Project Gutenberg's Die Bren von Hohen-Esp, by Nataly von Eschstruth

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Title: Die Bren von Hohen-Esp

Author: Nataly von Eschstruth

Release Date: November 13, 2019 [EBook #60684]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE BREN VON HOHEN-ESP ***




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                  Die
           Bren von Hohen-Esp


                 Roman

                  von

          Nataly von Eschstruth


             [Illustration]


                Leipzig

           Paul List Verlag




        Alle Rechte vorbehalten

   Spamersche Buchdruckerei in Leipzig




Das Meer


    Es war in meinem Leben
    Das Meer mein treuster Freund,
    Drum bleib' ich mit ihm ewig
    In Leid und Freud' vereint!

    Wenn einst mein Herz geschlagen
    In tiefster Traurigkeit,
    Dann hat sein lindes Rauschen
    Gestillt mein Herzeleid.

    Und wenn in Not und Schmerzen
    Mein Herz sich wild gebumt,
    Dann grollte es und tobte
    Und hat vor Wut geschumt! --

    Und zog dann Glck und Wonne
    In meine Seele ein,
    Dann glnzten seine Wogen
    Wie heller Edelstein!

    Es kruselte ein Lcheln
    Sein leuchtend Angesicht
    Am Auge blitzten Tropfen
    Wie eitel Sonnenlicht! --

    So ist das Meer gewesen
    Mein Freund in Glck und Leid,
    Drum bleib' ich ihm ergeben
    in Liebe allezeit!

                Aus Schiffslieder von Gabriele von Rochow
                          geb. v. Pachelbl-Gehag




Inhaltsverzeichnis


                              Seite
    Kapitel       I.              7
    Kapitel      II.             22
    Kapitel     III.             37
    Kapitel      IV.             50
    Kapitel       V.             64
    Kapitel      VI.             79
    Kapitel     VII              92
    Kapitel    VIII.            105
    Kapitel      IX.            118
    Kapitel       X.            135
    Kapitel      XI.            144
    Kapitel     XII.            158
    Kapitel    XIII.            171
    Kapitel     XIV.            184
    Kapitel      XV.            200
    Kapitel     XVI.            215
    Kapitel    XVII.            224
    Kapitel   XVIII.            239
    Kapitel     XIX.            251
    Kapitel      XX.            264
    Kapitel     XXI.            277
    Kapitel    XXII.            291
    Kapitel   XXIII.            303
    Kapitel    XXIV.            317
    Kapitel     XXV.            330
    Kapitel    XXVI.            342
    Kapitel   XXVII.            357
    Kapitel  XXVIII.            367




I.


Wenn ein Mdchen einen reichen Mann bekommt, ist es immer glcklich
verheiratet! hatte der alte Kammerherr von Wahnfried gesagt und dabei
die weibuschigen Augenbrauen noch grimmiger zusammengezogen wie sonst.
Gundula kann Gott danken, da der Br von Hohen-Esp sie zum Weibe
begehrt! Ist wohl kein Nest so weich gepolstert wie das seine, und
wenn man den Grafen ansieht, lacht selbst solch altem Kerl wie mir
das Herz im Leibe; wieviel mehr meiner jungen Tochter, die sich ihr
Mnnerideal nach Romanbchern gebildet hat! Na, und in den Bchern sind
die grflichen Freier meist jung, schn, reich und ritterlich, just so
wie Friedrich Karl von Hohen-Esp! --

Die alte Dame, welche dem Sprecher gegenbersa, richtete sich noch
straffer empor und legte die groen, krftigen, schneeweien und
ungeschmckten Hnde im Scho zusammen.

Ihre klaren, durchdringend ernsten Augen hefteten sich ruhig auf die
hnenhafte Gestalt des Bruders, welcher auf seinen Krckstock gesttzt
vor ihr stand und sie schier herausfordernd anblickte.

Jung, schn, reich und ritterlich! wiederholte sie langsam, ja, das
ist er, -- aber er ist noch mehr, und dieses >mehr< will mir nicht
behagen.

Und das wre, meine Allergndigste? Der Kammerherr mute sich des
gichtgeschwollenen Fues wegen auf den Stock sttzen, er konnte nicht
den grauen Schnauzbart seiner Angewohnheit gem mit ungestmem Ruck
emporstreichen, aber seine Muskeln arbeiteten desto krftiger in dem
scharfgeschnittenen Gesicht, so da sich die starren Haare auf der
Oberlippe strubten wie in zornigem Aufbegehren.

Alle frchteten dieses Anzeichen bei dem alten Herrn, nur Frulein
Agathe von Wahnfried nicht. Sie glttete mit der Hand die rauschenden
Seitenfalten ihres Kleides und antwortete voll unerschtterlicher Ruhe:
Graf Friedrich Karl ist leichtsinnig. Er ist durch und durch Lebemann,
-- die groe Welt, in welcher er, der Frhwaise, so jung schon,
selbstndig ward, droht sein Verderben zu werden.

So! -- Inwiefern, wenn man fragen darf?

Weil er sich ruiniert, -- weil er ber seine Verhltnisse lebt!

Der Kammerherr lachte hart auf.

Ein Hohen-Esp sich ruinieren! Ein Hohen-Esp ber seine Verhltnisse
leben! -- Ahnst du, wie reich der Mann ist?

Man kann in einer einzigen Nacht Hunderttausende verspielen!

Tut er aber nicht!

Tut er doch! -- Der Graf ist ein leidenschaftlicher Spieler.
Mglicherweise hat er bis jetzt Glck am grnen Tisch gehabt, -- wenn
das aber einmal aufhrt, wird er sich und die Seinen rcksichtslos an
den Bettelstab bringen!

Lcherlich! -- Es gibt keinen vernnftigeren Mann wie Hohen-Esp! Bei
Whist und Ekart macht man sich nicht bankrott! Ich als Mann drfte
wohl mit den Gepflogenheiten des Grafen besser Bescheid wissen, wie
eine alte Jungfer! Was in deinen Weiberkaffees zusammengeklatscht wird,
kmmert mich nicht!

Ich habe nie mit einer Dame ber den Freier deiner Tochter
gesprochen! Frulein Agathe von Wahnfried sah weder gereizt noch
beleidigt aus, ihr groes, gradliniges Gesicht blieb so ruhig
und energisch wie stets. Hast du dich bei seinem ehemaligen
Regimentskommandeur erkundigt?

Nein!

Weil du es leider fr berflssig hieltest. Da der Graf Hohen-Esp ein
Spieler ist, pfeifen die Spatzen auf dem Dache.

Der alte Herr stie seinen Krckstock ingrimmig auf das Parkett. So;
gut; -- ein Spieler. Und was noch weiter? Vielleicht ein Sufer? Ein
Weiberheld ... ein Totschlger ...? He? -- Nur hbsch weiter im Text!

Von diesen genannten Eigenschaften ist mir nichts bekannt, --
im Gegenteil, man lobt den jungen Mann als einen sonst sehr
liebenswrdigen und ehrenhaften ...

Na, also! Wozu denn das ganze Lamento! Verlangst du etwa, da ich ihm
einen Korb geben soll, lediglich, weil er mal in fideler Gesellschaft
ein Spielchen macht?! -- und Herr von Wahnfried nahm seine Promenade
durch den Salon wieder auf, da der Krckstock auf dem Parkett drhnte.

Das wre mir freilich das liebste, denn das ganze Lebensglck unseres
Lieblings einem Spieler anvertrauen ...

Bldsinn! Infamer Bldsinn! Du bist eiferschtig, du willst das Mdel
berhaupt nicht fortgeben ...

Einem Mann, der mir eine glckselige, sorgenfreie Zukunft garantiert
-- sofort! Aber dem Grafen von Hohen-Esp ...?! Nein; wenn _du_
mich fragst, sage ich tausendmal nein, denn ich wei, da sie einem
namenlosen Elend entgegengeht! --

Sieh mal an! -- Namenloses Elend! -- Nette Zukunftsmusik! Haha!... Na,
und was sagt Gundula selber zu dem riesengroen Waschkorb, welchen du
fr ihren Freier bereitstellst?

Da seufzte die groe resolute Frau zum erstenmal schwer auf, und ber
das ernste Gesicht zog es wie tiefe Schatten.

Gundula ist verblendet! sagte sie leise, sie ist ebenso wie alle
anderen von der Schnheit und Liebenswrdigkeit dieses glnzendsten
aller Kavaliere eingenommen! Auch ist sie ideal genug, alles Gold nur
fr Schimre zu halten. Was fragt sie danach, ob er die Dukaten auf
den grnen Tisch wirft ... wenn _er_ selber nur ihr zu eigen bleibt
... man kennt ja die schwrmerische Gengsamkeit verliebter Menschen,
welche sich mit einem Herz und einer Htte berreich whnen!

Gut! -- Warum also diesen schnen Wahn zerreien?

Weil es nicht immer bei einer Flitterwochenliebe bleibt! Wenn sie ihr
Unglck erst einsieht und begreifen lernt, ist es zu spt!

Hast du dich von all dem Unglck, welches dich im Leben getroffen, zu
Boden schlagen lassen?

Nein ... ebensowenig wie du; aber Gundula ...

Ist unser Fleisch und Blut! Ist eine Wahnfried reinster Rasse; ist
genau dasselbe eisenfeste energische Weib, wie es alle gewesen sind,
welche unser kraftvolles Geschlecht hervorgebracht!

Komm einmal her, sieh mal da hinab! Na, gbe es wohl auf der ganzen
Welt eine bessere Brin von Hohen-Esp, welche mit stolzen, wehrhaften
Pranken um ihr Glck kmpfen wird?

Der Kammerherr lachte kurz auf und raffte mit schnellem Griff den
schweren Fenstervorhang zur Seite: He! Ist das Mdel da unten ein
Mondscheinprinzechen, welches ein Wettersturm ber den Haufen blst --
eine Wachspuppe, welche unter ihren eigenen heien Trnen zerschmilzt?
Ich dchte, nein! Und Graf Friedrich Karl hat wohl genau gewut, da
er keine bessere Schirmherrin in seine Brenburg einfhren kann, als
unsere Gundula!

Tante Agathe hatte sich erhoben und war mit wuchtigem Schritt hinter
den Bruder getreten; ihr Blick flog hinab in den groen Hof, in dessen
Mitte sich ihren Augen ein Bild zeigte, wahrlich dazu angetan, ihr
besorgtes Herz zu beruhigen.

Baronesse Gundula kehrte vom Reiten heim. Sie hatte ihrem kleinen
Groom die Zgel zugeworfen und verabschiedete sich eben noch von dem
Rittmeister von Hammer und dessen Gattin, welche sie begleitet hatten,
als eine hohe Leiter, welche seitlich an dem Hausflgel lehnte, ins
Wanken geriet und mit lautem Krach neben dem Pferde niederschmetterte.

Der Goldfuchs stieg kerzengrad empor und brach in jhem Schreck wild
aus, das Hoftor zu erreichen; machtlos hing der Groom am Zgel und lie
sich schleifen, dieweil er voll verzweifelter Angst nach dem Kutscher
schrie.

Schon aber war Gundula dem erregten Tier entgegengeeilt.

Mit kraftvoller Hand griff sie zu und drngte den schnaufenden Fuchs
zurck.

Ihre hohe, wundervolle Gestalt, von dem knappen Reitkleid eng
umschlossen, schien aus Stahl und Eisen, energisch, sicher, und doch
bei aller Kraft voll schmiegsamer Grazie stand Gundula neben dem
Durchgnger und zwang ihn zum Gehorsam.

Leuchtend rot stieg das Blut in ihre Wangen, die groen, stahlgrauen
Augen blitzten einen stummen Befehl, und das Pferd schumte ins Gebi
und fgte sich gehorsam der Gebieterin.

Bravo, mein gndiges Frulein! applaudierte der Rittmeister, und
Gundula lachte ihm heiter zu und rief ein paar siegesfrohe Worte.

Wie sie so dastand in dem hellen Sonnenlicht, zeigte es sich besonders
auffallend, wie hnlich sie in Gestalt und Wesen ihrem Vater und Tante
Agathe war, von welchem die Welt sagte, da sie energisch bis zur
Starrkpfigkeit, klug und zielbewut bis zur Rcksichtslosigkeit seien.

Und _die_ sollte nicht ihren Weg gehen und sich von ein paar
Kartenblttern um Glck und Existenz bringen lassen?

Wieder lachte der Kammerherr sein drhnend tiefes Lachen.

Unbesorgt, Agathe! Ich frage jetzt das Mdel, und will sie ihn -- so
bekommt sie ihn!

Ein wildes Pferd zu bndigen, ist wohl leichter, als wie einen
leichtsinnigen Menschen im Zgel zu behalten! Wenn ein Weib liebt, so
ist es schwach und ohnmchtig -- und Gundula wird ihren Gatten lieben!
Sie wird auch an seiner Seite so selbstlos und uneigenntzig sein, wie
sie es jetzt ist, und das ffnet dem Bankrott Tr und Tor! --

Herr von Wahnfried starrte mit wunderlichem Lcheln grad aus. Sie wird
ihren Gatten lieben -- ja ... Aber nur so lange voll blinder Nachsicht,
bis ein anderer kommt, den sie noch mehr liebt!

Beinahe entsetzt blickte Agathe auf. Wie soll ich das verstehen? Wen
knnte sie je mehr lieben wie den Mann ihrer Wahl?

Ihren Sohn! -- antwortete der Kammerherr langsam, voll schweren
Nachdrucks und in seinen tiefliegenden Augen glimmte es wieder so
seltsam wie zuvor: Eine Brin ist das gutmtigste Geschpf der Welt,
welches sich geduldig den Pelz zausen lt, solange sie nichts anderes
hat, als ihren Meister Petz! Wenn aber erst junge Brut in der Hhle
liegt, dann wird aus dem sanftmtigen und indolenten Weibchen eine gar
wilde, leidenschaftliche Mutter, welche die wehrhaften Pranken hebt und
zerbeit und zerreit, was das sichere Nest ihrer Jungen gefhrdet! --
Je nun! Auch Gundula wird eine Brin von Hohen-Esp sein, und wenn sie
zuvor nicht fr sich selber kmpfte, fr ihre Shne tut sie es so wahr
und sicher, wie es mein Blut ist, welches in ihren Adern kreist! -- --
=Dixi=, Agathe; -- ich habe geredet. --

Ja, du hast geredet! nickte die alte Dame und reckte ihre markige
Gestalt noch entschlossener empor, denn zuvor, ich aber werde
handeln. --

Gundula von Wahnfried stand im Brautkleid und harrte ihres Verlobten,
welcher sie in seiner glnzenden Equipage, mit dem elegantesten
Viererzug, welchen die Residenz aufwies, zur Trauung abholen wollte.

Jungfer und Modistin hatten noch geschftig an Schleppe, Kranz und
Schleier geordnet, als Tante Agathe einen Blick auf die Uhr warf und
den Diensteifrigen in ihrer kurzen, energischen Art bedeutete, das
Zimmer zu verlassen.

Auch Gundula schien noch ein letztes Alleinsein mit ihrer geliebten
Pflegemutter, welche sie voll strenger, aber zrtlicher Sorge
grogezogen, zu ersehnen.

Sie schlang die blhenden Arme um den Nacken der alternden Frau und
blickte ihr mit leuchtenden Augen in das ernste Antlitz.

Tante Agathe! flsterte sie, ich wei, da du meine Verlobung
mit Friedrich Karl nicht sehr gern zugegeben hast! Du liebe, treue
Seele hast so schwarz gesehen und die kleine, harmlose Passion meines
Herzliebsten zu einer wsten Leidenschaft gestempelt, welche uns nach
deiner Ansicht ruinieren mu! -- Hast du auch jetzt noch keine bessere
Meinung von Friedrich Karl bekommen, wo er es doch auf meinen Wunsch
ber sich vermocht hat, whrend unserer ganzen Verlobungszeit keine
Karte anzurhren?

-- -- -- Frulein von Wahnfried blickte mit wunderlichem Ausdruck in
die verklrten Augen der reizenden Braut, welche so gar nicht stolz,
stark und energisch, sondern weich, lieblich und hold erglhend wie das
verliebteste und schwchste aller Weiber vor ihr stand. --

Ein feines Zucken ging um ihren herb geschlossenen Mund.

Ich sehe, da du glcklich bist, mein Liebling, sagte sie, ihre
Lippen auf das wunderschne Antlitz der Braut drckend, und es sei
fern von mir, dir diesen sonnigen Tag durch meine Angst vor druenden
Wolken zu verdunkeln. Du hast Zeit gehabt, um zu berlegen, was du
tust; ich hoffe, du wirst den Anforderungen, welche das Leben an dich
stellt, gewachsen sein. --

Ich bin es, Tante! Ich fhle die hohe, heilige Kraft der Liebe in mir,
um meines Gatten willen alles zu ertragen, was da kommt, alles!

So spricht eine Magd, eine Sklavin! aber nicht die Herrin von
Hohen-Esp!

Ein ses, reizendes Lcheln verklrte das Antlitz der jungen Braut.

Dieser Titel deucht mir heute befremdlicher wie je! -- Welch eine
Herrschaft mchte ich wohl erstreben, auer jener einzigen -- ber
sein Herz! -- Du frchtest, Tante, da ich einst Mangel an Geld und
Gut leiden werde! -- Was frage ich danach? -- Wre Friedrich Karl
der rmste aller Mnner gewesen, ich wrde ihn ebenso geliebt haben,
ihm ebenso berglcklich meine Hand gereicht haben, wie jetzt! Was
verlange ich noch vom Leben, da es mir ihn und seine Liebe schenkte?
Nichts! Tausendmal nichts! -- Du weit, da ich niemals viel Sinn fr
Glanz, Pracht und Wohlleben gehabt habe. Dazu hast du mich zu ernst
und solide erzogen, hast mich eine bessere und hhere Werte des Lebens
kennen gelehrt. Die bunte, groe Welt mit all ihrer Lust und ihren
Zerstreuungen war mir gleichgltig, ich habe in ihr gelebt, weil ich
von dem Schicksal auf ihren glnzenden Boden gestellt wurde, aber im
Gegenteil, ich wrde meiner Liebe und meines Glckes froher sein, wenn
ich es nicht mit andern teilen mte. -- Dies ist ja der einzige Punkt,
in welchem ich nicht mit meinem Herzallerliebsten harmoniere!

Das glaube ich!

Wie bitter das klingt, Tantchen! -- Ist es denn ein Unrecht, wenn
Friedrich Karl sich seines Lebens freut, es gern in mglichst
glnzendem Rahmen geniet? Gewi nicht, das ist nur Geschmackssache;
und da er die Mittel besitzt, um in der groen Welt zu leben,
und gewissermaen auch die Verpflichtung hat, seinen Namen zu
reprsentieren, so lasse ich es sehr dahingestellt, ob seine
Geschmacksrichtung nicht viel natrlicher und richtiger ist, als die
meine!

So wirst du dich bekehren lassen?

Gundula neigte das schne Antlitz so tief, da die duftigen Wogen des
Brautschleiers darber hinflossen.

Das drfte schwierig, aber nicht unmglich sein! Ich werde mich gern
dem Geschmack meines Mannes anpassen ...

Auch wenn dich derselbe in herben Widerspruch zu deinen Pflichten
setzt?

Die junge Braut blickte erschrocken, beinahe verstndnislos empor. Wie
knnte das mglich sein?

Wirst du blindlings _alles_ gut heien, was dein Gatte tut? Als Frau
lernt man oft sehr viel schrfer und weitsichtiger urteilen, wie als
Mdchen!

Das rosige Antlitz war jhlings erbleicht, Gundula hob ihr Haupt und
schaute der Sprecherin starr in die prfenden Augen. Ein seltsam
fremder Zug schlich sich pltzlich um die lchelnden Lippen, fest und
energisch, ein Gemisch von Stolz und Unwillen.

Wenn Friedrich Karl jemals unedel oder frevlerisch handelt -- was Gott
verhten mge --, werde ich _nicht_ derselben Meinung sein wie er,
sondern so handeln, wie _ich_ es fr recht und gut erachte!

Sie atmete schwer auf und senkte wieder, wie erschreckt ber ihre
eigenen Worte, das Kpfchen.

Aber wie sollte das geschehen? -- Wenn er sein Hab und Gut verspielt,
schdigt er ja nicht Fremde, sondern hchstens sich selber -- --

Und dich! --

Da lchelt sie wieder. Ich sagte dir, Tante, da ich fr meine Person
gern auf alles verzichte!

Wie weich, wie innig und rhrend klang das, wie leuchteten die blauen
Augen so demtig und ergebungsvoll sanft und treu!

Agathe prete die Lippen zusammen und kmpfte sekundenlang einen
schweren Kampf.

Dann schttelte sie seufzend den grauen Kopf und strich liebkosend
ber das blonde Haupt ihres Lieblings, um welches die blhenden Myrten
rankten.

Nein, Kind, ich will dir deinen Glauben und dein Vertrauen nicht
nehmen, -- ich will in dieser Stunde nicht mit Mglichkeiten rechnen,
welche vorlufig noch in Gottes Hand stehen; nur eine Bitte mchte ich
dir noch aussprechen, eine ernste, innige Bitte ...

Tante! Meine liebe -- liebe Tante! --

Dein Vater hat am gestrigen Tage sein Testament gemacht und dich nach
seinem Tode zur Erbin eingesetzt, welche unumschrnkte Vollmacht ber
ihr Vermgen hat, -- er hat dies entgegen meinen instndigen Bitten
getan, er hat auch keinerlei Bedingungen mehr gestellt, obwohl er wei,
da du mit deinem Gatten in Gtergemeinschaft leben wirst. -- Je nun,
er ist ein Starrkopf und sein eigener Herr, ich bin berzeugt, da er
nach bester berzeugung gehandelt hat. Du selber, Gundula, bist in
Geldangelegenheiten und Geschftssachen leider Gottes unerfahren wie
ein Kind, darum kann ich dir kaum klarmachen, welch eine Gefahr dieses
Testament fr deine Zukunft birgt! -- Um so berechtigter ist aber meine
Bitte, welche du hoffentlich nicht abschlgst, auch wenn du dieselbe in
diesem Augenblick noch nicht verstehst!

Sprich, Herzliebe ...

Du weit, da Tante Margarete dir ihr ganzes Vermgen vermachte,
allerdings mit der Klausel, da ich, solange ich lebe, den Niebrauch
des Kapitals habe?

Ja, Tantchen! So Gott will, wirst du dich noch viele lange Jahre
dieser Renten freuen!

Agathe berhrte die Worte, sie blickte mit sorgenvoller Stirn
geradeaus ins Leere und fuhr beinahe hastig fort:

Von diesem Erbe, welches dir zusteht, wei niemand etwas, -- dein
Vater hat es selbst mir gegenber nie erwhnt, er wird auch ganz
bestimmt bei Friedrich Karl nichts davon gesagt haben, wie ja
seltsamerweise der Geldpunkt bei den Herren nie erwhnt worden ist!
Dein Gatte wird also nie von diesem, deinem Besitz etwas ahnen, wenn du
ihm nicht selber Mitteilungen davon machst!

Aber Tante Agathe, wie sollte ich! Das Geld gehrt ja noch gar nicht
mir!

Ein herbes Zucken umzog die Lippen der alten Dame. Es gibt Flle,
wo Menschen mit aller und jeder Mglichkeit rechnen, wenn sie ...
Die Sprecherin brach kurz ab und fuhr in dringlichem Tone fort: Auf
dieses Kapital bezieht sich meine Bitte, Herzensliebling! Gelobe es
mir in dieser Stunde mit heiligem Eide, _nie_ und _nimmer_ deinem
Gatten gegenber von diesem Erbe zu sprechen! Gelobe es mir! Schwre
es mir, wenn dir die Ruhe meiner Seele wert ist! -- Sieh mich nicht so
fragend, so erstaunt an! Ich kann und will dir nicht die Grnde sagen,
welche mich zu dieser Forderung bewegen, -- ich beschwre dich nur mit
all der innigen Liebe, welche ich dir seit langen Jahren gezeigt, ich
flehe dich an als Stellvertreterin deiner teuren, verewigten Mutter:
Schwre mir, Gundula, nie und nimmer zu Friedrich Karl von diesem Geld
zu sprechen!

In den Augen der jungen Braut glnzten Trnen. Sie warf sich an die
Brust der Sprecherin und schluchzte leise auf: Obwohl ich nicht
den Grund fr diese seltsame Bitte einsehe, Herzenstante, und das
Empfinden habe, als ob es nur ein unbegreifliches Mitrauen gegen
meinen Geliebten sei, welches sich dir auf die Lippen drngt, will
ich dir dennoch ewiges Schweigen geloben, -- dir zur Beruhigung! --
Soll ich auf das Bildchen meiner lieben Mutter schwren? Ach, warum so
feierlich, -- es ngstigt mich! Aber wie du willst, Liebste! Ich bin
berzeugt, da du es gut mit mir meinst!

Und Gundula legte die bebende Hand auf das Bild ihrer toten Mutter
und flsterte tief erbleichend den Schwur, welcher ihr ein so
unerklrliches Schweigen auferlegte.

Amen! sagte Agathe mit fester Stimme, umschlo die Rechte ihres
Pflegekindes mit den gefalteten Hnden und sank neben ihr nieder auf
die Knie.

Ihre Lippen regten sich im Gebet, aber Gundula hrte nicht die Worte,
welche sie sprach.

Unten auf der Strae klang ein jubelndes Hurra! -- brausende Hochrufe
aus unzhligen Kinderkehlen.

Der Brutigam nahte, die Braut zu holen. Ein Zittern banger
Glckseligkeit rann wie erlsend durch die Glieder des jungen Mdchens.
Sie trat jhlings einen Schritt in den Erker vor und schaute hinab.

Sie sah seine hohe, ritterliche Gestalt in blitzender Uniform aus
dem Wagen springen, sie sah das strahlende Lachen in seinem schnen
Antlitz, wie er nach allen Seiten grte, wie sein Blick voll
ungeduldiger Sehnsucht zu den Fenstern emporflog. --

Wieder malte rosige Glut ihre Wangen, das Herz schlug hei und zrtlich
in ihrer Brust, und im berma des Empfindens schwang sie die Arme um
Tante Agathe.

Ich habe dir geschworen, Tante, und ich werde meinen Schwur halten,
wenngleich ich berzeugt bin, da Friedrich Karl mich nie nach diesem
Gelde fragen wird, da wir dieses Erbes nie bedrfen! O, liebe, liebe
Tante -- ich bin die seligste Braut unter Gottes weitem Himmel, und im
ganzen Lande ist kein zweites Weib, welches so beneidet sein wird wie
ich in meinem bergroen Glck!

Das gebe Gott! flsterte die alte Dame und kte ihr Herzenskind
feierlich auf die Stirn. In demselben Augenblick aber ward die Tr
strmisch geffnet, und voll jubelnden Entzckens, schn und strahlend
wie ein junger Siegesgott, breitete der Graf von Hohen-Esp seine Arme
nach der Geliebten aus. --

Diese Augenblicke gehrten dem jungen Paar; Tante Agathe trat
schweigend in den Erker und blickte auf die Strae hinab.

Wohl konnte sie kaum ein herrlicheres Bild sehen als diese beiden
jugendschnen Menschen, welche sich so glckverklrt in die Augen
schauten, als sei die ganze Welt ein Zauberland trunkener Wonne
geworden, -- aber sie wandte sich dennoch ab, als sei dieses Licht zu
grell und blendend, als tue es den Augen weh.

Sonne ohne Schatten versengt und verdorrt ...

Drunten drngte sich eine neugierig erregte Menge um die prunkende
Galakutsche der Bren von Hohen-Esp.

Auf dem Wagenschlag prangte das Wappen, der schreitende Br im goldenen
Feld. --

Wird Gundula eine echte, kampfesmutige Brin werden, welche zur rechten
Zeit die Zhne weisen kann?

Agathe seufzte tief auf.

Jenes kraftvoll schne Mdchen, welches wie eine Walkre das scheuende
Pferd bndigt, ist doch nur ein schwaches, liebendes, demtiges und
unendlich sanftes Weib, welches sich von dem heigeliebten Mann ohne
Vorwurf und Groll zugrunde richten lt. -- Ihr Vater war blind, wenn
er von der stolzen Festigkeit ihres Charakters sprach!

Und doch ... wie hatte es vorhin so wundersam in den samtweichen
Taubenaugen aufgeblitzt, als sie der Mglichkeit dachte, da der Mann,
welcher fr sie der Inbegriff aller edeln Vollkommenheit war, einmal
eine gewissenlose und schlechte Tat begehen knne!

Versteckt sich unter den weien Taubenschwingen dennoch der trotzige
Nacken der Brin? -- Je nun, ob sie einst selber fr sich und ihre
Existenz kmpfen wird, die reiche, reiche Grfin von Hohen-Esp, oder ob
sie es nicht tut und schwach und hilflos von dem ehernen Schritt des
Verhngnisses ereilt wird -- Tante Agathe hat in dieser Stunde fr die
arme Verblendete gesorgt -- fr sie und ihre Kinder.

Nun erst ist sie ruhig, nun sieht sie still und leichten Herzens auf
all die gleiende Pracht, welche ihre grellen Funken ber Kranz und
Schleier der jungen Frau wirft. --

       *       *       *       *       *

Der Kammerherr war eingetreten.

Er trug seine elegante Hofuniform, welche sonst seiner markigen Gestalt
so besonders kleidsam gewesen. Auch gerne ging er trotz des Krckstocks
hoch und stolz aufgerichtet, und ein Ausdruck groer Genugtuung lag
auf den eisernen Zgen; dennoch erschienen dieselben farblos und
greisenhaft, und das nervse Zucken der graubuschigen Augenbrauen fiel
mehr noch auf denn sonst.

Ich bin froh, da ich diesen Tag noch erlebe! hatte er am Morgen
gesagt, er gibt meinem Leben einen guten Abschlu.

Jetzt streifte sein Blick aufleuchtend das junge Paar, ein
schmunzelndes Nicken -- und dann bot er seiner Schwester Agathe den Arm
-- es schien wenigstens so -- in Wahrheit fhrte sie ihn.

Komm, du treue Pflegemutter, unser Wagen wartet.

Die beiden Alten gingen, und Friedrich Karl schlang den Arm noch
inniger um die reizende Braut, welche in der Residenz als gefeiertste
Schnheit galt.

Er blickte ihr tief in die ernsten blauen Augen, welche ihm wie
verklrt in Glckseligkeit entgegenstrahlten.

Nun bist du mein, Gundula! flsterte er, und sein frisches, hbsches,
so lebenslustig lachendes Antlitz frbte sich hher.

Fr Zeit und Ewigkeit!

Und wirst nie einen andern lieber haben wie mich? --

O, da du fragen kannst!

Er lachte beinahe bermtig: Und wirst nie ein Geheimnis vor mir
haben, kleine Frau? Er dachte sich wohl selber nicht viel bei dieser
Frage, denn er blickte nicht forschend in ihr Antlitz, sondern zog
ihr Kpfchen noch fester an die Brust und drckte die Lippen kosend
auf die blhende Myrte in ihrem Haar. Er bemerkte es nicht, wie sie
zusammenzuckte, er sah nicht, wie sie erbleichte, er wartete auch
kaum auf eine Antwort, sondern fuhr nach kleiner Pause fort: Deine
sen Augen verraten mir ja doch alles, und in ihnen la mich tglich
lesen, da du glcklich bist! Wahrlich, Gundula, kein Mensch kann eine
festere, redlichere Absicht haben wie ich, alles zu tun, um dein Leben
sonnig und schn zu gestalten! Man sagt zwar, der Weg zur Hlle sei
mit guten Vorstzen gepflastert, aber das ist Torheit, denn unser
gemeinsamer fhrt direkt in den offenen Himmel hinein! Gundula -- hast
du mich lieb?

Wie ein Aufschluchzen klang es von ihren Lippen, sie antwortete nicht,
sondern kte ihn. -- Sonnengold flutete ber sie hin, in ihr Herz aber
war ein Schatten gefallen, der lastete dunkel und schwer, und in all
ihrem traumesschnen Glck zog es wie ein anklagender Schmerzensschrei
durch ihre Seele: Tante Agathe, warum hast du mir das getan!

       *       *       *       *       *




II.


Der Graf von Hohen-Esp und seine junge, liebreizende Frau galten fr
das glcklichste Paar im Lande!

Nicht deshalb, weil Pracht und Glanz sie umgaben, weil Sorge und Kummer
unbekannte Gste in ihrem Hause waren, weil sie alles besaen, was dem
Herzen Freude -- und dem Leben Reiz verleiht, -- sondern, weil sie
einander aus heier, inniger Liebe geheiratet hatten. Auf Gundulas
Wunsch hatte das junge Paar die Flitterwochen auf Burg Hohen-Esp
verlebt, und ein paar Damen und Herren der Gesellschaft, welche, auf
weiterer Fahrt durch das Land begriffen, fr etliche Stunden in dem
wunderlichen alten Strandschlo Rast gehalten, konnten gar nicht genug
erzhlen, wie wahrhaft verklrt in unaussprechlicher Glckseligkeit die
junge Grfin dreingeblickt.

Ihr sei die Stille und Einsamkeit dieses Aufenthalts ersichtlich sehr
sympathisch, whrend der lebenslustige Gatte wohl nur aus Galanterie
und im Rausch des Honigmonats in diesem freiwilligen Exil aushalte!

Selbstredend werde das junge Paar schon bei Beginn der groen Rennen
auf der Bildflche erscheinen und den Winter in der Residenz
verleben. Graf Friedrich Karl habe das heilig gelobt und sehr vergngt
dabei ausgesehen, auch Gundula habe sehr liebenswrdig gelchelt, aber
doch heimlich geseufzt!

Ob sie eiferschtig ist und den Gatten am liebsten in die
Klostereinsamkeit der alten Brenburg einsperrte? -- Wohl mglich! Aber
dann wehe der jungen Frau!

Der Erbherr von Hohen-Esp ist nie ein Heiliger gewesen und hat auch
gar keine Anlage dazu, sein Leben in Sack und Asche zu vertrauern! --
Gundula sei ja sehr hbsch, und da sie den jungen Lebemann durch ihre
ueren Reize in Fesseln geschlagen, sei auch begreiflich; ob sie aber
das Zeug dazu haben werde, ihn dauernd zu fesseln?

Sie ist nicht allzu geistreich, nicht im mindesten das, was man amsant
nennt.

Friedrich Karl habe bisher freilich der pikanten Lustigkeit gefallener
Engel nie auffllig gehuldigt und sich beim Bakkarat besser unterhalten
wie in den schwlen Salons der Demi-Mondainen, dennoch sei ein
Charakter wie der des jungen Millionrs ganz unberechenbar, und
die Langeweile zeitige oft Launen und Marotten, welche frher ganz
ferngelegen. Eine eiferschtige Frau aber ist immer ein Unglck sowohl
fr sich wie fr andere. Kommt ein Mann nicht von selber auf dumme
Gedanken -- eine eiferschtige Frau bringt ihn darauf! Ihre ewigen
Anschuldigungen, ihr Mitrauen weisen ihm erst den Weg. --

Zwar hat man an Gundula stets eine groe Sanftmut und Nachgiebigkeit
gerhmt, und selbst ihre Jungfer hat nach vier Jahren noch versichert,
ihr gndiges Frulein sei die verkrperte Herzensgte --! -- Ob
aber diese Taubennatur noch vorhalten wird, wenn sie eine Brin von
Hohen-Esp geworden?

=Femme varie!= und die Eifersucht ist eine Krankheit, welche so
urpltzlich aufkeimt und in Saat schiet wie das Unkraut auf dem Felde.

Ja, die Zukunftsehe der Hohen-Esps bildete in der Residenz das
unerschpfliche Thema, welches am Teetisch und im Rauchsalon mit
gleichem Interesse in allen Tonarten variiert wurde!

Whrenddessen trumte das junge Paar eine zauberhafte Sptsommeridylle
auf Hohen-Esp, der einsamen, uralten Burg, welche sich auf bewaldeter
Bergkuppe am Ufer der Ostsee erhebt und weithin ber die blauwogende
Unendlichkeit schaut.

Sie gehrt zu dem ltesten Grundbesitz der Familie, ein dsteres altes
Gemuer, ein Krhenhorst, welchen die kokette Laune ehemaliger Bewohner
gar eigenartig ausstaffiert. Die Brenburg gleicht in Wahrheit der
Hhle eines Bren, denn die plumpen, massigen Mauern der graue, stumpfe
Turm sind im Innern und uern mit lauter Dingen ausgestattet, welche
an den Br und seine wehrhaften Pranken erinnern.

Gundula war im ersten Augenblick erschrocken, als die beiden
riesenhaften Bren, welche am Eingang des Burgtors Wache halten,
aus grimmig offenen Rachen die Zhne ihr entgegenfletschten, als
ihr berall auf Schritt und Tritt in der ganzen Burg, wohin sie nur
blickte, Bren in allen Gren und Arten entgegenschauten, als jedes
Mbel oder jedes Gewebe ihr in Schnitzerei oder Muster das nmliche
Motiv zeigten -- Bren! Bren berall! Bald aber gefiel ihr diese
absonderliche Eigenart, und je mehr sie sich in die Traditionen der
Familie und den Gedanken hineinlebte, da sie nun selber eine Brin
von Hohen-Esp geworden, eine jener seelen- und nervenstarken, stolzen,
gewaltigen Frauen, welche seit vielen Jahrhunderten hier gehaust,
wahrhafte Herrinnen der alten Zwingburg zu sein, da schlug ihr Herz
hoch auf im stolzen Selbstbewutsein, und beinahe zrtlich haftete ihr
Blick auf den braunzottigen Gesellen, welche in dieser verzauberten
alten Herrlichkeit die neue Gebieterin auf Schritt und Tritt begrten.

Ja, verzaubert!

Durch die grauen Mauerhallen wehte es, durch die mchtigen
Buchenwipfel im Parke raunte es und um die verwitterten Steinbilder
der wappentragenden Bren ging es wie ein geheimnisvolles Brummen und
Murmeln, wie ein gespenstisches Wirken und Weben, welches seine Zauber
um eine Menschenseele spinnt, den unheimlichen Zauber, eine sanfte
Taube in eine gar wilde und trotzige Brin zu verwandeln! --

Ich begreife eigentlich deinen Geschmack nicht, Herzlieb! lachte
Friedrich Karl, als sie eines Abends auf der Zinne des Turmes standen,
weit hinab ber die Wipfel des Buchenwaldes auf das ferne, blaue Meer
zu schauen, in welches der glhende Sonnenball langsam, durch violette
Dunstschleier tauchend, herniedersank. Ich begreife dich nicht, da
es dir hier in der entsetzlichsten aller vermoderten und verrucherten
Brenhhlen so gut gefllt! So schn, wie Hohen-Esp seinerzeit als Sitz
der ersten unseres Geschlechts gewesen sein mag, so vllig berlebt
hat sich sein mystischer Zauber in unserer heutigen Zeit voll Komfort,
Eleganz und Leichtlebigkeit! Ich hatte im stillen eigentlich gehofft,
Gundula, du wrdest beim Anblick all der grausigen Untiere, welche
schier zudringlich hier auf Schritt und Tritt verfolgen, schleunigst
Reiaus nehmen! >Alle Tage Feldhhner< ist kaum so greulich, wie
>alle Tage Bren!< -- Bren, wo man sie sich nur denken kann, -- man
kann keinen Lffel in die Hand nehmen, ohne den Br darin graviert
zu finden, kein Glas, kein Sessel -- kein Teppich ... keine Wand ...
brr! Was zu viel ist, ist zu viel! Unsere Altvorderen sind mit diesem
Brenkultus schlielich langweilig geworden!

Beinahe erschrocken sah die Grfin den Sprecher an. Langweilig?
und das sagst du, Friedrich Karl, der Nachkomme dieses herrlichen
Geschlechts, fr den jeder Zoll dieses Grund und Bodens heilig sein
sollte? -- Sieh, ich trage erst seit wenigen Wochen den Namen Hohen-Esp
-- und doch ist es mir, als sei mein Herz und Sinn schon ganz und gar
verwoben mit ihm, als wchse ich empor zu einer neuen, ungeahnten
Gre, als neige sich jedes dieser Brenhupter mir zu mit trautem Gru
und Segenswunsch! Ich kann nicht satt werden, durch Rume zu schreiten,
wo ringsum die Andenken von Vtern und Ahnherren sprechen, wo alles
davon zeugt, was sie einst waren und was wir Glckseligen jetzt sind,
-- wo ihr Geist uns umweht und ihre Namen zu uns sprechen! O du lieber
Mann, -- ich habe zuvor nie darber nachgedacht, wie schn es wohl sein
msse, die Mutter eines Sohnes zu sein, hier aber in der Burg deiner
Vter, da berkommt es mich wie eine heie, ehrfurchtsvolle Sehnsucht,
wie eine jauchzende Begeisterung bei dem Gedanken, da ich berufen
sein mchte, diesem alten, trotzigen Brengeschlecht einen Erben zu
schenken, es fortzupflanzen in einem Sohn, welcher dereinst so edel, so
ritterlich und herrlich sein wird, wie alle jene heldenhaften Mnner,
welche ehemals in diesen Rumen gehaust, welche ihren Wahlspruch in die
grauen Quadersteine gemeielt, ihn hoch auf ihr Banner geschrieben und
in seinem Sinne lebten und starben --

    Christe Kyrie ...
    Zu Land und See,
    Schirmherr der Not --
    Das walt' Herre Gott!

Mit entzcktem, schier staunendem Blick sah Graf Hohen-Esp auf die
Sprecherin.

Wuchs sie tatschlich neben ihm empor, oder tuschte ihn sein Auge, da
er ihre schlanke Gestalt pltzlich so hoch und stolz, so brenhaft
markig neben sich sah?

Und dieses schne, begeisterte Angesicht, diese leuchtenden Augen ...
gehrten sie wahrlich seiner ernsten, trumerisch stillen Gundula? --

Fester schlang er den Arm um sie, heier noch kte er ihre Lippen.

Schade, da mein guter Vater dich nicht sprechen hren kann, du wrest
wahrlich eine Schwiegertochter nach seinem Herzen! Ja, der alte Herr war
in der Tat noch der alte Schirmvogt der Not und Schwachheit, wie ihn der
alte Wappenspruch verlangt; er hat viel Gutes getan, und wenn auch nicht
mit gewappnetem Arm gegen die Seeruber hier von dem Brenhorst aus, so
doch als moderner Mann im Reichstag und von der Ministerkanzel aus; du
weit, wie man sein Andenken in Ehren hlt! -- Ja, ein moderner Mann! --
Hohen-Esp bewohnte er selten, fast nie; es lag ihm zu abgelegen, zu
weltfern und unbequem, die Telegraphendrhte hatten ihr Netz allzu
gebieterisch um ihn gesponnen. -- Da hatte er sich Schlo Walsleben fr
den Sommeraufenthalt zurechtmachen lassen, -- auch ein von den Vtern
ererbter >heiliger< Boden, aber doch etwas behaglicher und komfortabler
wie hier die alte Brenhhle! Garnison in der Nhe, flotte Kavallerie
-- elegante und distinguierte Gutsnachbarschaft -- kurzum ... man kann
da ein paar Wochen aushalten! Und siehst du, Herzlieb, diesem hbschen
Besitz mchte ich mein wonniges Weib auch einmal zufhren! Wir waren nun
drei Wochen hier, -- die Walslebener drfen doch nicht eiferschtig
werden?!

Wie innig er sie an sein Herz drckte, wie schmeichelnd seine Stimme
klang, wie unwiderstehlich war der strahlende und heitere Blick seiner
Augen, welche in letzter Zeit doch oftmals recht mde und gelangweilt in
die Waldeseinsamkeit hinausgeschaut hatten!

Ein Gefhl tiefer Wehmut beschlich Gundulas Herz, wenn sie an Scheiden
dachte, -- wie unaussprechlich glcklich war sie hier gewesen! -- wie
redete jedes Zimmer, jedes Pltzchen im Park von einer Zeit berauschend
seliger, junger Liebe! -- Nie und nimmer wrde sie sich in Hohen-Esp
langweilen, und mte sie ihr ganzes Leben hier zubringen! --

An seiner Seite ... im Verein mit ihm -- wre es nicht Paradieseswonne
gewesen?

Aber was galten ihr die eigenen Wnsche, wenn Friedrich Karl andere
Plne hegte?

Ein einziger Blick in sein lachendes Gesicht, ein Ku von seinem Munde,
und die Brin war wieder die willenlose Taube, welche mit demtigem
Lcheln nickt: So bringe mich nach Walsleben, Liebster! Die Welt ist ja
berall schn, wo du bist! --

Gut, -- sagen wir: vierzehn Tage noch nach Walsleben! Das gengt, da
du dein neues Heim, die Umgegend und Menschen kennenlernst, und dann ...
dann machen wir doch noch unsere Hochzeitsreise, Liebchen?! --

Hochzeitsreise? ich glaubte, die machten wir schon letzt!

Hierher nach Hohen-Esp? er lachte beinahe bermtig: Nein, meine
kleine Schirmvogtin, diese Extratour war nur ein Beweis meines
unbedingten Gehorsams! Du wnschtest, die Brenburg kennenzulernen, --
und ich war Wachs in deinen Hndchen, wie ich stets im Leben sein werde!
-- Nun aber kommt die Belohnung fr diesen Separatarrest, obwohl
derselbe so s und wonnig war, da er seinen Lohn schon reichlich in
sich selber trug! -- Aber wir Menschen sind nun mal unbescheiden und
nimmersatte Kreaturen! Auf das schne Exil in Hohen-Esp folgt ein noch
schneres in Walsleben, und wie man nach der sen Speise noch Konfekt
und Frchte verlangt, so lassen wir uns noch eine kleine Spritztour gen
Nizza, San Remo -- Monte Carlo -- -- usw. -- servieren!

Alles, was du willst! Die Zwingherrin ist ihrem Herzliebsten gegenber
Sklavin!

Dank! Dank, du herrlichste der Frauen! Also reisen wir! -- Hurra ...
la uns sogleich hinab und die Befehle zum Kofferpacken geben --!

Sie hielt seine Hnde fest. Und der schne Sonnenuntergang? flsterte
sie bittend, mit einem langen, sehnschtigen Blick nach dem fernen Meer.

Scheint die Sonne noch so schn -- einmal mu sie untergehn!
rezitierte er scherzend. Du weit, da ich fr Naturschnheiten leider
Gottes sehr wenig Verstndnis habe, aber wenn es dir Freude macht ...
selbstverstndlich, Liebchen, bleiben wir noch bis zum Schlu der
Vorstellung hier ... Du weit ja, die dienstbaren Geister sind gewandt
genug im Packen, um uns morgen frh noch den Schnellzug erreichen zu
lassen! --

Das kann ich nicht garantieren ... also gehen wir! Jene graue
Wolkenwand droht die Sonne doch zu verschlingen, ehe sie den Horizont
erreicht ...

Wie nett von der Wolkenwand! --

Schm' dich, du lieber Sptter!

_Meine_ Sonne geht ja doch nicht unter, Liebste -- dein Auge strahlt
mir Tag und Nacht!

Sie gingen Arm in Arm -- hinter ihnen aber erlosch das leuchtende
Tagesgestirn, -- es ward Nacht.

       *       *       *       *       *

In Walsleben fand Gundula alles, was wohl sonst jedes Frauenherz
entzckt und hoch befriedigt htte. --

Gediegene Eleganz, Behaglichkeit und die Erfllung eines jeden, selbst
des anspruchvollsten Wunsches. Es wrde die junge Frau auch beglckt
haben, wenn sie mehr Wert auf ueren Glanz gelegt, und Sinn fr all die
vielen, hbschen Nichtigkeiten gehabt htte, mit welchen das moderne
Wohlleben sich ausstattet und welche einer Reihe von migen Tagen einen
scheinbaren Inhalt verleihen.

Gundula hatte aber seit jeher wenig Passion fr Geselligkeit und alles,
was mit derselben zusammenhing.

Ihre tiefgehenden Interessen wurzelten nicht im Parkett, und die reinste
Freude, welche sie empfinden konnte, war diejenige an einer schnen
Natur, mit all dem stillen Zauber und den unerforschlichen Wundern,
welche ihrem Schpfer Preis und Ehre geben.

Seit sie in der tiefen innigen Liebe zu ihrem Gatten ein bergroes
Glck gefunden, war ihre Neigung fr die Einsamkeit eher grer, denn
geringer geworden, und so wie sie in dem weltvergessenen Hohen-Esp alles
gefunden, was sie schn und wonnig deuchte, um so weniger entsprach das
Walslebener Schlo mit seinem eleganten Leben und Treiben ihrem
Geschmack. Dennoch verriet nicht das kleinste Wort, nicht der leiseste
Seufzer, wie ungern sie hier weilte. Sie sah es ja dem glcklichen
Gesicht ihres Mannes an, da er sich auerordentlich wohl fhlte, und
was htte der selbstlosen und anspruchslosen Seele Gundulas mehr
Befriedigung geben knnen, als den Geliebten froh und zufrieden zu
sehen?

Man fuhr schon am zweiten Tag, als die junge Herrin kaum den eigenen,
frstlichen Besitz in Augenschein genommen, in die Nachbarschaft, um
Besuche abzustatten.

Da man nur so kurzbemessene Zeit in Walsleben weilte, drngten sich die
Einladungen; man besuchte Feste und sah wiederum Gste bei sich, und
Gundula empfand es bei all ihrem Widerwillen gegen eine derartige
Vergngungshetze doch mit unendlicher Wonne, da Friedrich Karl eine
stolze Genugtuung darin fand, der Welt sein junges Weib zu zeigen, da
er sich beneidenswert und glcklich in ihrem Besitze fhlte. --

Zwischen all dem Trubel fanden sich doch noch schne, stille Stunden, wo
der Geliebte ihr allein gehrte, wo er sich ihr voll zrtlicher
Ritterlichkeit auch ausschlielich widmete!

Dafr dankte sie ihm durch eine stets liebenswrdige Bereitwilligkeit,
ihm hinaus in das laute, bunte Leben zu folgen, und als die fr
Walsleben festgesetzte Zeit abgelaufen war und der junge Graf voll
ungeduldiger Sehnsucht nach neuen Zerstreuungen verlangte, da gab sie
gern Befehl, die Koffer zu packen.

Welch ein ruheloses Hin und Her, Kreuz und Quer durch die Welt!

Gundula hatte zuvor wenig von ihr gesehen, die Krankheit des Vaters
fhrte sie alljhrlich in dasselbe Bad, und Tante Agathe liebte es
nicht, sich in einem rollenden Sarge durchschtteln zu lassen.

So fand die junge Frau auch jetzt wieder viel genureiche Stunden, denn
Friedrich Karl unternahm ihr zu Liebe jede Partie und jede Promenade
ber Berg und Tal, begleitete sie in Kirchen und Museen, obwohl er
selbst in freimtiger Ehrlichkeit bekannte, da er jedweder Kunst
gegenber Barbar sei. Dafr speiste Gundula ihm zu Liebe mit an der
amsanten =table d'hte=, fuhr zu Reunionen, in Theater und Konzerte,
machte groe Toilette, wenn er es verlangte, und opferte Ruhe und
Schlaf, wenn es ihm Freude machte, etwas lnger an dem grnen Tisch zu
sitzen.

Monte Carlo!

Anfnglich hatte Gundula gar nicht geahnt, welch ein Hllenabgrund in
diesem Paradiese ghnte. Sie sah voll naiver Verstndnislosigkeit dem
Spiel zu, bis es ihr allmhlich klar ward, was dasselbe eigentlich
bedeuten wollte.

Da erschrak sie zum erstenmal bis in das tiefste Herz hinein.

Sie stand hinter ihrem Gatten und sah, wie die Glut fieberischer
Erregung immer dunkler und heier in sein schnes Antlitz stieg, wie die
Banknoten in seiner Brieftasche mehr und mehr zusammenschmolzen.

Herzliebster -- flsterte sie in sein Ohr --: la uns gehen -- ich
sterbe vor Mdigkeit!

Er sprang sofort auf, raffte noch ein paar Goldstcke zusammen und bot
ihr den Arm.

Vergib mir, =darling=! es ist in der Tat sehr spt geworden ... aber im
Eifer des Spiels ... ich habe gar nicht daran gedacht, da du in letzter
Zeit immer so spt zu Bett gekommen bist.

Sie frchtete, da er sie heimbegleiten und noch einmal an den grnen
Tisch zurckkehren werde, aber er tat es nicht, er sagte nur lachend:
Heute habe ich infames Pech gehabt! Das kommt von allem Glck in der
Liebe, Schatz! Na, morgen hole ich mir die Dukaten alle wieder zurck.

Am folgenden Tage verspielte er noch eine weit grere Summe.

Ich mu an meinen Bankier telegraphieren, sagte er, unser Reisegeld
ist auch schon futsch!

Da fate sie flehend seine Hnde, und ihre blauen Augen schauten voll
Angst in sein schnes, sorgloses Antlitz. --

Friedrich Karl ... flsterte sie, ach, la uns fort von hier!

Er lachte hell auf und kte sie: Ich glaube, du hast Angst, da ich
uns hier bankrott spiele! scherzte er. Unbesorgt, du liebes Nrrchen!
Die paar tausend Franken reien noch kein Loch in unsern Geldbeutel, und
einmal mu ich doch auch wieder gewinnen!

Er gewann aber nicht, sondern verlor auch die nchsten Tage
unaufhrlich. -- Die namhafte Summe, welche sein Bankier ihm angewiesen,
schmolz dahin wie der Schnee im Sonnenschein. Der junge Graf lachte noch
immer, aber es war ein etwas gewaltsames und nervses Lachen.

Friedrich Karl ... la uns fort von hier! flehte Gundula abermals, und
diesmal rollten ein paar groe Trnen ber ihre Wangen und netzten seine
Hand.

Er zuckte zusammen.

Wenn du befiehlst, sofort, mein Liebling! O, du glaubst doch nicht
etwa, der Spielteufel habe mehr Gewalt ber mich, als dieser se Engel,
welchen ich mir selbst zum Wchter meines Glckes gesetzt habe?

Und er schellte seinem Kammerdiener und teilte ihm mit, da mit dem
Kurierzug am nchsten Vormittag weitergereist werden solle. So
unbeschreiblich glcklich, wie in dieser Stunde, war Gundula nie wieder.

Nein, ihr Mann war kein Spieler, er war zum mindesten kein verblendeter
und leidenschaftlicher Spieler, welcher keinem Zuspruch und keiner Bitte
mehr zugnglich war. Sie konnte ihm zuversichtlich vertrauen -- und
diese Gewiheit beseligte sie.

Die nchstfolgenden Jahre verlebte das junge Paar in Saus und Braus in
der heimatlichen Residenz. Graf Hohen-Esp machte ein glnzendes Haus,
und da er nie im Leben gefragt hatte: _kann_ ich mir dies oder jenes
gestatten, so fragte er auch jetzt nicht danach, sondern war sehr
erstaunt, als sein Administrator ihm eines Tages erffnete, er sei nicht
in der Lage, noch mehr Gelder zu zahlen, da die zustndigen Revenuen
bereits an die Adresse des Herrn Grafen abgefhrt seien.

Was? ei zum Teufel! Wir haben ja das neue Quartal kaum angefangen? --
staunte Friedrich Karl, die Zigarette im Mund, die Hnde in den Taschen
seines Jacketts versenkt. Sonst war das doch sehr viel mehr?

Herr Graf vergessen, da das Kapital sehr abgenommen hat; die Summen,
welche nach Monte Carlo geschickt wurden, die Ehrenschuld, welche an
Herrn von X. -- und diejenige, welche nach Wiesbaden abgesandt wurde
...

Donnerwetter! ist das so ins Geld gelaufen? wunderte sich der junge
Mann sehr gelassen, das ist ja fatal. Aber ich mu doch momentan was
haben! -- Vom nchsten Quartal an knnen wir ja manches sparsamer
einrichten. Aber gerade jetzt mu ich so mancherlei berappen ... was
fangen wir da an, Alterchen? --

Der Beamte zuckte etwas besorgt die Achseln.

Sehr schwierig, Herr Graf ...

Schnacken! -- Knnen Sie nicht die Schafe mal wieder scheren lassen? --
Wir heizen ein bichen ein im Stall!

Der Administrator lachte. -- Dann mten wir ihnen das Fell abziehen!
--

Oder knnen Sie keinen Wald schlagen lassen?

Da ist schon so viel in den letzten Jahren rasiert, Herr Graf, da da
nichts mehr weg darf! Hchstens die Buchenwaldung um Hohen-Esp herum ...
da sind starke Stmme ... die wrden einen guten Ertrag geben ...

Friedrich Karl grub die schlanke Hand momentan in sein lockiges Haar.
Meine Frau hat eine Leidenschaft fr das alte Brennest und den schnen
Hochwald ... sie will jeden Sommer ein paar Wochen da zubringen ... also
ganz herunter darf das Holz nicht ...

Wrde der Frster auch gar nicht zugeben, Herr Graf!

Was _der_ zugeben kann und will, ist mir ganz gleichgltig! Lassen
Sie die Sache _so_ machen, da die strksten und schnsten Bume
ausgeforstet werden. Verstanden? -- um den Wald etwas zu lichten!

Befehl, Herr Graf!

Ein Jahr verging, und im Hause des Grafen von Hohen-Esp klangen nach wie
vor die Flten und Geigen, klimperten fern ab im Zimmer des Hausherrn
die Goldstcke auf dem Spieltisch, Friedrich Karl amsierte sich,
reiste, rauchte, spielte, und war nach wie vor ein aufmerksamer und
ritterlicher Gatte, wenngleich die immer blasser werdenden Wangen und
der mde, resignierte Ausdruck im Gesicht seiner Frau immer deutlicher
hervortraten.

Gundulas Vater war sehr unerwartet an einem Herzschlag gestorben, und
whrend des Trauerjahres, wo man doch nicht gut die Saison mitmachen
konnte, unternahm Graf Hohen-Esp in Begleitung seiner Gemahlin eine
Reise um die Welt.

Du hast ja jetzt ein recht nettes Kapital geerbt, Liebchen! sagte
Friedrich Karl in seiner leichten, frhlichen Art, da knntest du mir
eigentlich einen Gefallen tun! Es ist momentan schwer fr mich, Geld
flssig zu machen, -- du weit, da das bei Grundbesitz immer seinen
Haken hat! Darum wre es mir sehr lieb, du rcktest ein bichen von
deinem Mammon heraus, um die Reisekosten zu decken! Ja? Willst du?
Wrest auch die beste Frau der Welt!

Er kte ihre Wangen und Hnde, und sie lchelte ihr stilles, mdes
Lcheln, schmiegte sich an ihn und nickte: Nimm soviel du willst! Was
soll ich mit dem Geld? Ich freue mich ja so, da wir whrend der Reise
endlich einmal uns wieder selbst angehren knnen!

Und er nahm Geld, -- soviel er wollte, denn die Reisekosten waren nicht
gering.

Ach, wie hatte Gundula gehofft, da sie das Trauerjahr still und
behaglich in der schnen Einsamkeit von Hohen-Esp verleben wrden,
endlich, endlich einmal wieder glcklich zu sein, wie zu Anbeginn ihrer
Ehe!

Statt dessen hub wieder ein ruheloses Wandern an, ein stetes
Zusammenleben mit fremden Menschen, deren Mittelpunkt der schne,
liebenswrdige Graf ja stndig war!

Reiche Englnder und Amerikaner schlugen ein Spielchen vor ... und um
die Langeweile der endlosen Seefahrten zu lindern, spielte Friedrich
Karl; -- manchmal mit Glck, -- meist mit recht erheblichen Verlusten.

Und als man nach Jahr und Tag heimkam, teilte er seiner blassen Frau
so =en passant= einmal mit, da die Reiserei doch infam teuer
gewesen sei und ein Heidengeld verschlungen habe! Das ererbte Kapital
sei beinahe draufgegangen ... na, allzuviel war es ja nicht ...
und da keine Kinder da sind, fr die man zu sorgen hat, ist es ja
gleichgltig, wo es bleibt! -- Gundula hatte ohne ein Wort still vor
sich hingenickt.

Nein, es waren keine Kinder da, fr die man htte sparen und sorgen
mssen!

Der Graf setzte sich an den Flgel und spielte den feschen Walzer,
welchen er jngst zum erstenmal wieder in einem Ballsaal gehrt hatte,
und Gundula erhob sich lautlos, schritt ber die weichen Teppiche nach
ihrem kleinen Boudoir und grub laut aufschluchzend das bleiche Antlitz
in die Atlaskissen.

Nein -- es waren keine Kinder da, fr die man htte sparen und sorgen
mssen!

Was ihr Mann achselzuckend, mit lachendem Munde als eine ja wohl
fatale, aber doch nicht zu ndernde Tatsache aussprach, das fra ihr
seit Jahren schon wie nagend Todesweh am Herzen, das lastete auf ihr
wie ein grausames Schicksal, wie eine Brde, unter welcher sie freud-
und trostlos daherschlich. --

Ein Sohn! -- ach, da sie einen Sohn htte! Wenn sie zurckdenkt an
jene ersten, traumseligen Wochen in Hohen-Esp, mit welch einer stolzen
Glckseligkeit sie zu den gedunkelten Bildern an der Wand emporgeschaut
und ihnen zugeflstert hatte: Einen Sohn will ich euch einst zufhren,
einen jungen Bren, furchtlos, brav und rechtschaffen, ein Schirmvogt
der Schwachen, ein Retter der Gefhrdeten, ein Edelmann in Tat und
Wort, -- so wie ihr es gewesen seid! --

Wie glhte ihr damals das Herz in der Brust voll stolzer Begeisterung,
-- wie trumte sie mit offenen Augen einen herrlichen, goldenen Traum!
-- Wehe ihr! es ist nur ein Traum gewesen und geblieben!

Kein Kind im Hause! --

Nur ein graues Gespenst schleicht darin herum, das klimpert mit
Geldstcken und schlgt klatschend die Karten auf! --

Anfnglich hatte Gundula bitterlich weinend mit gefalteten Hnden
dagegen gerungen, dann aber sind diese Hnde mde und matt geworden,
ihr Herz schwer und starr, es hat nicht mehr in trichten Hoffnungen
geglht und nicht mehr bang gezittert, wenn sie sah, da das Vermgen,
das groe, gewaltige Vermgen des Grafen von Hohen-Esp dahinschmolz!

Fr wen sollte es erhalten bleiben?

Sie selber bedarf weder Glanz noch ppigkeit, sie wird die Stunde
segnen, wo die goldene Brcke, welche ihren Gatten in die falsche,
bunte, treulose Welt fhrte, zusammenbricht.

Dann mu er bei ihr bleiben, dann wird sich nichts mehr zwischen
sie drngen, dann wird sie vielleicht noch einmal in einem stillen,
weltfernen Winkelchen glcklich sein!

Glcklich?!

Sie schluchzt laut auf.

Wofr also sparen? -- Es ist ja kein Kind im Haus! --




III.


Die Zeit verging, -- fr Gundula schleichend, mit bleiernen Flgeln,
fr ihren Gatten in wirbelndem Tanz.

Da es der Grfin in das Herz schnitt, unter so gnzlich vernderten
Verhltnissen auf Hohen-Esp zu weilen, so hatte sie eigentlich darauf
verzichten wollen, in diesem Jahr zu kurzem Sommeraufenthalt nach dort
zu reisen, da trat jhlings ein Ereignis ein, welches das bleiche
Antlitz der mden jungen Frau in schier blendende Sonnenhelle tauchte.

Anfnglich wagte sie es kaum, an ihr versptetes Glck zu glauben, ihr
Herz erzitterte in bangen Zweifeln, ihre Seele jauchzte in Hoffnung,
und auf ihren Wangen blhten wieder Rosen auf, ihre Lippen lchelten
wie im Traum. Friedrich Karl beobachtete berrascht und erfreut die
sichtliche Vernderung seiner sonst so resignierten Frau, und als er
sich eines Tages sogleich nach dem Diner mit scherzenden Worten und
einer kleinen Galanterie ber ihre leuchtenden Augen und blhenden
Wangen zurckziehen wollte, -- da hielt sie sanft seine Hnde fest,
fhrte ihn nach ihrem dmmrig stillen Salon und warf sich voll bebender
Erregung an seine Brust.

Das alles siehst du und bemerkst du, Geliebter, und frgst doch
nicht nach der Ursache, welche mich neu aufleben lt in bergroer
Seligkeit?

berrascht schaute er sie an, nahm an ihrer Seite auf dem Diwan Platz
und murmelte betroffen: Ich verstehe dich nicht, Gundula ... hast du
etwa das groe Los gewonnen?

Sie lachte unter Trnen. Nur das groe Los? Ach, was bedeutet alles
Geld und Gut der Welt gegen unser Glck?!

Seine Hand zuckte unruhig auf ihrem schnen Haupt. Sprich, Liebling
... foltere mich nicht!

Da schmiegte sie sich fest, ganz fest in seinen Arm und flsterte ihm
ein paar Worte in das Ohr.

Gundula! -- schrie er beinahe auf: Gundula -- ist das Wahrheit? --
Uns sollte ein Erbe geboren werden -- ich sollte noch ein Kind auf den
Armen wiegen?

Er sprang empor, er strmte im Zimmer auf und nieder, und dann bedeckte
er ihre Hnde, ihr verklrtes Gesicht mit brennenden Kssen.

Ja, das ist ein unerwartetes Glck, Gundula! jubelte er, nun ist ja
dein heiester und sehnlichster Wunsch erfllt! --

Und der deine nicht auch?

Wie ein Erbleichen ging es ber sein erhitztes Gesicht, er sah sie
nicht an, sondern prete die Wange gegen ihre Hand.

Wie kannst du fragen, Liebste? Als ob es mir gleichgltig sei, ob
die Hohen-Esps aussterben oder nicht! Neun Jahre lang hatte ich
mich freilich an diesen Gedanken gewhnt ... ich rechnete mit jeder
Mglichkeit, nur nicht mehr mit der, einen Erben zu erhalten!

Und er sprang auf und strich mit dem Batisttuch ber die perlende
Stirn, dann lachte er abermals hell, beinahe bermtig auf und fuhr
fort: Ja, nun mssen wir wohl doch diesen Sommer nach Hohen-Esp
fahren, damit du all deinen gemalten Freunden mit Zopf und
Allongepercke, mit Pickelhaube und Federhut das stolze Glck erzhlen
kannst, da ihnen ein Urenkel geboren werden soll, da Grfin Gundula
der alten Brenburg fr einen jungen Bren sorgen will! --

Und wenn es eine Brin ist?

Um so kostbareren Schatz hat die Burg zu hten, lchelte er galant,
und dann kte er die Lippen seiner Frau und setzte die elektrische
Klingel in Bewegung, um dem Diener zu sagen, da er heute abend zu
Hause bliebe, es solle ein Bote nach dem Klub gesandt werden mit der
Meldung, da der Herr Graf heute verhindert sei zu kommen. --

Gundula aber faltete die bebenden Hnde und schlo lchelnd die Augen
... kam es noch einmal zurck, das Glck, das groe, mrchenhafte Glck
von ehemals? -- --

-- -- -- Als der Grfin lchelndes Antlitz sich zum Schlaf in die
Kissen geneigt, wanderte Friedrich Karl ruhe- und rastlos in seinem
Zimmer auf und nieder.

Er hatte einen Brief per Eilboten abgesandt, einen Brief, welcher den
Administrator anwies, sofort dem Abholzen der Hohen-Esper Waldungen
Einhalt zu tun.

Er hatte sich in sehr milicher Lage befunden und nach kurzem Kampf
den Befehl gegeben, die herrlichen Buchenwaldungen um die Burg herum
schlagen zu lassen, -- hatte doch Gundula geuert, da sie keinen
Aufenthalt wieder in Hohen-Esp nehmen wolle. Sie schmte sich vor all
den Ahnherren im Saal, da sie ihnen noch immer keinen Stammhalter
zufhren knne!

Das war nun anders geworden!

Jetzt, nach neunjhriger Ehe! Wer htte das gedacht!

Nun war Gundulas Liebe fr den alten Ahnensitz neu entflammt, und auf
keinen Fall durfte sie die Verwstungen in ihren geliebten Wldern
erblicken!

Das war ein recht fataler Zwischenfall!

Was sollte er nun beginnen?

Seine Lage war von Jahr zu Jahr schlechter geworden, ach, Gundula ahnte
es nicht, _wie_ schlecht!

Er mute absolut eine bedeutende Summe flssig machen, um eine
Spielschuld zu bezahlen!

Infam! er hatte whrend der letzten Zeit so viel Pech gehabt, und wenn
er einmal gewann, so rannen die Dukaten wie Wassertropfen durch die
Finger! Es ist seltsam, da in Spielgewinnen so gar kein Segen steckt!

Es wre auch richtiger gewesen, wenn er das gewonnene Geld angelegt
htte, anstatt es jedesmal zu verjubeln, ... aber du liebe Zeit! Fr
wen htte er sparen sollen! Wie konnte er ahnen, da noch einmal Kinder
kommen wrden!

Je nun, das mu jetzt alles anders werden. Er wird diese eine
Spielschuld noch bezahlen und dann mit allem Ernst danach trachten,
seine Verhltnisse wieder zu arrangieren! Er mu noch eine Hypothek
auf Hohen-Esp aufnehmen!

Walsleben, Mnchhagen und Gottern sind bereits derart belastet, da er
mit diesen Gtern kaum noch rechnen kann, und das Kapital ist lange
verbraucht, ebenso das Erbe seiner Frau!

Friedrich Karl sthnt leise auf, schlgt die Hnde vor das Antlitz und
sinkt in einen Sessel nieder.

Wie Gundula sich auf das Kind freut! Ihr Antlitz ist wie verklrt --
ihr ganzes Wesen atmet jauchzende Glckseligkeit!

Kann auch er sich auf einen Erben freuen? Im ersten Rausch der
berraschung tat auch er es! -- gewi! -- welch eines Mannes Herz
schwellt nicht Stolz und Genugtuung, wenn er Vater werden soll!

Ja, er freute sich wie ein Trunkener, -- ohne jede berlegung, -- die
rhrende Ergriffenheit seiner guten Frau steckte auch ihn an!

Aber jetzt, in der stillen, einsamen Nacht, bei nchterner berlegung,
da schleicht sich in dieses Glcksgefhl eine beklemmende Angst, die
sorgende Frage: was soll aus dem Kind werden?

Wie willst du es ernhren? Von was einst standesgem unterhalten?

Was antworten, wenn einst der Sohn den Vater fragt: Wo blieb das
Erbe meiner Vter? Welch ein bitterer, qualvoller Vorwurf! Graf
Friedrich Karl will ihn nie hren, -- nie! -- Er will, er mu es wieder
einbringen, was er vergeudet hat! --

Aber wie? --

Je nun, das Glck kann ihm nicht immer den Rcken kehren, einmal mu er
doch wieder mit Erfolg spielen, und dann wird er jeden Gewinn anlegen
und sein Vermgen ersetzen. All die Herren, welche durch ihn reich
geworden sind, mssen ihm Revanche geben, sie mssen es, wenn sie
Ehrenmnner sind!

-- Der Graf sprang ungestm auf und sah nach der Uhr.

Sind sie noch im Klub versammelt?

Nein, -- es ist zu spt.

Aber morgen! -- morgen! --

Und am nchsten Tage spielte er voll nervser Leidenschaft, hitziger,
aufgeregter, wie je.

Und er gewann!

Sein Kopf brannte! Wie unsinnig vor Freude strmte er zu dem Bankier
und legte das Geld an! -- Und dann hatte er noch eine Chance!

Der Herzog war entzckt von seinem Viererzug schnster Rappen, welchen
er gern seiner jungen Schwiegertochter, der Prinzessin Margarete, zum
Geschenk machen wollte.

Prinz Georg, welcher mit Hohen-Esp unterhandelte, bot eine enorme
Summe, aber die Eitelkeit des Grafen litt es nicht, da er sich von
seinen berhmten Pferden trennte. Das war jetzt anders geworden.

Er mute fr seinen Sohn Kapital machen! Noch an demselben Tage
verkaufte er die Rappen, und das Geld brachte er abermals auf die Bank!

Welch ein Vergngen ihm das bereitete! Es war etwas so Neues fr ihn,
zu sparen!

Vorlufig schaffte er auch keine anderen Pferde wieder an. Er kndigte
dem zweiten Kutscher, und freute sich, wieviel er dadurch ersparte, --
den Unterricht fr den anspruchsvollen Englnder und vier Rationen! --

Er mu weiter berlegen, wie und wo er sparen kann, ohne da Gundula es
merkt, denn ein Gefhl der Scham hlt ihn pltzlich davon ab, seiner
Frau einzugestehen, wie gewissenlos er bisher gewirtschaftet hat. --

Und er spart und legt an ... und dann schlgt das Glck einmal wieder
um und er mu alles wieder von der Bank abholen, um die Spielschulden
abzutragen!

Es ist ein qualvoller Kampf, ein Auf und Nieder, ein Wasserschpfen mit
dem Sieb!

Aber Graf Friedrich Karl kmpft voll zher Beharrlichkeit, er denkt
an seinen Sohn! Und er sorgt und mht sich immer leidenschaftlicher
und nervser, je mehr er es beobachtet, wie in Gundulas Wesen eine
wunderbare und auffllige Vernderung vor sich geht. --

Wie in langem Staunen haftet sein Blick oft verstohlen auf der Grfin.

Ist dies dieselbe resignierte, mde, sanfte und gleichgltige Frau
von ehedem, welche auf all seine Wnsche nur ein selbstloses: wie
du willst! hatte, welche mit gesenktem Haupte einherschritt,
interessenlos, und so matt und scheu, wie eine weie Taube, welcher ein
Sturm die Schwingen brach?

Ist dies dieselbe Gundula, welche zu ihrem eigenen Schatten geworden
war? --

Jetzt ist es, als ob ein Steinbild endlich zum Leben erwacht sei!

Ihre Gestalt wchst hoch und kraftvoll empor, ihr Haupt hebt sich stolz
und selbstbewut auf den Schultern, und all ihre Bewegungen haben etwas
Festes, Sicheres, wie er es nie zuvor an ihr gekannt!

Die sanften Taubenaugen blitzen in sieghafter Freude, die Lippen
lcheln und sprachen doch nie energischere Worte wie jetzt!

Tante Agathe kommt zum ersten Male zu kurzem Besuch und weinte Trnen
der Freude ber das Glck ihres Lieblings.

Als sie Gundula so gnzlich verndert schalten und walten sieht,
nickt sie leise vor sich hin. Wie ein Echo ziehen die Worte ihres
verstorbenen Bruders durch ihren Sinn --: wenn aber erst die junge
Brut in der Hhle liegt, dann wird aus dem sanften, indolenten Weibchen
eine gar trotzige, wehrhafte Brin! --

Ja wahrlich! -- auch Gundula wird eine solche Brin sein! --

Auf dringenden Wunsch der Grfin siedelte die Haushaltung nach
Hohen-Esp ber und verblieb den ganzen Sommer daselbst, denn wie
Gundula scherzend sagte: sollte der junge Br in seiner angestammten
Hhle geboren werden! --

Graf Friedrich Karl leistete seiner Gemahlin tagelang Gesellschaft,
dann trieb es ihn wieder voll rastloser Ungeduld in die Residenz
zurck; er kam und ging -- er schweifte ruhelos zwischen dort und hier,
und dabei ward er immer nervser, immer blasser und elender, und sah
schlielich so ernstlich krank aus, da es Gundula auffiel und sie
besorgt nach der Ursache fragte.

Er lachte und versuchte voll unsicherer Heiterkeit zu scherzen. Ich
werde noch die Ankunft des neuen Herrn und Gebieters abwarten, und
alsdann ein paar Wochen in ein Bad reisen; der Doktor meint, es sei
eine verschleppte Erkltung, dafr ist Luftwechsel gut!

Frher hatte die Grfin nie an einem Wort ihres Mannes gezweifelt,
jetzt pltzlich hatte ihr Auge etwas so seltsam Forschendes und
Durchdringendes, da Friedrich Karl ihrem Blicke auswich.

       *       *       *       *       *

Und die Wochen vergingen ... und auf der Burg Hohen-Esp wurde ein Sohn
geboren. Ein Sohn! -- wie ein zitternder Jubelschrei rang es sich von
den Lippen der jungen Mutter. Nun lag der heiersehnte kleine Br in
ihrem Arm, und die alten Bilder von der Wand schauten mit wundersam
lebendigem Blick auf sie nieder und lchelten ihr zu.

Hub nicht ein freudiges Brummen und Raunen in allen Ecken an? --

Trappten nicht die mchtigen steinernen Bren vom Burgtor herauf, die
Wappenschilde in ihren Pranken vor dem jungen Brlein in den weien
Kissen zu neigen?

Stampfte und schlurrte es nicht aus allen Winkeln und ber alle
Stiegen heran, der lange Zug aller jener zottigen Gestalten, welche
seit Jahrhunderten hier in der Burg ihre stille Wacht gehalten und auf
den jungen Sprossen gewartet haben, welcher knftighin ihr Herr und
Gebieter sein soll, der Br von Hohen-Esp? --

Welch ein Jubel und Glck im ganzen Hause! Nur der Vater des jungen
Erben hlt seinen Sohn mit zitternden Hnden, und die Fieberglut auf
seiner Stirn wechselt mit fahler Blsse. --

Sind es Trnen oder ist es perlender Schwei, was langsam ber seine
fahlen Wangen rinnt? Alles schlft in der Burg -- mit lchelnden Lippen
und wohligem Behagen, -- nur Graf Friedrich Karl wandelt ruhelos,
selber einem Gespenst gleich, durch die weiten, hallenden Rume. Er
findet keinen Schlaf.

Vor ihm schweben zwei groe blaue Kinderaugen, die schauen ihn ernst
und vorwurfsvoll an, als ob sie ihn richten wollten, und ein kleiner
Mund fragt wieder und immer wieder: Wo blieb das Erbe meiner Vter,
welches sie dir zu Lehn hinterlieen, auf da du es fr deinen Sohn
treu und rechtschaffen verwalten solltest? --

Wie Donnerhall brausen die Worte in seinen Ohren, ob er auch qualvoll
die Hnde dagegenpret und laut aufsthnt: Wie konnte ich noch auf
einen Sohn rechnen! Ich war mir keiner Verpflichtung bewut, weil mir
kein Erbe geboren wurde!

Diese leise Stimme aber fhrt erbarmungslos fort: Rechne nach! Noch
ehe du ein Weib genommen, noch in den ersten, hoffnungsreichen Jahren
deiner Ehe schwand das Kapital dahin, ward das Fundament gelockert, auf
welchem jetzt der morsche Bau zusammenbricht! Rechne nach! wo blieb das
Erbe meiner Vter?! --

Graf Friedrich Karl sank schwer in einen Lehnstuhl nieder.

Er brauchte nicht nachzurechnen, -- er wute, wo das Geld geblieben
war, -- ach, er wute es nur zu genau.

Vor seinen Augen schimmert grnes Tuch, blinken rollende Goldstcke. --

O furchtbare Antwort, welche er einst seinem Kinde geben mu! --

Wie Folterqualen peinigt sie schon jetzt sein Herz. --

Er ertrgt diese Qual bitterster Selbstanklage nicht! -- Er mu
wiedergewinnen, was er vergeudete, er mu den drohenden Ruin abwenden,
er _mu_ es, wenn er noch den Mut haben soll, Weib und Kind in die
Augen zu schauen! -- --

Seine Hnde whlen aufgeregt in den Papieren auf dem Schreibtisch.

Der Administrator hat ihm die Abrechnungen geschickt, ... es gibt
nichts mehr abzurechnen, und die Glubiger drngen ... und die Termine
laufen ab. --

Was tun? --

Die Herren, mit denen er den Winter ber spielte, welche ihm
auerordentliche Summen abgenommen und durch sein Vermgen reich
geworden, haben sich zurckgezogen. Sie leben auf Reisen, -- sie haben
sich auf ihre Besitzungen begeben.

Es bleibt keine andere Mglichkeit, keine andere Hoffnung, als wie
Monte Carlo. Er will noch das Letzte zusammenraffen, was er besitzt,
und will =va banque= sagen!

Nur warten mu er, bis sein Weib genesen ist, bis sie ... jede
Nachricht aus dem Hllenpfuhl jenes Spielernestes ertragen kann!

Er hat seinen Sohn zum Bettler gemacht, aber _alles_ kann und darf er
ihm nicht nehmen, die _Mutter_ mu er ihm lassen!

Also warten, ... warten! --

O, welch martervolle Wochen werden das sein!

Wenn es ein Fegefeuer gibt, so wird er es in diesen Wochen kennenlernen.

Und er lernte es kennen! --

Er sa mit hmmernden Pulsen und eiskalten Hnden an Gundulas Lager,
er sah in ihr Antlitz, welches alle Himmelswonnen junger Mutterschaft
spiegelte, er hrte mit krampfhaftem Lcheln all die seligen
Zukunftsplne an, welche sie fr des Kindes und ihr eigenes Geschick
schmiedete. Ja, sie wollten glcklich sein! --

Nun waren ja ihre khnsten Hoffnungen erfllt, nun lag der Sohn in
ihren Armen, welcher das alte Geschlecht zu jungem Glanz und junger
Herrlichkeit aufblhen wird! --

Und die Grfin drckte seine Hnde voll unaussprechlicher Liebe
zwischen den ihren und blickte ihm wieder in die Augen wie damals
... vor Jahren ... als er sie im Arme hielt und dem brutlichen
Weib gelobte, ich will alles tun, dich glcklich zu machen! -- O
meineidiger, wortbrchiger Gesell, der er ward!

Leichtsinnig und gewissenlos hat er all das morgenschne Glck
zertrmmert!

Wahrlich, hat er es?

Nein! tausendmal nein! Noch wird er ein letztes Wort mit dem Schicksal
sprechen, noch kann alles wieder gut werden ... ach, so gut! -- Und
er flstert ihr mit heiserer Stimme zrtliche Worte ins Ohr und wiegt
seinen Knaben auf den Armen.

Niemand ahnt, wie es dabei in seinem Herzen aussieht!

Wahrlich niemand?

Tante Agathe, welche zur Pflege ihrer geliebten Nichte gekommen,
blickte ihm oft so seltsam forschend, so wunderlich prfend in das
fahle Angesicht.

Ahnt sie, wie es um ihn steht?

Warum nicht?

Da seine Verhltnisse zerrttet sind, pfeifen in der Residenz die
Spatzen vom Dache. Wie _trostlos_ sie sind, wei man freilich noch
nicht. --

Der Tag kommt, an welchem der junge Br von Hohen-Esp getauft werden
soll.

Auf Friedrich Karls Wunsch und zum beispiellosen Entzcken der Grfin
hat man von jeder Festlichkeit Abstand genommen.

Im allerkleinsten Kreise, -- nur von den Eltern, Tante Agathe und dem
jungen Pastor aus dem nchsten Dorfe, bei welchem Hohen-Esp eingepfarrt
ist, wird das Kind ber die heilige Taufe gehalten.

Wie schn sieht Gundula aus!

Ihre Figur ist voll, krftig, schier kniglich geworden.

Sie schreitet so hoch und stolz, so gebietend stattlich einher, wie
noch nie zuvor, und doch liegt eine Weichheit auf ihrem Angesicht, ein
Ausdruck in ihren Augen, welcher beweist, da Grfin Hohen-Esp in all
ihrem strahlenden Glck ein demtiges und frommes Weib geblieben. --
-- --

Guntram Krafft hat man den Knaben getauft, und der Prediger hat
ber ihm die Hnde gefaltet und gebetet, da dieses Kind dereinst in
Wahrheit ein Schirmherr und Schutzvogt fr alle sein mge, welche
unter seine starke Hand gestellt sind, da er, ebenfalls furchtlos und
treu wie seine Ahnherren, die Kraft, welche ihm den Namen gibt, in
den Dienst seines Gottes und seiner Nchsten, fr Frst und Vaterland
stellen mge, da auch er ber den Inhalt seines Lebensbuches die
Devise schreiben mchte, unter welcher seine Vter Taten getan:

    Christe Kyrie --
    Zu Lande und See --
    Ein Schirmherr der Not --
    Das walt' Herregott!

Nie hatte Gundula geglaubt, da ihr so sehr lebensfroher,
oberflchlicher Gatte von einer heiligen Handlung derart ergriffen sein
knne!

Auch der Prediger schaute voll warmherziger Teilnahme auf den Grafen,
welcher kaum imstande war, seine Erregung zu meistern. Und wie bleich,
wie leidend, wie nervs sah er aus! Kaum, da er den Knaben halten
konnte, so bebten ihm die Hnde.

Du bist krank, Friedrich Karl, flsterte ihm Gundula besorgt zu, als
sie sich an seine Brust lehnte: jetzt sehe ich erst, wie schlecht du
aussiehst! Fhlst du Schmerzen -- hustest du etwa?

Er zwang sich zu einem Lachen und scherzte. Die Geburt eines Sohnes ist
ja fr den Vater jedesmal sehr angreifend, doch geht es mir, den
Umstnden nach, immer noch sehr gut! Eine kleine Luftvernderung, -- die
wird alles wieder gutmachen!

O, so reise bald! Du siehst, dem Kinde und mir geht es so
ausgezeichnet, da du nun um unsertwillen nicht mehr zu zgern
brauchst!

Ich gedachte bermorgen nach San Remo zu fahren! Mchtest du mich
nicht begleiten? Fhlst du dich wohl genug? -- Unserm Jungen macht Tante
Agathe derweil die Kur!

Sie schttelte das Haupt und errtete. Undenkbar! Du vergit, da ich
selber die Amme unseres Lieblings bin! Auch bist du ungenierter, wenn du
auf niemand Rcksicht nehmen mut! Also bermorgen! -- und wie lange
bleibst du?

Das steht bei Gott! Halt mir den Daumen, mein braves Weib, da ich bald
frisch genug sein werde, um heimkehren zu knnen! Ach, Gundula, -- du
glaubst nicht, wie gern ich wieder bei euch sein mchte!

Er sah sie nicht an bei diesen Worten, er senkte das Haupt schwer auf
die Schulter.

       *       *       *       *       *

Er reiste, -- und Gundula stand droben auf dem Sller des Turmes und
blickte dem entschwindenden Wagen nach.

Sein weies Taschentuch flatterte noch lange zurck, so lange, bis die
mchtigen Waldungen den Weg deckten.

Zum Abschiednehmen just das rechte Wetter! zog es voll wehmtiger
Sehnsucht durch den Sinn der Grfin, als sie hinaus in die herbstlich
stille Gegend blickte, ber welcher ein khler Seewind brauste und die
dunklen Schatten eilenden Gewlks strichen. Regentropfen fielen kalt und
schwer hernieder, und Gundula erschauerte unter ihrem khlen Ku.

Mit weien Schaumkmmen grten die fernen Meereswogen herber, und
welke Bltter wirbelten von den drei Linden, welche den Burghof
beschatteten, zu ihr empor.

Ein niegekanntes Gefhl unbeschreiblicher Trauer berkam Gundula, es war
ihr pltzlich zu Sinn, als knne es nie wieder licht und hell auf dieser
Welt werden, als sei die Sonne fr ewige Zeiten fr sie untergegangen.
Wie in jher Angst streckte sie die Arme nach der Richtung, in welcher
der Wagen verschwunden war, aus.

Friedrich Karl! -- rang es sich wie ein Schrei von ihren Lippen --
Friedrich Karl!

Der Wind verwehte den Klang, -- das bunte Laub rauschte auf und fegte
raschelnd ber die Fliesen.

Keine Antwort. -- Sie prete die Hand gegen das zitternde Herz und
schttelte jhlings den Kopf.

Was ficht mich pltzlich an? Ich bin noch nervs und schwach, da nimmt
man alles so schwer! -- Wie oft ist Friedrich Karl in den letzten Jahren
verreist, kaum da ich seine Abwesenheit bemerkte! Und nun, wo mir sein
Ebenbild am Herzen ruht, will mich die Sehnsucht bermannen? -- Das
ziemt sich nicht fr eine Brin, die ihr Junges sugt, auf da sie es
zum Helden mache! -- und mit schnellem Lcheln um die erblaten Lippen
wandte sich die junge Mutter, um hastig das Zimmer ihres Kindes zu
erreichen. Da lag der kleine Guntram Krafft in seiner wunderlichen,
uralten Wiege, in welcher wohl schon seit Jahrhunderten die Stammhalter
der Hohen-Esps dem Leben entgegenschlummerten. Aus dunkelgebruntem,
wurmstichigem Holz lag sie plump und ungefge auf den breiten Kufen.

Zwei kleine geschnitzte Bren ruhten auf denselben und sttzten die
Bettstatt, dieweil ein groer, hlzerner Br hinter derselben stand und
mit erhobenen Pranken die grnen Vorhnge hielt.

Blhend und kraftvoll schlummerte Guntram Krafft in den Kissen, und voll
aufquellender Zrtlichkeit neigte sich Gundula und blickte in das
Antlitz des Kindes, welches sich in leisem Weinen verzog.

Die kleinen Hnde griffen unruhig in die weien Linnen, und in jhem
Aufschluchzen ffnete er die Augen mit angstvollem Blick. Da legte sich
die khle, ruhige Hand der Mutter auf sein Kpfchen.

Schlaf, kleiner Br! schlaf ein! lchelte sie. Frchtest du dich,
weil dein Vater von uns ging? -- Bist drum noch nicht verlassen! Deine
Mutter hlt treue Wacht bei dir!




IV.


Acht Tage waren vergangen.

Aus San Remo hatte ein Brief die glckliche Ankunft des Grafen gemeldet.

Gundula hatte die Zeilen verschiedentlich durchgelesen und jedesmal das
Empfinden gehabt, da dieselben sehr wirr und unklar waren.

So schrieb wohl ein Fieberkranker!

Besorgt gab sie Tante Agathe den Brief zu lesen. Diese sa lange und
blickte schweigend auf das Schriftstck nieder.

Bedchtig nickte sie vor sich hin, und ihr gutes altes Gesicht trug
einen wundersamen Ausdruck.

Ich glaube nicht, da er krank ist, -- wenigstens nicht krperlich
krank!

O, ein seelisches Leiden wre noch schlimmer!

Gott sei es geklagt!

Was glaubst du, was ihm fehlt? forschte die Grfin beunruhigt.

Geld! antwortete die alte Dame lakonisch.

Gundula lachte leise, wie von jher Angst erlst.

Nun, solch ein Manko liee sich am ersten verschmerzen!

Du glaubst?

Die junge Mutter blickte heiter in das bekmmerte Gesicht der
Sprecherin, beinahe bermtig dehnte sie die blhenden Arme.

Ja, Tantchen! Du weit, da ich das kostspielige Leben in der groen
Welt nie geliebt habe! Wenn Friedrich Karl die Mittel fehlen, seine
Unkosten zu bestreiten, ist er gezwungen, mit uns in dieser wonnigen
Einsamkeit zu bleiben! Wir werden endlich fr uns leben und glcklich
sein!

Ahnst du, da die Verhltnisse deines Mannes sehr derangiert sind?

Gundula zuckte gleichgltig die Achseln: Das mte ich mir eigentlich
an den fnf Fingern abzhlen knnen! Nach den ungeheuren Ausgaben,
welche er seit Jahren hatte, mu auch das grte Kapital
zusammenschmelzen! Aber was will das bei einem Grundbesitz wie dem
seinen besagen? Die Gter sind ja wundervoll, ein paar Jahre solide
gelebt und gespart -- und das Defizit ist bald ersetzt!

Die Gter sind leider kein Majorat! Nicht einmal der Besitz von
Hohen-Esp ist der Familie dauernd gesichert!

Erstaunt blickte Gundula auf.

Du irrst, Tante!

Doch nicht! -- Als das Majorat seit drei Generationen nur noch auf zwei
Augen stand, wurde es leider Gottes durch den Grovater deines Mannes
abgelst, um die Gter eventuell auch auf Tchter vererben zu knnen.
Wie dies mglich war, ist uns heutzutage ein Rtsel, in den schweren
Jahren der Befreiungskriege war jedoch nichts unmglich, und der alte
Hohen-Esp nahm eine sehr einflureiche Stellung bei Hofe ein. Sein
einziger Sohn, welcher bereits in der Mitte der dreiiger Jahre stand,
blieb nach der Schlacht bei Waterloo spurlos verschwunden, man harrte
voll banger Sorge drei Jahre lang auf ihn, und da sich immer mehr
Augenzeugen fanden, welche ihn im feindlichen Feuer tdlich getroffen
vom Pferd strzen sahen, so war man schlielich von seinem Ableben
berzeugt, und der Vater schickte sich an, sein Haus zu bestellen und
fr seine beiden Tchter den ungeheuren Grundbesitz zu sichern, da kein
mnnlicher Erbe mehr in der Familie vorhanden war. -- Es gelang ihm, das
Majorat abzulsen, doch starb er, ehe er sein Testament gemacht, sehr
pltzlich whrend einer Cholera-Epidemie. Dieselbe raffte auch die
jngste seiner noch unvermhlten Tchter dahin. -- Ganz pltzlich, als
schon die lteste, verheiratete Tochter den Besitz angetreten hatte,
erschien der totgeglaubte Bruder wieder daheim. Er war durch einen
Zufall unter die englischen Verwundeten geraten, wochenlang in einem
englischen Barackenlager verpflegt und dann mit einem Transport nach
London geschafft.

Da eine Kugel seine Kinnlade zerschmettert und seine Zunge gelhmt hatte
und sein Geist whrend langer Zeit getrbt blieb, ahnte man weder Namen
noch Heimat des Unglcklichen, und es ist wie ein Wunder zu betrachten,
da er in jenen berfllten Baracken berhaupt noch am Leben blieb und
endlich -- wenn auch nach Jahren erst -- vllig geheilt ward.

Sein Erscheinen rief einesteils jubelnde Freude, andernteils groe
Bestrzung hervor.

Seine Schwester, eine Freifrau von Lutzbach, hatte im Krieg den Gatten
verloren, -- ihr Vermgen war aufgebraucht, die Zahl ihrer Kinder gro.
Mute sie dem Bruder das groe, vterliche Erbe zurckgeben, so war sie
eine Bettlerin. Sie drohte mit einem Proze, falls man ihr den Besitz
streitig machen wolle. --

Der Bruder schlug eine gtliche Einigung vor, und man kam berein, den
immerhin ungeheuren Besitz zu teilen.

So fielen Hohen-Esp, Walsleben, Gottern usw. an den Bruder zurck.

Dieser vermhlte sich mit einer ebenfalls reichen Erbin, und da er nur
einen einzigen Sohn besa, unterlie er es in unbegreiflichem
Leichtsinn, das Majorat wiederherzustellen. Auch dem Vater deines Mannes
wurde nur der eine Sohn geboren, und abermals unterblieb es, die
Erbfolge zu sichern.

Wie genau du Bescheid weit, Tante Agathe! murmelte Gundula, welche
aufmerksam gelauscht hatte --, nun ... frerst ist ja Guntram Krafft
auch der einzige, und ich denke, seine Gter werden ihm nie streitig
gemacht!

Die alte Dame machte eine beinahe ungeduldige Bewegung.

Die Gter sind durch Friedrich Karl bis auf das uerste verschuldet!
sagte sie herb, und ich frchte, du wirst dein vterliches Vermgen
vllig zusetzen mssen, um wenigstens das eine oder andere zu
entlasten.

Alles Blut wich aus dem Antlitz der Grfin.

Davon hat mir mein Mann nie ein Wort gesagt --!

Unverantwortlich! --

Herr mein Gott!... und mein Vermgen ...

Vollende! --

O, Tante Agathe! --

Es ist bereits verbraucht?

Gundula krampfte die Hnde ineinander und nickte stumm mit dem Kopf.

Ich erwartete es kaum anders! murmelte die alte Dame mit bitterem
Lcheln.

Da hob die Herrin von Hohen-Esp jh das Haupt und starrte sie in
atemlosem Entsetzen an. --

Wenn dem wahrlich so ist -- wenn die Gter verschuldet -- das Kapital
verbraucht und Friedrich Karl nicht fhig ist, sich zu arrangieren, --
-- was wird dann aus meinem Sohn?

Das klang wie ein Aufschrei.

Das alte Frulein von Wahnfried prete herb die Lippen zusammen.

Das Opfer vterlichen Leichtsinns, eine verlorene Existenz, welcher vom
Spielteufel das Schicksal diktiert ward!

Tante Agathe! --

Grfin Hohen-Esp fate den Arm der Sprecherin, ihr Antlitz ward bleich
wie der Tod.

Das wre ... das wre ein Verbrechen von Friedrich Karl! ... sthnte
sie auf und schlug wie in jhem Entsetzen die Hnde vor das Antlitz.
War ich denn mit Blindheit geschlagen, da ich nicht mehr sah, was
um mich her vorging? Habe ich die ganze furchtbare Zeit vertrumt und
verschlafen, da ich nicht ahnte, zu welch einem Dasein ich mein Kind
geboren? Aber nein! nein! -- tausendfach nein! Es kann, es darf ja
nicht so sein! -- Du bist falsch unterrichtet, Tante Agathe, man hat
meinen Mann verleumdet! Es ist nicht so schlimm, es _kann_ nicht so
schlecht mit ihm stehen, sonst wre er nun und nimmermehr nach San Remo
gefahren -- -- --

Er ist nach Monte Carlo gefahren!

Monte Carlo? -- Gundulas Augen flammten.

Undenkbar! -- woher weit du das? --

Ich sehe es aus diesem Brief ... und ich habe Menschenkenntnis genug,
um einen Mann wie Friedrich Karl richtig zu beurteilen!

Tante! --

Gundula taumelte einen Schritt zurck und prete die Hand gegen das
strmende Herz -- Du hast stets so hart und unbarmherzig ber meinen
Mann geurteilt ... -- sie unterbrach sich und horchte auf.

Drunten, auf dem holperigen Pflaster des Burghofs klang Hufschlag.

Kommt er zurck?

Agathe war an das Fenster getreten, ihre hohe, kraftvolle Gestalt schien
zusammenzuzucken.

Der Administrator! --

Der Administrator? -- Was will der hier in Hohen-Esp ... bei mir ... zu
solch ungewohnter Zeit? --

Ich werde ihn sprechen ...

Nein! bleib! er soll hierherkommen! und schon hatte Gundula das
bleigefate Fenster hastig geffnet und rief durch den Herbststurm in
den Hof hinab:

Ich bitte Sie, sogleich heraufzukommen, Herr Werner!

Der alte Mann schrak zusammen, starrte mit verstrtem Blick empor und
stotterte Zu Befehl, gndige Frau!

Dann gab er noch kurzen Befehl, das dampfende Pferd gengend abzureiben,
und wuchtete auf seinen schweren Reitstiefeln ber die Steinfliesen nach
der Treppe.

Wenige Minuten spter stand er auf der Schwelle, und Gundulas Blick
starrte ihm forschend entgegen.

Wie bla und hohlugig der alte Getreue aussah, wie seine Gestalt
zusammensank, und wie kummervoll und mitleidig sein Blick die Gebieterin
traf.

Verzeihen Frau Grfin ... stammelte er, wre es wohl vergnnt, da
ich mit dem gndigen Frulein von Wahnfried ein paar Worte allein
sprechen kann? --

Wie ein eisiger Schauer kroch es nach Gundulas Herzen, aber sie richtete
sich auf und schttelte den Kopf. --

Es gibt keine Geheimnisse vor mir! sprechen Sie ... was gibt es?!

Frau Grfin sind noch leidend ...

Nein, nein! ich bin krftig und gesund! -- Haben Sie so schlechte
Nachrichten zu bringen, da Sie frchten, mir schaden zu knnen? --

Die Sprecherin nahm sich zusammen, so ruhig und fest wie sonst zu reden,
aber auf ihre Wangen traten zwei brennend rote Flecke, und die Hnde
krampften sich fester um die Stuhllehne: Sie haben ber miliche
Geldverhltnisse zu berichten?

Der alte Mann senkte den Blick.

Auch das, Frau Grfin! --

Es steht sehr schlecht um die Gter meines Mannes?

Sehr, sehr schlecht, Frau Grfin!

Hoffnungslos und trostlos?

Werner zgerte. -- Das wre noch nicht das Allerschlimmste, Frau
Grfin!

Da schrak ihre schlanke Gestalt empor.

Nicht das Allerschlimmste?! Was heit das?!

Agathe trat an ihre Seite und legte liebevoll den Arm um sie.

Geh zu deinem Sohn, Gundula! Mich deucht, er weint! Ich spreche mit
Herrn Werner und teile dir nachher alles mit!

Die Grfin wehrte die Sprecherin mit bebenden Hnden ab, -- ihre Augen
glnzten wie im Fieber.

Sie bringen mir eine Nachricht von meinem Mann? fragte sie hastig, --
flsternd.

Der Administrator senkte den grauhaarigen Kopf tief zur Brust, ein
schwerer Seufzer rang sich ber seine Lippen.

Es ist so, Frau Grfin!

Er braucht Geld?

Werners Blick trifft wie Hilfe flehend Tante Agathe.

Und Sie haben keins? fhrt Gundula schnell fort.

Der alte Mann schttelte trostlos den Kopf.

Ach, schlimmer, Frau Grfin, viel schlimmer!

Herrgott des Himmels ... foltern Sie mich nicht! Ist er etwa krank?
schwer krank?

Da zieht der Administrator mit jhem Griff einen Brief und eine Depesche
aus der Tasche und reicht beides Tante Agathe zu.

Lesen Sie! lesen Sie! murmelt er. Ach, du Herr mein Gott, ich kann es
nicht aussprechen, -- es will mir nicht ber die Lippen! --

Gundula hat die Papiere mit heftigem Griff erfat, -- sie wankt nach dem
Fenster, sie ffnet und liest.

Der Administrator macht eine kurze, hnderingende Bewegung gegen Tante
Agathe, -- -- sie versteht ihn nicht, und so tritt er selber hinter die
Grfin, als wolle er bereit sein, eine Zusammenbrechende zu sttzen.

Aber Gundula sinkt nicht unter dem furchtbaren Schlag, welcher sie
trifft, nieder. Nur das Papier der Depesche knistert und wankt zwischen
ihren Fingern, und ein leiser, halberstickter Schrei ringt sich von
ihren Lippen. --

Tot! -- er ist tot! --

Eine sekundenlange, furchtbare Stille.

Agathe ist mit fahlem Antlitz nher geeilt und schlingt die Arme um die
junge Witwe.

Tot! murmelte sie. Allbarmherziger Gott, wie das?!

Werner hatte einen der groen, eichengeschnitzten Sessel nher
geschoben.

Die Brenkpfe, welche seine Knaufe bilden, verschwimmen vor Gundulas
Blick.

Sie sinkt schwer auf das Lederpolster nieder und starrt auf die
Depesche.

Ihre Augen sind weit offen, stier und trnenlos. Es steht wohl alles in
dem Brief an die unglckliche Frau Grfin! murmelte Werner auf den
fragenden Blick Agathes, und er legte die Hand ber die Augen und wendet
sich ab, als knne er den Anblick des schmerzversteinerten Antlitzes
nicht ertragen. Da hebt Gundula das Haupt, ein jher Blick flammt aus
ihren Augen.

Der Graf hat sich erschossen? in Monte Carlo erschossen? fragt sie
langsam, und ihre Stimme klingt fremd und heiser.

Wohl in einem Anfall von Geistesstrung! sthnte der alte Beamte; es
ist zu viel Schweres in letzter Zeit gekommen, die Glubiger haben so
gewissenlos gedrngt ...

Dieser Brief ist an mich gerichtet? sie will das Schreiben heben, um
die Adresse zu lesen, aber ihre Hand sinkt schwer zurck.

Sehr wohl, Frau Grfin! ich erhielt ihn vorgestern von dem gndigen
Herrn mit der Weisung, ihn nur dann an Eure Gnaden abzugeben, wenn eine
Depesche des Kammerdieners schlimme Nachricht ber den Herrn Grafen
brchte!

Und diese Nachrichten kamen! -- Wie der leise, grelle Schmerzensschrei
zerspringender Saiten klingt es ber die wachsbleichen Lippen Gundulas,
dann sinkt ihr Haupt wieder schwer vornber, ein herzzerreiendes Weh
zuckt ber das Antlitz, sie krampft die Hnde zusammen und ringt nach
Atem wie eine Erstickende.

Tante Agathe hat eine belebende Essenz aus dem Nebenzimmer geholt und
will Stirn und Schlfen der beklagenswerten Frau befeuchten, Gundula
aber wehrt sie jh ab und richtet sich gewaltsam auf.

Sie reicht dem Administrator die Hand entgegen. Ich danke Ihnen, da
Sie selber kamen, -- ich danke Ihnen, da Sie meinen Schmerz teilen.
Bleiben Sie in meiner Nhe, -- es gibt wohl viel schwere, traurige
Arbeit fr uns. -- Jetzt kann ich noch keinen Gedanken fassen, -- selbst
den einen, furchtbarsten noch nicht, da er freiwillig von mir ging,
da er ein so namenloses Weh ber mich gebracht! -- -- Lassen Sie mich
jetzt allein, -- auch du, Tante Agathe ... Der Tote will zum letztenmal
mit mir reden!

Ihre zitternde Hand fat den Brief, -- sie winkt damit --: Geht! --
geht!

Frau Grfin! schluchzt der alte Mann auf, -- meine arme, arme Frau
Grfin! und er fat ihre Hand und drckt sie an die Lippen. Trnen
fallen darauf nieder.

Gott erbarme sich Ihres Herzeleids! -- Gott gebe Ihnen Trost und Kraft
... Gott erhalte Sie fr Ihren Sohn!

Sie nickt wie geistesabwesend und drckt stumm seine Rechte, -- kalt wie
Eis liegen ihre schlanken Finger in derselben.

Er geht, langsam, zgernd, den Blick sorgenvoll zurckgewandt.

Tante Agathe aber schlingt voll tiefen Mitgefhls die Arme um die
Unglckliche, kt ihr Wangen und Stirn und flstert treue, milde Worte;
dann schreitet auch sie ber die Schwelle und folgt dem alten Beamten in
das Nebenzimmer. --

Einen Augenblick noch verharrt Gundula regungslos, pret die Hand gegen
die Stirn, als mte sie gewaltsam ihre Gedanken zusammenfassen, und
erbricht alsdann das Schreiben.

Ihre trnenlosen Augen starren wie geistesabwesend darauf nieder.

Die ersten Zeilen verschwimmen, sie fat kaum ihren Sinn, dann schrft
sich ihr Blick, sie liest, liest immer hastiger und schneller, das Blut
strmt wieder siedendhei durch ihren Krper, eine fieberische Aufregung
erfat sie nach der todesstarren Ruhe!

Ja, nun wird ihr alles klar!

Er schreibt: Ich konnte es nicht mehr ertragen, Dir und dem Kind in die
Augen zu sehen, denn mein Leichtsinn hat nicht nur mich, sondern auch
Euch zu Bettlern gemacht! Ich habe nicht nur _mein_ Eigentum, sondern
auch das deine vergeudet! Vergib es einem Sterbenden, einem Mann,
welcher in dem letzten halben Jahr unaussprechlich gebt hat, welcher
im Hllenbrand wilder Selbstanklagen selbst das heiligste und reinste
Glck verspielte, -- das Glck: Vater zu sein! -- Ich habe einen Kampf
der Verzweiflung gekmpft, um das Verlorene wiederzugewinnen! Morgen
wage ich es und setze mein Alles auf eine einzige Karte! Gewinne ich,
bin ich gerettet -- fr euch und fr ein besseres, glckliches Leben, --
verliere ich abermals, gibt es kein Wiedersehn mit Euch, -- ich habe
geshnt, wenn Du diesen Brief in Hnden hltst, geliebtes Weib! Wirst Du
meiner in mildem Erbarmen gedenken, Gundula? Ich war nicht schlecht, --
aber eine Schlechte, treulose und gewissenlose Welt hat mich
leichtsinnig gemacht! -- Bewahre unsern Sohn vor ihrem Gifthauch!
Erziehe einen bessern Mann aus ihm, als wie sein unglcklicher Vater es
war, -- mache ihn zu einem echten und wahren Hohen-Esp!

-- Die Leserin lie den Brief sinken, sie krampfte aufsthnend die Hnde
zusammen, ein Ausdruck bitteren, leidenschaftlichen Hasses lag auf dem
erst so steinernen Angesicht.

Ja, die Welt! Die falsche, treulose, gewissenlose Welt! Sie allein hat
all das Unglck ihres Lebens verschuldet, sie hat ihr das Glck
gestohlen und das Dasein vergiftet! -- Die Welt mit ihren
leichtsinnigen, schlechten Menschen! Die Welt mit ihrem lockenden
Irrlichtsgeflimmer ber mordendem Sumpf!

Wie glcklich htte sie an Friedrich Karls Seite sein knnen, -- die
Welt hat es nicht geduldet! Wie htte sie ihn und sein Herz besitzen
knnen -- wenn die Welt ihn nicht aus ihrem Arm gerissen, ihn an den
grnen Tisch gebannt htte!

Wie arm -- ach, wie bettelarm an allem hat die Welt sie gemacht, -- sie,
die einst die reichste und glckseligste der Frauen gewesen!

Und doch ... wie wenig nahm sie ihr noch im Gegensatz zu jenem Mann,
welcher mit durchschossener Stirn seinem verfehlten Dasein selber ein
Ziel gesetzt!

Sie nahm ihm nicht nur Geld und Gut, sondern auch die stolze, ehrenhafte
Festigkeit des Mannes, seinen Willen -- seinen Halt -- ja selbst den
letzten Rest eines klaren berlegens und den Mut, den Kampf mit dem
Leben aufzunehmen!

Die Welt, die verfhrerische Welt mit ihren Spielslen und Hasardkarten
hat aus dem Grafen von Hohen-Esp einen erbrmlichen Schwchling gemacht,
der den Ruin ber seine Familie heraufbeschworen und dann feige zu dem
Revolver greift, um den Folgen seiner Schuld zu entgehen!

Das tat Friedrich Karl -- der Mann, zu dem sie einst emporgesehen hatte,
wie zu einem Gott! --

Das tat er ihr, seinem hilf- und schutzlosen Weibe an, welchem er einst
geschworen: Ich will dein Halt und deine Sttze sein, ich will dich
glcklich machen! --

O, wie leicht ist die Waffe gehoben, jene eine, flchtige Sekunde
berwunden, welche durch einen Druck des Fingers allem Elend ein Ziel
setzt -- und wie schwer, wie bitter schwer ist es, durch lange,
mhselige Jahre die Last der Armut zu schleppen, sich und ein Kind
ernhren zu mssen!

Hat Friedrich Karl denn gar nicht daran gedacht, was aus seinem Weib und
Kind werden soll, wenn er sie verlt wie ein Feigling? Und wenn er sein
Geld und Gut vertan -- blieben ihm nicht noch seine kraftvollen Hnde,
durch deren Arbeit -- und sei es der geringsten eine -- er die Seinen
ernhren konnte?

O nein! was htte die Welt dazu gesagt, wenn ein Graf von Hohen-Esp
gearbeitet htte!

Hat nicht die Welt selber ihm den falschen Begriff von Ehre eingeimpft,
einer Ehre, welche befleckt wird durch Schwielen in der Hand? --

Friedrich Karl ist in der groen Welt aufgewachsen, er ist gesugt mit
ihren Ansichten ber Stand und standesgemes Leben, ber all die
haltlosen Verschrobenheiten, welche dem vornehmen Mann zum Gesetz
gemacht sind. Die Welt hat ihm ihre Ansichten, ihre Passionen und ihre
Laster eingeimpft, und er ist ihr Opfer geworden! --

Eine unsgliche Bitterkeit quillt in dem Herzen der verlassenen Frau
auf, und gleichzeitig bumt ein wilder, ungestmer Trotz in ihr empor,
den Posten, welchen der pflichtvergessene Gatte so treulos verlassen,
nun selber einzunehmen und den Kampf fr die Existenz ihres Kindes zu
wagen. --

Der Br hat seine Brut feige im Stich gelassen, die Brin aber wird
einstehen fr ihr Junges und wird nicht Rast noch Ruhe kennen, bis sie
ihm die sichere Hhle gebaut!

Gundula faltet mit sicherem Griff den Brief zusammen, erhebt sich und
tritt festen Schrittes an ihren Schreibtisch, den Brief zu verschlieen.

Ihr blasses Gesicht blickt schier unheimlich in kalter Ruhe, ihre
glanzlosen Augen sind so starr, wie jene steinernen der Brenkpfe im
Burghof drunten.

Es ist alles zu furchtbar jh, zu unvermittelt gekommen.

Gundula kann frerst nur die krasse Tatsache fassen und hat noch kein
Verstndnis fr die Seelenqualen eines Mannes, dessen Geist die
Verzweiflung getrbt hat.

Jene Nachricht aus Monte Carlo ist wie ein scharfer Schnitt, welcher die
Vergangenheit von ihr losgelst hat.

Ihr Stolz, ihr strenges Rechtlichkeitsgefhl bluten frerst aus tiefern
Wunden noch wie ihr Herz. Das leise Wehklagen, Schluchzen, Flstern und
Raunen verstummt in der Burg, als die Grfin von Hohen-Esp ihr Zimmer
verlt, als sie so starr und still wie ein steinernes Bild durch die
hohen Hallen schreitet. --

Sie nimmt ihr Kind in den Arm und blickt lange, lange in das lchelnde,
rosige Gesicht hernieder.

Der Zug herber Erbitterung tritt noch schrfer um ihre Lippen, und auf
ihrer Stirn und um die finstern Augen liegt eine Entschlossenheit,
welche voll eisernen Willens ein Gelbde ablegt und der verhaten Welt
eine grimme Fehde ansagt auf Leben und Sterben. --

Die Brin von Hohen-Esp.

Die Jungfer hat die Trauerkleider zurechtgelegt, und Gundula hat sie
schweigend angezogen.

Sie spricht mit niemand ein berflssiges Wort, nur mit dem
Administrator sitzt sie whrend des langen Abends und ordnet voll
geschftsmiger Ruhe alles, was in solch schwerer Zeit zu besorgen und
zu bedenken ist. Wenn der Graf beerdigt ist, wollen wir unsere
Verhltnisse arrangieren, Herr Werner! Ich bitte Sie, mir als Freund und
Berater beizustehen, ich habe niemand auf der Welt wie Sie! --

Gott helfe mir, da ich Sie gut berate, Frau Grfin! -- antwortete der
alte Mann mit festem Hndedruck. -- Ach, htte doch der Herr Graf auf
meinen Rat gehrt, wir htten diesen furchtbaren Tag nie erlebt! --

-- Tante Agathe sitzt neben der Herrin von Hohen-Esp und hlt ihre Hand
zwischen den ihren: Die Gter knnen nicht gehalten werden, -- du mut
alles verkaufen?

Gundula beit die Zhne zusammen. Von Walsleben und Gottern trenne ich
mich nicht schwer, -- aber Hohen-Esp ist ein Stck von meinem Herzen,
das _kann_ ich nicht opfern, ich werde und mu es halten! Ich habe mir
gelobt, meine volle Kraft einzusetzen, um den ltesten Familienbesitz
fr meinen Sohn zu retten!

Das ist selbstverstndlich. Du zahlst die Schulden mit deinem Vermgen
ab und versuchst das Gut neu emporzuwirtschaften!

Meinem Vermgen?

Ja, dein Erbe von Tante Margarete. -- Weit du nun, warum du mir einst
geloben mutest, dasselbe vor Friedrich Karl nie zu erwhnen?

Gundula schrickt beinahe empor: Jenes Erbe? Du hast den Niebrauch
davon!

Agathe lchelt seltsam. Ich habe es fr dich verwaltet und erhalten, --
sonst nichts!

Rote Flecken treten auf die blassen Wangen Gundulas. Tante Agathe, --
sagt sie mit zitternder Stimme, wolltest du mir wahrlich dies Kapital
vorstrecken, damit ich keine Hilfe bei dem Herzog oder einem
Geldvermittler zu suchen brauche?

Dazu -- lediglich dazu hielt ich das Geld fr dich bereit!

Ein tiefer Atemzug hebt Gundulas Brust. Ich habe nie an dieses Geld
mehr gedacht, oder gar damit gerechnet, weil ich es bis zu deinem Tode
als _dein_ Eigentum betrachtete, -- aber jetzt -- o, wenn du es mir
nicht geben, sondern nur leihen wolltest, Tante Agathe ... alles wre
gut! Ich knnte die Saat sen -- und Gott der Herr wird mir eine Ernte
bescheren! --

-- -- -- Schlo Walsleben und die Herrschaft Gottern wurden verkauft,
die Burg Hohen-Esp mit dem kleinen Landbesitz und den Waldungen blieb
nach Abtrag aller Schulden im Besitz der Grfin. Herr Werner hatte voll
treuen Eifers die Interessen der verwitweten Frau gewahrt, die
zerrtteten Verhltnisse geordnet und mit Hilfe des von Tante Agathe so
sicher gehteten Kapitals dem jungen Bren von Hohen-Esp eine
bescheidene und weltferne Heimat erhalten. Er sorgte noch fr einen sehr
zuverlssigen und intelligenten Inspektor, welcher unter dem Oberbefehl
der Grfin das Gut bewirtschaften sollte, dieweil er selber voll
unermdlichen Fleies ttig war, Gundula in finanziellen und
wirtschaftlichen Angelegenheiten zu ihrem eigenen Sachwalter
auszubilden.

Die Grfin fate mit scharfem Verstand schnell auf, zeigte eine groe
Ausdauer und einen schier mnnlichen Schaffensdrang, und es whrte nicht
lange, so leiteten ihre energischen Hnde die Verwaltung des Besitzes,
so war sie selber voll eiserner Ausdauer bei Tag und Nacht, Wind und
Wetter zur Stelle, um durch rastlosen Eifer und voll sauern Fleies in
Jahren wiedereinzubringen, was Friedrich Karl whrend ein paar
flchtiger Nachtstunden vergeudet.

       *       *       *       *       *




V.


Hatte seinerzeit der jhe Tod des Grafen von Hohen-Esp in der Residenz
viel Staub aufgewirbelt, so nahm seine Witwe das lebhafte Interesse der
Gesellschaft beinahe noch mehr in Anspruch wie die Katastrophe selbst,
welche so viele schon lange vorher in ihrer ganzen Tragik prophezeit
hatten. Was wird aus der unglcklichen Frau? Was wird aus dem armen
Kinde?

Die Antwort auf diese Frage war wiederum eine berraschung.

Mit Hilfe der Tante Agathe von Wanfried hatte die Grfin ihre
zerrtteten Vermgensverhltnisse arrangiert und dabei eine Energie und
Umsicht bewiesen, welche die Welt in Staunen setzte.

Obwohl es ihr mglich gewesen wre, das so bedeutend bequemer gelegene
und hochherrschaftliche Walsleben fr ihren Sohn zu erhalten, hatte sie
seltsamerweise darauf verzichtet und statt dessen die alte Brenhhle
Hohen-Esp aus dem Konkurs gerettet!

Wunderlich! Will sie denn immer in dieser Weltabgeschiedenheit, in dem
unheimlichen, halbverfallenen Burggemuer hausen, welches so fern von
jedem Verkehr, so weit ab von der Residenz und all den guten Freunden
liegt?

Die schne Grfin Gundula war stets sehr beliebt und gefeiert gewesen,
es ffnete sich ihr sicher jeder Salon, selbst dann, wenn die
beklagenswerte Witwe nichts erwidern kann, -- sie wird auch fraglos
Gelegenheit finden, sich noch einmal gut zu verheiraten, denn unter
ihren Verehrern befinden sich Toggenburge, welche jahrelang der
schnen Frau die Treue bewahrt haben.

Was fesselt die Grfin an jene wunderliche Brenburg, von welcher schier
unheimliche Beschreibungen in dem ganzen Lande umlaufen?

Der Herzog war der einzige, welcher die Wahl der Grfin durchaus
billigte.

Hohen-Esp ist der lteste Besitz der Familie, von dem sie den Namen
trgt und der einst fr den Sohn das grte Interesse haben mu! --
sagte er, und da die Grfin dieses kleine Gut dem greren und bei
weitem kostspieliger zu erhaltenden vorgezogen, zeugt von ihrer Umsicht
und ihrem praktischen Sinn. Es wird ihr in ihrer bedrngten Lage sehr
viel leichter fallen, den kleinen Grundbesitz heraufzuwirtschaften, als
wie sich auf dem eleganten Walsleben zu halten! Gebe Gott, da sie nach
dieser trnenreichen Aussaat eine desto lohnendere Ernte hlt! -- Ich
hoffe, da die >Brin von Hohen-Esp< sich nicht dauernd in ihrer Hhle
vergrbt, sondern bald einmal in die Residenz zurckkehrt, damit wir
Gelegenheit haben, ihr unsere vollsten Sympathien zu beweisen!

Aber die Grfin kam nicht.

Das Trauerjahr verging, weitere Jahre folgten ihm, und man htte in der
schnellebigen Zeit gewi die einsame Frau lngst vergessen, wenn nicht
gerade die Toggenburge ein besseres Gedchtnis gehabt und das Andenken
der schnen Gundula treuer gepflegt htten als wie ihre Mitmenschen.

Man hatte versucht, sich der Grfin zu nhern, aber bald erzhlte man
sich staunend in der Residenz, da Grfin Hohen-Esp keinerlei Besuch in
ihrer verzauberten Burg empfange und jedwede Annherung schroff
zurckweise!

Wie interessant war das!

Hat sie nicht einmal die Mittel, einem lieben, alten Freund, welcher zu
Gast kommt, ein Glas Wein vorzusetzen?

O nein! -- Man hatte geforscht und erfahren, da die Grfin
auerordentlich viel Glck mit der Selbstbewirtschaftung der Lndereien
habe.

Die Ernten seien groartig ausgefallen, der abgeholzte Forst sei neu
angepflanzt, und die Grfin beabsichtige sogar, in diesem Jahr schon
grere bauliche Vernderungen vornehmen. Stlle und Scheunen seien in
klglichem Zustande gewesen, -- dem solle zuerst abgeholfen werden.

Die Grfin selber bestimmt das? hatte man kopfschttelnd gefragt, und
darauf ganz Unglaubliches zu hren bekommen!

Die schne Witwe sei der beste, tatkrftigste Inspektor, den man sich
denken knne, -- kein Mensch werde die ehemalige sanfte, stille,
resignierte Grfin Hohen-Esp wiedererkennen. In den langwallenden
Trauergewndern schreite sie kalt und steinern durch Haus und Hof, Wald
und Feld, jede Kleinigkeit selber zu kontrollieren, jede Arbeit zu
beaufsichtigen, jede Leistung selber zu loben oder zu tadeln.

Keine Mnnerhand knne die Zgel einer Regierung eiserner fhren, als
die schlanke, marmorweie Rechte der seltsamen Burgfrau!

Nach wie vor wallt der Trauerschleier um das schne Haupt, dessen Augen
so streng und finster blicken, da es dem Gesinde graust. Man sieht sie
niemals lcheln; selbst wenn sie ihr Kind liebkost und mit dem Kleinen
spielt, verwandelt sich der dstere Ernst nur in eine schmerzliche
Wehmut und Milde. Eine leidenschaftliche Erbitterung gegen Welt und
Leben erfllt sie, ein wahrer Menschenha vergiftet ihr Herz.

Der einzige Gast, welchen sie empfngt, ist der Pastor des nahen Dorfes,
doch auch diesem ist es noch nicht geglckt, vershnlich und erlsend
auf den starren Bann zu wirken, welcher die schwergeprfte Frau umfangen
hlt.

Die Brenburg sei von jeher ein unheimliches altes Nest gewesen, in
welchem die zottigen Ungeheuer wie die Gespenster hausen; seit die
schwarze Gestalt der Grfin aber gleich spukhaftem Schatten durch die
dmmerigen Gemcher schreite, da sei es vollends nicht mehr zu ertragen,
und wenn die Fischerdirnen, welche sie als Mgde gedingt, nicht gar so
gute Nerven htten, so hielte es wohl keine Seele in Hohen-Esp aus! --

Man lauschte in der Residenz dieser Kunde wie einem Traum, und wenn
sonst niemand nach der fernen Burg im Walde und nach der Witwe des
Grafen Friedrich Karl gefragt hatte, jetzt war das brennende Interesse
angestachelt, und die lebhafte Phantasie der Grostdter wob einen
Mrchenzauber um die Brin von Hohen-Esp, von welchem es sich bei
flackerndem Kaminfeuer ebenso gruselig erzhlen lie, wie von dem
Dornrschen und dem Ritter Blaubart im dunklen Waldesgrund.

Aber der Sohn? -- Das Kind? -- Bringt der kleine Guntram Krafft denn
nicht lichtes, warmbltiges Leben in diesen Spuk? --

Darber wute man nicht viel.

Der Inspektor hatte erzhlt, der junge Graf wchse zu einem prchtigen,
beraus kraftvollen und blhenden Knaben heran.

Wie ein wandelndes Bild aus alter Zeit schreite er mit seinem langen
blonden Haar und den leuchtenden blauen Augen umher!

So klein er noch sei, er msse schon jetzt tchtig an die Arbeit, --
selbst zu der geringsten einer, welche die Kinderhnde schaffen knnten,
hielte ihn die Grfin an.

Guntram Krafft sammle Holz und Reisig im Walde, er grabe im Garten, jte
Unkraut und begiee die Beete.

Winters ber sitze er neben dem Spinnrad der Mutter und schnitze
Holzlffel und Quirle fr die Kche.

Miggang sei ihm ebenso unbekannt, wie allen andern in der Burg
Hohen-Esp. --

Seit seinem sechsten Jahre msse er auch schon fleiig bei dem Herrn
Pastor lernen, auch auf das Pferd sei er schon gesetzt worden, aber
dafr zeige er weniger Passion wie fr das Segeln auf dem Meere.

Das komme wohl daher, weil er an Sonn- und Festtagen mit den Knaben aus
dem nahen Fischerdorf spielen drfe, sie htten natrlich schon einen
halben Seemann aus ihm gemacht. Die Knaben wagten sich in ihrem Boot oft
tollkhn auf die See hinaus, und als der Pastor der Grfin einmal
vorgestellt habe, wie gefhrlich das doch fr den einzigen Erben des
alten Geschlechts sei, da habe die Brin nur in ihrer herben, ernsten
Weise nach einem Wappenschild emporgewiesen, auf welchem der Wahlspruch
der Hohen-Esp's gestanden:

    Christe Kyrie --
    Zu Land und zu See --
    Ein Schirmherr der Not!

Zu Land und _See_, Herr Pastor! Ein Mann, welcher sich vor dem Wasser
frchtet, kann keine Taten auf demselben tun! -- Zwar gibt es jetzt
keine Piraten mehr, vor welchen die Hohen-Esps ihre friedliche Kste
schtzen mten, aber mglicherweise fordert man doch einst auch ihre
Dienste zur See. -- Machen Sie mir meinen Sohn nicht furchtsam! Je
khner und heldenhafter ich ihn einst in das Leben stellen kann, desto
ehrenvoller fr ihn. Wir stehen alle in Gottes Hand, Herr Pastor, -- Sie
wissen es doch am besten, da die Haare auf unserm Haupt gezhlt sind!
--

Eine eigenartige, wackere Frau! nickte der Herzog voll warmer
Anerkennung, als man ihm erzhlte, wie die Erziehung des jungen Grafen
gehandhabt werde, und nach kurzer Pause fragte er unvermittelt: Wer ist
eigentlich zum Vormund des Kindes gesetzt?

Laut Testament die Mutter; sie ist ganz allein mit allen Rechten und
Pflichten betraut.

So wre es doppelt notwendig, der Vereinsamten ein Zeichen unseres
Interesses und guten Willens zu geben! Ich werde ihr fr den Sohn eine
Freistelle auf unserer Ritterakademie anbieten lassen!

Das geschah, und man harrte voll groer Spannung der Antwort.

Diese lie nicht lange auf sich warten.

Gundula stand just in der Wschekammer und beaufsichtigte selber das
Strecken und Legen der Linnen, als ihr das Schreiben des diensttuenden
Kammerherrn, welches das huldvolle Anerbieten Seiner Hoheit
bermittelte, gebracht wurde.

Befremdet sah die Grfin darauf nieder.

Herzogliche Angelegenheit!?

Der finster abweisende Zug in ihrem Antlitz verschrfte sich.

Sie ffnete den Brief und las.

Schwere Atemzge hoben ihre Brust, in ihrem Auge lag pltzlich ein
Ausdruck wie bei der in das Damastmuster der Tafeltcher gewirkten
Brin, welche sich mit brllendem Nacken aufrichtet, ihre Jungen gegen
einen Feind zu schtzen.

Mein Sohn auf die Ritterakademie, auf dieselbe vielleicht, wo einst
sein Vater seine erste Weltweisheit eingesogen?

Wie liebenswrdig von dem Herzog! Wie gndig und gut gemeint! -- sagte
Tante Agathe, welche neben die Lesende getreten war und mit in das
Schreiben blickte.

Gundula nickte mit herb geschlossenen Lippen.

Ja, er meint es gut, der Herzog, -- er _wei_ es ja nicht, was er
mir mit dieser Gnade antut!

Nein, das ahnt er nicht! -- seufzte Agathe leise, und was antwortest
du? --

Beide Frauen waren hinausgetreten auf den Flur und stiegen die steinerne
Wendeltreppe zu dem Zimmer der Grfin empor.

Solange meine Augen offen stehen und meine Hnde Kraft haben, das
Schicksal meines Kindes zu lenken, wird er nie die Welt kennenlernen!

Gundula! Hltst du es fr mglich, einen jungen Mann im neunzehnten
Jahrhundert noch zu erziehen wie einen Parsifal?

Sie lchelte wunderlich vor sich hin, -- der schwarze Schleier lag wie
eine dunkle Wolke um ihr Haupt.

Das halte ich nicht nur fr mglich, sondern das will ich beweisen! --

Bedenke die Zukunft, das Glck deines Kindes!

Just dies will ich sichern, denn ich gedenke an die Vergangenheit
seines Vaters.

Gundula! Dieser Wahn ist krankhaft!

So scheint's, und doch soll er meinen Sohn an Leib und Seele gesund
erhalten!

Was soll aus Guntram Krafft werden?!

Das, was mit seinem Vater verlorenging, ein echter Hohen-Esp, -- ein
Herr auf seinem Gebiet, ein Schirmvogt der Not! -- Ein Mann, welcher
zurckerwirbt, was der Leichtsinn ihm vergeudet und die Welt ihm
genommen!

berlege es dir noch reiflich, ehe du das gndige Anerbieten des
Herzogs ablehnst!

Ich habe berlegt, -- ich berlegte es in jener Stunde, da man
Friedrich Karl, den ehemaligen Zgling jener Ritterakademie, als feigen
Selbstmrder mit durchschossener Stirn zur Ruhe legte!

Frulein von Wahnfried kannte den Klang in der Stimme der Grfin, sie
kannte auch ihre grenzenlose Erbitterung gegen alles, was ihrer Ansicht
nach den Leichtsinn Friedrich Karls gefrdert!

Und das war alles und jedes in der verderbten, nichtsnutzigen Welt!

Dagegen war nicht mehr anzukmpfen, man konnte nur hoffen, da die
lindernde Zeit die Wunden heilen, und Gundula vernnftiger ber manche
Notwendigkeit denken wrde!

Aber Tante Agathe hoffte kaum noch -- die Zeit hatte sich whrend all
der vergangenen Jahre machtlos erwiesen, und Guntram Krafft wuchs in der
Einsamkeit als ein moderner Parsival auf!

Die alte Dame kehrte seufzend in die Wschekammer zurck, whrend ihre
Nichte sich an den Schreibtisch setzte und mit festen, groen
Schriftzgen ihre Antwort an den Kammerherrn des Herzogs niederschrieb.
Sie dankte in schlichter, aber aufrichtigster Weise fr das so beraus
huldvolle und gndige Anerbieten des hohen Herrn, welches sie jedoch
voll dankbarster Erkenntlichkeit ablehnen msse, da sie nicht imstande
sei, sich schon jetzt von ihrem Sohn zu trennen. Guntram Krafft sei das
einzige Glck, welches ihr das grausame Schicksal gelassen; dasselbe
noch so lange wie mglich ihr eigen zu nennen, sei der letzte Wunsch,
den sie noch an das Leben habe.

Die Erziehung des Knaben zu leiten, fr seine wissenschaftliche
Ausbildung zu sorgen, werde ihr mit Gottes gndiger Hilfe auch in
Hohen-Esp gelingen; sie hoffe zuversichtlich, aus ihrem Sohn einen
vollwertigen, braven und tugendhaften Mann zu machen.

Der Brief hatte in seiner starren und schmerzlichen Eigenwilligkeit
etwas Rhrendes, man hrt aus jeder Zeile das leidenschaftliche Herz
einer unglcklichen Mutter schlagen! -- sagte der Herzog, und er nahm
die Weigerung der Grfin nicht ungndig auf, sondern erhielt dem
wunderlichen Brennest im Walde sein vollstes Interesse.

Und abermals verging die Zeit.

Guntram Krafft erhielt durch einen Erzieher und den Pastor eine
vortreffliche Erziehung, wenngleich seine praktischen Fhigkeiten nicht
darber vernachlssigt wurden.

Er soll alles lernen, was ein gebildeter Mann an Schulweisheit
gebraucht! sagte die Grfin, vor allen Dingen aber soll er ein
tchtiger Landwirt werden, welcher auf eigenen Fen steht und seine
Scholle selber bewirtschaften kann. Die Gelehrsamkeit wird er wenig im
Leben gebrauchen, denn eine Stellung im Staatsdienste nimmt er niemals
ein, aber der praktischen Kenntnisse bedarf es vor allen Dingen, denn er
soll das Werk, welches ich begonnen, zu Ende fhren und den verlorenen
Besitz seiner Vter zurckerwerben!

Fast schien es, als wolle ihm die stolze, energische Frau wenig Arbeit
briglassen.

In geradezu erstaunlicher Weise war es ihr gelungen, Hohen-Esp zu einem
hochkultivierten Gut emporzubringen; vortreffliche Ernten hatten sie
Jahr um Jahr untersttzt, Terrain, welches man ehemals als Waldwiesen
und Heide hatte brachliegen lassen, war ausgenutzt worden und hatte
berraschenden Ertrag geliefert, ebenso hatte sich eine Milchwirtschaft
aufs beste rentiert, und Herr Werner sah seine stolze, besondere
Genugtuung darin, der verlassenen Frau mit grtem Eifer und all seinen
Fhigkeiten zu dienen.

Von Jahr zu Jahr konnte die Grfin von dem angrenzenden Besitz Gottern
Areal zurckkaufen, was ihr um so leichter ward, als der Besitzer der
Herrschaft selber in recht miliche Lage gekommen und froh war, das Land
wieder in Kapital verwandeln zu knnen.

So kam der Tag, an welchem die berraschende Nachricht die Runde durch
die Residenz machte, da es der Brin von Hohen-Esp in ganz
unglaublicher Weise gelungen sei, die Herrschaft Gottern zu Hohen-Esp
zurckzukaufen, da es ihr auch durch ihre enorme Willenskraft, ihren
Flei und uerste Sparsamkeit gelungen sei, ihren Sohn schon jetzt
wieder zu einem sehr wohlhabenden Mann zu machen.

Die alte Tante Agathe sei schon lngere Zeit krank und liege nunmehr im
Sterben.

Viel habe sie ja wohl nicht zu vererben, aber doch genug, um es der
Grfin vorlufig sehr leicht zu machen, auch mit dem nunmehr so
bedeutend vergrerten Besitz erfolgreich und dauernd zu wirtschaften.

Der Wohnsitz solle aber nach wie vor Hohen-Esp bleiben, und Graf Guntram
Krafft, welcher nunmehr neunzehn Jahre zhle und seiner Militrpflicht
gengen msse, werde wohl zum erstenmal allein in die groe, unbekannte
Welt hinaustreten!

Man erwartete voll Spannung das Erscheinen des schier sagenhaft
gewordenen jungen Mannes, bis die enttuschende Nachricht kam, da der
Graf wegen eines ganz unbedeutenden kleinen Fehlers, -- man sagte, da
ihm bei einer strmischen Seefahrt im Boot, beim berholen einer
Teertonne, dieselbe zwei Zehen vom Fu geschlagen -- vom Militr
freigekommen sei.

Es sei ein Jammer darum!

Der junge Mann verkrperte das Urbild aller blhenden Kraft und
Lebensfrische, er sei in der Tat ein wahrer Br von Hohen-Esp, so
gro, so stark, so reckenhaft schn und ritterlich, -- ihm selber habe
die Lust, Soldat zu werden, aus den Augen geblitzt, und er habe sofort
gebeten, ihn der Marine zuzuweisen, da er so gut Bescheid mit dem
Seefahren wisse, -- aber die Grfin habe voll leidenschaftlicher Energie
alle Hebel in Bewegung gesetzt, den Sohn freizubekommen.

Da sie die Bestimmungen fr sich gehabt habe, und Graf Guntram Krafft
ein durchaus gehorsamer Sohn sei, so sei leider nichts zu machen
gewesen.

Die Brin habe ihr Junges in die Hhle zurckgeschleppt. --

Da gab man es in der Residenz achselzuckend auf, die interessanten
Einwohner von Hohen-Esp jemals von Angesicht zu schauen, und weil die
Mtter und Tchter sehr enttuscht waren, so rgerten sie sich darber.

Die vielen Kaffees und Teeabende, welche mit den krzer werdenden Tagen
aus ihrem Sommerschlaf erwachten und so zahlreich pltzlich
aufwirbelten, wie drauen das welke Herbstlaub durch die Luft flatterte,
boten den ergiebigsten Boden, auf welchem das Pflnzchen dieser
Neuigkeit Wurzel schlug und in mannigfachen, oft recht phantastischen
Blten aufscho.

In einer der vornehmen Villenstraen lag das reizende Rokokoschlchen
Monrepos, in welchem der Oberst und Kommandeur des Ulanenregiments,
Freiherr von Sprendlingen, Wohnung genommen.

Seine sehr elegante, lebenslustige Frau liebte es, ein groes Haus zu
machen, eine Passion, welcher sie ohne Bedenken huldigen konnte, da die
Vermgensverhltnisse des Obersten sehr gute waren, und das Ehepaar nur
ein einziges Tchterchen besa, fr welches man zu sorgen hatte.

Der Freiherr verwhnte seine bezaubernde Frau in nur denkbarer Weise,
Frau von Sprendlingen verzog und verhtschelte ihr Tchterchen
dementsprechend, und so herrschte in dem Haus ein Luxus und Behagen,
welches keinen, auch den grten Wunsch, nicht unerfllt lt.

In den Salons der Hausfrau brannten nur einzelne verschleierte Lampen,
da die Herrschaften zum Diner gefahren waren; in dem lauschigen Boudoir
des fnfzehnjhrigen Tchterchens aber strahlte die Gaskrone festlich
und hell, denn dort saen die Backfischchen, welche zu Frulein von
Sprendlingen eingeladen waren, bei heimlichen Weihnachtsarbeiten, viel
Kaffee und noch mehr Sigkeiten, und sprachen ebenso wie die Alten die
Neuigkeiten des Tages durch. Seit der Tanzstunde interessierte man sich
fr junge Herren noch mehr wie fr junge Damen, und da man schon
mancherlei ber den Hohen-Esper gehrt und sich ebenfalls ber den
Strich durch die Rechnung rgerte, so begannen sie ber den doch allzu
gutmtigen Zottelbr, welcher derart unselbstndig an den Rock der
Mutter hnge, zu glossieren.

Ein forscher, echter Mann htte bei dieser Gelegenheit doch wohl etwas
mehr Eigenwillen und Schneid bewiesen und das Gngelband abgestreift!
spottete Gabriele, die Tochter des Hauses, und lie ihre Stickerei
sinken, -- anstatt artig hinter die Schrze der Mama zu kriechen und
sich zu ducken, wenn die gestrenge Vormnderin befiehlt! Ob er zwei
Zehen mehr oder weniger hat, geniert ihn ja gar nicht, es ist nur ein
recht erbrmlicher Vorwand von der Grfin, ein Zufall, welchen sie sich
zunutze macht, um das Bbchen unter den Fingern zu behalten!

Wenn Graf Guntram Krafft einen Funken Ehrgeiz und Selbstbewutsein
htte, wrde er sich das nicht habe bieten lassen!

Vielleicht ist er zu feige und freut sich, da er daheimbleiben kann!
-- rief Gabriele von Sprendlingen, das reizendste Backfischchen, welches
die Residenz aufweisen konnte, abermals: Htte er Courage, wrde er
sich das idealste Glck eines Mannes, Soldat zu werden, unter allen
Umstnden erzwungen haben!

Feige? Nein, das ist er wohl nicht! schttelte ihre Freundin Trautchen
gutmtig den hellblonden Kopf, denk doch, er wagt sich bei Sturm und
Wetter auf die See hinaus!

Gabriele lachte spttisch und rmpfte die entzckende kleine Nase: Die
See schiet nicht mit Kugeln! Bah! Was will es heien, sich auf die See
zu wagen?! Gar nichts! Kippt das Boot um, so schwimmt man! Wie weit
fhrt denn der Herr Graf? -- Sicher nicht zehn Schritt entfernt vom Ufer
weg! Auf den Ozean hinaus ist er noch nie gelangt, und die Schiff- und
Bootfahrt an der Kste stellt berhaupt keine Anforderungen an den Mut
eines Mannes! --

Aber Gabriele! Das kann ich mir nicht denken -- --

So? Wirklich nicht? O, du kleines, schneeweies Lmmchen, was hat denn
das Wasser fr eine Gefahr, wenn es nicht tief ist? -- und die
Sprecherin schttelte die krauslockigen, lichtbraunen Haare aus der
Stirn und machte ein geradezu verchtliches Gesichtchen: Ein Mann, der
nicht Soldat ist, nicht fr Frst und Vaterland kmpft, kann mir niemals
imponieren; und Graf Guntram Krafft ist kein khner, stolzer Br, wie
seine Vorfahren, sondern ein ganz lappiger Waschbr! -- Er sollte nur
einmal meinen Weg kreuzen, ich wollte es ihm schon zeigen, wie ich ber
ihn denke!

Und Gabrieles Augen, die wundersam hellen, schillernden Nixenaugen,
blitzten gar trotzig in dem sen Gesicht, und sie wiederholte
nachdrcklich: Glaub' mir's! Ich wrde es ihm zeigen! --

Das wrde ihn aber doch sehr krnken? warf Trautchen schchtern ein,
und das Mitleid glnzte in ihrem Blick.

Um so besser, wenn es ihn krnkt! brauste Gabriele ungestm auf und
kehrte alle Wrde ihrer fnfzehn Jahre heraus. Wie soll denn so ein
verwhnter Mamajunge anders merken, da er ein Waschlappen ist, wenn wir
Weiber es ihm nicht markieren? Wie sollte unser Kaiser noch Helden in
seine Armee bekommen, wenn wir nicht die Mnner zu Heldentaten
begeisterten und anspornten? -- Mein Vater sagt stets, ich sei eine gute
Soldatentochter und ein famoses deutsches Mdel, welches genau wei, was
es Frst und Vaterland schuldet! Einen Helden zum Vater! Einen Helden
zum Gatten, und mehrere Helden als Shne!

Bravo! Die Steigerung war gut! lachte die schwarzlockige kleine Grfin
Sevarille und verzog dabei das Mndchen etwas ironisch, solche Dinge
klingen in der Theorie ganz poetisch und schn, aber in der Praxis kommt
die Sache doch oft anders! Wenn zum Beispiel der geschmhte Waschbr
hier auftauchte, als schner Mann und reicher Erbe, und er machte dir
eine Liebeserklrung, Gabriele, du pustetest auf alle
Heldenherrlichkeiten in deines angebeteten Kaisers groer Armee und
heiratetest den tatenlosen Gutsbesitzer, ohne dich zu besinnen!

Heie Rte stieg in das Gesichtchen der Genannten, die Nixenaugen
schillerten wie die See, ehe sie in hohen, verderbenden Wogen aufbraust.

Das wrde ich tun, sagst du? -- stie sie atemlos hervor, das ist
eine perfide Behauptung, Thekla, und ich wnsche nun wahrlich nichts
sehnlicher, als da der Hohen-Esper mir einen Antrag machen wrde! --

Haha! Hrt ihr's? Jetzt spricht sie ehrlich!

Gabriele warf zornig ihre feine Seidenstickerei auf den Tisch und sprang
auf.

La mich ausreden, ehe du mich beschimpfst! trotzte sie in der vollen
Heftigkeit, welche ihrem Charakter eigen war, ich wnsche mir einen
Heiratsantrag von ihm, lediglich um dir zu beweisen, da ich keine
leeren Phrasen geredet, sondern Wort halten wrde, so wahr ich Gabriele
von Sprendlingen bin! Und wre er schn wie ein Gott und reich wie
Krsus, wenn er nichts fr Frst und Vaterland leistet, wenn er kein
Held ist und Taten tut, die mein Kaiser brav und herrlich nennt und mit
dem Kreuz der Ehre lohnt, -- ich wrde _nie_ sein Weib! Nie! -- Das
schwre ich bei allem, was mir heilig ist! --

Aber Herzchen, wie kannst du so leichtsinnig sein! -- entsetzte
sich Trautchen; Thekla aber setzte ihr Schnitzmesser zu einem tiefen
Kerbschnitt an und sagte mit einem wunderlich scharfen Lcheln --:
Gut, wir haben deinen Schwur gehrt und werden nicht verfehlen, dich
zu guter Zeit daran zu erinnern! Aber du kennst den Ausspruch des
Dichters: >Ach, Worte sind ein leerer Schall --< denn sie verfliegen
und werden so schnell vergessen, wie man sie hrt! _Mndlich_
ist schon mancher Schwur getan und leichtfertig gebrochen worden!
Auch du gibst deine stolze Versicherung nur mit den Lippen, aber
_schriftlich_? Haha! _Schriftlich_ verzichtest du nicht auf den
Grafen von Hohen-Esp!

Gabriele griff mit nervs bebender Hand nach den Zetteln und
Bleistiften, welche, fr ein Schreibspiel zurechtgelegt, bereits auf
einer Marmorschale seitwrts des Tisches standen.

Und warum nicht? spottete sie mit gefurchter Stirn: Wenn dir ein
geschriebenes Wort sicherer ist wie ein gesprochenes, sollst du es gern
haben! --

Und Gabriele setzte den Bleistift an und schrieb ohne berlegen mit
festen, schwungvollen Schriftzgen auf einen der Zettel nieder:

Da meine Freundin Thekla meine Ansicht ber den Grafen von Hohen-Esp
schriftlich wnscht, so erklre ich hiermit noch einmal, da ich
denselben nie und nimmermehr heiraten werde, weil er kein Held ist und
mir nicht imponiert!

-- Mit leisem Auflachen faltete das Backfischchen den inhaltschweren
Zettel zusammen und warf ihn Komtesse Sevarille zu, -- die andern jungen
Mdchen belohnten diese fesche Tat mit strmischem Beifall, und Thea
griff hastig nach dem Papier und schob es in ihren Pompadour. Sie
lchelte und nickte Gabriele zu: Du hast doch mehr Charakter, als wie
ich glaubte! sagte sie anerkennend, und ihr stets unzufriedenes und
bellauniges Gesicht sah zum erstenmal sehr wohlgefllig aus. --

       *       *       *       *       *




VI.


Von der See herber brauste der eisige Novembersturm und fegte die
letzten welken Bltter um die Zinnen von Hohen-Esp.

Der Buchwald, welchen Grfin Gundula vor nunmehr fnfundzwanzig Jahren
an all den Stellen, welche Friedrich Karl so schonungslos hatte abholzen
lassen, nachgepflanzt hatte, war emporgewachsen und fllte schon wieder
die Lcken aus, welche ehemals das Auge der Burgherrin so schmerzlich
verletzt hatten.

Noch waren sie den wundervoll hochstmmigen Riesen, welche rings um den
Hgel, der die Mauern von Hohen-Esp trug, Wache hielten, lange nicht
gleichgekommen, aber sie waren ebenso gediehen und frisch und krftig
aufgewachsen, wie der junge Spro des alten Grafenstammes, welcher als
blondlockiger Knabe unter ihnen gespielt, als Jngling mit markigen
Armen geschafft und nun als Mann sein Erbe in Empfang nehmen sollte.

Guntram Krafft war mndig geworden, ohne besondere Zeremonie und
Feierlichkeit, ohne von fremden Menschen in neuen Rechten anerkannt zu
werden; denn das ehemalige Vermgen seines Vaters war in den Besitz
seiner Mutter bergegangen, und nur von dem freien Willen der Grfin
hing es ab, ob der Sohn Herr sein sollte auf dem Besitz der Vter. In
dem Willen Gundulas aber lag es, den jungen Mann selbstndig zu machen.

Voll stolzer Genugtuung sah sie, da er zu einem Charakter ausgereift
war, fest und zuverlssig, stark in allem Guten und Edeln, und dennoch
so rein an Herz und Sinn wie ein Kind.

Kein Gifthauch der Welt hatte sein junges Herz getroffen, nur wie ferne,
sagenhafte Klnge und Bilder zogen die Erzhlungen seiner Erzieher von
Menschen und Leben an seinem geistigen Auge vorber.

Als er gro genug geworden, um eine berechtigte Frage nach seinem Vater
und dessen Leben zu stellen, hatte Gundula zum erstenmal seit langen
Jahren von ihrem Gatten gesprochen.

Da erst entspann sich ein inniges Wechselleben zwischen Mutter und Sohn.

Da entrollte die Grfin vor den weitoffenen Augen ihres Sohnes die
traurigen Bilder der Vergangenheit, und waren dieselben schon an und fr
sich dunkel genug, so frbte sie die Erbitterung der einsamen Frau noch
dsterer, so da Guntram Krafft die Welt nur als einen Sndenpfuhl voll
druender Gefahren, und die flotte, leichtlebige Gesellschaft der
Grostadt als eine Wildnis kennenlernte, in welcher aller Ecken und
Enden die Abgrnde ghnen. Guntram Krafft lernte sie verabscheuen und
verachten, ohne sie jemals kennengelernt, ohne sich jemals ein Urteil
aus eigener Anschauung gebildet zu haben, und doch machte diese fremde,
unnatrliche Beeinflussung keinen weltschmerzlichen Sonderling und
Einsiedler aus ihm.

Er verlangte nicht nach jenen Verhltnissen, welche die Mutter ihm so
unerquicklich geschildert, und von welchen die jungen Fischer im Dorf
nichts Gegenteiliges zu erzhlen wuten!

Die meisten seiner Spielkameraden waren als Matrosen eingezogen, hatten
ihre Jahre abgedient und Reisen in weite, ferne Wunderlnder gemacht,
von denen sie wohl einmal in ihrer wortkargen Weise erzhlten, aber nach
welchen sie doch nie zurckverlangten.

    Nord, Sd, Ost -- West --
    Daheim ist's am best'!

lautete ihr Urteil jedesmal, sie liebten ihre einsame, sturmumbrauste
und meerumsplte Heimat mit der zhen Treue nordischen Bluts, sie
kehrten heim, freiten und machten sich sehaft; selten nur, da der eine
oder andere fernblieb in Hamburg oder Kuxhaven, wo ihn besseres
Verdienst lockte.

Das waren jedoch die Verschollenen, von denen kaum noch Angehrige im
Dorf lebten und welche selten, fast nie eine Nachricht in die Heimat
gelangen lieen.

Kam jemals eine heie, leidenschaftliche Sehnsucht ber Guntram Krafft,
die herkulische Strke seiner Arme zu prfen, auch hinauszuziehen mit
flinken, weien Segeln, um jene heimlichen Wunder fremder Lnder
kennenzulernen, wollte sie ihn packen, die Wanderlust des Jnglings und
der Tatendrang des Mannes, so gengte nur ein einziger Blick auf die
schwarze Trauergestalt der Mutter, in ihr bleiches, gramgefurchtes
Antlitz unter dem frhergrauten Scheitel, und er schttelte voll stolzer
Entsagung das Haupt und war es sich voll bewut, da er die einsame Frau
nicht verlassen durfte, deren einziges Glck er geblieben.

Die rastlose Arbeit in Flur und Feld, sein eifriges Studium edler
Wissenschaften gaben seinem Leben reichen Inhalt, und wenn er Freude und
Zerstreuung suchte, so streifte er das grobe Fischerzeug ber seine
markige Brust und fuhr voll jauchzenden Ungestms hinaus in See, mit
Sturm und Wogen einen tollkhnen Kampf zu kmpfen, furchtlos sich in
brandende Flut zu wagen, der geschickteste der Segler, der furchtloseste
der Schwimmer, ein Seemann, zu dem die wetterharten Fischer voll
staunender Bewunderung aufblickten und ihn den Besten der Ihren
nannten.

Wie oft hatte Guntram Krafft sein Leben eingesetzt, wenn es galt,
bedrohten Freunden Hilfe zu bringen, strandenden Schiffen in Nebel und
Sturm ein tollkhner Lotse zu sein, sie sicher einzuholen an dieser
Kste, welche durch widrige Gegenstrmungen und Untiefen schon manchem
Fahrzeug und manch wackerem Seemann mit Tod und Verderben gedroht hatte!
--

Die meisten ahnten es wohl nicht und hatten es nie erfahren, wer ihr
khner Retter in der groben Teerjacke gewesen; flossen ihm Geldgeschenke
von den Dankbaren zu, so lachte der junge Graf gar frisch und frhlich
auf, berwies sie seinen Genossen und sprach: Holla, Kinnings! Dor
htten wie wat inbrcht! und die schwieligen Hnde legten die Taler
zurck in die gemeinsame Kasse, aus welcher bedrftige Fischer
untersttzt und das Rettungsboot, welches anfangs ein recht drftiges
Fahrzeug gewesen, immer zweckmiger ausgestattet wurde. Guntram Krafft
fhlte sich in seiner so arbeitsreichen Einsamkeit unendlich glcklich
und verlangte nicht hinaus in die Welt voll Zerstreuung, Pracht und
Lustbarkeit, eine Welt, welche ihm so fernlag, wie jene andern Welten,
welche ewig unerreichbar als leuchtende Sterne im endlosen Himmelsraume
kreisen.

Und doch fiel es dem scharfbeobachtenden Blick der Grfin auf, da es
oft wie ein melancholischer Schatten auf dem freien, mnnlich schnen
Antlitz lag, da sein Blick oft sinnend und trumerisch in das Weite
streifte, da er oft ganz unvermittelt sagte:

Nun hat Jochen Riem auch geheiratet, die kleine Anning, die er seit
Kind auf so liebgehabt hat! -- oder --: Weit du's, Mutter, da dem
Gschen Wulff in dieser Nacht ein Bub geboren ist? Ein prchtiger,
pausbackiger Kerl ... kann schreien fr zehn, und der Gschen ist so
stolz, als sei er ein Kaiser geworden! ... und nach kurzer Pause --:
Wie ist es doch so still und leer hier in Hohen-Esp! Wre wohl nicht
bel, Mutter, wenn auch hier mal ein wenig junges Leben einzge und ein
paar kleine Brlein herumpurzelten! Er lachte dazu, und dennoch
blickten seine blauen Augen seltsam ernst! --

Da war's, als ob Frau Gundula urpltzlich aus einem langen, langen Traum
erwache, und sie nickte wie erschrocken vor sich hin und sprach leise:
Ja, es ist Zeit geworden! --

Nun stand sie an dem spitzen Bogenfenster mit den kleinen, bleigefaten
Scheiben, und blickte starren Auges hinab auf die laublosen
Buchenwipfel, welche der Sturm wie brandende Flut gegen das graue
Turmgemuer peitschte. --

Tage und Nchte lang hatte sie in schwerem Kampf gerungen, hatte
gesonnen und berlegt, um das rechte zu finden.

Die Natur forderte ihr Recht; Guntram Krafft war ein Mann geworden,
dessen Herz sich nach Liebe sehnte, dessen Wunsch es war, gleich seinen
Gespielen ein Weib zu freien und glcklich zu sein!

Die Grfin, deren scharfer Geist alles so wohl berlegt und bedacht
hatte, was zum Glck ihres Kindes ntig schien, hatte seltsamerweise
diese Notwendigkeit noch nie ernstlich erwogen, und nun, als sie trotz
der lang vorbereitenden Jahre doch berraschend an sie herantrat, da
kostete es ihrem Herzen schwere Kmpfe, bis sie sich entschlossen hatte,
sich in das Unvermeidliche zu fgen.

Guntram Krafft mute die Brautfahrt unternehmen, er mute Ausschau
halten unter den Tchtern des Landes, welche von ihnen das Ideal
verkrpern mchte, das sich der weltfremde Mann von seinem Weib
gebildet!

Ihr Sohn mute den Winter in der Residenz verleben und die Feste
mitmachen, er _mute_ es! Es half da kein Weigern mehr! Kein anderer
Ausweg wollte sich ihrem Sinn zeigen, ob sie noch so sehr grbelte.

Seit Tante Agathe gestorben war, besa sie gar keine nheren Verwandten
mehr, wenigstens keine, welche heiratsfhige Tchter hatten und zu
welchen sie den jungen Bren von Hohen-Esp htte senden knnen, wie
einst Jakob hinzog in das Land seiner Freundschaft, bei seiner Sippe um
ein Weib zu dienen.

Guntram Krafft durfte keine Fischerdirne aus dem Dorfe heimfhren,
dagegen strubte sich der Stolz einer Frau, welche ihr ganzes Leben lang
nur fr das eine Ziel gearbeitet und gestrebt hatte, ihrem Sohn den
Besitz und alten Glanz seines feudalen Geschlechts zurckzuerwerben. --

Die neue Stammutter der Hohen-Esps soll Wappen und Krone mitbringen, sie
soll eine ebenbrtige Gemahlin fr ihren Sohn sein, deren Ansichten die
ihren sind, deren edler Sinn eine Brgschaft fr die Tugend knftiger
Geschlechter ist! Wird Guntram Krafft die rechte Wahl treffen? --

Ohne Zweifel; ihre Ansichten sind auch die seinen geworden, der
Geschmack der Mutter ist dem Sohne eingeimpft!

Wird die Welt auch jetzt noch ihre verderblichen Schlingen um seine Fe
legen?

Wird sie ihn blenden und bestricken, da er nicht wieder zurckverlangt
in sein stilles Heim? --

Wird er ihr Gift schlrfen und es so s und berauschend finden, da ihm
das klare Quellwasser der Heimat nicht mehr mundet? --

O nein! Nun und nimmermehr!

Gundula ist ihres Sohnes gewi. Die mhsame Aussaat von so viel langen,
bangen Jahren kann nicht in ein paar Wochen im Hagelschauer neuer
Eindrcke, in der sengenden Glut froher Feste, in den Strmen eines
Karnevals zugrunde gehen!

Die fremde Welt wird dem Neuling fremd erscheinen und fremd bleiben, --
er wird sich aus der hohen Flut eine Perle heben und sein Kleinod so
bald wie mglich in den stillen Hafen von Hohen-Esp retten.

Auerdem schickt sie ihn nicht vllig allein und haltlos in das bunte
Leben hinaus. Der alte Kammerdiener ihres Mannes, welcher schon Gundula
als Braut gekannt und auf dessen Armen auch Guntram Krafft aufgewachsen
ist, der goldgetreue, zuverlssige Anton wird seinen jungen Gebieter in
die Residenz begleiten.

Er wei ja so gut Bescheid auf dem heien Boden der Grostadt, er ist
ber so manches Parkett geglitten und hat den Kammerherrn ehemals in so
manch schwieriger Situation beraten, er wird nun auch seine Sorge ber
dem jungen Bren walten lassen, welcher zum ersten Male die sichere
Hhle verlt! Anton wird angewiesen sein, ganz genau ber den Grafen zu
berichten, und wenn es wahrlich den Anschein haben sollte, als ob die
Welt ihre schimmernden Netze um ihn flechten wollte, dann wird die
Mutter zu rechter Zeit die energischen Hnde heben, diese Fden
unbarmherzig zu zerreien.

Grfin Gundula blickt in den Sturm hinaus und wartet auf den Sohn, und
als sie endlich seinen schweren, stampfenden Schritt auf der gewundenen
Stiege hrt, da hebt sie wie mit letzter Selbstberwindung das Haupt und
schaut ihm festen Blicks entgegen. In der niederen, spitzgewlbten Tr,
den hochgewachsenen Nacken im Eintreten beugend, steht Guntram Krafft.

Mchtige Wasserstiefel reichen bis ber die Knie, eine Dffeljoppe lt
die breite Brust noch hnenhafter erscheinen, und ein ausgeschlagener
Sdwester sitzt fest auf den blonden, lockigen Haaren und umrahmt das
frische, mnnlich schne Antlitz mit den leuchtenden Blauaugen.

Dag ok, Mutting! lacht er mit strahlendem Blick, reit den Hut ab und
hebt ihn in seemnnischem Gru hoch ber das Haupt.

Hoffentlich hast du nicht zu lange auf mich gewartet? -- Aber bei
diesem Wetter mu man auf dem Posten sein, damit kein Unglck am
Hamelwaat passiert! Wei der Kuckuck, da solch eine gefhrliche Stelle,
wo schon so manches Fahrzeug aufgelaufen ist, noch von keiner
Strandkommission schrfer ins Auge gefat ist! -- Vorhin wieder eine
Brigg! -- Schnurgrad drauflosgehalten! Noch ein paar Nasenlngen, und
sie sa fest! -- Wir hatten sie glcklicherweise beobachtet, und ich
konnte noch rechtzeitig hinaus, um ihr Warnung zu geben! Aber eine
Lustfahrt war's just nicht bei der heutigen Brise, und kalt genug hat's
uns um die Ohren gepfiffen! Da hat dir dein Br einen regelrechten
Brenhunger heimgebracht, und fr ein Warmbier verkaufe ich heute auch
das Recht der Erstgeburt!

Er lachte, da die weien Zhne unter dem blonden Schnurrbart blitzten,
schlang zrtlich den Arm um die dstere Frauengestalt und kte Frau
Gundula herzhaft auf den Mund.

Das steht bereit, du Wasserratte! lachte diese, mit einem Blick
unendlichen Wohlgefallens die blhende Schnheit ihres Sohnes umfassend,
willst du dich erst umkleiden oder erst durch einen Imbi erwrmen? Du
weit, ich liebe es nicht allzusehr, dich in dieser Ausrstung am Tisch
zu sehen!

Wei ich, Mamachen, -- und werde nie dein Ezimmer durch Teerjacke und
lzeug entweihen. -- Auch ist's mir, ehrlich gestanden, selber zu
unbequem! Aber bitte, befiehl einstweilen alle Bierkannen und
Schinkenbrote auf Deck, damit ich in zehn Minuten an ihnen zum
Massenmrder werden kann!

=Vae victis!= --

Ja, wehe ihnen! Heut wird kein Pardon gegeben! -- Und Guntram Krafft
schritt ber die Schwelle zurck, da die morschen Parkettplatten
krachten.

Drauen hrte die Grfin ihn frhlich pfeifen: Auf, Matrosen, die Anker
gelichtet! -- Dann hub ein gewaltig Poltern und Rumoren in der
Turmstube des jungen Grafen an, und in sehr kurzer Zeit saen Mutter und
Sohn beim lodernden Kaminbrand in der Speisehalle zusammen, wo Guntram
Krafft das Frhstck serviert war.

Der Hausanzug des jungen Hohen-Esp war weder sehr elegant noch sehr
modern, er war solide und zeugte von der Sparsamkeit, welche in allen
Dingen noch im Hause herrschte, obwohl die Grfin mit einem tiefen
Ausatmen der Befriedigung noch vor wenig Tagen zu dem Inspektor gesagt
hatte: Noch ein paar solcher Rbsenernten, und wir knnen, so Gott
will, schon das zweite Vorwerk von Walsleben zurckkaufen!

Aber trotz seiner nicht allzu vorteilhaften Kleidung sah der junge Graf
ganz vortrefflich aus, just so, wie es zu seiner brenhaften und
urwchsigen Schnheit pate.

Man konnte es sich bei seinem Anblick kaum denken, da diese
Reckengestalt in Frack und Lackschuhe hineinpassen wrde, da sie sich
zum Trger all der weichlichen, geschniegelten Eleganz der modernen
Salonhelden machen knne!

Ein Zylinderhut auf diesem wildlockigen Haupt mute ganz wunderlich
aussehen, und wie die wetterharten Hnde, wohl schn und edel in der
Form, aber ohne Schonung verarbeitet wie bei dem geringsten Fischer,
sich mir Glachandschuhen befreunden wrden, schien selbst Frau Gundula
in diesem Augenblick eine berechtigte Frage.

Sie musterte das uere des jungen Bren interessierter wie je zuvor,
und dieweil er frisch und frhlich dem krftigen Mahle zusprach und
dabei voll lebhaften Eifers ber seine strmische Seefahrt sprach,
flogen ihre Gedanken weit voraus ... und sie sah diesen unerschrockenen
Seehelden auf dem hfischen Parkett stehen, umrauscht von schmeichelnden
Musikklngen, umweht von sem Amberduft, umglnzt von ungezhlten
Lichtflammen und umringt von koketten, lachenden, anmutig reizenden
Mdchengestalten.

Unser Rettungsboot taugt nichts, Mutting, fuhr Guntram Krafft
whrenddessen etwas unwillig fort, es ist ganz unzweckmig gebaut, --
ein Kahn wie alle andern auch, der bei gutem Wetter zum Heringfangen
noch zu brauchen ist, aber wenn's mal krftig weht, doch ein ganz
unzuverlssiges Ding ist! Grad' bei der drei- und vierfachen starken
Brandung am Hamelwaat! -- ber die uerste Brandungslinie, wo sich die
Wellen auf drei bis vier Faden brechen, kriegen wir's kaum noch hinaus.
Hab' heute versucht, den Bug dem Lande zuzuwenden -- hab' den Lenzsack
nachbugsiert -- damit ich das Boot zurck und zu gleicher Zeit recht vor
der See halten konnte -- wollte so das Beidrehen hindern -- aber viel
ntzen tat's auch nicht! Ja, so ein gutes Peakeboot, welches sich
aufrichtet wie ein Holundermnnchen, mit einem schweren, eisernen Kiel,
und vorn und hinten hohe, gewlbte Luftksten ... ja, das knnten wir
gebrauchen, damit liee sich etwas ausrichten ...

Sicherlich! -- nickte Gundula zerstreut und berlegte, da sich der
junge Graf am besten in der Residenz neu ausrsten msse, -- Anton
verstand sich vorzglich darauf ... der mu ihn einkleiden ...

Ich finde, es ist eine Schande, da gerade hier fr unsere
Kstenstrecke so gar nichts geschieht! Die nchste Rettungsstation
hat gar keinen Wert fr uns, denn wir knnen sie einfach nicht
erreichen, wenn pltzlich Not an den Mann geht! -- Es _mu_ etwas
hier geschehen, das Hamelwaat ist auch solch ein Brunnen, welcher erst
zugeschttet wird, wenn das Kind ertrunken ist! -- Mir geht es schon
so lange im Kopf herum, mich an eine zustndige Behrde zu wenden, da
sie uns eine regelrechte Rettungsstation bauen lt -- was meinst du,
Mutter, was ich dazu tun knnte?

Die Grfin blickte auf, legte entschlossen die Hand auf den Tisch und
sagte: Du wirst in der Residenz am besten Gelegenheit haben, magebende
Persnlichkeiten fr deine Plne und Absichten zu interessieren!

In der Residenz?!

Ich mchte dir heute eine Erffnung machen, Guntram Krafft, dir einen
Wunsch mitteilen, welchen du mir hoffentlich erfllst?

Er blickte erstaunt auf, nahm ihre Hand und kte sie als stumme
Antwort.

Es ist Zeit, da du, als jetzt grojhriger Mann, deinem Herzog
vorgestellt wirst, da du hochdemselben, als angestammter Vasall und
Spro eines seiner ltesten Grafengeschlechter, deine stete Treue und
Dienstwilligkeit versicherst. Ich habe mich diesbezglich mit einer
Anfrage an das Hofmarschallamt gewandt und eine sehr huldvolle und
gndige Antwort Seiner Hoheit erhalten.

Man sieht deinem Besuch in der Residenz mit liebenswrdigstem Interesse
entgegen und ist bereit, dich bei Hofe zu empfangen. Dein Aufenthalt
wird sich ber die Saison erstrecken, du wirst die Feste im
herzoglichen Schlo und, falls es dir Freude macht, auch diejenigen der
Hofgesellschaft mitmachen!

Guntram Krafft sah weder sehr erfreut noch erregt bei dieser Erffnung
aus; er blickte die Sprecherin nur erstaunt an und sagte beinahe
bedauernd: Gerade im Winter bin ich am wenigsten abkmmlich hier! Denk
an die Sturmflut vom 13. und 14. Februar vorigen Jahres! Wie gut war es,
da ich da auf dem Posten war! Aber so Gott will, haben wir gut Wetter
in diesem Winter, und wenn du sagst, da ich die Verpflichtung habe,
mich meinem Landesherrn vorzustellen, gut, so gehe ich. --

Du wirst gleicherzeit Gelegenheit haben, eine Menge der hbschesten,
liebenswrdigsten und vornehmsten jungen Damen kennen zu lernen -- --

Der junge Graf richtete sich hher auf, sein Blick haftete wie in
starrem Forschen auf dem Antlitz der Sprecherin, ber welches ein mdes,
flchtiges Lcheln glitt, ein Lcheln, wie er es noch nie darauf
gesehen.

Flammende Glut stieg ihm in die Wangen, ein Ausdruck von Verlegenheit,
wie bei einem jungen Mdchen, lag pltzlich auf dem schnen Antlitz, und
langsam nach dem Bierglas greifend, fragte er zgernd: Was meinst du
damit, Mutter?

Ich meine und hoffe, da mein Sohn mir vielleicht eine schne,
liebenswrdige Tochter aus der Residenz mitbringt, eine junge Brin fr
das alte Nest, welche all das frohe, frische Leben in Hohen-Esp
aufblhen lt, welches du seit einiger Zeit so sehr hier vermit hast!

Einen Augenblick sanken die dunklen Wimpern tief ber Guntram Kraffts
Augen, dann schlug er sie voll auf und lachte die Grfin mit strahlendem
Blicke an.

Das wrdest du gut heien?!

Es ist meine sehnliche Hoffnung und mein dringender Wunsch, da du
heiratest, mein Sohn! Deine finanzielle Lage ist durch Gottes gndige
Hilfe eine derartige geworden, da du auch ein armes Mdchen heimfhren
kannst, vorausgesetzt, da sie solide und anspruchslos genug ist, jetzt
und fr die Zukunft mit dir in unsrer lieben Waldeinsamkeit hier zu
leben! Ein genuschtiges, eitles und oberflchliches Weib pat nicht in
die Brenhhle von Hohen-Esp, sie wrde dein Unglck sein! Ich hoffe,
da du selbst an derartig veranlagten Damen keinen Geschmack findest,
und werde dich noch, ehe du gehst, auf manches aufmerksam machen, was du
zu beobachten hast. Es gibt auch in der groen, lebenslustigen Residenz
genug sinnige, holde Mdchenblten, welche ihr volles Genge und ihr
schnstes Glck in einem stillen Liebesleben, fernab von der lrmenden
Landstrae, finden! -- Ich habe dich durch fnfundzwanzig Jahre hindurch
gelehrt, mit meinen Augen zu sehen, -- gebe der barmherzige Gott, da du
in dem wichtigsten und entscheidendsten Augenblick deines Lebens nicht
mit Blindheit geschlagen sein mgest!

Die Grfin hatte sich erhoben, sie breitete die Arme aus und zog ihren
Sohn an die Brust, und als sie in seine groen, klaren Augen sah, welche
aus dem khnen, wettergebrunten Mnnerantlitz noch so offen, ehrlich,
treu und wahr leuchteten wie Kinderaugen, da ging es wie ein qualvolles
Aufseufzen durch ihre Seele. -- In Sturm und brandende Meereswogen habe
ich dich ohne Zagen hinausfahren sehen; nun aber, wo du dein
Lebensschifflein auf die glatte, spiegelnde Flut treibst, welche gleit
und glnzt und lockt wie ein Mrchensee, -- welche ihre Klippen unter
schaukelnden Rosen versteckt und ber deren Untiefen sich schneeweie
Nixenarme breiten, -- jetzt zittere ich um dich, du furchtloser Seeheld,
und flehe zu Gott, da dieses Lebensmeer dir den Frieden schenken mge,
den es _meiner_ Seele geraubt hat!

       *       *       *       *       *

Alle Vorbereitungen zur Reise wurden getroffen, und es kam der Tag, an
welchem Gundula im dunkel flatternden Mantel abermals auf dem Sller
stand, um dem Wagen nachzublicken, welcher ihr Liebstes von dannen
fhrte. --

Sorgenvoll schaute sie auf, ob die Sonne abermals fr sie untergehen
werde fr ewige Zeit! -- Aber nein, wohl peitschte der Sturm das schwere
Schneegewlk gegen sie und verdunkelte sie fr kurze Zeit, dann aber
brach ihr Licht kraftvoll und siegreich hervor, wie endliches, segnendes
Glck!

       *       *       *       *       *




VII.


Schneegestber!

Wie weie Watte lag's auf der Erde, und darunter blankes Glatteis, so
da die Scharen der Straenjungen mit lrmendem Hallo die breiten
Trottoirplatten entlangschlidderten!

Die eleganten Villen hatten Hermelinmntel umgeworfen und standen in
ihrer frstlichen Pracht noch stolzer und unnahbarer wie sonst inmitten
der wohlgepflegten Grten, aus denen die Tannen, Lebensbume und Taxus
wie grne Butzemnner schauen, welche unter weien Laken Versteck
spielen! Schlitten flogen mit klingenden Schellen und prchtig
geschmckten Rossen vorber wie Mrchenbilder, schne Frauen in
flockigen Pelzen saen darin und neigten grend die Kpfchen, Damen und
Herren in eleganten Eiskostmen eilten dem spiegelblanken See im Parke
zu, und zwischendurch drngte und schwatzte und lachte der breite Strom
der Passanten, welche Dienst, Geschft oder Vergngen hinaus in das
lustige Winterwetter trieb!

Guntram Krafft schritt langsam, schier atemlos schauend die Parkstrae
hinab.

Es war zum erstenmal, da eine grere Stadt ihre reizbaren Bilder vor
ihm entrollte und den Neuling durch ihren rastlosen Wechsel in die
seltsamsten Gefhle versetzte.

Anfnglich hatte ihn das Lichtmeer geblendet, die Menschenmenge
belstigt, die Masse der hohen Huser in unangenehmer Weise bedrckt; er
empfand nur das Ganze als ein schwindelerregendes Chaos und verstand es
noch nicht, das Einzelne, Schne und Interessante daraus zu erfassen.
Aber er lernte es bald.

Anton war ein verstndiger und guter Lehrmeister, ein Mensch, der, als
ehemals so verwhnter und welterfahrener Mann, es nun nach der langen
Zeit tiefer Einsamkeit geradezu mit Entzcken geno, noch einmal in das
verlorene Paradies seiner Jugendtrume zurckzukehren.

Antons Freude und Eifer steckte den jungen Gebieter bald an, und dieweil
Graf Hohen-Esp whrend der ersten Tage noch ein gewisses Unbehagen und
Mitrauen jeglichem Neuen gegenber empfand und seiner Mutter nur mit
einem rechten Stoseufzer ber die schreckliche Rundreise durch alle
Magazine und Lden berichtete, -- so gewhnte er sich doch bald an das
so gnzlich vernderte Bild seiner Umgebung.

Immer leuchtender haftete sein Blick auf all dem Eigenartigen, immer
zufriedener musterte er seine so ganz verwandelte uere Erscheinung im
Spiegel, -- er lachte so heiter wie ein Kind, als Anton ihm schmunzelnd
versicherte: So, Herr Graf, nun knnen wir uns schon vor den
Residenzlern sehen lassen, bei Gott, einen schmuckeren Junker knnen sie
im ganzen Land nicht finden!

Ja, er war eine imposante, auffallend schne Erscheinung, der Br von
Hohen-Esp, aber trotz der modernen Kleider lag es doch wie ein
undefinierbares, gewisses Etwas ber ihm, was ihn fremd und ungeschickt
zwischen den anderen Herren erscheinen lie.

Eine unberwindliche Befangenheit und das Ungewohnte der neuen Kleidung
beeinfluten ihn, er tappte daher wie ein Mensch, welcher zeitlebens
blind gewesen und nun mit einemmal sehen lernt.

Der Ausdruck seines Gesichts, welches sonst mit Adleraugen, khn und
trotzig in Sturm und wildes Wetter schaute, bekam etwas kindlich Naives,
beinahe Verlegenes, wenn er durch die Menschenmenge schritt oder im
Hotel an der Table d'hte Platz nahm.

Gundula hatte ihren Sohn tadellos erzogen, seine Manieren waren
vorzglich, formell und ritterlich, er war weit entfernt davon, sich
wie ein Hinterwldler zu benehmen, und doch wirkte seine Art und Weise
seltsam, weil ihn das Ungewohnte der Situation ungeschickt und linkisch
machte.

Der junge Br hatte wohl alles, was eine gute Erziehung fordert,
gelernt, aber er hatte seine Kenntnisse nie unter fremden Menschen
verwertet, und weil hier in der Stadt _alles_ so vllig anders war wie
daheim, so verlor er auch den Glauben an sich selber und seine Art, und
diese Unsicherheit gab dem hnenhaften Recken etwas Linkisches und
Unvorteilhaftes.

Die Grfin hatte bestimmt, da ihr Sohn sich erst zehn bis vierzehn Tage
in der Residenz aufhalten solle, ehe er seine Besuche bei Hof und in der
Gesellschaft abstattete. --

Sie fand es wohl selber notwendig, da die weltfremden Augen des jungen
Mannes sich zuvor an elektrisches Licht und den bunten Wirbel der
Grostadt gewhnten, da er erst ein wenig auf dem Parkett gehen lerne,
ehe er sich in den glitzernden Strom hineinwagte.

Und Guntram Krafft lernte gehen, von Tag zu Tag besser, so da Anton
schon recht zufrieden war und sagte: In zehn Tagen wird im Schlo
getanzt, Herr Graf, da mssen zuvor die Karten abgeworfen werden!

Aber ich kann nicht tanzen, Anton! -- das, was wir daheim im
Fischerdorf mal >Tanzen< nannten, das pat wohl schwerlich hierher in
das Palais!

Macht nichts, Herr Graf! Sie sehen zu und plaudern mit den schnen
jungen Damen!

Guntram Krafft wurde dunkelrot.

Ich frchte, da ich auch damit Fiasko mache! Bedenk, Alter, ich habe
mich nie darin gebt, mit Damen zu plaudern! Von was soll ich sprechen?
-- Von Hohen-Esp? Das kennt ja niemand! Von all den Dingen, die ich aus
den Bchern gelernt habe? Die werden den jungen Mdchen nicht gefallen!
-- Ich begreife nicht, woher meine Mutter den Mut nahm, mich ungelenken
Br hierher unter die Menschen zu schicken!

So etwas mssen Sie sich gar nicht einbilden, Herr Graf! Das findet
sich schon alles, und Sie wren der erste junge Mann, welcher bei einem
hbschen Frulein nichts zu reden wte! Da fragen Sie nur: >Lieben
Sie das Meer, mein gndiges Frulein?< und wenn sie sagt: >ja, gar
sehr!< -- dann erzhlen Sie ihr von unserm blauen Wasser daheim und den
Fahrten durch Nebel und Sturm, welche Sie darauf machten! Das hrt eine
jede gern! --

Guntram Kraffts Augen leuchteten auf. Ja, das war eine gute Idee! Wenn
er von seiner geliebten See sprechen konnte, trat ihm wohl schon ganz
unwillkrlich das Herz auf die Zunge!

Eine freudige Zuversicht berkam ihn, der naive Glauben eines redlichen
Herzens, welches noch davon berzeugt ist, da man auf jede freundliche
Frage auch eine freundliche Antwort erhlt!

Just diese Gedanken waren es, welche den Grafen beschftigten, als er
die Parkstrae entlang promenierte und mit hellem Blick auf das muntere
Leben im Schneegestber blickte. --

Er lachte ber ein paar Jungens, welche sich schneeballten, und als er
unversehens mit Willen! auch einen der weien Gre gegen die Schulter
klatschen fhlte, da blieb er stehen und amsierte sich noch mehr.

Helles Schlittengelute erklang hinter ihm, doch wandte er in seinem
lebhaften Schauen kaum den Kopf danach, bis ein lautes Aufschnaufen,
Klirren und Hufschlagen, sowie die schrillen Angstrufe etlicher
Passanten ihn jhlings zurckschauen lieen.

Ein sehr eleganter Schlitten kam herangesaust, gezogen von zwei
Vollbltern unter langwehenden Schneedecken.

Da pltzlich gleitet das Handpferd auf dem Glatteis, von dem der Wind
momentan den Schnee hinweggeweht hat, aus, es strzt wie gemht
zusammen, schlgt wild um sich, reit auch das andere Ro nieder, und
der Schlitten, welcher in voller Fahrt gegen den Knuel anfhrt, schlgt
gegen den hochgeschaufelten Schneewall zur Seite.

Der Kutscher ist von seinem kleinen Rcksitz herabgeschleudert, und die
Dame, welche in dem Schlitten sitzt, scheint momentan unter demselben
begraben.

Von allen Seiten springen Mnner heran und wenden sich in der ersten
Bestrzung den Pferden zu, sie zu fassen, abzustrngen und weiteren
Schaden zu verhten -- Guntram Krafft aber steht mit schnellen Schritten
neben dem Schlitten, packt ihn mit kraftvollen Hnden und richtet ihn
ohne jede weitere Untersttzung auf, als sei er ein Puppenspielzeug!
Dann greift er abermals zu und richtet die Dame, welche halb vergraben
in dem Schnee liegt, in seinen Armen empor.

Er spricht kein Wort dabei, aber seine Blicke beobachten prfend ihre
Bewegungen, ob sie sich verletzt habe.

Sie steht auf den Fen und tritt zur Seite, sie hebt die Arme und
schttelt die weien Flockenballen aus dem Pelz und von dem Kpfchen.

Nein, es ist nichts gebrochen, weder Arm noch Bein! -- atmet der Graf
auf, -- er sagt es mehr zu sich, wie zu der Fremden; diese aber hat es
doch gehrt, sie reit den schneebedeckten Schleier von dem Hut und
drckt den Muff trocknend gegen das Antlitz.

Nein, Gottlob, -- ich bin mit heiler Haut davongekommen! sagte sie mit
berraschend ruhiger und fester Stimme; sie scheint nicht sehr ngstlich
oder nervs zu sein, sondern den kleinen Unfall hchst gelassen
hinzunehmen. Ich danke Ihnen, mein Herr, fr Ihre liebenswrdige
Hilfe! fgt sie hinzu, und als Guntram Krafft hflich den Hut zieht,
blickt er zum erstenmal in das Antlitz der jungen Dame. Und sein Blick
wird gro und starr im Schauen, sein Atem stockt pltzlich und das Blut
steigt hei in seine Wangen empor. Solch ein reizendes Gesichtchen hat
er nie zuvor gesehen.

Wie ein Wunder scheint es vor ihm aufzutauchen und all die Trume zu
verwirklichen, die ihm oft vorgegaukelt haben, wenn er in Journalen und
in illustrierten Werken daheim solch ein anmutig-schnes Mdchenhaupt
mit nachdenklichen Blicken betrachtete.

Wie weich, rosig und frisch das zarte Oval, wie entzckend geformt das
Nschen und der stolze, schwellendrote Mund, wie kraus die lichtbraunen
Lckchen, welche unter der zurckgeschlagenen Krmpe des federumwallten
Hutes hervorquellen, berst von Schneesternchen, welche zu schmelzen
beginnen und in blinkenden Tropfen ber der Stirn zittern, wie bei einer
Nixe, welche der Flut entsteigt!

Und Nixenaugen sind es auch, welche zu ihm emporglnzen in langem,
forschendem Blick, Augen, so hell, so gro, so flimmernd in einer
undefinierbaren Farbe, als habe sich blau-grnes Seewasser unter den
dunklen Wimpern zum Stern geformt!

Ja, so mssen wahrlich die Nixen aussehen, welche die weien Arme nach
den jungen Fischern heben, welche es ihnen antun mit dem wundersam
schillernden Blick, da sie sich ihnen nachstrzen in die geheimnisvolle
Tiefe, auf Leben und Sterben.

Guntram Krafft war zwischen Fischern in weltfremder Einsamkeit
aufgewachsen, die Lieder von der Meerfrau, die Sagen von den Nixen und
Wasserfeien hatten schon seine Wiege umklungen und durch sein Leben
fortgetnt in Ernst und Scherz, sie waren ihm lieb und vertraut wie
alles, was teilhatte an dem groen, wogenden Weltmeer, dem leuchtenden
Ring, welcher seine Heimat umschlo.

Wenn er auf stiller, sonnenbeglnzter Flut in seinem Boot lag, dann
stieg pltzlich ein reizendes Mdchenhaupt aus dem Wasser, so, wie er es
in poetischer Schnheit in seinen Bchern daheim geschaut, das trug den
Kranz von Schilf und Seerosen im Haar, Korallen und Bernstein auf der
weien Brust, -- die Wassertropfen rieselten ihm funkelnd ber die
Stirn, und die Augen, die groen, hellen, farblosen Augen, die
schimmerten wie durchsichtiger Kristall! --

So, just so, wie im Angesicht der Fremden, welche er soeben schaut!

Und diese Entdeckung verwirrt ihn und macht ihn, den erst so kraftvoll
Unerschrockenen, wieder linkisch und befangen.

Er reit abermals den eleganten, spiegelblanken Filz von dem lockigen
Haar und stottert ein paar unverstndliche Worte, -- aber sein Blick
hngt wie gebannt an ihrem Antlitz, so naiv und ehrlich in seinem
staunenden Entzcken, da die junge Dame sich lchelnd abwendet und
neben die Pferde tritt, welche mit Hilfe von untergeworfenen Decken
wieder auf die Fe gebracht sind.

Auch der Kutscher ist herbeigehinkt, klopft den Schnee von seinem Mantel
und untersucht das Geschirr.

Na, das hat man alles noch gut gegangen, gndiges Frulein! Nicht mal
ein Strang oder Riemen ist gerissen, und die Pferde sind auch mit dem
Schreck davongekommen! Steigen Sie man ruhig wieder ein, es ist doch
noch eine ganze Strecke bis nach Haus!

Guntram Krafft ist zur Seite getreten, er merkt es erst an dem
erstaunten Blick eines Dienstmannes, da er den Hut noch immer in der
Hand hlt.

Hastig setzt er ihn auf, -- seltsam, da er das ganz vergessen hatte,
da er in dem eisigen Wind nicht fror! --

Sein Blick hngt noch immer wie gebannt an der schlanken, schmiegsamen
Gestalt der jungen Dame, welche den gelbflockigen Pelz wieder um die
Schultern wirft. Wie weicher Flaum umschmeichelt er ihr rosiges Gesicht.
-- Sie wendet sich dem Schlitten zu, um einzusteigen, und abermals tritt
der junge Graf herzu, ihr beinahe schchtern die Hand zu bieten, um ihr
behilflich zu sein.

Wieder trifft ihn ihr Blick, -- sie lchelt.

Aus Hflichkeit, gleichsam, um fr seine Hilfe dankend zu quittieren,
legt sie fr eine Sekunde die zierliche Hand in die seine und schwingt
sich voll sicherer Grazie in den Schlitten.

Sein Antlitz strahlt, sein Blick taucht in den ihren, er sieht sie an
wie ein Kind, welches voll ehrlicher Unschuld sagt: Wie bist du so
schn! wie gefllst du mir so gut!

Und die junge Dame, welche so viel Welt- und Menschenkenntnis besitzt,
liest das auch sehr klar und deutlich von seinem hbschen Gesicht. Sie
sieht ein wenig erstaunt aus, sie mustert seine elegante, hochmoderne
Erscheinung, welche so gar nicht zu dem naiven Wesen des blonden Riesen
pat, sie lchelt abermals freundlich und anmutig, neigt das Kpfchen
dankend und wendet sich zu dem Dienstmann, welcher hilfsbereit einen
kleinen Reisekoffer und eine Plaidrolle, welche in den Schnee gefallen,
in den Schlitten zurcklegt. --

Ich habe kein Geld bei mir, -- kommen Sie und holen Sie sich nachher
bei Papa ein Trinkgeld! sagt sie freundlich.

O bitte, gndiges Frulein, -- hat nichts auf sich! Ist man gut, da
alles so abgegangen ist!

Und dann ein Zungenschnalzen des Kutschers, die Pferde bumen ein wenig
aufgeregt, ziehen an und sausen mit dem Schlitten davon.

Die Leute, welche sich angesammelt haben, stehen noch einen Augenblick
und schauen dem schellenklingenden Spuk nach, dann zerstreuen sie sich
schnell -- und auch der Graf von Hohen-Esp schreitet mechanisch weiter.

Sein Blick folgt dem Schlitten, sein Antlitz leuchtet wie verklrt.

Er mchte die Augen schlieen, um nur noch ihr Lcheln zu sehen!

Er hat keinen andern Gedanken frerst wie nur das Lcheln -- diesen
sanften, weichen Druck ihrer kleinen Hand.

Ihm ist, als wehe noch der feine, diskrete Veilchenduft, den ihre
Gestalt ausstrmte, als er sie im Arm hielt, zu ihm auf.

Veilchen! Veilchen im Winter!

Trug sie deren am Kleide? Er sah sie nicht. Vielleicht war es auch nur
solch ein herrliches, duftendes Wasser, welches Anton ihm auf den
Toilettentisch gestellt.

Der Einsiedler von Hohen-Esp kannte keine eleganten Parfms, diese waren
unerlaubter Luxus in der Brenhhle gewesen, seit Grfin Gundula jeden
Heller sparte, um Goldstcke zu erwerben.

Anfnglich hatte Guntram Krafft das Zeug verchtlich zurckgewiesen.

Es deuchte ihm zu weichlich fr einen Mann, wenn er sich mit dem Duft
einer Blume schmcken wollte; -- aber fr eine Dame ... ja, das ist
etwas anderes!

Wie hatte er es an seiner Tante, -- an seiner Bonne geliebt, wenn sie im
Frhling Veilchen und im Sommer eine Rose an der Brust trugen! Seine
Mutter stellte die Blumen nur in ihr Zimmer, denn sie duldete keine
Farbe an ihrer dsteren Witwentracht, aber selbst in dem stillen,
freudlosen Gemach der Grfin hatte ihn der Blumenduft angeheimelt und
erfreut.

Und nun zog es wie eine se, zauberhaft se Woge um das reizendste
junge Weib, welches er je mit Augen geschaut, um eine menschgewordene
Melusine, welche ihm aus dem fernen Weltmeer hierher gefolgt ist, damit
er nicht allein sei in der groen, unverstandenen Welt. --

Erst viel spter kam ihm der Gedanke: Wer mag sie gewesen sein?

Der Dienstmann schien sie zu kennen, es war tricht, da er ihn nicht
nachtrglich um den Namen der Unbekannten befragt hatte! Er ist noch gar
zu ungewandt in solchen Sachen, und er wrde gewi sehr verlegen
geworden sein, sich als derart neugierig zu zeigen.

Ob er sie wohl einmal wiedersieht?

Gewi! --

Warum htte sie sonst seinen Weg gekreuzt? Die Residenz ist ja nicht
allzu gro, man begegnet sich wohl auf den Hofbllen, bei Gesellschaften
oder in dem Theater, welches der Graf gestern besuchte, ohne da die
Oper einen besonderen Eindruck auf ihn machte. Er wird aber doch noch
einmal hingehen, in der Hoffnung, seine reizende Nixe wiederzusehen.

Sie war sein einziger Gedanke whrend des ganzen Tages, und sie folgte
ihm auch bis in den Traum hinein.

Daheim trumte der Br von Hohen-Esp fast nie.

Die schwere krperliche Arbeit, die krftige Seeluft schaffen eine
gesunde Mdigkeit, einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Hier kmpft er nicht mit Sturm und Wetter, hier schafft er nicht voll
eisernen Fleies in Wald und Feld, -- hier schaut er nur wirre, bunte,
flchtige Bilder, hier fhrt er nur in trgem Nichtstun ein
Schlaraffenleben, hier blickt er nur -- wie der verzauberte Fischer im
Mrchen -- in wasserklare, flimmernde Rtsel.

Und als er schlft, rauschen die weischaumigen Wogen um ihn her, und
sie ... sie, die lieblichste aller Meerfeien, steigt empor aus der Tiefe
und schttelt lchelnd die blinkenden Tropfen von der Stirn.

Dann hebt sie die Arme und lockt und winkt ihm, und als er regungslos,
wie verzaubert steht und sie anstarrt, da greift sie in das Wasser und
hebt eine kstliche Perlenschnur, die glnzt wie der weie Wellenschaum,
und ihre Augen sind so klar und hell und tief wie die grnschillernde
See, auf welche man auch hinabblickt, ohne den Grund zu schauen. Sein
Herz erzittert in heiem, sehnendem Verlangen, -- er neigt sich voll
Leidenschaft und greift nach den Perlen, aber seine Blicke versinken in
den grundlosen Nixenaugen. -- -- --

Tv min Shn, hrt er pltzlich eine rauhe Stimme hinter sich, -- eine
schwielige Hand packt seinen Arm und reit ihn zurck.

Dat lat man sin, min Jong, sagt der alte Krischan Klaaden, Perlens
bedten all Trnen!

Da erwacht Guntram Krafft, reit halb zornig, halb erschrocken die Augen
auf und starrt in das fremde Hotelzimmer, durch dessen Fenster ein
halbes Frhdmmern bricht, und er atmet tief auf und denkt: Wie
seltsam! Ich habe getrumt, wie ich es ehemals als Kind getan! Das
kommt von dem migen Leben und dem nrrischen Zeug, welches man hier zu
sehen bekommt! --

Es schlgt sieben Uhr, eine Stunde, welche in Hohen-Esp den jungen
Gebieter noch nie in den Federn angetroffen, -- warum soll er aber schon
hier aufstehen? --

Der Tag ist ohnedies so lang, wenn man nichts zu tun hat.

Der Graf verschlingt die Hnde unter dem Haupt und schliet die Augen,
-- er will weitertrumen von der wunderlieblichen Meerfrau, welche ihn
mit dem Lcheln und den Augen der fremden Dame angeschaut.

-- -- An dem darauffolgenden Tage geht er noch mehr denn sonst
spazieren.

Es ist rauhe Schneeluft, und die verwhnten Leute der Residenz sitzen
hinter dem Ofen und ahnen gar nicht, wie anders der Nord-Nordost ber
die See heult, wie er seine Eiskrner gegen die Burgfenster von
Hohen-Esp jagt und dem jungen Bren zuruft: Komm heraus aus deiner
Hhle und wage ein lustig Tnzlein mit mir!

In dicke Pelze gehllt, schreiten hier in den geschtzten Straen die
Herren so eilig aus, als frchteten sie, in Eiszapfen verwandelt zu
werden, und Damen sieht man fast gar nicht, selbst auf dem See im Park,
wo der Graf whrend lngerer Zeit Schlittschuh gelaufen, zeigte sich
kaum eine der grazisen Gestalten in flottem Eiskostm.

Guntram Krafft schaut so aufmerksam ringsum, er wandert ruhelos einher
und sucht jemand, ohne es sich selber einzugestehen, und wenn ein
Schlitten klingelt, so bleibt er unwillkrlich stehen und schrft den
Blick.

Seine Visiten wird er am morgenden Tage fahren, und Anton versichert,
da durch die alsdann erfolgenden Einladungen reiche Abwechslung in
dieses langweilige Leben kommen werde.

Bisher hat sich der Br von Hohen-Esp vor diesen Einladungen gegrault,
wie vor einer schweren unangenehmen Pflicht, welche er erfllen mu,
weil sie von ihm gefordert wird; jetzt pltzlich denkt er mit mehr
Interesse daran, ja, er sieht in ihnen die einzige Mglichkeit, jener
entzckenden Fremden noch einmal begegnen zu knnen.

An der Straenecke hngt in dem vergitterten Kasten der Theaterzettel
aus.

Zwar hat sich der Graf nach Ada vorgenommen, nicht wieder dieser fr
ihn so unverstndlichen Kunst zu huldigen, jetzt aber bleibt er
pltzlich stehen und blickt nach dem weien Papier hinber.

Der fliegende Hollnder! liest er, und mit wenigen Schotten
berschreitet er den schneeverwehten Damm und studiert berrascht das
Personenverzeichnis.

Der fliegende Hollnder!

Wie oft hat er nicht an einsamen langen Winterabenden drunten im Dorf in
der blauen Woge mit den Fischern zusammengesessen, wenn irgendeiner
seiner Jugendgespielen oder ein Anverwandter der Drfler nach langen
Seefahrten heimkehrte und nun bei dampfendem Pfeifchen und einem Glase
Grog sein Garn spann!

Ja, da wurde von manch verwegenen Abenteuern erzhlt, von manch
tollkhner Fahrt durch Wetter und Sturm, wenn die Segel verloren und der
Mast gebrochen war, -- und die Erlebnisse der Jungen machten die Alten
beredt, so da sie mit geheimnisvollem Augenzwinkern vom Klabautermann
und dem fliegenden Dutschman berichteten!

Und nun sollte jener grausige und doch so poesievolle Spuk, welcher
schon sein Kinderherz hher schlagen und seine Augen so oft in Nebel und
jagendes Gewlk sphen lie -- hier auf der Bhne lebendig werden?

Er sollte von seinem sicheren Logenplatz aus im gemalten Wogenschwall
wohl ein Schiff von Pappe und Leinewand schauen, und den bleichen Mann
vom Tatenschiff bei elektrischem Licht an sich vorberziehen sehen? --

Guntram Krafft lachte leise auf, und seine Augen blitzen.

Nein, beim fliegenden Hollnder darf er nicht fehlen!

Es wird zwar ein armseliges Possenspiel sein fr einen Mann, welcher so
oft in Todesnot auf rollenden Seen die Segel gesetzt hat und
hocherhobenen Hauptes auf den unheimlichen Gesellen wartete, dessen
Anblick das sichere Verderben bedeutet! Aber gleichviel!

Er sehnt sich nach Wogen und Wind, er sehnt sich nach seinem
heimatlichen Meer, in dessen Tiefe Perlen glnzen, und aus dessen khler
Flut die Nixen steigen, ihn mit kristallenen Augen anzulcheln, so wie
sie ... jene Fremde ... die ihm doch bisher das einzig Traute und
Bekannte hier in der Fremde deuchte!

Und der Graf von Hohen-Esp schreitet gedankenvoll weiter durch die
menschenleeren Straen, nach dem Theater, um sich einen Platz zu
sichern.

Der Wind fegt den Schnee von den Dchern, und ein rostiger Torflgel
kreischt in den Angeln, das klingt wie Mwenschrei vom fernen Strand ...
und Krischan Klaaden steht wieder neben ihm und legt warnend die Hand
auf seinen Arm.

       *       *       *       *       *




VIII.


Schon geraume Zeit vor Beginn der Vorstellung hatte sich Graf Hohen-Esp
in dem Theater eingefunden.

Er war der erste Gast im Haus, fast allein in der Loge, und betrachtete
voll nachdenklichen Interesses das Gemlde des Vorhangs, die
geschmackvolle Pracht des Goldstucks ringsum. Als Anton ihm zum
erstenmal ein Billett in die Fremdenloge besorgt hatte, war der so
sparsam gewhnte Einsiedler entsetzt ber den hohen Preis und fragte:
ob denn nicht noch billigere Pltze vorhanden seien?

Anton aber schttelte ebenso respektvoll wie energisch den grauen Kopf
und antwortete: Nein, Herr Graf! Es ist Befehl der gndigsten Frau
Grfin daheim, da Euer Gnaden hier in allen Dingen standesgem
auftreten. Wir haben es ja jetzt wieder dazu, an Geld ist kein Mangel
mehr, seit die Gter in dero Besitz sind, und wenn in der Burg so
sparsam gewirtschaftet wird, so ist das um des Prinzips willen, -- wenn
es gilt, den Namen zu reprsentieren, soll es mit dem altgewohnten Glanz
geschehen, -- so haben es die Frau Grfin-Mutter bestimmt.

Guntram Krafft war es seit Kindesbeinen gewhnt, einen Befehl der Mutter
blindlings zu erfllen, und so sa er auch jetzt wieder in der Loge, und
wenn er diesen Platz auch noch viel zu prunkvoll fr seine schlichten
Ansprche fand, so freute er sich doch, da er ihm ein so unaufflliges
Ausschauen nach allen Seiten gestattete.

Sobald eine Tr klappte, richtete sich sein Blick wie in ungeduldigem
Forschen den neu Eintretenden zu, und so viel anmutige junge Mdchen und
selbstbewute schne Frauen auch erschienen, Guntram Krafft sah
jedesmal enttuscht aus. --

Mehr und mehr Menschen drngten sich nach ihren Pltzen, immer bunter,
immer farbenprchtiger ward das Bild ringsum, -- auch die Loge fllte
sich mit Gsten.

Ein paar hhere Offiziere mit ihren Damen nahmen neben dem Grafen Platz,
die Erscheinung des fremden Herrn mit schnellen Blicken musternd und
alsdann hinter dem Fcher in unaufflliger Weise nur das eine Wort
flsternd: Der Parzival!

Ein Lcheln, Raunen, Flstern -- --

Ja, der moderne Parzival, welchen die besorgte Mutter so ngstlich
gehtet, welchen sie in tiefer Waldeinsamkeit erzog und nun doch hinaus
in die gehate Welt schicken mu, weil das Herz des jungen Recken voll
glhender, tatendurstiger Ungeduld nach Aventure verlangt.

Die ganze Residenz wute es bereits, da der Graf von Hohen-Esp im Hotel
Quartier genommen und gekommen war, die Feste der Saison zu besuchen, um
sich eine Burgherrin fr die ferne Brenhhle zu erwhlen.

Voll lebhaften Interesses sahen Mtter und Tchter der guten Partie
entgegen, und manch neugierig forschender, oder zrtlich lchelnder
Blick streifte den jungen Mann, wenn er seine Spaziergnge durch die
Straen machte und sich so vllig fremd und unbekannt in der Stadt
whnte.

Auch jetzt waren fast alle Blicke auf den Bren von Hohen-Esp gerichtet,
welcher ahnungslos ber die Menge hinwegblickte und nur eine einzige
unter allen suchte.

Er bemerkte es auch nicht, wie eine junge Dame in der Nebenloge, welche
sich lebhaft mit den Insassen seiner Loge begrt hatte, die Blicke
immer wieder auf ihn heftete und sichtlich bemht war, seine
Aufmerksamkeit zu erregen.

Wie schwer aber war das bei einem derart naiven und harmlosen Menschen
wie diesem modernen Parzival!

Er hrte mit halbem Ohr der Begrung und Unterhaltung zu, vernahm, da
der eine der Offiziere sie gndigste Komtesse -- eine der Damen als
liebste Thea anredeten, da man ber einen Ball bei dem Kammerherrn
von Stach sprach und fragte, warum eigentlich Frulein von Sprendlingen
nicht zugegen gewesen sei ...

Dann aber setzte die Musik ein, und ihre wundervolle Eigenart
interessierte den Grafen mehr, wie das verstummende Geplauder neben ihm.

Soeben wollte sich seiner eine gewisse Mistimmung ber die
Enttuschung, welche er erfahren, bemchtigen, aber der eigenartige
Seemannsruf, das so faszinierende: Ho -- Hoho johe! -- ri ihn empor
aus seinen Gedanken, atemlos hinabzulauschen, wo aus Flten und Geigen
schier spukhaft der ganze Zauber des Seemannslebens emporrauschte.

Und als sich der Vorhang hob -- da erhob sich ganz unwillkrlich auch
Guntram Krafft und schaute starren Blickes, tief aufatmend, voll
unendlichen Staunens auf das mchtig wogende Meer, auf welchem das
Schiff des fliegenden Hollnders heranfliegt!

Und nun er selber, der verwnschte, ruhelose Mann, just so, wie sein
altes, verruchertes Bild in der blauen Woge daheim hngt, so bleich,
wie Krischan Klaaden ihn deutlich gesehen hat, als er in wilder
Sturmnacht am Kap Horn an ihnen vorberraste!

Blutrot die Segel -- schwarz der Mast! -- Und alle Segel vollgesetzt,
so wie das bei einem Schiff aus Holz und Eisen unmglich gewesen, kein
Licht an Bord -- keine Mannschaft auf Deck -- kein Pfeifen und Schrillen
um Rahen und Wanten -- still und geisterhaft wie ein Schatten flog's
vorbei, -- Elmsfeuer blitzen, und nur auf dem Vorderschiff eine dstere
Gestalt mit schneeweiem Gesicht ... so ... just so, wie sie jetzt
drunten auf der Bhne steht!

Ho -- hoho johe! --

Ist dies wahrlich nur eine Komdie?

Ihm ist's, als wehe die kalte, scharfe Seeluft in die Loge empor, -- ihm
ist's, als woge das Meer vor seinen Blicken ... ihm ist's, als stehe er
selber am Strand und schaue aus nach jenem Schiff, von welchem die
sehnschtigen Klnge ber die Wasser ziehn ... Blas lieber Sdwind!...

Guntram Krafft richtet sich hher auf, wie wildes Heimweh berkommt es
ihn, voll sehnschtigen Entzckens leuchten seine Augen! -- Er mchte
die nervigen Arme recken und dehnen, mchte aus rauher Seemannskehle den
Fremden auf der Bhne zujauchzen: Ho ho johe! ich hol' euch ber!! --

Vergessen hat er, wo er ist, er wei es nicht, da ein Lichtstrahl aus
den Kulissen hervor just sein weit vorgeneigtes, begeistertes Antlitz
trifft, er ahnt es nicht, wie schn ihn die Erregung macht, wie
auffllig er sich in diesem Augenblick benimmt.

Er wei es auch nicht, da zwei Mdchenaugen in langem Schauen auf ihm
haften, da es in ihnen aufleuchtet wie geheime Leidenschaft und
brennendes Interesse, -- seine Nachbarin, Komtesse Thea, welche keinen
Blick von ihm wendet.

In die gegenberliegende Loge sind leise zwei Damen getreten und haben
unbemerkt Platz genommen.

Die Jngere ist es, die mit langem Blick den Grafen von Hohen-Esp
mustert und ihrer Nachbarin zuflstert: Sieh, Mama, da drben steht der
fremde Herr, welcher mich gestern unter dem Schlitten hervorgeholt hat!

Frau von Sprendlingen, die noch immer auffallend schne und elegante
Frau des seit etlichen Jahren pensionierten Generals, hob die Lorgnette.

Ah! Das interessiert mich! Eine auffallend schne und stattliche
Erscheinung! Er scheint ja beraus begeistert von der Auffhrung --
sogar von diesem ersten langweiligen Akt! -- Sonst bekommen die Herren
in der Regel erst Augen und Ohren, wenn die Senta erscheint! -- Sieh nur
diesen Ausdruck in dem Gesicht deines Retters! Nchstens fllt er auf
die Bhne herunter! Seine Augen _leuchten_ ja frmlich! Wer mag es sein,
hrtest du es nicht, Gabriele?

Die junge Dame zuckte die Achseln. Nie sollst du mich befragen ...

Je nun, man wird es erfahren!

Wenn er in der Residenz bleibt, sicher!

Er scheint gut situiert, sein Anzug ist tadellos --

Aber nicht schick! --

Das liegt nur an der ganzen Art und Weise! Seltsam, der blonde Riese
scheint etwas derb in seinen Bewegungen --

Ein echter Krautjunker! Du glaubst nicht, wie verlegen er gestern
wurde, als er mir geholfen! Kein Schuljunge errtet mehr so intensiv wie
er!

Das ist kein Fehler!

Aber auch kein Vorzug!

Mnnertugend ist stets ein Vorzug, und zwar ein recht seltener!

Geschmackssache! Es ist leider eine unumstliche Tatsache, da die
amsantesten und nettsten Herren meist diejenigen sind, welche schon mit
einem Fue in Amerika stehen!

Amsant mgen sie sein, -- aber nicht heiratsfhig!

Was liegt daran?

Sehr viel, wenn man nicht eine alte Jungfer werden will!

Gabriele zuckte mit stolzem Lcheln die schnen Schultern. Als ob man
nur heiratete, um versorgt zu sein und unter die Haube zu kommen! Arme
Mdchen sind wohl darauf angewiesen! -- Gott sei Dank, da ich in der
Lage bin, frei nach Herz und Geschmack einen ... einen recht amsanten
Mann zu whlen!

Frau von Sprendlingen atmete etwas beklommen auf und zupfte nervs an
den echten Spitzen ihres Kleides.

Welch eine Torheit! Gerade du, die so sehr verwhnt ist und so
ungeheure Ansprche an das Leben stellt, mut eine sehr brillante Partie
machen. Du machst dir total falsche Vorstellungen von unserm Vermgen
...

O nein! Da ich keine Millionrin bin, wei ich, aber da ich genug
habe, um auch einen armen Mann heiraten zu knnen, davon bin ich
berzeugt!

Und wenn du dich irrst?

Dann bleibe ich lieber frei und unabhngig, ehe ich einen Mann freie,
der mir nicht sympathisch ist!

Ist dir jener Fremde drben sympathisch?

Gabriele lehnte das Kpfchen gelangweilt zurck. Vorlufig ist er mir
unendlich gleichgltig! Zwar sieht der >blonde Riese<, wie du ihn zu
nennen beliebst, aus, als knne und msse er ganz Hervorragendes
leisten, und du weit, da ich die Menschen nur nach Verdienst schtze!

Ah ... die ideale Marotte! Die deutsche Maid, welche sich nur fr
Helden begeistern kann! Schade, da es deren heutzutage zu wenig gibt!

Es gibt deren!

Etwa Herr von Heidler?

Wenn einer -- dann er!

Welche Illusionen!! Frau von Sprendlingen lachte etwas nervs: Ich
hrte bisher nur, da er recht flott und leichtsinnig sei!

Und da er der beste, khnste und unerschrockenste Reiter, der
tchtigste Offizier im ganzen Regiment ist, hrtest du noch nicht,
Mama?

Das wohl auch, aber um mir zu imponieren, ist es noch nicht genug!

Also bist du es, die so hohe Anforderungen an das moderne Heldentum
stellt! Gabriele hielt den Fcher ein wenig tiefer, und ihr Blick flog
zu der ersten Reihe des Parketts hinab, in welcher die jungen Offiziere
der Garnison mit Vorliebe ihre Pltze whlten.

Mir gengt es vollkommen, wenn ein junger Mann seinen guten Willen
beweist, sein Bestes fr Frst und Vaterland zu geben. Ich bin eine
begeisterte Patriotin, ich taxiere den Mann nur nach dem, was er fr
Reich und Volk leistet, -- das bestimmt seinen Wert!

Aber was leistet Heidler? zuckte Frau von Sprendlingen ein wenig
ironisch die Achseln.

Frerst genug, indem er Soldat ist, sich durch seine Bravour
auszeichnet und andern ein gutes Beispiel gibt! Da er eine vorzgliche
Karriere macht, es zu den hchsten Ehren bringt, ist selbstredend.
Sollte aber ein Krieg kommen, hat er jederzeit Gelegenheit, seinem
Kaiser mit Leib und Seele, Gut und Blut zu dienen!

Und gleichsam, als ahne der junge Offizier die ehrenvolle Konduite,
welche ihm der schne Mund droben ausstellte, wandte Herr von Heidler,
der elegante Dragoner, das Haupt und blickte mit einem mehr khnen und
siegesgewissen, wie verbindlichen Lcheln zu der Loge empor.

Gabriele errtete ein klein wenig und nickte ihm wie einem guten
Bekannten zu, war es doch stadtbekannt, da Herr von Heidler ihr
eifriger Courmacher war, welcher schon whrend der beiden letzten Winter
die Schleppe der jungen Dame durch den Goldstaub der Saison getragen.
Der junge Dragoner war eine auffallende Erscheinung, nicht hbsch und --
wie viele behaupteten -- auch nicht sehr sympathisch, aber auf jeden
Fall recht interessant.

Schick und vornehm, sportlich trainiert bis zur Magerkeit, mit einem
sehr schmalen, scharf geschnittenen Gesicht, glatt rasiert bis auf den
englischen kleinen Bart an den Wangen, dazu zwei sehr tiefliegende,
scharfe, lebhaft blitzende Augen und einen Mund, dessen geneigte Winkel
ihm etwas Arrogantes gaben -- das war Herr von Heidler.

Das krause, aschblonde Haar war nicht kurz geschnitten, sondern lockte
sich in zwei kleinen Tollen ber der Stirn, und das Monokel schaukelte
sich meist nur auf der Brust, ohne benutzt zu werden.

Die Damen schwrmten fr den auerordentlich amsanten Sptter, welcher
rcksichtslos die Cour machte, seinen scharfen Witz auf Kosten anderer
spielen lie und durch Wort und Blick zu faszinieren verstand, -- die
kleinen Skandalgeschichten, welche man sich ber seinen Leichtsinn und
sein Glck bei den Frauen erzhlte, verliehen ihm seltsamerweise in den
Augen der Grostdterinnen noch einen Reiz mehr!

Die Herren urteilten weniger gnstig ber ihn, nannten ihn einen
frivolen und kaltherzigen Egoisten und bewunderten hchstens den
auerordentlichen Schneid und die beinahe brutale Khnheit, mit welcher
er sich auf der Rennbahn und dem Exerzierplatz einen Namen gemacht
hatte.

Die Unterhaltung der beiden Damen in der Loge war sehr leise gefhrt
worden, -- sie waren ungeniert, da sie sich allein befanden, auch
bertnte die Musik das Flstern hinter dem Fcher.

Mutter und Tochter kannten den fliegenden Hollnder zur Genge,
betrachteten die Oper nur als angenehme Zerstreuung und wren heute
abend berhaupt nicht hier erschienen, wenn nicht die Hofdame der
Prinze Amalie am Nachmittag vorgefahren wre, mit der Nachricht, da
Hoheit Frulein Gabriele heute abend gern in der Teepause im Opernhause
sprechen mchte, um direkte Nachrichten von dem X'er Hofe zu erhalten.
Man wisse, da Frulein von Sprendlingen bei der Hofmarschallin daselbst
zu Gast gewesen und gestern zurckgekehrt sei.

Der erste Akt war vorber, langsam sank der Vorhang nieder, und die
Klnge der Musik verhallten.

Guntram Krafft stand noch so vllig unter dem Eindruck des Gehrten, da
er regungslos verharrte und zur Bhne hinabstarrte, als knne sein
scharfes Auge die neidische Hlle durchdringen.

Erst der tosende Beifall des Hauses lie ihn betroffen aufschauen, und
als er das Haupt wandte und sein Blick mechanisch die gegenberliegende
Loge streifte, zuckte er pltzlich zusammen, und auf sein erst so frei
und edel blickendes Antlitz trat wieder der Zug beinahe scheuen
Entzckens, mit welchem er schon einmal in die Augen seiner Unbekannten
gestarrt!

War es Spuk und Zauber?

Da glnzten ihm pltzlich die klaren Nixenaugen wieder entgegen, da
schimmerte das lockige Haar unverhllt ber der Stirn, und weie,
flaumige Spitzen rieselten wie Wasserschaum um den schlanken Hals.

Der Graf hatte das Empfinden, als msse er mit jubelnder Bewegung zu ihr
hinbergren, aber er wagt es nicht, er sieht aus wie aus Stein
gemeielt, und nur sein ehrliches Kinderauge spiegelt all sein Entzcken
ber dies unverhoffte Wiedersehen.

Die ltere Dame hebt die Lorgnette und sieht ungeniert zu ihm herber,
und um die Lippen seiner Meerfei spielt ein schnelles Lcheln.

Sie sieht ihn an, gro und gelassen, und dann schaut sie an ihm vorber
und nickt Komtesse Thea an seiner Seite zu, -- die Offiziere in der Loge
und deren Damen tauschen ebenfalls Gre herber und hinber, und einer
der Herren sagt laut und lebhaft: Ah scharmant! Da ist ja Frulein von
Sprendlingen wieder zur Stelle! Es ging auch wahrlich nicht lnger ohne
sie, man ist so sehr an ihre reizende Erscheinung gewhnt, da der
Ballsaal nicht komplett schien, wenn sie fehlte!

War Ihre Freundin Gabriele verreist, Komtesse?

Ja, Exzellenz! Sie war fahnenflchtig! Hat ihre Tante Grdner, die
Hofmarschallin am Hofe zu X., anllich deren Silberhochzeit besucht!

Sie kann noch nicht lange zurckgekehrt sein?

Seit gestern mittag, gndigste Frau! Hatte sogar noch ein
Eisenbahnunglck hier in der Parkstrae zu berstehen --

Eisenbahnunglck? Parkstrae? =bless me=! Sie sprechen in Rtseln,
bester Baron!!

Na, einigen wir uns auf ein Schlittenunglck, Exzellenz! Der >Schwan<
kippte um, und Schn-Gabrielchen lag weich und warm ...

Im Schnee?!

O nein, an der Brust eines khnen Retters, glaube, der alte Dienstmann
Saul strzte sich ihr nach auf Leben und Sterben!

Pfui, wie unpoetisch! Glcklicherweise scheint alles sehr gut
abgelaufen?

Tadellos!

Wer wei, ob nicht ihr Herzchen einen Knax davongetragen hat! Wenn der
alte Saul sie im Arme hielt ...!!

Ungefhrlich, Exzellenz! Da es noch frh am Tage war, hatten seine
Augen noch nicht den unheilvollen denaturierten Spiritusglanz! --

Welch ein Glck! --

Aha -- der Kammerherr erscheint drben an ihrer Seite ... sie erhebt
sich ...

Man hat sie wohl zu den hohen Herrschaften in das Teezimmer befohlen?
--

=Allright=, -- sie geht!

Wie schade, -- es war ein so schner =point de vue= fr uns! --

Ein Glck fr Ihr Herz, Baron! Bedenken Sie, da die Kleine in festen
Hnden ist!

Hrt, hrt! --

Festen Hnden?

Nun ja! Der alte Saul?! --

Leises, bermtiges Lachen ringsum, nur Graf Hohen-Esp steht schwer
atmend und lchelt nicht einmal.

Er hat Wort fr Wort von der Unterhaltung gehrt, obwohl er keinen Blick
von dem reizenden Mdchenhaupt drben gewandt.

Frulein von Sprendlingen, -- Gabriele heit sie! -- Nun hat er ihre
Spur gefunden, nun wei er, da er sie wiedersehen, ihr sicher in den
Salons begegnen wird.

Sein Herz schlgt aufgeregt in der Brust, das Blut brennt ihm in den
Wangen.

Gabriele!

Wie durch Zauberspuk hat sie es ihm angetan, so wie die Nixen aus der
Flut tauchen und den Seemann mit kristallenen Augen anlcheln, dann ist
es um ihn geschehen. --

Sie hat mit dem Kammerherrn ein paar Worte gewechselt, dieser kt die
schmale Hand der Mutter und bietet der Tochter galant den Arm, sie
hinauszufhren.

In das Teezimmer der hohen Herrschaften, richtig, der Hof hat die groe
Mittelloge, wie fast immer nach den Aktschlssen, verlassen. Der Br von
Hohen-Esp setzt sich mechanisch wieder nieder, und als er aus seinen
tiefen Gedanken emporschaut, weil die Unterhaltung um ihn her wieder
laut und lebhaft wird, da sieht er direkt in das blasse, schmale
Gesichtchen der Komtesse Thea, deren tiefumschattete dunkle Augen mit
dem Ausdruck einer Madonna auf ihn gerichtet sind.

Er erschrickt beinah und hat das Gefhl, als mte er ein Kompliment vor
ihr machen, doch entsinnt er sich noch rechtzeitig, da er ihr noch gar
nicht vorgestellt ist.

Ich habe Gabriele sehr lieb! Sie ist meine vertrauteste Freundin!
sagte die junge Dame just, -- wie es ihm scheint, mit ganz besonderem
Nachdruck, und bei Guntram Krafft wecken die Worte: Ich habe Gabriele
sehr lieb! einen warmen Widerhall im Herzen.

Interessierter wie zuvor blickte er die Sprecherin an. --

Nun, dann mu man sich also mit Ihnen recht gut stellen, Komtesse
Sevarille, wenn man einen Verbndeten sucht, um das Herz der sprden
Freundin zu erobern?

Und abermals nickte die Genannte voll besonderen Nachdrucks und sagt,
den Blick auf den Hohen-Esper gerichtet: Das will ich meinen! Der Weg
zu Gabrieles Herzen fhrt hart an mir vorber! Wer zu ihr gelangen will,
kann und darf mich nicht umgehen!

Sie scherzt anscheinend, und dennoch haben ihre Worte einen seltsam
ernsten Klang in Guntram Kraffts Ohr.

Er blickt sie in seiner naiven Weise an, als habe sie nur zu ihm
gesprochen, -- hocherfreut und dankbar zugleich.

Die dunklen, sanften Augen haben etwas sehr Vertrauenerweckendes fr
ihn, es mu herrlich sein, mit diesem anscheinend sehr liebenswrdigen
und gtigen Mdchen ber Gabriele zu sprechen.

Sagte sie nicht selbst: Ich habe meine Freundin sehr lieb?

Je nun, so mu ihr doch das Glck derselben ganz besonders am Herzen
liegen!

Die Musik intoniert von neuem, und unruhig schaut der Graf nach seinem
reizenden Gegenber aus, -- umsonst, der Platz an der Seite der Frau von
Sprendlingen bleibt leer. Jetzt treten die hohen Herrschaften wieder
ein, und hinter ihnen -- richtig -- da erscheint Gabriele und nimmt
neben einer der Hofdamen Platz.

Erst nach der nchsten Pause kehrt sie an die Seite der Mutter zurck.

Mit strahlenden Augen begrt sie Guntram Krafft -- doch seltsam ...
sie, die ihm noch vorhin ein so anmutiges Lcheln spendete, blickt jetzt
pltzlich ber ihn hinweg, als existiere er nicht mehr fr sie.

Die groen, hellen Nixenaugen blicken so kalt -- so unheimlich kalt, und
die feinen Lippen wlben sich so stolz und hochmtig, als habe sie der
blonde Fremdling hier drben nie und nimmer im Arm gehalten.

Was mag ihr pltzlich in den Sinn gekommen sein?

Der Br von Hohen-Esp ist so in Schauen und Sinnen versunken, da er fr
nichts anders mehr Augen und Ohren hat, -- er bemerkt es nicht, wie
Komtesse Thea keinen Blick von ihm wendet und ihn scharf beobachtet, wie
das sanfte Madonnengesicht pltzlich einen sehr scharfen, ironischen
Ausdruck bekommt, wie es in den schwrmerischen Augen aufglimmt. Er
sieht nur das khle, stolze Nixengesicht in der Loge drben -- und als
die Senta auf der Bhne drunten mit weicher Stimme klagt: Doch nie ein
treues Weib er fand! da geht es pltzlich wie ein Erschrecken durch das
Herz des weltfremden Mannes.

Ein treues Weib! --

Wie oft hat er daheim im Ernst und Scherz aus den rauhen Seemannskehlen
gehrt:

    Da ist eine Nixe an's Ufer geschwommen,
    Die hat sich ein Schiffer zum Liebchen genommen,
    Ihr Aug' war wie Wasser, ihr Leib war wie Schnee,
    Und falsch und treulos das Weib aus der See --
    Hojohe! Hojohe!
    Das treulose Weib aus der See!

Sein Blick schweift wieder hinber wie in angstvollem Forschen, und ihm
ist's, als ob sich im Dmmerlicht des verdunkelten Hauses ihr
schneeweies Antlitz ihm zuwende.

Lchelt sie?

Ja, sie lchelt wie zuvor ... und ihre kleine, weiche Hand liegt wieder
mit sanftem Druck in der seinen, er atmet den sen Veilchenduft,
welcher aus ihrem Haar emporweht.

Wie erlst von bangem Zweifel atmet er auf.

Wie kommt er dazu, sie eine Nixe zu nennen? Nur um der wundersamen,
lichtklaren Augen willen? --

Das war eine sonderbare Idee von ihm.

Gott sei gelobt, sie ist eine Erdentochter von Fleisch und Blut, und in
ihrer Brust schlgt ein warmes, treues Herz, fr den, welcher es zu
eigen gewinnen wird!

Warum ist er hier?

Wie der fliegende Hollnder, der einsame, weltfremde und verlassene, kam
auch er an Land, um ein Weib zu freien, -- und so wie jener auf der
Bhne drunten eine todgetreue Seele findet, so wird auch er sein
zaubrisch Lieb sich heimholen. --

Ho -- hohojohe! --

Horch, den Matrosenjubel! Horch, die brausende See und den tosenden
Sturm!

Wieder weht es um seine Stirn wie heimatliche Luft, sein Herz wird weit
und gro in heiem Sehnen nach dem Meer und all seinem herben Zauber!

Soll er heimkehren zu ihm? --

Lchelnd schliet er die Augen.

Nein! Mit noch zaubervolleren, tausendfachen Banden hlt es ihn in der
Fremde fest!




IX.


Whrend Guntram Krafft mit sehnschtigem Blick nach dem Logenplatz,
welchen Gabriele am Arm des Kammerherrn verlassen, hinberschaute, war
Frulein von Sprendlingen in das Teezimmer, welches hinter der groen
Hofloge lag, eingetreten.

Prinze Amalie blickte ihr bereits erwartungsvoll entgegen.

Die hohe Dame, welche schon seit Jahren eines Knieleidens wegen nur mit
groer Anstrengung zu gehen vermochte und meist in ihrem kleinen,
eleganten und leicht beweglichen Rollstuhl gefahren wurde, nickte dem
jungen Mdchen in ihrer herzgewinnenden Weise zu und fesselte sie
sogleich an ihre Seite, nachdem Gabriele von den anwesenden
Frstlichkeiten durch ein paar huldvolle Worte der Begrung
ausgezeichnet war.

Frulein von Sprendlingen stand, die servierte Tasse Tee in der Hand,
neben der Prinzessin und erzhlte in ihrer frischen, anmutigen Art von
den erlauchten Anverwandten der hohen Frau, welche sie whrend ihres
Besuches bei der Hofmarschallin am Hofe zu X. noch vor wenigen Tagen
gesehen und gesprochen hatte.

Da gab es viel zu berichten: von der jungen, liebreizenden Hoheit,
welche diesen Winter zum erstenmal tanzt und auf einem Kostmfest im
Ministerhotel als Rautendelein ganz besonders herzgewinnend aussah;
von den jungen Prinzen, welche der Frau Herzogin bereits ber den Kopf
wachsen, sehr liebenswrdig und begabt sind, auch auf knstlerischem
Gebiet, namentlich in der Musik, schon Hervorragendes leisten; von
diesen und jenen alten Hofbeamten, welche schon zur Zeit der Prinze
Amalie ihre Stellung innehatten und der hohen Frau ein ganz besonders
treues und verehrungsvolles Andenken bewahren.

Wieviel hat sich aber auch gerade in dem letzten Jahrzehnt verndert!

Manch alte treue Seele ist heimgegangen, manch Glck ist zerschellt,
manch Unglck hat sich noch in letzter Stunde gewendet, -- die Jungen
wachsen heran, und neues Leben blht aus den Ruinen!

Die kurze Pause hatte kaum ausgereicht, all die vielen Erinnerungen neu
aufleben zu lassen. Gabriele bleibt auf Wunsch der Frau Prinzessin in
der groen Loge.

Und als sich die Herrschaften whrend der nchsten Pause abermals
zurckziehen, wendet sich der Herzog mit einer Ansprache an Frulein von
Sprendlingen und verwickelt sie momentan in eine Unterhaltung.

Als er sich just voll liebenswrdigen Interesses nach dem Unfall
erkundigt, welchen sie mit dem Schlitten gehabt, klingt das leise,
beinahe bermtige Lachen des Prinzen Karl Emil an ihr Ohr, welcher mit
einer der Hofdamen plaudert.

Ich glaube, Grfin, wir alle sind gespannt, den >weisen Toren<
kennenzulernen! sagt er gerade mit vernehmlicher Stimme, denn solch
eine Bekanntschaft macht man nicht alle Tage, hchstens in Bayreuth!

Der Herzog wendet den Kopf: Von welchem >weisen Toren< sprichst du?

Von dem modernen Parzival! lacht der Prinz, welcher heute abend dem
fliegenden Hollnder eine gewaltige Konkurrenz macht und das Publikum
mehr interessiert wie der bleiche Kapitn auf der Bhne drunten!

So, so! -- Der Graf von Hohen-Esp! -- Der drfte freilich die
Attraktion der diesjhrigen Saison sein! -- Und >Parzival< nennt Ihr
ihn? -- So bel nicht, wenngleich der Hof des Knigs Amfortas recht
wenig hnlichkeit mit dem unsern hat!

Parzival kam auch in Klingsors Zauberschlo und sah dort Blumenmdchen,
die beinahe so schn waren wie unsere Balldamen! neckte der Prinz mit
einem Seitenblick auf Gabriele.

Drfen wir ... oder mssen wir jetzt errten, Hoheit? --

Beides, mein gndiges Frulein, es steht Ihnen eins so gut wie das
andere!

Lat sehen, ob es den modernen Parzival von Burg >Hohen-Esp< fesselt!
scherzte der Herzog und fuhr, direkt zu Frulein von Sprendlingen
gewandt, fort: Was sagen Sie dazu, Gndigste, da die eiferschtige
Mutter Herzeleide, alias Grfin Gundula, endlich den so lang versteckten
Sohn freigibt? --

Ich hre es soeben mit Staunen, knigliche Hoheit, da Graf Hohen-Esp
hier in der Residenz anwesend ist!

Sogar in nchster Nhe zu schauen! Bemerkten Sie noch nicht in der
Loge, Ihnen gegenber, einen blonden Mann, welcher nicht im mindesten
nach einem Hinterwldler ausschaut?!

Gabriele blickte den Sprecher mit weit offenen Augen an. --

Jener Fremde ... _jener_ ist es, knigliche Hoheit?

Gewi! Sie erwarteten auch eine ganz andere Erscheinung in dem
Einsiedler aus der Brenhhle?

Findest du wirklich, Vater, da er so vllig von Europens Kultur
beleckt ist? lachte Prinz Karl Emil mit zwinkerndem Blick: Der
tadellos zugeschnittene Rock und die Krawatte = la fin de sicle=
machen es nicht allein! Ich finde, der Graf sieht trotz all des
Goldschnitts, mit dem man ihn >neu eingebunden< hat, doch aus, wie ein
etwas verstaubter Foliant, welchen man aus wurmstichigem Archiv holt!

Leises Gelchter, die Herzogin und einer der Flgeladjutanten sind
herzugetreten und beteiligen sich voll Interesse an dem Gesprch, sie
lachen ebenfalls ber den drolligen Vergleich des Prinzen, nur der
Herzog zuckt etwas ungeduldig die Schultern.

Motiviere deine Ansicht! sagt er kurz, was mutet dich >verstaubt< an
der blhenden, reckenhaften Gestalt des jungen Mannes an?

Sein Anzug nicht, das haben wir bereits konstatiert! fhrt der
Prinz mit lustig blitzenden Augen fort, ich bin sogar berzeugt, da
Parzival das modernste Parfm ins Schnupftuch go, welches jemals
Blumenmdchen fabrizierten. Aber ... es ist der Ton, welcher die Musik
macht -- und die Art und Weise, _wie_ ein Mensch seine Kleider trgt,
ist magebend fr seine Persnlichkeit!

Ganz recht, -- _wie_ aber trgt Graf Guntram Krafft seinen Rock?

Wie ein Mann, der sich hchst fremd und hchst unbehaglich in der neuen
Fasson vorkommt!

So? Das ist mir noch nicht aufgefallen!

Beobachte ihn! Jede seiner Bewegungen ist geniert, ungeschickt, -- in
Wahrheit >brenhaft<! Man sieht, da der junge Einsiedler es gewohnt
ist, mehr mit Keulen dreinzuschlagen, als wie mit dem Operngucker zu
hantieren! --

Mich berrascht am meisten der Ausdruck seines Gesichtes! schaltete
die Herzogin ein, fraglos ist der Graf ein schner Mann! Seine Zge
haben etwas Edles, ich mchte beinahe sagen Heldenhaftes! Aber ihr
Ausdruck nimmt ihnen vollstndig diesen Charakter!

Er ist von all dem Neuen befangen!...

Und das wohl auch mit Recht! Seine Augen haben einen schier kindlichen
Blick, so naiv wie er schaut kaum noch ein Backfischchen drein! -- Was
er denkt und fhlt, spiegelt sich auf seinem Antlitz, das beobachtete
ich whrend der Vorstellung. Wenn er bemerkt, da sich aller Augen aus
dem Publikum auf ihn richten, wird er verlegen wie ein schmiges
Jngferchen, -- ich mchte darauf wetten, da er sogar errtet! --

Dies alles deucht mir kein Fehler!

Gewi nicht, -- aber auch kein Vorzug fr einen Mann! --

Wir mssen bedenken, wie gro der Umschwung der Verhltnisse fr den
rmsten ist! In tiefster Einsamkeit aufgewachsen, steht er urpltzlich
in dem bunten hochflutenden Strom grostdtischen Lebens, -- sonst
gewhnt, stets die strenge, energische Mutter zur Seite zu haben, welche
alles fr ihn bedenkt und leitet ... ist er pltzlich ganz allein auf
sich selbst angewiesen und mu sich ohne Kompa und Steuer durch die
Flut vllig fremder Verhltnisse lavieren ...

Er steht daheim vollstndig unter dem Einflu der Mutter?

Selbstverstndlich! Er wird der Grfin jetzt wohl mit Ausbung aller
praktischen Arbeit zur Hand gehen, aber sicherlich Frau Herzeleide
ebenso als >hohe Obrigkeit< ansehen, wie Parzival der ltere, ehe ihn
sein Tatendrang hinaus in die Welt fhrte!

Die Verhltnisse sollen ja geradezu glnzende geworden sein! Man sagt,
die Grfin habe sich vollkommen arrangiert und das verlorene Vermgen
sozusagen zurckgewonnen!

Hut ab! Sie ist eine vortreffliche Frau, welche jedermann die hchste
Achtung abntigt! Was diese Brin fr ihr Junges getan, macht ihr so
leicht kein Mann nach!

Sie mu eine geradezu geniale Landwirtin, eine geborene Agrarierin
sein! Allerdings hat sie auch viel Glck bei der Sache gehabt! Schon der
Umstand, da der alte Wattenburg seinen Sohn verlor und nun nicht mehr
viel Interesse am Landbesitz hat! Dem allein verdankt sie es doch, da
sie Walsleben so >portionsweise< zurckkaufen kann!

Nchstens geht das Gut wohl wieder vllig in ihren Besitz ber! Der
alte Inspektor hat mal krzlich unserem Domnenrat erzhlt, die Grfin
htte es schon vor zwei Jahren kaufen knnen, die Barsumme lge bereit;
aber sie ist so sehr vorsichtig, da sie sich nie vllig verausgabt,
sondern stets mit allen mglichen Eventualitten rechnet, Miernten
usw., wo es gilt, die Lcher mit Kapital stopfen!

Sehr klug und vernnftig gedacht! -- Ich bin sehr gespannt, den Sohn
kennenzulernen, ob er von den groen Anlagen der Mutter geerbt hat!

Vorlufig machen Mutter und Sohn ja zusammen noch eine >Zehne< aus!
zuckte Prinz Karl Emil voll Humor die Achseln.

Was heit das?

Nun -- sie ist die eins -- und er ... die Null! --

Abermals ein leises Gelchter, nur der Herzog klappte mit verrterischem
Zucken um die Lippen den Sohn mit dem Handschuh gegen den Arm und
schalt: Unverbesserlicher Sptter! Bei dir und deiner beklagenswerten
Mama ist es freilich umgekehrt!

In den Korridoren ertnte das Klingelzeichen, die hohen Herrschaften
traten nach sehr huldvoller Verabschiedung in die Loge zurck, und
Gabriele eilte, die Begleitung des Kammerherrn dankend ablehnend, zu
Frau von Sprendlingen zurck.

Ihr Atem ging schnell und unruhig, ihr Herz schlug aufgeregt in der
Brust.

Sie setzte sich schweigend auf ihren Platz nieder, und ein finsterer,
beinahe verchtlicher Blick streifte den Grafen von Hohen-Esp, welcher
sich mit aufleuchtenden Augen vorneigte und durchaus kein Hehl von
seinem Entzcken machte, sie wiederzusehen. Also das Muttershnchen aus
der Brenhhle war der mutige Retter, welcher mit so gewaltigen Fusten
ihren Schlitten ausgerichtet hatte, da der Kutscher gar nicht genug
davon schwrmen konnte, war der hfliche Mann, welcher sie emporgehoben
und mit solch unverhohlener Bewunderung in ihr Antlitz geblickt hatte,
da sie lcheln mute!

Der Br von Hohen-Esp! Jener Held, welcher wegen einer kaum
beachtenswerten Verletzung am Fu nicht Soldat ward, welcher sich feige
und schlapp hinter der Mutter Schrze verkroch, anstatt voll khnen
Wagemuts hinaus in die Welt zu strmen, um Gut und Blut zu Kaisers Ehren
zu wagen!

Und den nennen sie einen Parzival? Sie mchte schallend auflachen, und
beit doch wie unter physischem Schmerz die Zhne zusammen.

Nein! Parzival war zwar auch ein Kind weltabgeschiedenster Einsamkeit,
welches die Mutter gegngelt hatte, solange sein Arm noch schwach und
sein Schwert noch kurz war, -- als aber dem jungen Lwen das Haus zu eng
ward, als er die knigliche Kraft in Herz und Faust versprte, da ri er
sich los von dem unwrdigen Gngelband, von Weiberrock und Schrze,
sattelte hochgemut sein Ro und zog aus, in seines Knigs Landen Frau
Aventure die Fehde anzusagen!

Parzival, der weise Tor, ward ein Held, in dessen markiger Hand der
Speer, der heilige, leuchtete; was aber ist Graf Guntram Krafft?
Wahrlich ein Br, welcher kampfmutig hervorbricht aus der Hhle, Sieg
und Beute zu suchen? --

Nein, wahrlich nicht!

Er sitzt hinter dem Ofen und lt Weiberhnde fr sich arbeiten, er
erntet nur die Saat, welche die fleiige Mutter fr ihn ausgestreut.

Und was tut er fr Kaiser und Reich?

Nichts!

Fr wen setzt er seine Brenkrfte ein?

Nur fr sich selbst!

Sagt er es sich nicht selbst, da er als Mann, -- als Edelmann heilige
Pflichten zu erfllen hat?

Nein!

In behaglicher Ruhe geniet er sein inhaltloses Leben, lt das Schwert
an der Wand rosten und stellt das Schild der Ahnen in die Rumpelkammer!

Was will er hier?

Sich gar ein Weib suchen, welches sein Schlaraffenleben mit ihm teilt?

Ein verchtliches Zucken um Gabrieles Lippen.

Auch eine solche wird sich wohl fr ihn finden; es gibt Mdchen, welche
wenig, sehr wenig von einem Mann verlangen, lediglich einen Trauring.

Gehrt Gabriele von Sprendlingen zu diesen bescheidenen Seelen?

Nein, und tausendmal nein! In ihrer Brust glht ein Feuer heiliger
Vaterlandsliebe und stolzer Begeisterung, vor dessen Flammenschein
selbst die reckenhafte Brengestalt des reichen Grafen von Hohen-Esp wie
ein Schatten klglich zusammenschrumpft!

Ja, klglich!

Gabriele ist wie eine Elfengestalt winzig und zierlich neben dem Riesen
Guntram Krafft, und doch deucht es ihr, als blicke sie tief auf ihn
herab, so tief, da er gar nicht mehr fr sie existiert!

Als die letzten Musikklnge verrauscht sind und der tosende Beifall sich
gelegt hat, erhebt sich das junge Mdchen und schreitet hastig dem
Ausgang zu; fr den Grafen von Hohen-Esp, welcher noch immer zgernd in
der Loge steht und zu ihr hinberschaut, hat sie keinen Blick mehr.

In der groen Halle drunten stehen die jungen Offiziere und plaudern mit
den Damen, welche hier das Vorfahren der Wagen erwarten. Auch Leutnant
von Heidler ist Gabriele sporenklirrend entgegengetreten, kt Frau von
Sprendlingen die Hand und erkundigt sich nach dem Befinden der Damen.

Er hat Gabriele bereits auf dem Bahnhof begrt -- da seine Anwesenheit
daselbst ein Zufall gewesen, hat er weder behauptet, noch hat es die
junge Dame angenommen; auch jetzt blickt er ihr mit den khnen,
siegesgewissen Augen, wie in selbstverstndlicher Vertraulichkeit in das
reizende Antlitz und versichert ihr, da die Residenz schauderhaft de
ohne sie gewesen sei und da es eine ganze Menge zu erzhlen gbe!
Gestern habe er mit etlichen Kameraden eine -- =soit dit= Schnitzeljagd
auf Schnee und Glatteis geritten, um die Dauerhaftigkeit der Gule
auszuprobieren, die guten Resultate habe man selbstredend mit etwas
Alkohol gefeiert, und zwar sei die Sitzung so ausgedehnt worden, da er
nicht mehr dazu gekommen sei, einen von ihm beabsichtigten Besuch in
Villa Monrepos zu machen. Ob er denselben jetzt noch nachholen und eine
Tasse Tee bei den Damen trinken drfe?

Frau von Sprendlingen hat durchaus nichts dagegen, obwohl ihr Lcheln
ein wenig khler scheint, wie sonst; Gabriele aber errtet unter dem
zarten Spitzenschleier, welcher ihr Kpfchen verhllt, und die
Nixenaugen blitzen voll Interesse auf.

Einen bungsritt = la= Heidler? ruft sie lebhaft, davon mssen Sie
erzhlen! Wie geht es Ihrer >Gudrun< -- hat sie das Glatteis mit
bekannter Verve genommen? --

>Gudrun< hat brillant durchgehalten, aber Massenbach hat Pech mit
seinem >Slusohr< gehabt, -- nahm einen Graben ... gegen die Sonne ...
war natrlich geblendet und sprang zu kurz ...

O weh! Und >Slusohr<? --

Kocht bereits im Wurstkessel!

=Pour condoler!= --

Dem Besitzer des seligen Rosses oder denen, die es verspeisen mssen?!

Sie lachen und bemerken kaum die hohe Mnnergestalt, welche dicht neben
ihnen an einer Sule steht und keinen Blick von Gabriele verwendet. Nur
Frau von Sprendlingen sieht den Erben von Hohen-Esp und zeigt ihm ein
ganz besonders freundliches Gesicht.

Der Wagen wird gemeldet, Herr von Heidler bietet der Baronin den Arm,
und Gabriele folgt.

Guntram Krafft schreitet so dicht an ihrer Seite, da der lichtblaue,
mit weiem Tibet besetzte Samt ihres Theatermantels ihn streift.

Die junge Dame bemerkte es nicht.

Wieder weht der se Veilchenduft zu ihm empor und benimmt ihm schier
den Atem, -- der Einsiedler aus der Brenhhle hat nur Augen und Sinn
fr die schlanke Mdchengestalt neben ihm, -- aber das stolze Antlitz
wendet sich nicht ein einziges Mal ihm zu.

Er steht und sieht, wie der Dragoneroffizier sie in den Wagen hebt und
dann selber einsteigt, -- die Pferde ziehen an, und neue Wagen und Rosse
drngen vor das Portal.

Wie im Traum schreitet der junge Graf in die kalte Winternacht hinaus.

In seinem Kopf wirbelt es von neuen, wundersamen Eindrcken.

Sein Herz schlgt hei und ungestm in seiner Brust; wie eine
leidenschaftliche Glckseligkeit, eine jauchzende Lebensfreude kommt es
ber ihn. Morgen wird er seine Besuche fahren, er wird all die vielen,
heiteren, freundlich lachenden Menschen kennenlernen, -- auch Gabriele
von Sprendlingen, -- und dann ist er ihr kein Fremder mehr, er darf sie
gren, darf mit ihr plaudern ... und sie wird ihn mit den sen,
rtselhaften Augen ebenso anblicken, wie vorhin den Dragoner ...

Noch nie hat sich der weltfremde Mann so frohen Herzens zum Schlafe
niedergelegt, wie an diesem Abend, -- vor seinen Ohren rauschen die
Wogen des Meeres, klingen die Zauberweisen des Fliegenden Hollnders
-- Sentas Antlitz trgt Gabrieles Zge, und sie breitet die Arme nach
ihm aus und singt leise wie ein Hauch: Ach, wann wirst du, bleicher
Seemann, sie finden? Betet zum Himmel, da bald ein Weib -- die Treue
ihm hlt! -- Hohojohe! --

       *       *       *       *       *

Die Villa Monrepos, welche der pensionierte General von Sprendlingen
bewohnte, lag in einer jener stillen Vorstadtstraen, in welchen nur
Equipagen und elegante Passanten verkehren, wo kunstvolle Eisengitter
die prchtig gepflegten Grten einhegen und weie Steinbilder aus Taxus
und Lebensbumen ragen.

ber den verschneiten Gartenweg eilte eine junge Dame in fufreiem
Tuchkostm, welches die sehr kleinen Juchtenstiefelchen gengend sehen
lie, ein weiches Pelzkppchen auf dem lose gepufften Haar, und die
dicke lange Boa von rtlich-hellem Pelz um den zierlichen Hals
geschlungen, zog eilig die Glocke und ging mit kaum merklichem Gru an
dem Portier vorber, um die teppichbelegte Treppe emporzuhasten.

Sie schien kein seltener Gast bei Frulein von Sprendlingen zu sein,
denn der Diener ffnete sogleich wie ganz selbstverstndlich die
weilackierten Flgeltren und sagte mit kurzer Verbeugung: Darf ich
bitten, in das Musikzimmer, Komtesse, -- das gndige Frulein spielen
soeben!

Hm! sagte Grfin Thea von Sevarille, den Gru ebenso unhflich
erwidernd wie zuvor denjenigen des Portiers, staubte die letzten
Schneesternchen von dem Muff und schritt durch eine Flucht beinahe
bereleganter Salons nach dem kleinen, turmhnlichen Anbau, in welchem
Gabriele ihren Flgel aufgestellt hatte.

Frulein von Sprendlingen klappte die Noten zu und erhob sich.

Endlich, Thea! Es war mir schon ganz unheimlich, da du noch nicht hier
warst! Whrend meiner Abwesenheit hat sich doch gewi mancherlei hier
ereignet, was wichtig genug ist, um rapportiert zu werden! Komm mit
hinber, ich finde es heute kalt hier!

Dein eisiges Herz khlt die Temperatur zu schnell ab! lachte Thea und
legte den Arm um die Schultern der Freundin. Mir ist es recht, warm zu
sitzen, ich bin bis zum Eiszapfen gefroren! --

Sie traten in das lauschige Boudoir, in welchem sie ehemals schon als
Backfische so oft beisammen gesessen; Komtesse Sevarille warf die
Pelzjacke und Boa ab, zog den weien Schleier ber das spitze,
scharfmarkierte Nschen empor und lie sich wohlig vor dem Kamin in eins
der hellseidenen Sesselchen sinken.

Neuigkeiten! lachte sie; wenn du gehst, Liebste, steht die Zeit bei
uns still, -- und sowie du wieder auf der Bildflche erscheinst, hufen
sich die Ereignisse! Nummer 1! Du bist mit dem Schlitten umgekippt? --

=En passant=, -- es war nicht der Rede wert!

Es gengte, um dich einem hchst gefhrlichen Retter in die Arme zu
fhren!! --

Thea dachte an den alten Dienstmann, von welchem man im Theater
gesprochen, und belachte ihren harmlosen Witz sehr vergnglich; um so
mehr berraschte sie der pltzlich so ganz vernderte Ausdruck in dem
schnen Antlitz ihres Gegenbers.

Ein gefhrlicher Retter? spottete Gabriele, und ihre Augen wurden so
gro und durchsichtig, als wollten sie einen Blick bis in ihr tiefstes
Herz gestatten. Wenn mir alle Menschen so ungefhrlich wren wie der
Br von Hohen-Esp, so wre es gut um mich bestellt!

Schier atemlos starrte Thea sie an. Der Br von Hohen-Esp? wiederholte
sie gedehnt.

Verlangst du, da ich ihn voll ersterbenden Respekts Herr Graf nenne?!
--

Der Hohen-Esper rettete dich?

Gabriele zuckte beinahe ungeduldig die Achseln.

Mein Gott, du fragst mich ja nach meinem Retter, und da mu ich dir
doch begreiflich machen, da nichts an der ganzen Sache gefhrlich war,
weder er noch der umgekippte Schlitten, noch die durchgehenden Pferde!
Nichts von alledem hat eine Spur hinterlassen!

Einen Augenblick starrte Grfin Sevarille, noch aufs hchste betroffen,
in das lodernde Kaminfeuer, dann fate sie sich schnell und nickte sehr
lebhaft: Du sollst mir die ganze Begegnung mit dem sagenhaften Menschen
einmal genau beschreiben! Ihr lerntet euch also bereits kennen?

Ebenso wie man sich mit einem Eckensteher kennenlernt, der zuspringt,
wenn einem der Schirm hinfllt!

Thea lachte gedmpft. So stellte er sich nicht vor? --

Nein! Ich glaube nicht, da der Einsiedler aus dem Hinterwald schon
Knigges Umgang mit Menschen studiert hat!

Vorzglich! Du bist fabelhaft amsant, Gabriele! Und sehr gut warst du
nie auf diesen Br zu sprechen! Weit du noch, wie du damals -- hier an
derselben Stelle -- einen feierlichen Eid schwurst, den taten- und
ruhmlosen Grafen nie zu erhren, und wenn er zehnmal dir zu Fen liegen
sollte?

Nein, diesen Schwur verga ich nicht und gedenke ihn auch unter allen
Umstnden zu halten! spottete Frulein von Sprendlingen mit demselben
verchtlichen Zucken um die Lippen wie am Abend zuvor im Theater. --

Wenn du gehofft hast, der Schlittenunfall sei das erste Kapitel zu
einem Roman gewesen, so irrst du gewaltig!

Theas Augen schillerten, sie rckte eifrig nher und verschlang die
Hnde um das Knie.

Ich bezweifle es nicht! Ein Charakter wie du wechselt nicht die
Ansichten wie die Handschuhe, -- das wre erbrmlich! Es wre nur recht
bedauerlich, wenn der arme Parzival sein Herz ernstlich an dich
verlre!

Warum nennt ihr alle diesen Herrn im Frack und Zylinder >Parzival<?
Verzeih' die Offenheit, aber ich finde es als eine grobe
Geschmacksverirrung!

Warum das? -- Stimmt das Schicksal des Hohen-Esp nicht genau mit dem
von Knig Gamurets Sohn berein?

Das ich nicht wte!

Lies einmal die deutschen Heldensagen nach! Gamuret fiel im Kampf,
hinterlie seine Gemahlin Herzeleide, welche an allem Glck ebenso
verzweifelte, wie die Grfin Gundula, und einen ganz jungen Sohn, den er
ebensowenig heranwachsen sah, wie weiland Graf Friedrich Karl seinen
Erben in der Brenburg! Und so steht es nun wrtlich bei Gustav Schalk
zu lesen: >O<, schluchzte Herzeleide und drckte den schnen Knaben
Parzival voll Zrtlichkeit an das Herz, >O, shen dich, du liebes Kind,
die Augen deines Vaters, wie wrden sie so innig lachen ob deiner
Schnheit! Wehe, wehe uns beiden, da er dahinfahren mute! Dich aber
will ich behten vor solchen Fhrlichkeiten. Du sollst nicht ein Ritter
werden! Fern von der Welt sollst du aufwachsen und spter als
friedlicher Landmann den Acker bauen!<

... So! Und nun ziehe den Vergleich! Die Grfin Gundula sprach gewi
ebenso, mit etlichen kleinen Vernderungen nur! >Wehe, da er
dahinfahren mute nach Monte Carlo! -- Dich aber will ich vor solchen
Versuchungen und Fhrlichkeiten wahren, mein Guntram Krafft! Du sollst
kein Leutnant werden, sondern fern in den Wldern von Hohen-Esp
aufwachsen und als friedlicher Landmann deinen Acker bebauen!<

Vortrefflich! Du weit ja groartig Bescheid!

Seit ich in Bayreuth war, ist Parzival mein Liebling, mein Ideal, meine
Leidenschaft!

Sehr begreiflich, denn der Bayreuther Parzival ist auch aller
mtterlichen Schlappheit zum Trotz _doch_ ein Ritter geworden, hat
Heldentaten getan und die Welt mit seines Namens Ruhm erfllt, --
dahingegen Graf Guntram Krafft? Was tat er?

Er achtete und respektierte eine gramgebeugte Mutter zu sehr, um ihr
durch trotziges Scheiden das Herz zu brechen, wie der >ritterliche<
Parzival es tat!

Gabriele zuckte die Achseln.

Der gute Sohn! Wenn ihm Mutter Herzeleide von Hohen-Esp nur kein
Taschenmesser mitgegeben hat, da er sich hier in die Finger schneidet!

Spotte nur, Gabriele! Ich kenne ja deinen Widerwillen gegen Mnner,
welche sich nicht aus Patriotismus spieen und hngen lassen! Mag Graf
Guntram Krafft in deinen Augen keine einzige von all jenen hohen
Tugenden besitzen, welche du so gebieterisch forderst, -- _eins_ mut du
ihm dennoch zugestehen, da er hbsch ist! Bildhbsch! Reichlich so
schn wie jener Parzival, welcher auf den weltbedeutenden Brettern unter
Schminke und Lampenlicht alle Welt bezauberte!

Thea hatte mit beinahe schwrmerischer Ekstase gesprochen, sie prete
die Hnde gegen die Brust und schaute trumerisch in das Schneetreiben
hinaus, Gabriele aber lachte ein wenig erstaunt und schttelte den Kopf.

Du scheinst ihn gestern abend genauer angesehen zu haben wie ich!
Frerst finde ich es nur schade, da so mnnlich edle Zge einen solch
weichlich naiven Ausdruck tragen! Das kommt bei der Erziehung in
Waldeinsamkeit heraus! Aber gleichviel, -- er gefllt dir! Und das ist
viel Glck fr den Brenhuter ...

Nenn' ihn nicht so, Gabriele! Du tust ihm unrecht, und ich mag es nicht
hren!

Ei, ei! So gewaltig hast du schon Feuer gefangen? So ganz =prima vista=
dich erobern lassen?!

Komtesse Sevarille schlang leidenschaftlich den Arm um die Sprecherin
und drckte ihr Gesichtchen mit den nervs bebenden Lippen an die
Schulter der Freundin.

Ach, Gabriele, du hast gut spotten und dich ber einen neuauftauchenden
Heiratskandidaten lustig machen! sagte sie leise, sehr innig und sehr
aufrichtig, du Glckliche hast dein Teil erwhlt, du wirst geliebt und
liebst wieder! Wenn du es auch noch ableugnest, -- wir wissen es doch,
da du mit Heidler einig bist! Warum auch nicht? Wenn man so reich ist
wie du, kann man sich den Luxus gestatten, den Lwen der Saison an die
Rosenkette zu legen -- ich armes Wurm mu bescheidener sein und Gott
danken, wenn es nur ein Br ist, dessen Herz ich bndige! -- Und er
gefllt mir schon jetzt so gut, dieser Br! -- Gabriele! Du hast stets
gesagt, da du meine treue, aufrichtige Freundin bist, bettige es! Hilf
mir, da ich auch so glcklich werden mchte, wie du! Ein seltsamer
Ausdruck lag auf dem reizenden Antlitz mit den hellen Nixenaugen.

Gabriele sah aus, als wolle sie sagen: Wie schnell hat sich schon eine
gefunden, die dem Freier aus der Brenhhle mit offenen Armen
entgegenluft! -- -- aber sie sprach ihr Empfinden nicht aus, kmpfte
auch den Widerwillen, welcher sie berkam, nieder, und antwortete so
freundlich, wie es ihr mglich war: Wenn ich jemals etwas dazu tun
kann, dir das Herz des Grafen zuzuwenden, so soll es gewi geschehen,
obwohl ich glaube und hoffe, da er ohne fremdes Zutun solch einen guten
Geschmack entwickeln wird! Was aber Heidler anbelangt -- -- die
Sprecherin erglhte bis auf den weien Hals hinab, -- so bist du
gewaltig im Irrtum, wenn du glaubst, da ein einziges Wort zwischen uns
gefallen ist, was mehr besagt, wie freundschaftliches Interesse. Wir
sind gute Kameraden, -- weiter nichts. --

Je nun, was noch nicht ist, wird desto sicherer werden! -- Apropos ...
der Hohen-Esper fhrt heute Besuche. -- War er schon hier, und habt Ihr
ihn angenommen?

Wieder brach ein lauernder Blick unter den dunklen Augen hervor und
forschte in dem Antlitz des Frulein von Sprendlingen, Gabriele aber
griff gelassen nach ein paar Karten, welche zwischen den Bchern des
Nebentischchens lagen und reichte sie dar.

Vor einer halben Stunde schickte mir die Mama die Karten herber,
soviel ich wei, hat sie den hohen Besuch empfangen, -- ich selber lie
mich entschuldigen, ich sei noch bei der Toilette!

Und spieltest Klavier? Du bist zum Totlachen, Gabriele! So etwas
brchte keine andere fertig! --

Mit beinahe gierigem Blick hafteten die Augen der Komtesse auf der
Karte, sie war pltzlich sehr guter Laune, strahlend heiter und
vergngt. Guntram Krafft, -- Graf Br von Hohen-Esp, las sie mit viel
Pathos. Wie entzckend das klingt! Das mut du selbst eingestehen,
Liebste!

Der kleinste Titel darunter wrde mir mehr imponieren wie der ganze
Namen! klang es trocken zurck.

Du bist unverbesserlich, aber himmlisch amsant, ich bewundere dich!
Doch nun =addio, cara mia=, ich mu heim! -- und Thea schob die
Visitenkarte in ihren Muff und griff hastig nach der Jacke.

Bleib' doch noch! es gibt gewi noch mancherlei zu berichten?! --

Aber Komtesse Sevarille hatte es pltzlich sehr eilig.

War der Graf denn schon bei euch? fragte Gabriele noch zum Abschied.

Sie nickte flchtig. Die Tournee fngt ja meistens in unserer Strae
an! -- Empfiehl mich bitte deiner lieben Mutter ... und nochmals --
=addio!= --

Wie ein Schatten, schnell und lautlos, flog sie die Treppe hinab.

Auf der Strae berlegte sie einen Augenblick. Sie wute genau, nach
welcher Liste die Visiten zumeist abgefahren wurden, ihrer Berechnung
nach mute Graf Hohen-Esp jetzt bis zu dem Hause des Oberjgermeisters
gekommen sein. Hastig schritt sie aus.

Ihr Gesicht sah so zufrieden und triumphierend aus wie selten zuvor.

Von weitem sah sie die Equipage, in welcher Guntram Krafft sa, in eine
Nebenstrae einbiegen.

Vortrefflich! Auch sie wird einen Besuch bei der Oberjgermeisterin
machen und noch einmal mit dem Grafen zusammentreffen, -- doppelt
genht reit nicht! sagt ein altes Sprichwort, und auerdem mchte sie
es dem Erben von Hohen-Esp nahe legen, da sie heute nachmittag auf dem
Eis zu treffen ist. Auch Gabriele wird sie nennen, -- als Lockvogel. --

       *       *       *       *       *




X.


Der erste Hofball!

Die ganze Residenz ist voll Interesse und Anteilnahme.

Alter Tradition gem mu es an Hofballtagen besonders kalt sein, ein
frisches, frhliches Schneegestber mu die Luft erfllen, und die
Parkbume und Bosketts rings um das herzogliche Schlo herum haben die
Verpflichtung, wei bereift, wie ein glitzernder Zauberwald, das Auge zu
erfreuen, denn niemals sieht der malerische Rokokobau schner und
mrchenhafter aus, als wie mit strahlend erleuchteten Fenstern inmitten
der verschneiten Winterlandschaft.

Dann malen die rotgelben Lichter ihre langzitternden Streifen ber die
weien Samtdecken der Rasenflchen, werfen flimmernde Reflexe auf dem
gefrorenen Teich und glhen wie starre Augen durch die immergrnen
Taxushecken, welche ihre mannigfachen Schatten in den fleckenlosen
Hermelin des Winters zeichnen. --

Pechfackeln schweben zu beiden Seiten der Einfahrt, wo ein mchtiges,
eisernes Tor in kunstvoller Schmiedearbeit den inneren Schlohof
abschliet. Da staut sich die Menge und ist hochbefriedigt, einen Blick
in das glnzend erleuchtete Vestibl zu werfen, wo mchtige
Palmengruppen in feuchtwarmer Treibhausluft die vertrumten Blattwedel
ber Marmorfiguren breiten.

Lakaien in roten Galarcken, weiseidenen Strmpfen und
Schnallenschuhen, mit gepudertem Haar und geschmeidig-gleitenden
Bewegungen huschen her und hin, neigen sich tief vor den eintreffenden
Gsten und stehen an den Windungen der Treppen, voll nachdenklicher
Andacht auf all die kstlichen Schleppen herniederstarrend, welche wie
ein farbenschillernder Strom mit leisem Knistern ber die Purpurteppiche
rauschen.

Guntram Krafft stand noch immer zgernd neben dem Sockel einer Karyatide
und umfate mit staunendem Blick das ppige Bild, welches sich seinen
Augen bot.

Was er sein Leben lang in den einsamen, sturmumbrausten Hallen und
Gemchern von Hohen-Esp gesehen, glich so ganz und gar nicht dieser
strahlenden Pracht, wie sie wohl in seinen Mrchenbchern geschildert
war, wie sie sich seine Phantasie aber nun und nimmer vorzustellen
vermocht. Welch ein Lichtgefunkel! Welch ein Meer von Kerzen! Daheim
brannte hchstens das Brenweibchen von der getfelt-dunkeln Decke, oder
schaukelte sich ein llmpchen in schwerem Kettengehng, einem Fnkchen
gleich, ber den gewundenen Stiegen. Unter den Fischerdirnen gab es wohl
junges, schmuckes Blut, solch eine Bltenlese reizender,
vornehm-schlanker Mdchengestalten wie hier aber hatte er nie zuvor
geschaut, und die se, herzbetrende Poesie einer Balltoilette deuchte
ihm vollends ein Rtsel, welches sein armer, nchterner Verstand nicht
zu lsen vermochte! --

Anton hatte ihm gesagt: Nun mchte ich mir erlauben, dem Herrn Grafen
einen guten Rat zu geben. Da wird heute so viel Neues und Fremdes auf
Euer Gnaden einstrmen, da es den Kopf verwirren mu!! Das darf aber
nicht geschehen. Am besten wre es, wenn der Herr Graf diesen ersten
Ball nur mehr wie eine Schaustellung an sich vorbergehen lieen! Sie
stellen sich auf irgendeinen hbschen Platz, sehen sich alles erst mal
genau an, mustern die Damen und lassen sich ein bichen ber die
einzelnen orientieren. Auf diesen groen Bllen ist es nicht ntig, da
man sich jeder einzelnen Person vorstellen lt, nur den Kammerherren
und Adjutanten mssen Sie Ihre Verbeugung machen; die stellen Sie dann
den Staats- und Hofdamen, den Marschllen und dem Zeremonienmeister vor,
und die sorgen dafr, da der Herr Graf den hohen Herrschaften
prsentiert werden! -- Alles hbsch in Ruhe und gemchlich! Man wird
alles im Leben gewhnt, auch das Leben und Treiben in Frstenschlssern,
und da Euer Gnaden noch nicht gut Bescheid wissen, so lernen Sie erst
ein bichen durch das Zusehen! Wenn man eine sichere Wand im Rcken hat,
ist man stets gedeckt, und wenn man sich nicht in den Strom strzt, kann
man nicht darin ertrinken! -- Das nchste Mal mischen Sie sich dann
schon mit viel ruhigerem Blut unter die Tanzenden, lernen die Damen
kennen und amsieren sich herrlich!

Er hatte Antons Rat sicher sehr gut gefunden, befolgte ihn allsogleich
und stand frerst schon hier in der Treppenhalle still, um mit einem
Gefhl der Verzauberung um sich zu schauen.

Langsam streifte er die Handschuhe an; das war eine gute Beschftigung
und ein schner Vorwand, lnger verweilen zu knnen.

Da schwebten sie an ihm vorber, lachend und scherzend und die guten
Bekannten begrend, all die wunderholden Frauen und Mdchen, mit
schimmernd-weien Nacken und Armen, welche ihm in ihrer indiskreten
Nacktheit zuerst ganz betroffen das Blut in die Wangen getrieben.

Aber das Auge gewhnt sich auch an das Ungewohnteste, und frnehmlich,
wenn es so sinnbetrend und hbsch ist, wie eine junge Dame in groer
Toilette.

Nein, das waren nicht die schweren, dstern Wollfalten, welche daheim
der Mutter majesttische Gestalt umwallen, nicht die schweren Dffel-,
Fries- und Warpstoffe, in welche sich die Fischerfrauen des Dorfes
kleiden, das waren Wolken von Duft und Glanz, von Schaum und
silberglitzernden Spinngeweben, das war kaum noch Wirklichkeit, das war
ein Traum!

Wie das glnzt und gleit und rieselt von Atlas, Seide und Samt, -- wie
die flaumigen Spitzen wogen, wie die Tll-, die Gaze- und Florkleider
wehen! -- Silber- und Goldstreisen darin, Metalltupfen und Tautropfen,
welche blinken und zittern und doch nicht zerrinnen!

Blumen in allen Farben und Arten, zart eingeschmiegt in die Kreppwogen
und in die reizend frisierten Haare, keine frischen, lebenden Blumen,
wie Guntram Krafft zuerst geglaubt, sondern wunderbar tuschend
nachgeahmt, mit Blttern und Knospen, Blten, wie man sie in gleicher
Schnheit kaum im Lenz beisammensieht! --

Und welch ein Gefunkel von Edelsteinen!

ber Nacken, Brust und Arme sind sie gestreut wie ein versteinerter
Funkenregen, in allen Farben der Iris leuchtend, -- Diademe ber der
Stirn, goldene Spangen um die zarten Handgelenke, und wo die Frauenaugen
besonders tief und schwrmerisch blicken, da glnzen die zauberschnen
Schtze des Meeres, die Trnen der Nixen und Meerfrauen, welche die
Menschen Perlen nennen!

Gar mancher Blick hat den Br von Hohen-Esp gestreift, gar manch leises
Wort ist ber ihn gewechselt und manch rote Lippe hat seinen Namen
genannt, -- auch hat des jungen Grafen Blick sich selber im hohen
Wandspiegel gestreift und voll beinahe scheuer Unsicherheit sein fremdes
Bild gemustert.

Er trgt zum erstenmal einen Frack -- die weie Binde und Weste -- zum
erstenmal die spiegelnden Lackschuhe an den Fen.

In Hohen-Esp war solch ein Luxus unbekannt, und weil sich der Einsiedler
aus der Brenhhle so ungewohnt darin vorkommt, fhlt er sich beklommen
und geniert.

Die Zahl der Gste lichtet sich, es scheint nun die hchste Zeit zu
sein, die Sle zu betreten, und langsam steigt Guntram Krafft die Treppe
empor.

Er mustert die berlebensgroen Gemlde frstlicher Ahnherrn an den
Wnden, er atmet schwer und tief den berauschenden Duft, welcher ihn
geheimnisvoll umweht. Sind es die Veilchen, welche Gabriele jngst im
Schlitten getragen? --

Wie haben seine Blicke Frulein von Sprendlingen gesucht, -- wie zuckte
sein Herz empor, als er sie noch im letzten Moment droben an der
Treppenbiegung erblickte. Sie wandte just das Kpfchen und schaute
zurck, ein paar jungen Damen drunten zuzunicken.

Ihr Blick streift auch ihn, -- aber so fremd, so khl, als habe sie ihn
nie im Leben gesehen.

Wieder berkommt ihn ein Gefhl banger Ungeduld.

Er sehnt sich danach, ihr vorgestellt zu werden, damit sie auch mit ihm
plaudert und ihn abermals anlchelt wie damals auf der Strae, als er
ihre schlanke Gestalt in den Armen emporhob und sie sekundenlang an
seinem Herzen hielt. Bei dem Eingang an der Bildergalerie steht ein
diensttuender Kammerherr, um die Ankommenden zu begren.

Er tritt auch dem jungen Grafen sehr liebenswrdig entgegen, nennt
seinen Namen und spricht seine Freude aus, wieder einen Vertreter der
Familie von Hohen-Esp hier begren zu drfen.

Er spricht mit leiser Stimme, sehr hflich und verbindlich, dennoch
liegt etwas Zeremonielles in seinem Wesen, und sein Hndedruck ist mehr
frmlich wie herzlich.

Er geleitet den Neuling auf hfischem Parkett bis zu dem nchsten Saal,
welcher seinen Namen von den kostbaren alten Gobelins, die seine Wnde
schmcken, erhalten hat, und in welchem sich die tanzende Jugend bis zu
dem Eintritt der hohen Herrschaften versammelt. Zwei Adjutanten in
groer Uniform halten sich in der Nhe der Tr auf, treten eilig herzu,
und der Kammerherr stellt ihnen den Grafen vor, mit der Bitte, ihn bei
den jungen Damen bekannt zu machen.

Ein paar sehr liebenswrdige Worte der vielbeschftigten Herren, welche
Guntram Krafft mit der ehrlichen Versicherung, da er sich freue, diesem
Feste beiwohnen zu knnen, quittiert, und dann murmelt ein sehr junger
Leutnant hinter ihm einen unverstndlichen Namen und offeriert die
silberne Schale mit den Tanzkarten.

Der Graf stellt sich seinerseits vor und nimmt eins der eleganten
Kartonbltter, auf welchem unter dem farbigen Frstenwappen eine Anzahl
Tnze notiert ist, von welchen er kaum die Namen kennt.

=The lancers= -- Menuett der Knigin -- Ouadrille = la cour=
-- nein, diese Kunstwerke sind ihm in Hohen-Esp fremd geblieben.

Polka und Walzer, -- ja, die hat er voll frhlichen bermuts bei dem
Hauslehrer gelernt und zeitweise in der blauen Woge praktisch
angewandt, wenn irgendein besonderes Fest die Anwesenheit des grflichen
Schirmvogts erforderte, -- er hat da unwillkrlich ebenso mitgetanzt wie
die wetterharten Fischer, Matrosen und Seeleute es vorgemacht; und da
man in Lackschuhen, auf hfischem Parkett doch ein bichen anders walzt
wie in dem weltfremden Fischerdorf -- das sieht der Br von Hohen-Esp
nur allzugut ein. Er verzichtet darum darauf, zu engagieren, obwohl
einer der Adjutanten sich mit ihm durch die Menge drngt und den Versuch
macht, ihn den Damen vorzustellen.

Lauter fremde Gesichter, -- wie rosige Nebel wallt es vor den Augen des
Grafen, er verneigt sich stumm und vermag kaum, die einzelnen jungen
Mdchen mit dem Blick zu umfassen, geschweige all die Namen zu merken,
welche, kaum verstanden, vor seinen Ohren schwirren.

Wozu auch? -- Er sucht nur ein einziges Antlitz, er lauscht nur auf
einen einzigen Namen, und just darauf vergeblich.

Noch sind sie nicht weit gekommen, als ein lautes, hartes Klopfen auf
dem Parkett ertnt, die lachenden, schwatzenden Stimmen wie mit
Zauberschlag verstummen und die Damen hastig nach der einen Seite des
Saales, die Herren nach der andern zurckweichen.

Adjutanten und Kammerherrn schreiten geschftig die Fronten auf und
ab, herber und hinber werden noch ein paar Scherzworte und Gre
getauscht, dann klopft es abermals, die vergoldeten Flgeltren schlagen
auf, und unter Vortritt der obersten Hofchargen betreten die hohen
Gastgeber, von den Privatgemchern kommend, den Saal. --

Tiefe, feierliche Verbeugungen rechts und links.

Die Herrschaften gren voll gewinnendster Leutseligkeit, lcheln und
schreiten langsam durch die spalierbildende Jugend.

Bleibt die herzogliche Familie nicht anwesend? fragt Guntram Krafft
den jungen Leutnant, an dessen Seite er zufllig steht, ein wenig
betroffen, als der Hof in der gegenberliegenden Tr verschwindet, und
der Angeredete klappt mit etwas wunderlichem Ausdruck in dem bartlosen
Gesicht die Hacken zusammen.

Herrschaften treten frerst in den Thronsaal, um die lteren Damen und
Herren zu begren! Findet in der Regel kleiner Cercle statt, aber dann
geht es sofort los! -- Werden uns gleich hier durch die Galerie in den
Tanzsaal begeben. -- Haben der Herr Graf schon alle Tnze besetzt?

Nein! Noch nicht einen einzigen.

Ah ... fatal ... sind ein wenig spt gekommen, ist aber kein Mangel an
Tnzerinnen! Im groen Saal lt sich das erst richtig bersehen.

Ich mchte heut nicht tanzen, sondern das Fest nur als Schauspiel auf
mich wirken lassen!

Sehr wohl! Ist auch kaum ein Vergngen, auf einem wie ein
Prsentierteller groen Raum zu tanzen! Furchtbare Flle heut! Man
findet sich kaum durch! Aber immerhin engagiert man, um ein wenig mit
den Damen zu plaudern. Superbe Erscheinungen heute ... alle Stars sind
vollzhlig vertreten.

Wer gilt fr die schnste der Damen?

Der junge Offizier lacht: =Mon Dieu=, Verehrtester, das ist schwer zu
sagen! Der Geschmack ist unberechenbar! Da ist die Hofdame der
verwitweten Prinze Amalie, -- Grfin Dollen, eine vielgerhmte
Schnheit, aber khl ... khl bis ans Herz hinan ... dann Frulein von
Lochau, pikant ... amsant ... kaprizis.., Baronesse Sprendlingen,
bezaubernd hbsch, aber rasend verwhnt und anspruchsvoll ... Frulein
Karola von Erlau-Fhrbach, Tochter des Ministers ... ein
Tanagra-Figrchen voll grten Charmes ... aber pardon ... wir wollen
uns in den Tanzsaal begeben, damit die hchsten Herrschaften allzugleich
das Zeichen zum Beginn des Tanzes geben knnen ... Sie gestatten, Herr
Graf ... und der Sprecher verneigt sich ein paarmal hastig nacheinander
und schiet davon, um einer zierlichen kleinen Blondine den Arm zu
bieten und sich dem Zug nach dem Westen anzuschlieen.

Da hastet es abermals lachend und scherzend an ihm vorber, und Guntram
Krafft steht -- um eines Hauptes lnger denn alles brige Volk -- ruhig
beiseite und berfliegt mit suchendem Blick die bunte Menge.

Frulein von Sprendlingen, -- bezaubernd hbsch, aber rasend verwhnt
und anspruchsvoll! klingt es noch wie ein Echo vor seinen Ohren, und
dann denkt er wie in jubelnder Freude daran, da er nicht zu tanzen
braucht, sondern auch eine Dame zum Plaudern engagieren kann.

Und wie er mechanisch ber die Menge hinblickt, -- da zuckt er pltzlich
empor und ahnt es nicht, da ihm alles Blut in die Wangen steigt.

Dort taucht endlich, endlich Gabrieles Kpfchen auf. Sie scheint es
nicht eilig zu haben, den Tanzsaal zu erreichen.

Sie hat einen groen, zartduftigen Marabu-Fcher entfaltet und bewegt
ihn mechanisch vor dem Busen auf und nieder.

Die Spitzen des Ausschnitts wogen leise, wie ganz zarter, maigrner
Hauch, durch welchen sich ein Silbergekrusel zieht, und die
wunderschnen Arme gleien im Licht und sind ihm so bekannt ... ja, wo
sah er sie schon?

Im Traum! Es sind die Arme jener Meerfrau, welche ihm die Perlenschnur
entgegenreichten. Perlen!

Nein, diesmal trumt er nicht!

An ihrem schlanken Hals schimmern sie in mattem Glanz, eine Kette mit
einem Brillantschlo ... und sie neigt den Nacken grazis zurck und
lchelt zu einem Dragoneroffizier empor, welcher ihr gar schne Worte zu
sagen scheint.

Langsam, ganz langsam schreiten sie heran, als die letzten im Saal, und
Guntram Krafft begreift es in dem Augenblick selber nicht, woher er den
Mut nimmt, aber er steht in dem nchsten Augenblick vor den beiden,
verneigte sich etwas linkisch und stammelt seinen Namen.

Darf ich um einen Tanz bitten, mein gndiges Frulein?

Sie schaut ihn mit den groen hellen Augen einen Moment sprachlos an,
das Lcheln schwindet, ihre Lippen zucken ein Gemisch von Stolz und
schroffer Abweisung.

Bedaure, meine Tnze sind vergeben! sagt sie kurz, klappt den Fcher
zu und legt ihre Hand auf den Arm des Offiziers, um hastig
weiterzuschreiten. Herr von Heidler hat seinen Namen ebenfalls mit
kurzer Verneigung genannt und den Br von Hohen-Esp mit etwas ironischem
Blick gemustert, dann flstert er seiner Tnzerin ein paar Worte zu, und
beide entschwinden in die Galerie.

       *       *       *       *       *




XI.


Einen Augenblick stand Guntram Krafft regungslos und starrte der
entzckenden Erscheinung des jungen Mdchens nach.

Alles Blut, welches ihm zuvor nach dem Herzen gestrmt war, scho ihm in
die Wangen, und ein Gefhl tiefster Mutlosigkeit berkam ihn.

Er war viel zu harmlos und weltfremd, um in dem Benehmen der beiden eine
Zurcksetzung oder Unhflichkeit zu sehen; es erfllte ihn nur mit
tiefer Betrbnis, da er zu spt gekommen war, und sein erster Gedanke
war der, da Gabriele wohl erwartet hatte, er werde frher den Weg zu
ihr finden, um sie zu engagieren.

Fraglos war sie ber sein langes Zgern ungehalten, denn zuvor hatte sie
ihn doch nicht mit diesen stolz und khl schimmernden Augen angesehen!

Sie lchelte ihm so wonnig zu, als er sie aus dem Schnee emporhob, und
als sie zuerst in das Theater trat und seiner ansichtig wurde, da
spiegelte es sich in ihrem Gesicht, da sie ihn wiedererkannte, und
abermals flog das se, bezaubernde Lcheln um ihre Lippen. Nun zrnt
sie ihm!

Wie soll er sich ihr wieder nhern, um sie zu vershnen?

Er ist so fremd hier, unter all den vielen Menschen doch so allein.

Und sehr freundlich ist niemand zu ihm, keiner scheint Zeit und Lust zu
haben, mit ihm zu plaudern.

Dieses Empfinden macht ihn noch befangener wie zuvor, und er, der noch
nie ein Gefhl der Furcht gekannt, der sich todesmutig auf die brllende
See hinauswagte, voll khnen Trotzes dem Tode sein Opfer abzuringen, er
wagte es kaum noch, die Schwelle des Tanzsaals zu berschreiten, er
steht zaudernd und verzagt beiseite und fhlt es pltzlich, wie heies,
ungestmes Heimweh sein Herz erfat.

Jubelnde Tanzweisen erbrausen durch die weitgeffneten Saaltren, -- er
hrt nur noch den Klang von Gabrieles herben Worten, -- eine bunte,
glitzernde, farbenprchtige Menschenflut wogt vor ihm und lockt mit
tausend Wundern, -- er aber sieht nur noch zwei kalte, helle,
kristallfarbene Mdchenaugen, welche ihn ansehen, da er bis in das
tiefste Herz hinein friert. --

Wie einsam, wie verlassen ist er auch hier! -- Wie empfindet er es noch
so viel schmerzlicher, als daheim in seiner Mutter Haus!

Da klingen leise, schnelle Schritte neben ihm, und eine milde,
freundliche Stimme spricht ihn an. --

Dachte ich es mir doch, Graf, da Sie nach der ersten Niete, welche Sie
gezogen, kaum noch Lust verspren, in das volle Menschenleben
hineinzugreifen! -- Schade, da ich Sie vorhin erst im Vorbergehen
entdeckte und erst pflichtschuldigst meine Tour abtanzen mute, ehe ich
Sie holen konnte! Ich htte Ihnen gern Gabrieles Abweisung erspart!

Guntram Krafft hatte berrascht den Kopf gewandt.

Er blickte in die sehr sanften, liebenswrdigen Augen der Komtesse
Sevarille.

Wie ein Aufatmen nach banger Spannung ging es durch seine Seele.

O, Komtesse ... Sie gedenken meiner ... Sie nehmen meiner so freundlich
wahr?! stotterte er mit aufleuchtendem Blick und kmpfte gewaltsam
seine Verlegenheit nieder.

Selbstverstndlich, Graf! >Wenn der Berg nicht zu mir kommt, gehe ich
zum Berg!< sagt Mohammed, und nach diesem praktischen Beispiel mchte
auch ich handeln. -- Ich kann mich so lebhaft in Ihre Situation hinein
versetzen! Sie sind fremd hier, alles mutet Sie ungewohnt an, und
niemand von diesen hastigen, vielbeschftigten Menschen hat Zeit, Sie
ein wenig in die Sitten und Gebruche der groen Welt einzufhren!

Nur Sie allein, Komtesse, wollen diese groe Freundlichkeit haben?

Wenn Sie sich meiner Frsorge anvertrauen wollen, Graf? lchelt sie
herzgewinnend zu ihm auf: Es sollte mich aufrichtig freuen, wenn ich
recht viel zu Ihrem Amsement beitragen knnte!

Ich danke Ihnen von Herzen! Er sagt es sehr warm und herzlich und
blickt ihr so ehrlich in die Augen wie ein Kind: Wie schade, da ich
diesen freundlichen Schutzengel nicht frher fand! Sie htten mich gewi
beizeiten zu Frulein von Sprendlingen gefhrt, damit ich noch einen
Tanz und nicht einen Korb von ihr erhalten htte!

Thea lchelt und zuckt die nicht allzu runden Schultern.

Auf jeden Fall htte ich Ihre Bitte um den Tanz zu gelegenerer Zeit
angebracht wie Sie!

Gelegenere Zeit?

Sahen Sie nicht, wie sehr vertieft Gabriele und Herr von Heidler in
ihre Unterhaltung waren?

Der Br von Hohen-Esp wurde abermals rot, als wre er auf einer Snde
ertappt.

Nein ... das sah ich nicht! --

Herr von Heidler macht ihr sehr die Cour! Wer wei, was er ihr gerade
sagen wollte, als Sie so strend dazwischentraten!

Der Graf blickte sie starr, wie verstndnislos an. Ah! sagte er nur.

Und weil Sie fraglos einen sehr lyrischen Augenblick abkrzten, sah
Gabriele Sie nicht sonderlich freundlich an!

Sie liebt ihn?

Ich glaube es wohl, -- die ganze Stadt wenigstens erzhlt es sich als
Tatsache!

Wie gro und geisterhaft seine Augen sie anstarrten!

Sie sind schon verlobt, die beiden?

Das wei man nicht genau, aber man vermutet es! -- Nun aber kommen Sie,
lieber Graf! es gibt noch so viele reizende Damen im Saal, welche alle
sehr gern mit Ihnen tanzen mchten! Sehen Sie hier, meine Tanzkarte! Ihr
Name fehlt auch noch darauf, und den Kotillon habe ich speziell fr Sie
aufgehoben!

Ich kenne diesen Tanz nicht, Komtesse ... auer Polka und Walzer lernte
ich keine Reigen.

Gut! So setzen wir uns whrend dieser Zeit und sehen zu! Ich erklre
Ihnen die einzelnen Touren, und das nchste Mal wirbeln sie flott mit
mir herum!

Das wre sehr gtig, Komtesse! er spricht wie einer, dem die Kehle
zugeschnrt ist.

Kommen Sie mit! Fhren Sie mich in den Saal zurck! Wir haben eine sehr
lustige, kleine Ecke gebildet, und wenn ich Sie all den jungen Damen und
Herren bekannt mache, werden Sie sich vortrefflich amsieren!

Sie legt ihre Hand auf seinen Arm und blickt zu ihm auf.

So gtig und freundlich wie sie sah ihn noch niemand hier in der
Residenz an.

Das fllt wie Sonnenschein in sein Herz.

Ich danke Ihnen, Komtesse! sagt er noch einmal; er mchte so gern mehr
sprechen, aber er wei nicht was. Er hat es nicht gelernt, das leichte,
amsante Geplauder, er vermochte auch nicht in diesem Augenblick von
gleichgltigen Dingen zu reden, jetzt, wo sein Herz zum erstenmal im
Leben schmerzt, als sei ihm ein grenzenloses Leid widerfahren.

Aber Grfin Sevarille scheint keine Unterhaltungsknste von ihm zu
verlangen, ihre dunklen Augen lachen frhlich zu ihm auf, und sie
spricht statt seiner, whrend sie nach dem Tanzsaal schreiten.

Wissen Sie, Graf, was ich glaube? Sie finden unsere groe Stadt, unsere
lebhaften Feste, all die modernen Sitten und Gebruche frerst ganz
greulich und sehnen sich heim in den kstlichen Frieden Ihres stillen
Strandschlosses! O wie sehr begreife ich das! Auch fr mich gibt es
kein besseres Glck als eine Landidylle! Warum sehen Sie mich so
erstaunt an? Scheint Ihnen das so unbegreiflich?

Sein Blick haftet noch immer berrascht auf ihrem blassen Gesichtchen.
Er mu sich beinahe herabbeugen, wenn er in ihre Augen schauen will, die
sehr kleine, puppenhafte Gestalt hngt wie ein verwehtes Sommerwlkchen
an seinem Arm.

Ja, das finde ich sehr unbegreiflich, aber es freut mich um so mehr, es
zu hren. Ich glaubte, die Leute der groen Welt htten gar keinen Sinn
und kein Verstndnis mehr fr die kleinen Genien des Friedens, welche
sich aus dem Huserlabyrinth heraus zu uns in die Stille der Wlder
geflchtet haben. -- Lebten Sie lngere Zeit auf dem Lande, Grfin, da
Sie es liebgewannen?

Lngere Zeit? O nein, Gott sei es geklagt! Nur ganz kurz und flchtig
lernte ich seinen Zauber kennen, und darum glht die Sehnsucht desto
heier in meinem Herzen! -- Sie mssen mir viel von Ihrer Heimat, von
Ihrem Leben und Treiben dort, erzhlen, Graf! Nachher setzen wir uns
abseits auf einen Diwan in der Galerie, und dann wollen wir beide mit
allen Gedanken so sehr in Hohen-Esp sein, da Ihr Heimweh bald schwinden
soll! Frerst aber mchte ich Sie recht vielen Damen vorstellen, damit
Sie ...

Er blieb zgernd stehen und blickte in die offene Saaltr ein, vor
welcher Kopf an Kopf die Herren in glnzenden Uniformen standen und mit
mehr oder minder harmlosen Scherzen die Tanzenden kritisierten.

Ein Plaudern in der Galerie drfte also viel lohnender sein wie ein
solches im Saal! sagte er leise, und die Lichter flirrten vor seinem
Blick, und die schmetternden Musikklnge taten ihm weh. Lassen Sie uns
also doch gleich hier bleiben, Komtesse, wenn Sie wirklich diesen Tanz
fr mich opfern wollen!

Opfern? -- sie neigte das Kpfchen mit den leuchtend roten
Granatblten zurck und lchelte: Nicht im mindesten, -- der Tanzsaal
lockt mich ebensowenig wie Sie! Darin bin ich so grundverschieden von
meiner Freundin Gabriele, da sie sich einzig inmitten des amsantesten
Getriebes wohlfhlt, whrend mein Sinn sich seit jeher nach der
beschaulichen Ruhe sehnte. -- Sie setzte sich auf den weien,
golddurchwirkten Brokat des Diwans nieder; die lichtrote Seide ihres
Kleides leuchtete unter den duftigen Tllwogen, und hinter ihr baute
sich eine Kulisse von Kamelien und Fliederbumen auf, welche die
blhenden Zweige ber ihr Kpfchen neigten.

Es war ein hbsches, anmutiges Bild, aber Guntram Krafft sah es nicht.

Es lag noch immer wie graue Schleier vor seinen Augen, und aus allen
Worten seiner Partnerin hrte er nur das eine heraus, da Gabriele sich
einzig bei Spiel und Tanz wohlfhle.

Mechanisch setzte er sich an die Seite der Grfin nieder.

So wrde Frulein von Sprendlingen nie auf dem Lande glcklich sein?

Nein, soviel ich beurteilen kann, nie! Und das ist ja auch gut, denn
aller Wahrscheinlichkeit nach wird sie in eine Grostadt heiraten, da
bleibt ihr ja alles zur Verfgung, woran ihr Herz hngt! -- Nun aber
sagen Sie mir einmal, Graf, wie geht es Ihrer lieben, hochverehrten Frau
Mutter? Ich hrte durch einen Freund meines Vaters so viel von ihr
erzhlen, da ich die seltene, vortreffliche Frau lieben lernte, ohne
sie zu kennen! Sie mu ja in ihrer Jugend bildschn gewesen sein, und so
fabelhaft liebenswrdig ... nicht wahr? Sie sehen ihr sehr hnlich?

Guntram Krafft war viel zu unerfahren, um die versteckte Eloge aus
diesen Worten herauszuhren, er schaute sie nur abermals voll
aufrichtigen Dankes an.

O, wenn Sie sehen wrden, was meine Mutter leistet, Komtesse, welch
eiserne Energie, welch unermdlichen Flei sie besitzt, Sie wrden sie
nicht nur lieben, sondern auch bewundern und verehren! Wenn die Bren
von Hohen-Esp in alter Zeit die Schirmvgte des Landes gewesen sind,
welche ihre starke Hand ber die Schwachen und Notleidenden breiteten,
so hat meine Mutter diese Zeit in ihrer Person wieder aufleben lassen!
Wenn mancher Schiffbrchige ahnte, wessen milde Hand ihn ins Leben
zurckgerufen, der Name der Grfin Gundula wrde bekannter sein, als wie
er es ist!

Was fr ein guter Sohn sind Sie! -- O, es ist ein Genu, wenn man so
von einer Mutter sprechen hrt! Warum wirkt die herrliche Frau so ganz
inkognito? Legt sie denn gar keinen Wert darauf, auch von der Welt
anerkannt zu werden?

Von der Welt? Die ist ihr sehr gleichgltig!

Und wie denken _Sie_ darber?

Genau ebenso!

Sie streben nicht nach ueren Ehren, nach Rang und Wrden?

Seine groen blauen Augen blickten sie verstndnislos an.

Nein! Was sollten die mir ntzen?

Sie schlang die kleinen Hnde staunend ineinander.

O, Sie Kinderherz! Wissen Sie nicht, da der Ehrgeiz die Triebfeder
jedweden modernen Schaffens und Handelns ist? --

Ich wei es wohl, aber ich verstehe es nicht. Mir gengt der Beifall
von zweien vollkommen.

Von welchen zweien?

Von Gott dem Herrn und meiner Mutter!

Ihre Mutter kann Ihnen wohl ein Lob sprechen und Sie dadurch beglcken,
-- der Beifall Gottes drfte aber nur eine Illusion sein, denn er ist
durch nichts zu beweisen!

Wieder traf sie sein klarer, ernster Blick.

Durch nichts im Sinne der Welt, -- und doch ist er so fhlbar. Haben
Sie es nach einer guten Tat noch nie im innersten Herzen bestimmt
gefhlt und gewut, da Gott mit Ihnen zufrieden war? -- Der Beifall
der Menge mag schn sein, aber solch ein Gefhl glckseliger Erhebung
und frommer Zufriedenheit, wie ich es als Gottes Segen empfinde, wenn
ich meine Schuldigkeit und vielleicht noch ein wenig darber ... getan,
das kann aller Lorbeer der Welt nicht geben!

Thea blickte vor sich nieder.

Hatte sie je eine gute Tat getan, hatte sie jemals derartiges empfunden?
--

Sie zupfte ein wenig ungeduldig an den roten Blten ihres Kleides; nur
mit Mhe unterdrckte sie ein ironisches Lcheln, aber sie bewegte
zustimmend den Kopf und sagte beinahe trumerisch: Und ob ich dies
Gefhl kenne! Sie glauben gar nicht, Graf, _wie_ sehr Sie mir aus der
Seele sprechen! Darber mssen wir noch viel eingehender plaudern ...
ah, Herr von Stetten! Holen Sie mich etwa schon zu unserer Franaise?

Der Vortnzer stand vor ihnen und verneigte sich hastig mit sehr
scharmantem Lcheln.

Leider darf ich mich noch nicht so glcklich preisen, Komtesse, whrend
eines ganzen Galopps bin ich noch verurteilt, auf diesen Vorzug zu
warten! Jetzt gilt mein strendes Eingreifen lediglich dem Herrn
Grafen! -- Abermals eine sehr hfliche Verneigung vor Guntram Krafft,
welcher sich erhoben hatte und den Gru erwiderte. Der Kammerherr von
Rheinsberg sucht Sie aller Ecken und Enden, Graf! -- Seine Hoheit der
Herzog haben den Wunsch geuert, Sie zu sprechen! -- Auch drfte es
alsdann gelegene Zeit sein, da Sie den frstlichen Damen prsentiert
werden!

Ich stehe zur Verfgung, wollen Sie die Gte haben, mich dem Herrn
Kammerherrn zuzufhren. Ich bitte um Verzeihung, Komtesse, und stehe
bald wieder zu Diensten.

Wie altmodisch und wohlerzogen das klang! So recht nach Grfin Gundulas
vergilbter Schule; Thea wollte es eigentlich nicht, aber sie wechselte
doch einen schnellen Blick mit Herrn von Stetten, um dessen Lippen ein
recht scharfes Zucken ging.

Dann schritten die beiden Herren eilig davon, und Komtesse Sevarille
erhob sich ein wenig gelangweilt und wandte sich dem Saale zu.

Thea! --

Beinahe erschrocken schaute sich die Gerufene um. Hinter dem Boskett
hervor traten Frau und Frulein von Sprendlingen, sie hatten auf einem
zweiten Wandpolster, welches ganz versteckt hinter der grnen Kulisse
stand, gesessen und waren weder von der Komtesse noch von dem Grafen
Hohen-Esp bemerkt worden.

Gabriele ... gndigste Frau ... um alles in der Welt -- was tun Sie
hier?

Baronin Sprendlingen schritt mit einem merklich khlen Gru und ganz
seltsam scharfem Blick an der jungen Dame vorber, Gabriele aber blieb
stehen und lachte.

Solch indiskrete Lauscher hattest du nicht vermutet? Je nun, wenn man
Pech hat! Als ich ein einziges Mal herumgetanzt hatte, ri mir pltzlich
die Perlenschnur am Hals -- zum Glck konnte ich sie gleich in der Hand
zusammen fassen! Mama stand in meiner Nhe, wir flchteten uns hierher
in dieses lauschige Versteck, nahmen ein paar Perlen heraus, und Mutter
knpfte den Faden so gut es ging zusammen. Ich denke, jetzt wird sie
halten. Du weit, ich liebe einen vllig nackten Hals nicht. --

Und diese Prozedur dauerte so lange?

Thea sah ein wenig verlegen aus und bemhte sich, desto harmloser zu
erscheinen.

Gerade als wir uns erheben wollten, kamst du mit dem Bren und setztest
dich Posten, -- da wollten wir nicht stren.

Das war lachend gesagt und klang doch wie feiner Spott.

Auch Thea lachte. Hast du dich an den Bekenntnissen seiner schnen
Seele recht delektiert? Wie gefiel dir die Ansicht dieses prchtigen
Menschen ber eitle Ruhmsucht? O Gabriele, du glaubst gar nicht,
_wie_ gut er mir gefllt! --

Die Komtesse flsterte es sehr schwrmerisch, und doch hing ihr Blick in
scharfem Forschen an dem reizenden Antlitz der Freundin, einer sehr
abflligen Kritik gewrtig.

Aber Gabriele sah an ihr vorber und sagte nur kurz: Er ist ein Kind!

Ja, ein goldenes Kinderherz!

Was man nicht kennt, entbehrt und verlangt man nicht! Wem nie der
Gedanke kam, da man nicht nur fr sich, sondern in erster Linie fr
andere leben mu, dem gengt ein Seelenfrieden, welchen das Bewutsein,
>nichts Bses begangen zu haben<, verleiht.

Mein Gott, wie sollte jener einsame Mensch auf dem Lande Gelegenheit
finden, sich um ein groes Ganzes, um Frst und Vaterland, verdient zu
machen!

Das ist es eben! Will er ein Parzival sein, so soll er sich von seiner
Brenhaut aufraffen, in die Welt hinausziehen und Taten tun! -- Aber wir
streiten da um Kaisers Bart; ich glaube kaum, da der Graf uns jemals um
unsere Ansicht befragen wird, -- die seiner Mutter gengt ihm!

Das klang wieder recht mokant, aber doch nicht ganz so spttisch mehr
wie frher.

Frulein von Sprendlingen wandte sich ein paar Kavalieren zu, welche
augenscheinlich auf ihr Kommen gewartet hatten und die junge Dame um
eine Extratour bestrmten.

Da Gabriele nur mit einem der Herren tanzen konnte, -- und sie tat es,
wie eine Knigin, welche einem Vasallen eine herablassende Huld erweist,
-- so war auch Grfin Sevarille in diesem Augenblick begehrte Ware und
flog ebenfalls im Arm eines Tnzers auf feurigen Galoppklngen dahin.

-- -- Graf Guntram Krafft war dem Herzog vorgestellt und wurde von dem
hohen Herrn durch eine ganz besonders gndige und lange Unterhaltung
ausgezeichnet, und der Einsiedler von Hohen-Esp, welcher zuvor so
zaghaft und unsicher auf dem Parkett gestanden, trat pltzlich fest und
sicher auf, wie ein Mann, welcher ber schwankendes Moorland geschritten
ist und nun wieder festen Boden unter den Fen fhlt.

Er wuchs unter dem Blick seines Frsten empor zu dem alten, frischen
Selbstbewutsein, welches ihm die heimatliche Scholle gab, er redete
frank und frei, in seiner schlichten, treuherzigen Weise, welche klug,
verstndig und liebenswrdig klang, -- wenig von sich selber und seinem
Tun und Handeln, aber dafr desto mehr von seiner Mutter. -- Die
begeisterte Verehrung fr die Grfin leuchtete ihm aus den Augen, und
durch die Seele des Frsten zog wie stille Wehmut der Gedanke: Um
wieviel reines und schnes Glck hat sich sein Vater selbst betrogen!

-- Das Wohlgefallen des hohen Herrn an dem jungen Grafen war ein ganz
ersichtliches, er fhrte ihn persnlich der Herzogin und Prinzessin
Amalie zu, und auch diese bezeigten ihm ein sehr freundliches Interesse.

Die jungen Herzoginnen und Prinzen des Hauses wechselten ebenfalls ein
paar liebenswrdige Worte mit ihm, wenngleich aus ihren Augen ein etwas
neugieriges Forschen blitzte, welches mehr dem vielbesprochenen
Sonderling als der Person des Grafen galt.

Den Damen gegenber stellte sich sogleich wieder eine gewisse
Befangenheit bei ihm ein, und in seiner Feinfhligkeit empfand er es
selber sehr peinlich, wie wenig gewandt er im Verkehr mit denselben war.

Gabriele hatte whrend des Tanzes zufllig in der Nhe des Herzogs
gestanden, als hochderselbe den Bren von Hohen-Esp durch seine
Ansprache auszeichnete.

Ihr Blick streifte die Sprechenden und schrfte sich pltzlich, als er
das Antlitz Guntram Kraffts traf.

Die Vernderung in seinem Aussehen fiel ihr auf, -- sie war sehr
vorteilhaft.

Sehen Sie doch, mein gndiges Frulein -- lachte auch ihr Tnzer, vor
Serenissimus wandelt sich der tolpatschige Br zum Lwen! Er sieht
wirklich ausgezeichnet aus, der Hohen-Esper, und wenn man ihn scherzend
den modernen Parzival nennt, so hat man nicht so unrecht, denn Frau
Herzeleides Sohn zeichnete sich ja auch durch besondere Schnheit aus!

Durch die Schnheit eines ritterlichen Kmpen. --

Denken Sie sich jenen Mann in die Rstung eines Gralsritters, und er
wrde schn sein wie ein Gott! --

Er >wrde< -- freilich! -- aber er wird es nie werden! --

Leider, jene Zeiten sind vorber! --

Sie leben noch in jedem Manne fort, welcher Sbel oder Degen fhrt,
welcher khn bereit ist, in den Kampf fr Frst und Vaterland zu
ziehen!

Der junge Assessor verneigte sich geschmeichelt.

Sehr verbunden, mein gndiges Frulein, diese Anerkennung tut einem
Soldatenherzen wohl! Ich bin zwar nur Reserveoffizier, aber zhle mich
dennoch zum Ganzen!

Mit Fug und Recht! Sie dienen dem Vaterlande mit Feder und Schwert
zugleich!

Der Br von Hohen-Esp tut es mit dem Pfluge! Sie sah ihn gro und
erstaunt an. Indem er sich selber zum reichen Mann macht?

Auch dadurch. -- Wenn sich ein Landwirt bemht, seine Gter auf eine
stets hhere Kulturstufe zu bringen, sie stets ertragsfhiger und besser
zu machen, so dient er damit indirekt auch seinem Vaterlande. Auerdem
ist anzunehmen, da ein Mann, dessen persnliche Lage sich stndig hebt,
darauf bedacht ist, fr seine Arbeiter und deren Wohlergehen, fr seine
Bediensteten und deren gnstige finanzielle Lage zu sorgen. Er arbeitet
dadurch am besten an der Lsung der groen sozialen Lage mit und schafft
in seinem Kreise vielleicht mehr Gutes, als manch ein Held der Feder und
des Sbels Zeit seines Lebens! -- Ganz abgesehen von dem erziehlichen
und frdernden Einflu, den gerade der Gutsbesitzer in seinem kleinen
Reiche ausben kann!

Das mag alles sehr logisch sein, zuckte die junge Dame etwas
ungeduldig die Achseln, aber es bezieht sich leider nur auf die Grfin
und nicht auf ihren Sohn! Auerdem sind wir Frauen zu kurzsichtig, um
solch ein Wirken in der Stille gengend anzuerkennen. Fr die Mutter
gengt es mir, fr den Sohn nicht!

Und warum nicht fr diesen?

Weil ich bei einem Manne _Taten_ sehen will! Es steckt in jedem
Mdchenkopf ein gutes Stck Romantik, welches den Wert eines Mannes nur
nach der Qualitt von Mut und persnlicher Khnheit bemit, welche er
zeigt. Die idealste Tat imponiert mir gar nicht, wenn der Betreffende,
welcher sie ausbt, sich nicht dabei exponiert und sein Leben aufs Spiel
setzt! -- Wenn heute ein reicher Mann Hunderttausende hingibt fr den
Bau eines Krankenhauses, so finde ich das sehr edel, sehr lobenswert und
schn, aber mein Herz wird fr den hochherzigen Spender nicht um einen
Hauch schneller schlagen wie vorher! Wenn aber ein Soldat mit khnem
Hurra im Kugelregen vorwrts strmt, um fr seinen Kaiser einen Sieg zu
erkmpfen ... wenn ein Mensch sich mutig in ein brennendes Haus wagt, um
ein Kind zu retten ... wenn er sich daherrasenden Rossen entgegenwirft,
einen Greis zu schtzen ... ja, das ist Heldenmut, welcher mich stets zu
heiem Entzcken, zu flammender Bewunderung begeistern wird! --

Ich verstehe Sie und Ihre Ideale vollkommen, mein gndiges Frulein,
und freue mich dessen, wenngleich Sie bei all Ihrer edlen
Leidenschaftlichkeit doch etwas engherzig urteilen. Jeder leistet gewi
so viel, wie in seinen Krften steht, aber jeder mu sich auch den
Verhltnissen anpassen, in welche ihn Gottes Vorsehung gestellt hat. --
Wenn die Vlker nicht aufeinander schlagen, wird es schwer sein, sich
blutige Lorbeeren auf dem Schlachtfeld zu pflcken, und wenn kein Haus
brennt, hlt es schwer, Gefhrdete zu retten! -- In unsern, gottlob so
stillen Zeiten lassen sich Taten, welche man mit den Augen sieht, am
wenigsten vollbringen; aber warten Sie nur, -- wenn sich die Gelegenheit
bietet, wird auch Graf Hohen-Esp seinen Mann stehen!

Ein sarkastisches Lcheln zuckte um Gabrieles Mund, mit unglubigem
Blick streifte sie die Reckengestalt des Genannten, welcher soeben vor
den jungen Prinzessinnen stand und so befangen in sich zusammensank, als
fehle Mark und Kraft in seinen Knochen, -- dann wandte sie mit
aufleuchtenden Augen das Kpfchen und sah Herrn von Heidler entgegen,
welcher sich hastig zu ihr Bahn brach und um eine Extratour bat.

Die breite Narbe auf seiner Stirn hob sich dunkelrot von dem erhitzten
Gesicht ab, die Narbe, welche stets von dem schweren Sturz erzhlen
wird, welchen der schneidige Kavallerist sich bei tollkhnem Ritt
geholt! -- Gabrieles Herz schlgt hoch auf, sie legt die bebende Hand
auf seinen Arm und blickt sekundenlang in das scharfgeschnittene,
trainierte Gesicht mit den unruhig flackernden Augen empor. --

Hart, eisern -- fest ist es -- wie aus Bronze gegossen; der Griff, mit
welchem er ihre schlanke Gestalt beinahe an sich reit, hat nichts so
Zartes, Rcksichtsvolles, wie die Hnde des Bren von Hohen-Esp, als er
sie, behutsam, wie ein zartes Vgelchen, aus dem Schnee hob.

Gabriele liebt solche Weichlichkeit nicht. Ihr Blick brennt auf dem
roten Streifen, welcher seine Stirn zeichnet, und durch ihren Sinn zieht
es wie jubelnde Weise: Wie lieb' ich dich erst um die Narb' auf der
Stirn -- und das eiserne Kreuz auf der Brust! --

       *       *       *       *       *




XII.


Frau von Sprendlingen stand in etwas langweiligem Gesprch mit einer
alten Exzellenz nahe der Empore, auf welcher die hchsten Herrschaften
Platz genommen, dem Tanze zuschauten oder Cercle hielten.

Sie hatte beobachtet, wie huldvoll der Herzog mit Graf Guntram Krafft
gesprochen, wie auch die frstlichen Damen ihn auszeichneten, und wie
der Erbe von Hohen-Esp sich bei dem neu beginnenden Tanz mit tiefer
Verneigung zurckzog, um einen Augenblick an der bltenduftigen
Wanddekoration stehen zu bleiben, um auf das farbenglnzende Bild im
Saal herabzuschauen.

Baronin Sprendlingen verabschiedete sich mit ein paar liebenswrdigen
Worten und schritt -- anscheinend nur in den Anblick der hohen
Herrschaften vertieft, langsam an dem Wanddiwan entlang.

Ein feines, nervses Zucken spielte um ihre Augen, ein Zeichen, da sie
gergert oder nervs war, und wenn ihr Blick zufllig Komtesse Thea
streifte, so bekam er beinahe etwas Feindseliges.

Frau von Sprendlingen besa viel Scharfblick und Menschenkenntnis, und
das Gesprch zwischen Thea und dem Grafen, welches sie unfreiwillig
belauscht, hatte ihr die berzeugung gegeben, da die Komtesse bemht
war, auf sehr feine und geschickte Art gegen Gabriele zu intrigieren.

Die Komtesse war bereits zu der berzeugung gekommen, da sie, als sehr
wenig bemittelte junge Dame, kaum Chancen hatte, zu heiraten, geschweige
eine glnzende Partie zu tun.

Der Hohen-Esper aber war eine solche, und die junge Dame schien klug
genug, das Eisen allsogleich zu schmieden, solange es noch hei und der
Graf unbekannt in der Gesellschaft war.

Wenn man momentan auch noch ein wenig witzelte ber den Einsiedler von
Hohen-Esp und ihn mehr neugierig wie begehrlich betrachtete, so wute
Frau von Sprendlingen doch, da er sich gar bald hier eingelebt und der
Gegenstand brennenden Interesses fr Mtter und Tchter sein werde.

Schon jetzt hrte man berwiegend mehr Anerkennendes aus dem Mund der
Damen wie Spttisches, und die Schnheit des jungen Mannes schien der
Punkt zu sein, an welchem eine allgemeine Begeisterung fr den reichen
Grundbesitzer einzusetzen beabsichtigte.

Ganz wie von ungefhr nherte sich die Baronin dem Sohne Gundulas und
bemerkte es voll uerster Genugtuung, wie sein Blick, ein wenig
verdstert, aber sehr beharrlich ihrer Tochter folgte.

Sie nestelte die langstielige, sehr elegante Lorgnette an der goldenen
Kette von dem Fcher los und hob sie an die Augen, und als der Graf
mechanisch auf die elegante, noch immer sehr schne und jugendliche Frau
herniedersah, schien sie ihn just in diesem Moment erst zu bemerken und
zu erkennen.

Sie wandte sich ihm sichtlich berrascht und erfreut zu und bot ihm die
kleine Hand, ber welcher die kostbaren Armspangen funkelten, entgegen.

Sieh da, Graf Hohen-Esp! welch eine Freude, Sie hier bei Spiel und Tanz
begren zu knnen! Hoffentlich sind Sie schon bei der Jugend bekannt
geworden und amsieren sich vortrefflich? --

Einen Augenblick schien der Genannte nicht recht zu wissen, wen er vor
sich hatte.

Er verbeugte sich in seiner etwas linkischen und befangenen Weise und
stammelte eine Antwort, von welcher Frau von Sprendlingen wenig
verstand.

Hoffentlich hat Ihnen meine Tochter Gabriele einen Tanz aufgehoben?
fuhr die schne Frau mit anmutigem Lcheln fort. Es ist heute einer
jener seltenen Tage, an welchen die Herren in der groen berzahl sind
und die Tanzkarten infolgedessen bald ausverkauft sind! --

Die Sprecherin beobachtete das Antlitz des jungen Mannes und war sehr
befriedigt, als sie das jhe Aufleuchten seiner Augen sah, das
pltzliche, lebhafte Interesse bemerkte, sobald sie den Namen Gabrieles
nannte.

Oh, Frau von Sprendlingen! rief Guntram Krafft mit jher Rte in den
Wangen, in seiner so ehrlich-naiven Art: Jetzt erst erkenne ich Sie,
gndigste Frau! Die Damen sehen in den Balltoiletten alle so mrchenhaft
verndert aus, da man sich selbst mit dem besten Gedchtnis in dieser
neuen Welt schlecht zurechtfindet!

Wie begreiflich ist das! -- So fanden Sie auch meine Tochter noch nicht
unter den vielen unbekannten Tnzerinnen heraus?

Frulein von Sprendlingen? Selbst mit blinden Augen wrde ich sie
erkennen!

Das klang aus tiefstem Herzen heraus, und die Generalin lchelte
abermals.

Wie liebenswrdig Sie das sagen! -- Ich hoffe, da Sie zum mindesten
den Kotillon mit ihr tanzen?

Ein Schatten flog ber das strahlende Gesicht des jungen Bren.

Ich kam zu spt, gndigste Frau! sagte er leiste.

Oh! in der Tat? Darber mssen Sie mich genau unterrichten! Sind Sie
fr diesen Tanz verpflichtet oder haben Sie Zeit, mir ein wenig
Gesellschaft zu leisten? Hier unter dem Rundbogen der Nische sitzt es
sich sehr nett, setzen wir uns zum Plaudern nieder.

Sehr gndig -- ich bin beraus dankbar! stammelte Guntram Krafft, und
abermals leuchtete ihm die Freude aus den Augen. Die schlanke, elegante
Frau mit dem zarten, blassen Gesichtchen und dem so sehr gewinnenden
Ausdruck in den schnen Zgen htte nicht Gabrieles Mutter zu sein
brauchen, um es ihm anzutun, er hatte schon bei seinem ersten Besuch
lebhafte Sympathie fr sie empfunden, und dieses Gefhl steigerte sich
in diesem Augenblick zu herzlichster Begeisterung. Empfand er doch
heute, inmitten all der fremden, so wenig entgegenkommenden Menschen,
jedes freundliche Wort doppelt dankbar.

Nun war es Grfin Thea nicht mehr allein, welche ihm wie ein rettender
Engel in seiner Verlassenheit erschien, Gabrieles Mutter lie sein Herz
noch schneller und erregter in diesem Augenblick schlagen, und er
empfand es schon als groes Glck, mit ihr von der Wunderlieblichen zu
plaudern, welche es seinem Herzen wie durch Spuk und Zauber angetan. --
-- -- Er setzte sich neben Frau von Sprendlingen auf den Diwan nieder,
und die weichen, glnzenden Falten ihrer fraisefarbenen Atlasschleppe
legten sich wie ein Traumgefilde um seine Fe.

Also Sie kamen zu spt zu Gabriele? fragte die Baronin abermals mit
ihrer weichen, angenehmen Stimme und entfaltete den duftigen
Marabufcher vor der Brust. -- Wie kam das? Wir waren heute sehr
przise zur Stelle!

Dessen kann ich mich kaum rhmen, gndigste Frau! Ich habe das fremde
Terrain Schritt um Schritt erobert und bedurfte der Zeit, um mich in
diesem Zauberreich zurechtzufinden. Sie ahnen nicht, wie vllig neu es
mir ist, wie ich gleich einem Kind erst das Gehen auf dem hfischen
Parkett lernen mu!

Davon merke ich nichts -- oder besser gesagt, Sie lernen zum Erstaunen
schnell! Gleichwohl begreife ich, da Sie heute nicht Herr der Zeit
gewesen! So fanden Sie Gabriele erst jetzt whrend des Tanzes!

Er senkte das Haupt tiefer und blickte auf die schimmernden Atlasfalten,
auf das wirre, feine Spitzengeriesel, welches sie umsumte, nieder.

Doch nicht, gndigste Frau ... ich konnte mich Ihrer Frulein Tochter
noch in der Galerie bekannt machen ... aber ... ich kam zu einer sehr
ungelegenen Zeit ...

Die letzten Worte klangen so leise, da Frau von Sprendlingen sie kaum
verstand. Sie hob jh den Kopf.

Ungelegenen Zeit? Was verstehen Sie darunter, lieber Graf?

Da schauten sie seine groen, ehrlichen, blauen Kinderaugen unendlich
traurig an.

Ihr Frulein Tochter stand im Begriff, sich zu verloben, sagte er
treuherzig.

Die Generalin machte eine beinahe entsetzte Bewegung. Gabriele sich
verloben? -- Herr des Himmels, mit wem denn?

Mit jenem schlanken, dunkelhaarigen Dragoner, welcher eine breite Narbe
auf der Stirn trgt; der Name ist mir wieder entfallen, gndigste Frau!

Mit Heidler? Frau von Sprendlingen klappte bewegt den Fcher zu: O
welch eine lcherliche, absurde Idee! -- Wer hat Ihnen solch einen
Unsinn vorgeredet, Graf?

Schier atemlos starrt der Br von Hohen-Esp die schne Frau an seiner
Seite an. _Wieder_ stieg es hei und rot in seinem Antlitz auf.

Es ist nicht wahr? -- Es ist ein Irrtum? klang es wie leiser Jubel von
seinen Lippen --: O, das wre ja ... und er unterbrach sich pltzlich
voll tdlicher Verlegenheit und starrte abermals auf die duftige
Atlasschleppe nieder. --

Solches Mrchen hat Ihnen gewi Grfin Thea Sevarille vorerzhlt!
lachte die Generalin, und doch flimmerte es in ihrem Blick wie geheimer
Triumph, das Spiel der kleinen Intrigantin richtig durchschaut zu haben
--: Die jungen Mdchen wittern ja sofort eine Verlobung, wenn ein Herr
etwas den Hof macht, und bedenken in ihrem mitteilsamen Eifer gar nicht,
da zum Verloben doch immer zweie gehren!

Herr von Heidler liebt Frulein Gabriele wohl sehr? fragte Guntram
Krafft wieder in seiner beinahe kindlichen Aufrichtigkeit, und abermals
klang es wie geheime Sorge durch seine Stimme.

Je nun -- er schwrmt meine Tochter an und zeigt das sehr aufrichtig!
lchelte Frau von Sprendlingen ein wenig ironisch --: aber das tun
doch sehr viele der jungen Herren, denn Gabriele ist allgemein beliebt
und recht gefeiert! Aber an Verloben denkt sie durchaus nicht -- und
wenn sie zu Herrn von Heidler vielleicht etwas liebenswrdiger ist wie
zu andern Herren, so kommt das einfach daher, weil sie ihn schon seit
einer langen Reihe von Jahren kennt!

Guntram Kraffts Blick hing in atemlosem Lauschen an den Lippen der
Sprecherin.

Es war, als ob er aus jedem ihrer Worte neue Zuversicht und frischen
Lebensmut schpfte; seine Augen strahlten wie verklrt, und er bemhte
sich auch gar nicht, seine Freude zu verbergen.

So liebt er sie ... aber sie nicht ihn? fragte er leise und sah die
Baronin an, als habe er auch nicht das kleinste Geheimnis mehr vor ihr.

Frau von Sprendlingen lachte abermals.

Es ist meine feste berzeugung, und ich hoffe, da ich mich nicht irre!
Die Welt, und namentlich die lieben Freundinnen meiner Tochter, sagen
Gabriele -- ebenso wie jedes andere vielumschwrmte Mdchen -- gern
verlobt, in der Hoffnung, sie dadurch unschdlich zu machen; daran mu
man sich hier in der Residenz gewhnen, bester Graf, und durchaus nicht
alles glauben, was die Leute sagen! Nun aber erzhlen Sie mir weiter!
Gabriele hatte keinen Tanz mehr frei?

Keinen, gndigste Frau.

Aber Sie holten sich schon eine Extratour bei ihr?

Da blickte er sie wieder recht treuherzig und verlegen an.

Das wage ich nicht. Ich wollte berhaupt nicht mit Ihrer Frulein
Tochter tanzen, sondern nur plaudern.

Ah! Sie berraschen mich!

Ich kann nicht tanzen, Frau Baronin! Ich lernte es nie in der Art, wie
man hier tanzt.

Sehr begreiflich! In der Einsamkeit Ihrer schnen Strandburg ist dazu
wohl kaum Gelegenheit! -- Aber in einer Pause knnten Sie das Versumte
doch nachholen?

Ich habe nicht den Mut dazu. Ich bin unbeholfen und wei nicht, was ich
mit jungen Damen reden soll. Meine einseitigen Interessen sind wohl
nicht die ihren, und die groe Welt ist mir fremd.

Sie waren so sehr liebenswrdig, meiner Tochter als Retter zu Hilfe zu
kommen, als sie jngst ein kleines Unglck mit dem Schlitten hatte?

Seine Augen leuchteten wieder auf, er bejahte sehr lebhaft und freute
sich des Zufalls, welcher ihn just in jenem Augenblick des Wegs daher
gefhrt.

Ei, so fragen Sie doch meine Tochter, wie ihr jene unfreiwillige
Bekanntschaft mit dem Schnee bekommen ist! scherzte die Generalin.
Wenn der Anfang zu einer Unterhaltung gefunden ist, haben Sie das
Schwerste berstanden!

Frulein von Sprendlingen ist stets sehr umlagert ... und ... sie
mchte es wieder ungndig aufnehmen, wenn ich stre!

Haben Sie bereits zu Tisch engagiert?

Nein, gndigste Frau, daran dachte ich noch nicht. Mu man das?

Man mu nichts, was man nicht will! Aber ich mchte Ihnen einen guten
Rat geben. Wie ich hre, ist die Jugend auch heute nicht plaziert, und
Gabriele sagte mir, da Herr von Heidler in der Bildergalerie an Tafel
III Pltze belegt habe. -- Nun kommen Sie einmal mit -- ich fhre Sie
bis zu der Galerietr, -- dann suchen Sie sich den Tisch Nr. 3 auf und
belegen sich daselbst einen Platz mit Ihrer Visitenkarte! --

O, vortrefflich! In der Nhe Ihres Frulein Tochter?

Wenn Sie das wnschen!

ber alles wnsche ich es mir!

Der junge Br von Hohen-Esp war wie ausgewechselt, er lachte und sprach
lebhafter wie je zuvor.

Gut! Reichen Sie mir Ihren Arm, Graf, wir wollen diese Quadrille
benutzen, um uns den Weg zu bahnen!

Er sah ihr noch einmal mit leuchtendem Blick in die Augen.

Ich danke Ihnen! sagte er wie aus tiefstem Herzen heraus.

Frau von Sprendlingen lchelte: Glauben Sie in Zukunft nichts, was die
Leute faseln! Sie sehen, wie falsch man Sie unterrichtet hatte! --

Sie schritten an dem Diwan entlang, den groen, goldenen Saaltren zu,
und Frau von Sprendlingen hatte das Empfinden, als sei der Mann mit der
hohen Reckengestalt an ihrer Seite ein Baby, welches sie mit einem
einzigen Wort, einem einzigen Druck ihrer zierlichen Hand lenkt und
dirigiert, wohin es ihr beliebt.

Ihr Blick flog hinber zu Grfin Thea, welche, sichtlich zerstreut, ihre
Quadrille tanzte, -- sie sah weder den Graf von Hohen-Esp noch seine
Begleiterin -- und ein feines Lcheln des Triumphes zuckte um ihre
Lippen.

       *       *       *       *       *

Guntram Krafft stand vor dem Tisch Nr. 3 und bersah die Visitenkarten,
welche auf den Glsern lagen.

Ein jeder Platz war besetzt.

Unschlssig und tief enttuscht schaute er ber die Tafel.

Wnschten der Herr Graf gerade an diesem Tisch zu sitzen? fragte es
hinter ihm.

Ein Lakai und der Haushofmeister, welcher mit jeder neuen Erscheinung am
Hofe vertraut schien, trat diensteifrig nher und verbeugte sich ebenso
hflich wie respektvoll.

Es wre mir allerdings sehr lieb gewesen! versicherte der Hohen-Esper,
sehr angenehm durch das Interesse des alten Hofbeamten berhrt.

Aber bitte, Herr Graf! Nichts leichter wie das! Es mssen sowieso noch
Pltze eingeschoben werden, da der Herr Hofmarschall noch in dem letzten
Augenblick Ansagen von benachbarten Garnisonen erhielt! Also fgen wir
noch ein Kuvert ein ... befehlen Herr Graf vielleicht hier? -- und er
neigte den wohlfrisierten Kopf und las: von Heidler ... ah ... unser
Vortnzer ... dann hier seine Dame ... und neben derselben ... befehlen
der Herr Graf?... oder vielleicht hier an der Ecke ...

Nein, nein! Danke verbindlichst! Der Platz hier ... welchen Sie zuerst
bezeichneten, ist mir sehr angenehm ... und der Sprecher zog seine
Visitenkarte aus der Brusttasche und reichte sie dar.

Wieder stieg die heie Glut in seine Wangen, und voll verlegener Hast
wandte er sich und schritt nach dem Saal zurck.

Ihm war's, als mte man ihm all seine jubelnden Gedanken von der Stirn
ablesen! Vor wenig Minuten hatte er gewhnt, all die hellen Kerzen
ringsum seien erloschen und dunkle, trostlose Nacht umgebe ihn, seit er
gehrt, Gabriele sei die Braut eines andern, und nun pltzlich, als er
vernimmt, da dies Gerede eitel Lug und Trug ist, da schlgt sein Herz
auf in ungestmer Glckseligkeit, und die elektrischen Flammen ringsum
blenden ihm die Augen, so leuchten und funkeln sie!

Warum das? --

Er vermag sich selber kaum Rechenschaft darber zu geben, er berlt
sich willenlos dem fremden, eigenartigen Zauber, welcher ihn
gefangenhlt.

In der mit Blumen dekorierten Vorhalle des Saales treten ihm ein paar
ltere Herren mit Band und Stern entgegen und reden ihn in
liebenswrdiger Weise an.

Sie sind Tnzer und Jugendbekannte seiner Mutter gewesen und erkundigen
sich voll aufrichtigen Interesses nach Grfin Gundulas Ergehen.

Guntram Krafft freut sich, von ihr sprechen zu knnen, er empfindet es
voll stolzer Genugtuung, da man seine Mutter so hoch schtzt und
verehrt, und als der eine der Herren die Hand auf seinen Arm legt und
sagt: Kommen Sie, Graf, ich mu Sie zu meiner Frau bringen! Sie ist
ebenfalls eine gute Bekannte Ihrer Frau Mutter von frherer Zeit und
wird sich sehr freuen, von ihr zu hren und ihren Sohn kennenzulernen!
-- da folgt der junge Mann so heiter und unbefangen, als ob ihn die
letzte halbe Stunde heimisch auf dem Parkett gemacht habe.

Er sieht im Vorberschreiten Grfin Thea, welche ihm lebhaft zuwinkt.

Wo um alles in der Welt stecken Sie denn, Graf? Ich mchte Sie gern den
jungen Damen vorstellen! -- Halten Sie ihn bitte nicht allzu fest,
Exzellenz -- zum nchsten Walzer ist er urkundlich verpflichtet!

Sie hlt lachend die Tanzkarte empor, und der Begleiter Hohen-Esps zuckt
scherzend die Achseln. Wenn Sie den Grafen allerdings an solch holde
Pflicht gemahnen, Komtesse, wird er mir fahnenflchtig, noch ehe er der
alten Garde den Eid geleistet hat! -- Aber unbesorgt -- ich war
zeitlebens ein unbescholtener Mann und begehre nicht meines Nchsten
Weib, Knecht oder Walzertnzer!! -- =Au revoir!= --

Und als der nchste Tanz mit den weichen, lockenden Klngen der Rosen
aus dem Sden einsetzt, stockt Guntram Krafft pltzlich in der
Unterhaltung mit der Frau Minister und schaut abermals in Grfin
Sevarilles erhitztes Gesichtchen, welches ihm aus nchster Nhe
zulchelt.

Sie haben engagiert, lieber Graf? fragte die alte Dame in schnellem
Verstehen: Das ist recht! Ich werde mich freuen, Sie tanzen zu sehen!
Und den achtundzwanzigsten dieses Monats reservieren Sie uns also ...
wir werden uns freuen, Sie zum Diner bei uns begren zu knnen.

Der Br von Hohen-Esp dankt sehr erfreut, verneigt sich und steht im
nchsten Augenblick an der Seite der Komtesse.

Er hat es so eilig, ihr zu erzhlen, da es mit der Verlobung Gabrieles
ein groer Irrtum ist, aber er kommt frerst nicht dazu, denn Thea
spricht lebhaft auf ihn ein, wendet sich zu den nchststehenden jungen
Mdchen und stellt ihnen den Graf vor.

Man lchelt ihm sehr liebenswrdig zu, beginnt ein allgemeines Gesprch
und macht dem modernen Parzival klar, da er unter allen Umstnden
tanzen msse!

Sie sehen, Graf, man tanzt hier keinen Walzer, sondern nur Galopp! Je
nun, und das ist doch kein Kunststck! Wer so wie Sie eines Hauptes
lnger ist, wie alles brige Volk, steuert doch ohne jedwede Gefahr
durch all diese Wirbel und hohe Flut!

Das ist ein Wort!

Guntram Kraffts Auge blitzt auf, -- er lacht und verneigt sich vor Thea.

Mut hat auch der Mameluck, Komtesse -- riskieren Sie es mit mir
Seebren?

Einen Augenblick neigt sie das Kpfchen zurck und sieht zu ihm auf.

Welch ein Blick!

Wenn der Einsiedler von Hohen-Esp nicht arg zu naiv wre, wrde er viel,
sehr viel darin lesen!

Aber der Graf denkt gar nicht darber nach, was sich wohl in den Augen
einer Komtesse Sevarille spiegeln mchte, er hat nur einen einzigen
Wunsch, den -- es zu versuchen, ob er sich wahrlich unter die Reihen der
Tnzer wagen kann, ob er die Probe bestehen wird, um alsdann auch den
Arm um jene andere, Einzigste legen zu knnen, welche all sein Sinnen
und Denken gefangennimmt.

Und er tanzt, -- wohl nicht ganz so gewandt und elegant wie die andern
Herren im Saal, aber doch sicher und gut, ohne im mindesten unliebsam
aufzufallen.

Bei einem Galopp kommt es nur auf die sichere Fhrung an! hat eine der
Damen soeben noch ermutigend gesagt, nun, und sicher hat der brenstarke
Arm des Hohen-Esper seine Dame gehalten!

Mit heigertetem Antlitz fhrt er Thea an ihren Platz zurck, und die
andern Damen und Herren, welche gewartet haben, voll neugierigen
Interesses das erste Debut des Parzival zu beobachten, begren ihn
mit lebhaftem Beifall.

Guntram Krafft hat es gar nicht bemerkt, wie aller Blicke ihm whrend
des Tanzes gefolgt sind, er hat es nicht gehrt, da der Herzog sich
erfreut und anerkennend darber uert, -- er schaut nur suchend ber
die bunte, wirbelnde Menge, ob er nicht Gabrieles Kpfchen ersphen
kann.

Und er sieht sie pltzlich in nchster Nhe, sieht direkt in die
wundersam hellen, groen Nixenaugen hinein, welche wie staunend auf ihn
gerichtet sind.

Und Guntram Krafft lacht noch glckseliger wie zuvor, sagt Komtesse Thea
ein herzliches Dankeswort und richtet sich hoch und khn auf -- in
Wahrheit wie ein junger Br, welcher sich pltzlich seiner Kraft bewut
wird, wendet sich und steht im nchsten Augenblick vor Frulein von
Sprendlingen. Darf ich bitten, mein gndiges Frulein?

Da starren ihn die meerfarbenen Augen abermals an wie aufs hchste
berrascht ob einer solchen Zumutung, und dann wendet sie das Kpfchen
und wechselt einen sekundenlangen, unendlich vielsagenden Blick mit dem
schlanken, jungen Garde-Grenadier-Offizier, welcher neben ihr steht.

Der lchelt sehr verstndnisinnig --: Ich begreife, Baronesse! dreht
sich kurz auf dem Hacken um und eilt als vielbeschftigter Vortnzer
davon, -- Gabriele aber legt langsam, beinahe zgernd den Arm auf den
des Grafen und sagt: Wir werden noch einen Augenblick warten mssen, es
ist sehr wenig Raum zum Tanzen!

Wie Sie befehlen, Frulein von Sprendlingen! antwortet Guntram Krafft
und umschliet mit bebender Hand ihre weiche, schmiegsame Gestalt.

Wie rote Nebel wallt es vor seinen Augen, die Aufregung schnrt ihm die
Kehle zusammen, er hat das Gefhl, als wanke der Boden pltzlich unter
seinen Fen, und doch mchte er aufjauchzen vor Glckseligkeit, wie
daheim, wenn er dem wilden, feindlichen Meer eine Beute abgetrotzt!

Einen Augenblick harrt er so ... noch einen ... und da ... gerade als
er lostanzen will, bricht die Musik mit kurzem Schlusse ab.

Der Garde-Grenadier ist in die Mitte der Tanzenden getreten und hat die
Hand mit kurzer Geste nach dem Orchester hinter dem Goldgitter der
Galerie gehoben.

Guntram Krafft, der Neuling, bemerkte es nicht, er blickt nur
erschrocken zu Gabriele nieder und sagt bedauernd: O wie schade! --
und Frulein von Sprendlingen lchelt ganz wunderlich, lst die Hand von
seinem Arm und tritt von ihm zurck.

Bedaure sehr! sagt sie khl, wendet das Kpfchen und begrt eine
junge Hauptmannsfrau, welche jetzt am Arm ihres Tnzers vorberschreitet
und ihr zunickt.




XIII.


Wenige Augenblicke, nachdem Gabriele sich so wenig hflich von Guntram
Krafft abgewandt hatte, trat Frau von Sprendlingen zu ihrer Tochter
heran und flsterte ihr ein paar inhaltsschwere Worte in das Ohr.

Der breitgehaltene Fcher dmpfte den Klang derselben und verdeckte das
Gesicht der Generalin, aber man bemerkte trotzdem, da sie erregt und
sehr energisch sprach.

ber Gabrieles reizendes Gesicht flog ein Schatten.

Es war ja ein Glck, da die Musik just schwieg.

Mama! Warum soll ich mit ihm tanzen? Es hat gar keinen Zweck!
Begeistern werde ich mich nie fr das Muttershnchen -- warum also seine
lcherliche Sympathie fr mich durch irgend welche Hflichkeit nhren?

Es ist hier nicht Zeit und Ort, darauf zu antworten; ich befehle dir
jedoch, den Grafen nicht unfreundlich zu behandeln, wenn er sich dir
noch einmal nhern sollte! Hrst du, Gabriele? Ich verlange und fordere
es von dir als ein Zeichen deiner Liebe fr mich!

Die junge Dame seufzte leicht auf.

Ach, htte Frau Gundula doch etwas Besseres getan, als ihrem Baby die
verlorenen Taler wieder zusammengespart! Je nun ... ich werde versuchen,
mich dem Reigen um diesen modernsten Gtzen anzuschlieen!

Frau Gundula handelte vortrefflich, indem sie fr ihren Sohn sorgte,
aber der alte Herr von Heidler, der die Gter verprate, anstatt sie
seinem Erben zu erhalten ... wie handelte der?

Gabriele kannte den scharf ironischen Zug um die Lippen der Mutter, sie
zuckte beinahe wehmtig die schnen Schultern: Geld macht ja doch nicht
glcklich, Mama, -- und es ist doch tausendmal besser und moralischer,
einen armen Mann aus Liebe, als wie einen reichen aus Berechnung zu
heiraten!

Narrheit! Wenn du doch endlich merken wolltest, da gerade der >arme<
Mann viel zu klug und kaltherzig ist, um je aus Liebe ein unbemitteltes
Mdchen zu freien!

Ich bin ja nicht unbemittelt, Mama!

Frau von Sprendlingen bi momentan wie in groer Nervositt die Zhne
zusammen. Gleichviel, du tust, wie ich dir befehle! sagte sie kurz,
voll ganz ungewohnter Strenge, klappte den Fcher zu und wandte sich mit
liebenswrdigstem Lcheln wieder ein paar Damen und Herren zu, welche
sie schon seit Beginn des Festes wie den Stein der Weisen gesucht
hatten! --

       *       *       *       *       *

Man hatte sich zu Tisch gesetzt.

Grfin Thea bemerkte es zu ihrem groen Verdru, da Graf Hohen-Esp sie
nicht engagierte, so nahe sie es ihm auch gelegt hatte, da sie das
Souper vorsichtigerweise noch freigehalten habe.

Guntram Krafft reagierte nicht darauf. -- Als er direkt nach seiner
Extratour mit ihr zu Gabriele schritt und beinahe mit ihr getanzt
htte, grub Grfin Sevarille die Zhnchen recht rgerlich in die Lippen.

War denn der naive Schwrmer unverbesserlich, da er so schnell den
fatalen Eindruck, den die Verlobung des Frulein von Sprendlingen auf
ihn gemacht, abschttelte und nach wie vor nach einem Zipfelchen ihrer
Schleppe haschte, um es als blinder Sklave durch die Saison zu tragen?

Seltsam, seine erst so melancholische Stimmung schien der strahlendsten
Laune Platz gemacht zu haben, welche selbst der entgleiste Walzer mit
der Angebeteten nicht zu trben vermochte.

Der Graf kehrte ebenso heiter und guter Dinge zu ihr zurck, als wie er
von ihr gegangen, schien absolut kein Verstndnis fr die kleinen
Bosheiten zu haben, welche Thea so geschickt auf Frulein von
Sprendlingen in Anwendung brachte, und bei welchen ihr ein paar
verblhte Prsidententchter und ein sehr dicker Jagdjunker eifrigst
sekundierten. Er stand whrend der nachfolgenden Franaise vor dem
erhhten Wandpolster und folgte dem Tanz mit sichtlichem Interesse, dann
sprach er noch recht lebhaft mit einem Ministerialrat, und als Grfin
Thea fr etliche Minuten durch eine sehr amsante Konfusion in Anspruch
genommen ward und danach wieder verstohlen nach dem Br von Hohen-Esp
ausschaute, war derselbe zu ihrem nicht geringen Schrecken spurlos
verschwunden!

Gerade jetzt, wo es zum Souper ging und Thea sich schon einen
scharmanten kleinen Trick ausgedacht hatte, um sich den bis jetzt so
unhflich verweigerten Arm des Grafen zu erzwingen.

Wohin war er verschwunden?

Voll nervser Unruhe schaute die junge Dame zuerst nach Gabriele aus und
sah es zu ihrer groen Genugtuung, da dieselbe am Arme Heidlers den
Saal verlie.

Das beruhigte sie ein wenig, aber fatal war es momentan doch, da sie
ber keinen Tischherrn verfgte.

Ein blutjunger Artillerist schaute sich suchend um und trat hastig
nher.

Sind Komtesse etwa nicht engagiert?

Selbstredend, -- aber man scheint mal wieder Konfusion gemacht zu haben
--

Darf ich gehorsamst bitten? --

Etwas bellaunig und zgernd legte Thea die Hand auf den Arm dieses so
sehr nichtssagenden und unbedeutenden Tischherrn. Seit zwei Jahren
Leutnant! Grlich! So ein Gelbschnabel ohne jedweden goldenen
Hintergrund rechnete bei ihr berhaupt nicht mit.

Ich hatte mich mit Graf Hohen-Esp fr denselben Tisch verabredet, Herr
von Stark! sagte sie schnell. Der Graf ist fremd hier und wird gewi
hilflos umherirren und in den diversen Galerien nach mir suchen! Lassen
Sie uns dem rmsten zu Hilfe kommen ...

Graf Esp? Haha ... moderner Parzival ... haha ... wird wohl schon
seinen Platz an Knig Artus Tafelrunde gefunden haben! Mte mich sehr
irren, wenn er nicht von einem der Kammerherren in den Thronsaal
beordert ist! Was denken Komtesse? Der Mann ist ja Landstand! Trotz
seiner Hinterwldlerart! -- Die Gter verschaffen ihm Sitz und Stimme!
-- und wir ... haha ... in die Ecke, alter Besen! -- Aber darum wollen
wir in unserem Turmstbchen doppelt fidel sein! -- Darf ich bitten,
Gndigste ... wir bekommen sonst berhaupt keinen Platz mehr! --

Thea zog die Brauen sehr ungndig zusammen und folgte in denkbar
schlechtester Laune. Welch ein Pech, da der naive Neuling nicht
rechtzeitig daran gedacht, sie zu engagieren -- im Thronsaal sitzen ist
just das, was Grfin Sevarilles Ehrgeiz endlich einmal befriedigen
wrde.

Dennoch wird es ihr in diesem Augenblick klarer wie je, da Graf Guntram
Krafft es sein soll und mu, welcher sie das nchste Mal nicht nur an
die Tafel der hchsten Herrschaften, sondern baldmglichst auch als
Herrin und Gebieterin in die Burg seiner Vter fhren soll.

Da die alte Brin in derselben noch ihre despotische Herrschaft fhrt,
beunruhigt Thea durchaus nicht, denn wenn sie erst an der Seite des
gutmtigen und willenlosen Gatten zu befehlen hat, wird sich gar manches
ndern!

Die junge Dame hat schon ihren Plan fix und fertig ausgearbeitet, und
der moderne Parzival und Frau Herzeleide spielen eine verschwindend
kleine Rolle darin.

Graf Guntram Krafft gefllt ihr ja ganz gut, ja, sie mte lgen, wenn
sie ihn nicht hbsch fnde, aber Thea Sevarille ist viel zu modern
erzogen, ist viel zu sehr ein Kind ihrer bervernnftigen Zeit, um dem
Herzen jemals eine bestimmende Macht in ihrem Leben einzurumen.

Alles, was sie denkt und tut, ist sehr vernnftig, und wenn
zuflligerweise das Herz mit der Klugheit Hand in Hand geht, so ist es
ein Vorteil mehr, mit welchem sie rechnen kann!

Aber zu der ungeheuren Frhlichkeit, welche Herr von Stark fr ihre
unterste Ecke prophezeit hatte, steuerte sie an diesem Abend wenig
bei.

       *       *       *       *       *

Whrenddessen hatte Guntram Krafft mit hochklopfendem Herzen hinter
seinem Stuhl gestanden und Frulein von Sprendlingen entgegengeschaut.

Am Arm des Herrn von Heidler nahte sie, das sonst so khle und sprde
Antlitz rosig berhaucht und seltsam belebt, die herrlichen, wundersamen
Nixenaugen zu ihrem Partner erhoben, so strahlend und bewundernd, da
dem Br von Hohen-Esp der Atem stockt. Und als sie ihre Pltze erreicht
haben, mustert der Dragoner den unvermuteten Nachbar mit einem seiner
finster blitzenden, beinahe beleidigend arroganten Blicke und sagt laut:
Na nu! was ist denn das? An Ihrer Seite hatte doch Hardenstein belegt,
mein gndiges Frulein? --

Schon steht der Haushofmeister neben dem Sprecher und verneigt sich sehr
devot.

Um Entschuldigung, Herr Leutnant! Wir muten auf Befehl noch Pltze
einschieben!

Htten Sie auch mehr an der Ecke besorgen knnen! zuckt Heidler in
seiner rcksichtslosen Art die Schultern und fgt brsk hinzu: Na -- es
hilft nichts, Frulein Gabriele, nehmen wir Platz! Ist ja schlielich
auch gleichgltig.

Die junge Dame nickt und lchelt, wirft den Fcher auf den Tisch und
lt sich mde auf den Stuhl nieder, da die starren Seidenfalten unter
dem duftigen Goldflor leise aufrauschen.

Ihr Blick trifft den Br von Hohen-Esp, und die Augen blicken wieder so
kalt -- so unsagbar kalt und abweisend drein, da all die frohe, heitere
Zuversicht des jungen Grafen sich an ihnen zu Tode friert. Aber sie
erwidert wenigstens durch eine kaum merkliche Neigung des reizenden
Kpfchens seinen stummen Gru.

Whrend der ersten Zeit hat Frulein von Sprendlingen kein Wort und
keinen Blick fr ihren Nachbar, sie plaudert leise und lebhaft mit Herrn
von Heidler, wie Guntram Krafft aus vereinzelten lauten Worten des
jungen Offiziers entnehmen kann ber Reiten und Sport.

Erst als das Gesprch allgemein wird und sich um die letzten Rennen
dreht, welche der Dragoner mit viel Erfolg mitgeritten hat, wendet sich
Gabriele recht gezwungen, ja beinahe widerwillig zu Graf Hohen-Esp und
fragt ihn, ob er auch ein passionierter Reiter sei?

Ihre erst so leuchtenden Augen werden wieder so khl und gleichgltig,
da den Gefragten dasselbe Gefhl der Befangenheit berkommt, welches
ihn in Gabrieles Nhe kaum noch verlt.

Das Blut steigt ihm in die Schlfen.

Reiten? wiederholt er zgernd, gewi reite ich tglich auf die Felder
oder in den Wald hinaus, je nachdem es meine Ttigkeit als Landwirt
bedingt! Wir verfgen jedoch nur ber Pferde, welche mehr dauerhaft wie
elegant sind, denn wir brauchen in erster Linie Arbeitspferde, aber
keine Vollblter!

Dann ist das Reiten allerdings weder ein Sport noch ein Vergngen!
zuckt Frulein von Sprendlingen die Achseln, und ihre Augen sehen aus
wie die klare See, wenn jhe Wolkenschatten sie dunkel frben, -- Herr
von Heidler aber lacht mit gedmpfter Stimme auf und fgt hinzu:
Donnerwetter, nein! ein Hrdenrennen auf einem Ackergaul gibt es
nicht! --

Gabriele sieht den Graf scharf an.

Wird er auf solch beleidigenden Spott eine stolze, energisch abweisende
Antwort haben? Nein, das Muttershnchen lacht mutig mit und findet es
entschieden viel zu gefhrlich, mit dem schneidigen Dragoner Hndel zu
bekommen, er sagt sogar ganz zustimmend: Ich mchte es wenigstens nicht
versuchen! Selbst auf einem Ihrer gut trainierten Renner nicht, Herr von
Heidler! Das Reiten ist eine Kunst, welche gelernt und viel gebt sein
will, -- beides habe ich bisher versumt!

Es gehrt auch recht viel Courage und Schneid dazu, um auf der Rennbahn
etwas zu leisten! lchelt Gabriele beinahe verchtlich und mustert noch
widerwilliger wie zuvor ihren Nachbar, welcher so hnenhaft gro und
gewaltig neben ihr sitzt und doch so klglich vor ihrem kritischen Blick
zusammenschrumpft, wie ein Schatten vor der Sonne. --

Auch diese Ironie scheint der zahme Br entweder nicht zu verstehen,
oder er hlt es fr praktischer, den Harmlosen zu spielen.

Gewi, mein gndiges Frulein! Es gehrt viel persnlicher Mut dazu, um
flott ber alle Hindernisse hinwegzugehen, denn leider gibt es jhrlich
wohl traurige Beweise genug, da auch der Turf seine Opfer fordert.

_Traurige_ Beweise? Heidler klemmt das Monokel ein und zieht die
narbige Stirn in Falten: Es ist meiner Ansicht nach nie traurig, wenn
ein Mann sich in seinem Beruf aufopfert und einen frischen, schnen
Reitertod stirbt! Gbe es keine Gefahr bei Mauern und Grben, wrden
sie jedweden Reiz fr mich verlieren!

Gabrieles Blick leuchtete wie verklrt zu dem Sprecher auf, und Guntram
Krafft nickt zustimmend vor sich hin und sagt leise: Ja, es ist
seltsam, da gerade die Gefahr einen so seltsamen Reiz ausbt! und
er denkt dabei an sein wildes donnerndes Meer und an das gebrechliche
Lotsenboot, welches er auf Tod und Leben in die Brandung hinaustreibt.

Gabriele kann aber diese Gedanken nicht von seinem geneigten Antlitz
ablesen, sie glaubt nur ein gewisses zaghaftes Gruseln aus seinen
Worten herauszuhren, und ihr Blick flammt beinahe verchtlich zu ihm
auf.

Wenn Sie nicht reiten -- was tun Sie sonst den ganzen Tag auf
Hohen-Esp? --

Er lacht, als ob ihn diese Frage amsiere: Ich bin der erste Arbeiter
meiner Mutter und schaffe das Meine; wissen Sie nicht, da es auf dem
Lande unendlich viel zu tun gibt, wenn der Gutsherr nicht auf der
faulen Haut liegt, sondern selber Hand anlegt, wo und was es auch
sei? --

Sie verzieht den Mund noch ironischer. Ich kenne das Landleben nur vom
Hrensagen und halte das Sen, Pflgen und Dreschen fr recht harmlose
Beschftigungen. Irgendeinen Sport ben Sie gar nicht aus?

Er sieht abermals sehr betroffen, beinahe verlegen aus, und dieser
Ausdruck im Gesicht steht ihm nicht.

Ich wei nicht recht, was Sie unter Sport verstehen, mein gndiges
Frulein! Wenn meine Arbeit getan ist, gewhrt es mir viel Freude und
Genugtuung, auf der See zu rudern oder zu segeln!

Also -- also doch eine Art Wassersport! Das ist ja jetzt auch modern!

Lieben Sie das Meer?

Sie schttelt unendlich gleichgltig den Kopf.

Nein! Ich habe nicht das mindeste Interesse dafr. So eine ewig
gleiche, endlose Wasserflche ist fr mich unaussprechlich de und
reizlos!

Mit weit offenen Augen starrte er sie an.

Kennen Sie die See? Haben Sie schon einmal lngere Zeit am Strande
gelebt?

Nein! Gott sei Dank, wir muten ja nach acht Tagen schon wieder von
Heringsdorf abreisen, weil meiner Mutter die Luft nicht bekam. Ich
denke mit groer Gleichgltigkeit an diese acht Tage voll blendender
Sonnenglut, gelben Sandes und beinahe regungsloser Wasserflche zurck.
-- Spter suchten wir im Sommer nur noch Quellenbder auf, und ich habe
mich nie nach Heringsdorf zurckgesehnt!

Noch immer starrte er sie an wie eine Vision. Sind Sie im Boot
gefahren?

Gewi! Abends ruderten uns meine beiden Vettern in die >blaue
Unendlichkeit< hinaus, und wir schaukelten eine Zeitlang auf dem
Wasser, sangen: >Das Meer erglnzte weit hinaus!< und sahen die Sonne
am Horizont verschwinden, -- einen Tag wie den andern ...

Schwefelgelb und still und lautlos wie eine Apfelsine auf
Gummischuhen!! -- warf Herr von Heidler mit bermtiger Grimasse ein,
und ein schallendes Gelchter erhob sich im Kreise.

Nur Guntram Krafft lachte nicht mit.

Er starrte in sein Sektglas nieder und sah aus wie ein Mensch, welcher
vor einem groen, unlsbaren Rtsel steht.

Und einen Sturm, einen groen, gewaltigen Sturm sahen und erlebten Sie
nie? fragte er.

Nein! Ich kann mir auch gar nicht vorstellen, da das Wasser, welches
immer so glatt dalag wie ein Tischtuch, mal zornig aufbrausen kann!
All die Seegeschichten, welche man hrt oder liest, kann ich nie recht
glauben, denn mir fehlt die Phantasie, um sie mir auszumalen!

Heidler hob sein Sektglas und sah tief und leidenschaftlich mit einem
seiner zndenden Blicke in Gabrieles Auge.

Soll ich den Sattel an den Nagel hngen? Soll ich ein Seemann werden,
und kommen Sie mit auf die weiten Meere hinaus, den fliegenden
Hollnder zu suchen? --

Heie Glut flammt ber ihr Antlitz, die rosigen Lippen beben, und in
ihren Augen steht die Antwort geschrieben, -- aber sie beherrscht sich,
schttelt mit leisem Lachen das Kpfchen und antwortet: Wenn Sie
aufhren wollten zu reiten, wrden Sie ein Verbrechen an dem modernen
Heldentum begehen, und das wrde ich Ihnen am allerletzten verzeihen!
-- Was wollen Sie auf dem Wasser? Da gibt es keine Lorbeeren zu holen
...

Erlauben Sie, meine Gndigste! Die jngsten, welche auf Chinas Boden
sproten, holte sich unsere Marine!

Die Marine! ja die!! zuckte Gabriele die Schultern.

Die besteht auch aus Soldaten und mutigen Mnnern, welche den Feind
zu Schiff aufsuchen, weil sie ihn zu Lande nicht erreichen knnen!
Die Marine imponiert mir fraglos, aber die Sportsmen, welche bei
hellem Sonnenschein ein wenig die Ruder fhren und in idyllischen
Sommernchten eine Segelpartie machen, die knnen doch unmglich mit
unseren verdienstvollsten Mnnern rangieren!

Der Blick der Sprecherin traf wie eine khne Herausforderung den Bren
von Hohen-Esp, welcher schweigend an ihrer Seite sa und vor sich
nieder auf das Frstenwappen inmitten seines Tellers sah, -- er sah
nicht den Ausdruck ihres Auges, er hrte nur ihre Worte, und sein erst
so hei gertetes Antlitz ward um einen Schein blasser.

Die Umsitzenden hatten sehr betroffene Blicke gewechselt, Heidler
murmelte sehr amsiert: Alle Wetter, mein gndiges Frulein, das war
deutlich! Dann lenkte ein gegenbersitzender Kammerjunker das Gesprch
voll nervser Hast auf ein anderes Thema und verwickelte Guntram Krafft
voll besonderer Liebenswrdigkeit in ein Gesprch.

Gabriele aber warf triumphierend das reizende Kpfchen zurck und
wandte sich wieder ausschlielich zu Heidler.

Er _mute_ einmal meine aufrichtige Meinung hren! flsterte sie
erregt, es ist ja eine Schande, wenn ein Mensch, welcher wahrlich
gewachsen ist wie ein Parzival, gar nicht zum Bewutsein seiner
Brenkrfte kommt und >das Eisen in der Halle rosten< lt, anstatt es
zu Ruhm und Ehren seines Vaterlandes im Feuer zu schmieden!

Herr von Heidler gehrte zu den Menschen, welche ihr Licht mit Vorliebe
auf Kosten anderer leuchten lassen, und da es seiner Eitelkeit
schmeichelte, von dem reizendsten aller jungen Mdchen als Held
gefeiert zu werden, so lschte sein scharfer Witz noch das letzte
Fnkchen Sympathie, welches in Gabrieles Herzen fr den Bren von
Hohen-Esp geleuchtet hatte.

Das Souper nherte sich seinem Ende, und als man sich erhob, wieder
nach dem Tanzsaal zurckzuschreiten, wandte sich Frulein von
Sprendlingen zum erstenmal wieder an ihren Nachbar zur Rechten und
erwiderte seine stumme Verneigung nur durch ein kurzes, flchtiges
Nicken.

Sie wollte ihn nicht ansehen, aber ganz zufllig streifte ihr Blick
dennoch sein schnes Antlitz und traf sein Auge.

Welch ein Ausdruck darin!

Nicht mehr das strahlende Entzcken, wie es ihr sonst daraus
entgegengelacht, sondern eine schmerzliche, vorwurfsvolle Trauer, wie
ein herb getadelter Knabe dreinschaut, ehe er anfngt zu weinen!

Mit jher Bewegung wandte sich Gabriele ab.

Laut auflachen htte sie mgen!

Jung-Parzival, welcher hinter Frau Herzeleides Schrze hervorschaut! --

Jung-Parzival, welcher noch nicht den Weg zu Frau Aventure gefunden
hat, welcher auch nie und nimmer einen Platz unter den Rittern des
Amfortas einnehmen und zeitlebens der beklagenswerte Tor bleiben wird,
als welcher er auf seinem Ackergaul aus der heimatlichen Burg trabte!

Ja, Gabriele mchte lachen, wenn es ihr nicht gar zu traurig deuchte!

Die Zhne beit sie zusammen und furcht die Stirn.

Schade ist es um die Reckengestalt! Ewig schade! -- --

       *       *       *       *       *

Ernst und schweigend steht Guntram Krafft in dem Tanzsaal und
schaut mechanisch auf den wirbelnden Reigen, welcher wie ein wster
Fiebertraum vor seinen Augen kreist. --

Die Musik schmeichelt mit sen Walzerklngen, -- er hrt sie nicht.

Vor seinen Ohren klingen nur Gabrieles Worte, jene unfalich grausamen
Worte, da sie das Meer nicht liebt!

_Sein_ Meer! Das herrliche, majesttische, unbeschreiblich schne
Meer, welches keines Dichters Zunge genug rhmen, an welchem sich
keines Menschen Auge jemals satt sehen kann!

_Sein_ Meer! -- Und sie liebt es nicht. -- Sie schilt es langweilig,
trge, reizlos. --

Und sie selber hat Augen, welche die Farbe dieses Meeres spiegeln,
grnlich ... graublau ... schillernd wie Perlmutter ... dunkel und
licht zu gleicher Zeit ... verkrperte Wassertropfen.

Wie ist es mglich, da sie das, was er als Liebstes und Herrlichstes
voll Leidenschaft preist, an welchem sein Herz voll unstillbarer
Sehnsucht hngt, da sie das verachtet und von sich stt?

Die See! -- Die blauwogende, unendliche See, deren brandende Wogen
Pulsschlge der Ewigkeit sind, deren Sonnenlcheln wie brutliche
Wonne, deren zorniges Donnerrollen die Sprache Jehovas ist? --

Ach, da sie ihm solches angetan!

Den herben Spott ihrer Worte, welche ihn selber als armseligen
Ruderer so weit ab von allem Heldentum wiesen, welche in ihm nichts
anderes als einen verdienstlosen Menschen sahen, welcher sein Vergngen
an ruhmlosen Spielereien findet -- die Worte hatte er kaum gehrt und
beachtet.

Er war zu harmlos, zu unerfahren, um auf solche Anspielungen zu achten.

Sein Herz brannte nur in Schmerz und Weh um sein geschmhtes Meer.

Aus jedem anderen Munde wrde ihm ein solches Urteil zu zornigem
Widerspruch gereizt haben. -- Gabriele von Sprendlingen gegenber
verstummte er in jener unerklrlichen Befangenheit, in welche ihn ihr
Anblick vom ersten Moment an versetzt hatte.

Wie gleichgltig wrde es ihm sein, ob fremde Menschen die See lieben
oder nicht, -- nur von einer einzigen wrde es ihn namenlos beglcken,
und gerade sie wendet das reizende Haupt gleichgltig ab und urteilt so
hart, so grausam, so verstndnislos ...

Ja, verstndnislos!

Sie kennt ja das Meer gar nicht!

Jene acht Tage in Heringsdorf haben ihr nur ein einziges, winziges,
unbedeutendes Bild in dem Kaleidoskop der unerschpflich reichen,
ewig wechselnden See gezeigt, ein Bild, welches durch den Staub des
Modebades getrbt, mit kurzsichtigen Augen geschaut wurde!

Guntram Krafft atmet tief auf.

Ach, da er sie lehren knnte, zu sehen, zu begreifen!

Die schnellebigen Stadtmenschen, welche ein paar flchtige Wochen
im Jahr an den Strand eilen, die mden Lebensgeister an Gottes Odem
aufzufrischen, die haben keine Zeit, die erhabene Schnheit der Natur
kennenzulernen.

Die promenieren bei rauschenden Musikklngen, diese sitzen in den
eleganten Restaurants, die sehen nur die Toiletten, all die tausend
bizarren kleinen berraschungen, welche Gttin Mode und der Geschmack
des zwanzigsten Jahrhunderts im Jugendstil auftischen, -- die blicken
kaum einmal hinab in ihr eigenes, ruheloses Herz, geschweige hinaus in
die stille, weltfremde Gtterherrlichkeit, welche auf den Wassern des
Meeres wohnt. --

Ach, da er, der Einsiedler, dessen Herz und Seele verwachsen sind
mit der keuschen, unberhrten Wunderwelt des Strandes, -- wenn er der
holden Sptterin Gabriele dieses Paradies erschlieen knnte!

Ein tiefer Seufzer ringt sich ber seine Lippen, die Musik schweigt,
und neben ihm erklingt die Stimme Grfin Theas, welche ihn aus seinen
Trumen aufschrecken lt. --




XIV.


Endlich sieht man Sie wieder, Sie Fahnenflchtiger! drohte ihm die
Grfin lchelnd mit dem Fcher: Wie von dem Erdboden verschwunden
waren Sie, als wir unsere unendlich vergngte und amsante Ecke
bildeten! Wie sehr schade, da Sie in unserm kleinen Kreise fehlten,
Sie wrden sich fraglos sehr gut unterhalten haben!

Ich bezweifle es nicht, Grfin!

Das klang seltsam ernst, beinahe resigniert.

Wie ist es Ihnen ergangen? --

Je weniger man erwartet, desto weniger kann man enttuscht werden!

Er sagte es sehr ruhig, und doch glichen seine Worte einem Seufzer.

Thea trat einen Schritt nher und sah mit ihren groen, dunklen Augen
beinahe wehmtig zu ihm auf.

Ich habe bereits davon gehrt, wie unliebenswrdig Gabriele einmal
wieder gewesen ist! -- Es ist wirklich ewig schade darum, da in diesem
bildhbschen Krper eine so wenig sympathische Seele wohnt, denn diese
Tatsache mu selbst ich, als beste Freundin, besttigen!

Frulein von Sprendlingen unliebenswrdig? wiederholte Guntram Krafft
beinahe erschrocken.

Je nun! Haben Sie es noch nicht bemerkt? Man sagt mir, da sie gerade
gegen Sie recht beleidigend gewesen sei, und das hat mich ernstlich
bse gemacht!

Der Br von Hohen-Esp hrte nicht den weichen, schmollenden Klang in
Theas Stimme, welche sich so ostensibel zu seiner Anwaltin machte, er
schttelte nur betroffen den Kopf und strich mit der Hand die schweren
Blondhaare aus der Stirn.

Frulein von Sprendlingen sprach sehr abfllig ber das Meer, ber das
Rudern und Segeln -- und das kann unmglich _mich_ beleidigen, so
sehr ich ihre Abneigung auch bedauerte!

Ein seltsamer Blick der Grfin streifte ihn. Wie freundlich und
harmlos Sie sind, Graf! Wie fremd Ihnen unsere Welt und ihre Verderbnis
doch ist! Es freut mich doppelt, wenn Gabrieles Worte Sie nicht
krnkten, denn verliebten Menschen darf man nicht so genau nachrechnen,
wie anderen Sterblichen!

Verliebten Menschen?

Thea lachte. Aber Graf! Haben Sie es denn noch immer nicht bemerkt,
da Frulein von Sprendlingen keinen andern Gedanken mehr hat, wie
ihren schneidigen Dragoner? --

Das wohl ... aber ...

Nun?...

Verlobt sind sie noch nicht!

Noch nicht ffentlich! --

Auf diese kleinen Unterschiede kenne ich mich noch nicht aus ...
murmelte er mit tiefem Atemzug.

Sie standen neben der Saaltr, ein lautes Lachen und Sprechen lie sie
momentan verstummen.

Ein paar junge Herren umringten eine sehr groe, schlankgewachsene,
junge Frau, von der man dem Grafen schon zuvor erzhlt hatte, da sie
einen bedeutend kleineren Mann geheiratet habe. --

Gndigste Frau, ich habe eine Bitte! rief einer der Herren mit
bermtig blitzenden Augen. Eine Frage hat man frei an das Schicksal
-- eine Bitte nicht!

Na -- schieen Sie los, Karlchen, ich bewillige sie im Namen von Frau
von Stark!

Oho! --

Also! Der Krassier legte beide Hnde bittend auf die Brust:
Gndigste Frau -- pumpen Sie mir mal fr vierzehn Tage Ihren Herrn
Gemahl!

Wie? -- Meinen Mann?!

Aber Karlchen! Jetzt schon? Vierzehn Tage nach der Hochzeitsreise??

Was wollen Sie mit ihm? --

Ich mchte ihn so gern auf _meinen Kaminsims stellen.... da fehlt mir
nmlich eine Nippesfigur_!

Schallendes Gelchter!

Die junge Frau ist zuerst entrstet, aber schlielich lacht sie doch
mit und tanzt mit dem Sptter eine Extratour. --

Ein paar junge Mdchen treten in den Saal. Sie sehen den Grafen
Hohen-Esp nicht, denn er steht hinter ihnen an der Tr.

Nein, nein, Klre! Wir mssen erst mal sehen, ob Parzival wieder
tanzt! --

Reizender Anblick! -- Erinnert an die grazisen Matrosen im fliegenden
Hollnder!

Pfui! Schm' dich! Parzival ist ein vortrefflicher Mensch! Lotte sagte
ja vorhin: >Der einzige Diamant unter viel Simili!< --

Hahaha! -- Ein Diamant!... Aber ein noch vllig ungeschliffener!

Ich frchtete schon, -- lachte eine der jungen Damen, er wrde  la
Jrgen Wansbeck hier auftreten!

Jrgen Wansbeck? Wer war das?

Ein sehr verbauerter Krautjunker, welcher hier an den Hof kam und bei
einem Ball die Handschuhe sparte. Der Herzog sah ihn scharf an und
fragte gedehnt: >Sie tragen keine Handschuhe, Baron?<

Da schttelte der Biedermann treuherzig den Kopf und antwortete: Nee,
Hoheit, _ich frier' ja nich' an die Fingers_! --

Jubelndes Gelchter. --

Groartig! Brillante Geschichte!

Thea war dunkelrot geworden und winkte Guntram Krafft hastig beiseite.

Hier ist ein solches Gedrnge, Graf! Wir wollen uns dort auf den Diwan
setzen.

Wie Sie befehlen! nickte Guntram Krafft und sah dabei vllig harmlos
aus: Die Menschen hier scheinen viel zu spotten, -- ich machte schon
die Bemerkung, da die meisten Scherze auf Kosten der lieben Nchsten
gemacht werden!

Leider und seltsamerweise werden gerade diese Witze am meisten
belacht!

Der Graf setzte sich neben der jungen Dame nieder und blickte ihr
pltzlich mit seinen klaren, grundehrlichen Augen voll beinahe
kindlichen Vertrauens in das blasse Gesichtchen.

Grfin ... Sie sind eine Freundin von Frulein von Sprendlingen? --

Sogar eine ihrer vertrautesten!

Und Sie meinen es auch mit mir gut?

Von ganzem Herzen gut!

Wrden Sie mir einen groen Liebesdienst erweisen, es mir gestatten,
Ihnen rckhaltlos zu vertrauen?

Sie streckte ihm die kleine Hand hin, ihr Blick leuchtete bezaubernd zu
ihm auf. --

Niemand konnte es sehen; eine dreifache Reihe von lteren Herren
bildete vor ihnen Spalier, um einem Menuett der Knigin zuzusehen,
welches von den Prinzessinnen und Prinzen nebst einer kleinen Schar von
Auserwhlten soeben vor dem Herzog getanzt wurde.

Sprechen Sie, Graf! flsterte sie, kein Mensch hier meint es
ehrlicher mit Ihnen, wie ich!

Er drckte beinahe krampfhaft die dargebotene kleine Rechte und nickte
erregt: Das bemerkte ich bereits, Grfin! Sie waren von Anfang an so
sehr liebenswrdig zu mir, Sie nahmen sich meiner so besonders gtig
an, und wenn ich diesen Abend eine heitere Stunde geno, so verdanke
ich sie Ihnen!

Sie Ihnen zu bereiten, war wenigstens mein herzlichster Wunsch --!

Wundern Sie sich nicht ber mich, ich bin fremd in der Welt und es
gewohnt, seit jeher nur nach meinen momentanen Eingebungen zu handeln.
Auch jetzt wei ich mir keinen andern Rat, als mich an Sie zu wenden.
-- Wieder senkte sich sein Blick wie der eines vertrauenden Kindes in
den ihren: Sie meinen es ja so gut mit mir ...

Seien Sie dessen versichert! In Theas Wangen stieg es immer heier
und rter, ihre Augen flimmerten vor Spannung, und ihre Lippen bebten
wie bei einem Menschen, welcher mit fieberhaftem Eifer einem Ziel
entgegendrngt.

Sprechen Sie offen und ehrlich, Graf! Ich bin glcklich, Ihnen
irgendwie behilflich sein zu knnen!

Er zgerte und blickte momentan starr vor sich nieder.

Ich mchte es so gern wissen, ob Frulein von Sprendlingen den
Dragoner wahrlich so sehr liebt!

Soll ich es auskundschaften bei ihr?

Sie sind doch ihre Freundin ...

Nichts leichter, als das zu erfahren! Immerhin glaube ich aber, da es
Sie noch mehr interessieren wird, ob sie tatschlich mit ihm verlobt
ist?

Er schttelt nachdenklich den Kopf. Ich las in Romanbchern, da
heutzutage die Mdchen auch ohne Liebe heiraten. Schon manch eine
Verlobung wurde aufgelst, weil die Braut schlielich noch einen Mann
kennenlernte, welchen sie mehr liebte, wie den allzu leichtfertig
gewhlten Brutigam!

Seien wir ganz ehrlich, Graf! Thea entfaltete den Fcher und
flsterte zu ihm auf: Sie mchten wissen, ob Sie Aussichten haben,
Gabrieles Herz zu gewinnen?

Er ward dunkelrot. -- Ich glaube ... Sie treffen das Richtige, Grfin!
Es wrde mir von groem Wert sein, zu wissen, wie ich es anfangen mu,
um mir die Gunst Ihrer Freundin zu gewinnen! Das war es, was ich Sie
fragen wollte!

Ich ahnte es! Sie sind von Gabrieles Schnheit bezaubert, und es wrde
keine liebere Mission fr mich geben, als Ihnen das Herz der Gefeierten
zuzuwenden!

Wenn Sie mir nur eine kleine Anleitung geben wollten, Grfin, von
was ich Frulein von Sprendlingen unterhalten soll, was ich tun mu,
da sie mir ihr Interesse zuwendet! -- Wenn sie es wte, da sie mir
so sehr, sehr gut gefllt ... er unterbrach sich und strich abermals
mit der Hand ber die Stirn: Das Reiten scheint ihr viel Freude zu
bereiten ... und wenn sie Wert darauf legt, will ich gern ...

Dragoner werden?! Thea hob beinahe entsetzt die Hand und sah
pltzlich ganz bla aus. Wre das Ihr Ernst, Graf? --

Er lchelt. Nein, daran ist gar kein Gedanke, Grfin. Wozu das? Ich
habe daheim ernstere Pflichten zu erfllen, als wie hier in behaglicher
Friedenszeit eine Uniform spazierenzutragen --.

Ganz meine Ansicht! Und eine Frau, welche das nicht einsieht, verdient
es nicht, Ihre Gemahlin zu werden!

Solange wie meine Mutter lebt, werde ich mein Leben genau nach ihren
Wnschen regeln, denn ich wei, wieviel ich ihr zu verdanken habe, und
erachte den Gehorsam gegen sie als meine Schuldigkeit.

Wie edel, wie schn von Ihnen gedacht, Graf! rief Thea mit
begeistertem Aufblick in sein Auge: Wie sprechen Sie mir aus der
Seele! Wie billige ich Ihre Denkweise so vllig! Ich kenne zwar Ihre
Frau Mutter nicht, aber nach allem, was ich von ihr hrte, verehre ich
sie hher wie alle andern Frauen und denke es mir als hchstes Glck,
ihr zu Diensten leben zu knnen! Welch ein sndliches Begehren wre es,
der einsamen Frau noch ihren letzten Trost, ihren Sohn zu entreien, um
einer nichtigen Eitelkeit willen!

Guntram Krafft blickte voll ehrlichen Entzckens zu der Sprecherin
nieder. Die Verehrung fr seine Mutter gewann ihr vollends seine
Sympathien, und seine groe Harmlosigkeit war weit davon entfernt,
irgendeine Verstellung hinter solch begeistertem Gesichtchen zu suchen.

O, wenn Frulein Gabriele doch ebenso denken mchte, wie Sie! --
Nein, Dragoner kann ich um ihretwillen nie werden, denn trotz aller
Bravour und aller Reiterstcklein reizt mich der Militrdienst in
Friedenszeiten nicht sonderlich, -- aber ein guter Reiter knnte ich
ihr zuliebe trotzdem werden ...

Es wre lcherlich, wenn sie es verlangen wollte! -- Reiten lernt ein
jeder Rekrut -- aber ein Segelboot durch Sturm und hohe Flut steuern,
das ist ein Wagnis, ein Heldenmut, wie ihn eine Landratte gar nicht
kennt!

Er blickte hoch aufatmend in ihr erhitztes Gesicht, seine Augen
strahlten wie verklrt.

Also Sie haben Interesse fr den Seemann, Grfin? Sie lieben das Meer
und alle seine Herrlichkeit?...

Sie prete voll Leidenschaft die Hnde gegen die Brust, -- die roten
Blten des Kleiderausschnitts rieselten wie Funken ber die nervs
bebenden Finger.

Und _ob_ ich sie liebe! -- Noch nie lernte ich das Meer kennen,
Graf, und doch sehne ich mich voll glhenden Verlangens seit Jahren
schon nach seinem Anblick! -- Nicht >Neapel sehen und sterben< --
seufzt meine Seele, sondern >die See sehen und in ihrem Zauberbann
leben bis zum Ende meiner Tage!< Das ist das Gebet, welches in meinem
Herzen zittert! -- Noch ist es nicht erhrt worden, aber ich lasse
nicht nach, zu hoffen und zu harren, -- _einmal_ mu auch mir das
Glck zu Willen sein!

Er lauschte wie im Traum ihren Worten, welche sich so weich, so innig
und aus tiefstem Herzen quellend, in sein Ohr schmeichelten, als hre
er nach wirrem Lrm und Migetn wieder traute Klnge aus der Heimat.

Ganz unwillkrlich rckte er nher an ihre Seite und legte die Hand auf
ihren Arm. Sie sollen ... Sie werden das Meer sehen, Grfin ... Sie
mssen zu uns nach Hohen-Esp kommen! Sicherlich wird es Ihnen in dem
alten Brennest gefallen, und welch eine Freude fr mich, Ihnen das
Meer zeigen zu knnen!

Ja, eine Freude!

Schon jetzt leuchteten seine Augen bei dem Gedanken, und das Blut stieg
ihm abermals so rot und warm in die Schlfen, wie stets, wenn ein
glckseliger Gedanke ihm das Herz bewegte!

Und in diesem Moment gaukelte es pltzlich wie ein ses Traumbild vor
seinen Augen; wenn Gabriele die Hausfrau von Hohen-Esp war, mute dann
nicht ihre Freundin kommen, sie zu besuchen und sich an dem weltfernen
Glck des jungen Paares zu erfreuen?

Dieser Gedanke trieb ihm pochende Glut in die Wangen, Thea aber hrte
nur seine Worte und pate seine Erregung einzig ihnen an.

Ihr Blick war noch weicher und sehnschtiger, ihre Stimme klang noch
jubelnder wie zuvor: Und ob es mir in der Stille Ihres trauten
Heims gefallen wrde? flsterte sie. O, Graf, ich liebe die bunte
Welt mit all ihrem Lrm, ihrem Falsch und Schein nicht! Meine Seele
drstet nach der Ruhe, nach dem Frieden solcher Waldeinsamkeit! O, und
Ihre Frau Mutter! Wie wollte ich bemht sein, ihr die Tage kurz und
lieb zu machen! Wie wrde mein Leben in ihrem Dienst ein so reiches,
hochbeglcktes sein! -- Und dann der Gedanke, von Ihnen, Graf, in die
Wunderwelt des Strandes eingefhrt zu werden, mit _Ihren_ Augen die
unendliche Schnheit des Meeres schauen zu lernen, -- mit zitternder
Seele die druende Gottheit im Donnerrollen der Wogen anzubeten!

Sie sprach voll schner Leidenschaftlichkeit, mit dem einschmeichelnden
Organ, welches sich wie Silberfden um das Herz strickt, und Guntram
Krafft blickte ihr wie verklrt in die Augen und empfand die Nhe der
kleinen Grfin noch mehr wie zuvor als Wohltat! --

Er wollte antworten, in demselben Augenblick drngte sich jedoch ein
junger Infanterieoffizier durch die Spalier bildenden Damen und Herren
und verneigte sich hastig.

Darf ich bitten, Komtesse, die Polka, welche Sie so gtig waren, mir
zu schenken.

Thea erhob sich zgernd.

Ah, die Polka! -- Eigentlich drfte ich nicht mehr tanzen, ich bin
todmde ...

Das wre grausam, Komtesse! Diese eine kleine Polka schadet Ihnen
sicher nicht!

Die junge Dame lchelte, -- ein wahres Mrtyrerlcheln, blickte
zu Guntram Krafft auf und sagte: So will ich es machen wie die
Schwalben, welche zwar scheiden, aber doch jedesmal versichern: Wir
kehren wieder!

Scharmant gesagt! applaudierte der kleine Leutnant und bot der
Sprecherin den Arm.

Grfin Sevarille kehrte auch wieder, aber sie fand den Erbherrn von
Hohen-Esp in sehr eifrigem Gesprch mit einem Ministerialrat, welchem
Guntram Krafft seine Absicht, in Sachen der Rettungsgesellschaft fr
Schiffbrchige hier zu wirken, ausgesprochen.

Der alte Herr hrte voll liebenswrdigen Interesses zu und nannte die
Bemhungen des Grafen sehr anerkennenswert und hochherzig, versicherte
aber, da er selber in dieser Angelegenheit absolut nichts tun knne
und verwies ihn an eine andere Adresse.

Das Gesprch drehte sich zu Theas groem Mivergngen noch lngere
Zeit um lauter sachgeme Auseinandersetzungen und wollte absolut
nicht wieder in jene hochinteressanten Bahnen lenken, wie zuvor. Der
Graf schilderte die Gefahren, welche das Hamelwaat fr die Seefahrer
berge, er sprach mit bewegten Worten von seinen khnen, zuverlssigen
Schiffern und von ihren redlichen Bemhungen, Hilfe in der Not zu
bringen -- und so aufmerksam Thea anscheinend auch zuhrte und
begeisterte Bemerkungen einflocht, -- die Spitze ihres zierlichen
Fchens bewegte sich dennoch sehr ungeduldig unter dem Kleidersaum,
und das nervse Spiel mit dem Fcher zeigte es, wie hchst langweilig
ihr diese Unterhaltung war!

Zu ihrem rger kamen auch wieder neue Tnzer, welche sie nicht gut
abweisen konnte, und entfhrten sie, und der Ball nherte sich seinem
Ende, ohne da sie die so mhsam errungenen Vorteile bei dem Bren noch
weiter ausnutzen konnte!

Fraglos hatte sie seine Sympathien gewonnen; solange aber die trichte
Schwrmerei fr Gabriele noch anhielt, waren ernsthafte Aussichten fr
sie ausgeschlossen.

Der moderne Parzival war anscheinend doch nicht ganz so unerfahren und
weltfremd, wie sie angenommen!

Er hatte bereits die Erkenntnis gewonnen, da Menschen von der Liebe
allein nicht leben knnen, und da die Summe immer klein bleibt, wenn
sich nichts mit nichts verbindet!

Sicher taxierte er den egoistischen und berechnenden Herrn von Heidler
richtiger wie sie alle und rechnete mit der Wahrscheinlichkeit, da
derselbe durchaus keine Heiratsgedanken habe, sondern sich lediglich
darin gefalle, von der gefeiertsten jungen Dame als Held der Zukunft
angeschwrmt zu werden.

Da aber ein Mann mit reellen Absichten stets den Sieg ber einen
Courmacher davontrgt, ist eine so alte Tatsache, da sie selbst in dem
weltfernen Hohen-Esp bekannt sein drfte. --

Thea hatte es lngst durchschaut, da Herr von Heidler viel zu hohe
Ansprche an die Mitgift seiner Zuknftigen stellte, um sich mit
Gabrieles Vermgen, so ansehnlich dasselbe auch sein mochte, zufrieden
zu erklren; da dies dem Grafen Hohen-Esp aber mglichst unbekannt
blieb, ja, da er so radikal wie mglich von seiner Schwrmerei geheilt
werde, das mute frerst die grte Sorge der Grfin sein.

Sie kommen doch morgen abend in den Petersburger Hof, wo wir zu
Ehren der auswrtigen jungen Damen und Herren noch einmal tanzen?
flsterte sie zum Abschied zu Guntram Krafft empor. Der folgte just
mit einem seltsam verschleierten Blick dem Frulein von Sprendlingen,
welche, ohne nur den Kopf nach ihm zu wenden, lachend und plaudernd
vorberschritt.

Ich wei es nicht, Grfin! Was soll ich da? Es liegen auch so viele
Dinereinladungen fr mich im Hotel -- --

Was fragte Thea nach denen!

Junge Mdchen wurden selten, fast nie zu Diners eingeladen, -- auer
auf den Bllen und der Eisbahn hatte sie keine Gelegenheit, den Grafen
wiederzusehen.

Sie entfaltete den glitzernden Fcher und winkte ihn nher herzu.

Ich gehe morgen nachmittag zu Gabriele und forsche sie aus! flsterte
sie. Und abends, whrend des Balles, teile ich Ihnen mit, was
geschehen mu, um Gabriele fr Sie zu interessieren! Ich werde bei
meinem Besuch schon alles tun, um das sprde Herzchen mglichst fr Sie
zu erwrmen, -- hoffentlich gelingt es mir, da sie Ihnen einen Tanz
aufhebt!

O, Grfin ... wie sollte ich Ihnen das danken? stammelte er und sah
abermals aus, wie ein Kind, welchem man lockende Mrchen erzhlt.
Unter diesen Umstnden komme ich natrlich!

Sie nickte ihm lchelnd und vertraulich zu und freute sich, da
ein paar andere junge Damen, darunter auch Lotte, welche den
modernen Parzival fr einen Brillant unter Simili erklrt hatte, ihr
Einverstndnis mit dem Hohen-Esper sahen. --

Was wollen wir morgen zusammen tanzen, resp. >absitzen<, Graf? --
fuhr sie flsternd fort; lassen Sie uns besser allsogleich etwas
Bestimmtes verabreden, sonst wandere ich wieder von einem Arm in den
andern und kann Ihnen nichts erzhlen!

O, gewi ... alles, was Grfin befehlen ...

Gut, sagen wir also den ersten Walzer und das Souper! Bei Tisch ist
man oft am ungestrtesten! Vergessen Sie es aber nicht! Das Souper
und den ersten Walzer! -- Selbstverstndlich trete ich die Tnze an
Gabriele ab, falls sie dieselben beanspruchen sollte, -- aber _nur_
an Gabriele, an niemand anders! O, Sie ahnen es nicht, Graf, _wie_
gut ich es mit Ihnen meine!

Doch, Grfin! Ich berzeuge mich ja ununterbrochen davon! antwortete
er mit warmem Dankesblick und erglhte abermals bei dem glckseligen
Gedanken, da Gabriele mit ihm tanzen knne, bis unter die lockigen
Haare. Ich vergesse Ihre gtige Zusage gewi nicht! Wenn Sie derselben
nur eingedenk bleiben mchten!

Thea nickte ihm mit reizendem Lcheln zu und drckte seine Hand zum
Abschied, und als Guntram Krafft in dem Wagen sa und nach dem Hotel
fuhr, sah er im Geiste das herzgewinnende Gesichtchen der Grfin
beinahe deutlicher vor sich, wie das kalte und abweisende Antlitz
Gabrieles, deren Worte ihn erbarmungslos verfolgten bis in den kurzen,
unruhigen Schlaf hinein. -- --

Am nchsten Vormittag gedachte der Graf von Hohen-Esp fr jene
Angelegenheit zu wirken, welche ihn ursprnglich hierher in die
Residenz gefhrt.

Er wollte den Finanzminister aufsuchen, um ihn, wie der Ministerialrat
gestern abend geraten, fr die Anlage einer neuen Rettungsstation zu
interessieren.

Er mute lange warten, bis Seine Exzellenz einen Augenblick Zeit
erbrigen konnte, und kaum, da er ein paar einleitende Worte
gesprochen, lchelt der alte Herr sehr verbindlich und reicht ihm die
Hand.

Ich ahne bereits, um was es sich handelt, mein lieber Graf! sagte
er, und mchte Ihre und meine Zeit nicht unntig in Anspruch nehmen.
All diese Angelegenheiten, welche Sie da berhren, sind nicht meine
Sache, -- Sie drften in erster Linie das zustndige See- oder
Hafenamt interessieren! Gestatten Sie einen Augenblick, ich werde mich
informieren und Sie allsogleich vor die rechte Schmiede schicken.

Und Guntram Krafft wartete, und man schickte ihn weiter von Pontius
zu Pilatus, und berall begegnete er viel Liebenswrdigkeit und viel
hflichen Worten, -- nirgends aber einer Zusage oder energischer Hilfe.
Man schien die ganze Sache nirgends so recht ernst zu nehmen und mehr
an eine mige Spielerei oder ungerechtfertigte Ansprche zu glauben.

Einer der Herren, welche beim Mittagstisch neben dem Grafen saen,
und welchem er sein Leid betreffs all seiner vergeblichen Bemhungen
klagte, schttelte lchelnd den Kopf. Das Hamelwaat ist den Schiffen
so gefhrlich? Verzeihen Sie, Graf, ich habe noch nie von einer ernsten
Havarie gehrt, welche ein Fahrzeug dort erlitten.

Weil wir glcklicherweise stets noch rechtzeitig zur Stelle waren, um
eine solche verhten zu knnen!

Wer vollfhrte die Lotsen- resp. Rettungsarbeiten?

Freiwillige Fischer aus meinem Stranddorf!

O, vortrefflich! Haben Sie die Leute zu einer Auszeichnung oder
Belohnung vorgeschlagen? Bitte, versumen Sie das ja nicht,
verehrtester Graf, und zeigen Sie eventuelle Verdienste der Leute bei
dem zustndigen Landratsamt an. Im brigen aber rate ich Ihnen, die
wackeren Fischer ruhig weiter fr ihre Kameraden sorgen zu lassen!
Diese Selbsthilfe ist meist die praktischste und beste. -- Die Grndung
einer neuen Station ist mit sehr vielen Kosten und Umstnden verknpft,
und wo es nicht absolut ntig ist, unterlt man sie! --

Aber sie ist absolut ntig!

Ihrer Ansicht nach, verehrtester Herr Graf. Gewi liegt es in dem
Wunsche eines jeden ehrenhaft denkenden Mannes, der Hilflosigkeit
berall, -- nicht nur auf eng bemessenen Strecken, beistehen zu knnen,
und ich glaube, da Menschen, die viel oder gar stets an der See
kleben, die Notwendigkeit doppelt einsehen, da noch gar viel geschehen
mu, um all den groen und schwerwiegenden Anforderungen gerecht zu
werden.

Aber es geschieht nichts, wenigstens nicht bei uns! --

Wie weit ist die nchste Station von Ihnen entfernt? --

Den Kilometern nach nicht direkt auer der Welt, und dennoch absolut
nutzlos fr uns, da sie in dringenden Fllen -- und die sind es zumeist
-- nicht erreichbar ist!

Wie drfte das zu verstehen sein, Herr Graf?

Die ganze Lage des Hamelwaats zwischen vorgestreckten Dnen und
Sandbnken, welche ihre Beschaffenheit beinahe mit jedem hohen
Seegang wechseln, die sehr zuwidern Strmungen, mit welchen gerade in
seiner nchsten Umgebung zu kmpfen ist, machen diese meine kleine
Kstenstrecke besonders gefhrlich. Wenn ein Schiff aufluft, so
geschieht das meist sehr unerwartet und so gewaltig, da wir, die
beinahe stndig auf der Lauer liegen, um uns nicht berraschen zu
lassen, kaum schnell genug zur Stelle sein knnen, um das Schlimmste
abzuwenden. Meilenweit Boten schicken und dann warten, bis von fernher
ein Wagen mit Rettungsboot und Mannschaft von keuchenden Rossen durch
Sand und Schlick herangeschleppt wird, ist eine Unmglichkeit! --
Wenn ein Schiff tatschlich Havarie erlitten hat, liegt es kaum noch
in unserer, so schnell bereiten Kraft, die Mannschaft zu bergen,
geschweige das Fahrzeug selber zu retten! Unsere hauptschliche
Aufmerksamkeit wendet sich daher einer vorbeugenden Hilfeleistung zu.
-- Wir leisteten mehr Lotsendienste wie Rettungsdienste bisher, wir
suchten stets rechtzeitig zur Stelle zu sein, um einem arglos segelnden
Schiff, welches sich in den Molochsrachen des Hamelwaats treiben lie,
Warnung und einen Lotsen an Bord zu bringen, welcher ihm half, in
sicherem Fahrwasser seinen Kurs zu nehmen! Und weil wir so manchen
Unfall noch rechtzeitig verhten konnten, ist die Aufmerksamkeit
der Strandbehrden noch nicht gengend auf die Gefhrlichkeit
jener Kstenstrecke gelenkt. Habe ich mich klar und verstndlich
ausgesprochen, sehr geehrter Herr? -- Ich bemhte mich, mit
Hintansetzung aller >technischen< Ausdrcke nur mglichst anschaulich
zu reden!

Das taten Sie, Herr Graf! Ich verstehe vollkommen, was Sie bezwecken
und wnschen, und wrde mit Freuden der erste sein, welcher Ihre so
uneigenntzigen Wnsche mglichst frdert. Aber, aber!!... und der
Sprecher zuckte sehr bedauerlich die Achseln und schwieg.

Welch ein >Aber<? -- lt sich dasselbe nicht durch den guten Willen
berwinden?

Immer rter und rter stieg es in Guntram Kraffts Stirn, immer
ungeduldiger blitzte sein Auge.

Nein, Herr Graf! Gerade dieses >Aber<, welches man wohl Ihren
Bemhungen als Schranke gegenberstellen mu, ist das einzigste,
welches sich selbst mit dem besten Willen nicht berwinden lt --

Ah!?

Ich meine das Geld!

Der Br von Hohen-Esp neigte jh das erst so stolz und fragend
blickende Antlitz.

Das Geld? wiederholte er mit etwas unsicherer Stimme. Ich nehme an,
da die Gesellschaft zur Rettung Schiffbrchiger ber gengende Mittel
verfgt?

Der alte Herr seufzte tief auf und rezitierte mit einem Versuch zum
Scherzen: Wollte Gott, dem wre so! Nein, Herr Graf, da befinden Sie
sich leider in groem Irrtum. Die Ansprche, welche von Jahr zu Jahr
an diese unvergleichliche, so bienenfleiig arbeitende und schaffende
Gesellschaft gestellt werden, schwellen mit der stets und stndig
wachsenden Not bis ins Ungeheure an, -- whrend sich doch keine Quelle
erschliet, dementsprechende Mittel neu zuzufhren!

Aber die Sammlungen im Lande?!

Deren Ertrge sind so unbedeutend, da man sich ihrer schmen mchte!

Mein Gott, wie ist das mglich?

Abermals ein resigniertes Achselzucken.

Man interessiert sich nicht dafr! -- Die paar wenigen Menschen,
welche im Sommer in die Seebder reisen, der krftigen Salzluft neue
Kraft und Strkung verdanken und die wundervolle Poesie des Meeres und
des Seewesens liebgewinnen, die steuern wohl teilweise ihr Scherflein
dazu bei, an dem groen, wichtigen, herrlichen Werk edler Nchstenliebe
zu helfen; aber was will dieser verschwindend kleine Bruchteil im
Gegensatz zu den enormen Kosten besagen, welche die Hilfeleistungen
erfordern? Die groe Menge kennt und liebt die See kaum. --

Undenkbar! -- Schon aus Patriotismus ist es doch die Pflicht eines
jeden, gerade fr die Kste eines Meeres einzustehen, auf welchem
Deutschlands ganze Zukunft ruht! --

So denken Sie, mein lieber Graf!

Und andere nicht? --

_Vorlufig_ noch nicht! Wenn unserm deutschen Volk die Augen
aufgehen, wird es auch die Hand ffnen und der heiligsten seiner
Missionen nicht mehr kalt und fremd gegenberstehen!

Und bis dahin?! --

Bis dahin mssen wir uns gedulden, hoffen und mutig ausharren, lieber
Graf, und vor allen Dingen bemht sein, uns nach Krften selber zu
helfen! -- Haben Sie nicht bisher die gute Sache in umsichtigster und
opferfreudigster Weise gefrdert? -- Lassen Sie es sich auch ferner in
gleicher Weise angelegen sein, das Ihre zu tun. Man wird es Ihnen Dank
wissen! --

Auf diesen mchte ich lieber verzichten, wie auf das kleinste Zeichen
tatkrftigsten Interesses!

Das lt sich nicht erzwingen.

Gott sei es geklagt.

Das Gesicht des jungen Mannes sah bla und finster aus, und da die
Tafel just beendet war, erhob er sich, um sich zu verabschieden.

Noch ein paar sehr hfliche Redensarten, Worte der Anerkennung und
des Dankes fr die warme Teilnahme, welche der Graf dem Rettungswesen
entgegenbringe -- und dann schlo sich die Tr hinter ihm.

In tiefe Gedanken versunken schritt Guntram Krafft nach seinem Zimmer
empor.

Ein Gefhl groer Niedergeschlagenheit und Mutlosigkeit wollte ihn
berkommen.

Seine liebsten, schnsten Hoffnungen waren fehlgeschlagen, und sein
Herz, welches voll so heier, wahrer Begeisterung fr die gute Sache
schlug, blutete aus der Wunde, welche Gleichgltigkeit und der Mangel
an echter Nchstenliebe ihm geschlagen.

Man interessiert sich im Binnenland nicht fr die See? -- Gott verhte
es, du deutsches Volk, da nicht ein eisenklirrender Sturmwind
daherrast und dich mit eherner Faust aus dem Schlafe rttelt! --

       *       *       *       *       *




XV.


Grfin Thea Sevarille hatte eine schlaflose Nacht gehabt.

Mit weitoffenen, brennenden Augen hatte sie in den Kissen gelegen und
berlegt, auf welche Weise sie mit einem einzigen geschickten Schachzug
die Knigin Gabriele matt setzen und selber als Siegerin aus dem Spiel
hervorgehen knne.

Da Guntram Krafft ein Mann war, welcher berlegte, hatte sie bereits
bemerkt.

Seine aufflammende Liebe fr Gabriele war bereits so stark, da er auf
Einflsterungen nichts mehr gab -- das hatte sie erfahren, als die ihm
so geschickt beigebrachte Verlobung Gabrieles mit Heidler nur die eine
Folge hatte, da der Graf sich bei dem Souper an ihre Seite setzte und
sich doppelt zu bemhen schien, den Nebenbuhler rechtzeitig aus dem
Sattel zu heben.

Der weltfremde Parzival war gar nicht so unerfahren, wie sie annahm,
er hatte zu viel Bcher gelesen und wute ganz genau, wie schwer ein
reicher Freier gegen einen mittellosen Courmacher in die Wagschale
fllt.

Er mute durch ein drastischeres Mittel berzeugt werden, um sein
Rennen aufzugeben.

Gabriele selber war eine Nrrin und fanatisch genug, den Erben
von Hohen-Esp einer idealen Schrulle zu opfern, -- bis jetzt sah
es tatschlich aus, als ob sie nicht gewillt sei, Theas Plne zu
durchkreuzen, wenn dieses abstoende Wesen nicht doch die berechnendste
Koketterie war, um den naiven Parzival auf das uerste zu reizen und
desto sicherer zu gewinnen.

Thea glaubte es zwar nicht, denn sie hatte Gabriele als wahrheitliebend
und aufrichtig kennengelernt.

Sie war ein sprder, stolzer, leidenschaftlicher Charakter, viel zu
aufbrausend und heftig, um berechnend handeln zu knnen, viel zu ideal
beanlagt und in ihre trichten Schwrmereien verrannt, um aus schnder
Gewinnsucht ihre berzeugung aufgeben zu knnen!

Thea lacht ironisch auf.

Das Herz eines heldenhaft mutigen Mannes und eine Htte! das gengt
dem Frulein von Sprendlingen, aber die Mutter! -- die mte eben keine
Mutter sein, wenn sie nicht mit hundert scharfen Augen ber der Tochter
wachte und die Torheiten derselben mit allen Mitteln korrigierte!

Mit welch auffallender Liebenswrdigkeit begegnete sie dem Bren von
Hohen-Esp!

Wie suchte sie so geschickt jeden fatalen Eindruck zu verwischen,
welchen die rcksichtslose Tochter gemacht!

Herr von Heidler rechnet in den Augen der Mama gar nicht mit, denn sie
sucht eine gute Partie fr die Tochter.

Man sagt zwar, da Sprendlingens recht vermgend seien, -- freilich
tauchen auch oft Gerchte auf, da sie sehr ber ihre Verhltnisse
gelebt und bei einem jngst erfolgten Brsenkrach ganz bedeutend
verloren haben sollen.

Dieses Gercht hat Herrn von Heidler bisher abgehalten, aus seiner
Courmacherei Ernst zu machen und sich zu erklren, denn der
schneidige Dragoner ist das verkrperte Rechenexempel und wird seine
begehrenswerte Hand nur zum hchsten Angebot losschlagen.

Aber selbst in dem Falle, da die bsen Gerchte nur auf Verleumdung
beruhen, sind wenig Aussichten bei den Eltern seiner Angebeteten.

Frau von Sprendlingen ist noch viel zu hbsch, zu jung und
lebenslustig, um zugunsten der Tochter auf ein Vermgen und mit
demselben auf die gesellschaftliche Rolle zu verzichten, welche sie
trotz der erwachsenen Gabriele noch immer spielt.

Geteilte Zinsen sind nur halbe Zinsen, und das wei auch der
pensionierte Oberst mit dem Generalstitel genau so gut, wie seine
gefeierte Gattin.

Herr von Sprendlingen ist Lebemann, er liebt eine vorzgliche
Speisekarte, er huldigt noblen Passionen und hat nie Anlage zur
Selbstkasteiung und niemals Sinn fr eine strenge Pnitenz gehabt! Auch
er zieht den reichen Freier einem mittellosen Schwiegersohn vor.

Wenn aber Heidler von den Eltern in nicht mizuverstehender Weise
abgewinkt wird, wenn die Mutter das Ohr und Herz des Tchterleins
dauernd und wirksam bearbeitet, wird Gabriele dann auch auf die Dauer
der Werbung des Grafen von Hohen-Esp so ablehnend gegenberstehen wie
jetzt? --

Thea beit die scharfen, weien Zhnchen in die Lippe und atmet schwer
auf.

Nein! Darauf darf sie es unter keinen Umstnden ankommen lassen!

Sie mu die Fden endgltig zerschneiden, ehe ein Netz daraus
geflochten werden kann!

Aber wie? --

Nur etwas ganz berzeugendes, Augenscheinliches wird bei dem verliebten
Bren von entscheidender Wirkung sein.

Und wie Thea die ungeduldig zuckenden Hnde gegen die Schlfen pret
und ber das was und wie grbelt, da durchfhrt sie pltzlich ein
Gedanke und jagt ihr heie Glut in die Schlfen.

Gabrieles Zettel!

Jener Zettel, welchen das trichte, selbstbewute Backfischchen vor
Jahren geschrieben, der Zettel, auf welchem sie erklrt, nun und nimmer
den Grafen von Hohen-Esp heiraten zu wollen!

In fliegender Hast entzndet Thea das Licht, wirft ihr Morgenkleid ber
und eilt an den Schreibtisch im Nebenzimmer.

Wie war es mglich, da sie diesen kostbaren, unersetzlichen Zettel
vergessen konnte! --

Nein -- vergessen hatte sie ihn nicht ... sie hatte ihn ja schon damals
sorgsam aufbewahrt in dem Gedanken, da er ihr einmal ntzen knne
... Aber jetzt ... sie dachte nicht, da sie ihn schon jetzt, so bald
als schwerwiegendste Waffe gegen die Nebenbuhlerin ins Treffen fhren
werde! --

Besitzt sie ihn berhaupt noch?

Hat vielleicht ein tckischer Zufall ihn durch ihre Finger geblasen? --

Mit bebenden Hnden durchwhlt Thea den Inhalt der Schublade, das
Licht flackert und wirft rtlich zuckenden Schein ber ihr blasses,
aufgeregtes Gesicht.

Hier die altmodische kleine Schreibmappe, welche alle Raritten aus
ihrer Backfischzeit, der Tanzstunde usw. enthlt.

In ihr liegt auch der bedeutungsvolle Zettel Gabrieles verwahrt!

Die dnnen, feingliedrigen Finger mit den langgebogenen Ngeln streuen
achtlos die welken Blumen, Bandschleifchen und Tanzkarten, die
Haarlocken und Stammbuchverse auseinander.

Hier! zwischen mehreren engbeschriebenen Blttern einer
ausgeschriebenen Rolle, Die Gouvernante, von Krner, liegt das
Gesuchte! Theas Augen leuchten auf, sie fat den Zettel fest, so
krampfhaft fest, als frchte sie, er knne ihr noch jetzt entrissen
werden, wirft den vergilbten Kram hastig in die Schublade zurck und
eilt auf den weichen Sohlen ihrer roten Morgenschuhe frstelnd in das
Schlafzimmer zurck.

Dort liegt sie wieder in den Kissen und starrt mit brennendem Blick auf
die noch sehr deutliche Bleistiftschrift hernieder.

Vortrefflich! Gabriele hat ihren Namen genannt, sie hat die Zeilen
gewissermaen an Thea gerichtet.

Der Inhalt ist berraschend gut.

Klarer, deutlicher und beleidigender kann er beim besten Willen nicht
gedacht werden.

O, er wird Eindruck machen!

Die junge Dame lacht leise auf, ihre sonst so weichen, schwrmerischen
Augen blitzen Triumph und hmische Freude.

Mit diesen wenigen, kleinen Bleistiftschnrkeln hat Gabriele das groe
Los durchgestrichen, welches ein gtiges Schicksal ihr so verfhrerisch
prsentierte.

Die Herrschaft Walsleben, -- Hohen-Esp, -- eine Grafenkrone und ein
bildschner, ritterlicher Mann -- dies alles zerrinnt wie Rauch und
Nebel vor diesem winzigen Blttchen Papier, welches ein arrogantes
kleines Frulein sich selber zum Urteil schrieb.

Nun liegt es wie ein unberwindliches Hindernis vor ihr auf dem Weg zu
Glck, Reichtum und Rang, und eine andere kommt und nimmt Besitz davon.

Noch kurze Zeit wirbeln die Gedanken hinter Theas Stirn, dann ist sie
einig mit sich, ihr Plan ist ausgereift.

Er ist einfach, sehr einfach, aber gerade dadurch verspricht er den
Erfolg.

Grfin Sevarille dehnt die Arme und schliet mit wohligem Lcheln die
Augen.

Sie spielt ein Hazard um den Coeur-Knig, und schon morgen abend wird
sie =va banque= sagen! --

       *       *       *       *       *

Das Hotel St. Petersburg ist ein altes, bestrenommiertes Haus.

Man nennt es scherzweise den russischen Krug oder die Petersburger
Ausspanne, weil es noch an die Zeit erinnert, wo die altehrwrdigen
Kaleschen vor dem Dorfkrug Station machten, um die Pferde zu wechseln!

Ganz so schlicht ist das Hotel zwar nicht, aber es ist andererseits
auch weit entfernt von den modernen Prachtbauten, welche ihre
Marmorsulen und Palmengruppen in elektrischem Licht spiegeln, -- es
hat schne, einfache Rume, solide Preise, eine vorzgliche Kche
und die beste Gesellschaft zu Gast. Daher besteht nach wie vor die
Sitte, da nach jedem Hofball eine Nachfeier im Hotel St. Petersburg
stattfindet, eine Art Kavalierball, welcher sehr beliebt und viel
besucht ist.

Auch Guntram Krafft hatte seinen Namen am Vormittag noch in die
ausliegende Liste fr die auswrtigen Herrschaften eingetragen,
und er war auch schon als einer der ersten zur Stelle, als die
Wagen heranrollten und all jene zauberhaft holden Frauen- und
Mdchengestalten des verflossenen Abends aufs neue im Saal und in den
Empfangsrumen zusammenstrmten. Frulein von Sprendlingen lie, wie
stets, sehr lange auf sich warten.

Sie hat ja ihre Tanzkarte gestern abend schon gefllt mitgenommen!
sagte einer der Herren zu einer jungen Dame, welche nach ihr fragte:
Warum soll sie sich da die Fe hier wund stehen? Auch Ballkniginnen
pflegen erst zu erscheinen, wenn sich der Hofstaat vollzhlig
versammelte.

Thea schwebte in einer rosa Tllwoge in den Saal und winkte dem
Grafen schon von weitem mit bedeutungsvollem Lcheln zu. Sie ward
von Tnzern umringt, mute die lteren Damen begren und mit den
jngeren ein wenig plaudern, so da schon die ersten Walzerklnge durch
den Saal fluteten, ehe der Graf ihr guten Abend sagen und sie daran
erinnern konnte, da sie die Gte gehabt, ihm schon gestern zwei Tnze
zuzusichern.

Sie reichte ihm mit reizendem Lcheln die Hand und sagte leise:

Wie sollte ich diese Tnze vergessen! gerade auf Sie freue ich mich ja
am meisten!

Guntram Krafft ward dunkelrot und drckte die schlanken Fingerchen
aufgeregt zwischen den seinen.

Thea freute sich auf die Tnze? Nun, dann hat sie ihm sicher etwas
recht Angenehmes mitzuteilen!

Er wollte gern sofort mit ihr plaudern, sich auf einen Diwan mit ihr
niedersetzen, wie dies auf dem Hofball der Fall gewesen; da aber am
heutigen Abend sehr viel flotter getanzt zu werden schien, war es der
vielen Extratouren wegen nicht mglich. Das sagten ihm schon etliche
junge Damen, welche er gestern kennengelernt und soeben auch begrt
hatte.

Gestern war der Tanz Nebensache.

Ein Hofball ist mehr eine glnzende Schaustellung, eine Parade, bei
welcher nicht die Pickelhauben und Sbel, sondern die schnen Augen der
Frauen blitzen, ein groes Stelldichein, welches sich Namen, Stellung,
Prunk und Schnheit geben, gemeinsam dem Landesherrn und seinem
erlauchten Haus ihre Ehrfurcht zu vermelden.

Der Hofball ist ein lebendes Bild, durch welches der Tanz nur ganz
verschwindend seine goldenen Linien zieht; eine Nachfeier im Hotel
St. Petersburg jedoch ist das schne Recht der Jugend, wo sie alles
nachholen will, was ihr die steifere Etikette der Hoffeste verkmmert
hatte.

Gabriele war noch immer nicht erschienen; Guntram Krafft wandte kaum
einen Blick von der Tr.

Er stand, in Wahrheit eines Hauptes lnger denn alles brige Volk,
nahe am Eingang und schaute voll ungeduldiger Sehnsucht jener Einzigen
entgegen, welche trotz ihres schroffen und abweisenden Wesens all seine
Gedanken wie durch einen wahren Zauberbann gefesselt hielt.

Er hatte einmal in dem Bcherschrank seiner Mutter ein Gedichtbuch
gefunden, welches er heimlich mit an den Strand nahm und, in dem
knisternden Riedgras liegend, las. Da fand er ein paar Verse, welche
ihn ganz besonders zum Nachdenken reizten; sie handelten von einer Rose
an Dornen ach nur allzu reich! von der hie es:

    Viel andre Blumen sah ich blhen
    Und sie zu pflcken hab ich Wahl --
    Doch immer treibt mich inneres Glhen
    Zur Rose, zur geliebten Qual!
    Ich schlrf' aus ihres Kelches Bronnen
    Den Wonnentau, den sen Schmerz
    Und drcke sie samt allen Dornen
    Vor Wollust an mein leidend Herz!

Dieses Gedicht kam ihm pltzlich in die Erinnerung, und was ihm ehemals
so unverstndlich schien, das begriff er jetzt.

Warum fesselte Gabriele ihn so wunderbar, sie, die dornenreichste aller
Rosen, welcher er im Leben begegnet war?

Warum gefiel ihm Grfin Thea in all ihrer anmutigen Liebenswrdigkeit
nicht tausendmal besser?

Warum stand er hier und blickte voll sehnender Ungeduld jener Schnsten
entgegen, welche die einzige im Saal war, die fr ihn kaum einen Blick,
kaum einen Gru hatte? Und je lnger sie zgert, zu erscheinen, desto
unruhiger hmmert das Herz in seiner Brust.

Herr von Heidler ist bereits anwesend und scheint sich nicht viel Sorge
um das Zgern seiner Herzensknigin zu machen. Er tanzt bereits sehr
flott mit der Tochter des Divisionrs, seines Obersten, mit der Nichte
des Hofmarschalls und der gestern zuerst bei Hof prsentierten Enkelin
des Ministers.

Ein berschlankes Pppchen, mit trotz ihrer Jugend schon recht
blasiertem, ausdruckslosem Gesichtchen. Man erzhlte sich aber heute
morgen im Hotel, wo verschiedene Herren in Gesellschaft Guntram Kraffts
frhstckten, da Frulein Henny ein goldenes Klbchen sei, um welches
wohl bald ein recht lebhafter Tanz beginnen werde, -- ein Tanz, welcher
in diesem Fall wohl nur dem Gtzen Gold huldige. --

Ja, er beginnt bereits! Und Herr von Heidler verschmht es nicht, in
Abwesenheit seiner angebeteten Gabriele mit recht zndenden Blicken in
das spitze, sommersprossige Gesichtchen zu sehen.

Schon der zweite Tanz nherte sich dem Ende, und noch immer ist Frulein
von Sprendlingen nicht erschienen.

Auch Thea fllt es auf.

Wo steckt denn Gabriele? fragte sie einen der Vortnzer: Hat sie etwa
abgesagt?

Leider! leider! dienert der Vielbeschftigte, noch in letzter Stunde
...

Undenkbar, aus welchem Grunde? ...

Der Gefragte zuckte die Achseln.

_Nur_ mndliche Bestellung!... Durch pltzliche Krankheit verhindert!
Mglicherweise hat das gndige Frulein gestern doch zu viel getanzt!
Einige zwanzig Kotillonstrue! Das ist eine Anforderung, welche kaum
groe Fe leisten knnen, geschweige eine solche Miniaturausgabe, wie
die des Frulein von Sprendlingen!

Beinahe atemlos vor Interesse hat Thea zugehrt.

Gabriele krank?

Gnstiger konnte es sich fr ihre Plne ja kaum treffen!

Wenn man krank ist, nimmt man keine Besuche an, dann schreibt man mit
Bleistift auf kleine Zettel, -- das mu doch selbst dem Argwhnischsten
einleuchten!

Grfin Sevarille sieht strahlend heiter aus, der Triumph, die Genugtuung
blitzen aus ihren Augen.

Ein franzsisches Sprichwort sagt: Der Abwesende hat immer Unrecht!
Auch Gabriele, die Rivalin, wird geschlagen werden, whrend sie fernab
von dem Schlachtfeld weilt!

Ist es nicht ganz auffllig, wie sich das Interesse des Grafen schon
jetzt der kleinen, hilfsbereiten Freundin zuwendet?

Wie innig drckte er ihr vorhin die Hand, wie allerliebst errtete er
bei ihren Worten -- wahrlich ein moderner Parzival, ein Kinderherz ohne
Arg und Falsch, ebenso leicht durch ein paar Zuckerpltzchen gewonnen,
wie ein solches!

Und hoffentlich auch ebenso leicht getrstet, wenn ein hbsches, buntes
Spielzeug, nach welchem es naives Verlangen trug, aus seinen Hnden
gewunden wird. Man gibt ihm dafr ein anderes ... und es wird sich
zufrieden geben und sich artig dem Willen derjenigen fgen, welche so
sehr, sehr viel klger und weltgewandter ist wie das groe Kind aus dem
Strandschlo.

Thea hatte eigentlich noch ein wenig warten wollen, ehe sie den groen
Trumpf ausspielte; nachdem sie aber die kstliche Nachricht erhalten,
da Gabriele krank sei, hielt sie nicht lnger zurck, sie brannte
darauf, das Eisen zu schmieden, so lange es hei war. Geschmeidig wie
ein schillerndes Eidechschen wand sie sich durch die Plaudernden und
stand im nchsten Augenblick vor dem Bren von Hohen-Esp, welcher ihr
bereits voll fiebernder Ungeduld entgegensah und zum erstenmal seinen
Posten an der Tr verlie, um Grfin Sevarille den Arm zu bieten.

Jetzt kommt unser Tanz, Grfin, nicht wahr? fragte er hastig.

Sie lachte und legte das Hndchen mit allen Zeichen groer Erschpfung
auf seinen Arm. Nein, Gott sei Dank, noch kommt er _nicht_, Graf! --
Ich bin halb tot! Ich mu mich erst eine Weile ausruhen, und darum will
ich vor dem nchsten Galopp flchten und biete ein Knigreich fr einen
Sessel!

In des Waldes tiefste Grnde flchtete die Seherin! rezitierte ein
ganz junger Offizier und trat lachend zur Seite, whrend Guntram Krafft
sehr ernst und eifrig nickte.

Ganz recht, Sie tanzen viel zu viel, Grfin, es wird Ihnen
schaden! sagte er und wandte sich nach einem Nebenzimmer, an dessen
Spiegelwnden nur eine Reihe von Wiener Sthlen stand: Kommen Sie
bitte hier herein! -- Es ist khl und menschenleer!

Seitlich im Zimmer hatten sich etliche alte Herren zu einem L'hombre
zusammengesetzt; sie blickten flchtig auf, lieen sich aber nicht
stren, als die jungen Leute entfernt von ihnen, in der Fensterecke,
Platz nahmen.

Guntram Krafft stand noch vor Thea, welche sehr grazis und so matt wie
ein rosa Wlkchen in der Sommerhitze auf einen der Sthle niedersank.

Wo bleibt Frulein von Sprendlingen? fragte er ohne jedwede
Einleitung, so, wie sich ihm die Worte ungestm auf die Lippen drngten.

Gabriele? Wissen Sie es noch nicht? Sie ist krank!

Krank?! -- Mein Gott, was fehlt ihr?

Thea zuckte mit umwlkter Stirn die Achseln. Vielleicht erkltet ...
vielleicht auch nicht. Herzlose Mdchen kokettieren ja oft nur eine
Indisposition, um sich rar und interessant zu machen!

Herzlose Mdchen ... kokettieren ...?.., stammelte Guntram Krafft
beinahe erschrocken. Urteilen Sie _so_ ber Ihre Freundin?

Thea blickte ihn seltsam an, -- so warm, so innig und traurig, da ihm
abermals das Blut in die Wangen scho.

Setzen Sie sich zu mir, Graf! hauchte sie weich, entfaltete den Fcher
und blickte tief aufatmend auf seine gemalten Narzissen nieder.

Graf ...!

Er starrte sie momentan an. Warum sprechen Sie nicht weiter, Grfin?

Wollen Sie es durchaus, da ich von Gabriele spreche?

Und wollen Sie es durchaus _nicht_?

Sie seufzte: Ich mchte Ihnen so gern alles Unangenehme ersparen! Ich
meine es gut mit Ihnen, Graf, und bin auf Gabriele so sehr ... so
ernstlich bse!

Er hatte nur die ersten Worte gehrt und zuckte unmerklich zusammen.

Ich hre lieber Unangenehmes, wie gar nichts! sagte er leise. Und Sie
sind so gut und rcksichtsvoll zu mir, Grfin, da aus Ihrem Munde
sicherlich auch das Schlimmste noch ertrglich klingt!

Wieder traf ihn ihr Blick, in so herzlicher, ehrlicher Trauer, da es
ihm ganz wundersam zumute ward.

Nein, Graf, ehe ich Ihnen so etwas unerhrt Beleidigendes sagte, eher
bisse ich mir die Zunge ab! sagte sie erregt. Ich finde meine Mission
sowieso trostlos genug, denn wenn es nach mir ginge, sollten Sie
wahrlich glcklich sein! Htte es mir Gabriele nicht _schriftlich_
gegeben, ich wrde nie ...

Er hatte sie erst mit warmem Dankesblick angesehen, jetzt hob er jh das
Haupt und unterbrach sie.

_Schriftlich_ gegeben? wiederholte er erstaunt.

Sie zog ein Notizbchlein aus dem Kleid und entnahm ihm einen Zettel,
zog denselben jedoch hastig zurck, als Guntram Krafft mit allen Zeichen
groer Erregung danach greifen wollte.

Halt, Graf! Wenn ich Ihnen _diesen_ Zettel zeige, begehe ich eine groe
Indiskretion an Gabriele, und ich tue es nur, weil Sie mich gestern zu
einer gewissen Offenheit verpflichteten. Leicht wird es mir wahrlich
nicht, ich leide unsglich unter der Rolle einer Vertrauten, welche Sie
mir zuerteilten! Wenn mich Ihr Schicksal nicht so auerordentlich
interessierte, und wenn ich es nicht fr meine heilige Pflicht hielte,
Ihnen als guter Engel rechtzeitig die Augen zu ffnen, so wrde dieser
Zettel lngst ein Raub der Flammen sein! --

Grfin ... foltern Sie mich nicht ... lassen Sie mich lesen ...

Nur unter einer Bedingung ...

Ich gelobe alles, was Sie verlangen!

Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, schwren Sie es mir bei allem, was Ihnen
heilig ist, da _nie_ ein Mensch, Gabriele selber am allerwenigsten --
jemals es erfhrt, wie indiskret ich handelte, Ihnen diesen Zettel zu
zeigen! Sie geloben mir strengste Diskretion?

Ich gelobe sie und werde mein Wort halten! Er bot ihr mit seinem
offenen, grundehrlichen Blick die Hand entgegen, und Thea schlug ein.

Gut; ich glaube Ihnen! Ich habe rckhaltloses Vertrauen zu Ihnen, Graf!
Und nun lassen Sie mich erst erzhlen, wie ich zu diesem Zettel kam!

Ich bitte darum!

Es interessierte Sie, zu wissen, welche Meinung Frulein von
Sprendlingen ber Sie hege, und was Sie eventuell tun knnten, um sich
ihre Sympathien zu erwerben! Thea sprach schnell und leise, ihre
schlanken Finger hielten den Zettel zwischen den rosa Tllwogen auf
ihrem Scho. -- Ich wollte ihr demzufolge gestern morgen einen Besuch
machen, um sie ein wenig auszuforschen, wurde aber nicht angenommen,
weil das gndige Frulein um zwlf Uhr noch nicht aufgestanden war!! --
Um zwlf Uhr! Das wird Ihnen so unglaublich scheinen wie mir! Aber
Gabriele ist ja das verkrperte Grostadtleben: die Nchte durchwachen,
die Tage verschlafen, das ist das Programm der Modedamen, welche nun
einmal nicht fr lndliche Verhltnisse geboren sind!

O, wie schade, da Sie die Freundin nicht sehen konnten! -- Er strich
mit der Hand ber die Stirn, seine Stimme bebte vor Ungeduld.

Ich ging nach Hause und versuchte mein Heil schriftlich. -- Wahrlich,
Graf, ich habe es sehr diskret angefangen und begreife nicht, wie
Gabriele sogleich an Heiraten denken konnte, aber derart verwhnte
Mdchen wie sie wittern ja berall einen Heiratsantrag; selbst aus
meiner durchaus harmlosen Plauderei las Gabriele einen neuen Sturm auf
ihr so kaltes, anspruchsvolles Herzchen heraus. Hier, lesen Sie selber,
in welch unerhrt beleidigender Weise sie mir antwortet!

Die Sprecherin reichte brsk den Zettel dar, und Guntram Krafft nahm ihn
und neigte das Haupt tief darauf hernieder.

Theas Blick heftete sich scharf auf sein Antlitz, sie sah, wie es
erbleichte, wie sein Auge starr und glanzlos auf den Zeilen ruhte.
Regungslos sa Graf Hohen-Esp, -- sein Atem ging schwer, und der Zettel
schwankte momentan in seiner Hand. --

Er antwortete noch immer nicht, und Thea legte leise und zart ihre Hand
auf seinen Arm.

O, sehen Sie, Graf, wie diese grausamen Worte Sie verletzten! O, wie
beklage ich es, wie sehr bereue ich es nun, sie Ihnen gezeigt zu haben!

Er schttelte den Kopf, faltete den Zettel zusammen und schob ihn in die
Brusttasche.

Thea griff hastig danach.

O, geben Sie zurck, Graf ...

Unbesorgt, Grfin, das Papier ist gut aufgehoben, -- ich habe Ihnen ja
Diskretion gelobt. Aber ich bitte Sie, mir den Zettel zu eigen zu
lassen.

Er sprach mit seltsam harter, klangloser Stimme, und Thea verschlang mit
leiser Klage die Hnde.

Graf ... zrnen Sie auch _mir_?

Er blickte sie fragend an. Zrnen? Ich zrne weder der Schreiberin noch
Ihnen. Da Frulein von Sprendlingen sich nur fr einen Helden
begeistern kann und mich niemals heiraten wird, weil ich ihr nicht
imponiere, ist Geschmackssache, -- dagegen lt sich nicht streiten.

Aber da sie es so beleidigend ausdrckt, das verzeihe ich ihr nie!

Sie ahnte ja nicht, da ich diese Worte lesen wrde, und warum sollte
sie Ihnen gegenber in meinem Interesse rcksichtsvoll sein? Je klarer
und deutlicher sie sich ausdrckte, desto sicherer war sie, richtig
verstanden zu werden!

Er sprach sehr ruhig, beinahe monoton, und sein Haupt sank noch tiefer
zur Brust.

Graf!

Er schrak empor. Ich danke Ihnen, Grfin, da Sie mir jetzt schon
erfahren lieen, was mir spter wohl noch schwerer angekommen wre. Ich
wei, da Sie mir gewi lieber einen freundlichen Gru berbracht
htten. Sie haben sich meiner so gtig angenommen, obwohl Ihnen mein
Benehmen gewi uerst eigenartig erschien. Ich bin ein Fremdling hier,
-- ich kenne Ihre Sitten so wenig und handelte nur so, wie es mir just
in den Sinn kam. Bitte, vergessen Sie diese traurige kleine Episode.

Ich soll sie vergessen? -- Thea neigte sich vor und sah ihm voll
rhrender Innigkeit in die Augen: Nein, Graf, _Sie_ sollen
vergessen, und zwar so schnell und so grndlich wie mglich! Blhen
nicht so viele andere holde Blumen um Sie her? Warum mu es gerade
die Knigin Rose sein, welche an Ihrer Brust blhen soll? Glauben Sie
mir, Graf, es ist eine traurige Tatsache, da die schnsten Mdchen
nicht immer die besten sind! Sie werden verwhnt, eitel, egoistisch und
tyrannisch, sie lassen sich von ihren Launen beherrschen und urteilen
herzlos und oberflchlich ...

Er hob mit beinahe flehendem Blick die Hand. Rauben Sie mir nicht
den Glauben an die Schnheit, Grfin! sagte er weich. Wer sein
Leben lang im Banne eines holden Mrchens gestanden, findet sich so
schwer mit der herben Wahrheit ab! -- Schn und gut war bislang ein
unzertrennlicher Begriff fr mich, -- -- und warum soll ein Weib,
welches bis zur Schroffheit aufrichtig ist, nicht dennoch gut sein?
-- Und nun reichen Sie mir Ihren Arm, Grfin, das Souper scheint
angekndigt zu sein, -- die alten Herren verlassen den Spieltisch!

Thea erhob sich, -- das ironische Lcheln, welches um ihre Lippen
spielte und welches der beinahe lcherlichen Sanftmut ihres
schwrmerischen Partners galt, verlor sich.

Ja, lassen Sie uns gehen! Der Sekt soll Sie auf heitere Gedanken
bringen, und wenn die Flten und Geigen wieder erklingen, wollen wir
jedwedem Migeschick ein Schnippchen schlagen und uns doppelt und
dreifach des Lebens freuen! Sie haben mir das Ehrenamt einer Vertrauten
bertragen, Graf, und deren erste Verpflichtung ist es, ein trauriges
Herz zu trsten und zu erheitern! =Carpe diem=!

Sie nickte lustig dem Vortnzer, welcher in die Tr trat und winkte, zu,
hing sich wie ein rosiges Flckchen an den Arm ihres brenhaften
Tischherrn und schritt mit ihm, Triumph und Zuversicht im Herzen, zum
Souper.

       *       *       *       *       *




XVI.


So schweigsam wie Graf Hohen-Esp bei Tische war, so sprudelnd heiter und
amsant war seine Nachbarin.

Die kleine Ecke der langen Tafel war bald eine recht fidele, und Thea
beobachtete es voll Genugtuung, da Guntram Krafft energisch seine
Mistimmung bezwang und, wenn auch nicht frhlich, so doch etwas
gesprchiger wurde.

Als Komtesse Sevarille das Thema sehr geschickt auf die See lenkte und
die umsitzenden Damen aufs eifrigste in ihr schwrmerisches Entzcken
einstimmten, leuchtete es sogar in Guntram Kraffts ernsten Augen wie
heie Sehnsucht auf, und als man gar anfing, ihn um seemnnische Dinge
zu befragen und seinen Bemhungen, die Damen und Herren fr das
Rettungswesen Schiffbrchiger zu interessieren, ein lebhaftes
Verstndnis entgegenbrachte, da bemchtigte sich seiner sogar eine
gewisse freudige Erregung, welche fr den Augenblick die Schatten von
seiner Stirn scheuchte.

Dieses Gesprch whrte freilich nicht lange, dazu war die Jugend zu
bermtig gestimmt, ja, ein Referendar sagte sogar mit sehr tragischer
Geste: Es ist seltsam, da man hier auf dem Festland so wenig Sinn und
Teilnahme fr das Rettungswesen hat! Die Kste mit all ihren drohenden
Gefahren, ihrem >Seemann in Not< und ihrer schauerlich-schnen
Sturmpoesie liegt den Leuten hier zu fern, um sie zu interessieren! Eine
Gefahr, welche sie sich nicht vorstellen knnen, existiert nicht fr
sie, und ein Eisenbahnunglck wird ihnen stets mehr zu Herzen gehen wie
eine Schiffskatastrophe. Fr die Waisenkinder, das Blindenasyl und
Findelhaus zahlt wohl jede Mutter gerhrten Herzens ihr Scherflein, aber
eine wackere Gesellschaft, welche manch tapfern Seehelden den Wogen
entreien und manch unglcklichen Schiffer von seinem Wrack einholen
mchte, fr die findet sich kaum eine offene Hand! --

Und wie not tun unserm Vaterlande gerade die guten, starken Hilfen am
Strand! nickte Guntram Krafft mit finsterm Blick; seine vergeblichen
Besuche des heutigen Morgens, seine gescheiterten Bemhungen kamen ihm
mit all ihrer niederdrckenden Erfolglosigkeit in das Gedchtnis zurck:
Deutschlands Zukunft ruht auf der See! und jeder gute Patriot sollte
bemht sein, im Sinne seines Kaisers zu handeln und dem Seewesen in
vollem Umfang, sei es der Marine, dem Lotsen- und Rettungswesen oder den
Seemannsheimen, sein tatkrftiges Interesse zuzuwenden! Hier tut Hilfe
not! Hier trgt jede gute Tat ihren reichen Segen! Warum begeistern sich
die deutschen Frauen so viel dafr, die Vergangenheit zu ehren, grnden
Schiller- und Bismarckvereine -- und denken so wenig an die Zukunft
ihres Vaterlands? Diese ist wichtiger wie alles andere! Einmal haben
sich Deutschlands Frauen allerdings schon treu bewhrt, haben das Schiff
>Frauenlob< von dem Ertrag ihrer Sammlungen gebaut und es bewiesen, da
selbst die kleinste Hand krftig genug ist, an Deutschlands Macht und
Herrlichkeit mitzuarbeiten! Jetzt aber ist -- mit wenigen Ausnahmen --
so gut wie gar kein Interesse fr die dringende Not an der Kste
vorhanden, und doch steht unser Rettungswesen noch auf recht schwachen
Fen, obwohl gerade in letzter Zeit so manche Kunde ber das tragische
Schicksal Schiffbrchiger wie ein mchtiger Hilfeschrei durch das Land
hallte!

Mit erstaunten Blicken hatte man den Sprecher gemustert, welcher in
seiner Erregung ein Bild edlen Eifers schien und in nichts mehr an den
ungewandten, tolpatschigen Bren von Hohen-Esp erinnerte!

Die Damen stimmten lebhaft zu und lieen nur zum Schlu die etwas
ngstliche Frage laut werden: Wer soll aber so etwas in die Hand
nehmen?

Und die Herren zuckten zweifelnd die Achseln und versicherten: Das ist
ja ganz unmglich! Ein einzelner kann dabei gar nichts tun, wenn die
Sache nicht von magebender Seite angeregt wird!

Ein grimmes Lcheln zuckte um die Lippen Guntram Kraffts.

Diese Antwort ist mir heute schon fters geworden, sagte er beinahe
verchtlich, und ich frchte, ich werde sie noch mehrfach hren mssen.
Gerade in dieser Ansicht liegt der Fehler, welchen alle begehen, weil
keiner den Anfang machen will. Warum >von magebender Seite?< Dies ist
die Schanze, hinter welcher sich die Tatenlosigkeit verkriecht! Wenn
jeder einzelne und jede einzelne das Ihre tten, wre uns geholfen. --

Die letzten Worte verklangen bereits in dem Lrm, welchen das
Zurckschieben der Sthle und die lebhaftere Konversation bei Aufbruch
der Tafel verursachten -- der Graf von Hohen-Esp schwieg und verneigte
sich vor seiner Dame, sie in den Saal zurckzufhren.

Thea flsterte begeisterte Worte der Anerkennung zu ihm auf, sie
versicherte, da sie noch mehr ber dieses Thema hren msse, welches
ihr bis jetzt unbegreiflicherweise noch so fremd geblieben sei, -- der
Graf aber schien zerstreut, weit ab mit allen Gedanken. Er sah seltsam
verndert aus, er hatte so gar keine hnlichkeit mehr mit dem ehedem so
linkischen, bei jedem Wort errtenden Jngling, welchen die Spottlust
der Grostdter den modernen Parzival genannt.

Er neigte flchtig den Kopf.

Ich tanze keinen Walzer, Komtesse, gestatten Sie, da ich Ihnen einen
zuverlssigeren Tnzer besorge!

O nicht doch -- ich mchte tausendmal lieber mit Ihnen plaudern, Graf!
Jener Platz am Fenster dort ist so gemtlich ...

Er schien ihre Worte zu berhren, wandte sich zu einem seiner
Tischnachbarn, welcher keine Dame gefhrt hatte, und bat ihn, bei
Komtesse Sevarille zum Tischwalzer fr ihn einzutreten, da er nicht
tanze.

Selbstverstndlich, mit grtem Vergngen! versicherte der Angeredete,
nachdem er den Grafen ein wenig erstaunt gemustert hatte, verneigte sich
vor der jungen Dame und flog auf wiegenden Klngen mit Thea davon.

Guntram Krafft aber wandte sich kurz um und schritt dem Ausgang zu.

Er dachte nicht daran, ob er sich verabschieden msse oder nicht; es
gingen verschiedene Damen und Herren schon jetzt nach dem Souper. So
ging auch er, nahm hastig Pelz und Hut und trat in die kalte, strmische
Winternacht hinaus.

Seine Verpflichtungen gegen Thea hatte er erfllt, nun hielt ihn nichts
mehr. Wie ein Verdrstender atmete er die klare, kalte Luft, -- sein
gequltes Herz hmmerte in der Brust, und seine Augen brannten so hei,
als glhten ungeweinte Trnen darin. Welch eine Beherrschung hatte die
letzte Stunde von ihm verlangt!

Als er Gabrieles Worte gelesen, war es ihm zumute wie einem Menschen,
welchem das Glck jhlings aus den Hnden gleitet und in Scherben
zerbricht.

Es war der erste groe, leidenschaftliche Schmerz, welcher sein Herz
traf, es war die erste tiefe, unaussprechlich wehe Wunde, welche ihm
geschlagen ward.

Seine Seele, welche bisher nichts anderes gekannt hatte als den stillen
Frieden der Heimat, als die Treue, Liebe und Aufrichtigkeit der Seinen,
sie lernte zum erstenmal alle Bitterkeit einer Enttuschung, alle Qual
einer hoffnungslosen, unerwiderten Neigung kennen.

Wie Feuer brannte der kleine Zettel auf seiner Brust, wie verzehrendes
Feuer glhte ihm das Leid im Herzen.

Jetzt erst, nachdem er Gabriele fr immer verloren, begriff er es, wie
voll, wie ganz und innig er sein Herz an sie gehngt hatte. So auf den
ersten Blick! --

So glubig und vertrauend wie ein Kind, welches die Schnheit in seinem
Mrchenbuch liebgewonnen und voll sehnenden Entzckens die Arme nach ihr
ausbreitet, wenn sie ihm im Leben unverhofft begegnet. Welch ein
schwerer, tosender Kampf in seinem Innern, nach all dem friedlichen
Glck vergangener Jahre! --

Dazu kam die herbe Enttuschung, welche er in der Angelegenheit seiner
ersehnten Rettungsstation erfahren.

Dieser Mierfolg allein hatte schon etwas sehr Niederdrckendes fr ihn
und trug auch noch dazu bei, seine Stimmung zu verdstern.

Eine Mutlosigkeit, ein Widerwillen gegen Welt und Leben, wie er ihn
zuvor kaum geahnt, berkam ihn pltzlich.

Die Luft in dem Ballsaal war so schwl, so hei gewesen, die Menschen so
ungewohnt, die Musik so schrill und laut.

Hier war es still und einsam in den verschneiten Parkanlagen, und der
Wind sauste ihm so frisch und gewaltig entgegen, wie ein alter, treuer
Freund, welcher in toller Wiedersehensfreude die Arme um ihn wirft, ihn
reit und schttelt und ungestm ruft: Wo bleibst du so lange? Komm
heim! Komm heim!

Und ber ihm das kahle Gezweig knarrt und greint wie Rahe und Segel ...
und die fernen Wipfel rauschen wie brandende See ...

Da berkommt ihn ein wildes, unbndiges Heimweh! Ein bermchtiges
Sehnen nach der stillen Heimat, nach allem, was er liebt und was auch
ihm in treuer, schlichter Liebe ergeben ist!

Guntram Krafft breitet jhlings die Arme aus und sthnt aus tief
verwundetem Herzen: Heim! -- ja, ich will heim! -- Was soll ich noch
hier? Meines Schicksals Wrfel sind gefallen. Ich bin kein Held! -- Nie
und nimmer mehr wird Gabriele mir ihre Liebe schenken ... was hlt mich
noch hier?

Und er strmt mit hmmernden Pulsen in das Hotel und kndet dem uerst
betroffenen Anton an, da er die Koffer packen solle, -- am nchsten
Tage kehre er nach Hohen-Esp zurck.

Herr Graf! stottert der alte Mann mit sorgenvoll prfendem Blick in
das verstrte Gesicht seines Herrn: Was wird Ihre Gnaden, die Frau
Grfin sagen?

Gleichviel. -- Ich reise heim.

Anton hrt es dem halberstickten Klang der Stimme an, hier gibt es kein
Widersprechen. Was mag geschehen sein?

Eine Dame ist wohl nicht im Spiel, -- es ist allein der rger ber die
Mierfolge bei dem Minister und Geheimen Rat, -- der Graf sprach ihm ja
selber davon, wie wenig Verstndnis und Teilnahme er fr sein Projekt
finde.

Man nimmt den Bren von Hohen-Esp nicht ernst, man legt den Worten und
Wnschen des verbauerten Krautjunkers keinen Wert bei!

Haben der Herr Graf daran gedacht, da wir zuvor Abschiedsbesuche
machen mssen?

Ja; ich bestellte bereits bei dem Portier den Wagen. Wir werfen nur
Karten ab; einzig bei der Grfin Sevarille wnsche ich gemeldet zu sein.
Ich werde jetzt noch die neu eingelaufenen Einladungen beantworten.

Und der Graf wirft Pelz und Hut ungeduldig ab und tritt mit umwlkter
Stirn in das Nebenzimmer.

Dort sitzt er und erledigt voll nervser Hast die Einladungen.

Es ist schon spt in der Nacht, -- Anton lugt besorgt durch die Tr.

Da sieht er Guntram Krafft ber einen kleinen zerknitterten Zettel
geneigt, das Antlitz bleich und verfallen, wie bei einem Kranken.
Wollen Herr Graf nicht zur Ruhe gehen?

Er schrickt empor, streicht langsam ber die Stirn und nickt.

Du hast recht, -- ich gehe.

Er ging -- aber den Zettel nahm er mit sich. -- -- --

Am nchsten Morgen wurden in groer Eile die Besuche abgefahren.

Da es eine ungewhnlich frhe Stunde war, nahm Grfin Sevarille noch
keine Besuche an.

Frau Grfin sind bei der Toilette, und Komtesse schlafen noch.

Guntram Krafft nickte. Weiter! befahl er kurz. --

In seiner groen Harmlosigkeit fiel es ihm nicht einen Augenblick auf,
da Grfin Thea ebenso grostdtisch lange schlief, wie ihre Freundin
Gabriele, -- und sie hatte das doch gestern abend noch so scharf
verurteilt. Zum Bahnhof! Fort! Fort von hier! -- Er stirbt vor Sehnsucht
nach der Heimat.

Der Zug setzt sich langsam in Bewegung und fhrt in den kalten, nebligen
Wintermorgen hinein, und als die Huser und Trme der Stadt hinter dem
modernen Parzival versinken, da atmet er tief auf, wie erlst von einer
unseligen Last. --

Da wird es allmhlich wieder still und ruhig in seinem Herzen, -- und
als er endlich im Schlitten sitzt und durch die heimatlichen Wlder
dahinjagt, als er mit aufleuchtendem Blick und weitgeffneten Armen das
bleigrau rollende Meer begrt ... da schaut er pltzlich um sich, wie
ein Mensch, welcher aus tiefem Schlaf erwacht, wie ein Mensch, welchen
ein bser, qulender Traum befangen hielt.

       *       *       *       *       *

Grfin Thea war nie so aufgeregt, so bellaunig und nervs von einem
Balle heimgekehrt, wie von dem Tanzfest in dem Hotel St. Petersburg.

Ihre Augen brannten wie im Fieber, mit unsicheren Hnden ri sie den
Kranz aus ihrem Haar. --

Warum hatte der Graf das Fest so unvermittelt hastig, ohne ein Wort des
Abschieds verlassen? --

Wohin ging er? --

Wird er tatschlich verschwiegen sein?

Hat sie vielleicht zu khn gehandelt? Sprach sie zu unbedacht die
Unwahrheit und grub sich selber eine Grube? --

Wenn Gabriele nun gar nicht krank war? Wenn der Hohen-Esper vielleicht
schon nhere Beziehungen zu Gabriele hatte, als sie ahnte? -- Wenn Frau
von Sprendlingen des Grafen Bewerbung untersttzt hatte? --

Theas Zhne schlugen wie im Schttelfrost zusammen.

Er war so seltsam verndert, als er den Zettel gelesen, -- auch gegen
sie verndert, khl, zerstreut ... zum Schlu, als er ohne Abschied
ging, sogar unhflich.

Zweifelte er an der Echtheit des Zettels? Wollte er der Wahrheit
nachforschen? War der junge Br doch nicht so naiv und harmlos, wie sie
angenommen? Was soll daraus werden, wenn ihre Intrigue an den Tag kommt?

O, welch entsetzliche Blamage!

Thea whlt das Gesicht in die Kissen und beit vor Aufregung die Lippen
blutig.

Wie im Fieber rasen neue Gedanken, neue Plne durch ihr Hirn.

Wenn jede Schuld ihre Strafe in sich schliet, so erleidet sie Grfin
Thea in dieser dunklen, endlosen Nacht.

Sie schlft nicht, sie ist aufgeregt bis zum Wahnsinn. --

Erst spt am Morgen, als das Mdchen schon im Ofen das Feuer anzndet,
schlft sie ein.

Und als sie erwacht, erhlt sie die Nachricht, da Graf Hohen-Esp
bereits dagewesen sei. -- Sie starrt die Sprecherin an wie eine Vision.

Er war hier? -- Das klingt wie ein heiserer, jubelnder Aufschrei.

Sie pret die Hnde gegen die Schlfen, sie lacht jhlings auf, wie aus
Todesngsten erlst. Dann macht sie in rasender Eile Toilette,
frhstckt und geht in sehr gehobener Stimmung auf das Eis.

Als sie wiederkommt, sieht sie trotz der Klte bla und verstrt aus.

Um ihre Augen liegen tiefe Schatten, und der Mund zeigt die Linien,
welche man im ganzen Hause frchtet, -- sie zeigen an, da die Komtesse
sich in hchst gereizter und schwer gergerter Stimmung befindet.

Dann wirft und schleudert sie alles.

So auch jetzt.

Sie bringt zwei Neuigkeiten mit nach Hause.

Die erste ist die, da Frulein von Sprendlingen persnlich sehr wohl
und gesund ist, da aber ihr Vater, gerade, als er im Begriff stand, fr
das Tanzfest im Hotel St. Petersburg Toilette zu machen, von einem
Schlaganfall getroffen wurde.

Er liegt seit gestern abend bewutlos, und die rzte frchten das
Schlimmste.

Das wrde Komtesse Sevarille ziemlich gleichgltig sein, im Gegenteil,
wenn die Knigin der Feste, Frulein Gabriele, Trauer bekme und keine
Blle besuchen knnte, wrde es fr die Freundin Thea nur vorteilhaft
sein.

Aber die zweite Neuigkeit!

Graf Hohen-Esp ist Knall und Fall abgereist. Kein Mensch wei warum. --
Man vermutet, da er Nachrichten von zu Hause erhielt.

Ob er wiederkommen wird?

Viele behaupten ja, manche nein. -- Grfin Thea wei es genau, --
nein, er kommt nicht wieder. Und diese berzeugung kann sie wtend
machen -- wtend! -- Sie schliet sich in ihr Zimmer ein und tobt.

       *       *       *       *       *




XVII.


General von Sprendlingen war begraben, und in der Residenz wurde nur ein
einziges Thema besprochen, die finanzielle Lage seiner Gattin und
Tochter.

Wie ein Lauffeuer war es durch die Stadt gegangen, da der alte Herr
infolge einer ungeheuren Aufregung den Schlaganfall erlitten hatte.

Viele behaupteten, es sei lngst kein Geheimnis mehr gewesen, da der
pensionierte Offizier spekuliert hatte, um den Ausfall des hohen
Gehaltes durch reichere Zinsen auszugleichen.

Seine Damen sowohl wie er selbst waren so sehr verwhnt, ein Bankkrach
hatte ihm vor kurzem schwere Verluste gebracht -- was Wunder, wenn der
alte Herr dem Beispiel so vieler folgte, welche das Geld fr sich
arbeiten lieen, nachdem sie selber als verabschiedete Offiziere die
Hnde in den Scho legen muten?

Das Glck ist aber heutigentags noch dasselbe wetterwendische und
launische Weib, welches es stets gewesen, und so wandte es Herrn von
Sprendlingen treulos den Rcken, um seinen Goldregen ber andere zu
streuen, welche fr den Augenblick seine Gnstlinge waren.

Der General erhielt die verzweifelte Nachricht, da alles verloren sei,
just in dem Augenblick, als er sich anschickte, mit Frau und Tochter den
Kavalierball im Hotel St. Petersburg zu besuchen, und sie traf ihn
derart, da er als ein zu Tode getroffener Mann unter ihr zusammenbrach.

Frau von Sprendlingen schien nicht ganz so unvorbereitet gewesen, wie
man anfnglich angenommen; sie war gefater, als man glaubte, und
Gabriele blickte so ruhig und zuversichtlich aus den trnenglnzenden
Augen, da man wohl annehmen konnte, ihre Zukunft sei durch eine nahe
bevorstehende Heirat gesichert.

In Villa Monrepos vollzog sich voll grausamer Hast und Nchternheit die
traurige Wandlung, welche derartigen Ereignissen zu folgen pflegt. Die
notwendige Auktion hatte stattgefunden, und die Damen bereiteten sich
zur Abreise vor; denn da sie ber keine weiteren Mittel als die karge
Witwenpension verfgten, schien es fraglich, ob sie ein eigenes Heim in
der Residenz grnden konnten. Vorlufig folgten sie der Einladung einer
kinderlosen Verwandten, welche Frau von Sprendlingen und Gabriele fr
die Dauer des Trauerjahres zu sich gebeten hatte.

Zum letztenmal saen Mutter und Tochter in den liebgewordenen Rumen, in
welchen sie so viele, glckliche Jahre verlebt, beisammen. Von allen
Seiten waren ihnen viele herzliche Zeichen von Liebe und Teilnahme
geworden, und fast ununterbrochen kamen und gingen die Visiten, --
lauter gute Freunde, welche den so allgemein beliebten Damen vor dem
Abschied noch die Hand drcken und ihnen Hilfe, Rat und Tat anbieten
wollten. Frau von Sprendlingen stand am Fenster, und ihr erst so
ruhiges, bleiches Antlitz sah pltzlich so verstrt, so verzweifelt und
verfallen aus, als sei eine letzte Hoffnung, welche sie im Herzen
gehegt, fr immer vernichtet worden.

In der ersten Zeit des Schmerzes und der Aufregung hatte sie an den
Grafen von Hohen-Esp gedacht wie an einen Retter in der Not, welcher
sicher kommen mu, das bitterste Elend von ihnen abzuwenden.

Sie hoffte von Tag zu Tag auf seinen Kondolenzbesuch, -- er blieb aus.
--

Sie brachte es nicht ber sich, nach ihm zu fragen, und so erfuhr sie
erst heute zufllig durch eine befreundete Dame, da Guntram Krafft am
Morgen nach dem Hotelball Knall und Fall abgereist sei, ohne da jemand
einen Grund fr diesen fluchtartigen Abschied wute. Den Tod des Herrn
von Sprendlingen habe er wohl gar nicht erfahren.

Trnen tiefster Hoffnungslosigkeit glnzten in den Augen der verwitweten
Frau, und als Gabriele an ihre Seite trat, zrtlich den Arm um die
Weinende zu legen, da schluchzte sie laut auf und flsterte: Ach, meine
arme, arme Gabriele! Was soll nun aus dir werden?

Das junge Mdchen hob das Antlitz wie in seligem Vertrauen zum Himmel,
-- es sah in all dem Leid so verklrt und ruhig aus, als sei ihr nie ein
Zweifel an dem Glck der Zukunft gekommen.

Er liebt mich, Mama!

Wer? --

Da senkte Gabriele das Kpfchen.

Hans Heidler! -- O, Mtterchen, du ahnst es ja nicht, wieviel liebe
Worte er mir noch auf dem letzten Hofball sagte, wie er mir die Hand
drckte, wie unaussprechlich viel sein Auge mir gestand --

Sein Auge, aber nicht seine Zunge! murmelte Frau von Sprendlingen
bitter. -- Gabriele, glaubst du wahrlich, da Heidler je an Heiraten
gedacht -- und da er sogar _jetzt_ noch daran denkt?

Das junge Mdchen atmete hoch auf, prete wie in begeisterter
Versicherung die Hnde gegen die Brust und nickte.

Ja, ich glaube es, ich wei es bestimmt! Ein Mann, der so ritterlich,
so heldenhaft, so edel ist wie Hans, betrgt kein Mdchenherz.

Sprachst du ihn nach Papas Tode? --

Ich sah ihn nur bei der Beerdigung! Aber die Weise, wie er mir die Hand
kte ... wie er mich ansah ...

Frau von Sprendlingen machte eine ungeduldige Bewegung.

O Kind! Kind!!

Er sagte mir, da er in den nchsten Tagen kommen werde --

Aber er kam nicht!

Er wird kommen!

Morgen reisen wir ab!

So kommt er heute noch! Warum mitraust du ihm so sehr, Mama? Warum
zweifelst du an seiner Aufrichtigkeit? --

Frau von Sprendlingen schlang krampfhaft die Hnde ineinander. Weil ich
die Menschen besser kenne wie du, Kind! sagte sie gepret.

Du bist jetzt nervs und verbittert, Mamachen, du wirst einsehen, wie
unrecht du ihm tust!

Das scharfe Klingeln der Hausglocke drang zu ihnen herauf, -- Gabriele
zuckte mit leuchtenden Augen empor, und auch die Baronin blickte wie in
jher Hoffnung nach der Tr. --

Nach wenigen Minuten stand der Portier auf der Schwelle, er hielt einen
kstlichen Strau von Orchideen und Tuberosen sowie eine Visitenkarte in
der Hand.

Eine schne Empfehlung von dem Herrn Leutnant von Heidler, und er liee
den Damen herzlichst Lebewohl sagen und eine glckliche Reise wnschen!
Der Herr Leutnant wre gern selber noch vorgekommen, er ist aber zu
seinem groen Bedauern verhindert! --

Da die beiden Damen bleich und schweigend wie zwei Marmorsulen vor ihm
standen und keine Hand sich hob, den Strau in Empfang zu nehmen, legte
ihn der Sprecher seitlich auf den Tisch.

Es ist nmlich die Schlittenpartie heute, die der Herr Oberleutnant
arrangierte! fuhr er fort, mehr aus momentaner Verlegenheit wie aus
Geschwtzigkeit. Der Enkelin des Herrn Ministers zu Ehren, wie meine
Frau sagt, die hilft ja manchmal in der Kche bei Exzellenz aus, wie die
Damen wissen! Na, da hrt sie so mancherlei. -- Der Herr Oberleutnant
ist jetzt beinahe alle Tage da im Hause! Die Frulein Enkelin soll ja
wohl steinreich sein, darum gibt's so ein Fest ums andere! Ja, und was
ich noch sagen wollte, Frau Baronin, die Koffer werden morgen frh schon
um sechs Uhr abgeholt ... die Dienstmnner knnen es nicht gut anders
machen ... und ... wie ist es mit einer Droschke, soll ich sie fr die
Damen bestellen? -- Ich gehe nachher doch noch mal aus ...

Ich danke Ihnen, Hartlich, wir gehen zu Fu. Die Koffer stehen auf dem
Flur bereit. Guten Abend!

Der Portier blickte die Sprecherin betroffen an. So geisterhaft hatte er
die Damen noch nie zuvor gesehen, und die Stimme der Gndigen klang wie
aus dem Grabe.

Er verbeugte sich und ging.

Wie schwer wurde den rmsten der Abschied! Du lieber Gott, ja, -- wenn
in solch feine Huser mal das Unglck hereinbricht, dann liegt es immer
doppelt so schwer als da, wo man gewohnt war, es von Kindesbeinen auf
mit sich herumzuschleppen.

Als sich die Tr geschlossen, breitete Frau von Sprendlingen schweigend
die Arme nach ihrer Tochter aus, und Gabrieles Kpfchen sank wie eine
sturmgebrochene Blte an die Brust der Mutter nieder.

Sie sprach nicht, nur ein leises Zittern rann durch den weichen,
schmiegsamen, jungen Krper.

Und dann hob sie jhlings das Haupt und blickte mit herzzerreiendem
Lcheln empor.

Ich kann es nicht glauben, da er nicht mehr kommen _wollte_,
Mama! Er _mu_ ja all diese Vergngungen arrangieren, er verkehrt
viel im Hause des Ministers, weil man ihn viel einladet! -- Sein Herz
weilt sicher bei mir, Mama! Es ist ja ganz unmglich, da diese meine
herrlichste Idealgestalt so klglich in Dunst und Nebel zerrinne!

Frau von Sprendlingen kte die Stirn ihrer Tochter und wiederholte
nur leise: O, du armes, armes Kind! -- Dann wandte sie sich zur Tr,
in welcher das Stubenmdchen erschien und mit betrbtem Gesicht die
gndige Frau um ihr Abgangszeugnis bat. --

Gabriele blieb allein.

Sie stand an dem Fenster und starrte mit erloschenem Blick auf die
stille, winterliche Strae hinab, wo die Sonne auf Eis und Schnee
glitzerte und frhlich plaudernde Menschen mit den Schlittschuhen
vorbereilten.

Schlittengeklingel ertnte von fern und nherte sich in flottem Tempo.

Gabriele schrak empor, neigte sich vor und starrte mit weitoffenen
Augen hinab.

Die Schlittenpartie! --

Da flogen sie heran, die Rosse, mit den bunten, lustig flatternden
Schneedecken, da klingelten und rasselten die Schellen durch die
schmetternden Musikklnge, und die ersten Schlitten mit den Trompetern
jagten vorber.

Dann mehrere Familienschlitten mit den Mttern, Tanten und Papas, und
dann, als Erster an der Tete der Jugend, Hans von Heidler neben Frulein
Henny von Larsen. Sie verschwindet beinahe in dem mchtigen, gelben
Lwenpelz, ihr spitzes Gesichtchen ist dem Dragoner zugekehrt, und
dieser neigte sich so vertraut und keck, wie es seine siegesbewute Art
ist, und lchelt der Kleinen just tief in die Seele!

O, Gabriele kennt dieses Lcheln -- diese Augen, diese betrende und
bestrickende Art! --

Ihr Herzschlag stockt, sie neigt sich noch weiter vor und starrt hinab
... ihre Lippen ffnen sich, als wollten sie voll herben Wehes
aufschreien: Hans! -- Hans! Hast du keinen einzigen Blick mehr fr
mich? --

Nein, er hat weder Blick noch Gedanken mehr fr die de, verlassene
Villa, in welche ber Nacht die Armut eingezogen ist.

Der Schlitten fliegt vorber, ohne da Herr von Heidler Zeit gefunden,
einen einzigen Blick nach dem Fenster emporzuwerfen, hinter welchem das
bleiche, liebliche Mdchen steht, dem noch vor wenig Wochen seine
leidenschaftlichsten Huldigungen galten. Gabriele taumelt zurck und
sinkt auf einen Stuhl, -- sie schlgt die kalten, zitternden Hnde vor
das Antlitz und mchte weinen -- weinen -- da ihre ganze Seele in den
Trnen dahinschmelze, ... aber ihre Augen bleiben trocken und starr, und
ihr Herz blutet still verborgen aus der Wunde, welche falsche Liebe ihr
so grausam geschlagen. --

       *       *       *       *       *

Ein Jahr war vergangen. Frau von Sprendlingen lebte mit ihrer Tochter
fernab der Residenz in dem einsamen Landhaus der Tante, welche viel zu
schrullenhaft, unliebenswrdig und schroff war, um den beiden
verlassenen Frauen auf die Dauer ein behagliches Heim bieten zu knnen.

Mutter und Tochter hatten schweren Herzens beschlossen, sich zu trennen.

Frau von Sprendlingen konnte zur Not von ihrer Witwenpension leben, wenn
Gabriele ein anderes Unterkommen fand.

Dieses aber fand sich trotz eifrigster Bemhungen nicht. -- Die Stelle
einer Hofdame, welche die Herzogin fr sie an befreundetem Hofe erhofft,
war gegen alles Erwarten anderweitig besetzt, -- andere Aussichten
zerschlugen sich ebenfalls.

Voll banger Sorge bewarb man sich dort und hier, -- doch stets ohne
Erfolg.

Da las Frau von Sprendlingen eines Tages in einer Frauenzeitung eine
sehr annehmbar erscheinende Offerte.

Eine ltere Dame auf dem Lande suchte ein junges, liebenswrdiges und
heiteres Mdchen aus vornehmer Familie zur Gesellschafterin. Die
Einsendung einer Photographie war zur Bedingung gemacht.

Die Baronin las Gabriele die Anzeige vor, und beide blickten sich in
stummem, wehmtigem Einverstndnis in die Augen. Zur selben Stunde noch
schickte Frau von Sprendlingen Gabrieles Bild an die angegebene Chiffre
ab. --

Ernst und still blickte Gabriele in den leuchtenden Frhlingsmorgen
hinaus. -- Wird eine Antwort kommen? Wird sie die Stelle erhalten?

Ach, ihr Schicksal, ihre Zukunft sind ihr so gleichgltig geworden.

Seit sie, kaum drei Wochen nach ihrem Scheiden aus der Residenz, Herrn
von Heidlers Verlobung mit Henny, der reichen Erbin, las, und sehr bald
danach durch den Brief einer Freundin aus der Heimat erfuhr, da die
Hochzeit des schneidigen Dragoners trotz der groen Jugend der Braut
schon in den ersten Tagen des Mai stattfinden solle, -- war die Welt
leer und tot fr sie geworden.

Der Mann, welchen sie bewundert, verehrt, vergttert hatte, trat ihr
Herz voll egoistischer Rcksichtslosigkeit unter die Fe. --

Er, der khne, mutige und unerschrockene Held, war zu feige gewesen, den
Kampf um die Existenz an der Seite eines geliebten Weibes aufzunehmen.
-- Und _diese_ Entuschung traf Gabriele herber als der Verlust ihres
eigenen Glckes.

       *       *       *       *       *

Als Guntram Krafft so unvermutet schnell nach Hohen-Esp zurckgekehrt
war, ruhten die Augen der Grfin voll bangen Forschens auf dem ernsten
Antlitz des Sohnes, als knne sie die Gedanken hinter seiner Stirn lesen
und die Grnde erforschen, welche ihn so pltzlich heimgetrieben.

Warum kommst du schon jetzt zurck, Guntram Krafft? Ist dir etwas
Unangenehmes begegnet?

Er blickte ihr, ganz gegen seine Gewohnheit, nicht in die Augen.

Wenn du alle gescheiterten Hoffnungen betreffs einer eigenen
Rettungsstation unangenehm nennst, dann freilich ist mir viel
rgerliches begegnet!

Und nur darum bist du Hals ber Kopf abgereist?

Er antwortete nicht direkt auf diese Frage, sondern er strich sich
langsam die blonden Haare aus der Stirn.

Ich bekam Heimweh, Mutter! sagte er leise, mit einem beinahe
schwermtigen Klang in der Stimme, es gefiel mir nicht zwischen all den
fremden Menschen. Ich kam mir so berflssig, so vereinsamt dort vor.
Ihre Interessen sind nicht die meinen, ihre Sitten und Ansichten sind
neu, die meinen alt. Ich verstehe das Tanzen und Plaudern gar nicht,
oder doch sehr schlecht im Vergleich zu den andern Herren. Die Leute
waren nicht unfreundlich zu mir, aber auch nicht so, da ich mich
tatschlich unter ihnen wohlgefhlt htte. -- Dazu wehte der Sturm so
vorwurfsvoll daher und mahnte mich, da es gerade jetzt viel ernste
Arbeit daheim gbe. -- Da hielt es mich nicht lnger. Ich sehnte mich
heim zu dir, Mutter, -- hier ist mein Platz! Du hast mich lieb ...
gleichviel wie ich bin! --

Die letzten Worte klangen noch leiser und wehmtiger wie zuvor, und
Gundula trat neben seinen Sessel und drckte voll weicher Innigkeit das
Haupt des Sohnes an die Brust.

Ihr Blick ward nachdenklich und verschleiert, wie eine bange Sorge kam
es pltzlich ber sie.

Waren dies die Frchte, welche sie von ihrer starren und eigenwilligen
Erziehung erntete? Hatte sie ihr Kind der Welt und dem Leben so vllig
entfremdet, da es nun einsam und verlassen blieb, sein Leben lang?
Wiederum durchbebte die alte Bitterkeit ihr Herz.

Hatte sie darum zeitlebens gearbeitet und rastlos geschafft, die
verlorenen Gter zurckzuerwerben, um ihren Sohn als trbseligen alten
Junggesellen darauf zurckzulassen? Oder war es eine heimliche
Kinderliebe, welche Guntram Krafft so fest und treu im Herzen sa?

Er hatte stets so gern mit Mike, der blonden kleinen Fischerdirne
gespielt, -- er hatte als Jngling im Dorfkrug mit ihr getanzt ... wre
es mglich, da er sein Herz an sie verloren, trotzdem die Grfin ihn so
sorgsam in den Ansichten, Manieren und Pflichten seines Standes erzogen
hat? --

Gundula seufzte tief auf.

Je nun, mute sie das Glck fr ihr Kind auch tief, tief von unten
heraufholen ... es soll ihm werden, -- besser er freit ein
Fischermdchen, als keine.

Die anfnglich so schwermtige Stimmung des jungen Grafen schwand von
Tag zu Tag. Der Sturm heulte daher und schien nur auf die Rckkehr
Guntram Kraffts gewartet zu haben, um seine gewaltige Kraft mit der des
Bren zu messen!

Da gab es keine mige Zeit mehr, da war es vorbei mit dem wehmtigen
Sinnen und Grbeln!

Tglich fast gab es schwere Arbeit!

Schiff in Not! -- -- Und der Br von Hohen-Esp reckte voll khnen Muts
die Pranken, scharte seine Getreuen um sich und warf sich in tollem
Wagemut gegen die brandende Flut, der Tiefe ihre Opfer zu entreien.

Die Klte ward von Tag zu Tag grimmiger, am Hamelwaat knirschte das Eis
... das war die bseste Zeit.

Zwei Tage lang lag der Nebel dick und fest wie ein Brett vor der See;
als ihn ein neu einsetzender Sturm auseinanderri, strzte ein Schiffer
zur Burg und meldete, da aus dem Waat das Wrack eines gesunkenen
Schoners rage. In den Masten sei noch Mannschaft zu erkennen. Das war
ein frchterlicher Tag und eine grauenvolle Fahrt! --

Das erste Boot zerschellte in der Brandung, und Guntram Krafft und seine
freiwilligen Lotsen konnten selber kaum geborgen werden; doch kaum, da
sich die Erschpften erholt, bemannte der Graf ein zweites Boot, welches
er in aller Eile zweckmig eingerichtet hatte.

Er lie den fehlenden Luftkasten durch leere Fsser, welche mglichst
gut verspundet und unter die Duchten gelascht wurden, ersetzen, lie
Ballast einlegen und einen Lenzsack nachbugsieren, um das Boot mglichst
vor See zu halten und ein Beidrehen zu verhindern.

Dann ging es mit frischem Mut abermals hinaus, und nach zweistndiger
schwerer Arbeit brauste das jubelnde Hurra der Heimkehrenden durch das
Heulen der Flut. Sie hatten sechs Mann eingeholt. --

Kaum, da man die Schiffbrchigen noch zu den Lebenden zhlen konnte.

Zwei Tage und Nchte lang waren sie ohne Nahrung gewesen, ihre Lage in
der Takelage bei Sturm und bitterer Klte bedeutete eine geradezu
unbeschreibliche Qual.

Grfin Gundula lie die Geretteten nach Hohen-Esp schaffen und nahm
ihre erfrorenen Glieder in Pflege, bis ein Arzt zur Stelle war.

Diese heldenmtige Rettung wurde bekannt. Guntram Krafft und seine
Lotsen erhielten die Rettungsmedaille und ein ansehnliches Geldgeschenk,
und mit leuchtenden Augen strmte der Graf in das Zimmer seiner Mutter:
Nun knnen sie heiraten! Ich habe meinen Anteil an Jschen abgetreten,
dann reicht's zur Ausstattung, und den kleinen Katen am Seehaus habe ich
ihm ja schon lange versprochen, den kann er sich in Gottes Namen zur
Wohnung einrichten!

Jschen will heiraten? fragte die Grfin berrascht; davon ahne ich
nichts; wen hat er sich zum Schatz genommen?

Nun, die Mike! -- Die beiden sind doch schon seit Kindesbeinen an
Brautleute! lachte der Br von Hohen-Esp. Wie manch liebes Mal hat der
Jschen ihr seinen Apfel geschenkt, und als er von der Marine zurckkam,
brachte er ihr schon den Ring mit. Es sollte nur nicht laut werden, bis
sie Aussicht hatten zu freien, -- sind ja beide so blutarm! Aber nun ist
das Geld beisammen, und ich denke, sie warten den Mai kaum ab!

Gundula blickte starr in das frisch gertete Antlitz des Sohnes.

Mike heiratet den Jschen! Und Guntram Krafft erzhlt es ihr mit
lachendem Munde. Nein, so sieht keiner aus, der selber in das Mdel
verliebt ist.

Nachdenklich senkt die Grfin das Haupt, ihr Sohn aber setzt sich nahe
an ihre Seite und nimmt zrtlich ihre Hand zwischen die seinen.

Er sieht sie an, -- so kindlich bittend wie stets, wenn er etwas auf dem
Herzen hat.

Mutter! --

Was willst du? --

Warst du zufrieden mit unserer Arbeit?

Sehr zufrieden, Gott lohne sie euch!

Sie hat aber einen schweren Verlust fr uns bedeutet!

Wieso das?

Unser einzigstes Rettungsboot, welches wir mit so vieler Mhe als ein
Peake-Boot zurechtgemacht hatten, ist von der See zerschlagen!

Oh! -- Es wird sich Ersatz finden!

Mutter! flsterte Guntram Krafft und legte den Arm um die Grfin:
Mchtest du mich wohl einmal recht glcklich sehen?

Welche Frage!

Du botest mir jngst an, -- ich solle auf Reisen gehen, -- fremde
Lnder und Vlker sehen ...

Ganz recht! Hast du dich entschlossen?

Nein, Mutter. Ich mchte dich aber recht instndig bitten, mir das
Geld, welches solch eine Reise kostet, zu geben!

Wozu das?

Guntram Krafft hob mit leidenschaftlicher Bewegung das Haupt.

Es ist seit Jahren mein sehnlichster Wunsch, eine regelrechte
Rettungsstation hier zu errichten. Mit der ntigen Ausrstung und
Untersttzung brauche ich meine braven Jungens nicht annhernd so zu
exponieren wie jetzt. Von fremder Seite haben wir keine Untersttzung
zu erwarten, -- _wollte_ man uns helfen, so htte man es jetzt
getan, nachdem die Rettung der Schiffbrchigen die Aufmerksamkeit auf
uns gelenkt. -- Da heit es also -- hilf dir selber! Ich habe keine
andere Passion, keine anderen Interessen mehr auf der Welt, als wie das
Rettungswesen, ich kenne keinen hheren Wunsch, als aus eigenen Mitteln
einen Schuppen mit Ausrstung, Boot und Apparaten hier aufzustellen.

Gundula sah dem Sprecher tief in die Augen.

Wenn es dir ernstlich darum zu tun ist, so steht der Ausfhrung deines
Planes gewi nichts im Wege!

Mutter! -- Der Graf war dunkelrot geworden, und das Geld dazu? --

Du bist majorenn und kannst ber dein Vermgen verfgen!

Er umkrampfte die schlanke Hand der Grfin: Mein Vermgen? Alles, was
wir besitzen, hast du verdient, es ist dein Eigentum, Mutter ... und
zehntausend Mark ist wohl das mindeste, was ich bentige!

Gundula lchelte; zum erstenmal sah ihr ernstes Antlitz beinahe heiter
aus in dem Gefhl, dem Sohn, welchen sie ber alles liebte, einen Wunsch
erfllen zu knnen.

Du weit, da ich fr _dich_ arbeitete, und du hast mir seit Jahren
redlich dabei geholfen. Die zehntausend Mark hast du dir selber
reichlich verdient. Wie du sie anwenden willst, ist deine Sache -- sie
liegen bereit!

Das Antlitz des Grafen spiegelte die unaussprechliche Freude, welche er
empfand. Er schlang die Arme um die Sprecherin und dankte ihr so
strahlend glcklich, als sei das Geld ihm zu Genu und Vergngen, nicht
aber fr fremde Not gespendet.

Seit langer Zeit hatte man Guntram Krafft nicht so heiter und lebhaft
mehr gesehen, wie jetzt, wo er voll ungeduldigen Eifers sogleich den Bau
des Rettungsschuppens in Angriff nehmen und seine notwendige Ausrstung
herstellen lie.

Alles leitete und ordnete er selbst, und bei der regen Beschftigung
blieb ihm keine Zeit, trben Gedanken nachzuhngen.

Die Grfin atmete, wie von Zentnerlasten befreit, auf.

Sie glaubte nun berzeugt zu sein, da keine unglckliche Liebe das Herz
des Sohnes erkranken lie und seine zeitweise, unerklrliche Schwermut
in der Tat nur dem Kummer entsprang, welchen seine vergebliche Mission
in der Residenz ihm verursacht.

Gundula grbelte und sann, wie sie ihren Liebling zu einem glcklichen
Mann und Gatten machen knne.

Ihn in die Welt zu schicken, hatte keinen Zweck, denn der Graf war zu
ungewandt und fremd in der Gesellschaft, um den Mut zu haben, als Freier
aufzutreten.

Auch schien es ihr ratsamer, dem so sehr Unerfahrenen in dieser
wichtigen Angelegenheit zur Seite zu stehen. So verging Monat um Monat.
Da kam ihr ein guter Gedanke.

Sie suchte in einer vielgelesenen Frauenzeitung eine junge
Gesellschafterin aus bester Familie und whlte aus den eingesandten
Photographien diejenige heraus, welche ihrem scharfen Auge am
passendsten fr ihren Plan erschien.

Zu dicken Sten kamen die Briefe an.

Die Grfin sa in ihrem stillen Turmzimmer, in welches die
Frhlingssonne ihre goldhellen Strahlen warf, und erbrach voll lebhaften
Interesses ein Schreiben nach dem andern.

Wie viel verschiedene Schriften, Schicksale, Bilder! Gundula sah ein
jedes derselben lange scharf und prfend an, doch da war keines, welches
ihr so recht von Herzen sympathisch war.

Die nchsten Tage brachten neue Massen von Zuschriften, und die Brin
von Hohen-Esp las und berlegte und prfte, bis sie pltzlich das Haupt
jhlings vorneigte und beinahe betroffen auf ein reizendes
Mdchenantlitz schaute, welches mit wundersam ernsten, groen, klaren
Augen aus dem Brief zu ihr emporschaute.

Dem Anzug nach erschien sie in tiefer Trauer, schlicht, einfach und
anspruchslos.

Die Grfin berflog den Brief, welcher nur sehr kurz im Verhltnis zu
den meisten anderen war. Sie sah nach der Unterschrift: Marie
Antoinette, Freifrau von Sprendlingen, geborene Freiin von Dryfurth.

Ein guter Name. -- Und sie schrieb, da sie fr ihre Tochter Gabriele,
23 Jahre alt, musikalisch, perfekt im Englischen und Franzsischen,
geschickt in Handarbeiten, aber noch unerfahren im Haushalt, eine Stelle
als Gesellschafterin suche. Ihre Verhltnisse, welche seit dem Tode
ihres Mannes sehr traurige seien, zwngen sie leider, sich von ihrem
Kinde zu trennen.

Gundula nickte nachdenklich vor sich hin. Eine Witwe, welche ein
Unterkommen fr die Tochter sucht ... Arme Frau!

Wieder und wieder nahm sie Gabrieles Bild zur Hand, auch dann noch, als
sie alle anderen Schreiben geffnet und die Photographien recht
gleichgltig beiseitegelegt hatte.

Wie eine geheime, unerklrliche Gewalt zog es sie zu dem entzckenden
Antlitz mit den rtselhaften Augen.

Ein Bild tuscht ja sehr, vielleicht war die Kleine in Wirklichkeit
nicht annhernd so sympathisch; aber gleichviel, darauf mute man es
eben ankommen lassen und es abwarten, ob Frulein von Sprendlingen dem
Geschmack Guntram Kraffts entsprechen wird.

Kurz entschlossen griff die Grfin zu Feder und Papier und schrieb an
Frau von Sprendlingen, da sie gewillt sei, ihre Tochter voll herzlicher
Freundlichkeit in ihrem Hause aufzunehmen.

       *       *       *       *       *




XVIII.


Ein paar Tage waren vergangen.

Es dmmerte. -- Guntram Krafft war soeben von dem beinahe vollendeten
Rettungsschuppen heimgekehrt, hatte die Kleider gewechselt und trat
hastig in das groe, uraltmodische Wohngemach der Grfin, um ihr voll
lebhafter Begeisterung von dem vorzglichen Boot eigener Konstruktion --
einem zweckmigen Gemisch von Franis- und Peake-System, welches man
soeben geprobt hatte -- zu berichten.

Gundula trat ihm entgegen, -- lebhafter, elastischer schreitend wie
sonst.

Sie hielt einen Brief in der Hand und hub bereits von weitem an zu
sprechen:

Endlich kommst du heim, Guntram Krafft; ich wartete mit Sehnsucht auf
dich, um eine Angelegenheit mit dir zu bereden, fr welche du bisher
noch niemals recht Zeit hattest. Nun ist sie vollendete Tatsache -- und
die hchste Zeit, da du davon erfhrst!

Der Graf blickte die Sprecherin erstaunt an, schob ihr voll ritterlicher
Hflichkeit einen Sessel herzu und lehnte sich erwartungsvoll ihr
gegenber an den Tisch.

Die Grfin setzte sich nieder und schien gewaltsam gegen eine gewisse
Befangenheit anzukmpfen. Ich bin seit langen Jahren so allein,
entbehre jeden Verkehr mit Damen und werde nun auch so alt und
abstndig, da ich kaum noch allein dem groen Hauswesen vorstehen kann
...

Guntram Krafft lachte beinahe bermtig auf, schwieg aber und blickte
die Sprecherin aufmerksam an. --

Ich habe mir daher eine Gesellschafterin engagiert und hoffe, da du
aus Rcksicht fr mich mit diesem Zuwachs einverstanden bist!

Ah! Das nenne ich vernnftig! rief der Br von Hohen-Esp sehr erfreut
und durchaus harmlos: Diese Idee ist einen Dukaten wert und htte dir
bereits zehn Jahre frher kommen sollen! Hast du schon jemand gefunden?

Die Grfin ffnete mit geheimnisvollem Lcheln den Brief, entnahm ihm
eine Photographie und reichte sie dem Sohn dar.

Wie gefllt dir meine knftige kleine Genossin, welche, so Gott will,
frisches Leben und recht viel Sonnenschein mit in das Haus bringt?

Guntram Krafft nahm lchelnd das Bild und trat damit in die
Fensternische, um besser sehen zu knnen.

Wenn sie nur _deinen_ Beifall findet, Mama, dann bin ich gern mit einer
jeden zufrieden!

Er neigte sich vor und blickte auf das Bild. Einen Augenblick starrte er
es an, -- seine Hand zuckte, und sein Antlitz berzog eine tiefe Blsse.

Regungslos stand er und schaute in das se, ernste, sinnende
Gesichtchen.

Ein Zittern flog durch seinen Krper, wie feurige Nebel wogte und wallte
es pltzlich um ihn her, und sein Herz lag regungslos, um pltzlich in
desto wilderen Schlgen atemraubend loszustrmen.

Er stand abgewandt von der Grfin, und diese sah nicht die auffallende
Vernderung, welche mit dem jungen Manne vor sich ging.

Nun? fragte sie endlich, uere dich doch! Ist das Gesicht nicht
entzckend? Wenn die Augen alles das halten, was sie hier versprechen,
so mu die Kleine ein sehr liebenswertes Mdchen sein!

Wie heit sie? stie Guntram Krafft kurz und beinahe rauh hervor.

Ach so! Ich verga, dir Frulein Gabriele von Sprendlingen im Bilde
vorzustellen --

Gabriele von Sprendlingen! Das klang wie ein leises, kaum
verstndliches Aufsthnen.

Die Grfin beachtete es nicht, sie sah nur voll groer Genugtuung, da
der junge Weiberfeind das Bild noch immer in der Hand hielt, da sein
Anblick ihn fraglos ebenso fesselte, wie zuvor die Mutter.

Der Vater war General, starb vor einem Jahr ungefhr, ganz pltzlich,
und da er durch das Fallissement einer bedeutenden Firma sein ganzes
Vermgen verlor, hinterlie er Frau und Tochter in den drckendsten
Verhltnissen. So entschlo sich Frau von Sprendlingen nun, die Tochter
fortzugeben --

Bot sie dir dieselbe an? -- Guntram Krafft stie die Worte kurz
hervor.

Auf meine Annonce in der Zeitung hin --

Inseriertest du unter deinem vollen Namen?

Aber Guntram: -- Hier ist der Zeitungsausschnitt, ich erbat die
Antworten unter Chiffre G. H. 1000. --

Und darauf antwortete sie?

Wie fragst du so wunderlich! Gewi! --

Wo lebt Frau von Sprendlingen?

Die Grfin blickte auf den Brief nieder und nannte eine kleine Stadt des
Herzogtums -- der Br von Hohen-Esp aber blickte starr zu dem Fenster
hinaus und schwieg.

Du meinst doch auch, da ich den Versuch mit Gabriele wage? fuhr die
Grfin ein wenig ungeduldig fort.

Er strich langsam mit der Hand ber die Stirn, sein fahles Antlitz sah
so geqult aus, wie bei einem Menschen, welcher die Folter erduldet.
Darber hast du allein zu bestimmen --

Ich bin vllig einig mit mir und habe der Baronin bereits geschrieben!

Wieder zuckte der Graf zusammen: Nun, so ist es ja entschieden! sagte
er tonlos.

Willst du das Bild noch behalten?

Er machte eine jhe Bewegung. Sein Blick traf wieder das se Antlitz,
welches ihn mit den wundersamen Nixenaugen so gro und ruhig ansah. --
Dann schob er die Photographie jh von sich -- seiner Mutter zu.

Nein; -- ich danke. --

Je nun, ich hoffe, du lernst bald das Original kennen. --

Wann ... wann trifft die junge Dame hier ein? --

Anfang nchsten Monats. Es gibt zuvor wohl noch verschiedene
Angelegenheiten zu erledigen.

Sagtest du nicht, da sie verlobt sei?

Die Grfin hob erstaunt ihr Haupt: Durchaus nicht! Die Damen stehen
ganz allein und ohne Schutz in der Welt! Wie kommst du darauf?

Guntram Krafft neigte finster das Haupt. Ich irrte mich wohl. -- Mir
geht heute so viel im Kopfe herum. Heute nachmittag haben wir eine
kleine Probefahrt mit dem neuen Boot gemacht, darber wollte ich dir
berichten.

Die Grfin schob das Bildchen in den Brief zurck, erhob sich hastig und
legte den Arm in den des Sohnes.

Ja, -- erzhle mir! Du hast soeben meinen Angelegenheiten dein
Interesse geschenkt, nun wollen wir von dem plaudern, was dir am Herzen
liegt! -- Sie trat in das hellere Fensterlicht und sah betroffen in das
Antlitz des jungen Bren empor: Hast du rger und Verdru gehabt,
Guntram Krafft? fragte sie besorgt, du siehst ganz verstrt aus ...
oder fhlst du dich etwa krank?

Er zwang sich gewaltsam zu einem heitern Ton. Seinen gesunden
Hofjungenrger hat man ja fters, Mutter, und da die Eiche nicht auf
den ersten Streich fllt, und hie und da noch kleine Mngel zutage
treten, ist selbstverstndlich. Im groen ganzen bin ich sehr zufrieden
mit den Schuppen und voll Glck und Dank gegen Gott und dich! -- Da in
Walsleben das neue Arbeitshaus schon im Rohbau aufgefhrt ist, weit
du?

Selbstverstndlich.

Wer beaufsichtigt die Sache eigentlich? --

Nun, der Inspektor, -- du warst doch damit einverstanden!

Der Graf wandte sich zur Seite und schob den schweren Damastvorhang
noch mehr von den Butzenscheiben des Erkerfensters zurck.

Ich habe viel darber nachgedacht, Mama! Es ist eigentlich recht
vertrauensselig und leichtsinnig von uns, da wir uns nicht selber um
den Bau kmmern!

Wir wissen, da diese Angelegenheiten seit fnfzehn Jahren in den
besten Hnden liegen, Inspektor Braun ist doch wohl als durchaus
zuverlssig erprobt.

Es wrde mich interessieren, das Haus einmal in Augenschein zu nehmen,
man kann doch so manches noch ndern und bessern ...

Selbstverstndlich! Ich wrde sehr glcklich sein, wenn du einmal
hinfhrst! -- Mchtest du gleich morgen ...

Morgen? nein! Der Graf unterbrach die Sprecherin mit einer gewissen
Hast: Momentan kann ich nicht gut hier abkommen -- ich mu die Zeit
wahrnehmen, wo die nderungen an dem Boot vorgenommen werden -- die
Takel hakt zu leicht aus ... und die Riemen mssen oben auf den Duchten
festzulegen sein ...

Nun, wann denkst du zu fahren? --

Guntram Krafft wandte sich noch mehr zur Seite.

So bald wie mglich! Vielleicht Anfang nchsten Monats -- sagte er
leichthin, wandte sich pltzlich und bot der Mutter den Arm: Und nun
begleite mich noch einmal in den Garten, Mamachen! Es ist ein
wundervoller Abend, und ich mchte sehen, wie weit der Grtner mit den
neuen Anpflanzungen gekommen ist!

       *       *       *       *       *

Gabriele von Sprendlingen war im Reisekleid und legte noch die letzten
Gegenstnde in den kleinen Handkoffer, um pnktlich bereit zu sein, wenn
der alte Kutscher vorfuhr, sie zur Bahnstation abzuholen. Sie sah so
still und ernst und ruhig aus, als ob all der Wechsel und Wandel,
welcher sich nun mit ihr begeben solle, nicht die mindeste Erregung wert
sei. --

Sie sollte die Gesellschafterin einer alten einsamen Frau werden, einer
Frau, welche man in der Welt als verbittert, hart und menschenfeindlich
schilderte.

Es war selbstverstndlich, da ein junges Mdchen in ihrer Umgebung mit
dem Leben abgeschlossen haben mute, und weil Gabriele dies getan, weil
es in ihrem Herzen kalt und dunkel geworden war, seitdem die strahlende
Sonne ihres Ideals, ihres Schwrmens und ihrer Begeisterung aus ihrer
stolzen Hhe herabgesunken war, zertrmmert und vernichtet fr ewige
Zeiten, weil seit dieser Stunde das Dasein doch allen Wert und Reiz fr
sie verloren, deuchte es ihr kein Opfer, sich jetzt schon lebendig in
Hohen-Esp zu begraben. --

Als ihre Mutter mit aufgeregt heien Wangen zuerst die Nachricht
brachte, da es die Grfin Hohen-Esp sei, welche die Gesellschafterin
suche, und da sie Gabriele vor allen andern Bewerberinnen den Vorzug
gegeben und sie engagiert habe, blickte das junge Mdchen so
gleichgltig auf den Brief Gundulas nieder, als gehe sie derselbe kaum
etwas an.

Und als Frau von Sprendlingen in ihrer Erregung eine Andeutung machte,
da nun das Glck vielleicht doch noch einmal bei ihnen anklopfe, wenn
Guntram Krafft seiner ehemals so schnell entflammten Neigung treu
geblieben, -- da wuchs die schlanke Mdchengestalt hoch und stolz empor,
und die klaren Augen blitzten so abweisend wie ehemals, als sie die
Bewerbungen des Grafen voll ehrlicher Gleichgltigkeit zurckwies.

Wenn du dich solch trgerischen Hoffnungen hingibst, Mama, ist es
besser, ich nehme die Stelle berhaupt nicht an! -- Glaubst du, die
Armut und Verlassenheit htten mich derart entnervt und erbrmlich
gemacht, da ich einen ungeliebten Mann heirate? -- So unmoralisch werde
ich niemals denken und niemals handeln! --

Wer sagt, da du ihn nicht liebgewinnen wirst?!

Ein herbes Lcheln spielte um Gabrieles Lippen. Die Liebe ist ein so
sehr verschiedener Begriff, dem einen ist sie nur Mittel zum Zweck --
nur Zeitvertreib -- ein Rechenexempel -- oder Geschmackssache. -- Fr
mich wird sie stets der Hhepunkt leidenschaftlicher Bewunderung und
Verehrung sein ... Du hast oft ber die schwrmerische und
schrullenhafte Ansicht gelacht, Mama, -- gendert habe ich sie trotzdem
nicht. Ich will in dem Mann, welchen ich liebe und welchem ich angehre,
_mehr_ sehen, wie einen Durchschnittsmenschen -- er soll das Ideal
verkrpern, welches mein Patriotismus, mein stolzer, begeisterter Sinn
sich geschaffen. -- Das kann der Graf von Hohen-Esp nicht, denn es ist
nichts in seinem Wesen und Handeln, was mein Herz hher schlagen, was es
in scheuem Staunen erzittern und in jauchzender Bewunderung erglhen
lt! -- Sein Name, sein Geld, sein hbsches Gesicht existieren fr mich
nicht, denn sie machen mir nicht den mindesten Eindruck. Darum bitte ich
dich von Herzen, Mama, nhre keine falschen Hoffnungen, die Enttuschung
wrde zu bitter sein. --

Seufzend neigte die Baronin das Haupt und schwieg; jetzt aber, als sie
von der Tochter Abschied nahm und die schlanke, grazise Mdchengestalt
in die Arme schlo, da blickte sie noch einmal mit flehendem Blick in
ihre Augen und sagte nur leise: Wie wrde ich so glcklich sein,
Gabriele!

Das glaube ich nicht, Herzens-Mama! Eine Mutter, die ihr Kind wahrhaft
lieb hat, ist niemals glcklich, wenn sie dasselbe unglcklich sieht!

-- Das war leider Gottes eine Wahrheit, gegen welche sich nicht streiten
lie, und so sah Frau von Sprendlingen ihre Tochter in der berzeugung
scheiden, da Gabriele tatschlich entschlossen war, eine glnzende
Zukunft ihrer Gefhlsseligkeit und Phantasterei zu opfern.

       *       *       *       *       *

Es war ein regnerischer Frhlingstag.

Der Himmel verschwamm in grauen Dunstmassen, mdes Dmmerlicht lag ber
den knospenden Wldern, durch welche Gabriele der Burg Hohen-Esp
entgegenfuhr, und nur hie und da strich ein seufzender Windhauch daher,
die schweren Regentropfen gegen die Wagenfenster zu werfen.

Von der See sah man nichts, der Nebel hatte sie verschlungen, und als
Hohen-Esp mit seinen dunklen, uralten, epheuumsponnenen Gemuern aus
den Wipfeln auftauchte, machte es einen noch melancholischeren und
deren Eindruck als sonst.

Der stumpfe Turm, der eckige Quaderbau mit den kleinen, unregelmigen
Fenstern, der schilfbewachsene Wallgraben und die wunderliche Zugbrcke,
welche immer noch zu dem grauen, mit Trmchen flankierten Tor aufgezogen
werden konnte, machten den Eindruck eines verrucherten Spuknestes,
einer echten, rechten Brenhhle, bei deren Anblick man sich eines
leichten Grauens nicht erwehren kann.

Sehr gnstig war der erste Eindruck, welchen Gabriele von dem Stammsitz
der Hohen-Esp erhielt, nicht, aber das junge Mdchen war so weit
entfernt von aller kindischen Furcht und Voreingenommenheit, da sie,
interessiert und von der Eigenartigkeit dieses Schlosses gefesselt, um
sich blickte, als der Wagen langsam in den engen Burghof einfuhr. Da
standen wie zwei gewaltige, unheimliche Wchter, gleich rechts und links
vor dem Tor, die steinernen Bren, welche mit der einen Pranke das
Wappenschild, mit der anderen eine Fackel emporhielten, in welcher
abends eine rotleuchtende Laterne brannte.

Die alten Gesellen sind von grnlicher Moosschicht berzogen, ebenso
verwittert und alt, wie die anderen Bren, welche auf den Sockeln der
Freitreppe stehen.

Eine gewlbte, ziemlich niedere Pforte mit schweren Eisenbeschlgen
fhrt in das Innere der Burg; ber ihr prangt, abermals zwischen zwei
liegenden Bren, das Wappen.

Die steingemeielten Verzierungen, welche sich in schmalen Feldern unter
den Fenstern hinziehen, zeigen ebenfalls Brenkpfe, und wohin Gabriele
im ersten Augenblick schaut, blickt sie auf grimmig geffnete Rachen,
drohend erhobene Pranken oder in zornmutige Brenaugen, welche trotz
Alter und Verstaubtheit wunderbar lebendig auf sie herabstarren. Und im
ersten Augenblick erscheint ihr auch die hohe, markige Frauengestalt,
welche ihr in der Pforte entgegentritt, mehr brenhaft wie menschlich.

Das dunkle Trauergewand, welches an der imponierenden Figur in vollen
Falten herniederfllt, der breite, schwarze Pelzkragen um die Schultern,
welchen Gundula des kalten Wetters wegen umgelegt, lassen die Grfin von
Hohen-Esp noch gewaltiger erscheinen wie sonst.

Sie tritt der Ankommenden entgegen und bietet ihr mit herzlichem
Willkommen die schlanke, weie Hand zum Gru, und unter den silbernen
Scheiteln und der klaren, hohen Stirn leuchten Gabrielen ein paar so
schne, edelblickende Augen entgegen, da sie das Empfinden hat, als
strme es unter diesem Blick ganz seltsam warm zu ihrem Herzen.

Sie kt die Hand der Grfin, sie dankt fr das gtige Wohlwollen,
welches sie hierherkommen hie, -- und Gundula schaut einen Augenblick
tief und ernst in das Antlitz des jungen Mdchens, nickt freundlich und
drckt die kleine Hand krftig in der ihren.

Gebe Gott, da wir einander liebgewinnen und da Sie gerne bei uns
weilen! sagt sie schlicht, wendet sich an den alten Diener und gibt
Befehl, das Gepck in das Zimmer des gndigen Fruleins zu schaffen.

Ich fhre Sie, liebe Gabriele! Wenn es Ihnen recht ist, schlafen Sie in
meiner Nhe, denn anfnglich wird es Ihnen ungewohnt und unheimlich
genug bei uns sein! Sie schreitet nach der eng gewundenen, tief
dunkelgebrunten Holztreppe und legt die Hand auf einen der Brenkpfe,
welche die Schnitzerei zeigt ... Frchten Sie sich nicht vor diesen
zottigen Burschen, welche Ihnen hier auf Schritt und Tritt begegnen! Sie
sind unsere lieben Freunde, sie gehren zu uns und in dieses Haus wie
gute Schutzgeister, welche man nicht vertreiben darf. Frchten Sie sich
vor Bren?

Gabriele lchelt.

Nicht im mindesten, Frau Grfin! Ich bin berzeugt, da dieselben auch
mich bald als Freundin dieses Hauses erkennen und beschtzen werden.

Hier ist Ihr Zimmer, ein Turmstbchen, so klein und niedrig, wie es
unsere Altvordern gemtlich fanden. Der Blick ist schn, -- Sie sehen
aus dem Fenster Wald und See, und wenn Ihr Herzchen nicht allzusehr an
der bunten Welt und ihrem Leben und Treiben hngt, wird Ihnen diese
stille Poesie sicher gefallen.

Ich wute, da Sie mich erwartet, Frau Grfin, und bin gern gekommen.
Wenn man die Welt durch Trnen ansieht, tun ihre grellen Farben dem Auge
weh.

Wieder blickt Gundula in das ernste, sinnende Antlitz der Sprecherin,
sie legt die Hand auf ihre Schulter.

Weh und Leid haben Ihr junges Herz krank gemacht, -- gebe Gott, da es
hier gesunde! -- -- Bescheiden Sie die Leute, wo Ihre Koffer aufgestellt
werden sollen, -- rechts zur Seite hier befindet sich ein gerumiger
Wandschrank. Packen Sie allein aus oder wnschen Sie Hilfe? Hanne steht
zu Ihrer Verfgung.

Ich danke, Frau Grfin; ich bin gewohnt, mich allein zu bedienen.

Gundula nickt sehr befriedigt. Das ist recht. Mir gefllt es gut, wenn
ein Mdchen selbstndig ist. In erster Zeit werden Sie allerdings noch
manches erfragen mssen, bis Sie auf Hohen-Esp Bescheid wissen, -- am
liebsten ist es mir, Gabriele, Sie wenden sich an mich, ich habe stets
Zeit fr Sie.

Ich danke von Herzen, Frau Grfin.

Und jetzt lasse ich Sie allein, -- Sie werden eine kurze Zeit der Ruhe
bedrfen. In zwei Stunden erwarte ich Sie zum Essen. Wir sind vorlufig
allein im Hause, mein Sohn mute fr kurze Zeit nach Walsleben fahren.
Also auf Wiedersehn, liebe Gabriele, -- Gott der Herr segne Ihren
Eingang in dies Haus.

Die Sprecherin zieht das junge Mdchen an sich und berhrt mit ernstem
Ku seine Stirn, dann geht sie.

Wie im Traum schaut Gabriele der hohen Frauengestalt nach.

Sie sieht aus wie ein schnes, ehrwrdiges Bild, welches aus dem Rahmen
gestiegen, durch diese dmmrig stillen Rume zu schreiten. Wie pat sie
in dieses Haus!

Frwahr eine Brin von Hohen-Esp.

So hatte sich Gabriele sie nicht vorgestellt.

Sie glaubte eine finstere, strenge, kalte Matrone vorzufinden, eine
Herrin, welche mit weltfeindlichem Sinne hier gebietet, -- nicht aber
diese friedliche, milde, schlichte und einfache Frau, welche bei all
ihrer vornehmen Wrde so viel herzgewinnende Gte hat.

Schon auf den ersten Blick gefiel ihr Frau Herzeleide, und Gabriele
empfindet es wie eine glckselige Vorahnung, da sie diese Frau
liebgewinnen wird wie eine Mutter.

Der Sohn ist verreist!

Unwillkrlich atmet sie auf.

So warm es ihr bei dem Anblick der Grfin um das Herz geworden, so
unbehaglich wird es ihr zumute, wenn sie an den Sohn denkt. --

Sie kann sich diesen schchternen, linkischen Menschen so gar nicht in
diesem Brennest vergegenwrtigen!

Hier in diesen Mauern weht ein Odem alter versunkener
Ritterherrlichkeit.

Hier atmet alles trotzige, kernige, stolze Urwchsigkeit.

Hier kann man sich die Bren von Hohen-Esp nur vorstellen als
kriegerisch rauhe, khne und wehrhafte Mnner, -- nicht als verlegen
errtende Jnglinge, welche ber ihre Lackschuhe stolpern.

Gabriele blickt sich sinnend um.

Welch ein Stck uralter, langvergangener Zeiten umgab sie!

Wie unverndert die Gesimse, Mbel und Gerte.

Einfach und anspruchslos, aber traut und gemtlich.

So wie Grfin Gundulas Anblick anheimelt.

Auf der dunklen Holzkonsole neben dem Bett liegt eine Bibel.

Darin las wohl schon die Urahne.

Die Grafen von Hohen-Esp waren seit jeher fromme, gottesfrchtige
Leute, darum ruhte der Segen des Herrn auf ihrem Hause.

Nur der Vater Guntram Kraffts, der hatte sein stilles Ahnenschlo
verlassen und war in die verfhrerische, sndige Welt hinausgezogen. Da
hatte er in dunkler, trostloser Stunde seinen Gott vergessen.

Schwere, seidendurchwirkte Gardinen hngen in steifen Falten zu beiden
Seiten des Bettes hernieder, ein geschnitzter Sessel steht an dem
spitzen Bogenfenster; unter altmodischem Spiegel, dessen verblater
Goldrahmen in seinem Mittelstck eine Brenjagd zeigt, steht der
Waschtisch mit der eingelassenen Zinnschssel von seltsamer
Reliefarbeit. Gabriele tritt an das Fenster und blickt hinaus.

Der Regen rieselt an den kleinen, bleigefaten Scheiben herab und
trommelt einfrmig auf dem Sims.

Man sieht nicht viel -- nur den Eindruck hat man, da man tief
hinabblickt auf flaches Land und endlos gedehnte Waldungen. Fern im
Hintergrund liegt wohl die See, die eintnige und einfrmige See, welche
sich so trge dehnt, sei es in blendender Sonnenhitze oder grau in grau,
wie ein Nebelbild an regnerischem Frhlingstage.

Gleichgltig wendet sich Gabriele von ihrem Anblick ab und kniet vor dem
Koffer nieder, um das Auspacken zu beginnen. Sie ist stets im Leben
pnktlich gewesen und will bis zur Essensstunde fertig sein, um alsdann
ihre Dienste der Grfin widmen zu knnen.

       *       *       *       *       *




XIX.


Das schlechte Wetter hielt an und zwang die Damen, im Zimmer zu
verweilen.

Gabriele war eifrig bemht, sich mit den Rumlichkeiten der Burg bekannt
zu machen und der Grfin mglichst zur Hand zu gehen. Zu ihrer
berraschung bemerkte sie, da es so gut wie gar keine Arbeit fr sie
gab, denn Gundula verrichtete nach wie vor alle Obliegenheiten der
Hausfrau und beaufsichtigte, schaltete und waltete wie sonst in Haus und
Hof.

Gabriele begleitete sie zwar auf Schritt und Tritt und bemhte sich,
hier und da kleine Handreichungen zu leisten, doch schien ihr diese
Beschftigung schlielich so unbedeutend, da sie die Grfin um Arbeit
bat.

Diese lchelte.

Ihre Arbeit ist die, bei mir zu sein, liebe Gabriele! sagte sie ruhig.
Frerst sehen Sie sich alles an, wie ich gewohnt bin, den Tag
einzuteilen, und falls es einmal nottut, vertreten Sie mich. -- Am
Nachmittag ist es oft stille Zeit, dann werde ich mich am meisten Ihrer
Gesellschaft freuen. Heute zeige ich Ihnen die Zimmer der Burg, welche
wir fr gewhnlich nicht bewohnen.

Das geschah. --

Den riesengroen Schlsselbund an der Grteltasche, schritt Gundula mit
ihrem jungen Gast durch die wunderlichen Gemcher, in welchen eine
lngst vergangene Zeit gleich einem Dornrschen in tiefem Zauberschlafe
lag.

Wie dster, wie still ringsum.

Die Schritte hallten auf den eingesunkenen Dielen, hier und da huschte
der graue Schatten einer Maus unter altgeschnitztem Schrank oder
silberbeschlagener Truhe hervor.

Am meisten interessierten Gabriele die lgemlde in dem Ahnensaal, einem
viereckigen Gemach mit niedriger, getfelter Decke und Parkettplatten,
welche schreitende Bren als Muster aufwiesen.

Hier hingen die Familienbilder, und Gabriele las ernsten Blickes die
Namen auf den kleinen Schildern, whrend Gundula wie in tiefen,
schwermtigen Gedanken langsam weiterschritt und mit umflorten Blicken
zurckschaute in eine Zeit, wo sie zum erstenmal am Arm des Geliebten
diesen Saal betreten, ein berglckliches, leidenschaftlich empfindendes
Weib, welches sich bei dem Anblick dieser alten Bilder zu all dem
begeisterte, was sie spter fr ihren Sohn geschaffen, erstrebt und
erreicht.

Gabriele las mit einigem Befremden unter verschiedenen Gemlden dieselbe
Anmerkung.

Hier eine stolze, markige Mnnergestalt in schlichtem Wams und hohen
Wasserstiefeln.

Christoph Kaspar von Hohen-Esp, geb. anno domini 1522, ertrunken den
14. Mrz 1570.

Und hier eine schlanke, blhende Jnglingsgestalt, blondlockig, mit
lachend hellem Blick -- eine entschiedene hnlichkeit mit Guntram
Krafft.

Wulffhardt von Hohen-Esp, geb. 1481, ertrunken um 1503.

Und dort --! Dieselbe reckenhafte Gestalt, wie sie fast alle Bren von
Hohen-Esp aufweisen, dieselbe trotzig-feste Stirn, die khn blickenden
Augen und die energische Hand, welche hier ein breites Schwert ber ein
Segelschiff neigt.

Diethelm von Hohen-Esp, Schirmvogt zu Land und See, geb. 1361,
ertrunken im Kampf gegen seeruberisch Gesindel um 1433.

Und hier noch eins -- zwei andere Bilder, mit lateinischen Inschriften,
dem schwarzen Kreuz und der Wiederholung des Spruches: Und das Meer
wird seine Toten wiedergeben.

Gabriele wandte sich zu der Grfin.

Wie kommt es, da so viele Grafen ertrunken sind? fragte sie leise,
mir deucht es seltsam, da ein derart seltener Unglcksfall sich so
merkwrdig oft in einer Familie wiederholt!

Gundula blieb vor dem Bilde Wulffhardts stehen und nickte ihm wehmtig
zu: Das wundert Sie bei Mnnern, Gabriele, welche Schirmvgte einer
Kste waren, die sowohl wegen ihrer gefhrlichen Strmungen als auch
wegen der Piraten, die in den undurchdringlichen Wldern hier hausten,
allgemein gefrchtet und verrufen war? Die Bren von Hohen-Esp haben
aufgerumt mit dem Gesindel, haben manch verwegenen Kampf zu Wasser und
zu Lande mit ihnen bestanden und sind manch armem schiffbrchigen
Seefahrer in Sturm und Not zu Hilfe gekommen! Und wie gar mancher brave
Soldat seine Treue mit dem Tod besiegelt, so haben auch die Hohen-Esp
ihr Leben im Dienst fr Frst und Vaterland, fr Recht und Pflicht
gelassen! -- Sehen Sie dort ... und dort ... und da drben ... und an
jener Seite dort ... sie alle sind den Heldentod auf dem Meere
gestorben, Vter und Shne, von den ltesten Tagen -- bis in die heutige
Zeit hinein! Ein ritterlich Geschlecht, dessen schnster Ehrenschmuck
jenes schwarze Kreuz ber dem Wappenschild, dessen heiligster Trost der
Spruch des Herrn war: >Und das Meer wird seine Toten wiedergeben!< --

Gundula schwieg, es war still und dmmerig, und Wulffhardts lachende
Augen hafteten in beinahe unheimlicher Lebendigkeit auf Gabrieles
Antlitz.

Dem jungen Mdchen war es pltzlich so feierlich, als stnde es in der
Kirche.

Ein tiefer Atemzug hob ihre Brust, ihre Wangen frbten sich hher, und
ihr Herz, welches seit jeher so begeistert fr Mannesmut und Heldentum
geschlagen, hmmerte in ihrer Brust.

Und whrend Gundula an das Fenster trat, um es fr kurze Zeit zu ffnen,
stand sie und blickte wie im Traum zu Wulffhardts jungem Heldenantlitz
empor.

Ja, er glich Guntram Krafft ... und doch ... nein! da war dennoch keine
hnlichkeit!

Hier der khne, mutige Blick mit den blitzenden Augen und der stolzen
Haltung -- er hatte nichts gemein mit dem schchternen, errtenden
Nachkommen, welcher nichts ist, nichts leistet ... welcher nur behaglich
hinter dem Ofen sitzt und erntet, was die Mutter gest!

Gabriele faltet bei diesem Gedanken unmutig die Stirn, wendet sich
hastig und folgt der Grfin, welche ihr zu der Waffenhalle
vorausschreitet, vor deren schmiedeeisernen Tr zwei wirkliche, echte
Bren, ausgestopft, staubig und mottenzerfressen, aber dennoch durch
ihren Anblick Grausen erregend, die Wache halten.

       *       *       *       *       *

Von Tag zu Tag gewann Gabriele die Grfin lieber, und auch Gundulas Herz
schlug immer wrmer und zrtlicher fr das anmutige Mdchen, an welches
sich ihre liebsten und geheimsten Zukunftsplne knpften.

Der fast ununterbrochene Verkehr im einsamen Hause fhrte die Menschen
schneller zusammen und gestaltete auch das Verhltnis zwischen Gundula
und ihrem jungen Gast von Stunde zu Stunde inniger.

Das sehr ruhige, ernste und doch liebenswrdige Wesen des Frulein von
Sprendlingen war der alternden Frau sehr sympathisch, die groe
Aufrichtigkeit, ihr ehrliches Bestreben, sich ntzlich zu machen und
fleiig zu sein, sowie ihre anmutige Schnheit gewannen ihr vollends ihr
Herz.

Immer ungeduldiger sah sie dem Tag entgegen, an welchem Guntram Krafft
heimkehren wollte, und nun verschob er diesen Zeitpunkt bereits zum
drittenmal und deutete an, da er frerst berhaupt noch nicht an die
Heimreise denke.

Die regnerischen Tage hatten lachendem, sonnenhellem Frhlingswetter das
Feld gerumt, und Gabriele schritt zum erstenmal an der Seite der Grfin
in den Park hinab.

Der Inspektor trat den Damen mit respektvollem Gru entgegen, starrte
einen Augenblick wie gebannt in das reizende Mdchengesicht, dessen
Anblick ihm so berraschend wurde und in dieser kalten Welt doppelt
wohltat, und meldete der Grfin mit etwas unsicherer Stimme, da das
neue Reitpferd, welches der Herr Graf angekauft habe, nach Walsleben
nachgeschickt werden solle.

Das ist ein Unsinn, lieber Mller! Ich hoffe, da mein Sohn dieser Tage
zurckkommt, und will auf alle Flle erst noch einmal schreiben, ehe dem
Tier der unbequeme Transport zugemutet wird!

Befehl, Frau Grfin!

Die Damen schritten weiter, und Gabriele blickte voll harmlosen Staunens
zu der Burgherrin auf.

Seit wann reitet Ihr Herr Sohn so gern, da er sich sogar das Pferd
nachkommen lassen will! Er sagte mir doch in der Residenz, da der
einzige Sport, welchen er eventuell gern ausbe, das Rudern sei?

Gundula war stehengeblieben und starrte die Sprecherin an, als hre und
verstehe sie nicht recht.

Mein Sohn _sagte_ Ihnen ... wiederholte sie langsam, ja, um alles in
der Welt, _kennen_ Sie ihn denn, Gabriele?

Gabrieles groe Augen blickten ebenso erstaunt wie die der Grfin.

Ja, gewi! Ich lernte den Grafen in der Residenz auf einem Hofball
kennen und nahm an, da ich es seiner gtigen Frsprache verdankte, hier
im Hause aufgenommen zu sein! Hat Ihr Herr Sohn meinen Namen nicht
erfahren? --

Gundula schttelte langsam den Kopf. Kein Wort hat er mir davon gesagt
... und er sah doch sogar Ihr Bild, Gabriele!

Das junge Mdchen schritt ruhig an der Seite der Sprecherin weiter. O,
so hat er mich wohl gar nicht wiedererkannt! Er hat so unendlich viele
fremde Gesichter zu sehen bekommen und so viele Namen gehrt, da es nur
ganz natrlich ist, wenn er die einzelnen nicht im Gedchtnis behielt!

Gundulas Augen bekamen pltzlich einen auffallenden Glanz.

Aber er tanzte mit Ihnen?

Doch nicht, Frau Grfin. Der Graf kam sehr spt zu mir, da waren meine
Tnze vergeben!

So bat er wenigstens um einen?

Er war so hflich!

Ruhig und gleichmtig wie stets klang ihre Stimme.

Und holte sich keine Extratour?

Auch dabei waltete ein Migeschick. Gerade als wir tanzen wollten,
schwieg die Musik.

Ach, das hat er gewi sehr bedauert. Plauderten Sie nicht zur
Entschdigung zusammen?

Bei Tisch, gndigste Grfin. Ihr Herr Sohn sa neben mir. Sehr viel
sprachen wir aber nicht, und was wir sprachen, wei ich nur noch dem
Sinne nach. Wir waren verschiedener Ansicht, -- der Graf liebte das
Meer, ich nicht. Sehr liebenswrdig erschien ich ihm sicherlich nicht,
wenn er berhaupt meinen Worten Wert beilegte, was ich bezweifle.

Die Jugend war nicht plaziert bei Tisch?

Nein, nur die verheirateten Herrschaften!

So whlte Guntram Krafft selber den Platz an Ihrer Seite?

Gundula sprach heiter und sehr ruhig, wohl nur, um die Unterhaltung
fortzufhren.

Ihr Herr Sohn war sehr fremd in der Gesellschaft, und da ich ihm
zufllig schon bekannt war, so dachte er wohl ...

Sie waren ihm schon bekannt?

Durch einen kleinen Unfall, welchen ich mit dem Schlitten auf der
Strae der Residenz erlitt. Der Graf kam mir zu Hilfe, richtete den
Schlitten auf und sammelte mich aus dem Schnee empor! -- Gabriele
lchelte.

Ich dankte meinem Retter in der Not, doch stellte er sich in der Eile
nicht vor und erfuhr auch meinen Namen nicht!

Und dann sahen Sie sich erst auf dem Hofball wieder?

Einmal sa mir der Graf noch im Theater gegenber, doch lernten wir uns
dort nicht kennen.

Die Burgherrin von Hohen-Esp fragte noch so mancherlei, und Gabriele
erzhlte von dem Leben und Treiben in der Residenz. Sie kannte so viele
Menschen, fr welche sich die Grfin noch lebhaft interessierte, und so
legten die Damen den Spaziergang in sehr angeregter Unterhaltung zurck.

In der darauffolgenden Nacht lag Gundula mit weitoffenen Augen schlaflos
in den Kissen. Ihre Wangen brannten in heiem Rot, und ihre Lippen
lchelten.

Eine auerordentliche Aufregung hatte sich der einsamen Frau bemchtigt,
seit sie durch Gabriele erfahren, da Guntram Krafft sie bereits kannte.

Da war es, als ob pltzlich ein Schleier vor ihren Augen zerrissen sei.

Sie entsann sich pltzlich der seltsamen Vernderung, welche mit dem
jungen Mann vor sich ging, als er Gabrieles Bild sah, -- sie rief sich
sein Benehmen in das Gedchtnis zurck und hatte den Schlssel dafr
gefunden.

Guntram Krafft hatte sein Herz an das auffallend reizende Mdchen
verloren, das bewies ihr sein Verhalten auf dem Balle und seine Erregung
bei dem Anblick ihres Bildes.

Gabriele gab es selber ehrlich zu, da sie nicht sonderlich
liebenswrdig zu ihm gewesen sei; das hatte der weltfremde, unerfahrene
Mann fr eine direkte Abweisung gehalten und ergriff in planloser
Verwirrung die Flucht.

Und so wie er damals die Residenz um des jungen Mdchens willen verlie,
so kehrte er auch jetzt in der ersten Aufregung Hohen-Esp den Rcken, um
ein Wiedersehen zu vermeiden.

Die Grfin lchelte.

Welch ein Kinderherz! als ob sich diese Flucht auf die Dauer durchfhren
liee!

Vielleicht macht ihn seine Liebe auch scheu und befangen -- er flieht
aus Verlegenheit. Seine Schwermut, sein so ganz verndertes Wesen seit
der Heimkehr, besttigten diese Ansicht.

Und nun fgt es Gottes Gnade und Barmherzigkeit, da die Mutter selber
die Geliebte des Sohnes unter sein Dach fhrt!

Welch eine wunderbare, unbegreifliche Fgung! Wre tatschlich von
Gabrieles Seite eine schroffe und definitive Abweisung erfolgt, so wre
das junge Mdchen nach Anlage ihres Charakters nie nach Hohen-Esp
gekommen. Auch htte sie nie so ruhig und gleichmtig von Guntram Krafft
gesprochen.

Gabriele ist durchaus ahnungslos, und ihre Ruhe und Gelassenheit sind
echt.

Gundula besitzt Menschenkenntnis, und weil sich ihre liebsten und
sehnschtigsten Plne an das junge Mdchen knpfen, hat sie dasselbe mit
dem argwhnischen Scharfblick einer sorgenden Mutter beobachtet. Das
Resultat dieser Beobachtungen war ein sehr gnstiges, denn die groe
Aufrichtigkeit, welche Gabriele hier und da vielleicht etwas schroff
erscheinen lie, schtzte die Grfin als eine Garantie dafr, da sie
nie aus Heuchelei oder Berechnung nach dem Ehering streben wird.

Guntram Krafft ist noch zu jung und weltfremd, um dies richtig zu
beurteilen, und wenn Gabriele selber sagt, da sie ihm wohl nicht
liebenswrdig erschien, weil sie absprechend ber Meer und Strand
geurteilt, so ist der Schwrmer Guntram mglicherweise tief verletzt vor
dieser Offenheit.

Auf alle Flle ist es seine Absicht, Hohen-Esp um Gabrieles willen fern
zu bleiben, und mit Vernunftsgrnden richtet man bei verliebten Leuten
nichts aus; also mu die Grfin eine kleine List gebrauchen, den
Flchtling heimzuholen. Der Zweck heiligt die Mittel.

Im Verkehr mit Gabriele wird sie den Sohn alsdann unauffllig
beobachten, und es wird ihr nicht schwerfallen, seines Herzens
heimlichste Gedanken zu erforschen.

Die Ehen werden im Himmel geschlossen, und wre Gabriele nicht fr ihren
Liebling bestimmt, so wrde Gott der Herr sie nicht in so wunderbarer
Weise hierher in die Einsamkeit gefhrt haben.

Mit einem Lcheln auf den Lippen schlief die Grfin ein, und als sie
frh am Morgen erwachte, schrieb sie alsogleich ein paar Zeilen an
Guntram Krafft.

Sie teilte ihm mit, da sie sich nicht wohl fhle, da sie die Nacht
meist schlaflos verbracht, sie sei eine alte Frau, welcher jeden
Augenblick etwas zustoen knne. Die Abwesenheit ihres einzigen Kindes
sei ihr ungewhnt und beunruhige sie, die Sehnsucht nach ihm wirke
nachteilig auf ihren Zustand ein. So lieb wie sie Gabriele in der kurzen
Zeit schon gewonnen habe, sei ihr dieselbe doch eine Fremde, welche den
Sohn nicht ersetzen knne. Auerdem sei der alte Klaaden einige Male
dagewesen, um voll Ungeduld nach dem Herrn zu fragen, wahrscheinlich sei
seine Anwesenheit aus irgendeinem Grunde dringend notwendig. -- Und zum
Schlu bat sie den Sohn, unverzglich abzureisen und zu kommen, falls er
sie nicht noch krnker machen wolle!

Ein beinahe schelmisches Lcheln spielte um Gundulas sonst so herbe und
ernst geschlossene Lippen, als sie das Schreiben adressierte und durch
einen reitenden Boten sogleich besorgen lie.

Nun wute sie es bestimmt, da Guntram Krafft noch an demselben Tage
eintreffen werde. --

Aber ihre kleine Komdie mute sie nun durchfhren, und darum klagte sie
auch Gabriele, da sie eine schlechte Nacht gehabt und sich leidend
fhle.

Das junge Mdchen war aufrichtig erschreckt und besorgt und bemhte
sich, auf jede Weise die Kranke zu hegen und zu pflegen. Da sah Gundula,
welch ein weiches, zrtliches Gemt sich hinter all der ernsten
Gemessenheit ihres Wesens versteckte, und sie freute sich dessen von
Herzen.

Auch beobachtete sie es voll Interesse, mit wieviel Verstndnis und
Umsicht Frulein von Sprendlingen das ihr so ungewohnte Amt einer
Hausfrau bernahm und die Grfin in Kche und Keller ersetzte.

Da lag es wie ein milder Sonnenglanz auf dem schnen, bleichen Antlitz
der Frau Herzeleide, und zum erstenmal seit langen, schweren Jahren
brannte ihr Herz in lebhafter, freudiger Erwartung auf ein Glck,
welches sicher kommen mute, -- sicher und bald, das fhlte sie.

       *       *       *       *       *

Als Gabriele in die groe, gewlbte Kche trat, sah sie eine dunkel
gekleidete, trbselig dreinschauende Frau, welche in einem Topf Essen
empfing und mit bescheidenem Dank und Gru davonschritt.

Wer war die Frau? Eine Kranke? fragte Gabriele die Mamsell.

Nein, gndiges Frulein, das war die Witwe des Fischers Riek, welcher
bei der letzten Rettung der Schiffbrchigen von dem Wrack der >Sophie
Johanne< ertrunken ist.

Ertrunken!

Gabriele sah pltzlich die Bilder aus dem Ahnensaal vor sich, unter
denen neben schwarzem Kreuz dieses Wort geschrieben stand.

Es ertrinken wohl viele Mnner hier? fragte sie nachdenklich.

Die Alte nickte laut seufzend. Da Gott erbarm! Ach, gndiges Frulein,
es ist ein gar saures Stckchen Brot, welches die Fischer und Seeleute
essen, und trgt wohl jeder alle Stund' sein Totenhemde auf dem Leibe.

Ich habe gar nicht gedacht, da es so sehr gefhrlich ist, auf dem
Wasser zu fahren!

Im Binnenlande kann man sich das wohl meist nicht recht vorstellen!
Wenn man die See aber einmal recht bs und grob gesehen und den Sturm
aus Nordost pfeifen hrte, dann begreift man's. --

Kommt das oft vor?

Mehr wie zu oft, Gott sei gelobt, da es gerade jetzt, wo der Graf
abwesend war, nicht arg geweht hat!

Der befindet sich ja auf dem Lande in Walsleben! Da ist doch keine
Gefahr fr ihn!

Es zuckte wie herber Spott um die Lippen der Sprecherin, aber die
Mamsell sah es nicht, sie zerstampfte eifrig die Kartoffeln fr den
Schweinetrog.

Fr ihn nicht, bewahre! Aber fr die Seefahrer! Und wenn was passiert
wre -- meinte noch gestern der alte Klaaden -- so htten sie mit den
neuen Apparaten doch noch nicht ohne den Grafen zuwege kommen knnen!

Ah -- der Graf unterweist sie darin?

Wer anders denn er! -- Ja, wenn der junge Herr nicht wre, gndiges
Frulein!

Gabriele sah zwar noch nichts so Unersetzliches und kein so gewaltiges
Verdienst darin, die Fischer ein wenig anzuleiten, aber sie nickte
zustimmend und schritt weiter nach dem kleinen Kchengarten, welcher im
hellen Sonnenschein seine jungen Krutlein und frischerschlossenen
Kirschblten badete. Fern sah sie einen Strich der blauen See glnzen,
so still und blau, wie sie damals in Heringsdorf vier Wochen lang
gelegen, und sie schttelte gedankenvoll den Kopf und begriff es nicht,
da dies glatte Wasser so gefhrlich und unheimlich sein sollte.

       *       *       *       *       *

Da es in dem groen, hallenartigen Speisezimmer noch kalt war, brannte
ein loderndes Kaminfeuer, und Grfin Gundula hatte ihren Sessel nahe
hinzurcken lassen und verlangte nach ihrem Spinnrad.

Ich kann es nicht ertragen, die Hnde so mig zu falten! antwortete
sie auf Gabrieles besorgte Bitte, heute ruhig zu bleiben, und als das
Rad frhlich schnurrte und der Faden lief, lie das junge Mdchen die
feine Stickarbeit sinken und blickte mit leuchtenden Augen zu.

Wie schn! Wie poetisch das ist! O, das mchte ich auch lernen, Frau
Grfin!

Gewi, liebe Gabriele, meine Mgde spinnen alle und knnen Ihnen
sogleich ein Rad leihen! Ich bin so sehr fr das eigengesponnene Leinen!
Es ist derb und hlt bedeutend lnger als gekauftes Gewebe, namentlich
in der Kche und fr das Gesinde ist es durchaus praktisch!

So darf ich mir ein Rad holen?

Selbstverstndlich; ich unterweise Sie gern!

Gabriele eilte davon und trug sich nach kurzer Zeit ein Spinnrad herzu.

Dieses >Radeln< ist mir lieber, wie das moderne, scherzte die Grfin;
wir sind hier gut hundert Jahre zurck gegen die neumodische Welt!

Das ist schn, darum wohnt hier noch die Poesie in all ihrer
unverflschten Schnheit!

Sie lieben dieselbe?

ber alles. Mama neckte mich oft, da es fr mich besser gewesen wre,
zu eines Knig Artus' Zeiten zu leben. Ich begeistere mich so sehr fr
alles Ritterliche, Edle, Khne und Herrliche -- und gerade daran ist
unsere prosaische Zeit so arm.

Nicht arm, Gabriele, -- es tritt nur nicht so auffllig hervor wie
ehemals.

Gibt es noch Helden im neunzehnten Jahrhundert?

Gewi! Sie ziehen nur nicht mehr in glnzender Rstung durch das Land
und suchen Frau Aventure im Busch.

Unsere Mnner und Jnglinge ziehen in den Krieg und werden
totgeschossen, ehe sie dem Feind nur ins Gesicht schauen konnten; das
ist kein heldenhafter Kampf, sondern nur Disziplin und mde Resignation,
welche auf Kommando stirbt!

Oho, Gabriele! Dieses resignierte, gehorsame Sterben, dieses treue
Ausharren auf dem Posten, inmitten des feindlichen Kugelregens, ist die
hchste und heiligste Tugend des Soldaten!

Das wohl, -- aber mir deucht, dieses khne Aug' in Auge mit dem Feind,
dieses todesmutige Hineingehen in eine Gefahr ist poetischer, und das
findet sich im kleinen berrest wohl nur noch bei der Kavallerie, welche
eine schneidige Attacke reitet! --

Und der tapfere Infanterist, welcher die Dppeler Schanze -- die
Spichererhhe im Sturme genommen? --

Das ist Todesverachtung! Das erkenne ich auch als schne und glnzende
Soldatentat an, aber man hat als Mdchen keine rechte Vorstellung
von der Tat des einzelnen! Und gerade diese macht die Poesie des
Heldentums aus! Htte Parzival, Dietrich von Bern, Ekke oder Beowulf in
der groen Menge mitgekmpft, man htte nicht die khne, heldenhafte
Vorstellung von ihren Taten wie so, wo wir jeden ihrer einzelnen Kmpfe
bis auf den kleinsten Schwertstreich verfolgen knnen! Ich tue unseren
modernen Tapferen vielleicht sehr unrecht mit solcher Ansicht, aber
einem Mdchen verzeiht man es wohl, wenn es sich seine Ideale etwas
eigenwillig bildet. Ich mchte einen Helden _sehen_, seine tollkhne
Tapferkeit selber schauen, und das ist doch nur noch bei einem
waghalsigen Reiter der Fall, welcher alle Gefahren eines Rennens vor
unsern Blicken herausfordert und berwindet!

Gundula lchelte ganz seltsam. Sprachen Sie ber dieses Thema
vielleicht auch mit meinem Sohn?

Ich glaube ja. -- Mglicherweise verargte er es mir.

Die Grfin schob das Spinnrad ein wenig zurck und hob lauschend das
Haupt.

Von dem Hof herein tnte Hufschlag, lautes Rufen und eilige Schritte.

Glckselig verklrt blickten Gundulas Augen, sie atmete, wie von Unruhe
und Spannung erlst, auf und sagte leise:

Er kommt! Es ist Guntram Krafft!

Gabriele erhob sich und trat eilig an das Fenster, um hinauszublicken.

Ja, es ist der Graf! -- rief sie der Burgfrau zu, und ihre Stimme
klang nicht um einen Hauch erregter wie sonst.

       *       *       *       *       *




XX.


Gabriele wollte das erste Wiedersehn zwischen Mutter und Sohn nicht
stren, und da bereits der schwere, spornklirrende Schritt Guntram
Kraffts auf den Steinstufen der Vortreppe ertnte und sie die Tr der
Halle nicht mehr erreichen konnte, ohne von dem Eintretenden gesehen zu
werden, blieb sie an dem Fenster stehen und blickte mit nicht gerade
sympathischen Empfindungen dem jungen Mann entgegen.

Wie ungeniert und behaglich hatte man ohne ihn hier gelebt!

Nun wird selbstredend ein gewisser Wandel eintreten und das gemtliche
Zusammensein beeintrchtigen.

Gabriele wird sich gern einem jeden Zwang fgen, welchen der Verkehr mit
einem jungen Herrn mit sich bringt, wenn ihr der Br von Hohen-Esp nur
nicht mit dem anbetenden Entzcken begegnet, wie in der Residenz!

Das wrde ihr furchtbar sein und ihren Aufenthalt hier unmglich machen,
und doch tt es ihr leid, von der Grfin und der Burg hier zu scheiden.

Die Grfin hat sie bereits sehr liebgewonnen, und das alte Brennest ist
just das, was auf ihr so poetisch veranlagtes Gemt einen hohen Reiz
ausbt!

Guntram Krafft als Freund -- wie schn wre das! -- Als Bewerber um ihre
Gunst und Liebe -- wie unertrglich! --

Mit heimlichem Seufzer schlingt sie die Hnde ineinander und blickt der
hohen Mnnergestalt entgegen, welche voll ungestmer Hast ber die
Schwelle tritt und mit ausgebreiteten Armen der Grfin entgegeneilt.

Er hat den weichen Filzhut abgerissen, die blonden Haare fallen etwas
wirr und von dem eiligen Ritt gefeuchtet in die Stirn, und auf dem
heigerteten Antlitz liegt ein Ausdruck groer Angst und Sorge, welcher
bei dem Anblick der Grfin schwindet und einer beinahe
leidenschaftlichen Zrtlichkeit Platz macht.

Mutter! Du bist hier! Du liegst, Gott sei Lob und Dank, nicht zu Bett?

Er ruft es mit halberstickter Stimme, neigt sich ber den Sessel und
schlingt die Arme um die Grfin, zart und behutsam, wie man etwas sehr
Zerbrechliches anfat.

Sein Blick sucht den ihren, und Gundula kt seine Lippen, streicht ber
sein Haar und sagt innig: Du guter Mensch! Bist du den ganzen Weg
dahergejagt? Solltest dich ja nicht ngstigen, sondern nur heimkommen!

Er lt sich neben ihr auf das Knie nieder, nimmt ihre Hand zwischen die
seinen und blickt noch immer besorgt zu ihr auf.

Was fehlt dir, Mutter? -- Hast du schon zu dem Arzt geschickt? War es
etwa wieder Atemnot, wie sie damals nach der Influenza kam?

Gundula lchelt: Ich werde alt, Guntram Krafft, und mag nicht mehr
allein sein! So treu und lieb Gabriele mich auch hegt und pflegt, gegen
die Sehnsucht hat auch sie noch kein Mittel entdeckt! und die
Sprecherin wendet pltzlich den Kopf: Liebe Gabriele ... wo stecken
Sie? -- Sind Sie noch im Zimmer?

Das junge Mdchen hatte nachdenklich auf das schne Bild vor dem
lodernden Kaminfeuer geschaut. -- Ja, ein schnes Bild, und eine
gerechtfertigte Angst und Sorge -- und doch schien sie Gabriele nicht
mnnlich und imponierend! Hatte sie nur ein Vorurteil, da sie in
Guntram Krafft nie mehr erblickte, als wie das bange Muttershnchen,
welches nach wie vor an der Schrze der Mutter hngt?

Ja, er gleicht dem Wulffhardt auf dem Bilde droben, aber welch anderer
Charakter und Mut trotzt auf dem lachenden Gesicht jenes Vorfahren!

Jetzt, als die Grfin ihren Namen ruft, schrickt er empor, erhebt sich
und weicht jh zurck. Nun wird er sie wieder anstarren, verlegen
lcheln und errten, wie damals in der Residenz.

Gabriele tritt langsam von dem Fenster herzu, reicht dem Grafen sehr
gelassen die Hand und sagt zwar freundlich, aber doch sehr frmlich und
khl: Ich freue mich, Sie wiederzusehen, Graf Hohen-Esp und hoffe, Sie
gnnen mir ein Pltzchen an der Seite Ihrer Frau Mutter!

Sie versucht sogar zu scherzen und ist ein wenig berrascht, da Guntram
Krafft nicht mit entzcktem Lcheln quittiert. Der aber berhrt kaum
ihre Hand in flchtigem Gru, verneigt sich sehr tief, ohne sie
anzusehen und sagt so fest und ruhig, wie sie seine Stimme noch nie
vernommen: Ich danke Ihnen, mein gndiges Frulein, da Sie den
Opfermut besitzen, in diese Einsamkeit zu kommen und meiner teuren
Mutter Gesellschaft zu leisten. Mchte Ihnen Hohen-Esp nicht allzu
eintnig erscheinen!

Und dann kt er die Hand der Grfin und bittet: Gestatte, Mama, da
ich mich umkleide, der Ritt war eilig und der Weg grundlos! In krzester
Zeit stehe ich wieder zu deiner Verfgung!

Selbstverstndlich, Guntram! Wir warten mit dem Abendbrot auf dich!

Er verneigte sich noch einmal kurz und spornklirrend vor den Damen und
schreitet durch die Halle zurck.

Nachdenklich blickt ihm Gabriele nach. Welch eine Vernderung ist in der
ueren Erscheinung des Grafen vor sich gegangen! Wie stattlich und
markig sah er in diesem etwas verwilderten Reitkostm aus, so ganz
anders, wie in dem hocheleganten, grlichen Frack und den Lackschuhen,
welche so geborgt und ungehrig an ihm aussahen. Gewi wird er sich
jetzt wieder als Dandy zurechtmachen und als sehr schicker, moderner
Jngling wiederkehren. --

Schade darum! --

Whrenddessen strmte Guntram Krafft die gewundene Holzstiege empor,
nach seinen Zimmern.

Er stie ungestm ein Fenster auf und atmete wie ein Erstickender die
khle Abendluft.

Sein Herz hmmerte zum Zerspringen. Der qualvolle, gefrchtete
Augenblick, das Wiedersehn mit Gabriele war berwunden, aber ihm deuchte
es, als mte dasselbe sichtbare Spuren in sein Antlitz gegraben haben.
Er hatte es nicht fr mglich gehalten, da er ihre Hand halten, mit
hflichen Worten zu ihr sprechen knne.

Er hatte gezittert vor seiner eigenen Schwche, oder der wilden,
leidenschaftlichen Heftigkeit, welche gegen dieselbe revoltierte.

Er glaubte, ihren Anblick nicht ertragen zu knnen, und hatte doch ruhig
und ernst vor ihr gestanden und zu ihr geredet, ohne mit einer Wimper zu
zucken.

Wie war das mglich gewesen?

Weil Gabriele selbst ihm so ruhig, so harmlos, so freundlich gelassen
entgegenkam.

Da zuckte es ihm pltzlich durch den Sinn: Du Narr! Warum erregst du
dich? Warum frchtest du es, ihr in die Augen zu sehen? Hast du es nicht
auch in der Residenz getan? Und was ist seit jener Zeit anders
geworden?

Nichts!

Gabriele ahnt ja nichts von der Indiskretion, welche Thea an ihr
begangen!

Sie lt es sich nicht trumen, da der kleine Zettel, auf welchem sie
sich so grausam fr ewige Zeit von dem ruhm- und tatenlosen Hohen-Esper
lossagt, wie fressend Gift auf seiner Brust liegt!

Sie wei es nicht, welche Qualen sein Herz um ihretwillen erduldet, wie
es tropfenweise verblutet ist an dem ersten, groen, namenlos bitteren
Leid, welches es erfahren.

Nein, davon ahnt und wei sie nichts!

Guntram Krafft reckt sich pltzlich empor und drckt die Hnde gegen die
Brust, als sei ein eiserner Panzer, welcher sie eingepret, jhlings
zersprungen.

Er atmet hoch auf, -- er wirft das Haupt in den Nacken und schliet
momentan die Augen.

Da er sich darber nicht schon frher klar geworden ist!

Gabriele kam vllig ahnungslos und harmlos hierher, er braucht weder ihr
Mitleid noch ihren Spott zu frchten.

Wei sie denn, wie sehr, wie unaussprechlich er sie geliebt?

Nein! --

Wei sie, da er um ihretwillen die Residenz verlie, wie in wilder
Flucht?

Nein! --

Dies alles liegt in seiner Brust versargt, und keines Menschen Seele
wird es je erfahren. Was frchtet er?

Warum will er auch jetzt noch vor ihr, der Ahnungslosen, fliehen?

Das Vergangene ist berwunden.

Da Gabriele ihn nie lieben und nie heiraten wird, wei er, und da er
viel zu stolz ist, um die Liebe als Almosen zu erbetteln, das wei er
auch.

Ritter ... treue Schwesternliebe widmet euch dies Herz --

Heit es nicht so im Gedicht?

Und warum soll sie nicht als Schwester neben ihm hergehen, warum soll er
knftighin noch mehr in ihr sehen, denn solch eine stille, freundliche,
gleichmtige Schwester?

Um der Mutter willen, deren Herz sie auch schon bezaubert und gewonnen
hat, -- um der armen, einsamen Mutter willen, mu er sich in das
Unvermeidliche fgen.

Der Br von Hohen-Esp lehnt sich weit vor in dem Fenster und blickt ber
die blhenden Obstbaumzweige hinweg, ber die dunklen, schweigenden
Wlder hinaus. Da hinten ... fern hinter den Wipfeln glnzt ein Streifen
der See im silbernen Mondlicht! --

Wie hat Guntram Krafft sich in den stillen, einsamen Tagen von Walsleben
nach ihrem Anblick gesehnt!

Voll leidenschaftlicher Innigkeit breitet er die Arme nach dem
funkelnden Silberstreif aus.

Du bist meine Geliebte, du blaue, herrliche, unergrndliche See! Dir
habe ich Treue gelobt, und dir halte ich sie! Auf deinem geheimnisvollen
Grunde wohnen Nixen, die blicken aus denselben kristallhellen,
wundersamen Augen wie Gabriele! Die haben Mitleid mit liebeskranken
Menschenherzen und nehmen sie in die weien Arme und betten sie drunten
zu ewiger Ruhe, wenn ihnen das Leben zu schwer und unertrglich wird! --
Dich will ich lieben, du blaue See -- und du wirst den ruhm- und
tatenlosen Mann von dir weisen!

-- Und Guntram Krafft hob mit finster trotzigem Blick das Haupt,
entzndete eine Kerze und warf bei ihrem Flackerlicht die bespritzten
Kleider von sich.

Sein Blick streifte die eleganten Anzge, welche er aus der Welt drauen
mit heimbrachte. Soll er sie jetzt wieder zu Ehren kommen lassen?

Ein beinahe rauhes Lachen.

Nein! Jene Zeit ist vergangen und nichts soll ihn mehr daran erinnern.

Kam das Frulein von Sprendlingen in die Brenhhle, je nun, so mag sie
sich auch mit dem brenhaften Anblick ihres Bewohners abfinden!

Und er nimmt die schlichte Dffeljoppe und wirft sie ber.

Der Br von Hohen-Esp ist jetzt daheim! Da duldet sein zottiger Pelz den
Tand nicht mehr, welchen man ihm in der Fremde um die Schultern gehngt!
--

       *       *       *       *       *

Guntram Krafft begreift es selber nicht, wie es ihm mglich ist, so
ruhig und gleichmtig mit Gabriele zu verkehren.

Sie sehen sich allerdings nicht viel, eigentlich nur whrend der
Tischstunden, und dann vermeidet er es, sie anzusehen, und antwortet
ernst und zurckhaltend auf all das, was sie ihn freundlich und
unbefangen fragt.

Er sieht und bemerkt es nicht, wie ihr Blick oft voll staunender
Befriedigung seine hohe Gestalt streift, welche in der derben und
praktischen Kleidung so ganz anders aussieht, so viel sicherer und
selbstbewuter einherschreitet, wie dermalen auf dem Parkett.

Er beobachtet es auch nicht, wie erleichtert das junge Mdchen aufatmet,
als sie seine Ruhe und Gelassenheit, die groe Gleichgltigkeit im
Verkehr mit ihr wahrnimmt.

Diese Vernderung deucht ihr eine Wohltat und macht sie frhlicher und
zutraulicher gegen ihn.

Sie redet ihn an, sie sucht ihn in das Gesprch zu ziehen, sie spricht
selber lebhafter und heiterer wie zuvor, und wenn sein Blick sie hier
und da flchtig streift, so sieht er ihr sonniges Lcheln und die
strahlenden Nixenaugen, welche zwar nicht mit dem Ausdruck auf ihm
ruhen, wie ehemals auf dem bewunderten Dragoner, aber doch lange nicht
mehr so kalt und abweisend blicken wie damals.

Und gerade dies wird ihm zur Qual und erschwert es ihm doppelt, seine
unnatrliche Ruhe an ihrer Seite zu wahren.

Er hlt sich beinahe den ganzen Tag am Strand auf und weilt nur so kurze
Zeit wie mglich bei den Damen.

Gottlob hat sich die Grfin schnell erholt, und es deucht Guntram
Krafft, ihr sonst so strenges, resigniert dreinschauendes Antlitz habe
das Lcheln gelernt, und in ihren Augen leuchte es jetzt oft so warm,
wie nie zuvor.

Gabriele kehrt aus dem Garten zurck und schreitet ber den Hof.

Da sieht sie den alten Anton im Sonnenschein stehen und eifrig an ganz
seltsamen und lederartigen Kleidern hantieren.

Der Alte lchelte sie beinahe zrtlich an, denn die anmutige Schnheit
der jungen Dame hat auch sein Herz im Sturm genommen, so wie alle in der
Burg voll Entzcken den Zauber empfinden, welcher von ihrem Wesen
ausgeht.

Frulein von Sprendlingen nickt dem treuen Kammerdiener freundlich zu
und tritt mit forschendem Blick nher.

Ei, was haben Sie denn da fr einen wunderlichen Anzug vor, Anton?
lacht sie. Bei diesem schnen Wetter wollen Sie doch nicht Ihren
Regenrock hervorholen?

Anton dienert und freut sich der Gelegenheit, ein wenig plaudern zu
knnen.

Mein Regenrock? I bewahre, gndiges Frulein! Das ist ja das lzeug vom
Herrn Grafen, welches ich mal wieder nachsehen und in den
Rettungsschuppen hinabbringen soll!

lzeug des Herrn Grafen? -- Gabriele mustert berrascht den seltsamen
Rock, die mchtigen Stiefel und den ganz eigenartigen Hut: Zu was
gebraucht der Graf diese schwere Kleidung? Zieht er die wirklich an?

Anton reit die Augen weit auf: Nun, das versteht sich! Herr Graf mu
doch lzeug tragen, wenn er in Sturm und Wogenschwall hinausfhrt! Bei
den Spritzern, die es da setzt, wrde er ohne diese Schutzkleidung bald
bis auf die Haut durchnt sein!

Er fhrt mit hinaus? -- Auch bei schlechtem Wetter?

Antons Arm mit dem Putzlappen sinkt herab. Er starrt die Fragerin ebenso
berrascht an, wie sie ihn. --

Wissen denn das gndige Frulein nicht, da unser Herr Graf alle
Rettungen und Ausfahrten immer persnlich leitet? Da er unser khnster
und unerschrockenster Seefahrer ist? -- Seine Lotsen hat er sich alle
allein herangebildet -- ebenso wie er jetzt den ganzen Schuppen aus
eigenen Mitteln erbaut und ausgerstet hat! Nun ist er sein eigener
Herr, so ein rechter, wahrer Lotsenkommandeur, wie man noch einen
zweiten finden soll! Das Hamelwaat hat nun wohl seine Schrecken fr die
Schiffer verloren, solange der Herr Graf als Retter in der Not die
Riemen fhrt! Wuten das gndige Frulein das wirklich noch nicht?

Gabriele blickt wie im Traum auf den Anzug in Antons Hnden nieder.

Nein, -- das wute ich nicht! sagte sie mit leiser Stimme. Ist solch
eine Rettung eigentlich gefhrlich? Ich kann mir das gar nicht
vorstellen!

Gefhrlich? Gott im Himmel erbarme sich! Der arme Riek ist das
letztemal dabei geblieben, und seine Leiche ist bis zum heutigen Tage
noch nicht geborgen! Haben das gndige Frulein denn nicht von der
khnen Tat des Herrn Grafen und seiner Lotsen ... ich meine im
vergangenen Winter ... gehrt? Wie sie die Unglckskerle von dem Wrack
der >Sophie Johanne< geholt haben? Nein? Na, die Rettungsmedaille haben
sie sich alle dabei verdient -- --

Die Rettungsmedaille? -- Auch der Graf?

Nun, _der_ doch in erster Linie!

Gabriele strich langsam mit der Hand ber die Stirn: Nein -- das wute
ich nicht! murmelte sie, aber ... ich mchte doch wohl einmal an den
Strand gehen und das Meer wiedersehen!

Und ob, gndiges Frulein! Etwas Schneres gibt es ja auf der ganzen
Welt nicht!

       *       *       *       *       *

Bei Tisch war Frulein von Sprendlingen stiller wie sonst, -- ihr Blick
haftete oft sinnend und forschend auf Guntram Krafft, als schaue sie ihn
heut zum erstenmal.

Die Grfin schien ganz mit der Zubereitung des Salats beschftigt.

Gehst du heute wieder zum Dorf, Guntram Krafft? sagte sie pltzlich
leichthin, so habe, bitte, die Gte und nimm Frulein Gabriele einmal
mit! Denk dir, sie hat, seit sie hier ist, noch nicht ein einziges Mal
die See in der Nhe gesehen.

Ein beinahe finsterer Ausdruck lag auf der Stirn des Grafen.

Damit wrde ich Frulein von Sprendlingen kaum einen Dienst erweisen,
-- sie liebt das Meer nicht!

Nein, ich liebe es nicht und begreife auch nicht, wie man es so schn
finden kann! besttigte Gabriele harmlos. Aber gerade darum mchte ich
einmal wieder an den Strand gehen, um zu sehen, ob es hier ebenso
langweilig ist wie in Heringsdorf!

Gundula lachte: Wie habe ich Ihre Aufrichtigkeit so gern, Gabriele!
Wenn Sie sich nun doch einmal zu ein paar anerkennenden Worten ber
unser liebes Bernsteinmeer hinreien lassen, so wei ich wenigstens
bestimmt, da es Ihre wahre Meinung und nicht nur eine hfliche
Redensart ist!

Ich kann Frulein von Sprendlingen unmglich zumuten, so lange drunten
zu bleiben, wie ich am Schuppen zu tun habe. Ich bitte dich, uns zu
begleiten, Mutter, damit ihr beiden Damen jederzeit heimkehren knnt.
--

Gut! Ich bin gern bereit! Gundulas Blick streifte das geneigte Antlitz
des Sohnes, und sie lchelte abermals.

Es war ein auergewhnlich milder, sonniger Frhlingstag.

Kein Lftchen regte sich.

Blau -- weit ... unendlich lag die See.

Voll kristallener Klarheit spannte sich der Himmel darber aus und
verschwamm am Horizont mit der Wasserflut, da man kaum die zarte Linie
unterscheiden konnte, welche Himmel und Erde trennt.

Der Sonnenglanz lag breit auf dem Wasser, es spiegelte und schimmerte,
und die weien Segel der Fischerboote zogen traumhaft still durch die
Ferne.

Der Strandhafer knisterte leis unter den Schritten der Nahenden und ber
ihnen stiegen zwei Lerchen mit hellem Jubel in den offenen Himmel
hinein.

Die Grfin hatte eine Fischerfrau, welche am Strand sa und Steine und
Tang aus den Netzen las, angesprochen und blieb momentan neben ihr
stehen, sich nach diesem und jenem zu erkundigen; Gabriele und Guntram
Krafft schritten weiter, nahe herzu bis auf den festen, hartgewaschenen
Sand, ber welchen in grazisen Linien der silberschaumige Saum einer
kaum merklichen Brandung splt.

Der Graf hatte den Hut von dem Haupt gezogen und blickte wie verklrt in
die sonnige Pracht hinaus, -- es lag ein weicher, beinahe kindlich
milder Zug auf dem schnen Antlitz, und Gabriele schaute verstohlen zu
ihm auf und fand es zum erstenmal, da dieser Ausdruck doch nicht so
unsympathisch sei, wie es ihr im Ballsaal geschienen.

Es ist eine kstlich frische Luft hier! sagte sie nach kurzem
Schweigen: Aber die See liegt ebenso still und trge, wie damals in
Heringsdorf, und was Sie daran so schn finden, erklren Sie mir, bitte,
Graf!

Er sah sie nicht an, aber das Entzcken, welches sein Auge spiegelte,
vertiefte sich.

Wie kann man eine derartige Schnheit mit Worten nennen! sagte er
leise, die analysiert man nicht, sondern empfindet sie! -- Mir deucht,
Sie haben sonst so viel Verstndnis fr Poesie, mein gndiges Frulein,
und stehen ihr gerade hier, wo sie sich uns am reichsten und
vollkommensten entschleiert, so blind gegenber. Fhlen Sie es nicht mit
allen Fasern Ihres Herzens, welch ein Stcklein Gottesfrieden sich rein
und unverflscht hier an der See erhalten hat? -- Bekommen Sie nicht
eine Ahnung von der Unendlichkeit, wenn Sie ber diese weite -- weite
Flut schauen, die so ohne Anfang und Ende scheint, wie der Himmel uns zu
Hupten? Und wenn Sie die Wellen schauen, wie sie in ewig gleicher
Weise, Tag und Nacht, Jahr um Jahr, hier gegen den Strand rollen, von
keines Menschen Kraft bewegt, geheimnisvoll kommend und gehend, dem ewig
weisen Willen eines Gottes gehorchend, vor dessen Antlitz tausend Jahre
sind wie ein Tag -- -- schauert Ihr Herz nicht zusammen in einem Gefhl
unendlicher Andacht, in dem Empfinden jenes scheuen Entzckens: >Jede
dieser Wogen ist ein Pulsschlag der Ewigkeit?<

-- Gabriele stand neben ihm, das Kpfchen lauschend erhoben, den Blick
wie in staunendem Sinnen geradeaus gerichtet.

Nein, sagte sie leise, diese Gedanken sind mir noch nie gekommen. In
Heringsdorf wurde nur gescherzt und gelacht, aber nicht philosophiert.

Dies ist keine Philosophie! lchelte er, im Gegenteil, hier spricht
nicht der Verstand, sondern lediglich Herz und Gemt, aber gerade die --
ich glaube es wohl -- kommen berall zu kurz, wo der Lrm der bunten
Welt sein Recht behauptet!

-- Gundula trat herzu, und Guntram Krafft wandte sich, ihr den Arm zu
bieten.

Ich habe in dem Schuppen einen kleinen Auslug anbauen lassen, wo die
Damen hinter sicheren Glasscheiben, gegen Zug und Wind geschtzt,
ausruhen knnen. Darf ich dich hinfhren, Mutter?

Macht es Ihnen Freude, die >Rettungsstation< meines Sohnes zu sehen,
Gabriele?

Ich bitte darum, denn ich interessiere mich dafr.

Dann la uns getrost gehen, Guntram Krafft, und genaue Musterung
halten, wir wissen ja, da Gabriele keine Phrasen sagt!

In den Augen des jungen Mannes leuchtete es auf, lebhafter wie zuvor
unterhielt er die Grfin, und schweigsamer wie sonst schritt Gabriele an
Gundulas Seite.

Der Rettungsschuppen trug uerlich die Form einer groen, massiv
gebauten Scheune.

Zwei breite Tore gewhrten den Eintritt, und unter dem spitzen Dach war
das Wappen der Hohen-Esp unter dem roten Kreuz im weien Felde
eingefgt.

Alle modernen Errungenschaften auf dem Gebiete des Rettungswesens waren
der inneren Einrichtung zugute gekommen.

Das Rettungsboot, eine Mischart der gebruchlichsten Systeme, war aus
Stahlblech gebaut und trug den Namen Guntram Krafft in goldenen
Lettern.

Ein fester, sehr dauerhaft und widerstandsfhig gebauter Wagen trug es
und diente zu dem Zweck, das Boot bequem zum Strand zu transportieren
und es unmittelbar in das Meer zu lassen.

Auch ein Raketenapparat war zu schleunigstem Gebrauch auf dem Wagen
montiert.

Seitlich und im Hintergrund des Schuppens waren alle erforderlichen
Apparate und Gegenstnde aufgestellt oder an Gestellen aufgehngt.

Die volle Ausrstung der bedienenden Mannschaft, welche sich aus den
wackeren, unerschrockenen Fischern rekrutierte, und von ihrem
selbstgewhlten Kommandeur, dem Grafen Hohen-Esp, befehligt wurde, die
Rettungsgeschosse verschiedener Art, Raketen, Mrser und Handgewehre,
Seelenretter, Korkjacken, Grtel, Schluche, Riemen, Schlepper, Segel
und Loggleinen, Kompa, Fernrohr und Handlot, lfa, Eimer, Pfropfe und
Reservedollen, Beil, Anker und Signalflaggen.

Gabriele konnte kaum so schnell schauen, als wie der junge
Lotsenkommandeur an ihrer Seite mit blitzenden Augen erklrte und
beschrieb, und whrend sie seinen Worten lauschte, streifte ihr Blick
sein lebhaft erregtes Antlitz, und sie begriff es nicht, da es dasselbe
war, welches vor wenig Augenblicken noch in trumerischem Schwrmen
hinaus auf die blaue See geblickt, dasselbe, welches im Ballsaal so
weibisch schchtern errtete und mit beinahe blden Augen um sich
schaute. Hier reckte und dehnte der Br von Hohen-Esp die kraftvollen
Arme, hier hob er schwere Lasten wie eine Feder hin und her, hier
schritt er fest und selbstbewut in den schweren Fischerstiefeln ber
einen Grund und Boden, welchem er aus eigener Kraft eine edle und hohe
Bedeutung gegeben hatte. Warum hatte ihr kein Mensch zuvor gesagt, da
sich Guntram Krafft die Rettungsmedaille verdient? Warum heftete er sie
nicht voll Stolz auf die Brust, so wie Heidler seinen Orden trug? -- Und
der war nur ein Kreuzlein, welches ihm ein kniglicher Gast des Herzogs,
bei dem er als Ordonanzoffizier Dienst tat, in Gnaden verliehen hatte!

       *       *       *       *       *




XXI.


Der Lenz hatte einen auergewhnlich frhen Einzug gehalten, und wenn
auch die Tage sonnenhell und warm waren, so strich doch am Abend eine
noch recht empfindlich khle Luft von der See herber und machte den
Aufenthalt in warmen Zimmern notwendig.

Guntram Krafft hatte sich anfnglich sogleich nach dem Abendessen
empfohlen.

Er sa mit seinen Zeitungen und Bchern in seinem stillen Zimmer,
sttzte das Haupt trumend in die Hand und las nicht.

Oft war er voll nervser Unruhe aufgesprungen und noch einmal hinaus in
den Wald oder hinab an den Strand gestrmt, aber Ruhe fr sein Herz fand
er auch dort nicht, wo der silberne Mondschein so bleich und khl auf
den Wogen spielte und ihm immer dasselbe Bild vor die Seele zauberte,
Gabriele! --

Je lnger er mit ihr zusammenweilte, desto tiefer und inniger ward seine
Liebe zu ihr, obwohl seine leidenschaftliche Erregung nachlie und ihr
heiteres, gleichmtiges Wesen auch ihm Ruhe und Unbefangenheit gab.

Er gewhnte sich an ihre Gegenwart, er geno voll heimlichen Entzcken
ihren Anblick, sein Herz erzitterte bei jedem freundlichen Wort, welches
sie zu ihm sprach, bei jedem Anzeichen von Interesse an seinem Tun und
Handeln, -- und doch klang ihm unausgesetzt das Dichterwort durch die
Seele: Die Sterne, die begehrt man nicht, man freut sich ihrer Pracht!

Auch Gabriele wollte er als einen jener holden, ewig fernen und
unerreichbaren Sterne betrachten, welche dem sehnenden Schwrmer wohl
freundlich zublicken, ohne jedoch gewillt zu sein, aus ihrer Hhe
hernieder an sein Herz zu sinken. --

Als Frulein von Sprendlingen an seiner Seite durch den Schuppen seiner
Rettungsstation schritt und mit groen, staunenden Augen alles
betrachtete, was er barg, eifrig um Erklrungen bat und in ihrer
aufrichtigen Weise kein Hehl daraus machte, wie fremd ihr alle diese
Dinge waren, da strmte ihm das Herz in der Brust und blitzte aus seinen
Augen, und er empfand es als unaussprechliche Wonne, die Teilnahme der
Geliebten an dem zu erwecken, was zum heiligen Inbegriff seines Lebens
geworden.

Auch whrend des Abendbrots hatte sich die Unterhaltung sehr lebhaft um
seemnnische Dinge gedreht, und als Anton die dicke, schwarzlederne
Posttasche mit den Zeitungen brachte, erhob sich Guntram Krafft nicht
wie sonst, sich in sein Zimmer zurckzuziehen, sondern trat nher an das
Kaminfeuer und sagte:

Es ist abends recht khl bei mir droben, und ich vermisse jetzt den
warmen Ofen doch noch in dem groen Erkerzimmer ...

Aber Guntram, so sage doch Anton sofort, da morgen nachmittag geheizt
wird.

Der Graf warf gerade ein neues Buchenscheit in die Glut und beobachtete
angelegentlich, wie die roten Flammen an ihm emporzngelten.

Das wird leicht zu hei, Mutter, und die zu groe Wrme geniert mich
dann mehr wie die Klte. -- Am liebsten bliebe ich hier. -- Was
unternehmt ihr denn jetzt? Strt meine Anwesenheit?

Ein ganz feines, schier unmerkliches Lcheln ging um die Lippen der
Grfin, so froh und zufrieden, wie bei einem Menschen, welcher geduldig
gewartet hat und nun dafr den gewnschten Lohn erhlt.

Welch eine Frage! schttelte sie den Kopf und rckte sich behaglich in
ihrem hochlehnigen Sessel zurecht. Wir freuen uns deiner Gesellschaft.
Geheimnisse haben wir durchaus nicht zu verhandeln! Ich lehre Gabriele
den Gebrauch des Spinnrades und freue mich meiner fleiigen Schlerin.

Spinnen? Sie lernen spinnen?

Guntram hob ganz betroffen den Kopf, als habe er nicht recht verstanden,
Gabriele aber rumte die gemalten Wappenhumpen, aus welchen man zuvor
ein Warmbier getrunken und welche Anton soeben wieder aus der Kche
zurckbrachte, in den uralten Kredenzschrank und sang lachend, ohne sich
umzusehen:

    Ich kann stricken,
    Ich kann flicken,
    Feines Leinen
    Kann ich spinnen ...

So fein, Graf, da man frerst noch Kettenhemden daraus schmieden kann!

Guntrams Augen leuchteten.

Da ich Ihnen diese Kunst doch nicht ablerne, so knnen Sie dieselbe
neidlos in meiner Gegenwart ausben! scherzte er, rckte sich einen
kleinen Tisch herzu, breitete die Zeitungen aus und nahm in einem der
Rittersessel davor Platz.

Gabriele aber entzndete selber eine kleine Stehlampe, welche neben ihr
auf dem Serviertisch stand, hielt sie, einen Augenblick sie stumm
betrachtend, in der Hand und stellte sie dann vor dem Grafen nieder.

Dieser dankte durch eine hfliche Verbeugung, griff schweigend nach den
Zeitungen und schien schon im nchsten Augenblick vllig in ihre Lektre
vertieft.

Aber er las nicht.

Er starrte wie ein Trumender gedankenlos auf das Papier und gab sich
voll und ganz dem sen Zauber, in Gabrieles Nhe zu weilen, hin.

So konnte er sie unbemerkt ansehen, konnte den weichen Wohllaut ihrer
Stimme hren und voll und ganz das se Behagen empfinden, welches ihre
Anwesenheit dem ganzen Hause verlieh.

Wie Frieden zog es in sein sehnendes, gequltes Herz, und ein beinahe
wunschloses Gengen, welches nicht mehr von dem Schicksal fordert, als
wie es freiwillig gibt. Welch ein reizendes Bild war es, die beiden
Damen am Spinnrad zu sehen! ber Gabrieles geneigtes Kpfchen zuckte
das rtliche Flackerlicht des Kaminbrandes, das Antlitz trug den
Ausdruck lchelnder Nachdenklichkeit, und die weien Hndchen
arbeiteten, wenn auch noch unsicher und zaghaft, so doch grazis und
anmutig, wie alle ihre Bewegungen es waren.

Neigte sich Grfin Gundula helfend und erklrend nher, so traf sie der
Blick der hellen Nixenaugen so warm und herzlich, da das Herz des
Beobachters schneller schlug in dem entzckten Empfinden: sie liebt
deine Mutter! -- und stand sie ihm selber auch ewig fremd und fern,
diese Liebe zu Grfin Gundula schlug dennoch eine Brcke zu seinem
Herzen, welches ihn mit der Geliebten in gleichem Denken und Fhlen
verband.

Die Brin von Hohen-Esp nestelte an dem Wocken, dessen Flachsgewinde
unter den Fingerchen Gabrieles etwas in Unordnung geraten war, und
derweil flog der Blick des jungen Mdchens durch die mattbeleuchtete
stille Halle und haftete wieder sinnend auf der Lampe vor Guntram
Kraffts Platz, deren Fu durch einen schreitenden Bronzebr gebildet
wurde.

Und von da schweifte er weiter zu dem eigenartigen Kronleuchter, welcher
von der gewlbten Decke herabhing und in Art der alten Leuchterweibchen
gearbeitet war, nur schwebte anstatt des Frauenkrpers der Oberleib
eines Bren in den schmiedeeisernen Ketten, und von ihm aus gingen acht
mchtige Pranken, welche die Lichter hielten.

Die Sessel, auf welchen man sa, ruhten auf geschnitzten, behaglich
ausgestreckten Bren, welche die Fe ersetzten, -- braunzottige
Brenfelle lagen als weicher Teppich ber den Estrich, Bren flankierten
rechts und links den Kamin, und wohin man nur schauen mochte, zeigte die
Tfelung der Wnde das Brenwappen, blickten von Schrnken, Truhen und
Gerten die Brenkpfe mit starren Augen auf die einsamen Bewohner der
Burg herab.

Wie kommt es eigentlich, gndigste Grfin, da alles und jedes in
Hohen-Esp das Bild eines Bren zeigt? fragte Gabriele leise und neigte
das Kpfchen nher an die alte Dame heran, um den Lesenden nicht zu
stren. Man findet in andern Schlssern auch die hufige Wiederholung
des Familienwappens, aber so, bis auf die kleinsten Gegenstnde herab,
sah ich es noch nie angebracht, und kam mir schon frher der Gedanke,
da dies einen besonderen Zweck haben mte?

Gundula schttelte lchelnd das Haupt.

Eine Liebhaberei! eine Laune der Besitzer! Die Bren von Hohen-Esp
gefielen sich darin, ihre Hhle zu einem wirklich originellen, echten
Brennest zu gestalten. Der Urahne begann damit, und Kind und
Kindeskinder fhrten es weiter und schufen halb im Ernst und halb im
Scherz diese eigenartige Burg, in welcher die Nachkommen jenes ersten
Bren von Hohen-Esp stets daran erinnert sein sollten, wem sie das
Bestehen ihres Geschlechts verdanken!

Das Bestehen ihres Geschlechts? -- Was haben die Bren mit Ihrer
Familie zu tun, gndigste Grfin, und woher kommt es, da die Hohen-Esp
den seltsamen Namenszusatz: die >Bren< von Hohen-Esp erhielten?

Wenn es Sie interessiert, so erzhle ich Ihnen gern unsere alte
Familiensage, liebe Gabriele!

Frau Gundula schob das Spinnrad der Genannten wieder zu und setzte ihr
eigenes Rdlein abermals in surrende Bewegung, Guntram Krafft aber lie
mechanisch die Zeitung sinken und blickte wie in fragender Spannung zu
dem jungen Mdchen hinber.

Und ob es mich interessiert, verehrte Frau Grfin! nickte Gabriele
eifrig; was knnte mir lieber sein, als wie mit der alten Welt, welche
mich hier umgibt, recht vertraut zu werden! O, bitte, erzhlen Sie! --
Zu einem Spinnrad gehren seit jeher die Romanzen, wenn nicht die
gesungenen, so doch die gesprochenen, und ich vermute, da die Brensage
dieser Burg ein Stcklein jener poesievollen Ritter- und Heldenzeit ist,
in welcher meine Gedanken so gern noch leben! --

Nun, so hren Sie, Gabriele! Und wenn Ihr Herzchen sich auch fr die
brave Brin erwrmen kann, welche unserm Stammvater einst so groe
Dienste erwies, so bin ich berzeugt, da die braunen Schutzpatrone
dieser Burg all ihre schirmende Liebe auf Sie, die junge Gastin dieses
Hauses, bertragen werden.

Mit groen, forschenden Augen schaute das junge Mdchen auf, -- ihr
Blick hing an den Lippen der alten Dame, als ob sie, nur sie allein in
dieser Halle anwesend sei, und Frau Gundulas Stimme klang tief und voll
durch das leise, melodische Summen des Spinnrades:

Unsere alte Familiensage ist anscheinend eine Nachbildung jenes
phantastischen Ereignisses, welchem man die Entstehung Roms zu verdanken
glaubt, -- also weder neu noch originell, und doch aus jener grauen
Vorzeit stammend, von welcher man wohl sicher annehmen kann, da die Mr
von Romulus und Remus ihr noch vllig fremd gewesen. Ein Beweis dafr,
wie launig der Gtterfunke Poesie um den Erdball blitzt und in Nord und
Sd Flammen zndet, welche -- durch eine halbe Welt getrennt -- doch in
geschwisterlicher hnlichkeit leuchten und ein und dasselbe Bild
spiegeln, nur mit dem Unterschied, da die rauhe, markige Wildheit der
Deutschen sich die kraftvolle Brin zur Amme eines ritterlichen
Geschlechts whlte, whrend der kluge, geschmeidige und listige Rmer
die schlanke Wlfin dazu ausersah! -- --

Eine Jahreszahl nennt unsere Wappensage nicht, sie greift weit, weit in
die dmmernde Vergangenheit zurck und setzt da ein, wo die Grafen von
Hohen-Esp bereits ein ritterliches und turnierfhiges Geschlecht, und
als Schirmvgte bereits mit der Burg Hohen-Esp hierselbst belehnt waren.
Da hebt sie an, von einer furchtbaren Seuche zu berichten, welche
allerorts die Lande verdete und die Menschen dahinraffte wie Grashalme
vor dem Messer des Schnitters. Auch hier an die Tore der Burg hatte die
Pest mit knchernem Finger geklopft.

Der Burgherr, seine edle Hausfrau, zwei Shne und zwei Tchter starben
in einer Nacht dahin, im Burgfried lag das Gesinde zu Haufen und hauchte
sein Leben aus, und nur der Grfin jngstes, neugeborenes Shnlein, eine
alte Schwester des Hausherrn und die Amme des Kindes waren noch am
Leben.

Da befahl das alte Frulein in groer Angst und Sorge, da die Amme mit
dem Neugeborenen sich eilend aufmache und das Kind in das nahe
Fischerdorf zu treuen Menschen bringe, welche es aufnehmen und warten
sollten, bis da der Wrgeengel sei vorbergezogen in diesem Lande.

Ein Knappe stieg zu Ro, der Magd und dem Knblein ein sicher Geleit zu
geben. Da sie aber kaum eine halbe Stunde durch den Wald geflohen waren,
kam den Mann die Todesschwche an, er sank vom Ro und starb elendiglich
am Wege.

Voll Angst und Grausen lief das Weib mit dem Kindlein in den finsteren
Tann hinein, und kaum, da sie das nahe Meer brausen hrte, sperrte ihr
eine mchtige Brin den Weg, stellte sich auf, hob druend die Pranken
und brllte aus blutigem Rachen.

Da wute die Magd in ihrem Schrecken nicht, was sie tat, -- sie warf das
Kind, welches sie des kalten Windes wegen in einen warmen Fellsack
gesteckt hatte, von sich und entfloh in sinnloser Furcht.

Sie kam in das Fischerdorf und verbarg sich in einer Htte und wagte es
nicht, von dem Ende des Kindleins zu berichten. Die Zeit verging, und
eines Tages kam pltzlich das totgeglaubte alte Burgfrulein in das
Dorf, erforschte die Magd, trat vor sie und forderte das Kind.

Die Ungetreue sank wehklagend in die Knie und beichtete von dem Tod des
Knappen und dem berfall des Bren, und da sie bei der Flucht das
Knblein habe aus dem Fellsack verloren.

Ein groes Wehklagen erhob sich, und das Frulein rief die Fischer und
sprach: Lasset uns im Tann suchen! Die Heiligen im Himmel haben meine
Gebete fr das Kind erhrt, so es ihr gndiger Wille gewesen,
erretteten sie es aus dem Rachen des Bren!

Die Fischer schttelten zwar die Kpfe und meinten, das sei vor eines
Mondes Lnge geschehen und wohl kein Knchelchen von dem jungen
Grafenkind mehr zu finden; aber sie bewaffneten sich und gingen in den
Wald.

Und als sie an die Stelle kamen, welche die Magd beschrieben, hrten sie
ein gewaltiges Brummen als wie von einem Bren, und als sie durch das
Dickicht herzuschlichen, sahen sie ein leibhaftiges Wunder. Da lag die
Brin im Moose ausgestreckt, und an ihr das noch in das Fell gewickelte
Knblein, welches sie sugte.

Sie lockten das Untier mit Geschrei heraus, und ein Beherzter sprang
herzu und ergriff das Kind. -- Das war lebend und gesund, stark und
brenkrftig, und solche Kunde drang bis zu dem Frsten des Landes.

Der lachte der absonderlichen Mr, lie das Knblein vor sich bringen,
wiegte es auf den Armen und lobte Gott:

>Ei, du Grflein von Hohen-Esp, so dich Brenblut gesuget hat, so wirst
du stark und khn werden, und man wird dich hinfort den Bren von
Hohen-Esp heien.<

So sprach er und gab ihm den neuen Namen und den Bren in das
Wappenschild, zur Erinnerung an das Gotteswunder, welches sich an dem
Kind begeben. --

Frau Gundula unterbrach sich und lie momentan die fleiigen Hnde
ruhen; ihr Blick schweifte voll stolzer Zrtlichkeit nach dem Sohn
hinber und umfate seine hohe, markige Gestalt, dann zog sie abermals
den feinen Faden aus dem Flachs und lchelte. -- Und nun gehen Sie
hinauf in den Saal, Gabriele, und sehen Sie sich einmal das
Brengeschlecht an! Es ist wirklich ganz auffllig, wie die Brenamme
ihm ihren Stempel aufgedrckt hat! So hoch und kraftvoll gewachsen, so
brenhaft fest und trutzig ist kein zweites. -- Die eckige Stirn und die
groe Gutmtigkeit haben die Hohen-Esp sicher von den Bren geerbt, vor
allen Dingen aber das mutige und khne Drauf- und Drangehen in Kampf
und Gefahr, die Furchtlosigkeit, wenn es gilt, einen Feind zu packen,
die zhe Ausdauer im Ringen mit dem Gegner, gleichviel ob derselbe aus
Fleisch und Blut oder als Sturm und hohe Flut zum Gang auf Leben und Tod
herausfordert!

Gabriele hatte bisher nur Augen und Ohren fr die Sprecherin gehabt, den
schlanken, blonden Mann in dem Rittersessel vor dem Kamin schien sie
vllig vergessen zu haben.

Jetzt pltzlich hob sie das Haupt, und ihr Blick traf Guntram Krafft.

Auge ruhte in Auge.

Wie wunderlich sah sie ihn an.

So gro, so forschend, so nachdenklich ... und doch brannte es wie ein
geheimer Vorwurf in ihrem Auge, wie ein scharfer, ungestmer
Widerspruch, welcher verchtlich sagt --: nein! du irrst, Frau Gundula!
Nicht alle Grafen von Hohen-Esp sogen Kraft, Mut und Khnheit aus der
Brenmilch! -- Hier, dieser letzte seines Geschlechts, ist entartet ganz
und gar! -- Er ist kein Held! er imponiert mir nicht! und darum werde
ich nun und nimmer diesen ruhm- und tatenlosen Mann freien! -- Sprach
es nicht so aus ihrem Blick? aus den groen, wundersam ernsten Augen?

Guntram Krafft hrt und versteht nichts mehr als diese erbarmungslosen
Worte, sein Vorurteil ist zu gro ... sein Blick ist verschleiert, er
glaubt nicht mehr an das Glck und vermutet es nirgends.

Wieder steigt es hei empor in Stirn und Schlfen, er senkt finster den
Blick und begreift es nicht, da er soeben noch sich ihres Interesses an
seiner Familie gefreut.

Die Hohen-Esp sind keine verwegenen Reiter, welche in Kriegszeiten sich
den Lorbeer aus feindlichem Feuer holen, -- und nur solche Heldentaten
imponieren dem stolzen Sinn einer Sprendlingen!

Nach wenig Minuten rafft der junge Graf die Zeitungen zusammen, steht
auf und empfiehlt sich kurz.

Die Nacht ist so schn und mondhell, -- er will mit den Fischern
hinausfahren, wenn sie die Netze auswerfen.

Gabriele sieht ihn erstaunt an.

Das tut man in der Nacht? -- Warum das? Ist solche Arbeit am Tage nicht
mheloser und bequemer?

Ein herber, beinahe etwas spttischer Zug liegt pltzlich um seine
Lippen.

Mhelos und bequem ist sie nach Ansicht der Binnenlnder stets,
gndiges Frulein, man rudert ein wenig hin und her und schpft das
Schiff voll Heringe und Dorsche! Ob bei Sonnen- oder Mondenschein -- das
ist hchstens eine kleine Abwechslung in dem ewigen Einerlei!

Grfin Gundula dreht mit ganz seltsamem Lcheln den Faden, welcher ihr
gerissen, wieder zusammen, Frulein von Sprendlingen aber sieht so
harmlos aus, als ob sie von den Worten des Sprechers ganz berzeugt sei,
und sagt nur nachdenklich: Und doch ertrinken so oft die Menschen
dabei! Ihre Fischer werden doch vorsichtig sein?

Da lacht er laut und hart auf. Unbesorgt, mein gndiges Frulein, die
See ist wie ein Tischtuch, sie ist so, wie Sie's nicht lieben, trge,
ruhig und langweilig, und dann fordert sie keine Opfer!

Wird sie nicht bald einmal bse und wild? Ich mchte so gern eine
bessere Meinung von ihr bekommen!

Ein beinahe finsterer Blick aus den sonst so lachenden Blauaugen trifft
sie.

Kurze Zeit mssen Sie sich wohl noch gedulden, die Ruhe scheint allen
Wetterberichten nach noch anzudauern, aber in dieser Jahreszeit pflegt
sie tatschlich eine Ruhe vor dem Sturme zu sein!

Er verneigt sich kurz, unhflicher wie sonst, und geht, -- Gundula aber
schttelt ernst das Haupt und sagt mit leisem Seufzer: Sie wissen und
verstehen es noch nicht, was Sie da wnschen, Gabriele! Fr meinen Sohn
bedeutet ein Sturm mehr wie ein schnes Schauspiel, und fr seine braven
Fischer ebenso! -- Warum wollen Sie diese glcklichen Tage der Ruhe
krzen? Warum soviel Sorge und Not durch ein Unwetter heraufbeschwren?
Ist das Meer in seinem ruhigen Schlaf wahrlich so langweilig? -- Gehen
Sie morgen einmal an den Strand und sehen Sie den Sonnenuntergang, -- er
ist verkrperte Poesie, das schnste Gedicht, welches unser lieber
Herrgott mit Farben an den Himmel geschrieben!

Gabriele nickte mit sinnendem Blick, ihr fielen pltzlich Guntram
Kraffts Worte am Strand drunten ein.

Wenn er sie abermals lehren mchte, mit seinen Augen zu schauen! --

Die Grfin schob ihr Spinnrad zurck und erhob sich. Sie war mde und
wollte zur Ruhe gehen, man machte frhen Feierabend auf Hohen-Esp.

       *       *       *       *       *

Gabriele stand an dem geffneten Fenster ihres Turmzimmerchens und
blickte hinaus in die stille, bltenduftige Pracht des kleinen Gartens,
ber welchen der Vollmond sein schier taghelles Silberlicht go. Sie
konnte nicht schlafen.

Wundersame Gedanken kreuzten hinter ihrer Stirn und nahmen ihr die Ruhe.

Sie dachte zurck an jene Stunde, wo sie neben Guntram Krafft am Strande
stand und seinen so eigenartig poetischen Worten lauschte.

Gerade aus seinem Munde berhrten dieselben so seltsam, weil Gabriele
sie nicht erwartet hatte, und wenn ihr die Zartheit seines Empfindens
zuerst auch etwas unmnnlich erscheinen wollte, so ward doch dieser
Eindruck schnell verwischt durch die Besichtigung des Rettungsschuppens.

Noch nie zuvor war ihr der Graf so kraftvoll mnnlich erschienen als wie
hier in seiner energischen Art des Erklrens und Zufassens, in seiner so
schnen und frischen Begeisterung fr die Sache.

Gabriele verstand nicht viel von all den Dingen, aber sie fhlte
instinktiv, da es sich hier um mehr handelte, wie um einen harmlosen
Sport.

Vielleicht war es auch das Ungewohnte in dem Anzug des Grafen, welches
denselben schon whrend der ganzen Zeit seiner Anwesenheit auf Hohen-Esp
so verndert erscheinen lie.

Diese schmuck- und kunstlose, derbe Kleidung pate so gut zu ihm, sie
machte seine Erscheinung ernst und eigenartig, sie gehrte zu dieser
Umgebung.

Ein Br von Hohen-Esp ist keine Nippesfigur, er mu in die Hhle passen,
welche er bewohnt. Deucht es ihr nur so, oder ist auch sein ganzes Wesen
verndert?

Wie weggewischt ist das scheuverlegene Lcheln, die linkische
Unbeholfenheit und Unsicherheit! --

Hier ist er Herr und Gebieter, -- wohl ein gtiger, freundlicher
Gebieter, aber dennoch einer, dessen Wort einen festen, stolzen Klang
hat!

Das Anschmachten und entzckte Anstaunen hat er vollends verlernt.

Kaum, da er sie beachtet, ihr die notwendigste Hflichkeit erweist! --

Er sucht ihre Gesellschaft nicht, -- er meidet sie eher.

Und das ist keine Koketterie, kein Anreizen, -- es ist seine ehrliche,
schlichte Meinung.

Warum gefllt sie ihm nicht mehr?

Gabriele blickt gedankenvoll in die weiglnzende Pracht der Kirschbume
hinab.

Anfnglich war es ihr so angenehm, von ihm bersehen zu werden, -- jetzt
grbelte sie, aus welchem Grunde es geschehen mag.

Da es so geschieht, ist gut, -- es steht ihm wohl an, er gefllt ihr in
dieser khlen Gelassenheit.

Und wie seltsam schaute er sie heute abend an, als Frau Gundula von dem
Mut und der Khnheit der Hohen-Esp sprach?

Erriet er in jenem Augenblick ihre Gedanken?

Was dachte sie doch?

Sie sah ihn an -- die groe, eckige Stirn unter den blonden Haarlocken,
die herrliche, brenhafte Gestalt ... und sie dachte ... warum fehlt
gerade ihm der Mut und die wilde Khnheit, welche die verblendete Mutter
an ihren Vorfahren preist? Er ist wie geschaffen zu einem Helden! --
Warum ist er's nicht? --

Er schaut drein wie Parzival, der Schildtrger -- warum sitzt er ruhmlos
daheim bei Frau Herzeleide? Verstand er diese Gedanken?

Las er sie von ihrem Antlitz ab?

Sein Blick ward so finster, so aufsprhend zornig, wie sie ihn noch nie
zuvor gesehen -- und er stand auf und antwortete ihr voll spttischen
Trotzes auf ihre Frage ... und ging mit hallenden Schritten davon.

Das war schn! -- da war Jung Parzival ein Mann! -- und sein Bild
schwebt ihr vor bis in diese stille, einsame Stunde der Nacht.

Warum ging er? Warum zrnte er?

Woher kennt er die geheimsten Gedanken ihres Herzens?

Er _kann_ sie nicht wissen, -- es war ein Zufall. Horch ... drunten auf
dem schmalen Kiesweg, welcher durch den Garten nach dem Wald fhrt,
erschallen Schritte.

Das junge Mdchen neigt sich unwillkrlich vor und schaut hinab.

Der Mond scheint so hell, sie erkennt jeden Grashalm am Wege, und jene
Gestalt, welche naht ... wer ist das?

So hoch ist nur einer in der Burg gewachsen, so stolz und elastisch
schreitet nur ein Herr unter Knechten!

Es ist Guntram Krafft!

Aber wie seltsam sieht er aus?

Ist's ein Scherz, da er sich so kostmiert hat, wie man es an den
Fischern und Lotsen auf Seebildern so malerisch dargestellt sieht? Nein,
dem Grafen Hohen-Esp war es heute gewi nicht nach Scherzen zu Sinn! Der
breite Sdwester sitzt ihm weit im Nacken und gibt seinem Antlitz einen
eigenartig verwegenen Ausdruck, die Fischerjacke steht ber der Brust
offen, das weie Hemd leuchtet breit hervor und fllt in weichem
Streifen ber den Halskragen hinaus.

Die hohen Wasserstiefel reichen bis ber die Knie empor, aber sie sehen
nicht plump und hlich aus, sondern geben der schlanken Gestalt etwas
Keckes und Ritterliches, obwohl der Gang sehr ruhig und ernst erscheint.

Mit weitoffenen Augen starrt Gabriele hinab.

Ja, so schaut ein Seemann aus! --

Sie hat frher die Gemlde kaum beachtet, welche ein Stck Seemannsleben
vorstellten, sie las keine Romane ber Schiffervolk und Matrosen ... was
interessierte sie, die Residenzlerin, solch eine fernliegende Welt!

Jetzt mit einem Mal deucht es sie, als habe sie viel, sehr viel
versumt.

Die Schritte drunten verhallen, die Schatten des Gebsches decken die
hohe Mnnergestalt. Graf Guntram Krafft will mit seinen Fischern hinaus
zum Fang fahren, er stellt seine starken Arme in den Dienst der Seinen,
so wie sie zu ihm stehen, wenn er sie aufruft zu Schutz und Trutz der
Gefhrdeten.

Gabriele hat sich das nie so recht vorstellen knnen, jetzt aber ist es
ihr, als ob ein ahnungsvolles Verstehen in ihrem Herzen aufdmmere.

Kreist vielleicht jener Tropfen wilden Brenbluts dennoch in seinen
Adern?

Er schritt still und ernst vorbei, er hob nicht das Haupt und blickte
nicht empor zu ihr, und doch wute er, da diese Fenster ihrem Zimmer
angehrten.

Langsam wich Gabriele zurck.

Drunten rauschten die dunklen Waldwipfel leise im Hauch der Nacht, und
fernher glnzte die See wie ein silbernes Mrchenland. --

       *       *       *       *       *




XXII.


Nun wird es mit dem schnen, stillen Wetter vorbei sein! sagte die
Grfin an dem Nachmittag des andern Tages: der Wind hat aufgefrischt,
und die See setzt kleine Kmme auf! Ich denke mir, mein Sohn wird dies
Wetter benutzen, um mit dem neuen Segelboot hinauszugehen, er wartete
auf eine frische Brise, um es ausprobieren zu knnen.

Gehen Sie heute an den Strand, gndigste Grfin?

Das glaube ich nicht. Der Inspektor hat sich mit den Abrechnungen
angemeldet, und ich werde wohl den ganzen Abend mit ihm zu tun haben! --
Wenn Sie aber einen Spaziergang machen wollen, liebe Gabriele, so knnen
Sie getrost auch allein gehen. Hier in unserer Einsamkeit droht
keinerlei Gefahr, der Weg zum Fischerdorf ist kurz und nicht zu
verfehlen, und wenn mein Sohn noch nicht gegangen ist, wird er Sie gern
bis an den Schuppen geleiten!

Ich danke, Frau Grfin, und werde mir wohl einmal das Meer mit seiner
grausen Stirn ansehen! Ich kenne es noch gar nicht, wenn es bewegt ist.
Der Graf ging bereits nach dem Kaffee zum Strand und wird wohl lngst
auf hoher See schaukeln; ich frchte mich aber durchaus nicht, allein zu
gehen, und freue mich auf den Sonnenuntergang, von welchem Sie mir
gestern so Rhmliches sagten, Frau Grfin!

Das ist recht! Suchen Sie unsere herrliche See zu verstehen und
liebzugewinnen! Sie knnen uns allen durch nichts eine grere Freude
bereiten, als durch ein herzliches Einstimmen in unsere Loblieder!

-- Und Gabriele schritt nachdenklich die moosigen Waldpfade hinab nach
dem Strand. Als sie das schtzende Laubdach verlassen, brauste ihr der
Wind entgegen.

Er ri an ihrem Mantel, er jagte ihr den Hut vom Kopf -- und in lustiger
Jagd eilte sie dem Flchtling nach, ihn wieder einzufangen.

Welch ein Sturm war das!

Das ganze Haar zerzauste er ihr, und das Riedgras und die Seemannstreu
bog er tief hinab zum gelben Sande!

Aber es war schn, wunderschn! Solch ein freies, ungestmes Wettlaufen
mit dem Wind, das konnte sie in den engen, eleganten Straen der
Residenz freilich nicht! Und jetzt, als sie ber die schtzenden Dnen
emporsteigt, da liegt es vor ihr, das weite Meer, dunkelblau gefrbt, im
vollen Strahlenglanz der sinkenden Sonne -- und es dehnt sich nicht mehr
so trge und glatt wie ein Prsentierteller, sondern wogt und wallt und
wirft hier und dort weie Schaumkpfchen auf.

Ja, das ist wahrlich ein schneres Bild denn sonst! Namentlich die
Brandung gefllt ihr, welche sich wie duftige, schmale Tllrschen
an dem Strand entlangschlngelt, spitz auslaufend wie ein zierliches
Valenciennemuster, oder breit emporsplend um die Haufen von Seetang
und angeschwemmten Gehlz! Ein zarter, silberduftiger Schaum, hier
und da von der Sonne mit rosa Dufthauch gefrbt. Ja, die See ist im
Sturm schn, fraglos schner wie in ihrem bleiernen Schlaf, aber etwas
sehr Gewaltiges und Imponierendes hat sie auch jetzt noch nicht nach
Gabrieles Geschmack, und wenn die Grfin in dem Sonnenuntergang ein
verkrpertes Gedicht erblicken will, so begreift sie das auch jetzt
noch nicht. Die rote Glut des Sonnenballs, die buntgefrbten Wolken ...
ja, das ist fraglos ein schner Anblick -- aber _mehr_ darin sehen,
wie Sonne, Wolken und Wasser, nein, das kann sie nicht! --

Wie lustig dort ein Boot auf den Wellen schaukelt! Am liebsten mchte
sich Gabriele hineinsetzen und auf- und niedergleiten durch die blauen
Wogen!

Kme doch eine Menschenseele, welche sie darum bitten knnte!

Und Gabriele wendet sich zurck und blickt nach dem Rettungsschuppen und
stt einen leisen Laut der berraschung aus.

Dort auf der Dne steht Graf Guntram Krafft! Ebenso gekleidet wie heute
Nacht ... und er spricht mit zwei Fischern und scheint ihnen
irgendwelche Anweisungen zu geben.

Jetzt sieht er sie, und Gabriele hebt freudig die Hand und winkt ihm zu.

Er scheint einen Augenblick zu zgern, dann verabschiedet er die Mnner
und schreitet ihr langsam entgegen.

Ein neuer Windsto lt den kleinen Filzhut auf Gabrieles Kpfchen
abermals flchtig werden, aber sie fngt ihn noch rechtzeitig auf und
behlt ihn in der Hand.

Immer langsamer schreitet Guntram Krafft. Sein Herz schlgt wieder hei
und ungestm bei ihrem Anblick, der ihm reizender dnkt wie je.

Das dunkle Tuchkleid weht in weichen, grazisen Falten um die zierlichen
Fchen, die entzckend zarten Formen ihrer Gestalt zeichnen sich scharf
gegen den schimmernden Hintergrund ab, und auf den lockigen Haaren,
welche der Wind ihr um die weie Stirn zaust, flimmert das rotgoldene
Sonnenlicht und lt tausend geheimnisvolle Fnkchen darauf brennen. Wie
frisch und rosig ist das se Gesicht, -- wie lacht sie ihm mit weien
Zhnchen entgegen, wie leuchten die Nixenaugen hinter den langen,
dunklen Wimpern hervor!

Wie gut, da Sie kommen, Graf! ruft sie ihm heiter entgegen. Ich
hatte Sehnsucht nach Ihnen, groe Sehnsucht! Und wissen Sie auch,
warum?

Er begrt sie von weitem, ohne ihr die Hand zu reichen.

Warum? wiederholt er beinahe mechanisch und drckt den Sdwester
fester auf den Kopf. -- Nein, das wei ich nicht, mein gndiges
Frulein!

O, Sie kennen meinen Egoismus noch nicht! fhrt sie harmlos fort; ich
mchte gern einmal in einem Boot hinausfahren in die See, weil es sich
gewi herrlich auf dem Wasser schaukelt!

Seine Augen leuchten unwillkrlich auf, er tritt einen Schritt nher.

Boot fahren, Frulein Gabriele? -- Solch ein langweiliges Vergngen?!

So fand ich es ehemals in Heringsdorf, wo sich kein Lftchen regte!
Aber heute, wo solch hohe Wellen sind, wo wir solch argen Sturm haben
...

Sein lautes Auflachen unterbricht sie.

Sturm?!

Nun ja! Oder wollen Sie ihn ableugnen, wo ich nicht mal den Hut auf dem
Kopfe haben kann?

Sie kennen noch keinen Sturm, heute weht es nur ein wenig, kaum da man
es eine frische Brise nennen kann!

Er sieht heiterer aus, whrend er spricht, und Gabriele blickt
berrascht empor.

Ich wollte Ihnen durch meinen Mut, heute auf dem Wasser zu fahren,
imponieren!

Sie imponieren mir jederzeit durch solch ein Verlangen!

Und werden Sie es erfllen?

Wenn es Ihr Ernst ist, mit groer Freude. Wir sind eben von einer
kleinen Probefahrt zurckgekommen, das Boot liegt noch dort an der Buhne
-- er deutete mit der Hand strandab -- wollen Sie mir folgen, so fahre
ich Sie gern!

Er spricht so ruhig wie sonst, und Gabriele sieht nicht, wie seine
Lippen beben.

Sie dankt ihm mit der freudigen Hast eines Kindes.

Ihr Wesen deucht ihm berhaupt verndert, sie ist so frhlich und
gesprchig wie noch nie zuvor, und ihre Augen leuchten zu ihm auf ...
tuscht er sich? oder ist es wahrlich so?... Aber so warm und innig
blickte sie ihn noch niemals an.

Wissen Sie auch, da ich das Meer heute wirklich schn finde? Und den
Wind auch? -- Nun lebt erst die Welt ringsum! Nun atmet sie
Abwechslung, nun wird sie mir verstndlicher! Ehrlich gestanden -- habe
ich mir das Meer im Sturm noch gewaltiger gedacht, weil ich darber las,
da seine Wogen Schiffe zertrmmerten und ganze Landstriche
wegschwemmten, aber wie Sie sagen, ist es heute noch kein richtiger
Sturm --

Was nicht ist, kann bald werden -- er wich ein wenig zur Seite, da
ihre Kleiderfalten weich und schmeichelnd um seine Fe wehten, und fuhr
voll beinahe trockener Geschftlichkeit fort: Die Wetterberichte lauten
ungnstig, wir erwarten stndlich eine Sturmwarnung. Vielleicht lernen
Sie die trge See noch von recht ungemtlicher Seite kennen!

Ich liebe alles Gewaltige, Wilde, Trotzige! Am Menschen sowohl wie an
der Natur -- daher gefielen mir bislang die Alpen so gut, diese Titanen,
welche den Himmel strmen! Wie gern mchte ich auch hier solche Riesen
finden, wilde, brausende Wogen, welche das Herz erzittern lassen ...

Und heldenhafte Menschen ... welche mir imponieren! fgte er leise,
mit wunderlichem Zucken der dichten Augenbrauen hinzu, -- das Meer wird
Ihre Wnsche sicher erfllen, in die Macht der Menschen aber ist es
nicht gegeben, gewaltsam einen Himmel zu strmen, vor dessen Tr das
Schicksal sieben Siegel gelegt!

Sie waren hastig ausgeschritten und standen jetzt vor dem Boot, welches
zwei Fischer just an den Strand schieben wollten.

Zur Seite sa ein alter Mann auf einem Holzstamm und war damit
beschftigt, Reservedollen und Ruderklampen zu schnitzen.

Guntram Krafft rief die Mnner in plattdeutscher Sprache an, -- sie
unterbrachen sich, wateten heran und schienen kurz mit dem Grafen zu
beraten.

Ein prfender Blick nach dem Horizont, eine ruhig zustimmende
Handbewegung.

Wenn dat nich lnger wiehrt, a's 'ne half Stunn', dann geiht dat wull
noch an'! -- und sie warfen die Riemen zurecht und bereiteten
schweigend das Boot zur Fahrt.

Der alte Mann stand auf, nahm die kurze Pfeife aus dem Mund und fragte:
Sall ik Se beglieten, Herr Graf?

Nee, Klaaden, da sull keener mit mi gahn, -- dat dert ht nich lang.
--

Und dann flsterte er noch ein paar Worte mit den Schiffern und wandte
sich abermals zu Gabriele.

Es hlt sehr lange auf, das Boot an das Land zu ziehen, gndiges
Frulein; Sie gestatten wohl, da einer der Leute Sie in das Fahrzeug
trgt!

Ja, so gehrt sich das! lachte Gabriele ein klein wenig verlegen.
Meine Freundin ward in Helgoland bei dem Landen auch in das Boot
getragen.

Der Br von Hohen-Esp wandte sich ab und schien sehr interessiert eine
zerbrochene Spiere, welche im Sande lag, zu besichtigen, der Fischer
aber trat ruhig herzu, nahm Gabriele auf den Arm und watete mit ihr in
das Wasser.

Hollen Se' sick fast! sagte er -- und nach einem Augenblick mehr zu
sich selber im Kommandoton: La sack' --! und gleichzeitig hob er die
junge Dame und lie sie in das schwankende Boot nieder.

Guntram Krafft kam nun mit schnellen Schritten durch das seichte Wasser,
sprang in das Fahrzeug und griff nach den Riemen.

Ich mchte heute nicht segeln, sondern mich in nchster Nhe des Ufers
halten, um erst einmal zu sehen, ob Sie seefest sind, mein gndiges
Frulein! sagte er mit schnellem Lcheln. Fr meine Begriffe ist die
See sehr ruhig, fr die Ihren vielleicht nicht.

Die starken Fuste der Fischer machten das Boot frei, der Graf half mit
den Riemen und stie krftig ab, -- hochauf bumte das leichte Fahrzeug
und glitt ber die erste Brandung hinaus.

Und das nennen Sie ruhige See? fragte Gabriele leise und blickte mit
groen Augen in den Gischt, welcher um das Heck spritzte. Sehen Sie
doch, wie das schumt und wogt!

Ich hoffe, Sie lernen es von sicherem Lande aus noch besser kennen!
Heute scherzt und spielt das Wasser nur, wenn es aber ernstlich bse
wird, fahre ich Sie nicht hinaus.

Dann ist es gefhrlich?

Sehr gefhrlich! Nicht fr mich, sondern fr Sie! --

Wieder zuckte ihr Blick zu ihm hinber.

Als Sie die Leute der >Sophie Johanne< retteten, war es da solch ein
Wetter wie heute?

Guntram Krafft wandte seine ganze Aufmerksamkeit dem Boote zu, da er
gern jede gebrochene Welle, so gut es anging, meiden und das Fahrzeug in
die Lage bringen wollte, da die See vor demselben brach.

Die grte Macht des Sturmes war wohl vorber, sagte er lchelnd, und
das war ein Glck fr die Mannschaft, sonst wre es unmglich gewesen,
bei derart schwerer See an dem Wrack anzulegen. Es hngt da so viel von
der Geschicklichkeit, dem gesunden Urteil und der Geistesgegenwart des
Lotsen ab, da ein gnstiger Erfolg nie mit Sicherheit vorausgesehen
werden kann.

Einen Augenblick herrschte Schweigen, dann fuhr Guntram Krafft fort --:
Wrden Sie die Gte haben, sich mir gegenberzusetzen, gndiges
Frulein, -- Sie haben alsdann den vollen Anblick der sinkenden Sonne.

Das Boot hatte die Brandung passiert und glitt nun in groen, ruhigen
Bewegungen ber die Wogen; der Graf, welcher erst mit voller Kraft und
Aufmerksamkeit gerudert hatte, hielt die Riemen ruhiger und schaute mit
sinnendem Blick nach dem Horizont, welchem der feurigrote Sonnenball
langsam entgegensank und einen breiten, funkelnden Goldstreifen auf das
Wasser malte, in den das Boot just hineintrieb.

Gabrieles reizende Gestalt war von hellem Purpurlicht bergossen, und
ganz verstohlen streifte sie der Blick des Grafen. -- Sein Atem ging
schwer, seine Hnde umkrampften die Riemen.

War's ein Traum?

Wie oft hatte er es sich voll leidenschaftlicher Sehnsucht gewnscht, so
allein -- so weltfern und einsam mit der Heigeliebten auf der wogenden
Unendlichkeit des Meeres zu treiben, und nun war es geschehen, nun sa
sie ihm nahe -- ganz nahe gegenber, die zauberischen Nixenaugen so oft
mit langem Blick auf ihn gerichtet, das lockige Haar vom Wind verweht,
das reizende Antlitz so trumerisch und ernst ihm zugekehrt. --

Damals, als er die Mannschaft der Sophie Johanne rettete, donnerte die
See und heulte der Sturm, aber in seiner Brust war es still wie im Grab;
und heute saust es nur linde und sacht in den Lften, aber in seinem
Herzen brandet wilde Flut, schlimmer und todbringender wie jene, welche
er damals so heldenhaft bezwungen!

Und dieser soll er erliegen?

Er atmet schwer auf, streicht langsam ber die Stirn und lauscht ihrer
Stimme wie im Traum.

Ihre Frau Mutter sagte mir: ein Sonnenuntergang sei ein verkrpertes,
oder besser gesagt, ein gemaltes Gedicht! Ist das auch Ihre Ansicht? Ich
sehe sehr viel Schnes, Glnzendes, Farbenprchtiges vor mir, aber
seinen poetischen Sinn fasse ich nicht. Meine Phantasie ist wohl noch
nicht aus dem tiefen Schlaf erwacht, in welchem sie inmitten alles
Grostadtstaubes gelegen! Sie haben jngst am Strande das schlafende
Dornrschen schon einmal geweckt, Graf, tuen Sie es auch heute! Lehren
Sie mich mit Ihren Augen sehen! -- Was bedeutet fr Sie solch ein
Sonnenuntergang? --

Er schiebt den Hut weiter aus der Stirn zurck, seine groen Blauaugen
bekommen einen weichen, trumerischen Glanz, sein Blick schweift weit
hinaus.

Er bedeutet fr mich einen Traum -- er bezwingt mich wie das Opium
seinen Raucher, alles logische Denken, alle Wirklichkeit versinkt in
wallenden Nebeln -- und alles Unorganische beginnt zu leben. -- Wir
Seeleute berauschen uns an der Einsamkeit, die heilige, erhabene Ruhe um
uns her wirkt wie eine Narkose -- die leise Musik des Windes, das
Rauschen der Wogen, das Flstern des Riedgrases, melancholischer
Mwenschrei und das Rieseln des Sandes sind in wundersamem Gemisch ein
Schlummerlied, welches uns einlullt und die Welt des Realen vor unsern
Blicken verwischt. -- Hier und da der grelle Blitz einer Welle, welchen
die Sonne trifft -- ein frischer Lufthauch, welcher die Stirn khlt ...
und man trumt -- trumt wie ein Fiebernder, um dessen Lager giftige
Blten welken ...

Vom Sonnenuntergang?

Den sehe ich nicht. -- Ich habe eine Vision. Vor mir wachsen die
geheimnisvollen, glutroten Korallen aus der Tiefe des Wassers, sie
breiten ihr mystisches Geste aus ber den Himmel, sie flechten ein Netz
durch Luft und Wolken, ein Netz von blutfarbenen Zweigen, an welchem
weie Perlen schimmern. ber sie hin weht es wie lichte Schemen ...
duftig ... wesenlos ... grau verhauchend, sie breiten violette Schwingen
aus ... die reichen von einem Ende des Himmels bis zu dem andern ...
sehen Sie dort? -- da tauchten sie hinab in die grelle Feuerbrunst, die
wabernde Lohe, welche hinter den Wolkenbergen lodert und ihre
Blitzfunken weit empor gegen das Firmament wirft! Sehen Sie, wie die
Farben kommen und gehen? In grellem Schein das grausame Schwefelgelb,
welches dem Lcheln eines unbarmherzigen Weibes gleicht ... und das
kranke Grn, das irisierende Wei des Opals ... das se, schmeichelnde
Rosa ... einen Ku, welchen Engelslippen auf eine Perlmuttermuschel
hauchten! -- Dort schieen mchtige Lilien empor ... wie Phantome ...
ein Glorienschein umgibt sie ... riesenhafte Schmetterlinge umgaukeln
sie ... und darber wlbt sich eine Kirchenkuppel, an welcher grelle
Rubine wie zornige Augen sprhen! -- Sie strzt zusammen, und nun
schlgt eine ungeheure Flamme empor ... Sie whnen, da es die Sonne
ist? Nein! Es ist das Stck eines Weltenbrandes, der entscheidende
Augenblick im wilden Kampf der Titanen! Das Goldgeglitzer auf dem Wasser
sind keine Wellen, es sind die goldenen Schuppenringe der
Midgardschlange, welche sich schillernd windet und auf- und niederrollt,
welche in zitternden Windungen durch das Weltmeer schiet und mit
breitem, scharfgezhntem Rachen dem Feuermeer am Horizont entgegenbumt!
Sehen Sie, wie die Gewaltige den Glutenball verschlingt? -- Mehr und
mehr verschwindet er -- und die roten Korallen erbleichen und sinken
zusammen ... die weien Lilien brechen wie stumme Klagen nieder ... die
Schmetterlinge zerstieben und treiben wie mde, kleine Wolkenflocken in
der Unendlichkeit ... aus dem Meere aber steigt ein wunderholdes Weib
mit kristallenen Nixenaugen und windzerzaustem Kraushaar, -- die hebt
mit mdem, strengem Lcheln einen grauen Schleier und breitet ihn ber
Himmel und Erde, ber die Augen des fiebernden Mannes, der solch
wunderliche Trume hat, und sie sagt: >Wach auf! Es ist Zeit,
heimzukehren, die Sonne ging unter!<

Guntram Krafft schwieg, er sah Gabriele an und lachte pltzlich leise
auf:

Und solch nrrisches Zeug denkt ein groer, vernnftiger Mensch bei dem
Anblick eines Abendhimmels!

Sie sa ihm gegenber, die Blicke gro und sinnend auf ihn gerichtet.
Unverwandt, wie in staunender Frage.

Sie sind ein Dichter, Graf Hohen-Esp!

Wohl mglich, -- ich wei es nur nicht.

Der Wind erhob sich strker, das Boot stieg hoch auf und scho tief
hinab in grnglasigem Wassergebirge.

Sie sehen so bla aus, Frulein Gabriele, frieren Sie? --

Sie nickt. Der Wind ist kalt, lassen Sie uns umkehren.

Er griff hinter sich nach einem Lodenmantel, welcher auf der Bank lag,
und reichte ihn zu ihr hinber.

Ich bitte, legen Sie ihn um. -- In wenig Minuten sind wir am Strande.
--

Guntram Krafft wandte den Bug des Bootes nach der See hin und strich dem
Lande zu, jeder heranlaufenden See einige Schlge entgegenrudernd,
damit sie das Boot schneller passiere. Wie ruhig er sich bewegte, wie
energisch und sicher seine starken Arme das Fahrzeug regierten!

Und wie schn er aussah!

Nie hatte Gabriele die glnzendste Galauniform eines Mannes besser
gefallen, als dieser schlichte, so wunderbar kleidsame Fischeranzug.

Wie kernig, wie wetterfest und mnnlich sah der Br von Hohen-Esp darin
aus, wie edel und khn sein Antlitz, welches sich soeben noch der
sinkenden Sonne zugewandt und ein Mrchen voll schwrmerischer Weichheit
getrumt hatte! --

Gabriele war noch nie auf bewegter See gefahren.

Ihr deuchte das Auf- und Niedergehen des Bootes gefahrvoll und
bengstigend, sie fhlte, wie ihr Herz schneller schlug, wie ihre Hnde
leise erbebten, wenn ein Schaumkamm hoch aufstieg und drohte, ber das
Schifflein hinwegzubranden.

Mit keinem andern Fhrmann htte sie in diesem gebrechlichen Fahrzeug
sitzen mgen, als mit dem Bren von Hohen-Esp, welcher ihr so ruhig und
unbesorgt gegenbersa, als habe er nur seine herzliche Freude an dem
scherzenden Spiel der Meerfrauen. Und immer strker sauste der Wind, und
immer schneller scho das Boot der Kste zu. Guntram Krafft wandte sich
um und blickte nach dem Strand.

Eine jhe Betroffenheit malte sich auf seinen Zgen.

Die Fischer scheinen uns noch nicht zu erwarten! sagte er, griff mit
der einen Hand hastig in die Tasche und fhrte eine Torpedopfeife an die
Lippen.

Niemand zeigte sich in den Dnen.

Wir mssen landen, -- es wird immer khler, und der Wind kommt auf!

Sind wir noch nicht zur Stelle?

Das Boot scho auf den Sand und sa mit hartem Rucke fest; eine krftige
Welle scho ber und bergo es mit einem Spritzer.

Guntram Krafft stand aufrecht und blickte noch immer hilfesuchend nach
dem Strand. Dann warf er die Riemen hin und sagte zu Gabriele, indem er
sich aus dem Boot schwang: Wir haben leider keinen Landungssteg hier.
Die Brandung duldet ihn nicht. Das Boot liegt aber noch halb im Wasser.
Sie mssen gestatten, gndiges Frulein, da ich Sie diese paar Schritte
an Land trage!

Gabriele fhlte, wie ihr das Blut in die Wangen scho, aber sie erhob
sich und trat sehr ruhig an den Rand des Kahnes.

Das wre sehr freundlich, Graf, meine Schuhe sind nicht auf Waten
eingerichtet.

Er stand halbabgewandt, legte den Arm um sie, ohne sie anzusehen, und
hob sie an seine Brust.

Mit sehr hastigen Schritten erreichte er den trockenen Strand und lie
die junge Dame sanft hinabgleiten. Droben in den Dnen erschienen im
Laufschritt die Fischer.

Wollen Sie die Gte haben, vorauszugehen, wir mssen das Boot erst
bergen! -- Seine Stimme klang rauh, atemlos.

Ich habe Ihnen so viele Mhe gemacht, Graf, ich danke Ihnen von
Herzen! Sie reichte ihm die Hand hin, und er umschlo sie mit kurzem,
krampfhaftem Druck. Er murmelte ein paar Worte -- sie verstand sie
nicht, der Wind brauste daher, und Gabriele eilte geneigten Hauptes zur
Burg.

       *       *       *       *       *




XXIII.


Die Bume des Waldes rauschten im Wind und neigten sich, und blickten in
das bleiche, ernste Antlitz Gabrieles, welches ihnen so seltsam
verndert deuchte. --

Wo war die khle, gleichgltige Ruhe geblieben, welche sonst aus ihren
Augen geschaut?

Jetzt leuchtete es darin so schnell und irrlichtartig, wie Gedanken,
welche aufzucken und schwinden, welche dem Frhrot gleichen, dessen
Strahlen gegen die Schatten der Nacht kmpfen mssen, ehe sie
leuchtenden Sieg erringen.

War dieser kraftvoll energische Mann, welcher sie soeben durch
schumende Wogen gerudert, welcher sie mit starkem Arm gehoben und an
der Brust gehalten hatte, -- war es derselbe schchtern verlegene
Jngling, welcher im Ballsaal der Residenz so unsicher ber das Parkett
schritt, als vermisse er das Gngelband der Mutter? --

War diese poetisch schne Erscheinung des wetterharten Seemanns
dieselbe, welche ehemals in Frack und Lackschuhen so ungeschickt
einherschritt, wie ein tppischer Br, welchen man zur Kurzweil in
Maskentand gekleidet?

Nein, es war _nicht_ derselbe! Es war nicht mglich, nicht denkbar, da
binnen kurzer Zeit ein solcher Wechsel und Wandel mit einem Menschen vor
sich gehen kann!

Gabriele blieb stehen und blickte mit weitoffenen Augen dem vorjhrigen
Herbstlaub nach, welches der Wind raschelnd vor ihr her, den Burgberg
hinantrieb.

Ein Wandel?

Nein, es ist kein Wandel.

Guntram Krafft ist wohl stets der kernige Mann gewesen, wie er jetzt vor
ihre Augen tritt; die kurze Gastrolle aber, welche er in der Residenz
gegeben, hatte ein Zerrbild aus ihm gemacht, dessen weichliche Zge in
nichts der Wahrheit glichen.

Ist es nur das Neue, berraschende, was Gabriele so fesselt, so
ungewhnlich erregt? Ist es Zauberspuk, da sein schnes, eigenartiges
Bild ihr vorschwebt, ob sie es sehen mag oder nicht?

Scharf wie ein Adlerblick war sein Auge, als er prfend See und Himmel
beobachtete, sichere Fahrt zu nehmen, und wie mild und trumerisch ward
es, als der Sonnenuntergang seine geheimnisvollen Bilder vor ihm
spiegelte, als er ihr leis und schwrmerisch seinen Zauber mit den
Worten eines Dichters malte!

Das war nicht weibisch und sentimental, das war nur wie das linde
Suseln eines Windes, welcher stark genug ist, in nchster Stunde zum
Orkan anzuwachsen.

Dieses Sinnen und Trumen pat zu dem einsamen Mann, in dessen Herzen
noch die Wunder der Natur leben, welche ihn rein und unverflscht
umgibt.

Herr von Heidler konnte auch flstern in Worten des Dichters, aber das
war eine schwle, betubende Poesie, der Gifthauch des Modernen, welches
nur die Sinne berauscht und nichts gemein hat mit jenem unsterblichen
Gotteshauch, welcher wie ein heiliger Lobgesang alles Schnen und Edlen
ber den Wogen des Weltmeers schwebt!

Herr von Heidler borgte sich den schillernden Mantel eines Dichters, um
Erfolge zu erringen, um die Augen zu blenden und in frivolem Spiel
Triumphe ber Mdchenherzen zu feiern; Guntram Krafft aber sprach nur
Worte, die seine eigene Seele geboren hatte, Worte, welche nicht um
Beifall buhlten und keine selbstschtigen Zwecke verfolgten.

Er sprach wie in kurzem Traum ... und der Wind verwehte den Klang seiner
Stimme, und als er erwachend das Haupt hob, war der Traum vergessen.

Da schafften seine starken Arme voll eiserner Kraft, -- da machten sie
sich die Elemente untertan und besiegten sie wie in harmlosem Spiel. --

Und dann ...

Gabriele atmete pltzlich schwer auf und schritt beinahe ungestm
weiter, -- dann umfing sie dieser kraftvolle Arm und trug sie durch den
kruselnden Wellenschaum, und sie umschlang seinen Nacken und war seinem
Antlitz so nahe -- wenngleich er das seine auch abwandte in
respektvoller Ritterlichkeit.

Warum schlug ihr Herz so hei und leidenschaftlich auf in diesem
Augenblick?

Warum gefiel es ihr so gut, da er sein Gesicht weit wegkehrte von ihr,
da er so schnell und hastig ausschritt, da er sie nicht ansah, als er
sie sanft zur Erde gleiten lie?

Gibt es dennoch jene stolze Mnnertugend, welche nicht das Ihre sucht?

O, wie anders htte Herr von Heidler diesen Augenblick ausgenutzt!!

Wie wrde er sie in wild begehrlicher Weise an sich gedrckt -- wie s
und berckend, wie zwingend und lohnheischend wrde er ihr in das Auge
geschaut haben!

Langsam -- ganz langsam wre er wohl ausgeschritten, und die Worte,
welche er in ihr Ohr geflstert htte, wren wohl auch Dichterworte
gewesen, aber solche, welche wie sengende Hllenfunken in das Herz
fallen! --

Im Spott und bermut hat man den Bren von Hohen-Esp in der Residenz den
modernen Parzival genannt! Und doch ... kein Name pat schner und
besser fr ihn, wie dieser! Einfalt, welche Tugend, -- Weltunklugheit,
welche Edelsinn eines Ritters ist, dessen Hnden ein Heiligtum zum
Schutze anvertraut wird! --

Parzival, der Held! --

Ist auch Guntram Krafft ein solcher?

Da zieht es wie ein Schatten ber das verklrte Antlitz des jungen
Mdchens.

Ach, da er es wre!

Da sie eine einzige Tat der Khnheit, des wagemutigen Heldensinnes bei
ihm schauen knnte!

Horch, wie der Wind durch die Baumkronen braust, wie spttisches,
grimmiges Gelchter! Noch wenige Schritte, und die grauen,
efeuumsponnenen Mauern von Hohen-Esp tauchen vor ihr auf. --

Die steinernen Bren sehen sie mit den bemoosten Augen an, als ob auch
sie lachten, und sie heben die Pranken und kehrten ihr das alte
Wappenschild zu.

    Christie Kyrie --
    Zu Land und zu See --
    Schirmherr der Not.
    Das walt' Herre Gott! --

Gabriele hat den seltsamen Spruch schon oft gelesen, -- heute deucht es
ihr, als schaue sie ihn zum erstenmal.

Schirmherr der Not! --

Gibt es einen edleren Helden als einen Mann, welcher hochherzig und
selbstlos sein Leben einsetzt, der Not des Nchsten zu Hilfe zu kommen?
--

Die Grafen von Hohen-Esp aber haben seit vielen Jahrhunderten ihr
Schwert und ihren starken Arm in den Dienst der Not gestellt.

Auch Guntram Krafft ist ein Hohen-Esp!

       *       *       *       *       *

Grfin Gundula schien ihre junge Gesellschafterin bereits erwartet zu
haben.

Sie trat ihr in der Halle entgegen und sah sehr heiter und zufrieden
aus.

Anton sollte dem leichtsinnigen, kleinen Frulein noch ein warmes Tuch
an den Strand nachtragen! scherzte sie, denn eine Stadtdame, wie
Baronesse Gabriele, mu sich erst an unsere frischen Brisen gewhnen!
Statt dessen kommt der Alte unverrichteter Sache zurck und meldet, da
das gndige Frulein mit dem Herrn Grafen hinausgerudert sei! -- Das
nenne ich Courage, liebe Gabriele, denn soviel ich von hier aus
beurteilen kann, ist die See bewegt!

Und wie bewegt, Frau Grfin! Fr meine Begriffe war es Sturm!

Gundula lacht und kehrt das junge Mdchen dem Fenster zu.

Lassen Sie sehen, wie Ihnen diese Extravaganz bekommen ist! Nun ja ...
bla, wie eine weie Rose! Das konnte ich mir schon denken! Ich begreife
meinen Sohn nicht, da er Sie zum erstenmal bei Wind hinausgefahren hat!
Schnell trinken Sie ein Glas Wein, damit Sie wieder Farbe bekommen!

Jhe Glut stieg in Gabrieles Wangen, sie bemhte sich, so harmlos und
heiter zu plaudern, wie sonst, und empfand es doch, da es ihr heute
nicht so leicht wurde, wie zuvor.

Ihr Herr Sohn war vllig unschuldig, gndigste Grfin, und nur ein
Opfer seiner groen Liebenswrdigkeit, welche ich hart auf die Probe
stellte. --

Ah -- so war es _Ihr_ Wunsch, zu fahren? unterbrach die Herrin von
Hohen-Esp und sah noch erfreuter aus, wie erst: Hat es unser schnes
Meer Ihnen nun doch angetan? --

Es war in seiner Erregung entschieden viel berckender, wie in seinem
=dolce far niente=! lachte das junge Mdchen und trat noch weiter
aus dem Fensterlicht zurck in die dmmrige Halle: Ja, es war so
herrlich anzusehen, da mich das unwiderstehliche Verlangen ankam, mich
einmal mutig hinauszuwagen. Der Graf kam mir just in den Weg, und da er
die Gutmtigkeit der Hohen-Esp mit dem Brenblut geerbt, so erfllte er
stehenden Fues meinen unbescheidenen Wunsch!

Er wird sich gewi sehr gefreut haben! Man kann ihm ja nichts Lieberes
antun, als Interesse fr die See und alles, was ihr angehrt, zu
zeigen!

Jedenfalls verstand er es meisterlich, sich in das Unvermeidliche zu
fgen!

Und wo blieb er? Brachten Sie ihn nicht mit zurck?

Nein, liebe Burgfrau -- Gabriele neigte das Kpfchen und kte beinahe
zrtlich die Hand der alten Dame, welche sich auf ihre Schulter legte
-- er mu nun erst wieder die Unordnung beseitigen, welche mein bermut
unter seinen Segeln, Riemen usw. im Boot geschaffen! Ich glaube, der
edle Renner soll erst fr die Nacht in den Stall geschafft werden!

Gundula nickte heiter. Der Wind scheint tchtig aufzufrischen, da
werden sie zur Nacht wohl alles am Strande bergen wollen, falls eine
strkere Boe einsetzt! Wie war Ihre Fahrt? Erwiesen Sie sich
seetchtig?

Es schaukelte furchtbar, und ganz unter uns gesagt, Frau Grfin, ich
habe mich schrecklich gefrchtet! Wollte mich nur nicht allzusehr vor
dem Grafen blamieren, sonst wre ich sehr bald wieder ausgestiegen, als
ich merkte, wie hoch die Wellen gingen!

Frchten? Wenn Guntram Krafft die Ruder fhrt? -- Wie ruhig, wie stolz
und zuversichtlich klangen diese Worte. --

Gabriele neigte das Kpfchen: Der Graf ist gewi sehr stark und
krftig, aber gegen Sturm und Meer aufkommen, vermag schlielich
niemand, und ich glaube, Ihr Herr Sohn wute es anfangs selber nicht,
wie arg der Wind war, sonst htte er vielleicht die Fahrt gar nicht
unternommen!

Nun lachte die Grfin ebenso laut auf, wie zuvor Guntram Krafft, als sie
von dem Sturm gesprochen.

Ich wnschte nur, Sie erlebten bald einmal das, was wir hier >grobe
See< nennen! sagte sie dann mit seltsam leuchtendem Blick. Ich glaube,
Sie kennen bisher weder einen echten, rechten Seesturm, noch das Meer,
wenn es zornig wird, noch den Bren von Hohen-Esp, wenn er beiden die
Zhne weist. -- Was bringen Sie, Anton? -- Wollen Sie Licht anstecken?
Wir warten mit dem Abendbrot auf den Herrn Grafen.

Die Sprecherin war zu dem Kredenzschrank getreten, ein kleines Spitzglas
voll Tokayer fr Gabriele zu fllen, der alte Kammerdiener aber
verneigte sich respektvoll und nahm eilig ein Tablett, dem gndigen
Frulein den Wein zu servieren.

Halten zu Gnaden, Frau Grfin. Soeben bringt einer aus dem Dorfe die
Nachricht, da der Herr Graf nicht rechtzeitig zum Abendbrot kommen
knne. Man wisse nicht, was die Nacht bringe, und es seien mancherlei
Vorbereitungen zu treffen. Der Herr Graf lassen die Damen bitten, allein
den Tee zu trinken, da es spt bis zu seiner Rckkehr werden knne.

Gut, Anton; ich dachte es mir schon. Es ist zwar noch keine
telegraphische Sturmwarnung an meinen Sohn eingetroffen, aber der
Seemann versteht sich schon auf die Anzeichen, welche Vorsicht gebieten.
So stecken Sie die Lampe an und sagen Sie der Mamsell, da fr uns
angerichtet werde.

Gabriele hatte hoch aufgeatmet bei der Nachricht, da Guntram Krafft
heute fernbleiben werde. Sie wute es selber nicht, warum sie ein
gewisses Bangen empfand, ihm heute wieder in die Augen zu schauen. Noch
schlug ihr Herz zu ungestm, wenn sie an den Augenblick dachte, wo er
sie an der Brust gehalten; es war gut, wenn sie Zeit gewann, ihre
trichte Verlegenheit zu berwinden.

Arme Mike! fuhr die Grfin mitleidig fort, sie bekommt gewi einen
strmischen Hochzeitstag! Das Heulen, Sausen und Wogenbranden ist zwar
fr eine wackere Fischerfrau gewohnte Musik, aber es sollte mir
leidsein, wenn die kleine Frau ihren jungen Ehemann alsogleich in bs
Wetter hinausschicken mte!

Mike? fragte Gabriele nachdenklich, ist das nicht das blonde, hbsche
Mdel, mit welchem Sie vorgestern im Dorfe sprachen, Frau Grfin?

Ganz recht, dieselbe. Sie heiratet morgen den Jugendgespielen meines
Sohnes, Jschen Grotrian mit Namen, einen wackern, prchtigen Bursch,
der beste unter Guntram Kraffts Lotsen. Vorhin war Mike mit der Mutter
bei mir, um uns alle noch einmal feierlichst zur Hochzeit einzuladen!
Ich habe zugesagt, auch fr Sie, liebe Gabriele, denn ich hoffe, Sie
teilen unsere Vorurteilslosigkeit in diesem Punkte! Wir Hohen-Esper und
unsere braven Fischer drunten gehren in Freud und Leid zusammen! Wir
sind in der langen Reihe der Jahre wie eine groe Familie geworden, und
gemeinsame Not, Angst und Sorge und manch einstimmiges Gebet am Strande
waren der Kitt, welcher unsere Herzen treu zusammengefgt hat. -- Da ist
es undenkbar, da sich im Dorfe drunten jemand freuen oder betrben
knne, ohne da wir innigen Anteil daran nehmen. Sie haben gewi noch
keine Fischerhochzeit mitgemacht, liebe Gabriele, und die sehr
primitiven Verhltnisse solcher Feiern sind Ihnen unbekannt! Dennoch
hoffe ich, da Ihr gutes Herz sich in all dies Fremde und fr Sie gewi
sehr wenig >Hoffhige< finden wird, und da Sie mir zuliebe nicht das
Nschen rmpfen, sondern lustig und guter Dinge mit den biederen
Menschen sind! --

Der Blick der Sprecherin hatte sich wie in nachdenklichem Forschen auf
das reizende Antlitz des jungen Mdchens geheftet, und als sie das
freudige Aufleuchten in den groen Augen und das Lcheln um die rosigen
Lippen sah, streckte sie Gabriele jhlings die Hand entgegen und sagte
so herzlich, wie noch nie zuvor: Ja, ich sehe es Ihnen an, Sie werden
uns gern begleiten! Sie fhlen und denken, wie wir, Gabriele, und ich
danke Gott dem Herrn, da er Sie in unser Haus gefhrt!

Wieder drckte Frulein von Sprendlingen die Lippen auf die schlanken
Finger Gundulas.

Wo knnte es mir wohler sein, als wie in Ihrer Nhe, Frau Grfin,
gleichviel, wohin Sie mich fhren! So neu wie mir diese Welt auch noch
ist, so lieb ist sie mir doch schon geworden! Wo wird das junge Paar
getraut werden? Mssen wir alle in das Nachbardorf zur Kirche?

O nein!

Aber drunten bei uns am Strande ist keine!

Sahen Sie noch nicht unsere alte, kleine Kapelle im Turm drben?

Eine Kapelle? Hier in der Burg?

Wir benutzen sie fr gewhnlich nicht, um dem Pfarrer den sehr
unbequemen Weg durch den Wald zu ersparen, auch mte er zweimal an
jedem Sonntag predigen, in Karstein und hier! Darum gehen wir alle zu
ihm! Bei auergewhnlichen Gelegenheiten aber kommt er hierher, und
Mikes Hochzeit ist solch ein besonderer Fall.

O, wie praktisch ist das! Und wie angenehm fr die
Hochzeitsgesellschaft!

Wir lassen unsern lieben, kleinen Pastor mit dem Wagen holen, die
Kirche wird geschmckt ...

O, herrlich! Wer besorgt das? --

Immer der, der fragt! neckte die Brin von Hohen-Esp. Die Guirlande
nagelt freilich einer der Knechte ber die Tr, und die Tannenbumchen
stellt wohl die Mamsell mit den Mgden um den Altar herum auf, aber wenn
sich sonst noch ein paar geschickte Hndchen finden wollten, den Altar
selber recht schn und poetisch zu schmcken, so wre mir das sehr lieb,
denn fr gewhnlich war das meine Sorge, welche ich jetzt aber gern
jngeren Krften berlassen mchte!

Gabrieles Wangen leuchteten in zartem Rot. O, wie danke ich Ihnen fr
diese reizende Pflicht, Frau Grfin, und wie freue ich mich darauf, die
Kapelle zu sehen!

Wenn die Mgde morgen frh mit Fegen und Scheuern fertig sind, soll man
Sie rufen, liebe Gabriele! Sie sorgen wohl selber im Garten fr die
Blumen! Kaiserkronen, Narzissen und Anemonen gibt es bereits, auch noch
Krokus und Frwitzchen, -- nehmen Sie alles, was Sie brauchen, die
Strue knnen dann spter noch auf den Hochzeitstisch gebracht werden.
--

Die Damen plauderten, und die Stunden vergingen.

Spt erst kehrte Guntram Krafft heim.

Er sprach nicht mehr in dem Wohngemach der Grfin vor, sondern schritt
sogleich nach seinem Zimmer hinauf.

Auch Frau Gundula ward mde, kte Gabriele auf die Stirn und sagte ihr
Gute Nacht.

Wie allabendlich begleitete sie das junge Mdchen erst nach seinem
Erkerstbchen.

Ganz erschrocken wich Gabriele zurck.

Was ist das? fragte sie betroffen.

Die Grfin lachte und entzndete ihr Licht an der brennenden Kerze auf
dem Toilettentisch. Das ist der Wind! -- Hrten Sie ihn noch nie um
alten Gemuer sausen und heulen? Die Burg liegt ziemlich frei, da braust
es in allen Tonarten von der See herber. Ich frchte, die Nacht wird
schlimm, -- aber Gottlob ist niemand von unsern Leuten drauen. Die
Armen aber, welche auf hoher See mit Wind und Wogen kmpfen! Vergessen
Sie nicht, ihrer im Gebet zu gedenken, Gabriele, auch das ist so Sitte
auf Hohen-Esp! --

Das junge Mdchen stand regungslos und starrte nach den spitzen, kleinen
Bogenfenstern, um welche es pfiff und schrillte.

Frchten Sie sich, liebes Kind? Gundula legte zrtlich den Arm um die
weiche, schmiegsame Gestalt ihrer jungen Gastin: O, nicht doch! Sie
sind hier sicher wie in Abrahams Scho, und es ist heute nur das
Ungewohnte, was Sie ngstigt! Fr mich gibt es kaum noch ein
behaglicheres Schlummerlied, als wie dieses Windesbrausen und das ferne
Donnern der See! Auch Sie werden es bald lieb gewinnen! -- Wenn freilich
der Wind zum Sturm und Orkan wird, dann lt einem der Gedanke an die
Schiffe, welche drauen sind, keine Ruh ... dann kommt die Sorge, ob
Guntram Krafft nicht hinaus mu, Hilfe zu bringen! Aber davon ist heute
keine Rede, -- diesen Wind haben wir oft, sehr oft, wir achten seiner
kaum noch! Falls es ihnen aber lieber ist, Gabriele, will ich die Tr
nach meinem Zimmer ffnen, -- Sie fhlen sich dann nicht so vereinsamt!
--

Nein, nein, liebe Frau Grfin, das wre noch schner, wenn ich ein
solcher Hasenfu sein wollte! Nun, wo ich wei, was fr Stimmen da
drauen lrmen, lachen und rufen, frchte ich mich nicht mehr vor
ihnen!

Und als sich nach herzlichem Gute Nacht die Grfin zurckgezogen, trat
Gabriele an das Fenster und blickte in die dunkle Nacht hinaus.

Der Wind jagte schwarze Wolkenmassen ber den Himmel -- die Bume
drunten bogen sich und chzten, und die Fensterriegel klappten und
greinten wie mit leisem, wehmtigem Klagelaut.

Gabriele schlo die Vorhnge und begab sich zur Ruhe.

Aber sie fand lange keinen Schlaf.

Ihr war's, als se sie noch in dem Boot, das auf und ab geschleudert
ward von tosenden Wellen.

Guntram Krafft sa ihr gegenber und fhrte das Ruder -- und er sah sie
nicht an, sondern blickte starr geradeaus in die ghnend finstere Nacht
-- und sein Angesicht glich dem jungen Wulffhardt von Hohen-Esp, der
ertrunken war um 1503! --

Ertrunken! --

Gabriele schauerte zusammen und prete das Antlitz in die Kissen.

Wie kam ihr pltzlich das Verstehen fr dies grausige, entsetzliche
Wort! --

Ertrunken!

Sie schlingt die Hnde ineinander und betet mit zuckenden Lippen fr
alle die, welche mit Sturm und Wogen ringen -- so wie Frau Gundula es
ihr geheien, aber ihre Gedanken weilen dabei nur bei einem, und vor
ihren Augen schwebt ein Bild ... Guntram Krafft, -- -- und auch unter
diesem starrt das furchtbare Wort: ertrunken ...

Sie schrickt empor ... sie lauscht ...

Droben, ber Frau Gundulas Gemach liegt das Zimmer des Grafen.

Er schlft nicht, sie hrt ihn auf und ab schreiten ... es schallt so
sehr in dem grabesstillen Haus. --

Horch ... hin und her ... hin und her ...

Ruhelos wie sie! --

       *       *       *       *       *

Gegen Morgen hat der Wind ein klein wenig abgeflaut.

Die Sonne leuchtet am Himmel, -- hinter dem Wald blitzen die weien
Wellenkmme der See auf. --

Gabriele ist frhzeitig aufgestanden.

Sie hat gestern im Wald ein wildes Birnbumchen gesehen, das stand in
voller Blte.

Welch sinnigeren Altarschmuck knnte sie finden, als diese duftigen,
schneeigen Zweige?

Als sie in den Hof tritt, hrt sie noch jenseits der Zugbrcke Hufschlag
verklingen. Ein Knecht steht, die Arme behaglich in die Seiten gestemmt,
und schaut dem Reiter nach.

Ist eine telegraphische Nachricht gekommen, Christian? Die erwartete
Sturmwarnung von der Seewarte?

Der Mann lacht die Fragerin mit seinen hellblauen Augen vergnglich an.

Nee, gn Frlen! Dat wi nhstens doch 'n ollen dchtigen B kreegen,
dat weiten wi ganz alleen!

Wer ritt soeben fort?

Dat wier nur uns' junge Graf! He fall woll up'n Feldern nach'n Rechten
kieken!

Auf den Feldern!

Wie hei seggt! -- Du leiwe Tid! Wat het de Graf nich allens to
bedenken! Keen Ruh' nich bi Tag un Nacht. Un htt dat doch so goar nich
ntig! Aber dat rackert sich af! Keen Dagelhner duht sich so schinn'n
as uns' leibe Jong! Um Glock fif rett hei weg, jet dht hei Frhstck
eten, un nu heidi wedder up't Pierd!

Tief in Gedanken verloren schritt Gabriele weiter.

Also drum war er so selten am Morgen zu sehen, darum kehrte er neulich
so staubig und erhitzt zurck und hatte soviel Eiliges mit seiner Mutter
zu verhandeln! Da er nachts mit seinen Fischern ausfuhr, die Netze zu
werfen, da er am Tage oft segelte und ruderte und anstrengende bungen
mit seinen freiwilligen Lotsen machte, das war nur Erholung, nur
Vergngen nach der Arbeit!

Und diesen Mann hatte sie oft einen Brenhuter genannt, ihn als migen
Tagedieb bespttelt und verachtet?

Wieder schiet Gabriele das Blut hei in die Wangen.

Wie traurig ist es doch, wenn ein Mdchen so gar keinen Begriff von
Landarbeit und Seewesen hat. Was fr falsche, irrige Ansichten bildet
man sich in der Stadt davon, wie bitter unrecht tut man oft den
Fleiigsten und Verdienstvollsten!

Gabriele ist es pltzlich zu Sinn, als habe sie ein schweres Unrecht an
Guntram Krafft gutzumachen.

Nicht nur der Mann, welcher mit der Waffe in der Hand zu Felde zieht,
fr Kaiser und Reich zu kmpfen, erwirbt sich Verdienste um sein
Vaterland, sondern auch der, welcher in stillem Flei seinen Grund und
Boden kultiviert, fr seine Arbeiter sorgt wie ein Vater, welcher gute
Gesinnungen und edlen Patriotismus unter ihnen pflegt, welcher in treuer
Selbstlosigkeit an der Kste Wacht hlt, ein Schirmvogt der Not zu
sein! --

Mit bebenden Hnden pflckt Gabriele die blhenden Zweige im Wald.

Ein Flockenregen rieselt auf sie nieder und streut brutlich-weie
Blttchen in ihr lockiges Haar, -- in ihrem Herzen aber wchst aus
kleinem Funken eine helle Flamme empor, noch flackernd und unsicher,
aber dennoch stark genug, da sie kein Aschenregen wieder ersticken
kann.

Und diese Flamme brennt so vieles zu Tode, was ehemals in diesem Herzen
als falsche Gtzen gethront, -- sie macht es so hell, wo es frher
dunkel war, sie lt es so warm, ach so warm werden, wo frher Schnee
und Eis gestarrt ...

Die Arme und das hochgeraffte Kleid voll duftiger Bltenzweige geladen,
kehrt Gabriele heim, und von der niedern, rund gewlbten Turmtr, welche
zu der Kapelle fhrt, tnt das helle Gelchter und der Gesang der
Mgde.

Sie sind noch fleiig bei der Arbeit, und die Mamsell tritt Gabriele
entgegen und bittet: Wollen das gndige Frulein nicht noch ein halbes
Stndchen warten! Dann ist die Kapelle sauber wie ein Schmuckkstchen,
und Baronesse haben einen so viel schneren Eindruck davon!

Es ist aber schon recht spt geworden, liebe Mamsell, und die Hochzeit
soll sehr przise stattfinden! -- Man heiratet hier schon zu recht
frher Stunde! --

Ja, du liebe Zeit, gndiges Frulein, so verliebte Leutchen haben es
immer eilig, und Mike und Jschen vollends! Ist _das_ ein Glck! Man
braucht die beiden nur anzusehen, um zu wissen, wie gut sie einander
sind! -- Aber vielleicht machen das gndige Frulein erst Toilette? So
ein bichen was Weies oder Rosiges gehrt sich doch fr den heutigen
Tag!... Und die Zweige stellen wir derweil noch in Wasser! Je krzere
Zeit sie auf dem Altar liegen, desto frischer sehen sie aus!

Sie haben recht, Mamsell, das ist ein guter Gedanke! So will ich mir
denn ein hochzeitlich Gewand anziehen und bin in einer halben Stunde
wieder hier! --

       *       *       *       *       *




XXIV.


Da der Wind ganz pltzlich wieder bedeutend aufgefrischt hatte und
merklich khl durch die blhende Frhlingspracht brauste, hatte Gabriele
ein wollenes Kleid zu ihrem Anzug gewhlt, welches nun in zart weien
Crpefalten an ihrer schlanken Gestalt herniederflo.

Es war noch eins ihrer Fnfuhr-Tee-Kleider, welche sie ehemals in der
Residenz getragen, schick und elegant gearbeitet und doch einfach und
anspruchslos wirkend, einzig geschmckt durch ein duftiges
Spitzengeriesel, welches ber die Brust fiel und den Saum des Rockes wie
kruselnden Wellengischt zierte. Die weie Perlenschnur, welche sie
damals auf dem Hofball getragen, glnzte auch jetzt auf ihrem grazisen
Nacken, und in dem Grtel duftete ein kleiner Strau weier Narzissen.

Hastig schritt sie ber den Hof nach der Kapelle, und die Mamsell trat
ihr entgegen, faltete behaglich die fetten Hnde ber dem Magen und
betrachtete das junge Mdchen mit unverhohlenem Entzcken.

Das lasse ich mir gefallen, Baronesse! nickte sie wohlgefllig. Wenn
jetzt ein Fremder hier einschaute, der gehrt htte: >Auf der Burg
gibt's eine Trauung<, dann wrde er Stein und Bein darauf schwren, da
das gndige Frulein selber die Braut sei, auf welche die Gespielinnen
mit dem Krnzchen und Schleier warten! -- Na, ich denke, den Tag erleben
wir auch noch, und dann will ich aber den Backofen fr den
Hochzeitskuchen heizen, da die Flammen oben zum Schornstein
hinausschlagen!

Ja, nicht, Mamsell! Dann brennt der schne Kuchen am Ende an! lachte
Gabriele, aber sie fhlte es doch, wie ihr das Blut unter dem schelmisch
zwinkernden Blick der Alten in die Wangen scho. Der Mike steht das
Heiraten besser an als mir, darum wollen wir ihr recht viele Blumen auf
den Weg streuen!

Erst ihr, dann Ihnen, gndiges Frulein! Die Bltenzweige stehen in dem
Wasserkbel neben dem Altar!

Noch ein neckendes Nicken und Gren, und die Mamsell fate Besen und
Staubtuch und schritt ber den Hof zurck, Gabriele aber trat in die
Kapelle ein, welche leer und still im Schimmer der bunten, kleinen
Glasfenster vor ihr lag.

Voll andchtigen Entzckens schaute Gabriele um sich.

Rechts und links die wenigen Reihen der dunkelgebrunten,
hochgeschnitzten Kirchensthle, geradeaus der erhhte Altar in seinem
verblichenen lila Samtschmuck, auf welchem die Silberstickerei lngst
schwarz geworden war. Hocharmige Silberleuchter, ein
elfenbeingeschnitztes Kruzifix, an welchem noch die Rosenkrnze der
grflichen Beter aus der katholischen Zeit hingen.

Rechts und links von dem Altar die Familienbilder frommer Hohen-Esp,
hohe, steiflinige Gestalten in schwarzen Nonnengewndern und weien
Kopftchern, mit betend zusammengelegten, wachsgelben Hnden und
starren, hohlugigen Gesichtern.

Direkt hinter dem Altar ein kaum noch erkenntliches Gemlde: Die
Auferstehung des Herrn. --

An dem offenen Grab kniet anscheinend der Stifter des Bildes, ein Graf
von Hohen-Esp, mit seiner Familie; die Burgfrau gleicht in der Tracht
und Aussehen der Katharina von Bora, und hnlich wie Luthers Kinder sind
auch ihre acht kleinen Grafen und Grfinnen gekleidet. -- Der Vater
trgt ritterliche Rste, der lteste Sohn ein kleines Schiff in der
Hand. Alle heben voll inniger Anbetung die Blicke zu dem segnenden
Heiland.

Zur Rechten erhebt sich die alte Burg Hohen-Esp, wie sie damals wohl
ausgeschaut, im Hintergrund wogt ein grellblaues, zackenwelliges Meer,
aus welchem drei geisterhafte Gestalten emporschweben. Offenbarung Joh.
20. 13. --

Seitlich von dem Altarbild sind Gedenktafeln, zwei halb vermoderte
Kirchenfahnen, Fischernetze und ein zerbrochenes Ruder aufgestellt.

Ein welker, fast zerfallener Totenkranz mit Trauerflor ist um das Ruder
gewunden.

Gabriele schaudert zusammen.

Dieses Ruder war wohl das einzige, was von dem Boot eines ertrunkenen
Hohen-Esp an das Land zurckgesplt wurde. --

Ihr Blick irrte weiter, ber die mchtigen Brenwappen, ber die
steinernen Grabplatten, welche die Familiengruft schlieen und steife,
liegende Rittergestalten zeigen, hinauf zu der niederen, gewlbten
Decke, von welcher an rostigen Ketten eine ganze Anzahl von kleinen
Schiffen herabhngen.

Fromme Stiftungen der Fischer aus dem Dorfe drunten.

Grob und plump geschnitzte Segelschiffe, in Form und Bau ihr hohes Alter
zeigend, kleine Boote und schwerfllige Kuffs, allerliebst und kunstvoll
getakelte, kleine Dreimaster, an welchen fleiige Hnde wohl ein
Menschenalter gearbeitet haben.

Modell der >Anne Marie Karsten<, Kapitn Jochen Ulrich Grot --
gestrandet bei Kap Horn im Jahre des Herrn 1760. -- Dein Wille
geschehe. -- -- steht auf schwarzer kleiner Tafel an dem einen.

Leiser Schritt erklingt auf den Steinflieen, und Gabriele schrickt aus
tiefen Gedanken empor und blickt sich um.

Ein schmchtiges, altes Mnnchen steht hinter ihr und dreht respektvoll
den schbigen Filzhut in der Hand.

Ach, verzeihen die gndige Herrschaft -- flstert er mit devotem
Kratzfu, die lichte Gestalt der jungen Dame wie eine Vision anstarrend
-- ich bin der Kster aus Karstein und soll bei der Trauung das
Harmonium spielen! Die Frau Grfin schickte mich, da ich die Lieder
erst einmal durchspiele!

O, das ist ja schn, Herr Kster! nickte ihm Gabriele mit
herzgewinnendem Lcheln zu, da habe ich den Genu schner Musik whrend
meiner Beschftigung!

Der kleine Mann dienert sehr geschmeichelt und klettert die schmale
Holzwendeltreppe zu der Empore hinauf, Gabriele aber tritt an den Altar,
nimmt sinnend die weien Bltenzweige und schmckt die teuern
Heiligtmer.

Wie wundersam leuchten die frischen Blumenkelche auf dem uralten,
verschossenen Samt, wie grell der Kontrast zwischen Tod und Leben,
zwischen dem sonnigen, brutlichen Jetzt und dem grabstillen, grauen
Ehemals! --

Ein Sonnenstrahl bricht durch das bunte Fenster und malt goldige Lichter
um die schlanke Mdchengestalt, welche mit grazis erhobenen Hnden die
Blten um das Kruzifix schlingt, welche die zarten Zweige durch die Arme
der Leuchter flicht, -- dann niederkniet vor der Altardecke und auch an
ihr empor den holden Schmuck ranken lt, sinnig und schn, so festlich,
wie wohl dieser Tisch des Herrn seit langen Jahren nicht mehr
ausgeschaut hat. --

Und whrend sie, selber wie ein brutliches, junges Weib anzuschauen,
ihres lieblichen Amtes waltet, ertnen ber ihr die jubelnden Klnge:
Lobe den Herrn meine Seele und vergi nicht, was er dir Gutes getan
hat!

Immer voller und duftiger gestaltete sich der Altarschmuck unter
Gabrieles Hnden, sie streut auch noch die weien Blten ber die
Grabsteine, sie nestelt die duftigen Narzissen in die grnen
Tannenzweige, welche das Gelnder um den Altar verhllten ... und dann
steht sie pltzlich wieder schweratmend still und starrt auf das
zerbrochene Ruder unter dem verstaubten Trauerschleier.

Einen Schritt tritt sie nher ... noch einen und noch einen ... bis sie
davor steht und ihre Hnde wie in scheuer, banger Innigkeit ber das
wurmstichige Holz gleiten.

Jetzt fllt ihr Blick auch auf ein kleines Pastellbildchen, welches an
dem Pfeiler, kaum sichtbar von der Kirche aus, aufgehngt ist.

Eine schlechte Kopie jenes Gemldes aus dem Ahnensaal droben. --
Wulffhardt von Hohen-Esp; ertrunken um 1503. --

Armer, armer Jngling!

Die jubelnden Orgelklnge sind leise und ernst geworden, sie hallen und
klingen wie Seufzer der Wehmut durch die Kapelle, wie eine leise
Engelsstimme, welche um die Toten klagt.

Gabriele wei nicht, warum sie es tut, aber sie schlingt die schneeigen
Bltenzweige zum Kranz und schmckt das Bild des Wulffhardt von
Hohen-Esp -- und seine Augen schauen so lebendig drein ... sein Blick
senkt sich in den ihren, und seine Lippen lcheln unter dem brutlichen
Schmuck ...

Wie gleicht er Guntram Krafft! --

Wird auch sein Bild einst hier hngen, wird auch unter ihm das grausige
Wort ertrunken stehen ... wird ...

Gabriele macht eine jhe Bewegung und pret schweratmend die Hand gegen
das Herz -- und als sie sich hastig zurckwendet, ringt sich ein leiser
Schreckenslaut von ihren Lippen.

Dort an dem Kirchenstuhl steht Guntram Krafft, mit gekreuzten Armen,
still und regungslos, und starrt sie aus weitoffenen Augen an.

Blick ruht in Blick ..., und die Orgelklnge flstern, schwellen wieder
an und klingen so voll und feierlich, als trgen sie schon jetzt das
Dankgebet vereinter Herzen zum Himmel.

Der Graf macht eine Bewegung, als wolle er sich mit beiden Hnden schwer
auf die Lehne des Kirchenstuhles sttzen, dann schreitet er langsam
nher, tritt neben sie und schaut auf das geschmckte Bild Wulffhardts
nieder.

Warum taten Sie das? fragt er mit leiser, fremder Stimme.

Gabriele sieht nicht auf zu ihm, sie wendet sich und ordnet mit bebenden
Hnden unter den Blten auf dem Altar, welche bereits so wohlgeordnet
liegen.

Das Herz tut mir weh, wenn ich daran denke, wie frh er sterben mute!

Ja, er starb frh, -- an der Schwelle des Lebens. Er kannte weder Glck
noch Liebe -- und doch wre er wohl auch so gern glcklich gewesen!

_Auch_ glcklich gewesen! --

Klang das nicht wie ein geheimer, leidenschaftlicher Seufzer der
Sehnsucht?

Gabriele antwortet nicht, sie neigt das Haupt nur tiefer.

Ich danke Ihnen in dem Namen jenes Armen, Einsamen --, fhrt der Graf
sehr ruhig fort, dessen Sie so barmherzig gedachten. Mir ist's, als
mte er jetzt ruhiger in der Gruft drunten schlafen, als mte er nun
vershnter mit seinem inhaltlosen Leben sein.

Ein inhaltloses Leben, wenn ein Mann dieses Leben dahingab fr die
Brder?

Er tat seine Pflicht!

Er tat _mehr_ denn sie!

Ein beinahe dsterer Blick brach aus Guntram Kraffts Augen.

Wohl doch nicht in Ihrem Sinne, Frulein Gabriele; er zog weder in den
Krieg, noch konnte er groe Taten fr sein Vaterland tun! Der liebe
Herrgott im Himmel, welcher auch das geringste Streben nach treuer
Rechtlichkeit in seinem Dienst anerkennt, war wohl zufrieden mit ihm,
die Welt aber hat den einsamen Mann auf Hohen-Esp kaum gekannt, noch
anerkannt! Sein Name ist in keinem Heldenbuch verzeichnet, sein Andenken
wird weder durch Wort noch Lied geehrt, -- jene Stelle, wo die tosende
Flut einen Jngling verschlang, welcher einem gefhrdeten Schiff Rettung
bringen wollte, ist durch keine Spur gezeichnet, die Wogen rollen
darber hin und der Wind verweht die Kunde. -- Das Schicksal der
Hohen-Esp! Mit weien Totenblumen schmckt eine mitleidige Mdchenhand
nach Jahrhunderten wohl noch unser Bild und Grab, -- mit Lorbeerzweigen
nicht. --

Er brach kurz ab und trat zurck.

Der Hochzeitszug scheint zu nahen, Sie gestatten, da ich meinen
wackeren jungen Freund im Burghof begre! --

Gabriele stand regungslos und schaute starren Blicks aus das Bild, --
war es nur Einbildung, oder sahen die lachenden Augen Wulffhardts
pltzlich ernst, beinahe wehmtig unter dem weien Bltenschmuck auf sie
nieder?

... nicht mit Lorbeerzweigen ... nicht mit dem Ehrenkranz, welcher dem
Helden geziemt!

Es lag etwas seltsam Herbes in der Stimme des Grafen, als er das gesagt,
etwas Vorwurfsvolles, was sie nicht verstand.

Hatte sie vielleicht damals auf dem Hofball nur _den_ Mann einen Helden
genannt, welcher auf dem Schlachtfeld sein Leben fr Reich und Kaiser
lt?

Wohl mglich; -- so war es ja ehedem auch ihre Ansicht.

Und jetzt?

Nachdenklich streicht sie die krausen Lckchen aus der Stirn; jetzt ist
es ihr wie eine Ahnung gekommen, als ob ein Mann, welcher sich khn in
Sturm und hohe Flut hinaus wagt, auch ein Held sein knne! --

Zur berzeugung ist es ihr freilich noch nicht geworden, sie hat von
Guntram Kraffts mutigen Taten gehrt, ohne sich eine rechte Vorstellung
davon machen zu knnen, ohne sie mit eigenen Augen geschaut zu haben.

Ach, da sie es einmal, nur einmal tun knnte!

Wie eine heie, leidenschaftliche Sehnsucht berkommt es sie, gerade von
ihm, von Guntram Krafft berzeugt zu werden, da sie ihm ehemals in der
Residenz bitteres Unrecht getan!

Seine Persnlichkeit ist ihr so gnzlich verndert hier in Hohen-Esp
entgegengetreten, ein Zug wundersamer Romantik verklrt sie, -- der Br
von Hohen-Esp, der Schirmvogt der Notleidenden hat ihr Interesse aufs
lebhafteste geweckt, eine einzige khne, mutige Tat, so wie sie fr
diese reckenhafte und poesievolle Seemannsgestalt pat -- und das
Interesse wird lodernde Leidenschaft, und die Leidenschaft wird Liebe,
-- Liebe, welche getreu ist bis in den Tod! --

Wehe ihr, wenn es geschhe!

Ehedem lachte ihr das Auge Guntram Kraffts voll ehrlichen Entzckens
entgegen, jetzt blickt er ernst und gleichgltig ber sie hinweg.

Warum das? --

Weil der Br von Hohen-Esp zu stolz ist, um ein Weib zu werben, welches
ehemals seine Annherung so schroff und beleidigend zurckgewiesen hat,
wie sie. --

Gabriele senkt das Kpfchen tief, tief zur Brust, schlingt die Hnde
ineinander und schreitet langsam die Stufen des Altars hinab, der Grfin
entgegen, welche die Kapelle betreten hat, den Brautzug in ihrem hohen
Kirchenstuhl seitlich des Traualtars zu erwarten.

Gundula nimmt die kalte, bebende Hand des jungen Mdchens in die ihre,
streift mit einem warmen Blick inniger Bewunderung die liebreizende
Erscheinung ihrer jungen Gastin und tritt mit ihr nach dem erhhten
Sitz, -- die Orgelklnge ertnen, und mit dem golden durch die Tr
hereinflutenden Sonnenlicht erscheint das Brautpaar in der Kapelle.

Guntram Krafft fhrt es zum Altar.

Mike schreitet zwischen ihm und dem Geliebten, eine blhende, kraftvoll
schne Braut. Sie tragt das goldblonde Haar schlicht gescheitelt und in
Zpfen herabhngend, ein dicker grner Myrtenkranz legt sich um den
ganzen Kopf und endet in einer rosa Schleife, welche lang ber den
Rcken herabflattert.

Eine dunkelgrne Tuchjacke, mit rmeln, welche oben sehr weit, unten
sehr eng sind, ein buntes, mit breiten Fransen besetztes Halstuch, ein
schwarzer Warprock, welchen eine mchtig breite, geblmte Schrze
beinahe verhllt, bilden den Staat der Braut, welche ihr Gesangbuch
gegen das Herz pret und mit niedergeschlagenen Augen und hochroten
Wangen daherschreitet, wie die Verkrperung eines echten, rechten
Glckes!

Und Jschen an ihrer Seite sieht nicht minder strahlend aus, wenngleich
sein frisches Gesicht mit den hellblauen, lustigen Augen und dem
weiblonden Flaum auf der Oberlippe recht verlegen ob all der Ehre,
welche ihm geschieht, dreinschaut.

Sein dunkler, groer Filzhut ist mit rotem Band und Blumenstrau
geschmckt, ein ebensolcher ziert die offenstehende Fischerjoppe, unter
welcher eine schwarze Manchesterweste mit rotem und grnem
Sternchenmuster sichtbar wird.

Der Hemdkragen fllt blendenwei ber und wird von einem sehr
grellfarbigen Schlips geschlossen.

Da Jschen sich just nagelneue, hohe Wasserstiefeln hat machen lassen,
trgt er sie selbstredend an seinem Ehrentag und stampft so krftig
durch die Kapelle, da es auf den Steinplatten hallt.

Dem Brautpaar folgt die Schar der Gste, Fischer und Fischerfrauen, wohl
die gesamten Einwohner des kleinen Drfchens.

Alle ernst und feierlich, in ehrwrdig, altvterischem Staat, einem
Gemisch von burischer Tracht und einem ersten Anfang stdtischer
Kleidung, wenngleich das burische in diesem weltfernen Drfchen bei
weitem berwiegt.

Kinder mit Bltenzweigen oder bunten Struchen in der Hand, drngen
sich scheu an die Mtter, -- alte, wetterharte Seeleute mit dem
Priemchen zwischen Zahn und Backe und dem Tonpfeifchen in der
Rocktasche, folgen langsam im Zug, und dann schliet sich das Gesinde
von Hohen-Esp an, alle so strahlend heiter und festfreudig gestimmt, als
gehe Mike und Jschens Glck sie alle an, als sei diese Hochzeit ihr
aller Ehrentag, von welchem ein warmer Sonnenstrahl in jedermanns Herz
fllt. --

Zuerst wurde gesungen, sehr lange und viel gesungen, wie es die Sitte
verlangte, und Guntram Kraffts Stimme klang fest und laut hervor, ebenso
wie Gundulas weicher Alt und die helle, schmetternde Stimme der noch
sehr stattlichen Brautmutter.

Gabriele hatte gesehen, da der Graf ihr just an der andern Seite von
dem jungen Paar gegenberstand, sie fhlte auch, da sein Blick beinahe
unverwandt auf ihr ruhte, aber sie schaute nicht auf, sie sang leise,
kaum vernehmlich die Worte des Chorals mit, nur ihre Lippen regten sich.

Der Pastor trat vor den Altar, sprach in schlichter, sinniger Weise viel
schne und herzbewegende Worte, und wandte sich ganz besonders an Mike,
sie auf die schweren Pflichten der Seemannsfrau aufmerksam machend. Wie
treu, wie selbstlos, wie aufopfernd mu das brave Weib eines Fischers
sein, wie wenig an sich selbst und das eigene Glck denken, wie tapfer
und mutig den Herzliebsten in Sturm und Gefahr hinausschicken, wenn es
gilt, fremder Not und gefhrdeten Menschenleben zu Hilfe zu kommen!
Gerade in solchen Stunden hchster Angst und Gefahr mte sich die wahre
Liebe eines treuen Weibes bewhren, nicht durch stumpfes Dreinergeben,
nicht allein durch Handreichungen und krftige Hilfe, sondern vor allen
Dingen durch Gebet und Frbitte, welche den Geliebten auf seiner
schweren Fahrt durch Sturm und Wogen begleiten.

Da ist kein besseres Steuer, als die inbrnstige Bitte zu Gott dem
Herrn, da ist kein sicheres Segel, als das Flehen eines liebenden
Herzens zum Himmel! Solch ein Steuer bricht nicht, solch ein Segel reit
nicht! -- Die Hnde, welche ein treues Weib im Gebet zu dem Herrn der
Welten erhebt, sind der Talisman, welcher den Seefahrer auch in hchster
Not beschirmt, sie sind der Felsen, an welchem die verderbenden Wogen
zerschellen und des Sturmes Macht sich bricht. Darum leget eure
Lebensschifflein an den einzigen Anker, welcher noch nie versagt und im
Stich gelassen hat, den Anker fester und freudiger Zuversicht auf Gottes
Gnade, den Anker treuen Glaubens an seine Barmherzigkeit, den Anker
frommer Ergebung in seinen Willen ... wenn derselbe uns auch andere Wege
fhrt, als wie wir gehen wollen!

Mike blickte dem Pastor mit ihren groen, treuherzigen Augen aufmerksam
in das gtige Antlitz, und sie nickte ihm zustimmend und so recht von
Herzen berzeugt zu, und Jschen machte auch hier und da eine
unwillkrliche Bewegung, als wolle er versichern: Jawoll, Herr Pastur,
dat wollen wi allens so maken!

Und dann knieten sie nieder und wurden gesegnet, und der Prediger nahm
die Ringe und steckte sie ihnen an.

Da raschelte es leise an dem Steinpfeiler. Ein Bltenzweig lste sich
von Wulffhardts Bild und fiel nieder auf das morsche Ruder.

Niemand bemerkte es, nur Guntram Krafft und Gabriele schauten auf -- und
ihr Blick traf sich pltzlich, -- sie sahen einander in die Augen. Da
zog eine heie Purpurglut ber die Wangen des jungen Mdchens; sie
blickte verwirrt zu Boden und neigte das Kpfchen noch tiefer wie zuvor.

       *       *       *       *       *

In der kleinen Dorfschnke, welche ber den einzigen Raum verfgte, in
welchem ein bescheidenes Fest abgehalten werden konnte, hatte der Graf
von Hohen-Esp den Hochzeitsschmaus fr seinen Jugendgespielen herrichten
lassen.

Hier in dem niedrigen, verrucherten Saal, an dessen Deckbalken das
Haupt des hochgewachsenen Bren beinahe anstie, feierten die Fischer
Kaisers Geburtstag, Sedan, Hochzeiten und Kindtaufen, hier saen sie
Sonntags und rauchten ihre Pfeifen beim Glase Bier, hier versammelten
sie sich, wenn es Auergewhnliches zu besprechen gab, oder wenn ein
Sohn, Vetter, Bruder oder Onkel nach langer Seefahrt heimkehrte und von
viel schweren oder glcklichen Fahrten zu erzhlen hatte.

Als einziger Schmuck hing das Bild eines lang verstorbenen
Landesfrsten, sowie das Kaiser Wilhelms des Groen an der Wand, darum
her vergilbte Stiche und gewhnliche Kreidezeichnungen von Schiffen, mit
welchen Dorfbewohner als Matrosen oder Kapitne gefahren, und ber der
Tr, ganz nach gutem alten Brauch, der fliegende Hollnder mit
kseweiem Gesicht, schwarzem Bart und groem Fischerhut, welcher
starren Auges auf den Beschauer herabsieht, und unter welchem der Spruch
steht --: Gott gnade dem Mann auf strmischem Meer -- geht ihm der
flyende Dutschman die Quer!

Auf den wurmstichigen, uralten Schrnken liegen groe Korallen und
fremdartige Muscheln, steht eine chinesische Vase, der der eine Henkel
fehlt, und ein paar grellbunte, furchtbar fratzenhafte Gtzenbilder, vor
welchen sich die Kleinen im Dorf ber die Maen grugeln! --

In groen Glashfen sind seltene Fische aus dem Sdmeer, Schildkrten
und Seeteufel in Spiritus aufbewahrt, eine kleine, sehr giftige
Herrgottsschlange befindet sich auch in einer Flasche, und von ihr
herber bis zu der Vase ziehen sich Schnre von getrockneten Seesternen
und fremdartigen Tangs, welche irgendein Angehriger des Schankwirts aus
fernen Zonen heimgebracht.

Ehemals lebte der schne groe Papagei und ergtzte die Gste durch sein
erstaunliches Geschwtz, jetzt ist er ausgestopft und sitzt recht
verstaubt und struppig auf einem Baumast an der Ofenwand.

Heute ist eine lange, lange Tafel inmitten des Saales aufgestellt, mit
groben weien Tchern belegt und durch Tannengrn und Blumenstrue ganz
besonders feierlich geschmckt.

Teller von jeder Art und Sorte sind aufgestellt, Napfkuchen duften schon
jetzt sehr locker und festlich von des Tisches Mitte, und seitwrts
lagert ein groes Fa Bier, auf welches mit Kreide Vivat geschrieben
ist, und von den eben ankommenden Fischern mit schmunzelndem Entzcken
zuerst besichtigt wird.

Das junge Ehepaar und die Hochzeitsgste nahen, frerst noch so
schweigsam und ernst, wie es in der Art dieser wortkargen Menschen
liegt, welche es mehr gewohnt sind, den schweren, sorgenvollen Kampf um
das Dasein zu fhren, als heitere Feste zu feiern.

Der Wind, welcher mehr und mehr auffrischt und manch altem,
wettererfahrenen Schiffer ein bedenkliches Kopfschtteln und Hm-Hm!
abgentigt hat, spielte in den rosa Kranzbndern der jungen Frau und
frbte ihre Wangen noch rter, und wenn auch Mike mit festem Hndedruck
ringsum die schwieligen Hnde fat, und Jschen manch lieben Freund
innig auf den Rcken klopft, so herrscht dennoch frerst noch die
feierliche, erwartungsvolle Stille, welche dem Nahen des Pastors und der
grflichen Herrschaft vorauszugehen pflegt. --

       *       *       *       *       *




XXV.


ber die hohe Dne, welche das Fischerdorf von der See trennt, stieg
Grfin Gundula an der Seite des alten Pfarrherrn, gefolgt von Gabriele
und Guntram Krafft.

Der Pastor hatte den lebhaften Wunsch ausgesprochen, das Meer bei dem
immer strker werdenden Wind in seiner wogenden Schnheit zu sehen, und
darum hatte man den kleinen Umweg gemacht und nahte dem Dorf nicht von
dem Burgberg, sondern vom Strande aus.

Die Grfin sprach sehr lebhaft und angeregt, und Gabriele, welche ebenso
schweigsam wie der Br von Hohen-Esp an dessen Seite schritt, gedachte
der Worte des Predigers, welche dieser kurz zuvor zu Guntram Krafft
gesprochen. Welch eine auffallende und sehr erfreuliche Vernderung ist
mit Ihrer Frau Mutter vor sich gegangen! So heiter und lebhaft habe ich
die Grfin seit langen, langen Jahren nicht gesehen! Mir deucht, der
finstere Ernst, die tiefe Schwermut sind erst jetzt von ihr gewichen,
und dafr sei Gott gelobt! -- Er hatte dann Gabriele herzlich beide
Hnde entgegengestreckt, und fuhr fort: Das haben wir ganz entschieden
Ihrem so gnstigen Einflu zu verdanken, mein gndiges Frulein! Sie
haben den Sonnenschein wieder in das Haus der so tief gebeugten Frau
getragen!

Der Blick des Grafen hatte sie abermals getroffen, als er sich stumm und
hflich, wie in schweigender Zustimmung vor ihr verbeugte, und es hatte
warm aufgeleuchtet in den ernsten, traurigen Augen.

Ein paar gleichgltige Worte hatten sie spter auf dem Weg zum Strande
gewechselt, und als sie ber die waldige Hhe schritten und zuerst den
Blick auf das Meer genossen, war Gabriele unwillkrlich stehengeblieben
und hatte mit leisem Ausruf des Entzckens auf die weischumende,
hochgehende See hinausgeblickt.

Nicht wahr, so gefllt sie selbst Ihnen? hatte der Graf gelchelt, und
das junge Mdchen nickte mit seltsam leuchtendem Blick und wiederholte:
Selbst mir!

Dann brauste der Sturm daher und ri die weien Narzissen aus ihrem
Grtel und verstreute sie durch das Riedgras, und whrend Gabriele mit
beiden Hnden den Hut festhielt, eilte Guntram Krafft den Blumen nach
und sammelte sie.

Sein Blick berflog ihre schlanke, schneeweie Gestalt, um welche die
weichen Kleiderfalten in grazisem Spiele flatterten, und er behielt den
Strau in der Hand und sagte: Ich werde die Narzissen bis zu dem Dorfe
tragen, Sie haben jetzt genug zu tun, Hut und Kleid zu halten!

Und er trug sie, bis sie abermals in den Schutz der Dnen gelangten und
das Wirtshaus Zur blauen Woge vor ihren Blicken lag.

Da reichte er die Blten zurck.

Wir alle haben uns festlich geschmckt, Graf, nur Sie allein tragen
kein einziges Abzeichen, welches auf die frohe Bedeutung dieses Tages
schlieen lt!

Um seine Lippen zuckte ein resigniertes Lcheln.

Ich selber verga es, und andere dachten nicht an mich!

Da whlte sie die schnsten Blumen aus ihrem Strau und bemhte sich,
sehr unbefangen zu lachen: Welch eine grobe Unterlassungssnde!
Erlauben Sie, Graf, da ich das Versumte nachhole und Ihr Knopfloch
schmcke!

Er nahm die Blumen und befestigte sie an der Brust.

Wie freundlich Sie sich heute der Hohen-Esp annehmen! sagte er sehr
ruhig. Den Ahnherrn Wulffhardt und mich bedenken Sie in gtiger Weise
mit solch lieblichem Schmuck.

Alles Blut stieg ihr in die Wangen, -- vor ihren Ohren schwirrten
pltzlich wieder die Worte --: Mit weien Totenblumen ... doch nicht
mit einem Lorbeerkranz ...

Sie schttelte den Kopf und sagte leise: Ich verfge ja ber keinen
besseren Schmuck, Graf!

Und weder Wulffhardt noch ich werden je einen besseren tragen!

Das Gesprch ward unterbrochen, aus dem Saal des Wirtshauses erschallten
die lustigen Weisen der Harmonika, und das junge Ehepaar trat den
vornehmen Gsten entgegen, sie mit herzlichem Hndedruck zu begren und
zum Hochzeitstisch zu geleiten.

Grfin Gundula sa zwischen dem jungen Ehegatten und dem Pastor, --
Guntram Krafft an der Seite des brutlichen Weibes, zu seiner Rechten
war Gabriele der Platz angewiesen. Auf der Ofenbank saen die beiden
Harmonikaspieler und sorgten durch lauter schne Seemannslieder und
lustige Stcklein fr Unterhaltung, dieweil es bei Tisch selber sehr
ruhig zuging.

Unsere Anwesenheit scheint die Leute in ihrer Frhlichkeit zu stren!
flsterte Gabriele zu dem Grafen auf.

Dieser lchelte: O, durchaus nicht! Es wrde eine Nichtachtung gegen
die vergtterte Weinsuppe und den obligaten Schweinebraten sein, wollte
man whrend dieser Gensse viel sprechen! Das ist nicht Sitte hier, und
die >Stimmung< kommt zumeist erst mit dem Tanz. Dann werden Sie sehen,
da wir unsere Getreuen nicht stren. Ich bin berzeugt, da wir hier
von allen noch sehr viel mehr geliebt wie respektiert werden!

Und so war es auch.

Als das, nach Ansicht der so wenig verwhnten Leute, glnzende
Hochzeitsmahl beendet war, als die Tische beiseite gerckt wurden und
der Kaffeeduft so lieblich durch den Saal zog, da allen Frauen das Herz
im Leibe lachte, da schallten die Stimmen lauter und lauter
durcheinander, da wagten sich die ersten verstohlenen Jauchzer hervor,
und als die Harmonikas mit schallendem Ton den Grovatertanz anhuben,
da umfate Jschen seine strahlende junge Frau und begann sich mit ihr
sehr langsam und wrdevoll im Kreise zu drehen.

Aller Augen schauten auf den Grafen, ob er nicht mit dem wunderschnen
jungen Frulein solchem Beispiel folgen werde, aber der stand und sprach
so eifrig mit ein paar alten Fischern, da er gar nicht an den Tanz zu
denken schien.

Da wagte sich denn der Vater der Braut herzu, machte seinen Kratzfu vor
Gabriele und tanzte mit ihr, schwer und wuchtig, als gelte es, eine
hollndische Kuff bei kontrrem Wind zu lavieren, -- und als er zum
Schlu die junge Dame mit freundlichem Lob auf den Arm gepatscht, stand
schon ein junger Lotse bereit und sah sie treuherzig bittend an.

Gabriele nickte ihm lachend zu und tanzte weiter, und ihre schlanke
weie Gestalt tauchte wie ein Traum zwischen dem derben Schiffervolk
auf, so da der Pastor ganz begeistert zu Guntram Krafft trat und sagte:
Wissen Sie, Graf, was mir soeben bei dem Anblick des wunderholden
Frulein von Sprendlingen einfiel? Ein Gedicht von Heinrich Heine: >Wohl
unter der Linde, da tnt die Musik, da tanzen die Burschen und Mdel ...
da tanzen auch zweie, die niemand kennt, sie schauen so schlank und so
edel!< -- Sagen Sie selbst, ist es nicht, als ob die weie Wassernixe
aus der Flut gestiegen sei, sich unter das lustige Fischervolk zu
mischen? -- Wie ein Mrchen deucht mir die lilienhafte Mdchengestalt,
und wen Frulein Gabriele mit den groen, klaren, wundersam glnzenden
Augen anlchelt, der lernt an die Macht der Meerfrau glauben!

Man sagt, die Meerfei bringt Unglck dem, der sie schaut! Hren Sie,
wie der Sturm um das Dach heult? Vielleicht whlt sich die Undine
bereits ihre Opfer fr die kommende Nacht aus!

Das verhte Gott! Frchten Sie bs Wetter?

In wenig Stunden haben wir es.

Arme junge Frau! Das wre eine ble Hochzeitsmusik!

Jschen stand mit leuchtenden Augen vor seinem Jugendgespielen.

Wollen Sie heute gar nicht tanzen, Herr Graf!

Guntram Krafft richtete sich jh auf. Ich warte nur, da du Mike einmal
freigeben sollst!

Dor steiht se! lachte der junge Ehemann, wieder in sein gemtliches
Plattdeutsch verfallend, und der Br von Hohen-Esp nickte, drckte dem
Glcklichen die Hand und holte sich die Braut mit den rotglhenden
Wangen zum Ehrentanz.

Nu leggt he los! flsterte es im Kreis, und man wartete, da der
Burgherr nach der Mike das gn Frlen zum Tanze holen werde; aber er
trat mit umwlkter Stirn zur Tr zurck und hatte mit Krischan Klaaden
ersichtlich viel ernste Dinge zu reden.

Und trotzdem das Rollen und Branden der See immer strker und strker
herbertnte und der Sturm immer schriller durch die Taue des vor dem
Hause aufgepflanzten Flaggenmastes pfiff, ward die Stimmung immer
frhlicher und ausgelassener, und schlielich stand die Mamsell vom
Schlo und tuschelte unter listigem Augenzwinkern mit Mike und Jschen.

Die Weiber, Mdchen und Burschen drngten drum herum, es gab ein leises,
jubelndes Gelchter, und dann lichtete sich pltzlich der Kreis, einer
der Fischer trat vor und rief mit kraftvoller Stimme:

Tom Brutdanz binnen! Uns' Mike sall sich sin' Nachfolgern sken! --

Groer Jubel erhob sich, Mike ging mit sehr schalkhaftem Lcheln zu
Grfin Gundula und bot ihr eine Schere dar, mit welcher die Burgfrau die
beiden rosa Bnder der Kranzschleife abschnitt.

Die alte Dame lchelte dabei sehr amsiert, und in ihren Augen leuchtete
es auf, wie ein sehr wohlgeflliges Verstehen.

Mchtest du die Rechte treffen, Mike! sagte sie und hndigte der
jungen Frau die Bnder aus. -- Diese wandte sich, reichte Jschen flink
eines der Rosenbnder, und schnell wie der Gedanke strmte das junge
Paar unter die laut kreischenden und jubelnden Hochzeitsgste.

Erstaunt hatte Gabriele dem Beginnen zugesehen, als sie ihren Arm auch
schon von Mike gefat und mit dem Band umschlungen sah, gleicherzeit
zerrten und drngten die Mnner Guntram Krafft heran, an dessen Arm
Jschen das andere Band geknpft hatte, und ehe die beiden aufs hchste
betroffenen jungen Leute recht wuten, wie ihnen geschah, waren ihre
Arme durch die Bnder zusammengebunden, und ein jauchzendes Geschrei
erhob sich: Tom Brutdanz! Tom Brutdanz! --

Guntram Krafft stand momentan regungslos, nur seine Lippen bebten, und
die breite Brust hob und senkte sich unter strmischen Atemzgen, dann
neigte er sich zu Gabriele herab und stie kurz hervor: Befehlen Sie zu
tanzen, mein gndiges Frulein? --

Sie blickte zu ihm auf, -- ihm deuchte es, ebenso khl und ruhig wie
sonst -- und die kristallenen Nixenaugen leuchteten ganz nahe den
seinen, und ihr roter Mund antwortete: Ich fge mich der Sitte, Herr
Graf!

Da umschlo sie sein Arm, er machte eine kurze Bewegung mit der freien
Hand, da man Raum gebe, und dann tanzten sie.

Wie feurige Nebel wallte es vor seinen Augen, siedend hei brauste das
Blut durch seine Adern, wie befangen von einem wilden,
leidenschaftlichen Rausch flog er dahin, und die weiche, schmiegsame
Gestalt ruhte wieder an seiner Brust, und ihre krausen Lckchen
flimmerten vor seinem Blick.

Freiwillig wre er nie zu ihr gekommen -- nun trieb sie das Schicksal
selber in seine Arme, und er hielt die bleiche Meerfrau ... und drckte
sie fest -- immer fester und aufgeregter an sich, so fest, als wolle er
sie nie wieder freigeben.

Seine Augen brannten wie im Fieber, all die heie, unaussprechlich
innige Liebe, welche er so stolz und gewaltsam bekmpft hatte, loderte
in verzehrenden Flammen in seinem Herzen auf und benahm ihm alles klare
Denken und Handeln.

Er tanzte -- tanzte ohne Aufhren ... und er hatte nur einen tollen,
wahnwitzigen Gedanken -- so hinab mit ihr durch Nacht und Sturm bis zu
den schumenden Wogen! Sein Lieb im Arm hinab in die khle,
geheimnisvolle Tiefe, in den Kristallpalast der Meerfei, wo die Perlen
auf weien Wasserlilien glnzen und rote Korallen bis an das Abendrot
des Himmels emporwachsen ... da wird sie das bleiche Antlitz lchelnd zu
ihm heben, wird mit ihren khlen, meerfarbenen Augen sein Leben trinken
und ihn kssen in traumhaft sem Glck ...

Weiter und weiter tanzt er ... und um die Fenster schrillt der Sturm ...
und die Brandung donnert lauter und lauter empor ...

Gabrieles Kpfchen aber sinkt pltzlich tiefer und tiefer, und ihr
Krper ruht schwer in seinem Arm.

Da erwacht er pltzlich wie aus tiefem Traum und starrt sie an.

Wie bla sie ist! --

Erschrocken hlt er inne: Verzeihen Sie, Gabriele, -- murmelte er, --
ich war unbescheiden ... ich tanzte zu lange -- --

Sie lchelt und ringt nach Atem -- und um sie her erhebt sich abermals
ein tosender Jubel. Dat wier werst 'n Danz! Dat wier jo gliek haf 'n
Dutzend Dnz'! -- schallt es lachend im Kreise, und dann pltzlich jhe
Stille.

Ein Schu? --

Ertnte nicht drauen auf hoher See ein Schu? -- ein Notsignal? --

Alles lauscht einen Augenblick wie erstarrt, Guntram Krafft reit das
rosa Band, welches ihn an Gabrieles Arm fesselt, mit scharfem Ruck durch
und strmt nach der Tr, Jschen, Krischan Klaaden und die andern
Fischer folgen in jher Hast.

Die lachenden gerteten Gesichter sind pltzlich bla und ernst
geworden, die Klnge der Harmonika sind verstummt.

Gabriele ist an die Seite der Grfin geeilt und hat mit angstvollem
Aufblick ihre Hand gefat.

Was bedeutet das, Frau Grfin?

Gundula legt den Arm um sie und schreitet nach dem kleinen Fenster,
einen Blick hinauszutun.

Gott der Herr verhte es, da ein Schiff in Not ist! sagte sie mit
schwerem Atemzug.

O, welch ein Wetter pltzlich! schaudert Gabriele, wie schwarz die
Nacht, und welch furchtbares Brausen und Donnern! Man hat es zuvor bei
der Musik nicht gehrt, -- jetzt merkt man erst, wie schlimm es geworden
ist!

Eine alte Fischerfrau tritt herzu und faltet die runzligen Hnde. Das
ist eine grobe See geworden, sagt sie leise. Arme Mike ... mu den
Jschen heute nacht wohl hergeben!

Heute nacht? wiederholt Gabriele mit entsetzten, weitoffenen Augen,
was sollte denn Jschen bei dieser Dunkelheit fr ein Schiff drauen
tun?

Die Alte schttelt mit wehmtigem Lcheln den Kopf: Hinaus mu er und
Hilfe bringen, falls es not tut!

Hinaus? in diese Finsternis?... in diesen Sturm? Gabriele hebt wie
beschwrend die Hnde. Das ist ja gar nicht mglich ... das wre ja ein
tollkhnes, nutzloses Aufopfern!

Es wre seine heilige Pflicht! unterbricht die Grfin ernst und ruhig,
und wahrlich nicht das erstemal, da Guntram Krafft seine wackeren
Lotsen in ein Unwetter hinausfhrt! --

Der Graf? stammelte Gabriele ..., er selber ... er fhrt auch mit
hinaus? --

Wenn es nottut, jedesmal!

Da ist es pltzlich, als wchse die schlanke Mdchengestalt empor, als
lausche sie atemlos diesen Worten wie einer Offenbarung.

Wo ist er? Wo sind die Fischer? stt sie hervor.

Wohl auf der Dne drauen, nach dem Schiff zu sphen!

Lassen Sie mich hin! Lassen Sie mich sehen, Grfin! Ich bitte, ich
beschwre Sie!

Undenkbar, Kind ... Sie sind vom Tanz erhitzt, und Sie ahnen nicht, wie
der Sturm drauen pfeift! Das Haus hier liegt ja noch hinter der Dne
geschtzt ... wenn Sie sich auf der Hhe hinauswagen, knnen Sie kaum
atmen; Sie sind solch einen Wind nicht gewohnt, Gabriele!

Eine fieberhafte Ungeduld leuchtet aus ihren Augen. Gleichviel ... ich
hlle mich warm ein ... ach, ich flehe Sie an, Grfin, lassen Sie mich
sehen, was da drauen vorgeht!

Einen Augenblick noch zgert Gundula, dann sagt sie kurz entschlossen:
Gut; dort auf der Bank liegen die warmen Sachen, welche Anton fr den
Heimweg brachte. Nehmen Sie ein Tuch um den Kopf und einen Mantel um,
ich werde mit Ihnen gehen.

Gabriele begreift es nicht, wie diese Frau so ruhig und still bleiben
kann, wo mglicherweise ihr einziges Kind sich im nchsten Augenblick
auf Tod und Leben hinaus in den Sturm wagen wird! --

Ihre Hand zitterte nicht, als sie das weie Spitzentuch nimmt, es sehr
sorgsam um das lockige Kpfchen ihrer jungen Gastin zu schlingen, sie
prft, ob der Mantel warm genug sei, und scheint mehr um das junge
Mdchen wie um den Sohn besorgt.

Gabriele dankt ihr sehr herzlich, dann schlingt sie den Arm um die hohe
Frauengestalt und hastet nach der Tr.

Hu, welch ein Sturm!

Er braust ihnen entgegen, als wolle er sie voll zornigen Unwillens in
das sichere Haus zurckdrngen, ber ihnen kreischt die kleine
Wetterfahne, pfeift und schrillt es im Tauwerk des Flaggenmastes;
Frulein von Sprendlingen pret unwillkrlich die Hnde gegen die Brust
und ringt nach Atem, sie strebt vorwrts und hat doch kaum die Kraft,
gegen das Ungewohnte anzukmpfen. Da umfat Grfin Gundula die schlanke
Gestalt mit ihrem krftigen Arm und leitet sie wie ein sicherer Lotse
durch das Brausen und Heulen.

Droben auf der Dne steht Guntram Krafft, sie sieht seine herrliche
Gestalt wie ein Schattenbild gegen den bleifarbenen Himmel gezeichnet.
Das Auge gewhnt sich an die Dunkelheit. Die Nacht ist nicht so
rabenschwarz, wie es ihr von dem erleuchteten Zimmer aus geschienen,
schwarze, phantastisch wilde Wolkengebilde jagen ber den Himmel und
verhllen den Mond, nur hier und da bricht sein falbes Licht hervor,
wenn der Sturm die Massen zerreit.

Noch verdeckt die Dne vor ihnen das Meer, man hrt nur die Brandung in
nchster Nhe -- wie Donnerrollen und dumpfes, unheimliches Pfeifen
schallt sie empor.

Gabriele hat sich im ersten Moment wie ein angstzitterndes Vgelchen an
die Grfin geschmiegt, aber sie berwindet das Grauen, sie fhlt, wie
eine leidenschaftliche Erregung sich ihrer bemchtigt, die sie ungestm
vorwrtstreibt an Guntram Kraffts Seite.

Wie ein Bild aus Erz steht er vor ihnen, kaum da der Sturm sein
lockiges Haar zerwhlt. Seine breite Brust trotzt dem wsten Gesellen,
hoch und gebieterisch ist sein Arm im Gesprch mit den Fischern erhoben
und weist auf die See hinaus, als sei es der Schirmvogt von Hohen-Esp,
welcher hier zu gebieten hat, und nicht der zigeunerhafte, landfahrende
Gesell, der Sturmwind!

Jschen liegt im Riedgras ausgestreckt, sttzt die beiden Ellenbogen auf
und spht durch den langen Fernkieker auf die See hinaus.

Die beiden Frauen kmpfen sich vorwrts, Fischerfrauen und Kinder folgen
ihnen, fest aneinandergedrngt, starren sie stumm und ernst hinaus auf
die wild emprten Wasser. Der Schutz der Dne hrt auf, mit voller Wucht
wirft sich der Sturm den Nahenden entgegen. Einen Augenblick hat
Gabriele das Empfinden, sie msse ersticken, -- die Grfin fat sie
fester in den Arm und kehrt ihr Antlitz dem Lande zu, -- da braust es
ber sie hinweg, und sie kann momentan aufatmen und neu zu Krfte
kommen.

Dann ringen sie abermals gegen Wind und Wetter, und Gabriele gewhnt
sich nach den kurzen Anweisungen Gundulas an das Atmen im Sturm, sie
berwindet ihre Bangigkeit und Schwche, sie will stark sein! Sie will
vorwrts ... sie will sehen und hren!

Guntram Krafft wendet sich flchtig und blickt zurck, aber all sein
Interesse scheint im Dienst der Pflicht zu stehen.

Ist es tatschlich ein Notsignal? fragt die Grfin.

Er nickt. Vorlufig lt sich noch nichts erkennen, wir mssen warten,
bis die Wolken vorber sind, -- minutenlang mu der Mond hervortreten!

Dann trifft sein Blick Gabriele.

Sie steht neben ihm, die Hnde gegen die Brust gedrckt, das Antlitz von
dem weien Spitzentuch umflattern, mit einem leisen Schrei die Augen
starr, weitoffen auf die See gerichtet.

Ist dies dasselbe Meer ... dasselbe Meer von gestern und ehedem?! --

Schwarz und furchtbar ghnt es in weiter Unendlichkeit vor ihr, -- der
hohe Wogenschwall wlzt sich donnernd heran, in zwei-, drei- und
vierfacher Brandung kocht der weie Gischt am Strande auf, gespenstisch
rollen die aufbumenden Seen heran wie Ungeheuer, welche in wtender
Gier Strand und Land verschlingen wollen.

Da teilt sich die druende Finsternis.

Der Mond bricht durch die Wolken, sein weigelbes Licht fliet
minutenlang wie ein magischer Schein ber die Wasser.

Dort ... dort ... dat Schipp!!

Wie ein Schrei gellt es von Jschens Lippen.

Richtig -- dort is't! --

A's'n Turpedo sieht's ut!! --

Nee! Nee! Is 'ne lttje Brigg ...

Ich seh' keen Mast nich --

De warn ja woll verlurn sin! --

Un keen Licht nich ...

Doch -- achterlich de grne Lantern! --

werst keen Signal nich ...

Doch! -- Obacht!

Dat Blulicht!!

Ein scharfes, bluliches Licht blitzte auf See auf ... hielt
sekundenlang an und verschwand wieder, -- gleichzeitig ein Kanonenschu
...

Das Schiff treibt auf --! Brandung voraus! schrie Guntram Krafft.
Vorwrts, meine Braven, da ist keine Zeit zu verlieren! Zum Schuppen!
-- Gebt Signal! -- Boot klar zum Auslaufen! --

Die Stimmen klangen sekundenlang in wilder Hast durcheinander, -- die
Mnner strmten die Dnen hinab nach dem Rettungsschuppen. Wie in jhem
Entsetzen hob Gabriele die Arme. Jetzt hinaus in See? -- Grfin ... auf
_diese_ See hinaus?! --

Gundula nickte. Gebe Gott, da sie noch zur rechten Zeit kommen. --
Kehren Sie jetzt zurck in das Zimmer, Gabriele ... ich mu in den
Schuppen hinab und alles vorbereiten, falls es gilt, einem Verunglckten
Hilfe zu bringen!

Sie sprach ruhig, beinahe tonlos, und ihr blasses, schnes Antlitz sah
in dem Mondlicht wie versteinert aus.

Das junge Mdchen schttelte aufgeregt den Kopf, in ihren Augen
leuchtete es pltzlich auf wie heie, leidenschaftliche Begeisterung.

Ich bleibe bei Ihnen! Schnell, Grfin -- schnell ... ach, lassen Sie
uns eilen ... lassen Sie mich das Unbegreifliche schauen!

Und sie wartete nicht mehr auf den schtzenden Arm Gundulas, sondern
flog wie von den Sturmesschwingen getragen, dem Rettungsschuppen zu.

Ein grelles Flackerfeuer, wie von geschwungenen Teerfackeln herrhrend,
flammte wieder auf dem gefhrdeten Schiffe auf, gleicherzeit leuchtete
am Strand drunten, dicht neben dem Schuppen, ein rotes Licht, mehrere
Augenblicke gezeigt, dann wieder verschwindend.

       *       *       *       *       *




XXVI.


Ein aufgeregtes, berhastiges Leben entwickelte sich am Strand.

Die Leute hatten in grter Eile ihre hochzeitlichen Kleider mit dem in
dem Schuppen bereithngenden lzeug vertauscht und waren soeben, voll
ausgerstet, bereit, den Wagen, auf welchem das Boot stand, durch den
tiefen Sand bis an die See zu schieben. Eine schwierige, unsagbar
mhselige Arbeit bei solchem Sturm!

Gabriele hatte sich in den Schutz des Gebudes gegen die Mauer gedrckt
und starrte mit hochklopfendem Herzen das fremdartige Treiben an.

Sie sah Guntram Kraffts herrliche Gestalt in dem derben Lotsenanzug, --
welcher ihr schner und kleidsamer deuchte wie die reichste Galauniform,
-- grell beschienen von den lodernden Fackeln, welche von schwieligen
Fusten geschwungen wurden, -- sah, wie er mit Brenkrften zufate und
half und schaffte, der erste seiner Lotsen, ein ruhiger, besonnener,
gewaltiger Kommandeur, ein Mann, welcher nicht nur befiehlt, sondern
selber arbeitet und Hand anlegt!

Eine leise Stimme klang neben Gabriele.

Dat wir sneller kamen, as wie dachten! seufzte Mike und knpfte das
wollene Tchelchen fester um den zerzausten Brautkranz in ihrem Haar,
ihre hartgearbeiteten Hnde griffen ein wenig unsicher zu, und ihr erst
so blhend frisches Gesicht war bla geworden.

Ach, gn' Frlen -- un dat ok grad an min Hochtid!

Gabriele blickte voll tiefsten Mitleids in die traurigen Augen der
Sprecherin.

Arme Mike! sagte sie weich; ja, das ist eine traurige Hochzeit! Aber
so Gott will, kehrt dein Schatz bald gesund und heil zurck, und dann
kannst du doppelt stolz auf ihn sein! -- Sie atmete tief auf und
wiederholte mit glnzendem Blick: Ja, stolz! sehr stolz mut du doch
auf einen solchen Mann sein! --

Mike schien nicht ehrgeizig. Sie wickelte die Hnde in die geblmte
Schrze und sagte resigniert: Wenn he man wedder kmmt! Und dann
entsann sie sich, da ja das gndige Frulein nicht gut plattdeutsch
versteht und fuhr -- nicht ganz ohne Mhe -- fort: Vielleicht kriegen
sie die Mannschaft mit der Rettungsboje herber und brauchen nicht
selber hinaus. Sehen Sie dort? Da schaffen sie an dem Mrser! Der Graf
schiet bannig gut, aber bei Dunkelheit ist es doch immer ein bles Ding
damit, noch dazu bei dem Sturm heut, denn die Windrichtung und Strke
desselben kommt gar sehr in Betracht dabei!

Man schiet nach dem Schiff? wiederholte Gabriele berrascht. Um
alles in der Welt, warum das?

Mike war zu traurig, sonst htte sie wohl gelchelt. Sie strich wieder
seufzend mit der verarbeiteten Hand ber ihren Brautkranz und fuhr
erklrend fort: Das tut ja keinen Schaden nicht, gndiges Frulein, im
Gegenteil! An der Kugel ist man eine dnne Leine befestigt, -- sie wird
ber das Schiff hinbergeschossen, und die Leute mssen die Leine so
rasch wie mglich auffangen und festhalten. Wenn das geglckt ist, mu
als Zeichen dafr ein Blaufeuer angesteckt werden, oder man schwenkt
auch nur eine Laterne -- wie sie's aus so 'nen wracken Schiff noch grad
mglich machen knnen ... dann wissen die Unsern hier Bescheid ...

Was fr Bescheid? Was ntzt die Leine?

O, man alles ntzt die! Die Schiffsmannschaft mu die Leine dann vom
Lande her anholen, bis sie den Steertblock daran finden, durch welchen
ein Jlltau geschoren ist!

Und was soll damit? -- Gabriele blickte die wortkarge Mike beinahe
ungeduldig an, und das junge Weib fuhr monoton fort --: Ja, so, -- das
kennen Sie man alles noch nicht! Dieser Steertblock mu am Mast unter
der Sahling befestigt werden ... oder, wenn die Masten schon ber Bord
geschlagen sind, an einem andern hohen Gegenstand ... und dann geben sie
vom Wrack wieder ein Signal, damit die auf dem Lande das Rettungstau an
dem Lufer befestigen, das ziehen sie dann vom Strand 'rauf aufs Schiff
...

Und Unsere hier ziehen damit das Schiff aufs Land?

Nun ging doch ein schnelles, breites Lcheln ber das Gericht der jungen
Fischerfrau.

Ach, aber nee! Dat geiht jo nich! schttelte sie den Kopf und fuhr,
sich verbessernd fort: Daran wird man blo die Hosenboje nach den
Gestrandeten hinbergeschickt, da setzt sich die Mannschaft nacheinander
ein und wird bergeholt! Jetzt gleich wird es mit dem Schieen losgehen
... der Krischan zeigt schon die rote Latern'!

Eine immer grere Aufregung hatte Gabriele erfat. Die wundersame
schaurige Poesie dieser nchtlichen Rettung wirkte wie berauschend aus
ihr so leicht empfngliches Gemt!

All dieses fremdartige Hasten und Treiben, die drohende Gefahr, die
Angst und Sorge um eigenes und fremdes Leben, die unbeschreiblich
groartige Schnheit der wild entfesselten Elemente bten einen nie
geahnten Zauber aus; es war, als habe Gabrieles Herz in tiefem Schlaf
gelegen und nur auf diese Stunde geharrt, welche es erwecken soll zu
einem neuen, kstlichen Leben, zu der jauchzenden Erkenntnis alles
dessen, was ihre Seele voll schwrmerischer Begeisterung seit jeher
erhofft und ersehnt. Und voll ungestmer Leidenschaft wandte sie sich
und kmpfte sich durch den Sturm nher und nher zu Guntram Krafft
heran, bis sie beinahe an seiner Seite stand, bis sie sein Antlitz
schauen -- seine Worte hren -- jede seiner kraftvollen Bewegungen
beobachten konnte.

Ihr Auge glnzte wie im Fieber -- ihre Lippen lchelten wie im Traum.

Die Stimmen der Mnner hallten wirr und zumeist unverstanden zu ihr her,
-- mit gewaltigem Krach entlud sich das Rettungsgescho, -- die Rakete
zischte wie ein greller Feuerstreif empor, nahm die Richtung nach dem
gestrandeten Schiff und verschwand im Dunkel der Nacht.

Voll banger Spannung harrte man auf das Signal, das die Leine getroffen
habe.

Guntram Krafft stand hocherhobenen Hauptes, den adlerscharfen Blick
seeein gerichtet, als knne und msse sein Blick die ghnende Finsternis
durchdringen.

Ein paar Augenblicke tiefer Stille, nur der Sturm heult ber sie hinweg,
und die See donnert und braust immer gewaltiger gegen den Strand.

Krischan Klaaden schttelt den Kopf.

Dat helpt nich ... dor sin' keene Mast's miehr, de Brandungen gahn all
wer dat Schipp weg!

Denn man tau! -- wi mten klor maken! Der Br von Hohen-Esp wandte
sich in hoher Erregung zu seinen Lotsen.

Vorwrts, Kinder! -- es ist keine Minute mehr zu verlieren, -- wir
mssen hinaus!

Ein leiser, sturmverwehter Schreckensschrei. Mike wirft sich an den Hals
ihres Mannes, umklammert ihn sekundenlang mit den Armen. Nee! -- nee!
schluchzt sie auf -- an dissen Dage nich!! --

Guntram Krafft eilt bereits nach dem Rettungsboot, er wendet hastig das
Haupt, ein Schein tiefer Wehmut geht ber sein schnes Antlitz.

Bliev torck, Jschen! -- flstert er, dat geiht ok ahn di'! --

Der junge Fischer richtet sich jh auf, kt sein brutliches Weib noch
einmal hastig auf die blassen Lippen und fat sie derb an den Schultern.
Denk' doran, was de Pastur ht seggt htt'! ruft er, springt hastig
seinem jungen Kommandeur nach und lacht ein fast grimmiges Lachen.

Dat wier' woll dat ierste Mal, dat ich fehlen deer!

Gabriele hat keinen Blick fr die schluchzende Mike, sie folgt atemlos
nach dem Boot, sie pret die bebenden Hnde gegen das Herz, sie starrt
mit weitoffenen Augen auf Guntram Krafft.

Sie sieht nicht, wie Frau Gundula und der Prediger die Dne hinabeilen,
wie die Grfin die gefalteten Hnde zum Himmel hebt, wie ihr farbloses
Antlitz die Qualen spiegelt, welche ihr Mutterherz in diesem Augenblick
durchbeben, -- sie sieht nur, wie der Br von Hohen-Esp in das Boot
springt, wie er ein paar kurze, begeisternde Worte an seine Getreuen
richtet, sie zu vollster, heiligster Pflichterfllung ermahnt, und sie
der starken Hilfe dessen versichert, der Himmel und Erde gemacht hat! --
Und dann entblen sie alle das Haupt --

    Chryste Kyrie
    Sei mit uns auf der See! --

Amen! -- Amen! klingt die Stimme des Predigers durch den Sturm, -- und
dann ein frisches, kraftvolles -- Hohojohe! -- Rennen los!! -- --

Noch einmal wendet Guntram Krafft das Haupt.

Sein Blick sucht Gabriele.

Er hebt die Hand -- er winkt ihr zu ... und dann steigt das Boot hoch
auf, -- weie Gischtwogen scheinen es zu verschlingen ... es sinkt tief
... tief ... hebt sich ... wie furchtbare Wasserberge rollt es schwarz
und grauenvoll gegen das winzige Fahrzeug heran ... ghnende Finsternis
... und der Sturm heult, und die Brandung kocht wild auf ...

Lat uns beten, meine Freunde! ruft der Pastor, er entblt sein Haupt
... die weien Haare wehen um seine Stirn, -- um ihn her sinken die
Weiber und Kinder auf die Knie, banges Seufzen und Schluchzen klingt
durch seine Worte, welche im Sturm verhallen. Auch Gabriele will
niedersinken und die bebenden Hnde zum Himmel heben -- sie kann es
nicht. --

Sie mu stehen ... hochaufgerichtet ... sie mu hinausstarren auf das
Meer, als knne sie dem kleinen Boot mit den Blicken folgen. Der Mond
tritt hell aus den Wolken -- mit Jubel und Dank gegen Gott begrt. --

Ja ... man sieht das Boot ... man sieht das gestrandete Schiff ...

Gabriele atmet fast keuchend.

Ihre ganze Gestalt bebt und schttert wie unter heien Fieberschauern.

Was weint und schluchzt ihr Weiber und Kinder?

Gabriele mchte laut aufjauchzend die Arme ausbreiten, mchte wie
berauscht von leidenschaftlicher Glckseligkeit in den Sturm
hinausjubeln -- mchte vergehen in der namenlosen Wonne und
Begeisterung, welche ihre ganze Seele erfllt und in blendende Helle
taucht. Ist es ein Wahn? ein Traum?... eine Vision, welche sie schaut?

Ist jener heldenhafte, tollkhne Mann in jenem gebrechlichen Fahrzeug
wirklich der Br von Hohen-Esp, derselbe, welcher einst so linkisch und
mdchenhaft errtend auf hfischem Parkett gestanden? --

Ist dieser unerschrockene, verwegene Held wirklich Guntram Krafft?

O, wie grbt sich sein herrliches Bild in dieser Stunde, wie mit
feurigen Linien gezeichnet, so unauslschlich in Gabrieles Herz!

Wie in bangem, wonnig wehem Ahnen all dieser blendenden Erkenntnis hat
es schon all die Tage vorher in ihrer Brust gezittert, aber sie hat sich
gewehrt gegen diesen Gedanken, wie gegen eine Unmglichkeit!

Noch vorhin, als er sie im Arm gehalten, als er sie in nimmer endendem
Tanz hei und heier an die Brust gedrckt, da ging es wie ein
Morgendmmern der Liebe durch ihre Seele, da war es ihr, als msse sie
das Antlitz auf seine starken, kraftvollen Hnde drcken und sagen: ich
wei, was sie Gutes tun und Edles schaffen -- und ich bitte dir all das
schwere Unrecht ab, du wackerer Mann, welches ich dir ehemals so
verblendet zugefgt!

Und in jener Stunde hatte sie nur seine Gre geahnt und noch nicht mit
Augen geschaut, wie jetzt!

Flammende Begeisterung durchglht sie! Der Traum von edlem Heldentum,
von sieghaftem Mannesmut ist zur Wahrheit geworden! Welch eine Fahrt auf
Tod und Leben!

Welch ein trotzigkhner Kampf gegen die furchtbarsten Gegner, gegen
Sturm und donnernde Meeresflut, gewaltig wie die anstrmenden Heere des
Feindes, verderblich wie die brllenden Geschtze auf dem Schlachtfeld,
welche Tod und Verderben speien! -- Auch hier grinst der Tod aus jeder
Woge, auch hier lauert Untergang und Vernichtung in der Tiefe, hier tost
der Feind auch in den Lften und setzt seine urgewaltige Titanenkraft
gegen ein paar armselige Menschenfuste ein! --

Wie ein eisiges Grauen will es Gabrieles Herz beschleichen, wenn sie
hinaus in die Nacht, auf die finsteren, tosenden Wasser blickt!

Drben liegt das Schiff!

Mattes Mondlicht huscht gespenstisch darber hin. --

Man sieht, wie schwere Seen ber sein Deck schlagen, wie es immer tiefer
auf die Seite sinkt, wie das Lotsenboot sich gegen die furchtbare
Strmung nher und nher herankmpft.

Wird es gegen die Schiffswand geschleudert werden und zerschellen?

Wird es durch das Zurckprallen der See vollschlagen und kentern?

Gabriele hrt wie im Traum die Worte der Umstehenden.

Man jo nich' von de Luvsit' angehn! jammerte eine Alte. Dat Schipp
sitt' jo fest un' die See brandet wer weg!

werst Mutting! de Graf is jo doarbi, der weet jo Bischeid!

Wenn nur nicht zu viel Spieren und Stcke von der Takelung treiben!
nickt die Mamsell und trocknet die Augen; ich denke, der Graf nimmt
die Schiffbrchigen wieder vom Bug oder Heck aus ins Boot!

Wenn sie nur erst rankommen!

Der Mond versteckt sich wieder, -- eine bange, lange Stille, -- leis
gemurmelte Gebete, Seufzen und Schluchzen.

Grfin Gundula ist nach dem Schuppen zurckgegangen.

Sie hat dort einen Spiritusapparat entzndet, um starken, heien Tee fr
die Heimkehrenden bereitzuhalten.

Auch richtet sie alles vor, im Fall sie einem Verunglckten die erste
Hilfe angedeihen lassen mu.

Wie oft hat sie schon diese Frottiertcher, die Brsten und belebenden
Essenzen zurechtgestellt, jedesmal mit demselben angstbebenden Herzen,
aber auch jedesmal mit demselben Gottvertrauen und der festen Zuversicht
wie heute.

Ruhig und umsichtig waltet sie ihres Amtes. Ihr Sohn, ihr Liebling, ihr
einziges Glck auf der Welt, wird auch heute von Gottes Vaterhand
heimgeleitet werden, wie in all jenen anderen schweren Stunden, wo sie
ihn dahingeben mute als einen Schirmherrn der Not, als einen treuen,
opfermutigen Mann, welcher fr fremdes Leben sein eigenes wagt!

Warum sollte Gott seine wunderbaren Wege selber durchkreuzen, nachdem er
sie so herrlich und unfalich bis hierher gefhrt? O, Grfin Gundula hat
in den letzten Tagen in dem Herzen ihres Sohnes gelesen, und sie hat
Gabrieles erglhende Wangen geschaut, sie wei, welch ein Kampf in
diesen beiden jungen Menschenherzen tobt, und wei, wie herrlich der
Sieg sein wird, welcher schon jetzt seine leuchtenden Strahlen
vorauswirft.

Wie ein Wunder deucht es ihr, da sie Gabriele, just diese, zu sich in
die stille Strandburg rief, wie ein Wunder, da das so reiche, gefeierte
Mdchen eine arme Waise ward, deren ehemals so blinde Augen sehend
werden sollten!

Wie ein Wunder mu sie es ansehen, da die Einzige, fr welche Guntram
Kraffts Herz in heier Liebe erglhte, ihm hierher folgen mute, nachdem
er den Kampf um ihren Besitz als hoffnungslos aufgegeben.

Warum das? --

Grfin Gundula wei es nicht und fragt auch nicht danach.

Sie wartet, und sie ist gewi, da das, was Gott der Herr so wundersam
begonnen, auch von ihm zu gutem Ende gefhrt wird!

Ein lautes, jubelndes Schreien, Jauchzen und Rufen ertnt wie ein
verworrenes Echo von dem Strand empor.

Das Rettungsboot kehrt zurck!

Die Brin von Hohen-Esp hebt inbrnstig die gefalteten Hnde zum Himmel,
ihre Lippen zittern und flstern leise, ihre Augen glnzen feucht.

Und ruhig, ernst und hochaufgerichtet wie stets schreitet sie abermals
ber den losen, wehenden Sand hinab, den Sohn zu erwarten.

Ihr schwarzes Gewand, das Trauertuch um ihre Schultern flattern im
Sturm, wie verklrt leuchtet das bleiche Angesicht in dem Flackerschein
der hochgeschwungenen Fackeln. Sie sieht, wie das Rettungsboot sich
durch die letzte Brandung kmpft, sie hrt die aufgeregten Menschen
lachen und jauchzen -- sie bringen die Schiffbrchigen! -- sie sind
gerettet! -- dann sucht ihr Blick Gabriele.

Sie steht regungslos noch auf demselben Fleck wie vorhin, die Hnde wie
in Verzckung nach dem Boot ausgestreckt, das schne Antlitz in Gluten
der Begeisterung getaucht.

Ach, da Guntram Krafft sie so erblicken mchte! Alles drngt den
Nahenden entgegen, die Mnner springen in das schumende Wasser, das
Fahrzeug mit hilfsbereiten Hnden zu fassen, um es auf den Strand zu
ziehen, aber die Stimme des Grafen klingt krftig durch Wind und
Wogengebraus -- Halt! -- lat ab! Wir mssen noch einmal zurck! --
Landet die Mannschaft ... es sind Norweger! -- Versorgt sie!

Noch einmal zurck?

Der Jubel verstummt -- jhes Entsetzen malt sich auf allen Gesichtern.

Gott erbarm sich! noch einmal zurck! Noch sind nicht alle Gestrandeten
geborgen!

Die fremden Seeleute springen ber, bleich und ermattet, aber alle
gesund und lebend; nur einen Schiffsjungen, welcher bewutlos scheint,
hebt Guntram Krafft mit starken Armen und trgt ihn selber an Land. --

Es ist nichts, Mutter! ruft er leuchtenden Auges, als er ber die
Reeling kam, ist er hart aufgeschlagen, -- das betubte ihn! den Kopf
khlen ... und einen Kognak! -- Sonst =allright=!

Gundula schlingt die Arme um den Sohn und drckt ihn sekundenlang an das
Herz.

Noch einmal zurck willst du? seufzt sie tief auf --; _mu_ es sein,
mein Sohn?

Er kt hastig ihre Hnde.

Ja, es _mu_ sein, Mutter! Drei Mnner warten noch auf unsere Hilfe,
unter ihnen der Kapitn. Das Schiff hat bereits an sieben Fu Wasser im
Raum! Das Ruder ist weggestoen, und der Fockmast schwankt derart, da
er jeden Augenblick ber Bord gehen kann! Das einzige Boot, welches noch
vorhanden war, ist vllig leck geschlagen! Da ist keine Minute Zeit zu
verlieren, -- gebe Gott, da wir nicht schon zu spt kommen! Nur einen
Schluck zur Strkung fr meine Leute, und dann wird uns der barmherzige
Gott auch zum zweiten Male helfen! --

Der Pastor hat die Hnde des Sprechers ergriffen und drckt sie mit
warmen Segensworten, die Frauen reichen den Schiffbrchigen und Lotsen
die Becher mit dem Gemisch von starkem Tee und Rum. Sie umarmen ihre
Mnner, stumm und ergeben wie zuvor, sie weinen und klagen nicht, sie
erschweren ihnen ihre saure Pflicht nicht noch mehr, -- auch sie sind
stark und heldenhaft, -- wie sich's gebhrt.

Nur Mike klammert sich ein wenig fester an ihren Neuvermhlten und
blickt ihm wieder und wieder in die Augen, bis Jschen die Zhne
zusammenbeit, sich losreit und nach dem Boote zurckwatet.

Auch Guntram Krafft wendet sich hastig. Noch einmal drckt er seiner
Mutter die Hnde -- dann trifft sein Blick Gabriele. Sie hat bisher
stumm zur Seite gestanden, jetzt pltzlich ist es, als ob ein Beben und
Schttern durch ihre schlanke Gestalt gehe, sie will nicht -- sie _mu_
ihm entgegenwanken, ihm die Hnde reichen -- zu ihm aufblicken ...

Herr des Himmels, welch ein Blick! welch ein Ausdruck in dem
wunderholden Antlitz! Er zuckt zusammen, -- er starrt sie an ...

So sah sie selbst damals Herrn von Heidler nicht an, als sie den khnen
Reiter um seiner Heldentaten willen bewunderte!

Gabriele! -- murmelte er. -- --

Ihre Lippen zittern, -- sie drckt seine Hnde fester, krampfhafter
zwischen den ihren.

Sie sind jetzt erschpft, Graf -- Sie _knnen_, Sie drfen das
Furchtbare nicht zum zweitenmal wagen!

Wie ein Angstschrei klingt es zu ihm empor. Heie Rte steigt in sein
Antlitz, dieselbe, welche ehemals im Ballsaal seine Stirn frbte und
ihr so weibisch und verchtlich deuchte, -- jetzt sieht sein edles,
khnes Angesicht noch schner darunter aus wie zuvor.

Ich wei nicht, was ich kann und tun darf, ich wei nur, was ich
_mu_! klingt es wie ein Aufjauchzen von seinen Lippen, -- sein
strahlender Blick trifft noch einmal den ihren, dann gibt er ihre
bebenden Hnde jhlings frei und springt in das Boot zurck.

    Chryste Kyrie --
    Sei bei uns auf der See!

Und abermals bumt sich das Boot hoch auf und schiet hinaus in die
grauenvolle, schumende Wildnis der Wasser ... in die ghnende
Finsternis hinein. --

Die Grfin legt die Arme um Gabriele und neigt sekundenlang das Antlitz
auf die Schulter des jungen Mdchens.

Beten Sie fr ihn, Gabriele! Beten Sie! Diese zweite Fahrt ist
schlimmer, viel schlimmer, wie diese erste!

Und dann richtet sich die Schirmvogtin von Hohen-Esp energisch auf und
folgt festen Schritts den Mnnern, welche den bewutlosen Schiffsjungen
nach dem Rettungsschuppen tragen.

Nun gilt es auch fr sie, treu und umsichtig ihres Amtes zu walten.

Sie mu dem Kranken die erste Pflege angedeihen lassen, fr seine
berfhrung nach Hohen-Esp sorgen und das Unterkommen der gestrandeten
Mannschaft bedenken.

Noch einmal zgert sie und blickt zurck, sie will Gabriele zu Hilfe an
ihre Seite rufen, da sieht sie im dmmernden Mondlicht, wie die
schlanke, weie Mdchengestalt auf die Knie herniederbricht, wie sie die
Hnde in heiem, inbrnstigem Gebet verschlingt.

Ein seliges Lcheln geht ber ihr ernstes Antlitz. Nein, sie darf nicht
rufen.

Dieser lichte Engel mu am Strande treue Wacht halten!

       *       *       *       *       *

Es ist stiller wie zuvor um Gabriele, -- die Mnner bergen die
Rettungsgeschosse, welche berflssig geworden sind, die Weiber und
Kinder ben Samariterdienste an den Schiffbrchigen.

Boten mssen nach der Burg gesandt werden, das Ingesinde hat Frau
Gundula heimgeschickt, alles fr die Ankunft des Kranken und der
Mannschaft, welche in der blauen Woge kein Unterkommen mehr findet,
vorzubereiten. Nun beginnt das Hasten und Treiben nach Dorf und Burg
zu, und nur wenige sturmzerzauste Gestalten stehen wie dunkle Schatten
am Strand bereit, die Heimkehr des Bootes rechtzeitig zu knden.

Still und einsam ist es um Gabriele.

Die hohe, leidenschaftliche Aufregung, welche sich ihrer zuvor
bemchtigt, ist gewichen. Alles, was sie bisher empfunden, war eine
glhende Begeisterung gewesen, das namenlose Entzcken, endlich das Bild
ihrer Trume verkrpert zu sehen, den todesmutigen Helden zu schauen,
welcher seit Jahren zum Inbegriff all ihres schwrmerischen Sehnens
geworden war! --

Mit strmendem Herzen hatte sie gestanden und das herrliche Bild Guntram
Kraffts mit den Blicken umfat, als knne sie sich nicht satt schauen an
einem solchen Schauspiel. Da hatte ihre Seele gejauchzt und den hchsten
Flug genommen, da jagten ihre Pulse wie im Fieber, und nur _ein_ Gefhl
hatte sie beherrscht, die unaussprechliche Bewunderung eines Heldenmuts,
dessen Gre sie kaum zu erfassen und begreifen vermochte!

Er war zurckgekehrt von seiner verwegenen Fahrt, und ihr war es zu
Sinnen gewesen, als msse sie vor ihm niederknien, seine Hnde an die
Lippen drcken und stammeln: Vergib, du Gewaltiger, Herrlicher! vergib
einer Blinden, da sie dich ehemals so bitter und so ungerecht gekrnkt!
-- Jetzt erst sind meine Augen geffnet, und ich habe gesehen, _wer_ du
bist! --

Jetzt erst? --

Ja, es ist so warm und licht in ihrem Herzen geworden, als ob nach
langer, dunkler Winternacht der goldene Lenz erwachen solle!

Und als er ihr soeben in die Augen schaute, der khne, sieghafte Held,
als er sich stolz von ihr losri und nichts Hheres und Heiligeres
kannte, als seine Pflicht, -- da fluteten die ersten, heien
Sonnenstrahlen durch ihr Herz, -- da jauchzte es nicht mehr -- fahr'
hinaus, und sei ein Held, auf da ich dich bewundern kann! -- nein, da
schrie es auf in zitternder Angst --: bleibe hier, damit ich dich
_liebe_! --

Verweht und vergangen ist all die stolze Begeisterung, mit welcher sie
ihn das erstemal das Wagnis vollbringen sah, -- da konnte sie nicht
beten fr ihn, sondern nur schauen, schauen wie eine Berauschte, mit
blitzenden Augen und wogender Brust!

Jetzt pltzlich rieselt es eiskalt durch ihre Adern, zitternde
Todesangst kriecht ihr an das Herz, und die bleichen Lippen mchten
aufschreien in bitterer Not um den Geliebten.

Wie ein Gespenst taucht pltzlich das Bildnis Wulffhardts vor ihr auf
... das entsetzliche Wort ertrunken! starrt sie mit grellen Buchstaben
aus der schwarzwogenden See an -- ertrunken! -- ertrunken ...! --

Sie hebt in qualvollem Entsetzen die Hnde, sie bricht nieder auf die
Knie ... der Sturm weht ber sie dahin und reit das Spitzentuch von
ihrem lockigen Haar.

Scharf und schneidend peitscht er den feinen Sand gegen ihr Antlitz und
trinkt gierig die Trnen, welche haltlos ber ihre Wangen tauen.

Wie aus dem geffneten Rachen eines Ungeheuers brllte die See, -- die
ehemals bespttelte, so verchtlich belchelte See, und Gabriele fhlt,
wie das Grauen sie schttelt angesichts dieser zrnenden, furchtbar
Gewaltigen! --

Ertrunken! --

Herr des Himmels, erbarme dich! --

Die Worte des Predigers klingen ihr pltzlich im Herzen, hell und
zuversichtlich, wie ein jauchzendes Hosianna, welches alle Totenglocken
bertnt! -- Das Gebet seines treuen Weibes ist des Seemanns sicherster
Anker, ist der Mast, welcher nicht brechen kann, ist das Segel, welches
in Sturm und Wetter nicht verloren geht! Das Gebet der glubigen Liebe
ist die Engelsschwinge, welche sein Schifflein durch Sturm und hohe Flut
sicher in den Heimatshafen zurckfhrt.

Das Gebet der glubigen Liebe! --

Gabriele ist nicht das Weib des Schirmvogts von Hohen-Esp, sie hat nicht
das Recht wie Mike, die junge, brutliche Frau, den Geliebten mit
Engelsschwingen sorgender Frbitte zu umgeben, -- aber Liebe! glubige
Liebe! Ja, die flammt ihr hei und todgetreu im Herzen, eine Liebe,
welche die Angst und Qual dieser finsteren Nachtstunde geboren! --

Wo bleibt er? --

Die Minuten schleichen dahin, -- wie lang, wie entsetzlich lang whrt
diesmal die Fahrt!

Dort drben liegt das Wrack ... schwarze, undurchdringliche Nacht umgibt
es! --

Werden es die khnen Retter sehen und finden? Wird die tosende Flut ihr
Boot gegen die Schiffswand schleudern, da es zerschellt ... da alles
junge Leben -- alle se, junge Liebe ein kaltes und tiefes Grab auf dem
Meeresgrunde finde?

Herrgott, erbarme dich! --

Immer inbrnstiger, immer leidenschaftlicher ringt Gabriele die Hnde im
Gebet -- und durch den Sturm klingt es wie goldene Harfen, und fernher
vom Strand gellt ein Jubelschrei: Sie kommen! -- sie kommen! --

Ein Lcheln irrt um Gabrieles Lippen, ihre Augen haften an dem Himmel,
sie regt sich nicht.

       *       *       *       *       *




XXVII.


Voll jubelnder Hast strmte es abermals die Dne von dem
Rettungsschuppen herab.

Neue Fackeln glhten auf, und der Sturm griff in die knisternden Flammen
hinein und jagte die funkensprhenden Stckchen des Teerbrandes ber den
Sand davon.

Allen voran drngte Mike nach dem Strand. Sie strebte dem nahenden Boot
so ungestm entgegen, da die Spritzer der Brandung helle Tropfen in
ihren Brautkranz warfen und die Frauen und Mdchen sie lachend und so
lebhaft, wie whrend der ganzen Hochzeitsfeier nicht, zurckrissen und
den guten Feststaat vor weiterem Verderben retteten.

Das Einlaufen des Bootes an Land erwies sich diesmal noch schwieriger
als zuvor, da die Brandung von Minute zu Minute furchtbarer ward und das
nicht allzu schwere Fahrzeug jeden Augenblick beizudrehen drohte.

Jede Welle, welche es berholte, warf den Heck empor und drckte den Bug
nieder, und der erst so ungestme Jubel der Harrenden verwandelte sich
wieder in angstvolle Stille, als man den schweren Kampf beobachtete, in
welchem die khnen Retter rangen.

Das Sturmgewlk war beinahe vllig hinweggefegt, der Mond stand an dem
bleifarbenen Himmel und beleuchtete hell den letzten Akt des aufregenden
Schauspiels, welches sich in stiller Nacht an dem einsamen, weltfernen
Strande abspielte.

Die Brandung rollte unter dem Kiel des Bootes fort, die Kmme der See
hllten es in wahre Schaumwolken, und das ganze Fahrzeug mit den khn
verwegenen Gestalten der so beraus angestrengt arbeitenden Mnner
erschien wie ein Schattenbild, welches sich in wildem Tanze nhert.

Und es kam nher und nher, und endlich konnten die zurckgebliebenen
Fischer ihm mit rauhkehligem Hojohe! entgegenspringen, es kraftvoll zu
packen und an Land zu schieben.

Im letzten Augenblick erst hatte sich Guntram Krafft von seinem Sitz
erhoben, sein edles, leidenschaftlich erregtes Antlitz spiegelte noch
die Anstrengungen, mit welchen man in dieser schweren Stunde gerungen,
aber seine Lippen lachten, da die festen, weien Zhne durch den
Schnurrbart blinkten, und die groen Blauaugen blitzten so siegesfreudig
und glckselig, wie bei einem Menschen, fr welchen die gute Tat schon
allein ihren vollen Lohn in sich trgt! --

Wie schn war er! wie unbeschreiblich schn! -- Gabriele ist Schritt fr
Schritt herzugewankt, mit glckzitterndem Herzen und brennendem Blick
schaut sie ihm entgegen, und dann schlgt dieses Herz pltzlich so wild
auf, da sie vor seinem Ungestm selber erschrickt und angstvoll
zurckweicht, weiter und weiter ... dahin, wo die roten Lichter der
Fackeln sie nicht mehr erreichen, wo keines Menschen Blick ersphen
kann, welche Gefhle sich in ihrem Auge verraten! --

Voll toller, ausgelassener Freude springt Jschen als erster ber den
Bootsrand, watet die letzten Schritte durch das weit ausrollende Wasser
und umfngt sein junges Weib, um all das Glck dieses Wiedersehens in
schallenden Kssen auszudrcken.

Nu hev' ik mir min leif lttj Fru erst ganz un gor verdeint! lacht er
mit weithin tnender Stimme: Mike min Kking, bist ok tofreeden mit
mi? --

Da gibt's einen hallenden Jubel ringsum, und der sturmzerzauste
Brautkranz fliegt vollends auf die blonden Zpfe zurck, und Mike sieht
wieder so glhend rot aus wie zuvor, als noch kein bs Wetter ihr das
Glck streitig machte!

Der Br von Hohen-Esp eilt in die ausgebreiteten Arme seiner Mutter und
kt ihr strahlend stolzes Gesicht voll inniger Zrtlichkeit, dann
wendet er sich und fhrt den barhuptigen, bis auf die Haut durchnten
Kapitn des Bror Thyrssen, welcher mit Pitchpine Holz nach Pillau
unterwegs ist, der Grfin zu und empfiehlt ihn deren Gastfreundschaft
und Sorge.

Kapitn Bjrnson spricht deutsch, er dankt der Grfin mit warmen, aus
dem Herzen quellenden Worten fr die edle, opfermutige Tat ihres Sohnes,
welcher just zur rechten Zeit gekommen, sie alle aus sehr bler Lage zu
befreien. Der Bror Thyrssen hlt zwar noch zusammen, aber er liegt
schwer auf der Seite, und die See schlgt hoch ber Deck und wscht
alles herunter, -- -- da handelt es sich wohl kaum noch um eine Stunde,
da sich eine Menschenseele an Bord halten kann. --

Dann fragt er nach dem Schiffsjungen und seinem Ergehen, und Gundula
kann gute Nachricht geben, sie schreitet dem Kapitn nach dem
Rettungsschuppen voran, bleibt aber noch einmal stehen und wendet sich
zu dem Grafen. Sie hat gesehen, wie sein Blick umherirrt und unruhig
unter den Anwesenden forscht -- sie wei, wen er sucht.

Lchelnd deutet sie seitlich nach dem Strand, wo ein weies Kleid aus
dem Dunkel schimmert.

Willst du so gut sein, Guntram Krafft, und Gabriele nach dem Wagen
fhren? Der Kutscher hlt am Tannenweg! Das arme Kind scheint von all
der ungewohnten Aufregung todesmatt! Sage ihr, da ich sie bitten lasse,
mit dem Herrn Kapitn und Steuermann einstweilen nach der Burg zu fahren
und den Wagen sogleich zurckzuschicken, wir folgen augenblicklich mit
dem Kranken, sowie er sich noch ein wenig mehr erholt hat! -- Mamsell
wei Bescheid und hat alles vorbereitet. Begleitest du uns, oder bringst
du, gewohnterweise, erst das Boot und alles andere unter Dach und Fach?

Frerst bin ich hier noch nicht abkmmlich, Mama! antwortete er sehr
schnell und lacht abermals ber das ganze Gesicht; ich hab' Jschen
heimgejagt und mu seine Faust noch beim Bergen der Sachen ersetzen.
Aber Frulein von Sprendlingen werde ich deine Bestellung ausrichten!
und schon stampfte er auf den schweren Wasserstiefeln davon, und das
zerzauste Blondhaar hngt ihm wirr und feucht in die Stirn.

Da sieht er ihre schlanke, lichte Gestalt im Mondesglanz vor sich, und
sein Herz, welches soeben noch ruhig und furchtlos dem Tode getrotzt,
bebt pltzlich in seiner Brust.

Langsam tritt er nher.

Er denkt an den Blick, mit welchem sie ihm vorhin in die Augen geschaut,
an den Ausdruck ihres sen Gesichts, welches whrend seiner Todesfahrt
durch Sturm und brandende Flut wie eine glckselige Vision ihn
begleitete. Der weie Spitzenschleier weht lang von dem Haupt herab, --
der Sturm fat ihn und wirbelt ihn dem Nahenden wie ungestmen Gru
entgegen.

Da steht er vor ihr, und sie hat die gefalteten Hnde gegen die Brust
gedrckt und sieht mit unaussprechlichem Blick zu ihm auf.

Was soll er bestellen?

Er wei es nicht, -- alles Blut braust ihm schwindelnd zum Herzen, er
wei selber nicht, was er tut, er reicht ihr nur im berma seines
Empfindens die Hand entgegen und sagt leise, wie in banger, sehnender
Bitte um ein freundliches Wort -- Gabriele! --

Da geschieht etwas Unfaliches, Unbegreifliches. Sie nimmt seine Hand
mit jher Bewegung zwischen die ihren, neigt ihr Antlitz und drckt sie
an die weichen, zitternden Lippen. Wieder und wieder ... und an ihren
Wimpern glnzt es feucht und perlt herab ber seine Rechte.

Gabriele! schreit er entsetzt auf. -- Um alles in der Welt, was tun
Sie?

Sie hebt das erst so demtig geneigte Kpfchen und reckt ihre schlanke
Gestalt hoch und stolz empor und schaut ihn an mit den sen Nixenaugen,
aus welchen jubelnde Begeisterung und Bewunderung leuchten.

Ich gre einen Helden! stt sie mit halb erstickter Stimme hervor,
und danke ihm fr all jene Menschenleben dort, welche diese khne,
gewaltige Hand gerettet!

Er hat seine Rechte gewaltsam befreit und pret sie gegen die Stirn, als
knne er den Sinn ihrer Worte gar nicht fassen.

Einen Helden! wiederholt er leise; -- und das sagen _Sie_ mir,
Gabriele -- _Sie_?! --

Wem anders wie Ihnen, Graf! -- Sie haben mich gelehrt, was es
bedeuten will, ein Schirmvogt der Not zu sein, Sie haben es mir
bewiesen, da auch hier in tiefster, weltferner Einsamkeit ein
khner, unerschrockener Mann leuchtende Taten zu Ruhm und Ehre seines
Vaterlandes tut! Sie haben es jenen Norwegern gezeigt, wie ein
deutscher Mann im Sinne seines Kaisers handelt, -- und ... Sie haben
mich erkennen lassen, wieviel ... ach, wieviel ich Ihnen abzubitten
habe! --

Sie hatte hastig, aufgeregt, voll fieberischer Leidenschaft gesprochen;
bei den letzten Worten sank ihre Stimme zu leisem Flstern herab, und
ehe sich Guntram Krafft aus seiner Betubung aufraffen konnte, hatte
sich die Sprecherin bereits dem eilig herzulaufenden Anton zugewandt.

Gndiges Frulein ... der fremde Herr Kapitn sitzt bereits in dem
Wagen! meldete er atemlos. Darf ich bitten, sogleich einzusteigen,
die Frau Grfin erwartet die Pferde umgehend zurck.

Ich komme! nickte Gabriele hastig, der Br von Hohen-Esp aber schrak
empor wie aus einem Traum.

Krischan Klaaden lt den Herrn Grafen bitten, bei dem Boot mit Hand
anzulegen! Sie qulen sich ab und wollen es auf den Wagen kriegen, aber
ohne den Herrn Grafen wird's nichts damit! Und Krischan Klaaden meint,
geborgen msse es auf alle Flle werden, denn die Flut steigt immer
noch, und man knne nicht wissen, wie hoch sie in der Nacht noch kme!

Gut, gut, ich komme!

Einen Augenblick noch rang er mit sich, ob er Gabriele nicht folgen und
in den Wagen bringen solle, aber schon entschwand ihre lichte Gestalt
wie ein Schemen, sie floh dahin ber das knisternde Riedgras und mute
den Wagen bald erreicht haben. Wie war es auch mglich, mit diesem Sturm
im Herzen ihr vor fremden Menschen gleichgltige Dinge zu sagen.

Guntram Krafft pret die wetterharten Fuste gegen die Schlfen, und
seine Brust hebt und senkt sich unter keuchenden Atemzgen.

Wie ein Chaos von Licht und Schatten wallt es durch das finstere Gewlk
der langen Leidensnacht in seinem Herzen, funkelnde Strahlengarben
brechen hervor, und eine grelle, blendende, zauberhafte Sonne des Glcks
steigt sieghaft ber seinem Leben auf!

Gabriele hatte das Antlitz weinend auf seine Hand geneigt, -- sie selber
hatte ihn einen tapferen, heldenhaften Mann genannt, -- ihn, der doch
nichts anderes getan, als wie seine Pflicht!

Das war ein Wunder, ein Gnadenwunder Gottes des Herrn, welches ihm so
jh und wonnesam das Herz der Geliebten zugewandt! --

Wie ein Jubelschrei will es ber Guntram Kraffts Lippen brechen, aber er
schweigt, er blickt nur mit glnzenden Augen zum Himmel empor.

Und dann pret er die Hand gegen die Brust, auf welcher noch immer der
Zettel Gabrieles ruht, und atmet tief, tief auf.

Seine Zeit ist um.

Ein wster, grausamer Schicksalssturm hat ihn ehemals auf seinen
Lebensweg geweht, da er sich zur himmelhohen Scheidewand zwischen ihn
und all sein Glck baue, -- und nun kam ein anderer, frischer,
kstlicher Seesturm dahergebraust, der blies die trennende Schranke
hinweg, der rumte alles aus dem Weg, was als Dorn und Nessel die roten
Rosen seiner Liebe berwuchern wollte! --

Gabriele von Sprendlingen will Herz und Hand nur einem Helden zu eigen
geben, und sie selber hat den Bren von Hohen-Esp einen Helden genannt!
--

Drunten am Strand winken die Mnner, ungeduldig harrend, mit den
Fackeln, und Guntram Krafft schwenkt ihnen mit jauchzendem Hojohe! den
Sdwester zu und eilt heran, ihnen zu helfen, als flute neues Leben und
neue Riesenkraft durch seine Adern! --

       *       *       *       *       *

Als Gabriele Hohen-Esp erreicht hatte, bemhte sie sich, der Grfin in
jeder Weise hilfreich zur Seite zu stehen; Gundula aber tat nur einen
schnellen Blick in ihr erregtes Antlitz, auf welchem Glut und Blsse
wechselten, auf die kleinen, eiskalten Hnde, welche es kaum vermochten,
mit festem Griff zuzufassen, und sie schlo das junge Mdchen mit gar
wundersamem Lcheln in die Arme und neigte die Lippen kssend auf den
lockigen Scheitel.

Gehen Sie zur Ruhe, mein Herzenskind, -- ich wnsche es! -- Sie sind
von all der Aufregung nervs und ermattet und mssen schlafen, damit Sie
morgen wieder bei frischen Krften sind! Ich kenne diese Sturmnchte und
lernte es in all den langen Jahren, ruhig Blut zu wahren! -- Was wollen
Sie noch hier? Der Kranke ist gebettet und schlft bereits den
kstlichen festen Schlaf der Jugend, -- den gebrochenen Arm habe ich ihm
schon in dem Schuppen drunten in einen Notverband gelegt, -- auch darin
habe ich bung! und der Schlag gegen den Kopf scheint durchaus nicht
bedenklich, denn der Junge sprach nach seiner kurzen Betubung vllig
klar mit seinen Kameraden. Der Arzt wird morgen kommen, und, so Gott
will, nicht viel Arbeit bei ihm finden. Der Kapitn und Steuermann haben
ihre nassen Kleider gewechselt und sich mit Guntram Kraffts lngst
verwachsener Garderobe sehr spahaft kostmiert, sie sitzen bei einem
steifen Grog in der Halle und wollen auf meinen Sohn warten, um noch so
mancherlei mit ihm zu besprechen, ehe sie sich zur Ruhe legen, -- ich
glaube nicht, da ihnen Damengesellschaft in ihrem momentanen Zustand
sehr angenehm ist! Sonst aber gibt es keine Arbeit mehr, und auch ich
gehe allsogleich zur Ruhe, sowie ich Guntram Krafft noch einmal die Hand
gedrckt habe. Das ist so Brauch bei uns. --

Gabriele atmete sehr schnell und machte eine jhe Bewegung mit dem
Kpfchen, ihre Augen blickten so leuchtend und verklrt an der Grfin
vorber, als shen sie voll schwrmerischen Entzckens in nchtiger
Ferne ein liebes, liebes Bild.

Sie zog die Hand der Sprecherin stumm an die Lippen, wieder und wieder
... wollte sprechen und schwieg dennoch.

Der Sturm scheint abzuflauen ... morgen wird es gewi ein ganz
besonders sonniger, wonniger Maientag werden! fuhr Gundula weich und
leise fort, und sie strich mit der Hand ber das rosa Brautband, welches
noch immer, in der Hast und Eile vergessen, an Gabrieles Arm glnzte, --
sie lchelte: Heben Sie diese Schleife auf, -- sie bringt Glck! -- Und
ehe Sie die Augen schlieen, danken auch Sie Gott dem Herrn, da er in
dieser Nacht mit uns war! --

Gabriele war hei errtet, sie nickte erregt, ihre Lippen zitterten.
Noch einmal neigte sie sich tief, tief ber die Hand der Grfin, und
dann trat sie hastig ber die Schwelle, ihr einsam stilles Zimmerchen zu
erreichen. Sie prete die Hnde gegen die Schlfen und stand zgernd auf
der Treppe still.

War es recht, da sie ging? Gab es doch vielleicht noch Pflichten fr
sie zu erfllen?

Sie konnte ihnen heute nicht gerecht werden, heute nicht!

Welch ein Aufruhr tobt in ihrem Innern! Sie wandelt, handelt und spricht
wie im Traum, ihre Gedanken sind weit entfernt von dem, was sie tut. --

Ihr ganzes Sinnen und Denken weilt bei ihm! Sie sieht nur noch ein
Einziges, -- Guntram Kraffts khnes, heldenhaftes Angesicht, -- sie
fragt sich tausendmal immer wieder dasselbe: Ist es denn kein Traum,
kein Fieberwahn gewesen? Hat er wahrlich das Unfaliche, Herrliche
vollbracht?

Wo weilt er noch?

Fhlt, empfindet er es nicht, da ihr Herz seinen Namen jubelt in
heiem, leidenschaftlichem Sehnen und Entzcken?

Wo bleibt er?

Horch ... eine Regenboe braust nieder, die Tropfen werden prasselnd
gegen das Fenster gepeitscht ... nach wenig Minuten ist es wieder still,
und die Mondstrahlen huschen durch das zerfetzte Gewlk. --

Das Heulen in den Lften lt nach, die Riegel und Wetterfahnen
kreischen nicht mehr so unaufhrlich wie zuvor.

Gabriele tritt an die kleinen, bleigefaten Scheiben und neigt das
fieberheie Gesichtchen dagegen.

Wo bleibt er? --

Wird er wieder drunten auf dem Weg vorberschreiten, ohne einen einzigen
Blick empor nach ihrem Fenster zu tun? --

Wie in zitternder, qualvoller Angst pret sie die Hnde gegen das Herz.

Sie sieht es pltzlich wieder vor sich, sein ernstes, gleichgltiges, so
ganz verndertes Gesicht, mit welchem er ihr begegnete, so lange sie
hier weilt. Lebt kein Fnkchen jenes zrtlichen Interesses, welches er
in der Residenz fr sie empfand, mehr in seinem Herzen?

Gabriele schlingt wie in bebender Verzweiflung die Hnde ineinander.

Wehe ihr, -- und ihrem armen, armen, trichten Herzen!

Und doch ... jener Blick, als er von ihr schied, als er zum letzten Male
noch ihre Hnde fate, ehe er zu jener furchtbaren Fahrt in das Boot
sprang ... jener Blick war nicht mehr khl und fremd, er war so
liebesinnig -- so hei und weh ...

       *       *       *       *       *

Gabriele schlgt pltzlich die Hnde vor das Antlitz und schauert
zusammen, -- als ob er Abschied nahm fr ewige Zeit! --

O, diese Qual der letzten Stunden!

Wo bleibt er, -- wo bleibt er? --

Wie fnde Gabriele Schlaf und Ruhe, ehe sie sein teures Haupt geborgen
und unter diesem Dache wei? --

Horch ... Stimmen ... Schritte drunten ...

Mit zitternder Hand lscht sie das Licht und ffnet lautlos das Fenster
...

Mondschein glnzt auf dem Weg ... das Gezweig rauscht und sprht
silbernen Funkenregen.

Die Bediensteten des Schlosses und zwei der fremden Matrosen nahen in
lebhaftem Gesprch -- und in ihrer Mitte ... diese hohe, knigliche
Gestalt ... so schreitet nur einer! -- nur er! --

Und er zgert pltzlich und geht langsamer, er bleibt zurck und steht
still.

Sein mondbeglnztes Antlitz wendet sich ihrem Fenster zu, wie mit jher,
leidenschaftlicher Bewegung hebt er die Arme und breitet sie nach ihr
aus! --

Sieht er sie?

Nein, -- es ist dunkel und still hier droben. Mit einem leisen
Aufschluchzen des Entzckens sinkt Gabriele auf die Knie -- und das rosa
Band von Mikes Brautkranz glnzt wie holde, glckselige Verheiung an
ihrem Arm. --

       *       *       *       *       *




XXVIII.


Grfin Gundula hatte recht behalten.

Der Sturm flaute ber Nacht und gegen Morgen mehr und mehr ab und wehte
schlielich nur noch als krftig frische Brise von der See herber,
dieweil die klare leuchtende Frhlingssonne an dem Himmel stand und die
blhende Welt in goldenem Licht badete. Alle Wolken, alle Dunst- und
Nebelschleier hatte der Sturmwind hinweggefegt, und nun wlbte sich das
Firmament so tiefblau und fleckenlos wie ein einziger, funkelnder
Saphir, und das Meer dehnte sich so azurfarben und endlos und wogte
unter Tausenden von schneeigen Schaumkmmen so majesttisch, wie
Gabriele seinen Anblick selbst im Traume nicht in gleicher Schne
geschaut!

Und weil Guntram Krafft jngst einmal gesagt, da die Farbe des Himmels
und der See diejenige sei, welche er am meisten liebe, so hatte Gabriele
zum erstenmal ein lichtblaues Kleid angelegt, just das, von welchem ihre
Mutter stets gesagt, es stehe ihr am besten von allen.

Sie errtet, als sie ihr Spiegelbild erblickt, und lchelt ihm doch voll
ser, inniger Trumerei zu und atmet so tief und blickt mit so groen,
glnzenden Augen umher, als schaue sie die sonnige Gotteswelt zum
erstenmal, als sei in ihr und um sie her alles ganz und gar verndert
seit der gestrigen Nacht. --

Guntram Krafft war mit den fremden Mnnern schon zu frher Stunde nach
dem Strand hinabgegangen, um zu nherer Besichtigung des Wracks mit
ihnen hinauszufahren; wie die Grfin mit feinem Lcheln sagte: So
strahlend glcklich, wie noch nie zuvor im Leben! --

Und dann, als sie verstohlen die entzckende Erscheinung des jungen
Mdchens mit dem Blick umfat, legt sie lchelnd die Hand auf die
fleiigen Fingerchen, welche eifriger als je nach dem Staubtuch greifen
wollen, und sagt: Hanna hat die Zimmer heute sehr gut in Ordnung
gebracht, ich habe egoistischere Wnsche fr Sie, liebe Gabriele! -- Ist
es ein Wunder, wenn nach all der Angst und Sorge des gestrigen Abends
mein Herz heute desto glckseliger in den hellen Sonnenschein
hineinlacht? Wissen Sie, wonach ich Sehnsucht habe, liebste Gabriele?
Nach einem Lied! Derweil ich hier in meinem Schreibtisch Ordnung zu
schaffen habe, singen Sie mir etwas vor! Und dann gehen Sie in den
Garten und holen ganz besonders schne Blumen zum Schmuck der Tafel! Der
Kapitn und Pastor sind heute unsere Gste, da kann der alte Jrgen Haas
sein Gewchshaus aufschlieen und uns einen Strau seiner gehegten und
gepflegten Lieblinge opfern, hren Sie, Gabriele? Holen Sie aus dem
Gewchshaus heraus, was Ihnen hold und schn deucht! So; und nun?
Bekomme ich ein Lied?

Gabrieles Augen leuchteten auf.

O, gern, wenn Frau Grfin frlieb nehmen wollen ... ich sang lange
nicht! --

Und ich hrte gar lange, lange Zeit keinen Ton Musik in diesen Rumen!
nickte Gundula voll leiser Wehmut, dann aber ging wieder das friedlich
stille Lcheln ber ihr Antlitz, und sie fgte kaum verstndlich hinzu:
Nun bricht aber eine neue Zeit fr die Brenburg an, und das Alte soll
vergessen sein! --

Und sie neigte sich, anscheinend sehr vertieft, ber das geffnete
Schubfach, aber ihre Hnde ruhten still im Scho, und ihre Augen
blickten voll lebhafter Spannung nach dem Flgel, auf welchem Gabriele
zgernd ein Notenheft aufstellte.

Was wird sie singen?

Die Brin von Hohen-Esp war eine gar grndliche Menschenkennerin, und
was Gabriele im tiefsten Herzensgrund fr Guntram Krafft empfand, das
mute jetzt als Sang und Klang von ihren Lippen strmen.

Soll ich die Arie aus dem >Fliegenden Hollnder< probieren? fragte sie
zgernd, mit jhem Errten; ich studierte sie vor Jahren bei meiner
Lehrerin, sang sie aber nicht oft.

Und warum nicht? --

Sie war mir damals so unverstndlich, -- ich kannte weder See noch
Sturm ...

Noch einen armen, einsamen Seemann! O, wie freue ich mich gerade auf
diese Arie!

Und Gabriele sang, erst zaghaft, leise, unsicher, dann immer voller,
erregter und inniger, bis ihr ganzes Herz durch die Tne zitterte in dem
leidenschaftlichen Empfinden: -- betet zum Himmel! --

Gundulas Haupt sank tiefer und tiefer zur Brust, immer glnzender ward
ihr Blick, immer freudiger das geheimnisvolle Lcheln um ihre Lippen ...

Und Gabriele durchbltterte mit glhenden Wangen die Noten --

Der Lenz ist da! von Hildach.

Welch ein Jauchzen und Jubeln -- welch ein Frohlocken dem Lenz entgegen!
Und die Glocken luteten so tief und wundervoll aus den Tasten empor, so
ganz absonderlich, als seien es nicht Maien-, sondern Hochzeitsglocken!

Gundula erhebt sich und schreitet in das Nebengemach, -- und ber die
Lippen des jungen Mdchens flutet es weiter wie ein alles vergessendes,
glckseliges Gestndnis.

Er ist gekommen in Sturm und in Regen, er hat genommen mein Herz so
verwegen!

Und dann ward es still.

Als aber die Grfin mit bebender Hand den Trvorhang zurckschiebt und
leise in das Zimmer schaut, da sitzt Gabriele, hat das Antlitz in die
Hnde gedrckt und verharrt wie im Traum. -- -- --

       *       *       *       *       *

Der alte Jrgen Haas hat seine blhenden Lieblinge im Gewchshaus stets
mit Argusaugen gehtet; wie er aber in das wunderholde Antlitz des
Frulein von Sprendlingen schaut, welche ihn lchelnd um einen Strau
bittet, da erhellt sich das runzelige Gesicht des Getreuen, und er nickt
mit beinahe zrtlichem Blick --: So veel, als Jug dat leev is! -- und
er schliet das gerumige Glashaus auf und sieht es ohne jedwedes
Herzeleid, wie die kleinen weien Hnde nach seinen schnsten Blten
greifen.

Pltzlich zuckt Gabriele zusammen und starrt geradeaus in die Ecke des
Treibhauses, woselbst die Oleander und groen Laurostinosbume nebst
etlichen Palmen aufgebaut sind.

Ist das nicht ein Lorbeerbaum, Jrgen Haas? fragt sie, und alles Blut
steigt ihr in das ehedem so rosig zarte Gesichtchen.

Ganz recht, een Lorbeer! Der is man torck bleeven von uns' Herrn
Grafen sin Konfirmaschon! -- Die Bltters sin ganz ampart un' ndlich,
werst Blaumens dreiht he nich!

Gabriele war hastig herzugeschritten.

Darf ich ein paar Zweige zu einem Kranz nehmen, lieber Haas? -- Und
haben Sie ein wenig Bast zur Hand, da ich ihn gleich winden kann?

Der Alte murmelte: Allens, wat Se wollen! kramte aus den grundlosen
Tiefen seiner Jacke einen Flausch Bast, und derweil sich Gabriele auf
eine leere Blumentreppe setzte und die grazisen Zweige mit bebenden
Hnden zusammenwand, stand er vor ihr, kraute sich den weien Kopf und
sprach in seiner kurzen, schlichten Weise von der vergangenen
Sturmnacht, wo der liebe Herr Graf sich mal wieder Gottes Segen verdient
habe. --

Gabriele nickte mit leuchtendem Blick, erhob sich und schttelte die
Bltter von ihrem Kleid. Zwei kleine Krnze hatte sie gewunden, die hing
sie an ihren Arm, fate den groen Strau der blhenden Blumen zusammen
und sagte dem beglckten Alten freundliche und herzliche Dankesworte,
-- dann schritt sie in tiefes Sinnen verloren durch die warme,
lenzesduftige Luft nach der Burg zurck.

ber ihr jubelten die Vgel im blhenden Gezweig, und in ihrem Herzen
klangen die Frhlingsglocken noch immer wie ein holdes, traumhaftes
Echo!

In der Speisehalle ordnete sie still und geschftig die Blumen in
Schalen und Vasen auf der Tafel, dann stand sie einen Augenblick und
schlang zgernd die kleinen Hnde ineinander.

Alles war still im Hause.

Die Grfin hatte sich in ihr Ankleidezimmer zurckgezogen, Anton
hantierte an den Bfetts, und die Herren weilten noch am Strande.

Schnell stieg Gabriele die Treppe empor nach dem Wohnzimmer der Grfin.

Ein Sonnenstrahl flimmerte ber einen der braungeschnitzten Bren zu
ihrer Seite -- da sah es aus, als ob seine Augen sich bewegten, als ob
das grimmige Gesicht ihr pltzlich entgegenlache.

Auf dem Schreibtisch der Burgfrau steht das groe Brustbild Guntram
Kraffts, in der Seemannsjacke, mit dem verwegenen Sdwester auf dem
lockigen Haar.

Gabriele neigt sich und blickt hei errtend in das edle, khne,
wunderschne Mnnergesicht, welches ihr mit den groen Blauaugen so
ganz, ganz anders wie sonst entgegenschaut. Ihr Herz strmt in der
Brust, all die tiefsinnige, leidenschaftliche Seligkeit jungerwachter
Liebe durchbebt sie, und sie nimmt den Lorbeer und legt ihn um das Bild
des heldenhaften Mannes.

Und wie sie ihn in diesem Schmucke schaut, glhen ihre Wangen und ihr
Blick flammt auf in jauchzender Wonne, wie Glut und Feuer rinnt es durch
ihre Adern, ein kurzer, glckzitternder Kampf zwischen banger Scheu und
allesvergessender Liebe, und sie drckt das Bild an die Lippen, es wie
in einem sen Wonnerausch zu kssen.

Gabriele! --

Gleich einem Schrei, halb erstickt in staunendem Entzcken, in
namenloser Erregung, klingt es neben ihr.

Auf der Trschwelle des Nebengemachs steht Guntram Krafft, die Hnde
gegen die Brust gedrckt, das Haupt vorgeneigt, als knne er das Wunder,
welches seine Augen schauen, nicht fassen und begreifen.

Gabriele!! -- --

Sie schrickt zusammen, Leichenblsse bedeckt ihr erst so holderglhtes
Antlitz, -- das Bild sinkt aus ihren zitternden Hnden auf die
Schreibtischplatte nieder.

Sie will, -- halb vergehend vor Scham und Entsetzen, entfliehen, aber
sie macht nur eine unsichere, wankende Bewegung -- und schon steht er
neben ihr, fat sie mit festen, starken, kraftvollen Armen und drckt
sie an sein Herz, wild, ungestm, wie der Br, welcher sieghaft seine
Beute nimmt! --

Nein, das ist nicht mehr der scheue Jngling, welcher sie ehemals mit
zarter Hand aus dem Schnee emporhob, dies ist ein trotzigkhner Mann,
welcher sich seiner Heldenkraft bewut geworden ist!

Du hast mich einen Helden genannt, du hast mein Bild mit Lorbeer
geschmckt und es gekt, Gabriele, -- damit hast du jenes Todesurteil
zerrissen, welches du mir und meinem Glck geschrieben. Jener taten- und
ruhmlose Hohen-Esp, welchen du ehemals verachtend von dir stieest,
wrde nie und nimmer mehr gewagt haben, die Hnde begehrend nach dir
auszustrecken, aber hier der Mann, welchen du selber durch Ku und
Lorbeer zu einem Ritter geschlagen, der wirbt nun voll khnen Wagemuts
um deine Liebe, der fordert diese Hand nun als sein heilig Recht! --
Gabriele, hast du's gehrt? _Mein_ bist du, mein!

Und wie ein Trunkener blickt er in das liebreizende Angesicht, welches
mit den groen, zauberischen Nixenaugen zu ihm aufschaut, welches in
holder Verwirrung nur leise, leise seinen Namen flstert -- --: O, du
Herrlichster! -- --

Wie ist es urpltzlich so warm -- so duftig -- so sonnenhell in dem
sonst so khlen und dsteren Gemach der Frau Gundula geworden!

Auf der Bank in der Fensternische sitzt Guntram Krafft, hlt sein Lieb
im Arm und bedeckt ihr lchelndes, berseliges Antlitz mit heien,
unersttlichen Kssen!

Goldener Sonnenglanz flutet ber sie dahin, und fernher, durch die
geffneten Butzenscheiben, grt das weischumende Meer mit donnerndem
Jubelruf.

Die Augen der Brin von Hohen-Esp haben feucht geglnzt, als sie ihre
Kinder mit leisem Segenswort an das Herz gedrckt, und whrend das
Brautpaar auf Gabrieles Wunsch zur Kapelle schritt, dort auch das Bild
des armen Wulffhardt mit Lorbeer zu krnzen, ist Frau Gundula vor ihrem
Schreibtisch niedergesunken, hat seit langen Jahren zum erstenmal wieder
die versiegelten Briefe und Photographien ihres Gatten zur Hand genommen
und heie, bittere Trnen darauf niedergeweint.

Dann ist es still in ihrem Herzen geworden, still und friedlich wie an
einem lichten Sommerabend, wenn alle Wetterschwle und alles
Donnergrollen des Tages mit seinen dunklen Wolken wie ein unheilvoller
Traum versunken ist. --

Das Vergangene verlor in dem sonnigen Glck der Gegenwart sein herbes
Dster, und was fr die einsame, schwergeprfte Frau blieb, das war das
stolze Bewutsein, tglich ein Werk zu schauen, welches sie aus eigener
Kraft und mit Gottes gndiger Hilfe so wunderbar vollbracht und
vollendet. -- Welch ein Jubel hallte und schallte durch die alte
Brenburg, als Graf Guntram Krafft mit strahlenden Augen den Getreuen
seine Braut zufhrte! Da ging es wieder wie ein Raunen und Brummen und
Summen durch die verschlafenen Hallen und Gemcher, und die steinernen
Bren schttelten Staub und Moos von den Schilden, die braunzottigen
Gesellen rings im Haus erwachten aus tiefem Schlaf und hoben frohgemut
die Pranken! Eine neue Zeit blhte heran, ein neues Glck hatte seinen
Einzug gehalten, und in dem himmelaufjubelnden Klang der
Hochzeitsglocken erstarben die letzten Seufzer, welche so lange
gespenstisch um Turm und Sller geweht.

Nach dem Verlobungsessen ist das Brautpaar zum Strand hinabgewandert,
und Gabriele hat voll leidenschaftlichen Entzckens die Arme nach der
blauwogenden Unendlichkeit ausgebreitet! --

Dich und das Meer habe ich gestern nacht in all eurer Gre und
Herrlichkeit kennengelernt! flstert sie voll weicher Innigkeit zu
Guntram Krafft empor, -- und weil von der Bewunderung bis zur Liebe bei
uns Frauen nur ein kleiner Schritt ist, so nahmt ihr beide mein Herz --
tatschlich im Sturm! -- Wenn ich jetzt hinaus in dieses Brausen und
Schumen, in dieses Sonnengefunkel und Geglitzer schaue, mit welchem ich
gestern in verzweifelter Todesangst im Gebet um mein Liebstes -- um
dich! -- gerungen, so kommt es mir ganz unfalich vor, -- da ich solche
Allgewalt und Gtterherrlichkeit jemals eintnig und langweilig nennen
konnte! -- O, wie blind bin ich gewesen, und wieviel blendende Schnheit
sehe ich jetzt!

Sein Arm umschlingt sie noch fester, seine Lippen glhen hei auf diesen
blinden Nixenaugen.

Geschlafen und getrumt hast du, verzauberte Meerfei, im fernen,
fremden Binnenland, bis du heimkehrtest zu uns, bis dich der Sturmwind
in die Arme nahm und dir die trauten Wiegenlieder der Woglinde und
Wellgunde sang, bis dich mein Ku aufweckte zu glckseligem Begreifen
und Verstehen!

Ein jubelndes Hojohe! ertnt von der Dne herab, Jschen und Mike
strmen Hand in Hand ber den wehenden Sand, und der junge Ehemann
schwenkt schon von weitem den Hut und lacht, da seine kerngesunden
Zhne im Sonnenschein blinken.

Atemlos erreichen sie das Brautpaar, und ihr Glckwunsch ist so ehrlich,
so berstrmend herzlich und aufrichtig, da Guntram Krafft den
wackeren Burschen in die Arme schliet und ihn beinahe bermtig
schttelt.

Wat seggst nu, min oll Jung'? Dat heft di woll nich drmen laten, wat?
--

Da zwinkert der Lotse nur schalkhaft mit den Augen, und Mike hlt
Gabriele bei beiden Hnden und flstert ganz schmig: Dat hevven wi
lngst mierkt, dat dor wat im Sple was! -- Und sie gehen noch ein
Stckchen plaudernd zusammen, und dann fllt Mike ein, da sie ja einen
Topf auf dem Feuer hat -- grad so weggestrzt sei sie bei der
Nachricht!! -- und sie schtteln abermals die Hnde und hasten davon
durch Disteln und Riedgras.

Wie still ist's wieder, wie still! --

Eine Mwe flattert mit leisem Schrei ber der Brandung, ihre Schwingen
blitzen im Sonnenlicht grell auf wie silberne Schwertklingen -- langsam
sinkt sie der blauwogenden Flut entgegen und badet das leuchtende
Gefieder im perlenden Schaum.

Voll trumerischen Sinnens folgt ihr Gabrieles Blick.

Wie htte ich mir jemals zuvor trumen lassen, da gerade die See, um
deren Gunst ich nie geworben, mir so verschwenderisch alles Glck
schenken wrde! Jetzt, in ihrer lichten, majesttischen Pracht, hat sie
alle Schrecken verloren, welche in der vergangenen Nacht mein Herz
erzittern lieen, und doch werde ich sie stets in ihrem tobenden Zorn am
liebsten haben, weil gerade Sturm und wilde Flut es waren, welche mir
dein heldenhaftes, unvergelich schnes Bild geboren! --

Wieder umfat sie voll bebenden Entzckens seine Hand und schaut empor
zu ihm mit demselben Blick hei bewundernder Liebe, welcher sein Herz in
unbegreiflichem Entzcken stillstehen lie, -- gestern in dunkler Nacht,
als ihre Lippen auf seiner Rechten gebrannt.

Er schttelt langsam, schwer atmend den Kopf. Schon einmal hast du mich
einen Helden genannt, Gabriele, und hast mein Bild mit Lorbeer
geschmckt, und doch leistete ich nicht mehr und nichts Besseres, wie
seit langen Jahren! Nur das verdiente Glck ist mir geworden, da du
mich und meine stille Arbeit kennenlerntest, da du mir durch deine
Anerkennung den Mut gabst, die Hnde voll liebeheien Verlangens nach
dir auszustrecken ...

Das httest du sonst nicht getan?

O, nie und nimmermehr, -- und htte ich sterben mssen an den Qualen,
welche mein Herz zerrissen!

Beinahe demtig blickt sie empor. So sehr zrntest du mir, weil ich in
der Residenz deine Neigung so khl und schroff abwies? Weil ich dein
Meer nicht liebenswert fand, weil ich dir, dem Fremden, nicht mit
offenen Armen entgegenkam? --

Ein schnelles, beinahe heiteres Lcheln zuckte um seine Lippen, Gabriele
aber fuhr mit weicher Stimme, halb ernst, halb scherzend fort: Glaubst
du, Liebster, ich htte es nicht empfunden, wie sehr verndert du mir in
Hohen-Esp begegnetest? -- Anfnglich war ich nicht bse darber, im
Gegenteil, es berhrte mich sympathisch, weil mein Herz noch so weit ab
von dem rechten Wege irrte und viel zu sehr von seinem trichten Wahn
befangen war, um allsogleich seine Heimat zu finden! -- Aber spter, wie
es immer wrmer und lichter in mir ward, wie dein Wesen mir immer
unbegreiflicher schien, da habe ich oft darber nachgedacht, warum du
mir so sehr zrntest, denn, sag' selber, Herzlieber, ist es wahrlich
eine so schwere Schuld, wenn ein Mdchen nur dem Mann angehren will,
welchen es liebt? --

Er lchelte noch mehr, beinahe geheimnisvoll.

Nein, du Wonnige! Im Gegenteil, keine grere Tugend vermag es zu
geben, als diesen Stolz, welcher sich nur einem Helden zum Preise
setzt!

Und doch verargtest du ihn mir? --

O, wahrlich nicht! -- Meine ganze Seele -- all mein Sein und Wesen
gehrten dir, Gabriele, und habe ich dich je geliebt, so war es in
diesen bittersen Tagen, wo ich gegen diese Liebe kmpfen mute, wie
gegen eine Unmglichkeit!

Du _wolltest_ mir nicht gut sein? --

Ich durfte es nicht!

O, wunderlicher Mann -- und wer verbot es dir? --

Er nahm langsam eine schmale rotjuchtene Brieftasche von der Brust,
ffnete sie und entnahm ihr einen kleinen, zerknitterten Zettel, dessen
verwischte Bleistiftlinien kaum noch zu entziffern waren.

Du selber, mein grausamer Schatz! sagte er leise, und es war, als
durchriesele ihn noch einmal wie ein banger Nachhall all das Weh,
welches ihn so oft beim Anblick dieses kleinen Papierstreifens geqult.
Federleicht war er und hatte doch schwer wie eine unertrgliche
Zentnerlast auf seiner Brust geruht.

Mit staunenden Augen neigte sich Gabriele und blickte auf seine Finger,
welche den Zettel entfalteten.

Das sieht ja aus wie meine Schrift! sagte sie berrascht.

O, wie htte ich ehemals so gern mein Leben gegeben, wenn sie es nicht
gewesen wre!

Nicht ohne Mhe buchstabierte Gabriele die einzelnen Worte heraus.

Voll uersten Befremdens blickte sie empor.

Ja, dieses Bekenntnis einer schnen Seele habe ich geschrieben, --
nickte sie sinnend, -- vor langen Jahren schon -- kaum wei ich noch,
wie und bei welchen Vorkommnis ...

Vor langen Jahren? --

Ah! Ganz recht, jetzt entsinne ich mich! In der Weihnachtszeit war es,
als wir Backfischchen eines Abends zusammensaen und heimlich die
berraschungen fr den Christtisch hkelten und stickten. -- Die ganze
Residenz sprach damals von dir -- selbstredend behandelten auch wir
dieses interessante Thema! --

Von mir?... als Backfische? wiederholte Guntram Krafft mit fragendem
Blick.

Ganz recht! Man erwartete dich als Freiwilligen bei Papas Regiment, wo
du deiner Militrpflicht gengen solltest, aber statt deiner kam die
Kunde, da du wegen einer ganz unbedeutenden Kleinigkeit freigekommen
seist und nicht dienen wolltest!

_Damals_? Zu jener Zeit schriebst du diesen Zettel?

Gewi! In allerbelster Laune sogar! Du kennst ja meine Ansichten ber
Tapferkeit und Heldentum! Nun, und ein Mann, welcher nicht mal den
Schneid hatte, Uniform zu tragen, der imponierte mir wahrlich nicht, --
der reizte mich zu trotzigster Opposition! Thea Sevarille verspottete
mich um dieser heiligen Entrstung willen -- o ja! Nun entsinne ich mich
pltzlich wieder ganz genau! -- Sie behauptete, >der geschmhte
Hohen-Esp brauche nur auf der Bildflche zu erscheinen, um all meine
stolzen Grundstze wie die Kartenhuser ber den Haufen zu blasen!< Das
reizte mich zu noch lebhafterem Widerspruch. >Gibst du es vielleicht
schriftlich?< spottete Thea, und ich nahm einen der Zettel, welche schon
fr ein Schreibspiel vorbereitet zur Seite lagen, und schrieb im bermut
diese geharnischte Kriegserklrung gegen den Br von Hohen-Esp, welcher
damals in meinen Augen nichts weniger war wie ein Held! -- Hier siehst
du auf der Rckseite des Zettels, welcher zuvor ein Briefbogen gewesen,
-- noch das vorgedruckte Datum -- S ..., Villa Monrepos ... und hier von
mir vollendet: den 22. November 18 ...! Es ist mit Tinte geschrieben und
noch deutlich zu erkennen! --

Mit unsicherer Hand nahm der Graf das Papier, neigte sich und starrte
die Zahlen an wie ein Trumender; dann strich er langsam mit der Hand
ber die Stirn und murmelte beinahe atemlos --: Dieses Datum hatte ich
nicht bemerkt ... wie war das mglich ... es mu mir in all der
Aufregung, mit welcher ich je und je diese Zeilen gelesen, entgangen
sein! -- Ich war ja arglos wie ein Kind ...

Gabriele blickte pltzlich ernst und forschend in sein tief erbleichtes
Antlitz empor.

Ich entsinne mich genau, da ich ehemals diesen Zettel schrieb; wo
derselbe aber an jenem Abend geblieben ist, wei ich nicht. Geradezu
unbegreiflich und unfalich aber deucht es mir, wie dieses Papier nach
all den langen Jahren in deine Hnde gelangen konnte! -- Sag' es mir,
Guntram Krafft, ich bitte dich darum!

Heie Glut stieg pltzlich in seine erst so farblosen Wangen, er knulte
den Zettel voll leidenschaftlichen Zornes in der Hand zusammen.

Wohl wre ich nicht mehr verpflichtet, einem solch schnden Verrat
gegenber das gelobte Schweigen zu wahren, -- aber ich will nicht ebenso
verchtlich sein wie sie, ich will das Wort halten, welches ich
gegeben!

Und er drckte Gabrieles Hnde an die Lippen und sagte: Ich habe
Diskretion zugesagt, -- und ich bitte dich, sie halten zu drfen,
Herzlieb! Ich habe die groe Welt ehemals nicht gekannt und beklagte oft
voll geheimer Sehnsucht, da sie mir so fremd und verschlossen
geblieben, weil du darin lebtest und meiner Ansicht nach der Weg zu
deinem Herzen nur durch sie fhrte! Jetzt danke ich es Gott auf Knien,
da sie mir mit all ihrem Falsch und Verrat so fernliegt. Mein teures,
heiliges Meer hat mir das Glck gebracht, welches ich Tor so
unerreichbar whnte, Gott der Herr hat gewut, Gabriele, da du reine
Perle nicht in den Staub der Grostadt, sondern hierher in deine
sturmumbrauste Heimat gehrst! --

-- Mit tiefem, wundersamem Blick schaute sie ihn an. -- Nein -- sag'
nicht den Namen derer, welche ein so gewissenloses und egoistisches
Spiel getrieben, ich kenne ihn ja! Sie hat dich selbst von dannen
getrieben und dadurch wieder bewiesen, da jede Schuld ihre Strafe in
sich selber trgt. -- So gro aber -- ganz so gro, wie du whnst, war
ihr Vergehen jedoch nicht!

Gabriele hob freimtig das schne Haupt, ihr Auge leuchtete auf: Htte
mich Thea an jenem Hofballabend noch einmal um diese meine
Backfischansicht befragt, ich wrde fraglos dieselben Worte noch einmal
niedergeschrieben haben. Der Br von Hohen-Esp war auch in jenen Tagen
noch derselbe tatenlose und ruhmlose Schwchling fr mich, welcher er
gewesen, seit sein Name zuerst vor mir erklang! -- Erst hier in
Hohen-Esp lernte ich begreifen, welch ein bitteres Unrecht ich ihm
getan! Erst hier erkmpfte der herrlichste und khnste Mann seinen
groen Sieg ber mein stolzes Herz, welches er nun zu eigen genommen hat
fr alle Ewigkeit! --

Sie erhob sich von dem Bootsrand, auf welchen sie sich momentan
niedergesetzt, und strich die wehenden Haarlckchen von den Wangen
zurck, auf welchen hei und ungestm seine Ksse brannten.

Wir wollen den Zettel zu Grabe legen, Geliebter! -- lchelte sie,
damit nichts mehr an die bse, vergangene Zeit gemahnen soll! -- Das
Meer soll jene Zeilen abwaschen und vernichten, und sie sollen vergessen
sein in dem jauchzenden Glck, welches seine strmende Flut uns
geschenkt!

Sie traten nher herzu an die schumende Brandung, und Guntram Krafft
zerri das Papier und zerstreute seine kleinen weien Flocken in den
sprhenden Gischt. Eine Woge kam und wusch sie zurck auf den
Meeresgrund, und die goldhaarigen Nixen sammelten sie und betteten sie
tief unter Muscheln und wogendem Tang.

Frisch und kstlich rein streicht der Wind um die Stirn, und sie stehen
Arm in Arm in wortloser Glckseligkeit und sehen zu, wie das letzte
Streifchen im Wellenschnee verschwindet.

Nun ist die letzte Spur von damals verwischt! lchelte Gabriele und
schmiegt sich fester an die Brust des geliebten Mannes.

Damals! -- und heute? fragte er neckend. Da schlingt sie die Arme um
ihn und flstert voll strahlenden Stolzes: Heute lautete der Zettel,
welchen ich schrieb, freilich anders! Lasest du nicht die Depesche,
welche ich meinem Mtterchen schickte? -- O, Guntram Krafft, -- wie
wird sie sich unseres Glckes freuen! --

       *       *       *       *       *

Das hat Frau von Sprendlingen nun schon seit Jahren aus vollstem Herzen
getan.

Sie ist ein hufiger, voll wrmster Freude begrter Gast auf Hohen-Esp
geworden, eine scharmante Schwiegermama, der Guntram Krafft stets die
warmherzigen Sympathien erhalten hat, welche er der so gtigen Mutter
seiner Gabriele von Anbeginn entgegengebracht. -- Auch eine liebe,
vertraute Freundin Gundulas ward sie, deren Interessen so ganz und gar
mit denen der Generalin verschmolzen.

Seit ein junges, frisches Geschlecht in der alten Burg emporblht, und
die kleinen Bren in Halle und Hof herumpurzeln, hat Gromutter Gundula
alle Hnde voll zu tun, und es ist ein wahrer Segen, da sie nach wie
vor als guter Schutzgeist auf Hohen-Esp waltet, denn auf Frau Gabrieles
Hilfe ist nicht im mindesten zu rechnen.

Zum hnderingenden Erstaunen von Frau von Sprendlingen hat ihre Tochter
viel mehr Interesse fr den Rettungsschuppen, wie fr Haus und Hof, und
nie zuvor htte sie geglaubt, da Gabriele sich so leidenschaftlich fr
die See und alles, was mit ihr und dem Rettungsschuppen zusammenhngt,
begeistern knne. Aber gerade das bildet das jauchzende,
unbeschreibliche Entzcken des Grafen, den Hhepunkt all seines Glckes.

Das verbindet sein Herz doppelt fest und innig mit dem seines
heldenhaften Weibes, welches ihn hinausbegleitet auf die See, in
Sonnenglanz und Mondenschein, bei Sturm und bsem Wetter.

Dann sitzt auch auf dem lockigen Kpfchen der Grfin der Sdwester gar
bildhbsch und verwegen, auch sie trgt lzeug und wei mit Ruder und
Segel Bescheid wie der beste Lotse!

Einst hatte ein jh einsetzender Sturm sie weit drauen auf dem Meere
berrascht. Es gab eine grobe See und schweres Wetter.

Gabriele aber war fest und seetchtig wie ein bewhrter Matrose, -- mit
blitzendem Auge schaute sie khn und unerschrocken in das Wetter hinaus,
und als es immer gewaltiger strmte, und das Schifflein von hohen Wogen
geschleudert ward, da fate sie die Hand ihres Mannes, schmiegte sich
fest an ihn und blickte ihm in die Augen.

Er umschlo sie treu und innig: Frchtest du dich, Herzlieb? --

Da lchelte sie, fate seine Hand noch fester und sagte schlicht:
Wovor? _Wir sind ja beisammen_! --

O, in diesem Augenblick htte der Graf von Hohen-Esp sein schwankes
Schifflein mit keinem Kaiserthron vertauscht!

Als Frau von Sprendlingen aus der Residenz die Nachricht mitbrachte, da
Herr von Heidler schon seit Jahr und Tag den Abschied genommen und in
sem Nichtstun von den Renten seiner Gattin lebe, -- dies sei
behaglicher wie das ewige Hetzen, Drillen und Streben im bunten Rock --
da starrte Gabriele die Sprecherin mit weitoffenen Augen schweigend an,
Guntram Krafft aber fragte berrascht: Er war doch passionierter
Sportsman, und so eine Leidenschaft liegt im Blut! Reitet er nicht mehr
privatim die Rennen mit? Da lchelte die Generalin: O, nein!
Anfnglich hatte er wohl den Wunsch, es zu tun, aber seine sehr
verwhnte, kindische und eigenwillige Frau hat es ihm streng verboten,
da es zu gefhrlich sei; und da Herr von Heidler sehr unter dem
Pantoffel steht, fgt er sich willenlos den Wnschen seiner reichen
Gattin. --

Gabriele machte eine jhe, brske Bewegung, mit beinahe verchtlichem
Lcheln wandte sie sich ab.

Und Grfin Thea? --

Sie tanzte Winter fr Winter vergeblich. Jetzt hat sie sich der
Frauenbewegung angeschlossen und schreibt sehr zornmutige
>grnspanische< Artikel gegen die Mnner. Wenn es ihr glckt, ist das
starke Geschlecht binnen Jahresfrist vernichtet! --

Gottlob, da Hohen-Esp so weit aus der Welt liegt, lachte Guntram
Krafft, hier erreicht mich ihre Feder hoffentlich nicht im Todessto!
--

       *       *       *       *       *

Die Rettungsstation des Bren von Hohen-Esp hat viel bewundernde
Anerkennung gefunden, und sein edles Beispiel gab oft Veranlassung, auf
diesem Gebiete nachzueifern und das Rettungswesen zur See zu frdern.
Durch ihn ward in der Residenz die Aufmerksamkeit des groen Publikums
auf die bittere Not gelenkt, mit welcher der Seemann an unserer
heimatlichen Kste zu kmpfen hat, und manch hilfsbereite Hand tat sich
auf, die Sammlungen der Gesellschaft zur Rettung Schiffbrchiger durch
ein Scherflein zu untersttzen.

Da hatte der Br von Hohen-Esp auch in weiterem Sinn fr das Vaterland
gewirkt und zu sein und seines Kaisers Ruhm und Ehren zwar nicht das
Schwert, wohl aber das Ruder mit khner, tatenfroher Hand gefhrt.

Neben der Rettungsmedaille schmckt ein hoher Verdienstorden seine
Brust, und es war einer der schnsten Tage in Gabrieles Leben, als sie
denselben dem geliebten Mann voll stolzer Anerkennung auf sein
schlichtes Fischerkleid heften konnte.

Von dem Rettungsschuppen flattert die Fahne der Hohen-Esp, weithin
sichtbar nach dem blauen Meer, und um die Mauern und Zinnen des alten
Brenschlosses weht und rauscht es auf geheimnisvollen Schwingen, --
ranken die roten Rosen und duften heimlich von dem unvergnglich groen
Liebesglck, welches darinnen wohnt.

       *       *       *       *       *

Unverndert, Jahr um Jahr, wogt die See gegen den gelben Dnensand,
wirft Muscheln und Bernsteinbrocken aus und berschttet die Kinder,
welche jubelnd von der Burg zum Strand strmen, mit blinkenden Tropfen,
-- ihre weien Wellenarme breitet sie nach dem neu heranwachsenden
Heldengeschlecht aus, und der junge Br von Hohen-Esp setzt vorsichtig
sein erstes, selbstgeschnitztes Schifflein auf das Salzwasser, schlingt
den Arm um den Nacken von Jschen dem Jngern und sagt: Auch ich
werde ein Schirmvogt von Hohen-Esp sein, und wenn du und ich so gro
sind wie der Vater, fahren wir beide als Matrosen zur See!

Guntram Krafft hat's gehrt, er zieht sein holdes Weib an die Brust, und
sein glckstrahlender Blick schweift hinaus ber die schimmernde Flut;
wie ein Psalter heien Dankes jauchzt es in seinem Herzen, und tausend
blaue Wogen rauschen: Halleluja! Amen!

       *       *       *       *       *




Notizen des Bearbeiters

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