Project Gutenberg's Das Buch vom Brderchen, by Gustaf af Geijerstam

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org/license


Title: Das Buch vom Brderchen
       Roman einer Ehe

Author: Gustaf af Geijerstam

Translator: Francis Maro

Release Date: November 3, 2019 [EBook #60622]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS BUCH VOM BRDERCHEN ***




Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net









                        Das Buch vom Brderchen


                            Roman einer Ehe
                                  von
                          Gustaf af Geijerstam


                             Zehnte Auflage
                 (Neunzehntes und zwanzigstes Tausend)


                       S. Fischer, Verlag, Berlin
                                  1910


               Autorisierte bersetzung von Francis Maro
                        Alle Rechte vorbehalten


                  So lat mich scheinen, bis ich werde,
                  Zieht mir das weie Kleid nicht aus!
                  Ich eile von der schnen Erde
                  Hinab in jenes feste Haus.

                  Dort ruh' ich eine kleine Stille,
                  Dann ffnet sich der frische Blick;
                  Ich lasse dann die reine Hlle,
                  Den Grtel und den Kranz zurck.

                  Und jene himmlischen Gestalten
                  Sie fragen nicht nach Mann und Weib,
                  Und keine Kleider, keine Falten
                  Umhllen den verklrten Leib.

                  Zwar lebt' ich ohne Sorg' und Mhe,
                  Doch fhlt' ich tiefen Schmerz genung;
                  Vor Kummer altert' ich zu frhe:
                  Macht mich auf ewig wieder jung.

                           Aus Goethes Wilhelm Meister.




                               Einleitung


Es war einmal ein Schriftsteller, der glcklich mit seiner Frau und
seinen drei Kindern lebte. Er war so glcklich, da er es selbst nicht
begriff, und in all diesem schrieb er viele Bcher von dem Unglck der
Menschen.

Es war nicht die Liebe, in der sein hchstes Glck lag; auch bestand es
nicht in der Vaterfreude, die er naiv als eine so natrliche Sache nahm,
als knnten Eltern nie etwas anderes als Freude an ihren Kindern
erleben; auch darin lag es nicht, da der seltene Vogel, den man
ungebrochene Jugend nennt, noch nach vieljhriger Ehe in seinem Hause in
sicherem Neste sa. Sein hchstes Glck bestand darin, da ihm niemals
etwas Bses begegnet oder bekannt geworden war, das er nicht durch seine
Kraft und Gesundheit berwinden zu knnen glaubte. Die Unglcksflle,
die aufzutauchen drohten, waren wie vorbergehende Wolken vom Horizonte
verschwunden und hatten seinen Himmel nur noch reiner und freier
gelassen. Wenigstens glaubte er so, und dieser Glaube war die
Wirklichkeit, in der er lebte. Die Armut, gegen die er einen
ununterbrochenen Kampf gefhrt, hatte er doch stets im Abstand zu halten
vermocht. Es gab blo _einen_ Feind, mit dem er niemals seine Krfte
gemessen, und dieser Feind war der Tod. Vielleicht war es nicht das
geringste Glck dieses Mannes zu nennen, da er lange niemals ernstlich
gefrchtet hatte, der Tod knnte ihn selbst oder die, die ihm am
nchsten standen, treffen.

In diesem Gefhl der Flle des Daseins schrieb dieser Schriftsteller ein
sommerhelles Buch, das von seinen eigenen zwei groen Jungen handelte,
ihren Spielen und Vergngungen, ihren Abenteuern und Migeschicken. Das
Buch ward ein heiteres Spiel fr ihn selbst, und wenn ich jetzt an diese
Zeit zurckdenke, glaube ich es kaum fassen zu knnen, da dieser Mann,
von dem ich hier spreche, einmal ich selbst war.

Als das Buch gedruckt und geheftet und alles klipp und klar war, soda
es in die groe weite Welt hinaus ziehen konnte, da nahm der Verfasser
ein paar Exemplare des im Hause ersehnten Buches mit heim. Er schrieb
Olofs Namen auf ein Buch und den Svantes auf ein anderes, und
berreichte den verewigten Shnen feierlich jedem sein Exemplar.

Olof nahm sein Buch in Empfang, und Svante nahm das seinige. Von Olof,
der eine praktische Natur ist und nicht zum Litterarischen neigt, wird
behauptet, da er sich bei dieser Gelegenheit zum ersten Male aus freien
Stcken hinsetzte, um in einem Buche zu lesen. Ich glaube beinahe, er
las drei ganze Kapitel. Svante hingegen las das ganze Buch in einem Zuge
von Anfang bis zu Ende. Dann griff er gewisse Kapitel heraus, die ihm
besonders gefielen, und las sie laut Jedem vor, der zuhren wollte. Es
herrschte mit einem Worte groer Jubel im ganzen Hause.

Damals lief jedoch noch ein kleines Kerlchen in den Zimmern herum. Das
war Olofs und Svantes kleines Brderchen, und es hatte langes, lockiges
lichtblondes Haar und die grten blauen Augen, die ein kleiner Junge
nur haben konnte. Er hie Sven und war erst zwei Jahre alt. Sprechen
konnte er nicht ganz. Aber verstehen konnte er.

Als Svante ihm nun laut vorgelesen hatte, fragte Mama:

Von wem, glaubst Du, ist da die Rede? Und da Sven nicht wute, was er
sagen sollte, fuhr Mama fort:

Ja, weit Du, von den groen Brdern, versteht Nenne das nicht?

Sven wurde nmlich fr den Alltag Nenne gerufen. Das hatte er selbst
erfunden, weil er kein S aussprechen konnte.

Ja, aber die Brder heien doch nicht so, wie es im Buch steht,
versuchte Nenne.

Wie dumm Du bist, sagte Olof, so hat er uns eben genannt.

Da verstand Sven, und mit Augen, die vor Ungeduld leuchteten, fragte er:

Steht da nichts von Nenne drin?

Papa war inzwischen hereingekommen, er hob den Kleinen bis zur Decke
empor, setzte ihn wieder nieder und sagte:

Was sollte wohl von einem Knirpschen stehen, das so klein ist, da es
noch nichts gethan hat?

Aber Sven gab sich nicht zufrieden. Er fhrte seine groen blauen Augen
ins Treffen, so gut er nur konnte, er teilte mit seinem kleinen roten
Munde Ksse aus, er kmpfte mit allen Waffen, die ihm zu Gebote standen.
Er wollte ein Buch fr sich haben.

Ja, aber Nenne kann ja nicht lesen.

Dieser Grund machte auf Nenne nicht den geringsten Eindruck. Er lief
durch die Zimmer aus und ein, und sein ganzes kleines lebendiges
Gesichtchen war vor Eifer rosenrot. Olof hatte ein Buch bekommen, und
Svante hatte ein Buch bekommen. Warum sollte Sven allein leer ausgehen?

Und da half nichts. Der Schriftsteller hatte kein anderes Exemplar bei
der Hand. Darum gab Mama ihres her, und nachdem ihr Name ordentlich
ausradiert worden war, schrieb Papa feierlich auf das Buch:

                           Dem kleinen Nenne
                               von Papa.

Und erst da war Sven zufrieden.

Das heit, es sah aus, als wre er zufrieden. Denn er erhob keine
weiteren Einwnde. Er ging nur herum und las in seinem neuen Buch. Er
konnte von vorwrts und von rckwrts lesen, er hielt das Buch nach oben
und nach unten, und er las laut, so da es im ganzen Hause wiederhallte.

Endlich setzte er sich fr eine Weile allein hin und dachte nach. Und
dann ging es durch alle Zimmer, als knnte er gar nicht rasch genug ans
Ziel kommen. Sven lief direkt in Papas Stube, wo Papa am Schreibtisch
sa und qualmte. Da machte er sich so klein, da er zwischen Papas Stuhl
und dem Tische durchkriechen konnte, und dann steckte er den Kopf durch
und versuchte Papa ins Gesicht zu sehen.

Was giebt es, Sven? fragte Papa, der es nicht liebte, gestrt zu
werden.

Aber Sven gab sich nicht frher zufrieden, bis der Stuhl weggeschoben
wurde, so da er heran kommen konnte. Dann stellte er sich zwischen
Papas Kniee, sah zu Papas Gesicht auf und sagte milde, aber bestimmt:

Papa ein Buch _nur Nenne_ schreiben.

Was ist das? fragte Papa.

Papa ein Buch nur Nenne schreiben, wiederholte der Kleine. Und diesmal
erhob er die Stimme.

Da begriff Papa.

Es hatte das kleine Brderchen gegrmt, da er nicht mit in dem Buche
hatte sein drfen. So klein er war, hatte er seine Ansprche an
Gerechtigkeit. So klein er war, fand er vielleicht, da er ein ebenso
groes Recht an Papa hatte, wie die anderen Brder, und so klein er war,
wute er, da, wo Papa, Mama und die Brder waren, auch sein Platz sein
mute. Er sah Papa mit groen, fragenden Augen an, und er war so eifrig,
als glte es Leben oder Tod.

Papa nahm die Sache auch sehr ernst und antwortete:

Ich verspreche Dir, da ich einmal auch ber Dich ein Buch schreiben
werde.

_Nur_ Nenne, wiederholte das kleine Brderchen, deutlich zeigend, da
darin eben das Hauptgewicht lag.

Nur Nenne, sagte Papa ernst. Recht mu Recht bleiben.

Das kleine Brderchen lief fort. Es verkndete die Neuigkeit bis in die
Kche, und seine Ehrenrettung war in diesem Augenblick vollkommen.

Das kleine Brderchen verabsumte es auch nicht, daran zu erinnern. Aber
ein Schriftsteller hat ja so viel zu schreiben. Er kann nicht jederzeit
dazu kommen, ber ein kleines helllockiges Kerlchen zu schreiben, das in
der Welt nichts anderes ausgerichtet hat, als da es kam und ging und
Allen Freude machte. Und in der Dichtung wie im Leben mssen die Kleinen
warten, weil die Groen sie nicht frher vorlassen wollen, bis die Reihe
an sie kommt.

Darum hat das kleine Brderchen auf sein Buch warten mssen, bis zum
heutigen Tag. Jetzt bin ich selbst ein Anderer, und alles um mich ist
neu. Der Kleine wute wohl nicht, um was er mich bat, ebensowenig wie
ich wute, was ich versprach.

Aber ich hre eine Stimme, die mich zwingt, das, was ich versprach, zu
halten.




                              Erster Teil


                                   1.

Dieses ganze Buch ist ein Buch vom Tode, und doch handelt es, wie mir
scheint, mehr von Glck als von Unglck. Denn Unglck heit nicht, das
verlieren, was Einem teuer ist, das Unglck liegt darin, es zu
beschmutzen, zu verderben oder zu entstellen. Und es giebt ein
Geheimnis, ich mute lange leben, bevor ich es lernte. Die Liebe steht
niemals stille. Sie mu mit den Jahren entweder wachsen oder abnehmen.
Und nicht nur in dem letzten Fall kann sie Leiden verursachen. Der
gewaltigste Eros ist der, der Leiden bringt, weil er immer strker wird.

Aber ich will beim Anfange beginnen und all das, was in diesem Buch
geschrieben ist, will ich so erzhlen, wie man einen Traum erzhlt. Und
so seltsam es auch dem Leser klingen mag -- all das zusammen ist nur das
Buch, um das das kleine Brderchen mich bat.

Habe ich getrumt, da ich geliebt, geheiratet und Kinder bekommen habe?
Habe ich getrumt, da ich unsglich glcklich und unsglich unglcklich
war? Habe ich getrumt? Oder habe ich wirklich all dies erlebt, das mich
an nichts anderes von menschlichem Leben, das in meinen Gesichtskreis
gekommen, zu erinnern scheint? Es kommt mir jetzt vor, als stnde ich in
irgend einer unfabaren Weise -- nicht ber, ach, alles andere eher als
ber -- aber wohl ferne von all dem, und das Einzige, das jetzt zu mir
dringt, ist ein Ton der Andacht, so berschwnglich, da nicht einmal
Musik ihn fassen und in greifbarer Weise ausdrcken knnte. Ja, wenn ich
einstmals das niedergeschrieben habe, was sich jetzt seinen Weg zu den
unbeschriebenen Bogen sucht, die eines Tages vielleicht ein Buch bilden
werden, glaube ich hoffen zu knnen, da die Erzhlung selbst mir den
Leitfaden geben wird, um das Rtsel zu lsen, das mich jetzt qult und
beunruhigt: was in meinem Leben Traum gewesen und was Wirklichkeit.

Es ist nmlich nicht nur der Kummer, der mich drckt. Es ist auch ein
Wundern ber das, was geschehen, dasselbe Wundern, das sich auf dem
Grunde alles bewuten Lebens regt. -- -- --

Ich erinnere mich in diesem Augenblick, wie ich eines Abends in das
Zimmer meiner Frau kam und sie grbelnd fand, mit einem aufgeschlagenen
Buch vor sich. Sie las nicht in dem Buche, und ihr Gesicht drckte
Unzufriedenheit aus.

Ich beugte mich ber ihre Schulter und sah, da sie in der Bibel gelesen
hatte. Das Buch lag beim ersten Buch Mosis aufgeschlagen, und auf meine
Frage, was sie gelesen, wies sie blo auf ein paar Zeilen, die ich noch
zu unterst auf einer Seite lesen zu knnen vermeine. -- Und ich las die
Worte:

Verflucht sei die Erde um deinetwillen ... Mit Schmerzen sollst du deine
Kinder gebren.

Ist das nicht grlich? sagte sie. Ich erinnere mich nicht, ob ich
mit Schmerzen geboren habe. Ich habe nie daran gedacht.

Sie erhob sich und ging zu einem kleinen Bettchen, das quer hinter
unseren eigenen Betten stand, und sie beugte sich hinab ber ein rundes,
blhendes, schlafendes Kindergesicht, dessen Lippen sich saugend regten,
als lge der Knabe an der Mutterbrust.

Habe ich Dich in Schmerzen geboren? sagte sie wie zu sich selbst.
Nein, in Glck habe ich Dich geboren, in Glck und Jubel, ein Glck, so
namenlos gro, da ich es nie gewut habe, bis jetzt.

Sie zog mich hinab aufs Sopha und lehnte ihren Kopf an meine Schulter,
schmiegte sich in meine Arme, als wollte sie dort Schutz vor allem
Ungemach und Schmerz der Welt finden. Ohne ihre Stellung zu ndern,
streckte sie die Hand aus und schlug das Buch zu.

Das ist ein dummes Buch, sagte sie. Ich habe mich nie darauf
verstanden.

Das ist es wohl nicht, sagte ich lchelnd.

Das hast Du selbst gesagt, sagte sie und richtete sich zur Hlfte auf.

Ich? Nie!

Nun, dann hast Du etwas anderes gesagt.

Sie beugte sich wieder hinab.

Ich erinnere mich nicht. Ich wei nur, da ich denken will wie Du,
glauben wie Du, sein wie Du. Denn Niemand ist wie Du, Niemand auf der
Welt.

Auf solche Worte kann kein Mann antworten. Man braucht sie nicht
abzuwehren, denn sie sind nicht als Rauchopfer der Eitelkeit gedacht.
Sie kommen wie eine Liebkosung, so wie wenn ein Mann seine Frau ansieht
und sagt: Es giebt fr mich kein Weib auer Dir. Meine Frau fuhr auch
nach einer Pause, so kurz, da ich sie kaum gemerkt hatte, fort:

Ich habe Dir gewi noch nie dafr gedankt, da Du mich gelehrt hast, zu
glauben, wie Du glaubst, aber ich bin so froh, da Du es gethan. Du
kannst es nicht so fhlen, wie ich es fhle. Du kannst es nie so fhlen.
Jeder Tag, der vergeht, macht mich reicher. Jede Stunde scheint mir
erfllt von meinem Glck. Es ist so merkwrdig, mir jetzt zu denken, da
ich einmal, als ich um vieles jnger war, mich sehnte, sterben zu
knnen, um in den Himmel zu kommen. Was meinte ich da, und wonach sehnte
ich mich? Ich glaube, ich habe es vergessen, als wre es nie gewesen.
Das Einzige, was ich frher manchmal schwer empfand, war, da ich
niemals meinen Vater wiedersehen sollte, der tot ist. Aber jetzt kommt
es mir vor, da ich nichts anderes verlange, als mit Dir und den Knaben
leben zu knnen. Ich wrde nicht wnschen, da es etwas anderes gbe als
das Leben, das Du und ich leben durften. Ich will mit Dir leben, bis die
Knaben gro sind und hinausziehen. Dann wollen wir zusammen altern -- Du
und ich -- und etwas anderes kann ich mir nicht denken.

Glaubst Du nicht an irgend eine Mglichkeit eines anderen Lebens?
fragte ich.

Sie schttelte mit einer energischen Geberde den Kopf.

Nein, rief sie aus, ich will nichts anderes als das, was ist. Ich
will einmal in der Erde unter einem schnen Blumenhgel schlafen. Das
ist Alles fr mich, und darum bitte ich Gott jeden Abend.

Sie betete jeden Abend zu Gott, und sie glaubte nicht an ein
unsterbliches Leben. Ich wute es, und fhlte aufs Neue das Wunderbare
in diesem, ihrem eigenen Rtsel, das fr sie blo natrliche
Wirklichkeit war. Ich streichelte ihre Schulter, um sie wissen zu
lassen, da ich gehrt und verstanden hatte, und mit einem pltzlichen
Uebergang fragte sie:

Glaubst Du an etwas anderes?

Ich glaube weder, noch glaube ich nicht.

Sie wiederholte meine Worte ganz tonlos, obgleich sie sie schon mehrere
Male zuvor gehrt, wiederholte sie, als enthielten sie etwas ganz
Unfabares, und rief pltzlich:

Dann hast Du Dich verndert.

Das glaube ich nicht.

Ja, das hast Du. Wie htte ich sonst glauben knnen, da das Leben mit
dem Tode zu Ende sei? Du hast es mich gelehrt. Warum willst Du jetzt
nicht glauben, wie ich?

Bei ihren Worten flog eine Erinnerung durch meine Seele. Ich sah sie und
mich auf einem schmalen Pfad unter den hellen Birken der Schren
wandeln. Ueber uns funkelten des Himmels Sterne, und zu unseren Fen
zitterte im Grase der matte Lichtschein aus den Fenstern unseres ersten
Sommerheims. Ich vermeinte noch die Worte hren zu knnen, die in der
Stille des Abends zwischen uns geflstert wurden, Worte vom Leben und
vom Tode, von Gott und dem Kommenden, diese Worte, die von unserem
ersten Liebesrausch Ernst und Glut empfingen. Ich erinnerte mich, da
sie es war, die fragte, und ich antwortete. Ich erinnerte mich, da sie
tief betrbt und stumm wurde, whrend sie ber meine Antwort nachdachte,
und als nun diese Erinnerung durch meine Seele zog, mit einer
Deutlichkeit, die keine Worte wiederzugeben vermgen, war es mir, als
mte das, was ich damals gesagt, sie in ganz anderer Weise getroffen
haben, als ich eigentlich gemeint, und ich fhlte einen Stich im Herzen,
als htte ich, ohne es zu wollen, ihr etwas zu Leide gethan.

Sie unterbrach mich, indem sie sagte:

Ich kann das nicht fassen, das, weder zu glauben, noch nicht zu
glauben. Ich mu eines von Beiden thun.

Sie sprach diese Worte mit einem Ton aus, als bte sie mich, ihr nicht
zu widersprechen, und ich that es auch nicht. Ich behielt blo in mir
die Stimmung der lichten Insel unserer Jugend und wunderte mich darber,
da ich die ganze Zeit die Sterne durch das Laubwerk der Birken zu sehen
meinte.

Meine Frau hatte sich, whrend wir sprachen, erhoben und stand wieder
neben dem kleinen Bette. Mitten im Gesprche hatte sie gemerkt, da der
Kleine sich bewegte. Sie hob ihn empor, nahm ihn in ihre Arme in jener
sicheren, schtzenden Art, wie nur Mtter es knnen, und legte ihn an
die Brust. Ihr Gesicht strahlte, als sie sah und fhlte, wie er ihre
Milch mit jener unbeschreiblichen Ruhe sog, die das Vorrecht des Kindes
ist.

Wovon wir eben gesprochen und was ich jetzt sah, verschmolz in
eigentmlicher Weise in meinem Gefhl zur Einheit, und ich erinnerte
mich der Worte, die den Anfang des kurzen Gesprchs gebildet hatten.
Lange sa ich und dachte an das, was ich sagen wollte. Ich dachte an die
grausamen Worte: Verflucht sei die Erde um Deinetwillen und an den
Zusatz an die arme Erde: Dornen und Disteln sollst Du tragen. Das
Gefhl dessen, was ich besa und was ich sah, war mir so bermchtig,
da ich frchtete zu sprechen, nur um meine Bewegung nicht durch Thrnen
zu verraten, und gleichzeitig versuchte ich, meine eigenen Gedanken
davor zurckzuhalten, die Form des Worts anzunehmen, um meiner Frau
nicht pathetisch zu erscheinen.

Endlich nahm ich die Bibel in die Hand und legte sie weg.

Du hast Recht, sagte ich, und das harte Wort hat Unrecht. Da sollte
stehen: >Gesegnet sei die Erde um Deinetwillen. Trauben und Rosen soll
sie tragen.<

Und nachdem ich dies gesagt, beugte ich das Knie und lehnte die Stirn
zugleich an mein Weib und an mein Kind. Mit der Hand, die sie frei
hatte, strich sie mir bers Haar.

Ach! Wir waren jung damals, jung und sehr glcklich.


                                   2.

Ich habe bis jetzt nicht den Namen meiner Frau genannt, und es fllt mir
noch schwer, es zu thun. In meinen Gedanken nenne ich sie zuweilen
Mignon, weil dieser Name der einzige ist, unter welchem ich sie sehen
kann, so wie sie kam und ging. Was wei ich im Uebrigen, ob ich jetzt
sie selbst male oder die Erinnerung, die sie zurckgelassen? Ist ein
Mensch das, was er Jenen zu sein scheint, die ihn nicht so gesehen, wie
vielleicht blo Einer ihn zu sehen vermag? Ist er nicht vielmehr in
seinem innersten Wesen gerade das, was bleibt, nachdem das Aeuere und
Zufllige verblat ist? Ist es nicht mglich, da das, was Mancher
Idealisierung nennt, eigentlich die innerste Aehnlichkeit ist, die,
welche einmal in einer Welt, die kein menschliches Auge erreicht, unser
wirkliches Ich werden wird, Allen sichtbar?

Sie war klein von Gestalt und zart, und als ich sie zum ersten Mal sah,
war es bei einer flchtigen Vorstellung auf der Strae beim Schein einer
Gaslaterne. Als ich sie verlassen hatte, blieben mir ein paar wunderbar
groe und tiefe Augen in der Erinnerung. Im Uebrigen erinnerte ich mich
nur an einen schwarzen Pelzkragen, ein paar lange schwarze Handschuhe
und den Druck einer Hand, die einen pltzlichen und starken Eindruck von
etwas Aufrichtigem, Wachem und Wahrem hervorrief. Sonst erinnerte ich
mich an ihr ganzes Aussehen so wenig, da ich ein paar Tage spter an
ihr vorbei ging, ohne sie zu erkennen. Und doch hatten mir diese Augen
keine Ruhe gelassen, sie waren immer wieder vor meiner Phantasie
aufgetaucht, gleichzeitig strahlend und schmerzgebunden, etwas zugleich
Lebenverlangendes und Andachtsvolles bergend. Wenn je ein paar Augen
eine Seele gespiegelt haben, waren es die ihren.

Wenn ich an Alles denke, was ich durch meine Frau erlebt habe, wei ich,
da durch all die bunten Lebensjahre meines Daseins Niemand mich so wie
sie gelehrt hat, das Gefhl fr das Religise beizubehalten. Ich glaube
jedoch nicht, da ich sie je das Wort Religion habe nennen hren, und
man htte sie sicher narren knnen, Abraham mit dem Apostel Paulus zu
verwechseln. Aber Alles, was sie mit ihrem Denken oder Fhlen umfate,
wurde ihr in irgend einer besonderen Weise heilig. Ihr Wesen war
Zrtlichkeit, und das Leben, das sie leben wollte, war ein Fest, ein
Fest, bei dem ihr Gefhl fr den Wert und die Heiligkeit des Lebens
keinen Miton ertragen konnte. Aber Alles, was in ihr stark und lebendig
war, war zu gleicher Zeit gebrechlich und sprde. In der Tiefe ihrer
Seele war eine Ganzheitsanbetung, die das Leben nicht ertrug, weil sie
auf einem hheren Plan zu stehen schien als das Leben selbst.

Wir waren viele Jahre verheiratet gewesen, als sie eines Tages zu mir
sagte, pltzlich, unvorbereitet und ohne ueren Anla, sowie ihre
strksten Gefhle immer kamen:

Du darfst mich nie, nie fhlen lassen, da Etwas zwischen mir und Dir
alt und gewohnt geworden ist. An dem Tage, wo das geschieht, will ich
sterben.

Wie viele Frauen haben nicht dasselbe gesagt, und wie Viele haben nicht
gelebt, um nachher ber ihre eigenen Worte zu lcheln! Ich habe einmal
von einer Frau gehrt, die zu einem Manne sagte:

Glaubst Du nicht, da es einige Frauen geben kann, die das fhlen, was
alle Frauen sagen?

Ich erinnere mich, da dies mir bei den Worten meiner Frau in den Sinn
kam und da ich in dem Gefhl ihrer Wahrheit zur Antwort nur ihre Hand
drckte. Ich begriff, da das, was sie gesagt, ihr tiefster Ernst war,
und ich wute, da hier das Wort Sentimentalitt nicht am Platze war.
Aber ich sah auch, da sie ein Wort von mir erwartete, das ihr etwas
sagte, und darum antwortete ich:

Glaubst Du nicht, da etwas alt und gewohnt werden kann, ohne darum an
Strke, Freudigkeit und Heiligkeit einzuben?

Sie sah mich mit groen Augen an, als wollte sie auf den Grund meiner
Seele sehen. Dann ging sie auf mich zu und kte mich, und ich merkte,
da ihre Augen feucht waren, whrend ich fhlte, wie ihre ganze Gestalt
sich zu der meinen neigte, in einer einzigen groen Zrtlichkeit.

La es dann alt und gewohnt werden, sagte sie. Ich sehne mich
darnach, da es so wird.

Nicht ein Wort mehr wurde gesprochen. Aber den ganzen Tag sah ich, da
sie wie in stillem, stummem Jubel umherging. Am Nachmittag war sie
drauen im Garten, und ich hrte von meinem Fenster, da sie allein
sang, mit vollen, glockenreinen Tnen.

Nach einer Weile kam sie mit einem kunstvoll gebundenen Strau von
Wiesenblumen herein, in dem die Flora des Sommers sich mischte, wie die
Tne in einem Lied. Sie stellte ihn ohne ein Wort auf meinen Tisch und
lchelte still, um meine Arbeit nicht zu stren. Dann setzte sie sich
selbst ein Stck weit weg, und whrend ich schrieb, blickte ich zuweilen
auf, nur um sie anzusehen. Die Abendsonne frbte ihr dunkles Haar und
spielte in den Farben ihres Antlitzes, das stets neu war, niemals sich
gleich.


                                   3.

Es begab sich nie, da etwas zwischen uns alt und gewohnt wurde. Ich
wei, da ich ein groes Wort ausspreche. Aber es ist wahr. Und darum
kann ich noch sagen: Gesegnet sei das Leben und was das Leben gab! Das
Leben fr das segnen, was es nahm, das kann ich nicht.

Aber es geschah uns, da die Sorge in unser Haus kam, und ich begreife
jetzt, da sie uns htte trennen knnen, weil ich es nicht vermochte, so
zu trauern wie sie. Aber ich wei mit demtiger Dankbarkeit, da dies
doch nie geschah. Und doch, htten Menschen es vermocht, es wrde
gelungen sein.

Wie bald ich es sah, wei ich noch nicht. Aber ich wei, da der
Eindruck so innig mit der Erinnerung an meine Frau verwoben ist, da ich
es jetzt nicht mehr fassen zu knnen glaube, da ich sie je in dem
Lichte der Jugend und des Glcks allein gesehen. Sie war nmlich
frhzeitig krank, ja, ich habe sie eigentlich nie anders gekannt als mit
dem Keim der Krankheit. Wie kam es da, da ich bis zuletzt lange Zeiten
vergessen konnte, da ihre Gesundheit untergraben war und da der
Krankheitskeim, der bestand, sich entwickeln oder ganz verschwinden
mute? Ich wute ja nur zu gut, da er nicht verschwand. Und doch lernte
ich nie ihr Leben in einem anderen Lichte sehen, als dem gewhnlichen.
Horchte ich nicht auf die Vorboten, die kamen? Stellte ich mich blind
und taub gegen die Ahnungen, die in mir aufloderten, wie Feuersflammen
meines Glckes Haus bedrohend, das ich so fest gemauert whnte? Ich wei
nicht, ob es so war. Aber ich wei, da, als ich heiratete, ich so jung
war, da ich glaubte, die Liebe sei ein Heilmittel gegen alles Unglck
der Welt, und wenn ich Elsa strahlend und glcklich sah, wenn wir uns
gemeinsam in Wald und Wellen tummelten, wenn ich sah, wie die Sonne sie
brunte und die Sommerwellen ihre weien Glieder besplten, da verga
ich, da das Unglck kommen konnte, und ich spiegelte mir vor, da das,
was ich befrchtet hatte, nur Einbildung war. Ach, ich wurde schlielich
so bewandert in der Kunst, das zu vergessen, was ich nicht sehen wollte,
da ich von Gesundheit und langem Leben trumte, auch nachdem Elsa dem
Tod so nahe gewesen, da es ein Wunder war, da sie ihm entrann, und sie
unter ihrem Kleid verborgen die Spuren des Messers des Operateurs trug,
nie ganz frei von Schmerzen, sie nur dadurch vergessend, da sie sich
selbst Gewalt anthat, um uns, die sie liebte, den Kindern und mir,
Freude und das Fest des Lebens zu schenken.

Aber ich erinnere mich doch, wie bald ich dieses Etwas sah, das zu
vergessen unsere ganze Ehe ein wechselnder Kampf war. Ich sah es an
ihrem Gesichte, wenn sie allein sa und sich unbeobachtet glaubte, und
anfangs meinte ich, als ich dies sah, da zwischen mir und ihr etwas
stnde. Ich pflegte sie darnach zu fragen, und es ist schwer zu sagen,
ob es meine Liebe oder meine Eigenliebe war, die mich glauben lie, da
nichts anderes, als was mich selbst berhrte, ihr Glck trben konnte.
Ich sah, da ich sie mit meinen Fragen unsglich qulte, aber ich fragte
sie doch, und bei solchen Anlssen konnte sie mit einem Ausdruck
lcheln, als weilte ihre Seele weit weg, einem Ausdruck, der mich noch
in der Erinnerung qult, weil es dieser Ausdruck war, den ich jahrelang
zu besiegen strebte, aber der schlielich die Oberhand bekam und mich
besiegte.

Du sollst mich nicht fragen, sagte sie einmal. Ich wei selbst nicht,
was es ist. Ich wei nur, da kein Mensch es verstehen kann.

In was sie da blickte, gehrt dem Unbekannten an, wonach Alle fragen,
aber worauf Niemandem eine Antwort wird. Doch wie htte ich das damals
verstehen knnen? Unser Leben war glcklich, unsere Tage froh, unsere
Knaben wuchsen heran und erfllten unser Heim mit ihrer frohen
Munterkeit. Und niemals war Elsa zrtlicher gegen mich, als wenn ich
diese Momente schweigender Betrbtheit bemerkt hatte, die ich das Recht
gehabt htte, unmotiviert zu nennen, wenn es keine anderen Motive gbe
als die, welche die Menschen in Worte kleiden knnen.


                                   4.

Zu dieser Zeit waren unsere Knaben herangewachsen und waren schon groe
Jungen. Olof hatte bereits mit der Schule angefangen, und Svante nherte
sich auch schon der Zeit, wo er beginnen sollte, die trockenen Nsse vom
Baume der Erkenntnis zu knacken.

Zu dieser Zeit war es, da die dunklen Stunden zum ersten Male anfingen,
meiner Frau bermchtig zu werden, und mehr als einmal sah ich, da sie
geweint hatte. Sie wich mir in ihrer stillen Weise aus, und sie that es,
damit ich sie bei solchen Anlssen nicht fragen sollte. Ich kann nie
vergessen, welche Angst mich in dieser Zeit beherrschte. Diese Angst
schlich sich Nachts an mich heran, wenn ich einsam an meinem
Schreibtisch sa. Sie folgte mir, wenn ich ging, um mich zur Ruhe zu
legen, und sie blieb in der Dunkelheit auf dem Rande des Bettes sitzen,
whrend ich wach lag und den Atemzgen meiner Frau lauschte, um zu
hren, ob sie schlief.

So still wurde es zwischen uns in dieser Zeit, so wunderlich still. Wir
konnten in unser Wohnzimmer kommen und die Lampe anznden, und wir
konnten dort sitzen, ohne ein Wort zu sagen, und wir fhlten, wie das
Schweigen sich gleich einer Mauer zwischen uns aufrichtete, die Niemand
aufgebaut, aber die auch Niemand niederreien konnte. Und wenn unsere
Hnde sich suchten, war es nur, weil wir es muten und Keiner von uns es
ertragen konnte, ferne von dem Anderen zu sein, obgleich wir Beide
fhlten, da wir es im Grunde doch waren.

Die Knaben kamen herein, um Gutenacht zu sagen. Wir kten sie Beide,
und wir sahen ihnen nach, wenn sie gegangen waren. Aber kein Wort wurde
gesprochen, und wenn ich meinen Kopf wieder nach der Richtung wandte, wo
meine Frau sa, fhlte ich, da sie weinte, aber ich hrte es nicht. Wir
htten nicht unglcklicher sein knnen, wenn Eines von uns oder wir
Beide ein dunkles Geheimnis zu verbergen gehabt htten. Und doch wuten
wir Beide, da es kein solches gab.

Bist Du unglcklich mit mir, Elsa? fragte ich sie.

Und zur Antwort hrte ich sie schluchzen, wie in hchster Angst:

Wenn ich Dich nicht htte, glaubst Du, da ich da leben knnte?


                                   5.

Wie lange diese Zeit whrte, kann ich mich nicht mit Bestimmtheit
entsinnen. Ich wei nur, da ich mich ihrer wie eines einzigen
entsetzlichen Winters ohne Schnee erinnere, eines langen, dunklen
Strichs in unserem Leben, das mich leer und ohne Sinn dnkte. Nachher
habe ich den Tod das Teuerste, was ich besa, aus meinen Armen reien
sehen, ich sah Freunde sterben, ich habe mich von Allem verlassen
gefhlt, wofr ich geistig sterben oder leben wollte. Aber etwas, das
sich mit diesem Winter vergleichen lt, habe ich niemals erlebt, denn
damals glaubte ich, da Elsa im Begriffe stand, von mir fortzugleiten,
und dieser Gedanke war mir furchtbarer als irgend etwas, das andere
Menschen mir zufgen konnten oder das mich berhaupt im Leben zu treffen
vermochte.

Diese Zeit war so bitter, weil ich damals das einzige Mal in meinem
Leben in meinem Herzen hart gegen sie wurde, und ich wurde es, weil ich
es nicht besser verstand. Ich kam schlielich dazu, mich in mich selbst
zurckzuziehen so wie sie, denn der Gram beherrschte mich; endlich bekam
der Gram Stimme, und die harten Worte zitterten in der Luft um uns.

Eines Tages fand ich sie in Thrnen, und mit einer Stimme, die nicht
mehr meine war, rief ich aus:

Wie lange glaubst Du, da ich das aushalten werde?

Im selben Augenblick, in dem ich es gesagt, bereute ich meine Worte, und
niemals werde ich den Ausdruck des Schreckens vergessen, der ihr ganzes
Antlitz versteinerte.

Was meinst Du? sagte sie.

Das, was ich sage.

Es war, als htte ein bser Geist, den ich nicht zgeln konnte, durch
meinen Mund gesprochen. Alles, was ich gelitten, stieg in mir empor, als
wolle es mich ersticken, und ich empfand es als einen Triumph, da ich
ihr wehe gethan.

Gehe doch, sagte sie, gehe von mir. Warum bist Du je zu mir
gekommen?

Sie weinte nicht, als sie ging. Aber mitten durch meinen Zorn fhlte
ich, da ich ihr mit meinen unberlegten Worten einen Schmerz zugefgt,
so gro, da ich selbst nie einen hnlichen gefhlt hatte, noch fhlen
werde. Aber ich schttelte diesen Gedanken ab und verschanzte mich
hinter dem beschrnkten Hochmut, der den Menschen dazu bringt, ein
Unglck nicht abzuwehren, sondern nachzurechnen, wessen Schuld es ist.

Es ist ihre Schuld, sagte ich zu mir selbst, wenn unser Glck vorber
ist. Was habe ich gethan, da sie unglcklich sein und mich dadurch
qulen mu, da sie mir die Ursache nicht sagt? Sie liebt mich nicht
mehr. Das ist ja der Lauf der Welt. Was schn ist, mu verunstaltet
werden. Wer glcklich ist, darf es nicht lange bleiben.

Hinter solchen Gedanken verbarg ich mein wirkliches Empfinden, das die
ganze Zeit ber von ihr erfllt war. Ich glaubte, da ich ein Recht zu
grollen htte, und ich fand, da das, was ich gesagt, noch eine hrtere
Antwort erhalten hatte, als die Worte selbst verdient hatten.


                                   6.

Diese Zeit war die einzige, in der unser Glck wirklich htte untergehen
knnen, und ich glaube, da wir Beide gleich stark die Empfindung
hatten, da schicksalsschwere Mchte mit unserem Leben spielten. Ein
ganzer Tag verging, whrend dessen kein Wort zwischen uns gewechselt
wurde. Aber am Abend, als wir zur Ruhe gehen sollten, fielen wir
einander in die Arme und weinten, ohne sprechen zu knnen.

Dann wurde alles wie zuvor. Aber die Frage, die mich verzehrte: Was ist
es, was kann es sein? war und blieb unbeantwortet. Doch war ich
ruhiger, fhlte Reue ber meine unausgesprochenen Gedanken und wartete
zugleich gewissermaen auf eine Lsung.

Zwei Tage spter fand ich folgenden Brief auf meinem Tisch.

Ich erinnere mich, da ich ihn mit einem Gefhl der Angst erbrach, so,
als knnte mir dieses Papier ein Geheimnis entschleiern, das die Macht
hatte, mein ganzes Leben zu vernichten. Aber gleichzeitig brannte ich
vor Verlangen, Antwort auf die eine Frage zu erhalten: Warum ist sie
nicht glcklich? Kann man gleichzeitig glcklich und unglcklich sein?

Der Brief lautete folgendermaen:

   Mein Geliebter.

   Da solche Worte fallen konnten zwischen Dir und mir! Da es nur
   mglich ist, da das geschah! Ich glaubte zuerst, die Sonne sei
   erloschen und ich knnte niemals mehr das Licht des Tages sehen. Und
   ich grbelte und grbelte, wie ich Dich wieder gut gegen mich
   stimmen knnte und wie Alles werden knnte, als sei dies nie
   gewesen.

   Aber dann sah ich, da Du doch gut warst in Deinem Herzen, obgleich
   es nicht den Anschein hatte, und ich begann zu verstehen, da Du
   niemals anders werden kannst, und da nur das, da ich nicht auf
   Deine Fragen antworten konnte, Dich so zerrissen und bitter machte,
   und darum schlugst Du blind zu, ohne zu wissen, da Du mir so wehe
   thun konntest, wie Du es thatst. Auch jetzt wei ich nicht, was ich
   Dir antworten soll, aber Du darfst Dich nicht darber wundern, da
   ich schreibe. Es geschieht nur, weil, wenn ich versuchen wollte,
   davon zu sprechen, ich nie mehr als die Hlfte von dem sagen wrde,
   was ich wollte.

   Es giebt so vieles, das ich in mir herumtrage, Georg, so vieles, das
   ich nie gesagt, weder zu Dir noch zu irgend jemand Anderem, weil ich
   wei, da ich es nie sagen kann. Ich bin immer so gewesen, Georg,
   und ich werde wohl auch immer so bleiben.

   Manchmal, wenn ich daran denke, wie Du gegen mich bist, von Allem
   sprichst, keinen Winkel Deines Herzens verbirgst, dann glaube ich,
   da ich nur ein Echo von Dir bin, und ich bin so arm, da ich Dir
   nichts wiederzugeben habe. Und wenn Du mir gesagt hast, da dem
   nicht so ist, dann habe ich mich so glcklich gefhlt, Georg, so
   glcklich und reich. Und ich wei, da ich Dir alles gegeben habe,
   was ich geben kann, und alles, was ich habe.

   Aber wenn Du siehst, da ich sitze und in mich selbst hineinstarre,
   wie Du zu sagen pflegst, dann sollst Du wissen, da ich nichts
   anderes thue, als was ich immer gethan habe, auch wenn ich am
   glcklichsten war, auch lange bevor ich Dich kannte und mein
   wirkliches Leben anfing. Und wenn ich weine, sollst Du nicht
   glauben, da ich unglcklich bin. Das, woran ich da denke, macht
   mich nicht unglcklich. Es ist nur etwas, worber ich zuweilen
   grbeln mu, weil ich wei, da es kommen wird und weil ich es immer
   gewut habe.

   Aber Du sollst mich nicht darnach fragen, denn ich kann Dir doch
   nicht antworten. Knnte ich es, ach, knnte ich es, dann wrden ja
   meine Thrnen von selbst trocknen. Vielleicht ist es auch nichts,
   vielleicht liegt es nur darin, da ich zu glcklich bin.

   Aber ich will, da Du mir glaubst, wenn ich Dir sage, da Du nicht
   zu frchten brauchst, es gbe etwas Verborgenes und Geheimes in
   meiner Seele, das ich verberge und geheim halte, weil Du es nicht
   sehen drftest. Es ist blo das, da ich nicht kann.

   Bitte mich darum nicht, zu sprechen, sondern sei mir gut, so wie ich
   bin. Sei mir gut als Deinem kleinen Mdchen und Deiner Freundin, die
   nichts anderes verlangt, als an Deiner Seite gehen zu drfen, so
   lange Gott mir das Leben schenkt, und dann zu sterben und in Ruhe zu
   schlafen, von allen Anderen vergessen, auer von Dir. Denn _Du_
   sollst mich nicht vergessen, und das ist das einzige unsterbliche
   Leben, das ich verlange.

   Aber eines wnsche ich zuweilen. Und das ist, da wir Beide grau und
   alt wren und unsere Kinder schon recht alt. Ich bin so sehr Mutter,
   da ich wnschte, meine Knaben wren erwachsen und ich knnte zu
   ihnen nach Hause gehen und kleine, kleine, ganz kleine hilflose
   Kindchen in meine Arme nehmen und sehen, da ich auch ein bichen in
   ihnen lebte. Meine Jungen sind jetzt so gro, da sie mich bald
   nicht mehr brauchen. Aber es wre so gut alt zu sein und zusammen
   mit Dir zu gehen und des Tages harren zu knnen, an dem die groe
   Ruhe kommt. Ich glaube, ich wrde Dich doppelt lieben, wenn Du alt
   und grau wrest und Niemand Dich mit denselben Augen ansehen knnte
   wie ich und ich denken drfte, da Niemand auer mir an Dich ein
   Recht gehabt und Niemand so recht wte, wer Du bist.

   Nun habe ich Dir so viel gesagt, und das, was Du mich gebeten, Dir
   zu sagen, habe ich doch nicht gesagt. Aber denke nicht daran, Georg,
   denke nur, da ich Dich jetzt liebe, so wie ich Dich immer geliebt
   habe, da das, was ich jetzt fr Dich fhle, mehr ist, als Worte
   ausdrcken knnen, mehr als Du selbst je wissen kannst. Denn bei Dir
   und hier ist mein Platz und ich habe alles, was je eine Frau gehabt
   hat oder haben kann, und wenn sie noch so glcklich wird. Glaube
   nichts Anderes, denn sonst machst Du mich unglcklicher, als Du
   ahnen oder glauben kannst.

                                                           Deine Frau.


                                   7.

Ich sa lange mit diesem Brief in der Hand, und die Woge von
Zrtlichkeit, die mir entgegenstrmte, war so mchtig, da sie alle
Fragen erstickte und mich in meiner gewohnten Umgebung, in der nichts
verndert schien, mit einem Gefhle umhergehen lie, als sei ich der
Mrchenprinz, der auf den Flgeln des Westwinds die Insel der
Glckseligkeit erreicht hat.

Ich hatte gefragt, warum meine Frau so verndert schien, und ich hatte
es nicht erfahren. Ich hatte nur einen Beweis ihrer Zuneigung bekommen,
und so ist ja die Liebe, da sie nichts Anderes will als sich selbst,
und alle Fragen, die sie dabei stellt, zielen auf nichts Anderes hin als
auf die einzige Gewiheit, ohne die sie selbst nicht bestehen kann.
Darum gab dieser kleine Brief uns die Lsung von allem, obgleich er
nichts erklrte, und in stummer Dankbarkeit ging ich, nachdem ich ihn
gelesen, zu meiner Frau hinein, glcklich, da ich ganz glauben konnte.

Wir sprachen auch nicht viel von diesem Briefe, aber wir empfanden es
Beide als eine Erleichterung, da er geschrieben worden war, und des
Abends saen wir lange auf, nachdem die Kinder sich zur Ruhe begeben
hatten. Ich erinnere mich, wie Elsa in dieser Zeit sang, sang, so wie
sie nie fr jemand Anderen als mich gesungen hat. Und ich sa und lie
meine Seele von den Tnen liebkosen, whrend ich in mir grbelte, wie es
mglich gewesen war, da eine Mistimmung sich zwischen sie und mich
hatte schleichen knnen.

Wie die Tage gingen, wei ich nicht. Ich bemerkte nicht, da sie lnger
wurden, da der Schnee von den Dchern tropfte und da die Bume des
Humlegartens zu knospen begannen. Hchstens bedauerte ich, da der
Winter nicht lnger whrte, so da die Lampe zeitig angezndet werden
und unsere Abende beginnen konnten.

Hast Du gemerkt, sagte mir meine Frau eines Morgens, da ich froher
bin als frher und da ich nie mehr weine?

Ich hatte es gemerkt. Aber undankbar wie ein Mensch ist, der eben einer
Gefahr entgangen ist, die er nicht verstanden hat, hatte ich die
Vernderung genossen, ohne darber nachzudenken.

Weinst Du vielleicht, wenn Niemand Dich sieht? fragte ich.

Und ich fhlte einen Schatten meines alten Mitrauens in mir erwachen.

Aber meine Frau merkte es nicht. Sie stand vor mir so strahlend jung,
als htte keine Wolke ihre Stirne verdunkelt. Und um ihre Lippen spielte
ein Lcheln, das ich schon einmal gesehen zu haben meinte. Ich konnte
mich nur nicht erinnern, wann.

Ich weine nicht mehr, sagte sie.

Und ihre Stimme hatte einen fast herausfordernden Klang, als sie
hinzufgte:

Das ist _auch_ mein Geheimnis.

Ich folgte ihrer Stimmung, ohne ihre Worte zu verstehen. Ich war
zufrieden und glcklich in dem Gefhl, da das Leben uns wieder
lchelte.

Diese ganze Periode lie in unserem Zusammenleben keine andere Spur
zurck, als da dieses noch inniger und gleichsam behutsamer wurde, als
je zuvor. Ich kann nicht mehr sagen, in welcher Weise ich diese
wunderliche Paranthese in einer glcklichen Ehe mir selbst zu erklren
versuchte. Gewi ist, da ich damals weit entfernt war zu ahnen, da sie
den Keim zu der Tragik einer ganzen Zukunft barg.


                                   8.

Obgleich sie sich mit Stolz die Mutter zweier Knaben nannte, war Elsa
doch noch jung, und wenn sie am Arm ihres Mannes ber die
Strand-Promenade ging, waren ihre Schritte elastisch, und sie schmiegte
sich, whrend sie ging, mit einer Bewegung an mich, die zeigte, da,
wenn etwas diesen schnen Kopf bedrckte, es nicht die Jahre waren.

Es war an einem dieser gefhrlichen Frhlingsabende in Stockholm, wo die
Sonne warm ber frischknospende Bume fllt, die Straen gleichsam zum
Spiel und zur Augenweide von Leuten wimmeln, wo die Landgasthuser alte
Eheleute locken, Neuvermhlte oder Verlobte zu spielen, wo der Himmel
blau ist und die Eisblcke den Strom hinabtanzen, wo der Winter so weit
weg scheint, als sollte er niemals wiederkommen, und der Frhling einen
Sommer verspricht, so wie man noch keinen erlebt.

An einem solchen Abend war es, da Elsa ihren Mann verlockte, bis zum
Tiergartenbrunnen spazieren zu gehen, eine Absage nach Hause zu
telephonieren und ein kleines Souper _ deux_ zu bestellen, in einem
niedrigen Zimmer mit weien Gardinen, von wo aus man ber die hellen
Bume sehen konnte, durch deren Zweige die Abendsonne zwischen langen
Schatten schien.

Dies war eine unserer liebsten Vergngungen, und je seltener wir uns,
seit die Kinder heranwuchsen, derselben hingeben und diese allein lassen
wollten, desto mehr genossen wir einen solchen Abend, der die ganze
Freudigkeit und Schwrmerei mit sich brachte, die die Alltagskost der
Jugend ist und die mit den Jahren zu Feierstunden wird, die man in der
Erinnerung hegt.

Ich erinnere mich auch gerade an diesem Abend so gut an Elsa.

Vergngt und zufrieden, in die Sophaecke geschmiegt, sa sie da und
geno langsam ihr letztes Glas Champagner. Sie glich einem Ktzchen, das
darauf wartet, da man es liebkost oder mit ihm spielt. Und ihr
gegenber sa ich selbst, rauchte bedchtig eine gute Cigarre und folgte
mit meinen Blicken dem Sonnenschein, der zwischen den Schatten der Bume
zitterte. Ich fhlte mich glcklich und zufrieden, aber ich hatte in
letzter Zeit viel gearbeitet, und es strte mich beinahe, da meine Frau
da sa und sich darnach sehnte, da ich mich ganz mitreien lie. Denn
sie selbst war in Fieberstimmung. Sie sah aus, als wollte sie im Zimmer
umherspringen, spielen, rasen und sich fangen lassen, als sehnte sie
sich nach etwas Neuem, etwas Ungewhnlichem, als wre sie von dem
mdchenhaften Verlangen nach den unsterblichen Thorheiten des Glcks
erfllt, was gerade zu dem gehrte, was ich bei ihr am allermeisten
liebte. Aber ich konnte mich nicht mitreien lassen, wie gerne ich auch
wollte. Es war, als lge eine bse Ahnung oder eine unwiderstehliche
Wehmut in mir auf der Lauer und hinderte mich, ganz dem Flug ihrer
Gefhle zu folgen. Spter kann man sich an etwas derartiges erinnern,
und man kann sich selbst wegen dessen anklagen, was man damals versumt
hat, so als htte man ein Verbrechen begangen. Ich erinnere mich noch,
da ich damals ihre Stimmung verstand; und durch das, was nachher
folgte, wei ich, welchen Weg ihre Trume nahmen.

Ein wenig darber verstimmt, da unsere Gefhle sich nicht wie
gewhnlich im selben Rhythmus bewegten, sa sie stumm da, das letzte
Glas Champagner schlrfend, und whrend sie so sa, glitten ihre
bermtigen Gedanken unmerklich in eine milde trumende Stimmung
hinber, und whrend sie ihren Mann anblickte, dessen Haar an den
Schlfen schon ganz grau war, sah sie wie in einem Traum den Tag, an dem
wir Beide vor vielen Jahren zu einer sonnenbeleuchteten
Schrengarteninsel gerudert waren, hinter deren Bumen unser erstes
lichtes Sommerheim hervorschimmerte. Sie sah und sah. Das Bild wurde so
deutlich und so scharf, da sie jeden Strauch und jeden Baum zu
unterscheiden vermeinte, alles bis zu dem feinen Spiel von Schatten und
Lichtern, die die Abendsonne ber das Schindeldach des grauen Huschens
warf. Sie sah die Bucht sich in unendlichem Blau weiten, und da, wo sie
sich um die Insel schlo, wiegten ihre Wellen Spiegelbilder der hellen
Birken und der dunklen Eichen und Tannen, die sich im Wasser beinahe
schwarz abzeichneten.

Wie oft hat sie mir nicht die Klarheit dieser Visionen oder Erinnerungen
beschrieben, die ihr eigenthmlich waren! Ich kann ihren Traum jetzt
besser und klarer sehen, als ich es damals konnte.

Gewi ist, da sie all dies sah, bis ihre ganze tolle Laune verschwunden
war, und ich sah, wie warme Thrnen ihre Augen fllten. Mit einer
hastigen Bewegung leerte sie den Rest ihres Glases, glitt von dem Sopha
herab und lehnte ihren Kopf an meine Kniee.

Als htte etwas von ihrem Gefhle sich unmittelbar auf mich bertragen,
oder als wren sich unsere Gedanken in der Vergangenheit begegnet, in
der der Glckstraum des Lebens uns beide umfing, wurde auch ich von
einer Stimmung, die ganz verschieden von der vorhergehenden war,
ergriffen, und indem ich sanft meinen Arm um ihren Hals legte und ihre
Wange streichelte, sagte ich:

Woran denkst Du?

Ich denke an unseren ersten Sommer.

In diesem Augenblick kam es mir vor, als htte ich auch an dasselbe
gedacht. All meine Mdigkeit war wie fortgeflogen, und voll Bewegung bog
ich ihren Kopf empor und kte ihren Mund.

Im selben Moment sa Elsa aufrecht da.

Das Verlangen nach etwas Neuem, etwas Ungewhnlichem, das die
Einfrmigkeit des Alltglichen durchbrach, vermischte sich im Augenblick
mit der Erinnerung an das, was einst gewesen, und mit einem Tonfall, dem
man nicht widerstehen konnte, rief sie aus:

Ich will hinfahren, Georg! Ich will hinfahren!

Aber im selben Augenblick fhlte ich mich wieder in die Wirklichkeit
zurckversetzt. Meine Gemtsstimmung war im tiefsten Grunde vielleicht
dieselbe wie die meiner Frau. Aber ich empfand gleichzeitig dieses
wunderliche Gefhl einer wartenden Enttuschung, das sich in uns erhebt
und in den berspanntesten Augenblicken des Lebens unsere Trume zgelt.
Ich scheute zurck vor diesem Versuch, die Jugend zum Leben zu erwecken,
als frchtete ich, anstatt dessen einem Schmerz zu begegnen, den ich um
jeden Preis vermeiden wollte. Ich fhlte mich einer Enttuschung so
gewi, da der unschuldige Vorschlag meiner Frau, die kleine Fahrt in
den Schrengarten, der Besuch des Ortes, wo ich jede Bucht, jeden Sund
kannte, ja sogar die Steine auf dem Grunde des Fjords, mir etwas so
Wichtiges und Entscheidendes zu bergen schien, da ich mich genau
bedenken mute, bevor ich einen so schicksalsschweren Entschlu fate.
Aber gleichzeitig sah ich, da dieser Gedanke meine Frau mit einem
Entzcken erfllte, so gro, da ich nicht Nein sagen konnte. Darum
sagte ich auch Ja und schlo sie in meine Arme, um meine eigene
Mistimmung zu verbergen.

Aber als wir dann heimwrts gingen, lag ber Elsas ganzem Wesen etwas
wie ein Schimmer von Jugend. Nichts von dem, was ich wirklich fhlte,
hatte sie gemerkt. Gleichsam als glaubte sie einem groen Glck
entgegenzugehen, so leuchteten ihre Zge, das ganze lebensvolle Gefhl
wiederspiegelnd, mit dem sie das, was gewesen, mit dem, was war,
verband. Und es durchzuckte mich eine so schmerzliche Empfindung bei dem
Gedanken, meine bse Ahnung knnte sich vielleicht besttigen, da ich
meine Gedanken nicht zurckhalten konnte.

Bist Du sicher, da es so wird, wie Du es erwartest? fragte ich.

Sie zuckte zusammen, und ihr Gesichtsausdruck war beinahe verbittert,
als sie antwortete:

Warum mut Du mir alles verderben?

Pflege ich das wirklich zu thun?

Sie wurde gleich wieder gut.

Nein, aber ich war so glcklich, gerade jetzt.

Ich schwieg und zog sie blo enger an mich. Vor ihrem Glauben verga ich
meine Zweifel, und in meiner Phantasie nahm unsere unbedeutende Reise
ganz wunderliche Formen an, so wie wenn kleine nahegelegene Inseln sich
zum Horizonte erheben und in phantastischem Glanze schimmern.


                                   9.

So saen wir endlich eines Sonntags Morgens auf dem Verdeck des
Dampfschiffs und eilten dem bekannten Ziele zu.

Es waren viele Jahre vergangen, in denen wir diesen Weg nicht genommen
hatten, Jahre, die Gutes und Bses gebracht, Jahre, die zersplittert,
und Jahre, die vereint hatten. Getrennte Wege hatten unsere Gedanken
genommen, aber sie waren sich wieder begegnet, und wie in einem
wunderlichen mystischen Gefhl vereint, das das Schicksal
herauszufordern schien, saen wir Seite an Seite, whrend Gegend um
Gegend an uns vorbeiglitt, von der klaren Lenzsonne beleuchtet, vom
blauglitzernden Wasser besplt, das ein leichter Wind kruselte.

Meine Widerspenstigkeit war nun gnzlich verflogen. Ich lie mich
willenlos von meiner Frau fhren und nahm jeden Eindruck mit einer
Rhrung auf, als wre ich zwlf Jahre jnger und se auf dem Verdeck,
neuen, unbekannten Zielen entgegenziehend, die mein Alltagsleben
verndern und dem ganzen Dasein neue Ausblicke geben sollten. Meine Frau
schien mir verjngt, so wie ich selbst. Ihr Gesicht frbte eine zarte
Rte, und die Augen leuchteten mit jenem Glanze, den das Glck verleiht.
Ihre Stimme hatte Intonationen unbestimmbarer Zrtlichkeit, die mich mit
der ganzen Strke der Illusion liebkosten, die uns Beide erfllte, und
zwischen uns kamen und gingen Worte und Lcheln, Blicke und Gebrden,
die nur der ersten Zeit der Liebe eigen zu sein pflegen.

Und als das Dampfboot uns endlich ans Land setzte und wir allein auf der
Brcke standen und das Schiff fortdampfen sahen, da umschlangen wir
einander und gingen langsam ber den Weg, der sich zwischen Haselstauden
und hohen knorrigen Eichen schlngelte, auf deren Zweigen kaum noch die
Spur von den Knospen des Frhlings sichtbar war. Da erst sahen wir, wie
wenig entwickelt die Vegetation um uns war. Das Meer, das den ganzen
Schrengarten in seiner kalten Umarmung umschlungen hlt, legt um Inseln
und Schren eine Eiseskhle, die die Arbeit des Frhlings hemmt. Hier
war es nicht grn wie im Inneren des Landes, wo Wiesen und Haine sich
gerade im Schutz dieses weiten Schrengartens belauben, der die harten
Nordwinde fern hlt. Hier war es de und kalt, auf den Zweigen der Bume
zeigten sich schwache, lichtgrne Triebe, die gelb und braun
schillerten, die Palmenweide trug Ktzchen, das Gras schlief unter
welken Blttern, und die Anemonen, die im Inneren des Landes lngst
verblht waren, wuchsen blau und wei unter den Zweigen der
Haselstrucher.

Gerade diese spte Entwicklung der Natur erfllte uns Beide, die wir in
unserer eigenen Stimmung wie gefangen waren, mit einem neuen Glck.
Siehst Du, hier kommt es so spt, wie damals? -- Weit Du noch, man
hat einen zweiten Frhling, wenn man in den Schren wohnt? und wir
sahen hinaus ber den weiten Fjord, der diesen ganzen spten Frhling
umschlo, und freuten uns, da die Fischmven wie einst in weiten Bogen
ber dem blauen Wasser kreisten, freuten uns ber ihre weien Flgel,
die in der Sonne glitzerten, und blieben stehen, um ihr freies Spiel zu
betrachten, wenn sie durch die Luft schossen und das Wasser erreichten,
wo ihre klaren Augen die Beute erspht hatten.

Hand in Hand wie zwei Kinder gingen wir den Hgel hinauf zu einem
kleinen, roten Haus, und wir betrachteten einander, als tauschten wir
ein Geheimnis aus, als der Fhrmann, der uns frher hinber zu rudern
gepflegt hatte, aus der Thre trat und versprach, uns zu unserer
Jugendinsel zu fhren.

Still ging die Fahrt ber das blaue Wasser. Ohne ein Wort zu wechseln,
von der seltsamen Stimmung erfllt, die uns Beide beherrschte und mit
jedem neuen Blicke, der sich aufthat, zu wachsen schien, saen wir Hand
in Hand da und lieen uns von den Erinnerungen durchfluten, wohl
wissend, da dem Einen kund war, was der Andere dachte. Nie war uns
diese Fahrt so herrlich erschienen, nie hatten wir wie jetzt die
verfhrerische Pracht der Mittagssonne gesehen, nie hatte das Schimmern
des Wassers und der reich belaubten Gestade sich so melodisch mit dem
ernsten Hintergrund des dunklen Tannenwalds vermhlt. Und als wir der
kleinen Insel nher kamen, da war es uns, als ob jeder Stein, jeder
Baum, jeder Strauch emporwchse, nicht aus der verringerten Entfernung,
sondern aus unserer eigenen Erinnerung, die getreuer als die
Wirklichkeit diese Umgebung bewahrt hatte, aus der fr uns das Glck des
ganzen Lebens entsprossen war.

Aber als wir ans Land kamen, blieben wir Beide stehen, und der Ausruf
des Entzckens, der schon auf Elsas Lippen geschwebt, erstarrte.
Schweigend betrachteten wir einander, und wie von etwas Neuem,
Unerwartetem bedrckt, das wir nicht einmal sehen oder erkennen wollten,
gingen wir langsam den schmalen Pfad von der Landspitze weiter.

Was wir gesehen hatten, war, da das Haus, das jetzt auf der Insel
stand, nicht mehr grau war. Es war rot angestrichen. Es war nicht mehr
ein breites, zweistckiges Gebude. Es war eine niedrige Htte, die
gleichsam auf demselben Platze zusammengeschrumpft war, auf dem unser
erstes Heim gestanden hatte. Sie schien sich auf der alten Stelle
zusammengedrckt zu haben, als htte Armut und Not sie im Laufe der
Jahre gezwungen, sich so klein zu machen. Wir standen eine Weile
schweigend, als mten wir erst Atem schpfen.

Georg, sagte Elsa, was ist das?

Ich brauchte blo auf die alten Eichen zu weisen, die ringsumher
standen. Ihre Aeste trugen schwarze Zeichen, und ihre Rinde war
versengt. Ich wies ihr den rugeschwrzten Grundstein, das kleine
Grtchen, das verwildert war, und einen Haufen alter Holzbalken, der
quer ber dem Grasplatz lag. Sie waren verbrannt und verkohlt, verfault
und verwittert. Das war alles, was von unserem ersten Heim brig war.

Hier ist eine Feuersbrunst gewesen, sagte ich.

Und meine Stimme zitterte.

Verbrannte Sttten.

Als htten wir uns Beide zusammengehrig mit jenem kleinen Fleck Erde
gefhlt, den wir seit vielen Jahren nicht wiedergesehen, wurden wir nun
von einem ganz neuen Interesse ergriffen, nmlich zu erfahren, was
geschehen war, was diese unsere Glcksinsel so verwandelt hatte, da sie
fr uns halb unkenntlich geworden war. Dieses Interesse verscheuchte
gewissermaen die ganze Welt der Trume, die uns bis dahin umfangen
gehalten, und erweiterte unsere Gefhlswelt dahin, auch das Leben Derer
zu umfassen, die hier drauen gelebt und gelitten, gearbeitet und
gestrebt und die die Jahre so hart geformt und gemodelt hatten, da
keinerlei Glckstrume ihnen lnger die harte Wirklichkeit vergoldeten.

Und whrend sich unsere Gedanken diesen Menschen zuwendeten, deren wir
frher nur als eines notwendigen Anhngsels unserer eigenen Freude
gedacht hatten, ffnete sich die Thr der Htte, und in dem Sonnenlicht,
das ber die Stufe fiel, stand ein gebcktes, altes Mtterchen und
blinzelte uns mit einem wiedererkennenden Lcheln zu. Sie sah so alt
aus, da sie geradeswegs einem alten Mrchen entstiegen schien, sie war
auf einen Stock gesttzt, und das runzlige Gesicht verzerrte sich
schmerzlich, als sie ihren gichtbrchigen Krper bewegte.

Das sieht jetzt anders aus, als wie die Herrschaften das letzte Mal da
waren ... sagte die Alte.

Und indem sie sich mhsam vorwrtsbewegte, kam ein alter Mann zum
Vorschein, der, seiner Gewohnheit treu, im Hintergrunde gestanden hatte,
bis die Reihe an ihn kam. Die beiden Alten begrten die Beiden, die
sich eben jung getrumt, und der Greis rieb sich die Hnde, hustete und
murmelte unverstndliche Worte, whrend er langsam und bedchtig auf der
Schwelle Platz machte, ber die die Alte die beiden Reisenden einlud
einzutreten.

Durch das Skelett einer unvollendeten Veranda sahen wir hinaus auf die
Fjorde und Sunde unserer Jugend. Vernachlssigt war der Garten,
verfallen schien das ganze neue Haus, das Gras berwucherte die Wege,
die wir einst gegangen, und in der Laube unten am Strande faulten Tische
und Bnke, weil Niemand gut machte, was Wind und Wetter zerstrten.

Ohne da wir zu fragen brauchten, erzhlten die beiden Alten, wie das
Unglck ber sie gekommen war. Die Frau erzhlte, und der Mann
wiederholte bekrftigend ihre Worte. Und das Unglck war so hinterlistig
und unerwartet hereingebrochen, da Niemand ihm Widerstand leisten und
Niemand helfen konnte.

Denn an einem Frhlingstag im Mrz, als der Nordwind frisch blies und
das Eis zwischen den Inseln weder trug noch brach, war das Feuer
ausgebrochen. Und weil das Eis weder trug noch brach, hatten die
Nachbarn rings umher auf dem Lande gestanden und das Ganze angesehen,
ohne ihnen zu Hilfe kommen zu knnen. Die beiden Alten hatten allein
weggetragen, was sie aus dem brennenden Hause retten konnten; und
machtlos danebenstehend sahen sie ihr Eigentum zu Asche verbrennen. Mit
dieser Asche, in der sie die letzten Funken erlschen sahen, erlosch
ihnen auch jede Hoffnung auf ein sorgenfreies Alter. Denn niedrig war
das Haus, das sie nach langen Jahren auf dem Grund des alten aufgebaut.
Gering war der Hausrat. Drftig die Umgebung. Und sie selbst gebrochen
und mde. Ein einziger Unglckstag hatte Alles genommen, was frhere
Jahre aufgebaut.

Wie von demselben Schicksal gebeugt saen die Beiden da, die sich eben
jung getrumt, und lauschten den schweren, kargen Worten, in denen die
Alten von dem Feuer erzhlten, das ihr Haus verdet hatte. Gerade das
ergreifend Alltgliche dieser Darstellung, unterbrochen von
bedeutungslosen Einzelheiten, vermischt mit den Armeleuteerinnerungen an
Hab und Gut, das zu Grunde gegangen, drckte die Gste zu Boden,
entkleidete unsere eigenen Trume der Pracht der Illusion und ergriff
uns mit stiller, schwrmerischer Wehmut. Es dnkte uns beinahe, da
whrend wir nichts wuten, whrend wir unser Leben lebten und uns
glcklich whnten, hier auf einer kleinen Insel in den Schren etwas von
jenem Schatze des Lebens verbrannt und verschwunden war, den wir
gesammelt und in sicherer Hut zu haben glaubten. Elsa hatte die
Empfindung, da sie bei jenem Brande mehr verloren hatte, als die beiden
Alten; und whrend die Erzhlung fortschritt, sah ich, da sie sich
Gewalt anthun mute, um nicht in Thrnen auszubrechen. Denn was
bedeuteten diese Mbel, Kleider und Hausgerte? Was bedeutete es, da
zwei zusammengebrochene Menschen, deren Leben abgeschlossen war, hier
saen und sich grmten ber den Gegensatz zwischen frher und jetzt, in
jenem drftigen Wohlstand, wo der Unterschied doch ein so geringer war?
Was bedeutete all dies dagegen, da sie niemals, niemals mehr die Insel
ihrer Jugend so sehen sollte, wie sie sie einst geschaut?

So empfand sie, und sie wandte mir ihr Antlitz zu, und ich konnte ihr
keinen Trost geben. Denn ich dachte daran, wie Unrecht ich gethan, nicht
der Stimme meiner ersten Ahnung gefolgt zu sein und es uns Beiden
erspart zu haben, die Brandsttte unseres ersten Glcks zu sehen. Aber
ich hatte nicht das Herz, dies zu sagen, und indem ich ihren Arm nahm,
gingen wir Beide noch einmal schweigend um die Insel.

Es erging uns wie den Kindern im Mrchen, die sich einst im Wunderland
verirrten und bei ihrer Heimkunft fanden, da die Zeit weitergeeilt war
und die Menschen rings um sie mde und alt gemacht hatte. Still und
trumend saen wir am Strande und blickten ber den Fjord. Da war alles
sich gleich geblieben, und wie wir da saen, vergaen wir das neue Haus
und den Verfall hinter uns. Wir erinnerten uns nur, da wir drei Jahre
an dieser Bucht gewohnt hatten, jeden Sommer an einem anderen Orte; und
in einer Art Verlangen, das fortzusetzen, was wir einmal begonnen,
beschlossen wir, weiter, zu dem Heim des zweiten Sommers zu fahren, wo
wir uns an zwei kleine, rote Huschen am Waldessaum erinnerten und an
eine kleine Wiese, auf der in einem weien Korbwagen unter blauem
Schleier unser erster Knabe geschlummert hatte.

Wir lieen uns hinberrudern, und diesmal wuten wir, da wir einem den
Strand entgegensteuerten. Denn wir hatten uns vorher erkundigt. Wir
wuten, da die Jahre auch hier die Spuren dessen, was gewesen, hinweg
gefegt und alles verndert hatten.

Auf der kleinen Landzunge, an der wir ausstiegen, wohnte vor einigen
Jahren ein alter Fischer mit seiner Frau. In einer Winternacht, als der
Schnee um die Htte stberte, starb sie, und als eines Tages auch die
Stunde des Alten schlug, da erbten die Kinder die beiden Htten am
Waldessaume, das Boot und den Fischerschuppen unten am Meer.

Aber es giebt gar manche Geschichten in den Schren, und eine davon war
auch die Geschichte von den kleinen, roten Huschen am Waldessaum. Als
die fnfzig Jahre, fr die die Verstorbenen einst den Boden gekauft
hatten, um waren, kam der Bauer, dem das Land gehrte, und nahm es
zurck. Er verjagte den neuen Besitzer von Haus und Hof. Und darum waren
die Huser der Erde gleich gemacht, das Holz fortgefhrt, das frhere
Kartoffelland von Disteln und Unkraut berwuchert, und der Boden sah
aus, als htte auch hier das Feuer gehaust.

Die beiden Reisenden, die die Spuren ihres Jugendglcks suchten, standen
wieder unter den Trmmern eines verwsteten Heims. Es war, als wrden
sie von Ruinen verfolgt. Und von einer unheimlichen Beklemmung
ergriffen, die all den Illusionen, welche zerstrt worden waren, auf dem
Fue folgte, lie Elsa meinen Arm fahren. Den trockenen, reisigbedeckten
Hgel hinaufgehend, kam sie zu dem Zaun, dessen Thre herausgerissen war
und an dem ein paar verrostete Angeln verkrmmt an den Haken der Pfhle
hingen.

Hier sttzte sie ihre beiden Arme auf den Rand des Zaunes, und all den
wechselvollen Gefhlen, die ihre Seele durchstrmt hatten, freien Lauf
lassend, brach sie in heftiges Weinen aus. Sie schluchzte, als wre
alles Unglck des Lebens ber ihr Haupt hereingebrochen. Sie stie meine
Hand zurck, als ich sie streicheln wollte, und sie weinte so lange, da
ich ungeduldig wurde und darauf drang, fortzugehen, um nicht zu spt zum
Dampfschiff zu kommen.

Sie hrte mich nicht, umfate nur meine Schultern und sagte:

Du hattest Recht, wir htten nie herkommen sollen.

Und sie gestand, da sie lange an diese Reise gedacht hatte, da sie sie
gewnscht hatte, seit Jahren, da sie durch einen Zufall -- sie wute
nicht wie -- auf den Gedanken verfallen war, da sie jetzt unternommen
werden solle, gerade jetzt. In ihren heimlichen Trumen hatte sich der
Gedanke an diese Reise in wunderlicher Weise mit dem Gedanken an unser
ganzes Lebensglck verknpft. Es war ihr gewesen, als sollten, als
mten wir diese Reise einmal unternehmen, als knnte sie ihres Glcks
nie wirklich sicher sein, bevor sie diese Orte wiedergesehen htte, so
wie sie sie einst gesehen, so wie sie sie stets in ihren Trumen sah.
Sie sagte, da es ihre Absicht gewesen war, wenn wir zusammen
herauskmen, mich zu bitten, noch einen Sommer drauen zu wohnen. Und
sie hatte gewut, da ich ihr diese Bitte nicht abschlagen wrde. Aber
jetzt, wo nichts brig war, nichts von alledem, das einst das ihre
gewesen, jetzt schien es, als sei ein Glied gerissen, das sie an das
Leben selbst kettete.

Ich stand stumm bei ihrem verzweifelten Ausbruch da, und ich begriff nur
zu wohl, da ich einer jener Phantasieen oder Trume gegenberstand, die
fr einen Menschen mit reichem Gefhlsleben in des Wortes eigentlichem
Sinne mehr bedeuten knnen als das Leben selbst. Fr mein eigen Teil
hatte ich mich freilich auch erregt gefhlt, sowohl durch all die
Erinnerungen, die diese Orte zum Leben erweckten, als durch die
Zerstrung, die die teueren Punkte heimgesucht hatte. Aber diese
Verwstung in irgend einen Zusammenhang mit dem zu bringen, was fr mich
selbst teuer und bedeutungsvoll war, das fiel mir nicht ein. Und vor
diesem Schmerzensausbruch stand ich vllig ratlos da.

Ich versuchte es mit dem gewhnlichen Mittel, wodurch ein Mann
weiblichen Schmerz zu beruhigen pflegt. Ich versuchte es mit
Liebkosungen. Aber Elsa entzog sich meiner Hand, weil sie sah, da in
meiner Freundlichkeit ein Trost lag, den sie verschmhte, anstatt der
Sympathie, die sie suchte. Ihr Gesicht nahm einen verschlossenen,
unzugnglichen Ausdruck an, als setzte sie ihre ganze Persnlichkeit fr
die Phantasie ein, die sie beherrschte und in der sie sich von Niemandem
stren lassen wollte.

Sie blickte um sich auf den zerklfteten Plan, und whrend sich ihr Auge
in Mitgefhl feuchtete, sagte sie:

Arme Menschen!

Wieder ging ihre eigene Enttuschung in ein Mitgefhl mit dem Unglck
anderer Menschen ber, fr das dieser verdete Fleck Erde Zeugnis
ablegte. Wieder setzten wir uns nieder und lieen unsere Blicke um den
kleinen Hgel am Waldessaume schweifen, der uns die sorglose Ruhe eines
ganzen Sommers in Erinnerung rief. Wir begannen zu sprechen. Und wir
versuchten uns die Szenen auszumalen, die dieser Zerstrung
vorausgegangen waren. Der Bauer, dem das Land gehrte, kam zu dem jungen
Paar, das den Hof geerbt hatte. Er teilte ihnen kurz und bndig mit, da
die Zeit abgelaufen sei. Die fnfzig Jahre waren um, und nun sollten die
Huser niedergerissen werden. Er wollte sein Land wiederhaben. Es war
klar, da er keinen Vorteil dabei hatte. Es wrde vielleicht gnstiger
fr ihn gewesen sein, das Stck Erde noch einmal zu verkaufen. Aber er
hatte gesehen, wie die Anderen im Sommer Mietsgste gehabt hatten. Das
Einkommen dieser Miete hatte seinen Neid erregt, und mit der Strke
einer fixen Idee schlug in seinem Hirn der Gedanke Wurzel, da hier
Niemand wohnen sollte. Der Boden sollte ihm gehren und niemand Anderem.

Und so muten die Jungen, die hier gewohnt hatten, ihre Baulichkeiten
niederreien, sie auf eine andere Insel bringen und dort aufbauen, wo
der Reiche sich bewegen lie, dem Armen Platz zu gnnen. Aber als die
letzte Bootsladung bereit stand, von der Brcke abzustoen, da hatte den
Mann Raserei erfat. Und nun seinerseits sein Recht ausbend, griff er
zur Axt. Er hieb die Bume nieder, die auf seines Vaters Grund standen,
er entwurzelte die Beerenstruche, das Zaunthor ri er aus seinen Angeln
und warf es zu oberst auf die Fhre. Und bevor er vom Lande abstie,
wlzte er Steine vom Stege ins Meer, so den Landungsplatz zerstrend,
und fuhr von dannen, zufrieden mit der Rache, die seinen Feind nicht das
Geringste gewinnen lie.

Davon sprachen wir, aber die ganze Zeit ber lag unsere eigene
Enttuschung auf der Lauer hinter unseren Worten, und Elsa erzitterte.

Sind wir es, die das Unglck mit uns fhren? sagte sie.

Ich lchelte. Die Worte meiner Frau kamen mir leer und berspannt vor.

Fahren wir zu der dritten Insel. Dort, wissen wir ja, steht alles so,
wie es gestanden hat, sagte ich.

Aber Elsa schttelte nur den Kopf, und indem sie sich pltzlich erhob,
sagte sie:

La uns den alten Weg durch den Wald gehen.

Und ohne meine Antwort abzuwarten, ging sie voraus. Es war, als sei ihre
frhere Lebendigkeit zurckgekehrt, als htte sie nun in einem Nu die
ganze Schwere der Leiden und Sorgen Anderer von sich abgeschttelt, all
dies, das das Land unserer Erinnerungen umschattete und uns an diesem
ganzen wunderlichen Tage mit allem Weh und Elend der Welt verfolgt
hatte. Sie fhrte mich gerade in den Wald hinein, auf einem schmalen
Pfad, auf dem die Tannen ihre Aeste ber unseren Huptern vereinigten.
Der Weg war weich und leicht zu gehen. Rings um uns zitterte der
Sonnenschein auf feuchtem Moos und einer Perspektive von Aesten und
Stmmen. Der Pfad fhrte zu einer kleinen Bucht hinab. Dicht an einer
steilen Klippe schnitt sie in den Wald, und gegen den Strand zu lieen
die sprlichen Bume das Sonnenlicht durch, das auf eine offene, schwach
begrnte Lichtung fiel.

Hier blieb Elsa stehen und begann die Stmme der Bume zu durchforschen.
Und als ich sie so suchen sah, da erwachte auch in mir eine Erinnerung,
die so lange geschlummert hatte, da sie mir in elf Jahren kaum einmal
in den Sinn gekommen war.

Es war an einem Abend, als wir noch in jenem Huschen wohnten, das nun
der Erde gleich gemacht war. An einem Augustabend war es. Und denselben
Pfad verfolgend, waren wir hierher gekommen, um von einem schnen Sommer
Abschied zu nehmen. Da hatte meine Frau eine schwarze Stecknadel aus
ihrem Kleide genommen und sie in der Rinde einer Tanne befestigt.

Ob sie wohl noch da ist, wenn wir das nchste Mal herkommen, hatte sie
gesagt.

Diese Erinnerung huschte durch meine Seele, und es wurde mir wehmtig
ums Herz. Da sah ich meine Frau mit einem leisen Aufschrei einer kleinen
Tanne zueilen. Aus ihrer Rinde zog sie eine rostige Nadel, und indem sie
mir um den Hals fiel und mich kte, weinte sie Thrnen des Glcks.

Behutsam steckte sie die Reliquie wieder in die Rinde des Baums. Denn
sie brachte es nicht bers Herz, sie wegzunehmen. Vielleicht hatte sie
eine aberglubische Furcht, daran zu rhren. Aber seit sie sie gefunden,
verschwand der schmerzliche Eindruck eigener Enttuschung und fremder
Not, er verwischte sich in uns Beiden. Und als htte uns dieser kleine
Vorfall trstende Gre guter Geister gebracht, wanderten wir selig
zurck ber verbrannte Sttten, die uns nichts anderes gelassen hatten,
als eine alte, rostige Nadel, die so gut geborgen war, da Niemand sie
fortnehmen konnte.


                                  10.

Wie oft habe ich nicht dieser Fahrt ber verbrannte Sttten gedacht, wie
oft ist sie mir nicht seither als ein Symbol unseres ganzen Lebens
erschienen!

Aber damals wirkte dieses Ereignis ganz anders auf uns, als jetzt, wo
ich mich daran erinnere. Damals wirkte es so, da wir zu unserem dritten
Landaufenthalt gingen, den meine Frau zuerst gar nicht hatte sehen
wollen, und dort zum zweiten Male unser Heim fr den Sommer mieteten!
und leichten Herzens zogen wir hinaus in die Gegend, an die wir uns
durch eine rostige Nadel, die Niemand fortgenommen, gebunden fhlten.

Rein von Wolken, die die Sonne verdunkeln, steht der Sommer vor mir, der
auf diesen Frhlingsausflug folgte. Mit welcher Lust arbeitete ich, und
wie leicht schritt die Arbeit vorwrts. Blatt um Blatt wurde ruhig und
mhelos zu dem Buche gelegt, das zum Herbst herauskommen sollte, und
mehr als einmal stand das Mittagsbrot auf dem Tische, wenn die Thre zum
Arbeitszimmer verschlossen wurde und Elsa sich niedersetzte, um die
Seiten vorlesen zu hren, die whrend des Vormittags geschrieben worden
waren. Still und glcklich sa sie da und freute sich, da der Sto
dicht beschriebener Bltter auf dem Tische gewachsen war. Denn sie wute
wohl, wer der Arbeit Leben gab. Sie wute, da das, was ich von Menschen
dichtete, aus langen Gesprchen zwischen mir und ihr hervorwuchs, und
sie war es zufrieden, da ich sie mein Notizbuch nannte, das sicherer
als irgend eine Schrift meine Gedanken bewahrte und sie mir frisch und
erneut wiedergab. Denn wenn ich sie dann aus dem treuen Gedchtnis
emporholte, das meine eigenen Gedanken besser barg als ich selbst, sah
ich sie durch das Vergrerungsglas der Liebe wieder, mit dem sie all
das sah, was sie und mich betraf, und vor Allem meine Arbeit. Darum
hatte auch sie, whrend ich las, die Empfindung, da das, was sie selbst
mit mir in ungeordneten Phantasieen gesehen, nun in dem Geschriebenen
Form gewonnen hatte. Sie geno eine stille, seltsame Mutterfreude, indem
sie so diesen meinen geistigen Kindern auf ihrem Entstehungswege folgte,
und dennoch war sie eiferschtig auf sie, weil sie sich einbildete, da
sie meine Gedanken so erfllen konnten, da sie sie selbst, das Heim,
die Kinder und alles, was es im Leben gab, verdrngten. Ja, ich glaube
nicht, da sie auch nur ahnte, wie dieses Zusammendichten mit ihr mir
kostbarer war als die Dichtung selbst.

Wie kindisch es auch klingen mag, so ist es doch wahr, da nichts mich
je so zu geistiger Thtigkeit angespornt hat, als wenn ich aus ihrem
Gesichtsausdruck, der nie das, was sie dachte, verhehlen konnte,
entnahm, da es mir geglckt und da sie zufrieden war. Ich konnte,
whrend ich schrieb, an dieses Vorlesen denken, und dieser Gedanke
zerstreute die hundert ungebetenen Phantastereien, die sonst so gerne
die Feder hindern wollen, zu arbeiten. Aber wenn wir die Lektre beendet
hatten und hinaus in das Speisezimmer kamen, da lachten wir darber, da
der Hecht kalt geworden war und da die Jungen, die notdrftig
gewaschen, blobeinig und sonnverbrannt dasaen, hungrig und
erwartungsvoll aussahen.

Wir sitzen schon so lange hier und warten, knurrte Olof. Wo seid Ihr
denn gewesen?

Wir haben Papas Buch gelesen, sagte Mama.

Httet Ihr damit nicht bis nach dem Mittagessen warten knnen?

Nein, das konnten wir nicht.

Das mu ein komisches Buch sein, bemerkte Olof.

Aber Svante, der noch nicht zu buchstabieren angefangen hatte, nahm
Papas unbekanntes Buch in Schutz, und wie immer war Mama diejenige, die
den Zwist beilegen und die unruhigen Gewsser beruhigen mute.

Aber was fr ein Sommer war das! Was fr ein herrlicher Sommer, voll
Arbeitsfreude, Schrenwinden, klarer Sonne und lauen Mondscheinabenden!
Er steht vor meiner Erinnerung wie ein einziger Sonnentag. Ich erinnere
mich der Freunde, die mit ihren Segelbooten an unserer Brcke landeten,
ich erinnere mich der Ausfahrten mit Ekrben bei frischem Sommerwind,
des Badens im offenen Meer, wo Olof schwimmen lernte und Svante sich im
Sande rollte, um seine Anlagen zu zeigen. Ich erinnere mich der Festtage
mit Blumenguirlanden und Versen, Erdbeeren und Wein, der langen, stillen
Spaziergnge durch den Tannenwald, der sich zu einem sonnenbeleuchteten
Fjord ffnete, und ich erinnere mich an den Fhrmann, der uns im
Segelboot zu begleiten pflegte und uns alle aus seinem grauen Kinnbart
anlachte.

Wie kurz war dieser Sommer, und wie frhe kam der Herbst! Mit welcher
Wehmut verfolgten wir nicht die Vernderungen der Natur, wie die Abende
lnger und die Tage krzer wurden, wie man die Wiesen mit ihren
herrlichen Blumen abmhte, so da Alles kahler wurde, wie der Roggen
sich gelb frbte und das Schilf hoch und gro rings um die Ufer wuchs,
einen dichten, wehenden Wald aus Grn mit violetten Bltenbscheln
bildend, wo frher das Wasser munter ber die Steine gepltschert hatte.

Und als der Tag des Aufbruchs endlich herankam, wie suchten wir da nicht
alle Pltze des Sommers auf, um sie ein letztes Mal wiederzusehen. Wir
gingen den Aussichtsberg hinauf, und wir wanderten den Waldweg auf und
ab, besonders wenn es dunkelte und die Sterne durch die Zweige der
Tannen schimmerten. Beinahe eine ganze Woche brachten wir nur damit zu,
Abschied zu nehmen. Wir nahmen die Knaben mit und segelten rings um die
Insel, und wir sprachen von dem Buche, unserem Buche, das fertig war und
zum Herbste herauskommen sollte. Stundenlang konnten wir ber den
schmalen Pfad gehen, der von dem rotgestrichenen Wohnhause hinab zum
Strande fhrte, und jeden Abend verweilten wir lange auf der Brcke, dem
Rauschen der Wogen horchend, das jetzt ruhiger klang als in dem
unruhigen Frhling, zugleich jedoch hrter.

Aber am letzten Abend, als der Augustmond schon im Abnehmen war, gingen
wir allein zur Brcke hinab und stieen mit dem Boote ab.

In der Nachtbrise segelten wir hinaus ber die schwarze Bucht, auf die
der gelbe Halbmond glitzernde Streifen malte und um die die Bume so
dunkel und wunderlich standen, ganz andere Konturen bildend als die, die
das Tageslicht gab. Wie durch eine Zauberlandschaft segelten wir dahin,
dem Pltschern der kleinen Wellen am Bug des Bootes lauschend. Wir
eilten ber die nur gekruselte Wasserflche mit grerer
Geschwindigkeit dahin als je am Tage, denn die Brise der Nacht hat
grere Kraft, oder sie scheint sie wenigstens zu haben. Aber ohne zu
sprechen oder irgend etwas zu verabreden, wendete ich das Boot, so da
es die Klippen umschiffte, und ber die Steine der Badebucht gingen wir
ans Land. Wir nahmen einander bei der Hand, und wir gingen unseren alten
Weg zu der hohen Tanne, in deren Rinde die rostige Nadel steckte. Wir
brauchten den Baum nicht zu suchen, denn whrend des Sommers waren wir
oft hingepilgert, und wir hatten niemals gefrchtet, da Jemand an das
kleine Ding rhren wrde, das so gut verborgen war und uns das Siegel
unseres eigenen unermelichen Glcks zu sein schien, das zu entfliehen
gedroht hatte, aber zurckgekehrt war.

Doch wie wir so in unsere Gedanken versunken standen und das Mondlicht
in dem Dunkel der Nadelbume untergehen sahen, sagte meine Frau:

Ich will sie nicht dalassen. Ich mchte sie mitnehmen.

Mit behutsamer Hand machte sie sie los und befestigte sie an der
Innenseite ihres Kleides.

Vielleicht komme ich nie mehr her, und da will ich nicht, da Du sie
nach mir findest.

Dann segelten wir wieder hinaus in die nchtliche Brise, und eine
Vorahnung dessen, von dem ich nie geglaubt hatte, da es kommen wrde,
erfllte mich mit einem unnennbaren Gefhl der Trauer. Ich sah auf die
Stelle im Boote, wo Elsa sa. Es war mir, als wrde sie vor meinen Augen
leer und als segelte ich einsam ber einen Wasserspiegel, der andere
Konturen hatte als die, die das Sonnenlicht gegeben. Ich sa da, so
stark von diesem Gefhl erfllt, da ich verga, da ich nicht allein
war, und zusammenzuckte, als erwachte ich zu einer neuen Wirklichkeit,
als ich die Stimme meiner Frau vernahm. Sie sprach leise, so als sprche
sie zu sich selbst, und ich hrte im Anfange die Worte, ohne sie zu
verstehen.

Ich habe so oft gedacht, sagte sie, da es Menschen geben mu, die
etwas brauchen, an das sie glauben knnen, und denen Unrecht widerfhrt,
wenn man ihnen ihren Glauben nimmt. Ich bin so glcklich, da ich so
glaube wie Du. Ich will nichts thun, was Dir nicht recht ist, nicht
einmal etwas glauben, was Du nicht weit. Aber ich kann es nicht lassen,
an Gott zu glauben. Bist Du sehr bse darber?

Wenn meine Frau mich dies in unserer ersten Jugend gefragt htte, wrde
ich gewi streitlustig geworden sein, und ich wre mit all den Grnden
gegen einen derartigen Glauben angerckt, den die illusionslose Richtung
der Zeit mich gelehrt hatte fast mit nachsichtiger Geringschtzung zu
betrachten. Die Jahre, die mich lter gemacht, hatten mir wohl keinen
Glauben gegeben, mir aber doch das Verlangen genommen, auch nur einen
einzigen Proselyten machen zu wollen, nicht einmal wenn dieser einzige
meine eigene Frau wre. Was ich glaubte, war nichts Festes, nur ein
Suchen, das Grte zu finden, und mehr als ein Mal hatte mich schon in
meiner frhen Jugend die Drftigkeit dessen, was man mit einem
schlechten Worte Materialismus nennt, durch seine trockene Khle
berrascht. Aber von solchen Dingen, die in mir selbst noch zu unklar
und formlos waren, sprach ich im Allgemeinen ungerne, und ich fhlte
mich jetzt durch die Worte meiner Frau gleichzeitig berrumpelt und
gedemtigt.

Wie sollte ich darber bse sein knnen, antwortete ich blo.

Ah, wie froh ich bin, ertnte wieder ihre Stimme. Denn ihr Gesicht
unterschied ich nur undeutlich. Dann wirst Du auch nicht zrnen, wenn
ich Dir sage, da ich jeden Abend mein Abendgebet spreche, so wie, als
ich ein Kind war. Ich wei nicht, zu wem ich bete. Aber ich lasse auch
die Knaben fr Dich und mich und fr einander beten. Glaubst Du, da es
unrecht ist?

Ich legte das Ruder nieder, stand von meinem Platze auf, nahm das liebe
Gesicht meiner Frau zwischen meine Hnde und kte sie, ohne ein Wort
sagen zu knnen.

Ich will nicht, da es etwas geben soll, was Du nicht weit, sagte sie
einfach.

Wieder sa ich an meinem Platze am Ruder, wieder scho das Boot dahin,
und nach einer Weile sah ich durch das Laubwerk ein Licht, das mich zu
der Brcke meines Heims leitete. Uns mit den Armen umschlungen haltend
gingen wir den schmalen Pfad zu unserem Sommerheim, und als wir uns zur
Gutenacht kten, sagte Elsa:

Du hast mich heute Abend so glcklich gemacht. Ah, Du weit nicht, wie
glcklich Du mich gemacht hast.

An diesem Abend blieb ich lange auf, und ich that, was ich nicht oft
whrend dieses ganzen glcklichen Sommers gethan. Ich dachte an Elsa und
mich. Unaufhrlich tauchte der Gedanke wieder auf, warum sie mich hatte
fragen mssen, ob ich ihr erlaubte, an Gott zu glauben und zu beten.
Denn das war es ja, was sie gethan hatte. Und whrend mich diese weiche
Weiblichkeit wie ein Hauch unnennbaren Glcks berhrte, fhlte ich doch
gleichzeitig den Stachel, der darin lag, da sie je so hatte fragen
mssen. Ich ging in Gedanken unsere Jugend durch und all die Jahre, in
denen wir uns geliebt. Ich glaubte, da ich sie immer auf den Hnden
hatte tragen wollen, ich glaubte, da ich es immer gethan hatte, und nun
klang durch ihr ganzes Wesen ein Ton, als htte ich bei alledem achtlos
ihr Innerstes zerrissen und ihr, ohne es zu wissen, eine Wunde
geschlagen, die vielleicht lange geblutet hatte, bevor sie gewagt hatte,
mich ahnen zu lassen, da sie litt. Sie schien in irgend einer Weise
mich oder meine Kritik oder Beides zu frchten. Und ich fragte mich
selbst: Warum?

Ich wute, da ich sie nicht darnach fragen konnte. Denn sie wrde immer
die Arme um meinen Hals schlingen und sagen: Du, Du, niemals hast Du
mir etwas anderes als Gutes gethan! Ich glaubte den Fanatismus ihrer
Stimme zu hren, wenn sie dies sagte. Ja, ich wute, da sie so
antworten mute, und ich wute auch, da sie alles, was sie sagte, als
die innerste Wahrheit empfinden wrde, so gewi als sie es sonst nicht
htte sagen knnen. Aber dieser Gedanke beruhigte mich nicht. Etwas ganz
Anderes beschftigte mich jetzt. Was kmmerte es mich im Uebrigen in
dieser Stunde, ob meine Frau zu Gott betete oder nicht? Was kmmerte es
mich, ob sie das oder jenes dachte? Was sie gesagt, hatte mich wie
Pfeile getroffen, die geradenwegs in mein Herz gedrungen waren. Ihre
Worte waren mit ihr selbst und dem ganzen Sommer, der vergangen war,
verschmolzen, mit dem Gefhl der Kahnfahrt auf dem dunklen Wasser, mit
dem Brausen des Waldes und dem Strahlenweg des Mondes ber die krausen
Wellen. Es verschmolz alles zu einem einzigen Ganzen und sang davon, da
ich einen Schatz gewonnen, der sich nicht teilen oder verwandeln lie,
aber der mein blieb, solange ich begriff, da er nur in der Stille fr
mich wuchs.

Aber dabei qulte mich der Gedanke, da ich sie, ohne es zu wollen, doch
erschreckt hatte. Das qulte mich im Widerspruch zu ihren eigenen
Worten, die noch in meinem Ohre klangen. In Gedanken durchlebte ich
alles zwischen uns, woran ich mich erinnern konnte und was
mglicherweise damit zusammenhing, und als ich mich an nichts mehr
erinnern konnte, suchte ich in meinen Gedanken nach dem, was ich nicht
zu finden vermochte.

Denn es war Schuldgefhl, was ich empfand, Schuldgefhl, was mich
bedrckte. Ich konnte mich nur nicht entsinnen, wie oder wann ich
schuldig geworden war. Ich meinte blo, da ich es war und sein mute.
Als ich hereinkam, um zu Bette zu gehen, sah ich bestrzt, da meine
Frau noch wach lag. Aber als ich mich niedergelegt hatte, beugte sie
sich nur vor und kte meine Hand.

Ich habe nie einen glcklicheren Ausdruck in ihrem Antlitz gesehen.


                                  11.

So kam der Tag heran, den wir lange erwartet hatten, der Tag, an dem
unser Kind geboren werden sollte, an dem das Geheimnis, das meine Frau
mir schon seit langem anvertraut und das ihrer Seele Spannkraft und
ihrer Hoffnung Flgel gegeben, an den Tag kommen und das Glck wieder
auf immer in unser Haus einkehren sollte. Das Vorgefhl dessen hatte
dazu beigetragen, unseren Sommer so hell zu machen, wenigstens sehe ich
es jetzt so. Aber so wunderbar mir alles jetzt erscheint, wo ich die
Erklrung dafr zu haben glaube, so natrlich und einfach kam damals
alles, und ich war weit entfernt, die ganze Bedeutung dessen, was sich
mit uns begab, zu ahnen.

Wir hatten ja schon vorher zwei Kinder bekommen, und ich hatte viele
dieser rhrenden Beweise der Mutterfreude der Erwartung gesehen, die ein
Mann, der seine Frau liebt, niemals vergit. Aber nie hatte ich meine
Frau so von Freude ber das Kommende erfllt gesehen, wie sie es jetzt
war. Nie war sie in einer so andachtsvollen Glckseligkeit umhergegangen
wie jetzt, nie hatte sie es in diesem Mae verstanden, eine
feiertgliche Stimmung ber unser ganzes Alltagsleben zu breiten, wie in
diesem dsteren Herbst in der tristen Stadt, wo der Regen unaufhrlich
fiel und das ganze Leben um uns so schwer und trbe erschien wie wohl
nie zuvor.

Wir hatten ja zwei Knaben, und darum war es natrlich, das kleine Wesen,
das kommen sollte, das Mdchen zu nennen. Sie erwarteten wir und von
ihr sprachen wir, und eines Mittags, als ich von meiner Arbeit nach
Hause kam, sagte meine Frau zu mir:

Es ist mein Engel, der kommt, Georg, sie wird mich retten.

So lange hatte ich in der Vergessenheit gelebt, da irgend eine Gefahr
uns je bedroht, da ich zuerst ihre Worte nicht verstand.

Dich retten? wiederholte ich mechanisch. Wovor?

In ihr Gesicht trat ein wunderlicher Ausdruck, so als zge sie sich in
sich selbst zurck, um darber nachzudenken, wie es mglich war, da
zwei Menschen, die sich liebten, so verschieden empfinden konnten.

Hast Du schon vergessen, wie es im Winter war? sagte sie.

Ich begriff noch nicht, oder ich wollte nicht begreifen.

Ich glaubte, dies sei vorber, sagte ich.

Glaubst Du, da etwas je vorber sein kann? war die Antwort. Und sie
fgte hinzu:

Vielleicht kann das kleine Wesen, das kommt, das thun, was nichts
anderes kann.

An dieses kurze Gesprch dachte ich oft, und ich suchte vergebens, es
mit dem ungetrbten Glck in Einklang zu bringen, das wir in dem Sommer,
der vergangen war, genossen hatten. War es mglich, da meine Frau in
dem Sonnenschein des Glcks, der ihrem ganzen Wesen die Frbung gab, den
Keim zu einem Unglck verbarg, das sich ber unser ganzes Leben senken
sollte? War das mglich? Lebte sie zwei Leben? Konnte sie mitten im
Sonnenschein leben und zugleich fhlen, da die Nacht nahe war? Oder
gehrte die Ahnung der Furcht, die sie jetzt zeigte, blo jener Art von
Phantasie an, die eine Folge ihres Zustandes war?

Ich versuchte mich mit der letzteren Alternative zu beruhigen, aber es
wollte mir nicht recht gelingen: und mehr und mehr begann ich, das ganze
Leben meiner Frau in einem neuen und anderen Lichte zu sehen, demselben,
das sie schlielich ganz einhllen sollte.

Ich kann das ganz neue Gefhl der Zrtlichkeit nicht beschreiben, das
durch diese Gedanken, die ich nicht einmal in Worte zu kleiden vermag,
in mir erwachte. Und ich wagte kaum das, was ich vor meinen Augen sah,
zu glauben, als alles glcklich verlief und meine Frau nach schwerem
Kampfe sich langsam zu erholen begann, nachdem sie einem zarten Wesen
das Leben geschenkt, zu dem sie von allem Anfang an Worte sprach, die
kein Anderer hren durfte.

Aber das Mdchen kam nie. Anstatt ihrer war ein Knabe gekommen, der den
Namen Sven erhielt.




                              Zweiter Teil


                                   1.

Der kleine Sven wuchs heran und wurde Aller Liebling. Er hatte langes,
goldenes Haar, und zur Erinnerung an das Mdchen, das nicht gekommen
war, pflegte Mama das Goldhaar zu kruseln, soda es in langen Locken um
sein kleines Gesichtchen mit der zarten Haut und den wunderbaren
Engelsaugen lag. Kein Kind hat tiefere groe Augen mit einem so frh
trumerischen Blick gehabt, und kein Kind hatte eine vertrauensvollere,
zrtlichere kleine Hand, die sich in die eines groen Menschen
schmeichelte, als wte es, da es berall Geborgenheit finden konnte,
weil es selbst von nichts Bsem wute.

Der kleine Sven war der Abgott des groen Bruders. Nichts konnte schner
sein, als zu sehen, wie der groe Bruder, der es liebte sich mnnlich zu
zeigen und daher ungerne seine Gefhle an den Tag legte, das kleine
Brderchen in einem Wgelchen zog, sich an seinem frohen Gesichtchen
freute und sich unaufhrlich umdrehte, um zu sehen, da das kleine
Brderchen nicht herausfiel. Das Einzige, was sich hiermit vergleichen
lie, war, wenn man Svante dasselbe thun sah, und Svante freute sich
umsomehr daran, Beschtzer zu sein, als er bei den Spielen mit dem
groen Bruder immer derjenige gewesen, der klein war und gehorchen
mute. Sven war so klein gegenber den groen Brdern, die er bewunderte
und denen er folgte, da er immer das kleine Brderchen war und blieb,
und er war so froh, da das ganze Haus sich um ihn versammelte, wenn ihm
etwas Freudiges geschehen war und seine klingende Stimme oder sein
klares Lachen durch die Rume erklang. Man kam, weil man sehen wollte,
wie seine Augen funkelten und wie seine kleinen weien Hndchen vor
Entzcken umherfochten, weil man diese ganze strahlende Kinderfreude
sehen wollte, die dem Herzen Sonne gab.

Ah, ich wnschte, ich htte diese Erzhlung vom kleinen Brderchen
frher geschrieben, so da ich sie Blatt fr Blatt ihr htte vorlegen
knnen, die seine kurze Lebensgeschichte besser kannte, als ich, besser
als irgend Jemand. Sie, die sich an jedes seiner Worte erinnerte, an
jeden kleinen Zug aus dem Buche seines Lebens, sie, die sein Leben und
ihr eigenes im Verein mit ihm lebte, auch als seine klaren Augen nicht
mehr unter uns leuchteten; sie, die ihm endlich auf den Pfaden folgte,
auf denen Niemand, bevor seine Zeit gekommen ist, folgen kann. Sie htte
dann das, was ich sagen wollte, mit ihrem Geist erfllt, und mein
Gedicht htte soviel Unmittelbarkeit empfangen, als handelte es von
einem noch lebenden Kinde.

Denn der kleine Sven lebte und wirkte mit seiner Mutter, bei ihr und fr
sie. Er hatte seine Spielstube bei ihr, und die ganzen Vormittage, wenn
Papa fort war und die groen Jungen lernten, sa der kleine Sven auf dem
Boden und hrte Mama Mrchen erzhlen. Mama konnte viele Mrchen, aber
kein Mrchen hatte Sven lieber als das vom Rotkppchen, das zur
Gromutter gehen sollte und das der hliche Wolf auffra. Er war so
furchtbar erschttert, wenn er an das Schicksal des kleinen Rotkppchens
dachte, und er hatte solche Angst vor dem abscheulichen Wolf und war so
bse auf ihn. Er wollte gro werden und in die Welt ziehen und ihn
finden und ihn totschieen.

Dann erfanden Mama und er Spiele. Sie spielten, da Sven fortreiste und
weg war, und Mama sa allein und wartete auf ihn. Und dann kam Sven nach
Hause, und das war eine Freude, so gro, da Mama ihre Arbeit weglegen
und ihn auf den Scho nehmen und viele Male kssen mute. Und viele
andere Spiele spielten sie.

Der kleine Sven hatte zuhause viele Namen. Er wurde das kleine
Brderchen genannt und Nenne, was er selbst erfunden hatte, und Fratzi
und Goldkind, so wie es eben kam. Er kannte alle seine Namen, konnte sie
aufzhlen und war stolz auf sie. Der kleine Sven spielte nicht viel mit
anderen Kindern und fhlte sich nie lange wohl mit ihnen. Er kam immer
zurck zu Mama, als wre das die natrlichste Sache der Welt. Und er
kmmerte sich dann nie darum, ob er das Spiel unterbrach und die anderen
Kinder rgerte. Sowie er nur Mama erblickte, lief er von allem fort,
nahm sie bei der Hand und folgte ihr, wohin sie ging. Das war eine
Liebe, die ber alle Begriffe ging und die nie erkaltete, weil der
Gegenstand derselben zu glcklich ber dieses Verhltnis war, um den
Kleinen je beschwerlich zu finden.

Sven und Mama hatten ihre kleinen Geheimnisse, und wenn Sven Mama etwas
zuflsterte, durfte nicht einmal Papa zuhren. Versuchte er es, nur um
Sven zu necken, da schrie der Kleine:

Nein, er darf nicht. Er darf nicht. Sag ihm, da er nicht darf.

Und Mama verteidigte ihren Schatz und hielt Papa ferne, soda Sven
alles, was er zu sagen hatte, ihr ins Ohr flstern konnte.

Wenn das geschehen war, dann triumphierte Sven.

Siehst Du, sagte er. Du hast es nicht hren drfen.

Und dann ging er mit Mamas Hand in der seinen und lachte seinen Vater
aus. Das nannte er Papa foppen, und er kannte wenig Dinge, die er
vergnglicher fand.

Ich kann sie noch Beide vor mir sehen, Hand in Hand, den langen Weg auf-
und niedergehend, der bei den Fliederbschen anfing, unter den kahlen
Bumen im Winter gehend, wenn Sven in seinen kleinen Pelz gekleidet war,
den man aus Mamas altem gemacht hatte und auf den er so stolz war. Es
wre im brigen schwer zu entscheiden, wer von den Beiden dem anderen
eigentlich am meisten zu sagen hatte. Und wenn ich sie lange angesehen
hatte und Lust bekam, mit dabei zu sein, dann wurde Sven eiferschtig
und schob sein kleines rotes Mndchen vor, soda Mama seine Auffhrung
gegen das Familienoberhaupt tadeln und ihm sagen mute, wie gut Papa
war. Das wollte Sven nur ungern anerkennen. Und whrend wir zusammen
gingen, machte er verstohlen Mama Mienen, die Papa nicht sehen sollte,
ganz als wollte er sich selbst dadurch beglcken, da er den Zauberkreis
heimlichen Einverstndnisses beibehielt, den er um seine Liebe und sich
selbst gezogen.

Aber wenn Papa in der Stadt war und nach Hause kam, dann stand Sven
hinter der Thre versteckt und wartete, um ihn recht erschrecken zu
knnen. Er stellte sich lange vor der Zeit hin, zu der Papa
zurckerwartet werden konnte. Unaufhrlich kehrte er von seinem
Schlupfwinkel zurck und fragte:

Glaubst Du nicht, da Papa sehr erschrecken wird?

Natrlich glaubte Mama das, und natrlich war Sven berglcklich ber
diese Aussicht. Und wenn Papa endlich kam und im Flur stehen blieb, um
den Sand aus seinen Galoschen zu stampfen, da kam Sven so still und
leise herangeschlichen und dachte gar nicht mehr daran, ihn zu
erschrecken, sondern stand nur da und lchelte fr sich selbst, als
wte er sehr wohl, da Papa ihn nicht sehen konnte, ohne froh zu
werden. Und langsam kroch er nher, wie um sich an Papas Ungeduld, ihn
in die Arme zu schlieen, zu weiden, und dann hing er sich an Papas Hals
und lie sich hineintragen, whrend gleichzeitig die Dogge der Familie,
die Svante seinerzeit Pudel getauft, vor Freude bellte und um uns
herumsprang.

Ich erinnere mich so gut an die Augen meiner Frau, wenn sie diese Szene
betrachtete.

Wenn Du wtest, wie viel ich mit ihm von Dir spreche, sagte sie, als
Sven endlich seinem Vater erlaubte, ihn loszulassen, und Mama Platz
machte.


                                   2.

Schon seit Sven so klein war, da er sich bewegen konnte, war er Pudels
intimster Freund gewesen und hatte das Recht gehabt, mit Pudel alles zu
machen, was er wollte. Er durfte ihn an den Ohren ziehen und an seinem
kurzen Schwanz zupfen, auf ihm liegen und ihn in den unbequemsten
Stellungen festhalten. Pudel zeigte hierber keinen hheren Grad von
Mivergngen, als da er zuweilen verwundert aussah, warum er all dies
eigentlich ber sich ergehen lassen mute, und sich sanftmtig und
friedfertig auf einen andern Platz legte, in der eitlen Hoffnung, da
sein wohlmeinender Plagegeist mde werden und ihn in Frieden lassen
wrde.

Aber trat Sven hinaus in den Hof, dann folgte Pudel ihm, wohin er auch
ging. Mit seiner kurzen gespaltenen Schnauze schnuppernd, stand er da
und sah zu, wie Sven langsam und bedchtig Sand in eine kleine
Blechbchse schttete oder zuweilen zu der weniger geeigneten
Zerstreuung berging, in der Wassertonne zu pltschern. Pudel folgte ihm
die ganze Zeit, und nherte sich irgend ein Fremder, so begleitete Pudel
dessen Gehaben mit mitrauischen Augen, in jedem Augenblick bereit,
falls die Verhltnisse sein Einschreiten erforderten.

Sven und Pudel wandelten im brigen ihre eigene Strae, und mehr als
einmal hatten sie das ganze Haus in pltzlichen Schrecken versetzt,
indem sie auf den unerfindlichsten Wegen verschwanden; und nachdem man
schon daran verzweifelt hatte, sie je lebendig wiederzusehen, tauchten
sie urpltzlich auf, als sei nichts geschehen, Beide gleich erstaunt
ber die Aufregung, die sie hervorgerufen hatten.

Es wre unrecht zu sagen, da Sven eigentlich ein ungehorsamer Knabe
war. Aber in diesem Punkt war er nicht leicht zu behandeln. Mehr als
einmal hatte Mama ihm die Rute versprochen, wenn er noch einmal auf
eigene Hand fortliefe, und mehr als einmal hatte sie mir unmittelbar
darauf versichert, da sie das Herzblut desjenigen sehen wollte, der es
wagte, Sven zu berhren. Aber hierin schien Sven Vorwrfen und
Ermahnungen gleich unzugnglich zu sein, und er stand so erstaunt bei
Mamas heftiger Freude da, ihn nach solchen Ausflgen lebendig
wiederzufinden, als wunderte er sich, da sie Beide ber irgend etwas
auf der Welt so verschieden denken konnten.

Es war doch nicht gefhrlich, sagte Sven. Pudel war ja mit.

Mama wollte nicht schlecht von Pudel sprechen, aber sie versuchte Sven
davon zu berzeugen, da Pudel auf jeden Fall nicht dasselbe war wie ein
Mensch. Sie sagte alles, was sie sich nur ausdenken konnte. Sven
versprach mit den Aermchen um ihren Hals, da er nie mehr fortlaufen und
Mama Kummer machen wollte.

Aber wenn er so fr sich selbst ging und es Frhling war und das Wasser
in den Rinnen am Hof flo, da verga Sven alles Andere auf Erden, bis
auf das, da er ein kleiner Junge war, der tief hinein in den Wald gehen
wollte.

Wer wei, in welchen Gedanken er einherging, oder ob er auch nur merkte,
da er auf verbotene Wege kam? Er ging und plauderte mit sich selbst,
und Pudel folgte ihm, und als er bei der Zaunthre anlangte, stand sie
offen. Da mute er doch hinausgucken und einen Blick in die Welt thun,
die dort drauen lockte, und da sah er auf der anderen Seite der groen
Landstrae zu oberst auf dem Grabenrain, wie die gelben Huflattichblumen
gegen die graue Erde leuchteten, und so krabbelte er hinber, so gut
seine kleinen Beinchen es vermochten. Aber jetzt war er beinahe im Walde
drinnen, und da konnte er nicht lnger widerstehen. Hoch und mit
knorrigen Aesten erhoben sich die Tannen ber seinem Kopfe, und hinein
ging er zwischen die Stmme, wo die Sonne auf das Moos schien und die
ersten Frhlingsvgel ihre Triller zu schlagen begannen. Eine kleine
Feldmaus wischte zwischen den Steinen durch, und der kleine Sven lief
ihr nach. Weiter und weiter weg kam er. Da lag ein kleines Moor, und
drauen im Moor wuchsen Weidenktzchen mit glnzenden Gehngen. Die
konnte er nicht erreichen, denn da wrde er eingesunken sein und sich
die Fe na gemacht haben. Aber er konnte immerhin einige Steine ins
Moor werfen und hren, wie es plumps sagte, und die groen weiten Ringe
ansehen, die die ganze kleine Wasserflche in Aufruhr brachten. Das that
er auch, und damit fuhr er eine gute Weile fort. Seine Wangen wurden
rot, und seine Augen leuchteten vor Entzcken. Frhlicher und frhlicher
wurde er, und er ging bis auf die Wiese hinunter, wo das knigliche
Lustschlo lag, und als er hinaus auf den Weg kam, begann er zu laufen.
Er lief und lief, und als er an die hohen Gitterthren kam, sah er, da
er wieder nahe von zuhause war. Da wurde er von neuem froh, weil er den
Weg erkannte und weil Pudel schnupperte, mit seinem gestutzten Schwanz
wedelte und nach Hause wollte. Und pltzlich begann er sich nach Mama zu
sehnen, und da erinnerte er sich an die gelben Blumen, die er in der
Hand hatte.

Langsam und bedchtig ging er wieder heimwrts, und es kann schon sein,
da Sven sich jetzt dunkel erinnerte, da er nicht vom Hause htte
weggehen sollen. Aber eines gab es, was Sven nicht wute und worauf er
sich auch nicht verstand. Das war, wie lange er eigentlich vom Hause
fort gewesen war. Denn ein paar Stunden und ein kleines Weilchen war fr
ihn ein und dasselbe.

Aber als er ber die Wiese getrippelt kam und sich gerade wieder in Trab
setzte, um zu Mama zu kommen und auf den Scho genommen und gestreichelt
und gekt zu werden und zu erzhlen, wie gut er sich amsiert hatte, da
erschrak Sven dadurch, da man rings um ihn zu schreien begann. Da war
Papa und Mama, Olof und Svante, die beiden Dienstmdchen und noch
Mehrere, meinte Sven. Sie schrieen, Einer lauter als der Andere, der
Eine hier und der Andere dort. Sven konnte gar nicht sehen, woher sie
kamen. Denn gerade als er sich nach einer Seite umwenden wollte, schrie
Jemand hinter ihm, und als er sich dann wieder umdrehte, um nach der
anderen Richtung zu schauen, wurde er vom Boden aufgehoben und von
Jemandem fortgetragen, der so rasch lief, als er laufen konnte, und
bevor er sich noch recht besinnen konnte, war er drinnen im
Speisezimmer, und Mama selbst nahm ihn in ihre Arme und drckte ihn an
sich, so da er gar keine Luft bekam.

Sven wute wohl, da er vor Mama nie Angst zu haben brauchte, aber
dieses Mal verlie ihn doch der Mut. Denn jetzt erinnerte er sich, was
sie von der Rute gesagt hatte, und als er Papa erblickte, wurde er
wirklich ngstlich. Denn Papa sah strenge aus und sagte in sehr ernstem
Ton:

Jetzt mssen wir aber die Rute holen, Sven. Denn so viel ich wei, hat
Dir Mama das versprochen.

Da wute sich Sven keinen Rat, und in der Not nahm er seine Zuflucht zu
den Blumen, die er Mama entgegenhielt.

Aber das htte er garnicht thun mssen. Denn Mama war so erschrocken
gewesen, und sie war so glcklich, ihn wieder zu haben, da sie ihn nur
in die Arme nahm und, halb weinend, halb lachend, sich von ihm
streicheln lie; und endlich nahm sie ihm die Blumen ab und gab sie in
ein kleines grnes Glas, ordnete sie und lie Sven sehen, wie schn sie
in der Sonne glnzten. Da gab Papa alle Gedanken an eine Bestrafung auf,
ging in sein Zimmer und fhlte sich berflssig.

Aber als Mama mit Sven allein blieb, nahm sie ihn auf den Scho und
erzhlte ihm, als wre es ein Mrchen, wie unruhig sie sich gefhlt und
wie schrecklich ihr zu Mute gewesen war. Sie erzhlte, da sie geglaubt,
da Sven sich das Bein gebrochen habe und einsam im Walde lge, und da
sie ihn nicht frher wiederfinden wrden, als bis er tot wre. Oder da
er ins Wasser gefallen sei und da sie ihn dort als Leiche finden
wrden, und dann konnten weder Mama noch Papa noch die Geschwister
jemals wieder froh werden. All das hrte Sven an und verstand nur, da
Mama besser gegen ihn war als alle anderen Menschen. Dann lie sie Sven
alles erzhlen, was er gesehen und gethan, wie er sich vergngt hatte
und wie weit er fort gewesen war. Sie erfuhr von dem kleinen Muschen,
von den Vgeln und von dem Sumpf und von den Steinwrfen. Und
schlielich verstanden sie einander, alle Beide, und waren nur glcklich
darber, da sie sich wiedergefunden hatten.

Und als sie sich so recht ausgesprochen hatten, nahm Mama Sven mit sich
zur Etagre. Da standen viele prchtige Sachen, mit denen Sven manchmal
spielen durfte, wenn alles sehr gut ging. Unter anderem stand da ein
weier Pudel aus Porzellan, der eine Quaste am Schwanz hatte und einen
kleinen Pantoffel in der Schnauze trug. Er war sehr alt und gehrte
eigentlich nicht Mama. Denn Papa hatte ihn von seiner Mutter bekommen,
und er hatte ihr gehrt, seit sie zwei Jahre alt war, da hatte eine
Pathin ihn ihr geschenkt.

Das war das Schnste, was Sven kannte, und den nahm Mama in der
Glckseligkeit ihres Herzens von der Etagre herab und gab ihn ihm,
anstatt der Rute. Aber er blieb da stehen, wo er stand.

Denn sonst, wie Sven sagte, kann ich ihn zerschlagen. Und dann wird
Papa so bse.

Aber er verga nie, da er ihm gehrte. Und er pflegte zuweilen davon zu
sprechen, wenn Besuch kam.

Den habe ich von Mama bekommen, sagte Sven, als ich in den Wald lief
und wiederkam. Das war, weil Mama sich so freute, als sie mich sah.

Und Mama verteidigte ihre Erziehungsmethode gegen jede Kritik, indem sie
den Knaben in die Hhe hob und Alle ihn ansehen lie. Gott segne sie!
Sie hatte Recht.


                                   3.

So ging ein Jahr, ohne da wir sein Schwinden bemerkten. Aber um diese
Zeit begann ihre Gesundheit ernstlich zu leiden, und ohne da wir mit
einander davon sprachen, wuten wir Beide, da es nur eine Mglichkeit
gab. Schon einmal frher hatte das Messer des Operateurs seine
lebensgefhrlichen Eingriffe machen mssen, und die Krankheitssymptome,
die sich jetzt einstellten, waren uns nur allzu gut bekannt. Es
berraschte uns darum nicht, als der Doktor uns eines Tages das Urteil
verkndete und uns das, was wir schon geahnt, wissen lie, nmlich, da
nur eine schleunige Operation Elsa mir und meinen Kindern retten konnte.

Als sei ein Todesurteil ber unser ganzes Leben gefallen, gingen wir an
diesem Tage in unserem Hause herum, und ich sah, da Elsa von Allem
Abschied nahm. Zum ersten Male stand es ganz deutlich vor mir, wie viel
von ihren innersten Gedanken sie vor mir, sowie vor Allen verborgen
hatte, wie vertraut sie mit dem Todesgedanken war, und wie die
Gewiheit, da sie jung sterben mte, an ihrer innersten Lebenskraft
nagte. Sie war bla geworden, und ihre Wangen waren abgemagert. Die
Hnde waren wachsgelb, und sie ging in Angst vor mir umher.

Da bat sie mich zum ersten Male, sterben zu drfen. Zum ersten Male
sprach sie von all dem, das sie getragen und verborgen, um dessentwegen
ich in sie gedrungen und das sie nie anders als in Andeutungen ber die
Lippen gebracht hatte.

Schon seit ich sehr jung war, sagte sie, lange bevor Du und ich uns
kennen lernten, ist es mir so natrlich gewesen, daran zu denken, da
ich nicht lange leben wrde. Dann fand ich Dich, und da verga ich
Alles. Denn Du hast mich so glcklich gemacht, Georg, Du hast mich
glcklicher gemacht, als ich Dich je machen konnte. Du hast mir meine
drei Knaben gegeben, meine zwei groen Jungen und den kleinen Sven. Und
was kann ich fr sie, fr Dich und fr Euch Alle sein? Ich bin ja so
krank, und ich werde nie gesund. Du sollst mich vergessen, Georg. Ach
ja, ich wei, da Du um mich trauern wirst, weil Du mich lieb hast,
obgleich ich immer zart und schwach gewesen bin und Niemandem ntzen
konnte. Aber Du sollst mich doch vergessen. Und Du wirst eine Andere
finden, die Dir mit den Kindern hilft.

Und wieder bat sie mich sterben zu drfen, bat, die wenigen Wochen, die
ihr gegnnt waren, in Ruhe zu leben. Sie wollte nur nicht auf dem
Operationstisch sterben, aber sie war es zufrieden, von hinnen zu
scheiden, und sie wollte blo mit ihren Schmerzen so lange leben, da
sie die Kinder auf das, was kommen mute, vorbereiten und Abschied von
ihnen nehmen konnte.

So pltzlich war all das ber mich hereingebrochen, da ich nicht einmal
meine Gedanken zu ordnen vermochte, noch weniger fand ich Worte, um zu
antworten. Ich fhlte dunkel, da ich mich, wenn ich hier eingriff, in
einen Kampf strzte, der ber das hinausging, was Menschen im
Allgemeinen verurteilt sind zu erleben. Ich fhlte die Scheu, die ich
immer empfunden habe, wenn es galt, an etwas zu rhren, das eines
anderen Menschen innerstes und unantastbares Eigentum ist. Und wenn es
etwas giebt, das kein Anderer als der Mensch selbst entscheiden kann, so
ist es wohl die Frage, ob er sich einem sicheren Tod unterwerfen oder
einen schweren Kampf aufnehmen soll, um vielleicht das Leben zu
gewinnen. Wie ich meine Frau vor mir sah, erschien sie mir so nahe und
doch so ferne. Ihre Bitte, sterben zu drfen, war so rhrend und so
ernst gemeint, da ich nicht den Mut hatte, sie zu bitten, sich um
meinetwillen dem Leben wieder zuzuwenden. Denn fr sie galt es nicht
mehr und nicht weniger. Und mit Staunen merkte ich, da sie alles, was
sie liebte, verlassen konnte, weil sie vorbereitet war. Aber
gleichzeitig fhlte ich mit der Strke der Verzweiflung, da ich sie
nicht verlieren konnte. Ich konnte es nicht. Und in meiner Verzweiflung
nach dem Einzigen greifend, was mir in den Sinn kam, sagte ich blo:

Aber Sven, kannst Du Sven verlassen?

Sie zuckte zusammen wie vor einem Keulenschlag, und sie rang ihre Hnde
in Verzweiflung.

Nein, nein! Ich kann nicht.

Sie wankte zur Schlafzimmerthr und bat mich nur, sie allein zu lassen.
Ich sah sie die Thr hinter sich verschlieen, und ich blieb sitzen, wo
ich sa, und hatte das Gefhl, da alles, was ich mit ihr erlebt hatte,
tot und verschwunden war und da sie jetzt von uns gehen wrde. Ich
begriff, da, wenn sie es nicht that, dies nicht um meinetwillen
geschah, sondern um des Kleinen willen mit dem goldenen Haar und den
wunderbaren Kinderaugen, ihrem kleinen Engel, der gekommen war und sie
ans Leben festgekettet hatte. Ich begriff all dies, aber es verletzte
mich nicht. Ich fand es ganz natrlich, da ich allein sie nicht halten
konnte. Ich lie den Kopf sinken und weinte, weinte zum ersten Male ber
mich selbst und mein eigenes Leben. Und ich erwartete nichts, glaubte
nichts anderes, als da die Tage jetzt ruhig und unerbittlich bis zu der
Stunde fortschreiten wrden, die kommen mute; und schlielich wrde der
Tod all das zerreien, wofr ich gelebt hatte.

Wie lange ich so sa, wei ich nicht. Ich wei nur, da es dmmerig
wurde und da ich dadurch auffuhr, da ich fhlte, da meine Frau auf
den Knieen vor mir lag und ihren Kopf an meinen Arm lehnte. Sie war so
leise gekommen, da ich sie nicht gehrt hatte, und ihre Stimme klang
ruhig, als sie sagte:

Ich will fr Dich leben, Georg, fr Sven und unsere groen Jungen.

Ich kannte ihre Stimme, wenn sie so tief und warm wurde, als sei alles
andere als ihre Liebe in ihr verstummt. Ich begriff, da ihr Entschlu
jetzt unerschtterlich war, da sie wieder uns Allen gehrte oder
gehren wollte, und eine warme Welle der Dankbarkeit gegen sie und das
ganze Leben durcheilte mich. Es dauerte lange, bevor wir unsere Lage
vernderten, aber als wir es thaten, erhob sie sich und zndete alle
Lampen an wie zu einem Feste.

Dann rief sie die Kinder herein, und sie kamen Alle still und sich
wundernd, und wir brauchten ihnen nichts zu erklren. Denn sie hatten
Alle verstanden, Jedes in seiner Weise, sie hatten mit einander
gesprochen, wie wir Groen, und sie wuten, da Mamas Leben auf dem
Spiele stand, aber da sie es wagte, um fr sie leben zu knnen.

Sven kletterte auf Mamas Scho und schmiegte sich an sie. Und er brachte
uns Alle dazu, durch Thrnen zu lcheln, als er sagte:

Mama darf nicht vom Fratzi wegsterben.

Dies war ja einer seiner Kosenamen in der Familie, und er wendete ihn
selbst ohne eine Ahnung davon an, da es komisch klang. Darum brachten
uns seine Worte beinahe etwas wie eine Verheiung des Lebens, und sie
beruhigten uns.

Aber als die Kinder zur Ruhe gegangen waren, gingen Elsa und ich, uns
mit den Armen umschlingend durch die Rume. Und ich sah, da sie wieder
Abschied nahm, aber in anderer Weise als vor einigen Stunden. Am
nchsten Tage sollte sie in das Sanatorium fahren.

Aber als ich frhmorgens herauskam, sa Olof in dem groen Lehnstuhl
gegenber der Schlafzimmerthre.

Sitzest Du schon lange hier? fragte ich berrascht.

Ja, antwortete der Knabe einsilbig.

Er hatte da gesessen und an seine Mutter gedacht und daran, wie ernst
alles mit einem Schlage geworden war. Zum ersten Male fiel es mir auf,
wie gro er war, und ich ergriff seine Hand wie die eines
Gleichalterigen. Es zuckte in dem Gesicht des Zehnjhrigen, aber er
konnte nichts sagen.

Als wir dann in der Droschke saen, war er wieder Herr ber sich selbst,
und er stieg noch auf das Trittbrett neben meine Frau, streichelte ihre
Wange und sagte beschtzend wie zu einem Kinde:

Habe keine Angst, Mama, es wird schon gut gehen.

Svante kam auch heran, und der kleine Sven wurde aufgehoben und
plauderte und plapperte. In diesem Augenblick wute Elsa nicht, wen von
Allen sie am Meisten liebte. Aber auf dem Wege kamen wir in unserem
Gesprche unaufhrlich auf unseren groen Jungen zurck, der zum ersten
Male wie ein Mann gesprochen und gefhlt hatte.


                                   4.

Der Todesengel ging dieses Mal an unserem Heim vorbei, aber seine
Schwingen hatten uns so dicht gestreift, da das, was jetzt geschehen
war, lange unserem ganzen Leben sein Geprge gab, ja eigentlich nie
aufhrte, es zu thun. Doch -- noch einmal kehrte das Glck in unser Heim
zurck, aber gedmpft und ernster. Noch einmal kehrte sie zurck, die
unserem Alltagsleben heiliges Licht gab. Unsere Knaben hieen uns
willkommen, als wir wiederkamen, und der kleine Sven kletterte zu Mama
hinauf, schmiegte sich an sie und sah so innig glcklich und schelmisch
aus.

Siehst Du, da Du nicht vom Fratzi hast wegsterben drfen, sagte er.

Er sah so triumphierend aus, als glaubte er, da der glckliche Ausgang
ihm zu verdanken sei, und hauptschlich um uns Alle aufzumuntern, sagte
ich:

Ich glaube, Du meinst, Du hast Mama gesund gemacht.

Das hat er auch, antwortete meine Frau.

Und wieder sah ich den Ausdruck in ihren Zgen, der mir frher so fremd
erschienen war, aber den ich mehr und mehr zu verstehen anfing.

Sie schlo sanft den Kleinen in die Arme, und aus ihren Augen fielen
zwei klare Thrnen. Dann reichte sie mir die Hand und sagte:

Ich bin so froh, da ich wieder zu Hause bin. Ich konnte nichts
erwidern. Ich sah nur auf die Gruppe vor mir, und ich wute, da ich
hier das Glck hatte, das ich vor ein paar Wochen noch kaum zu erhoffen
gewagt. Und doch fhlte ich in meinem Herzen einen Stachel, wie von
einer grauenden Ahnung hoffnungsloser Einsamkeit.


                                   5.

An den Frhling, der jetzt kam, erinnere ich mich wie an ein Meer von
Blumen, das jeden freien Platz in unserem Heim erfllte. Die Hyacinthen
mischten sich nach und nach mit blauen Anemonen, die blauen Anemonen mit
weien, mit Goldlack und Violen, und endlich, als der Johannistag
herankam und der Sommerwind in den herabgelassenen Gardinen spielte,
kamen die blhenden Syringen.

Mama und Sven waren es, die die Blumen herbeischafften, und es wre
schwer zu entscheiden, wer von ihnen Beiden Blumen am meisten liebte.
Ich sehe sie noch Seite an Seite, die Hnde voll Blumen, rotwangig und
plaudernd ber den groen Hof zu der offenen Veranda gehen. Ihr Haar war
ebenso schwarz wie das seine blond, aber ihre tiefen blauen Augen waren
gleich. Sie bildeten den seltsamsten Kontrast, und doch waren sie
hnlicher, als Mutter und Kind zu sein pflegen. Sie gehrten zusammen,
als wren sie geschaffen, stets vereint zu sein, stets mit Blumen in den
Hnden zu gehen, bis zu des Lebens Ende Hand in Hand zu wandeln und
einander in die Augen zu blicken. Niemand konnte sie zusammen sehen,
ohne da sein Gesicht von einem sonnigen Lcheln erhellt wurde, und oft
konnte ich das merken und meinen eigenen Reichtum noch erhht fhlen.

Denn in dieser Zeit dnkte mich das Leben reich und voll wie nie. Ich
verga wieder alles, was meine Seele mit schweren Ahnungen erfllt
hatte, und der Moment war mir genug. Es kam mir vor, als htten wir
alles, was traurig und schwer war, nur durchmachen mssen, um nachher
ein umso volleres Glck zu genieen. Ich war dankbar fr jeden neuen
Tag, der ging, ich war froh, da ich vergessen konnte, und ich hatte das
Gefhl, als wrden wir einem Glck entgegengetragen, hher als das,
welches Menschen erreichen.

Ich glaube, da auch meine Frau, wenigstens eine Zeit lang, dieses mein
Gefhl teilte. Denn von ihr ging dieser stete Strom von Glckseligkeit
aus. Sie war wirklich zum Leben zurckgekehrt, sie fhlte sich gesund,
sie lebte unter groen alten Bumen und in einem Ueberflu von Blumen.
Sie hatte uns alle um sich, und nichts strte ihre Ruhe.

So ging sie eines Abends mit mir ber den langen Weg, auf dem wir
Niemandem begegneten und den wir deshalb am liebsten gingen. Rings um
uns blhten die Syringen und erfllten die Luft mit ihrem Geruch, und
auf dem bleichen, hellen Junihimmel schwebte der Halbmond, ohne ein
Licht zu werfen, nur in dem Blau schwimmend, das sich grenzenlos weit
wlbte und auf dem blasse Sterne gleichsam zu funkeln versuchten, ohne
die Nacht durchbrechen zu knnen.

Wenn ich mich an diese Zeit und alles, was dann folgte, erinnere, mu
ich mit Staunen an unsere Spannkraft denken. Als wre nur eine
Streuwolke ber unseren Himmel gezogen und verweht worden, so wandelten
wir hier jeden Abend glcklich auf und nieder, und in unseren Gesprchen
war nicht der leiseste Schimmer von Wehmut. Alles, was gewesen, lag
begraben hinter uns. Es war wohl nicht das sorglose Glck mit dem
unerprobten blinden Zutrauen der Jugend zu sich selbst. Es war viel
mehr. Es war diese ruhige stille Harmonie, die zwischen Menschen kommt,
die zusammen gelitten und berwunden haben, ein Glck, das nichts trben
und nichts zerstren kann, weil es unauflslich mit dem Innersten des
Wesens zweier Menschen verwachsen ist. Wir wuten in dieser Zeit, da
wir nichts wnschten, nichts begehrten, als das, was wir schon besaen.
In solchen Perioden des Lebens kann der Eine die Einsamkeit suchen, um
seine Thrnen zu trocknen, weil er sich schmt, zu zeigen, wie glcklich
er ist. Keine fremden Gedanken, die ihre eigenen Wege gehen, keine
Phantasieen, kein Verlangen kann diese seltsame Stimmung steigern, aus
der die Lebenskraft quillt. Alles, wovon Sagen und Lieder gesungen, lebt
da sein volles, niemals versiegendes Leben, so wie keine Dichtung es
wiederzugeben vermag, und ich glaube, da solche Erfahrungen allein das
Zusammenleben zwischen Mann und Weib heilig machen knnen.

Wenigstens fhlten wir so in diesen linden Frhlingsnchten, in denen
unsere Spaziergnge immer an demselben Platze schlossen, vor den Betten
der schlafenden Kinder. Wir sprachen nicht viel von dem, was wir
fhlten. Aber eines Abends sagte meine Frau:

Wie lange ist es, da wir verheiratet sind?

Warum fragst Du? Du vergit ja Daten nie.

Ja, aber kann es wahr sein, da es mehr als zehn Jahre sind? Kann es
wahr sein, da wir so alt sind?

Betrbt Dich das? antwortete ich und lchelte.

Sie schmiegte sich an mich und nahm meinen Arm.

Es gab eine Zeit, wo ich solche Angst hatte, alt zu werden, sagte sie.
Und das habe ich noch. Aber ich verstehe nicht, wie Leute davon
sprechen knnen, da man in der Jugend am meisten liebt und am
glcklichsten ist. Das mssen Menschen sein, die nicht lieben knnen.

Ich versuchte einen Einwand. Aber sie unterbrach mich, indem sie von
Anderen zu sprechen begann. Sie sprach von Freunden, denen wir zugethan
waren, von Bekannten, mit denen wir verkehrten. Und sie stellte in
Abrede, da sie glcklich sein konnten. Sie erzhlte Zge aus ihrem
Leben, was sie gethan und was sie gesagt hatten. Noch lnger verweilte
sie bei dem, was sie nicht gethan und nicht gesagt hatten. Und sie
schlo mit den Worten:

Ich glaube, in unserer Zeit haben die Menschen vergessen, zu lieben.
Sie sind durch so vieles andere ausgefllt.

Alles, was meine Frau mir jetzt sagte, verwunderte mich. Denn sie
pflegte sich selten mit Anderen zu beschftigen, wenn sie mit mir allein
war, und ich suchte die Menschheit in Schutz zu nehmen. Ich brachte sie
sogar dazu, ein paar Ausnahmen zuzugestehen.

Aber sie antwortete auf alles, was ich anzufhren hatte, als hrte sie
mir eigentlich nicht zu; und als sie verstummte, fuhr sie fort, ihren
eigenen Gedankengang verfolgend:

Warum bist Du und ich glcklicher, als alle anderen Menschen?

Sie sagte das mit einem Ernst, als berhrte sie nur ein ganz bekanntes
und anerkanntes Faktum, und sie fgte hinzu:

Ich finde, da alle Anderen unglcklich sind, wenn ich sie mit Dir und
mir vergleiche.

Ich lchelte ber ihren Eifer, whrend ihre Worte mir gleichzeitig warm
ums Herz machten.

Warum mut Du vergleichen? sagte ich.

Weil es mich glcklich macht, antwortete sie. Und indem sie vor mir
stehen blieb und zu mir aufblickte, fgte sie hinzu:

La es mich jetzt sagen, weil ich sonst vielleicht nie dazukomme, es
Dir zu sagen. Ich finde, es ist so eigentmlich, wenn ich an die erste
Zeit denke, wo wir verheiratet waren. Da meinte ich, da ich Dich liebte
und da ich glcklich war. Das war deshalb, weil ich nichts wute und
nichts verstand. Nun wei ich, was es bedeutet, und nun will ich Dir
danken.

Bevor ich es hindern konnte, hatte sie meine linke Hand ergriffen und
sie gekt, und als ich versuchte, sie zurckzuziehen, hielt sie sie
fest und kte sie abermals, da wo der Ringfinger war.

Es lag eine Macht in ihrem Gefhl und ihrer Person, als sie diese Worte
sagte, die mich beinahe verwirrte. Stumm nahm ich sie in meine Arme und
kte sie mit dem Gefhl, da ich zum ersten Male meine Braut kte. Und
ich wute mit ihr, da die Erde keine grere Seligkeit barg.


                                   6.

Sven hatte einen Spielkameraden gefunden, und das war ein Ereignis in
seinem kleinen Leben. Denn frher hatte er nur mit den groen Brdern
gespielt. Nun war dieser Spielkamerad ein paar Monate jnger als Sven,
und berdies war der Spielkamerad ein Mdchen. All dies war etwas sehr
Neues und Entzckendes, und in dieser Zeit hatte Sven viel mit Mama zu
besprechen.

Die kleine Martha war mit ihrem Papa und ihrer Mama hinaus aufs Land
gezogen, und im Anfange hatten sie und Sven einander aus der Entfernung
betrachtet. Martha war ein kleines, unbeschreiblich ses Mdchen mit
roten, frischen Wangen, klaren, blauen Augen und langem, lockigem Haar,
das beinahe so wie Svens eigenes war. Und es dauerte nicht sehr lange,
so kam sie eines Tages und setzte sich in die Nhe von Sven und
betrachtete neugierig, was er vor hatte.

Sven war gewohnt, fr sich allein zu spielen, und er hatte ein Spiel,
das ihn sehr unterhielt und eigentlich ganz leicht falich war. Es
bestand darin, da er hinausging und sich auf eine Wiese setzte. Da
betrachtete er mit dem grten Interesse alles, was auf dem nchsten
Fleckchen Erde um ihn vorging. Da waren Ameisen, die auf Grashalme
kletterten, ein Schmetterling, der sich auf eine Blume setzte und dann
auf weien Flgeln weiter in die Sonne flatterte, ein Hirschkfer, der
auf den Rcken gefallen war und umgedreht werden mute, um weiter
kriechen zu knnen, oder ein paar Vgelchen, die zwischen den
Erdhgelchen umherhpften und sich nicht von dem Kinde stren lieen,
wenn sie fr sich oder ihre Jungen Futter suchten. Oder er sa auch ganz
einfach da und pflckte Grashalme um sich ab und lie sie grbelnd und
untersuchend durch seine Finger gleiten, und wenn er die Hand voll
hatte, warf er sie alle fort und begann neue auszureien. Das nannte
Sven selbst im grnen Gras spielen und davon konnte er lange erzhlen,
wenn er das Spiel unterbrach und zu Mama hineinlief, um ber die
Entdeckungen, die er gemacht hatte, zu berichten. Dem guckte nun die
kleine Martha zu, und schlielich fragte sie Sven, was er mache.

Siehst Du nicht, da ich im grnen Gras spiele? sagte Sven.

Und er machte vor Verwunderung groe Augen.

Nein, das verstand Martha gar nicht. Aber da Sven sich so lange damit
beschftigte, nahm sie an, da es etwas unbeschreiblich Unterhaltendes
sein mute, und darum setzte sie sich neben ihn. Und die beiden Kinder
rissen Gras aus und beobachteten Ameisen und kamen sich dabei so nahe,
da, als sie fortgingen, sie einander bei der Hand hielten und meinten,
sie knnten sich gar nie trennen.

Ein paar Tage spter sa Sven drinnen bei Mama und sprach von Martha.
Jetzt sprach er nicht mehr von Gras und Blumen oder Vgeln und
Schmetterlingen. Jetzt erzhlte er nur, was Martha gesagt und was Martha
gethan hatte, und wie gut sie sich mit einander unterhielten.

Eines Tages sagte Mama zu ihm:

Du hast Martha wohl sehr lieb?

Da schob Sven die Unterlippe vor und antwortete:

Weit Du nicht, da Martha meine Braut ist?

Mama antwortete sehr ernst:

Das hast Du mir noch gar nicht gesagt.

Du mut es aber doch wissen, meinte Sven. Wir wollen uns heiraten.

Wann wollt ihr heiraten? fragte Mama.

Wenn wir gro sind, natrlich, antwortete Sven.

Sven war sehr glcklich, eine Braut zu haben, die er heiraten sollte,
und es war das Schnste, was man sich denken konnte, wenn die zwei
Kinder Hand in Hand ber den Hof kamen und der Sonnenschein in ihrem
lockigen Haar spielte, oder wenn Sven Martha in ihrem kleinen Wagen zog
und sich unaufhrlich umdrehte, um sie anzusehen.

Aber manchmal zankten sie sich, und dann wurde Sven dster und ging zu
Mama und sagte, da Martha abscheulich sei.

Dann antwortete Mama:

Ja, aber Du willst sie doch heiraten, und da mt Ihr doch wieder gut
Freund werden.

Ich will sie nicht heiraten, sagte Sven.

Aber wie dies nun auch sein mochte, sie wurden wieder gut Freund,
vershnten und kten sich und unterhielten sich noch besser, als je
zuvor.

Es versteht sich von selbst, da Mama Svens Braut mindestens ebenso
anbetete wie er selbst, und wenn sie herauskam und Sven mitnehmen wollte
und Sven seinerseits Martha nicht verlassen konnte (eine ganz neue
Erfahrung in seinem kurzen Dasein), dann lste sich der Konflikt in der
Weise, da Mama die Brautleute Eines an jeder Hand nahm und zugleich
ihre Spielkameradin und ihre Vertraute wurde. Ja, ich frchte, sie
sprach mit ihnen Beiden von Liebe und Ehe, weil sie wie Keiner ihre
Sprache konnte, und es mag wohl sein, da sie bei der Strke ihrer
Phantasie sich schon als Schwiegermutter zu fhlen anfing.

Es ntzte nichts, wenn Jemand versuchte, Svens Liebe von der
scherzhaften Seite zu nehmen. Olof hhnte allerdings das kleine
Brderchen und versuchte zu erklren, da ein richtiger Kerl sich nichts
aus Mdels machte. Selbst Svante, der in diesem Punkte ein weniger
reines Gewissen hatte, versuchte das kleine Brderchen damit
anzugreifen, da es eben zu klein war.

In seiner Not wendete sich Sven an Mama als an die hchste Autoritt.
Und Mama sagte ihm, da er sich nicht darum kmmern solle, was die
groen Jungen sagten, und wenn er Martha lieb habe, so wre das ja
nichts Komisches, gleichviel ob er klein oder gro sei.

Nun fand Sven, da die Brder ihr Teil bekommen htten, und lie sich
sein Glck nicht weiter von ihnen trben. Er war selbst so ernst mitten
in seiner Freude, da er nicht begriff, wie irgend Jemand ber so etwas
scherzen konnte, und darum machte er auch kein Geheimnis aus der Sache.
Wenn ein Aelterer, was ja vorkam, ihn fragte, ob es wahr sei, da er
eine Braut habe, antwortete er ohne Weiteres Ja, und gleich darauf lief
er fort und spielte mit ihr, so als wollte er die ganze Welt fragen, ob
sie nicht schn und s sei, wie eine richtige Braut sein soll.

Ja, Sven betrug sich berhaupt so, da man aufhrte mit ihm zu scherzen,
und selbst die Brder lieen ihn in Frieden.

Aber eines Tages kam Olof auf den Einfall, ihm zu sagen, da er Haare
htte wie ein Mdchen. Das hatte Sven schon vorher gehrt und sich
nichts daraus gemacht.

Aber jetzt fgte der groe Bruder hinzu:

Das pat doch fr Dich nicht, wenn Du eine Braut hast.

Und das machte auf Sven einen tiefen Eindruck.

Von diesem Tage an hrte er nicht auf, Mama wegen seines Haares zu
qulen.

Ich will mein Haar so haben wie die anderen Jungen, sagte er.

Es half nichts, da Mama sich wehrte und Sven bat, sich doch nicht um
das zu kmmern, was die groen Jungen sagten. Es half nicht einmal, da
sie Sven bat, Mama zu Liebe seine schnen Locken zu behalten, die Mama
so gerne hatte. Sven blieb dabei, da sie fort sollten.

Ich will nicht wie ein Mdchen aussehen, sagte er.

Mama trauerte bei dem bloen Gedanken, da jemand die schnen Locken
auch nur berhren sollte.

Ich kann mir das Burschi nicht ohne seine Locken denken, sagte sie.

Sie nahm ihn in ihre Arme, flsterte mit ihm, plauderte, berredete und
bat und flehte fr die lieben Locken. Aber Sven lie sich nicht
berzeugen. Er bat so schn und sah so rhrend aus, da er schlielich
seinen Willen durchsetzte.

Er kam in seinem kleinen roten Hut herein, die weie Bluse flatterte um
die kleinen Beinchen.

Ich fahre in die Stadt und lasse mich scheren, schrie er.

Er war voll Eifer und Entzcken, und als er im Zuge sa, plauderte er in
einem fort und wendete sich an einen fremden alten Herrn, den er nie im
Leben gesehen hatte, da er zur Stadt fahre, um sich sein langes Haar
abschneiden zu lassen.

Der alte Herr sah von seiner Zeitung auf, warf dem Knaben einen
zerstreuten, gleichgiltigen Blick zu und fuhr fort zu lesen.

Sven glaubte, da er nicht gehrt hatte, und wiederholte der
Deutlichkeit wegen:

Ich lasse mir mein Haar schneiden, damit ich nicht wie ein Mdchen
aussehe.

Aber der alte Herr verschanzte sich hinter seine Zeitung und murmelte
etwas, das Mama veranlate, ihr kleines Herzblatt zum Schweigen zu
bringen.

Dann blieb Sven den ganzen Weg stumm und sa ganz stille da, als
grbelte er ber irgend etwas nach. Er sah so unglcklich aus, da Mama
ihn auf den Scho nahm und ihn streichelte und bitterbse auf den alten
Herrn wurde, der nicht begriff, da der Kleine dasa und sich grmte,
da nicht alle fremden Herren sich darum kmmern, da ein kleiner Junge
froh ist.

Sven schwieg, als er auf die Strae kam. Aber dann flsterte er, als
htte er Angst, da Jemand sie hren knnte.

Das war bestimmt kein netter Herr.

Ja, aber siehst Du, Sven, Du hast ihn doch nicht gekannt, sagte Mama.

Deswegen htte er doch nett sein knnen, sagte Sven.

Aber kleine Jungen sollen nicht zu fremden Leuten sprechen, wendete
Mama ein.

Ich glaubte, er wrde sich freuen, wenn er hrte, da ich nicht mehr
wie ein Mdchen aussehen mu.

Armes Kindchen! dachte Mama, und wieder ergrimmte sie in ihrem Herzen,
wenn sie an alle verdrielichen Menschen dachte, die die Freude der
Kleinen zerstren. Armes Kindchen! Wie wird es Dir einstmals in der Welt
gehen?

Und um Sven richtig zu trsten und seine Freude wieder wachzurufen,
sagte sie.

Das war ein abscheulicher, schlimmer alter Herr. Ganz schlimm war er.

Da wurde Sven wieder eitel Sonnenschein, und sein Schmerz war verflogen,
weil er glauben durfte, da nur abscheuliche Menschen so etwas thun.
Sein Haar wurde geschnitten, und er durfte in eine Konditorei gehen. Da
bekam er Backwerk und war berglcklich, weil er glaubte, da alle
Menschen wuten, da er zum ersten Male geschoren war wie ein Junge.
Dann fuhr er wieder mit Mama nach Hause, und als er in den Hof kam, lie
er Mamas Hand los und lief, so rasch seine Beine ihn tragen wollten,
hinein zu Papa.

Da blieb er beim Schreibtisch stehen, nahm den Hut ab und verga, da
man Papa nicht stren durfte, wenn er arbeitete. Er stand stille mit dem
Hut in der Hand, und sein ganzer Krper arbeitete vor Aufregung zu
hren, was Papa sagen wrde. Ja, seine Augen wuchsen, so da es aussah,
als wre der Junge nichts als Augen.

Papa sah und sah und ahnte, da etwas ganz Merkwrdiges vorgefallen war.
Endlich ging ihm ein Licht auf, und da mute er den Kleinen in die Hhe
heben und wieder niederstellen.

Jetzt ist Sven aber ein richtiger Junge geworden, sagte Papa.

Und mit diesem Attest seiner Mnnlichkeit lief Sven fort, um sich den
groen Brdern zu zeigen und von Martha bewundert zu werden.


                                   7.

Der Sommer, der in einer so lchelnden Umgebung begonnen, sollte sich
jedoch an der Westkste fortsetzen, und die Ursache war die, da eine
Sehnsucht, strker, als ich sie schildern kann, mich hinzog.

Ich kann nicht sagen, wie diese unvernnftige Sehnsucht in mein Blut
kam. Mglicherweise lag die Ursache darin, da ich einmal als Kind einen
Sommer an der Westkste verbrachte, und es ist ja ziemlich
unentschieden, welche Rolle diese frhen, selbst vorbergehenden starken
Kindheitseindrcke bei der Bildung des Grundstoffs der Gefhle spielen,
der dann unser Leben bestimmt.

Es will mir selbst wunderlich erscheinen, da die Erinnerungen an diese
Wochen sich durch mehr als dreiig Jahre so lebendig erhalten konnten.
Ich war nmlich damals erst sechs Jahre alt, und aus diesem Alter
pflegen alle anderen Erinnerungen, auer denen an das Heim, in dem man
jahrelang gewohnt, zu verblassen. Aber viele Jahre hindurch habe ich das
Meer vor mir gesehen, so wie ich es damals sah ... Ich habe es mit
himmelhohen Wellen gesehen, bis ins Undenkbare durch die Phantasie des
Kindes vergrert. Ich habe den Tang, die Quallen und die Seesterne
gesehen, das ganze reiche Leben auf dem Meeresgrund in seichten Buchten
und an grauen Klippen. Ich habe kahle Felsen sich ber dem Meere erheben
gesehen, das sich an ihrem Fue brach, und ich habe die wunderliche
Erinnerung eines groen Sturms in mir auftauchen gefhlt, der Mengen von
Sand gegen mein empfindliches Kindergesicht peitschte.

Es ist wunderlich, da man so lange herumgehen und eine solche
Erinnerung mit sich herumtragen kann, und noch wunderbarer, da sie es
vermag, eine solche Macht ber unsere Seele auszuben. Eine solche
Erinnerung ist von einer sehnschtigen Wehmut erfllt, die dem Traum des
jungen Mdchens von dem Ritter gleicht, der sich eines Tages zu ihrem
Ohre neigen und ihr Verheiungen eines berschwnglichen Glcks
zuflstern wird. Sie gleicht dem, was der Jngling fhlt, der die
Siegesverheiungen der Zukunft in seinen pochenden Adern singen hrt.
Ja, sie gleicht vielleicht am meisten dem stillen Zukunftsglauben, der
bei Mnnern lebt, in denen der Jngling nie ganz gestorben ist. Sie lag
tief in meiner Seele wie Heimweh, und es dauerte Decennien, bis ich
ihrer Mahnung gehorchen konnte.

Aber als ich nach vielen Jahren endlich so weit kam, zu wissen, da ich
einen Sommer am Meer genieen konnte, da war es meine Frau, die mich
befrchten lie, da meine ganze Freude in Rauch aufgehen wrde. Meine
Frau hatte nmlich niemals die Westkste gesehen, und ich wute, da sie
eine Art von Widerwillen gegen die ganze Reise hegte und nur nachgab,
weil sie begriff, da der geringste Widerstand mir wehe thun wrde. Das
wute ich, weil sie einmal gesagt hatte: Ich kann mir keinen Sommer
denken, in dem man keine Bume sieht. Und ich begriff sehr wohl, da,
als ihr diese Worte entschlpften, sie einen Widerwillen gegen diese
ganze Fahrt verriet, der so tief sa, da sie selbst frchtete, ihn
nicht berwinden zu knnen. Da sie jedoch sah, da ich ihre Antipathie
gemerkt hatte, that sie Alles, um diese Worte in meiner Erinnerung
auszulschen. Aber sie verlieen mich nicht, und ich fing an, mich
beinahe beklommen zu fhlen, wenn ich an mein ersehntes Meer dachte.

Diese ganze Sache war fr mich weder so unbedeutend noch so thricht,
als sie vielleicht klingen mag. Niemand kann eine wirkliche Freude
fhlen, wenn sie sich mit Mitnen mischt, und der schlimmste Miton,
den ich mir denken konnte, war, wenn meine Frau meine Freude nicht
teilte. Ich hatte mich ja daran gewhnt, mich nie einsam zu fhlen,
weder in Freude noch in Schmerz, und es brachte mich auer mir, da ich
nun merkte, da ich mit meiner Sehnsucht allein stand.

Ich wollte, da mein Traum von einem Sommer Wirklichkeit wrde, und ich
kmpfte fr dieses Ziel mit demselben Eifer, wie damals, als ich mich
auf dem Wege glaubte, die Liebe meiner Frau zu verlieren, und kmpfte,
um sie wiederzugewinnen. Tag und Nacht grbelte ich ber die Mglichkeit
nach, der Gefahr vorzubeugen, von der ich frchtete, da sie meine
Sommerfreude stren wrde, und schlielich glaubte ich ein Mittel
gefunden zu haben. Ich schlug nmlich eines Tages meiner Frau vor, da
wir die Reise nach der Westkste rings um die ganze schwedische Kste
machen sollten, und ich that es, weil ich sie besiegen wollte. Ich
fhlte, da zwischen uns ein stummer Kampf ausgekmpft wurde, aus dem
ich nicht als der Ueberwundene hervorgehen wollte. Ich wollte meine Frau
zwingen, das Meer zu lieben, und ich glaubte, da die Art, die ich
erfunden hatte, etwas von dem Besten war, worauf ein Mensch je gekommen
war. Mein Gedankengang war nmlich dieser: Der Weg geht durch den
Schrengarten Stockholms. Er setzt sich an unserer ganzen herrlichen
Ostkste fort. Nach und nach, beinahe unmerklich, wird sie die lchelnde
Natur der Ostkste in die karge der Westkste bergehen sehen, und ohne
es zu wissen, wird sie von der Gre ergriffen werden, die alles Andere
bertrifft.

Ich kann doch nicht behaupten, da auf der Reise selbst etwas eintraf,
das mir Anla gab zu glauben, da mein so gut ausgedachter Plan die
gewnschte Wirkung hatte. Meine Frau freute sich wie immer an einer
schnen Dampfschiffreise; aber da die Fahrt selbst ihren Gedanken eine
bestimmte Richtung gab, konnte ich nicht entdecken. Das Ganze war fr
sie eine lange Dampfschiffreise, als solche das Herrlichste, was sie
kannte, aber nichts weiter.

Ich befand mich die ganze Zeit in starker Spannung, und mein Mut begann
zu sinken, als wir Gothenburg passiert hatten und ich den Meeresschaum
um meine geliebte Westkste zischen sah.

Es wehte ein tchtiger Sturm, und der war natrlich in diesem
Augenblicke alles eher als willkommen, weniger, weil er die Fahrt
erschwerte, als weil ein Westkstensturm nicht geeignet ist, den
Unwillen gegen das Meer zu benehmen, wenn ein solches Gefhl einmal
vorhanden ist. Ich beobachtete die ganze Zeit meine Frau, und ich
betrachtete sie von der Seite, whrend das Boot auf den Wogen emporstieg
und die Wellen das Verdeck vom Kiel bis zum Steuer berschwemmten. Aber
ich konnte nichts entdecken, was meine stumme Frage beantwortete. Wie
sie da sa und ber das schwarze Wasser blickte, schien sie mir
unzugnglich, und in mir riefen hundert widerstreitende Stimmen, die
sich, wie mich dnkte, alle in einer Kraftanstrengung sammelten, um zu
ihrem Herzen und ihrer Sympathie zu dringen.

Aber wie ich da sa, begann meine Unruhe zu weichen, und ungestrt von
allen Zweifeln und aller nervsen Gehetztheit sah ich zum ersten Male
die Natur der Westkste. Sie erfllte mich mit einer Empfindung, die ich
heilig nennen will, und vor diesem verschwand alles Andere.

Das Boot tanzte ber die erregte Wasserflche, und vor seinem Bug
klrten sich die Konturen einer langgestreckten Insel, die sich auf
einem Hintergrund treibender Wolken abzeichnete. Je nher wir dieser
Insel kamen, desto strker glhte in mir die Freude jahrelanger
Sehnsucht, die nun befriedigt werden sollte. Wir stiegen auf der Brcke
ans Land, und in einem gierigen Blick fate ich alles um mich auf. Ich
sah die Brcken, die Bootshtten, all die kleinen Gebude, die, in
hellen Farben leuchtend, sich auf dem Abhang der kahlen Klippe
zusammendrngten. Im Hafen schaukelte sich Boot an Boot, und auf den
Klippen lagen Mengen von Fischen in der Sonne, um zu trocknen. Drauen
auf einer Landspitze stand eine Gruppe von Mnnern in getheerten
Kleidern, mit Sdwestern und hohen Stiefeln, und ordneten langsam und
bedchtig einen Haufen groer Fische, die ich meines Wissens noch nie
gesehen hatte.

Die starke Luft peitschte mein Gesicht und meine Wangen, und um mich
vernahm ich ein Donnern wie von brausenden Wasserfllen, die rasende
Winde peitschten. Ich sah die Konturen der Klippen in der Ferne blau und
schwarz verschwimmen, wenn der Sturm die Wolken in wilder Jagd ber den
Himmel trieb, der durch zerrissene Nebel blau leuchtete. Und als ich zu
unserem kleinen weien Haus kam, das am uersten Ende der westlichen
Landspitze lag, weit weg von der Gruppe anderer menschlicher
Wohnsttten, da sah ich zum ersten Male das Meer.

Ich stand lange und blickte hinaus ber dieses Meer, das ich endlich
erreicht hatte; und als ich in unsere Zimmer kam, sah ich, da meine
eigenen Fenster dieselbe Aussicht hatten, die ich eben verlassen, nur
da das Meer mir noch nher gekommen zu sein schien. Wieder stand ich
stille und wute nicht, was in diesem Augenblick in mir vorging. Aber im
selben Moment fiel mein Blick auf meine Frau. Sie stand allein am
Fenster und sah hinaus, und in einem Augenblick kam es ber mich, da
ich alles, was durch Wochen meine Gedanken beschftigt hatte, alle
Ueberreizung, alle Zweifel, alle List, alle Berechnung, den ganzen
Kampf, um meine Frau zu zwingen, zu fhlen wie ich -- da ich all das
vergessen hatte, seit dem Moment, wo ich den Fu auf die felsige Insel
gesetzt hatte. Nun stand sie da, und ich wute nicht, ob unsere Gedanken
in diesem Augenblick sich zum Kampfe gegen einander erhoben oder sich
begegneten.

Da wendete sie sich um, und ich sah, da ihre Augen voll Thrnen waren.
Sie streckte die Hand nach mir aus, ich nahm sie, und zusammen standen
wir da und blickten hinaus bers Wasser. Unter unserem Fenster rollten
die Wellen ber die Steine, und so weit das Auge reichte, sah man nur
die weien Kmme der Wellen gegen den dunklen Meeresspiegel, und die
kleinen Schren, an denen das Meer sich brach. Wie Kaskaden von weiem
Schaum strzten die Wellen zur Hhe, von der Schwere des ganzen Meeres
hervorgepret, das vom Westen auf sie drckte. Es war ein Aufruhr voll
ruhiger Kraft, ein groer Ausbruch, der etwas von dem vollen Jubel des
Lebens selbst in sich trug.

Vor diesem Aufruhr legte sich mein eigener zur Ruhe, und mit der Hand
meines Weibes in der meinen, fhlte ich, da wir Beide auf dem Wege zum
Meere gewesen und auf getrennten Straen hingelangt waren. Wir sprachen
kein Wort, aber wir standen lange da, und das, was gewesen war, starb in
uns. Als wir einschlummerten, hrten wir noch das Getse des Sturms und
der Wogen, und als das Tosen aufhrte, erwachten wir durch die Stille.

Vor unseren Fenstern lag das Meer ruhig und gro.


                                   8.

Diese Erinnerung habe ich schon vor Jahren aufgezeichnet. Ich wute
damals nicht, da ich einst einen anderen und greren Kampf mit meiner
Frau kmpfen wrde, einen Kampf, nach dessen Beendigung ich einsam
dastehen sollte, und doch nicht einsam, niedergebeugt, aber doch nicht
ohne Hoffnung.

Jetzt sehe ich uns auf der hchsten Klippe vor unserem weien,
traulichen Hause sitzen. In einer Pracht, die stets neu ist, die Abend
fr Abend wechselt, versinkt die Sonne ins Meer, und zwischen uns sitzt
Sven. Er ist blofig und braun, und weil es gegen Abend khl wird,
steckt er seine kleinen Fe unter Mamas Kleid. Er bettelt, so lange
aufbleiben zu drfen, als die Sonne zu sehen ist. Sich wundernd folgen
seine Augen dem letzten flammenden Schimmer der Sonne, die in dem ruhig
wogenden Meer verschwindet. Er sitzt da, das Kinn in die Hand gesttzt,
als dchte er an etwas Ernstes, das er nicht in Worte kleiden kann. Und
als er endlich wei, da er zu Bett gehen mu, hngt er sich an Papas
Hals und bittet, da ich ihn trage.

Mit meiner leichten Brde auf den Armen steige ich sachte ber die
Klippen, und als ich wiederkehre, sehe ich gegen den Himmel die dunkle
Silhouette der Gestalt meiner Frau. Sie sitzt, wie Sven eben sa, und
ihre Augen suchen den Punkt, wo die Sonne untergeht und die Flammen der
Abendrte erloschen sind.


                                   9.

Nie ist Sven so bewundert, so geliebkost, so von allen auf Hnden
getragen und vergttert worden, wie in diesem Sommer. Die Lootsen trugen
ihn ber die Berge und schnitzten ihm Boote, die alten Mtterchen
blieben stehen und lchelten strahlend, so wie sie ihn nur erblickten.
Die jungen Frauen vergaen ihre eigenen Sprlinge und sagten, da sie
niemals ein solches Kindchen gesehen htten, die Mdchen fhrten ihn auf
die Klippen und spielten mit ihm, ohne da er sie zu bitten brauchte.
Sven ging in bestndigem Sonnenschein herum, und er wurde braun und
stark in dieser Luft, so wie er es nie gewesen.

Sven war mit einem Worte der Mittelpunkt all unserer Gedanken und die
Sonne dieses unseres einzigen Sommers an der Westkste.

Es war jedoch wunderlich, da er gerade in dieser Zeit einen neuen
Gesprchsstoff fand, zu dem er immer wieder zurckkehrte. Fr Sven war
es nmlich eigentmlich, da er von allem sprach, was ihm in den Sinn
kam, und er that es ungeknstelter, als Kinder es zu thun pflegen,
vollkommen unbekmmert in Beziehung auf den Eindruck, den er auf einen
Erwachsenen machen knnte. Bei Kindern ist es ja sonst gewhnlich, da
sie bis zu einem gewissen Grade das, was sie denken, bei sich behalten
und sich nur mit einer gewissen Zurckhaltung einem Aelteren gegenber
aussprechen. Dies kommt daher, da sie frchten, ihre Gedanken von dem
Lcheln der Ironie getroffen zu fhlen, selbst wenn dieses Lcheln mit
Wohlwollen gepaart ist. Besonders ist dies der Fall, wenn ein Kind
gefhlvoller, naiver, seiner Natur nach offener ist als andere Kinder,
oder sich in seinem ganzen Wesen von der Mehrzahl unterscheidet.

Sven hatte von dem Moment an, wo er seine Augen aufschlug, nie etwas
Anderes als verstndnisvolle Wrme um sich gefhlt. Als er in das Alter
trat, in dem Eltern sich mit ihren Kindern beschftigen knnen, waren
ihm beinahe stndlich ein Paar Augen gefolgt, die sich ber jede seiner
Bewegungen freuten, jedes Wort verstanden und aufmunterten, jede
Aeuerung seiner zarten, unschuldigen Seele klarer und besser
wiederspiegelten, als er selbst sie gethan hatte. Durch die Liebe seiner
Mutter lernte der kleine Sven die ganze Welt um sich kennen, und weil
sie zu seiner eigenen sich zrtlich hingebenden Person pate, so wie er
zu ihr, die ihm Tag fr Tag etwas gab, was mehr war, als da sie ihm das
Leben geschenkt hatte, so konnte Sven sich auch nichts Anderes denken,
als da er alles, was sich in ihm regte, wuchs und fragte, ebenso
natrlich und einfach, wie es kam, ausplaudern mute.

Vielleicht lag in ihm auch, obwohl er sie nie in Worte kleiden konnte,
etwas wie eine Ahnung, da er nicht her gehrte? Vielleicht band ihn
diese Ahnung, wenn auch unbewut, noch strker an sie, die unter ihrem
Lebensglck lange dasselbe Gefhl verborgen hatte? Wer kann darauf
antworten? Oder wer kann es versuchen, zu antworten? Niemand. Nur das
Schweigen schwebt ber blhenden Grabhgeln.

Aber gewi ist, da der kleine Sven eines Tages ein Bild an der Wand von
Mamas Zimmer entdeckt hatte, und als er es eine Weile angesehen hatte,
nahm er es herunter und betrachtete es schweigend, als begegnete er
etwas ganz Neuem, vor dem sein Verstand ganz still stand.

Es war kein Bild nach dem jetzigen Geschmack. Es liegt wenig Kunst
darin, und es erzhlt eine Geschichte. Es giebt eine Sage, die der
Todeszug heit. Ueber eine weite Haide geht der Tod. Er ist in einen
weien Mantel gehllt, der das Gerippe verbirgt, aber den Todtenschdel
frei lt. Ihm folgt ein langer Zug von Jungen und Alten ohne jeglichen
Unterschied, und der Zug ist so lang, da er in der Unendlichkeit zu
verschwimmen scheint, und Niemand kann seinen Schlu sehen. In der Hand
hlt der Tod eine Glocke, und man sieht, da sie eben erklungen ist. Man
sieht es, denn am Wege sitzt ein vom Alter gebrochenes Weib und streckt
flehend seine Hnde nach dem Unerbittlichen aus, der, ohne sie
anzusehen, an ihr vorberschreitet. Aber ganz nahe hinter dem Tode steht
ein junges Paar, das sich liebt. In dem Ohr des jungen Mannes ist die
Glocke des Todes erklungen, und die Liebesarme der Verzweiflung knnen
ihn nicht zurckhalten. Der Zug des Todes geht weiter, und wenn die
Stelle kommt, die fr ihn im Zuge offen steht, mu er mitschreiten, und
sein Platz auf Erden wird leer stehen, und keine Sehnsucht kann ihn
zurckrufen. Aber da wo der Zug zu enden scheint, schimmert es wie ein
Licht der Morgenrte.

So ist das Bild, und Mama hatte es auf die Schre unter anderen Bildern
und Photographieen mitgenommen, mit denen sie unser neues Sommerheim
schmckte, und auf eine Photographie dieses Bildes blickte Sven einmal
unverwandt, als er Mama fragte:

Was ist das?

Und Mama erzhlte die Sage von dem grausamen Tod, der kommt und den
mitnimmt, der jung ist, und den Alten, der bettelt, mitkommen zu drfen,
zurcklt. Sven hngte das Bild wieder an seinen Platz.

Aber am nchsten Morgen nahm er es abermals herab, und als er es eine
Weile angesehen hatte, mute Mama die ganze Geschichte zum zweiten Male
erzhlen.

Wieder sa Sven da und hrte zu, und wieder wurden seine groen Augen
ernst und verwundert.

Glaubst Du, Mama, da der junge Brutigam sehr betrbt ist, weil er
sterben mu? sagte Sven.

Ja, antwortete Mama, aber sie, die seine Braut ist, ist noch
betrbter.

Aber er wird vielleicht ein Engel, sagte Sven, und bekommt weie
Flgel auf den Schultern.

Das wird er wohl, sagte Mama.

Aber Sven seufzte und war doch noch nicht zufrieden.

Warum kann die alte Frau nicht mit ihm gehen, wenn sie doch so gerne
will? sagte er.

Das wei Niemand, Sven, sagte Mama, das wei nur Gott.

Wei er es denn?

Ja, er wei es.

Sven ging wieder hinaus in die Sonne auf die Klippen. Aber seither wurde
diese Geschichte seine liebste, und beinahe jeden Morgen, wenn Mama da
sa und sich frisierte, kam Sven herein, nahm das wunderliche Bild
herunter und bat Mama zu erzhlen.

Aber noch etwas war Sven passiert, und das hatte sich im Winter begeben.
Da war er ins Theater mitgenommen worden und hatte ein Stck gesehen,
das am Sonntag Vormittag gespielt wurde, wo Sven auf sein konnte und
nicht nach Hause gebracht werden mute, um sich schlafen zu legen.
Strindbergs Glckspeter wurde gegeben, und Sven verstand wohl nicht
viel von dem Stcke, aber er unterhielt sich in seiner Weise. Er
unterhielt sich so gut, da er alle ansteckte, die rings um ihn saen
...

Aber dann kam die Scene, wo der Tod sich dem Glckspeter zeigt, und da
wurde Sven stumm. Niemand hatte daran gedacht, da diese Scene vorkam,
oder da sie berhaupt einen solchen Eindruck machen konnte. Aber alles,
was dann folgte, beachtete Sven gar nicht mehr. Und wenn ihn spter
Jemand fragte, was er im Theater gesehen, antwortete er nur:

Ich habe den Tod gesehen. Das war ein groes, langes Knochengerippe und
konnte sprechen. Und er hielt eine Sichel in der Hand.

Diese Erinnerung brachte nun Sven mit dem Bilde vom Zuge des Todes
zusammen. Das Einzige, womit der Knabe sich nicht ausshnen konnte, war,
da, als er den Tod sah, er eine Sichel hatte, aber auf dem Bilde
lutete er mit einer Glocke. Sonst war es, als sei die Erinnerung aus
dem Theater, das Bild an der Wand und Mamas Sage fr das Kind zu Einem
verschmolzen.

Unaufhrlich pflegte Sven davon zu sprechen. Dieses Bild hatte sich in
seiner Phantasie mit einer Intensitt festgesetzt, die nichts verwischen
konnte. Und er erzhlte Jedem, der es hren wollte, wie der Tod auf den
Glckspeter zukam und drohte ihn mitzunehmen, aber wie er wieder gehen
mute, weil der Glckspeter ihn so schn bat. Er erzhlte so davon, da
er selbst bei der bloen Erinnerung schauerte, und wenn der Tod sich ihm
in leibhaftiger Gestalt offenbart htte, so wrde er nicht strker haben
ergriffen sein knnen.

Aber seine Freunde auf der Schre fanden es wunderlich, da ein so
kleines Kind von etwas derartigem sprechen konnte. Sie machten sich nie
ber ihn lustig, sondern das, was er erzhlte, bestrkte sie blo in dem
Gefhl von etwas wunderlich Zartem und Feinem, das sie gerne in die Arme
nahmen und ber die Berge trugen.

Und Sven lie sich durch diese Sagen in seinem Glck nicht stren. Er
war so vertraut mit ihnen, da sie ihm nur zu folgen schienen, wie der
Schatten dem Sonnenschein folgt. Und er schuf sich seine eigene Welt
drauen auf der Schre. Wenn die Brandung hoch ging und der Sturm
brllte, dann stand er am Fenster und blickte hinaus ber das tosende
Meer, und er konnte stundenlang so stehen, ohne da er im stande war
sich loszureien. Wenn der Himmel blau war und der Wind khl und still
ber die Insel wehte, dann ging er allein zum Strande hinab, fing
Seesterne und lernte mit Booten spielen.

Aber sein liebster Aufenthalt war der Lootsenausguck, wo Mama mit ihrer
Arbeit sa, und da bat er sie alles zu erzhlen, was sie vom Meere
wute. Er war berglcklich, wenn er barfu ber die Klippen lief, und
er zog seine kleinen Hschen hinauf, und kletterte auf seinen feinen
Fen so vorsichtig wie eine kleine Prinzessin. Aber wenn man weit gehen
sollte, da bat er, da man ihn trage. Und da Niemand Sven das abschlagen
konnte, worum er bat, fand sich immer Jemand, der ihn auf die Arme oder
auf die Schultern nahm. Dann sah er sich stolz um und lchelte in dem
Gefhl seiner Macht und der Seligkeit, da Alle ihn liebten.

Aber wenn Mama mit Papa allein blieb, sagte dieser fter als einmal:

Er ist ja so frisch und munter, wie er nie gewesen ist. Warum spricht
er dann immer vom Tode?

Und sie antwortete:

_Ich_ lehre es ihn nicht. Seine Gedanken kommen und gehen, wie sie
wollen. -- -- Siehst Du?

Sie wies hinunter auf den Strand. Da sa Sven allein und sah ungemein
glcklich und froh aus. Er hielt eine Schnur in der Hand, und an der
Schnur war ein Stck Holz befestigt, das wie ein Boot aussah. Das zog er
auf den Strand, belud es mit Steinchen und schob es wieder hinaus.

Hrst Du nicht? sagte Elsa.

Und um besser zu hren, gingen wir sachte nher, ohne da der Knabe uns
sah.

Er sa ganz stille, lie das Holzstck auf den Wellen auf- und
niedergleiten, und mit schwacher, glockenreiner Stimme sang er fr sich
selbst. Es war ein Seemannslied, das er von den Kindern auf der Insel
gelernt hatte.

   Sing fallerala, sing fallerala la,
   Und tief im Meere sein Grab er sah.

Da erblickte er uns, verstummte und erklrte, da er nicht singen wolle,
wenn Papa zuhrte.


                                  10.

Ich merke, da ich in diesem Buch fast nur von unseren Sommern erzhle.
Das kommt ganz einfach daher, da wir im Sommer am strksten das Gefhl
hatten, zu leben. Im Winter wohnten wir ja entweder in der Hauptstadt
oder so nahe derselben, da wir zu jeder Zeit hinkommen konnten. Da ging
es uns wie den meisten Anderen. Das Hauptstadtleben ergriff uns,
schleuderte uns in seinen Wirbel und bema die Zeit sehr karg, in der
wir alle mit einander leben und uns Eins fhlen konnten. Dahin waren
meine und meiner Frau lange vertrauliche Gesprche zu Zweien, dahin das
muntere Zusammenleben mit den Kindern. Nicht einmal das Weihnachtsfest,
ja das am allerwenigsten, war frei von dem Gefhl beranstrengenden
Hastens, das Mdigkeit, Ueberdru und Mistimmung zurcklt. Darum
erwarteten wir den Sommer beinahe wie eine Befreiung von etwas Bsem,
und wenn wir die Hauptstadt verlieen, war es immer, als zgen wir
unserer eigenen Erneuerung und der unseres Zusammenlebens entgegen.

Von unserem letzten Sommer will ich jetzt erzhlen, dem letzten, in dem
wir wirklich das Gefhl hatten, zu leben, dem Sommer, der so ganz anders
wurde, als wir gehofft und gedacht hatten.

Wir hatten diesmal einen ganz anderen Ort gewhlt, als die Schren der
Westkste, und wir hatten dies gethan, damit meine Frau sich mit all dem
umgeben konnte, was sie im vorhergehenden Sommer vermit hatte. Denn wie
sehr das Meer sie auch ergriffen hatte, barg sie doch in tiefster Seele
eine Art Abgeneigtheit gegen die See, die in einsamer Majestt herrschen
will und keine hohen Bume und blhenden Matten in ihrer unmittelbaren
Nhe duldet. Im Innersten sehnte sie sich immer nach belaubten Hainen
und ppigen Blumen, und der Sieg, den ich in meinem Kampf frs Meer
errungen, war also nur halb. Darum kamen wir berein, fr die Zukunft
abwechselnd den Ort unseres Sommeraufenthalts zu bestimmen. Und diesen
Sommer wollten wir berdies mit Anderen theilen, das wiederbeleben, was
einmal unsere Herzen erfllt, als all unser Glck sich im Kreise von
lauter Freunden wiederspiegelte, die in unserem Hause so kamen und
gingen wie in ihren eigenen.

Um den Kontrast zu dem Sommer auf der Schre so stark als mglich zu
machen, whlten wir Lidingn, und in dem oberen Stockwerk eines halb
verfallenen Herrenhofs schlugen wir unser Sommerheim auf.

Es war eine Wohnung mit vielen groen Zimmern, eine Wohnung mit schrgen
Fenstern, fleckigen Tapeten und altvterischen groen Veranden, einer
langen und schmalen, die nach dem Hof ging, und einer kleineren, von der
aus man ber den Garten sah, mit seinen ungeharkten Wegen und den
wildwuchernden Beerenstruchern, ber die Eichen weit hinaus nach der
Landzunge und der ganzen stillen, hellen Bucht sah, die in Grn gebettet
dalag und einem ruhigen Binnensee glich. Die Veranden waren zu beiden
Seiten des Hauses ganz und gar von wildem Wein berwachsen, und auf der
Veranda nach dem Meere war die eine Seite mit Kaprifolium bedeckt. Das
Ganze machte den Eindruck eines Hauses, das im begriffe ist,
berwuchert, berwachsen zu werden, zu verschwinden, um wieder eins mit
der Natur zu werden. Wenn man auf der kleineren Veranda sa und trumend
ber den Garten blickte, auf die Eichen und die ruhige Bucht, mute man
daran denken, da alles, was hier gepflgt oder gebaut war, einmal
verschwinden und da der Tag kommen wrde, wo neue Menschen das in der
Erde verborgen fanden, was der Freude und Sorge lngst vergessener
Menschen eine Heimstatt gegeben hatte und Nahrung ihren Krpern.
Wehmtig ohne jede Dsterkeit schlich sich dieses Gefhl ber den, der
da sa und die Stimmung dieses kleinen Flecks in sich aufnahm, und es
wurde ihm zu Mute, als htte alles irdische Glck darin bestanden, hier
zu leben, bis das Haus fiel und das Unkraut alles verdrngte, und dann
einschlummern zu drfen, mit dem Gebude, das in Ruinen zerfiel, und den
alten Bumen, die morsch und abgelebt zusammensanken, und eins zu werden
mit der unfruchtbaren Erde selbst, die es auch mde geworden zu sein
schien, das zu tragen, was bestimmt war, ihren Bebauern Leben zu geben.

Hier wuchsen die Syringen dicht, der Goldregen hing prchtig und schwer
ber ungepflegte Beete und Rabatten, wo die Mohnblumen sich berreif zur
Erde neigten und die Rosenstrucher sich drngten. Hier war alles, was
meine Frau an Stimmung und Natur liebte. Hier war etwas von einer
sterbenden melancholischen Ueppigkeit, die mit ihrem ganzen Seelenleben
bereinstimmte. Hier ging sie umher, als wre sie vom ersten Augenblick
an daheim. Hier vergaen wir, da das Leben und die Menschen uns schwere
Wunden geschlagen und da wir selbst uns gewehrt und zurckgeschlagen
hatten. Hier vergaen wir den Zwang des Winters und seine enervierenden
Vergngungen. Und auf der anderen Seite der Bucht hatten wir Freunde,
zwischen deren Brcke und der unseren die Boote hufig hin- und
hergingen.

Aber die ganze Umgebung lastete schwer auf mir, und ich hatte das
Gefhl, als hinderte sie mich am Arbeiten. Sie versetzte mich in eine
Stimmung, die verschieden von allem war, was ich je erfahren. Aber die
Zeit verging, und mit ihr kam die Ruhe. Mit einer Strke wie nie zuvor
kam der Genius der Arbeit ber mich, und ich wurde von nichts anderem
gestrt als von Sven.

Denn er war der Einzige, den wir nie lehren konnten, da Papa in Frieden
gelassen werden mte, wenn er arbeitete. Er ffnete die Thre so
sachte, als wollte er zeigen, wie wichtig es war, da Stille herrschte.
Sah ich ihn dann an, so legte er den Finger auf den Mund und sagte Pst
mit einer so machtbewuten und gleichzeitig unschuldigen Miene, da ich
unwillkrlich die Feder weglegen mute. Sah ich hingegen nicht auf, dann
ging er sachte zum Schreibtisch hin und stellte sich neben mich. Er
konnte da geduldig die lngste Zeit stehen; und wenn ich stark blieb und
that, als ahnte ich seine Nhe nicht, dann konnte er wieder seiner Wege
gehen, ebenso still, wie er gekommen war. Das geschah jedoch nicht oft,
und wenn ich den Kopf nur ein klein wenig drehte, sah ich sogleich die
blauen, erwartungsvollen Augen, die die meinen suchten. Und dann war ich
verloren.

Was willst Du eigentlich, Sven? sagte ich.

Und ich meinte, da ich streng aussehen sollte, wute aber, da ich es
nicht konnte.

Dann war es eine Blume oder ein Stein oder irgend eine andere
Seltenheit, mit der er kam. Und ich ergab mich auf Gnade und Ungnade.
Ich schob Papier und Feder weg und lie Sven mich stren, so viel er
wollte. Und darber freue ich mich jetzt.


                                  11.

Hier drauen sang der kleine Sven, wie er es den ganzen Winter gethan,
und gewi hatte Elsa hauptschlich um seinetwillen darauf bestanden, da
unser Klavier einmal mit hinaus in die Schren kam.

Denn seit Mama entdeckt hatte, da Sven singen konnte, war es doch nur
ganz natrlich, da sie anfing, seine Anlagen auszubilden, und da sie
stolz auf seine Stimme war wie auf alles, was er sagte, that und
vornahm. Sie schaffte ihm kleine Liederbcher an und lernte die Worte
mit ihm auswendig. Denn Sven war erst fnfeinhalb Jahre alt und zu
klein, um lesen zu knnen. Auch hatte seine Mama heilig und teuer
gelobt, da es lange dauern wrde, bevor er sich mit etwas so
Schrecklichem plagen mte. Aber singen, das konnte er, und er konnte
viele Lieder. Sehr selten entschlpfte ihm ein falscher Ton, und war das
einmal der Fall, so sah er ganz verdrielich aus und begann wieder ganz
von vorne.

Er hatte auch nie Angst zu singen, wenn Fremde zuhrten. So viele, als
wollten, durften kommen. Sven sang und lachte, und die groen, blauen
Augen leuchteten. Warum sollte er Angst haben, zu singen, wenn er es
selbst so lustig fand, und er im brigen so schn sang? Das hatte Mama
gesagt, und wenn sie es fand, muten ja alle dasselbe finden.

Von allen schnen Liedern, die Sven konnte, war doch keines niedlicher
anzuhren als dieses:

   Bh, bh, weies Lamm, hast Du denn auch Woll?
   Ja, ja, kleiner Mann, hab die Taschen voll.
   Sonntagsrock fr Vater und Feierkleid frs Mtterchen
   Und zwei Paar Strmpfe frs kleine, kleine Brderchen.

Der Schlu dieses Liedes war Svens Glanznummer. Denn so wie er zu dem
letzten Vers kam, ging es ber Stock und Stein, so rasch, so rasch, als
wollte er das Schluwort aufessen und fr sich selbst behalten. Das
kleine, kleine Brderchen eilte lange vor der Klavierbegleitung daher,
und das kam nur daher, da er die zwei paar Strmpfe fr eigene Rechnung
nahm und den ganzen Vers als eine Anspielung. Warum sollte auch nicht
das ganze Lied eigens fr ihn geschrieben sein, wenn er es singen konnte
und sich so darber freute?

Dieses Lied durfte kein Anderer als Sven singen, und es konnte es auch
Niemand so wie er, der das kleine Brderchen im Leben war, das kleine
Brderchen im Tode, der niemals etwas Anderes wurde und immer unter
diesem Namen leben wird.

                   *       *       *       *       *

Die Fenster im Speisesaal stehen offen, der Duft des Flieders strmt mit
der Abendluft herein, die Sonne ist im Untergehen, und auf der Wand ber
dem geffneten Klavier beben ihre Strahlen. Am Klavier sitzt seine Mama
in weiem Sommerkleid, rings herum stehen wir Anderen, und mitten unter
uns singt der kleine Sven.

   Sonntagsrock fr Vater und Feierkleid frs Mtterchen
   Und zwei Paar Strmpfe frs kleine, kleine Brderchen.

Es ist Johannisabend, und Sven ist glcklich. Denn er hat Mamas
Versprechen, da er sich an diesem Abend nicht frher niederzulegen
braucht, als bis er selbst will. Das will er natrlich nie, und mit
Mamas Hand in der seinen geht er mit den Brdern und den Groen ber die
Gartenwege, bis ihm die Augen zufallen und er schlafend in sein Bett
getragen wird, nichts von seinem Unglck ahnend, nicht lnger wach sein
zu drfen.

Da schlft er mit seinem Freund auf dem Arm, dem weien kleinen Hund aus
Holz, der Wolle hat wie ein Lmmchen und Augen aus schwarzen
Stecknadelknpfen und den Sven Flocki getauft hat. Flocki ist ein
friedlicher Schlafkamerad. Er strt Niemanden.

Drauen in den Kronen der Bume ertnt das erste schwache
Vogelgezwitscher, das die Morgenrte kndet.


                                  12.

Ich glaube nicht, da Sven je ein so wunderbares Zusammenleben mit
seiner Mutter gelebt hat, wie in diesem Sommer, oder vielleicht ist es
auch mglich, da ich nie Gelegenheit hatte, es so grndlich zu
verfolgen. Mglicherweise trug hierzu der Umstand bei, da wir in diesem
Sommer zum ersten Mal die Gesellschaft unseres groen Jungen entbehrten.
Olof hatte nmlich nach dem Norden reisen mssen, um Waldluft zu atmen
und sich daran zu gewhnen, allein vom Hause fort zu sein. Und die Folge
davon wurde natrlich die, da die Zurckbleibenden sich noch inniger
als gewhnlich an einander schlossen. So viel ist gewi, da ich in
diesem Sommer unbewut anfing Sven mit denselben Augen anzusehen wie
seine Mutter, und da mir nie so wie damals die Augen darber aufgingen,
wie verschieden er von allen Kindern war, die ich je gesehen, obgleich
nichts bei ihm anders war, als was man kindlich nennt.

An einen Morgen erinnere ich mich, da er mich, als ich spazieren ging,
dadurch berraschte, da er ganz allein auf der Wiese sa mit einem
Strau Glockenblumen und Ranunkeln in der Hand. Ich fragte ihn, ob er
mit mir in den Park gehen wollte. Das war ein Anerbieten, das er immer
mit Entzcken aufzunehmen pflegte, und es erregte daher mein Erstaunen,
da er sich diesmal energisch weigerte.

Willst Du nicht mit Papa kommen, Sven?

Ich fhlte mich beinahe verletzt und dachte, es wre eine Laune.

Sven schttelte nur den Kopf und blieb stille sitzen.

Aber warum denn?

Ja, ich sitze hier und warte auf Mama, sagte das kleine Brderchen mit
groer Bestimmtheit.

Aber Du weit doch, da Mama erst viel spter herauskommt. Mama ist
nicht so gesund wie frher, und sie mu morgens lange liegen, weil sie
in der Nacht nicht schlft.

So verhielt es sich auch, und wenn uns das nicht hinderte, unser
Sommerglck zu genieen, so kam es nur daher, da wir uns im Laufe der
Jahre so sehr daran gewhnt hatten, da die Krnklichkeit meiner Frau
zeitweise wiederkommen mute, da dieser Umstand uns nur ganz natrlich
und alltglich schien.

Sven lie sich jedoch durch keine Vernunftgrnde beeinflussen, sondern
blieb eigensinnig sitzen.

Ich _wei_, da sie _heute_ kommt, sagte er.

Ich lchelte ber seine Sicherheit und ging weiter, whrend ich weniger
an seine Voraussage als an diese allumfassende Liebe eines Kindes
dachte, die weit ber seine Jahre hinausging und die den Knaben
veranlate, unthtig mit ein paar Blumen in der Hand dazusitzen, nur um
es nicht zu versumen, die Mutter im selben Augenblick, in dem sie sich
zeigte, zu begren.

Aber whrend ich so weiter ging, wendete ich mich pltzlich um, und da
sah ich den weien Hut und das leichte, geblmte Kleid meiner Frau
zwischen den Jasminbschen auftauchen. In demselben Augenblick hrte ich
einen gellenden Schrei von Sven.

Lchelnd ging ich zurck und sah den Knaben in einem Paroxysmus der
Zrtlichkeit an dem Halse seiner Mutter hngen. Ich rief sie an, aber
das kleine Brderchen lie nicht locker. Er klammerte sich an Mama an,
und schon aus der Ferne rief er mit einem Gemisch von Verdrielichkeit
ber mein Mitrauen und Triumph darber, da er Recht behalten hatte:

Siehst Du, da sie gekommen ist! Siehst Du, da ich es wute!

Du bist wohl drinnen gewesen und hast geguckt, sagte ich.

Nichts kann die Verachtung aller rationalistischen Auslegungen dessen,
was er fhlte und wute, beschreiben, mit der Sven antwortete:

-- Nein, das habe ich gewi nicht. Hab ich es, Mama?

Und Mama trstete ihn damit, da er gewi nicht geguckt habe. Aber zu
mir sagte sie:

Du kannst nicht glauben, wie oft das schon geschehen ist. Es ist, als
fhlte er mich in der Luft, bevor ich komme. Kinder knnen ja so etwas
nicht erfinden.


                                  13.

Sven war jedoch berhaupt in diesem Sommer nicht derselbe. Ohne irgend
einen ueren Anla konnte er pltzlich erklren, da er mde sei, und
dann wollte er nur im Grase liegen mit dem Kopf in Mamas Scho. Oder er
kam auch zu Papa und bat ihn, ihn zu tragen. Dann nahm Papa ihn auf die
Schultern und trug ihn hinaus in Wald und Feld, und nie ist sein Blick
dankbarer gewesen oder sein kleines, weiches Hndchen zrtlicher.

Dann klagte er ber Kopfschmerzen und bekam Antipyrin, und dann wollte
er des Morgens nicht aufstehen und sagte, er sei so mde. Aber da der
Kleine im brigen ganz gesund schien, hob Papa ihn aus dem Bette und
erklrte, er solle sich ankleiden und zusehen, da er hinaus in die
frische Luft komme. Da stand Sven auf und versuchte, so lange Papa
drinnen war, so gut er konnte, die mhsame Arbeit, die Strmpfe
anzuziehen. Aber sowie Papa zu der Thr hinaus war, schlich er zu Mamas
Bett und bat, zu ihr hineinkriechen zu drfen.

Natrlich konnte Mama einer solchen Bitte nicht widerstehen. Und nie war
Sven glcklicher. Da lag er mit dem Kopfe in Mamas Arm, schlo wieder
die Augen und war still und ruhig, bis die Krfte anfingen,
zurckzukehren. Dann stand er wieder auf, aber bevor er es that, sah er
Mama mit seinen merkwrdigen Augen an:

Erzhle es Papa nicht!

Ja, aber warum denn? sagte Mama.

Ja, weit Du, sonst wird Papa sehr bse.

All das erschien Mama so wunderlich, da sie Sven alles Mgliche
versprochen htte; und folglich versprach sie auch dies. Und Sven ging
hinaus und war ruhig und zufrieden, weil Mama seinen Ungehorsam nicht
verriet und weil er und Mama zusammenhielten.

Aber wenn Mama fortreisen sollte oder nur ohne ihn ausgehen, da war er
verzweifelt. Sein Schmerz kannte keine Grenzen, und sein Weinen war so
herzzerreiend, da man nichts Anderes thun konnte, als ihm mit allen
Trostgrnden zusprechen, die Einem zu Gebote standen. Ja, der Anblick
seines leidenschaftlichen Schmerzes war so qualvoll, da man ihn lange
nicht vergessen konnte, und eines Vormittags sprachen wir davon. Ich
hatte gerade meine Frau berredet, mich auf einem Ausflug in die Stadt
zu begleiten, um dort mit ein paar Freunden zu Mittag zu essen und, wie
man sagt, ein bichen herauszukommen. Und ich hatte das gethan, gerade
weil ich fand, da sie sich von Sven ausruhen sollte.

Es gelang uns schlielich auch, den Eindruck zu vergessen, den uns die
Thrnen des Kleinen gemacht hatten, und wir brachten einen angenehmen
Tag zu, wie immer in der Stadt, wenn wir wuten, da wir nicht dort zu
bleiben brauchten. Die Stimmung war gerade auf dem Hhepunkt, als meine
Frau mich im Flstertone fragte, ob es mir sehr unangenehm wre, wenn
sie mit einem frheren Boot wegfhre. Es war recht selten, da wir einen
Ausflug machten, um uns zu unterhalten, und der Vorschlag war nicht
gerade nach meinem Geschmack. Ich stellte daher Elsa vor, da wir gesagt
hatten, wir wrden erst mit dem letzten Boote kommen, und da uns daher
Niemand erwartete. Mit einem Worte -- ich erhob alle die Einwnde, die
mir einfielen. Und zuletzt versuchte ich es mit einem Hauptargument:

Sven hat sich ja schon niedergelegt, wenn Du kommst.

Das ist es nicht, war die Antwort. Ich mchte nur gerne nach Hause.

Sie sah mich bittend an, und natrlich war die Folge die, da sie
wegfuhr.

Inzwischen ging Sven Nachmittag zuhause umher und spielte. Aber als die
Zeit herankam, zu der er sich niederzulegen pflegte, verschwand er
spurlos. Unsere Dienstmdchen gehrten nicht zu Jenen, die sich viel
Kopfzerbrechens machen; und als sie ihn ein paar Mal gerufen hatten,
ohne eine Antwort zu bekommen, gaben sie sich damit zufrieden, da er
sich schon zeigen wrde, wenn die Dunkelheit einbreche, und da die
Herrschaft ja auf jeden Fall erst spt zurckkomme. Sven konnte also
seiner Wege gehen, und gegen acht Uhr setzte er sich ganz allein auf die
Dampfschiffbrcke. Er wute nicht so genau, wann das Dampfschiff kam,
und darum mute er auch lange dort sitzen. Aber er wartete geduldig und
still, und schon weit drauen in der Bucht, whrend das Boot zwischen
den vielen Brcken hin und her lavierte, erblickte ihn seine Mama. Er
sa da ganz klein und zusammengekauert, und sein kleiner grner
Krockethut leuchtete gegen das blaue Wasser.

Alles kam ihr so wunderlich vor, beinahe als htte sie es vorher gewut,
da er da sitzen wrde, und ihre Augen lieen die ganze Zeit die kleine
Gestalt nicht los, die auf der Bank der Brcke sa, mit gesenktem Kopf
und gebeugtem Rcken, als grbelte er. Aber als das Boot anlegte und
Mama sich anschickte ans Land zu steigen, da stand der kleine Sven in
der hchsten Spannung aufrecht auf der Brcke, und seine Augen suchten
und suchten, als stnde das ganze Leben auf dem Spiel. Und als Mama ihm
entgegen kam, da war es schwer zu sagen, wer glcklicher war, er, der
nicht vergeblich gewartet, oder sie, die das Kind ihrer harrend
gefunden.

Aber wie konntest Du da sitzen, Sven, sagte Mama mitten in ihrer
Freude. Mama sollte doch erst spt nachts kommen.

Ich wute natrlich, da Du kommen wrdest, sagte Sven.

Seine Stimme und seine Augen waren voll Verwunderung, da Mama sich eine
so einfache Sache nicht vorstellen konnte.

Ich wute natrlich, da Du kommen wrdest, und darum sa ich da und
wartete.

Und auf Mamas Frage, ob er lange gesessen habe, antwortete er:

Ja, natrlich, sonst htte Hanna mich erwischt. Und dann htte ich mich
niederlegen mssen.

Mama antwortete nichts darauf. Es wre ihr nicht mglich gewesen ihm
vorzuhalten, da er eigentlich ungehorsam gewesen sei. Seine unschuldige
Liebe, die die Ursache dazu war, schtzte ihn gegen jeden Vorwurf, und
Sven wute das sehr wohl. Er blickte von der Seite zu Mama auf und
lchelte:

Ich habe Hanna zum Besten gehalten. Ich bin hinter den Busch gekrochen,
so da sie mich nicht sehen konnte.

Nein, das hast Du gethan? sagte Mama.

Sie und Sven gingen zusammen hinauf, zufrieden wie zwei Mitschuldige,
deren Streich geglckt ist, und die Folge war natrlich die, da Mama an
diesem Abend ihren Jungen selbst niederlegte. Das that sie brigens oft,
obgleich er bald sechs Jahre wurde und bei ernsthafteren Anlssen der
groe Junge genannt wurde.

Wie langsam es ging, wenn sie ihm ins Bett half! Wie leicht und weich
nahm sie nicht seine Kleidungsstcke ab, wie vorsichtig wusch sie nicht
seine zarten Glieder, wie sachte wurde er nicht abgetrocknet, und wenn
dann das lange Nachthemdchen bergestreift werden sollte, ging es wie
ein Spiel. Dann sa sie mit dem Kleinen im Schoe da und trumte von der
Zeit, als er noch ganz klein war und sie ihn selbst nhrte. Und wenn er
endlich zu Bett gehen sollte, da wollte er nie sein Abendgebet sprechen.
Er hatte tausend Einflle, nur um es zu verhindern, da Mama von ihm
ginge. Aber wenn er es gesagt hatte, schlang er die Arme um sie und
flsterte:

Es ist so schn, wenn Du mir hilfst. Denn Du fat mich nie hart an.
Elsa beugte sich noch tiefer ber sein Bett und flsterte zurck:

Ich werde Dir immer helfen. Kein Anderer darf es thun. Bis Du Dir
selbst helfen kannst.

Sie war reich dafr belohnt, da sie ein Vergngen unterbrochen und nach
Hause gefahren war, und als ich mit dem letzten Boote nachkam, lag sie
wach, um mir alles zu erzhlen, was Sven gesagt hatte.

Nach einem frhlichen Tag mit Kameraden wirkten diese kleinen rhrenden
Zge des Knaben noch mehr auf mich, als sie es sicherlich sonst gethan
htten.

Weit Du, da ein groer und guter Mann mir gegenber einmal dieselben
Worte gebraucht hat, als er von dem ersten Eindruck erzhlte, als seine
Mutter gestorben war? sagte ich. Auch er war damals zwischen fnf und
sechs Jahren, und es handelte sich um dieselbe Sache -- das Hemd zu
wechseln. Er gebrauchte ganz dieselben Worte: >Ich fhlte das erste Mal,
da Jemand mich hart anfate.<

Ich stand neben Svens kleinem Bett und sah ihn lange an. Seine Schlfen
hatten etwas Eingesunkenes bekommen. Aber er schlief tief und gut, und
ich beugte mich hinab und kte ihn auf die Stirne.

Wir versuchten von etwas Anderem zu sprechen, aber ich war so von dem
Gedanken an das Kind erfllt, da ich keinen Sinn fr etwas Anderes
hatte.

Hast Du nie an etwas gedacht? sagte ich. Olof kann ich mir als einen
groen Menschen denken als ganz erwachsen. Und Svante auch! Sie sind ja
so verschieden. Aber ich kann sie mir doch Beide so denken. Aber Sven?
Kannst Du ihn Dir gro denken? Was willst Du mit ihm in der Welt
anfangen? Wohin glaubst Du, da er passen wrde, auer zu uns?

Meine Frau lchelte mit einem schmerzlichen Zug, der nadelfeine Falten
um ihren Mund bildete.

Daran habe ich oft gedacht, sagte sie. Und ihren eigenen Gedankengang
weiterspinnend, fgte sie hinzu:

Das ist vielleicht deshalb, weil ich ihn mehr als alles Andere auf der
ganzen Welt liebe. Mehr als die beiden anderen Knaben, mehr als Dich.
Ich habe oft daran gedacht, und ich wei, wenn einer der groen Jungen
strbe, ich wrde nie aufhren, um sie zu trauern. Aber ich glaube, ich
knnte es tragen, Euch zuliebe, die ihr lebtet. Wenn Du strbest -- ich
vermag es nicht zu denken. Aber wenn Sven strbe, dann knnte ich auch
nicht leben. Ich habe oftmals daran gedacht, es Dir zu sagen. Denn ich
wollte, da Du es wtest.

Sie reichte mir ihre Hand, und ihre Augen suchten die meinen, als wollte
sie mich um Verzeihung bitten, da sie glaubte, ohne mich leben zu
knnen. Und nachdem wir das Licht gelscht hatten, lag ich lange wach
und wiederholte in Gedanken ihre Worte. Ich schlief in dem Glauben ein,
da ich niemals erfahren wrde, ob sie die Wahrheit gesprochen oder
nicht.


                                  14.

Sven wurde so krank, da er zu Bett gebracht werden mute. Aber obgleich
wir sehr wohl wuten, da es bedenklich genug war, blieb das Fieber doch
so schwach, da wir an keine wirkliche Gefahr glaubten. Ich schrieb
unverdrossen weiter, und meine Frau sa am Krankenbett des Knaben, hielt
seine Hand in der ihren und erzhlte ihm Mrchen, wenn er zuhren
konnte.

Der Doktor sagte uns, da die Krankheit zweifellos langwierig sein
wrde, aber glaubte uns im brigen die besten Aussichten geben zu
knnen, und da ich lange eine Reise geplant hatte, fuhr ich fr ein paar
Tage fort, in der Hoffnung, wenn ich heimkme, das Schlimmste vorber zu
finden. Ich brachte also drei ganze Tage mit guten Freunden zu, und ich
freute mich, ohne in hherem Mae Unruhe zu empfinden, an Freundschaft
und schner Natur. Aber als ich dann im Zuge sa und nach Stockholm
zurckkehren sollte und von dort nach meinem Heim, kam eine Angst ber
mich, die ich nicht bezwingen konnte. Unmittelbar bevor ich fuhr, hatte
ich mit meiner Frau durchs Telephon gesprochen. Ich hatte aus der Ferne
ihre Stimme vor Freude beben gehrt: Sven ging es besser! Er hatte im
Bett aufrecht gesessen und gelacht und geplaudert. Er hatte gegessen und
Mama gebeten, das Vaterle zu gren, was sein Specialkosenamen war,
wenn er sehr ausgelassen war. Alles deutete also auf das Beste, und doch
konnte ich meine Angst nicht los werden.

Als ich nach Stockholm kam, war es zehn Uhr Abends. Ich war gerade zu
der Minute gekommen, in der das letzte Boot zu mir nach Hause abging.
Ich begab mich daher direkt in das Hotel, in dem ich abzusteigen
pflegte. Es war dunkel, und der Regen fiel in Strmen. Hastig trat ich
ins Vestibule, mit jener Empfindung hoffnungsloser Fremdheit, die mich
immer berkommt, wenn ich zur Sommerszeit gezwungen bin, Stockholm zu
besuchen, und wei, da ich allein sein mu. Ich konnte noch nicht mein
Ersuchen um ein Zimmer vorbringen, als der Portier mir schon entgegenkam
und mich, indem er eine Nummer nannte, bat, dieselbe sogleich
telephonisch anzurufen.

Ich that es und bekam nur den Bescheid, da der Doktor schon fort sei
und da ich mir augenblicklich einen Wagen nehmen und nachfahren sollte.

Der Schlag, der mich so heftig und unvorbereitet traf, lhmte mich, und
die fieberhafte Thtigkeit, die ich entwickelte, erschien mir selbst
ganz automatisch. Ich bestellte einen Wagen, und im selben Augenblick,
in dem das geschehen war, dachte ich, da ich essen sollte. Sven ist
gestorben, dachte ich. Er lebt nicht mehr, wenn ich nach Hause komme.
Wenn ich komme, darf ich nicht hungrig und mde sein. Ich mu wachen
knnen und meine Frau trsten. All das ging durch mein Hirn, whrend
ich dasa und auf die Mietsdroschke wartete. Ich sah mich selbst wie
eine andere Person, sah, da ich Fleisch auf meinen Teller legte, es
zerschnitt und zu essen versuchte. Die ganze Zeit dachte ich blo an
Eines: an den Wagen, der nicht kam. Gott im Himmel! Der Wagen kam nicht,
und daheim lag mein Junge und starb, und ich konnte nicht zu ihm kommen.

Ich bezahlte und ging in die Vorhalle des Hotels, wo ich auf- und
abging, es war mir ganz unmglich, still zu sitzen, unmglich, einen
zusammenhngenden Gedanken zu denken.

Mein Kind liegt im Sterben, sagte ich zum Portier. Darum bin ich so
nervs.

Ich versuchte, ihm zuzulcheln, damit er begriffe, wie sehr ich selbst
einsah, da mein Betragen sinnlos war. Aber ich fhlte selbst, da das
Lcheln zu einer Grimasse wurde, und ich wartete auch nicht seine
Antwort ab. Ich fuhr nur fort, mit der Uhr in der Hand auf- und
abzugehen, als wollte ich der Zeit vorauseilen, und als der Wagen
endlich kam, war ich gewi, da alles vorber sei. Ich begriff nicht,
warum ich dasa oder warum ich hinaus in den strmenden Regen fahren
sollte, aber automatisch wie frher sagte ich zum Kutscher:

Fahren Sie, so rasch nur ein Pferd laufen kann, mein kleiner Junge
liegt im Sterben. Sie sollen es nicht umsonst thun.

Der Kutscher hatte uns schon oft gefahren.

Ist das der kleine, liebe Junge, der so schn ist? fragte er.

Diese einfachen Worte riefen mich wieder zur Wirklichkeit zurck, und
durch meine Brust wogte eine warme Welle der Dankbarkeit gegen den
jungen Menschen, der mich kutschierte.

Ja, sagte ich mit erstickter Stimme. Ja, er ist es.

Und ich setzte mich in den Wagen, mit dem Gefhl, da ich einen Menschen
getroffen habe, der begriff, um was es sich handelte und der mir helfen
wrde. Whrend wir ber die Gassen eilten, sprach ich still mit mir
selbst und weinte vor Freude und Schmerz: Er ist so schn und gut, da
selbst ein Mann, der ihn nur in einen Wagen hat steigen sehen, sich
seiner erinnert und es mir sagt. Und er soll sterben? Es giebt ja
Millionen Kinder, die leben drfen. Warum mu gerade meines sterben?

Nie bin ich rascher gefahren, und nie ist mir ein Weg lnger erschienen.
Ich sah im Dunkel die Funken um die Hufe der Pferde sprhen, ich fhlte,
wie der Regen nachlie, und sah die Landschaft wie ein dunkles
Schattenspiel an mir vorbeifliegen, und die ganze Zeit sa ich da und
sprach zu mir selbst unfabare Worte, von denen ich nicht verstand, wie
sie mir auf die Lippen kamen. Es war, als wrde ich durch die Dunkelheit
gerade dem entgegengefhrt, was fr mich kommen mute, und ich bat blo
um Aufschub, bat, da er noch lebte, wenn ich ankme, soda er noch
einmal seine Arme um meinen Hals schlingen knnte und ich seine Stimme
hren drfte.

Vorwrts ging es, vorwrts in rasender Eile. Der Wagen sprang von der
einen Seite des Weges auf die andere. Aber keinen Augenblick fiel es mir
ein, da etwas zerbrechen knnte oder da wir umwerfen wrden. Das war
ein prchtiger Bursche, der Kutscher, der an meinen kleinen Jungen
dachte, der so schn und lieb war und der nicht sterben durfte.

Es ist der Vater mit seinem Kind, sagte ich laut zu mir selbst. Ohne
da ich es wute, sa ich da und recitierte Verse, und ein krampfhaftes
Schluchzen drngte sich durch meine Kehle, als wollte es mich ersticken,
und um Luft zu bekommen, beugte ich mich aus dem Wagenfenster und sah
die Landschaft an, in der ich jede Aussicht, jede Biegung des Weges
kannte. An den Steinen, ber die der Wagen jetzt rttelte, konnte ich
merken, da wir in den Abkrzungsweg eingebogen waren, der zu meinem
Heim fhrte. Alle Sinne angespannt, sah ich hinaus ins Dunkel, ich sah
die Konturen einer Droschke, die auf dem Hofe hielt. Der Doktor ist noch
da! Der Doktor ist noch da! Dann hrte ich von der Veranda die Stimme
meiner Frau: Er kommt. Gott sei Dank! Er ist da! Und in ein paar
Augenblicken war ich die Stufen hinaufgeeilt und stand im Saal.

Ich stand da, und meine Gemtsbewegung war so ungeheuer, da ich nichts
von dem, was ich sah, auffassen konnte. Ich hatte die Empfindung, da
der Doktor dastnde, und ich fhlte, da meine Frau mich eng umschlungen
hielt. Es war mir klar, da sie froh war, ja berglcklich aussah, und
da ich es auch sein sollte. Ich hrte etwas von einem Ohnmachtsanfall,
der jetzt vorber war und, wie der Doktor hoffte, nichts zu bedeuten
hatte. Aber ich konnte nichts sagen und nichts denken. Das Glck kam so
unvorbereitet ber mich, da es mich nicht aus der furchtbaren Betubung
wecken konnte, die mich noch in ihrer Gewalt hatte. Mechanisch nahm ich
meine Handschuhe und meinen Ueberrock ab, und noch stand ich da und
suchte gleichsam meine Augen an das Licht in dem erleuchteten Gemach zu
gewhnen.

Willst Du nicht zu ihm hineingehen? Willst Du ihn nicht sehen? sagte
meine Frau. Er ist wach.

Und ihre Stimme klang beinahe vorwurfsvoll, als htte ich sie nicht
verstanden.

Ja, ja, sagte ich.

Und ohne zu fassen, was jetzt geschah, ging ich hinein und sah Sven in
meinem Bett liegen und zu mir aufblicken.

Erkennst Du Papa, Sven?

Ja, sagte der Kleine mit erstaunter Stimme.

Er konnte nicht begreifen, da die Groen alle so aufgeregt und unruhig
aussahen. Er streckte seine kleine Hand aus und streichelte mich, und
ich merkte, wie mager und dnn sie geworden war.

Whrend ich dastand und mich ber den Knaben beugte, begriff ich, da
alles Wirklichkeit war und da mein Kind lebte. Ich hielt seine Hand an
meine Augen, und ich fhlte, wie die Last von meiner Brust fiel und der
Schleier von meinen Augen glitt.


                                  15.

Wie wundersam, voll Hoffnung, Unruhe, Verzweiflung und Befrchtungen war
nicht die Zeit, die nun folgte! Der Doktor hatte uns eine lange
Krnklichkeitsperiode prophezeit, wir bereiteten uns daher, in Geduld zu
warten, und wir versuchten auch, diese Tugend zu ben. In zwei langen
Wochen, die nun folgten, fgte sich Svens Krankheit in die tglichen
Gewohnheiten unseres Alltagslebens ein, so wie die Krankheit es immer
thut, wenn sie fr lnger in einem Hause einkehrt. Ich schrieb darum
jeden Vormittag, ohne mich stren zu lassen, an meinem Buch, und meine
Frau ging jeden Tag zwischen ihm und mir hin und her, sa in Svens
Zimmer, der ruhig wurde, wenn er ihre Nhe fhlte, und schlich sich
hinaus, wenn er schlief, um frische Luft zu schpfen und mir von all den
guten Zeichen zu erzhlen, die ihr aufmerksames Auge stets zu entdecken
glaubte. Svante ging einsam und stumm umher und fuhr ber die Bucht und
erzhlte seinen Freundinnen, den kleinen Mdchen, da das kleine
Brderchen schwer krank lag und da daheim alles so still geworden war.

Wir hatten eine Pflegerin nehmen mssen, damit meine Frau sich nachts
ausruhen konnte. Das geschah nicht ohne vieles Struben von Elsas Seite.
Denn sie war so eiferschtig auf den Kleinen, da sie niemand Anderen
duldete, den er um Hilfe bat oder der ihm solche angedeihen lie. Und
erst als sie merkte, da die Krfte sie verlieen, gab sie mit Thrnen
in den Augen ihre Einwilligung und fgte sich in das Unvermeidliche.

Ein paar Stunden, nachdem die Pflegerin eingetroffen war, kam jedoch
meine Frau zu mir und erzhlte mit strahlenden Augen, da Sven groes
Gefallen an seiner neuen Freundin gefunden.

Von Dir lasse ich mir gerne helfen. Denn Du bist lieb, hatte er
gesagt.

Und damit schlo er seine Augen und lag stille, wie er zu liegen
pflegte, mit der Eisblase auf seinem Kopfe, der immer schmerzte, die
kleinen mageren Hnde auf der Decke.

Eines Tages wurden wir pltzlich durch Leierkastenmusik drauen auf dem
Hofe gestrt, und da Sven gerade an diesem Tage gegessen und geplaudert
hatte und sehr munter aussah, fragten wir ihn, ob er sich nicht
heraustragen lassen wollte, um einen Affen anzusehen.

Sonst war Sven immer derjenige gewesen, der herbeigestrzt kam, wenn ein
Leierkastenmann im Anzuge war. Ganz atemlos pflegte er zu Papa zu kommen
und um Kleingeld zu bitten. Es war seine Freude, geben zu knnen, und
wenn er mit seinen Mnzen angerckt kam und strahlend glcklich aussah,
als wte er, was es fr einen armen Musikanten bedeutete, Geld fr
Essen zu bekommen, da brachte er manches schwarzbraune Gesicht dazu, mit
weien Zhnen zu lachen, und dunkelglnzende Augen strahlten seine
blauen an.

Aber jetzt hing er so mde und klein an Papas Arm. Vorsichtig in eine
Decke gewickelt war er, und Strmpfe hatte er an den Fen. So wurde er
hinausgetragen, und Papa hielt ihn auf der Veranda in seinen Armen, von
wo er auf den sonnenbeleuchteten Hof hinuntersehen konnte, wo die
munteren Weisen des Leierkastens Sven entgegentnten. Mde und fremd
blickte er hinab auf die Bume und den Hof, auf das Rudel Kinder, die
dort im Sonnenschein standen, und sein Blick war die ganze Zeit
wundersam, als grbelte er nach, warum all dies nicht schn sei wie
sonst. Er versuchte den Mund zu verziehen, als er den Affen erblickte,
der das Lustigste war, was er kannte, und der auf dem Leierkasten auf-
und abhpfte, mit seiner kleinen Kette rasselnd, und komische Grimassen
schnitt, wenn er versuchte, eine Nu zu knacken.

Aber Sven vermochte es nicht, all das anzusehen. Er wurde nur immer
ernster und ernster. Immer schwerer und schwerer sa er auf Papas Arm.
Es war, als wre er weit fort und she hinab auf alles, was die Erde
Schnes und Frhliches hatte, und sehnte sich danach und fhlte, da all
dies nicht mehr fr ihn da war. Er lehnte nur seinen Kopf an Papas
Schulter, und dann wurde er wieder in sein Bettchen getragen.

Mama legte ihn hinein und strich ihm die Kissen zurecht:

War es nicht hbsch, Sven?

Oh ja, ich konnte nur noch nicht recht. Aber ich werde schon bald
gesund.

Da beugte Mama sich hinab und streichelte das Haar des kleinen
Brderchens, aber ohne da er es sah, streckte sie ihre andere Hand aus
und suchte die meine, die sie krampfhaft drckte.


                                  16.

So sa ich eines Nachts allein in meinem Zimmer und wute, da am
nchsten Tage die Aerzte kommen und ber den kleinen Sven ihr Urteil
ber Leben oder Tod aussprechen wrden. Ich wute, da ihrer Zwei sein
wrden, denn unser Hausarzt wollte einen Specialisten konsultieren, weil
er es nicht lnger wagte, auf sein eigenes Urteil zu bauen. Ich sa
allein, die Lampe war angezndet, und vor mir lag ein Manuskript, dem
die Schlukapitel fehlten.

Ich hatte meiner Frau Gutenacht gesagt und erwhnt, da ich arbeiten
wrde.

Da Du heut Abend schreiben kannst! hatte sie gesagt.

Und es lag eine Nance von Bitterkeit in ihrem Tone, so als meinte sie,
da ich nicht so fhlte wie sie.

Doch sie bereute es sogleich, legte ihren Kopf an den meinen und sagte:

Du bist glcklich, da Du es kannst.

Und hier sa ich nun allein, und jeder Nerv zitterte in einer seelischen
Erschtterung, so zusammengesetzt und so ungeheuer, da ich sie kaum
beschreiben kann. Ich hoffte trotz allem, da mein Kind am Leben bleiben
wrde, ja, ich glaubte es. Aber gleichzeitig hatte ich die Empfindung,
da ich jetzt schreiben mte, jetzt oder nie. Ich wute beinahe jedes
Wort, das auf den Blttern stehen sollte, die blank und unbeschrieben
vor mir lagen. Die Notwendigkeit trieb mich an, und ich schrieb, fllte
eines nach dem anderen von den weien Blttern und legte sie zu dem
Manuskripthaufen, der vor mir auf dem Tische wuchs. Es war, als htte
mir eine unsichtbare Stimme ihre Befehle ins Ohr geflstert, ich mute
dieser Stimme gehorchen, ihr blind gehorchen, und ber mir war eine
jagende Hast, so, als wte ich, da es sich um das Leben handelte.

Morgen, erklang es in mir, morgen! Wer wei, was morgen geschieht. Es
kann geschehen, da Dein Kind sterben mu. Und dann kannst Du nicht
schreiben. Dann heischt man von Dir Geld und wieder Geld. Du kannst Dein
Buch umarbeiten, Du kannst es besser machen, aber Du kannst es niemals
fertig schreiben, wenn Dein Kind sterben sollte.

Wie Peitschenhiebe jagten mich die Gedanken vorwrts, und schon sah ich
bei dem bleichen Schein der Lampe das Morgenlicht durch die Gardine auf
das Papier fallen. Geld, Geld! Du mut Geld schaffen, wenn Dein Kind
stirbt und wenn Du Deine Frau retten willst.

Und durch die Stimmen, die meine Arbeit antrieben, hrte ich es wie
einen Ton, den ich zu erkennen glaubte: Es ist der Vater mit seinem
Kind! Der Vater mit seinem Kind! Wo hatte ich das schon gehrt? Wann
hatte ich diese jagende Hast gesprt? Es war, als sausten Peitschen, als
schlgen Hufe Funken aus steinigen Wegen, als fhlte ich die Nachtluft
mein brennendes Haupt khlen. Ich schrieb und schrieb. Und ich erinnerte
mich, wie ich wie ein Rasender gefahren war, in dem Glauben, da mein
Kind tot sei.

Aber ich dachte nicht mehr an mein Kind. Ich dachte an sie, die mich
ganz besitzen mute, wenn es denkbar sein sollte, da sie bei mir blieb,
wenn das Unfabare Wirklichkeit wurde und Sven starb. Ich schrieb und
schrieb, schrieb, wie kein Mensch fr Geld geschrieben hat, schrieb die
besten Seiten, die aus meiner Feder geflossen sind. Und als die Krfte
mich verlieen, trank ich, trank viel, um mich selbst am Leben zu
erhalten.

Als die Sonne schon eine Weile am Himmel stand, schrieb ich die letzten
Zeilen. Und ich sa wie betubt.

Ich sammelte die vollgeschriebenen Bogen und legte sie in meine Lade,
dann schlich ich mich hinaus und lauschte an der Thre, hinter der Sven
lag. Da ffnete meine Frau dieselbe und sah hinaus. Ich wankte auf sie
zu und sagte:

Es ist fertig.

Sie lchelte mir zu, und es lag eine Welt von Glck in ihrer Stimme, als
sie antwortete:

Er schlft so ruhig. Es kann nicht gefhrlich sein.

Ich ging von ihr und versank eine Weile spter in einen totenhnlichen
Schlaf.


                                  17.

Bevor der nchste Tag verstrichen war, wuten wir, da es keine Hilfe
gab und da der kleine Sven sterben mute. Die Gewiheit war wie ein
schwerer Schlag ber uns hereingebrochen, denn die ganze Zeit vorher
hatten wir gehofft. Wir standen im Vorzimmer, die beiden Aerzte stumm
und ernst, meine Frau die Augen auf ihre Zge gerichtet, als glaubte
sie, da sie noch nicht ihr letztes Wort gesprochen hatten. Ich sah sie
Alle an, whrend ich den Arm um meine Frau legte, um zu versuchen, sie
an mich zu ziehen, und ich bemerkte, wie es in dem gefhlvollen Gesichte
unseres Freundes, des Doktors, zuckte. Der Professor sprach sachte und
mit leiser Stimme, so als kostete ihn jedes Wort eine Ueberwindung. Ich
fhlte nichts Anderes, als da das Unausweichliche gekommen war und da
ich mich sthlen mute, um es ertragen zu knnen. Aber mit einem Druck
meiner Hand, in dem ich ihren ganzen Schmerz fhlte, machte sich meine
Frau aus meinem Arm los, der um ihre Taille lag, und indem sie ihre
Hnde rang, so da man buchstblich die Knochen knacken hrte, rief sie
aus:

Sagen Sie, da noch Hoffnung ist. Sagen Sie es.

Die beiden Mnner wichen ihrem Blick aus, aber da richtete sich das
junge Weib empor und sagte:

Er darf nicht sterben. Ich werde Euch zeigen, da er leben wird.

Sie ging fort, und wir standen schweigend da und sahen ihr nach, wie sie
in das Krankenzimmer verschwand. Wir begriffen alle, wie tief sie es
empfand, da jede Mglichkeit der Hoffnung wirklich vorber war und da
sie darum das Gelbde ablegte, ihn dem Tode zu entreien -- allen zum
Trotz. Wir schieden ohne viele Worte, und ich folgte meiner Frau, ohne
zu wissen, was ich ihr sagen wollte, nur um in ihrer Nhe zu sein und
vielleicht das zu sehen, was ich am meisten frchtete.

Ich fand sie nicht im Krankenzimmer. Ich fand sie in meinem eigenen
Zimmer, und ihre Zge waren versteinert. Sie sa zusammengesunken auf
dem Sopha, die Hand hart an die Wange gepret, ihre Augen waren trocken
und glanzlos, und sie blickte in das groe Dunkel. Ihre Gestalt, ihr
Antlitz, ja sogar ihre Hnde bezeugten es. Ich versuchte zu ihr zu
sprechen, ich versuchte ihren Namen zu nennen, aber sie antwortete mir
nicht, und schlielich mute ich sie ihrem eigenen Schmerz berlassen,
angstvoll der Worte harrend, die kommen wrden, wenn er einmal losbrach.

Es dauerte sehr lange, bevor das Schweigen gebrochen wurde, und als es
geschah, war es nicht mit Worten. Meine Frau streckte nur ihre Hand nach
mir aus und zog mich zu sich auf das Sopha. Sie fiel in meine Arme, und
ein langes Schluchzen, das aus einer einzigen Brust zu kommen schien,
erschtterte uns Beide.

Du dauerst mich so sehr! flsterte sie. So sehr!

Ich?

Ich ri mich los und sah auf. Denn in ihrer Stimme lag etwas, das mich
mit einer Ahnung erfllte, die ich nicht als Gedanke in mir emporsteigen
lassen wollte.

Sie wendete sich mir mit gefalteten Hnden zu und schrie beinahe:

Du verlangst doch nicht von mir, da ich darnach lebe, lebe ohne Sven.
Ich kann es nicht. Ich kann es nicht.

Das war meine Ahnung, der sie Worte gegeben, und ich stand da, ratlos
und ohne ein Wort ber die Lippen bringen zu knnen.

Setze Dich zu mir, sagte sie. Ich werde nicht heftig werden. Ich
werde ruhig sprechen. Denn ich bin nicht mehr unruhig. Ich fhle nur,
wie alles zusammenbricht. Ich bin schon jetzt fort, obgleich Du es noch
nicht fassen kannst, weil Du so wenig weit und ich so wenig sagen
konnte. Aber warum sollte ich es Dir sagen, bevor es unumgnglich
notwendig war? Denn ich habe mit Dir leben wollen, Georg, ich habe mit
Dir leben wollen, weil ich Dich mehr geliebt habe als alles Andere im
ganzen Leben. Ich bin jetzt nicht jung. Ich bin so alt, wie Du nie
werden kannst. Du hast es nur nie gewut, es nie sehen wollen, und wenn
ich Dich so glcklich sah, wollte ich Dich nicht stren. Aber so lange
ich mich zurckerinnern kann, habe ich gewut, da ich nicht wie andere
Menschen bin. In mir habe ich das Bedrfnis gefhlt, sterben zu drfen.
Kannst Du das verstehen, was ich Dir jetzt sage, Georg? Ich verstehe es
ja kaum selbst. Als ich am glcklichsten war ber Dich und die Kinder
und alles, was schn ist, immer habe ich gewut, da ich eines Tages von
allem wrde fort mssen und da nichts mich daran wrde hindern knnen.
Ich wrde wollen und nicht wollen, wnschen und nicht wnschen. Aber ich
wrde ins Dunkel gehen, wo ich hingehrte. Ich habe das Gefhl gehabt,
da etwas kommen wrde und mich zwingen, mir sagen, da ich mu.
Erinnerst Du Dich an den Winter, Georg, in dem es so schwer und so
dster war zwischen Dir und mir? Da versuchte ich Dir zu schreiben, wie
mir zu Mute war. Denn sprechen konnte ich ja nicht. Aber ich konnte auch
nicht schreiben. Was ich Dir sagen wollte, konnte ich nicht, und ich
erinnere mich, wie ich mich darber wunderte, da Du mich nicht auch
nachher fragtest, mich oft und beharrlich fragtest, obwohl ich Dich
gebeten hatte, es nicht zu thun. Zuweilen wollte ich, da Du mich fragen
solltest. Aber meistens war ich froh, da Du es nicht thatest. Was habe
ich gelitten in dieser Zeit, Georg! Wenn Du ahnen knntest, was ich
gelitten habe! Du kamst und nahmst meine Hand und setztest Dich neben
mich, und ich wurde nicht glcklich wie sonst. Denn ich wute ja, da
ich Tag fr Tag daran dachte, wie ich sterben und von Dir gehen knnte.
Ich wollte es selbst thun, Georg. Kannst Du fassen, da ich mitten in
meinem Glcke es selbst thun wollte? Und Du warst gut zu mir und
freundlich und froh, und ich hatte das Gefhl, als wre ich ein
treuloses Weib und betrge Dich. Und weit Du, warum ich von Dir fort
gehen wollte? Ja, weil ich es so sicher wute, da es eines Tages
geschehen wrde, und darum wollte ich lieber gehen, so lange Du jung und
stark warst und mich bald vergessen und mit einer Anderen glcklich
werden konntest.

Sie verstummte einen Augenblick, und ihre Augen schwammen in Thrnen.
Dann fuhr sie wieder fort, und ihre Stimme war wie neu.

Dann kam der kleine Sven, Georg, und alles wurde anders. Erinnerst Du
Dich, da ich es Dir schon damals sagte? Erinnerst Du Dich, da ich es
sagte? Ich glaubte damals, da Gott ihn mir geschickt habe, um mich im
Leben zurckzuhalten, damit ich Dich so glcklich machen knnte, wie ich
es wnschte, und jeden Abend betete ich zu Gott, da es mir gelingen
mchte. Ich glaubte so fest, da Gott mich erhrt habe, und davon sprach
ich mit dem kleinen Sven, wenn wir allein waren und Niemand unsere Worte
belauschen konnte. Aber jetzt, Georg, jetzt geht er von mir. Jetzt wei
ich, da all das Andere, all das, was Du bis jetzt nicht gewut hast,
wiederkommen wird, und jetzt will ich blo, da Du mir allen Schmerz
verzeihst, den ich Dir zugefgt habe, und allen Schmerz, den ich Dir
jetzt zufge. Aber Du darfst mich nicht bitten, zu bleiben. Dahin, wo
Sven geht, dahin gehe auch ich.

Sie stand vor mir, und sie schien mir in diesem Augenblick grer, als
Menschen sind. Ich war in dem Mae auf all das unvorbereitet, was sie
jetzt gesagt hatte, da es mich dnkte, sie erzhle einen unheimlichen
Traum, den ich nicht in Wirklichkeit verwandeln konnte. Aber ich fhlte
auch, da, whrend sie mir den grten Schmerz zufgte, sie die Gre
einer Liebe enthllte, nach der ich nur meine Hnde ausstrecken wollte,
damit sie mir nicht im selben Augenblick geraubt wrde, in dem sie ganz
mein geworden.

Ich kann das nicht ertragen, schrie ich beinahe. Ich kann es nicht
ertragen. Dich und ihn verlieren. Du kannst es nicht meinen.

Sie erhob sich lautlos, und wie eine Niobe, die die Arme um ihre Kinder
breitet, die die Pfeile der Gtter selbst in den Mutterarmen suchen,
stand sie vor mir.

La mich Sven mitnehmen, sagte sie. Er mu ja doch sterben. Ich trage
ihn hinab zur Bucht heut Abend, wenn alle schlafen. Es ist ein so kurzer
Kampf. Und dann brauch ich Dich nicht noch mehr zu qulen, als ich es
schon gethan habe.

Ich stellte mich ihr in den Weg, und mit der Kraft meiner Arme drckte
ich sie gewaltsam auf das Sopha.

Warte, sagte ich, warte! Du weit ja selbst nicht, was Du thust.

Aber sie antwortete mir nur:

Es wird Dein und mein Unglck, wenn Du mich hinderst. Klage mich nicht
an, wenn es dann kommt.

Sie wand sich in Schmerz unter meinem Griffe, und nach einer Weile fiel
sie in eine lange Ohnmacht. Ich legte sie auf das Sopha, und es war mir,
als sei alles, was gesagt worden war, ein wahnwitziger Traum. Lange
stand ich und betrachtete sie, bis ich hrte, wie ihre Atemzge lang und
regelmig wurden, und ich sicher war, da sie schlief. Da schob ich das
Kissen unter ihrem Kopf zurecht und breitete eine Decke ber sie.

Vor Gemtserschtterung wankend ging ich in das Zimmer, in dem Sven lag.
Sein rechtes Auge war zusammengefallen, und sein linkes war so
wunderlich klar und gro geworden. Ich beugte mich ber ihn, nahm seine
kleine, unschuldige Hand und fhrte sie an die Lippen.

Du geliebtes Kind, dachte ich. Wir Beide knnen einander nicht
helfen.


                                  18.

Wir hatten das Bett des kleinen Sven in das Verandazimmer gestellt,
damit er durch die geffneten Thren die Vgel singen und die Winde
rauschen hren knnte. Da lag er nun auf seinem weien Bettchen, und
wenn er aufsah, war es in der Erwartung, gekt zu werden, oder er
bewegte auch sachte die kleinen schwachen Hndchen, und dann beugten wir
uns ber ihn, weil wir wuten, da er uns liebkosen wollte.

Svante ging auf den Zehen in das Krankenzimmer, und sein Herz war
erfllt von dem Unbegreiflichen, da das kleine Brderchen sterben
sollte. Lange stand er stille und betrachtete ihn oder beugte sich hinab
und kte seine Wange. Aber als Mama aus ihrer Betubung erwacht war, da
ging er auf sie zu, als sie hereinkam, und legte seine beiden Arme um
ihren Hals.

Nie werde ich den Blick unsglicher Verzweiflung vergessen, mit der sie
den Knaben umarmte und ihm in die Augen sah.

Hast Du um Olof telegraphiert? sagte sie zu mir.

Ich nickte, und wieder sah ich, wie sie sich ber Svante beugte und ihn
an sich drckte. Von einem pltzlichen Instinkt getrieben, erhob ich
mich und ging hinaus, meine Frau allein mit dem gesunden Kinde und dem
sterbenden lassend. Als ich mich in der Thre umwendete, sah ich meine
Frau Svante zu dem Bette des kleinen Brderchens fhren. Da setzte sie
sich auf die eine Seite und lie den Knaben auf der anderen Platz
nehmen. Dann beugte sie sich hinab ber Sven. Aber die ganze Zeit hielt
sie Svantes Hand fest, und ich sah, da sie beide Kinder liebkoste, ohne
irgend einen Unterschied zu machen.

Als Svante schlielich herauskam, ging ich hinein und nahm seinen Platz
gegenber meiner Frau ein. Da reichte sie mir ber das sterbende Kind
ihre Hand und sagte:

Ob es zum Glck oder zum Unglck ausschlgt, wei ich nicht. Aber ich
werde bei Dir bleiben. Denn ich glaube jetzt, da Gott es will.

Und nach einem Augenblick fgte sie hinzu:

Sven will es auch. Ich habe mit ihm gesprochen.

Ohne antworten zu knnen, beugte ich mich hinab und kte ihre Hand. Und
in dieser Stunde wute keiner von uns, was Glck und was Unglck war.


                                  19.

Die Tage, die nun folgten, suche ich vergebens von einander zu trennen.
Ja, es wre mir unmglich, auch nur zu sagen, wie viele ihrer waren.
Nacht wurde zu Tag und Tag zu Nacht, und unser Leben hatte blo einen
einzigen Punkt, um den es kreiste: das kleine Zimmer, vor dem die
blhenden Kaprifolien die Veranda bedeckten, die Luft mit ihrem Duft
erfllend, und wo unser kleiner Junge lag und mit dem Tode kmpfte.

Hier gingen wir, hier saen wir Seite an Seite, schliefen, aen,
wachten. Hier verschmolz alles, was wir zusammen gelebt und getrumt
hatten, in einem einzigen, verzehrenden Schmerz. Hier that meine Frau,
als die letzte Hoffnung erloschen schien, den Kork in die
Moschusflasche. Sie, die mit ihm sterben wollte, nahm das letzte
Stimulierungsmittel fort, damit sie sich dann nicht vorzuwerfen
brauchte, da sie die letzten Stunden des Kleinen gestrt, nur um selbst
die Freude zu haben, sein groes Auge uns entgegenleuchten zu sehen.

Denn das rechte Auge war erloschen und dahin. Das Augenlid lag darber
geschlossen, als sei die Hlfte seines Kpfchens schon lange tot, aber
wenn das linke Augenlid sich ffnete, glnzte das Auge umso grer. Es
wurde so ernst und gro, als blickte es schon in eine Welt, zu der sein
Vater und seine Mutter noch nicht Zutritt hatten und in die wir nicht
kommen konnten, bevor der letzte Vorhang fiel und wir ihm auf dem Wege
folgten, auf dem die Glocken des Todes luten und der, welcher das
Luten hrt, folgen mu, welche Bande ihn auch auf Erden zurckhalten
mgen.

Hier saen wir, wenn die Tagessonne leuchtete, wenn drauen der Regen
fiel und wenn die Nachtlampe im Krankenzimmer ihren schwachen, zuckenden
Schein ber das weie Bett warf und den kleinen Sven selbst, ihn, den
unsere Blicke suchten, um den unsere stummen Unterredungen sich drehten
und dem wir nun schlielich die Befreiung von seinen Qualen wnschten!
Still, wie er gelebt, lag er auf seinem letzten Lager, und wenn meine
Frau sich ber ihn beugte, regte er seine mden Lippen und kte sie.

Streichle Papa, Sven, sagte sie. Papa ist hier.

Dann richtete er sein groes, mdes Auge auf mich und legte seine
schmale, weie Hand an meine Wange mit einer Bewegung, als regte er sich
nur im Schlaf.

So saen wir in der letzten Nacht, und nher sind Menschen einander nie
gesessen. Wir hielten uns ber dem Bett des Kindes an den Hnden, und
ein leiser Druck sorgte dafr, da keine Bewegung in seinem Gesicht
verloren ging, wenn er aufsah und uns mit seinem groen einzigen Auge
suchte. Wir sprachen zu einander: Hast Du das gesehen? Hast Du es
gesehen? Und whrend wir gierig diesen Schatz von Erinnerungen
sammelten, der das Einzige sein sollte, was uns blieb, verstrichen die
langsamen Stunden der Nacht, und die Morgenrte stieg ber der Bucht
auf, ber die Eichen, ber den ganzen alten Garten unter unseren
Fenstern.

Als wollten wir der Seele des kleinen Brderchens freien Lauf lassen,
dahin zu fliegen, wo wir ihm nicht folgen konnten, ffneten wir die
Thren zur Veranda, und die frische Morgenluft strmte herein. Es hatte
in der Nacht geregnet, und durch zersplitterte Wolken brach die Sonne
ber die Landschaft, whrend die Nebel ber das Wasser der Bucht flogen.
Sie stieg und stieg hinan, und bei ihren Strahlen begannen die Vgel zu
zwitschern. Und das ganze herrliche Erwachen der Natur ergriff uns so,
da wir uns zum Schweigen zwingen muten, um nicht den Kleinen zu
stren, der schlief.

Siehst Du, sagte Elsa, siehst Du? So schn mu es werden, wenn er
sterben soll.

Aber noch zgerte der Todesengel, noch dauerten die ruhigen,
regelmigen Atemzge des Kindes fort, und Mdigkeit ergriff uns. Ich
nahm meine Frau halb mit Gewalt und zwang sie, sich auf dem Sopha neben
dem Bett des Knaben zur Ruhe zu legen. Da schlief sie, mit der Hand auf
seinem Bette, und whrend die Morgensonne emporstieg, sa ich allein
wach und lauschte ihren schweren Atemzgen, whrend in mir alles stille
und ruhig wurde, und ich rief nach einem Ende dieser Pein fr uns alle.
Ich sa da, bis meine Frau sich von ihrem Schlummer erhob. Dann
wechselten wir die Pltze, und ermattet schlief ich ein, die Hand auf
der Stelle, wo eben die ihre geruht hatte.

So vergingen ein paar Stunden, und die Sonne stieg hher und hher an
einem klaren Sommerhimmel empor. Ich erwachte dadurch, da meine Frau
ihre Hand auf meinen Arm legte.

Wache auf, Georg, sagte sie. Sven stirbt jetzt.

Ich konnte nicht dort drinnen bleiben. Ich ging hinaus in den Garten;
und in dem Gedanken, ihm eine letzte Freude zu bereiten -- ihm, der
immer Blumen geliebt -- brach ich eine Rosenknospe, die schnste, die
ich finden konnte, kehrte zurck und legte sie auf das Kissen meines
Knaben, neben das Auge, das noch sehen konnte. Auer Stande, es lnger
ertragen zu knnen, ging ich wieder hinaus auf die Veranda. Von dort
hrte ich, wie Svante hereinkam und sich an das Bett setzte. Aber ich
drehte mich nicht um. Ich ging nur und horchte auf die langen,
furchtbaren Atemzge, die wie von einem erwachsenen Manne kamen und mir
in die Seele schnitten. Da hrte ich einen Laut von meiner Frau, und ich
wendete mich um.

Sven hatte das Auge aufgeschlagen und die Rose gesehen. Dann hatte er
seine Hand nach der Blume ausgestreckt, sie aufgehoben, als wollte er
ein letztes Mal die Rose sehen, und hatte sie dann zurck auf das Kissen
fallen lassen.

Pltzlich wurde sein ganzer Krper von furchtbaren, langandauernden
Krampfanfllen geschttelt. Sie begannen beim Kopfe, der schrg gedreht
wurde, und schienen sich bis in die Glieder fortzusetzen, die steif und
blulich wurden. Da senkte meine Frau das Haupt, um nicht sehen zu
mssen. Aber als die Anflle aufgehrt hatten, weinte sie still, und
wieder reichte sie mir ber das kleine Bett ihre Hand.

So saen wir dort drinnen, bis die Atemzge aufhrten ... wieder kamen
... sich verlngerten, an Strke zunahmen ... und aufhrten. Dann wurde
Alles still. Das Schweigen des Todes herrschte. Gebeugt und weinend
folgten wir den Flgelschlgen der Seele, die im Entfliehen war.

Wir hatten ihn Jedes an einer Hand gehalten, und auf einmal lieen wir
die kalten Hnde hinab auf die Decke sinken.

Dann ging meine Frau aus dem Gemache und suchte die Ruhe. Aber ich blieb
sitzen und fhlte mit Entsetzen, wie stumm Alles geworden war.

                   *       *       *       *       *

Am Nachmittag kam Olof, und zusammen mit Vater und Mutter trat er von
seinem ersten Ausflug in die Welt an das Bett, wo das kleine Brderchen
tot lag. Da weinte er mnnlich und still, und als er in den Speisesaal
kam, zeigte ihm Svante ernst seinen Finger.

Der trug ein tiefes Zeichen, und Svante beschrieb, wie das kleine
Brderchen seinen Nagel hineingedrckt hatte, bevor es gestorben war. Er
behielt dieses Zeichen mehrere Tage lang, und er vermite es, als es
verschwand.


                                  20.

Es steht ein kleiner, gelber Sarg mitten im Zimmer, auf derselben
Stelle, wo vor nicht langer Zeit ein Bett mit einem lebenden Kinde
stand. Jetzt ist das Zimmer mit Rosen geschmckt. Man sieht beinahe
nichts Anderes als Rosen, und durch die Thre tritt ein einsames Weib.

Sie trgt ein Kind auf ihren Armen, und das Kind ist tot. Sie will
nicht, da irgend jemand Anderer als sie selbst ihren Liebling berhre,
und mit ihren eigenen Hnden, die nicht zittern, legt sie ihn in den
Sarg. Ein kleines Hndchen aus Wolle, mit dem er zu schlafen pflegte,
als er noch frisch und gesund war und Niemand an den Tod dachte, legt
sie in seinen Arm. Es ist Flocki, der seinen Herrn begleiten will. Es
ist ein friedlicher Schlafgefhrte, der keinen strt. Dann sieht sie
nach, ob ihr Knabe gut liegt, und ordnet sein Bett, als htte er eben
sein Abendgebet gesprochen und sie wre gekommen, um ihm Gutenacht zu
sagen. Sie sieht ihn an, als sollte ihr Herz brechen, und sie kt seine
kalten Lippen.

Dann geht sie ihrer Wege, und ich stehe da allein mit dem Deckel, den,
wie ich ihr versprochen habe, kein Anderer als ich festschrauben soll.
Ich schraube und schraube, und der Ton des Meiels gegen die Schrauben,
die in das Holz eindringen, klingt schrill, so als knirschte ich selbst
vor Schmerz mit den Zhnen.

Aber als es geschehen ist, fhle ich keinen Schmerz mehr. Es ist, als
htte die Angst der letzten Tage jede Mglichkeit, zu fhlen, in mir
erttet, aber wohin ich sehe, begegnet mein Blick nur Blumen.

Da gehe ich hinaus auf die Veranda, und der Duft des Kaprifoliums, der
aus dem Dunkel emporsteigt, schlgt mir entgegen, derselbe Duft, der
mich umgab, als ich die Finger meines Kindes die meinen mit der Macht
des Todes umklammern fhlte. Alles in mir ist aufgelst, alles ist
vorber. Ich denke an sie, die eben hinausging, und an alles, was folgen
mu. Ich fhle, da ich nie Zeit haben werde ihn so zu betrauern, wie
ich wollte, meinen kleinen Knaben mit den Engelsaugen, und einsam beuge
ich das Knie an seinem Sarge, ich, der ich nicht wei, vor wem ich das
Knie beuge und zu wem ich beten soll.


                                  21.

Aber drauen auf dem Kirchhof liegt ein kleines Grab. Es ist wie ein
Garten geordnet, mit einer Buchsbaumhecke, einem Rosenstock und einem
Hgelchen mit frischem Gras, dessen Gipfel dicht mit Stiefmtterchen
bedeckt ist. Es ist verschieden von allen anderen Grbern, und darber
grnt eine einsame Linde.

Auf dem Hgel ist ein Stein, und auf dem Steine stehen die Worte: Unser
kleiner Sven.

Da schlft unser Glck, das einstmals grer war als das Anderer. Da
unter der Erde ist die Seele meiner Frau gefangen, mit Zauberbanden
gebunden, und keine Liebe kann sie zur Erde zurckbringen.




                              Dritter Teil


                                  Ewig besitzen wir nur das Verlorene.

                                                         Henrik Ibsen.


                                   1.

Nichts von dem, was ich erwartet und gefrchtet hatte, blieb aus. Der
einzige Unterschied war der, da, whrend das Unglck immer grer
wurde, ich nicht daran glauben wollte, trotzdem ich es geahnt hatte und
wute, da es kommen wrde. Denn da der Schmerz kommen wird, das knnen
wir Menschen wissen. Wie er wirklich kommt, wissen wir jedoch nie.

Das Erste, was ich mit unaussprechlichem Entsetzen fhlte und verstand,
als wenigstens so viele Tage verflossen waren, da ich zur Ruhe kommen
und ber das, was wirklich geschehen war, nachdenken konnte, war, da
meine Frau nie so aus ihrem innersten Wesen gesprochen hatte, als da sie
in meinem Zimmer vor mir sa und mir sagte, da sie zum Unglck geboren
sei, und da sie jetzt, wo Sven dahin sei, nur lebe, um zu sterben.
Immer von neuem wiederholte ich ihre Worte, immer von neuem hallten sie
in meinem Ohr wieder, und je lnger ich an sie dachte, desto gewisser
wurde es mir, da sie einen Kampf kmpfte zwischen dem Verlangen zu
sterben und ihrer Liebe zu mir und ihren Kindern, die ihr gebot zu
leben. Dennoch begann mehr und mehr alles das, was sie von ihrer Liebe
zu uns gesagt, vor meinen Gedanken emporzusteigen und die furchtbaren
Worte zu verdrngen, welche von einer Todessehnsucht zeugten, die
beinahe ein Entschlu zum Tode geworden war. Ich sah sie hin- und
hergerissen zwischen dem Gefhle, das sie an uns drei, die wir noch
lebten, band, und der dunklen Sehnsucht, die sie zu ihm zog, der
dahingegangen war. Wir waren ein Ganzes fr sie gewesen, und daher kam
ihr Leiden, sie fhlte, da sie nie die streitenden Krfte wrde
vershnen knnen, die um ihre Seele rangen.

Ich sah all dies. Ich sah es whrend einer Reise, zu der ich sie fast
gezwungen, um ihr den Anblick des Meers und der Sonne, neue Menschen und
Eindrcke des Lebens zu geben. Nie vergesse ich diese Reise. Nie
vergesse ich die Hoffnungslosigkeit, die sich meiner bemchtigte, als
ich Woche fr Woche immer deutlicher gewahrte, da alles, was sie sah,
an ihr vorbei glitt, als wre es fr sie nicht vorhanden. Sie verbarg
mir viel, sie verbarg sogar ihre Thrnen, und ich begriff, da sie das
that, weil sie sah, wie ich nur in der Hoffnung lebte, sie zum Leben
zurckzufhren, und sie so gerne, so gerne wollte, da ich solange als
mglich diese Hoffnung beibehalte. Ich begriff dies eines Abends, als
wir auf einer Veranda saen und ber die norwegischen Fjords und Fjells
sahen. Elsa betrachtete lange alles, dann schlo sie die Augen vor dem
Bilde, das sie liebte, und sah fort.

Georg, sagte sie, Georg! Warum lt Du mich all das sehen?

Dann brach sie still in Thrnen aus, aber versuchte wieder ihrem Weinen
Einhalt zu thun und sah zu mir empor.

Warum thust Du so viel fr mich? Warum bist Du so gut gegen mich? Es
wre viel besser, wenn Du mich meinen eigenen Weg gehen lieest.

Ich fhlte, da ich vor einem Leiden stand, das sich nicht messen oder
wgen lie. Ich fhlte Reue, da ich sie dem Schmerze entziehen wollte
und da ich sie es hatte merken lassen. Ueberhaupt versuchen, sie zu
leiten oder auf ihren Kummer einzuwirken, schien mir in diesem
Augenblick nur elend und klein. Ich zog sie blo an mich und sagte:

Weine bei mir! Weine so viel Du willst! Lege Dir keinen Zwang auf!
Glaubst Du nicht, da ich trauere wie Du?

Die Thrnen strmten aus ihren Augen, und doch war das Gesicht, das sie
mir zuwandte, so freudestrahlend, als sei ihr das grte Glck
widerfahren.

Wirklich? sagte sie.

Da meine Frau glauben konnte, ich htte schon vergessen oder sei auf
dem Wege zu vergessen, ergriff mich so, da mein Schmerz losbrach, und
ich hrte und sah nichts Anderes, als was ich selbst fhlte und was mich
qulte. Ich erzhlte ihr, wie nchtern unser ganzes Heim mir jetzt
vorkme, seit Sven gegangen war. Ich sagte ihr, welche Angst ich htte,
wieder heim zu kommen und die Arbeit des Alltagslebens zu beginnen,
jetzt, da ich wte, da seine klare Stimme mich nicht willkommen heien
und er selbst nicht mehr hinter der Thre versteckt stehen wrde, um
mich zu begren, wenn ich heim kme. All das sagte ich ihr, und ich
fhlte, wie sie an meiner Brust ruhig wurde. Ich war glcklich in dem
Bewutsein, wie gemeinsam wir noch fhlen konnten. Aber ich begriff
auch, da ihre Furcht, ich teilte ihren Schmerz nicht so, wie sie
wollte, von ihrer Ahnung kam, da alles, was ich vornahm, alles, was ich
that, dachte und sagte, in dem einzigen Versuche gipfelte, sie selbst
zum Leben zurckzurufen.

Darber dachte ich nun nach. Aber nach diesem Abend vernderte ich, wie
ich selbst wohl wute, mein Benehmen gegen meine Frau. Ich wurde
resigniert und erwartete nicht, da sie so bald ihre Gedanken von ihm,
der dahingegangen war, uns zuwenden wrde, die sie noch hatte. Dadurch
wurde sie vertrauensvoller und offener gegen mich. Aber die Reise glitt
an uns vorbei, als wre alles, was wir gesehen, nur eine Einbildung
gewesen. Freunde trafen wir, aber keine Teilnahme vermochte etwas
Anderes als Dankbarkeit bei meiner Frau hervorzurufen, die Menschen
glitten an uns vorbei, als wren wir selbst innerhalb einer Grenze
gestanden, die keiner aus eigenem Willen berschreiten knnte.

Und die Ruhe, die wir erreichen konnten, fanden wir nicht frher, als
bis wir eines Abends in unser neues Heim einzogen. Das war eine Wohnung
in Stockholm, mit der wir das Haus auf dem Lande vertauscht hatten, in
dem wir so viel Bses und Gutes erlebt. Wir hatten dies schon geplant,
bevor wir ahnten, da das, was uns jetzt widerfahren war, geschehen
knnte, und mit einem Gefhl der Furcht vor dem Winter traten wir in
unsere Zimmer.

Aber dennoch erlebten wir hier die ersten Tage der Erleichterung und der
Ruhe im Schmerze. Tausendmal bereuten wir, da wir je gereist waren und
gleichsam unseren Schmerz mit uns geschleppt hatten, um ihn von fremden
Menschen betrachten zu lassen.


                                   2.

Auf dem Kirchhof steht ein kleiner Stein mit der Inschrift Unser
kleiner Sven. Er ist auf den Hgel gelegt, der sich unter einer Linde
wlbt deren Bltter schon lange gefallen sind. Am Stamm der Linde steht
eine Bank, und auf der Bank sitzt eine einsame, schwarzgekleidete Frau
mit langem Kreppschleier wie der einer Witwe. Sie sitzt lange da, und im
Herbstlicht spricht sie mit einem, den Niemand sehen kann.

Sie befiehlt dem Kutscher, der in der Nhe des Grabes hlt, zurck auf
die Landstrae zu fahren. Und sie beugt sich hinab und sammelt in ihrem
Taschentuch Erde von dem Grabe. Dann nimmt sie aus einem Nhtschchen
schwarze Seide, Nadel, Faden und Schere. Die Seide schneidet sie zu und
nht einen kleinen Beutel. Dann nimmt sie von der Erde und fllt ihn.
Sie drckt ihre Lippen auf die dunkle Erde, und als sie das gethan hat,
nht sie den Beutel zu. Sie nht dicht und genau, so da kein Krnchen
verloren gehen kann, und an den Ecken des kleinen Beutelchens befestigt
sie starke Schnre. Dann packt sie ihr Nhzeug wieder ein und sitzt
lange da, mit dem schwarzen Amulett in der Hand, und denkt daran, da
sie nun ihm geweiht ist, der im Grabe liegt.

Dann beugt sie das Knie unter den kahlen Aesten der Linde und kt den
Stein, der den Namen ihres Lieblings trgt. Stille und feierlich, als
vollzge sie eine heilige Handlung im Beisein vieler Menschen, hngt sie
die Schnre um ihren Hals, ffnet ihr Kleid und legt die heilige Erde an
ihre Brust.

Die ganze Zeit ber ist ihr Gesicht ernst, aber glcklich und hell, und
bevor sie sich erhebt, kt sie die Erde unter ihren Fen und bleibt
dann stehen, um einen Blick auf das Grab zu werfen. Ein Wald von kleinen
Topfpflanzen blht um das Grab, und frische Blumen sind auf den Hgel
gelegt. Kein Grab ist so schn, so gepflegt, keines so reich geschmckt
gerade jetzt, wo der Herbstwind die Bume rttelt.

Da lchelt sie vor Freude und spricht wieder leise und innig zu einem,
den Niemand sehen kann. Dann geht sie zu dem Wagen, der am Thor des
Kirchhofs wartet und fhrt nach Hause.

Aber als sie heimkommt, geht sie geradeswegs zu mir herein, nimmt das
schwarze Amulett heraus und sagt mir, was es enthlt. Dann hlt sie mir
es hin und bittet mich, es zu kssen. Ich thue es, um ihre Freude nicht
zu stren und mit einem glcklichen Lcheln birgt sie es wieder an ihrem
Busen, indem sie sagt:

Wenn Du wtest, wie glcklich ich mich fhle, wenn ich drauen bei
Sven bin, wrdest Du dich nicht krnken, da ich so oft fahre. Ich werde
fr mehrere Tage ruhig, wenn ich nur zu ihm hinauskomme.

Dann geht sie wieder und lt mich allein. Und als ich nach ein paar
Stunden von meiner Arbeit aufstehe und sie suche, finde ich sie bei
Svens kleiner Kommode, wo sie die Dinge, die einmal ihm gehrt haben,
durch ihre Hnde gleiten lt.


                                   3.

So kreisen ihre Gedanken stets um ihn, der tot ist, und es giebt nichts,
das sie stren kann. Sie spricht davon, da sie ihm bald folgen werde,
und sie thut es in einem ruhigen, vertraulichen, besonnenen Tone, als
mte das die natrlichste Sache der Welt fr Andere sein, so wie fr
sie selbst.

Manchmal pflegt sie hinzuzufgen:

Ich mchte nur so gerne leben, bis die Knaben ein bichen grer sind
und mich nicht mehr brauchen.

Dann kann ihr Gesicht einen verzweifelten, zerissenen Ausdruck annehmen,
als wte sie, da dieser Wunsch mehr ist, als sie hoffen oder verlangen
kann, und ihre Stirne bekommt eine tiefe Falte zwischen den Augen, so,
als ob das Grbeln ihr Schmerz verursachte. Sie fhlt, da sie zwischen
Leben und Tod whlen mu, wenigstens in ihren Wnschen, und sie kann es
nicht. Darum will sie zuerst eine Zeitlang leben, um Denen, die am Leben
sind, alles zu sein, was sie ihnen sein kann, und dann sterben, um bei
ihm zu bleiben, dem sie sich angehrig fhlt. Sie sucht eine Vershnung
zwischen dem Verlangen zu sterben und dem Bedrfnis zu leben, und sie
frchtet Beides, weil das eine wie das andere um die Herrschaft in ihrer
Seele ringt und jedes in seiner Weise sie grenzenlos qult. Gleichzeitig
ahnt sie jedoch, welche der Mchte schlielich den Sieg davontragen
wird, und darum fgt sie dies hinzu nicht als ein auerordentliches
Ereignis, das Verwunderung und Staunen hervorrufen soll, sondern als
etwas Selbstverstndliches, das sie erlebt hat und das Niemand
bezweifeln kann.

Erinnerst Du Dich, wie ich sagte, da ich nicht an ein Leben nach
diesem glaubte? sagt sie. Du hast mich gelehrt, so zu glauben.

Ihr Gesicht verdstert sich, wie sie das sagt, und es kommt etwas wie
Groll in ihre Stimme, das mir weh thut. Sie sieht es, und vershnend
legt sie ihre Hand auf die meine, indem sie fortfhrt:

Jetzt glaube ich daran, und jetzt wei ich, da man anfangen kann, ein
solches Leben schon hier auf Erden zu leben. Dazu ist nur ntig, da
Jemand fortgeht, mit dem man so verbunden ist, da man das Gefhl hat,
als ginge die Seele mit. Beinahe jeden Abend kommt Sven zu mir. Er kommt
nicht, wenn ich es will oder wenn ich ihn bitte zu kommen. Nicht, wenn
ich weine und mich sehne, meine Arme nach ihm ausstrecke und seinen
Namen rufe. Aber wenn ich es am wenigsten ahne, dann sehe ich ihn neben
mir sitzen. Und wenn ich dann so recht ruhig und froh bin, dann lchelt
er mir zu und sieht glcklich aus. Er sieht mich dann an, ganz wie er es
zu thun pflegte, und bevor ich mich besinnen kann, ist er fort. Aber ich
bin doch glcklich. Denn ich wei, da er bei mir gewesen ist. Er ist
oft gekommen, wenn Du schliefst und ich wach lag. Mehr als ein Mal habe
ich daran gedacht, Dich zu wecken. Aber ich habe nie gewagt, es zu thun.
Denn ich frchtete, da er, wenn Du erwachtest, verschwunden sein wrde,
und dann wrdest Du mir vielleicht nicht glauben, was ich gesehen.

Sie betrachtete mich die ganze Zeit mit Scheu, als glaubte sie, ich
wrde ihr widersprechen. Ich thue es nie. Ich wei ja selbst nicht, was
ich glaube. Ich habe so furchtbare Erschtterungen durchgemacht, da ich
nicht zu sagen wage, was Wirklichkeit und was Schein ist in den
Erfahrungen der Anderen. Wei ich es nur von meinen eigenen? Wei ich,
ob nur das, was ich mit meinem Verstande erreichen kann, Wirklichkeit
ist? Ist es nicht denkbar, da es eine Wirklichkeit giebt, die nur mit
dem Gefhl oder -- warum nicht -- mit der Einbildung erreicht werden
kann? es kommt mir vor, als hiee es gleichsam mich selbst verstmmeln,
wenn ich mein Gefhl und meine Phantasie dazu degradierte, nur dazu zu
existieren, um von dem Verstande unterjocht zu werden. In Gedanken
vergleiche ich es damit, wenn ich das Auge einen krperlichen Schmerz
leugnen lassen wollte, weil er unsichtbar ist, oder das Ohr die
Mglichkeit einer Geschmacksempfindung in Abrede stellen, weil sie nicht
gehrt werden kann. Und wie gut ich auch all die Argumente kenne, die
gegen einen derartigen Gedankengang ins Treffen gefhrt werden, so ist
es mir doch unmglich, sie in diesem Falle geltend zu machen. Ich glaube
weder, noch glaube ich nicht. Ich gehe gleichsam in der peinvollen
Erwartung herum, einmal ber das Klarheit zu erhalten, was ich nicht
wei.

Und dabei wchst in mir ein Gedanke, der in der Stunde Wurzel
geschlagen, in der ich wute, da mein Kind sterben mute. Ich begreife,
da, was auch all dies sein mag, Einbildung oder Wirklichkeit, es doch
eines Tages meine Frau von mir nehmen wird. Sie ist mit meinem eigenen
Leben verwachsen, und ich kann sie nicht missen. Gegen mein eigenes
Glck, das ich einstmals so stark whnte, da ich von seiner Hhe auf
das Anderer herabsehen konnte, erhebt sich die Macht, die das Schicksal
alles Lebenden ist. Der Tod steht vor mir, wie er einmal vor dem kleinen
Sven stand, auf dem Bilde, dessen Inhalt er immer als ein Mrchen
erzhlt haben wollte. Die Glocke lutet, und der, der nicht von hinnen
gehen soll, wird gerufen, und der, dem der Ruf nicht gilt, mu
zurckbleiben. Der Unterschied ist nur der, da ich den Tod aus der
Ferne sehe, lange bevor er herangekommen ist, wei, da seine Glocke
erklingen wird, und da die, der sie erklingt, mit Freuden scheidet.

Aber ich will nicht thatenlos die Macht des Todes verfluchen. In mir
wchst ein Verlangen, das hher geht, als mir selbst bewut ist. Es ist
dasselbe Verlangen, das, als die Gewiheit vom Tode des Kindes meine
Frau zu Boden drckte, sie antrieb zu sagen: Er soll nicht sterben. Er
darf es nicht. Ich wei, da er nicht sterben wird. In gleicher Weise
sage auch ich zu mir selbst: Ich will es nicht. Ich will sie nicht
verlieren. Sie soll leben -- allem zum Trotz. Ich merke nicht, da ich
das Unmgliche versuche. Die Kritik, die sogleich wach war, solange es
sich um sie handelte, schlummert jetzt, wo es mir gilt. Ich will mit dem
Tode kmpfen, um ihr und mein Glck zu behalten, so wie es einmal
blhte, nicht, als das Leben uns entgegenlchelte, aber wenigstens, als
wir seine Zchtigung empfangen hatten und doch wuten, da es lcheln
konnte. Ich wollte alles thun, um sie zurckzuerobern. Wie Orpheus
wollte ich hinab ins Totenreich steigen, mit meiner Liebe wollte ich sie
zwingen zurckzukehren, und folgt sie mir, werde ich mich gewi nicht
umwenden und zu den Schatten zurckblicken.

Das gelobe ich mir selbst, und ich erwarte nicht, da der Lohn bald
kommen wird. Im Gegenteil, ich bereite mich auf eine lange, harte
Prfungszeit vor, und ich wei im Vorhinein, da das Erste, was ich
lernen mu, die Kunst des Wartens ist.

Aber ich bin so sicher in meinem Glauben, da ich fr mich lcheln kann,
wenn ich ihre Rede vom Tode hre. Ich kann sie sagen hren, da sie sich
fortsehnt, und ihre Liebkosungen fhlen, wenn sie mich bittet, ihr zu
verzeihen. Dann geniee ich die Liebkosungen und vergesse ihre Worte.
Wie eine groe, unendliche Gewiheit fhle ich, da der Sieg
unwiderruflich mein ist und nicht dessen, der in der Erde schlummert.
Ich nehme ihn in meinen Gedanken zum Bundesgenossen, sage ihr sogar,
indem ich auf ihren eigenen Gedankengang eingehe, da sie leben mu,
weil Sven will, da sie lebt, ja, weil er es mir zugeflstert hat,
whrend ich schlief.

Sie hrt mich mit verwunderten, glnzenden Augen an, und lange Zeit
spter -- so lange Zeit, da ich mich nicht erinnern kann, was ich
selbst gesagt habe -- erzhlt sie mir, da Sven auf ihrem Bett gesessen
sei, in seinem neuen weien Kleid mit der blauen Schrpe, und gesagt
habe:

Mama, Du sollst nicht so viel um mich weinen. Es thut mir so weh im
Kopf, wenn Du weinst.

Ich hre diese Worte, und ich klammere mich an sie wie an ein Omen.
Hoffnungsvoller denn je trume ich von einer Zukunft, in der unser totes
Kind ein strkeres Vereinigungsband sein wird, als wenn es gelebt htte,
und ich gedenke mit Thrnen in den Augen der Worte, die sie selbst mich
einmal gelehrt:

Zusammen altern.


                                   4.

Es war nichts Geringeres als ein Kampf mit dem Tode, den ich begonnen,
und die Zeit, die folgte, wurde ein bestndiger Wechsel zwischen der
dstersten Verzweiflung und der hellsten Hoffnung. Das Schwerste unter
solchen Verhltnissen ist natrlich die vllige Unthtigkeit, die darin
besteht, blo ruhig auf das zu warten, was kommen soll und geduldig
alles der Zeit zu berlassen, whrend man gleichzeitig glaubt, da
alles, was geschieht, nur das Herannahen der Nacht beschleunigt, die man
verscheuchen zu knnen hofft. Wie ngstlich beobachtete ich nicht meine
Frau in dieser Zeit! Wie folgte ich ihr nicht auf ihren Fahrten zum
Grabe! Und wie freute ich mich, wenn ich sie ruhig und frhlich die
Knaben um sich versammeln, ihnen erzhlen und vorlesen sah, so wie nur
sie es konnte, und wenn ich wieder ihre munteren Stimmen hren durfte,
die durch einander klangen, wenn das Gelesene Anla zu einem dieser
lustigen Kommentare gab, die es zu einem Feste machen, Kindern
vorzulesen. Und wie konnte ich nicht beim Mittagstisch oder bei der
Abendlampe nach dem angestrengten, abwesenden Ausdruck in dem Antlitz
meiner Frau sphen, der wie eine Wolke kommen und uns alle stumm machen
konnte.

Es war dann, als ginge ihre Seele pltzlich von uns fort und liee uns
allein. Die Knaben wechselten Blicke mit mir, Blicke, die deutlich
sagten, da sie, soweit ihr Alter es zulie, ebenso wohl verstanden wie
ich und ebenfalls litten, wenn es ihnen auch leichter fiel, die Gedanken
zu zerstreuen. Svante stand auf und streichelte Mama, und er fhlte sich
nicht zurckgestoen, weil es ihm nicht gelang, ihre Augen zu erhellen.
Er konnte nachher zu mir kommen und sagen:

Mama thut mir so leid.

Das war alles fr ihn, und drum war er vielleicht ein besserer Trster
als ich.

Olof sa bei solchen Anlssen mehr still da und versuchte mit mir zu
sprechen, als wre alles, wie es sein sollte. Aber seine Augen folgten
der Mutter, und ging sie hinaus, um allein zu sein, was oft geschah,
wenn sie fhlte, da sie uns nicht lnger ansehen und mit uns sprechen
konnte, dann pflegte er sich an ihre Thre zu schleichen und dort lange
zu stehen und zu horchen. Dauerte das Schweigen allzulange, so ging er
sachte hinein, und geschah es, da er abgewiesen wurde, dann kam er
still zurck und setzte sich mit einer resignierten Miene nieder, als
wte er, da er nicht alles auf einmal verlangen knnte.

Es erging ihm wie mir, er htte es als eine Erleichterung empfunden,
wenn er nur gewut htte, was er thun sollte.

Und wenn wir drei zu solchen Zeiten allein saen, dachten wir alle an
das, was wohl hinter der verschlossenen Thre vorging, wo meine Frau
sich immer nher und nher zu der Grenze hinarbeitete, an der das Leben
aufhrt, wo sie sich zum Tode durchkmpfte.

Wit Ihr, woran Mama leidet? sagte ich eines Tages.

Olof sah fort, ohne etwas zu sagen, aber Svante antwortete:

Ja.

Ich htte brigens nicht zu fragen gebraucht. Denn ich wute, da sie
sie auf das vorbereitet hatte, was kommen sollte.


                                   5.

Des Abends, wenn ich allein blieb, sa ich oft da und schrieb, um meine
Gedanken zu zerstreuen oder berhaupt etwas vorzunehmen, an einer Art
Tagebuch, das ich auf dem Grunde einer Schreibtischlade verwahrte, damit
Elsa es nicht durch einen unglcklichen Zufall in die Hand bekme.

Ich habe es jetzt wieder gelesen, und alles, was darin steht, scheint
mir vor so langer Zeit geschrieben, da ich kaum glauben kann, da
seither nicht einmal zwei Jahre verflossen sind. Aber wie ich darin
lese, wird alles, was geschehen ist, lebendig und gegenwrtig, und ich
fhle wieder die Martern der furchtbaren Illusion, die mich damals
aufrecht hielt.


                                Tagebuch


                                                         4. September.

Ich sitze hier und denke an den kleinen Sven. Alles um mich ist stumm,
und ich glaube ihn zu sehen, wie er in den letzten Tagen, in denen er
noch aufsein konnte, ber die Gartenwege ging, seine kleine, zrtliche
Hand in der meinen, und in einem fort plauderte, whrend er mit seinen
gedankenvollen Kinderaugen zu mir aufsah. Und wie ich mich in diese
Erinnerung vertiefe, ist mir die Hoffnungslosigkeit, da ich ihn niemals
wiedersehen werde, so unsglich bitter. Denn er war, ohne es zu ahnen,
des Hauses Mittelpunkt. Er war es, der immer uns vier Groen
entgegengelaufen kam und der die Rume mit seinem Gezwitscher erfllte,
wenn wir heimkamen. Um ihn versammelten wir uns bei jeder Kleinigkeit,
die Freude bereitete, um zu erfahren, was er dazu meinte. Jetzt geht
sein Vater umher und mu sich hart gegen die Erinnerung machen, um nicht
zu versagen und um alles Andere aufrecht zu erhalten. Darf nicht einmal
zu viel denken. Nicht einmal trauern. Denn dann wrde alles in die
Brche gehen.

Kam er, um seine Mutter zu holen und uns Alle in Betrbni
zurckzulassen? Oder kam er, um zu gehen, so still und schn wie er
ging, und uns Alle durch seinen Tod des Lebens groe Kunst zu lehren?


                                                          16. Oktober.

Ich habe an alles gedacht und alles gesehen, und ich wei jetzt, um was
der Kampf gekmpft wird. Tag fr Tag habe ich gesehen, wie es nur
schlimmer geworden ist. Und es ist keine Freude, klar zu sehen. Es ist
ein Leiden. In dieser Zeit habe ich jede Einzelheit verfolgen knnen,
und ein Wort oder ein Blick konnte mich bis in mein innerstes Wesen
erzittern machen, weil ich wute, was er zu bedeuten hatte. In meiner
Anwesenheit und der der Knaben habe ich sie gleichsam abfallen und
Gesprche mit einem Unsichtbaren fhren sehen. Bis aufs Aeuerste habe
ich jeden Nerv anstrengen mssen, um in ihren Augen den Blick zu
erzwingen, der zeigte, da sie sich bewut wurde, da sie nicht allein
war. Ich habe sie selbst alles fhlen und verstehen sehen, sie ahnen und
wissen sehen, was in ihr lauerte. Sie hat sich in Angst vor mir
niedergeworfen und mich gebeten, sie nicht wegzuschicken -- sondern ein
wenig Geduld zu haben.

Ich leide furchtbar darunter, ihren Kampf zu verfolgen, und dennoch wei
ich, da das, was jetzt meine Qual ausmacht, nur eine andere Seite
derselben Eigenschaften einer reichen und machtvollen Natur ist, deren
Wellen hoch gehen wie die des Meeres -- derselben Eigenschaften, die mir
einst alles Glck und allen Jubel der Welt geschenkt.


                                                          30. Oktober.

Die furchtbare Spannung fngt an, vorberzugehen, und meine Frau
befindet sich von Tag zu Tag besser. Nach dem Dunkel des Winters werden
wohl einmal die Tage lnger und die Stunden lichter.


                                                          8. Dezember.

Es ist lange her, seit ich mein Tagebuch berhrt habe. Aber das kommt
daher, da ich gearbeitet habe. Ich habe ein Theaterstck geschrieben,
und es ist wunderlich zugegangen. Mitten in Korrekturen und Arbeit aller
Art, in der Krnklichkeit meiner Frau und einer Nervositt, die mir mein
ganzes Wesen wie eine Bogensaite gespannt erscheinen lie, bin ich des
Morgens aufgestanden und habe mir die Zeit zum Schreiben gestohlen. Ich
habe Nacht fr Nacht bis zwei Uhr geschrieben. Ich habe Whisky
getrunken, um mich wach zu erhalten. Ich bin mitten in der Arbeit
ausgegangen und habe soupiert, um Lrm zu hren und Gesichter von
Menschen zu sehen, mitten in einem fieberhaften Leben zu sein, es um
mich wogen und meine Schlfen brennen zu fhlen.

Aber das Stck wurde fertig, und ich fhle nur eine groe Mattigkeit.
Was ich erreichen will, ist jetzt wahrlich weder Ruhm, noch
Schriftstellerfreude. Ich habe das Gefhl, als lebte mein Hirn allein
auf Kosten des ganzen brigen Krpers. Ja, es ist schade, da der Tag
nur vierundzwanzig Stunden hat, wenn es gilt, das Unmgliche zu
erreichen.


                                                         17. Dezember.

Es ist mir, als ob, ohne da ich es klar wei, alles, was ich erlebt
habe und lebe, war und bin, in irgend einer wunderbaren Weise einer
Erfllung entgegenginge, die sich vollzieht, ohne da ich einen Finger
rhren kann. Whrend all dem lebe ich mein gewhnliches Leben, und ich
glaube nicht, da Jemand mich eigentlich verndert findet. Ich bin froh,
wenn ich herauskomme und Menschen treffe, sogar ausgelassen. Denn das
lindert.

Aber daheim lebe ich mein wirkliches Leben. Und unablssig habe ich dort
das Gefhl, als glitte ber sie und mich etwas von dem, wovon ich einmal
selbst in einem ganz anderen Zusammenhang geschrieben habe, da es
grer als Glck und Unglck ist, etwas von dem, das keinen Namen hat.

In all dem ist natrlich meine Frau der Mittelpunkt. Ob sie der
Gesundheit oder dem Untergang entgegengeht, wei ich nicht. Dies scheint
mir jetzt etwas zu sein, in das ich nicht eingreifen kann. Es kommt mir
zuweilen vor, als stnde ich auerhalb, als htte ich keinen Teil daran
und knnte es niemals erreichen. Und in all dem ist keine
Ueberspanntheit, nur eine resignierte Sehnsucht, die farblos ist.


                                                           25. Januar.

Meine Frau hat sich heute ans Klavier gesetzt. Singen will sie wohl noch
nicht, aber ich habe doch wieder Musik in meinem Heim gehrt, und die
Melodieen von einst haben unseren Sinn gleichsam auf einen neuen,
helleren Ton gestimmt. Ueberhaupt ist in letzter Zeit etwas Neues ber
sie gekommen, etwas Neues, das mehr verspricht, als das Frhere. Sie ist
zum Leben erwacht und ist mit uns Andern wie zuvor. Noch nicht so recht
vielleicht. Aber ich fhle, wie sie uns mit jedem Tage nher kommt.
Zuweilen glaube ich, was sie sagt, da all das kommt, weil sie wei, da
sie nun bald scheiden wird und da diese Hoffnung sie aufrecht hlt.
Aber zuweilen glaube ich, da wenn es auch jetzt so sein mag, all dies
doch auf dem Wege ist, in etwas Greres hinberzugleiten, das sie
selbst mit Verwunderung und Angst sprt, aber nicht glauben will.

Wie es damit ist, wei ich nicht. Aber ich wei, da ich jetzt nicht
verzweifelt bin, wie ich frher war. Denn jetzt lebe ich unter dem
Schicksal, das das meine ist und das -- geschehe was da will --, so wie
ich es jetzt sehe, nichts Hliches in ihr Leben und in das meine
bringen kann. Das hatte ich gefrchtet.


                                                          19. Februar.

Ich halte das nicht lnger aus. Ich habe Schwarz und Schwarz und Schwarz
um mich gesehen, so da ich in Raserei gerate, so wie ich nur mich
selbst in einem Spiegel erblicke. Und das Beste ist, da meine Frau
selbst anfngt, ein wenig von alledem zu fhlen.


                                                             26. Mrz.

Ich gehe nur und warte darauf, da der Winter wirklich zu Ende geht, so
da wir von hier fortkommen. Eine Apathie hchst wunderlicher Art
beherrscht mich, und ich habe manchmal Angst, da dieser Winter mich
gebrochen hat. Was der Sommer bringen kann, ist vielleicht auch nicht
gerade etwas, worauf man Erwartungen setzen kann. Wir zogen nach
Stockholm herein, oder richtiger wir mieteten eine Wohnung, als wir
glaubten, da alles uns vorwrts tragen wrde, wenn auch langsam. Wie es
geworden ist, wre es besser gewesen, wir wren auf dem Lande geblieben,
in der Abgeschiedenheit, die fr uns das Beste zu sein scheint. Hier ist
es einsamer als dort.

Die Sorge wirkt verscheuchend.


                                                              31. Mai.

Heute ist unser Hochzeitstag. Im wunderschnen Monat Mai. Ich kann es
nicht lassen, etwas aufzuzeichnen, wie kindisch ich auch selbst fhle,
da es ist. Es sind nmlich heute vierzehn Jahre, da wir verheiratet
sind, und das Jahr, das vergangen ist, war das schwerste. Das, was
vergangen ist, war ja das dreizehnte -- das Unglcksjahr _par
prfrence_. Es ist, als glaubte ich, da Jemand oder etwas von nun an
unseren Weg ebnen wollte, oder als fhlte ich, da etwas in mir der
Heilung nahe sei. Und all dies, weil mir eine Ziffer eingefallen ist,
die unter normalen Verhltnissen sicherlich spurlos an mir
vorbergegangen wre.


                                                             25. Juni.

Die Tage verstreichen, whrend ich umhergehe und denke, da ich anfangen
sollte, zu arbeiten. Aber die Schmetterlinge der Dichtung flattern nur
unruhig ber etwas umher, das de und verbrannt ist. Zuweilen will es
mich bednken, als knnte ich ihrem Fluge folgen. Aber dann erinnert
mich die Wirklichkeit wieder an das, was ist, und alles verdunkelt sich.

Knnte ich nur stets so sein, da meine Frau nichts merkte. Knnte ich
gleichmig und froh sein oder es wenigstens scheinen. Aber ich kann es
nicht, und ich wei, da sie nicht nur ber sich selbst trauert, sondern
auch ber den Schmerz, den sie mir verursacht. Es mu furchtbar sein, so
herumzugehen wie sie und nichts zu knnen, nichts zu vermgen, und bei
dem Geringsten zusammenzubrechen, das ihr Unruhe oder Schmerz
verursacht. Einhergehen und ber den Tod grbeln, von dem sie glaubt,
da er kommen wird, der aber nicht kommt. Dreifach entsetzensvoll mu es
sein, zu alledem dem Menschen, den man am meisten liebt, unsgliches
Leid zuzufgen und nichts thun zu knnen, um es zu lindern.

Sie kann zuweilen dasitzen und mich ansehen, wenn sie glaubt, da ich es
nicht merke, und dann kommt in ihr Antlitz ein solcher Ausdruck der
Verzweiflung, da er mir in die Seele schneidet.

Gestern kam sie und setzte sich neben mich und legte ihre Hand auf die
meine.

Wenn Du nur mich nicht httest, sagte sie, um wie viel glcklicher
wrdest Du da sein!

Ich wei, da sie an die Wahrheit ihrer eigenen Worte glaubte, und meine
Antwort konnte wohl fr einen Augenblick ihren Glauben erschttern und
ein Aufleuchten der Hoffnung in ihre Augen locken, aber sie konnte ihr
nicht die sichere Ueberzeugung wiedergeben, da sie unentbehrlich sei
und daher leben msse.


                                   6.

Wenn ich diese Bltter lese und sehe, wie ich zwischen Hoffnung und
Furcht geschwankt habe, begreife ich nicht, da das, was diese Zeilen
erzhlen, wirklich wahr sein kann. Und doch mu es so sein. Denn
_scripta manent_. Und wie unvollstndig und fragmentarisch diese
Aufzeichnungen auch sein mgen, erzhlen sie mir doch mit voller
Gewiheit, da ich damals mehr hoffte, als ich jetzt fassen kann, wo
alles seine Erklrung und sein Ende gefunden hat.

So viel begreife ich, da in diesem Winter, zu dessen Erinnerungen ich
nicht mehr zurckkehren will und kann, mein Glck darin bestand, da ich
schlielich etwas fand, was, wie ich glaubte, dazu beitragen konnte,
meine Frau zu retten. Welches Glck war dies nicht! Nicht mehr ein
unthtiger Zuschauer sein zu mssen, eingreifen, wirken, arbeiten zu
knnen, mit einem bestimmten Ziel vor Augen, einem Ziel, das man
wenigstens glaubt erreichen zu knnen. In der Jugend wrde eine solche
Glcksquelle vielleicht arm und gering erscheinen. Aber wenn die Jahre
das Haar ein wenig grau gesprenkelt haben, begngt man sich mit
Geringerem als frher. Man kann dann leben und leiden, wenn man glaubt,
da es in dem Bereiche der Mglichkeit liegt, Besserung zu schaffen, und
man kann in dem bloen Bewutsein einer solchen Mglichkeit etwas
finden, was beinahe dem Glck gleicht.

Fr mich kam diese Hilfe in demselben Moment, in dem die Ahnung, die ich
schon lange gehabt, da das Stadtleben fr den Zustand meiner Frau
verderblich sei, sich immer mehr zu wirklicher Ueberzeugung steigerte
und sich schlielich in den Entschlu umsetzte, sie daraus loszureien
und zum Lande zurckzukehren, das wir nie htten verlassen sollen. Der
Arzt bestrkte mich auch in diesem meinem Entschlu, und als ich das
erste Mal diesen Plan meiner Frau als eine bloe Mglichkeit vorlegte,
leuchtete ihr ganzes Gesicht auf, als htte ich ihr die Freuden des
Paradieses versprochen, und sie sagte nur:

Kannst Du das fr mich thun? Willst Du das?

Diese Worte regten mich zu Handlung und Leben an, und in allem Zweifel,
aller Unruhe und allem, was ich frher geschildert und erzhlt habe,
allem, was mich zu Boden drckte, glnzten mir diese Worte wie Sterne
durch die Dunkelheit entgegen und feuerten mich zu der letzten groen
Anstrengung an, die, wie ich hoffte, uns allen die Freude in unserem
Heim wiederschenken sollte. Je mehr ich daran dachte, desto
wahrscheinlicher kam es mir vor, da ich hier das Sesam ffne dich
gefunden hatte, das meiner Frau den Weg bahnen sollte, wieder dem Leben
anzugehren. Wie ein Mann, der glaubt, einen Talisman gefunden zu haben,
der ihm die Macht giebt, Wunder zu wirken, setzte ich meine ganze
Zuversicht auf diesen Plan, und als wir endlich in die kleine Villa
gezogen waren, die hoch oben mit der Aussicht ber Fjords und Wlder lag
und wo die Bltter der Espen vor dem Fenster zitterten, an dem meine
Frau sitzen und mich sehen wrde, so oft ich von meiner Arbeit heim
kme, da fhlte ich mit Gewiheit, da nun die Lsung gefunden sei. So
wunderlich mir dies auch jetzt erscheinen mag, ich war ganz von der
Gewiheit durchdrungen. Ich glaubte, und ich war unaussprechlich
glcklich in meinem Glauben.

Nie habe ich mich auch hoffnungsfreudiger gefhlt, wie als diesen Winter
der Schnee zu fallen begann und wir dieses eigentmlich heimliche Gefhl
empfanden, von allen und allem abgeschlossen zu sein, das dem nordischen
Himmelsstrich eigen ist. Vom Dachboden bis hinab zum Keller stand unser
neues Heim fertig, und wie frher, das Ganze ordnend und die Zimmer mit
all den kleinen Erfindungen und Gegenstnden schmckend, die
hervorzuzaubern das Geheimnis des Weibes ist, ging meine Frau wieder
zwischen uns umher. Die lauten Stimmen der Knaben hallten in den Zimmern
wieder, ohne da Jemand sie zu dmpfen brauchte. Die Kanarienvgel
sangen und trillerten, ohne da Jemand das nchtliche grne Tuch ber
ihr Bauer hing. Der Pudel bellte zu dem Spielen und Balgen der Knaben.
Und das Klavier war nicht mehr verschlossen.

Das kam eines Abends, als ich es am wenigsten ahnte. Ohne mit einem
Worte ihre Absicht zu verraten, kam Elsa hinab in das Wohnzimmer und
setzte sich an das Klavier. Sie sah mich an, als sie an mir vorbeiging,
und ich begriff, wie glcklich sie war, da sie ihrem eigenen Wunsche
folgen konnte. Seit Sven gestorben war und sie nicht mehr seine klare
Stimme zu den Tnen des Klaviers hren konnte, hatte meine Frau nie die
Lieder singen wollen, denen so oft nur er allein gelauscht hatte. Kaum
meinen eigenen Sinnen glaubend, sah ich sie am Klavier sitzen, hrte sie
einen Ton anschlagen, und gleich darauf klangen die Tne durch das
Gemach.

   Mein weier Schwan,
   Du stummer, stiller,
   Nicht Schlag, nicht Triller
   Zeigt Stimme an.

Und der Schlu:

   Mit schmerzlicher Ode
   Schlot Du die Bahn,
   Du sangst im Tode:
   Du warst doch ein Schwan.

Weder frher noch spter habe ich dieses Lied so gehrt. Whrend sie
sang, kamen die Knaben sachte herein, nach einander kamen sie und
blieben stumm in der Thre stehen. Sie sahen mich verwundert an, als
glaubten auch sie ihren Sinnen nicht, und ich nickte zur Antwort,
whrend meine Augen feucht wurden. Als die letzten Tne verklungen
waren, war es still im Zimmer, aber still wie zu einer Feierstunde.

Meine Frau stand auf und schlo den Flgel.

Ich kann heute nicht mehr, sagte sie wie zur Entschuldigung.

Aber dann sah sie uns alle an und begriff, welche Freude sie
hervorgerufen. Ihr Gesicht leuchtete auf, sie ging an mir vorbei und auf
die Knaben zu, zog sie an sich und drckte beider Kpfe an ihre
Schultern.

Dankt dem kleinen Brderchen, sagte sie. Er hat mir geholfen.

Sie sagte das nicht krankhaft wie frher, nicht in dem beinahe
feindlichen Ton, den sie angeschlagen, wenn sie glaubte, da wir
Lebenden sie hinderten, dem Toten anzugehren. Sie sagte es weich und
stille und beinahe glcklich, mit einem Ausdruck, als nhme sie Abschied
von etwas Vergangenem, das niemals wiederkommen sollte.


                                   7.

Hinter dem Schlafzimmer lag ein kleiner Raum, der ursprnglich als
Toilettezimmer gedacht war, den man aber aus irgend einem Grunde nicht
eingerichtet hatte. Er war sehr unregelmig, die Fenster saen hoch
oben, und das Licht war trber als in den andren Zimmern.

Da wohnte der kleine Sven. Da war sein Gemach, und dieses Gemach war
verschlossen.

Niemand durfte meiner Frau helfen, dieses Zimmer zu ordnen oder dort
aufzurumen. Sie allein mute alles thun. Da hngte sie helle Gardinen
vor das kleine Fenster, und in die Fensternische hinter die Gardine
stellte sie einen Tisch. Fr diesen Tisch nhte sie ein Tuch, das aus
demselben Stoff war wie die Vorhnge, und auf dem Tisch standen Svens
Spielsachen. Da war ein Pferd, das einen Wagen zog, ein paar
Zinnsoldaten und ein Zelt. Da war Svens weie Kaffeetasse mit dem
Goldrand, seine Sparbchse, ein kleiner Sbel und ein Czako. Da war
alles, was er zurckgelassen, seine ganze kleine Hinterlassenschaft.
Unter dem Tisch standen zwei Holzpferde, von denen das eine seine Mhne
ganz verloren hatte, und vor dem Tisch stand ein kleines, niedriges
Holzsthlchen, das Sven bekommen hatte und das er sich durch die Zimmer
zu tragen pflegte, wenn er so recht vergngt war und Mama dazu bekommen
wollte, ihm Mrchen zu erzhlen.

Aber mitten unter den Spielsachen standen kleine und groe Portraits in
Rahmen, und an den Wnden so nahe als mglich vom Lichte hingen andere.
Da waren Bilder von Papa und Mama, von den Brdern und von der ganzen
Familie. Da war das Portrait von Sven in seinem langen Kittelchen und
von Sven in dem kleinen Pelz, wie er auf einer Bank stand und gegen die
Sonne blinzelte, die ber den Schnee leuchtete. Aber alle Bilder waren
aus der Zeit der Jugend und des Glcks, als noch nichts geschehen war,
das an den Banden reien konnte, die uns noch alle vereinten. Und
allein, ganz fr sich, hing auf einem Vorsprung der Mauer die Abbildung
von Spangenbergs Bild vom Tode, ber das der kleine Sven gegrbelt und
dessen Geschichte seine Mama ihm lange vor dem Tag erzhlt hatte, an dem
er selbst mehr davon erfuhr, als die Groen je erzhlen knnen.

Und dann stand noch etwas da. Das war eine kleine, dunkelgebeizte
Kommode, die Sven einmal bekommen hatte. Die hatte ihre kleine
Geschichte, denn in frheren Zeiten hatte sie Papa gehrt. Da war sie
gelb und hell gewesen, aber seither hatte sie viel Schicksale
durchgemacht, und als sie in Svens Besitz berging, bekam sie ihre neue
Farbe. Aber in ihren drei Laden lagen all die Dinge, die Erinnerungen an
den Kleinen bargen und nicht herumliegen durften. Da wurde sein letztes
Hemdchen verwahrt und das letzte Paar Strmpfe, das er getragen hatte.
Da lagen seine kleinen Notenhefte Sing uns was, Mama, die nie mehr
unten auf das Notenpult im Wohnzimmer kommen sollten. Da wurde sein
letztes, schnes, weies Sommerkostm aufgehoben, mit der schnen,
blauen Schrpe und der Rosette in der gleichen Farbe auf der weien
Mtze. Da lagen seine kleinen, braunen Schuhe, und die Bcher des
kleinen Sven. Da war auch Papas eigenes Buch von den groen Brdern,
Mamas eigenes Exemplar, das Sven sich erbettelt hatte, als er Papa bat,
ein Buch nur ber Nenne zu schreiben.

Das war Svens Zimmer, und hier war Elsas Heiligtum. Jeden Abend ging sie
dort hinein, und jeden Morgen sa sie da, bevor sie mit Anderen sprach.
Nie war sie glcklicher, als wenn Papa auch hineinging und drinnen
blieb.

Dort wohnte auch Sven, und was da gesprochen wurde, wei Niemand. Auch
wenn Elsa etwas davon erzhlte, war das, was sie sagte, nichts gegen die
Worte, die dort drinnen zwischen ihr und der Welt des Unbekannten
gewechselt wurden.

Du glaubst ja nicht daran, sagte sie eines Tages zu mir. Aber ich
fhle es.

Woher weit Du, da ich nicht glaube? antwortete ich.

Sie blickte mich mit groen, verwunderten Augen an.

Du kannst nicht glauben wie ich, sagte sie. Denn du zweifelst
gleichzeitig, ob es mglich ist. Aber ich wei es, und ich zweifle nicht
mehr.

Eine Erinnerung tauchte in mir auf, die Erinnerung an die Stunde, in der
sie mir vorwarf, da ich ihr ihren Glauben an die Wirklichkeit des
Uebersinnlichen genommen. Ich begriff, da sie ihren gegenwrtigen
Glauben brauchte, da sie ihn immer gebraucht hatte, da er mit ihrem
innersten Wesen so tief und ganz zusammenhing, da ihr vielleicht viel
Leiden erspart geblieben wre, wenn man diesen Glauben niemals
erschttert htte. In gleicher Weise wute ich bei mir selbst, da ich
den Glauben an eine Fortdauer nach dem Tode nie ganz von mir geworfen
hatte. Ich hatte kritisiert, untersucht, ja gestrebt, diesen Gedanken in
meinen eigenen Augen unmglich zu machen. Aber ich hatte das vielleicht
hauptschlich in der Hoffnung gethan, da mich gerade dieses Suchen
schlielich zu der Ueberzeugung vom Gegenteil fhren wrde. Diese
Ueberzeugung war nie gekommen, aber mit den Jahren hatte das, was ich
von dem Knftigen dachte, eine Vernderung durchgemacht. Der
Unsterblichkeitsgedanke war und blieb fr mich allerdings nur eine
Mglichkeit, aber mehr und mehr hatte er die Form von etwas Mattem und
Mildem angenommen, dem ich mich nherte, ohne recht zu wissen, wie.
Schritt fr Schritt hatte ich die Mglichkeit einer solchen Ueberzeugung
in mir wachsen gefhlt, und was ich im letzten Jahre durchlebt, hatte
mein Gefhl von dieser Mglichkeit genhrt, die mein Verstand noch immer
weder annehmen noch verwerfen konnte.

Gleichzeitig schien es mir, als stnde ich allein in all diesem, und als
wollte oder knnte meine Frau nicht sehen, was hierbei in mir vorging.
Aber, als sie mir diese Worte sagte: Du zweifelst gleichzeitig, ob es
auch mglich sei, da wurde es mir klar, da sie mich miverstehen
mute, weil ich selbst nichts gesagt hatte. Wie hatte ich ber all das
schweigen knnen? Wie konnte ich vergessen, da, was ich hier wirklich
zu sagen hatte, sie sicherlich mit dem hchsten Glck erfllen mute? In
einem Nu wollte ich gutmachen, was ich verbrochen zu haben glaubte, und
ich erinnerte sie darum an den Tag, an dem sie gesagt hatte, da sie
glauben wollte wie ich, denken wie ich, leben wie ich.

Ich will, da Du es einmal erfhrst, sagte ich. Es sind nun seither
Jahre vergangen. Aber nie habe ich etwas derartiges von Dir verlangt.
Nie habe ich gewollt, da Du etwas in Dir um meinetwillen verndern
solltest. Deine Liebe hat Dir diesen Gedanken eingegeben, nicht ich.

Sie sah vor sich hin, als schweiften ihre Gedanken grbelnd in ferne
Vergangenheit.

Ich glaubte, Du wolltest, da ich werden sollte wie Du, sagte sie.

Nie, antwortete ich, nie habe ich etwas derartiges gewnscht. Ich
wollte mit Dir ber das, was ich dachte und fhlte, sprechen knnen.
Aber ich wnschte, da Du es mir gegenber ebenso machtest. Ich habe es
vermit, da Du es nicht gethan hast.

Ich sah, da in all dem etwas enthalten war, das sie qulte, mehr als
Worte es schildern knnen. Aber ich ahnte nicht, was es war.

Ich habe immer gedacht, Du wollest mich Dir hnlich haben, sagte sie.

Das habe ich gedacht und auch Anderen gesagt. Als ich glaubte, da ich
nicht mit Dir sprechen knne, habe ich zu Fremden gesprochen.

Das Letzte fgte sie mit einem Tonfall hinzu, als htte sie etwas
unberwindlich Abstoendes ausgesprochen, dessen sie sich schmte.

Wie habe ich Dich so miverstehen knnen? sagte sie.

Und indem sie ihren Arm um meine Schulter schlang, sah sie mir in die
Augen und fragte:

Du bist nicht bse, wenn Du mich zu Sven hineingehen siehst?

Bse?

Ich mute sie mit einer Miene des Erstaunens betrachtet haben, die nicht
mizuverstehen war. Denn sie fragte nicht mehr. Ohne ein Wort zu sagen,
wendete sie sich ab und ging in Svens kleines Zimmer. Sie verweilte
lange darin, und als sie wiederkam, sah ich, da sie geweint hatte, aber
nicht aus Kummer.

Aber whrend ich allein sa und auf sie wartete, mute ich daran denken,
da sie nie frher in meiner Gegenwart die Thre des kleinen Gemaches
geffnet hatte und hereingegangen war, um ihre Andacht zu verrichten.
Und zugleich wute ich, da, seit Sven gestorben war, ich ihr nie so
nahe gekommen war wie jetzt.


                                   8.

Warum konnte nicht alles so weitergehen, wie es begonnen hatte? Warum
kam das, was ich nicht gefrchtet, und wuchs zu einer gefhrlicheren
Macht fr mich und die Meinen heran, als irgend etwas von dem, was ich
frher gefrchtet hatte? Man knnte ebenso wohl fragen, warum geschieht
nicht alles, was der Mensch wnscht? Oder warum liegt es nicht in seiner
Macht, die Entwickelung des Lebens so zu gestalten, wie er selbst will?

Es lag zwischen meiner Frau und mir in dieser Zeit, trotz aller
Zrtlichkeit und allen Verstndnisses, dennoch ein gewisses Etwas, das
uns trennte. Dies lag nicht in theoretischen Meinungsverschiedenheiten.
Auch war es nicht der Art, da es uns hinderte, uns stets zu begegnen,
uns stets zu suchen, uns stets Einer an des Anderen Gegenwart zu freuen.
Es war ganz einfach eine Verschiedenheit in unserer Art, alles zu
nehmen, was in dieser Zeit geschah und zwischen uns vorging. Fr sie war
all das ein Abschied, bei dem sie sich immer mehr dem Ueberschreiten
jener Grenze nherte, von der niemand wiederkehrt. Mir schien es wie
eitel Verheiungen, da unser Leben aufs neue beginnen und meine Frau zu
mir, zu uns allen, zum Leben selbst zurckkehren sollte.

Aus allem, was geschah und wovon mir damals vieles dunkel und
unerklrlich schien, habe ich verstanden, da darin der eigentliche
Erklrungsgrund fr ihr Schicksal und das meine lag, die ganze Erklrung
dessen, was war und was kommen wrde, und ich htte verzweifeln mssen,
wenn ich das alles damals so klar gesehen htte, wie ich es jetzt sehe.
Ich meinerseits begehrte, da meine Frau ihre Todesgedanken aufgeben und
um meinetwillen den Weg durchs Leben wieder aufnehmen sollte, auf dem
sie gleichsam gelhmt stehen geblieben war, als Sven starb. Sie wieder
wnschte, da ich einsehen mchte, da sie unwiderruflich den Schritt
ins Jenseits gethan, als ihr Engel, wie sie ihn immer nannte, dahinging.
Sie wnschte, da ich das so tief verstnde, da meine Aufgabe nur die
wre, wie ein Freund an ihrer Seite zu schreiten und ihre Hand zu halten
im Mitgefhl der Finsternis, die kommen mute und nach der sie selbst
trachtete. So tief liebten wir uns, da Keines von uns den Traum
aufgeben konnte, den Gedanken des Anderen mit seinem eigenen
bereinstimmen zu sehen. Darum konnte Keiner den Anderen seinen eigenen
Weg gehen lassen und resigniert das Loos des Lebens entgegennehmen, das
Einsamkeit heit. Darum konnte auch Keiner umhin, Bitterkeit zu
empfinden, als er merkte, da seine Hoffnung fehlschlug. Darum fhlte
sie mein Bemhen sie dahin zu fhren, wohin sie nicht wollte, so wie ich
ihren Widerstand fhlte, und darum war unser ganzes Leben im
eigentlichen Sinn des Wortes ein Kampf um die Liebe und ein Kampf auf
Leben und Tod.

So lange hatte ich im Schatten des Todes gelebt, da ich es nicht einmal
fr mglich hielt, da irgend ein anderer Zustand mir beschieden sein
knnte. Ich war damit vertraut geworden wie der chronisch Kranke mit
seinen Schmerzen. Der Schatten kam nicht nur von dem kleinen Toten, der
dahingegangen war, sondern auch von ihr, die gehen wollte. Er kam nicht
nur von dem, was wir hinter uns gelassen. Er harrte unser auch in dem,
was kommen sollte, was vor uns lag. Die beiden Schatten begegneten sich
auf dem Punkte des Lebenswegs, auf dem wir jetzt angelangt waren. Die
beiden Schatten umschlangen mein ganzes Leben, und meine Schuld war, da
ich es nicht vermochte, die Sonne vom Himmel zu reien, um den einen
Schatten zu vertreiben.

Dies war meine Schuld und meine Illusion. Denn mit sehenden Augen sah
ich nicht. Mit hrenden Ohren hrte ich nicht. Ich sah blo meinen
eigenen Wunsch, hrte blo die Laute der starken Lebenssehnsucht meines
eigenen Traumes. Und doch wute ich, da nur in der Sage der Wille eines
Mannes die Toten ins Leben zurckzurufen vermag. Ja, selbst die Sage
lt ihn gegen die Gtter sndigen, dadurch, da er das Uebermenschliche
versucht; sie lt ihn sich nach dem Reiche der Schatten umsehen, nur
damit sie, um derentwillen er das Unmgliche versucht, auf ewig in die
Nacht des Orkus zurcksinke.


                                   9.

Der Frhling kam spt in diesem Jahr; der Frhling, auf den ich wie auf
den Glcksbringer und Befreier gehofft, machte Miene, gar nicht kommen
zu wollen. Kalt und hart lag der Boden da, nackt bogen sich die Zweige
der Bume vor unseren Fenstern in einem eisigen Wind. Schneemassen
thrmten sich noch Ende April, und wenn die Sonne einmal schien, blies
der Nordwind, die eisige Luft vom bottnischen Meere mit sich fhrend.

Zu dieser Zeit kam eine Erkltung hinzu und warf meine Frau wieder auf
das Krankenlager. Wochenlang hatte sie zu Bett gelegen, und in diesen
Wochen hatten wir das Schlimmste gefrchtet. Wieder war es still
geworden in den Rumen. Wieder hatten die Knaben und ich, ohne zu
sprechen, unsere Mahlzeiten an dem Tisch eingenommen, an dem ihr Platz
leer war. Wieder waren die Laute im ganzen Hause gedmpft worden, und
wieder war die Krankheit gekommen und hatte unsere Hoffnungen verstummen
gemacht.

Aber gegen alle Erwartung erholte sich meine Frau. Langsam schritt die
Genesung vor, und gering waren die Krfte. Ueber alle Beschreibung
seltsam erschien dieses neue Erwachen zum Leben, das Niemand hatte
erwarten knnen. Aber es war doch Wirklichkeit, und wenn ich jetzt
allein in meinem Arbeitszimmer im Erdgescho sa und das ganze Haus zur
Ruhe gegangen war, konnte ich wieder beginnen, Trume vom Sommer zu
trumen.

Und das Wunderbarste von allem! Ich trumte sie bald nicht allein. Als
htte die Genesung von der letzten Krankheit mehr als blo die Rckkehr
zu physischer Gesundheit bedeutet, so erlebten wir jetzt eine Zeit, die
die Vershnung alles dessen, was gewesen, in sich zu schlieen schien.
Meine Frau begann meine Trume zu theilen, sie begann sich darnach zu
sehnen, zusammen mit mir zu leben. Sie begegnete mir so, wie sie mir
nicht begegnet war seit dem Tage, an dem wir Sven zur Ruhe betteten. Sie
war noch schwach und krank und vermochte nicht viel zu sprechen. Aber
sie konnte doch hren, was ich ihr sagte. Sie wute, da der Frhling
kam, und sie freute sich ber die Frhlingsblumen, die auf ihrem
Nachttischchen standen.

Wie glcklich sind wir gewesen, Georg, sagte sie. Wie glcklich sind
wir gewesen.

Sie prete diese Worte mit dem Tone des schneidendsten Wehs hervor. Sie
schlo die Augen, indem sie sie aussprach, und Thrnen rieselten unter
ihren Lidern hervor.

Wir werden noch ein Mal ebenso glcklich werden, sagte ich.

Ich glaubte, was ich sagte, und ich nahm ihre Antwort fr ein
Versprechen.

Ja, ja, antwortete sie hastig. Im Sommer.

Sie hrte mir zu, als ich von den Freuden unserer Jugend erzhlte und
von den Schren, die immer unser liebstes Heim gewesen.

Wir werden zwischen den Inseln umherfahren und in der Nachtbrise
segeln, sagte sie.

Und als ob qulende Erinnerungen sie strten, rief sie aus:

Du mut das vergessen und nie daran denken, was ich Dir in diesen
letzten Jahren gesagt habe. Ich bin so wunderlich gewesen und habe mich
selbst nicht verstanden. Oft, oft war es mir, als sprche ein Anderer
durch meinen Mund, ohne da ich es verhindern konnte. Du hast alles
geben mssen, und ich habe nur empfangen. Aber das wird anders werden.
Wenn ich nur gesund werde.

Ich beschwichtigte sie und bat sie, nicht zu viel zu sprechen, allzu
glcklich, um mehr sagen zu knnen.

Ja, ja, sagte sie. Ich habe zu Dir geschwiegen und zu Anderen
gesprochen. Und wer sind die Anderen? Dumme Menschen, die nichts
verstehen.

Sie schlo die Augen und schlummerte ein. Stumm blieb ich an ihrem Bette
sitzen und betrachtete sie. Sie hatte beinahe dasselbe Gesicht
wiederbekommen, wie zu ihrer Mdchenzeit, als ich in meinem Bett
erwachte und sie zum ersten Male schlafend sah. Schwere Freudentropfen
fielen aus meinen Augen, und whrend der Aprilschnee sich dort drauen
auf die harte Erde hinabsenkte, fhlte ich, wie mein eigenes Herz
auftaute.


                                  10.

Meine Frau stand auf und begann sich zu erholen, sie ging wieder unter
uns, und sie hatte keinen anderen Gedanken, als uns glcklich zu machen
und selbst zu fhlen, wie wir uns freuten, da sie wieder dem Leben
angehrte.

Ach, diese kurzen Wochen, in denen Niemand auer uns sie sah, wie
gedenke ich ihrer nicht jetzt! Und wie gelang es ihnen nicht, alles, was
gewesen, aus meinem Gedchtnis auszulschen! Im Vergleich zu ihrem
stummen Glck war alle Unruhe und aller Schmerz, den wir frher erlebt,
fr nichts zu rechnen. Alles, was gesagt wurde, habe ich in meiner
Erinnerung eingezeichnet und geborgen. Was nicht gesagt wurde und grer
war, als was das Leben sonst giebt, das schlummert in meiner Seele, mir
den Grundton des Lebens gebend, das ich sonst nicht tragen knnte. Diese
Tage, die jetzt kamen, verwischten alles, was an Unruhe, Zweifel und
Mitrauen in mir gewesen war. Denn ich hatte ihr mitraut, ihrer Liebe
mitraut, weil sie sich nicht vom Tode zum Leben fhren lassen wollte,
um mit mir zu leben.

Nun war all ihr Widerstand dahin. Ich fhlte es in jedem Augenblick, den
ich an ihrer Seite sa, in jedem Worte, das sie zu mir sprach. Es war,
als htte die Krankheit mit allem in ihr aufgerumt und als wre sie
durch dieselbe gereinigt und gelutert wiedergekehrt. Ihre ganze
Persnlichkeit kehrte zurck, und stundenlang konnte ich dasitzen und
mich an ihrem Gesichte freuen, weil es dasselbe war wie frher.

Weit Du noch, wie ich Dir sagte, da wir uns trennen sollten? sagte
sie eines Tages.

Ich mute nachdenken, um mich daran erinnern zu knnen, da sie es je
gesagt. Und als endlich die Erinnerung erwachte, sagte ich ihr, da ich
ihre Worte vergessen htte, wie man die einer Fieberkranken vergit.

Ich meinte, was ich sagte, fuhr sie eifrig fort. Ich glaubte, Du
wolltest mich zu etwas zwingen. Und dann thatest Du mir so leid. Du hast
es so schwer gehabt, viel schlimmer als ich. Aber, Du mut auch wissen,
da ich so krank gewesen bin, viel zu krank, als da ich an etwas
anderes als mich selbst htte denken knnen. Ach, es ist, als wre ich
wieder aufgewacht!

Sie griff sich an den Kopf mit einer wunderlichen, halb unruhigen halb
glcklichen Gebrde. Und sie fgte hinzu:

Aber wenn ich einmal sterbe, dann mut Du zu Svens Kommode gehen. Da zu
oberst liegt ein Brief von mir. Aber Du darfst ihn nicht frher lesen.
Denn ich wei, da ich doch bald sterbe, und wenn ich sterbe, werde ich
ganz wie Sven sterben.

Wie oft habe ich sie nicht solche Worte sprechen hren, und wie oft
haben sie mich nicht bis ins innerste Mark erschauern lassen! Jetzt
gingen sie so spurlos an mir vorber, als wren sie gar nicht
ausgesprochen. Ich betrachtete sie als die letzten Wellen nach dem
Sturme, als die letzten leichten Nachwellen, wenn das Meer in Aufruhr
gewesen ist. Ich lchelte in der Siegesgewiheit, da ich sie wieder
errungen, und indem ich ihr Gesicht dem meinen zuwandte, sah ich ihr in
die Augen und sagte:

Aber jetzt willst Du ja leben?

Ja, sagte sie. Ich will leben fr Dich und fr die Knaben und um Sven
niemals zu vergessen.

An diesem Tage ging sie an meinem Arm ber den Kiesweg vor der Villa.
Ihre Schritte waren mde und unsicher, und sie sttzte sich schwer auf
meinen Arm, aber wir waren vergngt wie zwei Kinder, und sie lachte ber
sich selbst, weil ihr Gang so unsicher war, da ihre Beine unter ihr
zusammenknicken wollten, wenn sie ausschritt, lachte mit einem etwas
krnklichen, aber so innig glcklichen Lachen, da es mich froh machte,
sie sttzen zu drfen.

Wie glcklich bin ich jetzt wieder, Georg, sagte sie, als wir wieder
ins Haus gingen. Und Du mut es auch werden.

Dann fhrte ich sie die Stiege hinauf. Aber bevor sie in ihre Stube
ging, wollte sie noch das Zimmer der Knaben sehen. Da stand sie lange
mit mir und sah alles an, als wre es fr sie whrend der Zeit, in der
sie krank gelegen war, neu geworden.

Sie haben es wohl auch oft sehr schwer gehabt, sagte sie. Ich war ja
zu nichts fhig. Aber jetzt wird es besser gehen.

Die Pflegerin half ihr ins Bett, und als die Knaben vom Spielplatz nach
Hause gekommen waren, rief sie sie mit ihrer dnnen, schwachen Stimme,
so verschieden von ihrer frheren tiefen und vollen, da sie hereinkmen
und erzhlten, was sie drauen gemacht und womit sie sich vergngt
htten. Das thaten sie auch so grndlich, da ich mehr als einmal
versuchte, sie zu unterbrechen. Aber sie hinderte mich immer daran. Und
whrend sie durcheinander sprachen, lag sie die ganze Zeit da und sah
ihre Gesichter an und hrte ihren Worten zu, als brauchte sie Zeit, um
zu verstehen, da das, was sie jetzt erlebte, Wirklichkeit war und kein
Trugbild. Dann lie sie sie zu sich kommen, um ihnen den Gutenachtku zu
geben.

Jetzt werde ich bald gesund, sagte sie. Und wenn der Sommer kommt,
dann nimmt uns Papa eine Wohnung in den Schren. Ich brauche sie nicht
zu sehen oder zu wissen, wo sie ist. Denn er richtet es immer so gut fr
uns Alle ein.

Mit einem leisen, glcklichen Lcheln schlo sie die Augen und legte
sich im Bett zurecht, um einzuschlummern. Aber als ich die Knaben
hinausbegleitet hatte, nahm ich meinen Mantel und ging allein denselben
Kiesweg auf und nieder, ber den meine Frau und ich eben gewandert
waren. Es war ein ruhiger, klarer Frhlingsabend mit leichtem
Nachtfrost.


                                  11.

In diesen Tagen mute ich oft, ohne da ich mir klar machen konnte, wie
oder warum, an Elsas und meine Fahrt zum Meere denken. Sie kam mit der
Erinnerung an meinen stummen Kampf, sie dahinzubringen, das zu lieben,
was mir teuer war; und die Erinnerung, wie es mir gelungen und doch
nicht gelungen war, reizte und beunruhigte mich zugleich.

Sie kam mir in den Sinn, als ich in diesen Tagen der Genesung mit der
Hand meiner Frau in der meinen dasa und sie ihren Kopf an meine
Schulter lehnte.

Da ich so weit weg von Dir gewesen bin, sagte sie eines Abends. Da
ich so weit weg gewesen bin. Das war nur, weil ich glaubte, Du wolltest
mich verhindern, zu Sven zu gehen.

Das willst Du ja jetzt nicht mehr? sagte ich.

Nein, nein, sagte sie. Jetzt will ich bei Dir bleiben. Aber ich habe
so viele hliche und dumme Gedanken gedacht in dieser Zeit.

Ihre Stimme wurde wie die eines Kindes, das ein Vergehen gesteht, so da
ich lachen mute, als ich sie hrte.

Nein, lache nicht, fuhr sie fort. Denn es ist wahr, ich habe
geglaubt, Du verstndest mich nicht, und ich habe es auch gesagt. Kannst
Du mir verzeihen?

Sie sprach so tief ernst, da ich ganz gerhrt wurde, und um sie nicht
noch mehr zu erregen, antwortete ich in einem Tone, den ich so munter
als mglich zu machen suchte:

Ist das die einzige Snde, die Du auf dem Gewissen hast?

Nein, nein, sagte sie, aber gegen Dich wei ich keine andere.

Und sie fuhr fort, indem sie sich enger an mich schmiegte.

Aber das ist auch das Aergste, was ich sagen und denken konnte. Denn
ich wei ja, da Niemand auer Dir mich verstanden hat. Niemand von all
den Menschen, mit denen ich sprach, als ich mich so einsam und elend
fhlte und meinte, da alles in mir zusammenbrechen mte.

Sie schaudert, als sie das sagt, und fhrt die Hand an die Stirne.

Das ist jetzt vorber, sagt sie. Und alles ist so ruhig und klar.
Aber jetzt mut Du noch etwas wissen.

Sie setzte sich auf und betrachtete mich mit einem Blick, so hell und
tief, als wollte sie mich auf dem Grunde ihrer Seele lesen lassen.

Du mut wissen, was das Allerschlimmste war, sagte sie. Als ich
umherging und daran dachte, da ich sterben und Sven folgen wrde, und
als ich an das so dachte, da ich meinte, Du glittest von mir fort, und
alles glitte fort, und die Erde war de und leer -- da hatte ich solche
Angst, ach, so furchtbare Angst. Denn ich glaubte, ich wrde gezwungen
sein, es selbst zu thun. Das war das Allerrgste. Aber jetzt wei ich,
da ich es nie zu thun brauche. Das hat Gott mir gelobt.

Meinst Du, da Du doch bald von mir gehen wirst? sagte ich.

Ich schauderte bei meinen eigenen Worten, und ich fhlte, da mir die
Stimme nahe daran war, zu versagen.

Das wei ich nicht, sagte sie, indem sie wieder den Kopf an meinen Arm
lehnte. Ich wei nur, da ich es nie selbst thun mu.

Sie schwieg, und ich fand keine Worte, um ihr zu erwidern. Ich sah sie
an. Sie war wieder ganz so wie in unseren glcklichsten Jahren. Sie
erschien mir gleichsam zarter und jnger, und die Ruhe, die ihre frhere
fieberische Rastlosigkeit abgelst hatte, gab jeder ihrer Bewegungen
eine vertrauensvolle Zrtlichkeit, die mir im selben Atemzuge Glck und
Schmerz schenkte.

Als sie zu Bett gegangen war und ich hereinkam, um ihr Gutenacht zu
sagen, sah sie mich mit demselben hellen und tiefen Blick an wie frher:

Du darfst Dich auch nicht daran kehren, da ich sagte, Du httest mir
meinen Glauben genommen, sagte sie. Das hast Du nie gethan. Das habe
ich mir nur eingebildet. Ach, ich habe mir soviel eingebildet. Ich habe
wohl in einer einzigen Einbildung gelebt.

Ein schmerzlicher Ausdruck trat in ihr Gesicht, und indem ich ber ihre
Stirne fuhr, um ihn zu verscheuchen, antwortete ich:

Das habe ich wohl nicht gethan. Das ist wahr. Aber ich htte doch
verstehen sollen, da das, was Du glaubtest, Dir kostbar war. So
kostbar, da ich Dich nie auch nur zu der Mglichkeit anderer Gedanken
htte fhren drfen.

Ihr ganzes Antlitz erstrahlte wie von einem inneren Licht, und mit einem
schwachen, mden Ausruf der Freude schlang sie die Arme um mich und
sagte Gutenacht.

Ich lschte die Kerze an ihrem Bett und ging sachte aus dem Zimmer. Mein
Herz war bervoll von Dankbarkeit fr alles, was sie gesagt hatte. Es
war, als htte sie mir einen Schatz fr die Erinnerung gegeben.

Im selben Augenblick, in dem ich dies dachte, wurde es mir klar, da ich
gleichsam schon angefangen hatte, sie in der Erinnerung zu suchen. Sie
geht von mir, dachte ich. Und zu meinem Staunen merkte ich, da ich
jetzt den Gedanken ohne Bitterkeit denken konnte, nur weil ich ihr so
nahe war wie nie zuvor. Sie stirbt nicht, dachte ich den Augenblick
darnach. Sie wird leben. Und ich merkte den Widerspruch in meinem
eigenen Gedankengang nicht.

Ich sa in meinem Zimmer und versuchte zu lesen. Aber ich war zu erregt,
zu glcklich ber den seltsamen Reichtum, der mir zugefallen war. Und
pltzlich sah ich meine Frau in dem Sommer an der Westkste, in dem
Augenblick, als sie sich von dem Fenster der Lotsenhtte mir zuwandte
und ich fhlte, wie wir in derselben Liebe zu dem unendlichen Meere
vereint wurden, die von keiner Grenze wei. Es war eine Aehnlichkeit
zwischen dem, was ich damals empfand und was mich jetzt mit Glck und
Hoffnung erfllte, und zugleich kam es mir in den Sinn, wie viele lange
Jahre ich einhergegangen war und mich nach dem Meere gesehnt hatte.

Wie eine Vision tauchte eine Erinnerung vor mir auf, die ich lange
vergessen hatte. Ein Knabe steht auf einem hohen Berg und sieht hinaus
bers Meer. Die Klippe ist steil, und unter ihm tosen die Wogen in
wildem Schumen. Der Knabe hat den Rock aufgeknpft. Er hlt ihn mit
beiden Hnden ausgespannt, so da er wie ein Segel wirkt. Es ist ihm
gttlicher Genu, zu fhlen, wie er dem Sturme trotzt, der ihn von der
Klippe zu heben und ins Meer zu schleudern droht. In dieser Freude wird
er durch eine Stimme gestrt, die seinen Namen durch den Wind ruft. Ein
paar Arme, strker als seine eigenen, umfassen ihn und tragen ihn mit
Gewalt von der gefhrlichen Stelle und vom Anblick des Meeres, das von
Gefahren und Mut rauscht.

Der Knabe bin ich selbst, und ich lchle wehmtig bei der Erinnerung,
whrend die Stunden der Nacht weiterschreiten, ohne da ich es merke,
und ich einsam sitze und in das blicke, was geschehen soll. Jetzt habe
ich das erreicht, wonach das Kind sich sehnte, aber der Sturm hat mich
weiter gefhrt, als ich selbst wollte. Jetzt wollte ich, da sich die
Elemente entweder zur Ruhe legten oder da Jemand, der strker wre als
ich, mich von der Gefahr fortfhren knnte, von der ich nie glaubte, da
ich sie frchten wrde.

Aber ich wei zugleich, da das nicht geschehen kann. Und mit beschmten
und schaudernden Gefhlen denke ich an das Leiden meiner Frau, das
grer ist als das meine.


                                  12.

Nicht lange nach diesem Tag wurde ich durch eine Telephonbotschaft
heimgerufen, die mitteilte, da meine Frau von einem heftigen
Krampfanfall getroffen worden war. Man fgte hinzu, da es ernst sei,
und bat mich, meine Heimkehr zu beschleunigen.

Am selben Tag hatte ich meiner Frau frhmorgens Lebewohl gesagt, bevor
ich zu meiner Arbeit fuhr. Es war der erste Mai, und wir hatten davon
gesprochen, den Kindern auf irgend eine Weise einen frhlichen Tag zu
bereiten, so wie es frher im Hause der Brauch gewesen. Es war mir auch
zuerst unmglich zu fassen, da das, was ich gehrt hatte, Wirklichkeit
sein knnte.

Ich bentzte daher die Zeit, die mir blieb, bis der Zug abging, um ein
wenig Obst und anderes zu kaufen, was fr den frohen Tag notwendig war.
Natrlich ist das etwas Vorbergehendes, sagte ich zu mir selbst, wie
ich da mit meinen Packeten im Coup sa. Um die Zeit rascher
hinzubringen, nahm ich meine Zeitungen zur Hand und versuchte zu lesen.
Es gelang mir im Anfang, weil ich mich anstrengte, alles gleichsam so
alltglich wie mglich zu nehmen, damit meine Angst mir nicht
bermchtig wrde, wenigstens solange ich im Coup se. Aber je nher
ich meiner Wohnung kam, desto strker fhlte ich, wie mich nur die
Unruhe zu allem trieb, was ich vornahm. Die Gedanken wollten den Augen
nicht folgen, die mechanisch ber die Zeitungsspalten glitten, und bald
merkte ich, da die Augen ohne Ordnung ihren Weg von der einen Spalte zu
der anderen suchten. Ich faltete die Zeitung zusammen, und wie ein Blitz
durchzuckte es mich: Du fhrst dem entgegen, was Du gefrchtet hast. Du
kannst nicht leugnen, da Du bestndig gefrchtet hast. Nie hast Du
geglaubt, da sie leben wrde. Du hast es Dir nur selbst vorspiegeln
wollen. Jetzt hat die Stunde geschlagen, und Du entgehst ihr nicht.

Eine unnatrliche Ruhe kam ber mich. Vielleicht kam dies daher, da ich
jetzt der letzten Gewiheit entgegenfuhr, vor der ich fhlte, da mit
ihr aller Kampf zu Ende sein mute. Gott, soll sie sterben, murmelte
ich, mchte sie doch ohne Schmerzen sterben knnen! Und noch immer
wunderte ich mich, da ich so ruhig sein konnte. Ich sah mich auf dem
Perron um, als der Zug stehen blieb. Ich hatte erwartet, da Jemand mir
entgegenkommen wrde, aber Niemand war da. Dann lebt sie noch, dachte
ich mit derselben eigentmlich klaren Ruhe. Und im nchsten Augenblick
dachte ich: Vielleicht ist gerade das ein Zeichen, da alles zu Ende
ist. Man hat eingesehen, da ich nicht hier vor fremden Augen
erschttert werden will. Aber selbst vor dieser Mglichkeit behielt ich
dieselbe wunderliche Gefhllosigkeit bei. Langsam begann ich heimwrts
zu gehen, schwer stieg ich den Hgel hinan. Ich blickte zum Fenster auf,
und ich glaubte sie noch sehen zu knnen, als sie zum ersten Male nach
ihrer ersten Krankheit wieder angekleidet und auf war. Ueber das
schwarze Kleid, das sie jetzt immer trug, hatte sie ein helles Cape
geworfen, und das Fenster stand weit offen. Sie beugte sich hinab und
winkte, ungeduldig, weil ich nicht schon frher aufgeblickt hatte, und
sie bebte vor Eifer, mich damit erfreuen zu knnen, da sie auf war und
allein gehen konnte. Diese Erinnerung durchzuckte mich, und mechanisch
sah ich zu dem Fenster auf, obgleich ich wohl wute, da jetzt Niemand
da stehen und mir zuwinken wrde.

Da stand der Gedanke vor mir: Durch mehr als ein und ein halbes Jahr
warst Du darauf gefat, da sie sterben wrde, und Du hast sie
betrauert, als wre sie schon dahin, jetzt kannst Du nicht mehr fhlen.
Der Schmerz hat sich selbst verzehrt, er ist in einer eigenen Flamme
erloschen, und nur die Asche ist brig.

Kurz darauf stand ich im Schlafzimmer und sah, da meine Frau bewutlos
war. Ich lauschte ihren Atemzgen, nahm ihre Hand und versuchte, zu ihr
zu sprechen. Ich begriff, da alles vergeblich war, und ging hinab, um
selbst mit dem Doktor durchs Telephon zu sprechen, nicht weil ich
glaubte, da er ntig war, sondern weil ich meinte, ich mte es. Er
versprach zu kommen, und leise ging ich wieder die Stiege hinauf, auf
der mich durch die geffneten Thren aus dem Krankenzimmer der Laut der
Atemzge meiner Frau erreichte, die allein in dem ganz stummen Hause zu
herrschen schienen.

Da sah ich Olof, der stille auf der Treppe stand und zu horchen schien.
Ich legte meine Hand auf seine Schulter und gedachte an ihm vorbei zu
gehen. Aber der Knabe hielt mich auf.

Warum schnarcht Mama so wunderlich? sagte er.

Er wurde rot, als htte er etwas Unpassendes gesagt, und versuchte zu
lcheln, ohne da es ihm gelang.

Das pflegt sich so anzuhren, sagte ich, wenn ein Mensch nahe daran
ist zu sterben.

Der Knabe brach nicht in Thrnen aus. Er nickte nur und sah weg.

Er hat es erwartet so wie ich, dachte ich.

Und im selben Augenblick sah ich, wie gro und wie klein er war.

Da war es, als brche etwas in mir auf. Hier steht das Schlimmste
bevor, dachte ich, das, in das Du Dich noch nicht hineingedacht hast.
Die Kinder, die Kinder! Und whrend die Pflegerin allein bei der
Kranken sa, ging ich mit den Knaben hinunter, um zu Mittag zu essen und
mit ihnen von dem zu sprechen, was geschehen sollte.

Wie wir mit einander sprachen an diesem Tag und den folgenden! Wie wir
unsere Stimmen dmpften, als frchteten wir, sie zu stren, deren Ohr
von keinem Laute mehr erreicht werden konnte! Meine Knaben erschienen
mir pltzlich wie ein paar Altersgenossen, die allein alles geteilt und
alles verstanden hatten. Fr sie war nichts Wunderliches daran, da Mama
zu Sven ging. Das hatte sie ihnen ja selbst so oft gesagt. Es lag nichts
Strendes fr sie in dem Gedanken, da Mama fortging, weil sie nicht zu
leben wnschte. Sie wurden von keinen Theorieen beunruhigt. Sie
kritisierten nicht. Sie versuchten keine Auslegungen dessen, das nur
einfach und gro war. Sie wuten blo, da, wenn Mama sterben und von
ihnen gehen wollte, dies nur deshalb geschah, weil sie krank und schwach
war und weil sie nicht zu leben vermochte. Wenn Jemand ihnen gesagt
htte, da ihre Mama dadurch zeigte, da sie sie weniger liebte, wrden
sie gelacht haben oder emprt gewesen sein.

Jetzt sprachen sie zu mir von so mancherlei, das ich nicht gehrt hatte.
Und wie wir sprachen, begann in mir selbst der Schmerz gleichsam aus der
Ferne zu erklingen. Ich wute, da er einmal kommen wrde, mit Linderung
kommen. Aber noch konnte er nicht ganz die Ruhe berwinden, die mich
beherrschte und die ich selbst dann noch beibehielt, als der Doktor das
Krankenzimmer verlassen und mir all das gesagt hatte, was ich schon
wute.

Aber bevor er kam, wurde ich durch Schreie hinauf ins Schlafzimmer
gerufen. Als ich eintrat, lag meine Frau in krampfhaften Zuckungen, die
im Gesichte anzufangen schienen und sich von da fortpflanzten, bis sie
ihren ganzen Krper erschtterten. Wir konnten nichts thun. Und von Zeit
zu Zeit kamen die entsetzlichen Anflle wieder.

Der Doktor machte ihnen durch Injektionen ein Ende, und die frhere Ruhe
kehrte wieder, aber das Bewutsein kam nicht zurck. Noch fast zwei Tage
lag sie in derselben Betubung, in der ich sie zuerst gefunden.
Unaufhrlich, lange nachdem die Zuckungen aufgehrt hatten, glaubte ich
ihr Antlitz verzerrt und in derselben grauenvollen Weise bebend zu
sehen. Da erinnerte ich mich an Svens Totenbett. Ich wute, da ich
damals dasselbe Bild gesehen, von der Verzerrung des Gesichtes und des
Mundes bis zu dem Zittern der Glieder und den krampfhaft geballten
Hnden. Ich gedachte ihrer Worte: Wenn ich sterbe, werde ich ganz so
sterben wie Sven. Ich erinnerte mich, da ich bei mir selbst gelchelt
hatte, als ich diese Worte hrte, ich hatte sie fr einen Ausdruck der
Ueberspanntheit erklrt. Jetzt, wo sie sich verwirklicht hatten, konnte
ich sie nicht aus dem Sinne schlagen. Woher wute sie es? Oder wie
konnte sie es so sicher sagen, wenn sie nichts wute? War dieses
Zusammentreffen blo ein Zufall? Und kann man berhaupt alles Zufall
nennen, was man sich nicht erklren will?

Ich sa Stunden am Bette meiner Frau und ging blo hinaus, um Luft zu
schpfen oder zu ruhen. Ich sa mit den Knaben am Krankenlager, und wir
flsterten mit einander, sprachen Worte, die niemals wiederkommen
werden, und deren sich Keiner von uns mehr entsinnen kann. Ich schlief
in den Kleidern auf dem Bett neben Elsa, meiner kleinen Elsa, die
niemals mehr erwachen sollte, und ich sa allein wach, damit die
Pflegerin Ruhe fnde und ich wenigstens die Erinnerung an ein paar
Stunden besitzen knnte, in denen niemand Anderer als wir Beide im
Sterbezimmer gewesen waren.

Man sagt von Sterbenden, da ihr ganzes Leben an ihnen vorberrauscht,
bevor das Ende eintritt, und es mu wohl so sein, da man da alles, was
man selbst erlebt hat, vielleicht in einem neuen Lichte sieht. Fr mein
eigen Teil wei ich, da ich in der letzten Nacht, als es so langsam Tag
wurde und die Knaben ermattet zur Ruhe gegangen waren, mein eigenes
Leben und alles, was sie und ich mit einander erlebt hatte, so sah, wie
ich es nie zuvor gesehen. Und ich sah, da ich von allem, was sie mir
gesagt, mir das eingeprgt hatte, was ich htte vergessen sollen, und
gerade das vergessen hatte, was ich vor allem htte beherzigen mssen.
Ich hatte mir das gemerkt, was sie nach meinem eignen Wunsche sprach,
und alles vergessen, was sie dagegen gesprochen. Whrend ich glaubte,
alles fr sie zu thun, hatte ich daher fr mich selbst und mein eigenes
Glck gearbeitet. Alles, was ich erlebt hatte, sammelte sich in diesem
Gedanken wie in einem einzigen Brennpunkt.

Denn hinein in das Thal des Todes hatte sie mich gefhrt. Das sah ich
jetzt, als die graue Luft vor dem Fenster sich erhellte und ein weiter
Rand der Morgenrte sich rings um das Himmelsgewlbe abzeichnete. Von
selbst und aus eigenem freien Antrieb hatte ich niemals dorthin
getrachtet, hatte nur gestrebt, von dort fortzukommen und zu vergessen,
da solches vorhanden war. Und wie ich nun hier sa, wollte es mich
bednken, da ich jetzt ebenso wenig von der Welt wute, als da ich
zuerst zum Leben in dieser Welt voll Widersprche erwachte, und ber
alles verwundert, was mir dort begegnete, meine ersten Schritte machte.
Immer war ich mit etwas wie Verwunderung in mir umhergegangen, immer mit
einem Gefhl, da das, was ich erlebte, nur zur Hlfte Wirklichkeit sei,
immer hatte ich mich gleichsam von dem, was war, dem Unbekannten
entgegengestreckt, das kommen sollte. Immer hatte ich vom Glcke
getrumt, und das Glck hatte sich mir nie anders gezeigt, als in
Gestalt eines Heims. Dieses Glck hatte ich errungen, es errungen, wie
nur einer unter Tausenden es erringt, aber der Tod, an den ich nie hatte
denken wollen, war unsichtbar hinter mir hergeschlichen. Er nahm meinen
kleinen Knaben mit den Engelsaugen und dem goldenen Haar. Und als er
starb, beugte er sich tiefer ber mich denn zuvor, breitete seine
schwarzen Fittiche ber mein Haus und lie mich nicht frher los, als
bis er mir und den Meinen sie geraubt, die uns teurer war als alles im
Leben, weil sie uns teurer war als das Leben selbst.

Ich stand auf und sah hinaus. Ich lauschte ihren Atemzgen, und ich
konnte es nicht glauben, da es meine Frau war, die hier lag und sterben
sollte. Ich beugte mich hinab und benetzte ihre Zunge und ihre Lippen
mit Wasser, und ich betrachtete ihre Zge, bis es vor meinen Augen
schwarz wurde und ich nichts sehen konnte. Aber ihr selbst glaubte ich
nahe zu sein, und war noch eine Erinnerung in ihr, die, unerreichbar fr
mich, von allem getrennt, was wir Sterblichen Dasein nennen, sich mit
ihrem eigenen Leben beschftigte, so wute ich, da ich mit darin war.
Ich war mit darin so, wie ich mich nie selbst sehen sollte und kein
Anderer als sie mich sehen konnte.

Und whrend meine Gedanken so um alles kreisten, was wir Beide zusammen
erlebt hatten, verga ich mich selbst und sah nur sie. Jung und
hingebend trat sie mir entgegen, aber in allem Glck, das um sie
strahlte und ihre Schritte leicht machte, lag eine Wehmut, die umso
strker war, weil sie so lange schwieg. Ich glaubte mich jetzt erinnern
zu knnen, da ihr ganzes Wesen frh, frh schon auf einem Plane stand,
der nicht der Anderer war. Sie war geschaffen, glcklich zu sein und
dann zu sterben, und der Tag kam, an dem es eine Grausamkeit wurde, zu
versuchen, sie zum Leben zu zwingen. Sie konnte nicht eine Zeitlang
trauern und dann vergessen. Sie konnte nur trauern und sterben. Alles
ber dem Gefhl ihres Schicksals vergessend, htte ich wissen mssen,
da sie immer die Wahrheit sprach und am meisten dann, wenn ihre Rede
mir wunderlich und unmglich schien. Aber am allerwahrsten war sie, wenn
der Schmerz die Worte auf ihre Lippen prete und sie mich bat, sterben
zu drfen.

Warum hatte ich sie nicht gewhren lassen? Warum hatte ich versucht, sie
gegen ihren Willen und ber ihre Kraft zu zwingen? Begriff ich denn
nicht, da sie nur durch eine unerhrte Kraftanstrengung durch zwei
lange Jahre in meinem Heim gekommen und gegangen war, mit uns, die wir
lcheln wollten, gelchelt, mit uns, die wir spielen wollten, gespielt
hatte?

Wie hatte ich so grausam sein knnen, und wie kann man so grausam sein,
nur weil man nicht recht und klar zu sehen vermag?

Und diese Fragen sammelten sich zuletzt in der neuen: Wie hat sie mich
lieben knnen, wenn ich sie gegen meinen Willen so geqult habe?

Denn als htte ich ihren Gedanken folgen knnen, die schon von den
meinen getrennt waren, schien es mir, da ich dies gegen meinen Willen
gethan hatte und da sie das fr mich fhlen mute, obgleich ich es
frher nicht hatte glauben wollen. Aber nie sollte mir eine Antwort auf
diese Frage werden, nie sollte sie aus dieser Betubung erwachen, und
mit Verzweiflung im Herzen, wrde ich mich eines Tages dem neuen Leben
zuwenden, das mich ohne sie erwartete.

So suchte ich in der Ahnung dem Weg zu folgen, den ihre Gedanken nahmen,
whrend sie tiefer und immer tiefer in die Gewalt des Todes glitt. Es
war, als htte ich mich selbst und mein eigenes Leben dem Tode gegeben
und als machten wir Beide zusammen, sie und ich, unsere Rechnung mit der
Welt. Alles auer und in mir wurde so schwindelnd hoch und gro, da ich
glaubte nichts erreichen zu knnen. Es war kein Trost in all diesem, nur
ein verzweifelter Abschied. Trge schritten die Stunden vorwrts, und
schon kam der Augenblick unwiderstehlicher Mdigkeit, wo man die Augen
schliet und die Hnde zusammenpret in einem einzigen Gebet, da alles
zu Ende sein mge.

Da hrten pltzlich die regelmigen Atemzge auf, und ich fhlte, wie
mein Herz gleichsam starr wurde. Ich glaubte, da nun der Tod komme, und
ich eilte hinaus, um die Knaben zu wecken. Sie kamen herein,
schlaftrunken und ernst, und setzten sich am Bette nieder, und in diesem
Augenblicke erinnerte ich mich an das, was sie einmal gesagt hatte:

Wenn ich sterbe, will ich, da kein Anderer auer Dir und den Knaben um
mich ist. Nur zu Euch gehre ich.

So saen wir nun auch, und whrend wir uns nicht erklren konnten, was
ihre erleichterten Atemzge bedeuten sollten, und das Ende erwarteten,
merkten wir, da ihre Augen gleichsam arbeiteten, um sich zu ffnen, und
wir sahen, wie sie sich dorthin wendete, wo Svens Portrt an der Wand
hing, und hrten sie sagen:

Nenne. Schwach und leise sprach sie das kleine Wrtchen aus, aber sie
hatte doch gesprochen. Krampfhaft faten wir uns bei den Hnden, und
unsere Thrnen flossen, nicht aus Schmerz, sondern aus Freude, da wir
wieder ihre Stimme gehrt hatten.

Von diesem Augenblick an wute sie, da wir da saen. Von diesem
Augenblick an war gleichsam ein Abschiednehmen in jeder Miene, jeder
Bewegung und jedem Worte. Wenn sie unsere Stimmen hrte, schlug sie ihr
eines Augenlid auf, ganz wie Sven es einmal gethan hatte, und wir
konnten merken, da sie uns erkannt hatte und sich unserer Liebkosungen
bewut war.

Noch einmal nannte sie Svens Namen, als htte sie sagen wollen, da sie
ihn she, da sie zu ihm ginge. Aber dann sank sie zusammen, und wir
saen atemlos da, gierig nach einem Zeichen haschend, da sie uns noch
nicht verlassen, noch nicht von uns gegangen war.

Da schlug sie ihr linkes Auge auf, so wie Sven es einmal gethan, und ihr
Blick suchte den meinen. Ich beugte mich ber sie und sah, da sie
versuchte zu sprechen. Aber sie vermochte es nicht, und mit einem
Ausdruck unsglichen Leidens sank sie zurck in die Betubung, die der
Vorbote des Todes ist. Mehrere Male wiederholte sie denselben Versuch.
Bei jedem Male trat in ihr Gesicht dieser Ausdruck verzweifelter
Ohnmacht, und mit jedem Male wurde er herzzerreiender. Es war, als
gehrte sie uns nicht mehr an, aber als gbe es doch etwas, was sie uns
sagen wollte, ehe sie fr immer schied, als knnte sie nicht sterben,
ohne es den Ueberlebenden mitgeteilt zu haben. Es war entsetzlich, ihren
Kampf anzusehen, und noch entsetzlicher, vielleicht ihre letzten Worte
zu verlieren. Wieder beugte ich mich ber sie hinab, und
verzweiflungsvoll flsterte ich eine Bitte in ihr Ohr. Da schlug sie ihr
Auge zu mir auf, und ich sah, da sie mich hrte. In einer Spannung, als
hinge mein ganzes zuknftiges Leben von ihren Worten ab, nherte ich
mein Ohr ganz ihrem Munde.

Da hrte ich ihre Stimme. Sie kam aus so weiter Ferne, wie noch keine
Stimme in meinem Ohr erklungen ist. Sie war so schwach, da ich sie kaum
unterscheiden konnte. Es war kaum sie selbst sondern eher ihr Geist, der
sprach. Aber deutlich und klar vernahm ich die Worte, und Niemand auer
mir konnte sie hren:

Ich ... habe ... Euch ... so lieb.

Ich mu vor Schmerz aufgeschrieen haben. Denn ich fhlte Hnde, die mich
umfaten und sttzten. Und der Ausruf, der sich mir entrungen, hatte die
Sterbende erreicht. Denn von meiner Frau kam ein verzweifelter Laut des
Schmerzes, der sagte, da sie mich hren konnte, ohne es doch zu
vermgen, ihre leblose Hand auf mein Haupt zu legen. Diesen Laut kann
ich noch zu dieser Stunde hren.

Um diese Worte sagen zu knnen, war sie stundenlang ringend dagelegen.
Und als sie sie gesagt hatte, sank sie in Ruhe zurck. Es war Friede
ber ihren Zgen. Sie wnschte nichts mehr, verlangte nichts mehr. Sie
hatte ihre Rechnung mit der Welt abgeschlossen, als sie, bevor sie
starb, gesagt hatte, wie sehr sie die Knaben und mich liebte.

Ein paar Stunden spter hatte sie die Augen geschlossen. Es geschah ohne
Todeskampf, stille und ruhig, so wie wenn ein Licht herabgebrannt ist.

Sie lebte ihr eigenes Leben und starb ihren eigenen Tod.

Sie war so schwach, da sie keinen Todeskampf hatte. Sie hatte vorher
lange genug gekmpft.

Aber sie war stark genug, um uns, bevor sie ging, ein Wort zu schenken,
an das wir uns erinnern und von dem wir leben konnten. Ihre Liebe war
strker als der Tod.

Segen ber sie!


                                  13.

Ich ffnete den Brief, der zu oberst in der kleinen Kommode meiner
eigenen Kindheit dort drinnen in Svens Heiligtum lag. Da las ich dieses:

   Ich habe so oft vom Sterben gesprochen, aber einmal wird es ja doch
   geschehen. Wer dieses Blatt zuerst findet, soll es Dem oder Denen
   zeigen, die mein Begrbnis anordnen werden. Oh Gott, wenn ich dieses
   Wort niederschreibe -- wre ich so nahe dem Grabe, wie das Wort dem
   Papier. Ich wollte ja fr Geliebte leben, die mehr fr mich gethan
   haben, als Menschen fr einen Anderen thun, und ich versuche, so gut
   ich kann. Aber wenn es nicht gelingt -- und es ist mir so zu Mute --
   dann mchte ich in mein weies Kleid gekleidet werden. In meiner
   untersten Kommodenlade ist all das Linnen, das Nenne, mein Engel,
   bentzte. Aber gebt es mir mit. Lat so viel von dem, was sein ist
   und in meinem Sarge Platz hat, mit hineinkommen. Auch auf seinen
   harten, kleinen Spielsachen werde ich weich liegen. -- --

   Ein letzter Wunsch noch. Sterbe ich zuhause, so versucht, wenn es
   mglich ist, mich in Nennes Zimmer aufzubahren.

   Dank fr alles, alles. Aber ich war ein unglcklicher Mensch und
   konnte nicht leben trotz aller Liebe und Zrtlichkeit -- --.

                                                                  Eure
                                                                Elsa.

Und so wurde sie in das weie Kleid gekleidet, das sie nicht getragen,
seit sie sich an der Erde nicht mehr freute und an allem, was der Erde
war. Alles geschah, so wie sie es gewnscht, und in Svens kleinem
Zimmerchen ward ihr letztes Lager gebettet. Da lag sie, das weiche,
schwarze Haar gelst ber das weie Gewand fallend, und rings um sie
waren alle Blumen des Frhlings. Hinter ihr erhob sich zu dem kleinen
Fenster eine purpurrothe Azalee, und auf dem Bette lag ein Regen von
gelben Rosen.

Sie sah aus, als ob sie schliefe, und ihr Gesicht hatte sich im Tod
verjngt.

So ging sie zu Sven, wie sie selbst gesagt, und darum ist dies das Buch
vom kleinen Brderchen, das kam und seiner Mutter Engel wurde, wenn
auch nicht so, wie wir gehofft hatten. Denn er nahm sie mit, als er
ging.


                                  14.

Aber dieses Buch ist zugleich die Erzhlung von einem Kampf mit dem
Tode. Es ist die Erzhlung von einem Manne, der kmpfte und berwunden
ward, aber der sich seiner Niederlage nicht schmt.

Ich bin seither weit umhergezogen, und ich habe viele Menschen gesehen.
Aber alles ist mir fremd gewesen und alles tot, bis dieses Buch
geschrieben ward. Es ward geschrieben in lichten Sommertagen, da wo die
Schren aufhren und das offene Meer beginnt. Und es ward geschrieben
von einem einsamen Manne, der nicht mehr einsam ist.

In langen Wochen hat er ber das Meer hinausgeblickt, das gleich dem
Menschenleben, das des Lebens wert, niemals ruhig ist. Er sah dort, da
ber tosenden Gewssern Leuchtthrme blinken, und sollten auch die
Leuchtthrme erlschen, so funkeln doch des Himmels Sterne.


      Von Gustaf af Geijerstam ist im gleichen Verlage erschienen:

  Das Haupt der Medusa. Roman.                      Sechstes Tausend.
  Die Komdie der Ehe. Roman.                         Achtes Tausend.
  Nils Tufvesson und seine Mutter. Bauernroman.      Viertes Tausend.
  Frauenmacht. Roman.                                 Achtes Tausend.
  Wald und See. Novellen.                            Viertes Tausend.
  Kampf der Seelen. Roman.                           Viertes Tausend.
  Alte Briefe. Novellen.                             Viertes Tausend.
  Karin Brandts Traum. Roman.                         Achtes Tausend.
  Gefhrliche Mchte. Roman.                        Sechstes Tausend.
  Die Brder Mrk. Roman.                            Viertes Tausend.
  Thora. Roman.                                  Zwanzigstes Tausend.
  Das ewige Rtsel. Roman.                          Sechstes Tausend.
  Die alte Herrenhofallee. Roman.                   Sechstes Tausend.
  Gesammelte Romane.                                Sechstes Tausend.


                    S. Fischer, Verlag, Berlin W. 57

                         Gustaf af Geijerstams
                           Gesammelte Romane

              Fnf Bnde in schner gediegener Ausstattung
                Geheftet 12 Mark, in Leinen geb. 15 Mark

   1.  Bd.:  Portrt / Einleitung von Friedrich Dsel / Auf der letzten
                Schre / Das Geheimnis des Waldes / Kristins Myrte /
                Sammel / Alte Briefe / Frau Gerdas Geheimnis.
   2.  Bd.:  Das Haupt der Medusa / Die Komdie der Ehe.
   3.  Bd.:  Das Buch vom Brderchen / Frauenmacht.
   4.  Bd.:  Karin Brandts Traum / Gefhrliche Mchte.
   5.  Bd.:  Die Brder Mrk / Die alte Herrnhofallee.

   Geijerstam ist ein Erlebnisdichter. Er schpft von innen und
   verlegt auch seine Wirkungen nach innen. Seine Eheromane sind
   nicht blo Ehegeschichten schlechthin, Geschichten vom
   Sichfinden und Sichverlieren der Geschlechter -- es tauchen darin
   fast alle die leisesten, feinsten und heimlichsten
   Seelenkonflikte und Seelenprobleme auf, all die uns moderne
   Menschen innerlich bewegenden Fragen, die den Wert der
   differenzierten Persnlichkeit entscheiden. Geijerstams Wirkung
   gedeiht jetzt zur vollen Blte, an der Schwelle einer Zeit, die
   keine grere Sehnsucht kennt als die, fern vom verwirrenden Lrm
   der hastenden, nach materiellen Gtern jagenden Welt sich ein
   Eigen- und Innenleben aufzubauen, aus dessen Tiefen wieder rein
   und voll die Glocken der Seele heraufluten.


                  Druck von Rosenthal & Co. in Berlin


                     Anmerkungen zur Transkription

Verlagsanzeigen wurden an das Ende des Buches verschoben.

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert. Weitere
nderungen, teilweise unter Verwendung anderer Ausgaben und des
schwedischen Originales, sind hier aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 28]:
   ... eine Antwort wird. Doch nie htte ich das damals ...
   ... eine Antwort wird. Doch wie htte ich das damals ...

   [S. 57]:
   ... Wetter zerstrte. ...
   ... Wetter zerstrten. ...

   [S. 118]:
   ... Betrbt Dich das? antworte ich und lchelte. ...
   ... Betrbt Dich das? antwortete ich und lchelte. ...

   [S. 163]:
   ... An einem Morgen erinnere ich mich, da er ...
   ... An einen Morgen erinnere ich mich, da er ...

   [S. 165]:
   ... mit der Sven antworte: ...
   ... mit der Sven antwortete: ...

   [S. 188]:
   ... kann. Ich hoffe trotz allem, da mein Kind ...
   ... kann. Ich hoffte trotz allem, da mein Kind ...

   [S. 290]:
   ... sammelte sich in diesem Gedanken wie ein einem ...
   ... sammelte sich in diesem Gedanken wie in einem ...

   [S. 297]:
   ... ich fhlte Hnde, die mich umfaten und sttzen. ...
   ... ich fhlte Hnde, die mich umfaten und sttzten. ...






End of Project Gutenberg's Das Buch vom Brderchen, by Gustaf af Geijerstam

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS BUCH VOM BRDERCHEN ***

***** This file should be named 60622-8.txt or 60622-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        http://www.gutenberg.org/6/0/6/2/60622/

Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net


Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License (available with this file or online at
http://gutenberg.org/license).


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org/license

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
