann die Schlangen zeigen sah, und auf mein
Befragen bei der Mutter, die wieder am Eingang sa, erfuhr, da die
ltere unwohl im Bette htte bleiben mssen. Ich lie mich mit der Frau
tiefer in ein Gesprch ein, die mir jetzt mitteilte, da sie die Witwe
eines sterreichischen Hauptmanns namens Peche, sie selbst aber aus der
Gegend von Rouen sei, wo ihr Vater Gutsbesitzer gewesen, aber in der
Revolution alles verloren htte. Ihr Mann habe kurz vor seinem Tod seine
Stelle verkauft, worauf sie mit den Kindern nach Prag gezogen und
whrend den Sommermonaten einen Laden mit Modewaren in Karlsbad gehabt,
wo sie aber keine Fortune gemacht. Wie sie mit ihren Kindern an
Tourniaire gekommen, wolle sie mir ein anderes Mal erzhlen, da dies zu
umstndlich sei. Nur so viel knne sie mir noch mitteilen, da sie und
die Kinder sich sehr unglcklich fhlten und in einer peinlichen Lage
befnden. Ich bezeigte Teilnahme an ihrem Schicksal und versprach der
Madame Peche, mich ihrer anzunehmen, worauf die Frau freundlich dankend
einging und was sie zu trsten schien.

Noch einige Male besuchte ich die Menagerie, in welcher die hbschen
Schlangenmdchen figurierten, bekam aber die ltere nicht mehr zu sehen,
die, wie mir Madame Peche sagte, jetzt einen solchen Abscheu vor den
Tieren habe, da, als man ihr die ungeheure Boa das letztemal um den
Hals hngen wollte, sie Konvulsionen bekommen htte. Morgen reisen wir
nach Kln ab, sagte Madame Peche, wollen Sie Therese (so hie das
schne Mdchen) noch einmal sehen, so besuchen Sie sie auf ihrem
Zimmer. Ich lie mir dies nicht zweimal sagen, eilte zu ihr und fand
sie sehr niedergeschlagen und angegriffen. Ich unterhielt mich ziemlich
lange mit ihr, und sie ergnzte die mir von der Mutter schon gemachten
Mitteilungen, indem sie sagte, da, nachdem das Karlsbader Geschft
verunglckte, sie und ihre Schwester ein paar Monate als Choristinnen
bei der Bhne zu Prag gestanden, wo sie Tourniaire auf dem Theater
gesehen, sich nach ihnen erkundigt, und als er erfahren, da die Mutter
eine Franzsin sei, derselben unter dem Vorwand der Landsmannschaft
einen Besuch gemacht und, ihre drftigen Umstnde kennen lernend, ihr
endlich den Vorschlag getan habe, da sie samt den beiden Mdchen ihr
reichliches Brot bei ihm finden sollten, wenn sie sich bequemen wrden,
mit ihm zu reisen. Sie habe dann nur die Kontrolle an der Kasse seiner
Menagerie zu fhren und die Billette abzunehmen; fr die Mdchen werde
er auch sorgen und ihnen eine passende Beschftigung geben. Madame Peche
hatte diesen Vorschlag sogleich mit Vergngen angenommen und verkaufte,
was sie noch an Mobilien hatte. Tourniaire gab ihr einiges Geld; sie
folgte ihm wenige Tage nach seiner Abreise von Prag mit ihren Tchtern
und wurde anfnglich sehr gut aufgenommen. Als aber der schon ziemlich
bejahrte graukpfige Fhrer der wilden Bestien allzu zrtliche Absichten
auf Therese blicken lie, die einen wahren Abscheu gegen ihn empfand,
und von ihr verchtlich zurckgewiesen worden war, da zog er andere
Saiten auf. Die Familie, die jetzt ganz in seinen Hnden, ohne Schutz
und Hilfe war, Madame Peche hatte zwar noch einen lteren Sohn von
ungefhr achtundzwanzig Jahren, der jedoch ein vlliger Taugenichts und
gemeiner sterreichischer Soldat war, mute tun, was er wollte. Madame
Peche wurde Billetteinnehmerin und ihre Tchter muten als
Pseudo-Zirkassierinnen die Schlangen zeigen. O Gott, wenn uns nur
jemand aus dieser schrecklichen Lage befreien wollte, auf den Knien
wrden wir es ihm danken, schlo Therese ihren traurigen Bericht.

Leider hrte ich von Ihrer Mutter, da Sie morgen schon abreisen
werden, versetzte ich, die Zeit ist zu kurz, um bis dahin noch etwas
Entscheidendes unternehmen zu knnen, aber seien Sie ruhig, liebes Kind,
ich werde Ihnen in wenig Tagen nach Kln folgen und Sie dann aus dieser
Lage befreien. Mit halb zweifelhaften, halb erkenntlichen Blicken sah
mich das schne Mdchen an, der ich nochmals versicherte, da es keine
leeren Worte seien, was ich sage, sie bat, sich vertrauensvoll auf mich
zu verlassen, und ihr versprach, da sie mich in mglichst kurzer Zeit
wiedersehen werde. Hierdurch getrstet, nahm sie mit Trnen in den Augen
Abschied von mir und nach einem langen Kusse entfernte ich mich.

Da ich im Interesse der von mir redigierten Zeitschrift abermals eine
Rundreise zu machen vorhatte, um Stoff fr dieselbe zu sammeln und
einige Korrespondenten zu gewinnen, da die erbrmliche Frankfurter
Zensur alles strich, was auch nur die entfernteste Beziehung auf
Frankfurter Behrden, Verwaltung und die stdtischen Zustnde berhaupt
haben konnte, so mute ich wohl das Blatt ganz mit auswrtigen Berichten
zu fllen suchen. Sogar an den Rezensionen ber die Frankfurter Bhne
vergriff sich der erbrmliche Rotstift, und erst, nachdem ich dem Zensor
gedroht, da ich die von ihm gestrichenen Stellen in auswrtigen
Blttern als von ihm gestrichen abdrucken lassen wrde, unterlie es der
Jammermann.

Die beabsichtigte Reise konnte ich nicht so schnell, als ich es
gewnscht, unternehmen, da ich als Zeuge in eine polizeiliche Sache
verwickelt war, die meine Gegenwart in Frankfurt erheischte. Bei dem
Hepp-Hepp-Krawall gegen die Juden, der vor mehr als einem Jahr frher
stattgefunden, waren ein paar dieser Kinder Israels, als sie, nach
Offenbach flchtend, nahe dem Frankfurter Wald vorberkamen, durch
einige Frankfurter Hauderersknechte derb abgeprgelt worden, und wren
vielleicht auf dem Platz liegen geblieben, wre ich nicht zufllig
dazugekommen und htte die Unglcklichen durch Bitten, Drohungen und
Versprechungen aus den Hnden der Barbaren befreit. Die Sache wurde erst
jetzt verhandelt und untersucht. Sobald ich aber abgehrt war, machte
ich mich auf die Reise und ging zuerst nach Mannheim und Speier.

Als ich ein paar Tage darauf in Bonn ankam, erblickte ich sogleich an
den Straenecken die Anschlagezettel von Tourniairs Menagerie. Ich eilte
auf der Stelle dahin und fand Therese allein an der Kasse sitzend. Als
sie mich erblickte, sprang sie, freudig in die Hnde schlagend, auf und
rief aus: Ach, so haben Sie doch Wort gehalten, das ist schn von
Ihnen. Sie erzhlte mir nun, da ihre Mutter krank in Kln sei, wo sich
auch ihre Schwester Toni und Tourniaire in diesem Augenblick befnden,
indem sie alle drei mit dem Wagen umgeworfen worden seien, wobei ihre
Mutter durch die auf sie fallende Geldkiste stark an dem Schienbein
verletzt wurde, in Kln aber die kaum erbaute Menageriehtte
zusammengebrochen wre, weshalb Tourniaire, bis dort eine neue
gezimmert, die Menagerie einstweilen nach Bonn geschickt. Er selbst sei
den vorhergehenden Tag, ihr die Kasseneinnahme empfehlend, wieder nach
Kln zurckgereist. Dabei klagte sie mir aufs neue bitter ihren Kummer.
Wohlan, sagte ich, wir mssen der Sache schnell ein Ende machen.
Lassen Sie die Kasse Kasse sein und kommen Sie mit mir, eine Promenade
machen. Wo wohnen Sie? Im Klotz. Gut, so werde ich mich auch
daselbst installieren. Warten Sie noch einen Augenblick, in einer
Viertelstunde bin ich wieder bei Ihnen. Ich ging nun in den >Goldenen
Klotz<, wo ich zwei Zimmer in Beschlag nahm, und kehrte dann zu Theresen
zurck, mit der ich eine Promenade in den Schlogarten von Bonn machte,
wo ich das Mdchen berredete, noch heute Tourniaire und seine Menagerie
zu verlassen, ich habe bereits ein anderes Zimmer fr sie im Klotz neben
dem meinigen genommen. Sie war es zufrieden, und als wir gegen Abend
heimkehrten, lie ich ihre Sachen auf das fr sie bestimmte Zimmer
bringen. Wir soupierten recht vergngt und brachten ebenso die halbe
Nacht wachend miteinander zu. Den anderen Morgen machten wir in aller
Frhe eine Partie nach den Ruinen des alten, eine gute Stunde von Bonn
entfernten Godesberg. Als wir in unseren Gasthof zurckkamen, erfuhren
wir, da Tourniaire schon diesen Morgen von Kln gekommen sei, sogleich
nach seiner Nichte, er gab sich berall fr den Oheim der Mdchen aus,
gefragt und in gewaltigen Zorn und groe Wut geraten sei, als er gehrt,
da sie schon in aller Frhe mit einem Fremden ausgefahren sei, und dann
auch erfahren, da sie den Abend vorher mit mir spazieren gegangen und
die Nacht in einem anderen Zimmer als dem ihrigen zugebracht habe. In
diesem Augenblick klopfte es an die Tre und auf mein: Wer ist's?
erfolgte ein barsches und rauhes: _C'est moi._ _Mais qui tes-vous?_
_Tourniaire._ _Ah Monsieur Tourniaire, un moment._ Ich steckte meine
Terzerolen auf jeden Fall zu mir, ffnete die Tre, die ich auch
verriegelt hatte, durch welche Tourniaire rasch mit zweien seiner
Bestienwrter eintrat. Auf meine Frage: _Que dsirez-vous, Monsieur?_
erwiderte er: _Je veux ma nice._ Ihre Nichte? Die kenne ich nicht.
Wer ist diese? Mademoiselle Peche. Pardon, diese ist nicht Ihre
Nichte. _Comment?_ Ich bin von allem auf das genaueste unterrichtet
und wei, wie Sie den Peches mitgespielt haben. Mademoiselle Therese hat
sich jetzt unter meinen Schutz begeben, und ich werde sie zu schtzen
wissen. Wenn Sie sonst nichts bei mir suchen, so knnen Sie wieder
gehen. Nicht ohne das Mdchen! Doch, mein Herr. Wo ist sie?
Darber habe ich Ihnen keine Rechenschaft zu geben. Tourniaire sah
sich nun allenthalben um und wollte endlich auf die Seitentre zugehen.
Zurck! donnerte ich ihm entgegen, stellte mich vor die Tre und
sagte: Noch einen Schritt weiter, so knalle ich Ihnen eine Kugel vor
den Kopf! Hier zeigte ich ihm ein Terzerol. Er prallte jetzt zurck
samt seinen beiden Gehilfen, die sich brigens sehr passiv verhalten
hatten, rief aber im Abgehen: Wohlan, ich werde die Polizei zu Hilfe
nehmen. Sehr wohl, schrie ich ihm nach, Sie sind ihr ohnehin schon
verfallen. Schimpfend und tobend ging er die Treppe hinab. Ich
verriegelte wieder meine Tre, eilte zu Theresen, die ich halb
ohnmchtig auf dem Bette liegend fand, und suchte sie mglichst zu
beruhigen. Hierauf klingelte ich einem Aufwrter und fragte diesen, was
mit Tourniaire geworden. Er berichtete mir, da derselbe auf sein Zimmer
gegangen sei und dort gewaltig mit seinen Leuten gewelscht und geflucht
habe. Jetzt sei er wieder ruhiger und wolle das Weitere auf den
kommenden Tag verschieben. Ich begehrte nun meine Rechnung, lie
Theresens und meine Effekten packen, und bat den Kellner, dem ich zwei
Taler Trinkgeld versprach, mir sogleich eine Extrapost zu bestellen,
diese aber, um Aufsehen und Skandal zu vermeiden, ein paar hundert
Schritte vom Gasthof entfernt zu halten, und so auch die Effekten
fortbringen zu lassen. Dies alles war um so leichter zu bewerkstelligen,
da die Nacht bereits angebrochen war. Als ich Nachricht hatte, da der
Wagen vorgefahren, eilte ich, die zitternde Therese im Arm, die Treppe
hinab, gab dem Kellner das versprochene Trinkgeld und mehr, und fuhr
nach Kln ab, wo wir noch vor Mitternacht eintrafen und ich mit meiner
schnen Beute bei Merzenich im >Wiener Hof<, den ich schon von frher
kannte, abstieg. Den anderen Morgen brachte ich Therese zu ihrer Mutter,
die mit ihrer Tochter bei Lamberts auf dem Domplatz wohnte. Wir teilten
der Mama, die sehr erfreut war, mich wiederzusehen, alles mit, was
vorgefallen, bis auf einige Nebenumstnde, die man besser verschweigt,
und ich sagte ihr, da sie sich nun vllig als von Tourniaire befreit
ansehen knne und ich fr ihre fernere Existenz Sorge tragen wolle. Es
wurde mir groer Dank und die jngere Schwester, Toni, sagte: Nicht
wahr, Mama, nun drfen wir auch nicht mehr das Fleisch mit den wilden
Tieren teilen, die oft die besten Stcke bekamen.

Ich erkundigte mich nun nach einem tchtigen Sachwalter. Als ein solcher
wurde mir der Advokat B... empfohlen, den ich von allem gehrig in
Kenntnis setzte, und der mir nicht nur versprach, sich dieser
Angelegenheit mit aller Ttigkeit anzunehmen, sondern meinte, da
Tourniaire auch noch der Familie eine Entschdigung schuldig sei und
nicht so ungerupft davonkommen drfe. Er wolle die Klage gegen
Tourniaire damit beginnen, sogleich Arrest auf die ganze Menagerie,
Pferde und Wagen und so weiter desselben legen zu lassen, welches das
beste Mittel sei, ihn zu einem wenigstens leidlichen Vergleich und zur
Losgebung der Peches zu bringen. Tourniaire sperrte sich anfnglich zwar
ganz gewaltig und meinte, er wrde sich auf nichts einlassen, und sollte
es ihm seine Lwen, Panther, Tiger, Bren, Affen und Pferde kosten. Ein
paar Tage darauf spannte er jedoch gelindere Saiten auf, denn die Wache
bei der Menagerie und den Pferden genierte ihn gewaltig. Es kam endlich
zu einem Vergleich; er gab Mutter und Tchter frei, und bezahlte die
geringe Summe von hundert Talern als Entschdigung. Als er dieses Geld
an mich auszahlte, sagte er: Die ganze Rache, die ich an Ihnen nehme,
ist, da ich Ihnen die Mutter Peche berlasse. Die wird hinlnglich
dafr sorgen, da Sie fr das, was Sie an mir getan, bestraft werden.
Dies sei meine Sorge, Herr Tourniaire, erwiderte ich, strich das Geld
ein und brachte es der Madame Peche, die die Summe sehr klein fand, sich
aber damit beruhigte, da ich ihr meine noch ziemlich gefllte Kasse zur
Disposition stellte. Nun hatte ich die ganze Familie auf dem Hals und
mute darauf denken, was mit ihr anzufangen sei. Therese besa eine sehr
angenehme und reine, aber etwas schwache Stimme, sang indessen mit
Gefhl und hatte viel Ausdruck im Vortrag. Auch erkannte ich bald, da
das Mdchen eine nicht unbedeutende Anlage zur Schauspielkunst habe.
Ihre Schwester Toni hingegen hatte fast fr nichts anderes Sinn als fr
Essen und Trinken; sie schlug in diesem Stck ganz der Mutter nach.
Damals hielt sich in Kln ein junger Breidenstein auf, ein Neffe meines
ehemaligen Lehrers, den ich schon frher in Homburg kennen gelernt,
welcher die Musik zu seinem Brotstudium gemacht und schon mehrere
gediegene Kompositionen geliefert hatte. Diesen bat ich, fters mit mir
zu Peches zu gehen, wo er uns am Klavier akkompagnierte, und wir des
Abends in dem sehr dster beleuchteten Saal Lamberts kleine Proben von
einzelnen Opernszenen hielten, nach denen wir dann noch nach dem Klavier
tanzten, auch die Polonse aus Spohrs Faust mit Gesang und Aktion
auffhrten. Diese Abendunterhaltungen, zu denen noch ein paar Mdchen
und Freunde Breidensteins kamen, hatten einen ganz besonderen Reiz,
welchen das _Chiaroscuro_ des dsteren Saales noch vermehrte, und auf
Theresens Phantasie und ganzes Wesen eine eigene Wirkung hervorbrachte,
so da sie die Susanna, Zerline und Kunigunde mit einer mich
entzckenden Vollendung und Hingabe spielte und sang. Da das reizende
Geschpf ein eminentes Talent fr die Bhne habe, davon war ich jetzt
berzeugt, sowie Breidenstein und andere, welche sie bei diesen
Abendunterhaltungen gesehen hatten. Ebenso waren wir darber einig, da
ihre so liebliche Stimme wohl schwerlich je die ntige Kraft erlangen
wrde, um in der Oper groes Glck zu machen, da sie hingegen im
Schauspiel glnzen msse. Breidenstein schlug mir vor, an Ringelhard,
den er kenne, und der damals mit seiner Gesellschaft im Sommer in Aachen
und im Winter in Kln spielte, schreiben zu wollen, was ich aber
ablehnte, und vorzog, Peches mit nach Mainz zu nehmen, in der Hoffnung,
die Mdchen bei der Frankfurter, Darmstdter oder Mainzer Bhne, also
mglichst in meiner Nhe, placieren zu knnen. Auch stand ich, wegen der
Geschichte mit der Catalani in Bremen, nicht zum besten mit Ringelhard.
Da ich ohnedies Briefe ber Briefe von Frankfurt erhielt, die meine
schleunigste Zurckkunft wegen der Redaktion des belletristischen
Blattes heischten, so traf ich sofort Anstalten zur Abreise und fuhr
ber Koblenz nach Mainz. Unterdessen hatte ich schon in Kln, noch mehr
aber auf der Reise Ursache genug gehabt, an Tourniaires Worte zu denken.
Madame Peche benahm sich selbst an den Table d'htes fast wie ein
Dragoner, oder doch wie eine Marketenderin, und lie die strksten
Weine, gleich einem Cramerschen Ritter, wie Wasser die Gurgel
hinabgleiten. Dabei hatte sie einen so guten Appetit, da sie ganze
Schsseln, besonders beim Dessert, auf ihren Teller leerte, und wenn ich
mit Theresen, wie in Koblenz, Ems, Schwalbach und so weiter, romantische
Spaziergnge machte, sie zog es vor, daheim zu bleiben, und entschdigte
sie sich mit Toni einstweilen bei einer guten Flasche Bordeaux und
allerlei Zuspeisen. Dabei blieb es indessen nicht; whrend unserer
Abwesenheit lie die Mama Schuhmacher, Modistinnen, Juden und so weiter
durch die Kellner rufen, denen sie allerlei Gegenstnde abkaufte.
Hierauf ersuchte sie den Wirt, das Geld bis zu meiner Rckkunft
auszulegen, und ich fand schon in Koblenz auf meiner Rechnung nahe an
fnfzig Taler als bar ausgelegt.




                                 XIII.

    Die Schlangenmdchen zuerst bei der Mainzer, dann bei der Klner
     Bhne engagiert. -- Der Bruder von ungefhr. -- Aufenthalt in
    Aachen. -- Ich spiele den Don Juan in der Wirklichkeit statt auf
   der Bhne. -- Ringelhards Gesellschaft. -- Aufenthalt in Kln. --
       Polizeidirektor Struensee. -- Trennung von Peches. -- Der
    Schauspieler Wolthers wird im Duell erschossen. -- Agnes F...ch.
       -- Noch ein Rousseau. -- Ich werde demagogischer Umtriebe
       verdchtig gemacht. -- Ich gehe nach Mainz. -- Aufenthalt
     daselbst. -- Ich redigiere eine Mannheimer Zeitschrift. -- Die
     schwarze Kommission. -- Ich werde aus Mainz verbannt und gehe
       nach Mannheim. -- Eine Reise nach Stuttgart. -- Die schne
    Unbekannte auf der Insel. -- Eine Saison in Baden-Baden. -- Ich
    nehme meinen Aufenthalt in Stuttgart. -- Buchhndler Frankh. --
   Das Theater. -- Eine sehr geheime Intrige. -- Die Stadtpost und ihr
   Redakteur. -- Ich gebe mein erstes historisches Werk heraus. -- Ich
                werde Spiebrger in Frankfurt am Main.


Den Tag nach unserer Ankunft in Kassel fuhr ich allein nach Frankfurt
und versuchte es, durch den Kapellmeister Guhr meinen Schtzlingen bei
dem dortigen Theater ein Engagement zu verschaffen. Dies war indessen
unmglich, da die hohe Oberdirektion samt der untertnigsten
Unterdirektion viel zu feindselig gegen mich gesinnt waren. Einen
hnlichen Versuch machte ich in Darmstadt, wo sich Grner zwar sehr
willfhrig zeigte, aber Bedingungen vorschlug, in die nicht wohl
einzugehen war. Ich kehrte schon den dritten Tag nach Mainz zurck, wo
mich Peches ngstlich erwarteten. Bald darauf waren beide Mdchen bei
der hiesigen Bhne, welche Cramer und Diehl dirigierten, engagiert,
sollten aber erst ihr Engagement antreten, sobald die Gesellschaft von
Wiesbaden zurckkehrte, wo sie whrend der Sommermonate spielte. Ich
drang auf sofortige Ausfertigung der Kontrakte, womit mich jedoch Diehl,
ich wei nicht aus welchem Grunde, hinhielt. Ungefhr sechs Wochen
mochten wir schon in Mainz sein, als eines Morgens der Direktor
Ringelhard mit dem Schauspieler Freund, der mit mir bekannt und damals
in Mainz engagiert war, in mein Zimmer trat. Ringelhard begrte mich
freundlich, und nachdem wir von einigen gleichgltigen Dingen
gesprochen, brachte er das Gesprch auf die Peches, indem er sagte, er
habe gehrt, da die ein paar schne und talentvolle Mdchen seien, die
er wohl einmal sehen mchte. Wenn Ihnen damit ein Gefallen geschieht,
so kann ich Ihnen dienen, erwiderte ich, holte beide und stellte sie
ihm vor. Er fand sie allerliebst, ich sang ein Duett mit Theresen, und
er empfahl sich, ganz entzckt von meiner Schlerin. Eine halbe Stunde
darauf kam er allein wieder und sagte eintretend: Verzeihen Sie, wenn
ich Sie abermals stre, aber sagen Sie mir, ob es nicht mglich ist, da
ich die Mdchen fr meine Bhne engagiere. Es ist zu spt, denn sie
sind schon bei dem hiesigen Theater engagiert. Ist der Kontrakt
unterzeichnet? Das nicht; Herr Diehl zgerte mit der Ausfertigung bis
jetzt, ich wei nicht warum, aber mndlich ist alles abgemacht. Oh, so
lange noch kein Kontrakt unterschrieben ist, hat das nichts zu sagen.
Was hat Diehl Gage versprochen? Siebzig Gulden fr Therese und dreiig
fr Toni monatlich. Wohlan, ich gebe das Doppelte. Das geht nicht,
Herr Direktor, Therese wird mich nicht verlassen wollen, und ich habe
auch keine Lust, mich von ihr zu trennen. So kommen Sie mit, seien Sie
Dramaturg meines Theaters. Ich kann nicht, ich bin Redakteur einer
Zeitschrift in Frankfurt. Sie knnen eine andere in Kln redigieren;
die >Colonia< sucht schon lngst einen tchtigen Mann; ich werde die
Sache vermitteln. Wissen Sie was, schenken Sie mir das Vergngen, heute
Abend bei mir in den >Drei Reichskronen<, wo ich logiere, zu soupieren,
und bringen Sie Peches mit; da wollen wir die Sache weiter besprechen.
Ich schlug die Einladung aus, bat aber Ringelhard, wenn es ihm Vergngen
mache, am Abend bei uns zu soupieren, obgleich ich ihm keine Hoffnung
machen knne, da sein Wunsch erfllt werde. Als er weg war, erzhlte
ich Peches, was er mir mitgeteilt, und als die Mama von der doppelten
Gage hrte, war sie entzckt und gleich fr die Sache, indem sie sagte:
Warum haben die Mainzer Herren die Kontrakte nicht gemacht.

Der Abend kam heran, Ringelhard mit ihm; wir soupierten, und als wir
alle in der heitersten Laune waren und auch wohl ein Glschen ber den
Durst getrunken hatten, nahm er pltzlich zwei Kontrakte aus der Tasche,
mit den Worten: Soweit ist alles fertig, ich mu Sie alle bei meiner
Bhne haben, unterschreiben Sie! Madame Peche und die Mdchen sahen
mich staunend und fragend an, Ringelhard versprach Himmel und Hlle,
tauchte eine Feder in Tinte, reichte sie der Mama hin, indem er zu ihr
sagte: Frisch unterschrieben, es soll Sie nicht gereuen! Madame Peche
unterschrieb und Ringelhard warf hundert Taler in Gold auf den Tisch,
indem er sagte: Hier ist das Reisegeld!, das Madame Peche auch
sogleich einsteckte. Am anderen Tag begab ich mich zu Cramer und Diehl,
denen ich reinen Wein einschenkte, indem ich damit schlo: Dies, meine
Herren, haben Sie sich selbst zuzuschreiben. Beide wurden nun
aufgebracht und meinten, die Mdchen seien dennoch bei ihnen engagiert,
mndlich oder schriftlich, das sei gleichviel, und sie wrden schon
Mittel finden, sie an der Abreise zu hindern. Wenn Sie glauben, dies
imstande zu sein, woran ich aber sehr zweifle, so versuchen Sie es,
sagte ich, mich entfernend. Wirklich wurde der Madame Peche, als ich den
anderen Morgen in deren Namen auf die Polizei schickte, um ihren
daselbst hinterlegten Pa zu verlangen, derselbe verweigert, und zwar
auf Antrag der Theaterdirektion. Ich ging nun selbst auf die Polizei, wo
ich, dem Polizeikommissar Mela die Sache gehrig auseinandersetzend,
abermals den Pa verlangte. Da er mir denselben nicht geben wollte, so
verlie ich ihn mit den Worten: Wohlan, wenn wir den Pa, gehrig
visiert, bis heute Abend nicht erhalten, so reise ich mit Peches morgen
frh ohne Pa ab, und werde dann dafr Sorge tragen, da diese
Geschichte in ffentlichen Blttern zur Kenntnis des Publikums kommt.
Damit empfahl ich mich, und um vier Uhr nachmittags war der wohlvisierte
Pa in unseren Hnden. Den anderen Morgen befanden wir uns in einer
offenen Kalesche, mit vier Postpferden bespannt, auf dem Wege nach
Aachen.

Auf der zweiten Station dahin kam pltzlich ein Mensch, der vllig das
Ansehen eines zerlumpten Vagabunden, aufgerissene Stiefel, ein
Bndelchen auf dem Rcken, eine schbige Mtze und offene Ellenbogen
hatte, an den Wagen gerannt und schrie: Mama! Mama! Ich glaubte, der
Kerl sei ein Narr, aber Madame Peche rief aus: _Ah mon Dieu, mon
fils!_ und Toni: Der Bruder! und Therese erschrocken: Aber wie kommt
der hierher? Ich war wie aus den Wolken gefallen, diesen Herrn Sohn und
Bruder zu erblicken, der ebenfalls wie aus den Wolken herabgeschneit
schien. Aber was war da zu machen? Wir muten stillhalten und der
achtundzwanzigjhrige Knabe setzte sich neben den Postillon auf den Bock
und erzhlte, da er schon ber vier Wochen am ganzen Rhein die Kreuz
und die Quere umherirre, seine teuren Verwandten aufzusuchen, aber bis
jetzt, wo ihm der Zufall dieselben auf der Landstrae begegnen lasse,
sei seine Mhe vergeblich gewesen. Wir fuhren nun mit dieser hchst
unwillkommenen Zugabe, der ich von meiner Garderobe mehreres mitteilte,
um sie wenigstens etwas reputierlicher aussehen zu machen, weiter, in
Koblenz und Kln bernachtend, nach Aachen, wo wir wohlbehalten
eintrafen und Ringelhard schon fr Wohnungen fr uns gesorgt hatte. Auch
ihm schien die brderliche Zugabe, die auerdem so hlzern war, da sie
kaum zu einem Statisten zu gebrauchen, hchst unerwnscht. Der Mensch
war ein echter bhmischer Stocksoldat, steif wie ein ausgestopfter
Strohmann, und dem Kalbfell entlaufen, die Mama aufzusuchen. Indessen
war er nun einmal da, und wollte doch auch leben, das heit essen und
trinken.

In Aachen war es noch sehr lebhaft durch die zahlreichen Badegste, und
wir machten hufige Spaziergnge nach Burtscheid und anderen Umgebungen.
Ringelhard hatte Theresen mit mir das Duettino: >Reich' mir die Hand,
mein Leben,< singen hren und ihr die Partie der Zerline zum
Einstudieren geschickt. Da aber fr den Augenblick kein Snger bei
seiner Gesellschaft war, der den Don Juan geben konnte, so fragte er
mich, ob ich nicht aus Geflligkeit fr ihn und Therese diese Partie
bernehmen wolle, und da mich auch Therese auf das instndigste bat, so
willigte ich ein. Schon war der Tag der Auffhrung bestimmt, und es
sollte eine der letzten Vorstellungen auf der Aachener Bhne sein, da
trat eines Morgens der Schauspieler Wolthers in mein Zimmer und sagte
nach den gewhnlichen Begrungen: Wenn Sie es nicht belnehmen, so
will ich Ihnen einen guten Rat erteilen. Treten Sie in Aachen nicht auf
die Bhne. Und warum? Weil Sie, wenn Sie auch wie ein Gott spielten,
dennoch ausgezischt wrden. Es hat sich eine furchtbare Kabale unter den
hiesigen Einwohnern gegen Sie gebildet. Man wei, da Sie einen ominsen
Artikel in eine Frankfurter Zeitung gegen die Aachener eingeschickt
haben, und das will man Ihnen wettmachen. Gut, wenn dem so ist, so
werden die Aachener den Don Juan nicht auf der Bhne sehen und die Sache
ist abgemacht. Ich ging nun zu Ringelhard, teilte ihm mit, was mir
Wolthers gesagt, und er war jetzt auch meiner Meinung, um so mehr, da
auch er schon etwas von diesen Intrigen vernommen hatte. Dagegen machte
ich, solange wir noch in Aachen verweilten, einigen hbschen Aachener
Damen recht emsig und nicht ohne glcklichen Erfolg den Hof, und bewies
deren Mnnern, da man besser daran getan htte, mich den Don Juan auf
der Bhne als auerhalb derselben spielen zu lassen. Bald darauf wurde
das Theater zu Aachen geschlossen, und wir reisten samt und sonders nach
Kln ab, eine recht lustige, wenn auch ein wenig zigeunerartige Fahrt,
jedoch in sehr bequemen Kutschen. Ich hatte indessen einen besonderen
Wagen fr Peches und mich bestellt, und der Herr Bruder mute wieder
seinen Platz auf dem Bock einnehmen.

In Kln bezog ich wieder eine Wohnung mit Peches, bei einer Madame
F...ch, der Witwe eines verstorbenen Beamten, die zwei recht artige
Tchter, Agnes und Mimi geheien, besa. Ich hatte indessen mein eigenes
Schlaf- und Arbeitszimmer, auf welchem ich Theresen fortwhrend
Unterricht erteilte und Rollen einstudierte. Zum erstenmal trat sie in
Kln in der Rolle des Benjamin in Mehls >Joseph in Egypten< auf, die
ich ihr einstudiert hatte, und in der sie durch ihr kindlich-gemtvolles
Spiel wie durch ihre liebliche Stimme auerordentlich gefiel. Doch mute
sie sich von der Oper bald ganz zurckziehen und allein nur dem
Schauspiel widmen, da es ihr an hinlnglicher Kraft im Gesang gebrach,
besonders, um in Ensemblestcken durchgreifen zu knnen. Ich hatte
unterdessen wirklich die Redaktion einer Klner Zeitschrift bernommen,
welche den Titel >Der Verkndiger< fhrte. Da ich mich aber mit dem
Eigentmer derselben nicht gehrig verstndigen konnte, so trat ich bald
darauf wieder von derselben ab, um eine andere, und zwar bedeutendere,
die >Colonia<, zu redigieren. Auch hier hatte ich manchen Strau mit der
Zensur zu bestehen, die unter dem Einflu eines gewissen Struensee, der
damals Polizeidirektor in Kln war, stand. Dieser Mensch war eine hchst
auffallende polizeiliche Karikatur und von sehr beschrnktem Verstand.
Die Klner, die sich fortwhrend ber ihn lustig machten, hatten ihm den
Spottnamen >Spornsee< gegeben, weil er stets fingerlange Krassiersporen
trug, ohne je ein Pferd zu besteigen. Dadurch, da ich auch hier der
Zensur zu verstehen gab, wenn sie ihren Rotstift nicht in gehrigen
Schranken halte, ich die gestrichenen Artikel in auswrtigen Blttern
und namentlich auch in Parisern wiederbringen wrde, lie man mir vieles
durchgehen. Aber Struensee hatte mir deshalb heimliche Rache geschworen
und suchte, diese, wie wir bald sehen werden, auf eine sehr
nichtswrdige Weise zu befriedigen.

Unterdessen war ich nher mit der Familie meiner Hauswirtin bekannt
geworden und brachte manchen Nachmittag und Abend in ihrer Gesellschaft
zu, was Peches nicht sehr angenehm war. Aber der Umgang mit diesen,
namentlich der Mama und dem Bruder, wurde mir tglich mehr zuwider, so
da ich, ich hatte den Tisch bei ihnen genommen, fast immer auswrts
speiste, um den unangenehmen Szenen, die meistens bei dem Essen
stattfanden, zu entgehen. Die Anforderungen der Madame Peche an mich,
besonders das Muttershnchen betreffend, nahmen kein Ende, und ich
befand mich damals nicht in so glnzenden finanziellen Verhltnissen,
diese nach dem Wunsch der alten Dame befriedigen zu knnen. Eines Tages
kam Madame Peche mit ihrem Herrn Sohn, der stark nach Branntwein roch,
auf mein Zimmer und verlangten wieder fnfzig Taler unter allerlei
Vorwand von mir, die ich diesmal verweigerte und verweigern mute,
wollte ich mich nicht fast ganz entblen. Jetzt wurden Mutter und Sohn
impertinent und endlich so grob, da ich gezwungen war, beide zur Tr
hinauszuwerfen, wobei ich dem letzteren noch ein paar Fuchtelhiebe mit
auf den Weg gab. Nun war der schon lange drohende Bruch eingetreten und
eine Trennung unvermeidlich. Therese kam zwar auf mein Zimmer, weinte
und bat, ich blieb jedoch standhaft und unerbittlich, obgleich es mir
leid tat, mich von dem lieblichen und talentvollen Mdchen zu trennen,
das schlechterdings bei mir bleiben wollte. Vielleicht wrde ich dies
auch eingegangen sein, wenn ich nicht gefrchtet htte, dann dennoch
immer die Mama und das Shnchen auf dem Hals zu haben. Anderseits mu
ich gestehen, da ich auch die ntige Kraft zu dieser Trennung in einem
sich eben entspinnenden Verhltnis mit der sehr feingebildeten Tochter
des Hauses, der hbschen Agnes F...ch, fand. Genug, ich brachte es
dahin, da Madame F...ch die Wohnung aufkndigte. Einige Tage darauf
zogen Peches aus, und statt ihrer die sehr achtbare Knstlerfamilie
Lortzing in ihre Wohnung. Therese sah ich jetzt nur noch bei den
Theaterproben, wo ich indessen nicht aufhrte, ihr mit Rat und Tat bei
ihrer knstlerischen Ausbildung beizustehen.

Etwa sechs Wochen, nachdem ich mich von Peches getrennt hatte, wurde
Therese die Veranlassung zu einer sehr tragischen Begebenheit. Der
Schauspieler Kunst hatte eine Abendgesellschaft gegeben, zu welcher er
das ganze Personal der Ringelhardschen Gesellschaft und mehrere andere
Personen, auch vom Militr, eingeladen hatte. Nach der Beendigung
derselben kam es zu einem Wortwechsel zwischen dem Schauspieler Wolthers
und einem Portepeefhnrich des in Deutz liegenden Dragonerregiments.
Beide machten Anspruch, Therese nach Hause begleiten zu drfen,
behauptend, zuerst den Antrag gemacht zu haben. Der dieserhalb
stattfindende Wortwechsel hatte eine frmliche Herausforderung zur
Folge, und den anderen Morgen fand ein Pistolenduell statt, in welchem
der Fhnrich den Schauspieler Wolthers erscho. Dieser, ein hbscher
junger Mann, war in der Blte seines Alters, kaum zhlte er
sechsundzwanzig Jahre, und gehrte einer sehr guten schlesischen adligen
Familie an. Sein wirklicher Name war Julius von Dobrowolsky. Auch der
Fhnrich war aus einer der besten Familien Aachens und mute flchtig
werden. Er schiffte sich nach Amerika ein. Diese unangenehme Geschichte
machte Theresen, obgleich sie nur die sehr unschuldige Ursache derselben
war, doch viele Feinde in Kln und namentlich unter dem weiblichen
Theaterpersonal, wo der Neid sich schon zu regen begann.

Mein Verhltnis mit der schnen Agnes wurde unterdessen immer inniger,
aber auch bald getrbt. Die Mutter, gegen deren Reize, trotz manchen
indirekten Anlockungen, ich vllig gleichgltig geblieben war, ahnte
bald etwas von unserem Einverstndnis und bewachte das Mdchen gleich
einem Zauberdrachen, so da es mir ganz unmglich war, sie auch nur
einen Augenblick allein in dem Haus zu sprechen. Wir korrespondierten
durch die Vermittlung einer von mir bestochenen Magd und gaben uns nun
Rendezvous in dem nahen Dom, bis ich ein Haus ausfindig gemacht hatte,
das in einem sehr entlegenen Teil der Stadt, zwischen den Mauern und
Krautfeldern lag, wo wir uns ungestrt sprechen konnten.

Madame F...ch, die indessen des ewigen Aufpassens mde war und einmal
gesehen, wie ich ihre Tochter, ihr auf der Treppe begegnend, gekt
hatte, kndigte mir nicht nur den Tisch, sondern auch die Wohnung auf,
und drohte mir, als ich erklrte, nicht ausziehen zu wollen, mit dem
Polizeikommissar. Da mir nun daran gelegen war, das Haus nicht zu
verlassen, so stellte ich mich, mit Agnes einverstanden, als suche ich
eine andere Wohnung, lie aber die meinige, damit sie Madame F...ch
nicht vermieten mge, durch den Theaterdiener Blum[5] angeblich fr
einen Schauspieler, der in vier Wochen ankomme, mieten. Als der zum
Ausziehen bestimmte Termin bis auf wenige Tage herangekommen war, kam
Blum mit einer verdrielichen Miene zu Madame F...ch und kndigte
derselben an, da der erwartete Schauspieler krank geworden sei und
schwerlich vor sechs Wochen eintreffen wrde. Die Dame war sehr
rgerlich deshalb, und ich ging jetzt zu ihr und sagte: da ich
vernommen, da der neue Mieter vorerst noch nicht kommen werde, so bte
ich sie, mich noch so lange zu behalten, da ich ohnehin noch kein
passendes Quartier fr mich habe ausfindig machen knnen. Da Madame
F...ch immer mit ihren Finanzen brouilliert war und mit ihrer Pension
nicht auskam, so verstand sie sich auch gerne dazu, und ich bezahlte
sogleich sechs Wochen antizipando. Ja noch mehr, da ich ihr fast zu
allen Vorstellungen Logenbillette schickte, die mich nichts kosteten, so
war sie wieder recht artig und bot mir von selbst wieder ihren Tisch an,
den ich auch sogleich akzeptierte.

Damals gab ein gewisser Rousseau eine Zeitschrift unter dem Titel
>Colonia-Agrippina< heraus, und da er ein groer Verteidiger und
Verehrer der Jesuitenpartei war, durch die er eine Karriere und sein
Glck zu machen hoffte, so wurde er durch diese sehr untersttzt und in
Schutz genommen. Da er auch Theaterkritiken ber die Klner Bhne
schrieb und sich in denselben arge Blen gab, so nahm ich ihn in meinen
Antikritiken fters stark mit. Seine Schtzlinge machten sich dieserhalb
an Struensee und muteten diesem zu, meine Antikritiken streichen zu
lassen. Dieser aber gab ihnen in seiner Einfalt zur Antwort: Das lasse
ich wohl bleiben, dann wre Frhlich imstande, gegen mich selbst zu
schreiben. Lieber soll er den Rousseau heruntermachen. Dieser ergriff
endlich das Mittel, mir in Gesellschaft des Dichters Schier einen Besuch
zu machen, um mich zu fragen, was er mir denn getan habe, da ich ihn so
vor dem Publikum hinstelle. Mein Gott, ich habe gar nichts gegen Ihre
Person; es sind nur allein Ihre mehr als lcherlichen Kritiken, die ich
beleuchte. Sie knnen mir nicht eine Stelle aufweisen, in der ich
persnlich geworden wre. Er fuhr noch fort, sich in einem sehr
weinerlichen Ton gegen mich auszulassen, worauf ich, um ihn loszuwerden,
endlich zu ihm sagte: Mein Gott, wenden Sie sich an die Zensur, die
kann ja streichen, was ihr beliebt. Das haben wir schon getan,
platzte er heraus, indem er mir die oben angefhrten Worte Struensees
rapportierte. Kaum konnte ich es verhten, nicht in ein lautes Lachen
auszubrechen.

[Funote 5: Robert Blum! -- Der Setzer.]

Struensee, der mich frchtete und dem ich deshalb ein Dorn im Auge war,
hatte mir Rache geschworen und suchte sie auf folgende Weise auszuben.
Damals war die Demagogenriecherei in Deutschland in vollem Gang. Er
berichtete nun an das preuische Ministerium, da ich mich in Kln
befnde und er mich stark im Verdacht habe, mit den Huptern der
Umwlzungspartei in geheimen Verbindungen zu stehen. In der Tat waren
mir schon einige Male Antrge gemacht worden, mich an solche mysterise
Gesellschaften anzuschlieen, die ich aber jedesmal sehr bestimmt
zurckgewiesen hatte, und zwar hauptschlich aus dem Grunde, weil ich
mich nicht zum Instrument mir unbekannter Personen hergeben und zur
Maschine herabwrdigen lassen wollte.

Indessen wurde ich von dem sauberen Bericht, den der Polizeidirektor
Struensee hinsichtlich meiner an das preuische Ministerium eingesandt
hatte, bei Zeiten durch einen bei der Polizei zu Kln angestellten
Beamten, der frher in franzsischen Militrdiensten gestanden, gehrig
unterrichtet. Dieser brave Mann hatte mir auch versichert, da er mich
sogleich, wenn die Antwort von Berlin kme, von deren Inhalt, und zwar
ehe ihn noch Struensee erfahre, da er die Depeschen zuerst durchgehe, in
Kenntnis setzen wolle; ich knne also deshalb ganz ruhig sein. In der
Tat berichtete er mir zehn bis zwlf Tage spter, da das Ministerium
den Prsidenten beauftragt habe, sich einige schriftliche Beweise, die
seinen Verdacht besser begrndeten, zu verschaffen, und wenn er diese
habe, meine Papiere in Beschlag zu nehmen, mich dann, wenn solche
gegrndete Veranlassung dazu gben, verhaften und nach Umstnden wohl
eskortiert nach Berlin bringen zu lassen. Als ich dies erfahren, packte
ich alle meine Schriften, obgleich unter ihnen auch keine Zeile war, die
einen solchen Verdacht im mindesten htte rechtfertigen knnen,
zusammen, da ich nicht wute, wie weit Struensee gehen wrde, und ich
nicht gerne haben mochte, da eine hohe Polizei die Nase in meine Briefe
und Papiere stecken sollte, wodurch sehr viel Personen, namentlich
Damen, und unter ihnen auch manche schne Klnerin und Berlinerin,
htten kompromittiert werden knnen. Den ganzen groen Pack gab ich wohl
verwahrt einstweilen Agnesen in sichere Verwahrung, die ihn ihrerseits
wieder an eine Freundin gab, weil wir uns nicht sicher vor einer
Haussuchung hielten und mein Verhltnis mit dem Mdchen dank der Mutter
ziemlich bekannt geworden war.

Unterdessen hatte Ringelhard beschlossen, whrend der Fastenzeit mit
seiner Gesellschaft nach Bonn zu gehen und, da mir die Redaktion der
>Colonia< viel zu wenig abwarf, ich auch durch noch andere literarische
Arbeiten in Kln (ich war Mitarbeiter des von Spitz herausgegebenen
rheinischen Konversationslexikons) nicht hinreichenden Verdienst hatte,
und mich die Struenseeschen Intrigen doch auch beunruhigten, so beschlo
ich, Kln zu verlassen und vorerst nach Mainz zu gehen. Diesen Entschlu
fhrte ich aus, bevor noch eine ministerielle Antwort auf einen zweiten
Bericht Struensees von Berlin gekommen war.

Die Unternehmer des rheinischen Konversationslexikons, unter denen ein
sehr vermgender Kaufmann war, baten mich vor meiner Abreise, das Werk
so viel als mglich in deutschen Zeitungen gnstig zu rezensieren und zu
empfehlen, und versprachen mir fr meine Mhe ein gutes Honorar. Ich
verlie nun das alte Kln, in dem ich manche angenehme Erinnerung
zurcklie, und fuhr ziemlich leichten Herzens nach Mainz, wo ich
diesmal im >Pariser Hof< bei Arnold abstieg, der ein allerliebstes
Tchterchen hatte. Bald darauf machte ich eine kleine Reise, um, wie ich
es versprochen, in verschiedenen Zeitschriften fr das rheinische
Konversationslexikon gnstige Artikel einrcken zu lassen, und hierdurch
wurde ich in Mannheim mit dem Eigentmer der dortigen Zeitung, einem
Herrn C..., der frher Kaufmann gewesen, aber als solcher verunglckt
war, bekannt. Dieser bot mir die Redaktion eines belletristischen
Blattes an, welches er, um seiner politischen Zeitung mehr Aufnahme zu
verschaffen, herauszugeben willens war. Ich wurde bald einig mit ihm,
blieb aber vorerst noch in Mainz wohnen, wo mich einige, erst krzlich
gemachte interessante Bekanntschaften von Damen fesselten, unter denen
namentlich die Frau eines Hauptmanns, ein sehr lebhaftes, schnes, erst
siebzehnjhriges Weibchen, das diesen Mann fast wider ihren Willen und
nur auf Zureden ihrer Verwandten geheiratet hatte. Auerdem war mir
Mainz von jeher ein gar lieber Aufenthalt gewesen, da seine freisinnigen
und liebenswrdigen Bewohner ein heiteres, munteres und gastfreies
Vlkchen sind. An der Table d'hte im >Pariser Hof<, an der ich speiste,
und wohin selten einige Fremde kamen, war eine tgliche
Tischgesellschaft, die, so seltsam sie auch zusammengesetzt, doch
uerst unterhaltend war. Sie bestand aus dem Prsidenten der
Untersuchungskommission der demagogischen Umtriebe (der sogenannten
schwarzen Kommission), Herrn von Keisenberg, einem sehr wissenschaftlich
gebildeten, humanen und unterrichteten Mann, der in seiner uerst
schwierigen Stellung viel Gutes wirkte, manches Bse verhtete, und
durchaus unparteiisch war; einem preuischen Auditor, gleichfalls einem
vorzglichen Kopf und trefflichem Charakter; Eikmeier, einem Sohn des
bekannten Generals dieses Namens, eigentlich des letzten Kurfrsten von
Mainz, dem er auch frappant hnlich sah, einem sehr jovialen
Gesellschafter und hellen vorurteilsfreien Kopf; einem Hofrat Krieger,
altem Hagestolz, sehr reich und ebenso filzig; einem gewissen Amtmann,
_mauvais sujet_; zwei sterreichischen Offizieren, Oberst B... und
Oberstleutnant P..., von dem damals in Mainz garnisonierenden Regiment
Langenau, einem Paar hchst bornierter Kpfe und groer Ignoranten,
dabei aber so furchtbaren Fressern, da jeder Gastwirt erschrak, an
dessen Table d'hte sie sich einfanden.

Ich redigierte den Mannheimer >Phnix< fortwhrend von Mainz aus und
lie ihm so reichliches und gewrztes Futter zukommen, da der seltene
Vogel bald in Frankfurt, Mainz, Darmstadt, Kln und am ganzen Rhein
heimisch wurde, und, da er sehr oft sehr satirisch war, nicht wenig
Aufsehen machte; manchmal aber auch ganz falsch verstanden wurde und ihm
dann groes Unrecht geschah. Folgendes war eines der komischsten
Miverstndnisse, das viel zu lachen gab. In Mannheim hatte der
Stadtdirektor die Wegnahme der Laternenpfhle befohlen, da knftig die
Laternen an quer ber die Strae laufende Eisenketten gehngt werden
sollten. Nun hatte ein Mannheimer Einwohner der Redaktion einen Aufsatz
eingesandt, der berschrieben war: >Die verabschiedeten
Laternenpfosten.< Dieser Aufsatz, behaupteten viele sterreichische
Offiziere, sei eine malitse, auf sie gemnzte Satire, und blieben
dabei, was ihnen auch die Preuen und andere vernnftige Leute dagegen
sagen mochten. Sie beruhigten sich nicht eher, als bis sie von Mannheim
aus erfahren hatten, da man daselbst wirklich die Laternenpfosten
weggenommen und durch Ketten ersetzt habe!

An unserem Tisch unterhielt ich mich hauptschlich viel mit dem
Prsidenten von Keisenberg, dem es Vergngen machte, mich ber Italien,
Frankreich, Spanien und die Jonischen Inseln auszufragen. Dagegen erfuhr
ich manches von ihm, das zu meinem Kram pate, und ich zu Artikeln in
Pariser Journalen benutzte, fr die ich noch immer ununterbrochen
arbeitete. Herr von Keisenberg las diese und uerte mehrmals bei
Tische, er mchte wohl den Einsender derselben kennen, wobei er einen
forschenden Seitenblick auf mich warf. Da sie indessen nichts weniger
als revolutionr geschrieben waren, sondern nur eine leidenschaftslose
Beurteilung der damaligen deutschen Zustnde enthielten, sogar die
Umtriebe der im Finstern schleichenden Hetzer und die Einfalt der guten
Studenten, die sich zu deren Werkzeugen hergaben, fters gegeielt
wurden, so las sie auch Herr von Keisenberg mit Befriedigung, und da er
mich fr den Verfasser hielt, ging aus mancher seiner uerungen hervor.
Dies kam mir sehr zustatten, denn nach einem Aufenthalt von mehreren
Monaten in Mainz hatte Struensee in Kln herausgebracht, wo ich mich
befand, und daher nichts Eiligeres zu tun, als einen Bericht
hinsichtlich meiner, in welchem er mich abermals als der demagogischen
Umtriebe verdchtig bezeichnete, an die Mainzer Untersuchungskommission,
nebst den Verfgungen des preuischen Ministeriums einzuschicken. Herr
von Keisenberg, der Struensee schon kannte, hatte dessen Albernheit
hinsichtlich meiner gehrig zurechtgewiesen und dem Ministerium die
vllig unbegrndete Anklage Struensees dargetan.

Zu meinem groen Leidwesen mute ich indessen Mainz pltzlich verlassen,
woran folgender Vorfall Ursache war. Im Theater besuchte ich gewhnlich
eine Loge, die dicht neben der war, welche die sterreichischen
Stabsoffiziere gemietet hatten und mit ihren Frauen einnahmen. Ein Major
W... hatte eine noch sehr junge Frau geheiratet, die Tochter eines
sterreichischen Artilleriehauptmanns, mit der ich bisweilen ein paar
Worte in der Loge wechselte, aber auch nicht die mindeste Absicht auf
die Dame hatte, da sie durchaus nichts besa, was mich htte anziehen
knnen, und unsere Unterhaltung beschrnkte sich auf ganz gleichgltige
Dinge; sie war auch, dank der geistigen Beschrnktheit der Madame W...,
sehr einsilbig. Dennoch sah es der Major ungern, wenn ich mit seiner
Frau sprach, was meistens in seiner Abwesenheit geschah, da er fters
durch den Dienst abgehalten, viel spter als dieselbe kam. Eines Abends,
als dies wieder der Fall war, trat er gerade in die Loge, als mich seine
Frau um Erklrung einer Szene fragte, die sie nicht begriffen hatte.
W...s Gesicht schwoll hochrot an, und zornglhend sagte er so laut, da
es das ganze Publikum hrte, zu seiner Ehehlfte: Du setzt dich gleich
hier herber! (auf die andere Seite der Loge), worauf mehrere Stimmen
von den Galerien ein Bravo, Herr Major! erschallen lieen und das
ganze Publikum lachte. Als ich nun im Zwischenakt die Loge verlie,
begegnete mir W... auf dem Korridor und sagte: Herr Frhlich, wenn Sie
noch einmal in Ihrer Loge ausspeien, so schicke ich Ihnen sechs
Korporale auf das Zimmer! Sie haben wohl ein Glas ber den Durst
getrunken? antwortete ich ihm, schlafen Sie Ihren Rausch aus, morgen
sollen Sie mehr von mir hren! Hierauf drehte ich dem Major den Rcken
und lie ihn ganz verblfft stehen. Den anderen Morgen schickte ich ihm
ein Schreiben, worin ich ihn um Erklrung der an mich gerichteten Worte
bat; da ich aber keine Antwort erhielt, sandte ich ihm eine frmliche
Herausforderung zu, und als auch diese ebenso erfolglos war, lie ich in
dem >Phnix< abdrucken, da ich den gewaltigen Helden W... samt seinen
sechs Korporalen in meiner Wohnung erwarte, und sie nach Verdienst zu
empfangen bereit sei. Die Sache hatte bereits viel Aufsehen gemacht und
war in der Stadt herum. Die preuischen Offiziere uerten sich
ffentlich, da ein solches Benehmen eines Stabsoffiziers unter ihnen
nie geduldet wrde, und so weiter. Dagegen hatte sich ein
sterreichischer Artillerieleutnant namens Schneider geuert: W...
solle nicht so viel Umstnde machen und mich bei der nchsten besten
sterreichischen Wache, an der ich vorberginge, festnehmen, in die
Wachtstube schleppen und gehrig durchhauen lassen. Alles dies gab nun
zu Reibereien unter der Garnison Veranlassung, und eines Morgens wurde
ich auf das Polizeiamt zitiert, wo man mir sehr artig und mit sichtbarer
und schonender Teilnahme erffnete, da ich auf Befehl des hohen
Festungsgouvernements die Stadt und Festung Mainz binnen vierundzwanzig
Stunden verlassen msse. Ich wollte zwar dagegen Einwendungen machen,
ging auch deshalb zu dem Herrn Regierungsprsidenten von Lichtenberg,
der mich mit der uersten Artigkeit aufnahm und mir sein Bedauern
ausdrckte, in dieser Sache nichts fr mich tun zu knnen, da das
Festungsgouvernement das Recht habe, jeden Fremden aus der Stadt zu
weisen, ohne irgendeine Rechenschaft deshalb geben zu mssen.
Ebensowenig half es mir, da ich mich an den Gouverneur, den preuischen
General von Carlowitz, selbst wandte, der mir antwortete, er habe die
Ausweisung mehr in meinem eigenen Interesse anordnen mssen, da bei
meinem lngeren Weilen dahier meine persnliche Sicherheit leicht
gefhrdet werden knne, denn die sterreichischen Offiziere der Garnison
seien zum Teil sehr rohe Subjekte, und so weiter. Genug, es blieb bei
der Verbannung und ich mute mich darein fgen, bat mir jedoch dreimal
vierundzwanzig Stunden aus, um meine Sachen zu ordnen, die mir auch
bewilligt wurden, und fuhr dann, von allen meinen Bekannten, die mir das
Geleite gaben, in sechs Wagen begleitet, nach Mannheim, wo man mich
schon lngst erwartete.

Als ich mit meinen Freunden in Oppenheim ankam, wo man ein Mittagessen
im >Wilden Mann< fr uns bestellt hatte, fanden wir daselbst meinen
jmmerlichen Gegner, den Major W..., der nebst seiner Frau, seinen
Schwiegervater, der in eine andere Garnison versetzt worden war, bis
hierher begleitet hatte. Als uns diese guten Leute ankommen und
aussteigen sahen, lieen sie sich schnell ein Zimmer im oberen Stock des
Hauses geben, und niemand von ihnen verlie mehr die Stube oder lie
sich nur am Fenster blicken, bis wir weg waren. Indessen hatte der
Artikel im >Phnix< ber meine Verbannung in Mainz groes Aufsehen
erregt, und acht Tage nach meiner Ankunft wurde C... zum Stadtdirektor
in Mannheim gerufen und diesem erffnet, da er Befehl erhalten habe,
mich unter polizeiliche Aufsicht zu stellen, damit, im Fall es fr ntig
erachtet wrde, man meiner sogleich habhaft werden knne. Den Grund
dieses Befehls, der ihm von Karlsruhe zugekommen, wute er nicht. C...,
der von allem unterrichtet war, teilte ihm denselben mit, und der
Stadtdirektor sagte zu ihm: So raten Sie dem Herrn Frhlich, in der
Rheinschanze in einem Wirtshaus zu logieren; diese ist bayrisch, und
dann geht mich die Sache nichts weiter an. Ich befolgte diesen Rat; da
ich indessen daselbst kein ordentliches und reinliches Zimmer erhalten
konnte, so mietete ich mir ein solches in dem nahen Frankenthal, von wo
ich alle Morgen nach Mannheim ging und den Tag ber daselbst zubrachte.
Indessen sollte ich bald darauf ber alle Erwartung glnzend, wenigstens
an dem Urheber meiner Verbannung, gercht werden, dessen Position nach
all dem Vorgefallenen in Mainz durchaus nicht mehr haltbar war; selbst
die Gassenjungen spotteten seiner. General Menzdorf trug nun in Wien auf
seine Versetzung an und begrndete diesen Antrag gehrig. W... wurde
eines Morgens mit der Order, da er in eine kleine polnische Stadt
versetzt sei, sehr unangenehm berrascht und mute bald nach mir Mainz
verlassen, schwur aber, da er sich wegen dieser himmelschreienden
Ungerechtigkeit an den Kaiser selbst wenden wrde. Indessen hatte er auf
der Reise nach seiner neuen Garnison das Unglck, umgeworfen zu werden
und sogar ein Bein zu brechen, und wenige Tage nach seiner Ankunft brach
ein Feuer in dem von ihm bewohnten Huschen aus, so da er nur mit
genauer Not dem Verbrennen entging und fast all sein bichen Habe
verlor. Es schien, als habe das Schicksal selbst es bernommen, mich
recht eklatant zu rchen.

In Mannheim wurde indessen auf Verwendung des kniglich preuischen
Gesandten, Herrn von Otterstdt, der mit mehreren meiner Verwandten
bekannt war, der Befehl der polizeilichen Aufsicht nach ein paar Wochen
wieder aufgehoben und ich wohnte nun ungestrt bei C... Hier setzte ich
mein Leben fort, wie ich es in Mainz und allenthalben verlassen hatte.
Bald hatte ich viele Bekannte und fast noch mehr gute Freundinnen unter
den schnen Mannheimerinnen, denen zuliebe ich die Mainzerinnen bald
verga. Die verwitwete Groherzogin Stephanie, Napoleons adoptierte und
die wirkliche Tochter des Senators Beauharnais, einem Verwandten der
Kaiserin Josephine, eine sehr schne und liebenswrdige Frau, von der
man behauptete, da sie Napoleon noch etwas mehr als bloe
Adoptivtochter gewesen sei, lebte in Mannheim sehr eingezogen in dem
groen Schlo. Noch eine andere hbsche Frau, die man wegen ihrer
geringen Geistesfhigkeiten nur die Schlogans nannte, bewohnte dies
Gebude. Sie war die Gattin des Schloverwalters und hatte fortwhrend
viele Liebesintrigen. Ihren Liebhabern, die sie in den Schlogarten
bestellt hatte, gab sie durch ein weies Fhnchen, welches sie an ihrem
Fenster heraushing, wenn der Mann nicht daheim war, das Zeichen, da sie
zu ihr kommen knnten. Auch Stephanie hatte hnliche Intrigen zu
Mannheim.

Nachdem das Frhjahr herangekommen war, machte ich hufige Ausflge nach
Heidelberg, wo ich ganze Tage in dem Schlogarten und dessen Umgebungen
zubrachte, auch den Wolfsbrunnen, den Knigsstuhl, den Heiligenberg,
Stift Neuburg, den Riesenstein und so weiter besuchte. Das burschikose
Studentenwesen und der Pedantismus der Herren Gelehrten und Professoren
machten den Aufenthalt in dieser Stadt den Fremden unangenehm, deren
sich sonst weit mehr hier niederlassen wrden. fters ging ich auch auf
ein paar Tage nach Worms, wo ich bei Freund Eikmeier, der daselbst eine
Besitzung hatte, wohnte, und von da nach Niedesheim spazierte, wo einst
mein Oheim Scholze residierte. Von Worms machte ich ein paarmal einen
Abstecher nach Mainz, wo ich mich heimlich in dem Quartier, das ich
zuletzt bewohnte, bei der Witwe Kronebach an der Ecke der groen Bleiche
aufhielt, was dennoch die Polizei aussprte, aber so klug war, zu
ignorieren.

Da ich einsah, da mein Aufenthalt in Mannheim nicht von langer Dauer
sein konnte, indem C... sich nicht in sehr glnzenden Verhltnissen
befand, so wandte ich mein Augenmerk nach Stuttgart, um so mehr, da ich
auch in Mannheim keinen Verleger fr mein groes historisches Werk hatte
finden knnen, wozu C... wohl den Willen, aber nicht die Mittel hatte,
und an dessen Herausgabe ich jetzt ernstlich dachte. Ich machte deshalb
im Juni eine Reise nach Stuttgart, und daselbst die Bekanntschaft des
Herrn von Cotta und des erst krzlich daselbst etablierten Buchhndlers
Frankh. Ersterem trug ich mein Werk, das schon ziemlich weit gediehen
war, an, und er war geneigt, auf dessen Verlag einzugehen, verschob
jedoch einen definitiven Abschlu auf spter, da er in demselben
Augenblick mit zu vielen anderen Dingen beschftigt war und auch mehrere
Reisen vorhatte. Frankh war noch nicht in den Verhltnissen, auf ein
solches Unternehmen eingehen zu knnen, ersuchte mich aber, die Memoiren
der Mi Henriette Wilson fr ihn zu bersetzen, was ich auch bernahm.
In Stuttgart und besonders in dessen Umgebung hatte es mir sehr
gefallen, namentlich auch in Ludwigsburg. Auf der kleinen Insel zu
Monrepos begegneten mir an der Kapelle daselbst zwei Damen, von denen
die jngere, die kaum fnfzehn Jahre zhlen mochte, einen hohen Anstand
und unendliche Anmut verriet, einen herrlichen Wuchs hatte und einen
Elfentritt zu haben schien, dabei das schnste lieblichste Gesichtchen,
das man sich denken kann. Die ltere, eine Frau bei Jahren, die ich fr
die Mutter hielt, zeigte ebenfalls durch ihre Haltung und Manieren, da
sie einem Stande angehren msse, der sich gewhnlich durch die feinste
Bildung, eine edle Unbefangenheit und ungezwungenes Wesen verrt.
Ehrerbietig grend ging ich an den Damen vorber, die mir artig
dankten, und in die Einsiedelei. Als ich von derselben zurckkam, saen
beide auf einer Ruhebank am Weg. Gar zu gern htte ich sie angesprochen,
wagte es indessen nicht, da mich eine, mir nicht zu erklrende Scheu
zurckhielt. Ich bemerkte jedoch, da mir die Jngere lange mit
unverwandten Augen nachgesehen, und als ich im Gebsch verschwand, hrte
ich sie einige mir unverstndliche Worte zu ihrer Begleiterin sprechen.
In meinen Kahn gestiegen, der mich wieder an das Schlchen Monrepos
bringen sollte, fragte ich den Schiffer, ob er nicht wisse, wer die
beiden Damen seien, die sich jetzt auf der Insel befnden. Er wute es
aber nicht zu sagen, da er sie nicht gesehen, auch keine bergefahren
haben wollte.

Den Rest des ganzen Tages brachte ich fast ganz in dem Park zu
Ludwigsburg zu, auf einer Ruhebank unter der Emmrichsburg sitzend und
fortwhrend ber die zu Monrepos gehabte Erscheinung nachsinnend. Ich
fuhr endlich den Abend nach Stuttgart zurck, wo ich dem Grafen Lusi,
dem Sohne des Gesandten Lusi zu Potsdam, der damals kniglich
preuischer Geschftstrger am wrttembergischen Hof war, und dem ich
einen Besuch gemacht hatte, davon erzhlte, der mir aber ebensowenig
Auskunft geben konnte, wer die Damen wohl gewesen sein mochten. Zwei
Tage darauf reiste ich ber Pforzheim und Karlsruhe nach Mannheim
zurck, immer noch das Bild der schnen Unbekannten von der Insel im
Gedchtnis habend, und obgleich ich in Mannheim nicht weniger als einem
halben Dutzend Schnen den Hof machte, so hinderte mich dies doch nicht,
von Zeit zu Zeit voll Sehnsucht an die Unbekannte auf der Insel zu
denken. Im Juli reiste ich nach Baden-Baden, um daselbst einen Teil der
Sommersaison zuzubringen. Bevor ich dahin abging, hatte ich mit C...
eine Martingale fr das Roulettespiel berechnet, durch welche man einen
Taler oder Napoleon, gleichviel nachdem man setzte, bei jedem Coup
gewinnen mute, solange man nicht gesprengt wurde. Das Verhltnis war
eins, drei, sieben, fnfzehn, sechsunddreiig, achtzig und zweihundert,
wobei vom dritten Coup an die Zeros jedesmal verhltnismig gedeckt
werden muten. Wir hielten beide die Sache fr unfehlbar und glaubten,
da man nicht fter gesprengt werden knne, als bis man das Doppelte
gewonnen. Ich reiste mit ungefhr hundertfnfzig Napoleons ab, alles,
was ich noch hatte zusammenscharren knnen, in der Hoffnung, mit
wenigstens fnfzigtausend Gulden zurckzukommen. In Baden angelangt,
stieg ich in der >Goldnen Sonne< ab und nahm mir kaum die Zeit, mich
umzukleiden, um in den Spielsaal zu eilen und meine Operationen zu
beginnen. Im Anfang ging die Sache auch vortrefflich. Ich begann mit
kleinen Talern und zog fr jeden Coup, oft nachdem vier bis sechs
verloren waren, meinen kleinen Taler. Nun setzte ich Brabnter und
endlich Dukaten. Bereits hatte ich deren schon ber vierzig gewonnen,
als ich das erstemal mit zweihundert gesprengt wurde. Ich begann nun mit
dem wenigen Geld, das mir noch brig blieb, wieder mit kleinen Talern zu
spielen, ward aber bald wieder gesprengt und verlor endlich, Vierziger
setzend, noch den Rest meines Geldes bis auf ein paar Gulden. So war ich
denn auf einmal von allen meinen Himmeln herabgefallen, verlie die
Spielsle mit gewaltig hngenden Flgeln, um in den Anlagen frische Luft
zu schpfen. Auf einer etwas abgelegenen Bank wurde mir erst das
Schreckliche meiner ganzen Lage recht klar. Nicht mehr so viel Geld in
der Tasche, da ich an eine Rckreise htte denken knnen, auch dem Wirt
schon eine Zeche schuldig, wo ich mir zwei Zimmer auf einen Monat
gemietet hatte, war es mir doch nicht so ganz einerlei, und ich wute
nicht, wie ich mich noch aus dieser Klemme ziehen wrde. An meine Eltern
konnte ich, deren pekunire Lage kennend, unmglich mehr Ansprche
machen. Ich schrieb an C..., von dem ich aber die trostlose Antwort
erhielt, da er sich selbst in der hochnotpeinlichsten Geldverlegenheit
befinde. Einstweilen machte ich mich mit dem Grauen des Tages an die
bersetzungen fr Frankh, so da ich binnen acht Tagen eine sehr
bedeutende Partie Manuskript nach Stuttgart abzuschicken imstande war,
mit der ich zugleich bat, eine Anweisung von ein paar hundert Gulden von
mir honorieren zu wollen, was Frankh auch tat, und so war ich wenigstens
aus der dringendsten Verlegenheit. Aber whrend der acht bis zehn Tage,
wo ich fast gar keinen Heller Geld mehr in der Tasche hatte, war es mir
denn doch manchmal nicht ganz wohl. Nun ging ich wieder in die
Spielsle, aber jetzt nur mit uerster Vorsicht spielend, und gewann
wirklich ein paar hundert Taler, mit denen ich mich freudig wegbegab.
Noch ein paarmal war mir das Glck so gnstig, da ich bald ber tausend
Gulden hatte, und nun nie mehr als ein paar Dukaten wagte. Herr von
Cotta, der sich auch in Baden eingefunden, wo er ein eigenes Hotel
besa, trug mir auf, einige Artikel ins Morgenblatt ber die hiesige
Saison zu schreiben. Da ich in denselben den Spielpchter Chabert, der
damals die dortige Spielhlle in Pacht hatte, und noch einige andere
Dinge ein wenig stark mitnahm, so gab dies in der Badewelt zu Baden
gewaltigen Rumor. Man glaubte, Robert, der als Korrespondent des
Morgenblattes bekannt war, habe die Artikel geschrieben, und wollte
diesem deshalb zu Leibe; nur mit genauer Not entging er einer Prgelei.
Was die Saison sehr glnzend machte, war der Aufenthalt des Knigs
Maximilian von Bayern und seines Hofes. Es gab Feste ber Feste, Partien
in das herrliche Murgtal, Beleuchtung des alten Schlosses, Blle, bei
denen bayrische Prinzessinnen die Hauptrolle spielten, und so weiter.
Dritthalb Monate hatte ich in Baden, die ersten vierzehn Tage
abgerechnet, wo ich mich in Finanznten befand, recht vergngt
zugebracht, und reiste von hier nach Frankfurt, wo ich einige Tage bei
den Meinigen verweilte, ber Mainz und Worms nach Mannheim zurck, wo
ich C... mit seiner Familie in groer Traurigkeit fand und mir derselbe
erklrte, da seine Position in Mannheim nicht mehr lange haltbar sei.
Unter solchen Umstnden fand ich es fr passend, da er ohnehin eine sehr
starke Familie, sechs Kinder, hatte, eine andere Wohnung zu beziehen.
Ich mietete nun bei der Schauspielerin Rppel ein, einer Schwester der
berhmten Lindner, wo ich auch den Tisch und eine recht unterhaltende
Tischgesellschaft hatte, unter der ein Dragoneroffizier, Herr von
Schweizer, und ein junger Artaria war. Einen Hauptgegenstand der
Unterhaltung bildete das Theater und dessen Direktion, die damals ein
Graf Luxemburg leitete, der eine Mtresse Napoleons geheiratet, die
einen Sohn, Graf Leo genannt, der in Heidelberg studierte, von diesem
hatte.

Indessen lie es mich nicht mehr lange in Mannheim weilen. Hier hatte
ich, wie gesagt, keine Hoffnung, endlich mein groes historisches Werk,
an dem ich, so oft ich Mue hatte, arbeitete, an das Tageslicht treten
zu sehen. Stuttgart, wohin mich die daselbst durch die Einsicht des sehr
rechtlichen und vernnftigen Knigs sehr freie Presse, und noch ein
gewisses Etwas, das ich mir selbst nicht zu erklren vermochte, zog, war
der Ort, den ich am passendsten fr meinen Zweck hielt. C... hatte mir
beim Abschied gesagt, da er mir bald nachfolgen wrde, indem fr ihn in
Mannheim nichts mehr zu tun sei.

Es ist unglaublich, mit welchen unbedeutenden Dingen man so eine
deutsche Residenzstadt wenn nicht in Aufruhr, so doch in Bewegung setzen
kann. Ich trug damals einen hier noch nicht gesehenen sogenannten
Carbonarimantel, schwarz, mit rotem Samt ausgeschlagen, und goldenen
Quasten, den ich mir kurz vorher in Paris hatte machen lassen. Dieses
Kleidungsstck, unter dem ich gewhnlich einen polnischen Rock trug,
machte, da sich die ganze Stadt von meiner werten Person unterhielt und
die albernsten Mrchen ber dieselbe erfand. Bald sollte ich der
natrliche Sohn, ich wei nicht, welches groen Herrn, bald gar ein
englischer Reiter, wahrscheinlich, weil ich viel ritt, und die Gtter
mgen wissen, was alles, sein. Ritt oder ging ich an einem Haus vorber,
husch, waren Gesichter an allen Fenstern, das fremdartige Wundertier zu
begaffen, und dies dauerte eine geraume Zeit, bis man endlich dahinter
kam, wer ich denn eigentlich sei, nmlich ein literarischer Vagabund,
gebrtig aus Frankfurt am Main, den man in Mainz wegen demagogischer
Umtriebe, so hie es, ausgewiesen, und so weiter. Ich hatte mir schon
viel von den guten Schwaben erzhlen lassen, aber so arg es mir denn
doch nicht gedacht. Die Stuttgarter Kleinstdterei bertraf fast noch
die meiner Vaterstadt, und wahrhaftig, das will viel sagen.

Herrn von Cotta hatte ich wieder aufgesucht und ihm von dem Verlag
meines historischen Werkes gesprochen. Er war noch immer ganz dafr,
machte aber fortwhrend Geschftsreisen, bald nach Paris, London,
Berlin, und schob die Sache hinaus. Die Metzlersche Buchhandlung lehnte
den Verlag ab, nur Frankh zeigte sich sofort zur Unternehmung desselben
bereit, schien mir aber nicht zuverlssig genug, nahm auch zu groe
Vorteile fr sich in Anspruch. Ich hatte nach Beendigung der bersetzung
der Memoiren der Mi Wilson, die der Denkschriften Riccis fr Frankh
bernommen, die in franzsischer Sprache, mit sehr vielen langen
Anmerkungen und Dokumenten in der italienischen, herausgekommen waren.
Frankh, der jetzt schon, nachdem ihm einige Verlagsartikel geglckt
waren, die Rolle eines Cotta spielen zu wollen anfing, der er bei seinen
sehr beschrnkten Geistesfhigkeiten so wenig gewachsen war, so da ich
ihn mit dem sich zum Ochsen aufblasen wollenden Frosch der Fabel
verglich, und vornehm gelehrt tat, wnschte, da ich die gedruckten
Korrekturbogen der bersetzung mit ihm durchgehen mchte. Er empfing
mich mit einem bunten grobeblmten Schlafrock, aus einer langen
trkischen Pfeife rauchend, und wir lasen zusammen, oft in Gegenwart
eines anderen Schriftstellers, unter anderen auch Hauffs, den ich hufig
bei ihm traf, da er ebenfalls die Korrekturen seiner Werke, die er bei
ihm verlegte, mit ihm las. Frankh, um sich ein gelehrtes Ansehen zu
geben, hatte sich angewhnt, von Zeit zu Zeit mechanisch zu sagen:
Meinen Sie nicht, da man dies doch anders htte geben knnen? Ich
glaube nicht, war meine Antwort. Das Komischste dabei war, da er fast
kein Wort Franzsisch verstand, aber doch behauptete, obgleich ihm das
Sprechen nicht gelufig sei, franzsische Werke mit derselben
Leichtigkeit wie deutsche zu lesen. Da ich nun von dem Gegenteil lngst
berzeugt war, so sagte ich eines Tages zu Hauff, als Frankh einen
Augenblick das Zimmer verlassen hatte: Geben Sie acht, jetzt will ich
einmal unsern Herrn Verleger tchtig aufs Eis fhren. Als Frankh nun
wieder seine stereotype Phrase: Meinen Sie nicht, da man dies anders
htte geben knnen? anbrachte, reichte ich ihm das Original hin, auf
eine ganz andere Stelle deutend, als die, von der gerade die Rede war,
und sagte ihm: Da sehen Sie selbst, wie wre dies anders zu geben
gewesen. Frankh murmelte ein paar unverstndliche Worte in den Bart,
gab mir das Buch zurck und sagte: Nein, Sie haben recht, man kann es
nicht wohl anders geben. Jetzt konnte sich Hauff, der wute, da die
fragliche Stelle auf einer ganz anderen Seite stand, kaum mehr des
Lachens enthalten, und ebenso erging es auch mir. Frankh fragte, was wir
htten, ohne jedoch den Streich noch zu ahnen, den ich ihm gespielt. Er
erfuhr es aber bald darauf durch die dritte Hand, da Hauff den Vorfall
seinen Bekannten mitgeteilt hatte. Wir waren nun brouilliert, und ich
sandte ihm Riccis Werk, von dem ich erst den ersten Band bersetzt
hatte, zurck. Ich gab jetzt einstweilen ein belletristisches Blatt in
Stuttgart heraus, welches manche der dortigen Zustnde, namentlich auch
die Vorurteile des Erbadels etwas stark mitnahm, sowie die Vorstellungen
der dortigen Bhne kritisierte, die damals, Oper wie Schauspiel, ganz
vorzglich besetzt war. Nicht sehr lange nach meiner Ankunft in
Stuttgart glaubte ich eines Abends in einer Loge im ersten Rang zu
meiner grten Verwunderung die junge schne Dame zu erkennen, die ich
auf der Insel zu Monrepos den vergangenen Sommer zuerst gesehen und die
einen so groen Eindruck auf mich gemacht hatte. Um Gewiheit zu
erlangen, da es dieselbe sei, verfgte ich mich in eine Loge, die so
nahe, als ich sie haben konnte, bei der war, in welcher sich meine
Unbekannte befand. Auch sie hatte mich gleich bei meinem Eintritt in die
Loge wieder erkannt, wie ich deutlich aus der zusammenschaudernden
Bewegung wahrnehmen konnte, die sie machte, als sie mich erblickte. Ich
begab mich aber bald darauf wieder ins Parterre, nachdem ich zu meinem
Mivergngen den Rang erfahren, den die Dame einnahm, und der mich an
keine Annherung derselben denken lie, denn ich war ja nicht mehr in
Italien oder Frankreich, sondern in Deutschland, und zwar in Schwaben.
Doch hatte sich das schne Bild von neuem mir eingeprgt und wich nicht
von meinen Augen, trotzdem ich mich mit mehreren anderen weiblichen
Wesen recht sinnlich zu zerstreuen suchte. Den dritten Tag nach jenem
Theaterabend kam eines Vormittags ein schon etwas ltliches
wohlgekleidetes Frauenzimmer zu mir, welches, nachdem es fast verlegen
allerlei Umschweife gemacht, damit herausrckte, da sie mir
geheimnisvoll mitteilte, sie komme im Auftrag einer Dame, die mir
unendlich wohlwolle und mich zu sprechen wnsche. Sie rckte nun immer
mehr mit der Sprache heraus, nannte mir endlich die Dame, nachdem ich
ihr zuerst auf das feierlichste die tiefste Verschwiegenheit und
Diskretion hatte versprechen mssen, und bestellte mich auf den nchsten
Nachmittag gegen vier Uhr in den Park zu Ludwigsburg, wo ich sie wieder
sprechen und das Weitere von ihr hren wrde. Lange glaubte ich zu
trumen. Nachdem sie wieder weg war, war ich nicht imstande,
fortzuarbeiten und konnte die kommende Nacht fast kein Auge schlieen,
so sehr beschftigte mich die Sache. Den andern Tag ritt ich gleich nach
Tisch nach Ludwigsburg, begab mich, mein Pferd im >Waldhorn< lassend, in
den Park, den nicht mehr sehr jugendlichen _Postillon d'amour_
erwartend. Er fand sich noch vor der bestimmten Zeit an dem bezeichneten
Platz ein und ich folgte nun meiner vorangehenden Fhrerin, die mich
endlich an einen sehr entlegenen Ort des Parkes fhrte und mir
erffnete, da ich mich noch diesen Abend nach Mitternacht wieder
daselbst einzufinden htte, wo sie mich dann an einen Ort fhren wolle,
wo ich Glcklichster der Sterblichen, wie sie meinte, die seligsten
Stunden meines Lebens zubringen wrde. Versprechend, da ich nicht
verfehlen wrde, mich einzustellen, entfernte ich mich, dankend Abschied
nehmend, und ritt nach Stuttgart zurck. Als zehn Uhr vorber und in
meinem Haus schon jedermann in den Federn war, schlich ich mich leise
die kleine, zu meinem Zimmer fhrende Hintertreppe hinab in den Stall,
sattelte mein Pferd selbst, fhrte es hinaus und trabte, ohne mich
aufzuhalten, nach Ludwigsburg. Daselbst angekommen, band ich das Pferd
an einen Baum und eilte an den Ort, wo ich die Fhrerin treffen sollte.
Kaum hatte die Turmuhr Mitternacht verkndet, so erschien sie auch und
fhrte mich an einen besonders abgeschlossenen Raum des Parkes, dessen
Tre nur angelehnt war, zu einem kleinen Huschen, in welchem eine
weigekleidete, in einen groen Schal gehllte Nymphengestalt auf einer
Bank sa. Es war die junge Dame der Insel, die, als ich eintrat,
aufsprang und die, in meinen Armen liegend, mich glhend umfing. Zwei
Uhr nach Mitternacht war vorber, als ich mich wieder auf dem Heimweg
nach Stuttgart befand, wo ich mein Pferd ebenso unbemerkt wieder in den
Stall fhrte, absattelte und mich dann ebenso in meine Wohnung schlich.
Niemand hatte diese Abwesenheit wahrgenommen. Nach bereinkommen
wiederholte ich den folgenden Abend denselben Besuch ganz auf dieselbe
Weise und ebenso unbemerkt, und hatte so eine Reihe von seligen,
glcklichen Nchten, mich immer mit einem: Auf morgen mehr!
verabschiedend. Doch auch dies sollte mit der Zeit ein Ende nehmen. Man
hatte mir zwar eine Entfhrung nach Frankreich und England fters und
sehr dringend vorgeschlagen, aber das hchst Gefhrliche des
Unternehmens und den Weltskandal, welchen ein solches Ereignis notwendig
htte machen mssen, abgerechnet, so sah ich auch ein, da eine Ehe
unter solchen Verhltnissen spter, wenn sich erst die bersttigung
eingestellt haben wrde, nimmermehr eine glckliche htte sein knnen.
Ich wohnte spter den glnzenden Hochzeitsfeierlichkeiten meiner
Geliebten bei, der ich selbst zu der fr sie sonst ganz passenden
Vermhlung recht sehr geraten hatte.

Das Ballett war damals in Stuttgart auf einem so hohen Glanzpunkt, da
es mit dem der groen Opern zu Paris htte rivalisieren knnen. Die
Familie Taglioni war dabei angestellt, und die junge Taglioni, gerade im
Aufblhen begriffen, doch schon eine vollendete Knstlerin, schien auf
der Bhne eine wahrhaft therische Gestalt. Der Abend eines Rajah, Joko,
Agla, Zemire und Azor und so weiter waren Ballette, wie ich sie nicht
schner und glnzender auf einer anderen Bhne gesehen hatte. Taglioni
Vater wute sie sehr geschmackvoll in Szene zu setzen, und die eigens
dazu vom Kapellmeister Lindpaintner komponierte treffliche Musik verlieh
ihnen noch einen eigenen Reiz. Auch Opern dieses ausgezeichneten
Komponisten, namentlich sein >Vampyr< und so weiter waren herrliche,
sehr genureiche Darstellungen. Frankh hatte damals ein Wochenblatt
unter dem Titel >Die Stadtpost< unternommen, zu dessen Redakteur er
einen verunglckten Studenten, den Sohn des Rektors Z..., engagiert
hatte. Dieses Blatt enthielt fast nur die allergemeinsten
Stadtklatschereien, war in dem Stil der Hkerweiber geschrieben und
unterfing sich sogar, die Leistungen der Knstler der Stuttgarter Bhne
in Afterkritiken beurteilen zu wollen, die natrlich nicht anders als
hchst burlesk ausfallen konnten und von der krassesten Ignoranz
zeigten. Ich hatte eines Tages auf einem Maskenball im Redoutensaal
einen unbedeutenden Wortwechsel mit einem Schauspieler D... Nun kam der
Redakteur der >Stadtpost< auf den unglcklichen Einfall, die Sache ganz
entstellt in sein Blatt zu bringen und dazu noch einige andere, mich
betreffende Klatschereien, die auf Wachtstuben oder in Kneipen erfunden
worden, aufzunehmen. Ich nahm mir die Mhe nicht, diese Albernheiten zu
widerlegen, sondern das Getriebe des Redakteurs in einigen Artikeln zu
beleuchten, namentlich auch die seinsollenden Theaterkritiken dieses
Blattes, und schlo mit den Worten: Eines Morgens werden wir hren, da
der Redakteur der >Stadtpost< sein Bndel geschnrt habe und, den
Wanderstab in der Hand, zum Tor hinausmarschiert ist. Ich hatte gut
prophezeit; schon den nchsten Tag hatte Frankh dem unglcklichen
Redakteur die Redaktion des Blattes abgenommen, und zwei Tage darauf war
derselbe, mit dem Rnzchen auf dem Rcken, auf dem Wege nach Augsburg.
-- Ein komischer Vorfall gab den guten Stuttgartern abermals Stoff zu
mehrwchentlicher Unterhaltung. Ich hatte nmlich ein Reitpferd, das
anfing, auf den Vorderfen etwas schwach zu werden, an einen Juden
namens W... gegen Battist zu Hemden vertauscht und noch eine Summe
daraufbezahlt. Als der Handel geschlossen war, nahm der Jude das Pferd
aus dem Stall und setzte sich darauf, um heimzureiten. Auf dem
Charlottenplatz angekommen, wo ich an einem gewissen Haus das Pferd fast
immer einige Kapriolen hatte machen und traversieren lassen, war
dasselbe dies so gewhnt, da es, ohne dazu angefeuert zu werden,
allerlei Sprnge machte, und da der Jude nicht reiten konnte, so hielt
er sich an den Zgeln und klemmte sich mit den Beinen fest, so da das
Tier nun noch weit grere Stze machte, endlich seinen ungeschickten
Reiter abwarf und in gestrecktem Galopp wieder in seinen alten Stall
rannte. Der Jude kam hinterdrein gehinkt, behauptete, der Handel sei
nicht gltig, das Tier knne niemand reiten, er msse sich im Innern des
Leibes einen Schaden getan haben, und ich msse ihm wenigstens noch ein
Schmerzensgeld von einigen Dukaten nachzahlen. Lachend erwiderte ich,
da ich ihm mit dem Pferd nicht auch die Kunst des Reitens verkauft
habe, mich habe es noch nie abgeworfen. Er drohte, mich verklagen zu
wollen, worauf ich ihm sagte, da ich dies nicht hindern knne, und
lchelnd hinzufgte, da ich ihm noch zwei Dukaten zahlen wrde, wenn er
sie durch seine Tochter, eine ausgezeichnete orientalische Schnheit,
abholen lassen wolle.  Mann,  Wort, rief der Jude vergngt aus, ich
schicke se Ihne morge frh. Ich war es zufrieden, und W... holte
abermals das Ro aus dem Stall, fhrte es aber diesmal hbsch am Zaum,
statt sich daraufzusetzen, und hinkte mit ihm fort. Den anderen Morgen
kam das schne Rebekkchen wirklich auf mein Zimmer, um die zwei Dukaten
in Empfang zu nehmen, aber -- in Begleitung ihrer Mutter, die ich
indessen unter dem Vorwand, mir doch Zeug zu Beinkleidern holen zu
wollen, zu entfernen suchte, wozu sie in der Hoffnung eines nochmaligen
kleinen Gewinstes sich auch gleich bereitwillig fand. Unterdessen mute
mir Rebekkchen fr jeden Dukaten wenigstens ein Dutzend Ksse geben und
noch obendrein einen Empfangschein schreiben, wogegen ich ihre Ksse
ebenfalls schriftlich und mndlich quittierte, und der nach einer guten
Viertelstunde zurckkehrenden Mama wirklich ein Paar Hosen, und zwar
ohne zu handeln, abkaufte. Beide verlieen mich, indem die Mutter sagte:
Es ist doch ein generser Herr, und die Tochter: Ja, er hat mer auch
noch n Quittung geschrieben. Das einfltige Mdchen zeigte sie sogar
ihren Bekannten und wurde natrlich ausgelacht. Auch diese Geschichte
kam mit allen mglichen Zustzen unter das nach Neuigkeiten begierige
Publikum.

Mein Hauswirt, Herr Sch..., besuchte mich regelmig jeden Morgen und
blieb oft ein bis zwei Stunden bei mir, mich mit allerlei Stadt- und
politischen Neuigkeiten unterhaltend, was mir, besonders spter, als ich
von meinen nchtlichen Ritten sehr ermdet war, lstig genug wurde.
Eines Tages teilte ich ihm gesprchsweise mit, da ich schon lngst an
einem historischen Werk arbeite, wozu ich bis jetzt noch keinen Verleger
htte finden knnen; Herr von Cotta sei zwar entschlossen, schiebe aber
die Sache solange hinaus; Frankh wolle es auch herausgeben, aber mit
diesem knne ich mich nicht vereinigen, er sei mir zu unzuverlssig, und
Herr Ehrhardt, der Inhaber der Metzlerschen Buchhandlung, habe es ganz
abgelehnt; ich wolle daher einen Versuch in Mnchen machen. Aber knnen
Sie es denn nicht selbst herausgeben? fragte mich jetzt Sch... Nicht
wohl, denn erstens bin ich kein Buchhndler, und dann, wenn ich mir auch
wohl den Selbstverlag und die Expedition zutraute, so habe ich die
Mittel nicht dazu. Bedarf es denn so viel Geld? Immer eine Summe von
vier- bis fnftausend Gulden, um es in Gang zu bringen. Nun, das wre
ja die Welt noch nicht und das Geld wohl noch aufzutreiben; und Sie
glauben, da damit etwas zu verdienen wre? Ich mte mich sehr
tuschen, wenn nicht wenigstens einige tausend Gulden dabei
herauskmen. Nun, wissen Sie was, wir wollen es zusammen anfangen, ich
schiee das Geld vor. Sie scherzen. Nein, in allem Ernst. Sch...
verlie mich nun und kam ein paar Minuten darauf mit einem Sack Geld
wieder zurck, indem er sagte: Hier sind einstweilen fnfhundert
Gulden, fangen Sie an. Ich lachte und widerte: Wohlan, wenn es Ihnen
ernst ist, so sehen wir uns vor allem nach einem guten Drucker um. Ich
schlug den alten Wolters vor, der meine Zeitschrift druckte, mit dem ich
auch noch den nmlichen Tag die Bedingungen abmachte. Ich lie nun
sogleich den Druck des Werkes beginnen und beeilte ihn, damit so bald
als mglich die erste Lieferung verschickt werden konnte, schrieb auch
eine sehr einladende Anzeige dazu, die ich in einigen vierzig
Zeitschriften abdrucken lie. Nachdem zwei bis drei Lieferungen
erschienen waren, zeigte sich schon der Erfolg, der ber alle Erwartung
war. Die Bestellungen kamen in solcher Menge, da schon bei der vierten
Lieferung eine zweite Auflage der drei ersten, die auch zweitausend
stark war, gemacht werden mute, und ich lie nun viertausend drucken.
Aber in weniger als sechs Monaten reichte auch diese nicht mehr hin. Es
mute eine dritte Auflage veranstaltet werden, und nun wurden
sechstausend aufgelegt, die in wenig Monaten auf das Doppelte erhht
werden muten, so da das ganze Werk einen ganz ungewhnlichen Ertrag
versprach und auch wirklich abwarf. Als dasselbe einen so ungeheuren
Erfolg hatte, gab sich Frankh alle mgliche, aber, wie man wohl denken
kann, vergebliche Mhe, es an sich zu bringen. Spter zog ich mich mit
einer Aversionalsumme von vierzigtausend Gulden, das Unternehmen hatte
weit ber hunderttausend Gulden eingetragen, von dem Geschft zurck.

Da ich eigentlich noch nirgends Brger war, denn in Frankfurt ist man
als Sohn eines Brgers noch nicht Brger, sondern wird es erst, nachdem
man sich frmlich dazu gemeldet, unzhlige, zum Teil sehr lcherliche,
aber auch sehr kostspielige Formalitten erfllt hat, und doch eine
Heimat als Brger haben mute, wie mir bei mehreren Vorfllen in
Stuttgart und anderswo klar geworden, so kam ich nun in Frankfurt, wie
es die dortigen Gesetze wollen, bei dem hohen Senat vermittels eines
Sachwalters um das Brgerrecht daselbst ein. Aber sollte man es wohl
glauben, die Dummheit dieser Vter des Vaterlandes ging so weit, da es
mir rund abgeschlagen wurde. Man hatte in der Senatssitzung, in welcher
die Sache vorkam, geuert: Ich sei ein zu gefhrlicher Mensch! Als
ich aber dennoch auf meiner Annahme beharrte, auch all die erbrmliche,
lcherliche und kostspielige Umstandskrmerei, bei der es hauptschlich
auf Prellereien abgesehen ist, endlich geordnet und ich hierauf in
Frankfurt erschienen war, begab ich mich an dem festgesetzten Tag, zur
bestimmten Zeit, elf Uhr vormittags, zur Eidesleistung auf den Rmer.
Ich mute ber eine halbe Stunde auf die Ankunft des Brgermeisters
warten. Endlich ungeduldig, fragte ich nach demselben, worauf man mir
erwiderte, da der Herr Brgermeister im Begriff sei, ein paar fremden
Herren den Kaisersaal und andere Merkwrdigkeiten des Rmers zu zeigen.
Da ri mir der Faden der Geduld und ich sagte zu einer der Ordonnanzen:
Gehen Sie und sagen Sie dem Herrn Brgermeister, da ich schon ber
eine halbe Stunde auf ihn warte, um den Eid zu leisten, und wenn er
nicht gleich komme, ich unbeeidigt wieder weggehe. Die Brgermeister
werden nicht dafr bezahlt, um den Lohnlakai zu machen, und die Brger,
die sie bezahlen, so ungebhrlich warten zu lassen. Das letztere hatte
zwar die Ordonnanz nicht ausrichten sollen, tat es aber dennoch
ungeheien. Wenige Minuten darauf trat der Brgermeister, mit einem
Gesicht so rot wie der Kamm eines Hahnes, in das Kanzleizimmer und
redete mich zornentbrannt mit den Worten an: Wissen Sie, da ich Sie
kann arretieren lassen? Wenn Sie das Recht dazu zu haben glauben, so
probieren Sie es, Herr Brgermeister! Den Eid! rief nun die
brgermeisterliche Herrlichkeit wutentbrannt, stotterte mir denselben
vor, ich sprach ihn ruhig nach und empfahl mich dann. So war ich nun mit
allem Fug und Recht ein Frankforter Borjer, also eine sehr respektable,
und wie die Frankfurter glauben, auch hchst wichtige Person geworden.
Ja, wenn ich nur was davon htt'! sagt, glaub' ich, Staberl. Ich eilte
jetzt nach Stuttgart zurck, wohin mich meine literarischen und andere
Beschftigungen riefen, und blieb bis zur Beendigung meines historischen
Werkes (1830) daselbst.


                                 Ende.




                               Nachwort.


Das Buch, das hier, um Weitschweifigkeiten und Wiederholungen verkrzt,
seit ungefhr 65 Jahren zum ersten Male wieder erscheint, hat wie der
Verfasser mehrere Uniformen getragen. Unter dem Titel Vierzig Jahre aus
dem Leben eines Toten erschien es Ende der vierziger Jahre bei Osiander
in Tbingen, im Jahre 1853 gefolgt von einem sehr interessanten
Schluband Noch fnfzehn Jahre aus dem Leben eines Toten, der in
einiger Zeit auch unsre Neuausgabe ergnzen soll. Unter dieser Marke war
es ein Lieblingsbuch der jungen Frankfurter, wie mir seit dem Erscheinen
des Werks von manchen berichtet wurde, die heute recht alte Frankfurter
sind. Aber der Titel scheint dem Absatzbedrfnis des Herrn Friedrich --
dieser sein wahrer Name wurde durch eine Stelle des Buches selbst
bekannt, wo er ihn aus Flchtigkeit einmal gebraucht -- nicht gengt zu
haben. Fedor von Zobeltitz hat in seiner Bibliothek das verschollene
Buch wieder aufgestbert, aber unter dem verlockenden Titel Casanovas
Nachfolger oder Abenteuer, Liebschaften und Erlebnisse eines galanten
Offiziers, der eine gute Spekulation in der Zeit war, wo Casanovas
Memoiren zum ersten Mal in deutscher bersetzung erschienen und
verschlungen wurden. Zu allemhin erschien das Buch in Paris, im Verlag
von Heideloff und Campe. Noch zweimal rasch hintereinander erschienen
die Vierzig Jahre, einmal unter diesem ursprnglichen Titel, aber mit
dem Pseudonym C. Strahlheim, das anderemal aufs neue in dem Pariser
Verlag, aber als Neuer Casanova. Dann wird es still um Verfasser und
Buch, sie verstauben in Familienbcherschrnken, kaum die Bibliographen
kennen den nun wirklich Toten.

Das Meiste, wenn auch es nur wenig ist, was ber Friedrichs Lebensgang
bekannt ist, steht in Andreas Gottfried Schmidts Galerie deutscher
pseudonymer Schriftsteller vorzglich des letzten Jahrzehnts (Grimma
1840), also vor der Drucklegung unsres Werks erschienen, was
dokumentarisch wichtig ist, da Schmidt den Gang der Handlung in den
Vierzig Jahren besttigt. Dort wird gesagt, C. Strahlheim heie C.
Friederich, privatisierend in Rdelheim bei Frankfurt, geboren in
Frankfurt 1790 von angesehenen Kaufmannseltern, wollte Schauspieler
werden, durfte es aber nicht, trat in franzsischen Militrdienst,
machte die Feldzge in Italien und Spanien bis zur Abdankung Napoleons
mit, wurde hierauf preuischer Offizier, nahm den Abschied und widmete
sich literarischen Arbeiten; er begrndete in Offenbach eine satirische
Zeitschrift, die aber nach zwei Jahren einer beigegebenen politischen
Karikatur halber verboten wurde, und lebte dann abwechselnd in Mainz,
Kln, Aachen und Mannheim. 1825 war er in Stuttgart, um dort seine
Geschichte unserer Zeit herauszugeben; 1830 finden wir ihn wieder in
Frankfurt. Schmidt fhrt zugleich eine Anzahl seiner Schriften an, meist
kompilatorische Arbeiten, eine Universal-Chronik der Zeit, eine
Allgemeine Weltgeschichte, die schon erwhnte Geschichte unserer Zeit
oder bersicht der merkwrdigsten Ereignisse von 1789 bis 1830, die in
120 Heften erschien und von Ernst Freymund (dem Bibliothekar A. Fr.
Gfrrer in Stuttgart) fortgesetzt wurde; schlielich machte Friedrich
den Versuch eines Konversations-Lexikons: General-Lexikon oder
vollstndiges Wrterbuch alles menschlichen Wissens (Frankfurt 1836 bis
1839), von dem 85 Hefte (A--Bartrania) auf den Markt kamen.

                                                                 U. R.




                             Namenregister.
                             Dritter Band.


   Ali Pascha 140 f.
   Artois, Graf 203
   Atri, Herzogin von (Giuglietta Colonna) 49, 63 f., 73, 76 f., 80 f., 85
   Bacciochi, Prinz 19, 27
   Baudouy, General 105
   Berry, Herzog von 208
   Bessires, Marschall 28
   Bethmann, von 217
   Bittiglioni, Frst 53
   Blcher 268 f.
   Bonaparte, Elisa 19, 27
   Bonaparte, Jrme 21 f., 27
   Bonaparte, Joseph 17, 27
   Bonaparte, Karoline 16, 21, 27, 49, 58, 60 f., 69, 76
   Bonaparte, Ltitia 16, 22
   Bonaparte, Lucian 18 f., 27
   Bonaparte, Ludwig 19, 26, 37
   Bonaparte, Pauline 12 f., 19, 23 f., 30, 39 f.
   Borghese, Frst Camillo 20
   Brne 361 f., 375 f.
   Canouville, Oberst 20
   Canova 20
   Canzi, Sngerin 391
   Caravante 53
   Cardenneau, General 105
   Carnot 330 f.
   Catalani, Angelika 206, 343 f., 382 f.
   Cavaignac, General 50 f., 57
   Cavalcanti, Marchesa 49, 63, 65, 67 f., 70 f., 80, 85
   Circella, Herzog von 48
   Clarke 39
   Colonna, Frst 48
   Cotta 423, 426 f., 434
   d'Angri, Frst 49
   Deburaux, Baron, General 208
   Dery, Csar, Baron 48
   Detry, General 147
   Devrient 229, 238, 270
   Dobrusky 388 f.
   Donzelot, General 114, 130
   Dubois, Polizeiprfekt 34
   Eugen, Prinz, Vizeknig von Italien 22
   Farigliano, Madame 13, 25
   Fesch, Kardinal 9
   Forbin, Schauspieler 20
   Fouch, Polizeimeister 21
   Franconi 10
   Frankh 423, 425, 427 f., 431 f., 435
   Gneisenau 253
   Gourgaud, General 364 f.
   Hardegg, Graf, General 215 f., 221
   Hardenberg 236
   Hauff 428 f.
   Homburg, Friedrich Josef von 373 f.
   Hulin, General 34
   Iffland 229, 380
   Josephine 2, 15
   Keisenberg, von 416 f.
   Kleewitz, von 236
   Kurakin, Frst 35, 37
   Lafont, Schauspieler 20
   Lamarque, General 50
   Lannes, Marschall 41
   Leclerc, General 20
   Lesseps, Kommissr-Imperial 105
   Lingard, Platzkommandant in Marseille 16
   Longchamps 62 f., 65, 74, 94 f.
   Ludwig XVIII. 204, 206
   Lusi, Graf 279 f.
   Maghella, Polizeiminister 53
   Manches, General 52 f.
   Marie Louise 1 f., 14 f., 28 f., 33, 37 f.
   Mars, Schauspielerin 12, 24
   Metternich 32, 392 f.
   Miollis, General 12 f., 39, 45, 47
   Murat 2, 48, 49 f., 54, 55 f., 61 f., 64 f., 69 f., 74, 75, 78 f., 87,
      184, 242
   Napoleon 1 f., 17 f., 26 f., 41 f., 54, 75, 194, 214, 220, 242, 364 f.,
      372 f., 375, 384
   Nettelbeck 252, 323
   Orleans, Louis Philipp von 193, 202
   Partonnaux, General 50
   Patterson, Mi 22
   Recamier, Madame 206
   Scholze, Henriette 227, 329 f., 338 f.
   Schwarzenberg, Frst 31
   Schwarzenberg, Frstin Pauline von 35, 36
   Struensee, Polizeidirektor 410, 414 f.
   Stuart, General 51
   Survilier, Grfin 362 f., 373
   Taglioni 431
   Talma 17, 207
   Wilhelm III., Kurfrst 352 f.
   Wilhelm von Preuen, Prinzessin 226 f., 228, 232, 234, 241, 265, 268,
      275


                  Druck von _F. E. Haag_, Melle i. H.


                     Anmerkungen zur Transkription

Diese Ausgabe von 1916 wurde gegenber der Erstausgabe von 1848/49 um
Weitschweifigkeiten und Wiederholungen verkrzt, wie der Herausgeber im
Nachwort konstatiert (Band 3). Die Krzungen im Text wurden in
der 1916'er Ausgabe folgerichtig in den Rubriken sowohl im
Inhaltsverzeichnis am Anfang des Buches als auch am Beginn der
jeweiligen Kapitel reflektiert. Wo dies versehentlich zu Diskrepanzen
zwischen den beiden jeweiligen Rubriken gefhrt hatte, wurden in dieser
eBook-Ausgabe nach eingehendem Vergleich mit der Erstausgabe die jeweils
berzhligen Rubriken entfernt. Darber hinaus wurde jedoch kein
weitergehender Versuch unternommen, die generelle bereinstimmung von
Krzungen im Text und im Inhaltsverzeichnis zu berprfen.

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert. Weitere
nderungen sind hier aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 20]:
   ... rcksichtslos ihren Leidenschaften die Zgel schlieen.
       Bekannt ...
   ... rcksichtslos ihren Leidenschaften die Zgel schieen.
       Bekannt ...

   [S. 37]:
   ... das Echo ihres Gatten, dem sie, so sehr es sich tun lie, in ...
   ... das Echo ihres Gatten, den sie, so sehr es sich tun lie, in ...

   [S. 58]:
   ... Caserta begab, zog sich Murat maulend nach Capo die monte ...
   ... Caserta begab, zog sich Murat maulend nach Capo di monte ...

   [S. 91]:
   ... Einwohnern, die am Adriatischen Meer im Golf von Manfredona ...
   ... Einwohnern, die am Adriatischen Meer im Golf von Manfredonia ...

   [S. 116]:
   ... liegende Drfer, so waren wir bald von dessen Bewohnern ...
   ... liegende Drfer, so waren wir bald von deren Bewohnern ...

   [S. 135]:
   ... >Halt!< zu, whrend meine Albanese sein Gewehr anlegte. ...
   ... >Halt!< zu, whrend mein Albanese sein Gewehr anlegte. ...

   [S. 141]:
   ... ihm am Tage unseres Abmarsches wissen, da ich sehr bedaure, ...
   ... ihn am Tage unseres Abmarsches wissen, da ich sehr bedaure, ...

   [S. 153]:
   ... hatte, das uns mitteilte, da es unmglich zur Haustre ...
   ... hatten, das uns mitteilte, da es unmglich zur Haustre ...

   [S. 279]:
   ... konnte. Madame Julius wollte ihr beste Freundin zur ...
   ... konnte. Madame Julius wollte ihre beste Freundin zur ...

   [S. 318]:
   ... suchte. Verdru und manchen rger, die ich mir allerdings ...
   ... suchte. Verdru und mancher rger, die ich mir allerdings ...

   [S. 344]:
   ... Kongresses hatte sie der Kaiser Alexander, der Knig von ...
   ... Kongresses hatten sie der Kaiser Alexander, der Knig von ...

   [S. 361]:
   ... Wege stehe. Ich machte ihm deshalb einen Besuch, teilte ...
   ... Wege stehen. Ich machte ihm deshalb einen Besuch, teilte ...

   [S. 411]:
   ... Hals haben. Anderseits mu ich gestehen, da ich auch ...
   ... Hals zu haben. Anderseits mu ich gestehen, da ich auch ...






End of the Project Gutenberg EBook of Vierzig Jahre aus dem Leben eines
Toten. Band 3, by Johann Konrad Friederich

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VIERZIG JAHRE AUS DEM LEBEN ***

***** This file should be named 60769-8.txt or 60769-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        http://www.gutenberg.org/6/0/7/6/60769/

Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
Proofreading Team at http://www.pgdp.net


Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License (available with this file or online at
http://gutenberg.org/license).


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org/license

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
