The Project Gutenberg EBook of Ein kleines Kind, by Karl Wartenburg

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Title: Ein kleines Kind
       Weihnachts-Novelle

Author: Karl Wartenburg

Release Date: November 11, 2019 [EBook #60672]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN KLEINES KIND ***




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  Ein kleines Kind.


  Weihnachts-Novelle

  von

  Carl Wartenburg.


        Der Dienst der Freiheit ist ein schwerer Dienst,
        Er bringt nicht Gold, er bringt nicht Frstengunst;
        Er bringt Verbannung, Kerker, Schmach und Tod --
        Und doch ist dieser Dienst der hchste Dienst,
        Dem sich die Edelsten des Volkes weihen!

                                          _L. Uhland._


  Wien, 1864.

  Verlag von Carl Schnewerk.




Meinem einzigen, geliebten Kinde

  Helene

geb. 17. August 1855, gest. 17. August 1861.




1. Auf der Flucht.


Noch wenige Schritte und das deutsche Land lag hinter ihnen ...
Die Flchtlinge holten still stehend Athem, ihre Blicke noch einmal
zurckwendend zur alten Heimath. Es waren drei Personen, ein Mann, ein
junges Weib und ein kleines Kind, das im Arme des Vaters lag, mit sanft
gertheten Wangen den sen Schlaf der Kindheit schlummernd, nicht ahnend,
da es in diesem Augenblicke das Vaterland verlor. Eine Thrne flimmerte in
den Augen des jungen Mannes. Lebe wohl, mein Heimathland ... mein liebes,
theures deutsches Land ... Ich verlasse dich, gejagt wie ein Thier des
Waldes von der Meute, die nach meinem Blute drstet. Lebe wohl und vergieb
mir, da ich dich zu sehr geliebt ... Gott segne dich, mein deutsches
Land... Schmerz und Wehmuth erstickten seine Stimme, er verbarg sein
Gesicht in dem Lockenkpfchen des Kindes und weinte bitterlich.

Die junge Frau an seiner Seite blickte dster und stumm hinber nach der
deutschen Grenze ... Auch in ihren groen dunklen Augen funkelte eine
Thrne, aber es war keine Zhre des Schmerzes und der Wehmuth, wie bei
ihrem Gatten...

Zorn, Stolz, Verachtung sprhten ihre Blicke, und die Lippen des fein
geformten Mundes waren fest aneinander geklemmt, als frchte sie, da ihr
wider ihren Willen ein Laut der Klage entschlpfen knne...

So standen sie eine lange Weile, stumm und fast regungslos, ein Jedes die
Beute strmisch fluthender Gefhle...

Endlich richtete der Mann sein Haupt empor, strich das blonde Haar, das ihm
wirr um die Stirne fiel, mit einer lebhaften Geberde zurck und streckte
seiner Gattin die mit einem Verbande umhllte Rechte entgegen: La uns
weiter wandern, Fanny, sprach er mit gefater Stimme, hinein in die
unbekannte Fremde, in die weite Welt, in die ich aus dem alten Vaterlande
Nichts weiter mit hinber nehme, als die Freiheit und das Bewutsein, fr
unsere Ueberzeugung gestritten und gelitten zu haben. Sie antwortete
ihm mit einem seltsamen Blicke und wendete sich zum Weitergehen, ohne die
dargereichte Rechte ihres Gatten zu ergreifen...

Da raschelte es in den Bschen, welche an dem Ufer des Baches standen, der
hier die Grenze zwischen dem deutschen und dem franzsischem Lande
bildet. Gewehrlufe und Helme blinkten in den Strahlen der untergehenden
Augustsonne und eine Gendarmeriepatrouille streckte den Flchtlingen mit
dem Zuruf: Halt! ... Wer da? ihre Bajonnete entgegen.

Die Flchtlinge standen still, doch schon im nchsten Augenblicke hatte
sich der junge Mann gefat und entschlossen antwortete er: Lat mich ruhig
meines Weges ziehen ... Was kmmert's Euch, wer ich bin, wer giebt Euch das
Recht, hier auf diesem Grund und Boden mich anzuhalten?

Wer uns das Recht giebt, Mann, antwortete der Patrouillenfhrer, indem
er auf den Flchtling zutrat und mit der Sbelscheide auf den Boden stie,
hier Das gibt uns das Recht, und das Signalement, welches ich hier in
meiner Brieftasche trage, worin ein gewisser Walther Dennhardt, seines
Zeichens ein Bildhauer, der an dem Aufruhr in der Pfalz und Baden thtigen
Antheil genommen, verfolgt wird.

Und wenn ich Der wre, den Ihr sucht, rief der Flchtling mit drohender
Geberde, indem er das schlafende Kind in die Arme der jungen Frau legte,
welche mit einer gewissen dsteren Ruhe dem Vorgange folgte, so habt Ihr
kein Recht, mich hier auf franzsischem Gebiete ... anzuhalten. Darum gebt
mir freie Bahn oder ich schaffe sie mir... Und er zog mit der
Linken unter der Blouse eine doppellufige Pistole hervor, die er dem
Patrouillenanfhrer entgegen streckte.

Wie! Ihr wagt es Euch zur Wehre zu stellen, schrie der
Gendarmerie-Officier, indem er den Sbel zog, vorwrts, Leute, fat ihn.

Ohne Zweifel wre jetzt eine Scene der Brutalitt, der Kampf einer vielfach
berlegenen Gewalt mit einem Einzelnen erfolgt, wenn nicht in demselben
Augenblicke die Gendarmen durch den lauten und energischen Zuruf:
=Halte!= der von dem Saume des Birkenwldchens her erscholl, welches sich
links an dem Bache hinzog, stutzig gemacht worden wren.

Sowohl Verfolger als Verfolgte wendeten gleichzeitig ihre Blicke nach
der Richtung, von woher der Ruf gekommen, und sahen drei junge Mnner in
eleganter Kleidung, die Jagdflinte ber den Rcken geworfen, herankommen.

Was giebt es da, was geht hier vor? frug der Vorderste von ihnen, der
einen schnen groen englischen Wasserhund an einer langen seidenen Schnur
hielt, in franzsischer Sprache -- und dabei glitt sein groes dunkles Auge
ber die Gruppe, bis er auf der jungen Frau haften blieb.

Wir sind eben im Begriff einen Verbrecher zu verhaften, einen Aufrhrer
und Rebellenfhrer, und Sie werden uns einen Gefallen thun, wenn Sie uns
bei diesem Geschft nicht weiter stren, antwortete in schlechtem, aber
doch verstndlichem Franzsisch der Gendarmerie-Officier, indem er die
Hand nach dem Flchtlinge ausstreckte, der beim Herzutreten der drei jungen
Mnner seine Waffe gesenkt hatte.

Gemach, mein Herr, unterbrach ihn der junge Mann, indem er zwischen den
Patrouillenfhrer und den Verfolgten trat, und wer giebt Ihnen das Recht
dazu?

Erbitterte es den Officier, aus dem Munde des Fremden denselben Einwurf zu
hren, den ihm der Flchtling entgegen gehalten, oder drstete er zu
sehr nach Auszeichnung und Befrderung, die ihm gewi war, wenn er den
Flchtling einfing, genug, er verga alle Rcksichten der Klugheit,
und ungeduldig ber die Hindernisse, welche sich der Gefangennahme des
proscribirten Freischaarenfhrers entgegensetzten, rief er brsk:

Ich wei nicht, wer Sie zu dieser Frage berechtigt ... gehen Sie Ihre
Wege und mischen Sie sich nicht in die Angelegenheiten Anderer ... Und
nun vorwrts, Ihr Leute, nehmt den Mann und das Weib mit dem Kinde in die
Mitte.

Eine dunkle Rthe hatte schon bei den ersten Worten des Officiers die
Stirne des jungen Mannes gefrbt, doch bezwang er sich so weit, da er den
Andern vollenden lie.

Wie aber die Polizeisoldaten Miene machten den Befehl ihres Vorgesetzten
auszufhren, hob er drohend seine Flinte und rief mit gebieterischer
Stimme, whrend er zugleich mit Anstrengung den Hund, welcher sich
vom Instinct getrieben auf den Gendarmerie-Officier strzen wollte,
zurckhielt:

Wie? Unverschmter, antwortet man so auf eine hfliche Frage ... Und habt
Ihr, und er trat einen Schritt gegen den Officier vor und blickte ihn
durchdringend an, habt Ihr vergessen, da Ihr Euch einer Grenzverletzung
schuldig gemacht habt und auf dem Boden der franzsischen Republik
steht? Habt Ihr nicht jenen Grenzpfahl gesehen? Und er deutete auf einen
blau-wei-rothen Grenzbaum, an welchem eine Tafel befestigt war, auf
welcher die Worte standen: =Rpublique franaise=.

Ich knnte Euch, fuhr er ruhiger fort, als er bemerkte, wie die Gendarmen
nebst ihrem Fhrer verlegen wurden, ich knnte Euch festnehmen lassen
und nach Straburg abliefern, wo man Euch den Proce machen wrde wegen
Verletzung der Republik mit gewaffneter Hand, aber ich will Nachsicht ben
... Doch jetzt macht schnell, da Ihr fortkommt, oder ich schicke Euch den
Gendarmerie-Capitain Molet ber den Hals, der in dem Schlosse dort, und
er deutete auf ein hinter dem Birkenwldchen liegendes kleines Gebude
einquartirt ist.

Murrend und knurrend, wie eine Meute, die der Befehl des Herrn von
einem Stck Wild zurckruft, welches sie eben zerreien will, trat die
Streifpatrouille den Rckzug auf das deutsche Gebiet an und war bald in dem
Gebsche jenseits des Baches verschwunden.

Der Flchtling streckte dem jungen Manne tief bewegt die Hand entgegen.

Nehmen Sie den Dank eines Mannes hin, der nie vergessen wird, da Sie dem
heimathlosen Flchtling die Freiheit retteten, fr die er im Vaterlande mit
den Waffen gekmpft.

Der Andere entgegnete, die dargebotene Hand conventionell ergreifend und
mit einer Gemessenheit des Tones, die fast berraschend abstach gegen die
eben in der Vertheidigung des Verfolgten gezeigte Wrme:

Es ist gut, mein Herr, Sie sind mir keinen Dank schuldig ... Wenn ich
zwischen Sie und Ihre Verfolger trat, so geschah es nicht aus Sympathie fr
die Grundstze, welche Sie hegen, denn ich hasse die Revolution und jene
demokratischen Freiheitsideen, welche jetzt die Kpfe der Menge verwirren,
sondern es geschah, weil ich sah, da Sie Gatte und Vater sind.

Und wieder traf ein leuchtender Blick seines Auges die junge Frau, welche
unwillkrlich errthend zur Erde niedersah.

Ein leichter Schatten verdsterte auf einen Moment des Flchtlings Stirne,
als sein Befreier in so ablehnender Weise auf den warmen Ausbruch seines
dankerfllten Herzens antwortete, allein er unterdrckte dieses Gefhl
rasch und sprach:

Gleichviel ... wenn Sie auch kein Anhnger der Grundstze sind, fr
welche ich gefochten und geblutet habe ... Walther Dennhardt wird doch
nie aufhren sich Ihrer dankbar zu erinnern, und wenn Sie einst einen Mann
suchen, der Ihnen einen groen Dienst leisten soll, so mgen Sie meiner
eingedenk sein ... Und nun leben Sie wohl, mein Herr ... die Sonne sinkt
und es ist noch eine tchtige Strecke Wegs zur nchsten Eisenbahnstation.
Gieb mir das Kind, Fanny.

Die junge Frau reichte ihrem Gatten das Kind, welches noch immer
schlummerte, und grte mit stummer Verbeugung den jungen Mann und seine
beiden Freunde, die stille Zuschauer der Scene geblieben waren.

Auch der Flchtling grte noch einmal seinen Helfer in der Noth mit einem
Blick des Danks, dann wendete er sich zur Linken, der Heerstrae zu,
welche nach der Hauptstadt des Elsasses fhrte, gefolgt von Fanny, die
gedankenvoll hinaus ins Weite sah.

Sie waren schon zehn Schritte gegangen, als sie sich noch einmal von dem
Andern angerufen hrten. Ein Wort noch, mein Herr, rief der junge Mann,
auf die Stillstehenden zugehend, Sie wollen heute noch nach Straburg ...
ich glaube kaum, da es Ihnen mglich sein wird die Stadt heute vor spter
Nacht zu erreichen ... Es ist jetzt fnf Uhr ... in wenigen Stunden bricht
schon die Nacht an und Sie haben noch zwei Meilen bis dorthin ... Fr eine
zarte Frau und fr ein Kind von so jungem Alter drfte eine Nachtreise doch
bedenklich sein.

Dennhardt warf einen fragenden Blick auf seine Gattin.

O, was mich betrifft, entgegnete die junge Frau mit Stolz und Energie,
so brauchst Du keine Rcksicht darauf zu nehmen ... ich hasse jenes Land,
und sie deutete nach der deutschen Grenze; ich habe es nie geliebt ... und
jeder Schritt, der mich weiter davon entfernt, dnkt mir Gewinn zu sein.

Es waren die ersten Worte der jungen Frau, und das reine Franzsisch,
in welchem sie gesprochen wurden, berraschte den Andern ebenso wie
der energische Ausdruck des Hasses gegen Deutschland, der sich in ihnen
aussprach.

Sie sind eine Landsmnnin von mir? frug der junge Franzose mit lebhaftem
Tone.

Meine Frau ist Brsselerin, fiel der Flchtling ein, indem sich eine
Wolke auf seiner Stirn zeigte, fr die aber Deutschland die zweite Heimath
wurde, die sie nie aufhren sollte zu lieben ... die sie nie schmhen
sollte, selbst nicht in Momenten, wo die Seele erfllt ist von Bitterkeit
und dem Bewutsein erlittenen Unrechts.

Die Frau schwieg auf diese mehr schmerzliche, als in vorwurfsvollem Tone
gesprochene Bemerkung ihres Gatten, und der junge Mann fuhr rasch fort:
Ich wollte Ihnen nur einen Vorschlag machen, der Ihnen unter diesen
Umstnden vielleicht annehmbar erscheinen drfte. Ich bin der Besitzer
dieser Fluren und jenes Schlosses, welches Sie dort hinter dem
Birkenwldchen sehen ... Wenn Sie sich hier von den Anstrengungen Ihrer
Flucht erholen wollen, so steht es zu Ihrer Verfgung ... Doch, fgte
er rasch hinzu, als er eine gewisse Unentschiedenheit in den Zgen des
Flchtlings zu erblicken glaubte, doch zuvor ist es nthig, da wir nher
mit einander bekannt werden ... Kennen wir doch nicht einmal unsere Namen.
Ich bin der Vicomte Edmund von Grandlieu.

Mein Name ist Walther Dennhardt, Bildhauer meinem Berufe nach.

Wie? Sie sind Bildhauer ... o, Das trifft sich ja herrlich, fiel der
junge Baron von Grandlieu ein, ich habe eine wundervolle Antike in meinem
Parke, eine Statue der Juno, an der leider ein Theil des rechten Armes
fehlt ... Sie knnten, Herr Dennhardt, in voller Mue diesen Mangel
ergnzen und mich dadurch zum lebhaftesten Dank verbinden.

Mit einem schmerzlichen Lcheln zeigte der Bildhauer auf seine verwundete
und mit Bandagen umhllte Rechte. Es thut mir in der That wehe, Herr
Vicomte, da ich Ihnen meine Dankbarkeit so schlecht beweisen kann. Ich
werde wohl nicht so bald wieder den Meiel und den Hammer fhren knnen.
Der Bajonnetstich, der mir die Hand durchstach, hat vielleicht meiner
Knstlerlaufbahn fr immer ein Ende gemacht. Und nun nochmals herzlichen
Dank fr Ihr gastfreundliches Anerbieten, wenn wir dasselbe auch nicht
annehmen knnen.

Wie, Sie wollen? erwiderte der Baron von Grandlieu, indem er ein Gefhl
der Verstimmung, welches ihn bei der abschlglichen Antwort des Bildhauers
berkommen, unterdrckte. Und wenn Sie vielleicht das Schicksal nach Paris
fhren sollte, so vergessen Sie dann nicht das Htel Grandlieu in der Rue
de la Paix.

Er grte, lie noch einen lebhaften Blick auf die junge Frau fallen und
ging dann zurck zu seinen Freunden, whrend die Flchtlinge ihren Weg nach
Straburg fortsetzten, stumm und ernst, ein Jedes mit seinen Gedanken an
die Vergangenheit und die ungewisse Zukunft beschftigt, ein Jedes fhlend,
da zwischen ihnen Etwas lag, worber es zur Erklrung kommen mute.




2. Mann und Weib.


Die Vorhersagung des Barons von Grandlieu war in Erfllung gegangen. Das
Geschick hatte Walther Dennhardt nebst Frau und Kind nach Paris gefhrt ...
An einem heitern Septembermorgen war er in der franzsischen Hauptstadt,
die ihm schon von einem frhern Aufenthalte her nicht ganz unbekannt war,
angelangt und hatte sich mit seiner kleinen Familie in einer der Vorstdte,
in der Nhe von Belleville, eingemiethet.

Es war an einem Nachmittag, vielleicht eine Woche nach der Ankunft in
Paris, als Dennhardt mit seinem Kinde am Fenster sa und gedankenvoll
hinberschaute in den Park des Nachbarhauses, in welchem der Herbstwind
schon gelbe Bltter ber die noch grnen Rasenpltze trieb.

Seine Frau war mit einer Dienerin ausgegangen, um einige Einkufe fr die
husliche Einrichtung zu besorgen. Dennhardt hatte eine Weile mit dem Kinde
gescherzt und gespielt, bis es mde geworden das Kpfchen an seine Brust
gelehnt hatte und eingeschlummert war.

Leise und vorsichtig, um die schlafende Kleine nicht zu erwecken, erhob
er sich und legte sie behutsam in das kleine braunlackirte Schaukelbett,
welches unweit des Fensters stand. Dann rckte er sich seinen Sessel an
die Wiege und versank von Neuem in tief-ernstes Sinnen und gedankenschweres
Brten ... Die letzten drei Jahre, zugleich die bedeutungsvollsten seines
Lebens, zogen an ihm vorber. Gerade vor drei Jahren hatte er Paris, wo
er in dem Atelier eines der berhmtesten Meister gearbeitet, verlassen, um
einen Auftrag auszufhren, welchen er von der belgischen Regierung erhalten
hatte. Er ging nach Brssel, und hier war es wo er Fanny kennen lernte.
Sie gehrte einer reichen adeligen Familie an, die sich lange gegen die
Verbindung mit dem deutschen Knstler, der zwar einen ehrenvollen Namen in
seiner Kunst, aber doch nur einen brgerlichen trug, strubte.

Aber Fanny war eine energische Natur; gerade der Widerstand, den sie fand,
reizte sie, und eines Tages war sie mit Dennhardt aus Brssel entflohen,
um sich in einer Grenzstadt an der belgisch-hollndischen Grenze mit dem
Geliebten trauen zu lassen. Der Familie blieb darauf weiter Nichts brig,
als zu der vollendeten Thatsache ihre Zustimmung zu geben. Im Grunde
der Herzen blieb aber der Zwiespalt unausgeglichen, und Dennhardt, Dies
fhlend, verlie Brssel, sobald er die bernommene Arbeit vollendet hatte.

Er kam nach Deutschland zurck in einer Zeit, deren mchtiger Zug auch
kltere und weniger fr alles Groe und Schne im Menschen- und Vlkerleben
begeisterte Naturen in unwiderstehlicher Gewalt mit sich fortri, im
Anfange des Jahres 1847.

Welches Ringen, welches Streben, welches Kmpfen in der Welt der Geister,
auf allen Gebieten des Lebens, der Politik, der Kunst, der Literatur, der
Gesellschaft. Die alte Weltordnung war im Begriff vollends unterzugehen,
auch jene letzten Trmmer noch, welche die Revolution von 1789 brig
gelassen und die von der Restauration von 1815 mit aller Macht und
Anstrengung aufrecht erhalten worden waren. In Frankreich klopfte die
Revolution schon an die Thore eines Knigspalastes, dessen Bewohner
vielleicht hauptschlich dehalb seine Krone verlor, weil er ber den schn
aufgeputzten Reden und Declamationen einer corrumpirten, mit Orden, Titeln
und Aemtern erkauften Kammermehrheit den Nothschrei und den Weheruf des
Volkes in den Straen berhrte.

In der Schweiz stand sich das Jesuitenthum von Luzern und das freie
Brgerthum der Eidgenossenschaft mit gewaffneter Hand gegenber, schon
witterte man in der Luft der Schweizerberge Etwas von einem Pulverdampfe,
der wenige Monate spter ber die Ebene am Gislikon wogte und in dessen
Wolken das jesuitische Sonderbndlerthum ersticken sollte ... Dazu die
Bewegung der Geister in Deutschland selbst! Seit der Thronbesteigung
Friedrich Wilhelm'sIV. von Preuen war ein Ringen und Kmpfen entstanden
auf den Gebieten des ffentlichen Lebens, wie man es vorher in Deutschland
in dieser Weise nicht gekannt hatte. Groe und leidenschaftliche Hoffnungen
hatten sich an den Regierungsantritt dieses Knigs geknpft. Kaum ein
Jahr war verflossen, und man sah mit zweifelloser Klarheit, da man sich
getuscht hatte.

In der Presse, in den Kammern, in der Wissenschaft, auf dem Gebiete der
Religion, berall liefen die Vorkmpfer der neuen Ideen Sturm gegen die
alten Traditionen. Die Reden Itzstein's, Welcker's, Hecker's, Bassermann's,
in der badischen zweiten Kammer fanden einen Wiederhall in ganz Deutschland
und weckten gleiche Stimmen im Stndesaal zu Dresden, whrend die Presse
mit ihrer ganzen Macht die Kammerredner untersttzte. Alles rief nach
Freiheit; und so unklar fr Tausende auch dieser Begriff war, so wunderlich
die Vorstellungen, welche sich Viele von der Freiheit machten; das Wort
hatte einen Zauberklang, der die Herzen mit gewaltiger Kraft ergriff und
mit sich fortzog ... Die Vaterlandsbltter Robert Blum's, Gustav Struve's
Deutscher Zuschauer, Keil's Leuchtthurm wurden heihungrig verschlungen
und jedes Blatt warf neue Funken in die schon entzndeten Gemther. Dazu
der Kampf auf dem Gebiete der katholischen Kirche, welchen Johannes Ronge
durch seinen berhmten Fehdebrief aus Laurahtte an den Bischof Arnoldi von
Trier zum Ausbruch gebracht hatte, die Aufregung der Geister wegen Lsung
der socialen Frage, die immer drohender heranrckte und ihre Tirailleurs
in ganzen Schwrmen socialistischer Schriftsteller vorausschickte, der
ngstliche zgernde, halbe Widerstand der Staatsgewalten, welche den Boden
unter ihren Fen wanken fhlten, -- alle diese Momente muten eine so
empfngliche Natur, wie Walther Dennhardt, mit unwiderstehlicher Gewalt
ergreifen.

Und Fanny? Sie war oder schien wenigstens ebenso leidenschaftlich fr die
Ideen der Freiheit und Gleichheit begeistert zu sein wie ihr Gatte, und als
die gewaltige Katastrophe der Februarrevolution ausbrach, Deutschland
von ihrer Macht ergriffen wurde, in Wien und Berlin die Barrikaden sich
erhoben, da bedurfte es der ganzen Ueberredungsgabe Dennhardt's, um die
junge Frau abzuhalten gleich ihm auf den Barrikaden gegen die Soldaten zu
fechten ... Es liegt nicht in unserer Absicht, in dieser Erzhlung alle
die verschiedenen Phasen der so denkwrdigen Bewegung von 1848 und 1849 zu
schildern, wir wollen nur so viel erwhnen, da Walther Dennhardt und seine
junge Frau sich den entschiedensten Vorkmpfern der demokratischen Partei
anschlossen, und im Frhjahr 1849 finden wir sie in Baden, wo die letzten
Kmpfe der Bewegung ausgefochten wurden. Hier entdeckte Dennhardt, dem
seine Gattin im Sommer 1848 eine Tochter geboren hatte, zum ersten Mal
einen Zwiespalt zwischen seinen und Fanny's Ansichten.

Die provisorische Regierung bot ihm die Stellung eines politischen
Commissrs an. Er sollte mit ausgedehnten Vollmachten nach dem Schwarzwald
geschickt werden, um dort die Bewegung zu organisiren. Es war dies eine
Stellung ganz selbstndiger Natur und von bedeutendem Einflu.

Dennhardt schlug sie jedoch aus und zog es vor, als Freischaarenfhrer in
die Reihen der Kmpfer zu treten.

Fanny machte ihm hierber Vorwrfe: Warum hast Du dieses Amt nicht
angenommen? sprach sie und verurtheilst Dich selbst zu einer so niedrigen
Stellung? Als ob es nicht Tausende genug gbe, die gut zum Dreinschlagen
sind. O, Ihr idealen deutschen Schwrmer, Ihr werdet niemals eine
wirkliche Revolution zu Stande bringen; denn es fehlen Euch die energischen
revolutionren Naturen. Ueberall diese ngstliche Bescheidenheit und
Bldigkeit, die jungen Mdchen gut steht, aber wahrlich Mnnern nicht
geziemt, welche eine Staatsumwlzung vollfhren wollen.

Ich kmpfe nicht aus selbstschtigen, persnlichen Motiven, sondern fr
meine Ueberzeugung, fr Deutschlands Einheit und Freiheit; ich schlug
diesen Antrag aus, weil ich fhlte, da ich dieser Aufgabe nicht gewachsen
war. Als Kmpfer aber kann ich meine Pflicht erfllen.

Fanny lchelte spttisch: War es nicht ein deutscher Dichter, Euer Gthe,
welcher das Wort vom Dienen und Herrschen sprach? Wohl, wenn die Freiheit
und Einheit Deutschlands erkmpft ist, wird es noch immer Solche geben, die
befehlen, und Solche, welche gehorchen mssen. Hast Du so groe Lust zu den
Letztern zu schwren?

Weder zu den Einen, noch zu den Andern ... ich will Nichts weiter als ein
freier Brger im freien Vaterlande sein. Doch lassen wir Das, sprach er
abbrechend, diese Errterung ist berflssig ... und schmerzlich dabei ist
mir nur das Eine, da Du, Fanny, so wenig meine Grundstze und Ueberzeugung
kennst.

Fanny schwieg. Doch als der Gang der Begebenheiten immer verhngnivoller
wurde, der Sieg der Sache, fr welche Dennhardt die Waffen in feuriger
Begeisterung ergriffen, immer zweifelhafter, da mute er manche bittere
Bemerkung seines Weibes hinnehmen, und obwohl widerstrebend mute er sich
doch gestehen, da Fanny nicht aus Enthusiasmus, aus innerer Ueberzeugung
seine politischen Bestrebungen gebilligt und an ihnen Theil genommen hatte,
sondern aus ganz andern Beweggrnden. Zur vollen Gewiheit darber gelangte
er nach jenem Auftritt an den Ufern des Rheins, wo er nur durch das
Dazwischentreten des franzsischen Barons vom Kerker errettet wurde.
Dennhardt hatte Fanny Vorwrfe ber ihr gehssiges Wort gegen Deutschland,
das sie dem Baron von Grandlieu gegenber ausgesprochen, gemacht.

Da war ihrem Herzen in leidenschaftlicher Rede all die Bitterkeit
entquollen, die sich lange in ihr angehuft hatte.

Du willst mir Vorwrfe machen, hatte sie ihm erwiedert, da ich mit
Worten des Hasses und des Abscheues von Deinem Deutschland gesprochen habe.
Kann ich aber andere Empfindungen gegen Dein Vaterland haben? Ist es nicht
das Grab aller meiner Hoffnungen und Trume geworden, hat es mir etwas
Anderes als Tuschungen geboten?

Und als Dennhardt sie mit einem groen fragenden Blicke angesehen, hatte
sie unter dem Eindrucke einer sich immer hher steigernden Erregung weiter
gesprochen:

Du weit es, Walther, als ich Dein Weib wurde, da liebt' ich Dich stark
und innig. Aber ebenso liebte ich auch Deinen Knstlerruhm, den Namen, den
Du Dir durch Deine Werke errungen hattest. Oder glaubst Du, da ich, die
Tochter eines edlen Geschlechts, Dir mein Herz und meine Hand gegeben
htte, wenn Du ein unbekannter und unbedeutender Mensch, ein Mann ohne
Namen und ohne Zukunft gewesen wrest?

Wie! unterbrach sie bei diesen Worten ihr Mann mit schmerzlichem Ausdruck
in Rede und Geberde, so war es nicht der Mann, den Du in mir liebtest,
sondern der Knstler, nicht Walther, sondern der Bildhauer Dennhardt?!

Ich kann den Einen nicht von dem Andern trennen. Ich sah in Dir den
gefeierten Knstler und den Mann von Geist und Kraft, der ringend und
strebend seine Hand nach dem Hchsten auszustrecken wagt, das uns vom Leben
dargeboten wird. Und nun...

Bin ich ein heimathloser Flchtling, fiel Dennhardt mit schmerzlicher
Bitterkeit ihr ins Wort, der das bittere Brod der Verbannung essen mu
und Du mit ihm ... O Fanny, dieses Wehe den Besiegten! aus Deinem Munde zu
hren, Das brennt mich mehr als es jemals diese Wunde hier gethan.

Aus Fanny's Augen brach ein Blick verletzten Stolzes hervor.

Du kennst mich wahrlich schlecht, antwortete sie leidenschaftlich, wenn
Du glaubst, da es die Furcht vor der ungewissen Zukunft unseres Schicksals
ist, was mich beunruhigt und aufreizt ... Oder, da ich dehalb in Vorwrfe
und Klagen ausbreche, weil die Sache, fr welche Du gefochten, unterlegen
ist ... Nein, nicht Das ist es, sondern weil ich sehe, da Du nicht zu
jenen khnen und energischen Naturen gehrst, welche zu den Hhen des
Lebens emporstreben.

Sprich nicht weiter... unterbrach sie Walther mit einer Geberde und
einem Ausdruck in Blick und Ton, vor welchem sie die Augen zur Erde senken
mute, ich wei genug, Du brauchst Nichts mehr hinzuzusetzen ... Also
nicht die gleiche Ueberzeugung, wie ich sie habe, die Ueberzeugung,
fr eine groe, gerechte und edle Sache zu kmpfen, war es, welche Dich
beseelte, nicht die Uebereinstimmung mit den Grundstzen Deines Gatten, die
Liebe zur Freiheit sprach aus Dir, sondern die Leidenschaft zu herrschen
und zu glnzen, jener ungezgelte Ehrgeiz, fr den die Ideen nur die Mittel
zur Erreichung selbstschtiger Zwecke sind. Mein Ruf und Ruhm als Knstler,
den ich mir in strenger Arbeit meines Berufs erworben, er gengte Dir nicht
mehr, Dein nach uerer Ehre und glnzender Lebensstellung drstendes Herz
begehrte mehr ... Suche weder mich noch Dich selbst zu tuschen, Fanny, Du
bist nicht die Einzige Deines Geschlechtes, die so empfindet ... Ich habe
in dieser sturmbewegten Zeit, wo alle Krfte und Elemente der Menschen- und
Volksnatur entfesselt wurden, gar manche Frau gefunden, welche von gleichen
Gefhlen bewegt wurde; aber nie htte ich geglaubt, da Du auch zu ihnen
gehrtest. Es mu wohl wahr sein, setzte er mit einem bittern Lcheln
hinzu, whrend der Ton seiner Stimme zu einem dumpfen Murmeln herabsank,
es mu wohl wahr sein das alte Wort, da die Liebe Diejenigen blendet,
welche ihr unterthan sind.

So endete jenes Gesprch auf der Flucht.

Konnte bei so einander widerstrebenden Ansichten ein inniges Verhltni
zwischen den beiden Gatten fortbestehen?

Ein Jedes von ihnen fhlte nur zu deutlich, da Dies nicht mglich sei.

Wenn Walther und Fanny gewhnlichere Naturen gewesen wren, so htte
vielleicht mit der Zeit eine Ausgleichung stattgefunden.

Allein er wie sie waren zu bestimmt ausgeprgte Charaktere; der ideale
Zug Walther's, der ihn zum Mrtyrer fr die Freiheit gemacht, die
uneigenntzige Hingabe an eine groe und heilige Sache stand in schroffem
und unvermitteltem Gegensatz zu Fanny's Wesen. Ihr Gatte hatte nicht
Unrecht gehabt, als er sie vor Selbsttuschung warnte, die junge Frau war
sich in der That ber den Ursprung ihrer Empfindungen und Meinungen nicht
klar.

Fanny war Nichts weniger als ein Mannweib oder eine Emancipirte, wie es
deren whrend der Bewegungsjahre eine ziemliche Anzahl unter den Frauen
gab. Nicht die Begeisterung fr die groen Ideen der Demokratie hatte sie
beseelt, sondern ganz andere Motive hatten sie zur Anhngerin der Bewegung
gemacht.

Dennhardt lebte, wie wir schon erzhlt, vor dem Ausbruche der
Mrzrevolution in einer deutschen Residenzstadt.

Sein Beruf brachte ihn in hufige Berhrung mit der sogenannten vornehmen
Gesellschaft. Frauen und Mnner aus diesen Kreisen besuchten sein
Atelier, fast tglich hielten die Wagen der Prinzen und Prinzessinnen des
kniglichen Hofs vor seinem Hause.

Allein man kennt ja die chinesische Abgeschlossenheit der vornehmen Kasten
in unserm Deutschland; trotzdem, da Dennhardt's Werkstatt nicht leer wurde
von vornehmen Besuchen, blieben ihm und seiner Frau doch die geselligen
Kreise dieser Besucher verschlossen. Ja, wenn er wenigstens Baron, Ritter
eines hohen Ordens oder Hofrath vierter Classe gewesen wre!

Allein ihm fehlte jedes dieser Verdienste, er war und wollte nicht mehr
sein als der Bildhauer Walther Dennhardt. Es half ihm Nichts, da sein
Name in der Kunst ein hoch geachteter, sogar berhmter war, all sein
Knstlerruhm ffnete ihm nicht die Thren zu jenen aristokratischen
Salons, in welchen Abends die Herren und Damen ber die Statuen und Gruppen
plauderten, die sie des Morgens in seinem Hause bewundert hatten. Ihm
persnlich war Dies nun freilich sehr gleichgltig. Dennhardt wrde selbst
diese geselligen Cirkel gemieden haben, wenn man ihn mit Einladungen
berhuft htte.

Er war ein principieller Gegner der Anschauungen, die unter diesen Leuten
gang und gbe waren, er war mit Leib und Seele viel zu sehr Demokrat,
als da er sich in dem Umgange mit diesen Aristokraten htte wohl fhlen
knnen. Htte er ihnen doch sogar gern seine Werkstatt geschlossen, wenn
Dies mglich gewesen wre. Auer in einem kleinen Kreise gleichgesinnter
Freunde, welche theils Knstler, theils Gelehrte, Schriftsteller, Aerzte,
Advokaten waren, bewegte sich Dennhardt hufig in jenen Volkskreisen, wo
der Mangel an positiver Bildung und Formengewandtheit durch die
Naivett der Empfindung und durch die selbstlose Hingebung an oft selbst
miverstandene Ideen aufgewogen wird. Anders war es bei Fanny.

Sie, die Tochter eines adeligen vornehmen belgischen Geschlechts, welche
dem jungen deutschen Knstler vielleicht eben so sehr aus Liebe als aus
Trotz gegen ihre widerstrebende Familie ihre Hand gegeben, sie mit ihrem
stolzen Sinn, der gewhnt war an Glanz und Huldigungen, sie, die schne
junge Frau, nicht ganz frei von jener Koketterie, welche unbekmmert um die
Wunden, die sie schlgt, so gern stolze Triumphe feiert, sie fhlte
sich durch jene schroffe Abgeschlossenheit der vornehmen Kaste verletzt,
gekrnkt.

War der Adel ihrer Familie nicht ebenso alt als der dieser hochmthigen
deutschen Baroninnen und Grfinnen, war sie nicht ebenso schn, vielleicht
noch schner und jedenfalls viel geistreicher als eine Menge dieser
vornehmen Damen, welche das Vorrecht genossen, bei den Festen des
kniglichen Hofes erscheinen zu drfen, die den gesellschaftlichen Ton
angaben und deren Namen stets genannt wurden, wenn von den Bevorzugten der
Gesellschaft gesprochen wurde?

Es wre ein Wunder gewesen, wenn sich Fanny's stolze Natur nicht aufs
tiefste dadurch htte verletzt fhlen sollen. Ihr Ha gegen jene vornehme
Kaste steigerte sich tglich, mit fieberhafter Hast las sie die Werke der
franzsischen und deutschen Socialisten und verfocht in den Kreisen der
Freunde ihres Mannes die Grundstze der socialen Gleichheit mit einer
Leidenschaftlichkeit, wie man sie nur bei heibltigen Frauennaturen
findet.

So geschah es, da Fanny ihrem Gatten als begeisterte Anhngerin der
Grundstze, fr welche er selbst das Leben einzusetzen bereit war,
erscheinen mute.

Erst als die Katastrophe eintrat, welche ihn zum heimathlosen Flchtling
werden lie, kannte er die tiefe Kluft, welche zwischen seinen und seiner
Gattin Ideen lag.

       *       *       *       *       *

Dies Alles bei sich im Geiste erwgend, sa Dennhardt an dem
Herbstnachmittag an der Wiege seines Kindes in jenem Hause der Vorstadt von
Belleville.




3. Ein kleines Kind.


Der Winter lag auf der Stadt Paris, ein echter nordischer Winter mit
Schneegestber und schneidender Klte. Weihnachten, das heilige Fest,
an welchem die Engel des Himmels wie die Engel der Erde die kleinen
Kinderherzen, aufjauchzen in seliger Freude, stand vor der Thr.

Noch wenige Stunden und herab senkte sich auf die dunklen Fluren die
geweihte Nacht, die einst mit den erhabenen Worten der Verheiung: Ehre
sei Gott in der Hhe und Friede auf Erden! den armen Hirten verkndigt
wurde.

Friede auf Erden! Hohe, schne Botschaft der himmlischen Heerschaaren! Aber
wo ihn suchen, um ihn zu finden diesen Frieden, von dem die Engel auf jenem
Felde Palstina's sangen? In der Natur, wo oft urpltzlich entfesselte
Krfte mit wilder dmonischer Gewalt losbrechen, Zerstrung und jhe
Vernichtung in ihrem Gefolge? Bei den Thieren des Feldes oder des Waldes,
die vom Hunger gestachelt in blutigem Kampfe sich zerfleischen? Oder bei
den Menschen? Vielleicht in ihren Tempeln, wo sie Gott dienen und derselbe
Priester, der ber Euch den Segen spricht, seinen Fluch auf Die schleudert,
welche andern Glaubens sind? Oder in den Schulen und Hrslen, wo die
Quellen der Weisheit flieen und die Jnger der Wissenschaft, die nach
derselben einzigen und ewigen Wahrheit suchen, so oft ihre beste Kraft
vergeuden in fruchtlosem Geznke ber leere Formen? Oder in den Palsten
der Knige, wo feile Schmeichler das Ohr der Mchtigen vergiften und
Zwietracht und Furcht sen zwischen Volk und Frst? Und wenn Ihr wie jener
Unselige, der den Heiland mit der Kreuzeslast fluchend von seiner Schwelle
stie, Jahrhunderte lang ber den Erdball wandertet, Ihr wrdet ihn nimmer
an diesen Sttten finden jenen stillen sanften Frieden, nach welchem unser
Herz sich so tief sehnt, wenn es gebrochen, aus tausend Wunden blutend, die
ihm der Kampf des Lebens geschlagen, im wilden Schmerze zusammenzuckt. So
sucht den Frieden an der Brust eines Freundes, in den Armen eines liebenden
Weibes!

Aber wenn Ihr nicht verblendet seid und Schaumgold mit edlem Metall
verwechselt, dann mt Ihr gestehen, da die echten Freunde wie die
liebenden Frauen so selten sind wie jene blaue Blume, deren Duft die
Zauberkraft hat, kranke Herzen zu heilen, die von tiefster Sehnsucht nach
einem Glck geqult werden, welches auf Erden nie zu finden ist. So suchen
wir vergebens den Frieden auf Erden? Suchet und Ihr werdet finden! Suchet
ihn da, wo ihn jener Mann gefunden hat, den wir als Verfolgten das deutsche
Land verlassen und nach der groen Stadt Paris fliehen sehen, wo er seit
vier Monaten mit Weib und Kind weilt.

Es ist Abend geworden, heiliger Abend. Walther Dennhardt sitzt in demselben
Zimmer, in welchem wir ihn an jenem Septembernachmittage brtend fanden,
vor einem Tisch, um den Christbaum fr sein Kind zu schmcken, fr sein
liebes kleines Kind.

Hinter dem Ofenschirm schlummert sie in ihrem Wiegenbett, die kleine Mimi,
die vor zwei Monaten ihren ersten Geburtstag gefeiert hat.

Horch! jetzt regt und streckt es sich in dem Bettchen, ein leichter
Aufschrei, und mit einem Sprunge ist der Vater an des Kindes Wiege.

Ausgeschlafen, meine kleine Mimi? lchelte er dem Kinde entgegen, whrend
ein goldiger Freudenschimmer des ernsten Mannes Zge verklrt. Und das
Kind streckt ihm mit dem sen Rufe Papa lchelnd die kleinen runden Arme
entgegen.

Er hebt es zu sich empor und bedeckt das kleine rosige Gesicht mit Kssen,
whrend Mimi mit ihren Hndchen ihm jauchzend den Bart zaust. Da erblickt
die Kleine den grnen Tannenbaum mit den goldenen Nssen und silbernen
Aepfeln und dem bunten Zuckerwerk, und in die Hnde klatschend stt sie
einen hellen Schrei aus.

Mit einem Blick unaussprechlicher Zrtlichkeit betrachtete Dennhardt
die kleine Mimi, welche nach dem ersten Ausbruch ihres Jubels still die
Herrlichkeiten des Christbaums anstaunte. Sie war sein Alles, die kleine
Mimi, seine Freundin, seine Geliebte, seine Welt, sein Ideal. Es war
ein herziges, liebes Kind, ein kleiner holder Engel, wie ihn Raphael's
Phantasie in ihrer glcklichsten Stunde nicht reizender trumen konnte.

Die blonden weichen Locken, welche den kleinen Kopf umwallten, die lieben
braunen Augen, welche so frisch in die Welt hineinblickten, das rosige
Plappermulchen, hinter dessen rothen Lippen schon der weie Schmelz der
ersten Zhne hervorglnzte, das weiche runde Kinn mit dem kleinen Grbchen,
die helle Stirn mit ihrem Schimmer reinster Unschuld, auch ein klteres
Herz, als es das Herz eines Vaters ist, htte die Kleine lieben mssen.

Da klingelte es drauen an der Thre des Vorzimmers, leichte Schritte
wurden hrbar. Die Kleine hob das Kpfchen von der Schulter des Vaters und
frhlich in die Hndchen klatschend rief sie: Mama ... Mama...

Fanny trat ein.

Mimi! und Hut und Mantel abwerfend eilte sie auf die Kleine zu, welche
ihr jauchzend entgegenzappelte.

Sie nahm das Kind aus Walther's Armen und zog es an ihre Brust, das kleine
Kpfchen mit unzhligen Kssen bedeckend.

Wer in diesem Augenblicke Beobachter dieser Scene gewesen, Zeuge von den
Ausbrchen der leidenschaftlichen Zrtlichkeit gegen das kleine reizende
Wesen, der wrde sicher geglaubt haben, da in dieser kleinen einfachen
Wohnung des deutschen Flchtlings sich ein Tempel des huslichen Glckes
aufgerichtet, wie man ihn in Millionen von Palsten und Htten vergebens
sucht.

Und doch htte er nur den einen Blick, welchen die beiden Gatten bei ihrem
Wiedersehen mit einander wechselten, auffangen mssen, um zu erkennen,
da dieses Kind das einzige, letzte Band noch war, welches die Beiden an
einander fesselte. Wem aber jener Blick noch nicht Alles gesagt, der
htte an dem Tone von Walther's Stimme erkannt, da hier zwei Herzen neben
einander schlugen, die sich so fremd geworden waren, da keines mehr den
Schlag des andern verstand.

Es beginnt zu dunkeln, geh' mit der Kleinen so lange in das Schlafzimmer,
bis ich den Baum angezndet habe. Wo sind die Puppen und die anderen
Sachen?

Der Commissionr wird sie auf dem Vorsaal abgelegt haben, entgegnete die
junge Frau, in das Nebenzimmer gehend, in einem Tone, der so kalt, so eisig
war, wie der Nordwind, der vom Montmartre herab durch die Straen der Stadt
fegte.

Dennhardt sah ihr mit einem langen ernsten Blicke nach.

Wir beide haben mit einander abgeschlossen, sprach er fr sich, aber das
Herz des Kindes sollst Du mir nicht rauben, Du verblendetes stolzes Weib,
das nicht leben kann ohne jenes nichtige Rauschgold und jenen Flittertand,
dem die Narren nachjagen, um darber das wahre echte Glck des Lebens, den
Frieden des Herzens zu verlieren.

Weder in seinen Mienen, noch in dem Klange seiner Stimme drckte sich bei
diesen Worten etwas Schmerzliches oder Klagendes aus, er sprach diese Worte
so ruhig, so leidenschaftlos, so reflectirend, etwa wie ein Professor auf
dem Katheder ber einen Satz der Moralphilosophie. Aber diese Ruhe hatte
er mit Kmpfen sich erkauft, die er nicht zum zweiten Male htte bestehen
knnen. Dann trat er an den Tisch, um den Christbaum anzuznden und den
Weihnachtstisch fr seine kleine Mimi herzurichten.

Es war finster drauen, der Wind trieb dichte Wolken von Schneeflocken
durch die Straen und gegen die Fenster der Huser, die Bume des Parks
sthnten und seufzten unter der Gewalt des Wintersturmes -- in der Brust
des Verbannten aber, der hier auf fremder Erde seinem Kinde den ersten
Christbaum anzndete, da leuchtet es in diesem Augenblicke auf von hellem,
warmem Sonnenschein. Seine Mimi war es ja, fr die er die Lichter
des Tannenbaums anbrannte, ihr gehrten alle die bunten flimmernden
Herrlichkeiten dieses Tisches, dem kleinen holden Engel, welchen ihm
die gtige Gottheit gesendet hatte zum Trost und zur Freude inmitten der
Wirrsale seines wild bewegten Lebens.

Endlich war Alles geordnet, er klatschte in die Hnde, die Thr des
Nebenzimmers ffnete sich und mit einem Male strmte der helle Lichtglanz
in das dunkle Cabinet, auf dessen Schwelle die kleine Mimi stand, sprachlos
die Hndchen in einander gefaltet, ein Bild lieblichsten Erstaunens. Ein
Wonneschauer seligsten Entzckens ging durch des Mannes Seele.

Wohl giebt es der Freuden, welche ein Menschenherz erbeben lassen, viele
und schne, aber eine reinere, unschuldigere, sere Freude, als ein
liebend Elternherz empfindet, wenn des ersten Christbaums Lichter in die
Seele des Kindes jenen hellen Glanz werfen, der noch nach langen,
langen Jahren durch das Dunkel des Lebens uns seinen magischen Schimmer
nachsendet, eine sanftere, beglckendere Freude giebt es nicht auf dem
Erdenrund.

Aber auch Fanny verga in dieser Minute alle die Dissonanzen ihres jetzigen
Lebens und versenkte sich ganz in die bewegte liebliche Kinderseele. Still
war es im Zimmer, still als wenn ein Engel durchs Gemach schwebte und
seinen Gru dem blonden Engelskpfchen mit den lieben braunen Augen
zuwinkte.

Allmlig erholte sich die Kleine von ihrem Erstaunen. Anfangs
mit zgerndem, dann mit lebhafterem Schritte nherte sie sich dem
Weihnachtstische, und als sie endlich dicht vor den schimmernden
Herrlichkeiten stand, stie sie einen lauten jauchzenden Ruf aus und fate
mit beiden Hnden nach der nchsten Puppe, die sie zrtlich an ihr kleines,
vor Aufregung und Freude laut klopfendes Herz drckte.

O welch ein unendlich reicher Schatz von Liebe liegt in eines Kindes Brust,
wie sollte er gehtet werden von Denen, welchen Gott die Kinder zur
Obhut anvertraut, und wie gewissenlos wird es nur zu oft verwaltet dieses
Geschenk des Himmels, wie wird Stck fr Stck dieser Juwelen der Liebe
den kleinen Kinderherzen geraubt, Tag fr Tag, Jahr fr Jahr. Und wenn sie
endlich gro sind, dann sind sie so bettelarm geworden, da sie die
wahren Juwelen der Liebe von den falschen, unechten nicht einmal mehr
unterscheiden knnen. Es war Mimi's erste Puppe ... die erste Puppe! Welche
Liebkosungen, welche Zrtlichkeiten empfngt sie, wie offenbart sich an
dem Kinde und seiner ersten Puppe ein so schner rhrender Zug edelster
Menschlichkeit. Es fhlte das kleine Kinderherz die Hlflosigkeit seiner
Puppe, wie das arme Ding mit den kleinen Hnden und Beinen und dem runden
rothen freundlichen Gesicht so ganz und gar auf seine Pflege und Sorge
angewiesen ist. Und nun fttert die Kleine das arme Pppchen und giebt ihm
zu trinken, Kuchen und Milch, gerade wie es Mama mit ihr zu thun pflegte,
und wickelt sie in ihre Schrze, da sie nicht friert die arme Kleine, und
macht ihr ein Bettchen in der kleinen Wiege und drckt sie zrtlich an die
Brust und schlft endlich mit ihr ein, mit ihrer Puppe im Arm.

Und so ist auch die kleine Mimi eingeschlafen mit ihrer Puppe und des
Kindes Wange ruht an der ihres kleinen Schtzlings und um die Lippen des
Kindes schwebt noch das letzte Lcheln, mit dem sie ihre Puppe angelchelt,
schon halb im Schlummer, umgaukelt von den rosigen Engeln der Kindertrume.
Da erhebt sich die junge Frau und verlt das Zimmer, Hut und Shawl
ergreifend, und steigt die Treppe hinab und ffnet das Haus und steigt
in einen Wagen, der zwanzig Schritte von der Thr hlt und dann mit ihr
fortrollt.

Und wieder sitzt Dennhardt allein an der Wiege seines Kindes.

Die Lichter des Tannenbaums sind erloschen bis auf eine einzige Kerze,
welche mit ihrem matten Schimmer das Gemach erleuchtet, auf dessen Wnden
und auf dessen Diele die Aeste und Zweige des Christbaums ihre Schatten
werfen. Der Geruch des Wachses durchzieht vermischt mit dem harzigen
Tannenduft die Luft und aus dem Halbdunkel glitzern und blinken die
goldenen Nsse und silbernen Aepfel magisch hervor. Erinnerungen an
alte lngst verklungene Zeiten gehen durch des Flchtlings Seele. Die
freundlichen Geister seiner Kindheit schlpfen aus den Zweigen des
Tannenbaums hervor und tragen ihn fort, weit fort von dem groen Paris in
eine kleine Stadt, inmitten der grnen Berge Thringens. Sie fhren ihn
durch die Flur eines traulichen Hauses, die Treppe hinauf, ber den dunklen
Vorsaal in ein kleines Kmmerchen, dicht an dem Wohnzimmer. Und wie er so
in der dunklen Kammer steht und den hellen Lichtstreifen betrachtet, der
sich verstohlen durchs Schlsselloch schleicht und leise ber die Diele
hingleitet, da ist es ihm auf einmal, als wre sein ganzes spteres Leben
nur ein Traum gewesen, den er in der letzten unruhigen Nacht getrumt.
Er ist wieder der zehnjhrige Knabe mit den langen blonden Locken, das
frhliche Kind, welches durch das Schlsselloch blinzelt, um Etwas von
den Geheimnissen der Bescheerung, die darin von Vater und Mutter aufgebaut
wird, zu erlauschen.

Da ffnet sich pltzlich die Thr, ein blendend heller Lichtstrom dringt
in die dunkle Kammer, mit glcklichem Lcheln betrachten die Eltern den
berraschten Knaben, der zgernd einige Schritte gegen den Tisch wagt, wo
unter den Zweigen des Christbaums in rosig schimmerndem Kleide mit goldenen
Flgeln ein Weihnachtsengel sitzt und ihm mit dem Finger winkt.

Da verwirren sich ihm pltzlich die Gedanken. Er kennt den Weihnachtsengel
und die lieben guten Augen seines lieblichen Gesichts, er hat oft mit ihm
gespielt und getndelt, den kleinen Engel in seinen Armen herumgetragen,
ihn gekt und geherzt, er hat ihn beim Namen gerufen, und doch wei er
in dem Augenblicke nicht, ob er ihn Lenchen nennen soll, wie sein einziges
kleines Schwesterchen hie, das so bald von den Engeln des Himmels
hinaufgetragen wurde zu den blauen Wolken, oder ob er Mimi heit, wie sein
liebes ses Kind. Wie wenn zwei Wasserstrme sich vereinigen und ihre
Wellen sich vermischen, so flieen jetzt in Dennhardt's Traumgebilde
Vergangenheit und Gegenwart zusammen.

Da schlgt ein Laut an sein Ohr, ein ser, lieblicher Laut, der ihn von
den Todten auferwecken knnte.

Papa ... lieber Papa... Und gebrochen ist pltzlich der Bann, mit dem
der Traumgott ihn bestrickt.

Meine Mimi, ruft er und beugt sich ber die Kleine, die mit heien Wangen
in ihrer Wiege liegt, im Halbschlummer plaudernd, noch aufgeregt von den
Eindrcken des Abends, die sie noch im Traume verfolgten.

Schlummere, mein kleiner Engel, murmelte Dennhardt und legte seine Hand
leise auf des Kindes heie Stirn, whrend er sein Haupt leicht auf den Rand
der Wiege sttzte. Da erlosch auch die letzte Kerze, im tiefen Dunkel lag
das Zimmer und herab senkte sich auf Vater und Kind jener sanfte ruhige
Schlummer, der den Gerechten geschenkt wird, die reinen Herzens sind.




4. Ein Gesprch und seine Folgen.


Fanny hatte doch das Herz geklopft, als sie ihren Fu auf den Tritt des
Wagens setzte, der sie von der Vorstadt bei Belleville weit hinein in das
Herz von Paris fhren sollte.

Dieser Schritt, Das fhlte sie klar, war ein Bruch mit der Vergangenheit,
ein entschiedener Bruch, der nicht mehr zu heilen war. Manch innerer
schwerer Kampf war vorausgegangen, ehe sie ihn wagte.

Bevor wir aber die junge Frau auf ihrer nchtlichen Fahrt nach Paris hinein
begleiten, mssen wir von einer Begegnung erzhlen, die vielleicht einen
Monat vor Weihnachten stattgefunden hatte.

Fanny war in die innere Stadt gefahren, um hier einige Einkufe zu
besorgen. Etwas ermdet war sie dann in ein Caf des Boulevard Italien
getreten, um eine Erfrischung zu nehmen, als mit einem halb unterdrckten
Ausruf der Freude ein junger eleganter Mann auf sie zutritt.

Welch glcklicher Stern, der mich Ihnen, Madame, zwei Tage nach meiner
Ankunft in Paris begegnen lt!

Die junge Frau berfliegt mit einem berraschten Blicke die Zge und
Gestalt des Mannes und die Erinnerung an jene Scene an den Ufern des Rheins
steigt in ihrer Seele auf.

Der Herr Vicomte von Grandlieu, entgegnete sie, ist das nicht Ihr Name,
mein Herr? Und ohne die bejahende Geberde des Andern abzuwarten, fuhr sie
fort: O, mein Mann wird sich sehr freuen, wenn ich ihm mittheile, da Sie
in Paris sind.

Der Vicomte unterbrach sie:

Sprechen wir jetzt nicht von Ihrem Gatten, Madame, sondern von Ihnen und
von Ihrem Leben in unserm groen prchtigen Paris. Und er lud sie
durch eine verbindliche Handbewegung ein, neben ihm an einem der kleinen
Marmortische des Salons Platz zu nehmen.

Dieses Leben ist so einfach, da man kaum darber sprechen kann.
Vielleicht wrde ich mich darber beklagen, wenn ich nicht ein Kind htte,
das ich anbete und dessen Besitz mich Vieles, Vieles vergessen lt.

Der Vicomte schwieg einen Augenblick auf diese Bemerkung der jungen Frau,
und ein leiser Schatten glitt ber seine Zge.

So sind Sie sehr glcklich, Madame, denn ich habe oft gehrt, das die
Liebe der Mtter zu ihren Kindern in einem gewissen Verhltnisse zu der
Liebe gegen ihren Gatten steht. Wenn Sie Ihr Kind anbeten, so mssen Sie
gewi den Vater dieses Kindes sehr lieben. Und was bedarf es mehr, um
glcklich zu sein?

Solche allgemeine Sentenzen, entgegnete die junge Frau, indem sie das
Auge vor dem funkelnden Blicke des Barons von Grandlieu niedersenkte,
mgen zuweilen Recht haben, zuweilen lgen sie aber auch.

Der Vicomte war ein leidenschaftlicher, unternehmender junger Mann,
der sich im Umgange mit den Frauen von Paris eine Khnheit der Sprache
angewhnt, die oft verletzt htte, wenn sie nicht gemildert worden wre
durch einen Ausdruck von Ehrerbietung in Miene und Geberde und im Ton der
Stimme: Eigenschaften, um derenwillen ihm die Frauen manche indiscrete und
khne Frage verziehen.

Sollte bei Ihnen, Madame, frug er mit schchternem Ausdruck und
niedergeschlagenen Augen, wie ein Schler von sechszehn Jahren, welcher
der Auserwhlten seines Herzens seine erste schchterne Liebeserklrung
stammelt, sollte bei Ihnen jener Gemeinspruch eine Ausnahme machen?

Eine dunkle Rthe flammte ber das Gesicht der jungen Frau.

Und wenn Dies der Fall wre, welches Interesse knnten Sie, Herr Vicomte,
haben, Dies zu wissen? frug sie mit leiser Stimme und ohne die Augen von
dem Parquet des Salons zu erheben.

Oh, Madame! rief der junge Mann mit leisem und bebendem Tone. Eine ganze
Rede wrde nicht beredter, nicht ausdrucksvoller gewesen sein, als dieser
kurze Ausruf, der so einfach, so natrlich war und doch so Viel errathen
lie.

Es trat ein kurzes Stillschweigen ein, eine jener Pausen, in denen statt
des Mundes nur das Herz spricht, in denen man die Worte und Empfindungen
des Andern in dessen Augen lesen mu.

Der Vicomte war es, welcher das Stillschweigen brach. Er war ein sehr
gewandter Mann, welcher wute, da so stolze Naturen wie Fanny sehr
behutsam behandelt werden mssen.

Und wissen Sie, Madame, begann er das Gesprch in einem Tone, der den
Ausdruck achtungsvoller Vertraulichkeit trug, ohne jene durchschimmernde
Leidenschaftlichkeit, welche dem vorhergehenden Gesprch einen so
eigenthmlichen Charakter aufgeprgt hatte, wissen Sie, welche
Angelegenheit mich schon so frh nach Paris gefhrt und mich den Freuden
der Jagd in meinen schnen Wldern so bald Adieu sagen lie?

Die junge Frau lchelte mit einer verneinenden Geberde.

Die Politik, fuhr der Vicomte fort, ich bin Deputirter der
Nationalversammlung, und ich und meine Freunde halten es fr hohe Zeit,
diesem republikanischen Komdienspiel ein Ende zu machen und Frankreich
seinem rechtmigen Herrscher wiederzugeben.

Wen nennen Sie den rechtmigen Herrscher Frankreichs? frug Fanny,
berrascht, in dem Vicomte, welchen sie bis jetzt blos fr einen jungen
Elegant gehalten, auch einen Politiker zu entdecken.

Wie, Madame? rief der junge Edelmann lebhaft aus, knnen Sie einen
Augenblick daran zweifeln, da ich ein anderes Banner auf dem Schlosse der
Tuilerien sehen will, als das mit den kniglichen Lilien von Frankreich?
Wir Shne des alten Frankreich kennen nur Einen rechtmigen Herrscher und
das ist HeinrichV.

Und haben Sie wirklich gegrndete Hoffnung, Ihren Knig wieder auf dem
Throne Frankreichs zu sehen?

Sie knnen noch zweifeln, Madame? Ehe ein Jahr vergeht wird der Enkel
Knig Karl'sX. in dem Schlosse seiner Ahnen wohnen. In seiner lebhaften
Weise theilte nun der Vicomte der jungen Frau die Plne der Legitimisten in
der Nationalversammlung mit, wie sie im Bunde mit den andern Parteien der
Ordnung zuvrderst die Nationalversammlung und die Republik in den Augen
des Volks zu entwrdigen suchen mten, um dann mit einem khnen Schlage
die weie Fahne in Paris aufzupflanzen. Er erzhlte Das in einem Tone der
Vertraulichkeit, mit einem Ausdrucke der Hingebung an die Sache, wie man es
vielleicht einem Freunde gegenber thut, aber nicht einer jungen Frau; er
schien ganz zu vergessen, da nicht ein Mann, ein Politiker vom Fach ihm
zuhrte, sondern eine schne junge Dame, die am Ende doch zu wenig in die
franzsischen Parteiverhltnisse eingeweiht war, um fr diese Dinge ein
groes Interesse zu hegen.

Fr Fanny lag in dieser Vertraulichkeit des Vicomte ein Reiz, dem sie sich
nicht entziehen konnte. Es schmeichelte ihrem stolzen, ehrgeizigen Sinne,
da der Vicomte ihr gegenber nicht blos den liebenswrdigen Mann, sondern
auch den Politiker zeigte; sie mute voraussetzen, da der Vicomte sie fr
bedeutender hielt als tausend ihres Geschlechts, fr welche er vielleicht
galante, zrtliche Worte, aber nie ein ernsthaftes Gesprch, welches sich
um so wichtige Interessen drehte, gehabt htte. Und als sie sich endlich
trennten, da erhielt der Vicomte nach kurzem Zgern das Versprechen
der jungen Frau, einer der nchsten Sitzungen der Nationalversammlung
beizuwohnen, in welcher die legitimistische Partei einen Antrag auf
Zurckberufung der Prinzen des Hauses Bourbon stellen wrde.

Gegen ihren Gatten schwieg sie ber das Zusammentreffen mit dem Vicomte.
Es war das erste Geheimni, welches sie vor ihrem Manne verbarg, es sollte
nicht das letzte sein.

Wenige Tage nach dieser ersten Begegnung hrte sie auf der Damentribne
der Nationalversammlung den Vicomte von Grandlieu fr die Aufhebung der
Verbannungsgesetze gegen die Prinzen des Hauses Bourbon sprechen. Der junge
legitimistische Edelmann sprach mit Feuer und einer gewissen Eleganz des
Ausdrucks, welche die vornehme Damenwelt des Faubourg St.Germain, die in
ihren glnzendsten Toiletten auf der Zuhrertribne erschienen war, zu den
lebhaftesten Beifallsbezeigungen hinri.

Der Vicomte warf einen Blick nach dem Damenflor, der ihm eine so
schmeichelhafte und rauschende Huldigung darbrachte. Aber sein Auge glitt
theilnahmlos an allen den reizenden Herzoginnen, Marquisinnen, Grfinnen
und Baroninnen vorber und blieb an der Gestalt einer jungen Frau haften,
die in einem einfachen Kleide von dunkler Seide, den Shawl fest um
die Schultern gezogen, den Oberkrper leicht an eine Sule der Tribne
gesttzt, mit strahlenden Blicken den Triumph betrachtete, welchen der
Vicomte feierte.

Purpurrthe frbte ihr Gesicht, als ihr Auge dem des Vicomte begegnete, ein
leiser Schauer lie ihre schlanke, zarte Gestalt erbeben, und wie von
einer pltzlichen Schwche ergriffen sank sie auf ihren Sitz zurck. Aber
trotzdem entging ihr nicht, wie einige nahestehende Damen, welche dem Blick
des Vicomte gefolgt waren, ihre Augen auf sie richteten. Sie hrte leise
Flsterworte, wie eine Dame der andern Bemerkungen ins Ohr raunte.

Ein interessantes Gesicht, sprach eine alte Herzogin zu ihrer Nachbarin,
einer jungen blonden Grfin, nur etwas zu selbstbewut.

Sie ist wirklich reizend, gab die junge Frau zurck, whrend sich ein
leichter Seufzer ihrem Busen entrang; aber wer mag sie wohl sein?

Nach Beendigung der Sitzung erwartete der Vicomte die junge Frau am Portal
und hob sie in seinen bereitstehenden Wagen. Dann nahm er ihr gegenber
Platz und befahl seinem Kutscher nach dem Boulogner Wldchen zu fahren.
Es verging eine Viertelstunde, ehe zwischen den Beiden ein Wort gewechselt
wurde, aber eine desto lebhaftere und innigere Sprache redeten die Augen.

Sie haben heute eine Schlacht gewonnen, begann Fanny endlich.

Sie wollen sagen: wir sind besiegt, aber nicht geschlagen worden; denn
wenn unser Antrag auch nicht angenommen wurde, so geschah Das nicht
dehalb, weil man unsere Grnde durch Gegengrnde widerlegte, sondern weil
man uns durch das Gewicht der Mehrheit erdrckte.

Eine Kutsche, in welcher jene alte Marquise und die junge blonde Grfin von
der Zuhrertribne der Nationalversammlung saen, rollte vorber.

Der Vicomte von Grandlieu grte mit einer Verbeugung, whrend ein leiser
spttischer Zug um seine Lippen schwebte.

Die arme Grfin, sprach er zu Fanny gewendet, sie war blos dehalb
auf die Tribne gekommen, um ihren Gatten, den Grafen von Bonville, als
Demosthenes zu bewundern. Der Arme bekam aber das bekannte Fieber, welches
den Soldaten, der zum ersten Male in die Schlacht geht, ebenso befllt,
wie den Komdianten, wenn er zum ersten Male vor die Lampen tritt, oder den
Priester, wenn er seine erste Predigt hlt.

Desto mehr waren Sie der Gegenstand ihrer Bewunderung, entgegnete Fanny
in einem gewissen piquirten Tone, sie applaudirte Ihnen wie ein Claqueur
in der groen Oper.

Trotz der Ironie, die durch diese Bemerkung schimmerte, brach ein
freudestrahlender Blick aus dem Auge des Vicomte, und indem er sich rasch
nach vorwrts beugte und einen Ku auf Fanny's Hand drckte, flsterte er:

Und doch kann ich Ihnen versichern, da mich alle diese Zeichen des
Beifalls kalt lieen, und da ich mich durch den stummen Blick einer jungen
Frau, welche dicht an einer der Sulen der Zuhrertribne stand, mehr
beglckt fhlte, als durch alle diese rauschenden Acclamationen.

Eine tiefe Rthe frbte Fanny's Stirn bei diesen Worten des Vicomte und mit
banger Beklommenheit senkte sie den Blick nieder.

Auch der junge Mann versank in ernstes Sinnen, und so hatten sie den Saum
des Hlzchens erreicht, ohne da weiter ein Wort zwischen ihnen gewechselt
worden wre.

Der Wagen lenkte in eine der Seitenalleen ein, welche das Wldchen nach
allen Richtungen hin durchkreuzen.

Es war in der dstersten und trbsten Jahreszeit, Ende November.

Ein leichter Schneefall hatte die Bume des Waldes wei gefrbt, graue
Wolken bedeckten den Himmel, ein kalter Wind strich ber die Erde. Dichte
Schaaren von Krhen und Dohlen saen stumm auf den entlaubten Zweigen und
flogen mit mitnendem Geschrei und schwerem Flgelschlag davon, wenn
die Peitsche des Kutschers durch ihren Knall die Waldeinsamkeit und tiefe
Stille unterbrach.

Fanny gehrte nicht zu den sentimentalen Naturen, deren Seele von dem
trben Eindruck eines melancholischen Landschaftsbildes in Schwermuth
versenkt wird, aber dennoch fhlte sie allmlig eine gewisse Traurigkeit
ihre dunklen Fittige ber ihr Herz ausbreiten.

Lassen Sie uns zur Stadt zurckkehren, sprach sie zu dem Vicomte,
diese de Stille, dieses Schweigen in der Natur macht mich traurig und
verstimmt.

Auf den Lippen des jungen Mannes erschien ein leichtes Lcheln.

Das ist wohl noch eine Erinnerung an Deutschland, die Sie aus diesem
nebligen Lande mit herber gebracht haben in unser sonniges Frankreich, wo
solche Tage wie der heutige zu den Ausnahmen gehren. In Deutschland sollen
sich wenigstens die Dichter an grauen trben Nebeltagen an Mondschein,
Regenschauer und Nordwind begeistern.

Fanny schttelte verneinend das Haupt.

Ich habe Nichts mit diesem Lande gemein, seine Sitten, Gewohnheiten und
Ideen sind mir heute ebenso fremd wie an dem Tage, als ich es zum ersten
Male betrat.

Und vergessen Sie, Madame, flsterte der Vicomte in leisem Tone, die
Augen auf seinen Hut, den er zwischen den Hnden drehte, gerichtet,
da Sie das festeste Band mit Deutschland verknpft, da Ihr Gatte ein
Deutscher ist?

Sie haben sich versprochen, Herr Vicomte, entgegnete die junge Frau mit
einem Ernst im Ausdruck von Miene und Sprache, welcher den jungen Mann fast
einschchterte, Sie wollten von einem andern Bande sprechen, welches
mich vielleicht an jenes Land ein wenig fesselt, von meinem Kinde, das ich
anbete, und dessen Vaterland jenseits des Rheins liegt.

Damit brach die Unterhaltung ber diesen Gegenstand ab, gewi in so
bedeutsamer Weise, da sie dem Vicomte eine klare Einsicht in die
Empfindungen der jungen Frau gestattete.

Von diesem Tage an sahen sich die Beiden tglich. Entweder war Fanny auf
der Tribne der Nationalversammlung oder sie traf den Vicomte in dem Caf
Tortoni auf dem Boulevard der Italiener.

Ihr Gatte frug nie nach ihren Ausgngen, sie mochte lngere oder
krzere Zeit weg bleiben, es war eine solche Entfremdung zwischen ihnen
eingetreten, da sich ihr gegenseitiges Gesprch nur auf das Nothwendigste,
Unerllichste beschrnkte. Die Beziehungen zwischen dem Vicomte und Fanny
wurden mit jedem Tage inniger. Es wre ein Wunder gewesen, wenn es anders
gekommen wre.

Der junge Edelmann war allerdings in gewissem Sinne Das, was man einen
Lebemann, einen Bonvivant nennt, allein er war nicht der schlimmsten einer.
Er konnte, wie aus seiner Beschftigung mit den politischen Angelegenheiten
hervorging, sich auch noch fr etwas Hheres begeistern, als fr die Damen
von der groen Oper, Ballettnzerinnen, Pferde, Spiel, Toiletten- und
Boudoirgeheimnisse. Er fhlte, wie seine Empfindungen gegen Fanny immer
mehr den Charakter einer leidenschaftlichen Liebe annahmen, wie das Bild
der jungen Frau sein Wesen von Tag zu Tag mehr erfllte und die Trennung
von ihr ihm immer unertrglicher wurde. Hier handelte es sich nicht um eine
jener flchtigen Leidenschaften, die, geboren im Rausche der Sinne, ebenso
schnell erlschen, wenn den Sinnen ihr Recht geworden, es war eine ernste
Herzensneigung, die ihn zu Fanny hinzog.

Und da er ihr nicht gleichgltig war, da ein hheres Interesse sie zu ihm
hinzog, als das der Geselligkeit und das Bedrfni des Umgangs mit einem
Mann aus jenen Kreisen der Gesellschaft, denen sie vor ihrer Vermhlung
selbst angehrt: Das hatte der Vicomte aus einer Menge kleiner Zeichen
errathen.

Wir sagen absichtlich: kleiner Zeichen; denn es ist die charakteristische
Eigenthmlichkeit mancher Frauen, besonders solcher, bei denen die Liebe
mit Stolz und Selbstbewutsein kmpft, ihre Neigung, den Zug ihres Herzens
dem geliebten Manne durch anscheinend gleichgltige Kleinigkeiten zu
verrathen, deren wahre Bedeutung nur das Auge der Liebe erkennt.

Indessen gehrt unstreitig eine groe Selbstbeherrschung hiezu, wenn zwei
so lebhafte und bestimmt ausgesprochene Naturen, wie Fanny und der Vicomte
es waren, lngere Zeit einen so peinlichen Zustand ertragen sollen.

Eines Tages kurz vor dem Christabend fate der Vicomte einen festen
Entschlu.

Er schrieb folgenden Brief an die junge Frau:

Es liegt weder in meinem Charakter noch in meiner Kraft, den gegenwrtigen
Zustand, unter welchem ich und, wenn mich nicht Alles tuscht, unter
welchem auch Sie, Fanny, leiden, noch lnger zu ertragen. Wie auch Ihre
Entscheidung ausfalle, jedenfalls werden Sie mir nicht darber zrnen, da
ich als Mann den Schritt gewagt und diese Entscheidung herbeigefhrt habe.

Mit einem Worte sei die glhendste Sehnsucht meines Herzens, das Glck
meines Lebens ausgesprochen: werden Sie die Meine. Trennen Sie Ihr Geschick
von dem eines Mannes, welchen Sie, ungeachtet ich weder seinen Charakter
noch seinen Geist anzugreifen wage, nicht mehr lieben, scheiden Sie von
einem Manne, fr welchen auch Sie nicht mehr jenes Ideal sind, das er in
Ihnen zu finden glaubte. Es ist ein schwerer Schritt, ein groes Opfer,
welches ich von Ihnen verlange, theure Fanny. Gewohnheit, Scheu vor der
Welt, vor Ihren Angehrigen, vielleicht auch noch ein gewisses Mitgefhl
fr den Mann, welcher Ihr Gatte war und der Vater Ihres Kindes ist, das Sie
anbeten, selbst die Erinnerungen an gemeinschaftlich berstandene Leiden
und Freuden, alles Dies wird Ihnen einen harten Kampf bereiten.

Aber Sie haben eine khne muthige Seele, theure Fanny, ein stolzes und
doch so liebeglhendes Herz, und Sie werden siegreich aus dem Kampfe
hervorgehen.

Besser ein kurzer, scharfer Schmerz, als dieses langsame Verbluten, dieses
Hinwelken der Lebenskraft in unglcklichen Verhltnissen, die fr alle
Theile, fr Sie, Ihren Gatten, fr mich, ja sogar fr Ihr Kind eine
Qual sind. Vor einer Trennung von Ihrem Kinde schtzen Sie die Gesetze
Frankreichs. Bis zum fnften Jahre gehrt das Kind der Mutter. Fr die
sptere Zukunft berlassen Sie mir die Sorge.

Ich drnge Sie nicht um eine Antwort. Ich verlange auch keine
schriftliche, sondern mchte die Entscheidung aus Ihrem eigenen Munde
hren. Fllt sie gegen mich, so ist mein Entschlu gefat.

Von morgen an wird ein Wagen mit einem treuen zuverlssigen Diener tglich
in den Abendstunden zwischen sechs und acht Uhr wenige Schritte von Ihrer
Wohnung entfernt warten. Sobald Sie mit Ihrem Entschlusse einig geworden,
bitte ich Sie, zu mir zu kommen. Meinem Diener knnen Sie sich ohne Furcht
anvertrauen, er ist mir ganz ergeben.

Doch zgern Sie nicht zu lange, Fanny, und bedenken Sie, da jeder Tag der
Ungewiheit fr mich zu einer qualvollen Ewigkeit wird. Immer

Paris, 16. December 1849.

      Ihr
  Edmund von Grandlieu.

Einen Tag nach dem Empfang dieses Briefes, es war beim Anbruch der
Dmmerungsstunde, Walther hatte eben die kleine Mimi auf dem Schooe und
sang ihr das alte deutsche Wiegenlied von dem

  Eia popeia, was raschelt im Stroh?
  Es sind kleine Gnschen, die haben keine Schuh.

sprach Fanny zu ihrem Gatten:

Wir mssen uns trennen, Walther, ich fhle es, da es nothwendig ist zu
unserem Glcke. Fr das Deinige, fr das meinige, und vor Allem fr das
Glck unseres Kindes.

Dennhardt hielt mit seinem Liede inne, hob den Kopf von der Wange der
Kleinen empor und richtete einen bis in das Innerste der Seele dringenden
Blick auf seine Frau, die am Fenster sa und deren Zge von dem letzten,
bleichen, kalten Strahl der untergehenden Decembersonne erleuchtet wurden.

Was sprachst Du da? frug er, und seine Stimme bebte ein wenig trotz
seiner Selbstbeherrschung.

Ich sprach, wiederholte Fanny, und an dem Zittern ihres Tones und der
Langsamkeit, mit welcher sich die Worte mhsam hervordrngten, erkannte
man die Schwere des Kampfes, der diesem Entschlusse vorhergegangen, ich
sprach, da es fr uns Alle besser sein wrde, wenn ein Jedes seinen
eigenen Weg geht. Du wirst gewi auch schon daran gedacht haben. Unsere
Ansichten, unsere Charaktere sind zu verschiedener Natur. Ich will Dir
keinen Vorwurf machen, Walther, ich trage vielleicht eben so groe Schuld
an der Scheidewand, welche sich zwischen uns aufgethrmt hat, allein ich
fhle die Kraft schwinden dieses Leben lnger in dieser Weise fortzufhren.
Wir verstehen uns nicht mehr, wir sind einander fremder geworden als Leute,
welche sich zum ersten Male im Leben begegnen. Darum la uns ruhig von
einander scheiden, ohne Ha, ohne Zorn.

Sie athmete tief auf und drckte das Gesicht gegen die Fensterscheibe, die
Entgegnung ihres Mannes erwartend.

Es verging eine Viertelstunde und noch immer verharrte Walther in tiefem
Schweigen. Die Dunkelheit war indessen vllig eingebrochen, das Kind
im Arme des Vaters eingeschlafen und eine bngliche, unheimliche Stille
herrschte in dem Zimmer.

Endlich erhob der Mann sein Haupt und sprach mit einer zwar etwas dumpf
klingenden, aber festen Stimme, welcher man Nichts von dem Kampfe anmerkte,
der in diesem Augenblicke in der Brust des Verbannten getobt:

Und wie soll es mit dem Kinde werden?

Fanny zuckte zusammen. Diese Frage hatte sie erwartet -- und gefrchtet.

Das Kind, diese kleine Mimi! Sie wute, da sie der Augapfel ihres Mannes,
sein hchstes Kleinod, sein Alles war, an dem er hing mit allen Fasern
seines Herzens.

Und sie! Sie liebte das Kind gleichfalls mit einer verzehrenden
Leidenschaftlichkeit, mit jener ungestmen, ausschlielichen Zrtlichkeit,
die man oft bei jenen Frauen findet, welche in der Liebe zu ihren Kindern
Ersatz fr eine unglckliche Ehe, fr die Gleichgltigkeit oder Abneigung,
fr die Klte und Untreue des Gatten suchen.

Antworte mir, wiederholte Dennhardt noch einmal seine Frage, wie soll es
mit dem Kinde werden?

Angstvoll suchte sie nach einem Ausweg.

Ich kenne die Gesetze dieses Landes nicht, antwortete sie endlich mit
zgernder ungewisser Stimme, aber ich stelle ihnen die Entscheidung
anheim; was sie auch bestimmen mgen, ich werde mich ihnen unterwerfen.

Walther erhob sich mit einer raschen Bewegung. Das Kind fest an seine Brust
gedrckt, trat er dicht an Fanny heran, so dicht, da ihre Wange von dem
glhenden Hauche seines Athems gestreift wurde.

Ah! Madame, sprach er mit leiser, aber vor tiefster Aufregung bebender
Stimme, die Gesetze Frankreichs wollen Sie ber Ihr, ber mein Kind
entscheiden lassen? Nun wohlan, so merken Sie es sich, da ich, wenn es
sich um mein Kind handelt, nur den Gesetzen in meiner Brust folgen werde.
Und diese Gesetze gebieten mir, Ihnen unter keiner Bedingung die Seele
eines Kindes anzuvertrauen, welches Sie verderben wrden.

Fanny war bleich geworden zum Erschrecken, whrend ihr Mann ihr diese
schneidenden Worte in's Ohr raunte.

Noch nie hatte sie von ihm diesen Ton, dieses so beleidigend klingende
Sie, noch nie eine so grausame Beleidigung gehrt, als die war, welche er
ihr in diesen wenigen Worten in's Gesicht schleuderte.

Mein Herr, entgegnete sie endlich, wenn ich vielleicht auch das Recht
verloren habe, von Ihnen als Ihre Gattin betrachtet zu werden, so glaube
ich doch nicht, da Sie das Recht und die Berechtigung haben, mich mit so
emprenden Beleidigungen zu berhufen.

Und ohne eine Antwort abzuwarten ging sie ins Nebenzimmer, dessen Thr sie
hinter sich verschlo.

Seit diesem Auftritte, welcher acht Tage vor dem Christabende
stattgefunden, war zwischen den beiden Gatten kein Wort mehr ber diese
Angelegenheit gewechselt worden. Es war berhaupt zwischen ihnen nur
das Nothdrftigste gesprochen worden, das Unerlliche, was durch die
Verhltnisse des Zusammenseins eben noch geboten wurde.

In diesen acht Tagen, qualvoll fr Beide, hatte Fanny ihren Entschlu
gefat. Der Christabend war der Tag der Entscheidung. Mit klopfendem, aber
entschlossenem Herzen trat sie an jenem Abend aus der Thr ihres Hauses, um
in den Wagen des Vicomte zu steigen, der sie nach kurzem viertelstndigen
Fahren vor das groe prchtige Htel Grandlieu in der Rue de la Paix
brachte.

Beim Aussteigen zog sie den Schleier dicht zusammen und senkte, wie von
einer unwillkrlichen Bewegung ergriffen, der sie nicht zu widerstehen
vermochte, das Haupt mit einer leisen Geberde der Scham zur Erde. Und als
sie ihren Fu auf die erste Marmorstufe der Freitreppe setzte, da fhlte
sie ein Beben durch ihren Krper rieseln, wie ein Mensch, der auf die
Treppe des Schaffots tritt.

Wenn sie Walther nur einer einzigen Treulosigkeit schuldig geglaubt, so
wrde sie diesen Schritt ohne alle Scrupel gethan haben.

In der Ehe, hatte sie oft gesprchsweise gegen Walther geuert, und er
hatte ihr von seinem Standpunkte aus vollkommen beigestimmt, in der
Ehe ist Alles auf Gegenseitigkeit gegrndet. Ich protestire gegen die
beschrnkte Anschauungsweise, welche die Treue blo von den Frauen fordert,
whrend sie den Mnnern die Erlaubni ertheilt sich darber hinwegzusetzen.
Das heit die Frau herabwrdigen und erinnert mich an jene Hundetreue,
welche die Hand leckt, die sie eben gezchtigt hat. Der allein ist
schuldig, welcher zuerst die Treue bricht, er lst den Vertrag und
entbindet dadurch auch den andern Theil seiner Pflicht. Es mag duldende,
schwache Frauen geben, welche sich auch dem ausschweifendsten Wstling
gegenber fr gebunden erachten, ich aber gehre nicht zu diesen
Duldernaturen. Aber er hatte ihr _nie_ die geringste Veranlassung gegeben
an seiner Treue zu zweifeln -- und nun mute sie den ersten Schritt thun.

Unter dem Portal empfing sie der Vicomte mit einem Leuchter in der Hand. Er
war allein, weder ein Kammerdiener, noch sonst ein Lakai lie sich sehen.

Gesegnet sei die Stunde, in der Dein Fu dieses Haus betritt, Fanny,
flsterte er und ergriff ihre Hand, die er leidenschaftlich bewegt an seine
Lippen drckte.

Mge ich nie bereuen, was ich heute thue, entgegnete sie.

Nur Schwchlinge bereuen, Fanny, und Sie gehren zu jenen starken Naturen,
die entweder brechen oder siegen.

Whrend dieser leise gewechselten Reden hatte der Vicomte die junge Frau
ber einen Corridor, auf dessen weichen Teppichen die Tritte lautlos
verhallten, in ein Zimmer gefhrt, welches den gemischten Charakter eines
Boudoirs und eines eleganten Studiercabinets trug. Herabgelassene
Gardinen von dunkelrother Seide, eine Tapete von ernster brauner Farbe mit
Goldleisten, Sessel = la= Voltaire mit violettem Sammet, fein gearbeitete
Pfeiler- und Spiegeltischchen, auf welchen eine Menge kleiner interessanter
Spielereien standen, zwei mige Bcherschrnke mit wissenschaftlichen und
dichterischen Werken, ein elegant gearbeiteter Schreibtisch, ber welchem
einige Waffen, alte Stcke aus dem Mittelalter, und das Portrt des
Herzogs von Bordeaux hingen, bildeten die Ausstattung des Cabinets, dessen
Atmosphre durch die knisternde Flamme in dem Kamin von blulichem Marmor
angenehm erwrmt war.

Der junge Vicomte fhrte Fanny zu einem Sessel, in welchem die junge Frau
wie erschpft von einem weiten Wege niedersank, und nahm dann ihr gegenber
Platz.

Sie drckte die Hnde vor die Augen, stumm und regungslos, whrend der
Vicomte gleichfalls in tiefem Stillschweigen auf den Boden niederblickte.

Endlich nach einer langen, langen Weile lie sie die Hnde sinken, ihr
Blick begegnete dem des Vicomte.

Sie sah bla aus, sehr bla; aus ihren Augen strahlte ein bernatrlicher
Glanz und ihre Stimme klang matt und bebend: als sie flsterte:

Edmund ... werden wir auch glcklich sein?

Fanny, und er sank vor ihr auf seine Knie, kannst Du zweifeln? Die
Sterne einer geweihten Nacht leuchten uns zu dem feierlichen Augenblicke,
in dem wir den Bund fr's Leben schlieen, aber goldener und strahlender
als alle die Gestirne des Himmels, welche dort oben glnzen, leuchtet
der Stern der Liebe in meiner Brust -- mge Gott mich einst vor seinem
Richterstuhle verwerfen, wenn dieser Stern jemals untergehen sollte.

Schwre nicht, sprach sie, die Hand abwehrend erhebend, Schwre werden
oft zu lstigen Fesseln, die dehalb immer unertrglicher werden, weil
man glaubt, da man sich nicht von ihnen befreien kann, ohne die Rache
der Gottheit wach zu rufen. Der freie Wille ist oft ein festeres Band als
tausend Schwre und Eide. Doch nun la uns von den nchsten Aufgaben reden,
denn Du begreifst, da ich von heute an meinen Aufenthalt in der Wohnung
Dennhardt's nur noch nach Tagen zhlen kann.

Es lag so etwas Tiefernstes, Feierliches in der Art und Weise, mit welcher
sie alles Dies sprach, da der junge Vicomte, so leidenschaftlich er
auch in Liebe und Verlangen aufglhte, doch in eine ernste Haltung
zurckgescheucht wurde.

Ich habe, sprach er, mit einem der besten Advocaten von Paris
Rcksprache genommen. Es werden wenig Schwierigkeiten zu berwinden sein,
da Ihr Beide protestantisch seid.

Aber das Kind, meine se liebe Mimi, unterbrach die junge Frau den
Vicomte, was war sein Urtheil darber?

Der Vicomte zgerte mit der Antwort.

Bis zum fnften Jahre, sprach er endlich, wrde es unbestritten der
mtterlichen Obhut anvertraut werden mssen, von da an aber...

Er hielt stockend inne.

Weiter, weiter, Edmund, drngte Fanny, die ihm jedes Wort von den Lippen
zu nehmen schien, was sprach er ber die fernere Zukunft?

Ueber die fernere Zukunft, meinte er, knne sich leicht eine Controverse
entspinnen ... da Dennhardt kein franzsischer Staatsbrger, sondern ein
Deutscher und als solcher...

Genug, genug, rief Fanny, ihn von Neuem unterbrechend, aus, ich verstehe
... Vom fnften Jahre an wird er das Recht haben mir mein Kind zu rauben.
Du siehst wohl, Edmund, setzte sie traurig hinzu, da wir auf unser Glck
verzichten mssen.

Fanny, Fanny, so leicht giebst Du mich auf? rief der junge Mann mit
schmerzlichem Ausdrucke, ohne zu kmpfen, ohne zu wagen! Knnen wir nicht
mit Deinem Kinde in den fernsten Winkel der Erde fliehen, wo uns der Arm
jenes Mannes nicht erreichen kann, knnen wir nicht durch tausend Listen
seine Nachforschungen und Verfolgungen vereiteln? Ich bin reich, Fanny,
und Du weit, da das Geld heut zu Tage alle Hindernisse und alle
Schwierigkeiten besiegen kann.

Die junge Frau versank in ein tiefes Nachdenken. Dann erhob sie ihr Haupt,
fest und entschlossen.

Wohlan! ich will es wagen ... Als Du mir vorhin schwren wolltest, da
sprach ich: schwre nicht. Jetzt verlange ich einen Schwur von Dir, einen
Schwur bei Allem was Dir theuer und heilig, den Schwur, selbst Dein Leben
daran zu setzen, um mir mein Kind zu sichern.

Der Vicomte von Grandlieu erhob mit feierlicher Geberde die Hand.

Ich schwre, sprach er.

Und ich, flsterte Fanny, indem sie ihre Arme um seinen Nacken schlang
und ihm tief und glhend in die Augen blickte, und ich bin von diesem
Augenblicke an Dein...




5. Verschwunden.


Hatte Dennhardt von der Entfernung seiner Frau, welche gegen Mitternacht
in dem Wagen des Vicomte in ihre Wohnung zurckgekehrt war, Nichts bemerkt
oder wollte er Nichts bemerken, genug, er erwhnte den immerhin aufflligen
Weggang Fanny's und ihre spte Heimkehr mit keinem Worte. Auch sonst zeigte
sich in seinem Benehmen keine Vernderung, nur da er vielleicht, wenn Das
berhaupt mglich war, sich noch wortkarger und verschlossener zeigte.

Nach der Verabredung, welche Fanny und der Vicomte getroffen, sollte
Fanny am Sylvesterabend unter irgend einem Vorwand mit dem Kinde ausgehen,
vielleicht unter dem Vorgeben eine Spazierfahrt zu machen, dann die von
dem Vicomte fr sie eingerichtete Wohnung beziehen und hieran die Scheidung
einleiten. Fanny's Charakter widerstrebte freilich dieses heimliche
Entweichen; ihrem stolzen Sinne wre es viel lieber gewesen, wenn sie
in offnem Bruch sich von ihrem Manne htte entfernen knnen. Allein der
Vicomte hatte ihr mit klugen Worten nachgewiesen, wie unbesonnen ein
solches Verfahren sein wrde, wie es leicht zu einer Katastrophe fhren
knnte, die fr sie und das Kind verhngnivoll werden knnte.

Und doch hatte Fanny trotz alledem immer noch geschwankt. Der Vicomte, Dies
bemerkend und eine Unbesonnenheit der jungen Frau befrchtend, hatte ihr
wenige Tage nach dem Besuche in seinem Htel einen Brief geschrieben, worin
er sie mit den eindringlichsten Worten beschwor, seinem Rath zu folgen.

Ich beschwre Dich, schrieb er ihr, bei unserer Liebe, bei dem Haupte
Deines Kindes, nur scheide nicht in offnem Bruch von Dennhardt. Er
wrde vielleicht Dich, aber nimmermehr das Kind lassen, und wie mir mein
Sachwalter versichert, knnte Dein Mann bis zur Entscheidung des Processes
das Kind bei sich behalten. Du wirst es ihm nicht verwehren knnen nach
England und Italien zu gehen, sich in eine Einsamkeit mit dem Kinde zu
flchten und Dir es fr immer zu entziehen. Folgst Du aber meinem Rath,
scheidest Du mit dem Kinde von Dennhardt, ohne da er es ahnt, so brauchen
wir Nichts zu frchten. Meine Vorsichtsmaregeln habe ich so getroffen, da
er, selbst fr den Fall, da er Deine Wohnung erkundschaftet, nicht zu Dir
und dem Kinde gelangen wird.

Dieser Brief entschied. Fanny beschlo, am nchsten Tag mit dem Kinde ihren
Gatten zu verlassen, und nur das Eine wollte sie noch thun, ihm noch einmal
in einem zurckgelassenen Schreiben die Motive dieses Schrittes darlegen.

Sie hatte die Zeilen, in welchen der Vicomte sie zugleich um eine
Zusammenkunft fr den Nachmittag in dem Caf Tortoni gebeten, in den
Vormittagsstunden empfangen, hatte dann in ihrem Schlafzimmer den fr ihren
Mann bestimmten Brief geschrieben und war, nachdem sie die kleine Mimi,
welche ihren Nachmittagsschlummer hielt, zrtlich gekt, ausgegangen. Wre
sie weniger mit dem Gedanken an ihre Flucht beschftigt gewesen und htte
sie das Wesen ihres Mannes an diesem Tage nur etwas schrfer beobachtet,
so wrde sie vielleicht nicht so ruhig und zuversichtlich auf das Gelingen
ihres Planes das Haus verlassen haben.

Walther stand am Fenster, als sie ber die Strae ging, um in eine der an
der Ecke haltenden Droschken zu steigen.

Er blickte ihr nach, so lange sein Auge sie erreichen konnte.

Dann, als auch der Saum ihres Gewandes nicht mehr sichtbar war, wendete er
sich mit einer raschen Bewegung ab und strich sich mit der Hand leicht ber
die Augen.

Blendete ihn der Sonnenstrahl des heiteren Decembertages oder perlte eine
Thrne an seinen Wimpern?

Leb' wohl, murmelte er, sich noch einmal nach dem Fenster wendend und die
Hand nach der Gegend ausstreckend, wo Fanny verschwunden; lebe wohl fr
immer!

Es war vier Stunden spter ... Die Sonne sank hinab, und ihre letzten
schwachen Strahlen vergoldeten mit mattem Glanze die Hhen von Belleville.
Eine Droschke rollte an das Haus, in welchem der Flchtling wohnte. Fanny
sprang aus dem Wagen und eilte die Treppe zu ihrer Wohnung hinan. Sie kam
von der Unterredung mit dem Vicomte, und diese Nacht sollte unwiderruflich
die letzte sein, welche sie und Mimi in der Wohnung Dennhardt's verleben
sollten.

Sie ist schon auf der letzten Stiege, dicht vor der Thr des Vorsaals, als
sie sich von der Portire des Hauses angerufen hrt.

Der Schlssel, Madame, ruft sie und eilt die Treppe hinan.

Ist mein Mann ausgegangen? stammelt sie, von einer dunklen Ahnung, an
deren Verwirklichung sie aber nicht zu glauben wagte, durchzuckt, und
wo ist mein Kind ... hat er es mitgenommen? Und whrend sie Dies bebend
spricht, hat sie schon, ohne die Antwort abzuwarten, die Thr geffnet und
strzt ber den Vorsaal nach dem Wohnzimmer.

Mit zitternder Hast reit sie die Thr auf, wirft einen Blick in das leere
Zimmer und stt einen lauten gellenden Schrei der Verzweiflung aus.

Fort ... fort mein Kind ... meine Mimi.

Sie wankt, und die bestrzte Portire, welche ihr gefolgt war, fngt sie in
ihren Armen auf und lt sie langsam auf den Divan niedergleiten.

Aber diese Schwche dauert nur einen Augenblick.

Sie rafft sich empor und strzt in das anstoende Schlafzimmer. Ihr Blick
fllt auf ein Blatt Papier, das auf ihrem Toilettetisch liegt. Es war ein
Brief von der Hand ihres Mannes. Darunter liegt ein Couvert, das Couvert
des Briefes, welchen ihr der Vicomte diesen Morgen gesendet hatte.

Um mit Erfolg ein Verbrechen zu begehen, liest sie, mu man auch sehr
schlau und vorsichtig sein. Du, Fanny, bist weder das Eine, noch das
Andere, Du wrdest sonst vorsichtiger in der Aufbewahrung des Briefes
gewesen sein, dessen Couvert ich zurcklasse zum Beweise, da mir Alles
bekannt ist. Der Schlag, mit dem Du und jener Mann, mit dem ich nun quitt
bin, mich vernichten wolltet, vernichten, indem Ihr mir mein Kind raubtet,
er fllt auf Dich selbst zurck.

Die Gerechtigkeit Gottes konnte eine so ruchlose That nicht geschehen
lassen. Wenn ich auch lngst den Verrath ahnte, den Du mir gegenber
begingst, so hatte ich Dir doch verziehen; denn da, wo keine Gemeinschaft
der Herzen, keine Sympathie der Seelen vorhanden, da fllt auch die
Gemeinschaft des Lebens. Aber da Du mir mein Kind rauben wolltest, Das
konnte ich Dir nicht verzeihen, Du verblendetes Weib.

Lebe wohl und sei glcklich, wenn Du es vermagst. Alles Forschen wird
vergeblich sein -- betrachte mich und das Kind fr Dich gestorben. Es
ist so am besten. In unserer Ehe htte fr das Kind ohnedie kein Glck
erblhen knnen. Kinderaugen sehen klar und scharf und erkennen nur zu
bald, wenn Die, welche ihnen am nchsten stehen, auf getrennten Wegen
wandeln.

Was wir an Hab und Gut besitzen, Das berlasse ich Dir.

Du wirst Papiere und Geldeswerth in meinem Schreibpulte finden. Ich
behalte nur so viel als nthig ist, um mir eine Existenz zu schaffen,
welche mir meinen und meines Kindes Unterhalt gewhrt.

    Lebe wohl fr immer!
          Walther Dennhardt.

Als Fanny diese Zeilen gelesen, sank sie bewutlos zusammen, und die
einzigen Worte, die sie stammeln konnte, waren:

Mein Kind, mein Kind ... verloren ... verloren.

Dann aber raffte sie sich mit wilder Energie auf. Sie befahl der Portire
die Wohnung zu schlieen und die Schlssel an sich zu halten und alle
Briefe, die an sie einlaufen wrden, in das Htel Grandlieu in der Rue de
la Paix zu senden.

Am Morgen des andern Tages verlie der Vicomte mit Fanny, die gestern Abend
verstrt und bleich zu ihm ins Htel Grandlieu mit den Worten gekommen war:
Schwre mir, morgen Paris zu verlassen und mir mein Kind suchen zu helfen,
und ich folge Dir bis an's Weltende, auf der Nordbahn die Seinestadt.




6. Stilles Leben.


Kennt Ihr die grnen Hgel von Morbihan? Jene Berge der alten Bretagne, auf
deren Abhngen, in kleinen Drfern und Weilern zerstreut, einfache Hirten
und Bauern wohnen, an denen die Cultur von Jahrhunderten vorbergegangen
ist, ohne einen Blick in ihre Htten zu werfen? Dort, wo diese
bretagnischen Berge von den Wellen des Meeres besplt werden, wenige Meilen
von Vannes, inmitten eines kleinen Dorfes, dessen Bevlkerung zur Hlfte
aus Hirten, zur Hlfte aus Fischern und Schiffern besteht, lebte seit einem
Jahre der deutsche Flchtling mit seinem Kinde.

Es war in den Nachmittagsstunden eines milden Herbsttages, Anfangs October
des Jahres 1850. Auf der Dne, deren Sand von den Strahlen der Sonne
erwrmt worden war, sa Walther Dennhardt mit seinem Kinde und blickte
hinaus auf die unendliche See.

Er hatte das Haupt in die Hand gesttzt und lauschte dem geheimnivollen
Rauschen der Meereswogen, whrend Mimi zu seinen Fen im Sande spielte.
Sie hatte sich einen kleinen Garten gebaut, mit Beeten und Struern aus
Seegras und Herbstblumen, die sie mit Papa auf dem Wege zur Dne gepflckt
hatte.

Das Kind liebte die Blumen leidenschaftlich. Zu jedem Maliebchen und
Veilchen bckte sie sich nieder, jeder Rose und jeder Lilie nickte sie
einen Gru zu, mit den blauen Kornblumen plauderte sie wie mit lebenden
Gespielinnen, und von keinem Spaziergange kehrte sie zurck, ohne einen
groen Strau ihrer stillen Blumenfreundinnen mitzubringen.

Die Kleine klatschte jetzt freudig in die Hndchen.

Sieh, Papa, rief sie, mein Garten ist fertig.

Walther betrachtete mit heiterem Lcheln das frohe blhende Kind und sein
Spielwerk.

Ach der schne Garten, den meine Mimi sich gebaut hat, sprach er und
beugte sich zu der Kleinen nieder, die mit jenem Ausdruck glcklicher
Zufriedenheit, den wir in seiner unverflschten Reinheit nur bei Kindern
finden, ihre strahlenden Blicke bald auf den kleinen Garten, bald auf ihren
Vater richtete.

Mit einem Male stand die Kleine auf und frug indem sie hinauf nach dem
blauen wolkenlosen Himmel deutete:

Papa, haben die Engel im Himmel auch schne Blumen wie wir?

Noch viel schnere, mein Kind, entgegnete Walther, den die Frage etwas
berraschte, die hellen Sterne, welche wir Abends sehen, sind lauter groe
goldene Blumen, die dort oben im Himmelsgarten wachsen.

Ach! weit Du was, Papa, rief die Kleine indem sie ihren Papa recht
ernsthaft anblickte, dann will ich auch ein Engel werden.

Ein wehmthiges Lcheln, das aber augenblicklich wieder verschwand, glitt
ber Walther's Zge.

Alle guten Menschen werden einmal Engel werden, meine Mimi, aber jetzt
bleibst Du noch bei mir, nicht wahr?

Die Kleine nickte, und so verstndig und ernsthaft, als habe sie den ganzen
bedeutungsvollen Inhalt dieser Frage begriffen.

Walther erhob sich und nahm die Kleine auf seinen Arm.

Ich will Dich zu Hause tragen, meine Mimi, Du bist mde von dem weiten
Wege. Morgen gehen wir wieder hieher und besuchen Deinen schnen Garten.
Und er schritt mit der Kleinen, welche das Kpfchen auf seine Schulter
legte und ihre Arme um seinen Nacken schlang, dem Dorfe zu, in welchem er
ein kleines einstockiges Haus bewohnte.

Eine ltliche Frau, Mama Poisson, wie die Leute sie nannten, die Witwe
eines Schiffers, der auf einer Fahrt nach Westindien verunglckt war,
besorgte seine huslichen Geschfte, whrend er selbst vollauf zu thun
hatte, um fr sich und sein Kind die Bedrfnisse des Lebens zu erwerben.

Walther war zu stolz gewesen, um von dem ohnedie nicht bedeutenden
Vermgen seiner Frau, das in einer Rente von vielleicht zweitausend Francs
bestand, Etwas zu fordern oder an sich zu nehmen. Er hatte bei der Trennung
von seiner Frau Nichts weiter mitgenommen als sechshundert Thaler,
die Reste seines eigenen erworbenen Vermgens, welches whrend der
revolutionren Bewegung und in der Zeit seines Aufenthaltes in Paris bis
auf diesen geringen Betrag aufgezehrt worden war.

Die Reise von Paris bis in die Bretagne, der Ankauf des kleinen Hauses mit
dem daran befindlichen Grtchen, die husliche, wenn auch sehr bescheidene
Einrichtung, alle diese Ausgaben hatten Dennhardt's Capital bis auf kaum
hundert Francs aufgezehrt, und es galt jetzt die Aufbietung aller seiner
Krfte, wenn er nicht sein Kind und sich dem Mangel, ja dem bittersten
Elend preis geben wollte. Seine verwundete Hand war zwar geheilt, aber fr
seinen Beruf war sie untauglich geworden. Als Bildhauer konnte er
ferner nicht arbeiten. Einen Augenblick dachte er daran, sich durch
schriftstellerische Thtigkeit eine neue Existenz zu grnden. Aber es war
nur der Gedanke eines Augenblicks. Er erinnerte sich sofort aus der Zeit
seines Aufenthalts in der deutschen Hauptstadt, wo er hufigen Umgang mit
Schriftstellern gepflogen, wie gerade dieser Beruf nur von Denen gewhlt
werden darf, die dazu berufen sind, wie dornenvoll, die Lebenskraft
aufreibend derselbe ist, wie vielleicht der Einzelne, dem noch nicht
die Pflicht der Sorge fr ein anderes Wesen obliegt, es wagen kann, sein
Geschick an das seiner Feder zu knpfen, whrend es ein groes Wagni ist,
auch die Geschicke Anderer daran zu fesseln.

Glauben Sie mir, hatte ihm damals ein junger und talentvoller
Schriftsteller gesagt, unsere modernen Literaturzustnde gleichen dem
Labyrinthe mit dem Minotaurus. Hunderte von jugendlichen Wagehlsen reizt
der geheimnivolle Zauber, und Hunderte verirren sich und werden ein Opfer
des lauernden Ungeheuers, welches man heut zu Tage nur mit andern Namen
bezeichnet. Jeder glaubt den Lorbeerkranz sich auf die Stirn setzen zu
knnen und wei nicht, da in dem Kranze Dornen verborgen sind, welche so
tief stechen, da die Meisten, whrend sie danach greifen und bevor der
Lorbeer ihre Scheitel berhrt, sich daran verbluten.

In welcher Richtung hin sollte er auch literarisch thtig sein? Als
Publicist hatte er in Frankreich und vollends in diesem einsamen Dorfe der
Bretagne durchaus keine Gelegenheit, und um als Novellist, Dramatiker oder
Romanschriftsteller sich eine Stellung zu erringen, dazu, Das fhlte er,
fehlte ihm die dichterische Begabung.

Er vermied die Klippe, an welcher so Viele zu Grunde gehen, eine
Klippe, die zwar nur in der eigenen Einbildung besteht, aber darum desto
gefhrlicher ist.

Aber einen andern Gedanken ergriff er mit Lebhaftigkeit und setzte ihn mit
der seinem Wesen eigenen Energie ins Werk.

Als er eines Tages mit Mimi nach Vannes gefahren war, um dort einige
nothwendige Einkufe fr seine kleine Wirthschaft zu besorgen, da hatte
die Kleine pltzlich in der Nhe der Kathedrale frhlich in die Hndchen
geklatscht und ausgerufen: Papa, Papa ... schne Puppen. Es war ein
Tabuletkrmer, der auf seinem Tisch ein paar schlecht geformte Wachsfiguren
stehen hatte, die Jungfrau Maria im Stalle zu Bethlehem mit dem
Christuskind und den anbetenden drei Knigen aus dem Morgenlande. Er frug
nach dem Preise. Der Mann nannte ihm einen ungewhnlich hohen.

Ist das Wachs hier zu Lande so theuer? warf Dennhardt mit einem
spttischen Blick auf die schlecht gearbeiteten Figuren hin.

Das Wachs nicht, Herr, aber die Leute, welche solche Sachen machen!

Und wrde man, wenn diese Figuren wohlfeiler wren, viel davon verkaufen?

Gewi, Herr, besonders zur Weihnachts- und Osterzeit.

Dennhardt dankte dem Manne fr die Auskunft und meinte, vielleicht wrde er
bald von ihm hren.

Sein Plan war rasch gefat. Konnte er auch nicht mehr als Bildhauer
arbeiten, so war ihm doch noch die Mglichkeit geblieben, sein plastisches
Talent im Formen weicher Stoffe zu verwerthen.

Er kaufte in Vannes Wachs und ging den nchsten Tag schon an die Arbeit.

Als er die erste Gruppe, die Geburt unseres Heilandes darstellend, fertig
hatte, rief er seine alte Dienerin, welche mit Mimi im Garten war.

Wie gefllt Euch das, Mama Poisson? Das Kind wollte die Figuren kssen
und herzen, und die alte Frau schlug vor Erstaunen die Hnde zusammen.

Glaubt Ihr, frug Dennhardt lchelnd weiter, da man mir diese Figuren in
Vannes abkaufen wird?

Und wenn Ihr so viel httet, als es Schafe und Lmmer auf den Hgeln von
Morbihan giebt, Ihr wrdet keine einzige brig behalten.

Die alte Frau hatte nicht ganz Unrecht. Die Wachsfiguren, welche Dennhardt,
theils in Gruppen, theils als Einzelgestalten bildete, fanden in Vannes
Abnahme ber Abnahme. Dennhardt stellte nach und nach die ganze biblische
Geschichte in ihren Hauptmomenten bildlich dar. Die Gegend um Vannes ist
streng katholisch, und diese religise Richtung der Bevlkerung begnstigte
sehr den Absatz der kleinen, zierlich aus buntem Wachs gearbeiteten Figuren
Dennhardt's.

Fr die kleine Mimi war diese Beschftigung ihres Vaters eine
unerschpfliche Quelle der Freude und des Vergngens.

Da sie mit den andern Kindern nur wenig Umgang hatte, schon dehalb nicht,
weil Dennhardt, der mit der Kleinen nur die Muttersprache, sein geliebtes
Deutsch, sprach, nicht wollte, da das Kind eher des Franzsischen mchtig
wrde, bevor es sich im Deutschen verstndlich ausdrcken konnte, so waren
die Wachspuppen ihre vorzglichsten Spielgenossen.

Sie plauderte mit ihnen, erzhlte ihnen Geschichten, gab einer Jeden
tglich ihre Portion Essen, die dann natrlich, wie es die heidnischen
Priester mit den Opfermahlzeiten ihrer Gtter thaten, von der Darspenderin
selbst verzehrt wurde, sie brachte sie zu Bett, sang ihnen Liedchen vor und
deckte sie jeden Abend sorglich zu, damit die armen kleinen Pipi's, wie sie
zu ihrem Vater sagte, in der Nacht nicht frren und sich erklteten.

So verging Monat auf Monat und die Kleine wurde mit jedem Tage
verstndiger, wenn man eine gewisse Sinnigkeit ihres Wesens so nennen darf.

An ihrem Vater oder Papa, wie sie ihn nur nannte, hing sie mit einer
unbeschreiblichen Zrtlichkeit.

War Dennhardt, was selten, aber doch zuweilen vorkam, ohne Mimi
ausgegangen, vielleicht in die Nachbarschaft, um irgend Etwas, was er zu
seinen Arbeiten bedurfte, zu holen, und Mimi sa unter der Aufsicht der
alten Mama Poisson vor der Thr und erblickte ihn von weitem, dann flog
sie ihm, so schnell als es ihre kleinen Fe vermochten, mit flatternden
Locken, glnzenden Augen und ausgebreiteten Armen mit dem Rufe: Mein Papa
kommt ... mein Papa kommt... entgegen.

Fand sie auf den Spaziergngen eine schne seltene Blume, so pflckte sie
dieselbe nicht eher, als bis der Papa sie bewundert hatte, und sie schlief
an keinem Abende ein, ohne ihren Papa gekt und geherzt zu haben.

Fr Walther aber war das Kind der Inbegriff aller irdischen Glckseligkeit.
Alle seine Empfindungen, Gedanken, all sein Thun, Handeln drehte sich um
seine kleine Mimi. Das Stck franzsischer Erde, auf welcher er mit ihr
lebte, war fr ihn die Welt; was hinter diesen bretagnischen Bergen lag,
hatte er Alles vergessen.

Die Kmpfe der Parteien wie die Leidenschaften des Herzens, sie hatte er
jenseits der grnen Hgel von Morbihan gelassen und Nichts aus der frheren
Zeit mit herber genommen, als die Liebe zu seinem Kinde. Gewi lieben alle
Eltern ihre Kinder, wenn sie keine Rabenherzen im Busen tragen, aber diese
Liebe Walther's zu seiner kleinen Mimi war doch noch ganz anderer Art.

Schon ehe das Kind geboren war, liebte er es, und whrend die Wnsche der
Vter in der Regel auf einen Knaben gerichtet sind, wnschte er, da es
eine Tochter sein mchte.

Als nun sein Wunsch erfllt wurde, da war er so glcklich, so wie es
vielleicht ein Jngling ist, dem endlich aus dem Munde der unendlich
Geliebten das Wort der Erhrung wird.

Jetzt nun vollends, wo die Kleine das einzige Wesen war, welches er sein
nennen konnte, jetzt hing er mit allen Lebensfasern an ihr und sie war der
Mittelpunkt, um welchen sich alle seine Gefhle, Empfindungen, Gedanken,
Entwrfe drehten.

Einst, als er mit ihr am Meeresstrande stand, auf jener Dne, wo er
an jenem Herbstnachmittag mit dem Kinde sa und spielte -- es war sein
liebster Ort, den er bei seinen Spaziergngen stets besuchte -- frug Mimi,
hinber zu der unendlichen Meeresflche deutend:

Papa, wohnen da drben ber dem groen Wasser auch Leute?

Gewi, mein Kind, viele, viele tausend Menschen wohnen dort. Das Land,
in welchem sie leben, nennt man England. Wenn Du gro geworden bist, meine
Mimi, fahren wir einmal zusammen auf einem Schiffe hinber und sehen uns
die Leute und ihre Stdte an.

Das Kind hatte still und mit einer gewissen andchtigen Miene den Worten
des Vaters gelauscht.

Dann hob es sein Kpfchen mit den blonden weichen Locken und den lieben
braunen Augen zu dem Vater empor und sprach mit einem Ausdruck kindlichen
Ernstes, der gerade, weil er aus einem so jugendlichen, lebensfrischen
Munde kam, einen rhrenden Eindruck erzeugte:

Weit Du was, Papa, ich will gar nicht gro werden ... ich will Deine
kleine Mimi bleiben.

Ein Gefhl urpltzlich aufsteigender Wehmuth bemchtigte sich seiner bei
diesen Worten des Kindes und er vermochte nicht eine Thrne, die sich
hervordrngte, zu unterdrcken.

Nicht weinen, Papa, bat Mimi, indem sie ihre Hndchen bittend
emporstreckte und als Dennhardt sie zu sich empor hob, legte sie ihr
Lockenkpfchen an des Vaters Wange und sprach: Du bist mein bester, guter
Herzenspapa.

Und dann fing sie an zu lachen und zappelte lustig vom Arme des Vaters
herab, lief jauchzend hinter einem Schmetterling her und jubelte laut auf,
als sie whrend dieser Verfolgung in dem weichen Sand stolperte und sanft
von der Dne herabrollte, gerade in die ausgebreiteten Arme ihres Papa.

So schwand Monat nach Monat dahin. Dennhardt fhlte sich so glcklich, wie
es noch nie in seinem Leben der Fall gewesen.

Es liegt eine so stille, friedliche Seligkeit in der Liebe zu einem Kinde,
zu einem so unschuldigen und hlflosen Wesen, es verbreitet sich aus diesem
Gefhl ein so sanfter, ruhiger Friede ber den ganzen Menschen, ber all
sein Denken, Thun und Handeln, da alle andern Empfindungen des Herzens
dagegen als aufreibende Leidenschaften erscheinen.

Im schnellen Wechsel fliegen die Jahreszeiten dahin. Wenn der Sommer mit
seinem bunten Farbenschimmer von Blumen und Blthen, mit seinem grnen
Schmelz der Wiesen, mit seinem blauen Himmel und goldnen Sonnenlicht
dahingegangen war und der Herbst mit seinen kalten Regengssen, seinen
Strmen auf dem Meere ihm folgte, und Dennhardt mit seinem Kinde daheim bei
der knisternden Flamme des Kamins bleiben mute, dann brach fr die kleine
Mimi eine Zeit neuen mrchenvollen Glckes an.

Papa, erzhle mir eine Geschichte! Mit diesen Worten erwachte sie frh
in ihrem Bettchen, das dicht neben dem ihres Vaters stand, und mit diesen
Worten ging sie schlafen.

Dann setzte sich Dennhardt, nachdem er sie sorglich zugedeckt, an ihr
Lager, nahm ihre kleine, weiche, warme Hand in die seinige und erzhlte ihr
lauter kleine, das Kind mchtig fesselnde Geschichtchen aus seiner Jugend,
wie er noch ein kleiner Junge war, von seinem lieben Schwesterchen Helene,
die so bald gestorben und der die Eltern ihre Lieblingspuppe, die sie
Anna nannte, mit in den Sarg gegeben, und von den grnen Wldern in
Thringen, in welchen allerlei wilde Thiere hausten, Hirsche, Rehe, wilde
Schweine, Luchse und Dachse, Geschpfe, welche die Kleine nur aus ihren
Bilderbchern kannte. Am meisten aber interessirte sie die Erzhlung von
dem getreuen Eckard, der auch in den thringischen Wldern lebt und
die Kinder beschtzt gegen Nixen, Kobolde und Menschenfresser. Sie war
unermdlich im Anhren dieser Erzhlungen, und oft flsterte sie, endlich
doch vom Schlafe bermannt, whrend sich ihre Augen schon schlossen und
sie sich in die Kissen vergrub, noch mit leiser Stimme: Papa, noch eine
Geschichte... und war in der nchsten Minute fest eingeschlummert.

So vergingen einige Jahre in ruhigem, stillem Leben. Mimi war fnf Jahre
alt geworden und plapperte frisch und gewandt aus ihrem kleinen Munde Alles
heraus, was ihr Herz bewegte.

Mit ihrem Papa sprach sie Deutsch, whrend sie mit der alten Mutter Poisson
Franzsisch plauderte.

Es gab Dennhardt, trotzdem da er glaubte Alles berwunden zu haben, doch
einen scharfen Stich ins Herz, als er eines Tages die kleine Mimi zu der
alten Frau, mit der sie in dem Garten vor dem Hause auf und ab ging, sagen
hrte:

=Ma chre mre, reposons-nous un moment sur ce banc de gazon.= (Meine
gute Mutter, la uns einen Augenblick auf dieser Rasenbank ausruhen.)

=Ma chre mre!= Armes Kind, das nie wieder die Stimme der Mutter hren
sollte! Eine Erinnerung an ihre Mama, an Fanny, schien die Kleine nicht zu
haben, wenigstens erwhnte und frug sie niemals danach. Freilich war sie
auch, als Walther mit ihr Paris verlie, noch nicht zwei Jahre alt gewesen,
und die Vernderung des Wohnorts, die Reise, die neuen tausendfachen
Eindrcke der Auenwelt auf die junge erwachende Kindesseele verscheuchten
schon in der ersten Zeit die schwachen Erinnerungen, welche sich in ihrem
Gedchtni befunden hatten. Als sie endlich das Franzsische sprechen
gelernt, hatte sie in den zwei Kindern eines Lootsen, der frher lange
als Obersteuermann auf einem Kriegsschiff gedient und in dem Hause nebenan
wohnte, ein paar Gespielinnen erhalten.

Pauline und Lisette waren fast in gleichem Alter wie Mimi, doch viel
schchterner, blder als die Kleine. Der Lootse, sonst ein ganz braver
Mann, hatte noch immer etwas Rauhes, Strenges in seinem Wesen und lie die
Kinder nicht selten seine schwere Hand fhlen, whrend Mimi bei aller
ihrer Kindlichkeit sich so ruhig, sicher, so selbststndig bewegte, da der
Unterschied sofort in die Augen sprang.

Die Liebe ihres Vaters gab der Kleinen diese liebenswrdige Sicherheit und
Unbefangenheit, die sie selbst grern Personen gegenber zeigte.

Eines Tages, Dennhardt arbeitete eben emsig an einer Gruppe, welche fr
eine Capelle in der Nachbarschaft bestellt war, spielte sie mit Pauline und
Lisette und noch einigen Kindern ihres Alters vor dem Garten ihres Hauses.

Die Kinder jauchzten, tanzten und sangen und verursachten ein wenig Lrm,
welcher den Feldhter oder Flurschtzen des Orts, der eben aus der Schenke
kam, einen griesgrmigen Patron, strte.

Der Flurschtz ist fr die Kinder in den franzsischen Drfern dieselbe
Popanzfigur, wie es der Polizeidiener unserer kleinen deutschen Stdte fr
die liebe Gassenjugend ist.

Der rothe Streifen an der Mtze und am Kragen hat diesseits wie jenseits
des Rheins dieselbe Wirkung: die Kinder flchteten, als sie den Mann mit
der Flinte ber dem Rcken und den Stock drohend erhebend daher kommen
sahen, nach links und rechts in die benachbarten Huser.

Nur Mimi blieb mit ihrer Puppe im Arm ruhig in der Mitte der Strae stehen.

Heda, Du kleiner Balg, rief der Flurschtz mit einer drohenden Bewegung
die Hand erhebend, willst Du machen, da Du fort kommst?

Die Kleine rhrte sich nicht, sondern blickte dem Mann mit ihren groen
strahlenden Augen fest ins Gesicht.

Nun, wird es werden? schrie er erbost, oder soll ich Dich fortprgeln?

Mein Papa hat gesagt, ich soll hier spielen, und was mein Papa gesagt hat,
Das thue ich, und wenn Du mich prgelst, dann schiet Dich mein Papa mit
seiner Flinte todt.

Der Mann erschrack fast, als das kleine fnfjhrige Mdchen ihm mit solcher
Ruhe und Bestimmtheit vom Todtschieen sprach.

Dein Papa? brummte er, und wer ist Dein Papa?

Die Leute nennen meinen Papa Herrn Dennhardt und ich bin Mimi Dennhardt.

Ah! die Tochter von dem deutschen Rfugi, murmelte der Feldwchter,
indem er einen scheuen Blick nach dem Hause Dennhardt's warf, er soll
ein verwegener Bursche sein und in Deutschland bei einem Massacre
vierundzwanzig Aristos umgebracht haben. Ein derartiges Mrchen gehrte zu
den Gerchten, welche sich ber Dennhardt's Betheiligung an der Revolution
bei einigen leichtglubigen und neugierigen Schwtzern verbreitet hatten
und sehr wohl in einem Lande geglaubt werden konnten, wo sich mit
dem Begriff der Revolution auch zugleich der der Guillotine und der
Niedermetzelung der Aristokraten verband.

Im vorliegenden Fall hatte dieses schauerliche Gercht fr Mimi indessen
das Gute, da der Feldwchter, ein Poltron, fr welchen von jeher
der ernste Blick Dennhardt's und sein langer wallender Bart etwas
Zurckscheuchendes, Ehrfurchtgebietendes gehabt, die Kleine ungehindert
weiter spielen lie und nur beim Weitergehen mit den halblaut gemurmelten
Worten: Nun, heute magst Du noch spielen, wenn ich Dich aber morgen wieder
hier treffe, so wirst Du mich kennen lernen, seine gefhrdete Autoritt
rettete.

Wenn Mimi von ihrem Vater ein Geschenk erhielt, das er ihr stets
mitbrachte, wenn er in Vannes gewesen, so rief sie mit ihrer lieblichen
Silberstimme ihre kleinen Gespielinnen, Pauline und Lisette, eilig herbei.

War es eine Leckerei, so theilte sie dieselbe gewissenhaft in drei Theile,
war es ein Spielwerk, dann muten die Kinder ebenso damit spielen, als wre
es das ihrige. Mitunter kam es vor, da die Kleinen, schchtern und blde,
wie sie in Folge der strengen Zucht ihres Vaters, des Lootsen, waren, die
Annahme dieser kleinen Geschenke und Liebesbeweise verweigerten; dann aber
gerieth Mimi in fast zornige, leidenschaftliche Aufregung und versuchte oft
mit Gewalt die Kinder zur Annahme zu zwingen, was schlielich Geschrei und
Thrnen zur Folge hatte. Dann kam gewhnlich Dennhardt herbei und berwand
durch Zureden die Bldigkeit der Kinder. Nahmen sie dann, was ihnen Mimi
darbot, dann war die Kleine wieder so auer sich vor Freude, da sie die
Kinder strmisch umarmte, kte und mit allerlei Schmeichelnamen nannte.

Bei den Bewohnern des Dorfes, zumal bei den Frauen, stand Mimi in groer
Gunst. Sie war der erklrte Liebling der jungen Mtter, welche bereitwillig
die liebliche Schnheit und geistige Ueberlegenheit des fremden Kindes
anerkannten.

Viel trug auch Dennhardt's Wohlthtigkeit dazu bei, der bei seinem
berreichen Verdienst manche Gabe in die Htten der Armuth sendete und als
Geberin gewhnlich Mimi mit der Mutter Poisson schickte, so da das Kind,
wenn es ber die Schwelle einer armseligen Htte trat, von den Bewohnern
wie ein kleiner rettender Engel begrt wurde.




7. Das Rthsel des Lebens.


Es war im Sommer, wenige Wochen vor Mimi's sechstem Geburtstage. Eine
dumpfe Schwle lag auf dem kleinen Orte, berall sah man traurige und
verweinte Gesichter. Der Todesengel war eingezogen in dem Dorfe und hielt
eine reiche Ernte unter den lieblichsten Blumen der Menschheit, unter den
Kindern.

Es war eine bsartige Epidemie, eine jener verheerenden Krankheiten, welche
an die dstere blutige Sage von dem Wrgengel erinnern.

Auch Mimi war von der Krankheit ergriffen worden und lag schon einige Tage
hart darnieder.

Dennhardt wich nicht einen Augenblick von ihrem Bette. Gleich als sich die
ersten Symptome des Fiebers zeigten, hatte er einen reitenden Boten nach
Vannes geschickt und den tchtigsten Arzt der Stadt holen lassen, der auch
wenige Stunden spter erschien.

Wie ein Sterbender, mit dem Ausdruck tiefster Seelenangst in den verstrten
Zgen trat ihm Dennhardt unter der Hausthre entgegen.

Retten Sie mir mein Kind, Doctor, sprach er mit bebender Stimme, indem er
ihm seine zitternde Hand entgegenstreckte, meine Mimi... Er konnte nicht
mehr sprechen, die Stimme versagte ihm.

Der Arzt, welcher Dennhardt von seinen Besuchen in Vannes her kannte und
sich, schon weil er politischer Gesinnungsgenosse des deutschen Flchtlings
war, zu Dennhardt hingezogen fhlte und ihn bei nherer Bekanntschaft auch
wegen der Bravheit seines Charakters hoch schtzen gelernt, war im ersten
Augenblick ganz berrascht von dieser tiefen Bewegung Dennhardt's.

Wute er auch, da der Bildhauer sein Kind auf das zrtlichste liebte, so
htte er doch nimmer in dem ernsten ruhigen Manne eine solche Weiche des
Gefhls vermuthet.

Fassen Sie sich, mein Lieber, man darf, so lange der Odem des Menschen
aus- und eingeht, nie verzagen, am Wenigsten aber bei den Krankheiten der
Kinder, wo die Heilkraft der Natur, viel hufiger als es von dem klgsten
Arzt erwartet wird, Genesung fast urpltzlich bringt.

Er trat an das Bett der Kleinen, die in einer Art Halbschlummer lag.
Dennhardt's Auge hing an des Arztes Mienen, und es entging ihm nicht,
wie diese, trotz der Selbstbeherrschung des Mannes, einen sehr ernsten,
bedenklichen Charakter annahmen.

Das Kind ist krank ... sehr krank, sprach er vom Bett zurcktretend in
leisem Tone zu Dennhardt, welcher mit vor Aufregung laut hmmerndem Herzen
dem Arzte gewissermaen jedes Wort von den Lippen nahm, indessen man darf
noch nicht die Hoffnung aufgeben. Vor allen Dingen sorgen Sie dafr, da
die Arznei, welche ich verschreibe, rasch geholt wird.

Nicht alle Hoffnung aufgeben, wiederholte Dennhardt mit erloschener
Stimme und einem Blicke verzweifelter Seelenangst, o, ich wei, was diese
Worte in dem Munde eines Arztes bedeuten.

Muth, Muth, Mann, trstete der Doctor, und vor Allem die Arznei. Ich
komme morgen mit dem Frhesten wieder, fr auerordentliche Flle wenden
Sie sich an den Doctor Godin, der ganz in der Nhe, eine Viertelstunde von
hier, auf seinem Landgute lebt. Er prakticirt zwar nicht mehr, aber hier
wird er eine Ausnahme machen, ich will im Vorbeifahren selbst mit
ihm sprechen. Gott stehe Ihnen bei, mein Freund! Mit diesen Worten
verabschiedete sich der Arzt.

In tdtlicher Spannung und Ungewiheit vergingen einige Tage. Tglich kam
der Doctor und tglich wute er fr das von Todesqualen erfllte Herz des
Vaters keine andere Antwort, als die furchtbaren Worte: Das Kind ist sehr
krank ... indessen man darf die Hoffnung noch nicht aufgeben.

Zehn entsetzlich peinvolle Tage und Nchte waren so dahingegangen.
Dennhardt's Augen hatten sich whrend dieser Zeit auch nicht auf eine
Minute zum Schlafe geschlossen. Eine alle Nerven und Fibern aufregende,
gewhnliche menschliche Kraft weit bersteigende Willensmacht erhielt ihn
munter.

Er wich nicht einen Augenblick von Mimi's Bett, und sein Auge berwachte
die geringste Bewegung des Kindes.

Es war in der elften Nacht ihrer Krankheit ... die Gewalt des Fiebers,
welches gegen Abend nachgelassen, hatte sich eine Stunde vor Mitternacht
wieder heftig gesteigert, der Puls flog in strmischer Eile ... der Athem
war kurz und beklommen...

Papa, sagte pltzlich das Kind, welches whrend der Krankheit meist stumm
und theilnahmlos gegen seine Umgebung sich verhalten hatte, Papa ... ich
kann gar nicht Luft bekommen.

Es war des Kindes erste Klage, aber sie traf Dennhardt wie der Sto eines
glhenden Schwertes mitten in das Herz hinein!

Meine gute, liebe Mimi, sprach er mit halberstickter Stimme, die Kleine
sanft emporrichtend und das Bett aufschttelnd, ich will Dir ein Kissen
unterlegen, Du liegst so niedrig, dann wirst Du auch leichter athmen
knnen.

Aber er konnte es nicht verwehren, da ihm zwei Thrnen ber die Wangen
liefen, trotz seiner Anstrengung dem Kinde seinen Schmerz zu verbergen.

Die Kleine sah die Thrnen.

Nicht weinen, Papa, sagte sie mit ihrer leisen, weichen Stimme und indem
sie mit ihren glnzenden Augen aufmerksam ihres Papa's Zge betrachtete.
Dann wendete sie sich auf die andere Seite und verfiel wieder in jenen
dumpfen Halbschlummer, in welchem weder die Phantasie, noch der Krper
ruht, und der nicht sowohl strkend, als vielmehr erschpfend wirkt.

Nach Mitternacht steigerten sich die fieberhaften Erscheinungen und die
Beklemmungen beim Athmen so, da Dennhardt einen Boten nach dem Doctor
Godin schickte.

Dieser kam und hatte kaum einen Blick auf das Kind geworfen, als er eilig
nach Blutegeln verlangte.

Man holte sie beim Dorfbader und setzte der Kleinen, die Alles geduldig
ertrug, drei der schwarzen hlichen Thiere in die Nhe des Herzens.

Da wurde die Thre geffnet und die junge Lootsenfrau erschien weinend auf
der Schwelle und bat den Doctor, von dessen Ankunft sie gehrt, zu ihrem
todtkranken Kinde, ihrer Lisette, zu kommen.

Auf der Stelle komme ich, entgegnete der menschenfreundliche alte Arzt,
der lngst der Praxis entsagt hatte und nur aus Humanitt seine Dienste
der leidenden Menschheit widmete, ich werde gleich zurck sein, lieber
Freund.

Er ging und Dennhardt blieb allein mit der Mutter Poisson bei seinem Kinde
zurck.

Es war eine dumpfe und schwle Nacht. Ueber den Bergen wie ber dem Meere
hingen dunkle Wetterwolken, und am fernsten Horizonte, da wo Wasser und
Himmel sich zu vermhlen scheinen, leuchteten schon feurige Blitze. In
der Stube brannte nur die schwache Flamme einer mit einem grnen Schirm
umgebenen Lampe, da das Kind sich vom Anfang der Krankheit an gegen den
hellen Lichtschimmer empfindlich gezeigt hatte.

Kein Gerusch in dem Zimmer, als des Kindes rasche Athemzge und das
hrbare Hmmern und Klopfen des kleinen Herzens.

Dennhardt kmpfte vergebens gegen den Ausbruch eines Schmerzes, den er
lange unterdrckt hatte, der aber endlich mit Gewalt hervorbrach und in
heien Thrnenstrmen ber seine Wangen fluthete.

Es war jenes stille Weinen einer krftigen Mnnernatur, die unverzagt im
Sturm und Wetter steht, die selbst mit zerbrochenem Schwerte und aus zehn
Wunden blutend noch die Schlacht des Lebens gegen den uern Feind schlgt,
die aber weich wird wie eine Kinderseele, wenn des Schicksals Hand an das
Herz greift und von diesem Herzen das einzige Wesen reit, an welchem es
mit allen Fasern hing.

Hab und Gut, Vaterland und Beruf, Weib und Lust des Lebens hatte Dennhardt
in seinem Kampfe fr die groen Ideen der Freiheit verloren, es hatte ihn
nicht erschttern knnen, selbst die Trennung von Fanny hatte ihn kaum eine
Thrne gekostet, denn sie hatte ja nicht ohne ihre eigene Schuld aufgehrt
das Weib seiner Liebe zu sein; aber dieser drohende Verlust seines Kindes,
seiner kleinen lieben Mimi, ergriff ihn mitten an seine Lebensnerven, er
lie ihn zusammenbrechen.

Schmerzliches, aber zugleich rhrendes Beispiel der Hinflligkeit
menschlicher Kraft, der Ohnmacht menschlicher Gre, gegenber dem Walten
eines ewigen, allmchtigen Wesens, dessen Natur fr uns unbegreiflich ist,
das wir nur in seinen Schpfungen ahnen knnen, dessen Macht aber jede
Creatur anerkennen mu und stnde sie auf der obersten Stufenleiter, auf
der letzten Sprosse der Schpfung, und wre sie auch geschaffen nach dem
Bilde des ewigen unbegreiflichen Wesens, mit der Gotthnlichkeit.

Ein leiser Ruf des Kindes weckte den unglcklichen Vater aus der dumpfen
Betubung, welcher dem Ausbruch seiner Thrnen gefolgt war. Es war dieselbe
frhere sanfte Klage der kleinen Mimi, die einzige, welche sie laut werden
lie:

Papa, ich kann gar nicht Luft bekommen.

O Gott, Gott! seufzte der unglckliche Vater aus der Tiefe seines Herzens
und sandte einen verzweifelten Blick zum Himmel empor, von aller der Luft,
welche uns umweht, hat mein armes Kind nicht so viel, um athmen zu knnen.

In diesem Augenblicke kam der Doctor Godin aus dem Nachbarhause zurck.

Saugen die Blutegel noch? frug er schon unter der Thr.

Eins der Thiere war abgefallen und die nachblutende Wunde hatte, ohne
da Dennhardt in seinem Schmerze es bemerkt, die weien Linnen des Bettes
blutig gefrbt.

Barmherziger Gott! rief er mit halb erstickter Stimme, was ist Das? ...
das Kind verblutet sich.

Still, sprach der Arzt mit einer ernsten Geberde, wenn auch Das nicht
zu befrchten ist, so mu die Blutung doch schnell gestillt werden. Und er
zog aus einem kleinen Etui eine Federspule hervor, mit welcher er rasch die
blutende Wunde berhrte.

Aber bei der ersten Berhrung stie das Kind einen so heftigen,
durchdringenden Schrei aus, da Dennhardt zusammenzuckend des Arztes Hand
fate und sie krampfhaft drckte.

Papa ... Papa ... der alte Mann sticht mich, schrie das Kind mit
verwirrter, ngstlicher Geberde und abwehrenden Hnden, jag' ihn fort,
Papa ... jag' ihn fort...

Seien Sie ein Mann, flsterte der Arzt dem Erbleichenden zu, auf dessen
Stirn Angsttropfen perlten, es ist Nichts ... ein kurzer, vorbergehender
Schmerz ... die Gefahr, welche durch den Blutverlust entsteht, ist nicht
gering. Und wieder versuchte er mit dem kleinen Stift der Spule die Wunde
zu berhren.

Mein ser ... ser Papa, schrie die Kleine auf, sich angstvoll in dem
Bettchen emporschnellend und die Arme nach ihrem Vater, der zu Hupten des
Bettes stand, ausbreitend, der bse Mann ... der bse Mann ... jag' ihn
fort ... jag' ihn fort, Papa. Und sie schlang ihre Hndchen mit entsetzten
Blicken um ihres Papa's Nacken.

Das Blut aber rann immer noch in kleinen Strmen aus der Wunde.

Barmherziger Gott, Doctor, giebt es kein anderes Mittel die Blutung zu
stillen?

Versuchen Sie es selbst, sprach der Doctor tief bewegt, hier ... nehmen
Sie den Stift ... touchiren Sie.

Mit zitternder Hand nahm Dennhardt die Spule mit dem Hllensteinstift und
flsterte mit bebender Stimme dem zitternden Kinde zu:

Es ist Nichts, meine kleine se Mimi. Du wirst auch bald wieder gesund
und dann gehen wir zusammen. Und er berhrte die Wunde.

Papa ... Papa ... Du stichst mich. Ach ... Papa.

Der Stift entfiel seiner Hand.

Ich kann nicht mehr ... Doctor ... O Gott, Gott! Der Unglckliche wankte
und wre zu Boden gestrzt, wenn ihn der Arzt nicht aufrecht erhalten.

Beruhigen Sie sich ... fassen Sie Muth, raunte er dem Verzweifelten zu,
Ihre Hand traf sicherer als die meinige, die das Alter zitternd machte.
Das Blut steht ... etwas Charpie aufgelegt, und wir haben Nichts weiter zu
befrchten.

Das Kind war indessen auch ruhiger geworden und schlo die Augen zu einem
kurzen Schlummer, whrend Dennhardt todtmde an Geist und Krper, blutend
aus der tiefsten Herzenswunde, welche ihm der Schmerz dieser qualvollen
Nacht geschlagen, auf seinen Sitz neben dem Bett zurcksank und lautlos vor
sich hinstarrte.

In zwei Tagen, sagte der alte Doctor, von dem schmerzerfllten Vater
Abschied nehmend, wird die Entscheidung eingetreten sein ... bis dahin,
mein alter Freund, Geduld und Ruhe.

       *       *       *       *       *

Der Tag brach an, ein drckend heier Augusttag ... die Gewitter der
verflossenen Nacht hatten die Gluth nur wenig abzukhlen vermocht, die
Sonne warf von dem wolkenlosen blauen Himmel sengende Strahlen auf die Erde
herab, die Luft stand still, nicht der leiseste Windhauch bewegte sie.

Trotz der herabgelassenen Gardinen, der geffneten Thr, welche auf den
khlen Vorsaal des Hauses fhrte, und trotz der Sprengung mit Wasser und
Essig herrschte in dem Zimmer, wo die kleine Kranke lag, doch eine schwle
Atmosphre.

Mimi war eben wieder eingeschlummert, die alte Mutter Poisson sa mit
rothgeweinten Augen am Bett des Kindes und scheuchte mit einem Baumzweig
die zudringlichen Fliegen ab, welche das Haupt des Kindes umschwirrten.

Dennhardt war hinaus in den Garten gegangen, um einen Strau Blumen zu
brechen.

Es war heute Mimi's Geburtstag, heute vor sechs Jahren hatten ihre Augen
zum ersten Mal das freundliche Licht der Sonne erblickt.

Sonst war Mimi's Geburtstag immer als ein hoher Festtag in dem kleinen
Hause gefeiert worden; Dennhardt hatte stets an diesem Tage die
Nachbarkinder zu sich geladen und Mimi dabei mit liebenswrdiger Gravitt
die Honneurs als Wirthin gemacht und die Kinder mit Kuchen, Chocolade,
Obst, Apfelwein und anderen Leckereien bewirthet.

Und heute nun! Welcher Unterschied zwischen heute und dem Geburtstage
voriges Jahr!

Damals blhend wie eine Rose, dahin flatternd in dem buntfarbigen Gewand,
dem gelben Strohhute mit Blumen und Rosabndern wie ein Schmetterling,
und heute lag sie drinnen auf dem Krankenbette still und bleich wie eine
geknickte Sommerblume, wie eine zarte Lilie, ber welche der Sturm dahin
gefahren ist.

Seit elf Tagen hatte die Kleine keine Blume gesehen, ihre liebsten
Gespielinnen, die stillen, bunten Blumen, mit denen sie so lieblich und
verstndig plauderte, als wren es beseelte Wesen, hatte sie entbehren
mssen, weil der Arzt den Blumenduft fr aufregend erklrt hatte.

Und seltsam! Die Kleine schien whrend dieser Tage der Krankheit ganz
vergessen zu haben, da es Blumen gab, sie hatte nicht ein einziges Mal
danach verlangt, eben so wenig wie nach ihren Puppen, ihren Bilderbchern
oder anderm Spielwerk. Ihren Geburtstag aber ohne Blumen vorbergehen zu
lassen, Das vermochte Dennhardt nicht bers Herz zu bringen. Vielleicht
wollte er sich auch, begreifliche Schwche des menschlichen Herzens, selbst
tuschen, wenn auch nur auf ein paar Augenblicke, und sich glauben machen,
er breche die Blumen zum Geburtstage der gesunden, frohen Mimi, welche
damit ihren kleinen Tisch schmcken wolle, um die kleinen Genossinnen der
Kaffeegesellschaft festlich zu empfangen.

Es war ein groer prchtiger Strau von Georginen, Rosen, Nelken, Astern
und Reseda, den er gepflckt, und bei jeder Blume, die er brach, erinnerte
er sich der kleinen Zwiegesprche, die Mimi in dem Garten mit ihren stillen
Blumenfreundinnen gehalten.

Sieh, Papa, hatte sie dann gesagt, wenn ein leichter Wind ber die Beete
hinsuselte und die Blumen ihre Hupter bewegten, sieh, Papa, meine Blumen
antworten mir. Siehst Du nicht wie sie nicken und flstern?!

Er kehrte in das Haus zurck und in demselben Moment erwachte auch Mimi aus
ihrem Halbschlummer. Mit den Blumen in der Hand eilte der Vater dem Kinde
entgegen.

Ei! rief sie, die Hand nach den Blumen ausstreckend, mit ihrer
silberhellen Stimme, deren lieblicher Klang sich whrend ihrer ganzen
Krankheit nicht verndert hatte, ei! und wie ein heller goldener
Freudenstrahl flog es ber ihr blasses, leidendes Gesichtchen. Ihre matte,
zitternde Hand vermochte die Blumen kaum zu halten; aber ihr Auge glnzte
von einem Feuer, das zu schn, zu himmlisch war, um nicht zu verknden,
da die reine Kinderseele, welche in dieser lieblichen Hlle gewohnt, sich
schon ihrer Heimath wieder nahe fhlte, ihrer himmlischen Heimath, aus der
sie herabgestiegen auf die dunkle Erde, um eine kurze Spanne Zeit darber
hinzuflattern und dann wieder zurckzukehren in die Wohnungen des ewigen
Lichts.

Meine Mimi! murmelte mit vor Thrnen halb erstickter Stimme der zur Seite
des Bettes knieende Vater.

Mein Papa, flsterte das Kind, mit der Linken die Blumen gegen ihr
kleines matt schlagendes Herz drckend, whrend sie den rechten Arm mit
mder Geberde um den Nacken ihres Vaters schlang, gerade so wie in
frheren gesunden Tagen, wenn er die mde Kleine auf der Heimkehr von dem
Spaziergange in seine Arme nahm.

Niemand war in dem Gemach, als der Flchtling und sein Kind, sein
sterbendes Kind.

Papa, flsterte die Kleine, nachdem sie eine Weile mit ihren in
wunderbarem, verklrtem Glanze strahlenden Augen nach dem Fenster, welches
nach der Gartenseite hin lag, geblickt, Papa ... siehst Du den schnen
Engel dort am Fenster, ach ... Papa ... wie schn er sieht ... viel, viel
schner als mein Weihnachtsengel ... siehst Du ... Papa ... jetzt winkt er
mir ... ach! die vielen Engel ... sie fliegen durchs Fenster ... siehst Du?
drauen im Garten.

Dennhardt's Herz wollte brechen, aber mit einer fast wunderbar zu nennenden
Kraft, welche in den schmerzlichsten Augenblicken des Lebens aus einer
unsichtbaren Quelle uns zuzustrmen scheint, hielt er sich aufrecht.

Meine gute ... liebe Mimi... murmelte er und bedeckte die bleiche Stirn
des Kindes mit seinen Kssen.

Ich will zu Hause gehen, Papa... und das Kind blickte mit ihren
glnzenden Augen wie in eine weite, weite Ferne hinaus, an deren Ende sie
ihre Wohnung erblickte, gerade so, wie sie es zuweilen wohl gethan, wenn
sie mit ihrem Papa auf einem der Hgel von Morbihan stand und weit, weit
unten im Thale das vterliche Haus mit dem kleinen Blumengarten erblickte,
ich will zu Hause gehen ... Papa... Das Kpfchen sank leise und matt auf
das Kissen zurck, die Blumen entfielen der kleinen erkaltenden Hand,
die schnen lieben Himmelsaugen ffneten sich noch einmal, aber schon wie
umflort von einem dunklen Schleier, mit leiser ngstlicher Stimme rief sie:
Papa ... Papa... und schlo dann die Augen, deren letzter brechender
Blick die Gestalt ihres Vaters gesucht, zum ewigen Schlummer.

Sanft und schmerzlos trat der Todesengel zu ihr; wie eine Flamme, die den
letzten Tropfen Oel verzehrt, erlischt, langsam und still, so erlosch die
Flamme dieses kurzen Blthenlebens.

Die erkaltete Hand seines Kindes in der seinigen, das Haupt an der Schulter
der kleinen Entschlafenen, stumm und regungslos kniete Dennhardt neben dem
Sterbebette der kleinen Mimi.

Fr den Schmerz eines Vater- und Mutterherzens in diesem Augenblick giebt
es keine Worte der Schilderung; man mte die Feder in Thrnen und Herzblut
tauchen.

       *       *       *       *       *

Auf der Hhe der Dne, am Fue eines kleinen Grabhgels, auf welchem sich
ein einfaches Kreuz mit der Inschrift: _Hier ruhet mein Glck_, erhob,
sa am Abend eines dsteren Septembertages, wenige Wochen nach jenem
Augustmorgen, an welchem die kleine Mimi ihren himmlischen Geburtstag
feierte, ein Mann mit grauem Locken- und Barthaar und gramdurchfurchten
Zgen. Es war der deutsche Flchtling Walther Dennhardt, der hier am Grabe
seines Kindes sa und hinberstarrte auf das Meer, das sich vor seinen
Blicken ausbreitete, unendlich und grenzenlos wie die Ewigkeit.

Die Ewigkeit! Giebt es eine Ewigkeit? frug er sich, eine Ewigkeit fr
das geschaffene Individuum, fr die Creatur, die mit Bewutsein ber die
Erde wanderte, bis das ewige, uralte Geheimni des Todes an sie herantrat
und den Leib in Staub zerfallen lie, den Leib, die Wohnung eines ewigen,
unzerstrbaren Geistes, der nur die Hlle wechselt, oder welcher der Mensch
selbst ist, mit dessen Zerfall auch das ganze Dasein endigt? O dieses
Rthsel des Lebens! Wer es lsen knnte, wer das Siegel von der Pforte
nehmen knnte, welche die Geheimnisse des Todes verbirgt!

Aber wie er auch sann und sann, und grbelte und grbelte, es war Alles
eitel, Alles vergeblich -- kein Strahl des Lichtes in dieser Finsterni,
welche die Schatten des Todes erzeugt hatten.

In frheren schnen Tagen, wo noch fr ihn die Quelle des Lebens in
freudigem Sprudel hervorsprang, hatte Dennhardt oft im kleinen Kreise
vertrauter Freunde ber diese Rthsel des Lebens gesprochen und eine Lsung
dieser Fragen, ber welche Tausende im Taumel der Alltglichkeit hinweg
schlpfen, ohne je darber nachgedacht zu haben, gesucht, aber bei allem
Ernste seines Strebens nach Wahrheit hatten ihm diese Rthsel der Schpfung
nie so sehr in der Seele gebrannt, nie hatte er so sehr das Bedrfni nach
einer Lsung empfunden, als seit dem Tage, an welchem der Finger des Todes
an seine Thr pochte und das Leben seiner Mimi von ihm forderte.

Tod! Tod! Gab es einen wirklichen Tod, hatte seine Mimi aufgehrt zu
sein, gab es fr ihn keine Hoffnung sein Kind einst in verklrter Gestalt
wiederzufinden, dann war ihm die ganze Schpfung eine groe Lge, die Welt
ein Todtenhaus, durch welches ewig der bleiche Wrgengel schreitet; dann
war ihm die Erschaffung der Menschheit die bitterste Ironie, der grimmigste
Hohn, die grausamste Ausgeburt eines fluchwrdigen Zufalls der Natur.

In dem ganzen Dorfe war Niemand, mit welchem Dennhardt ber den Zustand
seiner Seele, ber diese entsetzlichen Zweifel, welche ihn marterten, htte
sprechen knnen.

Der katholische Pfarrer des Orts stand ihm mit seinen streng auf den Dogmen
der katholischen Kirche beruhenden Ansichten viel zu fern, als da zwischen
ihnen Anknpfungs- oder nur Berhrungspunkte htten vorhanden sein knnen.

Dennhardt hatte bis jetzt von dem Christenthume nur die Moral in sich
aufgenommen, die Glaubenslehre war ihm immer ein Gebiet gewesen, das ihm
unbekannt und fremd erschien, eine =terra incognita=, deren Bedeutung er
erst begriff, als das furchtbarste Verhngni seines Lebens sich erfllte,
als ihm seine Mimi von der kalten Hand des Todes geraubt wurde. Mit einer
fast wahnwitzigen Begier verschlang er alle Werke, welche sich auf jenes
groe Rthsel des Lebens, auf dieses uralte Geheimni des Todes bezogen,
jenes Geheimni, an dessen Lsung die Menschheit schon seit Jahrtausenden
arbeitet, und das sie niemals enthllen wird, dessen Schleier von keiner
sterblichen Hand gelftet werden wird.

Und als er sie alle gelesen, die Werke der Philosophen, von Aristoteles
an bis herab zu Hegel, Strau und Feuerbach, da erkannte er, da es eine
unbersteigliche Grenze fr die menschliche Erkenntni gebe, da das letzte
Blatt im Buche des Lebens, das Blatt, auf welchem die Geheimnisse des
Todes verzeichnet stehen, mit einem Siegel geschlossen sei, welches von den
Weltweisen aller Jahrhunderte vergebens zu lsen gesucht wurde.

Und dann lief er hinaus zum Grabe seines Kindes auf der Dne, zu dem
kleinen Grabe, fr welches der fanatische Priester keinen Platz innerhalb
des Kirchhofs hatte, weil es das Kind eines Protestanten, eines Ketzers
war, und setzte sich an dem kleinen Rasenhgel nieder und weinte heie,
blutige Thrnen, und sprach mit seinem Kinde, mit seiner kleinen Mimi, der
er allerlei Schmeichelnamen gab, gleich als verstehe sie ihn.

Wenn dann der Wind vom Meer herber wehte und durch die Zweige des kleinen
Tannenbaumes, welchen er auf das Grab gepflanzt, strich, wenn die Aeste
und Zweige und die Blumenstengel der Astern sich flsternd bewegten, dann
glaubte er, es sei die kleine Mimi, welche ihm antwortete.

Der Gang nach dem kleinen Grabe, den er tglich gegen Sonnenuntergang
antrat, mochte das Wetter auch noch so strmisch sein, war sein einziger
Ausgang. Weder in Vannes, noch in dem Dorfe lie er sich sonst sehen.

Der Doktor Godin, welcher ihn zuweilen besuchte, forderte ihn vergebens
auf, einmal mit nach Vannes zu gehen, sich etwas zu zerstreuen und den
Trbsinn abzuschtteln, der ihn tagtglich immer mehr gefangen nahm.

Lassen Sie mich, Doctor, gab er kopfschttelnd zur Antwort, ich will
Nichts mehr von der Welt da drauen wissen ... Sehen Sie, Doktor, wenn
ich jetzt unter die Leute komme, wie es mir neulich einmal geschah, und
es begegnen mir Eltern mit ihren Kindern, und wenn es der rmste Hirt ist,
dessen Htte die letzte im Dorfe, und seine Kinder springen vor ihm her,
barfu und halbnackt, so fhle ich mich so bettelarm gegen den Mann, da
ich mich vor ihm hinter dem nchsten Busch verstecken mchte. Es ist mir
Alles genommen mit dem Kinde, nur mein Krper wandelt noch auf Erden, meine
Seele aber ist bei meiner Mimi.

Und wie er grau und alt geworden war in den wenigen Wochen! Wie alle
Frische des Lebens aus den Zgen des noch so jungen Mannes weggewischt
war, wie das blonde Haar sich entfrbt hatte und so wirr um sein Haupt
flatterte!

Seine Beschftigung hatte er ganz und gar aufgegeben. Er lebte von seinen
Ersparnissen, die einst seiner Mimi gehren sollten, einen Theil davon
hatte er zu einer Stiftung fr arme Kinder des Dorfes verwendet. So verging
der Herbst, und der Winter kam heran und berzog die grnen Berge von
Morbihan mit seinem weien Schneegewand, und auch das kleine Grab des
kleinen deutschen Mdchens auf der Dne von Morbihan berzog er mit dem
Leichentuche der hinsterbenden Natur.

Und wieder war der Weihnachtsabend da, jener heilige Abend, an welchem die
Freude in tausend und aber tausend frhliche Kinderseelen und glckliche
Elternherzen einzieht. Den ganzen Tag ber hatte Dennhardt, zu Mutter
Poisson's groer Verwunderung, in seinem Arbeitszimmer sich eingeschlossen
und eine auffllige Geschftigkeit gezeigt. Als aber der Abend hereinbrach,
ein windstiller, reiner, klarer Winterabend, so ein echter Christabend mit
Tausenden von funkelnden Sternen am weiten Himmelsdome, da schlug Dennhardt
seinen Mantel um die Schultern und wanderte hinaus nach der Dne zu dem
Grabe seiner kleinen Mimi.

Was sich da ereignete, haben die Bewohner des Dorfes nie so recht erfahren
knnen; nur Vermuthungen und die Aussagen eines Hirten, der in spter
Stunde seine Heerde unweit der Dne vorber trieb, dem aber der Schreck
ber den seltsamen Anblick die ruhige Beobachtung raubte, so wie einige
andere sichtbare Zeichen lieen auf den muthmalichen Zusammenhang
schlieen.

Als ich, so erzhlte der Hirt, spt am Abend mit meinen Ziegen und
Schafen unweit der Dne vorbeizog, sah ich pltzlich an der Stelle, wo das
Grab des kleinen deutschen Mdchens ist, helles strahlendes Licht ... Es
war mir, als ob eine Unzahl Flammen aus der Erde aufstiegen und immer hher
und hher wuchsen ... Und dann sah ich eine dunkle Gestalt mit flatterndem
Haar und ausgebreiteten Armen, ein Buch in der Hand, neben dem Grabe
stehen, und hrte seltsame, unverstndliche Tne, die mir aber einen
solchen Schreck in die Glieder jagten, da ich entsetzt ber den Spuk mit
meiner Heerde in eiliger Flucht den Abhang hinab nach dem Dorfe zu sprang.

Als Dennhardt am Morgen des Weihnachtstages noch nicht wieder nach Hause
zurckgekehrt war, lief Mutter Poisson zu dem Doctor Godin und theilte
diesem ihre Besorgnisse mit. Dieser ging zum Maire und fuhr dann mit diesem
nach dem Dnenhgel.

Beim Erblicken des kleinen Grabes stieg eine Thrne in des Arztes Auge. Der
Anblick war ein traurigrhrender. Der kleine Tannenbaum auf dem Grabe war
in einen schnen buntschimmernden Weihnachtsbaum verwandelt, an dem Nichts
fehlte, weder der Erzengel von Rauschgold, noch das Zuckerwerk, noch die
goldenen und silbernen Nsse und Aepfel. Nur die gelben Wachslichter waren
bis auf den Stumpf niedergebrannt. Es waren die Flammen gewesen, in welchen
die aberglubische Phantasie bretagnischer Hirten bse Geister erblickt
hatte. Am Fue des Grabes, das Haupt auf den kleinen Rasenhgel gesttzt,
lag der deutsche Flchtling, bleich und entseelt, aber mit dem Ausdrucke
eines tiefen Seelenfriedens, ja einer gewissen Verklrung und freudigen
Zuversicht in den bleichen Zgen.

Seine erstarrte Hand hielt ein aufgeschlagenes Buch; es war die Bibel. Tief
bewegt beugte sich der Arzt zu dem Entschlafenen nieder, um das Buch
aus der kalten Hand des Todten zu nehmen. Da traf sein Blick auf die
aufgeschlagene Stelle, auf welcher wohl zuletzt das Auge des Entschlafenen
geruht.

Es waren die Worte des Apostels:

Siehe, ich sage euch ein Geheimni: wir werden nicht Alle entschlafen, wir
werden aber Alle verwandelt werden. Der Tod ist verschlungen in den Sieg.

Er hat das Rthsel des Lebens gelst, murmelte der Arzt, er hat sein
Kind wiedergefunden.

Noch am selbigen Tage begrub man den Flchtling an der Seite seines Kindes,
seinen letzten sehnlichsten Wunsch, den er hufig im Gesprch mit dem
Doctor geuert, erfllend.

Jahre sind seit jenem Weihnachtsabend vorber gegangen, aber noch heute
sieht man die beiden Grber auf der Hhe von Morbihan. Und wenn die
Meereswogen heranbrausen zur Dne, und die Mven ber die Grabhgel
hinstreichen, und es in dem Tannenbaum rauscht und flstert, und zufllig
ein Hirt mit seiner Heerde vorberzieht, dann ergreift er nicht mehr die
Flucht, sondern er pflckt eine Blume und legt sie auf das Grab des kleinen
deutschen Mdchens und ihres Vaters, die hier im fernen fremden Lande jene
letzte Ruhesttte fanden, welche das Ziel aller irdischen Wanderung ist.

Die Mtter des Dorfes aber fhren ihre Kinder des Sonntags hufig zum Grabe
der kleinen Mimi und erzhlen ihnen die Geschichte von dem schnen kleinen
Mdchen und von dem letzten Weihnachtsbaum, den ihr Vater auf ihr Grab
pflanzte.

       *       *       *       *       *

Und Fanny? Vergebens hat sie als Gattin des Vicomte von Grandlieu mehrere
Jahre Europa nach allen Richtungen durchstreift, um Mimi zu finden.

Sie hat die Hoffnung endlich aufgegeben und sich mit ihrem Manne nach Paris
zurckgezogen, wo sie, trotzdem da der Schmerz seine leserliche Schrift in
ihr schnes Antlitz gegraben, noch immer den Mittelpunkt eines glnzenden
Kreises bildet, der sich um sie gesammelt.

Ob sie glcklich ist? Wir wagen es nicht zu glauben, denn eine Mutter
bleibt immer Mutter, und mitten in dem Gerusch der Feste durchzuckt oft
ein stechender Schmerz ihr Herz und eine dstere Trauer umflort ihre Stirn;
sie bedeckt sich die Augen und zieht sich in ihr Zimmer zurck, wo sie ihr
Gemahl dann von Thrnen berfluthet auffindet.

Ahnt sie vielleicht das Geschick ihres Kindes und des Mannes, der einst ihr
Gatte war?

Wie dem auch sei, die Ruhe ist von ihr geflohen und sie wrde vielleicht
den Rest ihres Lebens dahingeben, wenn sie ihr Geschick wieder mit dem
jener zwei Seelen vereinigen knnte, deren irdische Hllen in jenen Grbern
auf der Dne von Morbihan ruhen.

Sie ruhen sanft! Und das Murmeln des Meeres ist ihr ewiges Schlummerlied!


Wien. Druck von Jacob & Holzhausen.




[ Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Symbole fr abweichende Schriftarten:

  _gesperrt_ :  =Antiqua= .

Bei direkter Rede wurde, der berwiegenden Verwendung im Originalbuch
folgend, das Kommazeichen einheitlich jeweils vor dem schlieenden
Anfhrungszeichen angeordnet.

Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, einschlielich
uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "erwidern" -- "erwiedern",
mit folgenden Ausnahmen,

  Seite 5:
  "Aufrher" gendert in "Aufrhrer"
  (Verbrecher zu verhaften, einen Aufrhrer und Rebellenfhrer)

  Seite 16:
  "berhmtensten" gendert in "berhmtesten"
  (in dem Atelier eines der berhmtesten Meister gearbeitet)

  Seite 21:
  "endeckte" gendert in "entdeckte"
  (Hier entdeckte Dennhardt, dem seine Gattin)

  Seite 22:
  "Uebezeugung" gendert in "Ueberzeugung"
  (meine Ueberzeugung, fr Deutschlands Einheit und Freiheit)

  Seite 25:
  "" eingefgt
  (ein Mann ohne Namen und ohne Zukunft gewesen wrest?)

  Seite 26:
  "" eingefgt
  (antwortete sie leidenschaftlich, wenn Du glaubst)

  Seite 30:
  "gng" gendert in "gang"
  (die unter diesen Leuten gang und gbe waren)

  Seite 44:
  "Thr" gendert in "Thr"
  (der zwanzig Schritte von der Thr hlt)

  Seite 48:
  "Bellville" gendert in "Belleville"
  (von der Vorstadt bei Belleville weit hinein)

  Seite 54:
  "ergeizigen" gendert in "ehrgeizigen"
  (Es schmeichelte ihrem stolzen, ehrgeizigen Sinne)

  Seite 72:
  "Thr" gendert in "Thr"
  (an jenem Abend aus der Thr ihres Hauses)

  Seite 84:
  "" eingefgt
  (wo ist mein Kind ... hat er es mitgenommen?)

  Seite 100:
  "Jgling" gendert in "Jngling"
  (so wie es vielleicht ein Jngling ist)

  Seite 103:
  "," eingefgt
  (wilde Schweine, Luchse und Dachse)

  Seite 108:
  "vierunzwanzig" gendert in "vierundzwanzig"
  (bei einem Massacre vierundzwanzig Aristos umgebracht)

  Seite 123:
  "lautlaus" gendert in "lautlos"
  (und lautlos vor sich hinstarrte)]







End of the Project Gutenberg EBook of Ein kleines Kind, by Karl Wartenburg

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN KLEINES KIND ***

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trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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