The Project Gutenberg EBook of Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten.
Band 2, by Johann Konrad Friederich

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Title: Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 2
       Hinterlassene Papiere eines franzsisch-deutschen Offiziers

Author: Johann Konrad Friederich

Editor: Ulrich Rauscher

Release Date: November 23, 2019 [EBook #60768]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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                             Vierzig Jahre
                                aus dem
                           Leben eines Toten

                              Zweiter Band

                            Sechste Auflage




                             Vierzig Jahre
                                aus dem
                           Leben eines Toten


                         Hinterlassene Papiere
                eines franzsisch-preuischen Offiziers

                             In drei Bnden

                              Zweiter Band


                          Egon Fleischel & Co.
                                 Berlin
                                  1916




                                 Inhalt
                          des zweiten Bandes.


                                                                   Seite

                                    I.
   Zweiter Aufenthalt zu Neapel. -- Ende der Frankfurter            1-35
      freireichsstdtischen Herrlichkeit. -- Ich werde von der
      Terzana befallen. -- Das Einstrzen der Huser in
      Neapel. -- Madame Gasqui. -- Ein Vexiermarsch nach
      Capua. -- Groes Avancement im Regiment. -- Die Vicaria
      und ihre Hllenkerker. -- Marietta und Teresina. --
      Neapolitanisches Volksleben unter freiem Himmel. --
      Hazardspiele und Liebhabertheater. -- Die hbsche
      Apothekersfrau. -- Das Aqua Tofana

                                    II.
   Abmarsch nach Civita-Vecchia. -- Die Pontinischen Smpfe. --    35-49
      Civita-Vecchia. -- Ich werde Platzkommandant zu Albano.
      -- Meine Ausflge nach Rom. -- Bankier Torlonia. --
      Prinzessin Cesarini. -- Angelika Kaufmann. -- Rom. --
      Die schnen Rmerinnen und die deutsche Mnnertreue. --
      Ein Rendezvous in der Kirche San Sebastian vor den
      Mauern

                                   III.
   Die Katakomben. -- San Sebastian fuori le mura. -- Das         49-100
      Abenteuer in den Katakomben. -- Die Karnevalsfreuden. --
      Noch ein Mordanfall. -- Die junge Witwe. -- Antiquar
      Vasi und seine Tochter. -- Canova. -- Beendigung des
      Karnevals. -- Die Entfhrung einer Nonne. -- Der
      Kardinal-Bischof und der Impressario. -- Ich werde zum
      dritten Bataillon versetzt. -- Herzbrechender Abschied
      und Abreise von Rom

                                    IV.
   Reise ber Florenz nach Genua. -- Ankunft zu Florenz. --      101-120
      Eine berraschung. -- Ein Abenteuer. -- Die Kathedrale
      San Maria del Fiore. -- Die mysterisen Schnen. -- Lady
      Mary. -- Das Arnotal. -- Die schnen Strohflechterinnen.
      -- Abreise nach Genua

                                    V.
   Zweiter Aufenthalt in Genua. -- Alte und neue                 120-153
      Bekanntschaften. -- Signora Palatini. -- Ein
      sentimentales Rendezvous. -- Die Brigantenjagd in den
      italienischen Alpen. -- Bocchetta. -- Ich nehme fast
      eine ganze Bande gefangen. -- Rckkehr nach Genua. --
      Das Konservatorium Fieschino. -- Albertine. -- Ich
      entdecke eine furchtbare Verschwrung. -- Ich avanciere
      zum Kapitn und werde wieder zum ersten Bataillon
      versetzt. -- Abreise nach Civita-Vecchia

                                    VI.
   Reise ber Mailand nach Rom. -- Mailand. -- Die Einwohner.    154-165
      -- Der Advokat Mazetti. -- Eine Spielhlle. -- Ich rette
      Graf G... aus den Klauen falscher Spieler. -- Bellina.
      -- Abreise von Mailand nach Rom. -- Ankunft zu Rom. --
      Wiedersehen. -- Abfahrt nach Neapel

                                   VII.
   Ankunft in Neapel. -- Das Liebhabertheater in Gies nuovo.    165-202
      -- Besteigung des Vesuvs. -- Der Hof des Knigs Joseph.
      -- Eine deutsche Vorstellung. -- Helenchen Cramer. --
      Caserta. -- _Nocera de pagani._ -- Die Ruinen von
      Pestum. -- Zweiter Feldzug in Kalabrien. -- Niederlage
      des Prinzen von Hessen-Philippsthal. -- Die
      Brigantenhupter Francatrippa und Benincasa. --
      Monteleone. -- Ermordung eines Kuriers. -- Fondaco del
      Fico. -- Mehrtgiges hartnckiges Gefecht mit den
      Briganten. -- Die hbsche Kalabreserin. -- Mileto. --
      Belagerung der Festungen Scilla und Reggio. --
      Schrecklicher Zustand des Belagerungskorps. --
      Rckmarsch nach Neapel. -- Abreise nach Genua

                                   VIII.
   Reise von Neapel nach Genua und von da zur See nach           202-213
      Marseille. -- Marsch von Marseille nach Perpignan. --
      Perpignan. -- Eine spekulative Sprde. -- Toulouse. --
      Formierung des zweiten Observationskorps an den
      Pyrenen. -- Ich werde zum dritten Reservekorps
      versetzt. -- Bayonne. -- Bordeaux. -- Bazas. --
      Hasparren. -- Napoleons Intrigen gegen Spanien. --
      Abmarsch nach diesem Land. -- St. Jean de Lz

                                    IX.
   Einmarsch in Spanien. -- Die baskischen Provinzen. --         213-234
      Miranda de Ebro. -- Der Engpa Garganta Pancorbo. --
      Briviesca. -- Burgos. -- Quintana de la Puente. --
      Valladolid. -- Ein Autodaf. -- Eine schne
      Andalusierin. -- Ungewiheit und Gerchte ber Napoleons
      Absichten hinsichtlich Spaniens. -- Marsch nach Segovia.
      -- Biwak bei Segovia. -- San Lorenzo. -- El Pardo. --
      Glnzender Einmarsch in Madrid

                                    X.
   Ferdinand VII. Einzug in Madrid. -- Der Friedensfrst. --     234-257
      Der Aufstand zu Aranjuez und Madrid. -- Karl IV.
      Abdankung. -- Napoleon zu Madrid erwartet. -- Ferdinand
      vom Volk angebetet und von Savary nach Bayonne gelockt.
      -- Karl IV. protestiert gegen seine Abdankung. -- Donna
      Calvanillas und Rosa Maria. -- Theater. -- Cortesanos,
      Majos und Muchachas. -- Sitten der Einwohner. -- Der
      Fandango vor Gericht. -- Wohnungen. -- Der Adel. --
      Autodafs. -- Die Erstrmung von Amors Schlo

                                    XI.
   Drohende Stimmung der Einwohner zu Madrid. -- Aufstand zu     258-277
      Toledo. -- Der blutige Aufstand am 2. Mai zu Madrid. --
      Wegnahme des Artillerieparks. -- Ich rette einem
      Insurgenten das Leben und werde dabei verwundet. -- Ein
      Renkontre mit Murat. -- Eine gefhrliche Zusammenkunft.
      -- Abmarsch nach Toledo. -- Abmarsch ber Madrid nach
      Aragonien. -- Unterwrfigkeit der Madrider Behrden und
      des Inquisitionsgerichts gegen die Franzosen. -- Fast
      ganz Spanien im Aufstand. -- Die Junta zu Sevilla und
      die Provinzialjuntas erklren Frankreich den Krieg. --
      Wir stoen zu dem Belagerungsheer vor Saragossa

                                   XII.
   Erste Belagerung von Saragossa. -- Palafox. --                278-310
      Auerordentliche Verteidigungsanstalten der Aragonier.
      -- Vorgnge bis zur Belagerung. -- berblick der
      Geschichte Saragossas. -- Heldenmtige Verteidigung
      dieser Stadt durch ihre Einwohner. -- Eine Heroine. --
      Ein seltsames Stiergefecht. -- Furchtbarer Straen- und
      Huserkampf. -- Die gefangenen Nonnen. -- Aufhebung der
      Belagerung. -- Marsch nach Barcelona. -- Ich werde stark
      verwundet und krank. -- Aufenthalt zu Barcelona. --
      Spanische Sitten, Tnze, Theater usw. -- Abreise zur See
      nach Frankreich

                                   XIII.
   Ankunft zu Montpellier. -- Ich werde zum 29. Regiment         310-340
      versetzt. -- Murat, Knig von Neapel. -- Ermordung einer
      Kompagnie Voltigeurs. -- Der neue Knig macht sich beim
      Volk beliebt. -- Einnahme der Insel Capri. -- Ich werde
      dekoriert. -- Helenes Hochzeitsfeier. -- Castellamare.
      -- Dritter Feldzug in Kalabrien. -- Rckkehr nach
      Neapel, wo ich das Ehrenkreuz erhalte. -- Ich werde nach
      Nola detachiert und daselbst beinahe erschossen. -- Neue
      Bekanntschaften. -- Eine durch eine beabsichtigte
      Leichenberaubung entdeckte Verschwrung. -- Murats
      Politik und Reformen. -- Abmarsch nach dem Kirchenstaat

                                   XIV.
   Besitznahme des Kirchenstaates. -- Ende der weltlichen        340-369
      Herrschaft des Papstes. -- Die Kommandantur zu Velettri.
      -- Der Bischof und der Fournisseur. -- Gewaltsame
      Entfhrung Pius VII. -- Ich gehe als Kurier nach Wien.
      -- Ich bergebe Napoleon meine Depeschen. -- Kurze
      Unterredung mit demselben. -- Schnbrunn. -- Parade
      daselbst. -- Wien. -- Volksstimmung daselbst. -- Das
      Napoleonsfest in sterreichs Hauptstadt gefeiert. --
      Quartierfreuden. -- Liebenswrdige Wirtinnen. --
      Rckreise nach Italien. -- Klagenfurt. -- Udine. --
      Treviso. -- Mestre. -- Ankunft zu Venedig

                                    XV.
   Venedig. -- Sankt Markus-Kirche und Turm. -- Der              369-415
      Dogenpalast. -- Die Pozzi und Piombi. -- Die
      Rialtobrcke. -- Das Arsenal. -- Die
      Vermhlungszeremonie mit dem Adriatischen Meer. --
      Venedigs Flor und Verfall. -- Der St. Markusplatz. --
      Die Venezianerinnen. -- General Menou. -- Dessen
      religise Ansichten. -- Ein Mordanfall. -- Abreise von
      Venedig. -- Padua. -- Ferrara. -- Ravenna. -- Der
      Domgeist daselbst. -- Eine schne Reisegefhrtin. --
      Velettri. -- Jagd in den Pontinischen Smpfen. --
      Abreise nach Paris

                                   XVI.
   Paris im Jahre 1810. -- Das Palais Royal. -- Unvermutetes     416-449
      Zusammentreffen mit dem Frsten Y... -- Der
      Konkordienplatz. -- Notre Dame. -- Das Hotel de Dieu. --
      Der Justizpalast. -- Meinungen ber Napoleons
      Ehescheidung. -- Unerwartete Begegnung einer frheren
      Bekannten. -- Eine Interimsehe. -- Die Spielhllen im
      Palais Royal. -- Eine Wache wirft einen jungen Menschen
      in die Seine. -- Der Pariser Karneval. -- Die
      Ochsenprozession. -- Stimmung des franzsischen Volkes
      bei der Nachricht von der bevorstehenden Vermhlung
      Napoleons mit Marie Louise. -- Ein verfnglicher
      Calembourg _aux franais_. -- Das Totenmahl beim Frsten
      Y...




                                   I.

         Zweiter Aufenthalt zu Neapel. -- Ende der Frankfurter
    freireichsstdtischen Herrlichkeit. -- Ich werde von der Terzana
      befallen. -- Das Einstrzen der Huser in Neapel. -- Madame
    Gasqui. -- Ein Vexiermarsch nach Capua. -- Groes Avancement im
    Regiment. -- Die Vicaria und ihre Hllenkerker. -- Marietta und
    Teresina. -- Neapolitanisches Volksleben unter freiem Himmel. --
   Hazardspiele und Liebhabertheater. -- Die hbsche Apothekersfrau.
                          -- Das Aqua Tofana.


Den Tag nach unserer Ankunft suchte ich Vetter Moritz auf, der mehrere
Briefe von meinen Eltern und Verwandten an mich hatte, die schon lngere
Zeit angekommen waren, welche er mir aber nicht hatte nachschicken
knnen, da man nie genau wute, in welcher Gegend Kalabriens wir uns
befanden. In einem derselben schrieb mir mein Vater aus Frankfurt:

>Mit unserer republikanischen und freireichsstdtischen Herrlichkeit hat
es ein trauriges Ende genommen, Napoleon hat ein Groherzogtum Frankfurt
geschaffen, von dem unsere Stadt die Hauptstadt ward, und Karl von
Dalberg ist unter der Benennung: Frst Primas, unser Groherzog. Das
Schlimmste bei der Sache ist, da alle bedeutenden mter und Stellen
jetzt von Auslndern besetzt werden und man die Frankfurter, namentlich
auch die Senatoren, ihre Familien und Verwandten, fast unbercksichtigt
hintenansetzt und so weiter.<

Was mein guter Vater als das Schlimmste bezeichnete, war eigentlich das
Beste an der Sache und gereichte Frankfurt zum Vorteil; denn bisher
hatte man, wie spter wieder, alle Stellen durchaus nur nach Gunst und
Protektion an Shne und Verwandte der einflureichsten Familien
vergeben, ohne nur im geringsten darnach zu fragen, ob das Subjekt
einige Fhigkeiten zur Verrichtung der ihm obliegenden Funktionen
besitze; so konnte zum Beispiel ein Talent, ein Genie wie Klinger, nicht
eine Torschreiberstelle erhalten, sondern wurde schnde an allen
Senatorstren mit Impertinenzen und Grobheiten abgewiesen. Er hatte
freilich nicht einmal die Protektion einer Senators- oder
Brgermeisters-Kchin oder Base (oft die beste). Da er den
wohlfrsichtigen, hochgelehrten und so weiter Herren in seinem Faust und
spter als kaiserlich russischer Generalleutnant ein wenig arg
mitgespielt, kann ihm niemand verargen. Die Wohlregierenden und
Konsorten wurden da oft nach mehrstndigem Antichambrieren abgewiesen
und wieder beschieden und muten vor dem in der demtigsten Stellung
supplizieren, den sie unter ihrer Wrde gefunden hatten, nur anzuhren!
-- Hier herrschte von jeher und herrscht noch die vortreffliche
mterverteilung, die Schiller so meisterhaft in seinem Fiesko schildert,
wo Wlfe die Justiz, Fchse die Finanzen, Esel die Polizeigerichte und
so weiter verwalten, in Summa, wo die wichtigsten mter durch Dummkpfe,
Ignoranten oder Schurken bekleidet werden, wenn diese nur Ratsverwandte
sind.

Auer den Briefen empfing ich auch etwas Geld von meinen guten Eltern,
das mir jetzt sehr zu statten kam, denn ich war so wie meine Kameraden
fast ganz abgerissen aus Kalabrien zurckgekommen, und das Gouvernement
schuldete uns obendrein schon vier Monate Gage. Indessen hatte ich in
den nchsten vierundzwanzig Stunden alles berstandene Ungemach und
Elend rein vergessen; in den ersten Tagen konnte von Diensttun noch
keine Sprache sein, das Bataillon wurde durch dreihundert vom Depot
angekommene Rekruten verstrkt, die nun einexerziert werden muten.

Die noch immer in Gies nuovo wohnenden Damen besuchte ich in den ersten
Tagen nach meiner Zurckkunft. Die liebenswrdige Madame Gasqui klagte
ber Langeweile und Migrne, ich trstete sie, ihr versprechend, beides
zu vertreiben; aber auch mich befiel kurz darauf eine Unplichkeit, so
da ich mehrere Tage das Bett hten mute, die Krankheit lste sich
endlich in eine Terzana (dreitgiges Fieber) auf, das ich sehr lange und
immer wiederkehrend behielt, was mich aber, auer den wenigen Stunden,
die der Anfall dauerte, von nichts abhielt; dies waren die Folgen des
allerdings sehr anstrengenden Feldzugs in Kalabrien. Nach vielen
vergeblichen Versuchen, mich von dem Fieber zu befreien, und nachdem ich
sowohl die mir vom Regimentsarzt, als die von dem berhmten Arzt meines
Vetters Moritz verschriebenen Droguen vergeblich verschluckt hatte, gab
mir endlich der Kommandant der Fortezza del Carmine ein Mittel an, durch
welches ich wenigstens nach jedem Anfall auf vier bis sechs Wochen von
dieser Plage befreit wurde. Ich mute nmlich gleich nachdem der
Paroxismus vorber war, eine halbe Unze zu Pulver gestoene Chinarinde
in gutem Wein nehmen, setzte mich dann zu Pferd und ritt ein paar
Stunden so starken Trab, da ich recht gerttelt wurde; das Fieber
verlie mich dann auf lngere Zeit, stellte sich aber immer nach einem,
auch zwei Monaten wieder ein, und zwar whrend fnf Jahren.

Im Kastell Carmine bewohnte ich ein Zimmer, dessen Terrasse die Aussicht
auf das Meer und auf einen kleinen Platz vor demselben hatte, hier
brachte ich manche Morgenstunde mit dem Lesen der italienischen Dichter
zu, besonders war es Ariost's rasender Roland, der mich, nebst Tasso's
befreitem Jerusalem und Dante's gttlicher Komdie, am meisten ansprach.
Den famsen achtundzwanzigsten Gesang des Orlando furioso lernte ich
ganz auswendig. Auch die Gitarre nahm ich wieder zur Hand und studierte
neapolitanische Lieder und Weisen, unter denen die sizilianische
Romanze: _Un giorno Giove in collera_ eine sehr witzige Kanzonette
war, die damals ganz Neapel exaltierte.

Eines Tages, als ich gerade in der Lektre des Orlando vertieft war,
hrte ich pltzlich ein entsetzliches _ajuto, ajuto!_ (zu Hilfe, zu
Hilfe!) von Frauenstimmen aus einem der meiner Terrasse
gegenberliegenden Huser erschallen, und gleich darauf sah ich mehrere
Damen hnderingend an den Balkonen jenes Hauses erscheinen, die _ajuto
per l'amor di dio_ schrieen. Ich begriff nicht, was den Frauen sei und
glaubte zuerst, es befnden sich Mrder in dem Hause, eilte deshalb die
Terrasse hinab, strzte zum Fort hinaus und fand schon eine Menge
Menschen, aber in einiger Entfernung vor dem Hause versammelt, in das
sich niemand wagen wollte. Auf mein Befragen, was da vorgegangen sei,
erfuhr ich, da das Haus dem Einsturz nahe wre und in dessen Innern
schon mehrere Wnde und ein Teil der Treppe wirklich eingestrzt seien.
Die Einwohner desselben standen jetzt alle an den Balkonen des zweiten
und dritten Stockwerks, um Hilfe rufend. Ich lie eilig mehrere im Fort
befindliche Leitern durch unsere Soldaten herbeiholen, mit deren Hilfe
die gengstigten Bewohner smtlich in die Strae hinabstiegen und
gerettet wurden. Die Leute atmeten erst wieder auf, als sie auf ebener
Erde waren und konnten mir nicht genug danken, denn ihr Leben hing an
einer Nadelspitze. Ich hrte nun, da in Neapel das Einstrzen der
Huser gar nichts Seltenes sei und weit fter vorkomme als Feuersbrnste
an andern Orten. Die Ursache davon ist, da die ganz aus Steinen
erbauten und sehr hohen Huser durch die hufigen Erdbeben so sehr
erschttert werden, da sie smtlich groe Risse und Sprnge haben und
mehr oder weniger baufllig sind. Das Zusammenstrzen eines solchen
Hauses ist oft so schnell geschehen, da an Rettung gar nicht zu denken,
in wenig Sekunden liegt es als ein Steinhaufen da, unter dem alles, was
sich in dem Augenblick darin befand, begraben ist. Ein paar Tage nach
diesem Vorfall strzte auf dem Markt mitten in der Nacht ein solches
Haus ein, wobei dreiundzwanzig Menschen das Leben verloren.

Ich bot den armen Leuten frs erste ein Asyl in unserem Fort an, sie
suchten und fanden indessen noch denselben Tag Unterkunft in einem
anderen Teil der Stadt.

Meine meisten Muestunden brachte ich jetzt in Gies nuovo zu, wo noch
immer unsere verheirateten Offiziere und mehrere andere wohnten. Herr
von Gasqui war meistens krnklich, und seine junge, lebenslustige Frau
ennuyierte sich mitten in der Hauptstadt des neapolitanischen
Paradieses. Ich musizierte jetzt recht fleiig mit ihr, diese tdliche
Langeweile zu verscheuchen, fters blieben wir so auf kurze Zeit allein
und wechselten dann Ksse, um einige Vernderung in unsere Unterhaltung
zu bringen. Ist man einmal so weit mit einer hbschen Frau gekommen, so
ist das brige eine Kleinigkeit, man nhert sich mit Riesenschritten dem
Ziel, und es fehlt dann nur noch die Gelegenheit, um dasselbe zu
erreichen. Eine solche herbeizufhren war nun mein Bestreben, und da der
gute Gasqui durch seine ftere Entfernung in Dienstangelegenheiten, wo
freilich der Zufall wollte, da ich mich meistens zu solchen Stunden
einfand, an denen ich ihn im Dienst beschftigt wute, uns oft selbst
berlie, indem er mir noch obendrein beim Weggehen empfahl, seine liebe
Frau, die sich hier langweile, bestens zu unterhalten, so htten wir
gutes Spiel gehabt, wenn wir in Gies nuovo nicht so hufig durch die
Besuche anderer Offiziersdamen und ihrer Mnner gestrt worden wren.
Besonders war es Madame Grenet, die es verstand, sich immer zu der Zeit
einzufinden, wo sie mich anwesend wute. Eines Vormittags jedoch war
diese mit noch einigen anderen Damen und deren Mnnern von unserem
Gromajor Omeara zu einem Frhstck in der Villa Reale eingeladen, dem
die gleichfalls gebetene Madame Gasqui unter dem Vorwand von
Unplichkeit entsagte; ihr Mann hatte aber die Einladung akzeptiert. --
Wir hofften nun endlich ein paar Stunden ganz ungestrt unter vier Augen
zubringen zu knnen, aber diese Hoffnung wurde vereitelt, denn kaum
hatten wir begonnen, uns im zweiten Zimmer, dem Schlafgemach der
liebenswrdigen Louise, die unzweideutigsten Beweise unserer
gegenseitigen Zuneigung zu geben, als wir die Tre des ersten Zimmers
ffnen hrten. Madame Gasqui sprang, ein groes Tuch berwerfend, aber
in einem sehr erhitzten Zustand, schnell hinaus, die Tre hinter sich
abschlieend, und lie mich als Arrestanten im hintern Gemach. -- Ich
erkannte bald die Stimme des Kapitns Linange, wie man ihn im Regiment
nannte, eines Grafen Leiningen, den Frst Y. erst vor wenig Monaten als
Hauptmann angestellt und zum Regiment nachgeschickt hatte. Er war ein
Mann von ungefhr fnfzig Jahren, der frher, ich wei nicht mehr in
welchen deutschen Diensten gestanden und nun unserem zweiten Bataillon
zugeteilt war, das bis jetzt Neapel noch nicht verlassen hatte. --
Gleich nach seiner Ankunft schlo er mit Herrn Gasqui eine dicke
Freundschaft und machte nebenher seiner jungen Frau den Hof. -- Auch er
war zu dem Frhstck in der Villa Reale eingeladen, hatte sich aber
losgemacht. Madame Gasqui allein in Gies nuovo vermutend, war er
hierher geeilt. Ich mute nun in meinem Versteck alle Sigkeiten
anhren, die der halbhundertjhrige Liebhaber meiner Schnen vorleierte,
welche ihn verlegen anhrte, da sie wute, da ich kein Wort von dieser
Unterhaltung verlieren wrde. Es kam zu einer frmlichen Liebeserklrung
und sogar zu einem Kniefall, aber meine Louise spielte nicht nur die
Unerbittliche und Grausame, sondern schien im Ernste bse und
aufgebracht zu sein, und drohte mit ihrem Mann; ob sie ebenso gehandelt
haben wrde, wenn ich nicht im Schlafzimmer gewesen wre, oder dann
vielleicht den guten Linange derb ausgelacht htte, mu ich
dahingestellt sein lassen; denn wer vermag Weiberherzen zu ergrnden? --
ebensowenig wie deren oft so bizarren Geschmack; aber jetzt mute ihr
alles daran gelegen sein, den Herrn Grafen baldmglichst zu entfernen.
Wie leicht konnte nicht ihr Mann, Madame Grenet oder sonst jemand noch
dazu kommen, und dann steckte ich in einem _Cul de sac_, aus dem kein
anderer Ausweg war, als durch das vordere Zimmer. Es war nicht so
leicht, den Herrn von Linange los zu werden, und Louise konnte dies
endlich nur dadurch bewirken, da sie ihm, wenn er gehorsam sei, in
weiter Ferne einen Hoffnungsschimmer blicken lie. Nachdem sie ihm noch
eine Romanze vorgesungen, denn er bestand darauf, wenigstens ihre
Engelsstimme hren zu wollen -- sie war boshaft genug, ihm ein Spottlied
auf einen alten Gecken vorzutragen --, entfernte er sich mit einem
ehrerbietigen Handku, ich wurde endlich aus meinem Gefngnis erlst;
aber auch ich mute fort, wenn wir nicht zum zweitenmal berrascht
werden sollten. Linange war ber eine gute Stunde geblieben, und es war
hohe Zeit, da ich ging. Ich verlie die Dame mit einer heien Umarmung,
mir vornehmend, jetzt auf passendere Gelegenheit zu unseren
Zusammenknften zu sinnen. --

Zwei Tage darauf lud ich Herrn und Madame Gasqui zu einem kleinen Souper
in die Villa Reale ein[1], und da sich Linange gerade bei ihnen befand,
so konnte ich nicht umhin, auch diesen zu invitieren, der die Einladung
mit Dank annahm. -- Bei diesem Souper lie ich zum Dessert die
kstlichsten Weine, Cyprier und Christuszhren auftragen, und munterte
die beiden alten Herrn auf, wacker zuzusprechen, wozu es des Ntigens
eben nicht bedurfte. Als man recht im Train und _allegro allegrissimo_
war, machte ich den Vorschlag, das Theater zu besuchen. -- Gasqui aber
meinte, es gefiele ihm weit besser hier, wenn aber seine Frau Lust habe,
so knne sie dies Vergngen mit mir genieen, er wolle noch eine Weile
mit seinem guten Freund Linange recht behaglich der Ruhe pflegen und
sich dann direkt nach Gies nuovo begeben, wohin ich ihm seine Frau nach
beendigtem Schauspiel bringen solle. Dies war Wasser auf meine Mhle.
Linange machte zwar ein griesgrmiges Gesicht dazu, konnte aber seinem
Kameraden nicht gut abschlagen, ihm Gesellschaft zu leisten, und mute
_nolens volens_ bleiben. Auch mochte wohl der gute Wein, dem er eben
nicht Feind war, ein briges dazu beigetragen haben, genug, er blieb zu
meiner groen Freude, und wir machten uns davon. Wir waren so eilig, da
ich sogar verga, die Zeche zu bezahlen, und die beiden alten Krieger
gewissermaen im Pfand zurcklie. Vor der Villa angekommen, bemerkte
mir Madame Gasqui, da sie ihre Lorgnette nicht bei sich, und da sie
kein sehr gutes Gesicht habe, sie das Vergngen des Theaters ohne diese
nur halb genieen wrde.

Ei, dann wollen wir vorher schnell nach Gies nuovo, sie zu holen.

[Funote 1: Am Eingang der Villa Reale befinden sich mehrere
Restaurationen, Kaffeehuser und so weiter, wo man trefflich serviert
wird und Speisen und Getrnke von der besten Qualitt findet.]

Wo denken Sie hin, es ist ber eine halbe Stunde Wegs.

Die wir in einem Kalesso[2] in zehn Minuten zurcklegen.

Ich nahm nun das erste vor der Villa haltende Fuhrwerk, versprach dessen
Fhrer noch ein Trinkgeld, wenn er uns recht rasch befrdern wrde, und
in acht Minuten stiegen wir vor Gies nuovo aus, wo ich dem braven
Wagenlenker das doppelte der Taxe einhndigte, der uns vergngt mit
einem _felicissima notte_ dankte.

Madame Gasqui eilte in ihr Schlafzimmer, das sie aber hinter sich
zuriegelte, mich im vorderen Zimmer stehen lassend, angeblich ihre
Lorgnette zu holen. Des Harrens mde, bat ich sie, mich einzulassen,
aber siehe da, der Eintritt wurde mir gegen alles Erwarten verweigert,
und nur erst nach einigem Hin- und Herkapitulieren an der verschlossenen
Tre, wobei ich hatte versprechen mssen, mich recht fein und artig zu
benehmen, wurde sie mir geffnet; was dieses kleine Zwischenspiel zu
bedeuten hatte, war mir kein Rtsel, auch strzte ich, sobald die Tre
offen war, der liebenswrdigen Dame in die Arme, erstickte ihren Mund
mit Kssen, trug sie auf das schwellende Bett und -- eine halbe Stunde
darauf half ich der verschmten Frau die Lorgnette suchen, fuhr mit ihr
nach dem kleinen Theater San Karlino, wo wir in einer geschlossenen
Loge, einem _chiaroscuro_, denn das Haus war schlecht beleuchtet, das
tolle Zeug, das man auffhrte, unter Lachen und Schkern mit ansahen. --
Nach Mitternacht verlieen wir das Theater, ich brachte meine Dame
wieder in einem Kalesso nach Gies nuovo zurck, wo uns Gasquis Bursche
empfing, und mitteilte, da sein Herr noch nicht zurck sei und er ihn
schon seit zwei Stunden, da er ihn um zehn Uhr bestellt habe, erwarte.

[Funote 2: Kalesso heit in Neapel ein kleines, zweirderiges, offenes
Fuhrwerk, eine Art Kabriolet, in dem man mit Blitzesschnelle,
selbstkutschierend, der Fhrer stellt sich hinten auf, das rasche
kalabrische Pferd durch sein Rufen lenkend, fhrt, und fr den lngsten
Kurs nicht mehr als 10 Grani (etwa acht Kreuzer oder zwei Groschen)
bezahlt.]

Alle Wetter, rief ich aus, ich habe ja die Zeche in der Restauration
nicht bezahlt, am Ende hatten die Herren nicht soviel Geld bei sich und
sind dort im Versatz geblieben!

Madame Gasqui lachte und lispelte: Wohl mglich, wenigstens hat mein
Mann keine zehn Lire bei sich.

Und Linanges Kasse ist auch nicht zum besten bestellt, versetzte ich,
er verspielt alles. Da mu ich gleich wieder in die Villa Reale
zurck.

Ich wollte mich nun der Madame Gasqui empfehlen, aber diese sagte:
Wollen Sie mich denn nicht mitnehmen? -- Ich glaube, es ist besser,
wenn wir zusammen hinfahren, ein allenfallsiges kleines Donnerwetter
abzuwenden. Sie wissen ja, wie mir der unausstehliche Linange zusetzt,
er knnte leicht meinem Mann allerlei Dinge in den Kopf setzen.

Ich gab ihr recht und dem Burschen ein gutes Trinkgeld, ihm verbietend,
seinem Herrn zu sagen, da wir zuerst hier waren, bevor wir nach der
Villa zurckkehrten; von unserer ersten Zusammenkunft aber wute er
nichts, denn man hatte ihn weislich weggeschickt. Als wir in der Villa
Reale ankamen, trafen wir die Herren noch beim Zechen und mit glhenden
Gesichtern. Gasqui empfing uns freundlich und wohlwollend, Linange aber
mit einem mrrischen Gesicht, und sagte mir mit zornigem Blick: Wenn
man die Leute einladet, so sorgt man auch fr die Zahlung, wir sitzen
vier Stunden hier wie angenagelt, und knnen nicht vom Fleck, da wir
nicht darauf vorbereitet waren, die Zeche bezahlen zu sollen.

Ich entschuldigte mich tausendmal, indem ich sagte, da es meine Absicht
gewesen, wieder hierher zu kommen; Gasqui fiel mir auch mit einem:
_c'est bon, c'est bon_ ins Wort, Linange aber brummte in den Bart;
Madame Gasqui fing vom Theater zu erzhlen an und konnte ihrem Mann
nicht genug versichern, wie viel Vergngen ihr die Spe des Arlechino
und Pulcinello gemacht htten.

Das glaub' der Teufel, murmelte Linange auf deutsch, ich wollt' dich
bespaen, wenn ich dein Mann wre.

Und wie artig war nicht Kolumbine, fiel ich ein, tuend, als htte ich
Linanges Worte nicht gehrt, der noch ein Himmelsakrament brummte.

Ich rief nun schnell dem Aufwrter, befahl einen Ananas-Punsch, und dies
erheiterte selbst des Herrn Grafen Gesicht wieder, die Unterhaltung
wurde frhlicher, Pulcinello und Arlechino muten das ihrige redlich
beitragen, und erst um zwei Uhr nach Mitternacht dachten wir an das
Heimkehren. -- Beim Abschied sagte Linange, mit dem Finger drohend, zu
mir: Sie sind mir ein loser Vogel, nehmen Sie sich aber vor der
Leimrute in Obacht!

Das tue ich auch, Herr Graf.

Ich hatte der Madame Gasqui versprochen, sie nun, wenn es der Dienst
erlaube, jeden Tag zu besuchen, um mit ihr zu musizieren, auch wollten
wir noch gemeinschaftlich Gitarre-Unterricht bei einem neapolitanischen
Lehrer nehmen, und dies alles war ihr guter Mann nicht nur zufrieden,
sondern er war sogar seelenvergngt darber. Ich brachte jetzt die
meiste Zeit, die ich ermigen konnte, in Gies nuovo zu, fhrte Madame
Gasqui oft allein, bisweilen aber in Begleitung ihres Mannes in das eine
oder andere Theater und nach demselben in restaurierende Kaffees, wo wir
uns besondere Kabinette geben lieen, in denen wir dann, wenn wir allein
waren, dem frivolen Gott Cupido und seiner Frau Mutter Weihrauch
streuten.

Eines Abends, als ich wieder von so einer Partie um ein Uhr nach
Mitternacht im Kastell del Carmine ankam, fand es sich, da meine
Kompagnie mit noch drei anderen schon seit drei Stunden nach Kapua
abmarschiert war. Ich hatte zwar dem Sergeanten von der Wache
hinterlassen, da ich immer in Gies nuovo zu finden sei, aber da wute
man nicht, wo ich mit Madame Gasqui hingeraten war. Ich trieb schnell
einen Fiaker auf, mit dem ich so rasch wie mglich den abmarschierten
Truppen nachfuhr, deren Arrieregarde ich in Averso einholte, und mit der
ich in Kapua ankam. Dennoch ging es nicht ohne Verweis ab, ich war aber
nicht der einzige Offizier, dem es so gegangen war, noch ein halbes
Dutzend waren in demselben Fall und kamen meist erst nach mir an. --
Mde und erschpft warf ich mich ganz angekleidet auf das Bett in dem
mir angewiesenen Quartier und einem erquickenden aber festen Schlafe in
die Arme, aus dem ich erst gegen Abend wieder erwachte. Ich sah eine
Zeitlang durch das Fenster die Strae hinab, wobei es mir auffiel, da
ich nicht einen von unseren Soldaten erblickte, die doch sonst in allen
Straen herumschwrmten, sobald sie in einem Orte eingerckt waren. Es
ward mir jetzt nicht wohl bei der Sache, ich verlie mein Quartier, und
hrte bald, da die Truppen seit ein paar Stunden schon wieder
abmarschiert seien, und zwar nach Neapel zurck. -- Ei, da soll ja eine
Bombe dreinschlagen, sagte ich zu einem Sergeant-Major, der, so wie
noch mehrere Offiziere, die ich auf dem Marktplatz traf, auch den
Abmarsch verschlafen hatte, keiner von uns hatte die Rappelle schlagen
hren. Wir rotteten uns zusammen und bildeten noch eine
Extra-Arrieregarde, die, zum Teil beritten, beinahe zu gleicher Zeit
oder doch nur wenige Minuten nach dem Truppenkorps in Neapel eintraf. --
Es war ein Marsch fr die Affen, wie man zu sagen pflegte, den wir
gemacht hatten, denn auf ein leeres Gercht hin, da die Galeerensklaven
und Gefangenen in Gata revoltiert htten, waren wir zum Marsch dahin
beordert worden; aber bald nach unserem Abgang waren Berichte
angekommen, welche dartaten, da an der ganzen Sache nichts, und sie aus
der Luft gegriffen war. Glcklicherweise war unser abermaliges
Zurckbleiben weder bemerkt noch gemeldet worden, da so viele nachkamen
und wir den grten Teil des Weges in der Nacht zurcklegten. Ich war
froh, da alles so gut ablief, denn ich frchtete Arrest zu erhalten.
Damit mir aber knftig nichts hnliches mehr passieren mge, befahl ich
meinem Burschen, der mit verschlafen hatte, sich knftig, nachdem er
mich bedient, immer in der Kaserne oder dem Ort aufzuhalten, wo das Gros
des Bataillons einquartiert sei.

Ich lebte nun meinen lustigen Train in Neapel fort und erteilte der
Madame Gasqui auch Unterricht im Italienischen, das ich jetzt schon gut
sprach und durch das Lehren noch besser lernte; ich hatte in allen
Dingen eine gelehrige Schlerin an der hbschen Frau, mit der ich fast
jeden Abend ein anderes Theater, bald San Carlo, Fiorentino, Fondo,
Nuovo und so weiter besuchte. Trotzdem Madame Grenet und Linange
intrigierten, lie sich ihr Mann doch nicht irre machen und uns alle
Freiheit, bisweilen begleitete er uns in die Theater, verlie uns aber
immer sptestens zur Hlfte der Vorstellung, denn es lag ihm gewaltig
viel daran, vor elf Uhr in seinem Bett zu ruhen. -- Nach den
ausgestandenen schweren Strapazen fhrte ich ein Leben _in dolce
giubilo_, a bisweilen doch selten bei Moritz, den ich fast nur
besuchte, wenn totale Ebbe in meinen Beutel eingetreten, was bei meiner
Lebensart nicht selten war.

Nachdem unsere Rekruten einexerziert waren, wurde der Dienst wieder
beschwerlicher, und namentlich die Wachen, die jetzt hufiger an mich
kamen.

Wir mochten ungefhr vier Wochen aus Kalabrien zurck sein, als ein
groes Avancement in dem Regiment stattfand, bei dem alle Offiziere, die
wir verloren hatten, ersetzt wurden; viele Sergeanten, die tauglichsten
Subjekte, wurden zu Unterleutnants befrdert, und ich wurde bei dieser
Gelegenheit Oberleutnant; ein gutes Avancement bei kaum anderthalb
Jahren Dienst und fr mein Alter. -- Wenn dies so fortgeht, dachte ich,
dann kannst du bald den Marschallstab erhalten. -- Zu gleicher Zeit
verkaufte mir der junge Stock ein sehr schnes Reitpferd um einen
Spottpreis, den sein Onkel bestimmt hatte und fr meine Rechnung
bezahlte, mir dabei bemerkend: da, da sich in meinem Fort keine Stlle
befnden, er ihm einstweilen einen Platz in dem seinigen nebst der Kost
geben wolle, die er mir gehrig in Anrechnung bringen wrde, wozu ich
ihn jedoch nie bewegen konnte.

Jetzt gefiel es mir unendlich besser in Neapel, als das erstemal. Kein
Wunder, denn ich amsierte mich kniglich und suchte mich nebenbei auch
noch mglichst in der Musik, namentlich im Gesang zu vervollkommnen, in
welchem ich bei einem berhmten Kastraten, Matuccio, Unterricht nahm, um
mir die italienische Schule vllig anzueignen. Einen Zechino mute ich
diesem Musico, wie man hier die Kastraten nennt, fr jede Stunde
bezahlen.

Bald darauf hatte ich zum erstenmal die Wache in der Vicaria, dem
ehemaligen Kastell Capuano, das jetzt in einen Justizpalast umgewandelt
war, in welchem die Tribunale und verschiedene Gerichte ihren Sitz
aufgeschlagen hatten, auch die Zahlenlotterie wurde daselbst gezogen,
und sie enthielt zugleich die furchtbarsten und scheulichsten Kerker,
in denen vielleicht ber tausend Unglckliche, Verbrecher und wohl
manche Unschuldige schmachteten. Diesen Wachtposten, der mir sehr
unangenehm schien, da man die ganze Nacht hindurch unaufhrlich das
Klirren der Eisenstbe an den Gittern, welche die Aufseher anschlagen,
um zu sehen, ob keine durchfeilt sind, und das chzen und Sthnen der
Gefangenen hrt, hatte ich lngere Zeit zu meiden gewut, mit anderen
Kameraden tauschend, was sich aber diesmal nicht hatte tun lassen. Die
Vicaria ist eines der schrecklichsten Gefngnisse, die ich in meinem
Leben gesehen, und der Palast bietet ein schaudererregendes Bild des
menschlichen Elendes und aller Verworfenheit dar, er war der
Schlupfwinkel der niedrigsten und teuflischsten Intrigen und Kabalen
einer feilen Justiz und ihrer infamen Schleichwege. Schon das uere
dieses Gebudes, das auf einem kleinen, freien Platze steht, ist
abschreckend genug. Diese ehemalige Residenz der Knige von Neapel, von
Wilhelm I. bis Ferdinand I., war mit Mauern und mit von faulem Wasser
angefllten Grben umgeben; ringsherum waren an den schwarzgrauen Mauern
eiserne Kfige angebracht, in denen man die Kpfe hingerichteter
Verbrecher aufbewahrte, die halb oder ganz entfleischt noch von Raben
und andern Raubvgeln heimgesucht wurden, die daran hackten. Scharf
geladene Kanonen mit brennenden Lunten daneben bewachten den Eingang zu
dieser Hlle, auf welche Dantes berhmte Inschrift sehr gut gepat
htte; denn nur wenigen der Gefangenen, die zu jener Zeit diesen
Schauerort betraten, blieb noch der Schimmer einer Hoffnung, ihn wieder
lebendig zu verlassen.

In den obern Stcken desselben befanden sich die Archive und
Gerichtssle, von denen einer, der sogenannte Audienzsaal, so gro ist,
da er an zweitausend Menschen fassen kann. Im Erdgescho saen die
weniger gefhrlichen und nicht so schwer angeschuldigten Gefangenen,
aber tief unter der Erde wurden diejenigen, denen man schwere
Verbrechen, Rebellion und Verschwrung gegen die Regierung zur Last
legte, oder die mchtige Feinde hatten, in feuchten Kerkern und Hhlen
aufbewahrt, in welche nie ein Sonnenstrahl drang; in den untersten
derselben, deren Boden ganz schlammartig war, hatten die Unglcklichen
Schlangen, Krten, Skorpione und Unken, die ihr Lager auf lngst
verfaultem Stroh mit ihnen teilten, zur Gesellschaft, und kein frischer
Luftzug erneuerte je die verpestete faule Atmosphre dieser Behlter.

Sobald die Sonne hinunter war, gingen die Gefngnisaufseher von Gitter
zu Gitter, mit Stangen an den Stben klopfend, um sie zu prfen; dies
Manver erneuerte sich jede halbe Stunde und whrte, bis der Tag wieder
zu grauen begann. Eine wahrhaft hllische Nachtmusik. Oft bersteigt die
Zahl der hier Eingekerkerten vier- bis fnftausend, und mancher
schmachtete, von der ganzen Welt vergessen, schon ber ein halbes
Jahrhundert hier; andere saen unter der frheren Regierung zwanzig und
dreiig Jahre, ohne da ihre Sache nur zum Spruch kam, und litten, in
verfaulte Lumpen gehllt, vom Ungeziefer bei lebendigem Leib
aufgefressen, mit Geschwren und Beulen bedeckt, tausendfachen Tod, bis
sie der wirkliche endlich erlste. Gott, wie ist man doch mit der
Menschheit schon umgegangen! -- Die Bastille in Paris war noch ein
Lusthaus gegen diese Vicaria, wo sich auch noch die scheulichsten
Folterkammern mit all ihren Marterwerkzeugen befanden.

Da sich bei jedem Tumult und Aufruhr das Volk immer zuerst der Vicaria
zu bemchtigen sucht, so zhlte die Wache daselbst ber achtzig Mann und
wurde jeden Abend noch durch eine zum Patrouillieren bestimmte
Abteilung, ber hundert Mann, verstrkt. An den Hauptgerichtstagen
finden sich hier ganze Heere von Richtern, Anwlten, Prokuratoren,
Advokaten, Rechtsverdrehern und Rabulisten ein, ich sah Leiterwagen voll
Akten in die Hfe fahren und zhlte die an einem Morgen ankommenden, mit
Litiganten besetzten Kutschen zu Hunderten. Alle Richter, Advokaten und
so weiter waren in lange Mntel und Percken gehllt und lieen ihre
Akten in groen Krben die Treppen hinauftragen. An solchen Tagen, oder
wenn die Zahlenlotterie gezogen wurde, war das Gedrnge so gro, da die
Hlfte der Wache immer unter dem Gewehr stehen mute. Nimmer htte ich
mir trumen lassen, da ich an diesem Ort der Greuel noch so manche
selige Stunde wonnetrunken zubringen wrde.

Bei meiner ersten Wache daselbst vernahm ich ein paar Stunden nach
Sonnenuntergang pltzlich aus einem Fenster der mittleren Gebude,
welche meiner Wachtstube gegenberlagen, den Klang einer Mandoline und
Gitarre, und bald darauf hrte ich zwei schne klangreiche Sopranstimmen
neapolitanische und sizilianische Volkslieder mit Begleitung dieser
Instrumente singen. Ich horchte hoch auf und war recht verdrielich, als
die liebliche Musik, die gewi auch manchem der Gefangenen auf einige
Augenblicke seine Qualen erleichterte, durch das mitnende Klirren der
Eisenstbe unterbrochen wurde. Indessen fuhr der Gesang fort, und um ihn
besser zu hren, ging ich in den Hof hinab, wo ich hinter einem Balkon
die Schatten zweier niedlicher Frauengestalten sah, welche diese sonoren
Tne erschallen lieen. Auf meine Erkundigung, wer die Damen seien,
welche diesen traurigen Ort durch ihre Musik so erheiterten, erfuhr ich,
da die eine die Tochter, die andere aber die Nichte des Oberverwalters
oder Kastellans der Vicaria, und beide ein paar junge, muntere, recht
artige Mdchen seien. Begierig, deren Bekanntschaft zu machen, lie ich
meine Gitarre durch meinen Burschen holen und stimmte, nachdem sie
aufgehrt, einige italienische Kavatinen, namentlich das schelmische
_Una povera ragazza_ an. Die Mdchen horchten, wie ich wohl merkte,
hoch auf und waren muschenstill, auch sangen sie diesen Abend nichts
mehr, sondern spielten spter, nachdem auch ich wieder still geworden,
noch eine Tarantella und verschwanden. Ich aber spazierte noch lange
beim Mondschein in dem Hof auf und nieder und ging endlich nach
Mitternacht auf mein Wachtzimmer, wo ich mich auf das lederne Ruhebett
warf und phantasierend mir die Gesichter und Figuren der beiden
Sngerinnen ausmalte, mit Ungeduld den Tag erwartend, der, wie ich
hoffte, mich die Mdchen von Angesicht zu Angesicht wrde sehen lassen.
Endlich brach die ersehnte Dmmerung heran; als der Tag kaum erschienen
war, sah ich durch mein Fenster die jenseitige Haustre ffnen, aus der
zwei niedliche Gestalten in schwarzer, neapolitanischer Nationaltracht,
mit Gebetbchern in der Hand, traten, die ber den Hof und durch das Tor
zur Frhmesse in die nchste Kirche eilten. Dies sind ohne Zweifel meine
charmanten Sngerinnen, dachte ich, und hatte recht. Es rgerte mich
nun, nicht im Hof gewesen zu sein, als sie durch denselben schritten; um
sie aber bei der Rckkehr nicht zu verfehlen, die unmglich lange dauern
konnte, spazierte ich unter dem Tor auf und nieder, sie erwartend. Es
dauerte auch kaum eine halbe Stunde, so kamen sie zurck; ich grte
sehr freundlich, als sie an mir vorbergingen, und hatte das Vergngen,
meinen Gru recht artig, wenn auch etwas verschmt und mit
niedergeschlagenen Augen, erwidert zu sehen; eine derselben war
allerliebst und die andere wenigstens sehr leidlich. Noch denselben
Morgen machte ich die Bekanntschaft des Herrn Papas und Oheims, den ich
unter dem Vorwand, ihn um etwas in Dienstangelegenheiten fragen zu
wollen, zu mir herunterbitten lie. Der Kastellan war so gefllig, sich
einzufinden, und nachdem ich mich ber mancherlei, die Sicherheit der
Gefngnisse und so weiter betreffend, bei ihm erkundigt, bot ich ihm ein
kleines Frhstck an, das er anzunehmen und sich schmecken zu lassen die
Gte hatte. Er gab mir manche nicht uninteressante Notizen ber die
Vicaria und ihre Gefangenen und erzhlte mir, da er bereits seit
sechsundzwanzig Jahren den Verwalterdienst hier versehe, ein geborener
Palermitaner und Witwer sei, zwei Shne, die sich in Sizilien bei
Verwandten aufhielten, und eine Tochter habe, die mit seiner Nichte,
auch einer Palermitanerin, bei ihm wohne. Noch teilte er mir einige
grliche Geschichten mit, die unter der vorigen Regierung in der
Vicaria vorgefallen und so emprend waren, da sie mir das Blut in
Wallung brachten.

Whrend dieser Unterhaltung schielte ich fters nach den
gegenberliegenden Fenstern, aber von den Mdchen lie sich keine
blicken, doch glaubte ich zu bemerken, da sich ein Vorhang manchmal ein
wenig lfte, woraus ich schlo, da sich meine Schnen hinter demselben
befnden, und zwar ganz richtig, wie ich spter von ihnen selbst erfuhr.
-- Nach drei Viertelstunden verlie mich der Alte recht vergngt, um
seinen Amtsgeschften nachzugehen, und sagte beim Abschied, er hoffe
mich recht bald wieder in der Vicaria zu sehen, wo er mir dann noch gar
manches Merkwrdige mitteilen wolle. Ich spazierte eine Zeitlang im Hof
auf und nieder, aber meine grausamen Schnen lieen sich nicht mehr
blicken, und schon hrte ich die Trommel der ankommenden Wache, ein
Klang, der mir sonst immer erwnscht war, mich aber diesmal rgerte. Als
jedoch die Schildwache >_aux armes_< rief und die neue Wache im
Paradeschritt anmarschierte, da zeigten sich auch die beiden Signoras
wieder am Balkon, das Schauspiel der Ablsung mit anzusehen, was mich so
sehr zerstreute, da ich statt rechts, links in die Flanken zum Abmarsch
kommandierte, doch lachend den Fehler reparierte und im Abmarsch die
Damen mit dem Degen salutierte, was beide ber und ber errten machte.
-- Ich nahm mir nun vor, von jetzt an, so oft unser Regiment diesen
Posten zu besetzen hatte, mit dem Offizier, der diese Wache bezog, zu
tauschen, und ging dies nicht an, die hier wachthabenden Offiziere
fleiig zu besuchen.

Den kommenden Morgen fand ich mich in aller Frhe vor der Vicaria ein,
aufzupassen, wenn die beiden Mdchen wieder in die Messe gehen wrden,
um ihnen daselbst das Weihwasser zu prsentieren. Zur nmlichen Stunde
wie den Tag vorher traten sie aus dem Tor und gingen nach der Kirche San
Pietro ad Arano, in welcher der heilige Petrus die nicht minder heilige
Candida getauft haben soll. Ich eilte ihnen zuvor, da ich mich schon den
Tag vorher bei dem Herrn Papa erkundigt hatte, in welcher Kirche sie die
Messe hrten, placierte mich an den Weihkessel, ihnen das Weihwasser auf
meinen Fingerspitzen reichend, das sie auch dankend und wieder errtend
von mir annahmen und sich nun berzeugt hielten, da ich ein gut
katholischer Christ sein msse. -- Ich nahm ein paar Schritte von den
Mdchen Platz, so da ich imstande war, sie whrend der Dauer der Messe
mit aller Bequemlichkeit zu beobachten, und bemerkte, da bald die eine,
bald die andere verstohlen nach mir herberschielte. -- Nach gehrig
vollbrachter Andacht leistete ich beim Herausgehen den beiden Mdchen
denselben Dienst wie beim Eintritt und wurde nicht minder dankbar
belohnt, htete mich aber wohl, sie heim zu geleiten, da eine
Neapolitanerin im Nationalkostm mit einer franzsischen Uniform
gesehen, sich allen mglichen Unannehmlichkeiten aussetzte; den nchsten
Tag aber war ich so klug, mich in Zivilkleidern in die Messe zu begeben,
unterhielt mich nach beendigtem Gottesdienst recht angenehm mit ihnen,
sie jetzt heimbegleitend, und teilte ihnen mit, da ich in zwei Tagen
wieder die Wache an der Vicaria beziehen, so das Vergngen haben wrde,
sie daselbst zu sehen und hoffentlich auch singen zu hren. Etwas
verlegen fragte mich die Nichte, wie es denn komme, da ich so schnell
wieder an diese Wache kme, worauf ich ihr gestand, da ich deshalb mit
einem Kameraden getauscht habe. -- Statt den geraden Weg nach der
Vicaria zu gehen, schlugen wir einen ziemlich krummen Umweg nach der
Porta Capuana zu ein, und ich begleitete dann die Mdchen bis an das
Ende der Strae Carbonara, wo ich mich ihnen in der Hoffnung eines
baldigen Wiedersehens bestens empfahl. -- Ich hatte von ihnen
herausgebracht, da die hbscheste, die sich Teresina nannte, die
Nichte, und die andere, die anmutigste, Marietta, die Tochter des
Kastellans war. Den nchsten Morgen verhinderte mich der Dienst, die
Messe zu besuchen, und den folgenden hielt ich es nicht der Mhe wert,
da ich ein paar Stunden spter die Wache an der Vicaria beziehen sollte.
Als ich mit derselben anmarschiert kam, fand ich die beiden Mdchen
schon auf ihrem Balkon sitzend und grte sie wieder mit dem Degen, ohne
diesmal einen Fehler im Kommando zu machen. Nachdem smtliche Posten
abgelst und die alte Wache abmarschiert war, kam der alte Kastellan
recht freundlich auf mich zu, freute sich, mich wiederzusehen, da ich
der einzige Offizier sei, der von den Franzosen diese Wache beziehe, mit
dem man doch ein Wort sprechen knne, indem die anderen keine Silbe
Italienisch verstnden, und wurde so gesprchig, da es mir fast lstig
war. Ich leitete die Unterhaltung auf den Gesang und die schnen
Stimmen, die ich bei meiner letzten Wache hier gehrt.

Corpo di Bacco, fiel er ein, das waren meine Mdchen! Nicht wahr,
Signor Uffiziale, meine Ragazza singt schn; es hat mich aber auch Geld
gekostet, denn ich lie sie bei einer der ersten Choristinnen des
Fiorentino lernen.

Als ich ihm sagte, da auch ich musikalisch sei und singe, rief er aus:
Ei, das ist ja scharmant, da knnen Sie mit meinen Mdchen musizieren,
und bald hatte ich ihn so weit, da er mich bei den artigen Kindern
einfhrte, die unter der Aufsicht einer ehrbaren Tante standen, welche
die Haushaltung besorgte. Ich brachte nun fast den ganzen Nachmittag bei
diesen Mdchen zu, meine Wache immer im Auge habend, und spielte und
sang bis nach Mitternacht mit ihnen. Marietta, die Tochter, war eine
maronenfarbige Brnette, mit schalkhaften Feueraugen, munter und fast
wild, Teresina, die Nichte, hatte ganz schwarzes Haar, einen feinen,
sehr niedlichen Wuchs und eine uerst liebliche Gesichtsbildung, war
auch weit sanfter. Beide sprachen mich fast gleich an, und ich wute
anfnglich nicht, welcher ich den Vorzug geben sollte, bald entschied
ich mich jedoch fr die Nichte, ohne deshalb der Tochter gerade abhold
zu sein. Noch denselben Abend brachte ich es bei beiden zum Hndedruck
und Handku, ohne merken zu lassen, welche mir am besten gefiel; als wir
uns endlich um Mitternacht trennten, kte ich beide auf die Stirn und
der ehrbaren Tante die Hand, der Papa war fast immer in seinen
Berufsgeschften abwesend und freute sich, wenn er dann und wann auf
einige Augenblicke eintrat, uns so vergngt und einig zu sehen. -- Noch
lngere Zeit, nachdem ich mich entfernt hatte, sah ich Licht in dem
Zimmer der Mdchen und ihre Schatten an den Fenstern vorbergleiten. Den
anderen Morgen sprach ich sie nochmals an dem Tor und bat um die
Erlaubnis, sie am Nachmittag besuchen zu drfen, die mir auch auf das
verbindlichste erteilt ward. Ich versprach neue Musik mitzubringen und
fuhr mit meinem Don Juan unter dem Arm in die Vicaria, wo wieder _la ci
darem la mano_ seine Schuldigkeit tun mute, das ich den beiden Mdchen
um die Wette einstudierte. Jetzt war der Weg gebahnt, ich brachte nun
meine meisten Nachmittage und Abendstunden in der furchtbaren Vicaria
zu, Gies nuovo fast ganz vernachlssigend und mich bei Madame Gasqui
unter allerlei Vorwnden bestens entschuldigend, sie nicht mehr so
hufig auf Promenaden und in die Theater fhren zu knnen. -- Beide
Mdchen hatten noch nicht das fnfzehnte Jahr erreicht und waren
wirklich zum Ersticken naiv, aber dahin konnte ich es sobald nicht
bringen, sie mit mir in die Theater oder sonst wohin nehmen zu knnen,
dies wollte der Vater und Oheim nicht zugeben, so groes Vertrauen er
auch sonst in mich zu setzen vorgab, nicht einmal in Begleitung der
Tante. Dagegen aber durften sie ganz allein allen Kirchenfesten
beiwohnen, so spt es auch schon in der Nacht sein mochte. -- Diese
Abendandachten waren in Neapel uerst anziehend und durch die
trefflichste Musik verherrlicht, schade nur, da diese schnen Tne aus
den Kehlen der hlichen und widerlichen Kastraten kamen.

Schon zehn Tage lang besuchte ich die Vicaria und hatte es immer noch
nicht weiter als zu wechselseitig abwechselnden Kssen gebracht, denn
ich hatte die Mdchen noch nicht dahin bringen knnen, die Kirche zu
verlassen und irgendwo andershin einen Abstecher mit mir zu machen,
obgleich sie schon mancherlei artige Geschenke von mir erhalten hatten.
Auch wute ich sie nicht zu trennen, da jede von ihnen berzeugt schien,
meine Aufmerksamkeit gelte ihr allein. -- Des Nachmittags war mir
indessen doch gestattet, sie in Zivilkleidern auf der Promenade und
durch die Straen begleiten zu drfen, wobei ich dann Gelegenheit hatte,
das neapolitanische Volksleben genauer kennen zu lernen, indem die
Mdchen meine Ciceroni machten, mir alle gewnschte Aufklrung gaben und
mir alle Laster, Tugenden, Sitten und Gebruche dieses Volkes erklrten.
Wir besuchten vorzugsweise die Kirchen und Klster, in welchen gerade
religise Feste gefeiert wurden, wobei die Bller immer eine groe Rolle
spielten und so stark geladen waren, da ihr Abfeuern einen Knall wie
eine zwlfpfndige Kanone hervorbrachte. Anfnglich glaubten auch wir in
den Kasernen jedesmal Kanonendonner zu hren, wenn in einer der nheren
Kirchen ein Fest gefeiert wurde, wo oft fnfzig und mehr Bller vor
derselben aufgepflanzt waren und Schlag auf Schlag gelst wurden. Am
hllischsten war der Lrm, wenn eine Nonne ihr Gelbde ablegte und
eingekleidet wurde.

Am hufigsten besuchten wir Toledo, wo ich meine Signoras mit Eis
regalierte und sie dann in die Villa Reale, an den Hafen, auf den Molo
und so weiter fhrte. Von dem Leben und Treiben in Neapel auf offener
Strae kann sich niemand einen deutlichen Begriff machen, der es nicht
selbst mit angesehen, es geht ber alle Vorstellung; da wird fast alles
unter freiem Himmel verrichtet, was sonst nur hinter den Mauern
verborgen geschieht. Man kocht, siedet, bratet, it, trinkt, schlft,
schreibt, liest, barbiert und frisiert, verrichtet seine Notdurft und
zeugt sogar Kinder, -- wenigstens bei Nacht, alles unter der
Himmelsdecke und dem gestirnten Firmament; dies tun wenigstens
fnfzigtausend Menschen, und unter den Hallen oder Portalen der Kirchen
und Palste oder auf den Stufen und Bnken derselben wird manches
Wochenbett gehalten, weshalb man auch die hier zur Welt gekommenen
Kinder sowie berhaupt diese bestndig auf Bnken herumfahrenden Leute
oft scherzweise _banchieri_ nennt. Diese Bankiers laufen, flhen und
reinigen sich von Kot und Ungeziefer, ohne sich im mindesten zu genieren
vor dem vorbergehenden Publikum, das, an solche Szenen lngst gewhnt,
nicht den geringsten Anstand an denselben nimmt.

Wer sich in Neapel glcklich fhlen will, mu sich ganz dem Vergngen
des sen Nichtstun berlassen, denn dies ist eine Huldigung, die man
dem dortigen Klima zu bringen hat, das heit, man mu sein Glck in dem
fast immer heiteren Himmel, der majesttischen See und den balsamischen
Lften, die uns sanftsuselnd umwehen, finden, aber alle ernsteren
Gedanken und Gefhle mglichst zu entfernen suchen.

Endlich war ich, und zwar mit Marietta, so weit gekommen, da sie mir
versprach, ein Mittel ausfindig zu machen, sie einmal ganz ohne Zeugen
sprechen zu knnen, und zwar in der Vicaria selbst, in der kleinen
Kapelle, in welcher gewhnlich die zum Tod Verurteilten die letzten
Stunden vor ihrer Hinrichtung zubringen. Schon den kommenden Tag sprach
ich sie daselbst, jedoch ohne mehr als einen Hndedruck zu erlangen, da
die Tre des Gotteshuschens immer offen stand und alle Augenblicke
Leute vorbergingen; es gelang mir, sie zu berreden, mich auf meiner
nchsten Wache an der Vicaria gegen Morgen zu besuchen, auch riet ich
ihr, Teresina zu ihrer Vertrauten zu machen, weil sie sich nicht wohl
ohne deren Wissen, da beide in einer Stube schliefen, entfernen konnte.
Erst zwei Tage spter konnte ich es veranstalten, da ich diese Wache
wieder bezog, nach der ich mich noch nie so sehr wie diesmal gesehnt
hatte. Teresina war bereits in das Geheimnis eingeweiht, wie sie mich
selbst hatte merken lassen, als ich den Nachmittag vorher bei meinen
liebenswrdigen Schlerinnen zubrachte, und daher das weitere ganz offen
mit beiden verabredete. Als endlich der ersehnte Tag und die noch
ersehntere Nacht herankam, gab ich eine halbe Stunde nach Mitternacht,
als eben wieder eine Visitation der Gefngnisse vorber war, und ich
alles ruhig fand, den beiden Mdchen das verabredete Zeichen zum
Herabsteigen mit einem weien Tuch. Ein paar Augenblicke darauf kamen
sie auch, in dunkle Tcher gehllt, und ich fhrte sie ganz unbemerkt
auf meine Wachstube, die in einer Art Entresol lag und ein eigenes
Treppchen hatte. Vorsichtig hatte ich die ohnehin dster brennende Lampe
in einen Winkel hinter einen Tisch gestellt, und so ein herrliches
_Chiaroscuro_ hervorgebracht. Die erst vierzehn Jahre zhlende Marietta
zog ich neben mich auf mein ledernes Ruhebett, whrend Teresina
gedankenvoll in den Hof hinabsah, um zu beobachten, was daselbst vorging
oder vorgehen konnte. Die bald in meinen Armen ruhende Marietta strubte
sich indessen ganz gewaltig und lie mich ihre Gunst nur bis zu einem
gewissen Grad genieen, was mir indessen dennoch weit mehr Vergngen
gewhrte, als die baldige gnzliche Ergebung verheirateter und
routinierter Frauen, denn Marietta war vllig Anfngerin, die liebe
Unschuld selbst, und seitdem war: _la mia passione predominante, sempre
la giovin principiante_.

Mehrere Stunden hatten wir bereits vertndelt, und schon verkndete ein
lichter Schein die herannahende Dmmerung, als die noch immer am Fenster
sitzende und von Zeit zu Zeit seufzende Teresina uns ernstlich ermahnte,
da es hohe Zeit sei, sich zu trennen. Ich fand, da sie vollkommen
recht hatte, ging in den Hof hinab, um allenthalben zu rekognoszieren,
ob sich die Mdchen ohne Gefahr und unbemerkt wieder hinberschleichen
knnten, begleitete sie alsdann bis an ihre Haustre, wo ich beiden
einen feurigen Abschiedsku gab, meine letzte Ronde machte, worauf der
Tambour die Diane schlug, und ich mich zur Ruhe auf mein Feldbett warf,
das soeben noch der stumme Zeuge meines Glcks gewesen; allerlei
phantasierend, schlief ich so gut, als htte ich eben einen forcierten
Marsch zurckgelegt.

Gegen zehn Uhr brachte mir der Bursche der Madame Gasqui ein Billet, in
welchem mich die Dame dringend einlud, sie doch gleich nach abgelster
Wache zu besuchen, da sie mir etwas von groer Wichtigkeit mitzuteilen
habe. -- Was mag sie wollen? dachte ich bei mir selbst; denn was es mit
so einer Damenwichtigkeit auf sich hat, war mir lngst bekannt.
Unterdessen frhstckte Papa Kastellan mit mir auf der Wache, und als
ich mit der Mannschaft abmarschierte, salutierte ich die beiden,
verschmt hinter der Fenstergardine hervorsehenden Mdchengesichter.
Kaum hatte ich die Mannschaft dem Unteroffizier zum Heimfhren bergeben
und den Degen in die Scheide gesteckt, so war ich auch schon auf dem Weg
nach Gies nuovo, wohin mich die Neugierde trieb, wo ich aber fr meinen
pnktlichen Gehorsam mit Vorwrfen, da ich mich gar nicht mehr sehen
lasse, von Louise empfangen ward. Sie sagte, dies habe ihr Madame Grenet
alles vorausbemerkt, sie aber nimmermehr glauben wollen; nun sehe sie
wohl ein, da jene recht gehabt und deren Warnung gut gemeint gewesen
sei. Ich entschuldigte mich mit dem so anstrengenden Dienst, der mir Tag
und Nacht keine Ruhe mehr lasse, und bat sie, da wenn sie meinen Worten
nicht glauben wolle, sie sich beim Adjutant-Major erkundigen knne, ob
ich nicht dreimal in einer Woche die Wache an der Vicaria, die
beschwerlichste und unruhigste in ganz Neapel, gehabt, und wenn dies
nicht wahr, so wolle ich in meinem ganzen Leben keinen Ku mehr von ihr
erhalten; um sie noch besser von der Wahrheit meiner Aussage zu
berzeugen, kte ich die schmollende Dame auf der Stelle ein halbes
Dutzendmal. Sie glaubte mir nun und endigte sogar damit, mich wegen
meiner gehabten schweren Strapazen herzlich zu bedauern, fgte dann
hinzu, dies sei nicht der Grund gewesen, warum sie mich eigentlich zu
sich gebeten, sondern sie habe es nun soweit gebracht, da ein
franzsisches Liebhabertheater in Gies nuovo gebildet werden solle, zu
dem sich schon mehrere Damen und Offiziere als aktive Teilhaber gemeldet
htten, ich mchte jetzt nur die weiteren Schritte tun und die Leitung
des Ganzen bernehmen. Mit Vergngen vernahm ich diese Mitteilung und
willigte freudig in das an mich gestellte Begehren, da ich schon lange
eine gleiche Absicht gehabt, aber andere Dinge und auch der Dienst mich
verhindert hatten, an die Ausfhrung derselben zu denken. Noch sagte mir
Madame Gasqui, da ihr Mann im Sinn habe, nchstens mit einigen guten
Freunden den Vesuv zu besteigen, ich mge doch auch mit von der Partie
sein. Auch dies war lngst mein Wunsch und mir willkommen, nur aus den
angefhrten Grnden hatte ich bis jetzt diesen und noch andere Ausflge
in die Umgegend von Neapel, wie nach Herkulanum und Pompeji und so
weiter, zu meinem Leidwesen unterlassen mssen.

Ich verlie nun die jetzt nicht mehr schmollende Dame, mit dem
Versprechen, mich baldmglichst wieder einzufinden und beschftigte
mich, so weit es die Umstnde erlaubten, mit der Ausfhrung der
projektierten Partie, wobei ich mir bei Vetter Moritz Rat holte, ohne
jedoch meine Wachen an der Vicaria und die damit verknpften
Vergngungen aufzugeben. Indessen fing ich bald an, mehr Gefallen an der
Nichte als an der Tochter des Kastellans zu finden; aber fr meine
Absichten auf Teresina war Marietta ein schwer zu berwindendes
Hindernis, da ich niemals die eine ohne die andere sah.

In einer Nacht, als die beiden Mdchen kaum einige Minuten auf meiner
Wachtstube waren, gab es pltzlich Lrm im Hof der Vicaria, und man
schrie, da mehrere Gefangene entsprungen seien, die Wache trat unter
das Gewehr, alles wurde lebendig und die lieben Kinder wollten
verzweifeln, da sie frchteten, man mchte auch ihre Abwesenheit
entdecken und sie gar bei mir finden. ber das letztere beruhigte ich
sie und schlo, indem ich hinabeilte, die Tre hinter mir ab. Vor der
Wache traf ich schon den Oberaufseher der Gefngnisse und den Kastellan,
die mir meldeten, da zwei Gefangene eines Kellergefngnisses fehlten,
dessen auf das Pflaster des Hofs gehende Gitter durchsgt seien, aber
die Kerls mten sich noch im Palazzo befinden, da sie weder durch das
geschlossene Tor, noch ber Dcher, Mauern und Grben htten entwischen
knnen. Ich trstete die gengstigten Leute, indem ich ihnen sagte, da,
da die Gefangenen nicht aus dem Schlo sein knnten, wir sie wohl
auffinden wrden, und ersuchte sie, mit vier Mann Wache, die ich ihnen
gab, alle Winkel zu durchsuchen und bei den entferntesten anzufangen,
ich wolle einstweilen hier alle in den Hof gehende Tren mit
Schildwachen besetzen lassen. Sie befolgten meinen Rat, und ich lie
unterdessen die Mdchen in den Hof entschlpfen, die aber
unglcklicherweise von ein paar Soldaten, welche die Entflohenen in
ihnen zu wittern glaubten, angehalten wurden, ehe sie noch ihre
ebenfalls besetzte Tre erreicht hatten; ich kam jedoch dazu und
befreite sie von der momentanen Haft, brachte sie an ihre Tre, wo die
Tante herausstrzte, um die Mdchen, deren Abwesenheit sie schon
entdeckt, zu suchen. Ehe aber weder die Tante noch die Nichten zu Wort
kommen konnten, sagte ich zu der ersten: Hier, Signora, Ihre Kinder,
welche in der Angst ber den entstandenen Lrm die Unvorsichtigkeit
begingen, ihre Wohnung zu verlassen, ich bringe sie Ihnen unversehrt
zurck, sie knnen unter allen Umstnden nicht besser aufgehoben sein
als bei Ihnen. _Mille grazie, signor Uffiziale_, erwiderte die Tante
und sagte zu den Mdchen: Aber wie geht es zu, da ihr euch noch gar
nicht schlafen gelegt hattet, es ist doch lngst Mitternacht vorber.

_Oh cara zia_, versetzte Marietta schnell, wir saen noch am offenen
Fenster, der Musik lauschend, die der Signor _Tenente_ machte.

Sonderbar, ich habe doch gar nichts gehrt.

Vermutlich schliefen Sie gut, Signora, auch spielte und sang ich nur
_pianissimo_.

Ja, das ist etwas anderes, mit zunehmendem Alter werden auch alle Sinne
schwcher. Ich lag zwar schon lngst im Bett, war aber noch nicht
eingeschlummert, als der Lrm anging.

Hier sind sie, ich habe sie, rief nun pltzlich eine Donnerstimme, es
war die eines der wachthabenden Sergeanten, der die beiden Entwischten
in der Kapelle hinter einem Beichtstuhl gefunden hatte, und zwar in
geistlichem Gewande, welches sie daselbst aus einem Schrank, den sie
aufgebrochen, genommen und mit dessen Hilfe sie ganz in der Frhe
unangehalten zum Tore hinausgehen zu knnen hofften.

Eine Stunde nach diesem unangenehmen Intermezzo war alles wieder in der
besten Ordnung, die Gefangenen in einem tieferen Kerker angeschmiedet,
und der Kastellan kam zu mir, sich bei mir zu bedanken, da ich seine
naseweisen Dinger, welche die Dummheit begangen, wegen dem Lrm aus der
vterlichen Wohnung zu laufen, so heil zurckgebracht habe.

Kurz nach dieser Begebenheit, als ich wieder einen Nachmittag bei den
Kindern zubrachte, gab ich Teresinen verstohlen einen Ku, was ich schon
fter praktiziert hatte; aber diesmal wollte es mein Unstern, da es
Marietta bemerkte, und diese wurde von dem Augenblick an so znkisch und
mrrisch, eigensinnig und bissig, da es gar nicht mehr mit ihr
auszuhalten war und ich sie bald nichts weniger als liebenswrdig fand.

Eines anderen Tages brachte ich den Mdchen zwei sehr schn fassonierte
Krbchen von Schokolade, wie ich mich berhaupt nie ohne etwas Naschwerk
bei ihnen einstellte; diese Schokoladearbeiten wurden schon damals zu
Neapel in der hchsten Vollkommenheit fabriziert. In jedes Krbchen
hatte ich etwas Bonbon gelegt, aber in das der Teresina noch obendrein
einen kleinen goldenen Ring, eine Allianz, wie ich Marietten schon
lngst eine verehrt hatte, die neben den anderen Bonbons in Papier
gewickelt war. Die beiden Mdchen untersuchten ihre Geschenke und die
schon lngst argwhnische Marietta auch die ihrer Cousine und fhlte
unglcklicherweise sogleich das Papier, in welchem die Allianz
eingewickelt war, ohne da ich es hindern konnte, denn Teresina hatte
die Zeichen, die ich ihr machte, nicht bemerkt oder nicht verstanden,
nahm es weg, ffnete es, fand den Ring und las auf dem Papierchen die
Worte: _alla piu amabile_, die ich mit Bleifeder darauf geschrieben
hatte. Nun geriet das Mdchen in einen solchen Zorn, da sie die beiden
Krbchen mit ihrem Inhalt zur Erde warf, mit ihren kleinen Fen
zerstampfte und zertrmmerte und den Ring mit den Zhnen zerbi.
Vergeblich gab ich mir alle Mhe, sie zu besnftigen, indem ich sie
versicherte, da das Ganze auf einem Irrtum beruhe und ich die Krbchen
verwechselt habe, sie hrte gar nicht darauf, fuhr so zu wten und zu
toben fort, da ihr zuletzt der Schaum vor dem Munde stand und sie nach
mir und ihrer Cousine bi, bis sie die heftigsten Krmpfe bekam und sich
in denselben auf dem Boden wlzte, so da mir bange wurde, sie mchte in
dem Anfall bleiben. Ganz erschpft fiel sie endlich in eine starke
Ohnmacht und blieb beinahe eine halbe Stunde bewutlos; wir brachten sie
in diesem Zustand auf ihr Bett. -- Nun aber fing auch Teresina heftig zu
weinen an, machte mir Vorwrfe, da ich den Frieden und die Eintracht
zwischen ihnen beiden gestrt habe, ich htte mich an die eine oder die
andere allein halten und nicht beiden zugleich die Kur machen sollen und
so weiter. Ich hatte jetzt alle Mhe, dieses sonst so sanfte Mdchen zu
besnftigen und zu trsten, die mir noch mitteilte, da sie schon seit
einiger Zeit wegen mir viel von ihrer Cousine zu leiden habe, die sie
gleich einem Schatten verfolge, ihr das Leben verbittere, ja wohl
imstande wre, ihr Arges anzutun; denn ich kenne diese Sizilianerinnen
und Neapolitanerinnen noch nicht, die zu allem fhig seien, wenn sie
sich hintergangen und betrogen und wegen einer anderen zurckgesetzt
fnden, sie werde nun wohl Neapel verlassen mssen oder gar
fortgeschickt werden.

Endlich schlug Marietta die Augen wieder auf, war aber so matt und
erschpft, da sie kaum leise zu sprechen vermochte. Ich gab mir
nochmals alle Mhe, sie zu beruhigen, konnte es aber nicht dahin
bringen, sie ganz zu besnftigen und ein wohlwollendes Wort von ihr zu
hren. Nachdem sie sich wieder ziemlich erholt hatte, entfernte ich
mich, ihr zum Abschied sagend, da es unter solchen Umstnden wohl das
Beste sei, uns knftig zu meiden. Diese Worte rgerten sie so, da sie
beinahe einen zweiten Anfall bekommen htte. Um dies zu vermeiden, eilte
ich schnell zur Tr hinaus. Von jetzt an mied ich die Wachen an der
Vicaria ebenso sehr, wie ich sie frher gesucht hatte. Einige Zeit
darauf erfuhr ich, da ihr Vater beschlossen habe, einen Advokaten, der
sich in das Mdchen verliebt, mit ihrer Hand zu beglcken, und dieser
sie auch bald darauf als sein eheliches Gespons heimfhrte. Ich vermied
nun zwar diese Wachen nicht mehr, drngte mich aber auch nicht dazu,
obgleich ich wute, da jetzt Teresina allein in dem Hause ihres Oheims
mit der Tante hauste.

Unterdessen hatte ich Madame Gasqui wieder viel fter besucht und mir
viel Mhe gegeben, das beabsichtigte Liebhabertheater instand zu
bringen; es war endlich so weit gediehen, da wir es mit Beaumarchais
Figaro, in dem ich die Rolle des Figaro und Madame Gasqui die Grfin
spielte, erffnen konnten. Die Einrichtung der Bhne und des Raumes fr
die Zuschauer war allerliebst, und es wurde uns sogar die Ehre zuteil,
da Knig Joseph unsere Vorstellungen einigemal zu besuchen wrdigte.
Ich bin berzeugt, die ehrwrdigen Vter Jesu htten ebenfalls ihre
Freude daran gehabt, wenn sie diesem Schauspiel in ihrem alten Betsaal
htten beiwohnen knnen; im Grunde hatte das Lokal seine ehemalige
Bestimmung wieder erhalten, man spielte nur Komdie in anderer Manier.

Durch unseren Bataillonschirurgen hatte ich zufllig die Bekanntschaft
einer hbschen jungen Apothekersfrau, einer geborenen Rmerin, gemacht.
Der Doktor nahm seine Medikamente fr die Kunden, die er sich in der
Stadt erworben, meistens sogenannte geheime Kranke, bei ihrem Eheherrn
und hatte dadurch Zutritt im Haus erlangt. Diese Apotheke lag in der
Nhe unseres Forts, und ihr Besitzer war ein gastfreundlicher Mann, der
die Musik liebte. Eines Tages hatte ihm der Doktor gesagt, da sich beim
Regiment ein junger Offizier befnde, der sehr musikalisch sei, Klavier
und Gitarre spiele, gut singe und sogar komponiere, den er, wenn es dem
Signor Speziale angenehm sei, einmal mitbringen wolle. Der Apotheker
hatte ihm erwidert, er wrde ihm dankbar dafr sein. Doktor Kullmann, so
hie der Bataillonschirurgus, lud mich daher ein, ihn doch einmal zu
seinem guten neapolitanischen Freunde zu begleiten, und teilte mir dann
ganz im Vertrauen mit, da dieser eine sehr schne Frau habe, der er den
Hof mache; aber obgleich er manchmal eine ganze Stunde, whrend der Mann
in der Apotheke beschftigt, mit ihr allein gewesen, doch nicht viel
weiter gekommen sei, da er mit der verteufelten Sprache nicht fort knne
und er oft die grte Mhe habe, sich dem Manne mit seinem Rackerlatein
verstndlich zu machen; er meinte daher, ich knne ihm wohl behilflich
sein, wenn ich den Dolmetscher (also den Kuppler) machen wolle. Ich
lehnte es lngere Zeit unter allerlei Vorwand ab, den Herrn Doktor zu
begleiten; aber er hrte nicht auf, mich so lange darum anzusprechen und
erzhlte mir soviel von der Liebenswrdigkeit der Signora, die auch ganz
vortrefflich singe, da mich die Neugierde bewog, endlich nachzugeben
und den Wunsch des skulap zu erfllen.

Wir wurden von dem Signor Speziale recht artig aufgenommen, der uns
sogleich in sein Wohnzimmer fhrte, wo seine Frau mit kleinen
Handarbeiten beschftigt war. Ich fand die Signora hbsch genug, um ihr
Artigkeiten zu sagen, und da der Doktor gar keinen so blen Geschmack
hatte, auch es wohl der Mhe wert sei, ihm und dem Mann zugleich eine
Nase zu drehen; letzterer bat mich, da er von seinem Amico gehrt, da
ich ein groer Virtuos sei, ihm und seiner Frau doch das Vergngen zu
machen, sie etwas von mir hren zu lassen; ich entschuldigte mich, indem
ich erwiderte, man habe ihm viel zu viel von mir gesagt, so da er zu
groe Erwartungen hege, denen ich niemals entsprechen wrde, und es also
nicht wagen knne, ihm etwas vorzutragen. Er lie aber nicht ab, mich zu
bestrmen, sowie der Doktor ebenfalls in mich drang, und da die Signora
ihre Bitte mit denen der beiden Herren vereinigte, so konnte ich nicht
umhin, sie zu erfllen, um so mehr, da mir der Apotheker versprochen
hatte, ich solle dann auch die Stimme seiner _cara Moglie_ hren. Ich
sang nun einige italienische Lieder, unter denen auch die Romanze des
Pagen aus Mozarts Figaro, mit Gitarrebegleitung; die Leute hatten kein
Klavier, da die Dame dies Instrument nicht spielte. Nun kam die Reihe an
diese, welche dann nach einigem Zieren ebenfalls ihre Kunst zum besten
gab, aber bei einer allerdings schnen und klangreichen Stimme doch nur
ganz Naturkind im Gesang war, ja, wie ich bald erfuhr, nur nach dem
Gehr sang und nicht einmal die Noten kannte, wie dies so hufig in
Italien, selbst bei Sngerinnen vom Fach und bei dem Theater angestellt,
der Fall war, denen ihre Partien mit der Violine eingegeigt werden
muten. Ich versprach der Signora Golia, der Name ihres Mannes, bei
meinem nchsten Besuch einige recht hbsche neue Kanzonette mitbringen
zu wollen und ihr diese einzustudieren, worber sie und ihr Mann ganz
vergngt waren, wozu aber der Doktor ziemlich scheel sah. So hatte er es
nicht gemeint, und er sah bald ein, da er einen Eselsstreich gemacht
und den Bock zum Grtner gesetzt habe, mich in das Haus einzufhren, in
dem ich bei meinem ersten Besuch schon weiter gekommen war, als der
Pflastermann, ein ehrlicher, recht bedchtiger Schwabe, die jeden Tritt
und Schritt hundertmal erwgen und berlegen, ehe sie ihn zu tun wagen,
seit Monaten. Aber der Bock war nun einmal geschossen und lie sich
nicht wieder rckgngig machen. Der Signor Golia wurde hufig in die
Apotheke abgerufen, und ich benutzte seine kurze Abwesenheit, der
Signora Fleuretten mit Occhianten begleitet zu sagen, die mein ehrlicher
Kullmann nicht einmal verstand. Endlich empfahlen wir uns, wobei ich der
Dame die Hand kte, etwas, das mein skulap noch nicht einmal gewagt
hatte und mir jetzt zum erstenmal nachmachte; ich versprach baldiges
Wiederkommen. Als wir das Haus verlassen hatten, machte mir der Doktor
Vorwrfe, da, statt sein Interesse zu wahren, ich mir alle Mhe
gegeben, ihn aus dem Sattel zu heben.

Freund, das ist unmglich, Sie sitzen ja noch gar nicht darin.

Spotten Sie nur, aber das ist kein Freundschaftsstckchen, einem
Freunde den Bissen vor dem Maul wegschnappen zu wollen.

Aber wer will denn das, seien Sie doch kein Kind, alles was ich tat,
geschah nur einzig und allein in Ihrem Interesse, wenn Sie nur
verstanden htten, was ich der Signora gesagt, so wrden Sie nicht so
reden und sich dankbarer gegen mich bezeigen. Ich sprach nur zu Ihrem
Lobe und zu Ihren Gunsten.

Den Teufel auch, ich mte ja blind sein, wenn ich Ihr Augenspiel nicht
bemerkt htte.

Das war ja auch in Ihrem Interesse; hrten Sie denn nicht, wie sehr ich
Ihre Geschicklichkeit pries und hervorhob.

Mag sein, aber ich verstand kein Wort davon, es kam mir aber so vor,
als wollten Sie sich bei der Signora Golia beliebt machen.

Mein Gott, das mu ich ja, wenn ich fr Sie wirken soll.

Nehmen Sie sich in acht, wenn Sie mich hintergehen und Sie einmal krank
werden, dann ...

Dann werden Sie mir doch kein Gift verschreiben?

Das nicht, aber ich lasse Sie im Stich.

Oh, darber trste ich mich, denn ich wei, wie ich es mit euch Herren
Medizinern zu halten habe:

   Der Geist der Medizin ist leicht zu fassen;
   Ihr durchstudiert die gro' und kleine Welt,
   Um es am Ende gehn zu lassen
   Wie's Gott gefllt.

Ach, das ist albernes Zeug.

Ei, ei, Herr Doktor, Sie blamieren sich. -- Doch allen Scherz beiseite,
ich werde mein mglichstes tun, den Doktor bei der Apothekerin beliebt
zu machen. --

Wir trennten uns nun, und jeder ging seinen Weg, der meinige fhrte mich
nach Gies nuovo zur Probe eines neu einzustudierenden Vaudevilles, das
ich mit Madame Gasqui zusammengeflickt, _Les franais  Naple_
betitelt hatte und das den Beifall unseres Publikums und selbst Seiner
Majestt erhielt, obgleich es manchen Seitenhieb auf dessen Gouvernement
gab, den Joseph jedoch nicht zu verstehen schien oder nicht verstehen
wollte. brigens fing es an, wenigstens etwas leidlicher in der
Verwaltung zu gehen, namentlich seit Rderer das Finanzwesen und ein
neues Abgabensystem organisiert hatte; aber verhindern konnte er die
fortdauernde unntze Prodigalitt nicht.

Schon den folgenden Tag besuchte ich meinen braven Apotheker wieder und
musizierte mit seiner Frau, die bald das Steckenpferd, mit dem ich alle
meine Intrigen _con amore_ einleitete, Don Juans Duettino, mit mir
singen konnte, worber sich Herr Golia kniglich freute. -- Ich dachte:
>Nun sage mir noch einer, die neapolitanischen Ehemnner seien Teufel
der Eifersucht!< Aber es war noch nicht aller Tage Abend. Mein guter
Doktor war doch bald berzeugt, da ich ihn zum besten gehabt, und
setzte nun dem Mann Flhe ins Ohr, so da dieser mich immer klter
empfing und auch ein paarmal unter dem Vorwand, seine Frau sei
ausgegangen und er sehr beschftigt, ganz kurz abwies. Das erstemal
blieb ich jedoch noch eine geraume Zeit in der Apotheke, die Zurckkunft
der Signora abwartend, brachte bei dieser Gelegenheit die Sprache auf
die italienischen Gifte und namentlich auf das berchtigte Aqua Tofana,
ein Thema, das den Signor Golia ansprach, ber welches er, trotzdem da
er mich bereits nicht mehr mit den wohlwollendsten Augen ansah, so
gefllig war, mir manche Aufklrung zu geben. Ich erzhlte ihm nun,
welche abenteuerlichen Vorstellungen man sich in Deutschland von
demselben mache, da man glaube, es werde aus dem Schaum rasend
gewordener Menschen fabriziert, die man, um sie zum hchsten Grad der
Wut zu bringen, unter den Fusohlen kitzle, da man vermittelst dieses
Giftes genau Tag, Stunde und Minute, in welcher der seit Monaten schon
Vergiftete seinen Geist aufgeben msse, bestimmen knne und so weiter.
Der Apotheker lchelte ber diese Mitteilung und erklrte mir, da die
Hauptingredienzien des Acquetta, wie man hier dieses Gift nennt, aus
Arseniksure, mit etwas Laudanum, bitterer Mandelessenz und einigen
anderen Liquiden vermischt, um die Bestandteile desselben besser zu
verbergen, bestnde; da man allerdings nach der Quantitt der
beigebrachten Dosis den Tod des Vergifteten frher oder spter
herbeifhren, aber nie genau den Tag, viel weniger die Stunde angeben
knne, in welcher dieser erfolgen msse, da dies von gar mancherlei
Umstnden abhinge, wie von der Konstitution, der Nahrung und sogar der
Beschftigung des Vergifteten. Ich erkundigte mich spter noch bei
anderen Personen nach diesem berhmten Gift, mehrere leugneten dessen
Bestehen gnzlich, andere sagten, die Kunst, es zu bereiten, sei lngst
verloren gegangen, Moritz versicherte mir, es sei durchaus nichts weiter
als knstlich prpariertes Arsenik. Dies Resultat ergab auch spter eine
unter Mrat auf meine Veranlassung angestellte polizeiliche
Untersuchung, und die ber dasselbe verbreiteten Mrchen sind nichts
weiter als Erfindungen abenteuerlicher Reisebeschreibungen und
Romanschreiber.

Als ich am anderen Tag wiederkam, wurde ich noch klter von dem Signor
Speziale empfangen, der mir diesmal fast gar kein Gehr gab, welches
Thema ich auch immer aufs Tapet bringen mochte. Aber es war zu spt; der
gute Mann, der anfnglich mit Entzcken zuhrte, wenn ich seiner Frau
Singunterricht ohne Noten erteilte, hatte erst Lunte gerochen, als das
Feuer schon lichterloh brannte. Lngst wute ich, da Signora Golia alle
Morgen die Messe bei den Karmelitern besuchte, und sprach sie nun hier,
ohne da es ihr Mann oder der Doktor ahnten. Dagegen besuchte ich die
Apotheke nur noch sehr selten und auf einen Augenblick im Vorbergehen.
Gewi waren beide erfreut, mich so schnell losgeworden zu sein, whrend
ich so weit schneller zum Ziel gelangte. Die Signora mochte den Merluzzo
(Stockfisch) von einem Doktor, der kein gescheites Wort mit ihr reden
konnte, nicht leiden, war ber ihren Marito (Eheherrn) erbost, da er
mich so auswies, und gab mir Rendezvous bei einer Amica, die sich
Signora Rapisarda nannte, in der Strada Pignosecca, deren Adresse sie
mir auf einem mit Bleifeder beschriebenen Papierchen mitteilte. Ich
suchte das angegebene Haus zur bestimmten Stunde auf und fand in einem
Gemach des dritten Stockes beide mich erwartenden Freundinnen, grazis
auf einem Sofa sitzend. Als sie mich erblickten, standen beide auf, und
Giulietta, dies war der Taufname der Apothekerin, sprang auf mich zu und
lie mir kaum Zeit, der Dame des Hauses meine schuldige Hflichkeit zu
bezeigen. Sie stellte mir diese endlich als die Frau eines Beamten vor,
welcher dem Hof Ferdinand IV. nach Sizilien gefolgt sei, und seine
Gattin, die sich nicht von Neapel habe trennen wollen, wo sie alle ihre
Freunde und Bekannten habe, verlassen htte. Die Amica war so
aufmerksam, uns mit Rosolio und _Pane di Spagna_ aufzuwarten und sich
dann zu entfernen. -- Nun wurde die Tre verschlossen, und wir
schwelgten ein paar Stunden im Hochgenu, nach denen sich die Amica
wieder einfand, die zwar uerst angenehm, aber doch schon etwas
verblht war, und die ich nicht reizend genug fand, um ihr zu Gefallen
eine Untreue gegen meine neue Freundin zu begehen, was nur zuweilen bei
dem _tte--tte_ mit der Madame Gasqui geschah, die dann immer so
liebenswrdig war, da schwerlich der heilige Antonius selbst der
Versuchung widerstanden haben wrde.

Als Krnung unseres heiteren Lebens in Neapel beschlossen wir, den Vesuv
zu besteigen; aber anders hatte es das Schicksal oder vielmehr das
Gouvernement beschlossen, und ich sollte abermals Neapel verlassen, ohne
zu meinem groen Leidwesen nhere Bekanntschaft mit dem alten
Feuerspeier gemacht zu haben; denn das Bataillon erhielt Order, nach dem
Kirchenstaat und zwar nach Civita-Vecchia abzumarschieren. Ich trstete
mich indessen damit, Rom wiederzusehen, von dem ich kaum erst einen
Schatten im Vorbergehen erblickt hatte.




                                  II.

      Abmarsch nach Civita-Vecchia. -- Die Pontinischen Smpfe. --
    Civita-Vecchia. -- Ich werde Platzkommandant zu Albano. -- Meine
    Ausflge nach Rom. -- Bankier Torlonia. -- Prinzessin Cesarini.
    -- Angelika Kaufmann. -- Rom. -- Die schnen Rmerinnen und die
       deutsche Mnnertreue. -- Ein Rendezvous in der Kirche San
                       Sebastian vor den Mauern.


Mich meinen Schnen bestens und auf hoffentlich baldiges Wiedersehen
empfehlend -- Madame Gasqui, deren Mann beim zweiten Bataillon stand,
blieb zurck und bedauerte hauptschlich, da unser Liebhabertheater
durch diese grausame Order zerrissen wurde, denn auer mir waren noch
mehrere Mitglieder desselben beim ersten Bataillon --, verlie ich
Neapel mit leichtem Herzen und ziemlich schwerem Beutel (Moritz hatte
die Sorge, mich auf Kosten meiner Eltern mit dem ntigen _nervus rerum
gerendarum_ vor dem Abmarsch zu versehen, bernommen) und mit dem festen
Vorsatz, da das erste, wenn ich je wieder nach Neapel zurckkommen
sollte, was sehr wahrscheinlich war, da wir immer noch zu dem dort
stehenden franzsischen Armeekorps gehrten, sein solle, den Vesuv zu
besteigen.

Wir marschierten auf demselben Weg Etappe fr Etappe zurck, auf dem wir
von Rom nach Neapel gekommen waren, nmlich ber Capua, Sessa, Molla,
Terracina, durch die Pontinischen Smpfe ber Velettri und Albano.
Diesmal hielten wir aber, da der Marsch keine Eile hatte, Rasttage zu
Fondi und Velettri. Unterwegs machten wir fters Jagd auf wilde Enten,
Schnepfen, Wasserhhner und anderes wildes Geflgel, das in der Gegend
von Terracina und den Pontinischen Smpfen in so ungeheurer Menge
vorhanden ist, da man eine fette wilde Ente oft mit zwei Bajocchi (kaum
einen Groschen) bezahlt, so da sich unsere Soldaten von Terracina bis
Albano dieses Wild, das sie an ihren Ladestcken brieten, trefflich
schmecken lieen. Bei Treponti scho ich einmal ein Voltigeurgewehr aufs
Geratewohl in einen Rohrsumpf ab, aus dem sich sogleich eine schwarze
Wolke von Wildgeflgel erhob und fast die Luft verfinsterte; auch die
Soldaten feuerten ihre Gewehre ab, und es strzten eine Menge
verschiedener Vgel aus der Luft, die wir aber nicht bekommen konnten,
da wir keine Hunde hatten, die sie aus den Smpfen holten.

In Rom hatten wir diesmal keinen Ruhetag und muten sogar die Stadt
umgehen, was beinahe fr eine Etappe htte gelten knnen. Diesmal suchte
ich aber mein Quartier auf, da ich zu Pferde und also nicht so marode
war. Es wurde mir auf dem Korso bei -- den Jesuiten angewiesen! -- Aber
die Zeit war so kurz zugemessen, da ich diesmal auer dem Korso und der
Piazza Popolo, die ich schon kannte, fast nichts von Rom zu sehen bekam.
Von hier marschierten wir nach Pallo oder Palo ab, ein altes Kastell in
einer sehr ungesunden und ganz den Gegend am Gestade des Meeres, in
dessen Nhe aber viele und groe altrmische Ruinen liegen. Hier
bernachteten wir, und der folgende Tag brachte uns bei sehr ungnstigem
Wetter nach unserem neuen Bestimmungsort Civita-Vecchia.

Civita-Vecchia, das im Sommer ein sehr ungesunder Aufenthalt sein soll,
ist befestigt, hat einen Hafen und ein Zeughaus, mehrere Klster, war
aber ein sehr der und langweiliger Ort, der etwa sechstausend Einwohner
zhlen mochte. Nur da es der Aufenthalt der ppstlichen
Galeerensklaven, ein Toulon im kleinen ist, dessen Bagnos mit den in
jeder Hinsicht hchst unglcklichen Strflingen angefllt sind, bringt
einiges Leben in den Ort, aber welches!? -- das, welches das
Kettengerassel der Elenden verursacht.

Als ich die Kaserne besichtigte, in der unser Bataillon einquartiert
wurde und die erst vor wenigen Tagen ein Bataillon Dalmatiner verlassen
hatte, war ich in ein paar Sekunden mit Millionen Flhen bedeckt, so da
meine Beinkleider auf einmal in _couleur de puces_ verwandelt waren. So
sehr ich auch schon in Italien und dem sdlichen Frankreich an dieses
Ungeziefer gewhnt worden, so war es mir doch nie in solcher Masse
vorgekommen, und nur durch eine berschwemmung mit siedendem Wasser
konnte man dasselbe in den Slen etwas vermindern, vom Vertilgen war
keine Rede; in den baumwollenen Bettdecken der Soldaten hatten sich
diese qulenden Springer hauptschlich eingenistet, und kein Klopfen
noch Waschen konnte sie aus ihren bequemen Nestern vertreiben; tagelang
waren die Leute auf der Flohjagd und knackten, und doch sahen diese
weien Decken immer wie Kmmel und Salz aus.

Kaum waren wir ein paar Tage in Civita-Vecchia, als ich mit vierzig Mann
nach Palo beordert wurde, das daselbst befindliche Detachement der
Dalmatiner abzulsen. Dieser Posten war so ungesund, da man selbst im
Winter die Leute alle zehn Tage, im Sommer aber alle vierundzwanzig
Stunden ablsen mute, und demungeachtet kam die Mehrzahl der Soldaten
fieberkrank zurck und wanderte ins Lazarett; drei Tage Aufenthalt
daselbst in der heien Jahreszeit brachte unfehlbar den Tod. Der Posten
mute jedoch fortwhrend stark besetzt werden, und eine Batterie von
sechs Feuerschlnden war bestndig mit Mitraille geladen, weil die
Englnder und Korsaren hier fters zu landen versucht und ganze Herden
Bffel weggenommen hatten.

Einige Tage, nachdem ich in dieser ungesunden Einde verweilt hatte,
kamen mehrere Kompagnien der Dalmatiner auf ihrem Marsch nach Rom hier
durch und bernachteten daselbst. Dieses Regiment bestand aus solchen,
die in franzsischem Dienste waren, rote Uniform, Hte _ la_ Henri IV.
trugen und wie die Raben stahlen. Es war meine Schuldigkeit, die
Offiziere nach meinen Krften bei ihrer Anwesenheit zu bewirten, aber wo
etwas hernehmen? Brot, Wein, etwas Fleisch und Zugemse brachten sie
selbst mit, von Wein hatte ich zwar auch einigen Vorrat, aber was ihnen
sonst vorsetzen? Als ich mich mit meinem Burschen deshalb beratschlagte,
gab mir dieser zur Antwort: Lassen Sie mich nur machen, Herr Leutnant,
ich will schon fr eine gute Schssel sorgen. Und in der Tat trug er
bei dem Mittagessen eine groe Schssel von ihm selbst gar nicht bel
zubereitetes Ragout auf, das uns allen vortrefflich schmeckte; als ich
ihn nachher vornahm und examinierte, was er uns denn eigentlich
vorgesetzt habe, gestand er mir, es sei ein aus Eulen, Dohlen und
Frschen, die er in dem alten Gemuer des Kastells gefangen, bestehendes
Ragout gewesen. Ich lachte und dachte: >Nun, wenn es uns nur wohl
bekommt!< Und das tat es.

Kaum war ich von meinem Eulennest abgelst, als ich mit der
Voltigeurkompagnie, die ihren Kapitn verloren und auch keinen
Oberleutnant hatte, nach Albano beordert wurde, um daselbst den Posten
als Platzkommandant zu versehen. Unser Bataillonschef Dret selbst wurde
mit dem Stab und ein paar Kompagnien als Kommandant nach Corneto, die
brigen Kompagnien nach Porto d'Anzo, Piperno und Velettri beordert,
deren Chefs in diesen Orten alle Platzkommandanten wurden, so da das
ganze Bataillon rings um Rom zerstreut lag. Den dritten Tag traf ich,
abermals durch Rom marschierend, am Ort meiner Bestimmung ein, der nur
drei kleine Stunden davon entfernt lag.

Auf dem Rathaus zu Albano, wo ich mich bei dem Sindico wegen meiner
Order auswies, war ber der Eingangstr des Saales der Kampf der
Horazier und Curiatier in Fresko gemalt. Zu meiner Wohnung wies er mir
einen ganzen, einem Kardinal zugehrigen Palazzo an, der eine Reihe von
ziemlich schlecht mblierten Zimmern und Slen hatte. Fast in jedem
Gemach desselben aber hingen die in Kupfer gestochenen Bilder smtlicher
Ppste, die auf dem heiligen Stuhl gesessen. Eine alte Frau, eine Art
von Hausverwalterin seiner Eminenz, war die einzige Mitbewohnerin in
diesem gerumigen Gebude. Es waren wenigstens einige zwanzig Zimmer,
die sie mir zur Disposition stellte, und in mehreren derselben fanden
sich groe Himmelbetten, die ebenso breit wie lang waren, so da ich
jede Nacht nach Belieben mit meinem Schlafzimmer htte wechseln knnen;
fast ebenso gerumig war der Unterleutnant logiert, auch der
Sergeant-Major sowie alle Sergeanten hatten verhltnismig groe
Quartiere; die Korporale mit ihren Eskadern wurden in verschiedenen
Gebuden einquartiert. Die Stadt mute mir tglich drei rmische Scudi
(ber sieben Gulden) Tafelgelder geben, auerdem erhielt ich dreifache
Rationen an Lebensmitteln und hatte sonst noch allerlei kleine Vorteile,
welche mir diese Kommandantur einbrachte: es ging ja alles auf Kosten
Seiner Heiligkeit, dessen Gebiet Napoleon militrisch besetzen zu lassen
fr gut befunden hatte; nur Rom selbst war immer noch mit franzsischer
Garnison verschont. Die Leute wurden sehr gut verpflegt, und ich sah
strenge darauf, da die ihnen verabreichten Lebensmittel von guter
Qualitt waren, wodurch ich sie mir sehr geneigt machte, auch lieen sie
den Papst und unseren Herrgott einen guten Mann sein und hoch leben. Ich
machte fast jeden Tag einen Spazierritt nach Rom, das genauer kennen zu
lernen ich mir nun vornahm.

In den ersten Tagen meiner Kommandantur, die ich eigentlich dem
Wohlwollen Drets zu verdanken hatte, besuchte ich Rom nur wenig und
immer nur auf ein paar Stunden, denn ich wagte es nicht, mich auf
lngere Zeit zu entfernen, obgleich dieser Posten von keiner groen
Wichtigkeit war und hauptschlich darin bestand, den durchkommenden
Militrs die Marschrouten zu visieren, ihnen Quartiere anweisen zu
lassen und dergleichen. Nachdem ich aber ein paar Wochen hier war, nahm
ich es nicht so genau, sondern brachte lngere Zeit, oft ganze Tage in
Rom zu, dem Sergeant-Major meine Funktionen whrend meiner Abwesenheit
berlassend.

Zu dieser Zeit erhielt ich Briefe von Haus, die mir das Ableben eines
alten Grooheims anzeigten, sowie, da mich derselbe mit einem Legat von
einigen tausend Gulden besonders bedacht habe, die man zu meiner
Verfgung stelle, indem ich, was ich bedrfe, bei dem Bankier Torlonia
in Rom, an den ich auerdem noch einen Empfehlungsbrief erhielt, erheben
knne. Auch Moritz, dem ich von Albano aus schrieb, sandte mir eine
Empfehlung an denselben. Dies waren traurig-gute Nachrichten, denn das
Ableben des guten alten Oheims, bei dem ich als Kind gar manche
vergngte Stunde gehabt -- er hatte mich in besondere Affektion genommen
--, tat mir leid, auf der anderen Seite kam mir das Geld und die
Empfehlungen bei meinen Exkursionen nach Rom trefflich zu statten.
Torlonia lud mich zu seinen Conversazioni ein, die wohl mit die
glnzendsten in ganz Rom waren und bei denen ich die angesehensten
Familien dieser Stadt persnlich kennen lernte, wie die Cerevetri,
Doria, Chigi, Odeschalchi und so weiter. Das Schicksal dieses Bankiers,
der sich vom Lohnbedienten oder armen Cicerone, was er zuerst war, bis
zum reichsten Mann im ganzen Kirchenstaat und zum Herzog von Bracciano
hinaufgeschwungen, ist merkwrdig. Er hatte sich ein geringes Kapital
gespart, das er dem Kardinal Braschi in Verwahrung gab oder vielmehr
lieh. Als dieser unter dem Namen Pius VI. Papst wurde, beauftragte er
Torlonia mit seinen Geldgeschften; dieser errichtete jetzt ein Bankhaus
und wurde bald darauf der Staatsbankier des heiligen Vaters, wobei er
sich ein unermeliches Vermgen erwarb. -- So ziemlich ein Pendant zum
alten Rothschild. -- Pius VII. machte ihn spter zum Herzog von
Bracciano. Der Mann mochte damals einige fnfzig Jahre zhlen und hatte
ein sehr gravittisches Ansehen, in seinem Kontor sitzend: ein schwarzer
Samtrock mit groen vergoldeten Knpfen, eine goldgestickte Weste, ein
paar kurze Samtbeinkleider von einer blulichen Farbe, blagelbe seidene
Strmpfe, Schuhe mit Steinschnallen und eine schneewei gepuderte
Percke war sein alltglicher Anzug. In seinen Abendgesellschaften
glnzten Roms erste Schnheiten, und er selbst hatte zwei hbsche
Tchter, unter allen aber strahlte wie eine Sonne unter Sternen die
junge Principessa Cesarini so gewaltig schimmernd hervor, da aller
Augen auf sie gerichtet waren, sobald sie eintrat, und auch die meinigen
bis zum Verbrennen geblendet wurden. Diese Schnheit, die erst krzlich
an den Frsten Cesarini verheiratet war, hatte ebenfalls ein originelles
Schicksal gehabt. Ihr Vater hie Conti, sie war von niederer Herkunft
und armen Eltern, die so herabgekommen waren, da sie ein Blumenmdchen
werden mute, das ihre hbsch gewundenen Struchen am Nachmittag auf
dem Korso zum Verkauf ausbot; ihre Schnheit zog weit mehr als ihre
Blumen, die man teuer bezahlte, die Kufer an, und so machte auch der
reiche Frst Cesarini ihre Bekanntschaft, den sie klug genug so
hinzuhalten und in ihre Netze zu ziehen wute, da er ihre hchste Gunst
nur durch das Band der heiligen Ehe und den Schritt ins Brautgemach
erlangen konnte; sie war noch nicht fnfzehn Jahre alt, als er sie
heiratete. Hinsichtlich ihrer Schnheit war sie die Recamier Roms.

Den ersten Abend oder vielmehr die erste Nacht, denn erst spt in
derselben begannen die Soireen, die ich bei Torlonia zubrachte, verhielt
ich mich sehr still und ruhig und machte nur den Beobachter, um mit dem
hier herrschenden Ton bekannt zu werden. Spiel und Musik waren auch hier
die Haupthebel der Unterhaltung der Gesellschaft, wie zu jener Zeit in
ganz Italien. Diese beiden so verschiedenen Dinge, das eine ein der
Hlle entwischter Dmon, die andere eine entzckende Himmelstochter,
mssen die Langeweile der Sterblichen unter Qualen und Lust tten. Dem
Spiel habe ich manche, wenn auch nicht gerade bittere, doch unangenehme
Stunde zu verdanken gehabt, denn das einmal verspielte Geld focht mich
wenig mehr an, whrend mir die herrliche Tonkunst die seligsten und
glcklichsten Momente meines Lebens schuf; ohne sie wrde ich gewi
nicht den hundertsten Teil des genossenen Vergngens gehabt haben, und
noch jetzt macht sie mir manchen frohen Augenblick, namentlich waren es
des unsterblichen Meisters der Tne, des groen Mozart Schpfungen, die
mich immer begeisterten.

Don Juan war in Rom noch ebenso unbekannt wie in Genua und dem brigen
Italien, auch von der Zauberflte, der Entfhrung, selbst dem Titus
wute man nichts, nur vom Figaro und _Cosi fan tutte_ kannte man
einzelne Stcke. Mir war es vorbehalten, den durch Mozarts Musik so
liebenswrdig gewordenen Wstling Don Juan in dem liebeglhenden Italien
einzufhren.

Am ersten Abend verhielt ich mich, wie gesagt, sehr passiv in Torlonias
Soiree und verlor mit allem Anstand ein Dutzend Zechinen; wenn ich nicht
in Uniform gewesen wre, wrde ich schwerlich nur bemerkt worden sein,
obgleich mich Torlonia mehreren Gsten als einen ihm gut empfohlenen
Tedesco vorstellte. Als ich mir aber nach einigen Tagen wieder
fnfundzwanzig Louisdor geben lie und mich der Bankier abermals zu
einer Soiree einlud, fragte ich ihn, ob es wohl erlaubt sei, einige
_Musica tedesca_ mitzubringen und vorzutragen, was er mir mit einem:
_Vi saremo molto grato!_ beantwortete.

Ich kam diesmal mit meinem Don Juan unter dem Arm und trug, von der Dame
des Hauses aufgefordert, das brillante Prestissimo _fin ch'an del vino
calda la testa_ mit italienischem Feuer vor, und zwar so rasch, da mir
der mich akkompagnierende Maestro kaum folgen konnte; es wurde mit einem
allgemeinen Bravissimo und Dakapo belohnt, ebenso erging es mir mit
Figaros _non piu andrai_ und dem Stndchen aus dem zweiten Akt Don
Juans, das ich spter sang. _Cosa stupenda, questa musica!_ rief
selbst der Bankier aus, der auch noch Ohr fr einen anderen Klang als
den der Piaster und Zechinen hatte. Besser als durch diese Musik htte
ich mich in Rom nicht empfehlen knnen, und wenn ich als Obergeneral
durch eine siegreiche Schlacht ein ganzes Reich erobert haben wrde. Es
gab nun bald in der ganzen Stadt keine Soiree von Bedeutung mehr, zu
welcher der Leutnant, Platzkommandant von Albano, nicht durch einen
Expressen eingeladen worden wre. Es ging wie in Genua, ich studierte
Duette und andere Ensemblestcke mit rmischen Damen, die herrliche
Stimmen hatten, ein und sang mit Donna Annen, Elviren und Zerlinen,
deren Anblick allein schon in Ekstase versetzte. Auch Leporellos Aria
buffa _Signorina, il Catalogo  questo_ sang ich mit groem Erfolg,
wenn auch etwas hher transponiert; die Introduktion und die beiden
Finale wurden bald von den musikalischen Individuen der Gesellschaften
einstudiert und vorgetragen. Don Giovanni machte Furore, und ich, sein
leibhaftiger Reprsentant, wenigstens Aufsehen, verliebte mich, so wie
ich mich zu verlieben imstande war, in die wunderholde Principessa
Cesarini, obgleich diese keine oder doch nur unbedeutende musikalische
Talente hatte, aber desto mehr fr die praktische Liebe geschaffen war.
bersttigung hatte, wie dies so oft der Fall ist, das eheliche Glck
der jungen Frstin bald gestrt; die Ehe ist und mu notwendig das Grab
der Liebe sein, da eine so fortwhrend nahe Berhrung, in der sich die
Gatten unter allen Verhltnissen befinden und sehen, alle Illusion
schnell schwinden macht. So ging es auch hier; nach wenigen Monaten
wurde der Frst gleichgltig, und die junge Frau sah sich nach anderen
Zerstreuungen um, als mich gerade mein Glcksstern nach Rom fhrte und
ich die schne Signora kennen lernte, deren Rang hier, wo es so viele
Bettelprinzen gibt, da man, wie in Deutschland, mit Baronen die
Schweine msten knnte, kein Hindernis war, mich ihr zu nhern, ob sie
schon auch hinsichtlich des Vermgens sich in sehr glnzenden Umstnden
befand.

Ich hatte unter anderen auch die Bekanntschaft eines jungen
venetianischen Edelmannes gemacht, der sich damals in Rom aufhielt und
sich Dandolo nannte. Durch diesen erfuhr ich, da der Frst Cesarini
eine eben nicht mehr sehr junge und gerade nicht schne Mtresse
unterhalte, die in der Nhe des Spanischen Platzes wohne, deren Gunst er
sich nicht einmal allein zu erfreuen habe, die aber eine uerst
verschmitzte und auch witzige Dirne sei und namentlich mit einem
gewissen Abbate intrigiere.

Jeden Abend ritt ich nun auf den Korso, wo sich alle Notabilitten und
Schnheiten Roms in ausgesuchter Toilette, in glnzenden Equipagen auf-
und niederfahrend, prsentieren und auf der Piazza Popolo stillhalten,
um miteinander zu konversieren. Viele dieser Damen hatte ich schon in
den Soireen kennen gelernt, grte sie, an ihnen vorber kurbettierend,
und hrte fters zischeln: _Ecco l'Uffiziale francese chi canta cosi
bene!_ Auch die berhmte Angelika Kaufmann sah ich hier einigemal und
lie mich bei ihr einfhren; obgleich schon hoch in den Sechzigern und
krnklich, war sie doch noch sehr liebenswrdig; da ich aber von ihrer
Kunst, der Malerei, sehr wenig oder nichts verstand und dies wie
natrlich das Steckenpferd ihrer Unterhaltung war, so wiederholte ich
meine Besuche nicht oft. Die geniale Dame starb drei Vierteljahre darauf
und wurde mit groem Pomp begraben. Ihr Sarg ward von den berhmtesten
Professoren und Knstlern, die sich damals zu Rom aufhielten,
abwechselnd getragen; unter ihnen war auch Canova. Zwei ihrer besten
Gemlde wurden vor ihrer Leiche hergetragen. Das eheliche Schicksal
dieser ausgezeichneten Knstlerin ist sonderbar genug, um hier erwhnt
zu werden. Whrend ihres Aufenthaltes zu London, wo sie Mitglied der
Kniglichen Kunstakademie war, verliebte sich ein Englnder in sie, dem
sie aber kein Gehr schenkte. Dieser brtete nun einen seltsamen und
abscheulichen Racheplan aus; er suchte nmlich einen ganz gemeinen, aber
krperlich sehr wohlgestalteten Menschen auf, den er gehrig
instruierte, mit Geldmitteln versah und der, so ausgestattet, unter dem
Aushngeschild eines Grafen die Bekanntschaft Angelikas machen sowie
dann um ihre Hand anhalten mute. Dieser listige Plan glckte
vollkommen, und das arme Mdchen war bald die Gattin des rohen Gesellen;
als sie sich aber ber dessen Gemeinheiten und Rohheiten bitter
beklagte, deckte der Urheber dieser Rache selbst den ihr gespielten
Betrug auf. Eine baldige Scheidung erfolgte darauf, unter der Bedingung,
da sie ihrem getrennten Gatten eine ansehnliche Pension aussetze,
welche dieser aber nicht lange geno, da er glcklicherweise bald starb.
Spter heiratete sie in Rom wieder, einen Maler namens Zucchi, den sie
ebenfalls berlebte. Im Jahre 1808 wurde ihre Bste im dortigen Pantheon
aufgestellt.

Da ich mich jetzt so hufig in Rom, und zwar weit mehr als in Albano
aufhielt, so hatte ich mir in der ersteren Stadt ein kleines Logis
gemietet, das mir zum Absteigequartier diente und in welchem ich, wenn
ich es fr gut fand, meine Uniform mit einem schlichten brgerlichen
Kleid vertauschen konnte, was besonders bei meinen nchtlichen
Streifereien in der alten Weltstadt ratsam war, wo ich oft auf gut Glck
in den damals noch fast gar nicht erleuchteten Straen herumschwrmte
und die Kaffeehuser, in denen die Damen Eis zu sich nahmen, besuchte.
Gegen die Straenbeleuchtung Roms hatten sich die hohen Geistlichen,
namentlich auch die Eminenzen von jeher sehr energisch erklrt, damit
man deren nchtliche Schliche und Gnge nicht beobachten oder die
hbschen Nipotinnen, die sie abends an ihrer Seite in den Karossen
sitzen hatten, nicht sehen sollte. Aber unbewaffnet ging ich nicht aus,
da keine Woche verging, in der man nicht von ausgeteilten Dolch- oder
Messerstichen hrte, und der Unsinn, da die Mrder in jeder Kirche, an
jedem Madonnenbild, ja in ganzen Quartieren, wie an dem Spanischen Platz
und in dem Revier der Inquisition, eine Freisttte fanden, wo sie nicht
verhaftet werden konnten, bestand noch in seiner ganzen Kraft. Die
Angehrigen oder Freunde der Mrder wuten hier die Verbrecher
gewhnlich so lange zu versorgen, bis sie sie ohne alle Gefahr in
Sicherheit bringen konnten.

In der Regel ritt ich erst gegen Morgen nach Albano zurck, wo ich dann
wenige Stunden ruhte, den Rapport erhielt, dem Sergeant-Major
Verhaltungsbefehle erteilte, die vorgefallenen Disziplinarsachen
ordnete, frhstckte, und schon gegen Mittag war ich wieder in Rom.
Jedoch gebrauchte ich die Vorsicht, meine Adresse zu hinterlassen, damit
man mich von etwa auerordentlichen Vorfllen sogleich durch einen
Expressen benachrichtigen konnte.

Von den Theatern war, als ich nach Rom kam, zuerst nur eines, das des
Apollo geffnet, bei dem die ausgezeichnete Festa als Primadonna
figurierte; aber gleich nach Neujahr wurde Tordinone zuerst mit einer
_Opera buffa_ erffnet, bald darauf auch Argentina und Aliberti, das
grte von allen, mit sechs Galerien, von denen eine jede
sechsunddreiig gerumige Logen hat, und das della Valle. Whrend des
Karnevals sind alle tglich bis zum Ersticken angefllt, ebenso mehrere
Marionettentheater, mit deren Darstellungen man es hier sowie in Neapel
zu einer staunenswrdigen Vollkommenheit gebracht hat. Maschinerie,
Gelenkigkeit der Puppen, Dekorationen, alles harmoniert und ist
vollendet schn. So sah ich unter anderem ein Ballett >_La fierra di
Sinigaglia_< auffhren, wo das Gewhl der Messe auf das tuschendste
nachgeahmt war. Mitten unter das Volk sprang ein wtender Stier, der
sich von der Fleischerbank losgerissen, die natrlichsten und
possierlichsten Sprnge machend, alles ber den Haufen rannte, wobei
sich das Volk ebenso natrlich in die Huser flchtete. Hierauf erschien
ein marktschreierischer Zahnarzt, der seinen Sitz auf einer hohen
Tribne nahm und den Leuten vermittelst einer Beizange die Zhne mit
schuhlangen Wurzeln zur groen Freude des Publikums auszog; auch sehr
kunstreiche Tnze fhrten diese vier bis fnf Schuh hohen Marionetten
grazis aus. Gewhnlich sind die Sujets zu diesen Marionettenstcken der
Tausend und einer Nacht, whrend der Weihnachtszeit aber der Bibel und
dem Neuen Testament entlehnt; namentlich wird dann die Geburt Christi
dargestellt, wobei immer der arme Teufel eine klgliche Rolle spielen
mu. Was mich anfnglich am meisten in den Theatern Roms wunderte, war,
da man Geistliche und Mnche in groer Menge in den ersten Reihen unter
den Zuschauern sitzen sieht, die sich an all dem Hokuspokus recht zu
ergtzen scheinen, ohne da dies im geringsten auffiele. In den ersten
Logenreihen erblickt man Eminenzen in Gesellschaft hbscher Mhmchen und
Nipotessen; auch ist es dunkel in den Theatern, da fast nur die Bhnen
erleuchtet werden.

Ich lebte nun in der Tat in Albano und Rom ein wahres Schlaraffenleben,
an Geld fehlte es mir fr den Augenblick nicht, das Legat und die
Kommandantur, so unbedeutend sie an und fr sich war, versorgte mich
reichlich, und der immer vertraulicher werdende Umgang mit der schnen
Prinzessin Cesarini, die in ihrem ganzen Tun und Sein und durch ihren
glnzenden lebhaften Verstand so unwiderstehlich hinreiend und
anziehend war, da sie mich wie alles, was sie umgab, bezauberte, machte
mir meinen Aufenthalt in Rom wirklich zu einem Paradies. Schon lngst
hatte sie bemerkt, da ich ihr alle mgliche Aufmerksamkeit schenke, ich
bot alle erdenkliche Galanterie auf, mich ihr angenehm zu machen, und
brachte es auch endlich dahin, mich ihres besonderen Wohlwollens zu
erfreuen. Wahrlich keine Kleinigkeit, da ich die halbe Mnnerwelt Roms,
und unter dieser hohe Prlaten, nicht die am wenigsten Gefhrlichen, zu
Nebenbuhlern bei dieser berhmten Schnheit hatte, denn Geistlichkeit
und Weltlichkeit betete diesen Stern erster Gre in dem Reich der
Schnheit an, und nur der Musik, meinem dramatischen Talent, vielleicht
auch dem Umstand, da ich mein Ro auf dem Korso und dem Volksplatz gut
zu tummeln verstand und prchtige Lanaden und Kapriolen machen lie,
verdankte ich den Sieg ber meine groen und gefhrlichen Nebenbuhler
und da die Schne ihre strahlenden Augen auf mich zu werfen wrdigte.
Noch ein anderer Umstand, wie sie mir nachher selbst gestand, hatte dazu
beigetragen, mich in ihre Gunst zu setzen. Eines Abends kam in einer
brillanten Konversation bei Colonna die Sprache auf die Deutschen, von
denen man unter mehreren guten Eigenschaften, die sie haben sollten,
besonders auch die deutsche Treue (_germana fede_) in der Liebe
hervorhob, und die Frauen versicherten in allem Ernste, ein untreuer
deutscher Ehemann sei ein ebenso seltenes Phnomen, als ein treuer
italienischer, und einen Deutschen zu verfhren, der verheiratet sei
oder eine Geliebte habe, dazu gehre mehr als irdische Schnheit, ja die
Allmacht einer Gttin. Wie mute ich nicht innerlich ob diesen seltsamen
Behauptungen lachen, welche wenigstens die Frauen fr ganz zuverlssig
ausgaben, was fr Einwendungen die Mnner auch machen mochten. Es grenzt
wirklich an das Komisch-Romantische, welche Vorstellungen die
Rmerinnen, und berhaupt die Italienerinnen, von der deutschen Treue in
diesem Punkt haben; sie halten es eher fr mglich, einen Strom
rckwrts flieen, als einer Gattin den deutschen Mann abspenstig machen
zu knnen. Ich lie sie natrlich bei diesem Glauben, und whrend ich
ihnen vollkommen beipflichtete und diese _fede germana_ als
unerschtterlich besttigte, versicherte ich ihnen, da, wenn ich jemals
das Glck htte, eine Geliebte zu besitzen, ich mir sogar ein Gewissen
daraus machen wrde, eine andere Dame nur anzusehen. Dabei fate ich die
Cesarini, die keine zwei Schritte von mir stand, scharf ins Auge. Man
verglich nun die franzsische Flatterhaftigkeit und den italienischen
Leichtsinn mit dieser deutschen Bestndigkeit, bedauerte nur, da die
_Signori tedeschi_ nicht mit derselben auch die franzsische
Liebenswrdigkeit verbnden und weniger Phlegma htten.

Alles lt sich nicht vereinigen, sagte ich lachend.

Und dann gibt es ja auch Ausnahmen, versetzte die Principessa
Cesarini, mich ansehend, und ich verbeugte mich tief.

Es wurden nun andere Gegenstnde auf das Tapet gebracht, und ein Teil
der Gesellschaft setzte sich zum Spiel nieder; da auch die Principessa
Cesarini an dem Spieltisch pointierte, so placierte ich mich ganz in
ihre Nhe, besetzte dieselben Karten wie sie und gewann so in kurzem
einige fnfzig Zechinen. Sie hatte es gleich anfangs bemerkt und sagte
lchelnd zu mir: Sehen Sie, so geht es, wenn Sie mir folgen, ich bin
ein guter Fhrer, und fuhr hieran _sotta voce_ fort: Wollen Sie die
Katakomben besuchen, so finden Sie sich morgen vormittag zu San
Sebastian fuori le mura ein, wo Sie einen Fhrer zu dieser gefhrlichen
Partie finden werden, der Ihnen vielleicht nicht ganz unangenehm ist.
-- Wie mich diese Worte elektrisierten, vermag ich nicht zu sagen, mein
Blut begann zu sieden, und fr das Spiel hatte ich weder Augen noch
Ohren mehr, ich war dadurch in den dritten Himmel versetzt worden und
stand dennoch wie auf glhenden Kohlen. Obgleich Schchternheit eben
nicht mein Fehler war, so hatte ich bis jetzt doch noch nicht einen
leisen Hndedruck gewagt, nur meine Augen und Artigkeiten mit Worten
konnten meine Wnsche verraten haben, und nun sah ich mich mit einem
Male und ganz unerwartet an dem Ziel derselben. Gerne htte ich gefragt:
_A che ora, illustrissima?_ Aber es war nicht passend, und ich fand
nur noch Gelegenheit, _en passant_ ein _Certo non mancher!_ ihr
zuzuflstern; ich mute hier mit der grten Behutsamkeit zu Werke
gehen, denn der Lauscher und Aufpasser waren zu viele, wenn es der
Herzogin Cesarini galt, die Hunderte von Anbetern hatte, besonders
seitdem man wute, da sie nicht mehr in sehr groer Einigkeit mit ihrem
Gatten lebte. Nach Mitternacht ritt ich nach Albano zurck, um mit dem
frhen Morgen schon wieder in Rom sein zu knnen, wo ich, nachdem ich in
dem groen Kaffeehaus auf dem Korso mit Schokolade und _pane tedesco_[3]
gefrhstckt, nach der mir bezeichneten Kirche San Sebastian in fuori le
mura fuhr.




                                  III.

   Die Katakomben. -- San Sebastian fuori le mura. -- Das Abenteuer in
   den Katakomben. -- Die Karnevalsfreuden. -- Noch ein Mordanfall. --
   Die junge Witwe. -- Antiquar Vasi und seine Tochter. -- Canova. --
    Beendigung des Karnevals. -- Die Entfhrung einer Nonne. -- Der
     Kardinal-Bischof und der Impressario. -- Ich werde zum dritten
   Bataillon versetzt. -- Herzbrechender Abschied und Abreise von Rom.


Eine ziemliche Strecke vor den Mauern Roms, etwas rechts von der Via
Appia, liegt die Kirche des heiligen Sebastian fuori le mura, bei der
man zu dem grten Grab der Erde, den Katakomben Roms hinabsteigt, denn
nur das Meer mag eine grere Menge von Leichen bergen; ein finsteres
Labyrinth, dessen endlose Irrgnge noch kein Sterblicher genau ermessen
konnte, die wenigstens sechs Miglien im Umfang haben mssen, sich nach
allen Seiten hin unter Rom verlieren und mit noch anderen unterirdischen
Gewlben und kleinen Katakomben in Verbindung stehen. Bald kommt man
durch schmale, enge Gnge, in denen keine zwei Personen nebeneinander
Raum haben, bald befindet man sich in schauerlichen, mit Schdeln und
Knochen angefllten Gewlben, in denen nicht selten unabsehbare
Abgrnde, Lcher und Gruben vorhanden sind, weshalb man ohne Fackeln
oder Laternen und Fhrer nicht wagen darf, diese Souterrains zu
betreten. Viele Tausende der ersten Christen fanden hier ihr Grab, und
die Knochen von nicht weniger als 170000 Mrtyrern sollen hier liegen,
ohne die der gewhnlichen Toten zu rechnen.

[Funote 3: _Pane tedesco_ nennt man in Rom das von deutschen Bckern
daselbst gebackene mrbe Brot. Die Zahl der deutschen Bcker bertrifft
die der einheimischen, und ihr Backwerk ist sehr beliebt.]

Es war kaum acht Uhr des Morgens, als ich mich schon unter der Tr der
San Sebastianskirche harrend befand und mit unbeschreiblicher Sehnsucht
meine Blicke dem Weg nach Rom zuwandte, von wo mir die hchste
Glckseligkeit kommen sollte. Mit so groer Ungeduld und so heiem
Verlangen hatte ich noch nicht auf die Erscheinung einer geliebten Dame
gewartet, als diesen Morgen, der mich unnennbar glcklich machen sollte.
Wre mir in diesem Augenblick die heilige Jungfrau in ihrer ganzen
Glorie selbst erschienen, so htte dies schwerlich eine so entzckende
Wirkung auf mich gemacht, als das Kommen der heiersehnten Prinzessin
Cesarini, auch zitterte ich, da es unterbleiben mchte.

Nach beinahe zwei Stunden Harrens sah ich endlich einen unansehnlichen
altmodischen Fiaker ziemlich langsam von Rom aus antraben, so da ich
zweifelte, da dieser den mir so teuren Schatz enthalten knne. Bald
hielt er vor der Kirchentr still, und zwei verschleierte
Frauengestalten, von denen die eine einen gttlichen Wuchs verriet,
entstiegen dem alten Rumpelkasten und traten in die Kirche. Sie ist's,
flsterte mir mein Genius zu, und sie war es. Schnell eilte ich, als mir
kein Zweifel brig war, an den Weihkessel, mich tief verneigend ihr das
Wasser reichend, das sie, den Schleier zurckwerfend, mir auf das
freundlichste abnahm, indem sie mir ein _Ben venuto_ mit einem
vielsagenden Blick zuflsterte. Sie kniete nun mit ihrer Begleiterin
nieder, und nachdem sie ein kurzes Gebet verrichtet hatte, stand sie
auf, drehte sich zu mir um -- ich hatte dicht hinter ihr Platz genommen
-- und sprach: Nun kommen Sie, wir wollen in die Katakomben
hinabsteigen. -- Ich winkte dem Kustoden, der, schon von mir
unterrichtet, eine Fackel brachte und auch mir eine angezndete Kerze
reichte. Wir folgten unserem Fhrer und stiegen durch die sich in der
Nhe der San Sebastian-Kapelle befindliche Tr in das unermeliche
Totenreich hinab. Auf der Treppe angekommen, reichte ich der schnen
Frstin die Hand, deren Berhrung mich durch Mark und Bein
elektrisierte; ihre Begleiterin, eine gefllige Freundin und vertraute
Gesellschafterin, mute auf ihr Gehei mit einem Laternchen vor uns und
dicht hinter unserem Fhrer gehen. Unten in dem ersten Gang angekommen,
drckte ich die in der meinigen ruhende Hand beinahe zitternd an mein
schon hochpochendes Herz und dann auf den Mund einen Feuerku, streifte
aber dabei mit der Kerze an die Mauern, so da ihr Licht schnell
erlosch.

Unser Fhrer eilte indessen unaufhaltsam voran, und bald wurden die
Gnge so eng, da wir nicht mehr nebeneinander gehen konnten, ohne uns
fest aneinander zu schmiegen, und nun schlang ich meinen Arm um die
schnste und schlankste aller Taillen Roms, die ich mit jedem Schritt
vorwrts fester und inniger an mich drckte, so da bald ein glhendes
Feuer alle meine Adern durchzuckte, meine Pulse beben machte, und als
ich endlich den Fhrer mit der ihm folgenden Schnen, denn hlich war
der Prinzessin Begleiterin nicht, in ziemlicher Entfernung von uns sah
-- ich war absichtlich langsam gegangen --, da wagte ich einen langen
Ku auf den niedlichsten Rosenmund, den ich noch gesehen, und die
reizende Nymphengestalt fester und fester an mich zu drcken; ich fhlte
den Ku mit brennenden Lippen erwidert und ein klopfendes Herz an meinem
Busen pochen. Mehrere Sekunden blieben wir in dieser Stellung und wrden
Minuten und Viertelstunden so verweilt haben, wenn nicht der Kustode,
immer von Mrtyrern und Heiligen faselnd, endlich stillgestanden wre
und sich nach uns umgesehen htte, um uns auf die Inschrift eines Steins
aufmerksam zu machen. Als er sah, da ich kein Licht mehr hatte, rief er
mir zu: Was ist Ihnen begegnet, Ihre Kerze brennt ja nicht mehr.

Hat nichts zu sagen, Signor; ein Windzug hat sie gelscht, nur immer
vorwrts.

Nun hielt er wieder an, um uns einen Haufen Knochen zu zeigen, lauter
heilige Mrtyrerknochen, von denen etwas wegzunehmen bei Strafe des
Kirchenbannes verboten war. Niemand von uns sprte einige Lust, sich
diesem auszusetzen, und wir lieen die Knochen unberhrt. Es ging weiter
die Kreuz und die Quere in diesem Knochenlabyrinth, in dem ich endlich
so weit mit meiner schnen Principessa zurckblieb, da wir zuletzt
Fackel- und Laternenschein, die sich in den krummen Seitengngen
verloren, aus dem Gesicht bekamen und, Aphroditen huldigend, den Hauch
der Liebe in vollen Zgen atmend, uns so ganz vergaen, da es uns nicht
im entferntesten in den Sinn kam, da wir hier Gefahr liefen, wenn wir
unseren Fhrer verlieren mchten, das Tageslicht nicht mehr zu schauen.
Nach einigen Minuten lie jedoch der gute Mann seine Stimme mehrmals
kreischend erschallen, aber wir waren in diesem Augenblick ganz
auerstande, ihm zu antworten, da der Mund des einen dem des anderen ein
absolutes Stillschweigen auferlegte und mit Glutkssen bedeckte. Endlich
fanden wir die Sprache wieder, aber die Stimme des Kustoden war jetzt
verstummt, und nach gepflogener Gtterlust war es uns doch nicht so ganz
einerlei, uns ohne Fhrer und Licht in diesen stockfinsteren
unterirdischen Irrgngen zu befinden.

Das wre die Lust zu teuer gebt, meinte Gertrude (der Taufname der
Prinzessin), halb scherzend, halb ernst, wenn wir zur Strafe hier
verhungern sollten.

Dahin soll es nicht kommen, _mia dolcissima_, erwiderte ich und schrie
nun aus vollem Halse mit einer Donnerstimme: Signor Kustode! Signor
Kustode!

Aber alles blieb still und stumm.

Ich wiederholte mein Rufen, keine andere Antwort, als der Widerhall
meiner Stimme.

Das beginnt bedenklich zu werden, meinte die Cesarini.

Bewahre der Himmel, versetzte ich; wie, wenn es dem Herrn Kustode
eingefallen wre, sich einstweilen so auf seine Faust mit Ihrer hbschen
Begleiterin zu verlustieren?

Die Cesarini lachte und sagte: Wo denken Sie hin; der Kustode der
heiligen Mrtyrer ist schon ziemlich betagt und Bianchetta auch nicht
mehr in der ersten Jugendblte.

Das will nichts sagen, im Gegenteil ein Grund mehr fr beide, sich
gegenseitig zu trsten.

Allen Scherz beiseite, mir fngt an bange zu werden.

Die Wahrheit zu gestehen, fing es auch mir an, nicht ganz wohl bei der
Sache zu werden, da mein mehrmals wiederholtes starkes Rufen noch immer
ohne Erfolg blieb und von allen Todesarten mir das Verhungern oder
Lebendigbegrabenwerden die schrecklichste schien; doch trstete ich
mich, in diesem Fall wenigstens in den Armen der Liebe eines Engels und
mit demselben zu sterben.

Unsere Lage wurde aber immer bedenklicher, denn wir konnten nur mit der
uersten Vorsicht einen Schritt vor-, rck- oder seitwrts wagen, aus
Furcht, in eine der Gruben oder Abgrnde zu fallen. Wir schmiegten uns
nun inniger aneinander und hielten uns so fest umschlungen, da wir nur
noch ein Leib und eine Seele schienen, die Furcht schwand abermals in
einem seligen Vergessen, aus dem aber das Erwachen um so ngstlicher
war, da immer noch kein Kustode und kein hoffnungsvoller Lichtstrahl
erscheinen wollte. Jetzt verdoppelte ich mein Rufen und Schreien, wir
schritten endlich aufs Geratewohl vor- oder rckwrts, jedoch mit aller
Behutsamkeit mit den Hnden lngs den Wnden streifend, denn ich hatte
weder Stock noch Degen, da ich, um Aufsehen zu vermeiden, in
Zivilkleidern gekommen war. Es mochten etwa drei Viertelstunden sein,
abwechselnd Augenblicke der hchsten Wonne und der hchsten Pein, und
nachdem ich mich matt und heiser geschrieen und meine schne Gefhrtin
schon einen Strom von Trnen aus ihren holden Augensternen, die mir aber
jetzt nicht leuchteten, vergossen hatte, als wir pltzlich einen
Lichtstrahl in weiter Ferne gewahrten, der aber auch ebenso schnell
wieder verschwand, so da ich nicht einmal Zeit zum Rufen gehabt. Jetzt
schrie ich aus allen Krften, und wir hatten das Vergngen, den Strahl
zum zweitenmal zu erblicken; endlich wurden wir gehrt, und immer
schreiend nherten wir uns dem Licht, aber erkannten bald, da dasselbe
nicht unserem Kustode und seiner Begleiterin angehrte, sondern einer
anderen Gesellschaft von Fremden, die ebenfalls die Katakomben mit einem
Fhrer besuchten.

Mein Gott, wenn es nur keine Personen sind, die mich kennen, rief die
Principessa aus.

Und wenn auch, immer noch besser, dem Teufel selbst hier zu begegnen,
als so elend umzukommen.

Als wir uns der Gesellschaft nherten, erkannte ich die Familie des
dnischen Gesandten, der in Albano wohnte, wandte mich an den Fhrer, um
meine, wie ich sagte, durch den Wind ausgelschte Kerze anzuznden, und
erzhlte den dnischen Fruleins, da mich und die fremde Dame -- die
Prinzessin hatte ihren dichten Schleier herabgezogen und hielt sich
mglichst im Dstern, um nicht erkannt zu werden -- ein unglcklicher
Zufall von unserer Gesellschaft getrennt habe. Ich bat um die Erlaubnis,
uns anschlieen zu drfen, was freundlich gewhrt wurde. Nachdem wir der
Gesellschaft stumm durch einige Gnge gefolgt waren, kam pltzlich unser
Kustode aus einem Seitengange mit Bianchetta zum Vorschein, und wir
verlieen dankend die Dnen, erfreut, nicht gentigt zu sein, uns
vielleicht noch lange in ihrem Gefolge hier herumtreiben zu mssen.

Als wir allein waren, sagte der Fhrer, da sie uns schon seit einer
Stunde mit der grten Angst und Sorgfalt, ebenfalls bestndig schreiend
und rufend, gesucht htten und Bianchetta bereits der Verzweiflung nahe
gewesen sei. Froh, uns so wieder gefunden zu haben, schlugen wir jetzt
den krzesten Weg nach der Oberwelt ein und waren alle entzckt, als wir
das Tageslicht erblickten. Die beiden Damen verrichteten abermals ihr
Gebet vor einer Madonna, deren Schutz sie sich inbrnstig empfahlen, und
eilten sodann nach dem sie erwartenden Wagen.

Und wann und wo werden wir uns wiedersehen? fragte ich, meine Schne
an den Wagen geleitend.

Finden Sie sich um ein Uhr nach Sonnenuntergang in der Kirche della
Trinit de Monte ein.

Sie fuhr mit dem Fiaker nach der Wohnung ihrer Freundin Bianchetta, von
wo sie sich durch ihre Equipage, die sie auch dahin gebracht hatte,
damit man ihr nicht auf die Spur kommen konnte, wieder abholen lie.

Da ich auch das zweite Rendezvous nicht verfehlte und mich schon eine
halbe Stunde frher in Trinit de Monte einfand, kann man sich denken.
Um es bequemer zu haben, nahm ich mein Pranzo (Mittagessen) bei einem
Restaurateur auf dem Spanischen Platz gegen Abend ein, wartete nach
diesem, auf einer Ottomane behaglich ruhend, im Vasi lesend, ohne zu
wissen, was ich las, Zeit und Stunde ab und verfgte mich dann in die
mir angegebene Kirche, wo mir meine Ungeduld die Zeit so lang werden
lie, da ich abermals an dem Kommen meiner Dame verzweifelte. Doch sie
fehlte auch diesmal nicht, kam aber allein, unterlie nicht, ihre kurze
Andacht zu verrichten, worauf sie mir ein Zeichen gab, ihr zu folgen.
Wir bestiegen einen auf dem nahen Spanischen Platz haltenden Fiaker und
fuhren nach der Kirche San Nicolo a Cesarini, die sich ganz nahe bei dem
Palazzo Cesarini befand, unterwegs gaben wir uns die unverkennbarsten
Zeichen unserer gegenseitigen Zuneigung, und sie teilte mir mit, da sie
mich in ihren Gemchern empfangen wolle. Wir stiegen in der Nhe der
Kapelle Cesarini ab, traten, jedoch nicht zusammen, in dieselbe ein, und
sie verlie mich bald darauf, sich durch eine kleine Tr entfernend,
nachdem sie mir noch in dem Wagen gesagt hatte, da ich einer Donzella
folgen solle, die mir in der Kapelle das Zeichen dazu mit einem blauen
Tuch geben wrde. Es dauerte nicht lange, so trat ein solches Mdchen
durch die kleine Tr ein, kniete ein paar Augenblicke betend nieder,
erhob sich dann, das bewute Tuch in die Hhe und vor das Gesicht
haltend, und ich folgte dem leitenden Genius durch den Ausgang, den er
gekommen war. Aus der Kapelle traten wir unbemerkt in den Palazzo,
gingen eine ziemlich finstere Treppe hinan, durch eine Reihe von
Stanzen, ebenfalls nicht erleuchtet; endlich ffnete Priscilla, der Name
der Zofe, die Tr eines durch eine Alabasterlampe nur dster erhellten
Zimmers, wo sie mich eine kleine Weile zu warten bat, da ihre Herrin,
die noch Besuch habe, dessen sie sich bald zu entledigen wissen werde,
in wenigen Minuten erscheinen wrde. Hierauf lie sie mich allein. Trotz
der Sehnsucht, mit der ich diese Erscheinung erwartete, kam mir doch in
meiner Einsamkeit der Gedanke, wie leicht es mglich sei, da ich hier
vom Herzog oder durch von ihm angestellte Leute berfallen werden und,
da ich durchaus unbewaffnet, mich nicht einmal verteidigen knnte. Ich
nahm mir vor, mich den anderen Tag mit einem Stockdegen zu versehen und
bei solchen Gelegenheiten auch immer ein paar geladene Terzerolen in der
Tasche zu tragen, was in Italien bei dergleichen Intrigen unumgnglich
notwendig ist, um sich, wenn man berfallen wird, gehrig verteidigen zu
knnen; denn wenn es auch lngst keine znftigen Banditen, wie sie uns
in so vielen Romanen und in Zschokkes Abllino geschildert werden, mehr
gab, so ist doch nicht zu leugnen, da man in Rom fr Geld, ohne viel zu
suchen, leicht ein paar Kerle dingen kann, die einen Menschen mit dem
grten Anstand, noch grerer Gewandtheit und dem besten Humor von der
Welt durch ein paar gut treffende Messerstiche in die andere Welt
spedieren. Wrde man aber in Rom, Venedig, Genua und so weiter nach
jenen handwerksznftigen Roman-Banditen fragen, so wrde man sich ebenso
lcherlich machen, als wenn man sich in Kln, Koblenz oder Mainz nach
den Raubrittern erkundigte, welche von ihren Burgen den reisenden
Kaufleuten auflauern, um sie zu berfallen und zu plndern, und sich
deshalb ein Geleit ausbitten wollte. Beide gehren vergangenen Zeiten
an. An Straenruberbanden fehlte es indessen nicht, namentlich im
sdlichen Teil des Kirchenstaates und im Knigreich Neapel, doch wuten
wir auch diesen bald das Ruberhandwerk zu legen.

Bald den Banditengedanken Raum gebend, bald an die Heiersehnte denkend,
ging ich unruhig in dem dsteren Gemach auf und nieder, bei dem
geringsten Gerusch die Ohren spitzend. Jetzt knarrte und ffnete sich
leise eine Tapetentr, und Madonna trat in einem blendend weien
faltenreichen Gewand herein. Ich whnte Ariosts Alcine zu erblicken, so
reizend nahm sich diese Erscheinung in dem _chiaroscuro_ aus. Sie schlo
die Tr hinter sich und lag in meinen Armen, ich umschlang sie glhend
und sank mit ihr auf die schwellenden Kissen einer seidenen Ottomane.
Ich glaube, wenn Rom in diesem Augenblick durch ein Erdbeben
untergegangen wre, wir htten in unserem Dahintaumeln nichts davon
wahrgenommen, sondern sthnten nur in abgebrochenen Silben: _carissima_,
_dolcissima_, _angelina_. Rom blieb aber stehen, wenn schon die Ottomane
gewaltig erschttert wurde, bis wir endlich nach drei Viertelstunden
wieder eine zusammenhngende Sprache fanden.

Bei Sinnen und etwas abgekhlter, fragte ich Gertrude, ob sie sich auch
hier vollkommen sicher glaube, da ich unbewaffnet, und ob kein berfall
vom Herzog zu befrchten sei. -- Oh, der Herzog, fiel sie mir lchelnd
ein, der fragt nichts mehr nach mir, ich bin ihm so gleichgltig und
gleichgltiger wie die schlechteste Statue seines Palastes, grme mich
aber deshalb nicht im mindesten, wie ich es anfnglich getan; wir gehen
jetzt jedes seiner Wege, ohne da sich eines um das andere kmmert. Es
sei fortan nicht mehr die Sprache von ihm, _caro Fernando_. Sie fiel
mir um den Hals, und ich kte und trstete sie abermals. -- Doch,
fing sie spter wieder an, wenn wir auch nichts von meinem Manne zu
frchten haben, so mut du dennoch auf deiner Hut sein, anima mia, denn
du hast Nebenbuhler, die wir weit mehr zu frchten haben. Dies der
Grund, warum ich unser intimes Verhltnis mglichst geheim zu halten
suche, sonst lge mir wenig daran, da es die ganze Stadt wte, ich
wre im Gegenteil noch stolz darauf. Aber da ist der Kardinal L..., wenn
auch ein starker Vierziger, der Marchese T..., der Conte G... und noch
ein paar Dutzend andere Kavaliere und Prlaten, die mich mit ihrer
widerlichen Liebe und ihren Nachstellungen verfolgen und die ich alle
bisher zum besten gehabt oder mit Spott und Verachtung zurckgewiesen
habe. Aber ich kenne diese Menschen ganz: ahnen sie in dir den von mir
begnstigten Geliebten, so sind mehrere unter ihnen, deren Rachsucht
keine Grenzen kennt, und ich mu dann jede Minute fr dein Leben
frchten. Ohne diese Furcht wrde ich dich bitten, mich von jetzt an
nicht mehr zu verlassen und mich allenthalben und an jeden ffentlichen
Ort zu begleiten, denn ich mchte dich gerne gleich meinem Schatten um
mich sehen, ohne mich im mindesten nach dem Gerede der Leute zu kehren,
was ohnehin hier, wo jeder in dieser Hinsicht, Geistlicher wie
Weltlicher, ganz nach Lust und Gefallen lebt, nichts sagen will. Als
franzsischer Offizier betrachtet man dich mit doppelt mignstigen
Augen. Deshalb, wenn du mich liebst, wenn dir dein und mein Leben wert
ist, gehe nur mit der grten Vorsicht zu Werke und nimm dich in
acht, in der Gesellschaft nie mehr als die gewhnlichen
Hflichkeitsbezeugungen, die man gegen jede Dame beobachtet, auch mir zu
erweisen. Ich versprach, was Gertrude begehrte, und erhielt dagegen die
Versicherung von ihr, da sie es wohl zu veranstalten wissen werde, da
selten ein Tag verginge, an dem wir uns nicht insgeheim sehen und
sprechen wrden. So geschah es auch, denn auer, da sie mich hufig in
der Abendzeit in ihren Gemchern empfing, machten wir auch nchtliche
Promenaden in dem desten Teil der Stadt, wo die alte Rmerwelt gehaust,
zwischen den Trmmern, Grben und Grten derselben. Mehr als einmal
betrachteten wir erstaunt im Mondschein das Kolosseum, die Ruinen des
Friedenstempels und auch den Petersplatz, die sich dann unendlich grer
und imposanter ausnehmen.

Die eingetretene Karnevalszeit begnstigte unser hufiges Zusammensein
auerordentlich, und bald in trkischem, bald in spanischem und anderen
Kostmen fuhren wir des Nachmittags ber den Korso und durch die anderen
Straen Roms in Mietwagen oder gingen auch bisweilen zu Fu,
restaurierten uns in Kaffeehusern und kehrten nicht selten erst gegen
Morgen heim, wobei Bianchetta und Priscilla, die zwei Vertrauten unseres
Einverstndnisses, alle Hindernisse aus dem Weg rumen halfen, was
brigens in der Karnevalszeit nicht schwer war, da sich dann die
rmischen Damen der unbeschrnktesten Freiheit zu erfreuen haben. Die
Donzelleta kleidete ihre Gebieterin oft in meinem Absteigequartier in
persische oder indische Gewnder, whrend sie den Palazzo im
Kolombinenkostm verlassen hatte und ich einen Tartarenfrsten
vorstellte.

Ich hatte unterdessen auch die Bekanntschaft eines wegen einer
unbedeutenden galanten Krankheit im Lazarett zu Rom, einem wahren Palast
in der Nhe des Petersplatzes, in dem die kranken Offiziere frstlich
bedient wurden und wohnten, befindlichen Dragonerleutnants namens
Bonnier in einem Kaffeehause gemacht und denselben mehrmals
wiedergesehen. Wir schlossen bald engere Freundschaft, und er erwies mir
bei meinen Intrigen zu Rom mehr als einmal wesentliche Dienste durch
Wachehalten, Patrouillieren und so weiter, wenn ich mich an gefhrlichen
Orten befand, was ich ihm durch einen auerordentlichen Dienst, den ich
ihm leistete, wieder vergalt, wie wir bald sehen werden.

Indessen wird nichts so fein gesponnen, es kommt an die Sonne, sagt ein
deutsches Sprichwort und sollte sich auch hier bewhren; denn trotz
aller List, Vorsicht und Verschlagenheit kam ein junger Abbate,
Anverwandter des Hauses Cesarini, unserm Verhltnis auf die Spur, ohne
es geahnt zu haben. Hier war es nicht die Rache verschmhter Liebe oder
eines zurckgewiesenen Liebhabers, die ihn antrieb, die geheimen Gnge
seiner Cugina zu erforschen, ihr nachzustellen und Fallen zu legen,
sondern ein gekrnkter Familien- und Adelsstolz, den er wie die ganze
Verwandtschaft des Cesarini besa, die ihre Abstammung nicht weiter als
bis zu Csar selbst zurckzufhren suchte, von dem aber auch kein
mnnliches Glied ein derchen hatte. Diese Verwandtschaft konnte es dem
Frsten Francesco, dem Gatten Gertrudens, nicht vergeben, das alte, wenn
auch faule Haus der Cesarini mit unedlem Brgerblut vermischt und
verunreinigt zu haben, wie sie sich auszudrcken beliebte. Das war wohl
mit ein Grund, da sich die junge Frau in dieser Familie so unglcklich
fhlte, und ihr Gatte, von seinen Verwandten fortwhrend angeregt, sie
so bald vernachlssigt hatte. Der Abbate schpfte zuerst Verdacht, weil
seine schne Cugina whrend dieses Karnevals nicht wie in den
vorhergehenden Jahren jeden Nachmittag den Korso in prchtiger Equipage
und brillantem Kostm auf- und niederfuhr, um dort die Huldigungen der
groen und eleganten Welt zu empfangen und alle Blicke auf sich zu
ziehen, sondern sich kaum einigemal daselbst auf kurze Zeit hatte sehen
lassen, was nicht allein ihm, sondern allgemein auffiel, da man sie als
eine der ersten lebenden Zierden Roms ungern vermite. Im allgemeinen
schrieb man es jedoch dem Miverstndnis mit ihrem Gatten, das bekannt
war, zu. Eines Abends, als wir maskiert in einem Wagen den Korso
verlassen hatten, um uns in meine Wohnung zu begeben, daselbst die
Kostme zu vertauschen und spanische Trachten anzulegen, in denen wir
ein Festino besuchen wollten, hatte ich bemerkt, da uns eine Maske in
dem Anzug eines peruanischen Sonnenpriesters in einiger Entfernung
gefolgt war und stille stand, uns nachsehend, als wir in das Haus
traten, in dem ich mein Absteigequartier hatte. Ich teilte es der
Cesarini mit, die mir ein gleichgltiges: _non sar niente_ erwiderte.
Ich hatte meinen Spanier schon angezogen, aber die Herzogin konnte mit
ihrem Kostm nicht fertig werden und beschlo nun, sich als Kolombine,
was ihr so allerliebst stand, zu kleiden und einen Rosa-Domino ber
diesen Anzug zu werfen. Als der wiederbestellte Fiaker kam und wir in
denselben steigen wollten, bemerkte ich in geringer Entfernung wieder
den Sonnenpriester, sowie, da, als wir abfuhren, sich zwei als
trkische Sklaven verkleidete Masken hinten auf den Wagen schwangen. Ich
rief dem Kutscher zu, die beiden Kerls herunterzupeitschen, wozu er aber
den Mut nicht hatte, sondern sie nur ziemlich hflich ersuchte,
herabsteigen zu wollen, wovon sie aber keine Notiz nahmen, sondern
blieben ruhig hinten sitzen. Einen Straenskandal wollte und mute ich
vermeiden und befahl dem Kutscher, nach einem kurzen Umweg wieder an
meiner Wohnung vorzufahren. Die Cesarini sagte mir, sie vermute, da
dies Nachstellungen von dem jungen Sforza seien, dessen Gestalt auch der
Priester gehabt. Angekommen, sprang ich aus dem Wagen und rief meinem
Burschen Louis, der mutig und gewandt weder Gefahr noch Hndel
frchtete, von denen ich ihn eher zurckzuhalten als dazu anzufeuern
hatte. Diesem befahl ich, sich hinten aufzusetzen. Die beiden
Trkensklaven waren, whrend ich aus dem Wagen sprang, gleichfalls
hinten abgesprungen und standen wieder observierend in einiger
Entfernung. Leutnant Bonnier hatte sich auch in meiner Wohnung
eingefunden, um daselbst eine Zeitlang zu verweilen, wie er die
Gewohnheit hatte. Ich sagte ihm mit einigen Worten, da uns ein paar
verdchtige Masken verfolgten. Als ich nun wieder abfahren wollte,
trieben die Kerls die Frechheit so weit, sich abermals neben Louis
hintenaufsetzen zu wollen, dieser aber stie den ersten mit einem so
krftigen Futritt zurck, da er hinterrcks niederfiel, und dem
zweiten drohte er mit seinem derben Knotenstock, so da dieser sich
nicht mehr zu nahen wagte. Wir fuhren jetzt auf mein Gehei in
mglichster Schnelle auf die Piazza Kolonna, wo wir ausstiegen, in,
einer Masken-Bodega weite graue Kambridgemntel berwarfen, weie Larven
vormachten, schwarze Federhte aufsetzten und so mehrere Festini und
Theater besuchten. Nach Mitternacht brachte ich meine teure Amica in
ihren Palazzo zurck, wo sie die getreue Zofe an der kleinen Pforte
empfing und von wo ich mich zu Fu in meine Wohnung begeben wollte. Ich
mochte ungefhr noch einige dreiig Schritte von derselben entfernt
sein, als ich von zwei verlarvten Kerls angefallen wurde, in deren
Hnden blanke Dolche schimmerten; etwas dergleichen vermutend, hatte ich
schon den Degen gezogen, noch ehe sie mir an den Leib konnten, und ein
gespanntes Terzerol in der linken Hand. Die Kerls, hierdurch stutzig
gemacht, schienen sich einen Augenblick zu besinnen, versuchten indessen
doch mit ihren ziemlich langen Dolchen auf mich einzudringen, ich
versetzte aber einem derselben einen Hieb auf die rechte Hand, da er
das Messer schnell und mit einem Schrei zur Erde fallen lie, der zweite
wagte es nun nicht, auf mich loszugehen, sondern gab Fersengeld. Ich sah
noch einen dritten, der sich bis jetzt verborgen, eine passive Rolle
gespielt hatte und nun ebenfalls Reiaus nehmen wollte, dem ich aber
nacheilte und einen tchtigen Hieb auf den Kopf versetzte, so da er mit
einem lauten: _Ajuto, ajuto!_ davon zu springen versuchte, aber meinem
Louis und Bonnier, die, den Lrm hrend, beide bewaffnet gerannt kamen,
in die Hnde fiel. Ich wollte den Kerl auf die nchste Wache bringen, er
fiel mir aber zu Fen, bat flehentlich um Gnade, ein _Illustrissima_,
_Eccellenza_, _Monsignore_ nach dem anderen stammelnd und mit einem
_fatemi grazia voglio tutto confessare_ endigend.

Unter der Bedingung, da er mir die volle und ganze Wahrheit haarklein
gestehe, versprach ich, ihn nach seinem Gestndnis laufen zu lassen,
bemerkte aber, da, wenn er von mir auf der geringsten Lge ertappt
wrde, ich ihn ohne weiteres nach Albano transportieren liee, um ihn
dort vor ein Kriegsgericht zu stellen und erschieen zu lassen, denn ich
sei der Kommandant von Albano. Dies wirkte, der dumme Teufel glaubte in
allem Ernst, da dies in meiner Gewalt stnde, und rief aus: _Ah in che
malanno mi sono precipitato._ Wir nahmen ihn nun zwischen uns, fhrten
ihn in meine Wohnung, um daselbst ein frmliches Verhr mit ihm
vorzunehmen. Hier gestand er, da er mit noch ein paar anderen seines
Gelichters wirklich vom jungen Sforza gedungen worden, mir fr
einhundertundfnfzig Zechinen das Lebenslicht auszublasen, er sei aber
ein _Galantuomo_, der kein Mestiero von solchem Handwerk mache und sich
nur deshalb habe verleiten lassen, weil man ihm gesagt, ich sei ein
franzsischer Vagabund, ein Glcksritter und Ketzer, den in die andere
Welt zu spedieren ein Verdienst um die Jungfrau sei, er she aber wohl
ein, da man ihn hintergangen habe; denn er wrde es nimmer gewagt
haben, seine Hand an einen _Signor Uffiziale_ und gar an die geheiligte
Person des Kommandanten von Albano zu legen. Der arme Teufel, der
ziemlich viel Blut aus der Kopfwunde, die ich ihm beigebracht, verlor,
wurde zuletzt ganz matt und schwach. Ich lie ihm etwas Wein geben und
Louis verband ihm, nachdem er die Haare an dieser Stelle abgeschnitten
und die Wunde gehrig ausgewaschen hatte, dieselbe. Noch immer hatte er
Angst, da ich ihn nach Albano bringen und dort erschieen lassen werde.
Ich suchte ihn zu beruhigen, strkte ihn mit noch einigen Glsern
Albanerwein, und kndigte ihm dann an, da es ihm freistnde, hinzugehen
wo er wolle. Diese Gromut hatte er nicht erwartet, und es kostete Mhe,
ihn davon zu berzeugen. Er war dadurch so gerhrt, da er sich mir
abermals zu Fen warf und sich ganz zu meiner Disposition stellte,
indem er sagte, der junge Sforza sei ein _gran birbone_, der ihn
betrogen, und da er mir fortan von allem Nachricht geben wolle, was
derselbe noch gegen mich im Schilde fhren mge, so da ich, gehrig
prveniert, immer meine Maregeln nehmen knne. Der Kerl hielt wirklich
Wort und warnte mich, sich fortwhrend in Sforzas Vertrauen erhaltend,
vor allen Fallstricken, die der Cesarini und mir von dieser Seite gelegt
werden sollten, so da wir sie durch unsere Gegenminen immer nichtig zu
machen wuten, was jenem unerklrbar war, und er unbegreiflich fand.
Sforza war einer der gefhrlichsten Feinde der Cesarini und glaubte sich
als naher Verwandter des Herzogs Francesco zurckgesetzt, auch hatte ihn
Gertrude immer in gehriger Entfernung zu halten gewut, und da er durch
seine Spione endlich Wind von dem Verhltnis, indem wir miteinander
stehen mten, erhalten hatte, so warf er nun seine ganze Wut auf mich.
Ich fand aber fr gut, dies alles zu ignorieren und nur immer mehr auf
meiner Hut zu sein, was jetzt nicht mehr schwer war, da sein Hauptagent
in meinem und Gertrudens Sold stand und wir denselben reichlich
beschenkten. Nur einmal lie ich mich verleiten, bei einer
Abendgesellschaft im Palast des Frsten Oldeschalchi im Vorbergehen die
Worte: Die Zeit ist nicht mehr fern, wo alle Banditen und Meuchelmrder
den Galgen zieren werden, mit groem Nachdruck an Sforza zu richten.
Monsignore schien etwas verlegen, zwang sich zu lcheln, aber seine
Lippen bebten, versagten ihm diesen Dienst, und das Lcheln artete in
ein konvulsivisches Verzerren des ganzen Gesichts aus.

Unbekmmert ber diese Nachstellungen, fuhren wir nach wie vor fort, uns
den Vergngungen zu berlassen; die Cesarini selbst versicherte mich,
da ich dem Menschen nun unbedingt alles Zutrauen schenken knne; denn
dies lge im Charakter eines braven Rmers, besonders wenn man so wie
wir von Zeit zu Zeit seinen guten Willen durch kleine Regali anfeuerte.
Ja er trieb seine Ehrlichkeit so weit, da sich sein zartes Gewissen
Skrupel machte, solche Geschenke anzunehmen, da er uns eigentlich noch
keine reellen Dienste geleistet habe.

Es waren nun schon beinahe zwei Monate vergangen, da ich mit der
Cesarini auf dem vertrautesten Fu lebte und ihr ganz treu geblieben
war, aber ewig konnte es nicht dauern, dies war wider meine Natur und
lag nun einmal nicht in meinem Charakter. Im Theater Aliberti machte ich
eines Abends die Bekanntschaft einer noch ganz jungen, kaum
siebzehnjhrigen Witwe namens Vernetti, die ihren Mann erst vor wenigen
Monaten, und zwar schon vier Wochen nach der Hochzeit, verloren hatte.
Ich befand mich diesen Abend zufllig allein im Theater, Gertrude, an
Migrne leidend, htete Bett und Zimmer. Die blutjunge Frau hatte noch
eine ltere Schwester und beide einen alten Herrn, ihren Oheim, bei
sich. Das Ungefhr fhrte mich in eine Loge mit den Damen, die ich beide
noch fr Mdchen hielt. Ich war erstaunt, als ich erfuhr, in der
jngsten schon eine Witwe zu finden. Eine Unterhaltung war bald
angeknpft, das Theater selbst lieferte den Stoff dazu; ich erlaubte
mir, den Damen einige Erfrischungen anzubieten, die mit Dank akzeptiert
wurden, und so war die Bekanntschaft schnell gemacht; nicht nur erhielt
ich die Erlaubnis, die Signora in Begleitung des Oheims nach Haus
geleiten, sondern auch die, ihr am anderen Tage meine gehorsamste
Aufwartung machen zu drfen. Ich wurde auf das freundlichste empfangen,
die ltere unverheiratete Schwester, auch ein recht hbsches Mdchen,
wohnte seit dem Tode ihres Schwagers mit der jungen Witwe zusammen,
beide sangen artig, spielten, wie alle Rmerinnen, Gitarre und
Mandoline, wir musizierten, scherzten, es dauerte nicht lange, so kten
wir auch, und bald brachte ich fast alle meine Vormittage hier zu,
whrend ich die Nachmittage und den Abend noch immer meistens der
Cesarini widmete. Diese Abwechslung war mir sehr wohltuend; denn das
ewige Einerlei, und wenn es auch _toujours perdrix_ ist, ttet, sobald
der Reiz der Neuheit vorber ist, und macht jeder ewigen Liebe ein
baldiges Ende.

Meine neue Bekanntschaft, die Signora Vernetti, war wieder von einer
allerliebsten Naivitt und in der Bltezeit einer eben aufbrechenden
Rose, sie hatte sehr regelmige, schne Zge, und dennoch viel Ausdruck
im Gesicht, Hals und Nacken waren ganz zum Kssen geschaffen. Schon in
den ersten Tagen entdeckte sie mir, da sie sich schon beinahe seit drei
Monaten in der Hoffnung befnde und sich ihre Taille zu runden beginne,
weshalb wir uns ohne alle Gefahr fr sie ganz den innigsten Vergngungen
der Liebe hingeben knnten. Das gute Kind hatte mir ohne Zweifel diese
Entdeckung gemacht, um mich zu ermutigen; denn ich hatte mich bis jetzt
noch immer ziemlich zurckhaltend bei ihr benommen, was ihr, da sie die
geheimen Freuden der Liebe schon kannte, aber nur so kurze Zeit genossen
hatte und deshalb um so lsterner darnach war, gerade nicht sehr gefiel,
weshalb sie mir auch das naive Gestndnis gemacht haben mochte. Ich war
aber nicht der Mann, der sich von einer hbschen jungen Frau so etwas
zweimal sagen lie, sondern vertrat noch in derselben Stunde die Stelle
des verstorbenen Ehemannes; nach einem Duett, das wir zusammen sangen,
verirrten wir uns zu einem _tte--tte_ in das Kamerino, whrend die
Schwester Patience im Wohnzimmer spielte, und wiederholten solche
Verirrungen so oft, da diese zuletzt alle Patience verlor und uns
einmal zrnend berraschte, weil wir sie doch gar zu lange ganz allein
lieen. Ich kte nun auch diese, um ihren gerechten Unwillen zu
besnftigen, und -- weil sie eben kssenswert war. Endlich aber machte
ich noch eine dritte weibliche Bekanntschaft zu Rom, und zwar meine
_passion predominante, una giovan' principiante_, das fnfzehnjhrige
scharmante Tchterchen des Buchhndlers und Antiquars Vasi, die ich, in
dessen Bottega manches Buch, rmische Ansichten, Karten und Plne
kaufend, kennen lernte. Whrend ich mit dem Papa mich in gelehrte
Disputationen einlie, fhrte ich mit dem Tchterchen einen verstohlenen
Augenstreit, lancierte Occhiaten und wechselte Blicke. Ich lie den
Alten manche lateinische und altitalienische Scharteke in seinem
antiquarischen Magazin suchen und holen, nahm die Augenblicke seiner
Abwesenheit wahr, dem schnen Mdchen meine unnennbare Liebe zu
gestehen, und wute mich bald so sehr in des _caro Papa_ Gunst zu
setzen, dem ich seine Bcher zu raisonnabeln Preisen bezahlte, da er
mir gestattete, mit der holden Eurichetta manches Stndchen Musik zu
machen, wobei denn auch noch manche andere Saite als die der Gitarre
gegriffen wurde, wenn wir uns unter vier Augen in dem hinteren Zimmer
befanden und neue Kufer den Antiquarius in seinem Laden zu unserer
groen Freude oft sehr lange beschftigten. So hatte ich nun der Schnen
drei, unter denen mir oft die Wahl wehe tat, und ich wute manchmal
nicht, zu welcher ich zuerst meine Schritte wenden sollte.

Indessen machte ich damals auch eine Bekanntschaft, die nicht minder von
Interesse als die meiner Schnen, ja wohl noch von hherem und
bleibenderem war, nmlich die des berhmten Canova. Vasi war es, der
mich bei diesem Frsten der modernen Bildhauerkunst einfhrte, in dessen
Werksttte wir einen kolossalen, ganz nackten Napoleon, aus kararischem
Marmor gehauen, sahen, an den der berhmte Meister nur noch die letzte
Meielfeile zu legen hatte. Diese Statue, die nchstens nach Paris
abgehen sollte, sprach mich nicht sehr an, dagegen entzckte mich die
vollendete Bildsule einer Nymphe von weiem Marmor, die einen Wuchs und
Formen hatte, welche, trotzdem sie von Stein waren, dennoch das Blut der
Lebendigen in Wallung und Glut zu versetzen vermochten; ich habe keine
Statue mehr gesehen, die einen so lebhaften Eindruck wie diese Nymphe,
eine Auloniade, auf mich gemacht htte, und glaube schwerlich, da sich
in der Wirklichkeit eine solche Gestalt auffinden lt. Auch eine
Bildsule Ferdinand IV., des verjagten Knigs von Neapel, stand in
Canovas Atelier, die letzte Feile erwartend, die sie aber vorerst nicht
erhielt. Wir sahen noch mehrere andere Schpfungen des hochberhmten
Meisters, die zum Teil erst halbvollendet waren, und mit der
liebenswrdigsten Geflligkeit zeigte uns derselbe seine Sle, uns alle
nur zu wnschenden Erklrungen gebend. Noch fhrte mich Vasi in die
Werksttte eines anderen berhmten Bildhauers namens Massimiliano; auch
dieser hatte einen kolossalen Napoleon, aber im kaiserlichen Ornat, mit
Zepter und Krone, beinahe fertig, der mir minder mifiel als der nackte,
obgleich Arbeit und Kunst jenem bei weitem nicht gleichkamen. Was Canova
besonders auszeichnete, war da er die Natur mit den idealischen antiken
Schnheiten so zu verschmelzen wute, da alle seine Schpfungen eine
Lieblichkeit atmeten, wie keine anderen mehr; und dabei war er selbst
von der liebenswrdigsten Bescheidenheit, er schien fast beschmt, so
viel Verdienst, Talent und Genie zu haben.

Der Karneval ging nun zu Ende, ich hatte ihn gottlob ordentlich
mitgetobt, werde mich aber hten, eine Beschreibung desselben zu geben,
da ihn mein berhmter, wenn auch etwas steifer Landsmann so meisterhaft
als lebendig geschildert hat, und er auerdem dieses Jahr (1807) bei
weitem nicht so glnzend und lebhaft ausfiel, wie dies gewhnlich der
Fall ist, woran die Okkupation des Kirchenstaates durch die Franzosen
schuld war.

Die nun beginnenden Fasten, die ich mir recht langweilig vorgestellt
hatte, vergingen mir indessen auerordentlich angenehm.

Ich hatte meine Damen und machte jeden Morgen in Bonniers Gesellschaft
weite Spaziergnge in dem den, verwilderten und romantisch gelegenen
Teil der Stadt, wo man nur Weingrten, Ruinen, Palmen, Lorbeerhecken,
hier und da ein Kloster oder eine Kirche antrifft.

Eines Morgens nahmen wir unsere Richtung nach dem Lateran, bewunderten
die Raritten dieser Kirche, in der sich, wie zu Loretto, Beichtsthle
fr die Snder aus allen Nationen befinden, in denen der Deutsche, der
Pole, der Franzose, der Spanier und so weiter seine Snden in seiner
Muttersprache bekennen und auch in dieser zu seinem groen Trost
absolviert werden kann. -- Von hier begaben wir uns zu der ganz nahen
Scala Santa, die mein Freund noch nicht gesehen hatte. Obgleich wir
beide gute Christen waren, so schien uns doch die Ersteigung der
heiligen Treppe auf den Knieen etwas zu umstndlich und langweilig, auch
wrden wir der vielen Gebete wegen, die man auf jeder Stufe herzusagen
hat, in groe Verlegenheit gekommen sein, da weder der eine noch der
andere ein Paternoster oder Ave-Maria wute, und auerdem wrden unsere
schnen, mit Silber besetzten Uniformbeinkleider dabei sehr Not gelitten
haben; wir faten demnach ein Herz und stiegen festen und sicheren
Trittes, auf die uns fr Ketzer haltenden Leute nicht achtend, die
rechts angebrachten profanen Treppen hinauf. Vor dem heiligsten aller
Altre angekommen, knieten wir jedoch nieder und staunten das von Engel
gepfuschte Bild an, richteten aber auch mitunter einen weltlichen Blick
auf die heranknieenden Snder und besonders auf die Snderinnen. --

Wir waren noch nicht lange in dieser Position, als eine Prozession
andchtiger Klosterfrauen, von ihrer btissin angefhrt, an der
untersten Stufe der Scala Santa erschien und sich bereitete, dieselbe
knieend zu erklimmen. -- Vier und vier beknieten nebeneinander eine
Stufe, ihre Schleier hatten sie, da sie viel kssen muten[4], natrlich
zurckgeworfen, und ihre Gesichter ganz enthllt. Da wir nun nicht mehr
auf das heilige Bild, sondern auf die ankommenden lebendigen schauten,
unter denen sich manch reizendes Madonnenkpfchen befand, brauche ich
nicht erst zu versichern, und wir hatten alle Zeit, die frommen
Schwestern, die so langsam Stufe fr Stufe betend zu uns heranknieten,
gehrig zu mustern. Gleich mssen uns die guten Kinder nicht bemerkt
haben, wenigstens die Frau btissin nicht, denn sie hatte schon ein
Dritteil der Stufen berkniet, als sie mit Schrecken zwei franzsische
Uniformen mit Epauletten und Mordgewehren, und dabei einen schwarzen
Schnurrbart gewahrte. Aber was sollte die gute Frau machen? -- An ein
Umkehren war nicht mehr zu denken, eine Retirade auf den Knieen
unmglich, ohne zu riskieren, die Hlse zu brechen, und stehenden Fues
wieder hinabzugehen, htte Bann und vielleicht ewige Verdammnis bewirkt;
die fromme Herde, die schon etwas durch unsere bunten Uniformen in ihrer
Andacht gestrt worden, mute samt der Hirtin _nolens volens_ vorwrts,
wobei manches Schfchen auf uns Snder einen neugierigen aber
verstohlenen Blick warf, der nicht verloren ging.

[Funote 4: Auf jeder Stufe kssen die frommen Glubigen den Schmutz,
den die vor ihnen Hinaufknienden gemacht, wieder weg.]

Je nher die Nonnen dem heiligen Altar und folglich uns kamen, desto
hufiger schielten sie nach uns, wahrscheinlich waren wir die ersten
franzsischen Militrs, welche die guten Kinder zu Gesicht bekamen, und
der Glanz unserer Uniformen mu den des heiligen Bildes noch bertroffen
haben, da sogar die lteren Schwestern ihren Rosenkranz ziemlich
verwirrt abzubeten schienen. Meinem Freund und mir fiel bald eine junge,
kaum sechzehnjhrige Nonne von ausgezeichneter Schnheit auf, die in der
vierten Reihe auf der linken Seite kniete, ein wahres Engelsgesichtchen,
dessen beraus feine Zge, blendend weier Teint und seelenvoller Blick
ihr das Ansehen einer halb Verklrten gaben, wozu ein etwas
schwermtiger Zug, der sie noch um so interessanter machte, das seinige
beitrug, sowie das sie sehr gut kleidende Nonnengewand. Je nher sie
herankam, je mehr ruhten unsere Blicke auf ihr, die sich zuletzt
unbeweglich fixierten. Auch sie schien es bald bemerkt zu haben, da sie
ausschlielich der Gegenstand war, der unsere Augen fesselte; bei der
Erknieung einer jeden neuen Stufe sah sie uns zuerst nur flchtig und
dann immer etwas lnger an; als sie endlich die letzte erreicht hatte,
warf sie uns noch einen vielsagenden und bedeutungsvollen Blick zu, der
von einem halbunterdrckten Seufzer begleitet war. Der Saum ihres
Gewandes hatte das Kleid meines Freundes berhrt, dem diese Berhrung
einen elektrischen Schlag gegeben zu haben schien; denn ein sehr
merkliches Zittern durchbebte in diesem Augenblick seinen Krper,
welches von der schnen Benden gleichfalls bemerkt worden sein mu;
ihr Gesicht frbte sich in demselben Augenblick glhend rot, sie neigte
sich hierauf zur Erde und schien in tiefster Andacht vor dem Altar zu
beten. Als endlich alle Nonnen oben angekommen und auch die letzte ihr
Gebet verrichtet hatte, standen sie smtlich, auf ein von der btissin
gegebenes Zeichen, auf, und gingen auf der entgegengesetzten Seite, wo
wir standen, die profane Treppe hinab. Noch einen flchtigen Blick warf
das holde Kind im Vorbergehen auf uns und verschwand. -- Auch wir
gingen bald darauf die andere Treppe hinab und folgten der frommen Herde
in einiger Entfernung. -- Mein Freund gestand mir sogleich, da dies
berirdische Wesen, wie er sich ausdrckte, einen unauslschlichen
Eindruck auf ihn gemacht, und da er auf keine Weise Hoffnung habe, zu
ihrem Besitz zu gelangen, ja sie je wieder sehen zu knnen, so mache ihn
dies zum unglcklichsten Menschen von der Welt.

Der Zug nahm nun seine Richtung nach San Balbino zu; wir folgten ihm
gewissermaen mechanisch, und bemerkten deutlich, wie manche der Nonnen
sich fters umsahen. Hinter San Balbino kam die Prozession durch lauter
einsame, von Mauern, Grten und Ruinen begrenzte Straen; endlich
gelangte sie an ein von hohen Mauern umgebenes und mit fest verwahrten
Gitterfenstern versehenes Gebude, das wir seiner Bauart und den Trmen
nach zu urteilen, sogleich fr ein Frauenkloster erkannten. An der
eisernen Pforte angekommen, zog die btissin eine Klingel, worauf sich
sogleich die schwere Tre knarrend ffnete, smtliche Schwestern folgten
ihrer Gebieterin, nachdem einige von ihnen noch einen sehnsuchtsvollen
Blick rckwrts in die freie Natur getan hatten, die sich ihnen nun
wieder auf eine halbe Ewigkeit verschlo. Wir beobachteten dies alles,
ungesehen hinter einem Gestruch verborgen.

Endlich war auch die letzte Nonne ber die verhngnisvolle Schwelle
getreten, die Pforte drehte sich abermals zentnerschwer in ihren Angeln,
fiel prasselnd zu, und wir hrten deutlich, wie das schwerfllige Schlo
dreimal herumgedreht und drei Riegel vorgeschoben wurden. Mein Gefhrte
stie, als die Tre zugefallen war, einen tiefen Seufzer aus, sttzte
sich auf meine Schultern, und wir blieben einige Minuten bewegungslos in
dieser Attitde.

Endlich richtete er sich wieder auf, indem er tief Atem holend sagte:
Nun ist sie auf immer fr mich und die Welt verloren! -- Ich sprach
ihm Mut ein und stellte ihm vor, da Rom ja so viele auerordentliche
Schnheiten besitze, die man tglich sehen, sprechen und bewundern
knne, es demnach tricht sei, sich in eine lebendig begrabene
Klosterschwester zu verlieben. Doch ich predigte tauben Ohren und mu
aufrichtig gestehen, da das Engelsgesicht auch auf mich einen
gewaltigen Eindruck gemacht hatte, der, wenn ich nicht die Bekanntschaft
der Prinzessin Cesarini gemacht, der ich mit ganzer Seele zugetan war,
auch mich leicht zu Torheiten htte verleiten knnen. Langsamen
Schrittes und Arm in Arm entfernten wir uns beide, nachdem wir durch
einen vorbergehenden Grtnersjungen erfahren hatten, da das Kloster,
welches die seltene Perle auf Lebenszeit in Verwahrung genommen hatte,
der heiligen Ursula angehrte. Alle drei Schritte wurde ein Halt von
einigen Minuten gemacht, wobei wir die grauen dsteren Mauern
anstarrten, was so lange dauerte, bis auch die hchsten Zinnen und
Spitzen der Trme unseren Blicken entschwunden waren. Da schon lngst
die Essenszeit vorber war, gingen wir zu einem Restaurateur, wo ich
mir's trefflich schmecken lie, denn die Promenade hatte mir groen
Appetit gemacht; mein verliebter Kamerad brachte aber kaum einen Bissen
ber den Mund und sa, den Kopf auf die Hnde gesttzt, gedankenvoll und
stumm da. Der arme Teufel erregte wirklich mein Mitleid, so sehr es
sonst meine Gewohnheit ist, mich ber solche schmachtende Seladons
lustig zu machen. -- Ich wandte alles mgliche an, ihn aufzuheitern,
lie San Giorgio und Champagner bringen, doch alles vergeblich; ich
mute allein trinken; von da besuchten wir mehrere Kaffeehuser, in
denen wir manche schne Rmerin trafen, die in Gesellschaft eines
Violettstrumpfs oder eines Abbate ihren Sorbett zu sich nahm, aber auch
diese machten nicht den mindesten Eindruck auf meinen Freund; wir
verlieen die Kaffeehuser, und ich schlug einen Spazierritt auf dem
Korso vor, da die Stunde herangekommen war, wo sich die ganze schne
Welt Roms daselbst zeigt. Mein gemtskranker Freund nahm es an, und wir
ritten, Kapriolen und Lanzaden neben den zahlreichen Wagen machend,
daselbst auf und nieder. Bald erschien auch meine schne Cesarini in
einem Halbwagen mit ihrer Tante, sie sah schner wie je aus, und ich
hatte Nonnenkloster und die ganze Begebenheit rein vergessen, schlo
mich dem Wagen an, und vertiefte mich so in ihr Anschauen und ein
angeknpftes Gesprch, da ich die Abwesenheit meines Kameraden erst
dann bemerkte, als wir auf der Piazza Popolo Halt machten, um der
Konversation besser pflegen zu knnen, wie es daselbst gebruchlich ist.
Nach Verlauf einer Stunde sah ich Bonnier in gestrecktem Galopp, sein
Ro mit Schwei bedeckt und ihn sehr erhitzt, von der Piazza Venezia
hersprengen, und htte, wenn er mir's auch nicht gestanden, doch
erraten, wo er herkam; er hatte unterdessen eine Runde zu Pferd um das
Ursulinerkloster gemacht und die hohen Mauern und eisernen Gitter
angeseufzt. Ich empfahl mich nun, nachdem ich versprochen, mich im
Apollotheater einzufinden, wohin ich denn auch meinen so schwer
verwundeten Freund beredete. Um ein Uhr nach Mitternacht war das
Schauspiel beendigt; der Mond stand hoch und hell am Horizont. Bonnier
erklrte mir, da er unmglich schon zu Bette gehen knne und gar keinen
Schlaf verspre, sondern noch eine Promenade _au clair de la lune_
machen wolle, wozu er mich dringend einlud.

Ohne eine besondere Divinationsgabe zu besitzen, war es leicht zu
erraten, wo diese Promenade hingehen sollte; lchelnd und kopfschttelnd
hing ich mich an seinen Arm, und ehe eine halbe Stunde verging, waren
wir unter den bewuten Mauern. Das hohe Kloster mit seinen Kuppeln und
Trmen nahm sich im Mondschein recht schauerlich aus, und dreimal
machten wir die Runde um dasselbe. Jetzt schlug die Turmuhr, es war die
zweite Stunde nach Mitternacht, und nur mit Mhe brachte ich meinen
chzenden und sthnenden Freund dahin, sich endlich mit mir zur Ruhe zu
begeben.

Von den Strapazen des Tages ermdet, fiel ich bald in einen festen
Schlaf, der mir trefflich bekam; doch kaum graute der Morgen, so wurde
ich auch schon durch ein ziemlich fhlbares Rtteln aus dem besten
Schlummer geweckt, und meine kaum halb geffneten Augen erblickten
wieder den verliebten Narren Bonnier, der mir mit mglichster
Beredsamkeit die Schnheiten des anbrechenden Tages vordemonstrierte und
mich mit aller Gewalt zu einem romantischen Morgenspaziergang bereden
wollte. Ich schlug es ihm aber schlaftrunken ab, legte mich unwillig auf
das andere Ohr und schlief, auf die verliebten Narren scheltend, wieder
ein.

Es war beinahe Mittag, als Bonnier von seinem Spaziergang zurckkehrte
und mich noch im Bette antraf. Er rief aus: Wie ist es mglich, so die
schnste Zeit seines Lebens zu verschlafen, ich habe schon das ganze
alte Rom durchwandert. Ich sprang nun aus dem Bette und erwiderte:
Ebensoviel wert, als diese Zeit wachend in fruchtlosen Trumereien
hinzugeben. Dies brachte den guten Bonnier ein wenig in Wallung, und er
uerte mir, da seine Liebe ebensowenig frucht- als hoffnungslos sei.
Klostermauern seien noch lange keine Festungsmauern, er habe die des
Ursulinerklosters heute Morgen hinlnglich rekognosziert und gefunden,
da man sie mit Feuerhaken und Strickleitern bequem bersteigen knne,
es wre nicht das erstemal, da eine Nonne entfhrt worden sei, ein
guter Soldat msse sich durch nichts abschrecken lassen, und je grer
die Schwierigkeiten, desto mehr Ehre, sie zu berwinden. Ich gab dies
alles gerne zu, endigte aber damit, ihm zu bemerken: er wisse ja noch
gar nicht einmal, ob seine Geliebte ebensolche Gesinnungen hege, ja ob
sie nur etwas fr ihn fhle, das man Liebe nennen knne, sogar ihr Name
sei ihm unbekannt. -- Das knnte wohl der Fall sein, wenn ich so lange
wie du geschlafen htte, gab er mir zur Antwort; es ist eine Tochter
aus der Familie Narelli zu Pesaro, die erst seit vier Monaten
eingekleidet, und was die Liebe anbetrifft, so habe ich auf der Scala
Santa hinlnglich gesehen, woran ich mich zu halten habe. Voll
Verwunderung fragte ich ihn, wie er ihren Namen erfahren htte. --
Durch den Klostergrtner, den ich diesen Morgen ber eine Stunde
sprach, versetzte er, und nachdem ich ihm eine deutliche Beschreibung
meiner Geliebten gemacht, ohne ihn jedoch die Ursache ahnen zu lassen,
warum ich nach ihr forsche, versicherte er mich, da es keine andere als
die Narelli sein knne. Ich erkundigte mich noch nach manchen von den
brigen Schwestern, um Verdacht zu vermeiden, und er nannte mir noch
viele Namen, die ich bereits wieder vergessen habe. Auch ber die
inneren Verhltnisse des Klosters gab er mir Aufschlu, und da ich ihn
fragte, ob ich den Klostergarten nicht einmal sehen drfe, antwortete er
mir, da dies ohne eine besondere Erlaubnis der Frau btissin nicht
angehe, die er jedoch darum fragen und mir morgen schon Bescheid geben
wolle, in jedem Fall aber knne dies nur zu einer Stunde geschehen, in
welcher die Nonnen in ihren Zellen seien. -- Du siehst also, Freund, da
ich schon um einige Schritte dem Ziele nher gerckt bin und da ich es
mit deiner Hilfe wohl noch erreichen kann. -- Das mu ich gestehen, du
hast schon Riesenschritte gemacht, erwiderte ich lchelnd, und wenn es
so fortgeht, so bist du bermorgen in der Zelle der Geliebten, nur sehe
ich nicht recht ein, was dir das Besehen des Klostergartens ntzt und
was ich bei der Sache viel tun kann.

Wie magst du nur so fragen! Wenn ich den Garten kennen lerne, so
orientiere ich mich im Innern, ersehe mir die Stelle, wo meine
Angebetene am leichtesten zu entfhren ist, und dies ist schon viel,
sehr viel. Du kannst mir vermittelst deiner intimen Bekanntschaft mit
der Cesarini von auerordentlichem Nutzen sein. Damenbesuche drfen die
Nonnen zu jeder Zeit annehmen, die Cesarini hat, wie du weit, in
mehrern Frauenklstern Verwandte, sie ist mit den Gebruchen in
denselben bekannt, durch sie knnte man leicht die Narelli erforschen
und dann ein Einverstndnis mit ihr anknpfen.

Du siehst, Lieber, fuhr Bonnier fort, da ich alles wohl berlegt
habe, und du mut mir dein Wort geben, heute noch mit der Cesarini ber
diese Angelegenheit zu sprechen, oder ich sehe dich nicht mehr als
meinen Kameraden an, hoffentlich hast du noch nicht vergessen, wie
manche Schildwache ich bei deinen verliebten Abenteuern schon gestanden,
wie manche Runde und Patrouille ich bei solchen Gelegenheiten fr dich
gemacht habe, und bin ferner bereit, dir zu dienen, wo ich nur immer
kann. -- Schon gut, unterbrach ich den immer ungestmer werdenden
Bonnier, hier meine Hand darauf, heute abend spreche ich noch die
Cesarini, und du sollst morgen frh das Resultat wissen. Warum morgen
frh? Ich erwarte dich heute nacht wachend, und so wie du zurckkommst,
und wenn es erst gegen Morgen wre, mut du mir Bericht von dem Erfolg
abstatten. Ich versprach alles, kleidete mich an, machte meine
gewhnlichen Touren, auf den Korso, ins Theater und so weiter, erfuhr
aber zu meinem grten Leidwesen von der Cesarini, da es ihr heute
unmglich sein wrde, mich zu sprechen, da ihr Mann und ihre Schwgerin
den ganzen Abend mit ihr zuzubringen sich vorgenommen htten, wir mten
daher das Rendezvous auf den anderen Tag verschieben. Bonnier war gleich
wieder nach St. Ursula gegangen, wo er durch Hecken, Gestruche, Ruinen
und Grten patrouillierte, das finstere Gebude, welches seine ganze
Seligkeit einschlo, von allen Seiten ansthnte, und ersphte, wo er
wohl die Laufgrben am besten erffnen knnte. Erst eine Stunde nach
Mitternacht kam er zurck und traf mich zu seiner Verwunderung schon
wieder schlafend im Bette an.

Er weckte mich sogleich auf und fragte mich nach dem Resultat meiner
Unterredung mit der Cesarini; als ich ihm sagte, da ich sie gar nicht
habe sprechen knnen, stampfte er mit dem Fu so gewaltig auf den Boden,
da alle Fenster klirrten, und nur mit der grten Mhe gelang es mir,
ihn zu besnftigen, ihm die Ursache mitzuteilen und ihm verstndlich zu
machen, da ich den kommenden Abend unfehlbar die Sache abmachen, und
keine Verhinderung denkbar wre, was ihn endlich etwas beruhigte; er
warf sich nun angekleidet auf sein Bett, welches er mit den ersten
Morgenstrahlen schon wieder verlie, um nach dem bewuten Ort zu eilen.
Ich sah ihn den ganzen Tag nicht wieder. Am Abend hatte ich endlich die
ersehnte Zusammenkunft mit der Cesarini, der ich die ganze Sache
mitteilte und mir ihren Rat erbat. Sie erschrak nicht wenig ber den
tollkhnen Plan meines Freundes, und ihr Rat war, diesen zu bereden,
denselben als unausfhrbar aufzugeben, da uns beiden die Geschichte
hchst verderblich werden und uns in die grte Gefahr bringen knne.
Dagegen wandte ich den unerschtterlichen Vorsatz Bonniers, dessen
heie, grenzenlose Liebe ein, und brachte es endlich so weit, da sie
mir versprach, in einigen Tagen das Kloster unter irgendeinem Vorwande
zu besuchen, um die ntigen Erkundigungen wegen der Narelli einzuziehen
und mir den Erfolg alsdann mitzuteilen, weiter wrde sie sich aber auch
in nichts einlassen, denn sie habe keine Lust, der heiligen Inquisition
in die Hnde zu fallen und ihre Seligkeit auf das Spiel zu setzen; die
Snde, eine Braut Christi zu verfhren, sei die grte von allen, die
der Papst selbst nicht einmal vergeben knne.

Mit diesen schlimmen Aussichten mute ich sie verlassen; ich teilte sie
Bonnier bei meiner Nachhausekunft mit, der um so untrstlicher wurde, da
ihm auch die Hoffnung, das Innere des Gartens zu sehen, gnzlich
fehlgeschlagen war. Die btissin wollte zwar anfnglich die Erlaubnis
dazu geben, als sie aber hrte, da der Fremde ein Franzose und gar ein
Offizier sei, verbot sie dem Grtner bei Strafe des Wegjagens und des
Bannes, ihr je wieder einen hnlichen Antrag zu machen; dieser war weder
durch Versprechungen noch durch Geschenke zu irgend etwas zu bewegen und
die Unternehmung jetzt viel schwieriger, da man gewi schon aufmerksam
geworden war. Eine Ewigkeit schienen Bonnier die wenigen Tage, in denen
die Cesarini das Kloster besuchen sollte; er strich whrend der Zeit wie
gewhnlich von Sonnenaufgang bis Mitternacht um dasselbe herum, jedoch
in Brgertracht verkleidet, mit abgeschorenem Schnurrbart und eine
Percke auf dem Kopf, was ich ihm geraten hatte, um sich unkenntlich zu
machen. Endlich kam der Tag heran, an dem ich Antwort von der Cesarini
haben sollte; ich selbst konnte kaum die Stunde erwarten. Sie war
wirklich dagewesen und hatte zur Ausrede genommen, eine alte Bekannte
ihrer verstorbenen Gromutter, die in diesem Kloster war, wegen einiger
Familienangelegenheiten zu besuchen. Der guten alten Schwester wute sie
auch trefflich einen blauen Dunst vorzumachen, sie wurde sehr
gesprchig, erzhlte viel und mancherlei; endlich brachte sie die
Cesarini auch auf die jungen Schwestern und auf die Narelli, an der sie
besonderen Anteil zu nehmen affektierte, und sie vermochte Beatrice (so
hie die Alte), sie ins Sprechzimmer zu bringen und der Narelli
vorzustellen. Dort knpfte sie mit dem jungen Mdchen ein ziemlich
vertrauliches Gesprch an, lie sich von ihr die Zeremonien ihrer
Einkleidung erzhlen, welche diese mit mancher unterdrckten Trne
vortrug; endlich kam sie auch auf ihr Klosterleben und auf die vor
einigen Tagen stattgehabte Prozession nach der Santa Scala. Mit Willen
lie sich die Cesarini auch die kleinsten dabei vorgefallenen Umstnde
berichten, und die Nonne sagte ihr, da sie zum erstenmal in ihrem Leben
bei dieser Gelegenheit Franzosen gesehen, die ihr auerordentlich
gefallen htten (dies begleitete sie mit einem tiefen Seufzer);
besonders der eine schien ein sehr guter Mensch gewesen zu sein und habe
sie unaufhrlich angesehen. Auch sie habe nicht umhin gekonnt, manchmal
nach ihm zu blicken und sei dadurch in ihrem Gebete etwas gestrt
worden; indessen hoffe sie, da ihr die Madonna diese Snde vergeben
werde, sie sei so schon unglcklich genug; sie sprach noch ferner und
viel von uns, und zwar so, da die Cesarini deutlich merkte, da auch
sie von derselben Leidenschaft wie Freund Bonnier geqult wurde, nur
schien es der Cesarini, da nicht dieser, sondern ich der Gegenstand
sei, der ihr Herz erfllte; doch konnte sie darber keine vollkommene
Gewiheit erlangen. Sie versprach, sie wieder zu besuchen, und entfernte
sich, ihr ein herzliches Lebewohl wnschend; die Alte begleitete sie bis
an die Treppe, die btissin war nicht sichtbar. Ich erzhlte meinem
Freunde alles Wort fr Wort wieder, bis auf den letzten Umstand, den ich
ihm zu verschweigen fr ntig erachtete. Er schwamm in Entzcken und
glaubte sich schon im Besitz der Geliebten. Unter Plnen und Projekten
brachte er abermals die Nacht zu.

Noch einmal gelang es meiner berredungskunst, die Cesarini ins Kloster
zu persuadieren, um die Denkungsart der Narelli und ihre Meinung ber
eine Klosterentfhrung so beilufig und nur von weitem zu erforschen.
Sie sprach dieselbe abermals und glaubte bemerkt zu haben, da das
Mdchen, wiewohl mit einiger Mhe, dazu zu bewegen sei, beteuerte mir
aber zu gleicher Zeit, da sie nun ein fr allemal nichts mehr mit
dieser Sache zu schaffen haben wollte und da, wenn ich nur noch einen
Funken von Liebe fr sie fhle, ich sie mit allen ferneren Auf- und
Antrgen der Art verschonen mchte; auch wrde sie auf den Fall, da die
Sache zur Ausfhrung kme, darin verwickelt werden, wenn sie noch ferner
Besuche im Kloster machte, welches natrlich einen dringenden Verdacht
auf sie werfen msse. Die Wichtigkeit dieses Grundes sah ich nur
allzugut ein und htte um keinen Preis der Welt der mir so teuern
Cesarini die geringste Unannehmlichkeit verursachen mgen. Doch schlug
sie folgenden Ausweg vor, der mir auch der einzige und beste schien:
Eine junge Franzsin, die sich bei einer ihrer Freundinnen seit einiger
Zeit aufhalte und der italienischen Sprache vollkommen mchtig sei,
msse man in das Geheimnis ziehen; auf ihre Verschwiegenheit drfe man
bauen, diese habe man erprobt, und in Religionssachen sei sie eben auch
nicht sehr skrupuls; ich solle selbst mit ihr reden, und dann wolle sie
durch Auftrge an Beatrice ihr den Eingang ins Kloster verschaffen, kme
dann die Entfhrung zustande, so knnte sie sich zugleich mit entfhren
lassen, und alle Schuld fiel alsdann auf sie. -- Ich bewunderte
meiner Freundin Scharfsinn, sowie ich ber ihre sonderbare
Gewissensngstlichkeit staunte, da sie sich ganz unschuldig glaubte,
wenn sie nur nicht selbst Hand ans Werk legte, dabei aber die
trefflichsten Ratschlge zur Vollbringung desselben erteilte. Noch
erfuhr ich von ihr, da auch nahen Anverwandten mnnlichen Geschlechts
der Eingang in das durch ein Gitter getrennte Sprechzimmer gestattet
sei, um ihre Schwestern, Tchter oder Cousinen zu sprechen, jedoch nur
im Beisein und unter der Aufsicht lterer, eigens dazu bestimmter
Nonnen. Wenn wir uns also fr Anverwandte der Narelli aus Pesaro
ausgben, uns gehrig verkleideten und unkenntlich machten, so knnten
wir wohl selbst einigemal mit ihr reden, natrlich msse sie aber auf
alles erst durch die Franzsin vorbereitet sein und einwilligen. --
Diese unerwartete Entdeckung berraschte mich sehr und machte mir viele
Freude; nun erst fing ich an, an die Mglichkeit einer Entfhrung zu
glauben, die ich bis jetzt immer bezweifelt hatte. -- Als ich Bonnier
dies alles mitteilte, war er ganz auer sich, nannte mich einmal ber
das andere seinen besten Freund, fr den er jeden Augenblick das Leben
lassen wolle, packte mich beim Kopf und kte mich, so da ich Mhe
hatte, mich seiner gewaltigen Zrtlichkeit zu entziehen. Demoiselle
Lenier, so hie die Franzsin, wurde nun durch die Cesarini zur
Vertrauten gemacht, und sie gab sich nicht nur sehr gerne zu allem her,
sondern das Abenteuer schien ihr sogar viel Vergngen zu gewhren, und
was die Snde sowie die Verdammnis jenseits anbelangte, so wollte sie
die Verantwortung und die Schuld herzlich gern auf sich nehmen, -- sie
war eine Pariserin! --

Sowohl ich als Bonnier hatten nun fters Unterredungen mit der Lenier,
wo wir uns gegenseitig unsere Meinungen und Gedanken mitteilten. Endlich
kam der Tag, wo sie zum erstenmal ins Kloster fuhr, um sich ihrer
fingierten und wirklichen Auftrge zu entledigen. -- Es ging alles
glcklich vonstatten, sie sprach nicht nur Beatrice, sondern auch die
Narelli, und zwar lange und viel, und lie sie merken, da sie jene
Offiziere kenne und fters sprche und da der eine von ihnen, wie es
schien, in eine junge Nonne dieses Klosters sterblich verliebt sein
msse; dies brachte sie scherzend und lachend hervor, indem sie ihn
einen Narren schalt, der sich ohne die mindeste Hoffnung, den geliebten
Gegenstand je wieder zu sehen, so unsinnig verlieben knne. -- Die junge
Nonne wurde dabei blutrot, was die Lenier bemerkte und sie sogleich,
ebenfalls scherzend, damit aufzog, indem sie ihr geradezu sagte, es
schiene, als sei auch sie nicht gleichgltig bei dieser Erzhlung; sie
sprach ihr nun Mut und Trost ein und wute sich schon bei diesem ersten
Besuch ganz in ihr Vertrauen einzuschleichen, so da jene sie sehr
dringend bat, doch ja bald wiederzukommen und sie oft zu besuchen, was
die Lenier denn auch recht gerne versprach.

Beim zweiten Besuche, den die Lenier zu St. Ursula machte, rckte diese
nher mit der Sprache heraus und sagte zu Angelika (dies war der Narelli
Klostername), da, wenn es ihr Vergngen mache, die beiden Offiziere
noch einmal zu sehen, so knne schon Rat dazu werden, sie msse sich
aber um Himmelswillen nichts merken lassen und uerst verschwiegen
sein. Angelika schien anfnglich ber den Vorschlag zu erschrecken,
konnte jedoch zu gleicher Zeit ihre Freude darber kaum verbergen und
fragte nun, wie dies wohl mglich sei. -- Die Lenier gab ihr allen
erforderlichen Aufschlu und sagte, sie wrden sich als ein paar nahe
Anverwandte aus Pesaro bei ihr anmelden lassen und so verkleidet im
Sprechzimmer erscheinen, dann msse sie aber auch die Unbefangene so gut
als mglich spielen und die neuen Vettern wie alte Bekannte mit
Herzlichkeit empfangen. Angelika meinte, das sei eine schwere Aufgabe,
aber die Lenier sprach ihr Mut ein und gab ihr die gehrigen
Instruktionen, so da nach manchen Unterredungen mit jener sie
einwilligte, uns zu sehen und auf alles gefat zu sein versprach. -- Um
die Sache noch leichter zu machen, waren wir berein gekommen, da wir
uns als junge, angehende Geistliche auffhren lassen wollten, welche auf
einige Zeit nach Rom gekommen seien, um sich Protektoren wegen baldiger
Befrderung zu verschaffen und angesehene Bekanntschaften aus der
hheren Geistlichkeit zu machen. -- Endlich war der verhngnisvolle Tag
herangekommen, an dem wir die heiligen Mauern betreten sollten. Schon
den Tag vorher hatten wir uns als Angelikas Vettern bei der Frau
btissin anmelden lassen, und die elfte Stunde vormittags war zu unserem
Empfang bestimmt. In aller Frhe eilten wir zur Lenier, wo wir unsere
neuen Uniformen vorfanden, welche diese nach einem ungefhren Ma fr
uns hatte verfertigen lassen, indem sie dem Schneider sagte, sie seien
zum Geschenk fr ein paar junge Geistliche in Civita-Vecchia bestimmt.
Wir kostmierten uns mit Hilfe der Lenier, sahen einander an und
lachten; mein Kamerad hatte seinen Bart abrasiert, was bei mir noch
nicht ntig war, und wir fanden uns in den geistlichen Kleidern ganz
bequem; als wir angekleidet waren, erschien auch die Cesarini. Sie
lachte zwar, uerte aber zugleich, sie wolle nichts davon wissen, wir
seien die grten Snder, die es je gegeben. Endlich rollte der Wagen
vor, der wohl verschlossen war; wir stiegen ein, und man wnschte uns
eine glckliche Reise. Unterwegs stellten wir allerlei Betrachtungen an,
unter anderen auch, was man wohl mit uns anfangen werde, wenn man uns
erwischte und fr das erkennen wrde, was wir wirklich seien. Bonnier
meinte, dann wrden wir ohne weiteres der heiligen Inquisition
berliefert und verbrannt werden, ich aber glaubte, wir wrden als
Franzosen wohl glimpflicher davonkommen, besonders da wir einem Kaiser
angehrten, der Geniestreiche liebte und deren selbst tglich ausfhre,
genug, ich war von der muntersten Laune der Welt, denn das Abenteuer
fing an, mir das grte Vergngen zu machen. Doch hatten wir uns auf
alle Flle jeder mit ein paar scharf geladenen Terzerolen versehen. --
Unter diesen und hnlichen Gesprchen gelangten wir an die Pforten der
Wohnung der heiligen Jungfrauen. Der Wagen hielt an, wir stiegen recht
ehrenfest heraus und klingelten. Die Tr drehte sich knarrend in ihren
Angeln. -- Husch waren wir drin, und die Falle hinter uns fiel zu. --
Da mir in diesem Augenblick ganz sonderbar zumute war, will ich nicht
leugnen, auch mein bis ber die Ohren verliebter Freund schien etwas
betreten. Dies gab uns aber gerade ein gewisses frommes und schchternes
Ansehen, was uns in diesem Augenblick sehr gut zustatten kam, und die
Schwester Pfrtnerin fhrte uns durch lange, dstere Gnge, graue Hallen
und enge Stiegen hinauf in das Sprechzimmer, wo sie uns warten hie,
indem sie sagte, sie gehe, uns der Frau btissin zu melden. Diese war,
nach ihren uerungen, von der Absicht unseres Besuches schon
unterrichtet und wute, da wir der Narelli Anverwandte seien.

Wir waren jetzt allein und hatten Zeit, das Sprechzimmer zu besehen, uns
vorzubereiten und unsere Betrachtungen anzustellen. Da die btissin
selbst kommen wrde, wie es schien, war uns eben nicht sehr angenehm;
wir frchteten, da man sie uns als eine sehr schlaue Frau geschildert
hatte, durch ihre Fragen in Verlegenheit zu kommen. Jetzt hrten wir
Tritte, eine Tr jenseits des Gitters wurde geffnet, und vier
verschleierte Nonnen traten ein, von denen sich jedoch die eine, die
Pfrtnerin, sogleich wieder entfernte; die brigen drei traten nahe ans
Gitter. Wir erkannten bald Angelika und zwei ltere Schwestern; die
btissin war zu unserer groen Freude nicht dabei. Ich redete erstere
sogleich mit _carissima cugina_ an, schttete eine Tasche voll
Empfehlungen von ihren Eltern und Geschwistern zu Pesaro aus, so da
niemand zu Worte kommen konnte und mein verlegener Freund sowohl wie
Angelika Zeit gewannen, sich zu sammeln. Anfangs konnte das schne,
fromme Kind nichts anderes als si und no stammeln, bald aber wurde ihr
die Zunge etwas gelufiger, und sie fing an, sich nach ihren
Anverwandten zu Pesaro zu erkundigen, was ich so gut als mglich
beantwortete; endlich hatte Bonnier auch ein Herz gefat und knpfte
eine Konversation an. Ich nahm die Gelegenheit wahr und unterhielt mich
recht eifrig mit den beiden anderen Damen von himmlischen und irdischen
Dingen und wute sie so gut zu amsieren, da sie weder von den Worten
noch von den Blicken etwas gewahr wurden, welche man auf der anderen
Seite wechselte; mir aber war es nicht entgangen, da das Briefchen,
welches Bonnier schon seit vierzehn Tagen dreiigmal umgeschrieben,
glcklich durch das enge Gitter in Angelikas niedliche Hndchen passiert
und von dieser schnell unter dem Busenschleier verborgen ward. ber eine
gute Stunde waren wir bereits da, als ich meinem Freund durch Zeichen
und Worte zu erkennen gab, da es nun Zeit sei, sich zu entfernen. Wir
empfahlen uns den frommen Schwestern bestens, welche uns ihren
reichlichen Segen mit auf den Weg gaben und unseren gottesfrchtigen
Vorsatz, recht fromme Geistliche zu werden, ber die Maen lobten, uns
auch baten, den Besuch recht bald zu wiederholen, was wir gerne
versprachen. -- Noch einen Blick auf Angelika, und wir waren zum
Sprechzimmer hinaus, wo uns die Pfrtnerin empfing und bis vor die
ueren Klosterpforten geleitete.

Freund Bonnier schwamm abermals in Entzcken und beteuerte wiederholt,
er msse Angelika besitzen und wenn er, ein zweiter Nero, das Kloster
und ganz Rom in Brand stecken solle. -- So arg wird es hoffentlich
nicht werden, fiel ich ein und bat ihn, mir zu sagen, wie weit er mit
ihr gekommen sei. Hierauf erzhlte er mir, was ich schon wute, nmlich
da er das Billett glcklich angebracht, aber mndlich nur mehr im
allgemeinen gesprochen und es nicht gewagt habe, ihr eine frmliche
Liebeserklrung zu machen, aus Furcht, die anderen htten etwas merken
knnen, morgen aber msse die Lenier ins Kloster, um die Wirkung zu
erfahren, welche unser Besuch und der Brief gemacht habe, und demnach
die weiteren Vorkehrungen so bald als mglich zu treffen. Bei unserer
Zurckkunft trafen wir die Damen an, welche uns mit der gespanntesten
Neugierde erwartet hatten, um das Resultat unseres Besuchs zu erfahren,
das wir bis jetzt selbst noch nicht wuten. Es wurde nun einstimmig
beschlossen, da Mademoiselle Lenier den kommenden Morgen dahin fahren
sollte, um sich davon zu unterrichten. Wir wechselten unsere Kleider und
ritten gegen Abend auf den Korso; um allen mglichen Verdacht zu
vermeiden, waren wir bereingekommen, da weder Bonnier noch ich uns
wieder in Uniform in der Nhe des Klosters drften blicken lassen. Den
Tag darauf erwarteten wir die Lenier mit eben der Ungeduld, als sie uns
gestern erwartet hatte; es war beinahe Mittag, als sie zurckkam und
Bericht ber ihre Ambassade erstattete.

Alles stand zum Besten, man hatte nicht den geringsten Verdacht auf uns
geworfen, die alten Schwestern waren von mir und die junge Nonne von
Bonnier entzckt. Letztere hatte lange und viel mit der Lenier
gesprochen und sich so gut wie zu allem bereit erklrt; diese
versicherte uns, da, wenn wir noch einige Besuche machten, die Sache
mit Angelika gewi in Richtigkeit sein wrde, auch habe sie ihr
zugeredet, doch einige Zeilen an ihren Freund zu schreiben und ihm
solche bei der nchsten Zusammenkunft zu bergeben, was sie ihr nach
einigem Struben endlich versprochen. -- Genug, es ging bis jetzt alles
nach Wunsch, wir wiederholten unseren Besuch, so oft es mglich war,
ohne Argwohn zu erregen, in der geistlichen Tracht, und ein vollkommenes
Einverstndnis sowie ein regelmiger Briefwechsel zwischen Angelika und
Bonnier war bald hergestellt, und ebenso schnell waren beide Liebende
einig. Angelika willigte in alles, und jetzt war nur noch die
Schwierigkeit, die Entfhrung aus dem Kloster zu bewerkstelligen, was
freilich keine leichte Aufgabe war. Doch welche lst nicht Liebe und
List? -- Da das Entkommen aus dem Kloster ber die Gartenmauern
vollbracht werden msse, darber waren alle einig, sowie da dies nur
kurz vor oder nach Mitternacht geschehen knne. Wegen der ungeheuren
Hhe dieser Mauern sei dies auf jeden Fall eine halsbrechende Arbeit,
deren Gefahr die Finsternis der Nacht noch vergrere; indessen war dies
unsere Sorge und mein Plan schon gemacht. Die grere Schwierigkeit
bestand darin, wie Angelika durch drei Tren, welche zum Garten fhrten
und jeden Abend wohl verschlossen und verriegelt wurden, gelangen knne.
-- Aber auch dafr erdachte die erfinderische Liebe bald Hilfe. Angelika
mute die Gre und Form aller dieser Schlssellcher in Wachs
abdrcken, und wir lieen fnf Hauptschlssel verfertigen, mit denen sie
die Tren ffnen und so den Weg in den Garten finden sollte. Um das
bersteigen der Mauern mglich zu machen, lie ich in Civita-Vecchia,
wohin ich selbst ritt, Strickleitern verfertigen und kaufte Seile auf,
denn auerdem, da man schwerlich solche hohe Leitern gefunden htte,
wie sie hierbei erforderlich waren, wrde deren An- und Herbeischaffung
auch weit mehr Umstnde und Verdacht verursacht haben.

Diese Strickleitern muten nun auf eine solide Art auf der ueren und
inneren Seite befestigt werden. Zu dem Ende hatte ich einen Franzosen
von der zu Civita-Vecchia liegenden Marine mitgenommen, welcher ein
Schlosser von Profession war (einem Italiener wre hier nicht zu trauen
gewesen), der zu diesem Zweck einhundertundzwanzig sehr lange und starke
eiserne Haken geschmiedet hatte, die er bei Nachtzeit zuerst von auen
an der Mauer befestigen mute, und zwar so, da jedesmal in einem
Zwischenraum von dritthalb Schuhen drei dieser Haken nebeneinander
eingeschlagen wurden. Glcklicherweise waren die Mauern fast berall
dicht mit Efeu und anderen Gestruchen bewachsen, und man konnte die
Eisen fast alle so anbringen, da man, wenigstens bis zu einer
betrchtlichen Hhe, nichts davon wahrnehmen konnte. Natrlich mute
sich der Mann mit Hilfe der Seile und seiner eingesetzten Haken
hinaufarbeiten, welches, je hher er kam, desto schwieriger wurde und
das umgekehrt auf gleiche Weise jenseits der Mauer bewerkstelligen, als
er oben angekommen. Zehn Nchte dauerte diese gefhrliche Operation,
wobei jedesmal eine Stunde vor Mitternacht angefangen und eine Stunde
vor Sonnenaufgang geendet wurde. Whrend dieser ganzen Zeit standen
Bonnier und ich Schildwache in der Nhe und unsere Bedienten auf
Vorposten, um uns von dem geringsten Gerusch zu benachrichtigen; das
Kloster lag aber so einsam und abseits, da wir auch keine lebende Seele
auer uns gewahrten. Als endlich alles so weit in Ordnung war, kamen wir
berein, da wir acht Tage vor der zur Entfhrung bestimmten Zeit unsere
Abschiedsvisite im Kloster machen, sowie auch das Lazarett verlassen und
uns als Fremde in einem Privathause die letzte Zeit verborgen halten
mten, damit man nicht sogleich Verdacht gegen uns haben knnte, indem
wir angeblich schon einige Zeit vorher abgereist waren. -- Dies alles
war in Ordnung, nur die Lenier besuchte noch fast tglich das Kloster,
um Angelika in ihrem Vorsatz zu bestrken und ihr Mut einzusprechen, da
sie, je nher der entscheidende Zeitpunkt heranrckte, desto ngstlicher
wurde. Endlich war die verhngnisvolle Nacht da, Angelika hatte noch am
Morgen ihrer Freundin versprochen, alles zu versuchen. Um elf Uhr hielt
ein Wagen mit vier Postpferden, in dem die Lenier sa, in der Nhe des
Klosters, um alle drei nach Civita-Vecchia zu bringen, von wo sie
sogleich mit einer segelfertigen Felukke nach Genua abgehen sollten,
wohin sich Bonnier Urlaub zu verschaffen gewut. Angelika hatte
versprochen, mit dem Schlag Mitternacht in den Garten zu kommen; alle
Schlssel waren ihr eingehndigt worden. Bonnier und der Marinesoldat
berstiegen die Mauern, ich blieb diesseits, um auf alles acht zu haben,
und die Bedienten standen wieder auf ihren Lauerposten. Schon lange
hatte die Klosterglocke Mitternacht gelutet, eine, zwei, drei Stunden
vergingen, und Angelika erschien nicht, der Tag fing zu grauen an, und
sie erschien noch immer nicht. Es war nun die hchste Zeit, an die
Retirade zu denken, -- schon fing es an, sich im Kloster zu regen.
Endlich gelang es mir, meinen der Verzweiflung nahen Freund zum
Zurcksteigen zu bewegen, nachdem ich selbst hinber geklettert war, um
ihn zu holen, was mir nur durch die Vorstellung gelang, da dies das
einzige Mittel sei, nicht alles zu verderben; ich wrde noch heute die
Ursache von Angelikas Ausbleiben erforschen. -- Der Wagen wurde
heimgeschickt, und wir begaben uns in einem mimutigen, sehr traurigen
Zustande in unsere Wohnung.

Daselbst angelangt, war mein erstes Geschft, mit der Lenier Rcksprache
zu nehmen, wie man den Grund von Angelikas Nichterscheinen erfahren
knne. Die Sachlage war nun viel milicher geworden, gerne wre ich mit
Bonnier ins Kloster geeilt, aber da wir schon Abschied genommen hatten,
war es nicht mehr mglich. Zum Glck war dies nicht der Fall mit der
Lenier; aber diese frchtete, die ganze Intrige sei entdeckt, man habe
vermutlich Angelika auf der Tat ergriffen, und sie getraute sich nicht,
in das Kloster zu gehen. Bonnier geriet bei dieser Vermutung auer sich,
und ich hatte alle Mhe, ihn von tollen Streichen abzuhalten. Wir kamen
endlich berein, da auf die Cesarini gar kein Verdacht habe fallen
knnen, diese zu bitten, sogleich einen Besuch in dem Kloster zu machen;
aber auch sie war auf keine Weise dazu zu bewegen, indessen war sie wie
gewhnlich mit vortrefflichem Rat bei der Hand und schlug vor, ihr
Kammermdchen mit einem Auftrag an Beatrice abzuschicken, wodurch man
alsbald erfahren wrde, ob etwas Auerordentliches unter den Nonnen
vorgefallen sei; das Mdchen solle sich nur ganz unbefangen nach der
Narelli erkundigen, was um so eher tunlich, da wir verabredet hatten,
da sie sich zwei Tage vor der beabsichtigten Flucht krank stellen und
das Bett hten solle. Die Gesandte wurde abgeschickt, und wir blieben
smtlich eine lange Stunde in der uersten Spannung und Erwartung.
Endlich kam der Wagen zurck, wir eilten ihr entgegen, und sie konnte
uns nicht schnell genug berichten, da nichts Besonderes vorgefallen
sei, aber da die Narelli noch als krank im Bett lge und nach
Beatricens Versicherung wirklich sehr bel aussehe. Nun war uns allen
ein schwerer Stein vom Herzen, ich schrieb Angelikas Ausbleiben keinem
anderen Umstande als ihrer groen ngstlichkeit zu und hatte recht; denn
als die Lenier von einem Besuch, den sie ihr auf unsere Bitten hatte
machen mssen, zurckkehrte, erzhlte sie, da das arme Mdchen jetzt in
der Tat unwohl sei und Fieber gehabt habe; sie sei zur bestimmten Stunde
durch die langen den Klostergnge an die Pforten, welche nach dem
Garten fhrten, geschlichen, wobei sie schon unterwegs die tdlichste
Angst befallen habe, und als sie endlich bei der ersten angekommen, sei
es ihr unmglich gewesen, das Schlsselloch zu finden, und noch weniger
hatte sie Krfte gehabt, den Riegel zurckzuschieben, nur mit der
grten Anstrengung habe sie sich wieder bis in ihre Zelle schleppen
knnen und sei fast ohnmchtig auf ihr Bett niedergefallen, wonach sie
den brigen Teil der Nacht in einem bestndigen Fieberschauer
zugebracht; sie sehe wohl ein, da es ihr unmglich wre, das Vorhaben
auszufhren, sie wrde einen zweiten Versuch wahrscheinlich mit ihrem
Leben bezahlen mssen. Nun war abermals guter Rat teuer; Bonnier wollte
verzweifeln. Verliebte verlieren gewhnlich bei Widerwrtigkeiten alle
Besinnung, machen dann einen dummen Streich nach dem anderen, wenn sie
auch sonst Verstand und Scharfsinn besitzen.

Er wollte auf der Stelle zum Papst, sich Seiner Heiligkeit zu Fen
werfen, alles eingestehen und um Angelikas Entbindung vom Klostergelbde
anhalten; nur mit vieler Mhe konnten wir ihm den unsinnigen Vorsatz
ausreden, indem wir ihm vorstellten, das wre der gerade Weg, sie ohne
Rettung zu verlieren und ihr vielleicht gar zum Einmauern zu verhelfen.
Die unerschpfliche Cesarini fand wieder einen Ausweg und meinte, man
wrde es der Lenier schwerlich abschlagen, einige Tage bei ihrer kranken
Freundin zuzubringen und wohl auch einige Nchte an ihrem Bette zu
wachen, ihr von neuem zuzureden und mit ihr vereint in der wieder zu
bestimmenden Nacht das Kloster zu verlassen. Die Aufgabe wre wirklich
fr ein so junges, unerfahrenes Mdchen zu schwer gewesen, aber mit
Hilfe der mutigen und schlauen Freundin wrde sie solche gewi lsen;
denn es sei ein ganz anderes, wenn man bei solchen Unternehmen zu zwei
sei und sich einander Mut und Trost einsprechen knne. Auch diesen
Vorschlag fanden wir sehr zweckmig und berredeten leicht der Lenier
kleine Bedenklichkeiten. Sie eilte den kommenden Morgen wieder nach St.
Ursula, teilte den neuen Plan Angelika mit, die in der Tat schon wieder
auf dem Wege der Besserung war und herzlich gern einwilligte, in
Gemeinschaft zu fliehen. Nun mute sie sich noch krnker stellen und
gewaltige Sehnsucht nach ihrer Freundin uern; es gelang auch, von der
btissin die Erlaubnis zu dem Aufenthalt der Lenier im Kloster sowie zu
den Nachtwachen zu erlangen, und tglich stattete sie uns Bericht ber
den guten Fortgang der Sache ab; endlich wurde zum zweitenmal die Stunde
der Flucht bestimmt, alle Anordnungen wie das erstemal getroffen, und um
vier Uhr (elf nach unserer Uhr) stand wieder alles auf seinem Posten;
wir warteten wieder und warteten abermals vergeblich, der Tag graute
schon, als wir notgedrungen die zweite Retirade antraten.

Noch waren wir ber das abermalige Ausbleiben in der grten Bestrzung
und erschpften uns in Mutmaungen, als die Lenier zu uns ins Zimmer
trat und das Rtsel lste. Beide Mdchen hatten um elf Uhr die Zelle
verlassen und waren bis an die innere Tr gekommen, die sie zu ffnen
versuchten, konnten aber den rechten Schlssel nicht gleich
herausfinden, und whrend sie probierten und drehten, glaubten sie ein
Gerusch zu hren, liefen beide davon und in die Zelle zurck, wo sie
auer Atem ankamen und sich ganz erschpft auf das Bett warfen; selbst
die Lenier hatte eine gewaltige Herzensangst gehabt, auch htten mehrere
Nonnen heute morgen von einem Gerusche, was sie die Nacht gehrt,
gesprochen. -- Ich machte ihr Vorwrfe und stellte ihr vor, da man so
lange zaudern wrde, bis alles entdeckt wre, denn mit jedem miglckten
Versuch werde die Gefahr grer. Dies sah sie wohl ein und versicherte,
sie wrde die kommende Nacht gewi entschlossener sein, sie habe
nochmals mit Angelika darber gesprochen, beide sich wechselseitig ber
ihre Furcht Vorwrfe gemacht und wrden, es koste auch, was es wolle,
die Sache durchsetzen; sie msse bald wieder zurck und habe die
Schlssel mitgebracht, damit wir die letzte Tr von auen aufschlieen
mchten und sie alsdann nur noch den Riegel wegzuschieben htten; ferner
wrden sie sich in groe weie Bettcher hllen, damit im Falle die
anderen Nonnen etwas merkten, man sie fr Gespenster halte und es nicht
wage, sich ihnen zu nhern. -- Drfte man die groe Klosterpforte,
welche auf die Strae fhrt, ffnen, so htte man freilich weit weniger
Umstnde, meinte die Lenier, doch dies sei zu gefhrlich, weil die
Pfrtnerin und noch ein Wchter in der Nhe schliefen. Sie fuhr abermals
ab, mit der krftigsten Versicherung und dem heiligsten Versprechen, da
diese Nacht oder nie die Geschichte beendigt und sie die Tren ffnen
wrde. Wir alle und besonders ich, der ich anfing, der Sache herzlich
mde zu werden, wnschten ihr den besten Erfolg mit auf den Weg.

Es wurde Nacht, und wir begaben uns zum drittenmal auf unsere Posten,
berstiegen die Mauern, probierten die Schlssel und sperrten endlich
das Schlo der ueren Tr glcklich auf, doch der innere Riegel
verhinderte das ffnen derselben; wir lauschten, hrten aber nicht das
mindeste Gerusch; schon verzweifelten wir an dem Kommen der Mdchen,
als wir ganz leise Schlsser aufgehen und Riegel zurckschieben hrten.
Bonnier bebte vor Verlangen und Entzcken, man kam nher, wir hrten
Tritte und endlich den Riegel der letzten Tr gehen, sie ffnete sich,
und -- beide Geister fielen uns halb ohnmchtig in die Arme. -- Wir
verloren indessen keine Zeit, sondern trugen sie in den Garten an den
Ort, wo die Strickleitern angebracht waren. Es war wahrhaftig keine
kleine Arbeit, die beiden Damen, eine nach der anderen, mehr tot als
lebendig ber die himmelhohen Mauern zu bringen; die junge Pariserin,
welche zuerst den seltsamen Weg antrat, kletterte noch so ziemlich, aber
Angelika muten wir einen Strick um den Leib befestigen und Bonnier und
ich nachhelfen, so da wir nur jeder einen Arm fr uns brig hatten.
Doch wurde auch diese saure Arbeit, ob mit Gottes oder des Bsen Hilfe,
will ich hier nicht entscheiden, vollbracht, und wir standen in Zeit von
einer halben Stunde smtlich jenseits des Gartens auf festem Boden,
warfen uns in den Wagen und jagten mit verhngtem Zgel ber die
Engelsbrcke und durch das nach Civita-Vecchia fhrende Tor voran, die
beiden Bedienten zu Pferde hinterdrein und der Marinesoldat auf dem
Bock.

Als wir Rom eine Miglia weit im Rcken hatten, lie ich halten, nahm
zrtlichen Abschied von Freund Bonnier, seiner Geliebten und der Lenier,
wnschte allen eine glckliche Reise, warf mich auf mein Pferd und
sprengte mit meinem Bedienten _ventre  terre_ durch Rom zurck nach
Albano, wo ich mich schon seit acht Tagen als _prsent sous les armes_
gemeldet und fast jeden Morgen ein Stndchen zugebracht hatte. Bei
Tagesanbruch kam ich daselbst an, und schon gegen zehn Uhr wute man
auch hier, da die vergangene Nacht eine Nonne aus dem Ursulinerkloster
entflohen sei. Die Sache machte in der Hauptstadt der christlichen Welt
ein ungeheures Aufsehen, der heilige Vater schickte erst den
Kardinal-Staatssekretr nach dem Kloster, den Tatbestand zu untersuchen,
und fuhr dann selbst dahin. Alle Sbirren und Karabiniere wurden in
Bewegung gesetzt, St. Ursula frmlich geschlossen, Haussuchungen
veranstaltet, besonders in der Lenier Wohnung und bei ihren Hausleuten;
kurz, kein Mittel blieb unversucht, die Tter herauszukriegen und die
Entwichenen wieder zu erwischen, doch alles vergeblich, es kam nichts
heraus, und Angelika mit Bonnier waren bereits auf der hohen See in
Sicherheit. Man mute sich damit begngen, einen geistlichen Bannfluch
auf die Entflohenen und alle dabei beteiligten Verbrecher zu schleudern.
Alle mglichen Vorkehrungen wurden nun in smtlichen Frauenklstern
getroffen, damit dergleichen sobald nicht wieder passieren knne. (Wenn
das Brot gestohlen, schliet man den Schrein zu.) Die armen
zurckgebliebenen Nonnen muten am meisten dadurch leiden, und die Frau
btissin entging nur mit Mhe schwerer Strafe und der Absetzung. Alle
Schlosser, Maurer und Seiler Roms wurden scharf inquiriert, ob sie nicht
Haken, Seile und so weiter geliefert. Die Cesarini stand Todesangst aus,
doch ritt ich nach wie vor tglich zu ihr nach Rom. Von Bonnier erhielt
ich bald Briefe aus Genua, worin er mir seine glckliche Ankunft
daselbst meldete. --

An fnf Monate hatte ich nun schon in Albano und Rom recht unbekmmert
zugebracht und in den Tag hineingelebt, auer den erwhnten Intrigen
noch so manche kleine nebenher gehabt, namentlich auch mit einem
hbschen Albanermdchen, einer _giovan principiante_, und dies
Schlaraffenleben fing endlich an, mir langweilig zu werden, als mich
pltzlich eine sehr unangenehme Begebenheit, bei der ich wider Willen
und halb gezwungen eine aktive Rolle gespielt, aus demselben ri und ihm
ein tragikomisches Ende machte.

Gleich nach Ostern kam eine wandernde Schauspielertruppe nach Albano, um
daselbst Vorstellungen zu geben. Eines Morgens in aller Frhe besuchte
mich der Impressario derselben, um sich und sein Theater mir zu
empfehlen. Als Verehrer und womglich Protektor aller dramatischen
Kunst, versprach ich ihm auch meinen besonderen Schutz, sowie zu tun,
was in meiner Macht stnde, seinem Unternehmen frderlich zu sein; ich
nahm ihm auch gleich ein paar Dutzend Billetts fr einige Scudi ab. Der
Mann sah rmlich und gedrckt aus, hatte eine fast kalabresische braune
Hautfarbe und einen ungeheuren Backenbart. Der Zufall oder mein Unstern
wollte, da in diesem Augenblick gerade der Kapitn Caguenec, der mit
seiner Kompagnie in dem nahen Velettri lag, wo er Platzkommandant war,
zu mir kam, um mich zu einer Jagd einzuladen und mir zugleich
anzuzeigen, da dieser Tage unser Bataillonschef Dret eine Rundreise
machen wrde, um alle detachierten Kompagnien zu inspizieren. Er wollte
wissen, wer der so elendwild aussehende Mann sei. Ich teilte ihm das
Anliegen desselben mit, und wir fragten ihn, was er diesen Abend, es war
gerade ein Sonntag, aufzufhren gedenke.

_Ah eccellenza illustrissima_, erwiderte der Impressario, wenn ich so
glcklich wre, am Sonntag spielen zu drfen, dann wre mein Glck
gemacht.

Und warum drfen Sie das nicht?

Seine Eminenz, der Herr Bischof-Kardinal, haben es bei Bann- und
Gefngnisstrafe verboten, man wrde mir sogleich das Theater schlieen;
auch drfen keine Frauen auftreten, sondern alle Frauenrollen mssen von
Mnnern gespielt werden.

Wir fanden dies sonderbar, besonders da doch in Rom selbst alle
weiblichen Rollen mit Frauen besetzt wurden, und machten dem Signor
Impressario diese Bemerkung, der aber nur mit Achselzucken antwortete.
Da man gerade das Frhstck auftrug, so lud ich den armen Teufel ein,
teil daran zu nehmen, was er mit groem Dank und freudig akzeptierte.
Wir waren zu fnf, denn Caguenec hatte seine Geliebte, ein artiges
Mdchen aus Velettri, mitgebracht, Leutnant Felix, mein Unterleutnant,
der Impressario und ich, und lieen uns das Frhstck und den
Albanerwein so trefflich schmecken, da wir alle uerst munter wurden
und, bis auf das Mdchen und ich, etwas in dem Dach _vulgo_ Kopf hatten;
Caguenec aber trank sich nach seiner lblichen Gewohnheit wieder einen
bsen Rausch an und war bald so _en train_, da er bersprudelte; dieser
Mensch war mein bser Geist.

Hre, fing er beim Nachtisch an, sage mir doch, wer ist denn
eigentlich hier Kommandant? -- Du oder der Bischof? -- So ein Pfaffe
sollte sich in Velettri unterstehen, zu verbieten, da man am Sonntag
Komdie spiele, ich wollte ihm seine Bischofsmtze zurechtsetzen, da er
daran denken sollte. Befiehl du nur, da heute abend Komdie gespielt
werde, du hast das Recht dazu!

Ich hatte auch den Kopf etwas warm, Felix noch mehr, er gab dem Caguenec
vollkommen recht, und wir sagten dem Impressario, er msse diesen Abend
eine Vorstellung geben, was er jedoch abzulehnen suchte, sich mit dem
Verbot der geistlichen Behrde entschuldigend; das Mdchen pflichtete
ihm bei, sie meinte, der _poveretto_ wrde ja ewig verdammt, wenn er
sich so etwas unterstnde. Caguenec wollte, da wir zum Bischof gehen
und diesem befehlen sollten, seine Einwilligung zu geben; wir, die vier
Mnner, fanden diesen Vorschlag vernnftig und machten uns nach dessen
Palazzo auf, wo aber der Impressario unten an der Tr stehen blieb,
whrend wir dessen Stufen hinaufeilten. Der Gang durch die Luft hatte
uns und besonders Caguenec noch mehr erhitzt, und die Kpfe glhten. --
Nachdem wir die Treppen hinaufgestrmt waren, begegneten wir einem
geistlichen Diener, den wir nach seinem Herrn fragten und ihm befahlen,
uns zu ihm zu fhren, der Kommandant von Albano habe mit ihm zu
sprechen; dieser wollte uns erst melden, indem er sagte, er wisse nicht,
ob Seine Eminenz schon zu sprechen sei.

Was sollen die Umstnde, fiel ihm Caguenec ins Wort, fr franzsische
Offiziere mu er immer zu sprechen sein! Wir folgten alle drei dem
Diener auf dem Fu in das Gemach, wo Seine Eminenz noch im tiefsten
Neglig auf einem Faulbett ausgestreckt Schokolade zu sich nahm.

Ohne alle weitere Entschuldigung brachte ich sogleich mein Gesuch vor,
aber der erschrockene Prlat gab mir nach einigen Augenblicken zur
Antwort, da er unmglich in dasselbe einwilligen knne, und schtzte
geistliche Verordnungen vor.

Was Verordnungen, fiel ihm Caguenec ins Wort, hier hat niemand etwas
zu verordnen als der Platzkommandant von Albano, und Sie haben sich um
das Messelesen und sonst um nichts und den Teufel um das Komdienspielen
zu bekmmern.

_Questo  vero_, fiel ich ein und begehrte seine Einwilligung, damit
diesen Abend gespielt werden knne, schriftlich, wozu er sich aber
schlechterdings nicht verstehen wollte.

Wer wird so viele Umstnde mit dem Pfaffen machen! rief jetzt
Caguenec, fate die Eminenz, ehe wir's uns versahen, beim Kragen, ri
sie vom Ruhebett herab und schrie: Pfaffe, jetzt schreib, oder es setzt
Hiebe. Aber der arme Bischof schrie aus vollem Halse: _Ajuto, ajuto,
son assassinato!_ Caguenec, wtend, versetzte dem geistlichen Herrn nun
derbe Pffe und Ste mit geballter Faust, drei bis vier Diener sprangen
zwar ins Gemach, blieben jedoch vor Schrecken, als sie ihren Herrn so
behandeln sahen, unbeweglich an der Tr stehen. Endlich gelang es uns,
dem Leutnant Felix und mir, den tollen Caguenec von dem Kardinal
abzuhalten, den ich nun noch einmal ersuchte, das an ihn gestellte
Begehren zu bewilligen, indem er sich sonst noch greren
Unannehmlichkeiten aussetzen wrde. Jetzt gebot er einem seiner Diener,
ihm das Calamajo (Schreibzeug) zu geben, und schrieb nieder, da er dem
Impressario fr diesen Abend eine Vorstellung erlaube. -- Caguenec
sagte: Warum tatest du dies nicht gleich, dummer Pfaffe, dann wrdest
du dir die Pffe erspart haben. -- Wir empfahlen uns, das Papier in der
Hand, dem Bischof einen _buon giorno_ wnschend, und zeigten es
triumphierend dem unten harrenden Impressario, der, ignorierend, wie wir
dasselbe erlangt hatten, darber ganz entzckt war und uns ein
vortreffliches Schauspiel, >_I brigandi_< betitelt, versprach. Caguenec
und Felix gingen Arm in Arm zu dem nach Rom fhrenden Tor hinaus bis zu
dem Grabmal des Ascanius, wo sie sich niedersetzten und einschliefen,
whrend ich mich heim begab, um auf ein paar Stunden nach Rom zu reiten,
mir aber vornahm, zur Vorstellung der Brigandi wieder zurck zu sein.
Als ich in das Zimmer trat, sprang mir Caguenecs Geliebte entgegen, mich
fragend, wo ich ihren Capitano gelassen habe und wie die Sache
abgelaufen sei. Ich gab ihr ber beides die gehrige Auskunft und fand
jetzt, da Regina eine recht hbsche, schlanke Brnette sei und ein Paar
recht feurige, funkelnde Augen habe, was ich vorher gar nicht
wahrgenommen. Ich lie mich in ein Gesprch mit ihr ein und erfuhr, da
sie die Tochter einer Uhrmacherswitwe in Velettri wre, die einige Wein-
und Obstgrten daselbst besa, in denen sie zufllig Caguenecs
Bekanntschaft gemacht und er ihr den Antrag gestellt, sie als seine
Geliebte zu unterhalten, worin ihre Mutter auch eingewilligt, da er viel
versprochen habe und ihre Umstnde nicht die glnzendsten seien; bis
jetzt aber habe er von den Versprechungen keine gehalten, auer Nahrung
und Wohnung habe sie noch nichts von ihm bekommen und ihm doch ihre
Jungfrauschaft gebracht, dazu sei er noch obendrein sehr oft _imbriaco_,
da htte sie denn ihre liebe Not mit ihm, sie habe sich schon die
unsglichste Mhe gegeben, ihm diese Snde abzugewhnen, aber
vergeblich, fters komme er in einem solchen Zustand heim, da er sich
ganz angekleidet auf das Bett fallen lasse und ohne sich zu rhren bis
zum anderen Morgen schlafe.

Die naive Einfalt, mit der mir Regina diese Erzhlung machte, brachte
mich zum Lachen. Ich nahm sie in meinen Arm, kte sie und sagte zu ihr,
es sei gewi recht fatal, da der Mann einen so festen Schlaf habe. --
Freilich, erwiderte sie, und das Fatalste ist, da ich dabei nicht
einschlafen kann. -- Du mut dich dafr rchen und entschdigen,
versetzte ich ihr, sie auf meinen Scho ziehend. -- Ei, das mchte ich
wohl, wenn ich nur Gelegenheit dazu htte. -- Oh, die soll sich leicht
finden, meinte ich, kte das schon glhend werdende Mdchen recht
innig, verriegelte die Stubentr und zog sie in mein anstoendes
Schlafgemach. -- Nach einer halben Stunde verlieen wir dasselbe wieder,
und um bei Caguenec allen Verdacht zu vermeiden, schwang ich mich auf
mein Pferd und ritt zum Tor hinaus, der Landstrae nach Rom zu, wo ich
die beiden Schlfer noch an Ascanius' Mausoleum schnarchend fand, sie
mit einem lauten Hallo aufweckte und ihnen verkndete, da ich nach Rom
reite, dem Caguenec lachend zurufend: Du bist mir ein sauberer Held,
deine Regina sitzt bei mir verlassen und seufzt und langweilt sich.

Himmelsapperment, schrie Caguenec, sich die Augen reibend, ich habe
ganz vergessen, da ich die Hexe bei mir habe; hre, du wirst mir doch
keine Streiche gemacht haben, sonst knntest du mir leicht vor die
Klinge mssen.

Wo denkst du hin, ich habe mehr zu tun, als mich um deine Geliebte zu
bekmmern.

Wenn auch, ich kenne dich, du bist mir ein sauberer Zeisig.

Ich sprengte indessen mit einem: Albernes Zeug! davon, suchte in Rom
die Vernetti auf, bei der ich ber Mittag blieb und sie dann gegen Abend
in einem Wagen mit nach Albano nahm, damit sie der vom Impressario
versprochenen Extravorstellung beiwohnen knnte. Das war sie in jedem
Betracht, ich hatte noch nie so etwas gesehen. In einer Art Scheune war
eine Erhhung von einigen Holzblcken und Brettern gemacht und mit alten
Lumpen behangen, deren Farbe der beste Chemiker nicht mehr htte
ausfindig machen knnen; einige abgerissene und davor gestellte
Baumzweige sollten einen Wald vorstellen. Und nun erst die Schauspieler!
Die Briganten in Kalabrien waren noch wie Frsten im Vergleich mit
diesen gekleidet. Das rgste waren aber die rot- und schwarzbrtigen
Aktricen und deren Kostme, schmutzige Tcher auf Poissardenart um die
Kpfe gewunden, Unterrcke um die Hften hngend, welche hinten und vorn
so groe Lcher hatten, da man einen Kopf durchstecken konnte.
Zerrissene Hemdrmel und ein ber das Hemd und den bloen Hals
geworfenes lumpiges Tuch vervollstndigten das Erbrmliche ihrer
Garderobe; diese vom Galgen gefallenen Burschen machten die zrtlichen
Liebhaberinnen. In den ersten Reihen des Publikums saen Caguenec und
seine Geliebte, die Vernetti, ich, Felix, ein paar Lieferanten und so
weiter und dann noch einige zwanzig andere Zuschauer, Einwohner aus
Albano, aber kein einziges weibliches Wesen auer den beiden
angefhrten. Der Herr Impressario hatte sich verrechnet, die Leute in
Albano waren zu devot, um eine Sonntagskomdie zu besuchen. Um den Saal,
eine Art Stall, zu fllen, lie ich smtlicher Mannschaft und den
Unteroffizieren der Kompagnie, die nicht im Dienst waren, Gratisbilletts
geben, fr die ich zwei Scudi bezahlte. Nicht leicht wieder wird sich
eine solche Knstlergesellschaft und ein solches Publikum
zusammenfinden, und dennoch amsierte ich mich, wenigstens eine
Zeitlang, kniglich, denn die Geberden, Grimassen, Deklamationen,
Zrtlichkeiten und das Herumvagieren der Schauspieler mit Hnden und
Fen war ber alle Maen komisch-heroisch und possierlich; Blicke
warfen sie um sich, welche auch Steine zum Erbarmen, zum Schaudern und
zum Lachen htte bringen knnen. Das Sujet des Stcks war schwer zu
erraten, Mord und Raub aber der Hauptinhalt. Wir blieben bis zur Hlfte
der Vorstellung, nahmen dann eine Cena ein, und Caguenec mit seiner
Dulcinea blieben ber Nacht bei mir, an Zimmern und Betten fehlte es mir
ja nicht, ich htte noch ein paar Dutzend solcher Paare beherbergen
knnen. Am anderen Morgen empfahlen sich meine Gste, nachdem sie noch
gehrig gefrhstckt hatten, und gegen Abend brachte auch ich meine
junge Witwe wieder in ihre Wohnung zurck.

Drei Tage nach dieser Vorstellung, als ich eben im Begriff war, meinen
gewohnten Ritt nach Rom zu machen, fuhr eine Postchaise an meiner
Wohnung vor, aus der mein Bataillonschef Dret und sein Adjutant-Major
sprangen, die zu mir heraufstrmten. Ersterer begrte mich mit den
Worten: _Voil une belle affaire, que diable avez-vous fait?_ Er zog
dabei einen Bericht aus der Tasche, der den Vorgang bei dem Kardinal mit
den grellsten Farben aufgetragen enthielt und in dem zugleich von seiten
der ppstlichen Regierung auf die strengste Untersuchung und Bestrafung
angetragen wurde. Ich erzhlte Dret den Zusammenhang der ganzen
Geschichte, der dann ausrief: Das wird eine saubere Sauce werden,
_toujours ce diable de Caguenec_, aber ber Sie wird das ganze Wetter
kommen, denn Sie sind hier Kommandant; der kommandierende General in
Civita-Vecchia ist sehr aufgebracht, und ich habe sogar den Auftrag von
ihm, nach Befinden der Umstnde Ihnen sogleich _arrts forcs_ zu geben.
Ich will indessen mein Mglichstes tun, diese unangenehme Sache so
glimpflich, als es tunlich, zu beseitigen, aber ganz mit heiler Haut
werden Sie nicht davonkommen. Nachdem er ein Frhstck genommen, fuhr
Dret nach Velettri ab, um auch den Caguenec zu verhren, setzte dann
seine Inspektionsreise nach Biberno, Porto d'Anzio und so weiter fort
und kehrte nach Beendigung derselben nach Civita-Vecchia zurck.

Indessen war mir diese Sache nicht gleichgltig, ich teilte den Vorfall
der Cesarini mit, die mir den Rat gab, dem Kardinal einen Besuch zu
machen und mich bei ihm zu entschuldigen. Hierzu konnte ich mich aber
nicht entschlieen, und whrend ich so zwischen dem, was ich zu tun und
zu lassen htte, schwankte, kam eines Morgens der Kapitn Stahl an und
verkndete mir, da er die Order habe, mich abzulsen, indem ich zum
dritten Bataillon, das noch in Genua lag, versetzt sei, und Dret
schrieb mir dazu, ich knne Gott und ihm danken, da die Sache so
gelinde abgelaufen sei, der General habe anfangs durchaus auf einem
Kriegsgericht bestanden, und nur mit groer Mhe habe man ihn davon
abgebracht. -- So unangenehm mir auch diese Versetzung war, so wurde ich
denn doch jetzt von aller peinlichen Ungewiheit befreit, die mich seit
acht Tagen qulte. Ich erhielt meine Marschroute mit der Order, mich
sogleich an meinen neuen Bestimmungsort zu verfgen. Hier blieb nichts
brig, als zu gehorchen. Nicht ohne Wehmut nahm ich von all meinen
Bekannten und den Familien in Rom, in deren Husern ich so manche
Freude, soviel Annehmlichkeiten genossen und mit so liebenswrdiger
Liberalitt aufgenommen worden war, Abschied. Torlonia, dem ich die
Ursache meiner Versetzung gesagt, antwortete, da, wenn ich ihm den
Vorfall gleich mitgeteilt, er die Sache gewi ausgeglichen haben wrde
und es dann zu keiner Klage gekommen wre. Aber wer sich meine Abreise
am meisten zu Herzen nahm, war die Cesarini, trotzdem ich sie in der
letzten Zeit so ziemlich gleichgltig behandelt oder doch sehr
vernachlssigt hatte. Sie wollte sich anfnglich gar nicht darein finden
und entwarf allerlei Plne, mich nach Genua zu begleiten, daselbst zu
wohnen und so weiter. Ich hatte groe Mhe, ihr die Unausfhrbarkeit
eines solchen Vorhabens begreiflich zu machen, und um sie einigermaen
zu beschwichtigen, beschlo ich, noch acht bis zehn Tage inkognito in
Rom zu bleiben und dann, statt mich an die Marschroute zu halten, mit
Extrapost nach Genua zu reisen, wodurch ich beinahe einen ganzen Monat
Zeit gewann. Dies schien sie etwas zu beruhigen, aber nun machte sie mir
eine Erffnung, die mich nicht wenig berraschte. Sie gestand mir
nmlich, da sie in der Hoffnung sei und da sie, seit sie mich kenne
und schon vorher, durchaus keinen vertrauten Umgang mit ihrem Gatten
mehr gehabt habe, daher nicht wisse, was dies noch fr Folgen nach sich
ziehen knne; sie mache sich indessen gerade deshalb keine groen
Sorgen, denn der Herzog halte sich ja auch Mtressen und bekmmere sich
gar nicht um sie, auch knne sie es wohl veranstalten, ihre Niederkunft
geheim zu halten. Ich verkaufte jetzt mein Pferd, schaffte mir dafr
eine schon gebrauchte Kalesche an, indem ich einen Wagen, den mir
Gertrude zum Geschenk machen wollte, ausschlug, und brachte die wenigen
Tage, die ich noch in Rom war, fast ausschlielich in ihrer Gesellschaft
zu. -- Noch hatte ich die Trajanssule nicht bestiegen, und als ich
diesen Wunsch uerte, versetzte sie: Das knnen wir ja noch zusammen
tun. Bei der Ausfhrung dieses Planes fiel mir Madame Gasqui und die
Antoninsule ein, bei deren Besteigen ich die erste Veranlassung zu
einer intimeren Bekanntschaft mit ihr gehabt. Als wir kaum oben waren,
sah mich meine Begleiterin pltzlich mit einem grellen Blick an und
sprach: Wie, wenn ich mich da hinabstrzte, dann htten auf einmal alle
Sorgen und alle Pein ein Ende. -- Sind Sie toll, fiel ich ihr ins
Wort und fate sie schnell am Arm, sie sah mich aber nur lachend an und
sagte: Habe keine Angst, so weit ist es noch nicht, wenigstens mtest
du dich mit mir hinabstrzen wollen. -- Dazu spre ich noch keine
Lust, erwiderte ich ihr, es wre ein dummer und nicht einmal gewisser
Tod, ich will doch zehnmal lieber durch eine Kugel fallen. Ich umfate
und kte sie und machte, da wir bald wieder hinabkamen.

Am Abend vor meiner Abreise fand sich Gertrude zum letztenmal bei mir
ein und brachte die Nacht bis zwei Uhr morgens mit mir zu, mir zum
ewigen Andenken eine ber vier Schuh lange Locke von ihrem schnen Haar
und einen goldenen Ring gebend, auf dem das Kolosseum, wo wir so manche
trauliche Stunde zugebracht hatten, in Mosaikarbeit abgebildet war;
andere prchtigere Geschenke hatte ich mir durchaus verbeten. Ich fhrte
sie endlich in ihre Wohnung zurck, wo ich ihr den letzten langen
Abschiedsku in ihrem Schlafgemach gab und sie in Trnen gebadet
verlie. -- Ihre letzten Worte waren: _Non dimenticarmi!_ Ich
erwiderte, da ich hoffe, sie bald wiederzusehen. Ich hatte ihr
versprochen, mein Mglichstes zu tun, um wieder meine Versetzung zum
ersten, im Kirchenstaat liegenden Bataillon zu bewirken, was ich mir
auch vornahm.

Um vier Uhr morgens hatte ich die Pferde bestellt, als aber der Wagen
vorfuhr, sah ich statt der alten Kalesche, die ich gekauft, einen ganz
eleganten modernen Reisewagen, und als ich meinen Burschen fragte, was
dies zu bedeuten habe, gestand mir derselbe, da diese Verwechslung
gestern nachmittag auf die dringende Bitte einer Dame geschehen sei, die
ihm zu gleicher Zeit ein Geschenk von zehn Zechinen gemacht und ihm
dabei gesagt habe, der Wagen komme aus so lieben Hnden, da er seinem
Herrn die grte Freude, die man ihm heimlich zu machen wnsche,
verursachen wrde. Zugleich stellte mir der Bursche noch ein
Schlsselchen zu, das zu einem Wagenkistchen gehre, was auerdem noch
versiegelt war. Hier blieb nichts brig, als mich des Geschenks zu
bedienen, von dem ich wohl denken konnte, wo es herkam. Der Koffer war
gepackt, die Pferde angespannt, meine Kalesche fort, und ohne die
splendide Geberin zu beleidigen und tief zu krnken, konnte ich das
Geschenk nicht wohl zurckschicken. Ich stieg in den Wagen, befahl dem
Postillon, im starken Trabe davon- und zur Porta Popolo hinauszufahren
und warf mich, tief in meinen Mantel gehllt, in den Hintergrund des
Wagens, ber die seltsamen Wege des Schicksals meditierend, Rom mit
Bedauern verlassend, ohne mich noch einmal nach der ewigen Stadt
umzusehen, in der ich so viele Freuden genossen, deren Erinnerungen ich
nun an meiner Phantasie vorbergehen lie.




                                  IV.

     Reise ber Florenz nach Genua. -- Ankunft zu Florenz. -- Eine
    berraschung. -- Ein Abenteuer. -- Die Kathedrale San Maria del
    Fiore. -- Die mysterisen Schnen. -- Lady Mary. -- Das Arnotal.
       -- Die schnen Strohflechterinnen. -- Abreise nach Genua.


Da ich als Partikulier und nicht als Militr, das heit, wenigstens
nicht nach meiner Marschroute reiste, die mir volle fnfunddreiig Tage
bis zu meiner Ankunft in Genua gestattete, so hatte ich beschlossen,
meinen Weg ber Florenz zu nehmen.

In Siena verweilte ich einen Tag, um mich auszuruhen, und fuhr mit
einbrechender Nacht nach Florenz ab, wo ich noch lange vor Tag ankam und
Mhe hatte, das dienende Personal eines Gasthofs aus dem Schlaf zu
wecken, um mir ein Zimmer anweisen und eine erquickende Schokolade
bereiten zu lassen. Letzteres versteht man nirgends so gut als in
Italien. Ich hatte mir vorgenommen, vierzehn Tage bis drei Wochen in
Toscanas schner Hauptstadt zuzubringen, da ich durch mein schnelles
Reisen diese Zeit vollkommen wieder einbringen und jedenfalls zu dem auf
der Marschroute bezeichneten Zeitpunkt in Genua eintreffen konnte.
Nachdem ich ein paar goldene Morgenstunden verschlafen, lie ich meinen
Koffer und auch das verschlossene und versiegelte Wagenkistchen auf mein
Zimmer bringen, das zu ffnen ich bis jetzt noch keine Mue gefunden
hatte, da die Sehenswrdigkeiten Sienas alle meine Zeit daselbst in
Anspruch nahmen. Ich entsiegelte und schlo das Kstchen auf und war vor
Verwunderung starr, als ich es mit der feinsten Battistwsche,
gestickten Taschentchern und Hemden angefllt fand. Oben lag ein in
rosenfarbiges Seidenpapier gewickeltes Portefeuille von blauem Samt, auf
dem mit Perlen Gertrudens Namenszug von einem Blumenkranz umgeben
gestickt war. Als ich dasselbe ffnete, fiel mir ein auf Velinpapier mit
Goldrand geschriebenes Briefchen in die Hand, das mit einer
Brillantnadel, mit einem von Rubinen umfaten prchtigen Solitr,
zugesteckt war. Ich nahm die Nadel herunter, entfaltete es und las:

   >Carissimo Fernando!

   Nimm dies kleine Geschenk als ein Andenken von mir und der
   unvergelich seligen Stunden, die ich mit Dir zubrachte, gtig auf;
   wohin Dich auch immer die Verhltnisse und des Schicksals Wege
   fhren mgen, gedenke Deiner Dich so innig liebenden Freundin in
   Rom. Sie hat erst zu lieben begonnen, als sie Dich kennen lernte,
   vergi sie nicht, dies wrde sie unglcklich machen, gieb mir
   wenigstens einmal jeden Monat Nachricht, die Du mir durch die mit
   Dir verabredete Adresse zukommen lassen kannst. Deine Briefe werden
   mir mindestens ein Schattentrost sein. Deine Abwesenheit macht mein
   Leben zur Einsamkeit und es wird traurig genug dahinflieen, nur
   Nachrichten von Dir knnen mir einige heitere Augenblicke gewhren.
   Lebe wohl, sei glcklich und vergi nimmer Deine Dich bis zum
   letzten Atemzug liebende Gertrud.<

Schreiben an zurckgelassene Geliebte war meine Sache sonst nicht; aber
hier mute ich doch eine Ausnahme machen, antwortete ihr sogleich und
meldete ihr meine glckliche Ankunft in Florenz. Whrend ich schrieb,
packte mein Bedienter das Kistchen aus, pltzlich rief er: Ach, sehen
Sie doch, Herr Leutnant, was da fr ein schnes Kstchen ist, ich
drehte mich um und erblickte eine wunderschn gearbeitete Schatulle von
Ebenholz mit Perlmutter und Silber ausgelegt, an der ein goldenes
Schlsselchen an einem himmelblauen Bande herabhing. Wie schwer es
ist, sagte der Bursche, mir es darreichend, ich ffnete es und fand zu
meiner nicht geringen Verwunderung das sehr wohlgetroffene Portrt der
Principessa Cesarini in Miniatur gemalt und mit Rosetten eingefat; aber
noch weit mehr erstaunte ich, als ich unter demselben zehn Rollen, jede
mit einhundert Zechinen vorfand. Dies war zuviel, wenigstens das Gold
htte sich nicht vorfinden sollen, auch ein Zettelchen lag in der
Schatulle, auf dem geschrieben stand: >Nicht wahr, lieber Fernando, Du
zrnest mir nicht, da ich mich unterfing, Dir einen Pfennig fr die Not
beizulegen, und wenn Du zrnest, so sieh mich nur an (mein Portrt), und
ich bin eitel genug zu glauben, da Dir dann aller Unwille vergehen
wird.< In der Tat war das Bild so lieblich lchelnd und so sprechend
hnlich gemalt, die Zge dem reizenden Original so bezaubernd gleich,
da ich es einigemal kte, und mir zum erstenmal der Gedanke kam: wie
ist es mglich, da man auch gegen solche Reize gleichgltig werden
kann, und mit der Natur schmlte, da sie mich mit einem so
vernderlichen Herzen geschaffen hatte; denn was kann am Ende der Mensch
fr sein Temperament, fr seine Leidenschaften, fr seine Art zu fhlen
und zu empfinden; nicht mehr als der Bucklige fr seinen Hcker, der
Krumme fr seinen Wuchs, er kann sich ebensowenig von seinen moralischen
Auswchsen befreien wie dieser von seinen physischen.

Nachdem ich von meiner berraschung zurckgekommen, nahm ich mir vor,
dieses mir mit so unendlicher Liebe zugetane Wesen nicht zu dem groen
Haufen zu werfen, und beinahe machte ich mir ber die zu Rom und Albano
gegen sie begangene Untreue und Vernachlssigung Vorwrfe. Whrend ich
solchen Gedanken Raum gab und im Vornehmen und Vorwerfen begriffen war,
hrte ich pltzlich die Akkorde auf einem sehr wohlklingenden Pianoforte
anschlagen, und bald darauf die Romanze >_Solitario bosco ombroso_<
durch ein liebliches Silberstimmchen aber mit fremdem Akzent vortragen,
deren Refrain >_per trovar qualche risposo, nel silenzio nel orror_< mit
ganz besonderem Ausdruck gesungen wurde.

Dieser Gesang, der mich, sowie jede Musik in der frhen Morgenstunde, in
eine ganz eigene Stimmung versetzte, brachte mich schnell wieder auf
andere Gedanken, ich verga Bild und Schreiben und lauschte nur auf die
Silbertne, die aus einem in meiner Nhe befindlichen Gemach zu kommen
schienen. Ich erkundigte mich bei einem Aufwrter nach der singenden
Dame und erfuhr von demselben, da es die junge Gattin eines vornehmen
Englnders sei, die mit ihrer Schwgerin die anstoenden Gemcher
bewohne und deren Mann sich dermalen in Paris befnde, um daselbst die
Erlaubnis zu seiner Rckkehr nach England auszuwirken, da alle
Englnder, die sich auf dem europischen Festlande befanden, so weit der
napoleonische Einflu reichte, Kontinentalarrest hatten.

_E bella?_ fragte ich den Cameriere. _Bellissima ed assai giovine._
-- Und ihre Umgebung? -- Die beiden Ladys haben nur zwei Kammerfrauen
und einen Bedienten um sich, fahren jeden Tag spazieren, gehen aber zu
niemand und empfangen auch keine Gesellschaft. -- Besuchen sie auch
keine Kirchen? -- O ja, alle, aber nur um die Bilder zu sehen, denn es
sind unglckliche Ketzerinnen. -- Gut, bestellen Sie mir jetzt den
berhmten Haarkrusler der Stadt, ich will mir die Haare schneiden
lassen. Mit einem: >_Illustrissimo sara servito_< empfahl sich der
Cameriere, und sobald ich allein war, trillerte ich: >_God save the
King_< und >_Rule Britannia_<, die einzigen englischen Lieder, die mir
bekannt waren und die ich auswendig wute. Man hatte mich gehrt, denn
die Zofen streckten ihre niedlichen Kpfe aus der Tr im Korridor, um zu
erforschen, wer wohl hier englische Nationalgesnge anstimme. Bald
darauf vernahm ich auch, wie man sich bei einem Aufwrter nach dem
Fremden erkundigte, der nebenan logiere und englisch singe. -- _Non
so_, lautete die Antwort, aber ich werde es bald wissen und Ihnen dann
mitteilen. Ein paar Minuten darauf kam der _primo_ Cameriere zu mir,
mich nach Stand, Herkommen, Reiseabsicht und so weiter im Namen einer
hochlblichen Polizei inquirierend. Lchelnd befriedigte ich den
neugierigen Burschen, wissend, welche Polizei ihn abgeschickt. _Ah
Mosiou est Oufficier franais?_ versetzte er sich verneigend, und mit
einem >_Umilissimo servo_< komplimentierte sich der dienstbare Geist
wieder zum Zimmer hinaus, um die Neugierde der Zofe und durch diese die
ihrer Herrschaft zu befriedigen. Ich packte nun die erhaltenen Geschenke
wieder sorgfltig ein, worauf der bestellte Signor Peruchiere erschien,
mich frisierte oder vielmehr nur durchkmmte, die Spitzen der Haare
abschneidend, und mich fr eine ihm gespendete Zechine vollkommen mit
den Verhltnissen der schnen Welt von Florenz bekannt machte. Ich warf
mich sodann in _grande tenue_, um die Sehenswrdigkeiten der schnen
Stadt aufzusuchen, ging jedoch noch vorher drei bis viermal aus meinem
Zimmer auf den Korridor, bis an die Treppe und wieder zurck, indem ich
tat, als htte ich etwas vergessen, und jedesmal hatte ich das Glck,
einem der englischen Kammermdchen zu begegnen, die ich mit einer
freundlichen Verbeugung grte und von denen ich eben so freundlich
wieder gegrt wurde.

Gegen einundzwanzig Uhr in mein Hotel zurckgekommen, lie ich mir auf
meinem Zimmer ein Pranzo servieren, das sehr splendid aufgetragen wurde,
denn man stellte mir wenigstens ein paar Dutzend Platten vor, von denen
ich kaum vier berhrte, aber destomehr lie sich mein Bursche die
anderen schmecken, wogegen ich nichts hatte; denn bezahlen mute ich sie
doch, da sie aufgetragen waren, verbat mir aber in Zukunft einen so
reichlichen Service.

Kaum hatte ich den letzten Bissen im Mund, so eilte ich wieder fort, die
Promenaden aufzusuchen, auf denen sich die schne Welt von Florenz und
namentlich die schnen Florentinerinnen zeigen. Ein paar Tage nach
meiner Ankunft verfolgte ich zwei schlanke, tief verschleierte weibliche
Gestalten, denen ich gegen abend auf der Brcke _della Trinit_ begegnet
war, in einiger Entfernung; sie schienen es bald bemerkt zu haben und
eilten lngs dem Quai hinab, gingen ber Ponte Vecchio wieder ber den
Arno, an dem Palast Pitti vorber, ber die Piazza San Spirito, dann
wieder einige Straen zurck und machten so fortwhrend vergebliche
Gnge hin und her. Es leuchtete mir ein, da sie mir zu entgehen und zu
verhindern suchten, da ich in Erfahrung bringe, wo sie sich hinbegeben
wrden; aber dadurch wurde meine Neugierde nur noch weit mehr angeregt,
ich folgte ihnen jetzt fast auf dem Fu nach und betrat beinahe zu
gleicher Zeit wie sie die Grten des Palastes Pitti, in die sie endlich
ihre Schritte lenkten. Hier suchten sie die einsamsten Gnge hinter den
dichtesten Gebschen auf, wohin ich ihnen immer nachging. Als sie unter
den schwarzgrauen Mauern der Fortezza angekommen waren, welche diese
Grten auf der einen Seite begrenzen, die sich dort recht pittoresk an
Alleen und Bosketten hinziehen, wandten sich die beiden Damen pltzlich
um, und die eine fragte mich: _ma che cosa ci volete, Signoro_?

Nichts als Ihre Reize bewundern.

_Ah  un forestiero_, sagte die, die mich angeredet zur anderen, nun
waren beide pltzlich freundlich und gestanden mir, da sie mich fr
einen _Spia_ gehalten, den man ihnen nachgeschickt, um ihnen
aufzupassen.

Aber, meine Damen, sehen Sie mich doch recht an, habe ich denn die
Miene eines Spions?

Das nicht, mein Herr, versetzte die eine etwas verlegen, aber wir
konnten Sie ja auch nicht recht ansehen, brigens, setzte sie lchelnd
hinzu: sehen Sie doch aus wie ein Schalk, dem nicht so ganz zu trauen
ist.

Ich ein Spion, wo denken Sie hin? Ich spioniere hchstens nach den
Reizen der schnen Damen, und in diesem Sinne mgen Sie recht haben.

Ich begleitete nun die beiden Signoras mit ihrer Erlaubnis an die
anmutigsten Orte des Gartens Boboli und hatte bald von ihnen
herausgebracht, da die eine die unterhaltene Geliebte eines Principe
und die Tochter eines untergeordneten Beamten sei, die andere, ihre
Freundin, ebenfalls von einem reichen Edelmann ihre Subsistenz habe;
indessen schien es, da sie auch noch andere Liebhaber nebenbei hatten,
beide wollten jedoch nicht recht mit der Sprache heraus. Nachdem ich
etwa eine Stunde mit ihnen herumspaziert war, fanden sie, da es jetzt
Zeit sei, sich nach Haus zu begeben; auf meine Frage, ob ich nicht das
Vergngen haben knne, sie heim zu begleiten, antworteten sie mit einem
_impossibile_, und die eine fgte hinzu: wir werden zu sehr beobachtet
und wohnen an der Piazza _di Santa croce_. Sie redeten noch leise
miteinander, und die hbscheste sagte endlich: Da Sie ein so artiger
Kavalier zu sein scheinen und, wie Sie sagen, Ihnen soviel daran liegt,
unsere nhere Bekanntschaft zu machen, so will ich Ihnen ein Mittel
angeben, wie Sie diesen Abend in unserer Gesellschaft zubringen knnen.
Begeben Sie sich, sobald es Nacht ist, in den Dom, dort sollen Sie uns
treffen, und von da knnen Sie uns in einer kleinen Entfernung folgen,
Sie mssen uns aber versprechen, uns jetzt zu verlassen, sonst sehen Sie
uns nicht wieder. Ich ging diesen Vertrag ein, bat mir aber ein
Unterpfand aus, die eine zog einen kleinen Ring vom Zeigefinger, den sie
mir darreichte, indem sie sagte: Hier, Signore, blickte mich jedoch
dabei ein wenig mitrauisch an. Beide entfernten sich jetzt eilig. Meine
Neugierde war zu gro, als da ich mein Versprechen so unbedingt htte
halten knnen, ich versuchte doch zu erforschen, wohin sie sich begeben
wrden, um zu erfahren, ob sie mir die Wahrheit gesagt. Ich hatte sie
bis beinahe an den Ausgang des Gartens begleitet, dann aber verfolgte
ich sie mit den Augen, und sah, da sie wieder den Weg nach dem Ponte
Vecchio einschlugen. Ich eilte schnell auf der anderen Seite des
Palastes Pitti vorber, sah sie dann ber diese Brcke gehen, und
beauftragte einen Jungen, der sich mir gerade darbot, und dem ich ein
gutes Trinkgeld versprach, den Damen unbemerkt nachzuschleichen und mir
zu rapportieren, in welches Haus sie gegangen seien, ich aber wollte
seine Rckkunft auf der Brcke della Trinit abwarten. Es dauerte nur
wenige Minuten, so kam derselbe zurck und berichtete mir, da er die
Signoras aus dem Gesicht verloren htte, als sie um eine Straenecke
gegangen seien, da er ihnen aber ziemlich nahe gewesen, so mten sie
notwendigerweise in ein Haus dieser Strae getreten sein, aber in
welches, habe er nicht ermitteln knnen. Ich fand den Schlu des dummen
Jungen zwar logisch, aber keineswegs fr mich gengend, gab ihm
verdrielich die versprochene Belohnung, und hie ihn sich trollen. Dem
Abenteuer weiter nachzugehen und mich in den Dom zu begeben, wrde ich
jetzt unterlassen haben, htte ich nicht den Ring gehabt, den ich doch
restituieren mute.

Die Nacht kam endlich heran, ich machte mich, bevor sie vllig eintrat,
auf den Weg nach dem Dom, in dem ich vergeblich eine ganze Stunde auf
meine Schnen wartete und unterdessen die Sehenswrdigkeiten desselben,
soweit es eine, obschon sprliche Beleuchtung zulie, betrachtete.
Bewunderung verdient die achteckige Kuppel dieses Gebudes, von der
selbst Michel Angelo sagte: da wenn es auch nicht unmglich sei, dieses
Baukunststck nachzumachen, es doch eine Unmglichkeit wre, dasselbe zu
bertreffen.

Bald fing ich an die Geduld zu verlieren, als ich die erwarteten Schnen
noch immer nicht kommen sah, machte einigemal die Ronde auerhalb der
Kirche, die auf einem groen Platz liegt, so da man sie von allen
Seiten gehrig sehen und den Prachtbau bewundern kann, und staunte den
hohen, mit schwarzem, rotem und weiem Marmor bekleideten, sich in der
nebligen Dmmerung majesttisch emporhebenden Glockenturm an; er wurde
nach der Zeichnung des berhmten Giotto erbaut, der vom Ackerpflug weg
in die Werksttte des Cimabus trat, bald seinen Lehrer und Meister weit
hinter sich lassend, durch sein Talent sich die Freundschaft Dantes und
Petrarchs in hohem Grade erwarb und mit Reichtmern und Ehren beladen
starb.

Noch einmal ging ich in die Kirche mit dem Vorsatz, wenn jetzt die Damen
nicht erschienen, mich weg und in das Theater zu begeben. Als ich
eintrat, erblickte ich zwei schwarz gekleidete Frauen mit
zurckgeschlagenen Schleiern in einer Seitenkapelle knieend; ich umging
sie und erkannte meine Erwarteten. Als sie mich erblickten, warf mir die
eine eine Occhiata zu, bald darauf erhoben sie sich und flsterten, an
mir vorbergehend, die Worte: _Ora venite._ Ich befolgte dies sogleich
und begann die Unterhaltung noch in der Kirche. Das Weihwasser nehmend,
standen sie still, die eine sah mich nochmals mit forschendem Blick an,
und sagte dann: Drfen wir Ihnen auch gewi trauen? -- Meine Signora,
ich bin franzsischer Offizier. -- Die andere fiel nun ein: Ich traue
ihm, komm, la uns gehen. -- Wir verlieen den Dom, die Damen fhrten
mich durch eine Menge kleiner und schmaler Winkelgassen, so da ich bald
alle Richtung verloren hatte und ich nicht mehr wute, in welchem
Stadtteil ich mich befand. -- Jetzt erst kam mir der Gedanke, ob auch
ich ihnen wohl trauen drfe, in den Sinn; ich hatte indessen meine
geladenen Terzerolen bei mir, und dachte: Mit diesen magst du es schon
wagen. Endlich kamen wir bei einem ziemlich groen Gebude an, an
welchem die eine Signora eine kleine Seitentr mit einem Schlssel
ffnete, wir schritten durch einen schmalen langen Gang wieder an ein
Pfrtchen, das in einen Garten fhrte, wo wir durch Gebsche und Irrwege
endlich in eine Allee gelangten, an deren Ende sich ein kleiner Pavillon
befand, den man auftat, ohne zu leuchten, so da wir fortwhrend im
Dunkeln tappten. Ich fragte nun nach Licht, man antwortete mir aber,
dies sei unntig. Ich fing doch an die Mglichkeit eines Fallstricks zu
denken, und da ich wohl in eine Trappoleria (Mausefalle) geraten sein
knne. Auf meine wiederholte Bitte um Licht, wurde mir: _Si fa l'amore
senza lumen_, setzen Sie sich, zugleich zog mich ein zartes Hndchen
auf ein Sofa nieder. Ich hatte einen Beutel ziemlich mit Gold gefllt
bei mir, der wohl die Raubsucht eines Banditen lstern machen konnte,
doch das konnten die Signoras nicht wissen; indessen wollte ich mich
vorsehen, wenn ich wirklich in eine solche Mordhhle gefallen sei, und
nahm ein Terzerol in die rechte Hand, um auf alle Flle gefat zu sein.
Zufllig betastete die unsichtbare Dame das Instrument und rief, mich
fahren lassend, mit einem Schrei des Entsetzens aus: _Cosa  questo?_
-- Die Angst, mit welcher ihr diese Worte entfuhren, sowie da die
andere Stimme ganz leise mit einem: _ma per l'amor di dio cosa avete_
einfiel, schien mir jedoch zu sagen, da mein Verdacht unbegrndet sei,
und ich erwiderte nun ebenso leise ein: _niente, Signore_, seien Sie
ruhig, und gestand den Damen dann offen, da, weil sie Licht verweigert
htten, ich mich eines Verdachts nicht habe erwehren knnen. Sie
erklrten mir nun, da sie kein Licht anznden wollten, damit niemand
wisse, da Leute im Pavillon seien und sie nicht verraten werden
knnten. So beiderseits beruhigt, berlieen wir uns anderen Gefhlen,
als denen der Furcht und des Argwohns, und ich fand bald, da im Dunkeln
ganz gut munkeln sei, denn auch im Finstern wute ich die Rosalippen und
die verborgenen Reize meiner Schnen zu finden, die ich abwechselnd an
den Busen drckte, ohne die Eifersucht gegen die andere rege zu machen,
da sie sich im Gegenteil gegenseitig animierten, meine Gunstbezeigungen
zu teilen. Endlich aber waren wir alle drei so ziemlich schachmatt, und
die Damen bemerkten mir, da es wohl _ora di partire_ sein mge, weil
nach zehn Uhr sich oft ihre Signori einfnden. Ich kte beide zum
Abschied, griff sodann in die Tasche und wollte ihnen einen Teil des bei
mir habenden Goldes einhndigen, aber man wies es nicht nur mit groem
Unwillen zurck, sondern sagte zrnend: Mein Herr, fr was halten Sie
uns? -- Fr sehr liebenswrdige Damen, wovon ich Ihnen soeben die
Beweise gegeben habe; nehmen Sie nur hin, es ist Gold. -- Nun wurden
sie noch zorniger, und die eine rief aus: Glauben Sie, da wir ...
sind? Sie haben sich sehr in uns geirrt, und wir htten nicht geglaubt,
da Sie fhig sein knnten, uns so zu beleidigen, sonst wrden wir Ihnen
sicher nicht erlaubt haben, mit uns zu gehen, wir bedrfen Ihres Goldes
nicht. -- Ich hatte alle Mhe, meine mysterisen Schnen zu
besnftigen, die mir nicht ohne Schwierigkeit das Wiederkommen am
nchsten Donnerstag, frher sei es unmglich, gestatten wollten. Ich
wurde denselben Weg, den ich gekommen war, und ebenso im Finstern
zurckgeleitet; hinter mir wurde das letzte Pfrtchen verschlossen und
verriegelt. Als ich mich auf offener Strae befand, suchte ich mich,
soviel es die Nacht erlaubte, zu orientieren und mir das Haus, das ich
noch soeben verlassen, und seine nchsten Umgebungen zu merken.
Einigemal ging ich auf und nieder und erkundigte mich bei mehreren
Vorbergehenden, wem dasselbe gehre, konnte aber keine gengende
Auskunft erhalten. Ich entfernte mich nun, mir die Strae bestens
merkend, sah noch ein paar Akte einer _Opera buffa_ und begab mich dann
in mein Hotel, wo ich bei offenem Fenster, den italienischen heiteren
Sternenhimmel betrachtend, die englischen Ladys musizieren hrte. Die
Damen sangen Kavatinen mit zwar englischem Akzent, aber auch mit
englischer Stimme. Mein Bedienter erzhlte mir whrend des Auskleidens,
da sich das Kammerktzchen abermals bei ihm sehr dringend nach mir
erkundigt habe, namentlich wo ich meine Zeit zubringe, wie lange ich
wohl noch hier bleibe, was eigentlich meine Geschfte hier seien und so
weiter, was er alles bestens und auf das Klgste beantwortet habe. Ich
legte mich zu Bett und schlief, whrend die englische Musik noch fort
dauerte, ermdet ein. Den anderen Morgen war mein erster Gang, die
Strae und das Haus aufzusuchen, in dem ich den Abend vorher in den
Armen einer zweifachen Liebe geschwelgt hatte; aber vergeblich war all
mein Forschen und alle meine Bemhungen fruchteten nichts, es war mir
unmglich, dieselben wiederzufinden, da ich versumt hatte, mich nach
dem Namen der Strae zu erkundigen, glaubend, da ich sie keinenfalls
fehlen knne, so da mir jetzt die ganze Begebenheit wie ein lebhafter
Traum erschien. Htte ich nicht den Ring noch am Finger gehabt, den ich
im Freudentaumel zurckzugeben vergessen hatte, so wrde ich am Ende
wirklich geglaubt haben, da das ganze Abenteuer nur ein Traum und ein
Spiel meiner Phantasie gewesen sei. Nachdem ich lange genug vergeblich
gesucht, nahm ich mir fest vor, das nchstemal -- die Damen hatten mir
wieder Rendezvous im Dom gegeben -- gewi dieses geheimnisvolle Haus so
gut zu bezeichnen, da es mir unmglich entgehen knne, und sollte ich
einen Ariadnischen Knuel dazu verwenden, dessen Faden man mir freilich
in der Nacht abschneiden und so den Rckweg in dieses Labyrinth
unmglich machen konnte. rgerlich ber meine wenige Vorsicht, ging ich
wieder in den Dom, dessen Schnheiten ich nochmals bewunderte, und
bestieg den Kampanile, mich an dem Anblick des zu meinen Fen liegenden
prchtigen Florenz und seiner reizenden Umgebung weidend.

Nachdem ich mich noch eine Zeitlang an dem Tag, an welchem ich das Haus
des vornchtlichen Abenteuers vergeblich aufgesucht, in den Straen der
Stadt herumgetrieben hatte, kehrte ich zum Mittagessen in mein Hotel
zurck und nahm es wieder auf meinem Zimmer ein, wobei ich unentgeltlich
das Vergngen einer Tafelmusik geno, mit der mich meine Nachbarinnen zu
erfreuen geruhten, und mein Bedienter rapportierte mir whrend
desselben, da man sich abermals nach mir erkundigt habe und da die
Damen diesen Abend das Theater Pergola, wo man eine _Opera seria_
auffhrte, besuchen wrden, was ihm das Kammerfrulein wohl zwei oder
dreimal wiederholt htte. So viele Aufmerksamkeit konnte nicht umhin,
endlich auch die meinige rege zu machen. Ich trug dem Burschen auf, sich
zu erkundigen, in welchen Palco die Damen wohl gingen und mir wo mglich
einen Platz in demselben zu verschaffen. Dies erfuhr er durch einen der
Kameriere, der mir auch den gewnschten Platz gab und einen Schlssel zu
dieser Loge einhndigte. Als ich in dieselbe, die sich im ersten Rang
befand, trat, hatten die beiden Damen schon in einer zwar einfachen,
aber doch sehr eleganten Toilette in derselben Platz genommen; ich
grte sie mit einer stummen Verbeugung, die mir ebenso stumm erwidert
wurde. Nach einer kleinen Pause wagte ich sie franzsisch anzureden, das
mir aber mit einem: _I don't understand_ erwidert wurde; dies war
schlimm, denn das Englische war mir nicht sehr gelufig, da ich nie viel
Gelegenheit gehabt hatte, mich in dieser Sprache praktisch zu ben.
Indessen wute ich mich dort nach und nach so ziemlich verstndlich zu
machen und brachte von den Damen heraus, da ihnen der gezwungene
Aufenthalt in Florenz zwar nicht unangenehm sei, sie sich aber doch
hufig sehr langweilten. Die Unterhaltung wurde von jetzt an belebter,
die Ladys verstanden auch einige Worte italienisch, und den Hauptstoff
mute die Vorstellung der Oper und des Ballets liefern, in denen eine
hbsche Cantatrice und eine noch schnere Ballerina, erstere als Zelina,
die andere als Psyche, wohl des Lorgnettierens wert waren. Die beiden
Englnderinnen besaen recht hbsche englische Gesichter, die, wenn sie
auch nicht das Ausdrucksvolle der Italienerinnen, noch das schelmische
Wesen der Franzsinnen, doch eine groe Lieblichkeit hatten. Schn war
wirklich Lady Mary, die Gattin eines Lords T..., die mit einem
junonischen Wuchs das verklrte Gesicht der skandinavischen Freya
verband; die andere Dame, ihre Schwester, eine halbblonde Englnderin,
Mi Betty, hatte zwar auch manche Liebeswrdigkeiten, stand jedoch der
Schwester weit nach. Mylady hatte die Gte, mir nach beendigtem
Schauspiel einen Platz in ihrem Wagen anzubieten, da wir ja doch unter
einem Dach wohnen, wie sie hinzusetzte, was ich dankbar annahm. Ich
leistete den Damen noch ber eine Stunde Gesellschaft auf ihren Zimmern,
wo man abwechselnd einige Romanzen sang und dann an den Balkon trat, den
nchtlichen Sternenhimmel Italiens zu bewundern. Auf einige Sospiri der
Lady Mary lie ich ein leises Hndedrcken und endlich einen
gehorsamsten Handku folgen, mir weitere Freiheiten herauszunehmen
gestattete mir die Anwesenheit der Schwester nicht. Die Damen machten
mich mit ihrem Vorhaben bekannt, nchsten Donnerstag eine Fahrt in das
Arnotal zu unternehmen, um dasselbe, sowie seine berhmten
Strohflechterinnen kennen zu lernen, und fragten mich, ob ich es schon
besucht habe. Auf mein Nein luden sie mich ein, ihr Begleiter zu sein,
was ich mit Vergngen annahm; sie sagten mir noch, da sie gerne fters
einen Spazierritt machen wrden, aber dieses Vergngen aus Mangel eines
Kavaliers oder passenden mnnlichen Begleiters entbehren mten; auch
hierzu bot ich mich ergebenst an, und ritt nun fast jeden Tag mit den
schnen Tchtern Britanniens in den herrlichen Umgebungen von Florenz
spazieren. Nachdem ich noch den Tee mit ihnen genommen und es lngst
Mitternacht vorber war, empfahl ich mich, beiden ehrerbietigst die Hand
kssend, und eingeladen, mich morgen wieder einzufinden. Als ich auf
meinem Zimmer war und noch lange kein Schlaf in meine Augen kam, fiel es
mir erst ein, da ich meinen Unbekannten versprochen, mich den
Donnerstag Abend wieder im Dom einzufinden, dachte es jedoch einrichten
zu knnen, da ich zur bestimmten Zeit von der Partie ins Arnotal zurck
sein wrde. Am nchsten Tage wartete ich gegen Mittag wieder auf,
frhstckte auf ihre Einladung auf echt englische Weise mit ihnen, und
ritt dann zwei Stunden mit den hbschen Ladys spazieren, die beide sehr
gute, grazise und anmutige Reiterinnen, zum Entzcken schn gewachsen
waren, und denen die Amazonenkleider und runden Federhtchen allerliebst
standen. Ich besuchte auch noch einige Kirchen und Grten mit ihnen und
fand in einem derselben Gelegenheit, die Lady zu versichern, da ich
durchaus nicht gleichgltig gegen ihre Reize sei; in einem Moment in
welchem die Schwester durch ein kleines Gebsch von uns getrennt war,
wagte ich es, ihre niedliche Hand fest an mein Herz zu drcken, und da
ich nur geringen Widerstand fand, ihre schlanke Taille mit meinem Arm zu
umfassen, sowie einen Ku auf ihren kleinen Mund zu drcken, der ihre
sonst blassen aber zarten Wangen pltzlich rtete. Jetzt rief uns die
Schwester zu: _But, where are you staying_, und als wir wieder zu ihr
kamen, bewies mir ihr Lcheln, da sie zwar nicht gesehen, doch geahnt,
was vorgefallen war, wenn es auch die noch gertete Wange der Lady nicht
verraten htte. _My sister is extremely happy_, fuhr sie nun lachend
fort, jemand gefunden zu haben, der sie in der Abwesenheit ihres etwas
hlzernen Gatten so gut zu unterhalten imstande ist. Denn der edle Lord,
schon beinahe ein fnfziger, ist ein recht langweilig trockener Ehemann,
der noch obendrein einen starken Spleen hat. Aus diesem und hnlichem
Gerede der Mi konnte ich entnehmen, da Lord T... ein echter
bockssteifer Englnder sein msse. Ich war nun fr den Rest des Tages
der unzertrennliche Begleiter der Damen, kte die Lady jetzt auch in
Gegenwart der Schwester, was diese nicht anzufechten und jene nicht zu
erschrecken schien, und bat um die Erlaubnis, auch in der Nacht mich bei
ihr einfinden zu drfen, was mir zwar nicht bewilligt, aber auch gerade
nicht verboten wurde; als ich sie hierauf ersuchte, doch ihre
Stubentren nicht verschlieen zu wollen, da spielte sie die Stumme, ich
versicherte sie indessen, da ich so leise auftreten wolle, da gewi
niemand mein Kommen hren solle. Die Mi schlief zwar in demselben
Zimmer, das neben der Wohnstube lag, aber nach ihrem Benehmen zu
urteilen, schien sie mir kein Hindernis mehr, sondern eher die
Befrderin meiner Absichten zu sein; die Kammerfruleins aber schliefen
in einer hheren Etage. Ich entfernte mich diesmal schon eine Stunde vor
Mitternacht mit einem _good night_, um den Damen Zeit zum Entkleiden und
Wegschicken der Dienerinnen zu geben, machte sodann zwei Stunden lang an
meinem Fenster philosophische Betrachtungen ber den besternten Himmel,
das Wesen der Gestirne und den sonderbaren Lauf des menschlichen Lebens.
Als es endlich auf der Strae und in der Albergo stiller und stiller
geworden und auch der letzte Trschlag verhallt war, schlich ich mich
eine Stunde nach Mitternacht, halb entkleidet, in einem leichten
Oberrock und von Gertrudens Hnden gesticktem schneeweien Batisthemd,
ber den Korridor und drckte leise an die Tre, welche zu den Gemchern
der Englnderinnen fhrte, die ich nicht verschlossen, sondern
nachgebend fand. -- Ich befand mich nun im Vorzimmer, tappte im Finstern
durch die Wohnstube in das nur sehr matt durch eine Veilleuse
erleuchtete Schlafgemach, in dem ich beide Schwestern dem Anschein
eingeschlafen fand. Mit leisen Tritten schlich ich mich an das Bett, in
welchem Lady Mary recht sanft zu ruhen schien, und drckte einen Ku auf
ihre Purpurlippen. Sie schien recht schlaftrunken zu erwachen, und ich
flsterte: _Are you asleep?_ erhielt aber keine Antwort und schlo nun
die verschlafene Lady in meine Arme ... Der Tag begann schon zu grauen,
als ich den Rckzug in mein Zimmer antrat, um ein paar Stunden der Ruhe
zu genieen. Aber kaum war ich eingeschlafen, so klopfte man mich schon
wieder aus den Matratzen und dem Schlaf auf, indem man mir meldete, da
der Wagen angespannt sei und man den Ladys schon das Frhstck serviere.
Ich sprang rasch aus dem Bett, kleidete mich an, eilte dann zu meinen
Reisegefhrtinnen, die wirklich schon frhstckten, und als sie mich
gewahrten, beide etwas verlegen unter sich sahen, aber nach einigen
Artigkeiten und Plsanterien, die ich mir erlaubte, sich bald wieder
faten. Frhlich, wenn auch nicht ganz so munter, bestiegen wir nun den
Wagen, der uns in raschem Trabe in das Arnotal brachte.

Hier sitzen unter Laubdchern und Reben vor den niedlichen und
reinlichsten Bauernhuschen die zierlichsten und schmucksten Dirnen, in
die feinsten schneeweien Linnen gekleidet, mit seidenen Korsetten und
blumenbekrnzten Strohhten auf den allerliebsten Kpfchen, und flechten
mit zarten Hnden -- Stroh zu den in der ganzen Welt berhmten Hten.
Denn wie manche Schne in Newyork und Kalkutta, in Paris und London, am
Missisippi und Ganges, am Rhein und an der Newa, schmckt sich nicht mit
diesem Produkt, welches sie den sie besuchenden Fremden mit einer Manier
anzubieten wissen, die das Abschlagen des Ankaufens nicht nur unmglich
macht, sondern man gibt ihnen auch gerne noch mehr als sie fordern, wenn
man nicht zur Rasse jener lederzhen Filze und Zinsenmenschen gehrt,
die sich nur mit dem letzten Lebenshauch von ihrem Mammon trennen
knnen, und keine andere Farbe als die des Geldes, keine andere
Berechnung als die der Zinsen kennen. Mir wenigstens ging es so; ich
kaufte vorerst zwei der feinsten dieser Hte, bezahlte sie mit Gold, mir
alle Herausgabe des mir zukommenden Geldes verbittend, und verehrte sie
meinen beiden Begleiterinnen, die auerdem noch fr eigene Rechnung und
auch fr ihre dienstbaren Geister, fr die letzteren Hte von geringerer
Qualitt, kauften. Die Verkuferinnen, besonders eine derselben,
gefielen mir so wohl, da ich mir sogleich vornahm, sie schon den
nchsten Tag, und zwar inkognito zu Pferde wieder zu besuchen und noch
mehr Hte und einen ganz besonders schnen fr Gertrude zu kaufen, ihr
denselben durch ihre Freundin zukommen zu lassen, als ein geringes
quivalent fr die auerordentlichen Geschenke, die ich von ihr
empfangen hatte und ber die ich ihr zrtliche Vorwrfe gemacht, denn
ich hielt mein Versprechen wenigstens darin, da ich ihr ziemlich
regelmig schrieb. Wir brachten den ganzen Tag in dem groen, reizenden
Arnotal zu, von dem wir einen kleinen Teil zu Fu durchstrichen.

An diesem Abend sollte ich meine Unbekannten wieder im Dom treffen, aber
die Stunde war verpat. Ich eilte dennoch gleich nach unserer Ankunft,
mich unter einem Vorwande bei den Ladys entschuldigend und baldige
Rckkehr verheiend, in die Kirche, zu der mich diesmal nicht sowohl
Liebe und Sehnsucht nach Genu, als die Neugierde fhrte, endlich zu
erforschen, wer meine mysterisen Schnen eigentlich seien. Aber
vergeblich, die Zeit war verstrichen, und in Santa Maria del Fiore keine
Spur von ihnen zu finden. Nachdem ich eine Stunde daselbst umsonst
harrend zugebracht, schlug ich mir die Sache aus dem Kopf und eilte zu
meinen hbschen Englnderinnen zurck, mit denen ich den Rest des Abends
und einen groen Teil der Nacht, nachdem wir den Tee unter frhlichen
Scherzen und Rckerinnerungen an das schne Arnotal genommen, zubrachte.
Den andern Tag machte ich eine Tour zu Pferde mit ihnen in die nchsten
Umgebungen der Stadt und nach Pratolino, dem ehemaligen Versailles der
Medici, das aber beinahe in Ruinen lag. Auch die schnen Villen der
Bardi, Pitti, Palmieri, Corsini, sowie die berhmte Karthause von
Vallombrosa und andere Orte besuchte ich in ihrer Gesellschaft.
Demungeachtet fhlte ich einen Drang, meine schne Contadina im Arnotal
wiederzusehen. Eines Morgens machte ich mich unter dem Vorwande
dringender Geschfte fr den ganzen Tag von meinen englischen Fesseln
frei und ritt in gestrecktem Trabe zu der schnen Strohflechterin, der
ich noch drei wunderschn gearbeitete Hte abkaufte, von denen einer
nach Rom und die beiden anderen nach Frankfurt wanderten; einer fr
meine Mutter und der andere fr eine noch sehr junge Schwester. Das
Mdchen, das ich auf das Generseste in Gold bezahlt hatte, war dagegen
uerst freundlich und nannte mich: _il suo signor cavaliere
forestiero_, ihre nicht sehr groen, aber blitzenden Augen verrieten nur
zu sehr, da sie eben kein fr die Liebe unempfindliches Temperament
habe. Im Lauf der Unterhaltung gestand sie mir auch, da sie bereits
schon anderthalb Jahre Sposa, das heit mit einem jungen Mann
versprochen sei, der einen Dienst in der Stadt habe; sie wolle noch
anderthalb Jahre Hte flechten, um ihre Aussteuer ganz zusammen zu
bringen, bevor sie sich verheirate. Da ich sie fragte, in was diese denn
bestehen msse, zhlte sie mir alles auf, was sie sich schon angeschafft
und noch ferner erforderlich sei. Ich bat sie nun, mir das erstere zu
zeigen, worin sie mit einem freundlichen _con molto piacere_ willigte,
was der so wohlklingende florentinische Dialekt bezaubernd machte. Ich
trat mit ihr in das Haus, das sie mit ihrer Mutter, einer Witwe,
bewohnte, und dann in das Stbchen, in welchem sie mir schon ziemlich
viel aufgespeichertes Linnen und anderes Hausgert, Geschirr und
dergleichen zeigte. Hier, so nahe mit ihr in Berhrung, wie htte ich
der Versuchung widerstehen knnen, das seidene Mieder, das eine so
schlanke Taille umschlo, zu umfassen? -- Aber das Mdchen strubte
sich, und als ich sie an mich drcken und kssen wollte, hob sie in
einem so gar leisen Ton zu schreien an, da man es unmglich in der
nchsten Kammer hren konnte; ich raubte ihr mehrere Ksse, mit denen
ich die Worte, die sie ausstoen wollte, erstickte. Als ich aber mehr
wagen wollte, warf sie mir so bedenklich zornige Blicke zu, da ich fr
gut fand, von weiteren Versuchen abzustehen, und sie sagte mit fast
weinerlicher und ngstlicher Stimme: _Per l'amor di dio, vorreste farmi
infelice?_ Um alles in der Welt nicht, mein charmantes Mdchen, man
kann sich auch lieben, ohne sich gerade unglcklich zu machen; und wenn
du es mir gestatten wolltest, so knnte ich dir auch Unterricht in
dieser geheimen Kunst erteilen. Auf jeden Fall wirst du mir das
Wiederkommen erlauben, um dir noch einige an deiner Ausstattung fehlende
Dinge mitzubringen. Verschmt unter sich blickend und an dem Schrzchen
zupfend, antwortete sie: Das Wiederkommen kann ich Ihnen nicht wehren,
nur mssen Sie fein fromm und artig sein, auch nicht zu oft kommen,
sonst wrde es Verdacht bei den ohnehin neidischen Nachbarn erregen. --
Mit ein paar Kssen und ihr klopfendes Herzchen an meine Brust drckend,
nahm ich fr heute Abschied von meiner florentinischen Schferin, welche
mir die erkauften Hte sauber in ein Papier rollte, die ich an der Tre
mit Ostentation, mit einer seidenen Schnur, die mir das Mdchen gegeben,
an den Sattelknopf band, wobei mir die freundliche Mutter behilflich
war, und ich das Pferd allerlei Bewegungen machen lie, damit die
Nachbarn sahen, da ich, um Einkufe zu machen, gekommen war. Sodann
sprengte ich mit einem lauten _Addio_ und leisem _a rivedere_ davon.

Schon am anderen Abend fand ich mich wieder bei meiner holden Vilanella
ein, ihr allerlei Kleinigkeiten mitbringend, unter denen ein goldenes,
mit Granaten gefates Kreuzchen war, das ich Gattina, so nannte sich die
hbsche Schferin, an einem Samtbndchen um den Nacken hing. Sodann
steckte ich ihr einen kleinen Goldreif mit emaillierten Blumen an den
Finger und gab ihr Bnder und hnliche Dinge, alles unter dem
Aushngeschild einer Aussteuer. Das Mdchen freute sich kindisch ber
diese Geschenke, zu deren Annahme sie sich gerne ntigen lie. Ich bat
sie, mir noch einmal ihre Schtze in der Kammer zeigen zu wollen, wozu
sie sich, und zwar auf Zureden der Mutter, herbeilie. Sie war bei
weitem nicht mehr so scheu und sprde wie das erstemal; ich hatte sie
mit allerlei Geheimnissen bekannt gemacht und verlie sie erst spt in
der Nacht, wobei wir verabredeten, da ich knftige Besuche nur nach
eingetretener Finsternis abstatten drfe; ich sah sie aber nur noch
einmal, da ich whrend der kurzen Zeit, die ich in Florenz zubringen
konnte, auch einen Abstecher in das Chianatal mit den Ladys machen
mute. Meine beiden Unbekannten konnte ich aber trotz aller Mhe, die
ich mir gab, ich ging wenigstens noch drei oder viermal in den
Abendstunden in den Dom, nicht wieder entdecken. Vielleicht in einer
anderen Welt wieder, dachte ich, fr dieses Leben sind sie fr mich
verloren. Da sie, wie sie mir angegeben, ein paar unterhaltene
Mtressen seien, wollte mir nicht recht einleuchten und stimmte nicht
ganz mit der Zurckweisung des Goldes berein; es blieb mir von ihnen
nichts brig als das Andenken an einen abenteuerlichen Abend und der
goldene Ring; mir die Sache aus dem Kopf schlagend, hatte ich sie bald
vergessen.

Beinahe drei Wochen hatte ich in Florenz zugebracht und es war die
hchste Zeit, an meine Abreise zu denken. Auch hoffte ich nicht lange in
Genua zu bleiben, da mir Dret versprochen, sobald die fatale Geschichte
von Albano ein wenig verraucht sei, auf meine Zurckversetzung zum
ersten Bataillon anzutragen und mich so wieder in die Nhe von Rom zu
bringen. Meinen liebenswrdigen Ladys teilte ich meine Abreise nach
Genua nur vierundzwanzig Stunden vor derselben mit, einen soeben erst
deshalb erhaltenen Befehl vorschtzend. Beide schienen ber diese
unerwartete Nachricht betroffen, und ich mute am Ende auf Marys
dringende Bitten noch zweimal vierundzwanzig Stunden zugeben. Sie
erffnete mir, da sie an ihren Mann nach Paris schreiben und diesem
mitteilen wolle, da sie ihren Aufenthaltsort Florenz mit Genua zu
vertauschen wnsche, wovon ich ihr zwar abriet, indem ich bemerkte, ich
wisse ja gar nicht, ob und wie lange ich daselbst verweilen wrde, im
Grunde aber, weil ich ihre Anwesenheit teils wegen meiner lteren, teils
wegen allenfallsiger neu anzuknpfender Intrigen frchtete. Sie lie es
sich jedoch nicht ausreden und so schieden wir ziemlich getrstet, ein
baldiges Wiedersehen hoffend und frchtend, voneinander.

Am Abend des fnften Tages nach meiner Abreise von Florenz traf ich
wohlbehalten in Genua ein.




                                   V.

   Zweiter Aufenthalt in Genua. -- Alte und neue Bekanntschaften. --
       Signora Palatini. -- Ein sentimentales Rendezvous. -- Die
     Brigantenjagd in den italienischen Alpen. -- Bocchetta. -- Ich
    nehme fast eine ganze Bande gefangen. -- Rckkehr nach Genua. --
    Das Konservatorium Fieschino. -- Albertine. -- Ich entdecke eine
       furchtbare Verschwrung. -- Ich avanciere zum Kapitn und
      werde wieder zum ersten Bataillon versetzt. -- Abreise nach
                            Civita-Vecchia.


Da es zu spt war, als ich in Genua ankam, um mich noch nach einem
Quartier umsehen zu knnen, so stieg ich in einem Gasthof ab, wo ich bis
zum hellen Morgen recht ausschlief und mich dann bei meinem nunmehrigen
Bataillonschef, Herrn von Brge, meldete, der mich, durch Dret schon
hinlnglich unterrichtet und empfohlen, mit den Worten empfing: Das
Glck, Sie bei meinem Bataillon zu haben, verdanke ich der hohen
rmischen Geistlichkeit. Sie werden die Voltigeur-Kompagnie
kommandieren, die jetzt vakant ist, und sind fr heute bei mir zu Tische
eingeladen, wenn Sie mit meiner Suppe vorlieb nehmen wollen. -- Brge
war ein Elssser, in der Gegend von Kolmar zu Haus, und hatte ein
allerliebstes Kind, ein kaum zehn Jahre altes Mdchen, deren Mutter eine
ziemlich heroische Frau war. Nachdem ich dem, was der Dienst heischte,
Genge geleistet und mir ein Quartierbillett fr drei Tage hatte geben
lassen, war mein erster Gang zu meinem alten Gitarrelehrer Guercino, um
mich bei ihm oder vielmehr bei seiner Frau nach meinen alten Bekannten
zu erkundigen. Den alten Mann fand ich unwohl und bettlgerig, und seine
Frau schlug die Hnde ber dem Kopf zusammen, als sie mich erblickte.
_Ah siate ben venuto_, rief sie endlich aus, die Arme in die Hhe
streckend. Nach gehriger Bewillkommnung erfuhr ich, da die Marchesa
P... seit meiner Abreise krnkele, da die mutwillige Peretti im letzten
Karneval an einem Nervenfieber gestorben, Signora Doria sich mit ihrem
Mann in Paris befinde, die Costa noch immer ein Heer von Anbetern habe,
die Spinola aber vollkommen wohl und munter sei. So wurde ich schnell
von dem _au fait_ gesetzt, was sich whrend meiner etwa
anderthalbjhrigen Abwesenheit zugetragen. Der Tod der frhlichen
Peretti schmerzte mich, das Krnkeln der Marchesa P... tat mir leid, und
das Wohlsein der Spinola freute mich. Den alten Guercino und seine Frau,
die mir wieder ihre untertnigsten Dienste anbot, beschenkte ich mit ein
paar Zechinen, ihr lachend bemerkend, da ich leicht in den Fall kommen
knnte, ihrer zu bedrfen, und bat sie einstweilen, die Marchesa P...
von meiner glcklichen Ankunft in Kenntnis setzen zu wollen, was sie mir
noch im Lauf des Tages zu tun versprach. Bei der Parade stellte mich
Brge meinen neuen Kameraden vor, von denen ich nur noch wenige kannte,
und zum Diner fand ich mich seiner Einladung zufolge bei ihm ein. Madame
Brge, eine noch sehr rstige Dame von kaum vierzig Jahren, bot mir den
tglichen Tisch, versteht sich gegen gehrige Vergtung an, den ich auch
akzeptierte; sie fhrte eine gute franzsische Kche. Whrend des Essens
kam die Rede auf die Musik, und sie meinte, da es wohl jetzt bald Zeit
sei, da ihre Tochter Unterricht in dieser Kunst erhalte, was sie schon
frher veranstaltet haben wrde, wenn sie einen Lehrer in Genua gefunden
htte, der franzsisch spreche. Dies war so ziemlich ein Wink mit einem
Mastbaum, denn sie kannte mein musikalisches Talent. Ich erbot mich mit
Vergngen, der Kleinen Unterricht im Klavierspiel zu geben, was mit
groem Dank angenommen wurde und mehrere Jahre spter allerlei Folgen
hatte. Fr jetzt aber sollten diese Lehrstunden, die mir Freude machten,
da das Mdchen viel musikalische Anlagen hatte, bald wieder unterbrochen
werden. Am Abend begab ich mich abermals zu Guercinos, wo ich erfuhr,
da die noch immer leidende Marchesa P... die unerwartete Nachricht
meiner Ankunft sehr erschttert habe und mich dieselbe baldmglichst zu
sehen wnsche, wozu aber vorerst wenig Hoffnung, da sie immer noch sehr
schwach sei. Ich machte jetzt meine Besuche in all den Husern, in denen
ich frher Zutritt gehabt, und erhielt bald wieder eine Menge
Einladungen. Die Spinola sah ich zuerst bei Dorias wieder, wo ich mich
lange mit ihr unterhielt und sie mir eine junge Dame, Signora Palatini,
die erst krzlich verheiratet und ihre liebe Freundin sei, vorstellte.
Dieses war eine schmchtige, nicht sehr groe, aber sehr niedlich
gewachsene Frau, mit einer originellen pikanten Gesichtsbildung, die,
wenn auch nicht schn, doch etwas sehr einnehmend war. Ich machte beiden
Damen den Hof und lie die Spinola merken, da es mir nicht unangenehm
sein wrde, die so kurz vor meiner Abreise von Genua mit ihr in
Gesellschaft der Marchesa P... gemachte Bekanntschaft weiter
auszuspinnen. Ich hatte mir wieder eine Wohnung unweit der Kaserne
ausgesucht, die ganz geeignet war, geheime Besuche zu empfangen. Mich
diesen Abend noch deutlicher zu erklren, war nicht gut mglich, da ihr
die Palatini nicht von der Seite wich und sich mit einer auffallenden
Lebhaftigkeit in alle Gesprche mischte, die ich mit der Spinola
anzuknpfen versuchte. In einem Gartensaal musizierte man, ich wurde
angegangen, mich hren zu lassen und trug mehrere neue Cavatini vor, die
ich in Rom und Neapel gelernt; als die Dame vom Haus und noch einige
andere den Wunsch ausdrckten, ich mchte doch wieder etwas aus dem Don
Giovanni singen, und da ich einige Augenblicke anstand, wandte sich
Signora Palatini mit einer groen Zudringlichkeit an mich, diesem Wunsch
nachzugehen, indem sie einige dutzendmal wiederholte: _Si Signore, il
Don Giovanni, il Don Giovanni_, Sie mssen ihn singen, denn ich kenne
ihn noch nicht und habe doch so viel davon sprechen hren. Dieses
Benehmen setzte mich in Erstaunen und fast in Verlegenheit. An
Subordination gewhnt, befolgte ich die gestrenge Order, das >_Fin ch'an
del vino_< singend, und erhielt dafr einige danksagende Blicke von der
kleinen Tyrannin, die sich nun auch spielend und singend hrbar machte,
eine sehr hohe, sonore Sopranstimme hatte und mich dann ohne Umstnde
vor der ganzen Gesellschaft einlud, sie doch ja recht bald und oft zu
besuchen, um mit ihr zu singen, sie erwarte mich morgen vormittag nach
der Messe, ich mge doch einige Duette mitbringen. Dieses so ganz
ungenierte und beraus freie Benehmen war mir noch gar nicht und am
wenigsten in Italien vorgekommen, wo die Damen im Gegenteil die meiste
Ursache haben, ihre Intrigen geheim zu halten und mglichst zu verbergen
oder doch passend zu bemnteln. Es machte mich immer verlegener, weil
ich wohl bemerkte, da sich die Gesichter aller, die es mit angehrt, zu
einem hmischen Lcheln verzogen und man sich in die Ohren flsterte.
Als dies die Spinola sah, trat sie zu mir und sagte: Das Benehmen der
Palatini darf Sie nicht wundern, sie ist ja noch ein halbes Kind, kaum
sechzehn Jahre alt, und dabei sehr verzogen, von einem beraus reizbaren
und heftigen Temperament, das sich nichts bel nimmt, alles, was sie
sich einmal in den Kopf gesetzt, um jeden Preis auch durchsetzen will,
ohne ber die Folgen nachzudenken. Ihrem schon ltlichen und schwachen
Mann, an den sie ihre Verwandten verkuppelt haben, hat sie eine halbe
Million _di dotta_ mitgebracht und dem ihr ebenfalls aufgedrungenen
Cicisbeo, dem Conte M..., jenem noch gepuderten Pavian, den Sie dort am
Pharotisch pointieren sehen, so mitgespielt, da er sich schon einigemal
fr das Cicisbeat bedanken wollte, allein der Ehemann und die Verwandten
gaben es nicht zu, aber er hat die Hlle ... In diesem Augenblick
sprang die Palatini, die gerade sang, ihre Noten hinwerfend und wild auf
die Tasten des Cembalos schlagend, die Musik unterbrechend auf, stellte
sich vor die erschrockene Marchesa hin und sagte dieser berlaut: Ich
finde es hchst unartig, Signora, da, wenn ich singe, Sie sich mit
Herren unterhalten. Nun singen Sie der Gesellschaft etwas vor. -- Die
Spinola war dadurch so verblfft, da sie nichts erwidern konnte, ich
aber nahm schnell das Wort und sagte zu der aufgebrachten zornglhenden
Dame: Signora, es war nur von Ihnen und Ihrem eminenten Talent die
Rede, das uns entzckte und das mir die Marchesa nicht genug rhmen
konnte. Ich war die Veranlassung dazu, indem ich die Signora zuerst
fragte, welcher Meister Ihre herrliche und unvergleichliche Stimme zu
einem so hohen Grad ausgebildet habe, worber man im Begriff war, mir
Auskunft zu geben, als Sie uns gerade unterbrachen.

Wenn dies ist, so bitte ich um Vergebung fr meine gewi sehr
verzeihliche Neugierde, aber Sie werden mir selbst zugestehen, da
nichts unangenehmer ist, als wenn man sich alle Mhe gibt und sich
anstrengt, einer Gesellschaft Vergngen zu machen und andere dabei
plaudern. -- Sie hatte nicht unrecht.

Der Zorn des kleinen Teufelchens hatte sich mit jedem Wort, das ich
gesprochen, mehr gelegt. Ihren Cicisbeo, der sich jetzt auch
eingefunden, um zu sehen, was die Unterbrechung und diese Szene
herbeigefhrt, schickte sie mit den Worten heim: Mein Herr, Sie haben
sehr unrecht, sich von Ihrem Spiel zu entfernen, die ganze Sache darf
Sie gar nicht interessieren, haben Sie die Gte, sich sogleich wieder an
Ihren Spieltisch zu verfgen; ich bitte Sie darum, hren Sie, sogleich.
-- Der Signor trollte sich, den befehlenden Bitten folgend, ohne ein
Wort zu erwidern, an seinen Platz, und Signora Palatini ergriff ihr
Notenblatt wieder und beendigte das Morceau. Die brige Gesellschaft,
obgleich ber diesen sonderbaren Auftritt erstaunt und Gruppen bildend,
wo man sich in die Ohren zischelte, schien es doch nicht sehr zu
befremden. Bald darauf begann der Tanz mit einer Monfarina, welche ich
mit der Spinola antrat, die mich aber, nachdem wir einigemal die Tour im
Saal gemacht hatten, aufforderte, die jetzt nicht tanzende Palatini zu
engagieren, der sie mich abtrat. Ich tanzte mit dem kleinen Satan, der
mir gleich bei der ersten Tour erffnete, da er Giulietta heie, ich
ihn knftig nur bei diesem Namen nennen solle und sich bse gebrdete,
als ich es nicht augenblicklich tat. Ich wiederholte jetzt dreimal in
einem Atemzug Signora Giulietta und sie nach dem Tanz, whrend dessen
die Unterhaltung wunderlich genug war, an ihren Platz fhrend, abermals:
_mille grazie, Signora Giulietta_. Ehe sich die Gesellschaft trennte,
kam sie noch einmal in Begleitung ihres _cavaliero servente_ auf mich zu
und sagte: Da Sie ja das Kommen morgen nicht vergessen und sich
pnktlich einfinden; ich erwarte Sie eine Stunde vor Mittag, um mit
Ihnen zu musizieren. -- Ich werde von Ihrer gtigen Einladung Gebrauch
machen und mich zur bestimmten Zeit einfinden. -- Sie sind Zeuge,
sagte sie zu ihrem Begleiter, der mit einem Schafsgesicht zuhrte, und
beide empfahlen sich. Die Marchesa Spinola flsterte mir im Weggehen zu:
Nehmen Sie sich in acht, der kleine Teufel wird Ihnen zu schaffen
machen. -- Ich werde ihn zu zhmen wissen, erwiderte ich. Kaum waren
diese Worte gesprochen, so trat die Palatini nochmals in den Saal zurck
und rief der Spinola zu: Auch Ihre Portandina erwartet Sie, wollen Sie
nicht kommen? Sie nahm die Marchesa beim Arm, sie mit sich fortziehend
und mir noch eine _felice notte_ zurufend.

Ehe ich mich den anderen Morgen, wie ich versprochen, zu ihr begab, ging
ich zu Guercinos, um bei diesen vielleicht etwas nheres ber dies
sonderbare, aber dennoch pikant liebenswrdige Wesen zu erfahren. Diese
wuten mir aber weiter nichts zu sagen, als da Signora Palatini wegen
ihres unbndigen Eigensinns und ihrer ausschweifenden Phantasien, die
sie oft die tollsten Streiche begehen lieen, in ganz Genua bekannt sei.
Ich begab mich zu der kleinen Wilden, die, als sie mich erblickte, auf
mich zusprang, laut rufend: Es ist brav, da Sie Wort gehalten; wir
werden auch ganz ungestrt sein, mein Mann mute auf meine Veranlassung
eine _Vileggiatura_ ins Gebirge machen, und den Signor Leonardo habe ich
fr den ganzen Tag verabschiedet; jetzt kommen Sie. Sie nahm mich bei
der Hand, fhrte mich in ein Zimmer, wo ein Flgel stand, und ntigte
mich, ihr zuerst etwas vorzusingen. Ich trug ihr die Arie >_Oh Idol mio,
quando mai_< und so weiter vor; nach wenigen Takten fiel sie mit einem
_Bravissimo!_ dazwischen, schlug in die Hnde, und ich hielt ein, ihre
Rechte ergreifend und kssend. Jetzt hatte Klavierspiel und Gesang ein
Ende, und ein anderes Spiel sollte beginnen; aber zweimal schlpfte sie
mir unter dem Arm durch, laut lachend, endlich aber umfate ich die
kleine Blindschleiche, deren Taille ich mit meinen Hnden umspannen
konnte, hob sie in die Hhe, da sie zappelte, und sagte lachend: Was
nun? -- Jetzt sind Sie ganz in meiner Gewalt, Giulietta. -- Die Sie
doch wohl nicht mibrauchen werden? -- Gewi nicht, _bella
fanciulla_, antwortete ich, sie sanft auf den Boden niedersetzend. Aber
wieder ging sie mir durch, in ein zweites, drittes und viertes Zimmer,
aus dem aber kein Ausgang mehr war. Jetzt sind Sie gefangen und werden
mir nicht mehr entwischen. -- _Ma_ -- _ma_ -- sthnte sie bald mit
hochklopfendem Herzen, und ihre Wangen waren mit jener Rte gefrbt, die
einladender ist als das schnste Morgen- und Abendrot. Ich kte sie,
aber sie bi mich in die Lippen, da es mich schmerzte und fast blutete;
ich lie mich indessen dadurch nicht stren und fuhr zu kssen fort, sie
auf ein Ruhebett bringend, bis uns beiden der Atem fast ausging ...

Der kleine Tollkopf war jetzt ziemlich zahm geworden, und nachdem wir
einige Zeit geruht, setzten wir uns an das Klavier, um nun wirklich zu
musizieren. Endlich war es Zeit, mich zu entfernen, und ich durfte es
auch, indem ich baldiges Wiederkommen versprach, denn Giulietta wollte
durchaus, da ich den ganzen Tag bei ihr zubringen sollte, und htte
mich nicht der Dienst abgerufen, so wrde ich es mit Vergngen getan
haben, denn Langeweile hatte man bei dem unruhigen Geist auch keine
Minute. Bei dem zweiten Besuch wiederholte sich die Szene des ersten,
und so ging es einige Zeit fort, ohne da ich mich weder um die Spinola
noch um die P..., die ich noch nicht wieder gesehen hatte, bekmmerte.
Eines Morgens aber besuchte mich die alte Guercino in meiner Wohnung und
machte mir Vorwrfe, da ich mich gar nicht nach der armen Marchesa P...
erkundige, die jeden Tag nach mir frage und mich nur noch einmal zu
sehen wnsche, sehr leidend sei und sich vielleicht nicht wieder von
ihrer Krankheit erholen wrde. Ich verabredete mit der darauf dringenden
Guercino, der es wohl nur um die Prsente zu tun war, die es bei dieser
Gelegenheit absetzte, da man eine Zusammenkunft veranstalten mge,
wozu, wie sie mir sagte, die Marchesa Spinola schon alles vorbereitet
habe, in deren Haus dieselbe stattfinden solle, wohin sich die P... in
einer Portandina bringen lassen wrde. Wir setzten nun diese Entrevue
auf den Abend des nchsten Tages fest, wo ich mich ein Uhr nach
Sonnenuntergang in dem bezeichneten Hause einfinden wollte. Giulietta
verlassend, bei der ich den Tag wieder zugebracht hatte, begab ich mich
zur bestimmten Stunde zu dem verabredeten Rendezvous in den Palazzo
Spinola. Eine niedliche Cameriera empfing mich und fhrte mich ber eine
Hintertr in abgelegene, sprlich erleuchtete Gemcher. In dem letzten
derselben fand ich eine weibliche Figur, in weie Gewnder gehllt, in
einem Armstuhl sitzen, die, als ich eintrat, eine zusammenfahrende
Bewegung machte und in deren blassen und leidenden Zgen ich dennoch die
Marchesa P..., die vor nicht ganz anderthalb Jahren noch so blhend
schne Tonina erkannte. Ich strzte auf sie zu, wollte ihre Hand fassen,
die sie aber schnell zurckzog, indem sie sprach: Oh, lassen Sie diese
nichtssagenden Flatterien. Wir sind von allem genau unterrichtet; kommen
Sie nicht eben erst von der tollen Palatini? -- Ganz gewi, fiel hier
die Spinola ein, seit seiner Zurckkunft bringt er alle Stunden, die er
ermigen kann, dort zu. -- Wie freute ich mich, fuhr die andere
wieder fort, als ich hrte, da Sie wieder in Genua angekommen seien,
und hoffte von diesem Ereignis eine baldige Genesung, aber wie furchtbar
bin ich enttuscht. -- Es ist unverzeihlich und recht abscheulich,
sagte nun die Spinola, und ich stand in der Tat vor den beiden Signoras
wie ein Schulknabe, den der Herr Inspektor herunterputzt, weil er
unartig gewesen. Gern htte ich mich wie gewhnlich durch einen Scherz
lachend und spottend aus der Affre gezogen, aber der Zustand Toninas
war doch zu ernsthaft -- sie litt besonders an Nervenbeln --, als da
ich es wagen durfte, und ich suchte durch ein halbes _pater peccavi_
mich aus der Klemme zu befreien, indem ich meine Besuche bei der
Palatini zwar nicht leugnete, aber behauptete, sie seien durchaus ganz
unschuldiger Natur und glten blo ihrem musikalischen Talent, indem ich
nichts treibe, als mit ihr singe. -- Wer so etwas glauben wollte, fiel
mir die Spinola wieder ins Wort, ja, wenn die Signora nicht ganz ohne
Hehl und ohne Scham selbst von ihrem Verhltnis mit Ihnen sprche!
Halten Sie uns doch nicht fr so einfltig. -- Und schonen Sie doch um
Himmelswillen Ihre Freundin, unterbrach ich die Marchesa, sehen Sie
denn nicht, wie die Arme leidet?

In der Tat hatte die P... in diesem Augenblick Konvulsionen und Krmpfe
bekommen und sthnte: Oh, mir ist sehr bel! Wir sprangen ihr beide zu
Hilfe; sie bekam eine frmliche Ohnmacht. -- Sehen Sie, was Sie gemacht
haben, sagte die Spinola zu mir, meine Hilfe zurckweisend -- Das ist
einzig und allein nur Ihre Schuld, erwiderte ich etwas aufgebracht,
Sie kannten den Zustand Ihrer Freundin und fhren eine solche Szene
herbei; wenn Sie dergleichen Klatschereien erfuhren, muten Sie sie eher
verheimlichen, als mitteilen und bekrftigen. -- Nicht von mir hat es
die Marchesa zuerst erfuhren, ganz Genua redet von den Tollheiten Ihrer
Charmanten. Sie sind samt ihr die Mr der Stadt. Wo dachten Sie hin,
sich mit einer solchen Trin einzulassen und darber Ihre besten
Freundinnen zu vernachlssigen? Nein, Sie knnen kein Deutscher sein, so
etwas tut kein Deutscher, dies verzeiht man nicht einmal einem
leichtsinnigen Franzosen. -- Ich suchte die aufgebrachte Signora zu
besnftigen, welche die Schlfe und Stirn der noch immer bewutlosen
Freundin mit starken wohlriechenden Wassern rieb, ihr Diebsessig unter
die Nase hielt, indem sie ihren Kopf an ihren Busen legte. Als sie sich
so beschftigte, die Ohnmchtige wieder zu sich selbst zu bringen,
drckte ich einen leisen Ku auf deren Stirn, indem ich noch leiser
sagte: Dies wird sie vielleicht am ehesten erwecken. -- Was
unterfangen Sie sich, fuhr mich die Spinola zwar heftig, aber ebenfalls
kaum hrbar an, glauben Sie, wir wrden uns von Ihnen betren lassen?
Gehen Sie zu Ihrer Pazza, dort ist es besser angewandt, und lassen Sie
uns in Ruhe. -- Nicht so bse, meine schne Signora, Sie haben mir
zuerst die Palatini bei Dorias zugefhrt, ich bitte ja aufrichtig um
Vergebung, werfe mich reuevoll zu Fen. Ich wollte nun auch ihr die
Hand kssen, als Tonina pltzlich ein Lebenszeichen von sich gab und
bald darauf wieder die Augen aufschlug. Als sie sah, wie wir beide um
sie beschftigt waren, lchelte sie wehmtig, und ich bat sie, vor ihr
kniend und ihre Hand fassend, innig um Vergebung, nochmals beteuernd,
da nur der Schein gegen mich sei, und jetzt untersttzte mich die
Spinola in meinem Vorgehen, indem sie sprach: Eine Mglichkeit ist es
immer, wenn auch schwer zu glauben. Ich will ihn doch nicht ganz
verdammen, denn das tolle Weib ist wohl fhig, Dinge zu sagen, die nicht
sind. -- Abermals kte ich feurig Toninas Hand, die mich jetzt mit
einem bedeutenden Blick ansah und lispelte: Aber wenn Sie mich dennoch
betrgen? -- Der Ton, mit dem sie dies sagte, ging mir durch Mark und
Bein, und ich fhlte mich so zerknirscht und ber mich selbst
angehalten, da ich in diesem Augenblick vielleicht alles bekannt, wenn
man mich noch weiter inquiriert htte. Ich suchte die Leidende indessen
immer mehr zu beruhigen, bekam endlich wieder den Mut, ihr meine
unerschtterliche Treue zu beteuern und bei allen Gttern zu versichern,
da ich nur sie liebe und hoffentlich von meiner Unschuld klar
berzeugen werde, sie mge sich jetzt nur beruhigen und so ihre schnelle
Genesung herbeifhren. Noch beinahe eine ganze Stunde brachte ich in
dieser mir sehr peinlichen Lage zu und verlie die Damen, nachdem die
Marchesa P... wieder so weit hergestellt war, um sich in ihrer
Portandina fortbringen lassen zu knnen. Ehe ich mich entfernte, hatte
man von mir das Versprechen verlangt, meine Bekanntschaft ganz
aufzugeben und die Palatini nicht mehr zu besuchen, ich stellte aber den
Damen vor, da dies bei dem bekannten Charakter der Donna nicht wohl
tunlich sei, ohne sich allem Mglichen von ihrer Seite auszusetzen, und
ich nur allmhlich und mit groer Vorsicht abbrechen knne, was man
endlich auch einzusehen beliebte, mir aber einschrfte, Wort zu halten,
wenn ich nicht bse Folgen erleben wolle. Ich empfahl mich bestens,
froh, als ich wieder freie Luft schpfte, dieser Szene enthoben zu sein.
Die Sache war mir aber doch nicht ganz gleichgltig, denn ich kannte die
Genueserinnen mit als die rachschtigsten Frauenzimmer Italiens, befand
mich zwischen zwei Feuern und wute noch nicht, wie ihnen zugleich Face
und Front zu machen. Als ich mir gerade den Kopf zerbrach, was ich wohl
in dieser Verlegenheit fr einen Operationsplan entwerfen msse und mit
aller Taktik und Strategie nicht zu Ende kommen konnte, zog mich ein
_Deus ex machina_, wenigstens fr den Augenblick, aus derselben. Ich
besuchte noch den nmlichen Abend die Opera Buffa, wo ich Giulietten
versprochen hatte, mich einzufinden, und traf hier den Herrn von Brge,
der, als er mich sah, auf mich zukam und mir verkndete, da ich schon
den nchsten Morgen mit meiner Kompagnie in die Gebirge zur Verfolgung
der immer dreister werdenden Briganten abmarschieren msse; gerne htte
er mich zurckbehalten, allein da es ausdrcklicher Befehl vom
kommandierenden General sei, da die Voltigeurkompagnien zu diesem Zweck
verwendet werden sollten, so msse er mich wohl ziehen lassen. Die Order
kam mir erwnscht. Giulietta hatte mich, whrend der Bataillonschef mit
mir sprach, unverwandt angesehen, und als ich mich in ihre Loge begeben
wollte, um sie mit dem erhaltenen Befehl bekannt zu machen, kam sie mir
schon auf dem Korridor entgegen und fragte mich, was denn der Kommandant
so angelegentlich mit mir gesprochen und von mir gewollt habe. Ich
teilte ihr den Inhalt unseres Gesprchs mit, worber sie auer sich
geriet und in die Worte: Das dulde ich nicht, ich gehe selbst zum
General! und hnlichen Unsinn ausbrach. Lachend bedeutete ich ihr, da
gegen militrische Order eine weibliche schlechterdings nicht aufkommen
knne, sondern da sie hier durch jeden unberlegten Schritt nicht nur
sich, sondern auch mich und meine militrische Ehre kompromittieren
wrde, ohne dadurch irgend etwas zu ndern, da gegen solche Befehle gar
keine Einwendungen, selbst die begrndetsten nicht angehrt wrden. --
Gut, dann gehe ich mit und reite auf einem Maultier an der Spitze
deiner Kompagnie. -- Diesen tollen Gedanken suchte ich ihr auszureden,
indem ich ihr sagte, da dies nicht gelitten wrde und auerdem die
Expedition schwerlich lnger als ein- oder ein paarmal vierundzwanzig
Stunden dauern wrde. -- Wenn es aber lnger dauert, komme ich doch
nach, versetzte sie nun, und ich sah, wie recht die Spinola gehabt, als
sie mir gesagt, der kleine Teufel wrde mir zu schaffen machen, denn ich
frchtete irgendeinen tollen Streich, den abzuwehren nicht in meiner
Gewalt stnde. Ich entfernte mich jetzt unter dem Vorwande, Anordnungen
treffen zu mssen, und versprach, vor dem Abmarsch Abschied von ihr zu
nehmen. Statt dessen schrieb ich ihr einen Brief, mich mit der
Unmglichkeit und der bereilt befohlenen Entfernung entschuldigend, den
ich ihr erst zukommen lie, als wir schon einige Stunden von Genua
entfernt waren. Ebenso benachrichtigte ich die Spinola schriftlich von
diesem Ereignis, mit der Bitte, es ihrer Freundin schonend mitzuteilen,
und vertrstete auch sie auf baldige Zurckkunft. In der Tat war ich
froh, als ich den anderen Morgen Genua, aus dem ich absichtlich schon
vor Sonnenaufgang mit meiner Kompagnie abmarschiert war, im Rcken hatte
und sah mich jeden Augenblick um, frchtend, den kleinen Satan auf
seinem Maultier hinter mir angesprengt kommen zu sehen.

Schon seit einiger Zeit war es in den italienischen Alpen sehr unruhig
geworden, es hatten sich starke Banden zusammengerottet, die so verwegen
wurden, da sie in den letzten Tagen sogar einen franzsischen Posten
von einigen zwanzig Mann berfallen und die Leute smtlich ermordet
hatten. Dies war in einer geringen Entfernung von Genua geschehen. Die
italienischen Alpen sind in dieser Gegend ebenso unwirtsam, voll
Schluchten und sicherer Zufluchtsorte fr Ruber und Insurgenten, wie
die Waldgebirge Kalabriens. Jeder Mann hatte sechzig scharfe Patronen
und fr vier Tage Brot bei dem Ausmarsch erhalten.

Eine besondere Instruktion hatte ich nicht und konnte sie nicht erhalten
haben, sondern sie lautete nur im allgemeinen, die Spuren der Briganten
aufzusuchen, sie zu verfolgen und wo mglich tot oder lebendig
einzufangen, mich dabei so viel es sich tun lie der Bauern in den
Drfern zu bedienen und Fhrer aus denselben zu nehmen. Das weitere
blieb meiner Einsicht berlassen, indem ich nach Umstnden agieren
msse. Ist man einmal ber die Riviera -- so wird das Uferland genannt,
welches den Meerbusen umgibt -- hinaus, so werden die Berge immer der,
steiler und kahler, Felsen trmen sich auf Felsen, seltener werden Bume
und Gebsch, und nur hier und da sieht man noch einige Kastanien, der
Weg, dessen Rand sich oft an unabsehbaren Abgrnden und Schlnden
hinzieht, ber welche mitunter sehr gebrechliche Brcken fhren, kann
nur noch durch sehr sichere Pferde und Esel betreten werden. Viele
dieser Brcken waren durch die Briganten abgebrochen, so da ich hufig
wieder umkehren und andere Wege aufsuchen mute. Als ich den zweiten Tag
zu Ovada ankam, erfuhr ich, da erst vor ein paar Tagen hier drei
Gendarmen berfallen und ermordet worden waren; um an diesen Ort zu
gelangen, hatte ich einen Fhrer aus dem Flecken Campo Marone
mitgenommen, der mich auf groen Umwegen hierher gebracht, wo ich mich
auf vierundzwanzig Stunden einquartierte, um Erkundigungen ber den
Aufenthalt und die Spuren der Briganten einzuziehen. Ovada ist ein
ziemlich groer Ort, der an der Orba liegt und etwa tausend Einwohner
zhlen mag. Wo ich aber auch anklopfte und forschte, niemand wollte mir
Auskunft ber die Banden geben knnen; die Stimmung der Einwohner und
Landleute war uns berhaupt sehr ungnstig, allenthalben zeigte sich
groe Unzufriedenheit mit der Regierung, Ha gegen die franzsische
Herrschaft und ein Geist des Aufruhrs und der Widerspenstigkeit, der
unter Umstnden sehr gefhrlich werden konnte. Zu den zahlreichen
Ruberbanden, die sich in den italienischen Alpen umhertrieben, gesellte
sich fortwhrend alles Gesindel, und alle, welche irgend etwas begangen
hatten, flchteten sich zu ihnen in unzugngliche Schlupfwinkel im
Gebirge. Dabei hatten sie fortwhrend geheime Verbindungen in Genua,
Turin, Piemont und der Lombardei. Was mir sehr im Wege stand, war die
abscheuliche Sprache, die in dieser Gegend geredet wird; berall wollten
die Einwohner kein Italienisch sprechen und stellten sich, als
verstnden sie mich nicht. In Ovada suchte ich einen Geistlichen auf,
der doch den Sprachunwissenden nicht machen konnte, wenigstens meine
Fragen beantworten mute, aber auch von diesem konnte ich nichts weiter
herausbringen, als da man zwar viel von den Briganten hre, aber ihren
Aufenthalt nicht wisse noch ersphen knne. berhaupt zweifle er an dem
Bestehen dieser Banden, wie man sie in Genua schildere; es seien
hchstens nur einzelne Straenruber vorhanden, und es sei ganz
vergebliche Mhe, diese aufsuchen zu wollen, da kein Mensch ihre
Schlupfwinkel kenne. Aber der geistliche Herr wute sie gewi. Von Ovada
marschierte ich mit ebensowenig Erfolg nach Casaleggio und von da nach
den Drfern Acquata und Isola, ganz abscheulichen Nestern, in denen alle
meine Bemhungen ebenfalls erfolglos blieben, so da ich schon
verzweifelte, jemals auf die Spur der Briganten zu kommen. In Ronco
brachte ich einen Tag und zwei Nchte zu und erfuhr am Morgen nach der
letzten, da in der verwichenen Nacht abermals ein Gendarm zwischen hier
und dem nahen Fornaro ermordet worden sei. Seinen Leichnam habe man
schrecklich verstmmelt auf der Landstrae gefunden. Ich machte mich nun
mit meiner Kompagnie eilig nach Fornaro auf, das ziemlich nahe an der
Bocchetta liegt, stellte rings um das Dorf Piketts und drohte es
anzuznden, wenn mir nicht in Zeit von zwei Stunden die Mrder der
Gendarmen ausgeliefert wrden, denn ich hatte einige Indizien, da es
Bewohner dieses Ortes waren. Um meiner Drohung mehr Nachdruck zu geben
und zu zeigen, da es mir Ernst damit sei, lie ich von den Soldaten
Brennmaterial zusammenbringen und auf einen Haufen legen; aber
vergeblich, die Einwohner heulten, schrieen und winselten, beteuerten
ihre Unschuld, und von den Mrdern war keine Spur aufzufinden. So zog
ich schon sieben Tage vergeblich in diesen den und zwischen Schluchten
umher, wobei die Nahrung auch nicht die beste war und ich mehrere Marode
zhlte, die ich nach Bocchetta fhren lie, von wo sie ins Lazarett nach
Genua gebracht wurden. Ich selbst fing an, hchst mimutig zu werden und
an irgendeinem gnstigen Erfolg meiner Mission zu verzweifeln, als ich
auf eine List verfiel, die wenigstens teilweise gelang. Ich suchte die
entschlossensten und mutigsten Leute meiner Kompagnie heraus, lie sie
ihre Sbel scharf schleifen und so zu zwei und drei Mann streifen,
whrend ich mich mit den brigen in einem nahen Dorf verweilte, in
dessen Mitte ich ein Pikett aufstellte und dessen Ausgnge so besetzte,
da sich keine Seele aus demselben ohne meine Erlaubnis entfernen
durfte. Die Leute, die ich auf die Streifereien ausschickte, instruierte
ich dahin, da sie sich nicht weiter von dem Ort entfernen sollten, als
man das Abfeuern eines Gewehrs hren knne, und wenn sie Bauern oder
sonstige Individuen auf sich zukommen shen, sollten sie dieselben bis
auf gefllte Bajonettweite herankommen lassen, dann aber ihnen das
Gewehr vorhalten und sie nach ihrem Begehren fragen; sollten jene aber
Miene machen, noch weiter vorzudringen oder irgendeine feindliche
Bewegung versuchen, losschieen, und wenn das Gewehr nicht mehr zur
Verteidigung geschickt sei, dasselbe von sich werfen und sich mit dem
blanken Sbel verteidigen, bis der nicht lange ausbleibende Sukkurs
kme; wrde man aber aus der Ferne auf sie schieen, so sollten sie das
Feuer erwidern, doch immer nur einer nach dem anderen, um sich zu
soutenieren. Andere Soldaten hie ich, nur mit dem Seitengewehr
bewaffnet, ganz in der Nhe des Orts spazieren gehen. Aber auch dieses
Manver hatte ich schon einige Tage umsonst versucht; endlich hrte ich,
nachdem ich zwei Stunden vor Tagesanbruch, denn ich marschierte nur
nachts und immer unvermutet ab, damit die Briganten so wenig als mglich
von ihren Spionen unterrichtet werden konnten, in dem sehr einsam im
Gebirg gelegenen Dorf Ritegno angekommen war und die Streif- und
Lauerposten abgeschickt hatte, pltzlich einen Schu und gleich darauf
noch acht bis zehn fallen. Ich jagte jetzt mit einem Teil der brigen
Mannschaft nach dem Ort zu, von wo das Schieen herkam, und fand fnf
von meinen Leuten im Handgemenge mit wenigstens zwanzig Briganten. Als
mich diese ankommen sahen, ergriffen sie die Flucht, bis auf drei,
welche von den Voltigeurs festgehalten wurden; einer derselben stach
jedoch einen Mann mit einem Dolchsto nieder. Dies sehend, sprang ich
hinzu und versetzte dem Kerl mit solcher Kraft einen Hieb ber den Kopf,
da er einen zweiten beabsichtigten Dolchsto nicht fhren konnte,
sondern mehrere Schritte zurcktaumelte und von seinem Blut berstrmt
ohnmchtig niedersank; aber auch der gestochene Voltigeur war gefhrlich
verwundet. Die beiden anderen Briganten wurden unterdessen entwaffnet
und festgehalten. Den Entflohenen setzten wir zwar eine Strecke nach,
muten jedoch bald umkehren, da wir jede Spur von ihnen verloren. Ich
lie alle drei, auch den Schwerverwundeten, der wieder zu sich gekommen
war und nebst dem von ihm gestochenen Soldaten zur Not verbunden wurde,
knebeln und sagte ihm, da er ohne Absolution und Segen zur Hlle fahren
solle, wenn er nicht gestnde, wo sich seine Spiegesellen aufhielten
und wer sie seien. Ebenso drohte ich den anderen mit augenblicklichem
Erschieen, wenn sie nichts gestehen wrden, und lie jeden gehrig
bewacht einzeln und von den andern getrennt fhren, so da sie sich
weder durch Worte noch durch Blicke oder Zeichen miteinander
verstndigen konnten. Der Verwundete ward aber mit jedem Augenblick
schwcher und flehte um einen Tropfen Wasser zur Labung, den ich ihm
aber verweigerte, bis er gestanden, was ich begehrte. Ich hielt ihm
nochmals seine bevorstehende Hllenfahrt vor, worauf er mir mit matter
Stimme erwiderte: Gewi nicht, denn ich habe schon im voraus Absolution
und Vergebung aller Snden erhalten und bin im Gegenteil gewi, da ich
fr meine Ermordungen der Feinde unseres Landes sogar dem grten Teil
der Pnitenz des Fegfeuers entgehen werde. -- Jetzt fragte ich ihn, wer
ihm denn solche Albernheiten glauben gemacht, und reizte ihn, noch mehr
zu beichten, mich ber seinen Aberglauben lustig machend. Ich brachte
auch noch so viel von ihm heraus, da er erst vor vierundzwanzig Stunden
in Asconi, einem Dorf im Gebirge, gebeichtet habe. Hierauf ging ich zu
einem anderen Gefangenen und sagte zu diesem: Ah, Briccone, du bist
auch aus Asconi? Er erblate und leugnete. Nun teilte ich ihm mit, da
mir sein sterbender Kamerad dies gestanden, worauf er versetzte: Er hat
gelogen, ich bin nicht aus Asconi, sondern der andere, mein Geburtsort
ist Cento Croce. -- Du hast aber doch erst vor vierundzwanzig Stunden
in Asconi gebeichtet und Absolution erhalten. -- Ha, der Verrter,
knirschte der Brigant. Auch den dritten nahm ich nun _ad coram_ und
erfuhr genug, um berzeugt zu sein, da die Kerls in Asconi und Cento
Croce zu Hause waren, und brach, nachdem ich die Verwundeten und
Gefangenen nach Bocchetta expediert, mit dem Rest meiner Leute, noch
ber hundert Mann, durch de und kahle Wildnisse mit einem gezwungenen
Fhrer nach Asconi auf, sah aber den Ort ganz verlassen und keine
lebendige Seele. Auch fand sich in den erbrmlichen Htten desselben
nicht das mindeste vor, was uns zur Nahrung und Labung htte dienen
knnen, und wir muten uns an das mitgebrachte Brot und Wasser halten.
Einige der Leute hatten noch etwas Aquavit bei sich, auch fingen wir ein
halbes Dutzend Hhner und ein paar Hhne weg, die sich uns zufllig
darboten und nun an Ladestcken gebraten und mit Pulver zubereitet
wurden, da wir kein anderes Salz hatten. Gegen Abend marschierte ich
unter Hrnerklang -- die Voltigeurs hatten statt der Trommeln eine Art
kleiner Wald- oder Posthrner -- und mit mglichstem Gerusch ab, lie
aber drei Viertelstunden von dem Dorf hinter einer Felsenwand Halt
machen und befahl den Leuten, sich mglichst ruhig und still zu lagern.
Brot und Wasser war wieder unsere Kost, obgleich wir ein paar
aufgefangene Ziegen bei uns hatten, die ich aber nicht zu tten
gestattete, weil kein Feuer gemacht werden durfte, wenn mein Plan
gelingen sollte. So kampierten wir bis um zwei Uhr nach Mitternacht;
zwar hatte mir schon einer der ausgestellten Lauerposten einige Stunden
nach Sonnenuntergang berichtet, da man Licht in Asconi wahrnehme, ich
fand aber fr gut, noch eine sptere Zeit abzuwarten, um mein Vorhaben
auszufhren. Jetzt kehrten wir in aller Stille nach Asconi zurck, wo
wir noch Licht in einigen Husern sahen. Wir schlichen uns ganz leise
und unbemerkt heran, und mit der Hlfte der Mannschaft besetzte ich alle
Zugnge des Orts, whrend ich mit der anderen Hlfte in denselben
einrckte und ein Haus, eine Art Osteria, aus dem ein ziemlich
bacchanalischer Lrm ertnte, umzingelte. Wir entdeckten, da sich
einige zwanzig wohlbewaffnete Banditen nebst mehreren Weibern und
Mdchen in einer groen Stube desselben befanden, sich ganz unbekmmert
Orgien berlassend. Nachdem ich meine Mannschaft auf das beste geordnet
und instruiert hatte, lie ich die Trompeter ins Horn stoen und die
Leute auf dieses Signal pltzlich die Gewehre gegen die Fenster und
Tren abfeuern, die letzteren darauf mit Gewehrkolben einstoen und zur
Attacke blasen. Ich drang nun mit einem Teil der Mannschaft in das Haus,
whrend die anderen, ihre Bajonette in die Fenster haltend, dasselbe
fortwhrend umgaben. Die Briganten, durch diesen unerwarteten berfall
verblfft und an vierzig Lufe gegen sich gerichtet sehend, durch das
Geschrei der Weiber und Kinder noch mehr auer Fassung gebracht, dachten
im ersten Augenblick nicht daran, Widerstand zu leisten, als aber einige
ihre Bchsen abfeuerten, folgten die anderen diesem Beispiel, worauf
meine Leute ebenfalls ein mrderisches Feuer auf sie gaben. Ich drang,
an der Spitze zwei Sergeanten, in das Zimmer; dem Unterleutnant hatte
ich den Befehl der Leute vor dem Haus und im Dorf ber lassen, und es
entspann sich ein mrderisches Gefecht in der Stube selbst, in der sich
die Briganten wie Verzweifelte wehrten, und erst nachdem mehrere von
ihnen tot niedergestreckt, auch viele verwundet waren und ich ihnen dann
bei augenblicklichem Niederschieen gebot, die Waffen zu strecken und
auszuliefern, hatte der Kampf ein Ende. Mehrere von meinen Leuten waren
gleichfalls verwundet, doch keiner sehr gefhrlich, und keiner war
geblieben, ich selbst aber mit einem Dolch in den linken Arm geritzt
worden. Ich lie ihnen nun Gewehre, Pistolen, Sbel und Dolche abnehmen
und sie, whrend sie noch vor Wut schumten, mit Gewehrriemen binden, da
ich keine Stricke auftreiben konnte, und so bis zu Tagesanbruch
bewachen, whrend sich Unteroffiziere und Soldaten mit den hbschesten
der Weiber und Mdchen, wenn auch etwas gewaltsam, vergngten, was die
Gefangenen, die es wenigstens mit anhrten, bis zum Rasendwerden in Wut
versetzte. In ein paar anderen Husern fingen wir noch ein halbes
Dutzend von dieser Bande, sehr viele aber waren entsprungen und hatten
sich durch die Flucht gerettet. Wir fanden in dem einen Haus auch noch
einen ziemlich vollen Weinschlauch, gebratenes Ziegenfleisch, Polenta,
l, woran sich die fast verhungerten Voltigeurs gtlich taten. Mit
Tagesanbruch verlie ich das Dorf mit meinen Gefangenen, deren Arme ich
auf dem Rcken hatte zusammenschnallen und binden lassen. Als wir
ausmarschierten, warfen sich mir die Weiber zu Fen, um die Freilassung
ihrer Mnner und Geliebten flehend und sich an die Soldaten klammernd,
die sie transportierten, so da wir alle Gewalt ntig hatten, sie los zu
werden und ich nur durch die Drohung, auf sie und die Gefangenen
schieen zu lassen, verhindern konnte, da sie uns folgten. Ich
marschierte nun nach Cento Croce, fand aber dieses Nest ganz
ausgestorben; von da mit meinem Fang ber Ritegno und Bocchetta, wo ich
erst den folgenden Mittag ankam und die Gefangenen nebst einem
ausfhrlichen Rapport nach Genua abschickte und mich dann in Ronco
einquartierte, die Zurckkunft meiner Leute und der zwei Sergeanten, die
ich mit abgesandt, erwartend. Wir bedurften der Ruhe, uns von den
Strapazen und Entbehrungen zu erholen. Ich erhielt aber den anderen Tag
Order, mit meiner Kompagnie gleichfalls wieder in Genua einzurcken, um
dort bei den Verhren der Gefangenen gegenwrtig zu sein und die ntige
Auskunft zu geben, zugleich wurde mir aber fr meine erfolgreichen
Bemhungen eine Belobung und noch zwei Rasttage in Ronco gestattet.

Ungefhr sechzehn Tage hatte ich mich in diesen Gebirgen umhergetrieben,
und meine Abberufung war mir daher willkommen, da bei einer solchen,
immer mit den grten Entbehrungen und Gefahren verknpften Expedition
doch nur wenig Ruhm zu erwerben ist, whrend eine weit weniger
beschwerliche Waffentat gegen einen gewhnlichen Feind im offenen Felde
mit Eklat ausposaunt und belohnt wird. Dagegen ist aber wohl keine Art
Krieg zu fhren so unterrichtend und so reich an Erfahrungen, als gerade
diese. Man lernt dadurch besonders jedes Terrain gehrig benutzen,
erlangt einen groen Scharfblick und eine richtige bersicht in allen
Gefahren und wei jeden kleinen Vorteil bestens wahrzunehmen. Die
bestndige Aufmerksamkeit, welche man bei allen Streifzgen in so
kupiertem Terrain notwendig haben mu, schrft den Blick und Verstand
auerordentlich. Jeder einzelne Mann kommt da oft in die Lage, alle
seine Intelligenz und Fhigkeiten aufbieten zu mssen, um nicht das
Opfer irgendeiner Versumnis oder Nachlssigkeit zu werden, die oft mit
dem Leben bezahlt werden mu. Die Erfahrungen und Gefahren eines solchen
Krieges machen dann auch zu allen greren Kommandos und zum Anfhren
der wichtigsten Expeditionen fhig.

In Genua zurck, verfgte ich mich zuerst zu meinem Bataillonschef,
Herrn von Brge, der mich freundlich empfing und meinen Erzhlungen mit
vieler Teilnahme zuhrte und von diesem zum kommandierenden
Divisions-General Montchoisy, dem ich einen vollstndigen Bericht
abstattete und wurde darauf von ihm zur Tafel geladen, ebenso bei dem
Kommandanten General Mouret. Die Verhre fanden bald statt, und zehn
dieser Briganten wurden zum Tode verurteilt, die brigen kamen auf die
Galeere.

Ich hatte eben keine groe Eile, mich nach meinen Schnen zu erkundigen
oder sie aufzusuchen, sondern frchtete vielmehr, Neuigkeiten von ihnen
zu hren und wollte hinsichtlich ihrer wenigstens eine Zeitlang das
Inkognito in Genua bewahren, aber am Morgen des dritten Tages erhielt
ich in aller Frhe ein Billettchen von Giulietta, in welchem sie mich in
sehr gebieterischen und dringenden Ausdrcken aufforderte, sie noch
diesen Vormittag zu besuchen. Ich mute dem Gebot wohl Folge leisten,
begab mich zu ihr und erlebte einen Auftritt, der weit rger war, als
ihn sich meine ausschweifende Phantasie gedacht und ich gefrchtet
hatte. Der kleine Satan rief mir entgegen: Also zitieren mu man Sie,
wenn man Sie sehen will, redete nur von Dolch und Gift, von Herzen
durchbohren und Augen ausstechen, Gurgel abschneiden und in Stcke
zerreien und so weiter. Zuerst hielt sie mir meine Abreise ohne
Abschied, wie ein Dieb in der Nacht, vor, dann aber wollte sie hinter
mein intimes Verhltnis, das es denn doch noch nicht war, mit der
Spinola gekommen sein, und schwur hoch und teuer, da dieses blutig
enden wrde, wenn ich es fortsetze. Ich suchte die halb Rasende zu
beruhigen, indem ich ihr ebenfalls hoch und teuer schwur, da ich noch
nie ein intimes Verhltnis mit der Spinola gehabt, und das konnte ich
mit gutem Gewissen; ich wute sie endlich so weit zu besnftigen, da
wir uns so ziemlich im Frieden, der gehrig gefeiert worden war,
trennten, indem ich alles versprach, was sie versprochen haben wollte.
Sie gestand mir ein, wie sie meine Ankunft in Genua erfahren; ein
Kammermdchen, das einen Unteroffizier des Regiments kannte, hatte
denselben angehen mssen, ihr meine Zurckkunft sogleich zu melden; nun
war er aber gerade den Tag auf der Wache, und sie erfuhr es doch erst
achtundvierzig Stunden spter. Ich fand fr gut, mich jetzt auch bei
Guercino nach der Marchesa P... und der Spinola zu erkundigen und hrte,
da erstere im ganzen etwas besser sei, aber noch immer so sehr an den
Nerven leide, da sie auch die geringste Erschtterung oder
Gemtsbewegung, die sie um jeden Preis vermeiden msse, in den
traurigsten Zustand versetze. Ich hatte bald auch eine Zusammenkunft mit
der Spinola, bei der wir gemeinschaftlich den Zustand der armen Marchesa
bedauerten, uns gegenseitig deshalb trsteten und so gerhrt waren, da
wir, ohne zu wissen wie, bald einander in den Armen lagen; und was die
Palatini nur vermutet hatte, verwirklichte sich schneller, als ich
geglaubt. -- Nun war aber die schwere Aufgabe, einer jeden von beiden
glauben zu machen, da sie die einzige Auserwhlte sei, etwas, das weder
so leicht noch gefahrlos war, da alle diese Damen ihre Kundschafterinnen
hatten, die das Spionenhandwerk trefflich verstanden. Wenige Tage vor
meiner Ankunft war ein junger franzsischer Artillerieoffizier das Opfer
der Eifersucht einer Frau geworden, der, nachdem er eine Zeitlang ein
vertrautes Verhltnis mit ihr gehabt, Anstalt machte, eine junge
Franzsin, die Tochter eines Artillerieobersten, zu heiraten. Kurz vor
dem schon festgesetzten Vermhlungstage hatte sie ihn bei einer letzten
Zusammenkunft, um die sie ihn gebeten, mit eigenen Hnden erdolcht und
so gut zu treffen gewut, da er fast lautlos niedergestrzt war, sich
dann selbst als seine Mrderin angegeben und den Gerichten berliefert,
die sie fr eine Wahnsinnige erklrten. -- Ich nahm meinen Tisch wieder
bei Herrn von Brge, setzte den musikalischen Unterricht mit der kleinen
Josephine fort, an der ich eine sehr fleiige und talentvolle Schlerin
hatte, die mir mit kindischer Liebe so sehr zugetan war, da mir diese
Stunden eher eine Unterhaltung, eine Erholung, als eine Mhe waren.
fters auch fhrte ich das liebenswrdige Kind spazieren und zeigte ihm
Genuas Kuriositten; so besuchte ich eines Tages das Conservatorio
Fieschino mit ihm, ein Nonnenkloster, welches ein Domenico Fiesco im
Jahr 1760 stiftete und das durch die knstlichen Blumen, die die Nonnen
desselben verfertigen und die von einer seltenen Schnheit und Frische
sind, nicht nur in ganz Italien berhmt, sondern selbst bis nach
Amerika, wohin sie versendet werden, bekannt ist. Von diesen Blumen,
welche die heiligen Mdchen zum Schmuck der sndhaften Weltkinder
verfertigen, bietet man den Fremden an, die das Kloster besuchen, und
verkauft sie ihnen sehr teuer; der Handel findet im Sprechzimmer durch
ein doppeltes Gitter statt. Ich kaufte Josephinen ein solches Bukett,
wobei die Nonnen das Kind so allerliebst fanden, da sie es zu sich
hinter das Gitter nahmen und es noch mit einem anderen Strau solcher
Blumen beschenkten, es auch aufforderten, sie fters zu besuchen, was
wir versprachen, und es brachte von jetzt an oft ganze Tage in diesem
Kloster bei den frommen Schwestern zu, unter denen mehrere so
liebenswrdig waren, da ich das Mdchen um dieses Glck beneidete. Doch
sah und lernte sie auch manche Dinge dort, wie ich spter von ihr
erfuhr, die eben nicht sehr klsterlich waren. -- Zu dieser Zeit war der
Dienst bei unserem Bataillon wegen des Einexerzierens der
neuangekommenen Rekruten, fast ausschlielich Preuen, die in dem
unglcklichen Krieg von 1807 nach der Schlacht bei Jena, der bergabe
von Magdeburg und so weiter gefangen worden waren und Dienste genommen
hatten, wieder beschwerlich, wenigstens fr mich, da ich eine wahre
Antipathie gegen dieses so ganz geistlose und mechanische Einochsen der
Handgriffe, Wendungen und des Marschierens hatte; auch wute ich mich
die meiste Zeit davon zu dispensieren. Selbst die Pelotons- und
Bataillonsschule langweilte mich, weil sie sich in zu engen Grenzen
bewegte; ich htte gar zu gern Heere manvrieren lassen.

Bis jetzt war es mir geglckt, mein Verhltnis mit den beiden Damen so
zu verheimlichen, da keine von ihnen daran zweifelte, da ich den
Umgang mit der anderen aufgegeben, aber jeden Tag konnten mir die Karten
aufgedeckt werden. In der letzten Zeit hatte ich einigemal bei Giulietta
eine sehr liebenswrdige Dame, eine nahe Anverwandte von ihr, die
Signora Albertina Palatini getroffen, die ganz das Gegenteil von ihrer
wilden Cousine und eine sehr sanfte und ruhige Frau, von blassem,
schmchtigem Aussehen, eine geborene Venetianerin war, die sich hierher
verheiratet hatte. Sie besa ganz das zierliche, fein-grazise Wesen,
das die Venetianerinnen besonders auszeichnet, Schnheiten, denen das
Heroische der Rmerinnen, das Blhende der Florentinerinnen abgeht, die
dagegen fast verklrte, oft sehr geistreiche Gesichter und die zarteste
weie, fast durchsichtige Haut von der Welt haben. Die Signorina
Albertina hatte ein raffaelisches Madonnenantlitz, ihre Unterhaltung war
von der Art, da sie unwiderstehlich fr sie einnahm, und nie habe ich
hinsichtlich des Kontrastes zwei verschiedenartigere Wesen kennen
gelernt, als diese beiden Cousinen, die sich dennoch sehr gut
miteinander vertragen, und, was das Sonderbarste war, da, obgleich ich
Albertinen eine ungewhnliche Aufmerksamkeit in Gegenwart Giuliettens
schenkte und mich, soviel es tunlich war, fast ausschlielich mit ihr
unterhielt, diese doch keine Idee von Eifersucht oder Mitrauen blicken
lie, sondern das grte Vertrauen in ihre sanfte und sentimentale
Verwandte setzte, nicht bedenkend, da es die Sentimentalen oft ganz
gewaltig hinter den Ohren sitzen haben, denn stille Wasser sind tief. --
Ein blo geistiges Einverstndnis hatte sich auch bald zwischen mir und
der neuen Bekannten entsponnen, und in den Gesellschaften, in denen ich
sie traf und die sie frequentierte -- sie wurde weit mehr als ihre
Cousine zu denselben gezogen und eingeladen --, unterhielt ich mich und
tanzte viel mit ihr; ein gegenseitiges Wohlwollen, ohne Drang nach
sinnlicher Lust, war bald entstanden, und jedes bezeigte groe Teilnahme
fr das, was dem anderen widerfuhr; wie sehr dies von Albertinens Seite
der Fall war, hatte ich bald Gelegenheit, auf das unzweideutigste zu
erproben.

In ganz Italien ist hinsichtlich Genuas eine Redensart im Munde des
Volkes, die heit: _Uomini senza fede, donne senza vergogna, mare senza
pesce, bosco senza legna._ Mit derselben hat es, wie es mit so mancher
hnlichen abgeschmackten sprichwrtlichen Redensart der Fall ist,
gleiche Bewandtnis, sie ist fast ganz falsch und irrig. -- Was das erste
anbetrifft, _Uomini senza fede_, so sind die Genueser in dieser Hinsicht
nicht schlimmer als die anderen Italiener, was freilich kein Lob ist,
und ebenso ist es mit den Frauen der Fall, die brigens auch bei dem
vertrautesten Verhltnis noch immer eine gewisse Dezenz beobachten, sich
nie so ganz schamlos hingeben, wie zum Beispiel die Franzsinnen, die,
wenn man einmal auf einen gewissen Punkt mit ihnen gekommen ist, gar
keine Zurckhaltung mehr kennen, was sie denn auch, trotz ihres
geistreichen und witzigen Geplauders, ihres so aufgeweckten munteren
Verstandes, gar schnell bis zum Ekel widerlich erscheinen lt, sobald
man intim mit ihnen geworden. -- Das Meer ohne Fische ist nun vollends
eine offenbare Lge; ich habe nirgends bessere und dabei sehr billige
Fische gegessen wie hier, namentlich die Triglia, ein kstlicher
Rotfisch, Sardellen, frischen Tunfisch, die kleinen kstlichen
rosenfarbigen Bianchetti, die man auch Rosetti nennt, und so weiter. --
Ein Wald ohne Bume aber ist barer Unsinn, man findet hier die
herrlichsten Zitronenwldchen, deren Duft die Lfte parfmiert. -- Ich
erwhne dieses alberne Sprichwort hauptschlich in Betracht der Frauen,
die nicht mehr intrigieren als alle Italienerinnen und Spanierinnen,
fast eher schamhaft als schamlos sind, wenigstens habe ich sie so
gefunden, sogar die sonst so ausgelassene Giulietta war in gewissen
Dingen sehr dezent, und selbst die ffentlichen Dirnen, denen ich nur
auf den Straen begegnete, da ich vor solchen immer den grten Abscheu
und Ekel hatte, haben es bei weitem noch nicht zur Unverschmtheit der
Pariser Boulevardnymphen gebracht; man konnte zu jeder Zeit durch alle
Gassen Genuas gehen, ohne von ihnen angehalten zu werden.

Etwa vier Wochen nach meiner Zurckkunft aus den Alpen war wieder ein
groes Fest bei Dorias, zu dem das ganze Offizierskorps der Garnison
sowie die ganze schne Welt und der Adel Genuas, den ich zum erstenmal
so vollstndig versammelt sah, eingeladen war. Im hellen Glanz strahlten
die Damen, die ihre Toilette mit groer Sorgfalt gewhlt hatten; auch
Albertina Palatini war zugegen, aber ganz einfach wei, jedoch in die
feinsten Spitzen gekleidet, ohne Brillanten oder Perlen, weie Rosen im
Haar. Ihre feine blasse Haut und dieser Anzug gaben ihr das Ansehen
einer Halbverklrten. Ich hatte fast nur Augen fr sie und war mit der
ebenfalls anwesenden Spinola und Giulietta bereingekommen, da
ich beide ignorieren und ihnen nur die ganz gewhnlichen
Hflichkeitsbezeigungen erweisen wrde. Ich hielt mich hauptschlich in
Albertinens Nhe auf, deren elegante Anmut beim Tanz bewundernd. Sie
blickte mich einigemal so bedeutungsvoll an, da es schien, als htte
sie mir etwas Besonderes mitzuteilen. Ich trat bald darauf eine
Monfarina mit ihr an, und nachdem dieselbe beendigt war, drckte sie mir
ein Billettchen verstohlen in die Hand, indem sie mir zuflsterte:
_Leggete subito!_ Ich eilte in ein entlegenes Gemach unter eine
Fensterhalle und las:

>Signor, finden Sie sich eine Stunde vor Mitternacht in der Grotte der
Calypso der Villa Doria ein, wo ich Ihnen Dinge von der grten
Wichtigkeit mitteilen werde, meiden Sie mich aber den Rest des Abends,
damit jeder Verdacht eines Einverstndnisses fern bleibt. Um der Madonna
willen, verlieren Sie das Billett nicht, wenn Ihnen Ihr und mein Leben
teuer ist, vor allem hten Sie sich vor meiner Cousine und meinem
Bruder; suchen Sie die Grotte auf und placieren Sie sich bei der zweiten
Monfarina in meiner Nhe.<

So sehr ich auch ber den Inhalt dieses seltsamen Schreibens erstaunt
war und nachdachte, so glaubte ich dennoch aus demselben nichts weiter
vermuten zu knnen, als einen gefhrlichen Anschlag Giuliettas, die
hinter meine Schliche gekommen, oder ein gewhnliches Rendezvous. Etwas
zerstreut kehrte ich in den groen Saal zurck, begegnete bisweilen den
Blicken Albertinens, die alsdann ihre Augen verlegen niederzuschlagen
schien. Ich suchte nun die bezeichnete Grotte auf, die in dem
entlegensten Teil der Bosketts lag, mir die dahin fhrenden Wege
merkend, und tanzte dann abwechselnd mit der Spinola, Giulietta,
Teresina Doria und anderen. Bei der zweiten Monfarina placierte ich mich
neben den Tnzer Albertinens, die mich whrend der Tour leise und
schnell fragte: Wissen Sie die Grotte? Haben Sie das Billett
vernichtet? -- Verfehlen Sie die Zeit nicht! -- Ich beantwortete alles
mit gleicher Heimlichkeit und begab mich eine Viertelstunde vor der
festgesetzten Zeit an den bestimmten Ort. Kaum hatte ich Posto daselbst
gefat, so hrte ich mehrere Mnnerstimmen eifrig im Gesprch begriffen,
und da ich frchtete, sie mchten in die Grotte kommen, so trat ich
schnell aus derselben und hinter ein nahes Gebsch. Meine Vermutung war
nicht ganz falsch, denn sie blieben vor dem Eingang der Grotte stehen
und schienen sich im genuesischen Jargon ziemlich heftig zu streiten.
Ich verstand nur einzelne und abgebrochene Worte, wie _Il Commandante_,
_teatro_, _francese_ und so weiter. Gerne wre ich aus meinem Hinterhalt
hervorgegangen, um Albertinen aufzusuchen und sie zu verhindern, sich
hierher zu verfgen, aber es war unmglich, ohne von diesen Personen
bemerkt zu werden, die dann glauben muten, ich habe sie belauscht. ber
eine gute Stunde mute ich in dieser peinlichen Lage bleiben, jeden
Augenblick frchtend, die Signora kommen zu sehen, als sich die Mnner,
es waren ihrer wohl einige zwanzig, entfernten, sich in mehrere Gruppen
verteilten und auf verschiedenen Wegen wieder in den Palazzo begaben.
Sobald ich sie weit genug glaubte, eilte auch ich wieder in den Tanzsaal
zurck, Albertinen mit scharfen Blicken im Gewhl suchend, konnte sie
aber nirgends entdecken; ich rannte nun wieder zur Grotte, aber auch
hier keine Spur von ihr, ich lief durch alle Gnge und Alleen des
Gartens, alles vergeblich. Eben wollte ich wieder in die Haustr treten,
als mich eine Frauengestalt, in einen Mantel gehllt, bei der Hand nahm
und einige Schritte mit sich fortzog; es war Albertine. Ich wollte
reden, aber sie fiel mir schnell ins Wort: Ich wei alles, was Sie mir
sagen wollen, und habe nur zwei Minuten Zeit, denn schon werde ich
vermit. Wenn Ihnen Ihr Leben und das aller Ihrer Kameraden teuer ist,
so verfehlen Sie morgen nicht, in die Frhmesse der Annunziata zu
kommen. Mit diesen Worten verlor sie sich schnell ins Gebsch, da man
Leute kommen hrte. Es waren Gste, die sich schon entfernten. Ich trieb
mich noch eine geraume Zeit in dem Garten umher, ber dieses Abenteuer
und was es zu bedeuten habe nachdenkend; als ich endlich wieder in den
Saal trat, war es schon drei Stunden nach Mitternacht und die Kerzen
beinahe heruntergebrannt; die Generalitt und alle Offiziere waren
lngst weg, ich fand nur noch wenige Nobili unter einer Fensterhalle in
so eifrigem Gesprch vertieft, da sie mich kaum zu bemerken schienen,
und entfernte mich ebenfalls. Zu Hause angekommen, warf ich mich auf das
Bett, meinem Bedienten befehlend, mich mit Tagesanbruch, der nicht mehr
sehr entfernt war, zu wecken. Ich konnte aber nicht einschlafen, und
erst gegen Morgen schlo ich die Augen, in einen leisen und unruhigen
Schlummer versinkend, aus dem ich, durch einen bengstigenden Traum
erschreckt, bald wieder erwachte, mich schnell ankleidete und zur
Annunziatakirche eilte. Auer einigen alten Frauen und verschleierten
Damen, die hin und wieder an Altren knieten, war noch niemand in der
Kirche. Nach einer halben Stunde trat die von mir hei Herbeigewnschte
ein. Ich hatte sie an der Tr erwartet und reichte ihr das Weihwasser,
worauf sie mir ein Zeichen gab, ihr zu folgen. In einer kleinen
Seitenkapelle ffnete sie eine ziemlich verborgene, stark mit Eisen
beschlagene Tr, die sie leise anlehnte; ich folgte ihr unbemerkt und
befand mich samt ihr in einem sehr kleinen, von hohen Mauern umgebenen
Kirchengrtchen oder vielmehr Hfchen, mit Bumen besetzt. Nachdem ich
auf ihr Gehei die Tr hinter mir zugemacht, sagte sie: Signor, mein
Benehmen mu Ihnen sehr seltsam vorkommen, aber das Interesse, welches
Sie mir von dem ersten Augenblick, da ich Sie sah, einflten, wird,
verbunden mit dem, was ich Ihnen nun entdecken werde, mich nicht nur
entschuldigen, sondern Sie mir auch fr immer verpflichten. Erst aber
schwren Sie mir, da Sie weder mich noch meinen Mann noch meinen
Bruder, so gro auch die Schuld des letzteren sein mge, verraten oder
ins Verderben strzen wollen. -- Lchelnd fragte ich sie, ob es wohl
noch eines solchen Schwures bedrfe, und reichte ihr die Hand, mein
Ehrenwort deshalb gebend. Ihre Hand ruhte zitternd in der meinigen, als
sie fortfuhr: Es ist eine grliche Verschwrung gegen Ihre Truppen und
die Garnison im Werk und dem Ausbruch so nahe, da keine Zeit mehr zu
verlieren ist, wenn Sie sich retten wollen. Heute abend sollen mit dem
Beginn des zweiten Akts die sich im Augustinertheater befindlichen
Generale und Offiziere ermordet, zugleich auf ein Signal die Kasernen in
Brand gesteckt und sich von den Verschworenen der Wlle und Tore
bemchtigt werden. Die Anstalten sind so gut getroffen und alles so
vorbereitet, da wohl niemand leicht entkommen kann. Mehrere tausend
Briganten und Landleute vom Gebirge befinden sich schon seit gestern
abend in der Stadt versteckt, noch weit mehr werden im Augenblick der
Ausfhrung von den Bergen herunterstrmen; mehrere englische
Kriegsschiffe werden sich mit anbrechender Nacht der Kste nhern und
unfern der Stadt Truppen ans Land setzen. Das Signal wird sogleich nach
der im Theater erfolgten Ermordung durch eine vom Fanal aufsteigende
Rakete gegeben werden. Dies alles habe ich teils durch meinen Mann,
teils durch eine Instruktion, die ich in der Schreibtafel meines Bruders
fand, die er bei jenem zurckgelassen, erfahren. Namen kann und werde
ich Ihnen keine nennen, auch wei ich nicht, wer die eigentlichen
Urheber und Lenker der Verschwrung sind, und erinnere Sie nochmals an
Ihr Versprechen. -- Das ich heilig halten werde, teuerste Signora,
unterbrach ich sie, hinzusetzend: denn es soll Sie nicht gereuen, die
Retterin so vieler tapferen Leute geworden zu sein.

Albertine nahm mit Trnen in den Augen Abschied und entfernte sich durch
eine andere Tr, whrend ich mich durch die Kirche zurck und nach Haus
begab. Hier berlegte ich, wie ich es anzufangen habe, die Sache dem
kommandierenden General zu entdecken, ohne die Palatini und ihre
schuldigen Verwandten zu kompromittieren. Nach einigem Nachdenken war
mein Entschlu gefat, ich eilte zuerst zu Herrn von Brge, teilte ihm
flchtig mit, was ich ungefhr wute und sagen durfte, ohne mein Wort zu
brechen, sowie da ich durch einen Zufall hinter die furchtbare Sache
gekommen sei, indem ich diesen Morgen in einer Villa spazieren gegangen,
in einem Gebsch ungesehen zehn bis zwlf Mnner belauscht habe, die
sich in einem von dichtem Gestruch umgebenen Rondel beratschlagt
htten, ohne da es mir mglich gewesen, nur einen derselben zu
erkennen; soviel sei aber gewi, da noch diesen Abend der Tanz im
Theater angehen solle. Herr von Brge ging sogleich mit mir zu dem
kommandierenden General Montchoisy, dem ich dasselbe noch umstndlicher
wiederholen mute. Da die Zeit so kurz war, man auch nicht ein einziges
Individuum kannte, an das man sich htte halten knnen, so war guter Rat
teuer. Der General sagte mir, warum ich denn nicht wenigstens den
Mnnern nachgegangen sei, um zu erforschen, wer einer oder der andere
gewesen; ich entschuldigte mich mit der Dringlichkeit der Sache und da
ich sie zu schnell aus den Augen verloren habe. Es wurde jetzt in meiner
Gegenwart ber die Maregeln beratschlagt, die zu ergreifen seien, da
man mit aller Vorsicht zu Werke gehen mute, um die Verschworenen, die
man nicht kannte, nicht aufmerksam zu machen und ahnen zu lassen, da
man etwas von ihren Absichten wisse, weil, wenn sie sich verraten
geglaubt, sie leicht einen Desperationscoup ausfhren konnten, dem man
bei der Unbekanntschaft mit den nheren Verhltnissen nicht htte
gehrig begegnen knnen. Ich stand wie auf Kohlen und kmpfte mit mir
selbst, ob ich nicht lieber die Wahrheit gestehen und wenigstens den
Corbetti, so hie Albertinens Bruder, nennen solle; aber ich hatte das
Ehrenwort gegeben, und dies konnte ich nicht brechen. Nach manchen in
Beratung gezogenen und wieder verworfenen Plnen machte ich Vorschlge,
die denn auch mit wenig Modifikationen vorgenommen und ausgefhrt
wurden, und man kam endlich ber folgendes berein, nmlich: die Chefs
der Regimenter _und_ Bataillone sogleich in den Gouvernementspalast zu
bescheiden, die verschiedenen Korps nach dem Mittagsappell mit wenigen
Ausnahmen, damit die Straen nicht ganz von Militr entblt wrden, in
den Kasernen zu konsignieren, allen Zutritt zu denselben von diesem
Augenblick an zu untersagen, damit von dieser Konsignierung in der Stadt
nichts verlaute, eine Stunde vor dem Beginn des Schauspiels smtliche
Truppen unters Gewehr treten zu lassen und, sobald das Theater
angefangen, die Artillerie auf den Wllen und Bastionen verteilen, die
Kanonen gegen die Stadt zu richten, nachdem man sie scharf geladen, auch
Kugeln auf dem Rost glhend zu machen, alle Wachen sowie die Hauptwache
allmhlich zu verstrken, die Theaterwache zu verdoppeln und gehrig mit
scharfen Patronen zu versehen, sodann jedermann den Eintritt in das
Schauspielhaus zu gestalten, aber keinem Zivilisten erlauben, dasselbe
wieder zu verlassen, sondern beim Aufziehen des Vorhangs alle Brger,
bei denen man Waffen finden wrde, zu verhaften. Diese Maregeln wurden
mit uerster Geheimhaltung vorbereitet, so da selbst kein Offizier,
der nicht in das Geheimnis eingeweiht war, etwas von einer Verschwrung
ahnte. Die Bataillonschefs ordneten selbst die Konsignierung an, und zur
gewhnlichen Zeit strmte man ungewhnlich zahlreich ins Theater. Ein
Aide du camp des Generals hatte mit mir die Bewerkstelligung der
Verhaftungen bernommen, der ersten Wache am Theater war eine zweite,
hundert Mann stark, gefolgt, doch wurde der freie Ausgang noch bis zum
Aufziehen des Vorhangs gestattet und erst dann den jetzt doppelt
aufgestellten Schildwachen geboten, denselben zu wehren. Die Ouvertre
war verhallt, und der Vorhang rollte in die Hhe, aber statt der Akteurs
erblickte man eine in zwei Treffen gestellte Abteilung von Grenadieren.
Ich trat jetzt mit gezogenem Degen vor, kommandierte: _Apretez-armes,
joue!_ Auf fast allen Gesichtern der Zuschauer las man eine groe
Bestrzung und auf vielen Todesblsse. Jetzt trat der General-Adjutant
vor und rief mit lauter Stimme: Den Herren Offizieren wird im Namen des
Herrn Generals befohlen, sich sofort auf die rechte und linke Seite des
Parterres zu begeben und ihre Degen zu ziehen, die brigen Zuschauer
aber haben bei Strafe des augenblicklichen Erschieens die strengste
Ruhe und Ordnung zu beobachten, denn bei der geringsten zweideutigen
Bewegung wird eine Generalsalve auf die dichtesten Haufen gegeben.[5]
Jetzt kommandierte ich wieder: _Redressez vos armes!_, und die
Grenadiere brachten ihre Gewehre wieder in die Lage des >Fertigmachens<.
Die Offiziere hatten getan, wie ihnen befohlen war, und zwei Genueser
erdolchten sich im Parterre. Die Bestrzung war allgemein. Den Damen
wurde nun insinuiert, sich zu entfernen, die Wachen traten ins Parterre,
man visitierte jeden Mann streng, und alle, bei denen man Dolche,
Stockdegen, Terzerole oder sonstige Waffen fand, nicht weniger als
hundert und einige neunzig, wurden auf der Stelle verhaftet, die anderen
entlassen. Whrend dies im Theater vorging, wurde drauen Generalmarsch
geschlagen, die Truppen marschierten auf den Pltzen und Wllen auf, die
Fanale wurden besetzt und starke Patrouillen streiften durch alle
Straen. Auf solche Art wurde diese gefhrliche Verschwrung, welche
eine Wiederholung der Sizilianischen Vesper geworden wre, im Moment, wo
sie ausbrechen sollte, erstickt. Es wurden Militrkommissionen zur
Untersuchung niedergesetzt und bald darauf acht Rdelsfhrer zum Tode
verurteilt und guillotiniert, die brigen meistens auf die Galeeren
geschickt; viele der Teilnehmer waren entwischt und zu den Briganten in
die Gebirge entflohen. Der Gatte Albertinens war gar nicht vorgefordert
worden, da niemand etwas auf ihn ausgesagt, er auch nicht im Theater
gewesen war, aber dem jungen Corbetti hatte ich nicht nur durchgeholfen,
sondern ihn sogar drei Tage lang in meiner Wohnung verborgen und ihm
dann Gelegenheit verschafft, sich nach Sizilien einzuschiffen.

[Funote 5: Die sterreicher haben spter zu Mailand bei einer hnlichen
Gelegenheit dieses Manver einmal nachgemacht.]

Alles ging bald wieder seinen geregelten Gang fort, und ich arbeitete an
meiner Versetzung zum ersten Bataillon, denn der Aufenthalt in Genua war
mir wegen meinen Verhltnissen mit den verschiedenen Frauen, die nimmer
einen guten Ausgang erwarten lieen, verleidet; ich schrieb deshalb oft
an Dret. Eben hatte ich wieder einen solchen Brief beendigt, als ein
Lohnbedienter zu mir in das Zimmer trat und mir sagte, es seien gestern
abend ein paar fremde Damen in dem Hotel Croce di Malta angekommen, die
mich zu sprechen wnschten und bitten lieen, sie doch diesen Vormittag
zu besuchen, indem sie mir vermutlich sehr angenehme Mitteilungen zu
machen htten. Auf meine Fragen, wer denn die Damen seien, erwiderte der
Abgesandte: _Non le conosco_, und mehr war aus ihm auch nicht
herauszubringen. Ich konnte mir gar nicht denken, welche Donna Elvira
mich in Genua aufsuchen mchte, denn da es die Cesarini nicht sein
konnte, wute ich, da ich erst vor wenigen Tagen Briefe von ihr erhalten
hatte, die keineswegs einen solchen Schritt vermuten lieen. Nachdem ich
meine Dienstgeschfte verrichtet, eilte ich neugierig in das
Maltheserkreuz und fand -- meine Englnderinnen aus Florenz, die mir gar
nicht in den Sinn gekommen waren. So sehr ich auch berrascht war, hie
ich sie doch freundlich willkommen, frhstckte mit ihnen und versprach,
sie verlassend, gegen Abend wieder zu erscheinen. Als ich zu Hause
angekommen war, dachte ich: >Immer besser, meine hiesigen Verhltnisse
verwickeln sich mehr und mehr; die Gtter mgen wissen, welches Ende das
nehmen wird.< Ich berlegte, durch welche Mittel ich den sicher
bevorstehenden, hchst unangenehmen Begebenheiten wohl entgehen knne,
als mich eine Ordonnanz zum Bataillonschef beorderte. Dieser empfing
mich ungewhnlich freundlich und berreichte mir mehrere Papiere, indem
er sagte: Ich gratuliere von Herzen! Das eine war meine Ernennung zum
Kapitn, das andere ein Schreiben von Dret, aus Civita-Vecchia datiert.
Das letztere brach ich hastig auf, durchflog es und las unter anderem
seine herzlichen Glckwnsche zu meinem Avancement sowie die Meldung,
da er zugleich meine Versetzung zum ersten Bataillon bei dem Oberst
Omeara durchgesetzt habe, wobei ihm besonders das Vorgeben genutzt, da
das Musikchor seit meiner Abwesenheit ganz verwahrlost und kein Offizier
beim Bataillon sei, der mich in dieser Hinsicht ersetzen knne, man
alles dem _Matre de musique_ zu berlassen gentigt und ich in dieser
Hinsicht gewissermaen unentbehrlich wre. Er schlo noch mit einer
vterlichen Warnung hinsichtlich Caguenecs und da er mich recht bald
erwarte. Herr von Brge hatte auch schon meine Versetzungsorder erhalten
und bedauerte, besonders wegen seiner Tochter, mich sobald wieder zu
verlieren. Auch ich tat, als sei es mir leid, war aber innerlich ber
das Ereignis seelenvergngt, und zu Hause angekommen, setzte ich mich an
das Klavier und komponierte einen recht munteren _pas redoubl_, machte
dann sogleich Anstalten zu meiner Abreise und lie mir meine _feuille de
route_ ausfertigen. Nun blieben mir noch die sauersen Abschiedsszenen
brig. Der Marchesa Spinola sagte ich bei Guercinos, wohin ich sie
zitiert und wo ich sie auch in der letzten Zeit fters gesehen hatte,
ein zrtliches Lebewohl, der Marchesa P..., die noch immer krank war,
schrieb ich einen herzbrechenden Abschiedsbrief, bei den kaum
angekommenen Ladys spielte ich den Verzweifelnden, indem ich zu Lady
Mary sagte: Da sehen Sie, was es heit, ein Soldat sein; auch keine
Minute ist man Herr ber sein Leben und seine Zeit; aber hatte ich es
Ihnen nicht in Florenz gesagt, da es so kommen wrde? Mary war
wirklich auer sich und rief aus: Wie! nachdem ich mir alle Mhe
gegeben und Gott wei was alles vorgebracht habe, um meinem immer noch
in Paris weilenden Gatten plausibel zu machen, da ich meinen Aufenthalt
in Genua nehmen mchte, verlassen Sie es? Oh, wre ich doch lieber in
Florenz geblieben; vorerst kann ich nicht daran denken, von hier wieder
wegzureisen. Gott sei Dank! erwiderte ich in Gedanken und brachte
noch eine recht zrtliche halbe Nacht mit ihr zu. Auch Albertinen, der
ich soviel zu danken hatte, schien meine Abreise durchaus nicht
gleichgltig zu sein, auch sie schwamm in Trnen. Nun aber kam noch der
schwierigste und von mir am meisten gefrchtete Abschied von allen, der
von meiner tollen Giulietta, der ich erst den letzten Abend vor meiner
Abreise, als sie mich, wie es sehr hufig geschah, in meiner Wohnung
besuchte, dieselbe mitteilte. Es setzte eine zweite, womglich noch
tollere Szene, als die, bevor ich zur Brigantenjagd abging, und nur
durch die Versicherung, da ich ganz gewi, ehe vierzehn Tage vergingen,
wieder in Genua sein und in ihren Armen liegen wrde, gelang es mir, sie
einigermaen zur Raison zu bringen und von albernen Streichen, mir
diesmal gewi folgen zu wollen und so weiter, abzubringen.

Da ich noch immer bei Kasse war, auch meinen schnen Reisewagen noch
hatte, so beschlo ich diesmal ber Mailand nach Rom zu gehen und rollte
mit Tagesanbruch zu dem nach Alessandria fhrenden Tor hinaus, mit der
Hoffnung, vielleicht den mir so angenehmen Posten in Albano
wiederzuerhalten.




                                  VI.

   Reise ber Mailand nach Rom. -- Mailand. -- Die Einwohner. -- Der
    Advokat Mazetti. -- Eine Spielhlle. -- Ich rette Graf G... aus
   den Klauen falscher Spieler. -- Bellina. -- Abreise von Mailand nach
    Rom. -- Ankunft zu Rom. -- Wiedersehen. -- Abfahrt nach Neapel.


Meine Marschroute gestattete mir wieder einen Monat Zeit, um den Ort
meiner Bestimmung zu erreichen; da ich mit Extrapost ganz bequem in fnf
bis sechs Tagen und noch frher in Civita-Vecchia eintreffen konnte, so
benutzte ich die dadurch gewonnene Zeit, die merkwrdigsten Stdte der
Lombardei und Oberitaliens, die ich noch nicht gesehen hatte, zu
besuchen, so vor allem Mailand.

Ich hatte mir vorgenommen, vierzehn Tage in dieser merkwrdigen Stadt
zuzubringen, mein Aufenthalt dehnte sich aber beinahe drei Wochen aus.

Das gesellige Leben war zu jener Zeit noch immer freundlich, obgleich
man sich sehr vor dem napoleonischen Spionenwesen frchtete und seine
Worte gewaltig auf die Wagschale legte. Dennoch war man gegen Fremde
zuvorkommend, artig, gastfrei und selbst dienstfertig. Ich hatte
durchaus keine Empfehlungen mit nach Mailand gebracht, ging auch fast
immer nur in Zivilkleidern und hatte doch in den ersten paar Tagen schon
im Theater und im Kaffeehause die Bekanntschaft einiger angesehener
Brger gemacht, die mich zu sich einluden und in ihren Familien
einfhrten. Die Schnheit der Mailnderinnen ist in Oberitalien
sprichwrtlich, sie haben eine sehr frische Hautfarbe, einen uerst
wohlproportionierten Wuchs, schne Augen, meistens ein rabenschwarzes,
dickes, langes Seidenhaar, das freilich oft sehr frhe ins Graue
bergeht, dabei viel Anmut und angenehme Manieren, lieben Putz und
Pracht leidenschaftlich, wissen sich aber mit Geschmack und gewhlt zu
kleiden und trugen damals sehr die Pariser Moden, die man acht bis zehn
Tage spter, als sie in Frankreichs Hauptstadt erschienen, gewi war,
auf dem Korso und in der Skala bewundern zu knnen. Auch in Equipagen,
deren man Hunderte in einer Reihe begegnete, wurde groer Aufwand
gemacht. Mailand war damals diejenige Stadt Italiens, wo man die
Franzosen am wenigsten ungern sah, selbst die Mnner waren ihnen nicht
gerade abhold. Ich war in einem Gasthof abgestiegen, den ich jedoch nach
zwei Tagen mit einer Privatwohnung in der Nhe des Domplatzes
vertauschte, von wo ich meine Ausflge in alle Teile der Stadt bequem
machen konnte.

Als ich das Canobbiana-Theater zum erstenmal besuchte, machte ich die
Bekanntschaft eines ltlichen Mannes, der sich mir als einen Advokaten
namens Mazzetti zu erkennen gab und, nachdem er mich nach meiner Wohnung
gefragt hatte, mir schon den anderen Tag in den Vormittagsstunden einen
Besuch abstattete; er versicherte, da er sehr fr mich eingenommen sei
und bedauerte nur, mich nicht frher gekannt zu haben, weil er mir sonst
eine Stanza in seinem Hause angeboten haben wrde. ber diese
auerordentliche Zuvorkommenheit und teilnehmende Geflligkeit erstaunt,
deren Grund ich mir nicht wohl zu erklren vermochte, war ich auf meiner
Hut. Da es meine liebenswrdige Persnlichkeit nicht sein konnte, die
den alten Rechtsverdreher anzog, war mir klar, und am allerwenigsten
hielt ich einen Italiener, wenn auch einen Mailnder, einer so schnell
auflodernden uneigenntzigen Freundschaft fhig, obgleich mich Signor
Mazzetti auf _corpo_ und _anima_ versicherte, da er sich nur zu mir
hingezogen fhle, weil ich ein noch mit den italienischen Sitten
unbekannter Signor Cavaliere _forestiere_ und in dem gefhrlichen
Mailand so ganz unbekannt sei; mein offenes Wesen und meine
Liebenswrdigkeit, ich msse charmanter Eltern Kind sein, habe ihn so
angesprochen, da er sich vorgenommen, mir den Aufenthalt in seiner
Vaterstadt mglichst angenehm zu machen. Der alte Fuchs hatte whrend
der Zeit seine Spherblicke in meinem Zimmer umherspazieren lassen,
meine Koffer und das Wagenkistchen wohlgefllig betrachtet und gefragt,
ob ich mit eigenem Wagen und Extrapost reise, und mich dann dringend
gebeten, ihn doch ja noch denselben Abend mit einem Besuch beehren zu
wollen, wo ich eine angenehme und sehr unterhaltende Gesellschaft bei
ihm antreffen wrde, namentlich auch einige sehr liebenswrdige Damen
von seiner Bekanntschaft, ausgezeichnete musikalische Talente. Als ich
ihm erwiderte, da auch ich dieser Kunst nicht ganz fremd sei,
versicherte er mir mit einem Faunenlcheln, da ihn diese Entdeckung
entzcke, und schmunzelte dabei satanisch unter seinen buschigen
Augenbrauen. Als ich versprach, seinem Divertimento beiwohnen zu wollen,
konnte er kaum die Freude, die aus seinen grimassierenden Mienen
hervorleuchtete, die mir aber nicht entging, verbergen. Er blieb,
whrend ich mich ankleidete, bat mich dann, ihm doch die Ehre zu
erzeigen, die Schokolade mit ihm in einem nahen Kaffeehause nehmen zu
wollen, wobei ich bemerkte, wie der alte Fuchs mit gierigem Wohlbehagen
seine Augen auf die gefllte Brse warf, die ich zu mir steckte. Whrend
wir die Schokolade tranken, unterhielt er mich mit allerlei
Stadtneuigkeiten, die mir nicht uninteressant schienen, und ich
begleitete ihn dann auf sein Verlangen bis an seine Wohnung in der
Strae San Giuseppe, damit ich, wie er meinte, sie den Abend um so
weniger verfehlen knne, und die er mich wohl zu merken bat. Er hatte
sich unterdessen auch nach meinem Namen und Stand erkundigt. Ersteren
teilte ich ihm mit, und er machte ein Signor Federico daraus. Aber ich
verschwieg ihm, da ich franzsischer Offizier sei, und gab mich fr
einen zu seinem Vergngen reisenden Sohn eines wohlhabenden Kaufmannes
aus, der besonders Italien kennen zu lernen wnsche. Zur
bereingekommenen Stunde verfgte ich mich zu meinem berartigen Patron
und fand daselbst eine, wie es mir schien ziemlich gemischte
Gesellschaft von einigen zwanzig Personen, unter denen mehrere recht
hbsche Damen, eine junge Sngerin, _seconda Donna della Canobbiana_,
und eine reizende Tnzerin _della Scala_. Mein freundlicher Wirt stellte
mich den Damen als einen _Cavaliere forestiere_ von sehr guter Familie
vor. Die Unterhaltung ward bald animiert genug, man reichte Eis,
Limonade und Sigkeiten herum, sodann wurde musiziert; Signora Bellina,
so hie die Cantatrice, trug allerliebste Cavatinen und _Canzonette
buffe_ vor, so da alle davon entzckt waren, besonders als sie das
damals so beliebte >_Una povera ragazza tutt' onesta_< und so weiter mit
einem _parlando espressivo_ sang. Auf des Hausherrn Ersuchen, der, ohne
mich noch gehrt zu haben, mich seinen Gsten als einen _virtuoso
famosissimo_ anpries, sang ich zuerst einige franzsische Romanzen,
unter denen der von mir selbst komponierte Troubadour >_Brulant d'amour
en partant pour la guerre_<, die nur wenige verstanden, dann ein
komisches Duett mit der Signora Bellina. Ich wurde nun auch mit
Komplimenten bis zum Ekel berhuft, bis endlich Signor Mazzetti, der
Musik ein Ende machend, ein kleines Spielchen arrangierte, wobei eine
schon ziemlich ltliche und hochgeschminkte Schne den Bankier und ein
neben ihr sitzendes konfisziertes italienisches Gaunergesicht ihren
Croupier machte. Jetzt glaubte ich schnell den Schlssel zu der
zuvorkommenden Freundlichkeit des Advokaten gefunden zu haben, und hatte
mich nicht geirrt. Man war so aufmerksam, mich zuerst zu fragen, ob ich
vielleicht gerne selbst Bank halten wollte. Es war das beliebte _Farone
reale_ (_Basetta_), das gespielt wurde. Ich dankte ergebenst fr die mir
zugedachte Ehre. Man gab die Kartenbcher aus, ich gewann ziemlich oft,
und nur selten schlug mir eine Karte fehl, doch lie ich mich nicht
durch diesen Gewinn verfhren, hher als einen Zechino zu pointieren,
obgleich man mich von verschiedenen Seiten aufforderte, da ich in der
Glcksader sei, es zu benutzen; auch hatte ich bemerkt, da der Bankier
schon einigemal verstohlene Blicke mit dem Herrn vom Hause gewechselt
hatte, ich aber wechselte solche mit der schnen Sngerin, die mich mehr
als alle Knige, Paroli _sept, quinze, trente-un et le va_
interessierte, um mich ebenfalls in eine Augenkorrespondenz mit dieser
zu setzen, was ich auch zustande brachte. Ich mochte ungefhr einige
dreiig Zechini gewonnen haben, als mich dieses Spiel unausstehlich zu
langweilen anfing, da es mich hinderte, ein anderes zu beginnen. Ich
lie nun einige Taillen vorbergehen, ohne zu pointieren. Dem Mazzetti,
der mich bereden wollte, mein Glck zu poussieren, erwiderte ich, da
mich das Spiel langweile. Dies schien man eben nicht sehr artig zu
finden, die Dame Bankhalter und einige andere Spieler verzogen ihre
Gesichter, und ihre Stirnen umwlkten sich, ich kehrte mich jedoch nicht
daran; um aber den Herren zu zeigen, da ich nicht aufhren wollte, um
den Gewinst in die Tasche zu stecken, setzte ich, was ich gewonnen,
jetzt auf eine Karte, Herzdame, und -- gewann wieder, ich bog ein Paroli
auf die Coeurdame und -- gewann abermals. Nun fing mir die Sache
bedenklich zu werden an, und ich setzte bald zehn, zwanzig und dreiig
Zechinen auf verschiedene Karten, abwechselnd gewinnend und verlierend,
endlich erklrte ich, da ich fr diesen Abend zu spielen mde sei, und
trat mit einem Gewinn von mehr als neunzig Zechinen ab. Man reichte
nochmals Erfrischungen, worauf einige der Damen Tanzlust bekamen, und
ich tanzte mehrmals mit der Signora Bellina und der Ballerina von der
Scala, die, sonderbar genug, nicht walzen konnte. Es war lngst
Mitternacht vorber, als sich die Gesellschaft trennte. Die beiden
Theaterprinzessinnen fuhren zusammen in einem Wagen fort; nachdem sie
weg waren, erkundigte ich mich bei Mazzetti nach ihren nheren
Verhltnissen und erfuhr, da die Sngerin zwar die Geliebte eines
Kommissr-Ordonnateurs sei, der sie unterhalte, aber nichtsdestoweniger
zu den Unerbittlichen gehre; brigens sei sie noch sehr jung und die
Tochter einer Exballerina, die sie dem Kommissr als Jungfrau
berliefert habe. Signora Mazzetti -- der Advokat war verheiratet --,
eine reifere Schnheit, fragte mich noch beim Weggehen, wie es mir bei
ihr gefallen habe, und als ich ein Vortrefflich! entgegnet hatte, lud
sie mich zudringlich ein, doch den folgenden und alle Abende, wenn mir
es angenehm, meine Besuche zu wiederholen. Ich versprach es, zog aber am
anderen Morgen durch mein altes Mittel, einen renommierten Haarkrusler,
Erkundigungen ber dies Haus und seinen Besitzer ein und erfuhr, da
meine Vermutungen nur zu begrndet waren, da nmlich aus dem
praxislosen Rabulisten Mazzetti ein Spieler von Profession geworden, der
in Verbindung mit einigen Helfershelfern Jagd auf alle bemittelten
Fremden mache, diese Zugvgel in seinen Netzen zu fangen und ihnen dann
die Federn auszurupfen suche, was ihm auch meistens gelnge, indem er
die verfhrerischsten Frauen von zweifelhaftem Ruf und namentlich
Aktricen zu diesem Zweck in sein Haus ziehe. Von den ersteren stnden
mehrere frmlich in seinem Sold und seien der Kder, mit dem er seine
gefhrlichen Angeln umwinde, in den gar manche Gimpel so gewaltig
bissen, da sie sich ganz verbluteten. Ich nahm mir vor, den mir
ebenfalls behagenden Kder vorsichtig abzunagen und doch nicht an dem
Angelhaken hngen zu bleiben. Bellina war es, die mich anzog. Diese
sowie die Tnzerin und noch einige andere Schnen waren mit die
unschuldigen Werkzeuge des verdorbenen Rechtsfeindes, das heit, sie
besuchten nur aus Koketterie und Vergngungssucht Mazzettis Haus, in dem
sie sich trefflich unterhielten und lustige Kurzweil fanden, ohne sich
um die Spielangelegenheiten und den eigentlichen Zweck dieser
Zusammenknfte weiter zu bekmmern, wenn sie nur ihre Privatabsichten
erreichten. So von allem hinlnglich unterrichtet, konnte mir dieses
Raubnest unmglich gefhrlich werden, und ich beschlo, dasselbe zu
meiner Unterhaltung bestens zu bentzen und der liebenswrdigen Sngerin
_faute de mieux_ den Hof zu machen, mit der ich dann auch, wenn sie im
Theater beschftigt war, erst nach demselben dort eintraf. Ich spielte
unterdessen das Knigsspiel in derselben Weise, wie ich es begonnen
hatte, fort, ohne zu biegen, jetzt aber mit auffallendem Unglck, so da
mich diese Abende doch ziemlich teuer zu stehen kamen und ich meine
Dulzinea bald an einem anderen Ort als in dem teueren Lokal Mazzettis zu
sehen suchte, wo ohnehin auch die Nebenzimmer keine ungestrte
Unterhaltung erlaubten. Wir waren schnell einig, da wir uns in der
Wohnung einer anderen Aktrice, ihrer Freundin, trafen. Indessen fuhr ich
fort, von Zeit zu Zeit die Abende Mazzettis zu besuchen, doch wenig, oft
gar nicht spielend, was Ursache war, da man mich jetzt sehr kalt
daselbst aufnahm und am Ende mein gnzliches Wegbleiben gerne gesehen
htte, da es der sauberen Gesellschaft klar war, da sie eben keinen
groen Fang an mir gemacht. -- Eines Abends traf ich einen
blondlockigen, blauugigen jungen Mann dort, an dessen Akzent -- er
sprach nur sehr gebrochen italienisch, aber ziemlich gut franzsisch --
ich sogleich einen Norddeutschen zu erkennen glaubte. Ich hatte mich
nicht geirrt, es war ein Kurlnder von sehr guter Familie. Dasselbe
Manver, das man mit mir gemacht, wurde auch bei diesem genau
wiederholt, nur mit dem Unterschied, da, da er die Karten immer bog,
Paroli und Lapes machte, die Summen, die er gewann und verlor, weit
bedeutender waren; er spielte, da er anfnglich gewann, immer khner,
bald aber fing er zu verlieren an. Dabei hatte ich bemerkt, da
Mazzetti, der nie selbst Bank hielt und den ich scharf beobachtete,
verschiedene Zeichen gegeben hatte. Es dauerte nicht lange, so war der
junge Mann schon in einem Verlust von mehr als fnfhundert Zechinen und
von allem baren Geld entblt. Dies war gegen den gewhnlichen Gang, den
man in dieser Spielhlle zu befolgen pflegte. Aber man sah, da ich
fters mit dem Fremden sprach, auch hatte ich einigemal deutsche Worte
mit ihm gewechselt, die jedoch keinen Bezug auf das Spiel gehabt, und so
frchtete man, da ich den Fremdling unterrichten und abspenstig machen
knnte und dachte: >Man mu ihn rupfen, solange er sich noch in unseren
Klauen befindet.< Ich war daher den Herren ein lstiger Aufpasser, den
sie gern los gewesen wren. Der Graf G..., so nannte sich der Goldvogel,
nahm nun den Wirt beiseite und bat ihn, ihm gegen Versatz eines schnen
Solitrs und einer Brillantnadel eine Summe vorstrecken zu wollen; man
lieh ihm hundert Zechinen darauf, und als auch diese verloren waren,
noch fnfzig auf eine prchtige mit Perlen besetzte goldene Repetieruhr.
Der Graf war desperat, als er auch dies letzte Geld verloren hatte, und
rief unwillkrlich auf deutsch aus: Jetzt bin ich verloren! Ich
unterhielt mich jetzt in seiner Muttersprache mit ihm, und alle,
besonders aber der Fuchs Mazzetti, spitzten gewaltig die Ohren, und
rger und Wut drckten sich auf dem Gesicht des letzteren aus, da er
nicht verstand, was da in einer Sprache verhandelt wurde, die kein
anderer der Anwesenden sprach und einige nicht einmal kannten. Der Graf
entdeckte mir, da er jetzt aller Mittel beraubt sei, um weiter zu
reisen, und da er erst in vier Wochen im gnstigsten Falle wieder neue
Wechsel erhalten wrde, die er in Rom vorfinden solle. -- Auf meine
Frage, wie er in dies Haus gekommen sei, erzhlte er mir, da er die
Bekanntschaft eines der anwesenden Herren, er bezeichnete mir ihn, in
einem Kaffeehause gemacht, der ihn mit groer Artigkeit und
Zuvorkommenheit hier eingefhrt habe; er wisse nun fr den Augenblick
keinen Rat und schme sich vor dieser ehrbaren Gesellschaft. -- Ich
ersuchte ihn, sich zu beruhigen, und erbot mich, ihm zwanzig Zechinen zu
leihen, ihm bemerkend, da man mit geliehenem Geld gewhnlich Glck
habe, bat ihn aber, nicht eher fortzuspielen, als bis er auch mich
pointieren sehen wrde. Ich ersuchte nun den Signor Mazzetti, mir einen
Augenblick Gehr schenken zu wollen, da ich ihm etwas Wichtiges unter
vier Augen mitzuteilen habe. Wir begaben uns in ein Nebenzimmer, wo ich
ihm zuerst erffnete, da ich kein durchreisender Cavaliero, sondern ein
franzsischer Kapitn wre, der im Begriff sei, sich zu seinem im
Kirchenstaat stehenden Regiment zu verfgen, und bat ihn sodann, mir
doch die Freundschaft erweisen zu wollen, den jungen Fremden, der ein
Landsmann von mir sei, sein verlorenes Geld wiedergewinnen zu lassen.
Der Rabulist tat zuerst, als verstnde er nicht, was ich wollte, und als
ich ihm mein Begehren so deutlich auseinandersetzte, da er nicht mehr
gut ein Miverstndnis affektieren konnte, spielte er den Beleidigten,
den Galant-Uomo, dem man Satisfaktion fr solche Schmhung schuldig sei
und so weiter. Ich fiel ihm aber sehr ernst ins Wort, indem ich ihm ohne
alle Umstnde rund heraus erklrte, da hier alle seine
Rabulistenschwnke vergeblich seien, indem ich schon lngst auer allem
Zweifel ber das Metier sei, das er und seine Spiegesellen trieben, und
da, wenn der von ihnen in die Falle gelockte junge Mann nicht diesen
Abend sein Geld wiedergewnne, ich mich noch in der Nacht oder doch
morgen mit Tagesanbruch zu dem Platzkommandanten verfgen und diesem die
Sache anzeigen wrde, wo dann er und alle seine Helfershelfer zum Galgen
oder zur Galeere reif sein wrden. -- Sie wissen, da wir wenig
Federlesens machen, setzte ich noch hinzu, und es uns auf ein paar
Kugeln nicht ankommt. -- Der alte Gauner wollte zwar noch allerlei
Umstnde machen, die ich aber mit einem: Wohlan, ich gehe zum
Platzkommandanten, der dann die Polizei requirieren wird, beseitigte,
und gab ihm, auf die Uhr sehend, genau eine halbe Stunde Zeit, dem
Grafen wieder zu seinem Verlust zu verhelfen, indem ich bemerkte, da
ich vollkommen die Kunstgriffe kenne, die hier angewendet wrden, um das
Spiel nach Gefallen zu lenken. (Dies war ein _ben trovato_ und _non
vero_.) Dem verstockten Sndenknecht fiel jetzt das Herz in die Schuhe,
er bat um Schonung und versprach meinen Wunsch zu erfllen, ersuchte
mich aber demtig, ihm mein Wort zu geben, von der Sache gegen niemand
etwas zu erwhnen, was ich auch tat. Ich kehrte mit ihm in das
Spielzimmer zurck, nahm ein Libretto in die Hand, fing an zu
pointieren, nachdem ich dem Grafen deutsch gesagt hatte, er mge jetzt
nur ganz mir nachsetzen. Wir verloren noch dreimal, als ich aber beim
drittenmal dem Mazzetti einen bedeutungsvollen Blick zuwarf, fingen wir
zu gewinnen an, und ich bog nun die Karten gegen meine Gewohnheit. In
weniger als zwanzig Minuten war mein Kurlnder wieder zu all seinem Geld
gekommen und imstande, auch seine Pretiosen einzulsen; ich hatte an
siebenhundert Zechinen gewonnen. Wir empfahlen uns bald darauf mit einem
_felicissima notte_, die hochansehnliche Gesellschaft mit langen
Gesichtern zurcklassend. Den Grafen G... begleitete ich bis in sein
Hotel, gab ihm den guten Rat, sich diese Begebenheit zur Warnung fr
ganz Italien dienen zu lassen, wo man allen bemittelten Fremden
unaufhrlich solche Fallen stelle, und wir schieden unter Versicherung
einer unverbrchlichen Freundschaft.

Als ich Bellina am anderen Morgen diesen Vorfall mitteilte -- sie war an
dem Abend nicht bei Mazzetti gewesen -- und ihr dabei vorhielt, da sie
sich von dem alten Spitzbuben zu einem der Lockvgel gebrauchen lasse,
womit man die Fremden auf die Leimrute ziehe, versicherte sie mir mit
Trnen in den Augen, da sie dies in aller Unschuld getan, von diesen
Umtrieben nicht das geringste geahnt und nur der angenehmen Unterhaltung
halber diese Soireen besucht habe. Da sie Wahrheit sprach, davon war
ich schon frher berzeugt. Noch denselben Morgen machte ich eine
Promenade mit ihr und bestieg die hchste Spitze des Doms in ihrer
Gesellschaft, wo wir uns an der entzckenden Aussicht in die schne
Lombardei weideten.

Einige Tage spter setzte ich meine Reise ber Florenz fort, denn es zog
mich mit aller Macht nach Rom, und je nher ich dieser Stadt kam, desto
mehr brannte ich vor Ungeduld, die Cesarini wiederzusehen, da ich,
seitdem ich sie verlassen, noch kein zweites, ihr hnliches weibliches
Wesen wieder kennen gelernt hatte. Ich fuhr von Florenz denselben Weg,
den ich vor etwa einem halben Jahr gemacht, in der entgegengesetzten
Richtung zurck, oft an dem Rande der schaurigsten Abgrnde der
Apenninen vorbei, aber von den Rubern und Banditen, vor denen man mich
so sehr gewarnt, sah ich keine Spur, obgleich mein Louis in jedem
vorberwandernden Bauer einen solchen wittern wollte und sich
schlagfertig machte. Vor Viterbo brach die Vorderachse meines Wagens,
wodurch ich gentigt war, mich beinahe drei Stunden in diesem Orte
aufzuhalten, weshalb ich auch erst spt in der Nacht zu Rom ankam und
mein Vorhaben, Gertrude noch denselben Abend aufzusuchen und zu
berraschen, denn ich hatte ihr zwar mein Kommen geschrieben, aber nicht
die Zeit bestimmt, vereitelt wurde. Ich stieg in einem Albergo an dem
Spanischen Platz ab und eilte am anderen Morgen, so frh es tunlich war,
zu Torlonia, der ber meine unerwartete Ankunft erstaunt schien. Als ich
ihm aber meine Hoffnung, die Kommandantur von Albano wieder anzutreten,
vertraute, teilte er mir die ganz unerwartete Nachricht mit, da das
Bataillon schon seit zehn Tagen den Kirchenstaat verlassen und in das
Regno, so nennen sie gewhnlich in Rom das Knigreich Neapel,
abmarschiert sei. Dies warf mit einem Schlag meine Projekte ber den
Haufen, und alle meine Plne wurden zu Wasser. Ich erkundigte mich jetzt
zuerst nach der Cesarini und hrte, da der Herzog und seine Gattin so
gut wie vllig getrennt lebten. Ich lie ihr ein Billettchen zustellen,
in dem ich ihr meine Ankunft meldete und sie bat, mich wissen zu lassen,
wann ich das Vergngen haben drfe, sie zu besuchen. Eine halbe Stunde
darauf fuhr ein Wagen vor mein Hotel, dem zwei schwarz gekleidete,
verschleierte Damen entstiegen, gleich darauf ffnete eine Cameriera
meine Zimmertr, und Gertrude lag in meinen Armen. Wir blieben einige
Minuten lang im stummen Entzcken des Wiedersehens, und war es von
meiner Seite auch nicht mehr das Feuer der Liebe, das mich beseelte, so
fhlte ich doch eine wahrhaftige, aufrichtige und dankbare Freundschaft
fr die Principessa. Aber die schlanke Nymphentaille, die mich frher so
entzckte, war verschwunden, und der Leib hatte sich gewaltig
arrondiert, auch die Gesichtszge waren weniger fein und etwas
aufgedunsen, wie dies bei den Frauen gegen das Ende einer
Schwangerschaft meist zu sein pflegt. Nichtsdestoweniger schlo ich sie
zum zweiten- und drittenmal in meine Arme und drckte sie fest an meine
Brust, ich war ja der Urheber dieses Zustandes. Sie fragte mich endlich
lchelnd: Nicht wahr, du findest mich sehr verndert? Dabei sah sie
mich mit forschenden Augen an. Ich erwiderte die Frage nur durch Ksse.
Nachdem endlich des Bewillkommens genug, kamen andere Dinge zur Sprache,
und sie war auer sich, als ich ihr mitteilte, da sich mein Aufenthalt
in Rom nur auf wenige Tage erstrecken knne, da ich dem Bataillon nach
Neapel folgen msse. Sie brachte fast die ganze Nacht bei mir zu, und
erst gegen Morgen geleitete ich sie heim. Wir sahen uns nun jeden Tag,
und ich machte nirgends Besuche, um die wenige kostbare Zeit nicht mit
unntzen Dingen verstreichen zu lassen. Nicht einmal Vasis suchte ich
auf; die Vernetti lag in den Wochen.

Schnell waren die zehn Tage verstrichen, die ich lngstens in Rom
verweilen durfte und durch Extrapost wieder gut machen konnte. Ich
frchtete mich vor dem Abschied, der auch wieder herzbrechend genug war.
Ernstlich verbat ich mir diesmal jede Geschenke und verbot auch meinem
Bedienten, hinter meinem Rcken etwas anzunehmen; dennoch bestach ihn
Gertrude wieder, und in Neapel angekommen, fand ich abermals das
Wagenkistchen mit allen mglichen Dingen gefllt, auch wieder mehrere
Rollen Gold vor. Wir hatten die letzte Nacht noch bis zum grauenden
Morgen zusammen zugebracht, und es war heller Tag, als ich zu dem nach
Albano fhrenden Tor hinaus, und ohne mich weder bei Tag noch bei Nacht
lnger, als es das Umspannen erforderte, aufzuhalten, bis nach Neapel
fuhr, wo ich mich sogleich bei Dret und dann bei dem jetzigen Oberst
des Regiments, Omeara, meldete. Ersterer empfing mich wie immer sehr
wohlwollend und freundschaftlich und erzhlte mir als Neuigkeit, da
Caguenec abermals in strengem Arrest auf dem Fort sitze, weil er wieder
einen Straenunfug im Verein mit einigen jungen Leuten, meist Kadetten,
in der Trunkenheit verbt habe, wobei sie des Nachts die Laternen in
Toledo und die Glser und Scheiben in einigen Eisbuden zerschlagen
htten.




                                  VII.

     Ankunft in Neapel. -- Das Liebhabertheater in Gies nuovo. --
      Besteigung des Vesuvs. -- Der Hof des Knigs Joseph. -- Eine
   deutsche Vorstellung. -- Helenchen Cramer. -- Caserta. -- _Nocera
      de pagani._ -- Die Ruinen von Pestum. -- Zweiter Feldzug in
     Kalabrien. -- Niederlage des Prinzen von Hessen-Philippsthal.
         -- Die Brigantenhupter Francatrippa und Benincasa. --
    Monteleone. -- Ermordung eines Kuriers. -- Fondaco del Fico. --
   Mehrtgiges hartnckiges Gefecht mit den Briganten. -- Die hbsche
    Kalabreserin. -- Mileto. -- Belagerung der Festungen Scilla und
       Reggio. -- Schrecklicher Zustand des Belagerungskorps. --
             Rckmarsch nach Neapel. -- Abreise nach Genua.


Der Oberst Omeara hielt mir, als ich mich bei ihm gemeldet, einen
kleinen Sermon wegen der Geschichte in Albano und gab mir das Kommando
der noch vakanten Voltigeurkompagnie, die sich freute, ihren alten
kreuzfidelen Kommandeur, wie die Leute sagten, wiederzuerhalten, und der
ich fnfzig Dukati (etwa hundert Gulden) zum besten gab, damit sie sich
einen guten Tag mache. Zugleich bergab mir der Oberst auch das
Musikchor wieder, das, wie er behauptete, seit meiner Abwesenheit sehr
vernachlssigt worden, und bat mich, doch einige neue Mrsche zu
komponieren; ich schrieb ein halbes Dutzend _pas redoubls_ nieder,
welche zum Geschwindschritt recht animierten, und dedizierte sie dem
Herrn Oberst, der mich dafr manchmal zur Tafel lud.

Diesmal wurde auch mir mein Quartier in Gies nuovo angewiesen, wo ich
noch die mir wohlbekannten Damen Gasqui, Alphonse, Grenet und so weiter
antraf, die, wie es schien, ihr permanentes Hauptquartier in dem alten
Palazzo der ehrwrdigen Vter Jesu aufgeschlagen hatten, whrend ihre
Mnner alle mglichen Kreuz- und Querzge machen muten. Das
franzsische Liebhabertheater bestand immer noch, und man veranstaltete
von Zeit zu Zeit Auffhrungen, allein es fehlte ihm gerade ein erster
Liebhaber. Ich wurde daher von den Damen freudig als ein solcher
empfangen. Die Freude sollte aber nicht von sehr langer Dauer sein; da
ich indessen die mir gemachten Offerten nicht abschlug, kann man sich
denken. Ich erhielt sogleich ein ganzes Dutzend Rollen, aus Lustspielen
von Molire, Mercier, Beaumarchais und so weiter, aber auch der hohe
Cothurn wurde angeschuht, und man wagte sich an Crbillon, Corneille,
Racine und so weiter. Ich studierte meine Rollen meistens mit Madame
Gasqui _tte--tte_ ein, und da dieser in den meisten Stcken die Rolle
meiner Geliebten zugeteilt war, so wurden unsere Proben mit vielem Feuer
gehalten, dem natrlich zuletzt Ermdung und Erschlaffung folgen mute.
In Molires Tartffe hatte ich mich sogar an die Titelrolle gewagt, und
in seinem _Cocu imaginaire_ spielte ich den Lelie, beides mit Beifall.

Auch meine Signora Speziale suchte ich wieder auf und fand freundliche
Aufnahme, vor allem aber war mir jetzt daran gelegen, endlich einmal den
Vesuv zu besteigen, was ich bei meiner frheren zweimaligen Anwesenheit
in Neapel versumt hatte, und da ich frchtete, es mchte abermals ein
_Deus ex machina_ oder die Marschorder dazwischen kommen, so drang ich
auf die Ausfhrung dieses Projekts, das auch von den Damen in Gies
nuovo untersttzt wurde, da sie es bis jetzt bei ihren Mnnern nicht
hatten dahin bringen knnen, dem alten Feuerspeier einen Besuch
abzustatten. Auer den Damen Gasqui, Grenet, Cramer, Mutter und Tochter,
und deren Mnnern, war auch noch der junge Stock, der Neffe des Herrn
Moritz, und dessen Arzt mit seiner Gattin von der Partie, so da wir im
ganzen fnfzehn Personen zhlten. Wir fuhren bis Resina, wo man die
Wagen verlie, um Maultiere und Esel zu besteigen, mit deren Fhrern der
bei uns befindliche neapolitanische Doktor einen frmlichen Vertrag,
jedoch nur mndlich abschlo; er mute dabei gewaltig debattieren, und
es dauerte beinahe eine halbe Stunde, bevor er ihn zustande brachte. Das
Hin- und Herhandeln wollte kein Ende nehmen, es war ein wahres Geznk,
alle Augenblicke glaubte ich, da man sich bei den Kpfen nehmen wrde,
und wollte mich einigemal ins Mittel legen, was sich aber der zu sehr
knickernde Medico verbat, indem er meinte, dann wre gar kein Ende
abzusehen. -- Nachdem endlich der Eselshandel abgeschlossen war, setzte
sich die nun berittene Karawane in Marsch. Die Patrone der Langohren
hrten nicht auf, diese durch ihr gellendes Geschrei zum Voranschreiten
aufzumuntern, und wenn sie ihre Schritte _ralentando_ nehmen wollten,
zogen sie sie bei den Schwnzen an, was dann einen kurzen Trab bewirkte.
Gleich anfangs passierten allerlei kleine Malheurs; der Esel, welcher
das Glck hatte, Madame Grenet zu tragen, gebrdete sich sehr ungezogen
und warf sich endlich gar nieder. Kaum hatte die Dame noch Zeit gehabt,
sich loszumachen, als sich das unfltige Tier auf den Rcken legte und,
mit greulichem Geschrei alle Viere in die Hhe streckend, sich wlzte.
Das unvernnftige Tier nahm gar keine Rson mehr an, da half weder
Zureden noch Stoen, auch wollte Madame Grenet um keinen Preis mehr
dasselbe besteigen, und seinem Fhrer blieb nichts anderes brig, als
zurckzulaufen und ein anderes, gehorsameres Tier herbeizuschaffen, was
ziemlich schnell abgemacht war, da der die ganze Gesellschaft
belustigende Auftritt noch ganz nahe bei Resina vorgefallen war. Ich
hatte der Dame mein Maultier angeboten, das ihr aber zu hoch war. Sie
bestieg jetzt nach vielem Zureden den neuen Esel, aber zwei Kavaliere
muten ihr bestndig zur Seite reiten und der Patron das Tier am Zaum
fhren; wir setzten uns wieder in Bewegung, der ergtzliche Vorfall
hatte uns einen Aufenthalt von beinahe einer halben Stunde verursacht.
Gleich hinter Resina kamen wir auf die schwrzliche Lava, und bald
schien die Natur de und ein dsteres Trauergewand angelegt zu haben; es
war, als habe hier eine verheerende, alles verdorrende Hand gewtet.
Bume und Strucher wurden immer seltener, bald sah man nur hier und da
noch ein Stckchen angebautes Land, gleich einer Oase in der Wste. Der
Anblick des Ganzen stimmt sentimentale Gemter leicht zur Schwermut und
Melancholie; aber hier wachsen auch die berhmten Christustrnen
(_Lacrimae Christi_), denen nicht mehr wie billig die neapolitanische
Geistlichkeit und die Mnche so zugetan sind, wie dereinst die Pfaffen
am Rhein der Liebfrauenmilch. -- Bald waren wir ganz von Lava umgeben,
aber eben diese Lava ist es, welche den Boden um den Vesuv herum zum
fruchtbarsten und ergiebigsten der Welt macht, der nie des Dngers
bedarf und bei wenig Zoll Tiefe das Vortrefflichste und Kstlichste, was
Landwirtschaft hervorbringen kann, gibt. Kein Fleck der Erde ernhrt im
Verhltnis seines Umfanges eine solche Seelenzahl, wie dieser, und nicht
mit Unrecht sagt der Neapolitaner: Der Berg speit Gold aus. Auf der
hundertjhrigen Lava bildet sich zuerst eine Art Moos, das sich dann in
Staub und Erde verwandelt, aus welcher bei geringer Pflege erst
Pflanzen, dann Strucher und endlich Bume hervorsprieen, und aus dem
desten Ort wird der fruchtbarste, wenn ihn nicht neue Lavastrme
verwsten. Von den hohen Ulmen hngen die Purpurtrauben in nie gesehener
Flle und Schnheit herab. Wir kamen nun an Schluchten und Abhngen
vorbei, ber Lavabrcken zu dem Piano delle Ginestre, einer kleinen
Flche, von der aus man ein unabsehbares dsteres, schwarzgraues
Schlackenmeer erblickt, wo weder das Hlmchen einer Pflanze noch der
Flug eines Vogels zu sehen noch das Summen eines Insekts zu hren ist
und nicht die mindeste Abwechslung das ewige Einerlei unterbricht, eine
grliche de, wie sie die Edda am Ende der Eiswelt beschreibt. Jetzt
gelangten wir zur Einsiedelei San Salvatore auf der Somma, wo uns der
schon sechzigjhrige aber noch sehr rstige Eremit recht freundlich
empfing, und hier erffnete sich dem ermdeten Auge eine entzckende,
unbeschreiblich schne Aussicht. Diese Eremitage besteht aus einigen
Kammern und einer kleinen Kapelle. Wir strkten uns in derselben durch
einen guten Imbi fr die noch zu bestehenden Strapazen. Die
mitgenommenen Provisionen wurden ausgepackt und unter einigen Bumen vor
der Einsiedelei verzehrt. Der Eremit lieferte uns auerdem noch Salami,
Brot, Kse, Eier und Lacrym Christi, und zwar echten, reinen und
unverflschten, wofr wir ihn unsererseits mit ein paar Zechinen
beschenkten, wodurch seine Freundlichkeit noch erhht wurde. Der gute
Greis fhrte gar kein bles Leben in seiner Einsamkeit, und whrend der
langen Zeit, die er daselbst zugebracht, haben ihn gar manche hbsche
Bauernmdchen und junge Bauernweiber besucht, ihn immer reichlich mit
nahrhaften Lebensmitteln versehend; in der guten Jahreszeit kommen jeden
Tag Fremde, die ihn beschenken, auch hatte er schon ein artiges
Kapitlchen bei einem Bankier in Neapel stehen. Sein Vorgnger htte
ber zwlftausend Ducati hinterlassen. Dieser letztere war ein Franzose
und ehemaliger Kammerdiener der Pompadour gewesen, der in dem hohen
Alter von einundneunzig Jahren hier starb. Bevor wir uns zur Weiterreise
anschickten, brachte uns der Eremit sein Fremdenbuch, in das wir alle
unsere Namen einschrieben und in dem sich Namen aus allen Weltgegenden
und von allen Nationen, mitunter manche berhmte und berchtigte,
befanden. Wir ritten jetzt lngs der Somma auf schmalen Hhen,
Lavaschluchten zu beiden Seiten, bergan, bis wir an das Atrio del
Cavallo kamen, einen zwischen der Somma und dem Vesuv liegenden
Talgrund, den Ort, an dem man bis zum Jahre 1630 Halt machte, weil er zu
jener Zeit mit ppigen Bumen und Pflanzen bewachsen war, ja sogar eine
fette Ftterung fr Maultiere und Pferde bot; seitdem wurde er aber von
der Lava berstrmt und ist jetzt nur noch ein versteinertes Lavameer.
Hier stiegen wir alle ab, da der noch brige Teil des Weges, der jetzt
sehr beschwerlich wurde, zu Fu zurckgelegt werden mute. Unsere von
Resina mitgenommenen Fhrer banden uns besondere Gurten, auch den Damen,
um den Leib und befestigten Stricke daran, an die sie sich selbst
festbanden. So zogen sie uns durch das mit jedem Schritt vorwrts immer
tiefer werdende Aschenmeer; der Boden schien unter unseren
Tritten zu weichen, die Luft wurde, je mehr wir voran kamen,
schwefelgeschwngerter, so da sie bei denen, die keine sehr guten
Lungen haben, zuletzt Bangigkeit und Bengstigung der Brust
hervorbringt. Die Asche wurde so tief, da die Damen gentigt waren,
ihre Kleider bis beinahe ber die Knie hinaufzuheben; sie hatten sich
aber alle mit grauen Unterbeinkleidern versehen. Unsere zweibeinigen
Zugtiere trieften von Schwei, auch uns, die sie zogen, standen dicke
Tropfen auf der Stirne. Alle Augenblicke mute Halt gemacht werden,
damit die Damen Atem schpfen konnten. Sie hatten smtlich ihre sonst so
sen Gesichter in saure Falten gezogen, nur die junge Cramer, meine
halbe Landsmnnin, ein Offenbacher Kind, machte noch immer ein
freundlich lchelndes Gesicht. Je hher wir stiegen, desto schwieriger
wurde das Vorankommen und desto gewaltiger pochten die Herzen der Damen,
aber diesmal nicht vom Feuer der Liebe, sondern von der Hitze und Asche
des Vulkans getrieben.

Dennoch konnten manche der Herren ihre boshaften Spe nicht lassen, die
Waden und etwas krummen Beine einiger Frauen bekrittelnd, doch erlaubten
sich nur die Ehemnner dergleichen Unziemlichkeiten. Ich machte meine
Betrachtungen nur im stillen, ohne sie durch Tadel oder Spott
kundzugeben, auch meinten die sich getroffen fhlenden Schnen
rgerlich, es sei jetzt keine Zeit zu solchen Scherzen, und hatten
recht, denn wir waren bereits auf einem Terrain angekommen, in welches
unsere Fhrer mitgebrachte, mehrere Zoll lange Spne steckten, die sie
rauchend und endlich glhend wieder hervorzogen, so nahe waren wir dem
hllischen Feuermagazin.

Bis hierher und nicht weiter, sagten unsere Ciceroni, nachdem sie das
Experiment einigemal vorgenommen hatten. Ermdet genug, machten wir
einen allgemeinen Halt. Kaum ein paar hundert Schritte von uns wogte
noch flssige Lava. Mit einigen mitgebrachten Orangen erquickte ich die
nach Labung lechzenden Gaumen unserer Schnen, wofr mir vielsagende
dankende Blicke wurden, und die letzte teilte ich mit dem freundlichen
Helenchen Cramer, die ich als _giovine principiante_ auf dieser
beschwerdevollen Reise in ganz besondere Affektion nahm. Wir standen nun
nahe am Rand des flammenwirbelnden Hllenrachens, dem die glhenden
Feuerregen und Fluten entstrmen, die alles, was sie berhren, verheeren
und vernichten; ihr Gang ist zwar langsam und schwerfllig, aber um so
sicherer erreichen sie Verderben bringend das Ziel. Hat die flutende
Glut einen Baum umschlungen, so sieht man alsbald dessen grne Bltter
sich zuerst gelb, dann braun und endlich schwarzgrau frben, Stamm und
Zweige fangen bald zu glhen an, und in kurzer Zeit ist der Baum in
Asche verwandelt. Majesttisch, ohne sich zu eilen, wlzt sich der Strom
herab, ohne jedoch eine Minute zu versumen; kommt die Lava an einen
Gegenstand, der sie am Voranschreiten hindert, so steigt sie an
demselben empor, bis sie ihn berreicht und umgeben hat, und setzt dann
ihren Lauf wieder ungestrt fort. Die brennenden Massen berwltigen
alles, selbst Mauern und Felsen. Fliehend entgeht ihnen zwar der Mensch
und das Tier, doch darf keines der anscheinenden Langsamkeit allzusehr
trauen, sonst ist er verloren.

Hier, am Rand dieses Kraters, findet man es begreiflich, wie Dichter und
Vlker den Abgrund oder Eingang zur Hlle vermuten konnten, denn
furchtbar schauerlich liegt es zu des Menschen Fen, und er erkennt
sein erbrmliches Nichts. Grlich gezackte, mit Schwefel und Asche
bedeckte Lavarinde umgibt den hllischen Schlund, dem unzhlige
Rauchsulen unaufhrlich entsteigen, ihn fast immer dem Auge entziehend.
Man ist geneigt, an das Dasein eines infernalischen Spukes zu glauben.
Hier ist man abgeschieden von allem, was atmet und lebt, es sei Tier,
Insekt oder Pflanze, und nur ein donnerhnliches Getse lt sich von
Zeit zu Zeit vernehmen. Wirft man einen Stein mit Kraft auf den Boden,
so drhnt es hohl, wie ber einem Gewlbe. Ich stand, das seltsame
Schauspiel anstaunend, dicht neben Helenchen, die sich vor demselben
grausend, so fest an mich schmiegte, da ich das kleine Herzchen pochen
hrte, und nicht umhin konnte, das gengstigte Tubchen mit meinem
schtzenden Arm zu umfangen. Da der unaufhrlich aufsteigende Rauch
manchmal so dicht wurde, da er uns gleichsam in eine Wolke hllte und
vor den brigen unsichtbar machte, so konnte ich selbst an den Pforten
der Hlle der Versuchung nicht widerstehen, meinem kleinen Engel durch
Ksse Mut einzuflen. Man mu in allen Dingen die sich darbietende
Gelegenheit schnell bentzen, denn sie kommt oft nie wieder. Dies hatte
ich aus Lafontaines Fabeln, aus der, wo der Geliebte, um das Brautkleid
der Schnen zu schonen, die ihn vor ihrer Vermhlung mit einem anderen
noch glcklich machen will, einen Teppich holt und so um das ihm
zugedachte Glck und eine Jungfernschaft kommt. -- In einem hbschen
Salon oder gewhnlichen Wohnzimmer wrde sich die junge Taube vielleicht
gestrubt haben, aber hier, vor dem furchtbaren Naturschauspiel, wo sie
kaum zu atmen wagte, lie sie sich das Herzen und Kssen recht willig
gefallen, dachte nicht an ein Widerstreben, und so war die Einleitung zu
weiteren Bewilligungen schnell gemacht.

Nachdem wir wohl zwei Stunden hier zugebracht und uns dennoch kaum satt
gesehen hatten, traten wir den uns leichter werdenden Rckzug an, der
fast in ein Laufen durch die Asche ausartete. An dem Ort angekommen, wo
die Langohren unserer harrten, bestiegen wir wieder das liebe Vieh, und
ich ritt vergngt und heiter an Helenens Seite bis Resina, wo wir eine
bestellte Cena einnahmen und uns sodann in den Wagen setzten. Ich hatte
zwar versucht, mich _vis--vis_ dem Frulein Cramer zu placieren, aber
die Damen Gasqui und Grenet, welche meine Absicht merkten, wuten sie zu
vereiteln, und ich mute mit ihnen und Herrn Grenet einen Wagen
besteigen. Eine Stunde vor Mitternacht waren wir in Gies nuovo
angekommen und unterhielten uns bei Madame Gasqui, die ihrem
daheimgebliebenen Gatten die gesehenen Wunder rapportierte, noch lange
bis nach Mitternacht von den gehabten Genssen.

Den nchsten Morgen hatten wir Probe von der Phdra, die in einigen
Tagen aufgefhrt werden und deren Vorstellung der Hof beiwohnen sollte.
Unser Liebhabertheater fing an, immer mehr Aufsehen zu erregen; die
Gasqui und Grenet spielten sehr gut, erstere besonders in dem Lustspiel
und in den Vaudevilles, in denen sie hbsche Romanzen, trefflich
vorgetragen, einlegte. Auch noch zwei andere aktive Damen waren seit
kurzem der Gesellschaft beigetreten, die beide nicht minder gefielen;
eine machte wirklich Furore. Madame Damiette war die Gattin eines
Kriegs-Kommissrs, die sich mehr fr heroische Rollen und Anstandsdamen
eignete, die andere, Madame Detre, war die junge Frau eines Obersten
von der Linie und als semimentale Liebhaberin unbertrefflich; da sie
aber auch auer der Szene dieses Fach vorzglich bekleidete, sollte ich
bald erfahren. Der Oberst war mit seinem Regiment in Kalabrien, und was
war natrlicher, als da sich die junge Frau, eine kaum zwanzigjhrige
Franzsin aus Orleans, zu entschdigen und zu trsten suchte? Zur
Phdra hatte ich die Rollen so verteilt, da Madame Damiette die
Titelrolle, Herr Damiette den Theseus, Madame Detre Aricie, Madame
Gasqui Ismene, Madame Grenet Oenone und ich den Hippolyte spielte. Die
Gasqui wollte sich zuerst durchaus diese Rollenverteilung nicht gefallen
lassen und die der Aricie bernehmen. Nur mit groer Mhe brachte ich es
dahin, da sie sich mit der Ismene begngte, indem ich ihr vorstellte,
da sie ja doch die Knigin des Lustspiels und des Vaudevilles sei und
der Madame Detre wohl die Freude lassen knne, eine traurige
Liebhaberin zu machen. Dies half, -- ich ging jetzt fleiig die Rollen
bald mit der Phdra, bald mit der Aricie, mit letzterer etwas
leidenschaftlicher, durch, und nach einem Dutzend Proben und ein paar
Generalproben glaubten wir uns imstande, vor einem allerhchsten
Publikum produzieren zu knnen, denn die beiden Majestten mit
glnzendem Gefolge geruhten, derselben, wie gesagt, beizuwohnen.
Namentlich war die Knigin von jungen und schnen Damen umgeben, und
dies machte, da wir uns alle die grte Mhe gaben, etwas nicht ganz
Gewhnliches zu leisten. Die Vorstellung fiel auch wenigstens leidlich
aus, ihre Majestten hatten sich amsiert, und mein Hippolyt hatte dem
Knig Joseph so gefallen, da ich bald nach dieser Vorstellung eine
Einladung an den Hof bekam, wo es so ziemlich ungeniert, durchaus nicht
steif herging und bei weitem kein so ngstliches und oft komisches
Zeremoniell beobachtet wurde, wie an dem Hof seines kaiserlichen
Bruders. Joseph war ein ziemlich natrliches Menschenkind, hatte sogar
etwas Treuherziges in seinem Benehmen, er wrde als Privatmann gewi
ausgezeichnet und ein guter Familienvater geworden sein, und man htte
dann seine Schwchen weniger oder gar nicht bemerkt. Seine Stellung auf
dem Thron von Neapel war nicht die beneidenswerteste, ja fast peinlich
zu nennen. Er sollte und durfte nur das gehorsame Werkzeug seines ihn
tyrannisierenden Bruders sein, dessen Ab- und Ansichten selten mit den
seinigen harmonierten, der auch in groer Entfernung von Neapel
keineswegs den Zustand der Dinge daselbst so kannte, um ihn richtig
beurteilen und leiten zu knnen. An Ort und Stelle fanden sich nicht zu
berwindende Schwierigkeiten, die er in Paris oder seinen
Hauptquartieren kaum ahnte. Er geriet aber in Wut und Zorn, wenn man sie
in Neapel nicht wie er wollte, augenblicklich aus dem Wege rumte.
Joseph hatte nicht verlangt, Knig zu sein, ja er war es fast gegen
seinen Willen geworden. Lasse mich in meiner Familie regieren, hatte
er zu seinem Bruder gesagt, ehe er Frankreich verlie.

Die Knigin Julie, Tochter des Kaufmanns Clairet zu Marseille, war in
diesem Stck ganz mit ihrem Gatten einverstanden und eine vortreffliche,
herzensgute Dame, die mit Engelsgeduld die Untreue und Schwchen ihres
Gemahls nicht nur ertrug, sondern sogar entschuldigte und zu beschnigen
suchte. Sie war erst krzlich von Frankreich gekommen, und von allen
Schwiegertchtern der Kaiserin-Mutter, Madame Ltitia, diejenige, welche
diese am meisten und aufrichtigsten liebte. Am Hof des Knigs Joseph zu
Neapel herrschte ein etwas militrischer Ton, wozu die fortwhrenden
Unruhen im Knigreich und namentlich in Kalabrien, welche machten, da
man ewig auf dem _qui vive_ sein mute und ab- und zuging, das ihrige
beitrugen. Die knigliche Tafel verlassend, stiegen die Generale und
Stabsoffiziere nicht selten in die Wagen oder zu Pferde, um sich nach
Kalabrien und so weiter zu begeben, da von dort oder aus anderen
Gegenden des Reiches whrend der Mahlzeit schlimme und bedenkliche
Nachrichten eingelaufen waren. Von Josephs Hofhaltung in ihrem Innern
wurde ich damals nicht genauer unterrichtet, da auch mich das Schicksal
bald wieder aus Neapel rief, nachdem ich nur einigemale am Hofe
erschienen und also noch ziemlich fremd war. Erst in ihrem Exil zu
Frankfurt lernte ich die daselbst unter dem Namen einer Grfin von
Survillier mit ihren beiden Tchtern wohnende Exknigin und ihren
vortrefflichen Charakter nher kennen.

Auf Anstiften meines Vetters Moritz, der ebenfalls unseren Auffhrungen
in Gies nuovo beiwohnte, arrangierte ich auch eine deutsche
Vorstellung, und zwar Kabale und Liebe, bei der eine Frau von
Gemmingen, die Gattin eines Kapitns, die Lady Milford, Helene Cramer
die Luise und eine Madame Reisinger die Mutter, der junge Stock den
Vater spielten und ich mein altes Paradepferd, den Major Ferdinand,
hervorsuchte. Die Vorstellung war, trotzdem sich die Liebe zwischen mir
und Helenchen ins Spiel mischte, nicht sonderlich, obgleich die sehr
nachsichtigen deutschen Zuschauer, die Franzosen und Italiener rumten
den Saal alle gleich nach dem ersten Akt, sich trefflich unterhalten
haben wollten. Damit hatte es aber sein Bewenden mit dem deutschen
Theater, obgleich Moritz gerne noch andere ltere Stcke als angenehme
Erinnerungen an seine Jugend aufgefhrt haben wollte. Die Sache war zu
schwierig, Akteurs und Aktricen zu schlecht, so da ich selbst einen
Degout an deutschen Vorstellungen bekam. Denn obgleich Helene Cramer mit
groer Naivitt und vielem Feuer spielte, so zog ich es doch vor,
auerhalb der Bhne die Liebhaberrollen bei ihr zu bernehmen, und
teilte jetzt mein Herz hauptschlich zwischen Madame Detre und ihr. Sie
wohnte bei ihren Eltern in der Fortezza nuova, wo ich sie oft sah, und
zwar unter der sehr strengen Aufsicht der Frau Mama, die das
Goldtchterchen auch keinen Schritt allein tun lie und so unrecht nicht
hatte. Wir besuchten zwar fast alle Theater miteinander, aber immer in
Gesellschaft der Mama, die nicht von der Seite wich. Ich hatte also fast
nur ein theoretisches, platonisches Verhltnis mit Demoiselle Cramer,
whrend das mit Madame Detre vollkommen materiell war. -- Madame Cramer
lie mich nicht undeutlich merken, da ihr Tchterchen eine
vortreffliche Partie fr mich wre. Aber an das Heiraten und gar an das
Heiraten als Offizier, deren Weiber, um den ewigen Gelegenheiten der
Verfhrungen zu widerstehen, ganze Engel oder Mtter Gottes sein mten,
dachte ich so wenig, als ein Kapuziner zu werden. -- Ohne die Mutter
gerade vor den Kopf zu stoen, wute ich dennoch solchen Anspielungen
gehrig auszuweichen und suchte noch einige Lustpartien zu veranstalten,
in der Hoffnung, dabei Gelegenheit zu finden, der Mama Argus ein X fr
ein U vormachen zu knnen. Ich lud die Familie zu einer Fahrt nach dem
schnen kniglichen Schlo zu Caserta, einem der herrlichsten Schlsser
der Welt, ein. Aber auch hier kam ich nicht viel weiter. Nur einmal
gelang es mir in dem mit Statuen bevlkerten Park, Mutter und Tochter
auf einige Augenblicke zu trennen, da ich letzterer zu den Fen einer
marmornen Aphrodite, durch eine flchtige, aber feurige Umarmung
versichern konnte, wie liebenswrdig ich sie finde. Aber kaum hatte ich
sie ein paarmal gekt, als schon ein: Helene, wo steckst du denn?
sich ganz nahe vernehmen lie, und mit einem Hier, Mama, wand sich die
Taube aus meinen Armen, der Mutter entgegenspringend.

Bei der Heimfahrt war es zwar schon dster und endlich dunkel, aber
Madame Cramer hatte so scharfsehende Augen, da ich kaum von Zeit zu
Zeit einen verstohlenen Hndedruck wagen durfte. Mehr hoffte ich von
einer zweiten Partie, die ich nach dem weiter entfernten Pestum
veranstaltete, wozu mehrere Tage erforderlich waren. Nachdem Madame
Cramer eingewilligt hatte, nahm ich viertgigen Urlaub, und wir fuhren
ohne den Papa, der als Adjutant-Major nicht wohl abkommen konnte, den
uns schon bekannten Weg ber Portici und Resina, dann wie in einem
Garten durch das Tal Scafati, ber den Sarno, durch Nocera de Pagani,
das alte, von Hannibal zerstrte _Nuceria Alphaterna_, wo ein
Cybeletempel in den ersten Zeiten der Christenheit in eine Kirche, jetzt
San Mariamaggiore, umgewandelt wurde, die noch von einer doppelten Reihe
Sulen aus _Giallo antico_ und Alabaster umgeben ist.

Von hier fuhren wir ber Vietro nach Salerno, das an dem Ufer des Meeres
in einer freundlichen, von heiteren Hgeln umgebenen Ebene liegt und das
ich schon aus unserem ersten Feldzug in Kalabrien kannte, sowie Eboli,
wo wir nchtigten, aber die Mutter ihren Schatz gleich einem Drachen
bewachte. Am anderen Morgen machten wir uns in aller Frhe nach den
Ruinen von Pestum auf, wohin ein ziemlich einsamer Weg fhrt. Nachdem
wir durch eine ausgedehnte Heide gekommen waren, entdeckten wir
verschiedene isoliert stehende Gebude, die, wenn man ihnen nahe ist,
kolossal und imponierend hervortreten. Erst im Jahre 1775 wurden diese
schnen Ruinen einer grauen Vorzeit, vielleicht die herrlichsten der
griechischen Baukunst, entdeckt. Diese unermelichen Sulenreihen der
Tempel, die noch aus der heroischen Sagenzeit stammen und Jahrtausende,
in einsamer Wste trauernd, an sich vorbergehen, Roms Entstehung, Gre
und Herrlichkeit, seinen Verfall und dessen christliche Erhebung bis auf
unsere Zeiten sahen, geben manchen Stoff zu ernstem Nachdenken.

Hier endlich wurden wir durch die Gunst des Zufalls auf eine halbe
Viertelstunde von der Mama getrennt, die sich auf kurze Zeit zu
entfernen gentigt war. Ich benutzte diesen Umstand so gut als mglich,
und dem aus Eboli mitgebrachten Fhrer befehlend, auf die Mutter zu
warten, verirrte ich mich mit Helenchen hinter die dicken Neptunssulen
und versicherte sie bei dem Dreizack des mchtigen Weltbeherrschers
meiner feurigsten Liebe, von der ich ihr, so viel es die Umstnde
erlaubten, die handgreiflichsten Beweise gab. Im Taumel der Wonne
vergaen wir Pestums und der Welt, bis uns endlich die kreischende
Stimme der Mama aufschreckte, die, als wir unter den tausendjhrigen
Trmmern hervorkrochen, ausrief: Aber Mdchen, was hast du denn, du
bist ja so rot wie ein gesottener Hummer! --

Nichts, Mama, das Steigen ber die dicken Steine des Venustempels hat
mich so erhitzt.

Ob Mama Cramer glaubte oder nicht, ist mir ein Rtsel geblieben,
jedenfalls war sie so klug, zu tun, als glaubte sie es. Wir hatten wohl
an drei Stunden in Pestums Ruinen verweilt und eine mitgebrachte kalte
Kche unter den Vorhallen des Neptuntempels eingenommen, als wir unsere
Rckreise antraten und bis Salerno fuhren, wo wir bernachtetem. Den
anderen Tag trafen wir wieder wohlbehalten in Neapel ein. In meinem
Hauptquartier in Gies nuovo angekommen, erfuhr ich von meinem
Bedienten, den ich zurckgelassen hatte, da Madame Gasqui wenigstens
schon zehnmal nach mir geschickt habe. Als ich hierauf zu ihr eilte,
empfing sie mich mit einem artigen Donnerwetterchen, weil ich, ohne ihr
etwas zu sagen, nach Pestum, und zwar mit deutschen Damen, gefahren sei.
Nach einem ziemlich langen Hadern kam es endlich wieder zu einem
wohlbesiegelten Frieden, und nun erffnete mir die Dame, da wir
Voltaires Zare geben mten, weil die Knigin bei einer ihrer
Hofdamen den Wunsch geuert habe, dieses Trauerspiel von uns auffhren
zu sehen. Louise wollte aber diesmal durchaus die Titelrolle spielen.
Der Himmel oder das Schicksal oder der Kriegsminister, gleichviel, hatte
aber beschlossen, da ich in einem anderen Trauer- und Schauspiel
auftreten wrde, dessen Bhne abermals Kalabrien sein sollte. Das
Bataillon erhielt Order, in vierundzwanzig Stunden nach Cosenza
abzumarschieren, und der Stab des Regimentes wurde samt dem Oberst
Omeara nach Castelamare verlegt. Kaum hatte ich noch soviel Zeit, mir
ein paar gute Pferde zu kaufen; whrend meines diesmaligen Aufenthaltes
hatten mir wieder Vetter Moritz und Stock die ihrigen zur Verfgung
gestellt. Den Abend vor dem Ausmarsch machte ich meine Abschiedsronde,
da, wo es anging, kssend und umarmend, auch Helenchen mute mir ein
Kchen geben, auf das ich freilich das der Mama drein nehmen mute.

Es sah neuerdings wieder sehr unruhig im sdlichen Teil des Knigreiches
aus, obgleich man fast tagtglich in der Hauptstadt darauf loshngte,
verurteilte und hinrichtete. Als wir diesen Marsch nach Kalabrien
antraten, ging es schon dem Winter zu, und die fatale Regenzeit war vor
der Tre. Wir marschierten damals ber Portici, Salerno und so weiter.
Seit unserer ersten Expedition nach Kalabrien und nach der Schlacht bei
Maida hatten sich die Englnder Reggios und des Schlosses von Scylla
bemchtigt. Der Feind war abermals mit einem Armeekorps von ungefhr
achttausend Mann, welches der tapfere Prinz von Hessen-Philippsthal
befehligte, gelandet. General Regnier, der noch immer in Kalabrien
kommandierte, hatte bei der ersten Nachricht, die er hiervon erhielt, in
aller Eile so viel Truppen als mglich zusammengebracht, es waren kaum
ber viertausend Mann, damit das feindliche, freilich grtenteils aus
Banditen und Raubgesindel bestehende Heer schon Ende Mai 1807 auf das
Haupt geschlagen und so seinen Fehler bei Maida wieder gut gemacht.
Selbst der Prinz von Hessen-Philippsthal hatte sich nur mit Hilfe seines
schnellen Pferdes retten knnen und bte beinahe seine ganze Artillerie
ein, die er in Stich lassen mute. Die ihn verfolgende franzsische
Kavallerie verfehlte ihn nur um zwanzig Minuten. Sein Heer wurde
gnzlich gesprengt und ein groer Teil desselben zu Gefangenen gemacht.
Der Prinz landete mit kaum hundert Mann an den Ksten Siziliens. Dieser
Sieg war sehr zur gelegenen Zeit gekommen, denn ohne ihn wrde nicht nur
Kalabrien, sondern sehr wahrscheinlich das ganze Knigreich in Masse
gegen die neue Regierung aufgestanden sein. Nun wurde gegen Reggio
marschiert, dasselbe bald darauf belagert und das Schlo Scylla von der
Landseite blockiert. Das letztere ist indessen auerordentlich fest, und
da viel daran gelegen war, diesen, die Meerenge von Sizilien
beherrschenden Punkt wieder zu besitzen, um Herr der Kste zu sein, so
mute man schweres Belagerungsgeschtz von Neapel kommen lassen, um das
Fort gehrig beschieen zu knnen. Dies war aber zu Land ohne die
auerordentlichsten Anstrengungen nicht wohl fortzubringen, weshalb man
es einschiffte, wo ein Teil desselben auf der See von den Englndern
weggenommen wurde.

In Cosenza angekommen, blieb das Bataillon zwei Tage daselbst, den
dritten Tag marschierten wir gegen Abend nach Rogliano, wo wir den
brigen Teil der Nacht bis gegen Morgen verweilten, dann aber aufbrachen
und durch ein schauerlich wildes, von steilen Felsen umgebenes Tal
kamen, in dessen Umgegend jetzt der berchtigte Banditenchef
Francatrippa, der die Rolle des Fra Diavolo bernommen hatte, sein Wesen
trieb. Hier muten wir, Mann fr Mann, einen ganz schmalen Felsensteig
im Zickzack, wie von einem Theaterberg, zwischen steilen Felswnden
hinabsteigen, wobei die bepackten Maulesel und Pferde von ihren Fhrern
und abgestiegenen Reitern vorsichtig an der Hand gefhrt wurden, sodann
einen Waldstrom passieren, ber den nur ein sehr schmaler und
gelnderloser Fusteig fhrte. Dann kamen wir nochmals an furchtbaren
Abgrnden vorber. Diesen Tag fhrte ich wieder die Avantgarde des
Bataillons, doch war an Seitenpatrouillen bei diesem Terrain nicht zu
denken. Kaum waren ungefhr zwanzig Mann von meinen Leuten, an deren
Spitze ich marschierte, auf dem schmalen Pfade an den Rand eines solchen
Schlundes herangeschritten, als sich die Briganten oben auf dem Felsen
zeigten und eine Decharge auf uns abfeuerten, dann gleich Gemsen wieder
verschwanden, auf ihren Sandalen davonspringend. Groen Schaden hatten
sie nicht angerichtet, nur ein paar Leute hatten leichte Streifschsse
erhalten. Ich lie indessen sogleich Halt machen, und wir kletterten mit
Hilfe des Gestruchs den am Eingang der Schlucht weniger steilen Felsen
hinan, hoffend, so den Briganten in den Rcken zu fallen. Aber als wir
hinaufkamen, war keine Spur mehr von ihnen zu sehen. In die weg- und
pfadlosen Wildnisse zwischen Klippen und Gestruch konnten wir uns nicht
wagen, ohne Gefahr zu laufen, in einen Hinterhalt des Francatrippa zu
geraten. Das Terrain war hier den Briganten so gnstig und uns, die wir
es nicht kannten, so nachteilig, da wir gewi verloren gewesen wren,
wenn die Bewohner desselben in bereinstimmung gegen uns agiert haben
wrden, selbst wenn wir htten bedeutendere Streitkrfte entwickeln
knnen. Leicht war es, die Truppen in Abteilungen zu berfallen und zu
vernichten. Glcklich kamen wir in Scigliano an, von wo wir nach
Nicastro und von da in die Ebenen von Sanveria marschierten. Hier waren
wir in der Nhe eines alten Gebudes, das eine traurige Berhmtheit
erlangt hatte, da in demselben gleich nach der verlorenen Schlacht bei
Maida eine ganze Kompagnie Franzosen, die sich in dasselbe geflchtet,
von den Bewohnern der Umgegend und den sizilianischen Briganten bis auf
den letzten Mann ermordet worden war. Jetzt lag wieder ein franzsisches
Detachement in dem Gebude; es war befestigt worden, verpallisadiert und
auf mehrere Monate mit Proviant versehen. Nichtsdestoweniger trieben in
der Nhe dieses Tales Francatrippa und seine Banditen ihr Wesen auf das
frechste, und keine Patrouille unter zwanzig bis dreiig Mann durfte
sich an Streifereien wagen, wollte sie nicht berwltigt werden. Die
Aussicht von den dieses Tal umgebenden Hhen auf den Golf von St.
Euphemia ist entzckend. Von hier aus sowie von Nicastro wurden
fortwhrend Abteilungen auf die Brigantenjagd abgeschickt, ohne da sie
sehr ergiebig gewesen wre. An diesem geringen Erfolge war hauptschlich
das Einverstndnis der Ruber mit den Einwohnern schuld, die ihnen allen
Vorschub leisteten, whrend sie uns flohen und mit einem ewigen: _non
capisco_ oder _non so niente_, das zum Verzweifeln war, abspeisten,
whrend unsere fast unerreichbaren Feinde die vollkommene Kenntnis des
Terrains besaen. Nach mehreren Tagen des vergeblichen Hin- und
Hermarschierens in den den Golf umgebenden Bergen und Wldern, brachte
ich mit meinen Voltigeurs zwei Tage in dem Stdtchen Pizzo zu, am
sdlichen Ende des Golfs, in dessen Umgegend auerordentlich viel Mais
und Reis, die Hauptnahrung der Einwohner, gepflanzt wird. Das Klima ist
so warm, da selbst das Zuckerrohr hier sehr gut fortkommt und gedeiht,
wie mich der Augenschein berzeugte. Das Bataillon hatte sich
einstweilen in die zahlreichen Landsitze, die von Pomeranzen- und
Zitronenhainen umgeben, in der Nhe von Nicastro liegen, einquartiert.
Die hier vorhandenen Wlder sind seit undenklichen Zeiten der Aufenthalt
von Ruber- und Banditenhorden, mit denen sich die Gutsbesitzer, wenn
sie einige Sicherheit genieen wollen, verstndigen und abfinden mssen,
indem sie ihnen von Zeit zu Zeit nicht unbedeutende Summen einhndigen.
Namentlich ist der Wald von Sankt Euphemia, und zwar mit Recht, sehr
berchtigt. In dieser Wildnis hatten auch jetzt die Briganten und ihre
Banden und Spiegesellen ihr Hauptquartier aufgeschlagen und wurden noch
obendrein von den Englndern und Sizilianern untersttzt und besoldet,
mit denen sie bestndig kommunizierten und welche in der Nacht fast
gefahrlos landeten und ausschifften, was wir nicht wohl verhindern
konnten, da der so nahe an der Kste gelegene Wald ein geheimnisvolles
Labyrinth war, und nur die Ruber und Banditen den in dasselbe leitenden
Faden in Hnden hatten, auch alle Zu- und Ausgnge kannten, die auerdem
durch gut verborgene, mit Gestruch und Dornen bedeckte Gruben fast
unzugnglich gemacht waren. Und so bot dieser Wald die erwnschteste
Leichtigkeit und Gelegenheit, uns aufzulauern. In diesem Walde, den zu
reinigen jetzt unsere Aufgabe war, hauste damals ein alter berchtigter
Kalabrese, Benincasa genannt, welcher der oberste Chef aller Banden war,
die, sowie Francatrippa selbst, mit ihm in genauer Verbindung standen
und seine Befehle auf das pnktlichste befolgten. Es war ein wahrer
Assassinen-Frst, ein zweiter Alter vom Berge. Schon lange Zeit vor der
franzsischen Okkupation hatte er sein blutiges Ruber- und
Mrderhandwerk in diesem furchtbaren Walde getrieben, wo ihn die Arme
der elenden neapolitanischen Justiz nicht hatten erreichen knnen, und
von wo aus er die ganze Umgegend brandschatzte. Unser Bataillon erhielt
nun Befehl, diesen grlichen Menschen und seine Banden zu zerstreuen,
auf ihren Hhlen und Mordsitzen aufzuscheuchen und sie womglich zu
vernichten. Aber vergeblich blieben alle Versuche. Die List, die ich in
den italienischen Alpen und den Gebirgen von Genua angewendet hatte, die
Briganten zu fangen, wrde bei diesem alten schlauen Fuchs nichts
gefruchtet haben, und wenig fehlte, so wre ich bei einem Versuch, in
diese Wildnis zu dringen, samt meinen Voltigeurs ein Opfer der
Fallstricke des listigen und blutdrstigen Benincasa geworden. Ich hatte
mich bei dem Verfolgen einiger verdchtiger Individuen verleiten lassen,
zu Pferde an der Spitze der Mehrzahl meiner Kompagnie in den Wald zu
dringen, und zwar da, wo sich scheinbar ein ziemlich breiter Eingang
zeigte. Der Mannschaft einige Schritte voransprengend, fhlte ich
pltzlich den Boden unter mir wanken und strzte samt meinem Pferde in
eine ber sechs Schuh tiefe Grube, die wohl fnfzig Fu breit war und
ber hundert im Umfang haben mochte und wahrscheinlich darauf berechnet
war, eine Abteilung verfolgender Reiterei strzen zu machen, die man
dann in der Grube leichter zusammenschieen konnte. Da ich allein in
dieselbe gestrzt war, ohne da jedoch ich noch mein Pferd bedeutend
beschdigt worden wren und meine Leute gleich herbeirannten, so hatte
es, da der Sturz so glcklich abgelaufen war, keine weitere Gefahr mehr
fr mich, nur kostete es viele Mhe, das Pferd wieder aus der Grube zu
schaffen, da sie senkrechte Wnde hatte, in welche die Soldaten sogleich
eine so schiefe Abdachung gruben, da das erschrockene Tier
herausgefhrt werden konnte. Dieser Vorfall war ein Warnungszeichen,
besser auf der Hut zu sein. Noch mehrere Versuche, die Banden aus dem
Walde zu jagen, scheiterten ebenfalls, und Dret hielt es fr das beste,
mit dem Banditenfrst zu unterhandeln, nachdem er seine Berichte gemacht
und Vollmacht dazu begehrt und erhalten hatte. Aber die Unterhandlungen
zerschlugen sich, obgleich man dem Benincasa und seinen Banden groe
Versprechungen gemacht und bedeutende Vorteile eingerumt hatte.
Wahrscheinlich traute der alte Fuchs, der selbst nie ein Versprechen
gehalten, uns nicht. Sodann trat jetzt die Regenzeit in ihrer ganzen
Kraft ein und machte, da wir wenigstens auf ein paar Monate alle
ferneren Versuche gegen diese aalartigen Feinde einstellen muten, die
aber gerade deshalb um so khner aus ihren Schlupfwinkeln hervortraten,
groen Schaden zufgten und mordeten und raubten, wo sie sich die
Strkeren wuten. Ohnedies ist ein friedliches und gemchliches Leben
den rohen Naturkindern der kalabrischen Wildnisse verhat, Gefahren,
Raub und Mord ihr Element. Dabei besitzen sie eine auerordentliche
Gewandtheit und Behendigkeit und wissen ihre Gewehre trefflich zu
gebrauchen, jedoch immer nur aus dem Hinterhalt. In offener Schlacht
taugen diese Briganten nicht und halten nicht Stich gegen
wohldisziplinierte Truppen, nur die neapolitanischen Krieger frchten
sie wenig, schtzen sie gering und werden von diesen gefrchtet. Wir
verlieen, hauptschlich durch den sich unaufhrlich in Strmen
ergieenden Regen gezwungen, die Gegend am Golf von Sankt Euphemia und
marschierten zuerst nach Monteleone, wo wir mehrere Tage weilten und
Kleider und Waffen in mglichst besten Stand zu setzen suchten, denn
beide hatten sehr gelitten. Wieder waren es Schuhe oder doch Sohlen, die
uns am meisten not taten, und viele der Leute gingen schon fast auf
bloen Fen. Dies war bei dem ewigen Hin- und Hermarschieren auf
solchem Boden und in solchem Wetter kein Wunder. Tag und Nacht wurde
patrouilliert, und alle von Neapel kommenden oder zurckkehrenden
Kuriere, Adjutanten, Stabsoffiziere und so weiter muten von einer Stadt
zur anderen eine Eskorte von wenigstens dreiig Mann haben. Dies alles
machte den Felddienst auerordentlich beschwerlich. Auch kam es vor, da
manche Kompagnien acht bis vierzehn Tage bei diesem Regenwetter
biwakieren muten, wie es mir selbst einmal erging, so da wir fast ganz
im Wasser und Kot lagen und schliefen. Die Lebensmittel waren dabei
ebenso schlecht wie in der ersten Kampagne und mangelten manche Tage
gnzlich. Viele Ortschaften waren ganz menschenleer und bis auf wenige
Htten zerstrt; auch hatten wir seit unserem Abmarsch aus Neapel keinen
Sold mehr erhalten, und ich hatte schon fast meine ganze Barschaft der
Kompagnie vorgeschossen, ein Vorteil, den keine andere Kompagnie hatte
und worum die meinige beneidet wurde. Aber ich konnte auch mit meinen
Leuten den Teufel austreiben, in die Hlle wren sie mir gefolgt,
whrend die anderen Soldaten des Bataillons, besonders Bhmen und
sterreicher, knurrten und murrten, denn an Kndel war da nicht zu
denken. Polenta und Reis gab es nur, und auch dieses nicht immer.
Fleisch war eine seltene Kost. Viele Soldaten hatten, aus der Not eine
Tugend machend, das Beispiel der Kalabresen befolgt und statt der
mangelnden und ganz zerrissenen Schuhe sich Sandalen aus Ziegenfellen,
oder was sie sonst haben konnten, um die Fe gewunden. Die Offiziere
waren oft noch weit schlimmer daran als der gemeine Mann, der raubte und
wegnahm, wo er etwas fand, was jene nicht konnten und froh waren, wenn
ihnen der Soldat etwas von dem Geraubten mitteilte. Meine Leute
versorgten mich jedoch trefflich und lieen mir oft Eier, Kse, Brot,
Speck und dergleichen zukommen, so da ich an Lebensmitteln nur selten
Mangel litt, da sie mir immer das Beste brachten. Der franzsische
Soldat war bei all dem Mangel und Elend doch immer lustig und guter
Dinge, machte Bonmots und war unerschpflich in Scherzen. Eine solche
Munterkeit unter allen Umstnden ist in der Tat ein kostbares Geschenk
des Himmels. Unsere Leute und namentlich die Russen und Polen vergaen
nur dann ihr Elend, wenn sie Aquavit genug haben konnten, wonach sie in
einem Dorf oder einer Meierei immer zuerst forschten. Machten sie einen
solchen Fund, dann war auf kurze Zeit wieder alles gut.

Da man in Sizilien glaubte, was auch die Englnder und wir selbst
vermuteten, da man diesseits des Kanales eine Landung auf jener Insel
beabsichtige und vorbereite, wozu es allen Anschein hatte, so sandte die
sizilianische Regierung unaufhrlich Briganten in groen Haufen herber,
die von den Englndern des Nachts an das Land gesetzt, sich dann
sogleich in die Wlder und Gebirge verloren und die franzsischen
Truppen auf alle Weise verfolgten, um ihnen die Gelste nach der reichen
und schnen Insel vergehen zu machen. Wir wurden nun wieder mehr denn je
von den Insurgenten beunruhigt und in Atem erhalten. Whrend unseres
Aufenthaltes in Monteleone, einer nicht unbedeutenden Stadt von etwa
sechzehntausend Einwohnern, mit einem ehemals befestigten Schlo, das
Friedrich II. erbaute, wurde bei Fondaco del Fico, einem in der Nhe
jenseits Pizzo befindlichen, alten, halbverfallenen, sehr weitlufigen
Gebude, welches das Aushngeschild: _Osteria di Cicerone_ fhrte, ein
von Neapel kommender Kurier mit sehnschtig erwarteten Depeschen und
Briefen fr das ganze Armeekorps angefallen, beraubt und samt seiner
Eskorte, aus einer Abteilung von einem Sergeanten befehligter Infanterie
bestehend, einigen zwanzig Mann, ermordet. Nur zwei, und davon der eine
noch schwer verwundet, waren so glcklich, dem Tode durch eine schnelle
Flucht zu entgehen und brachten die traurige Nachricht dieser
Begebenheit nach Pizzo und Monteleone. Aus ihrem Bericht ergab sich, da
die Eskorte selbst mit schuld an ihrem Unglck sei, denn die Leute waren
nicht beisammen geblieben und zum Teil durch eine bedeutende Strecke
getrennt. In dem Augenblick, als sie berfallen wurden, waren keine zehn
Mann beisammen. Ungefhr ein halbes Jahr darauf wiederholte sich
derselbe Vorfall mit einem Detachement vom neunten Linienregiment in der
Gegend von Nicastro. Ich erhielt jetzt Befehl, mit meiner Kompagnie
ungesumt nach Fondaco del Fico aufzubrechen und Jagd auf die Ruber zu
machen. Etwa eine Miglie davon stieen wir auf die schrecklich
verstmmelten Leichen der Ermordeten. Eine Menge zerrissener Papiere,
die ich sammelte, lagen nebst dem Felleisen des Kuriers umhergestreut.
Aber die Waffen der Unglcklichen, sowie deren Tornister hatten die
Briganten mit fortgeschleppt, die Leichen auch zum Teil ihrer Kleider
beraubt. Fondaco del Fico liegt an dem Eingang eines dichten Waldes und,
wie die Altertumsforscher behaupten, genau auf der Stelle, wo das alte,
vom Meer verschlungene Hipponicum gestanden haben soll, von dem noch
Tempelruinen in der Nhe sind. Cicero hat sich hierher geflchtet, um
den Verfolgungen des Clodius zu entgehen, und schrieb aus dem nahen
Fundus sicae mehrere Briefe an den Atticus. Ich stellte zuerst die
ntigen Wachen um das Gebude herum und gegen den Wald, lie dann die
Leichen der Ermordeten durch Bauern nach Monteleone bringen, untersuchte
alle Zugnge und Schlupfwinkel des Eulennestes auf das sorgfltigste und
drang dann mit einer Abteilung meiner Leute, jedoch mit groer Vorsicht,
einige hundert Schritte in den Wald vor, ohne eine Spur von den
Briganten entdecken zu knnen, worauf ich mich wieder auf Ciceros
Osteria zurckzog. Mit einbrechender Nacht traf ich alle Vorkehrungen,
um mich gegen einen berfall sicher zu stellen, und die Folgen bewiesen
bald, da meine Vorsicht nicht unntig war. Als es dmmerte, zndeten
meine Leute Feuer an und brieten das von Monteleone mitgebrachte
Ziegenfleisch an demselben. Wir waren mit Lebensmitteln auf drei Tage
versehen. Ich lie fortwhrend starke Patrouillen in geringer Entfernung
um unser Rattennest gehen, stellte mehrere Posten nach allen Richtungen,
jedoch immer _ porte_ einer vom anderen aus, und machte selbst
einigemale die Runde an der Spitze einer Patrouille. Es blieb aber alles
ruhig, bis kurz vor Mitternacht, wo pltzlich eine ungeregelte, aber
starke Decharge von Flintenschssen auf die Posten abgefeuert wurde,
deren Kugeln um ihre Ohren pfiffen. Der Angriff geschah von der Seite
des Waldes, und kaum waren wir aufgesprungen, die Leute lagerten noch um
das Feuer, als ein Schu ganz in unserer Nhe, keine fnfundzwanzig
Schritte entfernt, fiel, dessen Kugel einen Sergeanten mitten auf die
Brust, aber glcklicherweise da traf, wo sich dessen Bffetterie
(Riemenzeug) kreuzte, und ihm so keinen Schaden verursachte. Ich brach
nun mit etwa fnfzig Mann in der Richtung gegen den Wald auf, aber es
war, als seien unsere Feinde wie durch einen Zauberschlag verschwunden.
Man hrte und sah nichts mehr von ihnen. Den Wald selbst durfte ich
nicht zu betreten wagen, wollte ich nicht abgeschnitten werden; denn ich
kannte ja die Zahl der Gegner nicht und wrde bei der herrschenden
Finsternis auch ohne allen Erfolg das Wagnis unternommen haben. Ich zog
mich wieder auf unsere Osteria zurck, besetzte gehrig alle Zugnge des
Gebudes, lie die ganze Mannschaft, alle Posten einziehend, in dasselbe
einrcken und verbarrikadierte dann die Hauptzugnge mit Holz, Erde und
Steinen. Bald nach Mitternacht gab die an einer kleinen Pforte stehende
Schildwache Alarm, und wir hrten nun deutlich das Annhern vieler
Futritte, sowie ein Summen von verworrenen Stimmen. Da man auf ein
dreimaliges _Qui vive!_ der Schildwache keine Antwort hrte, so feuerte
diese ab, worauf sogleich eine Salve von den sich nhernden Feinden
erfolgte, deren Kugeln aber an den Mauern unserer extemporierten Feste
abprallten. Da die Bande sehr bedeutend sein mute, war mir jetzt klar,
denn es schienen mindestens ein paar hundert Schsse zu sein, die zumal
gefallen waren. Ich traf daher meine Anordnungen so, da wir uns
wenigstens bis zum Anbruch des Tages in der Defensive hielten, denn in
dieser Dunkelheit einen unsichtbaren Feind angreifen zu wollen, dessen
Strke und Position man nicht kannte, wre Unsinn gewesen. Ich machte
mich aber auf einen Angriff und guten Empfang von meiner Seite gefat.
Letzteres war nicht ntig, da der erstere unterblieb und sich die
Briganten begngten, von Zeit zu Zeit gegen das Gebude zu feuern, aber
jedesmal aus einer anderen, ganz verschiedenen Richtung. Die Nacht war
sehr finster, strmisch und regnerisch, und htten die Briganten mehr
Mut und Entschlossenheit gehabt, so konnten sie uns viel zu schaffen
machen, besonders da die allenthalben verfallenen Mauern unserer Feste
wenig Schutz gewhrten und ich sie nicht an allen Orten zugleich stark
besetzen konnte. Auch lie ich alle Lichter lschen. Bald darauf sahen
wir dagegen viele Feuer an und in dem Walde auflodern, die der alte
Fuchs Benincasa, denn kein anderer als er war es, der diese Banden in
Person befehligte, hatte anznden lassen und durch welche er mich in die
Falle und aus meiner Feste zu locken hoffte. Ich erkannte aber gleich,
was die Feuer zu bedeuten hatten, bersah meines listigen Gegners
Absicht und verlie Fondaco del Fico nicht. Nach anderthalb Stunden
erloschen die Feuer allmhlich wieder. Als aber der Tag zu grauen
begann, erblickten wir zahlreiche Brigantenhaufen am Ausgange des Waldes
postiert, die, wie es den Anschein hatte, sich anschickten, uns jetzt
offen und am Tage anzugreifen. Ich hielt es fr besser, einen solchen
Angriff nicht hinter den Mauern abzuwarten, obgleich ihre Zahl
wenigstens dreimal strker war als die unsrige. Ich formierte meine
Kompagnie in Sektionen und rckte dann in geschlossener Kolonne gegen
die Haufen, die sich, als sie uns herankommen sahen, schlagfertig
machten. Im Geschwindschritt vormarschierend, lie ich, noch einige
dreiig Schritte von dem Feinde entfernt, Halt machen, dreimal abfeuern,
nachdem ich die Kompagnie schnell in ein Peleton formiert hatte, und
dann kommandierte ich: Fllt's Bajonett, Sturmschritt, vorwrts,
marsch! Die Briganten hatten unser Feuer heftig erwidert, mir zehn Mann
mehr oder weniger schwer verwundet und einen gettet. Aber auch von
ihrer Seite hatten wir mehrere fallen gesehen. Als wir ihnen aber schon
dicht auf dem Leibe waren, zogen sie sich laufend in den Wald zurck,
hinter den Bumen hervorfeuernd. Hier konnte ich sie nicht verfolgen, da
der Kampf in jeder Hinsicht zu ungleich geworden wre, und zog mich, als
ich auf meiner rechten Seite in einer ziemlichen Entfernung neue Haufen
hervorbrechen sah, deren Absicht war, sich Fondacos, wo ich nur einen
schwachen Posten zurckgelassen hatte, zu bemchtigen oder mich
wenigstens davon abzuschneiden, schnell dahin zurck. Der brige Teil
des Tages verstrich nun, ohne da wir weiter beunruhigt worden wren.
Als aber die Nacht wieder angebrochen war, hrten wir deutlich ein
groes Getmmel im Walde, was mir anzudeuten schien, da die Feinde
groe Verstrkungen erhalten haben muten. Etwa drei Stunden nach
Sonnenuntergang sahen wir pltzlich mehr als hundert Fackeln hnliche
Lichter hellodernd aus dem Walde hervorkommen und sich gegen unsere
Feste zu, deren Barrikaden ich whrend des Tages noch mglichst hatte
verstrken lassen, in Bewegung setzen. Wir erkannten bald, da die
Feuerbrnde, welche ein Teil der Briganten in der Hand trug, whrend sie
in der anderen ihre Gewehre zum Abfeuern fertig hielten, groe Stcke
von fettem, drrem Nadelholz waren. Als sie sich beinahe auf Schuweite
unseren Mauern genhert hatten, lie ich Feuer auf sie geben, das
sogleich erwidert wurde, worauf sie, zum Teil ihre Feuerbrnde von sich
werfend, einen allgemeinen Angriff auf der Sdseite von Fondaco
begannen. Dieser war jedoch nur fingiert, wie ich auch gleich vermutet
hatte, da ich andere Haufen ohne Fackeln, gleich Schatten, in einer
geringen Entfernung von den ersteren gesehen und recht gut bemerkt
hatte, da sich diese, von der Dunkelheit begnstigt, aber doch durch
den wenn auch entfernten Fackelschein verraten, von einer anderen Seite
Fondaco nherten. Ich lie sogleich auch die anderen, nach dem Meer zu
gehenden Teile der Gebude mglichst stark besetzen und bewachen.
Whrend wir mit den bereits herangekommenen Briganten im Handgemenge
waren, nachdem sie ihre Gewehre und Pistolen abgefeuert, hatten wir uns
hauptschlich ihrer Dolchste zu erwehren, denn der Kampf wurde an den
Eingngen und Breschen gefhrt, vernahmen wir pltzlich das
Alarmgeschrei auf der anderen Seite, wohin ich jetzt eilte, meinem
Leutnant berlassend, die fingierten, aber doch ernstlichen Angriffe
zurckzuschlagen. Bald war der Kampf ringsum allgemein, und meine
Voltigeurs schlugen mit den Gewehrkolben auf die Feinde los, whrend ich
von einem Posten zum anderen sprang, die Leute zur tapferen Verteidigung
aufmunternd. Als ich so hin und her lief, vernahm ich pltzlich an einer
etwas von mir entfernten Stelle, wo die Mauer sehr hoch, noch unversehrt
und nicht bewacht war, ein Gerusch. Ich nherte mich leise auf den
Zehen, blieb dann bewegungslos stehen und entdeckte bald, wie sich zwei
Briganten schon an der inneren Mauer sachte herablieen, denen andere,
die auch bereits die Kpfe ber die Mauer streckten, folgen sollten.
Jetzt sprang ich auf den ersten, als er beinahe den Boden erreicht
hatte, zu und rannte ihm meinen Sbel durch den Leib, so da er
furchtbar brllend zu Boden strzte. Der ihm folgende aber kletterte
eiligst wieder das Seil hinan, an dem er sich herabgelassen und das
jenseits der Mauer festgehalten wurde. Mit dem Sbel konnte ich ihn
nicht mehr erreichen, dagegen scho ich eine Pistole auf ihn ab, traf
ihn aber nicht so, da er am Entkommen verhindert gewesen wre. Doch war
er, nach dem Blut, das er verlor, zu urteilen, stark verwundet. Der am
Boden Liegende winselte und schrie: _Misericordia, misericordia!_ Ich
rief nun nach Licht, entwaffnete den schwer verwundeten Gefangenen
vollends, lie ihn vorerst da liegen und beorderte einen Korporal, so
lange das Gefecht dauere, die Runde mit drei Mann fortwhrend innerhalb
der Mauern zu machen, um jedem Versuch eines bersteigens sogleich zu
begegnen. Und wirklich wurde noch zweimal ein solcher gemacht, whrend
der Kampf an den teilweise eingerissenen Barrikaden auf das wtendste
fortwhrte. Einer der bersteigenden hatte sich in das Bajonett eines
Voltigeurs gespiet, mit dem ihn derselbe aufgefangen hatte. Noch
mehrere Stunden dauerte das verzweifelte Gefecht fort, da immer frische
Brigantenhaufen in das Gebude zu dringen versuchten. Schon waren meine
Leute sehr ermdet, sieben derselben auer Kampf gesetzt und zwei
gettet, mehrere leicht verwundet. Aber auch die Briganten hatten schon
ziemlich viel Tote und Verwundete. Nachdem die Feinde wenigstens zehn-
bis zwlfmal ihre Attacke, meistens unter den strksten Regengssen,
erneuert, auch schon einmal einen scheinbaren Rckzug gemacht und eine
halbe Stunde darauf wiedergekommen waren, um mit erneuerter Wut ihre
Angriffe zu beginnen, zogen sie sich endlich gegen Morgen, an einem
gnstigen Erfolg ihrer vergeblichen Anstrengungen zweifelnd, zurck. Was
mich hauptschlich gegen ihre groe bermacht schtzte, denn es mochten
wohl ber tausend Mann sein, die uns gegenberstanden, war die
Regellosigkeit ihrer Angriffe, Mangel an Einheit und Zusammenwirken, da
fast jeder nur auf seine Faust tat, was ihm eben das Beste deuchte, und
wenig auf ein Kommando hrte. Nur darin stimmten sie berein, da sie
das Gebude erstrmen und uns ermorden wollten. Htten sie bei ihrer
bermacht und dem elenden Zustande unserer Befestigungen zumal und auf
allen Seiten zugleich den Angriff begonnen, so wrden wir einen
schlimmen Stand gehabt haben. Durch die Aussagen der zurckgebliebenen
Verwundeten, sie hatten deren einige zwanzig nebst elf Toten
zurckgelassen, erfuhr ich, da Benincasa wieder die Seele dieser
Expedition war und allem Vermuten nach weitere Versuche der Art machen
wrde. Indessen waren die mitgebrachten Lebensmittel aufgezehrt, mein
ferneres Hierbleiben also unmglich, auch so ziemlich zwecklos. Meine
Instruktion lautete ohnehin, da, wenn ich binnen drei Tagen nicht durch
andere Truppen abgelst wrde, ich zurckzumarschieren habe, weshalb ich
beschlo, nach Pizzo und Monteleone aufzubrechen. Aber auch mein Abzug
war gefhrlich genug, denn die Banden im Walde wurden bestndig durch
neu hinzukommende Briganten verstrkt und wrden uns sicher, unser
kleines Hufchen erkennend, jetzt auch im freien Felde berfallen haben.
Als ich so berlegte, wie unser Rckzug am besten zu bewerkstelligen sei
und mich deshalb auch mit den Unteroffizieren beriet, hrten wir auf
einmal Trommelschlag und sahen hinter einem nahen Gebsch unsere
Karabinier-Kompagnie, vom Kapitn Czerny angefhrt, zu unserer groen
Freude mit blinkenden Gewehren anmarschieren. Jetzt waren wir erlst.
Fast zu gleicher Zeit traf auch noch ein vierzig Mann starkes
Detachement von Royal-Corse, das einen anderen, von Neapel kommenden und
nach Reggio bestimmten Kurier geleitete, ein, und als ich im Begriff
war, abzumarschieren, kamen noch vier Kompagnien vom neunten
Linienregiment an, die zur Verstrkung des Belagerungskorps nach Scylla
bestimmt waren. Letztere blieben jedoch bei Fondaco ber Nacht, whrend
ich mit meinen Voltigeurs und der Eskorte des Kuriers nach Monteleone
abging, nachdem ich den Kapitn Czerny noch vorher von allem gehrig
instruiert hatte. Die Wege hatten sich durch den vielen Regen seit drei
Tagen so verschlimmert, da ich, obgleich zu Pferde, Mhe hatte,
durchzukommen. Ein kleiner Bach, den wir passieren muten und der uns
beim Hermarsch kaum bis an die Waden gegangen, war schon so
angeschwollen, da uns das Wasser bis an die Brust reichte, und so
reiend, da wir wieder, Mann an Mann dicht geschlossen, durch denselben
waten muten. In der Nhe von Pizzo stieen wir auf drei grlich
verstmmelte Leichname franzsischer Soldaten, denen Nasen und Ohren
abgeschnitten waren und welchen man zum Hohn die Zeugungsglieder in den
Mund gesteckt hatte; sogar die Augenhhlen waren ihnen ausgebohrt.
Dieser Anblick versetzte uns in die grte Wut. Das Tschakoschild und
die Platten der Patrontaschen, die wir in der Nhe fanden, denn die
Leichname waren aller Kleider beraubt, verkndeten uns, da es Chasseurs
vom zwanzigsten Linienregiment waren, von dem eine kleine Abteilung in
Pizzo lag. Hier machte ich einen kurzen Halt und lie Erfrischungen aus
dem Stdtchen holen, worauf ich, immer unter dem heftigsten Regen, nach
Monteleone aufbrach. Aber kaum mochten wir fnfhundert Schritte
zurckgelegt haben, als sich eine starke Brigantenbande, wohl an
vierhundert Mann, unseren Blicken zeigte und Miene machte, uns das
Weitermarschieren ersparen zu wollen. Da die bermacht der Kalabresen
im Freien eben nicht sehr zu frchten ist, wute ich nun schon aus
Erfahrung, sowie, da Entschlossenheit und ein herzhafter Angriff sie
schnell zum Wanken bringt. Ich besann mich daher nicht lange und
marschierte im Sturmschritt auf den Schwarm zu, der, als wir nahe genug
waren, Gewehre und Pistolen auf uns abfeuerte. Auch ich lie Feuer
geben, aber die meisten Gewehre versagten von beiden Seiten wegen der
durch das Regenwetter verursachten Nsse. Dennoch hielten die Briganten
stand, auf die wir nun mit geflltem Bajonett eindrangen. Nach geringem
Widerstand, wobei sie ihre Dolche wenig gebrauchen und ihre Pistolen,
die ohnehin meistens versagten, nicht wieder laden konnten, da wir ihnen
keine Zeit dazu lieen, ergriffen sie die Flucht und zerstreuten sich,
ihre Toten und Verwundeten im Stiche lassend, die uns in die Hnde
fielen. Ich verfolgte sie zwar eine kleine Strecke, lie jedoch bald
davon ab, da es unmglich war, sie zu erreichen. Wir setzten nun unseren
Marsch nach Monteleone fort, wo wir am Nachmittag eintrafen. Die
gefangenen und verwundeten Briganten, die ich zu Fondaco und bei Pizzo
gemacht, wurden noch denselben Tag auf Drets Befehl erschossen, wie
alle Bewohner Kalabriens, die mit den Waffen in der Hand gefangen
wurden. Die Banden hrten nicht auf, alle Stdte und Ortschaften, in
denen sich franzsisches Militr befand, zu umschwrmen, und machten
sich oft mit unglaublicher Frechheit bis vor die Tore der Stdte, so da
es keinem einzelnen Soldaten zu raten war, sich nur auf hundert Schritte
von denselben zu entfernen. Noch vierzehn Tage blieb das Bataillon, von
dem aber bestndig zwei Dritteile detachiert oder auf Streifzgen
begriffen war, in Monteleone. Diese Stadt, welche eine sehr angenehme
Lage in einer schnen Ebene, einer der fruchtbarsten und ppigsten von
ganz Kalabrien, hat, ist ziemlich wohlhabend und war kein unangenehmer
Aufenthalt fr die Kompagnien, die sich nach ihren Strapazen in
derselben erholen durften.

Trotz des wtenden Franzosenhasses der Kalabresen, den sie auch ihren
Weibern und Kindern einprgten, gelang es mir dennoch, die junge Frau
eines Krmers zu Monteleone auf meine Seite zu bringen, mit der mich der
Zufall in nhere Berhrung gesetzt hatte. Als ich eines Morgens aus
meiner Wohnung trat, sprang gleich einem gescheuchten Reh ein junges
weibliches Wesen mit feurig schwarzen Augen in dem zierlichen Kostm
dieser Gegend ber die Strae hinber zu einer Nachbarin und verlor
dabei ihre groe silberne, mit einem dicken Knopf versehene Haarnadel,
mit welcher hier zu Lande die Frauen und Mdchen ihr dickes, seidenes
Haar aufstecken und zusammenhalten, ohne da sie ihren Verlust bemerkte.
Als glcklicher Finder nahm ich mir vor, den Fund selbst wieder zu
bergeben. Sie war aber schon in das Haus getreten, und als ich ihr
folgen wollte, kam sie wieder mit aufgelsten Haaren zurck, das Kleinod
ngstlich suchend, das ich ihr mit einem: _Ecco signorina quel che
cercate!_ berreichte, worauf mir ein _Grazie molto!_ mit einem
wohlgeflligen Blick wurde. -- _E la buona mano?_ fragte ich nun. --
_L'avrete!_ erwiderte sie, sich lchelnd entfernend, mir noch einen
seelenvergngten Blick zuwerfend, indem sie sagte, ihr Mann werde nicht
ermangeln, fr die _buona mano_ zu sorgen. Was sie damit sagen wollte,
begriff ich nicht. Aber eine Viertelstunde daran brachte mir der Mann
ein kleines Krbchen mit allerlei Spezereien, womit er mich belohnen
wollte, seiner Gattin die silberne Nadel wiedergegeben zu haben. Diese
hatte es mit der _buona mano_ ernstlich gemeint, und auch geglaubt, da
es mein Ernst gewesen, als ich eine solche begehrte, worber ich
herzlich lachen mute. Dem berbringer aber erklrte ich, da, wenn ich
die Sachen behalten solle, er ein Gegengeschenk dafr annehmen msse,
und ich gab ihm ein neapolitanisches Goldstck, das wenigstens den
dreifachen Wert hatte. -- Alle Francesi sind doch keine Diavoli, wie
unser Beichtvater versichert, meinte der gute Mann.

Die Feuerblicke der jungen Frau hatten indessen mein leicht entzndbares
Herz in Flammen gesetzt, und ich sphte bald die Zeit aus, wann sie in
die Kirche ging, wo ich aber das Weihwasser zur nheren Bekanntschaft
nicht anwenden konnte, da die guten Kalabreserinnen diese Galanterie
nicht kannten. Das Kirchengehen htte mich nicht weiter gebracht, wenn
mich nicht ein altes armes Weib beobachtet und bemerkt htte, da meine
Augen immer mit Wohlgefallen auf der jungen Krmersfrau ruhten. Auch
hielt sie mich fr einen guten katholischen Christen, da ich, wie ich es
schon seit meiner Ankunft in Italien getan, die hauptschlichsten
Zeremonien der katholischen Kirche mitmachte, was die wenigsten anderen
Offiziere, wenn sie auch wirklich katholisch waren, taten. Ich gab dem
alten Weib einige Male ein Almosen von ein paar Kupfermnzen; die zeigte
sich dafr so erkenntlich, da sie mir beim dritten Male ganz _sotto
voce_ sagte, wenn sie mir in irgend etwas dienen knne, ich es ihr nur
anvertrauen mge, sie wolle es bestens besorgen, denn sie she wohl, da
ich ein _buon christiano_ und kein _diavolo francese_ sei. Ich lie mich
in ein Gesprch mit ihr ein und erfuhr, da die hbsche Krmersfrau
Bettina Bergella heie und die Tochter eines Seidenwebers sei, die sie
als Kind gewartet und oft auf ihren Armen getragen habe, sie erhalte
auch immer noch kleine Geschenke von ihr. Ich gab der Alten einen
Ducato, der sie noch weit gesprchiger machte, so da sie mir ohne
weitere Umstnde erklrte, da, wenn ich es wnsche, sie die
Unterhndlerin zwischen der Signora Bergella und mir machen und die
Sache schnell zu einem erwnschten Ziel bringen wolle. Ich nahm das
Anerbieten dankbar an, und die alte Hexe hatte es schon in den nchsten
vierundzwanzig Stunden so weit gebracht, da ich eine Zusammenkunft in
ihrer Kammer mit der jungen Frau hatte, welche sie zu bereden gewut und
versichert hatte, wie sie mir sagte, da ich kein Diavolo francese sei,
wie ihr Vater, ihr Mann und ihr Beichtvater vorgaben, auch wrde sie
durch den Umgang mit mir weder lnger im Fegfeuer oder gar in der Hlle
schmachten, da ich vom Papst selbst, den ich kenne, Absolution fr alle
Snden fr uns beide erhalten wrde. Genug, sie hatte das Weibchen zu
beschwatzen gewut, die sich auch vielleicht gerne beschwatzen lie und
die Grnde der Alten mit Wohlgefallen anhrte. Ich schlich mich in der
Dmmerung in die Wohnung der Unterhndlerin, und bald darauf fand sich
auch die artige Kalabreserin, direkt von ihrem Vater kommend, daselbst
ein. Sie strubte sich zwar anfnglich ein wenig gegen meine
Liebkosungen, aber es war mehr Ziererei als Verschmtheit, und whrend
ich sie mit kalabresischem Feuer in die Arme schlo, machte die Alte die
Aufpasserin, damit wir nicht berrascht werden konnten. Ich hatte auf
diese Weise wohl ein halbes Dutzend Zusammenknfte mit Bettina whrend
meines Aufenthaltes in Monteleone. Die alte Hexe, die sich vortrefflich
dabei stand und von beiden Seiten Geschenke erhielt, bot sich an, mir
noch andere junge Weiber aus dem Orte zuzufhren, wenn es mir Vergngen
mache. Aber ich verbat es mir, auch whrte mein Hiersein nur noch wenige
Tage, denn ich wurde nochmals mit der Kompagnie, und zwar nach Mileto
detachiert, wo wir indessen nur drei Tage blieben. Monteleone war,
Cosenza ausgenommen, wohl mit der angenehmste Aufenthalt in ganz
Kalabrien, und mu vor dem furchtbaren Erdbeben von 1783, welches die
ganze Provinz schrecklich verwstete und vielen tausend Einwohnern das
Leben kostete, noch weit bedeutender gewesen sein. Noch waren hier sowie
in Mileto die Spuren von diesem entsetzlichen Naturereignis sichtbar,
und allenthalben stie man auf in Ruinen verwandelte Gebude. Auch
zhlten vor diesem Unglck diese Stdte mehr als die doppelte, ja
dreifache Einwohnerzahl, kaum da der dritte Teil der zerstrten Huser
wieder aufgebaut war.

Mileto liegt auf einer Anhhe unfern den Ruinen des alten _Miletus_. In
dieser Gegend war es, wo vor wenigen Monaten der Prinz von
Hessen-Philippsthal von Regnier geschlagen worden war. Ich besuchte das
Schlachtfeld, auf welchem damals der Besitz des Knigreiches entschieden
wurde; denn wurde Regnier nochmals geschlagen, so war Neapel fr den
neuen Herrscher verloren. Von hier wurden wir sowie das ganze in
Monteleone, Nicastro und so weiter stehende Bataillon nach Seminara
beordert. Der Marsch dahin ber Rosarno, Drosi und so weiter und die
Wege waren abscheulich. Oft war kaum durchzukommen, und wir muten
ungeheure Umwege machen, um Stellen aufzufinden, wo wir die hoch
angeschwollenen Wald- und Bergstrme passieren konnten, was immer mit
groer Gefahr verbunden war. In Rosarno, sodann in Gioja und Drosi wurde
Nachtquartier gemacht, und zu Seminara angekommen, ein Teil des
Bataillons nach Palma detachiert. Alle diese Orte waren bei dem
schrecklichen Erdbeben von 1783 fast gnzlich zerstrt worden und noch
weit entfernt, sich nach einem Vierteljahrhundert wieder erholt zu
haben. berall stie man auf Trmmer, und Seminara, das vor dem Erdbeben
mehr als zwlftausend Einwohner zhlte, hatte deren jetzt kaum
dreitausend, war nur an einer Stelle wieder aufgebaut, und mehr als
viertausend Menschen waren unter dem Schutt der eingestrzten Huser
begraben worden. Auch Palma, das an dem Ufer des Meeres liegt, hatte
zwei Dritteile seiner Bewohner verloren, war aber wieder sehr regelmig
hergestellt. Kaum hatten wir zweimal vierundzwanzig Stunden geruht, so
wurden zwei Kompagnien, worunter die meinige, vor Sciglio oder Scilla,
und zwei andere vor Reggio beordert. Diese beiden Festungen waren noch
von den Englndern und Sizilianern besetzt und wurden von uns blockiert
und belagert. Scilla, welches der Tyrann Anaxilas von Rhegium gegrndet,
und das ebenfalls durch jenes Erdbeben stark mitgenommen wurde, liegt in
einer weiten Schlucht unfern dem Kap Scilla, zu der man nur von der See
aus gelangen kann. Die Stadt selbst, die etwa fnf- bis sechstausend
Einwohner zhlte, lehnt sich an einen hohen Felsen dieser Schlucht, und
auf einem zweiten, ihr gegenber liegt das feste Schlo, welches von
ungefhr fnfhundert Briganten und Sizilianern verteidigt wurde. Eine in
den steilen Felsen gehauene schmale Treppe verbindet das Fort mit der
Stadt, und vermittelst den in der Meerenge liegenden englischen Schiffen
unterhielt die Besatzung ihre Kommunikation ununterbrochen mit Sizilien.
Von hier, wo noch wenig Aussicht war, sich dieser Feste zu bemchtigen,
wurde meine Kompagnie ebenfalls vor Reggio beordert. Die
Wahrscheinlichkeit war aber ebenso gering, diese Stadt zu nehmen, da sie
eine gute englisch-sizilianische Besatzung hatte. Es fehlte uns immer
noch an hinlnglichem Belagerungsgeschtz, das die Englnder
grtenteils gekapert, und die bloe Blockade zu Land, da die Garnison
mit allem Notwendigen von der See aus versorgt wurde, brachte uns nicht
weiter. Wir waren zehnmal bler daran als die Belagerten, denn wir
litten Mangel an allem. Das unaufhrliche Regenwetter machte diese
Belagerung oder vielmehr Blockade zu dem unangenehmsten Geschft von der
Welt. Das ganze Erdreich hatte sich sozusagen in Schlamm aufgelst, alle
Waldstrme waren ausgetreten. Die Wlder selbst, an vielen Orten nur auf
Schuweite von der Kste entfernt, wimmelten von Briganten und
Insurgenten, die nicht aufhrten, uns zu beunruhigen, ohne da wir etwas
Nachdrckliches gegen sie zu unternehmen imstande gewesen wren. Sie
strzten sich wie reiende Tiere wtend auf jede Beute, die sich ihnen
darbot, und von der sie mit Sicherheit voraussehen konnten, da sie
ihnen zuteil werden mute. Wir, die Belagerer, waren gewissermaen
wieder belagert und blockiert, da uns von diesen Wald- und
Hhlenbewohnern oft die besten Zufuhren weggenommen oder abgeschnitten
wurden. Trotzdem mehrere bedeutende Orte, wie Calanna, San Agata und
andere Drfer in der Nhe von Reggio lagen, welche abwechselnd von den
Truppen, um sich zu erholen, besetzt wurden, muten wir doch manchmal
eine ganze Woche unter freiem Himmel und im Regen, Schlamm und Wasser
kampieren, ohne daran denken zu knnen, die Kleider am Leibe nur einmal
zu trocknen. Denn indem man das Hemd wechselte, wenn man ja eines zu
wechseln hatte, wurde dasselbe schon wieder durch und durch na. Kein
Feuer brannte mehr und die aufgeworfenen Erdhtten waren voll Wasser.
Man stand oder sa im Morast, whrend das Wasser am Krper in Strmen
herabrollte, und dabei oft kein Stck trockenes Brot, viel weniger etwas
Warmes zu essen. Nur Wein und Branntwein war meistens in hinlnglicher
Quantitt vorhanden. Man sollte kaum glauben, da Menschen nur
vierundzwanzig Stunden solche Strapazen auszuhalten imstande seien. Aber
wie vermag sich der Krper nicht abzuhrten! Da ich in meiner Kindheit
und bei Breidenstein so hart und rauh gehalten worden, kam mir jetzt
sehr zu statten. Zwar blieb mein Fieber nicht aus, aber China und roter
Wein verscheuchten es wieder. Unsere Kranken mehrten sich brigens bald
auf eine Weise, welche Schrecken und Besorgnis einflen mute.

Schn ist der Anblick der Meerenge von Messina, das man mit seinem
Mastenwald und dem prchtigen Hafen von der diesseitigen Kste erblickt,
ebenso im Hintergrunde die Rauchwolken des kolossalen majesttischen
tna. Bei einer spteren Fahrt durch diese Meerenge mit einer
franzsischen Flotte, 1814, von Korfu kommend, hatte ich Gelegenheit,
die herrlichen Ksten Siziliens ganz in der Nhe in Augenschein zu
nehmen. Der Gipfel des alten tna war jetzt mit Schnee bedeckt, aus dem
der Rauch emporzuquellen schien.

Nach beinahe drei Wochen, als wir fast zwei Dritteile der Leute, die nur
schlecht gepflegt werden konnten, eingebt hatten, wurden wir endlich
durch neue, von Neapel ankommende Bataillone abgelst. Wir marschierten,
noch immer unter Regen, fast schuhlos und abgerissen, ber Monteleone,
Nicastro und so weiter bis nach Cosenza zurck. Es war wirklich ein
Jammer, anzusehen, wie die Leute auf den grundlosen Wegen, mit den mit
Stricken an den Fen befestigten Stcken von Ziegenfellen, die immer
wieder rissen, bei der schlechtesten Kost, vorwrts muten. Auch die
Gamaschen und Beinkleider hingen schon ziemlich zerlumpt um die Waden.
Oft bedurfte es keiner geringen Anstrengung, die Fe aus dem Morast zu
bringen, wo dann die Schuhlappen oder Felle noch stecken blieben und mit
bloen Fen weiter marschiert werden mute, bis man wieder etwas fand,
sie zu bedecken. Erst in Cosenza wurde diesen beklagenswerten
belstnden teilweise abgeholfen, neue Schuhe ausgeteilt und ein
vierwchentlicher Sold ausgezahlt. Wir befanden uns wie in einem
Paradies, und die Soldaten vergaen in den Schenken jubilierend alles
ausgestandene Ungemach bei dem starken roten Wein. Nach einer
fnftgigen Rast und bestmglichster Restauration brachen wir nach
Neapel auf. Aber die Wege waren nicht besser, wohl noch schlimmer, die
Bche und Flsse kaum mehr zu passieren, und ehe wir nach Tarsia kamen,
ertranken vier Mann in dem Flu Crati, durch den Strom von der Masse
weggesplt, hinter Castrovillari wieder zwei in einem Waldbach. Endlich
rckten wir anfangs Dezember, nach unbeschreiblichen Strapazen und
Entbehrungen, ganz zerlumpt und mit kaum einem Dritteil der
ausmarschierten Mannschaft in Neapel ein, wo ich mein altes Quartier in
Gies nuovo wieder bezog und mehrere Briefe vorfand, unter denen einer,
der mir Gertrudens glckliche Niederkunft meldete.

Schon in den ersten zwei Tagen bergab mir Madame Gasqui die Rolle des
Britannikus, mit der Bitte, sie doch mglichst schnell einzustudieren,
da die Knigin den Wunsch geuert habe, dieses Trauerspiel von Racine
auffhren zu sehen. -- Aber, lassen Sie mich um Gotteswillen nur zu
Atem kommen, bat ich die in mich dringende Schne, und acht Tage spter
spielte ich wirklich den Britannikus ganz zur Zufriedenheit Ihrer
Majestt, wie sie mir selbst zu versichern geruhte, und hoffte nun fr
die ausgestandenen Leiden ein recht vergngtes Hofleben, ein angenehmes
Weihnachtsfest, und einen noch frhlicheren Karneval in der Hauptstadt
des irdischen Paradieses, in welchem ich auch mein Helenchen wieder
aufgesucht und einige sehr schne Hofdamen in Perspektive hatte, in
_dolce giubilo_ zuzubringen. Aber ich machte die Rechnung ohne den Wirt,
denn acht Tage nach der Vorstellung des Britannikus erffnete mir der
Oberst Omeara, da ich nebst noch sieben anderen Offizieren, von den
beiden ersten Bataillonen, wieder nach Genua abgehen msse, wo ein
viertes Bataillon aus der dort im Depot angekommenen Mannschaft schnell
formiert werden solle und zu dem ausdrcklich die tchtigsten Offiziere
des Regiments versetzt werden mten, da, wie es schien, dasselbe eine
besondere Bestimmung erhalten wrde. Schon den nchsten Tag erhielten
wir unsere Marschrouten nebst der Ordre, in drei Tagen abzureisen. Ich
ordnete meine Sachen, nahm von Moritz und den anderen Bekannten und
Damen Abschied, und machte mich an dem festgesetzten Tage mit meinen
Kameraden auf dem Wege nach Rom.




                                 VIII.

   Reise von Neapel nach Genua und von da zur See nach Marseille. --
       Marsch von Marseille nach Perpignan. -- Perpignan. -- Eine
       spekulative Sprde. -- Toulouse. -- Formierung des zweiten
      Observationskorps an den Pyrenen. -- Ich werde zum dritten
      Reservekorps versetzt. -- Bayonne. -- Bordeaux. -- Bazas. --
    Hasparren. -- Napoleons Intrigen gegen Spanien. -- Abmarsch nach
                    diesem Land. -- St. Jean de Lz.


Ich war mit den mit mir versetzten Offizieren bereingekommen, da wir
diesmal mit ein paar Vetturini die Reise so weit es tunlich, zurcklegen
wollten. Mein Pferd, eines hatte ich verloren, lie ich durch meinen
Burschen nachbringen. Wir fuhren ein paar Stunden vor Sonnenaufgang zu
dem nach Aversa fhrenden Tor hinaus, und kamen schon am Abend des
folgenden Tages in Rom an. Hier weilten wir vierundzwanzig Stunden, und
ich suchte auer der Prinzessin Cesarini, die ber mein unverhofftes
Kommen erfreut und erstaunt war, und mit einem triumphierenden Blick mir
den zur Welt gebrachten Knaben zeigte, aber trostlos schien, als ich ihr
meine so nahe bevorstehende Abreise verkndete, niemand auf. Ich schied
von ihr, die Hoffnung aussprechend, da wir uns in ganz kurzer Zeit und
dann gewi auf lnger wiedersehen wrden. Sie erzhlte mir viel von den
Unannehmlichkeiten, denen sie fortwhrend hauptschlich durch die
Verwandten ihres Mannes ausgesetzt sei, die ihr das Leben schrecklich
verbitterten.

Wir setzten unseren Weg ber Florenz, wo wir einen Tag blieben, fort,
und fuhren dann rastlos ber Pistoja, Lucca, Massa, Spezia, Chiavari und
so weiter, spter Extrapost nehmend, bis Genua, wo wir in der zweiten
Hlfte des Dezembers eintrafen, und wo uns Herr von Brge bei den neu
errichteten Kompagnien einteilte. Nach und nach wurden zu jener Zeit die
Regimenter bis auf sechs Bataillone, ohne das Depot, gebracht und
erhielten dann noch einen _Colonel en second_. Mir wurde die
Karabinier-Kompagnie des neuen Bataillons zuteil. Zugleich wurde uns
angekndigt, da sich dasselbe sptestens in drei Tagen einschiffen
msse, um mit dem ersten gnstigen Wind nach Marseille abzufahren, wo
wir vermutlich weitere Order erhalten wrden. Die wenigen Tage unseres
Aufenthaltes in Genua brachte ich meistens in den Kasernen und bei
Brges zu, ohne meine frheren Bekanntschaften aufsuchen zu wollen.
Namentlich vermied ich es sorgfltig, mit der tollen Giulietta
zusammenzutreffen. Erst den Tag vor unserem Einschiffen machte ich
meinem alten Gitarrenlehrer einen Besuch, und erfuhr von diesem da die
Marchesa P... noch immer krnkle, die Spinola melancholisch sei und die
Palatini sich oft nach mir erkundige. Letztere wnschte ich noch zu
sehen, und die alte Guercino veranstaltete, da ich am Abend vor unserer
Einschiffung noch eine Zusammenkunft mit ihr hatte, die wegen der
schnellen Trennung, mein Dasein war fast nur eine Erscheinung, recht
zrtlich-traurig ausfiel. Guercinos schenkte ich eine Quadrupel. Das
Geld, das ich der Kompagnie in Kalabrien vorgeschossen, hatte ich mir
einstweilen in Neapel von Moritz geben lassen, und diesen deshalb auf
die Regimentskasse angewiesen, sobald bezahlt wrde, was auch einige
Wochen nach unserer Abreise geschah. Erst den fnften Tag verlieen wir
mit gnstigem Wind den Hafen von Genua, in mehreren Felukken und anderen
Kstenfahrern eingeschifft. Es war zehn Uhr morgens, als wir die Anker
lichteten. Der uns gut zu statten kommende Nordost blies tchtig in die
Segel, war aber auch Schuld, da die kleine Flottille bald getrennt war.
Einige Fahrzeuge derselben entfernten sich von der Kste und steuerten
gegen Sden. Die Unglcklichen! Sie wurden noch denselben Tag von einer
englischen Fregatte genommen, ohne den geringsten Widerstand leisten zu
knnen. Die Felukke, auf der ich mich befand, hielt mit noch einigen
anderen, die bei uns geblieben waren, in Albenga, Monaco und auf meine
Veranlassung an der Insel Porquerolles an, um uns dort zu restaurieren.
Den dritten Tag nach unserer Abfahrt von Genua liefen wir glcklich in
den Hafen von Marseille ein, wo wir ein paar Tage in der Quarantne
zubringen muten. Noch fehlte das Schiff, auf welchem sich unser
Bataillonschef, Herr von St. Agneau, befand, und wir glaubten es auch
von den Englndern gekapert, aber vierundzwanzig Stunden spter traf es
ein. Aus der Quarantne entlassen, marschierten wir sogleich, ohne uns
in Marseille aufzuhalten, nach Aix ab. Unsere Bestimmung lautete vorerst
nach Perpignan. Wir kamen nun ber Lambe, Orgon, Saint Remis, Tarascon,
Lnelle, lauter mir schon bekannte Orte, nach Montpellier, wo wir einen
Rasttag hatten. Hier besuchte ich die Herren Michel und Gayral und fand
Madame Gayral ziemlich verndert, ebenso die Verteuil, die noch bei dem
Theater daselbst war. Von hier kamen wir ber Gignac, Mze, einem
Stdtchen von viertausend Einwohnern, nach Pezenas, das ein Schlo mit
einer sehr schnen Aussicht hat und schon zur Zeit der Rmer wegen
seiner feinen Wolle berhmt war. In Beziers, wohin wir den folgenden Tag
marschierten, hatten wir wieder Rasttag. Diese alte Stadt hatte noch
Mauern und antike Trme und liegt an der Orbe und dem Kanal Du Midi.
Auch ihre Lage ist entzckend und die Einwohner sind davon so
eingenommen, da sie ein Sprichwort haben, welches sagt: Wollte Gott
die Erde bewohnen, so wrde er keinen anderen Ort als Beziers zum
Aufenthalt whlen. Dagegen ist die Stadt selbst um so weniger einladend
und hat meist enge, finstere, krumme und schmutzige Straen. In einer
engen Gasse liegt der gotische Palast der Montmorency. Ein Narr aus
dieser Familie hatte hier jenes Gemlde, die Sndflut darstellend,
verfertigen lassen, unter welchem man die Worte las: _Ah mon Dieu,
sauvez la maison des Montmorency!_ Indessen gab es solche
Stammbaumsnarren in allen Lndern, wo Ahnen spukten, und auf die gar oft
ein stmmiger Kutscher oder tchtiger Jger ein Reis pfropfen mute,
sollte er nicht vllig eindorren. Als wir in Perpignan, unserem
geglaubten Bestimmungsort, ankamen, nahm ich wieder mein altes
Hilfsmittel, einen gewandten Haarknstler und Bartkratzer zur Hand,
hauptschlich, um mir ein angenehmes Quartier ausfindig zu machen, da
die Einquartierungsbillette nur auf drei Tage lauteten. Mit seiner Hilfe
fand ich auch schon den zweiten Tag ein solches bei der artigen Frau
eines _Officier payeur_ namens Delong, der bei der Armee in Deutschland
stand und seine trauernde Gattin nur selten mit Nachrichten von sich
erfreute. Ich mietete sogleich auf einen ganzen Monat fr achtzehn
Franken, ohne zu handeln, ein paar Zimmer. Die junge Dame war aus
Bordeaux gebrtig, wo ihr Vater, frher ein reicher Kaufmann, falliert
hatte, und der nun eine untergeordnete Stelle in Perpignan bekleidete.
Die franzsischen Sitten und selbst die Sprache, das languedoquer
Patois, die von den italienischen so sehr abwichen, kamen mir jetzt fast
sonderbar vor. Der zweijhrige Aufenthalt in Italien hatte mich
denselben ganz entfremdet. Der Abstand ist so gro, als lge das
Weltmeer zwischen beiden Lndern. Doch fand ich mich schnell wieder in
das franzsische Wesen.

Meine artige Hauswirtin bat ich, mir den Mittagstisch bei ihr, versteht
sich gegen gehrige Vergtung, zu geben, wozu sie sich aber nicht
verstehen wollte und berhaupt gegen die Gewohnheit der militrischen
und auch anderer Strohwitwen sehr sprde tat, kaum da sie mir die Hand
zum Ku erlaubte, und wenn ich ihr dieselbe drcken wollte, gleich mit
einem: _Fi donc, vous me faites mal_ bei der Hand war. Drei Tage
wohnte ich schon bei ihr, hatte es aber noch nicht weiter als bis zum
Handku beim Willkomm und beim Abschied bringen knnen. Den vierten
wurde pltzlich bei der Parade der Befehl bekannt gemacht, da wir in
zweimal vierundzwanzig Stunden nach Bayonne abmarschieren wrden. Ich
teilte diese Nachricht sogleich der Madame Delong bei meiner
Nachhausekunft mit, worber sie ganz erstaunt zusammenfuhr und zu
erschrecken schien und endlich mit einem _Vous plaisantez_ herausfuhr.
_Point du tout, c'est trs serieux_, erwiderte ich, und mich stellend,
als setze ich dies Erschrecken auf Rechnung der Miete, fgte ich hinzu:
Aber seien Sie ganz ruhig, die Miete werde ich doch fr den ganzen
Monat berichtigen. Errtend lie sie nochmals ein: _Fi donc_, halten
Sie mich fr so interessiert? fallen. -- Also ist es wirklich an dem,
da Ihr Bataillon schon bermorgen Perpignan verlt? -- Leider nur zu
wahr, seufzte ich, ihr die Hand wieder kssend und drckend, und
diesmal erfolgte kein >_Fi donc_<, sondern man lie das niedliche
Ptschchen in der meinigen ruhen. Ich zog es nun nher an mich, drckte
es, ohne Widerstand zu finden, an mein Herz und bald darauf einen Ku
auf die sich rtenden Wangen der Dame. -- Sehen Sie, sagte ich ihr
jetzt, was wir fr eine kostbare Zeit vertndelt haben; daran ist
allein Ihre unzeitige Sprdigkeit schuld. -- Ja, wer htte auch denken
knnen, da ... Hier blieb sie, sich besinnend, pltzlich stecken. --
Fahren Sie doch fort, meine Schne: da wir uns so schnell trennen
mssen? Ist es nicht das, was Sie sagen wollten? -- Das nicht, aber
-- Aber es ist doch so, ergnzte ich nochmals, zog die immer rter
werdende Madame Delong an mich, und bald lag sie umschlungen in meinen
Armen, Brust an Brust. -- Sehen Sie, so geht es, wenn man die Grausame
zur Unzeit spielen will. Es kam nun zu einem allerliebsten
Schferstndchen, nach dem mir die Dame offen gestand, da, da die
Herren vom Militr in der Regel so sehr _volage_ seien, sie geglaubt
habe, mich besser zu fesseln, wenn sie mich lsterner nach der
verbotenen Frucht mache; denn, setzte sie hinzu, gar bald wird man
vernachlssigt, wenn man sich so schnell ergibt. -- So, also haben Sie
schon die Erfahrung gemacht, versetzte ich lachend. -- Das eben nicht,
aber so habe ich immer gehrt. -- Ah, das ist etwas anderes; aber
lassen Sie uns die kurze Zeit, die uns noch brig bleibt, wohl nutzen.
Dies taten wir denn auch, und so wohl, da ich die zwei Nchte, die wir
noch in Perpignan blieben, fast kein Auge zu schlieen vermochte. Auch
hatte ich nun die Ehre, ihr Tischgenosse mittags und abends zu sein,
wofr ich Antoinetten, so durfte ich sie jetzt nur noch nennen, ein
schnes goldenes Armband mit drei Penses und dem eingegrabenen Datum,
aber ohne Namenszug, vor der Abreise zum ewigen Andenken verehrte. Auch
das sie bedienende Mdchen, das in einem Kmmerchen neben der Herrin
schlief und nur durch eine dnne Bretterwand von derselben geschieden
war, bedachte ich gromtig, damit sie reinen Mund halte und die Blinde,
Taube und Stumme spielen mchte, wenn sie mich allenfalls in den bloen
Strmpfen in das gastfreundliche Seitengemach schlpfen sah oder hrte;
doch glaube ich nicht mit Unrecht, da sie die sehr Vertraute ihrer Dame
war. Eben schlummerte ich ein wenig, als am Morgen nach der zweiten
Nacht die Tambours das unerbittliche Rappellieren hren lieen. Ich nahm
noch einmal Abschied, warf mich in die Uniform, schnallte den Degen um
und ri mich nach einem letzten Ku aus Liebchens heien Armen. Eine
Stunde darauf befand ich mich mit dem Bataillon auf dem Marsch nach
Salces, von wo es ber Narbonne nach Carcasonne, der Hauptstadt des
Departements Aude, die am Flu dieses Namens und an dem Kanal Du Midi
liegt, ging.

Von hier fhrte uns der Weg ber Villepinte nach Villefranche, einem
kleinen Stdtchen im Departement Haute-Garonne, und von da nach
Toulouse, wo mir ein Sejour gestattete, diese alte berhmte Stadt
wenigstens oberflchlich kennen zu lernen.

Toulouse liegt an der Garonne, die sie in zwei Teile teilt, von denen
der kleinere St. Cyprien heit; beide sind durch eine sehr schne Brcke
verbunden, zu der ein Triumphbogen fhrt, der im siebzehnten Jahrhundert
erbaut wurde. Wlle und alte Mauern befestigen die Stadt, die breite,
gutgepflasterte Straen, zum Teil schne Huser, einige groe Pltze und
sehr schne Promenaden hat, wozu man die herrliche Esplanade zhlen mu.
Auch ist hier eine gute Kanonengieerei. Die Zahl der Einwohner mag an
achtzigtausend betragen. Die Lage und die Umgebungen der Stadt sind
himmlisch. In dieser Stadt wurde 1762 der unglckliche und unschuldige
Calas als ein Opfer des scheulichen Ungeheuers, religiser Fanatismus
genannt, hingerichtet.

Von Tarbes kamen wir nach dem Geburtsort Heinrich IV., Pau, der
ehemaligen Hauptstadt von Bearn, jetzt die der Basses-Pyrenes.
Bernadotte, der nachmalige Knig von Schweden (Karl XIV.), wurde hier
geboren. Sie liegt am rechten Ufer der Gave de Pau, hat ziemlich breite
und gut gebaute Straen und an neuntausend Einwohner. In den Mauern des
alten, einer groen Burg hnlichen Schlosses, das dereinst die Residenz
der Knige von Navarra war, hat Heinrich IV. das Licht der Welt
erblickt. Zur Zeit der franzsischen Revolution wurde es sehr
mitgenommen und dann zum Staatsgefngnis gemacht; aber der Park, in
welchem Heinrich so oft der Jagdlust pflegte, ist noch vorhanden, ebenso
der Cours Bayard, der eine der besuchtesten Promenaden ist, deren es
hier sehr schne gibt. Von der Brcke, die ber den Gave de Pau fhrt,
hat man eine groartige Aussicht auf die sich riesenmig
amphitheatralisch erhebenden Pyrenen. Der Aufenthalt in Pau ist wegen
seiner reinen und gesunden Luft sehr gesucht, und das ganze Jahr
hindurch halten sich viele Fremde hier auf; auch ist das Leben angenehm
und wohlfeil, die Einwohner sind leutselig und gefllig. Die Umgegend
ist entzckend und sehr malerisch.

In Pau sollten wir bis auf weitere Order liegen bleiben; die ganze
Umgegend, besonders nach Bayonne zu, wimmelte von Truppen jeder
Waffengattung, die zum Teil auf Wagen herbeigefahren waren, was uns
nicht so gut geworden. Niemand konnte noch mit einiger Gewiheit sagen,
was diese abermalige Versammlung eines Heeres in dieser Gegend bezwecke,
obgleich jedermann der Meinung war, da es auf Spanien abgesehen sein
msse und wir dem Marschall Jnot folgen wrden, da schon Truppen vom
zweiten sogenannten Observationskorps in Spanien eingerckt waren.

Die Weihnachten und das Neujahr 1808 hatten wir diesmal auf dem Marsch
zugebracht, ohne an irgendeine Feier zu denken. Jetzt erhielt das
Bataillon Befehl, gegen Bayonne aufzubrechen, in dessen Nhe es verlegt
werden sollte. Zu der nach Spanien bestimmten Armee hatte man besonders
neu formierte Korps gebildet, welche die Benennung _Legions de reserve_
fr die Infanterie und _Regiments provisoirs_ fr die Kavallerie,
Dragoner, Krassiere, Chasseurs _ cheval_ und so weiter erhielten. Die
Mannschaft dazu hatte man teils aus den Depots anderer Regimenter, teils
aus der antizipierten Konskription von dem Jahre 1808 genommen. Schon
lngst hatte ich eine Versetzung in ein franzsisches Regiment und das
Regiment Y. zu verlassen gewnscht, aber bis jetzt vergeblich darnach
getrachtet, und am liebsten wre ich zur leichten Kavallerie, namentlich
den Husaren oder Chasseurs _ cheval_ gegangen. Jetzt schien mir die
Formierung des nach Spanien bestimmten Heeres eine passende Gelegenheit,
dieses Projekt auszufhren und die Versetzung zu einem anderen Regiment
durchsetzen zu knnen, obgleich ich aller Protektion dazu entbehrte.
Meine Dienstzertifikate hatte ich mir vor unserer Abreise nach Neapel
ausfertigen lassen. Ich lag mit meiner Kompagnie in einem ungefhr
anderthalb Stunden von Bayonne entfernten Weiler, besuchte aber oft
diese Stadt, in welcher sich jetzt ein sehr glnzender und zahlreicher
Generalstab befand. Hier war das groe Depot fr alle nach Spanien
bestimmten Truppen, wo es bestndig von Offizieren und Soldaten aller
Waffengattungen wimmelte. So machte ich in einem Kaffeehause die
Bekanntschaft eines Stabsoffiziers vom zweiten Regiment _garde de
Paris_, das dem zweiten Observationskorps der Gironde zugeteilt war,
welches der General Dpont _en_ Chef kommandierte. Durch diesen
Offizier, einen Bataillonschef namens Bardin, erfuhr ich, da unser
ehemaliger Oberst, Frst Y..., ganz krzlich als Brigadegeneral bei der
ersten Division des vom Marschall Moncey befehligten Observationskorps
stand. Bardin hatte den Frsten fters in Paris gesehen und fragte mich
nach dessen Verhltnissen in Deutschland; wir waren beide bald darin
einverstanden, da sich derselbe niemals als ein groer Kriegsheld im
Feld hervortun wrde, auch riet mir Bardin, alles anzuwenden, um in ein
anderes Regiment zu kommen, da das Regiment Y... sowie Latour d'Auvergne
in einem schlimmen Ruf in der Armee stnde wegen der Desertionen und
Exzesse, welcher sich Soldaten und Offiziere desselben schuldig machten.
Ich erwiderte ihm, da der Rat wohl gut und dies schon lngst mein
Wunsch sei, aber es mir durchaus an Bekanntschaften fehle, um ihn in
Erfllung zu bringen, und dies um so schwerer sei, weil ich kein
geborener Franzose, sondern jetzt ein Untertan des Groherzogs von
Frankfurt sei. Bardin erkundigte sich nach meinen bisherigen
Dienstverhltnissen, nach den Kampagnen, die ich bereits gemacht, und
ersuchte mich, ihm meine _Etats de services_ den nchsten Tag
mitzubringen, er knne vielleicht Mittel und Wege finden, mir in dieser
Angelegenheit behilflich zu sein. Mit Freuden tat ich, was er verlangte,
und brachte ihm schon den nchsten Morgen die gewnschten Papiere in
sein Quartier. Nachdem er sie durchgesehen, versprach er mir, sich bei
dem General Legendre, den er persnlich kenne und der Chef vom
Etat-Major bei dem vom General Dpont befehligten Armeekorps von
fnfundzwanzigtausend Mann sei, fr mich zu verwenden und mich ihm
bestens zu empfehlen. Bald versicherte er mir, da meine Angelegenheit
recht gut stnde und ich nchstens Neues erfahren werde; in der Tat
wurde ich schon zehn Tage spter auf Befehl des Marschall Moncey
provisorisch der dritten Legion der Reserve zugeteilt und bald darauf
vom Kriegsminister definitiv bei derselben angestellt.

Von Bayonne wurde ich nach Bordeaux beordert, wo noch eine Abteilung der
Legion, bei der ich jetzt stand, lag. Ich fuhr mit der Post dahin und
lie meine beiden Pferde -- ein zweites sehr gutes hatte ich in Pau
gekauft -- durch meinen Reitknecht nachbringen. Ohne mich irgendwo
aufzuhalten, erreichte ich diese berhmte Handelsstadt Frankreichs und
meldete mich bei dem das zweite Bataillon kommandierenden
Bataillonschef, der mir die dritte Kompagnie seines Bataillons bergab.
Diese Legionen hatten weder Grenadier-, Karabinier- noch
Voltigeurkompagnien. Herr Marlot, so hie mein Chef, nahm mich recht
freundlich auf und teilte mir mit, da er jeden Tag den Befehl zum
Abmarsch nach Bayonne erwarte, da die vier letzten Kompagnien schon
vllig organisiert und marschfertig seien. Ich lie mir schnell die bei
meiner Legion notwendige neue Uniform machen und gab meinen neuen
Kameraden, die smtlich aus verschiedenen franzsischen Regimentern zu
derselben versetzt worden waren, ein kleines Fest, nmlich ein Dejeuner,
bei dem die Bayonner Schinken und die besten Bordeauxweine die
Hauptbestandteile ausmachten und in berflu serviert wurden. Denselben
Abend besuchten wir das groe schne Theater, unstreitig das schnste in
Frankreich, das 1781 erbaut wurde und ein Meisterstck des Architekten
Louis sowie der Baukunst berhaupt ist. Seine prchtige Fassade ist mit
zwlf korinthischen Sulen verziert, und zwlf mit den Sulen
korrespondierende Statuen schmcken die Balustrade. Das Vestibl und die
Prachttreppe sind majesttisch. Auer der groen Bhne, die zum Teil
auerordentlich schne Dekorationen, wirkliche Meisterstcke der
Dekorationsmalerei aufzuweisen hat, sind noch viele Sle, wie der fr
Konzerte, der prchtige Foyer, der Malersaal und so weiter, alle der
Pracht des Gebudes entsprechend, in demselben.

Den sechsten Tag nach meiner Ankunft zu Bordeaux erhielten wir Befehl
zum schleunigen Abmarsch, den wir den folgenden in aller Frhe antraten.
Durch verschiedene unbedeutende Orte kamen wir nach Bayonne, wurden aber
vorerst nach Hasparren, einem Kantonsstdtchen in der Nhe von Bayonne,
verlegt, wo wir jedoch nur zwei Tage blieben. Es war jetzt die ganze
Gegend so sehr mit Truppen aller Art angefllt, da nicht selten
Stabsoffiziere in den elendesten Baracken einquartiert waren. Ich selbst
hatte noch ein ziemlich leidliches Quartier mit noch einigen Offizieren
bei einem Viehhndler.

Die Vereinigung einer solchen Truppenmasse auf diesem Punkt und der
Zweck derselben war, wie gesagt, noch immer ein halbes Rtsel. Da es
Spanien gelten solle und wir den schon daselbst befindlichen Truppen
folgen wrden, war ein groes Geheimnis, das noch niemand zu enthllen
vermochte. Aber was dort tun, da ja Frankreich im tiefsten Frieden mit
diesem Lande lebte und sein Herrscher der beste Freund Karls IV. schien.
Da das kleine Portugal eine solche Heeresmasse notwendig mache, wollte
niemand einleuchten; aber niemand fiel es auch nur im Traum ein, da es
auf Spanien abgesehen sei, und keiner von uns hielt damals den Kaiser
Napoleon solcher heillosen Intrigen fhig, wie er sie bald darauf
anspann. Diese groe Beutelschneiderei, denn wie soll man es anders
nennen, durch welche er Spanien an sein Haus bringen wollte, war eine
ebenso dumme wie unpolitische Bberei, ein Schurkenstreich, der bittere
Frchte tragen mute und der, als er bekannt wurde und offenbar am Tag
lag, auch die eifrigsten Verehrer und Anbeter seines Urhebers tief
betrbte und verletzte; dabei wurde alles so linkisch angesponnen und
angegriffen, da es kaum zu begreifen war, wo Napoleon seinen Kopf
hatte; denn htte er sich nur ffentlich gegen den mit Recht verhaten
und verachteten Friedensfrsten Godoy erklrt und dann dem spanischen
Volk einige Monate Zeit gelassen, seinen angebeteten Gtzen Ferdinand
VII. nher kennen zu lernen, so htte er das leichteste Spiel von der
Welt und die ganze spanische Nation fr sich gehabt, so wie seine
erbrmliche Hinterlist und dummtckischen Streiche ihm dieselbe
notwendig zum erbittertsten Feind machen muten. -- Diese verblendete
Einsichtslosigkeit und Schlechtigkeit mute Napoleon schwer ben.

Der geheime Vertrag, der im Oktober 1807 zwischen beiden Kronen
abgeschlossen war, besagte, da ein Korps von vierundzwanzigtausend Mann
franzsischer Truppen sich im November bei Bayonne versammeln und bereit
halten sollte, in Spanien einzurcken, um nach Portugal zu marschieren
und den Englndern, welche dieses Land unaufhrlich bedrohten,
zuvorzukommen. Diesen Heerhaufen hatte man das erste Observationskorps
der Gironde genannt, und es rckte schnell in Spanien vor. Hierauf wurde
sogleich ein zweites, ebenso starkes formiert und nach Bayonne und die
Umgegend verlegt, zu dem wir gehrten; auch dieses sollte nun schnell in
Spanien einrcken, aber immer als Verbndete des Herrschers dieses
Landes. Schon anfangs Dezember war ein Teil desselben dem ersten Korps
nach Spanien gefolgt, und unsere Legion erhielt noch in der ersten
Hlfte des Monats Januar denselben Befehl. -- St. Jean de Lz, ein
groer Hafen im Golf der Gascogne, eine Grenzfestung gegen Spanien mit
ungefhr viertausend Einwohnern, war das letzte franzsische
Nachtquartier vor unserem Einmarsch in Spanien. Hier war es, wo Ludwig
XIV. nach dem mit diesem Land geschlossenen Frieden 1660 seine
Vermhlung mit der Infantin Maria Theresia, der Tochter Philipps IV.,
feierte. 1793 hatte daselbst ein Gefecht zwischen den Spaniern und den
Franzosen stattgefunden. -- Es war den 13. Januar 1808, als wir ber die
Bidassoa gingen, die Spanien von Frankreich trennt, und so die Grenze
berschritten. Auch dieser Flu war ein verhngnisvoller Rubikon fr
Napoleon.




                                  IX.

    Einmarsch in Spanien. -- Die baskischen Provinzen. -- Miranda de
    Ebro. -- Der Engpa Garganta Pancorbo. -- Briviesca. -- Burgos.
   -- Quintana de la Puente. -- Valladolid. -- Ein Autodaf. -- Eine
    schne Andalusierin. -- Ungewiheit und Gerchte ber Napoleons
   Absichten hinsichtlich Spaniens. -- Marsch nach Segovia. -- Biwak
   bei Segovia. -- San Lorenzo. -- El Pardo. -- Glnzender Einmarsch
                               in Madrid.


Unser erstes Nachtquartier auf spanischem Boden war Irun, ein sehr altes
Nest, das schon zur Zeit der Rmer stand und jetzt kaum zweitausend
Einwohner zhlen mochte, die grtenteils von den Passanten leben, die
sich von Frankreich nach Spanien und umgekehrt begeben. Diese Stadt mit
ihren schmutzigen, schlecht gebauten Straen gab uns eben keinen guten
Vorgeschmack von dem, was uns in Spanien erwartete. Hier begann in einer
Hinsicht so ziemlich wieder das italienische Leben, das heit, die Leute
wurden nicht einquartiert, sondern in Kasernen oder andere groe Gebude
gelegt und spter auch wieder in Kirchen und Klster; sie bekamen ihre
Rationen Fleisch, Brot, Wein, Zugemse und so weiter und muten sich
alles selbst kochen und zubereiten; dies ist zwar auch der Fall in
Frankreich, aber auer dem, da der Soldat bei dem Brger einquartiert
ist, der ihm auch Holz und Licht geben mu, geschieht es nicht selten,
da letzterer noch einen Extrabraten und allerlei Zutaten in die Kche
seiner Einquartierung liefert, wenn er nicht zu den Schmutzfilzen
gehrt. Die gelieferten Rationen waren in Spanien im Durchschnitt noch
weit schlechter als in Italien, besonders das Ziegenfleisch von keiner
guten Qualitt. -- Wenn man die auf gemeinschaftliche Kosten Spaniens
und Frankreichs erbaute und unterhaltene Brcke der Bidassoa passiert
hat, befindet man sich in der Guipuzcoa, die nebst Biscaya und Alava die
baskischen Provinzen bildet. Hier erinnert auch nichts mehr an das eben
verlassene Frankreich; Charakter, Sitten, Gebruche und selbst die
Bauart und die Wohnungen sind so himmelweit verschieden, da man glauben
sollte, beide Lnder wren durch viele hundert Meilen getrennt, und man
sei durch einen Zauberflug von dem einen in das andere versetzt worden.
Das Hauptquartier unseres Armeekorps war in Valladolid, und die Legionen
und Regimenter kantonnierten lngs dem Duero. Die vier ersten Kompagnien
unserer Legion wurden in die Gegend von Burgos verlegt, wohin vorerst
unsere Bestimmung lautete. Von Irun marschierten wir ber Hernani nach
Tolosa. Der Weg ging durch ein fruchtbares und gut angebautes, lachendes
Tal, in dem Hernani, ein groer von Bergen umgebener Flecken, der
blendend weie Huser und schne Baumgruppen hat, liegt. Tolosa ist kein
unfreundliches Stdtchen am Oria und Araxes, ber den letzteren fhrt
eine hbsche Brcke mit einem Turm. Die Stadt konnte ungefhr
fnftausend Einwohner haben. Jeder Einwohner, jeder Bauer dieser Provinz
behauptet, er sei von Adel, und wer kann ihm diese Behauptung streitig
machen, als etwa ein hirnverrckter Stammbaumfabrikant?

Noch zeigten sich die Bewohner der baskischen Provinzen nicht feindselig
gegen uns, obgleich manche dieser verbrannten Gesichter allerdings schon
Mitrauen ausdrckten und uns mit zweideutigen Blicken ansahen. Die
Frauen und Mdchen dieser Gegend sind niedliche Geschpfe, und die
Landmdchen, welche ihre Haare in langen, mit Bndern geschmckten
Flechten, die ihnen ber die Schultern herabfallen, tragen, sind uerst
lebhaft und munter; auf dem Kopf haben sie dnne Musselinschleier, die
um die Achseln fliegen, geheftet. Die es nur irgend aufbringen knnen,
tragen goldene Ohrringe, mitunter auch Perlen und Halsketten von
Korallen. Ihr Anzug ist sehr nett, und da sie in der Regel gut gewachsen
sind, so stehen ihnen ihre Leibchen und Jckchen allerliebst. Was mich
hier am meisten rgerte, war, da ich mich mit den Einwohnern und also
auch mit den Frauen weder verstndigen noch unterhalten und deshalb an
keine galanten Abenteuer denken konnte. Ich hatte geglaubt, mir mit dem
Italienischen helfen zu knnen, wenn ich an das Ende der Wrter nur ein
_s_ oder _os_ hinge; aber dies ging nicht, namentlich in den baskischen
Provinzen, wo die Sprache eine ganz verschiedene ist; aber auch in einem
groen Teil des brigen Spaniens konnte ich mir nicht wohl damit
forthelfen, da, wenn auch die Worte oft ganz hnlich, ja sogar ganz
dieselben, Aussprache und Akzent jedoch himmelweit verschieden sind und
man sich erst an diese gewhnen mu, namentlich in den Provinzen, wo das
Spanische schlecht oder verdorben gesprochen wird. Ich nahm mir zwar
vor, jetzt die spanische Sprache zu studieren, aber hierzu lieen mir
die Kriegsbegebenheiten und Unruhen wenig Zeit, und ich konnte es nicht
weiter bringen, als mich notdrftig im Spanischen auszudrcken, auch
kamen wir, einige Flle ausgenommen, zu wenig in nhere Berhrung mit
den Einwohnern; doch konnte ich bald den Cervantes, Calderon, Lope de
Vega und andere spanische Autoren im Original lesen, namentlich
amsierte und erheiterte mich Don Quixote nicht wenig.

Von Tolosa war unser nchster Marsch nach Villa Real, einem Flecken, der
eben nichts Knigliches aufzuweisen hatte; ein paar Kompagnien muten in
dem nahen Dorf Zummaraya bernachten; von hier kamen wir ber das
Stdtchen Bergara an der Deva nach Mondragon, einem Ort, der nicht
unbedeutende Waffenfabriken hat. Der Weg von Bergara bis Vittoria ist
fortwhrend mit freundlichen Drfern und vielen Landhusern best, die
fast ununterbrochen zusammenhngen; berhaupt sind die baskischen
Provinzen sehr bevlkert und trefflich angebaut, was sie von dem brigen
Spanien sehr zu ihrem Vorteil unterscheidet und was sie ihrer viel
freieren Verfassung zu danken haben, welche die Betriebsamkeit und den
Handel ihrer Bewohner anspornte. Auf diesem Wege hatten wir fast
bestndig den im Tale wogenden Flu Zadorra vor Augen, der dessen
reizendste Partien in Krmmungen durchschneidet. Alles kndigte hier
einen gewissen Wohlstand an, die Landleute, Mnner wie Frauen, waren
reinlich und gut gekleidet. Von Mondragon stiegen wir auf den Berg, auf
dem der Flecken Salinas liegt, von dem man noch eine Strecke ber diesen
Teil der Pyrenen kommt, dann aber geht es fast bestndig bergab bis
Vittoria, das man nun bald vor sich liegen sieht.

ber Puebla marschierend, kamen wir durch eine sehr enge Passage in das
Tal des Ebro und an eine Marmorsule, deren Inschrift besagte, da hier
die Grenze zwischen Alava und Altkastilien sei. Diesen Weg, den zu ebnen
und ber die Gebirge praktikabel zu machen groe Anstrengungen
erforderte, da sich ungewhnliche Schwierigkeiten zeigten, haben die
baskischen Provinzen in Gemeinschaft angelegt. Besonders mu es
auerordentliche Mhe gekostet haben, die jhen Abhnge wegsam zu
machen, Abgrnde zu umgehen und Felsenriffe wegzurumen. Nach sechs
Stunden eines mhsamen Marsches kamen wir bei Miranda de Ebro an,
welches an diesem Flu liegt, ber den hier eine acht Bogen lange Brcke
fhrt. Noch bevor wir Alava verlieen, begegneten wir einem seltsamen
Leichenbegngnis; man begrub nmlich in einem Dorfe ein kleines,
weigekleidetes Kind, dessen Kpfchen mit einem weien Rosenkranz
geschmckt war und das offen in der Bahre lag; das Sonderbarste aber
war, da dieser kleinen Leiche eine Musikbande voranzog, welche lustige
und muntere Melodien spielte und hinter der ein Kind, ein Kreuz tragend,
frhlich einherhpfte. Man sagte mir, da die Kinder in den baskischen
Provinzen alle auf hnliche Weise begraben wrden, weil man sie
glcklich preist, zu sterben, bevor sie noch des Lebens Mhen,
Beschwerden und Drangsale kennen lernten, und die Eltern trsten sich
mit einem: Es war Gottes Wille.

Miranda ist ein kleines, nahe an den Bergen liegendes Stdtchen; auf
einer Hhe sieht man noch die Trmmer eines Schlosses und mehrere Trme
desselben. Aus dem Felsen, auf dem diese Ruinen liegen, entspringt eine
sehr reichhaltige Quelle, die mehrere Mhlen in Bewegung setzt. Das
Stdtchen mochte etwa zweitausend Einwohner zhlen. Von hier
marschierten wir ber Pancorbo nach Briviesca. Miranda verlassend, hat
man ber eine Stunde fortwhrend eine hohe Felsenwand vor Augen, von der
man keinen Ausweg erblickt und die, gleich einer ungeheueren Mauer an
der Welt Ende, alle Passage zu versperren scheint. Erst wenn man dicht
vor dem Felsen angekommen ist, erffnet sich eine enge Schlucht, durch
welche man nach Pancorbo gelangt; dieser Engpa fhrt durch zwei
ungeheuer hohe Felsenmassen, deren Spitzen sich gegeneinander zu neigen
scheinen und die kaum durch einen zehn Schuh weiten Raum getrennt sind.
Dieser Hohlweg ist beinahe eine Viertelstunde lang. Die Felsen wlben
sich so ber dem Haupte des Durchgehenden, da man frchtet, sie jeden
Augenblick herabstrzen zu sehen und von ihnen zermalmt zu werden.
Dieser Engpa heit Garganta de Pancorbo und ist, gehrig verteidigt,
uneinnehmbar; es ist eine wahre Hllenschlucht, eine Kompagnie kann hier
das grte Heer aufhalten. Hat man ihn passiert, so erblickt man das
Stdtchen Pancorbo, das am Eingange eines Tals liegt; durch einige
elende Drfer kommt man dann nach Briviesca, welches merkwrdig ist
durch die Versammlung der Cortes, die Johann I. im Jahre 1388 hierher
berief und die dem Kronprinzen von Kastilien fr ewige Zeiten den Titel
eines Prinzen von Asturien beilegte, bis -- es weder Kronprinzen noch
Knige von Kastilien mehr gab, wie es mit allen menschlichen Ewigkeiten
zu gehen pflegt. Die Stadt liegt an der Oca, ist mit Mauern umgeben und
hat vier Tore, in ihrer Nhe sind zwei tiefe mineralische Teiche, der
Pozzo negro und Pozzo blanco genannt.

Von Briviesca fhrte uns der Weg ber Monasterio, Quintanapalla durch
ein noch ziemlich gut angebautes, mit vielen Pappeln und Weiden
bepflanztes Tal, immer bergauf bis Monasterio, nach Burgos.

Die nchsten Umgebungen von Burgos besuchte ich zu Pferd und ritt nach
dem anderthalb Stunden entfernten Monasterium von Cardena, um das Grab
des Cid und seiner Gattin Ximene zu sehen, auf dem sein Wappenschild,
von einer Kette umgeben, das zwei sich kreuzende Schwerter hat, ber
denen sich wieder ein Kreuz erhebt, sowie das Ximenens, einen dicken,
von einer Kette umgebenen Turm darstellend, befindlich ist. Spter, als
in diesem Krieg das Kloster von Cardena zerstrt und verwstet wurde,
lie der franzsische Gouverneur von Burgos die Reste des Helden und
seiner Gattin in die Stadt bringen, um sie vor gnzlicher Vernichtung zu
bewahren, und beiden ein Monument auf einer kleinen Insel setzen.

Der Tag unseres Abmarsches war herangekommen, und wir verlieen Burgos
in dem Augenblick, als ich im Begriff war, eine Intrige mit einer seiner
schnen Bewohnerinnen anzuspinnen; dies machte, da ich den Marsch ber
Caleda Villazopegue, wo zwei Kompagnien bernachteten -- die zwei
anderen blieben in Villadriga (zwei unbedeutenden Drfern) --, nach
Torrequemada etwas belgelaunt antrat. Von Burgos bis zum Dorf
Villadriga verliert man den Flu Arlanzon fast nicht aus den Augen, auch
sieht man noch viel gut angebautes Feld und ziemlich viel Ortschaften.
Ehe man Torrequemada erreicht, kommt man durch das kleine Stdtchen
Quintana de la Puente, das an der Pizuerga liegt, ber die eine schne
steinerne, achtzehn Bogen lange Brcke fhrt. Torrequemada selbst liegt
an dem nmlichen Flu, den man hier ber eine sechsundzwanzig Bogen
lange Brcke passiert. Dieses Stdtchen hat eine hbsche gotische
Kirche. Der Weg hierher ging ber eine ziemlich kahle Ebene, in der man
fast gar keine Bume und nur selten einiges niedrige Gestruch sah. Hier
lagen nur zwei Kompagnien unseres Bataillons, die anderen in Palencia.
Wir erfuhren nun, da wir nach einem Ruhetage nach Valladolid
abmarschieren sollten, wozu der Befehl soeben von dem Hauptquartier
eingetroffen sei und wo die Legion zusammentreffen wrde. Torrequemada
ist ein trauriger Aufenthalt, ebenso die Umgegend, und der Holzmangel so
gro, da die Einwohner meistens gedrrten Mist brennen und dabei
kochen. Ist es kalt, so wrmt man sich an den Glorias, eine Art
Trockenfen in den spanischen Kchen, um welche herum Bnke zum Sitzen
angebracht sind. Von hier marschierten wir noch einige Zeit durch die
langweilige Ebene und das Dorf Magaz; zu unserer Linken sahen wir bald
das groe Benediktinerkloster San Isidoro in einiger Entfernung liegen,
und in dem an einem Rebenhgel liegenden Dorfe Duenas kam das ganze
Bataillon wieder zusammen und setzte den Marsch in Gemeinschaft fort.
Man behauptet, da das elende Dorf Duenas das Eldana des Ptolomus sei,
wenigstens auf derselben Stelle liege. Hier bewahren die Einwohner den
Wein in Gruben auf, die sie zu diesem Zweck in die Erde graben und in
denen er sich sehr gut und frisch erhlt. Von hier aus marschierten wir
noch immer abwrts ber ein sandiges und steiniges Terrain durch den
Flecken Cablezon, in dessen Umgebung ein angenehmer, lieblicher, roter
Wein wchst und von wo man nur noch zwei gute Stunden nach Valladolid
hat. Alle unsere Mrsche waren ungewhnlich stark, fast keiner unter
acht bis neun, manche wohl zehn Stunden lang. Erst wenn man ganz in der
Nhe von Valladolid ist, nimmt der langweilige Weg ein Ende, auf welchem
das Feld schlecht und oft gar nicht angebaut war; dies war schon oft der
Fall, seitdem wir die baskischen Provinzen verlassen hatten, aber im
Knigreich Leon weit hufiger.

Es war anfangs Mrz, als wir zu Valladolid ankamen, wo sowie in der
Umgegend zahlreiche franzsische Truppenkorps von allen Waffengattungen
lagen. Die verschiedenen Armeekorps, die in Portugal und Spanien
einmarschiert waren, hatten jedes seinen besonderen Chef und seinen
Generalstab; Mrat, damals Groherzog von Berg, hatte den Oberbefehl
ber das Ganze und den Titel eines Leutnants des Kaisers Napoleon. Wir
erfuhren, da derselbe bereits in Burgos angekommen sei und mit ihm ein
Heer von Employs, Kriegskommissre, Ordonnateure und Offiziere aller
Grade, wohl ber ein halbes Tausend Individuen, von denen viele schon in
Ruhestand versetzt gewesen und fast gegen ihren Willen wieder in
Aktivitt gesetzt worden waren, andere aber hofften jetzt in Spanien
schnell Fortne zu machen. Nichts war den Lndern und den Heeren selbst
verderblicher, als dieses Kommissarien- und Lieferanten-Geschmei und
was daran hing, wahre Blutsauger der Vlker wie der Truppen, von denen
der wackere Kaiser Joseph II., der diese Kanaillen durch und durch
kannte, schon mit vollem Recht sagte: Man kann einen jeden
dieser Burschen (wenn ich mich nicht irre, so meinte er die
Proviant-Kommissre damit) hngen lassen, ohne sich zu frchten, eine
Snde oder einen Fehlgriff begangen zu haben. Auch Napoleon wute aus
seinen italienischen Feldzgen, welch ein Diebsgesindel dies Geschmei
ist, und dennoch hat es zu keiner Zeit und bei keinen Heeren rger
gehaust und gestohlen, als in den napoleonischen, wo von den
General-Kommissren bis zu den Furieren in den Kompagnien herab alles,
was mit Proviant, Verkstigung oder Lieferungen in Berhrung kam, den
Soldaten sowohl wie den Brger bestahl und beraubte. Aber in Spanien
bekam es den Herren doch oft schlecht, und ein wohlverdienter Lohn, den
ihnen die Vorsehung bereitete, blieb selten aus.

Noch immer wuten wir nicht, was eigentlich bezweckt wurde, wir
erschpften uns in tausend Mutmaungen, von denen keine den rechten
Fleck traf, indem die meisten darauf hinausgingen, da es, wenn auch
indirekt, auf England abgesehen sei. Die Instruktionen, die uns
fortwhrend erteilt wurden, waren von der Art, da man auf einen
bevorstehenden Krieg schlieen und sich auf alle Ereignisse gefat
machen mute; aber wo war der Feind? -- Napoleon selbst wurde erwartet,
und das Gercht war unter smtlichen Truppen verbreitet, da er sich an
deren Spitze stellen wrde; ein groer Teil der Einwohner Spaniens aber
betrachtete uns mit immer grer werdendem Mitrauen, whrend andere
hofften, da wir sie von dem unertrglichen Joch des ihnen so verhaten
Friedensfrsten Godo befreien wrden, den sie smtlich als den
alleinigen Urheber aller dieser bel betrachteten und verfluchten. Von
seiten der Kommandierenden wurden sie auch in dieser Richtung bestrkt.
Es ist unmglich, sich einen Begriff von der Verachtung und dem Ha zu
machen, den die ganze Nation gegen den freilich ganz verdienstlosen
Gnstling bei der spanischen Majestt und der Knigin insbesondere
nhrte. Ohne alle Scheu sprach man davon, da man diesen schndlichen
Bsewicht hngen, kpfen, spieen, rdern, vierteilen und Gott wei was
alles msse; man wollte ihn samt der Knigin lebendig verbrennen und den
Knig, die gehrnte Schlafhaube, dazu, meinten noch andere; die
Gemigtsten aber forderten, da man ihn einer strengen Justiz bergebe.
Der Unglckliche selbst schlief schon lange nicht mehr auf Rosen und
trumte nur von Galgen und Schafott, zitterte unaufhrlich fr sein
kostbares Leben und war nicht imstande, irgendeinen festen Entschlu zu
fassen, sich zu helfen oder in Sicherheit zu bringen. Nicht leicht hat
ein Sterblicher so sonderbare Schicksale gehabt; vom gemeinen Gardisten
zum Gnstling der Knigin von Spanien und den hchsten Wrden den
Reiches wie in einem Zaubermrchen erhoben, dabei durch die Heirat mit
einer nahen Verwandten des kniglichen Hauses, wozu er seine knigliche
Geliebte zu bereden gewut hatte, die, trotzdem er sich noch Mtressen
hielt, was sie wute, ihm dennoch unwandelbar ergeben blieb; so war der
Knig selbst nur noch der gehorsame Vollstrecker der Gebote des
Geliebten seiner Frau. Wer ber dieses seltsame Verhltnis nhere
Auskunft wnscht, mu Llorents _Memorial para la historia de la
revolucion espanola recogydas y compiladas por don Juan Nellerto_ lesen.

Valladolid, das Pintia der Alten, war die zweite Stadt Altkastiliens,
aber jetzt der Hauptort der Intendanz gleichen Namens in dem Knigreich
Leon. Der Flu Esgueva durchstrmt sie, und der Pizuerga fliet an ihren
Mauern vorbei; sie liegt in einer groen, von Hgeln mit Plattformen
umgebenen Ebene. Die Stadt ist nicht so bel gebaut, aber ihre Straen
sind schlecht gepflastert und unreinlich, auch lagen manche ihrer
Gebude in Ruinen. Unter ihren sehr groen Pltzen sind der Campo-Grande
und Plaza-Mayor die ansehnlichsten. Ersterer hat einen ungeheuren
Umfang, und unter den ihn umgebenden Gebuden sind nicht weniger als
dreizehn Kirchen. Die von Philipp II. erbaute Kathedrale ist kaum zur
Hlfte fertig, hat aber einen schnen Turm. In der Paulskirche sind
unter vielen Monumenten von sehr verschiedenem Kunstwert zwei schne
Bildsulen des Herzogs und der Herzogin von Lerma; in dieser Kirche, die
den Dominikanern gehrt, sieht man auch eine Erscheinung Christi bei
einer Nonne dieses Ordens abgebildet; dieser Christus war wahrscheinlich
ein verschmitzter Mnch. Auch noch andere, zum Teil sehr komische
Heiligenbilder findet man hier. Das Colleg, welches sich zunchst dieser
Kirche befindet, ebenfalls den Dominikanern gehrt und von Don Alonzo
von Burgos, Bischof von Palencia, im fnfzehnten Jahrhundert gestiftet
wurde, ist wegen seiner sonderbaren Bauart merkwrdig; seine Fassade
stellt nmlich ein Gehlz vor, dessen Zweige die Wlbung des Portals
bilden, auf beiden Seiten sieht man zwei Wilde, die mit wolligen Fellen
bedeckt sind und Grtel von Laub haben; jeder hat ein Wappenschild. ber
der Eingangstr ist ein Granatbaum, dessen ste sich weithin ausbreiten;
dieser soll eine Anspielung auf die Eroberung von Granada durch die
katholischen Majestten Ferdinand und Isabella, Beschtzer der Kirche,
sein. In diesem Colleg befindet sich auch das sehr schne Monument des
Grnders desselben, Alonzo von Burgos, Bischof von Palencia, der selbst
in weiem Marmor und, wie behauptet wird, sehr hnlich auf demselben
abgebildet ist. Das Gebude wurde im fnfzehnten Jahrhundert erbaut.

Valladolid, das noch zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts weit ber
hunderttausend Einwohner hatte -- 1516 stellte die Stadt dreiigtausend
Mann unter die Waffen, um sich den Absichten der Regierung zu
widersetzen --, zhlte jetzt keine vierundzwanzigtausend, die noch einen
nicht unbedeutenden Handel treiben, zu dem der Ort auf das
vorteilhafteste gelegen ist; auch wchst in ihrer Umgegend ein
vortrefflicher Wein. In der Stadt selbst befinden sich schne
Promenaden, wie der Prado de la Magdalena, der an dem Esgueva liegt, mit
schnen Bumen bepflanzt ist und bequeme Ruhebnke hat, die Spaziergnge
Espolejo Viejo und Espolejo Nuevo, die nahe an dem Ufer des Pizuerga
liegen, werden mehr von Reitern und Equipagen besucht.

In historischer Hinsicht ist Valladolid auerordentlich merkwrdig und
in Spaniens Annalen berhmt. Es soll nach mehreren Geschichtsschreibern
auf den Ruinen des alten Pintia erbaut sein und war spter die Seele des
Handels zwischen Kastilien, den Knigreichen Leon und Portugal. Hier kam
Philipp II. traurigen Andenkens zur Welt und hielt fters seinen Hof
daselbst, und der Entdecker Amerikas, Christoph Kolumbus, starb hier.
Wegen des sehr fhlbaren Holzmangels, der dadurch entstand, da man die
Dummheit beging, die Waldungen auf den umliegenden Hgeln vllig
auszurotten, verlegte Philipp III. fr immer seinen Hof von hier nach
Madrid. Als Residenz des Herrn zweier Welten war der Hof und das Leben
in Valladolid sehr prchtig, ppig und glnzend. Unter Philipp II. fand
ein uerst tragisch-merkwrdiges Autodaf im Oktober des Jahres 1559
hier statt. Es begann mit einer Prozession der Dominikanermnche, denen
eine weie Fahne vorangetragen wurde, ihnen folgten die Familiares,
Kommissarien und andere Diener der heiligen Inquisition, hinter diesen
wurde wieder eine achtzehn Schuh hohe Fahne von buntem Damast getragen;
auf der einen Seite derselben sah man das Bild des heiligen Dominikus
gestickt und auf der anderen das des heiligen Petrus Mrtyrer. Hieran
kam die heilige (?) Hermandad und andere bei dem heiligen (?) Officium
angestellte Personen, von denen eine das Kreuz der Inquisition trug, das
mit einem schwarzen Schleier bedeckt war. Bewaffnete schlossen den Zug,
der sich auf die Plaza-Mayor begab. Hier angekommen, wurde das
Inquisitionskreuz auf einen in dessen Mitte errichteten Altar gestellt,
und man zndete grngestrichene Kerzen um dasselbe herum an; Bewaffnete,
einige Mnche und Familiares blieben zu dessen Bewachung zurck. Um
Mitternacht begann man Messen fr die Bekehrung der Seelen derjenigen zu
lesen, die verbrannt werden sollten, was bis zu Sonnenaufgang dauerte.
Mit Tagesanbruch versammelte sich eine unzhlige Menge Volks auf diesem
Platz, weit ber dreiigtausend Menschen. Hieran erschienen in gehriger
Rangordnung die Granden Spaniens, die hohe Geistlichkeit, Bischfe und
Kardinle, die hchsten Zivil- und Militrbehrden sowie die Gesandten
der verschiedenen Mchte und nahmen Platz auf den fr sie bestimmten
Sitzen. Gegen acht Uhr brachte man aus dem Inquisitionsgebude das
gleichfalls in schwarzen Trauerflor gehllte Kreuz des Kirchsprengels,
dem alle Kaplane in Chorhemden folgten, dann kamen wieder Familiares und
Bewaffnete und endlich die unglcklichen Verurteilten in folgender
Ordnung: zuerst die Bereuenden oder Benden mit entblten Huptern,
eine geweihte Kerze in der Hand, unter ihnen war eine Franziskanernonne,
die zum Auspeitschen an dem folgenden Tage zur Ehre Christi verurteilt
war; dann folgten die Vershnten mit dem San Benito (das Sterbekleid der
Glaubensgerichte) bekleidet, das aus einem gelben Sack mit einem darauf
gehefteten Andreaskreuz besteht; auf dem Kopf trugen sie Mtzen von
Pappe, die mit bunten Kreuzen bemalt waren und Corosa genannt werden.
Unter diesen befanden sich Isabella und Catharina von Kastilien, beide
zu ewigem Gefngnis, der Konfiskation ihrer Gter und dem Tragen des San
Benito verurteilt. Hinter ihnen trug man ein Reliquienkstchen mit
Knochen und zwei Figuren, die ebenfalls mit dem San Benito und der
Corosa bekleidet waren, auf der jedoch statt der Kreuze Teufel,
Schlangen, Blindschleichen, Krten, Unken und so weiter, in Flammen
zischend, abgemalt waren. Jetzt kamen dreizehn sogenannte rckfllige
Ketzer, die smtlich zum Feuertod verurteilt waren. Auch sie trugen das
San Benito und die Corosa, mit Teufeln, Flammen und so weiter bemalt.
Drei von ihnen waren Geistliche und noch mit dem geistlichen Leibrock
bekleidet. Zuletzt kam endlich Don Carlos von Sesa, dem man sogar den
Mund verknebelt hatte, um ihn am Sprechen zu hindern, weil er nicht
aufhrte, die christliche Religion zu lstern und als ein Werk des
Teufels und der Verrcktheit zu bezeichnen. -- Hatte er etwa unrecht,
wenn er die Religion, wie sie von diesen Pfaffen zugeschnitzt wurde,
damit meinte? -- Auf der Mitte des Platzes angekommen, wurden smtliche
armen Snder um die Stufen des Altars postiert, wo man ihnen nochmals
ihre Verbrechen vorhielt, welche meistens darin bestanden, da sie sich
den neuen Lehren und dem abscheulichen Luthertum geneigt gezeigt oder
dasselbe wohl gar gerhmt und empfohlen hatten, weshalb man es fr hohe
Zeit hielt, ein recht abschreckendes Beispiel zu geben, um die weitere
Verbreitung dieses Ketzertums zu verhindern.[6] Die Mitglieder und
Richter der Inquisition nahmen ihre Pltze auf erhhten Sitzen, ber
allen aber thronte der Groinquisitor hoch erhaben. Nun erschien Philipp
II., von seinem ganzen Hof gefolgt. Sobald derselbe Platz genommen
hatte, hielt der Bischof von Cuenca eine erbauliche Predigt ber die
Unfehlbarkeit, Reinheit und Gttlichkeit der katholischen Religion, eine
wahre Satyre auf Gott selbst; dieser folgte eine zweite Predigt, welche
der Groinquisitor, Erzbischof von Sevilla, ganz im Sinne seines
Vorgngers herbrllte, nur da die Satire unwillkrlich noch beiender
war. Hierauf mute der Knig in dessen Hand einen schweren Eid ablegen,
da er die Inquisition beschtzen und ihr alles entdecken wolle, was zu
seiner Kenntnis komme und gegen diese und den Glauben sei, es mge auch
herkommen von wem immer, ohne irgendeine Rcksicht auf Verwandtschaft
oder Stand zu nehmen. Nachdem Philipp II. diesen Eid abgelegt, mute er
ihn noch durch seine Unterschrift bekrftigen, und er wurde nochmals vor
der ganzen Versammlung laut abgelesen. Hierauf wurden die drei
rckflligen Priester durch zwei Bischfe, den von Zamora und den von
Palencia, frmlich degradiert und ihnen die geistliche Kleidung vom
Krper herabgerissen. Einer war ein Pfarrer in Pedrosa, der zweite ein
Priester aus Villa-Onediana und der dritte ein Dominikanermnch gewesen.
Sie hatten eigentlich nur gegen den Verkauf des Ablasses fr schndes
Geld, also gegen einen der schndlichsten Mibruche der katholischen
Religion, als einen der Kirche unwrdigen Schacher gesprochen. Auch sie
wurden nun mit dem San Benito und der Corosa bekleidet, ihnen das Urteil
nochmals verkndet und hierauf alle zum Tode Verurteilten vor die Stadt
auf einen freien Platz gefhrt, wo man einen ungeheuren Scheiterhaufen
auf einem vier Schuh hohen Fugestell errichtet hatte; eine Prozession
mit einem weien Kreuz und das Volk folgte ihnen. Ein Henker und ein
Beichtvater fhrten sie zum Scheiterhaufen, wo sie nochmals ermahnt
wurden, zu bereuen; in diesem Fall versprach man ihnen, bevor sie dem
Feuer bergeben wrden, sie durch den Henker erwrgen zu lassen. Elf von
ihnen, durch dieses Versprechen verfhrt, willigten ein, zu beichten,
aber Johann Sanchese und Don Carlos von Selo lieen sich lieber lebendig
verbrennen, als da sie bereuten.

[Funote 6: Das Luthertum stand noch zur Zeit, als wir uns in Spanien
befanden, in einem so furchtbaren Geruch, da, als ich einmal im
Gesprch mit einer hbschen Frau, der ich den Hof zu machen begann,
sagte, ich sei ein Lutheraner, diese mir halb lachend erwiderte: ich
mge doch keinen so gottlosen Scherz machen, und als ich das Gesagte
ernstlich behauptete, versetzte: O gehen Sie doch, Sie haben ja weder
Hrner noch Klauen noch einen Schwanz! -- So stellte man sich zu jener
Zeit noch einen Lutheraner in Spanien vor, dank den Pfaffen, welche sie
als so begabt schilderten.]

In meiner Wohnung zu Valladolid befand sich die junge Frau eines
spanischen Stabsoffiziers, der bei der Leibgarde zu Madrid stand und
dessen Gattin hier bei Verwandten ihres Mannes zu Besuch war. Die Senora
war eine geborene Andalusierin, und zwar aus Sevilla, von guter Familie.
Ihre schwarzen Feueraugen harmonierten mit dem etwas brunlichen Teint
und den glutroten Wangen trefflich; dabei trug sie das andalusische
Nationalkostm, das reizendste, das man sich denken kann, besonders fr
eine Spanierin. Die ersten Tage nach meiner Ankunft hatte ich nur
Gelegenheit gehabt, sie ein paarmal zu sehen und im Vorbergehen mit
einem Sennorita zu begren; ich kannte kaum erst die gebruchlichsten
spanischen Begrungsformeln und Phrasen, aber glcklicherweise sprach
die Senora etwas italienisch, und dies war vollkommen hinreichend, uns
zu verstndigen, was auch schnell der Fall war, denn in
Liebesangelegenheiten rckt man in Spanien rasch voran, noch weit
schneller als in Italien, nur mu man die Gelegenheit haben, mit diesen
Senoras in Berhrung zu kommen, was uns spter, als das ganze Land gegen
uns aufgestanden war und wir den Spanierinnen von den Pfaffen, ihren
Beichtvtern, Vtern, Ehemnnern und Brdern als wahre Ungeheuer
geschildert wurden, deren Berhrung allein die ewige Verdammnis nach
sich ziehe, sehr schwer, ja fast unmglich wurde. -- Ich war mit meiner
schnen Isabella Andeya, ohne da es mir viel Mhe und Beteuerungen
gekostet htte, bald so weit, da ich sie ganz mein nennen durfte und
die wenigen Tage, die wir noch in Valladolid zubrachten, keine Nacht
mehr allein schlief, da mir die Mitternachtsstunde jedesmal einen holden
feurigen Geist zufhrte, der nicht einmal verfehlte, um diese Zeit in
meinem Gemach zu spuken und dann das Bett mit mir zu teilen.

Ungefhr vierzehn Tage mochten wir in Valladolid und der Umgegend
liegen, als der grte Teil der Truppen und mit ihnen unsere Legion
Order zum Aufbruch erhielten. Mrat war bereits von Burgos abgegangen
und hatte seine Richtung mit einem Teil der napoleonischen Garden und
dem vom Marschall Moncey befehligten Korps nebst einer zahlreichen
Artillerie gegen den Somasierra, der einen Teil des Gebirges Guadarrama
ausmacht, genommen; die zweite Infanteriedivision nahm ihren Weg nach
Segovia, whrend General Dpont mit der Reiterei und der ersten
Division, zu der unsere Legion gehrte, die Direktion gen Guadarrama
nahm. Die dritte Division blieb vorerst noch in Valladolid und der
Umgegend zurck. Wir waren alle der Meinung, und man hatte sie
absichtlich verbreitet, da wir direkt nach Gibraltar marschieren
wrden, um diese Stadt zu belagern und womglich den Englndern
abzunehmen; diese Meinung teilten auch die Einwohner aller Orte, wo wir
durchkamen, und whrend sich die verschiedenen Armeekorps Madrid von
allen Seiten nherten, war das Gercht von einer bevorstehenden
Belagerung Gibraltars so allgemein verbreitet, da der Herzog von Kent,
Statthalter dieser Festung, seinen Vater bat, er mge ihm gestatten,
sich schnell, bevor noch die Belagerung beginne, auf seinen Posten zu
begeben. Alle Verbindung dieser Stadt mit Spanien war in der Tat schon
abgebrochen, und man hatte sogar in Cadix eine groe Anzahl Zelte fr
die franzsischen Truppen, die bei dieser Belagerung verwendet werden
sollten, zu verfertigen geboten, so weit trieb man die Intrige, um die
spanische Nation ber die wahren Absichten Napoleons zu tuschen. Auch
meine Isabella hatte zwei Tage vor unserem Abmarsch ein Schreiben von
ihrem Mann erhalten, worin ihr dieser meldete, da die kniglich
spanischen Garden, bei denen er stand, vor Gibraltar marschieren wrden.
-- Die letzte Nacht vor unserem Ausmarsch erschien mir mein
andalusischer Geist vom Kopf bis zu den Fen in einen schwarzen
Schleier gehllt -- in den vorhergehenden Nchten kam er jedesmal wei
verschleiert -- und war in der Tat eine majesttische, verfhrerische
spanische Schnheit. Mit einem langen Feuerku und einem _a rivedersi_
nahm ich mit dem Grauen des Tages, als die Tambours schon wirbelten,
Abschied von ihr und schwang mich auf mein Pferd.

Die Vorflle, die unterdessen zu Madrid und Aranjuez stattgefunden,
wurden jetzt allgemein bekannt; namentlich machte die Entsagung Karl IV.
zugunsten des Prinzen von Asturien, der noch kurz vorher auf Anstiften
Godos verhaftet und in Escurial wohlbewacht in den dsteren Gemchern,
in denen auch der unglckliche Don Carlos vor seinem Tod geschmachtet
hatte, gefangen gehalten wurde, weil er ohne Wissen seiner Eltern eine
Gemahlin von Napoleon begehrt hatte, wodurch aber der Friedensfrst samt
seinem kniglichen Beschtzer in groe Gefahr geraten und ersterer
beinahe ein Opfer der Volkswut geworden wre, auerordentliches
Aufsehen. Unser Marsch gegen Madrid wurde deshalb beschleunigt und war
nun kein Geheimnis mehr; da sich aber die Franzosen unter der Zeit der
Zitadelle von Pampeluna und Barcelona teils mit List, teils mit Gewalt
bemchtigt hatten, so erfllte diese Art Gaunerei die Spanier jetzt mit
gerechtem Unwillen und Argwohn und steigerte das Mitrauen gegen
Napoleon auf das hchste. -- Von Valladolid aus marschierten wir auch
schon mit all der Vorsicht und den Maregeln, die man in Feindesland fr
ntig erachtet. Wir fhrten Lebensmittel auf Wochen lang mit uns,
biwakierten des Nachts, Vorposten und Vedetten ausstellend, und sandten
auf dem Marsch bestndig starke Seitenpatrouillen ab, wo es das Terrain
ntig machte und gestattete. Dabei hatten die kommandierenden Generale
geheime Instruktionen erhalten, die ihnen geboten, die spanischen
Kuriere zu verhindern, ihre Wege fortzusetzen, wobei man oft zu den
nichtigsten und einfltigsten Vorwnden seine Zuflucht nahm, und jede
weitere Bewegung der spanischen Truppen, der sie begegnen wrden, zu
hindern.

Mrat befand sich noch zu Buytrago, als er Bericht ber das, was sich in
Aranjuez zugetragen hatte, erhielt, und beeilte sich, nun nach Madrid zu
kommen. Wir marschierten fast unaufhaltsam von Valladolid ber Olmedo,
das auf einer Anhhe in einer unermelichen Ebene liegt und bei kaum
zweitausend Einwohnern sieben Kirchen und eine gleiche Zahl Klster hat,
kamen dann durch verschiedene unbedeutende Orte, durch steinige, oft
ganz brachliegende Gegenden und Fichtenwlder, selten sah man ein
Gersten- oder Kornfeld. Nur als wir den Flu Almarza erreichten, dessen
Ufer mit Bumen, meist Ulmen und Pappeln, bewachsen waren, sahen wir
wieder mehr Getreide- und Ackerfeld. Wir passierten den Strom auf einer
schnen steinernen Brcke und gelangten dann in eine ziemlich groe
Hochebene, in der wir einige freundliche Drfer trafen, dann aber wurde
die Gegend, je mehr wir uns dem Gebirge Guadarrama nherten, welches
Alt- von Neukastilien scheidet, wieder auerordentlich de und
verlassen. Ein sehr steiler und oft gefhrlicher Weg fhrte uns zu dem
Dorf Espinar, das auf einem Gipfel dieses Gebirges liegt. Von dieser
Hhe aus kann man auf eine groe Strecke weit die beiden Kastilien
bersehen und hat eine herrliche Aussicht, die sich in das Unendliche zu
verlieren scheint. Wir biwakierten hier in der Umgegend von Espinar,
Villacassin, einem Stdtchen, und Venta Guadarrama, wo man Ferdinand VI.
wegen der Strae, die er ber dieses Gebirge machen lie, das frher gar
nicht zu passieren war, ein Monument, einen marmornen Lwen auf einer
Sule darstellend, mit der Jahreszahl 1749, errichtet hat, und einigen
anderen Drfern. Nach einem mehr als vierzigstndigen Biwak erhielten
wir Order, nach Segovia aufzubrechen. Der Marsch dahin fhrte uns ber
San Ildefonso und La Granja, einem schnen kniglichen Lustschlo mit
einer Villa, dem Lieblingsaufenthalt Philipp V., der auch dieses Schlo
erbaut hat und in dessen Kapelle begraben liegt; es hat einen prchtigen
Park mit vielen Wasserknsten.

Von hier hatten wir nur noch zwei Stunden bis Segovia; der Weg fhrte
ber eine Brcke des Flchens Valsin an mehreren Drfern und Gebuden
vorber; letztere waren ausschlielich zur Schafschur bestimmt. Endlich
kamen wir durch zwei tiefliegende Tler, worauf wir bald Segovia
erreichten, in dessen Nhe wir abermals ein Biwak schlagen muten und
dann inspiziert wurden, besonders, um zu sehen, ob wir auch hinlnglich
mit Munition versehen seien; es sollte jeder Mann mindestens fnfzig
scharfe Patronen besitzen. Fnf Tage lang whrte dieses Biwak, whrend
welchem ich Zeit hatte, die Stadt mehrmals zu besuchen. Das
Merkwrdigste in Segovia ist seine zweitausend Jahre alte Wasserleitung,
die also schon seit ber zweihundert Jahre vor Christi Geburt die Stadt
unaufhrlich mit Wasser versieht und hoch ber einem Teil der Huser
hinluft. Vier Stunden von Segovia, an der Quelle Rio Frio in dem
Gebirge Fonfria, beginnt dieser merkwrdige Bau, welcher die Stadt so
reichlich mit diesem unentbehrlichen Element versorgt, da es von dem
Platz vor der Sebastianskirche durch unterirdische Kanle weitergeleitet
werden mu. ber neunhundert Bogen zhlt dieser ehrwrdige Aquadukt und
ist an manchen Stellen ber zweihundert Fu hoch, dann aber sind die
Bogen doppelt, das heit, zwei stehen bereinander. Unbekmmert, wer
dessen Herren waren, ob Heiden, Mauren, Osmanen, Araber oder orthodoxe
Katholiken, spendete dieses Kunstwerk mit gleicher Freigebigkeit seinen
berflu allen. Die Mnche des Klosters del Paral muten unter der
Regierung Isabellas ber dreiig Bogen, die zu verfallen begannen, neu
auffhren lassen. Der ganze Bau ist von grauem Granit, ohne Speis noch
Mrtel, aber die Steine sind mit groem Kunstaufwand ineinander gepat
und ebenso die Fundamente. Was mgen die Knochen derjenigen, die sie
legten, jetzt sein? -- Frher war dieser ganze Bau mit Bildsulen
geschmckt, und noch sieht man die Stellen, wo sie gestanden.
Verschiedene spanische Geschichtschreiber behaupten, da dieses
Riesenwerk ein gleiches Alter mit den Pyramiden gyptens und mit dem
Serapistempel habe, aber aller Wahrscheinlichkeit nach stammt es aus den
Zeiten der Rmer.

Ehedem waren der Handel Segovias sowie seine Wollenmanufakturen und
Tuchfabriken von groer Bedeutung, die zur Zeit ihrer Blte mehr als
fnfzigtausend Zentner Wolle jhrlich verarbeiteten und ber
vierzigtausend Arbeiter beschftigten. Im Jahre 1570 gab diese Stadt der
Knigin Anna von sterreich ein so prchtiges Fest, da ganz Europa
davon widerhallte und das einen ungeheuren, in die Millionen laufenden
Kostenaufwand verursachte, ein Beweis, wie Knste und Handel hier
floriert haben mssen. Die Einwohner formierten dabei die prchtigsten
Quadrillen nach ihren Gewerben, unter denen sich vorzglich die
Juweliere und Goldarbeiter, die Tuchmacher, die Gold- und Silbersticker,
die Bildhauer, die Bordenmacher und so weiter durch den Reichtum und die
Pracht ihrer Kostme auszeichneten. Mit dem Beginn des siebzehnten
Jahrhunderts kam die Stadt, ihr Handel und ihre Fabriken aus
verschiedenen Ursachen, unter denen auch religise Dummheit und
Intoleranz, in Verfall und nahmen so schnell ab, da sie ber dreiig
Jahre lang fast jedes Jahr fr ein paar Millionen Dukaten weniger Tuch
fabrizierte und absetzte; zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts waren
kaum noch zweihundert Websthle im Gang.

Den sechsten Tag brach unsere Legion auf, um ein Biwak in der Gegend von
Los Molinos zu beziehen. Hier, so nahe bei Escurial, konnte ich
unmglich der Versuchung widerstehen, dieses weltberhmte Monument von
Philipp II. Furcht und Hochmut zu besuchen. Es liegt in einer wilden,
unangebauten, felsigen Gegend, auf dem Rcken einer Gebirgskette der
Guadarrama. Der finstere Knig hatte es infolge eines Gelbdes, das er
am Tage der Schlacht bei St. Quentin, in welcher 1557 die Franzosen von
den Spaniern besiegt wurden, getan, erbauen lassen. Es imponiert durch
seine Gre und heit eigentlich San Lorenzo (Escurial ist der Name des
dabeiliegenden Drfchens), weil es Philipp diesem Heiligen, an dessen
Fest gerade die Schlacht geliefert wurde, weihte, auch ist es in der
Form eines groen Rostes angelegt, da bekanntlich dieser Heilige seinen
Tod auf einem solchen fand. An Tren und Fenstern fehlt es nicht, es hat
deren viele Tausende, auch ber zwanzig zum Teil sehr gerumige Hfe.
Ich war mit mehreren Kameraden vom Bataillon hierher geritten, dieses
achte Wunderwerk der Welt, wie es die Spanier zu nennen belieben, zu
sehen; unsere Pferde hatten wir in dem Dorf Escurial gelassen und gingen
dann, nachdem wir eine gute Olla Potrida bei der Rckkehr fr uns in
Bereitschaft zu halten befohlen, zu Fu nach diesem Hieronymiterkloster,
denn dies ist es eigentlich, in welchem ein paar hundert Mnche ganz
bequem wohnen knnen und auch gemstet werden; auerdem ist aber noch
Raum genug, um den Knig von Spanien samt seinem ganzen Hof in den
hierzu bestimmten Prunkgemchern aufzunehmen, der auch frher gewhnlich
einen Teil des Herbstes dort zubrachte.

Nachdem wir alle die Herrlichkeiten gehrig bewundert und ziemlich
oberflchlich gesehen hatten, denn die Zeit war uns karg zugemessen,
kehrten wir nach Escurial zurck, wohin auch aus dem Kloster ein
unterirdischer Gang, la mina genannt, fhrt. Hier nahmen wir unsere
bestellte Olla Potrida, die uns trefflich schmeckte, denn wir hatten aus
Palast, Kirche und Kloster einen tchtigen Hunger mitgebracht. Dieses
Gericht wird aus Hammelfleisch, l, spanischem Pfeffer, Tomaten,
Knoblauch, Garbanzos (eine besondere Gattung Erbsen), kleinen Zwiebeln
und so weiter zubereitet und ist so bel nicht, wiegt auf jeden Fall die
italienische Polenta und Makkaroni sowie das deutsche Sauerkraut auf.
Ich a es besonders gern, wenn es reichlich mit Zitronensaft gesuert
war, den ich selbst hinzutat.

Nach eingenommenem Mahl, wobei mehrere den Wunsch uerten, es mge doch
dem Himmel gefallen, uns die reichen, in San Lorenzo tot liegenden
Schtze in die Hnde zu liefern, traten wir den Rckweg zu unserem Biwak
an, wo wir bereits eine Order zum Aufbruch fr den kommenden Tag
vorfanden. Mit der anbrechenden Dmmerung machten wir uns marschfertig
und kamen noch an diesem Tag bis in die Gegend von El Pardo, einem alten
kniglichen Jagdschlo, das ungefhr noch dritthalb Stunden von Madrid
entfernt liegt und bei dem sich ein groer Wald befindet; es ist ein
viereckiges, von vier Trmen flankiertes Gebude. Hier schlugen wir
abermals ein Biwak auf, indessen erwartete man jeden Augenblick den
Befehl, nach Madrid aufzubrechen, wohin wir uns alle wie nach einem
Eldorado sehnten; viele aber glaubten noch immer, da wir diese Stadt
gar nicht berhren, sondern um dieselbe herum nach Gibraltar marschieren
wrden, andere aber, und zu denen gehrte ich, waren nicht der Meinung,
denn unser jetzt so langsames Vorrcken und die Stellungen, die wir
einnahmen, schienen auf etwas ganz anderes als einen Marsch nach
Gibraltar zu deuten; da wir recht hatten, zeigte sich bald.

Den 23. Mrz in aller Frhe wurden wir noch einmal inspiziert und
setzten uns dann sofort auf dem Wege, der gerade nach Madrid fhrt, in
Marsch. Vor den Toren dieser Hauptstadt trafen wir einen Teil von
Napoleons Garden, die noch ihre Toilette machten. Unsere Division folgte
diesem Beispiel, ebenso die reitende Artillerie und zwei
Krassierregimenter, die auch eingetroffen waren. Bald darauf erschien
der Groherzog von Berg, Mrat, in einer prchtigen Generalsuniform und
von einem zahlreichen glnzenden Generalstab umgeben, musterte noch
einmal die Truppen, und unter dem Zusammenlauf unzhligen Volks, das uns
mit neugierigen Blicken, aber lautlos anstarrte, marschierten wir in der
schnsten Ordnung mit klingendem Spiel in Madrid ein, das trotz seiner
vielen Kuppeln und Glockentrme doch kein sehr imponierendes Ansehen
hat. Nur wenn man durch das Tor Alcala kommt, das einem Triumphbogen
hnlich sieht, zur Linken prchtige Grten, zur Rechten eine lange, fast
gleichgebaute Huserreihe, dann den Prado erblickt und sich bald darauf
das Auge in der endlosen Strae Alcala verliert, erhlt man eine
gnstigere Meinung von der Stadt, zu der jedoch die meisten Zugnge die
Residenz eines groen Monarchen ahnen lassen.




                                   X.

     Ferdinand VII. Einzug in Madrid. -- Der Friedensfrst. -- Der
       Aufstand zu Aranjuez und Madrid. -- Karl IV. Abdankung. --
    Napoleon zu Madrid erwartet. -- Ferdinand vom Volk angebetet und
     von Savary nach Bayonne gelockt. -- Karl IV. protestiert gegen
   seine Abdankung. -- Donna Calvanillas und Rosa Maria. -- Theater.
    -- Cortesanos, Majos und Muchachas. -- Sitten der Einwohner. --
        Der Fandango vor Gericht. -- Wohnungen. -- Der Adel. --
             Autodafs. -- Die Erstrmung von Amors Schlo.


Fast bis zur einbrechenden Nacht muten die Truppen in den Straen und
auf den Pltzen Madrids biwakieren, bevor ihnen Quartiere in
verschiedenen groen Gebuden und Kasernen angewiesen wurden, ein Teil
derselben aber lag mit den noch ankommenden Bataillonen in der Umgegend
der Stadt. -- Fr Napoleons Leutnant, Mrat, hatte man den alten Palast
von Buon Retiro eingerumt, den er aber nicht bezog, sondern sich in das
Hotel des Friedensfrsten einquartierte. Den Tag nach unserem Einrcken
hielt Ferdinand als Knig seinen Einzug; unzhliges Volk aus allen
Stnden, von jedem Alter und Geschlecht, empfing ihn mit einem
ungeheuren Jubelgeschrei, alle drngten und drckten sich, den geliebten
jungen Knig zu sehen, den sie gleich einem heiligen Mrtyrer verehrten.
Mehr als hunderttausend Landleute waren aus der Umgegend herbeigekommen,
um das Glck zu haben, den neuen Herrscher bewillkommnen zu knnen, und
drei langer Stunden bedurfte es, bis der angebetete Frst durch die
dichten Haufen zu seinem Palast gelangen konnte. Ein groer Teil dieser
Freudenergsse mochte wohl auf Rechnung des Hasses und der Verachtung
kommen, die man dem Friedensfrsten zollte, den man dadurch demtigen
wollte; denn Ferdinands Persnlichkeit und seine Taten -- man wute
wenig mehr von ihm, als da er eine sehr schlechte Erziehung gehabt, die
eher dazu gemacht war, seine allenfallsigen geistigen Anlagen zu
unterdrcken, als zu entwickeln -- konnten einen solchen Empfang nicht
rechtfertigen. Durch diese vernachlssigte Erziehung und eine sklavische
Etikette hatte der argwhnische Godo beabsichtigt, ein willenloses
Werkzeug seiner Absichten aus diesem Prinzen zu machen. Man erwartete
jetzt von dem jungen Monarchen, da er die Schndlichkeiten der
bisherigen Favoritenregierung gut machen, die Nation rchen wrde und
glaubte deshalb einen Erlser in ihm zu finden, aber man betrog sich.

Da Mrat den Palast des so verhaten Godo bezogen hatte, war den
Spaniern eine schlimme Vorbedeutung; sie schlossen daraus, da er den
Gnstling der alten Knigin in Schutz nehmen wolle, und von diesem
Augenblick nahm das Volk eine fast drohende Stellung an. Mrat, dem dies
nicht entging, lie nun eine bedeutende Truppenmasse nebst zahlreicher
Artillerie auf die Hhen von Casa del Campo, dem kniglichen Palast
gegenber, Posto fassen, alle Divisionen, die bereits die Gebirge
berschritten hatten, in Madrid einrcken und dieselben fters und mit
groer Ostentation die Musterung auf dem Prado passieren, um dem Volk zu
imponieren. Die noch in der Stadt befindlichen spanischen Truppen muten
gemeinschaftlich mit uns den Dienst versehen, um Ruhe und Ordnung zu
erhalten. General Grouchy wurde zum Kommandanten der Truppen ernannt.
Bald bemerkte man, da Mrat und die ganze franzsische Generalitt
wenig Notiz von dem jungen Knig nahmen, ja ihm nicht einmal einen
Besuch machten, offenbar ein Beweis, da man ihn von franzsischer Seite
nicht als Souvern anerkannte. Um den Gang der Ereignisse besser zu
verstehen, mu ich mit wenigen Worten hier anfhren, was unserem
Einmarsch in Madrid sowie zu Aranjuez vorangegangen war.

Die ebenso unerhrten als unverdienten Gunstbezeugungen, deren sich
Godo von dem kniglichen Paar zu erfreuen gehabt und die er auf das
emprendste mibrauchte, hatten ihm schon lngst den tdlichsten Ha des
Volkes zugezogen. Dieser Emporkmmling, nachdem sein eigener Bruder, der
vor ihm die Gunst der Knigin genossen, in Ungnade gefallen und nach
Badajoz verwiesen worden, hatte schnell alle Grade berstiegen, war
hierauf zuerst Finanzminister geworden, hatte seine Schwester als
Kammerdame bei der Knigin placiert, verheiratete sie sodann an den
Vizeknig von Mexiko, den Marchese Branciforte und wurde nun selbst
Grande von Spanien mit dem Titel eines Herzogs von Alcadia und Ritter
des goldenen Fliees, das der schwache Knig dem Geliebten seines Weibes
selbst umhing. Dieser ernannte ihn auf der Knigin Verlangen auch zu
ihrem besonderen Hof- und Ehrenkavalier sowie zum Chef aller spanischen
Garden, dann zum allmchtigen Premierminister und Generalkapitn aller
spanischen Truppen, und nach dem Baseler Frieden erteilte er ihm noch
den Titel eines _Principe de la Paz_. Aber auch mit zeitlichen Gtern
wurde dieser unerhrte Glckspilz von seinen hohen Gnnern reichlich
versorgt, und man schenkte ihm Herrschaften, die Hunderttausende von
Piastern eintrugen, wozu noch die groen Gehlter aller seiner Stellen
kamen. Nachdem er durch die Heirat mit der Tochter des Infanten Anton
ein Mitglied der kniglichen Familie geworden war, wurde er auch noch
Groadmiral aller Flotten Spaniens, ja man schuf noch eine eigene Stelle
fr ihn, nmlich die eines Generalissimus der ganzen spanischen Land-
und Seemacht und eines Reichskonsulators. Jedoch schien es, als habe das
Schicksal oder vielmehr die Knigin noch nicht das ganze Fllhorn ihrer
Gunst an diesen Menschen verschwendet. Denn es befahl nun eine
Verordnung, da man dem Friedensfrsten ganz gleiche Ehrenbezeugungen
wie dem Knig selbst zu erweisen habe; sein Hochmut hatte jetzt keine
Grenzen und wurde unertrglich. Dabei bte er einen solchen Nepotismus
zugunsten seiner Verwandten aus, da diese bis in den zehnten
Verwandtschaftsgrad die eintrglichsten Stellen des Reichs, ohne alle
Rcksicht auf Fhigkeiten und Verdienst, erhielten. Da ein solches
Verfahren den Adel sowie das Volk aufs hchste empren mute und viele
Versuche gemacht wurden, des unwrdigen Gnstlings Gewalt zu beschrnken
und seiner Allmacht ein Ende zu machen, war sehr natrlich, aber die
Urheber solcher Versuche muten sie durch Verbannung, Kerker und Galeere
ben. Es kam endlich so weit, da der ebenfalls von dem hochmtigen
Favoriten mihandelte Prinz von Asturien, Ferdinand selbst, nicht nur
einer Verschwrung gegen denselben beitrat, sondern sich sogar an die
Spitze der Verschworenen stellte. Godo entdeckte aber die Sache, noch
ehe sie zum Ausbruch kam, und hatte die Frechheit, den Thronerben bei
dessen Eltern des Hochverrats anzuklagen und auf dessen strenge
Bestrafung zu dringen. Der Kronprinz wurde verhaftet und mute seine
Eltern und deren Favoriten um Verzeihung und Gnade bitten. Es wurde ihm
zwar verziehen, aber diese Verzeihung ffentlich und zwar auf eine
schonungslose Weise und in harten Ausdrcken bekannt gemacht, zugleich
wurden auch die Umgebungen des Prinzen und sogar dessen Erzieher, der
Kanonikus Escoiquitz und der Herzog von Infantado, auf fnfzig Meilen
von Madrid verbannt. Als nun durch den Einmarsch der Franzosen in
Spanien die Gemter aufs neue angeregt wurden, glaubte Ferdinand, der
die erlittenen Krnkungen nicht vergessen hatte, und sein Anhang den
rechten Zeitpunkt gekommen, den verhaten Gnstling samt seinen
Beschtzern zu strzen und wurde bei diesem Versuch vom gesamten Volk
untersttzt. Nur mit unsglicher Mhe war es den Garden gelungen, der
kniglichen Familie nach Aranjuez folgen zu knnen, da sich die
Volkshaufen diesem Vorhaben mutig widersetzt hatten. Auch wurden sie auf
ihrem nchtlichen Marsch dahin mehrmals angegriffen, ohne da man
herausbringen konnte, von wem diese khnen Angriffe eigentlich geleitet
wurden, und kaum konnten sich die Knigin und ihr Gnstling ber ein
solches Attentat beruhigen, als einige Tage darauf, den 19. Mrz, eine
Masse Volk und Bauern nach Aranjuez strmte, um da ein Seitenstck zu
der Geschichte vom 5. und 6. Oktober 1789 in Versailles zu liefern. Sie
begrten die Knigin laut mit dem Titel: Hure eines infamen Nickels
und forderten Godos Kopf. Die Garden, die sie schtzen sollten, traten
nun auf einmal und ganz unerwartet auf die Seite des Volks ber und
prgelten sogar ihren Obersten, einen Bruder Godos. Jetzt flchtete der
sich in Todesngsten befindende Friedensfrst, so feige als
niedertrchtig seine kniglichen Beschtzer im Stich lassend, nur noch
darauf bedacht, das eigene kostbare Leben zu retten, in seinen Palast
und verkroch sich in den verborgensten und geheimsten Winkel desselben.

Der Knig erlie, nachdem er eine projektierte Flucht ber das Meer und
nach Amerika hatte aufgeben mssen, eine Proklamation an seine
vielgeliebten und getreuen Untertanen, in der er sie zu trsten suchte
und versicherte, da es durchaus nicht seine Absicht gewesen sei, Madrid
oder Aranjuez zu verlassen, sondern da er in der Mitte seines teuren
Volkes verweilen wolle, und versprach in kurzem mit Hilfe seiner
getreuen Alliierten dem Land den Frieden wiederzugeben. Diese Worte
muten um so weniger Glauben finden, als die gemachten Anstalten einer
Abreise der kniglichen Familie durchaus noch nicht kontremandiert
worden waren, auch ging das Gercht, da schon ganze Wagen voll
Silbergerte nach Andalusien abgegangen seien. Godos Mtresse, eine
gewisse Donna Pepe Tudo, die Tochter eines spanischen Offiziers, die
erst krzlich zu einer Grfin von Castillo Fiel gestempelt worden war
und von der er zwei Kinder hatte, war mit Diamanten beladen entwischt.
Das Volk brach nun in des verhaten Favoriten Wohnung ein, schlug alle
Tren, Fenster und Mobilien entzwei und wurde wtend, als es den
Gegenstand seines Hasses nicht finden konnte; doch respektierte es
dessen Gattin als eine Prinzessin von kniglichem Geblt und fhrte sie
auf das Schlo des Knigs. Um die aufgebrachte Menge einigermaen
zufrieden zu stellen, entsetzte der Monarch den Friedensfrsten seiner
Stelle als Groadmiral und Generalissimus und erklrte, selbst den
Oberbefehl ber die Land- und Seemacht nehmen zu wollen; auch hatte er
versichert, da sich die Truppen seines teuren Verbndeten, des Kaisers
Napoleon, nur in freundlichen Absichten nherten, um das beabsichtigte
Ausschiffen des gemeinschaftlichen Feindes zu hintertreiben. Als man in
Madrid die Vorgnge von Aranjuez erfahren, erscholl auch hier der Ruf:
_Meur e Godo._ Die Szenen von Aranjuez wiederholten sich, das Volk
drang auch dort in den Palast des Favoriten sowie in die Wohnungen
seiner Mutter, seiner Geschwister und seiner bekanntesten Anhnger,
zertrmmerte daselbst ebenfalls Fenster und Mbel und zndete mit den
letzteren ein Freudenfeuer in den Straen an, plnderte mehrere Hotels,
auch das des Finanzministers, und bei diesem Tumult und all diesen
Unordnungen blieben die Schweizerregimenter in spanischem Sold ruhige
Zuschauer, allerdings das beste, was sie tun konnten; denn das bel wre
sonst nur rger geworden, und es htte ihnen leicht ergehen knnen wie
ihren Landsleuten am 10. August 1792 in Paris.

Ferdinand hatte sich unterdessen zu Aranjuez an die Spitze des
Aufstandes gestellt, sein Vater, Karl IV., hatte zu seinen Gunsten der
Krone entsagt und sich dabei feierlich und auf das dringende Ersuchen
der Knigin als einzige Bedingung die Lebensrettung des teuren
Friedensfrsten vorbehalten, der noch immer im Palast Villa Vicciosa zu
Aranjuez schon seit sechsunddreiig Stunden in Todesangst und ohne
irgend Speise noch Trank zu sich nehmen zu knnen, unter Matten
versteckt lag. Nur ein einziger ihm treu gebliebener Diener wute sein
Versteck, wurde aber, als er fr seinen halbverhungerten Herrn einige
Lebensmittel holen wollte, vom Volk erkannt und angehalten, dem er, um
sein Leben zu retten, den Aufenthalt Godos entdecken mute. Man fand
diesen auf einem Boden unter den Matten, zerrte ihn hervor, berhufte
ihn mit Schimpfworten und Schlgen, und nur durch die grten
Anstrengungen gelang es den herbeieilenden Garden, ihn der Wut des
erbitterten Volkes zu entreien und ihm das Leben zu retten, whrend man
fortfuhr, Steine gegen ihn zu schleudern. Um ihn in Sicherheit zu
bringen, mute man ihn schnell in einen Stall werfen und in demselben
mit Stroh zudecken. Das Volk drang indessen ungestm auf seine
Auslieferung, und man war im Begriff, diesem Begehren zu willfahren, als
zum Glck Godos der Prinz von Asturien, Ferdinand, hinzukam, jetzt wohl
der einzige Mensch, der ihn zu retten imstande war. Schon bluttriefend,
strzte sich der Elende zu den Fen desjenigen, dem er Krone und Leben
hatte rauben wollen, redete ihn mit Eure Majestt an und bat in den
jmmerlichsten Tnen flehend um Gnade. Ferdinand hatte seinem Vater
dessen Erhaltung versprochen; er beruhigte das Volk, indem er demselben
versprach, es solle die strengste Gerechtigkeit gegen Godo gebt
werden, den er sodann mit einer starken Bedeckung gefangen abfhren
lie. Er wurde auch sofort in ein Gefngnis gebracht, vor welchem sich
groe Volkshaufen sammelten und unaufhrlich Schmhungen und
Verwnschungen ausstieen. Als jetzt des alten Knigs Abdankung
zugunsten seines Sohnes bekannt wurde, besnftigte sich das Volk
endlich, und die Ruhe kehrte zurck.

Ferdinand erlie nun ein Dekret an den Rat von Kastilien, wodurch alle
Gter, Mobilien und Effekten des sogenannten Friedensfrsten konfisziert
werden sollten, wo sie sich auch immer vorfinden wrden, kndigte dem
Volk an, da er sich nach Madrid begebe, um Ruhe und Ordnung
herzustellen, und da es seinen Verordnungen gegen Godo volles
Vertrauen schenken mge. Den Herzog von Infantado ernannte er zum
Obersten der Garden und rief alle seine verbannten Anhnger zurck.

Unglaublich ist es, welche Freude die Nachricht von dem Sturz Godos in
ganz Spanien hervorbrachte; wir sahen die Leute wie toll umherspringen,
ausgelassen auf den Straen jubeln und laut aufschreien. In mehreren
Stdten wurde sogar ein Tedeum deshalb angestimmt, und man veranstaltete
ffentliche Feste. Die Bste oder das Bild des Verhaten wurden beinahe
an alle Galgen genagelt oder auf die Schindanger geworfen, Freudenfeuer
loderten auf allen ffentlichen Pltzen, und man sprang und tanzte um
dieselben. Unter den tausend Gerchten, die jetzt zu seinem Nachteil in
Umlauf gesetzt wurden, verbreitete man auch eines, welches besagte, er
habe die Franzosen ins Land gerufen, um sich mit deren Hilfe selbst zum
Knig von Spanien zu machen. Ferdinand hatte sich noch am Tage der
Abdankung seines Vaters als Knig proklamieren lassen und hoffte und
erwartete jetzt, von Mrat beschtzt zu werden, wiegte sich deshalb in
einer gefhrlichen Sicherheit, welche die meisten seiner Rte teilten,
da sie glaubten, Napoleons Politik heische es sogar, den jungen Knig
anzuerkennen und in Schutz zu nehmen, der jetzt wiederholt um eine
Gemahlin aus Napoleons Hnden und von dessen Verwandtschaft bat. So
hinsichtlich der Absichten des franzsischen Herrschers vollkommen
ruhig, nahm Ferdinand auch nicht die mindesten Vorsichtsmaregeln, ja
die spanischen Truppen wurden zum Teil noch zur Disposition Jnots
gestellt, und drei spanische Granden, die Herzoge von Medina Cli, von
Frias und der Graf Fernandes Nunez, wurden Napoleon, den man in Spanien
erwartete, entgegengesandt, ihn zu bewillkommnen und ihm zugleich
Ferdinands Thronbesteigung anzukndigen.

So standen ungefhr die Sachen, als wir in Madrid ankamen und den Tag
darauf der junge Knig in der Hauptstadt einrckte. Jetzt aber nahm
schnell alles eine andere und fast jedermann unerwartete Wendung.

Mrat, der Augenzeuge der Anhnglichkeit des Volkes an Ferdinand gewesen
war und eine neue Grung befrchtete, lie immer mehr Truppen nach
Madrid und in die Umgegend kommen. Die Begebenheiten zu Aranjuez und
ihre Folgen hatten Napoleon einen groen Strich durch die Rechnung und
alle seine Kombinationen zu nichte gemacht, so da er gentigt war,
seine Plne zu ndern und ganz andere Anordnungen zu treffen. Am
erwnschtesten wre ihm eine Flucht der kniglichen Familie nach Amerika
gewesen, zu der er gerne die Hnde geboten htte, weil ihm alsdann, so
glaubte er wenigstens, das verwaiste Spanien, das er zuerst seinem
Bruder Lucian zugedacht hatte, von selbst zugefallen wre. Als er die
Begebenheiten erfuhr, die seine Projekte so durchkreuzten, ging all sein
Trachten dahin, den durch die Anhnglichkeit des Volkes und der Truppen
auf den spanischen Thron erhobenen Prinzen mglichst bald wieder
herabzustrzen; daher auch das zweideutige Benehmen Mrats und der
franzsischen Generale zu Madrid. Um das beabsichtigte Bubenstck
vollbringen zu knnen, suchte Napoleon Karl IV. und dessen Sohn vor
seinen Richterstuhl zu ziehen, indem er sich selbst zum obersten
Schiedsrichter der Vorflle in Aranjuez aufwarf, was bei der groen
franzsischen Heeresmacht, die bereits auf spanischem Boden stand, wohl
zu bewerkstelligen war. Wir sowohl als die Spanier erwarteten den Kaiser
jeden Tag in Madrid, aber vergeblich; er hielt es fr ratsamer, und es
war allerdings seinen Zwecken weit dienlicher, die ganze knigliche
Familie nach Bayonne zu locken, wo er sein Urteil zu fllen beschlossen
hatte. Htte Ferdinand damals die franzsischen Journale gelesen, die
ihn als einen ungehorsamen und verbrecherischen Sohn schilderten und nur
Karl IV. als Knig von Spanien anerkannten, so wrde er schwerlich so
leicht in die gestellte Falle gegangen sein, doch ist es kaum zu
begreifen, wie ihm Mrats Benehmen zu Madrid nicht die Augen geffnet,
denn er hatte ja Karl IV. und seine Gattin durch einen hohen Offizier zu
Aranjuez noch als Souvern Spaniens bekomplimentieren lassen, worauf sie
sich nach San Lorenzo begaben. Zugleich hatte sich ein Briefwechsel
zwischen Mrat und den alten Majestten entsponnen, dessen Zweck war,
Godo dem Wohlwollen Napoleons und dessen Leutnant zu empfehlen. Man
begehrte sogar franzsische Garden zu dessen Schutz, die sofort
bewilligt wurden, auch verhinderte Mrat die Abfhrung des alten Knigs
nach Badajoz, wohin ihn die neue Regierung samt seiner Gemahlin
verwiesen hatte. Mrat benahm sich indessen so, da niemand das
Schicksal, das dem jungen Knig zugedacht war, vermuten konnte, sondern
jedermann deshalb in Zweifel war. Die Knigin von Hetrurien, die damals
auch in Madrid war, wollte dieser Ungewiheit _ tout prix_ ein Ende
machen und veranstaltete zu dem Zweck, da sich Ferdinand und Mrat bei
ihr persnlich trafen, eine Assemblee. Beide hatten die Einladung
angenommen. Der Groherzog von Berg mochte etwa schon eine Viertelstunde
anwesend sein, als man mit einem Male den jungen Knig von Spanien
meldete. Mrat, der sich damals noch mit der Hoffnung trug, da sein
kaiserlicher Schwager den Thron von Spanien ihm bestimmt habe -- ein
Thron war ihm jedenfalls versprochen --, nahm fast gar keine Notiz von
dem eintretenden Frsten, der es nun auch nicht wagte, ihn anzureden,
oder vielleicht glaubte, sich dadurch etwas zu vergeben. Ihre ganze
Begleitung hatte sich in Seitengemcher verloren, und beide fanden sich
pltzlich in einem Salon allein mit der Knigin von Hetrurien, die, um
sie zu ntigen, miteinander zu sprechen, ebenfalls in ein Nebenzimmer
trat und daselbst an einem Klavier phantasierte; aber Ferdinand, in der
grten Verlegenheit, eilte, seiner Schwester zu folgen, und Mrat, dem
das Geklimper wenig Vergngen zu machen schien, entfernte sich bald
darauf, ohne da beide ein Wort miteinander gewechselt hatten. So
erzhlte man sich diese sonderbare Zusammenkunft damals in Madrid, und
so hrte ich sie von dem Adjutant-Kommandanten Monthiou besttigen.

Ferdinand fuhr indessen fort, sich dem Volk tglich mehrmals zu zeigen,
und ritt oder fuhr fast ohne Begleitung durch die Straen von Madrid, wo
er immer mit Vivatgeschrei empfangen wurde. Er tat alles, um sich
Napoleon und den Franzosen angenehm zu machen; wir wurden fast im
berflu mit Lebensmitteln versehen, den franzsischen Offizieren wies
man in der Oper und anderen Theatern besonders ausgezeichnete Pltze an,
und da Mrat geuert hatte, da der Kaiser den Degen Franz I., der seit
der Schlacht von Pavia in der _Armeria real_ aufbewahrt wurde, gerne
htte, lie ihn Ferdinand sogleich durch den Grafen Altemira an Mrat
mit den Worten bergeben, da er sich in keinen Hnden besser als in
denen des Helden des Jahrhunderts befinden knne. Der Groherzog von
Berg, der unterdessen von seinem Schwager weitere Instruktionen bekommen
hatte, gab nun dem jungen Knig zu verstehen, da es der Kaiser gerne
sehen wrde, wenn ihm der Infant Don Carlos, Ferdinands Bruder, bis an
die Grenzen des Reichs entgegenkme. Als er dazu seine Einwilligung gab,
lie ihn Mrat bald darauf durch den franzsischen Gesandten Beauharnais
wissen, da, wenn sich der Knig Ferdinand entschlsse, Napoleon in
eigener Person entgegen zu kommen, dies derselbe sehr hoch aufnehmen und
es von dem grten Nutzen fr Ferdinands Sache sein wrde. Mrat
besttigte selbst die Versicherungen des Gesandten, und der junge Knig,
noch ohne Antwort auf das Schreiben, durch welches er Napoleon seine
Thronbesteigung angezeigt hatte, was ihn doch etwas beunruhigen mochte,
schwankte noch zwischen Tun und Lassen, als der General Savary,
Napoleons Adjutant, mit dem geheimen Auftrag zu Madrid ankam, Ferdinand
zu der Reise nach Bayonne zu bewegen. Savary spielte den Fuchs und
verbarg unter einer scheinbaren militrischen Offenherzigkeit den
eigentlichen Zweck seiner Sendung, indem er sich stellte, als sei er nur
gekommen, um den neuen Knig zu beglckwnschen, und machte diesen
glauben, da seine Gesinnungen gegen seine Eltern ganz mit denen des
Kaisers bereinstimmten, da derselbe die Vorflle in Aranjuez insgeheim
genehmige und ihn sicher als Knig von Spanien anerkennen werde. Dies
alles lie Savary nur so wie von ungefhr fallen. Er hatte nicht einmal
ein Beglaubigungsschreiben aufzuweisen, dabei versicherte er, da sein
Herr bald zu Bayonne eintreffen wrde, um sich von da nach Madrid zu
begeben. Mrat und Beauharnais stimmten in Savarys Ton ein, ohne noch zu
wissen, was Napoleon eigentlich beabsichtige. Um diesen Aussagen noch
mehr Wahrscheinlichkeit zu geben, lie man schon Wagen mit Effekten des
Kaisers ber die Grenze gehen, auf allen Poststationen Relais bestellen
und reitende Garden zu seiner Bedeckung auf denselben verteilen. Es war
sogar schon ein kaiserlicher Furier zu Madrid angekommen, der die
Wohnung, die in dem kniglichen Palast fr seinen Herrn bestimmt wurde,
besah, sogar die Badeanstalten in demselben anordnete, so da nun
niemand mehr die demnchstige Ankunft Napoleons bezweifelte. Savary
fand, da es jetzt Zeit sei, dem Knig die Zumutung, seinem Kaiser
entgegenzureisen, zu wiederholen, da derselbe bereits von Paris
abgegangen sei, was auch wirklich der Fall war, und wenn sich Ferdinand
eile, so msse er in Burgos mit ihm zusammentreffen. Nachdem dieser noch
eine Unterredung deshalb mit Beauharnais gehabt, der natrlich mit
Savary in ein Horn blies, entschlo er sich zur Abreise, obgleich er
wute, da Mrat noch fortwhrend mit seinen Eltern im Briefwechsel
stand. Wir alle wunderten uns nicht wenig ber diesen Entschlu, da
selbst mehrere franzsische Generle sich geuert hatten: Der wird
schwerlich zurckkehren. Aber Ferdinands Rte schienen blind, wie ihr
Herr, und frchteten die Rckkehr des alten Knigs und Godos, weshalb
sie sich nur unter Napoleons Schutz sicher glaubten, und uerten, es
sei eine Beleidigung, einen so groen Helden eines heimtckischen
Schurkenstreichs fhig zu halten.

In Begleitung Savarys und seiner vertrautesten Ratgeber reiste Ferdinand
den 10. April von Madrid ab. Auf der ganzen Route erwiesen ihm die
franzsischen Truppen die militrischen Ehrenbezeugungen. In Burgos
angelangt, wute man noch nichts von Napoleons baldigem Ankommen; man
ging nun nach Vittoria ab, wo es ebenso war. Hier aber bergab Savary,
der unterdessen vorausgeeilt und wieder zurckgekommen war, dem hohen
Reisenden ein Schreiben seines Herrn, in welchem ihm jedoch der Titel
Majestt nicht gegeben wurde. Es enthielt sogar Verweise wegen der
Vorflle in Aranjuez, und Napoleon sprach sich bestimmt als
Schiedsrichter ber die Angelegenheiten der kniglichen Familie aus.
Trotz aller Versuche, die man zu Vittoria machte, dem Prinzen endlich
die Augen zu ffnen und ihn zu bewegen, nicht weiter zu gehen, und trotz
aller Warnungen, die ihm jetzt von mehr als zwanzig Seiten zukamen,
indem man ihm sogar das Anerbieten machte, ihn durch einige tausend
spanische Zollwachen mit Gewalt aus den Hnden der Franzosen zu
befreien, im Fall dies ntig sein wrde, oder ihn als Maultiertreiber
verkleidet in Sicherheit zu bringen, erklrte er dennoch weiter reisen
zu wollen, und zwar bis auf franzsisches Gebiet. Das Volk, besser
beraten, wollte ihn nicht fortlassen, schnitt die Strnge an seinem
Wagen ab, und es fehlte wenig, so wre es zum Handgemenge mit den
franzsischen Truppen gekommen, die unter dem Gewehr standen. Trotz
alledem ging Ferdinand ber die Bidassoa und nach Bayonne, wo sein
Bruder schon angekommen war, seine Eltern bald eintrafen, und wo man ihm
anfnglich das Knigreich Hetrurien fr die Krone von Spanien bot.

Zu Madrid hatte unterdessen Mrat die Freilassung Godos von der
daselbst seit Ferdinands Abreise eingesetzten Junta durch Drohungen
ertrotzt, und er wurde den Franzosen bergeben, die auch ihn nach
Bayonne sandten. Nun protestierte der alte Knig gegen seine Abdankung,
als durch Aufruhr erzwungen, und Mrat schickte ihn vier Tage spter mit
der Knigin Marie Louise ebenfalls nach Bayonne.

Wir waren indessen in Madrid nicht auf Rosen gebettet, wenigstens waren
diese dornig und stachlich genug. Ich hatte mir jedoch, nachdem ich
zweimal gewechselt, eine ziemlich angenehme Wohnung zu verschaffen
gewut, in der sich nicht weniger als fnf junge und hbsche
Frauenzimmer befanden, von denen noch drei ledig und zwei ausgezeichnete
spanische Schnheiten waren. Leider blieb mir gar zu wenig Zeit brig,
denselben gehrig zu huldigen; aber dennoch und trotz des sich schon
allenthalben uernden Franzosenhasses gelang es mir, in nhere
Berhrung mit zwei Schwestern zu kommen, von denen die eine, Donna
Calvanillas, verheiratet, die andere aber, Seora Rosa Maria, noch ledig
war. Beide besuchten jeden Tag die ehemalige Jesuitenkirche St. Isidor,
die sich in der Nhe ihrer Wohnung befand. Wenn es mir mglich war,
begab ich mich zur selben Stunde in diesen Tempel, wo ich weit mehr als
im Haus selbst Gelegenheit hatte, mit den Damen bekannter zu werden.
Meine Aufmerksamkeit wurde bemerkt und, wie es mir schien,
nicht mit ungnstigen Augen. Ich schrieb nun mit Hilfe eines
spanisch-franzsischen Wrterbuchs und einer solchen Sprachlehre ein
Billettchen in spanischer Sprache, in welchem ich es versuchte, so
lebhaft als mglich den Eindruck zu schildern, den diese kastilischen
Schnheiten auf mein Gemt gemacht. Whrend sie knieten und ihre Gebete
herplapperten, stellte ich mich seitwrts und vor die frommen
Schwestern, so da ich sie im Auge hatte, und als ich sah, da sie mich
bemerkten und manchmal zu mir herberschielten, hielt ich das Briefchen
zwischen den Fingern der rechten Hand, so da sie es gut sehen konnten,
beobachtete auch, wie die eine die andere anstie und beide dann leise
miteinander sprachen. Ich suchte ihnen jetzt durch Zeichen zu verstehen
zu geben, da das Briefchen fr sie bestimmt sei; an ihrem Errten
erkannte ich, da sie mich wohl verstanden haben muten, und beide
hllten sich tiefer in ihre Mantillas, was ihre Reize noch erhhte. Als
sie die Kirche verlieen, kam ich ihnen schnell zuvor und stellte mich
an den Eingang derselben, ihnen beim Heraustreten das Billettchen
hinhaltend, beide glitten jedoch an mir vorber, ohne Notiz davon zu
nehmen, aber meinen Gru erwidernd; sie schritten langsam voran, eifrig
miteinander sprechend. Ich folgte ihnen in geringer Entfernung, hustete
mehrmals, pltzlich drehte sich die eine der Damen um, ging mir ein paar
Schritte entgegen, nahm mir mit zur Erde gesenkten Blicken das Billett
schnell ab und eilte zu ihrer Schwester zurck. Im Hause sah ich sie
diesen Tag nicht wieder, obgleich ich mir alle Mhe deshalb gab, aber
den anderen Morgen traf ich sie in der Kirche und kniete hinter ihnen an
einem Seitenaltar, sie bittend, mich mit einer Antwort zu beglcken.
Ohne mich anzusehen, wurde mir erwidert, ich mge ihnen bei dem Ausgang
folgen. In Spanien und namentlich in Madrid dienen die Kirchen noch weit
mehr als in Italien zu verliebten Rendezvous, ja die Heiligkeit des
Ortes hindert nicht, da man sich nicht selten, an den Altarstufen
kniend, kt.

Als die Donnas nach kurzem Gebet aufstanden und sich entfernten, gab mir
die, welche mir das Billett abgenommen, nochmals ein Zeichen, ihnen zu
folgen. Sie gingen nun durch verschiedene Kreuz- und Querwege, durch
enge und abgelegene Straen in eine Calle (Gasse) unweit des Plazuela de
la Costanillas, wo sie in ein kleines Haus traten, an dessen Tr sie ein
wenig warteten, bis auch ich um die Ecke der Gasse gekommen war und
sehen konnte, wo sie eintraten. Man gab mir nochmals einen Wink mit der
Hand und verschwand. Ich folgte; eine alte Sybille empfing mich an der
Haustr und fhrte mich durch ein kleines Vorzimmer in ein zweites, wo
ich meine beiden Schnen traf. Ich war etwas verlegen, welcher von
beiden ich ewige Liebe und Treue schwren sollte, denn das Billett, in
dem ich am Schlu auf das dringendste um eine baldige Zusammenkunft
gebeten hatte, da ich nicht wissen knne, wieviel Stunden ich noch in
Madrid zubringen wrde, hatte keine Aufschrift gehabt, Donna Calvanillas
aber war es, die es mir abgenommen hatte. Ich war wirklich in einer
seltsamen Lage, nicht wissend, welcher ich jetzt eine Liebeserklrung
machen sollte. Rosa Maria wre mir als Mdchen allerdings die liebste
gewesen, aber mit der Verheirateten war schneller zum Ziel zu kommen,
wenigstens war dies meine Meinung, und es war die richtige. Die Damen
schienen meine Unentschlossenheit zu bemerken, und nachdem ich einige
spanische Artigkeiten, so gut ich es vermochte, mit italienischen
vermischt, gesagt, ging Rosa Maria an ein Fenster des Vorzimmers, die
Strae oder den Himmel beschauend und mich mit der Schwester ungestrt
allein, aber doch die Tr offen lassend. Die Unterhaltung mit der
Zurckgebliebenen war an Worten karg und einsilbig, denn wir hatten zu
groe Mhe, uns zu verstndigen, dagegen war sie desto beredter durch
Blicke und Mienen, und bald lag die Donna in meinen Armen. Ich bemerkte
indessen, da sich das schwarze Kpfchen der Schwester einigemal an der
offen gebliebenen Tr des Vorzimmers zeigte, wohin die Senora auf den
Zehen geschlichen war, und neugierige Blicke auf uns warf. Dies hielt
mich jedoch nicht ab, an die in den Armen habende Donna die zrtlichsten
Liebkosungen zu verschwenden und sie endlich einzuladen, sich mit mir
auf die nicht sehr schwellenden Polster einer Art Sofa niederzulassen,
wo wir eine halbe Stunde, im Entzcken schwelgend, hinbrachten. Jetzt
rief meine Donna auch Rosa Maria wieder ins Zimmer. Nun hatte ich bald
eine Schwester in jedem Arm, und der Schfereien und Tndeleien wurden
mancherlei getrieben. Nachdem man sich endlich satt und matt gekt und
die liebenswrdigen Schnen wohl hundertmal _Corazon! Corazon!_, den
Lieblingsruf der entzckten Spanierinnen, hatten hren lassen, den ich
immer mit einem: _Carissima, bellissima!_ beantwortete, denn an eine
zusammenhngende Unterhaltung war nicht zu denken, da ich nicht den
zehnten Teil von dem verstand, was mir die lieben Kinder vorschwatzten,
so machten wir endlich Anstalt, uns zu entfernen. Nur soviel hatte ich
herausgebracht, da das Haus, in dem wir waren, einer alten Amme der
beiden Senoras gehrte, und da ich mich hten msse, sie ferner in
unserer Wohnung, auf der Strae oder auch in der Kirche anzusprechen,
indem der _Cortejo_ (ungefhr das, was ein Cecisbeo in Italien ist) der
Donna Calvanillas, ein ltlicher geistlicher Herr, sie sorgsam bewache.
Dagegen knnten wir uns jede Woche einigemal ohne alle Gefahr in der
Wohnung der alten Amme sprechen, vielleicht auch bei einer _Refrescos_
oder _Tartulia_ (ersteres sind Nachmittagsgesellschaften, bei denen
farbiges Eiswasser, Schokolade, Sorbetti, Gefrorenes, Konfitren und
allerlei Zuckerwerk in groer Profusion gereicht und geplaudert wird,
die _Tartulia_ aber sind Abendgesellschaften, die recht munter und
unterhaltend sind, zu denen man gerne Fremde einladet und mit
zuvorkommender Artigkeit behandelt), die ihre Verwandten bisweilen in
ihrer Wohnung veranstalten, sie manchmal sehen, indem sie zu veranlassen
hofften, da ich eingeladen wrde. Nach einem zrtlichen Abschied
trennten wir uns in der Hoffnung, uns bald wieder hier zu treffen, was
aber nur noch einigemal der Fall und zuletzt mit Gefahr verbunden war.

Wenig Zeit blieb mir auch brig, die Merkwrdigkeiten Madrids kennen zu
lernen, denn es verging jetzt beinahe kein Tag mehr, an dem es nicht
Alarm gegeben htte.

Auch die Theater besuchte ich nur wenig, kaum ein halbes dutzendmal, da
mir der Dienst dies nicht fter gestattete und ich mich auch langweilte,
indem ich die Sprache zu wenig verstand und meist nur _Tonadillas_ und
_Sayanetes_ gegeben wurden, in denen es sehr frei und ungeniert auf der
Bhne zuging und wollstige Stellungen und sehr unanstndiges Kssen
hufig vorkamen, was nicht hinderte, da sich Geistliche und Kutten
jeder Farbe in Parterre und Logen blicken lieen und sichtbar ergtzten.
Auch die italienische Oper besuchte ich, fand mich aber wenig
befriedigt, da sie kaum mit den mittelmigsten Italiens konkurrieren
konnte. Die Theater waren nicht sehr besetzt; bei einem Stiergefecht
drngen sich die Spanier ganz anders hinzu.

Der Prado ist so ziemlich der einzige Spaziergang innerhalb der Stadt,
wozu man noch die Strae Alcala und Puerta del Sol rechnen kann, da auch
diese zum Spazierengehen bentzt werden. Er ist aber der
unterhaltendste, den man sich denken kann, vielleicht der angenehmste
der Welt, und historisch merkwrdig. Er war von jeher auch ein
Rendezvous fr verliebte Intrigen und Abenteuer, und die Romanschreiber
und Dichter Spaniens haben ihn weltberhmt gemacht. Bald waren es die
greulichsten Mordszenen, bald politische Komplotte, Verschwrung und
Verrat, die zu seiner Berhmtheit beitrugen. Er hat wenigstens
siebentausend Fu im Umfang, eine breite Allee mit vielen Seitengngen
durchzieht seine ganze Lnge, die Wagen fahren in der Mitte, die Seiten
sind fr die Fugnger bestimmt. Diese Promenade beginnt am Tor
Ricoletos, geht ber die Strae Alcala, bis an das Tor Atocha, ein Weg
von beinahe einer Stunde. Der Zulauf ist hier auerordentlich. Die Damen
der hheren Stnde besuchen ihn nur in Wagen, die zu Fu Gehenden sind
meistens aus dem niederen Brgerstande, schwarz gekleidet und mit der
beliebten Mantilla versehen, die nur eine Spanierin zu tragen versteht.

Kaffeehuser gibt es zwar in groer Zahl zu Madrid, aber sie sind mit
denen in Frankreich und Italien nicht zu vergleichen, oft wahre
Spelunken, in denen man sehr schlecht bedient wird. Nicht viel besser
sind die Gasthfe. -- Nirgends sind wohl die Nymphen der Freude so
verfhrerisch wie in Madrid. Man teilt sie in _Cortesanos_, _Majos_ und
_Muchachas_, von denen die ersten die vornehmsten, meist unterhaltene
Mdchen sind, die aber noch ihre Extraliebhaber nebenher haben. Die
_Majos_, wie die Loretten in Paris, whlen noch, die letzten aber sind
vlliges Gemeingut. Sobald die Gttin der Nacht ihren Schleier
auszubreiten und die Dmmerung beginnt, schwrmen sie gleich Bienen und
Fledermusen aus allen Gassen hervor, wobei sie Rosenknospen hnliche
Mulchen machen und ihr meist rabenschwarzes Seidenhaar zum Teil sehen
lassen. ffnen sie den Mund, so zeigen sie zwei Reihen der schnsten
Perlenzhne. Ihr Wuchs ist in der Regel therisch schlank. Sie haben
immer ein recht frisches Aussehen und meist die verfhrerischesten
kleinen Fe, dabei eine wohltnende, melodisch-lockende Sirenenstimme.
Dennoch lie ich mich nicht verlocken, obgleich ich mir die Ohren nicht
mit Baumwolle verstopft und scharfsehende Augen hatte. Die Geistlichkeit
und Mnche sind ihre besten Kunden, zahlen aber oft nur mit Absolution,
ben aber nicht selten dafr durch abscheuliche Krankheiten.

Die Einwohner Madrids sind ein sehr lebenslustiges Volk. Besonders
heiter ist man des Abends und bis tief in die Nacht hinein, wo alle
Spaziergnge und ffentliche Orte mit Menschen angefllt sind und man
sich auch im Freien zu Tartulias versammelt, sehr munter ist, und wo es
oft toll genug zugeht. Die Frauen sieht man selten ohne ihre Mantilla,
unter welcher sie die Basquina, ein langes schwarzseidenes Kleid tragen.
Namentlich sind in den Kirchen alle so gekleidet, und diese Tracht steht
denen, die schn gewachsen, was die meisten sind, bezaubernd. Auch haben
sie die schnsten Augen von der Welt, mit denen sie wahrhaft
durchbohrende Blicke zu schleudern verstehen. Der _Cortejo_ (Cicisbeo
oder Courmacher) der Damen ist meistens ein Kanonikus oder Geistlicher,
bisweilen auch ein Offizier, ein Verwandter des Mannes. Die ersteren
sind in der Regel schon bei Jahren, betrgen dennoch aber die Ehemnner,
die sie anstellen, nicht selten. Die machen gar oft den Bock zum
Grtner, und je lter der Bock, desto steifer das Horn, heit es bei
diesen gezwungenen Hagestolzen der Kutte. Die spanischen Damen haben
auch eine ganz besondere Liebhaberei an Papageien, Kakadus, Affen und
hnlichen Tieren, die man an den Fenstern fast eines jeden nur
mittelmigen Hauses sieht. In den Nchten hrt man, bis die
Mitternachtsstunde vorber, Gitarren und Mandolinen auf allen Straen
vor den Balkonen der Schnen erklingen, ein Gebrauch, den, wie diese
Instrumente selbst, die Mauren nach Spanien brachten. Der Fandango
ertnt allerorten und ist, von den reizenden ppigen Spanierinnen
aufgefhrt, ein Tanz, der den Zuschauern alles Blut in Wallung treibt
und selbst in Wollust getaucht scheint. Der heilige Antonius selbst
wrde, und wenn er auch zehn Jahre lang nichts als Wurzeln und Kruter
gegessen und nur noch Haut und Knochen gewesen, diesem Versucher
schwerlich widerstanden sein. Ja der frmmste Ber mu seine Bue zu
allen Teufeln wnschen, wenn eine junge, vollbusige, schlanke
Andalusierin diesen, alle Sinne verwirrenden Tanz mit ihrer
unwiderstehlichen, fast berirdischen Anmut auffhrt.

Man erzhlt sich, da, als man einst von Rom, wo ein gichtbrchiger
Papst auf Petri Stuhl sa, den Fandango bei Strafe des Kirchenbannes
verbieten wollte, ein vernnftiger Kardinal dem heiligen Vater die
richtige Bemerkung machte, man solle niemand, ohne gehrt oder gesehen,
verdammen. Man lie nun den verfhrerischen Tanz vor einer zu Richtern
ber denselben bestimmten Versammlung von Kardinlen durch reizende
Spanierinnen auffhren. Aber kaum entfalteten die schnen Tnzerinnen
die Anmut ihrer Bewegungen, so verschwanden auch schon alle Falten der
gerunzelten Stirnen der alten Eminenzen, sie fingen mit Hnden und Fen
zu zappeln an, schlugen den Takt dazu, und die heilige Jury sprach den
Fandango einstimmig frei.

Aber das Vergngen, welches der Fremde bei diesem Tanz empfindet, wird
zur Abscheu, wenn er einer Hauptergtzlichkeit der Spanier, einem
Stiergefecht beiwohnt, auf welches, _horribile dictu_, die Damen am
rgsten versessen sind. Sie wrden kein Opfer scheuen, selbst nicht das
ihrer hchsten Gunst, um einem solchen beiwohnen zu knnen. Das letzte
Hemd wird verkauft oder versetzt, um dieses Gelst zu befriedigen, und
dann fhrt man mit Grandezza auf den Plaza mayor.

In der Regel lebt man in Madrid ziemlich billig; aber teurer als
gewhnlich war es whrend unseres Aufenthalts daselbst. Das Fleisch, mit
Ausnahme der Schweine, war nicht sonderlich, nur die Toledaner Hammel
sind nicht schlecht. Das Geflgel aber ist sehr gut und in groem
berflu. Frchte und Gemse sind ebenfalls gut, werden aber
abscheulich, fr Fremde oft ungeniebar zubereitet. Das Brot, pan
candial, ist ein wahres Kuchenbrot; aber die Feuerweine, wie Alikant,
Xeres, Canaries, _Vinos generos_, _Val de pennos_, _la Mancha_, mssen
einen Eisklumpen noch beleben, haben aber auch schon manchem
ungengsamen Fremden das Grab geffnet.

Die Spanierinnen haben fast alle sehr melodische Stimmen, so da schon
ihre Rede fast wie lieblicher Gesang tnt. Ihre Sprache ist ein
glhender Liebeshauch, ihre Augen und Blicke unter den nie fehlenden
Schleiern erschttern Mark und Bein und sind herzdurchbohrend. Dabei
sind sie galant und verliebt bis ber die Ohren. Sie sehen die Fremden
sehr gerne, und wren die Franzosen als Freunde geblieben, so htten sie
Spanien durch die Frauen und Mdchen erobert und gefesselt. Aber die
unglcklichen Ereignisse machten, da spter das franzsische Militr
fast in gar keine freundliche Berhrung mehr mit den Einwohnern kam.
Freilich besitzt der Spanier wenig Liebenswrdigkeit, ist hochmtig,
gebieterisch und herrisch gegen das schne Geschlecht, verrichtet dabei
aber alle Frauendienste, ein ungeheurer Abstand gegen den galanten
Franzosen, und dabei selten ein schner Mann; in der Regel eher hlich
zu nennen. Selbst sein Organ ist rauh und unangenehm und seine
Aussprache hart. Von der Migkeit der Spanier im Essen und Trinken kann
man sich kaum einen Begriff machen: eine Familie von zehn Personen hat
oft genug an dem, was mancher Sddeutsche oder Schweizer allein zu sich
nimmt. Eine gesalzene Sardelle, ein Stckchen Knoblauch und trockenes
Brot, oder ein Ei und etwas Obst ist oft das ganze Mittagmahl. Eine
Wassersuppe mit l, ein Dutzend Schnecken, Schwmme und so weiter sind
schon Leckerbissen in den Drfern.

Eine sehr groe Rolle spielte zu jener Zeit noch der Aberglaube in ganz
Spanien und unter allen Stnden. Wahrsager, Schwarz- und Weiknstler,
Hexenmeister gab es in jedem Dorf, und ganze Banden solchen Gesindels
streiften in dem Land umher, sich von der Dummheit der Einwohner
mstend. Die Barbiere sind ein entsetzlich geschwtziges Volk, hchst
zudringlich und auch bei galanten Abenteuern ntzlich, aber ein Figaro
ist mir doch nicht unter ihnen begegnet, dagegen Gil-Blas und Sancho
Pansas genug.

In der Regel sind die Wohnungen der Spanier im Innern sehr kahl, haben
meistens eine schlechte Einrichtung. Groe dstere Zimmer mit alten
Heiligenbildern verziert, zerlumpte Vorhnge, ebensolche Tapeten, einige
alte Sessel, einige Tische und Sthle, altmodische Spiegel, das war das
ganze Mobiliar eines selbst bemittelten Mannes. -- Der spanische Adel
ist auf sein Herkommen und seinen Stammbaum ebenso eingebildet und
dummstolz, als mancher hannoversche oder schsische Kraut- und
Landjunker. Ein jeder _Hidalgos_, wenn er auch in Lumpen gehllt ist und
kein ganzes Hemd mehr auf dem Leibe hat, besitzt doch gewi seinen
wurmstichigen Stammbaum in seiner Dachkammer, oft der einzige Zierat,
oder besser der Unrat seiner hohen Wohnung. Dabei sind sie gegenseitig
so komisch komplimentenreich, da man in Versuchung kommt, sie fr
Policinellos zu halten. Die Don Ranudo de Colibrados sind noch lange
nicht ausgestorben und blhen in Spanien noch wie in Deutschland und
Italien. Seltener ist diese Schmarotzerpflanze in Frankreich, wo sie die
Lcherlichkeit nicht aufkommen lt. Fast die Mehrzahl der Spanier liebt
das Zlibat, dagegen haben sie Mtressen zu halben Dutzenden, wenn es
ihre Umstnde erlauben.

Der Ursprung Madrids ist gnzlich unbekannt. Aber ein groer Teil seiner
Bewohner behauptet in allem Ernst, da die alten Griechen die Stadt
gegrndet htten, andere sagen, es sei das alte _Mantua Carpetanorum_.
Die ersten, einigermaen zuverlssigen geschichtlichen Nachrichten hat
man aus den Zeiten, wo die Knige von Kastilien hier ein Schlo hatten,
das schon erwhnte, welches an der Stelle des heutigen neuen kniglichen
Palastes stand. Philipp II. verlegte zuerst seine Residenz und seinen
Hof fr immer hierher, nachdem sein Vater Karl I. (V.) schon einen
groen Teil seiner Zeit daselbst zugebracht hatte. Jetzt wurde die Stadt
immer bedeutender, kam schnell empor, wozu religise Feste, Autodafs
und Stiergefechte nicht wenig beitrugen. Die Autodafs waren eine
bittere und blutige Satire auf die christliche Religion und ihren
Stifter, und wurden oft nur gehalten, um dem Volk eine Unterhaltung zu
gewhren, die es zugleich mit Furcht und Schrecken erfllen sollte. Da
wurden, um Fruchtbarkeit und gutes Wetter vom Himmel zu erlangen,
Ketzer, Zauberer und Hexen unter dem Jubel des unzhligen Pbels aus
allen Stnden verbrannt. Den armen Sndern wurde vorher das Urteil in
den Kirchen verkndigt und ihnen noch eine recht erbauliche Bupredigt
gehalten. Dann wurden sie auf den Plaza mayor gefhrt, wo man noch eine
Messe an einem Altar las, und sie hierauf in die hellodernden Flammen
des neben dem Altar errichteten Scheiterhaufens warf. Nun wurden noch
allerhand heilige Schnurrpfeifereien vorgenommen, das Volk mit
schmutzigem Weihwasser bespritzt, man kniete, betete, bekreuzigte sich
und streute zu guter Letzt die Asche der Verbrannten in alle Winde. Die
heilige Hermandad, ihre Henkersknechte -- die Inquisitionsrichter -- und
tausende von Pfaffen entfernten sich dann heulend und brllend in
Prozession, und das erbaute Volk verlief sich nach allen Seiten. In fast
allen Kirchen Spaniens sieht man Abbildungen solcher, zur Ehre der
Dreieinigkeit und zur Schande der Menschen und ihrer Religion gehaltenen
Autodafs. Gewhnlich sind sie am Hochaltar angebracht und recht
grlich gemalt. Da werfen die Schindersknechte einen zitternden Greis,
dort ein altes Weib, hier ein schnes Mdchen in die Flammen. Ihre Namen
liest man unter dem Gemlde. Noch in den achtziger Jahren des vorigen
Jahrhunderts wurde eine hbsche junge Frau aus Sevilla verbrannt, weil
sie ein Verhltnis mit dem Teufel unterhalten, der ihr die Gabe der
Weissagung verliehen hatte. Trotzdem aber konnte sie ihr eigenes
Schicksal keinen Tag voraussehen. Noch spter wurde ein Schneider, der
sich der Magie ergeben hatte, aus ganz besonderer Gnade zwar nur im
Bilde verbrannt, aber whrend dieser Operation in Natura blutig
ausgepeitscht, bis er selbst fast seinen Geist aufgab.

Bis zu den Zeiten Philipp V. hielt man noch Turniere, Ringelreiten und
dergleichen in Madrid und feierte namentlich ein Fest, >Die Belagerung
von Amors Schlo< genannt, im Wonnemonat jeden Jahres mit groem Pomp.
Der Plaza mayor war ebenfalls die Schaubhne desselben. Man erbaute auf
demselben eine groe hlzerne, mit Festons geschmckte Burg, auf deren
Mauern allerlei Allegorien gemalt waren. Die schnsten Frauen und
Mdchen bildeten als Ritter und Knappen die Besatzung dieser Burg und
zeigten sich mit Krnzen und Blumen bewaffnet auf den Mauern, whrend
vor derselben von den Belagerern Quadrillen zu Pferd und zu Fu
aufgefhrt wurden. Hierauf gab eine sanfte Musik das Zeichen zur
Erstrmung der Feste, deren Verteidiger dieselbe nur durch das
Herabwerfen ganzer Krbe voll Blumen zu schtzen versuchten. Die
Strmenden aber lieen sich dadurch nicht abhalten, mutig
hinanzuklimmen, und wurden als Sieger mit Kssen und Kokarden von den
Schnen empfangen. Jetzt wurde ein Triumphzug zu Ro und zu Wagen durch
alle Hauptstraen der Stadt, in denen Triumphbogen von Blumen errichtet
waren, gehalten, und von allen Balkonen bewarf man die Vorberziehenden
ebenfalls mit Blumen. Musik, Gesang und Tanz whrten die ganze Nacht
hindurch, in welcher die Stadt durchaus bis zum Anbruche des Tages
erleuchtet war.

Da an einem Amorfest die Frauen den grten Anteil nehmen, ist sehr
natrlich. Aber da sie es auch sind, die mit der grten Gier den
Stiergefechten nachlaufen, sich an dem Verbluten der gemarterten Tiere
ergtzen, mit Vergngen die Wunden des gehetzten Tieres zhlen, und
bedauern, da es durch zu frhes Hinscheiden seine Leiden endet, und
dessen Mrder und Hetzhunde mit Beifall berschtten, ihnen, mit Hnden
und Fen tobend, zujauchzen, whrend der arme edle Stier mit dem
Wutschaum vor dem Maul niederstrzt und ein letztes, durch Mark und Bein
dringendes Schmerzgebrll ausstt, sich qualvoll in seinem Blute wlzt,
ist hchst unnatrlich. Die schnsten Opfer dieser Grausamkeit liefern
die andalusischen Wildnisse, in denen man die Stiere mit Hilfe
abgerichteter Khe fngt und dann zu diesem Marterspiel aufbewahrt.
Selbst die sonst in Spanien so hoch, ja gttlich verehrten Ppste waren
so wenig wie die Knige des Landes imstande, diesem Greuel ein Ende zu
machen. Sobald von Abschaffung der Stierkmpfe die Rede war, drohte
jedesmal die ganze Nation sich zu empren, und man war gentigt, dem
guten Volk schnell wieder einige Hundert dieser Tiere zu opfern, um es
zu beruhigen und zu berzeugen, da man ihm dieses Vergngen nicht
rauben wolle.




                                  XI.

   Drohende Stimmung der Einwohner zu Madrid. -- Aufstand zu Toledo. --
       Der blutige Aufstand am 2. Mai zu Madrid. -- Wegnahme des
     Artillerieparks. -- Ich rette einem Insurgenten das Leben und
       werde dabei verwundet. -- Ein Renkontre mit Murat. -- Eine
    gefhrliche Zusammenkunft. -- Abmarsch nach Toledo. -- Abmarsch
      ber Madrid nach Aragonien. -- Unterwrfigkeit der Madrider
     Behrden und des Inquisitionsgerichts gegen die Franzosen. --
     Fast ganz Spanien im Aufstand. -- Die Junta zu Sevilla und die
    Provinzialjuntas erklren Frankreich den Krieg. -- Wir stoen zu
                   dem Belagerungsheer vor Saragossa.


Seit Ferdinands Abreise von Madrid schienen alle spanischen Gesichter
ein ganz anderes Aussehen zu haben. Man blickte uns mit auffallend
finsteren Augen an, um so mehr, da man wute, da wir jetzt ganz auf
Spaniens Unkosten lebten und unterhalten wurden. Das Benehmen der
Krieger der groen Nation war im Gefhl ihrer bisherigen Siege ziemlich
arrogant, was zu fteren Hndeln Veranlassung gab, die zwischen den
Einwohnern und Soldaten vorfielen, in die sich aber das spanische
Militr durchaus nicht mischte, sondern ganz neutral verhielt. Auch
verschwand hier und da mancher franzsische Soldat, ohne da man
herausbringen konnte, was aus ihm geworden war. Murat fuhr fort, Truppen
nach Madrid zu ziehen. Dupont wurde mit seinem Stab und einem Teil
seiner Division nach Aranjuez und die Umgegend verlegt. Der Rest hatte
unter dem Befehl Vedets Besitz von Eskurial genommen. Die dritte
Division lag noch bei Segovia und viele Bataillone biwakierten in
geringerer oder grerer Entfernung von der Hauptstadt. Das Gercht, da
Napoleon Ferdinand VII. nicht anerkenne, fand bald allgemeinen Glauben,
man erfuhr, da in Toledo schon ein Volksauflauf stattgefunden habe, bei
dem sich die Anhnger des alten Knigs und Godos flchten muten. Man
hatte dabei Ferdinands Bild im Triumph herumgetragen. Wer ihm begegnete,
mute seine Knie vor demselben beugen und ihm ein Vivat bringen, wollte
er nicht von dem mit Sbeln, Spieen und Gewehren bewaffneten Volk
mihandelt oder gar ermordet werden. Fnf Tage darauf marschierte Dupont
schon nach Toledo ab, wohin er sein Hauptquartier verlegte. Er fand
keinen Widerstand bei seinem Einzug, wie er gefrchtet und weshalb er in
Schlachtordnung vorgerckt war, sondern der Erzbischof, ein Bruder der
Gattin Godos, kam ihm mit dieser und einer Zahl Geistlichen entgegen.
Aber das Volk ma die Ankmmlinge mit finsteren, vielsagenden Blicken.

Wir standen jetzt in Madrid wie auf einem Vulkan, von dem alle Anzeichen
einen nahen Ausbruch verkndeten. Nur mit groer Mhe hatte man bei
Godos Freilassung einen Aufstand unterdrckt. Als man aber die
Gewiheit bekam, da Ferdinand Spaniens Grenze berschritten und dessen
Vater gegen seine erzwungene Abdankung protestiert habe, da wurde die
Erbitterung allgemein und furchtbar. Die bse Stimmung der Gemter war
nicht mehr zu verkennen und stieg aufs hchste, als sich bertriebene
Gerchte hinsichtlich der Mihandlung, die der vergtterte Ferdinand in
Bayonne erlitten haben sollte, in Madrid verbreiteten. Den ganzen Tag
standen Tausende um das Postgebude, die von Frankreich kommenden
Kuriere und Briefe erwartend. Man teilte sich auf der Puerta del Sol,
dem Prado und an allen ffentlichen Orten und Pltzen Briefe mit, welche
die Vorflle zu Bayonne mit den schwrzesten Farben schilderten. Wut und
Ingrimm machten sich auf den braunen spanischen Gesichtern bemerkbar,
und nur noch mit Mhe unterdrckten die Leute den Ausbruch ihres Zornes.

Es wurden nun allerlei Maregeln von unserer Seite ergriffen, den
bevorstehenden Sturm zu beschwren und das Verbreiten schlimmer oder
falscher Nachrichten zu verhindern, aber vergeblich. Auch fing man die
Sache verkehrt an. Umsonst ritt Murat tglich zu verschiedenen Stunden
mit groem Prunk und glnzendem Gefolge durch die Straen der
Hauptstadt, um sich dem Volke zu zeigen und es zu besnftigen. Diese
Ostentation hatte gerade die entgegengesetzte Wirkung. Das Volk hielt
sie fr Hohn und glaubte, man spotte seiner. Man murrte laut, und nicht
selten lie sich ein gellendes Pfeifen hren, wenn der Zug vorberritt.
Murat war durch die ertrotzte Befreiung und Abfhrung Godos jetzt
ebenso verhat wie dieser geworden. In der peinlichsten Lage befand sich
jedoch die hohe Junta, welcher Ferdinand die Zgel der Regierung bei
seiner Abreise bergeben hatte, und die nicht mehr wute, wer Koch oder
Kellner war, daher in dieser Verwirrung keinen Leitfaden finden konnte,
der ihr den rechten Weg gezeigt htte. Auch wollte sie es mit keiner
Partei verderben. Die wenigen spanischen Truppen, die noch in Madrid
lagen, es waren kaum zweitausend Mann, wurden in den Kasernen
konsigniert, als die Grung auf das hchste gestiegen war. Es gab jetzt
schon blutige Raufereien zwischen den Einwohnern und unseren Truppen.
Unsere Artillerie war sehr zahlreich in Buen Retiro aufgestellt, um im
Falle der Not jeden Augenblick bereit zu sein. In Madrid selbst stand
die kaiserliche Garde zu Fu und zu Pferd, eine Division von der Linie,
eine Brigade Reiterei und so weiter. In Aranjuez und der Umgegend lagen
noch an dreiigtausend Mann. Als das Unwetter drohte, erhielten wir
Order, im Prado zu biwakieren. Das Kloster des heiligen Bernhard war mit
Soldaten angefllt, die nicht aus den Kleidern kamen und Tag und Nacht
unter Gewehr standen, auf das geringste Alarmzeichen passend. -- Als
Murat nun dem noch in Madrid anwesenden Infanten Don Antonio mitteilte,
da er von Karl IV. den Auftrag erhalten habe, die Knigin von Hetrurien
mit ihrem dreizehnjhrigen Sohne auch nach Bayonne zu schicken, da
erklrte die Junta, da sie den letzteren nicht ohne den ausdrcklichen
Befehl des Knig Ferdinand abreisen lassen wrde. Murat entgegnete, da
er alle Verantwortung deshalb auf sich nehme, und bestimmte den 2. Mai
(1808) zum Tag der Abreise der Knigin und ihres Kindes. Als dies in der
Hauptstadt bekannt wurde, setzten deren Einwohner alle noch bis jetzt
beobachteten Rcksichten beiseite und riefen laut in den Straen die
infamierendsten Schmhungen gegen den Kaiser der Franzosen, aus dem sie
einen _picaro, un cobarde ladron_ machten. Da auch seit einigen Tagen
die Nachrichten aus Bayonne ausblieben, so vermutete man, da daselbst
das rgste vorgefallen sein msse, und sprach von Ermordung und
Vergiftung der beiden Prinzen, Don Ferdinand und Don Carlos, durch
Godos Einflu. Auch die Weiber wurden nun wtend, und wo man eine
franzsische Uniform sah, murmelte man: _perro francs_. So war die
Stimmung am 2. Mai, und die ungeheure pulverschwangere Mine erwartete
nur den zndenden Funken, um alles zertrmmernd in die Luft zu sprengen.
Dieser Funke war die Abreise der Knigin von Hetrurien. Die
vorhergehende Nacht stand die ganze Garnison unter dem Gewehr und starke
Patrouillen kreuzten in allen Richtungen. Dies hinderte nicht, da sich
schon mit Tagesanbruch eine unermeliche Menge Volk vor dem Palast
versammelte, den die Knigin bewohnte. Unter diesen Haufen war eine
Menge Weiber aus den untersten Klassen und alle hatten drohende
Gesichter. Die Vorbereitungen zur Abreise wurden auf das schleunigste
betrieben, und es gelang, da die Knigin mit ihren Kindern noch vor
neun Uhr abfuhr. Noch waren die Wagen ihres Gefolges zurck, welche das
versammelte Volk fr den Infanten Don Francisko bestimmt glaubte, der,
wie man versicherte, sich weigere, abzureisen, und in Verzweiflung sei.
Wie ein Lauffeuer verbreitete sich dieses Gercht unter den Massen,
worauf die Weiber laut zu heulen und zu schreien, die Mnner aber zu
fluchen und zu schimpfen begannen und alle Verwnschungen gegen die
Franzosen ausstieen. Gerade in dem Augenblick, als die Erbitterung auf
das hchste gestiegen war, kam Murats Adjutant Lagrange aus dem Palast,
und eine Stimme rief laut: Das ist der _picaro_, der den Infanten mit
Gewalt fortschleppen will! Man umringt sogleich den Offizier, schimpft
und stt ihn, er zieht den Degen, war aber am Unterliegen, als sich
eine Grenadierpatrouille bis zu ihm Platz macht und ihn dem
unvermeidlichen Tod entreit. Dies war das Zeichen zum allgemeinen
Aufstand der ganzen Bevlkerung Madrids. In wenigen Augenblicken sind
alle Straen mit bewaffneten Brgern und Bauern angefllt, die Piken,
Dolche, Gewehre, Hellebarden und so weiter handhaben. Die Trompeten
schmettern, die Trommeln wirbeln den Generalmarsch und die Sturmglocken
heulen durch die Lfte. An den noch nicht abgegangenen Wagen zerhaut das
Volk die Strnge, ohne da es das herbeieilende Pikett-Bataillon, das
bei Murat die Wache hat, verhindern kann. Wir alle glaubten, da dies
der Ausbruch einer tiefangelegten Verschwrung, alle Franzosen zu
morden, sei. Aber es war nur die natrliche Folge des allgemeinen
Unwillens, den der emprte Nationalstolz hervorbrachte. Die wtenden
Brger rennen jetzt mit Eisenstcken, Kntteln, Spieen, alten
Schwertern, Bchsen und so weiter durch alle Straen und schlagen alle
Franzosen, denen sie einzeln oder in geringer Zahl begegnen, gleich
tollen Hunden tot. Nicht besser ergeht es jenen, die sich noch hier und
da in den Husern befinden, wie Kommissre, Offiziersbediente und so
weiter. Adjutanten und Offiziere, welche Orders an Korpskommandanten zu
berbringen haben, werden von den Pferden herabgerissen, gesteinigt und
tdlich verwundet. Aus vielen Fenstern wird auf alle vorbeieilenden
Franzosen geschossen oder siedendes Wasser und l auf sie herabgegossen,
und jetzt entspinnt sich an hundert Orten zugleich der wtendste,
blutigste Kampf. Unser Bataillon, das noch in der Nhe des Tores von
Segovia unter den Waffen stand, erhielt Order, sich auf die Hhen vor
dem Tor Sankt Vinzenz zu begeben, wohin mehrere Truppen ihre Richtung
nahmen, wo Murat seinen Standpunkt gewhlt hatte und von wo aus er seine
Befehle nach allen Richtungen sandte. Reitende Ordonnanzen gingen
_ventre  terre_ ab, den in der Umgebung kampierenden Truppen die
Befehle zu berbringen, auf das schleunigste gegen die Hauptstadt zu
marschieren. Hierauf wurden die Kolonnen gegen verschiedene Straen und
Pltze der Stadt in Marsch gesetzt. Die breite Strae Alcala wurde mit
Karttschen gesubert, die Kavallerie der Garde und die Lanciers hieben
und stachen auf die Massen ein. Unser Bataillon sowie ein groer Teil
der Infanterie lief, in Peletons abgeteilt, durch die Straen und drang
in Huser, aus denen man geschossen hatte. In einem Hause der Calle San
Bernardo hatte ich die grte Mhe, drei Frauen und einen Knaben der Wut
der erbitterten Soldaten zu entziehen, um ihnen das Leben zu retten,
konnte aber nicht verhindern, da zwei der ersteren dennoch geschndet
wurden. Immer mehr Truppen kamen jetzt in die Stadt, aber von der
anderen Seite auch Tausende von bewaffneten Landleuten aus der Umgegend,
die den Brgern zu Hilfe eilten, und Geistliche und Mnche, mit dem
Kruzifix in der Hand, stellten sich an die Spitze der Volkshaufen und
ermutigten sie zum verzweifelten Kampf. Um elf Uhr vormittags hatte das
wtendste Gefecht schon auf allen Punkten begonnen und nahm mit jedem
Moment zu. Das spanische Militr war noch immer in seinen Kasernen
konsigniert und hatte Befehl, die strengste Neutralitt zu beobachten.
Ein Haufen Volk eilte hin, diese Truppen aufzufordern, sich mit ihm zu
vereinigen; aber vergeblich. Die Kommandeurs hielten sie zurck, und nur
einigen gelang es, sich unter das Volk zu mischen. Dieses war so
wutentbrannt, da es sich oft blindlings mit Dolchen oder Stcken in
unsere Reihen strzte und sich sterbend glcklich pries, wenn es ihm
gelungen war, einen der Unsrigen zu verwunden. Mitten unter diesen,
gleich Lwen fechtenden Haufen standen Weiber mit fliegenden Haaren,
flatternden Mantillen, welche die Mnner zum Ausharren im Kampf
aufmunterten, ja selbst vor der im Galopp heransprengenden Reiterei
nicht zurckwichen. Als einige den Ruf: Nach dem Park, holt Waffen!
hren lieen, rannte das Volk dahin, um sich der daselbst vorhandenen
Kanonen und vieler tausend Gewehre zu bemchtigen. Aber der dort die
Wache habende Offizier, ein spanischer Artillerieleutnant, weigerte
sich, dieselben auszuliefern. Als man noch deshalb hin und her stritt,
kam ein anderer Offizier namens Ruez mit einer Abteilung von fnfzig
Mann, die den Park schtzen sollten. Aber statt dessen lie er das Volk
gewhren, ffnete ihm sogar die Tren, und es bemchtigte sich schnell
der vorhandenen Gewehre, wohl ber zehntausend, sowie der Munition. Auch
die sich in dem Park befindenden Kanoniere nahmen Partei fr das Volk,
zogen Kanonen heraus und pflanzten sie in verschiedenen Straen, wo sie
glaubten, da die Franzosen herkommen wrden, auf. In diesem Augenblick
rckten unsere Kolonnen in der Strae San Bernardo vor, denn wir hatten
Befehl, uns des Parkes um jeden Preis zu bemchtigen. Als uns das Volk
gewahr wurde und heranlaufen sah, feuerte es die Kanonen ab, und der
Kommandant unserer Kolonne strzte mit noch mehreren anderen Soldaten an
der Spitze derselben tot nieder, whrend andere schwer verwundet wurden.
Dies veranlate, da die Kolonne zurckwich; hierdurch entstand
Unordnung, und mehrere der Unsrigen fielen in die Hnde des wtenden
Volkes. Doch brachte der jetzt befehlende Bataillonschef Carlier die
Truppen bald wieder zum Stehen, und ein spanischer Kapitn, den die
Regierungs-Junta als Parlamentr abgesandt hatte, stellte sich, mit
einem weien Tuch winkend, an unsere Spitze, seinen Landsleuten
zurufend, sie mchten mit dem Feuern einhalten, wir seien von der Junta
abgeschickt, den Park nur zu schtzen. Das Volk hrte zwar auf diesen
Befehl, als wir aber weiter vorrcken wollten, rief man uns zu: um zu
beweisen, da wir als Freunde kmen, sollten wir die Waffen ablegen; und
da wir, wie natrlich, dies nicht taten, feuerten sie aufs neue. Jetzt
begann ein uerst hartnckiges Gefecht, das damit endigte, da wir die
Kanonen mit bedeutendem Verlust im Sturm nahmen und so Herren des Parkes
wurden. Aber der grte Teil der Waffen und des Pulvers waren schon
weggenommen.

Der Kampf hatte sich nun in fast alle Gegenden und Straen Madrids
verbreitet, obgleich sich mehrere Mitglieder der Junta die unsglichste
Mhe gaben, dem Blutvergieen Einhalt zu tun, und mit Lebensgefahr durch
die Gassen ritten, weie Tcher schwingend. Immer mehr gestaltete sich
die Schlacht, denn das war sie, und zwar mitten in einer Stadt, zu
unserem Vorteil. Aber jetzt waren auch die Unsrigen bis zur Wut
entflammt, da sie allenthalben auf die entsetzlich verstmmelten Leichen
ihrer Kameraden stieen; besonders waren viele Mameluken von der Garde,
welche die Orders zu berbringen hatten, gefallen. Sie verbten deshalb
barbarische Grausamkeit gegen die ihnen in die Hnde geratenen Spanier
und machten unter anderen ohne Unterschied alles nieder, was sich in
eine Kirche geflchtet hatte. Bis nach drei Uhr nachmittags whrte
dieses schreckliche Gemetzel und der Kampf. Ich habe nie hnliche Blut-
und Mordszenen, weder vor noch nach diesem Tage mehr gesehen, und lange
verfolgte mich die Erinnerung an dieselben. Als das Volk endlich sah,
da es berall den krzeren zog, suchten die in die Stadt gekommenen
Landleute zu entfliehen. Sie wurden aber grtenteils von der Kavallerie
eingeholt und niedergehauen. Einem solchen armen Teufel, einem schon
ziemlich bejahrten Bauern, rettete ich das Leben, indem ich mit meinem
Degen den fallenden Hieb des Kavalleristen parierte, der ihm den Kopf
gespalten haben wrde. Dagegen erhielt ich den etwas gelhmten Hieb in
den rechten Arm, so da er durch das Fleisch bis auf den Knochen ging,
der jedoch nicht ldiert wurde. Dennoch brachte ich ber vierzehn Tage
an der Heilung dieser Wunde zu, die mich von allen, die ich erhalten, am
meisten freute, wenn ich mich an den armen Teufel erinnerte, der die
blanke Klinge, die ihm den Tod bringen sollte, schon ber seinem Haupte
blitzen sah, sich zusammenkauerte, und unerwartete Rettung fand. Der
Dragoner, dem ich zuredete, doch menschlicher zu sein, dankte mir
zuletzt noch, ihn an der Ttung des alten Mannes verhindert zu haben,
und verband mir die Wunde vorlufig.

Wieviel Tote das Volk an diesem schrecklichen Tage hatte, konnte nicht
genau ermittelt werden. Whrend einige mehr als tausend zhlen wollten,
behaupteten andere, es seien kaum hundert gewesen. Keines von beiden mag
richtig sein; wir hatten jedoch an dreihundert Tote und ber tausend
Verwundete.

Noch denselben Abend wurde ein Teil der mit den Waffen in der Hand
Gefangenen von einer Militrkommission zum Tode verurteilt und sogleich
in der Nhe des Prado erschossen. Ebenso erging es allen, welche die
Patrouillen unterwegs auffingen und bei denen man auch nur ein Messer
oder sonst ein schneidendes Instrument fand. Es wurde ihnen weder zu
beichten noch die Trstungen eines Priesters gestattet. Sie muten ohne
Absolution aus dem Leben gehen, was ihnen rger als der Tod selbst war.
Diese Exekutionen dauerten auch noch den anderen Tag fort und machten
Murats Namen, sowie alle Franzosen in ganz Spanien schrecklich verhat.
Jetzt hatten Pfaffen und Mnche gutes Spiel, und jeder Spanier suchte
bald einen Franzosenmord auf dem Gewissen zu haben, um direkt in den
Himmel zu kommen.

Eine Proklamation, die Murat am 3. Mai erlie, verkndete, da jeder
Spanier, der mit irgendeiner Waffe gefunden, auf der Stelle erschossen,
da jeder Ort, in welchem ein Franzose gettet, niedergebrannt wrde,
und die Vter fr ihre Shne, die Meister fr ihre Gesellen, die bte
fr ihre Mnche und so weiter haften mten. Dies emprte die Gemter
nur noch mehr, whrend das fortdauernde Erschieen in den nchsten
vierundzwanzig Stunden alle spanischen Herzen racheglhend machte.
General Grouchy war der Prsident der Militrkommission, die diese
blutigen Urteile sprach, und nicht weniger als dreihundert Unglckliche,
sowie alle in der Infanteriekaserne gefangen sitzenden Insurgenten
kommandomig erschieen lie. Viele wurden auch des Nachts aus ihren
Wohnungen und Betten geholt und zum Richtplatz geschleppt. Den 4. Mai
lste Murat dieses grliche Blutgericht wieder auf, nachdem ihm auch
die Junta die dringendsten Vorstellungen deshalb gemacht, und es wurde
nun eine Amnestie verkndet, aber bei Todesstrafe geboten, alle Waffen
abzuliefern. Dennoch tteten die Mameluken noch mehrere Spanier im
Augenblick der Amnestie, und viele hundert Einwohner Madrids entflohen,
derselben nicht trauend, in die Provinzen, wohin sie die schreckliche
Neuigkeit des Blutbades in der Hauptstadt mit den schwrzesten Farben
und mit Blitzesschnelle verbreiteten. Die Geistlichkeit vergrerte
diese, ohnehin schon entsetzlichen Vorflle noch hundertmal durch ihre
geheimen Kanle, und bald war kein Winkel mehr in ganz Spanien, der
nicht vor Rache glhte. Am 3. Mai mute nun auch noch der
zurckgebliebene Infant Don Francisko nach Frankreich abreisen, und den
4. Mai folgte ihm der Infant Don Antonio. Jetzt waren alle Mitglieder
der kniglichen Familie aus dem Land.

Grabesstille war pltzlich in Madrid eingetreten. Murat stellte sich als
Prsident der Junta an die Spitze derselben und wurde kurz darauf von
Karl IV. von Bayonne aus zum Generalleutnant des Reiches ernannt.

Meine Wunde verhinderte mich weder am Ausgehen noch an den
Dienstverrichtungen. Ich trug nur den Arm in einer Binde. Fnf oder
sechs Tage spter, als ich _du jour_ war und ausritt, Wachen zu
inspizieren, begegnete ich in der Strae de Atocha Murat mit seiner
ganzen Suite zu Pferde. Nachdem ich ihm salutiert, fragte er mich, wo
ich die Wunde erhalten, und als ich getreuen Bericht erstattet, sagte
er: Das war wohl auch der Mhe wert, blessiert zu werden, um so einem
Briganten das Leben zu retten; indessen zeigt es von Gromut, und die
ist nie ohne Mut. Wie heien Sie? -- Ich sagte ihm meinen Namen, und
als er weiter fragte: Woher? und ich ihm: Aus Frankfurt am Main
erwiderte, versetzte er: Also ein Deutscher, und aus Frankfurt. Dort
ist auch ein bses Volk; das hat zu Custines Zeiten die Franzosen in den
Straen ermordet. Wie kamen Sie in unsere Dienste? -- Mit wenig Worten
teilte ich dies dem Groherzog mit, der davonsprengend mir noch zurief:
Es ist gut, ich werde mich Ihrer erinnern. Dies wre wohl schwerlich
geschehen, htte mich der Zufall nicht spter wieder in seine Nhe
gebracht und ihm bemerkbar gemacht.

Nach den Vorfllen des 2. Mai hatte ich noch einmal eine Zusammenkunft
mit meiner schnen Donna, deren Wohnung ich infolge dieser Ereignisse
verlassen, veranstaltet, bei der sie mir ganz ohne Hehl erklrte, da,
so sehr sie mich auch liebe, sie wohl imstande wre, mich zu vergiften
oder zu erdolchen, und mir das Messer im Herzen umzudrehen, wenn es die
Madonna so wolle, und ich, wie fast alle Franzosen, ein Ketzer, ein
Feind Christi und des heiligen Vaters zu Rom sei, wie sie ihr
Beichtvater versichert, auch ihre Landsleute habe morden helfen. Dabei
sprhten ihre Augen Feuer, aber es war nicht das der Liebesglut, sondern
es waren Funken des Zornes, und alle ihre schnen Adern schwollen auf.
Als ich die hbsche Senora sich so gebrden und entstellen sah,
frchtete ich, da sie eine Art Wahnsinn befallen habe und suchte
mitleidsvoll sie zu beruhigen, was mir nicht ohne die grte Mhe
gelang, nachdem ich sie versichert, da, weit entfernt, ihre Landsleute
zu tten, ich deren sogar gerettet habe, folglich der beste Christ sei,
den die Sonne bescheine und ebenso gut an Gott glaube wie sie. -- Aber
auch an die Madonna? -- Gewi, da sie wohl so schn wie du selbst
ist. Bei diesen Worten kte ich den kleinen Satan auf die Stirne. Ich
erfuhr noch von ihr, da die Geistlichen versicherten, da alle Frauen,
die irgend einen Kommerz mit einem franzsischen Ketzer htten, mit
diesem zum ewigen Schmoren im Hllenpfuhl verdammt seien. Ich suchte ihr
diese Possen bestmglichst auszureden, und riet ihr, es so zu machen wie
meine schne Kalabreserin zu Monteleone, nmlich, wenn sie denn doch
ihre Snden beichten msse, nicht zu sagen, mit wem sie gesndigt habe.
Dann wrde sie ja doch Absolution erhalten, die immer vollgltig wre
und ihr niemand bestreiten knne. Mehrere, anfnglich halb erzwungene
Ksse machten, da sie bald wieder von einem anderen Feuer als dem des
Zornes glhte. Es gelang mir, sie zu berzeugen, da ich wahr
gesprochen; der Friede zwischen uns wurde aufs neue geschlossen und
besiegelt. Als sie vertrauensvoll in meine Arme sank und sich an mich
schmiegte, fhlte ich den Druck eines harten Gegenstandes an ihrer
linken Seite. Ich griff mit den Hnden darnach und fate einen ziemlich
langen Dolch in einer mit Silber beschlagenen Scheide. -- Aber, mein
Engel, zu was diese mrderische Waffe? -- Sie war dir bestimmt, um
meine Seele zu retten, wenn ich einen Ketzer in dir gefunden htte. --
Aber weit du denn nicht, da Todesstrafe und augenblickliches
Erschieen darauf steht, wer auch nur eine Schere bei sich trgt? sagte
ich lachend zu ihr und entri ihr das Mordinstrument. Sie sprang nun an
mir herauf, um es mir zu entwinden. -- Mit nichten, mein holder Engel,
sagte ich, den Dolch festhaltend, den behalte ich zum ewigen Andenken
an dich und diese Stunde. Ich wollte sie jetzt verlassen, allein sie
warf sich zwischen mich und die Tre und fragte mich in allem Ernst, ob
ich Lust habe, sie anzugeben, und auf den Knien rutschend bat sie mich
um der Madonna und aller Heiligen willen, sie doch nicht zu verraten.
Ich hob sie auf, kte ihr die Trnen von den Wangen, und sie
beruhigend, bat ich sie, mir mit dem Dolch ein Geschenk zu machen, wozu
ich sie nur durch vieles Bitten bewegen konnte. Bevor ich mich
entfernte, sagte ich ihr noch: Wie, und wenn ich nun doch ein Ketzer
wre? -- Unmglich, rief sie aus, mir um den Hals fallend, unmglich
kannst du mich so unglcklich machen wollen. Wir trennten uns mit dem
beiderseitigen Versprechen, uns bald wiederzusehen, und sie gab mir den
letzten Feuerku. -- Es war wirklich der letzte, denn ehe ich wieder ein
Rendezvous mit ihr haben konnte, bekam das Bataillon Befehl, nach
Toledo, wo Dupont noch stand, auszumarschieren, und ich sah Donna
Calvanillas nicht und Madrid nur im Fluge wieder.

Zu dem Toledotor hinaus, ber die schne Toledobrcke, welche ber den
Manzanares fhrt und schon unter Philipp II. erbaut wurde, aber mit
komischen Zieraten berladen ist, marschierten wir durch das Stdtchen
Getafe nach Illescas, wo wir eine Nacht blieben, und dann ber Olias den
dritten Tag in Toledo ankamen. Der Weg war kahl und de und wurde erst
von Olias aus etwas baum- und pflanzenreicher. Die Drfer, durch die wir
kamen, waren meist wie ausgestorben und auch in den Stdten herrschte
eine Grabessruhe, viele Huser waren gnzlich geschlossen. Wir kamen
noch ziemlich frh am Tage in Toledo an, wo wir durch das Tor Visagra
einrckten, und zuerst in einem Kloster und seinen Kreuz- und Quergngen
einquartiert, zwei Tage darauf aber in die Umgegend verlegt wurden.

Diese alte berhmte Stadt wurde im sechsten Jahrhundert der Sitz der
Knige des gotischen Reiches, denen es im achten Jahrhundert die Mauren
abnahmen, welche dem Kalifen von Bagdad gehorchten. Im Jahre 1027 wurde
Toledo die Hauptstadt eines besonderen Maurenreiches, bis 1085 Alphons
VI., mit dem Beinamen der Mutige, Knig von Castilien und Leon, diese
Stadt eroberte. Beinahe vierhundert Jahre (711-1085) war sie im Besitz
der Araber geblieben. Die Mauren konnten lange diesen Verlust nicht
verschmerzen und belagerten 1109 die Stadt unter dem Befehl ihres
Frsten Hali, aber nachdem sie die ganze Umgegend sowie Madrid und
Talavera mit Feuer und Schwert verheert hatten, muten sie die
Belagerung aufgeben. Vier Jahre darauf begannen sie eine zweite ebenso
vergeblich, da der tapfere Nuez die bedrngte Stadt rettete, die
dreizehn Jahre darauf zum drittenmal, aber ebenso fruchtlos von ihnen
bestrmt wurde. Spter hatte sie gewaltig durch ihre innerlichen Kriege
zu leiden, ihre Mauern wurden zerstrt, ihre schnsten Gebude in Asche
gelegt, ihre Brger ermordet. Und 1461 flo unter Heinrich dem
Ohnmchtigen das Brgerblut in allen Straen in Strmen, sogar in den
Kirchen. An fnfzig Orten loderten die Flammen zugleich empor. 1641
hatte sie ein hnliches Schicksal. Ehedem war Toledo sehr blhend und
bevlkert, an hunderttausend Arbeiter wurden in ihren Manufakturen
beschftigt, und die Zahl ihrer Einwohner war ber zweihunderttausend.
Jetzt zhlte sie kaum einige zwanzigtausend. Die Cortes hatten sich hier
fters versammelt, zum erstenmal 589. Zwanzig Konzilien wurden dort
gehalten, von denen das letzte 860 unter der Herrschaft der Mauren.
Allenthalben stt man auf berreste ihrer ehemaligen Gre. Noch
bezeichnen niedriges Mauerwerk, Stein- und Erdhaufen deren frheren
Umfang. Ihre Straen sind enge und oft sehr steil, schlecht gepflastert
und ebenso unterhalten. Man mu fast immer bergauf und bergab steigen,
in den meisten knnen sich keine zwei Wagen ausweichen. Sie enthlt
jedoch mit die merkwrdigsten Baumonumente ganz Spaniens, an deren
Spitze fglich der Alcazar, das alte maurische Schlo, steht, der im
hchsten Teil der Stadt liegt. Alphons X. hat ihn wieder ganz herstellen
lassen und Karl I. abermals ausgebessert. Im Erbfolgekrieg begingen die
Portugiesen den Vandalismus, bevor sie sich zurckzogen und nachdem der
Friede schon geschlossen war, dieses Gebude anzuznden, wodurch es zum
Teil sehr beschdigt wurde. An dem Eingangstor desselben sind zwei der
berhmtesten Gotenknige, die in Spanien regierten, Recesscinto und
Recaredo, beide herrschten im siebenten Jahrhundert, in Stein
abgebildet. Die Fassade des Alcazar ist ber hundertfnfzig Fu hoch,
von majesttischem Ansehen und einfacher Erhabenheit. In seinen
unermelichen unterirdischen Gewlben haben Tausende Raum. Auch seine
Kirche oder Kapelle verdient gesehen zu werden.

Wir lagen indessen in recht elenden Drfern oder in deren Nhe und
biwakierten grtenteils. Die Hitze wurde mit jedem Tag grer und
unertrglicher, und oft mangelte es uns an allem, sogar an frischem
Wasser. Dabei wurden die aus ganz Spanien einlaufenden Nachrichten immer
bedenklicher. Allenthalben hatte man die Standarte der Rebellion, wenn
man die rechtmige Erhebung eines Volkes gegen einen fremden Ruber so
nennen darf, aufgepflanzt. Die Flammen eines das ganze Reich umfassenden
Brandes loderten an allen Orten zum Himmel empor, wozu die von Bayonne
eingehenden Berichte, welche die Verzichtleistung Ferdinands und der
Infanten Don Carlos und Don Antonios auf den spanischen Thron
verkndeten -- die ganze kniglich spanische Familie war jetzt in den
Klauen Napoleons --, am meisten beitrugen. Aber was den allgemeinen Zorn
wie durch einen Blitz entzndete, war die Bekanntmachung, da die Junta
zu Madrid sich einen neuen Knig vom Kaiser der Franzosen erbat, wozu
sie durch Murat veranlat oder besser gezwungen war.

Ungefhr drei Wochen mochten wir in der Umgegend von Toledo, aber nicht
auf Rosen, kampiert haben, als wir Order erhielten, nach Madrid
zurckzukehren, was wir auf demselben Weg, den wir gekommen,
bewerkstelligten. Daselbst erfuhren wir, da Napoleon auf den 15. Juni
eine spanische Junta nach Bayonne berufen habe. Auch wurde Tag und Nacht
an der Befestigung der Anhhen von Retiro gearbeitet, wodurch man die
Hauptstadt im Zaume zu halten hoffte. Das Seltsamste aber war, da das
sonst so gefrchtete allerhchste Inquisitionsgericht in seinem
Unterwerfungseifer gegen Murat und Napoleon noch viel weiter als die
gehorsame Junta und andere Behrden, die jetzt vllig unter
franzsischem Einflu standen, ging, und die Priester und Pfaffen
aufforderte, den Unwillen des Volkes auf die Urheber der Exzesse und des
Aufstandes vom 2. Mai zu lenken, woran sich aber die Geistlichkeit wenig
kehrte. Freilich war die Sache so doppelsinnig wie ein delphischer
Orakelspruch, denn wer waren die eigentlichen Urheber? -- Am
unterwrfigsten aber hatte sich doch der Erzbischof von Toledo, der
Primat von Spanien, gezeigt.

Nur ein Ruhetag wurde uns in Madrid gestattet, worauf wir den Marsch
nach Aragonien antreten muten. Die verschiedenen franzsischen
Armeekorps in Spanien waren jetzt in Navarra, Katalonien, Leon, Alt- und
Neukastilien verteilt und mochten wohl ber achtzigtausend Mann stark
sein. Aber es waren nur wenig gediente Soldaten dabei, die Mehrzahl
bestand aus jungen Konskribierten. Wir verlieen Madrid durch das Tor
Alcala, auf dem Wege nach Aragonien zu marschierend, kamen ber
verschiedene unbedeutende Drfer und biwakierten die erste Nacht in der
Umgegend von Torrejon de Ardos, einem ziemlich groen Flecken, der links
von der Strae lag. Den folgenden Tag kamen wir nach Alcala de Henarez,
wo wir aber nur wenige Stunden kampierten und daselbst die Nachricht von
den Aufstnden in Cartagena und Valencia erhielten, die mit den
grellsten Farben ausgemalt wurden. Unsere Soldaten durften nicht in die
Stadt; dies wurde ausnahmsweise nur einigen Offizieren, unter denen auch
ich, erlaubt. Der Ort ist mit Mauern umgeben und hat eine im sechzehnten
Jahrhundert von dem berhmten Kardinal Ximenes gestiftete Universitt.
Was aber Alcala de Henarez vor allem berhmt macht, ist, da der
unsterbliche Cervantes hier geboren wurde. Ganz nahe bei der Stadt lag
das _Complutum_ der Rmer, von dem man auf einem ziemlich steilen Hgel
jenseits des Flusses Henarez noch die Ruinen eines Kastells sieht. Im
achten Jahrhundert fiel auch diese Stadt in die Hnde der Mauren und
wurde ihnen erst 1118 durch den Mnch Bernhard, spter Erzbischof von
Toledo, wieder entrissen, aber bei dieser Gelegenheit schrecklich
verheert.

Wir brachen nach kaum vier Stunden Rast wieder auf und passierten fast
trockenen Fues den Henarez -- die ber denselben fhrende Brcke war
schon seit fnfzig Jahren verfallen --, in der Nhe von Guadalaxara. Der
Weg von Alcala ging meistens durch groe und schne Ebenen, war auf der
einen Seite von Bergen begrenzt, whrend wir auf der anderen fast immer
den Henarez im Angesicht hatten. In einem Kloster von Guadalaxara
bernachteten wir. Diese Stadt hatte ziemlich ein gleiches Schicksal mit
der vorhergehenden. Alvar Fanez, ein Vetter des berhmten Cid, entri
sie 1081 den Mauren. Sie liegt in einer Ebene nahe am Henarez und mag an
zwlftausend Einwohner haben. Der Palast der Herzge de l'Infantado und
die groe Franziskanerkirche mit der Familiengruft dieses Hauses sind
ihre sehenswrdigsten Gebude. Hier besttigten sich nicht nur die
erhaltenen Nachrichten von den Aufstnden, sondern man erhielt neue, die
verkndeten, da bereits der grte Teil von Spanien in vollem Aufruhr
und franzsisches Blut schon in Strmen geflossen sei, sowie da jeder
dem Volk verdchtige Spanier, namentlich alle Anhnger Godos oder der
Franzosen, ermordet wrden. Auch wir begegneten berall nur finsteren,
nichts Gutes prophezeienden Gesichtern. Wir setzten indessen unseren
Marsch nach Aragonien noch unangefochten fort und schlugen den dritten
Tag unser Biwak bei dem Dorf Grajanejos, nachdem wir durch die
verfallene Stadt Torrijo marschiert waren, auf, und den vierten
kampierten wir bei den Drfern Torremocha und Algora. In der Kirche des
letzteren befindet sich ein ganz vergoldeter Hochaltar, dessen
Vergoldung ber fnfzigtausend Realen kostete und erst 1788 gemacht
wurde. Unser nchstes Biwak war bei dem Weiler Torre. Auf dem Marsch
dahin kamen wir durch eine so enge Schlucht, da man die Felsen auf
beiden Seiten manchmal zugleich mit den Hnden ergreifen konnte. Wir
wurden nun in der Umgegend von Siguenza und zum Teil in die Stadt selbst
verlegt, die auf einem Hgel am Henarez liegt. Hier weilten wir mehrere
Tage und erhielten die uns alle in Erstaunen setzende Nachricht, da
Napoleons Bruder Joseph, der bisherige Knig von Neapel, zum Herrscher
von Spanien ernannt sei, aber zugleich auch die, da ihn ganz Spanien
zurckstoe und sich zu Sevilla schon eine Regierungsjunta gebildet
habe, welche das Reich in Abwesenheit der rechtmigen Monarchen
regieren wolle, die gegen die Franzosen uerst feindselig gesinnt sei,
und man berall: Es lebe Ferdinand, Tod den Franzosen! rufe. Bald
darauf kam die Nachricht, da diese Junta Frankreich frmlich den Krieg
erklrt habe. Auch in Altkastilien hatten die Einwohner schon zu den
Waffen gegriffen, Ferdinand VII. zum Knig ausgerufen und Murats
Proklamationen dem Feuer bergeben. In Navarra, Biscaya, Aragonien,
Valencia, Tortosa, Andalusien, Murcia, zu Lerida, Badajoz und so weiter
loderten die Flammen des Aufstandes, und die spanischen Garden, welche
Ferdinand bis an die Grenzen des Reiches eskortiert hatten und nun zu
Tolosa und Hernani standen, forderten laut ihren Knig zurck, allen
Franzosen mit dem Tode drohend. Das gesamte Volk, von den Pfaffen
gehetzt, atmete nur noch Blut und Rache. In allen Stdten, wo wir nicht
die Oberhand hatten, bildeten sich schnell Provinzial-Junten, welche das
unter die Waffen gerufene Volk in Korps organisierten. Vom siebzehnten
bis zum vierzigsten Jahre traten alle mnnlichen Einwohner unter das
Gewehr, und die Franzosen, welche schon lngere Zeit Spanien als
Privatleute oder ein Gewerbe treibend bewohnten, konnten oft dem Tod nur
dadurch entgehen, da die Behrden sie ins Gefngnis setzten. Eine der
wtendsten Proklamationen war die der Junta von Valladolid, die auch
ihren Zweck, die Ermordung der Franzosen anempfehlend, nur zu sehr
erreichte. Dabei fehlte es nicht an Wundern, die allenthalben, den
Untergang der Franzosen vorhersagend, geschahen. Madonnenbilder lieen
dicke Schweitropfen fallen oder schwitzten sogar Blut. Auf
Heiligengrbern hrte man unterirdisches Waffengetse, der Blitz schlug
in franzsische Kirchen und verschonte nur Madonnen- und Heiligenbilder
und so weiter. Das Niedermetzeln der Spanier vom hchsten Rang, die man
den Franzosen gnstig glaubte, sowie die Vorgnge zu Cadix bewiesen,
welchen Grad die Wut der Geistlichkeit und des Volkes erreicht hatte.
Die Junta zu Sevilla erklrte nun auf das feierlichste, da Spanien
nicht eher die Waffen niederlegen wrde, als bis Ferdinand wieder auf
dem Thron se und die Franzosen alle gettet oder zum Lande
hinausgejagt seien, und sie hielt Wort. Dies waren die Folgen der so
arglistigen als dumm gesponnenen Intrigen Napoleons und seiner
kurzsichtigen Politik. In ganz Spanien erhob sich ein Freudengeschrei,
als die Nachricht, da die franzsische Flotte zu Cadix, bei der fnf
Linienschiffe waren, habe kapitulieren mssen, und da die Bemannung,
ganz gegen den Vertrag der Kapitulation, in abscheuliche Gefngnisse
gesteckt und mihandelt wurde. Denn, wer braucht einem so
niedertrchtigen Schurken, wie der Kaiser der Franzosen ist, der Treu'
und Glauben nicht kennt, Wort zu halten? sagten die Spanier.

Noch standen wir in der Gegend von Siguenza, hufig die Biwaks
wechselnd, aber nur des Nachts marschierend, whrend wir am Tage in der
Sonnenhitze brieten, und es immer unheimlicher um uns herum zu werden
begann. Eine Zeit lang wuten wir gar nicht, woran wir waren, da wir
weder weitere Orders noch irgendeine bestimmte Nachricht erhielten. Bald
hie es, Napoleon sei selbst in Madrid eingerckt, dann wieder, alle
Franzosen seien daselbst ermordet worden, man habe die Stadt an
vierundzwanzig Stellen zumal angezndet und so weiter. So trieben wir
uns unstt in der Provinz Guadalaxara herum, wo alles ebenfalls einen
nahen Aufstand zu verknden schien, und unsere Patrouillen schon
mehrmals von Bauernhaufen, die von einem Mnch oder Geistlichen
angefhrt waren, angegriffen wurden. Wir erfuhren zwar, da Napoleon den
15. Juni die Junta in Bayonne erffnet habe, da Dupont in Andalusien
Cordua erstrmt habe und Moncey vor Valencia stnde, im Begriff, diese
Stadt einzunehmen, aber bald darauf, da sich beide wieder htten
zurckziehen mssen. Endlich kam uns die Order, zu dem Korps zu stoen,
das bereits unter Verdier auf dem Marsch nach Aragonien begriffen sei,
um das Belagerungsheer von Saragossa zu verstrken. Wir machten nun
nchtliche Eilmrsche, am Tage biwakierend, zum Teil durch ziemlich
waldreiche Gebirge. An der Grenze, die Kastilien von Aragonien scheidet,
stand ein alter Turm, den wir besetzten, aber beim Aufbruch des Biwaks
den Posten wieder an uns zogen. Nachdem wir das Dorf Sisamon passiert
hatten, wurden die Gebirgswege immer waldiger, und gar leicht htten wir
berfallen werden und es uns gehen knnen wie den Rmern in den
kaudinischen Engpssen, denn wir marschierten ziemlich unvorsichtig
voran, konnten auch keine Seitenpatrouillen absenden, und muten Vor-
und Nachhut fast immer im Gesichte behalten. So gelangten wir nach
Techa, einem groen Dorf, durch welches der Xalon fliet, ber den eine
steinerne Brcke fhrt. Hier befand sich ein Turm, der auf der einen
Seite so eingesunken war, da man jeden Augenblick dessen Einsturz htte
vermuten sollen, und doch war er schon Jahrhunderte in diesem Zustande.
Von hier kamen wir wieder ber Gebirge, durch bald engere, bald weitere
Tler, vom Xalon bewssert. Durch mehrere elende Ortschaften
marschierten wir nach Calatayud, einer Stadt, die im achten Jahrhundert
ein maurischer Feldherr namens Ajub nchst den Trmmern des alten
Bibilis grndete. Hier hatte noch kurz vor unserer Ankunft Palafox
einige Tage verweilt, die durch den General Lefebvre-Denouette
versprengten Flchtlinge sammelnd, um sie bei der Verteidigung von
Saragossa zu verwenden. Die hier befindlichen Spanier verlieen die
Stadt, ohne unsere Ankunft abzuwarten. Wir fanden aber nicht fr gut, in
dieselbe einzurcken, sondern requirierten nur Lebensmittel und Wein
gegen Bezahlung, erhielten aber dennoch schlechte Ware. Alphons I. hatte
1118 die Stadt den Mauren im Sturm abgenommen und alle Araber in
derselben niedersbeln lassen. Sie hat eine angenehme Lage auf dem
rechten Ufer des Xalon, am Einflu des Xiloca, in einem fruchtbaren Tal
und soll ber zehntausend Einwohner haben. Nachdem wir gehrig
rekognosziert hatten, brachen wir mit der Nacht, aber jetzt sehr
vorsichtig marschierend, durch erbrmliche Nester, aber an Wein und
Oliven reiche Gegenden, gegen die enge Passage Puerto del Fresno auf,
die wir zu unserem grten Erstaunen unbesetzt fanden. Hierauf muten
wir ber das Gebirge Murato del Conde, durch eine enge Schlucht, deren
gnzliche Freilassung uns wieder ein Rtsel war, da wir wuten, da sich
ganz Aragonien im Aufstand befand, und kamen endlich in das Stdtchen
Almunia, das in einer lachenden Gegend, mitten zwischen fruchtbaren
Feldern, Weingrten und Obstbumen liegt. Hier requirierten wir abermals
Lebensmittel, marschierten weiter, biwakierten dann bis gegen
Mitternacht, erreichten gegen Morgen das elende Dorf La Muela und kamen
um zehn Uhr, nochmals ber Berge, durch Ebenen und Schluchten
marschierend, bei dem Belagerungsheer von Saragossa an, wo Verdier schon
seit mehreren Tagen mit seiner Division stand und den Oberbefehl ber
dasselbe hatte.




                                  XII.

    Erste Belagerung von Saragossa. -- Palafox. -- Auerordentliche
       Verteidigungsanstalten der Aragonier. -- Vorgnge bis zur
         Belagerung. -- berblick der Geschichte Saragossas. --
    Heldenmtige Verteidigung dieser Stadt durch ihre Einwohner. --
      Eine Heroine. -- Ein seltsames Stiergefecht. -- Furchtbarer
    Straen- und Huserkampf. -- Die gefangenen Nonnen. -- Aufhebung
      der Belagerung. -- Marsch nach Barcelona. -- Ich werde stark
     verwundet und krank. -- Aufenthalt zu Barcelona. -- Spanische
    Sitten, Tnze, Theater usw. -- Abreise zur See nach Frankreich.


Als die Vorflle vom 2. Mai zu Madrid in Aragonien bekannt wurden,
erregten sie daselbst wie in dem brigen Spanien den hchsten Unwillen
und erfllten das Volk mit tdlichen Ha gegen die Franzosen. Die Folge
war, da man auch hier die allgemeine Bewaffnung der Einwohner
organisieren wollte, was aber der Generalkapitn Don Jorge de Guillelmi
aus Furcht vor den Franzosen, und um abzuwarten, welche Wendung die
Dinge nehmen wrden, zu verhindern suchte, sogar dem Palafox, dessen
ungestmen Mut und feurigen Patriotismus er frchtete, den Befehl gab,
Saragossa zu verlassen. Dieser zgerte jedoch unter allerlei Vorwnden,
zu gehorchen. Dies mag wohl mit die Ursache gewesen sein, da wir die so
leicht zu verteidigenden Zugnge bis hierher unbesetzt gefunden hatten.
Als aber die Nachricht von den Begebenheiten zu Bayonne und von
Ferdinands erzwungener Abdankung in Saragossa bekannt wurde, da
vermochte nichts mehr das unter der Asche glimmende Feuer zu dmpfen,
und die Brger zwangen den Generalkapitn, ihnen das Arsenal zu
berliefern. Als dies geschehen, zogen sie durch die Straen, alle
mnnlichen Einwohner auffordernd, sich zur Verteidigung des gemeinsamen
Vaterlandes in der Aljaferia (dem Arsenal) mit Waffen zu versehen, was
sie mit dem Rufe: _Viva Espana!_ taten. Jedermann versah sich mit
Gewehren, Pistolen, Schwertern und so weiter und die vorhandenen Kanonen
und Mrser wurden in mglichst besten Zustand versetzt. Palafox, der
Brigadier und Offizier der Leibwache war, achtundzwanzig Jahre zhlte
und sich in einem Landhaus bei der Stadt aufhielt, wurde von bewaffneten
Haufen abgeholt, die ihm auf sein Begehren strengen Gehorsam zusagten.
Das Volk empfing ihn bei seinem Eintritt in die Stadt mit groem
Jubelgeschrei, als den Retter des Vaterlandes, erwhlte ihn zu seinem
unumschrnkten Anfhrer, zwang die Behrden, ihn als Generalkapitn von
Aragonien anzuerkennen, und fhrte ihn im Triumph in der Stadt herum. Er
erlie nun sofort einen Aufruf an alle Aragonier, sich fr die Sache des
Vaterlandes zu bewaffnen, machte der heiligen Jungfrau del Pilar
ffentlich einen Besuch, kte ihr vor allem Volk demtig die Hand, sie
als seine Souvernin anerkennend, und schwur mit lauter Stimme, Gut und
Blut dem Vaterlande zu weihen. Den in Saragossa ansssigen Franzosen
rettete er nicht ohne Gefahr das Leben, indem er sie in das Kastell und
von da nach Amporta in Sicherheit bringen lie. Durch ein anderes Dekret
machte er Napoleon, dessen ganze Familie, sowie jeden franzsischen
Offizier und Soldaten, fr jedes Haar verantwortlich, welches dem Knig
Ferdinand oder den Infanten, die man auf eine so heimtckisch
hinterlistige Weise nach Frankreich gelockt habe, gekrmmt wrde, und
erklrte ferner alles, was in Madrid und Bayonne unter fremdem Einflu
verhandelt werde, fr null und nichtig, sowie, da im Falle des Todes
der Infanten von Spanien, er den Erzherzog Karl, als den Enkel Karl
III., zu seinem Knig erwhle, auch keinem Franzosen Pardon geben wrde,
wenn sich dieselben fernere Exzesse in Spanien erlaubten. Hieran
veranstaltete er eine groe Prozession, lie feierliche Messen lesen,
die Kirchen auerordentlich illuminieren, die Geistlichkeit auf das
freigebigste Absolution erteilen, sowie direkten Einla in den Himmel
fr diejenigen, die im Kampf fr die gerechte Sache fallen wrden. Er
berief jetzt alle schon verabschiedeten Soldaten und Offiziere, die sich
in Aragonien befanden, zu den Fahnen, bildete aus ihnen und der jungen
Mannschaft Tercios, das heit Regimenter, die in zehn Kompagnien
eingeteilt wurden, wie dies frher in Spanien der Fall war, und noch ehe
die Belagerung begann, hatten sich so viele Streiter eingefunden, da
man nicht Waffen genug fr sie herbeischaffen konnte. Einige Ortschaften
hatten ganze Kompagnien und einige Bezirke ganze Tercios gesandt, so da
Palafox die Familienvter wieder beurlaubte und doch noch ber
zehntausend Streiter behielt. Um auch die von Napoleon und der Junta zu
Bayonne einlaufenden Berichte zu paralysieren, berief Palafox
altspanische Cortes nach Saragossa, die am 9. Juni daselbst
zusammenkamen, Ferdinand VII. nochmals feierlich als Knig von Spanien
proklamierten, das ganze Volk zu den Waffen riefen, Palafox als
Generalkapitn besttigten und dann eine _Junta de Gobierno_ ernannten.
Die Nachrichten, welche von der Schilderhebung Spaniens aus allen
Provinzen einliefen, trugen dazu bei, das Volk von Saragossa und Aragon
in Aufregung und Enthusiasmus zu erhalten. Eine Aufforderung der
Bayonner Junta, durch welche dem spanischen Volk die Waffen
niederzulegen und ihr zu gehorchen befohlen wurde, lie Palafox sogar
drucken und in Masse verteilen. Er wute wohl, da dies das Volk noch
mehr begeistern und die entgegengesetzte der beabsichtigten Wirkung
hervorbringen wrde. Nach der Niederlage der Spanier bei Mallen war
Palafox den anrckenden Franzosen bis nach dem drei Stunden von
Saragossa liegenden Alayon entgegengegangen, mute sich aber, um nicht
abgeschnitten zu werden, zurckziehen. Viele Aragonier wurden nun in
Alayon von den Franzosen niedergemacht. Den 16. Juni stand
Lefebvre-Denouette mit seinem neuntausend Mann starken Korps, unter dem
auch das erste und zweite Weichselregiment und die polnischen Ulanen
waren, vor den Toren von Saragossa, wo sich ein Gefecht unter den
Olivenbumen entspann, bei dem die Spanier in Unordnung in die Stadt
zurckgetrieben wurden. Was die Aragonier am meisten frchteten, waren
die Ulanen, da sie sich gegen die Lanzen derselben, eine furchtbare
Waffe, die ihren Mann schon auf zehn bis fnfzehn Schritte erreicht,
nicht zu verteidigen verstanden. Die Spanier wurden, wie gesagt, in
Unordnung in die Stadt zurckgedrngt, aber ein franzsisches Bataillon,
das ihnen auf den Fersen folgte und fast mit ihnen zugleich
eindrang, mute sich schnell wieder zurckziehen, als es die
Verteidigungsanstalten in den Straen sah und einen Hinterhalt
frchtete. Unerklrlich war es, warum an diesem Morgen Lefebvre den
Fliehenden nicht mit dem Gros seines Heeres in die Stadt folgte, die er
in der ersten Bestrzung mit geringem Verlust erobert haben wrde. Der
Rckzug des kaum eingedrungenen Bataillons gab den Einwohnern und
Landleuten neuen Mut, und sie setzten die Stadt nun mit unermdlichem
Eifer in den besten Verteidigungszustand. In den folgenden
vierundzwanzig Stunden hatte auer den Kindern niemand ein Auge
geschlossen, und Greise, Weiber und Mdchen aus allen Stnden machten
die Handlanger bei den Arbeiten.

Saragossa liegt in einer groen, ziemlich fruchtbaren und gut angebauten
Ebene, auf der rechten Seite des Ebro, auf dessen linker sich eine
Vorstadt befindet, welche durch eine steinerne Brcke mit der Stadt
verbunden ist. In ihren nchsten Umgebungen sind viel Oliven- und andere
Obstbume, Grten und Landhuser. Das Flchen Huerba, eigentlich nur
ein Bach, ergiet sich ganz in der Nhe in den Ebro, zwei Brcken fhren
ber dasselbe. Saragossa beherrscht gewissermaen die ganze Ebene,
welche vom Huerba, dem Xalon, dem Gatego und dem Kanal von Aragonien
bewssert wird. Die Stadt steht auf der Stelle, wo das alte, von den
Karthagern gegrndete Salduba lag, aus dem Augustus bei seiner
Anwesenheit in Spanien eine rmische Kolonie machte, der er den Namen
Csarea Augusta beilegte. Erst unter den Sueven wurde sie der rmischen
Herrschaft entrissen. Als aber deren Knig Riciar durch Theodorich
besiegt wurde, fiel sie den Goten anheim, die sie bis zum Jahre 712
behaupteten, denen sie die ganz Spanien berstrmenden Sarazenen unter
einem ihrer Anfhrer namens Tarce, der schon Murcia und Sevilla erobert
hatte, wieder abnahmen. Sie blieb nun unter der Herrschaft dieser
Unglubigen, bis einer ihrer Statthalter, Ben-Alarabe, der sich der
Oberherrschaft des Kalifen entziehen wollte, Karl dem Groen dieselbe
unter der Bedingung antrug, da er Gouverneur daselbst bleibe. Der
Kaiser nahm den Vorschlag an und Besitz von Saragossa, nachdem er schon
Pampeluna genommen. Nichtsdestoweniger fuhr sie fort, den Arabern zu
gehren und hatte ihre eigenen, sich von Statthaltern zu Knigen
aufgeschwungenen Herrscher. Im Jahre 1118 eroberte Alphons der Streiter
nach heftigem Widerstand Saragossa, machte es zur Hauptstadt des
Knigreiches Aragonien und sich zum Knig. Im sechzehnten Jahrhundert
wurde es durch die Vermhlung Ferdinand des Katholischen mit Isabella,
Erbin der Reiche Leon und Kastilien, mit der spanischen Monarchie
vereinigt. Der Umfang der Stadt mochte etwa drei Viertelstunden
betragen. Sie hatte zum Teil ziemlich hohe Gartenmauern, namentlich an
dem Augustiner- und anderen Klstern, welche die Stadt umgaben. In
frheren Zeiten war sie regelmig befestigt, aber aus ihren Werken
waren lngst Straen geworden, und nur hier und da sah man noch einen
alten Turm aus jenen Zeiten. Die Mauern, welche jetzt die Stadt umgaben
und mit den Garten- und Klostermauern zusammenhingen, hatten nirgends
ber dreizehn Fu Hhe bei drei bis Vier Fu Dicke und waren von
Backsteinen, die Vorstadt hatte gar keine Einfriedigung. Die Zahl ihrer
bestndigen Einwohner war ungefhr fnfzigtausend, und die ihrer Kirchen
und Klster ein halbes Hundert. Von den letzteren waren einige, wie zum
Beispiel das von San Joseph, das auf der rechten Seite des Huerba lag,
kleine Festen oder Burgen. Die Anhhe Monte Torrero, welche ungefhr
viertausend Schritte von diesem Kloster entfernt liegt und an der der
Kanal von Aragonien vorbeifliet, beherrscht die nchste Umgebung. Die
Aljaferia, ein viereckiges Schlo mit bombenfesten Gewlben und kleinen
Trmen, liegt nahe an der Westseite der Stadt, vor dem Sortillo-Tor, ist
mit einem tiefen Graben versehen und hat einige Bastionen. Dieses Schlo
war frher ein Palast der maurischen Knige und spter der der Knige
von Aragonien, bis ihn die Regenten Spaniens der Inquisition berlieen,
die ihren Sitz in demselben aufschlug und ihre Schlachtopfer in den
frchterlichen unterirdischen Gefngnissen desselben verwahrte. Erst
Philipp V. machte im achtzehnten Jahrhundert auch eine Festung aus
demselben.

Unter den vielen Kirchen dieser Stadt sind sehr prchtige, die, sowie
die Klster, besonders das der Dominikaner und der Inquisitionspalast in
der Stadt, groe Schtze und Sehenswrdigkeiten besitzen. Diese Stadt
hat auch einen sehr schief gebauten berhngenden Turm, gleich denen zu
Bologna und Pisa, der sehr hoch ist und mitten auf einem freien Platz
steht. Die berhmteste Kirche ist die Unserer lieben Frauen del Pilar,
ein sehr prachtvolles, reiches Gebude, das wir aber nur, sowie die
meisten anderen, aus gehriger Ferne bewundern konnten. Die Spaziergnge
an den schnen Ufern des Ebro und des Huerba sind reizend und zum Teil
mit Torres (Landhusern) und Alleen versehen. Die um die Stadt
herumliegenden Grten, Huertas, sind meistens gro, hbsch und mit
Geschmack angelegt. Die vielen Klster, welche zum Teil in der Nhe der
Tore liegen und aus Backsteinen erbaut sind, kann man gewissermaen als
diese verteidigende Bastionen betrachten. Die mit gelblackierten
glitzernden Steinen bedeckte Kuppel der Kirche der Madonna _del Pilar_
und andere, sehen von ferne goldenen Dchern gleich.

In der Nhe von Saragossa fand am 20. August 1710 die berhmte Schlacht
statt, in welcher die Truppen Philipp V. von denen Karls von sterreich,
die sich um das Erbe Karl II. stritten, auf das Haupt geschlagen wurden.

Die Einwohner Saragossas, namentlich der niederen Klassen, sind ein sehr
krftiger, starker Menschenschlag, und gegen Witterung und Entbehrungen
aller Art abgehrtet. Viele derselben kennen ein Bett nur dem Namen nach
oder besteigen ein solches zum erstenmal, wenn sie sich verheiraten.

Es war ein Karttschenschu, der zuerst unter die Reihen der in
Saragossa wie zu einer Parade einmarschierenden franzsischen Kolonne
fuhr, die vordersten Glieder derselben blutig niederwarf und die Truppen
zum schleunigen Rckzug aus der Stadt bewog. Lefebvre-Denouette hatte
statt eines feindlichen Angriffes und der Kanonenschsse eine
bewillkommende Deputation erwartet. Er lie zwar kurze Zeit darauf
Angriffskolonnen formieren, um die Westseite der Stadt zu strmen, auch
war das Karmelitertor bald eingeschossen und genommen worden, aber dem
weiteren Vorrcken standen die todbringenden Feuerschlnde entgegen, die
des zu engen Raumes wegen nicht zu nehmen waren. Dabei wurde auch
unausgesetzt aus den Husern auf die Truppen gefeuert. Eine Abteilung
von mehreren hundert Mann war zwar bis auf den Platz de la Misericordia
ber einen Teil der Stadtmauern vorgedrungen und wollte dem Feind in den
Rcken fallen. Aber dieser Versuch fiel schlecht aus. Von der bermacht
umringt, fielen die meisten unter den Streichen der Spanier, nur wenigen
gelang es, dem Tode fr den Augenblick zu entrinnen, indem sie sich in
eine Kaserne retirierten, aus der sie jedoch ebenfalls bald wieder
flchten muten, da diese von den durch das Dach eindringenden
Landleuten in Brand gesteckt wurde. Jetzt fhrte man einen allgemeinen
Angriff, die Fahnen und Adler an der Spitze der Regimenter, gegen die
Stadt aus und strmte unter dem Ruf: _Vive l'Empereur!_ gegen die
Tore. Die Kavallerie sprengte voran, wurde aber durch das Kanonenfeuer
niedergeschmettert und zurckgetrieben. Nicht besser erging es der
nachrckenden Infanterie, welche dem Karttschenhagel in den Straen und
dem Kugelregen aus den Husern ebenfalls weichen mute. Als es den
Spaniern an Kugeln und Blei zu mangeln begann, holten Weiber und Kinder
solches aus den Magazinen herbei und brachten sie ihren Gatten, Vtern
und Brdern, sogar alte Knpfe, Ngel, Eisenblech und altes Eisen
schleppten sie hinzu, damit das Karttschenfeuer unterhalten werden
konnte; ebenso Wein, Brot, Kse und Wasser zur Erfrischung der
Kmpfenden, denen sie oft die Bissen in den Mund steckten, whrend diese
luden und abfeuerten, und dabei schrieen sie unaufhrlich: Es lebe
Maria _del Pilar_! In die meist dreistckigen, von Backsteinen erbauten
Huser trugen sie schwere Steine, Balken, Eisen und so weiter, um es den
andringenden Truppen auf die Kpfe zu werfen. Eine Fahne, die ein
tdlich getroffener Unteroffizier vom zweiten Weichselregiment hatte
fallen lassen, holte ein zehnjhriger Knabe, unter den Kmpfenden
hinkriechend, und lief mit seiner Beute jubelnd davon. Schon lagen ganze
Haufen von Toten an den Toren und noch hatten die Franzosen wenig oder
gar kein Terrain gewonnen. Ein abermaliger allgemeiner, im Sturmschritt
stattfindender Angriff hatte keinen besseren Erfolg und wurde mit groem
Verlust zurckgeschlagen. ber dreitausend Mann, sechs Kanonen und
mehrere Fahnen hatte man schon vor Saragossa, einer nicht befestigten
Stadt, verloren, und die Aragonier schmckten sich mit den Waffen und
Kleidern der in der Stadt gefallenen Feinde. Nach der letzten Waffentat
wurde die folgende Nacht ganz Saragossa, gleichsam zum Hohn des Feindes,
illuminiert, und man brachte sie betend in den Kirchen zu. Whrend die
Franzosen den anderen Tag Streifzge in die umliegenden Drfer machten,
diese plnderten und Subsistenzmittel requirierten, warfen die Einwohner
neue Verschanzungen auf und setzten ihre Stadt in den besten
Verteidigungszustand, Batterien errichtend und alle Mauern und Gebude
an derselben mit Schiescharten versehend. Sie hieben zugleich alle in
der Nhe befindlichen Bume um und machten Verhaue an allen Eingngen
der Stadt, um der Reiterei das Vordringen unmglich zu machen.
Angetragene Kapitulationen wurden stolz zurckgewiesen und durch
racheatmende Manifeste beantwortet, in denen es hie: da man alle
franzsischen Gefangenen niedermachen wrde und so weiter. Die Mnche,
Geistlichen und Gerichtsspersonen machten Sicherheitsronden und
Patrouillen, man tat sogar Ausflle auf die Belagerer und nahm ihnen
einige Kanonen weg. Indessen war Palafox, der einen nchtlichen Marsch
nach Epila mit siebentausend Mann, bei denen auch das neuorganisierte
Regiment Ferdinand VII. war, unternommen, zurckgeworfen worden und
hatte dabei mehrere Kanonen verloren. Wenige Tage darauf kam Verdier mit
seiner Division, nebst Belagerungsgeschtz von Pampeluna und auch unser
Bataillon vor Saragossa an. Verdier bernahm nun den Oberbefehl
smtlicher Belagerungstruppen, die Belagerten erhielten aber auch von
Zeit zu Zeit Sukkurs. Kurz nach unserer Ankunft fand eine furchtbare,
die Erde erschtternde Explosion in der Stadt selbst statt. Das zu einem
Pulvermagazin umgeschaffene Seminarium, in welches man das Pulver von
Monte Torrero gebracht hatte, wurde durch Unvorsichtigkeit in die Luft
gesprengt. Die Wirkung war schrecklich. Es schien, als wanke der ganze
Erdboden, alle Huser zitterten, und auer dem Seminarium lagen noch
einige zwanzig Gebude in Trmmern und ihre Bewohner unter denselben
begraben. Nachdem die erschrockenen Einwohner aus den Husern gestrzt,
und erfahren hatten, was die Ursache dieser entsetzlichen Erschtterung
gewesen, war ihre erste Sorge, neues Pulver anzuschaffen. Gewi ist es,
da, wenn wir die erste Bestrzung, in die dieses Ereignis die ganze
Stadt versetzt, benutzt und einen allgemeinen Sturm unternommen htten,
wir leicht Herr derselben geworden wren. So aber lie man beinahe
vierundzwanzig Stunden verstreichen, ehe man einen solchen Angriff
begann. Die Einwohner hatten Zeit gehabt, sich zu sammeln und zu
beruhigen, da sich noch hinlnglich Munition vorfand, und die Attacke
wurde auf allen Seiten abgeschlagen. Doch nahmen wir bald darauf den von
Brgern und Bauern besetzten Monte Torrero, der die Stadt von der
Sdseite dominiert, nach kurzem Widerstand, da er nicht besonders gut
verschanzt war. Der spanische Offizier, der daselbst kommandiert hatte,
Oberst Falio, wurde auf Befehl der Junta vor ein Kriegsgericht gestellt,
zum Tode verurteilt und erschossen. Auf dieser Hhe wurden nun Batterien
gegen die Stadt errichtet und dieselbe von hier aus heftig bombardiert.
Die meisten Bomben fielen in die Mitte der Stadt und richteten manchen
Schaden an, ebenso die Batterien von San Bernardo, und das Sturmluten
von den Trmen whrte nun Tag und Nacht ununterbrochen fort. Bei der
Nacht bildeten die Bomben und glhenden Kugeln feurige Bogen in der
Luft, ein furchtbar-schnes Schauspiel! Einige fielen in die Kirche
Madonna _del Pilar_, viele auch zischend in die Fluten des Ebro, und der
Schaden war nicht so gro als wir glaubten, obgleich schon weit ber
tausend Bomben geworfen waren. Die in die Kirchen gefallenen Kugeln
hatten fast gar kein Unheil gestiftet, und die Priester machten das Volk
glauben, da man es der Madonna zu danken habe, da so viele feurige
Kugeln in den Flu fielen. Unser Bataillon wurde zu einem Angriff gegen
das Portillo-Tor verwendet, und als wir nahe daran waren, die daselbst
errichteten Batterien, deren Kommandant schon gefallen war, zu nehmen,
strzten sich ganze Haufen bewaffneter Brger auf dieselben, machten sie
uns von neuem streitig und die Wegnahme unmglich. Bei dieser
Gelegenheit zeichnete sich ein kaum neunzehnjhriges hbsches Mdchen,
das Augusta geheien haben soll, durch einen selbst bei Mnnern seltenen
Heroismus aus. Sie hatte nmlich ihrem Geliebten, der daselbst kmpfte,
das Essen gebracht. Aber in dem Augenblick, als sie ankam, strzte
dieser tdlich getroffen nieder. Das Mdchen warf das Essen zu Boden und
sich auf den geliebten Gegenstand, den sie fest umklammerte. Dann rafft
sie sich aber wieder schnell und gefat auf, ihre Blicke verraten
Schmerz, Zorn und Wut zugleich. Noch hlt der Sterbende die brennende
Lunte, mit welcher er die geladene Kanone auf uns abfeuern wollte,
krampfhaft zuckend in der Hand. Sie entreit ihm dieselbe, entzndet das
Geschtz, auf das wir im Begriff waren, einzudringen, und mehr als ein
halbes Dutzend der Unsrigen sinken tdlich getroffen nieder. Das Mdchen
war schn, hatte besonders einen herrlichen Wuchs, ihre zornglhenden
Wangen, ihre feuersprhenden Augen gaben ihr das Ansehen einer Pallas.
Durch das Beispiel dieser Heroine angefeuert, eilen die erst vor Staunen
starren Spanier ihr zu Hilfe. Es erhebt sich ein mrderischer Kampf um
die Kanonen, und wir mssen zuletzt mit bedeutendem Verlust vor den sich
immer mehrenden Haufen, in deren Mitte die neue Johanna d'Arc anfeuernd
kmpft, zurckweichen, die Kanone im Stiche lassend, die nun aufs neue
den Tod in unsere Reihen sendet. Das Mdchen war in der Tat sehr schn
und erschien uns hier als ein hheres, wunderbares Wesen. Alles htte
ich darum gegeben, sie lebendig fangen zu knnen, und lange schwebte mir
dieses Bild vor Augen. Auch ich hatte einen Streifschu am linken
Oberarm erhalten und zwei Kugeln waren mir durch den Hut gegangen. Hiebe
und Stiche hatte ich unzhlige pariert. Die Spanier erlangten nun
verschiedene Vorteile und entrissen uns mehrere schon besetzte Punkte,
namentlich auch ein Kloster, das wir schon genommen hatten. Erst als wir
wieder unter den Oliven angekommen waren, lie ich meine leichte Wunde
verbinden. Nachdem wir uns wieder mit frischer Munition versehen hatten,
die zum Teil von Calatayud geholt werden mute, machten wir uns zu neuen
Angriffen bereit. Palafox schien ein wahrer berall und Nirgends zu
sein. Bald war er in der belagerten Stadt, bald hie es: er sei hinter
unserem Rcken mit einem bedeutenden Hilfskorps im Anzuge. Bald spukte
er auf dem rechten, bald auf dem linken Ufer des Ebro und so weiter, und
wohin er kam, belebte er alles mit neuem Mut. Eine der grten
Schwierigkeiten war, die ntigen Lebensmittel fr unser Armeekorps
herbeizuschaffen. Bei diesem Geschft wurden die zunchst liegenden
Stdte und Orte bestndig in Requisition gesetzt, die aber alle,
besonders die _cinco Villas_ (fnf verbundene Stdte in der Umgegend),
sehr patriotisch und sehr feindlich gegen uns gesinnt waren, und kleine
Detachements bisweilen zu Gefangenen machten. Ein seltsames
Verteidigungsmittel hatte eine derselben, die Stadt Exea, ersonnen, als
sie mit Gewalt Lebensmittel und andere Dinge liefern sollte. Zwei
Kompagnien waren dahin abgeschickt worden, um die Requisition
beizutreiben. Sie marschierten auch ohne den mindesten Widerstand bis in
die Mitte der Stadt. Kaum aber hatten sie auf einem Platz derselben das
Gewehr bei Fu genommen, als sich pltzlich die groen Tore eines langen
Gebudes ffneten und einige zwanzig wtender Stiere heraus und auf sie
lossprangen. Zu gleicher Zeit wurde aus allen Fenstern der umstehenden
Huser auf die Mannschaft gefeuert, die genug zu tun hatte, den
unbndigen gehrnten Feind abzuwehren. Der grte Teil dieses aus
hundertsechzig Mann bestehenden Detachements wurde gettet oder
gefangen, und nur einer kleinen Zahl gelang es, das Belagerungsheer zu
erreichen und den seltsamen berfall und Kampf zu berichten. Dies war
gewi ein ganz eigenes Stiergefecht. Diese Stadt, deren Namen
Exea-de-Los-Caballeros ist, und die zwlftausend Einwohner hat, liefert
die vorzglichsten Stiere zu den gewhnlichen Stiergefechten.

Der Kampf in und um Saragossa whrte ununterbrochen fort. Ein Bataillon
aragonischer Freiwilliger, das krzlich unter dem Schall der Musik
einmarschiert war, machte einige glckliche Ausflle, wobei es sogar
einige unserer Batterien demolierte. Auerdem wurden wir auf unseren
Flanken und im Rcken fast unaufhrlich von Guerillas beunruhigt, die
sich jetzt zu zeigen begannen und die wir nur mit Mhe abwehren konnten.
Bomben und Granaten wurden nur noch sprlich in die Stadt geworfen, der
wir durch die Arbeiten der Ingenieure immer nher zu kommen suchten.
Endlich gelang es, eine Brcke ber den Ebro unterhalb Saragossa zu
schlagen, und so auch auf dem linken Ufer dieses Flusses Posto zu
fassen, durch welchen die Kavallerie, da er sehr seicht war, ritt. Wir
suchten nun auch die Vorstadt einzuschlieen und so der Stadt alle
Kommunikation mit der Umgegend abzuschneiden, verbrannten die Mhlen,
wodurch die Belagerten gezwungen waren, Pferdemhlen in der Stadt
einzurichten, um Mehl zu haben, ebenso die Fabrikation des Pulvers
innerhalb ihrer Mauern vorzunehmen, dessen sie tglich einige Zentner
verfertigten. Die Mnche fllten die Bomben und machten die Patronen.
Bei all dem konnten wir sie doch nicht so gnzlich einschlieen, da es
ihnen unmglich gewesen wre, von Zeit zu Zeit Zufuhren und
Verstrkungen einzulassen. Unterdessen machten unsere polnischen Truppen
einen Angriff auf das Kloster Sankt Joseph, das mit vielen
Schiescharten versehen war, wurden aber bei der ersten Attacke
zurckgeworfen. Bei einer zweiten gelang es ihnen, dasselbe mit
bedeutendem Verlust zu nehmen, wobei sie alles niedermachten, was ihnen
in die Hnde fiel. Noch hartnckiger war der Kampf um das
Kapuzinerkloster, wo man sich mit der grten Erbitterung von Zelle zu
Zelle, bis in die Kreuzgnge, die Kirche und an den Chor um den
Hochaltar herumschlug, und endlich wurde das Kloster von seinen
Verteidigern, als sie sahen, da sie es nicht behaupten konnten, in
Brand gesteckt. Wir waren nun der Stadt von allen Seiten bis auf
Bchsenschuweite nher gerckt. Das Schlo Aljaferia zu nehmen war uns
jedoch trotz der grten Anstrengungen nicht geglckt, obgleich die
Batterien bald Bresche gemacht hatten. Aber es fehlte uns hauptschlich
an den ntigen Sturmleitern. Noch mehrmals wurden Strme auf
verschiedene Tore vergeblich versucht, und bei dem Kloster der Barfer
verloren wir viele Leute, ohne es nehmen zu knnen. Von dem
Josephskloster aus, das jetzt in unseren Hnden war, hatten wir indessen
die Stadt so eingeschlossen, da von dieser Seite alle Verbindung nach
auen unmglich war. Wtende Ausflle, welche die Belagerten machten, um
diese Kommunikation wiederherzustellen, sowie strmische Angriffe auf
die ber den Ebro geschlagene Brcke wurden siegreich und mit groem
Verlust von seiten der Spanier, denen die Reiterei viele Leute ttete,
zurckgeschlagen.

Napoleon, der beinahe vor Ungeduld vergehen wollte, weil das
unbefestigte Saragossa so lange nicht bezwungen werden konnte, hatte
seinen Adjutanten, den Ingenieuroberst Lacoste, abgesandt, die
Belagerung zu leiten, der nun alle Angriffe anordnete. In der belagerten
Stadt sah es indessen auch nicht zum besten aus, die Munition fing an zu
fehlen, die Toten lagen in vielen Gassen unbegraben, die Lebensmittel
wurden immer teurer, seltener und schlechter; dennoch verloren die
Einwohner den Mut nicht, die Frauen teilten sich sogar in Kompagnien
ein, um den Dienst oder die Pflege der Verwundeten zu besorgen; eine
Grfin Burista war Kommandeur dieses seltsamen Regiments. Einen Ausfall,
den die Spanier aus der Vorstadt auf dem linken Ufer des Ebro
unternahmen, glckte ihnen so, da sie sich, trotz der heftigsten
Gegenwehr, eines Postens bemchtigten, ihn behaupteten, auch mehrere
Gefangene machten, die sie im Triumph unter dem Jubelgeschrei des Volkes
durch die Straen fhrten. Hierbei hatte sich das von Palafox
neuformierte Ulanenregiment besonders ausgezeichnet. Lacoste lie nun
Wurfbatterien errichten und von denselben unaufhrlich Bomben in die
Stadt schleudern, ebenso Breschbatterien, von denen eine mit zehn
Haubitzen vom grten Kaliber besetzt war; nichtsdestoweniger wtete der
Kampf unter Mauern und Toren fort. Wir hatten die Nachricht erhalten,
da Knig Joseph, der Spanien mit einer neuen Konstitution beschenkte,
in Madrid eingezogen sei, und Verdier hoffte, da sich auf diese
Nachricht Saragossa ergeben wrde; aber Palafox beantwortete diese mit
der Neuigkeit der Schlacht von Baylen und der, da Dupont mit seinem
fnfzehntausend Mann starken Korps kapituliert und das Gewehr gestreckt
habe, was Napoleon wtend machte. Palafox wollte weniger als je von
einer bergabe reden hren. Man sprach auch viel von dem schnen
Empfang, der Joseph bei seinem Einzug in Madrid geworden, erzhlte sich
sogar, da er mit Steinwrfen begrt sei. Jetzt wurde von unserer Seite
alles getan, die Stadt bald zu erobern, alle Mrser und Kanonen versah
man sofort mit einem Bedarf fr vierhundert Schsse, und den 4. August
spielten mit dem Grauen des Tages die Geschtze aller Batterien, welche
meistens auf Kirchen und Klster gerichtet waren, auf die jetzt ein
Bomben- und Kugelregen fiel. Mnche und Nonnen verlieen ihre Zellen,
sich in Privathuser flchtend, Kranke und Wahnsinnige aus dem groen
Hospital Nuestra Senora de gracia, in deren Gemcher Bomben gefallen
waren, hatten sich von ihren Ketten befreit, und durch den Schrecken
noch wtender gemacht, rannten sie mit tollen Geschrei durch die
Straen. Alle Reliquien, Monstranzen und andere heilige Kostbarkeiten
wurden eiligst in feuerfeste Gewlbe geschafft. Aus den nahen Laufgrben
unterhielten wir zu gleicher Zeit ein rollendes Gewehrfeuer auf alle,
die sich blicken lieen. Als endlich mehrere Breschen durch das
Kanonenfeuer praktikabel gemacht waren, rckten wir im Sturmschritt von
zwei Seiten auf die Stadt los, und nun kam es auf den Trmmern der
Mauern und Gebude zum wtendsten Handgemenge. Die Kolonne, zu der wir
gehrten, nahm gegen elf Uhr das Kloster Santa Ingracia, bald darauf
wurde auch die Puerta del Carmen genommen, und ber die Leichen ihrer
Verteidiger schreitend, breiteten wir uns in den nchsten Straen aus.
Den eindringenden Truppen hatte man den Coso, die grte mitten in der
Stadt gelegene Strae als Vereinigungspunkt angegeben. Wir marschierten
jetzt durch die Ingracia-Strae im Sturmschritt nach diesem Punkt, wo
wir Befehl erhielten, uns nach verschiedenen Richtungen zu verbreiten,
um den strksten Posten in der Stadt in den Rcken zu fallen; aber es
war unmglich, sich Bahn durch die alten, sehr engen Gassen zu brechen,
welche Haufen verzweifelter Wtender, die meistens von einem Priester im
Ornat, ein Kruzifix schwingend und eine geweihte Hostie in der Hand,
angefeuert, sich gleich gereizten Lwen verteidigten, und dabei regnete
es Steine, siedendes Wasser und l auf uns herab. Unser Bataillon
erreichte dennoch den Magdalenenplatz, wurde aber daselbst mit
Karttschenfeuer empfangen, und wir muten uns, wollten, wir nicht
abgeschnitten werden, da aus allen Straen bewaffnetes Volk
herbeistrmte, wieder gegen die Mitte des Coso zurckziehen. Hier griff
uns ein wtender Haufen, von einem Priester, der eine Kirchenfahne
schwang, angefhrt, ganz unvermutet an, und der Anfhrer unserer Kolonne
wurde von einem rasenden Mnch niedergestochen. Ich bernahm jetzt das
Kommando derselben und zog mich fechtend auf das Kloster Santa F
zurck, von wo aus ich die Feinde mit Vorteil angriff und mich dann in
der Kaserne Minones, die neben dem Kloster lag, festsetzte. -- Wir
glaubten nun endlich die Stadt genommen und da die Einwohner zu Kreuz
kriechen wrden. Dies wrde sicher auch der Fall gewesen sein, wenn sich
unsere Leute nicht so frh der Plnderungswut berlassen htten und in
die Huser gedrungen wren, ohne da es mglich gewesen, sie davon
abzuhalten; die wenigsten kamen wieder lebendig heraus, sondern fanden
den Tod in denselben. Ich hatte zuletzt kaum mehr zweihundert von der an
tausend Mann starken Kolonne beisammen; so wie die Offiziere den Rcken
drehten, liefen zehn und zwanzig in ein Haus. In einer Kirche, durch die
wir bei dieser Gelegenheit zogen, erinnere ich mich ein Gemlde im
Vorbergehen gesehen zu haben, das einen Heiligen darstellt, der in
einer vierspnnigen Galakutsche in den Himmel einfhrt!

Den Moment fr gnstig haltend, bot Verdier, der sein Hauptquartier in
dem Kloster Santa Ingracia aufgeschlagen hatte, nochmals eine
Kapitulation an, auf die mit den Worten: Krieg bis in den Tod! durch
Palafox geantwortet wurde. Zugleich lie er auf den schiefen Turm der
Stadt zwei Fahnen pflanzen, die eine blutrot und die andere wei mit
einem roten Kreuz, um den Spaniern in der Vorstadt und der Umgegend zu
beweisen, da er noch Herr der Stadt sei. Bald rckten auch neue
Verstrkungen ihren Landsleuten zu Hilfe an und ber die Brcke in die
Stadt, aus deren Husern man jetzt die getteten oder noch halb lebenden
Soldaten von den hchsten Stockwerken hinabwarf, wobei die Weiber, auch
Kinder hilfreiche Hand leisteten, und mehr als einer dieser
Unglcklichen war durch den Dolchstich einer schnen Saragosserin
gefallen, mit der er den Tod umarmt und so den Moment der Ausschweifung
mit dem Leben bezahlt hatte. Der Kampf in den Straen wurde noch
heftiger, und aufgetrmte Leichen bildeten nicht selten eine Brustwehr.
Die Kompagnie eines Weichselregiments hatte sich hinter lauter getteten
Kapuzinern und Karmelitern verschanzt, andere machten sich Bollwerke aus
in Husern weggenommenen Matratzen. Bald sah ich ein, da ich mich nicht
lange mehr in Santa F wrde halten knnen, suchte mich daher kmpfend
dem Coso zu nhern und mute dabei ber ganze Haufen von Toten steigen.
Hier hatten wir noch das Franziskanerkloster und dessen Kirche inne und
verschanzt. -- Das Bombardement whrte bestndig fort sowie das Sengen,
Brennen und Morden, und die klaffenden Wunden der Leichen gingen bei der
groen Hitze schnell in Fulnis ber und verpesteten die Luft. -- Nach
diesem furchtbaren Tag brachten wir auch noch die von den Flammen der
brennenden Gebude hellgelichtete Nacht unter den Waffen und zum Teil
fechtend zu. Mit Tagesanbruch erhielten die Spanier abermals bedeutende
Verstrkungen, welche durch die Vorstadt, die wir nie ganz hatten
einschlieen knnen, gedrungen waren, und die reichliche Munition fr
die Belagerten brachten. Dies machte, da wir uns auerstande befanden,
die Stadtteile lnger zu behaupten, in deren Besitz wir waren, besonders
da die Feinde die hinteren Mauern der Huser, in denen sich unsere Leute
befanden, einschlugen, in dieselben drangen und so ein Haus nach dem
anderen kmpfend und mit groem Verlust gerumt werden mute. Zugleich
wurde ein furchtbares Feuer von allen Dchern und aus allen Fenstern auf
die aus den Husern flchtenden sowie berhaupt auf alle in den Straen
sich befindenden Truppen unterhalten. Mehrere Stunden whrte dieser
mrderische Huserkampf fort. Noch waren wir im Besitz des Franziskaner-
und des San Diegoklosters sowie von Santa Ingracia. Jetzt erhielt
Verdier die Nachricht, da Palafox, der whrend der Nacht die Stadt
verlassen, mit sechstausend wohlbewaffneten Aragoniern im Anzug sei. Wir
muten eiligst alle unsere auf dem linken Ufer stehenden Truppen
zurckziehen und stellten eine starke Reserve auf dem Monte Torrero auf.
Dies gab Veranlassung zu einer komischen und galanten Episode dieses
Wettkampfes. Um unsere Kommunikation mit den noch von uns besetzten
Teilen der Stadt zu unterhalten, muten wir ein Nonnenkloster wegnehmen,
dessen wir zu diesem Zweck bedurften; hier fanden wir ungefhr dreiig
Schwestern nebst einer btissin, die gefangen abgefhrt wurden und unter
denen sich zwei sehr artige Novizen und ein halbes Dutzend noch ganz
junger und hbscher Nnnchen befanden. Mir wurde der Auftrag zuteil, die
frommen Kinder in Sicherheit zu bringen. Nachdem ich die
verzweiflungsvollen Schnen so gut als mglich zu beruhigen gesucht,
eskortierte ich sie selbst, und zwar nicht ohne Gefahr, da eine oder
die andere verwundet oder gar gettet wrde, denn die Kugeln hrten
nicht auf zu sausen, nach dem Monte Torrero; aber trotz meiner
krftigsten Versicherungen, da ihnen nichts zuleide geschehen solle,
weinten sie dennoch unaufhrlich und schienen trostlos. Nichts half es
anfnglich, da alle Offiziere, die mit ihnen in nhere Berhrung kamen,
ihnen ein Gleiches versicherten. Als sie aber sahen, da man fortfuhr,
sich so artig und galant gegen sie zu benehmen und ihnen alle mgliche
Aufmerksamkeit und Zuvorkommenheit erwies, fingen sie endlich an, sich
in ihr Schicksal zu ergeben, ihre Trnen zu trocknen und nahmen etwas
Speise und Trank zu sich. Man rumte ihnen die besten Erdhtten ein,
welche die Soldaten noch besonders bequem fr sie einrichteten und
verwahrten, und nach zweimal vierundzwanzig Stunden waren sie schon
ziemlich dieses Kampagneleben gewhnt, besonders die Jngeren. Sie
fingen an, mit uns zu lcheln, wohl auch zu schkern und lieen sich
bald halb gezwungen, halb freiwillig ein Kchen rauben; die meisten
waren aus angesehenen spanischen Familien. Da sie sahen, da wir keine
Eisenfresser waren, und da die spanischen Nonnen berhaupt noch
unendlich mehr Freiheit haben als die italienischen, auch Liebesintrigen
derselben eben nicht zu den Seltenheiten gehren, so wurden sie immer
vertrauter mit uns. Eine der Novizen, kaum fnfzehn Jahre alt, ein
wahres Madonnengesicht, schn wie eine Verklrte, fand ich fr gut, mit
noch zwei jngeren Schwestern unter meine besondere Protektion zu nehmen
und ihnen ein eigenes Lokal einzurumen; sie hatten alle getrennt und zu
zwei und drei in unsere Baracken einquartiert werden mssen. Ich lie
auch Matratzen fr sie herbeischaffen, die ich aus noch von uns
besetzten Husern nahm, sorgte dafr, da ihnen immer mit den
delikatesten Speisen, die zu haben waren, aufgewartet wurde, lie sie
durch meinen Burschen bedienen und bergab sie der Sorgfalt eines
zurckbleibenden Unteroffiziers, wenn ich sie verlassen mute, um an dem
Kampf teilzunehmen; zum Abschied erlaubte ich mir, sie zu kssen. Den
heiligen Mdchen standen die Trnen in den Augen, so oft ich sie
verlie; sie baten mich, ja recht bald wiederzukommen. Da wir den
dritten Tag nach der Wegnahme dieses Klosters alle Saragossa rumen
muten, um wieder Posto vor der Stadt zu nehmen, so konnte ich mich
gegen zehn Uhr in der Nacht bei meinen Schtzlingen wieder einfinden,
die vergngt waren, mich wiederzusehen. Die Nonnen schienen mit der
Behandlung, die ihnen bis jetzt geworden, alle sehr zufrieden, und
selbst die schon betagte btissin schickte sich darein. Ich beredete
meine drei liebenswrdigen Gste noch zu einem Spaziergang unter die
nahen Oliven, wo wir unter freiem Himmel in der schnsten spanischen
Sommernacht das gestirnte Firmament bewunderten, ich aber, da alle drei
hbsch und jung waren und um keinen Neid bei den anderen zu erregen, sie
alle liebkoste und kte, doch die Novize mit groer Vorliebe. So saen
oder lagen wir vielmehr alle vier recht traulich unter den Bumen, als
wir in einiger Entfernung mehrere schwarze Gestalten auf uns zuschreiten
sahen, in denen wir, als sie nher kamen, noch drei Offiziere und zwei
Nonnen erkannten, die ebenfalls im nchtlichen Promenieren begriffen
waren; ich trat eine der meinigen einem Kameraden ab, und wir spazierten
nun, ich mit der Novize und einer Schwester am Arm, unter den Oliven.
Bald verloren sich die verschiedenen Paare aus dem Gesicht, und ich
hatte mich mit meinen beiden Schnen wieder an einem etwas entfernteren
Orte niedergelassen, wo wir uns ganz vortrefflich unterhielten,
vergngten und auf das freundschaftlichste miteinander fertig wurden. --
Ob die guten Kinder wohl alles, was zwischen uns vorfiel, gebeichtet
haben mgen? -- Ich mchte es sehr bezweifeln. -- Seit Madrid hatte ich,
obgleich ich kein Keuschheitsgelbde getan, doch diese gewi strenger
beobachtet als Franziskaner und Kapuziner, und zwar aus dem triftigen
Grund, weil sich keine Gelegenheit gefunden, sie zu brechen. Nachdem wir
uns in einem Wonnemeer von Vergngen satt geschwelgt hatten, fhrte ich
die guten Schwestern wieder in ihr Gemach zurck, wo die dritte in
Gesellschaft ihres Begleiters sie schon erwartete. Nur ein paar Tage
dauerte noch der Umgang mit den liebenswrdigen Kindern, welche auf
hheren Befehl alle, samt der btissin, jetzt in das Kloster eines
benachbarten Stdtchens gebracht wurden. Dieser Befehl kam ein wenig
spt, lt sich aber durch die weit wichtigeren Dinge, mit denen sich
die kommandierenden Generle vor allem zu befassen hatten, wohl
entschuldigen. Ich gab den lieben Kindern noch das Geleit, nahm
zeitlichen Abschied von ihnen, selbst der Frau btissin die alte Hand
kssend.

Nachdem Palafox mit seiner Verstrkung in Saragossa eingerckt war,
beschrnkten wir uns fast nur noch darauf, die Stadt zu bombardieren.
Verdier, der selbst verwundet worden und das Kommando deshalb wieder
momentan an Lefebvre abgetreten, hatte nochmals, und zwar durch
gefangene Mnche, eine Kapitulation angetragen, die gleich den frheren
zurckgewiesen wurde, mit dem Bedeuten, man wrde sich, wenn es ntig
sei, von Haus zu Haus bis zum letzten schlagen und unter dessen Trmmern
begraben. Dazu kam es nicht; man murmelte seit vierundzwanzig Stunden,
und die Generle wuten es gewi und hatten geheime Instruktionen
erhalten, da Joseph Madrid bereits wieder verlassen habe, weshalb jetzt
Vorbereitungen zur Aufhebung der Belagerung gemacht wurden. Den 12.
August kam endlich in der Nacht vom Hauptquartier zu Burgos der
bestimmte Befehl an, die Stadt zu rumen, wenn wir schon im Besitz
derselben seien, und wenn dies nicht, die Belagerung sofort aufzuheben.

Um unsern bevorstehenden Rckzug zu decken und zu verbergen, wurden
jetzt noch einmal mit groer Ostentation alle Anstalten zu einem
allgemeinen Angriff gemacht und die Stadt heftig bombardiert. Die
Magazine, Gebude auf dem Monte Torrero und anderen Orten, die wir inne
hatten, wurden sodann angezndet. Auch das Kloster Santa Ingracia wurde
mit all den Leichen seiner heiligen Mrtyrer vor unserem Abzug in die
Luft gesprengt, und zwar ging in der Mitternachtsstunde die furchtbare
Explosion vor sich. Das mit so groer Mhe herbeigeschaffte
Belagerungsgeschtz wurde in die Wellen des Ebro und die Wasser des
Kanals geworfen, da wir nur das Feldgeschtz mitnehmen konnten. Auch den
gefangenen Nonnen und Mnchen gab man ihre vllige Freiheit, wobei es
mit den ersteren etwas bunt hergegangen sein soll. Durch einen Offizier,
der die zweite, noch furchtbarere und grausamere Belagerung von
Saragossa mitgemacht hatte, erfuhr ich spter, da sich manche der
frommen Christusbrute in der Hoffnung befunden, aber nicht bestraft
wurden, da sie Gewaltttigkeit vorgeschtzt, und unter franzsischem
Schutz niedergekommen seien.

Unser Abzug wurde nicht im mindesten durch die Belagerten beunruhigt,
die sich aber des ins Wasser geworfenen Geschtzes, ein halbes Hundert
Kanonen, Mrser, Haubitzen, Feldschlangen und so weiter bemchtigten,
das ihnen bei der zweiten Belagerung gute Dienste tat.

Was unseren Abzug so sehr beschleunigt hatte, erfuhren wir erst auf dem
Marsch; es war nmlich ein spanisches Armeekorps, vierzehntausend Mann
stark, zur Entsetzung Saragossas im Anmarsch und schon bei Muela
angekommen. -- Wir hatten wenigstens achttausend Mann bei dieser
vergeblichen Belagerung eingebt, die Spanier vielleicht noch mehr,
denn durch das Einstrzen und Sprengen der Gebude verloren unzhlige
Menschen, auch Frauen und Kinder das Leben. Unser Abmarsch wurde in der
Stadt sogleich durch eine groe Prozession und ein Dankfest gefeiert,
wobei man besonders die Jungfrau del Pilar und Palafox hochleben lie.

Die Belagerung von Saragossa hatte gezeigt, was die Bevlkerung einer
Stadt vermag, wenn es ihr Ernst ist, dieselbe zu verteidigen; jetzt erst
fing ich an, die fast fabelhafte Verteidigung mancher Stdte des
Altertums zu glauben. Htte sich Magdeburg und andere preuische
Festungen in dem unglcklichen Krieg von 1807 nur zum hundertsten Teil
gleich der Hauptstadt Aragoniens, wie zum Beispiel Kolberg, verteidigt,
so htte Napoleon schwerlich Berlin und noch weniger Knigsberg gesehen;
doch die herbe und derbe Lektion mute sein, sollte es in Preuen gut
werden. Schon vierundzwanzig Stunden nach unserem Abmarsch kam das
Entsatzungskorps in Saragossa an.

Der grte Teil des Belagerungsheeres schlug den Marsch ber Alayon nach
Tudela ein, um sich spter mit der franzsischen Hauptarmee, die sich an
den Ufern des Ebro zusammenzog, zu vereinigen. Ein kleiner Teil, bei dem
auch unsere sehr zusammengeschmolzene Legion war, erhielt Befehl, den
Weg nach Barcelona zu nehmen, um sich mit dem in Katalonien stehenden
Armeekorps zu vereinigen, welches das Beobachtungskorps der stlichen
Pyrenen formierte und bei dem viel italienische Truppen standen. Bei
der furchtbaren Stimmung und dem eingefleischten unvershnlichen Ha der
Katalonier gegen die Franzosen, der schon aus frheren Zeiten datierte,
war es hchst notwendig, auch dieses Korps zu verstrken, das ebenfalls
schon sehr vermindert war und namentlich bei der Belagerung von Gerona
sehr gelitten hatte. Unser Marsch war wieder hchst beschwerlich und
ermdend. Wir vermieden sogar alle bedeutenden Orte, da die Bataillone
meist keine dreihundert Mann mehr stark, um so mehr den Angriffen der
Feinde ausgesetzt war und in ganz Katalonien nur noch Barcelona und das
Fort von Figuieras in den Hnden der Franzosen waren. Miquelets, in
Bataillone zu zehn Kompagnien, jede hundert Mann stark, eingeteilte und
wohlbewaffnete Katalonier, schwrmten zu Tausenden umher. Sie trugen
runde Jacken und Federhte, katalonische Nationaltracht. Katalonien
hatte einige vierzig solcher Bataillone, Tercios de Miquelets genannt,
gestellt und bewaffnet. Auerdem gab es noch eine Art Landsturm,
Somatenes genannt, die sich augenblicklich, wo es not tat, zu vielen
Tausenden bewaffnet erhoben, deren Einrichtung schon Jahrhunderte
bestand und zu der alle Katalonier vom sechzehnten bis zum fnfzigsten
Jahre gehren, sobald das Vaterland in Gefahr ist.

Alle greren Stdte, und namentlich Lerida, in welchem die Junta von
Katalonien ihren Sitz aufgeschlagen hatte, vermeidend, machten wir sehr
ermdende und gefhrliche Nachtmrsche. In kleineren Orten requirierten
wir Lebensmittel, was, so lange wir in Aragonien waren, sich noch
ziemlich gefahrlos tun lie; als wir aber einmal ber Fraga, eine Stadt,
die am Cinca liegt und ber viertausend Einwohner zhlt, hinaus waren,
wurde es immer schwieriger, sich Nahrungsmittel zu verschaffen. Das Dorf
Alcaraz war der erste Ort, den wir in Katalonien betraten; es liegt nur
in geringer Entfernung von Lerida. Unser nchstes Biwak hielten wir bei
dem Dorf Molleruza, von wo wir noch unangefochten, aber oft auf
abscheulichen Seitenwegen bis in die Gegend von Cervera marschierten,
das auf einer ansehnlichen Hhe in einer groen fruchtbaren Ebene liegt,
mit Mauern umgeben und durch seine Lage ziemlich fest ist. Im spanischen
Erbfolgekrieg wurde diese Stadt vergeblich von den Deutschen und
Kataloniern belagert, auch wagten wir uns nicht an dieselbe, da wir von
den guten Gesinnungen der Einwohner gegen uns, sowie da ein Bataillon
Miquelets und viele Somatenes in derselben lagen, unterrichtet waren.
Wir marschierten nach gehriger Rekognoszierung in das Dorf
Hostalfranes, wo wir alles mitgehen lieen, was wir als verdauungsfhig
erkannten. Die Stadt Ignalada, die ber zehntausend Einwohner zhlte und
nicht besser gesinnt war, umgingen wir gleichfalls, uns fortwhrend mit
dem Ntigsten in den Drfern versehend. Oft bestand unsere Nahrung auf
einen ganzen Tag in einer Zwiebel oder etwas Knoblauch mit einem Stck
Brot, und dabei die strapazisesten Mrsche in kahlen Gegenden. Bayern
oder sterreicher wrden schlecht dabei gefahren sein. Im Grunde war es
ein Unsinn, uns in so geringen Abteilungen nach Katalonien, das in
vollem Aufstand war, zu senden, aber der General Duhesme, der daselbst
kommandierte, hatte auf das dringendste Verstrkung verlangt, da was ihm
von Perpignan zukam, nicht hinlnglich war. Nach mancherlei Strapazen,
groen Entbehrungen und das Fuwerk im schlechten Zustand, kamen wir
endlich bei dem Stdtchen Martorell an, wo wir ber die Noya gingen und
dann den nur noch drei Stunden entfernten berhmten Berg Montserrat
erblickten, den zu besteigen und seine merkwrdige Einsiedelei zu
besuchen, jetzt niemand Lust versprte. Von weitem sieht er aus wie eine
ungeheure Burgruine. Schon so nahe bei Barcelona, hielten wir uns jetzt
sicher genug, um uns nach Martorell wagen zu knnen, wo wir uns seit
zehn Tagen zum erstenmal wieder satt essen konnten; aber kaum war dies
geschehen, als wir Nachricht erhielten, da sich ein groer Haufen
Somatenes in geringer Entfernung zeige. Wir griffen eiligst zu den
Waffen und verlieen die Stadt. Hier sahen wir einen Haufen bewaffneter
Bauern, etwa zwlf- bis fnfzehnhundert Mann stark, die sich jedoch
nicht an uns zu wagen schienen und uns ruhig ziehen lieen. Bald hatten
wir sie auch aus den Augen verloren. Als wir aber bei San Feliu, einem
ziemlich bevlkerten Ort, der nur noch zwei Stunden von Barcelona liegt,
ankamen, zeigten sich auf einmal die Somatenes wieder, mit einem halben
Tercios Miquelets verstrkt, und machten Miene, uns den Weg zu sperren,
indem sie sich vor dem Eingang von San Feliu aufstellten. Es blieb uns
nichts anderes brig, als ihn zu erzwingen und zu versuchen, uns
durchzuschlagen. Die Miquelets fochten wie Verzweifelte, und selbst
nachdem wir ihre Reihen durchbrochen hatten, muten wir fortwhrend
kmpfend weiterziehen, da sich immer neue Haufen entgegenwarfen, die
kleine, uns bekannte Umwege im Lauf machten und sich dann wieder vor uns
aufstellten. Endlich waren wir mit einem Verlust von einigen dreiig
Mann jenseits des Ortes auf der nach Barcelona fhrenden Strae
angekommen, als sich abermals ein groer Trupp Somatenes zeigte, Feuer
auf uns gab und dann davoneilte. Ich ritt gerade an der Spitze des
zweiten Bataillons, als ich einen Bchsenschu in den rechten Schenkel
erhielt, den ich im ersten Augenblick gar nicht sprte, der mir aber
bald unter groem Blutverlust heftige Schmerzen verursachte, so da ich
vom Pferd steigen und mich bis Barcelona auf Stangen tragen lassen
mute, die im nchsten Dorf nebst acht Bauern dazu requiriert wurden,
nachdem ein Aide-Major einen provisorischen Verband auf die Wunde gelegt
hatte. An den Toren von Barcelona angekommen, wurde sogleich eine Snfte
herbeigeschafft, in der man mich ins Lazarett brachte, wo die Wunde
untersucht und die Kugel herausgezogen wurde; sie lag nicht sehr tief
und war schon ziemlich matt, als sie den Weg in mein Fleisch fand, denn
die Bauern hatten aus groer Entfernung geschossen; dennoch bekam ich
ein heftiges Wundfieber. Vom Lazarett, wo ich nicht bleiben wollte,
wurde ich in ein Gemach in der Zitadelle gebracht. Da ich indessen sehr
gute Sfte hatte, was bei Wunden eine Hauptsache ist, denn bei
verdorbenen Sften oder wenn venerisches Gift im Krper ist, wird die
geringste Wunde oft tdlich oder bringt jahrelanges Leiden, so ging
meine Heilung schnell vor sich, und ich konnte nach wenigen Tagen schon
wieder mit Hilfe einer Handkrcke herumhinken. Aber mein fatales
dreitgiges Fieber stellte sich nun auch wieder recht hartnckig ein und
machte mir viel zu schaffen, da es in ein schleichendes und zehrendes
auszuarten drohte. Whrend ich so mit Wunde und Krankheit zu tun hatte,
war der Rest der Legion schon wieder mit anderen Truppen ausgerckt, um
gegen die immer khner werdenden Miquelets zu kmpfen, fiel aber in
einen Hinterhalt und wurde grtenteils niedergemacht oder gefangen, so
da kaum fnfzig Mann und ein einziger Offizier zurckkamen. Wren wir
nicht im Besitz der Zitadelle von Barcelona gewesen, der sich Duhesme
gleich bei seinem Einmarsch in Spanien durch Arglist und Gewalt
bemchtigt hatte, so wre es uns sicher schlimm ergangen. Barcelona ist
auch auf der Landseite wohl befestigt und auf beiden Flanken durch die
Zitadelle und das Fort Montjuic gedeckt; auch von der Seeseite ist es
fast unangreifbar. Die Englnder kreuzten aber im Verein mit den
spanischen Schiffen unaufhrlich vor dem Hafen, fast alle Kommunikation
zu Wasser abschneidend. Wre der spanische Generalkapitn von
Katalonien, Palacios, ein zweiter Palafox gewesen, so htte er uns viel
zu schaffen machen knnen, da Duhesme sehr oft mit der Elite der
Garnison in den Gebirgen umherstreifte, um gegen die Miquelets, die
Palacios mit noch anderen Truppen befehligte, zu streiten und whrend
seiner Abwesenheit Stadt und Zitadelle nur schwach besetzt lie. Auch
waren die Einwohner sehr aufgebracht, da sich der italienische General
Lecchi, der in Duhesmes Abwesenheit dann kommandierte, alle mglichen
Vexationen gegen sie erlaubte und die Stadt auer den zu liefernden
Lebensmitteln, Montierungsstcken in groen Massen, fnfzigtausend
Zentner Holz, viele Schuhe und noch zwanzigtausend spanische Piaster
(ber einhundertzehntausend Franken) wchentlich bezahlen mute.
Freilich waren die angesehensten Einwohner als Geiseln in der Zitadelle
eingesperrt.

Strapazen, Wunde und Fieber hatten mich indessen tchtig
zusammengerttelt, so da ich bald nur noch einem Schatten glich, doch
versuchte ich abends, wenn die grte Hitze vorber war, kleine
Promenaden in der Stadt zu machen, besuchte Kirchen und so weiter.

Diese Hauptstadt Kataloniens ist mit die betrchtlichste Spaniens und
hat nahe an hundertfnfzigtausend Einwohner; sie wurde von den
Karthaginiensern gegrndet, die ihr den Namen eines ihrer Generle,
Hamilcar Barca, beilegten. Nachher kam sie unter rmische, spter unter
gotische und maurische Herrschaft; endlich hatte sie ihre eigenen
Souverne, die den Titel Grafen von Barcelona fhrten und Katalonien mit
der Krone von Aragonien vereinigten, bis beide im sechzehnten
Jahrhundert der spanischen Monarchie einverleibt wurden. Die Stadt hat
einen groen Umfang, ist aber schlecht gebaut und hat mit wenigen
Ausnahmen sehr enge und krumme Straen, namentlich die Altstadt, auch
ihre Pltze sind klein. Die Huser sind sehr hoch, meist fnf
Stockwerke, und haben groe Balkone. Palste sind wenige hier; unter
ihnen ist der des Herzogs von Medina Cli der schnste. Sehr viele
Huser sind bunt bemalt, Kirchen und Klster zhlt man wohl anderthalb
hundert. Noch sind einige Altertmer aus den Rmerzeiten vorhanden. Die
Kathedrale ist ein groes schnes Gebude, dessen Fassade aber noch
nicht ausgebaut ist, obgleich schon seit dreihundert Jahren von allen,
die sich daselbst verheiraten, eine kleine Abgabe zu diesem Zweck
erhoben wird und schon weit mehr Geld als erforderlich dazu vorhanden
ist. Der alte Palast der Grafen von Barcelona diente zum
Teil Klarissinnen zur Wohnung, whrend im anderen Teil das
Inquisitionstribunal seinen Sitz und seine Kerker hatte; er hat ein
ungeheures Mauerwerk, furchtbare Gewlbe und ist nur durch eine enge
Strae von der Kathedrale getrennt. Das Schauspielhaus ist ein schnes
und gerumiges Gebude, das an einer Promenade liegt. Noch ist auch ein
alter merkwrdiger Palast des Hauses Alba vorhanden. Von den Promenaden
innerhalb der Stadt -- die auerhalb liegenden konnte ich nicht besuchen
-- ist die Esplanade zwischen Zitadelle und Stadt die grte; sie hat
drei Reihen Alleen, wird aber wenig besucht. Die Rambla ist ein auf
ehemaligen Festungswerken angelegter Spaziergang mitten in der Stadt,
die sie gewissermaen in zwei Teile trennt.

Barcelonetta ist ein kleines Stdtchen, das eigentlich eine Vorstadt von
Barcelona bildet und zwischen dem Hafen und dem Molo liegt, wird aber
fast nur von Schiffern und Matrosen bewohnt; seine Entstehung datiert
erst aus dem achtzehnten Jahrhundert. Die Zitadelle an der Nordostseite
der Stadt wurde ebenfalls erst im achtzehnten Jahrhundert und auf Befehl
Philipp V. erbaut; sie ist gro, und ihre bedeutenden Werke waren noch
im besten Zustand. Der Hafen, der unter ihr und zwischen der Stadt und
Barcelonetta liegt, ist im Grunde nur ein groes Bassin, dessen Einfahrt
ziemlich schwierig ist; er ist schn und sehr besucht. Der Montjuic ist
ein Berg auf der Sdwestseite der Stadt, mit einem Fort gekrnt, der
weit besser Stadt, Hafen und Umgegend beherrscht als die Zitadelle und
selbst diese noch dominiert.

Barcelona, das groen Handel treibt, hat sehr reiche Kaufleute, sein
Adel aber gehrt mit wenigen Ausnahmen meistens zur Familie der Don
Ranudo de Colibrados. Die Frauen sind zum Teil reizende und pikante
Schnheiten, die mich trotz meinem gespensterhaften Aussehen nicht wenig
interessierten; ich konnte sie aber nur in Kirchen und auf Promenaden
bewundern. Gewhnlich ist diese Stadt voller Leben, und die Vergngungen
aller Art, wie Gesellschaften, Tnze, Schauspiele, Maskeraden,
italienische Oper, Kirchenfeste, Prozessionen, Landpartien und so weiter
drngen sich, jetzt aber war von dem allen wenig zu sehen, man htte
sich vielmehr in La Trappe glauben knnen, und sah nur finstere oder
sorgenvolle Gesichter; nur in den Kirchen war einiges Leben, wenn auch
ein sehr ernstes. In manchen derselben werden bei groen Festen oft
dreitausend Kerzen zumal angezndet. Nchtliche Prozessionen mit
Fackeln, bei denen es oft bunt genug zugeht, sind hier sehr beliebt; man
hat berechnet, da allein bei den Prozessionen, die whrend der heiligen
Woche stattfinden, ber dreiigtausend Wachsfackeln verbrannt werden,
von denen eine jede fnf bis sechs Pfund wiegt; Riesen, Teufel,
Ungeheuer und so weiter spielen dabei eine groe Rolle. Durch die vielen
brgerlichen Kriege der letzten drei Jahrhunderte und nicht weniger als
fnf Belagerungen, die es in einem Zeitraum von sechzig Jahren
bestanden, war Barcelona so herabgekommen, da es nach der Belagerung
von 1714 keine vierzigtausend Einwohner mehr zhlte, sich aber so
unglaublich schnell erholte, da es zu Ende desselben Jahrhunderts schon
wieder hundertundvierzigtausend und ber zehntausend Huser hatte.

Kaum acht Monate hatte ich in Spanien zugebracht und unter
Verhltnissen, die es nicht zulieen, in nhere Berhrung mit dessen
Einwohnern zu kommen und sie genauer kennen zu lernen, doch machte ich
im allgemeinen auf unseren Mrschen und in unseren Quartieren folgende
Bemerkungen. Die Damen haben sich bei den Spaniern, trotz dem herrischen
Wesen der Mnner, noch immer einer Verehrung zu erfreuen, die fast an
Abgtterei grenzt und die noch von jener in ihren ritterlichen Romanen
und Romanzen so oft besungenen heroischen Liebe zeigt. Die Mnner suchen
beinahe eine Ehre darin und sind stolz darauf, sich der Frauen Knechte
zu nennen, was sie auch sind, und reden sie oft mit den Worten an:
_Seora, beso a vos los pies_, auch besorgen sie Frauen-, Stuben- und
Kchendienste, machen die Betten, kaufen die Lebensmittel ein, kochen,
kleiden sogar die Kinder an und so weiter. Dies macht, da selbst die
spanischen Frauen niederer Klassen halbe Prinzessinnen sind, deren Winke
rasch auszufhrenden Befehlen gleichen. Dagegen sind sie aber auch ber
alle Beschreibung schn und anmutig, namentlich die Andalusierinnen,
deren ich mehrere in Madrid und Barcelona sah, heroisch-majesttische
Schnheiten. Der Ausdruck ihrer Mienen, ihr Anstand, ihre Anmut, ihre
Feuer blitzenden Augen sind unvergleichlich, selbst Bettelmdchen und
Dirnen der Freude wissen unter ihrer Mantille noch zu imponieren, und
die halbwilden Hirtentchter der Gebirge kommt man in Versuchung, fr
Bergnymphen zu halten. Unter diesen Gebirgsbewohnern gibt es Menschen,
die gar kein Geld kennen, und wenn man ihnen fr einen Dienst, fr eine
Erfrischung ein Stck gemnztes Silber geben will, weisen sie es mit
Verachtung zurck, sprechend: Wir bedrfen solchen Plunders nicht, wer
dessen bedarf, mag ihn behalten. Im Sommer ist das hohe Himmelsgewlbe
ihr Dach und im Winter Erdhtten oder Hhlen ihre Schlafsttte,
Schaffelle ihre Bedeckung, Milch, Kruter und Baumfrchte ihre Nahrung.
Namentlich leben so die Gebirgsbewohner Kataloniens, die kein Feind in
ihren Bergen erreichen kann und die ein wildes, kriegerisches Volk sind,
das seine Engpsse gut zu verteidigen wei und fast mit nichts lebt;
diese gengsamen Menschen haben immer berflu.

Musik und Tanz ist selbst in den elendesten Drfern Spaniens das
Hauptvergngen seiner Bewohner. Von diesen Tnzen hat, wer sie nicht
gesehen, keinen Begriff. Den feurig wollstigen Fandango, den
anmutsvollen Bolero, den Zorongo, die waghalsige Jota von grazisen
Spanierinnen aufgefhrt zu sehen, lt Eindrcke zurck, welche fr die
Lebenszeit dauern. Vor den Kirchpltzen der armseligsten Drfer ertnt
der Klang der Zither, und die Bauerndirnen bringen durch ihre
grazis-wollstigen Bewegungen auch das Blut der kltesten Zuschauer in
Wallung und Glut. In Kastilien sah ich einst den Guaracha tanzen, den
eine Person, die sich selbst mit der Gitarre begleitete, mit
gravittischem Ernst auffhrte, und dennoch wurde ich von diesem
Charaktertanz hingerissen. Fast jede Provinz hat ihre eigenen Tnze, so
werden in einer Gegend Kataloniens, Ampurda genannt, zwei ganz
eigentmliche Tnze aufgefhrt, die man sonst nirgends kennt und die
eine magische Wirkung haben. Dagegen sind der Fandango und Bolero
berall die Haupttnze, fr die jeder Spanier leidenschaftlich
eingenommen ist. Der erste wird sehr passend eine harmonische Verzckung
des Krpers genannt, der Bolero ist eigentlich nur ein gemigter
Fandango. Schon die Musik dieser Tnze elektrisiert jeden Spanier und
bringt alle seine Glieder in Aufregung, sein Blick folgt jeder Bewegung
der Tanzenden, seine Hnde, Fe, Mienen und Gebrden schlagen den Takt.
Selbst ein phlegmatischer Sohn Albions sagte von dem Fandango: Ich bin
berzeugt, da, wenn man diesen Tanz unerwartet und pltzlich in einer
Kirche oder vor einem Gerichtshof ertnen lie, Priester und Richter,
Andchtige und Advokaten, Volk und Verbrecher ohne Unterschied, wie
durch Oberons Chre bezaubert, zu hpfen und springen beginnen wrden.
Der Fandango wird in der Regel mit Gitarrenklang und Kastagnettenschlag
begleitet, von zwei Personen, Mann und Frau, aufgefhrt. -- Bekannt ist
die Geschichte der wunderschnen Tnzerin Dolores, oder Dolorita
genannt, die zuerst als Nonne vor dem Hochaltar ihrer Klosterkirche zu
Huelgas zu Ehren der Madonna und der Heiligen tanzte, aber bald den
Nonnenschleier mit der Mantille vertauschte, ihre Zelle mit einem
Boudoir, eine weltliche Tnzerin ward und statt in der Kirche auf den
Brettern der Haupttheater Spaniens und Madrids auftrat, alle Welt
bezauberte, von den Granden angebetet und selbst vom Knig, der ihr
Gelbde durch einen Machtspruch gelst, gekt wurde. Einen Edelmann
namens El-Curo, der in Salamanka studierte, behexte sie so, da er seine
Studien im Stich lie, ihr gleich einer anderen Preziosa folgte und auch
ein Tnzer wurde. Da er hoffte, sich als Toreador noch mehr auszeichnen
zu knnen, vertauschte er die Kastagnetten mit den Banderolas und dem
Scharlachmantel und wurde endlich von den Hrnern eines wtenden Stiers
durchbohrt.

Die spanischen Theater, von denen ich nur wenige frequentieren konnte,
geben oft Vorstellungen, wie man sie in keinem anderen Lande Europas
mehr zu sehen bekommt, namentlich wenn sie ihre sogenannten heiligen
Komdien auffhren, wo Profanes, Heiliges und Absurdes auf das
seltsamste vermengt wird. Da sieht man Engel und Teufel, Priester und
Heilige, alle Laster und Tugenden und nicht selten Gott selbst
personifiziert. Die Handlungen der Frommen und die Abscheulichkeiten
Satans durchkreuzen sich, und das Ganze ist oft ein wahrer Skandal fr
Religion und Sitten. Luzifer erscheint mit Hrnern und Schwanz und
unterhlt sich unbefangen mit Heiligen und mit Gott. Wunder aller Art
geschehen, Mrtyrer werden verbrannt, und was die tollste Phantasie
erfinden kann, geht in buntem Gewirre vor den Augen der Zuschauer
vorber. Maschinerie und Dekorationen sind dabei oft in hchster
Vollkommenheit. Man sieht bald das Innere des Himmels, bald die Hlle,
bald beides zugleich, ber- oder nebeneinander. Das himmlische Paradies,
das Fegfeuer mit den brennenden Seelen, ein Konklave und so weiter,
alles wird dem bewundernden Auditorium vorgefhrt. Namentlich wurden
diese Komdien am schnsten und tollsten in Barcelona gegeben, wo man
den Teufel sogar zwingt, in einer Franziskanerkutte, aus der die Hrner
hervorragen, auf einer Kanzel die christliche Moral zu predigen!!! Man
sieht auch Stcke, deren Handlungen durch zwei Jahrhunderte in einem
Abend spielen. --

Die Theater haben im Innern in der Regel ein Patio (Parterre) und
mehrere Reihen Logen, _palcos_ oder _aposentos_ genannt. Das Parterre
ist meistens in drei verschiedene Abteilungen geteilt, von denen die
vorderste Lehnsthle, die mittlere, das eigentliche Patio, Bnke, die
hinterste Gradas, das heit amphitheatralisch geordnete Sitze hat, doch
ist dies nur in den greren Theatern der Fall. Die Logen sind fast wie
in Italien beschaffen. Die meisten Theater haben, der Bhne gegenber,
in jedem Rang eine groe Loge, die man Cazuela nennt. Diese ist nur
allein fr Frauen bestimmt, die sich daselbst, in die Mantillen gehllt,
aus allen Stnden und von jedem Alter einfinden; auch die vornehmsten
Damen, die keine Toilette machen wollen oder sonst eine Ursache dazu
haben, besuchen oft die Cazuela, durch ihre Schleier unkenntlich
gemacht. Die Liebe ist bei den Spanierinnen die Hauptangelegenheit ihres
Lebens, und schon manche Donna hat ihren Geliebten, als Frau verkleidet,
mit in eine Cazuela genommen. Sie lieben hchst leidenschaftlich und
sollen dabei sehr bestndig sein, dagegen aber fordern sie die
unbedingteste Ergebung und groe Aufmerksamkeit von dem Geliebten und
sind nicht selten dessen schrecklichster Tyrann, whrend sie oft die
Sklavinnen ihrer Eheherren sind. Ihr Wille mu ihm das strengste Gesetz
sein, gegen das keine Appellation stattfindet, dabei besitzen sie eine
groe Energie und trotzen jeder Gefahr, besonders die Kastilianerinnen,
welche die zrtlichsten wie die Andalusierinnen die verfhrerischesten
Frauen sind. Sitten, Gebruche, Kleidung und sogar die Sprache sind in
jeder Provinz verschieden, und in keinem Land ist eine so groe Mischung
von verschiedenen Nationen, wie in Spanien, wo neben dem Element der
Urbewohner, das der Karthager, der Rmer, der Celtiberier, der Germanen
und namentlich der Goten und Mauren, das glhende Orientalische neben
dem ernsten Nordischen sich kundgibt und in vielen Charakterzgen zeigt,
sowie ihre wunderbaren Mrchen von verbannten und verwnschten
Jungfrauen und Rittern, verborgenen Schtzen, verwnschten Schlssern,
verzauberten Grten, Palsten, ritterlichen Kmpfen mit Riesen und
Ungeheuern, unterirdischen Bewohnern und Geistern und so weiter, bald
die glhende Phantasie der Orientalen, bald die romantische des Nordens
atmen. Das ganze Land mit seinen rmischen und maurischen Ruinen, seinen
Bergen, Wldern, Schlssern, Palsten, Kirchen, Klstern, Kapellen,
Einsiedeleien und Grten erscheint fast wie eine verzauberte Gegend.

Gerne htte ich den so naheliegenden Montserrat mit seinem berhmten
Kloster und seinen merkwrdigen Einsiedeleien besucht, aber mein
krankhafter Zustand machte es mir unmglich, mein Fieber wollte gar
nicht nachlassen und jetzt keinem Mittel weichen, obgleich die Wunde
fast ganz zugeheilt war. Die rzte schrieben meinen Zustand der feuchten
Luft Barcelonas zu, sie hielten fr das beste, meinen Aufenthalt zu
wechseln und mit dem sdlichen Frankreich zu vertauschen, etwas, das
aber nicht so leicht zu bewerkstelligen, da zu Land und zu Wasser die
Kommunikation mit Frankreich sehr schwierig war. Unter den jetzigen
Umstnden allein oder selbst in Gesellschaft mehrerer ber die Pyrenen
zu kommen, daran konnte man nicht denken, und vor dem Hafen kreuzten
englische Fregatten und spanische Kriegsschiffe. Ich sprach deshalb mit
dem kommandierenden General Lecchi, der mir mitteilte, da er dieser
Tage ein kleines Kstenfahrzeug nach Frankreich absenden msse und, wenn
ich es wagen wolle, ich mit diesem, dessen Kapitn ein Franzose aus Agde
sei, gehen knne; das Schiff sei erst vor wenigen Tagen, den Englndern
eine Nase drehend, in den Hafen eingelaufen. Ich suchte den Kapitn
selbst auf, der mir zuredete, mich ihm anzuvertrauen, und sagte, er
stehe dafr ein, mich glcklich an die franzsischen Ksten zu bringen.
Ich frchtete nichts mehr, als in englische Gefangenschaft zu geraten,
aber auf sein Zureden entschlo ich mich, das Wagnis zu bestehen, lie
mir die ntigen Papiere und Zertifikate ausfertigen und schiffte mich in
einer dunklen Nacht, den 12. September nach zehn Uhr abends, ein. Wir
verlieen den Hafen mit sehr gnstigem Westwind, segelten, von den
feindlichen Schiffen unbemerkt, lngs der Kste hin und hatten, als der
Tag anbrach, schon die Hhen von Rosas passiert. Die Fahrt wurde mit
gleichem Glck bis zu den Ksten Frankreichs fortgesetzt, an Perpignan
und Narbonne vorber, und den dritten Tag erreichten wir glcklich den
Hafen von Agde. --




                                 XIII.

    Ankunft zu Montpellier. -- Ich werde zum 29. Regiment versetzt.
        -- Murat, Knig von Neapel. -- Ermordung einer Kompagnie
     Voltigeurs. -- Der neue Knig macht sich beim Volk beliebt. --
      Einnahme der Insel Capri. -- Ich werde dekoriert. -- Helenes
   Hochzeitsfeier. -- Castellamare. -- Dritter Feldzug in Kalabrien. --
      Rckkehr nach Neapel, wo ich das Ehrenkreuz erhalte. -- Ich
      werde nach Nola detachiert und daselbst beinahe erschossen.
       -- Neue Bekanntschaften. -- Eine durch eine beabsichtigte
     Leichenberaubung entdeckte Verschwrung. -- Murats Politik und
              Reformen. -- Abmarsch nach dem Kirchenstaat.


Die kleine Seereise war mir trotz mancher Unbequemlichkeiten und
schlechter Lagersttte doch ziemlich gut bekommen. Von Agde, einem
kleinen Seehafen im Departement Herault, durch ein Konzilium, das hier
gehalten wurde, bekannt, fuhr ich sogleich ber Frontignan, wegen seines
trefflichen Muskatweins berhmt, nach Montpellier ab, wo ich in einem
guten Gasthof abstieg, dann den Herren Michel und Gayral meine Ankunft
meldete, die mich mit allem, dessen ich bedrftig war, bestens versahen.
Nachdem ich mich bei dem jetzt hier kommandierenden General Siss
gemeldet, teilte mich derselbe einstweilen dem hier liegenden Depot
eines Infanterieregiments bis zu meiner vlligen Genesung zu, und das
gesunde Klima von Montpellier stellte mich bald wieder her. Ich schrieb
an den Kriegsminister und bat den General, bei dem ich fters zu Tische
war, um dessen Verwendung, damit ich mglichst bald wieder in Aktivitt
kommen mge. Die Legion, bei der ich gestanden, war so gut wie
vernichtet und aufgelst. Ich wnschte sehr, wieder in Italien verwendet
zu werden; Spanien hatte mich, trotz seiner wunderbaren Schnheiten und
seiner romantisch-heroischen Berhmtheit, nicht besonders angesprochen;
wir standen den Einwohnern viel zu schroff gegenber, als da man an ein
nur leidliches Verhltnis mit denselben denken konnte. Mein Begehren
wurde mir gewhrt und ich zum 29. Infanterieregiment versetzt, das im
Knigreich Neapel stand. Die Marschroute dahin erhielt ich ausgefertigt,
fand Gelegenheit, mich in Cette auf einer nach Civita-Vecchia bestimmten
Kanonierschaluppe einzuschiffen und kam ohne Unfall nach sieben Tagen,
immer lngs den Ksten fahrend, glcklich in diesem Hafen an, von wo ich
sogleich nach Rom abging. Nachdem ich Torlonia und Gertrude besucht, die
auf einer nahen Villa wohnte, setzte ich mit einem Vetturino die Reise
nach Neapel fort, wo ich gegen Ende September, denselben Tag, an welchem
auch die neue Knigin von Neapel, Murats Gattin und Napoleons Schwester,
die schne Karoline, ihren Einzug in die Hauptstadt hielt, ankam. Murat
hatte Spanien schon frher verlassen, da ihn sein Schwager zum Knig von
Neapel dekretiert, um ihn fr das Nichtbesteigen des spanischen Thrones
zu entschdigen. In den ersten Tagen des September hatte er mit
ungeheurem Pomp, unter dem Zulauf des staunenden Volks Besitz von seiner
Hauptstadt genommen.

Das Regiment, dem ich jetzt angehrte, lag zum Teil in Neapel, zum Teil
in Cosenza und der Umgegend und war eines von denen, welche die meiste
Erbitterung gegen die Neapolitaner und besonders gegen die Kalabresen
hegten, denn man hatte vor einiger Zeit eine Voltigeurkompagnie
desselben auf das hinterlistigste gemordet. Dieselbe hatte durch den
Silawald marschieren mssen, um sich von Catanzaro nach Cosenza zu
begeben, sich aber auf dem Marsch verirrt und kam in die Nhe eines
Dorfes, Gli Parenti genannt, das ein Hauptschlupfwinkel der Briganten
und namentlich derer, die zu der Bande des Francatrippa gehrten, war.
Die Einwohner, die im besten Einverstndnis mit den Rubern standen,
steckten ihnen sogleich das Verirren dieser Truppen und beschlossen,
denselben eine Falle zu legen, in welcher sich der die Kompagnie
kommandierende Kapitn auch nur zu leicht fangen lie. Als sich die
Truppen dem Dorf nherten, kam ihnen Francatrippa, der sich nicht
getraute, im offenen Kampf sich mit dem Feind einzulassen, entgegen, gab
sich fr den Kommandanten der Guardia Civica oder Nationalgarde aus und
lud den Kapitn, seine Offiziere und smtliche Mannschaften ein, einige
Erfrischungen in dem Ort zu nehmen. Ohne alles Mitrauen wurde das
Anerbieten dankbar angenommen, und die Offiziere lieen sich, durch die
anscheinende Gastfreundlichkeit der Kalabresen verfhrt, unvorsichtig in
ein ansehnliches Haus ntigen, um die vorgestellten Speisen einzunehmen.
Der Kapitn lie seine Leute die Gewehre in Pyramiden vor das Haus
stellen, und man brachte nun den Soldaten reichlich Wein, Brot und Kse,
sie freundschaftlichst ermunternd, zuzusprechen. Als es sich nun alle
recht sorglos wohlschmecken lieen und die gastfreien Bewohner des Ortes
rhmten, da fllt pltzlich ein Schu aus einem Fenster, und in
demselben Augenblick werden auch die drei Offiziere in dem Zimmer, in
dem sie sich befinden, ermordet; zu gleicher Zeit wird aus allen
Fenstern und Tren der umliegenden Huser auf die entwaffneten Truppen
geschossen, und es regnet eine solche Masse von trefflich gezielten
Kugeln, da die meisten Soldaten tdlich getroffen niederstrzen, noch
ehe sie nur Zeit gehabt, zu ihren Gewehren zu greifen. Alle bis auf
sieben wurden niedergemacht; diese entkamen glcklich nach Cosenza, wo
sie Bericht ber die Greueltat abstatteten. -- Die Sorglosigkeit des
Kapitns in einem so feindlich gesinnten Land, das von Insurgenten
wimmelte, war unverzeihlich; mir wre dies wenigstens nicht passiert,
denn ich htte jedenfalls Vorsichtsmaregeln genommen, die eine solche
berrumpelung unmglich gemacht htten. -- Sobald diese Tat in Cosenza
bekannt war, wurden sogleich vierhundert Mann nach Gli-Parenti
abgeschickt, mit dem Befehl, das Dorf niederzubrennen und alle Einwohner
ber die Klinge springen zu lassen; aber man fand auch keine lebende
Seele in dem Ort, die Einwohner hatten sich vor Annherung der Truppen
in die unzugnglichsten Wildnisse geflchtet; ihre Wohnungen wurden in
Asche gelegt. Wren die sieben Soldaten nicht entkommen, so wre diese
Kompagnie spurlos verschwunden, ohne da man je erfahren, was aus ihr
geworden.

Mir war bei dem Regiment das Kommando der Karabinierkompagnie des
zweiten Bataillons geworden, deren Kapitn vor kurzem an den in
Kalabrien erhaltenen Wunden gestorben war, bald darauf wurde ich aber
zum ersten Bataillon versetzt, weil auch die Musik des Regiments wieder
unter meinen Befehl gestellt wurde. Von dem Regiment Y., bei dem ich
frher stand, war das erste Bataillon nebst dem Stab noch immer in
Castellamare, das zweite aber, bei dem Herr von Gasqui, Caguenec und so
weiter standen, nach Tarent abmarschiert und daselbst eingeschifft
worden, um nach der Insel Korfu gebracht zu werden, wo es auch mit
_Armes et bagages_ und seinen Frauen glcklich ankam. Auch ich sollte
spter die Insel kennen lernen. -- Helene Cramer war noch mit ihren
Eltern in Castellamare, aber die Braut eines neapolitanischen
Bataillonschefs. Das Liebhabertheater in Gies nuovo war durch das
Abgehen der Madame Gasqui, die nach Korfu, der hbschen Oberstin, die
nach Paris gereist, und anderer gesprengt, auch htte es durch die
Vernderung des Regenten und des Hofes fr den Augenblick das frhere
Interesse nicht mehr gehabt.

Murat beschftigte sich in der ersten Zeit seiner Regierung fast
ausschlielich mit den inneren Angelegenheiten seines Knigreichs. Unter
dem Namen Joachim I. hatte er den Thron von Neapel bestiegen. Als die
Nachricht von seiner Ernennung zum Knig dieses Reichs bekannt wurde,
erfllte dies die Gemter der Bewohner mit Furcht und Schrecken, denn es
ging ihm von Spanien, besonders wegen den Vorfllen zu Madrid vom 2. und
3. Mai, ein entsetzlicher Ruf voraus, so da man sich ein blutdrstiges
Ungeheuer unter ihm vorstellte, was er nicht war. brigens war man mit
Josephs Regierung, den man spottweise Don Pepe nannte, so allgemein
unzufrieden gewesen, da man sich damit trstete, da es nicht leicht
schlimmer werden knne. Napoleons lterer Bruder hatte sich nur seinem
Hang zum Vergngen hingegeben, lie in seinem Namen die Minister und
andere schalten und walten und unseren Herrgott einen guten Mann sein.
Da man sich den Freuden der Liebe hingibt und in den Armen schner und
liebenswrdiger Frauen den Hochgenu des Lebens sucht, dies zu tadeln
wre ich wohl der letzte, denn ohne dies wre das Leben doch gar zu
schal, aber nie darf diese Leidenschaft in eine solche Schwche
ausarten, da man darber seine hheren Pflichten vernachlssigt, selbst
zum Weibe wird oder sich gar von Mtressen beherrschen lt. Dies ist
eines Mannes und besonders eines Regenten unwrdig, jmmerlich klein und
zeugt von schwachem Verstand und Charakterlosigkeit. -- Sind die
Schferstunden vorber, mu der Mann wieder ganz Mann und Herr ber das
Weib sein, von dem er dann nur um so mehr geliebt, geachtet und
vergttert wird. Dies spreche ich aus vielfacher Erfahrung -- freilich
war ich nie ein schmachtender Seladon, Siegwart oder Werther. --

Ein Dutzend Damen und deren Anhang, diejenigen Personen ausgenommen, die
unter Josephs Deckmantel rauben und sich bereichern durften, wurde
dessen Abgang aus Neapel von niemand, weder vom Zivil noch vom Militr
bedauert. -- Auf die trichtste Weise hatte er, gleich seinem Bruder
Hieronymus in Kassel, die Staatsgelder vergeudet, whrend das Heer ein
ganzes Jahr im Rckstand mit seinem Sold war. Murat dagegen war
wenigstens von den Franzosen, die ihn als einen tapferen General
schtzten, geachtet und geliebt, und gerne verziehen sie ihm seine Liebe
zu Prunk und auffallender Kleidung. -- Die ersten Handlungen seines
Regierungsantritts waren geeignet, ihm auch die Herzen der Neapolitaner
zuzuwenden. Er zeigte sich beraus leutselig und liebenswrdig, auf den
Rat Salicettis, der zugleich Kriegs- und Polizeiminister war, hob er die
sehr verhaten Militrgerichte, die die Leute so schnell in die andere
Welt expedierten, auf, allen Deserteurs wurde ein Generalpardon
verkndet, wodurch mancher Neapolitaner seiner Familie wiedergegeben
ward, und es wurden Maregeln ergriffen, den verwirrten und hchst
traurigen Zustand der Finanzen zu verbessern. Einigen hundert
Individuen, die blo als verdchtig oder gefhrlich in die Kerker
geworfen worden waren, gab er die Freiheit wieder und rief Verbannte
zurck. Dies machte, da, als die liebenswrdige Karoline, Napoleons
Schwester, ihren Einzug in die Hauptstadt hielt, sie von den
Neapolitanern mit groen Freudensbezeigungen empfangen wurde. Murat
zeigte sich tglich dem Volk, und selbst seine phantastische Pracht und
Kleidung schien diesem zu gefallen.

Der neue Knig glaubte nun auch seinen Regierungsantritt mit einer
glnzenden Waffentat bezeichnen zu mssen und whlte dazu die am Eingang
des Golfs von Neapel liegende Insel Capri, welche die Englnder schon
seit drei Jahren im Besitz und so befestigt hatten, da sie sie
Klein-Malta nannten. -- Diese Insel ist ringsum von sehr hohen und
steilen Felsen umgeben und hat nur einen einzigen Zugang. Zwischen zwei
groen Felsen liegt ein sehr fruchtbares, malerisch schnes Tal, welches
vortrefflichen Wein liefert und ein sehr gesunder Aufenthalt ist.
Augustus lie dieses zu einem Erholungsort fr sich einrichten, und
Tiberius brachte hier die letzten Jahre seines lasterhaften Lebens zu;
noch zeigt man die Ruinen seines Palastes. Capri, das ungefhr
fnftausend Einwohner zhlt, ist gewissermaen der Schlssel Neapels zur
Seeseite, und so lange es in feindlichen Hnden ist, ist die Einfahrt in
den Hafen unsicher und gefhrlich. -- Die Insel diente schon seit dem
Einmarsch der Franzosen allen Unzufriedenen, belttern, Unruhestiftern
zum Zufluchtsort, von wo aus sie neue Komplotte unter englischem Schutz
schmiedeten und ausfhrten. -- Hudson Lowe war Kommandant derselben. --

Es war den 3. Oktober (1808) gegen Abend, als man die Karabiniers und
Voltigeurs der Garnison von Neapel in den verschiedenen Forts unter das
Gewehr treten lie, wobei auch meine Kompagnie war. Nach sieben Uhr
marschierten wir an den Hafen, wo smtliche zu dieser Expedition
bestimmte Truppen sich versammelten. Hier fanden wir etwa fnfzig kleine
Transportschiffe vor, deren Vorderteile mit Brustwehren von zwei Schuh
dicken Matratzen versehen waren und zwlf bis zwanzig Ruderer hatten.
Wir schifften uns ein, und eine Fregatte, ein paar Korvetten und eine
ziemliche Zahl Kanonierschaluppen, auf denen ebenfalls ein Teil der
Truppen sich befand, machten die Bedeckung aus. Der Divisionsgeneral
Lamarque kommandierte die Expedition, und unter ihm die Brigadegenerle
Prinz Pignatelli, Montferras und Detres; wir mochten etwa zweitausend
Mann in allem stark sein.

Murat, der bei dem Einschiffen zugegen war, sah mich scharf an, als ich
mit meiner Kompagnie ein Boot besteigen wollte, und sagte: Kapitn,
mich ducht, ich habe Sie schon irgendwo gesehen?

Sire, es sind noch nicht fnf Monate, da ich die Ehre hatte, von Eurer
Majestt in der Strae zu Madrid angeredet zu werden; ich war damals
verwundet.

Ah ja, ich entsinne mich, Sie waren der Offizier, der einem Insurgenten
das Leben rettete.

Er fragte mich nun, wie ich nach Neapel gekommen, was ich ihm in wenigen
Worten mitteilte, worauf er mir sagte: Wohlan, Sie haben hier eine
treffliche Gelegenheit, sich auszuzeichnen.

Sire, was an mir liegt, wird geschehen. --

Es war neun Uhr vorber, als wir so geruschlos wie mglich abfuhren; in
Capri konnte man keine Ahnung von dieser Expedition haben. Auf der See
stieen noch sechshundert Mann, die von Salerno kamen, zu uns, bei denen
die als treffliche Schtzen bekannten korsischen Jger waren. Die
berfahrt ging schnell und glcklich vonstatten, gegen drei Uhr nach
Mitternacht waren smtliche Schiffe unter den Felsen und Batterien der
Insel angekommen; der Angriff sollte auf der sdstlichen Seite
stattfinden, gerade wo er wegen der steilen Ufer am gefhrlichsten war,
aber deshalb auch vom Feinde am wenigsten erwartet wurde. Die Landung
mute mit Sturmleitern, von denen mehrere aneinander gebunden wurden,
weil sie nicht hoch genug waren, unter dem fortwhrenden Feuern einer
Batterie bewerkstelligt werden, auch waren schnell einige Kompagnien
Englnder und Sizilianer auf den Felsenhhen, die wir erklimmen muten,
versammelt und stieen die zuerst Ankommenden wieder hinab, so da sie
an den Klippen zerschmetterten und dann in die Boote oder in die See
fielen. Der Bataillonschef Livron, spter General in Diensten des
Vizeknigs von gypten, war der erste, der festen Fu fate. Jetzt
wurden Leitern von allen Seiten angestellt, die zum Teil auf dem Rand
der Schiffe ruhten und mithin einem immerwhrenden Schwanken unterworfen
waren. Die Karabiniers von der Garde, mehrere andere Kompagnien
Grenadiere und Voltigeurs, wobei auch die meinige nebst den korsischen
Jgern, strmten jetzt unter dem Pas de Charge der Trommeln und Hrner
und dem Kugel- und Steinregen der Feinde. Einige Leitern brachen oder
strzten um und mit ihnen die Mannschaft, die sich auf denselben befand,
wobei die meisten ertranken oder an den Klippen zerschmetterten; ein
solches Schicksal hatte die Leiter, die der, auf welcher ich mich
befand, zunchst stand, doch fielen die meisten in eine
Kanonierschaluppe und kamen mit leichteren oder schwereren Verletzungen
davon. Ich war ungefhr der sechste Mann auf unserer Leiter und der
dritte, der die Hhe erreichte. Mit dem linken Arm hielt ich mich an den
Sprossen fest, meinen Sbel hatte ich zwischen den Zhnen, und mit dem
rechten parierte ich die von oben herabstrzenden Soldaten, da ich
bemerkt hatte, da, sobald einer fiel, er gewhnlich auch zwei bis drei
andere mit sich herabri. Als ich eben auf die Krone des Felsens
springen wollte, legte ein englischer Soldat auf mich an, ich ergriff
jedoch hastig das Bajonett, das ich mir dabei ziemlich tief in den
Daumen stie, aber ich hatte so die Richtung des Gewehrs, das auf meine
Brust zielte, verrckt, und der Schu ging mir unter dem rechten Arm
durch, ohne mich zu verwunden. Nun packte ich aber das Gewehr, welches
der Soldat nicht loslie, fest, schwang mich mit dessen Hilfe auf den
Felsen, auf dem ich Fu fate, der nach mir folgende Karabinier scho
meinen Gegner nieder, und ich machte mir nun mit meinem Sbel Platz und
Luft. Jetzt kamen immer mehr der Unsrigen oben an, und bald war der
Feind in die Flucht gejagt; wir hatten sehr viel Leute verloren. Kaum
hatten wir uns gesammelt, so wurde Befehl erteilt, auf Anacapri
loszurcken, dessen Anhhen wir ebenfalls unter dem hartnckigsten
Widerstand und dem unausgesetzten feindlichen Musketen- und
Karttschenfeuer ersteigen muten. Aber auch diese die ganze Insel
beherrschende Anhhe wurde endlich gestrmt, und die Englnder zogen
sich in die befestigten Posten Sankt Michel, Sankt Constanz und die
anderen Forts zurck, um daselbst Sukkurs abzuwarten, der ihnen von der
See kommen sollte. Jetzt aber wurden alle anderen Teile der Insel, durch
die der Feind htte Hilfe erhalten knnen, besetzt, bei welcher
Gelegenheit wir in dunkler Nacht eine in Felsen gehauene, aus mehr denn
sechshundert schmalen Stufen bestehende Treppe Mann fr Mann, ebenfalls
unter frchterlichem Karttschenfeuer und Werfen von Leuchtkugeln
hinabsteigen muten. Noch nicht lange hatten wir diesen Posten und die
anderen Teile der Insel eingenommen, als der feindliche, sehr bedeutende
Sukkurs, aus vier Fregatten, einigen Briggs, Bombardiergallioten,
Kanonierschaluppen, Kuttern und so weiter bestehend, sich zeigte. Bald
wurde die ganze Insel von diesen Schiffen umringt. Murat, der vom
Vorgebirge Campanella aus, in geringer Entfernung Capri gerade
gegenber, nebst vielen tausend Zuschauern alles beobachtet hatte, gab
sogleich den Befehl, da alle noch im Hafen von Neapel sich befindlichen
Kriegsfahrzeuge und Kanonierschaluppen unter Segel gehen und den Feind
angreifen sollten. -- Da ein auerordentlich starker Landwind wehte, so
muten die groen englischen Schiffe bald die hohe See suchen, und die
kleineren ergriffen die Flucht, als sie die Flottille von Neapel kommen
sahen, der sie nicht gewachsen waren. Einige zwanzig Transportschiffe
brachten uns im Angesicht des Feindes zu rechter Zeit frischen Proviant.
-- Unterdessen hatten wir auf der Insel selbst die Breschbatterien
zustande gebracht, und den 16. Oktober kapitulierte der englische
Kommandant Hudson Lowe. -- Wer htte wohl damals vermutet, da sieben
Jahre spter Napoleon dessen Gefangener auf der Insel Sankt Helena sein
wrde? -- Einen Narren wrde man den genannt haben, der so etwas nur im
Traum htte sehen wollen.

Die Kapitulation enthielt die Bedingung, da die Garnison zwar nach
England gehen, aber weder gegen Napoleon noch gegen dessen Alliierte bis
zum Frieden dienen drfe. Hchst wichtig war die Eroberung Capris fr
Neapel, sowohl wegen der Ruhe des Staates, als fr den Handel. Die Insel
war bis jetzt eine lstige Fliege auf unserer Nase gewesen. --

Murat bedachte bei dieser Gelegenheit den heiligen Januarius sehr
reichlich und verehrte ihm unter anderen Kostbarkeiten einen
brillantenen Heiligenschein.

Nach unserer Rckkehr wurden vorerst einige dreiig Kreuze des Ordens
beider Sizilien an diejenigen Offiziere und Soldaten verteilt, welche
sich am meisten ausgezeichnet hatten, wobei auch mir eines zuteil ward,
worber ich eine groe Freude hatte. Damals hielt ich solche Spielereien
noch fr was Rechtes! -- Die Dekoration bestand aus einem goldenen Stern
von fnf Spitzen mit rubinrotem Email, ber welchem ein goldener Adler
an einem himmelblauen Bndchen hing. Auf der Vorderseite war das Wappen
mit der Inschrift: _Renovata patria_, auf der anderen Seite: _Joseph
Siciliarum rex instituit_. Er brachte jhrlich fnfzig Ducati ein. Der
Eid, den man als Ritter desselben ablegen mute, besagte, da man sein
Leben der Verteidigung des Staates und der Krone weihe. -- Nach Murats
Sturz wurde auch dieser Orden wieder aufgehoben.

Einige Tage nach unserer Rckkehr von Capri sollte die Hochzeit Helenens
mit ihrem neapolitanischen Brutigam, dem Bataillonschef Ritucci,
gefeiert werden. Ich besuchte Cramers zu Castellamare und fand Helene
eben nicht sehr erfreut darber. -- Das Mdchen hatte keine Neigung zu
dem Mann, der schon ein Vierziger war und auch durchaus nichts besa,
was ein junges hbsches Mdchen zu fesseln vermag; die Mutter, die das
Mdchen gerne _ tout prix_ unter die Haube bringen wollte, hatte diese
Heirat betrieben, und als die Tochter uerte, da sie keine Neigung zu
dem Mann habe, erwiderte sie ihr: Dumme Gans, wenn er dir nicht gefllt
und du bist einmal verheiratet, so hast du ja die Wahl unter Dutzenden.
Echte Grundstze verheirateter Militrfrauen. -- Auch ich suchte das
hbsche Mdchen bestens zu trsten, ihr Mut einsprechend; wir erinnerten
uns mit Vergngen an die Partie nach Pestum und gaben uns dem sen
Andenken an dieselbe hin. -- Schon als Knabe hatte ich Helene in
Offenbach gekannt und fast tglich gesehen, da ihre Eltern der Pension
des Hofrats Scherer gegenber wohnten und sie oft herber kam, ihre
jungen Freundinnen zu besuchen. Ich stand nun auf dem vertrautesten Fu
mit der schnen Braut, mit der ich mich manche Stunde auf das
angenehmste unter vier Augen unterhielt, da die Mutter die Geflligkeit
hatte, uns fter allein zu lassen und der Brutigam nur wchentlich ein-
oder zweimal von Neapel kam. -- Der Hochzeitstag war bereits
festgesetzt, und ich hatte von dem lieben Mdchen das Versprechen
erhalten, da sie mich an diesem Tag ganz glcklich machen wolle und ich
das _droit du seigneur_ haben solle, wenn es irgend mglich zu machen
sei, aber auch nicht frher, denn kein Mensch knne fr noch nicht
geschehene Dinge einstehen. Das Wohlwollen der Mama hatte ich mir durch
das Versprechen eines schnen Hochzeitsgeschenkes erworben. Am
bestimmten Tage fand ich mich schon vor Sonnenaufgang, whrend der
Brutigam noch fest in Neapel schlief, ein. Die Braut empfing mich, wie
wir verabredet hatten, in dem an ihrer Wohnung sich befindenden
Grtchen, in einem reizenden schneeweien Morgenanzug. Hier brachten wir
eine Stunde zu, welche ihr den reinsten Vorgeschmack von dem, was ihrer
in der Hochzeitsnacht bevorstand, geben mute. Wir schwammen diese
Stunde im seligsten Entzcken, worauf sie wieder so unbemerkt, als sie
es verlassen, in ihr Kmmerchen schlpfte. -- Ich hatte es nicht gemacht
wie jener Gimpel in Lafontaines Fabel; wahr ist's, da die Braut auch
noch nicht in ihrem Hochzeitsschmuck prangte, aber auch dies wrde mich
nicht abgehalten haben. Die Trauung, zu der ich als Zeuge geladen war,
ging mit aller Formalitt um die Mittagsstunde vor sich und nach
derselben das Hochzeitsmahl, nach welchem das junge Ehepaar gegen Abend
nach Neapel fuhr, wohin ich es nebst noch einigen anderen Offizieren
reitend eskortierte. Ich war mit Helene bereingekommem da wir uns
fters bei ihren Eltern in Castellamare sehen wrden, wo sie dieselben
bisweilen besuchen wollte, und nahm Urlaub, so oft ich sie daselbst
wute und es der Dienst zulie. Hier hatten wir dann die beste
Gelegenheit, uns so recht con amore der beseligendsten Liebe und ihren
Wonnegenssen in der Einsamkeit dortiger Villen hinzugeben.

Castellamare ist eine kleine Seestadt, die eine reizende Lage und die
herrlichsten Umgebungen hat; sie ist zugleich auch ein Kurort mit
mehreren Mineralquellen und zhlt an zehntausend Einwohner. Die
knigliche Villa ist so schn, da die Einwohner sagen: _Qui si sana
per forza._ Herrliche Kastanienalleen fhren durch dieselbe und
romantische einsame Fupfade in die nahen Gehlze, die wir heimsuchten.
Der Ort und seine Umgegend ist so reizend, da Murat, als er ihn zum
erstenmal sah, ausrief: _Et tout cela m'appartiendra!_ -- Der Wein,
der hier wchst, hat einen sehr lieblichen Geschmack. Ein altes in
Trmmern liegendes Kastell, das noch aus den Zeiten der Normnner
herrhrt, erhht das Pittoreske der Umgegend nicht wenig. Oft machte ich
den Weg hierher zu Wasser, man legt ihn dann in einer gutrudernden Barke
in weniger als drei Stunden, ja wohl in zwei zurck; fhrt man mit
mehreren Personen, so bezahlt man nur eine Carlini. Der Weg zu Lande ist
weit lnger und umstndlicher, auch bentzte ich ihn selten.

Wir befanden uns beide recht wohl bei unserem Einverstndnis und waren
noch im Taumel der Flitterwochen der Liebe, als uns das Verhngnis, das
auch kein noch so inniges Verhltnis bercksichtigt, pltzlich trennte.
Das Bataillon, bei dem ich stand, erhielt unerwartet Marschorder nach
Cosenza. Ich nahm in Neapel Abschied von Helene und ihrem Mann. Erstere
konnte kaum ihre Betrbnis und der andere kaum seine Freude deshalb
verbergen; denn obgleich weit entfernt zu ahnen, wie ich mit seiner Frau
stand, war ihm deren Bekanntschaft mit mir doch nicht sehr angenehm, und
es schien, als frchtete er, was schon nicht mehr zu frchten war.

Wir traten den mir schon bekannten Weg nach Kalabrien an und kamen ohne
allen Unfall und bei noch ziemlich gnstigem Wetter nach Cosenza.

Noch immer war der Brigantenkrieg mit all seinen Abscheulichkeiten in
vollem Gang, und es war besonders darauf abgesehen, die Bewohner des
Kantons Longo-Bucco, die in fast unzugnglichen Waldgebirgen hausten und
Abgaben zu zahlen sich weigerten, den Steuererheber gettet und sich
emprt hatten, zu zchtigen, nachdem alle Versuche, sie in Gte zur
Rson zu bringen, gescheitert waren. Unser Bataillon marschierte in
aller Stille nach dem aufrhrerischen Kanton ab, whrend ein anderes
sich zu gleicher Zeit von Rosano aus dahin begab. Mit Hilfe sicherer und
reichlich bezahlter Fhrer gelangten die Truppen durch groe Umwege
durch nur von Herden Hirschen und Rehen bewohnte Wildnisse und Wlder
ziemlich unbemerkt in die Gegend, in der die widerspenstigen Drfer
lagen. Als aber endlich einem derselben unsere Annherung bekannt ward,
wurde dort sogleich die Sturmglocke gezogen, um den Alarm in der
Umgegend zu verbreiten und Briganten und Bauern herbeizuluten. Das
Luten wiederholte sich nun von Dorf zu Dorf, und schnell fand sich eine
groe Menge bewaffneter Insurgenten auf den hchsten Gipfeln des
Waldgebirges versammelt. Unsere Kolonnen rckten nun _Tambour battant_
im Sturmschritt und mit geflltem Bajonett, lautem Hallo und _en avant_
gegen die Briganten, die aber nicht fr gut fanden, den Angriff
abzuwarten, sondern die Flucht ergriffen. -- Mit dem sinkenden Tag kamen
wir bei dem Stdtchen Longo-Bucco an, das in einem tiefen und
schauerlichen Waldtal an dem zwischen gigantischen Felsenmassen
dahinbrausenden Trionto liegt und der eigentliche Feuerherd der
Insurgenten war. Der Ort, der etwa vier- bis fnftausend Einwohner
zhlt, hat eine Lage, die sich vortrefflich zu einer Raub- und Mordhhle
qualifiziert und ist von Felsenmassen und waldigen wildverwachsenen
Anhhen umgeben. Die Bewohner desselben sind meistens Kohlenbrenner,
Nagelschmiede und dergleichen, die durch ihr ruiges Aussehen ohnehin
schon Hllenbewohnern gleichen. Wir fanden fr gut, nicht in diesen Ort
hinabzusteigen, sondern schlugen auf den Hhen rings um denselben ein
Biwak auf und zndeten whrend der Nacht ein paar hundert Wachtfeuer an.
Dieses versetzte die Einwohner in groe Angst, sie frchteten, uns jeden
Augenblick herabsteigen und ihre Stadt mit Feuer und Schwert vertilgen
zu sehen. Wir hrten fortwhrend ein Schreien, Tumultieren in des Tales
Tiefen; die Leute suchten ihr Hab und Gut und ihre Person in Sicherheit
zu bringen. Erst mit Tagesanbruch wurden zwei Kompagnien hinabgesendet,
sie fanden aber den Ort bis auf wenige Greise, ein paar alte Weiber und
einen Pfarrer gnzlich verlassen. Letzterer bat fufllig um Gnade und
Schonung, die ihm unter der Bedingung versprochen wurde, da die
Bewohner zurckkehren und ihre smtlichen Waffen ausliefern, im
entgegengesetzten Fall wir aber mit der gnzlichen Zerstrung der Stadt
beginnen und fortfahren wrden, bis kein Stein mehr auf dem andern wre.
Der Pfarrer beteuerte, sein Mglichstes tun zu wollen, unserem Begehren
zu entsprechen; in der Tat kamen auch bald darauf viele Einwohner zurck
und legten ihre Waffen nieder; die Rdelsfhrer aber hatten sich mit
anderen Haufen tiefer in das Waldgebirge zurckgezogen, wollten von
keiner Unterwerfung etwas wissen und hatten ein auf einem der steilsten
Felsengipfel gelegenes, noch obendrein mit einer ziemlich hohen Mauer
umgebenes Dorf besetzt, in dem sie anzugreifen wir nun Anstalt machten.
Ein halbes Bataillon stark, bei dem auch meine Kompagnie, setzten wir
uns gegen Abend in der Richtung von Bocchigliero in Marsch; nachdem wir
den grten Teil des Wegs zurckgelegt und die Nacht vllig
hereingebrochen war, machten wir mit einem Male eine Wendung und
marschierten in aller Stille auf das Dorf zu, in dem sich die
Insurgenten befanden, die glcklicherweise keine Kunde von unserer
Annherung erhalten hatten. Mit Tagesanbruch standen wir ganz unerwartet
vor ihnen und forderten sie auf, sich zu ergeben, die Aufforderung wurde
aber mit Gewehrschssen beantwortet. -- Der Ort schien uns anfnglich
unangreifbar, denn er hing gleich einem Adlernest an dem Abhang der
Felsenmasse; nach nherer Untersuchung entdeckte ich aber, da er von
der anderen Seite, wo er sich am Felsen anlehnte, zugnglicher war. Die
Voltigeurs erkletterten nun diesen Felsen, und so gelang es ihnen bald,
vorzudringen; als wir dieses inne waren, wurde sogleich ein Sturm
angeordnet, und trotz des heftigen Gegenfeuers, das die Insurgenten von
der Mauer herab unterhielten, wobei viele der Unsrigen strzten, drangen
wir bis an das Tor, das wir einschlugen, und sofort in das Dorf vor, wo
alles niedergemacht wurde, was uns in den Weg kam. Beinahe alle
mnnlichen Bewohner und Insurgenten verloren das Leben, der Ort wurde
den Flammen bergeben und in demselben gehaust, wie es in durch Sturm
eroberten Orten zu gehen pflegt und die Kriegsgesetze gestatten. Aber
auch mehr als ein Soldat wurde whrend der Umarmung eines Mdchens oder
einer Frau von deren Vater, Bruder oder Gatten noch niedergestochen, ja
wohl gar von seinem Opfer selbst erdolcht. Viele Weiber hatten sich
nebst Kindern und einigen Greisen in die Kirche geflchtet, wo es den
Offizieren nur mit Mhe gelang, sie vor der Wut der Soldaten zu
schtzen. Die Gassen des Orts lagen voll Leichen, mehrere der
Insurgenten, die hier ber dreihundert Mann verloren, hatten sich den
Felsen hinab in die grauenvollsten Abgrnde gestrzt, in denen ihre
Krper zerschmettert wurden, einige der Anfhrer waren aber mit einem
Teil ihrer Leute entkommen und hatten sich nach Bocchigliero geflchtet,
wo sie Schrecken und Bestrzung verbreiteten, da sich die Einwohner
dieses ziemlich bedeutenden Fleckens nicht schuldlos wuten. Um das sie
bedrohende Unwetter abzuwenden, sandten sie den anrckenden Truppen eine
Deputation entgegen, die um Gnade und Barmherzigkeit flehte. Wir
behielten diese, welche aus den angesehensten Einwohnern des Orts
bestand, als Geiseln zurck und forderten vor allem die Auslieferung der
Waffen und der Rdelsfhrer. Erstere lagen, ehe eine Stunde verging, in
einem groen Haufen, aus Gewehren, Karabinern, Sbeln, Pistolen, Dolchen
und so weiter bestehend, vor uns, die anderen aber waren schon wieder
weiter entflohen. Die Steuern wurden nun nebst einer starken
Brandschatzung erhoben, und bis dies geschehen, blieben in all den
Ortschaften starke Militrabteilungen liegen. Wir marschierten jetzt
nach Cosenza zurck, wo sich schon wieder ein Befehl des Kriegsministers
vorfand, der unser erstes Bataillon nach Neapel zurckbeorderte.
Daselbst angekommen, ward mir eine berraschung zuteil, die mir zu jener
Zeit viel Freude machte: Oberst Billiard bergab mir nmlich, als ich
mich bei ihm meldete, das Kreuz der Ehrenlegion, das fr mehrere der
sich bei der Einnahme von Capri hervorragend beteiligten Militrs von
Paris angekommen war.

Mein erster Besuch in Neapel war bei Helene, wo ich es so gut traf, da
sich ihr Mann gerade im Dienst abwesend, zu Gata befand. In ihrer
Begleitung besuchte ich ihre Eltern in Castellamare, wohin wir eine
angenehme Wasserfahrt machten, obgleich das Meer etwas strmisch war und
wir tchtig geschaukelt wurden. -- Ritucci kam erst nach zehn Tagen
zurck, die wir gut zu bentzen wuten. -- Ich wurde gleich darauf mit
achtzig Mann in das nahe Stdtchen Nola detachiert, wo sich die
Einwohner gleichfalls weigerten, die ihnen auferlegte Kriegssteuer zu
bezahlen, und ich so lange weilen sollte, bis dies geschehen. Jeder Mann
sollte, so lange dieser Aufenthalt whrte, zwei, die Sergeanten vier
Carlini, der Offizier, der noch bei mir war, zwei und ich vier Ducati
tglich erhalten, auerdem muten die Soldaten bei den widerspenstigen
Einwohnern einquartiert werden.

Nola ist ein kleines, ungefhr fnf Stunden von Neapel entferntes, am
Fu einer bis zum Vesuv reichenden Hgelreihe liegendes Stdtchen, das
an siebentausend Einwohner zhlen mag, schon in der hetrurischen und
rmischen Geschichte eine nicht unbedeutende Rolle spielte und von den
Hetruskern achthundert Jahre vor Christi Geburt gegrndet wurde.
Hannibal belagerte sie, als eine bedeutende Stadt, im zweiten punischen
Kriege, wurde aber zweimal von Marcellus vor ihren Mauern geschlagen.
Augustus starb daselbst im fnfzehnten Jahre nach unserer Zeitrechnung.
-- Hier wurden auch die Glocken erfunden.

Ich kam gegen Abend zu Nola an. Die Leute wurden einquartiert, ich lie
eine Wache von einem Korporal und sechs Mann aufziehen und begab mich,
nachdem ich alles gehrig angeordnet hatte, in das mir in einem
entlegenen Teil der Stadt und ziemlich weit von der Wache angewiesene
Quartier, einem kleinen Huschen, das nur eine drftig mblierte
Parterrewohnung hatte und in dem ich mich ganz allein mit meinem
Burschen befand. Nachdem ich etwas zu Nacht gegessen, setzte ich mich in
eine Ecke auf einen hlzernen Stuhl und las in Dantes >_Comedia
divina_<, die ich mitgebracht hatte, whrend mein Bursche noch in
demselben Zimmer mit der Reinigung einiger Effekten beschftigt war. Es
mochte ungefhr fnf Uhr in der Nacht (etwas nach zehn) sein, als
pltzlich ein Schu fiel, der ganz in der Nhe losgegangen sein mute.
Mein Bursche sprang schnell auf, ri Fenster und Laden auf und schrie:
_Qu'est ce que cela veut dire?_ Aber in demselben Augenblick fielen
noch drei bis vier Schsse, beinahe zu gleicher Zeit, deren Kugeln durch
das geffnete Fenster in die Stubenwnde drangen, ohne da weder Louis
noch ich verwundet wurden. Ich hatte aber durch das Blitzen des Feuers
ziemlich deutlich bemerken knnen, da sie aus dem Fenster eines
gegenberliegenden Hauses gekommen waren. Der Bursche schlug nun
krachend Laden und Fenster zu, und ich sprang nach meinen Pistolen und
meinem auf dem Tische liegenden Sbel und beschlo, wenn es, wie ich
befrchtete, auf eine allgemeine Metzelei des Detachements abgesehen
wre, mein Leben teuer zu verkaufen. Ich dachte an das Schicksal des
Kapitns zu Gli Parenti und seiner Leute, hatte aber in einer so nahe
bei Neapel liegenden, sonst ziemlich friedlichen Stadt so etwas am
wenigsten vermutet. -- Mich vor das Haus bei dunkler Nacht ohne die
mindeste Lokalkenntnis zu wagen, war nicht rtlich, denn ich konnte, die
Tr verlassend, niedergemetzelt werden, ohne im mindesten dem
Detachement ntzlich zu sein. Ich setzte mich unter diesen Umstnden mit
dem Rcken gegen den Pfeiler, der die beiden Fenster meiner Stube
trennte, und legte meine scharf geladenen Pistolen und den blanken Sbel
auf den vor mir stehenden Tisch, whrend Louis sich mit seinem geladenen
Gewehr in die Ecke setzte, die der Tr und den Fenstern gegenber sich
befand, damit er bei etwaigem Einbrechen gleich losschieen knne; die
Haustr verbarrikadierten wir auerdem mit Sthlen und was wir
vorfanden. So brachten wir wachend die ganze Nacht bis zum Grauen des
Tages zu, ohne da sich weiter das mindeste regte. Die Nacht schien uns
gar kein Ende nehmen zu wollen. Glcklicherweise hatte Louis sich mit
ein paar Pokalen Wein versehen, den wir allmhlich tranken; bei jedem
Zug, den wir taten, schien uns unsere Lage minder gefhrlich, und als
der letzte Tropfen geleert war, schien das erste Tageslicht durch die
Fenster. Ich ffnete das eine, sah mich auf dem Platz vor dem Haus um
und erblickte keine Seele. Jetzt verlie ich meine Wohnung und suchte
die von derselben sehr entfernt liegende Wache auf, die ich im besten
Zustand antraf und deren Kommandant mir rapportierte, da sie zwar in
ziemlicher Entfernung htten mehrere Schsse fallen hren, worauf sie
aber, da nachher alles wieder ruhig und still geblieben, nicht weiter
geachtet htten. Ich lie nun einen Tambour holen und sogleich
Generalmarsch schlagen. Eine halbe Stunde darauf war das ganze
Detachement mit Sack und Pack versammelt, auch nicht ein Mann fehlte bei
dem Appell, zu meiner groen Beruhigung, denn ich hatte mich des
Gedankens, da es auf eine kleine sizilianische Vesper abgesehen
gewesen, die ganze Nacht nicht erwehren knnen; es war aber, wie es
schien, nur auf mich, als den Kommandanten der zur Exekution bestimmten
Truppen, und also auf eine dumme, zu nichts fhrende Rache abgesehen. --
Ich machte meinen Bericht, requirierte einen Wagen und sandte einen
Sergeanten mit demselben an die Kommandantur nach Neapel ab, lie sodann
den Sindico holen, dem ich das Vorgefallene mitteilte, sowie da ich
einstweilen, bis ich neue Verhaltungsbefehle aus der Hauptstadt habe,
mit meinen Leuten das Rathaus in Besitz nehme, was ich auch sofort
vollzog. Der Mann zog die Achseln, mit einem _Non so niente_, und als
ich ihm das Haus bezeichnete, aus dem, wie ich glaubte, die Schsse
gefallen seien, meinte er: _Impossibile, son bravissimi gente._ --
Noch denselben Tag kam ein Offizier mit sechzig Mann Verstrkung von
Neapel an und brachte mir eine Instruktion, nach welcher ich so ziemlich
_carte blanche_ hatte und die auferlegten Tagegelder fr die Offiziere
und Truppen nun verdoppelt wurden, mir auch an die Hand gegeben wurde,
da es mir frei stehe, bei den Zivilbehrden fnfzig bis hundert Mann
mehr anzugeben, als ich wirklich habe. Ich lie nun den alten grflichen
Palazzo sogleich zu einer Kaserne einrichten, requirierte Betten und
Gert fr die Mannschaft und zeigte dem Sindico an, da jeden Tag, so
lange wir hier seien, fr zweihundert Mann Brot, Fleisch, Wein, Gemse
und so weiter durch einen Fournisseur zu liefern seien, sowie die durch
das Generalkommando bestimmten Tagegelder. Ich hatte nur
einhundertvierzig Mann und lie mir die Lebensmittel fr die nicht
vorhandenen sechzig vom Fournisseur bar zu einen Franken per Mann
bezahlen; ich htte hundert mehr rechnen drfen, so da ich mit dem Geld
nun eine bare Einnahme von mehr als zweihundert Franken tglich hatte,
von denen ich jedoch die Hlfte meinen beiden Offizieren berlie. --
Die Tter, welche geschossen hatten, waren nicht zu ermitteln, mit
vlliger Bestimmtheit konnte ich auch das Haus nicht angeben, denn es
war Nacht gewesen, und ich konnte mich irren. Die von der Stadt zu
zahlende Kontribution wurde jetzt verdoppelt. Aber nicht blo mit guten
Lebensmitteln mute uns der Fournisseur versehen, sondern auch mit
anderen Dingen, und namentlich hbsche Landmdchen mute er den
Offizieren zufhren, was er auch zu unserer vollkommensten Zufriedenheit
besorgte, damit uns die Langeweile nicht plagte. Mich hatte er mit einem
recht artigen Brgermdchen, das sich Chiaretta nannte, versehen, die
whrend unseres Aufenthalts Wohnung und Tisch mit mir teilte. --

Nach vierzehn Tagen hatte die Stadt den grten Teil der Kontribution
und auferlegten Strafgelder entrichtet und brachte es dahin, da sie die
ungebetenen und teuren Gste los ward. Wir beschenkten bei unserem
Abmarsch reichlich unsere bisherigen Gesellschafterinnen und entlieen
sie in Gnaden; sie fanden uns weit liebenswrdiger als ihre
neapolitanischen Galans und wren gerne mit uns gegangen. Ich brachte
fr meinen Teil ber tausend Ducati von dem Kontributionsgelde mit nach
Neapel, wo wir kurz vor Weihnachten eintrafen. Ich machte nun in fast
allen Kirchen die Runde, um die Vorbereitungen zu diesem hier sehr
hehren Fest zu sehen, wo man in jedem Tempel die Geburt Christi auf
verschiedene Weise darstellt; die meiste Zeit hielt ich mich aber in der
groen Karmeliterkirche auf, um die Schnen Neapels auf der Treppe zu
dem wunderbaren Kruzifix mit den immer wiederwachsenden Haaren vor mir
defilieren zu lassen. In der Nachmittagsstunde des ersten Feiertags
kamen zwei reizende Gestalten in der schwarzseidenen Nationaltracht, ich
mchte fast sagen auf den Stufen herangeschwebt, denn nie sah ich
niedlichere Fchen mit Zephirtritten ber die Erde gleiten, die zu dem
Wunderbild fhrten. Ich hatte mich oben in einiger Entfernung von dem
Kruzifix postiert, von welchem mir ein ehrbarer Priester versichert
hatte, da die Stadt einmal -- der Mann wute selbst nicht recht, wann,
vielleicht schon vor Christi Geburt[7] -- von den Trken beschossen
worden wre, wobei eine Kanonenkugel gerade auf das Haupt des Kruzifixes
gefallen sei, welches aber dieselbe dem Feinde auf der Stelle
zurcksandte und ihm mit dieser einzigen Kugel ber fnftausend Mann
ttete, wodurch er zum Rckzug und eiliger Flucht gentigt und die Stadt
befreit ward. (Von diesem wichtigen Ereignis wei aber kein
Geschichtschreiber etwas.) Seitdem wachsen diesem Kruzifix die vier
Schuh langen Haare alljhrlich wieder. Auf meine freilich etwas
naseweise Frage, warum denn der Heiland, wenn er doch einmal Wunder tun
wolle, es nicht vor jedermanns Augen tue und die Haare sogleich wieder
wachsen lasse, antwortete mir der Pfaffe mit schlauem Gesicht: _Chi puo
approfondare le raggione di Dio._ Und damit war ich, wie sich's
gebhrt, abgefertigt. Bei dieser Ausstellung wurde dem Volk mit
vielsagender Bedeutsamkeit verkndet, da das Kruzifix unfehlbar recht
bald wieder ein neues Wunder vollbringen wrde. Die Erbitterung des
Volkes war trotz Murats Reformen und dank den sizilianischen Umtrieben
auf das hchste gestiegen, auch war man in den letzten sechs Monaten
nicht weniger als einem halben Dutzend mehr oder minder ausgedehnten
Verschwrungen auf die Spur gekommen.

[Funote 7: Ein alter Karmelitermnch hatte in der Tat einem
franzsischen Offizier einmal ernstlich versichert, da dies noch vor
Christi Geburt geschehen sei, was bei der bekannten groen Unwissenheit
dieser Herren Fratres eben nicht zu bewundern ist.]

Meine beiden therischen Schnen waren indessen herangekommen, und das
Gesicht der einen entsprach ganz ihrem grazisen Wuchs; es war eine
_Belt rarissima_, auch die andere war so bel nicht. Ich lie die
beiden Signorinnen nicht mehr aus den Augen. Als sie ihr Gebet
verrichtet und ihr Opfer gebracht hatten, eilte ich ihnen voran die
Stufen hinab, um ihnen das Weihwasser zu reichen, das sie freundlichst
von mir annahmen. Ich folgte beiden durch viele Kreuz- und Querstraen;
sie hatten es bemerkt, und an einem nicht sehr ansehnlichen Haus in der
Vorstadt, die nach Capua zu liegt, angekommen, sahen sie sich noch
einmal um und verschwanden in der Haustr. Ich ging nun noch einigemal
vor demselben auf und nieder, bemerkte bald die Schnen hinter einem
Fenster und machte den kommenden Tag Fensterparade zu Pferde, Kapriolen
und Lanaden vor deren Wohnung und wurde ebenfalls bemerkt. Bald hatte
ich durch eine alte dienstfertige Ruffiana, der ich einen Piaster
spendete, herausgebracht, da die beiden Damen zwei Schwgerinnen seien
und die eine die Gattin eines _nobile caduto_, der ein kleines Amt
bekleide und Carfori heie, die andere aber die schne Isaura Carabelli
sei, deren Mann, als der Regierung verdchtig, sich schon seit einiger
Zeit geflchtet und sich wahrscheinlich in Sizilien aufhalte. Mit Hilfe
der Alten erhielt ich schnell Zutritt bei den Damen, denen ich anfangs
beiden den Hof machte, ohne mich bestimmter fr die eine oder die andere
zu erklren, aber damit endete, mich an die schne Isaura zu halten,
ohne jedoch ihre geistreichere Schwgerin ganz aufzugeben, deren Gatte
gegen meine Bekanntschaft nichts einwendete, da er glaubte, meine
Besuche gelten einzig der anderen Dame. Ich fhrte sie nun auf die
Promenade, in die Theater, wir klimperten des Abends Gitarre zusammen,
sangen Canzonetti, und der herannahende Karneval versprach der
Vergngungen gar mancherlei, doch vernachlssigte ich auch Helene nicht
und besuchte sie von Zeit zu Zeit. -- Murat begann nun auch seinen Hof
zu organisieren und zog die ersten Schnheiten des Adels an denselben,
der bald uerst glnzend wurde und an dem die neue Knigin Karoline
wohl nebst der Herzogin von Atri und der Marchesa Cravagante die ersten
Schnheitssterne waren.

Ich fhrte, den noch immer beschwerlichen Dienst abgerechnet, ein
ziemlich angenehmes Schlaraffenleben, besuchte mit meinen Schnen die
prchtigen Festini der groen Theater und traf bei dieser Gelegenheit
auch einmal auf meine hbsche Apothekersfrau, was ein maskiertes
Rendezvous zwischen uns veranlate, dem noch mehrere folgten. Ich war zu
dieser Zeit wieder in dem Torrione del Carmine kaserniert, wo auch vier
Kompagnien vom ersten Bataillon des Regiments Y... lagen. Vor wenigen
Tagen war ein Neapolitaner von einer angesehenen Familie, die ihr
Familienbegrbnis in der kleinen Kapelle in dem Hof der Karmeliterburg
hatte, daselbst begraben worden, und wie es hier Sitte, war der mit
einigen Kleinodien geschmckte Leichnam eine kurze Zeit im offenen Sarg
zur Schau ausgestellt worden. Einige Tage darauf verbreitete sich das
Gercht unter den Soldaten im Fort, es spuke in der Kapelle und man hre
gegen Mitternacht ein Getse, welches einem entfernten Klopfen auf
Steine gleiche. Niemand achtete anfnglich darauf, man hielt die Sache
fr ein gewhnliches Soldatenmrchen, bis sich ein paar Offiziere durch
die wiederholte Beteuerung der Schildwachen von der Wahrheit dieses
Getses berzeugten; so auch ich, der ber die Sache gelacht hatte. Wir
berichteten dem Kommandanten des Forts darber, dem zugleich rapportiert
worden war, da der Kirchendiener eines Morgens einen groen Grabstein
aus seinen Fugen gehoben und mehrere Fensterscheiben eingeschlagen
gefunden habe. Man hielt die Sache vorerst mglichst geheim, und in der
kommenden Nacht begab sich der Kommandant mit mehreren Offizieren in die
Kapelle. Wir vernahmen, das Ohr gegen den Boden haltend, bald ein
entferntes dumpfes Getse und glaubten sogar ein verworrenes Gemurmel
von Mnnerstimmen zu hren. Erst geraume Zeit nach Mitternacht wurde es
wieder stille. Der Kommandant lie nun ohne Ausnahme smtliche Truppen
in dem Fort konsignieren.

Nach der Wachtparade wurden Sappeurs beordert, das Gewlbe in der
Kapelle zu ffnen, worauf der Kommandant mit mehreren Offizieren und mit
Laternen tragenden Unteroffizieren hinabstieg. Ein widriger Moder- und
Leichengeruch kam uns entgegen, und beim weiteren Vordringen erlschten
bald die Lichter in den Laternen, so da wir zum Rckzug gentigt waren.
Es wurden nun Kohlenpfannen, Weinessig und Pechfackeln herbeigeholt, mit
Essigdampf gehrig geruchert, und wir stiegen dann zum zweitenmal unter
hellem Fackelschein in die Gruft hinab, aber dennoch nasse Tcher vor
den Mund haltend, um uns gegen den noch immer starken pestartigen Geruch
zu verwahren. Unten angekommen, schritten wir ber verweste Krper und
Haufen von Menschenknochen. Die Fackeln voran, sahen wir nur ein durch
Mauern beschrnktes, nicht sehr groes Gewlbe; schon machten wir
Anstalt, uns wieder zu entfernen, als einer der Sappeurs hinter einem
dicken Mauerpfeiler eine ber zwei Schuh breite ffnung entdeckte, die
erst ganz frisch in die Mauer gebrochen zu sein schien. Dicht an dieser
ffnung fanden wir ein kleines Fchen, das wir bei nherer Untersuchung
zu unserem groen Erstaunen mit Pulver gefllt fanden. Jetzt traten wir
einer nach dem anderen durch die ffnung und befanden uns in einem sehr
gerumigen, von vielen Pfeilern gesttzten Souterrain, das sich in allen
Richtungen hin unter dem Karmeliterfort ausdehnte, und fast bei jedem
Pfeiler stand ein solches Fchen. Nachdem wir uns in diesem Gewlbe
umgesehen, entdeckten wir abermals eine grere bogenfrmige
Durchbrechung in der Mauer, die in der Richtung des Karmeliterklosters
lag, und durch diese gehend, befanden wir uns in den Grften und
Gewlben der groen Klosterkirche, wo wir sehr viele Leichen
verstorbener Mnche fanden. Da hier ein grliches Vorhaben ausgefhrt
werden sollte, war klar. Der Kommandant stellte sogleich in diesem
unterirdischen Labyrinth Wachen aus, mit dem Befehl, sobald sich jemand
sehen liee, ihn festzuhalten. Da, wo wir eine Treppe und an deren Hhe
eine eiserne Falltr wahrnahmen, die ohne Zweifel von dem Kloster aus in
diese Gruft fhrte, wurden rechts und links zwanzig Mann mit
scharfgeladenen Gewehren postiert. Ein Offizier erhielt die Aufsicht
ber das Ganze. Wir kehrten nun zur Oberwelt zurck, auf den Ausgang
dieser mysterisen Sache hchst begierig. Der Kommandant meldete die
gemachte Entdeckung sogleich hheren Orts, es wurde augenblicklich ein
Ministerkonzil zusammenberufen, in dem man bereinkam, die Eingnge des
Karmeliterklosters und der Kirche durch verkleidete franzsische
Militrs und ergebene Polizeiagenten gehrig bewachen zu lassen, ohne
vorerst Lrm zu machen, und noch eine halbe Kompagnie in die Souterrains
zu beordern, welche der kommandierende General nebst dem Kriegs- und
Polizeiminister selbst ganz insgeheim untersuchten; sie lieen die
Pulverfsser sogleich wegschaffen. Gegen Abend wurden alle Posten in der
Stadt verdoppelt und die Truppen in den Kasernen zum Ausrcken bereit
gehalten. Man hoffte einige der Rdelsfhrer oder doch in das Geheimnis
eingeweihte Individuen, die, wie es schien, ihre Arbeiten nur in der
Nacht verrichteten, in den Gewlben zu fangen, um so der Sache auf die
rechte Spur zu kommen und die ntigen Vorkehrungen treffen zu knnen.
Htte man sogleich mit der Besitznahme des Klosters und der
Verhaftnehmung der Mnche begonnen, so htten leicht die Hauptanfhrer
der Verschwrung, deren Verzweigung man nicht kannte, entwischen oder
gar einen allgemeinen Aufstand veranlassen knnen, was man um jeden
Preis verhten mute.

Es mochte etwa eine Stunde vor Mitternacht sein, als die an der Treppe
postierte Mannschaft die ueren Riegel der Falltr zurckschieben und
den Schlssel in einem Schlosse umdrehen hrte. Sogleich wurden die
Blendlaternen, welche die Wachtmannschaften bei sich hatten,
geschlossen, und die Leute versteckten sich unter den Bogen der
gewlbten Treppe und hinter den Pfeilern. Jetzt drehte sich knarrend die
eiserne Pforte in ihren Angeln, und mehrere Mnche, denen eine Anzahl
Arbeiter folgte, mit ein paar verkleideten Mnnern an der Spitze,
stiegen vorsichtig die Treppe herab. Sobald der letzte unten war, traten
die hinter der Treppe versteckten Grenadiere sowie die brigen aus ihren
Schlupfwinkeln hervor und umzingelten den ganzen Haufen. Man kann sich
die Bestrzung und das Erschrecken der Verschworenen denken, von denen
sich sogleich einer einen Dolch in die Brust stie und tot niederfiel;
die brigen wurden festgehalten und gebunden in die Kasernengefngnisse
gebracht. Unter ihnen befand sich ein Duca und ein Marchese. Das Kloster
wurde nun auch mit Wachen umgeben, niemand weder hinein- noch
herausgelassen und mehrere verdchtige Personen, die sich am anderen
Morgen in dasselbe begeben wollten, sofort verhaftet. Alle Gefangenen
wurden den kommenden Tag nach der Vicaria unter starker Bedeckung in
verschlossenen Wagen abgefhrt. Viele Personen, die in dieser sehr
ausgedehnten Verschwrung verwickelt waren, flchteten, als sie dieselbe
durch die Maregeln, die man bei den Karmelitern genommen, fr entdeckt
hielten.

In der kommenden Nacht, wenn ich nicht irre vom 30. auf den 31. Januar,
wurde pltzlich Generalmarsch geschlagen, alles eilte zu den Waffen, und
ganz Neapel kam in gewaltigen Alarm, alle Einwohner zeigten sich an den
Fenstern und auf den Terrassen, durch alle Straen ritten
Kavallerieabteilungen, und reitende Artillerie kreuzte jagend nach allen
Richtungen; es war ein Lrm, als sollte das jngste Gericht beginnen.
Eine ungeheuer donnernde, die halbe Stadt erschtternde Explosion hatte
die Veranlassung gegeben, der Palazzo des Kriegsministers Salicetti war
in die Luft gesprengt worden, des Ministers hochschwangere Tochter wurde
samt ihrem Gatten nebst dem Minister selbst wie durch ein Wunder
unversehrt unter den Trmmern hervorgezogen, whrend fast alle anderen
Hausgenossen durch die Steinmassen erschlagen worden waren. Die Hlfte
des Zimmers, in dem des Ministers Tochter schlief, war mit deren Bett
stehen geblieben. Bald hatte man herausgebracht, da der Sohn des
Apothekers Viscardi, Onoffrio, dessen Haus an das des Kriegsministers
Salicetti grenzte, dasselbe in die Luft gesprengt, der von Palermo eine
eigens zu diesem Zweck verfertigte Maschine mitgebracht. Alle Viscardi
wurden bis auf einen, der Mittel gefunden hatte, sich nach Sizilien zu
flchten, eingezogen und hingerichtet. Der Minister selbst starb noch in
demselben Jahre an Gift.

Hchst sonderbar war es aber, da das Ministerium die Untersuchung gegen
die in den Souterrains des Karmeliterklosters Gefangenen, von denen man
nie erfuhr, was aus ihnen geworden, sehr geheim betrieb und bald ganz
niederschlug. Ein Gercht war damals im Umlauf, welches besagte, die
Salicetti htten selbst um die beabsichtigte Sprengung des Torrione del
Carmine gewut, wren aber von den Verschworenen nur als Werkzeuge
gebraucht worden, damit diese um so sicherer ihre Plne htten
durchsetzen knnen, und wrden dennoch beim Ausbruch den Minister, der
wegen seiner Gewaltstreiche und Erpressungen allgemein verhat war, mit
seinen Anhngern in die Luft gesprengt haben. Nun bleibt mir noch
mitzuteilen brig, durch welche sonderbaren Umstnde man zuerst auf die
Spur der beabsichtigten Sprengung des Forts gekommen war.

In einer Kompagnie des Regiments Y..., die im Carmine lag, befanden sich
zwei Ungarn, die dem Versenken der obenerwhnten Leiche in der kleinen
Kirche mit beigewohnt und bemerkt hatten, da der Verstorbene mehrere
Ringe von Wert und ein mit Steinen besetztes Kreuz mit in die Gruft
nahm. Nach ihrer Meinung waren diese Dinge den Lebenden weit ntzlicher
als den Toten, sie beschlossen demnach, sich dieselben zuzueignen, und
lieen sich deshalb eines Abends, in der Kapelle hinter einem
Beichtstuhl versteckt, von dem halbblinden Kirchendiener einschlieen.
Als alles ganz ruhig war, begannen sie gegen Mitternacht einen
Gruftstein, durch den man die Leiche hinabgesenkt, mit eisernen Stangen,
die sie mitgebracht, zu lften, bald aber vernahmen sie das
unterirdische Getse, und in dem Glauben, die Toten stnden auf, ihre
Kostbarkeiten zu verteidigen, lieen sie schnell den Stein wieder fallen
und machten sich durch die Kirchenfenster, von denen sie einige Scheiben
eingedrckt, davon. Durch sie wurde zuerst das Gercht von dem
unterirdischen Spuk in der Kaserne verbreitet, und man erfuhr durch
sorgfltige Nachforschungen dessen Ursprung. Fr diesmal sah man den
beiden Soldaten in bezug auf das vorgehabte und nicht vollfhrte
Verbrechen, wegen der daraus entstandenen Rettung der ganzen Garnison
und vielleicht des Knigreichs selbst, durch die Finger.

Trotzdem Murat sehr den Pomp, Feste und Vergngungen liebte, versumte
er doch nichts, was nach seiner Meinung dazu beitragen konnte, die
Regierung seines Reiches zu befestigen und sich beliebt zu machen. Er
fhrte den _Code Napolon_ ein, was nicht sehr politisch war, da dieses
Gesetzbuch nicht wie das Zeug zu einem Kleid einem jeden Individuum,
jedem Volk angepat werden kann und groe Mngel bei manchem Guten hat,
am allerwenigsten aber fr Neapel oder Spanien pate, Nationen, die noch
so weit in der Kultur zurck waren. Er suchte auch das Unterrichtswesen
zu verbessern, errichtete eine Nationalbank, tat manches fr Kunst und
Wissenschaften, ohne selbst viel davon zu verstehen, gab der
Nationalgarde eine neue Organisation und so weiter. Die Ksten lie er
jetzt fast ausschlielich durch franzsische Truppen, von denen noch
etwa zwanzigtausend Mann in seinem Reich lagen, besetzen. Die
neapolitanischen Truppen, die er in einem erbrmlichen Zustand antraf,
suchte er bestmglichst zu disziplinieren, er vermehrte seine Garde mit
zwei Regimentern und lie viele franzsische Offiziere mit erhhten
Graden in neapolitanische Dienste bertreten, um einen besseren Geist in
das eingeborene Militr zu bringen und dasselbe an bessere Ordnung zu
gewhnen. Ich versprte indessen keine Lust, mich dazu zu melden, da das
neapolitanische Militr zu wenig geachtet war, auch galt diese Erhhung,
die selbst eine Zurcksetzung fr die Neapolitaner war, nur
Subalternoffizieren bis zum Grad eines Kapitns, diese wurden aber nicht
zu Stabsoffizieren im Fall eines bertritts ernannt, sondern mit
gleichem Grad bei der Garde angestellt. Der hhere Grad, sehr glnzende
Uniformen verlockten manchen zum bertritt. Gioachimo, wie ihn die
Neapolitaner nannten, errichtete auch eine besondere Ehrengarde, welche
aus den Shnen der vornehmsten und reichsten Familien vom Adel, der
Gutsbesitzer, Angestellten und Kaufleute formiert wurde. Alle Wochen
hielt er mit viel Prunk und Ostentation Musterungen der verschiedenen
Truppenkorps, wobei ihn ein sehr reich gekleideter Stab und groes
Gefolge umgaben. Aber die Franzosen in Neapel, die sich sehr viel von
seinem Regierungsantritt versprochen hatten, waren keineswegs mit ihm
zufrieden und fanden sich in ihren freilich sehr sanguinischen und nicht
wohl zu erfllenden Hoffnungen getuscht.

Murat lie jetzt eine Zhlung der Bevlkerung seines Reiches vornehmen,
und es fanden sich ungefhr fnf Millionen Seelen. Regnier, den er zum
Kriegs- und Marineminister ernannte, fhrte eine Konskription ein, durch
welche von tausend Einwohnern zwei militrdienstpflichtig waren. Es
wurden neue Regimenter errichtet und die Fahnenweihe derselben mit
groer Feierlichkeit in der Villa Reale vorgenommen. Zu diesem Zweck war
ein Thron daselbst unter freiem Himmel aufgeschlagen worden, von welchem
der Knig die Zeremonien mit ansah; der Erzbischof weihte die Fahnen.
Die ganze Garnison, ber zwanzigtausend Mann, stand bei dieser
Gelegenheit unter den Waffen; unter dem Donner der von allen Forts
abgefeuerten Kanonen wurde ein Tedeum gesungen, worauf die Truppen vor
dem zufrieden lchelnden Herrscher defilierten. Hierauf setzten sich die
aus franzsischen und neapolitanischen Regimentern erwhlten
Abgeordneten und Legionisten an eine mit dreitausend Gedecken belegte
Tafel, an der sie bei diesem Fest gespeist wurden, nieder, wo man sie,
whrend dreihundert kriegerische Instrumente spielten, trefflich auf
Kosten der Munizipalitt bewirtete. Das Ganze konnte einen Begriff von
einer altrmischen Volksspeisung geben. Die Gste lieen unter Sang und
Klang und dem Akkompagnement von Artilleriesalven Napoleon und Murat und
ihre splendiden Wirte hochleben. An tausend Legionisten traten noch
denselben Tag in wirkliche Kriegsdienste.

Murat hatte auer der ffentlichen Huldigung, die er dem heiligen
Januarius besonders wegen Capri dargebracht, auch noch die hohen Diener
des Heiligen und die Prlaten der Schatzkapelle, welche schwere goldene
Medaillen erhielten, bedacht. Sogar nach Loretto hatte der fromme
Monarch einen goldenen, mit Brillanten und Rubinen besetzten Pokal der
Madonna verehrt, nachdem derselbe vorher dem Volk von Neapel zur Schau
ausgestellt worden war, damit es erkennen mge, welch gut katholischen
Christen es zum gndigen Herrscher habe! Dies war nicht schlecht
kalkuliert.

Noch eine andere Gelegenheit bentzte Gioachimo I., seine geliebten
Untertanen durch Festivitten zu erfreuen. Als nmlich die Brcke
beendigt war, welche die Hauptstrae des Landes, die ein tiefes Tal
zerschnitt, vereinigte, lie er sie Napoleonsbrcke taufen und mit
groer Pracht und viel Zeremonien einweihen, auch stattete er an seinem
Geburtstag (25. Mrz) hundert heiratslustige und -fhige Ragazze (junge
Mdchen) aus, die er sodann auf groen vierspnnigen Wagen, auf denen
Napoleons mit Lorbeeren gekrnte Bste war, im Hochzeitsschmuck und mit
Musik durch die Hauptstraen Neapels unter dem groen Jubel des Volks
fahren lie. Bald darauf zog er aber viele der reichsten Klster ein,
verbot das fernere Begraben der Toten in den Kirchen der Stadt,
bestimmte vermittelst eines Dekrets den ffentlichen Begrbnisplatz an
der Grotte von Puzzuoli, wodurch er sich Pfaffen, Mnche und viele
Fromme unter dem Volk, das jenen weit mehr anhing, als er glaubte, zu
heimlichen Feinden machte.

Auf der anderen Seite machte er auch das franzsische Militr mimutig,
indem er Reklamationen und Klagen gegen dasselbe oft mit fast
parteiischer Vorliebe anhrte, um sich, wie er vermeinte, dadurch um so
beliebter bei den Einheimischen zu machen. Die ihn umgebenden
Neapolitaner, seiner Eigenliebe schmeichelnd, machten ihn glauben, da
die Aufregung in den Provinzen hauptschlich daher rhre, weil man
franzsische Militrkommandanten in dieselben gesetzt, die mit groer
Willkr und sehr despotisch handelten, was zum Teil auch an dem war. Er
nahm nun denselben diese Kommandos ab und besetzte sie mit
Einheimischen, sowie auch andere Stellen; dies brachte die Franzosen
auf, welche jetzt ihren Dienst oft vernachlssigten, was Ursache war,
da die Insurgenten bald ihr Haupt neuerdings und drohender erhoben.
Hierzu kam noch, da das Desertieren der Unteroffiziere und Soldaten
franzsischer Regimenter, um bei den neugebildeten neapolitanischen
Truppen angestellt zu werden, von oben begnstigt wurde, so da in
kurzem mehr als viertausend Mann, ber dreihundert von unserem Regiment,
die franzsischen Adler verlieen, um die weit schnere neapolitanische
Uniform anzuziehen. Alle Beschwerden der Obersten deshalb blieben
fruchtlos, und als Murat und seine Minister erfuhren, da sich die
Kolonels deshalb an den Kriegsminister nach Paris wandten, wurden sogar
deren Depeschen auf der Post geffnet und, wenn sie solche Beschwerden
enthielten, zurckbehalten, weshalb die Obersten nun ihre Briefe auf
Umwegen ber die Grenze von Neapel auf rmische Posten schickten.
Napoleon selbst schien ber dieses Treiben seines Schwagers sehr
ungehalten zu werden, der aber jetzt, da er Knig war, auch die Idee
hatte, als selbstndiger Regent herrschen und sich der Obervormundschaft
des Kaisers entziehen zu wollen. Gern htte er alle franzsischen
Truppen und Generle aus dem Land geschickt, wenn er es htte mglich
machen knnen.

Ich hatte die Karnevalszeit diesmal recht froh und lustig in Neapel
zugebracht und allerlei Intrigen angesponnen, die ich auch in der
stillen Fastenzeit noch fortzusetzen fr unterhaltend fand, als unser
Bataillon pltzlich den Befehl erhielt, nach dem Kirchenstaat
aufzubrechen, wohin wir den wohlbekannten Weg ber Capua, Fondi,
Terracina und so weiter bis Velettri zurcklegten.




                                  XIV.

   Besitznahme des Kirchenstaates. -- Ende der weltlichen Herrschaft
    des Papstes. -- Die Kommandantur zu Velettri. -- Der Bischof und
       der Fournisseur. -- Gewaltsame Entfhrung Pius VII. -- Ich
       gehe als Kurier nach Wien. -- Ich bergebe Napoleon meine
    Depeschen. -- Kurze Unterredung mit demselben. -- Schnbrunn. --
        Parade daselbst. -- Wien. -- Volksstimmung daselbst. --
        Das Napoleonsfest in sterreichs Hauptstadt gefeiert. --
    Quartierfreuden. -- Liebenswrdige Wirtinnen. -- Rckreise nach
      Italien. -- Klagenfurt. -- Udine. -- Treviso. -- Mestre. --
                          Ankunft zu Venedig.


Als wir in dem Kirchenstaat angekommen waren (gegen Ende April 1809),
wurden viele Kompagnien in verschiedene Stdte detachiert, wie nach
Piperno, Porto d'Asturo, Ardea und so weiter, deren Hauptleute
Platzkommandanten daselbst wurden. Ich erhielt mit der meinigen das
Kommando zu Velettri, whrend der Rest des Bataillons nach Albano,
Corneta und so weiter verlegt wurde. Da hier wieder etwas
Ungewhnliches ausgefhrt werden sollte, ging aus allen Anstalten, die
gemacht wurden, hervor. Rom selbst war schon seit lnger als einem Jahre
durch den General Miollis besetzt worden, ungefhr zur Zeit, als wir in
Spanien einrckten. Der Vorwand dazu war mit den Haaren herbeigezogen.
Nmlich, weil Pius VII. nicht den _Code Napolon_ in seinen Staaten
einfhren, und England nicht frmlich den Krieg erklren wollte. Der
Papst hatte auf diese Zumutungen erklrt, da das franzsische
Gesetzbuch Ehescheidungen gestatte, was gegen die Dogmen der
katholischen Religion, und da er ein Mann des Friedens sei, dem die
Englnder nichts zuleide getan htten. Ende Januar 1808 war eine starke
Truppenabteilung jeder Waffengattung aus dem Toskanischen in Eilmrschen
in den Kirchenstaat eingerckt, die in der Ebene von Baccano
vierundzwanzig Stunden biwakiert hatte und um Mitternacht weiter
aufbrach, den 2. Februar im Sturmschritt, die trabende Artillerie mit
brennenden Lunten an der Spitze, in Rom einzog und mit geflltem
Bajonett auf Monte Cavallo strmte, dort die Wachen besetzte, whrend
Pius VII. in der Kapelle des Quirinalpalastes mit den Kardinlen Messe
las. Die ppstlichen Truppen waren bei der Ankunft der Franzosen in
aller Stille, nachdem sie sich hatten friedfertig ablsen lassen,
abgezogen. Drei geschlossene Kolonnen waren in Rom eingerckt und hatten
allmhlich alle Posten in Besitz genommen, die ihnen, wie es schien, die
Soldaten Seiner Heiligkeit nicht schnell genug bergeben konnten. Der
Papst selbst, der sich als Mrtyrer betrachtete, beschlo, alles auf das
uerste ankommen zu lassen, sich in sein Schicksal zu ergeben, aber
doch nur der Gewalt weichen zu wollen. Er hatte zwar einen Aufruf an die
modernen Rmer im Stil und nach dem Muster der alten Weltbeherrscher
erlassen, denselben gedruckt verteilen und an die Straenecken
anschlagen lassen, aber auf Befehl des franzsischen Gesandten mute das
Haupt der Sbirren denselben eigenhndig wieder abreien, und von dem
zitierten altrmischen Geiste hatte sich keine Spur vorgefunden. Auch
Wunder, die hier und da ein Madonnenbild verrichtete, das Blut
geschwitzt oder Trnen vergossen haben sollte, wie die Pfaffen
versicherten, halfen nichts, und die Rmer lachten wohl selbst darber.
Ein einziger Mnch war khn genug gewesen, in einer Predigt eine
Anspielung auf die Makkaber zu machen, die alle ihre Feinde erschlugen,
und dabei zu sagen: _Anche noi siamo in tempo de Maccabei!_ Wurde aber
dafr sogleich in die von den Franzosen schon besetzte Engelsburg
gesperrt. Die Rmer trsteten sich damit, da alles eine Schickung
Gottes sei, der den Napoleon zu seiner Zuchtrute fr die sndhafte
Menschheit erwhlt habe, und Pius selbst nannte es: die unerforschlichen
Gerichte des Allmchtigen. Er hatte sich nun in seinen Palast
eingeschlossen und seine tglichen Spazierfahrten eingestellt, auch die
Erlaubnis zur Feier des bevorstehenden Karnevals verweigert, mit dem
Bemerken, da es jetzt nicht an der Zeit sei, an irdische Vergngungen
zu denken. Der Gouverneur, General Miollis, gab jedoch Blle in dem
Palast Doria, denen manche der vornehmsten Rmer beiwohnten. Das Volk
aber war mit der Unterlassung seines Hauptvergngens nicht zufrieden,
murrte, und lie sich einstweilen die Gallinacci (gemstete Puter, die
in Herden zu Tausenden um diese Zeit in die Stadt getrieben und von
ihren Htern mit langen Schilfrohren zusammengehalten werden), seine
Favoritspeise, trefflich schmecken. Miollis erlie eine Order nach der
anderen, Ruhe und polizeiliche Ordnung in der Stadt einzufhren. Niemand
durfte sich mehr zur Nachtzeit ohne Laterne in den Straen blicken
lassen. Alle Kutschen muten mit solchen versehen sein, was besonders
die Eminenzen und die hhere Geistlichkeit vexierte, die jetzt ihre
Mtressen nicht mehr unerkannt abholen konnten. Die Stadttore wurden von
Mitternacht bis zum anbrechenden Tag geschlossen, und nachdem noch
mehrere Messerstiche ausgeteilt und Mordtaten begangen waren, wurde bei
Strafe des sofortigen Erschieens das Tragen jeder Art von Waffe,
Dolche, Stilette oder auch nur Messer verboten. Alle bisherigen
Freisttten fr Mrder, wozu auer den Kirchen ganze Distrikte, wie das
Quartier, wo das Inquisitionsgericht seinen Sitz hatte, der spanische
Platz und so weiter gehrten, wurden fr aufgehoben und als nicht mehr
schtzend erklrt. Nachdem mehrere Individuen, die trotz dem Verbot noch
ein Messer bei sich getragen, in den nchsten vierundzwanzig Stunden
kriegsrechtlich ffentlich erschossen worden waren, fand man fr tausend
Zechinen kein Messer mehr bei den Leuten und das Morden hrte auf.
Frher erhielt man fr einen halben Scudi die Erlaubnis, jede beliebige
Waffe zu tragen, und fast jede Woche fiel ein Dutzend Mordtaten vor,
nach denen sich die Tter in eine Kirche oder in ein sogenanntes
Freiquartier flchteten, wo sie so lange in Sicherheit waren, bis ihnen
Verwandte oder gute Freunde durchhalfen oder hohe Protektoren Gnade
auswirkten. Indessen hatte man doch bald eine Verschwrung entdeckt, an
deren Spitze der Principe Altieri und der Duca Bracchi, beide Anfhrer
der ppstlichen Nobelgarde, standen. Miollis lie diese Garde sogleich
entwaffnen, und kaum hatten die Rdelsfhrer noch Zeit gehabt, sich
durch die Flucht der Verhaftung zu entziehen. Miollis erlie auch einen
Befehl an die Kardinle, Rom binnen dreimal vierundzwanzig Stunden zu
verlassen, aber der Papst verbot ihnen, diesem Befehl zu gehorchen und
befahl, nur der Gewalt nachzugeben, damit die Welt wisse, da sie nur
rohe bermacht von dem ppstlichen Busen losgerissen habe. Dennoch
muten die Kardinle fort. Die beiden Doria begaben sich nach Genua, in
ihre Vaterstadt, und von Paris kam ein Befehl, da sich alle Eminenzen
in diejenigen Staaten zu begeben htten, deren geborene Untertanen sie
seien. Pius VII. rief nun auch seinen Gesandten zu Paris, den Kardinal
Caprara, zurck, was Napoleon als eine Kriegserklrung auslegte, die
ohnehin schon dadurch geschehen, weil sich Rom nicht, gleich den brigen
italienischen Staaten, gegen den allgemeinen Feind, England, habe
verbnden wollen. Die Provinzen Urbino, Ancona, Macerato und Camerino
wurden unwiderruflich auf ewige Zeiten (diese Ewigkeit whrte fnf
Jahre) durch ein Dekret dem Knigreich Italien einverleibt. Auch wurde
allen Kardinlen und rmischen Beamten aus diesen Provinzen bei Strafe
der Konfiskation ihres Vermgens geboten, sich in ihre Heimat zu
verfgen, so da dem Papst auer dem Gebiet der Stadt Rom wenig mehr
blieb. Trotz all dem beschftigte sich jetzt Pius noch mit der
Heiligsprechung der Knigin Klothilde von Frankreich. Was die Rmer am
meisten schmerzte, war das Ausbleiben der Fremden, besonders der
Englnder, wodurch ihnen ein bedeutender Verdienst entging.

Napoleon hatte indessen beschlossen, der weltlichen Herrschaft des
Papstes ein Ende zu machen und Rom selbst seinem groen Reich
einzuverleiben. Daher die abermaligen Truppenmrsche im April und Mai
1809 in den Kirchenstaat. Ein groer Staatsstreich sollte ausgefhrt
werden, whrend er sich in dem von ihm eroberten Wien befand. Er
dekretierte vier Tage vor der Schlacht von Aspern, den 17. Mai 1809, das
Ende der ppstlichen Herrschaft, und da, da sein groer Vorfahr, Karl
der Groe, den rmischen Bischfen verschiedene Distrikte nur als Lehen
berlassen habe, er, um der ppstlichen Halsstarrigkeit den Hals zu
brechen, dieselben wieder einziehe, den Kirchenstaat mit seinem Reich
vereinige und Rom zu einer freien (?!) kaiserlichen Stadt erklre und so
weiter. Miollis nahm den 1. Juni feierlich Besitz von Rom, und die neu
errichtete Consulta, deren Prsident er war, erlie eine Proklamation,
die mit folgenden hochtrabenden Worten begann:

Rmer! Der Wille des grten der Helden (_risum teneatis amici_)
vereinigt Euch mit dem grten der Reiche und so weiter. In derselben
wurde auch gesagt, da das Elend und die Ungesundheit der rmischen
Stdte nun der Glckseligkeit Platz machen msse, die ihnen zuteil
wrde, und da Rom fortdauernd der Sitz des sichtbaren Oberhauptes der
Kirche bleiben solle, wo dasselbe nun ber alle irdischen Interessen und
Betrachtungen erhaben, der Welt das Schauspiel der reinsten Religion im
hchsten Glanz geben wrde und so weiter.

Von dieser Proklamation wurden mir einige tausend Exemplare nach
Velettri geschickt, um sie daselbst und in der Umgegend zu verbreiten,
was ich pflichtschuldigst, damals ein ebenso verblendeter Narr wie die
anderen, tat, und den Rest auf der Jagd in den Pontinischen Smpfen
verpuffte. Es wurden nun allenthalben die ppstlichen Wappen abgerissen
und durch die napoleonischen Adler ersetzt, alle Urkunden im Namen des
Kaisers ausgestellt und so weiter.

Ich hatte einstweilen in Velettri ein sehr friedliches und behagliches
Leben gefhrt und auer einigen Intrigen mit ein paar hbschen
Vilanellen, die hier wie in Albano ein sehr malerisches Kostm haben,
auch einem kleinen Renkontre mit einem Prlaten keine Fata von einiger
Erheblichkeit gehabt. Die Einwohner, bei denen Caguenecs tolle Streiche
noch in frischem Angedenken, waren mit mir zufrieden. Jener hatte sich
unter anderem von seinen Soldaten, nachdem er mit denselben in der Stadt
herumgezogen, um guten Wein zu requirieren, und sie betrunken gemacht,
auf russische Weise auf dem Marktplatz der Stadt prellen lassen. Das
heit, die Russen in seiner Kompagnie wollten ihrem Kapitn eine Ehre in
russischer Manier antun, legten ihn auf groe wollene Decken und
schleuderten ihn dann in die Luft, fingen ihn wieder auf, was sie ein
halbes hundertmal wiederholten, dabei ein groes Feuer auf dem Platz
anzndeten, so da den Einwohnern angst und bange wurde. Dabei tanzten
die Soldaten um die Flammen und schrieen aus vollem Halse: Hurra unser
braver Kapitn! Zuletzt hatte er gar eine Kontribution von mehreren
tausend Scudi auf seine Faust ausgeschrieben, meinend, was Marschlle
und Napoleon im Groen tun, drfe er ihnen wohl im Kleinen nachmachen,
nicht bedenkend, da man groe Diebe laufen lt und die kleinen hngt.
Ablsung, scharfer Festungsarrest, noch bevor die Kontribution erhoben
war, gegen die man in Rom Beschwerde fhrte, waren die Folgen davon.
Meine Affre mit dem Prlaten, einem Bischof, war indessen nicht so ganz
unbedeutend, und htte leicht eine hnliche Geschichte wie die in Albano
werden knnen, wenn mich jetzt die Erfahrung nicht besonnener gemacht
htte. Dem Fournisseur, der die Lebensmittel fr uns lieferte, einem
jungen und rechtlichen Mann, eine Seltenheit bei einem Lieferanten,
wollte der Prlat ein junges Mdchen, das von dem heiligen Mann so
fruchtbar berschattet worden war, da sich die Spuren davon auf das
unwiderlegbarste zeigten und sie die beste Hoffnung hatte, einen kleinen
Bischof zu bekommen, als eheliches Gespons aufhngen. Bianconi, so hie
der Fournisseur, anfnglich die wahren Umstnde nicht kennend, war in
die Falle gegangen, die man ihm schlau gelegt. Aber hinter den
Zusammenhang der sauberen Geschichte kommend und einsehend, da er einen
bischflichen Deckmantel abgeben sollte, zog er sich zurck, verweigerte
dem Mdchen, das brigens recht hbsch war, seine Hand, und wurde nun
auf deren Anklage vorerst ins Gefngnis gesteckt, um ihn so zu zwingen,
sich in Hymens Fesseln schmieden zu lassen. Ich erfuhr die Sache durch
meinen Furier, lie das Mdchen zu mir kommen und brachte bald durch
Drohungen die Wahrheit und das Gestndnis von ihr heraus, da der
hochwrdige Herr der Papa des zu hoffenden Kindes sei. Ich behielt das
Mdchen in meiner Wohnung, begab mich zuerst in das Gefngnis, um auch
den jungen Mann zu vernehmen, und von diesem zum Prlaten, der mich sehr
artig empfing, mich fragte, in was er mir dienen knne, worauf ich mir
die augenblickliche Freilassung des Gefangenen, ebenfalls sehr artig
erbat. Der fromme Mann wollte mich anfangs gar nicht verstehen, sich auf
nichts einlassen, beteuerte seine Unschuld, schrie ber abscheuliche
Verleumdung, bis ich ihm nun in sehr ernstem Tone andeutete, da, da die
Sache unseren Lieferanten betreffe, ich gentigt sein wrde, sie an das
Generalkommando nach Rom zu berichten. Jetzt spannte der hochwrdige
Herr andere Saiten auf, versicherte mir, da er ganz allein aus Achtung
fr meine Person den Mann freigeben und die Sache nher untersuchen
wolle. Ich aber klopfte ihm vertraulich auf die Schulter, und sagte ihm
mit lchelnder Miene: Lassen wir unter uns alles Komdienspiel
beiseite, wir sind ja beide Mnner und arme Snder, geben Sie der Dirne
eine kleine Aussteuer, und sie wird dann schnell einen gutmtigen
Deckmantel finden, wodurch aller Skandal verhtet wird. Der geistliche
Herr endigte damit, meinen Rat vortrefflich zu finden, bat mich um
Bewahrung des Geheimnisses und ein gutes Glas Wein mit ihm zu leeren.
Ich gestand beides zu, und wir schieden als die besten Freunde. Mit dem
Befehl zur Freilassung des armen Teufels in der Tasche lie ich den
Bianconi sogleich aus seinem Kerker holen.

Anfangs Juli bekam ich in aller Frhe Befehl, sogleich mit meiner
Kompagnie nach Albano abzumarschieren, wo sich eine bedeutende
Truppenmasse versammelte. Nachdem wir zwei Tage daselbst zugebracht,
ohne zu erfahren, auf was es eigentlich abgesehen sei, erhielten alle
hier und in der Umgegend liegenden Truppen den 5. Juli gegen Abend
Order, sich marschfertig zu halten, und wurden vor dem nach Rom
fhrenden Tor versammelt. Die leichte Infanterie bildete die Avantgarde,
dann kam die Linie und Reiterei, und Artillerie machte den Beschlu. In
dieser Ordnung marschierten wir nach Rom ab. Vor dem Tor San Giovanni
angekommen, wurde Halt gemacht und scharf geladen. Es mochte ungefhr
eine gute Stunde vor Mitternacht sein, als wir in der grten Stille in
Rom einmarschierten. Selbst die Hufe der Pferde und die Rder der
Kanonen hatte man mit Stroh umwickelt, da sie keinen Lrm machten. So
marschierten wir gegen Monte Cavallo, in den Straen auf starke
Patrouillen der franzsischen Garnison stoend. Daselbst angekommen,
wurde ein Teil der Infanterie und die Kavallerie in die zum Quirinal
fhrenden Straen verteilt, und die Kanonen, welche die entgegengesetzte
Richtung vom ppstlichen Palast erhielten, mit brennenden Lunten zur
Seite aufgepflanzt. Die Patrouillen bedeuteten den Einwohnern, die hier
und da die Fenster ffneten oder sich an der Tr blicken lieen, sich
sofort zurckzuziehen, widrigenfalls man Feuer auf sie geben wrde. Es
herrschte nun eine feierliche Stille, und wir waren alle in einer
seltsamen Spannung, was wohl geschehen wrde. Ich stand mit meiner
Kompagnie noch auf dem Campo Vaccino, als mir eine Ordonnanz die Order
berbrachte, mich mit zwanzig auserwhlten Grenadieren sogleich zum
General Miollis zu verfgen. Bei diesem, der sich zu Fu mit mehreren
Generalen und Chefs, unter denen auch der Gendarmeriegeneral Radet, am
Piedestal der Kolosse auf dem Monte Cavallo befand, angekommen, nahm
mich Radet, dem ich von meinem Oberst besonders empfohlen worden war,
beiseite, und erffnete mir, da diese Anstalten getroffen seien, um im
Fall sich der Papst weigern wrde, die Entsagungsakte ber alle
weltliche Herrschaft, Macht und Ansprche auf den Kirchenstaat zu
unterzeichnen, seine Gefangennehmung zu bewerkstelligen, die in diesem
Falle vom Kaiser dekretiert und auch von Murat befohlen sei. Er habe
mich auf Empfehlung meines Obersten erwhlt, ttigen Anteil an dieser
Expedition zu nehmen, die er sogleich anfhren werde und wozu er noch
einige Offiziere und erlesene Mannschaft erwarte. Ich gestehe, da mir
diese Erffnung nicht gerade die angenehmste war, da ich Pius VII. als
einen wrdigen und achtungswerten Mann und Souvern kennen gelernt und
durch meine frhere Audienz ihn persnlich lieb gewonnen hatte. Aber
hier befahl der Dienst und war keine Einwendung zu machen. Es whrte nur
noch wenige Minuten, bis die zu dieser Expedition erlesene Mannschaft
beisammen war; etwa acht bis zehn Offiziere, hundertzwanzig Mann aus
Elitekompagnien und ein halbes Dutzend Sappeurs. Radet fhrte das
Kommando an. Wir muten mit Leitern ber die hohen Gartenmauern steigen,
da der Papst schon frher die Eingnge des Palastes hatte vermauern
lassen, und derselbe sozusagen zu einer kleinen Festung umgeschaffen
war. Aber auch die inneren, in den Garten gehenden Tren muten die
Sappeurs erbrechen. Wir stieen zuerst auf die einige vierzig Mann
starke Schweizergarde, die sich nicht zur Wehr setzte, sondern auf die
an sie ergangene Aufforderung die Hellebarden streckte. Wir durcheilten
mehrere Gnge und Sle, Radet erwischte einen Kammerdiener des heiligen
Vaters, den er zwang, uns in die Gemcher des Papstes zu fhren und uns
das Zimmer zu ffnen, in welchem sich Pius VII. befand. Wir traten ein.
Der wirklich ehrwrdige Oberpriester sa noch vllig angekleidet, die
Stola umhabend, an einem Tisch und war mit Schreiben beschftigt. Radet
nherte sich ihm, redete ihn franzsisch an, das Pius gelufig sprach,
und machte ihn mit seinem Auftrag bekannt, wobei er ihm die zu
unterschreibenden Akte mit der Erklrung berreichte, da er im
Weigerungsfall strenge Order habe, Seine Heiligkeit gefangen abzufhren.
Des Papstes Antwort war: _Mi taglierete piu tosto in mille pezzi!_ Da
Radet sah, da alles Zureden vergeblich war, lie er die Sappeurs
eintreten, ein auf die Strae gehendes Fenster einschlagen, hie sodann
den Papst und den Kardinal Pacca auf zwei Armsthle setzen, sie fest auf
denselben anbinden und beide durch das Fenster auf die Strae
hinablassen. Der General selbst aber eilte schnell auf dem Weg, den er
gekommen war, mit uns hinab, empfing den Papst und den Kardinal unten
und ntigte beide, sich in einen mit vier Pferden bespannten Wagen zu
setzen, auf dessen Bock er stieg, und jagte so mit einer starken
Reitereskorte umgeben, im gestreckten Galopp davon, durch die nchsten
Straen, zur Porta Salara hinaus, um die Stadtmauern herum bis an die
Porta Popolo und von da auf der Strae nach Florenz weiter. Die
Truppenabteilungen, welche zu der Garnison Roms gehrten, verfgten sich
in ihre Quartiere, die aber von Neapel gekommen waren, marschierten
gegen Morgen nach Albano zurck und erfuhren erst nach einigen Tagen,
was eigentlich vorgegangen war. Roms Bewohner waren nicht wenig
bestrzt, als sie am anderen Tag erfuhren, da ihr Souvern abgereist
sei. Aber es blieb alles ruhig, und man redete sich nur mit einem: _Il
Papa  via!_ an. Es wurden einige Proklamationen erlassen, whrend Pius
den Weg nach Frankreich gezwungen machen mute. Noch denselben Morgen
wurde ich zu dem General Miollis beordert, wo mir dieser mitteilte, da
auf Empfehlung meiner Oberen und Radets er mich dazu bestimmt habe, dem
Kaiser die Depeschen, welche die Berichte ber das Vorgefallene
enthielten, nach Wien in der Eigenschaft eines Kuriers zu berbringen,
eine Mission, die ich mit groer Freude annahm. Was den General noch
mehr dazu bewogen hatte, mich mit diesem Auftrag zu beehren, war, da
ich der deutschen Sprache mchtig, worauf man besonders deshalb Gewicht
legte, weil das Gercht ging, da die sterreichischen deutschen Lnder
und namentlich Tirol in vollem Aufstand seien, und ich wohl im Falle der
Not als reisender Privatmann noch ungehindert durchkommen knne, weshalb
man mich auch mit dem Pa eines deutschen Barons, der von Rom nach Wien
reise, versah. In einem ziemlich bequemen Wagen fuhr ich in wenigen
Stunden nach der Abreise des Papstes mit unaufhaltsamer Eile, meistens
vier Postpferde vorgespannt, ber Florenz, Bologna, Rovigo, wo ich die
Nachricht von dem zu Wien abgeschlossenen Waffenstillstand zuerst
erfuhr, Padua, Mestre (Flecken ganz nahe bei Venedig, von wo man auf
einer Barke dahin fhrt), Treviso, Udina, Villach, Klagenfurt, Friesach,
Judenburg, Leoben, Wiener-Neustadt, Gumpendorf und nach Wien, wo ich
trotzdem, da ich mir kaum ein paar Stunden zum Essen gegnnt, erst den
siebenten Tag nach meiner Abreise von Rom, des Morgens um vier Uhr,
eintraf. Im Flug hatte ich die ganze Strecke, wohl ber zweihundert
Meilen, zurckgelegt und den Wagen nur zur hchsten Notdurft verlassen,
fast alle Mahlzeiten in demselben zu mir genommen, und da, wo die Wege
schwierig waren, oft sechs Pferde vorspannen lassen. Ich hatte zwar die
Reise in Zivilkleidern zurckgelegt, aber durchaus keine
Unannehmlichkeiten gehabt, und war nirgends angehalten worden, wobei mir
allerdings das Deutsche gut zu statten kam. So ermdet ich auch war, so
erlaubte ich mir doch keine Stunde Ruhe, sondern machte sogleich nach
meiner Ankunft Toilette, rasierte mich, steckte mich in meine groe
Uniform, und eilte, mich bei dem General Andreossy, damals franzsischer
Kommandant zu Wien, zu melden, dem ich den Zweck meiner Reise mitteilte
und der mich sofort, von einem Adjutanten begleitet, nach Schnbrunn zur
bergabe meiner Depeschen absandte. Es war noch nicht acht Uhr, als wir
daselbst ankamen und bei dem Kaiser gemeldet wurden. Nach einer kleinen
Viertelstunde wurden wir vorgelassen, und als wir in das kaiserliche
Gemach traten, stand Napoleon von seinem Arbeitstisch auf, auf dem
mehrere Papiere und Karten lagen, tat ein paar Schritte vorwrts und
redete mich mit den Worten an: _Vous m'apportez des nouvelles de
Rome?_ -- _Oui Sire._ -- Ich hatte die Depeschen in der Hand und
wollte sie ihm berreichen, als er hastig selbst darnach griff, sie
ffnete, und fters, das Gesicht verfinsternd, las, whrend ich alle
Zeit hatte, ihn genau zu beobachten. Endlich legte er sie wieder
zusammen, warf sie auf den Tisch und befragte mich nach verschiedenen
nheren Umstnden und dem Hergang der Verhaftung. Ich mute in die
kleinsten Details eingehen, wurde mehrmals von ihm durch Fragen
unterbrochen, wobei sich seine Stirne umwlkte, wenn ihm die Antwort
nicht sehr angenehm schien. Namentlich erkundigte er sich
angelegentlich, wie sich das Volk in Rom verhalten habe und wie dessen
Stimmung sei. Ich gab ihm, soweit ich es imstande war, die gewnschte
Auskunft, mit dem Bemerken, da ich wenige Stunden nach der Begebenheit
Rom verlassen habe. Nachdem ich dies alles abgemacht und der Kaiser sich
herabgelassen hatte, sich nach meiner werten Person und nach meinen
Dienstverhltnissen zu erkundigen, und nachdem ich ihm auch hierauf mit
wenig Worten geantwortet hatte, fragte er mich noch, ob ich als
Deutscher mit meinem Dienst zufrieden sei, was ich bejahte, und zugleich
dachte: Jetzt stehst du vor der Schmiede, du mut es benutzen. Mein
innigster Wunsch war nmlich damals, zu der Garde Napoleons versetzt zu
werden, und ich lie ihn Sr. Majestt blicken, wurde aber sofort mit
einem: _C'est bon, nous verrons_ allergndigst entlassen.

Ich ging nun in dem Park von Schnbrunn spazieren, die Parade, die um
zehn Uhr sein sollte, abwartend. Den Platz vor dem Schlosse hatte man so
eingerichtet, da die Truppen daselbst kampieren konnten. Der Garten war
noch auf hollndische oder franzsische Art angelegt. Schnbrunn, das
nur eine halbe Stunde von Wien entfernt ist, war frher ein Jagdhaus,
bei dem sich ein Tiergarten befand, aber 1685 bei der Belagerung durch
die Trken ganz zerstrt worden. Leopold I. lie 1696 wieder ein Schlo
daselbst erbauen und einen Lustgarten anlegen, der 1700 fertig wurde.
Maria Theresia whlte diesen Ort zu ihrem Sommeraufenthalt. Aus dem
vorhandenen Schlchen machte sie ein schnes Lustschlo, sie erweiterte
die Grten, legte den hollndischen Garten und eine Menagerie an, und
traf Vorkehrungen, da das hier vorbeistrmende Flchen Wien keinen so
groen Schaden mehr durch berschwemmungen anrichten konnte. Spter
wurden noch viele Statuen, die sogenannte Gloriette, die Neptunsgrotte
und so weiter angebracht, und Joseph II. verwendete besonders viel
Aufmerksamkeit auf den botanischen Garten. In dem groen Hof, in dem
sich zwei Springbrunnen mit Gruppen von allegorischen Figuren befinden,
knnen ber siebentausend Mann paradieren. Das Innere des Schlosses hat
einige schne Sle, namentlich ist der Audienzsaal prchtig, auch sind
in einigen Gemchern hbsche Malereien angebracht. Es hat eine Kirche,
ein Theater, eine Apotheke und eine Manege. Was mich bei meinem
Umherstreifen im Garten am meisten wunderte, war, die Statue eines
Scvola und selbst die eines Brutus daselbst zu finden. Doch diese alten
Herren sind bei den gutmtigen Wienern nicht gefhrlich. An Teichen,
Springbrunnen, Alleen und so weiter fehlte es auch nicht. Besonders
sprach mich eine alte hochgewlbte Lindenallee an. Von der Platte der
Gloriette, einer runden, auf Sulen ruhenden Glasgalerie, mit Trophen
und so weiter geschmckt, hat man eine schne Aussicht ber Wien hin bis
zu dem Kahlenberg, und auf der entgegengesetzten Seite nach Baden zu.
Die Knigin Karoline von Neapel lie im Jahre 1806 hier ein Denkmal, aus
einer Granitsule bestehend, setzen, dessen Inschrift besagt: da es aus
Liebe fr Maria Theresia geschehen sei. Napoleon soll geuert haben,
man knne es mit geringer Abnderung zu einer Schandsule jenes bsen
Weibes, Karoline, machen. Dies liee sich wohl noch auf gar manches
andere Denkmal und namentlich auf die Napoleons selbst sehr gut
anwenden. In der gerumigen Orangerie gab Joseph 1784 glnzende Feste
und Blle zu Ehren des Grofrsten Paul. Von den vierfigen Bewohnern
der Menagerie, die ein Rondell bildet, in dessen Mitte sich ein Saal
befindet, dessen Fenster auf die Behlter der Tiere gehen, und ber
welchen wilde Tiere abgemalt sind, hatten viele die Reise nach Paris
machen mssen.

Punkt neun Uhr kam Napoleon mit seinen Marschllen, Generalen und einem
glnzenden Gefolge die Stufen der Schlotreppe herab, die Musterung zu
passieren. Sich hier und da bei einem der Soldaten aufhaltend, dessen
Gewehr und Tornister nachsehend, lie er dann die Truppen nach einigen
Handgriffen defilieren, und sprach mehrmals mit dem General Rapp. Als
die Parade vorber war, ging ich nach Wien zurck, wo ich bei der
Kommandantur Erlaubnis eines lngeren Aufenthaltes auswirkte, um mich
von den gehabten Strapazen gehrig ausruhen zu knnen. Man hatte mir ein
Quartier bei einem ziemlich wohlhabenden Brger in einer entlegenen
Gasse der Vorstadt Gumpendorf gegeben, das ich aber schon den zweiten
Tag mit einem anderen in der Josephsstadt bei einer hochadeligen lteren
Dame, einer geborenen ungarischen Grfin, deren Mann, ein Graf C..., mit
dem sterreichischen Hof, bei dem er eine Stelle bekleidete, geflchtet
war, vertauschte. Hier befand ich mich nicht nur sehr wohl, sondern fand
auch bald die angenehmste Unterhaltung und Zerstreuung. Die Dame hatte
zwei schne Tchter, von denen die eine neunzehn Jahre zhlte und an
einen Rittmeister, Grafen D..., der mit seinem Regiment bei der
sterreichischen Armee stand, verheiratet, die andere, noch ledig, kaum
siebzehn Jahre zhlend, aber die Braut eines sterreichischen
Stabsoffiziers war, der sich auch auf flchtigem Fu befand. Besser
konnte ich es unmglich treffen. Die beiden jungen Komtessen waren
musikalisch, sangen recht artig, und die alte Grfin war vergngt,
wenigstens einen Deutschen im Quartier zu haben. Zuerst hatte man mir
das Essen auf die Stube geschickt, nach zwei Tagen aber hatte ich schon
die Ehre, der Tischgenosse der Damen zu sein. Diese hatten auerdem noch
zwei der artigsten Exemplare der berhmten Wiener Stubenmdchen, die
diesem Korps in jeder Hinsicht alle Ehre machten, zu ihrer Bedienung.

Die ersten Tage brachte ich damit zu, die sich damals durch die
feindliche Besitznahme in sehr peinlichen Umstnden befindende
Hauptstadt sterreichs zu besichtigen. Namentlich die Burg, Sankt
Stephan, die Borromuskirche, den Prater, den Augarten und so weiter.
Die innere eigentliche Stadt ist winkelig gebaut und hat enge und krumme
Gassen, deren Huser sie dster machen. Schn sind der Burgplatz und der
Graben mit der eben nicht sonderlichen Dreifaltigkeitssule. Der Platz,
Am Hof genannt, einer der grten, hat eine Sule zu Ehren der
unbefleckten Empfngnis Marias! Die neue Reiterstatue Joseph II. auf dem
Platz, der den Namen dieses Kaisers fhrt, ist ein desselben wrdiges
Denkmal, das erst zwei Jahre frher in Erz hier aufgerichtet wurde, und
dem Knstler, der es verfertigte, Zeuner, alle Ehre macht.

Wiens Vorstdte sind bei weitem freundlicher als die Stadt selbst. Es
sind deren, wenn ich nicht irre, an oder gar ber dreiig, von denen die
Leopoldstadt die grte und durch einen Arm der Donau von der inneren
Stadt getrennt ist. Rechts von ihr liegt der Prater, in dem besonders an
Sonn- und Feiertagen das Getmmel sehr gro ist. Die groe Mittelallee
ist der Haupttummelplatz. Fr die Befriedigung des Gaumens und Magens
ist hier, sowie berhaupt an allen Vergngungsorten Wiens hinlnglich
und oft derb genug gesorgt. In Friedenszeiten, und wenn der Hof in Wien
ist, soll der Zug der Equipagen und Reiter, die sich hier zeigen, oft
sehr glnzend und prchtig sein. Dabei sollen sich die kaiserlichen
Equipagen durch groe Einfachheit auszeichnen, whrend die des reichen
Adels an Pracht wetteifern und sich berbieten. Auf der linken Seite der
Leopoldstadt liegt der Augarten, der manche hbsche Partien hat und fr
nobler als der Prater gilt. An diesen stt die Brigittenau, mit
hbschen Promenaden und der Aussicht auf die Donau. Wien liegt am
sdlichen Ufer der Donau, in einer trefflich angebauten Gegend. Das
Flchen Wien, welches anderthalb Stunden von der Stadt in dem
Wienerwald entspringt, ergiet sich in derselben in die Donau. -- Die
Theater der sterreichischen Hauptstadt, selbst das durch seine
abenteuerlichen Spektakelstcke so berhmte >an der Wien< knnen, wenn
man die Prachtbauten dieser Art in Italien gesehen hat, keinen
besonderen Eindruck mehr machen. Dagegen sieht man ungeheure Kasernen.
Auch die fast noch rauchenden Schlachtfelder von Aspern, Elingen und
Wagram besuchte ich zu Pferde.

Die Franzosen, die kein Deutsch verstanden, hielten whrend ihres
damaligen Aufenthalts das Wiener Volk fr sehr aufgebracht gegen sich
und frchteten hnliche Auftritte wie in Madrid. Ich mute ber diese
Befrchtungen lcheln. Die guten Wiener dachten an nichts weniger als an
Aufstnde, sondern gingen, besonders seitdem der Waffenstillstand
geschlossen war, wieder in aller Harmlosigkeit ihren gewhnlichen
Vergngungen nach. Die Stimmung vieler Einwohner war im Gegenteil der
damaligen Regierung sterreichs eher feindlich gesinnt. Sie
beschuldigten dieselbe laut der drckendsten Willkr, sowie sie ihr
durch ihre Migriffe und Dummheiten das jetzige Unglck Wiens und des
Staates zuschrieben, und die Brger sagten laut: wir zweifeln, da
selbst diese derbe Lektion unsere Regierung bessern wird, unser guter
Kaiser ist blind gegen die Urheber seines Unglcks, und wenn die
Franzosen wieder fort sind, ist's halt wieder die alte Leier. Dabei lie
man sich aber nichts abgehen, und ich hatte allenthalben Gelegenheit,
die berhmte E- und Trinklust der Wiener zu bewundern. Als nach dem 18.
Juli der Zugang in die Grten zu Schnbrunn, den Prater, den Augarten
und so weiter wieder erlaubt war, eilte halb Wien in den Prater, und
nach Verlauf von einer Stunde war in den Garkchen und Buden daselbst
auch fr Gold kein Stckchen Brot mehr zu haben.

Der Waffenstillstand sollte anfnglich nur einen Monat, mit
vierzehntgiger Aufkndigung dauern. Durch die hinausgezogenen
Friedensunterhandlungen verlngerte er sich aber ber drei Monate. Den
31. Juli hatte Erzherzog Karl, der einzige sterreichische Feldherr von
Bedeutung, mit dem Benehmen der Regierung und des Hofes hchst
unzufrieden, das Kommando der Armee, als deren Generalissimus,
niedergelegt, das nun Kaiser Franz selbst, eigentlich Frst
Lichtenstein, bernahm.

Wien mute unterdessen ungeheure Lieferungen in Naturalien an die
Franzosen machen, worunter ber zweihunderttausend Ellen Tuch, noch mehr
Leinwand, an vierhundert Zentner Leder, ungeheure Quantitten Fourage,
Stroh, Holz und so weiter, sowie zehn Millionen bares Geld Kriegssteuer
bezahlen. Dabei waren die sonst so barschen und durch ihre gemeinen
Grobheiten berhmten sterreichischen Unterbeamten, die sie sich gegen
jeden nicht in hherem Amt und Wrden Stehenden erlauben, so geschmeidig
und niedertrchtig kriechend gegen das franzsische Militr und die
Employs, da es wahrhaft ekelerregend war. Was die Wiener am meisten
freute, war, da jetzt in den Theatern auf Veranlassung mehrerer
Offiziere alle die Stcke aufgefhrt wurden, die unter dem
sterreichischen Gouvernement verboten waren, sowie mehrmals in den
Zeitungen bekannt gemacht wurde, da alle durch eine engherzige und
beschrnkte Zensur verbotenen Bcher zu haben seien, indem die Zeit
erschienen, in welcher man den Geist nicht mehr in Fesseln schlagen
drfe! -- Und doch war Napoleon derjenige, der ihn, wie nie ein Tyrann
vor ihm, in Fesseln zu schlagen versuchte. Eines der verboten gewesenen
Stcke, das am meisten Beifall fand, waren Kotzebues >Kreuzfahrer<, die
man >an der Wien< auffhrte. Die ganze Stadt wollte das Einmauern einer
Nonne, Kloster, Kirche und Nonnen auf dem Theater sehen, und das Haus
hatte nicht Raum genug fr die drngenden Massen. Auch Stcke, die
bisher, durch eine erbrmliche Zensur auf das unsinnigste beschnitten,
grlich verstmmelt gegeben worden waren, wurden nun unbeschnitten und
wie sie der Autor geschrieben, wie zum Beispiel >Wilhelm Tell<, unter
groem Jubel aufgefhrt, und man lachte ber die literarischen
Henkersknechte, die sie ihrer besten Stellen beraubt hatten. Aber aus
den Archiven, Bibliotheken, Kunstsammlungen wurde das Beste und
Seltenste nach Paris geschafft.

In dem eigentlichen Hof- oder Burgtheater, das man auch Nationaltheater,
eine wahre Satire, nannte, wurden whrend meiner Anwesenheit
franzsische Stcke aufgefhrt, und ich sah >_Adolphe et Clara_<, >_Le
Secret_<, >_La banqueroute du Savetier_< und so weiter daselbst geben.
Am Krtnertor wurden manchmal italienische Opern >_Il Matrimonio
segreto_<, >_Sargino_<, >_La molinara_< und so weiter gegeben. Im
Theater zu Schnbrunn wurden meistens italienische Opern und Ballette
aufgefhrt. An deutschen Stcken sah ich zum erstenmal: >Die
Schweizerfamilie<, >Ostade<, den >Wald bei Hermannsstadt< und so weiter.
Einer Vorstellung des >Don Carlos< wohnte ich bei, die eben nicht zu den
ausgezeichnetsten gehrte.

Den 15. August wurde das Napoleonsfest in sterreichs Hauptstadt mit
groem Pomp gefeiert, alle Schiffe auf der Donau waren bunt beflaggt und
bewimpelt, der Donner der Kanonen kndigte nach allen Weltgegenden hin
das hohe Fest des Diktators des europischen Festlandes an. In
Schnbrunn war groe Parade, das Schieen und Glockengelute schien gar
kein Ende nehmen zu wollen. In Sankt Stephan, wohin sich die ganze
Generalitt, den Vizeknig Eugen an ihrer Spitze, begab, wurde ein
feierliches Hochamt gehalten und das Tedeum gesungen. Die Brger muten
Spaliere mit den Truppen bilden, bei dem Gouverneur war groes Diner.
Mit einbrechender Nacht wurde ganz Wien mit allen seinen Vorstdten
beleuchtet, und ein prchtiges Feuerwerk prasselte in die Lfte. Unter
den vielen, selbst von Wiener Brgern illuminierten und passend
angebrachten Transparenten las man auf einem derselben: >_Zur Weihe An
Napoleons Geburtstag!_< War man aber nicht ganz in der Nhe, so las man:
>__ZWANG!__<, weil die anderen Buchstaben so klein waren, da sie schon
in einer geringen Entfernung verschwanden. Ohne sich eine starke Ble
zu geben und sich zu blamieren, konnte man nicht wohl dem Mann, der so
illuminierte, etwas anhaben.

Berthier, Massena und Davoust erhielten an diesem Tag die frstliche
Wrde, mehrere tausend Kreuze der Ehrenlegion wurden ausgeteilt, und die
Errichtung eines neuen Ordens, des der drei goldenen Vliee, verkndet.

Napoleon kam indessen nur wenig, meistens im strengsten Inkognito und
bei Nacht, in Zivil gekleidet, gewhnlich von Duroc und Berthier
begleitet, nach Wien, und so besah er auch die ihm zu Ehren gemachte
Illumination. Zeigte er sich am Tage zu Pferde oder wurde man ihn
gewahr, so war er schnell von einer ungeheuren Volksmasse umringt. Auch
der Wiener Adel suchte in seine Nhe zu kommen und gab sich unsgliche
Mhe, ihm vorgestellt zu werden oder wenigstens den theatralischen
Vorstellungen zu Schnbrunn beiwohnen zu drfen, zu denen der Zutritt
nicht jedermann gestattet war.

Trotz den Friedensunterhandlungen benutzte Napoleon die Zeit des
Waffenstillstandes auf das beste und lie Wien und seine nchsten
Umgebungen in einen furchtbaren Verteidigungszustand setzen. Namentlich
waren es die Werke am Spitz, welche ihn beschftigten, und zu deren
Gunsten man die schnsten Huser demoliert hatte. Vor dem Brckenkopf
wurden sechs groe Redouten angelegt, die gewissermaen ein verschanztes
Lager bildeten. Am Spitz und am Tabor wurden Magazine fr Pulver und
Lebensmittel gebaut, sowie ein Artilleriepark mit achtundvierzig
Geschtzen versehen. Auch Minen, Lnetten, Tambours, Blockhuser und so
weiter fehlten nicht, wo man sie fr ntig erachtete, und in dem Lager
an dem Spitz hatte man Baracken aus den Balken, Brettern, Tren und
Fenstern niedergerissener Huser, Stlle und Scheunen erbaut.

Unterdessen war ich in meinem angenehmen Quartier recht heimisch
geworden und fand meine Wiener Damen fr den Sinnengenu sehr
empfnglich. Zu der Mama der beiden Komtessen war ich, des Sprichwortes
eingedenk: >Wer die Tchter haben will, mu der Mutter den Hof machen<,
recht artig und gefllig, lebte jetzt in dem Haus wie der Vogel im
Hanfsamen, war der Hahn im Korb bei fnf Hhnern, die alte Henne und die
zwei hbschen Kammerktzchen inbegriffen, die alle vergngt waren, da
ich deutsch sprach, da die Mdchen gar nicht und die Komtessen nur ein
sehr schlechtes gebrochenes Franzsisch sprachen, obgleich sie mehrere
Jahre die franzsische Sprache studiert hatten. Allerdings mit Hilfe der
durch ihren geistreichen Inhalt berhmten Meidingerschen Grammatik, die
damals noch weit fehlerhafter und abgeschmackter war als spter, nachdem
Debonal den groen Meidinger wegen seiner Fehler und Absurditten
gegeielt hatte. Die Mama hatte den Kindern und dem Gesinde empfohlen,
ja recht artig gegen mich zu sein, damit es keine Unannehmlichkeiten mit
der Einquartierung absetze, und dieser weise Rat ward von den gehorsamen
Tchtern und Mdchen bestens befolgt. Whrend die jngere Tochter,
Komtessa Elisa, mit der Mama morgens die Kirche besuchte, musizierte ich
mit der lteren, Grfin Eleonora, studierte italienische Duettini mit
ihr ein, und sang den zweiten oder dritten Morgen das Duett aus Winters
>Unterbrochenem Opferfest<: >Wenn mir dein Auge strahlet< mit ihr, wobei
ich aber den Text meiner Partie aus dem Stegreif vernderte, so da aus
dem phlegmatischen kalten englischen Eisblock Murney ein feuriger, sich
Myrrhas Wnschen hingebender Liebhaber wurde. Eleonore fragte nun
errtend: Aber was machen Sie denn da, Sie singen ja ganz andere Worte,
als da stehen. -- Um Vergebung, meine Gndige, ich sang gerade, wie es
mir meine Gefhle eingaben, die mich unwiderstehlich hinrissen. --
Aber nein, Sie mssen halt so singen, wie es da g'schrieben steht. --
Diese Worte waren, wenn auch im sterreichischen Dialekt, der in dem
Mund hbscher Frauen ebenso angenehm, als in dem der Mnner
unausstehlich widerlich klingt, in einem solchen Ton und mit so lieblich
lchelnder Miene gesprochen, da ich wohl sah, wie wenig es ihr Ernst
damit war. Ich erwiderte nun, da ich mein mglichstes tun wolle, so wie
sie es verlange, zu singen, affektierte aber, als koste es mich
unsgliche Mhe, den richtigen Text herauszubringen, und sang dabei ohne
allen Ausdruck. -- Aber nehmen Sie es mir nicht bel, fiel mir die
Komtesse jetzt wieder ein, Sie sangen soeben weit besser. -- Ja,
meine Gndige, so geht es, wenn man etwas _contre coeur_ tut. Wenn ich
singen mchte: >Ach wahre dieses Feuer, die Liebe ist mir Pflicht!<
statt >Ach dmpfe dieses Feuer, uns trennet meine Pflicht!<, so kann
ich, da dies ganz gegen meine Gefhle ist, auch nur kalt und gefhllos
singen. Ich vernderte nun dennoch manchmal den Text, indem ich trotz
dem Verbot alle Augenblicke etwas improvisierte, und die Grfin
lchelte. Als das oft unterbrochene Duett zu Ende war, sagte sie: Gott
sei Dank, lassen Sie uns jetzt etwas anderes singen. -- Mit Vergngen,
meine Gndigste, etwa das kleine Duett aus dem >Don Juan<? --
Welches? -- Reich mir die Hand, mein Leben. -- Ich will wohl, aber
ich habe den >Don Juan< nicht. -- Aber ich. -- Sie erlauben einen
Augenblick, und husch war ich zur Tre hinaus und in wenig Sekunden mit
meinem Klavierauszug zurck. -- Wollen's nit auch den Text verndern,
Herr von Frhlich? (in Wien nennen sie alles >von<) wurde ich nun
schalkhaft gefragt. -- Behte der Himmel, meine Gndige, der ist
vortrefflich. -- Nun so werd' ich's halt tun. -- Bitte, ja nicht.
-- Wir sangen, und Eleonore versuchte wirklich, zu improvisieren. Aber
es wollte ihr durchaus nicht gelingen, denn sie konnte das zur Musik
passende Silbenma nicht treffen. -- Sehen Sie, meine Gndige, es will
nicht gehen, Mozarts Musik vertrgt keine Worte, die nicht zu ihr
passen. Singen wir das Duett, wie es da steht. -- Aber nicht bis an
das Ende, wo sich Zerline ergibt. -- O doch, meine Gndige, dies ist
ja gerade der schnste Moment. Wenn nur das Unglck keine strende
Elvira herbeifhrt. -- Ich schlug ihr nun vor, mit Aktion zu singen. --
Wie meinen Sie das? -- Je nun, meine Gndige, die Handlung, welche
der Text besagt, durch Mienen und Bewegungen auszudrcken. -- Ah so,
Komdie spielen! Bewahre der Himmel, in allem Ernst. -- Seien Sie
ruhig, wir wollen singen. -- Ich sang nun: Reich mir die Hand, mein
Leben, und wagte es, meinen Arm um ihre schlanke Taille zu schlingen,
erst ganz leise und dann _crescendo_ bis zum _fortissimo_. -- Aber,
mein Gott, was machen's? -- Ich singe mit Aktion, da geht es besser.
-- Aber wie kann ich so spielen? (sie akkompagnierte). Sie fuhr
indessen zu spielen fort, und als wir an das Allegro kamen und die
Worte: >So la uns ohne Weilen der Lust entgegen eilen< sangen, drckte
ich sie innig an mich und kte ihre schne Stirne. -- Jetzt sprang sie
vom Klavier auf, aber ich fate sie, kte sie auf den Rosenmund und
wollte trotz Struben und Ach mit ihr ins Seitengemach. Da ging
pltzlich die Stubentre auf und herein trat ihr allerliebstes
Kammerktzchen Therese. Als ich jedoch den Druck der Klinke hrte, hatte
ich mich schnell aus den Armen der Grfin gerissen und stand
kerzengerade wie ein Grenadier in ehrerbietiger Stellung vor der Dame,
da das Mdchen die Tre geffnet hatte, das um ein Kommodeschlsselchen
bat. Ihre Herrin fuhr sie aber mit den Worten an: Dummes Ding, weit
nit, da es auf meiner Toilette liegt? -- Verzeihen's, Ihr Gnaden, ih
hab's do halt nit finden knnen. -- So suche wo anders, hab's nit. --
Und so war die Zofe abgefertigt; kaum zur Tre hinaus, sagte die Dame:
Was wird das Mdel denken? -- Nichts, meine Gndige, erwiderte ich,
die Hand kssend, als sie hereinkam, stand ich schon drei Schritte von
Ihnen entfernt. -- Ich drckte nun die niedliche Hand an meine Brust,
schlo die Besitzerin derselben halb mit Gewalt in meine Arme und
bedeckte ihren Mund mit Kssen. Rter und rter frbte sich die Glut
ihrer Wangen, da rollte ein Wagen vor, und die gndige Mama, mit der
jngeren Tochter aus der Kirche kommend, trat bald darauf ins Zimmer, wo
sie uns beide so emsig am Klavier musizierend fand, da sie ihre Freude
daran hatte. Komtesse Elise stellte sich neben uns, zuhrend. Wir
spielten und sangen nun noch eine Weile und kamen dann berein, da ich
die Damen diesen Abend in das Theater in Zivilkleidern begleiten drfe,
wo die >Kreuzfahrer< wiederholt wurden. Ich ging auf mein Zimmer,
schrieb ein Billettchen an die Grfin Leonore, in welchem ich ihr die
Glut meiner unendlichen, ewigen Liebe mit den feurigsten Worten
schilderte, und sie am Schlu um Erhrung und eine ungestrte
Zusammenkunft bat. Das Billett lie ich ihr beim Dessert -- ich sa
immer zwischen ihr und der gndigen Mama -- unvermerkt auf den Scho
fallen, sie dabei mit den Knien anstoend. Sie deckte es mit der
Serviette zu, und wute es dann ebenso unvermerkt in den Busen zu
bringen. Bald nach Tisch entfernte ich mich unter einem Vorwand, um ihr
Zeit und Gelegenheit zu geben, es zu lesen, und kam in einer Stunde
zurck, die Damen zu einer Spazierfahrt einladend. Als wir heimkamen und
ich mich auf mein Zimmer begab, begegnete ich Theresen auf dem Gang vor
demselben, die mich lchelnd grte. Ich fragte, warum sie lache. -- O
das werden Euer Gnaden halt schon g'merkt haben. -- Ich nahm sie bei
der Hand, und ihr diese drckend, sagte ich: Du bist ein Schelm, aber
sei hbsch verschwiegen, dann soll es dein Schaden nicht sein, und
kte sie dabei. -- Ihr Gnaden sind's halt doch n loser Vogel, meinte
sie. -- Ich drckte ihr nun ein paar Gulden in die Hand, sie nochmals
kssend, ihr Stillschweigen empfehlend, und sie bittend, mir bei ihrer
Herrschaft das Wort ein wenig reden zu wollen. -- O das ist gar nit
notwendig, platzte sie jetzt heraus, Ihr Gnaden haben meiner
Herrschaft gleich g'fallen, und wie Sie den ersten Tag z'uns ins
Quartier kommen sind, hat d'gndig Frau g'sagt: >'s doch ein ganz ander
Ding, so a franzs'scher Offizier, als uns're steifen Holzblcke, mit
denen gar nix anz'fangen is, so aner draht sich halt zehnmal rum, bis
unser einer den Fu nur lupft, 's is halt ka Wunder, wenn's so von ihnen
klopft werd'n<; und dann fragt's mi in am weg, was Sie schaffen tun,
ob's z'Haus sind un so mehr. --

Ich kte nun das liebe Mdchen noch ein paarmal, ging dann auf mein
Zimmer und nach Verlauf von ein paar Stunden wieder zu meinen
gastfreundlichen Wirtinnen hinab, bei denen ich noch einige andere
Wiener Damen vom hohen Adel traf, die sich, als sie hrten, da ich ein
Deutscher, und zwar aus dem Reiche wre, wie sie alle deutschen, nicht
zu sterreich gehrenden Lnder nannten, bitter beschwerten, da die
deutschen Truppen, namentlich die Bayern, weit rger als die Franzosen
selbst in den kaiserlichen Erblanden hausten; an den letzteren aber
hatten sie hauptschlich auszusetzen, da sie sogar keinen Unterschied
zwischen dem hohen Adel und dem Brgerpack machten, es ihnen gleich sei,
ob sie eine hbsche Brgersfrau oder eine Grfin aus uraltem Haus vor
sich htten, und das Schlimmste sei, da, wenn sie lange in sterreich
blieben, das Volk am Ende auch von solchen verruchten Grundstzen
angesteckt wrde. Schon merke man, da die Wiener nicht mehr wie frher
mit derselben ehrfurchtsvollen Untertnigkeit den hohen Herrschaften
begegnen. Dies sei ein abscheulicher Jakobinismus und so weiter. --
Halten zu Gnaden, meine Gndigen, sagte ich endlich, wir sind aber
doch am Ende alle aus demselben Teig geknetet. -- Das sind sehr
schlimme Grundstze, meinte eine der Damen, die noch allen Respekt
ber den Haufen werfen werden. -- Grfin Leonore suchte nun der
Unterhaltung eine andere Wendung zu geben, lenkte die Sprache auf die
Musik, und wir sangen den Damen etwas vor. Unter dem Gesang fragte ich
sie, ob sie mir keine Antwort auf mein Briefchen zu geben habe, konnte
aber nur ein Stille! von ihr herausbringen. Die Zeit zu dem Theater
war herangekommen, die fremden Damen entfernten sich und wir fuhren in
die >Kreuzfahrer<. Das Haus war zum Erdrcken voll, meine Wirtinnen
fanden groen Gefallen an der Vorstellung, doch meinte die Mama, es sei
sndhaft, Kirche, Klster und Nonnen in der Komdie nachzumachen. Bei
der Heimfahrt sa ich Leonoren _en face_ und machte gehrigen Gebrauch
vom Kutschenrecht, ihr die Knie zusammendrckend, whrend ich meiner
Nachbarin zur Linken, der Komtesse Elise, das zarte Hndchen drckte.
Beim Souper war fast von nichts anderem als der schnen Emma von
Falkenstein, ihrem Kreuzritter Balduin und den beide rettenden
Unglubigen die Rede. Mama meinte: Ich liee mir das Stck noch
gefallen, wenn es nur keine Trken wren, welche die Nonne vom Einmauern
befreien und eine christliche Kirche so entweihen. Htte sie denn der
Kotzebue nicht lieber durch deutsche Ordensherren befreien lassen
knnen? Aber das ist doch auch so ein halber Jakobiner, dem Gott seine
Snden verzeihen mge, solche Skandalstcke, wie: >Das Kind der Liebe<
und >Don Ranudo de Colibrados< gemacht zu haben, wo er den hohen Adel
dem Spott und Gelchter des gemeinen Pbels preisgibt. -- Als ich um
zehn Uhr den Damen eine gute Nacht gewnscht, um mich auf mein Zimmer zu
begeben, begegnete ich Theresen abermals auf dem Gange. Ich kte sie
wieder, zog sie trotz ihres scheinbaren Widerstrebens durch meine
Stubentre und lie die hbsche Soubrette kaum zu Worte kommen. Endlich
aber sagte sie: Ihr Gnaden, nur jetzt nit, lassen's mi aus, die gnd'ge
Grfin kann ja jeden Augenblick rufen oder gar selbst kommen, dann gb's
n schnen Spektakel, und Sie haben nix davon. -- Gut, ich will dich
jetzt lassen, aber ich besuche dich heute nacht, wo ist deine Kammer?
-- Aber i schlaf ja nit allein, die Toni (das Kammermdchen der alten
Grfin) schlaft ja mit mir in der nmlichen Stube. -- So komme du zu
mir. -- Wenn's aber die Toni merkt? -- Sie wird nichts merken, wenn
du es klug anfngst. -- Na, so lassen's mi nur jetzt aus, wann ich's
halt machen kann, so komm i, die Hand drauf. -- Sie gab mir die Hand,
ich kte sie nochmals, und husch war sie zur Tre hinaus. Noch zwei
gute Stunden blieb ich, den dienstbaren Geist, in meinem Zimmer
vergeblich wartend, auf, als aber die Geisterstunde geschlagen hatte und
er dennoch nicht erschien, da warf ich mich, ber die getuschte
Erwartung mimutig, in mein Bett.

Den andern Morgen begab ich mich zur Parade abermals nach Schnbrunn.
Zurckgekehrt, fand ich Eleonore wieder allein, und begann damit, ihr
den guten Morgen durch eine Umarmung wnschend, ihr ihre Grausamkeit,
die mich zur Verzweiflung bringen msse, vorzuhalten, woran ich sie bat,
doch Mitleid mit meinem Zustand zu haben, wenn sie nicht wolle, da ich
vor Gram und Kummer vergehen solle. Nach noch einigem Zieren drckte sie
mir endlich ihr Mitleid durch Erwiderung meiner Ksse aus, und ich bat
nun um Erhrung meiner heiesten Wnsche, womit ich jedoch noch ganze
vierundzwanzig Stunden hingehalten wurde. Mutter und Schwester kehrten
zurck, ehe wir uns noch an das Instrument gesetzt hatten, auch
musizierten wir diesen Morgen nicht. Als ich vor Tisch auf mein Zimmer
ging, fand ich Therese wieder am Ende des Korridors, die mir mit der
Hand winkte, ich aber stellte mich, als wollte ich es nicht merken. Sie
nherte sich nun und nickte dabei so freundlich mit dem Kpfchen, da
ich unmglich widerstehen konnte und mich ihr mit den Worten nherte:
Da du mich gestern abend so lange vergeblich warten lieest, verzeihe
ich dir nimmermehr, du bist eine Erzschelmin. -- Schauen's, Ihr
Gnaden, flsterte sie mir zu, es tut's halt nit, da ich auf Ihre
Stuben komme, dann die gnd'ge Mama und die jngste Komtesse schlafen
ganz in der Nhe, und hren, wenn sich ein Musel rhrt; 's wird halt
doch besser sein, Sie kommen zu mir. -- Aber Toni? -- Tut nix, die
schlft wie n Ratz, wenn ich's Licht ausblase, sie verrt nix, sie wa
schon warum; aber kommen's nit vor Mitternacht. -- Ein Ku bekrftigte
den Vertrag und husch war das lose Mdchen verschwunden. Nach Tisch fuhr
ich mit der Komtesse allein im Prater spazieren, und hier gelang es mir,
die Erlaubnis, in der kommenden Nacht einen Besuch abstatten zu drfen,
auszuwirken. Denselben Abend verlie ich unter dem Vorwand von Kopfweh
die Damen bald nach Tisch, und auf meinem Zimmer ungeduldig die
bereingekommene Stunde abwartend, war ich unschlssig, ob ich erst die
Komtesse oder Therese besuchen solle. Doch entschied ich mich bald fr
die Dame. Die Zofe, dachte ich, bleibt dir immer, und dann hat sie dich
ja in der vergangenen Nacht auch vergeblich warten lassen. -- Kurz vor
Mitternacht, als im ganzen Haus alles still geworden war, schlich ich
mich an der Grfin Stubentre, fand sie offen, und die Dame bei einer
Nachtlampe in dem verfhrerischsten Nachtgewande, wie es schien,
schlafend, und zwar sehr fest, denn ich hatte Mhe, sie wach zu machen,
was erst der Fall war, nachdem ich schon ziemlich handgreiflich wurde.
Es war gegen Morgen, als ich das hochgrfliche Zimmer verlie. Den
anderen Tag sahen wir uns fast nur bei Tische, denn wir waren beide
ziemlich mde. Ich machte es rger als es war, und klagte ber starkes
Kopfweh, denn ich wollte die kommende Nacht mit der niedlichen Zofe
zubringen. Diese traf ich nach Tische wieder auf dem Korridor vor meinem
Zimmer, wo sie mich boshaft lchelnd fragte: Nun, wie haben denn Euer
Gnaden die Nacht zugebracht? -- Sehr ruhig, denn ich war sehr unwohl.
-- So, versetzte sie keck, glauben's, Sie knnen mich so anplauschen?
Was denken's? Ih wei recht schn, wo Sie g'we't sind. Schauen's, mir
knnen's nix vormachen. Ih merk' alles, bei der Herrschaft sind's
gewesen, und wann ih's nit schon so g'wut htt, so htt' ih's doch
bei'm Bettmachen gemerkt. Ih bin nit von heut. -- Und dabei lachte die
Spitzbbin recht schelmisch, und fuhr fort: Aber Sie brauchen's si halt
gar nit vor mir zu schenieren, wir knnen deshalb doch gute Freunde
bleiben. Ih werd' niemand was davon sagen, nit mol der Toni. -- Ich
drckte nun dem schnippigen Mdchen einen Dukaten in die Hand, kte das
vorlaute Mulchen, und sagte: Aber heut Abend darf ich doch kommen,
nicht wahr? -- Ja, wenn's wollen, aber was wird meine Herrschaft
sagen? -- Ich habe Kopfweh. -- Aber wenn's mi wieder anfhren! --
Gewi nicht, du bist selbst schuld daran gewesen, wrst du das erstemal
gekommen, so ... -- O gehen's aus, S' wren doch zur Komtesse
gegangen. Aber Sie haben recht, Sie brauchen sich nit zu schenieren. --
Sie wollte noch weiter ihr Mulchen spazieren lassen. Ich stopfte es ihr
aber mit Kssen, ihr versichernd, da ich heute nacht unfehlbar kommen
wrde und sie sich darauf so sicher als auf ihren dereinstigen Tod
verlassen knne. -- Sein's still vom Tod, davon will nix hren. --

Diesen Abend machte ich mich unter dem Vorwand der Kopfschmerzen wieder
bei Zeit vom Tische auf und schlich um Mitternacht auf den Zehen zur
Kammer der Zofen, die ich leise ffnete und in der es stockfinster war.
Nachdem ich mich einige Augenblicke muschenstill verhalten hatte, aber
nicht einmal atmen hrte, hstelte ich eins, zwei- und dreimal, und
hrte endlich ein Gekicher auf der linken Seite, dem ich nachging und so
im Dunkeln tappend an ein Bett kam, wo ich flsterte: Therese, bist
du's? -- Da ertnte ein Lachen von der entgegengesetzten Seite, wohin
ich nun so schnell, als es mir die Finsternis gestattete, eilte. Hier
erwischte ich einen Kopf, an dessen Hals ich hinabglitt und sagte:
Jetzt sollst du mir nicht mehr entgehen. -- Ach, ich bin ja nicht die
Therese, ich bin Toni, und hinter der Rednerin kicherte es wieder --
Was, zum Henker, ihr liegt in einem Bett? -- Freilich, wir frchten
uns beide, allein zu sein. -- Doch nicht vor mir? -- Vor wem denn
sonst? -- Wartet, das soll euch schlecht bekommen. -- Husch war ich
bei den Mdchen im Bett, bald rechts, bald links schkernd. -- Den
andern Morgen kam ich, was ich noch nie getan, erst zum Mittagessen zu
den Damen hinab, noch immer ber Kopfweh klagend, was auch mein Aussehen
nicht Lgen strafte. -- >Bei Weibern, Lieb' und Wein und Ku lebt' ich
nun recht in Floribus< in der sich in ewigem Sinnentaumel befindenden
Kaiserstadt, und knpfte zuletzt auch noch ein zrtliches Verhltnis mit
der schnen Braut, der Komtesse Elise, an, wohinter die nicht minder wie
ihre Kameradin schelmische Toni kam, die mir dann, so oft sie mich sah,
ein sterreichisches Volksliedchen, das mit den Worten:

   Es sind bereits schon hundert Jahr,
   Trallalililirallala,
   Da in Wien ein Frulein war,
   Trallalililirallala,
   Ein allerliebstes schnes Kind,
   Wie unsre Frulein alle sind usw.

begann, vordudelte.

Mein Schlaraffenleben in Wien, whrend die anderen franzsischen Truppen
daselbst bei Tag und Nacht keine Ruhe und den beschwerlichen Dienst
hatten, konnte aber nicht ewig dauern, und es war hohe Zeit, da ich an
die Rckkehr nach Italien dachte; um so mehr, da ich auch noch eine
kurze Zeit in Venedig, das ich nicht gesehen, und einigen anderen
Stdten, wie Ravenna, Ferrara und so weiter verweilen wollte. Einige
Versuche und Schritte, die ich bei Duroc, Ney und ein paar anderen
Generalen, um eine Versetzung zur Garde zu bewirken, machte, waren
vergeblich gewesen. Ich ermannte mich nun, ri mich aus den Armen meiner
Schnen, lie Postpferde bestellen, und befand mich bald wieder auf dem
Weg nach Italien.

Als ich von Wien abreiste, sprach man schon viel von dem nahen
Friedensabschlu, gegen den sich manche Schwierigkeiten erhoben, und der
erst im Oktober zustande kam. Ich wollte anfnglich ber Linz, Salzburg,
Innsbruck und so weiter gehen. Da mir aber auch dieses noch zu viel Zeit
geraubt haben wrde, so reiste ich auf dem Weg, den ich gekommen war,
zurck. In Klagenfurt hielt ich mich ein paar Stunden auf und sah das
Schlo und das Landhaus daselbst. Die Stadt hatte starke Mauern, die
aber noch in demselben Jahre niedergerissen wurden. Von hier fuhr ich
ber das Stdtchen Villach, ohne mich aufzuhalten, bis Ponteva, dem
letzten Ort, der der weiland durchlauchtigsten Republik Venedig gehrte,
und gewissermaen das Eingangstor nach Italien von Krnten aus bildete,
da es in einer engen Schlucht liegt. Auch hrte hier mit einemmal die
deutsche Sprache auf, und man findet sich nach Italien versetzt. Als ich
eben abfahren wollte, brach mir eine Wagenachse, die ich vermittelst
eines starken Bandes doch noch bis Udine haltbar machte, wo ich beinahe
einen halben Tag verweilen mute, bis der Schaden wieder repariert war.
-- Udine ist eine ziemlich lebhafte Stadt, die an den Ufern des
Tagliamento und des Isonzo in einer weiten fruchtbaren Ebene liegt und
mehrere schne Kirchen mit guten Gemlden hat. In ihrer Nhe ist das
durch den Friedensschlu von 1797 berhmt gewordene Campo Formio, dem zu
Ehren man eine Statue des Friedens auf dem groen Platz zu Udine
errichtet hat. Auch die Ruinen des berhmten alten _Forum Julii_
befinden sich in der Umgegend. Nachdem die neue Achse gemacht war,
setzte ich meine Reise fort. Je mehr man sich der Mark von Trevisa
nhert, desto mehr scheinen Fruchtbarkeit und Wohlhabenheit zuzunehmen.
Diesen Landstrich nannte man den Garten Venedigs. Trevisa selbst, das
alte Tarvisium, liegt mitten in demselben, hat hbsche Pltze und eine
schne Kathedrale. Der Weg von hier nach Mestre fhrt durch Grten und
Weinberge an schnen Villen vorber. Mestre ist ein wohlhabender
Marktflecken, dessen Einwohner meistens Schiffer und Fischer sind. Hier
schiffte ich mich samt meinem Gepck auf einer Barke nach Venedig ein,
denn ich hatte mir vorgenommen, in dieser seltsamen, merkwrdigen Stadt
auf meiner Rckreise einige Tage zu verweilen.




                                  XV.

   Venedig. -- Sankt Markus-Kirche und Turm. -- Der Dogenpalast. -- Die
     Pozzi und Piombi. -- Die Rialtobrcke. -- Das Arsenal. -- Die
    Vermhlungszeremonie mit dem Adriatischen Meer. -- Venedigs Flor
    und Verfall. -- Der St. Markusplatz. -- Die Venezianerinnen. --
    General Menou. -- Dessen religise Ansichten. -- Ein Mordanfall.
    -- Abreise von Venedig. -- Padua. -- Ferrara. -- Ravenna. -- Der
   Domgeist daselbst. -- Eine schne Reisegefhrtin. -- Velettri. --
        Jagd in den Pontinischen Smpfen. -- Abreise nach Paris.


Es war gegen Abend, als ich durch die Lagunen wogte, die feurigen
Strahlen der untergehenden Sonne beleuchteten die aus den Fluten
majesttisch hervorragende Beherrscherin der Meere, die alte Dogenstadt
und den Sankt Markusturm. Je mehr ich mich nherte, desto wundersamer
wurde ich von ihrem Anblick ergriffen. Erst krzlich hatte ich ihre
seltsame und auerordentliche Geschichte wieder gelesen, und all diese
grausen und abenteuerlichen Begebenheiten schwebten mir whrend der
kurzen berfahrt vor Augen. Einst so mchtig, frei und reich, machte sie
mehr als einmal den von aller Welt gefrchteten Halbmond zittern, und
jetzt beugte sie sklavisch ihr Haupt unter dem Joch des eisernen
Szepters des Korsen. -- Was ist aus ihren Schtzen, ihrer Macht, ihren
Siegen geworden? -- Die Namen Byzanz, Candia, Morea sind nur noch ein
hohlklingender Schall. Jenes Venedig, vor dem sich ein Kaiser
gedemtigt, in dem selbst die Macht der gefrchtetsten Ppste nur ein
Schatten war, das, der Blitze des Vatikans spottend, die Jesuiten in
vierundzwanzig Stunden zum Tempel hinausjagte, das Monarchen zu seinen
Prunkfesten einlud, ihnen nach Gutdnken die Ehre, in seinem goldenen
Buche zu stehen, erzeigte oder verweigerte, jenes Venedig war lngst
nicht mehr, und die jetzige Meerstadt schien nur noch das prchtige
Grabmonument der verblichenen. Wer wei, wie lange es dauert, so ist
auch dieses ungeheure Prachtmonument der Marmorpalste in den Fluten
versunken, aus denen es emporstieg. Denn verdet waren seine Gebude, in
noch halbvergoldeten Marmorslen hockte jetzt in einem Winkel oft ein
halbverhungerter Schuhflicker, mhsam einige Gazette (ein paar Pfennige)
zu verdienen. Nicht mehr ffneten sich die Fluten des Adriatischen
Meeres, den brutlichen Ring des herzoglichen Gatten zu empfangen. Hier
und da sah man noch einen halb verstmmelten geflgelten Lwen, der
gleichsam wie ein Warnungszeichen das Buch des unerbittlichen Schicksals
in der Tatze hielt, und die Trmmer des Bucentaurus gingen ihrer
vlligen Auflsung entgegen. Die vielen schwarzen Gondeln erschienen mir
beinahe wie ebensoviel schwimmende Srge.

Ich fuhr bei der Dogana vor, und nachdem ich mich gehrig legitimiert
hatte, in die Stadt, wo ich in einem Albergo abstieg. Fr diesen Abend
war es zu spt, mich noch bei der Kommandantur zu melden und so ein
Quartier zu erhalten. Aber kaum installiert, begab ich mich auf den
nicht sehr entfernt liegenden Markusplatz, wo ich den ersten Abend
promenierend oder an einem Kaffeehaus sitzend zubrachte und mir Sortis
Beschreibung samt dem Plan von Venedig kaufte, um mich gehrig und
baldigst zu orientieren.

So war ich denn endlich in der Stadt, so berhmt und gefrchtet durch
ihre furchtbare Staatsinquisition, durch das mysterise und
geheimnisvolle Verschwinden ihrer Individuen, wie durch ihre Banditen,
ihre Folterkammern, Bleidcher, Pozzi, Verbrechen und durch die galanten
Abenteuer ihrer schnen Frauen. Schon als Kind hatte ich mir immer
gewnscht, einmal die Stadt zu sehen, in der Zschokkes Abllino und
Flodoardo ihr abenteuerliches Unternehmen getrieben, und hielt diese fr
historische Personen, was ich nun zu ergrnden mir fest vornahm.

Den andern Morgen meldete ich mich in aller Frhe und machte auch dem
Gouverneur, General Menou, meine Aufwartung, der mich nicht nur uerst
freundlich aufnahm, sondern mir selbst, zuredete, meinen Aufenthalt auf
vierzehn Tage auszudehnen, da ich ja nichts zu versumen habe und mir
die Kommandantur von Velettri nicht entgehe. Von diesem ging ich zu
den Gebrdern Heinzelmann, deutschen Bankiers, an die ich
Empfehlungsschreiben von Haus hatte und fr eine kleine Summe
akkreditiert war. Die ersten Tage meines Aufenthaltes brachte ich fast
nur damit zu, die seltsame Stadt kennen zu lernen. Seltsam ist der
richtige Ausdruck, denn alles ist sonderbar, ja einzig in ihr. Ihre
Lage, ihre Geschichte, ihre Bewohner, ihre Sitten und so weiter, alles
hat einen ganz eigenartigen Charakter. Man trifft dies nicht zum zweiten
Male in der Welt an. Hundertfnfzig Inseln, die durch Kanle getrennt
und durch dreihundert Brcken wieder miteinander verbunden sind, scheint
die groe Stadt ein auf dem Meer schwimmendes Labyrinth, mit vielen
krummen Gchen, in denen man sich ohne Fhrer gar leicht verirrt. Der
groe Kanal in Form eines schlecht geschriebenen Zweiers, teilt sie in
zwei ungleiche Hauptteile. Die vielen schwarzen Gondeln, die man
unaufhrlich in allen Richtungen fahren und kreuzen sieht, geben der
Stadt ein dster bewegtes Leben, und die verdeten Marmorpalste, welche
eine lngst vergangene Herrlichkeit andeuten, machen einen schwermtigen
Eindruck auf das an diese Gegenstnde nicht gewhnte Auge. Anders jedoch
gestaltete sich Venedig in frheren Zeiten, wo es bestndig von Larven
wimmelte, und namentlich im Karneval, wo die buntesten und barocksten
Masken mit den schwarzen und scharlachnen Manteltrgern wechselten, wo
die schwarze Nationaltracht der reizendsten fein- und weihutigsten
Frauen entzckte. Ich habe nirgends geistreichere und ausdrucksvollere
Frauenphisiognomien gesehen als in Venedig, deren feine Zge und etwas
blasses Aussehen sie zu wahrhaft transparenten Schnheiten machen, wenn
ich mich so ausdrcken darf. Gerade diese Blsse bei einer fast
durchsichtigen Haut, welche den Damen der hheren Stnde eigen ist, und
ihr schwarzes Feuerauge macht sie zu fast ganz geistigen, therischen
Schnheiten, denen zwar das Majesttische der Rmerinnen, das Frische
der Toskanerinnen, der durchbohrende Blick der Genueserinnen abgeht, was
aber ihr nymphenartiges Wesen hinreichend ersetzt, wenn es auch die
Sinne vielleicht weniger aufregt. Zu diesem bunten Gewhl der Vorzeit
denke man sich noch die unzhligen Pfaffen und Mnche aller Farben und
Kutten, die hier, sowie die Nonnen, ein sehr freies, ja ausschweifendes
Leben ganz ungestrt fhren konnten, so lange sie sich nicht in
politische Intrigen einlieen. Soldaten und Sbirren der Republik, aus
allen Nationen geworben und in den wunderlichsten Trachten, Griechen,
Armenier, Muselmnner, Bravi und Buli, Banditen eigener Art, dazu der
Doge, die Signoria, der furchtbare Rat der Zehn, aus dem die noch
schrecklicheren Drei hervorgingen, dies alles gestaltet ein so
phantastisches Bild, wie es auch die ausschweifendste Einbildungskraft
nicht bunter schaffen kann. Den ersten Tag fuhr ich in einer Gondel den
Canal grande, der auf beiden Seiten mit den schnsten Palsten, oft
Meisterstcken der Architektur, geschmckt ist, von einem Ende zum
anderen, hin und zurck. Dann lngs der Riva degli Schiavoni der
Piazetta, wo die ehemals so verhngnisvollen Sulen stehen, an dem
Palazzo Ducale, an den Schauergefngnissen und so weiter vorber in den
Kanal San Marco, dann durch den der Giudecca, durch einige kleinere
Kanle und endlich wieder in die Nhe des Sankt Markusplatzes, wo ich
ans Ufer stieg. Dieser Platz, der einzige in Venedig, dem man diesen
Namen beilegen kann, ist ringsum von Arkaden umgeben, unter denen sich
Kaffeehuser, Kasinos und so weiter befinden. Der kleinere Teil
desselben, der an dem Meer liegt, wird die Piazetta genannt. Seine
schnste Zierde ist die Sankt Markuskirche, ein Gebude, das seiner
sonderbaren Bauart halber mit den brigen Sonderbarkeiten dieser Stadt
harmoniert. Der seltenste und ausgesuchteste orientalische Marmor ist
bei der Konstruktion dieses Tempels, der die kostbarsten Mosaikarbeiten
aufzuweisen hat, verschwendet worden. Zwei Brger Venedigs, die den
Leichnam des heiligen Markus von Alexandrien zu Anfang des neunten
Jahrhunderts hierherbrachten, den jedoch auch das Kloster Reichenau als
einzig echt zu besitzen behauptete, waren die Veranlassung zum Bau
dieser Kirche, zu welcher der Doge Partecipazio, dem toten Heiligen oder
heiligen Toten zu Ehren, den Grundstein legte. Sein Bruder Giovanni,
zugleich sein Nachfolger, vollendete das fromme Werk, lie den Leichnam
in einen kostbaren metallenen Sarg legen und in einem verborgenen Winkel
der Kirche begraben. Als aber 976 das gute Volk gegen den bsen Dogen
Candian aufstand und dessen Palast in Brand steckte, da ergriffen die
nicht mehr zu bndigenden Flammen auch diese Kirche und verzehrten noch
ein halbes Tausend anderer Gebude. Der Nachfolger Candians war der
fromme Orseolo, der den Markustempel grtenteils auf seine Kosten
wieder prchtiger aufbauen lie. Sein Nachfolger setzte das begonnene
Werk fort, und nach einem Jahrhundert stand die Kirche in der Form da,
wie man sie jetzt noch sieht. Die Mosaikarbeiten lie grtenteils der
Doge Selvo verfertigen und sie sind zum Teil so schn, da man sie fr
vorzgliche Gemlde hlt. Die Markuskirche ist sehr massiv und dauerhaft
gebaut. Ihre Vorhallen bestehen aus fnf Bogen, ber denen sich noch
fnf andere Bogen, die durch eine Galerie von den ersten getrennt und
sehr reich verziert sind, befinden. Diese mit unzhligen Sulen von
Porphyr, afrikanischen, paphischen und anderen kostbaren Marmorarten
versehenen Bogen bilden das Portal der Kirche mit fnf Eingngen, deren
Tren von Bronze sind. ber dem mittleren, weit hheren Bogen standen
die vier berhmten vergoldeten Sonnenpferde, die aber jetzt in Paris
gastierten, und unter der Spitze desselben der groe geflgelte Lwe,
ebenfalls von vergoldeter Bronze, mit einer Tatze das goldene Buch
festhaltend. Darber befindet sich noch eine zweibeinige Statue des
heiligen Markus, welche die vierbeinige in ihren Schutz zu nehmen
scheint. Die vielen runden Kuppeln, welche ber der Fassade der Kirche
hervorragen, geben derselben ein sehr orientalisches Ansehen. Es sind
deren fnf, in Kreuzform geordnet, alle sowie das ganze Dach mit Blei
gedeckt und haben vergoldete Kreuze. Zwischen den oberen Bgen und auf
beiden Seiten der Kirche sind viele gotische Spitztrmchen angebracht,
die allerlei heiligem Gesindel von Stein zum Schutz dienen. Das Innere
dieser Kirche entspricht dem ueren und soll der Sophienkirche hnlich
sein. Es ist aber mit Zieraten auerordentlich berladen. Der Hochaltar
steht unter einem Baldachin von Serpentinstein, den vier weie
Marmorsulen tragen. Das Tabernakel ist reich mit Diamanten, Rubinen,
Smaragden, Perlen geschmckt. Hinter dem Hochaltar steht ein zweiter,
der des Sakraments, der zwei Sulen von orientalischem Alabaster hat.
Das Chor ist durch eine Sulenreihe von Porphyr von der brigen Kirche
getrennt, auf deren Gesimse steht Maria in Gesellschaft des heiligen
Markus und der zwlf Apostel, alle in Lebensgre aus Marmor gehauen.
Auch der brige Teil hat keinen Mangel an Statuen, Basreliefs,
Monumenten und so weiter. Das ganze ist eine seltsame Mischung
arabischer, griechischer, gotischer und orientalischer Architektur.

Der zu dieser Kirche gehrige, aber von ihr getrennt stehende Markusturm
ist hher als der Mnster zu Straburg und also wohl der hchste Turm in
Europa; auf ihm stellte Galilei seine astronomischen Betrachtungen an.
Ich bestieg ihn, um das zu seinen Fen liegende Venedig mit einem Male
berschauen zu knnen, und wurde fr die kleine Mhe reichlich belohnt.
Man denke sich eine Ansicht von einer schwindelnden Hhe herab auf
unzhlige kleine, mit Husern, Kirchen und Palsten bedeckte Inselchen,
die mitten in der grnen Meeresflut eine groe Stadt bilden, in deren
Wasserstraen Tausende von kleinen Schiffchen sich bewegen, und dann die
Aussicht auf die weiter liegenden grnen Inseln, Klostergrten, bis auf
das feste Land und in die endlose See, ein Panorama einzig in seiner
Art. Der Bau dieses Turms ist ebenso wunderbar; er steht schon bald
tausend Jahre auf seichtem und schlammigem Boden, ohne sich im mindesten
gesenkt zu haben. Von dem Boden bis zum Glockengehuse hat er eine
doppelte Mauer, zwischen beiden fhrt eine ziemlich breite Wendeltreppe,
die sich an allen vier Seiten allmhlich hinaufwindet. Der Trmer dieses
Gebudes hat ein Gehalt von hundertundfnfzig venetianischen Zechinen,
ohne die Akzidenzien, die in manchem Jahr das Fnffache betragen, da
auch jedes Gelut fr Privatpersonen besonders bezahlt wurde. Dieser
Turm hat sechs Glocken, von denen eine nur bei Vollziehung einer
ffentlichen Hinrichtung gelutet wurde; die anderen hatten ebenfalls
ihre besonderen Bestimmungen: eine lud die Senatoren zur Versammlung
ein, diese hie die Drionona, eine andere kndigte die vierundzwanzigste
Stunde oder den Sonnenuntergang an; um ein Uhr des Nachts (eine Stunde
nach Sonnenuntergang) gab die sogenannte Nona den Wachen das Zeichen,
sich auf ihre Posten zu begeben, und um Mitternacht avertierte sie die
Patrouillen, ihre Streifereien zu beginnen. Die Trottiera gab schon am
Abend das Zeichen zur Versammlung der Signoria fr den folgenden Tag.
Auch den Gerichten ward das Zeichen mit einer dieser Glocken gegeben, um
im Palazzo zusammen zu kommen, ebenso den Kaufleuten fr die Brse.
Schon mehrmals hat der Blitz in diesen Turm geschlagen, 1401 kam sein
oberer Teil durch ein Feuerwerk, das man bei Gelegenheit der Krnung
eines Dogen veranstaltete, in Brand, wobei alles Holzwerk von den
Flammen verzehrt wurde. Den 23. April 1745, als man gerade mit den
Glocken das Sankt Markusfest fr den folgenden Tag einlutete, schlug
der Blitz zum zwanzigstenmal in den Turm, bis in die Fundamente
desselben, und ttete drei Menschen.

Der Markus- oder Dogenpalast ist ein ebenso wunderliches Gebude in
seiner Art, wie die Markuskirche, von sehr gemischter Architektur; ich
mchte ihn ein Phantasiestck, eine Veste, wie man sie in Mrchen
beschreibt, nennen. Sein Umfang ist an zweitausend Fu. Hier zeigt man
die Sle, in welchen die Zehnmnner, die furchtbare Staatsinquisition,
und die geheimen Gerichte der Republik ihren Sitz hatten und ihre
nchtlichen Verdammungsurteile sprachen, von denen nur die Leichen
zeugten, welche den anderen Morgen verkehrt an Pfhlen hingen oder die
Lagunen manchmal zu Hunderten bedeckten, wie zum Beispiel bei der
Verschwrung von 1618, ber die man nie ganz ins reine gekommen ist.
Hier ist auch die schauerliche Seufzerbrcke, die hoch in der Luft aus
dem Palast ber einen Kanal zu den frchterlichsten Gefngnissen, den
berchtigten Bleikammern fhrte, in welchen man, wie die Venetianer
sagten, aus den Gefangenen im Sommer Braten und im Winter Gefrorenes
machte. Diese Brcke wurde die _dei sospiri_ genannt, weil man ber sie
oder vielmehr durch sie, denn es ist ein ber dem Wasser zwischen hohen
Mauern gefhrter, bedeckter Gang, von dem man fast nie den Rckweg aus
diesen frchterlichen Gefngnissen fand, ging. In den zum Teil
prachtvollen Slen dieses Palastes sieht man viele sich auf die
wichtigsten Begebenheiten der venetianischen Geschichte beziehende
Gemlde. An diesem unheimlichen Palast waren auch die Lwen, die ihre
schrecklichen Rachen aufsperrten, nicht um Menschen zu zerreien,
sondern geheime Anklagen aufzufangen, wodurch die Staatsinquisitoren von
wahren und falschen, durch Verleumdung und Rache eingegebenen Anklagen,
von den Absichten unterrichtet wurden, welche Individuen gegen die Ruhe
des Staates im Schilde fhren sollten, die oft die unschuldigsten
Schlachtopfer der abscheulichsten Bosheit und zu Tode gefoltert und
gemartert wurden, so da sie unendlich glcklicher zu preisen gewesen,
wenn sie eine Beute der Lwen in der Wildnis geworden wren. Acht Tore
fhren zu diesem Palast, von denen vier auf den Kanal gehen, eines auf
den groen Platz, zwei in die Kirche und das letzte auf die Piazetta.
Durch das Tor am groen Platz kommt man in den groen Hof, in dem sich
zwei groe eherne Brunnen befinden und der mit antiken Marmorstatuen,
unter denen ein Marc Aurel und Cicero ist, und anderen Verzierungen
geschmckt ist. An der sogenannten Riesentreppe halten unten Adam und
Eva und oben -- Mars und Neptun Wache! Hier wurden die Dogen gekrnt,
und von dieser Treppe rollte das greise Haupt des mehr als
achtzigjhrigen Dogen Marino Falieri, durch das Schwert vom Rumpf
getrennt, blutig hinab. In den Galerien dieses Schreckenspalastes findet
man Meisterwerke eines Titian, Tintoretto, Paul Veronese und anderer. Im
Untergescho sind die abscheulichen unterirdischen Kerker, Pozzi
(Brunnen) geheien, noch schrecklicher als die Piombi (Bleikammern). Es
sind tiefe Lcher, die in den dicken Mauern der Fundamente angebracht
sind und die dazu dienten, die Unglcklichen, die eines
Staatsverbrechens angeklagt waren, einstweilen hinter doppelten
Eisentren hier zu verwahren, in einer verpesteten Luft, kaum durch
einen matten Schimmer des Tages beleuchtet, der durch eine enge, viele
Schuh lange ffnung in der Mauer drang. Von hier wurden sie in die
Folterkammern und dann gewhnlich zum nchtlichen Tod gefhrt. In den
Gemchern der Staatsinquisition sah ich noch die Winden, mit welchen man
den Elenden die Arme rckwrts in die Hhe wand, um sie mit aller
Bequemlichkeit foltern zu knnen. Die Bleikammern fand ich weniger
schrecklich als ihren Ruf, und ich habe andere Gefngnisse gesehen, in
denen Hitze und Frost dieselbe Wirkung und noch grere haben muten.

Ein freundlicherer Anblick ist die Rialtobrcke, die aus weiem Marmor
und einem einzigen, siebzig Fu langen und ber vierzig Fu breiten
Bogen besteht, auf beiden Seiten mit Buden besetzt ist und so ziemlich
in der Mitte der Stadt ber den groen Kanal fhrt. Sie ist immer sehr
frequentiert, und da in ihrer Nhe die Schiffe anfahren, welche
Lebensmittel herbeifhren, so ist der Verkehr hier sehr gro. Von hier
aus kann man auch fast nach allen Teilen der Stadt vermittelst schmaler
Gchen und vieler kleiner Brcken zu Fu kommen.

Das auerordentliche, groe und sehr merkwrdige Arsenal (es hat beinahe
drei Miglien im Umfang) ist ganz von Wasser und starken Mauern mit zwlf
Trmen umgeben; es liegt am uersten Ende der Stadt; vier Lwen
bewachen den Haupteingang, Morosini genannt. Der Peloponnesier brachte
sie aus Griechenland hierher; zwei davon sind Meisterwerke der
Bildhauerkunst, einer ist ein geheiligter Lwe aus Athen, wie eine
Inschrift an demselben besagt, den man dem Denkmal der Schlacht bei
Marathon entnommen glaubt und der also ein Alter von mehr als
zweitausenddreihundert Jahren hatte; ein zweiter hat aber einen modernen
Kopf. Canova erkannte sie fr altgriechische Arbeit. ber denselben ist
noch der geflgelte Lwe des Sankt Markus. Durch dieses Tor kommt man
zuerst auf das Campo del Arsenale, ein anderes groes, durch welches die
Schiffe aus- und einfahren, geht auf das Meer. In diesem Arsenal
arbeiteten unter den Venezianern ganze Regimenter, die man Arsenaloten
nannte. Seine Unterhaltung kostete der Regierung jhrlich eine halbe
Million Markustaler (anderthalb Millionen Gulden). Es enthielt wie das
zu Toulon alle mglichen Werksttten und Magazine fr die
Schiffsbaukunst und Ausrstung der Flotten, und mit seinen
Waffenvorrten konnte man an hunderttausend Mann bewaffnen. Alles, was
hier verfertigt wurde, war mit dem Stempel des Sankt Markus bezeichnet,
sogar die Ngel trugen ihn, und wehe dem, der etwas davon entwendete.
Die venetianischen Schiffe waren zu ihrer Zeit wegen ihrer Dauer und
ihrer Leichtigkeit berhmt. Das dazu verwendete Holz lieferten die
Wlder Istriens und Dalmatiens, man lie es aber zehn bis zwlf Jahre im
Wasser liegen und dann an der Luft trocknen, bevor man es verarbeitete,
wodurch es eine erstaunliche Hrte erlangte. Die Arbeiter waren meist
sehr geschickte Leute, die man gut bezahlte und die vom Vater auf den
Sohn immer dieselbe Beschftigung trieben. Dieses merkwrdige Arsenal
war gewissermaen eine Stadt in der Stadt, ja ein Staat im Staat, der
von drei Nobili besonders regiert wurde, die alle drei Jahre
Rechenschaft ablegen muten. Das Oberhaupt der Arbeiter fhrte den Titel
eines Admirals und war zugleich der Pilot des Bucentauren bei der
seltsamen Zeremonie der Dogenvermhlung mit dem Meer. Diese hatte
folgenden Ursprung: Papst Alexander III. hatte sich vor dem deutschen
Kaiser Friedrich I., der, gegen die Guelphen wtend, in Italien
eingefallen war, inkognito und unter einem fremden Namen nach Venedig
geflchtet; der Kaiser hatte ihn fr einen Antichrist und Feind des
Reichs erklrt, dennoch wurden ihm, als man ihn zu Venedig erkannte, von
dem Dogen Zioni und der ganzen Signoria alle seinem Rang gebhrenden
Ehrenbezeigungen erwiesen. Als dies Friedrich I. erfuhr, verlangte er
dessen gewaltsame Entfernung oder Auslieferung von der Republik, die
dies verweigerte, in einem Seegefecht die Gibellinen schlug und sogar
den Sohn des Kaisers, Otto, gefangen nahm. Als der Doge so siegreich
nach Venedig zurckkehrte, umarmte ihn der Papst vor allem Volk und
schenkte ihm einen geweihten Ring, zu ihm sprechend: Bedienet Euch
desselben, um das Meer fr immer an Venedigs Herrschaft zu ketten, und
da sie sich jedes Jahr aufs neue mit demselben vermhle. Dies geschah
sogleich, indem der Doge den geweihten Ring ins Meer warf, und Alexander
III. sprach den Segen ber diese Vermhlung. Von jetzt an wurde diese
Zeremonie jedes Jahr mit groem Pomp und Feierlichkeit wiederholt, und
ein Prachtschiff, der Bucentauro, das nur allein an diesem Tag gebraucht
wurde, eigens dazu erbaut. Ehe aber diese Trauung vor sich ging, mute
der Admiral des Arsenals, der selbst das Schiff dirigierte, jedesmal
einen Eid schwren, da sich die groe Wasserbraut, das Meer, whrend
der Zeremonie ruhig verhalten wrde. Drei Reihen vergoldeter Statuen,
die eine doppelte Galerie bildeten, trugen das Verdeck, unter dem die
Ruderer sich befanden. Der Doge sa auf einer Art Thron, der auf dem
Hinterteil des Schiffes angebracht war, neben ihm der ppstliche Nuntius
und der franzsische Gesandte auf der einen und seine Rte auf der
anderen Seite; ber ihm wehte die Standarte des geflgelten Sankt Markus
in Lwengestalt. Das ganze Schiff war beraus reich mit genuesischem
purpurrotem Thronsammet und goldenen Stickereien und Fransen drapiert.
Die Senatoren durften dieser Zeremonie nicht beiwohnen, aus Furcht, da
durch eine Verschwrung hier auf einmal die ganze Aristokratie Venedigs
vernichtet werden knnte. Feierlich langsam fuhr das Schiff majesttisch
unter dem Donner der Kanonen und in Begleitung unzhliger Barken und
Gondeln, welche die Lagunen bedeckten, von der Piazetta ab. Sobald es im
adriatischen offenen Meer war, erhob sich der Doge und empfing den
geweihten Ring aus den Hnden des Patriarchen, der die Worte Alexander
III. wiederholte, worauf er den Ring in das Meer warf, und die
Vermhlung war vollzogen, der Brutigam htete sich aber wohl, das nasse
Brautbett zu besteigen. Blumen und Krnze wurden in groer Menge in den
Scho der Braut geworfen, die aber dem Gatten nicht treu und hold blieb,
sondern bald mit Spanien und Portugal, mit Holland und Frankreich und in
der neueren Zeit besonders mit Albion buhlte, dem sie auch nicht ewig
treu bleiben wird, denn schon beginnt sie mit Nordamerika zu schmunzeln.

Die Rst- und Waffensle des Arsenals enthalten sehr merkwrdige und
seltene Waffensammlungen, Rstungen, Schilder und so weiter aus allen
Zeiten und besonders viele osmanische Trophen; auch Attilas Helm wird
hier aufbewahrt.

Unter den vielen Kirchen Venedigs, von denen ich nur die merkwrdigsten
sah, ist Maria della Salute eine der prchtigsten. Sie verdankt ihre
Entstehung der schrecklichen Pest, die 1630 Venedig heimsuchte, bei
welcher Gelegenheit der gengstigte Senat das Gelbde tat, der die
Gesundheit beschtzenden Maria eine schne Kirche zu bauen. Dies ging in
Erfllung, und der schne Tempel mit seinen drei herrlichen Fassaden, zu
denen viele Marmorstufen fhren, wurde erbaut. Die Johannes- und
Paulskirche ist wegen ihrer vielen Monumente von Dogen und Dogaressen,
ihrem kostbaren Hochaltar und ihren groen Reichtmern berhmt; sie
enthlt auch mehrere Statuen ausgezeichneter Feldherren, die sich um die
Republik verdient gemacht haben. Der Raum, auf dem diese Kirche steht,
war eine sumpfige Insel, die der Doge Tripolo dreizehn Jahre nach dem
Tode des heiligen Dominikus dessen geistlichen Kindern schenkte, die
zuerst ein sehr einfaches Bethaus hier errichteten; als aber diese
Dominikaner durch groe Erbschaften und Almosen selbst sehr reich
wurden, bauten sie nebst einem groen bequemen Kloster auch diese
Kirche, mit die prchtigste Venedigs.

Allem Anschein nach verdankt Venedig seine Entstehung armen Fischern;
seinen Namen soll es von dem Volk der Veneter, das im nrdlichen Italien
wohnte, haben, von dem sich ein Teil, als die Goten das Land
berschwemmten, auf die Inseln flchtete, auf denen jetzt Venedig steht,
und daselbst anbaute. Als im Jahre 452 Attila Aquileja zerstrt hatte,
flchteten dessen Einwohner ebenfalls hierher, sowie 595 viele Bewohner
Oberitaliens, um der Verfolgung des Lombardenknigs Alboin zu entgehen.
Die zuerst bewohnte Insel hie Rialto, und diesen Namen fhrte die
Inselstadt lngere Zeit, bis sie spter den Namen Venezia annahm. Jetzt
wurde nach und nach eine Insel nach der anderen angebaut, bewohnt und
bevlkert, die Stadt endlich einer der bedeutendsten Handelspltze
Europas, und je grer sie sich aus den Fluten emporhob, desto mehr
stieg auch ihr Reichtum, ihre Pracht und ihre Macht, und bald wurde sie
die mchtige Meerbeherrscherin. Zwlfhundert Jahre bestand sie als
selbstndige Republik, ihre hchste Glanzperiode war im dreizehnten,
vierzehnten und fnfzehnten Jahrhundert. Erst im siebten hatte sie, um
den immerwhrenden inneren Unruhen zu steuern, einen Dogen (_Duca_)
erwhlt, sich aber dabei ihren Anteil an der Regierung vorbehalten; als
jedoch im zwlften Jahrhundert mehrere Dogen, und namentlich Vitali
Michieli, Versuche zu einer Willkrherrschaft machten, da ermordete das
Volk den letzteren und bergab die hchste Gewalt einer Versammlung von
Adeligen. Noch schlimmer erging es dem Dogen Marino Falieri, der von
einem jungen Nobile an seiner Ehre schwer gekrnkt, keine hinlngliche
Genugtuung erhalten konnte, die Aristokratie mit Hilfe des Volkes hatte
strzen wollen und dafr von ersterer, schon ber achtzig Jahre alt,
enthauptet wurde. Die Republik hatte allmhlich immer mehr Fu auf dem
festen Land, namentlich in Istrien, Dalmatien, der Lombardei gefat und
dehnte ihre Macht besonders whrend der Kreuzzge auch sogar in Syrien
aus. Im dreizehnten Jahrhundert eroberte sie Candia und fast alle Inseln
im Archipelagus, wodurch sie den ostindischen Handel ganz in ihre Gewalt
bekam. Auch gegen Ungarn war sie siegreich, ri Friaul an sich, nahm den
Neapolitanern viel Land und Stdte weg, wurde Herr von Cypern und den
Ionischen Inseln und hatte mit ihrer mchtigen Nebenbuhlerin, der
Republik Genua, einen gefhrlichen und blutigen Krieg endlich glcklich
beendigt. Aber von dem Augenblick an, als Vasco da Gama den Weg um das
Kap nach Ostindien ausfindig gemacht hatte, sank auch Venedigs Handel
und Flor. Sehr unglcklich fr die Republik war die Ligue von Cambray
(1508), durch welche sie ihre Besitzungen im Kirchenstaat und dem
Neapolitanischen einbte und die sie nicht weniger als fnf Millionen
Zechinen (an dreiig Millionen Gulden), zu jener Zeit eine ungeheure
Summe, kostete. Die Osmanen nahmen ihr sodann Cypern und spter nach
einem vierundzwanzigjhrigen Krieg auch Candia wieder ab. _Venezia
dominante_, wie es sich damals nannte, verlor immer mehr an seiner
Herrschaft, 1715 bte es auch noch Dalmatien ein. Venedigs Brger, die
unter der eisernen Rute der despotischsten und grausamsten Regierung von
der Welt lebten, hielten sich dennoch fr freie Leute, weil sie Dinge,
welche die Regierung nicht direkt berhrten, Ausschweifungen und
Liederlichkeiten aller Art straflos begehen durften, und bedauerten die
Knechtschaft, in welcher nach ihrer Meinung die Untertanen in Monarchien
schmachteten, whrend ihnen selbst kein freies Wort aus dem Mund
entwischen durfte, ohne Gefahr, alle persnliche Freiheit, ja wohl Gut
und Leben einzuben, an einem Schandpfahl zu hngen oder den Fischen
der Lagunen zur Speise zu dienen. Sie waren darin den Brgern mancher
deutschen Republik nicht unhnlich, die es wagen drfen, den oft
heilsamen und zweckmigen polizeilichen Verordnungen ungestraft zu
widerstehen und die mit der Ausfhrung derselben beauftragten Diener mit
Grobheiten heimzuschicken, whrend man sie hinsichtlich ihrer
wichtigsten und heiligsten Interessen, Verwaltung und Justiz, bei der
Nase herumfhrt. Nie hat ein Monarch, auch nicht der ausgeartetste
Tyrann, eine hnliche willkrliche Macht und Tyrannei ausgebt, als
Venedigs Staatsinquisition, die ohne alle Verantwortlichkeit mit dem
Leben, Gut und Blut der Brger nach Lust und Gefallen schaltete.
Mitrauen und Furcht waren die gewaltigen Triebfedern der Herrscher
Venedigs und das Spionenwesen und die Angeberei in einem Grad der
Vollkommenheit organisiert, der zu keinen Zeiten in einem anderen Land
erreicht wurde. Beispiellos ist es in der Weltgeschichte, da ein Volk
oder ein Staat dreien seiner Brger ber Tod und Leben, Habe, Gut und
Blut all ihrer Mitbrger eine so unumschrnkte, rechenschaftslose Gewalt
erteilt htte, wie dieses schreckliche Tribunal unter dem Aushngeschild
Staatsinquisition bte. Napoleon machte 1797 diesem freilich damals
schon in den letzten Zgen liegenden Ungeheuer ein schnelles Ende,
vernichtete das geflgelte Untier, Sankt Markus genannt, und mit ihm die
scheulichste Tyrannei, die je eine Aristokratie oder Oligarchie
ausgebt; dennoch waren, und vielleicht gerade deshalb, die
furchtbarsten Verschwrungen gegen dieselbe in Venedig an der
Tagesordnung. Der Hochmut, die Arroganz und die Unverschmtheit der
Nobili berstieg allen Glauben, sie zahlten den Brgern fr erkaufte
Waren was und wenn sie wollten, oft nur mit Grobheiten und
Mihandlungen, und wehe dem, der sich dagegen verteidigte, ja nur zu
schtzen suchte; Stockschlge, Degen- und Dolchstiche waren ihm gewi
und kein Recht dagegen zu erlangen. Je mehr die Armut des venetianischen
Adels whrend des Verfalls der Republik zunahm, desto grer wurde die
Arroganz und Beutelschneiderei desselben. Ihre Schurkenstreiche hatten
keine Grenzen, und die meisten lebten nur noch von Prellereien und dem
Verkauf ihrer Wahlstimmen, ihrem hauptschlichsten Privilegium. In der
letzten Zeit der Republik waren all diese Illustrissimen und Exzellenzen
-- so mute sie der Brger titulieren -- so bettelarm, da die meisten
in Dachkammern wohnten, fr sich selbst kochten, wenn sie etwas zu
kochen hatten, und in ihrer Kleidung schmutzigen Bettlern vollkommen
glichen. Um sich gegen ihre Zudringlichkeit jeder Art zu sichern,
suchten die Brger und Kaufleute, wenn sie ein Fest feierten oder einen
Schmaus hatten, den Livreebedienten irgendeines Gesandten zu gewinnen,
der sich an ihre Haustr stellen mute, die hochadeligen Hungerleider
abzuhalten, indem nach einem streng beobachteten Gesetz sich kein
Senator da treffen lassen durfte, wo ein fremder Gesandter nur zu
vermuten war, und sie dann an einem solchen Haus wie der vom Hund
verscheuchte Marder scheu vorberzogen. Desselben Mittels bedienten sich
auch alle Kaffee- und andere Wirte, um diese viel verzehrenden und
nichts bezahlenden Nobili und Senatoren vom Besuch ihrer Huser
abzuhalten. Fr die Pfaffen und Mnche war aber Venedig ein wahres
Paradies, nirgends bekmmerte sich die Geistlichkeit weniger um den
Papst; die Herren maskierten sich, lagerten in allen liederlichen
Husern, deren beste Kunden sie waren, hielten sich Mtressen, trieben
allen mglichen Unfug, und an eine Kirchendisziplin war nicht zu denken;
beim Volk war ihr Ansehen daher auch sehr gering, was aber gerade Wasser
auf das Mhlrad der Regierung war, die deshalb den Kuttentrgern auch
gerne durch die Finger sah. Gott und der Papst galten in Venedig wenig
oder nichts, nur der geflgelte Heilige in der Lwenhaut war der
angebetete Gtze. Die allgemeine Tracht in den Straen war fr jeden,
der es nur mglich machen konnte, ein roter Mantel, in den man sich tief
hllte; die meiste Zeit ging man maskiert, nur was zur Signoria gehrte,
trug eine Art schwarzen Chorrock, wenn man sich auszeichnen wollte,
sonst aber auch den beliebten Mantel, was nebst der Maske sehr bequem
war, wenn man unerkannt sein und auf Abenteuer ausgehen wollte. Die
Banditen und Bravi fanden hier mehr als in irgendeiner anderen Stadt
Italiens zu tun und standen zum Teil in lebenslnglichem Sold reicher
Nobili, denen sie blutige Dienste und zugleich Schutz leisten muten.
Ihr grliches Handwerk war auch hier weit leichter als irgendwo zu
treiben, denn dem ttenden Dolchsto folgte ein zweiter mit der Faust,
der den Unglcklichen und die Tat in einem Kanal begrub.

Nachdem ich mit meinem Storti in der Hand durch die bedeutendsten Kanle
gefahren war, ging ich auch zu Fu durch einen Teil der Stadt und kam
durch so enge und finstere Gchen, da sich zwei Personen oft nur mit
groer Mhe ausweichen konnten und die himmelhohen Huser kaum ein
Dmmerlicht durchdringen lieen. Das Ende meiner Streifereien war immer
der Sankt Markusplatz, der einzige Ort in Venedig, wo man lngere Zeit
weilen kann. Es ist aber auch einer der schnsten Pltze Europas und
immer voll Leben. Die vielen Kaffeehuser und Botteghen sind bestndig
mit Leuten angefllt. Das Treiben beginnt mit Tagesanbruch und endigt
erst lange nach Mitternacht. Noch wehten hier die Trophen der
vergangenen Herrlichkeit auf drei hohen Mastbumen, nmlich die
Siegesstandarten von Morea, Candia und Cypern. Was den Platz so schn
macht, sind seine herrlichen Gebude mit den ihn umgebenden
Sulengngen. An der Seite des Turms schlieen ihn neun Palste, die
aber nur einen einzigen zu bilden scheinen und eine marmorne Fassade und
drei Sulenreihen, eine dorische, jonische und korinthische bereinander
haben. Diese Palste werden die Procuratie nuove genannt, zur Zeit der
Republik waren sie von den Prokuratoren derselben bewohnt. Ihnen
gegenber liegen die Procuratie vecchie, von fnfundfnfzig Pilastern
und Sulen toskanischer Ordnung getragen. Den Hintergrund dieser
prchtigen Schaubhne bildet die pittoreske Fassade des Markustempels,
den hohen Glockenturm zur Rechten. Was diesen Platz uerst unterhaltend
macht, ist, da er beinahe der einzige Spaziergang der Bewohner Venedigs
und aller Fremden ist, auf dem sich das ganze ffentliche Leben dieser
Stadt konzentriert. Hier sieht man alle mglichen Trachten und hrt die
Sprachen aller Nationen. Advokaten und Charlatane, Staatsbeamte und
Schiffsknechte, Marionettenspieler und Soldaten, Improvisatoren und
Saltimbanchi, Stiefelwichser und Obsthker, Pfaffen, Histrionen und
Taschenspieler, alles treibt sich hier im buntesten Gewhl durcheinander
herum, besonders ist dies am Abend und in der Nacht der Fall, wo er
durch Tausende von Lichtern der Kaffeehuser, Botteghen und Kasinos
erleuchtet ist, was das Gewirre und Getmmel um so abenteuerlicher
erscheinen lt. Vor den Kaffeehusern sind Zelttcher oder Baldachins
aufgespannt, unter denen man sitzt, um den Turm herum haben Notare und
Advokaten ihre Sitze aufgeschlagen, die jede Art Schriften,
Bittschriften, Klagen und so weiter um wenige Gazette oder Soldi
abfassen, andere Schreiber befassen sich mit Bettel- oder Liebesbriefen
und so weiter. Nur Frauen und Mdchen aus den hheren Stnden sucht man,
den Karneval ausgenommen, vergeblich hier, da es nicht Sitte in Venedig
ist, da Damen die Kaffeehuser besuchen; man kann sie nur in den
Kirchen, den Theatern und den Abendgesellschaften sehen; der Zutritt zu
den letzteren ist aber fr Fremde, wenn sie nicht ganz besonders einer
Familie empfohlen sind, nicht so leicht wie an anderen Orten Italiens.
In den Kasinos findet man leichter Eingang, wenn man nur ein Mitglied
derselben kennt. Eine der angenehmsten Zeitvertreibe ist eine
Spazierfahrt lngs der Riva de Schiavoni bis an die Punta di Sankt
Antonio, bei Sonnenuntergang in einer Gondel, die man hier gewhnlich
nur Barche nennt; man steigt rckwrts in dieselbe, weil man sich in dem
niedrigen Httchen nicht gut umdrehen kann. Diese Schiffchen sind alle
ganz schwarz und von einer Form; ihr dsteres Aussehen macht sie
Leichenschiffchen hnlich, und sie gleichen in der Tat unseren alten
Leichenwagen. Ehedem waren sie bunt, schn verziert, von beliebiger
Farbe, oft prchtig und kostbar ausgeschmckt, so da sie groe Summen
kosteten, denn die Reichen suchten sich dabei im Aufwand zu berbieten,
wie anderswo im Luxus der Equipagen, und bedeckten sie mit Scharlach und
Gold, weshalb die Regierung, um diese Verschwendung zu zgeln, ein
Gesetz erlie, welches sie alle uniform verordnete, und jede Gondel, die
nicht ganz so, wie es vorgeschrieben, eingerichtet war, sogleich
zertrmmern und den Wellen bergeben lie. Im Innern haben sie
gepolsterte bequeme Sitze. Angenehmer als in den Kanlen fhrt man in
den Lagunen, besonders nach dem Lido hin.

Die venetianischen Damen, die, wenn sie einmal _donne maritate_ sind,
sich einer fast zgellosen Freiheit erfreuen, sind in ganz Italien wegen
ihres hchst einnehmenden und verfhrerischen Wesens berhmt und haben
die Kunst einer fast unwiderstehlichen Koketterie bis zur hchsten
Vollendung gebracht. Obgleich den meisten, selbst in den hchsten
Stnden, grndliche wissenschaftliche Bildung abgeht, so ist doch ihre
Unterhaltung nicht nur uerst angenehm, sondern in der Regel auch sehr
geistreich, lebhaft und ungezwungen, und der venetianische Dialekt
verleiht ihrer Sprache etwas beraus Liebliches. An verliebten Intrigen
fehlt es hier weniger als in irgendeiner anderen Stadt, und das
Cicisbeat war hier noch in vollem Gang.

Von den Theatern besuchte ich hauptschlich Fenice, das erst 1791 durch
eine Assoziation von Aktionren erbaut wurde. Es hat besonders gute
Lschanstalten; im Fall ein Feuer entsteht, kann augenblicklich von zwei
Trmen hinlnglich Wasser in dicken Strmen auf dasselbe geleitet
werden. Hier treten die berhmtesten Snger und Sngerinnen Italiens
auf, und ich habe die vollendetste Vokalmusik in demselben gehrt. San
Benedetto, hauptschlich der Opera Seria gewidmet, war geschlossen,
sowie mehrere der kleineren Bhnen. Ein sehr schnes Marionettentheater,
wo man nur im venezianischen Dialekt spricht, besuchte ich einigemal. In
das Parterre geht hier niemand als Leute aus den untersten Volksklassen,
Fischer, Gondoliere und so weiter. Die Freudenmdchen haben in Venedig
wenig Raum zu ihren Umtrieben und suchen daher die Mnner und Fremden
meistens in den Kirchen an sich zu locken, ihre Adressen austeilend; man
zhlte damals nahe an hundert Bordelle.

Zwei Tage nach meiner Ankunft bezog ich eine Privatwohnung, die ich mir
durch die Vermittelung eines dienstwilligen _barbiere-parrucchiere_
verschafft hatte. _Illustrissimo eccellenza_ finden daselbst _Donne
giovine belle e oneste_, sagte mein Figaro, eine honnette
Brgersfamilie, durch Unglck herabgekommene Kaufleute, deren Haupt
jetzt den Makler macht. Es sind zwei junge Frauen in dem Haus, die eine
ist die Gattin des Signor Ludolli und die andere die Frau eines Signor
Odellino, der sich aber schon seit Monaten in Geschften abwesend in
Triest befindet; auch ein paar blutjunge Ragazze von dreizehn und
vierzehn Jahren, Anverwandte des Odellino, wohnen bei diesen.
Illustrissimo werden sehr gut daselbst aufgehoben sein! -- Und auch
geprellt? sagte ich, das Faktotum forschend ansehend. -- Behte der
Himmel, _gente onestissime_. -- Gut, bringe mich hin. -- Wir
bestiegen eine Gondel und waren in wenigen Minuten an dem Palazzo, das
war das Haus wirklich, allein einer von jenen verlassenen, den, mit
verwischten Vergoldungen. Die Damen empfingen mich als einen Signor
_Uffiziale francese_ mit zuvorkommender Freundlichkeit; es waren echt
venezianische Gesichtchen, und man wies mir eine freilich nicht sehr
elegant, dagegen sehr konomisch mblierte Wohnung, aus fnf Zimmern und
einem groen Salon bestehend, an, deren Fubden alle von rotem Terrazzo
waren, wie es hier Gebrauch, fr den Spottpreis von vier venezianischen
Talern, etwas ber zehn Gulden, den Monat. Ohne zu handeln, erlegte ich
das Geld antizipando, und da mir die Frauen gefielen, fragte ich auch,
ob sie mir den Tisch geben knnten. -- Oh, wir leben gar zu einfach,
wurde mir bescheiden erwidert, Illustrissimo wrden sich nicht mit
unserer Kost begngen; die meiste Zeit essen wir nur Fische, Muscheln,
Austern oder Frittole (in l gebackene Polenta). -- _Signore mie_, ich
bin die Gengsamkeit selbst, und freundliche Gesichter bei der Tafel
sind mir lieber als die grten Leckerbissen. -- Auch darber waren wir
bald einig, indem die Damen sagten, ich mchte das Essen erst versuchen,
und dann knne ich selbst den Preis machen. Ich war es zufrieden, mein
Figaro hatte ja den Damen versichert, ich sei _un uomo generosissimo_.

Den dritten Tag nach meiner Ankunft erhielt ich eine Einladung zu Tisch
von dem Gouverneur, General Menou, dem ich von den Begebenheiten zu Rom
und Wien viel erzhlen mute. Er schien mit meiner Unterhaltung so
zufrieden, da mir die Ehre, an seiner Tafel zu speisen, sehr oft zuteil
ward. Menou war ein Mann, der schon hoch in den Sechzigern stand und
eine eigene seltsame Karriere gemacht hatte. Aus einer alten Familie der
Touraine, hatte er es bei dem Ausbruch der Revolution schon zu dem Grad
eines _Marchal de Camp_ gebracht. 1789 wurde er von dem Adel der
Touraine zum Deputierten bei den Generalstaaten erwhlt; hier vereinigte
er sich mit dem dritten Stand, trug viel zu energischen Maregeln zur
Verteidigung des Vaterlandes bei und bewirkte hauptschlich die
Vereinigung Avignons mit Frankreich. Nach dem Schlu der Sitzungen
befehligte er _en second_ in dem Lager, das man bei Paris gebildet
hatte, und wurde dann in die Vende gesandt, wo er sich sehr gemigt
benahm. Den 2. Prairial 1793 war er es, der gegen die aufgestandene
Vorstadt Sankt Antoine marschierte und so den Konvent rettete. Er war
bei der Expedition von gypten und wurde nach Klebers Tod Obergeneral
des franzsischen Heeres daselbst. Aus Politik wurde er jetzt ein
Muselmann, nahm den Turban, nannte sich nun Abdallah und heiratete ein
hbsches trkisches Mdchen aus Rosette; dies hinderte nicht, da er bei
Alexandrien von dem englischen General Abercromby den 2. Mai 1801
geschlagen wurde. Napoleon hatte ihn spter zum Statthalter von Piemont
und dann zum Gouverneur von Venedig ernannt.

Nachdem wir gut getafelt und ziemlich viel Cypernwein zum Dessert
getrunken, brachte einer der Gste, ein Bataillonschef, die Sprache auf
den Islamismus und uerte dabei, es sei doch eine recht einfltige
Religion, man msse von Sinnen sein, so tolles Zeug zu glauben, wie sie
lehre, und ihr Prophet Mohammed sei ein recht pfiffiger Gaudieb gewesen,
der den Leuten die Kpfe zu bercken gut verstanden habe. Menou, der
nicht zu viel getrunken hatte, sondern nchtern war, erwiderte
demselben: Nicht so sehr, als Sie glauben, mein Herr! Seine Stimme
etwas erhebend, fuhr er sodann fort: Ich wei recht gut, da in der
Armee und in Frankreich gar viel ber meinen bertritt zum Islamismus
rsonniert, geklatscht und gespttelt worden ist, ich mache nicht das
geringste Hehl, da diese Handlung durchaus nur die Politik zum Grunde
hatte, indem ich hoffte, dadurch gypten Frankreich zu erhalten, eine
fehlgeschlagene Hoffnung, wie so manche andere; aber aufrichtig, meine
Herren, was mssen andere Vlker und auch die Osmanen, ber deren
Religion wir uns so oft lustig machen, weil sie an Mohammeds wunderbare
Himmelsreisen und hnliche Dinge glauben, von uns denken, da wir einen
Gott verehren, den die Juden kreuzigten, eine Mutter Gottes, die ein
Kind bekam und dennoch Jungfrau blieb, eine Dreieinigkeit, Gott Vater
und Sohn in einer Person, eine Legion von Heiligen, die alle mehr oder
weniger komische, unglaubliche und lcherliche Wunder verrichteten, da
wir Reliquien verehren, fr deren ganzen Plunder ein Trdeljude kaum ein
paar Taler geben wrde, wahre Fetische. Was mssen sie von einem Gott
halten, der kein anderes Mittel wei und kennt, die sndigen Menschen zu
bessern und zu erlsen, als seinen Sohn Mensch werden und ihn kreuzigen
zu lassen, was von dem Gott der Bibel, der ein rach- und zornschtiges,
leidenschaftliches Wesen ist, das bis ins vierte Glied an Unschuldigen
die Snden der Vter heimsucht, bestraft, der den Juden zehnmal verzeiht
und dann, kurzsichtiger als ein mit gesunder Vernunft begabtes
Menschenkind, nicht einmal soviel Voraussicht besitzt, um einzusehen,
da die Juden wieder zehnmal in denselben Fehler verfallen werden; was
von Gott und seinen Heiligen denken, welche die Hilfe ohnmchtiger
Menschen bedrfen, ihre Anbetung und Erkennung in der Welt zu
verbreiten! Das erste, was gewhnlich die zu einer anderen Religion sich
bekennenden Individuen, die wir die Sucht bekehren zu wollen haben,
antworten, wenn wir sie mit den Grundlagen der unsrigen bekannt machen,
ist: aber wie konnte man einen Gott kreuzigen? Wie kann ein Mdchen
Mutter werden und doch eine Jungfrau bleiben? Wie sind drei Dinge eines
und doch drei? -- Und was erwidern wir ihnen? -- Ja, das sind
unerforschliche Geheimnisse der Gottheit, die groen Mysterien der
christlichen Religion, ber die man weder denken noch viel weniger sie
einer Kritik unterwerfen darf. Dies allein wre schon eine Snde! -- Wir
sind von der zartesten Kindheit auf gewhnt, solche Dinge zu hren,
wachsen dann mit dem Glauben an dieselben auf, und selbst den
Vernnftigeren unter uns fallen sie wenigstens nicht mehr so sehr auf;
aber Sie werden mir zugeben, meine Herren, da wer zum erstenmal
dergleichen erzhlen und behaupten hrt, sie allerdings fr absurd, fr
eine Blasphemie, eine Satire auf die Gottheit selbst halten mu; sie
erscheinen ihm ebenso toll als uns das Tier Al-borak mit seinen
hundertvierzig Flgeln, das, ein Mittelding zwischen einem Esel und
einem Maulesel, das Angesicht eines Menschen mit den Backen eines
Pferdes gehabt hat und auf gttlichen Befehl den Propheten Mohammed mit
Blitzesschnelle allenthalben hinbrachte, oder der Hahn, dessen Kopf
durch alle sieben Himmel bis zum Thron Gottes reichte. Sie lcheln, und
mit Recht, dennoch findet sich im ganzen Alkoran keine einzige Stelle,
die aus dem Weltenschpfer ein so leidenschaftliches, zorniges,
rachschtiges, selbst inkonsequentes und wankelmtiges Wesen macht, als
unsere sogenannte heilige Schrift, der widerlichen Obsznitten, welche
dieselbe enthlt, gar nicht zu gedenken, wie die saubere Geschichte von
Loths Tchtern und so weiter. Und dies ist das Grundbuch der
christlichen Religion! -- Und unser Gott fand kein anderes Mittel, als
einen Sohn zu zeugen, durch eines alten Zimmermanns Frau gebren zu
lassen, die doch Jungfrau blieb, um seine Welt zu erlsen und glcklich
zu machen!! Und dabei ist doch der ganze Zweck, nmlich des
Glcklichmachens, verfehlt. Ich habe in meiner Jugend einen alten Mann,
einen fleiigen Bibelleser gekannt, der, als einmal die Rede von der
schlechten Welt war, erwiderte: >Ja, ist denn das ein Wunder? Gott hat
sie in sechs Tagen gemacht, was kann man in sechs Tagen Groes machen;
htte er sich wenigstens sechs Jahre oder sechs Jahrhunderte Zeit dazu
genommen, so wre sie vielleicht leidlich geworden, so hat er sich
offenbar bereilt.<

Wir alle lachten.

Ja sehen Sie, meine Herren, fuhr der General fort, zu solchen
Bemerkungen veranlat die Bibel. Von der Hlle, dem Fegfeuer und anderen
Alfansereien der Art will ich gar keine Erwhnung machen, sie sind zu
abgeschmackt; indessen wre das Neue Testament doch ein gutes Buch ohne
seine Wunder und Taschenspielerknste, wie die Umwandlung des Wassers in
Wein und so weiter. Von den drei Religionen, der christlichen, der
mohammedanischen und der jdischen, ist die letzte noch die
vernnftigste, trotz all ihrer lcherlichen Gebruche. Viele Frsten und
Regierungen und auch unser Kaiser Napoleon haben den Khlerglauben, die
Vlker seien nur durch eine, die Sinne aufregende Religion in Zucht und
Ordnung zu erhalten und zu beherrschen, und in diesem Glauben suchen sie
die Pfaffen, des eigenen Interesses willen, zu erhalten und zu
bestrken. Ich bin nicht der Meinung und glaube, da dies nur eine gute
und weise Gesetzgebung, mit einer humanen Behandlung vereint, imstande
ist. Ein reiner Deismus, der da mit wenigen Worten lehrt: Es gibt und
mu ein allmchtiges Wesen geben, das alles, was da ist, erschaffen hat,
welches das Gute belohnt und das Bse unfehlbar bestraft, wie wir schon
hienieden tglich wahrzunehmen Gelegenheit haben, das wir also lieben,
verehren und frchten sollen; diese Lehre, mit guten Gesetzen und reine
Moral lehrenden Schulen und Erziehungsanstalten verbunden, wrde
vollkommen ausreichen, und man bedrfte dann all der Schnurrpfeifereien
und Nebendinge nicht und htte noch weniger von Atheismus zu frchten,
der berhaupt gar nicht vorhanden ist und sein kann, denn ein wirklicher
Gottes- oder Schpferleugner kann nur ein Narr oder ein ausgemachter
Dummkopf sein; fragt man solche, wer denn alles Vorhandene erschaffen,
so erwidern sie: die Natur oder hnliches; was ist und kann diese Natur
denn anders sein als ein allmchtiger Schpfer, gebt ihm einen Namen,
welchen ihr wollt, es ist und bleibt immer ein und dieselbe Sache, und
wenn wir selbst annehmen wollten, wie es schon mehrere Narren gab, da
auer unserem werten Ich alles andere nur ein Blendwerk, ein
Nebelgebilde sei, so mte auch selbst dieses noch einen Urheber haben.
Das Vernnftigste, was der tolle Robespierre getan, war, die Verehrung
eines allmchtigen Wesens anzuordnen, nur fehlte er in der Art und
Weise, wollte auch dadurch nur und durch Charlatanismus seine Tyrannei
befestigen und wurde deshalb gestrzt.

Gut, mein General, sagte ich nun, als Menou seine Rede, der alle mit
Erstaunen und Verwunderung zugehrt, beendigt hatte, aber wie steht es
mit der Unsterblichkeit unserer armen Seele, was ist der Zweck unseres
Daseins?

Ach, Kapitn, versetzte er, das ist eine andere Frage, die gengend
aufzulsen kein Sterblicher je imstande sein wird. Nur ber die Substanz
unseres Krpers, ber alles Materielle bin ich vollkommen im reinen.
Alles, was wir genieen, Speise und Trank, die Leckerbissen, die Sie
sich heute an meiner Tafel so wohl schmecken lassen, dies alles ist
schon durch Milliarden menschlicher und tierischer Leiber gewandert und
wird es, solange die Welt steht. Von unseren Zhnen, so lange wir deren
haben, -- hier warf der General einen etwas malitisen Seitenblick auf
einige ltere Damen, die gegenwrtig waren -- zermalmt, von unseren
Mgen verdaut, wird es wieder zur Erde gebracht, um sich ber kurz oder
lang aufs neue in Gras, Kraut, Gemse, Frchte, Futter fr Tiere und
Menschen zu verwandeln und dann als Nahrungs- und Zeugungsstoff abermals
in Blut und Milch berzugehen. Zu Staub werden die grten und reichsten
Stdte der Erde, die massivsten Marmor- und Goldpalste, die
prchtigsten Denkmler und Monumente, gleich den schlechtesten
Lehmhtten und hlzernen Grberkreuzen der Armen. Ob tausend Jahre
frher oder spter, was zhlt dies in der Ewigkeit? Und alle menschliche
Philosophie lt sich fglich in den zwei Worten >verwandelter Staub<
zusammenfassen, wenigstens ist der Inbegriff alles Krperlichen und
Irdischen in ihnen enthalten. Was aber das Geistige, das Seelenleben des
Jenseits, die Gottheit betrifft, so wird uns dies hienieden ein ewiges
Rtsel bleiben, das der hoch- und tiefgelehrteste Philosoph, der
unterrichtetste und klgste Mensch ebensowenig wie der roheste und
unwissendste Wilde zu lsen vermag, und die Quintessenz aller sublimen
Gedanken eines Plato, Descartes, Bacon, Leibniz und so weiter bringt uns
um kein Haarbreit weiter, als die Untersuchungen der Narren, die mit
Hilfe eines Mikroskops den Sitz der Seele im Gehirn oder Gott wei sonst
wo entdecken wollen. berhaupt halte ich alle spekulative Philosophie,
alle metaphysischen Forschungen fr unntze Zeitverschwendung, fr
verlorene Mhe, in Summa fr Narrheit. Nur auf die eigentliche
Lebensphilosophie gebe ich etwas, wenigstens kann sie uns das oft so
kmmerliche Dasein und dessen Beschwerden leichter ertragen helfen und
leidlicher machen. Und dann, -- wer kann wissen, ob nicht jene
unsichtbare, fruchtbare, alles leitende Allmacht, deren erbrmliche
Drahtpuppen und Hanswurste wir am Ende doch alle nur sind, der Mann im
Kaisermantel wie der Lumpensammler, ob sie nicht den einen und sein
Bewutsein wieder hervorzurufen fr gut findet, whrend sie es nicht der
Mhe wert hlt, den Anderen nochmals aufleben zu lassen, sondern auch
dessen ewige geistige Vernichtung beschlossen hat. Wenigstens wird mir
niemand bestreiten knnen, da dies in ihrer Macht liegt. Es ist eine
Idee wie jede andere. Doch genug davon, ich glaube in dem, was ich
gesagt, alles, was spekulative Philosophie vermag, erschpft zu haben,
lassen Sie uns nun auf die Gesundheit unseres heiligen Napoleon
trinken.

Bei diesen Worten hob der General ein Glas Champagner hoch und rief ein
_Vive l'Empereur!_, in das die ganze Tischgesellschaft mit einstimmte.
Man gab nun der Unterhaltung eine andere Wendung. Es war vom entfhrten
Papst, vom Krieg und Frieden mit sterreich, von den schnen
Venetianerinnen, die man auch hochleben lie, und so weiter die Rede.
Mit zum Teil schweren Kpfen trennte man sich bei schon ziemlich
vorgerckter Nacht, verlor sich in die Theater, Kasinos und so weiter.
Ich lie mich in meine Wohnung gondolieren, wo ich die Damen musizierend
und venetianische Lieder singend antraf und ihnen bis Mitternacht noch
Gesellschaft leistete. Auch Signor Ludolli war gegenwrtig und benahm
sich sehr freundlich, nur damit war er nicht ganz einverstanden, da mir
die Damen auch die Kost zugesagt hatten. Ich suchte ihn deshalb zu
beruhigen, indem ich ihm versicherte, da ich nur uerst selten
Gebrauch von diesem Zugestndnis machen wrde.

Bald hatte ich herausgebracht, da die Signora Odellino, deren Mann
wirklich als Buchhalter in einem Triesterhaus konditionierte, eine
_Donna mantenuta_ war, die ein noch ziemlich wohlhabender Nobile, ein
gewisser Contarino, unterhielt, der sich rhmte, Dogen unter seinen
Vorfahren gehabt zu haben. Ich kam selten oder nie nach Haus, ohne den
Damen einige Geschenke, meist in _dolce_ und Konfetti bestehend,
mitzubringen, was mir dieselben hoch anrechneten; zum Mittagessen fand
ich mich nur selten ein, desto mehr zur Cena, wo es dann immer munter
herging. Eines Tages, es war der vierte oder fnfte, da ich in dem Haus
wohnte, kam der Patron della Casa zu einer ungewhnlichen Stunde in
groer Unruhe heim und rief seiner Frau beim Eintreten zu: Nun, da
haben wir die Bescherung, ich hab' es voraussgesehen, soeben hat mich
Contarino auf dem San Marco angepackt und mir den Handel mit der Gatte
(der Odellino Taufname) gekndigt, wenn der _maledetto francese_ nicht
schnell ausziehe. Ich zahlte gut, hatte erst diesen Morgen einen Korb
mit Cyprier der Dame in die Kche geschickt, war freigebig und stand
also in hoher Gnade bei derselben; sie nahm auch sogleich meine Partei
und antwortete ihrem Mann: Es ist der Mhe wert, da der filzige
Contarino einen solchen Lrm um nichts macht, er gibt uns kaum fnf
Zechinen monatlich, davon kann die Gatte nicht leben, hol ihn der
Henker, und berdies denkt der Franzose gar nicht an sie, die Mdchen
stecken ihm eher im Kopf, wenn er ja auf eine von uns reflektiert; der
Offizier bezahlt uns allein fr ein altes Cembalo, das wir ihm gestern
verschafft haben und uns drei Lire kostet, zwanzig; vom Ausquartieren
kann gar keine Rede sein, denn er hat einen Monat antizipando bezahlt.
Der Mann versetzte nun: Das wird eine saubere Geschichte werden; der
Franzos kann sich in Obacht nehmen, der Contarino ist wtend und lt
gar nicht vernnftig mit sich reden. Die Signora antwortete mit einem
_Cosa fa_, man wird ihm was vormachen, du weit dir auch gar nicht zu
helfen, lieber Mann. Eine halbe Stunde darauf erfuhr ich die ganze
Unterredung von dem ltesten hbschen Mdchen, Karoline, einer Cugina
der Odellino, und als ich diese fragte, woher es kme, da sich
Contarino nie im Hause sehen lasse, erzhlte mir das Mdchen naiv:
_Fanno l'amore nel suo casino_, doch kommt er auch manchmal des Nachts
zu meiner Muhme, aber nur verstohlen, denn er ist _un uomo maritato, ho
paura di lui_. Das _ho paura_ wiederholte mir das Mdchen wohl zehnmal;
ich suchte ihr diese Paura zu benehmen, sie auf die Stirn kssend, und
es schien mir zu gelingen, als die Signora Ludolli ins Zimmer trat, mir
ebenfalls ihre Verlegenheit wegen dem Contarino mitteilte und meinte, es
knne sogar gefhrlich werden. Scherzend suchte ich ihr dies auszureden
und lud sie, ihre Schwester und die Mdchen zu einer Spazierfahrt auf
den Lagunen ein, wozu sie aber nicht zu bewegen war, denn dann wrde es
erst ein rechtes Donnerwetter geben, meinte sie. Ich ging nun auf den
Markusplatz, wo ich meinen Wirt in einem sehr heftigen Wortwechsel mit
einem anderen Venetianer sah, aber nicht von ihm bemerkt wurde; bald
erfuhr ich, da es der gefrchtete Contarino war, mit dem er so gewaltig
haderte. Ich lie sie nun nicht mehr aus den Augen, bis sie auf die
Piazetta gingen und sich daselbst einschifften. Erst in der Dmmerung
begab ich mich wieder heim, um mich fr das Theater umzukleiden, das ich
in Uniform besuchen wollte. Ich traf niemand als Signora Ludolli, die
meine Frage ngstlich zu beantworten schien, was ich auf Rechnung ihrer
Furcht vor Contarino schrieb. Ich ging lngs den Fundamenti (so werden
hier die sehr schmalen, lngs den Husern hinlaufenden Gnge genannt)
hin, das Haus verlassend. Es war schon vllig Nacht. Jetzt wollte ich
die erste sich vorfindende Gondel besteigen, als ich bemerkte, da mich
zwei in Mntel gehllte Gestalten verfolgten, die ihren Gang mit jeder
Sekunde mehr beflgelten. Als sie nur noch wenige Schritte von mir
entfernt waren, machte ich ein rasches rechtsum Kehrt, ging ihnen festen
Tritts entgegen, und da ich an sie herankam, drckten sie sich an die
Mauern eines Hauses und lieen mich ganz friedlich vorber; ich wandte
mich nochmals um und ging wieder an ihnen vorbei. Es kam mir vor, als
sei einer von ihnen mein Hauswirt, und ich bemerkte, da sie leise aber
eifrig miteinander sprachen. Bald sah ich, da sie mich von neuem
verfolgten, ich lie sie abermals herankommen, wandte mich wieder gegen
sie um, und als ich im Begriff war, sie zu fragen, was sie von mir
wollten, streckte der eine schnell seine Hand gegen mich aus, um mich
bei der Brust zu packen, indem er zugleich ein Stilett blinken lie. Ich
wich einen Schritt zurck, zog schnell den Degen und rief ihm zu: _Ah
birbante, adesso tocca a me!_ Klirrend schlug ich ihm das Stilett aus
der Hand, sprang auf beide zu; einer stand hinter dem anderen, denn der
Gang am Kanal war keine drei Schuh breit, und den ersten packend, den
anderen aber fr meinen Wirt erkennend, sagte ich zu demselben: Wie,
Sie sind so ein Patron? Beide waren aber nicht vom Mestiero, sondern so
verblfft, da sie regungslos dastanden. Der hintere stie endlich ein
_Ajuto!_ aus, ich sagte ihm aber, er mge sich um Himmelswillen ganz
ruhig verhalten und keinen Lrm machen, weil ich sonst gentigt sein
wrde, sie beide zum Platzkommandanten bringen zu lassen; meinem
Hauspatron versicherte ich zugleich, da ihm nichts geschehen sollte,
wenn er ruhig bleibe. Ich fragte sie nochmals, was sie eigentlich von
mir wollten und weshalb sie mir auf eine so unerhrte Weise
nachstellten, und da sie noch immer stumm blieben, sagte ich: Den ich
hier festhalte, ist wahrscheinlich der saubere Contarino, und als mein
Wirt dies bejahte, fuhr ich fort: Ich bedauere nur, da Sie sich wegen
Hirngespinsten zu solchen Schurkenstreichen verleiten lassen und in
Gefahr begeben; lngst glaubte ich, da mit der Republik auch solche
Banditenstreiche aus Venedig verbannt seien. Ihre Eifersucht ist ebenso
lcherlich als grundlos; ich habe noch keine zwei Worte mit Ihrer
Geliebten gewechselt und werde sie Ihnen sicher nicht abspenstig machen;
denn Venedig hat schne Frauen genug, da nicht ein jeder sein Liebchen
finden sollte. -- Wenn Sie der Treue Ihrer Geliebten nicht versichert
sind, so tun Sie dieselbe an einen anderen Ort, solange ich mich in
Venedig befinde, statt sich in meuchelmrderische Wagnisse einzulassen,
die Ihnen leicht den Hals kosten knnen, denn es hngt jetzt doch nur
von mir ab, Sie in die andere Welt oder auf die Galeere zu befrdern;
ich will indessen weder das eine noch das andere, ich verzeihe Ihrer
blinden Leidenschaft. Folgen Sie meinem Rat und nehmen Sie Ihre Geliebte
einstweilen aus dem Haus, das ich nicht verlassen werde, solange ich
noch hier verweile. -- Contarino bat mich nun recht demtig wegen
seines unbegrndeten Argwohns um Vergebung, nannte mich ein Mal ber das
andere einen _generosissimo Signore_ wobei Ludolli einfiel: Ich habe es
Ihnen ja immer gesagt, allein Sie wollten meinen Worten keinen Glauben
schenken.

Contarino uerte, Eifersucht habe ihn verblendet, beteuerte, da er
alles Vertrauen in mich und seine Gatte setze, die nirgends besser als
bei Ludollis aufgehoben sein knne, und bat mich auf das instndigste,
ihm zu erlauben, da er die Ehre haben drfe, mich in sein Haus
einzufhren. Ich willigte ein, und er bestand darauf, mich schon den
nchsten Tag selbst abzuholen, indem er mir zugleich seine Aufwartung
machen werde. Wir schieden nun als gute Freunde. Ich begab mich nach
Fenice, und als ich nach beendigtem Theater nach Haus ging, kamen mir
die Damen mit einem _Benvenuto_ entgegen. Sie waren schon von allem
unterrichtet, gaben mir indessen doch zu verstehen, da ich nur durch
ein halbes Wunder dem Bad im Kanal entgangen sei. Wir soupierten und
blieben bis nach Mitternacht bei einem Glas Punsch beisammen; die Frauen
dankten Gott, da alles so abgegangen sei; Ludolli versicherte mir wohl
zehnmal, da sonst der Contarino doch ein _galantissimo uomo_ sei. Wir
trennten uns endlich vergngt mit einer _felicissima notte_, wobei mir
vergnnt war, die smtlichen Damen zu kssen, die mir Glck gewnscht
hatten, Zutritt in Contarinos Haus zu erhalten, wo man sich sehr gut
unterhalte, dessen junge Frau eine der liebenswrdigsten und hbschesten
Damen Venedigs sei, und mich warnten, ihr nicht zu tief in die Augen zu
sehen.

Den kommenden Morgen hatte ich noch nicht lange das Bett verlassen, als
mir Contarino angemeldet wurde, den Ludolli sofort bei mir einfhrte; es
war ein Mann von einigen dreiig Jahren und ziemlich untersetzter
Statur. Nochmals entschuldigte er sich tausendmal wegen des
Vorgefallenen; ich suchte ihn vllig zu beruhigen, worauf er mich bat,
mich noch diesen Vormittag seiner Frau vorstellen und in das Kasino
einfhren zu drfen, von dem er Mitglied sei. Ich nahm beides an, wir
verlieen meine Wohnung gegen Mittag, nahmen Schokolade in einem Caf
des San Marko und fuhren dann nach dem Palazzo des Signor Conte, wo ich
seine Gattin, eine Dame, welche meine Erwartungen noch bertraf, kennen
lernte. Sie war noch nicht volle neunzehn Jahre alt, hatte ein
wunderliebliches Gesicht, die feinsten und geistreichsten Zge, einen
blendend weien Teint, eine fast transparente Haut, unter welcher die
blauen derchen hervorschimmerten, den zierlichsten Wuchs und die
schlankeste Taille, genug, es war eine ganz venetianische Schnheit, die
von Geburt der Familie Mocenigo angehrte. -- Der Graf bat sie, mich als
seinen besten Freund zu betrachten und zu jeder Zeit, wenn ich ihr die
Ehre meines Besuchs schenken wolle, freundlich anzunehmen. Die Signora
sagte aufs Verbindlichste, da sie sich eine Pflicht daraus mache, ihrem
Mann zu gehorchen, und so stand mir eines der ersten Huser Venedigs
offen, in dem ich bald Gelegenheit hatte, den reichen venetianischen
Adel, wie die Mocenigo, Dandolo, Falieri und so weiter kennen zu lernen.
Ich wunderte mich, da der Graf bei einer so hbschen Gattin eine
Odelino vorziehen mochte, aber bekanntlich ist ja die Ehe das Grab der
Liebe, und es kann nicht anders sein. In dem Kasino, in dem er mich
einfhrte, langweilte ich mich; auer dem Spiel war wenig oder gar keine
Unterhaltung daselbst anzutreffen. Contarino veranstaltete nun selbst
fters Wasserpartien mit den Frauen und Mdchen, wo ich wohnte; wir
besuchten entferntere Kirchen und Klster auf den Giudecca-Inseln le
Grazie, San Giorgio, San Helena, San Clemente, fuhren nach Murano und so
weiter, wobei ich absichtlich der jungen Karolina recht eifrig den Hof
machte, damit die Eifersucht des Nobile nicht wieder erwachen mge; das
Mdchen war auch hbsch genug, da ich das in allem Ernste tun konnte.
Contarino zeigte sich auerordentlich gefllig und dienstwillig, und als
ich ihm einst von Zschokkes Abllino erzhlte, in dem sogar ein
Namensvetter von ihm eine Rolle spiele, und den Wunsch uerte, ich
mchte doch gerne wissen, ob der Verfasser aus einer historischen Quelle
geschpft oder das Sujet blo ein Produkt seiner Phantasie sei, suchte
er mehrmals halbe Tage lang mit mir in den Archiven, die uns auf Menous
Gebot geffnet wurden, alle Aktenstcke und Dokumente, die sich auf die
Regierung des Dogen Andreas Gritti bezogen, durch, aber unsere
Bemhungen waren vergeblich, wir konnten nichts auf diesen Gegenstand
Bezgliches entdecken.

Indessen hatte ich in der Tat doch der Signora Lucietta, so hie
Contarinos Gattin mit ihrem Taufnamen, zu tief in das Auge gesehen und
fhlte etwas mehr als bloes Wohlwollen fr die Schne. Diese hatte aber
einen alten Abbate zu ihrem _Cavaliere servente_, der den ihm
anvertrauten Schatz wie ein Argus bewachte und dem mein Erscheinen in
der Familie eben keine sonderliche Freude zu machen schien; schwerlich
wre ich mit der Dame je in eine nhere Berhrung gekommen, htte mich
nicht der Zufall, dieser mchtige Gehilfe des Schicksals, begnstigt und
den Herrn Abbate auf das Krankenlager geworfen. Jetzt traf ich Signora
Lucietta fast immer allein, koste, musizierte und kte bald mit ihr.
Der Signor Marito bekmmerte sich weit weniger um seine reizende
Gemahlin als um die Mtresse, und ich suchte erstere deshalb nach besten
Krften zu trsten, was mir um so eher gelang, als sie bereits Wind von
dem Verhltnis mit der Donna mantenuta hatte. Ich teilte ihr nun unter
dem Siegel der grten Verschwiegenheit mit, was wegen derselben
zwischen ihrem Gatten und mir vorgefallen war, worauf sie weiter nichts
als ein unwilliges: _ una gran bestia, il mio marito!_ ausstie, dann
lachte und sagte: Nun, ich will's ihm vergelten. -- Jetzt waren wir
bald nur eine Seele, und ich bedauerte nichts, als Venedig, wo ich mir
immer mehr gefiel, sobald wieder verlassen zu mssen. _En passant_
machte ich auch noch einer hbschen Seconda Donna vom Theater Fenice den
Hof und brachte ein paar joviale Abende mit ihr zu, scherzte dabei recht
artig mit Karolinchen und hielt hinsichtlich der Odelino streng mein
Wort bis -- zur Nacht vor meiner Abreise, wo ich mich gegen Morgen in
ihr Schlafgemach stahl und sie zur Untreue gegen ihren Protektor
verfhrte. -- Ich entwand mich dann mit einem langen Abschiedsku aus
ihren Armen, und sie entlie mich mit einem matten Addio und Ach, warum
nicht frher? ... Bei Lucietta hatte ich schon den Tag und von Karolina
den Abend vorher Abschied genommen.

Der Tag meiner festgesetzten Abreise war angebrochen, ich hatte ber
drei Wochen in der Dogenstadt verweilt, und mit dem frhen Morgen fuhr
ich noch einmal durch einen Teil des Canal grande, zum letztenmal die
den Marmorpalste bewundernd, deren Fenster manchmal sogar mit Dielen
verwahrt sind und die unfehlbar in Ruinen zerfallen werden, da ihre
Eigentmer nicht die Mittel haben, sie zu unterhalten, und dieselben
eine Last fr sie sind.

Auf Contarinos Rat fuhr ich in einer Barke nach Fusine, wohin ich meinen
Wagen kommen lie, um von da weiter nach Padua zu fahren. Diese
berfahrt ist angenehmer als die von Mestre. Durch die Lagunen wogend,
entfernte ich mich allmhlich von dem prchtig-traurigen, dem Meer
entwachsenen Venedig; seine Kuppeln und Trme, die sich in einiger
Entfernung auf der See majesttisch und zauberhaft ausnehmen, schwanden
mehr und mehr, dabei hatte ich das nahe Ufer des festen Landes im Auge,
dessen schne Landhuser, Grten und gut angebaute Felder eine nicht
minder reizende Fernsicht gewhren. Ehe ich die Kste erreichte, warf
ich noch einen letzten scheidenden Blick auf die alte entthronte
Meeresknigin, ihr ein ewiges Lebewohl sagend. Auch auf dieser berfahrt
hatte ich wieder jene wehmtige Empfindung, die mich allemal befllt,
wenn ich einen Ort verlassen mu, an dem mir es wohl ging und wo ich der
Freuden viele geno. Zu Fusine nahm ich Postpferde und fuhr lngs der
herrlichen, wegen ihrer Fruchtbarkeit, Schnheit und Mannigfaltigkeit --
Klster, Drfer, Villen, Grten und Lustwldchen -- berhmten
unabsehbaren Ebene hin. berall herrscht reges Leben, und die Fluten
sind noch mit Barken, Gondeln und anderen Schiffen bedeckt. Ich kam ber
Dolo, wo ich einige Prachtgebude bemerkte, und sah bei dem ganz nahen
Stra die Schiffe aus der Brenta in den Kanal Piovego, der gerade nach
Padua fhrt, fahren. Man kann den Weg von Venedig bis dahin auch zu
Wasser machen, der noch angenehmer sein mag, aber auch lnger ist.
Obgleich von ganz anderer Art als die Ufer des Rheins, des Ebro und der
Donau, sind die der Brenta doch nicht minder unterhaltend und
abwechselnd. Verlassene und oft schon halb verfallene Villen ersetzen
hier die Ritterburgen des Rheins und sind die trauernden berbleibsel
und Denkmler der gesunkenen Gre der Inselstadt, deren Bewohnern die
meisten gehrten, andere aber den Einwohnern von Padua. Noch vor Mittag
kam ich in dieser Stadt an, wo ich ein paar Stunden verweilte. Sie liegt
unfern der Brenta, an der Bachiglione, und ist von so freundlichen,
lachenden angebauten Hgeln umgeben, da sie manche Reisende ein
irdisches Paradies genannt haben.

Mit einbrechender Nacht setzte ich meine Reise fort, kam in der Nhe von
Arqua vorber, wo Petrarchs irdische Reste ruhen und man sein Haus,
seinen Stuhl und das Skelett seiner Katze zeigt, dann durch das durch
seinen Vipernfang berhmte Monselice, passierte die Adige (Etsch) bei
dem Flecken Boara, fuhr durch Rovigo und, ohne mich weiter aufzuhalten,
bis Ferrara. Eine leichte Unplichkeit war die Veranlassung, da ich
hier ein paar Tage verweilen mute. Die Stadt, die in der Nhe eines
Armes des Po liegt, war sehr de und zhlte kaum achtzehntausend
Einwohner mehr, die sich in ihren groen weitlufigen Straen, in denen
das Gras hoch und das Unkraut dicht stand, verlieren. Sie hat eine gute,
regelmige und feste Zitadelle. Das Schlo der alten Herzoge von
Ferrara liegt mitten in der Stadt und ist ringsum mit Wasser umgeben und
von vier dicken Trmen flankiert, sein Anblick ist nichts weniger als
erfreulich. In seiner Nhe befindet sich der sogenannte adelige Palazzo,
vor dem zwei hohe Sulen mit den ehernen Statuen alter Herzoge stehen.
Unter den Pltzen war der Napoleonsplatz der bedeutendste. Die
Kathedrale ist ein schnes Gebude, in der Benediktinerkirche befindet
sich das Grab eines der phantasiereichsten Dichter, die je gelebt, des
Autors des rasenden Roland, Ariosts, zu dessen Zeiten die Stadt noch
eine der reichsten, blhendsten und bevlkertsten Italiens war. Die
ungesunde Luft, welche die naheliegenden Morste verursachen, und die
hufigen berschwemmungen, denen die Umgegend ausgesetzt ist, mgen viel
zu ihrer Entvlkerung beigetragen haben. Das hiesige Theater ist gro
und schn, die Palste Este, Bevilacqua und andere sind prchtig. Das
Hospital der heiligen Anna ist berhmt, weil der arme Tasso von dem
undankbaren Herzog Alphons hier so lange in einem engen Gemach unter dem
Vorwand einer Gemtskrankheit eingesperrt wurde. Krank war er
allerdings, denn er war wirklich verliebt, und zu bedauern sind die mit
dieser Krankheit Befallenen, fr die man ebensowenig kann, wie fr jede
andere. Wer wte etwas von diesem Herzog, wenn ihn nicht der
unsterbliche Dichter in seinem herrlichsten Werk den gromtigen Alphons
genannt htte! In der groen Bibliothek Ferraras sind Handschriften von
Ariost, Tasso, Guarini und so weiter vorhanden, von ersterem auch noch
das Tintenfa und ein Stuhl.

Von hier reiste ich, wieder hergestellt, nach Ravenna ab, denn ich
wnschte die alte berhmte Hauptstadt der Ostgoten kennen zu lernen. Der
Weg dahin, den ich meistenteils in der Nacht zurcklegte, war
unangenehm, und bei Argenta, in der Nhe der Smpfe oder Valli von
Comachio, warf mich der Postillon um, wodurch mir das Degengef so
heftig in die linke Seite gestoen wurde, da ich eine bedeutende
Quetschung davontrug, die mich nun gegen meinen Willen in Ravenna
zurckhielt. Da es noch finstere Nacht war, so kostete es viele Mhe,
bis der Postillon, mein Bedienter und ich, der arge Schmerzen hatte, den
Wagen wieder aufrichteten, und es verging fast eine Stunde, bevor ich
weiterfahren konnte. In Ravenna angekommen, schickte ich sogleich nach
einem Militrarzt, der mir etwas zum Einreiben verordnete und auflegte.
Sechsunddreiig Stunden mute ich nun im Bette zubringen, was mir sehr
ungelegen war. Von Venedig hatte ich ein paar Empfehlungen von Contarino
fr hier, die ich durch meinen Bedienten abgeben lie und hierauf
mehrere Besuche erhielt.

Das uralte Ravenna lag einst an den Ufern des Adriatischen Meeres und
war einer der besten Hfen desselben, jetzt ist es an zwei Stunden von
der Kste entfernt. Nach Strabo haben Thessalonier diese Stadt
gegrndet, Sabiner aber waren ihre ltesten bekannten Einwohner, spter
bemchtigten sich ihrer die Gallier, welche sich an den Ufern des Po
niederlieen. Paulus Aemilius verjagte sie, und die Rmer verschnerten
die Stadt auerordentlich, namentlich unter den Kaisern, und lieen ihre
Flotten in ihrem Hafen berwintern. Unter den gotischen Knigen und
Exarchen im siebten Jahrhundert war sie eine der bedeutendsten und
blhendsten Stdte Europas. Dadurch, da sie durch das Zurcktreten des
Meeres ihren Hafen verlor, kam auch sie zurck. Im Mittelalter, wie alle
Stdte Italiens, durch Unruhen und Parteikmpfe zerrissen, mute sie
auerordentlich leiden, und zur Zeit, als sie die Venezianer, in deren
Hnde sie gefallen war, an die Ppste abtraten, war sie schon sehr
herabgekommen; unter der Herrschaft des heiligen Stuhls sank sie noch
vollends, so da sie kaum fnfzehntausend Einwohner mehr zhlte und noch
weit verlassener als Ferrara war. Die alte Hauptstadt von Theodorichs
Reich bot jetzt nur noch berreste und trauernde Denkmler ihrer
frheren Gre den Blicken des Reisenden dar, ihre den und
menschenleeren Straen waren mit falbem, drrem Gras bewachsen, ihre zum
Teil halbverfallenen Huser und Palste, meistens mit Moos und Gestruch
bedeckt, schienen ohne Besitzer, die mehr schleichenden als gehenden
Einwohner hatten ein dsteres, schwermtiges und mutloses Aussehen, das
eher Mitleid erregend als abschreckend war, im ganzen hatte sie das
Ansehen einer verwnschten Stadt, in der nur lebensmde Schatten einsam
und tiefsinnig herumwandelten.

Nach vier Tagen des Bett- und Zimmerhtens war mir das Ausgehen wieder
gestattet. Mein erster Gang war nach der im neueren Geschmack
restaurierten Hauptkirche, in der ich eine Zeitlang umherwandelte und
endlich vor den herrlichen Freskomalereien Guidos in einer Kapelle
stehen blieb, die auch das schne Gemlde enthlt, welches Moses
darstellt, wie er Manna vom Himmel regnen lt. Noch war ich im
Anschauen desselben vertieft, als ich hinter mir ein Damengewand
rauschen hrte; ich sah mich rasch um und erblickte einen in schwarze
Seide und Flor gehllten blendend weien Engel, der eben einen seine
unwiderstehlichen Reize verhllenden Schleier zurckschlug, sich zum
Beten niederkniete und zwei Feueraugen zeigte. Dies bezaubernd lebendige
Gemlde hatte das tote sogleich aus meinen Augen und Sinnen verdrngt,
ich trat einige Schritte zurck, kniete ebenfalls nieder, und zwar so,
da ich die schne Betende immer im Auge hatte. Auch sie hatte mir einen
Blick geschenkt, der mich in eine erschtternde Vibration versetzte.
Nach einer halben Stunde, die mir, obgleich kniend, kaum eine Minute
dnkte, erhob sich die schne Gestalt, verneigte sich tief und entfernte
sich, mich im Vorbergehen noch eines Blickes wrdigend. Ich hatte die
Absicht, ihr zuvorzukommen, um ihr das Weihwasser zu bieten, erreichte
aber meinen Zweck nicht. Ein sie begleitendes Mdchen, das hinter ihr
gekniet, tat dies vor mir. Durch wenige aber lange und einsame Straen
fhrte ihr Weg, nur einmal sah sie sich um und schlpfte dann durch die
Pforten eines alten, nicht sehr ansehnlichen Hauses, dessen untere
Fenster alle vergittert waren. Schon lange hatte sich die Tr hinter der
wunderbaren Schnen geschlossen, und noch stand ich, die toten bemoosten
Mauern und das ruig-braune Tor anstarrend, hinter dem sie verschwunden
war. Ein vorbergehender Kapuziner weckte mich endlich aus meinen
Trumereien, ich merkte mir Strae und Haus und kehrte vorerst heim. Als
die Nacht herankam, durchstreifte ich mehrmals jene Strae, in welcher
das mir merkwrdig gewordene Haus lag, aber an keinem Fenster desselben
war auch nur ein Schimmer von Licht zu erblicken und alles so einsam und
still, als wre die Welt ausgestorben. Nachdem ich lange vergeblich auf
irgendeine Entdeckung des mir so werten Gegenstandes gehofft hatte,
entfernte ich mich, fest entschlossen, die nheren Verhltnisse meiner
schnen Unbekannten _ tout prix_ kennen zu lernen. Den anderen Tag
erfuhr ich durch einen dienstbaren Geist, dem ich Strae und Haus
bezeichnet hatte, da die Dame die durch ihre Schnheit berhmte Signora
Lucilla Manichetto aus Pesaro sei, die erst krzlich, durch ihre
Verwandten gezwungen, einem schon ziemlich bejahrten Richter ihre Hand
gereicht, der sie strenge berwache, keinen Cicisbeo dulde und ihr nur
das Kirchengehen morgens und abends in Begleitung eines Dienstmdchens
gestatte. Also auch eine Lucilla, mir um so teurer, da sie mich an die
kaum verlassene venezianische erinnerte. Da ich nun immer in der
Stunde, in welcher die Dame die Kirche besuchte, auch in derselben
anzutreffen war, wird man mir ohne Beteuerung glauben. Ich richtete es
jetzt so ein, ihr das _Aqua benita_ zu reichen, und es gelang mir bald,
ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Durch dieses ftere Besuchen der Kirche
wurde ich auch mit dem Sakristan derselben bekannt. Eines Abends, als
ich lngere Zeit auf meine Schne wartete, begab ich mich in die
Sakristei, wo ein dunkelgrner Vorhang ein Gemlde in einem abgelegenen
Winkel verhllte. Ich befragte meinen neuen Bekannten, was es damit fr
eine Bewandtnis habe. Er erwiderte mir, da es eigentlich streng
verboten sei, dasselbe jemandem zu zeigen, indessen wollte er bei mir
eine Ausnahme machen, wofr ich mich erkenntlich zeigte. Er zog nun an
einer Schnur den Vorhang weg, und ich erblickte die Abbildung des Innern
einer Kirche, in der ein Wterich den Leichnam einer wunderschnen
Frauengestalt mit einer Streitaxt in Stcke hieb und zerfleischte. Diese
Darstellung erschtterte mich unangenehm, ich verlie die Sakristei
wieder, und der Sakristan zeigte mir nun ein anderes Bild, das in der
Kirche an einem Pfeiler hing und dem Anschein nach eine
Geisterbeschwrung vorstellte. Mein Begleiter erzhlte mir jetzt, sich
bekreuzigend, da dies Gemlde mit jenem in der Sakristei in engster
Berhrung stehe und der nmlichen Ursache seine Entstehung zu verdanken
habe, obgleich es ber zwlfhundert Jahre spter gemalt worden sei. Ich
bat ihn, mir den Zusammenhang und die Geschichte der beiden Bilder
mitzuteilen, worauf er mir erwiderte, da dies lange Zeit fordere und er
auerdem die Geschichte des verhllten Bildes nicht kenne, von dem
anderen aber habe ihm sein Vorgnger, ein Greis von neunzig Jahren,
erzhlt, da es die Verbannung eines bsen Geistes, der ber tausend
Jahre sein Unwesen jede Nacht in der Domkirche getrieben habe,
vorstelle, und der nie ein Licht oder irgendeine Beleuchtung nach
Mitternacht in dem Gottestempel mehr geduldet habe, sondern da, sobald
diese Stunde schlug, ein Windschauer alle Lichter, sogar in den
wohlverwahrtesten Laternen, gelscht habe, die dann niemand mehr
anzuznden imstande gewesen sei. Man habe alsdann ein schreckliches
Getse und Gepolter in den Gewlben und Hallen der Kirche vernommen und
sich um diese Zeit kein Mensch mehr in dieselbe gewagt; seit
undenklichen Zeiten hatte man die berhmtesten Geister- und Hexenbanner
verschrieben sowie alle erdenkliche heilige Mittel angewendet, den Geist
zur Ruhe zu verweisen, aber alles sei vergeblich gewesen, bis endlich
einmal ein sehr sonderbar gekleideter, langbrtiger Mann aus einem
unbekannten Land gekommen sei, dessen sich der Greis, der damals kaum
zwanzig Jahre alt gewesen, noch gut zu entsinnen gewut. Jener habe sich
erboten, dem Spuk ein Ende zu machen, und eine ganze Nacht allein in der
Kirche einschlieen lassen. Mit Tagesanbruch habe er die Kirche von
innen geffnet, dem Priester, der die erste Messe lesen sollte, eine
versiegelte Rolle bergeben und ihm geboten, dieselbe unter Schlo und
Riegel wohl zu verwahren und niemandem als dem Bischof zu gestatten, die
Siegel zu lsen. Sodann solle man das grause Bild aus der Kirche
wegnehmen und verhllt in einem Winkel der Sakristei aufbewahren und ein
anderes, das man an einem gewissen Tag berbringen werde, dafr in die
Kirche hngen. Hierauf verschwand der seltsame Mensch, von dem man nie
wieder etwas gehrt. Viele waren der Meinung, es sei der ewige Jude
gewesen. Der Priester befolgte genau, was ihm befohlen war, der Spuk in
der Kirche hrte von dieser Stunde an auf, der Bischof entsiegelte und
las die ihm bergebenen Papiere, die hierauf in einer wohlverschlossenen
Kassette in der Sakristei aufbewahrt wurden, wo sie sich noch befinden.
Meine Neugierde hinsichtlich des Inhalts dieser Papiere war durch diesen
Bericht rege gemacht. Der Sakristan gestand mir, da er den Schlssel zu
dem Wandschrank habe, in dem sich die Kassette befinde, die sie
enthalte, sowie da er selbst schon einigemal in Versuchung gekommen,
sie zu ffnen, aber eine Art Schauer habe ihn jedesmal berfallen, wenn
er die Versuchung gehabt, und so sei er bis jetzt derselben
widerstanden. Ich, der ich von diesem Schauer nichts empfand, bewog ihn
durch Geschenke und Versprechungen, mir die Kassette auf eine Nacht
anzuvertrauen, und wir ffneten dieselbe in meiner Wohnung mit Hilfe
einiger krummer Ngel und starker Eisendrhte, aber auch der Deckel
hielt so fest, wie wenn er angekittet wre. Wir rissen ihn endlich auf,
indem der eine an der Kassette, der andere am Deckel zog; nebst der
Papierrolle fielen uns drei silberne und eine goldene Spange und ein
Ring von demselben Metall in die Hnde. Die Rolle enthielt ein in
lateinischer Sprache mit gotischen Lettern geschriebenes Manuskript, das
wir nicht ohne Mhe ins Italienische bertrugen und wir lasen eine
grliche, von dem Knig Theobald in der Domkirche an seiner Gemahlin
Rosaura verbte Mordgeschichte.[8] Noch eine zweite Rolle befand sich in
der Kassette, die Spuk- und Erlsungsgeschichte des armen Geistes, ein
von Mnchen mit lcherlichen Wundern ausgeschmcktes Machwerk.

Indessen hatte ich eben nicht mehr viel Zeit in Ravenna zu verlieren,
denn ich wurde auf meinem Posten zu Velettri erwartet, doch wollte ich
die Stadt nicht verlassen, ohne wenigstens einen Versuch gemacht zu
haben, mit der Signora Manichetto eine Bekanntschaft anzuknpfen; ich
mute also auf Mittel denken, rasch zum Ziel oder wenigstens zu einem Ja
oder Nein zu kommen. Ich kaufte einige Kleinigkeiten von
Galanteriewaren, die ich zu einem Geschenk fr die begleitende Duenna
bestimmte und die ich ihr am nchsten Morgen, als sie mit ihrer
Begleiterin die Kirche verlie, nebst einem Billettchen einhndigte. In
dem letzteren hatte ich meine Liebe zu der schnen Signora mit den
lebhaftesten Farben geschildert und gebeten, mir doch einen Ort zu
bestimmen, wo ich mit ihr, dem Mdchen, das Weitere besprechen knne;
auf meine Erkenntlichkeit knne sie zhlen. Noch denselben Tag erfuhr
ich von der Duenna, da, soviel sie gemerkt, ihre Gebieterin mir nicht
abgeneigt sei, aber da sie mich gar nicht kenne, doch einiges Mitrauen
hege; auerdem verreise sie in ein paar Tagen, um sich nach Pesaro,
ihrem Geburtsort, auf einige Zeit zu ihren Eltern zu begeben. -- Ich
sagte nun dem Mdchen, da ich ein zu seinem Vergngen reisender
Partikulier sei, meinen eigenen Wagen bei mir habe und es mir ein groes
Vergngen machen wrde, mit ihrer Herrin nach Pesaro zu fahren. -- Wo
denken Sie hin, erwiderte das Kammerktzchen, _il Signor Patrone_ hat
schon einen Vetturino gedungen, der uns wohlverwahrt dahin bringen mu;
aber auf der Reise dahin knnte sich wohl eine Gelegenheit finden, sich
zu treffen. -- Scharmant, mein liebes Kind! Sieh, wenn du dies
veranstalten kannst, dann sollst du noch ein schnes Geschenk von mir
erhalten; da, nimm einstweilen auf Abschlag. -- Ich drckte ihr eine
Zechine in die Hand. -- Wissen Sie was, sagte sie mir noch
freundlicher, kommen Sie nach der Abendkirche an unsere Wohnung, dann
werde ich imstande sein, Ihnen das Nhere mitzuteilen. -- Drei Stunden
nach Sonnenuntergang spazierte ich mit ihr Arm in Arm in der den
Strae, in der die Wohnung ihres Herrn war, und sie teilte mir mit, da
sie mit ihrer Frau bermorgen abreise, ich mge mich nur denselben Tag
auf den Weg machen und es einrichten, da ich in Forli mit ihnen
zusammentreffe, dann wrde sich das brige finden. ber diese Nachricht
erfreut, gab ich dem dienstbaren Geist noch eine Zechine und fragte, ob
sie sich wohl mit einem Billettchen an ihre Dame befassen wolle. _Date
pure_, war die Antwort. Den anderen Tag sah ich Lucilla wieder in der
Kirche und konnte aus ihren freundlichen Blicken lesen, da was ich ihr
geschrieben, keinen schlimmen Eindruck gemacht. Die wenige Zeit, die mir
noch in Ravenna brig blieb, verwendete ich darauf, Dantes schnes
Grabmal in der Nhe des Franziskanerklosters zu besuchen sowie das dem
Knig Theodorich von seiner berhmten Tochter Amalasonte auerhalb der
Stadt errichtete Mausoleum, jetzt Santa Maria Rotonda getauft, dessen
breite, ber hundert Fu umfassende Kuppel aus einem einzigen Steinblock
gehauen ist und einen hohen Begriff von der Geschicklichkeit der Goten
in der Architektur gibt. Ich besah auch noch mehrere andere Kirchen und
Gebude; es ist unglaublich, welchen Reichtum an kostbarem Marmor
Ravenna enthlt; es rivalisiert in dieser Hinsicht mit Rom, Venedig und
Konstantinopel. Der groe Tempel des heiligen Apollinarius in einer
Vorstadt wird von vierundzwanzig ungeheuren Sulen von griechischem
Marmor getragen, die von Konstantinopel hierher gebracht wurden. Die
Kathedrale wurde schon im vierten Jahrhundert erbaut, seitdem freilich
fters restauriert.

[Funote 8: Diese Geschichte, die zu volumins ist, um sie hier
ausfhrlich mitteilen zu knnen, ist schon unter dem Titel: _Rosaura
oder der Domgeist zu Ravenna_, von dem toten Verfasser dieses Werkes in
der fnfundsiebzigsten und deren folgenden Nummern der Zeitschrift des
Phnix Jahrgang 1825, vollstndig mitgeteilt worden.]

Noch einmal sprach ich Marietta, so hie die gefllige Dienerin, den
Abend vor unserer Abreise und gab ihr Rendezvous in Forli; am anderen
Morgen verlie ich Ravenna vor Sonnenaufgang, kam bald durch den gut und
bel berchtigten Pinienwald und durch die sich bis zu den Apenninen
ausbreitenden Smpfe, den kleinen Flu Savio passierend, nach dem mitten
in den Morsten liegenden Ort Cervia. Hier blieb ich in einer Locande,
um einstweilen frhstckend den nachkommenden Vetturino abzuwarten, der
mir jedoch die Zeit ziemlich lang machte, so da ich schon vermutete, es
habe irgendein Hindernis die Abreise der Dame verschoben; endlich, als
ich eben berlegte, ob ich weiter fahren oder noch warten solle, vernahm
ich das dumpfe Rollen eines herannahenden Wagens, der den von mir
ersehnten Inhalt richtig brachte. Ehrerbietig grte ich die
aussteigenden Frauen und war ihnen behilflich, aus dem Wagen zu kommen.
Der Vetturino ftterte hier. Sie lieen sich sogleich ein Zimmer geben,
und nach einigen Minuten trat Marietta wieder heraus und lispelte mir
zu: _Entrate pure._ Da ich mir dies nicht zweimal sagen lie,
versteht sich von selbst, nach ein paar Sekunden kte ich Lucillas
niedliche Hand, und nach einigen Minuten Stirne, Wangen, Rosenlippen und
so weiter der schnen Signora, welche die eintretende Zofe in meinen
Armen fand und dazu lchelte. Wir brachten hier eine gute Stunde zu,
whrend welcher die schalkhafte Marietta ab- und zuging und aufpate,
damit unser Tte--tte nicht gestrt werden konnte; einig und
unverstanden waren wir bald, und als die Zofe endlich meldete, da der
Vetturino abzufahren bereit sei, aber der Weg ber Cesenatico nach
Rimini zu schlecht sei, es darum auch zu spt wrde, weshalb er
vorziehe, in Cesena zu bernachten, waren wir dies ganz zufrieden und
brachten in der letzteren Stadt eine hochvergngte Nacht zu. Zum
zweitenmal passierte ich den anderen Tag den Pisatello (Rubikon), um
nach Rimini zu fahren; ich war mit Lucilla bereingekommen, da sie,
Unwohlsein vorschtzend, dort einen Tag verweilen sollte, was ihr
angegriffenes Aussehen auch glaubhaft machte. In Rimini blieben wir
statt einen zwei Tage, ohne das Albergo nur zu verlassen, und lschten
die Flammen der durch se Weine immer wieder angefeuerten Liebesglut
zur Genge, so da wir den dritten Tag mit ziemlich gedmpftem Feuer den
Weg nach Pesaro antraten, wo Lucilla auf das wohlwollendste von ihren
Eltern empfangen und wegen ihres Unwohlseins auf das teilnehmendste
bedauert wurde. In Rimini verweilte ich noch zwei Tage, nahm dann
herzlichen Abschied in meinem Quartier von meiner liebenswrdigen
Reisegefhrtin und setzte meinen Weg, ohne mich ferner irgendwo
aufzuhalten, nach Rom fort, wo ich wohlbehalten ankam, mich bei dem
General Miollis meldete, Torlonia besuchte und erfuhr, da die lngst
getrstete Cesarini noch immer auf dem Land lebe. Von Rom begab ich mich
nach einigen Tagen zu meiner Kompagnie nach Velletri, wo ich die
Kommandantur des Platzes wieder antrat und, um mich zu zerstreuen, mit
einigen Einwohnern fast tglich auf die Jagd ging, die hier
auerordentlich ergiebig ist.

Velletri ist an und fr sich ein hliches Nest, das auf einer Anhhe am
Abhang des Albaner Berges liegt. Es war die alte Hauptstadt der Volsker;
schon unter ihrem vierten Knig, Ankus Martius, sollen es die Rmer
erobert, aber nicht behauptet haben, bis es der achtzigjhrige Camillus,
nachdem er die Gallier verjagt, abermals eroberte. Die jetzige Stadt ist
schlecht, eng und abhngig gebaut, hat ein paar ansehnliche Palste,
namentlich den Palazzo Ginetti, durch seine schne Fassade, seine
prchtige Treppe und seine Grten berhmt; was die Stadt am
merkwrdigsten macht, ist, da Augustus hier geboren wurde. Hier und in
der Umgegend findet man noch viele altrmische Ruinen von Tempeln,
Villen und so weiter. Ich hatte meine Residenz in dem Palast
aufgeschlagen, der dem Kardinal Borgia gehrt hatte. Auf dem ziemlich
groen Marktplatz steht die Bildsule Urban VIII. fters machte ich auch
kleine Ausflge nach Porto d'Anzio, Piperno und so weiter, um dort
Kameraden zu besuchen, sowie Jagdpartien in die Pontinischen Smpfe, in
denen es von Geflgelwild wimmelte, namentlich wilden Enten und
Wasserhhnern, so da, wenn man einen Schu in die Schilfrohre tat, sich
eine schwarze Wolke von Vgeln erhob. Auf einer solchen Jagd hatte ein
paar Jahre frher ein Leutnant vom Regiment Y., namens Erny aus
Darmstadt, das Leben eingebt, indem er in einem berwachsenen Sumpf
ertrank oder vielmehr erstickte. Man fand seinen Leichnam nur mit Hilfe
seines zu ihm fhrenden treuen winselnden Hundes. Von Velletri aus hat
man die Gegend der Pontinischen Smpfe immer im Angesicht; sie beginnen
noch vor Treponti und erstrecken sich bis Terracina. Es gibt Pltze in
denselben, wo die Luft so giftig ist, da sie in wenigen Tagen tten
kann. Diese _aria cativissima_ ist wahrscheinlich durch die vielen
berschwemmungen entstanden, welchen diese Gegend so hufig ausgesetzt
ist. Csar, Trajan, Antonius Pius und andere alte Rmer sowie die Ppste
Bonifacius VIII., Martin V., Leo X. und besonders Pius VI. haben sich
unsgliche Mhe mit der Austrocknung dieser Morste gegeben, ohne ihren
Zweck vollkommen erreichen zu knnen; die berschwemmungen zerstrten
immer wieder teilweise die gemachten Arbeiten. Das einzige Vieh, das
hier gut gedeiht, sind die Bffel, von denen man groen, wohlgemsteten
Herden in Masse begegnet. Diesem Vieh scheint berhaupt nur im Morast,
Unrat und Schlamm ganz wohl zu sein, diese Erfahrung hatte ich schon in
meiner Heimat gemacht. Durch diese Smpfe ging auch die berhmte
Appische Strae, die man unter Pius VI. wieder auffand und die in
gerader Linie bis Terracina fhrt. Die neue Strae, welche Pius VI. 1778
anlegen lie, geht ihrer ganzen Lnge nach, etwa zehn Stunden, durch
diese Smpfe. Rechts von derselben befindet sich noch der Kanal, den
Augustus graben lie, um die Wasser abzufhren und den Horaz auf seiner
Reise nach Brindisi beschiffte. Der erwhnte Papst lie ihn wieder
instand setzen. Dieser Weg ist auf beiden Seiten mit hohen Ulmen und
Gebsch begrenzt, in gehriger Entfernung liegen Posthuser mit
gerumigen Stallungen, die Pferde sind aber meistens halb wild, schwer
zu zgeln und gehen gerne durch. Die hier lebenden Individuen sehen
hohlugigen, blagelben Gespenstern hnlich. Plinius berichtet, da in
dieser Gegend ehedem dreiundzwanzig blhende Stdte gestanden, von denen
aber keine Spur mehr vorhanden ist; selbst ihre Namen sind bis auf den
der Stadt Pometia, welche den ihrigen den Smpfen, in deren Mitte sie
lag, verlieh, verschwunden. Das Austreten der Flsse und Bche, deren
Wasser in die Ebene hinabstrmte, hat diese Morste gebildet. Napoleon
hatte die Absicht, diese Gegend austrocknen zu lassen, geuert, aber es
unterblieb, wie so manche seiner Projekte. Auf die Einwohner von
Velletri selbst und dessen nchste Umgebung scheint jedoch diese _aria
cattiva_ wenig Einflu zu haben, denn die Mnner haben ein gutes
Aussehen und sind von ziemlich krftiger Natur, und Mdchen und junge
Frauen haben blhende Gesichter; unter ihnen waren recht hbsche
Brnetten und nicht ohne Feuer, wie ich mich whrend meines Aufenthaltes
zu Velletri zu berzeugen hinlnglich Gelegenheit hatte. Sie haben
ungefhr dasselbe reizende, kokette und verfhrerische Kostm, wie die
Frauen zu Albano.

Da so ziemlich mit dem Anfang des Novembers die fatale Regenzeit eintrat
und was sich aus Rom hier aufhielt, nun dahin zurckkehrte, so fing ich
an, mich bei meiner obgleich ziemlich eintrglichen Kommandantur doch
gewaltig zu langweilen. Ich erbat mir deshalb fters Urlaub nach Rom,
wohin ich wegen der greren Entfernung nicht wie von Albano aus
tgliche Abstecher machen konnte. Das Haus, welches ich daselbst am
meisten frequentierte, war immer wieder Torlonia, wo ich auch in der
Regel den General Miollis traf, mit dem ich dort nher bekannt wurde.
Von der Cesarini erfuhr ich, da sie schon lngst einen vornehmen Rmer
zum erhrten Anbeter habe. Eines Abends uerte Miollis, dem mein
musikalisches Talent, das in diesen Soireen wieder in Anspruch genommen
wurde, gefiel, gegen Torlonia, da er eine Mission nach Paris habe, zu
der er einen gewandten und zuverlssigen Offizier gebrauche. Torlonia
meinte, in mir wrde er wohl finden, was er suche, und er erffnete mir
die uerung des Gouverneurs. Ich griff sogleich diese Sache mit dem
grten Eifer auf, denn schon lngst war es mein sehnlichster und
heiester Wunsch gewesen, Frankreichs berhmte Hauptstadt, von der alle
Teufeleien, Moden und die Welt erschtternde Befehle ausgingen, kennen
zu lernen, und ich bat Torlonia, seinen ganzen Einflu aufzubieten, es
bei dem General dahin zu bringen, mich zu dieser Sendung zu verwenden,
wobei ich auch noch Gelegenheit zu finden hoffte, zur kaiserlichen Garde
versetzt zu werden, ein anderer nicht minder eifriger Wunsch, den ich
lngst in meiner Brust nhrte. Torlonia versprach sein Bestes in dieser
Angelegenheit zu tun, und schon den nchsten Tag erfuhr ich zu meiner
Freude von ihm, da sich Miollis durchaus nicht abgeneigt gezeigt habe,
mich zu dieser Mission zu gebrauchen, durch die er, wie es scheine, auch
die Erreichung einiger Privatzwecke beabsichtige, wozu er mich fr ganz
geeignet halte; der Aufenthalt in Paris drfte aber mehrere Monate
whren. Je lnger, desto besser, erwiderte ich vergngt. Noch
denselben Tag wurde ich zum Gouverneur beordert, der mit mir ber diese
Angelegenheit sprach und damit begann, mir mitzuteilen, da sie weit
schwierigerer Art als die Sendung nach Wien sei, wo ich nur Depeschen
abzugeben gehabt und so weiter. Er lud mich zur Tafel, und ich hatte
mich so gut bei ihm zu insinuieren gewut, da eine zweite Unterredung,
die er auf den anderen Morgen festsetzte, damit schlo, da er mir
sagte, ich mchte mich bereit halten, gegen die Mitte des Dezember
abzureisen. Ich a nun noch fters beim General, brachte auch manchen
Abend mit ihm zu und hatte bald heraus, da meine offizielle Mission,
berbringung von Depeschen und Lieferungsangelegenheiten von
Montierungsstcken fr das im Kirchenstaat stehende Armeekorps,
eigentlich nur Vorwand war und gewisse Privatangelegenheiten Miollis,
die zu besorgen er mich fr tchtig hielt und ich betreiben sollte, die
Hauptsache ausmachten, weshalb ich auch auerdem noch mit den besten
Empfehlungsschreiben an die einflureichsten Personen zu Paris und den
Kriegsminister vor meiner Abreise versehen wurde. Den 10. Dezember
verlie ich Rom, schiffte mich in Civita-Vecchia auf einer
Kanonierschaluppe ein und landete trotz Strmen und den kreuzenden
Englndern doch schon den neunten Tag zu Marseille, von wo ich nach
einer kurzen Quarantne ber Aix, Avignon Lyon und so weiter, ohne mich
irgendwo aufzuhalten, nach Paris fuhr, wo ich noch vor Neujahr glcklich
eintraf. Es war aber schon beinahe Nacht, als ich die letzte Station vor
Paris verlie und so den ersten Anblick der groen Hauptstadt des damals
so mchtigen Kaiserreichs entbehren mute. Ich stieg in einem _Htel
garni_ der Strae Richelieu ab, wo ich fr diese Nacht nichts weiter als
ein bequemes Bett verlangte, denn seit Marseille hatte ich keines mehr
zu Gesicht bekommen und war an allen Gliedern wie gerdert; dies hatte
die Eile und der Wunsch, Paris baldmglichst zu sehen, gemacht, denn ich
hatte mir keinen Moment Rast gegnnt.




                                  XVI.

       Paris im Jahre 1810. -- Das Palais Royal. -- Unvermutetes
    Zusammentreffen mit dem Frsten Y... -- Der Konkordienplatz. --
       Notre Dame. -- Das Hotel de Dieu. -- Der Justizpalast. --
    Meinungen ber Napoleons Ehescheidung. -- Unerwartete Begegnung
   einer frheren Bekannten. -- Eine Interimsehe. -- Die Spielhllen
   im Palais Royal. -- Eine Wache wirft einen jungen Menschen in die
      Seine. -- Der Pariser Karneval. -- Die Ochsenprozession. --
      Stimmung des franzsischen Volkes bei der Nachricht von der
      bevorstehenden Vermhlung Napoleons mit Marie Louise. -- Ein
     verfnglicher Calembourg _aux franais_. -- Das Totenmahl beim
                              Frsten Y...


Hoch war es am Tag, als ich am anderen Morgen in der ungeheuren Stadt
erwachte, von der jetzt alle Blitze, furchtbarer als die des Vatikans,
und nicht zu widerstehende Vollstreckungsbefehle ber fast ganz Europa
ausgingen, und in der der Gebieter des Tages mit eisernem Willen und
Szepter thronte. Fast kam es mir wie ein Traum vor, mich in dem
Zentralpunkt zu finden, von dem seit zwanzig Jahren so viel Teufeleien
und welterschtternde Umwlzungen ausgingen, die der ganzen Erde eine
andere Gestalt zu verleihen schienen, und doch:

   Wir sind nun in der Stadt Paris,
   Wo man den Knig kpfen lie,
   Wo man die Welt so lang gedreht,
   Bis auf dem alten Fleck sie steht!

sagt das bekannte Guckkastenlied. Napoleon sprach aus eigener Erfahrung:
Es ist nur ein Schritt vom Erhabenen zum Lcherlichen! und hierin
hatte er vollkommen recht. Obgleich an allen Gliedern noch wie gerdert,
machte ich mich doch bald nach dem Erwachen aus dem Bett, nahm mein
Frhstck ein, steckte mich dann _en grande tenue_, und da es noch etwas
zu frh war, eilte ich zuerst in das ganz nahe gelegene weltberchtigte
Palais Royal, das mich eben in kein so groes Erstaunen versetzte,
obgleich es gewissermaen eine kleine Stadt fr sich bildet. Selbst das
ffentliche Leben und Treiben in Paris, das Gewhl auf den Boulevards
und in den Straen war auerordentlich, schien mir jedoch nicht
ungewhnlich, da es zu Neapel ebenso und in der Strae Toledo beinahe
noch grer ist, als in der Strae Saint Honor und anderen. Ich begab
mich in das damals so berhmte _Caf des mille colonnes_, das wegen der
sich in seinen Trumeaux tausendfach wiederspiegelnden Sulen so genannt
wurde, und in dem eine etwas korpulente Schnheit, eine cidevant
limonadire, als Dame _du Comptoir_ am Zahltisch thronte und mit
Brillanten berladen war. Von hier fuhr ich zum Kriegsminister, _Duc de
Feltre_ (Clarke), an den ich Briefe und Depeschen von General Miollis
nebst einem Empfehlungsschreiben hatte. Ich bekam ihn aber vorerst nicht
zu sehen, sondern hinterlie meine Adresse. Dann fuhr ich noch zu
verschiedenen anderen hohen Militrpersonen und im Zivil Angestellten,
an die ich ebenfalls Briefe und Empfehlungen abzugeben hatte. Hierauf
nahm ich einen Fiaker _ l'heure_ und lie mich, um rasch mit den
Lokalitten bekannt zu werden, ber alle Boulevards, dann an dem Louvre,
den Tuilerien vorbei, in die elysischen Felder fahren, kehrte ber den
Konkordienplatz, auf dem so lange die Zwietracht ihr scheuliches Haupt
geschttelt hatte, zurck, fuhr ber die Brcke, die damals auch diesen
satirischen Namen fhrte, nach dem Invalidenhotel, von da nach dem
Luxemburg und dem Pantheon, an dem _Jardin des plantes_, dem Quai Saint
Bernhard wieder herauf, in die Cit, an Notre-Dame und dem Justizpalast
vorbei, und von da wieder in mein Hotel, von wo ich mich, nachdem ich
etwas ausgeruht, wieder in das Palais Royal begab und ein lukullisches
Mittagmahl mit der eingebrochenen Nacht bei den _frres provenaux_
einnahm, dessen Hauptsubstanzen _Ptes de perigord_, _perdrix aux
truffles_, Ortolanen, Ananas zum Dessert und Kapwein waren. Auch war
meine _Carte payante_ einige vierzig Franken stark. Jetzt gefiel mir das
Palais Royal weit besser als am Tage. Es war fast magisch erleuchtet,
seine reichen Buden mit ihrem zum Teil sehr kostbaren Inhalt werfen
einen blendenden Glanz von sich, und die Tausende der Tchter der
Freude, von denen es wimmelte, alle in prchtiger, wenn auch oft
burlesker Toilette, gaben ihm einen eigenen Reiz und machten es
wenigstens fr den Beobachter sehr unterhaltend. Besonders, wenn man die
Knste wahrnahm, welche sie anwandten, um die Gimpel aus den Provinzen
und der Fremde, den unerfahrenen Neuling in ihre Netze zu locken und zu
fangen. Nachdem ich diesem Treiben eine Weile mit Vergngen zugesehen,
und  mon tour, einige dieser leichtfertigen Schnen zum besten gehabt,
indem ich ihnen gerade entwischte, wenn sie ihren Fang recht fest zu
halten glaubten, ging ich in das an das Palais Royal grenzende
franzsische Theater, wo ich zum erstenmal die Mars und zugleich ihre
Rivalin, die Leverd, spielen sah und von der unwiderstehlich reizenden
Persnlichkeit der ersteren entzckt wurde. So hatte ich meinen ersten
Tag in Paris hingebracht. Den folgenden nahm ich nochmals einen Fiaker
und fuhr ber den Bastillenplatz durch die Vorstadt Saint Antoine zur
Barriere de Vincennes hinaus und um die ueren Boulevards. Ich hatte
mich nun wenigstens oberflchlich in der unermelichen Stadt orientiert
und nahm mir vor, spter alle Merkwrdigkeiten einzeln zu besuchen, was
ich auch nach und nach vollbrachte, und namentlich die Schtze des
Louvre, welches damals die aus ganz Europa zusammengeraubten
Meisterwerke der ersten Knstler enthielt, sowie andere Museen, die
Kirchen, die Tuilerien, das Pantheon, den Pflanzengarten, den noch
stehenden Temple, die Conciergerie, in der Maria Antoinette ihre letzten
Kummertage zugebracht, sowie alle historisch merkwrdigen Orte besuchte.
Eine Beschreibung von Paris und seinen Monumenten, die Bnde fllen
wrde, wre hier um so weniger an ihrem Platz, als diese tausendmal
beschriebenen Gegenstnde so ziemlich von jedermann gekannt sind und
jeder wei, da das Palais Royal, vom Kardinal Richelieu erbaut, der
Sammelplatz und das Rendezvous der Individuen aller Nationen ist, da
die Kaffeesle und Restaurationen prchtig sind, man in Silber serviert
wird, die Leckerbissen aller fnf Weltteile hier zu haben sind, da,
wenn man in dessen Spielhllen sein Geld verloren, man seinen Schmerz in
der anstoenden Restauration nach Belieben in Tokaier, Kapwein oder
Lacrimae Christi ertrnken, sich dann in der unter derselben
befindlichen Waffenbude ein paar Pistolen kaufen und mit einem Druck all
seinen irdischen Leiden ein Ende machen konnte, wie dies fters
vorgekommen, und so weiter. Whrend der Revolution war das Palais Royal,
_Palais Egalit_ genannt, der Tummelplatz der grten Unruhestifter.
Hier hatte man zuerst die dreifarbige Kokarde aufgesteckt, den Papst im
Bilde verbrannt, d'Espremenil im Bassin des Gartens ersuft, und Camille
Desmoulins forderte hier vor dem _Caf Foy_ das Volk zum Aufstand gegen
den Hof auf. Es war und ist bestndig der Sammelplatz aller
Pflastertreter, Glcksritter, Taschendiebe, Gaukler, politischen
Kannegieer, Neuigkeitskrmer, Freudendirnen, Modedamen und so weiter.
Ein Sndennest, in dem sich alle Laster und Verbrechen zu einer
Quintessenz konzentrieren.

Als ich den dritten oder vierten Tag mich zum Frhstck in das Palais
Royal begab, begegnete ich zu meinem groen Erstaunen Sr. Durchlaucht
dem Frsten Y., und zwar in Generalsuniform, daselbst. Ich hatte ihn,
seitdem er das Regiment zu Montpellier verlassen, nicht wieder gesehen.
Er war zum Brigadegeneral avanciert. Ich grte ehrerbietig und wollte
mich an ihm vorberdrcken. Er hatte mich aber erkannt und die Gnade,
mich deutsch mit den Worten: Mein Gott, Frhlich, wie kommen Sie
hierher? anzusprechen. -- Ich mute ihm nicht nur dieses, sondern meine
ganze seit jener Zeit durchlaufene Karriere mit wenig Worten mitteilen.
Er war nun so gndig, mich fast mit Gewalt in das _Caf Foy_ zu ntigen
und daselbst mit dem feinsten Likr zu regalieren, erzhlte mir, da er
bestimmt gewesen, in Spanien bei dem Armeekorps des Marschall Moncey zu
agieren und dessen erste Division zu kommandieren, da ihn aber das sich
jetzt immer hufiger einstellende abscheuliche Podagra verhindert habe,
Beweise von seinem militrischen Genie und seiner Tapferkeit abzulegen.
Der Geschichte zu Montpellier wurde mit keiner Silbe erwhnt, aber ich
erlaubte mir, Sr. Durchlaucht im Laufe des Gesprches einige Bemerkungen
ber die Zusammensetzung und Administration des Regimentes Y. submissest
zu machen, namentlich da so mancher Schofel dabei angestellt gewesen.
_Son Altesse_ geruhten die Achsel zu zucken, tranken ein Glschen _Crme
de Mocca_ mehr, luden mich ein, sie den kommenden Morgen in ihrer
Wohnung in der Rue Saint George zu besuchen, und whrend meines
Aufenthaltes zu Paris ihr Haus wie das meinige zu betrachten. Ja der
Frst bot mir sogar ein Zimmer in seiner Wohnung an, wofr ich jedoch
herzlich dankte, dagegen den Besuch versprach. Als wir den Kaffeesaal
endlich verlieen und ich mich zu Gnaden empfehlen wollte, lud er mich
ein, noch einen Spaziergang mit ihm nach den elysischen Feldern zu
machen. Als wir ber den Konkordienplatz kamen, stand er still und sagte
seufzend: Dies ist der schnste Platz in Paris, aber auch ein
frchterlich merkwrdiger Platz! -- Jawohl, Ihro Durchlaucht,
erwiderte ich, denn hier fielen die Hupter des unglcklichsten
Knigspaares unter dem Beil des Henkers. Dieser Platz ist es, auf dem
bei den Vermhlungsfeierlichkeiten Ludwig XVI. und Maria Antoinettens
ber hundertfnfzig Menschen das Leben verloren und an tausend mehr oder
minder beschdigt und verstmmelt wurden -- ein schreckliches Fest! --
Hier wurde 1792 die Bildsule des stupiden Wstlings Ludwig XV., der
frisiert, mit Lorbeern gekrnt und in rmischer Tracht dargestellt war,
umgestrzt. Hier fielen whrend der Schreckenszeit unzhlige freisinnige
und rechtliche Brger als Opfer der blutigsten republikanischen
Tyrannei, und da, wo wir stehen, war der Boden von dem vergossenen Blut
schon so durchtrnkt und schlpfrig, da man nicht mehr darauf gehen
konnte, ohne auszuglitschen, und die Guillotine mute weiter gebracht
werden. -- Lassen Sie auch uns weiter gehen, sagte Frst Y. etwas
kleinlaut, und wir eilten nach den elysischen Feldern, wo ich uerte,
da ich gerne nach Notre-Dame, da ich diese Kirche noch nicht besucht,
gehen mchte. -- Ich will Sie dahin begleiten, sagte der Frst, und
wir fuhren zusammen in einem Fiaker nach der groen Seine-Insel, die fr
sich eine sehr bedeutende Stadt bildet. Bei Notre-Dame angekommen,
stiegen wir aus. Auf der Stelle, wo diese ungeheure Steinmasse steht,
war vor Jahrtausenden ein heidnischer Gtzenaltar. Als die Pariser
Heiden christliche Menschen wurden, strzten sie diesen, wie in unseren
Tagen ihre Knige, und errichteten dem heiligen Stephan eine Kirche auf
diesem Platz. Childebert I. lie eine grere Kirche dahin bauen, die er
der Jungfrau widmete. 1010 legte aber Robert der Fromme, ein Sohn Hugo
Capets, den Grundstein zu dem jetzt noch stehenden Riesentempel, an dem
ber drei Jahrhunderte gebaut wurde. Zweitausend Bleitafeln decken ihn
und seine Seitenkapellen. Auf dem Platz vor der Kirche, Parvis genannt,
hatten die Bischfe von Paris ihre eigene Gerichtsbarkeit, was durch
eine daselbst aufgehngte Galgenleiter angedeutet war. 1789 fand die
feierliche Fahnenweihe der Nationalgarden unter Lafayette in dieser
Kirche statt. Whrend der Schreckenszeit wurde sie ihrer schnsten
Zierden beraubt, zahllose Figuren, Obelisken, Pyramiden, Mausoleen
wurden zertrmmert. Die stupiden Blutmenschen whlten sogar die Grber
auf und beraubten sie der Knochen und Lumpen, die sie enthielten.
Unsinnige Kannibalen, wtende Ungeheuer, die sich, ein beiender Spott,
Freiheitsmnner nannten, weil sie selbst auf eine kurze Zeit die
Freiheit hatten, alle Freiheit mit Fen zu treten, hielten jetzt ihre
Versammlungen in den geweihten Mauern, sangen ekelhaft-schmutzige
Zotengesnge in den hochgewlbten Hallen und brllten gleich wtenden
Bestien klassische Dummheiten und Nichtswrdigkeiten von der Kanzel
herab, sich dabei Philosophen nennend. Als endlich 1802 die Freiheit des
Gottesdienstes wieder proklamiert wurde, erhielt die Kirche ihre frhere
friedliche Bestimmung wieder, und war nicht mehr der Tummelplatz der
abgeschmacktesten Unwissenheit. Den 3. Dezember lie sich Napoleon von
Pius VII., den er jetzt gefangen hielt, hier krnen. Die groe Glocke
des einen Turmes, die Ludwig XIV. aufhngen lie, wiegt weit ber
dreihundert Zentner. Gleich bei dieser Kirche befindet sich das groe
Hotel de Dieu, dessen Stiftung man einem heiligen Landry zuschreibt, der
der achte Bischof von Paris gewesen. Aber der eigentliche Grnder war
der heilige Ludwig. Hier werden die Kranken aller Nationen, ohne
Unterschied des Geschlechtes, der Religion, des Standes, aufgenommen,
gut gepflegt und von mehr als zweihundert frommen Schwestern und einem
halben Hundert Ober- und Unterchirurgen bedient. Nur Pestkranke,
Venerische und Unheilbare nimmt man nicht an. Die Sle enthalten ber
viertausend Betten. Hier findet man die lebendigsten Gemlde alles
menschlichen Elends und Jammers. 1737 legte eine vier Tage lang wtende
Feuersbrunst das ganze Gebude in Asche. Noch furchtbarer war die von
1772, bei welcher viele Hunderte von Kranken den Tod in den Flammen
fanden. Der auf derselben Insel liegende Justizpalast ist ein wahres
Labyrinth der Gerechtigkeit, zu welchem nur die in alle Schikanen der
heiligen Justitia Eingeweihten den leitenden Faden haben. Es war ehedem
die Residenz der Herrscher Frankreichs, bis es Karl III. dem Parlament
abtrat. In dem ungeheuren Saal der _Pas perdus_ finden sich alle
zusammen, die hier etwas zu suchen oder zu verlieren haben. Auch ist er
das allgemeine Entree zu den verschiedenen Tribunalen. Unter diesem Saal
befinden sich die Archive, in denen Berge von Prozeakten aufbewahrt
werden, worunter manche von hohem Interesse sind, wie zum Beispiel die,
welche die Johanna d'Arc betreffen. Die heilige Kapelle, die an diesen
Palast stt, ist die uralte Kirche der ersten christlichen Rasse der
Knige von Frankreich, die auch diesen Palast erbaute. Sie ist ein
schnes Monument jener Zeiten.

Frst Y. hatte die Gte, bei Besichtigung dieser Merkwrdigkeiten mein
Cicerone zu sein. Er lud mich, als wir uns trennten, nochmals dringend
ein, ihn doch ja den nchsten Morgen zu besuchen, und zum Dejeuner um
Mittag bei ihm zu sein. Ich versprach, mich zur bestimmten Zeit
einzufinden, und hielt Wort, wurde uerst freundlich empfangen und
brachte wieder ein paar Stunden mit ihm hin. Aber das bse Zipperlein
plagte ihn so gewaltig, da er, auf einer Ottomane ausgestreckt, nach
Rmersitte das Frhstck zu sich nahm. Noch denselben Tag mietete ich
mir eine Wohnung von ein paar mblierten Zimmern in der Strae Choiseul,
streifte noch immer in der groen Stadt umher, um sie genauer kennen zu
lernen, und machte hier und da einige nicht uninteressante
Bekanntschaften unter den Offizieren in Restaurationen und
Kaffeehusern. Damals war ganz Paris voll von Napoleons Ehescheidung von
Josephinen. Dieser Gegenstand gab fortwhrend den Hauptstoff der
Unterhaltung an ffentlichen Orten und in Privathusern; und wie gro
auch das Spionenwesen zu jener Zeit in Frankreich und Paris sein mochte,
so da jedes nur zweideutige Wort von der geheimen Polizei aufgefangen
wurde, so nahm man dennoch bei dieser Veranlassung kein Blatt vor den
Mund, besprach diese Scheidung ffentlich und tadelnd, nannte sie ebenso
unpolitisch und unklug als lieblos. Ebenso rcksichtslos sprach man sich
ber den Kaiser hinsichtlich des spanischen Krieges, ja ber das
Spioniersystem selbst aus. Freilich htte man ganz Paris und halb
Frankreich einstecken oder stumm machen mssen, wenn man alle
Individuen, welche sich dies herausnahmen, htte bestrafen wollen. Ein
Beweis, da auch der gewaltigste Despotismus die Zungen nicht in Fesseln
zu legen vermag, wie viel weniger die Gedanken. Was die Kpfe aber jetzt
am meisten beschftigte, war die Wahl, die Napoleon treffen wrde, um
sich eine zweite Gemahlin zu geben. Die meisten Franzosen waren der
Meinung, da es eine Franzsin aus einer guten Familie sein werde. Ist
er klug, sagten viele, so nimmt er sich eine liebenswrdige Frau aus
einer honetten Brgerfamilie, um seine Nachfolge zu sichern. Dadurch
wird er die Nation durch ein Band mehr an sich knpfen und zeigen, da
er ber die alten Vorurteile und Schnurrpfeifereien erhaben ist. Aber so
klug war er nicht. Die kaiserliche Krone war zu schwer fr ihn und
lastete drckend auf seinem Gehirn, denn seit er sie sich auf den Kopf
gesetzt, sah er nicht mehr klar und befolgte in jeder Hinsicht eine
jmmerliche, kindische und kleinliche Politik, die ihn notwendigerweise
ins Verderben strzen mute, wie er berhaupt als Politiker noch tief
unter der Mittelmigkeit stand. Wenig Personen glaubten, da er sich
eine auswrtige Prinzessin, und am allerwenigsten, da er sich eine
sterreichische zulegen wrde. ber die Ehescheidung selbst waren die
Meinungen sehr verschieden. Denn so sehr auch Josephine im allgemeinen
beliebt war, so sagte man sich doch, da es zum Wohle Frankreichs ntig
sei, da Napoleon Leibeserben erhalte, und entschuldigte ihn deshalb,
sowie wegen seiner meist sehr flchtigen Nebenamouretten, da Josephine
whrend seiner Abwesenheit in Italien, wo er als Oberfeldherr des
dortigen Heeres weilte, und wenn sie Bder besuchte, sich ebenfalls
keiner allzu groen ehelichen Treue rhmen konnte.

Als ich eines Tages, nachdem ich mehrere Auftrge fr das im
Kirchenstaat stehende Armeekorps besorgt und Lieferungskontrakte
abgeschlossen, etwa zehn Tage nach meiner Ankunft zu Paris, heimkehrte,
fand ich eine Order vom Kriegsminister vor, die mich auf den nchsten
Morgen zu demselben beschied. Mich zu ihm verfgend, wurde ich sogleich
in sein Kabinett eingefhrt und sehr artig von ihm empfangen. Er fragte
mich besonders viel ber die rmischen Zustnde, erkundigte sich nach
den Einzelheiten bei der Verhaftung des Papstes und was bis zu meiner
Abreise noch in Rom besonders vorgefallen und so weiter. Nach dem, was
mich Miollis hatte merken lassen, schien es, als suche er eine
Versetzung nach Paris und in Napoleons Nhe, nach Clarkes uerungen
aber war es der Marschallstab, der ihm im Kopf steckte, und jetzt ging
mir erst ein Licht auf, warum er mir Empfehlungen an verschiedene
Personen mitgegeben hatte, die in nherer Berhrung mit der an den
Prinzen Borghese vermhlten Schwester Napoleons, der schnen Pauline
standen, und von der er sich einbildete, da sie eine groe Gewalt ber
ihren Bruder habe. Bei mir hatte er sich geuert, da, wenn man ein
Anliegen beim Kaiser habe, es durch diesen Kanal am besten vorgebracht
werde. Auch ich mte suchen, diese Gelegenheit zu bentzen, um mich in
die Gunst dieser Dame zu setzen und so eine recht brillante Karriere zu
machen, dabei aber auch seine Angelegenheit nicht vergessen. Da aber
Pauline noch gar nicht in Paris anwesend war, so konnte fr den
Augenblick nicht operiert werden. Clarke erffnete mir, da, so lange
meine Anwesenheit whre, ich tglich vierundzwanzig Franken Diten
erhalten werde. Meine Reisekosten wurden mir natrlich ohnehin reichlich
vergtet. Dazu kam noch, da ich von den Kaufleuten und Fabrikanten, mit
denen ich Lieferungskontrakte abschlo, nicht unbedeutende Geschenke
erhielt. Dagegen aber bekam ich fortwhrend so viel Auftrge von
Offizieren meines Regimentes und anderer, die im Rmischen standen,
silberne und goldene Epauletten, Hte, Federbsche, Handschuhe, Tcher,
Stiefeln und Gott wei was alles zu kaufen und zu schicken, da oft kaum
meine Kasse hinreichte, all diese Kommissionen zu besorgen. Auch erhielt
ich spter kaum ein Dritteil meiner Auslagen wieder, da viele der
Offiziere blieben oder starben, bevor sie mich bezahlten, andere nicht
daran dachten, dies zu tun. Indessen stand ich mich dennoch im ganzen in
finanzieller Hinsicht sehr gut in Paris und erhielt sogar noch einiges
Geld von Haus. Frst Y., der mich jetzt, ich wei nicht warum, in ganz
besondere Affektion genommen hatte, und dem ich bisweilen aus
franzsischen oder deutschen Werken, wenn ihn das bse Zipperlein
plagte, vorlas, bestand darauf, da ich wenigstens den Tisch bei ihm
nehmen msse und stellte sogar eine Equipage und ein Reitpferd zu meiner
Verfgung, wofr ich ihm sehr erkenntlich war, da dies in Paris nicht zu
verwerfen und keine Kleinigkeit ist. Ich machte besonders Gebrauch von
letzterem, indem ich fast tglich ber die Boulevards und in die
elysischen Felder ritt, den Wagen aber nur selten bentzte und mich
lieber in einen Fiaker setzte. Nach und nach hatte ich auch smtliche
Theater, es waren damals nur acht im Gange, besucht. Frher hatte man
deren an zwanzig gezhlt, Napoleon hatte aber, ich wei nicht warum, ein
Dutzend aus eigener Machtvollkommenheit schlieen lassen.

Der Neujahrstag war diesmal (1810) ganz besonders glnzend und feierlich
in Paris begangen worden, die Gratulationsdeputationen nahmen kein Ende.
Zu seinem Leidwesen konnte Frst Y. sich nicht seiner Schuldigkeit in
dieser Hinsicht entledigen, da ihn das Podagra den ganzen Tag an das
Faulbett fesselte, was ihn sehr mimutig machte. Die Buden in dem Palais
Royal, auf den Boulevards, der Strae Saint Honor und so weiter waren
beraus reich und prchtig, wie es um diese Zeit immer geschieht, mit
den kostbarsten Waren jeder Gattung ausgestattet; besonders aber waren
es die Bijouterie-, Gold- und Silber-, Mode- und Konditorlden. So
geschmackvoll mit den kostbarsten Gegenstnden versehen, hatte ich sie
noch nirgends bemerkt. Diese Tage sind hauptschlich fr die sich
auszeichnenden Pariser Theaterprinzessinnen ergiebig, die mit Geschenken
berschttet werden. Auch Se. Durchlaucht hatten sich reich mit
dergleichen versehen, wenigstens fr zwanzig- bis fnfundzwanzigtausend
Franken an Wert, die sie einigen Theaterhoheiten zum Geschenk machte. Da
Frst Y. ber acht Tage das Zimmer hten mute, so beauftragte er mich
mit der berbringung mehrerer derselben in seinem Namen. Namentlich
erhielt Demoiselle Mars und die schne Tnzerin Gardel eine jede ein
Paar Brillantohrringe von mindestens viertausend Franken an Wert, die
mit groer Freundlichkeit dankbar angenommen wurden. Man bat mich auf
das hflichste, Seiner Durchlaucht ihre wohlwollenden Gesinnungen zu
versichern und auch meine Besuche zu wiederholen, was ich nicht
verschmhte. -- _Mais soyez sage_, hatte mir Frst Y. nachgerufen, als
ich ihn verlie. -- _Monseigneur, a va sans dire_, hatte ich
geantwortet und wenigstens diesmal Wort gehalten.

Als ich bald nach Neujahr eines Nachmittags durch die Tuilerien ging,
begegnete ich im Garten derselben einer weiblichen weiverschleierten,
hbsch gewachsenen Figur, deren Gesicht, so viel ich durch den Schleier
sehen konnte, mir sehr bekannt vorkam. Die Dame hatte mich aber nicht
bemerkt, sondern war mit zu Boden gesenktem Blick an mir
vorbergeglitten. Ich drehte mich um, musterte die zierliche schlanke
Gestalt, deren Anzug jedoch gerade nicht nach dem neuesten Schnitt und
ziemlich rmlich war, sowie die ganze Haltung keine Pariserin, sondern
etwas Fremdartiges verriet. Meine Neugier war rege geworden, ich folgte
ihr in einiger Entfernung, berholte sie dann, um sie noch einmal ins
Auge zu fassen. Am groen Bassin angekommen, drehte ich mich um und ging
ihr mit langsamen Schritten gerade entgegen, blieb aber noch im Zweifel,
wer sie sei, da mich der faltenschlagende Schleier die Zge wieder nicht
genau erkennen lie. So viel war mir jedoch klar, da ich sie kennen
mute. Ich wollte schlechterdings Gewiheit haben, berflgelte sie zum
zweiten Male, und ihr zum dritten Male begegnend, grte ich sie so, da
sie es wahrnehmen mute. Jetzt ertnte ein: _Oh dio mio!_ aus ihrem
Munde, sie blieb vor mir stehen, und da sie bemerkte, da ich noch
ungewi ber ihre Person sei, schlug sie den Schleier zurck und sagte:
_Ma Signore, non mi conoscete?_ und jetzt erkannte ich -- die zu Rom
entfhrte Nonne in ihr und rief aus: Ach, Madame Bonnier. -- Die bin
ich. -- Und Ihr Gatte, Signora? -- Steht bei der Armee in Spanien.
-- Ich begleitete nun die Dame, die ber dies Zusammentreffen ebenso
erfreut schien, wie ich selbst, lud sie zu einem Spaziergang in die
elysischen Felder ein und bat sie, mich von dem, was ihr seit ihrer
Abreise von Rom begegnete, zu unterrichten. Um uns so ungestrter
unterhalten zu knnen, nahm ich einen Fiaker, mit dem wir vor die
Barriere von Neuilly fuhren. Sie teilte mir nun mit, da noch groe
Schwierigkeiten zu berwinden gewesen, bis sie Bonniers rechtmige
Gattin geworden, und sie noch vor der Trauung schon einigemal bereut,
diesen Schritt getan zu haben, spter aber weit mehr. Sie habe sich
schon oft wieder in das ruhige friedliche Stilleben des Klosters
zurckgesehnt, wo man von dem Treiben und den Kabalen der bsartigen
Welt nichts wisse und nicht von ihr beunruhigt werde, und wogegen die
kleinen klsterlichen Trakasserien Kindereien seien. In Frankreich und
Paris gefalle es ihr gar nicht. Sie habe noch mit keiner einzigen
Familie ein vertrauliches Verhltnis anknpfen knnen und mit ihrer
eigenen sei sie zerfallen, ihr Mann schon bald ein Jahr von ihr
getrennt, und so stehe sie einsam und verlassen in der groen Stadt, wo
sie auer ein paar italienischen Offiziersdamen, deren Mnner
gleichfalls bei der Armee in Spanien stnden, und die ungefhr in
demselben Verhltnis wie sie sich befnden, keine Seele kenne. Bei
dieser, im Ton des Schmerzes gemachten Erzhlung kamen ihr fters die
Trnen in die Augen und sie flte mir die grte Teilnahme ein.
Obgleich leidend und etwas abgehrmt, war Angelika doch noch sehr schn,
ja verfhrerisch-reizend. Ich suchte ihr allen mglichen Mut
einzusprechen, und da sie sich hauptschlich deshalb beklagte, da ihr
Mann ihr so selten Nachricht von sich gebe, stellte ich ihr vor, da
dies von Spanien aus jetzt nicht anders sein knne, da die
Kommunikationen oft so schwierig, ja nicht selten ganz abgeschnitten
seien. Es waren bereits ber fnf Monate, da er ihr zum letztenmal, und
zwar von der portugiesischen Grenze aus, geschrieben hatte. Was sie am
meisten zu qulen schien, war, ob ihr Bonnier auch wohl treu geblieben
und nicht andere Liebeshndel gehabt, denn, wie sie gehrt, seien die
Spanierinnen den Mnnern sehr gefhrlich. Ich lchelte ber die Naivitt
der guten Exnonne und versicherte ihr, da dies bei mir nicht der Fall
gewesen wre, fr andere aber knne ich freilich nicht stehen. -- Ach,
die Mnner, und noch obendrein die Offiziere taugen alle nicht viel. --
Wie, haben Sie schon solche Erfahrungen gemacht? -- Ach, man hrt es
ja jeden Tag von den Herren selbst. Mein Mann hat mir genug davon
erzhlt. -- Ich bat sie jetzt, mir zu erlauben, sie heimbegleiten und
bisweilen besuchen zu drfen. Etwas verlegen suchte sie das erste
abzulehnen und das zweite hinauszuschieben. -- Aber Sie werden mir doch
das Vergngen machen, eine Suppe in einer Restauration mit mir zu
nehmen? -- Dies akzeptierte sie nach einigen Komplimenten und wir
fuhren nach dem Palais Royal zu den _frres provenaux_, wo ich ein
vollstndiges und sehr leckeres Diner nebst den feinsten Weinen
servieren lie. Madame Bonnier wurde nun munterer, aufgeweckter und
zutraulicher, und als ich sie nochmals bat, sie nach Hause bringen zu
drfen, gestand sie mir offenherzig, da sie sich schme, mich in ihrer
Wohnung zu empfangen, weil diese gar zu schlecht sei, und offenbarte,
da nur daher ihre Weigerung gerhrt habe. Sie habe nur ein kleines
Dachkmmerchen, zur hchsten Not mbliert, nebst einem Alkoven zum
Schlafen, und zwar im ersten Stock eines Hauses, wenn man vom Himmel
herabsteige. Diese Bedenklichkeit wute ich bald zu beseitigen, und
nachdem wir getafelt und den Kaffee eingenommen, fuhren wir in die
damals noch sehr entlegene und wenig bewohnte Strae Lazare, wo wir an
einem unansehnlichen Hause ab- und fnf Treppen hinaufstiegen. Die Dame
ffnete ein schlecht verschlossenes Mansardenzimmer, das allerdings auch
nicht den mindesten Anschein von Wohlhabenheit, sondern Drftigkeit und
Mangel verriet. Zwei wackelnde Sthle, ein Tisch in demselben Zustand,
ein Stck von einem Spiegel, ein alter Koffer machten das ganze
Ameublement aus. Errtend sagte Madame Bonnier eintretend: Hatte ich es
Ihnen nicht gesagt, da ich eigentlich keinen honetten Menschen hier
empfangen kann? -- Jedes Gemach, das Sie bewohnen, wird zum
Prachtsaal, antwortete ich ihr, Ihre Gegenwart wrde selbst die Hlle
zum Himmel umschaffen. Dabei erlaubte ich mir, sie auf die Stirne zu
kssen. Die Nahrung und das brige Leben der armen Frau war ganz im
Einklang mit ihrer Wohnung. Doch war mehr Mangel an Einrichtung,
Erfahrung und Weltkenntnis als Mangel an Subsistenzmitteln schuld, denn
ihr Mann lie ihr monatlich neunzig Franken von seinem Gehalt zurck,
die ihr in Paris ausgezahlt wurden; und wenn man keine groen Sprnge
damit machen konnte, so war es doch hinlnglich fr eine Person, die
sich einzurichten verstand, um auszukommen, ohne Not zu leiden,
besonders wenn man eine so wohlfeile Wohnung hatte. Aber die Dame wurde
von allen, mit denen sie zu tun hatte, bestohlen und betrogen. Kaum da
sie zur Not den Wert des Geldes kannte. Sie hatte eine sogenannte _femme
de menage_, die sich jeden Morgen einfand, ihre kleine Aufwartung und
Kommissionen besorgte, sie aber alles doppelt und dreifach bezahlen lie
und ihr dazu noch die schlechtesten Viktualien lieferte, nur Ausschu,
und auerdem ein Teufel von einem alten Weibe war, die sich nicht das
Geringste sagen lie, sondern die arme Frau, die sich nicht zu helfen
wute, mihandelte und beschimpfte, wenn sie es wagte, ihr irgendeine
Bemerkung zu machen. Dies alles sah ich bald ein und tat Madame Bonnier
den Vorschlag, vor allem eine andere Wohnung zu suchen. Da sie mir
einwandte, da dies ihre Mittel nicht erlaubten, erwiderte ich: Lassen
Sie mich dafr sorgen. Sodann riet ich ihr, sich des alten Drachen, der
sie so schlecht bediene und betrge, zu entledigen. Aber sie frchtete
sich vor dem Weibe und wagte es nicht, ihr zu kndigen. Dies nahm ich
auch auf mich, und als die bse Sieben wieder schlechte Ware zu hohem
Preis gebracht und noch obendrein Hndel anfing, ging ich ihr derb zu
Leibe, ihr das schndliche Benehmen gegen Madame Bonnier vorhaltend. Sie
entschuldigte sich damit, da ihr Charakter einmal so sei. Ich versetzte
darauf: Jedermann hat seinen eigenen Charakter, der meinige ist, da
ich solche Kanaillen zur Tre hinauswerfe, und damit machte ich die
Tre auf und hie sie sich packen. -- Ich habe noch einen Monat zu
bleiben und eher gehe ich nicht. -- Das wird sich gleich finden, was
hast du noch zu fordern? -- Madame Bonnier sagte: Sie erhlt fnfzehn
Franken monatlich von mir. -- Ich warf sie ihr hin. -- Ich habe auch
noch siebenundzwanzig Franken fr Auslagen zu fordern. -- Auch diese
gab ich ihr, hie sie nun sich trollen und verbot ihr das Wiederkommen.
Aber noch wollte sie nicht gehen und schimpfte. Nun ri mir die Geduld.
Ich packte sie beim Arm, warf sie zur Tre hinaus und die Treppe hinab.
Sie schimpfte noch bis auf die Strae und wollte klagen; indessen hrte
ich nichts weiter von ihr. Ich beurlaubte mich von der Dame mit einem
Abschiedsku, den sie mir dankend erwiderte, und mietete in der nahen
Strae Montblanc eine ziemlich gerumige mblierte Wohnung mit zwei
Schlafzimmern und einem hbschen Salon in der Mitte, nebst einem _Salle
 manger_. Alles fr hundertsechsundzwanzig Franken monatlich. Nachdem
dies geschehen, holte ich Madame Bonnier ab, welche, als sie das Logis
sah, ausrief: _Ma  troppo bello!_ Ich zeigte ihr alle Piecen und
fragte sie: ob sie mir wohl erlauben wolle, das eine Schlafzimmer zu
beziehen. -- Errtend antwortete sie mir: _Ma ella  il Padrone._ --
Und dann trennt uns ja der Salon, versetzte ich lchelnd. Ich lie nun
gleich ihre wenigen Sachen hierherbringen, sorgte auch fr ein Pianino
und eine Gitarre, und in den nchsten vierundzwanzig Stunden waren wir
beide in der neuen Wohnung installiert, in der wir auch bald wie Mann
und Frau lebten. Ich lie eine Conturire, eine Modistin und eine
Lingre kommen und bat sie, ohne Umstnde das zu bestellen, was sie am
ntigsten bedrfe, indem wir spter schon abrechnen wrden. Nur mit der
grten Bescheidenheit machte sie von diesem Anerbieten Gebrauch, so da
ich gentigt war, selbst dafr zu sorgen, da sie an Kleidern, Putz und
Wsche wenigstens das Unentbehrlichste erhielt, wobei sie jeden
Augenblick ausrief: _Ma  troppo, Signore!_ Wir fhrten jetzt eine
artige Haushaltung zusammen, das Essen lie ich von einem Restaurateur
bringen oder wir aen auch bei einem solchen, und verlebten die
Flitterwochen recht vergngt, da ich mit meiner Interims-Gattin die
Promenaden, die Theater, Konzerte und sonstigen Vergngungsorte
besuchte, der nun auch das Pariser Leben besser zu gefallen begann.
Eines Tages erhielt ich eine Einladung zur Tafel vom Kriegsminister, die
ich mit groem Vergngen annahm, hoffend, da mir dieses Gelegenheit
geben wrde, mein Privatanliegen, die Versetzung zur Garde, zur Sprache
bringen zu knnen. Dies war aber nicht der Fall; es waren viele Generle
und Stabsoffiziere bei Tische, ich konnte kaum ein paar Worte mit Clarke
wechseln, welche Miollis betrafen, und mute unaufhrlich Fragen
beantworten, die man hinsichtlich der Verhaftung und Entfhrung des
Papstes an mich tat. -- Ich hatte Madame Bonnier vorgeschlagen, den
Versuch zu machen, sie einigermaen mit ihrer Familie wieder
auszushnen. Sie aber meinte, das wrde sehr schwer sein. Ich schrieb
nun in dieser Angelegenheit an Miollis, meldete ihm zugleich den Erfolg
meiner bisherigen Bemhungen und meine Hoffnung fr die Zukunft und bat
ihn, sich doch nachdrcklich bei der Familie der Madame Bonnier zu
Pesaro fr diese unglckliche Dame verwenden zu wollen. Dies hatte einen
so gnstigen Erfolg, da sie auch bald nachher einen Wechsel von
tausendfnfhundert Franken und das Versprechen von ihren Verwandten
erhielt, da man ihr von Zeit zu Zeit kleine Untersttzungen zukommen
lassen wolle. Angelika war nun auerordentlich vergngt, und schien
ihren Mann, der vielleicht in den Armen einer hbschen Andalusierin oder
Kastilianerin schwelgte, in den meinigen ganz zu vergessen. Sie nannte
mich: _Il suo caro marito_, und ich sie: _Ma petite femme_, und die
ehemalige Braut Christi wurde ein ganzes Weltkind. Was ihr hauptschlich
viel Vergngen gewhrte, war der Besuch der groen Oper und der
Ballette, die mit einem unerhrten Prachtaufwand gegeben wurden und zum
Teil wahrhaft bezaubernd waren, wie zum Beispiel >_La fte de Mars_<,
>Amor und Psyche<, >Das Urteil des Paris<, >Venus und Adonis< und so
weiter, und Knstler, wie Gardels, die Saulnier, Clotilde, Marelie,
Bigottini, Vestris, Beaupr und so weiter, tanzten alle wie Gtter, die
sie reprsentierten. Da die Karnevalszeit nahte, so wurde das Leben
immer lustiger und namentlich machten auch die Maskenblle der groen
Oper meiner jungen Frau groes Vergngen. Die italienischen Opern, die
im Theater _de l'Impratrice_ (Odeon) gegeben wurden, versumten wir
nie, da sie Angelika groes Vergngen zu bereiten schienen. Seltener
besuchten wir das franzsische Theater, bisweilen die Komdie und die
Vaudevilles. Die Akademie _impriale de musique_ in der Strae Richelieu
hatte zu jener Zeit einen hohen Grad der Vollkommenheit erreicht. Die
ausgezeichnetsten musikalischen Talente nicht nur Frankreichs, sondern
von ganz Europa waren hier konzentriert und vereinten alles, was
Gesicht, Gehr und Gefhl zu entzcken vermag. Pracht und Pomp waren mit
Geschmack und Kunst verbunden. Dekorationen, Kostme, Maschinerie war
erstaunenswert. Kompositeurs, Maler, Musiker, Snger und Tnzer, alles
harmonierte und wetteiferte miteinander, die allgemeine Bewunderung zu
erregen. Armidas Zaubergrten, Psyches Feenpalast, Agamemnons Lager und
so weiter waren magische Tuschungen, und die Lainez, Laforet, Derivis,
Nourrit (Vater) und so weiter bildeten ein Ensemble der Vokalmusik, wie
man es an diesem Theater seitdem nicht wieder sah. _Aux franais_
glnzten damals Talma, Lafond, Saint Prix, Fleury, die Leverd, Mars,
Duchenois, Volnais und so weiter. Es bedarf wohl nur dieser Namen, um
sich eine Vorstellung von dem machen zu knnen, was hier geleistet
wurde, namentlich von dem einzig unerreichbaren Talma und der Mars. Die
Werke Racines, Corneilles, Crbillons, Voltaires, Molires wurden in der
hchsten Vollendung und in der reinsten Sprache gegeben, die man nur
hier hrte. Ein Hochgenu war es, >Phdra<, >Britannikus<, >Zare<,
>Tartffe< auffhren zu sehen. Im Theater der Kaiserin, dem zweiten
franzsischen, war es bei weitem nicht mehr das, doch war das Lustspiel
gut, und ich sah Kotzebuesche Stcke hier allerliebst auffhren, so auch
>_Misanthropie et repentir_<, von dem jedoch ein franzsischer Kritiker
sagte: da, nachdem man sich whrend fnf Akten gelangweilt, man endlich
eine Szene lang weinen msse. Nichtsdestoweniger war das Haus berfllt,
so oft das Stck gegeben wurde. Angelika, die wenig davon verstand,
wollte jede Szene von mir erklrt haben. Ich htete mich aber, ihr die
ganze Wahrheit zu sagen, frchtend, da ich auch bei ihr eine Reue
erwecken knnte. Die komische Oper und das Vaudeville, _la Gat_ und
das _Ambigu comique_, die wir bisweilen besuchten, waren alle gut
besetzt. Groen Gefallen fand meine junge Frau an den Darstellungen
Franconis und seiner zwei- und vierbeinigen Akteurs. Ich zeigte ihr auch
die Kunstschtze des Louvre, die man nicht oft genug sehen konnte, und
das Fenster, aus dem Karl IX. verruchten Andenkens in der
Bartholomusnacht auf die fliehenden Protestanten scho. Seine Mutter,
die Megre Katharina von Medicis, hatte das Morden eine Stunde frher
als zur verabredeten Zeit beginnen lassen, aus Furcht, ihr Sohn mchte
anderen Sinnes werden. Aber er zeigte sich ihr vollkommen wrdig.
Vierzigtausend Menschen bten ihr Leben bei der Pariser Bluthochzeit
ein, und Karl schrie unaufhrlich: _Tue, tue, mordieu, ils
s'enfuient!_ -- Das Hllenfest wrdig zu feiern, schrieb der Papst
sogar ein Jubeljahr aus! -- Jetzt waren alle Meisterwerke der Kunst aus
ganz Italien und was noch aus Griechenland stammend vorhanden war, neben
den franzsischen und anderen in den Slen des Louvre ausgestellt. Nie
hatten Malerei und Bildhauerkunst so viel unsterbliche Werke in einem
Tempel vereint gesehen. Unter ihnen war die weltberhmte Laokoonsgruppe,
der Apoll von Belvedere, die mediceische Venus und so weiter neben dem
Herrlichsten, was Raphael, Titian, Rubens, Michel Angelo und so weiter
geschaffen. In wenig Jahren muten alle diese Gste die Rckreise nach
der Heimat wieder antreten. Die wilden Bestien im _Jardin des plantes_
besuchten wir auch einigemale und bewunderten dort die Zedern vom
Libanon, machten auch nach und nach die Wanderung durch fast alle
Kirchen der Hauptstadt. In dem Karusselhof vor den Tuilerien malte ich
Angelika die Schreckensszenen vom 20. Juni und 10. August, die Ludwig
XVI. Thron und Leben kosteten, nachdem er sich noch jede Art Demtigung
hatte mssen gefallen lassen, recht lebendig aus.

Whrend der Flitterwochen meiner Interimsehe war ich nur wenig zum
Frsten Y. gekommen und mute daher manche, gerade nicht unfreundliche
Vorwrfe deshalb von ihm hren, da er sehr oft unwohl war und Gicht und
Podagra ihm die meiste Zeit Stubenarrest gaben. Nach den ersten vierzehn
Tagen meiner Vermhlung fing ich jedoch an, ihm und anderen Dingen etwas
mehr Zeit zu widmen. Ich ritt auch wieder mehr aus und entsprach den
Wnschen Sr. Durchlaucht, indem ich ihm einige Stunden vorlas und fters
kleine Soupers fins arrangierte, zu denen ich die ausgezeichnetsten
Knstler und Knstlerinnen von der Oper und des franais einlud, und die
daher uerst unterhaltend und vergngt waren, aber auch viel Geld
kosteten, woran dem Frsten jedoch nichts lag. Eines Tages nahm ich
Madame Bonnier mit zu einem solchen Abendessen, indem ich sie, wie ich
mit ihr verabredet hatte, fr eine italienische Sngerin ausgab, die
hier Engagement suche. Der Frst war ganz entzckt von ihr und
verlangte, da ich sie fters einladen solle. Ich wich dem Gesuch jedoch
aus, indem ich Seiner Durchlaucht sagte, da die Knstlerin bereits
wieder nach Italien abgereist sei, indem sie hier ihren Zweck nicht habe
erreichen knnen. -- O das ist jammerschade! exklamierte Frst Y. --

Wenn Seine Durchlaucht wohl waren, geruhten sie bisweilen die Spielsle
im Palais Royal zu besuchen. Ich ging auch manchmal allein dahin, um das
interessante Treiben zu beobachten und pointierte hier und da einmal.
Eines Abends, als ich aus dem franzsischen Theater kam, trat ich im
Vorbeigehen noch in einen Spielsaal und warf, nachdem ich einige Male
rouge oder noir besetzt hatte, einen doppelten Napoleon auf eine Nummer
des Rouletts. Es war Fnfunddreiig; sie kam heraus und ich erhielt
sechsunddreiigmal den Satz. Ich rollte das Gold zusammen und sagte, es
auf der nmlichen Nummer stehen lassend: _Aut Caesar aut nihil!_ und
die rollende Kugel fiel abermals in dieselbe Nummer! Jetzt erhielt ich
die Summe von einundfnfzigtausendachthundertvierzig Franken in Gold! --
Statt mich klglich mit diesem Kapital zu entfernen, fuhr ich fort, _
tort et  travers_, Nummern, _rouge et noir_, _pair et impair_, Kolonnen
und so weiter zu besetzen, und noch ehe eine Stunde vergangen, war mein
ganzer Reichtum wieder zu Wasser geworden, und kaum einige zwanzig
Franken in der Tasche, verlie ich lange nach Mitternacht das Palais
Royal. Ich trstete mich leicht ber den Verlust des Gewinstes. Das Geld
hatte zu jener Zeit keinen oder wenig Wert fr mich, und wer wei, zu
was es gut war, denn ungefhr um diese Zeit, einige Wochen spter, fiel
eine greuliche Geschichte vor, welche ein hnlicher Spielgewinst
hervorgerufen hatte. Ein junger Mensch hatte eines Abends ber
dreiigtausend Franken in Gold gewonnen und entfernte sich darauf nach
ein Uhr in der Nacht aus dem Spielsaal. Er war der Sohn eines nicht
unbemittelten Mannes, der jenseits der Seine, in der Gegend des
Pantheons wohnte. Das Palais Royal verlassend, glaubte er bald darauf
sich von ein paar verdchtigen Kerls verfolgt zu sehen. Es war schon
sehr einsam in den Straen und er beeilte sich, die Pont-neuf zu
erreichen, was ihm auch glcklich gelang. Hier war zu jener Zeit ein
kleiner Wachtposten von einem Korporal und drei Mann aufgestellt. Bei
diesem angekommen, ging er in die Wachtstube und bat den Korporal, er
mge ihm doch einen Mann zur Bedeckung mitgeben, da er viel Geld bei
sich habe und sich von ein paar verdchtigen Individuen verfolgt glaube.
Er wolle die Eskorte gut belohnen. Der Wachtkommandant schien erst
einige Schwierigkeiten zu machen, indem er vorwandte, da seine
Mannschaft zu gering sei, als da er einen Mann entbehren knne, besann
sich jedoch bald eines anderen, hie den jungen Menschen einen
Augenblick warten, und verlie dann das Wachtzimmer, vorgebend, da er
sich mit der Schildwache noch besprechen wolle. Er rief dann noch einen
der beiden anderen Soldaten heraus, mit dem er einige Zeit darauf
zurckkam, und nach diesem auch den dritten Mann, der dem Fremden
unterdessen Gesellschaft geleistet hatte. Mit diesem kehrte er nach
mehreren Minuten ebenfalls in das Zimmer zurck, und alle drei fielen
nun auf ein von dem Korporal gegebenes Zeichen ber den jungen Menschen
her, verstopften ihm schnell den Mund und knebelten ihn, so da er
keinen Laut von sich geben konnte, nahmen ihm dann das Geld ab und
strzten ihn ber die hohe Brcke in die Fluten der Seine hinab, da, wo
das Wasser gerade am reiendsten unter den Bogen rauscht und am tiefsten
ist. Der junge Mann war aber ein guter Schwimmer, erreichte glcklich
das nahe Ufer und lief jetzt auf den nchsten greren, von einem
Offizier kommandierten Posten, dem er, was ihm soeben geschehen war,
erzhlte. Dieser sandte sogleich eine starke Patrouille unter dem
Kommando eines Sergeanten ab, der die Wache samt der Schildwache
umzingelte, das saubere Kleeblatt mit der Teilung des Goldes beschftigt
fand und es verhaftete. Alle passierten das Kriegsgericht, der Korporal
wurde erschossen und die Soldaten lebenslnglich auf die Galeere
geschmiedet. Der Vorfall gab ganz Paris auf vierundzwanzig Stunden Stoff
zur Unterhaltung.

Der unterdessen herangekommene Karneval gewhrte uns manche
Unterhaltung. Ich besuchte teils in Gesellschaft Angelikas, teils mit
dem Frsten Y. inkognito verschiedene Belustigungsorte. Die Masken, die
sich auf den Boulevards zeigten, vom Temple bis zur Madeleine, waren
aber nicht sehr elegant, ja zum Teil sehr lumpig, und konnten sich denen
zu Rom und anderen Stdten Italiens nicht an die Seite stellen, sowie
auch das hiesige Karnevalstreiben ein ganz anderes wie das in Italien
ist. Die gemeinen Franzosen machen wohl manche witzige Spe, arten aber
nur zu oft in Plattitden und rohe Gemeinheiten aus, whrend die
Italiener, auch die der untersten Klassen, noch immer eine gewisse
Dezenz bei dieser Gelegenheit beobachten. Der _Boeuf gras_ ist der
Kulminationspunkt des ganzen Festes. Ein kolossaler, bis zum Zerplatzen
fettgemsteter Ochse, der Mhe hat, seine ungeheure Fleischmasse
fortzubewegen, wird von einem Kinde, den Fleischerknig darstellend,
geritten und von der ausgelassensten und sonderbarsten Eskorte
begleitet, die aus nachgeahmten Deputationen aus allen Weltgegenden,
allen Zeiten und allen Stnden bestehen, unter denen die Bewohner des
Landes auf Stelzen einherschreiten, Wilde und Chinesen, Mamelucken und
Kalmcken, Mexikaner und Peruaner, Kosaken und Slovaken, Panduren und
Heiducken, Mohren und Mulatten, Pierrots und Harlekins und Vlker, deren
Wohnsitze auf Erden gar nicht bekannt sind, sich befinden und das
Kortege bilden. Gelehrte Franzosen behaupten, da sich der Ursprung
dieser grotesken Zeremonie noch von den Galliern herschreibt, die einem
Stier gttliche Verehrung zollten. Whrend der Revolution war diese
Fette-Ochsen-Prozession unterblieben, erst unter dem Kaiserreich wurde
sie wieder hervorgeholt. Als im Jahre 1739 der Ochsenzug, wie es der
Gebrauch, sich dem Knig und seiner Familie vorgestellt hatte, dann nach
dem Hotel des ersten Parlamentsprsidenten begab und diesen nicht daheim
fand, nahm er seine Richtung gerade nach dem Justizpalast und stieg samt
dem Ochsen und den ihn begleitenden Reitern die breiten Treppen am
Palais hinauf, prsentierte sich dem Herrn Prsidenten im Gerichtssaal,
schritt durch alle Sle und verlie den Themistempel, die Treppe, die
auf den Dauphinsplatz fhrt, hinabsteigend. Whrend dem Karneval waren
alle Kneipen und Schenken zu Paris und vor den Barrieren mit Masken und
seltsam kostmierten Individuen beiderlei Geschlechts angefllt, die ein
wildes tolles Treiben vollfhrten. Diese in die barocksten Anzge
gehllten Menschen, die unaufhrlich durcheinander schreien und brllen,
pfeifen, mit Glsern und Flaschen klirren, die Fuste aufschlagen und
mit Fen stampfen, da Wnde und Tische zittern, unter dem
ohrenzerreienden Gekratze von Bierfiedlern oder dem Spielen falscher
Orgeln und Heulen der Dudelscke, haben kaum noch durch ihre Gestalt
etwas Menschliches an sich, und man ist geneigt, sie eher fr eine
Gattung wilder Bestien zu halten. Hier thront eine Hallendame als Venus,
mit Zinnober ziegelrot das Gesicht bemalt, in einem Schlendrian aus den
Zeiten Ludwig XV., dort ist ein fnfzigjhriger ruiger Schlossergeselle
als Amor mit kurzen Hosen, nackten Armen und Beinen, einen halben
Fareif mit einem Strick umgehngt, einen Bogen vorstellend, nebst einer
Kufe voll Gnsekiele statt der Pfeile. Apollo und ein paar Musen spielen
und saufen einen giftig gebrauten Wein hinter einem Tisch, vor ihnen
steht ein Trupp Amazonen, mit Hackbeilen bewaffnet, mit denen in Kampf
sich einzulassen wohl nicht rtlich wre. Eine keusche, bis ber die
Knie aufgeschrzte Diana ist mit einem sechs Schuh langen halben Mond
versehen und beschenkt taumelnd ihren neben ihr sitzenden Endymion
verschwenderisch mit den saftigsten Kssen. Jetzt tritt ein Haufen
Ritter, die Gtter mgen wissen, von welcher Gestalt, mit einem Trupp
Kobolde ein, alle haben scheuliche Larven vor. Trken in zerlumpten
alten Schlafrcken mit papiernen Turbanen und so weiter. Dies sind die
Charaktermasken und Kostme des Pariser Karnevals, denen man in den
Straen begegnet und die man in allen Guinguetten findet. Es wre der
Mhe wert, diese Physiognomien zu studieren. Eine Ronde um diese Zeit
durch die Bastringues und Tanzlokale von Paris zu machen, ist wohl
ergiebig und mag dem Menschenfreund wie dem Menschenkenner manches zu
denken geben. Die Blle des Tivoli _d'hiver_, der Eremitage, des Prado,
Retiro und so weiter bis auf die lebensgefhrlichen Sauf-, Raub- und
Mordhhlen vor den Barrieren durchstberte ich, um das Volkstreiben der
berhmten verrufenen Hauptstadt ganz kennen zu lernen. Da fhrt ein
Lumpenmann (Chiffonier) eine Herzogin der guten alten Zeit, _dame de
haut parage_, am Arm, und lt sie von Zeit zu Zeit einen Schluck aus
seiner Branntweinflasche tun, dort verliert sich ein Grosultan mit
einer Grobwscherin, der er das Schnupftuch zugeworfen, in irgendein
heimliches Gemach. Die Gavotten, Kontertnze, Farandolen, alles wird
durcheinander gerast. Pltzlich erscheint ein vierschrtiger Kerl im
Matrosen- oder Lazzaronikostm oder ein fast ganz nackter Wilder, der
die _partie honteuse_ kaum mit einigen Blttern, die zerfetzt an ihm
herabhngen, bedeckt, und kndigt schreiend einen Solotanz an, den er
unter dem infernalischsten Getse und Gebrll ausfhrt. Auf den
Boulevards reiten die tollsten Masken auf Eseln, Schindmhren, sitzen
auf der Imperiale der Fiaker, deren Kutscher ebenfalls maskiert sind.
Sogar Hunde laufen mit Masken umher. Dies waren die Lustbarkeiten des
Pariser Karnevals, die auch der Frst Y., durch meine Berichte neugierig
gemacht, ein paarmal mit mir inkognito besuchte. Whrend der Republik
war es noch viel rger, da sah man unter anderen Nonnen auf Eseln
reiten, an deren Schwanz Priester im Ornat, das Mebuch in der Hand,
gebunden waren.

Mit Angelika besuchte ich zu dieser Zeit nur die Theater, besonders die
franzsische und italienische Oper, wo wir die Meisterstcke der ersten
Komponisten in hoher Vollendung auffhren sahen, namentlich auch Mozarts
>_Nozze di Figaro_<, >_La Molinara_<, Paesiellos >_Barbiero di
Seviglia_< und so weiter.

Unterdessen hatte sich einige Zeit nach der Scheidung Napoleons von
Josephinen pltzlich das Gercht verbreitet, ersterer wrde eine
sterreichische Prinzessin heiraten, dem man aber anfnglich wenig
Glauben schenken wollte; ja viele Franzosen betrachteten es als
unmglich. Da aber das Gercht bald zur unleugbaren Gewiheit wurde,
machte diese Neuigkeit einen unbeschreiblichen Eindruck in ganz
Frankreich und dessen Hauptstadt. Im ersten Augenblick war man vor
berraschung stumm. Als aber der erste Eindruck und die Bestrzung
vorber waren, machte sich die fast allgemeine Mibilligung hinsichtlich
dieser Ehe in den ungemessensten und unvorsichtigsten Ausdrcken Luft.
Wie, hie es, und darum von der besten und liebenswrdigsten Frau
geschieden, um eine sterreichische ... zu heiraten. Hat die Erfahrung
nicht gelehrt, was die sterreicherinnen, die auf dem franzsischen
Thron saen, fr namenloses Unglck ber Frankreich gebracht? -- Sind
wir denn in Frankreich so arm an edlen Jungfrauen, die wrdig wren, den
franzsischen Kaiserthron zu zieren und der Nation Regenten zu schenken?
Einer Franzsin htte hundertmal eher diese Ehre gebhrt, als dieser
autrichienne, die Napoleons und unser Unglck machen wird. Unglaublich
ist es, welche Stimmung diese Neuigkeit unter allen Stnden
hervorbrachte und selbst beim Heer. _Une autrichienne! -- est -- il
possible au monde!_ war der ewige Refrain, den einer dem anderen
zurief; eher wrde ich eine franzsische Magd geheiratet haben. Dabei
war nichts Komischeres als die Verblendung des sterreichischen
Gesandtschaftspersonals zu Paris, das sich einbildete, die Franzosen
fhlten sich beraus glcklich und hochgeehrt durch die Wahl des
Kaisers, und die Herren trugen jetzt die Nasen um einige Zoll hher.
Niemand von Napoleons Umgebung getraute sich jedoch, ihn mit dieser
Stimmung des Volkes bekanntzumachen und ihn aus der beglckenden
Unwissenheit deshalb zu reien. Htte er sie genau gekannt, so wrde er
schwerlich die Ehe mit Maria Louise vollzogen haben. Selbst der gemeine
Soldat und der Taglhner sprachen nur wegwerfend und verchtlich von
dieser Verbindung, und als seine Mitteilung an den Senat dieserhalb
bekannt wurde, in der es unter anderem hie: _Nos peuples aimeront
cette princesse pour l'amour de nous, jusqu' ce que tmoins de toutes
les vertus qui l'ont place si haut dans notre pense, ils l'aiment pour
elle mme_, gab dies zu den bittersten Satiren, zu beiendem Spott
Anla, der sich sogar in heimlich gedruckten Spottliedern Luft machte.
Die Dankadresse des Senats, die Absendung Neufchatelles, die Trauung per
procura zu Wien und so weiter, dies alles mute Stoff zu Satire,
Spttereien und gehssigen Anmerkungen geben, die der sonst so wachsame
Fouch wenn nicht gar zu nhren, doch zu ignorieren fr gut fand. Ich
mu gestehen, da auch mir, der ich diese Stimmung genau kannte, nicht
ganz wohl zumute bei der Sache war. Mit Josephinen schien auch Napoleons
Glckstern von ihm gewichen.

Damals geschah es, da man _aux franais_ eine Orange mit einem
Zettelchen auf die Bhne warf, in die Orange selbst aber hatte man einen
Louisdor mit dem Geprge Louis XVI. gesteckt. Das Publikum forderte die
auf der Bhne befindlichen Akteurs zum Lesen des Billetts auf. Da diese
aber Anstand nahmen, dem Begehren Folge zu leisten, so gab es einen
bedeutenden Lrm und groen Tumult, der immer rger wurde und erst
endigte, als einer der Schauspieler mit dem Billett an die Rampe trat
und andeutete, da er zum Lesen bereit sei. Jetzt wurde alles stille und
er las: _Gardez le Louis et jettez l'corce!_ Es lautete aber auch
wie: _Gardez le Louis et jettez le Corse!_ Von mehreren Seiten wurde
Beifall geklatscht, der jedoch schnell verstummte und wahrscheinlich nur
in aller Unschuld von Personen gezollt wurde, welche den Calembourg gar
nicht verstanden hatten, oder nur aus Gewohnheit, weil man bei solcher
Veranlassung immer zu klatschen pflegt, klatschten. Die Sache machte
groes Aufsehen in Paris, und der Akteur, der ebenfalls in aller
Unschuld das Billett gelesen hatte, erhielt einen tchtigen Wischer und
wurde entlassen.

Unterdessen dachte auch ich jetzt an eine Scheidung von meiner
liebenswrdigen Angelika, der ich zwar immer sehr wohl wollte, aber die
Flitterwochen waren vorber, der Reiz der Neuheit verschwunden, und dies
Zusammenleben fing an, mir lstig zu werden. Wenn man so ewig umeinander
ist, bleibt die Langeweile nicht aus, und obgleich Madame Bonnier einen
lebhaften Geist hatte, so machte auf der anderen Seite die
Klostererziehung, wenig Welterfahrung und Mangel an wissenschaftlicher
Bildung, da ihre Unterhaltung nur drftig und einseitig war. Als ich
ihr unsere bevorstehende Trennung unter dem Vorwand, da es der Dienst
heische und ich doch vielleicht Paris bald verlassen msse, ankndigte,
war sie darber ebenso untrstlich, als es Josephine gewesen sein soll,
da ihr Napoleon eine hnliche Erffnung machte; auch mich hatte es
einige berwindung gekostet, der guten Frau diese Mitteilung zu machen.
Ich suchte ihren Schmerz mglichst zu mildern, indem ich ihr versprach,
so lange ich noch in Paris verweile, sie tglich zu besuchen, da mir
aber das fernere Beisammenwohnen groe Unannehmlichkeiten und Nachteile
von seiten Napoleons zuziehen wrde, der mir selbst den Befehl zum
Ausziehen gegeben habe. Mit meinen Verhltnissen und dem Leben berhaupt
so ganz unbekannt, schenkte die gute Angelika diesen Worten vollkommen
Glauben. Die Wohnung bezahlte ich drei Monate voraus und mietete mir
eine andere in der Nhe des Palais Royal, besuchte aber meine
Geschiedene noch oft, bis ich nach und nach seltener wurde und sie sich
mehr und mehr wieder an das Alleinsein gewhnte, doch fhrte ich sie
bisweilen noch in die Theater und an andere ffentliche Orte und sorgte
auch sonst auf das beste fr sie.

Hufiger fand ich mich nun wieder bei dem Frsten Y... ein, der mich
fast in allen Dingen um Rat fragte und immer mehr Geschmack an den
_Soupers fins_ fand, da er nicht oft imstande war, auszugehen, daher
gerne die Theaterschnheiten bei sich figurieren und intrigieren sah und
soviel als mglich mitagierte. An Prsenten lie er es nicht fehlen, und
so kam man gerne, und da die Damen wuten, da ich dabei zu Rate gezogen
wurde, so machten sie mir sogar den Hof. Monseigneur neigte sich zur
Chevigny und zur Clotilde, mich aber bezauberte mehr die Mars und die
Gardel, weshalb ich auch diese bei den Preisausteilungen vorzglich
begnstigte. Letztere erhielt sogar einmal einen prchtigen Wagen des
Frsten, dessen Eleganz sie sehr gerhmt und der ber sechstausend
Franken gekostet, zum Geschenk. Dennoch fand sie _son Altesse
insupportable_ und wute ihr immer zu echappieren, whrend ich sie und
die Mars zu Partien in die Umgebungen von Paris einlud und ohne
Vorwissen Seiner Durchlaucht in der frstlichen Equipage abholte.
Besonders gerne whlte ich das Wldchen von Romainville, _les prs de
Saint Gervais_ und Neuilly zu dem Schauplatz der galanten Abenteuer mit
den Theaterfrstinnen, und dann sangen wir:

   Que l'on est heureux, joyeux,
   Tranquille  Romainville,
   Ce bois charmant
   Pour les amants
   Offre mille agrmens etc.

Eines Tages kam whrend eines solchen Soupers beim Frsten Y. die
Sprache auf die famose Halsbandgeschichte, auf Cagliostro, dessen
Zitationen der Toten und so weiter. Der Frst uerte, da er ganz
auerordentliche Dinge von Personen, die ihnen beigewohnt, davon gehrt
habe, und durch den Champagner schon ziemlich heiter gestimmt, rief er
aus: Ich wre begierig, doch auch einmal dergleichen zu sehen. --
Wenn Eure Durchlaucht die Kosten bestreiten wollen, versetzte ich, so
mache ich mich anheischig, Derselben ein ganzes Regiment Toter aus allen
Zeiten erscheinen zu lassen. -- Ich halte Sie beim Wort, versetzte
der Frst, der eben einen Wald seines deutschen Frstentums an einen
Pariser Juwelier fr eine bedeutende Summe und fr diversen Schmuck, der
in die Hnde der Theaterprinzessinnen fiel, verkauft hatte und daher bei
Kasse war.[9]

[Funote 9: Als dieser Juwelier nach Offenbach reiste, um Besitz von
seinem Wald zu nehmen, erklrte ihm aber der Premierminister des
Frsten, ein gewisser Geheimrat Goldner, da Se. Durchlaucht nicht
berechtigt seien, diesen Wald, der Staatsdomne sei, zu verhandeln; der
Mann geriet ber diese Entdeckung zur Verzweiflung und erscho sich.]

Wohlan, Durchlaucht, sagte ich nun, um die Sache recht feierlich zu
machen, werde ich ein prchtiges Nachtmahl veranstalten, bei dem all die
Toten erscheinen sollen, die Sie zu sehen und mit denen Sie zu speisen
wnschen.

Gut, wir wollen die Liste der Gste anfertigen, es mssen ein paar
Dutzend groer Toten sein, die geladen werden sollen. In einer
Gesellschaft, bei der diesmal auch Talma nebst der Mars und anderen
zugegen war, kamen wir mit der Genehmigung des Frsten berein, folgende
Personen zu zitieren: den Knig Salomon, die Knigin Saba, Alexander den
Groen, Noah, den Patriarchen Abraham, die Rachel, Moses, Semiramis,
Kleopatra, Aspasia, Csar, Alcibiades, Helena, die keusche Susanna, Karl
den Groen, Diana von Poitier, Johanne d'Arc, Ludwig XI., Luther, Sixtus
V., Ludwig XIV., Maria Stuart, Elisabeth von England, Heinrich IV.,
Papst Alexander VI., Lucretia Borgia, die rmische Lucretia samt dem
lteren Brutus, Friedrich den Groen, Maria Antoinette und endlich den
Cagliostro selbst. Dies waren die Toten, welche die Ehre haben sollten,
an dem mitternchtlichen Mahl des Frsten Y. teilzunehmen. Die meisten
davon hatte ich in Vorschlag gebracht und erteilte mir selbst das Amt
eines Zeremonienmeisters bei diesem Fest, dabei machte ich zur
Bedingung, da mir die Anordnung des Ganzen berlassen bleibe und sich
durchaus niemand, selbst Seine Durchlaucht nicht einmischen drfe,
sondern nur die spter einlaufenden Rechnungen zu berichtigen habe. Ich
bat mir acht Tage Zeit zu den Vorbereitungen aus, die mir auch bewilligt
wurden, rekrutierte nun meine Toten aus dem Personal verschiedener
Theater, namentlich unter den Knstlern der groen Oper, des Balletts
und des franzsischen Theaters, und Talma, die Duchenois, die Mars, die
Gardel, Klotilde, Leverd, Lainez, Beaupr, Saulnier, Vestris, Nourrit,
Maillard, Laforet und andere waren mit von der Partie und hatten sich
auf meine Einladung dazu verstanden, jeder eine Totenrolle zu bernehmen
und dem seltsamen Fest beizuwohnen. Nach bereinkunft mute sich ein
jeder gegen billige Vergtung, der bernommenen Rolle gem, mglichst
historisch treu kostmieren. Haut und Gesicht muten eine Totenfarbe
haben. Ich lie den groen Salon in der Wohnung des Frsten Y. ganz mit
schwarzem Tuch drapieren, sogar Decke und Fuboden mit solchem belegen,
die Wnde wurden mit aus weiem Tuch geschnittenen Totenkpfen und
Totenknochen verziert, die ganze Beleuchtung wurde durch blaues
spirituses Licht veranstaltet. Die Tafel wurde ganz schwarz gedeckt,
jede Stelle, auf welche Schsseln oder Teller placiert werden sollten,
war durch einen Kranz von Totenknochen bezeichnet. In der Mitte des
Tisches stand ein hoher Tafelaufsatz, aus Totenkpfen und Knochen von
Zucker sehr knstlich nachgebildet, bestehend. Alle Servietten waren von
schwarzem Seidenzeug und hatten in der Mitte einen bekrnzten Totenkopf
und ins Kreuz gelegte Knochen an den vier Ecken, von Silberborden
zierlich ausgeschnitten und aufgenht. Vierundzwanzig schwarze
Kandelaber mit silbernen Verzierungen standen ringsherum an den Wnden,
auf denen blaue Spiritusflammen brannten, ebensoviel versilberte Lampen
hingen von der Decke herab. Alle Armsthle waren schwarz berzogen, und
an dem Rcken eines jeden war nach Umstnden ein bekrnter oder
behelmter Totenkopf angebracht, auf den fr die Ppste bestimmten
prangte die dreifache Krone ber und Petris Schlssel unter dem Kopf,
alles in Silber. Auerdem war der Saal lngs der Decke ringsherum mit
schwarzen Wolken drapiert, deren Fransen Totenknochen und deren Quasten
Totenkpfe vorstellten, ebenso waren die Fenstergardinen drapiert. Fr
die Tafel selbst hatte ich die ausgesuchtesten Leckerbissen bei den
_frres provenaux_ bestellt zu fnfzig Franken per Kopf ohne Wein. Der
Tischwein war Ai und Ros, und zu Dessertweinen Tokaier, Kapwein,
Schiras und Johannisberger. Ein Kaiserpunsch machte den Beschlu dieses
schwelgerischen Totenmahles. Vierundzwanzig in Leichentcher gehllte
dienende Geister besorgten die Aufwartung, und eine gleiche Zahl
gleichkostmierter Musikanten, welche nur Trauer- und Totenmrsche
spielen sollten, machten Tafelmusik, auf einem Castrum Doloris sitzend.
Das aus Zuckerwerk bestehende Dessert stellte alle mglichen Embleme des
Todes vor, unter anderen eine sehr knstlich gearbeitete Gruppe
tanzender Skelette. Alle Schsseln, Teller, Flaschen und Becher waren
schwarz angelaufen, und die Glser hatten schwarze Rnder. Frst Y., der
als Sesostris dem Mahl beiwohnen sollte, hatte einen eigenen
schwarzsamtnen Thronsessel, mit silbernen Sternen gest, und ein
gekrnter versilberter Totenkopf war auf der Spitze des Rckrandes
angebracht.

Eine halbe Stunde vor Mitternacht an dem bestimmten Abend wurden
smtliche Gste in den zu diesem Feste gemieteten Leichenkutschen
abgeholt und versammelten sich in dem ebenfalls schwarz behangenen und
dster beleuchteten Vorzimmer des Frsten Y. Als die Glocke Mitternacht
anzeigte, ertnten zwlf dumpfe Hammerschlge auf einem ehernen Schild,
und mit dem letzten Schlag ffneten sich die Flgeltren des
Speisesaals, aus dem Wolken wohlriechenden Rauches drangen, welche die
Eintretenden einhllten. Die doch etwas berraschten Gste traten
paarweise ein, wo ich sie als Zeremonienmeister in schwarzem
altspanischem Kostm empfing, dem Frsten Y.-Sesostris vorfhrte, dann
jedem seinen Platz anwies, doch alles nur vermittelst Zeichen und
Gebrden. Die Kostme der smtlichen Reprsentanten der berhmten Toten
waren beraus prchtig, aber alle hatten ein schauerliches, bleiches,
totenhnliches Ansehen. Bei ihrem Eintreten ertnte ein feierlicher
Totenmarsch, den ich schon frher noch fr das Regiment Y. komponiert
hatte; auch die Musik war in Rauchwolken, die aus silbernen Kohlpfannen
aufstiegen, gehllt. Man nahm, immer ein tiefes Schweigen beobachtend,
Platz an der Tafel, die mit indischer Vogelnester-, Schildkrtensuppe
und Kaviar und Austern erffnet wurde, wobei man sich nur beinerner
Lffel und Gabeln bediente. Die servierenden Geister kredenzten
reichlich Ai und Ros; Y.-Sesostris brach endlich das Schweigen, mehrere
der Toten ber manche Dinge und Umstnde aus ihrem Leben befragend,
wobei er bisweilen hchst seltsame und komische Aufschlsse erhielt; so
wollte unter anderen Kleopatra durchaus eine Zeitgenossin des Kolumbus
und die Helena bei der Pariser Bluthochzeit gegenwrtig gewesen sein.
Man wurde jetzt gesprchiger, und als das Dessert herangekommen und der
brennende Kaiserpunsch erschienen war, gab mir Sesostris ein Zeichen,
und die Musik stellte ihre Trauer- und Totenharmonien ein und lie nun
bacchantische Lieder und frhliche Tnze unter Pauken und Trompeten
erschallen. Es wurden muntere Lieder angestimmt, man tanzte, und die
mnnlichen und weiblichen Toten machten sich zum Teil recht artig den
Hof; Y.-Sesostris hielt sich an Diana Poitiers-Leverd und ich an die
Mars-Lucretia. Bis zum Grauen des Tages whrte das wunderliche Fest, wo
sich nacheinander smtliche Toten zu einer zeitlichen Ruhe begaben und
ich meine keusche Lucretia heimbegleitete. Die Geschichte machte
indessen so groes Aufsehen in Paris und wurde mit solchen
bertreibungen und Zustzen erzhlt, da selbst Napoleon Notiz davon
nahm. Als ich ein paar Tage darauf mit Talma und einigen Offizieren im
Palais Royal frhstckte, sagte ersterer, es solle ihn wundern, wenn der
Kaiser den Frsten Y. nicht wegen dieses Totenfestes zur Rede stelle.
Denselben Tag hinterbrachte ich dem letzteren diese uerung des groen
Knstlers, der immer Zutritt bei Seiner Majestt hatte. Der Frst lachte
darber, aber kaum waren wir vom Tisch aufgestanden, als eine Order kam,
die ihn fr den kommenden Morgen vor dem furchtbaren Napoleon zu
erscheinen befahl. Den anderen Tag fuhr er zu der beorderten Zeit in die
Tuilerien, kam nach einer guten Stunde ganz auer sich zurck und rief,
ins Zimmer tretend, wo er mich, ihn erwartend, fand, aus: Das ist eine
infame Geschichte, der Teufel hat mich geritten, so etwas zuzugeben.
Als die Durchlaucht etwas ruhiger geworden war, teilte sie mir mit
abgerissenen Worten und fragmentarisch mit, was zwischen ihm und dem
Kaiser vorgefallen war. Dieser hatte ihm unter anderem in einem sehr
aufgebrachten und strengen Ton gesagt: Unter dem Vorwand der Gicht
bleiben Sie in Paris, statt dem Armeekorps, dem Sie zugeteilt sind, nach
Spanien zu folgen, machen hier Streiche, die meine ganze Hauptstadt in
Alarm setzen und alle Frommen in Aufruhr bringen. -- Ppste in vollem
Ornat haben Katzensprnge und Purzelbume und Gott wei was alles, und
zwar in der Fastenzeit, bei Ihnen gemacht. Ich hoffe, da Sie in der
krzesten Frist imstande sein werden, sich zu Ihrem Armeekorps zu
verfgen. Hierzu hatte nun Seine Durchlaucht nicht die geringste Lust,
ja er htte lieber seinen Abschied genommen, wenn dies ohne die hchste
Ungnade und vielleicht gar sein Land zu verlieren, angegangen wre. Ich
suchte ihn zu beruhigen und sagte ihm, man msse nur den ersten Zorn des
Kaisers vorbergehen lassen, dann wrde man schon Mittel finden, ihn zu
besnftigen. -- Sie haben gut reden und knnen dazu lachen, denn
obgleich Sie den ganzen Teufelsspuk veranstaltet haben, so ... -- Doch
nur auf Befehl, Eure Durchlaucht! -- ... so gehen Sie doch leer aus.
Ich riet nun dem Frsten, Talma zu einem Frhstck einzuladen, da dieser
von der Partie gewesen, vortrefflich mit Napoleon stnde und gewi der
Mann wre, der die Sache wieder ins Gleise bringen knne. Dies leuchtete
der trostlosen Durchlaucht ein, die mich mit der Einladung des berhmten
Schauspielers beauftragte. Ich fuhr zu diesem, unterrichtete ihn von dem
Vorgefallenen und dem Anliegen des Frsten, er schlug aber das Frhstck
mit den Worten aus: Ich habe keine Zeit dazu, aber das tut nichts,
lassen Sie mich nur machen, ich werde die Sache arrangieren. Der Kaiser
und ich, wir sind ja doch nur zwei groe Komdianten, wenn auch jeder
auf einer anderen Bhne, das gilt gleich, wir verstehen uns doch. --
Sagen Sie Ihrem Frsten, er mge nur ruhig sein, ich wrde dieser Tage
die Ehre haben, ihm aufzuwarten. -- Ich hinterbrachte diese Unterredung
dem Frsten, die ihn jedoch nicht sehr befriedigte. Aber Talma hielt
Wort, schon den anderen Tag fuhr er bei Seiner Durchlaucht vor und
rapportierte derselben, da er den Kaiser von allem der Wahrheit gem
in Kenntnis gesetzt habe, ihm klar gemacht, da es Lgen und
bertreibungen seien, was man sich im Publikum hinsichtlich dieses
Festes erzhlte, und es so weit gebracht, da Napoleon endlich selbst
darber gelchelt und ihn mit einem kleinen Wischer und dem Auftrag, den
Frsten Y. zu beruhigen und ihm zu sagen, er mge nur seiner Gesundheit
pflegen, entlassen habe. Der groe Kaiser hatte seine Grnde, mit dem
groen Mimiker, der ihm in frheren schlimmen Zeiten gar manchmal ein
Mittagessen bezahlte, glimpflich umzugehen. Wer war froher als Frst Y.
und ich mit, denn leicht htte es mir im Garten wachsen knnen, da auch
ich, wenn die Sache nher untersucht worden wre, _stante pede_ aus
Paris fortgemut htte. Der Spa hatte brigens Seiner Durchlaucht ber
fnfzehntausend Franken gekostet.




                             Namenregister.
                             Zweiter Band.


   Abercromby, General 389
   Andreossy, General 350
   Altieri, Principe 343
   Anton, Infant 237, 260, 267, 271
   Atri, Herzogin von 331
   Beauharnais 244, 245
   Benincasa, Bandenchef 182 f., 192
   Berthier 357, 358
   Billiard, Oberst 325
   Bracchi, Duca 343
   Branciforte, Marchese 236
   Burista, Grfin 290
   Canova 66
   Caprara, Kardinal 343
   Carlos, Infant 261, 271
   Cesarini, Principessa 41 f., 72, 97, 101 f., 163, 202, 414
   Clarke, Kriegsminister 417, 424
   Contarino 395
   Cravagante, Marchesa 331
   Davoust 357
   Detres, General 316
   Duhesme, General 300, 302
   Dupont, General 210, 228, 258, 259, 269, 276, 291
   Dret, Bataillonschef 38, 39
   Duroc 358
   Escoiquitz, Kanonikus 237
   Falio, Oberst 286
   Ferdinand VII. von Spanien 212, 235, 237, 238 f., 246, 258 f., 271, 274
   Festa, Primadonna 45
   Francatrippa, Bandit 180 f., 312
   Francisko, Infant 261, 267
   Frias, Herzog von 241
   Gardel, Tnzerin 426, 443, 444
   Godo 212, 221, 228, 235, 236 f., 243, 245 f., 258 f., 273
   Grouchy, General 236, 266
   Guillelmi, Jorge de, Generalkapitn 278
   Hessen-Philippsthal, Prinz von 179
   Infantado, Herzog von 237
   Joseph Bonaparte 28, 32, 174 f. 274, 291, 314
   Joseph II. 220
   Josephine 423 f.
   Julie, Knigin, Gattin Joseph Bonapartes 174 f., 178, 201
   Jnot, Marschall 209
   Karl IV. von Spanien 212, 221, 228, 236 f., 245 f., 258, 260, 267
   Karl, Erzherzog 355
   Karoline Bonaparte 311, 315, 331
   Kaufmann, Angelika 44
   Klinger 2
   Lacoste, Ingenieuroberst 290 f.
   Lamarque, General 316
   Lecchi, General 302, 309
   Lefebvre-Denouette, General 277, 280 f., 284, 297
   Leverd, Schauspielerin 418
   Livron, General 317
   Lowe, Hudson 316, 319
   Lucian Bonaparte 242
   Marlot, Bataillonschef 211
   Mars, Schauspielerin 418, 426, 433, 443, 444
   Massena, 357
   Massimiliano, Bildhauer 67
   Matuccio, Kastrat 12
   Medina, Herzog von 241
   Menou, General 371, 389
   Miollis, General 340, 342 f., 414, 417, 424
   Moncey, Marschall 210, 227, 276
   Montchoisy, General 139, 148
   Montferras, General 316
   Mouret, General 139
   Murat 220, 227, 229, 234, 235, 236, 241 f., 258 f., 266 f., 274, 313,
      314 f., 330 f., 336 f.
   Napoleon 39, 212, 220, 239, 241 f., 258, 261 f., 271 f., 275 f., 280,
      290, 339, 343 f., 350 f., 392, 413, 423 f., 447
   Neapel, Ferdinand IV. von 34
   Nunez, Graf Fernandes 241
   Omeara, Oberst 152, 165, 179, 201
   Pacca, Kardinal 349
   Palacios, Generalkapitn 302
   Palafox 277, 278 f., 285, 288, 291 f.
   Pauline Bonaparte 424
   Pignatelli, Prinz, General 316
   Pius VI. 40
   Pius VII. 39, 40, 340 f.
   Radet, General 347 f.
   Rapp, General 353
   Regnier, General 179, 337
   Salicetti 315, 335
   Savary, General 244 f.
   Siss, General 311
   Talma 444, 447 f.
   Torlonia, Bankier 40, 42, 98, 311, 414
   Vasi, Antiquar 65
   Vedet, General 258
   Verdier, General 277, 285 f., 291 f.


                     Anmerkungen zur Transkription

Diese Ausgabe von 1916 wurde gegenber der Erstausgabe von 1848/49 um
Weitschweifigkeiten und Wiederholungen verkrzt, wie der Herausgeber im
Nachwort konstatiert (Band 3). Die Krzungen im Text wurden in
der 1916'er Ausgabe folgerichtig in den Rubriken sowohl im
Inhaltsverzeichnis am Anfang des Buches als auch am Beginn der
jeweiligen Kapitel reflektiert. Wo dies versehentlich zu Diskrepanzen
zwischen den beiden jeweiligen Rubriken gefhrt hatte, wurden in dieser
eBook-Ausgabe nach eingehendem Vergleich mit der Erstausgabe die jeweils
berzhligen Rubriken entfernt. Darber hinaus wurde jedoch kein
weitergehender Versuch unternommen, die generelle bereinstimmung von
Krzungen im Text und im Inhaltsverzeichnis zu berprfen.

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert. Weitere
nderungen sind hier aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 5]:
   ... und ihrer Mnner gestrt worden waren. Besonders ...
   ... und ihrer Mnner gestrt worden wren. Besonders ...

   [S. 19]:
   ... Corpo die Bacco, fiel er ein, das waren meine Mdchen! ...
   ... Corpo di Bacco, fiel er ein, das waren meine Mdchen! ...

   [S. 48]:
   ... sich morgen vormittag zu San Sebastian fuori le mure ein, ...
   ... sich morgen vormittag zu San Sebastian fuori le mura ein, ...

   [S. 74]:
   ... ich, und dies ist schon viel, sehr viel. Du kannst mir
       vermittelst ...
   ... ist, und dies ist schon viel, sehr viel. Du kannst mir
       vermittelst ...

   [S. 163]:
   ... bestimmt, vereitelt wurde. Ich stieg in einer Albergha an ...
   ... bestimmt, vereitelt wurde. Ich stieg in einem Albergo an ...

   [S. 196]:
   ... die Unterhndlerin zwischen der Signora Bergelli und mir ...
   ... die Unterhndlerin zwischen der Signora Bergella und mir ...

   [S. 300]:
   ... wir alles mitgehen hieen, was wir als verdauungsfhig ...
   ... wir alles mitgehen lieen, was wir als verdauungsfhig ...

   [S. 398]:
   ... der Contarino doch ein galantissimo nuomo sei. Wir trennten ...
   ... der Contarino doch ein galantissimo uomo sei. Wir trennten ...

   [S. 403]:
   ... die Palste Este, Bevilaqna und andere sind prchtig. Das ...
   ... die Palste Este, Bevilacqua und andere sind prchtig. Das ...






End of the Project Gutenberg EBook of Vierzig Jahre aus dem Leben eines
Toten. Band 2, by Johann Konrad Friederich

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1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
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If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
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providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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